Gundolfs Bibliothek

… denn ein Haus, das gespalten ist, kann nicht bestehen – online

 

 

 

Ab 12 Jahre

 

Prolog

 

Es war der 20. Dezember des Jahres 1860.

Im Kasino der Militärakademie West Point feierten die Kadetten des Abschlussjahrgangs die bestandene Prüfung. Der Jahrgang 1856 war ein außergewöhnlich guter Jahrgang gewesen. Von den im Mai 1856 aufgenommenen einhundert Anwärtern hatten fünfundneunzig die Abschlussprüfung bestanden. Am Nachmittag war eine feierliche Zeremonie in der Schulaula gewesen, in der sie ihre Offizierspatente erhalten hatten und zum Second-Lieutenant befördert worden waren. Jetzt veranstalteten die Ex-Kadetten eine eigene Feier, zu der sie auch die meisten Lehrer eingeladen hatten.

Aber dieser 20. Dezember 1860 war kein normaler 20. Dezember für die Vereinigten Staaten von Amerika. Es war der Tag, an dem die Union der Vereinigten Staaten nach dem Willen des Konvents von South Carolina aufgelöst werden sollte!

South Carolina war einer der Staaten der USA, in denen Sklavenhaltung nicht nur erlaubt war, sondern als Grundlage des Wirtschaftslebens betrachtet wurde. Die Frage, ob es einem Menschen erlaubt sein sollte, einen anderen sein sächliches Eigentum zu nennen, entzweite die Bürger der USA bereits seit etwa dreißig Jahren. Es hatte sich im Laufe der Zeit eine Zweiteilung des gewaltigen Landes herausgebildet: Der Norden bestand im Wesentlichen aus Staaten, in denen die Sklaverei verboten war oder Sklaven jedenfalls nicht gehalten wurden. Der Süden mit seinen Monokulturen von Baumwolle und Tabak lebte hauptsächlich von der Sklaverei. Die Sklaverei stellte wirtschaftlich den günstigsten Weg für die Südstaatler dar, weil ein Sklave nur den Anschaffungspreis kostete und später außer Kost und Logis keine weiteren pekuniären Belastungen verursachte.

Zwar war den Verfassungsvätern das Gewissen nicht leicht gewesen, als sie die Sklaverei weiterhin zuließen; schließlich stand sie in grundlegendem Gegensatz zur Unabhängigkeitserklärung, in der es hieß, dass alle Menschen gleiche Rechte besäßen, die unveräußerlich seien, so das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück. Thomas Jefferson, der Architekt der amerikanischen Unabhängigkeit, hatte die Sklaverei denn auch mehr als – wirtschaftlich – notwendiges Übel betrachtet. Doch so wie er sahen es nicht alle Sklavenhalter. Seit den Zeiten George Washingtons waren es die reichen Söhne der Südstaaten gewesen, die den Präsidenten gestellt hatten. Und sobald sich im Senat oder im Repräsentantenhaus Opposition gegen die Sklaverei regte, drohten die Sklavenhalterstaaten regelmäßig mit der Sezession, dem Ausscheiden aus der Union. An einer Verselbstständigung der Südstaaten war in den letzten dreißig Jahren keinem Parlamentarier in Washington D.C. gelegen, denn der Süden war reich, sehr reich. Erst mit der Vergrößerung der Industrie im Norden hatte sich der Widerstand der Abolitionisten – wie die Leute genannt wurden, die für die Freiheit der Schwarzen eintraten – eine solidere Grundlage verschaffen können. Doch trotz der im Norden wachsenden Ablehnung der Sklaverei wollte niemand ernsthaft die Auflösung der Union riskieren, und so kam es immer wieder zu Kompromissen im Parlament, die ein Weiterbestehen der Sklaverei im Süden ermöglichten und den Bestand der Union als solcher garantierten. Einer dieser Kompromisse besagte, dass die Sklaverei auf eine Linie südlich von 36° 30’ nördlicher Breite beschränkt sein sollte.

1854 jedoch hatte das Kansas-Nebraska-Gesetz das Parlament passiert, das der Bevölkerung die Entscheidung über Sklaverei oder nicht überlassen sollte. Pikant an diesem Kompromiss war, dass die vom Kansas-Nebraska-Gesetz betroffenen Territorien nördlich dieser Linie lagen, die Mason-Dixon-Linie genannt wurde. Die auf den ersten Blick positive Regelung beschwor Unruhen herauf, als die Anhänger der Abolitionisten und der Sklavenhalter in die fraglichen Territorien zogen, um der jeweils eigenen Seite bei den bevorstehenden Abstimmungen Gewicht zu geben und dabei aneinander gerieten. In Kansas herrschte Aufruhr, Mord und Totschlag, so dass der Staat bald als Bloody Kansas bezeichnet wurde.

Hinzu kam, dass der Präsident der Vereinigten Staaten bisher stets mit massiver Unterstützung des reichen Südens gewählt worden war. Wenn er selbst schon nicht direkt aus dem Süden kam, war er doch sehr abhängig von der Gunst der Südstaatler. Am 4. November 1860 war aber etwas geschehen, das in der kurzen Geschichte der USA kein Beispiel kannte: Abraham Lincoln, ein Anwalt aus Kentucky, der seine politische Karriere in Illinois begonnen hatte, war im Jahr zuvor zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gekürt worden und am Wahltag zum 16. Präsidenten der USA gewählt worden. Das Besondere daran war, dass er nicht eine einzige Wahlmännerstimme aus den Südstaaten bekommen hatte. Lincoln hatte sich zum Ziel gesetzt, den Siedlern im Norden und Westen und der einheimischen Industrie zu helfen. Zu diesem Zweck wollte er neue Schutzzölle einführen, die gerade erst in einem der vielen Kompromisse abgebaut worden waren. Vor allem aber war Lincoln gegen die Sklaverei und vertrat die Auffassung, dass ein Volk nicht glücklich sein könnte, wenn ein Teil frei und der andere unfrei sei. Lincoln hatte dennoch nicht die Absicht, die Sklaverei sofort abzuschaffen, weil ihm durchaus bewusst war, dass er zum einen nicht die Macht hatte, einen solchen Schritt zu tun, zum anderen, dass ein solches Gesetz die Sklaven haltenden Staaten in ihrer Gesamtheit aus der Union treiben würde. Lincoln war weit blickend genug, zu erkennen, dass eine Spaltung des Landes den Untergang des Ganzen bedeuten konnte. In einer Rede im Senatswahlkampf 1858 gab er diesen Bedenken Ausdruck, indem er sagte:

„Ein Haus, das in sich uneins ist, kann nicht bestehen!“

Der Süden glaubte sich durch Lincolns Wahlprogramm vernachlässigt und in seinen Privilegien bedroht. Es kam zu dem Bruch, der von den dreizehn Sklaven haltenden Staaten schon mehrfach angedroht worden war. South Carolina tat den entscheidenden Schritt, wählte einen Konvent, der die Verfassung der Vereinigten Staaten passend auslegte und den Bruch vollzog, indem er an jenem 20. Dezember, an dem diese Geschichte beginnt, eine Verordnung ratifizierte, die alle Beziehungen an die Vereinigten Staaten auflöste.

Die jungen Männer, die im Schulkasino ihren Abschluss feierten, waren nicht ahnungslos. Die echten Yankees, die Nordstaatler, prügelten sich häufig mit den ebenso echten Dixies, den heißblütigen Südstaatlern, von südlich der Mason-Dixon-Linie. Zwar gab es auch Ausnahmen unter den Ex-Kadetten, die sich lieber auf die Ausbildung konzentriert hatten, statt sich zu raufen – aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Und die Regel war, dass Nord und Süd sich nicht vertrugen. Für diesen Tag allerdings war eine Art Waffenstillstand vereinbart worden. Selbst die, die sich sonst die Köpfe eingeschlagen hätten, blieben friedlich, aber eine gewisse Spannung lag in der Luft.

Vier der genannten Ausnahmen hatten sich zu einem Billardspiel am grünen Tisch eingefunden.

Robert Christopher Bennett, Thomas Steven Craig, Martin Luther Moore und Mark Zachary Ashley hatten nicht die Absicht, sich zu streiten, nur, weil Bennett und Craig aus dem Norden, Ashley und Moore aus dem Süden waren. Robert stützte sich auf sein Queue und wartete auf seinen Einsatz. Er war jetzt einundzwanzigdreiviertel Jahre alt, hochgewachsen und schlank, trug das dunkle, leicht krause Haar sehr kurz geschnitten und hatte wache, intelligente Augen, die braun wie Haselnüsse waren. Um die Augen bildeten sich Lachfältchen, die bewiesen, dass der oft ernste junge Mann durchaus herzlich lachen konnte. Im Moment blickte er eher etwas skeptisch. Auf der Stirn bildete sich über der spitzen Nase eine steile Falte.

„Was du vorhast, geht daneben, Tom“, warnte er seinen Freund und Mannschaftskameraden Thomas Craig, der eben die weiße Kugel anvisierte.

„Halt’ dich ‘raus, du mathematischer Blindgänger“, knurrte Tom, ohne aufzusehen, und führte seinen geplanten Stoß aus. Die weiße Kugel verfehlte die Elf knapp und rutschte auch an allen anderen noch auf dem Tisch befindlichen Kugeln vorbei. Thomas seufzte.

„Hab’ ich dir doch gesagt“, grinste Robert schelmisch. Thomas richtete sich auf. Er war ebenso groß wie Robert, hatte blaue Augen, war strohblond und trug einen noch leicht flaumigen Oberlippenbart. Es gab viele, die Robert und Thomas für Brüder hielten, so ähnlich waren sie sich. Tatsächlich bestand eine entfernte Verwandtschaft, da beide ihre Abstammung auf den im 17. Jahrhundert in die Neue Welt eingewanderten Dänen Dag Merrild zurückführten. Craig schüttelte den Kopf und sah Bennett vorwurfsvoll an.

„Du weißt genau, dass ich nicht zielen kann, wenn du mir auf die Finger siehst, Bob“, sagte er und gab Martin Moore einen Wink. „Du bist dran, Martin.“

Moore war ein dunkelhaariger junger Mann von zwanzig Jahren, mathematisch ein wahres Genie, der gute Aussichten hatte, bei der Artillerie Karriere zu machen. Moore stammte aus Virginia. Sein Vater hatte eine Tabak- und Baumwollplantage, die von rund zweihundert Schwarzen bewirtschaftet wurde. Im Gegensatz zu den eher wenig bemittelten Offizierssöhnen Craig und Bennett schwamm Martin geradezu im Geld. Wegen der Sklaven auf der Plantage waren Robert und Martin häufiger aneinander geraten, aber es war stets bei einer hitzigen Diskussion geblieben. Die Hitzigkeit war jedoch regelmäßig verpufft, wenn einer von beiden für eine Arbeit nicht gelernt hatte. Der andere hatte ihm mit Sicherheit rechtzeitig den entsprechenden Schummelzettel zugeschoben.

Jetzt suchte Martin sich seinen Platz sorgfältig aus und stieß die auf der Platte verbliebenen Kugeln seiner Mannschaft mit einer yankeehaften Präzision in die Löcher.

„Kapierst du das, Bobby?“, fragte Tom entsetzt. Bennett nickte.

„Martin ist in Mathematik besser als wir“, erwiderte er lächelnd. Moore sah nur kurz hoch, grinste Bennett freundlich an – und räumte die Platte ab. Zufrieden brummend richtete er sich auf und sah Robert und Thomas herausfordernd an.

„Was ist, Yankeeboys? Revanche?“, fragte er.

„Sicher. Kann man ja nicht mit ansehen, dass die Dixies hier alles abräumen“, erwiderte Bennett lachend.

„Willst du’s noch mal mit Thomas riskieren, oder ziehst du einen anderen Partner vor, Bob?“

„Nichts gegen dein mathematisches Genie, Martin, aber Billard spiele ich grundsätzlich mit Tom zusammen“, erklärte Robert. „Das werde ich nicht am letzten Tag auf West Point ändern.“

Moore justierte das Dreieck mit den fünfzehn bunten Elfenbeinkugeln und wandte sich an Ashley:

„Lassen wir die Verlierer anfangen, Mark?“

„Keine Einwände, Martin“, erwiderte Ashley. Auch er war aus dem Süden, genauer: Aus Georgia. Sein Vater besaß eine Baumwollkämmerei und eine Sägemühle in Atlanta und hatte in Savannah noch eine Textilfabrik. Wie Vater Moore war Vater Ashley zu den Reichen des Landes zu zählen.

Martin gab Robert einen Wink. Robert rieb sein Queue mit Kreide ein, zielte kurz und eröffnete mit einem ebenso kurzen wie harten Stoß. Mit zufriedenem Lächeln sah er der Elf nach, die gemächlich in ein Eckloch kullerte.

„Die Halben, Tommy“, sagte er. Sein Hinweis bezog sich darauf, dass die Kugeln, die mit den Ziffern ab der Neun bezeichnet sind, schmale Ringe um den Äquator haben und Halbe genannt werden, während die Kugeln mit den niedrigeren Ziffern einfarbig sind und nur die Ziffer selbst in einem weißen Kreis steht. Diese werden deshalb auch Volle genannt. Thomas sah seinem Freund mit triumphierender Miene zu, als der eine Kugel nach der anderen in den Löchern verschwinden ließ. Ashley und Moore sahen sich betreten an.

„He, Moment mal, das gilt nicht!“, protestierte Mark. „Wieso spielst du eigentlich so gut Billard, wenn du in Mathematik so eine Niete bist?“

„Weil ich mit der Praxis mehr anfangen kann als mit Theorie“, brummte Bennett.

Gerade wollte er anfangen, auch die Vollen abzuräumen, als lautes Gepolter von der Tür die Aufmerksamkeit der Spieler forderte.

„Extrablatt!“, tönte es von dort. „He, Jungs, hört mal alle her!“

Steve Graham, ebenfalls ein Ex-Kadett aus dem Abschlussjahrgang, sprang auf die Theke und schwenkte eine dünne Sonderausgabe der New York Times.

„Hört mal, ihr Politikbanausen. Wird vor allem die Jungs aus South Carolina interessieren. Hier steht: Eilmeldung! Konvent von Charleston/South Carolina ratifiziert Unabhängigkeitserklärung! South Carolina tritt aus der Union der Vereinigten Staaten aus und erklärt alle Bindungen an die USA für gelöst! Ende des Zitats. Jungs, Eure Landesväter haben unserer Verfassung gerade einen Fußtritt versetzt“, rief er.

Einen Moment war eine Stille im Kasino, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Dann begannen die Leute aus South Carolina zu jubeln. Es waren nur wenige. Die anderen Südstaatler waren verunsichert, wussten im Moment nicht, wie sie sich verhalten sollten. Die meisten machten ihren Standpunkt vom künftigen Verhalten ihrer Heimatstaaten abhängig.

Ein leises, aber deutliches Räuspern störte den Jubel der Männer aus South Carolina.

„Ihr solltet nicht zu früh jubeln, Freunde“, warnte Robert. „Euch ist doch hoffentlich klar, dass die Union eine Sezession nicht einfach hinnehmen wird. Das gibt ‘ne Menge Ärger.“

„Wer sollte uns wohl dazu bringen, diese schwachsinnige Union nicht aufzukündigen?“, fragte Andrew Newport. Er war aus South Carolina.

„Der Präsident, sei es der amtierende – Buchanan – oder der gewählte – Lincoln. Weder der eine noch der andere kann zulassen, dass ein oder mehrere Staaten wie beleidigte Schuljungs davonschleichen. Lasst euch gewarnt sein. Die Einheit unseres Landes ist lebenswichtig für uns. Ein Zerbrechen können wir uns nicht leisten“, erklärte Bennett.

„So etwas kann auch nur ein feiger Yankee von sich geben. Ohne uns mutige Südstaatler kommt ihr wohl nicht aus. Gib’s zu, Bennett: Du hast die Hose jetzt schon gestrichen voll“, spottete Newport. Der vierschrötige Riese aus Charleston schob sich nach vorn. Robert war klar, dass er bei einer Schlägerei gegen Newport keine Chance hatte. Andrew ließ ihn am ausgestreckten Arm verhungern. Er hatte buchstäblich einschlägige Erfahrungen aus dem Boxunterricht. Mark Ashley überblickte die Situation und wusste sofort, dass der junge Mann aus dem Nebraska-Territorium Newport körperlich nicht gewachsen war.

„Newport – du suchst Streit“, bremste Ashley. „Hier und heute ist nicht der richtige Ort dafür. Hauen könnt ihr euch immer noch, wenn es zu einem offenen Konflikt kommt. Aber davon abgesehen, glaube ich nicht, dass es wirklich Krieg gibt. Wetten?“, warf Ashley seinen Köder aus. Für Wetten waren die Kadetten immer zu haben gewesen. Daran änderte auch die Beförderung zum Second-Lieutenant nichts. Bennett warf Ashley einen dankbaren Blick zu. Die Situation war gerettet.

„Ich wette, dass der Krieg ausbleibt“, sagte Mark. „Sollte es trotzdem zu einem Krieg zwischen den amerikanischen Staaten kommen, dann werde ich – so wahr ich Marcus Zachary Ashley aus Georgia bin – diesen Krieg mit dem Rang durchstehen, mit dem ich hineingehe – oder mir damit die Radieschen von unten ansehen“, machte Mark sein Wettangebot.

„Und was soll das bedeuten?“, fragte Newport ebenso abschätzig wie immer noch herausfordernd.

„Newport, du bist ebenso lang wie vernagelt“, schalt Ashley beinahe sanft. „Welcher gute Offizier lässt seine Karriere sausen? Ich meine es ernst: Ich halte einen Bürgerkrieg für so unwahrscheinlich, dass ich meine Karriere drauf verwette.“

„Wer hält dagegen?“, fragte Graham, zückte ein Stück Kreide und eröffnete an der Tafel, an der sonst die Getränkepreise standen, ein Wettbuch. Der von Ashley ausgestreute Funke zündete. Die wettfreudigen Ex-Kadetten hielten eifrig mit. Alle verpflichteten sich, im Falle eines Sezessionskrieges auf ihre Karriere zu verzichten, wenn sie zu Ashleys Meinung tendierten. Robert Bennett und Thomas Craig hielten sich lange zurück, aber schließlich trat Robert doch an den ‚Wettschalter’.

„Heute haben wir den 20. Dezember 1860“, sagte er langsam. „Am 4. März tritt unser neuer Präsident sein Amt an. Spätestens dann muss der Süden Farbe bekennen. Ich glaube, so lange werden die Sklavenstaaten nicht warten. Ich bin überzeugt, dass wir bis zum 4. März die Keilerei längst haben. Sollte ich mich irren, lasse ich mich im nächsten Krieg, den die Vereinigten Staaten führen, nicht befördern“, erklärte er. Graham zögerte, Roberts Wetteinsatz zu notieren.

„Das ist ‘n Wort!“, rief es irgendwo von hinten.

„Bravo, du Kriegsprophet!“, höhnte ein anderer. Robert stand noch an der Bar, als ihm jemand von hinten auf die Schulter tippte.

„He, Bennett!“

„Du schon wieder, Andrew?“, fragte er, ohne sich umzudrehen.

„Du willst doch unbedingt Krieg, Bennett, oder?“, fragte Newport. Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Newport Bennett um und schlug einen rechten Haken.

„Bitte, da hast du ihn!“, lachte er dröhnend. Der Schlag warf Robert über die Theke. Newport ging um den Tresen herum, schob Graham sachte beiseite und stellte Bennett am Kragen wieder auf die Beine. Sein Grinsen wurde breiter.

„Und noch mal, weil ‘s so schön war!“, knurrte er und brachte einen unangenehmen Tiefschlag an. Robert japste noch einmal, sackte zusammen und blieb liegen.

Thomas Craig wurde es jetzt zu viel. Er mochte nicht zulassen, dass sein bester Freund verprügelt wurde und keiner eingriff, um Robert zu helfen. Eilig drängte er sich zur Theke durch und knuffte den Riesen aus South Carolina in den Rücken, worauf der sich umdrehte. Tom rieb sich kurz die geballte Faust, holte aus und platzierte eine rechte Gerade auf Newports Kinnspitze. Ohne lange zu überlegen fügte er noch einen mächtigen Hieb in die Magengegend hinzu. Aber der fleischgewordene Panzerschrank aus Charleston zeigte nur ein mildes Lächeln.

„Hast du schon geschlagen, Tommy?“, fragte er sanft. Thomas sah völlig verblüfft auf – und dann bezog Craig Dresche wie seit seiner Collegezeit nicht mehr. Weil er sich aber noch halbwegs decken konnte, gelangen Newport bei ihm nicht solche Treffer wie bei dem völlig überraschten Robert.

Moore hatte inzwischen Bennett wieder zu sich gebracht.

„Oh, Gott im Himmel, hat der einen Schlag am Leib!“, stöhnte Robert.

„Stimmt“, grinste Martin. „Tom bekommt auch grade sein Teil ab.“

„Wie?“, Robert war mit einem Schlag wieder wach. „Steve, gib mir den Putzlappen“, verlangte er.

„Das Ding ist nass!“, warnte Graham.

„Eben!“, knurrte Robert. „Das ist das Einzige, was Newport zur Vernunft bringen kann!“

Er nahm Graham den nassen Putzlappen ab, der etwa die Größe eines Handtuchs hatte, schwang den Lappen wie ein Lasso und ließ ihn in Richtung des Riesen fliegen. Die Drehung vor dem Start bewirkte, dass das lange Tuch sich dreimal um Newports Kopf wickelte und ihn zu Boden warf. Baldwin und Gordon fingen Tom auf, der unter Newports Hieben zu Boden ging.

„Jesus, wo bin ich?“, fragte Thomas, als er gleich darauf aus der gewaltsamen Narkose erwachte. „Und wo sind die Trümmer von dem Haus, das mir auf den Kopf gefallen ist?“

„Im Kasino, Tommy“, lachte Ronald Gordon. „Und die Trümmer liegen da drüben!“, wies er tränenlachend auf Newport, der sich am Boden wälzte und verzweifelt versuchte, den Putzlappen loszuwerden. Er schaffte es einfach nicht. Schließlich griff Robert ein, weil sich seine Kameraden nur vor Lachen die Seiten hielten, aber dem mit dem Ersticken ringenden Newport nicht halfen.

„Jetzt reicht ‘s! Du bist genug gestraft, Andy“, sagte er, klemmte den Riesen am Boden fest und wickelte ihn wieder aus. Ein Knie hatte er auf Newports Brust. „Aber wenn du nicht vernünftig bist, mach’ ich die Windel wieder zu!“, drohte er.

„Verd…!“

„Newport!“, warnte Robert. „Vorsicht – Putzlappen!“

„Bloß nicht! Lass’ mich hoch, Bennett!“

„Unter einer Bedingung.“

„Ich tu’ alles, was du willst, Bob, aber bleib’ mir mit dem Lappen vom Leib“, versprach Andrew.

„Du spielst jetzt ganz friedlich eine Partie Billard mit mir.“

„Okay.“

„Gut.“

Robert nahm Newport bei der Hand und zog ihn hoch.

„Und keinen Streit mehr, bis es wirklich ernst wird“, warnte er noch.

„Streit? Ich streite doch nie, Bennett“, brummelte Newport gemütlich, ließ ein Queue geben und spielte ganz friedlich Billard mit Robert.

Am folgenden Tag, nach der Abschlussparade, trennten sich die frischgebackenen Lieutenants und machten sich auf den Weg in ihre Heimatstaaten, ohne sich noch einmal im Frieden zu begegnen.

 

 

Kapitel 1

Der Neujahrsball

 

Am folgenden Tag fand die Abschlussparade der Absolventen auf dem großen Exerzierplatz der Akademie statt. Unter den Besuchern der Veranstaltung, die ausnahmsweise öffentlich war, waren auch Dr. Lucas Craig und Benjamin Bennett.

Dr. Craig war Chirurg, der in einem Krankenhaus in Brooklyn arbeitete. Er plante jedoch, sich selbstständig zu machen und im folgenden Jahr eine Praxis in Dover/Tennessee von einem alten Kommilitonen zu übernehmen. Er besuchte die Parade für seinen älteren Bruder Richard, Thomas Craigs Vater. Mit dem Militär hatte er wenig im Sinn. Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte er keinen Militärdienst geleistet und hatte auch nicht vor, es zu tun. Er war der Meinung, dass er als Arzt schon in Friedenszeiten mehr als genug zu tun hatte. Von einem Krieg erwartete er nur Unheil.

Benjamin Bennett war Rechtsanwalt in Boston. Wie alle Männer der Familie Bennett hatte er wenigstens eine Zeitlang Militärdienst geleistet, hatte aber erkannt, dass ein Leben in Uniform nicht seinem Wesen entsprach.

Die Tatsache, dass er Rechtswissenschaften studiert hatte und Anwalt geworden war, hatte ihn von seinem Bruder Frederick, Roberts Vater, getrennt. Die Brüder waren schwer zerstritten, weil Frederick Bennett nichts mehr hasste als Indianer und Rechtsanwälte. Der Familienzwist mit dem Bruder hinderte Benjamin Bennett aber nicht daran, seine Neffen Robert und Philip wie Söhne zu lieben. Robert hatte eine sehr gute Abschlussprüfung abgelegt – sah man von indiskutablen Leistungen im mathematischen Bereich ab, was ihn nicht gerade für eine Karriere als Pionier oder Artilleristen empfahl. Benjamin, der gute Leistungen sehr schätzte, hatte sich deshalb einen Tag frei genommen, um seinem Neffen gleich nach der Parade zu gratulieren. Aus ähnlichen Beweggründen war Lucas Craig in West Point erschienen.

„Danke, dass du gekommen bist, Onkel Ben“, bedankte Robert sich später.

„Wenn dein Vater schon keine Zeit hat, seinen ganzen Stolz abzuholen, muss ich es wohl tun“, erwiderte Benjamin. „Bleibst du über Weihnachten?“

„Tom Craig hat mir eine Einladung seines Onkels Lucas aus New York gegeben. Onkel Lucas hat uns für Weihnachten eingeladen und Thomas’ Eltern über Neujahr. Ich werde erst zum Dienstantritt nach Fort Randall zurückkehren.“

„Hast du schon eine Einheit, mein Junge?“

„Ich habe mich zur Kavallerie verpflichtet, genau wie Tom. Aber unsere Zuordnung ist noch nicht geklärt. Es könnte sein, dass wir dem Regiment meines Vaters zugeordnet werden. Paps baut in Randall eine neue Truppe auf, von der aber noch keiner weiß, ob der Kongress sie überhaupt haben will. Entweder wird es ein Milizregiment oder ein siebentes US-Kavallerie-Regiment. Papa weiß es noch nicht. Miliz würde mir – ehrlich gesagt – quer durch den Hals gehen. Mit Sonntagssoldaten hab’ ich’s nicht so“, erklärte Robert.

„Hast du was von Phil gehört?“, fragte Benjamin. Robert nickte.

„Er hat mir geschrieben. Wenn ich ihn recht verstanden habe, will er den Dienst quittieren und ein Jurastudium anfangen. Ich kann mir vorstellen, was Daddy dazu sagt. Der wird vor Wut die Wände hochgehen.“

„Ja, Philip hat mir das auch geschrieben. Er hatte schon immer die Neigung zur Jurisprudenz, aber euer Vater hat ihn in die Uniform gesteckt. Was ist eigentlich mit dir? Was wolltest du eigentlich machen?“

Robert lachte herzlich.

„Du wirst es kaum glauben, Onkel Ben: Ich habe nie etwas anderes im Sinn gehabt, als Soldat werden zu wollen. Im Gegensatz zu Philip bin ich nun mal unter Uniformen aufgewachsen. Das hinterlässt gewisse Spuren.“

„Was hältst du von Juristerei?“

„Der zweitschönste Job, den ich mir denken könnte“, grinste Robert. „Ich habe jeden Rechtskurs belegt, den ich auf der Akademie erwischen konnte. Wenn Daddy das spitz bekommt, setzt es Ohrfeigen. Aber ich muss es ihm nicht auf die Nase binden.“

Wenn Robert und Thomas Benjamins Einladung, zum Weihnachtsfest zu bleiben, auch nicht annahmen, so besuchten sie ihn doch noch kurz in Boston, bevor sie nach New York reisten, mochte es zunächst auch einen Umweg bedeuten. Von dort schickte Tom eine Depesche nach Topeka, wo seine Eltern und Geschwister lebten, mit der Ankündigung, er und Robert würden pünktlich am 31. Dezember eintreffen.

Der Telegrammbote klopfte morgens um sieben am Haus von Richard Craig. Der Captain a. D. öffnete noch recht verschlafen.

„Guten Morgen, Sir. Ein Telegramm für Sie“, grüßte der Bote freundlich.

„Danke, Mr. Marcus. Das wär’s gewesen, wenn sie um zehn gekommen wären“, gähnte Richard Craig. „Trotzdem – fröhliche Weihnachten“, setzte er hinzu und gab dem Boten ein gutes Trinkgeld, der freudestrahlend weiterging. Craig öffnete das Depeschensiegel und las das Telegramm seines ältesten Sohnes:

„ANKOMME DEZEMBER 31. ROBERT KOMMT MIT. ERWARTE GROSSE PORTION KRAPFEN! TOM“

Richard lachte herzlich. Gwendolyn, seine Frau, hatte Thomas angedroht, keine Silvesterkrapfen zu backen, wenn er Robert Bennett nicht zu Neujahr mitbrächte. Silvester ohne Mutters Krapfen war für Thomas kein Silvester.

