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Brennender Himmel 1 – online

Updated: 20. Februar 2019

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Ab 12 Jahre

 

Kapitel 1

Ein Amerikaner in Hamburg

 

 

Steve Donovan war Captain des US Army Air Corps, Jagdflieger aus Leidenschaft, arbeitete seit März 1939 im Auftrag des Kriegsministeriums als Militärattaché am amerikanischen Konsulat in Hamburg. Er war jetzt siebenundzwanzig Jahre alt, für einen Diplomaten viel zu jung. Aber Donovan sprach fließend Deutsch, hatte schon als Junge in Berlin gelebt, als sein Vater den gleichen Job, den jetzt der Sohn hatte, an der amerikanischen Botschaft in Berlin getan hatte.

Sein Vater allerdings war Brigadier-General und über vierzig Jahre alt gewesen, als man ihn nach Deutschland geschickt hatte. Brigadier Daniel Boone Donovan hatte unter seinen Vorfahren Deutsche entdeckt und sich daraufhin um den Posten in Berlin beworben. Steve war als vierzehnjähriger Junge nach Deutschland gekommen, weil er seinen Vater unbedingt begleiten wollte – im Gegensatz zur Mutter und seinen drei Brüdern, die dem engen Europa nichts abgewinnen konnten.

Steve hatte die Unruhe in Deutschland nach dem Weltkrieg erlebt, und er verstand die Deutschen besser, als jeder andere Amerikaner, dafür hatte er lange genug unter ihnen gelebt. Sein Deutsch hatte Berliner Färbung, in die sich jetzt, nach einem halben Jahr Aufenthalt in Hamburg, auch hanseatische Elemente mischten. Trotz allen Lebens in Deutschland war Donovan Amerikaner mit Überzeugung geblieben. Seinen Auslandsaufenthalt sah er als kleine Hilfe an, um beim Army Air Corps aufzusteigen – vorausgesetzt, dieser Aufstieg hinderte ihn nicht am Fliegen. Jetzt, im Spätsommer 1939, klebte er allerdings am Boden, weil die zuständige Behörde in Hamburg sich sehr zierte, ihm eine Fluglizenz zu erteilen …

„Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurück geschossen!“, krächzte die Stimme von Adolf Hitler aus dem Goebbelsharfe oder Volksempfänger genannten Radio. Rau war diese Stimme, wiewohl Hitler immer ganz leise zu sprechen begann, um sich dann zu einem fast bellenden Stakkato von Versprechungen, Behauptungen, Drohungen, Beschimpfungen zu steigern. Steve Donovan kannte diese Stimme gut. Er hatte Hitler mehr als nur einmal reden hören. Um dessen Buch Mein Kampf hatte Donovan allerdings einen genauso großen Bogen gemacht wie die meisten Deutschen. Ein Fehler, denn er hätte das, was Hitler in seiner jetzigen Rede sagte, dort als Planung nachlesen können. So aber ließ er vor Schreck seine Morgenzeitung, die New York Times fallen, glaubte, nicht recht gehört zu haben. Verstört drehte er das Radio lauter. Durch die atmosphärischen Störungen und die mangelnde Trennschärfe des Volksempfängers krächzte der „Führer“ über das Recht Deutschlands, die Polen auf der Westerplatte bei Danzig zu beschießen, nachdem reguläre polnische Truppen angeblich einen deutschen Radiosender in Gleiwitz an der deutsch-polnischen Grenze überfallen hatten. Es war eine hundertprozentige Lüge, die Hitler ungeniert verbreitete und die dazu dienen sollte, das deutsche Volk für die Notwendigkeit eines Krieges zu gewinnen – doch zu diesem Zeitpunkt war die Tatsache, dass deutsche SS-Leute in polnischen Uniformen den Überfall ausgeführt hatten, nur denen bekannt, die es den Männern befohlen hatten, also der Spitze der Reichsführung.

„Großer Gott! Das gibt eine Katastrophe!“, entfuhr es Donovan. Er warf einen Blick auf die zu Boden gegangene amerikanische Zeitung. Sie war vom 31. August 1939, also vom Vortag. Steve hatte die Zeitung abonniert, um wenigstens auf diese Weise mit zu Hause in Verbindung zu bleiben, aber die Verbindung war nicht ganz aktuell, weil er sie mit mindestens einem Tag Verspätung erhielt. Und danach hatten jedenfalls seine Landsleute nicht den geringsten Schimmer von einem bevorstehenden Krieg. Steve strich sich über den Kopf, als wolle er seine militärisch kurz geschnittenen Haare wieder glätten, nachdem Hitlers Rede sie ihm zu Berge hatte stehen lassen. Dann sah er auf die Uhr. Es war jetzt viertel nach acht. Für halb neun hatte er sich mit Siegfried Heinsohn, einem deutschen Luft Hansa*-Piloten, zum Tennisspiel am Rothenbaum verabredet. Siegfried Heinsohn war Mitglied in dem renommierten Club an der Alster und hatte für Donovans Gastmitgliedschaft gebürgt. Heinsohn und Donovan kannten sich schon länger. Sie waren sich vor drei Jahren in Danzig, einer unter Völkerbundsverwaltung stehenden Stadt in Westpreußen, begegnet. Als Donovan dann nach Hamburg gekommen war, hatte er sich mit Heinsohn in Verbindung gesetzt und bald hatte sich eine dauerhafte Freundschaft entwickelt.

Hoffentlich ist Siggi überhaupt da. Hatte er nicht irgendwas von Übung erzählt?’, dachte Donovan. Ein Blick in seinen Terminkalender bestätigte allerdings die Verabredung. So nahm er seine Tennistasche und verließ das Haus. Von seiner Wohnung am Harvestehuder Weg war es nur ein Fußweg von kaum fünf Minuten bis zum Tennisplatz an der Hansastraße. Normalerweise trafen sich die Freunde eine halbe Stunde, bevor ihr Platz frei wurde.

Wider Steves Erwartung saß Siegfried an der Bar im Clubhaus – allerdings nicht im weißen Tennisanzug, sondern in der blaugrauen Uniform der deutschen Luftwaffe.

„Guten Morgen, Steve“, grüßte Siegfried.

„Danke, ein guter Morgen ist es nicht, nach dem, was ich eben im Radio gehört habe, Siggi. Ich hab’ schon befürchtet, dich hier gar nicht zu finden. Und da du hier in Uniform sitzt, nehme ich an, dass ich keine Albträume hatte, sondern die Wahrheit gehört habe“, gab Steve zurück und setzte sich zu Heinsohn an die Bar.

„Was darf ich Ihnen bringen, Herr Donovan?“, fragte der Kellner.

„Kaffee, bitte“, bestellte Steve. Siegfried nickte bedrückt.

„Aus unserem Spiel heute wird leider nichts – und in der nächsten Zeit mit Sicherheit auch nicht. Ich habe meine Einberufung bekommen“, seufzte Heinsohn. „Ich bin auch nur deshalb noch hier, weil mir noch eine fliegerärztliche Untersuchung fehlt, die ich wegen eines Fernfluges nach Rio nicht machen lassen konnte. Ich bin für heute Morgen zum Standortarzt bestellt und werde dann wohl gleich nach Stolp zu meiner Einheit fliegen. Ich wollte mich eigentlich verabschieden. Und dir würde ich raten, dich bald in die Staaten zu verdrücken“, sagte er.

„Hat Adolf uns auch den Krieg erklärt? Vorhin im Radio war nur von Polen die Rede“, gab Donovan zu bedenken. Heinsohn seufzte erneut.

„Steve, ich komme viel in der Welt herum und höre manches, was nicht unbedingt in der Zeitung steht. England und Frankreich haben Polen Sicherheitsgarantien gegeben. Es wird größeren Streit geben, als nur mit Polen“, warnte er.

„Nach meinen Informationen sind die USA neutral – wenn ihr nicht wieder Schiffe versenken Marke Lusitania spielt“, erwiderte Donovan. Er sah seinen Freund an, der nicht recht glücklich aussah.

„Hör mal, du siehst nicht so aus, als ob du viel Spaß an der Geschichte hättest und dir die Uniform schmeckt. Soll ich dir die Einreisepapiere besorgen?“, bot Steve an.

„Pscht, verdammt!“, wehrte Heinsohn harsch ab. „In Deutschland haben die Wände Ohren!“, warnte er. „Ich brauche aber eine Visaverlängerung für die Staaten. Wenn sie mich heute noch mal gehen lassen, komme ich nachher von der Sophienterrasse ins Konsulat.“

„Na gut. Ich warte in der Visaabteilung. Falls du nicht kommst: Mach’s gut und bleib sauber“, verabschiedete sich Donovan, schüttelte Heinsohn die Hand, trank seinen Kaffee aus, bezahlte, nahm seine Tasche und wollte gehen.

Im gleichen Moment öffnete sich die Tür des Vereinslokals und zwei Männer in Ledermänteln traten ein.

„Geheime Staatspolizei! Niemand verlässt den Raum!“, befahl der vordere Eintretende. Steve sah sich um. Siegfried und der Kellner waren sichtlich bleich geworden. Er ließ die Tasche fallen und lehnte sich nach hinten gegen die Bar. Der Gestapo-Beamte kam direkt auf ihn zu.

„Herr Steve Donovan?“

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Das ist mein Name“, erwiderte der Amerikaner.

„Begleiten Sie uns, bitte“, forderte der Gestapo-Mann Steve auf.

„Darf ich fragen, weshalb?“, erkundigte sich Steve.

„Weil ich das sage, Herr Donovan“, versetzte der Gestapo-Beamte herablassend. „Der Geheimen Staatspolizei stellt man keine Fragen.“

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich als Mitarbeiter des amerikanischen Generalkonsulats diplomatische Immunität genieße“, entgegnete Donovan und griff in die Hosentasche, um seinen Konsulatsausweis vorzuzeigen.

„Danke, das ist unnötig, Herr Donovan. Wir wissen um Ihren diplomatischen Status“, wehrte der Beamte den Versuch ab.

„Was hat das dann zu bedeuten?“

„Sie werden es rechtzeitig erfahren. Folgen Sie uns, bitte.“

Donovan war unbewaffnet und wollte keinen diplomatischen Zwischenfall provozieren, den die deutsche Propaganda vielleicht als Aufhänger nutzen konnte, um Amerika den Krieg zu erklären. Schulterzuckend nahm er seine Tasche und folgte den Gestapo-Leuten. Sie brachten ihn zu einem schwarzen Horchcabrio mit geschlossenem Verdeck, das in der Hansastraße geparkt war. Auf ein Klopfen an die Trennscheibe fuhr der Fahrer in Richtung Rothenbaumchaussee an und steuerte das Fahrzeug in Richtung Innenstadt, fuhr zur Innenbehörde am Johanniswall. Auf einem der langen Flure musste der Amerikaner fast eine volle Stunde in Bewachung der beiden Gestapo-Männer warten, bis er aufgerufen und in eines der typischen Amtszimmer geführt wurde. Der Geruch von Aktenstaub, Linoleum und Bohnerwachs war allgegenwärtig.

„Nehmen Sie Platz, Herr Donovan. Kaffee?“, bot der Beamte hinter dem Schreibtisch betont höflich an.

„Danke, nein. Ich wüsste gern, was ich hier soll“, versetzte Steve.

„Sie sind Steven Christopher Donovan, geboren am 13. Januar 1912 in Phoenix, Arizona-Territorium*, USA?“, fragte der Beamte, ohne auf Steves Frage einzugehen.

„Korrekt.“

„Sie sind derzeit Hauptmann bei der Armeeluftwaffe der Vereinigten Staaten, abkommandiert zum diplomatischen Dienst?“, fragte der Beamte weiter.

„Richtig. Ergibt sich aber alles aus meinem Beglaubigungsschreiben, das ich im März dem Ersten Bürgermeister, Herrn Krogmann, überreicht habe“, gab Donovan zurück.

„Daraus zitiere ich auch, Herr Donovan“, entgegnete der Beamte mit kühlem Lächeln.

„Was, zum Teufel, wollen Sie eigentlich von mir?“, erkundigte Steve sich mit gewisser Reizung in der Stimme.

„Das kann ich Ihnen sagen, wenn ich zweifelsfrei festgestellt habe, dass Sie die betreffende Person sind“, erklärte der Beamte. Steve zog seinen Konsulatsausweis und warf ihn auf den Tisch.

„Bitte, mein Ausweis mit Lichtbild, Dienstgrad, Geburtsdatum, Aufgabenbereich und Dienstsiegel des Konsulats“, knurrte er. Der Beamte nahm ihn, prüfte ihn akribisch und reichte ihn dann zurück.

„Danke, Herr Donovan. Sie haben einen Antrag auf Erteilung einer Privatpilotenlizenz im Großdeutschen Reich nachgesucht.“

„Stimmt, das war vor einem halben Jahr, als ich nach Hamburg versetzt wurde“, bestätigte Steve. „Für gewöhnlich reicht mein Dienstausweis des Army Air Corps, um eine solche Lizenz innerhalb weniger Tage zu erhalten“, setzte er dann sarkastisch hinzu.

„Herr Donovan, Sie sind hier in Deutschland – nicht in irgendeinem unterentwickelten Kaffernstaat. Hier herrschen Ordnung und Disziplin. Das gilt auch für ausländisches Botschaftspersonal!“, wies der Beamte ihn zurecht.

„Dann darf ich Herrn Mussolini bestellen, dass Sie das faschistische Italien als unterentwickelten Kaffernstaat bezeichnen?“, konterte Steve, als er den ersten Zorn niedergerungen hatte. „In Rom habe ich meinen Dienstausweis vorgelegt und hatte innerhalb von zehn Minuten meine italienische PPL*!“

Der Beamte lächelte nachsichtig.

„In mancher Hinsicht sind die italienischen Volksgenossen nicht ganz auf der Linie unseres Führers, Herr Donovan“, erwiderte er beinahe liebenswürdig. Donovan knurrte unwillig.

„Na gut. Da Sie nun festgestellt haben, wer ich bin, wüsste ich doch gern, was denn mit meiner PPL ist.“

„Haben Sie vor, innerhalb der nächsten sechs Monate in die USA zurückzukehren?“, fragte der Beamte, ohne auf die Frage einzugehen.

„Ich habe derzeit keine Information, dass ich vor Ende der laufenden Wahlperiode nach Washington zurückberufen werde. Die Wahlperiode endet am 6. November 1940, spätestens mit Amtsantritt des eventuell neuen Präsidenten am 20. Januar 1941“, gab Steve Auskunft.

„Herr Donovan, es wird Ihnen nicht entgangen sein, dass sich das Deutsche Reich seit heute im Kriegszustand mit Polen befindet“, bemerkte der Beamte.

„Nein, das ist mir nicht entgangen. Ebenso wenig wie die Ultimaten, die Ihrer Regierung von Seiten Frankreichs und Englands gestellt wurden“, versetzte Steve bissig.

„Glauben Sie wirklich, dass das Deutsche Reich sich in seinen souveränen Entscheidungen vom Ausland unter Druck setzen lässt, Herr Donovan?“

„Ob ich das glaube oder nicht, ist von untergeordneter Bedeutung“, gab Donovan zurück. „Meine Regierung verhält sich – soweit ich unterrichtet bin – neutral. Aber wenn Sie meine Privatmeinung wissen wollen: Es wäre gesünder, dem Druck des Auslands nachzugeben. Aber wie gesagt: Meine Privatmeinung.“

„Sie halten einen Krieg gegen Polen also für ungerecht?“

„Bislang kenne ich nur die Darstellung Ihrer Presse. Bislang hatte ich keine Gelegenheit, neutrale Berichte über den Kriegsbeginn von heute Morgen zu lesen oder zu hören oder mir eventuell selbst ein Bild zu machen“, erwiderte Steve zurückhaltend.

„Sie sind also der Meinung, das Deutsche Reich führe einen ungerechten Krieg?“, fragte der Beamte nochmals nach, seine Stimme war eine Spur schriller.

„Das haben Sie gesagt. Ich habe lediglich zum Ausdruck gebracht, dass ich das zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beurteilen kann“, antwortete Steve diplomatisch.

„Als Luftwaffensoldat sind Sie doch sicher mit der Theorie von Douhet* hinsichtlich der Wirksamkeit von Flächenbombardements konfrontiert worden. Was halten Sie davon?“

„Über strategische Überlegungen meiner Regierung kann ich keine Auskunft geben. Auch nicht darüber, ob mir eine solche Theorie bekannt ist. Aber vielleicht fragen Sie Ihre Luftwaffenexperten der Legion Condor. Die haben das doch an Guernica ausprobiert“, gab der Amerikaner zurück.

„Wir wissen, dass Sie eine gewisse Anzahl von Flugstunden nachweisen müssen, um Ihre Flugtauglichkeit zu erhalten. Ohne Lizenz dürfen Sie hier nicht fliegen. Können Sie es sich leisten, Ihre Flugtauglichkeit einzubüßen?“, fragte der Beamte maliziös.

„Ich weiß nicht, ob es sich das Deutsche Reich leisten kann, einen ausländischen Offizier im diplomatischen Dienst zu erpressen“, giftete Donovan. „Wenn Sie mir die Lizenz verweigern, weil ich nicht bereit bin, Ihnen die Luftstrategie der Vereinigten Staaten offen zu legen, werde ich das dem Secretary of State in Washington mitteilen müssen.“

„Aber nein, Herr Donovan. Nur – Deutschland befindet sich seit heute im Krieg. Wir müssen kriegswichtige Güter natürlich bewirtschaften – insbesondere Treibstoff, wie zum Beispiel Flugbenzin, das an der Front in Polen sicher dringender gebraucht wird, als zum privaten Verbrauch in der Heimat“, grinste der Beamte.

„Danke, ich habe verstanden! Ich ziehe meinen Antrag auf Erteilung der PPL hiermit zurück“, schnaufte Steve.

„Wir können das sicher regeln, wenn Sie uns ein wenig unterstützen“, lockte der Beamte.

„Es scheint, als verstünden Sie Ihre eigene Sprache nicht. Ich bin nicht bereit, Ihnen militärische Auskünfte irgendwelcher Art zu geben. Zwecks Verhinderung weiteren Druckes ziehe ich meinen Antrag auf die deutsche Fluglizenz zurück und riskiere lieber, ein paar Flugstunden nehmen zu müssen, bevor man mir zu Hause erlaubt, wieder zu fliegen“, verdeutlichte Donovan.

„Schade, wir hatten gehofft. Sie wären vernünftiger“, erwiderte der Beamte seufzend. „Sie stehen vorläufig unter Hausarrest.“

„Aha – und weshalb?“, knurrte Steve.

„Sie werden als feindlicher Ausländer interniert“, präzisierte der Beamte.

„Moment! Erstens bin ich mit diplomatischer Immunität gesegnet und zweitens bin ich amerikanischer Staatsbürger. Die USA haben mit Deutschland weiterhin diplomatische Beziehungen, der Krieg ist nicht erklärt. Die USA sind im gegenwärtigen Konflikt neutral!“, protestierte Steve.

„Das hindert Ihre Regierung nicht, deutsche Staatsbürger zu internieren“, versetzte der Deutsche. Steve sah auf seine Armbanduhr. Es war fünf Minuten vor neun.

„Mit Verlaub: Das glaube ich nicht!“

„Sie bezichtigen mich also der Lüge!“, stellte der Beamte scharf fest.

„Sie stellen eine Behauptung über meine Regierung auf, die ich zunächst nicht überprüfen kann. Davon aber abgesehen, habe ich meine Zweifel, dass meine Regierung vom Ausbruch der Feindseligkeiten Ihrerseits mit Polen überhaupt schon Kenntnis hat und es fertig gebracht haben sollte, innerhalb von fünf Stunden die in den USA lebenden deutschen Staatsangehörigen bereits zu internieren. Ferner sollten Sie nicht übersehen, dass man in Washington noch in den Morgen träumt. Dort ist es noch nicht mal drei Uhr morgens, weil die Uhren dort nun mal gegenüber der mitteleuropäischen Zeit sechs Stunden hinterherlaufen“, erklärte Donovan bissig. „Und noch was: Sie lassen mich besser nicht heimlich verschwinden. Mein Dienstherr erwartet mich eigentlich in zehn Minuten zum Dienst. Sie dürften beim Konsulat wenig Erfolg haben, mitzuteilen, ich sei unter Hausarrest gestellt worden.“

Der Beamte lächelte verbindlich, aber ohne Freundlichkeit.

„Aber nein, Herr Donovan. Wir bringen Sie natürlich ins Konsulat.“

„Na prima! Am besten sofort!“

Donovan ging mit den beiden Beamten, die ihn im Tennisclub abgeholt hatten, zum Wagen hinunter. Er traute den Burschen nicht über den Weg. Mit der Gestapo legte man sich besser nicht an. Als er das Horchcabrio bestieg, überlegte er fieberhaft, wie er aus dem Auto entwischen konnte.

„Herr Donovan“, sagte der Mann, er neben ihm saß, „Sie sollten sich wirklich überlegen, ob Sie nicht doch die erbetenen Auskünfte geben wollen“, riet er.

„Womit wollen Sie mir drohen? Damit, dass Sie mich umlegen oder durch die Mangel drehen? Dass Sie sich an meine Familie halten, wenn ich nicht auspacke? Zu Möglichkeit eins und zwei: Ich würde Ihnen dringend davon abraten, da das Konsulat informiert ist, wo ich bin, und zu Möglichkeit drei: Fällt aus wegen ist nicht, da ich hier keine Familie habe“, erwiderte Steve. Der Gestapo-Beamte grinste.

„Herr Donovan, Sie sollten uns nicht für dümmer halten, als wir sind. Natürlich ist uns bekannt, dass Sie keine Familie in Deutschland haben. Aber Sie haben hier Freunde. Und was Ihren Aufenthaltsort anbelangt: Ihr Arbeitgeber hat nicht den geringsten Schimmer, wo Sie stecken. Der Herr Konsul wählt sich die Finger rund, wie wir wissen“, versetzte er. Steve wurde mulmig.

„Interessant. Sie würden also einen Ihrer eigenen Volksgenossen unter Druck setzen, um von mir Informationen zu bekommen? Merken Sie eigentlich nicht, wie schizophren Sie denken?“, bemerkte Donovan. Er bereute die Bemerkung, als der Beamte gelassen in seine Manteltasche griff, eine Walther-Pistole herauszog, entsicherte und mit fast sanftmütigem Lächeln betrachtete. Allein seine dunkler gewordenen Augen verrieten seine Wut.

„Herr Donovan“, seufzte der Beamte, als rede er mit einem begriffsstutzigen Kind. „Schizophrenie ist eine Geisteskrankheit, die zur Einweisung in eine geschlossene Anstalt führt. Sie werden doch nicht etwa einen Polizeibeamten des Großdeutschen Reiches geisteskrank nennen? Was Beamtenbeleidigung bedeutet, muss ich Ihnen doch wohl hoffentlich nicht erklären. Aber es erleichtert die Angelegenheit ungeheuer. Was Ihre Freunde anbelangt: Kontakte mit ausländischem Botschaftspersonal sind nur erwünscht, wenn sie dem deutschen Volk von Nutzen sind. Und ich wüsste nicht, worin der Vorteil für das Volk liegen sollte, wenn Sie mit deutschen Volksgenossen gelegentlich Tennis spielen. Tennis ist eher ein Sport der Müßiggänger – und derlei Elemente dulden wir hier nicht. Der Deutsche ist fleißig und stellt seine Arbeitskraft in den Dienst des Volkes, treibt Sport zur Ertüchtigung des Leibes und zur Erlangung der Wehrhaftigkeit. Dafür ist Tennis denkbar ungeeignet. Es ist einfach ein dekadenter Sport. Wir werden uns mit Ihren deutschen Freunden schon befassen. Unabhängig von dem, was mit Ihnen geschieht.“

Damit richtete der Beamte die Waffe auf den Amerikaner, doch im selben Moment machte der Fahrer eine Vollbremsung, auf die der Gestapo-Mann nicht vorbereitet war und die Steve mehr zufällig abfangen konnte, weil er sich schon auf Verteidigung einstellte. Er griff beherzt zu und versuchte, dem Geheimdienstler die Waffe zu entwinden. Ein Schuss löste sich, der aber wirkungslos durch die Heckscheibe ging. Die Tür wurde aufgerissen und ein halbes Dutzend Militärpolizisten und zwei Luftwaffenoffiziere standen um das Gestapo-Fahrzeug. Der Horch und ein LKW mit Luftwaffenkennzeichen standen hintereinander am Hamburger Fischmarkt. Hinter dem Horch stand ein Mercedes PKW, ebenfalls mit Luftwaffenkennzeichen.

„Steigen Sie bitte aus und machen Sie keine Schwierigkeiten!“, befahl der Offizier in Majorsuniform. Steve sah misstrauisch hinaus, entschied sich dann aber, mit erhobenen Händen auszusteigen, als der Major ihm herrisch winkte.

„Das gilt auch für die Herren von der Geheimen Staatspolizei!“, fauchte der Major, als der Beamte im Fond nicht aussteigen wollte. Mürrisch kroch auch der Gestapo-Mann heraus.

„Hauptmann Steven Christopher Donovan?“, fragte der Major, an Steve gewandt.

„Der bin ich“, bestätigte Steve mit trockenem Hals. „Was wollen Sie nun von mir?“, erkundigte er sich dann heiser.

„Sie sind Soldat, also eher ein Fall für die Militärpolizei, nicht für die Geheime Staatspolizei.“

„Sie …! Das wird ein Nachspiel haben!“, knurrte der Beamte.

„Ich bin im Auftrag von Standartenführer Helms hier. Er hat verfügt, dass Hauptmann Donovan nicht von der Gestapo, sondern von der Militärpolizei zu verhören ist“, erwiderte der Major und rückte mit hintergründigem Lächeln den an einer stabilen Kette hängenden sichelförmigen Schildkragen zurecht, der ihn als Militärpolizisten auswies.

„Von welcher Dienststelle sind Sie?“, fauchte der Gestapo-Beamte, wohl wissend, dass gewöhnliche Polizei sich nicht in die Angelegenheiten der Gestapo oder der SS zu mischen hatte. Der Major lächelte freundlich.

„Feldgendarmeriebataillon des Standortkommandos Hamburg, Abteilung Luftwaffe, Sophienterrasse. Mein direkter Vorgesetzter ist übrigens besagter Standartenführer Helms von der SS, der die Einheit neu organisiert.“

Der Gestapo-Beamte schluckte nur hart. Der Hinweis auf die nahezu allmächtige SS, die in der Polizeihierarchie sogar noch vor der Geheimen Staatspolizei kam, genügte. Der Luftwaffenmajor drehte sich auf den Absätzen seiner polierten Reitstiefel um und winkte einen Unteroffizier heran.

„Unteroffizier Martens!“

Martens knallte die Hacken zusammen und nahm Haltung an.

„Zur Stelle, Herr Major!“

„Befördern Sie die Herren von der Geheimen Staatspolizei wieder in ihr Fahrzeug und passen Sie auf, dass sie verschwinden!“, befahl der Major. Die Gestapo-Beamten sprangen eilig in ihren Horch und brausten davon.

Steve sah die Luftwaffensoldaten fragend an, die sich feixend vom davonfahrenden Horch abwandten und sich vor Lachen fast ausschütten wollten.

„Kommen Sie, bevor die merken, dass wir ihnen nur Theater vorgespielt haben“, sagte der Major und nahm Steve am Arm.

„Bitte?“, fragte der verstört nach.

„Oh, Verzeihung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Schultz, Eduard Schultz, Major der Luftwaffe beim Standortkommando Hamburg, zurzeit im Militärpolizeidienst. Der Herr neben mir ist Leutnant Kracht von der Luftwaffenschule Hamburg“, stellte Schultz vor.

„Und was möchten Sie von mir?“, fragte Steve misstrauisch.

„Sie zum Konsulat bringen. Leutnant Heinsohn erwartet Sie dort.“

Steve Donovan war zu verwirrt, um ein Wort herauszubringen. Er sah nur verblüfft von einem zum anderen.

„Nun kommen Sie schon. Die kommen wieder“, winkte Major Schultz dem Amerikaner. Steve schüttelte sich einmal, wie um ein Trugbild loszuwerden, dann stieg er endlich auf die Ladefläche des Luftwaffen-LKWs. Leutnant Kracht stieg mit den Feldpolizisten ebenfalls hinten ein. Zu Donovans Erleichterung sicherten die Feldjäger ihre Gewehre und legten sie recht demonstrativ unter die Sitzbänke.

„Was läuft hier eigentlich?“, fragte Steve den deutschen Leutnant. Kracht lächelte in einer Weise, die der Amerikaner von einem deutschen Soldaten nicht erwartet hätte. Aber vielleicht war Kracht noch nicht lange genug Soldat, um sich dieses freundliche Lächeln schon abgewöhnt zu haben.

„Ich bin ein Freund von Siegfried Heinsohn. Wir waren Kollegen bei der Luft Hansa, bis ich mich zur Luftwaffe gemeldet habe. Siggi kam heute Morgen direkt aus dem Tennisclub zu mir und sagte mir, die Gestapo hätte Sie abgeholt. Wir hatten die Befürchtungen, die würden Sie unsanft behandeln. Also haben wir Major Schultz um Hilfe gebeten, und der hat die Sache Standartenführer Helms berichtet. Der war der Meinung, dass die Gestapo ihn erstens hätte fragen müssen, wenn sie sich an einem mit diplomatischer Immunität gesegneten ausländischen Soldaten vergreifen wollten, und zweitens, dass ein unnötiger diplomatischer Zwischenfall mit den Vereinigten Staaten zum jetzigen Zeitpunkt nicht wünschenswert ist. Standartenführer Helms hat sogar mit dem Reichsführer SS Himmler persönlich telefoniert, der auch angeordnet hat, Sie sofort auf freien Fuß zu setzen. Major Schultz hätte nur die Weisung des Herrn Reichsführers präsentieren brauchen, um Sie freizubekommen, aber er mag die Kerle von der Gestapo überhaupt nicht und spielt mit ihnen ein wenig Katz und Maus.“

„Woher wussten Sie, dass die mit mir in den Hafen fahren?“

„Ist die beliebteste Ecke in Hamburg, um jemanden unbemerkt um die Ecke zu bringen. Das Rotlichtviertel hier ist natürlicher Anziehungspunkt für nahezu jede Art von Kriminalität, auch wenn sich Polizei, Gestapo, SS und SA nach Kräften bemühen, dem arbeitsscheuen Gesindel hier den Garaus zu machen. Es ist wirklich unglaublich, was für Abschaum sich hier verbergen kann. Wenn es hier Tote gibt, würde niemand die Gestapo dahinter vermuten“, erklärte Kracht. „Und wenn es jemand täte, würde er von seinem Wissen nicht viel haben“, setzte er murmelnd hinzu. „Aber natürlich haben wir hier nicht einfach gewartet. Siggi hat Major Schultz ein Foto von Ihnen gegeben, und wir haben uns mit den Feldjägern auf die Strümpfe gemacht, um Sie gleich von der Innenbehörde abzuholen. Wenn Sie nicht gerade ‘rausgekommen wären und mit der Gestapo ins Auto gestiegen wären, hätten wir Sie aus der Amtsstube geholt. Siggi konnte leider nicht mit. Der Meyer von der Gestapo – der Sie im Tennisclub abgeholt hat und mit Ihnen jetzt im Wagen saß – hätte spätestens morgen den Siggi verhaftet, wenn er ihn gesehen hätte.“

„Zugegeben, mir hat das Herz in der Hose geklopft, als ich Sie und Ihre Feldjäger gesehen habe“, gestand Donovan. „Komisches Gefühl, von den Jungs gerettet zu werden, um die ein normaler Soldat sonst einen großen Bogen schlägt.“

„Kann ich mir denken, Herr Donovan. Was wollte die Gestapo eigentlich von Ihnen?“

Steve fragte sich einen Moment, ob er Kracht trauen konnte. Schließlich trug auch er den Adler mit dem Hakenkreuz auf der Brust und hatte geschworen, Adolf Hitler persönlich zu gehorchen. Andererseits gab es innerhalb der Reichsführung noch unterschiedliche Strömungen, wie mit Ausländern zu verfahren war. Sowohl die Gestapo als auch die SS waren unter Himmlers Kommando, aber es schien, als liefe dort noch nicht alles so, wie der Herr Reichsführer es sich vorstellte. Die Wehrmacht, zu deren Teilstreitkräften auch die Luftwaffe gehörte, unterstand nicht mehr einem Kriegsminister, sondern war direkt Adolf Hitler als dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht unterstellt. Gab es Unstimmigkeiten zwischen Hitler und seinem obersten Polizeichef? Oder gab es einfach nur in der Wehrmacht noch ein paar Leute, denen die Nazis mit ihren Parolen die Gehirne noch nicht vernebelt hatten? Siegfried Heinsohn war ein überzeugter Deutscher, nicht gerade ein Musterdemokrat. Er hing eher an Kaiser und Vaterland, als an der Idee einer Regierung vom Volk für das Volk durch das Volk; aber einer Ein-Parteien-Diktatur wie der der Nationalsozialisten konnte er auch nichts abgewinnen, wie Steve wusste. Siggi würde sich nicht mit Freunden umgeben, die seine politische Meinung nicht teilten. Dafür war in Deutschland die Gefahr zu groß, am nächsten Tag von der Gestapo abgeholt zu werden und mehr oder weniger auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Steve entschloss sich, Kracht zu vertrauen.

„Sie wollten von mir wissen, ob ich mit der Douhet-Theorie vertraut bin und ob sich die USA im Kriegsfalle auf diese Theorie einlassen würden. Ich war nicht willens diese Frage zu beantworten. Daraufhin hat man mir die seit einem halben Jahr beantragte Privatpilotenlizenz für das Deutsche Reich verweigert. Um weiterem Druck aus dem Weg zu gehen, habe ich meinen Antrag zurückgezogen – und dann haben sie mir mit Arrest gedroht“, erklärte der Amerikaner. Kracht nickte.

„So was hab’ ich mir gedacht. Es war die beste – nein, die einzige – Möglichkeit, Sie der Gestapo wegzuschnappen. Ich glaube nicht, dass Sie das Ende des Tages erlebt hätten. Wenn Sie einen persönlichen Rat von mir annehmen: Verschwinden Sie aus Deutschland, Herr Donovan. So schnell wie möglich! Wenn die Gestapo Sie erst im Visier hat, wird sie nichts unversucht lassen, Sie wieder in die Finger zu kriegen. Als nächstes könnten die versuchen, Ihnen Spionage anzuhängen“, warnte Kracht.

Wenig später hielt der LKW vor dem amerikanischen Konsulat in der Ferdinandstraße. Major Schultz bat um Erlaubnis, mit Leutnant Kracht zur sicheren Begleitung des Hauptmanns Donovan das exterritoriale Grundstück betreten zu dürfen und erhielt die Genehmigung. Die beiden Luftwaffenoffiziere begleiteten den Amerikaner ins Gebäude. Der Konsul kam ihnen schon im Treppenhaus entgegen.

„Guter Gott, Steve, wir haben uns große Sorgen gemacht, als Mr. Heinsohn zu mir kam und mir sagte, die Gestapo hätte Sie abgeholt. Was war denn bloß los?“, begrüßte der Konsul Donovan auf Englisch.

„Die Gestapo wollte von mir mehr wissen, als ich selber weiß. Zum Glück haben mir unsere Freunde von der deutschen Luftwaffe geholfen, Sir“, antwortete Donovan, ebenfalls Englisch.

„Hören Sie, Herr Konsul“, sprach Major Schultz den Konsul auf Deutsch an. „Herr Donovan ist in großer Gefahr und kann meines Erachtens nicht in Deutschland bleiben. Die Gestapo wird nicht locker lassen, bis sie ihn hat. Diesmal ist es mir noch gelungen, den Standartenführer Helms zu überzeugen, dass es politisch nicht sehr klug ist, sich an einem ausländischen Offizier im diplomatischen Dienst zu vergreifen. Bei nächster Gelegenheit könnte Herr Meyer von der Gestapo mehr Erfolg haben. Wenn er sich seine Aktion von Helms absegnen lässt, könnte niemand auf dieser Welt mehr etwas für Herrn Donovan tun.“

„Herr Major, Hauptmann Donovan steht unter diplomatischer Immunität!“, empörte sich der Konsul.

„Gewiss haben Sie Recht, Herr Konsul. Nur interessiert das die Gestapo nicht. Es wäre nicht unbedingt von Vorteil für Herrn Donovan, wenn auf seinem Grabstein stünde: Er stand unter diplomatischer Immunität, weil er dann leider ziemlich tot ist“, grinste der Major.

„Herr Konsul, Major Schultz hat Recht. Wer weiß, ob Standartenführer Helms sich nochmals die Gelegenheit entgehen lässt, für seine Regierung strategische Informationen zu sammeln“, fügte Siegfried Heinsohn hinzu.

Der Konsul überlegte noch, als das Telefon klingelte. Der Konsul nahm den Hörer ab.

„Hallo? Ja, am Apparat“, meldete er sich. „Einen Moment, ich gebe Ihnen den Major“, sagte er dann. „Für Sie, Major Schultz“, reichte er den Hörer weiter.

„Schultz!“, meldete sich der Luftwaffenoffizier. „Nein, Martens, geht nicht. Nein, rufen Sie das SS-Hauptquartier an und teilen Sie mit, wir hätten Hauptmann Donovan befehlsgemäß auf freien Fuß gesetzt und dass er sich bereits wieder im amerikanischen Generalkonsulat befindet und damit außerhalb unseres Zugriffs ist. Ja, sagen Sie das dem Bürochef von Standartenführer Helms. Ja, Ende.“

Schultz legte auf und sah die Amerikaner mit einem unglücklichen Blick an.

„Mensch, haben Sie Schwein, dass Sie schon hier sind, Donovan!“, entfuhr es dem Deutschen. „Eben bekommt mein Unteroffizier einen Anruf vom SS-Hauptquartier, dass Sie nicht freizulassen, sondern umgehend vorzuführen sind – unter Anklage der Spionage!“

Donovan und der Konsul schluckten hart.

„Dann hat Ihr Freund Meyer also Standartenführer Helms die Ohren vollgeheult, was man alles aus mir ‘raus pressen könnte, ja?“

„Ja, so könnte man es nennen. Machen Sie bloß, dass Sie wegkommen, Herr Donovan. Und noch was, Herr Donovan: So lange Sie noch in Deutschland sind, sollten Sie das Konsulat nicht mehr verlassen. Sofern Sie die Nase ‘raus stecken, hängt Ihnen sofort die Gestapo dran.“

„Danke für den Rat, Major Schultz. Ich rühre mich hier nicht mehr vom Fleck.“

„Dann empfehle ich mich. Heil Hitler!“, sagte Schultz und hob den rechten Arm zum deutschen Gruß.

„Auf Wiedersehen, Herr Major“, entließ ihn der Konsul mit leicht indigniertem Ton.

Die Luftwaffenoffiziere verließen das Haus und fuhren davon. Allein Siegfried Heinsohn war noch im Konsulat.

„Ja, dann werde ich mich jetzt besser verabschieden, bevor die Gestapo auch noch auf mich aufmerksam wird.“

„Das ist sie schon, wie mir Freund Meyer sagte. Mensch, Siggi – komm mit in die Staaten!“, bat Steve. Aber Heinsohn schüttelte den Kopf.

„Nein, ich bleibe hier. Deutschland ist mein Vaterland. Außerdem wäre es jetzt, nachdem ich eingezogen wurde, Fahnenflucht. Was darauf steht, muss ich dir als Berufssoldaten nicht erzählen, glaube ich. Mach’s gut, Steve“, sagte er und hielt Donovan die Hand hin.

„Nein, so gehen wir nicht auseinander, Siggi. Wir werden uns wieder sehen, wenn der Krieg, den euer Adolf gerade angezettelt hat, zu Ende ist.“

„Natürlich“, murmelte Heinsohn, aber es klang nicht überzeugt. Steve grinste und griff in seine Hosentasche, wo er sein Portemonnaie zu Tage förderte und eine Reichsbanknote im Wert von zehn Reichsmark herausnahm.

„Wir werden uns wieder sehen!“, sagte er, wedelte mit dem Schein und riss ihn in der Mitte durch. Die eine Hälfte gab er Siegfried.

„Wir werden uns wieder sehen und diesen Schein wieder flicken. Und dann wird kein Krieg sein und Adolf wird dieses Land nicht mehr regieren.“

Zögernd steckte Siegfried den halben Geldschein ein.

„Warum machst du das?“, fragte er. Steve grinste noch breiter.

„Mein Urgroßvater hat das auch schon mal gemacht. Er hatte einen guten Freund, den er auf West Point, unserer Militärakademie, kennen gelernt hatte. Sie waren kaum mit der Schule fertig, als der Bürgerkrieg ausbrach. Das Problem war nur, dass mein Urahn ein waschechter Yankee war und sein Kumpan hundertprozentiger Georgianer, also Südstaatler, war. Das änderte zwar an ihrer Freundschaft nichts, aber ihnen war klar, dass sie die Keilerei auf verschiedenen Seiten verbringen würden. Um deutlich zu machen, dass der Krieg an ihrer Freundschaft nichts änderte, zerriss mein Urahn eine Fünf-Dollar-Note, steckte sich die eine Hälfte in die Börse und gab die andere Hälfte seinem Freund. Und als der Krieg vier Jahre später zu Ende war, kam mein Urgroßvater als Besatzungssoldat nach Georgia und traf seinen Freund wieder. Sie haben die Banknote geflickt und mein Altvorderer hat seinem Kumpel über die Notzeiten der Rekonstruktionszeit geholfen. Klar?“

„Aber wir haben mit euch doch keinen Krieg“, wunderte sich Siegfried. Steve sah ihn mitleidig an.

„Ihr habt bis jetzt auch noch keinen Krieg mit England und Frankreich. Aber wenn Adolf nicht zurückrudert, habt ihr in drei Tagen mit denen Krieg. Im Weltkrieg waren wir auch drei Jahre lang neutral. Ich wage keine Prognosen, was diesmal geschieht. Nur so viel: Es gibt in den Staaten sehr viele Juden. Und die haben im Gegensatz zu deutschen Landen die vollen Bürgerrechte, sind teilweise verdammt vermögend und haben ‘ne Menge Einfluss in der Politik. Wenn Adolf euren jüdischen Mitbürgern noch schlimmer auf die Pelle rückt, könnte es sein, dass gewisse Lobbyisten entsprechenden Druck auf unseren Präsidenten ausüben, um ihren Glaubensgenossen hier in Europa zu helfen. Die nationalsozialistische Ideologie hat in der Welt nicht sehr viele Freunde“, warnte Steve.

„Du meinst die Sache mit den Rassegesetzen? Oh, Steve, auch in Deutschland wird nicht alles so heiß gegessen, wie’s gekocht wird. Wenn es wirklich ernst wird, werden auch die Parteibonzen zur Besinnung kommen und mit dem Blödsinn aufhören. Sie werden schnell merken, dass sie die Juden brauchen.“

„Ich beglückwünsche dich zu deinem Optimismus. Teilen tue ich ihn nicht. Ich hab’ mir die Reden von euren Regierungsmitgliedern angehört und habe mich hier umgesehen. Die Nazis haben die Juden als Sündenböcke ausgemacht. Ich für meinen Teil befürchte, sie werden es noch schlimmer treiben. Aber, was immer auch passiert, du hast den halben Schein. Kann sein, dass wir in einem halben Jahr schon wieder über den Krieg lachen, kann sein, dass es anders sein wird. Auch, wenn Deutschland und die USA sich irgendwann nur noch mit Waffengewalt unterhalten, sollte das unserer Freundschaft keinen Abbruch tun.“

Die Freunde umarmten sich.

„Mach’s gut. Wir … wir sehen uns dann“, sagte Siegfried mit belegter Stimme.

„Halt’ die Ohren steif und lass dich nicht vom Himmel pflücken“, erwiderte Donovan und klopfte Heinsohn aufmunternd auf den Rücken. Als er dem deutschen Piloten nachsah, als der vor dem Haus in ein Taxi stieg und wegfuhr, erwischte Steve sich dabei, dass er sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Er hatte das ungute Gefühl, seinen deutschen Freund längere Zeit nicht zu sehen. Wie lange er ihn nicht sehen würde, ahnte er nicht im Geringsten.

Der Konsul, der die Freunde in dem Büro alleingelassen hatte, kam herein.

„Ich habe eben mit dem Außenministerium telefoniert. Sie bleiben erst mal hier im Konsulat. Wir warten zunächst ab, was die Ultimaten von England und Frankreich bewirken“, sagte er. „Der Minister hat mir erklärt, dass wir, falls es tatsächlich zu einer Kriegserklärung dieser beiden Staaten an das Deutsche Reich kommt, einen Teil unseres Konsularpersonals abziehen. Dann reisen Sie auf jeden Fall mit dem ersten Schub ab, Captain Donovan.“

Steve sah den Konsul an und nickte nur.

Die Ultimaten liefen am 3. September 1939 ab. Da sich der Großdeutsche Rundfunk hinsichtlich der Kriegserklärung Frankreichs und Englands bedeckt hielt und nur Meldungen vom schnellen Vormarsch der Wehrmacht in Polen verbreitete, wollte Donovan in den diplomatischen Vertretungen des Vereinigten Königreichs und der Republik Frankreich anrufen, die nicht weit entfernt an der Außenalster lagen. Doch statt der gewohnten Stimme der Telefonistin des französischen Konsulats meldete sich die deutsche Telefonauskunft.

„Telefonauskunft, Platz fünfundzwanzig. Welche Nummer haben Sie gewählt?“, fragte das Fräulein vom Amt. Steve nannte die Nummer.

„Das ist das französische Konsulat“, setzte er hinzu.

„Das Konsulat hat seine Tätigkeit eingestellt, nachdem die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Für die Dauer des Kriegszustandes zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Frankreich ist die Nummer nicht zu erreichen.“

„Danke. Auf Wiederhören.“

Steve legte auf und war im nächsten Moment zur Tür hinaus, um den Konsul zu informieren.

„Ich weiß“, sagte der Konsul. „Ich habe vor einer halben Stunde einen Anruf vom schweizerischen Konsul bekommen. Er hat die Tommys und die Franzosen gestern Abend zum Flughafen gebracht, nachdem die Anweisung bekommen haben, hier alles stehen und liegen zu lassen und hier zu verschwinden. Die diplomatischen Beziehungen wurden abgebrochen und die Konsulate in Hamburg geschlossen. Steve: Sie packen sofort Ihre Sachen. Sie fliegen nach Lissabon und fahren nach Hause!“

Kapitel 2

Flugstunden

Steve Donovan kam mit heiler Haut aus Deutschland heraus, als am 5. September das Personal des Konsulats deutlich reduziert wurde und insbesondere militärisches Personal abgezogen wurde. Die Gestapo hatte – obwohl sonst nicht schüchtern beim Festnehmen von tatsächlichen oder angeblichen Staatsfeinden – nicht gewagt, Steve zu verhaften. Die Gefangennahme eines Diplomaten, der ohnehin im Begriff war, das Land zu verlassen, hätte einen diplomatischen Skandal ausgelöst, an dem weder dem Minister für Propaganda, Dr. Goebbels, noch dem Außenminister, von Ribbentrop, etwas gelegen war. Schließlich war die Höchststrafe für einen der Spionage beschuldigten Diplomaten die Ausweisung.

Von Lissabon fuhr ein Passagierschiff nach New York, das der Dampfer sechs Tage später, also am 11. September 1939, erreichte. Gleich hinter der Zollabfertigung wartete ein Offizier der US Army mit einem Stabsabzeichen an der rechten Brusttasche der Uniform auf Captain Steve Donovan. Als Steve die Sperre hinter sich hatte, trat der Lieutenant auf ihn zu und salutierte.

„Captain Steve Donovan?“

„Der bin ich“, gab Steve zurück und erwiderte den Gruß des Lieutenants.

„Lieutenant Sam Masterson, US Army Air Corps, für sechs Monate zum Stab des Kriegsministers abkommandiert. Ich habe den Auftrag, Sie zum Minister zu begleiten, Sir. Darf ich Ihren Koffer nehmen, Sir?“

„Unnötig, Lieutenant. Ich habe nur dieses Reisetäschchen bei mir. Mit dem Rest meines Diplomatengepäcks, das ich nach Deutschland mal mitgenommen habe, wird sich vermutlich die Gestapo amüsieren“, erwiderte Steve mit leisem Seufzen.

„Besteht die Gefahr, dass die Krauts was entdecken?“, erkundigte sich der Lieutenant besorgt. Steve sah ihn schmunzelnd an.

„Ich bin sicher kein Geheimdienstprofi, Lieutenant Masterson, aber so blöd bin ich auch nicht, dass ich Unterlagen über meine Arbeit zu Hause lagere!“, versetzte er.

„Das, Sir, war die größte Sorge des Ministers.“

„Gut zu wissen, dass er mir so blind vertraut.“

Steves beißende Ironie verwirrte Masterson.

„Äh, darf ich bitten, Sir? Der Wagen wartet“, stotterte der junge Lieutenant. Sie verließen die Schiffsabfertigung und stiegen in einen vor dem Hauptportal wartenden Buick mit einem in Ausgehuniform steckenden Private als Fahrer. Der Wagen brachte Masterson und Donovan zum Bahnhof, wo sie in den Zug nach Washington stiegen.

Nach einer Nacht in einem Washingtoner Hotel in der Nähe des Kriegsministeriums mit einem für Steve inzwischen höchst ungewohnten Frühstück mit Pancakes, Bacon, kanadischem Ahornsirup, Muffins und Donuts holte Lieutenant Masterson Donovan ab und brachte ihn zum Ministerium.

„Sie brauchen nicht lange zu warten. Der Minister erwartet Sie bereits, Sir“, sagte Masterson und öffnete die Tür zum Büro des Ministers.

„Guten Morgen, Captain Donovan“, begrüßte ihn Minister Woodring. Steve salutierte.

„Guten Morgen, Mr. Secretary.“

„Schön, dass Sie wieder in den Staaten sind, Captain. Hatten Sie eine gute Reise?“

„Sieht man davon ab, dass der Aufbruch etwas hoppla hopp ging und ich außer dem, was ich an Notklamotten im Konsulat hatte, nichts mitnehmen konnte, und dass die Zollabfertigung in Hamburg vor dem Abflug nach Lissabon allein für meine Person geschlagene sechs Stunden gedauert hat, war es eine nette Reise. Danke der Nachfrage, Sir.“

„Nehmen Sie Platz, Captain. Ich habe Ihren Bericht, den Masterson mir gestern Abend noch gebracht hat, mit einigem Interesse gelesen. Sind die Nazis tatsächlich schon so dreist, diplomatisches Personal zu attackieren?“, fragte der Minister. Steve setzte sich und legte die Schirmmütze auf den kleinen Teetisch neben sich.

„Sollte das aus meinem Bericht so herauszulesen sein, muss ich das relativieren, Sir. Ich bin noch nicht gänzlich im diplomatischen Sprachgebrauch geübt, muss ich gestehen. Man hat mich nicht auf offener Straße angegriffen, falls Sie das so verstanden haben sollten, Sir.“

Der Minister schob die Brille auf die Nasenspitze herunter und sah in Steves Bericht.

„Ich lese aus Ihrem Bericht, dass man Sie in einem halböffentlichen Lokal von der Gestapo hat abholen lassen, dass man Sie im Gebäude der Innenbehörde einem Verhör unterzogen hat und von Ihnen wissen wollte, ob die Vereinigten Staaten Befürworter der Douhet-Theorie sind. Ich lese ferner heraus, dass Sie mithilfe der deutschen Luftwaffe aus dem Hut der Gestapo gezaubert worden sind und dass man Sie mit einer Schusswaffe der Marke Walther bedroht hat, Sie wegen Ihrer Weigerung, Auskunft zu geben, mit Arrest bedroht hat und Ihnen die Erteilung einer Privatpilotenlizenz verweigert hat, letzteres unter dem offiziellen Deckmantel der angeblichen Bewirtschaftung von Flugbenzin. Habe ich das so korrekt verstanden, Captain?“, zitierte der Minister.

„Vollkommen korrekt, Sir“, bestätigte Donovan.

„Und Sie meinen, das sei keine Attacke auf Ihren diplomatischen Status, Captain Donovan?“, fragte der Minister verwundert. Steve sah ihn offen an.

„Mr. Secretary, ich bin nicht zum Händeschütteln nach Deutschland geschickt worden, sondern, um unter dem Deckmantel der Diplomatie zu spionieren. Ich habe das so gut getan und getarnt, wie ich konnte, aber ich bin kein Geheimdienstspezialist. Es grenzt ohnehin an ein Wunder, dass mich die Gestapo nicht schon im April abgegriffen hat, als ich meine ersten Berichte abgeschickt habe.“

Der Minister sah Donovan über den Rand seiner Lesebrille an und spielte mit einem Bleistift.

„Das Verhör lief aber nicht in diese Richtung, oder?“

„Nein, aber die Gestapo braucht nicht unbedingt einen genannten Grund, um einen unliebsamen Zeitgenossen aus dem Weg zu räumen. Ich glaube, wir auch nicht, oder?“, grinste Steve.

„Captain!“, empörte sich der Minister.

„Sir, die Geheimdienste der verschiedenen US-Streitkräfte sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, Spione zu liquidieren“, versetzte Donovan. „Ich hoffe, dass mein Fall nicht zu einem unnötigen diplomatischen Zwischenfall wird“, setzte er hinzu. Der Minister schüttelte den Kopf.

„Nein. Das ist nicht nötig, da man Sie nicht ausgewiesen oder körperlich geschädigt hat. Insofern können wir darüber hinweggehen. Wichtig ist für mich nur: Besteht die Gefahr, dass die Deutschen was spitzgekriegt haben?“

„Von meiner Spionagetätigkeit? In meiner Wohnung am Harvestehuder Weg habe ich keinerlei Material gehabt, weder Fotos noch schriftliche Unterlagen. Meine Berichte habe ich im Konsulatsbüro verfasst und keine Notizen in meiner Privatwohnung gehabt.“

„Umso besser. Trotzdem werde ich Sie nicht mehr nach Deutschland schicken – jedenfalls nicht als militärischen Botschafts- oder Konsulatsangehörigen. Wir werden die weitere Entwicklung abwarten. Es könnte sein, dass Sie in diplomatischem Auftrag nach London oder Paris geschickt werden. Einstweilen bleiben Sie im Lande. Zuletzt waren Sie Ausbilder in Groom Lake Air Base, Arizona, oder?“

Steve lächelte.

„Stimmt schon, Sir, aber nach den Vorschriften des Army Air Corps muss ich erst selbst wieder in die Ausbildung, weil ich keine Flugstunden nachweisen kann – bedingt dadurch, dass ich in Deutschland keine PPL bekommen habe.“

„Na schön. Nehmen Sie Ihre Pflichtstunden, Donovan. Soweit ich unterrichtet bin, sind Sie ein guter Pilot und werden bald wieder selber ausbilden. Wärmen Sie sich erst mal wieder auf. Ich werde das Konsulat anweisen, dass Sie Ihre Wohnungseinrichtung umgehend nachgeliefert bekommen.“

Wenige Tage später hatte Donovan ein Haus auf dem Gelände der Groom Lake Air Base in Arizona bezogen, hatte wieder ein Fahrzeug mit amerikanischem Kennzeichen – und nahm Flugstunden. Lieutenant Angelo D’Amato, ein ehemaliger Flugschüler von Donovan, genoss seine jetzt bevorzugte Stellung und ließ keine Gelegenheit aus, seinem früheren Lehrer das Leben schwer zu machen.

„D’Amato, ich habe schon Loopings geflogen, da haben Sie noch nicht mal gewusst, wie man das schreibt!“, schnaubte Steve, als der Lieutenant einen von Donovan geflogenen Looping kritisierte.

„Das mag sein, Captain. Aber jetzt bin ich der Fluglehrer – und ich bin mit Ihnen nicht zufrieden. Captain: Sie fliegen den Looping noch einmal! Und notfalls solange, bis er mir gefällt!“, versetzte D’Amato bissig. Donovan blieb nichts anderes übrig, als die Figur gehorsam nochmals zu fliegen. Als Flugschüler zählte sein höherer Dienstgrad nicht. Er hatte dem Fluglehrer zu gehorchen, mochte der auch ein rangniederer Offizier sein. Donovan flog den Looping abermals, wiederum war D’Amato unzufrieden. Steve hatte genug. Er flog nochmals hoch und hielt die Maschine im Kopfüberflug.

„Sie sollen einen Looping fliegen, Donovan!“, fauchte es von hinten durch den Flugwind. Steve drehte sich halb um. Lieutenant D’Amato hing in den Sicherheitsgurten und sah nicht glücklich aus.

„D’Amato, ich will Ihnen mal was sagen: Ich fliege seit sechs Jahren. Ich habe es nicht mehr nötig, mir von aerodynamischen Blindgängern wie Ihnen sagen zu lassen, wie man einen Looping fliegt. Wenn ich die Figur so fliegen würde, wie Sie es von mir verlangen, wären wir schon längst unten, aber etwas unplanmäßig! Ich habe es Ihnen schon gesagt, als ich Ihnen Flugunterricht gegeben habe, dass man den Looping nicht so fliegen kann, wie Sie meinen. Das führt unweigerlich zum Absturz! Ich beende diese Farce jetzt und lande“, fuhr Donovan ihn an.

„Dann will ich Ihnen mal zeigen, wie so was funktioniert! Ich übernehme!“, rief D’Amato und schaltete die vordere Steuerung aus, drehte die Maschine um, nahm Geschwindigkeit auf und steuerte in einen Looping hinein – allerdings mit dem Erfolg, dass die Maschine den Überschlag nicht schaffte und stattdessen in ein völlig unkontrolliertes Trudeln geriet. D’Amato versuchte, die Maschine abzufangen, aber es wollte ihm nicht gelingen.

„Verdammt! Ich kann sie nicht halten!“, schrie er.

„Als ob Sie schon mal ‘ne trudelnde Maschine abfangen konnten! Schalten Sie die vordere Steuerung wieder ein!“, befahl Steve. Mit einiger Mühe gelang es D’Amato, die Steuerung wieder umzuschalten. Steve spürte Widerstand in seinem Steuerknüppel und zog die Maschine in dem Moment wieder hoch, als er blauen Himmel über sich bemerkte. Die kleine Trainermaschine bockte wie ein Wildpferd, die stoffbespannten Doppelflügel ächzten, aber das Flugzeug kam wieder hoch. Der Andruck war so stark, dass beide Piloten kurzfristig das Bewusstsein verloren. Zu beider Glück hatte Donovan die Maschine soweit stabilisiert, dass sie auch ohne weitere Steuerungseinwirkung flog. An sich war die Trainermaschine ein gutmütiges Gerät, das viele Fehler verzieh und nur äußerst schwer aus der Ruhe zu bringen war, aber Lieutenant Angelo D’Amato vollbrachte das Kunststück immer wieder.

„Wo haben Sie eigentlich Ihren Fluglehrerschein geschossen, D’Amato?“, erkundigte sich Steve, als er nach einigen Sekunden wieder zu sich kam. D’Amato antwortete nicht. Donovan drehte sich um. Der Lieutenant hing reglos im Sitz. Steve drehte bei und steuerte die Landebahn des kleinen Flugplatzes an.

„Trainer 03 an Tower Groom Lake: Erbitte Landeerlaubnis“, funkte Donovan an den Tower.

„Tower an Trainer 03. Landebahn 2 ist frei. Landeerlaubnis erteilt“, kam die offizielle Genehmigung. „He, Angelo, was war’n das für ‘n abgewürgter Looping?“, fragte der Fluglotse dann weniger formell.

„Lieutenant D’Amato hat es einstweilen die Sprache verschlagen, Tower. Holt schon mal vorsorglich ‘nen Arzt. D’Amato ist zusammengeklappt. Trainer 03 Ende“, erwiderte Donovan.

Während die Trainermaschine noch im Landeanflug war, brauste ein Sanitätsfahrzeug zum Rollfeld. Donovan setzte auf und folgte dem gelb-schwarz karierten Einweiserfahrzeug zum Abstellplatz. Kaum stand der Propeller still, als schon vier oder fünf Männer des Bodenpersonals hinzu stürzten und den immer noch bewusstlosen D’Amato aus dem Cockpit hievten. Der inzwischen eingetroffene Arzt untersuchte den jungen Lieutenant sofort und ließ ihn mit Blaulicht ins Lazarett abtransportieren.

Ein Sergeant der Militärpolizei salutierte vor Donovan.

„Folgen Sie mir bitte sofort zur Unfallaufnahme, Captain!“

Das war keine höfliche Anfrage, das war ein unmissverständlicher Befehl, gegeben von jemandem, der es sichtlich genoss, auch als Unteroffizier gegenüber einem Offizier Vorgesetztenfunktion zu haben, der es nicht nötig hatte, einen Offizier mit Sir anzureden. Seufzend zog der Captain die Handschuhe aus und nahm die Fliegerkappe ab. Militärpolizisten konnte er in ihrer arroganten Art nicht ausstehen.

„Ja, ist gut“, sagte er und folgte dem Sergeant in die Baracke am Tower.

„Ihren Ausweis, Captain!“, forderte der Sergeant. Steve händigte ihm das Dokument aus und der Sergeant schrieb die Daten ab.

„Was ist vorgefallen?“, fragte der Sergeant kühl, nachdem er sich an seinen Schreibtisch gesetzt hatte und das Unfallaufnahmeprotokoll aus der Schublade geholt hatte. Donovan zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, ohne auf das Angebot, Platz zu nehmen, zu warten. Der Sergeant hätte es doch nicht gemacht.

„Lieutenant D’Amato war mit meinem Looping nicht zufrieden, wollte ihn mir vormachen, machte eine halbe Schraube draus und verlor die Kontrolle über die Maschine. Ich habe ihn aufgefordert, meine Steuerung wieder einzuschalten, er hat es nach einiger Zeit getan und ich konnte die Maschine abfangen. Dabei hat es uns recht heftig in die Sitze gequetscht. Ich habe selbst kurz das Bewusstsein verloren, kam aber schnell wieder zu mir. Ich habe D’Amato angesprochen, aber er hat nicht reagiert. Daraufhin habe ich um Landeerlaubnis und um einen Arzt gebeten und bin gelandet“, erklärte Donovan.

„Hatte D’Amato schon häufiger solche Aussetzer?“, fragte der Sergeant weiter. Steve zuckte mit den Schultern.

„Mir nicht bekannt. Ich bin erst seit knappen sechs Wochen hier. In den letzten zwanzig Flugstunden, die Lieutenant D’Amato mir erteilt hat, ist so etwas nicht vorgekommen.“

Der Sergeant sah nochmals in die Papiere, die immerhin eine Fluglehrerlizenz beinhalteten, zog verblüfft eine Augenbraue hoch.

„Warum nehmen Sie Flugstunden?“, stellte er verwundert fest. „Sie sind doch Fluglehrer!“

„Das habe ich mich in den letzten Tagen bereits wiederholt gefragt, Sergeant. Aber auch ein Fluglehrer ist nicht immun gegen gewisse Vorschriften. Ich habe in Deutschland zu lange am Boden geklebt. Nun muss ich offiziell Nachhilfeunterricht nehmen.“

Der Militärpolizist nickte und machte seine Eintragungen.

„Danke, das wär’s fürs Erste, Captain. Halten Sie sich aber bitte zur Verfügung, falls noch Nachfragen notwendig sein sollten.“

„Ja, natürlich“, gab Steve zurück und verließ die Polizeibaracke.

Er fuhr sofort ins Lazarett, um sich nach dem Zustand des Lieutenants zu erkundigen.

„Dr. Stone, ich möchte zu Lieutenant D’Amato“, sprach der Captain den diensthabenden Arzt an. Dr. Milton Stone, der Chefarzt, schüttelte den Kopf.

„Sie können nicht zu Lieutenant D’Amato. Er ist noch nicht wieder aufgewacht“, wehrte er ab.

„Doc, was ist mit Lieutenant D’Amato?“, erkundigte sich Donovan.

„Soweit wir das bisher feststellen konnten, hat sich in seinem Gehirn ein Blutgerinnsel gebildet. Wir versuchen herauszufinden, ob wir das medikamentös behandeln können oder ob eine Operation notwendig ist.“

„Wird er wieder?“, hakte Steve nach. Dr. Stone zuckte mit den Schultern.

„Im Moment ist das schwer zu sagen, Captain. Es kann sein, dass ein Teil des Hirns bleibende Schäden behält. Möglicherweise wird er teilweise bewegungsunfähig bleiben, vielleicht auch Störungen im Sprach- oder Denkapparat haben“, erwiderte er. „Wie ist es eigentlich zu dem Unfall gekommen?“, erkundigte sich der Mediziner dann. Steve berichtete kurz. Dr. Stone nickte verstehend.

„Wie hoch würden Sie den Andruck schätzen?“, hakte er nach.

„So fünf, sechs G bestimmt, Doc.“

„Na, das erklärt alles!“, entfuhr es Stone.

„Warum?“

„Nun, Lieutenant D’Amato hat ziemlich hohen Blutdruck, um nicht zu hohen zu sagen. Deshalb hat er ausdrückliches Kunstflugverbot, bis die Medikamente anschlagen, die ich ihm verordnet habe. Sagen Sie: Wie viele Loopings sind Sie geflogen?“

„Ich selber drei und einen ist er geflogen, weil er mir die Figur korrekt vorfliegen wollte. Mit meinen Versuchen war er nicht zufrieden.“

„Holla, seit wann nehmen Sie Unterricht bei D’Amato? Sie bilden doch selbst aus, Captain?“

„Ich habe ausgebildet, Doc. Nach einem halben Jahr Bodenkleben im Großdeutschen Reich hat sich’s leider ausgeflogen“, erwiderte Donovan seufzend.

„D’Amato hatte seine Flugkünste von Ihnen, oder?“

„So ist’s“, bestätigte Steve.

„Er hat mir mal gesagt, er sei ein großer Bewunderer Ihrer Flugkünste und wünsche sich nichts mehr, als so fliegen zu können wie Sie. Und er hat mir gesagt, Sie seien ein Perfektionist, der seine Schüler eine Figur so lange fliegen lässt, bis sie sie entweder gefressen haben oder bis sie gekotzt haben. Trifft das eigentlich zu?“

„So drastisch würde ich es nicht ausdrücken, Doc“, lächelte Steve. „Aber viele dieser Kunstflugfiguren können lebensrettend sein, wenn man als Jagdpilot dem Gegner entwischen will. Deshalb lege ich großen Wert darauf, dass meine Schüler diese Figuren im Schlaf beherrschen. Aber das heißt nicht, dass ich sie bis zum gefressen haben oder gekotzt haben fliegen lasse. Da der Fluglehrer hinten sitzt, ist mir jedenfalls Letzteres zu eklig.“

Der Arzt nickte.

„Hoffen wir das Beste“, sagte er leise.

„Bitte, Doc, benachrichtigen Sie mich, wenn sich bei D’Amato was verändert.“

„Ja, natürlich.“

Mit dem Ausfall D’Amatos erließ der Stützpunktkommandant, Colonel Worsley, Steve die restlichen Flugstunden. Es war ohnehin ersichtlich, dass Donovan von dem Lieutenant nichts lernen konnte – er war einfach der bessere Pilot.

„Sie werden wieder ausbilden, Captain, bis wir Sie nach London schicken“, eröffnete ihm Worsley, als Donovan sich nach einem Anruf seines Chefs bei ihm meldete.

„Sir, wenn ich bemerken dürfte …“

Worsley nickte.

„Sir, zum einen ist Ausbildung ist nur die halbe Miete, wenn ich nicht sicher sein kann, einen Kurs von A bis Z behalten kann. Es hat wenig Wert – besonders für die Kadetten – wenn das Lehrpersonal ständig wechselt. Und zum anderen würde ich gern – wenn es möglich ist – nach Hawaii versetzt werden“, sagte Steve.

Der Colonel überlegte eine Weile.

„Nun, mit Ihrem ersten Einwand könnten Sie Recht haben. Gut ausgebildete Piloten sind sehr wichtig“, sagte er schließlich. „Aber den zweiten Wunsch werde ich Ihnen kaum erfüllen können, wenn Sie nicht zum Seetangschlucker werden wollen. Auf Oahu gibt es zwar außer den Flugplätzen der Navy auch welche des Army Air Corps, aber General Short und Colonel Farthing haben derzeit keine freien Kapazitäten. Nur bei der Navy besteht auf Hawaii derzeit Bedarf. Haben Sie Gründe für einen Wechsel nach Hawaii?“

„Nun, meine drei Brüder sind alle dort stationiert. Sid, der Älteste ist Lieutenant-Commander bei der Navy, die beiden Jüngeren, Mark und Jake, sind bei den Marines. Und außerdem lebt meine Mutter dort.“

„Oh je, Seetangschlucker!“, seufzte Worsley. „Wie halten Sie das bloß aus?“

„Familiär“, grinste Steve. „Für meine Brüder bin ich die elende Landratte mit Flügeln. Aber es ist meine Familie. Und seit mein Vater verstorben ist, hängt meine Mutter um so mehr an ihren Söhnen.“

„Die einzige Chance, als Offizier nach Hawaii zu kommen, wäre ein Wechsel zur Infanterie, zur Navy oder zu den Marines, Captain. Aber ich glaube nicht, dass Ihnen Fußmärsche und schwankende Planken liegen, oder sehe ich das falsch? Bisher war ich der Meinung, Sie hätten so etwas wie eine Mischung aus Flugbenzin und Schmieröl in den Adern.“

„Ist auch so. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als an den Boden genagelt zu sein.“

„Dann, Captain, sollten Sie sich das mit der Versetzung nach Hawaii wirklich überlegen. Die Navy würde Sie erst mal ein paar Monate auf ein Schiff setzen. Und eins kann ich Ihnen sagen: Auf einem Flugzeugträger landen, Donovan, das ist nichts für Landrattenflieger wie uns.“

Kapitel 3

Pilotennachwuchs

Steve nahm seine Lehrtätigkeit für das Army Air Corps wieder auf. Am Dienstag, den 31. Oktober 1939, einen Tag nachdem Colonel Worsley ihn von weiteren Flugstunden befreit hatte, betrat Donovan zum ersten Mal den Unterrichtsraum, der nun für mindestens zwei Jahre sein hauptsächlicher Arbeitsplatz sein sollte – abgesehen von den notwendigen Flügen, die er machen musste, um seine Fluglizenz zu erhalten. Kaum hatte er den Fuß in den Raum gesetzt, als eine befehlsgewohnte Stimme bellte:

„Aaachtung! Ein Offizier ist anwesend!“

Die Kadetten sprangen eilig auf und nahmen Haltung an, ebenso wie der Sergeant, der so Achtung gebietend den Befehl gegeben hatte. Steve ging zum Lehrerpult und legte seine Mütze ab.

„Guten Morgen, meine Herren. Nehmen Sie Platz“, grüßte er freundlich. Der Sergeant sah seine Kadetten strafend an.

„Guten Morgen, Sir!“, brüllten dreißig Stimmen wie aus einem Munde.

„Jungs, ich bin nicht taub“, wehrte Donovan ab. „Okay, setzt euch endlich hin.“

Der Sergeant machte eine zackige Kehrtwendung und wollte gerade zum Befehl ansetzen, als Donovan ihn stoppte:

„Sergeant, ich denke, die Herren haben Ohren am Kopf. Die Formalausbildung ist doch abgeschlossen, oder?“

Wieder eine exakte Kehrtwendung.

„Ja, Sir!“, brüllte der Sergeant.

„Sergeant, ich sagte bereits, dass ich gut hören kann. Sie brauchen nicht so zu brüllen. Sind Sie als Schüler oder als Kindermädchen im Kurs?“, entgegnete Donovan mit einem schon nur noch mühsam beherrschten Grinsen.“

„Als Ausbilder, Sir!“

„Oh, dann bin hier wohl falsch? Mir war so, als sollte ich die Herren Kadetten unterrichten.“

„Man hat mich Ihnen als Unterstützung zugeordnet, Sir. Lieutenant Ashford, Ihr Vorgänger in diesem Kurs, Sir, legte auch großen Wert auf meine Anwesenheit.“

„Danke, Sergeant. Wenn ich Ihre Unterstützung benötige, komme ich gern auf Sie zurück. Einstweilen setzen Sie sich bitte hin.“

Mit einer eckigen Bewegung setzte sich der Sergeant auf den Stuhl, der vorn an der Tür stand. Er saß damit seitlich zum Auditorium und zum Lehroffizier. Steve hatte das unbestimmte Gefühl, dass man ihm nicht zutraute, dreißig junge Männer im Zaum zu halten, die sich freiwillig für den Dienst am Vaterland entschieden hatten.

„Gut. Ich bin Captain Steven Donovan, United States Army Air Corps, und ich habe den Auftrag, Ihnen zunächst Militärtheorie beizubringen. Wir werden uns also in der nächsten Zeit mit allen möglichen militärischen Theorien befassen, die zur Kriegführung in der Luft entwickelt worden sind. Außerdem wird ein Teil von Ihnen bei mir Flugunterricht bekommen. Colonel Worsley hat mir mitgeteilt, dass Ihr Kurs sowohl von Lieutenant D’Amato als auch von Captain Malcolm am Flugzeug unterrichtet wurde. Da Lieutenant D’Amato mindestens einige Zeit ausfallen wird, übernehme ich seinen Fluglehrgang bis auf weiteres“, stellte Steve sich vor. „Mir liegt daran, Sie mit Namen zu kennen. Schreiben Sie mir Ihre Namen und Dienstgrade in Ihrer jetzigen Sitzordnung auf das Blatt Papier, das ich Ihnen herum gebe.“

Er gab dem Kadetten vorne links in der Reihe ein Blatt kariertes Papier, der seinen Namen und Dienstgrad notierte und es dem Nachbarn weiterreichte. Wenig später hatte Steve das Blatt zurück. Oben, in der letzten Reihe sah er zwei schelmisch grinsende Gesichter und sah auf das Blatt. Dort, wo die jungen Männer saßen, standen Namen, die offensichtlich nicht die ihren waren. Steve behielt das Blatt in der Hand und ging durch die Reihen der erwartungsvoll blickenden Kadetten nach oben, scheinbar ohne bestimmtes Ziel. In der letzten Reihe blieb er schließlich stehen.

„Was an Halloween so alles möglich ist, ist schon erstaunlich. Da stehen sogar die Toten wieder auf“, sagte Steve in Anspielung auf diesen Tag, den 31. Oktober, an dem in den angelsächsischen Ländern am Vorabend von Allerheiligen rechter Schabernack getrieben wurde und sich die Leute als Geister, Hexen oder gar Teufel verkleideten.

„Meine Herren, wir haben in diesem Saal offenbar zwei medizinische Wunder. Grandios! Erlauben Sie, dass ich Ihnen die Saalmethusalems vorstelle: Hier zu meiner Linken sitzt unser aller, nunmehr hundertjähriger General George Armstrong Custer. Herzlichen Glückwunsch zum hundertsten Geburtstag, Sir. Ich dachte immer, dass bei Skalpierten nichts mehr auf dem Haupte wächst!“, sagte er dann laut und wuschelte dem Kadetten über das kurzgeschorene Haar. Die übrigen Kadetten lachten laut.

„Und zu meiner Rechten – Donnerwetter, auch nicht übel, sogar hundertundacht Jahre – Lieutenant-General Philip Sheridan. Noch ‘ne Menge Fleisch an dem Gerüst, das seit 1888 modert. Wirklich, gut gehalten, Sir.“

Wieder hallte eine Lachsalve durch den Raum. Die beiden Spaßvögel wurde rot, lachten aber tapfer mit.

„Also, dann werden uns ab jetzt die Custermumie und die Sheridanmumie in diesem Kurs begleiten. Haben wir noch ‘nen Admiral Nelson oder einen General Washington dabei? Nein? Schade“, grinste Steve. „Jungs, wie immer euer Name sein mag, ihr seid von jetzt an Custermumie und Sheridanmumie. Und wehe, ihr stellt euch je anders vor.“

Steves Kadetten des Jahrgangs 37/4 waren meist schon privat mit Flugzeugen beschäftigt gewesen, hatten jetzt bereits zwei Jahre Flugunterricht, so dass Donovans Aufgabe im Wesentlichen die Lehre militärischer Eigenheiten war. Die jungen Männer seiner Lehreinheit waren zu seiner Freude an den Lehren interessiert – auch die beiden Spaßvögel Custermumie und Sheridanmumie, die eigentlich Winston Bellamy und Jonathan Coffer hießen.

„Sir, ich habe eine Frage“, meldete sich Kadett Winston Bellamy in einer Theoriestunde zu Wort.

„Fragen Sie, Kadett Bellamy“, forderte Donovan ihn auf. Bellamy wies auf die Karte, an der Donovan mit Nadeln die Positionen französischer und deutscher Flugplätze in Europa markiert hatte.

„Sir, wenn es zutreffend ist, dass nach der Theorie von Douhet ein strategisches Bombardement, bei dem speziell auch zivile Ziele einbezogen werden, kriegsentscheidend sein kann – warum weichen die Krauts dann von dieser Linie ab? Wäre es für sie nicht einfacher, die Franzosen erst in Grund und Boden zu bomben und erst dann ihre Panzer in Marsch zu setzen?“

„Das wäre vermutlich eine Möglichkeit. Es setzt aber voraus, dass die deutsche Führung die Luftwaffe auch strategisch einsetzt. Im Feldzug gegen Polen wurde die Luftwaffe ausschließlich taktisch zur Unterstützung der Bodenstreitkräfte eingesetzt“, antwortete Steve.

„Aber warum setzt man die Luftwaffe nicht auch strategisch ein?“, hakte Bellamy nach. Donovan lächelte.

„Die Frage sollten Sie Mr. Göring stellen, Kadett. Oder Mr. Hitler. Die werden Ihnen das wahrscheinlich beantworten können.“

„Aber wenn das so ein Riesenvorteil darstellt, dann ist es doch dumm von den Krauts, wenn sie den nicht nutzen“, bemerkte Bellamys Nachbar, Kadett Jonathan Coffer.

„Kadett Coffer, es kommt immer darauf an, wie die Grundtendenz der Einsatzplanung einer Luftstreitmacht ist. Die deutsche Luftwaffe ist grundsätzlich taktisch ausgerichtet. Sie sind die zurzeit besten Schlachtflieger, die uns bekannt sind.“

„Aber was war mit Guernica? Das war doch ein strategischer Angriff!“, protestierte Coffer.

Donovan legte das Kreidestück weg und putzte sich die Finger.

„Guernica, Kadett Coffer, Guernica – das war weder taktisch noch strategisch. Guernica war nach meiner Auffassung ein reiner Terrorangriff“, sagte er dann langsam und betont. „Ein Terrorangriff, der ausschließlich dazu dienen sollte, unter den Gegnern der spanischen Nationalisten Angst und Schrecken zu verbreiten.“

„Aber es war ein Flächenbombardement, so wie Douhet es in seiner Theorie vertritt“, beharrte Coffer.

„Unzweifelhaft“, bestätigte Donovan. „Aber hatte es tatsächlich eine strategische Wirkung?“

„Nun, Sir, Francos Truppen haben mithilfe der deutschen Legion Condor die Republikaner wohl geschlagen, oder nicht?“, erwiderte Coffer.

„Erinnern Sie sich, wann der Angriff auf Guernica war?“

„Nach unserem Buch am 26. April 1937, Sir.“

„Haben die republikanischen Truppen unmittelbar danach kapituliert?“

„Nein, erst in diesem Jahr, Sir.“

„Meinen Sie, dass ein strategischer Angriff seine Wirkung erst zwei Jahre nach seiner Durchführung entfalten sollte?“

„Äh, eigentlich nicht, Sir“, räumte Coffer ein.

„Gut. Damit ist also klar, dass ein strategischer Angriff allein kein strategischer Angriff im Sinne der Douhet-Theorie sein kann. Bleibt es also bei einem solchen Angriff, der ausschließlich gegen zivile Ziele gerichtet ist, dann ist es purer Terror, aber keine militärische Strategie“, erklärte Steve. Die jungen Männer sahen sich betroffen an. Einen Moment war es völlig still.

„Würde praktisch gesehen heißen, dass wenn über einen längeren Zeitraum solche Angriffe erfolgen, deren einzelner immer nur ein Terrorangriff wäre, dass es sich dann plötzlich in eine zulässige militärische Strategie verwandelt?“, fragte Bellamy betroffen nach.

„Es gibt Dinge am Soldatendasein, die einen hin und wieder würgen lassen. Dies ist so ein Ding, das nicht nur meinen Magen rebellieren lässt. Es ist allerdings so. Wenn Sie einen Mann über den Haufen schießen, weil er Ihnen ein paar Tage zuvor auf die Füße getreten ist, wird man es vermutlich Mord nennen. Machen Sie das in staatlich führender Funktion mit ein paar hundert oder tausend Männern in verschiedenfarbigen Uniformen und kündigen das auch noch an, wird daraus Krieg – und plötzlich ist der, der den anderen ohne zu fragen umnietet, der große Held. Und ich möchte, dass ihr nie vergesst, dass in den Städten, die man euch zu bombardieren befiehlt, Menschen leben – nicht Nazis, nicht Kommunisten, Japse oder was man sonst noch als verabscheuungswürdig betrachtet – Menschen, Jungs. Ich würde mir allerdings auch wünschen, dass sich denen, die euch diese Befehle irgendwann einmal geben, ebenso der Fleck umdreht wie euch. Als Flieger haben wir nur einen einzigen Vorteil vor dem Infanteristen oder Panzerfahrer: Wir geraten nicht sehr schnell in die Verlegenheit, die direkten Folgen unseres militärischen Tuns mit eigenen Augen zu sehen, die Schreie der Menschen mit eigenen Ohren zu hören. Aus einer Angriffshöhe von mehr als zehntausend Fuß sieht eine bombardierte Stadt wie der Sandkasten im großen Auditorium aus – man nimmt es nicht als real wahr. Und genau deshalb will ich, dass ihr euch jedes Mal klar macht, dass dort unten unter euren Bombern Menschen wie verrückt vor Angst in die Keller rennen. Dass es vermutlich mehr Frauen und Kinder als wehrfähige Männer sind. Das ist kein Spiel, Jungs!“

„Äh, Sir – ist es denn wirklich möglich, sich mit so einer Vorstellung an den Steuerknüppel eines Bombers zu setzen?“

Donovan sah in die Runde der betroffen wirkenden Kadetten.

„Jungs, ich will euch ganz ehrlich was sagen: Ich bin Jagdflieger. Als Jagdflieger ist es mein Job, anderen Jagdfliegern Feuer unter dem Hintern zu machen oder Bomberverbände abzuwehren. Ich habe es dabei mit Leuten zu tun, die sich vermutlich ihrer Haut zu wehren wissen. Das halte ich jedenfalls für eine ehrenhafte Art, zu kämpfen. Einen Bomber würde ich persönlich freiwillig nur dann fliegen, wenn es um die Zerstörung militärisch wichtiger Einrichtungen geht – also militärische Stützpunkte, Luftbasen, Häfen, feindliche Stellungen, auch kriegswichtige Industrien. Krankenhäuser, Schulen und zivile Wohnbezirke gehören für mich nicht dazu. Ich selbst halte es für Feigheit in Dosen, sich an wehrlosen Zivilisten zu vergreifen – gleich, ob es ein Infanterist ist, der schwer bewaffnet in ein Haus eindringt und dort um sich schießt, obwohl erkennbar ist, dass sich nur Frauen und Kinder im Hause aufhalten oder ob es ein Flieger ist, der gezielt und bewusst seine Bomben in ein ausschließlich von Zivilisten bewohntes Gebiet wirft. Gewiss gibt es den Einwand, dass es ganz einfach ist, militärische Ziele in zivilen Bezirken – sagen wir – zu verstecken. Dem stimme ich zu und bin der Ansicht, dass in einem solchen Fall dann nach anderen Lösungen gesucht werden muss, um das fragliche Ziel zu zerstören. Ich gebe zu, dass ich persönlich ein echtes Problem hätte, wenn man mir befehlen würde, mich an den Steuerknüppel eines Bombers zu setzen, dessen Ziel ein ziviler Wohnbezirk irgendwo auf dieser Welt wäre. Das, Jungs, ist meine ganz persönliche Auffassung, nicht die offizielle Lehrmeinung, die ich hier wiederzugeben habe. Offiziell ist es meine Aufgabe, euch zu sagen, dass Befehl Befehl ist, den ein Soldat zu befolgen und nicht zu hinterfragen hat. Es gibt allerdings Situationen, in denen auch ein Soldat einen Befehl verweigern muss: Nämlich dann, wenn das ihm befohlene Tun als Kriegsverbrechen zu betrachten ist“, erklärte Steve.

Kadett Bellamy meldete sich.

„Bellamy?“

„Sir, wann ist das befohlene Tun ein Kriegsverbrechen?“

„An sich war unser heutiges Thema die Douhet-Theorie. Aber da sich daran die Geister scheiden und das Problem dabei aufgetaucht ist, können wir auch einen kleinen Exkurs in Sachen Befehl und Gehorsam machen. Im Prinzip ist alles, was gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907 und die Genfer Konvention zum Schutze der Kriegsgefangenen verstößt, ein Kriegsverbrechen“, antwortete der Lehrer.

„Aber nach der Haager Landkriegsordnung dürfen zivile Ziele nicht angegriffen werden, Sir!“, erwiderte Bellamy.

„Sehen Sie, genau darin liegt das Dilemma eines Soldaten. Sie bekommen den Befehl, einen zivilen Wohnbezirk zu bombardieren. Führen Sie den Befehl aus, kann es sein, dass man Sie eines Tages dafür als Kriegsverbrecher anklagt – nämlich dann, wenn die andere Seite den Krieg gewinnt oder Sie in Gefangenschaft der anderen Seite geraten. Auf Kriegsverbrechen steht zurzeit in nahezu allen Staaten dieser Welt die Todesstrafe. Als verurteilter Kriegsverbrecher sind Sie also wahrscheinlich recht schnell ziemlich tot. Tun Sie es nicht, haben Sie ein Kriegsgerichtsverfahren wegen Befehlsverweigerung am Hals, das Sie mit Pauken und Trompeten verlieren; Sie wandern vielleicht ein paar Jahre hinter Gitter oder in die Strafeinheit und werden wahrscheinlich irgendwann unehrenhaft entlassen. Nur mit viel Glück wird man Sie eines Tages vielleicht rehabilitieren. Also: Was Sie auch tun, irgendwer wird es als falsch einstufen und versuchen, Sie dafür zur Verantwortung zu ziehen. Helfen kann Ihnen da nur Ihr eigenes Gewissen.“

„Also handeln nach dem Gewissen, Sir? Aber das heißt doch, den Befehl eben doch zu hinterfragen“, warf Coffer vorlaut in die Runde.

„Sie wissen, dass das, was Sie tun, auf jeden Fall für eine beteiligte Seite falsch ist. Dran sind Sie folglich immer. Wenn man betrachtet, dass die eine Sache – Verurteilung als Kriegsverbrecher – vielleicht und die andere – Verfahren wegen Befehlsverweigerung – ganz bestimmt eintritt, dann wird sich vermutlich der größte Teil von Ihnen für die Befolgung des Befehls entscheiden. Wenn Sie Ärger mit Vorgesetzten vermeiden wollen, werden Sie jeden Befehl ausführen, den man Ihnen gibt. Ist Ihnen Ärger und Kameradenschelte egal, werden Sie mal in sich hineinhorchen. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.“

„Entschuldigen Sie, Sir, wenn ich noch mal nachfragen muss: Habe ich nun das Recht, einen Befehl zu hinterfragen oder nicht“, hakte Coffer nach.

„Das Recht haben Sie nicht, Kadett“, antwortete Steve. „Ich kann mir denken, dass das für Sie jetzt verwirrend ist, obwohl wir als Soldaten doch gerade die klare Linie haben wollen und sollen. Die klare Linie ist: Sie bekommen einen Befehl und Sie führen ihn aus, ohne Fragen zu stellen. Die nicht ganz klare Linie ist: Was sagt Ihre innere Stimme dazu? Es wird immer Befehle geben, die jeder ohne Widerspruch ausführen würde. Wenn Ihnen der Vorgesetzte befiehlt, sich in ein Flugboot zu setzen, um abgeschossene Kameraden aus dem Meer zu fischen, wird unter Ihnen wohl niemand sein, der sich dagegen sträuben wird. Befiehlt man Ihnen, gefälligst Ihre Stube aufzuräumen oder widrigenfalls drei Tage in den Bau zu gehen, werden Sie auch kaum nach Alternativen suchen wollen. Aber wenn Ihnen jemand den Befehl gibt, einen Kameraden zu verprügeln, werden Sie hoffentlich fragen, warum Sie ihn eigentlich verhauen sollen. Es gibt dann Vorgesetzte, die zur Antwort geben: Weil ich das sage, Kadett! Das ist die eine Variante. Die andere, hoffentlich eher angewandte, wird eine vernünftige Begründung sein, wobei mir momentan keine gescheite Begründung dafür einfällt, einen Kameraden zu vertobaken. Ich garantiere Ihnen, dass Sie bei gewissen Vorgesetzten schon Ärger haben, wenn Sie nach der Begründung eines Befehls fragen. Andere Vorgesetzte werden Ihnen einen Befehl ohne zu murren begründen. Aber das, meine Herren, sind Erfahrungen, die Sie letztlich selbst machen müssen.“

Er machte eine kurze Pause.

„Sie selbst, meine Herren, werden irgendwann selbst Vorgesetzte sein. Sie werden Untergebene haben, denen Sie Befehle erteilen dürfen und müssen. Sie werden sich – wie jeder Offizier oder sonstige Vorgesetzte – darauf verlassen wollen und auch müssen, dass man Ihren Befehlen nachkommt. Ich selber halte viel davon, dass der Vorgesetzte den Befehl, den er seinem Untergebenen gibt, begründen kann – und zwar mit vernünftigen Gründen und nicht nur mit seinem Willen. Gehorsamsproben – etwa jemanden dazu zu zwingen, bei Frost in der Unterhose im Freien zu stehen, nur um zu testen, ob er widerspruchslos gehorcht – halte ich für absolut dummes Zeug. Wenn Sie Ihren Untergebenen Befehle geben, die Sie Ihnen vernünftig begründet auseinandersetzen, werden Sie so einen Blödsinn auch nicht nötig haben.“

Kadett Emerson Murray, ein junger Mann, der eher nachdenklich war und häufig sehr lange brauchte, bis er abgewogen hatte, meldete sich.

„Murray?“, forderte Donovan ihn zum Sprechen auf.

