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Der Herr der Ringe – Besuch in Eriador – online

 

Ab 12 Jahre

 

Es war Frühling in Eriador. Die Sonne schien warm in den erwachenden Wald. Für Aragorn wurde es Zeit, die Schäden auszubessern, die der Winter an seinem Waldversteck angerichtet hatte. Nachdem sein erstes Versteck mehrfach nach schweren Regenfällen überflutet worden war, war Aragorn sozusagen ein Stockwerk höher gezogen und hatte sich ein ebenso geräumiges wie gut getarntes Flett nach der Art der Waldelben hoch in den Kronen einer kleinen Buchengruppe gebaut. Er war jedoch am gleichen Platz geblieben, den er schon seit vielen Jahren bewohnte. Im Umkreis von einer ganzen Meile hatte er mit viel Mühe den blanken Fels aus dem Waldboden gekratzt und an Stellen, an denen der Waldboden tiefer als eine Handbreit unter dem Nadel- und Laubteppich lag, Kiesbetten mit so grobem Kies angelegt, dass sie keine Spurzeichnung erlaubten. Auf diese Weise konnte Aragorn sein Versteck erfolgreich über einige Jahrzehnte hinweg unentdeckt halten. Noch innerhalb des Felsringes sprudelte in unmittelbarer Nähe von Aragorns Flett eine Felsquelle, die ihm frisches Wasser lieferte, weite Wege nach Wasser entbehrlich machte und die auch im heißesten Sommer nicht versiegte.

Aragorns Flett war genau genommen ein Baumhaus, weil es außer dem Boden auch Wände und Dach hatte. Die Wände der Hütte bestanden aus Weidenzweigen, die biegsam waren und sich um die natürlichen Äste der Wohnbäume flechten ließen. Das Dach war aus Zweigen und Ästen von Eiben gemacht. In der Mitte hatte es ein Loch als Rauchabzug. Dieser Rauchabzug war aus Orkschilden gefertigt, die mit Lederschnüren an einem pyramidenartigen Gestell aus Orkschwertern befestigt waren. Das Gestell wiederum hing an einer stabilen Kette, die von einem Ast über der Hütte gehalten wurde. Unter dem Rauchabzug war eine Feuerstelle auf dem Boden. Der Boden bestand aus glatten Brettern, die Aragorn bei einem Sägemüller in Bree gegen zwei erlegte Hirsche getauscht hatte. Gut verkeilte Flusssteine umgaben eine Handbreit dicke Sandschicht, die verhinderte, dass das Feuer den Boden anbrannte. Im Sand umgaben drei große Steine einen Feuerraum, in dem ein munteres Feuer brannte. Gleichzeitig dienten die Steine als Auflage für Pfanne, Topf oder Rost. Auch die weitere Umgebung der Feuerstelle war mit hellem Flusssand bedeckt, damit keine Funken vom Feuer auf das Bodenholz überspringen konnten. Weiter hinten baumelte eine Öllampe über einem einfachen Tisch, der aus einem Baumstumpf und übrig gebliebenen Bodenbrettern gefertigt war. Zwei kürzere Baumteile dienten als Gestühl. Schließlich zierte noch ein Nachtlager die Hütte. Über einer dicken Polsterschicht aus Gras, Farn und Moosen lagen einige gegerbte Wisentfelle, ein mit Moos ausgestopftes Leinenkissen und eine warme Wolldecke.

Die Äste, die die Wände der Baumhütte bildeten, stammten aus einer benachbarten Weidengruppe, die Aragorn so ausgeholzt hatte, dass die Weiden einen überdachten Unterstand für sein Pferd Roheryn[1] umschlossen und ihn praktisch unsichtbar machten. Roheryn war ein brauner Hengst aus rohirrischer Zucht und wich Aragorn nicht vom Fuß – außer, er ließ ihn in Bruchtal bei Asfaloth zurück. Asfaloth war eine wunderschöne weiße Stute, und sie gehörte Arwen Undómiel. Blieb Roheryn in Bruchtal, ließ er diese schöne Stute nicht aus den Augen und betrachtete sich als ihren Beschützer. Für Roheryn und Asfaloth schien ein ähnliches Versprechen zu gelten wie für deren Herrn und Herrin.

Es gab nur wenige, die Aragorns „Adresse“ hatten. Einer der Wenigen war Legolas, Thranduils Sohn, der häufig Auswanderer nach Eriador begleitete, aber nie selbst bis zu den Grauen Anfurten mitreiste. Meist verließ Legolas die Auswanderer nach Valinor an der Grenze des Auenlandes und machte dann Station bei Aragorn, wenn der zu Hause war oder er übernachtete im Versteck seines Freundes, falls der auf Reisen war.

Aragorn verstopfte einige Löcher im Dach seiner Hütte, die die letzten Stürme des Winters hinterlassen hatten, mit Moos, Gras und einigen frisch geschnittenen Eibenzweigen, als er ein weißes Pferd bemerkte, das vorsichtig durch den Wald pirschte und dabei fast keinen Laut verursachte. Dieser Umstand ließ Aragorn schon stutzen – aber was ihn noch mehr verwunderte, war die Tatsache, dass Roheryn unruhig wurde. Roheryn war an sich ein gut erzogenes Pferd, das keinen Muckser von sich gab, wenn Aragorn das nicht wollte. Besonders bei Nacht war Stille gefordert – weniger weil Aragorn seine Ruhe haben wollte, als dass nachtaktive Orks auf den Unterschlupf nicht aufmerksam werden sollten. Doch dann sah Aragorn den Reiter – vielmehr die Reiterin: Arwen Undómiel! Aragorn grinste, knotete ein Seil um einen stabilen Ast in seiner Nähe und ließ sich ganz leise hinab. Arwen bemerkte ihn erst, als er direkt neben ihr hing und sie auf die Spitze seines Schwertes sah.

„Was haben wir denn da? Eine unvorsichtige Elbin?“, fragte er augenzwinkernd. (Den gleichen Streich hat Frau Arwen ihm später selbst gespielt!). Arwen zuckte erschrocken zusammen, fing sich aber rasch, als sie sah, wer sie ‚bedrohte‘.

„Hier bist du!?“, fragte sie. Es klang verblüfft.