Die Craigs kannten Robert Bennett schon so lange, wie er lebte. Richard Craig war ein guter Freund von Frederick Bennett und Roberts Taufpate. Richard Craig und Frederick Bennett hatten lange Jahre in derselben Einheit gedient, waren deshalb in denselben Forts stationiert gewesen. Die enge Freundschaft der Väter hatte dazu geführt, dass die Kinder die Eltern der anderen als eine Art Verwandtschaft ansahen.

Sechs Jahre zuvor hatte Richard aber seinen Abschied genommen und war in den Holzhandel gegangen, hatte eine Stelle in Topeka/Kansas angenommen. Die Familien waren getrennt worden, als Frederick 1854 in die neu gegründete Stadt Omaha im Nebraska-Territorium versetzt worden war. Der Kontakt hatte ein wenig gelitten, was aber nicht hieß, dass er völlig abgebrochen war. Richard und Gwendolyn Craig hatten jedenfalls darauf bestanden, dass Robert Bennett das Neujahrsfest in Topeka feiern sollte.

„Gwendy!“, rief Craig.

„Ja, Dick?“

„Tom hat telegrafiert! Er kommt Silvester nach Hause!“

„Bringt er Robert mit?“

„Ja. Er schreibt, dass der junge Bennett mitkommt. Und du sollst auf keinen Fall deine Krapfen unterschlagen!“, rief Richard. Aus dem ersten Stock kam nur das fröhliche Lachen seiner Frau.

Im Hause der Craigs begannen fleißige Vorbereitungen für die Ankunft der Lieutenants. So eifrig wie jetzt hatten Susan und Frank, Toms jüngere Geschwister, ihren Eltern schon lange nicht mehr geholfen.

Am frühen Nachmittag des 31. Dezember 1860 trafen die jungen Männer in Topeka ein. In Warrensburg hatten sie die Eisenbahn verlassen und waren den Rest des Weges geritten.

„Hübsche kleine Stadt. Immer noch richtig verträumt“, bemerkte Robert, als sie in den Ort hineinritten. Seit er mit seiner Familie 1854 nach Omaha gezogen war, hatte er Topeka nicht mehr gesehen.

„Oh, das ist nicht immer so. Wenn hier Abolitionisten und Sklavokraten zusammenstoßen, ist man als Normalsterblicher besser nicht auf der Straße. Ich hoffe, dass sich das in den letzten vier Jahren etwas beruhigt hat. Und dann hat Vater mir geschrieben, dass geplant ist, die Eisenbahn von Warrensburg über Kansas City nach Topeka und darüber hinaus Richtung Westen zu verlängern. Dann ist es mit der Ruhe ohnehin vorbei“, erwiderte Tom mit einem Anflug von Melancholie.

„Wo ist euer Haus?“

„Das weiße Gebäude da vorn ist es schon.“

Sie ritten auf das bezeichnete Haus zu, banden ihre Pferde an der Veranda fest. Tom sprang die drei Stufen bis zur Tür mit einem Satz hoch und klopfte. Es dauerte auch nur wenige Augenblicke, bis sich die Tür öffnete und Gwendolyn ihren ältesten Sohn glücklich umarmte.

„Tommy, endlich bist du wieder da! Willkommen zu Hause!“

„Danke, Mom“, erwiderte Tom und gab seiner Mutter einen Begrüßungskuss. „Ich hoffe, es gibt Krapfen?“

„Wie immer, wenn du heimkommst.“

Gwendolyns Blick fiel auf Robert, der unten an der Treppe stand.

„Herzlich willkommen, Robert!“, sagte sie. „Du bist ja eine Ewigkeit nicht mehr bei uns gewesen.“

Er stieg die Treppe hinauf und machte einen höflichen Diener.

„Danke für die Einladung, Tante Gwendy. Tom hat nicht viel Mühe gehabt, mich zu überreden.“

„Ma, wo sind die Kleinen eigentlich?“, fragte Tom.

„Die sind in die Stadt gefahren, um noch einige Sachen einzukaufen“, erwiderte Gwendolyn. „Kommt doch erst mal ‘rein. Bei der Kälte braucht ihr nicht draußen zu stehen“, lud sie dann ein.

„Danke, aber ich will mein Pferd erst versorgen. Wo kann ich den Burschen unterstellen?“ fragte Robert. Thomas winkte ihm.

„Komm mit.“

Als sie die Pferde in den Stall gebracht hatten, zeigte Richard Robert sein Zimmer und verband gleich eine Hausführung damit. Solange die Familie in Topeka wohnte, war noch niemand von den Bennetts zu Besuch gewesen.

„Was macht dein Vater Robert?“, fragte Richard, als er mit seinem Taufpaten wieder im Wohnzimmer angekommen war.

„Er ist immer noch Soldat, ist vor einem Jahr zum Lieutenant-Colonel befördert worden und hat jetzt den Auftrag, oben in Nebraska ein neues Regiment aufzustellen, hat er mir geschrieben. Aber der Auftrag kam noch von Kriegsminister Floyd unter Präsident Buchanan. Wer weiß, ob der neue Minister die Truppe überhaupt noch will.“

„Wie geht’s ihm sonst?“

„Abgesehen von der Unsicherheit mit seiner Truppe geht’s ihm gut. Er lässt schöne Grüße bestellen. Betty hat mir allerdings noch verraten, dass die Lausekälte zu Hause Papas Bein arge Schwierigkeiten macht. Sie behauptet, Daddys rechtes Bein wäre der beste Wetterprophet.“

„Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er sich die Verletzung damals in Mexiko 46/47 eingefangen hat“, geriet Richard in Erinnerungen. „Wir lagen gerade…“

„Stopp, die Geschichte kenne ich auswendig!“, bremste Robert. „Papa erzählt sie beinahe alle Tage.“

„Dann werde ich dich damit nicht belämmern“, lachte Richard auf. Thomas kam herein.

„Wenn du erlaubst, Papa, werde ich dir Robert jetzt für eine Weile entführen und ihm die Stadt zeigen“, sagte er.

„Geht nur. Aber seid zum Abendessen zurück.“

Kaum waren die Freunde fort, kehrten Thomas’ jüngere Geschwister Susan und Frank von ihrem Einkauf zurück.

„Das nächste Mal bestelle ich eine zweite Kutsche!“, protestierte Frank. „Ein Wagen fasst das alles nicht, wenn Susan ohne eindeutige Anweisungen einkaufen will.“ Er grinste frech. „Und ich glaube, wir haben noch nicht alles bekommen. Susy hat ein Gesicht gemacht wie dreizehn Tage Regenwetter!“, petzte er.

„Ekel!“, fauchte seine Schwester und sprang die Treppe hinauf ins erste Stockwerk. Richard folgte seiner Tochter besorgt.

„Fehlt noch etwas? Soll ich Tom noch mal losschicken?“

„Nein, nein, Papa. Was ich einkaufen wollte, haben wir bekommen“, widersprach Susan.

„Und warum machst du so ein Gesicht?“

„Ach, Paps, ich hab’ keine Lust, heute zum Neujahrsball zu gehen.“

„Das ist ja ganz was Neues! Seit wann hast du keine Lust mehr zum Tanzen, Susy?“, wunderte sich Richard.

„Roger O’Malley ist doch vor zehn Tagen weggezogen. Ohne Roger macht mir kein Tanz richtig Spaß, Daddy. Außerdem habe ich ohne Roger keinen Tischherrn und ersten Tanzpartner mehr. Und ohne Tischherrn zum Ball zu gehen, ist völlig unmöglich. Nein, ich mag nicht.“

„Und wenn ich einen passenden Ersatz auftreibe?“

„Den kannst du doch nicht aus dem Hut zaubern, Paps. Kann Tom das nicht machen, wenn ich unbedingt mitmuss?“

„Thomas ist an Miss Covington vergeben. Das weißt du doch“, erinnerte Richard.

„Ausgerechnet diese Zicke?“, ereiferte sich Susan.

„Susan, bitte!“, bremste der Vater den aufkommenden Wutanfall seiner Tochter. „Ich werde einen Ersatz finden, und ich erwarte, dass du dich anständig benimmst. Sonst hast du eine Menge Ärger, meine liebe Tochter!“

Susan nickte brummig, aber sie sagte nichts mehr. Sie wusste, wann es besser war, den Vater nicht weiter zu reizen.

Richard Craig ging nachdenklich hinunter. Susan konnte unausstehlich sein, wenn ihr Tischpartner ihr nicht passte. Sie hatte es oft genug bewiesen. Vater Craig stellte sich also die Frage, wem er die Kratzbürste Susan anvertrauen sollte – oder sollte er besser andrehen sagen? Trotz angestrengten Nachdenkens wollte ihm kein passender Partner für Susan einfallen. Schließlich fragte er seine Frau um Rat.

„Gwendy, Susan will nicht zum Neujahrsball mitkommen“, sagte er, als er die Küche betrat.

„Und warum nicht?“

„Sie hat keinen Tanzpartner mehr, seit O’Malley weggezogen ist. Ich müsste ihr wohl einen suchen.“

„Und warum bist du dann noch nicht weg? Um acht beginnt die Veranstaltung“, erinnerte Gwendolyn, beinahe uninteressiert.

„Gwendy, du kennst unsere Tochter mindestens so gut wie ich, wenn nicht noch besser. Wenn sie sich seit dem großen Ball zum Unabhängigkeitstag in Fort Larned nicht völlig verändert hat, kann sie unausstehlich sein. Denk’ mal daran, wie sie den armen Lieutenant Parker fertig gemacht hat. Susan kann richtig widerlich sein, wenn ihr derjenige, mit dem sie am Tisch sitzt, nicht gefällt. Ich hätte wirklich Gewissensbisse…“

„Lass’ nur, Dick, ich mache das schon. Bis jetzt habe ich immer noch jemanden gefunden“, beruhigte Gwendolyn ihren Mann.

„Bis jetzt war auch immer Roger O’Malley zur Stelle. Aber der hat sich plötzlich erinnert, dass er aus South Carolina ist und hat sich lieber den Rebellen da unten angeschlossen!“, schnaufte Richard. „Ich wüsste nicht, wer sonst mit unserer Tochter fertig werden könnte, ohne von ihr unmöglich gemacht zu werden“, gab er zu bedenken.

„Lass’ dich überraschen, Dick. Du wirst sehen, dass ich den Richtigen gefunden habe – spätestens um Mitternacht“, lächelte Gwendolyn. Ihr war gerade eine Idee gekommen…

Einige Zeit danach kehrten Thomas und Robert aus der Stadt zurück. Gwendolyn Craig packte die Gelegenheit beim Schopfe, ihre Idee gleich zu verwirklichen und bat Robert ins Wohnzimmer. Sie schloss die Tür und fragte:

„Robert, tanzt du noch so gut wie früher?“

Der junge Mann war sehr überrascht.

„Ich hatte nicht viel Gelegenheit, es in den letzten vier Jahren auszuprobieren. Es langt grade noch für English Waltz, Polka und eine Square Dance. Ich hoffe, dass es für einen Garnisonsball reicht.“

„Bestimmt, mein Junge. Du hast doch sicher für heute Abend noch keine Tischdame oder?“

„Nein, ich hatte gehofft, Tommy würde mir behilflich sein. Schließlich bin ich hier fremd.“

„Wärst du einverstanden, Susan heute Abend zum Ball zu begleiten?“

Robert erinnerte sich an ein Mädchen, das er zuletzt vor sechs Jahren gesehen hatte. Susan war gerade vierzehn Jahre alt gewesen, als er sie in Omaha verabschiedet hatte. Der junge Mann war nie sehr zu Mädchen hingezogen gewesen, sie hatten ihn bisher einfach nicht interessiert. Zudem hatte er oft erlebt, wie sehr seine Mutter geweint hatte, wenn sein Vater auf einem Feldzug gewesen war. Er wollte nicht, dass sich jemand um ihn Sorgen machte. Aber der Name Susan Craig löste eine ganz seltsame Empfindung bei Robert Bennett aus. Das Besondere daran war, dass ihm zwar viele Mädchen schöne Augen gemacht hatten, die ihm absolut nicht gefielen, nur Susan hatte ihn nie mit diesem ‚verliebte-Katzen-Blick’ bedacht, den Robert so gar nicht mochte. Und genau das war es, was Robert so an ihr schätzte.

„Es wäre mir eine Ehre“, sagte er lächelnd.

„Hast du Susan schon gesehen? Sie ist richtig erwachsen geworden.“

„Nein. Als ich ankam, war sie noch einkaufen“, erwiderte Robert.

„Dann warte einen Moment“, sagte Gwendolyn und verließ eilig das Wohnzimmer.

Es war inzwischen sieben Uhr abends und Susan war dabei, sich für den Silvesterball fertig zu machen. Gerade kämmte sie ihre halblangen, braunen Locken, als es klopfte und sie die Stimme ihrer Mutter hörte:

„Susy, mach’ bitte auf.“

„Sofort, Mama!“, rief sie, einen Kamm zwischen den Zähnen. Eilig sprang sie auf und öffnete die Tür.

„Was ist denn? Fehlt doch noch etwas?“, fragte sie erschrocken.

„Nein, im Gegenteil, mein Kind: Es ist jetzt wirklich alles komplett. Ich habe für heute Abend einen Begleiter für dich gefunden“, strahlte Mutter Craig. Susans Miene war alles andere als glücklich.

„Mama, du hast doch nicht etwa einen Fremden…?“

„Nein, Unsinn. Du kennst ihn, aber du hast ihn schon lange nicht mehr gesehen. Mach’ dich fertig, dann stelle ich ihn dir vor.“

Kaum fünf Minuten später war Susan im Wohnzimmer. Völlig verblüfft erkannte sie Robert Bennett.

„Bobby, du?“, fragte sie verwirrt nach. Der Lieutenant sprang auf, als er Susan sah. Wenn das nicht die Frau seiner Träume war! Gwendolyn Craig lächelte viel sagend und nahm Susan bei der Hand.

„Susan, Bob Bennett wird heute Abend dein Tischherr sein“, sagte sie. Dann wandte sie sich an den jungen Mann: „Robert, ich vertraue dir Susan an. Pass’ bitte gut auf sie auf.“

„Selbstverständlich Tante Gwendy. Es ist mir eine Ehre, Susan.“

Er lächelte Susan warm an und bedachte ihre Hand mit einem höflichen Handkuss.

„Ganz meinerseits, Robert“, erwiderte sie mit nicht zu übersehender Röte im Gesicht.

Viertel vor acht hielt eine Kalesche von Fort Leavenworth vor der Haustür. Ein Soldat in großer Uniform hielt die Wagentür auf. Richard Craig hatte seine alte Uniform aus dem Schrank geholt und hatte sich vom biederen Holzkaufmann wieder in den schneidigen Captain Craig verwandelt. Sämtliche Orden, die er sich in seiner Karriere verdient hatte, waren fein säuberlich aufgesteckt. Er half seiner Frau in den Wagen. Gwendolyn Craig war anzusehen, dass ihr Mann es mit Holzhandel zu Geld gebracht hatte. Ihr Mantel war mit allerfeinstem Biberfell besetzt. An den Ohrläppchen glitzerten diamantbesetzte Ohrringe, die allein ein Vermögen wert waren. Ohne es eigentlich zu wollen, verglich Robert Susan mit ihrer Mutter. Was die Mutter aufgedonnert war, war die Tochter bescheiden. Sie trug nicht einmal einen Ring, geschweige denn solches Geschmeide wie diamantene Ohrringe. Auch ihr Mantel war nicht von der Pracht wie der ihrer Mutter, was nicht hieß, dass er seinen Zweck nicht erfüllte. Vorsichtig half Robert Susan in die Kalesche und stieg dann selbst als Letzter ein. Tom war zu den Covingtons geritten, um mit Captain Covington, dessen Frau und Tochter Angela zum Ballhaus zu fahren. Richard Craig klopfte an die Wagenfront und der Kutscher fuhr los.

Eine Viertelstunde später saßen die Gäste im Ballhaus. Das Organisationskomitee der Garnisonen Riley und Leavenworth veranstaltete den Neujahrsball als gemeinsames Fest der Garnisonsangehörigen, zu dem auch alle ehemaligen Mitglieder der Garnisonseinheiten eingeladen wurden. Da Topeka ziemlich genau in der Mitte zwischen beiden Garnisonsstandorten lag, hatte das Komitee den Stars and Stripes Saloon in Topeka für das Fest gemietet. Die Organisatoren hatten sich alle Mühe gegeben, deutlich zu machen, dass dieses Fest von Soldaten für Soldaten gemacht war. Der Saal war mit Girlanden und Rosetten in den Staatsfarben Rot, Weiß und Blau geschmückt, dazu hatten sie sämtliche Regimentsfahnen und Schwadronswimpel gut sichtbar aufgehängt. Der Kommandant des Forts Riley eröffnete den Ball und die Kapellen der Garnisonen spielten abwechselnd Tanzmusik, die in die Beine ging und bewies, dass die Musiker mehr konnten, als nur Märsche blasen.

Robert kam sich recht unbeholfen vor. Er brachte es weder fertig, mit seiner Tischdame ein Gespräch anzuknüpfen, noch war es ihm beschieden, mit ihr zu tanzen. Irgendwie hatte sie immer eine passende Ausrede. Aber schließlich kam ihm der Zufall zu Hilfe: Susan begann zu niesen und konnte ihr Taschentuch nicht finden.

„Nimm meins, Susan. Es ist ganz sauber“, bot er an. „Gesundheit!“, setzte er hinzu, als sie nochmals herzhaft nieste.

„Tschii! Danke, Bob. Oh, ich glaube, ich habe mich ganz scheußlich erkältet. Kein Wunder, wenn Petrus nicht weiß, ob nun Herbst oder Winter sein soll.“

Sie schnupfte aus und wollte Robert sein Taschentuch zurückgeben, als ihr die Stickerei in der Ecke des Tuchs auffiel.

„Oh“, sagte sie, „das ist aber hübsch. Noch von deiner Mutter?“

„Nein, das hat Betty mir zum Geburtstag geschickt. Sie hat die Stickkunst unserer Mutter offensichtlich geerbt.“

Der Anfang war gemacht. Das Gespräch entwickelte sich nun rasch und nahm die jungen Leute völlig in Anspruch; so sehr, dass sie die Zeit und das Tanzen vergaßen. Schließlich schlug es elf.

„Was? Schon elf?“, wunderte sich Robert. „Ich denke, wir sollten doch noch ein Tänzchen wagen, ehe es Mitternacht ist. Würdest du mir die Ehre des nächsten Tanzes geben, Susan?“

Im gleichen Moment stimmte die Kapelle von Fort Leavenworth einen English Waltz an. Susan zögerte einen Moment.

„Ja, gern“, sagte sie dann und ließ sich auf die Tanzfläche führen. Robert hatte das Gefühl, eine Feder in den Armen zu halten, so leicht schwebte Susan mit ihm dahin. Der junge Lieutenant war sicher, noch nie mit einem Mädchen getanzt zu haben, das so perfekt Walzer tanzte. Schließlich konnte er nicht mehr umhin, ihr das auch zu sagen:

„Du tanzt wundervoll Walzer. Du bist so leicht wie eine Feder“, lächelte er warm. Die Reaktion, die darauf folgte, hatte er allerdings überhaupt nicht erwartet: Susan wurde weiß und rot und blieb plötzlich stehen.

„Was ist? Ist dir nicht gut?“, fragte er besorgt nach.

„Oh, du… du Ekel!“, zischte Susan giftig, machte sich von dem völlig verblüfften Lieutenant Bennett frei und rannte hinaus. Robert brauchte einen Moment, um sich zu fassen.

„Susan!“, rief er hinter ihr her. „Susan, bleib’ da!“

Er drängte sich durch die Gäste auf der Tanzfläche, die den Eklat gleichfalls überrascht beobachtet hatten. Aber Susan war verschwunden. Nach einiger Zeit traf er auf Tom.

„Was war das?“, fragte Tom entsetzt.

„Das wüsste ich auch gern. Wir haben uns prächtig vertragen, bis ich ihr gesagt habe, wie schön sie Walzer tanzt. Hat sie öfter solche Anwandlungen?“

„Komisch, immer wenn ihr jemand sagt, dass sie eine Walzerfee ist, macht sie dasselbe Theater. Ich weiß nicht warum, aber es ist so. Ich hätte dich warnen sollen“, erwiderte Tom.

„Hast du eine Ahnung, wo sie sein könnte?“

„Bei uns zu Hause wäre sie garantiert in ihrem Zimmer. Wo sie sich hier verkrochen haben könnte, weiß ich nicht. Aber diesmal warne ich dich gleich: Mach’ dir keine Hoffnung, sie wieder in den Ballsaal zu lotsen. Meine Schwester kann unausstehlich sein, wenn sie schmollt. Und ich fürchte, dass sie jetzt schmollt. Alles, was du jetzt erreichst, ist, dass sie dich unmöglich macht.“

„Das hat sie bereits“, seufzte Robert. „Danke für die Warnung, Tommy, aber schlimmer kann es nicht mehr werden. Ich will es wenigstens versuchen.“

Während Robert weiterhin Susan suchte, setzte Thomas sich zu seinen Eltern.

„Ich hab’s ja geahnt. Robert mit Susan zusammenzuspannen, konnte nicht gut gehen. Susan ist ‘ne Kratzbürste. Mama, so blamiert man keine Gäste!“, sagte er vorwurfsvoll. Gwendolyn lächelte freundlich.

„Warte es ab, mein Junge, warte es ab“, beruhigte sie ihren ältesten Sohn. „Ich glaube Robert hat mehr Erfolg mit ihr als Roger O’Malley, glaub’ mir“, orakelte sie dann.

Robert hatte den Saloon erfolglos abgesucht und wandte sich schließlich an den Wirt.

„Haben Sie Miss Craig gesehen?“

„Miss Craig? Ja, die ist vor einer Viertelstunde ‘rausgegangen. Sie war ganz bleich und sagte, ihr wäre nicht gut. Sie hat ihren Mantel allerdings nicht mitgenommen. Ich habe angenommen, sie wäre durch den anderen Eingang zurückgekommen.“

Robert schüttelte den Kopf.

„Nein, ist sie nicht. Könnte ich meinen Mantel und den von Miss Craig haben?“

„Gewiss.“

Der Wirt gab Bennett die beiden Mäntel. Schon im Hinausgehen zog er seinen Mantel an und nahm den von Susan über den Arm.

Draußen im Garten musste er noch eine ganze Weile suchen, bis er sie endlich schmollend und frierend hinter einem Baum fand.

„Hier steckst du? He, was soll das?“, sprach er sie an.

„Oh, lass’ du mich zufrieden! Du bist wahrhaftig nicht besser als die anderen! Fast hätte ich es geglaubt! Lass’ mich allein!“, schnaubte sie.

„Kompliment zu deinem Versteckspiel. Ich habe dich geschlagene zwanzig Minuten gesucht. Mädchen, wenn du dir nicht die Kripilz holen willst, ziehst du das nächste Mal den Mantel an, wenn du schon ausreißt“, sagte Robert sanftmütig.

„Ach was, ich bin selten … Tschii!“

„So siehst du aus!“, lachte Robert auf. „Ich habe deinen Mantel mitgebracht – und den ziehst du jetzt bitte an! Komm.“

Widerstrebend ließ Susan sich von Robert in den Mantel helfen und drehte sich dann wieder brüsk um.

„Ich finde, du bist mir eine Erklärung schuldig, Susan“, sagte er leise. Sie wollte wieder davonlaufen, aber diesmal bekam Robert sie rechtzeitig am Arm zu fassen.

„Stopp! Hier geblieben, Miss Craig!“, sagte er und drehte sie mit sanfter Gewalt um. „Gestatte mir die Frage, was so ungewöhnlich daran ist, wenn ein junger Mann einer jungen Dame ein Kompliment über ihre Tanzkünste macht, dass sie gleich davonläuft?“, fragte er.

Sie blitzte ihn wütend an.

„Dieses Kompliment, wie du es nennst, Robert, ist mir schon oft gemacht worden – es ist nur nie ernst gemeint gewesen, wie ich weiß. Wir haben uns lange unterhalten. Denk’ nicht, ich hätte nicht bemerkt, wie ironisch du sein kannst. In Bezug auf meine Tanzkünste vertrage ich nicht sehr viel Spaß, Sir! Und jetzt lass’ mich endlich allein!“, giftete Susan.

„Oh, nein!“, widersprach Robert. „Kommt gar nicht in Frage! Du kannst recht kratzbürstig sein, Susan, aber damit wirst du mich nicht los. Ich weiß, ich kann ironisch sein – aber was ich einer Dame beim Tanz sage, ist ernst gemeint.“ Ohne ihre Gegenwehr zu beachten, zog er sie vorsichtig an sich. „Darum sage ich es dir noch einmal:“, setzte er dann hinzu, „Du tanzt wunderbar, Susan. Ich habe noch niemals erlebt, dass eine Dame so schön tanzt.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich meine es absolut ehrlich, Susan“, sagte er leise. Susan sah auf und entdeckte einen warmen, verständnisvollen Schimmer in seinen Augen. Seine Nähe war ihr lieber, als sie zugeben mochte und sie gab ihre Gegenwehr auf.

„Das ist nett gesagt, aber schwer zu glauben“, sagte sie dennoch abweisend. Es hörte sich beinahe flehend an. Aber sie ließ es zu, dass er sie umarmte und ihr sanft über das Haar strich.

„Ich bin nicht nur ironisch, sondern auch ganz widerwärtig neugierig. Warum fällt es dir so schwer, mir zu glauben“, fragte er leise. Ein eisiger Luftzug brachte sie dazu, sich dicht an seine Mantelpelerine zu kuscheln. Es war warm dort und Roberts Nähe gab ihr eine Sicherheit, die sie bisher nicht gekannt hatte.

„Na gut“, seufzte sie, „da du so penetrant fragst, muss ich es dir wohl erklären. Aber versprich mir eines: Erzähle es niemandem und lach’ bitte nicht darüber!“

„Versprochen.“

„Vor vier Jahren nahm mein Vater mich zum ersten Mal mit auf einen Ball. Einer meiner Tanzpartner war ein junger Captain, der wie ein junger Gott tanzte. Er machte mir das gleiche Kompliment wie du, aber er hatte so einen merkwürdigen Unterton dabei. Wenig später beobachtete ich, wie er mit einigen Kameraden zu mir hinschaute, einige zweideutige Bewegungen machte und dann mit ihnen zu lachen begann. Auf längeren Umwegen fand ich heraus, dass ich mit den Beinen durcheinander geraten war und mit ihm in einer mehr als zweideutigen Position getanzt hatte. Seitdem renne ich davon, wenn mir einer ein Kompliment über meine Tanzkünste macht, weil ich fürchte ich könnte wieder…“, Sie brach ab und machte sich heftig von ihm frei. „Ach, wieso erzähle ich dir das eigentlich? Du wirst sowieso nichts Besseres zu tun haben, als das brühwarm…“

Weiter kam sie nicht. Robert hielt sie fest und drehte sie grob zu sich.

„Susan!“, erboste er sich. Er fühlte sich jetzt in seiner Ehre gekränkt. „Es gibt auch bei mir einen Punkt, an dem der Spaß aufhört: Nämlich dann, wenn jemand an meinem Wort zweifelt! Ich habe dir mein Wort gegeben, nichts weiterzuerzählen und dich nicht auszulachen. Ich habe nicht vor, es zu brechen!“, stellte er zornig klar. Susan erschrak. Plötzlich tat es ihr Leid, ihm misstraut zu haben, ja ihn überhaupt so behandelt zu haben.

„Es tut mir Leid, Bob. Entschuldige bitte“, bat sie leise um Verzeihung. Er umarmte sie und zog sie ganz nah an sich.

„Ist gut. Tu’ es nur nie wieder“, erwiderte er sanft. Susan spürte, dass seine behandschuhte Hand vorsichtig eine Träne fortwischte. Sein warmes Lächeln verzauberte das Mädchen.

„Susan, wenn ich nicht fürchten müsste, dass du wieder das Weite suchst, würde ich dich jetzt küssen“, flüsterte er vertraulich. Augenblicklich loderte wieder Zorn in Susans dunkelblauen Augen auf. Sie stemmte die Hände in die Hüften.

„Du Wüstling!“, schalt sie wütend. Sie kam nicht zum Davonlaufen, denn Robert hielt sie sanft, aber unnachgiebig fest.

„Genau deshalb lasse ich es ja auch“, grinste er jungenhaft. Es hatte ihn einige Beherrschung gekostet, zu unterlassen, was seine Lippen unbedingt tun wollten. Er griff in seine Hosentasche und zog seine Taschenuhr hervor.

„Schon zwanzig vor zwölf“, sagte er. „Ich denke, wir haben genug frische Luft geschnappt. Außerdem willst du bestimmt mit deinen Eltern auf das neue Jahr anstoßen, oder?“

Susan nickte.

