Gundolfs Bibliothek

Der Herr der Ringe – Brunnenvergifter – online

Ab 12 Jahre

 

In Minas Tirith ging eine unheimliche Todesserie um. Innerhalb von drei Wochen waren siebzehn Menschen mit schweren Vergiftungen in die Häuser der Heilung gekommen und nach wenigen Tagen verstorben, ohne dass die Heiler ihnen hatten helfen können.

In seiner Not wandte sich der oberste Heiler an den Feldherrn Thorongil, denn ihm fehlte der Mut, dem Statthalter Ecthelion von dieser Sache zu erzählen. Der Statthalter war streng, und der Mann befürchtete, wegen seiner fehlenden Kenntnis des tödlichen Giftes bestraft zu werden.

Thorongil erschien ihm als der geeignetere Ansprechpartner, denn der Feldherr hörte zu, stellte Fragen und hatte Verständnis, wenn jemand eigene Schwächen einräumte. In Minas Tirith mochten die Menschen den Feldherrn. Nicht nur, dass er die Feinde Gondors auf Distanz hielt, er galt auch als hervorragender Vermittler zwischen dem Volk von Gondor und dem Statthalter. Es gab nicht wenige, die den persönlich bescheidenen Thorongil an die Stelle des Statthalters wünschten.

Man wusste dennoch nicht viel von ihm. Bekannt war, dass er irgendwo im Norden geboren war, dass er vorher dem König von Rohan in ähnlicher Stellung gedient hatte, dass er die Elbensprache Sindarin beherrschte und die Völker Mittelerdes gut kannte. Und man wusste, dass Thorongil nicht sein richtiger Name war. Thorongil bedeutete im Sindarin Stern des Adlers und bezog sich auf einen silbernen Stern mit weißen Kristallen, den der Feldherr an seinem Mantel trug. Weil er Ecthelion einst gesagt hatte, dass sein Name nicht so wichtig wäre, hatte Ecthelion ihn schlicht nach diesem Stern genannt, der von vielen Waldläufern des Nordens getragen wurde.

Doch niemand in Minas Tirith wäre auf die Idee gekommen, dass der Wunsch, den ebenso freundlichen wie erfolgreichen Heerführer als Herrn im Weißen Turm zu sehen, ganz und gar nicht falsch war. Denn Thorongil war niemand anderes als Aragorn, Arathorns Sohn, der Erbe Isildurs und damit der Erbe der Krone von Gondor.

Eine – eine einzige – Ausnahme gab es in dieser Hinsicht: Der Sohn des Statthalters, Denethor, argwöhnte schon länger, dass sich der letzte mögliche Erbe Isildurs hinter dem Feldherrn verbergen könnte. Er hatte noch keinen schlüssigen Beweis, aber dass der Feldherr den Zauberer Gandalf den Grauen vor dessen Ordensoberen Saruman vorzog und letzterem sehr misstraute, machte ihn verdächtig. Oft hatte Saruman den Statthalter vor einem Emporkömmling gewarnt, der die Krone von Gondor beanspruchen würde. Denethor, der eines Tages seinen Vater als Statthalter beerben wollte, wollte tunlichst verhindern, dass der Feldherr auf dumme Gedanken kam. Aber noch hatte er keine Mittel in der Hand, mit denen er Thorongil bei seinem Vater in Ungnade fallen lassen konnte.

Edagond, der oberste Heiler, ließ sich also bei Thorongil alias Aragorn melden. Der Feldherr hatte auch gleich Zeit für den Heiler.

„Ihr wolltet mich sprechen, Edagond“, sagte er und bot dem Heiler Platz an.

„Ich danke Euch, dass Ihr mich gleich empfangt, Herr Thorongil. In Minas Tirith geschieht Entsetzliches – und wir können nichts dagegen tun. Bitte, helft uns!“

„Was ist passiert?“, fragte Aragorn.

„Seit ungefähr drei Wochen gibt es immer wieder Fälle von Vergiftungen in Minas Tirith, Herr. Das Schlimme dabei ist, dass wir nicht wissen, um was für ein Gift es sich handelt. Und ohne Wissen um das Gift finden wir kein Gegenmittel – vorausgesetzt, es gibt überhaupt eines“, erklärte Edagond.

„Wer ist davon betroffen?“

„Männer, Frauen, Kinder; Reiche und Arme – es gibt keinen Unterschied.“

Aragorn nickte und stopfte sich nachdenklich seine Pfeife.

„Und wo leben diese Leute?“, fragte er dann.

„Ich weiß es nicht, Herr.“

„Dann prüft das bitte. Klärt genau, wo die Menschen leben, was sie gegessen haben, was sie trinken, mit wem oder was sie in Berührung kommen. Nur dann findet Ihr heraus, welches Gift es ist. Und dann könnt Ihr auch ermitteln, ob es ein Gegenmittel gibt“, erklärte der Feldherr.

„Ihr seid so kenntnisreich und könnt wohl eher nachfragen. Wärt Ihr bereit, mir dabei zu helfen, Herr Thorongil? Ich weiß, dass Eure eigentliche Aufgabe die Verteidigung Gondors ist, aber vielleicht fällt das ja doch in Euren Bereich?“

Aragorn lächelte leicht. Der Heiler hatte eine liebenswerte Art der Überredung.

„Ja, ich helfe Euch“, grinste er.

Noch am selben Abend hatte der Dúnadan eine Liste mit den Namen und den Adressen der Verstorbenen. Alle, die bisher an Vergiftungen gelitten hatten, wohnten im ersten, dem untersten Festungsring von Minas Tirith. Alle waren mehr oder weniger Nachbarn in der Lampenmacherstraße. Die Straße lag im südlichen Teil des ersten Rings, begann am Alten Gasthaus und zog sich bis an den steilen Hang des südlichen Bergsattels des Mindolluin. Hier lebten einfache Menschen. Meist waren es Handwerker wie eben die Lampenmacher, aber auch Bäcker, Schuster und Stellmacher. Dann gab es einige Handelshäuser – eher kleine Läden – und eine kleine Brauerei, von der es hieß, sie braue mit die besten Biere von Gondor. Zu Zeiten des Königs war die traditionsreiche Nimrais-Brauerei Hoflieferant gewesen und bediente auch jetzt noch die Tafel des Statthalters. Aragorn, der gerne ein gutes Bier trank, schätzte die rein aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe gebrauten Biere der Nimrais-Brauerei mindestens so sehr wie das Butterblüm’sche Bier in Bree.

In der Lampenmacherstraße gab es drei öffentliche Brunnen. Die Vergifteten lebten im Umkreis des mittleren Brunnens. Ob der Brunnen etwas damit zu tun hatte? Aragorn schaute in den Brunnen hinein, konnte aber im ungewisser werdenden Licht der einsetzenden Dämmerung nicht mehr viel erkennen. Die Lampen in und vor den Häusern wurden entzündet, aber deren flackerndes Licht reichte nicht mehr aus, um bis zur Oberfläche des Wasserspiegels in dem tiefen Schacht zu sehen. Alles, was Aragorn im Moment tun konnte, war eine Wasserprobe zu schöpfen und Gandalf um Hilfe zu bitten. Vielleicht hatte der Istar noch bessere Möglichkeiten, das Wasser zu untersuchen.

Er war gerade auf dem Weg zum Tor des zweiten Rings, als es hinten, in Richtung der Brauerei, einen Tumult gab. Aufgeregte Rufe machten Aragorn aufmerksam.

„Oh nein! Bitte, ihr Valar, lasst es nicht auch eine Vergiftung sein!“, schrie jemand auf. Aragorn kehrte um und folgte den aufgeregten Leuten, die zu einem der Häuser an der Stadtmauer rannten.

Dort, im Flur eines der Häuser, lag ein Mann, der sich in Krämpfen wand. Jemand bemerkte den Feldherrn.

„Herr, könnt Ihr für einen Transport in die Häuser der Heilung sorgen?“, fragte die Frau.

„Moment“, erwiderte Aragorn, stellte seine Probenflasche ab und kniete sich neben dem Mann hin.

„Was ist mit Euch?“, fragte er.

„Diese Bauchschmerzen!“, jammerte der Kranke.

„Habt Ihr Wasser getrunken?“, fragte der Dúnadan weiter. Der Mann nickte. Die Frau, die Aragorn durchgelassen hatte, nickte ebenfalls.

„Ja, wie üblich hat er zum Abendessen einen Krug Wasser gehabt“, sagte sie.

„Hat noch jemand hier im Hause vom gleichen Wasser getrunken?“

„Nein. Die Kinder und ich haben Milch gehabt.“

„Von wo holt Ihr Wasser?“

„Aus dem Brunnen gegenüber.“

„Aus dem, den auch die Brauerei benutzt?“

„Ja“, bestätigte die Frau. Aragorn winkte einen Jungen heran.

„Hol dir einen Eimer und lauf‘ in den zweiten Ring. Den Brunnen hier unten ist im Moment nicht zu trauen. Hol‘ Wasser, mein Junge“, wies er ihn an. Der Junge rannte auch sofort los.

„Was meint Ihr?“, fragte die Frau erschrocken.

„Es könnte sein, dass das Wasser in den Brunnen hier in der Lampenmacherstraße nicht in Ordnung ist“, erwiderte Aragorn. „Wenn Ihr noch Wasser aus dem Brunnen habt, gebt mir bitte eine kleine Probe davon mit.“

Dann drehte er sich um und wandte sich an die Leute, die hinter ihm standen.

„Leute, benutzt bitte im Augenblick nicht die Brunnen in der Lampenmacherstraße! Holt Euer Wasser vorerst aus dem zweiten Ring, bis geklärt ist, ob das Wasser aus diesen drei Brunnen etwas mit diesen Vergiftungen zu tun hat.“

„Und was ist mit uns?“, fragte jemand anders. Er trug eine lederne Schürze, die ganz nach der Arbeitskleidung eines Bierbrauers aussah.