„Ja. Wo sollte ich sonst sein, wenn nicht in meinem Waldrevier?“, fragte er zurück. Seit einigen Jahren hatte er seinen Wald kaum verlassen. Arnor, Gondor, Rohan, Rhovanion und Ithilien hatte er gründlich bereist, hatte Ecthelion von Gondor und Thengel von Rohan gedient. Jetzt wollte er sich wieder mehr auf Eriador konzentrieren.

„Nein, ich stelle nur fest, dass dies offenbar dein Heim ist, wenn du nicht in Bruchtal oder in Lórien bist“, bemerkte Arwen. Aragorn lächelte ein wenig schief.

„Ich glaube, auf die Räume der Dúnedain in Bruchtal kann ich nicht mehr zählen, seit du dort in meinen Armen eingeschlafen und wieder aufgewacht bist“, erklärte er.

„Ist das der Grund, weshalb du dich in Bruchtal nicht mehr sehen lässt?“

„Teilweise. Ich wollte mich aber auch wieder mehr auf Eriador und Arnor konzentrieren. Ich war lange Zeit fort, und das hat Gesindel angelockt, mit dem ich noch nicht ganz fertig bin“, erwiderte er. „Was treibt dich in die nördliche Wildnis?“, fragte Aragorn und seilte sich bis zum Boden ab.

Arwen stieg von ihrer weißen Stute, die schnurstracks zu Roheryn lief. Der Hengst begrüßte sie mit einem stolzen Kopfnicken und einem vertraulichen Stups mit der Nase. Aragorn umarmte Arwen.

„Willkommen in Eriador, Arwen Undómiel“, sagte er und küsste die schöne Elbin.

„Danke für dein Willkommen, Aragorn, Arathorns Sohn“, erwiderte Arwen mit einem zauberhaften Lächeln, als sie sich aus dem Kuss löste. „Was mich in die Wildnis treibt, fragst du? Ein paar Orks, die meinten, mich ärgern zu müssen. Vier habe ich schon erwischt, zwei sind noch auf der Flucht.“

„Sie müssen dich sehr geärgert haben und sehr flink sein, wenn du sie von der Grenze Bruchtals bis hier verfolgt und nicht alle erwischt hast“, bemerkte Aragorn und zog fragend die Brauen hoch. Die Begründung erschien ihm nicht ganz logisch. Arwen sah ertappt zu Boden.

„Das ist auch nicht ganz die Wahrheit“, gab sie zu. „Ich wollte dich besuchen. Legolas hat mir gesagt, wo ich dich finden kann. Und auf dem Weg zu dir sind mir nicht weit von hier einige Orks in die Quere gekommen, die meinten, ich könne mit dem Schwert nicht umgehen. Ich habe sie eines besseren belehrt.“

„Wissen dein Vater und deine Brüder, wo du bist?“, fragte Aragorn.

„Sie wissen, dass ich auf Reisen bin. Wohin ich genau wollte, habe ich nicht gesagt.“

„Es ist gefährlich, sich in Zeiten wie diesen allein auf eine so weite Reise zu machen“, warnte Aragorn. Arwen lächelte süß.

„Das musst du gerade sagen, Aragorn, der Weitgereiste!“, versetzte sie. „Du treibst dich jahrelang in der Weltgeschichte herum, tauchst plötzlich auf und verschwindest ebenso plötzlich wieder für lange Zeit.“

„Nun, ich kann mir dieses Gesindel mit dem Schwert ganz gut vom Leib halten und ich kann in der Wildnis leben“, erwiderte er.

„Meinst du, ich nicht? Aragorn, ich habe schon Orks bekämpft, da war dein Urgroßvater noch nicht einmal ein Gedanke! Ich weiß, worauf ich mich einlasse!“, entgegnete die Elbin. Aragorn biss sich auf die Lippe.

„Entschuldige, ich vergesse über deinem Gesicht zuweilen, dass du den Mittjahrstag deutlich häufiger gesehen hast als ich“, sagte er sanft. Arwen lächelte. Aragorn deutete nach oben zu seinem Flett.

„Und wenn du magst … Ich habe hier zwar kein herrschaftliches Haus wie in Bruchtal und kein so riesiges Flett wie deine Großeltern in Lórien, aber ein Dach über dem Kopf kann ich dir bieten.“

Wieder nickte Arwen.

„Ist das eine Einladung?“, fragte sie.

„Ja. Auch eine zum Essen, falls du dich noch etwas gedulden magst“, erwiderte er mit sanftem Lächeln. „Ich war gerade mit der Reparatur meines Dachs beschäftigt.“

„Und was gibt es?“

„Komm …“

Aragorn ließ sie los, hangelte sich nach oben und ließ eine Leiter herunter, auf der die Elbin in das Baumhaus stieg. Im Gegensatz zu Elronds gastlichem Haus war die Hütte spärlich eingerichtet, aber sauber und ordentlich. Arwen gestand sich ein, dass sie eher eine Räuberhöhle erwartet hatte, als eine aufgeräumte Hütte, in der sich nicht mehr befand, als ein Mann und ein Pferd auf einmal tragen konnten. Aragorn besaß nicht viel, und sein weniger Besitz war mit ebenso wenigen Handgriffen reisefertig verpackt. Wenn er es für nötig erachtete, konnte er in weniger als einer Stunde sein gesamtes Hab und Gut zusammenpacken, Roheryn satteln und nichts zurücklassen, was die Anwesenheit seiner Person verraten würde. Arwen sah sich um und bemerkte den aus Beuteteilen bestehenden Rauchabzug.

„Wie viele Orks hast du dafür erschlagen müssen?“, fragte sie. Aragorn zuckte mit den Schultern.

„Ich habe sie nicht gezählt. Sie wollten nach Bree oder ins Auenland und ich habe sie daran gehindert.“

Arwen sah ihn geradeheraus an.

„Aragorn, hast du deinen Anspruch aufgegeben?“, fragte sie.

„Du meinst, weil ich mir ein einigermaßen bewohnbares Versteck gebaut habe?“, fragte er zurück und schüttelte dann den Kopf. „Ich werde im Moment hier gebraucht. Die Orks haben einige Dúnedain erschlagen, und unsere Linie hier ist recht dünn geworden. Deshalb kann ich im Moment nicht weg und große Reisen unternehmen. Auch Arnor gehört zu dem, was ich beanspruchen soll – und zu Arnor gehört auch Eriador mit dem Auenland und Bree“, erklärte er und rührte im Topf auf dem Feuer.