„Ist dir jetzt wohler?“, fragte Robert.

„Ja. Danke, dass ich mit dir reden konnte.“

Er bot ihr den Arm, in den sie sich gern einhakte. Langsam gingen sie zum Festsaal zurück. An der Garderobe half Robert Susan aus dem Mantel und kehrte mit ihr in den Saal zurück. Am Eingang wartete Gwendolyn Craig schon aufgeregt.

„Mein Gott, wo warst du so lange, Kind?“

„Ihr war nicht gut, Tante Gwendy. Der Wirt hat mir gesagt, sie sei ganz blass und ohne Mantel nach draußen gegangen. Ich habe ihr den Mantel gebracht und wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht. Sie hat sich wieder erholt.“

„Und der Krawall vorhin?“, hakte Gwendolyn mit strengem Blick auf ihre Tochter nach.

„Hängt damit zusammen“, erklärte Robert. „Bei Kreislaufzusammenbrüchen kann so etwas vorkommen, hat mir jedenfalls Onkel Lucas erklärt.“

„Wie bitte?“

„Oh, als ich mit Tom bei Onkel Lucas war, hatten wir das Thema Kreislaufkollaps. Er hat dabei erklärt, dass es bei einem Kollaps durchaus zu so etwas wie Halluzinationen kommen kann. Wer weiß, welche Albtraumgestalten Susan vorhin gesehen hat“, schwindelte der Lieutenant. Gwendolyn nahm das zur Kenntnis.

„Es ist gleich zwölf. Verträgst du schon Sekt, Susan?“

„Vielleicht.“

„Ich bin in ihrer Nähe, Tante Gwendy. Es wird nichts passieren“, versprach Robert. Mit deutlichen Zweifeln im Gesicht brachte Gwendolyn ihrer Tochter und Robert den Sekt. Fast im gleichen Augenblick schlug es zwölf Uhr. Der Wirt des Saloons und einige Soldaten löschten rasch die Kerzen im Raum, neben den Kerzenständern postierten sich Soldaten mit brennenden Dochten, um später die Kerzen wieder zu entzünden. Als es dunkel war, stimmte der Kapellmeister das Lied Auld Lang Syne an, in das die Gäste einstimmten.

Susan stand immer noch neben Robert und bemerkte, dass er ganz sanft seinen Arm um ihre Schultern legte. Es war ein wunderbares Gefühl und sie lehnte sich an ihn.

„Danke“, sagte sie leise. „Und ein frohes Neues Jahr.“

„Ein frohes Neues Jahr. Wofür danke?“

„Dafür, dass du mich zurückgeholt hast, und dafür, dass du für mich geschwindelt hast, dass sich die Balken bogen.“

„Für dich würde ich fast alles tun, Susan“, hörte sie ihn leise sagen. „Ich mag dich sehr“, setzte er flüsternd hinzu.

„Noch ist es dunkel, Bobby“, erwiderte sie im gleichen Ton.

„Ist das eine Einladung?“

„Ja.“

Eine weitere Aufforderung war unnötig. Robert nutzte umgehend die sich ihm bietende Chance und küsste Susan. Als der Wirt wieder Licht machen ließ, ahnte niemand etwas von der soeben angebahnten Romanze zwischen Robert Bennett und Susan Craig. Die Gäste stießen mit den Gläsern an, wünschten sich ein gutes Neues Jahr, sprachen über die Ereignisse des vergangenen Jahres. Gwendolyn Craig sah zu Robert und Susan hinüber und entdeckte einen deutlichen Blick, den die jungen Leute tauschten. Erst das beginnende Feuerwerk, das von den Sprengmeistern der Riley-Garnison veranstaltet wurde, rief sie wieder in die Wirklichkeit zurück.

Als die Gäste vom Feuerwerk in den Festsaal zurückkehrten, sah Richard Craig nachdenklich auf die Riesentorte, die der Wirt mit seinem Chefkoch gerade anschnitt. Die Torte war vierstöckig, auf jedem Stockwerk war eine Ziffer. Sie bildeten zusammen die Jahreszahl 1861.

„Ich werde das dumme Gefühl nicht los, dass dies erst einmal das letzte friedliche Neujahr sein wird“, murmelte Richard pessimistisch. Thomas hörte seinen Vater sinnieren und lachte auf.

„Paps, du bist ein Schwarzseher! Ich glaube nicht, dass die Sezession eine so ansteckende Krankheit ist. South Carolina kann alleine nicht viel ausrichten. Du wirst sehen: In ein paar Monaten ist die Sezession nur noch Geschichte.“

„Oder der Spuk fängt erst richtig an“, unkte Richard. „Was meinst du, Robert?“

„Ich habe mich noch nicht so recht damit befasst“, antwortete Bennett zurückhaltend. Aber dann sprudelte es aus ihm heraus: „Aber wenn das Beispiel Schule macht – und das werden die kommenden Wochen und Monate zeigen müssen – laufen uns bald sämtliche Sklavenstaaten aus der Union weg, vorausgesetzt, wir hindern sie nicht daran.“

„Muss diese Fachsimpelei sein?“, fragte Gwendolyn Craig erbost. Im Geiste sah sie die Männer schon hitzig diskutierend um die Tische sitzen. Ob es allerdings beim Diskutieren bleiben würde, stand in den Sternen, denn es gab noch immer einige Soldaten und Offiziere aus den Südstaaten in den Einheiten, die ausgesprochen hitzig veranlagt waren. Bevor es zur Saalschlacht kam, musste das Thema Sezession unbedingt beendet werden.

„Meine Güte, Gwendy!“, entfuhr es Richard Craig. „Man muss doch mal über politische Dinge reden! Schließlich leben wir in einer Demokratie.“

„Aber doch nicht ausgerechnet zehn Minuten, nachdem ein neues Jahr begonnen hat, Dick!“, gab Mrs. Craig zurück. Damit ließ sie ihren Mann stehen und bahnte sich einen Weg zum Kapellmeister.

„Tambourmajor Masterson!“, rief sie. Don Masterson drehte sich um.

„Mrs. Craig? Was kann ich für Sie tun?“

„Die Männer fangen an zu fachsimpeln. Tun Sie was dagegen und veranstalten Sie zwei oder drei Tänze Damenwahl, Donald.“

Don Masterson grinste.

„Selbstverständlich, Mrs. Craig“, sagte der Kapellmeister und ließ einen Tusch blasen. Die Gespräche verstummten sofort.

„Ich erbitte der Kameraden geschätzte Aufmerksamkeit! Meine Damen, meine Herren: Drei Tänze mit dem Herrn Ihrer Wahl – Damenwahl!“, rief Masterson.

Zunächst war Stille. Die Damen waren etwas schüchtern. Schließlich machte Gwendolyn Craig den Anfang und forderte Captain Covington auf. Der Bann war gebrochen und die Damen holten sich die Soldaten und Offiziere auf das Parkett – Ende der Politik! Susan Craig war noch unschlüssig, als sie Angela Covington geradewegs auf Robert Bennett zu rauschen sah.

Augenblick, werte Dame!’, dachte sie. ‚Da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden!’

Sie fasste sich ein Herz und ging die drei Schritte zu ihm.

„Darf ich um diesen Tanz bitten, Robert?“, fragte sie mit hochrotem Kopf.

„Gern, Susan“, erwiderte er lächelnd und ließ sich von ihr auf das Parkett führen. Angela hatte das Nachsehen und tröstete sich mit Richard Craig

Der Ball dauerte bis in den frühen Morgen an. Gegen vier Uhr morgens verabschiedeten sich die ersten Gäste. Um fünf Uhr verließen auch die Craigs und ihr Gast den Festsaal. Gwendolyn und Richard Craig bemerkten, dass zwischen Robert und Susan etwas begonnen hatte, was sie zunächst erschreckte, was sie aber letztlich weder unterbinden wollten noch konnten. Zudem war es Richard nur recht, wenn der Sohn seines besten Freundes sich vielleicht in seine Tochter verliebt hatte.

„Hat es dir gefallen, Robert?“, fragte der Captain a. D. Der junge Mann nickte.

„Ich glaube, ich habe noch kein schöneres Neujahrsfest erlebt“, antwortete er. Er sah Susan an. „Und schuld daran ist meine so bezaubernde Tischdame“, setzte er hinzu. Susan spürte, dass sie rot wurde. Zu ihrem Glück stoppte die Kalesche in diesem Moment vor dem Haus der Craigs. Die Ankunft entband sie von einer Antwort, die sie im Augenblick noch nicht geben konnte. Der Kutscher stieg vom Bock und öffnete den Wagenschlag. Robert stieg aus und bot Susan die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

„Galant, der junge Mann“, flüsterte Gwendolyn Craig ihrem Mann zu.

Schon wenig später ging Gwendolyn Craig durch das Haus, um die letzten Lichter zu löschen. Als sie Susan eine gute Nacht wünschte, zupfte Susan ihre Mutter am Ärmel.

„Du, Ma… ?“

„Was ist denn?“ fragte Gwendolyn sanft.

„Mama, ich hab’ so ein Gefühl wie Ameisen in Händen und Füßen und schwindlig ist mir auch. Ma, ist das immer so, wenn man einen Menschen sehr gern hat?“

„Zu meiner Zeit war es jedenfalls so“, lächelte die Mutter. „Er gefällt dir wohl, der Robert Bennett, hm?“

„Jaaa! Ach Mom, er hat so hübsche Augen und er sieht so gut aus in der Uniform. Mama, er tanzt einfach hinreißend. Oh, ich hab’ ihn so gern!“

„Dann träum’ schön von deinem Herzenshelden, mein Kind. Gute Nacht, Spatz.“

„Gute Nacht, Mama“, erwiderte Susan. Ein deutliches, sehr zufriedenes Seufzen mischte sich unter den Gruß.

Ein paar Zimmer weiter wünschte Thomas seinem Freund eine angenehme Nachtruhe.

„Danke, Tom“, erwiderte Robert. „ Tommy –“, setzte er dann an.

„Ja?“

„Tom, ich glaube, ich habe mich verliebt.“

„Wie bitte?“ fragte Tom erschrocken. „Was hast du gesagt? Ich habe nicht richtig gehört!“

„Doch, du hast völlig richtig gehört. Ich habe mich verliebt, Thomas – und zwar in deine Schwester Susan“, wiederholte Bennett. „Du hast Recht: Sie kann ein Biest sein, ohne Zweifel – aber ein sehr nettes Biest“, lächelte er versonnen.

„Wenn ich mich recht erinnere, hast du dich nie …“

„Nein, für die dummen Gänse, die du und George mir unterjubeln wollten, gewiss nicht, stimmt. Aber deine Schwester, Tommy, das ist ganz was anderes. Du hast nicht untertrieben, als du sie als Schwan beschrieben hast.“

Thomas grinste über das ganze Gesicht.

„Tut’s weh?“

„Bitte? Mir geht’s prächtig nach diesem wundervollen Abend. Was sollte wehtun?“

„Na, Amors Pfeil!“, lachte Thomas auf. Robert sah ihn verblüfft an, bis Tom auf einen Gegenstand hinter ihm wies. Robert drehte sich um und entdeckte eine Gipsfigur in der Ecke über dem Ofen, die Gott Amor als Putte mit Pfeil und Bogen darstellte. Die Figur schien ihn schelmisch anzugrinsen. Fehlte nur noch, dass Amor den Daumen hob, um anzuzeigen, dass er wieder einmal mitten ins Schwarze getroffen hatte. Gott Amor hatte zugeschlagen …

 

 

Kapitel 2 

Colonel Bennetts Regiment

 

Robert blieb noch zehn Tage nach Neujahr in Topeka, dann machte er sich auf den Weg nach Fort Randall, wo sein Vater und seine Geschwister auf ihn warteten. Tom hatte noch länger Urlaub und würde Anfang Februar nachkommen. Als Robert am 15. Januar 1861 nach Fort Randall zurückkehrte, glaubte er, diese zehn Tage müssten für immer einen besonderen Platz in seiner Erinnerung haben. Ganz besonders die wundervolle Schlittenfahrt mit Susan … Ihm wurde noch ganz warm, wenn er daran dachte.

Die Armeekalesche, die ihn von der Postkutschenstation abgeholt hatte, passierte das Tor und stoppte dann so hart, dass der junge Mann aus seinen Träumen gerissen wurde. Er stieg steifbeinig aus und ließ sich vom Fahrer sein weniges Gepäck heruntergeben. Die Tür des Kommandantenbüros öffnete sich und Lieutenant-Colonel Frederick Bennett trat heraus. Er blinzelte in die ebenso strahlende wie tief stehende Wintersonne. Robert war versucht, sofort zu ihm hinzustürzen und ihn zu begrüßen, wie es sich für einen Sohn gehörte, der nach vier Jahren Abwesenheit heimkehrte, aber er besann sich rechtzeitig. Er war in Uniform, betrachtete sich also als im Dienst befindlich und hatte sich entsprechend zu verhalten. Sein Vater war Soldat vom Scheitel bis zur Sohle und erwartete von einem Soldaten ein militärisches Verhalten. Es war jetzt nachmittags kurz nach drei Uhr, also noch Dienstzeit. Robert winkte einen Soldaten herbei, drückte ihm seine Tasche in die Hand und ging dann zur Kommandantur. Unten an der zweistufigen Treppe blieb er stehen, stand stramm und salutierte, wie man es ihm auf West Point beigebracht hatte.

„Second-Lieutenant Robert Bennett meldet sich zum Dienst, Sir!“

„Danke, Lieutenant Bennett. Melden Sie sich beim Quartermaster Sergeant. Er wir Ihnen Ihr Quartier zuweisen. Ich erwarte Sie zur Eintragung in die Regimentsstammrolle um vier Uhr. Wegtreten!“, antwortete Frederick Bennett im selben militärischen Tonfall. Robert salutierte erneut, sein Vater erwiderte den Gruß. Der Lieutenant drehte auf dem Absatz um und marschierte zu dem Soldaten zurück, der mit seiner Tasche erwartungsvoll neben der Kutsche stand.

„Trooper, begleiten Sie mich zum Quartermaster Sergeant!“, forderte Robert den Mann auf.

„Ja, Sir! Darf ich vorangehen, Sir?“

Robert sagte nichts, sondern machte nur eine auffordernde Handbewegung.

„Soll ich, Sir?“

„Ja, Trooper, nun gehen Sie schon!“

Der Trooper ging voraus und brachte den Lieutenant zu einem am nördlichen Wehrgang gelegenen Blockhaus. An der Tür war ein Holzschild angebracht, auf dem in weißen Buchstaben Quartermaster Sergeant geschrieben stand. Der Trooper klopfte an und öffnete die Tür, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Sir, der neue Lieutenant ist da“, meldete er Robert an.

„Danke, Elliot“, kam es von drinnen. Elliot machte eine einladende Handbewegung und Robert trat ein.

„Second-Lieutenant Robert Bennett meldet sich zum Dienst und möchte sein Quartier beziehen“, sagte er.

„Willkommen, Sir. Ich bin Quartermaster Sergeant Van Dyke. Das ist Trooper Elliot. Ich habe eine gute Stube für Sie reserviert. Elliot wird Ihr Gepäck gleich ‘rüberbringen. Sie haben Stube fünfzehn, direkt neben Ihrem Bruder, Sir. Wenn Sie einen Burschen brauchen, empfehle ich Trooper Elliot, Sir.“

Van Dyke reichte Robert den Stubenschlüssel.

„Danke, Mr. Van Dyke. Ich werde mich zunächst einrichten. Wie ist die allgemeine Lage hier?“

„Ich denke, Sir, der Colonel sollte Sie in die allgemeine Lage einweisen. Es steht mir nicht zu, Offiziere einzuweisen, Sir.“

Robert nahm die Worte des Sergeants mit einem Kopfnicken zur Kenntnis.

„Bringen Sie mich bitte in mein Quartier, Mr. Elliot“, sagte er zu dem Trooper und verließ die Quartiermeisterei mit einem freundlich-lässigen Gruß, den der Sergeant zackig erwiderte.

„Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte, Sir …?“, setzte Elliot an, als sie über den Exerzierplatz gingen.

„Ja?“.

„Sie haben wenig Gepäck, Sir. Second-Lieutenant Gordon hatte wesentlich mehr, Sir.“

„Second-Lieutenant Gordon benötigt eine Menge Zivilkleidung, wenn er sich in Omaha amüsieren will. Ich besitze praktisch keine Zivilkleidung“, gab Robert zurück.

„Wollen Sie sich in Uniform amüsieren, Sir? Ich würde davon abraten. Die Spielhöllenbesitzer in Omaha mögen keine Uniformierten im Lokal.“

„Stört mich nicht weiter. Ich neige nicht dazu, mich abendlich zu beschlucken.“

„Sie kennen Lieutenant Gordons Gewohnheiten, Sir?“

„Ich kenne ihn von der Schule.“

Elliot öffnete die Tür zu Roberts neuer Stube und stellte die Tasche auf dem Bett ab.

„Ich heize gleich ein, Sir“, versprach er dann und wollte gehen.

„Sind Kohlen, Anzünder und Spanholz vorhanden, Mr. Elliot?“

„Ja, Sir.“

„Danke, Sie können gehen. Ich heize selbst ein.“

„Aber, Sir, ich …“

„Schon gut, Mr. Elliot. Ich habe in den letzten vier Jahren auch selbst geheizt.“

„Sir, Sie sind jetzt Offizier“, erinnerte der Trooper erschrocken.

„Offizier, aber kein König“, erwiderte Robert grinsend. „Ich werde Sie noch häufig genug brauchen, Elliot, aber Sklavenarbeiten brauchen Sie für mich nicht zu tun.“

„Danke, Sir. Wann soll ich mich wieder bei Ihnen melden?“

„Wo finde ich Sie, falls ich Sie brauche?“, fragte Robert ohne auf die Frage einzugehen.

„Mein Quartier ist in der dritten Mannschaftsbaracke, Sir.“

„Danke, Mr. Elliot. Sie können gehen.“

Elliot salutierte zackig, machte eine vorschriftsmäßige Kehrtwendung und schloss hinter sich die Tür.

Bennett packte seine wenigen Sachen aus und verstaute sie in einem Schrank, der der vierfachen Menge von Kleidung Platz geboten hätte. Zurzeit besaß er nur einen Uniformrock, den Wintermantel mit der großen Pelerine, zwei Hosen, zwei Hemden, zwei Paar Strümpfe, zwei Sätze Unterwäsche und ein Paar Stiefel.

Zu guter Letzt nahm er ein kleines Ledersäckchen aus der Tasche, von dem er sich schon seit Jahren nicht mehr trennte. Es enthielt eine Kräutermischung, die Zwei Schlangen, der Medizinmann der Assiniboins, hergestellt hatte. Die Assiniboins waren ein Prärieindianerstamm, mit dessen Häuptling Gelbe Wolke Robert gut befreundet war. Die Freundschaft reichte weit zurück in ihre gemeinsame Kinderzeit, als Robert dem jungen Indianer einmal das Leben gerettet hatte. So sehr die Assiniboins die Weißen allgemein hassten – und die weißen Soldaten unter Lieutenant-Colonel Bennett im Besonderen – so sehr mochten sie den jüngeren Sohn des Häuptlings der Blauröcke, wie sie Bennett senior nannten. Robert hatte ihre Sprache gelernt, hatte viel Zeit bei ihnen verbracht, konnte Spuren lesen wie ein Trapper und hatte gelernt, dass man von einem Büffel nichts übrig lassen brauchte, weil alles in irgendeiner Form verwendbar war.

Nachdenklich sah er auf das kleine Säckchen, das ihm schon manch guten Dienst erwiesen hatte. Die Kräuter waren ein wahres Wundermittel gegen Entzündungen. Im Laufe der letzten vier Jahre auf der Akademie hatte er sich häufiger einen Kräutertee machen müssen, wenn er beim Fechten oder Boxen Verletzungen gehabt hatte. Der Inhalt war bedrohlich knapp geworden. Aber Robert konnte nur vage hoffen, seinen Freund besuchen zu können. Bevor er auf die Akademie gegangen war, hatte er wohl der familiären, aber nicht der militärischen Befehlsgewalt seines Vaters unterstanden. Nun war er Soldat und hatte seinem Vorgesetzten zu gehorchen. Früher hatte er eine Woche Hausarrest bekommen, wenn er verbotenerweise seine indianischen Freunde besucht hatte, jetzt würde es mit einem Disziplinarverfahren enden, wenn er wieder Kontakt zu Gelbe Wolke suchte. Mit einem Seufzer packte Robert das Säckchen in den Schrank und sah auf die Uhr. Es war kurz vor vier und sein Vater hasste Unpünktlichkeit.

Der Posten vor dem Amtszimmer des Lieutenant-Colonels riss die Tür mit zackigem Salut auf und Robert trat ein.

„Second-Lieutenant Robert Bennett meldet sich zur Stelle, Sir!“, sagte er, stand stramm und salutierte. Frederick Bennett stand von seinem Schreibtischsessel auf und trat zu seinem jüngeren Sohn.

„Ich benötige Ihr Offizierspatent, Second-Lieutenant Bennett“, erwiderte er. Robert griff in die Jacke, nahm die Urkunde heraus und gab sie seinem Vater.

„Meine Beförderung zum Second-Lieutenant, Sir!“

Frederick kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und nahm einen Folianten heraus, in den er eine Eintragung machte. Dann schob er Robert die Urkunde wieder zurück.

„Letztes Zeugnis der Akademie?“

„Verzeihung, Sir, aber das Abgangszeugnis ist nicht Bestandteil der Personalunterlagen.“

Frederick Bennett lächelte zum ersten Mal, seit sein Sohn sich bei ihm vorgestellt hatte.

„Weiß ich, mein Junge, aber dein Vater wird doch hoffentlich erfahren dürfen, wie sein Sohn die Schule beendet hat“, erwiderte er beinahe sanftmütig.

„Ich hab’ s drüben, Pa. Soll ich es holen, oder willst du mir erst meine Aufgabe vorstellen?“, antwortete der junge Mann im gleichen vertraulichen Ton.

„Second-Lieutenant Bennett!“, herrschte Frederick seinen Sohn an. „Sie sind im Dienst! Solche Respektlosigkeiten dulde ich nicht!“

Robert stand augenblicklich wieder stramm.

„Dann ersuche ich Sie, Sir, das Dienstreglement ebenfalls einzuhalten und private Dinge auf die dienstfreie Zeit zu verschieben!“, gab er zurück. Bennett senior knurrte unwillig. Der Junge hatte auch noch Recht!

„Kommen wir zu Ihren künftigen Aufgaben, Lieutenant. Sie übernehmen den ersten Zug der Schwadron C unter dem Kommando von Captain Barry Bruce. Das heißt, sofern die entsprechenden Rekruten dafür gefunden sind. Mein Regiment besteht zurzeit nämlich nur aus den Schwadronen A und B“, erklärte Lieutenant-Colonel Bennett. Er sah Robert prüfend an.

„Und ich erwarte, dass diese Schwadron C die beste Schwadron wird, die dieses Land jemals gesehen hat! Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Lieutenant Bennett?“

„Ja, Sir!“

„Es werden Frischlinge sein, die nicht wissen, wo bei einem Gewehr vorn und hinten ist, die keine Ahnung haben, wie man ein Pferd besteigt, geschweige denn, wie man es sattelt. Außerdem wird es Ihre Aufgabe sein, Pferde für das Regiment einzukaufen. Quartermaster Sergeant Van Dyke wird Ihnen über den Jahresetat für solche Anschaffungen Auskunft geben. Bevor ich Ihnen weitere Aufgaben zuteile, warte ich die weitere Entwicklung sowohl des Regimentes als auch Ihrer Befähigung ab. Ich sehe, Sie haben noch die dunkelblaue Uniformhose. Beschaffen Sie sich beim Zeugmeister umgehend die vorschriftsmäßigen neuen himmelblauen Hosen und die erforderlichen Regimentsabzeichen. Ich erwarte Sie heute Abend um sechs Uhr zum Privatdinner in neuer Uniform, Second-Lieutenant Bennett. Und mit Ihrem Abgangszeugnis. Verstanden?“

„Ja, Sir!“

„Wegtreten!“

Robert salutierte und verließ die Kommandantur.

Wie befohlen, suchte er zunächst den Zeugmeister auf, der ihm die neuen Hosen gab. Sergeant Quaid kannte Robert schon, seit er ein kleiner Junge gewesen war. Entsprechend ungezwungen war ihr Umgang miteinander.

„Gott, was bin ich froh, dass sie dich auf der Akademie nicht so verbogen haben wie deinen Vater, Bob. Als du hier eben ‘reinkamst, habe ich fast ‘nen Herzanfall bekommen, so militärisch hast du ausgesehen“, seufzte Sergeant Quaid erleichtert, als Robert alles andere als militärisch grob seine vorschriftsmäßigen Hosen erbeten hatte.

„Jeff, wir kennen uns zu lange und duzen uns zu lange, als dass ich dir gegenüber den Vorgesetzten herauskehren könnte. Außerdem war in diesem Fort eigentlich noch nie ein zu stark militärischer Ton an der Tagesordnung. Jedenfalls nicht unter den Soldaten, wenn mein Vater nicht in der Nähe war. Was ist eigentlich mit Philip? Ich habe ihn den ganzen Tag noch nicht gesehen“, erwiderte Robert freundlich lächelnd. Es war dieses Lächeln, das den jungen Mann deutlich von seinem Vater unterschied.

„Dein Bruder und dein Vater liegen wieder mal im Dauerclinch. Vorgestern hat Euer Vater Phil zur Strafe auf eine Dreitagespatrouille geschickt. Er müsste heute Abend zurück sein.“

„Sag’ Jeff: Seit wann ist Barry Captain? Als ich auf die Akademie ging, war er noch Sergeant und hatte nicht die Absicht, Offizier zu werden.“

„Barry ist dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. In den letzten vier Jahren ist hier der Teufel los gewesen. Du warst der Einzige, der die Sprache der Assiniboins konnte – außer Barry Bruce. Dein Vater brauchte einen Dolmetscher, als er mit Gelbe Wolke verhandeln musste, weil der die Einhaltung der von seinem Vater Roter Bison geschlossenen Verträge einforderte, und dein Vater extra jemanden aus Washington kommen ließ, um die Verhandlungen zu führen. Der Politiker wollte aber nur mit einem Offizier zu den Roten, keinesfalls mit einem simplen Sergeant. Also bekam Barry die gelben Schulterspangen angeheftet und war damit Lieutenant. Er fühlt sich nicht besonders wohl in der Rolle. Jetzt soll er auch noch eine Schwadron übernehmen. Aber Barry ist nicht so wie du oder Philip. Euch beide würde ich für die geborenen Offiziere halten, auch wenn Phil das selbst nicht glaubt. Nein, Barry ist damit nicht glücklich.“

„Warum steigt er dann nicht aus?“

„Dasselbe Problem wie bei Philip. Dein Vater unterschreibt kein Abschiedsgesuch. Außerdem ist bei Barry der Nachteil, dass er seine Dienstzeit als Offizier noch nicht erfüllt hat. Du weißt: Drei Jahre mindestens. Und er hat erst zwei hinter sich.“

„Daddy hat mich Barry als Zugführer zugeordnet.“

„Warst du schon bei ihm?“

„Nein. Wo finde ich den Knaben?“

„Stube sechzehn. Ich denke, er wäre glücklich, wenn du tatsächlich sein Lieutenant wirst. Aber eines garantiere ich dir, mein Junge: Die Schwadron hast du am Hals! Barry wird sicher dich vorschieben.“

„Macht nichts. Ich hab’s gelernt, Jeff. Oh, bevor ich das vergesse: Beschaff’ mir für den Sommer blaue Hemden mit Plastron. In den dicken Jacken hält man’ s nicht aus.“

„Wird ‘ne Weile dauern, Bobby. Aber zu Ostern habe ich sie hoffentlich da. Du weißt, dass du die selbst bezahlen musst?“

Robert nickte nur und verließ die Zeugmeisterei. Es war bereits dunkel geworden, aber im Schein einiger Lampen erkannte Robert etwa zehn Reiter, die gerade das Tor passierten. Er blieb stehen und wartete in der Nähe der Kommandantur, erkannte in dem führenden Offizier seinen Bruder Philip. Noch bevor Robert aus dem Schatten treten konnte, tat sich die Tür der Kommandantur auf und der Lieutenant-Colonel kam heraus.

„First-Lieutenant Bennett zurück von Patrouille. Keine besonderen Vorkommnisse, Sir!“

„Danke, Lieutenant. Führen Sie die Leute in die Quartiere und erstatten Sie mir genauen Bericht.“

„Wenn Schnee, Schnee und nochmals Schnee einen Bericht hergeben würden, würde ich einen schreiben, Sir“, gab Philip zurück. „Es gibt nichts zu berichten.“

„Dann werden Sie genau das berichten, Lieutenant!“, grunzte Frederick. „Die Disziplin wird nicht versäumt! Ich erwarte Sie um sechs Uhr zum Privatdinner – in Uniform!“

„Zum Privatdinner in Uniform!“, knurrte Roberts Bruder bitter.