„Auch Ihr solltet einstweilen kein Brunnenwasser von hier unten nehmen“, wehrte Aragorn ab.

„Aber, was kann denn mit dem Wasser sein?“

„Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde versuchen, es herauszufinden. Wartet bitte ab, bis Ihr Nachricht erhaltet, dass das Wasser unbedenklich ist“, erwiderte Aragorn, wandte sich wieder an die Frau und gab ihr aus seiner Gürteltasche einige trockene Blätter, die aromatisch rochen.

„Wenn der Junge mit dem Wasser von oben kommt, kocht diese Blätter in dem Wasser auf und gebt Eurem Mann davon. Dieses Kraut hilft gegen viele Krankheiten, vielleicht kann es auch diese Vergiftung wenigstens aufhalten, bis ein richtiges Gegenmittel gefunden ist.“

„Was für ein Kraut ist das, Herr?!“

„Man nennt es Athelas oder Königskraut.“

„Und das soll Krankheiten heilen? Ich kenne es nur als Küchenkraut“, widersprach die Frau. Aragorn lächelte verbindlich.

„Viele Kräuter, die in der Küche Verwendung finden, sind auch als Heilkräuter zu gebrauchen“, erwiderte er. „Sollte es Eurem Mann besser oder schlechter gehen, schickt bitte nach dem Feldherrn Thorongil“, sagte er dann, verbeugte sich und kehrte in die Veste von Minas Tirith zurück.

Hoch droben in der Veste suchte Aragorn Gandalf auf, der seit einigen Tagen wieder in Minas Tirith war. Nachdem er ihm von den seltsamen Vergiftungsfällen berichtet hatte, untersuchte Gandalf die Wasserproben, die Aragorn mitgebracht hatte. Rein oberflächlich betrachtet war an dem Wasser nichts erkennbar, was auf einen Zusammenhang mit den Vergiftungen hinwies.

„Das muss nichts zu bedeuten haben“, brummte Gandalf. „Es gibt viele Gifte, die keine Verfärbung hinterlassen. Hast du etwas in den Brunnen erkennen können?“

„Nein. Es war schon zu dunkel“, erwiderte Aragorn.

„Was hast du unternommen?“, fragte der Zauberer weiter.

„Ich habe die Leute gebeten, vorerst kein Wasser aus den Brunnen unten zu verwenden, auch nicht zum Brauen“, erklärte der Feldherr. Gandalf nickte und bat den Dúnadan dann, ihn allein zu lassen.

Schon am nächsten Tag sprach sich herum, dass es in Minas Tirith immer wieder Fälle von tödlicher Vergiftung gab. Ecthelion, der Statthalter, ließ Aragorn kommen.

„Ich höre, es gibt Todesfälle in Minas Tirith. Warum erfahre ich nichts von Euch, wenn Ihr bereits angesprochen worden seid?“, fragte er scharf.

„Edagond, der oberste Heiler, sprach mich an, weil er der Ansicht war, eine solche Sache könnte für die Sicherheit der Stadt von Belang sein. Ich wollte Euch informieren, sofern ich näheres über die Art des Giftes und die betroffenen Menschen weiß“, erwiderte Aragorn.

„Und Ihr wisst noch nichts Näheres?“, hakte Ecthelion nach.

„Nicht so viel, dass ich mir ein abschließendes Urteil erlauben kann, Herr“, entgegnete Aragorn ruhig. „Meister Gandalf forscht nach der Art des Giftes, und ich habe die Bewohner der Lampenmacherstraße gebeten, vorerst die Finger von ihren Brunnen zu lassen und einstweilen im zweiten Ring Wasser zu holen. Alle, die sich bisher Vergiftungen zugezogen haben, wohnten dort unten. Von einem weiß ich sicher, dass er als einziger in der Familie Wasser getrunken hatte. Die anderen waren leider schon tot, als Edagond mich benachrichtigte. Die konnte ich nicht mehr fragen.“

„Was gedenkt Ihr zu tun?“

„Wenn Gandalf herausfindet, dass das Wasser tatsächlich schlecht ist, will ich die Brunnen untersuchen.“

„Unterrichtet mich, wenn Ihr Neuigkeiten habt“, versetzte der Statthalter. Aragorn verbeugte sich und verließ die Turmhalle des Weißen Turmes.

Er hatte das Quartier der Turmwache noch nicht ganz erreicht, als ein Junge auf ihn zugelaufen kam.

„Herr Thorongil! Die Frau von Breno, dem Siebmacher, schickt mich. Sie bittet Euch, in die Lampenmacherstraße zu kommen.“

Aragorn folgte dem Jungen in das Haus, in dem er den vergifteten Mann gefunden hatte.

„Ihr hattet mich gebeten, nach Euch zu schicken, wenn sich etwas verändert, Herr. Euer Kraut hat sich als hilfreich erwiesen, meinem Mann geht es etwas besser. Ich danke Euch“, sagte die Frau.

„Dankt mir noch nicht“, wehrte Aragorn ab. „Manche Gifte widersetzen sich auch Athelas. Ich lasse Euch noch einige Blätter hier, damit Ihr Eurem Mann nochmals davon einen Aufguss machen könnt.“

„Wisst Ihr schon mehr?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Sagt, woher wisst Ihr um die heilende Wirkung dieser Pflanze?“, fragte die Frau dann weiter.

„Ich habe viele Jahre unter Elben gelebt. Von ihnen weiß ich um dieses Kraut“, erwiderte Aragorn.

„Vielleicht solltet eher Ihr als Edagond die Häuser der Heilung leiten, Herr Thorongil“, lächelte die Frau. Erneut schüttelte er den Kopf.

„Meine Kunst beschränkt sich auf den Gebrauch dieses Krautes. Euer oberster Heiler hat sicher noch bessere Rezepte.“

„Nun, nachdem ich erfahren habe, dass alle anderen Nachbarn, die erkrankt waren, gestorben sind, glaube ich das nicht wirklich, Herr Thorongil.“

Bevor sie noch weitersprechen konnte, hob er abwehrend die Hand.

„Nein, lasst es gut sein. Ich bin ein Feldherr Gondors, und das möchte ich auch bleiben.“

Wieder zurück in der Veste, suchte Aragorn Gandalf auf. Der Istar saß vor einem Berg mit Buchrollen aus der Bibliothek.

„Hast du etwas entdecken können?“, erkundigte sich der Dúnadan. Gandalf nickte langsam.

„Ja“, sagte er, „aber es kommt mir seltsam vor.“

„Was ?“

„Es ist ein Pflanzengift, so viel ist sicher. Aber bisher habe ich noch nichts davon gehört, dass Spinnenkresse oder Salab Ungol in Gewässern in der Ered Nimrais wächst.“

„Spinnenkresse?“

„Ja, eine sehr giftige Art, die meines Wissens nach durch Kreuzung von normaler Brunnenkresse mit einem besonderen, vergifteten Blütenstaub entsteht. Weil dieses Gift Krämpfe und Lähmungen hervorruft, ähnlich wie der Biss einer Riesenspinne, hat man sie vor Urzeiten einmal so genannt.“

„Klingt nach Morgoth oder Sauron als Urheber“, mutmaßte Aragorn.

„Das ist nicht auszuschließen, wenngleich ich mich frage, wie das Giftkraut in die Brunnen kommt – oder wenigstens sein Saft. Seit langer Zeit gab es keinen Angriff auf Minas Tirith, bei dem so etwas in die Brunnen gebracht werden konnte.“

„Spione?“

„Möglich. Aber die müssen sich sehr gut getarnt haben“, seufzte Gandalf.

„Nun, Sauron hat auch Menschen in seinen Diensten. Nicht immer erkennt man sie“, gab Aragorn zu bedenken. Er sah hinaus. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne schien vom Mittagshimmel.

„Hast du ein Gegenmittel zu dem Gift?“, fragte Aragorn. Der Zauberer nickte.

„Ja, es gibt eines. Aber ich brauche dazu die Pflanze selbst.“

„Ich glaube, ich sollte mir die Brunnen einmal von innen ansehen …“, sagte der Dúnadan mit einem leichten Lächeln und verließ Gandalf.

Mit eiligen Schritten lief Aragorn zum Quartier der Turmwache und hatte bald die beiden Männer gefunden, nach denen er suchte: Beresin und Númerion, kräftige Männer der Turmwache. Nicht lange darauf hielten die beiden Soldaten der Turmwache ein kräftiges Seil, an dem sich Aragorn in den mittleren Brunnen der Lampenmacherstraße abseilte. Der Brunnen war tief, die Wasseroberfläche zehn oder zwölf Klafter vom Brunnenrand entfernt. Mit einem Dolch schnitt Aragorn einige Büschel der in der steten Nässe reichlich sprießenden Kresse ab und arbeitete sich wieder nach oben. Beresin verstaute die triefend nassen Pflanzenteile in einem Leinensack.

Aragorn brachte die aus dem Brunnen „geerntete“ Kresse in getrennten Säckchen zu Gandalf. Der Zauberer untersuchte die Kresse mit tiefer werdenden Falten über den gewaltigen Brauen. Sein langer, grauer Bart sträubte sich.

„Wie ich befürchtet habe: Spinnenkresse! Hast du in den Brunnen noch mehr davon gesehen? Ich meine diese, mit den blauen Blüten.“

„Ja – und zwar jeweils auf der Westseite der Brunnen“, erklärte Aragorn. Gandalf paffte an seiner Pfeife.

„Das Zeug muss da völlig heraus. Sonst sind diese beiden Brunnen für die nächsten zweihundert Jahre unbenutzbar“, sagte Gandalf.