„Hmmm, riecht gut. Was ist das?“, erkundigte sich die Elbin.

„Kaninchensuppe mit Kräutern. Nicht gerade ein feistes Rezept, aber man kann davon satt werden … Ich hoffe nur, du hast Geschirr bei dir. Ich besitze nämlich nur meinen Teller und meinen Becher“, lächelte er. Arwen verließ kurz das Flett, sattelte Asfaloth ab und holte sich ihr Essgeschirr aus der Satteltasche. Dann kehrte sie zurück und wurde bereits mit einem gefüllten Schöpflöffel Kaninchensuppe erwartet.

Nach dem Essen sattelten sie ihre Pferde, um einen Ausritt in die weitere Umgebung zu machen. Sie waren schon fast bis nach Bree gekommen, als sie schließlich im Alten Wald umkehrten.

„Sie will laufen“, sagte Arwen.

„Hier im Wald wird es etwas eng, fürchte ich“, bemerkte Aragorn, aber Arwen war schon auf und davon und jagte im wilden Galopp durch den Wald. Asfaloth war schnell wie der Wind, wenn Arwen sie ritt. Pferd und Elbin verschmolzen fast miteinander, wie Aragorn wusste.

Noro lim, Roheryn![2]“, wies Aragorn seinen rohirrischen Hengst an. Roheryn gehorchte Wort und Schenkeldruck seines Herrn und rannte hinter der begehrenswerten Stute her. Doch bis zu Aragorns weit entferntem Versteck brachte er es nicht fertig, die Elbin auf ihrer wendigen, schnellen Stute einzuholen.

„Kompliment zu dem Pferd! Deine Asfaloth hängt einen rohirrischen Hengst ab!“, sagte Aragorn anerkennend, als er die vor dem Felsring wartende Arwen endlich erreichte. Arwens Augen leuchteten unternehmungslustig. Sie fand Spaß daran, mit dem Mann ihrer Träume um die Wette zu reiten und trotz seiner ernsthaften Bemühungen zu gewinnen.

Rochon ellint im![3]„ jubelte sie.

I Roch ellint garich.[4]„ entgegnete Aragorn lächelnd, beugte sich zu ihr und küsste sie. Roheryn und Asfaloth stupsten die weichen Nasen aneinander.

„Scheint so, als wären unsere Pferde ebenso verliebt wie wir“, sagte Aragorn leise, als Mensch und Elbin sich aus dem Kuss lösten und die Pferde immer noch miteinander schmusten.

Earendils Stern leuchtete als erster der Sterne, als sich die Dunkelheit auf den Wald der Dúnedain senkte. Im Unterstand schmusten zwei Pferde intensiv miteinander, im Baumhaus darüber lag eine glückliche Elbin in den Armen eines ebenso glücklichen Menschen. Ein wärmendes Feuer beleuchtete ein zwar karges, aber romantisches Liebesnest. Arwen ruhte zufrieden, tief und gleichmäßig atmend; Aragorn lag noch wach, glücklich, aber aufgewühlt von der Leidenschaft, mit der sie sich geliebt hatten. Er fürchtete die möglichen Folgen seiner Unbeherrschtheit. Er fürchtete, Arwen in Gefahr gebracht zu haben, falls sie schwanger werden sollte. Ihr Vater Elrond hatte der Verbindung noch nicht zugestimmt. Arwens Brüder Elladan und Elrohir betrachteten den Dúnadan zwar nicht nur als ihren Freund, sondern vielmehr als kleinen Bruder, aber wie würden sie reagieren wenn …

Arwen würde als entehrt gelten. Aragorn sah sich schon der Rache wütender Elben ausgesetzt und überlegte, wohin er sich in Mittelerde noch wenden konnte, wenn Elrond ihm die Freundschaft kündigte. Selbst Lórien schien ihm dann kein geeigneter Zufluchtsort zu sein, wenngleich Galadriel eine Verbindung zwischen ihm und Arwen nicht so negativ betrachtete wie Elrond. Doch auch Galadriel behagte der Gedanke nicht, dass Arwen im Falle einer Verbindung mit Aragorn sterblich werden musste. Während ihn solche Gedanken quälten, hörte er Arwen leise seinen Namen flüstern. Sie kuschelte sich noch dichter an ihn und war ganz offensichtlich glücklich, so wie sie selig lächelte. Aragorn lächelte ebenfalls und küsste sie sachte auf die Stirn. Gab es für ihn etwas wichtigeres, als dass seine Arwen glücklich war? Nein, entschied er dann. Für sie wollte er notfalls mit der ganzen Welt raufen und – wenn es sein musste – sein Leben geben. Schließlich schlief auch er ein, doch blieb sein Schlaf unruhig.

Der Morgen dämmerte erst, als Aragorn wieder erwachte. Arwen schlief noch sanft. Als Halbelbin konnte sie im Gegensatz zu reinrassigen Elben wirklich schlafen und sie schien es zu genießen. Leise erhob sich der Dúnadan vom Lager, legte Holz in der Feuerstelle nach und schlich hinaus auf die kleine Veranda. Die Sterne verblassten, als es im Osten hell wurde. Schließlich war nur noch Earendils Stern sichtbar.

‚Earendils Stern, Gil-Estel wirst du als Morgenstern genannt, Undómiel als Abendstern. Mit dir beginnt und endet jeder Tag. Ich wünschte, alle meine Tage würden nicht nur mit dir als Stern beginnen und enden, sondern auch mit der wundervollen Frau, die deinen Namen trägt‘, dachte er. Leises Schnauben drang aus dem Unterstand am Fuß des Baumhauses, wo Asfaloth und Roheryn die Nacht verbracht hatten. Aragorn stieg hinunter, um den Pferden Futter und Wasser geben. Die Tiere beachteten ihn nicht, waren intensiv miteinander beschäftigt.

„Vorsicht, Roheryn, sonst wirst du noch Vater!“, warnte er seinen Hengst, der über das vertrauliche Klopfen auf der Kruppe aber nur gestört mit der rechten Hinterhand aufstampfte.