„Sie haben etwas vergessen, Lieutenant!“, stoppte Bennett senior seinen älteren Sohn. Philip drehte sich um.

„Sir?“

„Wenn Sie mit Ihrem Vorgesetzten sprechen, Lieutenant, haben Sie die Rede mit Sir zu beenden. Das nächste Mal gibt es dafür Arrest, verstanden, Lieutenant?“

„Ja, Sir!“

„Wegtreten!“

„Danke, Sir!“

Robert fühlte sich plötzlich an der Schulter angetippt und drehte sich erschrocken um.

„Neugierig, Lieutenant?“, fragte ihn eine tief vermummte Gestalt, die offensichtlich einen Offiziersmantel trug. In der Dunkelheit war die Stärke der schwarzen Schnüre auf dem dunkelblauen Stoff, die den Dienstgrad markierten, nicht zu erkennen.

„Wer sind Sie, Sir?“, fragte Robert mit erzwungener Kühle.

„Unerheblich. Warum grüßen Sie nicht, Lieutenant?“

„Weil ich nur bei zweifelsfrei höherem Rang zum Gruß verpflichtet bin, Sir. Also, mit wem habe ich das Vergnügen?“

Aus dem Mantel schälte sich Ronald Gordon, Roberts Schulkollege.

„Schade, du bist nicht ins Bockshorn zu jagen. Woher nimmst du bloß diese Abgebrühtheit her?“

„Daher, dass ich das Reglement im Gegensatz zu dir seit Kindertagen beten kann.“

„Wie lange lauschst du schon?“

„Lange genug, um zu wissen, dass mein Vater immer grimmiger wird. Er war schon immer ein Reglementsfanatiker.“

„Mit dem Alten ist nicht gut Kirschen essen. Wenn er so weitermacht, geht Philip eher stiften, als dass er länger als unbedingt nötig hier bleibt“, orakelte Ronald.

„So schlimm?“

„Noch schlimmer! Philip wollte sich wegversetzen lassen, um von einer anderen Einheit seinen Abschied zu nehmen. Dein Vater gibt ihn einfach nicht frei.“

Schlag sechs erschien Robert zum Abendessen. Sein Vater und seine jüngere Schwester Elizabeth, genannt Betty, saßen bereits am Tisch. Frederick Bennett zog die Taschenuhr und warf einen vorwurfsvollen Blick darauf.

„Gerade noch pünktlich!“, knurrte er.

„Guten Abend, Paps. Du hattest gesagt, dass ich um sechs zum Privatdinner kommen soll, und ich bin pünktlich da. Was grämst du dich?“, erwiderte Robert ruhig. Er trat zum Tisch und nahm Bettys Hand.

„Grüß dich, Betty. Du siehst süß aus. Tom wäre begeistert.“

Er gab ihr einen brüderlichen Kuss. Betty umarmte ihn.

„Bobby, endlich bist du wieder da! Kommt Tom auch?“, fragte sie mit leuchtenden Augen.

„Er hat noch Urlaub und kommt in etwa zwei Wochen“, erwiderte Robert. „Hier, das hat er mir für dich mitgegeben. Kleines Weihnachtsgeschenk.“

Er zog aus der Hosentasche ein schwarzes Kästchen und überreichte es Betty. Sie öffnete es und fand eine kleine Opalbrosche.

„Vater, sieh nur, was Tommy mir schickt!“

Frederick Bennett warf einen flüchtigen Blick auf die Brosche.

„Tand!“, grunzte er unfreundlich.

„Daddy, was ist eigentlich los mit dir? Hast du Schmerzen im Bein oder welche Laus ist dir über die Leber gekrochen? Du benimmst dich wie die Axt im Wald“, wies Robert seinen Vater zurecht. Doch Frederick Bennett antwortete nicht, sondern polterte gleich drauflos:

„Philip, ich hatte dich in Uniform her befohlen! Wie kannst du es wagen dich dem Befehl zu widersetzen? Außerdem bist du drei Minuten zu spät!“

Philip stand in der Tür und trug einen zivilen Anzug, der offensichtlich maßgeschneidert war und wie angegossen saß. Philip hakte die Daumen in die Uhrtaschen seiner grauen Weste und maß seinen Vater mit einem abschätzenden Blick.

„Du hast mich zum privaten Dinner gebeten, Pa. Es ist nach sechs Uhr, ich bin nicht mehr im Dienst, also bin ich nicht verpflichtet, Uniform zu tragen. Du bist jetzt mein Vater, nicht mehr mein Vorgesetzter. Und von meinem Vater lasse ich mir als Volljähriger nicht vorschreiben, was ich anzuziehen habe, insbesondere dann nicht, wenn meine Kleidung dem Anlass durchaus angemessen ist!“, gab Philip kalt zurück. Robert spürte Betroffenheit. Es war ihm sichtlich peinlich, sich diesen Eklat anhören zu müssen.

„Philip!“, brauste Frederick auf. „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, tust du genau das, was ich dir sage, verstanden?“, fauchte er.

„Die Sachlage ließe sich ganz schnell ändern, wenn ich dieses gastliche Haus verlassen dürfte. Ich will dir ja gar nicht zur Last fallen! Lass’ mich mein eigenes Leben führen und du brauchst dich nicht über meine Unpünktlichkeit und Disziplinlosigkeit zu beschweren.“

„Aha, es ist also Absicht, dass der Herr Sohn sich meinen Anordnungen widersetzt!“, schnaufte Frederick. „Ich werde dich morgen exerzieren lassen, dass dir das Wasser in der Nase kocht!“, drohte er dann.

„Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!“, versetzte Philip eisig. „Du weißt genau, dass du kein Recht …“

Komm’ mir nicht mit irgendwelchen Gesetzen, du Paragrafenhengst!“, donnerte Bennett senior.

Robert sah den bittenden Blick seiner Schwester.

„Unternimm was!“, bat sie ihn leise. „Die bringen sich noch gegenseitig um.“

Robert hatte für einen Moment dem Gezeter seines Vaters und seines Bruders nicht zugehört. Er nahm seine Schwester am Arm.

„Komm, Betty, wir gehen“, sagte er leise. Betty stand auf und wollte mit Robert das Zimmer verlassen. Aber so heftig Philip und Frederick sich auch stritten, das leise Davonstehlen der jüngeren Kinder hatte der alte Bennett doch bemerkt.

„Hier geblieben! Wer hat euch erlaubt, einfach aufzustehen und das Zimmer zu verlassen?“, fuhr er Robert und Elizabeth an.

„Vater, du hast mich zu einem privaten Dinner eingeladen“, erwiderte Robert an der Tür. „Da es offensichtlich nicht stattfindet, weil du dich lieber mit Philip um des Präsidenten Bart streitest, ziehen Betty und ich es vor, in der Kantine zu essen, weil wir allmählich Hunger bekommen und dort in Ruhe essen können, ohne dies Gezeter in den Ohren zu haben“, erklärte Robert ruhig.

„Ihr bleibt hier!“, keifte Frederick. Dann wollte er sich wieder an Philip wenden, um weiter zu streiten, aber Robert ging dazwischen.

Es reicht jetzt!“, befahl er barsch. Lieutenant-Colonel Bennett war es nicht gewohnt, dass ihm jemand Befehle gab. Der barsche Befehlston verschlug ihm zunächst die Sprache. Philip schwieg genauso verblüfft, weil er seinem kleinen Bruder eine derart tragfähige Stimme nicht zugetraut hatte.

„Sagt mal, seid ihr eigentlich von allen guten Geistern verlassen?“, fuhr Robert Vater und Bruder an. „Ich komme nach vier Jahren Akademie nach Hause und was erlebe ich? Mein Vater verkehrt nur noch im Befehlston mit mir und meinen Geschwistern. Ihr keift euch an wie die Kampfhähne, weil du, Philip, von Natur aus die Opposition in Menschengestalt bist und du, Vater, einen völlig unerklärbaren Rochus auf Rechtsanwälte hast – oder solche Leute, die es werden wollen. Ihr seid doch beide nicht ganz dicht! Vater, nimm bitte zur Kenntnis, dass Philip außerhalb der Dienstzeit nicht deiner disziplinarischen Gewalt unterliegt. Falls es dir Reglementskenner entfallen sein sollte, lies dir bitte deine Befugnisse im Reglement mal wieder durch. Ferner solltest du zur Kenntnis nehmen, dass es für dich ganz böse Folgen haben könnte, wenn du Philip wegen seiner Kleidung bei einem privaten Dinner außerhalb der Dienstzeit morgen exerzieren lassen willst. Ich werde das nicht zulassen, weil ich mich so gut auch im Reglement auskenne, dass ich sofort eine Beschwerde schreiben werde, wenn ich feststelle, dass du Philip zwiebelst, weil er außerhalb des Dienstes etwas getan hat, was dir als Privatmann widerstrebt. Und du, Phil, stell’ deine Daueropposition endlich ein und wende dich an Stellen, die dir helfen können, Vater dazu zu bringen, dich endlich aus dem Dienst zu entlassen. Entweder ist mit dem Gekeife jetzt sofort Schluss, oder Betty und ich gehen wirklich ‘rüber in die Kantine. Dort essen wir mit Sicherheit in besserer Gesellschaft als hier!“

Frederick und Philip saßen mit offenem Mund da. Der Colonel fing sich als erster.

„Was erlaubst du dir eigentlich? Hast du keinen Respekt vor deinem Vater?“

„Wenn mein Vater sich wie ein Hanswurst aufführt, nicht. Dein Benehmen ist eines Lieutenant-Colonel nicht würdig, Pa.“

Der Streit hörte zwar schlagartig auf, aber das gemeinsame Abendessen verlief in einer unschönen, gespannten Stimmung, in der sich eigentlich nur noch Robert und Betty unterhielten.

Einige Tage lang beruhigte sich das Verhältnis zwischen Philip und Frederick Bennett. Robert hatte wegen der Gereiztheit seines Vaters zunächst darauf verzichtet, ihm mitzuteilen, dass er von der Akademie mit Sonderzeugnis den Magistergrad der Rechte hatte. Der Hass seines Vaters auf jeden, der sich mit den Gesetzen auskannte, war Robert nur zu gut bekannt. Bettys Bedrücktheit blieb. Nicht einmal Robert konnte sie mit Spaziergängen und Schlittenfahrten aufmuntern. Er schob es darauf, dass Betty hoffnungslos in Thomas Craig verschossen war und er ihr sehr fehlte.

Knapp zwei Wochen nach seiner Ankunft in Fort Randall verfügte Robert über einen ‚Zug’ von fünf Mann. Jeder, der neu zum Regiment kam, wurde in Roberts entstehenden Zug gesteckt. Zu seinem Leidwesen konnten die Neuen kaum reiten, hatten von Waffen überhaupt keine Ahnung. Robert hatte schon viel Geduld investiert, um seine Neulinge in die Geheimnisse des Soldatenberufes einzuführen. Einer seiner Rekruten war Umberto Cologgia, ein italienischer Einwanderer, der nur wenig Englisch sprach. Robert hatte seine liebe Not mit ihm.

„Mr. Cologgia!“, schnaufte er, als er morgens im Stall mit dem Italiener Pferde putzte. „Im Italienischen mag meine Rangbezeichnung Sottotenente sein. Hier ist es Second-Lieutenant! Kapieren Sie das endlich!“

„Si, Sotto…, permesso, Second-Lieutenant.“

Sir reicht völlig“, grinste Bennett, in der Meinung, Cologgia habe es endlich begriffen.

„Si, Signore Sottotenente“, machte Cologgia die Bemühung im Einzelunterricht wieder zunichte. Robert lehnte sich vornüber an das Pferd, das er gerade striegelte.

„Womit hab’ ich das verdient?“, seufzte er resigniert. „Collie, Sie lernen’s nie!“

„Ah, Signore, ich bin fertig mit meinem cavallo. Was soll ich jetzt tun?“

Robert zog die Uhr aus der Tasche.

„Es ist Weckzeit. Schmeißen Sie Mattson, Elders und Andersson aus dem Bett und holen Sie Brennecke vom Donnerbalken, falls er nicht schon festgefroren ist. Sie sollen sich hier im Stall melden.“

„Si, Signor Sottotenente“, grinste Cologgia.

Robert sah ihm kopfschüttelnd nach. Einerseits schien Cologgia ihn aus purer Nichtswürdigkeit italienisch anzureden, andererseits tat er für den Lieutenant nahezu alles, war immer zur Stelle, wenn Robert jemanden brauchte, der nicht ganz angenehme Arbeiten übernahm. Collie war die Gutwilligkeit in Person und machte das, was man ihm auftrug immer richtig, vollständig und schnell. Vor allem schien er besser zu begreifen, als er mit seiner offenbar gewollt falschen Anrede glauben machen wollte. Robert schätzte den kleinen Italiener sehr. Cologgia war um die Stallecke verschwunden, und Robert nahm sich den rechten Vorderhuf seines Dienstpferdes, eines großen Armeeschimmels, vor.

Plötzlich hörte er eilige Schritte in der Stallgasse, die zu keinem seiner Rekruten passten. Vorsichtig sah Robert um die Kruppe seines Schimmels und erkannte Philip, der im hinteren Teil des Stalles eilig seine Stute sattelte.

„Guten Morgen, Philip. Hat Paps dich schon wieder auf Patrouille geschickt?“, fragte er.

„Nein“, kam es von hinten. „Und ein guter Morgen ist es auch nicht! Ich habe eben ein Telegramm vom Kriegsminister bekommen. Er meint, er kann nichts für mich tun, ich sollte mich an seinen Nachfolger wenden. Ich sehe keine andere Chance mehr. Ich muss handeln“, erwiderte Philip. Robert legte sein Putzzeug beiseite und ging zu seinem Bruder hin.

„Was hast du vor?“, fragte er. Philip seufzte.

„Es hat keinen Zweck mehr Bob. Vater unterschreibt mein Abschiedsgesuch nicht, will mich auch nicht zu den 2nd Dragoons lassen, und der amtierende Kriegsminister Floyd verweist mich auf seinen Nachfolger, der erst im März sein Amt antritt. Mir reicht’s. Ich sehe keine andere Möglichkeit das Sommersemester noch zu erreichen, als einfach abzuhauen.“

„Philip, mach’ keinen Blödsinn! Du fängst dir mit Fahnenflucht mehr Ärger ein als im Stall Fliegen mit dem Fliegenfänger! Tu’s nicht! Mach’ dich nicht unglücklich!“, beschwor Robert den fünf Jahre älteren Bruder.

„Das bin ich schon. Robert, ich bin in die Army eingetreten, weil Paps mich einfach beim Virginia Military Institute angemeldet hat, ohne mich zu fragen, ob ich das überhaupt wollte. Und als ich dann gegen meinen Willen Soldat war, hat er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich in seinen Haufen zu bekommen – so wie er auch dafür gesorgt hat, dass du in sein Regiment gekommen bist. Und jetzt lässt er uns nicht mehr aus den Klauen. Nein, Bob, wenn ich legal offenbar hier nicht wegkomme, kann ich auch türmen.“

„Philip, lass’ es bleiben! Ich habe an den Armeechef geschrieben und von Vaters Kapriolen berichtet. Warte wenigstens die Antwort noch ab!“

„Nein, zu spät, Robert. Ich gehe jetzt!“

„Wie?“ fragte Robert gedehnt.

„Ich haue ab! Ich de – ser – tie – re, kapiert?“

Robert wollte noch etwas einwenden, aber er kam nicht mehr dazu. Philip schlug so schnell und hart nach der Schläfe seines Bruders, dass der nicht mehr ausweichen konnte und bewusstlos zu Boden ging.

„Tut mir Leid, Bobby. Ich hatte keine andere Wahl“, murmelte Philip, sattelte sein Pferd fertig und verließ den Stall.

Cologgia und Roberts übrige Rekruten sahen First-Lieutenant Philip Bennett den Stall verlassen und dachten sich nichts dabei. Philip ritt öfter allein fort. Aber als sie in den Stall kamen, war der Second-Lieutenant Robert Bennett wie vom Erdboden verschluckt.

Sottotenente!“ rief Cologgia besorgt. „Signor Bennett? Roberto?“

Keine Antwort. Schließlich suchten sie die langen Stallungen ab und fanden Robert besinnungslos neben dem Stand, in dem sonst Philips braune Stute stand. Einige Momente waren sie völlig verblüfft, dann fasste Cologgia sich ein Herz und klopfte den Lieutenant wach. Allmählich kam er zu sich.

„Collie, was ist mit dem Lieutenant?“

Non lo so, scusi, ich weiß nicht. Eh, Lieutenant!“

„Bah! Das klingt ja noch grausiger als Sottotenente, Collie!“, beschwerte sich Robert, der in diesem Moment aufwachte.

„Bene, Sottotenente. Come sta? Permesso, wie geht’s?“

Robert richtete sich ruckartig auf und packte Cologgias Arm.

„Wo ist mein Bruder?“, fragte er hastig.

„First-Lieutenant Bennett ist vor ein paar Minuten weggeritten, Sir“, gab Trooper Andersson Auskunft.

„Schon jemand hinter ihm her?“

„Nein, Sir. Weshalb, Sir?“

„Weil mein Bruder gerade dabei ist, Fahnenflucht zu begehen. Los, sattelt eure Pferde!“

„Sie wollen Ihren eigenen Bruder verfolgen, Sir?“, fragte Mattson entgeistert.

„Das ist nicht der Moment, dumme Fragen zu stellen, Trooper Mattson! Los, beeilt euch, bevor Lieutenant-Colonel Bennett seine Hofhunde in Gestalt der Militärpolizei loslässt!“, schnauzte Robert ungewohnt barsch. Cologgia legte den Kopf schief.

„Si, Sottotenente, ich bin dabei“, sagte er. Die anderen vier sahen ihn verstört an.

„Collie, bist du übergeschnappt?“, keuchte Andersson.

„No! Ich glaube, ich weiß, was der Sottotenente vorhat. Andiamo!“, erwiderte Umberto mit listigem Grinsen. Mehr oder weniger laut murrend folgten die Reiter Cologgia zu den Ständen ihrer Pferde.

Frederick Bennett sah die kleine Truppe aus dem Fort reiten.

„Robert holt ihn zurück, da bin ich sicher. Captain Stanfield, Sie können die Verfolgung abblasen“, sagte er.

„Sie meinen ernsthaft, dass Ihr Sohn seinen Bruder ans Messer liefert?“, fragte Stanfield verblüfft. „Sir!“, setzte er eilig hinzu, als er Bennetts strafenden Blick bemerkte.

„Ja, Captain Stanfield, das glaube ich. Robert ist der beste Spurenleser, den ich kenne und er ist Soldat von Herzen. Deserteure gehen ihm genauso gegen den Strich wie mir.“

Am Platte-River stürmte es eiskalt direkt aus der kanadischen Eiswüste herunter. Der aufkommende Blizzard drohte alle Spuren zu verwischen, einschließlich denen, die Roberts Patrouille hinterlassen hatte. Robert sah sich nach seinen Leuten um. Sie hingen mit offensichtlich schmerzenden Hinterteilen in den Sätteln. Die Spur auf dem gegenüberliegenden Ufer des Platte war für Robert noch deutlich erkennbar, aber er konnte annehmen, dass seine Leute sie nicht wahrnehmen würden. Er beschloss, die Probe aufs Exempel zu machen.

„Trooper Andersson! Ich sehe keine Spur mehr. Können Sie noch was entdecken?“

Andersson schloss zu Robert auf, sah angestrengt auf die andere Seite.

„Nein, Sir. Ich sehe nichts mehr. Der Schneesturm muss die Spur verweht haben.“

„Sehe ich auch so“, erwiderte Robert, schelmisch grinsend. „Los, zurück, bevor uns der Blizzard wegpustet!“, befahl er dann.

Sie machten kehrt. Andersson, ein Mann, der aus Schweden eingewandert war, ritt neben Cologgia.

„Du hattest Recht, Collie“, murmelte er.

„Was meinst du, Arne?“, fragte Cologgia harmlos.

„Collie, ich bin Jäger. Die Spur war klar wie die Sonne. Der Lieutenant wollte sie nicht sehen!“

Cologgia grinste, dass sich sein schwarzer Schnurrbart sträubte.

„Er ist kein schlechter Kerl, unser Lieutenant“, sagte er. „Aber wenn du ihn verpfeifst, setzt es heiße Ohren!“, warnte Cologgia den Schweden in nahezu akzentfreiem Englisch. Robert grinste in sich hinein. Der kleine Kerl wollte ihn also doch nur aufziehen, wenn er italienisch radebrechte. Andererseits lag in seiner Anrede immer so viel Respekt, dass Bennett sich langsam von der italienischen Titulatur angenehm berührt fühlte. Er mochte Cologgia. Und seine Jungs waren in Ordnung.

Frederick Bennett machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl, als Robert ihm meldete, er habe die Spur am Platte-River verloren.

„Seit wann verlieren Sie eine Spur, Lieutenant Bennett?“, fauchte er.

„Am Platte ist ein Blizzard über uns hereingebrochen, der jeden Hauch von Spur vernichtet hat. Ich kann nur annehmen, dass Philip ein Stück durch den Fluss geritten ist und erst später auf dem linken Platte-Ufer weitergeritten ist. Es hat so einen Schneesturm gegeben, dass wir unsere eigenen Spuren bald verloren haben. Wenn Sie mir nicht glauben, Sir, dann fragen Sie meine Männer“, erklärte Robert. Lieutenant-Colonel Bennett winkte ab.

„Ich seh’s ein. Sie haben getan, was Sie konnten. Ist gut, Lieutenant Bennett, Sie können gehen.“

Robert salutierte, drehte sich um und wollte gehen, als Frederick ihn noch einmal ansprach:

„Was meinst du? Was wird er jetzt machen? Wohin wird er gehen?“

Verblüfft über die ungewohnt vertrauliche Anrede, drehte Robert sich wieder langsam um.

„Als Privatmann gefragt oder als Offizier, Sir?“, fragte er zurück. Sein Vater wandte sich vom Fenster ab, aus dem er die ganze Zeit hinaus gestarrt hatte, als könne er seinen älteren Sohn mit Blicken herbeiholen. Jetzt wirkte er müde, alle dienstliche Strenge, die er bis vor wenigen Sekunden noch gezeigt hatte, war gewichen.

„Wir sind allein, Robert. Was meinst du?“, wiederholte der Colonel seine Frage.

„Sorry, Sir, das ist noch keine Antwort auf meine Frage. Darf ich den Colonel im Dienst duzen, ohne mit drei Tagen Arrest rechnen zu müssen?“, fragte Robert erneut.

Frederick Bennett seufzte schwer und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er hatte das dunkle Gefühl, dass er mit seiner Forderung nach Disziplin, die er auch seinen Söhnen ohne Nachsicht abverlangt hatte, einen schweren Fehler gemacht hatte. Jetzt wollte er diesen Fehler revidieren, aber er stieß auf Misstrauen, das er erst abbauen musste.

„Vergiss es“, sagte er. „Es ist einfach Blödsinn, von den eigenen Söhnen Ehrenbezeigung zu fordern, selbst wenn man allein mit ihnen ist. Es ist Dummheit, private Unterhaltungen nur auf die eine oder zwei Abendstunden zu beschränken. Ich möchte das jetzt ändern, mein Junge. Ich frage dich als meinen Sohn, Robert.“

Robert zog sich den schweren Mantel aus und hängte ihn mit dem schwarzen Hardeehut an die Garderobe im Amtszimmer seines Vaters. Dann setzte er sich auf die andere Seite des Schreibtisches und sah seinen Vater einen Moment an. So bedrückt, wie sein Vater ihn ansah, hatte er viel Ähnlichkeit mit Philip an diesem Morgen im Stall. Kein Zweifel, Frederick Bennett war das Ebenbild seines älteren Sohnes – nur grauhaarig und mit eisgrauem Bart um die jetzt zusammengekniffenen Lippen und das Kinn.

„Ich weiß, dass dir Disziplin über alles geht, einschließlich der eigenen Familie, Dad. Mom hat darunter gelitten, Onkel Ben hat darunter gelitten, Betty, Phil und ich auch. Jetzt hast du das Ergebnis davon“, sagte Robert leise. „Was Philip tun wird? Ich nehme an, er wird weggehen, soweit wie nur irgend möglich. Er wird sich einen Staat suchen, in den der Arm unseres Gesetzes nicht ohne weiteres reicht und wo er in Ruhe studieren kann. Zu denken wäre an Kanada oder die in Sezession befindlichen Staaten, wobei das Letztere wenig wahrscheinlich sein wird. Eher noch England. Aber du kannst es verhindern, indem du sein Gesuch einfach unterschreibst und ihn für derzeit in Urlaub befindlich erklärst“, schlug der junge Mann vor.

„Wenn es so einfach wäre, mein Junge! Ich habe heute Morgen, gleich, nachdem klar war, dass Philip flüchten wollte, an die Armeeführung telegrafiert und seine Desertion angezeigt“, erwiderte Frederick müde.

„Und wenn du noch mal telegrafierst, dass ein Irrtum vorliegt, weil der Urlaubsschein verlegt war?“, versuchte Robert es weiter. „Es ist doch kein Problem, ihm einfach Urlaub zu geben.“

„Das ist ja mein Problem!“, seufzte Frederick. „Die Streiterei geht schon seit fast zwei Jahren. Ich habe General Scott geschrieben und mit ihm dieses Signal ausgemacht. Er hat die Maschinerie schon in Gang gesetzt.“

„Na, großartig, Daddy. Warum hast du es nur soweit kommen lassen, dass du als Vater deinem Sohn eine Anzeige wegen Fahnenflucht an den Hals hängst? Du weißt doch, was passiert, wenn die Militärpolizei ihn schnappt. Die spicken ihn erst mit elf Stücken Blei und fragen dann, ob sie den richtigen erwischt haben!“

„Du weißt doch, wie stur Philip ist.“

„Wohl wahr – genauso wie sein Vater!“, versetzte Robert grinsend. Frederick wollte etwas einwenden, aber Robert schüttelte den Kopf. „Vater, wir sind beide deine Söhne, auch wenn wir unterschiedliche Mütter haben. Philip hat schon äußerlich viel Ähnlichkeit mit dir. Du kannst verdammt stur sein. Aber nachdem, was Philip mir von seiner Mutter erzählt hat, und was ich von dir von deiner ersten Frau weiß, wusste sie auch ihren Kopf durchzusetzen. Bei der Kombination solltest du dich über Philips Sturheit nicht wundern“, sagte er lächelnd. Sein Vater bekam einen beinahe wehmütigen Ausdruck in den Augen.

„Wie biege ich das wieder gerade?“ fragte er.

„Versuch’ es beim Provost Department. General Howard, der Oberste Richter, ist eigentlich ein vernünftiger Mensch. Vielleicht kann er die Verfolgung, die nach deiner Anzeige von Amts wegen aufgenommen wurde, stoppen“, empfahl Robert. Die Art, wie er es sagte, ließ bei Frederick den Verdacht aufkommen, sein jüngerer Sohn verstünde etwas von Recht. Eine furchtbare Vorstellung für jemanden wie Frederick Bennett, der kaum etwas mehr hasste als Rechtsanwälte und Indianer.

„Du verstehst doch nicht etwa was von Gesetzen? Das tust du mir nicht an!“, keuchte er.

„Papa, ich habe mich kundig gemacht, weil auch ein Soldat heute nicht mehr ohne Paragrafen auskommt. Ich habe einen Magistergrad in Jura.“

Frederick schnappte heftig nach Luft und war im ersten Impuls versucht, in seine alte Gewohnheit zurückzufallen und heftig zu zetern, aber er beherrschte sich rechtzeitig, weil ihn im Augenblick die Sorge drückte, auch Robert könnte den Dienst quittieren.

„Womit habe ich das nur verdient?“, seufzte er nur. Robert grinste breit.

„Vermutlich hast du so heftig auf Anwälte gewettert, dass Phil und ich unbedingt wissen wollten, ob Jura wirklich ein so widerliches Fach ist“, erwiderte er.

„Wenn du schon den Leuten das Wort im Munde herumdrehen kannst, könntest du eigentlich für mich ans Provost-Department schreiben.“

„Wenn du unterschreibst, mache ich das sofort“, bot Robert an. Sein Vater nickte und der junge Mann schrieb gleich folgenden Brief:

Fort Randall, 30. Januar 1861

General Simpson T. Howard

c/o Provost Department

Washington D.C.

– per Kurier –

Dear Sir,

mit Telegramm vom heutigen Tage hatte ich bei General Scott, Commander-in-Chief, angezeigt, dass First Lieutenant Philip Bennett, Cavalry Reserve West, die Truppe unerlaubt verlassen hat und fahnenflüchtig ist.

Bei der Anzeige handelte es sich um einen bedauerlichen Irrtum, der sich nun bei der täglichen Kontrolle der Personalakten aufgeklärt hat. Versehentlich wurde der Urlaubsschein für First-Lieutenant Philip Bennett in der Akte von Second-Lieutenant Robert Bennett abgelegt, der gleichfalls meinem Kommando angehört. Ich bitte deshalb darum, eventuell eingeleitete Fahndungsmaßnahmen einzustellen.