„Sir, es ist sicher richtig, dass ein Vorgesetzter seinen Befehl begründen können muss. Aber … habe ich immer die Zeit, meinem Untergebenen zu erklären, warum er bestimmte Dinge tun soll? Ich meine, es gibt doch Situationen, in denen von einer schnellen Reaktion auf einen Befehl Leben abhängen kann.“

„Ja, natürlich, das haben Sie richtig erkannt, Kadett. Klar können Sie Ihrem Flügelmann im Luftkampf keine langen Erklärungen geben, warum er jetzt bitte nach rechts oder links fliegen soll, um Ihnen einen Angreifer vom Hals zu halten. In einer Kampfsituation ist ein augenblickliches Gehorchen Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Ausgang. Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, ist es aber nicht. In der Regel werden Sie Ihre Leute nicht erst dann kennenlernen, wenn Sie auf deren sofortige Reaktion angewiesen sind, sprich also in einer Kampfsituation. Normalerweise werden Sie Ihre Untergebenen bereits aus dem Dienstalltag kennen und mit Ihnen Trainingsflüge veranstalten, in denen Sie genau das üben können. Wenn Sie sich als vorgesetzter Offizier im normalen Dienstalltag und auf den Trainingsflügen vernünftig verhalten und Ihren Leuten von vornherein sagen, warum Sie bestimmte Dinge in bestimmten Situationen tun sollen, werden die das kapieren, und Sie werden im Ernstfall auch keine Probleme mit dem Befolgen Ihrer Befehle haben. Außerdem haben Sie dann noch den Vorteil, dass Sie eventuelle Ausfälle besser auffangen können. Wenn Ihre Männer nämlich mitdenken, sind sie auch fähig, in bestimmten Situationen allein zu entscheiden. Das sollte Sie jetzt als angehende Offiziere nicht erschrecken, meine Herren. Stellen Sie sich die Situation vor, dass Sie Staffelführer sind und leider das Pech haben, selber aus dem Kampf auszuscheiden. Die Sache soll ja aber nicht verloren sein, nur, weil gerade Sie ausfallen. Also muss jemand anders an Ihre Stelle treten – also Ihr Stellvertreter oder ein anderer aus der Staffel. Wenn Sie aber immer nur bestimmte Flugmanöver befohlen haben, ohne dass der betreffende Pilot wusste, weshalb er sich so und nicht anders verhalten soll, dann wird er nicht selbstständig handeln können, was er aber genau in diesem Moment müsste. Und genau deshalb kann ich Sie nur dazu ermutigen, sich mit Ihren Leuten zu befassen, sie gut kennen zu lernen, zu wissen, was Sie von jedem in Ihrem Haufen zu halten haben. Wenn Sie Ihre Männer kennen und Ihre Männer wissen, was sie an Ihnen haben, dann ist Gehorsam wahrscheinlich das Geringste Ihrer Probleme.“

„Sir, könnten wir übrigen fünfzehn, die bei Captain Malcolm Flugunterricht haben, nicht zu Ihnen wechseln?“, fragte Bellamy, der nicht zu Steves Anteil an Flugschülern im Kurs gehörte. „Captain Malcolm befiehlt nämlich immer nur bestimmte Flugfiguren, sagt uns aber nicht, wozu sie gut sein sollen.“

„Kadett, für diese Frage sollten Sie sich zunächst an Captain Malcolm wenden und ihm sagen, dass Sie gerne wüssten, warum Sie bestimmte Flugfiguren benutzen sollen. Wenn er Ihnen die Antwort schuldig bleibt, sollten Sie sich an den Schuldirektor wenden und ihm vortragen, dass Sie zu blindem Gehorsam erzogen werden sollen und nicht zum führungsfähigen Offizier“, empfahl Donovan. Bellamy nickte, seufzte aber leise. Er hatte Befürchtungen, von Malcolm angeschnauzt zu werden.

„Mr. Bellamy, Custermumie, Ihr Seufzen war eben nicht zu überhören. Sicher bedeutet diese Frage an Captain Malcolm einen Konflikt. Zum Soldat sein gehört auch Tapferkeit. Beweisen Sie sich Ihre Tapferkeit selbst, indem Sie einem Konflikt mit einem Vorgesetzten nicht ausweichen. Sie lösen den Konflikt nicht, indem Sie brav schlucken.“

„Danke, Sir, ich werden es mir merken“, erwiderte Bellamy. Steve lächelte.

„Gut, Exkurs beendet, kommen wir wieder zur Douhet-Theorie zurück …“

Donovan hatte den Kurs Militärtheorie Ende Oktober übernommen. Bis Mitte Dezember hatte er die bestehenden Defizite, die Lieutenant Ashford im theoretischen und Lieutenant D’Amato im praktischen Bereich hinterlassen hatten, ausgeglichen. Eine Woche vor Weihnachten endete das Trimester, Kadetten und Lehrpersonal hatten drei Wochen Zeit, sich voneinander zu erholen. Steve wollte die Gelegenheit nutzen, Urlaub zu beantragen und seinen Bruder Sid in Washington zu besuchen, der zurzeit zum Marineministerium abkommandiert war. Gemeinsam wollten die Brüder dann nach Pensacola weiterreisen, dort ihren jüngsten Bruder Jake abholen und nach Oahu fliegen, wo ihre Mutter und Bruder Mark auf sie warteten, um Weihnachten im Familienkreis zu verbringen. Doch es kam anders …

 

 

Kapitel 4

Ende und Anfang

 

In Europa hatte im Spätherbst 1939 Ruhe die Front ergriffen. Polen war besiegt, Frankreich und Deutschland lieferten sich nach wie vor eine Art Sitzkrieg am Rhein, der die Franzosen an die Unbezwingbarkeit der Maginot-Linie glauben ließ. Dass die deutsche Armeeführung den Angriff auf Frankreich nur verschoben hatte, konnte die französische Regierung nicht glauben. Großbritannien hatte zwar bereits gut 150.000 Mann Bodentruppen und 10.000 Mann der Royal Air Force nach Frankreich verlegt, doch beschränkte Großbritannien seine Aktivitäten zunächst im Wesentlichen darauf, die deutsche Flotte im Atlantik zu jagen, und hielt sich – wie Frankreich – in der Luft und am Boden aber noch vornehm zurück.

Ein kurzer Hoffnungsschimmer für die Welt zerplatzte am 8. November, als ein Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller fehlschlug. Zwar versuchte die deutsche Propaganda diese Tat des Deutschen Georg Elser dem britischen Secret Service unterzuschieben, weil Elser als Einzeltäter für Propagandazwecke und die beschworene Vorsehung, die den Führer gerettet hatte, schlicht uninteressant war, doch zu einer Ausweitung der Kampfhandlungen im Westen kam es nicht.

Zudem versuchten sowohl der belgische als auch der rumänische König und die niederländische Königin einen Verständigungsfrieden zwischen Deutschland und den Westalliierten zu vermitteln, doch lehnten beide Seiten ab. Die Briten und die Franzosen, weil Deutschland keine Zugeständnisse hinsichtlich Polens machen wollte; Deutschland, weil Hitler von einem Sieg in einem Westfeldzug überzeugt war. Zwar hatte er gerade zwei Tage zuvor den bereits gegebenen Angriffsbefehl widerrufen, aber nur, weil er den Westfeldzug nur bei gutem Wetter beginnen wollte; nicht etwa, weil er das Vorhaben als solches aufgegeben hatte.

Die Amerikaner interessierte das Kriegsgeschehen in Europa nicht sonderlich. Man war neutral und hatte mit den Problemen der Europäer nichts zu tun. Dann jedoch, Mitte Dezember 1939, kam der Krieg so nahe an den amerikanischen Kontinent heran, dass sich sogar nord- und südamerikanische Zeitungen und Radiosender dafür interessierten.

Am frühen Morgen des 13. Dezember 1939 sichtete der Ausguck des britischen leichten Kreuzers Ajax Rauch am Horizont. Commodore Harwood, Chef eines Verbandes, der aus den leichten Kreuzern Ajax und Achilles und dem schweren Kreuzer Exeter bestand, entsandte die Exeter zu näherer Erkundung. Die Besatzung der Exeter stellte schnell fest, dass es sich um eines der von den Briten pocket-battle-ships genannten neuen deutschen Panzerschiffe handelte, von denen es hieß, sie seien stärker als die Schnelleren und schneller als die Stärkeren.

Nur wenige Minuten später eröffnete die Exeter das Feuer auf das deutsche Panzerschiff. Es war die Admiral Graf Spee, jenes deutsche Schiff, das seit gut zwei Monaten die britische Marine in Atem hielt und einen überaus erfolgreichen Handelskrieg führte.

Knapp eineinhalb Stunden später musste die Exeter schwer beschädigt abdrehen, auch die Achilles wurde beschädigt und konnte wegen einer zerstörten Funkantenne nicht mehr richtig manövrieren. Achilles und Ajax nebelten sich ein und mussten das deutsche Panzerschiff entkommen lassen. Kapitän zur See Langsdorff, Kommandant der Admiral Graf Spee, entschloss sich zur Flucht nach Westen, in der Hoffnung, in den Weiten des Südatlantiks wieder zu verschwinden und sein ebenfalls schlimm beschädigtes Schiff in Montevideo im neutralen Uruguay reparieren zu können.

Achilles und Ajax folgten der Admiral Graf Spee in sicherer Entfernung außerhalb der vernichtenden Artillerie des deutschen Panzerschiffes. Commodore Harwood hatte den Vorteil, dass die Admiral Graf Spee in Richtung Westen fuhr, bei Sonnenuntergang also noch lange gegen den Horizont sichtbar sein würde. Tatsächlich lief das deutsche Schiff den neutralen Hafen an. Die britischen Kreuzer legten sich vor der Mündung des La Plata auf die Lauer und warteten, dass das in der Falle sitzende deutsche Panzerschiff wiederkäme.

Britische und französische Diplomaten setzten die uruguayische Regierung unter Druck, die Kapitän Langsdorff eine Frist von nur 72 Stunden für eine Notreparatur des Schiffes ließ. Beim Überschreiten dieser Frist drohte Schiff und Mannschaft die Internierung bis zum Ende der Feindseligkeiten zwischen Deutschland und Großbritannien. Langsdorff war sich bewusst, dass er sein Schiff in dieser Zeit allenfalls fahrfähig machen konnte, nicht aber kampftüchtig. Innerhalb dieser 72 Stunden liefen in Montevideo mehr Menschen zusammen, als diese Stadt jemals zuvor gesehen hatte. Jeder wollte den unausweichlichen Showdown zwischen der Admiral Graf Spee und den britischen Kreuzern sehen. Dann verbreitete sich auch noch das Gerücht, dass der britische Flugzeugträger Ark Royal und das Schlachtschiff Renown draußen vor der Mündung des La Plata warteten.

Gegen die ebenfalls beschädigten und nicht mehr hundertprozentig einsatzfähigen Kreuzer wäre das besser bewaffnete Panzerschiff nicht chancenlos gewesen – aber an einem Flugzeugträger und einem richtigen Schlachtschiff hätte die Admiral Graf Spee allenfalls unter Wasser vorbeifahren können. Kapitän Langsdorff erhielt die Erlaubnis zur Selbstversenkung, falls ein Durchbruch nicht möglich sein sollte. Langsdorff war klar, dass ein Schusswechsel mit den vermuteten Gegnern einem Selbstmordversuch gleichkam. Er entschloss sich zur zweiten Alternative, ohne die erste auszuprobieren.

So fuhr das deutsche Panzerschiff am 17. Dezember 1939 um 19.52 Uhr noch von vierzig Mann besetzt in die La-Plata-Mündung hinaus. Kapitän und Mannschaft verließen das Schiff in Booten und kehrten nach Montevideo zurück. Eine ungeheure Explosion zerriss den Abendhimmel über Montevideo und Buenos Aires, und die Admiral Graf Spee war nur noch ein brennendes Wrack. Drei Tage darauf erschoss sich Kapitän zur See Hans Langsdorff in seinem Hotelzimmer in Buenos Aires.

Eine Ironie des Schicksals wollte es, dass das Panzerschiff Admiral Graf Spee seinem Namensgeber praktisch gefolgt war. Im Weltkrieg, genauer am 8. Dezember 1914 – fast auf den Tag genau 25 Jahre zuvor, so vermerkten es die Zeitungen –, war Admiral Maximilian Graf von Spee mit seinem Schiff Scharnhorst vor den Falklandinseln im Kampf gegen ein britisches Geschwader untergegangen. So ruhte der Mann, nach dem das Schiff benannt war, am südlichen Ende Argentiniens in seinem nassen Grab, während das Schiff, das seinen Namen trug, am nördlichen Rand des südamerikanischen Staates versank.

Diese Ereignisse waren es sogar US-amerikanischen Zeitungen und Radiosendern wert, darüber zu berichten, obwohl der Krieg sonst sehr weit weg war.

Steve hatte die Berichte in der Zeitung wohl gelesen, sie aber nicht weiter beachtet, weil er keine unmittelbare Notwendigkeit sah, sich mit diesem für ihn an sich unwichtigen Thema zu befassen. Er packte seinen Urlaubskoffer, ließ sich zum Zivilflughafen nach Phoenix bringen und flog nach Washington. Mit der DC 4 der Pan American Airways dauerte der Flug fast quer über den Kontinent noch knapp fünf Stunden.

Als Sid ihn am Flughafen in Washington abholte, war Steve sichtlich verblüfft, dass sein Bruder in Uniform war.

„Hoppla, was ist das?“, fragte er mit Hinweis auf die schwarze Winteruniform. Sid zuckte mit den Schultern.

„Ich habe noch keinen Urlaub bekommen, also darf ich Washington noch im Navy-Päckchen schmücken“, erwiderte er.

„Irgendwas schiefgegangen?“

„Weiß ich noch nicht. Der Navy-Geheimdienst hat Wind davon bekommen, dass die Tommys ein deutsches Panzerschiff im Südatlantik jagen.“

„Die jagen nicht nur eins, die haben eins gestellt, wie ich gelesen habe. Aber was geht uns das an? Wir sind doch neutral?“, erkundigte sich Steve, als sie in Sids Chevrolet den Flughafenbereich verließen und zu dessen Wohnung in Washington-Georgetown fuhren.

„Im Prinzip stimmt das. Aber wir haben uns im Weltkrieg auch nicht ganz heraushalten können. Deshalb passen wir schon auf, was sich da im Atlantik tut. Immerhin ist es fast vor unserer Haustür. Und eine zweite Lusitania brauchen wir nicht“, erklärte Sid.

Bei ihm zu Hause angekommen, hatte Steve seinen Koffer gerade ausgepackt, als das Telefon klingelte.

„Hallo?“, meldete sich Sid.

„Hallo, Lieutenant-Commander. Hier ist Commodore Winter vom Geheimdienst der US Navy. Ich habe einen Sonderauftrag für Sie. Kommen Sie bitte gleich ins Marineministerium“, hörte Sid.

„Darf ich fragen, um was für eine Sonderaufgabe es sich handelt, Sir?“, erkundigte er sich.

„Nein, am Telefon kann Ihnen das nicht sagen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass Sie ziemlich weit fliegen müssen.“

„Frage am, Rande, Sir: haben Sie jemanden, der mich fliegen kann? Ich bin kein Pilot.“

„Nein, im Moment noch nicht“, gab Winter zu.

„Haben Sie was dagegen, wenn ich meinen Bruder mitbringe? Er ist Army-Pilot und eben gerade in Washington angekommen.

„Vertrauenswürdig?“

„Ja.“

„Okay, bringen Sie ihn mit.“

„Danke, Sir, bis gleich“, sagte Sid und legte auf.

„Es könnte sein, dass ich deine brüderlich-dienstliche Hilfe brauche“, wandte er sich dann an Steve.

„Und wozu?“

„Commodore Winter will mich auf eine Sondermission schicken. Bisher weiß ich nur, dass ich weit fliegen muss.“

„Und da brauchst du mich als Taxiflieger? Habt ihr nicht ‘ne eigene Fliegerabteilung?“

„Schon, aber da habe ich keinen Bruder, jedenfalls noch nicht“, grinste Sid. „Komm mit.“

Die Donovans fuhren ins Marineministerium am Potomac. Sid, der hier nun seit einigen Monaten arbeitete, wusste auch, wo er Commodore Winter finden konnte.

„Danke, dass Sie gleich gekommen sind, Gentlemen“, bedankte sich der Commodore, als sich die Brüder vorschriftsmäßig bei ihm meldeten. Steve hatte vorsichtshalber seine Uniform angezogen, da es um einen dienstlichen Termin ging.

„Commander, ich habe eben eine Nachricht bekommen, für deren Recherche Sie in Frage kommen“, setzte Winter an.

„Worum geht es, Sir?“

„Die britische Navy hatte vor drei Tagen ein Gefecht mit dem deutschen Panzerschiff Admiral Graf Spee. Die Graf Spee konnte sich beschädigt nach Montevideo retten, musste den Hafen aber gestern Abend verlassen. Die Krauts haben den Tommys aber eine lange Nase gedreht und – statt sich auf einen Kampf einzulassen, den sie nicht gewinnen konnten –, den Kahn lieber selbst versenkt. Dummerweise ist das Wrack aber nicht gesunken, sondern liegt fast auf ebenem Kiel in der Mündung des La Plata – nun, dumm jedenfalls für die Krauts. Für uns umso besser. Hinzu kommt, dass die Tommys als Kriegsgegner Deutschlands das Wrack nicht offiziell untersuchen dürfen. Der britische Premier hat sich deshalb an Mr. Roosevelt gewandt und uns um Hilfe gebeten. Wir helfen den Tommys – wenngleich ich annehme, dass der MI 6 eigene Leute heimlich auf die Graf Spee ansetzen wird“, erklärte Winter. „Sie, Lieutenant-Commander, wurden mir als Experte für Funkmesstechnik empfohlen. Die Deutschen haben eine ganze Menge interessanter Antennen am Mast. Ich möchte, dass Sie die untersuchen“, erklärte der Commodore. Sid nickte.

„Aye, Sir.“

„Wir möchten nicht, dass die Angelegenheit zu große Kreise zieht. Ihr Auftrag gilt deshalb als geheim“, setzte Winter fort. Er sah Steve an. „Auch für den Fall, dass Sie als Pilot nicht in Frage kämen, sind Sie zu absolutem Stillschweigen verpflichtet, Captain. Haben Sie verstanden?“, wandte Winter sich an Steve.

„Ja, Sir“, bestätigte der.

„Sir, wann soll ich nach Montevideo fliegen?“, fragte Sid.

„Am besten sofort. Wie schnell können Sie starten, Captain Donovan?“

„Sofern mir eine Maschine zur Verfügung gestellt wird, sie betankt und gecheckt ist und ich entsprechend ausgeliehen werde, mein Urlaub also erst einmal unterbrochen wird. Wollen Sie sich mit dem Kriegsminister Woodring in Verbindung setzen oder darf ich mir von meinem Einheitskommandanten die Genehmigung einholen?“

„Das macht meine Dienststelle für Sie. Können Sie ein mehrsitziges Flugzeug fliegen?“

„Ja, Sir, meine Pilotenlizenz umfasst auch mehrmotorige Maschinen.“

„Gut. Sie könnten natürlich auch mit einer ganz normalen Linienmaschine fliegen, aber im Interesse der Geheimhaltung ist es besser, wenn wir ein eigenes Flugzeug einsetzen. Wir können ein Catalina-Flugboot einsetzen.“

„Gut, Sir. Ich mache nur auf folgendes aufmerksam: Die Catalina ist mit einer Höchstgeschwindigkeit von 154 Knoten* relativ langsam und hat eine eher beschränkte Reichweite von knapp 2.700 nautischen Meilen. Wenn ich es überschlägig rechne, müssten wir in Guantánamo und Cuzco oder Belém zwischenlanden – vorausgesetzt, das Flugboot gehört zu den Exemplaren mit Fahrgestell. Ansonsten kommt ohnehin nur Belém in Frage. Dort muss ich im Amazonasdelta ‘runtergehen und kann nur beten, dass ich einen Platz zum Tanken finde. Ferner ist da die reine Entfernung, die, wenn ich mich nicht verkalkuliere, etwa eine Flugzeit von rund 42 Stunden erfordert. Hinzu kommt, dass auch nach den verschärften Dienstvorschriften von Army und Navy ein Pilot diese Zeit nicht am Stück fliegen darf. Wir müssen in Cuzco oder Belém übernachten. Im Gegensatz zu Guantánamo Bay, das eine Navy-Basis ist, sind die anderen Plätze öffentliche Flughäfen, noch dazu in Südamerika, wo einem eher Hühner und Schafe über die Startbahn laufen, als dass man einen Einweiser zu sehen bekommt. Wenn die Sache erstens geheim und zweitens eilig ist, könnten wir zu spät kommen, Sir“, warnte Steve.

„Sie meinen, es wäre unauffälliger, wenn Sie mit einer normalen Linienmaschine fliegen? Im Prinzip gebe ich Ihnen Recht, Captain. Ich hatte aber daran gedacht, dass Sie eventuell etwas ausbauen und bergen könnten. Sie sind dann mit einem Flugboot der Navy besser bedient, weil Sie neben dem Wrack wassern können. Ich fürchte, die Urus lassen uns das Wrack zwar untersuchen, aber ob Sie dann Souvenirs mitnehmen können, wäre mit zivilem Gepäck erstens mindestens fraglich – rein zolltechnisch gesehen – und außerdem verdammt schwer“, gab Commodore Winter zu bedenken.

„Den Gesichtspunkt hatte ich nicht bedacht, Sir“, räumte Steve ein. Winter nickte.

„Insofern schlage ich vor, Sie nehmen das Flugboot.“

„Ein Flugboot hat acht Mann Besatzung, Sir. Was ist mit denen?“

„Wenn mich die Leute von der Navy Air Force nicht angeschwindelt haben, benötigt die Maschine den Piloten, den Navigator, den Funker und den Bordingenieur als unbedingt erforderliche Mannschaft. Lieutenant Chamberlain, ein Offizier meines Stabes, ist Flugingenieur und Petty Officer Jackson ist Funker beim Geheimdienst der Navy. Diese beiden werden Sie begleiten.“

Ein Wagen des Departments of the Navy brachte die Donovans zum Washington Naval Yard. An einer der Piers lag das Catalina Flugboot. Lieutenant Junior Grade Harvey Chamberlain erwartete die Brüder bereits.

„Guten Tag, Sirs. Cathy ist randvoll getankt. Bis Guantánamo schafft sie’s spielend.“

„Danke, Lieutenant. Ich bin Captain Steve Donovan und soll Cathy fliegen. Lieutenant-Commander Sidney Donovan“, stellte Steve mit einem Hinweis auf seinen Bruder vor.

„Ist schon eine Landeerlaubnis für Guantánamo eingeholt?“, fragte er dann.

„Petty Officer Jackson ist gerade dabei, Sir. Ich habe mal auf die Karte gesehen und gehe davon aus, dass wir über Cuzco fliegen, korrekt?“

„Das müssen wir noch klären. Es bieten sich sowohl Cuzco in Peru als auch Belém in Brasilien an. Wo haben Sie die Karten?“, entgegnete Steve.

„Bei Petty Officer Jackson, Sir. Er braucht sie für die Einholung der Slots*. Ich wollte Ihre Entscheidung abwarten, bevor ich Jackson beauftrage, in Cuzco anzufragen, Sir. Kommen Sie ‘rein, Sirs.“

Steve und Sid betraten das Flugboot. An der Funkanlage saß Petty Officer Stuart Jackson. Als er die Offiziere sah, sprang er auf und nahm Haltung an.

„Petty Officer 1st Class Jackson beim Einholen der Landeerlaubnisse!“, meldete er.

„Danke, Petty Officer. Für wann haben wir einen Slot nach Guantánamo, Mr. Jackson?“, fragte Steve.

„Für elfhundert* East Atlantic Time, Sir. Wir sollten dann um nullzweihundert in Guantánamo sein. Wir müssen allerdings eine Pause einlegen, weil wir erst um nullsechshundert Treibstoff bekommen können.“

„Danke, Mr. Jackson. Mr. Chamberlain, wie lange braucht der Tankvorgang?“, fragte Steve den Ingenieur.

„Na, sie wird ziemlich gelenzt* sein, denke ich. ‘Ne Stunde werden wir etwa tanken müssen, Sir.“

„Gut, dann wollen wir sehen, wie wir am schnellsten nach Montevideo kommen. Wo sind die Karten, Petty Officer?“

„Hier, Sir“, erwiderte Jackson und nahm eine große Übersichtskarte auf den Kartentisch am Funkerplatz.

„Gehen wir mal davon aus, dass wir von Guantánamo über Belém fliegen. Was für Entfernungen haben wir da?“, fragte Steve. Jackson maß die Entfernung mit einem Lineal nach und rechnete. Einige Zeit flogen Zahlen und Zeiten hin und her, dann entschied Steve sich für die Route über Belém.

„Also, Mr. Jackson, sehen Sie zu, dass wir für nullsiebenhundertdreißig einen Slot nach Belém kriegen. Und dann rufen Sie Belém und verhandeln einen Slot nach Montevideo. In Montevideo holen Sie bitte noch eine Landeerlaubnis ein.“

„Aye, Sir!“, bestätigte Jackson. „Halten Sie es für sinnvoll, dass wir eventuell in der Nacht weiterfliegen? Ich meine, wir brauchen immerhin fast vierzehn Stunden bis nach Belém von Guantánamo, Sir.“

„Nein, wir werden in Belém übernachten und am nächsten Morgen weiterfliegen.“

„Aye, Sir.“

Steve sah auf die Uhr. Es war halb elf.

„Ist die Maschine schon gecheckt?“, fragte er und sah Chamberlain an.

„Ich habe mir erlaubt, den Außencheck schon zu machen, Sir.“

„Danke, Mr. Chamberlain“, sagte Steve und nahm die Checkliste zur Hand. Bisher hatte er fast ausschließlich einsitzige Jagdmaschinen geflogen. Eine so große Maschine wie das wuchtige Flugboot hatte er bislang nur zwei- oder dreimal gesteuert.

Hoffentlich bekomme ich schnell genug ein Gefühl für die Mühle. Das ist schon was anderes als die maßgeschneiderten Cockpits von Jägern’, dachte Steve, machte seinen Check und stülpte sich dann die Kopfhörer gewohnheitsmäßig über die Dienstmütze, während Sid und Chamberlain es Jackson nachtaten, der die akkurate Khaki-Dienstmütze mit dem Schiffchen vertauscht hatte. Sid grinste.

„Kein Wunder, dass deine Mütze ewig zerknüllt ist wie ‘ne leere Hamburger-Tüte!“, spottete er. „Sag bloß, du fliegst deinen kleinen Hüpfer auch mit dem Ententeich?“

„Kommt drauf an, wie hoch ich fliegen muss. Mein Jäger bringt’s immerhin auf 30.000 Fuß. In den Fällen ziehe ich doch Pelzjacke und Fliegerkappe vor. Aber so wie ich es sehe, müssen wir hier 12.000 Fuß nicht überschreiten. Da genügt die Mütze“, erwiderte Steve und packte die Checkliste weg. Dann sah er nach draußen zu den sonor brummenden Pratt & Whitney-Motoren, deren Propeller gleichmäßig drehten und die erforderliche Umdrehungszahl erreicht hatten.

„Leinen los, hinsetzen und anschnallen!“, befahl er dann. Chamberlain gab einem Seaman am Pier ein Zeichen, der die beiden Leinen vom Poller löste. Chamberlain holte die Tampen ein und schloss die Haupttür.

„Leinen sind los, Sir. Alles klar zum Auslaufen, Captain.“

„Bringen Sie sie auf See, Mr. Donovan!“, murmelte Sid in Anspielung auf die seemännische Floskel, die Captain Train, der Kapitän der Arizona, wie jeder Schiffskommandant als Befehl für den Steuermann benutzte.

„Aye, Sir!“, zwinkerte Steve zurück.

Das Flugboot bewegte sich mit dem Schub der Propeller über das Wasser – erst schwimmend, dann aufschwimmend, holpernd wie auf einer schlaglochgepflasterten Straße, schließlich hob es ab. Der US Naval Yard Washington verschwand schräg unter dem Rumpf der Catalina. Steve zog das Flugboot im Steigflug kontinuierlich bis auf eine Höhe von 6.000 Fuß. Unter dem Flugboot verschwand Washington unter den winterlichen Wolken. Über ihnen breitete sich majestätisch blauer Himmel aus; links, gen Osten, erschien der Atlantik hinter der küstennahen Wolkenbank, auf der rechten Seite schauten einige Gipfel der Appalachen aus dem Wolkenmeer heraus. Sid, der zwar relativ häufig flog, jedoch nur die Perspektive eines kleinen Seitenfensters kannte, seufzte mit gewissem Neid.

„Du weißt ja gar nicht, wie schön du’s als Pilot hast.“

Steve lachte.

„Was hält sich davon ab, dich in Pensacola zum geflügelten Seetangschlucker machen zu lassen und es deinem Lieblingstier, dem Albatros, nachzumachen?“

Sid sah ihn leidend an.

„Ich werde luftkrank.“

„Wenn ich das Steuerhorn nicht selbst in der Hand habe, kann mir das auch passieren“, bekannte der Jüngere. „Aber wer pazifische Taifune übersteht, wird auch mit Luftkrankheit fertig. Die hat dieselben Ursachen wie Seekrankheit.“

„Na ja, Luft hat gar keine Balken. Wenn ein Schiff sinkt, hat man ja noch gewisse Chance, wenn man schwimmen kann. Aber wenn so ‘n Vogel ‘runterfällt …“, Sid brach ab und wedelte drohend mit der Hand.

„‘s gibt auch Fallschirme“, kicherte Steve. „Lass nur; du wirst nie nach Pensacola gehen. Bleib’ auf deiner Arizona, wenn sie dich aus dem Ministerium wieder ‘raus lassen.“

Steve sah auf die Karte, die Sid ihm hinhielt, warf einen Blick auf den Kompass und steuerte dann fast direkt nach Süden.

„Sag’ mal: Wonach suchen wir nun genau?“, fragte er dann Sid.

„Der Marine-Geheimdienst hat Informationen aufgeschnappt, dass die Deutschen an einer Funkmesstechnik werkeln, die mit einer Wellenlänge von nicht mal 20 Inch oder 50 Zentimetern arbeitet. Alle militärisch bedeutsamen Nationen arbeiten ebenfalls an so etwas. Wir nennen das Radio Detecting and Ranging, kurz Radar. Bisher sind diese Geräte aber auf Wellenlängen beschränkt, die irgendwo im so genannten Meterbereich liegen. Sie sind noch ungenau, lösen noch zu grob auf, um Objekte wirklich zu identifizieren. Je kürzer die Wellenlänge, desto genauer wird ein Objekt gescannt und abgebildet. Bei den jetzigen Wellenlängen haben wir es eher mit Kurvenausschlägen zu tun. Wenn die Krauts schon so weit sind und die Technik in Schiffen einsetzbar ist, dann wird die Admiral Graf Spee als eines ihrer modernsten Schiffe damit ausgerüstet sein.“

„Und ihr meint, dass die Krauts so blöde sind, solch geheimen Kram nicht gründlich zu vernichten, wenn sie 72 Stunden Zeit gehabt haben, die Selbstversenkung zu organisieren?“

Sid lächelte.

„Die deutschen Soldaten, die in Uruguay und in Argentinien interniert wurden, haben außer ihrem persönlichen Gepäck nichts von Bord mitnehmen können. Der ganze Krimskrams ist auf der Graf Spee geblieben.“

„Schön. Überleg’ mal weiter. Versetz’ dich in die Lage von Langsdorff. Nimm an, du wärst Kapitän eines Schiffes, das wie die Graf Spee beschädigt vor einem übermächtigen Gegner in einen neutralen Hafen geschlüpft ist. Entkommen unmöglich, draußen liegen sie zu viert. Bleiben lassen sie dich auch nicht, weil sie neutral bleiben wollen. Du entschließt dich, den Kahn zu versenken, damit er nicht in die Hände des Feindes fällt. Was vernichtest du zuerst?“, fragte Steve.

„Codebücher, Schlüsselmaschinen“, kam Sids prompte Antwort.

„Okay. Du hast eine völlig neue Technik an Bord. Du kannst sie nicht mitnehmen, und der Feind ist daran sehr interessiert. Was machst du mit der?“

„Nun, ich würde sie gründlich zerstören.“

„Logisch. Und Kapitän Langsdorff, ein erfahrener Seemann und Soldat, sollte das unterlassen haben? Der Mann ist genauso Profi wie du, Sid. Der ist doch nicht bescheuert und serviert uns die geheimste Radartechnik auf dem Silber-, na eher Stahltablett!“

„Die Überlegung hat der Geheimdienst der Navy auch schon angestellt, Bruderherz. Tatsache ist, dass die Graf Spee zwar gesunken ist – aber nicht versunken. Langsdorff könnte gehofft haben, dass in der trüben Suppe der La-Plata-Mündung kein Taucher diese wundervolle Technik entdecken und abmontieren kann. Das Problem bei den südamerikanischen Strommündungen sind ständig wechselnde Tiefenverhältnisse – und das kann bei den Wassermassen, die dort gerade in der Regenzeit die Flüsse hinunter schießen, sehr häufig sein und sehr schnell gehen. Unter Umständen schneller, als die Seekarten berichtigt werden können. Die Fahrrinne nach Montevideo ist ausgetonnt, also nicht zu verfehlen. Außerdem wird sie nachgebaggert, sofern sich etwas verändert. Es könnte also sein, dass Langs-dorff die Graf Spee an einer Stelle versenkt hat, die er für viel tiefer gehalten hat, als sie tatsächlich war. Der wird schön blöd geguckt haben, als der Kahn nicht ganz unterging, sondern die richtig interessanten Teile noch über Wasser blieben. Nur war’s da für ihn zu spät, den Fehler noch zu korrigieren“, konterte Sid. „Nun, wir werden sehen, was sie für uns noch übriggelassen haben.“

Steve zuckte mit den Schultern und konzentrierte sich wieder auf den Kurs.

Der Flug nach Guantánamo war ohne besondere Vorkommnisse. Nicht einmal Schlechtwettergebiete kreuzten den Weg des Flugbootes. Wie erwartet, wasserte das Flugboot um zwei Uhr nachts im Kriegshafen von Guantánamo Bay auf Kuba. Marines nahmen die Tampen auf und vertäuten das Flugboot in der Nähe der Treibstoffbunker. Steve legte sich nach dem Anlegen in eine der Schlafkojen, um für den Weiterflug einigermaßen frisch zu sein. Schlag sechs Uhr morgens vernahm er ein Brummen und leises Plätschern, das darauf hinwies, dass das Flugboot betankt wurde. Steve sah hoch und bemerkte Petty Officer Jackson, der schon auf war, um den Tankvorgang zu überwachen. Er hörte, wie Jackson jemanden anwies, Proviant zu bringen. Steve drehte sich noch einmal um und wachte erst wieder auf, als Sid ihn schüttelte.

„He, nullsechshundertfünfundvierzig! Um nullsiebenhundertdreißig sollen wir starten, Captain.“

„Danke“, gähnte Steve und schüttelte sich noch einmal, um die Reste des Schlafs loszuwerden, der ihn weiterhin festhalten wollte.

Nach einem knappen Frühstück hob das Flugboot pünktlich um sieben Uhr dreißig aus Guantánamo Bay ab und startete zur zweiten Etappe nach Belém. Als das Flugboot die venezolanische Küste erreichte, sah Sid auf die Uhr.

„Nullsiebenhundertdreißig sind wir gestartet, knapp vierzehn Stunden Flug heißt, wir erreichen Belém gegen zweiundzwanzighundert. Wenn wir um dieselbe Zeit morgen weiterfliegen, können wir die Graf Spee also frühestens übermorgen inspizieren. Ist dir eigentlich nicht klar, wie eilig die Geschichte ist?“, fragte er Steve.

„Das ist mir vollkommen klar. Also, tu dir keinen Zwang an, starte von Belém, sofern wir getankt haben und flieg weiter“, versetzte Steve.

„Du weißt genau, dass ich erstens nicht fliegen kann und dass ich zweitens ebenso wie du nur vier Stunden geschlafen habe“, knurrte Sid.

Steve drehte sich zu seinem Bruder um.

„Sid, diese Reise ist nicht meine Idee gewesen. Ich habe auch von vornherein ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Flugboot zu langsam ist und zu wenig Reichweite für diesen Zweck hat – auf jeden Fall von Washington aus. Sag’ mal, in Guantánamo muss doch ein Funkmessspezialist sein! Und wenn ihr schon jemanden um den halben Globus jagt und deutlich schnellere Zivilflugzeuge nicht in Frage kommen, ein Flugboot mit 154 Knoten Maximalgeschwindigkeit und 2.700 nautischen Meilen Aktionsradius mit Miniaturbesatzung zur Verfügung gestellt wird – dann müsst ihr Seetangschlucker euch nicht wundern, wenn es halt zwei oder drei Flugtage dauert, bis man ankommt“, erklärte Steve nachdrücklich. „Natürlich zählt jede Sekunde, aber erinnere dich bitte daran, dass ich Commodore Winter auf genau diesen Umstand hingewiesen habe. Wir können ohnehin nur beten, dass der ganze Flug nicht für die Katz’ ist, weil wir vermutlich nichts mehr finden werden. Ich habe die Einsatzvorschriften völlig über Bord geworfen, um dir und deinem Verein zu helfen, aber ich brauche heute Nacht einfach Schlaf, sonst sind nicht nur dieses Flugzeug und seine Besatzung in erheblicher Gefahr, sondern auch Leute, die das nicht betrifft – andere Flugzeuge, die ich nicht rechtzeitig wahrnehmen kann; Menschen, die unter uns harmlos ihre Felder bestellen. Denn auch für die bin ich letztlich verantwortlich. Wenn der Pilot übermüdet ist, Bruderherz, dann ist das ungefähr so, als flöge er besoffen. Ich glaube nicht, dass du dich freiwillig zu einem volltrunkenen Piloten in den Flieger setzen würdest! Ich verkneife es mir nicht umsonst, was zu trinken, wenn ich fliege.“

Sid musste schlucken. Steve war Berufspilot. Er sagte das nicht so dahin. Sid hätte es – als Kommandant eines Schiffes – nicht geduldet, wenn der Rudergänger innerhalb einer Fahrzeit von achtundzwanzig Stunden nur vier Stunden geschlafen hätte, um dann nochmals fast vierzehn Stunden zu fahren.

„Ich weiß, in welcher Zeitnot das Ganze abläuft, aber ich habe es von Anfang an gesagt“, setzte Steve noch hinzu. Sid nickte.

„Ja, du hast Recht. Wir übernachten in Belém und fliegen morgen früh weiter. Wann erscheint es dir am sinnvollsten?“

„Acht Stunden Schlaf sollten es sein. Ich weiß nicht, ob ihr Seebären noch was unternehmen wollt, ich lege mich lieber gleich nach der Landung hin. Wir werden gleich nach der Landung tanken und uns dann ausschlafen, von mir aus auch an Bord. Die Schlafkojen sind mir bequem genug. So gegen nullneunhundert Ortszeit können wir starten und sind dann gegen dreiundzwanzighundert in Montevideo. Dann ist es dort trotz Sommer dunkel. Wir werden also vor übermorgen nichts unternehmen können. Unter Umständen ist es sogar besser, wenn wir auf dem Flughafen landen und erst am Morgen zum Wrack weiterfliegen. Dort wird nämlich nichts beleuchtet sein. Und bei Dunkelheit neben einem Wrack zu landen … oha!“

„Soll Jackson sich um die Slots kümmern?“

„Ja.“

Sid schaltete auf Jackson um und gab ihm entsprechende Anweisungen.

Gegen sechs Uhr abends verschwand die Sonne hinter dem Horizont und fast übergangslos wurde es finster. In den Tropen gibt es fast keine Dämmerung und nur wenig Unterschiede in der Tageslänge zwischen Sommer und Winter – genauer, der Regen- und der Trockenzeit. Die Regenzeit herrscht jeweils in dem Bereich, in dem die Sonne im Zenit steht. Jetzt, am 19. Dezember, hatte die Sonne ihren Höchststand fast am südlichen Wendekreis, also in der Höhe von São Paulo. Belém lag nur knapp südlich des Äquators, wo jetzt, um die Zeit der Wintersonnenwende, Trockenzeit herrschte. Die Küstenstädte in der neutralen Region waren erleuchtet und wiesen dem Piloten den Weg. Schließlich sah Steve die Flughafenbefeuerung von Belém und fuhr das Fahrwerk aus, als er den Landeanflug begann. Wenig später hatte das Flugboot seine Parkposition erreicht. Steve stellte die Motoren ab.

„Willkommen in Belém, meine Herren“, verkündete er über die Bordsprechanlage.

Sid sah seinen Bruder einen Moment an. Von den Brüdern Donovan war Steve der ruhigste und zurückhaltendste. Er war vorsichtig und kühl in seinen Überlegungen. Sid kannte ihn nicht anders, als mit Flugzeugmodellen, Landkarten oder Sprachlexika beschäftigt. Für den üblichen Blödsinn, den junge Männer in seinem Alter im Kopf hatten, hatte Steve einfach keine Ader. Insbesondere Frauen waren Luft für ihn. Sid machte sich allmählich Sorgen um eine ordnungsgemäße Entwicklung seines jüngeren Bruders und meinte, er musste ihm auf den richtigen Weg helfen.

„Was meint ihr? Gehen wir noch in die Stadt, ein paar Bienen aufreißen?“, schlug er vor.

„Von mir aus geht ruhig“, erwiderte Steve gähnend und reckte sich. „Ich kümmere mich um den Sprit und leg’ mich dann aufs Ohr.“

„Hör mal, das wird mir jetzt bald unheimlich mit dir. Jeder, wirklich jeder junge Mann in deinem Alter sollte auf Mädchen scharf sein wie Nachbars Hund auf den Postboten. Nur du scheinst keine Vermehrungsabsichten zu haben“, grinste Sid anzüglich. Steve ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Du hast einen definierten Auftrag, Sid“, erinnerte Steve und rieb sich müde die Augen. „Ich bin dein Pilot und habe dich sicher an deinen Zielort und wieder zurück zu bringen. Das ist mein Job. Und für den muss ich halbwegs ausgeschlafen sein. Wenn ich dienstfrei habe, können wir über die Königinnen der Nacht gern reden, aber nicht, wenn ich um dreiundzwanzighundert gelandet bin, noch eine gute Stunde tanken muss und morgen früh um nullneunhundert wieder starten soll. Dann kann ich mir solche Extratouren leider nicht leisten.“

„Preuße!“, schnaufte Sid. „Du warst eindeutig zu lange in Deutschland! Spielverderber!“

„Ich halte weder dich noch Lieutenant Chamberlain oder Petty Officer Jackson von einschlägigen Vergnügen ab. Ich entscheide nur für mich selbst. Macht, was ihr wollt.“

„Damit ich morgen früh in dein schadenfroh grinsendes, hellwaches Gesicht sehe, wenn ich noch mikroskopisch kleine Gucker habe? Ich bin doch nicht bescheuert!“, grunzte Sid.

„Sid, ich weiß, was es dir bedeutet, Mädchen aufzureißen und sie abzuschleppen. Geh’ nur, ich bewache das Flugzeug.“

Sid hatte keine Lust, am nächsten Morgen seinen Bruder feixen zu sehen, wenn der ausgeschlafen und stocknüchtern auf seinem Pilotensitz saß, während bei Sid noch Müdigkeit und eventueller Restalkohol mit dem fehlenden Schlaf kämpften. Auch die beiden anderen wollten sich keine Blöße geben. Als Steve den Tankvorgang überwachte, schnarchten Chamberlain und Jackson bereits laut.

„Capitán, wie wollen Sie bei dem Lärm schlafen?“, fragte der Tankwart Steve. Der Amerikaner schob die Mütze in den Nacken.

„Ich weiß es noch nicht, Senhor, ich weiß es noch nicht.“

Als die Catalina aufgetankt war, schubste Steve Jackson ein Mal und stieß auch Chamberlain an – und beide gaben jedenfalls so lange Ruhe, bis Steve eingeschlafen war.

Der Flug von Belém nach Montevideo war ebenso ruhig wie am Tag zuvor und ebenso weit. Steve konnte die Maschine wieder in der optimalen Flughöhe steuern und setzte um viertel vor elf am Abend zur Landung auf dem Flughafen von Montevideo an. Nach den Pass- und Zollformalitäten am folgenden Morgen hob das Flugboot von Landflughafen ab und schwenkte wenige Minuten später mit elegantem Bogen auf das ausgebrannte Wrack der Admiral Graf Spee in der La-Plata-Mündung zu, die Uruguay von Argentinien trennt. Noch ragten die Aufbauten aus dem trüben Wasser, aber in der nächsten Zeit – es konnten Wochen oder Jahre sein – würde das Wrack vollständig versinken. Für diesen Tag würden sie aber genügend Gelegenheit haben, die Graf Spee zu untersuchen.

Steve drehte einige Runden um das Wrack, in denen Chamberlain und Sid es aus allen denkbaren Winkeln fotografierten und landete nach Genehmigung der Luftaufsicht von Montevideo das Catalina-Flugboot neben dem Wrack des deutschen Panzerschiffes. Lieutenant Chamberlain zog das Flugboot mit Hilfe eines Bootshakens an das bereits unter Wasser liegende Deck der Graf Spee heran. Zweifelnd sah er in das trübe Wasser. Sid, der ihm beim Vertäuen des Flugboots half, sah die Zweifel des Lieutenants in dessen Gesicht wie in einem offenen Buch.

„Was ist los?“, fragte er.

„Ich weiß nicht, Sir, das Deck ist unter Wasser. Ich kann nicht erkennen, ob die Reling noch intakt ist oder ob wir uns an irgendwelchen vorkragenden Teilen den Bauch aufschlitzen“, sagte Chamberlain.

„Sie und Petty Officer Jackson bleiben hier in der Luke und beobachten das genau. Notfalls müssen wir eine feste Brücke ‘rüber legen. Ich gehe mit Captain Donovan auf die Spee“, erwiderte Sid.

Einige Minuten darauf wateten die Brüder über das knietief im Wasser liegende Deck des fast gerade auf dem Kiel liegenden Schiffes. Steve wies auf den Gefechtsmast.

„Meinst du die Schüssel da oben?“, fragte er. Sid sah in die Richtung, in die sein Bruder wies.

„Ja, das könnte sie sein. Fragt sich jetzt nur, wie man da hochkommt.“

„Klettern, Bruderherz“, grinste Steve. Er sah an dem Mast hoch, fand schließlich die Leiter, die in den Topp führte und stieg hinauf. Die vom Brand ausgeglühten Sprossen verbogen sich teilweise deutlich unter seinem Gewicht. Endlich erreichte er den Topp.

„Sieht aus, als könnte diese Gitterstruktur rotieren!“, rief er hinunter.

„Kannst du was abbauen?“

„Das Ding hat Schraubenmuttern. Wenn wir ‘nen passenden Schlüssel im Bordwerkzeug haben und du noch mithilfst, können wir’s ausbauen!“

Sid arbeitete sich zum Flugboot zurück, holte eine Tasche mit Schraubenschlüsseln und krabbelte damit ebenfalls auf den Gefechtsmast. Nach kurzer Suche hatten sie den richtigen Schlüssel gefunden und schraubten die Antenne ab. Mit einem Tampen angeschlagen* ließ Steve die Antenne zum Deck hinunter, während Sid die Leiter hinunterstieg und dabei darauf achtete, dass die Antenne nirgendwo gegenschlug. Schließlich hielt er die Antenne unten an der Leiter fest, vertäute sie mit dem überhängenden Tampen, und Steve folgte ihm.

„Ich habe mir die Kabelstruktur angesehen. Sehen wir im Funkraum nach, ob es dort ein anderes Ende gibt. Wenn wir da nichts finden, untersuchen wir den Feuerleitraum“, sagte er.

„Und wo sind diese Räume?“

„Komm mit.“

Es war trotz Steves Deutschkenntnissen nicht einfach, aus den Resten von Raumbezeichnungen den richtigen Raum zu finden, doch schließlich entdeckten sie den Funkraum. Steve und Sid untersuchten das, was von den Funkgeräten übriggeblieben war. Die Zerstörung hatte gut gewirkt. Lediglich an den eingestanzten Gerätebezeichnungen war noch zu erkennen, um was für Teile es sich handelte; ein Äquivalent zu der im Topp des Gefechtsmastes gefundenen Leitungsstruktur fanden sie jedoch nicht. Erst im Feuerleitraum fanden sie das entsprechende Kabel wieder. Es endete an einem völlig zerstörten Gerät, das Steve wiederum nur anhand der Stanzungen in einer Metallplatte als Funkmessgerät identifizieren konnte. Sid wühlte im Brandschutt und entdeckte eine halbe Oszillographenscheibe, die genau in das Loch an dem zerstörten Funkmessgerät passte.

„He, das Ding passt! Total verrußt. Müssen wir erst mal putzen.“

„Die Reste des Geräts nehmen wir auch mit. Mal sehen, ob man das rekonstruieren kann.“

Steve montierte das Gerät ab und schnitt das Kabel am Austritt aus der Wand ab. Vielleicht war die Kabelstruktur auch von Bedeutung. Mit ihrer Beute kehrten die beiden Offiziere an Bord des Flugbootes zurück.

Kapitel 5

Verpatzter Urlaub

Der Fund vom Rio de La Plata bedurfte gründlicher Untersuchung. Steve flog das Flugboot zunächst auf den Landflughafen von Montevideo zurück und nutzte die Gelegenheit, sich nochmals auszuschlafen, während Sid und Chamberlain dem amerikanischen Botschafter einen Besuch abstatteten. Als Sid zurückkam, hatte er neue Instruktionen eingeholt.

„Also, wir sollen nach Washington zurückfliegen und die Fundstücke ins Department of the Navy verfrachten. Dort sollen sie untersucht werden. Sofern wir in Washington ankommen, haben wir aber erst mal Urlaub.“

„Sollten wir dann nicht Jake gleich aus Pensacola mitnehmen? Spart den Umweg über Kuba, wenn wir nach Hawaii weiterfliegen“, schlug Steve vor.

„Schaffen wir’s von Belém nach Pensacola?“, erkundigte sich Sid.

„Nicht am Stück. Das sind über 2.900 nautische Meilen. Wir müssten sicher noch in Guantánamo ‘runter“, erwiderte Steve.

„Gute Idee. Ich frage gleich mal in Pensacola an, ob unser Küken noch dort ist. Vielleicht könnte Jake dich am Steuerhorn ablösen.“

„Kommst du auch schon auf die Idee?“

„Steve, für den Trip nach Montevideo wollte ich schon gern einen erfahrenen Flieger haben. Jake ist doch eher noch ein Jungadler, oder?“

„Ich weiß nicht, wie lange er schon Flugunterricht hat“, versetzte Steve.

Sid funkte nach Pensacola und konnte erfahren, dass Jake noch dort war – und dass er seine Flugprüfung noch vor sich hatte. Zudem hatte Jake noch keinen Urlaub eingereicht, weil die Prüfung unmittelbar nach Neujahr sein sollte. Er wollte erst nachkommen, wenn er mit der Prüfung fertig war.

„Schade, es wird nichts aus deiner Verstärkung. Jake ist noch nicht soweit“, seufzte Sid.

„Na gut, dann lass uns abfliegen. Weit genug ist’s ja.“

Mit Zwischenlandungen in Belém und Guantánamo erreichten sie Washington zwei Tage später. Sid beauftragte Chamberlain und Jackson, die geborgenen Teile ins Department zu bringen. Er selbst und Steve fuhren vom Washington Naval Yard zu einem Zwischenstopp in Sids Wohnung, wo der Ältere sich seinen Zivilkoffer packte. Danach ging die Tour gleich zum Flughafen Washington weiter, wo sie sehen wollten, ob sie eine Zivilmaschine nach Hawaii bekamen. Tatsächlich hatten die Brüder Glück und bekamen noch einen Flug, der via San Francisco nach Honolulu ging. Sie erreichten Hawaii gerade noch rechtzeitig, um Weihnachten mit ihrer Mutter zu feiern.

Das Elternhaus der Brüder Donovan auf Oahu lag in Sichtweite des Naval Yards Pearl Harbor. Von der Terrasse des Hauses konnte Sid direkt auf die Battle Ship Row an der Hauptpier von Pearl Harbor sehen, wo sein stahlgewordener Traum lag – das Schlachtschiff Arizona. Da lag sie nun wieder vor ihm – und er gehörte nicht zur Besatzung, weil er zum Navy-Department abkommandiert war. Sid seufzte. Dieses Schiff war – sah man von Mädchen ab – sein ein und alles. Er nahm sich vor, sofern er in Washington war, um Rückversetzung auf die Arizona nachzusuchen.

Nach Weihnachten hatten die Nachrichten von der Schlacht am La Plata auch das andere Ende der Welt, den Pazifik, erreicht, bereichert um die Tatsache, dass Kapitän Langsdorff sich am 20. Dezember 1939 in seinem Hotel in Buenos Aires erschossen hatte. Steve las die Pearl Harbor Gazette mit der entsprechenden Schlagzeile beim morgendlichen Teller Cornflakes mit Milch und schüttelte den Kopf. Er hatte Kapitän Langsdorff in Hamburg bei einem Empfang kennen gelernt. Langsdorff war nach Steves Überzeugung ein guter Seemann, sicher auch ein Soldat, der keine Fragen stellte, wenn man ihm einen Befehl gab. Aber dass es zum Selbstverständnis eines Kapitäns der deutschen Kriegsmarine gehören sollte, den Untergang seines Schiffes auch nicht durch Zufall zu überleben, wollte ihm nicht recht in den Kopf.

„Hast du das gelesen, Sid?“, fragte er, sah über den Rand der Zeitung zu seinem älteren Bruder, der ihm am Frühstückstisch gegenübersaß und wies auf die Schlagzeile auf der ersten Seite. Sid grinste.

„Klar. Im ganzen Hafen wird über nichts anders geredet als über das Feuerwerk vom La Plata. Ist zwar schon mehr als ‘ne Woche her, aber das stört keinen.“

„Mal ehrlich, Sid: Käme einer von euch Seetangschluckern auf die Idee, seinem Kahn mit Gewalt folgen zu wollen?“

„Also, mir täte es weh, wenn mir einer meine Arizona versenken würde. Aber so sehr liebe ich den Kasten nicht, dass ich mich gleich erschießen würde“, erwiderte Sid. Er hoffte, bald wieder seinen Posten als Artillerieoffizier auf seiner Arizona antreten zu können. In der Hierarchie stand Sid zwar noch relativ weit hinten, aber wenn der Captain der Arizona mal befördert würde und noch zwei oder drei andere Offiziere andere Posten annahmen, hatte er Chancen, selbst Captain des Schlachtschiffes zu werden.

Er saß in Khaki-Uniform am Tisch, während sein jüngerer Bruder das bunteste Hawaii-Hemd zu Shorts und Sandalen trug und auch noch auf Strümpfe verzichtet hatte. Sid hatte sich mit Captain Train verabredet, um die Modalitäten seiner Rückkehr auf die Arizona zu klären.

„Wer sollte dir deine Arizona versenken, mein Junge?“, fragte Stella Donovan, die eben mit Pancakes aus der Küche kam.

„Ach, keiner. Ging nur um die Frage, ob ein Kapitän den Untergang seines Schiffes überleben darf, Mom“, erklärte Sid.

„Aber du bist doch gar nicht der Kapitän der Arizona“, wunderte sich die Mutter. Wenn Stella Donovan ein Gespräch nicht vollständig mitgehört hatte, kam es vor, dass sie falsche Schlüsse zog. Die Söhne sahen sich verstehend an. Sid seufzte halblaut.

„Lass nur, Ma; ist auch nicht weiter interessant“, wehrte Sid ab. „Ich muss los. Bis heute Abend, Mom“, sagte er dann und stand auf.

„Du hast noch nicht gefrühstückt!“, erwiderte seine Mutter. „Nein, ich lasse meine Kinder nicht hungrig aus dem Haus.“

Sid sah demonstrativ auf die Armbanduhr.

„Mom, ich habe in zwanzig Minuten eine Besprechung in der Messe der Arizona. Der Captain hat seine Offiziere zu einem Arbeitsfrühstück eingeladen. Deshalb esse ich hier nichts.“

„Dann redest du wieder beim Essen, schluckst Luft und bekommst nur Schluckauf oder verdirbst dir den Magen“, versetzte Stella.

„Ach, komm, Ma, ich hab’ jetzt keine Zeit für Diskussionen. Wenn ich noch auf die Arizona zurückkommen will, kann ich es mir nicht leisten, zu spät zu kommen. Bye, Mom“, sagte Sid, nahm seine Mütze und verließ eilig das Haus, ohne auf die Rufe seiner Mutter zu achten.

Kopfschüttelnd kam sie wieder in die Küche, wo Steve hinter seiner Zeitung saß. Genau genommen versteckte er sich dahinter, damit seine Mutter sein fröhliches Grinsen nicht bemerkte.

„Dein Bruder ist richtig ungezogen, Steve!“, beschwerte sie sich. Steve konnte nicht mehr. Er lachte laut.

„Steve! Pfui! Du bist ungezogen, wenn du deine Mutter auslachst!“, schalt sie. Steve beruhigte sich mühsam.

„Ach, Mummy, du musst eine paar Ostersonntage verschlafen haben“, jauchzte er und wischte sich Lachtränen aus dem Gesicht. Seine Mutter sah ihn verwirrt an.

„Wie? Was meinst du jetzt wieder? Ihr sollt nicht immer in Rätseln sprechen. Ich mag das nicht.“

Steve sah seine Mutter mitleidig an, legte die Zeitung weg, stand auf und umarmte sie.

„Was ich meine ist folgendes, Mom: Wir schreiben das Jahr 1939, in ein paar Tagen ist es zu Ende. Sid ist, wie du dich erinnern wirst, Jahrgang 1909, folglich dreißig Jahre alt. Aber du behandelst ihn, als ginge er noch nicht mal zur Schule.“

„Ich muss mir doch von meinen Kindern nicht sagen lassen, wie ich sie zu behandeln habe!“, entfuhr es Stella.

„Ma, …“

„Nein! Schluss jetzt! Nimm diesen ungezogenen Bengel nicht auch noch in Schutz, auch wenn er älter ist als du. Und wer hat dir überhaupt erlaubt, aufzustehen, bevor du aufgegessen hast?“

Steve zuckte zurück. Der Appetit auf das Frühstück war ihm mit einem Schlag vergangen.

„Mom, deine Söhne – alle vier! – sind erwachsen! Begreif’ das endlich!“, versetzte er scharf.

„Solange ihr eure Füße unter meinen Tisch stellt, tut ihr, was ich euch sage! Das gilt auch für dich, wenn du hier zu Besuch bist. Mir gefällt es sowieso nicht, dass du in Groom Lake ganz allein bist. Du könntest in schlechte Gesellschaft geraten oder dir die Nächte mit liederlichen Frauenzimmern um die Ohren schlagen. Ich sag’s dir gleich: Ich habe dir das verboten und ich werde das nicht zulassen, Steve!“

Steve sah seine Mutter kopfschüttelnd an.

„Ma, hast du schlecht geträumt?“, fragte er.

„Wie kommst du jetzt darauf? Du willst doch nur das Thema wechseln! Du bist also ungehorsam gewesen! Aber das treibe ich dir schon aus!“, rief Stella empört und machte kehrt, ehe Steve sie zurückhalten konnte. Nur Augenblicke später kam sie mit einem Teppichklopfer zurück.

„Zieh dir die Hose aus!“, befahl sie. Steve sah sie erschrocken an.

„Mama!“, entfuhr es ihm. „Ja, spinnst du jetzt völlig?“

Stella schien ihn nicht zu hören, schnappte zu, um ihn übers Knie zu legen. Steve hatte genug von der Vorstellung und entwand seiner Mutter mit einem schnellen, ziemlich groben Griff den Teppichklopfer und schleuderte ihn aus der offen stehenden Terrassentür.

„So viel dazu!“, knurrte er. Plötzlich wurde seine Mutter kreidebleich und fasste sich an den Kopf.

„Oh, nein, nicht wieder!“, stöhnte sie.

„Ma, was ist jetzt wieder?“

„Schon wieder diese Kopfschmerzen! Hol’ mir doch bitte ein Aspirin, mein Junge.“

Steve fühlte sich geschickt, aber es war nicht der Moment, darüber zu diskutieren, ob seine Mutter sich das Aspirin selbst holen sollte. Sie war offensichtlich nicht in der Lage, es zu tun. Er setzte sie auf den nächsten Stuhl und ging ins Badezimmer, wo sich auch der Medizinschrank befand.

„Steve, sag’ deinem Vater, er soll den Doktor anrufen“, kam es aus der Küche hinterher. Steve atmete tief durch und nahm das Aspirin aus dem Schrank. Mit dem Röhrchen in der Hand kam er um die Ecke in die Küche zurück.

„Ma, muss ich dich daran erinnern, dass Pa seit fünf Jahren tot ist?“, sagte er. Seine Mutter sah ihn verstört an.

„Was? Ach, hör auf mit diesen bösen Scherzen!“, wehrte sie ab. „Daniel!“, rief sie dann. „Danny, ruf doch Dr. Kraemer an!“

Steve schüttelte seine Mutter einmal durch

„Mom! Paps ist tot und Dr. Kraemer praktiziert seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Außerdem lebst du auf Oahu/Hawaii und Dr. Kraemer war in Baltimore/Maryland. Was ist eigentlich los mit dir?“

Sie antwortete nicht.

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich im Hospital anrufe, ob jemand herkommen kann“, sagte er schließlich.

„Nein, du gehst nicht ans Telefon! Du bist noch zu klein dafür!“, widersprach Stella heftig. Steve schüttelte nur noch den Kopf, ließ seine Mutter in der Küche sitzen, ging ins Wohnzimmer und rief das Hospital an.

Etwa zehn Minuten später war eine Ambulanz zur Stelle.

„Wo ist die Kranke?“

„In der Küche. Meine Mutter hat sehr starke Kopfschmerzen und redet völligen Blödsinn“, erklärte Steve.

„Alkohol?“

„Nein“

Der Ambulanzarzt ging mit Steve in die Küche.

„Wer sind Sie denn? Danny, wer ist dieser Mensch?“, fragte Stella verstört.

„Ma, das ist Dr. Lowell von Militärhospital. Ich habe ihn wegen deiner Migräne gerufen“, stellte Steve den Arzt vor.

„Steve, du ungezogener Bengel! Du bist doch wieder am Telefon gewesen, obwohl Pa es dir ausdrücklich verboten hat! Warum enttäuschst du uns immer wieder?“, schnaufte seine Mutter gereizt.

„Du wolltest doch einen Arzt haben. Dr. Kraemer war nicht zu erreichen und da habe ich mit Pas Erlaubnis im Hospital angerufen“, schwindelte Steve.

Der Arzt sah ihn betroffen an.

„Später, Doc“, raunte Steve. Dr. Lowell nickte und untersuchte Stella Donovan.

„Haben Sie öfter Kopfschmerzen, Mrs. Donovan?“, fragte er dabei.

„Fast jeden Tag“, antwortete sie.

„Nehmen Sie Medikamente?“

„Meist ein Aspirin.“

„Hilft es?“

„Heute nicht. Gestern half es auch nicht. Ich habe aber nichts gesagt. Ich wollte nicht, dass mein Mann und die Kinder sich Sorgen machen. Sie sind noch so klein, wissen Sie?“, erklärte Stella. Dr. Lowell war zunächst verblüfft. Dann schaltete er.

„Ah, ja. Wie alt sind die Kinder denn?“, fragte er.

„Sid, mein ältester, ist jetzt sechs, Steven, der Racker neben Ihnen, der ist jetzt vier, Mark ist drei und Jake ist ein Jahr alt. Steve, wo sind deine kleinen Brüder überhaupt?“

„Sie sind mit Pa zu Tante Dorothy gefahren. Du weißt doch, Tante Dorothy wollte für Mark einen Matrosenanzug nähen. Er soll heute anprobieren“, log Steve.

„Ach ja, stimmt“, erinnerte sich Stella mit glasigen Augen.

„Sind Sie sicher, dass sie nichts getrunken hat?“, hakte der Arzt leise bei Steve nach.

„Absolut. Meine Mutter trinkt keinen Tropfen Alkohol“, erwiderte Steve ebenso leise. „Aber was hat sie?“

„Ich müsste sie genau untersuchen, am besten den Kopf röntgen“, sagte er zu Steve gewandt. „Es wäre besser, wenn wir Sie mit ins Krankenhaus nehmen, Mrs. Donovan“, sagte der Arzt dann zu Stella.

„Nein, Doktor. Ich kann doch nicht ins Krankenhaus! Wer kümmert sich dann um die Kinder?“

„Pa wird das schon machen. Zur Not kommt Tante Dorothy und hilft ihm“, beruhigte Steve. „Ich sag’s ihm, wenn er nach Haus kommt.“

„Ach, du bringst doch nur alles durcheinander. Du bist noch zu klein, um dir das zu merken“, wies Stella ihn zurecht.

„Nun, immerhin habe ich im Krankenhaus anrufen können“, grinste Steve.

„Ja, das hast du auch gut gemacht, mein Kleiner. Aber jetzt solltest du wieder in dein Zimmer gehen und spielen.“

„Kommen Sie, Mrs. Donovan. Ich möchte Sie genau untersuchen. Ich hinterlasse Ihrem Mann eine schriftliche Nachricht. Ist das in Ordnung?“, bot Dr. Lowell an.

„Na gut, aber Danny wird sich bestimmt Sorgen machen“, stimmte sie schließlich zu. Steve und Dr. Lowell atmeten auf. Die Sanitäter verluden die verwirrte Frau in den Krankenwagen und fuhren ab, nachdem Dr. Lowell Steve noch gesagt hatte, er werde wohl am Nachmittag die ersten Ergebnisse der Untersuchung haben.

Steve blieb zu Hause zurück und machte sich große Sorgen. Mittags kam Sid zum Lunch nach Hause.

„Hey, wo ist Mom?“, fragte er

„Im Krankenhaus“, erwiderte Steve.

„Oh, Gott! Was ist mit ihr?“

„Sie hat völligen Schwachsinn geredet und hatte plötzlich starke Kopfschmerzen. Sie hat erst nach Aspirin und dann nach Dr. Kraemer verlangt. Ich habe das Hospital angerufen und Dr. Lowell hat sie gleich mitgenommen. Heute Nachmittag will er schon was sagen können. Ich hab ‘n ganz blödes Gefühl.“

„Hirnschlag wie bei Tante Dorothy?“, mutmaßte Sid.

„Vielleicht. Aber die hatte keine Kopfschmerzen und hat keinen Blödsinn geredet“, erwiderte Steve.

„Komm, wir fahren ins Hospital“, entschied Sid.

Wenig später waren die Brüder im Naval Hospital bei Dr. Lowell, der sie gleich empfing.

„Gut, dass Sie da sind, Gentlemen. Hören Sie – Ihre Mutter ist nicht verrückt“, sagte der Arzt, als er sie in sein Ordinationszimmer gelotst hatte.

„Doc, das wissen wir, dafür kennen wir unsere Mutter zu gut. Hirnschlag?“, mutmaßte Sid wiederum.

„Nein, Lieutenant-Commander – Hirntumor“, erwiderte Dr. Lowell.

„Gott im Himmel!“, entfuhr es den Brüdern wie aus einem Mund.

„Und, Sirs, ich kann nichts mehr für ihre Mutter tun. Der Tumor ist schon zu groß um ihn zu operieren. Ihre Mutter würde bei der Operation sterben.“

Sid schluckte würgend.

„Wie lange … geben sie ihr noch, Doc?“, brachte er mühsam heraus.

„Ich gebe zu, das ist im Moment schwer zu sagen. Wie lange hat sie diese Ausfälle schon?“

„Wir waren beide lange nicht hier, weil wir in den Staaten stationiert sind, Sir. Wir sind erst zu Weihnachten angekommen. Sie hat heute Morgen erstmals gesagt, dass sie Kopfschmerzen hat. In den letzten Tagen hat sie nichts davon erwähnt“, erwiderte Steve.

„Noch nie vorher Kopfschmerzen oder ähnliches?“, erkundigte sich der Arzt.

„Hmm, sie sagte heute nicht schon wieder“, bemerkte Steve. „Ich würde daraus schließen, dass sie schon öfter Kopfschmerzen hatte. Aber genau weiß ich es nicht.“

„Ist Ihre Mutter regelmäßig bei einem der Kollegen hier auf Oahu in Behandlung?“

„Eher nicht“, gab Sid zurück. „Seit unser Vater vor fünf Jahren starb, hat sie nicht mehr das rechte Vertrauen zu Ärzten. Sie gibt den Ärzten die Schuld, dass unser Vater starb.“

„Woran ist Ihr Vater gestorben?“

„Herzschlag. ‘s hat ihn im Büro direkt vom Schreibtisch geschmissen. Es war eher seine eigene Dickköpfigkeit, die ihn umbrachte. Er war einfach nicht bereit, vorzeitig in Pension zu gehen, weil er sich beruflich für unersetzlich hielt. Aber Mom glaubt immer noch, dass die Ärzte hier ihn einfach falsch behandelt haben“, seufzte der Ältere.

„Gab es auch keinen Hinweis in ihren Briefen?“

„Na so, vor zwei Monaten erwähnte sie mal am Rande, dass sie hin und wieder Kopfweh hat, schob das aber auf das tropische Klima hier“, antwortete Steve.

„Wenn sie vor zwei Monaten noch von sporadischen Kopfschmerzen sprach und der Tumor jetzt bereits so groß ist, dass wir ihn nicht mehr evakuieren können, Gentlemen, dann … dann gebe ich ihr allenfalls noch einen weiteren Monat“, sagte Dr. Lowell langsam.

Sid und Steve wurden kreidebleich.

„Fröhliche Weihnachten!“, entfuhr es Steve. „Ich glaube wir sollten Mark und Jake sofort informieren.“

„Mark ist unproblematisch, der ist hier auf Oahu. Aber Jake … er steckt mitten in der Prüfung!“,

„Und er hängt als Küken besonders an Mom!“, erinnerte Steve.

„Was meinst du, welchen Sinn es hat, ihn aus der Prüfung zu rufen? Die Prüfung, die ihm viel bedeutet, zum Teufel gehen lassen, um seine sterbende Mutter zu besuchen, die ihn wahrscheinlich nicht mal erkennen wird?“, ereiferte sich Sid.

„Ich glaube meinen kleinen Bruder Jake so gut zu kennen, dass er uns beiden bis ans Lebensende böse wäre, wenn er nicht die Chance gehabt hat, sich von Mom wenigstens zu verabschieden – Prüfung hin oder her“, versetzte Steve.

„Wann soll die Prüfung sein?“, fragte der Arzt.

„Gleich nach Neujahr“, erwiderte Steve.

„Dann sollten Sie ihn erst die Prüfung ablegen lassen und ihn dann informieren.“

Die Brüder nickten ob des Vorschlags.

„Sagen Sie, Doc, hat es Sinn, dass wir sie besuchen?“, fragte Sid. Der Arzt schüttelte den Kopf.

„Ihre Mutter hat ein starkes Schmerzmittel bekommen, das sie auch schlafen lässt. Wir geben Ihnen Bescheid, wenn sie aufwacht.“

Steve und Sid fuhren mit einem merkwürdigen Gefühl in der Magengrube heim. Während Sid gleich zu Marks gegenwärtigem Einsatzort fuhr, blieb Steve in dem großen Haus in Honouliuli zurück. Er erwischte sich erst dabei, ziellos durch das Haus zu streifen, als er feststellte, dass er drei volle Stunden durch das Heim seiner Mutter gelaufen war, ohne sich auch nur ein einziges Mal hinzusetzen.

Später, als Sid mit Mark zurückkam, bemerkte Steve, dass es seinen Brüdern nicht besser ging als ihm selbst. Gerade wollte er sie auf ihr unruhiges Herumlaufen aufmerksam machen, als das Telefon klingelte. Sid kam gerade am Telefon vorbei und nahm ab.

„Hallo? Ja, Donovan am Apparat. Ja, danke, ich warte“, sagte er. Steve und Mark sahen ihn gespannt an. Sid hielt kurz die Sprechmuschel zu.

„Das Krankenhaus!“, sagte er, als er die neugierigen Blicke seiner Brüder bemerkte.

„Ja?“, meldete er sich dann. „Ja, Dr. Lowell. Ja, ich hab ‘s verstanden. Danke Doc. Ich bin überzeugt, Sie haben alles getan. Ja, danke, Doc“, stammelte Sid kreidebleich und legte langsam auf.

„Mom ist tot“, sagte er tonlos. „Sie … sie ist vor einer halben Stunde gestorben. Doc Lowell sagt …“

Er brach ab, als ihm die Stimme versagte. Die Brüder umarmten sich und weinten wie die kleinen Kinder, für die ihre Mutter sie am letzten Tag ihres Lebens gehalten hatte.

Reverend Gilbert, ein Militärgeistlicher, der schon mit Daniel Donovan befreundet gewesen war, war den Brüdern eine Stütze in ihrer Trauer und half, die Formalitäten zu erledigen. Reverend Gilbert übernahm es auch, Jake zu informieren, nachdem er seine Flugprüfung erfolgreich bestanden hatte. Wie Steve es erwartet hatte, reagierte Jake zornig, dass er keine Gelegenheit gehabt hatte, seine Mutter noch einmal lebend zu sehen. Gilbert konnte ihn aber davon überzeugen, dass wegen des kurzen Zeitraums zwischen der Diagnose und dem schnellen Tod seiner Mutter die Chance auch gar nicht bestanden hatte.

 

 

Kapitel 6

Forschungsauftrag

 

Obwohl die Donovans nach einem anstrengenden Jahr gut hätten Urlaub gebrauchen können, hatte doch keiner der Brüder im Moment Interesse daran. Alle drei brachen ihren Urlaub ab und kehrten auf ihre Stützpunkte zurück, Jake trat ihn im Schock über den plötzlichen Tod seiner Mutter gar nicht erst an. Sid hatte Washington gerade erreicht, als der Marineminister ihn beauftragte, das sichergestellte deutsche Gerät von der Graf Spee zu untersuchen und – soweit möglich – zu rekonstruieren.

Steve kehrte nach Groom Lake zurück, um sich auf das neue Trimester mit seinen Kadetten vorzubereiten. Im Juni stand ein Zwischendiplom an, für dessen Prüfungsdurchführung er noch einiges zu tun hatte. Doch kaum war er in der Akademie, als Colonel Worsley ihn zu sich bestellte.

„Captain Donovan zur Stelle, Sir.“

„Danke, Captain, nehmen Sie Platz.“

Steve bedankte sich und setzte sich dem Colonel gegenüber.

„Sie sind schon zurück? Sie hatten wegen der Unterbrechung doch Urlaub bis Ende Januar!“, wunderte sich Worsley. Steve nickte.

„Ja … ich habe … den Urlaub … abgebrochen, Sir.“

„Und weshalb?“

„Meine Mutter ist plötzlich verstorben.“

„Mein Beileid, Captain.“

„Danke, Sir“, erwiderte Steve mit unüberhörbarem Seufzen.

„Andere lassen sich gerade dann beurlauben. Es sind doch bestimmt noch einige Formalitäten zu erledigen, oder?“, erkundigte sich der Colonel.

„Nein, Sir. Ein Freund meines Vaters hat mir und meinen Brüdern dabei geholfen und uns auch geistlichen Beistand gegeben. Die Beerdigung hat bereits stattgefunden. Wir würden jetzt nur grübeln, da bin ich mir mit meinen Brüdern einig. Arbeit kann ein Mittel sein, um die Trauer zu verarbeiten, Sir. Deshalb haben wir alle drei den Urlaub abgebrochen. Jake ist gar nicht erst in Urlaub gegangen“, sagte Steve leise. Ihm war anzusehen, dass ihn der plötzliche Tod seiner Mutter mitgenommen hatte. Es war kaum fünf Jahre her, dass sein Vater ebenfalls völlig unerwartet gestorben war. Worsley nickte verständnisvoll. Eine Weile sprachen sie noch über die näheren Umstände und den Verlust, den Stella Donovans Tod für ihre Söhne bedeutete.

„Wie war’s in Montevideo?“, fragte Worsley dann, um Steve wieder auf andere Gedanken zu bringen.

„Interessant, Sir. Lieutenant-Commander Donovan ist dabei, die geborgenen Gerätereste zu untersuchen“, erwiderte Steve, wobei Worsley den Eindruck hatte, dass Steve geistig noch nicht ganz in Groom Lake angekommen war.

„Was für Gerätereste?“, fragte er.

„Wir haben eine rotierende Antenne und den dazugehörigen Geräterest von der Graf Spee demontiert. Er untersucht es jetzt im Department of the Navy.“

„Ist jemand von der Army dabei?“

„Nicht, dass ich wüsste, Sir.“

„Captain, ich denke, wir von der Army sollten dranbleiben, zumal wir schon direkt am Transport beteiligt waren. Die Rivalität zwischen Army und Navy ist groß genug, dass uns die Navy nicht von sich aus über die Ergebnisse informieren wird. Ich möchte, dass Sie nach Washington reisen und sich an diesen Untersuchungen beteiligen“, sagte Worsley.

„Ja, Sir. Aber was ist mit meinen Kadetten?“, fragte Steve.

„Lieutenant D’Amato hat sich zwischenzeitlich erholt und ist wieder dienstfähig. Er wird die Klasse wieder übernehmen“, entschied Worsley.

„Ja, Sir. Soll ich ihn noch in den Stand der Ausbildung einweisen?“

„Ja. Instruieren Sie ihn noch heute. Morgen fliegen Sie nach Washington.“

Steve packte also wieder seine Sachen, nachdem er Lieutenant D’Amato über den Sachstand der Ausbildung informiert hatte und war zwei Tage später wieder in Washington. Colonel Worsley hatte über das Kriegsministerium die Untersuchungsbeteiligung von Captain Donovan angekündigt. Noch am Nachmittag nahm Steve seine Tätigkeit in der Untersuchungsgruppe auf, die sein Bruder Sid leitete. Der Ältere gab ihm auch einen Einblick in die bisherigen Ergebnisse.

„Wir haben die traurigen Reste sauber gemacht. Chamberlain versucht, den Schaltplan zu rekonstruieren. Die halbe Oszillographenscheibe haben wir geputzt, aber obwohl die Scheibe passt, scheinen mir die Skalen nicht dazu zu passen“, erklärte er.

„Sonst noch was gefunden?“, erkundigte sich Steve.

„Nein, mehr konnten wir in den paar Tagen noch nicht herausfinden.“

„Schön. Wo soll ich eingesetzt werden?“

„Du könntest dich an die Übersetzung der deutschen Bezeichnungen machen. Das würde uns schon helfen.“

Steve übersetzte die deutschen Gerätebezeichnungen und transferierte die metrischen Maße in das angelsächsische Maßsystem, das auch in den USA üblich war. Dann nahm er sich die Oszillographenscheibe vor und vervollständigte sie zunächst als technische Zeichnung.

„Sid!“, rief er drei Tage später nach seinem Bruder.

„Was gibt’s?“

„Hier, sieh dir das mal an. Das ist die vervollständigte Scheibe als Zeichnung.“

Sid begutachtete die Zeichnung.

„Glaubst du wirklich, dass das die passenden Skalen sind?“

„Jetzt sag’ mir bitte, warum du das bezweifelst!“

„Die Skala lässt auf ein 50-cm-Radar schließen. Die Antenne spricht für eine Wellenlänge von 57 oder 114 cm. Bisher waren wir alle der Ansicht, dass die Krauts noch nicht so weit sein können“, erklärte Sid.

„Ihr unterschätzt die Deutschen immer noch. Es gibt ‘ne Menge helle Köpfe in Deutschland. Ihre Wissenschaftler leben jedenfalls nicht hinterm Mond, falls du das annehmen solltest. Wenn die Antenne eine Wellenlänge im 57-cm-Band zulässt und die Skala dieser Scheibe ebenfalls dafür spricht, können wir wohl zunächst von der Annahme ausgehen, dass es das auch ist. Und da es im Feuerleitstand war, rate mal, wozu es gut war?“

„Ein Feuerleitradar?“

„Genau das: Ein Radar, das dem Feuerleitoffizier die Entfernung des Gegners anzeigt. Je kürzer die Wellenlänge, desto genauer die Abtastung des erfassten Objektes – hast du mir mal beigebracht. Was haben wir über die Energieversorgung herausgefunden?“

„Das Kabel war sehr interessant. Petty Officer Jackson hat das untersucht. Jackson! Kommen Sie mal!“, rief Sid.

Der Petty Officer kam eilig zu den beiden Offizieren.

„Melde mich zur Stelle, Sir!“, meldete er samt militärischem Gruß.

„Wie weit sind Sie mit dem Kabel, Mr. Jackson?“, fragte Sid.

„Ich habe festgestellt, dass es vom Aufbau her mit einem normalen Starkstromkabel identisch ist. Das spricht für viel Strom, der fließt. Der Energiebedarf scheint mir für ein Gerät dieser Größe recht groß zu sein“, berichtete Jackson.

„Wie viel Saft zieht das Ding?“, fragte Steve.

„Ich weiß es noch nicht genau, Sir. Es kann sein, dass die Krauts das Kabel so ausgelegt haben, um Überspannungen bei Blitzeinschlägen zu vermeiden. Immerhin befand sich die Antenne bei den höchsten Punkten am Schiff, wie mir Lieutenant-Commander Donovan sagte, Sir. Genau werden wir das wissen, wenn Lieutenant Chamberlain den Schaltplan fertig rekonstruiert hat, Sir.“

Alle drei gingen zu Chamberlain weiter, der aus Löchern, gebrochenen Lötstellen und verbogenen Drähten, verkohlten Widerständen und Kondensatoren den Schaltplan zu enträtseln suchte.

„Wie sieht’s aus?“, fragte Sid. Chamberlain sah ihn mit einem Anflug von Verzweiflung an.

„Die Krauts waren gründlich, Sir“, seufzte er. „Sieht aus, als hätte erst einer mit der Axt in die Platine gedroschen und dann noch ‘n paar Silvesterknaller drin verteilt, bevor sie den ganzen Kahn gesprengt haben. Ich weiß nicht, ob wir das in den nächsten drei Jahren enträtselt bekommen, solche Gramuselchen haben die hinterlassen.“

Es war schwierig, die Schaltung und die genaue Gestaltung der Braun’schen Röhre zu erkennen, doch fünf Monate später hatten sie das Unmögliche geschafft. In der abendlichen Teamsitzung fasste Sid die bisherigen Ergebnisse zusammen. Sie hatten die Oszillographenscheibe, die Entladungsröhre und das Gehäuse fertig rekonstruiert. Der Nachbau des deutschen Feuerleitradars war – äußerlich – fertig. Jetzt kam die Testphase.

„Sir, was für ‘ne Sicherung hat der Stromkreis hier eigentlich?“, fragte Jackson, als er den Stecker des Stromkabels in die Steckdose schob.

„Normal, würde ich annehmen“, erwiderte Sid und drückte fast gleichzeitig auf den Einschaltknopf – mit dem Ergebnis, dass sie plötzlich im Dunkeln saßen.

„Äh, Sir, was ist normal?“, fragte Jackson in die Dunkelheit des späten Maiabends hinein.

„So zehn Ampere, meine ich“, präzisierte Sid.

„Sir, ich glaube, Sie darauf hingewiesen zu haben, dass das Gerät eine Leistung von drei bis acht Kilowatt hat. Bedeutet, wir brauchen eine Absicherung von mindestens dreizehn bis vierzig Ampere, wenn wir es allein betreiben, fünfundvierzig Ampere, wenn wir außer dem Ding noch andere Stromverbraucher benutzen wollen“, erklärte Jackson. Wegen der immer noch herrschenden Dunkelheit war der Gesichtsausdruck des Petty Officer nicht zu erkennen, aber Steve glaubte, das Grinsen geradezu hören zu können. Jackson war im Hauptberuf Maschinist und kannte sich mit dem notwendigen Verhältnis von Leistung zu Strom und Spannung aus.

Eine Taschenlampe leuchtete auf, die Chamberlain in der Dunkelheit endlich ertastet hatte.

„Wo ist der Sicherungskasten?“, fragte der Lieutenant.

„Muss draußen auf dem Flur sein“, knurrte Sid. Einige Minuten später hatte Jackson die Sicherung ersetzt, sie hatten wieder Licht. Sid seufzte und atmete gleichzeitig auf.

„Schöne Sauerei!“, fluchte er. „Jetzt können wir das Miststück nicht mal richtig laufen lassen, ohne den halben Block vom Stromnetz zu rupfen!“

„Der Kasten zieht richtig Saft“, konstatierte Steve. „Heißt im Klartext: Wo immer das eingebaut wird, muss ‘n guter Generator sein, der von einer ziemlich kräftigen Maschine angetrieben wird. Also vorläufig nichts für Flugzeuge. Aber für die Navy ziemlich interessant, findet ihr nicht?“

„Bevor ich zu dieser Einschätzung komme, möchte ich das in der Realität sehen, Captain“, versetzte Sid säuerlich.

„Schön. Wir brauchen also ein Schiff mit einer richtig guten Maschine, um das gute Stück hier wieder in Aktion zu setzen“, konkretisierte Steve seinen Vorschlag. Die drei Navy-Soldaten nickten nur zustimmend.

Am folgenden Tag meldete Sid die Ergebnisse Marineminister Edison.

„In Norfolk befindet sich ein Kutter* der Coast Guard, der in den nächsten Tagen in Dienst gestellt werden soll. Das Schiff liegt noch am Ausrüstungskai und macht seine Probefahrten. Ich veranlasse, dass das Radar unter höchster Geheimhaltungsstufe an Bord getestet wird“, sagte der Minister, nachdem er Sids Bericht gehört hatte.

„Danke, Mr. Secretary. Soll ich mit der Werft Kontakt aufnehmen?“

„Nein, Commander, das mache ich in diesem Fall selbst.“

Vier Tage später bauten die vier Männer das Radar provisorisch in den Coast-Guard-Kutter ein. Der Kutter verließ – nur mit einer unbedingt erforderlichen Rumpfmannschaft der Navy und den vier Spezialisten besetzt – den Hafen von Norfolk und fuhr hinaus auf See. Newport News, Chesapeake und Portsmouth waren Häfen, in denen ein gewisser Handelsverkehr abgewickelt wurde, die aber auch Fischerboote beherbergten. Norfolk als einer der wichtigsten Navy-Häfen wurde von einer Vielzahl von großen und kleinen Kriegsschiffen angelaufen. Der Kutter bezog eine Position von sechs Seemeilen vor der Küste, außerhalb der unmittelbaren Sicht der markierten Schifffahrtsstraße. Gespannt sahen Sid und seine Mitarbeiter auf die Oszillographenscheibe. Der grüne Abtaststrahl glitt um die Scheibe. Einige helle Punkte erschienen – in einer Entfernung von fast fünfundzwanzig Seemeilen, wie die Maßeinteilung ergab.

„Bei Gott, so klar abgezeichnet habe ich noch keine Radarechos gesehen!“, entfuhr es Steve, der nur die schwachen Echos der Geräte der Flugsicherung kannte – und die arbeiteten mit Wellenlängen von 6 und 7 Yards. Gescannte Objekte erschienen dabei als unterschiedlich lange Parabeln. Das 57-cm-Radar der deutschen Konstruktion löste wesentlich besser auf, zeigte die Echos wesentlich klarer und exakt an dem Ort, an dem sie waren.

„Ich glaube, wir sollten dem Minister empfehlen, die Dinger in unsere Schiffe einbauen zu lassen“, murmelte Sid. „Oh, Mann, was für ein Zuwachs an Aufklärung!“

Er zwinkerte seinem Bruder zu.

„Und das alles ohne Lufthüpfer!“, kicherte er. Steve wollte im ersten Impuls protestieren, bemerkte aber schnell, dass Sid ihn scherzhaft provozieren wollte.

„Warte nur, bis man den Kram auch in Flieger einbauen kann. Dann Gnade euch Seetangschluckern! Damit sehen wir euch aus der Luft ja einmal um den Erdball ‘rum“, erwiderte er, ebenfalls grinsend.

„Gut“, sagte Sid, „unsere Aufgabe ist soweit erst einmal erfüllt. Jetzt müssen wir’s nur noch den Tommys stecken, ohne dass die Krauts es spitzkriegen, dass wir John Bull* helfen. Wie stellen wir das bloß an?“

Am darauf folgenden Tag erstattete Sid Marineminister Edison Bericht.

„Jetzt muss die Information nur noch zu den Briten. Ich weiß aber nicht, wie wir das am Unauffälligsten hinkriegen, Sir“, schloss Sid den Bericht. „Sir, wäre es vielleicht angeraten, den britischen Botschafter zu informieren? Vielleicht könnte der uns einen Rat geben, auf welche Weise die Regierung Seiner Majestät möglichst unauffällig Kenntnis von unseren Ergebnissen erlangt.“

„Danke, für den Vorschlag, Commander. Ich bitte den britischen Botschafter zum Gespräch. Halten Sie und Ihre Truppe sich bitte zur Verfügung“, erklärte Edison.

Einige Tage später bekam Sid einen Anruf aus dem Vorzimmer des Ministers, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er und Captain Donovan sich bitte sofort im Büro des Ministers einfinden sollten. Sid und Steve eilten zum Marineminister und meldeten sich zur Stelle. Außer dem Marineminister Edison waren auch Kriegsminister Woodring und der britische Botschafter anwesend. Der Marineminister stellte die Gesprächsteilnehmer vor und sagte dann:

„Herr Botschafter, Lieutenant-Commander Donovan von der Navy und Captain Donovan vom Army Air Corps haben interessante Neuigkeiten für Ihre Regierung. Ihre Regierung hatte um eine Untersuchung der Graf Spee gebeten, die diese beiden Offiziere mit ihren Mitarbeitern gemacht haben. Wir möchten die Geheimhaltung unter allen Umständen wahren, insbesondere, dass die Vereinigten Staaten einem Kriegsbeteiligten irgendwelche Unterstützung geben – schließlich sind wir neutral.“

„Mr. Secretary, Sie wissen, dass Großbritannien jede Unterstützung annimmt, die es bekommen kann. Meine Regierung hat Sie nicht umsonst um Hilfe gebeten“, erwiderte der Botschafter

„Gewiss, dem haben wir auch – unter dem Tisch – gern entsprochen, Herr Botschafter. Könnte eine Beteiligung der Vereinigten Staaten ausgeschlossen werden, wenn wir Ihnen die Ergebnisse, die die Forschungsgruppe um Lieutenant-Commander Donovan erarbeitet hat, einfach als Geheimdokument aushändigen?“

„Nun, Sir, wir würden es den Deutschen sicher nicht per Post mitteilen, dass unsere Cousins jenseits des großen Teiches Geheiminformationen für das Vereinigte Königreich sammeln und trotzdem behaupten, neutral zu sein. Aber Ihr Land ist frei. Auch deutsche Staatsbürger können sich hier frei bewegen, niemand verbietet es ihnen, zu fotografieren oder Zeitung zu lesen. Ich habe die Berichte Ihrer Zeitungen über die Seeschlacht am La Plata und die Selbstversenkung der Admiral Graf Spee gelesen. Auch von seltsamen Antennen war dort die Rede. Wenn die Deutschen nicht völlig auf den Kopf gefallen sind, haben sie ihre Spione hier in den Vereinigten Staaten und werden sich mit Ihrem Wissen – jedenfalls dem veröffentlichten Wissen – bereits vollgesogen haben. Wenn nun Geheiminformationen in Großbritannien auftauchen, die ihren Ursprung hier in den USA zu haben scheinen, könnte das mindestens nachteilig für die Neutralität der USA sein“, gab der Botschafter zu bedenken.

„Könnte Ihnen doch nur recht sein, oder, Exzellenz?“, bemerkte Steve.

„Wie gesagt, Captain, dem Vereinigten Königreich ist gegen Hitler-Deutschland jede Unterstützung willkommen. Es gibt sogar schon einige Amerikaner, die sich freiwillig für den Dienst in der Royal Air Force entschieden haben und uns helfen, den chronischen Pilotenmangel zu beheben, unter dem die Royal Air Force leidet. Wir verlieren mehr Piloten – vor allem gute – als wir ersetzen können. Und die Deutschen setzen uns schwer zu. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht London oder eine der südenglischen Städte angegriffen werden.“

„Flächenbombardierungen?“, hakte Steve nach.