Die Sonne berührte eben Aragorns Flett, als er wieder hinaufstieg und Arwen langsam erwachte. Noch träumte sie von der unglaublichen Zärtlichkeit, mit der der Dúnadan sie geliebt hatte; sie träumte von dem tapferen und geschickten Kämpfer, der er war; von seinem warmen Lächeln, wenn sie allein waren und von der grimmigen Entschlossenheit, die sein Gesicht im Kampf prägte; sie träumte von seinen warmen Händen, die sie zärtlich liebkosten. Der Traum verblasste langsam, aber das sanfte Streicheln blieb. Noch verschlafen schlug die Elbin die Augen auf und sah in ein stoppelbärtiges Lächeln, in warme, blaue Augen.

„Guten Morgen“, hörte sie seinen leisen Gruß, spürte seine Lippen an ihren und erwiderte seinen Kuss. Den Frieden des anbrechenden Tages mochte sie noch nicht hergeben, auch nicht den Traum, sich von Aragorn nicht wieder trennen zu müssen. Sie lächelte.

„Frühstück ist fertig“, klang Aragorns Stimme sanft in ihren Ohren. Arwen streckte sich genüsslich. Aragorns Lager war bequem und warm.

„Wie spät ist es?“

„Die Sonne ist aufgegangen. Zeit, aufzustehen, muin nîn[5]“, erwiderte Aragorn mit vergnügtem Grinsen. Arwen erhob sich – ungern, wie Aragorn feststellte.

„Schade, ich hab‘ so schön geträumt“, seufzte sie und zog sich gegen die noch herrschende Kühle rasch ihr Reitgewand an.

„Und wovon?“

Arwen umarmte ihn und fuhr ihm mit der Hand sanft durchs Haar.

„Man sagt, dass die Träume der ersten Nacht in einem anderen Bett wahr werden – aber man darf sie nicht erzählen“, sagte sie. Er erwiderte ihre Umarmung und küsste sie.

„Ich werde die Valar nicht versuchen und dich nicht weiter fragen. Hoffentlich hast du etwas Schönes geträumt.“

Die Elbin nickte nur und schnupperte dann interessiert. Dünne Streifen Hirschfleisch lagen fertig gebraten auf einem Rost neben dem Feuer. Wurzelgemüse mit Kräutern stand in ihren Tellern bereit, je ein Stück Cram – Reisebrot aus Thal – ergänzte das Mahl. Eine Kanne Tee wartete als Getränk. Arwen bestaunte das reichhaltige Frühstück.

„Ich gebe zu, dass ich bei dir keinen so reich gedeckten Frühstückstisch erwartet habe“, sagte sie, als Aragorn ihr Tee einschenkte und sah ihn an. Seitdem er Bruchtal vor so langer Zeit verlassen hatte, war sein Gesicht hager geworden, sein Körper sehniger und dünner – was nicht hieß, dass seine Kraft gelitten hatte.

„Ich hatte in der letzten Zeit Glück bei der Jagd. Und dann lebe ich in einer gesegneten Gegend. Nirgendwo in Mittelerde wird so gut und reichlich gegessen wie hier im Auenland und in Bree. Ich kann Wild gegen andere Lebensmittel eintauschen – auch gegen Teeblätter und Pfeifenkraut. Außerdem lebe ich nicht verschwenderisch und teile mir meine Vorräte ein“, erwiderte er abwehrend.

„Arnor und Gondor bekommen jedenfalls keinen prunksüchtigen Verschwender als König“, bemerkte Arwen und knabberte an einem knusprigen Wildstreifen. „Hmm – gut! Was hast du heute vor?“

„Mein Dach ausbessern, falls nicht Orks, Trolle oder sonstige Unwesen in mein Revier kommen. Und für morgen habe ich mich mit Legolas zur Jagd verabredet.“

„Oh, Thranduils Sohn ist in Eriador?“

„Er begleitet einen Elbenzug bis hier, der zu den Grauen Anfurten will. Angmar ist nicht weit, auch wenn der Hexenkönig nach Gandalfs Erkenntnissen in Minas Morgul ist.“

„War der Istar[6] wieder einmal bei dir?“

„Wir haben uns mehr zufällig in Bree getroffen.“

„Was macht er?“

„Er ist besorgt wegen des Einen Rings. Wie er sagt, ist er nicht ganz sicher, ob Saruman dem Weißen Rat die volle Wahrheit gesagt hat, was den Einen Ring betrifft. Er glaubt, dass er gefunden worden ist. Er hat mich gebeten, ein Wesen namens Gollum aufzuspüren, das den Ring angeblich besessen haben soll. Gern würde ich es tun, aber im Moment treiben sich hier so viele Orks und Trolle herum, dass ich meinen Wald nicht allein lassen kann. Die Leute in Bree und im Bockland würden es ausbaden müssen. Wir sind einfach zu wenige, um das Unheil auf Dauer von Eriador fernhalten zu können“, erklärte Aragorn.

„Du kennst die Alternative“, bemerkte die Elbin. Aragorn schüttelte den Kopf.

„Arnor und Gondor ist nicht damit gedient, dass es einfach einen Mann gibt, der Anspruch auf den Königstitel erhebt. Ohne Einigkeit zwischen Dúnedain, Rohirrim, Gondor und den kleinen Leuten hier aus der Gegend wird es kein vereinigtes Königreich geben, glaub mir. Außerdem ist da noch die notorische Schwäche der Númenórer“, entgegnete er.

„Hast du eine Vorstellung, wie du die Menschen einen willst?“

„Nein, die habe ich nicht“, erwiderte Aragorn entwaffnend ehrlich. „Und es wäre mir lieb, wenn wir im Moment nicht darüber reden würden.“

Arwen suchte nach Worten, aber Aragorn kam ihr zuvor:

„Ich weiß, dass unsere gemeinsame Zukunft ausschließlich davon abhängt, ob und wann ich es fertig bringe, Hochkönig von Arnor und Gondor zu werden. Aber ich gestehe, dass man mir Berge von Gold und Edelsteinen bieten könnte – ich würde dieses Amt dennoch nur widerwillig antreten. Ich bin vom Blut Isildurs, und ich habe die gleiche Schwäche in mir. Als Waldläufer bin ich nur für mich allein verantwortlich. Wenn ich einen Fehler mache, kann es mein Leben kosten, aber nicht noch das von Tausenden Anderer“, sagte er mit abwehrender Handbewegung.