Darüber hinaus teile ich mit, dass First-Lieutenant Philip Bennett mir als seinem Kommandeur seine Kündigung zum 1. Februar 1861 vorgelegt hat. Bei dem jetzt angetretenen Urlaub handelt es sich um noch ausstehenden Resturlaub bis zum Ablauf der Dienstzeit.

Hochachtungsvoll

( Frederick J. Bennett, Lieutenant-Colonel )

Frederick Bennett las das Schreiben durch, brummte zufrieden und unterschrieb.

„Es wäre mir noch lieber, wenn du noch eine Depesche gleichen Inhalts an das Provost Department absenden würdest“, sagte er dazu.

„Wird gemacht, Sir“, bestätigte Robert.

„Den Brief hast du so locker aus dem Handgelenk geschüttelt, mein Junge. Philip war mein Adjutant. Jetzt bin ich ihn auf jeden Fall los. Willst du die Position übernehmen?“

„Ich schlage so ein Angebot ungern aus, Paps. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich zum Schreibtischhengst tauge. Aber wenn du meinst, dass sich der Job mit meiner neuen Stellung als Zugführer verträgt, mache ich es“, erwiderte Robert.

„Noch besteht dein Zug aus ganzen fünf Mann. Solange der Zug nicht vollständig ist, kannst du auf jeden Fall mein Adjutant sein. Danach sehen wir weiter“, bot der Lieutenant-Colonel an. Robert nickte und verließ das Amtszimmer. Draußen schüttelte er sich zunächst, wie um ein Traumbild loszuwerden. War das wirklich sein Vater, mit dem er gerade gesprochen hatte? Wenn ja, hatte Frederick Jefferson Bennett sich von einer Sekunde auf die andere um hundertachtzig Grad gedreht.

Der Lieutenant eilte zum Telegrafen und ließ die Nachricht durchgeben, bevor er Trooper Morgan aus Philips Zug mit der Beförderung des Original-Schreibens beauftragte. Aber die Antwort, die er schon zwei Stunden später in der Hand hielt, war niederschmetternd: Das Provost Department hatte die Ermittlungen von Amts wegen aufgenommen und wollte einer Rücknahme der Anzeige nicht zustimmen. Man verwies darauf, dass im anstehenden Prozess ausreichend Gelegenheit sei, ein entsprechendes Missverständnis aufzuklären.

Robert gab seinem Vater die Antwort des Militärgerichtes mit einem Blick, der Bände sprach. Frederick las die Antwort und raufte sich nur noch die Haare. Er hatte seinen ältesten Sohn verraten!

 

 

Kapitel 3

Flucht in den Süden

 

Philip hatte hinter einigen Bäumen versteckt die Patrouille beobachtet und festgestellt, dass es ausgerechnet sein Bruder Robert war, der ihn verfolgte.

‚Ich hätte ihn nicht niederschlagen sollen. Das war ein Fehler. Er ist bestimmt sauer’, bedauerte Philip in Gedanken seine Tat im Stall. Aber zu seiner Verblüffung blieb die Patrouille auf der rechten Seite des Platte. Philip hatte mit Robert oft gejagt und wusste, dass es in dieser Gegend außer Schwarzer Adler vom Stamm der Assiniboins keinen besseren Spurenleser gab als seinen jüngeren Bruder. Umso mehr wunderte es ihn, dass die Truppe den Fluss nicht überquerte. Zwar waren seine Spuren verweht, aber für einen geübten Fährtensucher wie Robert mussten sie zu sehen sein. Philip nahm vorsichtig sein Fernglas aus der Satteltasche und sah nach drüben. Den Ausdruck im Gesicht seines Bruders kannte er. Kein Zweifel, Robert konnte die Spur sehen wie eine im Wind flatternde Fahne! Philip konnte erkennen, dass Robert sich kurz mit einem seiner Männer unterhielt und dann ein überdeutliches Zeichen zum Umkehren gab. Robert hatte die Spur absichtlich verloren!

„Teufelskerl!“, murmelte Philip. „Wie mache ich das nur wieder gut?“

So von seinem Bruder geschützt, reiste Philip unbehelligt zunächst nach Boston, zu seinem Onkel Benjamin Bennett.

„Bist du des Teufels?“, fuhr Ben seinen Neffen an. „Robert und ich schreiben uns die Finger wund, um dich aus der Army zu holen – und du kneifst einfach aus! Hast du den Verstand verloren?“

„Vielleicht“, räumte Philip ein. „Onkel Ben“, sagte er dann, „seit einem vollen Jahr versuche ich, meinen Dienst legal zu quittieren. Paps leitet meine Gesuche nicht weiter, von ihm nicht abgezeichnete Briefe bekomme ich von General Scotts Adjutanten mit der Bemerkung zurück, ein Abschiedsgesuch nur mit dem Vermerk der Kenntnisnahme meines Kommandeurs vorzulegen. Daddy lässt nicht einmal eine Versetzung zu einer anderen Einheit zu, vom amtierenden Kriegsminister bekomme ich die freundliche Empfehlung, mich doch an seinen Nachfolger zu wenden, der ihm aber leider noch nicht namentlich bekannt ist. Ich gehe jede Wette ein, dass auch weder der amtierende Präsident Buchanan noch der gewählte Präsident Lincoln willig sind, mir behilflich zu sein! Es sieht doch so aus, dass ich die Army nicht legal verlassen kann, wenn sich mein Kommandeur weigert, meine Kündigung zur Kenntnis zu nehmen! Onkel Ben ich sehe keine andere Chance mehr, als mich französisch zu verabschieden!“, versetzte Philip bitter.

„Zugegeben, in gewisser Weise hast du Recht, Phil. Aber wir hätten noch die Möglichkeit gehabt, deinen Vater vor Gericht zur Kenntnisnahme deiner Kündigung zu zwingen“, erwiderte Ben Bennett. „Durch deine Fahnenflucht hast du jetzt aber alles zunichte gemacht.“

„Onkel Ben, ich hätte mit Sicherheit ein weiteres volles Jahr auf der Universität verloren, wenn …“

„Und durch diesen Blödsinn von Desertion verlierst du jetzt alles!“, unterbrach Benjamin seinen Neffen barsch. „Philip, du bist doch sonst nicht so kopflos!“, schüttelte er den Kopf. Philip ließ sich müde in den Sessel fallen, vor dem er stand.

„Seit ich zum ersten Mal die Absicht geäußert habe, den Dienst quittieren zu wollen, schikaniert mein Vater mich nach Strich und Faden. Die Schikanen werden immer schlimmer. Bob hat versucht, sich als Puffer zu betätigen, aber er kann mich auch nicht schützen. Dazu müsste er wohl Papas Vorgesetzter sein. Aber bevor mein Vater zulässt, dass einer seiner Söhne ihm vor die Nase gesetzt wird, läuft der Missouri in die Quelle zurück. Onkel Ben, ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten.“

Benjamin Bennett seufzte.

„Das Beste wäre, wenn du jetzt wirklich nicht mehr greifbar wärst. Du solltest das Land verlassen. Geh’ nach England oder Kanada“, empfahl er nach einigem Nachdenken.

„Dann suche ich mir am besten gleich eine Passage nach England. Dann kann ich wenigstens in Oxford studieren.“

„Komm, wir machen uns gleich auf den Weg, damit du möglichst weit auf hoher See bist, wenn die Steckbriefe ausgehängt werden“, sagte Benjamin, nahm seinen Mantel und verließ mit seinem Neffen die Kanzlei.

Auf dem Weg zum Hafen kamen sie an einem Polizeirevier vorbei, bei dem Steckbriefe in einem Schaukasten an der Straße hingen. Philips Name stand in großen Lettern auf einem der Steckbriefe – und eine Belohnung von zweihundert Dollar war auf seine Ergreifung ausgesetzt. Benjamin ging näher heran. Der Steckbrief enthielt zwar nicht die übliche Porträtzeichnung des Gesuchten, aber eine deutliche Personenbeschreibung: Sechs Fuß, zwei Inch groß, kurzes, dunkles Haar, grüne Augen, Oberlippenbart, bekleidet mit Kavallerieuniform und den Rangabzeichen eines First-Lieutenant.

„Hmm“, brummte Benjamin. Er sah seinen Neffen an. „Unsere Idee können wir vergessen. Los, komm mit.“

„Was meinst du?“, fragte Philip erschrocken.

„Du brauchst neue Sachen. Wir gehen zu meinem Schneider und zum Friseur, mein Junge. Der Bart muss ‘runter“, erwiderte Benjamin und schob Philip in den nächsten Friseurladen. Beim Schneider fanden sich passende Sachen, die Philip kaufte und gleich gegen seine Uniform tauschte. Dann kehrten sie in die Kanzlei zurück.

„Du kannst dich nicht direkt von Boston aus einschiffen. Von hier aus kommst du nicht ins Ausland. Du solltest nach Süden reisen und von Virginia oder noch besser von South Carolina fahren“, schlug Ben vor.

„Onkel Ben, als Nordstaatler reist man besser nicht freiwillig in einen vor Yankeehass brodelnden Süden“, gab Philip zu bedenken.

„Du kannst den virginischen Zungenschlag kaum verbergen, mein Junge. Nutze ihn. Du kennst Virginia wie deine Westentasche.“

„Jeder Virginier würde sofort merken, dass ich nicht von dort bin“, entgegnete Philip.

„Möglich. Aber jemand aus South Carolina oder aus Texas könnte deinen virginischen Dialekt nicht vom tatsächlichen Idiom unterscheiden. Du fährst mit der Bahn über Lynchburg und Danville in Virginia nach Florence in North Carolina, dort steigst du nach Charleston, South Carolina, um. In Charleston findest du mit Sicherheit ein Schiff, das nach England geht. Dein Steckbrief dürfte Charleston noch nicht erreicht haben, weil die Regierung von South Carolina sämtliche Beziehungen zum Bund gelöst hat.“

„Gut, dann besorge ich mir sofort eine Fahrkarte, bevor die Personenbeschreibung noch geändert wird“, erwiderte Philip und verließ eilig die Kanzlei.

Philip hatte Glück. Noch am selben Nachmittag fuhr ein Zug nach Lynchburg. North Carolina und Virginia hatten sich noch nicht zur Sezession entschlossen, weshalb es noch problemlos möglich war, per Zug dorthin zu reisen. In Charlotte, North Carolina, hatte der Zug längeren Aufenthalt, weil es Probleme mit dem Grenzübertritt gab. Beamte der Staatspolizei von North Carolina durchsuchten den Zug nach möglichen flüchtigen Gesetzesbrechern. Philip sah sein letztes Stündlein gekommen, als ihn ein Zugschaffner beiseite nahm und ihn ins Gepäckabteil lotste.

„Sie wollen bestimmt nicht von den Burschen kontrolliert werden, Sir“, mutmaßte der Mann.

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Philip verblüfft.

„Sie haben sich zu deutlich nach einem Fluchtweg umgesehen. Was haben Sie ausgefressen? Bankraub? Überfall?“

„Nein, ich habe nur meinen letzten Arbeitgeber heimlich, still und leise verlassen“, erwiderte Philip.

„Das war dann wohl die Army, was? He, Sie sind in guter Gesellschaft, Mister. Ich hab’s genauso gemacht“, lachte der Schaffner. Er überlegte einen Moment. „Ich geb’ Ihnen eine Bahnuniform. Unter der Verkleidung vermutet kein Polizist einen Ausreißer von der Army“, schlug er dann vor, und Philip nahm an.

Die Polizisten fielen auf seine neue Tarnung prompt herein und der Zug überquerte die Grenze nach South Carolina.

„Herzlich willkommen in den Confederate States of America“, sagte der Schaffner, als der Zug über die Staatsgrenze von South Carolina rollte. Philip bedankte sich mit einem Kopfnicken.

„Was haben Sie vor, Sir?“, fragte der Schaffner dann.

„Ich suche eine Passage nach England, um dort Jura zu studieren.“

Der Schaffner winkte ab.

„‘Rausgeschmissenes Geld, Mister. In Texas, das sich der Konföderation angeschlossen hat, können Sie das genauso gut.“

Philip lachte bitter.

„Ja, bis der Spuk zu Ende ist. Ich glaube nicht, dass die Konföderation langen Bestand haben wird.“

Der Schaffner stemmte die Hände in die Hüften.

„Das kann nur ein Yankee von sich geben, Mister!“, schnaubte er. „Wir Südstaatler sind einzeln mehr wert als fünf Yankees.“

Philip zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

„Und den Blödsinn, den Sie da gerade faseln, den glauben Sie, ja?“, fragte er. Der Schaffner senkte den Kopf und war kurz davor, auf Philip loszugehen, als ein hochgewachsener Mann, etwa in Philips Alter, das Dienstabteil betrat. Er trug die Uniform der Eisenbahngesellschaft.

„He, Read, wo bleiben Sie denn? He, Moment mal, wer is’n das?“, stockte er, als er den ihm fremden Mann in der Eisenbahnuniform sah.

„Verzeihung, Sir, wir hatten noch keine Zeit, uns vorzustellen“, erwiderte Read. „Dieser Herr hier ist bei der Yankeearmee ausgerückt. Ich habe ihm eine neue Tarnung verschafft.“

Der Mann sah Philip einen Moment an.

„Mein Name ist Morrows, Yancey Morton Morrows. Mit wem habe ich das Vergnügen?“, stellte er sich vor.

„Philip Bennett.“

„Nun, herzlich willkommen im besten Land, das die Erde bieten kann, Mr. Bennett.“

„Mr. Morrows, ich habe nicht vor zu bleiben, denn ich glaube weder an den Bestand der Konföderation noch an die Sklaverei“, erwiderte Philip mit einem freundlichen Lächeln.

„Sir, ich hoffe, die Konföderation wird Sie eines Tages eines erheblich Besseren belehren“, gab Morrows zurück.

„Mr. Read erwähnte gerade die interessante Theorie, dass ein Südstaatler fünf Yankees aufwiege – woran ich denn doch meine Zweifel hätte, Mr. Morrows. Davon abgesehen, denke ich, dass die Südstaatler ein paar mehr als Stücker fünf erledigen müssten, wenn sie denn gegen den Norden wirklich durchhalten wollen. Ihnen ist sicher bekannt, dass im Norden etwa dreißig Millionen Menschen leben, während sich für den Süden vermutlich um die vier Millionen Weißer streiten würden – rechnet man Frauen, Kinder und Greise mit ein“, lächelte Philip verbindlich. Morrows sah Bennett interessiert an.

„Nun, Mr. Bennett, ich glaube, solche Leute wie Sie könnte der Süden gut brauchen. Wir hoffen zuversichtlich, dass sich auch die übrigen Sklavenhalterstaaten der Revolution anschließen werden. Nichtsdestoweniger können wir auch Leute brauchen, die aus dem Norden sind, wenn sie unsere Ideen von Freiheit und Selbstbestimmung vertreten“, lockte Morrows.

„Danke, Sir, ich bin bedient. Ich habe der Armee der Vereinigten Staaten einige Jahre gedient, was mir für den Rest meines Lebens reicht. Ich bin absolut sicher, dass Lincoln eine Abspaltung des Südens nicht dulden wird, weil er sich das nicht leisten kann. Zum anderen bin ich allergisch dagegen, dass manche Leute meinen, sie könnten von einer anderen Person schon deshalb Besitz in Form von Eigentum ergreifen, weil diese andere Person schwarzer Hautfarbe ist“, versetzte Philip kühl. Morrows lächelte freundlich.

„Sie werden es kaum glauben, Sir, aber es gibt auch im Süden Leute, die Ihrer Auffassung hinsichtlich der Sklaverei sind. Ich halte diese besondere Einrichtung für eine derzeit noch notwendige Übergangslösung. Aber es wird auch im Süden für Dauer keine Sklaverei geben. Davon jedoch abgesehen, Mr. Bennett, glaube ich, dass es die weitaus meisten Sklaven in den Südstaaten es wesentlich besser haben, als manche Arbeiter im Norden. Der Arbeiter im Norden mag nominell frei sein, tatsächlich ist er es nicht. Von den Sklaven im Süden wird kaum einer so schlimm behandelt, wie die Arbeiter im Norden.“

„Die Arbeiter im Norden, verehrter Mr. Morrows, können sich frei entscheiden, ob sie bei diesem oder bei dem Fabrikanten arbeiten wollen. Und wenn ihnen ihr Arbeitgeber nicht passt, haben sie durchaus die Freiheit, sich einen Arbeitgeber zu suchen, der ihren Ansprüchen eher gerecht wird“, erwiderte Philip schluckend. Der Mann trieb ihn in eine Ecke, die ihm unangenehm war. Morrows lächelte gewinnend.

„Die Arbeitgeber im Norden, Mr. Bennett, behandeln ihre Leute schlechter als Sklaven. Ein Sklavenhalter käme nicht auf die Idee, seine Leute, wenn sie zu alt und zu schwach sind zum Arbeiten, einfach ‘rauszuschmeißen, wie es im Norden tägliche Übung ist. Ein altgewordener Sklave bekommt sein Gnadenbrot, bis der Herrgott meint, es sei nun genug mit dem irdischen Dasein. Ein Arbeiter im Norden wird auf die Straße gesetzt und weiß künftig nicht, wovon er leben soll. Sagen Sie selbst, ist das System perfekt?“

„Kein System, Mr. Morrows, das auf die Ausbeutung von anderen Menschen setzt, ist perfekt. Der Arbeiter im Norden hat jedenfalls die Möglichkeit, auszuprobieren, ob es nicht einen besseren Arbeitgeber gibt. Der Sklave im Süden schmachtet unter der Peitsche seines Aufsehers, hat keine Wahlmöglichkeit. Ich will nicht ausschließen, dass es im Süden anständige Leute gibt, die ihre Sklaven vernünftig und gut behandeln. Solche Fabrikanten gibt es auch im Norden. Das Gegenteil werden Sie mir nicht beweisen. Selbstverständlich bestreite ich nicht, dass es auch im Norden Fabrikanten gibt, denen das Leben eines an sich freien Arbeiters weniger wert ist, als das einer Katze. Aber für mich steht die persönliche Freiheit des Einzelnen deutlich höher als das Ansehen, das er als Individuum vielleicht bei jemandem hat, der ihn beschäftigt. Mich stört am System der Sklaverei einfach, dass ein Mensch einen anderen als sein Eigentum betrachtet. Warum muss Sklaverei sein? Warum können die Pflanzer des Südens die Schwarzen nicht einfach als normale Arbeiter beschäftigen?“

„Ein Sklave, Mr. Bennett, kostet seinen Besitzer den Anschaffungspreis und die laufenden Lebenshaltungskosten – sonst nichts.“

„Ich gebe zu, ich weiß nicht, was ein Sklavenhalter für seine Leute bezahlt und wie viel er ihnen zu essen gibt, aber diese Rechnung sieht doch sehr danach aus, dass der Sklavenhalter einen noch besseren Reibach macht, als ein Fabrikant im Norden, wenn er die Leute kauft und sie ihm persönlich gehören bis zum Ende ihrer Tage.“

Morrows seufzte.

„Sie sind ein Yankee und ein Abolitionist. Aber Sie scheinen wenigstens jemand zu sein, der sich mit dem Problem halbwegs wertneutral beschäftigt. Geben Sie mir die Chance, Sie zu überzeugen, dass unser System besser ist als Ihres?“

„Wie meinen Sie das, Mr. Morrows?“

„Nun, ich habe Verbindungen, die Ihnen einen Einblick in das Geschehen hier im Süden vermitteln können. Ich bin mit einem Pflanzer in Georgia befreundet, der über eine große Anzahl von Sklaven verfügt und der Ihnen gewiss gerne seinen Betrieb zeigen würde“, schlug Morrows vor. Philip dachte einen Augenblick nach. Er wollte verdammt sein, wenn er Sklaverei guthieß. Aber er wollte genauso verdammt sein, wenn er nicht jemandem die Chance gab, ihn von seiner vielleicht vorgefertigten Meinung abzubringen. Er lächelte Morrows gewinnend an.

„Gut, Mr. Morrows. Überzeugen Sie mich.“

Morrows grinste freundlich.

„Aber mit dem größten Vergnügen, Mr. Bennett.“

Yancey Morrows’ Bekannter, ein gewisser Edmund Mitchell, besaß in der Nähe von Savannah, Georgia eine Baumwollplantage, die von gut einhundertfünfzig Negersklaven bewirtschaftet wurde. Wenn Morrows die besondere Einrichtung namens Sklaverei einem Yankee wie Philip Bennett nahe bringen wollte, ging er mit der Plantage von Mitchell das geringste Risiko ein. Mitchell gehörte zu der vorbildlichen Art Sklavenhalter, die ihre Leute zwar auf dem Sklavenmarkt kauften, sie aber nicht wie Vieh, sondern wie Menschen behandelten. Auf der Plantage, Cotton Belle genannt, existierte wohl eine Peitsche, aber die hing im plantageneigenen Museum und war seit fast dreißig Jahren, seit Edmund die Plantage von seinem Vater übernommen hatte, unbenutzt. Er war ein wirtschaftlich denkender Mann, der ungern verschwenderisch mit Arbeitskräften umging. Auspeitschung oder gar Brandmarken bedeutete mindestens eine Woche Arbeitsunfähigkeit des Sklaven – und das konnte man sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen nicht leisten. Mitchell war gut zu seinen Sklaven und es hieß, dass seine Sklaven die zuverlässigsten und ruhigsten in ganz Georgia waren. Er hatte ein System entwickelt, das die Sklaven unter Kontrolle hielt, ohne sie mit körperlichen Strafen bedrohen zu müssen. Im Wesentlichen setzte er schwarze Vorarbeiter ein, die alle Vorfahren im Hochadel ihrer Stämme hatten. Diese Stammesautorität hielt sich auch noch nach zwanzig Generationen und dreihundert Jahren. Edmund hatte auch nichts dagegen, seinen Betrieb als Vorzeigeplantage herzugeben, um Gegnern der Sklaverei die Vorzüge dieser Institution aufzuzeigen. Das Telegramm, das er von Yancey Morrows bekommen hatte, hatte ihn inspiriert, wieder ein Austernrösten zu veranstalten. Es war Februar, also eine gute Jahreszeit, um Austern zu essen. Er bat Yancey und seinen Yankee-Bekannten, doch zu Washingtons Geburtstag, dem 22. Februar, zum Austernrösten[1] zu kommen.

Morrows selbst lebte in den eher bescheidenen Verhältnissen, die der Verdienst eines Bahnangestellten mit sich brachte. Er war Wachmann für Werttransporte bei der Wilmington & Manchester Railroad Company, führte manche Transporte aber auch bis nach Savannah auf der Charleston & Savannah Railroad. Wie sich herausstellte, besaß er eine kleine Farm in Kentucky und eine kleine Wohnung in Florence, South Carolina, wo er wohnte, wenn er Dienst hatte. Den wenigen Urlaub verbrachte er meist im Sommer zur Erntezeit auf der elterlichen Farm, die die meiste Zeit des Jahres von seiner Schwester Pamela bewirtschaftet wurde. Sklaven hatte Morrows nicht. Als Kleinfarmer und Eisenbahnangestellter konnte er sich Arbeitskräfte nicht leisten. Mit Edmund Mitchell war er deshalb so gut bekannt, weil die Charleston & Savannah Railroad den größten Teil der Baumwolle transportierte, die Mitchell exportierte. Zudem war Morrows außer seinem Job als Wachmann auch für die Baumwolltransporte als Disponent zuständig. Da er über gute Manieren verfügte – oder wenigstens eine Art an sich hatte, die manche Südstaatler für solche hielten – hatte Mitchell ihn häufig zu solchen Festlichkeiten eingeladen. Dass Morrows als Nichtsklavenbesitzer anderen Nichtsklavenhaltern die Sklaverei schmackhaft machen wollte, empfahl ihn zusätzlich.

Edmund Mitchell hatte alles aufgeboten, was notwendig war, um ein Austernrösten zum unvergesslichen Erlebnis zu machen. Washingtons Geburtstag, seit den Kindertagen der Vereinigten Staaten ein besonderer Festtag, wurde auf Cotton Belle im Morgengrauen mit drei Salutschüssen aus alten, spanischen Salutkanonen eröffnet. Das war gleichzeitig für das Küchen- und Bedienungspersonal das Zeichen, mit Wagen und Karren die benötigten Zutaten aus allen möglichen Teilen der Plantage zusammen zu holen. Das Festmahl sollte auf dem gepflegten, englischen Rasen vor dem Herrenhaus stattfinden. Der Platz wurde von uralten Eichen gesäumt, zwischen denen das für die amerikanischen Südstaaten so typische spanische Moos wie eigens für das Fest aufgehängte Girlanden hing.

Einige Feldsklaven gruben am Rand der Rasenfläche Löcher und stellten in zwei parallelen Reihen Öfen auf, wobei die Ofenreihen ungefähr zweihundert Yards auseinander lagen. Zwischen den Ofenreihen stellten Zimmerleute – ebenfalls Sklaven – lange Tische aus Zypressenholz auf. Die Dienstmädchen deckten diese Tische unter Aufsicht des schwarzen Butlers Henry mit kostbarem, feinem Leinenzeug, das bereits seit fünfzig und mehr Jahren auf Cotton Belle von Generation zu Generation weitervererbt wurde. Auf die strahlend weißen Leinentücher wurde wertvolles Porzellan, altes Tafelsilber und kostbares Kristall gedeckt.

Gegen zwölf Uhr inspizierte Edmund Mitchell zusammen mit seiner Frau Edwina die gedeckten Tische, um sich zu vergewissern, dass der Butler und seine Hilfskräfte den Anordnungen des Hausherrn gefolgt waren. Nachdem das Ehepaar Mitchell die Tischdekoration zur Zufriedenheit des Butlers abgenommen hatte, verpackten die Dienstmädchen Gläser, Geschirr, Tafelsilber und Damast in bereitstehende, große Weidenkörbe und legten statt dessen auf die nun blanken Holztische vor jeden der gut hundert Plätze eine kleine Leinendecke, auf die sie je eine hölzerne Austernschüssel und ein großes Glas stellten. Daneben kam ein Austernmesser zu liegen. Zusätzlich befestigten die Zimmerleute für jeden Gast eine Armstütze am Tisch.

Die Gehilfen des Kochs setzten die Holzkohlen in den Öfen in Brand, deren Rauch bald über die Kronen der mächtigen Eichen zog und den Eindruck eines Großbarbecues verbreitete. Edmund Mitchell hatte den Beginn des Essens auf ein Uhr mittags angesetzt. Die Gäste erschienen auch alle vor dieser Zeit, weil bekannt war, dass Pünktlichkeit eine Voraussetzung für eine gut geröstete Auster war.

Edmund Mitchell war in seiner Jugend Kavallerieoffizier gewesen und hatte während seiner Ausbildung auch Trompetensignale gelernt. Schlag ein Uhr blies er auf der Treppe des Herrenhauses das Kavalleriesignal Attacke, worauf die Sklaven an den Öfen die Austern aus Tonnen auf die glühenden Kohlen schütteten. Die Gäste setzten sich und der Butler ließ durch seine Hilfskräfte heiße Getränke verteilen: Whiskypunsch für die Herren und Eierpunsch mit Muskatnuss und einem Schuss karibischem Rum für die Damen. Die Gäste – unter ihnen auch Yancey Morrows, seine Schwester Pamela und deren neuer Bekannter Philip Bennett – sahen den Hausherrn erwartungsvoll an. Es schickte sich nicht, von den gereichten Getränken zu probieren, bevor nicht der Gastgeber selbst sein Glas erhob. Mitchell wartete, bis seine Gäste saßen und jeder ein Glas Punsch vor sich hatte. Dann erhob er seines und sagte:

„Ein herzliches Willkommen unseren Freunden, Nachbarn und Neubürgern des Staates Georgia auf Cotton Belle. Lassen Sie uns auf die Freiheit unserer Nation trinken, meine Freunde.“

Die Gäste stießen miteinander an, prosteten sich zu und nahmen den ersten Schluck ihres Punsches. Die Sklaven an den Feuern brachten nun die ersten Platten mit noch vor Hitze zischenden Austern herbei und bedienten die Gäste. Jeder Sklave hatte dabei jeweils zwei Gäste zu betreuen, was hieß, dass er stets dafür zu sorgen hatte, dass seine Gäste immer eine frische, prasselnde Auster vor sich hatten. Die Austern mussten immer einzeln serviert werden, da sie vom Feuer sofort in den Mund kommen mussten. Nur dann waren sie noch saftig.

Morrows unterwies den Yankee Bennett im Umgang mit dem Austernmesser. Philip hatte noch nie Austern gegessen, geschweige denn ein Austernmesser in der Hand gehabt. Aber er war gelehrig und konnte nach der dritten Auster mit dem fremden Gegenstand umgehen.

Das Essen dauerte etwa eine Stunde, dann gab einer der männlichen Gäste in der Nähe des Gastgebers ein Zeichen, und die Herren stiegen über die starren Bänke, um sich zurückzuziehen. Für den Gastgeber selbst wäre es unfein gewesen, das Essen zu beenden. Philip fühlte sich von Yancey am Ärmel gezogen, als er Pamela helfen wollte, die Bank zu überklettern.