„Kannst du jetzt ein Gegenmittel herstellen?“, fragte der Feldherr. Gandalf nickte nur.

„Ein paar Stunden wird es noch brauchen“, sagte er dann. „Gibt es neue Fälle?“

„Nein, nur den Siebmacher aus der Lampenmacherstraße.“

„Wie geht es dem?“

„Der Athelas-Tee hat ihn bis jetzt überleben lassen“, erwiderte Aragorn. Gandalf sah ihn an.

„Du wolltest unerkannt bleiben“, erinnerte der Zauberer.

„Ich habe ihn nicht selbst behandelt, sondern seiner Frau etwas davon gegeben. Außerdem ist mir das Leben eines jeden Bewohners von Minas Tirith und Gondor zu kostbar, um es um meines Inkognitos willen zu vernichten“, versetzte Aragorn. Natürlich war es ein Risiko, dass er zu erkennen gab, bis zu einem gewissen Grad heilkundig zu sein. Die Legende, dass der König heilende Hände hatte, kannte in Minas Tirith jedes Kind.

Gandalf wusste um das hohe Ansehen, das Aragorn alias Thorongil in Minas Tirith genoss. Zuweilen erschien es dem Istar, dass nur einer diesen Umstand nicht wahrnahm – und das war Aragorn selbst. Wenn er nicht gerade für Gondor kämpfte oder den Statthalter in Fragen der Sicherheit beriet, lebte er zurückgezogen in einem Haus gegenüber den Quartieren der Reiter. Bei Hofe ließ er sich nur sehen, wenn Ecthelion ihn rief, kam von sich aus nur in dringenden Angelegenheiten in seinem Dienst als Feldherr von Gondor. Um Festlichkeiten machte Aragorn für gewöhnlich einen großen Bogen. Gandalf hatte deshalb das Gefühl, dass Aragorn sich in dieser Hinsicht verändert hatte. Doch der Grund mochte auch darin liegen, dass die anderen Feldherren, Hauptleute und sonstigen Berater des Statthalters sämtlichst verheiratet waren und Kinder hatten. Gandalf erschien es, als erinnere Aragorn dieser Umstand allzu schmerzhaft an seine bisher unerfüllte Liebe zu Elronds Tochter Arwen.

„Ich werde morgen noch mal in die Brunnen steigen und die Giftkresse da herausholen“, hörte Gandalf Aragorn sagen. Abwesend nickte der Zauberer, schon in Gedanken mit der Herstellung des Gegenmittels beschäftigt.

Aragorn verließ den Zauberer und berichtete zunächst Statthalter Ecthelion von den Vorkommnissen.

„Und wie, meint Ihr, ist diese Giftkresse in den Brunnen gekommen, Thorongil?“, erkundigte sich der Statthalter.

„Ich weiß es noch nicht genau. Sicher ist, dass sie in der Ered Nimrais nicht natürlich vorkommt. Sie muss mit Absicht dort hineingebracht worden sein. Aber wer das getan hat und wie das möglich war, das weiß ich noch nicht. Doch ich werde nach dem Schuldigen suchen, Herr Ecthelion“, erwiderte Aragorn ebenso ruhig wie kühl.

„So? Seid Ihr völlig sicher, dass ausschließlich das Wasser aus den beiden Brunnen in der Lampenmacherstraße giftig ist?“, hakte Denethor ein.

„Bisher weiß ich nur von insgesamt achtzehn Fällen von Vergiftung in der Lampenmacherstraße. Wenn Ihr noch von weiteren wisst, sagt es nur. Ich gehe dem ebenso nach wie im Handwerkerviertel“, erklärte der Dúnadan.

„Was würdet Ihr von einem Fall im siebenten Ring halten? In der Veste?“, knurrte Denethor.

„Gibt es einen solchen Fall, Herr Denethor?“

Der Sohn des Statthalters sprang auf.

„Oh ja, den gibt es! Mein kleiner Sohn Boromir!“, fauchte er.

„Elbereth Gilthoniel!“, keuchte Aragorn. „Seit wann?“

„Ihr seid schlecht informiert, Feldherr von Gondor!“, schnauzte Denethor zornig.

„Ich habe aus Eurem Hause keine andere Möglichkeit der Unterrichtung als durch Euch selbst, Herr Denethor!“, fuhr Aragorn den Statthaltersohn an. „Die Männer der Turmwache sind zu Eurem Schutz da, nicht, um für den Feldherrn zu spionieren!“, versetzte er.

„Wer weiß?“, erwiderte Denethor mit zusammengekniffenen Augen. „Ich traue Euch nicht, Thorongil.“

„Ich hoffe, Ihr traut wenigstens Meister Mithrandir, denn der ist gerade dabei, ein Gegenmittel herzustellen, weil selbst Athelas die Vergiftung nicht endgültig beseitigen kann“, entgegnete der Waldläufer.

„Ihr versteht Euch auf den Gebrauch dieser Pflanze?“, hakte Denethor nach.

„Ich bin unter Elben aufgewachsen. Dort habe ich gelernt, damit umzugehen.“

„Und das erfahre ich so – nebenbei?“, bohrte jetzt Ecthelion.

„Ihr suchtet einen Feldherrn. Als der bin ich in Eure Dienste getreten, nicht als Heiler“, wehrte sich Aragorn. „Wenn Ihr erlaubt, werde ich Eurem Sohn davon geben, falls Gandalf nicht in den nächsten zwei Stunden mit dem Gegenmittel fertig wird.“

Denethor ging mit schnellen Schritten auf den Feldherrn zu, blieb dicht vor ihm stehen. Aragorn wich keinen Schritt zurück.

„Bevor ich Euch oder Mithrandir an meinen Sohn heranlasse, fließt der Anduin rückwärts!“, fauchte der Sohn des Statthalters.

„Denethor: Das Leben Eures Sohnes ist in Gefahr, wenn Ihr weder das Gegenmittel haben wollt, noch Eurem Sohn von dem Athelas geben wollt!“, warnte Aragorn den viel zu zornigen Vater.

„Wollt Ihr mir drohen?“

„Ich weiß nicht, wie Ihr darauf kommt! Denethor: Wenn Euer Sohn eine Vergiftung hat, die von dieser Giftkresse verursacht wurde, dann ist er in großer Gefahr! Lasst uns Eurem Sohn helfen!“, beschwor Aragorn den wütenden Statthaltersohn.

„Ihr wollt ihm nicht helfen! Ihr trachtet ihm nach dem Leben!“, schrie Denethor zornig und packte Aragorn am Gewand. Doch den eisenharten Kontergriff hatte er nicht erwartet.

„Lasst meinen Kragen los, sonst braucht Ihr eine Holzhand!“, warnte Aragorn gefährlich leise. Denethor stöhnte unterdrückt, so quetschte ihm sein Gegenüber die Hand zusammen. Mit einem Wehlaut ließ er Aragorns Kragen los, doch die Glut des Zorns in seinen Augen ließ nicht nach.

„Thorongil: Ich beschuldige Euch und Gandalf, an der Vergiftung meines Sohnes schuld zu sein!“, rief Denethor laut.

„Ihr seid nicht bei Trost!“, widersprach Aragorn. „Gandalf stellt ein Gegenmittel her, ich forsche nach der Ursache! Wie kommt Ihr auf diesen völlig abwegigen Verdacht?“

Denethor kniff die Augen zusammen.

„Ich habe Euch durchschaut, Thorongil!“, knurrte er. „Ihr seid nicht der, für den Ihr Euch ausgebt!“

„Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Thorongil nicht mein Name ist. Weder gegenüber Euch noch gegenüber Eurem Vater noch sonst wem in Gondor. Aber seit Euer Vater mich in Dienst nahm, diene ich Gondor treu. Etwas Gegenteiliges könnt Ihr nicht behaupten“, rief Aragorn wütend.

„Es reicht!“, fuhr Ecthelion dazwischen. „Feldherr Thorongil: Es werden schwere Anschuldigungen gegen Euch erhoben. Wollt Ihr bestreiten, mit der Vergiftung meines Enkels etwas zu tun zu haben?“

„Ja, das bestreite ich!“, entgegnete Aragorn. Ecthelion drehte den weißen Stab des Statthalters mit dem goldenen Knauf unschlüssig in den Händen.

„Thorongil, ich weiß nicht, was wahr ist. Doch die Vorsicht gebietet mir, Euch an einer Flucht zu hindern! Wachen!“

Die Turmwachen, die in der Turmhalle Posten standen, zögerten zunächst, packten dann aber zu.

„Bitte, macht keine Schwierigkeiten“, bat Númerion seinen Vorgesetzten. Aragorn verzichtete auf Widerstand.

„Ecthelion, Ihr macht einen Fehler. Noch mal: Gandalf und ich haben mit einer Vergiftung Eures Enkels nichts, aber auch gar nichts zu tun!“

„Das werde ich dann feststellen!“, versetzte Ecthelion und gab den Wachen einen Wink, Thorongil in den Kerker abzutransportieren.

„Tut uns Leid!“, brummelte Númerion.

„Es wird Euch erst richtig Leid tun, wenn der Kleine die Vergiftung nicht überlebt“, knurrte Aragorn. Die vergitterte Tür krachte ins Schloss, es wurde finster, als die Wächter mit den Fackeln aus dem Zellengang verschwanden. Aragorn ließ sich auf die harte Pritsche sinken. War das der Dank für viele Jahre, die er Gondor treu gedient hatte? Er war nicht hier, um Gondors Thron zu besteigen. Er hatte kein Interesse an der Macht und der Stellung des Königs, mochte dies auch sein Erbe sein. Es war ebenso das Erbe seines Vaters und seines Großvaters und seines Urgroßvaters gewesen. Seit Arvedui hatte keiner aus der verbliebenen Blutlinie Isildurs mehr nach dem Thron gestrebt. Aragorn betrachtete sich selbst als den letzten, der würdig gewesen wäre, die Krone Gondors und das Zepter Arnors zu tragen. Zu sehr fürchtete er, grobe Fehler zu machen. Während er noch grübelte, ob und vielleicht wie Denethor erfahren haben konnte, wer er wirklich war, brachten die Wächter des Zweiten Bataillons der Turmwache Gandalf in den Kerker und sperrten ihn in Aragorns Zelle mit ein.