„Ja, auch das. Im Moment versuchen sie es noch mit Zielbombardements auf militärische Ziele, aber viele Militäreinrichtungen bei uns befinden sich mitten in Städten. Da bleibt es nicht aus, dass auch andere Häuser getroffen werden. Vorsatz will ich der Luftwaffe noch nicht unterstellen“, erwiderte der Brite mit dem typisch britischen Hang zur Fairness. „Aber ob ein Haus absichtlich oder unabsichtlich beschädigt oder zerstört wird – der Effekt für die Bewohner bleibt gleich“, setzte er hinzu.

„Was tut Großbritannien gegen diese Angriffe?“, fragte Steve weiter.

„Das Fighter Command gibt sich die größte Mühe, die Bomberverbände rechtzeitig abzufangen, das Bomber Command versucht entsprechende Antworten in Deutschland zu geben. Wir attackieren militärische Einrichtungen, soweit unsere Maschinen kommen.“

„Auch Flächenbombardements?“

„Die Meinungen dazu sind noch gemischt. Aber wenn die Deutschen alte Stadtkerne angreifen, wenn sie sich an Objekten vergreifen sollten, die zum Königshaus gehören, absichtlich zivile Ziele bombardieren, dann weiß ich nicht, wie lange das Luftfahrtministerium noch stillhalten wird. Es gibt mindestens einen höheren Air-Force-Kommandeur mit Namen Harris, der lieber heute als morgen deutsche Städte ausradieren würde, um den Verlust britischer Wohnungen – und nicht zuletzt Menschenleben – zu rächen.“

„Also ein Verfechter der Douhet-Theorie!“, konstatierte Steve.

„Ich bin kein Soldat, Captain und kenne mich mit den Fachbegriffen nicht so aus. Wie immer man diese Theorie nennen mag, vielleicht ist es das.“

„Und der jetzige Chef des Bomber Command teilt diese Auffassung nicht?“, hakte Steve nach. Der Botschafter zuckte mit den Schultern.

„Ich bin darüber nicht genau informiert. Tatsache ist aber, dass bisher keine Flächenbombardements angeordnet wurden“, erklärte er schließlich.

„Wäre es denkbar, dass sie unterbleiben würden, wenn es dem Fighter Command gelänge, die Deutschen von weiteren Zerstörungen in England abzuhalten?“, fragte Steve.

„Ich weiß nicht, ob die Deutschen die Zerstörung um der Zerstörung willen wollen. Unsere Militärs gehen eher davon aus, dass die Luftangriffe gegen England eine Invasion vorbereiten sollen. Sehen Sie sich die Landkarte an, Captain: Polen ist in achtzehn Tagen überrannt worden; Dänemark hat sich kampflos ergeben; die Norweger sind zwar bockiger, aber genau genommen sieht es mit ihnen nicht viel anders aus. Die Finnen sind zwar keine unmittelbaren Verbündeten Deutschlands, aber der Hang zu ihnen ist unverkennbar, wenn Sie sich nur die Uniformen anschauen; Belgien, Luxemburg und Niederlande? Überrannt. Frankreich? Alle Welt fragt sich, wie lange die Franzosen den Nazis noch widerstehen können. Die Deutschen haben die Panzer entdeckt – und sie gehen damit um, als hätten sie die Dinger selbst erfunden. Eine Panzerarmee unter einem General Rommel galoppiert durch Frankreich wie einst Blüchers Husaren. In Afrika setzen uns die Italiener zu. Das faschistische Italien ist Bündnispartner der Nazis. Könnte sein, dass wir da auch bald Krauts vor der Tür haben. Nur auf urenglisches Gebiet haben sie ihre bestiefelten Füße noch nicht gesetzt. Bisher waren die Royal Navy und die Royal Air Force dazwischen. Aber wie lange noch?“

„Sie brauchen also Piloten …“, sinnierte Steve. Der Botschafter nickte eifrig.

„Mr. Secretary Woodring, ich bin Jagdflieger und ich habe an diesem Projekt mitgearbeitet. Vielleicht können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn ich mich zu den amerikanischen Freiwilligen geselle und der britischen Regierung als so ein Freiwilliger die Informationen weitergebe“, wandte Steve sich an den Kriegsminister.

„Wie wollen Sie als Kriegsfreiwilliger an die entsprechenden Stellen herankommen, Captain? Sie werden alle Hände voll zu tun haben, zu fliegen, um den Briten die Krauts vom Leib zu halten!“, wehrte der Kriegsminister ab.

„Nun, Mr. Secretary, es gibt bei uns eine interessante Einrichtung, die gerade diesem Personenkreis hilft, ihre Vorstellungen bei der Regierung, genauer, den Wissenschaftlern anzubringen, die Militärtechnik entwickeln. Dr. Jones, einer unserer führenden Militärwissenschaftler, hat die so genannten Sonntagsgespräche eingeführt, bei denen Soldaten und Wissenschaftler zusammenkommen und über die Erfordernisse des Krieges sprechen. Genau das wäre der passende Rahmen, um Ihre Erkenntnisse weiterzugeben“, bemerkte der britische Botschafter.

„Wollen Sie das wirklich machen, Captain?“, hakte Woodring nach.

„Nun, Lieutenant-Commander Donovan ist ab dem 1. Juli wieder auf der Arizona im Pazifik – und sein Captain wird ihn nicht gleich wieder gehen lassen. Wichtiger aber ist: Er kann als Marineartilleriespezialist für England im Moment wenig tun, weil er kein Pilot ist. Keiner aus der gesamten Forschungsgruppe außer mir kann fliegen. Ich bin Pilot – und auch noch in der richtigen Richtung. Außerdem kann ich Bomber nicht ausstehen.“

„Wie angebunden sind die amerikanischen Freiwilligen eigentlich in Großbritannien?“, fragte Woodring den Botschafter.

„Wie meinen Sie das, Sir?“

„Nun, es könnte doch sein, dass Amerika sich nicht auf Dauer aus dem Krieg heraushalten kann, so sehr mir das persönlich auch gegen den Strich ginge. Wie schnell können die jetzt für England kämpfenden Amerikaner wieder hier sein?“

„Sobald sie von ihren Einheiten in den Staaten angefordert werden, sind sie freizugeben, so lautet die Anweisung meiner Regierung an die Royal Air Force.“

„Captain, wenn Sie wollen, gehen Sie nach England und berichten Sie in der Tarnung eines Freiwilligen. Aber seien Sie bitte vorsichtig. Wir werden Sie noch brauchen“, sagte Woodring, nachdem er einen Moment nachgedacht hatte.

Kapitel 7

Fremde Vettern

Steve erhielt schneller als jeder andere amerikanische Jagdflieger die Mitteilung, dass er in die Eagle Squadron aufgenommen wurde. Die meisten Freiwilligen warteten darauf mehrere Monate. Im letzten Junidrittel 1940 hatte er den offiziellen Antrag gestellt, in der ersten Juliwoche trug er bereits die Uniform der Royal Air Force, versehen mit dem Schulterabzeichen der Eagle Squadron. Sein Dienstgrad wurde in die britische Variante übertragen und lautete nun Flight Lieutenant. Und schon zwei Wochen, nachdem er englischen Boden betreten hatte, hatte er auch schon eine Einladung zu einem der vom Botschafter angesprochenen Sonntagsgespräche.

„Gentlemen, ich möchte Ihnen heute Captain Steve Donovan vom US Army Air Corps vorstellen. Als Flight Lieutenant Donovan ist er Freiwilliger bei der Eagle Squadron der Royal Air Force. Er hat interessante Neuigkeiten für uns mitgebracht. Bitte, Flight Lieutenant“, stellte Dr. Jones Steve bei den britischen Offizieren und Wissenschaftlern vor, die sich bei Dr. Jones zum Sonntagsgespräch getroffen hatten. Dr. Jones war einer der führenden Militärwissenschaftler Englands, der keinen Sinn darin sah, dass die Wissenschaft an den Bedürfnissen der Militärs vorbeiforschte. Um eben dies zu vermeiden, hatte Dr. Reginald Victor Jones diese Sonntagsgespräche ins Leben gerufen, die zwanglose Diskussionsrunden waren, bei denen jeder seine Meinung kundtun durfte. Bei diesen Gesprächen trafen die Theoretiker, also die Wissenschaftler, die Praktiker, also die Militärs, die mit den Entwicklungen der Theoretiker arbeiten sollten, mussten und wollten.

„Danke, Dr. Jones“, sagte Steve. „Gentlemen, ich bin im Auftrag des Departments of the Navy im letzten Dezember nach Montevideo gereist, wo der deutsche Panzerkreuzer Admiral Graf Spee nach einem Gefecht mit Seestreitkräften der Royal Navy in der Mündung des Rio de la Plata gesunken ist. Den Gefechtsverlauf kennen Sie, er ist für diese Runde nicht weiter von Belang.“

Er gab Dr. Jones ein Zeichen, der die Verdunkelung zuzog und das Licht löschte. Donovan hatte inzwischen einen Diaprojektor eingeschaltet. Das erste Dia wurde auf der weißen Wand des Raumes sichtbar. Es zeigte das Wrack der Admiral Graf Spee.

„Unser Interesse galt besonders einigen Antennen, die sich auf den Aufbauten des Kreuzers befanden und auch nach der Selbstversenkung erhalten geblieben sind. Wir haben sie von einem Wasserflugzeug aus in allen Blickwinkeln fotografiert. Mein Bruder und ich sind zudem an Bord gegangen und haben die Versorgungsleitungen dieser Antennen näher untersucht. Der Brand nach der Sprengung hat zwar einen Großteil der Leitungen auf der Admiral Graf Spee zum Schmelzen gebracht, aber wir konnten die Leitung dieser Antenne hier“, er wies mit einem Zeigestock auf ein rundes, schüsselartiges Gebilde an einem der geknickten Masten, „bis zu einem Raum verfolgen, den wir anhand der eingestanzten Gerätebezeichnungen als Feuerleitraum identifizieren konnten. Das eigentliche Funkmessgerät war zwar unbrauchbar, aber nach den erkennbaren Skalen und der Dimensionierung der Antenne handelt es sich um ein Gerät, das im Fünfzig-Zentimeter-Bereich arbeitet“, erläuterte Steve das Dia. Ein verblüfftes Raunen ging durch die Teilnehmer der Sonntagsrunde.

„Mr. Donovan, sind Sie absolut sicher?“, hakte Group Captain Henderson von der Royal Air Force nach.

„Nun, Sir, ich gestehe ein, der eigentliche Experte auf dem Gebiet der Funkmesstechnik ist mein Bruder, Lieutenant-Commander Sidney Donovan. Leider hat der Captain des Schlachtschiffes Arizona seinen Artillerieoffizier als unabkömmlich betrachtet, sonst hätte Lieutenant-Commander Donovan Ihnen diesen Vortrag gehalten. Mein Bruder ist von seinen Ergebnissen allerdings überzeugt. Wir haben diese Antenne und den Geräterest einschließlich eines Kabelrestes demontiert und im Auftrag des Marineministeriums im dortigen Funkmesslabor nachgebaut. Nachdem wir die richtige Energieversorgung dafür gefunden hatten, konnten wir es auch praktisch testen. Leider ist das Gerät sehr unhandlich. So kann ich Ihnen nur den von uns rekonstruierten Schaltplan für Gerät und Antenne übergeben und Ihnen dieses Teil zeigen. Es handelt sich um die originale Oszillographenscheibe des fraglichen Gerätes. Doktor, wenn Sie so freundlich wären, Licht zu machen?“

Dr. Jones ließ die Vorhänge aufziehen. Steve nahm aus seiner Aktentasche ein sorgsam verschnürtes Päckchen heraus, öffnete es und gab Group Captain Henderson die allen Reinigungsversuchen zum Trotz noch immer noch vom Brand verschmutzte, aber ablesbare halbe Oszillographenscheibe des deutschen Funkmessgerätes. Der drehte sie verständnislos in den Fingern.

„Und?“, fragte er schulterzuckend. Steve lächelte nachsichtig, nahm dem Group Captain das Stück wieder ab und reichte es Dr. Jones.

„Dr. Jones, wenn Sie das vielleicht selbst in Augenschein nehmen würden?“

Jones nahm es Donovan vorsichtig ab, als handle es sich um eine exotische Kostbarkeit, die in seinen Fingern zerbrechen könnte. Er besah sich die halbe Oszillographenscheibe eingehend, beleuchtete sie mit einer Taschenlampe von hinten.

„Tatsächlich! Wellenlängen im Fünfzig-Zentimeter-Bereich!“, stieß der Professor hervor.

„Schön“, grunzte Henderson ungnädig. „Hat unser Agent vom MI 6 auch gesagt, als er die Antenne und den Feuerleitraum der Admiral Graf Spee nach der Schlacht besichtigt hat. Und wer sagt, dass dieses Gerät auch funktioniert hat?“

Dr. Jones sah den Group Captain mitleidig an.

„Mr. Henderson, ich weiß, dass Sie sechs Fuß personifizierte Zweifel sind“, spöttelte er. „Aber wenn wir eines von den Deutschen wissen, dann das, dass sie keinen funktionsuntüchtigen Schrott in den knapp bemessenen Raum ihrer Schiffe und Flugzeuge einbauen – und auch keine unausgereiften experimentellen Geräte“, versetzte er dann. „Mr. Donovan, Sie sagten, Ihr Problem sei die Energieversorgung gewesen. Können Sie das präzisieren?“

„Nun, Sir, die Admiral Graf Spee hatte große Maschinen, die auch den elektrischen Strom für die Funkeinrichtungen lieferten. Bei unseren Experimenten im Funklabor hatten wir nur eine ziemlich gewöhnliche elektrische Hausanlage und durften feststellen, dass eine Zehn-Ampere-Absicherung ein bisschen schwach ist. Das Ding zieht richtig Saft. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt drängt sich eine Verwendung im Flugzeug nicht gerade auf, Sir“, erwiderte Steve.

„Aber an Bord eines Schiffes mit leistungsstarken Maschinen ist diese Technologie anwendbar?“, hakte Jones nach.

„Die Admiral Graf Spee beweist es, Sir“, erwiderte Donovan zurückhaltend. Hendersons Bemerkung über den MI-6-Agenten hatte ihn bewogen, den Briten nicht die volle Wahrheit zu erzählen – dass er und seine Mannschaft das Radargerät sehr wohl an Bord eines Coast-Guard-Kutters getestet hatten. Sollten die Tommys doch selbst ein bisschen forschen, statt sich die fertigen Ergebnisse von den Amerikanern liefern zu lassen. Im Moment war Steve richtiggehend ärgerlich, dass die Briten ausdrücklich um amerikanische Hilfe gebeten hatten, weil sie selbst an das Wrack angeblich nicht herankamen – und es dennoch untersucht hatten. Admiral Winter hatte es bei dem Gespräch seinerzeit zwar gemutmaßt, geglaubt hatte er es aber wohl doch nicht. Hatten die Briten etwa testen wollen, wie weit sie mit den Amerikanern rechnen konnten, auch wenn diese neutral waren?

Die weitere Diskussion ging in die Richtung, das Fünfzig-Zentimeter-Band für landgestützte Stationen und Schiffe nutzbar zu machen. Steve – eher Spezialist für den Luftbereich – betrachtete sich insoweit als nicht kompetent genug und hielt sich heraus. Nach einiger Zeit stieß ihn jemand an.

„Was meinen Sie? Kann man nicht auch Flugzeugen so was einpflanzen?“, fragte ihn ein sehr junger Pilot Officer der Royal Air Force. Donovan zuckte mit den Schultern.

„Kommt darauf an, ob die Techniker es fertig bringen, eine kompakte Stromversorgung zu schaffen oder den Energieappetit dieses Gerätes auf Diät zu setzen“, erwiderte Steve. Der Pilot Officer kicherte.

„Sir, es gibt, glaube ich, in allen Streitkräften Großbritanniens keinen, der so lockere Berichte macht wie Sie.“

„Nun, dies ist doch kein militärischer Bericht. Dr. Jones sagte mir, es handle sich um eine zwanglose Runde“, gab Donovan zu bedenken. Der junge Pilot Officer sah den Amerikaner von unten an, als peile er über einen Brillenrand.

„Eines, Sir, sollten Sie wissen: Großbritannien ist eine überaus klassenbewusste Gesellschaft. Zwanglos heißt hier nur, dass jeder seinen Senf dazugeben kann, ohne am Montag disziplinarische Ohrfeigen dafür zu bekommen. Aber auf die Einhaltung der gesellschaftlichen Formen wird hier schon gesehen“, erklärte er leise. „Und hüten Sie sich vor Group Captain Henderson. Es ist im Gespräch, dass die Eagle Squadron unter sein Kommando kommt.“

Steve verstand. Es gab immer Leute, die man sich besser nicht zum Feind machte – besonders, wenn der Himmel weniger voller Geigen als voller Feinde hing. Er nickte und hoffte gleichzeitig, dass es nicht schon geschehen war, als Henderson ihm einen undefinierbaren Blick zuwarf.

Die Diskussionsrunde löste sich am frühen Nachmittag auf. Steve ging zur Hauptstraße, um ein Taxi anzuhalten, als ein britischer Jeep mit quietschenden Reifen neben ihm anhielt. Der Fahrer – der Pilot Officer, mit dem er während der Runde gesprochen hatte – winkte ihm.

„Kommen Sie, Sir. Ich nehme Sie mit“, bot er an.

„Wohin fahren Sie?“

„Nun, erst mal zu meinen Eltern nach Hause und dann auf den Stützpunkt. Mein Dienst beginnt um vier Uhr. Ich nehme an, Ihrer auch, oder?“

Steve sah auf die Uhr.

„Es ist jetzt halb drei. Lohnt sich das noch?“

„Mein Magen hängt in Kniekehlhöhe und meine Mutter macht den besten Lunch von Südengland. Außerdem sind es nur ein paar Minuten Fahrt von hier“, lockte der Engländer. Steve überlegte kurz. Wenn er gleich auf den Stützpunkt zurückkehrte, bedeutete das nach dem Lunch gähnende Langeweile, falls die Deutschen nicht böse Überraschungen parat hatten.

„Danke für die Einladung“, erwiderte er und setzte sich auf den Beifahrersitz links neben den englischen Flieger.

„Ich glaube, wir wurden uns noch nicht vorgestellt, Sir. Mein Name ist Collins, Daniel Collins, Pilot Officer, 369th Fighter Squadron“, grinste der Brite jungenhaft.

„Steven Christopher Donovan, Captain des US Army Air Corps, zurzeit als Flight Lieutenant an die 133rd Squadron Eagles ausgeliehen“, erwiderte Steve die Vorstellung des Engländers. Collins legte den Gang ein und fuhr wieder an.

„Es tut mir Leid, Captain, Sie müssen sich ziemlich veräppelt vorkommen.“

„Warum sollte ich das?“, erkundigte sich der Amerikaner.

„Nun, Dr. Jones und seine Mitarbeiter werden die Informationen aufsaugen wie trockene Schwämme. Sie werden die Entwicklung weitertreiben. Und Sie, Sir, hören nicht mal ein Dankeschön“, warnte Collins.

„Mr. Collins, es ist mein Job.“

„Wie jetzt?“, fragte Collins verblüfft und sah Steve so starr an, dass der diskret das Lenkrad korrigierte, damit der Engländer nicht auf die Gegenfahrspur geriet.

„Ich bin eine der wenigen Möglichkeiten, euch Briten ein bisschen von unseren Erkenntnissen abzugeben, old boy.“

„Sie sind aber Flieger, oder? Nicht nur irgendein verkappter Diplomat, eh?“, hakte Collins nach.

„Was lässt Sie an meiner Eigenschaft als Flieger zweifeln?“

„Der Umstand, dass Sie von ausgeliehen sprechen. Wenn die Statistiken stimmen, hat ein englischer Flieger zurzeit eine Überlebenschance von sechs Wochen nach dem ersten Einsatz, Sir.“

Steve grinste schief und zog seine Mütze fester.

„Täusche ich mich, oder hat nicht Ihr neuer Premierminister Churchill mal gesagt, er glaube nur Statistiken, die er selbst gefälscht habe?“, gab er zurück. Collins lachte.

„Zugegeben, unter dem Blickwinkel habe ich es noch nicht betrachtet“, erwiderte der Engländer. „Aber mal ernsthaft: Die Krauts machen uns das Leben richtig schwer. Ich hoffe, wir bekommen endlich die Erlaubnis, ihnen ihre Scheißbomben in den eigenen Rachen zu stopfen. Wir lassen uns den Mist hierher tragen und geben keine Antwort darauf. Stellen Sie sich vor: Seit Jahresbeginn hat es gerade mal zwei größere Angriffe gegen Deutschland gegeben. Einen im Januar und jetzt einen im Mai. Und uns hängen sie ständig über den Köpfen. Kann doch nicht angehen!“, wetterte Collins.

„Was fliegen Sie?“, erkundigte sich Donovan, ohne auf den Wunsch den Briten näher einzugehen.

„Alles, was Flügel hat und was man mich fliegen lässt. Ich möchte gerne ‘ne Whitley oder auch eine Wellington fliegen, aber die bekommen nur die erfahrenen Piloten. Nein, als relativer Neuling habe ich da noch keine Chance.“

„Seit wann fliegen Sie?“

„Ich habe vor drei Monaten die Flugschule abgeschlossen und mein Offizierspatent bekommen. Wie lange sind Sie schon dabei?“

„Ich bin seit 1933 beim Army Air Corps.“

„Oh, Mann! Sieben Jahre Flugerfahrung! Man würde Sie mit Kusshand nehmen!“, platzte Collins bewundernd heraus und drohte, schon wieder auf die Gegenspur zu geraten.

„He, pass auf die Straße auf!“, mahnte Steve.

„Danke“, erwiderte Daniel und zog so ruckartig nach links, dass der Jeep fast ins Schleudern geriet. Steve bekam seine Mütze gerade noch zu fassen, bevor sie sich selbstständig machen konnte.

„Donnerwetter! Ich hoffe, dass Sie besser fliegen als Auto fahren. Sonst hat Sie der nächste Kraut!“

Collins grinste.

„Oh, der soll mir bei solchen Manövern erst mal folgen!“, spöttelte er selbstironisch. „Aber … was fliegen Sie eigentlich? B 17?“

„Nein, P 40 Tomahawk.“

„Ein Pilot mit Ihrer Erfahrung gehört doch in einen Bomber“, wunderte sich der Engländer.

„Ich fliege keine Bomber. Ich bin Jagdpilot, Mr. Collins“, versetzte Donovan. Der Brite bemerkte den abweisenden Unterton nicht.

„Oh, Bomber fliegen, das wäre mein Traum. Einen richtigen Bomber, nicht diese engen Sardinenbüchsen von Jägern. Reizt Sie das gar nicht?“

„Nein, es reizt mich nicht. Meine Tomahawk sitzt mir wie angegossen am Hintern, ich fliege sie nach dem Sitz der Hose. Davon abgesehen, lege ich mich als Jagdpilot mit Leuten an, die mir ebenbürtig sind, die sich also wehren können – oder mit den Bombern des Feindes, wer immer das auch sein mag – Deutschland, Italien, Neverland, egal – aber Bomber? Noch dazu zivile Ziele bombardieren? Nicht für alle Perlen Indiens, old boy!“, erwiderte Donovan entschieden.

„Aber nur mit der Bombardierung ihrer eigenen Städte können wir den Krauts zeigen, wo’s langgeht!“, protestierte Collins.

„Ich halte das für einen Trugschluss, Mr. Collins“, erwiderte Donovan. „Was ich akzeptieren könnte, wäre die Zerstörung von Schlüsselindustrien – Stahlindustrie, chemische Industrie, Raffinerien, Kugellagerwerke. Wenn Sie keinen Stahl haben, können sie keine Flugzeuge, Panzer, Schiffe und Fahrzeuge bauen, keine Ersatzteile wie Ketten für die Panzer herstellen, ohne chemische Industrie und Raffinerien können sie keine Munition und keinen Treibstoff mehr produzieren, ohne Kugellagerwerke keine Kugellager – und ich möchte die Maschine sehen, die ohne Kugellagerung der drehbaren Teile auskommt. Das würde die Deutschen zum Aufgeben zwingen. Alles andere ist sinnlos“, erklärte Steve.

„Aber Bombardements der zivilen Wohnbezirke demoralisiert die Soldaten“, verteidigte Collins die Strategie des Bomberkommandos. Sie entsprach in Gänze der Douhet-Theorie.

„Oder sie sagen sich: Jetzt erst recht!“, gab Donovan zu bedenken. „Ich kenne einen deutschen Piloten. Wenn man dessen Wohnung zerlegen würde, würde er sich das nächste erreichbare Flugzeug schnappen, das von Hamburg bis nach London kommt und hier dreinschlagen wie der alte Blücher bei Waterloo. Der wäre so sauer, dass Sauerkraut glatt als Süßspeise dagegen durchgehen würde. Nein, den würde man damit nur noch mehr anstacheln. Oder wie würden Sie reagieren, wenn die Krauts Ihr Elternhaus in Schutt und Asche legen würden?“

Collins überlegte nicht lange.

„Ich würde es den Kerlen heimzahlen!“, drohte er.

„Sehen Sie?“, fragte Donovan. Der Brite wurde feuerrot.

„Und genau das ist der Grund, weshalb ich an die Douhet-Theorie von der strategischen Wirksamkeit von Flächenbombardements ziviler Ziele einfach nicht glauben kann“, setzte Steve hinzu. „Abgesehen davon, dass sie mit der Haager Landkriegsordnung kollidiert, die nun einmal die Schonung der Zivilbevölkerung vorschreibt.“

Collins schnaufte. Er schien die Logik zu erkennen, wollte aber offenbar mit den gerade gelernten Vorstellungen der Royal Air Force nicht brechen.

„Sir, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie derlei Gedanken bei uns zu Hause nicht laut aussprechen. Mein Vater ist Group Captain bei der Royal Air Force; zwar im Luftfahrtministerium, aber ich kenne ihn nicht anders als in Uniform. Und außerdem ist er ein glühender Verfechter der Douhet-Theorie. Ich möchte Unfrieden zu Hause vermeiden. Eigentlich reicht mir der Krieg mit den Krauts außerhalb meines Zuhauses. Ich brauche ihn nicht auch dort.“

„Ihr Vater würde mich vermutlich hinauskomplimentieren?“, mutmaßte Steve.

„Nicht auszuschließen. Und so, wie ich meinen Herrn Vater kenne, würde er mir obendrein den Umgang mit Ihnen verbieten, Sir“, seufzte Daniel.

„Oh, ja, die Sorte kenne ich!“, entrang es sich Steve. Er musste an seinen Vater denken, der – in gewissen Grenzen – richtig herrschsüchtig gewesen war.

Kunststück’, dachte er dann. ‚Dad war Brigadier. Wer mit sämtlichen Mitarbeitern nur im Befehlston verkehrt, kann es wohl auch zu Hause schlecht abstellen, besonders, wenn man vier mehr oder weniger widerspenstige Söhne hat.

Collins bog auf ein Grundstück ab, das zunächst nur aus Park zu bestehen schien. Erst, nachdem der Jeep eine gut acht Fuß hohe Eibenhecke umfahren hatte, die etwa vier Yards hinter dem ebenso kunstvollen wie rabiaten Schmiedeeisenzaun wuchs, erschien ein englisches Herrenhaus, gebaut aus Sandsteinquadern, gedeckt mit bleigrauem Schiefer und umgeben von einem typisch englischen Gartenpark, der gewiss eine Menge Pflege erforderte. Es war ein Herrenhaus, wie es für die Gegend südlich von London charakteristisch war.

„Mein Haus ist meine Burg. Sagt man nicht so in England?“, fragte Steve. Collins nickte. Es schien dem Amerikaner so, als bereue der britische Pilot es bereits, ihn überhaupt zum Essen eingeladen zu haben.

Daniel parkte den Jeep in einer offenen Remise und ging dann mit seinem Gast eine einladende Freitreppe hinauf. Auf sein Klopfen öffnete ein Butler.

„Willkommen, Sir“, grüßte der Butler.

„Danke, Marcus. Marcus, das ist Flight Lieutenant Donovan von der Eagle Squadron. Ich habe mir erlaubt, ihn zum Lunch einzuladen. Ist meine Mutter im Hause?“

„Ja, Sir, sie ist im Salon. Miss Harriet wird noch erwartet. Der Lunch wird serviert, wenn sie eingetroffen ist“, erwiderte der Butler. „Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen, Sir?“, wandte er sich dann an Donovan.

„Ja, danke, Marcus. Ist es hier im Hause üblich, Hausschuhe anzuziehen oder Galoschen überzustreifen?“

„Wenn es Ihnen beliebt, Sir, können Sie Ihre Dienstschuhe anbehalten“, erwiderte der Butler. „Wenn Sie mir eine Empfehlung erlauben, Sir: Wir verfügen über eine Schuhputzmaschine“, wies der Chefdiener diskret auf Donovans unsaubere Schuhe hin.

„Oh, ja. Wo bitte?“

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Sir?“

Der Butler schritt voran und sorgte für tadelloses Schuhwerk des überraschenden Gastes, geleitete den Amerikaner dann wieder in den Salon. Steve hatte das Gefühl, als ob der Butler ihn im Auge behalten sollte.

„Flight Lieutenant Steve Donovan, Eagle Squadron der Royal Air Force, Madame“, kündigte Butler Marcus an.

„Danke, Marcus“, erwiderte eine elegante, ältere Dame, die mit Daniel im Salon stand.

„Captain Donovan, meine Mutter, Mrs. Francis Collins“, stellte Daniel vor.

„Es ist mir eine Ehre, Madame“, begrüßte Steve sie mit einem galanten Handkuss.

„Ich gebe zu, Mr. Donovan, ich hatte nicht erwartet, dass ein Amerikaner solche gesellschaftlichen Umgangsformen hat.“, erwiderte die Dame des Hauses. Trotz des kühlen Inhalts war der Ton in Mrs. Collins’ Stimme warm.

„Klären Sie mich doch über einen Widerspruch auf: Marcus stellte Sie als Flight Lieutenant vor; Daniel sagte, Sie seien Captain. Was ist richtig?“, setzte sie dann hinzu.

„Beides, Madame, denn der Dienstgrad Flight Lieutenant bei der Royal Air Force entspricht dem amerikanischen Captain bei der Army oder dem Army Air Corps. Man war so frei, mich mit meinem Rang zu übernehmen“, erklärte Steve charmant lächelnd. „Und was die Umgangsformen betrifft: Mein Vater war im diplomatischen Dienst tätig und hat darauf geachtet, dass ich entsprechend erzogen wurde. Zudem hatte ich die Ehre, die Militärakademie West Point zu absolvieren, wo die gesellschaftlichen Umgangsformen der Offiziersanwärter sehr gezielt gesteuert werden und war einige Zeit selbst für die Vereinigten Staaten im diplomatischen Dienst tätig. Es tut mir Leid, wenn ich Ihren Vorstellungen eines Amerikaners nicht ganz gerecht werde.“

„Aber … Sie sprechen ja britisches Englisch!“, wunderte sich Mutter Collins.

„Ich gebe mir Mühe, Madame.“

Harte Schritte auf dem polierten Parkett des Salons forderten die Aufmerksamkeit der Hausfrau und ihres unverhofften Gastes. Group Captain Sir Francis Collins stand in voller Uniform mit blankpolierten Lackschuhen in der Tür. Eine beeindruckende Ordensspange mit immerhin vier Reihen von je vier Bandschnallen reckte sich Donovan entgegen.

„Wer sind Sie, bitte, Flight Lieutenant?“, bellte der Hausherr.

„Steven Donovan ist mein Name. Ich nehme an, Sie sind Group Captain Collins, der Herr dieses Hauses?“

„Sie sind in Uniform, Flight Lieutenant! Ich erwarte eine korrekte Meldung!“

„In Uniform zwar, aber nicht im Dienst“, entgegnete Steve kühl. Er rang um Beherrschung, hoffte aber, dass dies niemandem auffiel. „Außer Dienst mache ich keine dienstliche Meldung. Davon abgesehen …“

„Sie sind in Uniform und damit sind Sie im Dienst!“, brüllte Group Captain Collins. Steve versteifte sich und musste sich zwingen, dem anerzogenen Drang zum militärischen Gruß nicht zu folgen.

„Sir, ich wurde zu einem privaten Lunch eingeladen. Nicht einmal in einem geschlossenen Kasernenbereich ist es üblich, während der Mahlzeiten, die definitiv nicht Dienstzeit sind, von einem anderen Angehörigen der Einheit – auch wenn es sich um einen Soldaten geringeren Ranges handelt – Ehrenbezeigung in Form des vorgeschriebenen Grußes oder eine dienstliche Meldung zu fordern! Ich werde daher nicht militärisch grüßen! Ich darf mich empfehlen?“, erwiderte Donovan eisig, verbeugte sich leicht und verließ den Salon.

Der Butler hatte offensichtlich kommen sehen, dass der Amerikaner nicht zum Lunch bleiben würde und hielt ihm bereits mit stoischer Ruhe Mantel und Dienstmütze bereit.

„Danke, Mr. Marcus“, sagte Steve, als der Butler ihm in den Mantel half und nahm ihm mit einem freundlichen Nicken die Mütze ab.

„Ich bewundere, dass Sie hier arbeiten“, setzte er dann hinzu.

„Sir?“

Die Frage drückte die ganze Verblüffung des Chefdieners aus, dass jemand diese Erkenntnis offen aussprach.

„Ah, schon gut, Mr. Marcus. Ein Butler würde nie über seine Herrschaft reden, ich weiß“, lenkte Steve ein. „Wo kann ich bitte ein Taxi finden?“

„An der Ecke, etwa hundert Yards nach rechts, befindet sich ein Taxistand, Sir. Um diese Zeit sind dort meist mehrere Taxis. Sonst können Sie über ein dort befindliches Telefon aber auch einen Wagen rufen, Sir.“

„Danke, Mr. Marcus“, sagte Steve, setzte die Mütze auf.

Marcus öffnete die Tür und Steve trat hinaus. Beinahe wäre er mit einer jungen Frau in der Uniform einer Luftwaffenhelferin kollidiert.

„Sorry, Miss!“, bat er um Entschuldigung, als er sie gerade noch am Arm zu fassen bekam, bevor sie rückwärts die Treppe hinunterfiel. „Entschuldigung, ich habe nicht aufgepasst. Haben Sie sich verletzt?“

„Nein, danke. Oh, Sir, Sie gehen schon?“, erkundigte sie sich.

„Ja, mir ist der Appetit einstweilen vergangen“, erwiderte Steve, grüßte kurz und ging die Kieszufahrt hinunter. Trotz der geschlossenen Fenster und der hinter der jungen Dame wieder verschlossenen Haustür konnte er Group Captain Sir Francis Collins toben hören, wenngleich er auch nicht einzelne Worte verstand.

Donovan hatte den Taxistand noch nicht ganz erreicht, als neben ihm wieder Reifen quietschten. Er sah zur Seite und bemerkte einen puterroten Pilot Officer Daniel Collins neben sich am Steuer des Jeeps.

„Es tut mir Leid, Sir“, sagte er entschuldigend. Steve zuckte mit den Schultern.

„Ist schon gut. Sie können nichts dafür. Ich fahre zurück zum Stützpunkt und versuche, noch ein paar Donuts oder Muffins zu erhaschen.“

„Darf ich Sie mitnehmen?“, bot Collins an. Steve zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Unter der Voraussetzung, dass Sie jetzt direkt nach Gravesend fahren, habe ich keine Einwände“, erwiderte er. Collins nickte.

„Mir ist der Appetit ebenfalls vergangen“, sagte er. Steve stieg ein und Daniel fuhr wieder an.

Einige Minuten schwiegen die beiden Männer. Schließlich hatte Daniel den Kloß in seinem Hals soweit heruntergeschluckt, dass er den Amerikaner fragen konnte:

„Darf ich Sie etwas fragen, Sir?“

„Fast alles, Mr. Collins.“

„Was … was halten Sie davon?“

„Wovon?“

„Von … von meinem … äh … Vater“, präzisierte der junge Pilot mühsam.

„Typ cholerischer Vorschriftenhengst“, resümierte Donovan knapp. „Ich würde mir nur wünschen, er würde die Vorschriften auch kennen und respektieren. Mein Vater war ähnlich, allerdings kannte er die Vorschriften so gut, dass er nie von privat eingeladenen Gästen militärische Ehrenbezeigung verlangt hat – auch wenn sie in Uniform waren und einen geringeren Rang hatten, was bei seinem Dienstgrad als Brigadier-General wahrlich nicht sehr schwer war. Dafür durften wir, seine vier Jungs, immer stramm stehen – auch vor Gästen übrigens“, erwiderte er dann.

„Was würden Sie mir raten, Sir?“

„Nun, ich würde empfehlen, dass Sie Ihre Wohnung auf den Stützpunkt verlegen und darauf verzichten, zum Lunch heimzufahren.“

„Ich hab’ schon daran gedacht, Sir“, sagte Collins leicht zögernd. „Aber die Geschichte hat gleich zwei Haken: Erstens bedeutet es meiner Mutter sehr viel, besonders, nachdem mein ältester Bruder Winfred abgeschossen wurde und gefallen ist. Und zweitens … zweitens ist mein Onkel mein oberster Chef. Der würde nie zulassen, dass ich – wenn ich Gelegenheit dazu habe – meine Familie zum Lunch nicht sehe.“

„Na, dann gute Nacht! Da hilft nur noch ‘ne Versetzung nach Indien oder nach Rhodesien!“, entfuhr es Donovan. „Wie alt sind Sie, Mr. Collins?“

„Ich? Zweiundzwanzig. Ich bin volljährig, falls Sie das meinen, Sir. Aber Volljährigkeit allein nützt nichts bei derartiger Verwandtschaft.“

„Was fliegen Sie üblicherweise?“

„Hawker Hurricane, Gloster Gladiator, Swordfish – an Bomber lässt man mich Frischling noch nicht heran. Warum fragen Sie?“

„Die Eagle Squadron besteht zwar nur aus Amerikanern, aber ich könnte einen ortskundigen Flügelmann gut gebrauchen“, bot Steve an. Daniel sah ihn zweifelnd an.

„Sie würden es mit so einem Grünfink wie mir versuchen, Sir?“

„Ich habe auch mal angefangen und war sehr froh darüber, dass sich ein abgewachsener Pilot mich als Flügelmann herauspickte. Insofern gebe ich nur weiter, was ich einmal selbst bekommen habe. Und außerdem – so groß ist die Auswahl nun auch nicht.“

„Äh, Sie würden bestimmt keine Blenheim oder Wellington fliegen, Sir?“

„Freiwillig nicht, Mr. Collins“, versetzte Donovan. „

Der Jeep erreichte den Stützpunkt Gravesend, die Wache kontrollierte die Ausweise besonders sorgfältig, sah demonstrativ auf die Uhr und salutierte dann zackig. Donovan schüttelte den Kopf, als Collins weiterfuhr.

„Was ist?“, fragte der Brite.

„Hätte nur noch gefehlt, dass er darauf hingewiesen hätte, dass unser Dienst in einer halben Stunde beginnt“, kicherte der Amerikaner. Er wies auf eine Baracke an der rechten Seite.

„Da drüben ist meine Baracke, da können Sie mich absetzen.“

„Wollten Sie nicht noch etwas essen, Sir?“

„Ich rufe Stoudinger, unseren Küchenbullen an; der bringt mir was ‘rüber. Außerdem muss ich meinen Flieger noch checken. Bei Dienstbeginn will ich gleich starten.“

„Sie …, Sie dürfen einfach so fliegen? Unterliegen Sie denn keinen Beschränkungen in Sachen Treibstoff?“, stotterte Collins verblüfft. In den Einheiten der Royal Air Force wurde Benzin fast tropfenweise auf Zucker verteilt, so kostbar war der Treibstoff. Es war unmöglich, zu reinen Übungsflügen aufzusteigen und so die nötige Praxis zu bekommen, wie Collins wusste.

„Den gleichen wie alle Piloten der Royal Air Force“, gab Donovan zurück. „Aber ich habe Befehl für einen Patrouillenflug.“

„Wissen Sie, dass ich Sie beneide, Sir?“

Donovan schob die Mütze in den Nacken.

„Oh, Dannyboy, oh Dannyboy! Sie haben wirklich noch die Eierschalen auf den Ohren! Ich fliege gern. Es wäre eine Lüge, etwas anderes zu behaupten. Und es hat mich wirklich gestört, dass ich an den Boden genagelt war, als ich die USA diplomatisch vertreten habe. Aber im Moment ist es einfach nur ein verdammt gefährlicher Job. Und wenn Sie das nicht kapieren, fischt Sie wahrscheinlich demnächst die Küstenwache aus dem Kanal oder Sie fallen als Grillhähnchen auf Englands grüne Hügel!“, versetzte Donovan seufzend.

„Ich würde gern etwas von Ihnen lernen, Sir. Auch solche Einsichten“, sagte Daniel. Steve sah den jungen Engländer einen Moment an. Der Junge suchte vernünftigen Anschluss und schien tatsächlich lernwillig zu sein.

„Okay, überzeugt“, erwiderte der Amerikaner mit einem schiefen Grinsen. „Fahren Sie zu der dritten Baracke da. Dort ist unser Hauptquartier.“

Collins fuhr wieder an und stoppte vor dem HQ der Amerikaner. Donovan stieg aus und winkte dem Briten, als er eintrat.

„Tag, Sir“, meldete er sich.

„Hallo, Donovan. Schon zurück vom Plauderstündchen?“, begrüßte ihn ein Offizier in der Uniform eines Squadron Leaders. „Ihr Dienst beginnt in ‘ner halben Stunde.“

„Major Vanderbuilt, das hier ist Second-Lieutenant Collins von der Royal Air Force. Er möchte bei meinem Patrouillenflug als zweiter Flügelmann mit. Lässt sich das deichseln?“

„Donovan – Sie und Ihre Extrawürste!“, schnaufte Vanderbuilt. „Welche Einheit?“, fragte er dann. Donovan sah Collins an.

„369th Fighter Squadron“, gab der Engländer Auskunft.

„Die steht unter dem Kommando von Squadron Leader McMonahan, oder?“

„Ja, Sir“, bestätigte Collins.

Vanderbuilt nickte und griff zum Telefon.

„Squadron Leader Vanderbuilt, Eagle Squadron. Verbinden Sie mich mit Squadron Leader McMonahan, 369th Fighter Squadron RAF. Ja, ich warte … Hallo McMonahan, hier Vanderbuilt, amerikanische Freiwillige Brathähnchen. McMonahan, leihen Sie mir einen Ihrer Piloten aus?“

Aus dem Telefonhörer kam lautes Gelächter.

„Vanderbuilt, wissen Sie, was für einen Haufen Grünschnäbel ich hier habe? Welchen von den Rookies wollen Sie haben?“, spottete McMonahan laut.

„Ich hatte an Pilot Officer Collins gedacht, Sir“, erwiderte Vanderbuilt.

„Oh, Gott! Was wollen Sie mit dem denn? Oder fliegen Sie neuerdings Bomber, Vanderbuilt? Der träumt nur von Bombern!“

Donald Vanderbuilt sah Donovan an, der auf die Landkarte an der Wand zeigte und scheinbar hilflos mit den Schultern zuckte. Vanderbuilt und Donovan kannten sich gut und verstanden sich ohne Worte.

„Flight Lieutenant Donovan, einer meiner neuen Piloten, braucht ‘ne Art Scout. Können Sie mir Collins als Pfadfinder überlassen?“

Wieder helles Lachen.

„Oh Gott! Vanderbuilt, der verläuft sich in ‘ner Wellington! Aber bitte, von mir aus. Ich stelle Ihnen den Knaben zur Verfügung. Nur ‘ne Maschine kann ich Ihnen nicht geben.“

„Macht nichts“, erwiderte Vanderbuilt. „Er nimmt unsere Hurricane.“

„Okay, Sie haben ihn.“

„Danke, Squadron Leader. Ende“, sagte der Major und legte auf.

„Sie sind neu, Pilot Officer?“, wandte er sich dann fragend an Collins.

„Ja, Sir. Seit drei Monaten dabei“, erwiderte Daniel.

„Das geht“, brummte Vanderbuilt. „Okay, Sie nehmen die Hawker Hurricane. Donovan, für Sie steht Ihre Tomahawk bereit.“

„Ja, Sir.“

„Schwirren Sie ab und checken Sie die Maschinen durch. Cox müsste Ihnen sagen können, ob alle Maschinen betankt sind und ob alle Schäden repariert sind. Und – seien Sie vorsichtig.“

Die Piloten salutierten und verließen die Baracke. Draußen wies Donovan auf das weite Barackenfeld.

„Also: Holen Sie Ihren Kram und kommen Sie zu meiner Baracke, Ich versuche inzwischen, ‘nen Happen zu organisieren.“

Kapitel 8

Luftschlacht um England I

1) Hüben und Drüben

 

 

Als Daniel Collins in Fliegerkombination bei Donovans Baracke vorfuhr, erwartete der ihn bereits mit einem Tablett Donuts.

„Hier, bedienen Sie sich“, lud er ein. „Wir essen noch und checken dann die Flieger. Ansonsten sind die Maschinen startklar. Das hier ist Flying Officer Jerry Cox, mein anderer Flügelmann. Wir starten als Kette, Sie übernehmen die linke Position im oberen Stacking**, okay?“

Collins nickte und ergriff Cox Hand, die sich ihm einladend entgegenstreckte.

„Einfach nur Jerry, das reicht. Und wer bist du?“, sagte Cox im breiten Mittelwest-Slang.

„Jerry, das ist Pilot Officer Daniel Collins. Er ist Brite und du wirst dich anständig benehmen“, mahnte Donovan.

Jerry grinste.

„Er soll ruhig wissen, dass wir uns in diesem Haufen grundsätzlich duzen, Steve.“

„Jerry, er ist ausgeliehen!“

„Ach was, ausgeliehen! Wirst schon sehen: Der will hier nich’ wieder wech, Chef!“

Steve sah den Engländer an. Jerry hatte in seiner unnachahmlich direkten Art mal wieder mitten ins Schwarze getroffen.

„Na, dann: Für Gott, König George, England und den Rest der freien Welt“, scheuchte Steve seine Flügelmänner auf, ohne auf Cox’ Hinweis einzugehen.

Donuts knabbernd checkten sie ihre Maschinen, dann rollten sie auf die Startbahn und hoben in Kettenformation ab.

„Kurs 165, Jungs!“, kommandierte Steve und dirigierte seine Kette damit in Richtung Südsüdost.

„Was steht auf dem Programm, Steve?“, fragte Cox über Bordfunk.

„Wir fliegen bis nach Hastings, dann an der Küste lang bis Margate, wenden dort und fliegen zurück“, antwortete Steve.

Die drei englischen Maschinen erreichten den Kanal, schwenkten dann auf östlichen Kurs und flogen Richtung Dover.

Kurz vor Dover sichtete der auf der rechten Seite fliegende Cox von Südosten anfliegende Maschinen.

„Steve – nicht identifizierte Flugformation auf Kurs 155 Grad. Siehst du die auch?“

„Ja. Jerry, schwirr’ ab nach oben, halt’ uns den Rücken frei. Daniel und ich sehen uns das mal an.“

„Ja, Chef!“

„Kommen Sie, Pilot Officer. Kurs 155.“

„Ja, Sir“, erwiderte Collins und zog seine Hawker Hurricane auf den befohlenen Kurs.

„Pilot Officer Collins, ziehen Sie hoch, über die Wolke. Wenn es Feindmaschinen sind, Typ und Anzahl feststellen“, wies Donovan ihn an.

„Sir, es sind Krauts: Zehn Ju 88, begleitet von zehn Me 109“, meldete Collins nach kurzer Zeit. „Gehen wir zum Angriff über?“, schob er unternehmungslustig nach.

„Sie nehmen die sechs links, Jerry die sechs rechts und ich den Rest in der Mitte! Mr. Collins, wo haben Sie Ihren Verstand?“, spottete Steve. „Die pusten uns in die Ewigen Jagdgründe, bevor wir auch nur gehustet haben! Wir holen Verstärkung und heizen ihnen gemeinsam ein. Luftkommando Dover?“

In Steves Kopfhörern knackte es.

„Hier Luftkommando Dover, was haben Sie zu melden?“

„Flight Lieutenant Donovan, Eagle Squadron. Zwanzig Feindmaschinen, zehn Bomber Ju 88 und zehn Jäger Bf 109 Kurs 335 Grad über dem Kanal, Höhe Dover, nähern sich. Verstärkung erforderlich.“

„Danke, Eagle. Wir starten.“

„Verstanden, Dover. Ende. Achtung, Eagles: Rauf in die Sonne! Wir greifen an!“

„Heinsohn, drei Tommys auf 335. Nehmen Sie sich Thomsen und Burger und räumen Sie die aus dem Weg!“, hörte Siegfried Heinsohn in seinem Kopfhörer die Stimme seines Staffelkapitäns.

„Wird gemacht, Herr Major!“, bestätigte er. „Thomsen, Burger, aufschließen!“

Die drei vorne fliegenden Messerschmitt-Jäger lösten sich vom Bomberverband und hielten auf die drei Engländer zu, die jedoch plötzlich wie von den lockeren Wolken verschluckt schienen. Burger suchte noch, als wie aus heiterem Himmel grobe Einschläge seinen Jäger durchschüttelten.

„Verdammt!“, fluchte Burger. „Wo kam das her?“

„Vorsicht, Burger, du hast einen am Schwanz hängen!“, hörte er Heinsohns ebenso aufgeregte wie beruhigende Stimme. Burger flog noch einen Doppellooping, aber eine bissige Curtiss Tomahawk klebte ihm wie Pech am Heck.

„Ich werd’ den Tommy nicht los!“, rief er verzweifelt. Es war sein letzter Ruf. Unmittelbar darauf zersiebte eine neue Garbe aus dem Maschinengewehr seines Verfolgers das Cockpit. Drei oder vier Kugeln trafen Oberleutnant Hans Burger tödlich. Die Maschine schmierte über den rechten Flügel kippend ab. Sein Verfolger zog weg und jagte frontal auf Heinsohn zu. Siegfried Heinsohn schluckte heftig, zog dann den Abzug seiner Bord-MG-Kanone durch. Die englische Maschine zuckte vor den tödlichen Leuchtspurgeschossen weg und hing plötzlich hinter ihm. Loopings, Schrauben, Sturzflug – es half alles nichts. Der Tommy klebte Siegfried ebenso am Leitwerk wie vorher dem unglücklichen Burger.

Steve Donovan klemmte sich hinter die Bf 109 und folgte ihr mit der Beharrlichkeit eines Jagdhundes. Der deutsche Pilot versuchte alles, um ihn loszuwerden, aber Steve blieb dran und schoss Salve um Salve ab.

Hab’ ich dich!’, frohlockte er in Gedanken, als der Deutsche über den linken Flügel wegkippte und in ein völlig unkontrolliertes Trudeln geriet. Als noch Rauch aus dem Triebwerk drang, ließ Donovan von dem augenscheinlich entscheidend getroffenen Jäger ab.

Siegfried Heinsohns Herz klopfte direkt unter seiner Fliegerkappe, als er zu seinem letzten Mittel griff und einen Absturz simulierte. Seine Bf 109 trudelte – scheinbar völlig unkontrolliert – dem Boden entgegen. Die G-Kräfte zerrten an Maschine und Pilot. Mit äußerstem Willen zwang Siegfried sich, die Rauchsimulation auszulösen, die er mit seinem Mechaniker als kleine Überraschung entwickelt hatte. Er sah sich um. Der Tommy zog weg.

Siegfried zog am Steuerknüppel – aber die Maschine trudelte immer noch und war nicht zu bewegen, dem Willen des Piloten wieder zu gehorchen. Alle Steuerversuche fruchteten nichts. Panik erfasste Heinsohn. Dann setzte er alles auf eine Karte, gab Vollgas und zerrte mit aller Macht am Steuerhorn. Langsam wurde die Sturzparabel flacher, es gelang ihm, die Trudelbewegung zu stoppen. Kaum zehn Meter über der Meeresoberfläche konnte er die Maschine endgültig abfangen und zog so steil hoch, wie die Bauzulassung der Bf 109 es erlaubte. Das nächste, was dem schwitzenden, aber aufatmenden Piloten ins Ohr drang, war der Warnton der Treibstoffversorgung. Er hatte keinen Sprit mehr!

„Herr Major, ich habe keinen Treibstoff mehr. Erbitte Erlaubnis zum Notwassern.“

„Erlaubnis erteilt, Hauptmann Heinsohn. Fliegen Sie in Richtung Frankreich zurück. Gehen Sie notfalls in den Segelflug. Landen Sie auf keinen Fall vor der englischen Küste, Heinsohn. Ich brauche Sie noch.“

„Jawoll, Herr Major!“, bestätigte Siegfried und zog in Richtung französischer Kanalküste davon.

Die drei britischen Patrouillenmaschinen sammelten sich wieder oberhalb des Bomberpulkes, starteten einen zweiten Angriff, nachdem der erste bereits drei deutsche Maschinen gekostet hatte.

„Zehn Hurricanes im Anflug, Sir“, meldete Lieutenant Cox.

„Danke, Jerry. Los, Jungs, von oben und unten! Nehmt euch die Jus vor. Um die Jäger kümmern sich die Jungs aus Dover“, wies Steve seine Piloten an. Cox und Collins folgten ihm.

„Mr. Collins, Sie gehen nach vorn; Jerry, du bleibst hinter mir.“

„Klar, Chef!“

„Auf geht ‘s!“

Wie die Raben stießen die drei englischen Maschinen auf die Bomberformation herab. Collins jagte auf die hinterste Ju 88 zu und belegte die deutsche Maschine mit einem solchen Hagel von Geschossen, dass er im Vorüberfliegen das Glas der Kanzel zerfetzte, den Piloten und den Funker tödlich traf. Die Ju 88 explodierte in einem riesigen Feuerball. Dan spürte Einschläge in seiner Maschine.

„Ich habe Splitter abgekriegt, Sir!“, meldete er.

„Funktionsstörend?“, fragte der amerikanische Captain. Daniel sah sich um.

„Der Flügel hat einen Durchschuss an der Spitze. Scheint aber nichts Ernstes zu sein.“

„Beobachten, Pilot Officer. Sobald Sie eine Funktionsstörung feststellen, kehren Sie zum Stützpunkt zurück.“

Collins bestätigte – und fühlte sich bei den Eagles plötzlich sehr viel wohler als in seiner Stammstaffel. Er nahm sich vor, um eine dauerhafte Versetzung zur Eagle Squadron zu bitten.

Siegfried Heinsohn versuchte unterdessen verzweifelt, seine Bf 109 für die kurze Strecke von nicht mal zehn nautischen Meilen in der Luft zu halten. Doch alle Flugkunst nützte nichts: Eine nautische Meile vor Cap Blanc Nez musste er notwassern. Laut fluchend stieg er aus seinem absaufenden Flugzeug. Er war nahe daran, noch lauter zu fluchen, als er auf dem Boot, das ihm zu Hilfe eilte, einen durch seinen metallenen Ringkragen als Militärpolizisten ausgewiesenen Luftwaffenoffizier erkannte.

„Hauptmann Heinsohn?“, schnauzte der Kettenhund – sarkastischer Spitzname der Feldjäger wegen ihres Ringkragens – den notgelandeten Flieger an.

„Hauptmann Siegfried Heinsohn, 3./JG 54, wegen Treibstoffmangels notgewassert“, meldete Siegfried resigniert und salutierte. „Erbitte Erlaubnis an Bord kommen zu dürfen, bevor meine Fliegerkombination nass wird.“

Zwei Matrosen halfen ihm ins Boot, der Militärpolizist beschlagnahmte vorsichtshalber Waffe und sonstige Unterlagen des Fliegers.

„Hauptmann Heinsohn, Sie haben sich für Vernehmungen durch den Divisionsstab zur Verfügung zu halten. Es ist Ihnen einstweilen untersagt, Ihren Stützpunkt zu verlassen.“

„Meinen Sie, ich versenke meine Minna absichtlich?“, fuhr Siegfried den Schnösel mit dem Ringkragen an.

„Ich bin nicht befugt, Ihre Aussage aufzunehmen. Ich habe lediglich den Befehl, Sie zum Stützpunkt nach Abbéville zu bringen. Alles weitere werden Sie dort gefragt“, versetzte der Militärpolizist, der es nicht einmal für nötig erachtete, sich vorzustellen.

Die Rückkehr nach Abbéville verlief für Siegfried in eisigem Schweigen. Außer dem Leutnant mit dem Ringkragen befanden sich noch zwei Gefreite mit Ringkragen in dem Kübelwagen, der durch nordfranzösischen Regen die Küstenstraße von Sangatte nach Südwesten fuhr. Da seine Mitfahrer die Schwatzhaftigkeit ägyptischer Mumien hatten, betrachtete Siegfried die Landschaft und musste feststellen, dass auch die atemberaubendsten Küsten zu tristen Ecken der Welt werden, wenn das Wasser und der Himmel grau sind und Regenschwaden die Sicht trüben. Am anderen Ende der undurchsichtigen grauen Fläche befand sich England, der einzige Gegner, den das Deutsche Reich zu diesem Zeitpunkt noch hatte. Nicht mehr lange und die deutsche Wehrmacht würde – unterstützt von Kriegsmarine und Luftwaffe – auch in England landen. Es war Siegfrieds Aufgabe, die Festung England sturmreif zu schießen, damit die Kriegsmarine die Landungstruppen ungefährdet absetzen konnte.

Aber das, was Siegfried auf der Fahrt zu sehen bekam, sah eher danach aus, als erwartete man einen Landungsversuch der Briten. An der gesamten Küste wurde in Beton gewerkelt, meterdicke Bunker und massive Geschützstellungen errichtet. Die Arbeiten am Atlantikwall waren deutlich fortgeschritten, seit er vor einigen Tagen hier zuletzt durchgefahren war.

Wenn die in dem Tempo weiterbauen, dann ist Nordfrankreich bald besser gesichert als die Reichsbank in Berlin’, durchzuckte es Siegfried. Die gut hundert Kilometer bis nach Abbéville wurden nur durch kurze Tankstopps in Wehrmachtsdepots und einen Halt in Boulogne unterbrochen, wo einer der beiden Gefreiten den Kübelwagen an einer recht zivil aussehenden Tankstelle betankte und der andere Gefreite ein paar Baguettes und Apfelsaft organisierte.

„So ‘n Schiet, Hannes, haste keen Appelwein jekricht?“, maulte der Fahrer, als er den Apfelsaft trank.

„Aha!“, fuhr der schnöselige Leutnant auf. „Gefreiter Thomsen, ich stelle fest, dass Sie im Dienst Alkohol trinken wollen! Das wird ein Nachspiel haben! Los, weiter, wir müssen vor heute Abend in Abbéville sein!“

„Darf ich noch austreten, Herr Leutnant?“, bat der andere Gefreite. Unwillig nickte der Leutnant.

„Dürfte ich auch?“, fragte Siegfried schüchtern an.

„Nun gehen Sie schon, sonst sitzen wir noch morgen hier“, grunzte der Leutnant. Siegfried ging dem Gefreiten nach und erleichterte sich in einem Pissoir, während der Gefreite einen Straßenbaum vorzog.

Trotz allen Antreibens des Polizeileutnants erreichten sie Abbéville erst nach Einbruch der Dunkelheit. Siegfried durfte unter Aufsicht des Leutnants nur seine Fliegerkombination gegen seine normale Dienstuniform vertauschen und fand sich dann in einen Büroraum gesetzt, den er vorher noch nie betreten hatte, weil er in einem etwas abseits gelegenen Gebäude des Stützpunktes lag. Die beiden Gefreiten blieben schweigsam bei ihm, während der Leutnant verschwand. Einige Zeit später kehrte er mit einem Major des Heeres zurück, der ebenfalls den Ringkragen der Militärpolizei trug.

„Deutsche Feldgendarmerie, Major Winkler!“, schnauzte der. Siegfried sprang erschrocken auf und nahm geradezu automatisch Haltung an.

„Name, Dienstgrad, Einheit!“, grunzte der Major unfreundlich weiter. Siegfried schluckte heftig, nannte die abgefragten Daten eher kleinlaut.

„Leutnant Waldmann berichtet, Sie seien vor Cap Blanc Nez im Wasser niedergegangen. Warum?“, fragte der Major, setzte sich an den Schreibtisch und zückte einen Notizblock.

„Ich hatte nicht mehr genug Treibstoff, um den Flugplatz Abbéville zu erreichen. Das habe ich nach Abbéville gemeldet. Mein Geschwaderführer ist darüber ebenfalls informiert“, erwiderte Siegfried. Er war wieder ruhiger geworden, nachdem er eine einfache Fachfrage hörte.

„Und warum hatten Sie nicht mehr genug Treibstoff?“, hakte Winkler nach.

„Ich hatte Luftkämpfe mit Tommys, wie meine gesamte Staffel. Ich hatte es mit einem zu tun, den ich nicht abschütteln konnte. Bei der Kurverei ist ‘ne Menge Sprit draufgegangen. Möglicherweise hat er mich auch am Tank getroffen, so dass ich noch Treibstoff verloren habe.“

„Sie haben keinerlei Treffer gemeldet“, hielt ihm der Gendarmeriemajor entgegen.

„Ich hatte es bereits, dass ich Einschläge nicht bemerkt habe und die Treffer erst am Boden gesehen habe, als ich nach dem Einsatz die Maschine nachgesehen habe. Das ist nicht ungewöhnlich.“

„Sie wollen also allen Ernstes behaupten, dass ein Flugzeugführer der Großdeutschen Luftwaffe es nicht bemerkt, wenn seine Maschine getroffen wird?“, fuhr der Beamte Siegfried an.

Der Pilot zuckte erschrocken zurück, war aber gleichzeitig über so viel Ignoranz so verärgert, dass er den natürlichen Respekt vor der nahezu allmächtigen Feldpolizei beinahe verlor.

„Befragen Sie gern noch andere Flugzeugführer hier im Stützpunkt. Man wird es Ihnen sicher bestätigen. Ich selber habe es bisher dreimal gehabt, dass ich Treffer erst nach der Landung gesehen habe. Major Schmidt, mein Staffelkapitän, übrigens auch. Der wird es Ihnen gern bestätigen“, wehrte sich Siegfried. Der Militärpolizist lächelte nachsichtig.

„Major Schmidt können wir nicht befragen. Er ist über Feindgebiet abgeschossen worden und dabei gefallen. Ihre gesamte Staffel ist vernichtet worden – außer Ihnen, Hauptmann Heinsohn.“

Der letzte Satzteil hallte drohend in Siegfrieds Ohren nach.

„Worauf wollen Sie hinaus?“, fragte er mit leisem Grollen.

„Die Fragen stelle ich!“, versetzte Winkler. Siegfried sank wieder in sich zusammen.

„Ich habe Major Schmidt nach besagtem Luftkampf meinen Treibstoffmangel gemeldet und um Erlaubnis zum Notwassern gebeten. Er gab sie mir, befahl mir aber ausdrücklich, nicht in englischen Gewässern niederzugehen. Ich habe mich in Le Touquet und in Pas de Calais gemeldet und um Landeerlaubnis gebeten, weil mir klar war, dass ich es bis Abbéville nicht schaffen würde, aber dass ich doch noch baden gehen würde, habe ich bis zum Aufsetzen auf die Wasseroberfläche zu vermeiden versucht“, erklärte er, ohne zu hoffen, dass der Kettenhund ihm glauben würde.

„Hauptmann Heinsohn, Major Schmidt hat keine Bestätigung mehr dafür geben können, dass er Ihnen erlaubt hat, abzudrehen.“

„Ich nehme an, Sie ziehen daraus Schlussfolgerungen?“, entgegnete Heinsohn.

„Und welche, glauben Sie?“, lockte der Polizist.

„Ich überlasse es Ihnen, sie auszusprechen“, versetzte Siegfried.

„Sie haben Ihre Kameraden, die tapfer für Großdeutschland kämpften, feige im Stich gelassen!“, fuhr der Feldpolizist Siegfried an. „Ihr Flugzeug haben Sie versenkt, um zu verschleiern, dass Sie genug Treibstoff hatten, um den Kampf fortzusetzen, wie es Ihnen die Offizierspflicht gebietet!“

Siegfried beherrschte sich mit Mühe, den unverschämten Patron nicht am Ringkragen über den Schreibtisch zu ziehen, um ihm einen Satz heiße Ohren zu verpassen.

„Nun, dann beweisen Sie das“, sagte er mit verhaltenem Zorn. „An der Stelle, an der meine Bf 109 abgesoffen ist, ist der Kanal keine zehn Meter tief. Dann werden Sie schnell feststellen, ob noch Treibstoff im Tank ist, ob Löcher in selbigem sind oder ob der Ablasshebel offen ist. Der nächste Patrouillenflieger kann leicht ermitteln, ob ich Treibstoff abgelassen habe, weil das Zeug auf dem Wasser schwimmt. Wenn Sie mir Feigheit unterstellen, also das bewusste Nichtkämpfen, müssten Sie sich eigentlich sagen, dass ich dann nicht freiwillig in ein Gebiet geflogen wäre, das von Deutschland kontrolliert wird. Dann hätte ich mich den Tommys ergeben und lieber den Rest des Krieges in einem Gefangenenlager verbracht oder den Tommys direkt meine Dienste angeboten, meinen Sie nicht? Ich habe mein Flugzeug nicht absichtlich versenkt, dafür hänge ich zu sehr an meiner Minna! Achtzehn sauber aufgepinselte Tommys – drei Swordfish, zehn Gloster Gladiator, drei Hurricanes und zwei Spitfire! Meine Minna war eines der wertvollsten Flugzeuge der Staffel!“, ereiferte sich Heinsohn.

„Sie wollen also nicht zugeben, dass Sie feige gehandelt haben?“

„Wie komme ich dazu, etwas einzugestehen, was nicht den Tatsachen entspricht?“ brüllte Siegfried den Kettenhund an, dem es ob solcher Frechheit schlicht die Sprache verschlug. „Meinen Sie, ich hätte mein EK 1 und mein Silbernes Verwundetenabzeichen beim Trödler gekauft oder auf dem Rummel geschossen? Dafür habe ich meine Knochen hingehalten, habe ein paar Wochen am Stück im Lazarett verbracht! Ich bin deutscher Offizier und ich werde – das habe ich geschworen – mein Leben für mein Vaterland einsetzen. Das ist nicht unbedingt ein Vergnügen, das ist für mich aber Pflicht! Und jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich nicht länger an der Ausübung meiner Pflicht hindern würden!“

Für gewöhnlich wurden sogar Generäle im Angesicht eines Ringkragens Marke Feldpolizei kleinlaut und überaus scheu. Dass es ein kleiner Hauptmann wagte, einen Militärpolizisten derart anzudonnern, konnte nur zwei Gründe haben: Entweder war der Mann von geradezu unheimlichem Rückgrat und bis zu einem gewissen Grade mit Selbstmordgedanken beseelt – oder die Feldgendarmerie hatte wirklich dem Falschen auf die Füße der Ehre getreten. Ein Blick auf Heinsohns Ordensspange über der linken Brusttasche seiner Dienstuniform, das Band des EK 2 in der Knopfleiste des taubenblauen Uniformrocks, das EK 1 und das Silberne Verwundetenabzeichen auf der linken Brusttasche ließen in Major Winkler die Entscheidung reifen, es müsse wohl Letzteres gewesen sein.

„Wir tun alle unsere Pflicht für Führer, Volk und Vaterland, Hauptmann. So eine Untersuchung ist meine Pflicht. Diese Untersuchung ist hiermit abgeschlossen. Ich gebe die Akte heute noch an das Feldgendarmeriekommando in Brest mit dem Vermerk, das Verfahren einzustellen. Heil Hitler!“, erwiderte der Major und erhob den rechten Arm zum Hitlergruß. Siegfried erwiderte den Gruß und verließ die Amtsstube, ohne auf die Erlaubnis dazu zu warten.

In seinem Hauptquartier auf dem Flugplatz Abbéville sprangen die Staffelführer zusammen mit dem Geschwaderchef Oberst Dombrowski auf, als die Ordonnanz Hauptmann Heinsohn meldete. Heinsohn trat ein und salutierte.

„Hauptmann Siegfried Heinsohn meldet sich zurück vom Feindflug. Flugzeug wurde querab Cap Blanc Nez wegen Treibstoffmangels notgewassert und ist gesunken“, meldete er korrekt.

„Gott sei Dank! Wenigstens Sie leben noch, Heinsohn! Wo haben Sie gesteckt?“, entfuhr es dem Oberst.

„Ich war knapp aus der Flugzeugkanzel gekrabbelt, da hatte ich schon die Militärpolizei an den Schlöpen meiner Fliegerkappe hängen. Die haben mich schweigend wie die Trappisten zur Feldpolizei hier in Abbéville abgeschleppt und wollten mir glatt Feigheit vor dem Feind anhängen!“, schnaufte Siegfried.

„Wissen Sie, was passiert ist?“, erkundigte sich Major Wanninger, den Siegfried als guten Freund seines Vorgesetzten Major Schmidt kannte.

„Über das, was mit meiner Staffel geschah, nachdem Major Schmidt mir die Erlaubnis gegeben hatte, den Verband in Richtung Frankreich zu verlassen, kann ich leider keine Auskunft geben, meine Herren. Der Funkkontakt zu Major Schmidt ist wenige Minuten nach meinem Abdrehen gerissen. Ich war auch gut mit meiner Maschine beschäftigt, habe mich noch in Pas de Calais und in Le Touquet gemeldet. Für Le Touquet hatte ich schon Landeerlaubnis, habe es aber wegen Treibstoffmangels nicht mehr geschafft.“

„Einschüsse im Tank?“, fragte Dombrowski.

„Wäre möglich, Herr Oberst. Die Benzinuhr ging ziemlich schnell gegen Null.“

„Wo ist Ihre Maschine gesunken?“

„Direkt eine Seemeile vor Cap Blanc Nez. Leicht zu finden und gut zu bergen“, erwiderte Heinsohn. Dombrowski nickte.

„Hauptmann Heinsohn…“, sagte er dann langsam, „Sie sind der Einzige, der von Ihrer Staffel zurückgekehrt ist. Der gesamte Verband – Bomber wie Jäger – wurde vernichtet. Wir wissen noch nicht, ob von den Vermissten jemand überlebt hat und im Kanal oder in England selbst in Kriegsgefangenschaft geraten ist.“

„Herr Oberst, nehmen Sie auch an, dass ich …?“, stotterte Siegfried erschrocken. Karl Dombrowski schüttelte den Kopf.

„Nein, dafür kenne ich Sie zu gut, Heinsohn“, erwiderte er. Siegfried atmete erleichtert auf.

„Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte, Herr Oberst?“

Dombrowski nickte.

„Die Tommys haben bei dieser Attacke großartige Piloten gehabt. Das waren andere als die grünen Bengel, mit denen wir es sonst zu tun haben.“

Oberst Dombrowski seufzte.

„Dieser Umstand ist Major Schmidt und seinen Männern auch zum Verhängnis geworden.“

Fern von Abbéville, auf dem Flugplatz Gravesend, landeten die drei Maschinen der Eagle Squadron. Daniel Collins’ Maschine hatte zwar ein zersiebtes Seitenruder, aber die Flugtüchtigkeit seiner Hurricane hatte nicht sehr gelitten. Das Bodenpersonal hatte über Funk von Dover erfahren, dass die drei den deutschen Verband entdeckt und an seiner Vernichtung nicht unmaßgeblich beteiligt waren. Entsprechend wurden die Jägerpiloten empfangen. Aber während Jerry Cox und Daniel Collins schon beim Aussteigen vor Freude Veitstänze aufführten, wirkte Steve ernst.

„Wow, Captain, das war Sondervorstellung!“, jauchzte Cox. Donovan nahm die Kappe ab.

„Darüber reden wir gleich noch“, sagte er. Cox verstummte, seine überschäumende Freude wich einem betretenen Gesichtsausdruck.

„Pilot Officer Collins, kommen Sie bitte auch mit?“, forderte Steve den jungen Briten auf, der frohgelaunt den beiden Amerikanern folgte. Er hatte zwei Ju 88 abgeschossen. Definitiv allein, Donovan hatte es ihm bereits auf dem Rückflug bestätigt. Als er allerdings Jerry Cox ansah, bemerkte er recht verstört, dass dessen fröhliches Grinsen fehlte, das sonst nahezu allgegenwärtig war, das selbst durch seine Funksprüche durchgeschimmert war. Steve schloss die Tür der Baracke.

„Sagt mal, was stellt ihr euch eigentlich vor, hm?“, fragte er.

„Äh, kannst du bitte deutlicher werden, Steve?“, bat Jerry vorsichtig.

„Jerry, ich weiß, dass deine große Leidenschaft die Rechtskurve ist, aber deine Manöver sind so durchsichtig, dass die blindesten Krauts sie erkennen. Dir haben drei Bf 109 am Heck geklebt, dass ich dich im Extremfall nicht hätte heraushauen können. Dank Danny ist es mit einem durchsiebten linken Flügel abgegangen. Du solltest dich bei Daniel bedanken.“

„Warum, bei allen Teufeln der Hölle, soll ich nach links ausweichen, wenn da drei Krauts ‘rumschwirren?“

„Weil sie davon erstens völlig überrascht werden und im Reflex wegziehen und dich zweitens deshalb nicht mehr richtig anvisieren können, Jerry. Wir haben ihnen gegenüber zwar den Vorteil, dass wir nicht in Feindesland niedergehen müssen, wenn wir uns mit dem Fallschirm aus der Maschine verabschieden müssen, aber denk’ bitte an die knappen Kapazitäten unserer britischen Brötchengeber. Bei denen fällt nicht alle Viertelstunde ‘ne Maschine vom Fließband! Wir sollten mit halbwegs heilen Maschinen auf die Stützpunkte zurückkehren. Und außerdem möchte ich dich auch bei meinem nächsten Flug als Flügelmann dabeihaben. Mit Colizzi kann ich nichts anfangen“, erwiderte Steve. Jerry nickte. Er wusste, dass Steve Recht hatte. Er kannte seine Gewohnheit, stets nach rechts auszuweichen.

„Pilot Officer, Sie haben gute Anlagen, aber Sie sind etwas unstet, was die Verfolgung von Bombern betrifft“, wandte Steve sich an den Briten.

„Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte, Sir?“, erwiderte Daniel und nahm Haltung an. Steve nickte.

„Ich würde gern von Ihnen lernen, Sir. Bei den rein britischen Verbänden wird mit Trainingsmöglichkeiten sehr gegeizt – wegen der Treibstoffknappheit. Bei Ihnen könnte ich wenigstens theoretisch noch etwas lernen.“

Steve sah den lernwilligen jungen Flieger einen Moment an.

„Ich wünschte, ich hätte hier eine Ausbildungs- und keine Kampfeinheit, Mr. Collins. Dann könnte ich Ihnen sicher noch einiges beibringen. Aber hier und jetzt können Sie’s nur richtig oder falsch machen. Bei richtig ist alles okay. Bei falsch fallen Sie vom Himmel und haben Glück, wenn Sie lebend unten ankommen. Das Dumme an der Sache ist, dass wir nicht genügend Zeit für Theorie haben.“

Daniel nickte. Er konnte seine Enttäuschung nur schlecht verbergen.

„Ich hab’ schon verstanden, Sir“, sagte er leise.

„Nein, das haben Sie nicht“, erwiderte Steve mit einem sanften Lächeln. „Sie sind gut, Pilot Officer. Sie sind wirklich gut und ich betrachte es als persönliche Ehre, wenn Sie von mir noch etwas lernen wollen. Die meisten Piloten, die auf einen Steuerknüppel losgelassen werden, halten sich für fertig und unbesiegbar. Kaum einer käme auf die Idee, noch etwas lernen zu wollen.“

„Wäre es möglich, Sir, dass ich eine endgültige Versetzung zu Ihnen bekommen kann?“, fragte Collins mit erwachender Hoffnung.

„Zwei Probleme: Erstens ist dies ein amerikanischer Freiwilligenverband. Zweitens sind Sie hier bei einer Jagdeinheit. Problem eins wäre wohl das geringere von beiden, weil man die Aufnahme eines Briten immer mit der Notwendigkeit von ortskundigen Fliegern begründen könnte. Problem zwei halte ich für größer, weil Sie eigentlich lieber Bomber fliegen wollen. Und ich halte nichts davon, Leute in Sparten einzusetzen, die ihnen wirklich widerstreben oder die sie nicht interessieren“, gab Steve zurück.

„Aber ich könnte ein guter Jagdpilot werden, Sir …“, widersprach Daniel.

„Sie könnten nicht, Sie sind es. Aber es ist nicht das, was Sie wirklich wollen. Ihnen steht der Sinn nach Bombern.“

Collins erlaubte sich ein schüchternes Lächeln.

„Ich habe da ein kleines Problem: Meine Staffelkameraden nehmen mich nicht ernst, weil ich erst so kurz dabei bin. Und als Bomberpilot hat man keine Chance, wirklich zu zeigen, dass man fliegen kann, weil man die Formation nicht verlassen darf. Werde ich aber getroffen, schiebt man es meiner mangelnden Qualifikation als Pilot zu.“

„Ihre Staffelkameraden oder ist es Ihr Geschwaderchef?“, hakte Steve nach. Daniel machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Na, der zuallererst!“, schnaufte er. „Der hält mich für den personifizierten Flugzeugbruch!“

Jerry Cox schüttelte den Kopf.

„Da sieht man’s wieder: Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande!“, bemerkte er seufzend. Jerry hatte einschlägige Erfahrung mit solchen Vorgesetzten. Auch er war von seinem Staffelführer lange nicht für voll genommen worden – bis zu dem Tag, an dem Steve ihn als Vertretung für einen ausgefallenen  Flügelmann bekommen hatte. Seitdem er mit Donovan flog, hatte er auch den Respekt seiner übrigen Kameraden.

„Kannst du ihn nicht wenigstens für einige Zeit zu uns versetzen lassen?“, half Jerry dem Briten aus. „Alec Colizzi wird noch ‘ne ganze Weile ausfallen.“

„Wenn Sie zunächst Jagdpilot bleiben wollen …?“, setzte Steve an. Collins nickte eifrig.

„Schön. Ich frage Vanderbuilt“, versprach Donovan. Daniel hätte ihn beinahe umarmt.

Eine Stunde später telefonierte Major Vanderbuilt mit Collins’ Geschwaderchef.

„Wieso wollen Sie den Grünfinken als Jagdpiloten ausleihen, Vanderbuilt? Er hat viel zu wenig Erfahrung dafür. Der kann ja nicht mal anständig Bomber fliegen!“, knurrte Squadron Leader McMonahan. Vanderbuilt hielt den Telefonhörer so, dass Donovan mithören konnte und sah Steve an. Sein Blick fragte, ob er McMonahan sprechen wollte. Donovan nickte, Vanderbuilt gab ihm den Telefonhörer.

„Guten Tag, Sir. Ich bin Flight Lieutenant Donovan, Eagle Squadron. Die Ausleihe von Pilot Officer Collins ist meine Idee, Sir. Geben Sie ihn mir?“

„Was, zum Teufel, wollen Sie mit dem?“

„Erstens ihn fliegen lassen, denn das kann er. Und zweitens schadet es nicht, wenn ein angehender Bomberpilot die Sichtweise des Jagdpiloten kennt. Dann lernt er nämlich gleich nebenbei, dem Jäger ‘ne lange Nase zu drehen, Sir.“

„Collins ist für so was viel zu grün!“

„Klar, weil Sie ihm keine Chance geben!“, versetzte Steve. „Sie sehen in ihm nur den Zweiundzwanzigjährigen mit dreimonatiger Flugerfahrung. Lassen Sie ihn mir und Sie bekommen einen Sahnepiloten zurück.“

McMonahan verschlug es ob der offenen Attacke zunächst die Sprache.

„Geben Sie mir nochmal Vanderbuilt“, forderte er Steve auf. Donovan reichte den Hörer zurück und grinste.

„Vanderbuilt?“

„Was war das für einer?“, keuchte McMonahan.

„Das? Das war Flight Lieutenant Steve Donovan, Squadron Leader. Ein erstklassiger Pilot, der auch Ausbilder ist“, grinste Vanderbuilt. „Wenn Sie mit den Flugleistungen von Pilot Officer Collins noch nicht zufrieden sind, überlassen Sie ihn ruhig Donovan.“

„Von mir aus können Sie ihn haben – für drei Tage oder die Ewigkeit!“

„Dann bleibt er bis auf weiteres bei uns, einverstanden?“

„Ja.“

„Danke, Squadron Leader. Bis dann“, erwiderte Vanderbuilt und legte auf. Er sah Donovan und Collins an.

„So, Jungs! Ich habe euch die Extrawurst gebraten und auch noch mundgerecht serviert. Donovan, ich erwarte, dass Sie sich nicht irren. Collins, ich erwarte, dass Sie der beste Pilot werden, den wir je für die Tommys getrimmt haben!“

Daniel Collins flog als Donovans Flügelmann in der Eagle Squadron und gewann zusehends an Sicherheit. Mit der Sicherheit beim Fliegen stellte sich allerdings ein gewisser Übermut im Privatleben ein. Schon nach einer Woche, die Dan Collins mit Steve flog, bot der offene Amerikaner dem jungen Briten das Du an. Danny – jung und unbekümmert – akzeptierte gern.

Eines Abends, an einem Tag, an dem Daniel vier Alleinabschüsse von deutschen Maschinen verbuchen konnte, war er der Meinung, er könnte das ein wenig feiern – und begoss sich gründlich die Nase. Als Steve in die Kasinobaracke kam, war es bereits zu spät: Pilot Officer Daniel Collins war blau wie tausend Veilchen!

„Jesus! Avery! Du hast den Bengel doch nicht etwa …“, stotterte Steve erschrocken, als Daniel just in dem Moment unter den Tisch rutschte, in dem er das Kasino betrat.

„Och, er wollte ‘n bisschen feiern. Und er wollte was Richtiges trinken“, grinste Avery Stoudinger, der Kasinowirt.

„Und was hast du ihm eingeholfen? Brandy, Scotch, Bourbon, Gin?“, fragte Steve. Stoudingers Grinsen wurde noch breiter.

„Na, alles!“, lachte er.

„Avery, ich sollte dich bei meinem nächsten Propellerbruch als Ersatzteil einbauen lassen! Hast du nicht alle Tassen im Schrank?“, fuhr Donovan den Kantinenwirt an. Avery schob sich gemächlich einen Kaugummi in den Mund.

„Wenn du mit solchen Milchbubis fliegst, solltest du besser auf deine Flaschenkinder aufpassen, Steve. Der Bengel ist volljährig und kann alleine entscheiden, was er in seiner Freizeit säuft!“, versetzte Stoudinger.

Donovan bekam den beleibten Kantinenwirt am Kragen zu fassen und zog ihn halb über den Tresen.

„Avery Stoudinger: Was ich dir jetzt sage, sage ich nur einmal, also hör mir gut zu! Du bist der Kantinenbulle hier, okay. Klar, du willst Geld verdienen, auch okay. Aber diese Männer die hier sitzen, mein Junge, die sind Soldaten und es kann sein, dass sie mitten in der Nacht mit der Alarmsirene geweckt werden, um deutsche Bomber abzufangen. Besoffen dürfen sie aber nicht fliegen. Mag sein, dass manch einer seinen Kummer im Whiskey ertränken will. Aber dann hast du dafür zu sorgen, dass er nicht mehr Promille in den Adern hat, als fliegerärztlich zugelassen ist. Wenn ich hier je wieder einen unter dem Tisch sehe, weil du beim Nachschenken nicht aufhören konntest, hetze ich dir die MP auf den Hals. Hast du das verstanden?“

Stoudinger sah die eisige Entschlossenheit in Donovans wutschwarzen Augen und nickte zögernd.

„J… ja, Steve, geht klar“, stotterte er. Donovan ließ ihn los und winkte Jerry Cox, der ihm half, Collins unter dem Tisch hervorzuziehen und abzutransportieren.

„Was jetzt?“, fragte Jerry auf dem Weg zur Wohnbaracke. Steve brummte unwillig.

„Ich habe gefragt, wie es jetzt weitergeht, Sir!“, bohrte Jerry unnachgiebig weiter.

„Wenn er wieder klar ist im Kopf, werde ich ihm selbigen waschen!“, knurrte Steve wütend. „Und bis dahin beten, dass wir drei nicht fliegen müssen.“

„Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass die deutsche Rottentaktik viel effektiver ist als unsere Kettentaktik?“, fragte Jerry.

„Du rennst bei mir ‘ne offene Tür ein, Jerry; das Problem sind die hohen Tiere bei der Royal Air Force und dem Army Air Corps. Die sträuben sich dagegen mit Händen und Füßen.“

Jerry grinste breit.

„Nun, vielleicht könnte Dannys Ausfall uns die Chance geben, zu beweisen, dass die Rotte besser funktioniert als die Kette“, schlug Jerry vor. Steve sah den volltrunkenen jungen Briten an, der schlapp zwischen ihnen hing.

„Du könntest zwar Recht haben, aber ich übe eine neue Flugformation lieber erst mal trocken, bevor ich sie im Kampf teste“, gab er zu bedenken.

„Junge, Junge, manchmal frage ich mich wirklich, ob du tatsächlich Steinbock vom Sternzeichen bist oder doch Krebs!“, schüttelte Jerry den Kopf in Anspielung darauf, dass Steve zuweilen zum Grübeln neigte. Menschen, die im Sternzeichen des Krebses geboren werden, sagt die Astrologie nach, sie seien außerdem zaudernd und ängstlich. Die Astrologen haben den für den Krebs typischen Rückwärtsgang auf den Charakter der Menschen übertragen. Auf Steve traf das eigentlich nicht zu. Er galt unter seinen Vorgesetzten und Kameraden als kühner und entschlussfreudiger Kampfpilot, was zum kühnen Steinbock viel eher passte. Allerdings machte er sich für einen Jagdpiloten ungewöhnlich viel Gedanken und achtete sorgsam darauf, dass seine Untergebenen ihre Aufgaben ernst nahmen. Bei derart jungen Leuten, mit denen Steve es als Ausbilder für gewöhnlich zu tun hatte, nicht immer eine einfache Sache, aber Steve hielt seine Fohlen im Zaum. Ausnahmen wie Daniels Ausrutscher unter den Kantinentisch bestätigten eher die Regel.

Die Nacht blieb für die 133rd Squadron der RAF ruhig. Als Daniel am nächsten Morgen aus dem Vollrausch erwachte, war ihm einfach nur noch schlecht. Er hatte das Gefühl, als wäre sein Kopf eineinhalb bis zwei Yards breit – auf jeden Fall zu dick, um durch die Stubentür zu passen.

„Gott im Himmel, wo sind eigentlich die Trümmer von dem Haus, das mir auf den Kopf gefallen ist?“, fragte er, noch leicht verwaschen redend. Der Alkoholdunst, der wie eine Wolke um ihn lag, störte Danny sogar selbst.

„Ich glaub’ der braucht ‘ne Dusche“, grinste Jerry. Steve grinste ebenfalls niederträchtig.

„Die Meinung teile ich. Auf, unter die Brause, Danny!“

Sie stellten ihn in kompletter Uniform – so wie er am Vorabend volltrunken ins Bett gefallen war – unter die Dusche. Steve drehte den Kaltwasserhahn voll auf und sprang gerade noch beiseite, um nicht selbst kalt geduscht zu werden.

„Uaah! Scheiße!“, fluchte Daniel. „Ey, was soll das?“

„Aufklaren, Danny“, rief Steve. Das eiskalte Wasser scheuchte die Reste von alkoholbedingter Benommenheit aus Collins’ Kopf. Durch die Wasserschleier angelte er nach dem Duschkopf, nahm den Schlauch und hielt ihn aus der Kabine. Jerry und Steve sprangen erschrocken beiseite, aber der Wasserstrahl folgte ihnen nass und kalt. Jetzt war es Daniel Collins, der schadenfroh lachte. Schließlich waren sie alle drei triefend nass und lachten ausgelassen.

Wenig später hatten sie sich trockengelegt und saßen bei heißem Tee in Donovans Stube.

„‘S tut mir leid, Steve“, entschuldigte sich Daniel für seine abendliche Eskapade.

„In diesem Fall ist es gut gegangen. Aber lass dir das nie wieder einfallen, solange es dein Job ist, zu fliegen, um England zu verteidigen!“, erwiderte Steve ernst. Daniel rieb sich den noch immer schmerzenden Kopf

„Komisch, andere Offiziere würden wahrscheinlich sagen: ‚Solange du in meinem Haufen bist, benimmst du dich!’ Du erinnerst mich an meine Pflicht gegenüber England“, wunderte er sich. „Warum?“, fragte er dann.

„Danny, ob du in der Eagle Squadron fliegst oder bei irgendeinem anderen Verband der RAF, der Job bleibt derselbe: Es ist – solange du Soldat bist – dein Job, England zu verteidigen. Deshalb ist es völlig unerheblich, bei welcher Einheit du über die Stränge schlägst. Das Ergebnis für England ist immer dasselbe. Du bist als Pilot eines Jagdflugzeugs oder eines Bombers zwar nur ein Rädchen in der großen Gesamtmechanik, aber beschädige ein noch so unscheinbares Kugellager an deiner Maschine und sie läuft nicht mehr; jedenfalls nicht richtig. So klein du auch sein magst: Du zählst! Mehr, als du vielleicht ahnst. Und deshalb erwarten König und Vaterland von dir, dass du klar im Kopf bist, wenn du deinen Job tust.“

Daniel sah Steve lange an. Im Grunde hatte sein Vater ihm schon gesagt, dass es seine Pflicht sei, England zu dienen. Aber so griffig hatte ihm noch niemand gesagt, wie viel von ihm persönlich abhängen konnte. Von diesem Moment an schwor sich Daniel Collins, sich nie wieder zu betrinken, wenn auch nur die geringste Aussicht auf einen Einsatz bestand.

Kapitel 9

Luftschlacht um England II

1) Pflichtbewusstsein

 

Vier Tage darauf flog die Luftwaffe den ganzen Tag sowohl von Norwegen als auch von der französischen Küste Angriffe gegen England. Die Jagdpiloten der RAF kämpften mit dem Mut der Verzweiflung und der Gewissheit, dass sie nach einem Abschuss wenigstens die Chance hatten, bald wieder aufzusteigen – sofern die Maschine nicht so schwer in Brand geschossen wurde, dass ein Entrinnen unmöglich war. An diesem Tag gelang es Danny Collins nicht, seinem deutschen Widersacher auszuweichen.

„Steve, ich bin getroffen!“, schrie er ins Mikrofon.

„Feuer?“

„Nein – aber ich verliere an Höhe.“

„Keine Panik. Lass’ Öl ab, vermeide Trudeln und probier’ ‘ne Notlandung auf dem Feld da unten. Der Farmer wird nicht begeistert sein, aber vielleicht ist es trotz Rationierung besser, ein Acre* Mais zu verlieren, als einen nicht ersetzbaren Piloten. Sieh zu, dass du flach ‘runter kommst! Ich versuche, dir den Kraut vom Hals zu halten!“

„Ich tue mein Bestes!“, japste Daniel, der bereits mit seinen Kontrollen kämpfte. Steve hängte sich hinter Collins’ hartnäckigen Verfolger und hämmerte mit den starren Flügel-MGs auf ihn ein, bis der endlich von Daniel abließ, um sich um den gewitzteren Gegner zu kümmern. Die Mühen des deutschen Piloten waren umsonst. Die Salven aus Donovans Bordkanonen zerfetzten die Treibstoffleitung. Die Bf 109 platzte in einem Feuerball auseinander.