„Halt! Sie lösen einen Skandal aus, Mr. Bennett, wenn Sie sich nicht augenblicklich abwenden“, warnte Morrows leise.

„Warum? Ist man hier nicht ritterlich zu den Damen?“, fragte Philip ebenso leise, aber völlig verblüfft.

„Selbstverständlich ist man ritterlich zu den Damen, Mr. Bennett. Aber die Ritterlichkeit besteht darin, dass die Herren sich von den Damen abwenden, um auch nicht den Schatten eines Strumpfes über den Schuhen zu entdecken. Es ist schwierig, mit diesen unpraktischen Krinolinen über so eine scheußlich steife Bank zu klettern, aber es wäre absolut unmöglich, wenn Sie meiner Schwester helfen würden und dabei noch ihren Strumpf entdecken“, erklärte Morrows. Philip seufzte.

„Das spanische Hofzeremoniell ist dagegen Ringelreihen“, murmelte er. Er musste sich zwingen, sich nicht umzudrehen. Doch als er einen Stolperschritt und einen erschrockenen Aufschrei hörte, hielt ihn nichts mehr. Philip drehte sich um und konnte Pamela Morrows gerade noch stützen, die sich mit der auch für sie ungewohnten Krinoline verhakt hatte und ins Straucheln gekommen war.

„Vielen Dank Mr. Bennett. Beinahe hätte ich mir das Kleid zerrissen“, bedankte sie sich. Philip lächelte.

„Ich fürchte, sie hätten sich noch erheblich mehr getan, Miss Morrows“, erwiderte er. Er half ihr auf und erlaubte sich die Freiheit eines Handkusses.

„Yancey?“, wandte sie sich an ihren Bruder.

„Ja?“

Morrows drehte sich jetzt erst um.

„Yancey, würdest du erlauben, dass Mr. Bennett für heute mein Begleiter ist?“

Morrows seufzte.

„Pam, wir sind hier nicht in Kentucky. Hier sind Manieren angebracht. Ich will keinen Skandal – und Mr. Bennett auch nicht. Du weißt doch, was es bedeutet, wenn eine Südstaatlerin ohne Begleitung eines Familienmitgliedes mit einem ihr offiziell fremden Mann zusammen ist. So gern ich es tun würde, ich kann es nicht erlauben.“

„Yancey, die Frauen hier sind mir wesentlich unbekannter als Mr. Bennett, den ich wenigstens einige Tage kenne“, widersprach Pamela.

„Du kannst dich bei mir einhaken, wenn du möchtest“, bot ihr Bruder an. Beinahe widerwillig tat sie es.

Der Gastgeber, Edmund Mitchell, kam auf sie zu, und begrüßte Yancey mit einem herzlichen Handschlag.

„Ich hatte leider noch keine Gelegenheit, mit Ihnen persönlich zu sprechen, Mr. Morrows. Wie geht es Ihnen?“

„Danke der Nachfrage, Mr. Mitchell. Ich kann nicht klagen, meine Arbeit bei der Bahn nimmt mich zwar in Anspruch, aber schließlich will ich mich auch nicht langweilen. Darf ich Ihnen meine Schwester Pamela vorstellen?“

„Ich bin entzückt, Miss Morrows“, erwiderte der Plantagenbesitzer und hauchte einen formvollendeten Handkuss auf Pamelas schmale Hand.

„Und dies ist Mr. Philip Bennett, der auf der Durchreise nach England ist und sich dabei die Schönheiten des Südens nicht entgehen lassen wollte“, stellte Morrows auch Philip vor. Mitchell reichte ihm die Hand.

„Willkommen, Mr. Bennett. Sie sind aus Virginia?“

„Ja.“

„Darf ich fragen, weshalb Sie von hier aus nach England reisen wollen? Von Norfolk wäre das doch auch möglich.“

„Sagen wir, ich habe Probleme mit den Behörden in meinem Heimatstaat, weil ich nicht so lange bei der Armee geblieben bin, wie die Army sich das vorgestellt hat. Ich habe vor, Rechtswissenschaften zu studieren und denke, dass ich das besser außerhalb der USA oder der konföderierten Staaten tue.“

„Oh, die Konföderation kann Ihnen eine Reihe ausgezeichneter Universitäten bieten. Mr. Bennett. Und bis hierher reicht der Arm des Yankee-Gesetzes nun einmal nicht mehr“, entgegnete Mitchell.

„Mr. Mitchell, ich bin weit davon entfernt, Ihren Enthusiasmus hinsichtlich des Bestandes der konföderierten Staaten von Amerika zu dämpfen, aber ich gestehe, dass ich meine Zweifel habe, ob die Konföderation tatsächlich bestehen bleibt“, sagte Philip ruhig. Mitchell war kein Hitzkopf. Auch er neigte dazu, eine Angelegenheit in Ruhe zu besprechen.

„Was bringt Sie zu dieser Meinung, Mr. Bennett?“

„Sehen Sie, die Industrie konzentriert sich fast vollständig im Norden. Bis auf einige Werften in Virginia findet der Schiffbau im Norden statt. Der Süden hat wohl Sägemühlen, Baumwollkämmereien, Textilindustrie allgemein – aber keine Waffenproduktion. Der Norden wird wirtschaftliches Potential wie die Südstaaten nicht einfach davongehen lassen, denn Baumwolle ist bares Geld. Sie können sich denken, dass der Norden irgendwann versuchen wird, die Südstaaten in die Union zurück zu zwingen. Bei der Übermacht von Menschen und Material bin ich nicht sicher, dass der Süden einen Krieg gegen den Norden tatsächlich gewinnen kann. Davon abgesehen: Wenn sich Virginia der Konföderation anschließt, bin ich auch in South Carolina nicht mehr sicher“, gab Philip zu bedenken.

„Ich sehe es etwas anders, Mr. Bennett. Zum einen haben wir mit Jefferson Davis einen Präsidenten, der einmal Kriegsminister war und der selbst Soldat gewesen ist. Er versteht also etwas von Kriegführung. Zum anderen sind wir hier fest davon überzeugt, dass England und Frankreich zu unseren Gunsten eingreifen würden, da beide sich den Ausfall der Baumwolle aus dem Cotton-Belt hier in den Südstaaten nicht leisten können. England und Frankreich und die Südstaaten, das sind Gegner, mit denen der Yankeenorden nicht fertig werden kann, Mr. Bennett“, versetzte Mitchell.

„Gut, nehmen wir einmal an, der Süden gewinnt tatsächlich den – nennen wir’s mal Unabhängigkeitskrieg – gegen die Yankees. Dann wäre mein Hals damit noch nicht aus der Schlinge. In den Südstaaten, die sich der Konföderation noch nicht angeschlossen haben, besteht ein Haftbefehl gegen mich wegen Fahnenflucht“, erwiderte Philip. Mitchell klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Da lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen, junger Mann“, sagte er jovial. „Ich habe eine Menge Einfluss im Konvent, bin mit dem Gouverneur persönlich befreundet. Das können wir regeln.“

„Mr. Mitchell, Sie sind sehr freundlich, aber ich möchte nicht, dass meinetwegen jemand in Schwierigkeiten gerät. Jeder, der in meiner Familie etwas ausgefressen hat, hat immer für sich selber eingestanden und die Suppe selbst ausgelöffelt. Deshalb möchte ich Amerika vorerst verlassen“, wehrte Philip ab. Mitchell schüttelte den Kopf und zog ihn vorsichtig aber bestimmt in eine ruhige Ecke der Plantage. Dort sah er sich vorsichtig um.

„Hier können wir offen reden, Mr. Bennett. Hat Ihre Fahnenflucht etwas mit Ihrem Wunsch nach dem Jurastudium zu tun?“, fragte Mitchell. Philip überlegte einen Moment. Dann nickte er. Mitchell sah ihn durchdringend an.

„War vielleicht Ihr Vater Ihr letzter Kommandeur?“

Philip stutzte. Kannte der etwa seinen Vater? Katastrophe!

„Was, wenn dem so wäre?“, erkundigte er sich. Mitchell lächelte breit.

„Wissen Sie, ich war als junger Mann selbst Kavallerist und ich habe mit einem Mann zusammen gedient, der nichts mehr hasste, als Indianer und Rechtsanwälte. Das mit den Indianern kann ich noch verstehen, nachdem er zweimal verheiratet war und er beide Frauen jeweils bei einem Indianerangriff verloren hat. Das mit den Rechtsanwälten habe ich nie ganz verstanden. Auf jeden Fall haben Sie viel Ähnlichkeit mit diesem Mann, der in seiner Tapferkeit gewiss wert wäre, ein Südstaatler zu sein. Wenn Ihr Name Bennett ist, dürfte Ihr Vater Frederick Jefferson Bennett sein.“

Philip schwieg. Röte stieg ihm ins Gesicht. Er war ertappt.

„Seien Sie unbesorgt, Mr. Bennett. Ich werde nicht verraten, dass Sie nicht aus dem Süden sind. Aber eingedenk meiner alten Freundschaft zu Ihrem Vater wäre es unbillig, dass ich Sie in die Fremde ziehen lasse, wenn Sie hier in Georgia oder in Virginia genauso gut studieren können. Doch so sehr ich meinen Freund Frederick schätze, so sehr möchte ich ihm eins auswischen, weil er mir beim Pokern einmal fast tausend Dollar abgeknöpft hat. Und wenn ich es damit tue, dass ich seinem Sohn zu einem Beruf verhelfe, den sein Vater wie sonst nichts auf dieser Welt hasst.“

Philip sah in die untergehende Sonne und traf seine Entscheidung. Es war riskant, wenn er sich für den Süden entschied, aber nach England zu gehen hatte ihm nicht recht behagt, wie er sich jetzt eingestand.

„Gut, Mr. Mitchell. Es wäre wohl feige, den Schwanz einzuziehen und davonzulaufen. Ich danke für Ihr Angebot und nehme es an.“

„Sie bleiben zunächst bei mir auf der Plantage. Dabei können Sie sich auch gern davon überzeugen, dass es meinen Schwarzen wirklich gut geht. Denn deshalb sind Sie doch eigentlich gekommen, oder nicht?“

Philip musste lachen. Er war Tausende von Meilen gereist und wen traf er? Einen ehemaligen Kameraden seines Vaters! Wenn der das wüsste …

Gegen drei Uhr kamen die Gäste von ihren kleinen Ausflügen auf der Plantage oder vom Mittagsschlaf aus den Schlafzimmern des Herrenhauses zurück, um sich wieder zu Tisch zu setzen. Jetzt erstrahlten die langen Tische in weißem Leinen, glitzerndem Kristall, kostbarem Porzellan und teurem Tafelsilber. Als die Küchenbediensteten als Vorspeise einen Hummer in Aspik servierten und später Backfisch mit Bordeauxsauce auftrugen, schien es unpassend, dieses Fest Austernrösten zu nennen. Nach einer weiteren Zwischenmahlzeit in Form von Schildkrötensuppe wurden noch Wildpasteten mit Palmblattherzenpüree und Süßkartoffeln gereicht. Hauchdünne, kleine, knusprige Kekse ergänzten das festliche Mahl. Dazu wurde den Herren Madeirawein angeboten, den Damen Likör oder der leichtere Bordeauxwein.

In der milden Wintersonne, die das Fest beschien, begann Philip, sich im Süden wohl zu fühlen.

[1] Die  Beschreibung des Austernröstens ist – mit anderen Namen und Orten – weitgehend übernommen aus „Der Amerikanische Bürgerkrieg in Augenzeugenberichten“, S. 30 -33, dtv 1973; dort zitiert aus Richard Barry „Mr. Rutledge of South Carolina“, New York 1942.

Kapitel 4

Die neue Einheit

Es war März geworden. Selbst in den nahezu baumlosen Ebenen des Mittelwestens, die der Winter meist noch länger im Griff hielt, als die eher windabweisenden Gebirgszüge im Westen und Osten der USA, machte sich der beginnende Frühling bemerkbar. Die Zeitungen berichteten in großer Aufmachung vom Amtswechsel im Weißen Haus in Washington. Zwar erreichten die Blätter aus Sioux City in Iowa das abgelegene Fort Randall erst mit einwöchiger Verspätung, aber da die Soldaten sonst keine weiteren Informationsquellen hatten, waren die Zeitungsnachrichten immer noch aktuell genug.

Frederick Bennett legte seine letzte Ausgabe des Sioux City Morning Telegraph mit einem Seufzen beiseite und trank den Rest Kaffee aus.

„Was hast du, Daddy?“, fragte Elizabeth, als sie das Frühstücksgeschirr abräumte.

„Der neue Präsident Lincoln ist vereidigt und wird nun hoffentlich bald sein Kabinett vorstellen. Bin gespannt, wer Kriegsminister wird“, sagte ihr Vater.

„Warum?“

„Weil ich erst dann weiß, ob der Haufen, den wir gerade mühevoll aufbauen, als Regiment zusammenbleibt, oder ob die Männer in alle Richtungen verstreut werden. Gerade für Bruces Schwadron wäre es wichtig, dass sie erhalten bleibt – mitsamt den jetzigen Offizieren“, erwiderte Frederick und nahm sich einen Zigarillo. Betty gab ihm Feuer.

„Und warum wäre dir das so wichtig?“, hakte sie nach.

„Robert und Tom wenden viel Mühe auf, um aus den Männern Soldaten zu machen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie in so kurzer Zeit so gute Erfolge haben würden. Toms Leute sind großenteils Spezialisten für Sprengstoffe und Pionierarbeiten, Robert hat aus seinen Jungs die besten Schützen gemacht, die ich je gesehen habe. Ich bin froh, dass ich ihnen freie Hand gelassen habe.“

Elizabeth Bennett musste lachen.

„Aber auch erst nach langem Ringen mit dir“, kicherte sie.

„Was meinst du?“, fragte Frederick verblüfft.

„Daddy – Robert hat mit dir zehn Tage lang einen erbitterten Kampf geführt, bis du ihm die Scharfschützenausbildung erlaubt hast. Und mit Thomas’ Idee, die Begabung einiger seiner Leute für Pioniertätigkeiten zu nutzen warst du überhaupt nicht einverstanden“, lächelte Betty freundlich.

„Nun, ich habe mich eben überzeugen lassen“, versetzte der Colonel. „Alles, was den Männern jetzt noch fehlt, ist Kampferfahrung. Eine kleine Expedition gegen die Assiniboins wäre genau das Richtige.“

„Es wäre das Falscheste, was du tun könntest“, erwiderte seine Tochter. „Dank Roberts Bemühungen halten sie Ruhe. Ich weiß nicht, was du von den armen Indianern willst, Daddy.“

„Indianer sind einfach überflüssig, Betty. Sie sind den weißen Siedlern, die in immer größer werdenden Strömen aus dem Osten kommen, im Weg. Sie widersetzen sich der neuen Zeit“, erklärte der Colonel.

„Paps, du weißt genau, dass das nicht wahr ist, was du sagst. Gelbe Wolke und vor ihm Roter Bison haben viel Land abgegeben, damit hier Weiße siedeln können. Ich weiß, dass du die Indianer hasst, weil sie dir beide Frauen getötet haben. Du weißt aber auch, dass es jedenfalls bei meiner Mutter ein Versehen war“, entgegnete Betty. „Robert und ich …“

„Betty, halt’ den Schnabel! Du weißt ja nicht wovon du redest!“, fuhr ihr Vater sie an.

„Ich weiß es sehr gut, Vater!“, gab Betty eben so scharf zurück. „Und ich weiß auch, dass nur Roberts Besuch bei Gelbe Wolke vor einer Woche verhindert hat, dass die Krieger der Assiniboins wieder auf den Kriegspfad gehen.“

„Robert ist wo gewesen?“, fragte Frederick nach. Elizabeth stutzte, wurde dann feuerrot. Robert hatte seinem Vater offenbar verschwiegen, dass er einen Besuch bei seinem Freund gemacht hatte. Jetzt hatte sie ihn verraten!

„Ich sag’ nichts mehr“, murmelte sie und stürmte eilig aus dem Raum, ohne darauf zu achten, da ihr Vater ihr die augenblickliche Rückkehr befahl. Als Betty nicht reagierte, rief Frederick Bennett die Ordonnanz.

„Sir?“

„Holen Sie mir Lieutenant Bennett her – sofort!“, schnauzte der Lieutenant-Colonel den Ordonnanzsoldaten an.

„Ja, Sir!“, bestätigte der Mann und eilte davon.

Robert war mit seinem Zug beim Schießtraining. Eine Viertelmeile vom Fort entfernt hatte Tom aus Grassoden von seinem Zug einen Kugelfang bauen lassen – zu Übungszwecken, um Pionierbauten zu lernen. Toms Spezialisten hatten richtige Schießbahnen gebaut, auf denen das komplette, noch kleine Regiment üben konnte. Keine andere Einheit verfügte über eine solche Einrichtung.

„Elliot, Sie wollen immer noch nur mit dem Korn zielen“, knurrte Robert, als Trooper Elliot wieder mal nur die Luft traf.

„Hab’ ich nicht, Sir!“, protestierte Elliot. „Ich hab’ genau gezielt!“

„Gib’ mal her!“, forderte der Lieutenant, nahm dem Trooper das Springfield-Gewehr Baujahr 1850 ab und zielte sorgsam auf das Zentrum der Scheibe, die gut hundert Yards entfernt war. Sein Schuss klatschte rechts neben der Scheibe in den Kugelfang, obwohl er hundertprozentig auf die Scheibe gezielt hatte.

„Ja, zum Donner, was ist das für ein Mistgewehr?“, fluchte er, lud erneut und zielte diesmal direkt links neben die Scheibe – und traf mitten ins Schwarze. Seine Leute, die eben doch schadenfroh gegrinst hatten, raunten bewundernd.

„Der Lauf ist krumm. Das Ding hat eine Streuung, die ist nicht mehr feierlich“, bemerkte der Lieutenant. „Gut, Jungs, Schluss für heute. Ich muss erst unserem Ordnance-Sergeant die Ohren lang ziehen, damit wir anständige Waffen bekommen. Aufsitzen, in Zweierreihe zurück zum Fort!“, kommandierte Robert. Seine Männer erhoben sich von der Schießbahn, saßen befehlsgemäß auf und formierten sich ohne weiteren Befehl ihres Lieutenants zur angeordneten Formation. Vom Fort kam Trooper Thiemann geritten, der Ordonnanzdienst hatte.

„He, Thiemann, wo wollen Sie denn hin?“, fragte Robert. Thiemann hielt sein Pferd an und salutierte preußisch korrekt.

„Ordonnanz Thiemann, Sir! Lieutenant-Colonel Bennett befiehlt Ihr umgehendes Erscheinen, Sir“, meldete Thiemann.

„Wir sind unterwegs, Thiemann.“

„Second-Lieutenant Robert Bennett zur Stelle, Sir!“, meldete Robert sich kaum zehn Minuten später bei seinem Vater.

„Ich habe gehört, Sie waren ohne ausdrücklichen Befehl bei den Rothäuten, Lieutenant! Was hat das zu bedeuten?“, bellte Frederick, seinen Sohn korrekt siezend, weil mit Trooper Thiemann ein weiterer Soldat anwesend war. Nach dem Schock von Philips Desertion hatte Bennett senior diese überkorrekte Anredeweise abgeschafft, wenn er mit seinem Sohn allein war.

„Nachdem ich auf meiner letzten Patrouille festgestellt hatte, dass wieder Büffel gewildert wurden, habe ich die Assiniboins von mir aus aufgesucht und dort um Einhaltung des Vertrages nachgesucht, Sir. Gelbe Wolke versprach mir, Frieden zu halten. Über die Büffelwilderei habe ich schriftlich berichtet, Sir.“

„Und warum haben Sie nicht über den Besuch bei den Assiniboins berichtet?“

„Ich habe es nicht für notwendig gehalten, Sir. Es gab keinen Zwischenfall mit den Indianern.“

„Lieutenant Bennett, ich warne Sie: Besuche bei den Rothäuten ohne ausdrücklichen Befehl werde ich in Zukunft als unerlaubtes Entfernen von der Truppe betrachten und entsprechend bestrafen. Ich stelle fest, dass Sie Ihren Patrouillenbericht nicht wahrheitsgemäß gemacht haben, da Sie den Besuch bei Gelbe Wolke unterschlagen haben. Ich bestrafe Sie mit drei Tagen Arrest, Lieutenant! Geben Sie Ihre Waffe ab! Ordonnanz!“, donnerte der Colonel. Robert öffnete sein Holster und gab seinem Vater wortlos den Dienstrevolver. Er wusste, wie weit er gehen konnte, und hier hatte er die Grenze seiner Kompetenz überschritten. Thiemann trat vor.

„Sir?“

„Lassen Sie die Wache kommen! Lieutenant Bennett steht unter Arrest“, sagte Frederick. Thiemann salutierte und verschwand.

Der Colonel wandte sich an seinen Sohn.

„Irgendwann treibe ich dir diese Freundschaft zu den verdammten Rothäuten noch aus“, knurrte er.

„Werde ich jetzt wegen meines falschen Berichtes bestraft oder wegen meiner Freundschaft zu Gelbe Wolke, die hier schon manche Katastrophe verhindert hat, Pa?“, fragte Robert ruhig.

„In erster Linie wegen des falschen Berichtes“, gab sein Vater mit wütend vorgerecktem Kinn zurück. „Aber ich werde dir auch noch wegen deiner Anhänglichkeit an diese verdammten Wilden einen Denkzettel verpassen!“, drohte er dann.

„Meine Freundschaft zum Häuptling der Assiniboins ist meine Privatsache, Vater. Ich lasse mir in dieser Hinsicht keine Vorschriften machen“, erwiderte Robert kühl. Bevor Lieutenant-Colonel Bennett antworten konnte, traten vier Mann der Wache ein.

„Sie haben uns rufen lassen, Sir?“

„Sergeant Henry, Lieutenant Robert Bennett steht für drei Tage unter Arrest, weil er einen falschen Patrouillenbericht abgegeben hat. Bringen Sie ihn in den Arrestbereich!“, befahl Frederick.

„Ja, Sir! Kommen Sie freiwillig mit, Sir, oder müssen wir Gewalt anwenden?“, fragte Henry den Lieutenant.

„Ich komme mit, Sergeant Henry. Oh, Sir, wer hat Ihnen eigentlich gesagt, dass ich bei Gelbe Wolke war?“

„Meine Informationsquellen gebe ich nicht preis! Raus!“

Wenig später hatte Sergeant Henry die Gittertür im Arrestblock abgeschlossen. Robert legte sich auf die harte Pritsche und dachte nach. Der Besuch bei Gelbe Wolke hatte sich durchaus gelohnt. Er hatte sich so viel von der Kräutermischung mitgebracht, dass es für wenigstens fünf Jahre reichen würde, wenn ihn keine außergewöhnlichen Krankheiten plagen würden. Dafür konnte er schon drei Tage Arrest in Kauf nehmen. Ärgerlich war der Arrest aber insofern, als sich in den nächsten Tagen wohl entscheiden würde, ob die Schwadron bestehen bleiben würde. Wenn er dann noch in Arrest war, konnte sein Vater leicht einen anderen als First-Lieutenant favorisieren. Robert hatte zu viel Arbeit in die Neuen gesteckt, als dass sich ein anderer ins gemachte Nest setzen sollte. Ein Klopfen an den Gittern machte ihn aufmerksam. Tom Craig stand vor der Tür.

„He, was hab’ ich gehört? Du brummst?“

„Wie du siehst“, erwiderte Robert, ohne aufzustehen.

„Darf man fragen, warum?“

„Ich habe meinem alten Herrn verschwiegen, dass ich meine Patrouille letzte Woche genutzt habe, um meinen Medizinschrank aufzubessern und um die Assiniboins von Dummheiten abzuhalten. Wilderer haben schon wieder Büffel geschossen und einfach liegenlassen. Es hat mich eine Menge Überredungskunst gekostet, damit sie Frieden halten. Ich hab’s im Bericht nicht erwähnt, weil ich meinen Vater nicht heiß machen wollte. Wenn er erfährt, dass bei den Roten was im Busch ist, sitzt er mit scharrenden Hufen da und wartet nur darauf, losschlagen zu können. Möchte nur wissen, wer ihm das überhaupt geflüstert hat.“

„Kann ich dir sagen: Betty hat sich heute Morgen verplappert. Sie hat sich vorhin bei mir ausgeweint.“

„Und warum hat sie geheult? Weil ich sitze?“

„Sie macht sich Vorwürfe, weil sie dich verpfiffen hat.“

„Betty konnte nicht wissen, dass ich Paps nichts erzählt habe und meinen Bericht hat sie auch nicht gesehen. Sag’ ihr, dass ihr das nicht leidtun muss. Ich muss nur in Zukunft aufpassen, wem ich was erzähle“, erwiderte Robert. Er schwang die Beine von der Pritsche, reckte sich und stand auf.

„Gibt’s irgendwas Neues zum Regiment?“, fragte er dann. Tom schüttelte den Kopf.

„Nein. In der Ausgabe vom 5. März war nur die Antrittsrede des Präsidenten abgedruckt. Er will wohl einen Mittelkurs zwischen Konfrontation und Versöhnung mit dem Süden steuern. Hast du was von Philip gehört?“

Robert nickte und seufzte tief.

„Ja, ich habe einen Brief von ihm bekommen. Er ist in Georgia und studiert in Atlanta Jura“, sagte er.

„In Georgia?“, entfuhr es Tom entsetzt.

„Genauso habe ich auch reagiert. Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Onkel Ben hatte er gesagt, dass er nach England wolle. Er schreibt, er habe auf einer Plantage Arbeit gefunden. Der Plantagenbesitzer finanziert ihm sein Studium und zum Ausgleich arbeitet Phil als sein Privatsekretär. Ich bete, dass es gut geht“, erwiderte Robert.

„Philip und Plantage? Bob, das passt nicht zusammen! Philip verabscheut die Sklaverei!“

„Sicher tut er das. Aber er ist an Edmund Mitchell geraten. Vater kennt Mitchell aus Mexiko. Sie waren zusammen in derselben Einheit. Er hat mir gesagt, dass Mitchell einer der Sklavenhalter ist, die mit den Schwarzen vernünftig umgehen. Ich habe nur Sorge, dass es zum ernsthaften Bruch mit dem Süden kommt und man Philip im Süden in die Armee zwingt oder ihn dann als Yankee ausweist“, mutmaßte Robert.

„Er ist doch schon mal ausgerissen“, bemerkte Tom.

„So viel Glück hat er nicht noch mal, Tommy. Vor allem hätte er dann weder im Norden noch im Süden die Chance ins Ausland zu entkommen, weil ihn beide Seiten dann wegen Fahnenflucht suchen würden“, gab Robert zurück.

Tom nickte.

„Hör mal …“, sagte er dann, „Barry hat dich als First-Lieutenant vorgeschlagen.“

„Und du möchtest den Posten lieber selber haben, oder?“

Thomas lächelte freundlich.

„Du warst immer der Bessere von uns beiden. Mir wäre es lieber, wenn du der Captain wärst und Barry oder ich der First-Lieutenant. Barry hat nicht deine Qualitäten.“

„Tom, Barry ist bereits Captain. Er verdient eine Chance. Außerdem wird mein Vater mir noch einen kleinen Denkzettel extra verpassen wollen – wegen des Ausflugs zu Gelbe Wolke. Deine Chancen auf den First-Lieutenant steigen, Freund.“

„Übrigens, Bobby: Wir beide haben unsere Wette verloren. Der 4. März ist vorbei und es ist kein Krieg mit dem Süden ausgebrochen“, stellte Tom fest.

„Weiß ich, mein Junge, weiß ich. Gerade deshalb könnte es für uns beide wichtig sein, noch ein bisschen in der Hierarchie aufzusteigen, sonst ist’s mit der Karriere im nächsten Krieg aus. Also vermute ich, dass du den Job haben möchtest“, erwiderte Robert grinsend.

„Sei ehrlich: Glaubst du noch an Krieg?“

„Ja.“

„Und warum?“, bohrte Tom.

„Die Union weigert sich zwar offiziell, den Süden als unabhängiges Staatsgebilde anzuerkennen, aber die meisten Forts wurden im Süden mehr oder weniger ohne Rangeleien an Miliztruppen der rebellischen Staaten abgegeben. Wenn der Präsident auch Fort Sumter in Charleston ohne weiteres freigibt, ist das praktisch die Anerkennung der Konföderation. Tut er es nicht, frage ich mich, wie lange Davis noch stillhält. Unternimmt Davis nichts, um Sumter in die Hand zu bekommen, bedeutet das, dass der Süden zurücksteckt und militärische Präsenz eines nach seiner Lesart fremden Staates auf seinem Territorium duldet. Ich fürchte, dass sich der Süden das nicht leisten kann, ebenso wenig wie wir es uns leisten können, Sumter aufzugeben“, erklärte Robert.

„Hoffen wir, dass du zu schwarz siehst“, flüsterte Tom.

Robert hatte das Glück, dass in den drei Tagen seines Arrestes keine Entscheidung zum Status des Regiments und damit zu seiner Schwadron eintraf. Am 28. März 1861 erschien unangemeldet eine Prüfungskommission des Kriegsministeriums. Lieutenant-Colonel Bennett war sichtlich nervös, als er die Herren die Front seines angetretenen Kleinregiments abschreiten ließ.