„Also verzichtest du auf deinen Anspruch?“

Aragorn seufzte und nagte an einem Stück Cram.

„Ich bin recht verzweifelt, was das betrifft. Ich habe keinen größeren Wunsch, als dich mit dem Segen deines Vaters heiraten zu können und mit dir glücklich zu werden. Aber vor diesen Segen hat dein Vater eine unangenehm hohe Hürde gestellt, die auf ein für mich noch unangenehmeres Pflaster mündet. Dennoch gebe ich den Anspruch nicht auf – um deinetwillen, weil es mir auch um dein Glück geht, wenn du denn an meiner Seite glücklich werden kannst. Doch ich habe Angst, Fehler wie Isildur zu machen und Mittelerde erst recht ins Chaos zu stürzen.“

„Bitte, zeig‘ mir deinen Wald“, bat Arwen schließlich. Sie wollte ihren geliebten Aragorn nicht weiter mit diesem Thema quälen.

Aragorn erfüllte ihren Wunsch und sie waren fast den ganzen Tag unterwegs. Der friedliche Tag strafte Aragorns Bemerkungen über Orks und sonstige Unwesen nahezu Lügen. Gegen Mittag rasteten sie am Baranduin, wo Aragorn zwei große Forellen für ein Mittagessen fing und gleich an Ort und Stelle grillte. Die Spuren des Mahls beseitigte er sorgfältig. Als Elbin und Mensch den Flusssaum verließen, deutete nichts mehr auf ihren Aufenthalt an diesem Platz hin.

Als sie in der Abenddämmerung zu Aragorns Flett zurückkehrten, war Arwen sicherer als je zuvor, dass Aragorn der beste König sein würde, den Mittelerde je gesehen hatte. Er war Isildurs Erbe – aber Isildur konnte diesem Mann das Wasser nicht reichen, fand die Elbenprinzessin. Er kannte sein Revier und sein künftiges Reich genau; er wusste, wie er mit Elben, Zwergen, Menschen und Hobbits umzugehen hatte. Man nannte ihn hier Streicher – eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung in der Gemeinsprache Westron. Aber Aragorn akzeptierte diesen Namen ebenso wie Estel, seinen früheren elbischen Namen. Ob er Elessar auch akzeptieren würde? Es war der Name, der ihm einst als Königsname geweissagt worden war, wie Arwen wusste. Die schöne Elbin stand auf der kleinen Veranda vor der Baumhütte und sah den Mond aufgehen.

Ir Ithil[7]“, hörte sie Aragorns angenehme Stimme leise hinter sich. Lautlos war er zu ihr hinauf gestiegen. „Er gilt bei den Menschen und den Elben als die Sonne der Säufer und der Liebenden. Was mag heute Abend wahrscheinlicher sein?“, setzte er sanft hinzu und umarmte sie. Sie küssten sich – sanft, liebevoll, verlangend, gebend.

„Vielleicht sollten wir noch einen Happen essen. Von Liebe, Luft und Mondschein allein kann man nicht leben“, sagte Aragorn leise, als sie sich aus dem Kuss lösten.

„Bisher dachte ich, solche Gastlichkeit gäbe es nur in Bruchtal“, erwiderte Arwen mit einem schelmischen Lächeln.

„Ich wurde von deinem Vater erzogen, vergiss das nicht“, grinste der Dúnadan. Sie betraten die Hütte und Aragorn brachte Trockenfleisch, Cram und Wasser als Abendessen auf den Tisch.

„Hoffentlich hat Legolas an das Lembas gedacht. Das ist so ziemlich das Einzige, was ich hier nicht bekomme und nicht selbst herstellen kann“, brummte er dann mehr zu sich selbst und entzündete wieder das Feuer in der Feuerstelle. Mit einer Verbeugung nach Westen dankten sie den Valar für das Essen und setzten sich dann an den einfachen Tisch, um zu essen.

„Ich hatte letzte Nacht einen Traum“, sagte Aragorn schließlich. „Mir träumte, du wärst gekommen um zu bleiben. Aber ich weiß, dass es nur ein Traum war, zudem einer, der sich nicht in absehbarer Zeit erfüllen wird.“

Arwen nahm sanft seine Hand.

„Du kommst nach Bruchtal oder Lórien nur, wenn du Hilfe brauchst. Aber ich sage dir: Du bist dort weiterhin willkommen. Mein Vater ist, was dich betrifft, ähnlich zerrissen wie du, was dein Erbe betrifft. Du bist wie einer seiner Söhne für ihn. Er liebt dich wie einen Sohn. Aber du bist ein Mensch, ein Sterblicher; ein Sohn der jüngeren Kinder Ilúvatars. Bei den Elben gelten die Menschen wegen ihrer Sterblichkeit und ihres späteren Erwachens als geringer. Ich bin die Tochter des Herrn von Bruchtal, eines bedeutenden Elbenfürsten. Mein Vater ist ein Peredhel, ein Halbelb. Wie mein Vater kann ich zwischen der Welt der Elben und der der Menschen wählen. Mein Vater möchte am liebsten, dass ich mich, wie er, für die Elben entscheide und ihm eines Tages nach Valinor folge oder mit ihm dorthin reise. Aber ich habe eine andere Wahl getroffen, als ich dich und das Leben der Menschen gewählt habe. Doch mein Vater will mich nicht unter Wert verheiratet wissen. Wenn ich mich schon mit einem Menschen einlasse, soll es wenigstens der bedeutendste Fürst der Menschen sein. Du bist dieser Fürst. Du bist der rechtmäßige Erbe der Reiche von Arnor und Gondor. Mir selbst ist es aber völlig egal, ob du ein Fürst bist oder ein Landstreicher – was deine künftigen Untertanen in dieser Gegend von dir glauben. Ich liebe Aragorn – oder welche Namen man dir auch immer gegeben hat: Estel, Streicher, Thorongil, Elessar. Ich liebe dich um deiner selbst willen, nicht wegen der Krone, die dein Erbe ist“, erklärte die Elbin. Aragorn lächelte schwach.