Daniel Collins sah den Gegner explodieren und nahm sich vor, Steves Aktion nicht unerwähnt zu lassen, falls er lebend unten ankam. Die beschädigte Hurricane war nur schwer zu kontrollieren. Mit sehr viel Mühe gelang es Collins, ein abgeerntetes Kornfeld anzusteuern und rumpelnd notzulanden. In der Nähe waren Landarbeiter mit der Maisernte beschäftigt. Aufgeregt kamen die Leute zu Collins’ Maschine gerannt.

„Rufen Sie den Flugplatz Gravesend an, dass die Maschine geborgen wird! Kann mich jemand nach Gravesend fahren?“, rief Daniel ihnen zu. Er erschrak beinahe über die Selbstverständlichkeit, mit der er wieder am Luftkampf teilnehmen wollte.

Steves Maschine schoss heran, drehte eine Siegerrolle, Daniel winkte ihm grüßend. Im selben Augenblick realisierte Steve, dass er mit Jerry Cox nur noch zu zweit war.

„Jerry!“

„Bin über dir!“, meldete sich Cox.

„Danny ist heil unten. Außer uns beiden ist keiner von den Eagles hier. Los, wir testen die Rotte!“

„Hoffen wir, dass der heilige Christophorus ein Herz für Kampfpiloten hat!“, seufzte Jerry.

„Müsste er. Schließlich ist mein zweiter Name Christopher!“, tönte es aus Cox’ Kopfhörern. Steve stieg auf Jerrys Flughöhe auf.

„Lass’ uns höher gehen, dann kommen wir für sie aus der Sonne. Soweit ich das bisher beobachtet habe, deckt der zweite Mann dem vorderen den Rücken. Das können wir auch. Komm, Jerry, wir heizen ihnen ein.“

Donovan hatte zutreffend erkannt, dass der von den deutschen Piloten Katschmarek genannte Rottenflieger im Prinzip nichts anderes tat, als dem Rottenführer den Rücken freizuhalten.

Die Amerikaner stießen auf den anfliegenden Bomberpulk herab und feuerten schon im Sturzflug aus allen Rohren. Für die anfliegenden Deutschen kamen die RAF-Piloten direkt aus der Sonne und waren nicht zu erkennen gewesen. Siegfried Heinsohn sah die Angreifer zuerst – aber dennoch zu spät.

„Achtung – Tommys auf zwölf Uhr!“, rief er eine Warnung. Fast gleichzeitig spürte er, dass seine Maschine durchgeschüttelt wurde. Siegfried sah sich erschrocken um, um nach Schäden zu suchen; doch nicht er selbst war getroffen worden, sondern sein „Katschmarek“ Maschmann, dessen Bf 109 explodiert war. Der Luftdruck der Explosion hatte Siegfrieds Maschine geschüttelt.

„Guter Gott! Die fliegen ja Rotte!“, entfuhr es Heinsohn, als er bemerkte, dass die englischen Flugzeuge zu zweit flogen – ohne den üblichen dritten Kettenflieger.

„Kann sein! Aber sie beherrschen es nicht!“, mutmaßte der Geschwaderkommodore. „Gebt Ihnen Saures, Jungs! Pauke-Pauke**!“, befahl der Oberst.

Heinsohn und seine Staffelkameraden bestätigten und wollten sich auf die Maschinen mit den britischen Kennzeichen stürzen, als ein Pulk englischer Spitfires auf sie zuhielt, sich wie ein Fächer entfaltete – und rottenweise, also zu zweit angriffen. Der britische Staffelführer hatte den erfolgreichen Angriff der Eagle-Rotte beobachtet und die Taktik an seine Staffel weitergegeben.

„Bei den Teufeln der Hölle! Die haben’s aber gelernt, Chef!“, platzte Heinsohn heraus. Die deutschen Jäger versuchten verzweifelt, die Briten von den schwerfälligen Ju 88-Bombern fernzuhalten, aber es war umsonst. Der gesamte Bomberverband und ein Großteil der begleitenden Jagdmaschinen wurden noch vor Erreichen der Küste abgeschossen. Siegfried war einen Augenblick versucht, seine beschädigte Maschine in englischen Gewässern zu versenken oder auf der Insel notzulanden und sich zu ergeben, aber er entschied sich instinktiv dagegen und brachte es tatsächlich fertig, seinen Vogel noch bis nach Calais zurückzufliegen.

Steve und Jerry landeten ihre Spitfires sicher auf dem Flugplatz Gravesend. Squadron Leader Vanderbuilt, der den Einsatzbericht entgegennahm, nickte anerkennend.

„Gute Arbeit, Captain. Verschnaufen Sie ‘ne Weile. Schäden?“

„Bei mir ein paar Löcher im Seitenruder, kein großes Problem. Cox’ Maschine ist nach dem ersten Augenschein unbeschädigt. Collins ist notgelandet, aber ich habe ihn heil aussteigen sehen, Sir“, antwortete Steve.

„Gut. Ihre Bodenmannschaft soll sich an die Reparaturen machen. Was ist mit der Hurricane? Noch zu gebrauchen?“

„Flugunfähig aufgesetzt, Notlandung, Propeller verbogen – schwer zu sagen; aber in Anbetracht der Produktionsengpässe sollte man versuchen, sie zu bergen und wieder flottzumachen, Sir“, erwiderte Cox.

Im selben Moment öffnete sich die Tür und Pilot Officer Daniel Collins kam herein.

„Pilot Officer Collins meldet sich vom Feindeinsatz zurück. Maschine verloren, Pilot gesund, Sir“, meldete er.

„Danke, Pilot Officer. Was ist mit Ihrer Maschine?“, erkundigte sich Vanderbuilt.

„Das Höhenleitwerk ist völlig zersiebt, das Fahrgestell ist abgerissen, der Propeller nur noch Wellblech und der Motor hat ‘nen Riss, wie ich gesehen habe. Wenn mich nicht alles täuscht, ist der Rumpf der Länge nach aufgerissen, und der Tank ebenfalls zum Teufel. Ich denke, ich hab’ Glück gehabt, dass sich der Treibstoff aus dem durchlöcherten Tank einfach ausgelaufen ist und sich nicht entzündet hat. Tut mir Leid, Sir, die Maschine ist schrottreif“, erklärte Dan.

„Na, herzlichen Glückwunsch!“, schnaufte Vanderbuilt. „Sie wissen, wie schwer es der englischen Flugzeugindustrie fällt, Ersatz zu liefern!“.

Der Squadron Leader machte eine Pause.

„Nun, auch die Krauts sollen zielen können, wie man hört und sieht“, sagte er dann mit unüberhörbarem Seufzen. „Es wäre falsch, Ihnen den Verlust der Maschine anzulasten, Pilot Officer. Wir werden sehen, ob wir Ersatz bekommen können. Captain Donovan, geben Sie Anweisung an die Bodenmannschaft, Ihre Maschine so schnell wie möglich instandzusetzen und Cox’ Vogel gründlich zu untersuchen, gegebenenfalls auch zu reparieren. Bis zur Meldung, dass Ihre Flieger wieder lufttauglich sind, haben Sie drei Freiwache. Wir haben zurzeit keine anderen Maschinen hier“, wies Vanderbuilt Steve an. Die drei Piloten salutierten, verließen das Hauptquartier und fuhren zum Flugfeld zurück.

Steve rief die Bodenmannschaft zusammen und beauftragte die Männer mit der Reparatur. Sergeant Becker grinste breit.

„Sind schon dabei, Chef!“

„Prima, wie lange braucht ihr?“

Jack Becker sah abschätzend auf Donovans gerupfte Maschine und die Spitfire von Cox.

„Wenn die Krauts uns nicht stören, sechs Stunden – vorausgesetzt, dass an Jerrys Maschine nichts dran ist. Falls wir die auch noch flicken müssen, kommen wir auf acht bis neun Stunden, Sir“, sagte er dann.

„Okay, fangt an, Jungs“, erwiderte Steve und drehte sich zu seinen Flügelmännern um.

„Was stellen wir bis dahin an?“

Daniel sah auf die Uhr.

„Wolltest du nicht schon immer eine Station der Chain Home sehen?“, fragte er.

„Ja.“

„Schön. Meine Schwester arbeitet in einer Radarstation, und die ist nicht mal weit weg von hier, in der Nähe von Dunkirk. Mit dem Jeep sind wir in einer Stunde dort.“

„Okay. Jerry, willst du auch mit?“

„Lasse ich mir nicht entgehen.“

Die drei Piloten fuhren mit Steves Jeep in Richtung Dunkirk. Es gab dort eine Radarstation für niedrige Höhen, eine zweite kontrollierte die höheren Flugbereiche. Collins dirigierte Steve zur zweiten Station. Cox wurde plötzlich unruhig und stieß Donovan an

„Hey, hörst du das auch?“, fragte er.

„Was?“, fragte Steve nach hinten.

„Halt’ an und hör mal!“

Steve sah sich um. Ihr Jeep war weit und breit das einzige Fahrzeug. Er brachte das Fahrzeug langsam zum Stehen. Vor sich sahen sie die Masten der beiden Radarstationen, dahinter die blaugraue Nordsee mit kleinen weißen Schaumkrönchen, darüber kreischende Möwen. Aber außer dem Schreien der Möwen, dem Rauschen des Meeres, dem eigenen Motorengeräusch und dem Summen der Radarstationen lag noch etwas Anderes in der warmen Sommerluft: Das charakteristische Brummen eines ganzen Pulks von Ju 88-Bombern!

„Verdammt! Bomber!“, fluchte Steve. Daniel sah den Amerikaner von der Seite an und wusste: Der Fluch kam aus tiefstem Herzen. Steve sah zum Himmel und entdeckte die von Südosten herannahende Bomberformation. Fast gleichzeitig kam von der Landseite her das ebenso charakteristische Geräusch von Jagdmaschinen, die die deutsche Formation angriffen.

„Gehen wir erst mal in Deckung, bevor wir noch was abkriegen“, empfahl Donovan, wendete den Jeep und fuhr zu einem kleinen Waldstück zurück, das noch näher war, als die noch eine knappe Meile entfernte Radarstation, die sie vor Eintreffen der Bomber nicht mehr erreichen konnten. Im Wald fuhr er von der Straße. Die Bomber erreichten die Radarstation noch bevor die Jäger auf sie trafen. Das Pfeifen der herabfallenden Bomben ließ die Piloten Schutz am Boden suchen. Ängstlich sahen sie immer wieder nach oben, ob nicht auch Bomben auf den Wald fielen. Die Einschläge ließen den Boden erzittern wie unter einem Erdbeben. Ein furchtbares Krachen, das aus Richtung Radarmasten kam, ließ Steve über den Felsen sehen, hinter dem sie Schutz gesucht hatten.

„Oh, Scheiße!“, entfuhr es ihm. Die Masten des Hochraumradars waren zusammengebrochen. Das Gebäude selbst schien aber unbeschädigt zu sein. Doch dann erschütterte erneut eine Explosion die Erde, flog vor den Augen der drei entsetzten Piloten plötzlich das Dach der Station weg.

„Gott im Himmel!“, entfuhr es Steve.

„Nein!“, schrie Daniel auf. „Harriet!“

Er sprang auf und hetzte zum Jeep. Steve konnte ihm gerade noch folgen und sprang in das losbrausende Fahrzeug – ungeachtet der noch vorhandenen Bomber, deren Aufgabe offenbar die Zerstörung der Radarstation war.

„Hey, wir haben Jerry vergessen!“, schrie Steve, doch Daniel reagierte nicht, sondern jagte mit durchgetretenem Gaspedal auf die bombardierte Station zu. Jerry, ein wenig beleibt, ließ von seinem fruchtlosen Vorhaben ab, den mit mindestens vierzig Meilen die Stunde dahin jagenden Jeep noch zu erreichen und wartete den Bombenhagel lieber im schützenden Wald ab.

Daniel umkurvte mehr instinktiv als bewusst die Bombenkrater auf der Straße und kam mit quietschenden Bremsen vor den Trümmern der Radarstation zum Stehen.

„Harriet!“, schrie er und begann hektisch in den Trümmern zu stochern. Donovan half ihm, mit Schaufel, Brecheisen und bloßen Händen den Schutt von der Eingangstür zu räumen, die niedriger lag als das Straßenniveau. Es war ein ungeheurer Zufall, dass die Schuttstücke, die vor der Tür lagen, klein genug waren, dass ein oder zwei Mann sie wegräumen konnten.

„Harriet! Jenny! Hört ihr mich?“

Der Ton der Sturzflugbremsen von deutschen Ju 87 Sturzkampfbombern störte die Piloten jäh auf. Zwei Stukas stürzten auf die bereits schwer beschädigte Station hinunter. Steve und Daniel sprangen in Deckung, doch plötzlich verstummten die enervierenden Töne, als britische Jagdmaschinen sie unter Feuer nahmen, einen Stuka abschossen, der brennend in die Nordsee stürzte und den anderen von der Radarstation fortzwangen.

Hilferufe aus dem Innern der Station brachten die beiden Piloten wieder zu ihrem eigentlichen Vorhaben zurück, die Besatzung der Station zu retten. Sie packten wieder an Schuttstücken an und hatten schließlich den Eingang frei, aber die durch die Explosion verbogene Stahltür klemmte. Erst mit Hilfe des Brecheisens gelang es ihnen, die Tür zu öffnen. Hustend und verstaubt kamen zwei junge Frauen aus dem zerstörten Gebäude.

„Jenny! Wo ist Harriet?“, fuhr Daniel gleich eine dunkelhaarige junge Frau in der Uniform der Women’s Auxiliary Air Force an.

„Sie war im Funkraum!“, keuchte Jenny. „Die Verbindungstür ist verschüttet. Wir hatten kein Licht und konnten nicht durchkommen. Danke, Jungs!“

Donovan griff sich die Schaufel und das Brecheisen und stieg in die Trümmer hinunter. Daniel folgte ihm voller Besorgnis um die ältere Schwester. Sie arbeiteten sich durch den staubigen Schutt und erreichten die Tür des Verbindungsraumes, die sie ebenfalls erst mithilfe des Brecheisens öffnen konnten. Dahinter waren wieder Berge von Ziegel- und Kalksandsteinen, Betonbrocken und verbogenem Armierungsstahl.

„Harriet!“, schrie Daniel erneut. Keine Antwort. Verbissen arbeiteten sie sich durch die Schuttberge. Nach zwei Stunden, in denen auch das sonst überlebende Personal der Radarstation, das sich im vorderen Teil befunden hatte, beim Freilegen der zweiten Tür half, hatten sie die Tür des Funkraums erreicht. Wieder half das Brecheisen, die klemmende Tür zu öffnen. Dahinter fanden sie erneut ein Durcheinander von stählernen Deckenträgern und geborstenen Betonbrocken.

„Guter Gott!“, platzte der inzwischen eingetroffene Jerry Cox heraus. „Das kann doch keiner überlebt haben!“

Dennoch wühlten sie unverdrossen weiter, strengten sich doppelt an, als sie Klopfzeichen hörten. Nach einer weiteren Viertelstunde hatten sie endlich den Hohlraum erreicht, in dem Harriet und ihre Kollegin Mary Sands eingeschlossen waren. Mary fiel Daniel vor Freude weinend um den Hals. Steve hatte auch Harriet gefunden, die durch einen Balken eingeklemmt unter dem Funktisch lag und ohnmächtig war. Mit einer ungeheuren Anstrengung brachte Donovan es fertig, den zerborstenen Stahlträger soweit anzuheben, dass Jerry Harriet unter dem Tisch herausziehen konnte.

„Scheiß Bomber!“, fluchte er herzhaft.

„Militärisches Ziel! Daran gibt’s nicht mal für dich was zu meckern!“, erinnerte Jerry, hustend vor Staub.

„Trotzdem: Scheiß Bomber!“, wiederholte Donovan nachdrücklich. „Ich mag die Biester einfach nicht! Lebt sie?“

„Sie atmet. Hilf mir mal“, erwiderte Jerry.

Zu zweit trugen sie Daniels Schwester über die Schutthaufen auf die freie Fläche vor der Station, wo auch die anderen Verwundeten und die Toten lagen, die zwischenzeitlich von den Anderen geborgen worden waren. Daniel war viel zu geschockt, um Erste Hilfe bei seiner Schwester zu leisten. Steve tat es für ihn und belebte die junge Frau wieder. Es dauerte einige Zeit, bis Harriet wieder zu sich kam.

„Was ist passiert?“, fragte sie verwirrt.

„Bombenvolltreffer in Ihrer Radarstation“, gab Steve Auskunft. „Haben Sie Schmerzen?“

„Ja. Mir tut der Kopf weh und das rechte Bein brennt wie Feuer“, erwiderte sie stöhnend.

„Die Platzwunde am Kopf und die Abschürfungen habe ich verbunden und den Bruch, so gut es eben ging, geschient. Sonst noch Probleme?“

„Im Moment nicht.“

„Gut. Pilot Officer Cox hat schon nach einer Sanitätseinheit gefunkt. Die müssten bald hier sein“, sagt Steve beruhigend.

„Wer sind Sie?“, fragte Harriet.

„Flight Lieutenant Steven Christopher Donovan, Eagle Squadron, Royal Air Force“, gab Steve mit einem charmanten Lächeln Auskunft.

In der folgenden Zeit besuchte Steve Harriet im Lazarett, wenn Daniel keine Gelegenheit dazu hatte.

„Danke, für Ihren Besuch, Flight Lieutenant“, bedankte sich die junge Frau, als er zu ihr kam. Steve lächelte. Es war ein wunderbar warmes Lächeln, fand Harriet. Ein wunderbar warmes Lächeln in einem gut aussehenden Gesicht mit sanften, braunen Augen. Andererseits hatte Harriet sich geschworen, diesen Schürzenjägern von jungen Offizieren nicht nachzugeben. Solange jetzt schon Krieg war, war Harriet Collins für die RAF als Helferin tätig. Allzu oft waren die weiblichen Soldaten Zielscheibe sexistischen Spotts und zuweilen auch anzüglicher Handgreiflichkeiten der männlichen Kollegen – wobei die meisten männlichen Soldaten die Angehörigen der weiblichen Hilfskorps von Army, Navy und Air Force nicht als Soldaten, sondern als militärisch verpackte Appetithäppchen ansahen. Harriet hasste das. Sie war nicht zur Women’s Auxiliary Air Force gegangen, um sich Männern an den Hals zu schmeißen. Es war Krieg, und Harriet wollte helfen, dass Großbritannien ihn nicht verlor. Ihr Vater war Berufssoldat, ihr Bruder hatten die gleichen Ambitionen; ihre Mutter war eine geborene Ashburn, gehörte zu einer Familie, deren Ahnen schon für Richard Löwenherz gekämpft hatten, die in neuerer Zeit zahlreiche Mitglieder bei den Royal Hussars und den Royal Lancers gestellt hatte. So viel Militär in der Familie hatte auch die weiblichen Mitglieder der Ashburns geprägt. Um dem freundlichen Lächeln des jungen Amerikaners an ihrem Bett Glauben schenken zu können, kannte Harriet ihn zu wenig. Bisher war er ihr erst zweimal begegnet: Einmal, als er ihr Elternhaus so überstürzt verlassen hatte und sie dabei versehentlich fast umgerannt hatte und das zweite Mal, als sie nach der Bombardierung der Radarstation wieder zu sich gekommen war.

„Wo ist Danny?“, fragte sie.

„Er ist als Scout mit einem Neuen bei uns noch unterwegs. Er wusste nicht genau, ob er noch rechtzeitig zur Besuchszeit wieder in Gravesend wäre. Da bin ich bei Ihnen vorbeigekommen.“

„Danke. Daniel hat mir erzählt, dass Sie mich aus den Trümmern gezogen haben. Ich danke Ihnen, Flight Lieutenant.“

„Bitte, gern geschehen. Wir waren alle drei in großer Sorge um Sie und Ihre Kollegen, als die Station direkt vor unseren Augen zusammenkrachte. Wie geht es Ihnen?“

„Schon besser. Der Arzt sagt, ich habe eine Gehirnerschütterung, die Kopfplatzwunde, die Sie ja schon behandelt haben und ein gebrochenes Bein. Bei dem, was mir da auf den Kopf gefallen ist, habe ich noch viel Glück gehabt. Und was, sagten Sie, macht Danny jetzt?“

„Er führt neue Mitglieder der Eagle Squadron in das Gelände hier ein“, erklärte Steve.

„Oh, wenn ich denke, welche Probleme, Danny in der Schule immer mit englischer Geographie hatte!“, seufzte Harriet.

„Vielleicht hat er sein Land in der Schule nie aus der richtigen Perspektive gesehen?“, mutmaßte Donovan mit sanftem Lächeln.

„Wie ist er eigentlich zu den Yankees gekommen?“, fragte Harriet und wurde im gleichen Augenblick schamrot, als ihr einfiel, dass Donovan zwar eine britische Uniform trug, jedoch Amerikaner war. Sein Lächeln wurde noch breiter, in seinen braunen Augen tanzten fröhliche Funken.

„War meine Idee“, sagte er. „Er wollte gern fliegen und bei seiner Staffel ließ man ihn nicht, weil Squadron Leader McMonahan ihn für zu grün zum Fliegen hielt. Wie er das ändern wollte, ohne Dan fliegen zu lassen, hat McMonahan mir aber bis heute noch nicht gesagt. Bei uns darf er fliegen und ich könnte mir – abgesehen von meinem Freund Jerry Cox – keinen besseren Flügelmann vorstellen als Daniel.“

„Wenn das unser Vater hören könnte!“, seufzte Harriet.

„Wieso?“

„Mein Vater ist ein Perfektionist. Und wenn jemand nach der ersten vagen Erklärung nicht sofort den vollen Sachverhalt erfasst hat, nimmt mein Vater denjenigen nicht für voll. Können Sie folgen?“

„Wie ein Spürhund“, grinste Steve. „Kann es sein, dass Ihr Vater Dan bisher noch nicht recht für voll genommen hat?“

„Allerdings! Danny ist zwei Jahre jünger als ich. In der Schule hinkte er immer hinterher – nur, wenn die Rede von Flugzeugen war, wachte er auf. War für einen guten Schüler etwas dünn. Mein Vater hat ihm jedenfalls dauernd Vorhaltungen gemacht oder mich, Winfred und Arnold als Vorbilder hingestellt. Mir war das unangenehm, weil ich die Nachbarschule besuchte und recht direkt mitbekam, wie schwer es Danny fiel, mitzukommen.“

„Wer ist Arnold? Ein älterer Bruder?“, fragte Steve.

„Nein, unser Cousin, Arnold Ashburn. Arnold ist bei Dunkerque gefallen.“

„Mein Beileid.“

Harriet winkte ab. Sie kannte Cousin Arnold nur als arroganten Schnösel.

„Arnold war … Ach nein, über Tote sagt man nur etwas Gutes oder man schweigt. Ich schweige in diesem Fall“, erwiderte sie.

„Verstanden“, grinste Steve. „Ich gebe zu, Ihren Herrn Vater in unguter Erinnerung zu haben, seit er einmal zur Lunchzeit meinte, ich, als Gast des Hauses und außer Dienst befindlich, solle militärisch grüßen.“

„Oh, das war der Grund, weshalb Sie damals so aus dem Haus gestürmt sind!“

„Es war nur konsequent. Mein Vater – seines Zeichens Brigadier-General – war gewiss ein Formalienreiter, aber mit Gästen hat er sich nie solche schlechten Scherze erlaubt. Was hat Ihr Vater von mir gesagt?“

„Das … das wiederhole ich lieber nicht, Mr. Donovan. Aber es war nicht freundlich, das dürfen Sie mir glauben“, antwortete Harriet zurückhaltend.

„Nach dem Gebrüll, das ich noch bis auf die Straße gehört habe, wundert mich das nicht. Wie lange müssen Sie noch hier bleiben?“

„Die Schwester sagte heute Morgen, dass ich wohl schon nächste Woche einen Gehgips bekomme und dann aufstehen darf. Insgesamt werde ich wohl noch drei Wochen im Lazarett bleiben müssen.“

„Dann wünsche ich noch gute Besserung, Miss Collins“, sagte Donovan mit einem so sanften Ton, dass es Harriet heiß und kalt wurde und gleichzeitig wieder ihr Misstrauen gegen junge Offiziere hochkam.

„Danke, Mr. Donovan. Und nochmals danke, dass Sie mich gerettet haben“, erwiderte sie.

Steve sah sie einen Moment an.

„Miss Collins, ich bin mit Ihrem Bruder gut befreundet. Würden Sie mir erlauben, Sie ebenfalls beim Vornamen zu nennen?“, fragte er dann vorsichtig. Harriet erwiderte seinen Blick forschend. Zwar entdeckte sie nichts an ihm, was sie ihn mit den üblichen, ihr bekannten draufgängerischen Piloten vergleichen ließ. Daniel hatte ihr erzählt, dass Steve mit seinem Flugzeug wie verwachsen schien und damit Unglaubliches anstellte, am Boden aber ein zurückhaltender Mensch war – sah man von der fachlichen Manöverkritik ab. Doch Harriet mochte der Begeisterung ihres jüngeren Bruders über seinen amerikanischen Vorgesetzten noch nicht folgen. Dafür kannte sie sein wahres Ich noch nicht genug.

„Mr. Donovan, ich bin Ihnen und Mr. Cox sehr dankbar, dass Sie mich und meine Kollegen gerettet haben. Aber ich kenne Sie noch nicht gut genug, um zu Ihrer Bitte ‚ja’ zu sagen“, antwortete sie schließlich.

Steve traf ihre Ablehnung härter, als er sich selbst eingestand, aber er schluckte seine bittere Enttäuschung hinunter.

„Nun, vielleicht werden Sie irgendwann genügend Zeit gehabt haben, mich kennen zu lernen. Mein Angebot gilt“, sagte er und stand auf.

„Ich glaube, Sie laufen davon, Mr. Donovan“, bemerkte Harriet.

„Ja, Miss Collins. Manchmal sogar vor mir selbst“, gab er zu. „Vor mir und meiner dummen Offenheit. Es tut mir Leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin“, sagte er und verließ das Krankenzimmer. Harriet sah ihm verwirrt nach. War es denn so schwer verständlich, dass sie ihn erst näher kennen lernen wollte, bevor sie sich zu Vertraulichkeiten hinreißen ließ? Ihre Tätigkeit war ihr zu wichtig, um sie mit einer Liebelei, die ihm vielleicht doch nichts bedeutete, zu gefährden.

Am Tag darauf besuchte Daniel sie.

„Hallo, Schwesterchen. Wie geht’s dir?“, begrüßte er sie.

„Danke, besser. Gestern war dein Freund hier – dieser Donovan“, erwiderte sie.

„Du sagst das so komisch. War was zwischen euch?“

Harriet schnaubte.

„Ha! Wär’ ja wohl noch schöner!“, versetzte sie. „Dan, wir kennen uns kaum. Ich habe ihn ein oder zweimal vor meiner Verwundung gesehen – und er will mich gleich duzen! Ich fand das doch verfrüht und habe abgelehnt.“

Daniel seufzte.

„Harriet, er ist mein Freund, er ist ein prima Kerl. Der ist keins von den normalen Großmäulern, die mit nie geschehenen Heldentaten prahlen, und ein Schürzenjäger ist er erst recht nicht.“

„Nun, du hattest lange genug Zeit, dir über seinen Charakter klar zu werden und dir ein Bild von ihm zu machen. Ich habe ihn einmal gesehen, als er mich fast umgerannt hat – und jetzt, als er mich besucht hat. Um zu jemandem du zu sagen, reicht das wohl kaum aus!“

„Gute Güte! Wir kannten uns eine gute Woche, da waren wir beim du. Du stellst dich aber auch an!“

„In dieser einen Woche, kleiner Bruder, bist du fast vierundzwanzig Stunden am Tag mit Flight Lieutenant Donovan zusammen gewesen. Das sollte wohl zum kennen lernen ausreichen“, versetzte Harriet, ganz die ältere Schwester.

„Harriet, ich weiß, dass dir dein Job so viel bedeutet, dass du außerhalb dessen fast nichts siehst. Aber gerade deshalb – wenn du mich genau fragst – finde ich, dass Steve und du …“

„Das reicht jetzt!“, unterbrach Harriet Daniel scharf. „Solange Krieg ist und sogar Frauen dazu gebraucht werden, um ihn nicht zu verlieren, habe ich keine Zeit für Tändeleien dieser Art. Und für dich ist es auch besser, wenn du dich auf deine Pflichten konzentrierst und Flausen lässt!“, wies Harriet den jüngeren Bruder zurecht.

„Du redest wie Vater, …“

„Das scheint mir auch bitter nötig!“, schnauzte sie.

„… der ein typischer Schreibtischhengst ist“, fuhr Daniel ungerührt fort. Eine herrische Geste mit der Hand hinderte Harriet, ihn erneut zu unterbrechen.

„Du arbeitest in einer Radarstation. Das ist eine wichtige, nicht zu unterschätzende Arbeit. Meiner Meinung nach kann man den Wert der Chain Home gar nicht hoch genug schätzen. Ohne eure Arbeit wüssten wir Piloten nicht, wann und wo wir nach den Krauts suchen sollen, wo wir sie treffen werden, ob sie überhaupt kommen. Okay. Ihr seid bombardiert worden – auch okay.

Aber unsereins, herzliebste Schwester, begibt sich täglich in Lebensgefahr, sofern man seinen Arbeitsplatz, das Cockpit einer Jagdmaschine, auch nur von ferne auf dem Rollfeld sieht, weil die Flugplätze bevorzugtes Ziel unserer lieben feindlichen Vettern vom Kontinent sind. Und wenn wir aufsteigen und versuchen, die Krauts von unseren Flugplätzen und von London fernzuhalten, dann kann eine unbedachte Sekunde das Leben kosten, mindestens aber die Maschine. Und wenn du fünfzehn Stunden des Tages in Lebensgefahr verbringst, möchtest du dir in den verbleibenden neun Stunden nicht noch weiter Gedanken über diese scheißlebensgefährliche Pflicht Gedanken machen, sondern auch mal an was anderes denken. Das heißt bei Gott nicht, dass ich meine Pflicht vernachlässige! Im Übrigen habe ich in Steve in Sachen Pflicht wohl den besten Lehrer. Niemand, wirklich niemand, hat mir je so griffig klargemacht wie er, dass jeder einzelne Soldat Großbritanniens an seinem Platz zählt und dass sein Ausfall ungeahnte Konsequenzen haben kann. Harriet, glaub’ mir eins: Ich kenne euch beide gut. Dich und Steve. Und ich sage dir: Ihr zwei seid ein Paar Schuhe!“

Daniel war kein berufsmäßiger Kuppler, aber er kannte die Eigenheiten seiner Schwester und seines Freundes gut.

„Lass’ mich das bitte selbst feststellen“, entgegnete Harriet.

„Gib ihm die Chance, Harriet“, beharrte Daniel und ging.

Als er auf den Flugplatz zurückkehrte, war Steve mit der Untersuchung seiner im Einsatz beschädigten Maschine beschäftigt.

„Hi, Steve!“, meldete er sich – den amerikanischen Jargon hatte er bereits verinnerlicht.

„Hallo, Danny. Wie geht’s Harriet?“, erkundigte sich Donovan.

„Besser. Es tut mir Leid, dass sie dich abweist.“

Steve sah den jungen Briten an.

„Ich sehe an deiner Nasenspitze, dass du versucht hast, sie umzustimmen. Lass’ es, Danny. Es hat keinen Sinn, einen Menschen zu drängen“, sagte er.

„Ich wollte dir nur helfen“, verteidigte sich Daniel.

„Danke; ich danke dir für dein Bemühen. Es ist für einen jüngeren Bruder besonders schwer, einem älteren Geschwister in eine Beziehungssache hineinzureden. Ich weiß das gut, denn ich habe einen älteren Bruder, der genau das ist, was Harriet fürchtet wie der Teufel das Weihwasser: ein Schürzenjäger par excellence. Wie oft ich versucht habe, Sid zuzureden, er solle Mädchen endlich ernst nehmen, weiß ich gar nicht mehr. Irgendwann habe ich mit dem Zählen aufgehört und habe feststellen müssen, dass es nichts gebracht hat. Mein Bruder rennt weiter hinter jedem Rock her, der sich in sein Blickfeld verirrt. Dass ich zu dieser Sorte nicht gehöre, werde ich ihr schon selbst beweisen müssen. Sonst glaubt sie es nicht. Leider haben Harriet und ich dienstlich nichts miteinander zu tun. Würde sie mich – so wie du – aus dem Dienstalltag kennen, wüsste sie, was sie von mir zu halten hat. So weiß sie es nicht und wendet zu Recht ein, dass sie mich zu wenig kennt, um mein Angebot zu akzeptieren“, erklärte Donovan.

„Sag mal: Stehst du immer so außerhalb deiner Gefühle?“, fragte Daniel erschrocken.

„Meistens“, gab Steve zu. „Jedenfalls, seit meine Mutter tot ist.“

„Hast du dich mal aus Liebeskummer besoffen?“

„Ich war bisher noch nie so verliebt, dass es beim Auseinandergehen zu ernsthaftem Liebeskummer gereicht hätte“, räumte der Amerikaner ein, ohne zuzugeben, dass er noch nie verliebt gewesen war. „Aber was die Bekämpfung von persönlichen Problemen betrifft: Es gibt Menschen, die ihre Probleme mit Arbeit überspielen und solche, die versuchen, ihre Sorgen mit Scotch oder Bourbon zu ertränken. Arbeit erscheint mir persönlich schon deshalb das bessere Mittel zu sein, weil Sorgen mit der Zeit schwimmen lernen. Ob es gesünder ist, hängt von der Arbeit selbst ab. In unserem speziellen Fall ist Arbeit jedenfalls nicht weniger gefährlich.“

Steve strich seinem beschädigten Vogel sanft über den Propeller.

„Ich habe mir bisher nicht viel aus Frauen gemacht, Daniel. Aber deine Schwester, die ist was Besonderes“, sagte er dann.

„Heißt das, du bist in sie verliebt?“, fragte Daniel interessiert nach.

„Sie gefällt mir – und das interessanterweise, weil sie vor Pflichtgefühl ihre eigenen Gefühle zurückstellt. Ich glaube, dass deine Schwester alles andere als leichtlebig ist und hinter einem Offizier nicht um der Uniform willen hinterherlaufen würde. Sie ist jedenfalls nicht der Typ Offiziersmatratze. Und genau deshalb mag ich sie.“

„Ich habe ihr gesagt, dass ihr zusammenpasst – du weil du kein Schürzenjäger bist und sie, weil sie eben sehr wählerisch und pflichtbewusst ist.“

„Und was sagt sie?“

„Dass sie das selbst feststellen muss und noch nicht genügend Gelegenheit hatte, dich kennenzulernen“, antwortete Danny.

„Ich frage mich nur, wie ich die Chance bekommen kann, ihr bekannt zu werden, wenn wir dienstlich praktisch nichts miteinander zu tun haben.“

„Vielleicht solltest du die Gelegenheit nutzen und sie im Lazarett besuchen“, schlug Daniel vor.

Steve tat es, so oft sein Dienstplan und die außerplanmäßigen Einsätze es zuließen. Harriet lernte ihn zwar als charmanten und aufmerksamen Gentleman kennen – aber ihr tiefsitzendes Misstrauen gegen Männer, die berufsbedingt oder auch nur zeitweise in einer Uniform steckten, blieb. Schließlich gab Steve es auf und beschloss, ihr Zeit zu lassen. Alle Zeit, die Harriet meinte zu brauchen, um festzustellen, dass er kein Windhund war. Auch das vertrauliche du war von ihr trotz Steves Bemühungen noch nicht akzeptiert worden.

Kapitel 10

Luftschlacht um England III

1) Adlertag

Harriet erholte sich langsam von den Verletzungen, die sie bei dem Angriff auf die Radarstation erlitten hatte. Die Station selbst war innerhalb weniger Tage von den Trümmern geräumt und repariert worden. Sie war auch neu besetzt worden, wobei die Verwundeten von anderen Angehörigen der Women’s Auxiliary Air Force ersetzt wurden. Auch Harriets Platz wurde von jemand anders eingenommen.

Als Harriet sechs Wochen nach ihrer Verwundung wieder dienstfähig war, wies man ihr einen Platz in der Jägerleitstelle Biggin Hill zu. Sie wurde den Jägern des Flugplatzes Gravesend zugewiesen, wo auch Ihr Bruder und Steve Donovan stationiert waren. Von der Jägerleitstelle aus wurden die Jäger der Royal Air Force an ihre Ziele geführt. Die Jägerleiter saßen in einer Empore, die rund um den Kartenraum lief und hielten Funkkontakt zu den Staffelführern der ihnen zugeteilten Staffeln. Unten im Kartenraum befand sich ein großer Tisch, der komplett mit einer genauen Landkarte der britischen Hauptinsel bedeckt war. Die Jägerstaffeln und die angreifenden Jäger- und Bomberformationen wurden durch kleine Modellflugzeuge dargestellt, die von Helfern mit langen Stangen verschoben wurden, die dem Arbeitsgerät eines Croupiers im Spielkasino mehr als nur ähnlich waren. Die Helfer bekamen ihre Informationen von den Radarspezialisten, die im Nebenraum vor ihren Radargeräten saßen, die ihnen Anzahl und Höhe der von den Antennen der Chain Home erfassten Flugzeuge verrieten.

Eine genaue Führung der Jäger war auch dringend erforderlich, denn die Royal Air Force war der deutschen Luftwaffe sowohl zahlenmäßig als auch in taktischer Hinsicht deutlich unterlegen. Dazu kam, dass Großbritannien seit Anfang August 1940 praktisch allein gegen Deutschland stand. Bisher hatte die deutsche Luftwaffe England zwar angegriffen, hatte sich darauf aber nicht allein konzentrieren können. Norwegen, die Niederlande, Belgien und Frankreich hatten sich gewehrt und hatten einen Großteil der Offensivkräfte gebunden. So hatte Hitler den massiven Angriff auf Großbritannien auf die Zeit nach der Kapitulation Frankreichs verschoben.

Nun hatten Norwegen, die Benelux-Staaten und Frankreich kapituliert. Reichsmarschall Göring hatte Hitler versprochen, mit seiner kampferprobten Luftwaffe England in kürzester Zeit sturmreif zu schießen. Die Flugplätze an der französischen Kanalküste, in Belgien und Holland und die an der norwegischen und dänischen Nordseeküste standen der Luftwaffe als Sprungbretter zur Verfügung. Großbritannien stand allein und war von deutschen Stützpunkten im Osten und Süden schier umzingelt.

Als Göring den 8. August 1940 zum „Adler-Tag“ erklärte, den Beginn des „richtigen“ Angriffs auf England, konnten sich alle Kräfte auf die englische Insel konzentrieren – schon deshalb erwartete außer der deutschen Führung auch die Weltöffentlichkeit, es werde einen ähnlich schnellen Sieg der Deutschen wie gegen Polen, Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich. England hatte keinerlei Hilfe zu erwarten, nicht einmal von seinen Kolonien, denn Italien war auf deutscher Seite in den Krieg eingetreten und bedrohte auch das englische Kolonialreich …

In den sechs Wochen seit Harriets Verwundung hatte die Royal Air Force entsetzliche Verluste hinnehmen müssen. Weil die Deutschen bevorzugt die Jägerflugplätze bombardierten und die britischen Jäger in Luftkämpfen attackierten, stand das Fighter Command am Rande der völligen Vernichtung. Auch die Eagle Squadron hatte furchtbare Verluste. Es gab keinen unter den überlebenden Piloten, der nicht wenigstens zweimal selbst abgeschossen worden war. Zu denen, die mehrere Abschüsse persönlich fast unbeschadet überstanden hatten, gehörten Steve Donovan, Jerry Cox und Daniel Collins.

Doch an dem Tag, als Harriet ihre Arbeit als Jägerleiterin für die Eagle Squadron aufnahm, geschah etwas Unerwartetes: Der gewaltige Bomberstrom – eine Viertelmeile breit und zwanzig Meilen lang – hatte nicht etwa die östlich und südlich von London gelegenen, arg ramponierten Jägerflugplätze zum Ziel, um dem Fighter Command den Gnadenstoß zu versetzen, sondern London selbst.

„Sir, sie kreisen London ein!“, meldete einer der Radarspezialisten.

„Alles, was noch Flügel hat, in die Luft!“, wies einer der Jägerleitoffiziere die Flugplätze über Funk an.

Harriet nahm Funkkontakt mit Gravesend auf und gab Anflugrichtung und Anzahl der Angreifer durch.

„Danke, Deputy Company Commander“, antwortete der Stützpunktfunker. „Sobald die Jungs in der Luft sind, gebe ich Ihnen Funkkontakt mit Flight Lieutenant Donovan.“

Harriet schluckte – ausgerechnet Donovan!

„Danke, Sergeant“, sagte sie und wartete auf die Vermittlung.

Die Piloten in Gravesend rannten wie auf allen anderen alarmierten Stützpunkten zu ihren Maschinen und waren nur wenige Minuten nach dem Alarm in der Luft.

„Eagle One, Flight Lieutenant Donovan, an Jägerleitstelle: Eagle Squadron ist gestartet. Erwarten Anweisungen“, meldete Steve den Start seiner Staffel.

„Danke, Eagle One. Hier ist Deputy Company Commander Collins.“

„Harriet?“, entfuhr es dem verblüfften Steve.

„Ja. Flight Lieutenant Donovan, nehmen Sie Kurs 110 Grad, Höhe 21.000 Fuß“, wies Harriet ihn so kühl wie möglich an. Steve lächelte trotz der gefährlichen Situation.

„Eagle One bestätigt: Kurs 110, Höhe 21.000 verstanden, Deputy. Schön, mit Ihnen zu arbeiten“, erwiderte er. Harriet spürte eine sanfte Gänsehaut. Selbst durch die atmosphärischen Störungen, durch Motorenlärm und blechern klingendes Mikrofon klang seine Stimme warm; warm und vertraut. Sie sah auf den Kartentisch und sah, dass „ihre“ Jäger in den befohlenen Kurs geschoben wurden. Gleichzeitig wurden feindliche Jäger und Bomber in den Aktionsraum ihrer Jäger geschoben.

„Feind auf direktem Gegenkurs, Höhe 10.000“, meldete sie weiter.

„Wie viele und was?“, fragte Steve.

„Was meinen Sie, Flight Lieutenant?“, erkundigte sie sich erschrocken.

„Anzahl und Art der Feindmaschinen“, präzisierte Steve.

„Zweihundert Bomber, fünfzig Jagdmaschinen. Jäger auf 15.000 Fuß. Nehmen Sie sich die Jäger vor“, gab Harriet durch, als sie sah, dass noch keine andere Jägerformation auf die Angreifer in Steves Bereich angesetzt schien.

„Feindliche Jäger angreifen, Roger Leitstelle. Eagles, herhören: Zweihundert Bomber, fünfzig Jäger. Wir kümmern uns um die Jäger. Kurs 110, Höhe 21.000!“, gab Steve an die Staffel weiter. Harriet hörte die Bestätigungen der anderen Piloten.

„Deputy Collins, haben Sie die Jungs aus Gravesend auf die Jäger angesetzt?“, hörte Harriet die Frage des Supervisors.

„Ja, Sir“, bestätigte sie.

„Die Jäger dort sind an Hornchurch und Rockford verkauft! Die sollen sich um die verdammten Bomber kümmern!“, rief der Supervisor.

„Ja, Sir. Eagles, Achtung! Zieländerung! Eagles, bitte melden!“

„Eagle One hört. Was gibt’s?“, meldete sich Donovan.

„Achtung: Zieländerung! Angriff auf Bomber, Kurs 110, Höhe 10.000 Fuß. Um die Jäger kümmern sich schon Hornchurch und Rockford.“

„Zieländerung auf Bomber, Kurs 110, Höhe 10.000, Roger. Danke an den Chef, der kennt meinen Bomberhass“, erwiderte Steve und gab die Anweisung an seine Staffel weiter.

Die Spitfires der Eagle Squadron stürzten sich auf die Bomber wie Habichte auf einen Hühnerhof. Der Angriff der britischen Staffel blieb nicht unentdeckt. Die deutschen Jäger, die 5.000 Fuß höher flogen, griffen die Spitfires sofort an.

„Eagle One an Jägerleitstelle: Ich dachte, die Jäger sind an Hornchurch und Rockford verkauft! Die sollen ihre Ware gefälligst sofort abholen, hier wird’s ungemütlich!“, rief Steve wütend ins Mikrofon, als er und seine Leute sich zunächst gegen die deutschen Jäger wehren mussten, statt die Bomber anzugreifen.

„Verstanden, Eagles“, antwortete Harriet und drehte sich zum Supervisor um. „Supervisor, wo sind die Jäger von Hornchurch und Rockford?“, fragte sie. Der Supervisor sah sie an.

„Warum?“, fragte er.

„Meine Staffel greift die Bomber an, weil die anderen die Jagdeskorte übernehmen sollten. Nun geht die Jagdeskorte auf die Eagles los“, erklärte sie.

„Company Commander Holbrook und Company Commander Ayles, wo bleiben Ihre Jäger?“, mahnte der Supervisor die zuständigen Jägerleiterinnen, die eilig ihre Staffeln anfunkten. Die Helfer verschoben nach Bestätigung vom Radar die entsprechenden Staffeln in die befohlene Richtung.

„Eagles, sie kommen. Kümmern Sie sich um die Bomber“, wies Harriet ihre Jäger an. Steve und seine Männer wehrten sich hartnäckig gegen die bissigen Bf 109.

„Danke, Deputy. Ich hoffe, sie kommen bald!“, erwiderte Steve und zog seine Spitfire gerade noch weg, bevor sein deutscher Kontrahent schießen konnte.

„Achtung! Tommy-Jäger von zwei Uhr!“, warnte ein deutscher Pilot seine Kameraden, als er die Hornchurch-Staffel schräge von oben rechts kommen sah. Eskorten-Jäger und Jäger von Hornchurch und Rockford gerieten in ein hartes Ringen, kurbelten wild um- und übereinander, so dass die Piloten schnell die Übersicht verloren.

„Ja, ja, die letzten fünfzig Spitfires, die die Tommys noch haben, wie Hermann gesagt hat …“, fluchte ein weiterer deutscher Pilot in Anspielung auf die überhebliche Bemerkung von Göring, Großbritannien habe allenfalls noch fünfzig Jäger des Typs Spitfire. Die Jäger, die die Heinkels und Junkers angriffen, waren vergessen. Die deutschen Jäger mussten sich wehren, statt selbst anzugreifen.

Weiter unten griffen die Bordschützen der Bomber zu Ihren Maschinengewehren. Den britischen Jägern leckten Leuchtspurgeschosse entgegen. Colizzis Spitfire wurde schwer getroffen. Augenblicklich stotterte der Motor. Schon im Sturzflug begriffen, hatte Colizzi keine Chance mehr, die Maschine zu stabilisieren.

„Scheiße, die haben mich erwischt!“, fluchte er lauthals.

„Steig aus, Alec, mach’ ‘nen Abflug!“, befahl Steve. „Wir sehen uns am Stützpunkt“, setzte er hinzu und zog den Abzug seiner eigenen Bordkanone durch. Die Spur der Geschosse zog auf die Ju 88 zu. Die Projektile schlugen in der Kanzel ein, der Pilot bäumte sich auf und sackte über dem Steuerknüppel zusammen, der Beobachter hing schlaff in den Gurten. Die Ju drehte sich nach Backbord und stürzte, eine Rauchfahne hinter sich her ziehend, Richtung Themse. Colizzi gelang es gerade noch, auszusteigen, bevor seine Hurricane senkrecht nach unten stürzte und dabei das Heck der nachfolgenden Ju 88 zertrümmerte. Die vier Mann der Bomberbesatzung konnten ebenfalls noch knapp aussteigen. Immer mehr weiße Seidenpilze wuchsen in der Luft – Fallschirme von ausgestiegenen Piloten und Besatzungsmitgliedern, die ihre beschädigten oder abstürzenden Maschinen hatten verlassen können. Doch mancher, der sich am Fallschirm schon gerettet glaubte, wurde unerbittlich vom Schicksal eingeholt. Einige Fallschirme verfingen sich in abschmierenden Flugzeugen, die hilflos daran hängenden Männer mussten sehenden Auges in den Tod rasen.

Donovan schoss durch die Bomberformation und zog seine Spitfire wieder in einer scharfen Kurve hoch. Daniel konnte ihm nur mit Mühe folgen.

„Los, die beiden Babys da von unten!“, wies Steve ihn an. Die beiden Spitfire drehten die Nasen nach oben und jagten mit feuernden Bordkanonen wieder nach oben. Mit einem Angriff von unten hatten die Deutschen nicht gerechnet. Die beiden anvisierten Ju 88 explodierten in der Luft. Donovan und Collins tauchten durch die Splitter der zerberstenden Maschinen. Die Eagles wüteten schrecklich unter den deutschen Bombern. Aber ihre Bemühungen und die der anderen Staffeln retteten London nicht. Die verbliebenen Ju 88 und He 111 erreichten London und klinkten ihre Bomben über den Londoner Docks und den Öllagern im Hafen aus.

Steve spürte plötzlich, wie seine Spitfire von einer Riesenfaust geschüttelt wurde, gleich darauf spürte er einen brennenden Schmerz am rechten Arm – und den Ausfall der Steuerung.

„Danny – ich bin getroffen. Ruder im Eimer. Übernimm’ die Staffel! Donovan an alle: Collins übernimmt. Mein Vogel ist flügellahm!“

„He, Steve, das kannst du nicht machen!“, schrie Cox, als er öligen Rauch aus Donovans Maschine quellen sah.

„Jerry, du unterstützt Daniel, verstanden?“

„Ja, Sir! Steig’ bloß endlich aus. Ich halt’ dir die Krauts vom Leib!“, erwiderte Jerry und feuerte erneut auf eine Bf 109, die die waidwunde Maschine von Donovan attackieren wollte. Steve öffnete das Kanzeldach und sprang aus der zerschossenen Spitfire ab. Während der Kampf über ihm weitertobte und weitere Opfer unter Angreifern und Verteidigern forderte, schwebte Steve am Fallschirm zu Boden, nicht ohne die Sturzbahn seines kopfüber abstürzenden Flugzeugs ängstlich zu beobachten. Die Maschine stürzte jedoch weit an ihm vorbei, bohrte sich Heck über Schnauze in einen kleinen See und blieb aufrecht halb abgesoffen stehen.

Daniel sah den Fallschirm aufgehen und hoffte inständig, dass nicht eine andere abstürzende Maschine seinen Freund noch gefährden würde. Unter Collins’ Führung schoss die Staffel noch weitere zehn deutsche Bomber ab, aber die Zerstörung der Docks und der Öllager konnten sie nicht verhindern. Das, was von dem deutschen Kampfgeschwader übriggeblieben war, drehte schließlich ab und entkam – gedeckt von den Eskorten-Jägern – auf die Stützpunkte in Nordfrankreich und Belgien.

Die britischen Jäger kehrten – auch mit nicht unerheblichen Verlusten – in ihre Horste zurück, diesmal wissend, wo sie landen konnten. Squadron Leader Vanderbuilt nahm Daniel Collins und den Rest der Staffel in Empfang.

„Herzlichen Glückwunsch, Pilot Officer!“, lobte Vanderbuilt. Von den Piloten war Jerry Cox als Erster bei Daniel und umarmte ihn einfach.

„Klasse, Junge! Und dich wollten die dämlichen Tommys nicht haben? Die müssen ja ‘nen Buntspecht im Hirn haben!“, johlte er.

Collins lächelte schwach.

„Ich war einfach nur sauer auf die Krauts, weil sie den einzigen Menschen vom Himmel gepflückt haben, der mir fliegerisch je etwas zugetraut hat“, erklärte er.

Ein Jeep näherte sich dem Stützpunkt und fuhr vor dem Hauptquartier vor. Steve stieg aus und umarmte Daniel.

„Prima gemacht. Ich hab’s von unten gesehen“, beglückwünschte er den jungen Briten.

„Hallo, Donovan, wo ist ihr Vogel?“, begrüßte Vanderbuilt Donovan.

„Im einzigen Sumpfloch im Umkreis von fünfzig Meilen, Sir. Steckt kopfüber drin“, erwiderte Steve.

„Wir sehen, ob wir sie ‘raus fischen können. Noch was heil?“

Steve grinste schief.

„Ich glaube, die Antenne, Sir“, gab er zurück.

„Und was ist mit Ihnen?“

„Nur ein kleiner Kratzer. Eine Niete ist nach innen geschossen und hat mich am Arm getroffen, ist aber nur oberflächlich.“, erwiderte Steve. „Übrigens, Sir. Geben Sie bitte meinen Dank nach Biggin Hill weiter, dass wir eine prima Jägerleiterin hatten. Zum ersten Mal hat es funktioniert, auch eine Rückkopplung zu geben und sich über das Ausbleiben anderer Staffeln zu beschweren.“

„Wer war das?“

„Deputy Company Commander Harriet Collins“, erklärte Steve. Daniel sah ihn an, als seien ihm Hörner gewachsen.

„Wie bitte?“

„Sag bloß, du erkennst Harriets Stimme nicht im Funk?“

„Hatte noch nie die Gelegenheit, sie über Funk zu hören“, erwiderte Daniel mit roten Ohren.

„Dann hattest du Bohnen in den Ohren“, grinste Steve. Daniel sah seinen Freund einen Moment an.

„Sei ehrlich: Hast du es sofort bemerkt oder hat sie ihren Namen genannt?“

„Sicher hat sie sich vorgestellt. Aber du bist immerhin ihr Bruder!“

Der Abend blieb entgegen allen Erwartungen ruhig. Daniel nutzte die Gelegenheit, um bei Steve vorbeizuschauen, nachdem der im Lazarett seine Armverletzung hatte behandeln lassen.

„Steve – liebst du meine Schwester?“, fragte er nach kurzer Zeit und völlig entfernt von dem Thema, über das sie eben noch gesprochen hatten. Steve zuckte mit den Schultern.

„Ich wünschte, ich könnte es dir sagen, Danny. Ich mag sie und ich habe es als etwas Besonderes empfunden, dass sie uns heute geleitet hat. Ich habe mich bei dem Wunsch ertappt, dass es gern dabei bleiben kann – du als mein Flügelmann, Harriet als Auge in der Jägerleitstelle. Wir wären ein perfektes Team, beruflich gesehen. Aber ich kann mir auch privat vorstellen, mit ihr zusammen zu sein. Nur fürchte ich, Harriet teilt diese Vorstellung überhaupt nicht. Sie blieb sehr distanziert.“

„Kann sie im dienstlichen Funkverkehr doch auch nur“, wies Daniel Steve auf die einschlägigen Dienstvorschriften hin. „Du bist hier in England. Man ist hier nicht so locker, wie bei euch Amis.“

In den folgenden Wochen hielten die Angriffe gegen London an. Auch andere Städte wurden bombardiert, ohne dass das Fighter Command es wirklich verhindern konnte, besonders, weil die Deutschen nach dem 15. September 1940* zu Nachtangriffen übergingen. Die schlimmste Katastrophe traf Coventry, dessen alter Stadtkern in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 durch mehrere hundert Tonnen Sprengbomben und Brandschüttkästen völlig vernichtet wurde. Der Angriff kostete fast fünfhundert Menschen in Coventry das Leben, fast neunhundert wurden verletzt. Coventry wurde zum Synonym barbarischer Attacken gegen die Zivilbevölkerung.

Aber die Angriffe gegen die Städte verschafften dem Fighter Command unter Air Marshal Dowding die dringend benötigte Pause. Die Männer konnten sich erholen, die Flugplätze richtig repariert und der Maschinenbestand aufgefüllt werden. Mit der Erholung konnte das Fighter Command die deutschen Angreifer auch wesentlich effektiver bekämpfen – mit der Folge, dass die Luftwaffe die für die Invasion erforderliche Luftherrschaft nicht erringen konnte und Hitler die Operation Seelöwe, die Invasion Großbritanniens, auf unbestimmte Zeit verschob. Der Wechsel von taktischen Angriffen gegen Flugplätze und Jagdmaschinen zum strategischen Bombardement gegen Städte sollte sich als Fehler der deutschen Führung erweisen – als tödlicher Fehler …

Nun bot sich für die Royal Air Force auch die Chance, die Piloten neu zu sortieren. Das Fighter Command beanspruchte nicht mehr jeden erfahrenen Piloten. Jetzt rückte das Bomber Command in den Mittelpunkt des Interesses. Man wollte den Deutschen ihre Bomben wieder zurücktragen, sich für die Terrorangriffe schlicht rächen. Während man britische Piloten aber nicht fragte, erkundigte man sich bei den amerikanischen Piloten der Eagle Squadron höflicherweise, wo sie England weiter dienen wollten. Für Steve war es die beste Gelegenheit, sich wieder nach Arizona zu verabschieden. Seine Staffel zerstreute sich ohnehin in alle Winde. Jerry Cox laborierte noch an einer Beinverwundung; Daniel Collins, das war von vornherein klar gewesen, wollte Bomber fliegen. Durch seine Einsätze bei den Eagles war er bekannt geworden, selbst sein früherer Squadron Leader McMonahan, inzwischen Wing Commander, war beeindruckt und nahm Daniel gerne zurück.

„Ich würde gerne weiter mit dir fliegen“, sagte Daniel, als Steve sich verabschiedete.

„Dort, wo du jetzt fliegen wirst, würde ich es nie freiwillig tun – und das weißt du auch, Dan. Ich bin Jagdpilot, kein Kindermörder“, entgegnete Steve.

„Ich weiß, dass du Bomber nicht magst. Aber hättest du nicht auch den Wunsch, den Krauts ihr eigenes Futter in den Rachen zurück zu stopfen?“

„Klar, aber auf andere Weise. Klar möchte ich ihnen Coventry heimzahlen, aber nicht mit der Vernichtung einer deutschen Stadt. Würde mir einer befehlen, das Reichsluftfahrtministerium oder die Reichskanzlei in Berlin oder Flugzeugfabriken zu bombardieren, wäre ich der Erste, der nach den Zielkarten fragt. Aber das, was ich als Zielkarten zu sehen bekommen habe, beinhaltet keine militärischen Ziele, sondern ausschließlich Wohngebiete.“

„Woher willst du das wissen? Du bist Amerikaner! Meine Güte, wenn ich dir sagen sollte, wo in New York City Zivilisten leben und wo militärisch wichtige Fabriken stehen, hätte ich damit ein ernsthaftes Problem, mein Freund“, erwiderte Daniel mit hörbaren Zweifeln. Steve sah ihn geradeheraus an.

„Dan, ich kenne Deutschland sehr gut. Zu gut. Ich kenne die Stadtpläne aller wichtigen deutschen Städte auswendig. Als ich in Deutschland war, war ich nicht zum Händeschütteln dort. Es war unter anderem mein Job, kriegswichtige Industrien auszuspionieren. Die Krauts wussten sehr gut, warum sie mir keine Pilotenlizenz erteilt haben. Trotzdem habe ich die meisten Schlüsselindustrien auch zu Fuß oder mit dem Wagen gefunden und in den Stadtplänen markiert. Um ein Ziel in Hamburg, München, Berlin, Köln, Kassel oder Essen zu finden, brauche ich nicht mal die Karten, die bei McMonahan in der Zielkartei stecken. Und weil ich die deutschen Stadtkarten so gut kenne, weiß ich, dass das Bomber Command nur sehr bedingt auf militärische Ziele angesetzt wird.“

„Na, das beweise mir mal“, sagte Daniel und zog eine Zielkarte von seinem letzten Einsatz aus der Tasche. Es war eine Karte von Hamburg.

„Hier, sag mir, was du meinst“, forderte er Steve auf. Der Amerikaner sah sich die Karte genau an.

„Das ist Hamburg“, sagte er. Daniel zeigte die erste Verblüffung, denn die Karte trug keine Beschriftung – eine Vorsichtsmaßnahme, falls das Kartenmaterial deutschen Spionen in die Hände fallen sollte.

„Der Zielkreis hier, das ist Wandsbek, ein Stadtteil, der erst vor drei Jahren zu Hamburg gekommen ist. Hier, diese Straße, das ist die Wandsbeker Chaussee. An der ganzen langen Straße findest du Kaufläden, in denen du vom Hosenknopf über Mettwurst bis zu Möbeln kaufen kannst, was des Deutschen Herz begehrt – nur nichts Militärisches. So etwas wird in Deutschland nicht frei verkauft. Du bekommst militärischen Kram nur als Militärangehöriger oder Mitglied einer der paramilitärischen Formationen, aber nie in einem Ladengeschäft. Über den Läden sind Wohnungen in drei- bis viergeschossigen Häusern.

Hier, außerhalb des Zielkreises findest du ein kleines Industriegebiet. Drei Straßen lang, vier Straßen breit. Textilproduktion, Lederwaren, chemische Kleinindustrie, kleinere bis mittlere metallverarbeitende Betriebe, nichts wirklich Umwerfendes – aber alles kann militärisch umstrukturiert werden. Die Wirtschaft wird in Deutschland zentral gesteuert. Mit ihrer staatlich kontrollierten Bewirtschaftung sämtlicher Güter kann die deutsche Regierung innerhalb kürzester Zeit solche Kleinbetriebe für die Rüstungsproduktion nutzbar machen. Und sie tut es auch. Diese entzückenden Industrieanlagen sind durch hohe Schornsteine, durch offenere Höfe, durch abgestellte LKW relativ leicht zu erkennen. Aber hier, im Zielkreis: Nur geschlossene Bebauung, zum Teil noch Häuser in Hinterhöfen, praktisch keinerlei Fahrzeuge, keine Fabrikschornsteine, keine Lagerkessel.“

Daniel sah Steve betroffen an.

„Ich hätte weder die Stadt geschweige denn den Stadtteil erkannt. Und ich hätte auch nicht gewusst, wie ein Industriebetrieb aus der Luft zu identifizieren ist“, sagte er.

„Als ich unseren Lehrplan in Sachen Douhet-Theorie gesehen habe, stand da etwas von Auslassen von Identifizierungsmerkmalen. Nicht nur bei uns, auch bei euch werden die Piloten meiner Ansicht nach ganz bewusst im Unklaren gelassen, wie man sein Ziel auch ohne solche Zielkarten wie diese finden kann – oder wie man vermeidet, es zu treffen.

Mir ist klar, dass jemand wie dich, der die Krauts wirklich nicht mag und der auch keinen Grund hat, sie zu lieben, solche Hinweise einen Dreck interessieren, wenn du ihnen auf die Mütze hauen willst – mit Recht übrigens. Nichtsdestoweniger halte ich die Douhet-Theorie von der strategischen Wirksamkeit von Flächenbombardements gegen zivile Ziele für blankes Kriegsverbrechen und die Leute, die sie als gültige Militärtheorie für ihr Land übernehmen, für Kriegsverbrecher, die vor ein internationales Tribunal des Völkerbundes oder einer hoffentlich stärkeren Nachfolgeorganisation gehören“, erklärte Steve.

„Steve, wenn ich dich nicht so gut kennen würde, wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dass du Deutsche angreifst, würde ich dich für einen Verräter an dem halten, was du als Soldat der Vereinigten Staaten von Amerika vertrittst“, erwiderte Daniel recht frostig.

„Dan, ich habe dir das gesagt, weil du mein Freund bist. Denk’ nicht, dass ich blind wäre. Die Nazis kann ich überhaupt nicht ausstehen, glaub’ mir. Aber nicht jeder Deutsche ist ein Nazi, selbst wenn er jetzt als Soldat gegen den Rest der Welt kämpft. Aber eigentlich müssen wir uns an die eigene Nase fassen, wenn wir über die bösen Deutschen lamentieren. Und weißt du auch warum?“

„Schätze, du wirst es mir sagen“, versetzte Daniel. Steve nickte.

„Die englische Demokratie, also eine Regierung durch einen Premierminister, der von einer durch das Volk gewählten Vertretung, dem Unterhaus, bestimmt wird, die gibt es doch mindestens seit Cromwells Zeiten, oder?“

„Stimmt.“

„Gut. Die amerikanische Demokratie hat ihre Wurzeln in Großbritannien; schließlich waren unsere Staatsgründer mal britische Bürger. Wir Amerikaner haben mehr als hundertsechzig Jahre Zeit gehabt, Demokratie zu lernen, sie in den Strukturen unserer Gesellschaft zu verankern. Das hat uns Amerikaner viel Geduld und einen wüsten Bürgerkrieg gekostet – im Prinzip ebenso wie bei euch Briten. Nach dem Bürgerkrieg, also vor mehr als siebzig Jahren, wussten wir, wie unser Staat aussehen sollte, wie die Kompetenzen und die Kontrollmechanismen verteilt werden sollten, wer für was zuständig war. Uns hat dabei niemand von außen bedrängt. Wir waren frei, und unsere Wirtschaft funktionierte. Auch euch Briten hat bei der Findung der Staatsform, der Verteilung von Kompetenzen, Repräsentation und Mitspracherechten niemand auf den Füßen gestanden. Allenfalls haben britische gesellschaftliche Gruppen gegeneinander gerungen. Aber niemand hat euch noch von außen das Mark aus den Knochen gesogen, oder?“

„Zugegeben, Geschichte ist nicht mein Fachgebiet“, bekannte Daniel. „Aber worauf willst du eigentlich hinaus?“

„Darauf, dass wir, die Alliierten des Weltkrieges, auch einen gehörigen Anteil Mitschuld an dem haben, an dem wir gerade knabbern.“

„Verstehe ich nicht“, erwiderte Daniel konsterniert.

In Steve meldete sich der Ausbilder, der neben Aviatik, Luftkampftaktik und Militärtheorie auch Geschichte unterrichtete.

„Drehen wir die Zeit mal ein Stück zurück“, sagte er. „Was sagt dir das Jahr 1914?“, fragte er, ganz Lehrer. Daniel grinste wissend.

„Ist doch klar, Beginn des letzten Krieges, den die Krauts vom Zaun gebrochen haben“, erwiderte er.

„So? Untersuchen wir mal genauer. Was ging den allgemeinen Mobilmachungen voraus?“

„Österreichs Kriegserklärung an Serbien“, antwortete Daniel wie aus der Pistole geschossen.

„Und warum haben die Österreicher Serbien den Krieg erklärt?“

„Hm, weil sie vermuteten, dass ein Serbe den österreichischen Thronfolger erschossen hat“, gab Daniel zurück.

„Das war keine Vermutung, Dan, das war beweisbare Tatsache. Und Serbien hat den Mörder, Gavrilo Princip, gedeckt. Stell’ dir vor, ein Angehöriger eines anderen Landes – sagen wir mal Irland – erschießt den Prinzen von Wales, euren Kronprinzen. Wie würdet ihr reagieren?“

„Ist doch logisch: Die Auslieferung fordern.“

„Schön. Weder Irland noch irgendein anderer souveräner Staat dieser Welt liefert eigene Bürger der Gerichtsbarkeit eines fremden Staates aus. Die weitere logische Folge wäre doch wohl eine Kriegserklärung an den Staat, der den Attentäter schützt, oder?“, bohrte Steve weiter.

„Ja, sicher.“

„Gut. Österreich hat demnach also zu Recht Serbien den Krieg erklärt, oder nicht?“

„Ja“, seufzte Daniel.

„Der Haken an der ganzen Geschichte war doch das komplizierte Bündnisgeflecht, das sich kreuz und quer durch Europa zog. Österreich war nach Ansicht seiner Bündnispartner Deutschland und Italien im Recht. Also haben Italien und Deutschland ihre Bündnisverpflichtung anerkannt und bestätigt. Die deutsche Bestätigung war für Österreich besonders wichtig, weil eigentlich nur Deutschland militärisch stark genug war, Österreich den Rücken freizuhalten. Die Serben hatten im großen Bruder Russland ihre Schutzmacht, die auch prompt den Bündnisfall erklärte. Und mit den Russen wart ihr durch verwandtschaftliche Beziehung zwischen König George und Zar Nikolai zusätzlich zu einem vertraglichen Bündnis, der Entente, verbunden. Und daran hingen auch die Franzosen, die es den Deutschen nie verziehen haben, dass sie ihnen im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 das Elsass und Lothringen abgeknöpft haben. Und alle Bürger, die diese Mächte mobilgemacht haben, zogen lachend und singend in den Kampf! Die Mittelmächte Deutschland und Österreich konnten den Krieg nicht gegen die halbe Welt und einen untreuen Verbündeten gewinnen. Italien wurde von uns Alliierten ja gekauft, als wir ihnen den Teil Tirols südlich des Alpenhauptkamms versprachen. Dann versank die Lusitania samt amerikanischen Passagieren nach einem deutschen U-Boot-Angriff – und damit war der Kuchen eigentlich gegessen, denn damit standen Deutsche und Österreicher buchstäblich gegen die ganze Welt.

Dass die Franzosen die Deutschen wegen ihrer Keilerei 70/71 nicht ausstehen konnten, war ja noch erklärlich, aber warum ihr sie Hunnen genannt habt, verstehe ich bis heute nicht. Ihr hattet bis dahin mit den Deutschen nie Streit, euer Adel ist mit dem deutschen Adel versippt und verschwägert. Es gab nur eine Rivalität zur See – und die war einfach lächerlich, betrachtet man das Verhältnis von britischer Navy und deutscher Kriegsmarine in jenen Tagen.

Wie dem auch sei, als der Krieg von uns gewonnen war, haben wir wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, die Deutschen zu triezen. Österreich war einfach pleite, nur noch ein schwacher Schatten des alten k. u. k. Reichs. Aber Deutschland war noch weitgehend intakt, leider muss man fast sagen. Von Österreich war nichts zu holen, also sollte Deutschland die Kriegsschuld für alle Verlierer nach dem Prinzip der gesamtschuldnerischen Haftung bezahlen. Ja, welche Volkswirtschaft hält denn Reparationsforderungen aus, die das Sozialprodukt um ein Vielfaches übersteigen? Das muss mir mal einer vorrechnen!

Die Deutschen haben selbst erkannt, dass ihr Kaiser sie durch seine verfehlte Bündnispolitik in den Untergang geführt hatte. Also haben sie ihn ‘rausgeschmissen und eine demokratische Regierung installiert. Sie waren ja willig, aber wir haben sie weiter getreten – und zwar genau die Falschen.

Die Demokraten, die Deutschland erneuern wollten, die durften sich die alliierten Ohrfeigen abholen und das Vermögen des deutschen Volkes einschließlich des allerletzten Pfennigs abgeben. Ein Vertragstext wie der des Versailler Vertrags wäre von jedem Staat als inakzeptable Demütigung abgelehnt worden, hätte er sich noch wehren können. Wir alle hätten den Krieg wohl lieber weitergeführt, als so einen Vertrag hinzunehmen, wäre er uns vom Gegner in einem Waffenstillstand vorgelegt worden. Die entwaffneten Deutschen konnten ihn nur noch würgend schlucken, denn sie hätten sich im Weigerungsfall nur noch der Vernichtung durch uns Alliierte ausgeliefert.

Demokratie ist aus genau diesem Grund in Deutschland mit Hunger, materieller Not und Fremdbestimmung gleichgesetzt worden. Die demokratischen Parteien, die sich, weiß Gott, nicht einig waren, wurden als nutzlos diskutierende Papiertiger betrachtet, die aus Uneinigkeit nicht gehandelt haben und die nichts erreichen konnten. Dazu kamen die Unruhen, die von den Kommunisten und den Ultrakonservativen geschürt wurden.

Die Deutschen waren verängstigt und zutiefst verunsichert. Sie wollten einen, der für Ruhe und Ordnung sorgte, der die zerstrittenen Parteien zügelte, der die Prügler von rechts und links aufhalten würde – leider fanden sie den erst in Hitler. Sie haben den Teufel mit Beelzebub austreiben wollen und den Piraten zum Kapitän gemacht, in der Hoffnung auf Besserung ihrer Situation.

Wären wir Alliierten nach dem Weltkrieg mit den deutschen Demokraten vernünftig umgegangen und hätten sie nicht in abgrundtiefem Hass bis zum Ersticken geknebelt, wir hätten das Unglück verhindern können. Nicht die Deutschen sind die Kriegstreiber, sondern Hitler und seine Vasallen, die NSDAP, das sind die wahren Lumpen. Aber nicht jeder Deutsche ist Parteimitglied, das sollten wir nicht vergessen.

Wenn wir den Krieg gewonnen haben, wird es noch eine ganz mühsame Arbeit für uns werden, die wirklich Schuldigen zu bestrafen und nicht wieder die Schafe mit den Wölfen zusammen zu scheren.

Bis dahin werde ich jeden Deutschen attackieren, der England oder Amerika angreift, hier oder drüben auf dem Kontinent, egal – aber wenn er am Boden liegt, werde ich nicht nachtreten. Und ich werde mich weigern, Krieg gegen Frauen und Kinder zu führen“, erklärte Steve mit einiger Leidenschaft.

„Ich glaube, du kennst die Deutschen gut. Vielleicht zu gut, um mit der nötigen Konsequenz gegen sie zu kämpfen“, entgegnete Daniel.

„Du hast mir nur halb zugehört. Noch mal: Ich werde jeden Deutschen attackieren, der England oder die USA angreift – bis zu seiner oder meiner Kampfunfähigkeit. Aber Wehrlose, gleichgültig, welche Nationalität sie haben, will und werde ich nicht bekämpfen. Wenn allerdings ein Kind auf mich schießen sollte, dann hat es Pech gehabt, kapiert?“, versetzte Steve.

„Ich hab’ verstanden, Steve. Bete, dass du immer Vorgesetzte hast, die dich ebenso verstehen. Ich für meinen Teil halte mich an die Vorgaben meiner Vorgesetzten und hoffe, dass sie Recht haben. Mach’s gut“, sagte Daniel. Steve umarmte den Briten.

„Du auch. Halt’ die Ohren steif und lass’ dich nicht vom Himmel pflücken.“

Daniel lächelte.

„Hoffe, du bist bald wieder hier – und dann wirklich als Verbündeter und nicht als Freiwilliger.“

„Wir werden sehen. Grüß Harriet.“

„Du warst nicht bei ihr?“, wunderte sich Daniel.

„Sie ist in Biggin Hill. Erstens komme ich nicht so ohne weiteres an sie heran und zweitens weicht sie mir aus. Ich wollte sie zum Essen einladen, aber sie hat alle möglichen Ausflüchte gefunden – von ‚meine Rationsmarken reichen nicht aus’ bis ‚ich hab’ schon ‘ne Verabredung mit einer Kollegin’. Insofern sehe ich ein, dass ich vorläufig bei ihr nicht landen kann. Grüß’ sie bitte trotzdem.“

„Ja, sicher, mache ich.“

Kapitel 11

Kriegshoroskop

 

 

Steve reiste mit einigen anderen aus der Eagle Squadron in die Staaten zurück. Es war kurz vor dem Jahreswechsel und so nahm Steve gleich seinen normalen Urlaub und setzte seine Reise direkt nach Hawaii fort, wo Sid ihn erwartete. Während der Krieg in Europa weiterging, hoffte Steve Donovan, dass er für ihn zu Ende sein möge. Der Wunsch wurde immer stärker, je länger er im warmen Oahu die ruhigen, aber lichterfüllten Nächte und alarmfreien Tage erlebte. Nein, nächtliche Verdunkelung, ängstliches Achten, dass auch nicht der kleinste Lichtschimmer auf die Straße drang, Autos mit bis auf Schlitze abgeklebten Scheinwerfern, täglich mehrmals Alarm mit Schnellstarts unter Lebensgefahr – das musste nicht mehr sein. Der Pazifik machte seinem Namen alle Ehre, spiegelte Frieden, erfreute mit dem warmen Licht der Sonne knapp südlich vom Wendekreis des Krebses Auge, Geist und Körper. Die Flotte, die im Pearl Harbor Navy Yard vor Anker lag und die gelegentlich vorüberfliegenden Maschinen der Flugzeugträger und Inselflugplätze vermittelten Sicherheit. Eine Sicherheit, von der Steve aber wusste, wie zerbrechlich sie im Ernstfalle sein konnte. Doch im Pazifik war einfach nur Frieden …

Als Steve Mitte Januar 1941 wieder in Groom Lake unterrichtete, flossen seine Erfahrungen aus der Luftschlacht um England in seinen Unterricht bei den Kadetten des Jahrgangs 1937 mit ein. Vieles von dem, was der Captain seinen Schülern weitergab, widersprach der herrschenden Lehrmeinung, aber es hatte sich in der Praxis entwickelt und bewährt. Colonel Worsley war zunächst wenig begeistert, hatte er doch dafür zu sorgen, dass der Lehrplan eingehalten wurde. Doch nach einer Vorführung, bei der Steves Gruppe nach der neuen Taktik die Gruppe von Lieutenant D’Amato angriff, die nach der alten Taktik operieren sollte, war Worsley beeindruckt. Die in enger Formation in Ketten fliegenden Männer D’Amatos wären im Ernstfall wohl allesamt ums Leben gekommen, ging man nach den Farbklecksen, die die Spezialpatronen der in aufgelöster Rotten-Formation fliegenden Leute Donovans an deren Maschinen hinterlassen hatten. Steve hatte zwar noch einen anderen Verdacht, weshalb D’Amatos Schüler so schlecht ausgesehen hatten, aber er war nicht der Mann, der einen anderen bloßstellte. Da Steve der einzige Lehrer an der Schule war, der die Rotten-Taktik beherrschte, lehrte er seine Kadetten in Theorie und Praxis und die Lehrer in der Anwendung der neuen Methode.

Anfang 1941 waren die USA noch immer neutral, was eine Beteiligung von amerikanischen Soldaten unter amerikanischem Oberbefehl an direkten Kriegshandlungen gegen die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan betraf. Unter britischem Befehl kämpften gleichwohl amerikanische Freiwillige nach wie vor in der Eagle Squadron gegen die immer noch drohende Invasion der Deutschen nach Großbritannien, das immer noch ganz allein den Deutschen in Europa und den Italienern und Deutschen in Afrika standhielt. Die Vereinigten Staaten waren hin- und hergerissen in dem Wunsch nach Isolation gegen die allgemeine Unbill der Welt und dem Wunsch, doch von sich aus für die Briten Partei zu ergreifen, um die faschistischen Regimes in Deutschland und Italien zu stürzen oder doch wenigstens das Blutvergießen zu beenden – oder auch im Pazifik zuzuschlagen, um die japanische Expansionspolitik zu stoppen, bevor sie amerikanische Interessen berührte. Auf Dauer, so glaubten viele Amerikaner, würde es den USA nicht möglich sein, sich aus diesen Konflikten herauszuhalten; mindestens dann, wenn sie nicht bald beendet waren.

Im April 1941 begannen geheime Verhandlungen zwischen den USA und Japan, um wenigstens den dortigen Konflikt zu beenden.

Da die Verhandlungen im Geheimen abliefen, wurde die amerikanische Öffentlichkeit davon auch nicht in Kenntnis gesetzt. So blieb Raum für reiche Spekulationen, um das, was geschehen konnte. Unter Steves Kadetten wurden bereits Wetten abgeschlossen, wann und wo Amerika in den Krieg eingreifen würde. Donovan nutzte eine Strategiestunde, um die Gedanken seiner Schüler zu kanalisieren.

Kadett Jonathan Coffer vertrat die Ansicht, dass die USA spätestens dann in Europa eingreifen würden, wenn die Deutschen zur Invasion Großbritanniens ansetzen würden. Bei der gegenwärtigen Nachrichtenlage und nach den Berichten seines Lehrers Donovan nahm Coffer an, dass dies wohl bis Mai oder spätestens Juni erfolgen würde.

Kadett Julian McGregor ging von einem Eingreifen der USA im Pazifik aus, um die Japaner von allzu neugierigen Blicken nach den Philippinen abzuhalten. Die meisten Kadetten schlossen sich der Auffassung des Einen oder das Anderen an.

Kadett Winston Bellamy, nach Emerson Murray sicher der nachdenklichste Kadett in Steves Klasse, vertrat eine These, die jedoch keiner teilen mochte. Nach seiner Ansicht würden die USA nicht von sich aus in den einen oder den anderen Konflikt eingreifen, sondern präventiv angegriffen werden – und zwar von Japan.

Der komplette Kurs brach in schallendes Gelächter aus, bis Sergeant Harmon, als Bewacher in der Klasse, aufsprang und im besten Marines-Ton brüllte:

„Ruhe!“

Augenblicklich schwiegen die Kadetten, als hätte jemand ein Radio ausgeschaltet. Steve sah den Sergeant strafend an. Er liebte es nicht, wenn der Sergeant ohne seine ausdrückliche Anweisung eingriff. Sein Blick genügte, um Harmon Haltung annehmen zu lassen.

„Setzen Sie sich, Sergeant“, sagte Steve ruhig.

„Ja, Sir!“, donnerte Harmon und setzte sich brav.

„Meine Herren“, wandte Steve sich dann an die mucksmäuschenstille Klasse, „die These von Kadett Bellamy scheint Sie ja mächtig zu amüsieren. Kadett Coffer, welche Einwände haben Sie gegen eine solche These vorzubringen?“, fragte er dann den vorwitzigsten Lacher. Jonathan wurde rot.

„Ist doch einfach lächerlich, Sir.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage, Kadett“, beharrte Donovan.

„Nun, Sir, die Interessen Japans liegen – nach allen bisherigen Kriegszügen Japans – doch eindeutig im Westen des Pazifiks. Mit amerikanischen Interessen können sie dort doch gar nicht kollidieren. Außerdem haben die Japaner ihre Kräfte im westlichen Pazifikraum sehr zersplittert. Sie sind mit China – Mandschukuo nennen sie es wohl – mehr als gut beschäftigt. Die Briten könnten ihnen eher im Weg sein als wir, schließlich haben die ihre Kolonien in unmittelbarer Nähe.“

„Aha“, nahm Steve Coffers Stellungnahme zur Kenntnis. „Noch andere Meinungen dazu? McGregor?“

„Nun, Sir, ich finde, Jonathan hat Recht. Die Interessengebiete Japans und unsere liegen doch sehr weit voneinander entfernt“, antwortet McGregor.

„Hmm. Murray, was meinen Sie?“

„Ich kann Winstons These noch nicht folgen, weil er sie noch nicht begründet hat, Sir. Aber Jonathan und Julian kann ich nicht zustimmen. Schließlich liegen die Philippinen, die ja uns gehören, im Westen des Pazifiks. Die könnten für Japan doch sehr interessant sein“, sagte Murray langsam und betont. Steve nickte.

„Aha. Und warum können die Philippinen so interessant sein?“

„Die Philippinen sind rohstoffreich – Kupfer, Eisen, Gold, Nickel, Mangan, Holz – es gibt Eisen- und Stahlproduktion, holzverarbeitende Industrie, Nahrungsmittelproduktion. Dazu noch fruchtbarer Boden, auf dem unter anderem Reis auf großen Flächen angebaut wird, sowie fischreiche Gewässer, in denen alles schwimmt, was Japanern schmeckt – einschließlich Algen. Die Japaner leben weitgehend von Fisch und Reis und haben zu wenig Anbaufläche auf den japanischen Hauptinseln. Zudem ist auf den Philippinen eindeutig mehr Platz als auf den japanischen Inseln. Die Inselgruppe könnte sich also auch als Siedlungsraum anbieten. Dazu kommt noch Kautschuk- und Erdölproduktion, also kriegswichtige Güter. Ich denke, dass die Philippinen ein lohnendes Ziel für die Japaner sein könnten“, erklärte Murray.

„Dafür haben sie doch schon den halben westlichen Pazifikraum über den Schnabel genommen!“, ereiferte sich Jonathan vorlaut.

„Jonathan – erst melden, dann dazwischenfunken!“, ermahnte Steve den Kadetten.

„Ja, Sir.“

„Gut. Was spricht nach Ansicht der jungen Herren noch gegen die These von Kadett Bellamy?“, fragte Donovan dann weiter. „Kadett Coffer, Sie hatten erwähnt, dass die japanischen Streitkräfte zu sehr zersplittert seien, um die USA wirkungsvoll anzugreifen. Aus welchen Teilen bestehen die japanischen Streitkräfte?“

„Armee, Marine, Luftwaffe“, antwortete Coffer.

„Hmm. Wer besetzt die eroberten Länder? Atkinson?“

„Das Heer in der Regel, Sir“, erwiderte Atkinson.

„Liegt zwischen Japan und den USA mehr Land oder mehr Wasser?“

„Mehr Wasser, Sir. Und die Philippinen sind ja auch Inseln“, ergänzte McGregor auf Steves Handzeichen

„Also, was würde dann gegen uns eingesetzt werden? Coffer?“

„Die Marine, Sir. Vielleicht in Kombination mit der Luftwaffe. Die Japaner haben ja auch Flugzeugträger“, erwiderte Jonathan.

„Sehr schön. Also: Das Heer ist mit den eroberten Ländern beschäftigt, aber die Marine und die Luftstreitkräfte könnten gegen uns eingesetzt werden. Wer angreift – das hatten wir im letzten Semester – hat die Initiative, kann dem Gegner seine Art der Kriegführung bis zu einem bestimmten Grad aufzwingen und wählt den Ort der ersten Auseinandersetzung. Also: Dann wollen wir sehen, was denn für die These spricht. Kadett Bellamy, würden Sie Ihre These bitte näher ausführen?“

Bellamy erhob sich.

„Gern, Sir. Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass die Japaner die Philippinen haben wollen – wegen der von Murray erwähnten Fruchtbarkeit, der dort vorhandenen kriegswichtigen Güter wie Erdöl, Stahl und Gummi, des Fischreichtums. Die Philippinen würden wir den Japanern nicht freiwillig überlassen, sie müssten sie uns also mit Gewalt abnehmen. Das war der Grundgedanke. Eine Möglichkeit des Präventivschlages gegen uns bestünde in einem Angriff auf die Philippinen. Ich habe mich jedoch gefragt, welche Folgen ein Angriff gegen die Inselgruppe für Japan haben würde. Falls unsere Truppen auf den Philippinen angegriffen würden, hätten wir dem unmittelbar wohl nicht viel entgegenzusetzen, die Verluste wären erheblich. Aber solange wir eine intakte Flotte haben, die schnell Entsatz auf die Inseln bringen könnte, wäre die Freude der Japaner wohl nicht von langer Dauer. Wir würden ja zurückschlagen. Also habe ich mir gedacht, es wäre doch viel logischer, zunächst – oder mindestens gleichzeitig – die amerikanische Flotte zu erledigen, bevor man sich in aller Ruhe um die relativ kleinen Besatzungen der Philippinen, von Guam, Wake und Midway kümmern kann. Wäre ich im japanischen Generalstab, würde ich daher planen, die Flotte möglichst dort anzugreifen, wo sie konzentriert zu finden ist – in Pearl Harbor.“

Bellamy ließ den Ort wirken. Der Unterrichtssaal war völlig still.

„Winston, du spinnst ja!“, brach Coffer das betroffene Schweigen schließlich. „Pearl Harbor – das ist fast am anderen Ende der Welt!“

„Klar ist es das. Das ist ja der Clou! Komm, Johnny, hilf mir mal mit der Karte“, forderte Winston Jonathan auf. Mithilfe von Jonathan entrollte Bellamy eine Karte des Pazifikraums und eine Detailkarte von Oahu. Mit dem Zeigestock klopfte er auf die Pazifikkarte.

„Die Hawaii-Inseln liegen relativ weit vom amerikanischen Kontinent entfernt. Drum haben wir unsere Pazifikflotte – abgesehen von San Diego – dort ja auch konzentriert, damit sie den Pazifik gut abdecken kann. Die Japaner haben ihre Flotte im Wesentlichen auf der Hauptinsel Honschu. Dazwischen ist verdammt viel Platz, ‘ne Menge offene See, fast dreitausendachthundert Seemeilen – klar. Ihr kennt den Pazifik meist von San Diego, San Francisco oder von Oahu, also aus warmen Gegenden. Meist ist er dort auch so friedlich, wie sein Name verspricht.

Aber der Nordpazifik, der hat’s in sich. Dieser Bereich gehört zur Westwindzone der nördlichen Breiten, die sich ja auf der anderen Seite der Welt auf dem Atlantik fortsetzt. Zwischen Kamtschatka und Alaska brauen sich üble Schlechtwetterfronten zusammen, die mindestens im Nordherbst und -winter ideale Verstecke sind, weil sich diese Fronten eben von Westen nach Osten bewegen. Eine Flotte, die in dieser Richtung unterwegs ist und die unentdeckt bleiben will, kann sich in so einem Schlechtwettergebiet prima tarnen und sich nahezu unbemerkt an die Hawaii-Inseln anschleichen. Die Japaner verfügen über sechs oder sieben Flugzeugträger, die hauptsächlich mit Mitsubishi-Jägern, von uns Zero-Jäger genannt, bestückt sind. Die Zero ist sowohl als Jagdflugzeug als auch als Bomber oder Torpedoträger einsetzbar. Die Zeros können von einem Punkt, der etwa hier liegt, Oahu erreichen und die im Hafen liegende Flotte angreifen.“

Bellamy wies auf einen Punkt etwa achtzig Seemeilen nördlich der Hawaii-Inseln.

„Wenn sie es geschickt anstellen, lassen sie sich Informationen über die im Hafen befindlichen Schiffe aus der frei zugänglichen Ortspresse geben oder sie nutzen unsere Gewohnheiten aus.

Umstand ist, dass der größte Teil der Flotte meist am Freitagnachmittag in Pearl Harbor einläuft, an festgelegten Plätzen festgemacht wird, die Besatzungen übers Wochenende Landurlaub haben und erst am Sonntagabend auf die Schiffe zurückkehren, die dann am Montag wieder auslaufen. Wenn die Japse nicht völlig auf den Kopf gefallen sind, haben sie das längst spitzgekriegt. Ein Sonntag wäre wirklich der allerbeste Zeitpunkt: Schwach besetzte Schiffe, schwach besetzte Radarstationen, viele Seeleute auf Landgang – da ist kein ernsthafter Widerstand zu erwarten.

Womit werden die Schiffe angegriffen? Mit Bomben und Torpedos. Die Battle-Ship-Row, wo die schönen, dicken Schlachtschiffe vor Anker liegen, lädt geradezu zum Torpedoangriff ein: Schöne, große Breitseiten, unter Wasser schlecht gepanzert.

Es wäre also – wäre ich im japanischen Generalstab – meine Planung, Pearl Harbor mit einer Flotte von Flugzeugträgern an einem Sonntag, an dem möglichst viele große Schiffe im Hafen sind, anzugreifen und so schwer zu treffen, dass die USA sich davon nicht so schnell erholen. Nicht zu vergessen die Werften und die Treibstofflager, die im Pazifik eigentlich eine Rohstoffquelle für sich darstellen. Wenn sie uns die zermanschen, dann gute Nacht, Onkel Frankie!“

Die Kadetten und ihr Lehrer besahen sich wie vom Donner gerührt das düstere Szenario, das Bellamy zeichnete. Die meisten mochten an einen hinterhältigen Schlag nicht glauben.

„Winston, du vergisst bei deinem Albtraum, den du da gerade geträumt hast, dass dem doch wohl eine Kriegserklärung vorausgehen muss!“, bemerkte Murray schließlich.