„Gut, gut, Lieutenant-Colonel Bennett. Ihre Truppe ist zwar kaum ein Bataillon, aber wenn die Prüfung insgesamt positiv ausfällt, werden wir darauf dringen, dass Ihre Einheit weiter aufgebaut wird. Wir möchten einen praktischen Test sehen und werden die Schwadron dafür auslosen“, erklärte der Kommissionschef, Brigadier-General Compson. Er winkte seinem Adjutanten, der fünf Lose mit den Schwadronsbezeichungen in seinen Hardeehut warf und dem General den Hut hinhielt. Compson mischte und zog eines der Lose heraus.

„Schwadron C ist zum Test ausgewählt. Veranlassen Sie bitte, dass die Truppe zur Vorführung hinausreitet.“

„Jawohl, Sir. Captain Bruce, lassen Sie Ihre Männer aufsitzen und führen Sie sie vor das Fort.“

„Ja, Sir!“, bestätigte Bruce zackig und drehte ebenso zackig um.

„Schwadron C, Achtung!“, kommandierte er. Die Soldaten standen stramm. „Schwadron – aufsitzen!“

‚Jetzt kommt’s drauf an! Robert, lass’ mich nicht im Stich!’, durchzuckte es Frederick Bennett. Bruces Soldaten stiegen fast gleichzeitig auf. Auch der Captain saß auf.

„Schwadron – rechts um!“, kommandierte er. Achtzig Pferde drehten sich in Richtung Tor.

„Schwadron in Zweierreihe – Marsch!“

Die Truppe formierte sich kurz, ritt dann an wie ein Eisenbahnzug, der sich in Bewegung setzt.

„Torposten – Tor auf!“, rief Bruce der Torwache zu, die augenblicklich den Balken vom Tor wegnahm und das große Tor weit öffnete. Bruce ritt mit seiner Schwadron bis zum Schießstand und ließ dort halten und die Schwadron in Linie antreten. Er sah sich vorsichtig um. Die Kommission war noch nicht da.

„Danke, dass du die Kommandos noch mal mit mir geübt hast, Robert. Ich verlasse mich auf dich“, sagte Bruce mit leicht belegter Stimme.

„Barry, du bist der Chef dieses Haufens. Ich helfe dir, so gut ich kann. Pass’ bloß auf, die wollen formalen Dienst sehen. Spielen wir ihnen Theater vor“, versprach Bennett leise und zwinkerte Bruce und Tom zu, die gleich verstanden.

Die Kommission kam hinterher geritten.

„Captain, lassen Sie einen Zug zum Schießen absitzen!“, befahl General Compson.

„Ja, Sir“, antwortete Bruce. „Lieutenant Bennett, lassen Sie absitzen!“

„Ja, Sir!“, bestätigte Robert und wendete sein Pferd.

„Zug 1 – Achtung!“, kommandierte der Lieutenant. Die Männer saßen in Hab-Acht-Stellung im Sattel.

„Zug fertig machen zum Absitzen! – Absitzen!“, befahl Robert. Die Männer schwangen sich befehlsgemäß aus den Sätteln und blieben neben den Pferden stehen.

„Trupp A – Achtung! In Dreierlinie in Stellung gehen!“, kam das neue Kommando. Die zehn Mann – einschließlich ihres Corporals Somerset – formierten sich: Drei Mann legten sich an die Schießbahn, drei Mann knieten dahinter nieder, drei Mann stellten sich hinter die knienden Soldaten. Somerset stellte sich rechts neben seine Soldaten.

„Corporal Somerset, übernehmen Sie das Kommando zum Pelotonschießen!“, wies Robert Somerset an.

„Ja, Sir!“, erwiderte Somerset salutierend und drehte sich auf dem Absatz zu den Männern um.

„Peloton – Achtung! Legt an!“

Die neun Soldaten legten auf die Zielscheiben in etwa zweihundert Yards Entfernung an.

‚Himmel hilf, dass die neuen Gewehre genauer sind als der Schrott, mit dem wir vor zwei Wochen geübt haben!’, schickte Robert ein Stoßgebet zum Himmel. Seine Männer hatten drei Tage zuvor fabrikneue Waffen der Marke Springfield bekommen. Die Gewehre waren kaum eingeschossen.

„Feuer!“, kommandierte Somerset. Die Salve wurde abgefeuert. Das Krachen der Schüsse betäubte jeden Gehörgang, der nicht entsprechend geschützt war.

„Corporal, überprüfen Sie die Scheiben!“, befahl Bennett.

Bevor Somerset den Befehl ausführen konnte, griff Major Baladier, der Kommandeur des Bataillons ein:

„Halt! Danke, Lieutenant Bennett. Die Überprüfung der Scheiben wird Major Horrocks von der Prüfungskommission vornehmen“, bremste er.

„Ja, Sir! Kommando zurück, Corporal Somerset!“

„Ja, Sir!“, bestätigte Somerset und stand stramm, wie die Männer des Trupps auch. Major Horrocks ritt die zweihundert Yards bis zu den Scheiben, besah sie und notierte das Ergebnis. Dann saß er wieder auf und kehrte zu der wartenden Kommission zurück.

„Lieutenant-Colonel Bennett, wann sind hier zuletzt Schießübungen gemacht worden, Sir?“, fragte Horrocks.

„Vorgestern, Major. Lieutenant Gordons Zug hat die Scheiben gestern ausgewechselt“, gab Baladier auf Anweisung von Colonel Bennett Auskunft. Horrocks nickte beifällig. Er reichte General Compson das Blatt, auf dem er die Ergebnisse notiert hatte.

„Alle neun Schüsse innerhalb des inneren Ringes, vier im Zentrum. Gratuliere, Corporal Somerset!“, gab Compson das Ergebnis bekannt.

„Äh, Sir, die Ausbildung an den Waffen hat Lieutenant Bennett gemacht, Sir“, wehrte Somerset ab. Compson maß den jungen Lieutenant mit einem seltsamen Blick.

„Lieutenant?“

„Sir?“

„Seit wann ist es üblich, dass ein Offizier die Grundausbildung der Mannschaften vornimmt?“, fragte er scharf.

„Sämtliche Soldaten in dieser Einheit sind neu, Sir. Ich habe daher zunächst die Ausbildung der späteren Corporals durchgeführt und sie dann bei der gesamten Truppe vorgenommen, als sich herausstellte, dass mit Springfield-Gewehren noch niemand geschossen hatte, Sir“, erklärte Robert ruhig.

„Ihr Stolz als Offizier und Gentleman sollte Ihnen den direkten Umgang mit Mannschaftsdienstgraden verbieten, Lieutenant! Wo haben Sie Ihr Offizierspatent gemacht?“

„Auf West Point, Sir.“

„Hat man Ihnen dort nicht beigebracht, dass der Vorgesetzte nur den jeweils direkt Untergebenen ausbildet?“, schnauzte Compson.

„Man hat mir beigebracht, dass der, der etwas weiß, sein Wissen denen, die es nicht haben, weitergeben soll. Der direkte Vorgesetzte kann nur ausbilden, wenn er selbst über genügend Kenntnisse verfügt, Sir. In unserem Fall sind uns Männer als Corporals und Sergeants geschickt worden, die nicht wussten, wo bei einem Gewehr vorn und hinten ist. Also war ich gezwungen, die Grundausbildung selbst zu machen, Sir“, erklärte Robert.

„Nun gut, es mag eine Sondersituation sein, Lieutenant. Ich hoffe, dass Sie später entsprechenden Abstand zwischen sich und den Mannschaften wahren werden“, grunzte der General.

„Erlauben Sie eine Frage Sir: Mit welcher Begründung besteht ein Klassenunterschied zwischen dem Offizier und dem einfachen Soldaten? Wir sind alle Bürger eines freien Landes, Adel gibt es hier nicht, Sklaven kennt man hier im Norden nicht. Im Zivilleben gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Trooper Elliot und mir. Warum sollte ein Unterschied – außer in der Befehlskompetenz – im militärischen Bereich in einer solchen Weise bestehen, dass mein Stolz, wie Sie es ausdrücken, mir den direkten Umgang mit diesem Mann verbieten sollte?“, fragte Robert. Compson lief rot an.

„Ihre Frage zeugt von mangelnder Reife, Lieutenant Bennett. Man sollte Ihnen ein Semester Nachhilfe auf West Point geben, wenn Sie es denn wert sind, diese ehrwürdige Schule zu besuchen!“

„Ihre Antwort ist nicht sehr überzeugend, Sir. Sie …“

„Es reicht, Lieutenant Bennett! Schweigen Sie!“, fuhr Frederick seinen Sohn an. Robert salutierte.

„Ja, Sir!“, sagte er.

General Compson grunzte viel sagend.

„Ich will die ganze Schwadron schießen sehen!“, befahl er. Bennett senior seufzte leise. Dann gab er den Befehl entsprechend weiter.

‚Formalismus auf die Spitze getrieben!’, fluchte er in Gedanken. Im Westen ging man lockerer miteinander um, auch unter Soldaten. In Frederick Bennetts Regiment wurde zwar auf Einhaltung des Reglements streng geachtet, aber so etwas wie Offiziersstolz, der dem Offizier den Umgang mit Mannschaften einfach verbot, den gab es in diesem Regiment nicht. Schließlich stand im Reglement nichts davon, dass der Offizier mit Mannschaften nicht zu verkehren hatte. Im Osten allerdings hatte sich ein solcher Standesdünkel herausgebildet und Compson war von diesem Bazillus offensichtlich schwer befallen.

Die gesamte Schwadron trat nach und nach zum Schießen an, erfüllte die hohen Erwartungen, die die Kommission in dieser Hinsicht offenbar hatte. Auch die Prüfung auf der Zitronenbahn, einer halbmeilenlangen Strecke, an deren Seite etwa fünf Fuß hohe Pfähle standen, auf die Zitronen gesteckt wurden und die die Reiter im vollen Galopp mit dem Säbel abschlagen mussten, bestanden die sorgsam ausgebildeten Soldaten gut.

Den ganzen Tag über ließen sich Compson und seine Begleiter Vorführungen machen, die den Ausbildungsstand der C-Schwadron belegen sollten: Reitdemonstrationen, Säbelfechten zu Fuß und zu Pferd, Schießübungen auch zu Pferd, Auf- und Abbau von Zelten, Ausheben von Schützengräben – was Frederick Bennett sehr verwunderte. Schließlich hatte er ein Kavallerieregiment, das wohl selten in die Verlegenheit kommen würde, sich eingraben zu müssen. Aber Toms Männer ließen sich nicht aus der Ruhe bringen und gruben einen Schützengraben mit so exakt geraden Wänden, dass General Compson seine Verblüffung nicht verbergen konnte.

„Haben Sie Artillerie, Colonel?“, fragte Major Horrocks schließlich.

„Ja, wir haben zehn Stücke Feldartillerie der leichteren Bauart. Wir benutzen sie hier im Fort als Ersatz für Festungsartillerie, nehmen sie aber aufgeprotzt mit ins Feld.“

„Dann soll die C-Schwadron eine Vorführung an den Geschützen auf dem Wehrgang machen“, forderte Compson.

„Mit Verlaub, Sir: Meine Soldaten sind zu Kavalleristen ausgebildet worden, nicht zu Artilleristen“, wehrte Frederick erschrocken ab.

„Ich habe wohl gesehen, dass Ihre Männer als Kavalleristen ihren Mann stehen, Colonel. Ich möchte aber wissen, ob sie ausschließlich zu Pferde zu verwenden sind. Also, bitte.“

„Captain Bruce: Befehlen Sie Ihre Männer an die Geschütze!“

„Ja, Sir!“, entgegnete Bruce und gab die vorgeschriebenen Befehle, die Robert und Thomas weitergaben, die die Sergeants wiederholten und die von den Corporals schließlich den Troopern gegeben wurden. Robert schüttelte kaum merklich den Kopf. Wenn die Befehle auf dem Schlachtfeld in selbiger Manier erteilt wurden, kamen sie bei den einfachen Soldaten an, wenn alles zu spät war! Man würde ihn vor ein Kriegsgericht zerren müssen, bevor er seinen Soldaten die Befehle nicht mehr selbst gab!

Frederick Bennett war bei der Artilleriedemonstration nicht wohl. Robert und Thomas waren auf der Akademie in Mathematik keine Leuchten gewesen, mochten sie sonst auch einen guten Abschluss erreicht haben. Und Bruce hatte es als ehemaliger Unteroffizier nie gelernt, ballistische Mathematik anzuwenden. Man hatte ihn einfach zum Offizier ernannt, ohne ihn entsprechend zu prüfen. Während einige Hilfskräfte der Prüfungskommission Holzfässer als Ziele aufbauten, berieten die Offiziere der Schwadron.

„Jetzt hauen sie uns in die Pfanne, Bob“, mutmaßte Tom.

„Kann sein“, erwiderte Robert. „Wir sind keine Artilleristen, merkt euch das. Wir haben die beste Ausrede, wenn es danebengeht. Wir haben hier nichts zu verlieren, nur zu gewinnen.“

„Robert, du bist ruhig genug. Mach’ du das“, bat Bruce.

„Barry, du wirst mir den oberoffiziellen Befehl geben das Kommando zu übernehmen. Compson ist ein Formalienreiter, dem offenbar der gebellte Befehl wichtiger ist, als dessen korrekte Ausführung. Also, brüll los“, raunte Bennett mit einem Seitenblick auf den stocksteif im Sattel sitzenden General. „Lackaffe“, murmelte er.

Barry Bruce erteilte Robert den Befehl, die Geschütze richten zu lassen. Robert hatte die Entfernung nach Augenmaß geschätzt und befahl eine bestimmte Stellung der Geschützrohre, die von den Soldaten schon durchgeführt wurde, bevor Sergeants und Corporals den Befehl wiederholt hatten. Compson lief schon wieder rot an, als der Feuerbefehl kam – und die Holzfässer in Stücke gerissen wurden.

„Salve ist Volltreffer, Sir!“, jubelte Sergeant Dickson.

„Sergeant!“, mahnte Robert streng. „Machen Sie mir ordnungsgemäße Meldung!“, befahl er – aber er zwinkerte Dickson zu. Dickson verstand, salutierte zackig und sagte:

„Sir, ich melde: Ziel bekämpft!“

„Danke, Sergeant Dickson, gut gemacht!“, nahm Robert die Meldung entgegen, machte eine elegante Kehrtwendung und gab mit zusammenknallenden Hacken die Meldung in ebenso steifem Militärton an Bruce weiter, der zu Colonel Bennett stapfte und Roberts Meldung laut wiederholte. Colonel Bennett legte die Hand an den Paradezweispitz, drehte sich zu General Compson um und machte eine überkorrekte Meldung.

„Danke, Lieutenant-Colonel. Die Vorführung ist beendet. Lassen Sie die Leute wegtreten“, befahl Compson.

„Ja, Sir!“, schnarrte Bennett senior, wandte sich an Captain Bruce:

„Captain Bruce, die Vorführung ist beendet. Lassen Sie die Leute wegtreten!“

Bruce salutierte zackig, fast auf englische Art, machte eine Kehrtwendung auf dem Absatz, dass ein tiefer Kratzer im Sandboden des Exerzierplatzes zurückblieb und marschierte im Paradeschritt zum Wehrgang zurück, gab dort Robert und Tom eine Anweisung im gleichen Wortlaut, wie er ihn erhalten hatte, die Lieutenants setzten die Befehlskette über Sergeants und Corporals fort. Nach wenigstens einer – gefühlten – Viertelstunde war der Befehl auch offiziell beim letzten Trooper angekommen. Die Männer standen noch einmal stramm und verließen dann den Paradeplatz ohne eine besondere Ordnung.

„Colonel, ich erwarte Sie und Ihre Offiziere zur Manöverkritik in einer Viertelstunde in der Messe“, knurrte der General und verließ ebenfalls den weiten Platz zwischen den Baracken.

Bennett senior schlenderte, die Hände wahrhaftig in die Hosentaschen gesteckt, zu den Offizieren der Schwadron hinüber.

„Ich habe selten erlebt, dass Offiziere meines Kommandos einen General derart veräppeln!“, sagte er – mit einem viel zu zornigen Gesichtsausdruck, fand Robert.

„Wie belieben, Sir?“, fragte Bruce verblüfft. Frederick begann schallend zu lachen.

„Ich kenne euch drei und weiß, dass ihr euch für gewöhnlich sogar von euren Leuten duzen lasst. Ich habe euch noch nie derart Theater spielen sehen!“, jauchzte der Colonel. „Jungs, ihr wart toll!“, setzte er hinzu. Barry, Robert und Tom wurden rot bis unter die Haarwurzeln.

„Woran haben Sie das bemerkt, Sir?“, fragte Robert gemessen. Frederick Bennett hielt sich vor Lachen an einer Verandastange fest.

„Wenn du, gerade du, Robert, stramm stehst und so grauslich förmlich wirst, verjuxt du deinen Vorgesetzten. Das muss ich doch wohl wissen. Lieutenant! Hahaha! Mit mir machst du das dreimal täglich!“, lachte er. „Bleibt bloß, wie ihr seid, Leute! Lasst euch von den Reglementsfuchsern nicht ins Bockshorn jagen“, empfahl er dann und wischte sich die Lachtränen, immer noch kichernd ab. „Hihihi, das war Sondervorstellung!“, kicherte er noch im Davongehen. Bruce sah ihm nach.

„Haben wir die Fetthälse so offensichtlich verarscht?“, fragte er dann, in den groben Sergeantenjargon fallend. Robert schüttelte den Kopf.

„Nein, aber Daddy kennt uns eben zu gut – vor allem uns drei. Er flucht zwar wie ein Droschkenkutscher, wenn wir ihn nicht ordnungsgemäß anreden, aber er macht sich oft genauso einen Spaß daraus“, erwiderte er. „Das Problem bei Daddy ist nur, dass man nicht immer auf Anhieb erkennt, ob er zum Scherzen aufgelegt ist oder nicht. Bei oder nicht geht’s böse aus, wenn du ihn veräppeln willst“, setzte er hinzu. „Kommt, ziehen wir uns um. Die Fetthälse von der Kommission erwarten sicher geschniegelte Offiziere“, sagte er dann

Zum befohlenen Zeitpunkt fanden sich die Schwadronsoffiziere in tadellos gebügelten Ausgehuniformen in der Messe ein. Den Hardeehut unter den rechten Arm geklemmt, standen sie so vorschriftsmäßig stramm, das Lieutenant-Colonel Bennett schon wieder kurz vorm Prusten vor Lachen war. Er behielt sich nur mühsam im Zaum, aber es gelang ihm, seine Fröhlichkeit vor den Kommissionsmitgliedern zu tarnen. General Compson war erschienen, gefolgt von seinen Begleitern, ebenfalls in frisch gebürsteten Uniformröcken.

„Danke, Gentlemen, Sie dürfen Platz nehmen“, sagte Compson. Dann packte er den Manöverbericht aus.

„Lieutenant-Colonel Bennett, ich muss Ihnen zu dem Regiment, das Sie hier aufbauen, gratulieren. Noch nirgendwo habe ich einen so hohen Grad an Ausbildung gefunden wie in Ihrer Einheit. Bedenklich stimmt mich dabei nur, dass Ihre subalternen Offiziere sehr wenig Distanz zu ihren Männern halten. Es scheint ein geradezu vertrauter Ton in Ihrem Regiment zu herrschen. Stellen Sie das ab! Offiziere haben sich ihres Wertes bewusst zu sein und deutliche Distanz zu ihren Mannschaften zu halten! Für die Befehlsübermittlung sind Unteroffiziere da! Ein Offizier hat es nicht nötig, einem einfachen Soldaten selbst einen Befehl zu geben! Ansonsten bin ich mit ihrem Regiment sehr zufrieden und werde dem Kriegsminister dringend empfehlen, die Einheit als viertes US-Kavallerie-Regiment in die Stammrolle des Kriegsministeriums aufzunehmen.“

„Danke, Sir. Möchten Sie eine Zigarre?“, lächelte Frederick Bennett so charmant, dass Compson der Versuchung nicht widerstehen konnte und in die einladend dargebotene Zigarrenkiste griff. Robert war sofort zur Stelle und gab dem General Feuer.

„Sagen Sie, Sir, waren Sie eigentlich in Mexiko?“, fragte Bennett senior und sah einer blauen Wolke nach, die er eben in Ringen geblasen hatte.

„Nein, ich hatte nicht die Ehre, zum Expeditionskorps zur Befreiung von Texas zu gehören“, erwiderte der General.

„Schade, wirklich schade, Sir. Dann wüssten Sie nämlich, wie es auf einem Schlachtfeld wirklich zugeht“, grinste Frederick. Robert sah seinen Vater verblüfft an. Der Colonel war kurz davor, den General hochzunehmen. Robert hatte an seinem oft verbittert wirkenden Vater noch nie bemerkt, dass der offenbar die gleiche ironische Ader hatte, wie er selbst.

„Ich bin sehr interessiert, Colonel. Erzählen Sie doch“, forderte Compson Frederick auf.

„Gut. Wir lagen vor Monterrey und warteten auf den Befehl zur Attacke. In den letzten zehn Minuten, bevor das Signal kam, habe ich an alles Mögliche gedacht: An meine Frau, an meine Kinder, an meine Stute, die gerade gefohlt hatte. Nur an den bevorstehenden Kampf dachte ich überhaupt nicht. Ich habe mit allen Mitteln versucht, den Gedanken daran zu verdrängen, weil ich entsetzliche Angst vor der mexikanischen Artillerie hatte, die mit ausgesprochen fiesen Kartätschen schoss und bereits drei Schwadronen meines Regiments vollständig aufgerieben hatte. Als ich den Befehl bekam, mit meiner Schwadron anzugreifen, habe ich mir vor Angst in die Hosen gemacht!

Mein Freund und damaliger Lieutenant Edmund Mitchell bemerkte meinen Ausfall und übernahm das Kommando, bis ich mich soweit erleichtert hatte, dass ich mit einer kleinen Eskorte hinterher konnte. Am Ende dieses Tages, an dem meine Schwadron drei oder vier Sturmattacken geritten hatte und mehr als die Hälfte der Mannschaftsstärke eingebüßt hatte, das Pferdematerial komplett ausgetauscht worden war, da lagen Edmund und ich mit zitternden Knien im Gras und hatten mehr Angst als Vaterlandsliebe.

Am folgenden Tag wurde Edmund schwer verwundet und fiel damit aus. Meine drei Sergeants, die den Vortag lebend und einsatzfähig überstanden hatten, fielen im Abstand von einer halben Stunde den Granaten der Mexikaner zum Opfer. Sergeant Mulberry hat es vor meinen Augen zerrissen. Ich habe auf der Stelle mein Frühstück wieder vorgebracht, einschließlich des einzigen Tequila vom Abend zuvor! Ich entsinne mich noch gut, dass Reste von Mulberrys Hirn an meiner Uniform klebten.

Keine zwei Stunden später waren auch die letzten beiden Corporals meiner Schwadron tot. Wie sollte ich meinen Männern nun Befehle geben? Unteroffiziere hatte ich ja keine mehr! Ich habe meine Befehle also direkt an meine Soldaten gegeben – und ich habe keine Ecke aus meinen Balken dabei verloren!

Als ich, kurz bevor die Mexikaner das Feld räumten, noch von einem Kartätschensplitter getroffen wurde, der mir das rechte Bein aufriss, dass der Knochen bloßlag, haben meine Soldaten mich vom Feld getragen, haben einen Armeearzt, der mir das Bein am liebsten abgeschnitten hätte, mit vorgehaltener Waffe gezwungen, die Wunde zu reinigen und sie ordentlich zu vernähen. Sie haben mich bewacht wie die Nationalbank, damit niemand auf die Idee kam, doch noch Wundbrand zu diagnostizieren und mir das Bein abzunehmen.

Es waren die letzten zehn Männer einer ehemals hundert Mann zählenden Schwadron, die für mich mit dem Teufel persönlich Square Dance getanzt hätten, wenn es nötig gewesen wäre. Diese Männer hätten mich auf dem Schlachtfeld wie einen Hund verrecken lassen, wenn ich die Distanz zu ihnen gehalten hätte, die Sie verlangen, General! Mein vertrauter Umgang mit den Männern hat mir das Leben gerettet. Ich habe mich mit dem einfachen Soldaten genauso geduzt, wie mit meinen Lieutenants.

Heute führe ich ein Regiment von Soldaten und ich habe die große Ehre, dass mein Sohn, der einen guten Abschluss auf der Akademie gemacht hat, mit seinen besten Freunden, die ebenfalls West Pointer sind, für mich ein ganzes Regiment Soldaten ausgebildet hat und ein Freund seiner Männer geworden ist, weil er mit ihnen einen sehr normalen Umgangston pflegt.

In diesem Regiment ist formale Ausbildung genauso selbstverständlich wie in anderen Regimentern, aber sie ist nicht der Hauptinhalt des Soldatenlebens. Meine Männer sind gute Fechter, gute Schützen, gute Reiter, brauchbare Artilleristen, aber noch bessere Kameraden.

Ich unterstütze das, weil ich selbst erfahren habe, dass ein Offizier ohne seine Soldaten nur ein lamettabehängter Ordensständer ist. Für die Tapferkeit meiner Männer, tot oder lebendig, bin ich nach Monterrey ausgezeichnet worden. Ich, der ich die Hosen gestrichen voll hatte, als meine braven Jungs dem Attacke blasenden Trompeter und ihrer flatternden Fahne gefolgt sind, die verstümmelt wurden, die von Kartätschen zerrissen wurden, denen die Köpfe weggeflogen sind, die von ihren Pferden zerquetscht wurden, von denen ganze zehn überlebt haben und die – außer von mir – kein Wort des Dankes gehört haben. Ich wurde als Held gefeiert, sie sind leer ausgegangen, obwohl sie die Arbeit getan haben. Ich habe es knapp – und sehr viel später – geschafft, dass die Männer wenigstens befördert wurden.

Genau deshalb, Sir, fördere ich den Zusammenhalt meiner Leute in diesem Regiment. Ich erwarte von meinen Offizieren, dass sie sich mit ihren Männern anfreunden! Dieser Umstand ist nicht der Mangel dieses Regiments, er ist sein großer Vorzug. Ich werde deshalb keine Distanz fordern, sondern im Gegenteil darauf dringen, dass der Kontakt noch enger wird, weil eine Einheit nur dann richtig funktioniert, wenn jeder in dem Haufen weiß, worum es geht!“

Brigadier-General Compson blieb der Mund offen stehen. Bennetts drastische Erzählung hatte ihm zunächst die Sprache verschlagen. Major Horrocks grinste in sich hinein, wie auch die meisten anderen Offiziere am Tisch. Compson erhob sich, verbeugte sich gemessen und sagte:

„Ich werde veranlassen, dass Ihr Regiment ein US-Regiment wird, nicht etwa eine Milizeinheit, Colonel. Das verspreche ich ihnen, so wahr mir Gott helfe!“

Noch blass um die Nase setzte sich der Brigadier-General wieder.

„Ah, noch was: Mir ist aufgefallen, dass die C-Schwadron derzeit nur zwei Second-Lieutenants hat, obwohl ein Second- und ein First-Lieutenant vorgeschrieben sind. Hat das einen besonderen Grund, Colonel?“

„Das ist keine Besonderheit der C-Schwadron, Sir. Sämtliche Lieutenants, die ich bisher in meinem Regiment habe, sind neu; sie kommen entweder wie die Herren Bennett, Craig, Gordon, Graham, Prescott und Baldwin von der Militärakademie oder sind von der Miliz zur regulären Armee gekommen. Bevor ich in den Schwadronen den First-Lieutenant vorschlage, möchte ich sehen, wer dazu am ehesten geeignet ist.“

„Colonel, Ihnen wird nicht entgangen sein, dass Colonel Joseph Johnston von der 1st US-Cavalry, Colonel Robert Lee von der 2nd US-Cavalry und Colonel Stuart von den Mounted Rifles ihren Abschied genommen haben. Sichern Sie sich Ihre Leute, bevor sie Beförderungsposten bei den anderen Regimentern annehmen!“, warnte Horrocks. Frederick wurde bleich.

„Alle drei? Guter Gott, das ist eine Katastrophe! Das sind alles Südstaatler und ausgezeichnete Kavallerieführer. Wenn sie sich für Davis Sklavenhalterstaaten engagieren, werden wir große Probleme haben, die Sezession zu beenden“, entfuhr es dem Lieutenant-Colonel.

„Eben weil wir im Ministerium annehmen, dass eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Rebellen nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, möchten wir die Vorschläge für eventuelle Beförderungen gleich mitnehmen“, sagte Horrocks.

„Sie werden morgen früh meine Vorschläge haben, Gentlemen“, versprach Bennett senior.