„Das brauchst du mir nicht zu sagen, das weiß ich. Aber dein Vater wird einer Heirat zwischen uns niemals zustimmen, solange ich diese Bürde nicht tragen will. Der Hochkönig von Arnor und Gondor sollte die freien Völker Mittelerdes gerecht regieren oder ihr Freund und Verbündeter sein, soweit sie ihm nicht direkt untertan sind. Nun, das eine – Freund und Verbündeter der freien Völker Mittelerdes – das bin ich. Aber gerade weil wir Menschen so schwach, verführbar, machtgierig, habgierig, verschlagen, falsch und fehlerhaft sind, habe ich Angst vor dieser ungeheuren Aufgabe. Ich fürchte mich vor schrecklichen Fehlern, die ich machen könnte. Isildurs Fehler, den Einen Ring nicht zu vernichten, hat dazu geführt, dass Mittelerde auch nach fast dreitausend Jahren noch keine Ruhe vor Sauron und seinen Unwesen hat: Arnor ist praktisch entvölkert, Eriador zum Teil verödet. Nur in Lindon an der Küste und hier im Auenland und in Bree leben noch Elben, Menschen und Hobbits noch in Frieden und Wohlstand – auch weil wir Dúnedain sie beschützen, ohne dass sie es überhaupt merken. Östlich davon, hinter dem Chetwald, ist bis Bruchtal nur noch öde Leere. Die ist zwar bewachsen und fruchtbar, aber praktisch unbewohnt. Nur Bruchtal ist eine Oase der Ruhe und des Friedens, seit der Hexenkönig sich dort 1375 eine blutige Nase geholt hat. Lórien ebenso. Moria? Seit Balin vom Einsamen Berg dort hin ging, um die Mine wieder in Betrieb zu nehmen, hat man von ihm nichts mehr gehört. Das Nebelgebirge wimmelt vor Orks – und sie kommen immer näher, wie du siehst. Rohan? Es kämpft ums Überleben gegen Orks und die Nazgûl, die ihre Pferde stehlen. Gondor? Die Statthalter können nur noch mit Mühe den Anduin als Grenze gegen Mordor behaupten. Aber wie lange noch? Gondors Macht schwindet. Und das alles nur, weil mein Ahn Isildur nicht in der Lage war, einen kleinen, goldenen Ring in den einzigen Ofen zu werfen, in dem er schmelzen und seine furchtbare Macht verlieren konnte. Was wäre, bekäme ich den Ring in die Hand? Könnte ich ihm widerstehen? Ich weiß es nicht, Arwen. Ich weiß nicht, ob ich diese Kraft wirklich hätte. Aber wer die Flügelkrone von Gondor und das Zepter von Annúminas beansprucht, der sollte sie haben. Aber selbst, wenn das der Fall wäre: Welche anderen Fehler würde ich machen, die vielleicht nicht weniger schlimm sind, als diese eine einzige habgierige Fehlentscheidung meines Ahns? Genau das fürchte ich, denn es wäre Mittelerdes Untergang.“

Arwen sah ihren Geliebten lange an. Noch nie hatte er so viel auf einmal geredet. Aragorn war in der Regel schweigsam, wirkte auf manchen verschlossen und unnahbar. Es war, als ob die angestauten Selbstzweifel, die ihn quälten, sich Bahn gebrochen hatten und er sie endlich ausgesprochen hatte. Arwen schüttelte den Kopf.

„Nein“, erwiderte sie, „du bist im Gegensatz zu Isildur vorbereitet. Isildur konnte nicht wirklich wissen, was seine Entscheidung, den Ring zu behalten, bewirken würde. Mein Vater hat ihm zwar empfohlen, den Ring zu vernichten, aber nicht genau gesagt, warum. Du weißt aus der Erfahrung der letzten dreitausend Jahre, was der Ring bewirken kann. Und deshalb wirst du ihm widerstehen können.“

„Arwen, ich bin ein Mensch. Und Menschen sind nun einmal schwach, verführbar …“

Er kam nicht weiter, weil liebevolle Finger sich sanft auf seine Lippen legten und ihm verboten, weiterzusprechen.

„Das, Aragorn, sagt mein Vater von den Menschen“, bemerkte Arwen.

„Deine Großmutter teilt diese Meinung“, gab er leise zu bedenken.

„Bitte, lass‘ dir nichts einreden“, entgegnete Arwen. „Ich bin sicher, du nimmst das nur von dir an, weil man es dir immer wieder erzählt hat. Ich glaube das nicht, denn ich kenne dich anders.“

Aragorns Blick tauchte in den ihren.

„Und darum hatte ich auch so schreckliche Sehnsucht nach dir und bin hergekommen, um zu sehen, wo und wie du lebst, was du tust, wenn du nicht daheim in Bruchtal bist. Du hast mir so sehr gefehlt!“, flüsterte sie. Aragorn zog sie sanft an sich und umarmte sie.

„Du mir auch. Es tut mir Leid, dass ich in der Erfüllung meiner Aufgabe noch nicht weitergekommen bin.“

„Nein, mach dir keine Vorwürfe deshalb. Ich verstehe dich besser, als du glaubst. Seit zweieinhalbtausend Jahren sitze ich in einem goldenen Käfig, es sei denn, ich reiße aus – wie jetzt.“

Sie versanken in einem zärtlichen Kuss, gaben schließlich ihrer Sehnsucht nach und liebten sich voller Leidenschaft und inniger Hingabe. Wohlig ermattet ruhten die Liebenden und schliefen tief und ruhig bis zum Morgen durch.

Ein scharfer Pfiff weckte Aragorn, der erschrocken hochfuhr. Noch recht verschlafen spähte er aus der Hütte. Unten sah er einen feixenden Legolas, der – einen Köcher voll grüngefiederter Pfeile – auf seinen menschlichen Jagdgenossen wartete.

Le abdollen![8]“, lachte der Elb hell. Trotz seiner Verschlafenheit musste Aragorn über das freundlich-spöttische Wortspiel des Elben lachen. Er drehte sich um – und das Lachen blieb ihm im Halse stecken. Wie sollte er Legolas Arwens Anwesenheit hier erklären? Schließlich beschloss er, spitze Bemerkungen einfach zu überhören.