Mae govannen, mellon[1]“, begrüßte Aragorn ihn spöttisch. Gandalf grunzte unwillig.

„Ich hatte gehofft, dass du noch frei bist“, knurrte er.

„Was macht das Gegengift?“, fragte Aragorn. Gandalf machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ich hatte es fast fertig. Mir fehlte nur noch etwas Athelas, um das Gegenmittel vollends wirksam zu machen – da holen mich diese Wirrköpfe unter der Anklage des Verrats aus meinem Labor! Zum Melkor mit Ihnen! Und du? Du sitzt hier herum! Willst du einfach auf den Henker warten?“, fuhr er den Dúnadan an.

Sedho! Havo dad![2]“, entgegnete der ebenso sanft wie bestimmt. „Ich weiß nicht, wie Denethor darauf kommt, ich, du oder wir beide könnten etwas gegen ihn und seine Familie haben. Aber wenn wir jetzt ausbrechen, geben wir dieser Vermutung doch nur Nahrung“, versetzte er dann.

„Boromir und Breno werden sterben, wenn sie das Gegenmittel nicht bekommen!“, erinnerte Gandalf scharf.

„Du gehst gerade mit einem Rammbock auf ein offenes Burgtor los“, bremste Aragorn. „Es ist nicht das Problem, hier aus der Zelle oder aus dem Kerker herauszukommen. Auch die ungefähr fünfzig Wachen sind nicht das eigentliche Problem. Solange wir unter Verdacht stehen, wird die Sonne eher wieder im Westen aufgehen, als dass Denethor uns an den Kleinen heranlässt – außer mit grober Gewalt. Ich frage mich nur, wie Boromir vergiftet werden konnte, wenn der Trinkwasserbrunnen und der Springbrunnen in der Veste völlig in Ordnung sind?“

„Woher weißt du das?“

„Weil alle, die in der Veste wohnen, Wasser aus diesen Brunnen trinken – aber außer Boromir gibt es keine anderen Fälle, auch nicht unter den Leuten der Turmwache“, erwiderte Aragorn. Gandalf kam langsam wieder zur Ruhe. Er strich sich nachdenklich durch den Bart.

„Und wer sollte Boromir vergiftet haben?“, fragte er.

„Zwei mögliche Vermutungen habe ich, aber ob sie zutreffen …?“

„Und?“, fragte der Zauberer ungeduldig.

„Eine Möglichkeit wäre, dass der Kleine auf einem ausgedehnten Spaziergang Durst bekommen hat und seine Eltern ihm Wasser aus einem der beiden Brunnen in der Lampenmacherstraße gegeben haben. Möglichkeit zwei würde voraussetzen, dass das Gift tatsächlich aus Mordor kommt und Sauron eine Möglichkeit gefunden, hat, seine Diener fliegen zu lassen – aber einem Maia[3] traue ich eine Menge zu. Bei Nacht hätten wir kaum etwas bemerkt, und Saurons Kreaturen sind besonders in der Nacht aktiv.“

Es wurde wieder hell im Gang, als zwei Turmwächter – es waren Númerion und Beresin, die eigentlich ihrem Feldherrn Thorongil besonders ergeben waren – mit Denethors Frau Finduilas hereinkamen und Fackeln mitbrachten.

„Danke, Beresin, Númerion. Bleibt bitte draußen“, wies sie die beiden Turmwächter leise an. „Thorongil, Mithrandir!“, rief sie dann leise. Gandalf und Aragorn sahen sich verblüfft an. Aragorn stand auf und trat an das stark vergitterte Zellenfenster.

„Ihr wünscht?“, fragte er.

„Hilfe für meinen Sohn Boromir, Herr Thorongil. Könnt Ihr und Mithrandir meinem Sohn helfen? Wollt Ihr das tun?“

„Euer Gemahl und Euer Schwiegervater meinen, wir wollten ihn töten. Deshalb sind wir hier“, erwiderte Aragorn kühl.

„Die Heiler können nichts tun, wie ich weiß. Edagond hat sich an Euch gewandt und ich habe den Eindruck, dass Ihr bemüht seid, den Grund für diese seltsamen Vergiftungen zu finden und zu beseitigen. Ist das so?“

Aragorn nickte schweigend.

„Mein Gemahl behauptet, Ihr wolltet den Thron. Ist das Eure Absicht?“

„Nein“, widersprach der Dúnadan.

„Ich weiß, dass Ihr nicht Thorongil heißt. Wie ist Euer richtiger Name?“

„Ich habe viele Namen, schöne Finduilas. Einer davon ist auch Thorongil“, entgegnete Aragorn zurückhaltend.

„Warum gebt Ihr Euren wirklichen Namen nicht preis?“, bohrte die Frau des Statthaltersohnes weiter.

„Ich habe meine Gründe. Doch seid sicher: Keiner dieser Gründe ist gegen den Statthalter, seinen Sohn oder seinen Enkel gerichtet.“

„Müsst Ihr Verfolgung fürchten?“

„Ja, aber nicht von Gondor oder seiner Statthalterfamilie. Eher aus Mordor. Seht, ich habe meinen Geburtsnamen erst erfahren, als ich zwanzig Jahre alt war. Er wurde mir selbst verborgen, um mich vor Mordors Unwesen zu schützen“, erklärte Aragorn.

„Warum verbergt Ihr ihn dann vor dem Statthalter?“

„Ich bin ein treuer Diener Gondors. Doch wüsste Ecthelion meinen Namen und meine Herkunft, würde er annehmen, ich wolle ihn verdrängen.“

Finduilas dachte einen Moment nach.

„Mein Gemahl vermutet genau das“, sagte sie dann. „Er hat mir einen Namen genannt und ein Erkennungszeichen beschrieben. Zeigt mir bitte Eure Hände.“

Aragorn hob seine Hände an das Gitter.

„Ihr tragt den Ring nicht, den mein Gemahl mir beschrieb“, sagte sie, als sie sah, dass kein Ring die schlanken Finger des Feldherrn zierte. Aragorn atmete innerlich auf. Den Ring Barahirs abzunehmen und nicht in der Öffentlichkeit zu tragen zahlte sich zuweilen aus. Dieser Ring war als Erbstück des Hauses Isildur bekannt, weshalb Aragorn ihn nur trug, wenn er allein war. Finduilas sah ihn forschend an.

„Ich möchte Euch vertrauen können. Seid Ihr der, den Gondor fürchten muss?“, fragte sie schließlich.

„Gondor muss nur Sauron und Mordor fürchten, allenfalls noch die Haradrim und Korsaren von Umbar – gewiss aber nicht den, den Euer Gemahl meint.“

„Seid Ihr der, der behauptet, Anspruch auf den Thron zu haben?“

„Ich habe so etwas nie behauptet, Finduilas. Ja, es gibt einen, der den Thron besetzen könnte – doch er will ihn nicht. Außerdem könnte er zurzeit nicht alle Beweise seiner Herkunft vorlegen.“

Finduilas ließ nicht locker.

„Seid Ihr das?“, bohrte sie beharrlich. Aragorn rang mit sich. Welche Folgen konnte es haben, der Frau des Statthaltererben zu sagen, dass er derjenige war, der den Thron Gondors beanspruchen konnte – völlig rechtmäßig; der, für den der Statthalter seinem Eid gemäß den Sitz in der Turmhalle zu räumen hatte?

„Ich will Euch helfen – aber ich will eine wahre Antwort“, beharrte Finduilas.

„Euer Sohn braucht das Gegenmittel. Gandalf kann es herstellen und ist fast fertig damit. Ich bemühe mich um Aufklärung, wer die Brunnen vergiftet hat und um Beseitigung des Giftes. Genügt Euch das nicht?“

„Ich möchte Euch vertrauen können.“

„Könntet Ihr dem vertrauen, der den Thron einnehmen könnte? Könntet Ihr ein solches Geheimnis hüten? Gegen Mordors Unwesen? Dringt nicht weiter in mich, ich bitte Euch um Eurer selbst willen!“

„Seid Ihr Aragorn, Arathorns Sohn?“, fragte Finduilas direkt. Aragorn wurde bleich. Er konnte sich um eine Antwort herum lavieren und versuchen auszuweichen. Mit einer handfesten Lüge hatte er ein Problem. Er atmete tief durch, dann nickte er.

„Gut. Ich vertraue Euch, wie ich es bisher getan habe, vielleicht sogar noch mehr als vorher. Beresin und Númerion werden Euch gehen lassen.“

Aragorn lächelte ein wenig schief.

„Und wer, schöne Finduilas, sagt mir, dass ich Euch vertrauen kann und nicht gleich ein paar Pfeile im Rücken habe?“, fragte er.

„Ihr habt gesagt, Ihr müsstet Gondor nicht fürchten“, versetzte sie. „Vertraut mir, so wie ich Euch vertraue, denn das Leben meines Sohnes liegt in Eurer Hand, A…“

„Nein, bleibt bitte bei Thorongil“, wehrte Aragorn ab. „Ich will den Thron nicht; ich habe ihn nie gewollt. Euer Gemahl wird seinen Vater beerben, und so die Valar wollen, wird Boromir ihm folgen.“

„Bitte, helft meinem Sohn“, bat Finduilas. Aragorn nickte.