„Wenn sie es tun, haben wir eine Chance. Aber auch nur dann, wenn wir eine gewisse Vorlaufzeit haben, uns also auf einen möglichen Angriff vorbereiten können. Ich gebe zu, dass dieses Szenario nur bei einem völligen Überraschungsschlag möglich ist. Sollte jedoch der Krieg durch Übergabe einer Note in Washington erklärt werden und der Angriff zeitgleich gestartet werden, sehen wir ebenso alt aus. Noch schlimmer, wenn die zeitliche Abstimmung zwischen Übergabe der Note und dem Angriff nur ein bisschen auseinanderklafft – man bedenke die Zeitzonen! – und die Note zu spät übergeben wird oder der Angriff nur wenig zu früh beginnt“, erklärte Bellamy.

„Kadett, Sie sprachen von Torpedos. Pearl Harbor ist ein sehr flacher Hafen. Torpedos, die von Flugzeugen abgeworfen werden, gehen doch zunächst sehr tief und kommen dann erst in die Angriffstiefe. Für Pearl Harbor würde das bedeuten, dass sie auf dem Hafenboden aufschlagen und wirkungslos sind“, gab Steve zu bedenken.

„Das ist richtig, Sir“, räumte Bellamy ein. „Das Problem hat mich dabei auch beschäftigt und ist mir zunächst auch als Gegenargument zu einem solchen Angriff eingefallen. Aber dann habe ich von einem Angriff der Briten auf die italienische Flotte in Tarent gelesen. Der Angriff war im November letzten Jahres und wurde mit speziell entwickelten Flachwassertorpedos ausgeführt. Ich glaube nicht, dass den Japanern dieser Umstand entgangen ist. Sie sind findig und einfallsreich, außerdem Meister der Nachahmung. Wenn es also so ein Ding gibt, dann werden japanische Kriegsingenieure nicht eher ruhen, bis sie das nachgebaut haben. Im Grunde müssen sie nur wissen, dass es so etwas gibt, dann fangen sie an zu tüfteln. Ich habe unterstellt, dass die Japaner mit Hilfe von Agenten oder durch Zuträger aus ihren verbündeten Staaten Italien und Deutschland entsprechende Informationen haben. Oder sie bemerken das beim Einüben und strengen selbst ihren Kopf an, wie man einen Torpedo am Untergehen hindern kann. Blöd sind sie jedenfalls nicht, Sir.“

Steve lächelte.

„Danke für den Vortrag und den Hinweis auf die japanische Intelligenz, Kadett“, sagte er. Bellamy setzte sich wieder auf seinen Platz.

„Nun, Gentlemen, was sagen Sie zu der ausformulierten Theorie von Kadett Bellamy?“, fragte er dann das Auditorium.

Die Kadetten schwiegen zunächst, versuchten, den Schrecken des Szenarios, das Bellamy aufgeworfen hatte, zu verdauen.

„Winston“, setzte Jonathan nach einer Weile an, „ich gebe zu, deine Theorie hat etwas für sich. Vor allem, wenn dabei die Werften und die Tanklager zerstört oder in erhebliche Mitleidenschaft gezogen werden. Alles in allem denke ich, dass der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten nur noch eine Frage der Zeit ist. Entweder, weil die Japaner den von dir aufgezeigten Präventivschlag führen oder weil John Bull so laut um Hilfe schreit, dass der Kongress einem Eingreifen zustimmt. Ich denke aber, dass die Realisierung deines Szenarios noch einige Zeit beanspruchen wird. Die Flachwassertorpedos müssen entwickelt und getestet werden, die Leute für deren Einsatz irgendwo ausgebildet werden. Letztlich müssen die Japaner auch irgendwo trainieren. Das müsste unseren Agenten doch auffallen“, gab er zu bedenken.

„Sicher, das ist die Unbekannte. Wenn sie trainieren, dann dort, wo wir ihnen nur schwer auf die Finger sehen können, also auf den japanischen Inseln. Ich bin leider überfragt, ob es dort eine Bucht in ähnlicher Größe, Gestalt und Tiefe wie Pearl Harbor gibt. Aber ich halte es für möglich“, erwiderte Bellamy.

Das Ergebnis der Unterrichtsstunde ließ Steve Donovan keine Ruhe. Wenn schon ein Air-Corps-Kadett darauf gekommen war, sollte das Marineministerium ebenfalls so kluge Köpfe von Profis haben, die über ein solches Szenario nachgedacht hatten. Er wollte jedoch sicher gehen und rief im Marineministerium Lieutenant Chamberlain an, den er einfach danach fragte. Chamberlain stutzte.

„Wie bitte? Angriff auf Pearl Harbor? Donovan, Sie spinnen!“, entfuhr es dem Navy-Lieutenant, der in seinem Schrecken sogar vergaß, den Captain Donovan mit Sir anzusprechen.

„Genau das war auch die Reaktion meiner Kadetten in meiner Strategiestunde, bis der ideehabende Kadett eine These ausformuliert hat, die mir fast die Schuhe ausgezogen hat. Die hat wirklich Hand und Fuß, sag’ ich Ihnen. Auch wenn’s Ihnen komisch vorkommt, fragen Sie einfach mal nach. Das Ergebnis würde mich interessieren.“

„Hm, na schön. Aber erwarten Sie nicht von mir, dass ich solchen Blödsinn weitergebe. Und worin besteht die Theorie?“

Steve erläuterte sie kurz und hörte ein trockenes Schlucken am anderen Ende der Leitung.

„Oha!“, sagte Chamberlain schließlich. „Ist doch nicht so daneben. Sie hören von mir, Sir.“

Einige Tage später rief Chamberlain zurück.

„Ich habe mit dem Navy-Geheimdienst gesprochen. Ein Captain, mit dem ich gesprochen habe, teilt die Meinung Ihres Kadetten. Er sagte mir, dass er das dem Chef des Navy-Geheimdienstes schon vorgetragen hat – aus eigenem Antrieb, weil man bereits darüber nachdenkt, ob die Schlitzaugen nicht was ausbrüten. Aber der hat ihn eiskalt abtropfen lassen, hat auf die strategische Meinung eines Captains nichts gegeben, auch wenn der Captain lange Zeit in Japan gelebt hat und japanische Mentalität und Gedanken kennt. Der Chef ist Admiral, hat sich auf seine Sterne berufen und dem Adlerträger gesagt, er sei weiter unten und habe deshalb keine Ahnung. Sorry.“

„Danke, Mr. Chamberlain. Danke für Ihr Interesse und Ihre Mühe“, bedankte sich Steve.

„Oh, gern geschehen. Ich war selbst neugierig geworden. Haben Sie’s schon Ihrem Bruder gesagt?“

„Nein. Und wenn ich’s ihm sage, wird er das wohl genauso vom Tisch wischen wie der Admiral. Schließlich bin ich eine elende Landratte mit Flügeln und habe nur Balken statt Blümchen“, antwortete Steve mit Hinweis auf seinen gegenüber Sid geringeren Rang.

Steve führte seinen Kurs zur Prüfung im Sommer. Mit Ausnahme von Jonathan Coffer, der in Aerodynamik einen kompletten Versager hatte und deshalb durch die Prüfung fiel, bestanden alle seine Kadetten, zum Teil sogar mit Auszeichnung wie Winston Bellamy und Julian McGregor. Fast gleichzeitig – am 20. Juni 1941 – wurde das Army Air Corps in Army Air Force umbenannt. Zwar hing die Army Air Force nominell immer noch mit der Army zusammen, sie war aber faktisch schon eine eigene Teilstreitkraft und erhielt zur Unterstützung des Chefs, General H. H. Arnold, einen eigenen Generalstab. Leute wie Bellamy, die strategisch denken konnten, wurden dort gebraucht, dachte sich Steve. Außerdem hatte er seine Kadetten nicht zu Freunden der Douhet-Theorie erzogen. Konnte nicht schaden, so einen im Generalstab der eigenen Einheit zu haben, meinte Steve und wollte Bellamy für den Stab empfehlen.

Er wollte es aber nicht ohne Bellamys Einverständnis tun und bat den Lieutenant einige Tage vor dem großen Ereignis zu sich.

„Mr. Bellamy, ich habe ein kleines Problem mit Ihnen“, sagte Steve seufzend.

„Warum, Sir? Ich dachte, meine Leistungen wären ganz passabel.“

„Sie sind nicht passabel, sie sind ausgezeichnet. Sie sind ein guter Pilot mit viel Umsicht. Sie haben aber auch Fähigkeiten, die Sie eigentlich für viel zu schade für einen Kampfpiloten erscheinen lassen.“

„Was meinen Sie, Sir?“

„Ihre Pearl-Harbor-These hat mich sehr beeindruckt. Auch im Marineministerium hat sie Freunde gefunden, leider nicht die richtigen. Der Admiral war nicht zu überzeugen. Wie Sie wissen, wird das Army Air Corps in Kürze zur Army Air Force umbenannt und erhält einen eigenen Generalstab. Ich denke, Sie wären im Generalstab der Army Air Force oder im Kriegsministerium besser aufgehoben als im Cockpit eines Jägers. Der Generalstab der Army Air Force muss erst noch gebildet werden. Das wäre Ihre Chance, Ihre Gedanken dort zu verbreiten.“

„Danke, Sir. Aber ich befürchte, man würde nicht auf mich hören. Ich bin jetzt Second-Lieutenant. Glauben Sie, man würde in der Ebene des Chefs der Army Air Force oder gar auf Ministerebene oder beim Geheimdienstchef auf einen Second-Lieutenant hören, der seine Theorie noch nicht bewiesen hat? Sir, ein Angriff auf Pearl Harbor, der erscheint vielen hochrangigen Leuten so absurd, dass sie mich dafür eher in die Klapsmühle stecken würden, als strategisch auf mich zu hören“, entgegnete Bellamy.

„Aber wenn Sie leider Recht behalten sollten, wird man sich zweimal überlegen, Sie auszulachen“, gab Steve zu bedenken.

„Sir, gibt es eine Möglichkeit, im Stab zu arbeiten und zu fliegen?“

„Garantieren kann ich es nicht. Aber ich werde den Stabschef von General Arnold ansprechen. Möchten Sie eine Empfehlung für den Stab?“

Bellamy lächelte.

„Strategische Überlegungen sind für mich eigentlich mehr Denksport, um die kleinen grauen Zellen nicht verkümmern zu lassen. Beruflich möchte ich es nicht machen, weil ich dann muss. Für kreatives Denken, das bei Strategie erforderlich ist, ist das – jedenfalls bei mir – Gift. Deshalb bitte ich Sie, mich nicht für den Stab zu empfehlen, Sir. Ich bin zum Army Air Corps gegangen, weil ich fliegen wollte. Ich möchte Jagdpilot sein, Sir – so wie Sie.“

„Gut, wie Sie möchten. Ich werde Sie dann für den Jägerbereich empfehlen. Dennoch bitte ich Sie, Ihre Pearl-Harbor-These noch einmal zu Papier zu bringen – mit jetzigem Datum und sie beim Kriegsministerium sozusagen als Horoskop zu hinterlegen. Falls die USA in den Krieg eintreten, mag man nachlesen, ob Sie Recht hatten“, schlug Steve vor. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, den jungen Mann in die richtige Richtung zu manövrieren.

„Ich schließe ungern Wetten ab, Sir. Außerdem kann ich mich irren. Jonathans These, dass wir zugunsten der Briten eingreifen, hat auch was für sich. Es wird wohl sehr darauf ankommen, was die Deutschen jetzt tun. Wenn Hitler sich weiter auf England konzentriert, hat er es wohl doch bald sturmreif und wird die Invasion befehlen. In dem Falle würde ich Jonathans These stützen und annehmen, dass wir nicht länger zusehen und auf Großbritanniens Seite in den Krieg eintreten. Jonathan hat auch Recht, wenn er sagt, dass die Entwicklung der bei dem von mir entwickelten Szenario entscheidenden Flachwassertorpedos noch dauern wird. Der erste Angriff mit solchen Torpedos ist nur sieben Monate her. Ich würde von etwa einem Jahr ausgehen, bis die Japaner sie selbst entwickelt und getestet haben und die Piloten entsprechend trainiert haben. Demnach wäre ein Eingreifen unsererseits zugunsten der Tommys momentan wahrscheinlicher als ein präventiver Angriff der Japaner.

Wendet sich Hitler aber seinem eigentlichen Kriegsziel zu – Eroberung von Lebensraum im Osten – und greift die Sowjetunion an, bevor England erobert werden kann, käme meine These wieder mehr ins Blickfeld. Hitler könnte dann die Briten nicht mehr besiegen, die kämen auch ohne uns aus. Er kann aber auch nicht genügend Kräfte für einen Sieg über die Sowjets freimachen, solange er die Tommys noch im Rücken hat. Wenn Hitler es dann nicht schafft, die Japaner dazu zu bewegen, den Russen von Osten in den Hintern zu treten, hat er schlechte Karten. Das Land ist einfach zu groß, um es nur von einer Seite her erobern zu wollen. Unter dem Strich, denke ich, wäre das das Ende des Deutschen Reiches, wie wir es heute kennen. Und sollten die Japaner ablehnen, den Russen vielleicht noch eine Art Pakt anbieten, dann könnten sie übermütig werden und sich mit uns befassen.“

„Winston, du bist wirklich zu schade zum Verheizen“, grinste Steve.

„Nein, Sir, bitte nicht“, flehte der junge Lieutenant. „Bitte nicht in den Stab!“

„Na schön, ich tu’s nicht. Aber es täte mir um die Leute Leid, die vielleicht zusätzlich draufgehen, weil der Stab auf die deliziösen Weisheiten aus Ihrem strategischen Gemüsegarten verzichten muss.

„Tut mir ja auch Leid. Aber unter Zwang kann ich so etwas nicht produzieren. Außerdem ist vieles von dem, was ich sage, zum gegenwärtigen Zeitpunkt so absurd wie die Weissagungen des Nostradamus zu seiner Zeit. Nein, Sir, jetzt würde mir kein Mensch glauben. Vor allem nicht die Fetthälse vom Stab, die die strategische Weisheit mit Löffeln gefressen haben.“

Der Jahrgang war erfolgreich abgeschlossen, und Colonel Worsley ließ Steve zu sich kommen.

„Sie sind ein sehr erfolgreicher Lehrer, Captain Donovan. Keine Klasse hat so gut abgeschnitten wie Ihre“, lobte der Colonel.

„Danke, Sir. Aber ich hatte auch gute Schüler. Das macht sicher auch viel aus“, erwiderte Steve.

„Im Moment bin ich etwas unschlüssig, wie ich mit Ihnen jetzt weiterverfahren soll. Einerseits sind Sie ein zu guter Lehrer, als dass ich Sie hergeben möchte, andererseits sind Sie ein zu guter und zu erfahrener Jagdpilot, als dass ich Sie für die nächsten vier Jahre an die Schule nageln möchte. Wir müssen einen baldigen Kriegseintritt befürchten. Wir werden dann alle Piloten brauchen, besonders solche wie Sie. Der Minister geht davon aus, dass Großbritannien unser Verbündeter sein wird. Sie haben – wie ich Ihrem seinerzeitigen Einsatzbericht entnehme – Kontakt zu einem britischen Flieger, der in Ihrer Staffel war. Wie kommt das eigentlich, wenn Ihre Staffel eigentlich rein amerikanisch war?“

„Meine Idee, Sir. Second-Lieutenant Collins kam bei der RAF einfach nicht zum Zug, weil man ihn für zu unerfahren hielt um das zu fliegen, was er wollte – nämlich Bomber. Ich habe ihn mir bei der RAF als Scout ausgeliehen – nun offiziell jedenfalls. Tatsächlich wollte ich ihm Erfahrung vermitteln und ihm eine andere Sichtweise zu ermöglichen. Es schadet nicht, wenn ein Bomberpilot weiß, wie ein Jagdflieger angreift“, erklärte Steve.

„Hatten Sie eigentlich den Auftrag, britische Flieger auszubilden?“, fragte Worsley mit gewisser Schärfe.

„Nein, Sir, einen solchen Auftrag hatte ich nicht. Aber es ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Collins hat mir seinerseits Unterricht in englischer Geografie gegeben. Ich denke, ich kenne jetzt fast jeden Baum in Südengland. Collins hatte auch nicht den Auftrag, mich in dieser Disziplin zu unterrichten. Es hat sich so ergeben. Positiv betrachtet kann man es gegenseitige Befruchtung nennen, wenn Ihnen das nicht zu frivol ist, Sir“, erwiderte Donovan. Worsley unterbrach ihn nicht, was Steve als Glück interpretierte.

„Sind Sie der Ansicht, dass die Briten gute Verbündete wären, nach Ihrer Erfahrung mit diesem Piloten?“

„Die Erfahrung ist sicher die mit einer Einzelperson. Aber die Briten schreien laut um Hilfe, Sir. Ich denke, sie würden uns genauso helfen, wie wir ihnen helfen können.“

Worsley nickte.

„In welchem Umfang haben Sie die allgemeine Lage in Europa und im Pazifik seit Ihrer Rückkehr aus England verfolgt?“, fragte er.

„In dem Rahmen, den Zeitungslektüre und Radionachrichten vermitteln, Sir.“

„Gut. Dann wissen Sie, dass die Deutschen Westeuropa, Polen, die Tschechoslowakei, Norwegen und Dänemark fest im Griff haben, dass sie im April Jugoslawien angegriffen haben, auf Griechenland losgehen und sich in Afrika eingemischt haben. England scheinen sie dabei etwas aus dem Blickfeld verloren zu haben, jedenfalls was Angriffe betrifft, die auf eine baldige Invasion hinweisen. Dafür haben sie den U-Boot-Krieg stark verschärft. Die Belagerung zur See wird für Großbritannien immer schlimmer. Es könnte sein, dass Hitler mit der Seeblockade erreichen will, was er mit Luftangriffen nicht geschafft hat. Insofern könnte der Hilferuf aus England vielleicht doch bald den Kongress erweichen. Einige Zeitungen, noch eher die kleinen, fordern bereits den Kriegseintritt der USA. Es gibt auch unter Politikern und Veteranen des Weltkrieges Befürworter eines Eingreifens. Ich glaube, sogar der Präsident wäre dafür, kann es im Moment aber noch nicht offen aussprechen. Noch ist die Menge der Isolationisten größer als die derer, die ein Eingreifen wünschen. Das könnte sich aber ändern, wenn die USA angegriffen würden. Im Pazifik haben wir momentan den Stand, dass die Verhandlungen zwischen den USA und Japan auf der Stelle treten.“

„Ist es zutreffend, dass japanische Passagierschiffe die Hawaii-Inseln anlaufen dürfen?“, fragte Steve.

„Soweit ich weiß, haben wir den Handelsverkehr mit bestimmten kriegswichtigen Gütern unterbunden. Ob Passagierschiffe davon betroffen sind, entzieht sich im Moment meiner Kenntnis. Würden die Ihrer Meinung nach eine Gefahr darstellen?“, fragte Worsley nach.

„Nun, Sir, die Schiffe liefen bisher Honolulu an. Pearl Harbor ist direkt daneben. Man könnte den japanischen Touristen die Flotte eigentlich gleich mit einer Hafenrundfahrt zeigen. Die Touristen könnten eine gute Tarnung für Spione sein. Anzahl und Liegeplätze der im Hafen befindlichen Schiffe feststellen, die genaue Lage der Werften und der Tanklager ermitteln, ebenso Anzahl und Lage von Schutzmöglichkeiten für Flugzeuge, Radarantennen, eigentlich die Stärke des Militärs auf Oahu überhaupt feststellen. Obendrein ist der Hafen von Pearl Harbor von einem völlig frei zugänglichen und wegen seiner schönen Aussicht überaus beliebten Berg in der Nähe meines Elternhauses so gut zu übersehen, dass jemand, der es darauf anlegt, davon Karten zeichnen oder Fotos machen kann, nach denen sich der japanische Generalstab alle zehn Finger pro Person abschlecken würde. Ich würde es für gefährlich halten, japanische Touristen nach Hawaii zu lassen.“

„Nun, ich denke, Admiral Kimmel dürfte in die Frage der Gefährdung seines Navy Yards einbezogen sein und wird, falls er ähnliche Bedenken hat wie Sie, die auch zum Ausdruck bringen.“

„Würden Sie einen Angriff auf Pearl Harbor für absurd halten, Sir?“

„Natürlich wird so was schon mal unter den Führungsoffizieren diskutiert. Aber die Fachleute von der Navy sagen jedes Mal: zu weit weg von Japan, zu flach, zu gut gesichert. Außerdem wird ja noch fleißig verhandelt. Mir geht es jetzt darum, Sie so einzusetzen, dass Sie nicht im Ernstfall blockiert sind. Sie werden deshalb als Einheitstrainer einer Jagdstaffel tätig werden. Am besten, bevor der Minister spitz bekommt, dass Sie keine Klasse mehr unterrichten. Sonst schnappt er Sie mir weg und schickt Sie wieder auf diplomatische Missionen. Sie wollten ja nicht mehr gern am Boden kleben, hatten Sie doch nach Ihrem Ausflug nach Deutschland gesagt, nicht?“

„Stimmt, Sir“, bestätigte Steve.

„Gut. Sie übernehmen die Trainingseinheit, in die Sie Ihre gerade examinierten Ex-Kadetten integrieren.“

„Ja, Sir.“

„Captain Donovan, Sie sind in dem Fall sowohl Lehrer als auch unmittelbarer Vorgesetzter. Machen Sie aus den Leuten einen verschworenen Haufen“, wies Worsley Steve an.

„Das werde ich tun, Sir. Darf ich noch einen Wunsch äußern?“

„Was für einen Wunsch?“

„Ich hätte gern First-Lieutenant Jerry Cox dazu genommen. Lieutenant Cox war in England mein Flügelmann und dürfte seine Verwundung zwischenzeitlich endgültig auskuriert haben.“

„Und warum möchten Sie ihn hinzuziehen?“

„Allein aus meiner Klasse sind zwanzig Empfehlungen für Jagdflieger vorhanden. Von den anderen Klassen ebenso viele. Auch, wenn ich nur zehn bis zwölf examinierte Kadetten zur Truppenintegration bekomme, ist es besser, wenn ich einen ebenfalls erfahrenen Mann als eine Art Assistenten habe. Ich kann bei Flugübungen nicht neben jedem Einzelnen fliegen“, erklärte Steve.

„Zu welcher Einheit gehört Cox?“, fragte Worsley.

„Edwards Field.“

„Ich habe noch einige Stellen frei und werde versuchen, Cox zu bekommen. Noch jemand?“

„Och, am liebsten Pilot Officer Daniel Collins. Aber das wird wohl kaum möglich sein“, grinste Steve.

„Nein, in der Tat nicht“, bestätigte Worsley. „Dennoch sollten Sie Ihr Training auf einen Einsatz in England abstellen.“

„Hmm, dann brauche ich Collins wirklich – für Geografieunterricht und für gesellschaftliche Umgangsformen in Großbritannien. Und dann brauche ich noch einen Tipp von Ihnen Sir: Verraten Sie mir, woher ich Nebel und Dauerregen als kleine Trainingsschwierigkeiten nehme? In Arizona gibt’s so was nicht, in England dauernd. Und dort dürfen sie kein Hindernis für einen Start oder eine Landung unter Kampfbedingungen sein“, gab Donovan zu bedenken.

„Bei den klimatischen Verhältnissen hier ist das schwierig, gebe ich zu – außer vielleicht in Alaska. Ich spreche mit dem Ministerium. Vielleicht bekommen wir über diplomatische Kanäle Übungsmöglichkeiten in Kanada. New Foundland oder New Brunswick wären, glaube ich, ganz passend“, sagte der Colonel zu. „Aber ist das wirklich so dramatisch?“, schränkte er gleich wieder ein.

„Großbritannien, aber auch die Kanalküste Frankreichs und die Irische See gelten als besonders gefährdet, was Regen oder Nebel betrifft. Wenn Sie einen Briten fragen, ob der Nebel eigentlich Dauerzustand ist, wird er Ihnen antworten: ‚Gute Güte nein, natürlich nur, wenn’s nicht regnet!’ Als ich in England war, habe ich mich manchmal ernsthaft gefragt, ob unsere Vorfahren die Sache mit dem freien Glauben nicht nur vorgeschoben haben und in Wahrheit wegen des hundsmiserablen Wetters aus England ausgewandert sind. Ja, Sir, es ist dramatisch, weil in England leider sehr häufig so ein Wetter herrscht, die Nazis darauf aber unglücklicherweise keine Rücksicht nehmen – außer ihnen ist selbst die Sicht versperrt. Gemein wird es dann, wenn das Ziel des Angriffs freie Sicht aufweist, aber die Jägerflugplätze vernebelt oder verregnet sind.“

„Ich will sehen, was sich machen lässt“, erwiderte Worsley. „Versprechen will ich aber nichts.“

„Danke, Sir.“

„Gut, ich gebe Ihnen dann morgen die Liste mit Ihren Leuten.“

Steve verließ das Büro seines Kommandeurs mit einiger Erleichterung. Wenn er eine neue Jagdstaffel zusammenstellen sollte, bestand einstweilen weder die Gefahr des Bodenklebens noch die des Bomberfliegens.

Mit der Umbenennung des Army Air Corps in die US Army Air Force am 20. Juni 1941 war die neue Staffel komplett. Colonel Worsley hatte es tatsächlich geschafft, Jerry Cox von Edwards Field nach Groom Lake versetzen zu lassen. Jerrys früherer Chef hatte ihn noch gefragt, ob er denn nach Groom Lake wolle; Jerry hatte darauf geantwortet, dass es seinethalben auch am Südpol oder auf dem Mond sein könne, wenn er nur wieder mit Steve Donovan fliegen könne.

Kaum hatte das gemeinsame Training der neuen Einheit begonnen, die den Namen Blue Eagles erhalten hatte, kam aus Europa die Nachricht, dass Hitlerdeutschland in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen hatte. Bei der morgendlichen Einsatzbesprechung gab Steve die Neuigkeit an seine Männer weiter. Sein Blick fiel auf Second-Lieutenant Winston Bellamy, der in der letzten Reihe saß.

„Lieutenant Bellamy, ich hätte von Ihnen gern eine Einschätzung der strategischen Lage nach dem Eintritt der Sowjetunion in den Krieg“, forderte Steve ihn auf. Bellamy hustete erschrocken.

„‘Tschuldigung, Sir, ich hab’ mich grad’ verschluckt“, keuchte der junge Mann. „Haben wir schon Informationen über Japans Reaktion?“

„Nein“, erwiderte Donovan.

„Sir, ich denke, es ist Hitlers entscheidender Fehler, die Sowjetunion anzugreifen, ohne die Tommys im Sack zu haben. Zu Fuß – auch mit Panzern und Flugzeugen – ist es nicht möglich, Russland zu erobern.“

„Warum nicht?“, hakte Steve nach. Bellamy war anzusehen, dass sein Gehirn bereits auf Hochtouren arbeitete.

„Nun, Russland – genauer: die Sowjetunion – ist schon rein flächenmäßig das größte Land dieser Erde. Die Meilen von seinem Westrand an der polnischen Grenze bis an den östlichen Rand am Pazifik muss man schon nach Zehntausenden zählen. Die Hauptstadt Moskau ist sicher das ideologische Zentrum der Sowjetunion, schließlich lenkt das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei von dort aus das Land zentralistisch. Etwa zu einem Viertel ist der Staat europäisch, der große Rest liegt in Asien. Die Hauptstadt Moskau liegt noch im europäischen Teil. Von der polnischen Grenze bis nach Moskau ist es mit einer Entfernung von rund 625 Meilen Luftlinie aber auch nicht gerade um die Ecke – mindestens nicht unter Kampfbedingungen.

Nach meiner Überzeugung werden die deutschen Truppen auch mit ihrer bisherigen Blitzkriegsstrategie wohl kaum vor Ende September bis Anfang Oktober vor oder in Moskau sein. Der Winter beginnt in Russland meist früh und heftig. Die Deutschen kennen solche Winter meiner Ansicht nach nicht oder jedenfalls nicht im erforderlichen Umfang. Ich glaube nicht, dass sie wirklich Erfahrung mit den arktischen Temperaturen eines echten Kontinentalwinters haben. Die deutschen Truppen können auch nicht so konzentriert eingesetzt werden wie bisher, denn sie müssen sich jeweils von der Nordgrenze bis zur Südgrenze ausstrecken, um eine Flankenumfassung durch die Sowjets zu vermeiden.

Deutschland hat zwar rund achtzig Millionen Einwohner, aber nach Abzug von Frauen Kindern und Greisen bleiben wohl insgesamt kaum mehr als fünfzehn Millionen Männer im wehrfähigen Alter übrig. Das ist zwar eine relativ große Zahl, doch können nicht alle Männer im entsprechenden Alter für den Kriegsdienst freigestellt werden. Es ist zu berücksichtigen, dass Juden per Gesetz vom Soldatenberuf ausgeschlossen sind und dass es in Partei und Staat eine große Zahl von Privilegierten gibt, die jedenfalls keinen Frontdienst leisten müssen, selbst wenn sie die Uniform der Wehrmacht tragen sollten.

Hinzu kommt, dass ein großer Teil der bereits eingezogenen Männer die bisher eroberten Gebiete kontrollieren muss – und die umfassen inzwischen den größten Teil Europas. Ein ebenfalls großer Teil muss Deutschland gegen die Luftangriffe der Briten schützen. Wenn die deutsche Führung mehr als zwei Millionen Mann einsetzen kann, würde mich das sehr wundern. Diese doch noch hoch klingende Zahl verteilt sich jedoch auf den gesamten Angriffsraum und ergibt rund dreitausend Mann je Meile Luftlinie. Wenn ich das noch auf die Entfernung nach Moskau umrechne, kämen etwa fünf Mann pro Meile in dieser Entfernung. Es darf ja nicht unberücksichtigt bleiben, dass die eroberten Gebiete auch dauerhaft besetzt werden müssen. Dabei ist noch kein Toter eingerechnet – und ein solcher Feldzug wird für beide Seiten mit erheblichen Verlusten verbunden sein. Die Nachschubwege werden fast unendlich und sind sehr verletzbar.

Wenn ich das alles einkalkuliere, werden die Deutschen, wann immer sie Moskau erreichen, praktisch keine Reserven mehr haben, um ihre dann ausgelaugten Fronttruppen ersetzen zu können. Wenn die Sowjets dann massiv zurückschlagen, beginnt für die Deutschen ein Rückzug ohne Ende – wobei ich nicht annehme, dass die Russen an der polnischen Grenze Halt machen werden.

Ergänzend sei dazu angemerkt, dass der Nationalsozialismus sich die Vernichtung des Bolschewismus zum Ziel gesetzt hat. Wenn die Deutschen das wahr machen, also Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung gegen alles Völkerrecht töten, haben wir es wohl mit dem größten Kriegsverbrechen aller Zeiten zu tun, denn dann wird es massenhaft geschehen“, führte Bellamy aus. Ein Raunen ging durch die Reihen der Piloten. Steve nickte.

„Nachvollziehbar“, sagte er. „Japans Reaktion kennen wir noch nicht. Haben Sie dazu auch Ideen?“, fragte er dann. Bellamy dachte kurz nach.

„Ich denke, Japan wird es sich mehr als nur zweimal überlegen, ob es sich mit der Sowjetunion anlegt. Der Happen ist einfach zu groß. Japan könnte die Sowjets von der Mandschurei und von der Pazifikküste her angreifen. Hinter der Pazifikküste erstreckt sich bis an den Ural Sibirien, extradünn besiedelt. Die Sowjets hätten die Möglichkeit, einen japanischen Angriff aus dieser Richtung praktisch und buchstäblich ins Leere laufen zu lassen.

Zwar sind die Japaner auf der Suche nach Rohstoffen und Raum, was Sibirien in wirklich reichem Maße bieten könnte. Dafür hat Sibirien aber auch den sprichwörtlichen sibirischen Winter. Noch nie hat jemand wirklich freiwillig in dieser Gegend leben wollen. Nicht umsonst ist Sibirien seit undenklichen Zeiten das größte Freiluftgefängnis der Welt. Die Infrastruktur ist mit schlecht nur unzureichend beschrieben. Sie ist angesichts nahezu endloser Sümpfe auch kaum zu verbessern. Im Sommer gilt Sibirien als fast unpassierbar, im Winter kann man – Arktiserfahrung und entsprechende Ausrüstung vorausgesetzt – durchkommen.

Einen Angriff Japans als Entlastung für den deutschen Angriff auf den Westen der Sowjetunion halte ich nicht für wahrscheinlich. Zudem gibt es keine unmittelbare Interessenkollision zwischen Sowjets und Japanern im Pazifik. Die nördlichen Inseln der Kurilen-Gruppe, die nach dem Krieg von 1905 bei Russland verblieben, sind klimatisch für Japan nicht interessant. Einzig die Fischgründe können ein gewisses Objekt der Begierde Japans sein. Bei der dünnen Besiedlung Sibiriens könnte ein Pachtvertrag einen besseren Dienst tun, wenn sie sich die Fischgründe sichern wollen. Nach manchen Berichten ist dies wohl auch geschehen. Außerdem haben die Russen den Japanern bei ihren bisherigen Eroberungszügen keine Steine in den Weg gelegt – im Gegensatz zu uns, die wir auf ihre Expansionspolitik mit Handelssanktionen reagiert haben.

Deshalb gehe ich nach wie vor davon aus, dass Japan eher uns als die UdSSR angreifen wird, wenn es Ruhe für seine weiteren Eroberungsgelüste im Pazifik haben will“, erklärte er dann.

„Lieutenant Bellamy, machen Sie bitte von Ihren strategischen Überlegungen schriftliche Aufzeichnungen und geben Sie sie Colonel Worsley“, forderte Donovan den Lieutenant auf.

„Sir, ich wiederhole es nur ungern, aber ich könnte solche Thesen nicht unter Zwang und auf Dauer produzieren“, wehrte Bellamy ab.

„Sie haben es gerade getan“, erinnerte Steve.

„Es war kein Ernst, Sir. Ich spiele gern mit Gedanken und habe das als Gedankenspiel angesehen.“

„Lieutenant, Sie haben die Fähigkeit, folgerichtige strategische Überlegungen anzustellen. Ich halte es nach wie vor für Verschwendung Ihres Talents, wenn Sie dies nur im stillen Kämmerlein tun. Wenn Sie die Aufzeichnungen nicht machen, mache ich sie selber und gebe sie spätestens beim Eintreffen Ihrer Prognosen an den Stab.“

„Tun Sie’s, Sir“, seufzte Bellamy. „Ich möchte aber nicht wegen falscher Einschätzungen für eine falsche Einsatzplanung der US Army verantwortlich gemacht werden“, setzte er dann hinzu.

„Wir werden die Entwicklung beobachten“, schloss Steve. „Gut, kommen wir zu unserem heutigen Trainingsprogramm. Wir werden heute die Auflösung der Staffel zunächst in Vierer-Schwärme und dann in Zweier-Rotten üben.“

Als Steve am Nachmittag Bellamys Thesen zu Papier brachte, fragte er sich, wie viel Zeit den USA eigentlich noch als neutrales Land blieb. Die Antwort sollte er noch vor Ende des Jahres erhalten …

Kapitel 12

Ein Sonntag im Dezember …

 

Die Staffel entwickelte sich gut. Drei Monate später war aus dem wenig homogenen Konglomerat von erfahrenen Piloten und schulfrischen Neulingen ein eingespieltes Team und ein verschworener Haufen geworden. Jerry Cox hatte mit seiner unkomplizierten Art viel Anteil daran. Die täglichen Trainingsflüge waren zu einem Routineprogramm geworden, das auch nicht mehr die ständige Anwesenheit von Steve Donovan erforderte – zu seinem eigenen Leidwesen, denn Colonel Worsley erwartete von Steve, dass er die Durchfaller des letzten Jahrgangs für die Nachprüfung im November fit machte.

Außer Jonathan Coffer waren noch Zachary Levinson und Albert Lindeman aus D’Amatos Kurs an Aerodynamik gescheitert.

„Jungs, eins verstehe ich beim besten Willen nicht: Ihr seid alle drei mathematische Genies. Ballistische Kurven lest ihr aus der Formel ab oder schreibt die Formel aus dem bloßen Anblick der Kurve ohne jede Maßeinheit. Aber wenn ihr eine Flügelform berechnen sollt, dann gehen euch die Lichter aus. Warum?“, fragte Steve unmittelbar vor der Prüfung. Alle drei zuckten verlegen mit den Schultern.

„Tut mir Leid, Sir, ich habe darauf keine Antwort“, sagte Coffer entwaffnend ehrlich. Levinson und Lindeman stimmten ihm zu.

„Wenn Sie einen Job bei der Army Air Force haben wollen, werden Sie wieder in Aerodynamik geprüft. Das wird wieder schief gehen“, prophezeite Steve. „Würden Sie auch die Möglichkeit sehen, zur Artillerie zu gehen – bei Army oder Navy?“, fragte er dann.

„Würde das bedeuten, dass die Prüfung in Aerodynamik ausfallen würde?“, fragte Lindeman hoffnungsvoll.

„Sie würden in ballistischer Mathematik geprüft. Die Prüfung bestehen Sie drei ohne Schwierigkeiten“, erklärte Steve.

„Gäb ‘s eventuell die Möglichkeit, später noch zur Navy Air Force zu wechseln?“, hakte Jonathan nach.

„Das kann ich nicht sagen. Aber – Sie können fliegen. Und wenn Not am Mann ist, wird jeder gebraucht, der weiß, wo bei einem Flugzeug der Propeller ist. Es wäre nicht undenkbar.“

„Dann lasse ich mich zum Navy-Artilleristen prüfen“, entschied Jonathan. Lindeman und Levinson wollten ihr Glück dann bei der Army versuchen.

Am Mittwoch, dem 3. Dezember 1941, war die mündliche Nachprüfung, bei der Steve auch als Mitprüfer anwesend war. Seine drei Nachhilfeschüler hatten die schriftliche Prüfung bereits so gut bestanden, dass sie nur noch mit erschrockenem Schweigen durchfallen konnten. Auch die mündliche Prüfung fiel gut aus, so dass allen dreien die Commission, die Urkunde der Ernennung zum Offizier, ausgehändigt werden konnte. Levinson und Lindeman, die zur Artillerie gehen würden, wurden zum Second-Lieutenant befördert, Coffer, dessen neuer Job bei der Navy war, wurde zum Ensign ernannt, was dem Second-Lieutenant der Army entsprach. Steve gratulierte seinen Schülern mit besonderer Herzlichkeit. Dann leerte sich der Prüfungsraum.

Steve war der letzte Anwesende und räumte noch seine Papiere zusammen, als die Tür sich wieder öffnete und Ensign Coffer wieder hereinschaute.

„Sir, ich hab’ noch was vergessen.“

„Und was?“

„Mich bei Ihnen zu bedanken. Danke, Sir“, sagte der junge Mann.

„Und wofür bedanken Sie sich?“, fragte Steve. Jonathan lächelte.

„Erstens dafür, dass Sie sich noch drei Monate mit mir abgegeben haben – und dass Sie mir den Job auf der Arizona besorgt haben.“

„Haben Sie schon die Bestätigung?“

„Ja, ich habe sie eben vom Schulkommandanten bekommen.“

„Treten Sie Ihre neue Dienststelle sofort an, Ensign?“, erkundigte sich Steve, den jungen Mann mit dem neuen Dienstgrad ansprechend.

„Aye, Sir!“, antwortete Jonathan, schon ganz Navy-Offizier.

„Vielleicht sehen wir uns dann noch in der nächsten Zeit. Ich hoffe, ich kann meinen Urlaub wie geplant nehmen. Dann bin ich in den ganzen nächsten Monat auf Oahu.“

„Wäre schön, Sie zu sehen, Sir. Schönen Urlaub.“

„Danke, Ensign. Viel Erfolg“, verabschiedete Steve seinen nun ehemaligen Schüler.

Noch am selben Nachmittag reichte Steve bei Colonel Worsley seinen Urlaubsantrag ein.

„Seit Dienstag letzter Woche gilt Alarmbereitschaft für unsere Streitkräfte“, bemerkte Worsley.

„Ich weiß, Sir.“

„Damit gilt grundsätzlich Urlaubssperre“, stellte der Colonel klar. „Aber Sie haben das ganze Jahr keinen Urlaub gemacht. Das honoriere ich. Wenn Sie nicht gerade in den Rockies Urlaub machen und im Ernstfall schnell hier sein können, genehmige ich den Urlaub“, sagte er dann. Steve lächelte.

„Eigentlich wollte ich – wie jedes Jahr – nach Hawaii fliegen.“

„Sind Sie in der Nähe eines Army Air Force-Stützpunktes?“

„Ja, Sir, ich bin auf Oahu, nur ein paar Meilen und in Sichtweite von Pearl Harbor. Hickam und Wheeler Field sind ja unmittelbar benachbart.“

„Umso besser. Melden Sie sich für alle Fälle bei Colonel Farthing.“

„Ja, Sir.“

„Dann wünsche ich Ihnen einen erholsamen Urlaub, Captain Donovan. Gute Reise.“

„Danke, Sir. Bis Anfang Januar. Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch, Sir“, verabschiedete sich Steve und verließ das Büro seines Chefs.

Am übernächsten Tag, es war der 5. Dezember 1941, hatte er endlich Urlaub. Viereinhalb Wochen Urlaub, zählte man die ganze Zeit zusammen, bis er am 5. Januar 1942 wieder zum Dienst erscheinen musste! Bis dahin würde er die Sonne Hawaiis genießen, sich im Sand aalen und einfach sehr faul sein. Nach dem verkorksten Weihnachtsurlaub des vorletzten Jahres hoffte Steve inständig, dass er diesmal wieder einen so schönen, erholsamen Urlaub wie im vorigen Jahr verbringen würde. Eine Transportmaschine der USAAF brachte Steve und andere Urlauber nach San Francisco, von wo aus Steve nach Honolulu auf Hawaii weiterflog. Nach langer Zeit war er zum ersten Mal wieder in Zivil. Noch trug er einen normalen Zivilanzug mit dazu passendem Hut, erweckte den Anschein eines gewöhnlichen amerikanischen Geschäftsreisenden. Aber in seinem Gepäck hatte er auch die buntesten Hawaii-Hemden, die er im Jahr zuvor hatte auftreiben können. Er hatte sich telefonisch bei Sid angemeldet und von dem erfahren, dass auf Hawaii zurzeit Temperaturen von etwa 78° F* herrschten – und dass das Schlechtwettergebiet, das über dem nördlichen Pazifik hing, nach Ansicht der Meteorologen nicht bis nach Hawaii vorstoßen würde. Eine Weile genoss Steve die wunderschöne Aussicht auf den wie eine blaugrüne Glasplatte daliegenden, seinem Namen Ehre machenden Pazifik, dann erlaubte er sich, eine Weile zu schlafen. Von San Francisco bis nach Honolulu war die DC 4 immerhin volle acht Stunden unterwegs. Zeit genug für ein kleines Schläfchen.

Steves Maschine landete am späten Nachmittag um fünf Uhr Ortszeit auf dem Flughafen von Honolulu, wo Sid ihn bereits erwartete.

„Hallo, Urlauber!“, begrüßte Sid den Jüngeren.

„Hi, Sid.“

Die Brüder umarmten sich. Steve sah Sid von oben nach unten an. Der Marineoffizier war in großer weißer Uniform.

„Wow – bist du mal wieder auf dem Kriegspfad, Bruderherz?“, fragte Steve schließlich. Der Ältere grinste.

„Nein, schon die Friedenspfeife geraucht. Amelia, die Tochter von Commodore Mansell, ist meine Flamme. Ihr Dad hat mich heute zum Dinner eingeladen. Versteht sich von selbst, dass ich da einen passablen Eindruck hinterlassen will“, erklärte er.

„Oh, Lieutenant-Commander! Wo schreibe ich hin, dass du derartige Konzessionen machst? Früher hättest du dich mit Händen und Füßen gewehrt, wenn dich einer nach Dienstende in Uniform sehen wollte.“

„Früher wollte auch nur Dad, dass wir noch beim Abendessen Ehrenbezeigung machten. Aber – ich geb’s zu – ist schon komisch, dass ich mich heute gerne mal Eindruck schinde und mich für ein Mädchen auch in Schale schmeiße. Wo ist übrigens deine Freundin?“

„Freundin? Was für ‘ne Freundin?“, fragte Steve verblüfft.

„Na, hör mal: Du bist jetzt neunundzwanzig und wirst im Januar dreißig! Wird langsam Zeit, dass du dich mit weiblichen Wesen befasst, sonst kommt noch jemand auf falsche Gedanken!“, warnte Sid. Steve schüttelte verständnislos den Kopf.

Aber als er dann weiter überlegte wurde ihm etwas sehr klar: Die meisten Soldaten dachten in jeder freien Minute an die holde Weiblichkeit und die schönen Dinge, die mann mit einer Frau anstellen konnte. Und Männer, die diese Gedanken nicht in gleichem Maße teilten, gerieten leicht in den Verdacht, homosexuell zu sein. Als Soldat unterlag man besser nicht einem solchen Verdacht, denn homosexuell zu sein, bedeutete die Entlassung aus der Army – und das ganz bestimmt nicht ehrenhaft.

„Also: Was ist mit Freundin?“, bohrte Sid unnachgiebig weiter.

„Och“, sagte Steve langsam, „die is’ ‘n bisschen weit weg.“

„Sag bloß, du hast dir in England eine angelacht?“

Steve grinste.

„Jaa“, erwiderte er gedehnt, „so ‘ne kleine Funkermaus von der Women’s Auxiliary Air Force.“

„Und? Reger Kontakt? Wie heißt sie?“

Sids erwachende Leidenschaft war unüberhörbar.

„Mein Gott, bist du neugierig. Sie heißt Harriet – und alles andere ist nicht weiter interessant. Du hast deine Amelia; keinen Neid, bitte!“, bremste Steve seinen Bruder aus.

„Oh, oh! Stille Wasser gründen tief!“, grinste Sid anzüglich und peilte eine einsame Wolke an, die über den sonst makellos blauen Nachmittagshimmel zog.

„Mom, er ist endlich vernünftig geworden!“, sagte Sid, als spreche er zu ihrer verstorbenen Mutter.

Steve schüttelte den Kopf. Er hatte seinem Bruder eine faustdicke Lüge aufgetischt – meinte er. Doch als er vom Beifahrersitz von Sids Buick die tropische Landschaft Oahus an sich vorbeiziehen ließ, erwischte er sich, an Harriet zu denken. Und er ertappte sich, dass er an jenem Tag, als er sie verletzt aus der zerbombten Radarstation gezogen hatte, schreckliche Angst gehabt hatte, sie könnte tot sein. Zu dem Zeitpunkt, das wurde ihm bewusst, hatte es daran gelegen, dass sie die Schwester eines guten Freundes war. Er kannte sie nach wie vor nicht wirklich, weil sie wie eine Muschel zuklappte, sofern sich ein männliches Wesen in ihr Blickfeld verirrte, weil sie jeden außerdienstlichen Kontakt strikt ablehnte. Von wenigen Gelegenheiten abgesehen, bei denen Steve es gelungen war, mit Harriet den Lunch in der Flugplatzkantine einzunehmen, war sie ihm aus dem Weg gegangen.

Eigentlich hatte er auch nie vorgehabt, mit ihr anzubandeln. Aber jetzt forderte eine innere Stimme plötzlich Rechenschaft von ihm. Oh, doch, er hatte es versucht, wie er verblüfft feststellte. Der jedem Mann innewohnende Jagdinstinkt hatte auch bei ihm zugeschlagen, aber dieses Wild wehrte sich ernsthaft. Dass Harriet ihn hatte abblitzen lassen, hatte er nur nach außen hin akzeptiert. Tief in seinem Inneren, das gestand Steve sich zögernd ein, war ein Feuer entstanden, dessen Existenz er für sich selbst immer verneint hatte – das der Sehnsucht. Er sehnte sich wahrhaftig nach Harriet, trotz ihrer Kratzbürstigkeit! Oder war es etwa gerade deswegen? Weil er sich sicher sein konnte, dass sie – sollte es ihm gelingen, diese Auster zu knacken – treu sein würde? Dennoch war er sich noch immer nicht ganz sicher, ob er Harriet wirklich liebte. Zu Liebe gehörte Nähe und Vertrauen. Beides war zwischen ihm und Harriet allenfalls ein Wunsch seinerseits, keineswegs Wirklichkeit …

Sid deutete den verlorenen Blick seines Bruders als intensive Gedanken an die ferne Geliebte und beschloss, den augenscheinlich schlimm verliebten Steve mit seinen Gedanken allein zu lassen.

Wenig später erreichten sie das Haus in Honouliuli direkt gegenüber des Naval Yard am westlichen Rand der Bucht von Pearl Harbor.

„Entschuldige, wenn ich nicht noch mit ‘reinkomme, aber ich schaffe es grad’ so zu meiner Einladung. Hier ist der Schlüssel. Ich hab’ dir dein altes Zimmer hergerichtet, wie üblich“, sagte Sid und drückte Steve die Hausschlüssel in die Hand.

„Danke, Sid. Wann ist mit dir zu rechnen?“

„Oh, es könnte gut halb sechs am Morgen werden. Warte nicht auf mich“, erwiderte Sid, setzte zurück und fuhr die Straße den Hügel hinunter Richtung Pearl City.

Steve brachte sein Gepäck ins Haus und richtete sich ein, stellte seine Taschenuhr, die er statt der im Dienst gebräuchlichen Armbanduhr zum Zivilanzug trug, auf die Hawaii-Time um. Gegenüber der Mountain-Time, nach der er in Groom Lake lebte, ging die Uhr hier drei Stunden nach. Steve fühlte sich müde. Zwar war es auch nach seiner inneren Uhr erst acht Uhr abends, aber die acht Stunden Flug von San Francisco waren doch nicht ganz spurlos an ihm vorüber gegangen. Zunächst packte er noch seine Sachen aus, entledigte sich des Anzugs, schlüpfte in sein buntestes Hawaii-Hemd, zog sich Shorts und Sandalen an und sparte sich auch noch die Socken. Im Kühlschrank fanden sich Ananassaft, Eis und Mineralwasser, aus denen er sich ein erfrischendes Getränk mixte. Auf alkoholische Getränke hatte er nach dem langen Flug keinen Appetit. Steve schob die Terrassentür auf, rückte sich einen der Liegestühle zurecht und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzen in den Liegestuhl sinken. Die schon niedrig stehende Sonne tauchte Pearl Harbor in rotgoldenes Licht, das auf den grauen Rümpfen und Aufbauten der im Hafen liegenden Pazifikflotte orangefarbene Bilder malte.

Wieder einmal ertappte Donovan sich bei dem Gedanken, doch eine Versetzung nach Pearl Harbor zu beantragen. Zwar hatte man ihm angedroht, dass er die fehlenden Flugstunden nachholen musste, die Colonel Worsley ihm eigenmächtig erlassen hatte. Andererseits hatte er zwischenzeitlich schon wieder so viele Flugstunden absolviert, dass man es auf eine Diskussion ankommen lassen konnte, ob Lehrstunden wirklich nötig waren. Denn im Gegensatz zu anderen Angehörigen der Army Air Force, die sich derzeit in den Staaten und auf den pazifischen Inseln befanden, hatte Steve reichlich Flugerfahrung unter Kampfbedingungen. Steve wollte jedenfalls ein Höllentheater beginnen, wenn man ihn mit mehrmonatiger Kampferfahrung zum Flugschüler degradieren wollte, der einem knapp zum Ausbilder ernannten Jungpiloten ohne jede Erfahrung gehorchen musste. Aber um in dieses warme Paradies zu kommen, würde er auch so einen Kampf aufnehmen. So still und friedlich, wie der Pazifik dalag, so schön, wie die untergehende Sonne die mächtigen Schiffe beleuchtete, war Pearl Harbor für Steve der schönste Ort auf der ganzen Welt.

Er träumte vor sich hin, als eine Kette Curtiss Tomahawks auf den Flugplatz Hickam Field zuhielt, der Donovans Terrasse direkt gegenüberlag.

Du könntest in einem von diesen Dingern sitzen und Rundflüge über dem Pazifik veranstalten, statt deinen flügellahmen Küken das Fliegen beizubringen’, dachte er bei sich. Nun, es war Freitagabend – keine gute Zeit, um mit Colonel Farthing zu sprechen, der die Army-Jäger auf den Hawaii-Inseln kommandierte. Steve nahm sich vor, das gleich am Montagmorgen zu tun. Dann hatte er vielleicht noch eine Chance, gleich zu Beginn des neuen Jahres auf Oahu seinen neuen Dienstort zu haben. Mit seiner Versetzung nach Oahu wäre die Familie wieder vollzählig an einem Ort versammelt.

Das Radio im Wohnzimmer war auf den hawaiianischen Regionalsender KGMB eingestellt, der die typische Musik der Inseln sendete. Diese hawaiianische Musik wirkte immer sehr beruhigend auf Steve. Beunruhigend waren jedoch die Nachrichten in den Zeitungen. Die Verhandlungen mit Japan hatten einen toten Punkt erreicht und keiner konnte – oder wollte – sich einen Reim darauf machen, wo ein Großteil der japanischen Flotte geblieben war. Man wusste, dass fünf Flugzeugträger, zwei Schlachtkreuzer und zwei schwere Kreuzer und die dazu gehörigen Unterstützungsfahrzeuge mehr oder weniger einzeln den Marinehafen Kuwait bei Tokio am 9. November 1941 verlassen hatten – aber danach hatte man sie nicht mehr gesehen. Der Pazifik war riesig. Selbst eine Flotte von neun Großkampfschiffen und dem entsprechenden Tross von Begleitfahrzeugen konnte man in dieser schier unendlichen Wasserfläche verschwinden lassen wie ein Taschenspieler ein Spielkartenpaket. Steve war nicht wohl bei dem Gedanken, dass die japanische Flotte einfach weg war. Andererseits – wie viel Wahrheit steckte wirklich in den dürren Pressemeldungen? Er nahm sich vor, Sid als Sachverständigen zu befragen, wie lange eine Flotte von dieser Größe eigentlich von Honschu bis nach Hawaii brauchen würde, wenn sie sich am asiatischen Festland entlang tastete, die Aleuten passierte und dann von Norden her Hawaii ansteuerte.

Die Wärme, das sanfte Sonnenlicht, die hawaiianische Musik – das wirkte einschläfernd. Irgendwann sank die New York Times Steve auf die Knie, er nickte ein und erwachte erst, als die kurze tropische Dämmerung bereits längst vorüber war und ein milder Wind über den Hügel zog, auf dem das Haus lag. Leicht fröstelnd und völlig verschlafen räumte Steve die Terrasse ab und sah auf die Uhr im Wohnzimmer. Es war halb zehn hawaiianischer Zeit, halb eins nach Ortszeit Groom Lake. Steve gähnte müde, schaffte es gerade noch, sich die Zähne zu putzen, dann fiel er ins Bett und zog – schon im Halbschlaf – das Moskitonetz zu.

Er schlief bis zum anderen Morgen um zehn Uhr durch. Die letzten Tage mit seinen verhinderten Jungadlern hatten offensichtlich mehr Kraft gekostet, als Captain Donovan sich hatte eingestehen wollen. Die nun schon hoch über der Insel am winterlichen Himmel stehende Sonne lockte Steve zu einem ausgedehnten Frühstück auf die Terrasse. Zum Einkaufen blieb auch am Nachmittag noch Zeit. Die ersten Tage auf Hawaii gehörten – so wollte es Steves eigene Tradition – ausgeprägter Faulheit. In seinem Job als Jagdpilot und Fluglehrer mangelte es ihm oft an Ruhe und der Möglichkeit zur Entspannung. Deshalb plante er in der ersten Urlaubswoche allenfalls Einkaufsfahrten ein.

Von Sid fand er einen Zettel vor, dass er am Abend zu einer Swing-Party bei Commodore Mansell eingeladen war und dort wohl auch die Nacht verbringen würde. Steve schüttelte amüsiert den Kopf. Sid war und blieb ein Schwerenöter. Nun, sollte er sich das Wochenende ruhig um die Ohren schlagen, am Montag würde er schon wieder normal sein. Steve verbrachte den Samstag mit Einkaufen und Bummeln in Honolulu, einer Begegnung mit dem Nikolaus in einer der Einkaufsstraßen von Honolulu, einem Sonnen- und Meeresbad in Waikiki-Beach auf der anderen Seite, östlich der Bucht von Pearl Harbor und mit einem nachmittäglichen Nickerchen auf der Terrasse, mit dem wunderschönen Blick über den Hafen, eine tiefe Bucht die mit einer nur schmalen Durchfahrt ins offene Meer vor den durchaus möglichen Wetterunbilden des Pazifik einen sehr guten Schutz bildete.

Am Nachmittag kam Sid aber doch noch nach Hause, duschte und zog sich ebenfalls Hawaii-Hemd und Shorts an. Mit einem Mint-Julep, einem in den amerikanischen Südstaaten beheimateten Drink aus Whiskey, Zucker und viel frischer Pfefferminze, streckte er sich in der Sonne aus. Im Gegensatz zu dem mit dem ersten Sonnenbrand kämpfenden Steve hatte Sid eine gewisse, nicht mehr verschwindende Grundbräune. Schließlich lebte er das ganze Jahr in den Tropen, sah man von Fahrten mit der USS Arizona im Pazifik ab. Steve dagegen trug auch im sonnigen Arizona meist eine lange Hose, häufig die Uniformjacke, so dass nur ein Bruchteil der Sonneneinstrahlung an seine Haut kam.

„Was meinst du? Wann erbst du die Arizona?“, fragte Steve schelmisch, als er dem Blick seines Bruders folgte, der ziemlich direkt zu Sids erster ganz großer Liebe ging, dem Schlachtschiff Arizona, das gegenüber der Halbinsel an der Battle-Ship-Row vor Anker lag. Sid peilte über den Rand seines Glases auf die achteren Artillerietürme, deren Chef er war, und grinste.

„Übermorgen – aber frag’ mich nicht genau, wann das ist“, sagte er.

„Übrigens, ich habe jetzt einen neuen Ensign. Jonathan Coffer. Er gab mir ein Patent deiner Schule. Kennst du den?“, fragte der Ältere dann.

„Jonathan? Klar kenne ich den. Ich habe ihn zu dir empfohlen.“

„Ich dachte, du machst nur fliegende Landratten“, wunderte sich Sid.

„Grundsätzlich ja. Jonathan ist eine von meinen drei Ausnahmen. Es hat sich erwiesen, dass er kein Aerodynamiker ist. Aber dafür ist er ein Sahnemathematiker und ein erstklassiger Ballistiker. Mal’ ihm eine x-beliebige Parabel auf einem schematischen Koordinatensystem ohne Werte und Johnny sagt dir in Sekunden die passende Formel dazu. Funktioniert übrigens auch anders ‘rum. Er wollte deshalb auch zur Artillerie, aber nach Möglichkeit in Reichweite von Flugzeugen – falls man ihn doch mal als Piloten braucht. Nun, die Navy hat ein eigenes Fliegerkorps, auf der Arizona ist er in Sichtweite der Enterprise oder der Hornet – die beste Adresse für einen nur durch Unglück verhinderten Flieger. Fliegen kann er, er kann nur keine aerodynamischen Berechnungen für die Form von Flugzeugflügeln machen. Leider war das prüfungsrelevant und das hat ihn die Pilotenschwingen gekostet. Aber ich glaube, wenn ihr bei der Navy Piloten braucht, werdet ihr noch dankbar sein, dass Jonathan bei euch ist. Ich hätte ihn gern behalten.“

„Holla, da muss ich wohl aufpassen, dass der nicht nach meinem Job schielt!“, entfuhr es Sid.

„Och, glaube ich nicht; Jonathan ist ein bescheidener Junge. Was Truppenführung betrifft, hat er keinen Ehrgeiz“, beruhigte Steve.

„Na gut, ich werd’ ihn mir ansehen und ab Montag mal testen, was er drauf hat“, erwiderte Sid und nippte an seinem Mint-Julep.

„Oh, bevor ich das vergesse:“, fuhr Sid fort. „Gerat’ nicht gleich in Panik, wenn mal ‘ne Sirene losgeht. Wir machen zur Zeit viel Alarmübungen – wegen der doch etwas beunruhigenden Nachrichten aus Richtung Japan.“

Steve sah auf die Zeitungen, die mehr oder weniger geordnet auf dem Beistelltisch lagen und dachte an Winston Bellamys Theorie von einem Angriff auf Pearl Harbor an einem Sonntag im Herbst. Bisher hatte er dieses Thema gegenüber seinem Bruder nicht erwähnt.

„Sid“, begann er langsam, „kannst du dir vorstellen, dass Japan so verrückt wäre, diesen verschwundenen Flottenverband im Schutze nordpazifischer Scheißwetterfronten auf Amerika loszulassen?“

„Ach, Blödsinn!“, entgegnete der Ältere. „Zum einen wird im Grundsatz immer noch verhandelt. Und so lange Politiker reden, wird noch nicht geschossen. Zweitens weiß niemand wirklich, ob die Schiffe, die seit Mitte November kein Schwanz mehr gesehen hat, wirklich zu einem Verband zusammengefasst wurden. Und drittens – falls das doch so ist – wenn ich die Zusammensetzung richtig im Kopf habe, besteht er fast nur aus Flugzeugträgern und Begleitfahrzeugen. Schlachtschiffe sind wohl nicht dabei. Die Flugzeugträger haben war ‘ne Menge Torpedoflieger an Deck gestapelt, aber damit werden die hier nichts. Torpedos, die von einem Flugzeug abgeworfen werden, plumpsen fast bis auf den Grund. Die Dinger sind hier nutzlos, weil Pearl einfach zu flach ist.“

„Sid, ich will dich nicht erschrecken, aber die Tommys haben Flachwassertorpedos entwickelt – und sie haben sie vor mindestens einem Jahr in Tarent erfolgreich ausprobiert!“, warnte Steve. Sid winkte ab.

„Papperlapapp!“, versetzte er mit der Überheblichkeit des Erstgeborenen. „Kann sein, dass die Tommys so was haben. Aber John Bull wird die Japse nicht mit den Konstruktionsplänen für die Flachwasseraale versorgt haben.“

„Nein, natürlich haben sie’s nicht per Post nach Tokio geschickt!“, knurrte Steve. „Aber nach allem, was wir von den Japanern wissen, sind sie Meister der Imitation. Japan ist mit Italien verbündet. Es wird ihnen nicht entgangen sein, dass es so etwas gibt. Und wenn sie der Ansicht sein sollten, dass eine solche Waffe für die japanische Kriegführung brauchbar ist, werden sie sich überlegen, wie man so was basteln kann. Und sie werden so lange herum probieren, bis sie sie selbst bauen können“, gab er zu bedenken.

Steves Verdacht war nicht völlig aus der Luft gegriffen, das wusste Sid nur zu gut. Auch im Marineministerium waren solche Szenarien Gegenstand der Diskussion gewesen. Doch stets war man zu dem Ergebnis gekommen, dass die Japaner es nicht wagen würden, den Löwen direkt in seiner Höhle anzugreifen. Sid war als Artillerieoffizier eine Zierde seines Berufes, aber er war kein Stratege. Strategische Überlegungen überließ er Leuten, die mehr Fantasie hatten als er – und die glaubten nicht wirklich an einen Angriff auf Pearl Harbor.

„Und wie lange ist das mit Tarent her? Ein Jahr?“, brummte Sid. Es klang ein wenig unsicher.

„Nun“, seufzte Steve, „ein Jahr ist lange genug, um sich Sorgen zu machen, finde ich. Und dann hat noch einer meiner Kadetten eine Theorie aufgestellt, nach der der japanische Generalstab an einem Sonntag im Herbst oder Winter zuschlagen wird – hier in Pearl Harbor.“

„An einem Sonntag im Herbst oder Winter! Mein Gott, was für ein schlaues Kerlchen!“, spottete Sid. „Den genauen Tag hat er aber nicht genannt, oder?“

„Sid, mir ist klar, dass du das für baren Blödsinn hältst“, erwiderte Steve. „Aber das, was Winston da entwickelt hat, hat wirklich Hand und Fuß. Wir haben Japan mächtig Schwierigkeiten gemacht. Sie verhandeln mit uns, aber sie sind Orientalen. Asiaten haben für gewöhnlich mehrere Wege in Planung, die sie beschreiten können, je nachdem, ob sie in ihren Zielen weiterkommen oder nicht.

Wenn die Verhandlungen nicht im Interesse Japans abgeschlossen werden können – und das heißt, das wir sie im Pazifik nach Belieben andere Völker unterdrücken lassen – dann werden sie den unbequemen Bremsklotz Amerika beseitigen wollen. Sie werden annehmen, dass wir vielleicht gar nicht in der Lage sind, uns ernsthaft zu wehren. Möglicherweise haben sie damit sogar in gewisser Weise Recht. Amerika lässt Hitler schließlich auch munter gewähren und unterstützt die Briten nur sehr halbherzig. Unsere gesamten Streitkräfte bestehen aus knapp eineinhalb Millionen Mann, von denen zwei Drittel noch nicht mal richtig fertig ausgebildet sind. Das Deutsche Reich hat allein zwei Millionen für den Überfall auf Russland aufgeboten, wenn man den Quellen Glauben schenken kann!

Und was den Zeitpunkt Sonntag betrifft: Tatsache ist, dass uns das Wochenende heilig ist. Am Freitagnachmittag oder –abend läuft die Flotte in die Basishäfen ein, die Matrosen schrubben das Deck, die Unteroffiziere verpacken die Munition, die Offiziere verschließen die Munitionskisten, man zieht von dannen und ward bis zum Montagmorgen nicht mehr gesehen, sieht man von einer kleinen Sicherheitswache an Bord ab. Dasselbe gilt entsprechend bei der Army. Kein anderer Tag wäre für einen Überraschungsangriff besser geeignet als ein Sonntag. Ist man ganz fies, ist der Sonntagmorgen noch besser, wenn alles sich noch im Bett oder in der Koje räkelt. Das zum Sonntag. Auf den Herbst dieses Jahres ist er gekommen, weil die Entwicklung eigener Flachwassertorpedos und deren Erprobung Zeit in Anspruch nimmt.“

„Steve, du und dein Kadett, ihr habt schlecht geträumt“, entgegnete Sid. „Aber gut, ich werde am Montagmorgen gleich mit dem Captain sprechen, damit er den Hafenkapitän anspitzt, die Torpedonetze zu verstärken und noch näher unter die Oberfläche zu bringen. Aber es wird lauthalses Maulen geben, weil das die ohnehin schmalen Fahrrinnen noch weiter verengt. Auch nicht ungefährlich, wenn man den Hafen schnell räumen muss“, seufzte er dann. Er sah auf die Uhr. „Wird Zeit, dass ich mich wieder umziehe. Der Commodore wartet nicht gern.“

„Bist du zum Frühstück hier?“, fragte Steve.

„Nein, die Einladung gilt über Nacht.“

„Dann wünsche ich dir viel Spaß. Ist morgen ‘ne Runde Golf drin?“

„Ich meine, dass der Platz bis zehn Uhr von Admiral Kimmel und ein paar anderen hohen Tieren von der Navy belegt ist. Aber du kannst ja mal versuchen, ob du für elf reservieren kannst. Reicht aber, wenn du morgen früh im Club anrufst“, erwiderte Sid aus seinem Zimmer, wo er sich schon die Ausgehuniform anzog.

„Schön, dann bis morgen um elf“, verabschiedete Steve seinen Bruder. Sid verließ das Haus und Steve räumte die Terrasse ab, um rechtzeitig schlafen zu gehen. Es lagen ja noch vier Wochen Urlaub vor ihm, in denen er sich noch ganze Nächte um die Ohren schlagen konnte. Glaubte er …

… bis ihn am darauffolgenden Sonntagmorgen durchdringendes Sirenengeheul weckte. Steve schreckte aus dem Schlaf hoch.

„Ja, spinnen die denn völlig? Sind die nicht ganz dicht, am Sonntag in aller Herrgottsfrühe um viertel vor acht Luftalarm zu geben?“, fluchte er laut und stapfte zornig zur Terrasse, zog die Jalousie hoch, schob die Tür auf – und erstarrte.

Vor seinen entsetzten Augen stiegen tiefschwarze Rauchsäulen aus den torpedierten und bombardierten Schiffen der amerikanischen Pazifikflotte. Fassungslos sah Steve Donovan die mit der roten Sonne Japans gekennzeichneten Zeros, die auf die schon tödlich getroffenen Schiffe wie Habichte auf ein Kaninchennest hinabstießen. Nur ganz vereinzelt ließ sich Luftabwehrfeuer hören. Soweit Steve es von der Terrasse aus erkennen konnte, herrschte im Hafen ein heilloses Durcheinander.

Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er sich gefangen hatte und zum Telefon greifen konnte. Er rief die Army Air Force an, doch er kam nicht durch. Entweder glühten dort die Telefondrähte wegen massenhafter Freiwilliger oder die Telefonzentrale war getroffen worden. Er überlegte nicht lange, was wahrscheinlicher war, sondern sprang eilig in seine Dienstuniform und jagte mit dem Wagen nach Pearl City hinunter, kam aber nicht weit. Militärpolizei verstellte ihm den Weg.

„Halt! Die Straße ist nicht passierbar!“, schnauzte der MP-Sergeant.

„Sergeant, gehen Sie mir aus dem Weg! Ich bin Jagdpilot, wenn auch auf Urlaub; aber ich brauche jetzt dringend ein Flugzeug, um den Schlitzaugen da den Hintern zu versohlen! Ist Hickam noch intakt?“, bellte Steve zurück. Die Militärpolizisten sahen sich verdutzt an.

„Hickam ist platt wie ‘ne Briefmarke, Wheeler brennt, da finden Sie kein einziges Flugzeug mehr. Nur Haleiwa ist noch ungeschoren geblieben. Aber die beiden Flugzeuge, die dort sind, sind schon in der Luft. Gebe Gott, dass die Jungs was erreichen!“

„Oh, Schei…!“

Eine gewaltige Detonation, stärker als die allgegenwärtigen Explosionen von Bomben und Torpedos, zerriss die rauchgeschwängerte, aber dennoch milde Morgenluft. Steve spürte, dass ihm die kurzen Haare zu Berge stehen wollten, als er in die Richtung sah, aus der die Druckwelle kam und er mit ansehen musste, wie die USS Arizona in einem riesigen Feuerball im Hafenbecken versank. Die Druckwelle riss Steve, der aus dem Auto gestiegen war und die beiden Militärpolizisten glatt von den Beinen. Donovan schlug schwer an den Jeep der beiden Polizisten. Das Splittern des Verdeckglases seiner Armbanduhr war im Vergleich zu dem Lärm aus Explosionen, Flugzeuglärm und dem Geschrei, das sogar bis auf diese Seite des Hafens zu hören war, ein Flüstern, Steve nahm es dennoch wahr und sah auf seine demolierte Uhr. Sie war stehen geblieben und zeigte acht Minuten nach acht. Es war ein Zeitpunkt, den er nie mehr vergessen würde.

Sid Donovan hatte nicht gut geschlafen. Das düstere Szenario, das sein Bruder ihm aufgezeigt hatte, ließ ihm einfach keine Ruhe. Commodore Mansell hatte er davon erzählt. Mansell, für einen Commodore mit gerade mal siebenundvierzig Jahren noch jung, hatte zugehört und ihm dann gesagt, dass es noch mehr Leute gab, die so etwas annahmen – und jetzt in psychiatrischer Behandlung waren. Der Commodore hielt es für völlig ausgeschlossen, dass die Japaner es wagen würden, Pearl Harbor anzugreifen – jetzt oder in Ewigkeit. Doch Sid kannte Steve zu gut, als dass er glauben konnte, sein jüngerer Bruder sei durch seine Kriegserlebnisse in England durchgedreht. Dafür war der Army-Captain ein zu guter Ausbilder und kühler Pilot. Er hatte auch nie behauptet, es seine eigene Idee gewesen. Nun war Sid auf dem Weg nach Hause. Es war kurz vor halb acht.

Steve schläft bestimmt noch’, dachte er. ‚Vielleicht ganz nett, mit ihm zusammen auf der Terrasse mit Blick auf meine Hübsche zu frühstücken.

Für ihn gab es nichts Schöneres, als an einem dienstfreien Sonntagmorgen auf der Terrasse seines Hauses zu frühstücken und sich „seine“ USS Arizona anzusehen, seine einzig wahre Geliebte: ihre schönen Formen zu bewundern; zu wissen, wie sich die achteren Geschütze in der Hand anfühlten … der Lieutenant-Commander konnte in solchen Momenten dahin schmelzen vor Liebe für sein Schiff. Dann träumte er, eines Tages ihr Captain zu sein. Erst dann würde sie ihm ganz gehören. Wenn er zum Captain befördert würde und man würde ihm die USS Arizona anvertrauen, das wäre für ihn wie eine Ehe, eine lebenslange Angelegenheit, eine nie endende Liebe. Vielleicht, so dachte er manchmal, würde er – sollte seine geliebte Arizona eines Tages in den Fluten des Pazifik versinken – ihr ebenso folgen wie Kapitän zur See Langsdorff seiner Admiral Graf Spee.

Er wollte gerade in die Straße abbiegen, die zu seinem Haus führte, als er eine dichte Formation kleiner Flugzeuge auf den Hafen zufliegen sah. Es war mehr als ungewöhnlich, dass die Army Air Force am Sonntagmorgen um zehn nach halb acht Flugübungen veranstaltete – noch dazu in großer Zahl. Sid stoppte und stieg aus.

„Was, zum Teufel, ist das?“, fragte er. Auf der anderen Seite seines Wagens kam ein Motorrad zum Stehen. Der Mann darauf war in Armeeuniform und trug die Abzeichen eines First-Lieutenant und der Army Air Force.

„War jemand auf Nachtübung, Lieutenant?“, fragte Sid, als er den Army-Offizier bemerkte. Der Lieutenant schüttelte den Kopf.

„Nein, Sir, nicht dass ich wüsste – und ich müsste es wissen, denn ich bin bei der Flugsicherung von Wheeler Field.

„Sind das etwa …“

Sid brach ab. Er konnte nicht aussprechen, was er aus Steves Verdacht bei diesem Anblick schloss. Die Flugzeuge nahmen ihm die Antwort ab, als sie ihre Fracht über den im Hafen vor Anker liegenden Schiffen ausklinkten: Bomben und Torpedos! Und dann sahen sie die Hoheitszeichen: die aufgehende Sonne Japans!

Er sprang augenblicklich wieder in seinen Buick und brauste in Richtung Hafen weiter. Er wusste, dass auf der USS Arizona nur wenige Männer wach waren. Die meisten Besatzungsmitglieder schliefen zu dieser Tageszeit noch oder waren auf Landgang. Und die wenigen Wächter hatten keine Munition für die Flakgeschütze. Sid aber hatte den Schlüssel für seine Munitionskammern bei sich. Wenn jemand dafür sorgen konnte, den japanischen Angriff zu stoppen oder doch mindestens zu stören, dann waren er es und seine geliebte Arizona. Sid ließ den Wagen mit steckendem Zündschlüssel stehen und hetzte an Bord.

„Waggins!“, brüllte er in das Getöse der explodierenden Bomben und Torpedos. „Sofort die Flak besetzen! Geben Sie Alarm mit der Handsirene!“, wies er einen Petty Officer an, während er schon in Richtung Backbordmunitionskammer den Niedergang hinuntersprang. Rings umher fielen Bomben, trafen Schiffe, Fahrzeuge und Hallen, lösten ein Inferno aus, in dem hunderte Männer starben oder verstümmelt wurden. Sid winkte sich einige, noch immer verwirrte Seamen herbei, die er mit dem Munitionstransport beauftragte.

Die Flugabwehrkanonen der USS Arizona wurden bereit gemacht und sandten den japanischen Fliegern bald unfreundliche Grüße aus Stahl und Sprengstoff entgegen. Wegen des zunehmenden Rauchs von den Bränden auf anderen Schiffen und den Hafenanlagen und insbesondere der brennenden Flugzeuge von Hickam Field waren sie jedoch nicht sehr effektiv. Sid stürmte auf einen der achteren Flaktürme an der Backbordseite. Der Turm arbeitete halbwegs passabel, unter den ungünstigen Umständen sehr gut.

„Wer sind Sie?“, fragte er einen jungen Offizier, der sich des Geschützes angenommen hatte.

„Ensign Coffer, Sir. Moment, Sir. Drehen Sie zwei Inch weiter runter! Feuer!“, wies Coffer den Schützen an. Die Flak feuerte eine Salve, ein japanischer Bomber explodierte. Die Geschützbesatzung jubelte. Ensign Coffer blieb kühl.

„Freuen Sie sich später, Petty Officer! Wo bleibt der Geschütznachschub?“

„Wird geholt, Sir!“, kündigte der Petty Officer an.

Sid, der bemerkte, dass die Geschützführung bei Ensign Coffer in guten Händen war, wollte sich gerade einem weniger effektiven Turm zuwenden, als ihn ein Alarmschrei warnte:

„Vorsicht! Bombe!“, kreischte ein Matrose in heller Angst. Direkt über der USS Arizona hatte ein japanischer Bomber seine tödliche Fracht ausgeklinkt. Die Männer warfen sich erschrocken zu Boden. Sid rappelte sich wieder auf und sprang zu der verwaisten Flak. Er konnte die Bombe nicht ablenken, aber wollte dem Japaner wenigstens mitgeben, was er von ihm hielt. Aus dem Augenwinkel sah er dann fast gleichzeitig einen flach herannahenden Torpedo. Sid erstarrte, als er das Ding sah, vor dem sein Bruder ihn vor noch nicht einmal zwölf Stunden gewarnt hatte.

„Die Backbordmuni…“

Sid Donovan sprach den Satz nie mehr zu Ende. Der Torpedo schlug direkt in die Backbordmunitionskammer ein, fast gleichzeitig durchschlug die Fliegerbombe das Teakholzdeck und detonierte zusammen mit dem Torpedo in der Backbordmunitionskammer. Die gelagerten Granaten und das zum Teil offen liegende Pulver explodierten in einem gleißenden Blitz, der das Schlachtschiff zerriss. Die Männer an den achteren Flaktürmen starben in dem riesigen Feuerball, zerrissen vom Druck der Explosion und den Splittern, verbrannt von der Höllenglut. Die beiden Volltreffer versenkten die USS Arizona mit Mann und Maus. Über eintausendzweihundert Männer waren auf der Stelle tot. Es war acht Minuten nach acht Uhr morgens.

Der Angriff der Japaner dauerte insgesamt gut zwei Stunden. Während der gesamten Zeit gelang es dem verzweifelten Steve weder, ein intaktes Flugzeug zu bekommen noch war es ihm beschieden, in den Hafen durchzukommen.

Kapitel 13

Ein verrückter Plan

In den darauffolgenden Tagen wurden die unendlich vielen Verwundeten im Hauptlazarett des Navy Yard und in den umliegenden Lazaretten von Army und Navy behandelt, die Toten geborgen und beigesetzt. 2408 Amerikaner und 55 Japaner hatten bei dem Überfall den Tod gefunden. Schlimmer noch war, dass in einigen der gesunkenen Schiffe noch Überlebende vermutet wurden, weil Taucher Klopfzeichen hörten. Aus manchen konnten sie noch befreit werden, aus anderen nicht. Für die Rettungsmannschaften war es furchtbar, wenn ihre Bemühungen, die eingeschlossenen Kameraden zu retten, umsonst waren. Viele, die den Angriff der Japaner körperlich unbeschadet überlebt hatten, erlitten psychische Traumata, weil sie nicht helfen konnten. Es dauerte schreckliche Tage, bis die Marineführung entschied, die eingeschlossenen Toten in der gesunkenen USS Arizona zu belassen. Sid Donovan und Jonathan Coffer gehörten zu denen, die geborgen werden konnten, weil sie an Deck des Schlachtschiffes gewesen waren.

Zutiefst geschockt stand Steve Donovan am Sarg seines Bruders, der wie alle Särge mit einer Nationalflagge bedeckt war.

„Captain Donovan?“, hörte er hinter sich. Er drehte sich um. Hinter ihm stand Commodore Mansell, wie Steve aus dem Namensschildchen an der Uniform des Commodore ablas. Er salutierte.

„Sir?“

„Ich möchte Ihnen mein Beileid zum Tode Ihres Bruders aussprechen, Captain. Er war ein Mann, den ich sehr geschätzt habe – und den ich gern zum Schwiegersohn gehabt hätte. Ihr Bruder war ein tapferer Mann, der mehr tat als nur seine Pflicht, als er ohne zu zögern auf das Schiff gestürmt ist und die Verteidigung organisierte. Sie sind sein jüngerer Bruder, wie er mir gesagt hat und das einzige Familienmitglied, das zurzeit auf Oahu ist. Bitte, nehmen Sie stellvertretend für Ihren Bruder, der im Kampf gefallen ist, das Navy Cross und das Purple Heart posthum entgegen.“

„Danke, Sir“, erwiderte Steve mit belegter Stimme. Mit zitternden Händen nahm er die Etuis und die auf Sid ausgestellten Verleihungsurkunden entgegen.

So viel zum Thema Frieden!’, durchzuckte es Steve. Er sah in den unschuldig blauen Himmel, betrachtete das Tropenparadies, das er als Ort der Ruhe und des Friedens immer so sehr geliebt hatte. Nun war es ein verlorenes Paradies, es hatte seine Unschuld verloren. Die Welt war in Pearl Harbor angekommen – die Welt des Krieges und des Todes hatte nun auch das sonst so friedliche Inselparadies im Pazifik eingeholt.

Jeglicher Urlaub war gestrichen, sämtliche Angehörige von Army, Navy und Marines erhielten den Befehl, sich sofort in ihren Heimatstützpunkten zu melden. Steve nahm sich dennoch die Zeit, die Beerdigung seines Bruders und seines früheren Kadetten abzuwarten und bat dann um ein Gespräch mit General Short, der die Army Air Force auf Hawaii kommandierte.

„Sie wollten mich sprechen, Captain?“, empfing ihn Short.

„Sir, ich bin Jagdpilot und habe mich umgehend in Groom Lake einzufinden“, erklärte Steve.

„Und?“, fragte Short uninteressiert.

„Nun, Sir, meine gesamte Familie – soweit sie verstorben ist – befindet sich auf Oahu. Meine Eltern sind hier begraben, mein ältester Bruder, der auf der USS Arizona gefallen ist, ebenfalls. Deshalb möchte ich mich nach Hawaii versetzen lassen. Und angesichts der Verluste könnten Sie doch bestimmt jemanden gebrauchen, oder, Sir?“

Short kaute auf seiner Zigarre.

„Captain, ich weiß nicht, ob Ihnen die Bedeutung der Army Air Force auf Hawaii bekannt ist. Wissen Sie ‘s?“, fragte Short.

„Zugegeben, nicht in Einzelheiten, Sir“, räumte Steve ein.

„Die Army Air Force hat Oahu und die übrigen Hawaii-Inseln zu verteidigen. Es ist uns weiß Gott sehr gut gelungen!“, versetzte Short mit beißendem Sarkasmus. „Die USA werden Japan nicht noch mal Zutritt zu Ihrem Hoheitsgebiet gewähren. Das heißt im Klartext, dass wir Japan angreifen werden. Bis dahin klar?“

„Ja, Sir.“

„Gut. Das Problem ist die Tatsache, dass zwischen Hawaii und den japanischen Hauptinseln ‘ne verdammt große Wasserfläche namens Pazifik liegt. Die Navy hat ihre Flugzeugträger und nutzt auch so gut wie jeden anderen Luftstützpunkt zwischen hier und Hokkaido, Honschu oder wie diese Inseln auch immer heißen mögen, die die Japse bewohnen. Jäger werden in diesem Raum nur von der Navy gestellt. Verstehen Sie, worauf ich hinaus will?“

„Noch nicht ganz, Sir“, erwiderte Donovan.

„Darauf, dass die Army Air Force im Pazifik überflüssig ist wie ein Kropf, Donovan! Wir werden vermutlich in Europa mehr gebraucht werden, vor allem, nachdem wir noch am 8. Dezember 1941 auch Deutschland den Krieg erklärt haben. Eine Versetzung für Sie nach Hawaii ist für Sie etwa so wahrscheinlich, wie der Umstand, dass Mr. Hitler morgen ein passables Friedensangebot vorlegt oder gleich kapituliert.“

Das war deutlich. Steve spürte grenzenlose Enttäuschung, fühlte sich unnütz weggerissen von den Menschen – besser deren sterblichen Überresten – die ihm etwas bedeuteten.

„Danke, Sir“, sagte er leise. „Danke für die Zeit, die Sie sich für mich genommen haben“, setzte er hinzu und stand mit hängendem Kopf auf.

„He, wo wollen Sie denn hin?“, fragte Short, nun verblüfft.

„Erstens jemanden suchen, der sich um das Haus hier kümmert, während Mark, Jake und ich nicht hier sein können, zweitens meine Brüder über Sids Tod in Kenntnis setzen und mir drittens ein Schiff oder einen Flieger von einer intakten Basis suchen, um mich umgehend in Groom Lake einfinden zu können“, entgegnete Steve. Es klang müde und resigniert. Ohne eine weitere Reaktion von Short abzuwarten, verließ er den Raum.

Captain Donovan flog missmutig nach Groom Lake zurück. Nicht nur, dass sein Bruder und einer seiner ehemaligen Kadetten dem heimtückischen Überfall zum Opfer gefallen waren, nein der dringend benötigte Urlaub fiel aus. Es war angesichts des Krieges, in den nun auch die USA eingetreten waren, auch kein neuer Termin in Sicht – und obendrein fiel dazu noch die Aussicht auf Sonne und Wärme aus, die Steve gerade in den dunklen Wintermonaten so sehr brauchte. Denn statt den Japanern zeigen zu dürfen, was von ihrer Art hielt, einen Krieg anzufangen, sollte er sich um Deutschland kümmern. Sich mit den Deutschen zu beschäftigen, bedeutete mit größter Wahrscheinlichkeit eine Rückkehr nach England – und das ließ ihn grausen. So wenig Steve der Wille seiner Vorgesetzten passte: Er war Soldat und hatte den Befehlen zu gehorchen, wenn sie nicht gegen übergeordnetes Recht verstießen. Deutschland an einer gewaltsamen Eroberung Europas oder gar noch größerer Teile der Welt zu hindern, war gewiss kein Verstoß gegen internationales Recht, ganz im Gegenteil. Also konnte und wollte Steve sich dagegen auch nicht wehren. Aber er wollte keine völlige Vernichtung Deutschlands, sondern allenfalls der Nazis.

Seine Gedanken hinderten Steve noch am nächsten Tag, das Schreiben des Präsidenten an die Soldaten der amerikanischen Streitkräfte aufzunehmen. Der Krieg war da, sein Bruder war tot. Er musste sehen, wie er damit fertig wurde.

Kaum hatte er seinen Dienst in Groom Lake wieder angetreten, als Colonel Worsley ihn zu sich beorderte.

„Captain Donovan zur Stelle, Sir“, meldete er sich im Büro des Geschwaderchefs.

„Nehmen Sie Platz, Captain“, bot Worsley an. Steve setzte sich.

„Captain, ich weiß, dass Sie am liebsten Jagdflugzeuge fliegen und im Hosenboden genug Gefühl haben, um eine Jagdmaschine auch bei Nebel blind zu landen. Es ist Ihre Lieblingsaufgabe – aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass Sie immer Jäger fliegen werden“, eröffnete Worsley. Steve konnte seine Enttäuschung kaum verbergen.

„Captain, die US Army Air Force will keine Spezialisten, sie will Generalisten“, fuhr Worsley fort. „Wir brauchen ein gut ausgebildetes Pilotenkorps, dessen Angehörige jede Maschine im Schlaf fliegen können, die die USAAF in Dienst stellt. Sie müssen damit rechnen, heute Jäger, morgen Transporter und übermorgen Bomber zu fliegen“, erklärte der Colonel, der in Steves Gesicht die Enttäuschung lesen konnte wie in einem offenen Buch.

„Sir, ich bin Pilot. Ich fliege alles, was Flügel hat. Das ist mir – von der Maschine her gesehen – absolut egal. Was mir nicht egal ist, ist wogegen sich der Einsatz richtet. Ich weigere mich aber, bewusst Zivilisten anzugreifen, denn damit verstoße ich gegen die Haager Landkriegsordnung. Ich habe keine Lust, mich nach dem Krieg vor Gericht verantworten zu müssen, weil ich ein Kriegsverbrechen begangen habe“, entgegnete Donovan.

„Wieso Kriegsverbrechen? Donovan, die Douhet-Theorie ist Teil der Strategie der Vereinigten Staaten! Es wundert mich doch sehr, dass ich Sie als Ausbilder darauf hinweisen muss!“, schnappte Worsley.

„Sir, die Douhet-Theorie ist großer Blödsinn“, versetzte Steve. Worsley sah ihn an, als seien ihm Hörner gewachsen.

„Captain, als Offizier Ihres Dienstgrades haben Sie nicht über die strategischen Grundsatzentscheidungen zu befinden, die der Nationale Sicherheitsrat trifft“, entsetzte sich Worsley.

„Sir, ich kenne Ihre Meinung dazu. Ich bin amerikanischer Staatsbürger und meine Rechte und Pflichten sind mir geläufig. Die Douhet-Theorie, die ganz bewusst Flächenbombardements von zivilen Wohngebieten als strategische Überlegung einplant, ist – mindestens in diesem Punkt – kriegsverbrecherisch. Daran gibt es nichts zu deuteln. Wenn der Nationale Sicherheitsrat diese Strategie ungeschmälert übernimmt, gehört er vor ein Tribunal des Völkerbundes, auch wenn die USA dieser Organisation nicht angehören. Ich für meinen Teil werde nicht bewusst zivile Ziele angreifen. Sollte man mir den ausdrücklichen Befehl dazu geben, werde ich ihn verweigern, gleich welche Konsequenzen das für mich haben mag. Als Jagdpilot bin ich jederzeit bereit, mein Leben für mein Land einzusetzen und es notfalls zu opfern, aber ich werde mich nicht an Frauen und Kindern vergreifen!“, stellte Donovan bitter klar. „Wenn Sie das veranlasst, mich aus dem aktiven Dienst zu entfernen, tun Sie sich keinen Zwang an. Ich suche mir lieber einen neuen Job, als dass ich Dinge tun muss, die nicht nur gegen mein persönliches Gewissen gehen, das in einem internationalen Konflikt ohnehin nicht mehr zählt, sondern auch gesetzwidrig wären!“

„Wollen Sie, dass die Nazis den Krieg gewinnen?“

„Sir, seit Anbeginn militärischer Konflikte auf dieser Welt wird einem Soldaten, der Befehle aus Gewissensgründen verweigert, vorgeworfen, er wolle den Sieg der anderen Seite. Nein, das will ich nicht …“

„Na also …“

„Nichts na also!“, unterbrach Steve seinen Vorgesetzten grob. Im Moment hatte er den Adler auf Worsleys Schultern aus dem Gedächtnis gestrichen. „Ich werde gegen jeden Feind der USA und des Weltfriedens kämpfen, koste es mich auch mein Leben oder auch nur die Gesundheit. Deshalb bin ich Militärpilot geworden und nicht Bankangestellter. Ich weigere mich in keiner Weise, die Soldaten des Feindes zu bekämpfen, ihm seine strategischen und taktischen Reserven zu nehmen. Ich weigere mich aber, bewusst Krieg gegen Frauen und Kinder zu führen. Wenn Sie mir befehlen, militärische Ziele zu bombardieren, mache ich das zu jeder Tages- und Nachtzeit; bei zivilen Zielen beißen Sie auf Granit. Doch ich bin sicher, dass es in den USA genügend Piloten gibt, denen diese Frage schnurz ist. Die werden mich an dem Platz mehr als ersetzen.“

„Sie wissen, dass in anderen Einheiten bockige Untergebene mit unangenehmen Strafarbeiten bedacht werden …?“, warnte Worsley.