Tatsächlich machte der Waldelb große Augen, als Arwen Aragorn aus der Hütte folgte, aber er sagte nichts zu diesem Umstand.

„Guten Morgen. Meinst du, dass wir noch was zu jagen bekommen, so spät, wie es bereits ist?“, grinste Legolas.

„Hör mal, du Erstgeborener! Wenn du spitzohriger Störenfried hier mitten in der Nacht aufkreuzt, kann ein normaler Mensch noch nicht wach sein!“, grinste Aragorn zurück. Legolas lachte schallend. Solche kleinen Neckereien vertieften seine Freundschaft zu Aragorn nur.

Mae govannen, Legolas“, begrüßte Aragorn den Elben dann und umarmte ihn.

Mae govannen, Aragorn“, erwiderte Thranduils Sohn und verbeugte sich höflich vor Arwen.

Mae govannen, Arwen Undómiel, Elrondsell.[9]

Mae govannen, Legolas, Thranduilion“, erwiderte sie und umarmte den Waldelben ebenfalls, der ihre Umarmung herzlich erwiderte.

„Kommt, wir wollen sehen, ob es noch was zu jagen gibt“, sagte Aragorn schließlich.

Wenig später waren die beiden Elben und der Mensch auf dem Weg zu Aragorns bestem Jagdrevier, alle drei mit Bogen bewaffnet. Aragorn zeigte seinen Gästen sehr gute Ansitze und suchte selbst seinen drittbesten Ansitz am Baranduin auf. Die Sonne stieg höher. Von Hirschen, Rehen oder Schwarzwild ließ sich niemand sehen, dafür polterten zehn orkähnliche, grobschlächtige Wesen durch den Wald, alles vor sich niedertrampelnd, laut und unbekümmert.

„Hier legen wir uns auf die Lauer, Leute! Gimscha wird uns den Waldläufer schon zutreiben“, grunzte eine Stimme, die unverkennbar dem größten unter den Strolchen gehörte. Sie sahen aus wie große Orks – aber bei dem hellen Sonnenschein kamen Orks nicht aus ihren Löchern, weil sie das Sonnenlicht nicht vertrugen. Aragorn fragte sich, was das für Wesen sein mochten und zählte schon die Pfeile in seinem Köcher durch. Er hatte neun Pfeile darin – und da unten tummelten sich mindestens zehn von den Unbekannten. Seinen Bidenhander hatte zur Jagd nicht mitgenommen, er hatte nur den Hirschfänger bei sich. Aragorn sah nach unten und wurde blass: Selbst von einem Ansitz in zwei Klafter Höhe sah er seine Spuren, die zu seinem Platz führten. Fast im selben Moment hatte auch einer der orkähnlichen Lärmmacher die Spuren gesehen.

„He, seht mal! Hier sind Spuren! He, Leute! Der Waldläufer muss hier irgendwo ‘rumstreichen!“ Mehr zufällig sah der Finder der Spur nach oben.

„He, da oben hockt er!“, johlte er und zog schon mal eine gefährlich aussehende Klinge. Aragorn zögerte nicht länger. Mit einer fließenden Bewegung zog er einen Pfeil aus dem Köcher, legte an und schoss. Der Strolch unter dem Ansitz kippte um wie ein gefällter Baum.

„Wo kam das her? Einen Uruk-hai schießt keiner ungestraft ab!“, brüllte der Anführer. Zwei der Uruk-hai hatten ebenfalls Bogen, aber sie kamen nicht mehr zum Schuss. Einer starb durch Aragorns Pfeil, der andere hatte plötzlich einen blaugefiederten Pfeil im Nacken. Dann zuckte eine leicht gebogene Klinge durch die Sommerluft und fällte zwei weitere Uruk-hai. Aragorn sprang von seinem Hochsitz und erstach den Anführer mit dem Hirschfänger, nahm dessen langes Schwert – offenbar ein Beutestück – und focht einen wilden Kampf mit noch zwei oder drei Uruk-hai, die er nach wildem Schlagwechsel erschlagen konnte. Nach hartem, aber erfolgreichem Kampf trafen Arwen und Aragorn auf dem Kampfplatz zusammen.

Hannon le“, bedankte sich der Dúnadan.

„Da hinten sind noch mehr!“, erwiderte Arwen atemlos. „Legolas verfolgt sie.“

Men moe thaed hon![10]„ rief Aragorn und stürmte in die Richtung, in die Arwen wies.

So schnell es der weiche Waldboden zuließ, rannten Arwen und Aragorn zu Legolas. Der wehrte sich bereits mit seinen beiden Kurzschwertern, aber gegen noch sechs oder sieben Uruk-hai geriet der Elb doch in arge Bedrängnis. Aragorn zögerte keinen Augenblick und ließ das erbeutete Langschwert ohne jede Rücksicht auf die den Elben attackierenden Uruk-hai niedersausen, griff sich einen noch mit der Linken und stieß ihn so heftig gegen einen Baum, dass ihm der Schädel brach. Zweien wäre fast noch die Flucht gelungen, aber zwei blaugefiederte Pfeile von Arwen streckten sie nieder.

Hannon cen.[11]“, keuchte Legolas, der trotz seiner heftigen Gegenwehr aus mehreren Wunden blutete.

„Ich habe euch beiden zu danken, denn die Attacke galt mir“, erwiderte Aragorn. „Gegen diese Horde hätte ich allein keine Chance gehabt.“

Legolas wehrte ab.

„Wer weiß, ob mein Besuch die Orks nicht erst auf deine Fährte geführt hat?“, mutmaßte er.

„Als ob du Spuren hinterlassen würdest! Dir kann ja nicht mal Gwaihir folgen, der Fürst der Adler, wenn du im Schnee läufst!“, versetzte Aragorn. „Komm mit. Die Wunden müssen ausgewaschen werden.“

Das Waldversteck hatten die Uruk-hai nicht gefunden. Aragorn verwischte die Spuren jedoch mit besonderer Sorgfalt schon weit außerhalb des Felskreises, damit eventuell noch vorhandene Feinde ihnen nicht folgen konnten. In seinem Versteck behandelte er Legolas‘ Wunden, der auch schon bald Besserung spürte.