„Geht bitte mit Beresin und Númerion außer Hörweite, edle Finduilas“, bat er dann seinerseits. Die Frau lächelte und verschwand mit den beiden Turmwächtern.

Gandalf sah zu seiner Verblüffung, dass Aragorn aus dem Stiefelschaft einen Dolch zog, damit durch das vergitterte Fenster der Zelle langte. Dann hörte der Zauberer ein leises Knacken, als Aragorn mit dem Dolch das Schloss vor dem Riegel sprengte. Den Riegel schob der Waldläufer mit dem Dolch aus der Türlasche und die Tür war offen. Aragorn winkte dem Zauberer und schlich durch den Zellengang davon. Gandalf folgte ihm leise.

Beresin und Númerion hatten vorgesorgt: Im ganzen unteren Trakt des Kerkers der Veste befand sich kein einziger Wächter. Zwei Stockwerke weiter oben stand ein einsamer Posten. Aragorn zog Gandalf lautlos hinter einen Mauervorsprung und entschied sich dann für einen etwas anderen Weg, der wieder ein kleines Stück zurück führte. Gandalf stieß an einen losen Stein, was ein Geräusch verursachte, das nicht nur für Elbenohren wahrnehmbar war. Besorgt sah Aragorn sich um, aber der Posten sah angestrengt in die andere Richtung. Ein Lächeln kräuselte sich um die Lippen des Dúnadan. Jetzt war er überzeugt, dass die Turmwächter nichts gegen Gandalf und ihn unternehmen würden. Dennoch gaben sie sich alle Mühe, leise zu sein und gelangten ungesehen in den Hof der Veste, wo Beresin und Númerion auf sie warteten.

Irgendwo schlug eine Uhr Mitternacht.

„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, brummte Gandalf. „Denethor lässt mein Labor bewachen. Da kommen wir nicht heran.“

„Sehen wir mal. Los, zu Gandalfs Gemächern!“, sagte Aragorn. Beresin hielt ihn am Arm fest.

„Wartet! Nehmt wenigstens diese grauen Mäntel, Herr Thorongil“, bemerkte er und reichte Aragorn einen leichten, grauen Mantel. Aragorn nickte dankend und warf sich den Mantel über die gondorische Gewandung. Númerion gab ihm sein Schwert zurück. Gandalf lehnte den tarnenden Mantel dankend ab. Er trug ohnehin graue Kleidung, die ihn ausreichend vor zu neugierigen Blicken schützte.

Unter Ausnutzung jeden Sichtschutzes gelangten Gandalf, Aragorn und die beiden Turmwächter unter Gandalfs Laborfenster. Ein leichter Wind ließ das Fenster schlagen.

„Hast du dein Fenster etwa nicht zugemacht?“, grinste der Dúnadan. „Es wird noch mal jemand bei dir einbrechen!“, warnte er dann scherzhaft. Gandalf grinste zurück.

„Das hoffe ich doch sehr!“, kicherte er. Aragorn schätzte die Entfernung zum Fenstersims.

„Númerion, Beresin: Räuberleiter!“, kommandierte er. Die beiden Turmwächter verschränkten die Hände, ließen Aragorn darauf steigen. Der Waldläufer bekam die Fensterkante zu fassen, konnte sich hochziehen und das Fenster aufstoßen. Doch der Schwung reichte noch nicht, um in das Labor zu gelangen. Aragorn hing draußen an der Fensterkante fest. Beresin überlegte nicht lange, stieg auf Númerions Hände und stützte seinen Feldherrn, der sich nun ins Labor hineinziehen konnte. Mit einem erleichterten Schnaufen kam er auf dem Boden des Labors auf.

„Wo ist das Gegenmittel?“, fragte er nach draußen.

„In einem Glaskolben auf einem Dreifuß neben dem Herd“, gab Gandalf flüsternd zurück. „Ich brauche auch den Dreifuß und das Säckchen mit Athelas daneben!“, setzte er hinzu. Aragorn brummte zustimmend und sah sich nach den verlangten Sachen um. Er hatte es gerade gefunden, als es auf dem Hof der Veste laut wurde und fünf Mann der persönlichen Wache von Denethor mit gezogenen Schwertern über den Platz rannten. Beresin und Númerion schoben Gandalf hinter sich und wehrten sich gegen die Leibwächter. Gandalf aber nutzte seinen Zauberstab als wirkungsvolle Keule. Die Männer, die den Wurzelknauf des Stabs zu spüren bekamen, sahen die sieben Sterne von Gondor um den Weißen Baum tanzen, als Gandalf sie noch zusätzlich mit subtiler Zaubermacht einschläferte.

Drinnen im Labor wurde die Tür aufgestoßen und vier weitere Wächter stürmten in das Labor. Aragorn duckte sich, beförderte den vordersten Posten mit einem gezielten Fußtritt direkt aus dem Fenster, ein zweiter bekam Aragorns Ellenbogen unter das Kinn, der Dritte machte mit dem Dolch des Dúnadan schmerzhafte Bekanntschaft und der Vierte flog nach einem harten Kinnhaken wieder aus der Tür hinaus und prallte gegen die Flurwand.

Draußen klirrten die Waffen, aber die Leibwächter des Statthalters kamen gegen die Fechtkunst der beiden Turmwächter und Gandalfs Zauberstab nicht an, zogen sich schließlich zurück. Zwei Mann blieben ohnmächtig vor dem Labor liegen.

„Schnell!“, rief Beresin. „Da kommt bestimmt gleich Verstärkung!“

Eilig seilte Aragorn die von Gandalf benötigten Sachen ab, sprang die eineinhalb Klafter in den Hof hinunter.

„Los, in den Gang zum zweiten Ring!“, befahl Aragorn. Im Laufschritt entkamen sie in den beleuchteten Gang und drückten sich in eine dunkle Nische, wo Gandalf die fast fertige Mischung mit einigen ergänzenden Athelas-Blättern nochmals aufkochte.

„Fertig“, murmelte er nach einiger Zeit. „Jetzt müssen wir es nur noch zu Boromir bekommen. Wie kommen wir an ihn heran?“

Aragorn nickte mit einem grimmig-entschlossenen Lächeln.

„Geradeaus durch die Tür, mellon nîn!“, sagte er. Gandalf sah ihn zweifelnd an.

„Ihr seid zu dritt. Du weißt, dass ich …“

Aragorn winkte ab.

„Drei Turmwächter gegen zehn Statthaltergarden – das ist zu schaffen“, erwiderte er.

Das Dritte Bataillon der Turmwache, zu dem auch Beresin und Númerion gehörten, war Aragorn/Thorongil völlig ergeben. Aragorn selbst hatte die Männer ausgebildet – und es waren Schwertfechter geworden, wie es in Gondor nicht viele gab. Jeder dieser Männer galt in Gondors Streitmacht als Elitesoldat, der mit dreifacher Übermacht fertig wurde. Wenn er gewollt hätte, hätte er sich mithilfe dieser Soldaten den ihm zustehenden Thron auch gewaltsam aneignen können, aber Aragorn wollte den Thron nicht.

Aragorn und seine beiden Turmwächter verschafften Gandalf recht rücksichtslos Zutritt zu den Wohnräumen der Statthalterfamilie. Dass die Familie sich in der Turmhalle aufhielt, war schon im Umkreis von zwanzig Klaftern an dem erbarmungswürdigen Schreien des kleinen Jungen zu hören. Ecthelion und Denethor waren wie vom Donner gerührt, als die Tür auf Aragorns heftigen Stoß aufflog und an die Wand krachte. Beresin und Númerion hielten die verbliebenen zwei Garden in Schach.

„Wenn Boromir den Morgen noch erleben soll, dann lasst, bei Ilúvatar, Gandalf dem Jungen helfen!“, rief der Dúnadan. Denethor sprang auf, um sich auf Gandalf zu stürzen, wurde aber von Aragorn abgefangen, der ihn auch schnell fest im Griff hatte.

„Hört mir gut zu, Denethor: Der Hochsitz dahinten auf der Empore, der interessiert mich nicht!“, knurrte Aragorn ebenso leise wie eindringlich. Denethors Blick fiel auf die linke Hand seines Kontrahenten, die ihn fest an der rechten Schulter gepackt hatte. Am linken Zeigefinger erkannte der Sohn des Statthalters den Ring Barahirs.

„Aber …“

„Nichts aber!“ zischte Aragorn. „Hört endlich auf mit den Verdächtigungen, die Euren Sohn unnötig gefährden!“

Der Waldläufer nickte Gandalf zu, der zu Finduilas ging, die ihren Sohn in den Armen hielt, und dem Kind von dem Gegenmittel einflößte. Es dauerte nicht lange, bis der Kleine aufhörte, vor Bauchschmerzen zu schreien und völlig erschöpft in den Armen seiner Mutter einschlief.

„Ich hoffe, Herr Ecthelion, wir konnten Euch davon überzeugen, dass wir gegen Euch und Eure Familie keine bösen Absichten hegen“, sagte Aragorn schließlich, als Denethor seinen Widerstand aufgab und er ihn loslassen konnte. Ecthelion sah mit einer schwer definierbaren Mischung aus Misstrauen und Hoffnung auf seinen kleinen Enkel.

„Genau werde ich das wissen, wenn Boromir gesund ist. Einstweilen habe ich keine Möglichkeit, Euch an Eurem Tun zu hindern, nachdem Ihr meine Leibwächter niedergeschlagen habt“, versetzte der Statthalter.