„Sie können mir das auch gern direkt androhen, Sir. Sie können mir die schlimmsten Strafarbeiten geben, vom Latrine putzen bis zum Polieren der Stiefel der gesamten Einheit – ich würde das noch lieber machen, als Bomben auf ein ziviles Ziel zu werfen. Im Übrigen hat auch ein Untergebener Rechte und ich würde mich beschweren. Und sollten Sie so verzweifelt daran festhalten – Sie würden den Bock zum Gärtner machen, Sir. Glauben Sie mir eines: Ich kenne Deutschland recht gut. Dank meines Vaters habe ich die Stadtpläne der größeren deutschen Städte im Kopf. Als Junge habe ich mich zwar zuweilen gefragt, warum mein Vater so einen Blödsinn mit mir veranstaltet hat, aber dank seiner Bemühungen kann ich Essen von Hagen und Köln von Hamburg unterscheiden, und zwar ohne Straßenbeschriftung! Folglich weiß ich auch, wo militärische Ziele zu finden sind. Ich würde sie finden und meine Bomben darauf plumpsen lassen, aber bestimmt nicht auf die Wohngebiete von Nippes oder Barmbek.“

Worsley kannte Steves Halsstarrigkeit in Sachen Bomber. Er hatte ihm den Hinweis auch nur gegeben, weil man ihm das von höherer Stelle ausdrücklich befohlen hatte. Im Grunde seines Herzens teilte Worsley Donovans Meinung, hatte aber nicht den Mut, sie so heftig zu vertreten wie Steve.

„Captain Donovan, ich kenne Sie lange genug, um zu wissen, dass Sie bockig bleiben, wenn Sie bockig sein wollen. Ich habe Ihnen das nur der Vollständigkeit halber gesagt, nicht, weil ich Sie morgen in einen Bomber stecken will, damit Sie irgendwelche Wohnviertel zerstören sollen. Sie werden weiterhin Jagdpilot bleiben. Unser Geschwader wird nach England verlegt, wenn die Einheiten der USAAF insgesamt soweit sind. Vielleicht schicke ich Sie schon mit dem Vorauskommando nach Old Britain, schließlich kennen Sie sich ein bisschen aus. Aber es könnte sein, dass man Sie als guten Piloten für Sonderaufgaben beim Bomber Command abzieht. Unter Umständen werde ich dagegen nichts tun können. Das nur zur Warnung“, erklärte Worsley ruhig.

„Es tut mir Leid, Sir. Beim Thema Bomber gehen mir leider immer Pegasus’ bodengebundene Verwandte durch.“

Worsley lächelte sanftmütig.

„Wer, Captain Donovan, wüsste das besser als ich?“, fragte er. „Ich habe noch eine schlechte Nachricht für Sie“, setzte er dann hinzu. Steve seufzte. Ein Unglück kam selten allein …

„Nur ‘raus damit, Sir, dann hab’ ich’s hinter mir.“

„Während Sie befehlsgemäß die Durchfaller unterrichtet haben, fiel Lieutenant Cox nach einem Trainingsunfall aus. Ich musste die Führung der Staffel neu besetzen – und Captain Waldo Hopkins hat sie bekommen.“

„Schön. Wo ist das Problem? Ich bin wieder da.“

„Schon. Das Problem ist, dass Hopkins zwischenzeitlich zum Major befördert wurde – nicht auf meine Anregung! – und seine alte Staffel einen neuen Chef hat. Ich kann ihn nicht zurückversetzen und zum Stab will er nicht.“

„Mit anderen Worten: Ich kann zwar in meine Staffel zurück, aber nur in die zweite Reihe, sehe ich das richtig, Sir?“, erkannte Steve erbleichend. Hopkins und er hatten sich noch nie vertragen, weshalb Worsley beide tunlichst getrennt hatte. Worsley nickte.

„Ist mein Bomberhass so ein Problem, Sir?“, erkundigte sich Steve in der Annahme seine Abneigung gegen Bomber könnte der Grund für die Zurücksetzung sein. Worsley schüttelte den Kopf.

„Nein. Hopkins ist das Problem. Erstens hat er Verwandtschaft in Washington, zweitens wollte Colonel Dangle ihn loswerden und hat den dortigen freien Platz in der Staffelführung auch zweieinhalb Minuten nach Hopkins’ Abgang neu besetzt, um nichts anbrennen zu lassen. Ich hatte keine Wahl nach Cox’ Unfall. Man hat mich praktisch dazu gezwungen, ihm die Blue Eagles zu geben.“

„Schöner Mist! Ich baue die Truppe auf … und … ich versteh ‘s nicht!“, knurrte Steve. „Hopkins hat diese Leute einfach nicht verdient.“

„Es tut mir Leid für Sie, Captain. Sie haben aus den Eagles einen prima Haufen gemacht“, versuchte Worsley zu trösten.

„Danke für die Blumen, Sir. Übrigens – haben Sie das Memorandum inzwischen gelesen, das ich Ihnen vor meiner Abreise in den Urlaub gegeben habe?“

„Nein, bisher hatte ich noch keine Zeit dazu.“

„Tun Sie’s, Sir. Wir haben bei den Eagles ein echtes Strategiegenie.“

„Wen?“

„Lieutenant Bellamy, Sir. Das Memorandum habe ich zwar verfasst, aber der Inhalt stammt von Bellamy.“

„Ich werde es heute Abend lesen, Captain. Für jetzt wäre das alles.“

Steve stand auf und salutierte.

„Melde mich ab zum Dienst, Sir!“

Wenig später meldete Steve sich bei Major Hopkins zum Dienst. Hopkins sah demonstrativ auf die Uhr.

„Spät dran, Donovan“, mahnte er.

„Colonel Worsley hat mich unmittelbar am Stützpunkttor von seinem Adjutanten abfangen lassen, Sir. Ich habe erst heute von Colonel Worsley im Laufe des Gesprächs erfahren, dass Sie der neue Staffelkapitän sind. Sonst hätte ich mich zuerst bei Ihnen gemeldet, Sir“, erwiderte Donovan kühl.

„Wie dem auch sei: Der Chef hier bin ich, und Sie haben sich mir unterzuordnen!“, schnauzte Hopkins.

„Habe ich irgendwas Gegenteiliges gesagt, Sir?“, fragte Steve. „Ich habe zur Kenntnis zu nehmen, dass ich meine Staffel besser nicht verlassen hätte. Ich habe mich gegen die Anweisung von Colonel Worsley nicht gewehrt, meine Staffel für drei Monate vertretungsweise von Lieutenant Cox führen zu lassen. Durch Cox’ bedauerlichen Unfall wurden Sie eingesetzt und zwischenzeitlich befördert, so dass mir die Staffelführung auf diesem Umweg ganz weggenommen wurde, obwohl ich nichts getan habe, was eine Zurücksetzung meiner Person rechtfertigen würde. Ich bin Captain, Sie sind Major, was bedeutet, dass Sie mir vorgesetzt sind. Ich respektiere Sie als höheren Dienstgrad, Sir. Willkommen im fertigen Nest, Sir!“, versetzte er.

Hopkins wurde rot und bleich zugleich.

„Gehen Sie an Ihre Arbeit!“, knurrte er.

„Ja, Sir. Welchen Tagesbefehl haben Sie ausgegeben?“

„Trainingsflüge in Kettenformation.“

„Sir, ist das mit Colonel Worsley geklärt? Wir waren nämlich schon bei Rotten und Schwärmen“, erwiderte Steve.

„Sie werden die befohlene Taktik fliegen – und sonst nichts, verstanden?“

„Wenn ich in England diese dämliche Taktik nicht aufgegeben hätte, stünde ich heute nicht mehr hier, Sir! Wir werden es mit der deutschen Luftwaffe zu tun haben – und die fliegen Rotte und Schwarm, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht, Sir! Wenn Sie denen mit Kettentaktik kommen, pusten die Sie samt Ihrer Staffel in die Ewigen Jagdgründe, bevor Sie auch nur gehustet haben!“

„Ich habe Ihnen einen eindeutigen und direkten Befehl gegeben! Führen Sie ihn aus!“, donnerte Hopkins.

„Und ich sage Ihnen, dass Sie mir einen unsinnigen Befehl geben! Mit Einverständnis von Colonel Worsley fliegt diese Staffel Rotte!“, beharrte Steve.

„Sie sind nicht mehr der Staffelführer, Captain Donovan! Das bin ich! Und ich entscheide, dass wir wieder Kette fliegen! Machen Sie es so!“

Steve stockte. Er sah ein, dass er nicht weiterkam. Langsam hob er die rechte Hand an die Mütze und salutierte.

„Jawohl, Sir!“, zischte er langsam und betont.

„Raus!“

Draußen vor dem Büro blieb Steve einen Moment stehen und atmete einmal tief durch. Ein halbes Jahr Arbeit umsonst! Er würde einige Zeit brauchen, bis er diesen Rückschlag verdaut hatte.

Er traf im Hangar auf seine Männer, die demotiviert und müde wirkten, allen voran Cox. Sein an sich allgegenwärtiges Grinsen war verschwunden.

„Hi, Steve“, seufzte er. „Tut mir Leid wegen Hopkins.“

„Ja, mir auch. Viel Zeit umsonst investiert, weil dieser Hornochse keine praktische Erfahrung hat. Wie geht’s dir?“

„Danke, ich bin wieder okay. Aber …“

„Lass nur, du kannst nichts dafür, Jerry. Was habt ihr heute auf dem Programm?“

„Rotte verlernen, ganz einfach“, schnaufte Jerry.

„Na gut, drehen wir unsere Runden. Ich rede heute Abend mit Worsley.“

„Lass es. Du handelst dir nur Ärger ein“, warnte Jerry. „Du kannst Hopkins nicht einfach übergehen. Das verstößt gegen den Dienstweg. Du weißt genau, dass Änderungen im befohlenen Ablauf zuerst beim unmittelbaren Vorgesetzten angebracht werden müssen …“

„… der so bescheuert ist, dass ihn die Schweine beißen“, versetzte Steve zornig.

„Komm, beruhige dich und lande wieder auf dem Boden der Tatsachen. Er ist nun mal unser jetziger Chef. Wir können nix dran ändern.“

„Das werden die Krauts dann wohl tun“, seufzte Steve.

„Wie meinst ‘n das?“

„Wenn wir nach England kommen und immer noch Kette fliegen, putzen sie uns weg. Du solltest dich dran erinnern, Jerry.“

Einige Tage später hatte Steve sich mit der neuen Situation zähneknirschend abgefunden. Sie hatte allerdings auch den Vorteil, dass er die letzte Distanz, die er noch zu seinen Leuten – sah man von Jerry ab – mit für sich selbst gewisser Mühe gehalten hatte, endlich aufgeben konnte und nun mit der gesamten Staffel per du war.

Etwa um die gleiche Zeit hatten die Verantwortlichen in Washington den tiefsitzenden Schock des Überfalls auf Pearl Harbor soweit verarbeitet, dass man sich Gedanken darüber machen konnte, wie man jetzt weitermachen wollte. Der Präsident forderte die Chefs der Vereinigten Generalstäbe auf, Empfehlungen für einen Gegenschlag zu machen.

Die Chefs der Teilstreitkräfte gaben die Forderung des Präsidenten an ihre Truppenkommandeure weiter, die wiederum ihre Leute nach Ideen fragten. Colonel Worsley, wie alle Geschwaderchefs der USAAF um Vorschläge gebeten, war ebenso ratlos wie alle anderen, gab den Auftrag an seine Staffelkapitäne weiter. Major Hopkins, einer der besagten Staffelkapitäne, wusste auch nichts dazu zu sagen und fragte seinen Stellvertreter:

„Donovan, haben Sie einen Vorschlag, wie man den Japsen auf die Füße treten kann?“

„Im Moment nicht, Sir. Aber ich könnte mir jemand vorstellen, der eine Idee haben könnte“, antwortete Steve.

„Dann her mit ihm!“, forderte Hopkins.

„Lassen Sie mich mit dem Mann erst reden, Sir.“

„Wer ist das?“

„Einer meiner Junior-Piloten, Sir.“

„Donovan: Ihre Junior-Piloten sind grüner als frisch geschlagenes Kiefernholz!“, brauste Hopkins auf. „Woher sollen die brauchbare Ideen haben?“

„Sir, der fragliche Junior-Pilot hat – nachweislich – den Überfall auf Pearl Harbor als Präventivschlag der Japaner vorausgesagt. Er hat auch den deutschen Überfall auf die Sowjetunion angenommen. Beides zu Zeitpunkten, als man derartige Überlegungen noch als weltfremde Spinnerei abgetan hätte. Ich habe seine Überlegungen damals an die Navy weitergeleitet. Deren Geheimdienst hat sich schlappgelacht. Jetzt, glaube ich, lachen sie nicht mehr. Wenn es jemanden gibt, der strategisch denken kann, dann mein Junior-Pilot. Ich muss ihn nur davon überzeugen, dass er beim Stab besser aufgehoben ist als bei uns.“

„Und das erfahre ich so nebenbei? Was stellen Sie sich eigentlich vor?“, fuhr Hopkins Donovan an.

„Er hatte mich gebeten, nichts zu unternehmen, so lange seine These von Pearl Harbor unbewiesen war. Das habe ich getan. Aber jetzt haben wir eine veränderte Situation“, erwiderte Steve.

„Warum erfahre ich nichts davon, dass Sie strategische Planspiele mit Ihren Leuten machen? Das meine ich!“, präzisierte Hopkins.

„Diese These, Sir, hat mein Pilot bereits als Kadett aufgestellt. Zu einem Zeitpunkt, als weder er noch ich Ihnen unterstellt waren. Insofern könnte sich allenfalls Colonel Worsley beschweren, dass ich ihn nicht unterrichtet habe. Ernst genommen hätte der Colonel ihn allerdings nicht, da bin ich sicher“, versetzte Steve.

„Na schön. Reden Sie mit ihm“, grunzte Hopkins.

Donovan brauchte Bellamy gar nicht anzusprechen. Der junge Lieutenant sah den Captain nur kommen und wusste, was der wollte. Seine beiden so unwahrscheinlichen Theorien hatten sich realisiert. Es führte wohl doch kein Weg mehr am Stab vorbei.

„Winston – es ist Zeit“, sagte Steve. Bellamy nickte.

„Stab?“, fragte er dennoch.

„Winnie – du hast den Angriff auf Pearl Harbor präzise vorausgesagt, zwar nicht dem genauen Datum nach, aber du hattest einen Sonntag im letzten Quartal ‘41 angenommen. Du hast hundertprozentig Recht gehabt. Du hast den deutschen Angriff auf die Sowjetunion prophezeit, und die Krauts haben die Russkis überfallen. Junge, wir können nicht auf die Früchte aus deinem strategischen Gemüsegarten verzichten! Sieh es ein.“

„Steve, wenn du mich im Unterricht gefordert hast, war es nicht wirklich ernst. Ich kann nicht unter Druck kreativ sein“, widersprach Bellamy.

„Du kannst es, verdammt, du kannst es, Winston! Wenn die Navy auf dich und Captain Thurman gehört hätte – wie viele von den armen Schweinen, die in Pearl hops gegangen sind, könnten noch leben?“

„Sie werden auch in Zukunft nicht hören“, warnte Winston.

„Blödsinn!“, widersprach Steve. „Versuch’ es wenigstens. Wenn’s nicht klappt, können wir dich hier immer noch gut gebrauchen. Aber benutze deinen Kopf, um unnötige Verluste unter uns allen zu verhindern, Winnie. Natürlich weiß ich nicht genau, ob es Sid oder Jonathan persönlich etwas genützt hätte, wenn die Navy auf euch gehört hätte – aber es ist denkbar. Wir wären vorbereitet gewesen. Die Schiffe wären feuerbereit gewesen und nicht so schrecklich wehrlos und unbewaffnet. Winston, ich habe das Inferno mit ansehen müssen – und ich konnte nichts tun, weil ich keine Chance hatte, an ein Flugzeug zu kommen. Wir hätten die Flugzeuge gewiss anders geparkt, wenn wir mit einem Angriff gerechnet hätten. Vielleicht hätten mehr von uns aufsteigen können, vielleicht die Japaner schon vor Oahu abfangen können, wer weiß? Bitte, Winston – wenn ich jemandem zutraue, dass er eine brauchbare Idee hat, wie wir den Japanern in die Eier treten können, dann bist du’s“, beschwor Steve den jüngeren Piloten.

„Steve, ich habe eine Idee. Aber sie ist nahezu undurchführbar“, sagte Bellamy nach einem Moment des Nachdenkens.

„Spuck’ sie aus. Du weißt, dass ich mich nicht mit fremden Federn schmücke.“

„Wir tun es ihnen gleich. Eine Flotte von Flugzeugträgern in Richtung Japan und Luftangriff auf Tokio oder Osaka oder so.“

„Wie bitte?“, fragte Steve verblüfft. Er hatte nicht erwartet, dass Bellamy den Gegenschlag schon fertig im Kopf hatte – obwohl er es aus seiner Kenntnis des jungen Lieutenants besser hätte wissen müssen. Bellamy verstand die Nachfrage des Captains falsch.

„Siehst du?“, seufzte er. „Wenn du schon so reagierst, was soll dann General Arnold von mir halten?“

„Quatsch, das meine ich nicht! Wir brauchen Leute mit ungewöhnlichen Ideen. Los, komm mit.“

Hopkins hörte Bellamys Idee mit blankem Unglauben an, erlaubte aber, dass der Lieutenant, gedeckt von Steve Donovan, mit Colonel Worsley sprach. Auch Worsley hielt die Idee für ungewöhnlich.

„Guter Gott, das können wir gar nicht leisten! Bellamy, wie stellen Sie sich das vor? Wir haben keine Reichweiten dafür!“, platzte der Colonel heraus.

„Sir, ich habe Ihnen ein Memorandum zu lesen gegeben“, erinnerte Steve. „Haben Sie es gelesen?“

Worsley stutzte.

„Ja. Erst habe ich gedacht, es ein Bericht, dann erst habe ich das Datum gesehen. Sie hatten mir das ja noch vor Ihrem Urlaub gegeben.“

„Sir, ich stelle Ihnen hier den inhaltlichen Verfasser dieser These vor. Lieutenant Bellamy hat einen präventiven Angriff der Japaner auf Pearl Harbor schon angenommen, als der Rest der US Army und sonstiger Stellen das allenfalls für die Spinnerei eines Bekloppten gehalten hat! Seine Ideen sind ungewöhnlich, sie bedürfen einer weiteren Ausarbeitung, aber es ist keine Spinnerei“, half Steve dem jungen Lieutenant.

„Es ist eine Idee, Sir. Wir werden dafür die Hilfe der Navy brauchen. Wir brauchen die Flugzeugträger dafür“, ergänzte Bellamy.

„Flugzeugträger?“, hakte Worsley nach. Bellamy nickte.

„Sie kommen mit zu General Arnold, junger Mann!“, entschied Worsley. Als auch Donovan mitwollte, schüttelte der Colonel den Kopf.

„Sie müssen nicht mitkommen.“

„Sir, ich habe Lieutenant Bellamy geradezu gedrängt, seine Idee zu veröffentlichen. Es wäre mein Job, ihm Rückendeckung zu geben, wenn der Generalstab Lachkrämpfe bekommt“, erklärte Steve.

„Das übernehme ich. General Arnold wollte Vorschläge – er wird sie bekommen, Captain Donovan.“

„Danke, Sir!“, erwiderte Steve und salutierte. „Winston – du kannst es!“, zwinkerte er Bellamy zu.

Als Steve von Worsleys Büro zu den Hangars hinüberging, hatte er den Eindruck, dass die Wolke, die so dekorativ über der Bergkette westlich des Flugplatzes hing, die verblüfften Gesichtszüge seines Bruders Sid annahm. Steve blieb stehen und sah sich um. Er war allein auf dem weiten Feld.

„Du hast es nicht glauben wollen, deine Vorgesetzten erst recht nicht. Es ist eingetroffen und du hast zu den ersten zweieinhalbtausend Opfern gehört, Sid. Wo immer du jetzt bist – bitte Gott für uns, dass er wenigstens so viel Gehirn regnen lässt, dass die Laffen vom Stab Winston glauben! Hilf deinen kleinen Brüdern, dass der Stab schlau wird. Lass’ sie einfach nur auf Winnie hören!“

Second-Lieutenant Winston Bellamy fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Bisher hatte er strategische Überlegungen immer nur als Spielchen mit sich selbst gespielt. Jetzt war es bitterer Ernst. Wenn der Stab auf ihn hören sollte, trug er mit seinen Ideen und Voraussagen eine schwere Verantwortung. Mehr Verantwortung, als er sich selbst jemals hatte zumuten wollen. Genau genommen war er vor der Verantwortung in die Army geflüchtet, wollte die gutgehende Finanzberatungsfirma seines Vaters nicht übernehmen. Eine Firma immerhin, die die schwere Krise von 1929 hatte kommen sehen und der es gelungen war, ihre Kunden halbwegs glimpflich hindurch zu schleusen. Winston hatte die Bürde als zu groß empfunden, zumal die Anleger in den USA mit Klagen schnell bei der Hand waren, wenn sie sich falsch oder ungenügend beraten fühlten. Und nun war er genau da, wo er nie hingewollt hatte: im Generalstab einer Teilstreitkraft der US Army! Nein, nicht für alles Gold Kaliforniens hatte er das tun wollen, wenn von seinen Stellungnahmen das Wohl oder Wehe von Tausenden abhängen konnte. Doch jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit des Stabes auf ihn.

„Lieutenant Bellamy, Colonel Worsley hat uns von Ihren genialen Voraussagen berichtet. Haben Sie eine Idee, wie wir den Japsen begegnen können?“, erkundigte sich General Arnold.

„Nun, Sir, ich hätte eine Idee. Ich fürchte nur, die USAAF wird sie nicht allein durchführen können“, erwiderte Bellamy schüchtern. „Und außerdem, Sir, werden Sie glauben, ich spinne, Sir.“

„Warum sollte ich das annehmen, Lieutenant?“, fragte Arnold.

„Weil es so verrückt klingt, Sir.“

„Spucken Sie ‘s aus, dann sehen wir weiter“, forderte Arnold ihn auf.

„Ja, Sir. Ordonnanz, … äh, ich … äh, brauche eine Karte vom Pazifik.“

„Ja, Sir“, salutierte die Ordonnanz, verschwand und kehrt wenig später mit der geforderten Karte zurück. Winston hatte sich inzwischen ein paar Notizen gemacht.

„Also, Sirs: Die Japaner haben uns böse überrascht, als sie Pearl Harbor angegriffen haben. Aber sie haben zu unserem Glück das Zerstörungswerk nicht vollendet. Werften und Tanklager sind intakt geblieben. Außerdem haben wir noch unsere Flugzeugträger. Und genau die werden wir jetzt brauchen. Meine Idee ist, es den Japanern gleichzutun. Wir setzen die Flugzeugträger in Marsch und greifen Tokio an – Hafenanlagen, Industriegebiete, militärische Anlagen. Mir ist klar, dass wir damit keinen wirklich kriegsentscheidenden Erfolg erreichen können, der die Japaner zur sofortigen Kapitulation zwingt, aber es wird für sie ein ebenso großer Schock sein wie es für uns der Angriff auf Pearl Harbor war. Es wird sie veranlassen, Kräfte zur Sicherung der japanischen Inseln abzuziehen, die in den Angriffsformationen gegen andere Ziele im Pazifik fehlen werden.“

Es geschah das, was Bellamy erwartet hatte: Kollektives Kopfschütteln der Leute des Generalstabes. Arnold hatte allerdings einige Geschwaderkommandeure mit zur Besprechung gebeten. Einer von Ihnen war Lieutenant-Colonel James Doolittle. Doolittle war bekannt als ein Mann, der viel riskierte und der mit Mitte vierzig immer noch den uneingeschränkten Respekt seiner Männer hatte, weil er sie leistungsmäßig immer noch übertraf. Doolittle war der einzige Anwesende, der nickte.

„Lieutenant“, sagte er, „ich nehme an, Sie haben an die klassische Trägerwaffe, den Jäger gedacht, oder?“

„Nein, Sir, ich hatte eher an Bomber gedacht, Sir. Schon wegen der Reichweite.“

„Haben Sie schon eine Idee, wie man Bomber auf einem Flugzeugträger unterbringt?“, fragte Doolittle weiter.

„Ich denke, sie müssten an Deck transportiert werden, weil man die Flügel ja nicht einklappen kann“, erwiderte Bellamy.

„Bevor die Seetangfresser der Navy uns mit Army-Bombern auf ihre Träger lassen, leben wir eher von rohem Fisch und Reis“, bemerkte Colonel Worsley und vergaß prompt, dass er Donovan versprochen hatte, Bellamy den Rücken zu decken.

„Nun, Sir, die Rivalität zwischen Army und Navy ist eine altbekannte Tatsache“, räumte Bellamy ein. „Aber ich denke, dass es hier um das Überleben unserer Nation geht, um einen gemeinsamen äußeren Feind. Wenn wir es nicht einmal in dieser Situation fertigbringen, über den Schatten einer Rivalität zwischen zwei Teilstreitkräften unseres Landes zu springen, dann hat unsere Nation keine Chance, Sir. Ich weiß nicht, ob der Präsident selbst ein Machtwort sprechen muss, um diesen Blödsinn zwischen uns und der Navy zu beenden, aber diese Rivalität muss wenigstens für die Dauer des Krieges auf Eis gelegt werden, sonst haben wir den Krieg schon verloren, bevor er richtig angefangen hat. Das würde mir jedenfalls sehr widerstreben, Sir“, versetzte der Lieutenant. Die Generäle und Colonel sahen sich verdutzt an. Musste erst so ein schulfrischer Grünling eine solche Wahrheit aussprechen?

„Nehmen wir mal an, die Navy hat Hirn bekommen und spielt mit. Wie weiter? Unsere B 17 haben eine Startstrecke, die deutlich länger ist als die Decks von Flugzeugträgern“, gab Doolittle zu bedenken.

„Stimmt, Sir. An sich haben auch Jäger eine längere Startstrecke als die mögliche Deckslänge. Deshalb drehen die Träger auch zum Start ihrer Trägerflugzeuge in den Wind und nehmen Fahrt auf. Dadurch wird die Startstrecke verkürzt, weil die Geschwindigkeit des Trägers und die Windgeschwindigkeit zur Startgeschwindigkeit hinzuaddiert werden. Möglicherweise könnte man durch Abspecken der Bomber Gewicht einsparen und die Startstrecke damit verkürzen. Meine größte Sorge ist allerdings der Rückweg. Wie bringen wir die Jungs wieder zurück? Ich gebe zu, dafür habe ich noch keine Lösung“, gestand Bellamy. Doolittle lächelte.

„Wissen Sie was? Ihr Plan ist so verrückt, dass er genial ist. Ich hätte Piloten, die so was machen könnten und würden. General, wenn Sie erlauben, würde ich diesen Plan gern weiterverfolgen – mit Lieutenant Bellamy und der Navy“, schlug der Lieutenant Colonel vor.

„Gut, Doolittle. Planen Sie“, genehmigte General Arnold und nahm den kühnen Vorplan mit in die Sitzung zum Präsidenten.

Als Steve Donovan durch Bellamy von den eigentlich hochgeheimen Planungen erfuhr, bedankte er sich spontan bei den Geistern seiner verstorbenen Angehörigen. Gleichzeitig wurde er sich bewusst, dass die Blue Eagles um einen guten Piloten ärmer waren. Im besten Fall blieb Winston Bellamy im Generalstab der USAAF, im schlimmsten Falle flog er den Angriff auf Tokio mit und überlebte ihn nicht. Steve verbot sich, letzteren Gedanken auch nur als Möglichkeit zu akzeptieren.

 

 

 

Kapitel 14

Begrenzte Wiedersehensfreude

 

Während Winston Bellamy die Planung für einen US-Gegenschlag unter Lieutenant Colonel Doolittle ausarbeitete und das Training der Piloten für den kühnen Plan schon begann, wurde das Jagdgeschwader von Groom Lake in Arizona, die 410th Fighter Group, bestehend aus 5 Staffeln von jeweils 28 Jagdflugzeugen der Typen P 40 Curtiss Kittyhawk und P 39 Bell Airacobra, der 8th USAAF zugeschlagen, die am 28. Januar 1942 in Savannah/Georgia aufgestellt wurde. Den Spitznamen des Geschwaders – Eagles – hatte Colonel Charles Clifford Worsley zum Anlass genommen, die Maschinen der Staffeln mit den Nummern 631 bis 635 mit einem nach Beute greifenden Adler versehen zu lassen, dessen Farbe die Staffelzugehörigkeit zeigte. Dabei hatte er sich des üblichen Farbcodes der US Army bedient, was bedeutete, dass die 631st Squadron, Red Eagles hieß, die 632ndWhite Eagles, die 633rdBlue Eagles, die 634thGreen Eagles und die 635th als Orange Eagles bezeichnet wurden. Auch nach der Eingruppierung in die 8th USAAF blieb es im Sprachgebrauch der Männer bei Eagles in Kombination mit der Staffelfarbe.

Im Mai wurden die ersten Einheiten der 8th USAAF nach Großbritannien verlegt. Das Geschwader von Colonel Worsley erhielt den Flugplatz Maidenfield Airfield in der Grafschaft Kent südlich von London als Stützpunkt zugeteilt. Das Towerpersonal war britisch, ebenso ein Teil der Bodenmannschaften.

Die Party, die das Towerpersonal für die amerikanischen Piloten organisierte, fiel zwar wegen der allgemeinen Rationierung der Lebensmittel dünner aus als die offizielle Parade einige Tage zuvor, war dafür aber persönlicher. Steve, der an England das englische Wetter am wenigsten mochte, sehnte sich schon wieder nach Arizona zurück und blieb zunächst im Hintergrund. Doch dann bemerkte er eine Flight Officer der Women’s Auxiliary Air Force, die ihm bekannt vorkam und ging zu ihr hin.

„Flight Officer Collins?“, fragte er. Die junge Frau drehte sich um.

„Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte sie – und es klang abweisend.

„Entschuldigung. Captain Steve Donovan, United States Army Air Force, 8th USAAF“, stellte Steve sich vor. „Ich war 1940 bei der Eagle Squadron der Royal Air Force und hatte das Vergnügen, dass Sie eine Zeitlang meine Jägerleiterin waren, Miss Collins. Schön, Sie wiederzusehen“, lächelte Steve und hob sein Sherryglas, um ihr zuzuprosten. Harriets Blick verfinsterte sich.

„Auf die Tour nicht, Captain!“, fauchte sie.

Ehe Steve sich versah, hatte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. Steve war von ihrer Reaktion völlig überrascht und ließ vor Schreck sein Glas fallen, das klirrend am Boden zersprang. Augenblicklich war es still im Raum. Alle Augen richteten sich auf die Britin und den Amerikaner. Group Captain Edward Stanwell, Chef des Towerpersonals, fing sich als Erster.

„Was ist los?“, fragte er und zwirbelte das rechte Ende eines ebenso prächtigen wie rostroten Schnurrbartes.

„Sir, Sie wissen, dass für mich die Pflicht hier an erster Stelle steht. Es wäre mir lieb, wenn Sie dafür Sorge tragen könnten, dass die Herren Amerikaner zum Denken nicht den Inhalt ihrer Hosen benutzen!“, knurrte Harriet, den Blick stur auf Donovan gerichtet. Sie bebte vor Zorn.

„Captain, was ist vorgefallen?“, fragte Stanwell streng. Er kannte Harriet Collins in der Tat nur als fünfeinhalb Fuß personifiziertes Pflichtgefühl.

„Sir, Flight Officer Collins ist mir von meinem Einsatz bei der Eagle Squadron vor knapp zwei Jahren bekannt. Es war nicht meine Absicht, Flight Officer Collins zu nahe zu treten oder sie gar zu beleidigen. Vielleicht erinnert sie sich nicht mehr an mich, weil ich seinerzeit eine britische Uniform trug und meine Dienstbezeichnung Flight Lieutenant war“, erwiderte Steve an den Flugplatzchef gewandt. Zu Harriet sagte er dann:

„Es tut mir Leid, wenn Sie meine ehrlich gemeinte Begrüßung als plumpen Annäherungsversuch betrachten. Es wäre mir eine große Freude, wenn Sie Ihren Bruder, Pilot Officer Daniel Collins, von mir grüßen würden.“

Der Flugplatzchef sah Harriet an. Den genauen Wortlaut des Gesprächs vor der Ohrfeige hatte offenbar niemand mitbekommen, entnahm Harriet der Frage und dem Blick des Group Captains.

„Ich akzeptiere Captain Donovans Entschuldigung, Sir. Bitte entschuldigen Sie mich. Ich habe noch zu tun, Sir“, sagte sie und verließ eilig die Party.

Group Captain Stanwell sah Steve einen Moment an.

„Ich glaube, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, Captain“, sagte er. „Flight Officer Collins ist unser Blaustrumpf. Bei der ist jede männliche Werbung vergeudete Energie, junger Freund. Bei der landen Sie nicht in hundert Jahren.“

Das allgemeine, bedauernde Lachen der Briten und seiner Staffelkameraden machte Steve fast wütender als Harriets Ohrfeige. Er schätzte Harriet zu sehr, um sie ungerechtfertigten Angriffen ausgesetzt zu lassen.

„Sir, ich habe nicht die Absicht, Miss Collins zu verführen, falls Sie das meinen. Ich bin hier, weil ich eine bestimmte Aufgabe habe. Dasselbe gilt für Flight Officer Collins. Ich kenne ihre Arbeit als Jägerleiterin und habe weder davor noch danach mit einem vergleichbar guten Jägerleiter zusammengearbeitet. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie ihre Arbeit sehr ernst nimmt. Es wäre bedauerlich, wenn ihr diese Eigenschaft als negativ ausgelegt wird, nur weil sie sich nicht jedem Uniformierten an den Hals wirft, Sir.“

Stanwell sah Donovan verblüfft an.

„Sie hat Sie gerade geohrfeigt, Captain!“, erinnerte Stanwell.

„Ich denke, das wird sich klären lassen, Sir. Und wenn ich ehrlich bin, könnten Sie mir keinen größeren Gefallen tun, als uns Flight Officer Collins als Jägerleiterin zu geben“, erwiderte Steve.

„Miss Collins arbeitet jetzt in der Flugsicherung, Captain. Aber sie wird vornehmlich die Blue Eagles abfertigen“, grinste Stanwell.

Einige Tage später sah Steve Harriet wieder, als sie in der Kantine nur ein paar Leute vor ihm an der Essenausgabe wartete. Er beobachtete, dass sie sich an einen unbesetzten Tisch setzte und ging hinterher.

„Ist hier noch frei?“, fragte er. Harriet sah auf.

„Ja“, knurrte sie.

„Danke“, erwiderte Steve und setzte sich. „Wie geht’s Daniel?“, fragte er dann.

„Was wollen Sie von mir, Captain Donovan?“, fragte sie eisig.

„Miss Collins: Ich habe nicht vor, Ihre austernartige Schale aufzubrechen“, entgegnete er. „Mir ist durchaus klar, dass Sie Ihren Job ausschließlich professionell begreifen – was ich im Übrigen als positiv bewerte, denn ich kann nichts mit einer Flugsicherungsmaus anfangen, die sofort dahinschmilzt, wenn ich per Funk nach Landeanweisungen frage. Ich akzeptiere, dass Sie derzeit keine nähere Bekanntschaft wünschen, als die, die beruflich unvermeidbar ist. Aber ich bin mit Ihrem Bruder gut befreundet. Leider habe ich seit einiger Zeit von ihm nichts mehr gehört. So sind Sie im Moment meine einzige Quelle für Informationen über ihn. Und deshalb suche ich Ihre Nähe und frage Sie, wie es Danny geht“, erklärte Steve sanft.

„Daniel geht es gut. Er fliegt Bomber und er ist erfolgreich. Aber er vermisst Sie oft, wenn er – wie er sagt – vernünftigen Rat braucht. Ich denke, er schätzt Ihre Ruhe. Es tut mir Leid, dass ich Ihnen neulich eine geklebt habe, Captain. Ich hab’ Sie einfach nicht erkannt.“

„Ist schon gut. Eine andere Uniform verändert wohl doch sehr. Ich habe Ihnen noch gar nicht zur Beförderung gratuliert, Flight Officer. Darf ich das hiermit nachholen?“

„Danke, aber das ist unnötig. Ich habe mir diese Beförderung einfach ersessen. Ich bin nur aufgrund meiner Dienstjahre befördert worden.“

„Schade. Ich hatte gehofft, dass Ihr Ungemach von der Bombardierung Ihnen etwas Positives eingetragen hätte“, erwiderte Steve.

Harriet sah ihn eine Weile an und musste feststellen, dass ihr sein sanftes Lächeln und seine warme Stimme sehr gefehlt hatten. Zudem war er außer Daniel der Einzige, der sie jemals als Soldatin für voll genommen hatte, der ihre Tätigkeit als etwas Wertvolles begriffen hatte.

„Bleiben Sie länger?“, fragte sie.

„Solange meine Staffel auf Maidenfield Airfield stationiert ist, werden Sie mich wohl nicht los. Außer mich pflückt ein Kraut so vom Himmel, dass ich unten nicht lebend ankomme“, lächelte Steve.

„Captain, können wir uns auf etwas einigen?“, fragte sie.

„Und auf was, Flight Officer?“

„Dass wir hier auf dem Stützpunkt bitte nur auf dienstlicher Ebene verkehren und Privates auch auf private Zeit verschieben?“

„Im Prinzip habe ich nichts dagegen, weil ich Ihre berufliche Professionalität viel zu sehr schätze. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass Sie einen privaten Kontakt nicht schätzen und ihm mit allen Mitteln aus dem Wege gehen. Das Leben endet aber nicht am Kasernentor, Miss Collins“, erwiderte Steve. „Sie sind keine Offiziersmatratze – und ich bin sicher der Letzte, der Sie dazu machen wollte. Fast würde ich annehmen, Sie verwechselten mich mit meinem Bruder – Gott hab’ ihn selig. Sid war ein echter Schürzenjäger. Ich bin es nicht. Das heißt aber nicht, dass es keine Frau gibt, die mir gefällt. Es gibt eine. Ich werde jetzt nicht deutlicher, sonst scheuern Sie mir wieder eine, und ich verliere Sie noch als Flugsicherung. Und das fände ich ganz fürchterlich.“

„Sie suchen meine Bekanntschaft, Captain Donovan. Warum? Bin ich so eine Art Wette?“, fragte Harriet ätzend.

„Ich neige nicht zum Wetten, Flight Officer. Und es fiele mir schon gar nicht ein, zu wetten, ob ich eine Frau verführen könnte, die an einem Abenteuer ebenso wenig Interesse hat wie ich selbst. Wie gesagt: Ich bin nicht mein Bruder Sid. Für den war es einfach Sport, Frauen reihenweise zu verführen. Ein Sport, den ich weder verstanden noch je akzeptiert habe. Aber vermutlich kann ich Ihnen in dieser Hinsicht erzählen, was ich will. Einem Mann in Offiziersuniform würden Sie ums Verrecken nicht glauben.“

„Genau Letzteres, Captain. Vielleicht sind Sie eine Ausnahme. Vielleicht meinen Sie sogar ehrlich, was Sie sagen. Vielleicht müssen Sie für die Schnitzer Ihrer Alters- und Geschlechtsgenossen ungerechtfertigt büßen. Wenn Sie es wirklich ehrlich mit mir meinen, hören Sie auf zu werben und lassen mir Zeit, Sie aus dem Dienstalltag zu beurteilen. Ich habe keine Torschlusspanik und recke mich nicht nach einem Mann, um nicht als alte Jungfer sitzen zu bleiben. Ein Mann, der mich mag, wird mich auch noch mögen, wenn ich älter als dreißig bin. Er sollte mich auch noch mögen wollen, wenn ich siebzig bin. Ich erwarte von einem Mann, der sich für mich interessiert, nicht mehr und nicht weniger als das, Captain Donovan“, steckte Harriet ihre Erwartungen ab. Steve lächelte freundlich.

„Dann sind wir uns in dem Punkt schon mal einig, Flight Officer“, erwiderte er.

In der folgenden Zeit übten die amerikanischen Flieger das eigene Zusammenwirken und die Arbeit mit Bomberverbänden. Während die Jäger aber gleich ihren Aufgaben auch für die Verteidigung der eigenen Flugplätze nachkamen, blieb es bei den Bomberverbänden der Amerikaner zunächst bei reinen Übungsflügen. Während die Briten auf nächtliche Angriffe setzten, wollten die Amerikaner Tagesangriffe fliegen. Und während die Briten, insbesondere der seit dem 22. Februar 1942 amtierende Chef des Bomber Command, Air Marshal Arthur Harris, auf nächtliche Angriffe gegen zivile Wohngebiete setzten, wollten die Amerikaner militärische Ziele bei Tage bekämpfen.

Der Umstand, dass die Briten Nachtangriffe bevorzugten, resultierte aus den bösen Erfahrungen mit deutscher Flugabwehr und denselben Erfahrungen, die die Deutschen mit der britischen Luftverteidigung gemacht hatten. Die Briten waren schon vor langer Zeit zu Nachtangriffen übergegangen, denn die deutsche Luftverteidigung war doch erheblich besser, als die Strategen im britischen Luftfahrtministerium ihr zugetraut hatten. Die britischen Jäger hatten nicht genügend Reichweite, um die Bomberverbände überall über dem Reichsgebiet wirksam zu schützen. In der Nacht, so die Philosophie der Briten, konnten die Deutschen ebenso wenig sehen wie die britischen Piloten – und da lagen die Vorteile auf Seiten der Bomberpiloten. Zudem setzte man auf die neuen schweren Bomber vom Typ Avro Lancaster, der über diverse MG-Kuppeln mit insgesamt zehn MGs verfügte und so aus dem sonst so verwundbaren, relativ langsamen Bomber eine igelgleiche Festung machte.

Doch die Deutschen hatten Verfahren entwickelt, auch nachts auf Jagd zu gehen. Zunächst hatten sie mit Hilfe von Flakscheinwerfern die Bomber sichtbar gemacht, die dann von auf Sichtfliegenden Jägern angegriffen wurden – zusätzlich zur bodengestützten Flak. Diese helle Nachtjagd war praktisch das gleiche Verfahren, das die Briten während der Luftschlacht um England angewendet hatten. Aber auch Deutschland hatte die Entwicklung des Radars weiter vorangetrieben.

Jetzt, Mitte 1942, hatte man ein Verfahren entwickelt, bei dem mit großen Antennen – auch Hirschgeweih genannt – ausgerüstete Heinkel He 110 die anfliegenden Bomber schon von weitem orten konnten. Damit war die dunkle Nachtjagd möglich, die eine Ausleuchtung mit Flakscheinwerfern entbehrlich machte – und die Bomberbesatzungen zunächst wieder in einen Nachteil versetzte. Sie konnten die herannahenden Jäger nicht bemerken. Die Verluste stiegen sprunghaft an, die Angst unter Piloten und Besatzungsmitgliedern ebenso.

Vor diesem Hintergrund wollte die USAAF doch lieber Tagesangriffe fliegen. Die Chance, einen angreifenden Jäger zu entdecken und Erfolg versprechend zu bekämpfen, war am Tage doch deutlich größer als bei Dunkelheit darauf zu spekulieren, den Gegner anhand der Auspuffflammen oder des Mündungsfeuers zu lokalisieren.

Von Duxford im Norden oder Maidenfield im Süden Londons genügte die Reichweite der Curtiss- und Bell-Jäger nur bis knapp an die deutsche Küste. Das war ausreichend für Angriffe gegen deutsche Stützpunkte in Holland, Belgien oder Nordfrankreich. Über dem eigentlichen Reichsgebiet waren die Bomber jedoch nach wie vor auf sich allein gestellt – und das wirkte sich in entsprechenden Verlusten aus.

Nachdem die 8th USAAF am 17. August 1942 ihre Angriffe auf deutsche Stützpunkte in Europa begann, griff die Angst unter den Besatzungsmitgliedern der amerikanischen Bomber ebenso um sich wie unter den britischen Besatzungen. Die einschlägigen Dienstvorschriften verlangten von den amerikanischen Fliegern vierundzwanzig Feindflüge, bevor sie abgelöst wurden. Es gab nicht viele, die das unbeschadet erreichten oder überlebten. Jedes Mal, wenn die Jagdeskorte die zum Angriff auf Hamburg, Berlin, Kassel, Köln, Leipzig oder München bestimmten Bomberverbände verlassen mussten, krampfte sich Steve Donovan das Herz zusammen. Er wusste nur zu gut, dass ein großer Teil der Männer nicht zurückkehren würde.

Ist das die Strafe dafür, dass wir ebenfalls zivile Ziele angreifen?’, fragte er sich häufig, wenn er abdrehen musste. Beim täglichen Briefing ergab sich, dass man zwar industrielle oder militärische Ziele anvisierte, dass es aber durchaus nicht unerwünscht war, quasi „nebenbei“ zivile Wohngebäude zu zerstören.

Oftmals hielt Steve sich nur mit Mühe im Zaum, nicht lauthals zu protestieren. Schließlich waren die Zielkarten darauf angelegt, kriegswichtige Ziele wiederzugeben. Im Gegensatz zu Air Marshal Harris, der im Einvernehmen mit dem Premierminister Churchill völlig unverblümt die Vernichtung zivilen Wohnraums als definiertes Ziel ausgab, gab sich die USAAF wenigstens noch das Feigenblatt des Anscheins.

Bei einem Einsatzbriefing für einen Einsatz gegen Hoek van Holland stellte Colonel Worsley seinem Geschwader einen Geheimdienstoffizier vor, der für die Ermittlung von Zielen zuständig war.

„Gentlemen, ich darf Ihnen heute unser Ohr vorstellen: Colonel Sam Bennett von der Military Intelligence der USAAF. Colonel Bennett beschafft für uns die Informationen, die wir für unsere Einsätze benötigen. Bitte, Colonel Bennett.“

Steve sah auf. Er kannte einen Major Sam Bennett, von dem er wusste, dass er im Stab der Army auf Oahu arbeitete. Dieser Sam Bennett war ein Freund seines Vaters gewesen. Daniel Boone Donovan hatte in Samuel Bennett seinen ständigen Golfpartner gefunden, mit dem ihn aber auch eine bis in die Familie reichende Freundschaft verband. Daniel und Sam kannten sich schon so lange, dass Sam für Sid sogar Taufpate gewesen war. Für Steve war „Onkel“ Sam sogar der Lieblingsonkel gewesen, ohne dass eine echte Verwandtschaft bestand. Durch seine Akademiezeit, seine nachfolgende Stationierung in den Staaten und seine Auslandsaufenthalte war die Verbindung zu seinem Leidwesen gerissen, besonders, weil seine Mutter nach dem Tod des Vaters dessen Freundschaften nicht weiter gepflegt hatte. Der Mann, der sich nach Worsleys Vorstellung erhob, hatte jedenfalls so viel Ähnlichkeit mit „Onkel“ Sam, dass für Steve kein Zweifel bestand, dass er seinen Lieblingsonkel wiedergefunden hatte.

„Danke, Colonel Worsley“, sagte der Geheimdienstler. „Gentlemen, meine Abteilung konnte ermitteln, dass ein Großteil der deutschen Flotte nach dem Kanaldurchbruch im Februar auf die deutschen Kriegshäfen Wilhelmshaven und Kiel, den Kanalzugang bei Brunsbüttel sowie die Häfen Hamburg und Cuxhaven verteilt wurde. Weiter konnten wir feststellen, dass mindestens ein Großkampfschiff – wohl die Tirpitz – im Tromsöfjord lauert. Die Deutschen haben ihre Flotte aber nicht gänzlich aus dem westeuropäischen Raum zurückgezogen. Ein Teil der U-Boote – soweit sie nicht in Lorient, Brest und anderen französischen Atlantikhäfen liegen –, und diverse Zerstörer und Kreuzer sind in Hoek van Holland untergebracht. Das Ziel, das ich Ihnen für den heutigen Tag mitgebracht habe, ist Hoek van Holland. Sie sehen hier den Hafen. Dieses Foto wurde gestern von einem unserer Aufklärer gemacht. Wie man sieht, liegt lohnende Beute im Hafen. Ein ergänzender Aufklärungsflug von heute Morgen hat gezeigt, dass sämtliche Schiffe noch immer vor Anker liegen und es keine Hinweise auf ein baldiges Auslaufen auch nur eines dieser Schiffe gibt“, erklärte Bennett ein Dia, das er an die Wand des Briefingraumes projizieren ließ.

„Der Fluss“, fuhr er fort, „der bei Hoek van Holland in die Nordsee mündet, ist ein Arm des Rheindeltas und führt zu einem der größten Häfen in Europa, nach Rotterdam. Daraus ergibt sich eine nicht zu unterschätzende Wichtigkeit des äußeren Hafens Hoek van Holland mit der Folge, dass die Flussmündung und der Fährhafen schwer verteidigt sind. Auf dem Flughafen von Rotterdam sind deutsche Jäger stationiert, aber auch Stukas. Sie werden also mit erheblicher Abwehr zu rechnen haben.“

„Wenn so ein Hafen einen starken Flakschutz hat, Sir, ist meist nicht mit viel Flugverkehr zu rechnen. Da werden nicht viel Jäger ‘rumschwirren“, platzte einer der jungen Bomberpiloten heraus.

„Das würde ich nicht einfach unterstellen, Lieutenant Baxter“, meldete sich Steve zu Wort. „Rotterdam ist von elementarer Wichtigkeit für die Deutschen – sowohl als nutzbarer Kriegshafen als auch als zu bewachendes Einfallstor nach Europa. Bekämen wir diese beiden Häfen in die Hand, wäre ein bedeutsamer, von England her gut erreichbarer Brückenkopf geschaffen. Die letzten Einsätze, die wir gegen derartige Häfen geflogen haben, wurden jeweils von Flak und Luftwaffe attackiert“, warnte der Jagdpilot.

„Hoffe, dass ihr Stoppelhopser uns die Flügelkrauts vom Halse haltet!“, knurrte Baxter, der erst seinen dritten Einsatz fliegen sollte und noch keine Einsätze gegen Kriegshäfen gehabt hatte. Bennett sah den mahnenden Sprecher an und erkannte Steve. Er ließ sich jedoch nichts anmerken, außer, dass er zustimmend nickte.

„Ihr wievielter Einsatz ist das heute, Lieutenant?“, fragte er an Baxter gewandt.

„Mein dritter, Sir“, erwiderte Baxter.

„Captain, wie viele Einsätze haben Sie geflogen?“

„Neun als Jagdschutz, Sir. Davor zehn als Abfangjäger.“

„Wie heißen Sie, Captain?“, fragte Bennett. Er war sich zwar sicher, wollte aber die Bestätigung.

„Steve Donovan, Sir. 8th USAAF, 633rd Fighter Squadron Blue Eagles.“

„Donovan, Sie übernehmen den Schutz von Baxters B 17, verstanden?“, meldete sich Major Hopkins aus der ersten Reihe, ohne aufzustehen oder sich auch nur zu Steve umzudrehen.

„Gern, Sir“, bestätigte Steve. Baxter sah sich um und bekam von Steve den nach oben gestreckten Daumen und ein freundliches Zwinkern zu sehen.

„Gut, Gentlemen. Sie kennen das Ziel. Die genaue Einteilung werden die Staffelkapitäne vornehmen“, kündigte Worsley das Ende des allgemeinen Briefings an.

Die Bomberbesatzungen verließen den Raum, Steve, der seinen Schutzbefohlenen schon hatte, ebenfalls. Im Flur fasste ihn jemand am Arm.

„Warte mal, mein Junge.“

Steve blieb stehen und drehte sich um.

„Onkel Sam?“

„Steve, mein Junge!“

Nennonkel und –neffe umarmten sich.

„Pass’ auf dich auf!“, mahnte Sam.

„Tue ich. Aber ich habe noch einen Schutzbefohlenen – und der ist noch sehr unerfahren“, erwiderte Steve. „Schön, dich hier zu sehen, Sam.“

„Ganz meinerseits. Du bist also Jagdpilot geworden.“

„Ja, genau das, was Dad nie wollte. Er wollte unbedingt, dass ich Bomber fliege. Aber nachdem ich auf der Akademie die Douhet-Theorie beigebracht bekam, waren Bomber für mich gestorben.“

Sam sah den jungen Mann an.

„Lass mich raten: zivile Ziele?“

„Du hast’s erfasst, Sam“, bestätigte Steve.

„Sei vorsichtig, Junge!“, mahnte Sam.

„Sam, ich weiß, dass die Krauts gehörig auf die Nuss bekommen müssen, aber bitte nicht Frauen und Kinder“, erwiderte Donovan.

„Du möchtest ein ehrenhafter Soldat sein, wie dein Vater es auch war. Aber denk’ dran, dass gerade er einen Bomberpiloten aus dir machen wollte“, erinnerte Sam.

„Ja, stimmt. Aber Dad hielt auch nie etwas davon, zivile Ziele anzugreifen. Wenn wir heute den Hafen von Hoek van Holland angreifen, werden Zivilisten auch nur zu Schaden kommen, wenn die Krauts die holländischen Hafenarbeiter gewaltsam daran hindern, ihren Platz bei Luftalarm zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Unter den Umständen würde ich auch Bomber fliegen. Aber Zielbombardement auf zivile Wohngebiete? Ohne mich! Ich möchte nicht eines Tages als Kriegsverbrecher dastehen.“

„Pass auf dich auf, sei ein guter Schutzengel. Aber schieß’ dein Baby nicht ab, wenn er seine Bomben doch auf Wohnblocks schmeißt“, mahnte Sam. „Und komm’ heil zurück. Wir haben uns eine Menge zu erzählen.“

„Ich gebe mir Mühe. Wir haben uns wirklich lange nicht gesehen.“

Der Einsatz gegen Hoek von Holland war erfolgreich. Dadurch, dass die Bomber von Jägern geschützt waren, hatte die deutsche Jagd- und Flugabwehr längst nicht den Erfolg, der ohne die Jagdeskorte möglich gewesen wäre.

Sam Bennett beschaffte für General Spaatz’ 8th USAAF die nötigen Zielinformationen und beobachtete gleichzeitig die Blue Eagles. In einem Punkt waren sich alle seine Informanten einig: Als Staffelkapitän der Blue Eagles hätten sie alle am liebsten Steve gesehen und nicht den autoritären, barschen Hopkins. Zwischen Major Hopkins und Captain Donovan gab es unübersehbare Spannungen, von denen aber jeder wusste, dass sie von Hopkins ausgingen und dass Steve sie einfach zu übersehen versuchte.

Wann immer Ersatzpiloten für Bomber gesucht wurden, hielt Steve sich auffällig zurück. Bennett bestärkte Colonel Worsley darin, Donovan nicht in diese Richtung zu drängen, wie Hopkins es am liebsten getan hätte, um seinen einzigen Konkurrenten um den Platz des Staffelkapitäns loszuwerden. Worsley hatte selbst aber auch kein Interesse, Steve fremd einzusetzen. Viel zu froh war der Colonel darüber, wenigstens einen erfahrenen Jagdpiloten zu haben, der die weniger erfahrenen nötigenfalls auf die Seite nahm und ihnen verdeutlichte, dass Mut und Übermut zwei ganz verschiedene Paar Schuhe waren.

Im September 1942 war Hamburg das Ziel eines Tagesangriffs. Die Werften von Stülcken und Blohm + Voss sowie der Flughafen Fuhlsbüttel als Stützpunkt für die Luftwaffe waren die Ziele. Die Jäger von Maidenfield konnten die Bomber aber nur bis Papenburg oder – wenn der Anflugweg über die Elbe gewählt wurde – bis Norderney begleiten. Der Bomberverband mit den Begleitjägern wurde an diesem Tag jedoch schon frühzeitig entdeckt und bereits von Jagdgeschwadern angegriffen, die in Amsterdam und Rotterdam aufgestiegen waren. Noch vor Erreichen der holländischen Küste bei Zandvoort lieferten sich die Blue Eagles schon Luftkämpfe mit den deutschen Jägern aus Amsterdam. Steve hatte bereits vier Abschüsse zu verzeichnen, als seine Curtiss von einer Garbe aus der Bordkanone einer Messerschmitt Bf 109 an der linken Seite aufgerissen wurde. Steve spürte harte Schläge im linken Arm und im linken Bein, denen schnell starke Schmerzen folgten.

„Blau Zwei an Blau Eins, ich bin getroffen!“, meldete er.

„Funktionsstörend, Blau Zwei?“, fragte Hopkins zurück.

„Kompass ist getroffen, das Kanzelglas an der Backbordseite komplett zersplittert, sieht so aus, als hätte der Tank auch was abbekommen – und ich selber habe drei Löcher im Arm und zwei im linken Bein“, stöhnte Steve. Vor Schmerz konnte er kaum noch den Kurs halten.

„Können Sie noch feuern, Blau Zwei?“, erkundigte sich Hopkins.

„Technisch gesehen ja, aber …“

„Dann tun Sie das, Blau Zwei!“, fauchte Hopkins.

Vor Steve tauchte wie aus dem Nichts eine Bf 109 auf. Mit aller verbleibenden Kraft und Konzentration zog Steve seine Curtiss in einer steilen Kurve weg, bevor er mit der Messerschmitt kollidierte. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

„Der fliegt aber komisch“, bemerkte Mary Sanderson in der Radarstation, in der Harriet Collins bis zur Bombardierung gearbeitet hatte. Sie hatte einen grünen Lichtpunkt auf dem Schirm, der Schlangenlinien flog – und zwar dreidimensional!

„Unbekannter Pilot: Identifizieren Sie sich!“, forderte Mary den Piloten auf. Keine Antwort. Sie versuchte es mehrfach, aber eine Antwort blieb aus. Mary schaltete auf einen anderen Kanal.

„Fighter Command Hornchurch: Unidentifiziertes Flugobjekt steuert mit einem Kurs von 240 Grad auf die Nordseeküste zu. Fangen Sie es ab!“, wies sie den nächstgelegenen Flugplatz an.

Von Hornchurch stieg eine Rotte Spitfire der Royal Air Force auf und flog dem unbekannten Eindringling entgegen. Flight Lieutenant David Pritchard sah die einzeln fliegende Curtiss Kittyhawk.

„Kruzitürken! Das ist ja ‘n Yank!“, entfuhr es ihm.

„Sieht ganz schön gerupft aus, Sir“, tönte die Stimme seines Flügelmannes Dick Leppard aus Pritchards Kopfhörern.

„Ja, sieht wirklich ziemlich löcherig aus. Ich versuche Funkkontakt zu bekommen“, erwiderte Pritchard.

„He, amerikanischer Pilot! Hier spricht Flight Lieutenant David Pritchard, Royal Air Force. Identifizieren Sie sich!“

Pritchard bekam keine Antwort.

„Sir, ich fürchte, der Yank kann gar nicht antworten! Sehen Sie! Die Funkantenne!“, rief Pilot Officer Leppard nach mehreren vergeblichen Funkversuchen seines Vorgesetzten, als er die Curtiss umkreiste und bemerkte, dass die Funkantenne schlapp herunterhing. Leppard setzte sich neben den Amerikaner und winkte ihm zu. Der Pilot reagierte nur langsam, aber er winkte zurück. Deutlich war am Kanzelglas verspritztes Blut sichtbar. Leppard hob seine Taschenlampe und morste den Amerikaner an.

Steve Donovan wachte über bleigrauem Wasser auf. Er war allein – ohne Orientierung, weil sein Kompass zerschossen war und er sich nicht einmal am Stand der Sonne orientieren konnte, denn die versteckte sich wieder einmal hinter den von Steve so sehr gehassten Regenwolken des westlichen Mitteleuropa. Allenfalls der spürbare böige Wind, der hier meist aus westlicher Richtung kam, bot einen schwachen Anhaltspunkt. Steve bekam weder Verbindung mit seiner Staffel noch mit Maidenfield. Auch eine Funkpeilung fiel also aus. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern aus welcher Richtung der Wind kommen sollte. Nordwest war angesagt. Wenn er den Wind genau quer zur Maschine hatte, bestand die Chance, dass er auf diesem Kurs auf die englische Küste traf – sofern der Treibstoff reichte. Die Anzeige ging deutlich gegen Null.

Plötzlich sah er zwei Jagdflugzeuge auf sich zu jagen. Mit letzter Kraft wollte er die vermeintlichen Feinde abschießen, als er gerade noch die Kokarde der Royal Air Force bemerkte. Es waren Briten, die ihn umkreisten. Steve versuchte Funkverbindung aufzunehmen, aber die Briten antworteten nicht. Schließlich setzte sich einer neben ihn und winkte, hielt dann eine Taschenlampe hoch. Steve atmete auf, nahm seine eigene Taschenlampe zur Hand und verständigte sich mit den Briten im Morsecode.

Kurz vor Erreichen der Küste stotterte der Motor. Der Treibstoff war endgültig verbraucht. Steve signalisierte, dass er notwassern musste und bekam das Versprechen, dass aus Margate Hilfe kommen würde. Die Wasseroberfläche kam immer näher. Er zog die Nase der Maschine noch einmal hoch, um mit dem Heck zuerst einzutauchen. Dann platschte die Curtiss hart auf die Wellen. Der Pilot wurde in die Gurte gepresst. Es gelang ihm gerade noch, die Gurte zu lösen, das zerschossene Kanzeldach zu öffnen und sich aus der absaufenden Maschine zu retten. Die Schwimmweste hielt den Flieger über Wasser. Das kalte Nordseewasser drang schnell durch seine Fliegerkombination und lähmte auch den letzten Durchhaltewillen des jungen Piloten. Nur schemenhaft und nach unendlicher Zeit – wie es ihm schien – bemerkte er ein Küstenwachboot, das auf ihn zuhielt.

Alarmiert von der Patrouille fuhr das Küstenwachboot Tiger zu der Stelle, an der eine einmotorige Maschine recht heftig auf das Wasser aufgeschlagen war.

„Flugzeugheck säuft vier Strich steuerbord voraus ab, Sir!“, meldete der Ausguck der Tiger.

„Vier Strich steuerbord, halbe Kraft voraus!“, kommandierte der führende Lieutenant. „Passt mir auf Schwimmwesten auf!“

Nur wenige Minuten später hatte das Wachboot die Absturzstelle erreicht. Eine leuchtendgelbe Schwimmweste hielt einen schon zu dreiviertel bewusstlosen Flieger über Wasser. Petty Officer Halliwell angelte mit dem Bootshaken nach den Tragegurten des Fallschirms und zog den schon nicht mehr ansprechbaren Piloten an das Küstenwachboot heran. Zu dritt zogen die Männer der Crew den verwundeten Flieger an Bord. Eilig drehte die Tiger wieder ab und lief mit Höchstgeschwindigkeit nach Margate zurück.

Als Steve wieder zu sich kam, fand er sich in einem hellen Zimmer wieder. Mit einiger Mühe hob er den Kopf und sah aus dem rechts vom Bett befindlichen Fenster. Eine kreischende Möwe kämpfte vor dem Hintergrund eines intensiv blauen Himmels gegen den scharfen Wind. Blauer Himmel, der auch vom Boden aus zu erkennen war, das passte für Steve nur schwer mit dem nach seiner Meinung völlig verregneten England zusammen. Die Engländer waren der Ansicht, der nun zu Ende gehende Sommer 1942 sei völlig in Ordnung und normal. Steve fand, dass das Wetter einfach saumäßig gewesen war. Donovan hatte den größten Teil seines Lebens in Arizona oder auf Hawaii verbracht, in Gegenden, wo Wolken – wie jetzt auch – nur der Dekoration eines sonst eintönig blauen Himmels dienten. Steve fand das auch völlig ausreichend. So viel grundgrauen Himmel, so viel Regen und Nebel wie in England hatte er nicht einmal in Hamburg erlebt – und diese Stadt wird von ihren Einwohnern für die wettermäßig am wenigsten begünstigte Stadt Deutschlands gehalten. Die Möwe, die sich draußen gegen den Wind stemmte, bewies, dass sich das Lazarett in Küstennähe oder in der Nähe eines großen Binnengewässers befinden musste.

Die Tür öffnete sich und ein Corporal des US Medical Service trat ein.

„Guten Morgen, Sir. Wie geht es Ihnen?“, fragte er.

„Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, ich habe Schmerzen und ziemlichen Hunger. Dass es mir gut geht, kann ich wahrlich nicht behaupten“, erwiderte Steve leise.

„Sie sind in Saint Eval, Sir. Das liegt in Cornwall, an der Südwestecke Englands“, erklärte der Corporal. „Draußen sind zwei Herren vom Provost Department**. Können Sie mit ihnen schon sprechen?“, fragte er dann. Steve bekam ein ungutes Gefühl. Was wollten Leute vom Provost Department von ihm? Doch schließlich siegte die Neugier.

„Lassen Sie die Herren ‘rein, Corporal.“

„Ja, Sir.“

Der Corporal verließ das Zimmer und kam kurz darauf mit zwei Offizieren zurück, die Dienstuniformen der US Army mit den Abzeichen der Militärjustiz am Revers trugen.

„Captain Steven Christopher Donovan?“, erkundigte sich einer der beiden Offiziere, ein Captain.

„Ja, der bin ich“, bestätigte Steve.

„Ich bin Captain James O’Connor, das ist Major Alfred Strittmatter. Wir kommen vom Provost Department.“

„Der Corporal erwähnte das. Was möchten Sie?“

„Wir haben einige Fragen an Sie“, erwiderte der Captain kühl.

„Worum geht es?“

„Um Ihren letzten Einsatz.“

„Fragen Sie.“

Captain O’Connor und Major Strittmatter sahen sich an. Strittmatter nickte.

„Captain Donovan, Sie sollten zunächst wissen, dass gegen Sie wegen Befehlsverweigerung ermittelt wird“, sagte O’Connor. Steve wurde trotz seiner erhöhten Temperatur bleich.

„Wie bitte? Welchen Befehl soll ich – zum Teufel noch mal – verweigert haben?“

„Sie sagen, Sie haben keinen Befehl verweigert“, konstatierte Strittmatter.

„Ich habe zwar einiges hinter mir, Sir, auch eine gewisse Zeit Blackout – aber ich erinnere mich an keinen Befehl, den ich verweigert hätte.“

„Schön. Woran erinnern Sie sich?“, fragte der Major.

„Meine Staffel war als Jagdeskorte für einen Bomberverband eingeteilt, der Hamburg angreifen sollte. Da unsere Reichweite dafür nicht ausreichend ist, sollten wir die Bomber spätestens bei Erreichen der deutschen Grenze, etwa bei Papenburg, verlassen. Wir wurden schon sehr früh angegriffen, kurz vor der holländischen Küste, ich schätze auf Höhe Zandvoort etwa. Im Luftkampf erhielt ich Treffer an der Backbordseite meiner Kittyhawk. Einige Projektile durchschlugen die Außenhaut, zerstörten meinen Kompass und fast die gesamte Cockpitverglasung auf der linken Seite, ich selber hatte drei Einschläge im linken Arm und zwei im linken Bein. Ich habe das Major Hopkins, meinem Staffelführer, gemeldet. Der fragte mich nur, ob ich noch feuern konnte.

Dann tauchte vor mir eine Messerschmitt auf, ich konnte gerade noch wegziehen, sonst wäre ich mit ihr kollidiert. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Als ich wieder aufwachte, schwebte ich völlig orientierungslos über Wasser, hatte weder Funkkontakt zu meiner Staffel noch zu meiner Basis. Als ich wieder Land sah, erschien eine Rotte Jagdmaschinen, die ich zum Glück noch rechtzeitig als britische Maschinen identifizieren konnte, bevor ich zum Abzug greifen konnte. Ich bekam auch mit diesen Maschinen keinen Funkkontakt, schließlich haben wir uns mit Taschenlampen im Morsecode verständigt. Dabei habe ich erfahren, dass meine Funkantenne weggeschossen worden war. Die Tommys haben mich begleitet, bis ich wegen Spritmangels notwassern musste. Ich habe mich noch knapp aus der Maschine befreien können, dann verlor ich endgültig das Bewusstsein und bin erst hier wieder aufgewacht“, schilderte Steve die Ereignisse.

„Hat Major Hopkins Ihnen nach der Anfrage, ob Sie noch feuern konnten, einen Befehl erteilt?“, fragte Strittmatter.

„Nein, Sir. Als ich wieder klar war, flog ich allein vor mich hin. Auf meine Funkrufe antwortete niemand. War ‘n ziemlich blödes Gefühl, so ganz allein vor mich hinzufliegen und keine Ahnung zu haben, wo ich eigentlich bin. Weit und breit kein Land, mangels Sonne und Kompass keine Möglichkeit, mich zu orientieren. Ich konnte nur hoffen, etwa nach Südwesten oder Westen zu fliegen.“

„Warum?“

„Nun, Sir, meine Staffel war nach Nordosten gestartet. Nach Südwesten oder Westen hätte ich irgendwann England erreicht. Hätte ich mich vertan und wäre nach Norden geflogen, wäre ich zwischen England und Skandinavien durchgesegelt und hätte allenfalls den Nordpol erreicht, wenn der Sprit dafür gelangt hätte. Ich hatte Glück und bin in westlicher Richtung geflogen“, erklärte Steve.

„Wie kommt es, dass Sie nicht abgestürzt sind?“, erkundigte sich O’Connor.

„Ehrlich gesagt habe ich keine rechte Erklärung dafür – mit einer einzigen Ausnahme. Mir ist bei einem Trainingsflug in Groom Lake/Arizona vor drei Jahren was Ähnliches passiert. Ich habe auf Anweisung meines Fluglehrers Loopings geflogen. Als er einen selbst fliegen wollte, schmierte die Maschine ab. Ich konnte sie zwar abfangen, aber es hat uns mit fünf, sechs G in die Sitze gehauen. Er erlitt einen Schlaganfall, mir wurde schwarz vor Augen. Wie mir das Bodenpersonal später sagte, habe ich die Maschine mehrere Minuten in der Luft gehalten – zwar in Schlangenlinien sowohl nach oben und unten als auch zur Seite, aber ich bin geflogen – und habe bis heute keine Ahnung wie ich das fertiggekriegt habe, sieht man von der Tatsache ab, dass ich die Maschinen, die ich bisher geflogen habe, buchstäblich im Schlaf beherrsche.“

„Warum hat der Deutsche Sie nicht abgeschossen?“, fragt Strittmatter.

„Tut mir Leid, das kann ich Ihnen nicht sagen, Sir.“

„Was für eine Maschine war das?“

„Wir hatten Luftkämpfe mit Messerschmitts. Es dürfte eine von den Bf 109 gewesen sein.“

„Was für eine genau?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Die Einzelheiten, die die Krauts an den Maschinen von Serie zu Serie ändern, sind mir nicht geläufig.“

„Kennzeichen?“

„Sir, ich habe eine gelbe Schnauze, die Gestalt einer Messerschmitt und ein großdeutsches Balkenkreuz am Flügel wahrgenommen, keine weiteren individuellen Unterscheidungszeichen wie Zahlen oder Buchstaben. Ich konnte nur reflexartig wegziehen, sonst hätte es gekracht.“

„Haben Sie auf den Feind noch geschossen?“

„Nein, Sir.“

„Warum nicht?“

„Der Winkel stimmte nicht. Ich hätte dazu ‘runterziehen müssen. Dann aber wäre die Kollision unvermeidlich gewesen. Er war geschätzt nur fünfzig Yards entfernt. Bei Geschwindigkeiten um hundertfünfzig Meilen pro Stunde sind das Sekundenbruchteile, Sir. Ich habe mich nicht fürs Rammen entschieden, sondern fürs Überleben. Schließlich genügt es mir, mit mechanischen Hilfsmitteln fliegen zu können, statt Engelsflügelchen dafür zu benutzen. Außerdem sind Engel in der Regel nicht bewaffnet – und ich bin Berufssoldat, Sir.“

„Haben Sie nach dem Aufwachen versucht, Kontakt mit Ihrer Staffel aufzunehmen?“, bohrte Strittmatter weiter.

„Versucht schon; ging nur nicht wegen der zerstörten Antenne, was ich aber erst von den Tommys erfahren habe.“

O’Connor machte fleißig Notizen. Er sah Strittmatter an, der leicht nickte.

„Danke, Captain, das genügt fürs Erste“, sagte der Major.

„Werde ich angeklagt, Sir?“, fragte Steve.

„Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen, Captain Donovan. Wir werden noch Major Hopkins und einige weitere Zeugen hören. Dann geben wir das Ermittlungsergebnis an das Kriegsgericht – und das entscheidet, ob Anklage erhoben wird oder ob das Verfahren eingestellt wird“, erwiderte Strittmatter. Die beiden Staatsanwälte verabschiedeten sich und verließen das Zimmer.

„Der ist ziemlich hartgesotten, finden Sie nicht, Sir?“, erkundigte sich O’Connor draußen auf dem Flur.

„Ja, richtig cool. Keine Widersprüche, einleuchtende Erklärungen, keine Ansatzpunkte um nachzufragen – jedenfalls nicht ohne gegenteilige Zeugenaussage“, seufzte Strittmatter.

„Und wenn das einfach die Wahrheit ist, Sir? Ich meine, die Antenne kann er ja schlecht selbst durchgebissen haben!“, entgegnete O’Connor vorsichtig. Strittmatter sah ihn an, als sei ihm das Abzeichen von der Mütze gefallen.

„Keine voreiligen Schlüsse!“, mahnte er zurechtweisend. „Hier geht es um Befehlsverweigerung, O’Connor!“

„Ebene das meine ich, Sir. Wenn beim Kampf die Antenne beschädigt wurde, besteht doch die Möglichkeit, dass Captain Donovan einen Befehl gar nicht mehr hören konnte, weil seine Funkanlage nämlich längst ausgefallen war.“

„Sind Sie Staatsanwalt oder Verteidiger, Captain O’Connor?“

„Staatsanwalt, Sir.“

„Diesen Einwand zu bringen, ist der Job des Verteidigers, nicht Ihrer!“, wies Strittmatter den Captain zurecht.

„Sir, wenn eine Anklage Erfolg haben soll, dann sollten wir uns schon überlegen, welche Gegenargumente kommen können. Außerdem ist die Behauptung von Major Hopkins noch längst nicht be…“

„O’Connor! Schluss!“, fauchte Strittmatter. „Wir ermitteln neutral weiter, O’Connor!“

Eben daran hatte James O’Connor ernsthafte Zweifel – aber Major Alfred Strittmatter war nicht der Mann, der sich von einem Untergebenen etwas sagen ließ. Die beiden Männer wandten sich dem Ausgang zu und gingen fort. Beide bemerkten nicht, dass sich an einem der Fenster in der Nähe von Donovans Krankenzimmer eine Times senkte, hinter der Colonel Sam Bennett auftauchte.

„Ihr Mistkerle!“, knurrte er. Kaum waren die Militärstaatsanwälte um die nächste Ecke verschwunden, betrat Bennett das Krankenzimmer.

 

 

Kapitel 15

Neue Aufgaben

 

 

Steve plagten Wundschmerzen und die Sorge um das, was an Ärger auf ihn zukommen konnte. Er fühlte sich elend. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass die Tür sich wieder öffnete. Steve glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als Sam Bennett eintrat.

„Hallo, Steve!“, begrüßte Bennett ihn.

„Hi, Sam!“, gab Steve zurück und drückte die Hand seines „Onkels“. „Wie hast du mich gefunden?“, fragte er dann.

„War nicht einfach, wie ich feststellen durfte. Du warst vermisst, als du mit der Staffel nicht zurückgekehrt bist. Hopkins hat Worsley mitgeteilt, dass du auf seinen Durchhaltebefehl nicht reagiert hast, er dich dann aber aus den Augen verloren hat. Ich weiß nicht, ob er gefürchtet hat, dass du abgestürzt bist, oder ob er es gehofft hat. Worsley und der Rest der Staffel haben sich jedenfalls große Sorgen gemacht, was mit dir ist. Wir waren alle sehr froh, als wir die Nachricht über das Rote Kreuz bekamen, dass man dich nach Saint Eval gebracht hat. Die Gegend hier ist vor deutschen Bombenangriffen nahezu völlig sicher. Übrigens hat sich ein junger Brite nach dir erkundigt. Kennst du einen Flying Officer Daniel Collins?“

„Ich kenne ihn noch als Pilot Officer.“

„Woher kennst du ihn?“

„Ich war 1940 bei der Eagle Squadron. Bei einem der Sonntagsgespräche habe ich Danny kennengelernt. Er schwärmte von Bombern, aber er war nach dem Geschmack seiner Vorgesetzten zu unerfahren. Bei uns war jemand ausgefallen und ich habe ihn als Scout zu uns in die Staffel geholt. Er hat sich seine Erfahrung erflogen und ist nach meiner Rückkehr in die Staaten endlich in seinen geliebten Bomber gekommen“, erklärte Steve.

„Ist er ein Freund von dir?“

„Ja.“

„Schön, Freunde über die Grenze eine Nationalität zu haben.“

Steve seufzte.

„Ich habe auch einen Freund in Deutschland – und ich bin mir nicht sicher, ob wir uns nicht schon gegenseitig vom Himmel geholt haben“, sagte er. Sam grinste.

„Da muss ich dich ja als Sicherheitsrisiko einstufen.“

„Prima, dann muss ich ja nicht befürchten, in einen Bomber gesetzt zu werden. Die werden nämlich häufig über Deutschland abgeschossen“, grinste Steve etwas mühsam zurück. Die Ironie in Sams Stimme war nicht zu überhören gewesen.

„Sag mal – was ist zwischen dir und Hopkins los?“, fragte Sam dann.

„Wie meinst du das?“

„Steve, jeder in deiner Staffel weiß, dass du Hopkins nicht leiden kannst und dass er dich ebenfalls nicht ausstehen kann. Jeder, allen voran Lieutenant Cox, wünscht sich dich als Staffelkapitän. Aber jeder sagt auch, dass du keine Anstalten machst, Hopkins einen Tritt zu versetzen.“

„Stimmt. Ich habe Zeit“, erwiderte Steve.

„Die wird knapp, mein Junge. Hopkins beschuldigt dich, einen Befehl missachtet zu haben. Hast du einen Befehl missachtet? Sag mir die Wahrheit!“

„Sam, ich bin Jagdpilot. Als solcher ist es mein Job, mich mit anderen Jagdpiloten zu prügeln. Ich halte nichts davon, Zivilisten anzugreifen, das weißt du, aber mit Jägern lege ich mich gerne an. Ein gewisses sportliches Messen ist durchaus dabei – nur kann es tödlich enden, wie ich weiß. Aber solange ich kämpfen kann, werde ich es tun, so wahr mir Gott helfe. Ich habe keinen Befehl missachtet. Ich habe keinen Befehl gehört. Wie mir die Tommys, die mich abgefangen haben, sagten, habe ich meine Funkantenne verloren. Ich vermute, dass die Funkverbindung zu meiner Staffel unmittelbar nach den Einschlägen in meine Maschine abgerissen ist – buchstäblich abgerissen, wie die Antenne. Genau genommen weiß ich nicht mal, ob Hopkins meine Schadensmeldung überhaupt gehört hat oder ob er annimmt, ich hatte mich ohne zu fragen abgesetzt. Welchen Befehl ich verweigert haben soll, hat man mir bisher jedenfalls nicht gesagt“, erklärte Steve mit hörbarem Ächzen in der Stimme.

Sam sah ihn eine Weile an. Er wusste, dass Steve schon als Junge nur schwer hatte schwindeln können. Meist war es ihm anzusehen gewesen, wenn er die Unwahrheit gesagt hatte – und jetzt sah es in seinem Gesicht nicht nach Lüge aus.

„Ich glaube dir“, sagte Sam. „Sie wollen dir am Zeug flicken. Möchtest du, dass ich deine Verteidigung übernehme?“, bot er dann an.

„Gern. Ich denke, den Captain konnte ich überzeugen, von dem Major würde ich es nicht annehmen“, erwiderte Steve. Sam lächelte.

„Stimmt. Der Captain glaubt dir. Der Major hat ihn deswegen gehörig angepfiffen. Woran hast du’s gemerkt?“

„Wenn die Leute nicht das absolute Pokerface haben, kann ich an ihren Augen sehen, ob sie’s gefressen haben oder nicht. Bei meinen Kadetten hat’s sich jedenfalls so bewährt.“

„Was würdest du aus meinem Blick lesen?“, fragte Sam. Steve lächelte schwach. Sams Miene war undurchdringlich.

„Sam, du bist Geheimdienstler! Wenn du kein Pokerface aufsetzen kannst, wer sollte es dann tun können? Sorry, bei dir sehe ich nichts.“

Bennett grinste und Steve bemerkte das Fallen der Maske. Er konnte sehen, dass Sam Bennett ihm abkaufte, was er aussagte.

„Sam, warum glaubst du mir?“, fragte er dann.

„Weil ich – ebenso wie du – in den Augen eines Menschen lesen kann“, antwortete Sam.

„Sag mal, was hältst du von Colonel Worsley?“, fragte Steve.

„Ich halte ihn für in Ordnung. Nach dem, was ich mitbekomme, ist er in großer Sorge um dich, hält er seine Schäfchen zusammen und gilt als guter Chef. Würdest du das bestätigen?“

„Ich habe ihn immer für einen guten Chef gehalten – und ich weiß, dass er mir die Staffelführung nicht freiwillig weggenommen hat.“

„Du warst schon Staffelkapitän?“, erkundigte sich Sam verwundert.

„Ja, bevor Hopkins es wurde. Ich habe die Staffel aufgebaut und sie geführt, bis drei Durchfaller meines Kadettenjahrgangs Nachhilfe brauchten und ich drei Monate abkommandiert wurde, um die Burschen zu trimmen. Jerry Cox sollte mich vertreten, hatte aber einen Unfall und fiel ebenfalls aus. Arnold hat Worsley praktisch gezwungen, Hopkins als neuen Staffelkapitän einzusetzen. Sein früherer Geschwaderkommodore wollte ihn loswerden, und bei uns war dummerweise der Platz gerade vakant. Dann wurde Hopkins auch noch zum Major befördert – und das war’s dann für mich.“

„Hat Hopkins Angst, dass du an seinem Stuhl sägst?“, erkundigte sich Sam.

„Er mag mich nicht. Insofern wird er sicher gehofft haben, dass ich abgestürzt bin. Aber ich habe ihm gesagt, dass ich ihn als Staffelkapitän akzeptiere“, erwiderte Steve mit gewisser Bitternis in der Stimme.

„Bei manchen löst gerade eine solche ausdrückliche Loyalitätserklärung Misstrauen aus. Ich glaube, Hopkins hat Angst vor dir“, mutmaßte Sam. Er sah auf die Uhr.

„Ich muss jetzt leider los. Mach’s gut, ich wünsche dir noch gute Besserung, mein Junge“, sagte er und stand auf. Sie drückten sich die Hand.

„Ich bin hier in Cornwall, wie man mir gesagt hat, in Magic Merlins Zauberreich. Ich hoffe auf Hilfe durch Merlin und die Fee Morgana. Endlich habe ich mal Gelegenheit, mir Cornwall anzusehen.“

Einstweilen bot sich für Steve aber nur der Ausblick auf die Steilküste, als er wieder aufstehen konnte. Aber jeden Tag, je nach Schicht, sah er eine junge Frau in der Uniform der Women’s Auxiliary Air Force am Lazarett vorbei in Richtung Flugplatz Saint Eval gehen. Es dauerte nicht lange, bis er feststellte, dass es Harriet Collins war, die täglich an ihm vorbeiging.

Drei Wochen später, es war Oktober, wurde Steve aus dem Lazarett entlassen. Doch seine frohe Hoffnung, nun wieder fliegen zu können, erwies sich als trügerisch.

„Fliegen? Das können Sie einstweilen vergessen, Captain Donovan“, erwiderte Dr. Small.

„Und warum, Doc?“

„Hier, sehen Sie sich das mal an!“, sagte Small und klemmte Röntgenbilder vor eine beleuchtete Milchglasscheibe. „Das hier ist Ihre Wirbelsäule, Captain. Und das hier“, er wies auf den fünften Brustwirbel „ist ein angebrochener Brustwirbel. Der Aufschlag aufs Wasser war nicht gesund, Captain. Wenn Sie im Moment nur eine härtere Landung machen müssen – und Jagdpiloten kommen häufig mit angeschlagenen Maschinen zurück – mit halbem Fahrwerk oder zerbeultem Propeller oder so – dann besteht die Gefahr, dass der Wirbel durchbricht. Folge: Dauerhafte Lähmung ab dem fünften Brustwirbel. Glaube nicht, dass das in Ihrem Sinne wäre, oder?“

„Nein, allerdings nicht!“, seufzte Steve.

„Also, fliegen ist nicht“, stellte Small klar. „Aber wenn Sie in den nächsten vier bis acht Wochen mit Flugzeugen zu tun haben wollen, wäre ein Platz in der Flugsicherung das Passende.“

„Fluglotse?“, fragte Steve erschrocken Er glaubte, nicht richtig gehört zu haben.

„Muss ohnehin jeder Pilot mal gemacht haben“, erwiderte der Truppenarzt. „Dafür sind Sie diensttauglich. Fürs Fliegen sind Sie’s nicht.“

Steve hatte schon in Groom Lake im Tower gesessen. Es war ein Pflichteinsatz, den jeder Pilot von Zeit zu Zeit zu machen hatte. Die Gründe dafür waren zahlreich. Ob es darum ging, dem fliegenden Personal die Sicht- und Arbeitsweise eines Fluglotsen nahezubringen; sei es, um einsatzfähige Fluglotsen zu haben, falls der Tower einmal durch Unglück oder Attacke zerstört wurde und die Fluglotsen dabei ums Leben kamen oder für längere Zeit ausfielen; sei es, um eine funktionierende Flugsicherung aufbauen zu können, falls man einen Notflugplatz einrichten musste – in allen Fällen war es praktisch, wenn Piloten gleichzeitig als Fluglotsen eingesetzt werden konnten. Steve liebte diese Tätigkeit nicht. Aber immerhin war er als Fluglotse in der Nähe von Flugzeugen. Andererseits – wenn da Flugzeuge direkt vor seiner Nase standen und er sie nicht fliegen durfte … Scheußlicher Gedanke, da nicht heran zu dürfen! Die Alternative war Stabsarbeit bei Colonel Worsley. Steve schüttelte sich. Ehe er sich in Akten vergraben musste, nahm er lieber in Kauf, seine Lieblinge nur sehen, aber nicht steuern zu dürfen.

Am Tag darauf befand er sich im Tower von Saint Eval, einem eher kleinen Flugplatz an der Westküste Cornwalls. Von hier wurden Angriffe gegen deutsche U-Boote und Überwasserstreitkräfte geflogen, ebenso Attacken gegen die nordfranzösischen Stützpunkte der Deutschen, aber auch gegen Eisenbahnknotenpunkte in Frankreich. Zudem wurden von hier Agenten nach Frankreich geflogen, die die Résistance unterstützten. Der Flugplatz stand unter britischem Kommando, aber es gab auch einige Amerikaner beim Bodenpersonal und bei den Spezialfliegern, die Agenten transportierten. Wing Commander Bossom, Chef der Flugsicherung, führte den amerikanischen Piloten beim Towerpersonal ein.

„Flight Officer Collins?“

Harriet sah von ihrem Radar auf.

„Ja, Sir?“

„Das hier ist Captain Steve Donovan von der US Army Air Force. Er wird einige Zeit bei uns in der Flugsicherung verbringen, bis er wieder flugtauglich ist. Sie werden ihn in die neue Radartechnik einweisen“, erklärte Bossom.

„Ja, Sir“, bestätigte Harriet. Ein Seufzen war kaum zu überhören. „Kommen Sie, Captain. Setzen Sie sich her, damit ich Ihnen die Neuerungen gegenüber der alten Technik zeigen kann“, sagte sie dann. Steve zog sich einen Stuhl heran und nahm bei ihr Platz. Ohne ihn anzusehen, fragte sie ihn leise:

„Wie haben Sie das jetzt gedreht, Captain Donovan?“

Steve entging nicht die Eiseskälte, mit der sie fragte.

„Tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen, Flight Officer. Ich habe nichts gedreht, und um einen Job im Tower habe ich mich auch nicht gerissen. Leider kann ich wegen einer nicht ganz ausgeheilten Verwundung noch nicht fliegen. Ich habe mir einen Wirbel angebrochen, und den muss ich im Sitzen auskurieren. Ich habe auch niemanden gebeten, Sie mir als Lehrerin zuzuweisen. Bis ich hier herauf kam, wusste ich nicht mal, dass Sie hier in der Flugsicherung tätig sind“, erwiderte er ebenso leise.

Der warme Klang seiner Stimme verursachte bei Harriet ungewollt eine angenehme Gänsehaut. Er hatte ihr gefehlt, wie sie sich zögernd eingestand. Diese warme, sanfte Stimme, die sie schweben ließ, die eine ungeheure Sehnsucht auslösen konnte, die ihr schon schlaflose Nächte bereitet hatte, hatte ihr sehr gefehlt. Aber obwohl er während ihrer letzten gemeinsamen Dienstzeit in Maidenfield nie einen Annäherungsversuch gemacht hatte, wollte Harriet ihm noch immer nicht trauen – das heißt: Ihr Verstand wollte ihm nicht vertrauen, ihr Herz redete eine ganz andere Sprache. Und jetzt, als er auch noch fast flüsterte, musste Harriet innerlich die Barrikaden mit Gewalt festhalten, die sie schon seit Maidenfield nur noch mit Mühe hatte halten können. Dabei versuchte er nicht einmal, sie mit Worten für sich einzunehmen. Er warb nicht, er war einfach da, hatte sich so leise in sie hineingeschmuggelt, dass sie es überhaupt nicht bemerkt hatte – bis er vermisst wurde.

Es war ein Schock für Harriet gewesen, dass Steve plötzlich nicht mehr da war. An jenem Tag hatte sie zum ersten Mal an seinen Vornamen gedacht – und seither wollte ihre romantische Seite ihn nicht mehr anders nennen. Aber es gab da noch eine professionelle Seite in ihr, und die stritt vehement gegen eine solche Vertraulichkeit, wohl wissend, dass die romantische Seite jegliche Vernunft vergaß und daher am kurzen Zügel gehalten werden musste. Aber diese romantische Seite zerrte immer stärker an den Fesseln der Vernunft. Und seine sanfte, warme Stimme war für diese Fesseln ein verflixt scharfes Messer. Hätte er sie jetzt auch nur an der Hand berührt, wurde Harriet sich erschrocken klar, wäre es mit ihrer Beherrschung ein für allemal aus gewesen. Harriet sah ihn an und fürchtete, dass die Sehnsucht ihr bereits aus den Augen guckte. Mit aller Gewalt gelang es ihr, ein verräterisches Leuchten ihrer Augen zu unterdrücken und die eisige Ablehnung wieder hineinzuzerren, die sich schon diskret verabschieden wollte.

„Ich glaube, ich könnte mich an den Südpol versetzen lassen. Vor Ihnen hätte ich dennoch keine Ruhe“, sagte sie, genauer: Ihre professionelle Seite sagte das. Ihre romantische Seite wollte etwas ganz anderes, aber noch war die Disziplin stärker.