„Die heilenden Hände des rechtmäßigen Königs hast du jedenfalls“, bemerkte der Elb anerkennend. Gleichzeitig bemerkte er den Schatten, der sich auf Aragorns Züge legte.

„Was hast du, mellon nîn?“, fragte er.

„Ich weiß nicht, ob die Fähigkeit, mit Heilkräutern umzugehen, alleine ausreicht, um ein guter König zu sein. Davon einmal abgesehen verdanke ich diese Fähigkeit meinem elbischen Ziehvater – nicht meiner Abstammung“, erwiderte Aragorn. Legolas setzte sich auf, wobei er sich den erneut schmerzenden linken Arm hielt.

„Also: Du bist ein direkter Nachfahre des letzten Hochkönigs Isildur“, sagte er. „Du bist ein kampferprobter Heerführer, der Gondor und Rohan schon ein paar Mal gerettet hat. Die Dúnedain akzeptieren dich vorbehaltlos als ihren Fürsten. Du hast – ob durch Lehre oder Erbe – die heilenden Hände der alten Könige. Solltest du Arwen heiraten, wären eure Verwandtschaftslinien wieder vereint, was den Uradel der alten Númenórer wieder herstellen würde. Warum, bei Manwe und Ulmo, glaubst du nicht an dein Erbe?“

Aragorn seufzte. Es war ein Geräusch, das zu dem völlig gnadenlosen Kämpfer, als der er sich noch kurz zuvor präsentiert hatte, überhaupt nicht passen wollte.

„Gerade weil ich ein Nachkomme Isildurs bin, habe ich meine Schwierigkeiten mit meinem Erbe. Du weißt, dass ich für grobe Fehler gut bin. Denk‘ mal an die Geschichte damals unterhalb von Amon Hen am Nen Hithoel auf dem Weg nach Minas Tirith!“

„Ach was!“, wehrte Legolas mit einiger Leidenschaft ab. „Von uns ist niemand auf die Idee gekommen, auf den Nen Hithoel zu rudern. Es war wirklich die einfachste Lösung. Dir ist sie eingefallen. Du bist doch kein Valar oder Ilúvatar persönlich, dass du schiere Unfehlbarkeit von dir verlangst!“

„Nein, denn Menschen machen nun einmal Fehler“, lächelte Aragorn schief. „Ich weiß, dass ich Fehler mache. Aber welche Auswirkungen für die freien Völker Mittelerdes kann die Fehleinschätzung einer Lage haben oder ein simpler Auswahlfehler verursachen bei mehreren Möglichkeiten, etwas zu tun oder zu lassen? Ich habe einfach Angst, für Mittelerdes Untergang verantwortlich zu sein, wenn ich einen solchen Fehler mache wie Isildur. Und gefeit bin ich dagegen wahrhaftig nicht!“

„Nein, sicher nicht“, räumte der Elb ein. „Aber du solltest deine Aussichten nicht immer von der schlechtesten Möglichkeit betrachten. Wir haben schon oft Seite an Seite gekämpft. Wenn es um einen Kampf auf Leben und Tod geht, können die Aussichten noch so schlecht sein – du sagst: Hoffnung gibt es immer. Gerade dann, wenn alle anderen verzweifeln, findest du einen Ausweg. Warum solltest du das nicht auch bei Regierungsgeschäften können?“

„Ich kann es dir nicht einmal sagen. Ich weiß es nicht“, sagte Aragorn leise.

„Lass nur, Legolas“, warf Arwen ein. „Dieses Erbe anzutreten ist nicht Aragorns freie Entscheidung, sondern die Forderung meines Vaters als Brautpreis für mich. Solange dieser Zwang besteht, wird Aragorn ein Problem mit der erzwungenen Verantwortung für die freien Völker Mittelerdes haben.“

Aragorn fühlte sich gleichzeitig ertappt und verstanden. Legolas begriff: Wann immer Aragorn kämpfte oder eine passable Lösung für ein Problem hatte, hatte er aus freien Stücken eingegriffen, niemals unter Zwang.

„Aragorn, mellon nîn: Wenn du König wärst, wären deine Entscheidungen deine Ideen und nicht die Anderer – es sei denn, du würdest auf Heerscharen von Beratern hören. Aber das traue ich dir nicht zu. Du würdest deine Entscheidungen ebenso aus freien Stücken treffen wie jetzt, wenn wir irgendwo hier, in Rhovanion, in Ithilien oder sonst wo in Mittelerde in Bedrängnis geraten. Bitte, mein Freund, betrachte es einmal so herum. Denn du bist Mittelerdes Hoffnung – nicht nur, weil man dir diesen Namen einmal in Imladris gegeben hat“, erklärte Legolas.

Aragorn nickte langsam.

„Vielleicht hast du Recht, Legolas.“

Als Aragorn sich drei Tage später doch auf den Weg nach Rhovanion machte, um nach Gollum und Hinweisen auf den Einen Ring zu suchen, war er wieder im Zwiespalt, was sein Erbe betraf. Allein wegen Arwen wollte er sich um dieses Erbe bemühen, aber der Weg dorthin schien ihm noch weit – besonders, weil er sich zunächst selbst überzeugen musste, dass er ein guter König sein konnte. Doch gerade er selbst war davon nur sehr schwer zu überzeugen …

[1] Sindarin: Pferd der Herrin; so genannt, weil es ein Geschenk von Arwen Undómiel war.

[2] Sindarin: Lauf schnell, Roheryn!

[3] Sindarin: Ich bin der/die schnellere Reiter/in!

[4] Sindarin: Du hast das schnellere Pferd.

[5] Sindarin: mein Liebling

[6] Quenya: Der Weise (Singular, Plural Istari). Bezeichnung für die Zauberer, z.B.: Gandalf oder Saruman

[7] Sindarin: Der Mond

[8] Sindarin: Du bist ein Nachgeborener (im Sinne von: Du bist spät dran!) siehe auch „Wenn Hoffnung ohne Hoffnung ist.“, Seite 9.

[9] Sindarin: Arwen Abendstern, Elronds Tochter.

[10] Sindarin: Wir müssen ihm helfen!

[11] Sindarin: Ich danke euch.

 

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