Gandalf wandte sich an Finduilas:

„Sagt, Frau Finduilas, was hat Boromir vor der Vergiftung zu sich genommen?“

„Eigentlich das gleiche wie Denethor und ich. Nur am Nachmittag waren wir im unteren Ring spazieren und Boromir bekam bei der Wärme großen Durst. Ich habe ihm Wasser aus dem mittleren Brunnen in der Lampenmacherstraße gegeben.“

„Dann ist die Vergiftung tatsächlich auf diese beiden Brunnen in der Lampenmacherstraße beschränkt“, stellte Aragorn fest. „Bitte, Ecthelion, lasst diese Brunnen schließen. Erst muss die Giftkresse aus den Brunnen“, sagte er und wandte sich dann an Finduilas:

„Habt Ihr Eurem Gemahl davon berichtet?“, fragte Aragorn.

„Ja, sicher.“

Aragorn sah den Statthalter an.

„Ecthelion, Ihr erinnert Euch an meinen Bericht, in dem ich von zwei vergifteten Brunnen in der Lampenmacherstraße sprach. Euer Sohn hat das bezweifelt und von einem Vergiftungsfall im siebenten Ring gesprochen – in der Veste, obwohl er wusste, dass Boromir Wasser aus einem der beiden betroffenen Brunnen getrunken hatte.“

Ecthelions Blick ging zu seinem Sohn.

„Warum hast du mir davon nichts gesagt?“, fragte er.

„Als Thorongil dir berichtete, wusste ich davon noch nichts“, wehrte sich Denethor. Der Statthalter zog fragend die Brauen hoch.

„Aber du hast es auch nicht für nötig befunden, mich später darüber zu unterrichten. Abgesehen davon, dass du deinen Sohn damit in große Gefahr gebracht hast, hast du zwei treue Diener Gondors unnötig in Verdacht gebracht!“, fuhr er seinen Sohn an. „Ich bitte Euch, vergebt mir, dass ich den falschen Beschuldigungen so einfach geglaubt habe“, wandte er sich dann an Aragorn und Gandalf.

Ú-moe edaved, hîr Ecthelion Turgonion.[4]”, erwiderte Aragorn.

„Bitte, gebt auch den anderen Vergifteten von dem Gegenmittel und kümmert Euch darum, dass die Brunnen gesäubert werden. Tut, was Ihr für richtig haltet, Thorongil“, setzte der Statthalter hinzu. Gandalf füllte etwas von dem Gegenmittel in eine kleine Phiole ab, die er Finduilas reichte.

„Es sollte ausreichend sein, was ich Eurem Sohn gab. Aber falls er doch noch Vergiftungserscheinungen zeigt, gebt ihm etwas von dem Mittel“, empfahl er. Finduilas nickte.

„Ich danke Euch, Meister Mithrandir.“

Der Morgen graute, als Gandalf und Aragorn aus den Häusern der Heilung kamen.

„Breno ist auch auf dem Weg der Besserung. Jetzt sind die Brunnen dran“, sagte Aragorn.

„Was hast du vor?“, fragte Gandalf.

„Die Spinnenkresse mit Stumpf und Stiel aus den Brunnen zu kratzen und das giftige Wasser aus den Brunnen zu holen“, erwiderte der Dúnadan. „Und dann müssen wir wissen, wie das Kraut dort hineingekommen ist, sonst kippen uns die nächsten Brunnen um!“

„Was Letzteres betrifft, habe ich einen Verdacht, aber den muss ich erst prüfen. Kümmere du dich um die Brunnen, ich reite nach Osgiliath.“

„Was willst du dort?“

„Ich meine mich zu erinnern, dass dort erstmals Spinnenkresse aufgetaucht ist. Vielleicht finde ich heraus, ob sie sich auf natürliche Weise hierher verbreitet hat oder ob Absicht im Spiel war“, erwiderte Gandalf. „Aber du setzt dich einer sehr großen Gefahr aus, wenn du die Spinnenkresse aus den Brunnen beseitigen willst. Sie ist sehr, sehr giftig. Sei nie ohne das Gegenmittel!“, warnte Gandalf.

Als Gandalf Minas Tirith gegen Mittag verließ, arbeiteten diverse Bauleute bereits an Abflussrinnen, durch die das verdorbene Wasser nach außen abfließen sollte. Sie bohrten von der äußeren Mauer her jeweils ein Loch zu den vergifteten Brunnen, während Aragorn und Númerion sich in die Brunnen hinabgelassen hatten und jedes noch so kleine Wurzelstückchen der Giftkresse aus den Brunnenmauern kratzten. Fast gleichzeitig stießen die Bohrer von außen durch die Brunnenwände – und das giftige Wasser floss ab.

Der Kontakt mit dem hochgiftigen Pflanzensaft bewirkte bei Aragorn und Númerion kaum eine Stunde, nachdem sie die Brunnen verlassen hatten, heftige Vergiftungserscheinungen, mit denen sie in die Häuser der Heilung eingeliefert wurden. Der aufgeregte Edagond mischte eilig Gandalfs Gegenmittel zusammen. Der Zauberer hatte die Formel in weiser Voraussicht nicht nur bei Aragorn, sondern auch bei Edagond hinterlassen.

Bei dem zähen Aragorn schlug das Gegenmittel schneller an als bei Númerion. Als Finduilas den Dúnadan besuchte, nachdem sie von seiner Erkrankung gehört hatte, war Aragorn zwar noch geschwächt, aber schon auf dem Wege der Besserung.

„Wie geht es Euch?“, fragte die Frau des Statthaltererben besorgt. Er lächelte noch etwas gequält.

„Ich könnte ein halbes Schwein auf einer Scheibe Brot vertragen, nachdem ich sogar das Frühstück von vorgestern rückwärts genossen habe“, grinste er schief. Bis zwei Stunden zuvor hatte er nicht einmal klares, definitiv ungiftiges Wasser bei sich behalten. Er fühlte sich hundeelend.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Euch und Meister Mithrandir danken soll. Boromir ist wieder gesund – dafür seid Ihr jetzt krank. Ihr habt Euer Leben für die Menschen hier riskiert, Thorongil!“

Ein mühsames Lächeln kräuselte sich um seine stoppelige Wange.

„Das ist meine Aufgabe, schöne Finduilas. Die Sicherheit von Gondor, speziell Minas Tirith, ist mir anvertraut.“

Finduilas Blick fiel auf seine Linke, an der jetzt offen der Ring Barahirs steckte.

„Ihr tragt ihn?“, fragte sie.

„Sagt, woher wisst Ihr um diesen Ring?“, erkundigte er sich.

„Denethor erzählte mir davon.“

„Und woher weiß er davon? Ich habe in all‘ den Jahren, die ich jetzt Gondor diene, diesen Ring nie in der Öffentlichkeit getragen.“

„Ich weiß es nicht. Aber er geht oft in den Weißen Turm und verschwindet in den oberen Stockwerken.“

Aragorn dachte nach. Da oben gab es ein Turmzimmer, doch an dem war nichts Besonderes, wie Aragorn sich erinnerte. Er sah Finduilas an, die noch etwas auf dem Herzen zu haben schien.

„Was habt Ihr?“ fragte er.

„Was meint Ihr?“

„Etwas brennt Euch auf der Seele – und das hat mit Boromir oder meiner Erkrankung nichts zu tun.“

Sie sah zu Boden.

„Mithrandir – er ist in großer Gefahr. Denethor ist noch immer nicht überzeugt, dass Ihr und Gandalf der Statthalterfamilie nichts Böses wollt. Er verfolgt ihn mit Männern seiner Leibwache.“

Aragorn kam hoch, als habe ihn eine Schlange gebissen.

„Wie?“

„Aber Ihr seid selbst noch nicht recht genesen …“

„Lasst das meine Sorge sein!“, erwiderte Aragorn bestimmt. „Wir Dúnedain des Nordens sind recht zäh. Geht jetzt. Ich kümmere mich um Mithrandir.“

„Bitte …“

Aragorn lächelte sanft.

„Wenn Euer Gemahl mich lässt, schone ich ihn“, versprach er dann.

Gandalf hatte Osgiliath – oder besser: die Trümmer dieser Stadt – am späten Nachmittag erreicht und ließ sein Pferd in der Nähe des alten Palastes von Osgiliath zurück. Nicht weit vom Palast begann ein weit verzweigtes, unterirdisches Gängesystem – früher einmal die Kanäle von Osgiliath, erbaut von längst vergessenen Baumeistern. In diesen Kanälen war das Regenwasser zum Anduin geleitet worden; sie hatten aber in trockenen Sommern auch als Wasserreservoirs gedient. An brunnenartigen Öffnungen wuchs in der stetigen Nässe und dem stets fließenden Wasser Brunnenkresse. Nach der weitgehenden Zerstörung Osgiliaths durch Truppen des Hexenkönigs von Minas Morgul waren auch viele der Kanäle ihrer oberen Wölbungen beraubt. Dort, wo die Kanäle frei lagen, wucherten Kresse und andere Wasserpflanzen geradezu. Auch Wasseramseln hatten sich in der verlassenen Stadt in den freigelegten Kanälen angesiedelt. Die flinken, kleinen Vögel wiesen dem Istar den Weg zu den freien Kanälen.

Schließlich hatte Gandalf den Kanal gefunden, den er gesucht hatte. Dort, am östlichen Rand von Osgiliath, hatte sich erstmals die giftige Spinnenkresse gefunden. Der Zauberer stieg in den Kanal hinab und stand knöcheltief in einer nur mühsam fließenden, braunen Brühe, die nichts mit dem frischen, klaren Nass zu tun hatte, das für gewöhnlich durch die alten Kanäle rann. Gandalf bückte sich und fand die typischen blauen Blüten, die die Spinnenkresse kennzeichneten. Ein größeres Feld dieser Kresse hatte keine Staubgefäße mehr in den Blütenkelchen. Gandalf nahm seinen Zauberstab und benutzte den durchsichtigen, weißen Kristall als Vergrößerungsglas. Die Staubgefäße waren glatt abgeschnitten!