„Miss Collins, ich renne Ihnen nicht hinterher. Es ist – Sie mögen es glauben oder nicht – wirklich Zufall. Ich bin auch gern bereit, den Kontakt auf die Dienstzeiten zu beschränken. Noch mal: Sie sind kein zu erlegendes Wild für mich, keine Wette und kein Objekt für ein kurzes Abenteuer. Aber Sie sind die Schwester eines Freundes von mir. Und ich wäre glücklich, wenn auch Sie mich zu Ihren Freunden zählten. Wir werden sicher einige Zeit zusammenarbeiten müssen. Da sind Reibereien und Differenzen nicht hilfreich. Bitte, zeigen Sie mir, worauf ich achten muss, damit ich keine Fehler mache.“

Nein, er warb weiterhin nicht um sie. Er versuchte weiterhin nicht, sie zu verführen, nicht mit Worten, nicht mit Gesten. Er behielt einen Abstand, der seinen Respekt ausdrückte, versuchte überhaupt nicht, sie zu berühren. Er blieb nach außen so zurückhaltend, wie er bisher immer gewesen war. Aber in seinen braunen Augen sah Harriet etwas, wovor sie immer noch Angst hatte – sie sah seine romantische Seite. Sie wusste, was ihre romantische Seite wollte, und sie unterstellte, dass seine romantische Seite diese Wünsche nur bis zu einem bestimmten Punkt teilte, sie wollte jedoch mehr. Noch immer konnte und wollte sie nicht glauben, dass sie beide dieselben Ansprüche aneinander stellen würden. Er hatte sie längst erobert, nicht mit Gewalt, nicht mit großspurigen Sprüchen, mit nie getanen Heldentaten; seine Eroberung war ganz sanft gelungen, aber sie wollte es ihn noch nicht wissen lassen.

„Gut“, sagte sie, „fangen wir an …“

Harriet wies Steve in die technischen Neuerungen ein und teilte fortan mit ihm die Schicht. Jetzt hatte sie nicht – wie in Maidenfield – nur ständige Funkverbindung zu ihm, jetzt saß er neben ihr, sie konnten reden. Aber die Disziplin, die professionelle Seite Harriets, konnte undienstliche Äußerungen noch vermeiden, doch der Wunsch nach privateren Themen wurde immer stärker.

Zudem lernte sie den Wert seiner unmittelbaren Nähe noch für andere Probleme zu schätzen. Einige Tage, nachdem Steve nicht mehr nur bei Harriet zuschaute, sondern bereits einen eigenen Luftbereich betreute, hatte das Towerteam einen arg gerupften Bomberverband einzuweisen, der von einem Angriff auf Lorient an der französischen Atlantikküste zurückkehrte. Es waren Amerikaner – und der führende Pilot drückte sich nicht eben gewählt und schon gar nicht dienstlich aus. Harriet prallte erschrocken zurück, als der Bomberpilot sie als Radarluder und Funkmaus titulierte. Steve bemerkte ihren entsetzten Gesichtsausdruck. Er hatte seine Bomber schon versorgt und hatte Zeit.

„Was ist los?“, fragte er besorgt.

„Hören Sie sich das an, Captain!“, erwiderte Harriet und gab ihm ihre Kopfhörer.

„He, Zuckerschnäuzchen, flöte mir mal wo ich meinen Schwanz heute parken soll!“, kam es aus dem Kopfhörer.

„Pilot, identifizieren Sie sich!“, grollte Steve ins Mikrofon. Der Bomberpilot machte eine erschrockene Pause.

„He, Zucker…“

„Pilot! Sie sind im Dienst und Sie werden mit dem Bodenpersonal den dienstlichen Funkverkehr vorschriftsmäßig abwickeln, egal, was Ihnen heute widerfahren ist – und zwar unabhängig von Dienstgrad und Geschlecht! Haben Sie verstanden, Pilot?“, fauchte Steve ihn an. Es war ein Ton, den Harriet noch nie bei ihm gehört hatte – scharf, befehlend, keinen Widerspruch duldend.

„Ja, Sir!“, antwortete der Pilot erschrocken.

„Ihren Namen und Dienstgrad!“

„First-Lieutenant Flint Anderson, Sir!“

„Lieutenant Anderson, Flight Officer Collins übernimmt wieder. Eine Meldung wegen unkorrekten Verhaltens ergeht an General Spaatz!“

Steve nahm den Kopfhörer vom Ohr und reichte ihn Harriet mit seinem gewohnten, freundlichen Lächeln.

„Ich glaube, der ist wieder abgekühlt“, sagte er, ebenso gewohnt sanft. Harriet lachte leise und wies den verdatterten Lieutenant Anderson ein, der sich nun brav an die Funkvorschriften hielt.

Einige Zeit später, als die Bomber auf dem Flugfeld parkten, stürmte ein sichtlich schäumender First-Lieutenant Anderson in die Flugsicherung.

„Wo ist der Affenarsch von Möchtegerneinweiser?“, brüllte Anderson. Steve stand auf, zupfte die Uniformjacke zurecht und drehte sich um.

„First-Lieutenant Anderson, Sie werden eine korrekte Meldung machen oder Sie haben einen Satz heiße Ohren am Kopf!“, fuhr Steve ihn an. Anderson stockte. Vor sich sah er einen Captain der USAAF, der das Abzeichen eines Seniorpiloten trug – die Pilotenschwingen mit einem Stern darüber – und der eine Reihe Auszeichnungen in der Kategorie Distinguished Flying Cross und Purple Heart trug – Orden, die man sich nicht am Schreibtisch erwarb. Anderson hatte nicht erwartet, einen Kampfpiloten im Tower anzutreffen. Er salutierte und knallte die Hacken zusammen.

„First-Lieutenant Flint Anderson zurück von Feindeinsatz gegen Lorient! U-Boot-Bunker bekämpft, aber leider nicht genug bekämpft, Sir!“, meldete er.

„Hat der Frust Sie dazu gebracht, im Funkverkehr allzu vertrauliche Töne anzuschlagen, Lieutenant Anderson?“, fragte Steve streng.

„Ja, Sir! Es tut mir Leid, Sir!“, stieß Anderson hervor und stand stramm wie ein Kadett vor dem Ausbilder.

„Lieutenant Anderson, das hier ist Flight Officer Collins, der gegenüber Sie sich so danebenbenommen haben. Flight Officer Collins ist ein Ihnen vorgesetzter Offizier, da ihr Rang dem eines Captains entspricht. Sie werden sie hier und jetzt in aller Form um Entschuldigung bitten und zusagen, dass derartige Entgleisungen nicht wieder vorkommen werden!“, fuhr Steve den Piloten an, der so erschrocken war, dass er Harriet tatsächlich um Verzeihung bat und Besserung gelobte. Harriet verzieh ihm hoheitsvoll und verzichtete ihrerseits für dieses Mal auf eine Meldung.

Nicht nur Harriet war für Steves Eingreifen dankbar, auch alle anderen weiblichen Mitglieder der Schicht, die er in der folgenden Zeit vor solchen Funkrüpeln schützte. Die junge Frau ließ ganz vorsichtig die Maske der Disziplin herunter, die sie ohnehin nur noch schwer tragen konnte. Steve war ihr sympathisch und langsam durfte er das auch wissen. Es war zwischenzeitlich eine Selbstverständlichkeit, dass sie die Dienstpausen gemeinsam verbrachten, je nach Tageszeit ihrer Schicht zusammen zum Frühstück, Lunch oder Supper gingen.

An diesem Abend im November 1942 kam die Sonne rechtzeitig zum Sonnenuntergang aus den Wolken heraus, hinter denen sie sich den ganzen Tag versteckt hatte. Blutrot versank sie im Meer, verzauberte die eben noch griese grauen Wolken zu knallroten Wattebäuschen. Das sanfte Licht dieses Sonnenuntergangs färbte auch die sonst kalkweiße Wand der Flugplatzkantine orangerot. Steve lehnte sich zurück und war plötzlich sehr weit weg, fand Harriet.

„Was für einen Tag haben wir heute? Den 27. oder?“, fragte er und sah aufs Meer hinaus.

„Ja, warum?“

„Ich hab’ gerade an Hawaii gedacht, wie schön warm es dort jetzt ist. Sonst habe ich um diese Zeit immer meinen Urlaub genommen und bin nach Hawaii geflogen, um mich dort aufzuwärmen. Solche Sonnenuntergänge wie jetzt, die sind dort fast täglich zu bewundern – mit dem Unterschied, dass die Wolken erst am Abend aufkommen und den Himmel eher verzieren, als dass sie außerhalb der Regenzeit Regen bringen. Und man muss dort nicht hinter Glas sitzen. Weihnachten in Badehose ist dort normal. Versuchen Sie das mal hier!“

Harriet sah ihn nur an. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, sprach er nicht über dienstliche Dinge.

„Ist Hawaii schön?“, fragte sie.

„Ja, es war schön.“

„Warum war?“

Er seufzte tief.

„Es war schön bis zum 7. Dezember 1941. Seitdem ist es ein verlorenes Paradies. Ich werde bestimmt nie wieder auf der Terrasse unseres Hauses sitzen können, ohne an diesen verdammten Sonntag zu denken, der mir meinen Bruder und mein Paradies raubte. Ich werde wohl nie vergessen können, wie man aus dem Frieden, in dem man eingeschlafen ist, so ruppig vom Krieg geweckt werden kann, dem man gerade entwischt war“, erwiderte Steve. Als Harriet nichts sagte, sprach er weiter:

„Mein Bruder Sid und ein ehemaliger Kadett von mir sind auf der USS Arizona gefallen. Sie hatten keine Chance, von Anfang an nicht. Ich habe gesehen, wie eine Bombe das Schlachtschiff buchstäblich zerrissen hat – und ich konnte nichts dagegen tun. Das ist bitter, wenn man von Beruf Soldat ist und noch bitterer, wenn man Freunde und Verwandte vor den eigenen Augen verliert.“

Steve blieb weit fort, bei seinem Bruder und seinem früheren Lehrling.

Harriet ließ ihm Zeit.

„Sie haben mir mal gesagt, Ihr Bruder sei ein richtiger Casanova gewesen …“, sagte sie nach einer Weile langsam.

„Ja, er hatte mindestens zwei Freundinnen unabhängig voneinander zur gleichen Zeit, meistens jedenfalls. Aber kurz vor seinem Tod hatte es ihn wohl doch richtig gepackt. Er hatte sich in die Tochter eines Commodore verguckt, und die hat ihn richtig gefesselt. Der Commodore hatte ihm sogar ein Heiratsversprechen abgenötigt. Wäre Sid nicht gefallen, wäre Amelia jetzt meine Schwägerin. Aber ich werde mir wohl nie sicher sein, ob Sid ihr wirklich treu gewesen wäre, oder ob er nicht spätestens drei Wochen nach der Hochzeit schon wieder wie ein liebestoller Rammler durch die Betten von Pearl Harbor gehüpft wäre.“

„… und Sie haben mir gesagt, Sie wären nicht so.“

„Haben Sie mich bei etwas Gegenteiligem erwischt?“, fragte Steve mit einem sanften Lächeln. Neben seinen Mundwinkeln zuckten kleine Grübchen. Dieser Blick, fand Harriet, war wie ein zärtliches Streicheln. Andere Männer – speziell solche in Offiziersuniform der Royal Air Force – hatten schon versucht, sie mit Blicken ausziehen. An Steves Blick war nichts Freches, Frivoles oder richtig Unanständiges; es war genau der Blick, den sie sich von einem Mann wünschte. Und dann noch diese warmen, nussbraunen Augen … Harriet bekam weiche Knie und war froh, dass sie saß.

„Nein“, sagte sie, „eben nicht. Unsere Schicht besteht aus mehr Frauen als Männern. Sie versuchen nicht einmal, mit einer der vielen Frauen anzubandeln. Ich gebe zu, dass ich mich in Ihnen getäuscht habe. Es tut mir Leid.“

„Was tut Ihnen Leid?“, fragte er. Es war wieder dieser sanfte, warme Ton, der eine angenehme Gänsehaut bei ihr auslöste.

„Dass ich so kratzbürstig war, das tut mir Leid.“

Steves Lächeln wurde breiter.

„Wären Sie es nicht, hätten Sie bestimmt schon böse Erfahrungen gemacht, Miss Collins. Es ist für mich der buchstäblich schlagende Beweis, dass Sie sich nicht jedem an den Hals schmeißen, nur weil er ein flotte Uniform trägt.“

„Sie sind ein Freund meines Bruders und … Sie haben mich … vor einiger Zeit darum gebeten, mich beim … Vornamen … nennen zu dürfen. Wollen Sie das noch immer, oder habe ich es mir ganz mit Ihnen verdorben?“

„Nein, das haben Sie nicht. Ich wollte Ihnen Zeit lassen. Ich heiße übrigens Steve“, lächelte er.

„Harriet“, erwiderte sie und lächelte ihn an.

Jetzt war es Steve, dem es bei diesem Lächeln heiß und kalt wurde. Dieses Lächeln forderte einen Kuss geradezu heraus, aber er wollte nicht, dass sie die vorsichtige Öffnung sofort wieder zuschlug, wenn er sie jetzt einfach küsste und beherrschte sich mühsam. Sie bot ihm fast mehr an, als er je erwartet hatte. Er war sich aber nicht sicher, ob sie wirklich wollte, was ihr Lächeln ihm zu versprechen schien.

Sie bemerkte, dass sie ihr Inneres schon fast sperrangelweit geöffnet hatte, dass er – hätte er sie jetzt auch nur berührt – alles, wirklich alles, hätte von ihr haben können. Er tat es nicht, sondern blieb so zurückhaltend wie bisher. Sie war ihm dafür einerseits dankbar, andererseits war sie ein wenig enttäuscht, dass er nicht bemerkte, wie weit sie ihm entgegenkam.

„Harriet“, sagte er leise, „du willst das nicht wirklich. Und ich will nicht, dass du etwas bereust.“

„Kannst du Gedanken lesen?“, fragte sie erschrocken, dass er ihre Gefühle offenbar sehr genau bemerkt hatte.

„Nein, aber in den Augen. Und darin stand mehr, als ich je von dir erwartet hätte – nun, im Dienst jedenfalls“, setzte er mit einem schelmischen Grinsen hinzu. „Ich werde die Tür aber nicht einrennen, die du gerade einen sehr großen Spalt weit aufgemacht hast. Vielleicht ist es besser, wenn wir uns auch privat erst etwas besser kennen.“

„Ich glaube, du wärst der Mann, dem meine Mutter mich anvertrauen würde.“

„Fragt sich nur, was dein Vater dazu sagt. Denn der war von mir ja wohl nicht begeistert“, erinnerte er.

„Was deine Eltern wohl zu mir sagen?“, fragte sie mit einem spitzbübischen Lächeln, das er ihr gar nicht zugetraut hatte.

„Die können sich nicht mehr aufregen. Mein Vater ist vor acht Jahren verstorben und meine Mutter vor drei Jahren“, erwiderte er leise.

„Und dein Bruder ist gefallen? Oh, Gott, Steve!“, entfuhr es ihr.

„Nun, ich habe noch zwei jüngere Brüder – aber die sind buchstäblich am anderen Ende der Welt. Sie sind bei den Marines und kämpfen im Pazifik gegen die Japaner. Am liebsten wäre ich auch dort geblieben, um den Schlitzaugen Pearl Harbor heimzuzahlen. Aber ich sollte nach Europa …“

„Ist das schlimm für dich?“

„Schlimm wegen eures chronischen Mistwetters. Hier ist es einfach kalt und nass, die meisten Menschen wirken auch so kalt und abweisend wie der Himmel hier.“

„Alle?“

Er lächelte.

„Nein, von alle war auch nicht die Rede. Aber bisher waren es – lass mich mal nachdenken – dein Bruder Daniel und … Nein, mehr fallen mir nicht ein, die nicht britisch unterkühlt waren. Nun, bis heute jedenfalls. Jetzt darf ich noch dich dazurechnen.“

„Ich glaube, wir Briten haben bei dir keinen guten Eindruck hinterlassen.“

„Zwei schon, und das scheinen mir die richtigen zu sein“, sagte er leise.

Hätte es in diesem Moment nicht zum Pausenende geläutet, wären sie wohl in spätestens fünf Minuten auf Tuchfühlung gewesen, dachten sowohl Harriet als auch Steve, als die Klingel die romantische Stimmung rüde unterbrach. Und an das, was dann nach Dienstende passiert wäre oder hätte passieren können, wagten sie beide nicht zu denken …

Steve begann, sich in Saint Eval wohl zu fühlen. Seine Rückenprobleme wurden täglich besser – nicht nur wegen der von Dr. Small verordneten Krankengymnastik, sondern auch, weil er außerhalb des Dienstes häufig lange Spaziergänge an der Steilküste machte. Meistens war er in Begleitung von Harriet Collins. Zwar erlaubten sie sich in der Nähe des Flugplatzes keine Vertraulichkeiten, die darauf schließen ließen, dass zwischen ihnen mehr war als reine Kameradschaft – aber die Kollegen der Schicht waren überzeugt, dass es mehr als nur Freundschaft war. Doch so sehr die Fantasie der Kollegen auch blühte, keiner hätte angenommen, dass Steve und Harriet ernsthaft ein Verhältnis hatten und die Spaziergänge zu entsprechendem Tun nutzten. Dazu war das englische Herbstwetter war zu kalt, nass und stürmisch. Es bot keine Gelegenheit zu körperlicher Begegnung außerhalb eines gut geheizten Hauses, wie es unter der warmen Sonne Hawaiis an so manchem verschwiegenen Strand möglich gewesen wäre und wie Sid es stets ausgenutzt hatte. Doch wenn es mehr war als Kameradschaft, so verstanden sie es beide, darüber zu schweigen.

Die Tatsache, dass seine Rückenschmerzen nachließen, förderte bei Steve die Flugleidenschaft wieder zu Tage. Er konnte einfach nicht mehr an den vor seiner Nase geparkten Flugzeugen vorbeigehen.

Als ein Hilferuf eines abgestürzten englischen Fliegers den Tower Saint Eval erreichte, hielt Steve nichts mehr auf seinem Radarplatz. Innerhalb weniger Minuten hatte er eine Mannschaft zusammengetrommelt und startete mit einem Flugboot des Typs Consolidated PBY Catalina, um dem Notruf zu folgen. Mit Steves erstem freiwilligem Rettungseinsatz hatte der Flugplatz Saint Eval eine neue Aufgabe: Die Rettung notgewasserter Flieger.

 

 

Kapitel 16

Schatten der Vergangenheit

 

 

Drei Tage später klingelte morgens um kurz nach acht das Telefon im Tower. Harriet, die sich schon wunderte, wo der stets pünktliche und zuverlässige Steve blieb, nahm ab.

„Tower Saint Eval, Flight Officer Collins“, meldete sie sich.

„Guten Morgen, Harriet, ich bin’s, Steve. Ich kann heute Morgen nicht kommen, weil ich eben Besuch von der MP bekommen habe und die Jungs nach Maidenfield begleiten muss. Leider konnte ich Ashcroft nicht erreichen. Vielleicht kann er meine Schicht heute übernehmen.“

„Ja, ich rufe ihn gleich noch mal an. Aber was, zum Teufel, will die Militärpolizei von dir?“

„Oh, nur ein kleines Verfahren wegen Befehlsverweigerung“, erwiderte er.

„Wegen Be…? Steve!“, entfuhr es ihr.

„Mach’ dir keine Gedanken, Harriet. Ich gehe davon aus, dass das im Sande verlaufen wird.“

„Hoffentlich. Viel Glück.“

„Danke. Ich melde mich.“

Harriet war in größerer Sorge, als sie sich eingestehen wollte. Ein Verfahren vor dem Kriegsgericht – das war schon mehr als unangenehm. Es barg nicht zu unterschätzende Gefahren.

Die Militärpolizisten brachten Steve nach Maidenfield, wo das Militärgericht auf dem Stützpunkt zusammengetreten war. Colonel Sean O’Nollan führte als Einzelrichter die Verhandlung und eröffnete sie mit der Feststellung der Personalien des Angeklagten:

„Sie sind Captain Steven Christopher Donovan, geboren am 13. Januar 1912 in Phoenix/Arizona?“

„Ja, Euer Ehren“, bestätigte Steve.

„Sie sind gegenwärtig Angehöriger der 8th USAAF, 633rd Fighter Squadron Blue Eagles?“

„Ja, Euer Ehren; ich bin zurzeit jedoch noch wegen einer noch nicht ganz ausgeheilten Verwundung zum Flugsicherungsdienst auf dem Flugplatz Saint Eval/Cornwall abkommandiert.“

„Bei Wing Commander Bossom?“

„Ja, Euer Ehren. Ich konnte meine Schichtleitung gerade noch in Kenntnis setzen, dass ich heute nicht zu meinem planmäßigen Dienst erscheinen kann.“

„Haben Sie einen Verteidiger?“, fragte der Richter.

„Colonel Samuel Bennett von der Military Intelligence sollte und wollte mich verteidigen. Aber da mir weder ein Gerichtstermin mitgeteilt noch eine Anklageschrift zugestellt wurde, konnte ich ihn über den heutigen Termin nicht informieren“, erwiderte Steve.

„Die Anklageschrift wurde fristgerecht vor sechs Wochen hier in Maidenfield zugestellt, Euer Ehren“, erklärte der Staatsanwalt, Major Strittmatter.

„Euer Ehren, ich ersuche Sie, die Verhandlung zu vertagen, damit ich die Anklageschrift von meiner Einheit holen kann und meinen Verteidiger instruieren kann“, bat Donovan. Der Richter sah ihn verblüfft an.

„Wie? Sie waren in den letzten sechs Wochen nicht bei Ihrer Einheit oder auf dem Stützpunkt?“

„Euer Ehren, ich bin seit meiner Verwundung nicht mehr hier gewesen. Man hat mich, nachdem ich aus der Nordsee geborgen wurde, gleich in das beim Flugplatz Saint Eval befindliche Lazarett gebracht, wo ich behandelt wurde. Vom Lazarett bin ich direkt auf den Flugplatz zur Flugsicherung abkommandiert worden und habe Saint Eval deshalb seit meiner Einlieferung in das dortige Lazarett nicht mehr verlassen. Dem Herrn Staatsanwalt ist das aber bekannt, denn er und Captain O’Connor haben mich zur Anhörung im Lazarett von Saint Eval aufgesucht. Das Rote Kreuz hat meinen Aufenthalt in Saint Eval an meinen Geschwaderkommodore Colonel Worsley hier in Maidenfield gemeldet. Colonel Worsley hat mich noch vor vier Wochen besucht, aber er erwähnte mit keinem Wort, dass eine Anklageschrift für mich zugestellt wurde – und er hat mir meine Post mitgebracht. Es war nichts darunter, was eine Anklageschrift sein könnte“, erwiderte Steve.

„Major Strittmatter, Sie haben doch bestimmt eine Kopie der Zustellungsurkunde?“, erkundigte sich der Richter.

„Ja, Euer Ehren.“

„Die hätte ich gern mal gesehen“, forderte O’Nollan und winkte mit der rechten Hand.

Strittmatter suchte in seinen Unterlagen, fand die Zustellungsurkunde und reichte sie dem Richter.

„Wer hat das unterschrieben?“, fragte er.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen, Euer Ehren“, bekannte Strittmatter.

Der Richter hielt sie Steve vor.

„Kennen Sie die Unterschrift?“

„Ja, Euer Ehren, das ist die Unterschrift meines Staffelkapitäns, Major Hopkins.“

„Major Hopkins“, brummte der Richter. „Major Strittmatter, ist der hier Unterzeichnende identisch mit dem Anzeigenden oder ist das eine Namensgleichheit?“

„Das ist der Anzeigende, Euer Ehren“, erklärte der Staatsanwalt. Der Richter seufzte.

„Major Strittmatter, es mag sein, dass die deutsche Gestapo, bei der Sie vor Ihrer Immigration in die USA gelernt haben, einem Angeklagten die Chance zur Verteidigung nehmen wird. Wir sind hier in England, als Amerikaner wenden wir amerikanisches Recht an, das sich vom englischen nicht so gravierend unterscheidet. Und danach muss der Angeklagte Gelegenheit bekommen, sich gegen die erhobenen Vorwürfe zu wehren, gegebenenfalls Zeugen für seine Angaben zu präsentieren und sie laden zu lassen und so weiter und so weiter … Die Anklageschrift ausgerechnet dem Anzeigenden zuzustellen und damit den Zugang beim Angeklagten zu unterstellen, ist wohl kaum der geeignete Weg, die Rechte des Angeklagten zu wahren!“, fuhr O’Nollan den Staatsanwalt an. „Das Verfahren wird ausgesetzt. Wann können Sie die Anklageschrift bei Ihrer Einheit abholen?“, wandte sich der Richter an Steve.

„Meine Einheit ist hier in Maidenfield. Ich werde mir die Gerichtspost jetzt gleich dort abholen, Euer Ehren. Für den Fall, dass das Schriftstück dort nicht vorliegen sollte, werde ich mich bei Ihnen melden, Euer Ehren.“

„Dann wird der Fall für heute in vier Wochen wieder angesetzt. Das entspricht den üblichen Gerichtsfristen. Die Verhandlung ist geschlossen“, entschied der Richter.

Donovan lief eilig hinüber zu den Baracken, die von den Blue Eagles belegt waren und suchte Hopkins’ Büro auf.

„Tag, Sir“, grüßte er unvorschriftsmäßig und mit einem sehr nachlässigen Gruß. Hopkins sah auf.

„Hallo, Donovan!“, antwortete Hopkins und überging die unkorrekte Meldung. „Wieder flugtauglich?“, fragte er dann.

„Nein, Sir. Leider noch nicht“, erwiderte Steve. „Ich bin noch im Tower von Saint Eval als Fluglotse eingesetzt. Aber Sie haben etwas für mich in Verwahrung genommen – und das hätte ich gerne, Sir.“

„Was soll ich für Sie verwahren?“, erkundigte sich Hopkins, ahnungslos tuend.

„Einen Brief vom Provost Department, Sir. Zugestellt vor sechs Wochen. Sie haben die Empfangsbestätigung unterschrieben, Sir.“

„Ich habe nichts“, behauptete Hopkins.

„So? Ich komme eben vom Hauptverwaltungsgebäude von Maidenfield, Sir, wohin mich heute Morgen zwei Militärpolizisten verfrachtet haben. Dort drüben war ein Kriegsgericht zusammengetreten, das über meine angebliche Befehlsverweigerung befinden sollte. Die Anklageschrift habe ich nie bekommen. Aber es gibt eine Zustellungsurkunde, dass sie hierher zugestellt wurde – und Sie haben diese Zustellungsurkunde unterschrieben, Sir. Ich habe Ihre Unterschrift erkannt, als mir der Richter diese Urkunde vor die Nase hielt!“, fauchte Steve.

„Es reicht jetzt, Captain Donovan!“, fuhr Hopkins ihn an.

„Ja, es reicht! Es reicht wirklich, Sir!“, donnerte Steve ungerührt zurück. „Nicht nur, dass Sie mir etwas vorwerfen, was ich nicht getan habe; Sie nehmen mir durch die Unterdrückung des an mich gerichteten Schreibens auch die Möglichkeit, mich gegen die unwahre Anschuldigung zu wehren!“, rief Steve erbittert.

„Diese Ungeheuerlichkeit nehmen Sie zurück!“, schrie Hopkins wütend.

„Nicht einen Inch, Sir!“, brüllte Donovan zornig. „Ich habe Ihre Unterschrift erkannt – und ich will, verdammt noch mal, Gerechtigkeit!“

Die lautstarke Auseinandersetzung war in den dünnwandigen Baracken von Maidenfield nicht zu überhören. Es dauerte keine halbe Minute, bis sämtliche Piloten der Freiwache um Hopkins’ Bürobaracke standen und Colonel Worsley hereinstürmte.

„Was ist hier los?“, donnerte er. „Hopkins?“

„Captain Donovan platzt hier herein und behauptet, ich würde ihm eine Anklageschrift des Kriegsgerichtes vorenthalten. Blödsinn!“, knurrte Hopkins.

„Donovan?“

„Major Hopkins hat mich nach meinem letzten Einsatz beim Provost Department wegen angeblicher Befehlsverweigerung angezeigt. Deshalb haben mich zwei Militärstaatsanwälte in Saint Eval noch im Lazarett besucht. Eine Anklageschrift ist mir aber zu meinem jetzigen Dienstort in Saint Eval nie zugestellt worden. Ich habe schon geglaubt, der Vorwurf hätte sich von alleine geklärt. Und heute Morgen lässt mich das Provost Department mit der Militärpolizei herbringen. In der Verhandlung erfahre ich so nebenbei, dass die Anklageschrift hierher nach Maidenfield zugestellt wurde – bei meinem Staffelchef, der die Empfangsbestätigung unterschrieben hat. Richter O’Nollan hat mir die Urkunde gezeigt. Es war eindeutig die Unterschrift von Major Hopkins!“, erklärte Steve, sichtlich zornig. Worsley drehte sich zu Hopkins um.

„Hopkins, was haben Sie dazu zu sagen?“

„Lüge!“, erwiderte der eiskalt. Steves Wut war so groß, dass er über den Tisch gesprungen wäre, um Hopkins an die Gurgel zu gehen, hätten nicht Jerry Cox und Jack Halmer beherzt zugegriffen und ihn festgehalten.

„Major Hopkins, soll ich den Richter samt der Zustellungsurkunde herkommen lassen, um die Unterschrift selbst zu überprüfen? Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, was ich mit Ihnen machen muss, falls das, was Captain Donovan sagt, zutreffend ist, oder?“, drohte der Colonel.

Hopkins wurde blass, sagte aber kein Wort.

„Major, wenn Sie den Brief an Captain Donovan jetzt sofort herausgeben, verzichte ich noch auf disziplinarische Maßnahmen. Wenn Sie sich weigern und ich mich erst bei Gericht überzeugen muss, dass Captain Donovan die Wahrheit sagt, dann werde ich Sie beim Provost Department anzeigen. Sie können sich vorstellen, dass ich Sie dann auch kaum in der Führung der Staffel belassen werde!“

Hopkins schluckte schwer. Er wusste, was er dem Boten vom Provost Department unterschrieben hatte. Jeder in der Staffel kannte seine Unterschrift – und Colonel Worsley war sie ebenfalls bestens bekannt. Er griff in die Schublade und holte die geöffnete Post vom Kriegsgericht für Steve Donovan heraus. Zögernd übergab er den Brief Donovan.

„Ich glaube, ich sehe nicht richtig, Sir“, entfuhr es Steve. „Nicht nur, dass Sie ungeniert die Unwahrheit sagen und Urkunden unterdrücken wollen, Sie missachten auch das Postgeheimnis“, setzte er kopfschüttelnd hinzu.

„Ja, jetzt fühlen Sie sich stark, Donovan! Sie greifen mich an, weil Sie sich Deckung vom Colonel erwarten!“, schrie Hopkins. Worsley schlug donnernd mit der Faust auf den Tisch.

„Das ist auch das Mindeste, was Captain Donovan von mir in diesem Fall erwarten kann, Major Hopkins!“, fuhr er den Major an. „Ich bin schlicht entsetzt, um es noch milde auszudrücken! Und ich bedaure, dass ich einen Verzicht auf disziplinarische Maßnahmen versprochen habe, wenn Sie die unterdrückten Unterlagen herausgeben, aber ich halte mich an meine Zusagen. Doch ich rate Ihnen dringend, so etwas nie wieder auch nur zu versuchen! Wie kommen Sie überhaupt dazu, so etwas ohne Einhaltung des Dienstweges zu veranstalten? Das nächste Mal kostet Sie so ein schlechter Scherz Ihren Dienstgrad, klar?“

„Ja, Sir!“, keuchte der erschrockene Hopkins.

„Gut“, erwiderte Worsley, wieder ruhig. „Captain Donovan, ich hätte gern noch mit Ihnen gesprochen.

„Ja, Sir!“, bestätigte Steve, nahm seine Unterlagen, nicht ohne sie auf Vollständigkeit zu kontrollieren, und folgte Colonel Worsley in dessen Baracke.

„Nehmen Sie Platz, Captain“, bot er an.

„Danke, Sir“, erwiderte Steve und setzte sich. „Was habe ich ausgefressen?“, fragte er dann.

„Was ist zwischen Ihnen und Hopkins los?“

„Sir, Sie wissen, dass wir beide miteinander nicht klarkommen. Ich habe versucht, das zu ignorieren, aber nachdem Hopkins mir derart ein Bein stellen wollte, bin ich wütend geworden.“

„Warum weiß ich nichts von einer Anklage, die gegen Sie erhoben wurde?“, fragte Worsley.

„Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, Sir. Bis heute im Gerichtstermin musste ich eigentlich davon ausgehen, dass ich Ihnen die Anzeige zu verdanken habe, weil solche Anzeigen die Aufgabe des Einheitsführers wären. Da Sie mich aber bei Ihrem Besuch nicht darauf angesprochen haben, bin ich davon ausgegangen, dass die Sache bereits erledigt wäre. Ich habe erst in der Verhandlung erfahren, dass Hopkins selbst die Anzeige gemacht hat. Warum er Sie nicht in Kenntnis gesetzt hat, weiß ich nicht“, erwiderte Steve.

„Was wirft er Ihnen vor?“

„Ich weiß es selbst noch nicht genau, Sir. Bisher weiß ich nur, dass es um Befehlsverweigerung geht. Welchen Befehl ich verweigert haben soll, müsste sich aus der Anklage ergeben. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ich jemals einen Befehl von Major Hopkins bewusst und gewollt nicht ausgeführt habe.“

„Haben Sie einen Verteidiger?“

„Ja, Sir. Colonel Bennett von der Military Intelligence.“

„Kennen Sie ihn näher?“

„Ja, Sir. Er ist ein Freund meines verstorbenen Vaters, eigentlich ein Freund der Familie.“

„Gut. Wie lange werden Sie noch ausfallen?“

„Wenn mit dem Kriegsgericht alles glatt geht, noch etwa sechs Wochen, Sir. Der angebrochene Wirbel ist recht hartnäckig.“

„Auch, wenn es Ihnen noch so schwer fällt: Sie lassen brav die Finger von den Flugzeugen, die in Saint Eval stehen, Captain! Ich brauche Sie als gesunden Piloten!“, mahnte Worsley.

„Ja, Sir“, bestätigte Steve, wenn auch mit einem leisen Seufzen.

Sam Bennett war gerade in Maidenfield und so konnte Steve ihn gleich über die Anklage in Kenntnis setzen, nachdem er sie selbst durchgelesen hatte. Tatsächlich warf die Anklage Donovan vor, Hopkins’ Befehl zum Durchhalten missachtet zu haben. Das war jedoch nur der eine Vorwurf. Der zweite war gravierender und lautete auf Feigheit vor dem Feind.

Gegen diese Anklagen gab es für Steve und Sam eine mehrgleisige Verteidigungsstrategie. Zum einen gab es die Zeugen Leppard und Pritchard, die bestätigen konnten, dass Donovans Funkantenne abgerissen war und er deshalb keine Funkverbindung gehabt hatte. Dann war da seine Orientierungslosigkeit, die ebenfalls von Pritchard und Leppard bestätigt werden konnte. Jerry Cox konnte bezeugen, dass Steve sehr wohl einer deutschen Maschine hatte ausweichen müssen und eine sehr steile Kurve hatte fliegen müssen. Zum anderen war es der Befehl selbst, der in Kenntnis der Verwundung und der Beschädigungen an der Maschine nie hätte gegeben werden dürfen. Damit sollte es nach Steves und Sams Ansicht möglich sein, einen Freispruch zu bekommen.

Die folgenden vier Wochen bis zum zweiten Prozesstermin verliefen für Steve ruhig, sah man von diversen Rettungseinsätzen ab, die der junge Pilot trotz der noch immer nicht ganz verheilten Wirbelsäulenverletzung flog.

Colonel Worsley kannte Steve Donovan gut genug, dass er ihm die Flüge an der Nasenspitze ansah, als er als Zuschauer zum Prozess kam.

„Sie können auch nicht gehorchen, was?“, fragte er, als Steve die Flüge auch zugab.

„Fliegen ist für mich Lebensinhalt, Sir. Außerdem muss ich doch testen, ob ich wieder einsatzfähig bin. Und dann bin ich im Moment auch noch der Einzige in Saint Eval, der die Catalina fliegen kann. Immerhin konnten wir neun amerikanische und siebzehn britische Piloten und Besatzungsmitglieder mit den Einsätzen retten. Ich denke, das war ein kleines Restrisiko wert“, erwiderte Steve.

„Sie wissen, dass ich es nicht schätze, wenn Sie gegen meine ausdrücklichen Anweisungen handeln“, entgegnete Worsley. „Eigentlich müsste ich Ihnen die Ohren langziehen und die heutige Anklage gleich korrigieren lassen; aber wenn Sie auf diese Weise Leben gerettet haben, sich Ihr Zustand dabei nicht verschlechtert hat, fällt es mir schwer, Ihnen überhaupt böse zu sein“, setzte der Colonel hinzu. „Und jetzt will ich wissen, wie der Richter in Ihrem Fall entscheidet.“

Der Richter eröffnete um neun Uhr die Verhandlung mit der Feststellung, dass die Zeugen ordnungsgemäß geladen und erschienen waren. Die Zeugen wurden hinausgeschickt, Major Strittmatter verlas die Anklage, in der er Donovan vorwarf, den Befehl zum Weiterkämpfen missachtet und sich feige davongestohlen zu haben. Colonel Bennett erwiderte als Verteidiger, man werde beweisen, dass die Vorwürfe der Anklage haltlos seien. In der ersten Verhandlungsrunde am Vormittag wurden Major Hopkins und Steve selbst zu den Vorwürfen vernommen. Dann war es Mittag und der Richter ordnete eine Verhandlungspause an, damit alle Beteiligten ihren Lunch einnehmen konnten.

In der Verhandlungspause sorgten Ordonnanzen des Gerichtes dafür, dass weder Anklage noch Verteidigung mit den Zeugen sprechen konnten. Dafür hatten andere Prozessbesucher Zugang zu beiden Parteien.

„Hallo, Steve!“, hörte Donovan einen Gruß. Er drehte sich um. Hinter ihm stand Daniel Collins.

„Hallo, Danny! Dich hatte ich nicht erwartet“, begrüßte er ihn. „Sam, das ist Flying Officer Daniel Collins. Wir waren zusammen bei der Eagle Squadron. Jetzt fliegt Danny Bomber bei der Royal Air Force“, stellte er Daniel vor. „Daniel, das ist Colonel Sam Bennett von der Military Intelligence. Er ist nicht nur mein Verteidiger, sondern auch ein Freund meiner Familie.“

Daniel und Sam nickten sich zu, Danny salutierte vor dem ranghöheren Bennett.

„Wie kommst du hierher?“, fragte Steve dann, als Dan sich mit seinem Tablett neben ihn setzte.

„Ich habe durch den Aushang erfahren, dass dir jemand am Zeug flicken will. Ich habe Wing Commander McMonahan gebeten, mir für den Prozesstag freizugeben. Er hat es getan und so bin ich hier“, antwortete er. „Der Staatsanwalt wollte dir ein Bein stellen. Schön, dass es ihm nicht gelungen ist“, sagte er dann. „Wie machst du es eigentlich, so ruhig dazusitzen, während dir einer das Fell über die Ohren ziehen will?“, erkundigte Danny sich.

„Alles nur äußerlich“, seufzte Steve. „Ich hatte ganz schön Muffensausen, dass ich mich verheddere. Ist zum Glück gut gegangen.“

„Hast du Harriet schon gesehen?“, fragte Daniel. „Sie wollte eigentlich auch kommen.“

„Nein, aber ich habe dich auch bis jetzt nicht gesehen“, grinste Steve.

„Wer ist Harriet?“, fragte Sam kauend. Dass Steve eine Frau beim Vornamen nannte, kannte er nicht von ihm.

„Daniels Schwester. Sie ist Flight Officer bei der Women’s Auxiliary Air Force und arbeitet mit mir zusammen im Tower von Saint Eval“, erklärte Steve.

„Kollegin oder ein bisschen mehr?“, hakte Sam nach.

„Nun, wir sagen du zueinander“, antwortete Steve geheimnisvoll. „Das ist bei Miss Collins ein Riesenfortschritt.“

Wenn zwischen ihm und Harriet mehr war als reine Kameradschaft, so schwieg Steve hierüber diskret. Er beobachtete Sam und Danny. Beide ließen es bei der Erklärung bewenden und fragten nicht weiter nach.

Eine Gerichtsordonnanz verkündete die Fortsetzung des Prozesses. Daniel kehrte in den Zuschauerraum zurück, Steve nahm wieder auf der Anklagebank Platz.

„Achtung!“, rief eine andere Ordonnanz Prozessbeteiligte und Zuschauer zur Aufmerksamkeit. „Seine Ehren, Richter Colonel Sean O’Nollan!“, verkündete er dann. O’Nollan nahm am Richterpult wieder Platz und eröffnete die zweite Verhandlungsrunde, in der Dr. Small und die Piloten Cox, Pritchard und Leppard als Zeugen vernommen wurden. Die Aussagen der Zeugen waren eindeutig: Steve war während des Luftkampfes schwer verwundet worden, womit er kampfunfähig gewesen war, er hatte irgendwie die Funkantenne verloren und hatte den Befehl zum Durchhalten gar nicht mehr empfangen. Cox konnte auch das erforderliche Ausweichmanöver bestätigen, das Steve zu einer fast 75 Grad steilen Kurve genötigt hatte. Der Arzt konnte bescheinigen, dass er dadurch mindestens kurzzeitig das Bewusstsein verloren hatte; Pritchard und Leppard sagten aus, dass wegen Wolkenschichten, die bis in eine Höhe von 30.000 Fuß reichten, eine Orientierung ohne Kompass nicht möglich gewesen war.

Zwar hielt der Ankläger allein Major Hopkins für glaubwürdig, zweifelte an, dass Donovan bereits im Luftkampf verwundet worden war, bezeichnete die Aussagen von Pritchard und Leppard als mehr oder weniger überflüssig und verlangte einen Schuldspruch.

Bennett plädierte dagegen auf Freispruch, weil die für Steve aussagenden Zeugen überzeugend und glaubwürdig gewesen waren – im Gegensatz zu Major Hopkins, der für die Anzeige nicht einmal den erforderlichen Dienstweg eingehalten hatte. Nach Bennetts Meinung hatte er dies unterlassen, weil er genau gewusst hatte, dass seine Anzeige dann nie das Provost Department erreicht hätte, denn alle anderen Staffelmitglieder hätten Steves Aussage unterstützt.

Der Richter war von den Zeugenaussagen ebenso wie von Bennetts Vortrag überzeugt und sprach Donovan in beiden Anklagepunkten wegen erwiesener Unschuld frei.

So von den harten Vorwürfen befreit, kehrte Steve nach Saint Eval zurück. Wing Commander Bossom hielt Donovan inzwischen für schier unentbehrlich – nicht nur als Fluglotsen, sondern auch als Rettungsflieger. Noch nie waren Rettungseinsätze mit dem Flugboot so erfolgreich gewesen wie seit dem Zeitpunkt, seit dem Steve Donovan seinen Dienst im Tower von Saint Eval angetreten hatte. Wing Commander Bossom schlug Steve deshalb für die britische Lebensrettungsmedaille vor, die der stolze Flughafenchef seinem Fluglotsen praktisch als Weihnachtsgeschenk überreichte. Niemandem in der Flugsicherung entging, dass Harriet Collins dem amerikanischen Kollegen besonders herzlich gratulierte. Auch für Steve war es eine echte Überraschung, dass Harriet ihm nicht nur – wie alle anderen – die Hand reichte, sondern ihn umarmte. Er konnte einfach nicht anders, als ihre Umarmung ebenso herzlich zu erwidern – eine Tatsache, die den Gerüchten unter den Kollegen, Harriet und Steve hätten etwas miteinander, wieder neue Nahrung gab.

Kapitel 17

Rettungseinsatz

Das neue Jahr hatte gerade begonnen, als wieder einmal scharfer Wind Regenschwaden um die Südwestecke Englands trieb.

„Englisches Scheißwetter!“, fluchte Steve laut, als er sich gegen Wind und Regen kämpfend in den Tower von Saint Eval gearbeitet hatte.

„Bestes englisches Winterwetter!“, kicherte Harriet neckend. „Besonders schön, um einen erfrischenden Spaziergang an den Klippen zu machen. Bei so einem Wetter können einem sogar die Fee Morgana und der Zauberer Merlin dort begegnen.“

„Dann wünsche ich dir viel Vergnügen, Harriet; bestell’ den Beiden schöne Grüße, aber gib Acht, dass dich Davy Jones nicht gleich mitgehen lässt. Und vergiss nicht, Schwimmweste und Funkgerät mitzunehmen, damit ich dich nachher in der Keltischen See auch wiederfinde!“, grinste Steve zurück, als er seine nasse Mütze ausschlug.

Harriet sah sich um. Ihre Kolleginnen Maggie McFarlane und Betty Glover waren in der Teeküche des Towers beschäftigt. Nachts um halb drei war an der Westküste Englands praktisch nichts in der Luft, was einer Einweisung oder Kontrolle bedurft hätte. Sie trat näher zu Steve.

„Das würdest du tun?“, fragte sie leise und sah in ein charmantes Lächeln. Seine Nähe war ihr so selbstverständlich geworden, ebenso der Umstand, dass sie gemeinsam zu den Baracken gingen und sich vor Dienstbeginn meist an einer bestimmten Ecke trafen, von der aus sie zusammen zum Dienst gingen. Wenn sie ihn ansah, hatte sie immer mehr Schmetterlinge im Bauch. Dieses sanfte, charmante Lächeln, das seine Mundwinkel immer ein bisschen zucken ließ, ließ sie immer häufiger wünschen, mit ihm einmal ganz allein zu sein – wirklich allein, ohne die Möglichkeit, dass Kollegen sie stören konnten. Sie war sicher, es würde dann nicht einmal bei einem Kuss bleiben.

„Sogar viel mehr als das“, erwiderte er ebenso leise. Sein Lächeln wurde breiter. „Aber das könntest du wieder falsch verstehen, fürchte ich“, setzte er hinzu, stark versucht, sie zu umarmen, sie an sich zu drücken und ihr zu sagen, was er wirklich empfand. Aber solange auch nur eine geringe Chance bestand, dass Kollegen sie überraschten, wollte er sich zurückhalten.

Sie wollte ihm diese Entscheidung gerade abnehmen, als sie sah, dass die rote Lampe des Funkempfängers blinkte. Seufzend schaltete sie das Funkgerät ein – ausgerechnet jetzt …

„Tower Saint Eval, Flight Officer Collins. Wer spricht?“

„Hier Wing Commander McMonahan, Royal Air Force. Eine meiner Maschinen wurde versprengt. Ich kann sie nicht mehr erreichen. Nach der letzten Peilung könnte sie in Ihrer Richtung unterwegs sein. Rufzeichen Homer 5. Haben Sie etwas auf dem Schirm? Over!“

„Von wo kommen Sie, Sir? Over!“

„McMonahan spricht. Kommen von Lorient. Zielflugplatz Bennington Field bei Cadbury. Over!“

„Roger, Sir. Wir sehen nach Ihnen. Over!“, versprach Harriet. Steve suchte bereits die Radarbilder ab.

„Da ist eine einzelne Maschine, keine Freund-Feind-Kennung“, sagte er. „Hier Tower Saint Eval. Einzeln fliegendes Flugzeug mit Kurs 310 Grad, Höhe zwölftausend Fuß – identifizieren Sie sich!“, sprach er in das Funkmikrofon.

Daniel Collins hatte allmählich Probleme, seine schwere Lancaster in der Luft zu halten. Als ob die Triebwerksprobleme nicht genug waren, meldete ihm sein Copilot Ian McFarlane mit unüberhörbar schottischem Akzent, dass sich das Wetter verschlechterte.

„Schlechte Sicht?“, fragte Daniel besorgt nach.

„So was in der Art, ja, Sir.“

„Sankt Christophorus steh’ uns bei. Das hat uns gerade noch gefehlt! Mac, rufen Sie den nächstgelegenen Flugplatz! Wir müssen unbedingt ‘runter!“, wies er den Copiloten an. Fast im selben Moment kam bereits ein Funkruf:

„Hier Tower Saint Eval. Einzeln fliegendes Flugzeug mit Kurs 310 Grad, Höhe zwölftausend Fuß – identifizieren Sie sich!“

„Hallo, Flugsicherung Saint Eval. Hier Homer 5 unter Flying Officer Daniel Collins.“

„Flugsicherung Saint Eval, Captain Donovan, an Homer 5: Haben Sie Probleme?“

McFarlane sah Daniel an.

„Geben Sie mal her, Mac!“, rief Daniel.

„Tower Achtung, hier kommt der Chef!“, kündigte McFarlane an und reichte Daniel das Handmikrofon.

„Hallo Tower Saint Eval. Hier Daniel Collins, Steve, bist du’s?“

Steve zuckte sichtlich zusammen, als Daniel sich meldete.

„Ja, Dan, ich bin’s. Habt ihr Probleme?“, fragte er. Harriet wurde bleich, als sie Steves Anrede hörte. Sie schaltete das Funkgespräch laut.

„Kann man wohl sagen“, meldete sich Daniel. „Das äußere Backbordtriebwerk ist ausgefallen, mein Bombenschütze und der Heckschütze sind tot. Der Deckschütze hat ‘ne volle Ladung abbekommen und schreit sich fast weg. Meine Bomben bin ich nicht losgeworden, weil die Bombenklappe wie ‘ne defekte Mausefalle klemmt, der Treibstoff geht zu Ende. Ach ja, bevor ich das vergesse: Das äußere Steuerbordtriebwerk brennt! Hast du alles mitgekriegt?“

Steve drehte sich vom Mikrofon weg.

„Scheiße!“, fluchte er halblaut. Mit Mühe zwang er sich, ruhig zu bleiben. „Wie viel Treibstoff hast du noch?“, fragte er dann.

„Für etwa zwanzig Minuten.“

„Geschwindigkeit?“

„Hundertachtzig Knoten“, antwortete Daniel. Harriet wurde noch blasser.

„Sie sind noch siebzig Meilen von der englischen Kanalküste weg“, stieß sie hervor. Sie hatte schnell überschlagen, dass Daniel es bis zur Küste nicht mehr schaffen würde – geschweige denn auf einen Flugplatz im Landesinneren.

„Dan, gelten die zwanzig Minuten Treibstoff unter Berücksichtigung deiner Geschwindigkeit?“, fragte Steve.

„Tower, ich bin zwar ‘n bisschen blöd, aber rechnen kann ich, du Schwachkopf!“, tönte es aus dem Lautsprecher. Das klang deutlich schottisch, keinesfalls nach Daniel Collins.

„Wer immer das war, danke für die Information!“, grinste Steve. „Ich hab’ noch was Nettes für euch, Jungs: Hier bei uns in Saint Eval schüttet es wie aus Eimern. Das Tief zieht weiter in den Kanal Richtung Frankreich/Belgien. In den nächsten ein bis zwei Stunden wird’s im Kanal ungemütlich. Seht euch mal langsam nach den Schwimmwesten um! Sicht hier bei uns am Boden Zero-Zero, Wind Nordwest 6 bis 7.“

Daniel atmete tief durch. Schlimmer wäre nur noch ein richtiger Sturm gewesen.

„Mac: Alle Mann die Schwimmwesten anlegen, Gummifloß parat machen!“, befahl er dem Copiloten.

„Sie wollen wassern, Sir?“, fragte der eben noch aufbrausende McFarlane erschrocken.

„Weniger wollen als müssen, Mac. Wir werden es bis nach Saint Eval nicht schaffen!“, erwiderte Daniel. Er sah den Copiloten an.

„Sagen Sie mal, Mac – lassen sich die Bombenzünder ausschalten?“, fragte er dann. McFarlane zuckte mit den Schultern.

„Liddy und Hesketh hätten das gewusst – die sind nur beide tot, Sir.“

„Gott steh’ uns bei!“, flüsterte Daniel.

Mit nur zwei Motoren war die Lancaster nicht schnell genug, um in den verbleibenden zwanzig Minuten auch nur den küstennahen Flugplatz Saint Eval zu erreichen.

„Lancaster Homer 5 an Tower Saint Eval!“, meldete er sich. „Die Geschwindigkeit reicht nicht aus, um Land zu erreichen. Gehe jetzt ‘runter!“

„Daniel, lass den Quatsch!“, widersprach Steve heftig. „Du plumpst mitten in den Kanal!“

„Steve, ich habe keine Chance, noch Land zu erreichen, wenn ich mit dieser Geschwindigkeit weiterfliege – und schneller geht’s mit zwei Motoren nicht! Wenn ich jetzt ‘runtergehe, habe ich noch die Chance, manövrierfähig zu bleiben und gezielt zu wassern. Sonst geht mir der Saft ganz aus und der Vogel fällt mir einfach aus der Hand!“

Steve sah auf die Karte.

„Wirklich mitten im Kanal, fünfzig Meilen von der Küste entfernt!“

„Steve, ich habe die Maschine vom Radar verloren!“, meldete Maggie McFarlane.

„Beten wir, dass das nur Radada* ist. Dan – wie hoch bist du noch? Wir haben dich nicht mehr auf dem Radar! Over!“

„Roger, Tower. Ich bin jetzt unter tausend Fuß, befinde mich im normalen Sinkflug.“

„Gib mir deine Position!“, forderte Steve ihn auf.

„Tut mir Leid, ich habe keinerlei Anhaltspunkte, wo wir sind!“, gab Daniel zurück.

Harriet rechnete schnell nach, indem sie die letzte bekannte Position als Grundlage nahm.

„Sie müssten etwa vierzig Meilen südöstlich vor Lizard Point ‘runterkommen“, sagte sie. Steve sah nach draußen, wo auf dem verdunkelten Flugplatz das Catalina-Flugboot stand. Harriet folgte seinem Blick.

„Doch nicht bei diesen Sichtverhältnissen, Steve!“, warnte sie. Gleichzeitig hoffte sie, dass er ihren Bruder suchen würde.

„Dein Bruder ist da draußen in Schwierigkeiten. Eine Lancaster schwimmt nicht besonders gut“, erwiderte er.

„Nicht nur Harriets Bruder ist da draußen, Steve. Mein Mann ist Dannys Copilot“, bemerkte eine kreidebleiche Maggie McFarlane.

„Homer 5, wie sieht’s bei euch aus?“, fragte Steve besorgt.

„Ich bin fast unten, habe noch zweihundert Fuß. Im Landescheinwerfer sehe ich schon die Wasseroberfläche. Over!“, antwortete Daniel.

Der letzte Ton war noch nicht ganz verhallt, als Steve schon aufgesprungen war und aus dem Tower stürmte. Harriet und Maggie sahen nur eine halbe Minute später im ungewissen Licht der verregneten Nacht sieben Männer auf das Flugboot zu rennen.

Augenblicke später meldete Steve sich aus dem Cockpit der Catalina:

„Harriet, gib mir noch mal die voraussichtliche Wasserungsposition der Lancaster!“

„49° 36’ Nord und 4° 30’ West“, antwortete Harriet.

„Danke, Harriet. Halt’ uns den Lauftraum frei!“

„Rein lufttechnisch kann ich dir die Starterlaubnis geben, gesundheitlich eigentlich nicht“, erwiderte sie.

„Solange du mich nicht an den Doc verpfeifst, ist alles in Ordnung“, antwortete er. Die Motoren drehten gleichmäßig und hatten die erforderliche Drehzahl erreicht. Ein Platzwart zog die Bremsklötze weg.

„Flugboot Yankee Zulu ist startklar!“, meldete Donovan und trat auf die Bremse.

„Platz frei bis zur Startbahn!“, erwiderte Harriet. Steve löste die Bremse, rollte zur Startbahn, bremste erneut ab, gab gleichzeitig Schub.

„Flugboot Yankee Zulu bereit zum Abheben!“

„Start frei!“, kam das Kommando aus dem Tower. Steve löste die Bremse und gab vollen Schub. Die Catalina wurde auf dem Runway immer schneller und hob ab. Fast gleichzeitig griff der starke Wind in die Flügel des wuchtigen Flugbootes.

„Cathy, sei nicht so bockig!“, ermahnte Steve seine Maschine, die ihm in der letzten Zeit schon fast vertrauter war als die Jagdmaschinen, die er bis dahin im Wesentlichen geflogen hatte.

„Tower, Yankee Zulu ist in der Luft. Gehe auf Kurs 160 Grad, Höhe 1500 Fuß.“

„Verstanden, Yankee Zulu!“, bestätigte Harriet.

Steve flog die Catalina mit der Höchstgeschwindigkeit von 154 Knoten. Wenn keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten auftauchen würden, würden sie die Absturzstelle in etwa zwanzig Minuten erreichen. Er nahm das Handmikrofon und sprach Sergeant Keith Marsh an, der bei solchen Flügen für die Bergung der Verunglückten zuständig war:

„Marsh, machen Sie schon mal die Tampen klar, damit wir danach nicht lange suchen müssen, wenn wir die Tommys gefunden haben!“

„Ja, Sir“, bestätigte Sergeant Marsh von hinten per Funk. „Hoffentlich sehen wir sie bei der ägyptischen Finsternis überhaupt“, setzte er hinzu.

„Ich werde die Landescheinwerfer anmachen, Sie und Croft leuchten die Wasseroberfläche mit dem Handsuchscheinwerfer ab. Dann sind die Chancen größer, dass wir sie finden“, erwiderte Steve.

„Entschuldigung, Sir, was ist mit der befohlenen Verdunkelung?“, erkundigte sich Marsh.

„Zum Teufel mit der Verdunkelung!“, entfuhr es Donovan. „Wenn wir die Tommys ‘raus gefischt haben, können die Krauts diesen Flecken See von mir aus mit Bomben in ein Schlammloch verwandeln! Was sie da abladen, können sie nicht mehr auf London schmeißen!“

Dann schaltete Steve auf Außenfunk.

„Tower Saint Eval, hier Flugboot Yankee Zulu. Ich gehe jetzt auf hundert Fuß ‘runter, sonst haben wir keine Chance, sie zu finden“, meldete er.

„Pass bloß auf!“, warnte Harriet. „Ich hab’ euch nicht mehr auf dem Schirm, wenn du das machst!“

Daniel wurde heiß und kalt.

„Noch dreißig Fuß bis zur Oberfläche, Sir“, meldete McFarlane. Daniel griff zum Mikrofon.

„Fenimore, kommen Sie aus der Heckkanzel! Ich wassere mit dem Heck zuerst. Holen Sie Sanderson und White mit nach vorne.“

„Ja, Sir. Was machen wir mit Liddy und Hesketh?“, fragte Flight Sergeant Fenimore nach den Toten.

„Bringt sie auch mit her. Dann können wir sie wenigstens anständig begraben“, erwiderte Daniel mit belegter Stimme. „Mac“, wandte er sich dann an den Copiloten, „beten Sie, dass uns die Bomben nicht um die Ohren fliegen; sonst brauchen wir demnächst weder Triebwerke noch Stahlflügel zum Fliegen.“

Er hörte, wie sich Fenimore und Sanderson mit dem verwundeten White und den beiden Gefallenen nach vorne arbeiteten. Fast im selben Moment berührte das Heck der Lancaster die aufgewühlte See des Ärmelkanals und platschte mit dem Bug in die Wellen. Daniel schlug hart auf das Steuerhorn auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn an der linken Seite – und der blieb. Er hatte sich mindestens eine Rippe an der linken Seite gebrochen. Eine Kreuzsee, aufgetürmt durch die Wasserverdrängung der Maschine und die stärkere Windströmung, warf die Lancaster an der Steuerbordseite hoch. Daniel, der sich schon abgeschnallt hatte, wurde gegen das Instrumentenbrett geworfen. Ein ähnlicher Schmerz wie in den Rippen bohrte sich in seinen Rücken. Daniel verlor den Halt unter den Füßen und rutschte benommen auf den Boden. Im nächsten Moment spürte er kaltes Wasser an seinem Rücken. Durch die vielen Einschusslöcher in der Lancaster drang unweigerlich und schnell Wasser in das gewasserte Flugzeug ein. Schnell roch es nach Treibstoff.

„Verdammt, der Tank ist endgültig gerissen!“, fluchte Daniel. Dann bekam er eine Ladung Wasser über den Kopf und spürte ein scharfes Brennen in den Augen. Er sah nichts mehr und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte, um dem Schmerz zu entgehen.

„Auaah!“, schrie er auf. „Meine Augen … ! Ich seh’ nichts mehr!“

McFarlane packte seinen Kommandanten und zog ihn zu der inzwischen von Fenimore geöffneten Seitentür. Sanderson und McFarlane schoben den Piloten in das Gummifloß, White folgte, ebenso die beiden Toten. Fenimore blinkte mit zwei Taschenlampen aufs Geratewohl in den Nachthimmel, als er, Sanderson und McFarlane ebenfalls in das Floß gestiegen waren. Durch Wind und Meer hörten sie bald das sonore Brummen eines tieffliegenden Catalina-Flugbootes.

Der Landescheinwerfer der Catalina malte zwei ovale Lichtkegel in die bleigraue bis weißschäumende See. Der stärker werdende Wind fauchte durch die offene Seitentür des Flugbootes. Sergeant Marsh hatte sich in den Türhaken eingehängt, um nicht von einer Welle oder einer durch den Fahrtwind noch verstärkten Bö herausgeschleudert zu werden. Außer dem Motorengeräusch der Catalina, dem Rauschen des wogenden Meeres und den Windgeräuschen war zwar nichts zu hören, aber er sah tanzende Lichter.

„Da ist was, Sir!“, schrie Marsh in sein Mikrofon. „Ich sehe Taschenlampen! Rechts von mir!“

Er und Corporal Croft leuchteten hinüber.

„Es ist die Lanc, Sir! Säuft gerade ab! Nach rechts, Sir!“

Steve drehte nach rechts und wasserte dann. Das Flugboot wurde von der unruhigen See herumgeworfen, aber Marsh und Croft brachten es fertig, die vorbereiteten Tampen zu der versinkenden Maschine zu werfen.

„Ich hab’ den Tampen, Jungs!“, kam es aus der Dunkelheit.

„He, Tommys: Seid ihr vollzählig?“, brüllte Croft mit unverkennbar texanischem Akzent.

„Hallo, Yanks! Wir sind Sieben: Zwei Tote, zwei Verwundete und drei, denen nur kalt ist!“, brüllte McFarlane zurück.

Mit Hilfe der Tampen holten Croft und Marsh die notgewasserten Flieger in das Flugboot.

„Sind noch mehr von euch in der Gegend?“, erkundigte sich Marsh bei Fenimore, der aber nur zähneklappernd den Kopf schüttelte.

„Nein, wir wurden vom Verband getrennt. Danke, Jungs!“, brachte er bebend heraus.

Marsh leuchtete noch einmal die Wasseroberfläche ab und sah, wie die Lancaster versinkend abgetrieben wurde.

„Wir haben alle, Sir!“, meldete er dann an Steve, der das Flugboot in den Wind drehte.

„Wenn ihr alle habt, festschnallen. Es geht los!“, warnte er seine Passagiere.

„Wer hat hier eben was von Yanks gesagt?“, fragte Croft streng, als die Briten an komplett Bord waren und sich in die Decken wickelten, die er und Marsh bereitgelegt hatten.

„Ich“, erwiderte McFarlane zitternd vor Nässe und Kälte.

„Tommy, nenn’ mich nie wieder Yank! Darauf reagiere ich allergisch!“, fuhr Croft den Briten an. McFarlane sprang auf und wollte auf den Amerikaner losgehen, aber Marsh stellte sich dazwischen.

„Hey, hebt eure Aggressionen für die Krauts auf!“, bremste er die Hitzköpfe. „Croft, für einen Briten mit schottischem Blut ist es mindestens eine ebenso große Beleidigung, als Tommy tituliert zu werden wie für einen Nachfahren von Erzrebellen, wenn er Yank genannt wird! Los, gebt euch die Hand! Wir sind Verbündete, ihr Idioten!“

Croft und McFarlane ließen voneinander ab.

Während Marsh und Croft die völlig durchnässten Briten mit heißem Tee und warmen Decken versorgten, leuchtete Corporal Hunter die Oberfläche noch einmal ab und sah, wie die Lancaster mit dem Bug voran versank. Plötzlich zerriss eine ungeheure Explosion die Nacht. Das Flugboot war zum Glück zu weit entfernt, um von der Explosion in Mitleidenschaft gezogen zu werden.

„Hey, Captain! Vorsicht! Hier scheint’s Minen zu geben!“, schrie Hunter warnend in das Mikrofon. Steve biss die Zähne zusammen und gab Schub. Das Flugboot wühlte sich durch die Wellen und hob ab, getragen vom stärker werdenden Wind. In der Luft wurde es dann ruhiger.

Daniel, dem Sanitätscorporal Hunter die vom Treibstoff verätzten Augen mit viel Süßwasser ausgewaschen hatte, bat Hunter, ihn nach vorn zu bringen. Hunter führte den immer noch blinden Briten, dem er die Augen mit Kompressen verarztet und verbunden hatte.

„Hallo, Danny, was ist mit dir?“, hörte Daniel die vertraute Ansprache von Steve. Es klang besorgt.

„Rippen gebrochen, Wirbelsäule eingebeult, Augen mit Öl verätzt. Euch schicken die Engel, Steve! Danke. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“

„Ich hätte es weder dir noch deinen Leuten antun können, euch absaufen zu lassen. Und deiner Schwester schon gar nicht!“

„Seit wann fliegst du wieder?“, fragte Daniel.

„Eigentlich darf ich noch gar nicht. In Saint Eval versauere ich noch. Ich bin längst wieder fit, aber sie lassen mich noch nicht. Ich muss einfach fliegen, um überhaupt leben zu können.“

Daniel kam ein Gedanke, wie er seinem Freund helfen konnte. Aber das sollte eine Überraschung werden …

Das Flugboot setzte auf der Landepiste von Saint Eval auf. Sanitätswagen brachten White und Collins gleich ins Lazarett, die Toten ins Leichenschauhaus. Maggie McFarlane konnte ihren unverletzten Mann noch am Flugboot in die Arme schließen.

„Danke, Steve! Du hast so viel riskiert!“, sagte sie und gab Steve einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Ian McFarlane bedankte sich mit einem festen Händedruck bei dem Piloten und schlenderte mit seiner Frau durch die Regenschwaden davon.

Am Flugboot standen nur noch Harriet und Steve – und sie waren allein, auch noch auf der vom Tower abgewandten Seite.

„Danke, Steve“, sagte sie leise.

„Daniel ist mein Freund, Harriet. Und du bist die Schwester dieses Freundes“, erwiderte er. Sie sah ihn einen langen Moment an, dann umarmte sie ihn. Sie brauchte keine Angst um ihren Ruf als Schichtleiterin zu haben. Der Kuss, den sie tauschten, war längst überfällig. Regen und Kälte störten sie in diesem Moment überhaupt nicht. Es war eine lange, genussvolle Zärtlichkeit, die sie sich schenkten. Niemand außer ihnen selbst wusste wirklich um ihre Liebe; die anderen ahnten bestenfalls etwas – und dabei sollte es vorläufig bleiben …

Das Lazarett von Saint Eval lag nicht weit vom Flugplatz entfernt. Steve und Harriet gingen zusammen auf dem Weg, auf dem er sie nach seiner Verwundung von seinem Zimmerfenster aus fast täglich gesehen hatte – je nachdem, wann sie Schicht gehabt hatte. In der Nacht noch hatte es geregnet, als sei die Sintflut zum zweiten Mal im Kommen, aber jetzt, am späten Vormittag, schien eine noch schwache Januarsonne auf die Klippen und das nicht weit vom Klippensaum gebaute Lazarett. Schreiende Möwen stemmten sich gegen den ewigen Wind, der hier die Küste zauste.

Die jungen Leute hatten ihre Dienstschicht im Tower beendet und hatten nun bis zum nächsten Morgen frei. Sie erreichten das Lazarett, Steve hielt Harriet ritterlich die Tür auf. Er dachte an die Leidenschaft, mit der sie sich im Morgengrauen im strömenden Regen auf dem Flugplatz geküsst hatten. Bisher hatte er seinem Rechenschaft fordernden Gewissen immer wieder gesagt, er wisse noch nicht, ob es wirklich Liebe sei. Aber jetzt, da war er sicher, würde seine Antwort nur noch schlicht ja lauten, wenn sein Gewissen ihn wieder fragen würde, ob er Harriet liebte. Auch sie dachte daran, dass sie in dieser Regennacht ihr Herz verloren hatte. Nun, eigentlich hatte sie es nicht verloren, sie hatte es an Steve verschenkt und sie hatte seines dafür erhalten.

Daniel Collins lag im Bett und bemühte sich, die immer noch klopfenden Schmerzen in seinen Augen unter Kontrolle zu bringen. Dr. Small hatte ihm die Augen nochmals ausgewaschen und mit Salbe behandelt. Nun hatte er wieder einen Verband um die Augen und sah nichts von der strahlenden Schönheit dieses Januartages. Ein Geräusch ließ ihn aufmerksam werden. Er drehte den Kopf zwar im Reflex zur Tür, aber er sah wegen des Verbandes nichts.

„Wer ist da?“, fragte er vorsichtig und leise ächzend.

„Harriet und Steve, Danny“, hörte er die Stimme seines Freundes. Steve hatte ohnehin eine angenehme Stimme, aber jetzt klang sie weicher als sonst.

„Hallo, Danny. Wie geht’s dir?“, hörte er Harriet fragen. Auch Harriets Stimme klang verändert, sanfter als sonst.

„Danke, ich kann zwar nichts sehen, aber ich liege wenigstens wieder trocken. Igitt, war das kalt heute Nacht!“, erwiderte er. „Steve, ich weiß nicht, was ich sagen soll! Kein normaler Mensch wäre bei den Sichtverhältnissen in ein minenverseuchtes Gebiet mitten im Kanal geflogen, um sieben Mann aufzufischen.“

„Danke, dass du mir erst jetzt sagst, dass da Minen waren, sonst hätte ich es nicht riskiert, zu wassern“, antwortete Steve. Danny konnte sein Grinsen hören. Es war deutlich, dass er sagen wollte:

Für dich tue ich fast alles, mein Freund!

„Wir haben uns große Sorgen um euch gemacht, als McMonahan bei uns im Tower anrief und sagte, dass ihr vermisst seid. Gott sei Dank hatten wir euch gleich danach auf dem Radarschirm“, bemerkte Harriet. „Was ist mit deinen Augen, Danny?“, fragte sie dann besorgt.

„Ach, halb so schlimm!“, spielte Daniel seine Verletzung herunter. „Ist nur vorübergehend. Ich hab’ ‘ne Ladung Salzwasser mit Treibstoff in die Augen bekommen. Das ist jetzt ‘n paar Mal ausgespült worden und die Augen sollen geschont werden. Darum haben sie mir die Augen verbunden.“

„Und sonst?“, fragte Steve.

„Drei gebrochene Rippen und ein angeknackstes Rückgrat.“

„Harriet, du wirst wohl weiterhin einen Piloten neben dir haben“, bemerkte Steve. Daniel bemerkte den weichen Ton, mit dem sein Freund seine Schwester ansprach.

„Was meinst du?“, erkundigte sich Harriet, ebenfalls in einer Art, die Wärme beinhaltete.

„Nun, wenn ich wieder nach Maidenfield zurückgehe, um wieder meine Curtiss zu fliegen, wird Danny dir wohl als Genesender Gesellschaft leisten. Mit angeknackstem Rückgrat geben sie einem gerne Flugverbot.“

„Ob er das auch so beachtet, wie du?“, fragte Harriet neckend.

„Wer weiß? Vielleicht zieht er das nächste Mal mich aus der See?“, orakelte Steve.

„Nein! Mal’ nicht den Teufel an die Wand, Steve!“, warnte Harriet.

Das klang ängstlich, fand Daniel. Wenn Harriet Angst um Steve hatte, dann … Er konnte nicht sehen, dass Steve Harriet in die Arme nahm, aber er spürte es. Einen Moment überlegte er, ob er seine ‚Beobachtungen’ preisgeben sollte, entschied sich aber dagegen. Er kannte beide zu gut, um sie so zu erschrecken. Er spürte ihre Verliebtheit und wollte sie aus diesem Zauberreich nicht herausreißen. Es war Krieg; es war eine schreckliche Situation, die mit steter Lebensgefahr für die Menschen verbunden war, die in den kriegführenden Staaten lebten, insbesondere für die Soldaten, zu denen er und Steve, aber auch Harriet gehörten. Momente, die der Liebe gehörten, waren selten in solchen Zeiten. Daniel erinnerte sich an ihre Mahnung zur Pflicht und war froh, dass es offenbar auch für seine Schwester nicht wirklich nur Pflicht gab.

„Tja, von den Blumen hast du im Moment wohl wenig“, sagte Steve. „Schade, sie sind so schön bunt.“

„Ach, komm, den Verband bin ich bestimmt in ein paar Tagen wieder los und dann werde ich eure Blümchen genießen. Danke für alles, Steve.“

Die jungen Männer drückten sich die Hände.

„Erhol’ dich gut, ich wärme dir den Platz vor“, verabschiedete sich Steve. Harriet setzte sich an sein Bett und gab ihm einen geschwisterlichen Kuss.

„Wir kommen noch mal vorbei. Gute Besserung.“

„Danke. Habt ihr jetzt Dienstschluss?“, fragte Daniel.

„Ja.“

„Dann wünsche ich einen schönen Feierabend.“

Kapitel 18

Glück und Glas

Saint Eval war ein sehr kleiner Ort, der aus wenigen Häusern und einer Farm bestand. Genau genommen gab es Saint Eval allerdings gleich zweimal, und diese beiden Dörfer lagen nicht einmal eineinhalb Meilen Luftlinie voneinander entfernt. Der Flugplatz mit zwei Startbahnen, die sich wie ein Andreaskreuz schräge schnitten, lag zwischen den beiden Dörfern.

Die Siedlung östlich des Flugplatzes war jedoch neu; für sie und den Flugplatz war das alte Saint Eval komplett abgerissen worden, die Bewohner waren in das neue Dorf nördlich des Flugplatzes umgesiedelt worden. Östlich der neu angelegten RAF-Basis war ein völlig neuer Ort entstanden, der durch eine Straße vom eigentlichen Flugplatzgelände getrennt war. Kein Gebäude war in dem neuen Teil älter als aus dem Jahr 1938; zur Eröffnung des Flugplatzes am 2. Oktober 1939 waren alle Gebäude und Einrichtungen fertig gewesen.

Die Straßen dieser Siedlung trugen Namen von britischen Flugzeugtypen, die Häuser waren typisch britische Stadthäuser, zumeist als Doppelhäuser ausgeführt. Nur in der Nähe der Hauptstraße gab es um die Straßen Mosquito Crescent und Lancaster Crescent einige mehrstöckige Gebäude, in denen einfache Soldaten und Unteroffiziere untergebracht waren, aber auch die Helferinnen der WAAF. Das Lazarett befand sich auf der nordöstlichen Seite der Straße zwischen der Soldaten- und der Offizierssiedlung. Ganz auf der entgegengesetzten Seite, am westlichen Rand des Flugfeldes, waren die Einrichtungen der Flugsicherung und das Lazarett.

Keine zwei Meilen nordöstlich des RAF-Flugfeldes Saint Eval befand sich der Flugplatz Saint Merryn, der von den britischen Marinefliegern, dem Fleet Air Arm, belegt war. Obendrein gab es noch gut zwei Meilen weiter südlich von Saint Eval einen Zivilflugplatz bei Saint Mawgan … Es gab Tage, da fragte Steve sich, ob die Briten zu viel Geld hatten, wenn sie kleine Flugplätze im Abstand von lausigen zwei Meilen bauten. Andererseits hatte die Dezentralisierung und Aufteilung in viele kleine Flugfelder schon während der Luftschlacht um England den Vorteil gehabt, dass die deutsche Luftwaffe erstens längst nicht alle hatte zerstören oder nachhaltig beschädigen können und zweitens, dass sich kleinere Flugfelder wesentlich schneller instandsetzen ließen als große.

Alle drei Flugplätze waren gut belegt, zahlreiche Soldaten waren in der Gegend stationiert. Dennoch war Cornwall ein eher dünn besiedelter Landstrich und blieb das auch unter den Bedingungen der Stationierung. Die Dörfer waren klein, nur die Orte Trenance, Mawgan Porth, Newquay und Constantine Bay weiter im Norden waren größere Gemeinden. Die malerische Steilküste war geprägt von einzelnen, freistehenden Felsinseln, die im Atlantik lagen, den Bedruthan Steps. Sie sahen aus wie Trittsteine für einen Riesen – und genau danach waren sie auch benannt.

Als Steve und Harriet das Lazarett verließen, hatten sie beide keine Lust, allein in ihre Unterkünfte zu gehen. Er legte sanft den rechten Arm um ihre Schulter, sie lehnte sich an ihn und genoss seine zärtliche Geste. Sie schlenderten vom Flugplatz Richtung Küste, die von dort aus noch näher war als die Siedlung, in der sich ihre Unterkünfte befanden. Der Weg führte von der westlichen Rollbahn fort zu einem Gehöft, das keine halbe Meile vom Flugplatz entfernt war und daran vorbei durch die Felder eine gute Meile nach Westen zur Steilküste. Kurz vor der Küste überquerten sie eine Straße und gingen zur Steilküste hinunter und dann daran entlang in Richtung Trevose Head. Briten waren wetterfeste Leute, aber der nasskalte Wind dieses Tages hielt offensichtlich alle anderen Bewohner der Gegend wirksam davon ab, sich der Steilküste auch nur zu nähern.

„Kannst du dir vorstellen, was ich manchmal möchte?“, flüsterte er. Sie sah zu ihm auf und entdeckte den gewaltsam unterdrückten Wunsch nach noch mehr Nähe in seinen Augen.

„Zwei Dinge kann ich mir vorstellen: Erstens: Du möchtest jetzt auf der Stelle nach Hawaii, wo es warm ist – diesen Wunsch teile ich, vor allem, wenn du mich so umarmst, wie jetzt. Zweitens: Du möchtest ein bisschen mehr als einen Kuss. Und genau das möchte ich auch“, erwiderte sie und legte sanft die Arme um ihn, zog ihn ebenso sanft an sich. Sie küssten sich voller Zärtlichkeit, lange und intensiv. Den eiskalten Wind, der von der See mit Stärke 6 Beaufort wehte und die trotz des sonnigen Tages immer noch vorhandene kalte Nässe noch unerträglicher machte, als sie ohnehin schon war, spürten sie im Moment nicht mehr. Steve spürte, wie sie ihm entgegenkam, wie heftig ihr Herz schlug.

„Du willst wirklich mehr?“, fragte er vorsichtig. Er konnte kaum glauben, was sie sagte. Sie nickte nur, zog ihn wieder zu sich und küsste ihn wieder.

„Es gibt hier in der Nähe eine Höhle an der Küste. Komm“, sagte sie leise, nahm ihn bei der Hand und führte ihn ein Stück weiter, um die nächsten Felsen herum.

In der Bucht fand sich eine Treppe, die zum Strand hinunterführte. Die bloße Existenz dieser Treppe war mehr als nur verwunderlich, denn die gesamte Küste Großbritanniens war von solchen Zuwegungen bereinigt worden; schließlich wollte man den Deutschen nicht auch noch eine Leiter an die eigene Hauswand anlegen, damit sie einsteigen konnten … Obwohl die Bucht nur eine gute Meile von militärischen Einrichtungen entfernt lag, hatte man ausgerechnet diese Treppe vergessen, so schien es. Die Steilküste lag hier gut einhundert Fuß über der Niedrigwassermarke. Wenige Yards unterhalb des Weges befand sich eine Plattform, an der die Treppe endete – die restlichen sechzig Fuß bis zum Strand hatte man doch demontiert … So blieb die Treppe auch bei Flut weit außer Reichweite von potenziellen Angreifern.

Harriet und Steve gingen hinunter zu der Plattform. Zu seinem Erstaunen lag die Plattform in Höhe einer Höhle, die unter die Küste führte.

„Hey, was ist das?“, fragte er.

„Das ist ein Beobachtungsbunker. Jedenfalls ist das die offizielle Bestimmung gewesen“, erklärte sie. Sie drehte sich zu ihm um.

„Oder … soll ich einfach mal behaupten, das hier sei der Zugang zum Felsverlies des Zauberers Merlin?“, fragte sie mit spitzbübischem Lächeln.

„Ich fände diese Begründung der Gegend angemessener. Vielleicht hat er sich hier ja auch vor Morgana versteckt?“, grinste er zurück.

„Wie gut … kennst du die Artussage?“

„Ich bin Amerikaner, Harriet. Das heißt: Für Briten bin ich ein Kulturbanause“, grinste er. „Aber im Moment nichts zu wissen, bedeutet nicht, auch in Zukunft nichts wissen zu wollen“, setzte er hinzu. Harriet umarmte ihn und hielt ihm dann einen Schlüssel vor die Nase.

„Wenn du es riskierst, Lady Guenevere folgen zu wollen, mein Ritter?“

„Dann wäre ich also Sir Lancelot. Und wer ist Artus?“

„Oh, es gibt eine sehr schöne Version der Sage, nach der Lady Guenevere eine Cornin, eine edle Frau aus Cornwall war, die von sich aus um König Artus warb und ihn zum Belthanefest nach Cornwall einlud. Das Belthanefest war ein keltisches Fruchtbarkeitsfest, bei dem es entsprechend zuging. Nun, die Lady soll den König in eine der vielen Höhlen an der Steilküste gelotst haben, wo sie allein waren …“, erklärte sie. Er zog sie nahe an sich.

„Ist das so?“, fragte er leise und sah zu ihr hinunter. Für einen Moment glaubte Steve die Szene in ihren Augen zu sehen: Zwei Menschen, die sich auf einem kuscheligen Lager aus Fellen zärtlich liebten … Dann sah er wieder das weiche Braun ihrer Augen, die sich langsam schlossen, als er sich zu ihr neigte und sie küsste.

Mit einem sehnsüchtigen Seufzen löste sich Harriet aus dem Kuss.

„Lass mich aufschließen“, bat sie. Er gab sie frei, sie gingen beide die wenigen Schritte unter den Felsüberhang an der Plattform. Gut vor Regen geschützt lag dort der Zugang zur eigentlichen Höhle, der mit einer Holztür verschlossen war. Harriet schloss auf und öffnete die Tür. Dahinter öffnete sich ein großer Hohlraum, der ganz gewiss nicht nach einem Beobachtungsposten aussah …

Steve trat ein, Harriet folgte ihm, schloss die Tür – und schloss sie von innen ab, nachdem sie eine neben der Tür stehende Petroleumlampe entzündet hatte. Dann öffnete sie das Fenster, das zur Seeseite zeigte und eine Beobachtung von außen völlig unmöglich machte. Es war ein Klappfenster mit einem Laden, der wie ein Felsen aussah.

Er sah sich um und musste sich schütteln, weil er nicht glauben konnte, was er zu sehen bekam. Die Einrichtung des Raumes ließ darauf schließen, dass diese Höhle tatsächlich als heimliches Liebesnest genutzt wurde. Der ganze Raum war gute hundert Quadratfuß groß, ein kleinerer Raum schloss sich daran an, in dem etwas erkennbar war, was wie ein offener Abort aussah. Im Hauptraum war direkt an der Landseite aus dem blanken Fels eine Bettstatt gemeißelt – besser gesagt hatte Man einen entsprechenden Felsblock stehen lassen, um daraus das Lager zu formen. Der Block war wahrhaftig mit dicken Fellen belegt. Steve trat hinzu und hob die Felle an. Darunter kamen handelsübliche Seegrasmatratzen zum Vorschein, die extra miteinander vernäht waren. In einer Nische an der Felsseite stand Tongeschirr, das zu Artus’ Zeiten vermutlich in ähnlicher Form in Gebrauch gewesen war. Mitten im Raum, aber in sicherem Abstand zum Bett, war eine achteckige offene Feuerstelle, in der eine kleine Holzpyramide nur darauf wartete, entzündet zu werden. Unter dem Fenster lag ein sorgsam aufgeschichteter Stapel weiteren Feuerholzes. Über der Feuerstelle war ein Abzug aus Metall mit einem nach oben aus der Höhle hinausführendem Rauchrohr angebracht.

Was ist das hier? Ein Beobachtungsposten???“, fragte Steve verwirrt und sah zu Harriet. Sie lächelte und hockte sich hin, um das Feuer zu entzünden.

„Ich sag’s mal so: Das war die Begründung gegenüber den Behörden, um die Mittel dafür locker zu machen. Es ist von Anfang an als Liebesnest à la Artus und Guenevere geplant gewesen. Hier wohnen viele Soldaten, die keine eigenen Stuben haben, aber verheiratet sind und ihre Familien nicht hier in Saint Eval oder in Saint Merryn haben. Gerade jetzt können sie aber ihre Stützpunkte nicht verlassen, um nach London, Exeter, Oxford oder Canterbury zu fahren. Die Frauen kommen also her. Damit die Männer die Möglichkeit haben, mit ihren Frauen wenigstens für ein paar Stunden ungestört zu sein, haben die örtlichen Kommandanten versucht, jeweils ein entsprechendes Etablissement auf den Stützpunkten einzurichten. Da hat das Ministerium aber nicht mitgespielt. Dort verwies man darauf, dass in Saint Eval doch extra eine ganze Siedlung mit getrennten Familienunterkünften gebaut wurde. Die Kommandanten wiesen darauf hin, dass es nicht nur Offiziere und Unteroffiziere mit menschlichen Bedürfnissen gibt, sondern auch einfache Soldaten, die nun mal in Mehrbettzimmern schlafen. Die dortigen Familienzimmer sind nur durch einfache Holzwände abgetrennt und bieten keinerlei Privatsphäre, jedenfalls nicht für das, wofür sie eigentlich gedacht sind. Die Beamten im Ministerium blieben stur. Die Kommandanten hatten dann die Idee, dem Ministerium eine künstliche Höhle in der Steilküste als Beobachtungsposten zu verkaufen. Das haben die geschluckt – und bei der Suche nach einem geeigneten Platz fand sich diese bereits existierende Höhle, die nach allen Funden aus vorgeschichtlicher Zeit stammt. Was du hier siehst, war vorhanden, abgesehen von dem Rauchabzug, dem Fenster und dem Bad. Einer der Kommandanten, die das planten, ist ein großer Freund der Sagenwelt Cornwalls und fand es ganz passend, die Höhle so einzurichten, wie er sich das in Artus’ Zeit übertragen vorstellte. Zu dieser Höhle gibt es nur einen Schlüssel, damit jemand, der hierher kommt, auch ganz bestimmt nicht gestört werden kann.“

„Die Warteliste ist vermutlich ein paar Meilen lang, oder?“

Harriet schüttelte den Kopf.

„Nein. Die Möglichkeit wird kaum wahrgenommen. Die meisten Männer melden sich lieber für drei Stunden nach Trenance ab. Das ist nicht viel weiter. Vielen ist es hier zu primitiv. Sie möchten lieber elektrisches Licht und Federbetten haben …“

„Die wissen wirklich nicht, was sie verpassen …“, flüsterte Steve und zog Harriet wieder sanft an sich. „Wer weiß eigentlich, dass wir hier sind?“

„Bossom, sonst keiner“, erwiderte Harriet. „Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zum einunddreißigsten Geburtstag, Captain Donovan.“

„Danke. Ist … ist das dein Geschenk?“

Harriet nickte nur.

In der Feuerstelle brannte ein wärmendes Feuer, das die Schatten zweier Liebender an die Wand malte. Harriet nestelte sanft an Steves Krawatte, öffnete sie ebenso wie sein Hemd, während er langsam ihre Bluse aufknöpfte. Ihre Lippen liebkosten einander, sanft, unaufdringlich, aber unwiderstehlich. Harriets schmale Hände hoben sein Unterhemd an und streichelten sanft seinen Rücken. Sie machte ihm Platz, als er ihren Büstenhalter aufhakte.

„Ich liebe dich“, flüsterte er. Es war wieder dieser warme Ton in seiner Stimme, der Harriet schweben ließ. Aber diesmal verliehen ihr seine warmen Hände zusätzliche Flügel, als sie zärtlich über ihre Haut glitten. Sie sanken auf die breite Bettstatt in die weichen Felle. Sie flüsterte seinen Namen, vergrub ihre Hände in seinem kurzgeschnittenen, dunkelbraunen Haar, als er sie zart auf die Brust küsste und hob sich ihm entgegen. Die Welle der Wonne trug sie in sanft wiegendem Rhythmus davon. Leises Seufzen, zärtliches Flüstern, sanftes Streicheln begleiteten ein intensives Erleben ihrer Liebe. Aus den beiden Schatten an der Wand wurde ein einziger, der sich hob und senkte, erst langsam, dann schneller, dann wieder genussvoll langsam, der schließlich ganz zur Ruhe kam.

„War das schön?“, fragte Steve leise und streichelte zärtlich ihr Gesicht. Sie nickte und kraulte ihn sanft im Nacken. Einen Moment war atemloses Schweigen. Er ließ sich in das Kissen sinken und zog Harriet nahe zu sich. Sie kam ihm nur zu gern ganz nahe, legte den Kopf auf seine Schulter und schloss wieder die Augen. Nur das Knacken des brennenden Holzes und das Rauschen des Meeres unter dem Fenster waren zu hören. Er streichelte sanft Harriets Gesicht, die ihn mit geschlossenen Augen anlächelte. Seine Lippen senkten sich auf ihre, sie küssten sich wieder. Sie seufzte leise.

„Es war wundervoll“, flüsterte sie. „Du bist wundervoll, Steve. Ich liebe dich. König Artus war gewiss kein besserer Liebhaber als du“, setzte sie hinzu und zeichnete mit dem Zeigefinger sanft die Wölbung unter seinem Jochbein nach.

„Und Lady Guenevere war mit Sicherheit nicht so leidenschaftlich wie du“, flüsterte er. Eine Weile ruhten sie entspannt und dicht aneinandergeschmiegt. Nur die sanft wandernden Hände und manches leise Wort zeigten, dass die Liebenden nicht ganz schliefen.

Sie nahmen sich Zeit füreinander; Zeit dafür, das aufgestaute, durch den ersten Akt noch lange nicht gestillte Begehren genussvoll zu befriedigen. Die sachten Berührungen eines zärtlichen Vorspiels schürten das Feuer der Leidenschaft rasch wieder zu mächtiger Glut, als sie sich nach einiger Zeit erneut langsam und zärtlich liebten.

Die Kollegen im Tower bemerkten nicht unmittelbar etwas von der Veränderung, so langsam veränderte sich das Verhalten des Captain Donovan und der Flight Officer Collins in der Öffentlichkeit. Aber es gab keinen, der nicht bescheinigt hätte, dass Harriet und Steve das Towerteam waren. Sie verstanden sich blind, als wären sie schon Jahre zusammen. Steves ausgeprägter Beschützerinstinkt zeigte sich bei Harriet immer besonders stark. Aber sie verstanden es weiterhin, ihre Liebe und die Tatsache, dass sie manche Stunde ihrer dienstfreien Zeit mit wundervollem Lieben verbrachten, geheim zu halten. Nur Daniel, noch immer mit Blindheit geschlagen, erkannte, dass seine Schwester seinen besten Freund liebte.

Zwei Wochen, nachdem Steve mit seiner Flugbootbesatzung Daniel und seine Crew aus dem Ärmelkanal gerettet hatte, besuchte Group Captain Henderson Daniel. Henderson war Daniels Geschwaderchef.