Womit die schuldigen Pflanzen gefunden wären!‘, dachte er. Vorsichtig nahm er von einer noch tragenden blauen Blüte Staubgefäße ab und trug den giftigen Blütenstaub zu einer weißen Kresse, die am Rand dieses Kanals an einer Kreuzung mit frischem, fließendem Wasser stand und gab den Staub der Spinnenkresse vorsichtig auf die weiße Blüte. Zu Gandalfs Erschrecken dauerte es nur wenige Minuten, bis die Blüte sich blau verfärbte.

Bei Ulmo! Ein paar Staubkörner davon genügen, um gesunde Kresse zu vergiften!‘, durchzuckte es den Zauberer. ‚Eigentlich würden ein paar Bienen ausreichen, um diese Pest zu verbreiten‘, dachte er weiter. Doch dann fuhr ein Windstoß durch das Feld der blauen Kresse und er sah, dass unter der Spinnenkresse viele tote Bienen, Hummeln und Fliegen in der braunen Brühe schwammen.

Deshalb verbreitet es sich nicht von allein weiter. Die Insekten vertragen den giftigen Blütenstaub auch nicht. Und wie ist die Spinnenkresse dann in die Brunnen von Minas Tirith gekommen? Da hat doch einer nachgeholfen! Aber wer?‘, überlegte Gandalf. Ein Geräusch störte ihn aus seinen Gedanken auf. Das waren eindeutig Schritte – und zwar von vielen Füßen, die sich keine Mühe gaben, leise zu sein! Gandalf sah sich besorgt um. Bald sah er gondorische Soldaten, etwa zwanzig an der Zahl, die mit gezogenen Schwertern und brennenden Fackeln in die Kanäle einstiegen.

„Gandalf! Mithrandir! Wir wissen, dass Ihr Euch hier verkrochen habt! Kommt heraus!“, hörte der Zauberer eine Stimme, die unverkennbar die des Statthaltersohnes Denethor war. Gandalf schalt sich, nicht mit ernsthaften Gefahren gerechnet zu haben, sonst hätte er sein Schwert Glamdring mitgenommen. Jetzt konnte er sich nur noch mit purer Zauberei wehren – aber genau das durfte er nicht. Gandalf blieb nur die Flucht in die weit verzweigten Kanäle Osgiliaths …

Aragorn kämpfte die aufkommende Schwäche mit Gewalt nieder. Nachdem er sich durch die Vergiftung fast den Magen umgedreht hatte, fehlte ihm die nötige Energie, um wieder auf die Füße zu kommen. Mit einiger Mühe erinnerte er sich, dass er in seiner Vorratstasche am Sattel immer etwas Lembas und Trockenfleisch hatte. Es schien ihm eine Ewigkeit zu vergehen, bis er in seinem Haus die Vorratstasche fand und eine ganze Waffel Lembas auf einmal verspeiste. Eigentlich genügte es, einmal herzhaft abzubeißen. Ein solcher Bissen lieferte einem erwachsenen Menschen oder Elben genügend Energie für einen langen Tagesmarsch. Das, was Aragorn gegessen hatte, hätte für eine ganze Woche gereicht – nun, unter normalen Umständen, aber nach der rabiaten Fastenkur durch die erlittene Vergiftung waren sie nicht ganz normal. Es dauerte nicht lange, bis Aragorn seine Lebensgeister zurückkehren spürte.

Eilig alarmierte er zehn Mann seiner Turmwächter und machte sich mit ihnen auf den Weg nach Osgiliath. Die Spuren von Denethors Truppe waren trotz der zahlreichen anderen Spuren auf dem Weg nicht zu übersehen. Von seinen Männern wusste Aragorn, dass Denethor und seine Leute etwa drei Stunden Vorsprung hatten. Auf den achtzehn Meilen zwischen Minas Tirith und Osgiliath war dieser Vorsprung nicht aufzuholen.

Gandalf drückte sich von einer Kanalnische zur nächsten. Seit drei Stunden führte er die Statthaltergarden nun mit einiger Mühe an der Nase herum. Seine genaue Kenntnis der Örtlichkeiten kam ihm dabei zugute. Doch viel länger konnte er den über ganz Osgiliath ausgeschwärmten Leuten Denethors nicht mehr ausweichen. Zudem hatte er das Gefühl, dass seine nassen, kalten Füße sich schier auflösen wollten. Die bittere Kälte des fließenden Wassers aus den Bergen kroch immer höher. Und dann stand ein gondorischer Soldat mit blankgezogenem Schwert vor ihm! Gandalf wich zurück, aber hinter ihm war nur noch Stein.

„Gib auf, Mithrandir!“, forderte der Soldat und hob das Schwert, doch dann ließ er es mit einem Aufschrei fallen, als ihm ein wohlgezielter Pfeil mit weißen Federn durch das Gelenk der Schwerthand fuhr. Gandalf konnte einige Klafter weiter hinten im Kanal Aragorn erkennen, der seinen Bogen wieder überwarf, stattdessen sein Langschwert zog und auf den Gardisten zustürmte. Gandalf reagierte auf seine Weise und zog dem verwundeten Gardisten den Wurzelknauf seines Zauberstabs über den Kopf, worauf der Mann bewusstlos zusammensackte.

Überall in den Kanälen klirrten die Waffen, als Aragorns Männer Denethors Leute angriffen. Aragorn hatte Gandalf erreicht und fing den schachmatten Gardisten noch auf, bevor er ins Wasser fiel.

„Ist dir was passiert?“, fragte er dann besorgt.

„Nein, ich hab‘ nur nasse Füße bis zu den Schultern“, entgegnete Gandalf mit einem schelmischen Grinsen, das zu seiner unangenehmen Situation nicht passen wollte.

„Beresin!“, rief Aragorn.

„Hier!“, kam es aus dem Nachbarkanal.

„Komm her und bleib bei Mithrandir! Bring‘ ihn und den Leibwächter nach oben ins Trockene!“, wies Aragorn ihn an. Er selbst und seine übrigen Leute machten sich wieder daran, Denethor und seine Männer aus den Kanälen zu treiben.

„Denkt dran! Es sind Gondorer! Tötet sie nicht!“, ermahnte der Feldherr die Männer der Turmwache.

Aragorn stieß bald auf Denethor selbst, der mit gezogenem Schwert durch die Kanäle pirschte.

„Wenn Ihr Streit sucht, sucht ihn mit mir, denn ich bin im Gegensatz zu Mithrandir bewaffnet!“, rief der Waldläufer. Denethor fuhr herum. Am Kanalzugang stand der Feldherr, dem er Verrat vorwarf. Mit einem wilden Kampfschrei warf Denethor sich Aragorn entgegen. Statthaltersohn und rechtmäßiger Thronerbe lieferten sich am Grund des Kanals ein heftiges Gefecht, bis Denethors Schwert mit scharfem Misston zersprang. Aragorn schlug ihm das Heft aus der Hand.

„Und jetzt kommt endlich zur Vernunft, Denethor! Bei Manwe und bei Ulmo, der Thron Gondors interessiert mich nicht! Ich will ihn nicht!“, keuchte Aragorn. „Und deshalb verzichte ich darauf, Euren Verrat an die große Glocke zu hängen. Geht heim nach Minas Tirith. Ihr werdet Euren Vater beerben und Euer Sohn Euch!“

Denethor hustete vor Erschöpfung.

„Ihr … Ihr verzichtet?“

„Noch mal, langsam, zum Mitschreiben: Ich – will – den – Thron – nicht!“

„Ich sag‘ Euch was: Minas Tirith ist für uns beide zu klein, Thorongil! Oder sollte ich Euch besser Aragorn nennen, Arathorns Sohn?“

Wenn Denethor geglaubt hatte, sein Gegenüber mit diesem Namen zu erschrecken, sah er sich getäuscht.

„Es ist mir egal, wie Ihr mich nennt, aber nehmt endlich zur Kenntnis, dass ich nicht König sein will!“, fuhr Aragorn ihn an, packte ihn hart am Kragen und beförderte ihn unsanft aus dem Kanal ans Tageslicht.

„Sollte ich meinen Vater beerben, wird für Euch kein Platz in Gondor sein!“, drohte Denethor unbeeindruckt.

„Reizt mich jetzt besser nicht weiter, sonst vergesse ich meinen Vorsatz, Euch vor Eurem Vater keine Vorwürfe zu machen, dem ich viele Jahre treu gedient habe“, knurrte Aragorn und winkte seinen Leuten, die den verdutzten Denethor auf sein Pferd setzten. Er fasste seinen Entschluss: Es wurde Zeit, sich wieder anderen Regionen in Mittelerde zu widmen. Vielleicht war er schon viel zu lange in Gondor geblieben …

Zornig schweigend ritt Aragorn mit seinen Leuten, Gandalf und den Statthaltergarden zurück nach Minas Tirith. Noch am Abend suchte er den Statthalter auf.

„Herr, es wäre mir lieb, wenn Gandalf und mir bei der Ermittlung der Schuldigen für die Brunnenvergiftung keine Steine in den Weg gelegt würden“, sagte er. Ecthelion sah den Feldherrn eine Weile an.

„Mein Sohn hat bereits eingestanden, was er falsch gemacht hat. Ich hoffe, Ihr könnt ihm vergeben“, erwiderte der Statthalter.

„Wenn er uns jetzt in Ruhe nachforschen lässt, sei ihm verziehen.“

„Dann geht und sucht die Verursacher. Denethor wird sich nicht mehr einmischen“, versprach der Statthalter. Aragorn verbeugte sich und kehrte zu Gandalf zurück.

„Du wirkst verändert, Aragorn“, stellte der Zauberer fest. Der Dúnadan nickte.

„Ich werde gehen, Gandalf. Ich werde Gondor verlassen“, sagte er. „Sobald die Verursacher dieser Vergiftungsgeschichte gefunden sind, kehre ich in den Norden zurück. Ich war wohl schon zu lange hier.“

Es klang resigniert – und das passte nicht zu Aragorns Kämpferherz, fand Gandalf.

„Du bist müde. Ruh‘ dich aus, dann siehst du es anders.“

„Ich werde mich ausruhen, wenn die Schuldigen gefunden sind. Was hast du in Osgiliath herausbekommen?“

Gandalf seufzte. Wenn Aragorn eine Spur aufgenommen hatte, wich er davon nicht ab, gleich, wie wenig er geschlafen und gegessen hatte.

„Also, die Spinnenkresse wurde mit Absicht in die Brunnen gebracht. Leider wurde ich in Osgiliath gestört, bevor ich Spuren der Verschwörer finden konnte.“

„Aber du meinst, dort könnten Hinweise sein?“

„Vielleicht …“

Aragorn nickte.

„Wir reiten morgen noch mal nach Osgiliath. Denethor wird uns nicht mehr in die Quere kommen.“

Am Tag darauf ritten Gandalf und Aragorn wieder in die zerstörte frühere Hauptstadt Gondors und suchten erneut in den Kanälen nach Hinweisen auf die Täter. Gegen Abend fand Aragorn im Wasser ein Medaillon und fischte es heraus.

„Sieht aus, als wäre es aus Umbar“, sagte er und drehte das Medaillon in der Hand. Gandalf sah genauer hin.

„Ja, das sieht nach einem umbarischen Schiff aus“, bestätigte er.

„Umbar ist mit Gondor verfeindet. Würde mich nicht wundern, wenn die ihre Finger im Spiel gehabt hätten. In Osgiliath sind sie jedenfalls nicht heimisch“, sagte Aragorn. Er hatte einen Anhaltspunkt und begann, nach Spuren zu suchen.

Er hatte sie schneller gefunden, als er je zu hoffen gewagt hätte – aber die Spurenstraße, die aus den Emyn Arnen nach Osgiliath oder dort hinaus führte, konnte auch nur ein Blinder übersehen.

„Ich gehe hinauf in die Emyn Arnen und sehe mich dort mal um“, sagte der Waldläufer. Gandalf sah ihn skeptisch an.

„Allein?“ fragte er.

„Gandalf“, sagte Aragorn langsam, „seit vielen Jahren lebe ich allein in der Wildnis, wenn ich nicht gerade wie jetzt Gondor oder Rohan diene. Außerdem kenne ich die Emyn Arnen gut. Ich komme gut allein zurecht.“

Gandalf zuckte mit den Schultern und ließ Aragorn gehen.

Der Dúnadan verstand es, nicht gesehen zu werden, wenn er das nicht wollte. Lautlos schlich er durch die grünen Hügel der Emyn Arnen südlich von Osgiliath. Es war bereits dunkel, als er durch dichtes Kieferngebüsch einen Lichtschein sah. Vorsichtig näherte er sich dem Licht. Es war ein Lagerfeuer, an dem wohl zehn Männer saßen, die äußerlich nach Südländern aussahen. Ihr Dialekt verriet sie als Umbarer.

„Die haben es doch fertiggekriegt, die Brunnen nach außen ablaufen zu lassen!“, knurrte einer. „Der ganze Plan ist hin! Warum hast du nicht den Brunnen in der Veste lahm gelegt?“, schnauzte ein vierschrötiger Kerl einen deutlich kleineren an.

„Verrat‘ mir mal, wie unsereins in die Veste kommen soll? Die Turmwächter riechen uns Umbarer doch schon zehn Meilen gegen den Wind!“, entgegnete der Kleinere. „Ich hab‘ sogar gehört, die in Minas Tirith hätten ein Gegenmittel gegen die Spinnenkresse gefunden.“

„Das ist mir schnurz! Du gehst morgen wieder in die Stadt und … he, was war das denn?“

Aragorn schalt sich einen Tölpel, ausgerechnet auf einen trockenen Ast gefasst zu haben. Der Ast brach mit viel zu lautem Geräusch. So laut, dass es bis zum Feuer hin zu hören war.

„Los, Leute, ausschwärmen! Wir können uns nicht leisten, entdeckt zu werden!“, befahl der Anführer der Umbarer. Die Männer sprangen vom Feuer auf, zogen ihre Schwerter und pirschten zum Waldrand hin. Aragorn setzte alles auf eine Karte, pflückte ein paar frische Kiefernzapfen, die in seiner Nähe hingen, drehte sie mit trockenem Gras zu einer festen Kugel, die er mit Kiefernharz beschmierte und warf die Kugel im hohen Bogen in das Lagerfeuer. Eine kleine Explosion der leicht entzündlichen Stoffe erschreckte die Umbarer, so dass sie zunächst völlig verwirrt waren. Aragorn nutzte die Verwirrung und stürmte mit lautem Geschrei in das Lager, erschlug fast nebenbei zwei der zu Tode erschrockenen Umbarer, griff sich einen dritten – es war der Kleine, der in Minas Tirith gewesen war – und verschwand mit ihm auf der anderen Seiten des Lagers, ehe die Männer recht begriffen, was gerade geschehen war.

„Was war das?“, fragte einer völlig verstört.

„Das … das muss ein Geist gewesen sein!“, schrie ein anderer.

„Nein, Nazgûl! Weg hier! Los, verschwindet, bevor die wiederkommen!“, brüllte ein Dritter. Im Gebüsch ganz in der Nähe lag Aragorn regungslos mit dem Gefangenen, den er gemacht hatte. Der Mann war vor Schreck in Ohnmacht gefallen. Die verschreckten Umbarer stürmten an ihnen vorbei und rannten, als ob alle neun Nazgûl hinter ihnen her waren. Erst nach geraumer Zeit wagte der Waldläufer wieder, sich zu bewegen. Die Umbarer waren fort, aber er hatte seinen Gefangenen. Sorgsam verschnürte er den Umbarer, lud ihn sich auf die Schulter und schleppte ihn nach Osgiliath hinunter. Im Morgengrauen erreichte er die zerstörte Stadt, in der Gandalf auf ihn wartete.

Als der Gefangene wieder zu sich kam, fand er sich verschnürt wie einen Rollbraten quer auf einem Pferd liegend wieder. Er begann zu zappeln, um die Fesseln wieder loszuwerden, doch alles, was er erreichte, war ein kräftiger Hieb mit dem dicken Wurzelende eines Zauberstabs. Wieder versank der Gefangene in Träumen, aus denen er erst im Kerker von Minas Tirith wieder erwachte. Der alte Mann in den grauen Gewändern, der ihm gegenüberstand, empfahl ihm, lieber freimütig einzuräumen, was er getan hatte, um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen. Der Gefangene ließ sich überzeugen und gestand beim Gericht des Statthalters ohne Umschweife, dass er den giftigen Blütenstaub in die Brunnen eingebracht hatte und auch vorgehabt hatte, noch weitere Brunnen zu vergiften. Die Folge war ein Todesurteil. Drei Tage darauf wurde er im Morgengrauen am Galgen außerhalb von Minas Tirith gehängt.

Noch am selben Tag sprach Aragorn beim Statthalter vor.

„Herr Ecthelion, Ihr habt gesehen, dass Umbar in der Lage ist, uns selbst hier in Minas Tirith anzugreifen – mit List und Tücke. Bitte, gebt mir die Erlaubnis, dieses Piratennest auszuräuchern.“

Ecthelion drehte den Stab des Statthalters in den Händen.

„Was wollt Ihr tun, Thorongil?“

„Sie mit ihren ureigenen Waffen schlagen – zur See. Damit rechnen sie am wenigsten. Ich will nach Pelargir gehen, eine kleine Flotte rüsten und dann den Anduin hinuntersegeln, durch die Bucht von Belfalas und ihnen den Hafen zerstören. Das wird sie – so hoffe ich – von weiteren Dummheiten uns gegenüber abhalten“, erläuterte er seinen Plan kurz.

„Wenn Euch das gelingt, wird man Euch mit den alten Königen in einem Atemzug nennen, Thorongil“, sagte der Statthalter.

„Ich lege keinen Wert darauf, und das wisst Ihr“, wehrte Aragorn ab.

„Tut, was Ihr für richtig haltet“, erwiderte Ecthelion. „Gondors Sicherheit ist Euer Ressort.“

Nun, der Ausgang ist wohl bekannt: Aragorn rüstete eine kleine Flotte in Pelargir, fuhr den Anduin hinunter und griff Umbar so überraschend an, dass die Korsaren von Umbar eine schlimme Niederlage einstecken mussten – eine so schlimme Niederlage, dass sie Gondor danach nicht mehr angriffen und auch keine versteckten Aktionen mehr gegen Gondor wagten. Bekannt ist wohl auch, dass Aragorn trotz der Bitten seiner Leute von diesem Angriff auf Umbar nicht mehr nach Minas Tirith zurückkehrte, sondern von Pelargir aus auf dem linken Ufer des Anduin wieder nach Norden wanderte, nach Lórien kam, wo er Arwen nach langer Trennung wieder sah – aber das ist eine andere Geschichte, und die soll auch anderswo erzählt werden …

Ende

[1] Sindarin: Sei gegrüßt, Freund.

[2] Sindarin: Bleib ruhig! Setz‘ dich!“

[3] Quenya: der/die Schöne; Diener der Valar, die bei der Entfaltung Ardas (der Erde) helfen sollten. Auch Gandalf ist als Istar (= Wissender, auch Zauberer) ein Maia!

[4] Sindarin: Es ist nichts zu verzeihen, Herr Ecthelion, Turgons Sohn.

 

 

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