„Wie geht es Ihnen, Flying Officer?“, fragte der Group Captain nach der formellen Begrüßung.

„Die Rippen sind auf dem Wege der Besserung, ich kann schon wieder etwas sehen, aber es wird noch etwas dauern, bis ich wieder hundertprozentige Sehkraft habe. Der angebrochene Wirbel macht den Ärzten im Moment die größten Sorgen. Dr. Small meinte, ich werde einige Monate nicht fliegen dürfen“, erklärte Daniel.

„Das ist schlimm. Ich habe durch die Verluste in der letzten Zeit zu wenig erfahrene Piloten, solche wie Sie, Flying Officer. Langsam wird es problematisch, noch komplette Staffeln zusammen zu bekommen“, seufzte Henderson. Mit dem Ausfall von Daniel und einem Teil seiner Crew war aus McMonahans Staffel ein Miniaturverband von noch fünf komplett einsatzfähigen Crews geworden – und den anderen Staffeln unter Hendersons Kommando ging es nicht viel besser.

„Sir, die Amis bauen mehr Flugzeuge, als wir je bemannen können, sie haben auch reichlich Personalreserven, weil sie im letzten Jahr auch mannschaftsmäßig stark aufgerüstet haben. Es sind ja schon mal Amis für uns geflogen, damals in der Eagle Squadron. Vielleicht können die uns wieder aushelfen, Sir? Wenn ich so an meinen Freund, Captain Donovan von der USAAF denke, der in Saint Eval als Fluglotse versauert …“, empfahl Daniel. Im Moment hatte er völlig vergessen, dass Steve nur wegen seiner Verwundungsfolgen nach Saint Eval abkommandiert worden war. In Hendersons Gesicht leuchtete ein Hoffnungsschimmer auf.

„Meinen Sie, General Spaatz hätte freie Kapazitäten?“

„Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, Sir: Fragen kostet nichts“, lächelte Daniel.

„Ich danke Ihnen für den Rat, Flying Officer. Erholen Sie sich gut und bald, damit wir auch bald wieder britische Flieger gegen die Krauts schicken können.“

Daniel salutierte.

„Danke, Sir.“

Henderson verabschiedete sich eilig, um die von Flying Officer Collins angedeutete Ersatzmöglichkeit zu prüfen.

Kaum in seinem Hauptquartier angekommen, ließ er sich mit Group Captain Collins im Luftfahrtministerium verbinden.

„Sir Francis, meine Personalprobleme werden immer größer. Ich habe mehr als genug Flugzeuge, um Deutschland in ein Trümmerfeld zu verwandeln – aber ich habe nicht die Leute dazu. Und die paar, die ich noch habe, die sind nicht von der Qualität wie Ihr Sohn“, erklärte Henderson. Sir Francis Collins, Daniels Vater, war erstens angetan von der Tatsache, dass man seinen Sohn lobte, zweitens erschrocken über das, was Henderson ihm sagte. Sir Francis kannte Henderson lange genug, um zu wissen, dass der Bomberkommandeur keinen unnötigen Alarm schlug.

„Hm, und wo zaubern wir welche her?“, fragte Collins. „Merlin sitzt ja leider fest, seit die Fee Morgana ihn in irgendeinen Felsen gehext hat.“

„Sir Francis, Ihr Sohn hat mir gesteckt, dass unsere amerikanischen Vettern offenbar freie Kapazitäten haben. Er verwies auf einen Captain Donovan, der als Fluglotse in Saint Eval Dienst tut, obwohl er Pilot ist. Vielleicht können die uns aushelfen?“

„Gute Idee. Ich werde anfragen lassen und melde mich dann bei Ihnen, Henderson.“

Group Captain Collins setzte die entsprechende Maschinerie in Gange und ließ sich mit General Spaatz verbinden, dem Chef der 8th USAAF. Spaatz war von der Möglichkeit, dass es Piloten geben sollte, die nichts Besseres zu tun hatten, als Fluglotse zu sein, völlig überrascht.

„Nein, Sir Francis. So etwas haben wir nicht“, widersprach er.

„General, Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie das prüfen lassen könnten. Wir sind in erheblichen Nöten, was Piloten betrifft.“

„Sir Francis, ich lasse das gern prüfen. Wenn ich wirklich jemanden finden sollte, der in irgendeinem Tower Dienst tut, statt gegen Hitler zu kämpfen, dann werde ich den gerne an Sie ausleihen“, versprach Spaatz, noch etwas verstört. Aber kaum lag der Hörer auf der Gabel, nahm der amerikanische General wieder ab und ließ sich mit einem seiner Adjutanten verbinden.

„Lieutenant Bennings, ich habe einen Sonderauftrag für Sie …“

First-Lieutenant Parker Bennings prüfte die Geschwader der USAAF durch und sprach auf diese Weise auch das Geschwader von Colonel Worsley an. Colonel Worsley selbst war für einige Zeit in Washington, sein eigentlicher Stellvertreter, Lieutenant Colonel Vanderbuilt, war ebenfalls nicht da; so erreichte Bennings Major Hopkins.

„Major, haben Sie Piloten, die zur Zeit nicht fliegen?“, fragte Bennings.

„Derzeit zwei. Einer liegt im Lazarett, der andere ist noch als Fluglotse eingesetzt.“

„Justament den suche ich“, freute sich Bennings. „Brauchen Sie den eventuell nicht?“

Das klang so, als ob Donovan an anderer Stelle gebraucht wurde. Hopkins sah seine Chance, den ungeliebten Rivalen loszuwerden.

„Na ja, er ist wegen einer Verwundung nicht flugtauglich“, begann er vorsichtig. „Aber das ist jetzt fast vier Monate her. Allmählich müsste er wieder fit sein. Warum fragen Sie, Lieutenant?“

„Die RAF hat Probleme, die brauchen Piloten. Könnten Sie den Mann ausleihen?“

„Trifft sich ganz gut. Captain Donovan ist schon mal für die RAF geflogen, bei der Eagle Squadron. Und hier in der Staffel müsste er sich auch erst wieder zurechtfinden. Ja, ich leihe ihn aus, wenn er wieder fit ist, Lieutenant.“

Hopkins atmete auf. Den war er endlich los! Auch er griff gleich wieder zum Telefon und rief im Lazarett von Saint Eval bei Dr. Small an, der Donovan behandelt hatte und der dessen Flugtauglichkeit verneinen oder bestätigen musste.

„Hallo, Dr. Small. Major Hopkins von der 8th USAAF, 633rd Fighter Squadron Blue Eagles hier“, meldete Hopkins sich. Smalls Miene verdüsterte sich. Hopkins hatte er von dem Prozess gegen Captain Donovan in unguter Erinnerung.

„Sie wünschen, Major?“, fragte der Arzt kühl.

„Ist Captain Donovan wieder flugtauglich?“, erkundigte sich Hopkins.

„Bei der letzten Untersuchung vor zwei Wochen war er es noch nicht endgültig. Aber er kommt morgen zu einer weiteren Nachuntersuchung.“

„Gut. Wenn er flugtauglich sein sollte, richten Sie ihm bitte aus, dass er sich dann schleunigst in Maidenfield bei den Tommys meldet. Wir haben ihn an die Royal Air Force ausgeliehen. Die wissen offenbar nicht, wie sie ihre Maschinen fliegen sollen!“

„Ja, Sir. Falls er flugtauglich ist, richte ich es ihm aus.“

Am darauffolgenden Tag erschien Steve wie bestellt zur Untersuchung bei Dr. Small.

„Wie geht es Ihnen, Captain?“, fragte der Arzt.

„Wunderbar, keine Probleme, Doc.“

„Rückenschmerzen?“

„Nein, keine mehr.“

„Noch Probleme mit den Narben?“

„Von denen habe ich schon seit November nichts mehr gemerkt“, erwiderte Steve lächelnd.

„Gut, ausziehen!“

Steve zog sich aus, der Arzt horchte ihn ab, knetete an der Wirbelsäule zwischen den Schulterblättern kräftig herum.

„Tut das weh?“

„Nein.“

„Machen Sie bitte mal zehn Kniebeugen“, forderte der Arzt den Piloten auf. Steve tat es und hatte damit keine Probleme. Kniebeugen gehörten zu seinem morgendlichen Gymnastikprogramm.

„Gut. Bitte nach vorn beugen, so weit, wie es geht.“

Steve kam mit angewinkelten Unterarmen bis auf den Boden vor seinen Füßen.

„Sehr schön. Sieht so weit alles sehr gut aus, Captain Donovan“, freute sich der Arzt. „Zur Sicherheit machen wir noch mal Röntgenaufnahmen und sehen uns den Wirbel mal etwas aus der Nähe an. Könnte sein, dass Sie wieder flugtauglich sind.“

Wenig später lagen die Röntgenfotos vor. Dr. Small betrachtete sie eingehend.

„Hmm, da ist nichts mehr“, murmelte er. „Der Knochen hat sich regeneriert.“

Er sah Steve an.

„Trotz Ihrer kleinen Ausflüge“, grinste er dann. Donovan sah ihn betroffen an.

„Denken Sie nicht, ich hätte das nicht mitbekommen. Halb Saint Eval spricht von dem amerikanischen Rettungsengel. Außerdem ist die Bandschnalle der britischen Rettungsmedaille ja auch nicht zu übersehen, junger Freund.“

„Okay, erwischt, Doc“, erwiderte Steve.

„Sie sind wieder flugtauglich, Captain Donovan. Sie melden sich bitte umgehend bei der RAF in Maidenfield.“

„Hä?“

„Ja, Sie haben richtig gehört. Gestern hat mich Major Hopkins angerufen und mir gesagt, dass Sie an die RAF ausgeliehen sind, wenn Sie wieder flugtauglich sind.“

„Bitte? Wie kommt der dazu?“, fragt Steve erschrocken.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen, Captain. Fragen Sie ihn am besten selbst“, empfahl der Arzt.

Steve ging zunächst in sein Quartier zurück und rief vom dortigen Telefon in Maidenfield an.

„Hopkins ist in der Luft, Steve“, meldete sich Jenny Harper, die diensthabende Telefonistin des Geschwaders. „Aber er hat entsprechende Anweisungen hinterlassen, falls du dich melden solltest.“

„Und was für Anweisungen sind das, Jenny?“

„Dass du an die RAF ausgeliehen wirst. Die haben wohl erhebliche Personalprobleme und haben uns um Hilfe gebeten. Er hat mir eine Telefonnummer für dich hinterlassen, bei der du dich melden sollst.“

„Her damit.“

Jenny gab Steve die Nummer, bei der er auch gleich anrief.

„RAF Bomber Command, Wing Commander Somerset“, meldete sich eine Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Captain Steve Donovan, 8th USAAF, 633rd Fighter Squadron Blue Eagles, Sir. Man hat mir gesagt, ich solle mich bei Ihnen melden“, sagte Steve, etwas verwirrt, dass sich das Bomber Command meldete.

„Ja, stimmt, Captain Donovan. Wie Sie vielleicht gehört haben, brauchen wir dringend Piloten, weil wir derzeit hohe Ausfälle haben. Das Bomber Command der RAF hat deshalb bei der 8th USAAF angefragt, ob man Piloten ausleihen würde. Da hat man Sie uns genannt, weil Sie gerade wieder einsatzfähig sind und einige Monate aus Ihrer Staffel ‘raus sind.“

„Sir, ist das bestimmt kein Irrtum? Ich bin Jagdpilot, kein Bomberpilot“, wunderte sich Steve.

„Sie sind Captain Steven Christopher Donovan, geboren am 13. Januar 1912?“, fragte der Brite.

„Ja, Sir, der bin ich“, bestätigte Steve.

„Dann ist es kein Irrtum, Captain. Sie finden sich hier unverzüglich ein!“, versetzte der Wing Commander kühl.

„Bei allem Respekt, Sir, das muss ich noch mal hinterfragen! Ich melde mich“, entgegnete Donovan, legte auf und hob gleich wieder ab.

„Vermittlung? Hauptquartier der 410th Fighter Group Eagles, bitte“, sagte er, als sich ein Operator meldete.

„Hauptquartier 410th Fighter Group Eagles, Lieutenant Jenny Harper.“

„Jenny, ich bin’s, Steve. Gib mir doch bitte mal Colonel Worsley.“

„Tut mir Leid, Steve, der ist die ganze Woche in Washington – Dienstreise!“

„Dann Vanderbuilt.“

„Ist auch auf Tour, aber Hopkins ist inzwischen wieder da“, bot Jenny an.

„Okay, ich nehm’ auch den“, seufzte Steve.

„Ich verbinde.“

Es knackte in der Leitung, eine Weile war Stille, dann meldete sich Hopkins.

„Guten Tag, Sir. Captain Donovan hier. Sir, ich habe eben vom Stabsarzt die freundliche Mitteilung erhalten, dass ich mich bei der RAF melden soll. Lieutenant Harper hat mir eine Telefonnummer gegeben, unter der sich das Bomber Command gemeldet hat. Das is’n Witz, oder?“

„Warum? Passt Ihnen was nicht, Donovan?“, fragte Hopkins, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Steves Ablehnung von Bombern war bekannt. Wenn es ihn auf diese Weise erwischte, doch Bomber fliegen zu müssen, war das nach Hopkins’ Ansicht nur noch die Sahnehaube auf seinem langerwarteten Dessert.

„Sir, ich weiß ja, dass Sie mich ärgern wollen. Aber warum, zum Teufel, lassen Sie mich nicht das tun, was ich wirklich kann und was ich auch mit Freuden tun würde – nämlich Jäger fliegen?“

„Donovan, Sie sind Pilot und Sie sind Soldat“, knurrte Hopkins. „Als Pilot fliegen Sie Flugzeuge, als Soldat tun Sie das, was Ihnen befohlen wird. Und Sie sind zum RAF Bomber Command abkommandiert!“

„Sir, ich fliege alles, was Flügel hat!“, schnaufte Donovan. „Aber ich habe in aller Deutlichkeit erklärt, dass keine Bomber fliegen will!“

„Donovan, Ihr Wille ist unerheblich! Sie sind ein guter Pilot, Sie haben Nachtflugerfahrung, Sie können eine Maschine vom Typ Lancaster fliegen – und Sie werden Sie fliegen. Und wenn ich noch einen Muckser von Ihnen höre, haben Sie mehr Ärger am Hals, als Sie schlucken können. Haben Sie mich verstanden?“, fauchte Hopkins.

„Ich habe verstanden, Sir. Vermerken Sie aber bitte, dass ich dem Befehl unter ausdrücklichem Protest folge“, erwiderte Steve resigniert.

„Vermerke ich. Und ich werde vermerken, dass ich Sie wegen Befehlskritik gerügt habe!“, versetzte Hopkins. „Ihre Nörgelei geht mir auf den Wecker!“

„Sir, meine Nörgelei bezieht sich nur darauf, dass man mich mit aller Gewalt von einem Jagdflugzeug fernhalten will! Ich bin Jagdpilot mit Leib und Seele, aber …“

„Es reicht jetzt, Donovan! Sie fliegen, was man Ihnen gibt – und ich gebe Ihnen via RAF einen schönen, großen Bomber! Ihre Ausreden interessieren mich nicht!“, schnitt Hopkins ihm das Wort ab.

Steve wusste, dass er schon einen Schritt zu weit gegangen war. Aber er nahm sich vor, die Art, in der Hopkins mit seinen Untergebenen umging, auch nicht länger zu tolerieren. Aber zunächst musste er sehen, was die Briten von ihm verlangen würden. Militärische Ziele waren unproblematisch, doch Steve kannte die Begeisterung von Air Marshal Harris für die Douhet-Theorie … Steve wollte kein neues Verfahren wegen Befehlsverweigerung riskieren. Falls man ihm also befahl, zivile Ziele zu bombardieren, musste er sich möglichst unauffällig um eine Befehlsverweigerung herum lavieren. Es gab da Möglichkeiten …

Hopkins kochte vor Wut. Dieser Querkopf brauchte einen Extradenkzettel! Er ließ sich mit dem RAF Bomber Command verbinden und erkundigte sich, in welchem Geschwader der ausgeliehene Pilot fliegen sollte. Wing Commander Somerset verband ihn mit Group Captain Henderson.

„Guten Tag, Sir, ich bin Major Hopkins von der USAAF. Sie haben einen meiner Piloten als Verstärkung bekommen, Sir.“

„Ja, ich habe darum gebeten. Stimmt was nicht?“, erwiderte Henderson.

„Ich möchte Sie vor dem Mann warnen, Sir. Er ist ein Querulant ersten Ranges. Er wird sich vermutlich weigern wollen, den Bomber zu fliegen.“

„Er will was? Ist der nicht ganz dicht?“, keuchte Henderson. Es war für ihn völlig unverständlich, wie ein Pilot und Soldat auch nur auf die Idee kommen konnte, keine Bomber fliegen zu wollen.

„Wie gesagt, Sir, er ist ein Querulant“, seufzte Hopkins.

„Na schön. Der wird schon sehen, was passiert, wenn er bockig wird. Ich hoffe, ich habe dann Ihre Unterstützung, Major.“

„Selbstverständlich, Sir“, versprach Hopkins.

Für Steve war noch etwas zu tun, bevor er Saint Eval verließ. Er musste es Harriet beibringen. Wider Erwarten nahm sie es aber ohne Protest auf.

„Steve, es war klar, dass du nur in Saint Eval warst, solange du nicht flugtauglich warst“, sagte sie, wieder ganz pflichtbewusste Soldatin.

„Ruf mich aber bitte an, wenn du von deinen Einsätzen zurück bist“, bat sie dann, jetzt die besorgte, liebende Frau.

„Ja, natürlich. Versprochen, ich rufe dich an“, sagte er leise und küsste sie. „Ich liebe dich.“

Harriet umarmte ihn und konnte ein Schluchzen dann doch nicht unterdrücken.

„Entschuldige bitte, ich sollte nicht so reagieren. Es … es tut mir Leid“, schniefte sie. Er schüttelte den Kopf und gab ihr sein Taschentuch.

„Nein, es braucht dir nicht Leid zu tun. Es tut mir Leid, dass ich dich in diese Situation gebracht habe. Ich hätte respektieren sollen, dass du eine solche Beziehung eigentlich nicht gewollt hast.“

„Ach, Quatsch!“, widersprach sie heftig und schnäuzte sich. „Ich hab’ dir erst einfach nicht getraut, das war der Punkt. Natürlich möchte ich so eine Beziehung zu dem Mann, den ich liebe. Ich bereue nichts von dem, was zwischen uns schon geschehen ist. Ich bestehe nur auf Fortsetzung, Captain Donovan.“

„Ja, Sir. Dem Befehl folge ich doch gerne, Flight Officer“, erwiderte er und küsste sie erneut.

Kapitel 19

Ein Unglück kommt selten allein

Group Captain Henderson war von Major Hopkins auf Steve Donovan aufmerksam gemacht worden. Der Name kam Henderson bekannt vor, er konnte ihn aber im ersten Moment nicht unterbringen. Dann kam er in den Briefing-Raum und sah sich um. Die Männer sprangen auf und salutierten britisch – also mit der rechten Hand an der Mütze, die Handfläche nach außen gekehrt und einem herzhaften Auftrampeln mit dem rechten Fuß. In der zweiten Reihe jedoch stand ein junger Offizier in amerikanischer Uniform, der auch amerikanisch grüßte, die Handfläche nicht nach außen kehrte, sondern sie waagerecht, parallel zur Schulterklappe, hielt.

„Danke, rühren!“, erwiderte Henderson den Gruß. Die Briten setzten sich, der Amerikaner blieb stehen.

„Captain Steve Donovan meldet sich zum Dienst, Sir“, meldete er sich korrekt. Henderson sah ihn an. Jetzt konnte er sich an den Amerikaner erinnern, der seinerzeit bei den Sonntagsgesprächen bei Professor Jones aufgetaucht war.

Kein Wunder, dass sein Major ihn als Querulanten bezeichnet’, durchzuckte es Henderson. ‚Der kam mir gleich so vor, als ich ihn bei Jones gesehen habe!

„Danke, Flight Lieutenant. Setzen Sie sich“, sagte Henderson und erläuterte das Ziel des Angriffs dieser Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1943: Es ging nach Hamburg, genauer in den Hamburger Hafen und nach Winterhude, auf die so genannte Jarre-Stadt. Es handelte sich um ein städtebauliches Werk von zehn Hamburger Architekten aus den Jahren 1928/29, die für Baugenossenschaften errichtet worden waren und mit zwei bis drei Zimmern je Wohnung für die gedachte Klientel von Arbeitern und Angestellten als ausgesprochen komfortabel galten. Steve sah sich das Dia genau an. Auf der anderen Seite der Jarrestraße, südlich der karréförmigen Jarre-Stadt war die Osterbek, einer der vielen Nebenflüsse der Alster, die Hamburg durchziehen, und die der Grund dafür sind, dass Hamburg mehr Brücken hat als Venedig.

Donovan wusste aus seiner Hamburger Zeit, dass die Osterbek zu einem Industrietransportkanal ausgebaut war. An ihren Ufern befanden sich schmale Industrieansiedlungen, die von Wohngebieten umgeben waren. Am Südufer der Osterbek war ein Gasometer, am nördlichen Ufer eine Gummifabrik. Der Kurs brauchte nur um wenige hundert Yards verändert zu werden und die Bomben trafen nicht die Wohnhäuser, sondern die Industrieanlagen – und Steve musste kein schlechtes Gewissen haben … Er machte sich seine Notizen.

„Flight Lieutenant Donovan!“, rief Henderson scharf. Steve sah auf.

„Sir, Entschuldigung, ich bin Captain“, erwiderte er.

„Bei uns heißt das Flight Lieutenant und dabei bleibt’s, klar?“, herrschte Henderson ihn an.

„Ihr Major hat mich ja schon vorgewarnt! Sie fliegen die Lancaster, die Flying Officer Collins zugedacht war!“

„Ja, Sir“, bestätigte Steve.

„Das heißt, Sie fliegen die Maschine hinter dem Führungsbomber von McMonahan in der Gruppe, die sich die Wohnviertel vornimmt!“

„Ja, Sir.“

„Und wenn Sie auch nur im Verband wackeln, melde ich das Ihrem Staffelkapitän, verstanden?“

„Ja, Sir. Die Warnung habe ich verstanden. Darf ich trotzdem der Flak ausweichen, Sir?“

„Ist ja wohl selbstverständlich!“, knurrte Henderson.

„Danke, Sir.“

„Pilot Officer McFarlane, Sie sind, wie üblich, Copilot. Flight Lieutenant Donovan will keine Bomber fliegen. Hat wohl Mitleid mit den verdammten Zivilkrauts! Wenn er irgendwelche Kursabweichungen vornimmt, erschießen Sie ihn, verstanden?“, fuhr Henderson den neben Steve sitzenden Mann an.

„Aber, Sir …“, setzte der vorsichtig an.

„Stehen Sie auf den Ohren?“, brüllte Henderson. Ian McFarlane sprang erschrocken auf und salutierte.

„Nein, Sir! Verstanden, Sir!“, rief er. Steve blieb äußerlich ruhig, innerlich brodelte es in ihm. Er hatte seinen Plan; es kam nur darauf an, den Copiloten und den Bombenschützen mit einzuspannen.

Das Briefing war beendet, die Männer bestiegen die Bomber. Steve checkte die Maschine.

„Können wir starten, Sir?“, fragte McFarlane.

„Weniger können, als müssen, Mr. McFarlane“, seufzte Steve und legte die Checkliste weg, nachdem er den letzten Haken gemacht hatte.

„Sagen Sie einfach Mac, so nennen mich hier alle, Sir“, erwiderte der Schotte. „Hör’n, Sie, Sir, ich möchte hier gern wieder heil landen. Machen Sie also keinen Mist!“, bat er dann. Steve nickte.

Der Bomberverband hob ab, die zweiundneunzig Maschinen formierten sich und nahmen mittels der GEE-Peilung** Kurs auf Hamburg.

„Diesmal geben wir’s den Krauts gründlich!“, frohlockte McFarlane über den Bordfunk.

„Ja, wir geben es Frauen und Kindern!“, erwiderte Donovan. „Wir können wirklich stolz auf uns sein, Mac“, setzte er ätzend hinzu. „Meine Güte, was sind wir für tapfere Soldaten, dass wir es sogar wagen, hochgefährliche Kleinkinder zu töten!“

„Aber, Sir, es sind Deutsche!“, widersprach McFarlane.

„Es sind Menschen, die sich nicht wehren können, Mac“, versetzte Steve.

„Is’ doch wurscht! Die Weiber jubeln Adolf ebenso zu wie die Kinder!“, entgegnete der Copilot.

„Die Kinder ahmen nach, was die Erwachsenen ihnen vormachen, Mac. Zugegeben, ich weiß nicht, was Frauen an Mr. Hitler finden, aber ich bin auch keine Frau. Aber ich weiß, dass auch in Deutschland Frauen und Kinder keinen Kriegsdienst mit der Waffe tun. Wenn wir diese Menschen angreifen, greifen wir Wehrlose an“, beharrte Steve.

„Lassen Sie das bloß den Chef nicht hören, Sir!“, warnte McFarlane.

„Sollte ich diesen Einsatz überleben, kriegen Ihr Chef und meiner einen Satz heiße Ohren“, schwor Steve.

„Was soll ‘n das heißen, Sir?“, fragte McFarlane.

„Dass ich mich mit Händen und Füßen gegen weitere Einsätze solcher Art wehren werde!“, knurrte Donovan. „Geben Sie lieber auf Nachtjäger Acht. Bei dem schönen Licht haben die uns bestimmt bald im Visier“, mahnte Steve den Copiloten. „Geben Sie mir mal die Karte ‘rüber.“

„Hier, Sir.“

Steve klemmte sich das Steuerhorn zwischen die Knie und sah mithilfe einer schwachen Lampe auf die Zielkarte. Besatzungen, die in der Nacht auf Feindflug gingen, gewöhnten vor dem Start die Augen mit dunklen Brillen an die Dunkelheit. Jede Blendung wurde sorgsam vermieden – insbesondere natürlich bei den Piloten. Taschenlampen, die die Besatzungen an Bord benutzten, um die völlige Finsternis zu durchbrechen, waren entsprechend schwach.

Der Bomberverband flog Hamburg von Westsüdwesten an. Auf dem Weg zu dem Hamburger Stadtteil Winterhude, der östlich der Alster lag, fand Steve das kleine Industriegebiet am Osterbekkanal. Die Abweichung vom Kurs waren wirklich nur ein paar hundert Yards – wenig genug, damit es nicht auffiel und nicht explizit eine Befehlsverweigerung war. Bei der Ungenauigkeit der Zielgeräte war es keine Schwierigkeit, statt der zivilen Wohngebäude das Industriegebiet zu treffen. Steve schaltete die Bordsprechanlage ein.

„Toller, kommen Sie bitte mal nach vorn?“, rief er den Bombenschützen.

„Flight Sergeant Toller zur Stelle, Sir!“, brüllte es Sekunden später neben ihm.

„Sehen Sie mal, Toller: Industrieanlagen, Gasversorgung. Alles auf kaum zehntausend Square Yards. Können Sie Ihre Lieblinge so loslassen, dass alle auf dem Gebiet ‘runterkommen?“, fragte Steve.

„Hmm, scheußlich klein, Sir. Wir sind zwölftausend Fuß hoch, Sir. Ich muss die Dinger schon ‘ne halbe Meile vorher ausklinken, weil wir die Geschwindigkeit der Lanc einbeziehen müssen. Ob ich das treffe – kein Garantie, Sir.“

„Nehmen Sie ‘ne Wette an, Toller?“, fragte Steve. Wetten war eine britische Leidenschaft, wie Steve noch von seiner Zeit bei der Eagle Squadron wusste.

„Fast jede, Sir“, bestätigte Toller prompt die Erinnerung des Amerikaners.

„Okay, zwei Pints Guinness, wenn Sie’s schaffen!“, bot Steve an. Toller grinste.

Topp, die Wette gilt, Sir!“, brüllte Toller und verzog sich an sein Bombenzielgerät.

„Sir, unser Befehl lautet, die Bomben in dem von den Pfadfindern markierten Kreis abzuwerfen“, erinnerte McFarlane den Piloten. Steve lächelte.

„Christbäume haben die Eigenschaft, mit dem Wind zu treiben, Mac. Die Markierer müssen sie etwa eine halbe Meile südwestlich der eigentlichen Abwurfzone aussetzen. Das leuchtet das Ziel für Toller prima aus und wir bombardieren ein Industriegebiet, kriegswichtig und daher kein Kriegsverbrechen, es zu bombardieren – im Gegensatz zur Bombardierung ziviler Wohnbezirke.“

„Nachtjäger!“, brüllte jemand von hinten.

„Abwehr besetzen!“, befahl Steve. Die Männer im hinteren Teil sprangen eilig in die MG-Kanzeln der Lancaster. Alle wussten, dass die Schützen praktisch nur reagieren konnten, wenn sie die Auspuffflammen oder das Mündungsfeuer der deutschen Nachtjäger sahen. In letzterem Fall konnte es dann schon zu spät sein. Steve juckte es in den Fingern. Er wusste nicht, wie viel Erfahrung die meist jungen Burschen mit Jägern hatten – und ob sie um die sofortigen Ausweichmanöver wussten, die ein Jäger nach seinen Feuerstößen für gewöhnlich machte. Er war selbst als Nachtjäger geflogen und kannte die andere Perspektive recht gut.

„Lassen Sie die Jungs nur machen, Sir“, meldete sich McFarlane zu Wort, als ob er Donovans Gedanken gelesen hatte. „Für fliegendes Bordpersonal sind sie schon recht lange dabei.“

„Wie lange?“

„Och, so sieben oder acht Wochen, Sir. Bei fast täglichen Einsätzen will das was heißen. Die kennen sich aus“, erwiderte McFarlane, der Steves Zweifel in dessen Gesicht wie in einem offenen Buch lesen konnte.

Ein schepperndes Geräusch und ein Schrei aus der oberen Geschützkanzel verdeutlichte, dass die Lancaster getroffen und der obere Schütze mindestens verwundet war.

„Toller, Schadensmeldung!“, forderte Steve den Flight Sergeant auf.

„MG-Treffer im Dach, obere Geschützkanzel ausgefallen, Abbott hat’s erwischt, Sir!“, meldete Toller erstickt.

„Sonstige Schäden?“

„Kann ich im Moment nicht ausmachen, Sir.“

„MG noch intakt?“

„Nein, Sir, zerlegt!“

„Na, herzlichen Glückwunsch!“, knurrte Steve. „Beginnende Vereisung an den Tragflächen, noch nicht mal im Zielgebiet und schon keine Oben-Verteidigung mehr!“

Er sah zu McFarlane hinüber.

„Wie weit noch?“, fragte er. Der Copilot, gleichzeitig der Navigator, überprüfte mit seinem Hyperbelnetz und den Impulsen, die die Bodenstationen sendeten, die Entfernung zum Zielgebiet.

„Noch dreißig Meilen, Sir.“

Steve reckte sich und sah im Mondlicht die glänzende Wasserfläche der Elbe. Ein Stück nach Westen zeigte sich ein markanter Knick, an dem der Fluss von fast genau westlicher Fließrichtung in eine nordwestliche Richtung wechselte.

„Hmm – das ist der Stader Bogen. Knapp drei Minuten noch“, murmelte er. „Toller: Machen Sie Ihre Spielzeuge klar!“, wies er den Bombenschützen über Funk an. Toller bestätigte, die verbleibenden Schützen und die Schützen der anderen Bomber wehrten die Nachtjäger ab, so gut es ging. Außer Steves Maschine, die zwar beschädigt wurde, aber uneingeschränkt flugfähig blieb, wurden noch drei weitere Bomber getroffen, die aber weniger Glück hatten. Sie explodierten in der Luft oder stürzten brennend auf Harsefeld, Buxtehude oder Finkenwerder nieder. Das helle Mondlicht dieser Nacht machte die Jagd auf die angreifenden RAF-Bomber für die Deutschen zwar einfacher, aber die Jagdmaschinen vom Typ Heinkel He 110 und 111 waren ihrerseits ebenfalls recht gut zu erkennen – vor allem für Steve, der deren Verhalten kannte und die Anflüge zu ahnen schien. Er begann zu pendeln und schlug den Jägern damit ein Schnippchen nach dem anderen. McFarlane hielt sich erschrocken fest.

„Holla, das macht sonst nur Flying Officer Collins!“, entfuhr es dem Briten.

„Von mir hat er das ja“, grinste Steve. „Ich bin Jagdpilot, Mac.“

„Oh, Gott im Himmel, hoffentlich hält mein Magen das aus, Sir!“, ächzte McFarlane und wurde immer grüner im Gesicht.

„Mac, ich garantiere Ihnen, dass wir nicht ‘runterfallen, solange ich den Krauts ausweichen kann und die Eisbildung auf den Tragflächen nicht noch schlimmer wird. Fangen Sie mir nicht an zu kotzen!“, warnte Steve.

„Sir“, meldete sich Toller, „wenn Sie so wackeln, kann ich nicht zielen. Sie vermasseln mir die Wette!“, beschwerte sich der Bombenschütze.

„Ich werd’ versuchen nachher wieder geradeaus zu fliegen, Toller. Im Moment muss ich pendeln, sonst wird bestimmt nichts aus unserer Wette“, versetzte Steve.

Der Bomberpulk erreichte das Zielgebiet über Hamburg. Steve verglich noch einmal die Zielmarkierungen mit dem angegebenen Gebiet. Die Markierer arbeiteten gewissenhaft. Im Moment war auch wieder Ruhe vor Nachtjägern, was Steve ermöglichte, wieder gerade zu fliegen.

„Toller, Ihr Auftritt!“, rief er ins Mikrofon.

„Ziel erfasst!“, meldete Toller. Er öffnete per Knopfdruck die Bombenklappe aus und löste die tödliche Ladung von zwölf 500-lbs* Bomben aus.

„Bomben – rrraus!“, meldete er. Toller begann zu zählen. Eine Explosion, noch eine, noch eine, dann stoppte eine gewaltige Stichflamme von unten die weitere Zählarbeit.

„Ziel bekämpft, Sir!“, jubelte Toller. „Drei Bomben habe ich explodieren sehen, vom Rest kann ich’s nur vermuten!“, meldete der Bombenschütze.

„Gratuliere, Toller. Zwei Pints Guinness, wenn wir wieder auf dem Stützpunkt sind und die Formalitäten erledigt sind“, gab Steve zurück.

Sein zufriedenes Lächeln machte Pilot Officer McFarlane misstrauisch.

„Sir, ich habe gemerkt, dass Sie Bomber eigentlich nicht mögen. Aber Sie sind zufrieden. Warum?“, fragte er.

„Ich habe den Befehl, den man uns gegeben hat, ausführen können, ohne mir die Hände schmutzig zu machen, Mac. Wir haben ein Gaswerk und eine Gummifabrik bombardiert. Diese Fabrik im Stadtteil Barmbek stellt unter anderem Gummistiefel und Treibriemen und Gummidichtungen für Motoren her. Bei Gummistiefeln kann man über die Kriegswichtigkeit noch streiten, bei Treibriemen und Gummidichtungen für Motoren sicher nicht. Solche Riemen und Dichtungen müssen häufig ausgewechselt werden. Ohne die fährt kein Auto, fliegt kein Flugzeug, rollt kein Panzer. So was zu bombardieren ist effektiver als den Leuten im Januar das Dach über dem Kopf abzureißen.“

„Nun, Sir, Sie scheinen Hamburg gut zu kennen. Ich würde nur den Markierungen nachfliegen.“

„Mac, Sie wollten Bomber fliegen – im Gegensatz zu mir. Da ist es Ihnen vermutlich egal, was Sie bombardieren. Ich wollte es nicht, und darum ist es mir ganz und gar nicht egal, was ich treffe. Aber ich will, dass wir Alliierten den Krieg gewinnen, denn Adolf will ich diese Welt nicht überlassen, glauben Sie mir. Ich bin nur der Ansicht, dass man dafür nicht das ganze deutsche Volk ausrotten muss. Gäbe Henderson morgen den Befehl, die Reichskanzlei in Berlin unter Feuer zu nehmen, würde ich sogar den Markierungsbomber fliegen, wenn man mich lässt!“

Der Bomberverband landete zwar gerupft, aber von zweiundneunzig gestarteten Bombern waren nur fünf Maschinen nicht zurückgekehrt. Beim Abschlussbriefing gab Steve zu Protokoll, ein Gaswerk und eine Gummifabrik erfolgreich bombardiert zu haben. Das Ergebnis war, dass er zu Group Captain Henderson zitiert wurde.

„So, so, Sie haben also ein Gaswerk hochgehen lassen und eine Gummifabrik ausgelöscht. Toll! Und was ist mit dem befohlenen Ziel? Welche Wohnblocks haben Sie bombardiert?“, fragte der Geschwaderchef scharf.

„Keine, Sir“, erwiderte Steve eisig. „Und ich werde es bewusst nie tun, Sir.“

„Sie widersetzen sich also dem Befehl, der Ihnen gegeben wurde?“

„Hängen Sie mir ein Verfahren an, Sir! Tun Sie sich keinen Zwang an. Ich werde mir ebenso keinen Zwang antun, diese Geschichte an die größte Glocke zu hängen, die ich finden kann! Die Presse wird begeistert sein, zu erfahren, dass ein aktiver Offizier verurteilt wird, weil er ein kriegswichtiges Ziel bekämpft, statt ein Kriegsverbrechen zu begehen und ganz bewusst Zivilisten anzugreifen!“, fuhr er Henderson an.

„Ich werde Sie zwiebeln, dass Ihnen das Wasser im Arsch kocht, Donovan! Sie verweigern mir nicht noch einmal den Befehl!“, brüllte Henderson.

„Sie haben nicht das Recht, mich auf diese Weise zu disziplinieren, Sir! Und ich werde Sie wegen Nötigung anzeigen, falls Sie das versuchen sollten!“, brüllte Steve zurück. Henderson, hochrot im Gesicht, stemmte die Fäuste auf den Tisch.

„Ich sorge dafür, dass Sie nie wieder fliegen, Donovan! Ich werde Sie so klein machen, dass Sie samt Mütze unter dem Teppich spazieren, ohne Beulen zu hinterlassen!“

„Tun Sie’s, Sir! Auf Ihre Streifen würde ich dann keine Wetten annehmen“, erwiderte Steve ebenso laut. Er war viel zu wütend, um die Gefahr zu bemerken, die er heraufbeschwor.

„Es reicht! Ich melde Sie! Zur Not bei Präsident Roosevelt persönlich!“

Steve salutierte mit eisiger Miene.

„Tun Sie’s, Sir. Machen Sie nur. Wie gesagt: Es wird die Presse in England und den USA interessieren, dass die Generalität Völkermord begehen will, statt wirklich kriegswichtige Objekte zu bekämpfen!“

„Raus, bevor ich mich vergesse!“

Steve salutierte nochmals und verließ dann wortlos den Raum.

Er hatte seine Unterkunft noch nicht erreicht, als ihn die britische Militärpolizei verhaften wollte. Wie zum Hohn war der Ranghöchste ein Corporal. Selbst in diesem niedrigen Rang, der nur zwei Stufen über dem einfachen Soldaten lag, hatte ein Militärpolizist gegenüber einem Offizier noch Vorgesetztenfunktion. Dennoch war es unüblich, für die Verhaftung eines Offiziers einen Militärpolizisten von wesentlich geringerem Rang einzusetzen. Steve war derart wütend über diese absichtlich unwürdige Behandlung, dass ihm der letzte Geduldsfaden riss. Er schnappte sich den völlig überraschten Corporal der Militärpolizei beim Kragen, zog ihn zu sich heran und brüllte:

„Lass mich gefälligst in Ruhe, du Ratte! Ich bombardiere keine Zivilisten! Mach’ ein Verfahren draus, du Arsch, und die Washington Post hat eine Schlagzeile, die die Auflage vervierfacht!“

Ein tätlicher Angriff auf einen disziplinarischen Vorgesetzten in Tateinheit mit Beleidigungen und Widerstand gegen die Festnahme – das war es letztlich, was Donovan das Verfahren einbrachte. Geschickt vermied man es von Seiten der Führung, den wirklichen Grund der Anklage zu nennen, auch wenn man sich getrost fragen durfte, weshalb die Verhaftung denn eigentlich erfolgen sollte …

Colonel Bennett war nicht greifbar, um Steve zu verteidigen, so übernahm sein Staffelkamerad Jeff Carringson diese Aufgabe. Leider ließ Carringson sich zu einem außergerichtlichen Vergleich hinreißen um – wie er meinte – Steve eine schlimmere Strafe zu ersparen. Dieser Vergleich beinhaltete eine Degradierung zum Second-Lieutenant und zehn Tage Arrest. Da Steve aber einen Briten angegriffen hatte, musste von britischer Seite her dem Vergleich ebenfalls zugestimmt werden – und Henderson wollte Steve hart wie möglich bestraft wissen. Immerhin ließ man Steve auf freiem Fuß, bis über den Vergleich insgesamt entschieden war, wenngleich er vom Dienst suspendiert wurde.

Er hatte damit noch die Möglichkeit, sich wie versprochen bei Harriet zu melden und erreichte sie in ihrer Unterkunft.

„Hallo, Schatz, ich bin’s, Steve“, meldete er sich.

„Oh, Gott, Steve, wo warst du? Ich habe schreckliche Angst gehabt, Liebling.“

„Ich bin nach meinem ersten Einsatz gleich ausgerastet, weil sie mich zum Bomberfliegen in Wohngebiete geschickt haben. Ich hasse Bomber. Frag’ Danny danach. Na, ja, ich hab’ den Corporal von der MP recht rüde geschüttelt und war auch nicht sehr nett zu ihm. Und jetzt hab’ ich den Salat.“

„Oh je, was ist passiert?“

„Ich bin vom Dienst suspendiert, erwarte einen Arrest von zehn Tagen und Captain bin ich auch nicht mehr. Nur noch Second-Lieutenant. Das jedenfalls nach dem außergerichtlichen Vergleich, aber der ist noch nicht perfekt“, erklärte Steve.

„Was kann dir denn noch drohen, Darling?“, erkundigte sich Harriet besorgt.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte er müde. „Ich weiß es nicht, Harriet. Wir müssen es auf uns zukommen lassen. Vor allem hoffe ich, dass ich mich noch mal bei dir melden kann. Jetzt laufe ich ja noch frei herum, wenn ich die Kaserne auch nicht verlassen darf, aber ob ich …“

„Warte es ab, Steve. Verteidigt dich wieder Colonel Bennett?“

„Nein, der war leider nicht da. Ich liebe dich, Harriet.“

„Ich liebe dich auch, Steve. Halt die Ohren steif, Liebling.“

„Ja, werd’ ich tun. Gute Nacht, Schatz. Schlaf schön.“

„Ja, du auch.“

Trotz der gegenseitigen Wünsche schliefen sie beide sehr schlecht. Steve, weil er zum ersten Mal im Leben richtig Angst hatte vor dem was ihn erwartete, und Harriet, weil sie ebenfalls die Gefahr für ihren Liebsten nicht einschätzen konnte, weil sie aber auch plötzlich eine Gefahr für sich selbst sah. Was, wenn sie schwanger war? Steve und sie waren nicht verheiratet! In Harriet keimte ein schrecklicher Verdacht. Wollte er sich etwa doch elegant absetzen?

Drei Tage später musste Steve die Haft antreten, weil der Richter trotz der laufenden Verhandlungen keinen weiteren Aufschub gewähren wollte. Jeff Carringson und der inzwischen zurückgekehrte Sam Bennett besuchten ihn im Militärgefängnis von Maidenfield.

„Hey, wie geht’s dir?“, fragte Jeff. Steve sah hoch. Er hatte sich gerade hingelegt und auf der Pritsche vor sich hin gedöst, als die Wache Bennett und Carringson einließ.

„Wie soll’s mir gehen? Ist fast wie Urlaub. Wenn sie mich morgens um fünf geweckt haben und mit einer Schüssel kaltem Porridge beglückt haben, habe ich bis zum zähen Lunchbrot meine Ruhe und danach erscheint bis zum ziemlich wässrigen Fünfuhrtee auch keiner, und sobald um sieben oder auch um halb acht ein eher lauwarmes Supper aus einer dünnen Wassersuppe mit ohne Einlage und einer Scheibe trockenem, ungetoastetem Toastbrot serviert wird, kümmert sich kein Schwanz mehr um mich. Ich habe richtig Zeit zum Nachdenken, Dösen und Träumen.“

„Und was hat das Nachdenken bisher gebracht?“, erkundigte sich Jeff.

„Falls du meinst, dass ich jetzt bereit bin, Bomben auf Zivilisten zu werfen, irrst du dich. Aber deshalb sitze ich ja auch nicht hier, sondern weil ich einem MP an die Wäsche gegangen bin. Und das tut mir nicht für fünf Cent Leid!“

„Steve, mein Junge – es wird dir Leid tun!“, warnte Sam. Der Ton war so eindringlich, dass Steve doch blass wurde.

„Was meinst du, Sam?“

„Es ist zwar zutreffend, dass man dir nur wegen des Angriffs auf den Militärpolizisten den Prozess machen wollte, aber Group Captain Henderson scheint dich richtig ins Herz geschlossen zu haben“, erwiderte Bennett. „Das Schlimmste ist, dass er gute Verbindungen zu Premier Churchill und Air Marshal Harris hat. Beide können uns erhebliche Schwierigkeiten machen. Und Henderson will dem Vergleich nur zustimmen, wenn du eine zusätzliche Strafe aufgebrummt bekommst. Wenn der Vergleich scheitert, wird auch nicht nur über den Angriff auf den MP verhandelt, sondern auch über deine Befehlsverweigerung. Das Problem ist: Wir können das nicht abstreiten. Du hast zwar darauf spekuliert, im Prozess die Tatsache öffentlich zu machen, dass von alliierter Seite Kriegsverbrechen begangen werden. Der Prozess findet aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Presse hat keinen Zugang. Was die hohen Tiere von der RAF und der USAAF von der Douhet-Theorie halten, muss ich dir nicht sagen, glaube ich …“, erklärte Bennett. Steve wusste, was Sam meinte. Resigniert schüttelte er den Kopf.

„Henderson will, dass dir die Fluglizenz entzogen wird!“, ließ Bennett dann die Bombe platzen. Steves Entsetzen war echt.

„Wie bitte … ? Aber …“

„Wohlgemerkt für den Fall des Vergleichs“, ergänzte Bennett. „Für den Prozessfall hat er die Forderung nach einem erheblich härteren Strafmaß angekündigt – sechs Jahre Haft, Entzug der Fluglizenz, Degradierung zum Private, Aberkennung sämtlicher Auszeichnungen, mindestens aber der britischen Orden, anschließend unehrenhafte Entlassung. Wenn der Prozess durchgezogen wird, wird er um die Befehlsverweigerung mit der entsprechenden Strafandrohung erweitert. Und du wirst diesen Prozess verlieren, Steve. Mit Pauken und Trompeten!“

„Was schlägst du vor?“, fragte Steve kreidebleich. Alle Strafen würde er akzeptieren und irgendwie ertragen, aber nicht die Degradierung zum Private und den Entzug der Fluglizenz.

„Du musst aus Hendersons Sichtfeld weg; so weit wie es irgendwie geht, mein Junge.“

„Und wohin?“, fragte Steve. Es klang sowohl hoffnungsvoll als auch besorgt.

„Afrika“, erwiderte Jeff.

„Afrika? Was soll ich dort tun?“

„Jagdflugzeuge fliegen, was sonst?“, grinste Sam. Steve reagierte nicht.

„He, was ist los mit dir? Freut dich das nicht?“, fragte Sam verblüfft. „Sieh’ bitte mal nach draußen! Es ist Februar, wir sind in England und Februar ist einer von diesen Herbstmonaten, denn Winter kennt man hier auch nicht. Herbst oder das, was man hier Winter nennt, heißt einheitlich graues Scheißwetter! Du hast den Großteil deines Lebens auf Hawaii oder in Arizona verbracht, Steve. Das heißt: Sonne, blauer Himmel, Wolken zur Dekoration, damit das Blau nicht so langweilig ist, Wärme. Vor allem Letzteres fehlt dir doch in England mächtig. Hier ist es einfach nur grau, kalt und nass. Ob du hier fliegst oder in Afrika, ist vom Gefahrenpotenzial letztlich egal. Aber du bekommst wieder Licht, Luft und ‘n bisschen Wärme. Hier kriegst du auf Dauer noch Rheuma. Henderson werde ich das als fürchterliche Strafe verkaufen – und du wirst bitte wenigstens so tun, als ob es dich trifft!“, versetzte Bennett.

Steve sah seinen väterlichen Freund müde an.

„Auch, wenn du mir die Chance gibst, mich wieder aufzuwärmen: Ich brauche nicht so zu tun, als ob es mich trifft. Treffen tut’s mich sogar heftig. Hättest du mir das unmittelbar nach meinem Absturz präsentiert, wäre ich dir vor Freude um den Hals gefallen. Inzwischen ist einiges geschehen.“

„Und was?“

„Sam, es gibt eine Frau in meinem Leben. Und sie ist hier in England“, erwiderte Steve.

„Es war überfällig! Du bist jetzt einunddreißig, Junge. Da wird es Zeit, sich um eine Frau zu kümmern. Aber wenn du bitte mal nachdenkst, wirst du feststellen, dass die meisten Männer hier ihre Frauen schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen haben. Also, stell’ dich nicht so an! Freu’ dich, dass du ins Warme kommst!“, versetzte Bennett.

„Danke, Sam. Ich weiß deine Mühe zu schätzen, auch wenn es jetzt nicht so aussieht. Besteht die Chance, dass mich ich wenigstens von ihr verabschieden kann?“

„Du solltest zunächst beten, dass es mir gelingt, dir dein Offizierspatent und deine Fluglizenz zu erhalten. Dein Mädchen wird dir schon nicht weglaufen!“, grollte Sam, dem Steves Reaktion recht undankbar erschien.

Steve lächelte mühsam.

„Nein, aber sie wird denken, dass ich ihr weglaufe. Sie ist ziemlich empfindlich an der Stelle. Ich habe recht lange gebraucht, um sie ein bisschen aufzutauen – und wenn ich jetzt einfach verschwinde, könnte sie das falsch verstehen, Sam.“

„Musst du dir Sorgen ihretwegen machen? Ist sie schwanger?“

„Nein, zumindest weiß ich davon noch nichts; aber wir sind halt nicht verheiratet. Und falls …“

„Du bist genau so ein Schwerenöter wie Sid“, lachte Sam auf. Steves Miene verhärtete sich.

„Genau das, Sam, bin ich nicht!“, grollte er. „Aber sie wird eben das vermuten. Ich will nicht, dass sie das glaubt, denn es ist nicht so.“

Bennett bemerkte, dass er Steve ernsthaft beleidigt hatte.

„Es tut mir Leid“, sagte der Colonel leise. „Entschuldige bitte. Wenn es nicht anders gehen sollte, werde ich ihr sagen, weshalb du versetzt wurdest.“

Nach einer Pause fuhr er fort:

„Ich werde mit Henderson reden und es ihm als Strafversetzung verkaufen. Dein neuer Chef in Afrika wird davon nichts erfahren, und Worsley werde ich beibringen, dass es besser war, dich aus der Schusslinie zu nehmen. Aber mach’ so was nie wieder! Du hast keine Chance!“

Donovan sah seinen ‚Onkel’ geradeheraus an.

„Sam, ich bin Kampfpilot. Ich habe geschworen, mein Leben für mein Land einzusetzen. Das habe ich bisher getan und mich selbst dabei, weiß Gott, nicht geschont! Ich habe nach einem Ausweg gesucht, wie ich meinen Befehl erfüllen konnte, ohne mit meinem Gewissen in Konflikt zu geraten. Wir haben ein Gaswerk und eine Gummifabrik zerstört. Ich halte es für sehr viel effektiver, kriegswichtige Industrien auszuschalten, als Frauen und Kinder zu terrorisieren. Dafür bin ich nicht Soldat geworden!“

„Ich kenne deine Meinung zur Douhet-Theorie, Steve. Sie ist ehrenhaft. Aber die Deutschen benehmen sich auch nicht gerade ehrenhaft. Unter dem Strich füttern wir sie mit ihrer eigenen Kost“, mahnte Sam.

„Sicher, haben sie angefangen. Aber wenn es Möglichkeiten gibt, die Nazis zu besiegen und dem deutschen Volk zu zeigen, dass ihre eigene Regierung ihr Feind ist und nicht die Alliierten, wäre Europa nach diesem Krieg ein ganzes Stück friedlicher. Mir geht es um die Nazis und ihre verbohrte Weltanschauung. Die müssen besiegt werden, nicht das Volk, das auch nur nach seinen Vorstellungen leben möchte und in Ruhe gelassen werden will – so wie wir es selbstverständlich für uns in Anspruch nehmen. Reißen wir ihnen das Dach über dem Kopf ab, töten wir Frauen und Kinder, treiben wir die Deutschen näher an die Nazis, als uns lieb sein kann“, ereiferte sich Steve.

„Steve, das ist deine Meinung. Du stehst im Moment leider sehr alleine damit. Ich bin nicht gekommen, um mit dir über den Sinn von strategischen Überlegungen zu diskutieren“, versetzte Bennett scharf. „Mir geht es jetzt darum, dass du Offizier bleibst, dass du weiter fliegen kannst. Also, lass diesen Blödsinn! Ich werde sehen, was ich für dich tun kann.“

Damit ließen Carringson und Bennett Steve allein.

Sam war verärgert, das spürte Steve deutlich. Seine nagende Angst wurde jetzt noch verstärkt um das, was Harriet denken würde, wenn er nach Afrika versetzt wurde.

Die Tatsache, dass Steve sich nach dem einen Telefonat nicht mehr gemeldet hatte, verstärkte Harriets Zweifel an ihrem Freund. Sie machte sich inzwischen auch Sorgen um sich selbst. Ihre Periode war ausgeblieben. Es war noch zu früh, um eine Schwangerschaft feststellen zu können, aber sie hatte Angst. Wenn etwas geschehen war, konnte sie nicht einmal mehr nach Hause. Ihre Eltern würden ihr nicht verzeihen, sich vor der Hochzeit soweit mit einem Mann eingelassen zu haben, noch dazu mit einem Amerikaner.

Sam Bennett hatte sich bald wieder beruhigt. Es war doch nur natürlich, dass Steve – frisch verliebt – sich nur ungern von seinem Mädchen trennen lassen wollte. Und dass das Mädchen sich berechtigte Sorgen machte, wenn ein attraktiver Mann wie Steve plötzlich aus ihrem Leben verschwand, in das er gerade erst eingetreten war, das war auch nur natürlich. Vor allem, wenn sie sich nicht nur geküsst hatten … Sam sah ein, dass nur ein persönlicher Abschied Missverständnisse vermeiden konnte. Henderson hatte er mit einer Beschreibung all der Schrecknisse der Wüste eine Versetzung von Steve Donovan nach Afrika als ernsthafte Strafe verkaufen können. Als er noch erwähnte, dass der Mann damit auch von seinem Mädchen getrennt würde, war Henderson endgültig zufrieden und stimmte dem Vergleich zu. Doch er verlangte eine Kopie der Kenntnisnahme des neuen Kommandeurs von Steve über dessen Strafversetzung. Dafür konnte Sam dann eine Begrenzung der Strafversetzung auf drei Monate erreichen. Steve wurde also zum Second-Lieutenant degradiert und nach Afrika versetzt, blieb aber Pilot und behielt auch seine Auszeichnungen.

Steve wurde aus dem Arrest entlassen und rief Harriet an, um mit ihr ein Treffen außerhalb von Saint Eval zu verabreden. Sie hatten ihre Liebe geheim halten können, und er wollte sie nicht kompromittieren, wenn er sich jetzt irgendwo im militärischen Bereich von Saint Eval traf.

Maggie McFarlane nahm das Gespräch im Quartier der weiblichen Fluglotsen an, holte Harriet und verzog sich dann außer Hörweite. Zwar zerrissen sich die Fluglotsen hinter vorgehaltener Hand den Mund über das hübsche Paar, aber Maggie gönnte es Harriet, den Mann fürs Leben gefunden zu haben.

„Hallo, mein Schatz, ich bin’s, Steve. Kannst du reden?“

Harriet fiel ein Stein vom Herzen, gleichzeitig meldete sich das Misstrauen in ihr.

„Hallo, meldest du dich auch noch mal!“, fuhr sie ihn an. „Ja, ich kann reden!“, setzte sie dann hinzu.

„Was ist los? Was hast du?“, fragte er erschrocken über ihren Ton.

„Ich warte hier seit Tagen, dass du dich mal wieder meldest! Ich stehe Heidenängste aus, Steve Donovan!“, versetzte Harriet.

„Ich meine, ich hatte dir gesagt, dass ich zehn Tage Arrest abbrummen muss“, erinnerte er sanft. „Die sind jetzt um und ich kann mich wieder melden. Wir müssen uns treffen.“

„Was heißt müssen, du Betthase? Ich muss überhaupt nicht!“, fauchte Harriet.

„Harriet, mein Schatz, ich möchte gern mit dir persönlich reden. Von Angesicht zu Angesicht.“

„Hör auf, so ‘rumzusäuseln! Was soll das? Komm her, wenn du mich sehen willst!“

„Harriet – wenn ich nach Saint Eval komme, wo ich nichts mehr zu suchen habe, zerreißen sich das Maul über uns – oder dich, weil ich dann nicht mehr da bin …“

„Wieso nicht mehr da bin?“

„Ich wäre doch sowieso nicht in Saint Eval geblieben. Das wusstest du, Liebling. Bitte, ich möchte nicht, dass du Probleme bekommst, wenn ich bei euch auftauche. Komm nach London, bitte. Wir müssen etwas besprechen“, bat Steve eindringlich.

„Ich sag’s dir noch mal: Ich muss nicht! Was ist es, was du mir nicht am Telefon sagen kannst?“

„Na schön, ich hoffe nur, du sitzt. Sonst fällst du um“, warnte er.

„Was ist es? ‘Raus mit der Sprache!“

„Harriet – ich liebe dich. Ich möchte, dass du das weißt. Wir werden uns aber länger nicht sehen, weil ich nach Afrika versetzt werde.“

Harriet erstarrte.

„Wie bitte?“, fragte sie entsetzt.

„Ich muss nach Afrika, Liebste. Das hätte ich dir gern persönlich gesagt, nicht einfach am Telefon.“

„Du Schuft!“, schnaufte sie. „Du elender Schuft! Das hast du ja fein hingekriegt!“

„Harriet …“

„Nein, Schluss! Kein Wort mehr, Mr. Donovan! Du bist genau das, was ich gehofft habe, dass du es nicht bist: Der gleiche Betthase, der dein Bruder war, wie du ja mal zugegeben hast! Danke, vielleicht war es gerade noch rechtzeitig! Hau ab nach Afrika! Lass dich hier nie wieder sehen. Auf dein Gesäusel falle ich nicht noch mal ‘rein!“, rief Harriet wütend und knallte den Hörer auf die Gabel.

„Maggie!“, rief sie dann. „Wenn Captain Donovan noch mal anruft: Ich bin für ihn nicht zu sprechen!“

Steve sah verstört auf den Hörer in seiner Hand, der nur noch ein Besetztzeichen piepte. Sam sah ihm an, dass er einen richtigen Schock hatte.

„Was ist?“, fragte er.

„Was ich befürchtet hatte: Sie hält mich für einen Filou, der sie einfach sitzen lässt. Jedenfalls hat sie mir an den Kopf geworfen, dass sie mich für einen Schuft hält“, erklärte Steve. Er war blass geworden.

„Der du natürlich nicht bist …“, stellte Bennett fest, aber es schwang Ironie in seiner Stimme. Steve war nicht in der Stimmung für Späße.

„Ich glaube, ich muss dir zum wiederholten Mal sagen, dass ich nicht Sid bin!“, knurrte er. „Die Methode habe ich nie gemocht. Leider war ich der Jüngere, sonst hätte ich ihm die Ohren lang gezogen. Sam, sie ist die Frau, ich schwöre es! Und es tut mir weh, wenn sie mir vorwirft, ich wollte sie verlassen!“

„Wie weit seid ihr gegangen?“, fragte Sam. Steves Blick sagte alles.

„Verstehe“, murmelte der Colonel. „Ich verstehe euch beide. Sie, dass sie Angst hat, dich zu verlieren; dich, dass dir ihr Misstrauen weh tut. Brauchst du Vermittlung?“, bot er dann an.

„Eher eine Heiratsgenehmigung“, entgegnete Steve. „Sie soll wissen, dass ich es ernst mit ihr meine.“

„Du bist jetzt strafversetzt, mein Junge. Solange du unter Strafe oder Bewährung stehst, könnte es Schwierigkeiten mit einer Heiratsgenehmigung geben“, erinnerte Sam.

„Ich weiß. Aber die Strafversetzung ist auf drei Monate begrenzt. Außerdem kann ich mir mit entsprechenden Erfolgen Anerkennung erwerben. Wenn ich wieder ein Jagdflugzeug unter dem Hintern habe, wird mir das nicht schwerfallen. Aber … falls es schiefgehen sollte … könntest du das hier in Verwahrung nehmen oder es beim Geschwaderkaplan hinterlegen, Sam“, sagte Steve. Er holte einen verschlossenen Briefumschlag aus der Innentasche seiner Uniform.

„Was ist das?“, erkundigte sich Sam.

„Mein Testament, Sam. Sollte Harriet ein Kind von mir bekommen, soll sie nicht in Schande dastehen und nicht ohne Geld sein. In diesem Dokument bestätige ich, dass sie meine Frau ist und dass das Kind ehelich ist. Ich werde bei meinem neuen Geschwaderchef hinterlassen, dass man dich informieren soll, wenn mir etwas zustößt“, erklärte Steve.

„Steve, das ist eine faustdicke Lüge“, stellte Bennett fest. „Du kannst sie ja wohl nicht geheiratet haben!“

Steve grinste.

„Schon mal was von Gretna Green in Schottland gehört, Onkelchen? Der Reverend verheiratet jeden – auch ohne Dokumente. Und ich behaupte, ich war mit ihr dort. Ob es wahr ist? Was ist schon wahr? Aber das hier“, er wedelte mit dem Brief, „gilt nur, wenn ich fallen sollte. Ansonsten gedenke ich, sie ordentlich und öffentlich vor den Traualtar zu führen.“

„Und wenn sie zwischenzeitlich euer Kind bekommt und du davon nichts weißt, weil sie dir immer noch gram ist?“, hakte Sam nach.

„Wie gesagt – es sollen nur drei Monate sein. Folglich werde ich mich zurückversetzen lassen können, bevor es akut wird. Ansonsten kenne ich noch ihren Bruder – Flying Officer Collins, du hast ihn ja kennengelernt. Ich werde ihn um Vermittlung bitten, falls sie meine Briefe nicht beantwortet.“

Steves Haltung seiner enttäuschten und zornigen Freundin gegenüber beeindruckte Sam.

„Wenn ich jemals einem Mann abgekauft habe, dass er die Frau, von der er schwärmt, wirklich liebt, dann dir. Sie sollte sich glücklich schätzen, die begegnet zu sein, mein Junge.“

 

 

Kapitel 20

Afrika I

Kühler Empfang

 

Das Transportflugzeug mit dem Pilotennachschub landete am 15. Februar 1943 in Casablanca. Dort tummelten sich britische, amerikanische und freifranzösische Einheiten in größerer Zahl als marokkanische Einwohner. Marokko war französische Kolonie, und niemand hatte die Marokkaner selbst gefragt, ob ihnen die Anwesenheit der Alliierten überhaupt recht war. Aber es hatte sie auch niemand gefragt, als Frankreich Marokko, Algerien und Tunesien als seine Kolonien in Besitz genommen hatte.

Im Hauptquartier der 12th USAAF unter General Doolittle, die für den Mittelmeerraum zuständig war, nahm Lieutenant-Colonel Roger Hartwig die neuen Piloten in Empfang. Statt des von Steve erhofften Sonnenscheins schüttete es vom Himmel, als habe ein himmlisches Heer gebadet und die Badezuber konzentriert über Nordafrika ausgekippt.

„Sorry, meine Herren, aber Nordafrikas Wetter zeigt sich nicht gerade von seiner besten Seite – nun, für uns jedenfalls. Die Menschen, die hier leben, sind selig über den anhaltenden Regen, das dürfen Sie mir glauben. Gönnen Sie es ihnen, denn das Land ist verdammt trocken“, begann Hartwig. „Ich bin Lieutenant-Colonel Roger Hartwig, Chef des Desert-Eagle-Geschwaders. Unser Flugplatz ist in Constantine, in Algerien. Zur Lage der Nation: Die Tommys haben die Krauts von Ägypten bis nach Tunesien gescheucht. Die haben sich nach Osten in Mareth an der tunesischen Küste verschanzt. Montgomery wird voraussichtlich morgen vor der deutschen Befestigungslinie eintreffen. Unser II. Korps unter General Fredendall hängt allerdings am Faid-Pass fest. Feldmarschall Rommel ist offenbar entschlossen, sich an die Küste durchzuschlagen. Es wird unsere Aufgabe sein, die Jungs in den Panzern zu unterstützen und außerdem die verbliebenen deutschen Luftwaffeneinheiten zu vernichten und einen deutschen Vorstoß über Tunesien hinaus nach Algerien zu verhindern – natürlich im Zusammenwirken mit den Bodentruppen. Wir werden in vielen Fällen auch als vorbereitende Artillerie eingesetzt werden. Im Klartext heißt das: Bombentiefangriffe gegen die deutschen Marschkolonnen“, erklärte der Geschwaderchef. „Wer von Ihnen ist Second-Lieutenant Steve Donovan?“, fragte er dann. Steve trat einen Schritt vor.

„Second-Lieutenant Steve Donovan meldet sich zum Dienst, Sir“, salutierte er. Hartwig maß ihn mit einem abschätzenden Blick.

„Das gilt auch für Sie, Lieutenant. Man hat mich informiert, dass Sie sich weigern, Bomber zu fliegen. Wenn Sie sich hier ebenfalls weigern, werde ich Mittel und Wege finden, Ihnen so das Wasser im Arsch kochen zu lassen, dass Sie Ihren Sergeant-Major von der Akademie als den liebsten Menschen der Welt betrachten werden. Haben Sie verstanden?“

„Ja, Sir. Aber …“

Ja, Sir! Das reicht völlig aus! Wenn ich mehr von Ihnen hören will, frage ich Sie!“, schnauzte Hartwig.

„Sir, erlauben Sie mir eine Anmerkung, Sir?“, fragte Steve.

„Ja.“

„Man hat Sie möglicherweise nicht vollständig informiert, Sir, was meine mangelnde Bereitschaft Bomber zu fliegen betrifft. Ich habe mich nur geweigert, zivile Ziele anzugreifen. Zu keinem Zeitpunkt habe ich den Angriff auf militärische Ziele verweigert. Da Sie darauf hingewiesen haben, dass wir die deutschen Truppen angreifen, ist eine weitere Disziplinierungsandrohung nicht nötig, Sir.“

„Haben Sie Wüstenerfahrung?“, erkundigte sich Hartwig, ohne auf die Erklärung einzugehen.

„Ja, Sir. Ich war in Arizona stationiert. Die Stationierung dort schloss das Wüstentraining ein, Sir“, erwiderte Steve.

„Einen Tag im Sand spielen ist keine Wüstenerfahrung!“, wies Hartwig Donovan zurecht.

„Sir, ich habe nicht einen Tag im Sand gespielt, ich habe selbst ausgebildet und war unter anderem für die Wüstenausbildung zuständig, Sir“, versetzte Steve.

„Seit wann bildet ein Second-Lieutenant aus?“, spottete Hartwig. Steve schluckte den aufkommenden Ärger mühsam herunter.

„Seit er 1932 die Offiziersprüfung mit Auszeichnung bestanden hat, 1934 zum First-Lieutenant und 1936 zum Captain befördert wurde, Sir. Ich habe nur vom Oktober 1938 bis Oktober 1939 nicht ausgebildet, weil ich in diesem Zeitraum zum diplomatischen Dienst abkommandiert war und in der Botschaft in Rom und dem Generalkonsulat in Hamburg die Funktion eines Militärattachés ausgeübt habe, Sir“, entgegnete er eisig.

„Und weshalb sind Sie jetzt Second-Lieutenant?“, fragte Hartwig verblüfft.

„Weitere Einzelheiten meiner Personalakte wollte ich eigentlich nicht öffentlich ausbreiten, Sir.“

„Donovan, in meinem Haufen hat man keine Geheimnisse voreinander!“, erwiderte Hartwig scharf. „Also?“

„Ich habe einen Militärpolizisten angegriffen, Sir. Als Folge davon wurde ich degradiert und hierher versetzt. Sie können das meiner Personalakte entnehmen, Sir“, antwortete Steve. Ein Anflug von Röte war nicht zu übersehen.

„Wenn Sie so etwas hier machen, landen Sie vor dem Kriegsgericht, verstanden?“

„Ich war vor dem Kriegsgericht, Sir. Deshalb bin ich Second-Lieutenant und hier, Sir.“

„Sie werden sich hier einordnen und diszipliniert Ihren Dienst versehen, verstanden, Second-Lieutenant Donovan?“

„Ja, Sir“, bestätigte Steve. Die Betonung des Second-Lieutenant störte ihn. Er hatte das Gefühl, bei Hartwig bereits unten durch zu sein, bevor der ihn überhaupt im Einsatz gesehen hatte.

Donovan bekam eine Jagdmaschine des Typs Bell Airacobra P 39, die die Nummer 20 trug. Sein Rufzeichen war damit Eagle 20. In der persönlichen Staffel von Lieutenant-Colonel Hartwig, die zwanzig Maschinen statt der üblichen achtundzwanzig umfasste, war Steve damit der Letzte in der Hierarchie der Piloten. Er nahm es gleichmütig hin. Es war keine Notwendigkeit für ihn, vorneweg zu fliegen. Die Aufträge, die Hartwig ihm erteilte, erledigte Steve umgehend und vollständig, seine Flugberichte ließen auch für den überkritischen Hartwig nichts zu wünschen übrig. Seine Uniform entsprach detailgenau den Vorschriften, er erlaubte sich keine der Extravaganzen, die unter Kampfpiloten sonst üblich waren – Verzierungen wie Haifischmäuler oder Cartoonfiguren an der Maschine, ein besonderer Schal oder eine Stickerei an der Jacke. Steve bot keine Angriffsflächen für seinen Chef.

Gleichzeitig suchte er den Kontakt zu Harriet und schrieb ihr.

Eines Abends, Mitte März 1943, wollte Colonel Hartwig sich von seiner leutseligen Seite zeigen und orderte in der Casino-Baracke eine Runde Whiskey für alle Anwesenden. Steve sah auf die Uhr. Er hatte in einer halben Stunde eine Nachtpatrouille vor sich und wollte deshalb keinen Alkohol trinken.

„Buzz, für mich bitte einen Kaffee“, bremste er den Casinowirt, der ihm den Whiskey hinschob.

„Holla, Donovan, ich habe von Whiskey gesprochen!“, lachte Hartwig. Nicht wenige der Piloten lachten ebenfalls auf.

„Danke für die Einladung, Sir, aber ich habe heute Abend noch einen Auftrag auszuführen. Deshalb würde ich lieber einen Kaffee statt des angebotenen Whiskeys nehmen, Sir“, erwiderte Steve.

„Sie trinken nicht mit jedem, was?“, lachte Hartwig weiter. Eine neue Lachsalve dröhnte durch die Kantine. Steve drehte sich zu Roger Hartwig um.

„Sir, nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass die einschlägigen Vorschriften der United States Army Air Force eine Flugzeugführung unter Alkoholeinfluss ausdrücklich verbieten. In den Vorschriften steht kein Grenzwert für einen erlaubten Alkoholgenuss. Wie Sie wissen, bin ich hier, um Disziplin zu lernen. Wenn ich jetzt Ihr Angebot annehme, darf ich nach meiner Rückkehr mit einem Besuch von Sergeant Bestwick rechnen. Sergeant Bestwick ist Militärpolizist und steht direkt neben mir. Ich möchte weder nochmals Ärger mit dem Kriegsgericht haben, weil ich Sergeant Bestwick heute Nacht um zwölf einen Kinnhaken versetze, denn ich möchte dann außer dem Patrouillenbericht nicht noch ein weiteres, zweistündiges Verhör über mich ergehen lassen – insbesondere, wenn ich um halb sechs wieder geweckt werde. Und ich möchte keinen Ärger mit Ihnen haben, weil ich gegen die Vorschriften verstoße, denn Sergeant Bestwick würde mich bei Ihnen melden müssen und Sie müssten – wollen Sie nicht selbst Ärger bekommen – eine Disziplinarstrafe gegen mich aussprechen. Strafversetzt und degradiert bin ich bereits. Ich möchte nicht noch Schlimmeres auf mich laden. Deshalb tue ich meine Pflicht, Sir und lasse mich auch auf Einladung meines unmittelbaren Vorgesetzten nicht zu Disziplinarverstößen hinreißen, Sir“, stellte Steve klar.

„Ich finde es sehr unhöflich von Ihnen, meine Einladung auszuschlagen, Mr. Donovan!“

„Laden Sie mich zu einem Kaffee ein und ich nehme die Einladung gerne an, Sir. Eine Einladung zum Alkohol muss ich zum jetzigen Zeitpunkt zu meinem großen Bedauern ablehnen, denn ich trinke hin und wieder gern einen guten Whiskey. Aber ich werde keinen Vorwand liefern, der disziplinarische Maßnahmen gegen mich nicht nur möglich macht, sondern geradezu herausfordert, Sir.“

„Das wird Ihnen noch Leid tun, Donovan!“, knurrte Hartwig. In der Kantine war es totenstill geworden.

„Es würde mir Leid tun, wenn ich den angebotenen Whiskey nähme, Sir“, erwiderte Steve. Er nahm Haltung an. „Entschuldigen Sie mich bitte, Sir. Ich habe den von Ihnen erteilten Auftrag auszuführen, Sir“, sagte er dann, salutierte und verließ die Kantine.

Als Steve um Mitternacht von dem angeordneten Patrouillenflug zum Stützpunkt zurückkehrte, brachte er die Information mit, dass sich von Osten eine abgeblendet fahrende, motorisierte Einheit näherte.

„Um was für Truppen handelt es sich?“, fragte Colonel Hartwig nach.

„Tut mir Leid, das konnte ich nicht erkennen. Das Radar gab darüber keinen Aufschluss, weil Fahrzeuge keine Geräte für die Freund-Feind-Erkennung haben. Die Nationalität wäre nur an den Markierungen selbst abzulesen – aber es ist dunkel, Sir.“

„Würden Sie annehmen, dass es sich um alliierte Truppen handelt, Lieutenant?“

„Nun, Sir, eine alliierte Truppe hätte es wohl nicht nötig, in alliiert kontrolliertem Gebiet abgeblendet zu fahren, aber …“

„Also, Sie nehmen an, dass es sich um Achsentruppen handelt?“, hakte Hartwig sofort ein.

„Das kann ich nicht abschließend beurteilen, Sir. Ob es sich um Truppen der Achsenmächte handelt oder um Alliierte, müsste bei Tageslicht überprüft werden“, erwiderte Steve.

„Das sind noch über sechs Stunden, Donovan! Bis dahin haben die ihr Ziel längst erreicht!“, fauchte Hartwig. „Wozu schicke ich Sie eigentlich auf Patrouille, wenn Sie gegen das Eindringen des Feindes in unser Gebiet nichts unternehmen?“

„Ich kann doch nicht aufs Geratewohl in die Dunkelheit schießen, Sir!“, wehrte sich Steve. „Ich habe weder eine definitive Erkenntnis, dass es sich um Deutsche, Italiener oder tunesische Hilfstruppen handelt, noch ist es bei den jetzigen Sichtverhältnissen möglich, einen Erfolg versprechenden Angriff zu fliegen! Das Radar hilft da nicht weiter!“

„Papperlapapp!“, schnauzte Hartwig. „Das ist doch offensichtlich, dass es Achsentruppen sind! Die haben Sie zu allen Tageszeiten und mit allen Mitteln zu bekämpfen, Donovan! Kapieren Sie das eigentlich nicht?“

„Meine Pflichten kenne ich sehr wohl, Sir, und ich vernachlässige sie gewiss nicht. Aber erstens kann ich nur bei Sichtkontakt überhaupt schießen – der bestand nicht. Das Radar reicht dafür nicht aus. Und zweitens würden Sie mir das Gekröse herausreißen, wenn ich eine amerikanische Truppe zusammenschieße, nur weil ich die bei absoluter Dunkelheit von Deutschen nicht unterscheiden kann. Bei Nacht sind alle Katzen grau und jede Düne gleicht der anderen. Sollte es eine alliierte Truppe sein, kann es übergroße Vorsicht sein, noch abgeblendet zu fahren“, gab Donovan zu bedenken.

„Sie haben den Befehl missachtet, Truppen der Achsenmächte zu bekämpfen, wo immer diese aufgespürt werden!“, fuhr Hartwig ihn an. „Ihrer Disziplinlosigkeit werde ich einen Riegel vorschieben!“

„Das reicht jetzt, Sir! Sie können mir nicht die Missachtung eines allgemeinen Befehls vorwerfen, wenn Sie mir nicht die Möglichkeit geben, ihn zu erfüllen! Es steht überhaupt nicht fest, dass es sich um Truppen der Achse handelte! Mein Jäger ist auch nicht als Nachtjäger gegen Bodentruppen ausgerüstet – mal abgesehen davon, dass es eine solche Ausrüstung nicht gibt! Noch mal langsam zum Mitschreiben: Ich kann mit dem Bord-MG nur das angreifen, was ich erstens sehe und zweitens als definitiv feindlich identifizieren kann! Die motorisierte Truppe habe ich überhaupt nur auf dem Radar gesehen, denn Lichter hatten sie nun mal keine an! Worauf ich bei fast totaler Wüstenfinsternis, Neumond und schwachem Sternenlicht zielen soll, ist obendrein schlicht nicht nachvollziehbar! Ich darf Sie daran erinnern, dass der Patrouillenflug ausdrücklich für einundzwanzighundert angesetzt war, nicht für nullneunhundert – und das ist ziemlich lange nach Einbruch der Dunkelheit, Sir!“, versetzte Steve erbittert.

„Ich erwarte von meinen Piloten, dass Sie zu jeder Tages- und Nachtzeit gegen den Feind kämpfen!“, donnerte Hartwig.

„Sir, ich habe Ihnen die Gründe genannt, aus denen ich nichts unternehmen konnte. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen, Sir.“

„Ich werde Sie melden, Donovan!“

„Tun Sie’s, Sir – aber bitte vollständig. Ich habe eigentlich anderes zu tun, als zeitraubende Verfahren vor dem Kriegsgericht durchzuziehen!“

„Sie bleiben am Boden, bis Swift wieder fit ist, Donovan!“

Steve legte eisig schweigend die Hand an die Mütze und verließ die Staffelbaracke.

Lieutenant-Colonel Roger Hartwig erstattete Anzeige bei der Militärjustiz. Noch am Abend des folgenden Tages erschien ein Major in der Uniform der Militärjustiz.

„Guten Tag, Colonel Hartwig. Ich bin Major Sandy Hudson, Provost Department. Sie haben Second-Lieutenant Steve Donovan wegen Befehlsverweigerung gemeldet, Sir.“

„Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Major. Ich werde Lieutenant Donovan gleich holen lassen“, erwiderte Hartwig. Hudson winkte ab.

„Nein, Sir. Ich möchte zunächst Einblick in die schriftlichen Befehlsunterlagen nehmen und werde dann – unter vier Augen, falls Lieutenant Donovan nicht noch die Anwesenheit eines Verteidigers wünscht – mit ihm reden, Sir“, entgegnete der Major.

„Der soll hier vor mir Rede und Antwort stehen!“, knurrte der Colonel.

„Sir, jeder Angeklagte hat ein Anrecht auf rechtliches Gehör. Das wird Lieutenant Donovan ohne Wenn und Aber bekommen. Dazu gehört auch, dass er mit einem Vertreter des Provost Department – in diesem Falle mir – ohne Anwesenheit Dritter spricht, ausgenommen sein Verteidiger. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er Sie zu seinem Verteidiger bestellt, wenn Sie ihn gemeldet haben, Sir“, versetzte Hudson kühl.

„Der soll hier vor mir die Hosen ‘runterlassen!“

„Sir, ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden. Das von Ihnen angestrengte Verfahren wird jetzt vom Kriegsgericht geführt. Lieutenant Donovan wird beschuldigt, Ihren Befehl missachtet zu haben. Wenn meine Untersuchung ergibt, dass ausreichend Material für eine Anklageerhebung vorhanden ist, wird Lieutenant Donovan vor dem Kriegsgericht die Hosen ‘runterlassen müssen, wie Sie es auszudrücken belieben, Sir. Eine eventuelle Strafe steht mit Ihrer Meldung an das Provost Department jedoch nicht mehr in Ihrer Kompetenz, sondern ausschließlich in der des Kriegsgerichtes. Sie können die Meldung jetzt noch zurückziehen. Lieutenant Donovan dürfen dann aber keinerlei Nachteile entstehen, er darf dann wegen des von Ihnen angezeigten Vergehens in keiner Weise bestraft werden. Wenn Sie die Meldung zurückziehen wollen, dann teilen Sie mir das bitte mit. Anderenfalls bitte ich um den von Ihnen schriftlich niedergelegten Befehl, den Lieutenant Donovan nicht befolgt hat“, erklärte der Jurist.

Hartwig seufzte, nahm dann sein Befehlsbuch aus dem Schreibtisch.

„Es geht um diesen Befehl; den allgemeinen Befehl, feindliche Truppen jederzeit anzugreifen mit dem Ziel der Vernichtung“, sagte er.

„Das ist ein allgemeiner Befehl, Sir. Bei welchem konkreten Anlass hat Lieutenant Donovan ihn missachtet?“, fragte Hudson.

„Hier: Nach dem Befehlsbucheintrag hier war er auf Patrouillenflug im Bereich von Tebessa. Er meldete eine abgeblendet fahrende, von Osten kommende, motorisierte Truppe. Auf Nachfrage war er der Ansicht, dass Alliierte es nicht nötig gehabt hätten, in dem von uns kontrollierten Gebiet abgeblendet zu fahren. Auf weitere Nachfrage gab er an, dass er diese Truppe nicht angegriffen habe“, erklärte Hartwig.

„Sagen Sie, einundzwanzighundert bis vierundzwanzighundert ist hier als Einsatzzeit eingetragen. Welche Lichtverhältnisse herrschten zu dem Zeitpunkt?“, erkundigte sich Hudson.

„Es war dunkel.“

Hudson war überrascht.

„Dunkel? Über welche Ausrüstung verfügt die Maschine von Lieutenant Donovan, wenn er bei Dunkelheit eine solche Patrouille fliegt?“

„Das normale Bordradar.“

„Was zeigt das Bordradar an?“, fragte der Major weiter.

„Wie? Wissen Sie das nicht?“

„Es gibt inzwischen unterschiedliche Radartypen, Sir. Mit welchem ist die Maschine von Lieutenant Donovan ausgerüstet?“

„Er hat das serienmäßige Bordradar“, antwortete Hartwig.

„Wenn meine Informationen stimmen, zeigt das übliche Bordradar Objekte im abgetasteten Bereich als grüne Punkte. Ist das so richtig?“

„Ja.“

„Und wie wird die Nationalität eines Punktes am Boden festgestellt?“, hakte Hudson nach.

„Genau genommen gar nicht. Die Punkte selbst geben darüber keinen Aufschluss.

„Und woraus hätte Lieutenant Donovan dann den zwingenden Schluss ziehen müssen, dass es sich um Truppen der Achse handelte?“, bohrte Hudson.

„Die Truppe fuhr abgeblendet, da hätte es Lieutenant Donovan klar sein müssen, dass es sich nicht um Alliierte handeln konnte“, erwiderte Hartwig.

„Wie gesichert ist die Kontrolle des Gebietes, in dem er die Truppe bemerkte?“

„Wir kontrollieren es seit etwa einer Woche.“

„Seit einer Woche“, bemerkte Hudson.

„Ja“, bestätigte Hartwig. Den ironischen Unterton in der Stimme des Ermittlers hatte er überhört.

„Und womit hätte Lieutenant Donovan die so zwingend als feindlich erkannte Truppe bei Dunkelheit attackieren sollen?“, fragte Hudson weiter.

„Mit seinen Bordwaffen, selbstverständlich!“, versetzte Hartwig.

„Ich möchte mir die Maschine von Lieutenant Donovan ansehen.“

„Ja, natürlich. Soll Lieutenant Donovan sie Ihnen vorführen?“

„Nein, ich möchte mir zunächst ohne ihn ein Bild machen.“

Sandy Hudson war am frühen Abend angekommen. Über dem Gespräch mit Lieutenant-Colonel Hartwig war es nahezu ohne Dämmerung vollständig dunkel geworden. Millionen Sterne verschönten den Himmel, doch reichte das Licht kaum aus, die Konturen der nächstgelegenen Dünen zu erkennen. Nur wenige Lampen mit gerichtetem Licht verhinderten eine völlige Finsternis auf dem abgesperrten Bereich des Flugfeldes. Die Lampen waren aber so schwach, dass ihr Licht aus einer Höhe von fünfzehnhundert Fuß schon nicht mehr auszumachen war.

„Was für Wetterverhältnisse herrschten am fraglichen Tag?“, fragte der Major.

„Es war sternenklar – wie jetzt“, antwortete Hartwig.

„Ah, ja“, bemerkte Hudson, während er mit Hartwig zum Hangar hinüberging. Dort arbeitete Sergeant Lincoln Campbell, einer der Flugzeugmechaniker, im Schein einer Kerosinlampe an Donovans Flugzeug. Als er hörte, dass die Hangartür geöffnet wurde, wollte er gerade ansetzen, den Ankömmling scharf darauf hinzuweisen, die Tür wegen der Verdunkelung gefälligst sofort wieder zu schließen, doch er erkannte rechtzeitig die beiden Offiziere, die hereinkamen und die Tür auch vorschriftsmäßig wieder schlossen. Campbell hielt in seiner Arbeit an den Öldruckschläuchen von Donovans Airacobra inne und salutierte.

„Sergeant Lincoln Campbell bei der Arbeit, Sir!“, meldete er.

„Danke, Sergeant. Weitermachen!“, wies Hartwig den Mechaniker an, der sich auch gleich wieder seiner Arbeit zuwandte und den Schlauch anschloss und befestigte. Hartwig wies auf die P 39, an der der Sergeant werkelte. Außer den Nationalitäts- und Einheitskennzeichnungen war sie völlig schmucklos – abgesehen von kleinen schwarzweißen Balkenkreuzen und kleinen, schwarzen, senkrechten Strichen neben dem Namen des Flugzeugführers.

„Das ist die Maschine von Lieutenant Donovan“, sagte er. Hudson ging verwundert um die Maschine.

„Hmm“, brummte er, „ich habe schon lange keine unserer Maschinen mehr gesehen, die keine Bugverzierung hat. Die meisten Piloten pinseln sich irgendwelche Grimassen, Haifischmäuler oder Zeichentrickfiguren auf den Bug ihrer Vögel. Hat es einen besonderen Grund, dass die Maschine von Lieutenant Donovan so etwas nicht hat?“, fragte Hudson. Hartwig zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Alle anderen Piloten wollten unbedingt solche Verzierungen – spätestens nach dem dritten Abschuss, aber Lieutenant Donovan nicht.“

„Aha“, nahm Hudson die Erklärung zur Kenntnis. „Was bedeuten die Balkenkreuze und die Striche dort neben dem Namen?“, fragte er dann.

„Ein Balkenkreuz steht für ein allein abgeschossenes Flugzeug, ein Strich für einen abgeschossenen Panzer. Letzteres ist eine Erfindung von mir. Viele deutsche Flugzeuge gibt es hier nicht mehr. Meine Piloten sollen aber auch von den Erfolgen der Schlachtfliegerei etwas haben“, erklärte der Colonel. Hudson nahm das zur Kenntnis.

„Ich unterstelle richtig, dass es sich um feindliche Flugzeuge und Panzer handelt?“, hakte er nach.

„Ja, was denken Sie denn? Eigene Leute abzuschießen ist nun wirklich keine Ehre“, versetzte Hartwig. Hudson zählte Balkenkreuze und Striche durch.

„Wer veranlasst die Bemalung?“, fragte er.

„Ich. Sofern ein Abschuss bestätigt ist, erhält der Pilot auf meine Anweisung die entsprechende Bemalung.

„Ich zähle dreißig Panzer und siebzehn Flugzeuge. In welchem Zeitraum sind die Abschüsse erfolgt?“, erkundigte sich der Ermittler.

„Innerhalb eines Monats, seit Lieutenant Donovan hier ist“, erwiderte Hartwig.

„Für jemanden, der den allgemeinen Befehl, Truppen der Achsenmächte zu bekämpfen, bewusst missachtet, hat er dann aber ‘ne ganze Menge versehentlich erwischt, finden Sie nicht, Sir?“, fragte Hudson bissig. Hartwig sah ihn verständnislos an.

„Was soll das denn heißen?“

„Colonel, Sie werfen Lieutenant Donovan vor, dass er den allgemeinen Befehl zur Bekämpfung feindlicher Truppen bei der gestrigen Patrouille missachtet hat, also absichtlich nicht auf für ihn als feindlich erkennbare Fahrzeuge geschossen hat. Ich finde an seinem Flugzeug Vermerke über siebzehn abgeschossene deutsche Flugzeuge und dreißig abgeschossene feindliche Panzer. Diese Abschüsse wurden nach Ihren Worten innerhalb eines Monats erzielt, also innerhalb von rund dreißig Kalendertagen. Macht im Schnitt einen Panzer pro Tag und alle zwei Tage ein Flugzeug. Rein von dieser Tafel würde ich Lieutenant Donovan für einen erfolgreichen und tapferen Kampfpiloten halten. Ich würde ihn aber bestimmt nicht für jemanden halten, der den Befehl zur Bekämpfung des Feindes missachtet“, versetzte Hudson.

Er wandte sich an Campbell.

„Machen Sie mir bitte die Maschine auf, Sergeant!“

Campbell sah Hartwig an.

„Ist der Major berechtigt, an die Maschine von Lieutenant Donovan zu gehen, Sir?“

„Der Major hat die entsprechende Zugangsberechtigung“, bestätigte der Colonel.

„Ja, Sir“, erwiderte Campbell, putzte sich die ölverschmierten Finger ab, schob die Zugangsleiter an die Maschine, stieg hinauf und öffnete die Kanzelverglasung. Hudson stieg hinterher und schaute in das Cockpit. Es war eng und bot gerade so viel Platz, dass der Pilot sitzen konnte und noch die Bewegungsfreiheit hatte, sich umzusehen.

„Lässt sich das Radar einschalten, wenn die Maschine nicht läuft?“, fragte Hudson den Mechaniker.

„Nein, Sir. Aber auch wenn wir sie anlassen würden, würden Sie jetzt nichts erkennen können. Das Radar zeigt unterhalb einer Höhe von tausend Fuß nichts an.“

„Danke, Sergeant Campbell. Fliegen Sie selbst auch?“

„Nein, Sir, ich bin nur Techniker.“

„Machen Sie alle technischen Wartungsarbeiten?“

„Ja, Sir.“

„Auch das Einstellen der Flügel-MGs?“

„Ja, Sir.“