Sein Blick fiel auf seinen Sohn, der ihm gegenübersaß. Wenn Robert auf Beförderung spekulierte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Frederick wusste nur zu gut, dass die Schwadron eigentlich von Robert geführt wurde, dass Barry Bruce nur formal der Chef war. Barry konnte auf Robert nicht verzichten, hatte ihn sogar zum Schwadronschef vorgeschlagen, um selbst wieder in die zweite Reihe zu treten. Aber da war nach Fredericks Meinung noch ein kleiner Denkzettel nötig – wegen der Indianer. Nein, Captain würde Robert sicher nicht werden – aber First-Lieutenant schon. Tom Craig hatte Frederick zwei Tage zuvor definitiv erklärt, er wolle lieber noch ein Jahr Second-Lieutenant bleiben. Auch nach Thomas’ Meinung gab es keinen geeigneteren Captain für die C-Schwadron als Robert Bennett, aber da blieb der Denkzettel … Frederick fasste seinen Entschluss.

„Aus ganz bestimmten Gründen möchte ich noch eine Nacht nachdenken, Sir“, sagte er, ohne den Blick von Robert abzuwenden. Compson folgte dem Blick des Colonels. Nach dem, was er an diesem Tag beobachtet hatte, war der Vorschlag zu erwarten, Bruce als Schwadronschef abzulösen, zum First-Lieutenant zu degradieren und den jungen Bennett zum Captain zu befördern. Dass Bruce sich häufiger an den Lieutenant um Rat gewandt hatte, war der Kommission nicht entgangen. Compson bekam einen Gesichtsausdruck, der einen gewissen Widerwillen ausdrückte. Ausgerechnet dieser grüne Bengel, der nicht mal Offiziersstolz hatte! Aber hatte das überhaupt jemand in diesem Regiment?

Am folgenden Morgen versammelten sich die Offiziere des Regiments in der Messe zum gemeinsamen Frühstück mit den Kommissionsoffizieren. Colonel Bennett führte den Vorsitz der Tafel und eröffnete sie, ohne seinem Sohn zu gratulieren, der an diesem Tage seinen zweiundzwanzigsten Geburtstag feierte. Robert war enttäuscht, aber er beherrschte sich. Er nahm an, dass die Anwesenheit der Kommissionsmitglieder seinen Vater, der persönliche Beziehungen nie in der Öffentlichkeit preisgab, einfach daran hinderte. Die sonst üblichen Gespräche am Tisch wollten ebenfalls nicht in Gang kommen. Oft wurden hier Dinge besprochen, die Außenstehende – dazu zählten die Offiziere der Prüfungskommission im Besonderen – nichts angingen. Nach dem Frühstück gab Frederick Bennett General Compson einen Umschlag. Compson öffnete ihn zu Bennetts Verblüffung.

„Colonel, der Minister hat mir Vollmacht erteilt, eventuelle Beförderungen, die anstehen, auf Ihren Vorschlag sofort vorzunehmen. Während Sie mit mir und einigen Mitgliedern meiner Kommission draußen bei der Vorführung waren, haben sich einige andere meiner Leute Ihr restliches Regiment angesehen. Wir haben uns deshalb bereits ein Bild gemacht“, sagte er.

Der General sah sich die Vorschläge an.

„Oh“, sagte er dann, „ich gebe zu, ich hatte für die C-Schwadron einen anderen Vorschlag erwartet. Aber dieser hier beruhigt mich doch“, grinste er dann mit einem anzüglichen Blick auf den jungen Bennett. Robert schloss in Gedanken mit einer möglichen Beförderung ab.

‚Schöner Geburtstag!’, dachte er. ‚Keine Gratulation von deinem Vater, Denkzettel für deinen Ausflug. Richtig schöner Geburtstag. Nicht mal Susan ist hier.’

Compson räusperte sich. Er hatte die Vorschläge schnell mit seinen Notizen verglichen.

„Major Horrocks, nehmen Sie Ihre Urkundenmappe und tragen Sie ein: Schwadron A: Second-Lieutenant Edward Baldwin wird zum First-Lieutenant befördert, Sergeant Chester Collins wird zum First-Sergeant befördert, Corporal Henry Megley wird zum Sergeant befördert, Corporal Melwin Hayes wird zum Sergeant befördert. Trooper William Anderson wird zum Corporal befördert, Trooper Zachary Stevens wird zum Corporal befördert. Schwadron B: Second-Lieutenant Michael Prescott wird zum First-Lieutenant befördert, Sergeant William Willoughby wird zum First-Sergeant befördert, Corporal Benjamin Kenneth wird zum Sergeant befördert, Trooper Miles Donovan wird zum Corporal befördert. Schwadron C: Second-Lieutenant Robert Bennett wird zum First-Lieutenant befördert, Sergeant Barry Klosman wird zum First-Sergeant befördert, Corporal Hank Somerset wird zum Sergeant befördert, Corporal Robin Idle wird zum Sergeant befördert, Trooper Simon Elliot wird zum Corporal befördert, Trooper Umberto Cologgia wird zum Corporal befördert. Schwadron D: Second-Lieutenant Rodney Ellison wird zum First-Lieutenant befördert, Sergeant Julien Lechette wird zum First Sergeant befördert, Corporal Janosz Krakowsky wird zum Sergeant befördert, Corporal Lester Higgins wird zum Sergeant befördert. Den hier anwesenden Lieutenants gratuliere ich bereits jetzt zu ihrer Beförderung. Bei den Unteroffizieren werde ich das nachher bei der Abschlussparade tun“, erklärte der General und packte seine Notizen wieder weg.

Die Beförderungen wandelten zunächst das disziplinierte Verhalten der Offiziere in eine stürmische Gratulation an die glücklichen neuen First-Lieutenants um. Lieutenant-Colonel Bennett erhob sich und ging, räuspernd, beinahe schüchtern, zu seinem Sohn. Einen langen Moment sahen Vater und Sohn sich an, dann umarmte Frederick Robert.

„Herzlichen Glückwunsch, mein Sohn. Zur Beförderung und zum Geburtstag. Ich bin stolz auf dich. Alles Gute für das neue Lebensjahr“, sagte er mit Freudentränen in den Augen. Zum ersten Mal zeigte Frederick Bennett in militärischer Öffentlichkeit Gefühl, gestand ein, wie sehr er seinen Sohn liebte. Major Horrocks lächelte und holte eine weitere Urkunde aus seiner Mappe, die er General Compson gab. Compson räusperte sich erneut, klopfte an seine Tasse.

„Gentlemen!“, röhrte er. Augenblicklich verstummte das Gemurmel unter den Offizieren.

„Eine Beförderung wollen wir nicht vergessen, die einzige, die nicht auf die Vorschläge Ihres Lieutenant-Colonels zurückzuführen ist. Lieutenant-Colonel Frederick Bennett wird zum Colonel befördert. Herzlichen Glückwunsch, Colonel.“

Er gratulierte Bennett senior mit Handschlag.

„Und noch etwas: Ihr Regiment wird nach Kansas verlegt, das als neuer Staat in die Union aufgenommen wird. Ihr neues Heimatfort wird Fort Leavenworth in der Nähe von Kansas City sein. Wir werden unsere Kavallerie allerdings vermutlich bald noch näher an Washington bringen müssen, denn Kriegsminister Cameron hält, wie unser neuer Präsident Lincoln, eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Rebellen im Süden für unausweichlich. Fort Leavenworth wird für Sie nur eine Zwischenstation sein. Minister Cameron wäre es am liebsten, wenn Sie Fort Donelson oder Fort Henry beziehen könnten, aber leider liegen diese Forts auf dem Territorium des Staates Tennessee, das diese Festungen für Miliztruppen reklamiert hat. Ich werde dem Kriegsminister vorschlagen, dass alle Bemühungen darauf verwandt werden sollen, Tennessee zum einen in der Union zu halten und zum anderen zu erreichen, dass die Miliztruppen diese Forts umgehend räumen, damit reguläre Armee dort einrücken kann. Fort Leavenworth steht Ihnen ab dem 1.April zur Verfügung.“

 

 

Kapitel 5

Gefallene Würfel

 

Anfang April 1861 bezog die neue Einheit unter Colonel Bennetts Kommando – noch immer als Cavalry Reserve West tituliert – das Fort Leavenworth in Kansas. Roberts Zug, als Stabsschwadron missbraucht, hatte das renovierungsbedürftige Fort hergerichtet. Eine Baracke hatten sie völlig neu gebaut, weil sie die alte wegen Termitenbefalls sogar hatten abbrennen müssen.

Nachdem das Fort instand gesetzt war, fand Robert Gelegenheit, einen kurzen Besuch in Topeka zu machen, das etwa fünfzig Meilen von Fort Leavenworth entfernt am südlichen Ufer des Kansas-River lag. Colonel Bennett hatte sich großzügig gezeigt und seinem Sohn und dessen Freund Thomas Craig drei Tage Urlaub gegeben. Die Freunde ritten am 11. April 1861 schon morgens um vier Uhr vom Fort weg, in dem sicheren Wissen, Topeka erst im Laufe des Abends zu erreichen. Fünfzig Meilen waren eigentlich mehr als ein Tagesritt und nur mit leistungsfähigen Reitpferden an einem Tag zu schaffen. Sie kamen kurz vor sechs Uhr in Topeka an. Robert wollte nicht bei seiner Freundin erscheinen, ohne ihr Blumen mitzubringen. Er hatte Glück. Ein Händler in Craigs Nachbarschaft hatte noch eine gute Auswahl an Schnittblumen, wenn teilweise auch noch böse teuer. Schließlich hatte der Frühling gerade erst begonnen und manche Blumen waren zu dieser Zeit nur im Gewächshaus zum Blühen zu bringen. Robert entschied sich für die recht teuren gelben Rosen, von denen er wusste, dass Susan sie besonders liebte und nahm auch noch einen Biedermeierstrauß für seine – so hoffte er – künftige Schwiegermutter mit.

Susan hatte die jungen Männer von ihrem Zimmer aus kommen sehen. Nichts hielt sie mehr in ihrer Kammer. Sie eilte hinunter und hatte die Tür schon aufgerissen, bevor Tom überhaupt klopfen konnte.

„Hallo, Tom!“, grüßte sie ihren Bruder, gab ihm einen flüchtigen Kuss und umarmte einen glückstrahlenden Robert Bennett.

„Grüß’ dich, Kleines“, sagte er nach einem liebevollen Begrüßungskuss und drückte das hübsche Mädchen sanft an sich.

„Bobby, ich freu’ mich so, dass du kommst“, erwiderte Susan.

„He, ich bin auch noch da!“, protestierte Tom gespielt. Susan winkte ab.

„Du bist doch bloß mein Bruder!“, frotzelte sie mit glücklichem Lächeln zu Robert. „Kommt doch herein“, lud sie dann ein.

„Moment“, bremste Robert. Er holte hinter seinem Rücken den Rosenstrauß hervor.

„Für das schönste Mädchen westlich des Mississippi“, sagte er leise und überreichte ihr die Blumen.

„Danke, Robert. Wie lieb! Gelbe Rosen, meine Lieblingsblumen“, bedankte sie sich und drückte einen dankbaren Kuss auf Roberts Wange.

„Susan!“, mahnte eine männliche Stimme, die Richard Craig gehörte. „Das gehört sich nicht! Ich weiß, dass ihr schwer verliebt seid, aber auf der Straße wird nicht geknutscht. Ab ins Haus!“, kommandierte er. Robert salutierte militärisch.

„Ja, Sir!“, bestätigte er zackig, aber es klang nicht echt.

„Nun kommt schon!“, winkte Richard den Verliebten.

Tom war schon längst bei seiner Mutter, als Robert Susan höflich den Vortritt ins Haus ließ. Gwendolyn begrüßte den jungen Mann freundlich. Robert überreichte ihr den Blumenstrauß mit einem höflichen Handkuss.

„Danke, mein Junge. Lernt man so etwas auf der Akademie?“, fragte sie.

„Nein, Tante Gwendy, für solche Fälle habe ich meinen Onkel Benjamin, der Philip und mir Benimm beigebracht hat.“

Gwendolyn richtete für die von der Reise hungrigen Lieutenants rasch ein Abendessen her. Während Tom und Robert aßen, studierte Richard am Esstisch die Tageszeitung.

„Oh, wenn das nur gut geht!“, brummelte er.

„Was meinst du, Dad?“, fragte Tom mit vollen Backen.

„Der Independent berichtet, der Präsident habe ein Versorgungsschiff nach Charleston geschickt, um Fort Sumter Nachschub zu bringen. Gleichzeitig hat Präsident Lincoln diesen Usurpator, diesen Rebellenpräsidenten Davis, davon in Kenntnis gesetzt. Wenn das nur gut geht!“, orakelte Richard düster.

„Warum sollte das nicht gut gehen, Dick?“, fragte Gwendolyn verblüfft. „Sumter ist doch immer mit dem Schiff versorgt worden. Geht nun mal nicht anders“, stellte sie dann fest. Richard faltete die Zeitung mit deutlichem Stöhnen zusammen und sah seine Frau an.

„Du liest eben keine Zeitung, Gwendy“, seufzte er. „Fort Sumter ist eine, wenn nicht gar die letzte Garnison mit unionstreuen Truppen, die es in den sieben abgefallenen Staaten noch gibt. Sie liegt im Hafen von Charleston, South Carolina, wie du weißt. In Charleston wurde die Sezession ausgerufen, hat sich von dort wie eine Seuche über die Südstaaten ausgebreitet. Jetzt drohten Sumter die Vorräte auszugehen. Cameron und Lincoln standen vor der Wahl, Sumter aufzugeben und damit praktisch die Konföderation anzuerkennen – oder Sumter zu versorgen und eine Konfrontation mit dem Süden zu provozieren. Wenn der Präsident ein Schiff schickt und gleichzeitig Jeff Davis darüber informiert, dann schiebt er ihm den Schwarzen Peter zu.“

„Du meinst, Lincoln bringt Davis damit in Zugzwang, Dad?“, fragte Tom. Der Bissen rutschte ihm gerade quer durch die Kehle.

„Genau, Tom. Jetzt steht Davis vor der Entscheidung, welchen Schritt er jetzt geht. Lässt er die Versorgung zu, akzeptiert er die Präsenz der Union vor der Haustür der Chefsezessionisten. Das wird sich South Carolina als notorisch rebellischer Staat nicht gefallen lassen. Hindert Davis das Schiff an der Landung, könnte das als kriegerischer Akt ausgelegt werden. Lincoln hat ihn in eine üble Zwickmühle praktiziert. Ich habe ein richtig ungutes Gefühl“, erklärte Richard – und er sah dabei aus, als wäre ihm gar nicht wohl. Wie viele Amerikaner hatte auch Richard Craig gute Freunde im Süden. Er musste an Edmund Mitchell denken, mit dem er unter Frederick Bennetts Kommando in Mexiko gewesen war.

Zeitungen sind ein relativ langsames Medium. Gedruckte Nachrichten haben den Nachteil, einige Stunden alt zu sein – und damit möglicherweise nicht mehr aktuell zu sein. Diese Nachricht, die Toms Vater so beunruhigte, war in dem Moment, als er sie las, bereits von den sich nun überstürzenden Ereignissen überholt. Präsident Davis hatte Präsident Lincolns Nachricht erhalten und mit seinem Kabinett über das weitere Vorgehen beraten. Man war sich in der Sezessionsregierung einig, dass man eine Versorgung des Yankeeforts nicht zulassen konnte. Davis gab dem Gouverneur von South Carolina freie Hand, der sich wiederum mit seinem Oberbefehlshaber, General Pierre Gustave Toutant Beauregard, bis zum Februar noch Schulkommandant der Militärakademie West Point, beraten hatte. Und Beauregard war mit dem gerade in Charleston anwesenden Ursezessionisten Edmund Ruffin einhellig der Meinung, man müsse die verdammten Yankees aus der Festung holen – notfalls mit Gewalt, wenn sie sich weigern sollten, das Fort zu verlassen.

Um zwei Uhr mittags stellte Beauregard Major Anderson, dem Kommandanten des Forts, ein Ultimatum, das der jedoch entrüstet telegrafisch zurückwies. In den frühen Morgenstunden des 12. April, um 03.20 Uhr, gab Beauregard eine letzte Warnung, man werde um 04.30 Uhr mit der Beschießung beginnen, wenn bis dahin nicht die Kapitulation erfolgt sei. Anderson und sein Stellvertreter Captain Doubleday hüllten sich in beredtes Schweigen – und das Unheil nahm seinen Lauf

Um 04.30 Uhr, mit dem ersten Morgenlicht des 12. April 1861, zerriss ein Kanonenschuss die freitagmorgendliche Stille im Hafen von Charleston. Der erste Schuss war gefallen, abgefeuert von einer Batterie des Forts Johnson, südwestlich von Fort Sumter. Binnen zwanzig Minuten spien sämtliche Batterien der vier anderen Hafenfestungen, die das mitten im Hafen gelegene Sumter umgaben, Feuer und Stahl auf die schweigende Unionsbastion.

Am Nachmittag des 12. April 1861 brachten die ersten Zeitungen Extrablätter über die Beschießung des Forts und machten so bekannt, dass der labile Frieden gebrochen war.

Susan und Robert waren nach dem Mittagessen in den Garten hinter dem Haus gegangen, hatten sich eine sonnige Bank gesucht, während Tom und Mutter Gwendolyn einen Mittagsschlaf vorgezogen hatten. Susan lehnte an Roberts Schulter und streichelte verliebt seine rechte Hand, die ihre Schulter sanft umfasste.

„Danke, dass du gekommen bist“, sagte sie leise.

„Es wäre mir völlig unmöglich erschienen, meine Garnison einen guten Tagesritt von hier entfernt zu beziehen und dich nicht wenigstens zu besuchen“, lächelte er und spielte mit einer Locke ihres weichen, braunen Haars.

„Susan …“, setzte er dann an.

„Ja?“

„Susy, könntest du dir vorstellen, meine Frau zu sein?“, fragte der junge Mann. Susan sah ihn verblüfft an.

„Bob, ich … ist das nicht noch zu früh? Ich … ich bin noch nicht mal volljährig“, stotterte sie, völlig überrascht von seinem Antrag.

„Es muss ja nicht morgen sein. Ich will dich auch nicht drängen, Susy. Ich wollte dir nur Gelegenheit geben, darüber nachzudenken, ob du dir vorstellen könntest, mich eines Tages zu heiraten“, präzisierte er. Seine nussbraunen Augen strahlten die Wärme eines kuscheligen Fells aus.

„Ich könnte es mir vorstellen, sehr gut sogar“, lächelte Susan. „Am liebsten … ach nein, das wird nicht gehen!“

„Was wird nicht gehen?“, hakte Robert nach.

„Ich glaube nicht, dass meine Eltern eine Verlobung erlauben, solange ich nicht volljährig bin“, erwiderte sie mit tiefem Seufzen. Robert zog sie nahe an sich, sie legte den Kopf wieder an seine kräftige Schulter und schloss träumend die Augen.

„Susan, ich liebe dich. Es wird keine andere für mich geben“, versprach er leise und küsste sanft ihr Haar. Susan sah zu ihm auf, sie küssten sich voller Wonne und Verliebtheit, als Frank Craigs Schrei die nachmittägliche Stille um Garten zerriss:

Die Rebellen haben Fort Sumter beschossen!

Susan und Robert zuckten erschrocken über die plötzliche Störung ihrer trauten Zweisamkeit zusammen.

„Oh, dieser Laps!“, entfuhr es Susan. „Frank, du bist ein Ekel!“, schalt sie laut. „Uns so zu erschrecken!“

„Nein“, rief Frank aus dem hochgeschobenen Küchenfenster, „hier, ich hab’ ‘n Extrablatt vom Independent! Die Batterien von Charleston haben Fort Sumter zusammengeschossen! Man weiß noch nicht, ob einer von Andersons Männern überlebt hat!“, verkündete er und schwenkte das dünne Extrablatt.

„Um Gottes Willen!“, entfuhr es Robert. „Sind die denn von allen guten Geistern verlassen?“

Er und Susan sprangen auf und eilten ins Haus. Die Familie Craig war vollzählig und sehr verstört in der Küche versammelt.

„Da habt Ihr’s!“, schnaufte Richard Craig. „Mir wollte es ja keiner glauben!“

„Vater, glaubst du, dass es Krieg geben wird?“, fragte Frank. Seine Augen hatten jenes verdächtige Leuchten angenommen, das den jugendlichen Heißsporn kennzeichnete. Richard kannte seinen Jüngsten.

„So siehst du aus!“, platzte er heraus. „Du bist kaum achtzehn. Erst wird das College beendet, mein Freund, dann sehen wir weiter. Es reicht völlig, wenn Tom und ich unsere Köpfe hinhalten.“

Gwendolyn sah ihren Mann erschrocken an.

„Richard, du wirst doch nicht wieder eine Uniform anziehen?“, fragte sie ängstlich.

„Oh doch, liebe Gwendolyn! Ich habe einmal versprochen, dieses Land gegen jeden Feind zu verteidigen – das gilt für mich immer noch. Ich habe meine Ausbildung auf Staatskosten gemacht, also kann Vater Staat von mir erwarten, dass ich da bin, wenn er mich braucht.“

„Du nimmst doch hoffentlich nicht an, Pa, dass die Angelegenheit in vier Wochen erledigt ist?“, fragte Tom mit schiefem Grinsen.

„Was meinst du damit?“, erkundigte sich sein Vater erstaunt.

„Solange hättest du Urlaub im Jahr zu bekommen“, erwiderte Tom mit maliziösem Lächeln.

„Thomas, ich habe nicht gemeint, für vier Wochen bei der Miliz Soldat spielen zu wollen!“, versetzte sein Vater knurrig. „Ich gedenke, mich für die üblichen drei Monate als Captain zu verpflichten.“

„Und dein Job? Wer macht den?“, hakte Tom nach.

„Das Vaterland geht vor“, entgegnete Richard mit kernig vorgerecktem Kinn.

„Dad, du bist jetzt sechsundfünfzig! Das ist doch kein Picknick!“, warnte Tom.

„Na und? Roberts Vater ist genauso alt und ist immer noch Soldat!“, protestierte Richard.

„Eben: Immer noch“, grinste Tom. „Dad, du bist fast sieben Jahre ‘raus! Es hat sich vieles geändert.“

„Blödsinn. Ein Gewehr lädt man immer noch von vorn und die Marschordnungen, die zu meiner Zeit üblich waren, gelten auch immer noch. Schluss, sobald der Präsident Männer sucht, bin ich dabei. Ich werd’s euch jungen Pferden schon zeigen!“

Am 14. April gab die Besatzung von Fort Sumter auf. Sie hatten alle Munition verschossen, aber sie waren von vornherein im Nachteil gewesen, weil die Hafenbatterien ihr Feuer konzentrieren konnten, während die Kanonen des pentagonförmigen Forts mitten im Hafen ihr Feuer rund um verstreuen mussten. Es war Andersons Männern nicht gelungen, auch nur eine Kanone ihrer Gegner zum Schweigen zu bringen. Ohne Vorräte und Munition konnten sie nur kapitulieren. Als Anderson telegrafisch die Kapitulation anbot, erlaubte Beauregard den Unionssoldaten, mit dem persönlichen Gepäck, dem getrommelten Yankee Doodle und unter Gruß der Flagge auszuziehen. Sämtliches Kriegsmaterial mussten sie zurücklassen. Noblerweise entließ die Konföderation, die ihren ersten Sieg errungen hatte, die unterlegenen Nordstaatler, die sich tapfer, wenn auch aussichtslos gewehrt hatten.

Das eigentliche Wunder aber war, dass es während der Beschießung keinen, aber auch nicht einen einzigen Verwundeten oder Toten gegeben hatte – ein seltenes Phänomen, wenn vier Küstenfestungen auf ein einsames Ziel einhämmern. Die ersten Verluste gab es beim Grüßen der US-Flagge. Eine der überstrapazierten Kanonen des Forts Sumter explodierte beim Flaggensalut, einer von Andersons Kanonieren wurde getötet, drei andere mehr oder weniger schwer verwundet. Die ersten vier in einer bald größer werdenden Masse …

Und in Charleston tanzten die Menschen auf den Straßen, bejubelten den großen Sieg über die Yankees und feierten die Freiheit der Konföderation.

Hundert Meilen südlich von Charleston, in Savannah, nahm Edmund Mitchell die Nachrichten aus South Carolina mit unverhohlener Befriedigung zur Kenntnis.

„Gott sei Dank! Das Versteckspiel hat ein Ende“, sagte er und legte seine Zeitung zusammen.

„Sie sehen aus, als wäre Ihnen nicht wohl, Mr. Bennett“, bemerkte er, als er den versteinerten Blick seines Privatsekretärs sah.

„Nein, Mr. Mitchell, mir ist nicht wohl“, bestätigte Philip nervös und niedergeschlagen. „Ich dachte gerade an meinen kleinen Bruder. Er ist jetzt Offizier und ich halte ihn für einen guten Soldaten. Ich habe gehört, dass man hier im Süden der Meinung ist, jeder Südstaatler wöge fünf Yankees auf. Ich weiß nicht, wer damit genau gemeint ist, aber mit meinem Bruder wäre ein Südstaatler gut beschäftigt.“

„Sie meinen, diese Theorie sei nicht haltbar?“, fragte Mitchell nach. Philip nickte. Mitchell legte seine Zeitung weg.

„Mr. Bennett, Umstand ist, dass fast alle großen Führer unserer – äh, ehemals – US-Army aus dem Süden sind. Beauregard, der Anderson das Fürchten gelehrt hat, ist aus dem Süden, Colonel Lee, Colonel Johnston, Colonel Stuart, und so weiter und so weiter. Die Créme der Army sind Südstaatler, die allesamt über kurz oder lang ihren Dienst bei der Yankee-Army aufkündigen werden und ihre Heimatstaaten unterstützen werden. Die Army bestand aus sechzehntausend Mann. Was bleibt davon bei den Yankees? Der Bodensatz von gewöhnlichen Soldaten, die von Kriegführung keine Ahnung haben, denen gesagt werden muss, wer der Feind ist, und wohin sie gehen sollen. Aber die Leute, die die Ahnung haben, Mr. Bennett, die werden bald hier sein und die Yanks daran hindern, ihre Nase zu weit zu uns hereinzustecken“, erklärte er.

Philip stand auf und ging zu einer großen Wandkarte in Mitchells Arbeitszimmer, die die gesamten Vereinigten Staaten von Amerika zeigten. Eine dünne rote Linie an den Grenzen von Texas, Louisiana, Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina zeigte den derzeitigen Grenzverlauf zu den Unionsstaaten oder Noch-Unionsstaaten, denn die Konföderierten waren fest überzeugt, dass sich Arkansas, Tennessee, North Carolina, Missouri, Kentucky, Maryland und Virginia dem neuen Staatenbund bald anschließen würden.

„Mr. Mitchell“, sagte Philip langsam, „ich bin am Virginia Military Institute ausgebildet worden. Dort – wie auch auf West Point, in Norfolk, in Annapolis und in San Marcos – wird die Theorie gelehrt, dass ein Staat, dessen Grenzen praktisch nur aus Meer bestehen – außer zum feindlichen Gebiet – durch eine Seeblockade vollständig abzuschnüren ist; es sei denn, es gelänge dem fraglichen Staat, die Seeherrschaft zu erringen. Selbst wenn wir unterstellen, dass sich Virginia der Konföderation anschließt, befindet sich das Gros der Flotte weiterhin in der Hand der Union. Mit Ausnahme von Norfolk sind sämtliche Kriegshäfen in Staaten, die sich mit einiger Sicherheit nicht zur Rebellion entschließen werden. Es gibt Pläne – vielleicht nicht direkt auf die Südstaaten bezogen –, die eine solche Blockade vorsehen. Einer Abschnürung durch die Flotte wäre der Süden nicht lange gewachsen, fürchte ich. Es gibt – soviel ich weiß –, nur in Galveston und in Charleston Schiffbauindustrie. Beide Häfen sind leicht abzuriegeln, selbst unter der Voraussetzung, dass Beauregards Truppen jetzt auch das Fort Sumter besetzen. Die Unionsflotte braucht den Hafen gar nicht zu erobern – es genügen zehn bis zwölf Wachschiffe, dass keine Ratte ‘rein und ‘raus kann.

Was den Landkrieg anbetrifft, mag es sein, dass die meisten bedeutenden Führer der US-Army den Weg nach Süden gefunden haben; aber einer unserer größten Vorzüge als Amerikaner ist unsere Individualität und unsere Lernfähigkeit. Außerdem soll es tatsächlich auch im Norden intelligente Menschen geben, die militärische Strategie umzusetzen wissen. Sie kennen meinen Vater, Mr. Mitchell. Er ist noch immer aktiver Soldat. Sie kennen auch Mr. Craig, der zwar inzwischen seinen Abschied genommen hat, der aber bei einer Bedrohung seines Landes umgehend nach dem nächsten Truppenbüro suchen wird. Das sind nur zwei Beispiele, von denen es sicher mehr gibt. Nicht zu vergessen ist das rein menschliche Übergewicht des Nordens, das in krassem Missverhältnis zur Bevölkerung der Südstaaten steht. Nach allem bin ich der Überzeugung, dass der Süden sich gewiss tapfer schlagen wird, aber den Krieg gegen den Norden letztlich verlieren muss, weil der Norden technisch die besseren Voraussetzungen hat“, referierte Philip an der Karte. Es klang wie das Plädoyer eines Anwalts vor Gericht. Mitchell musste schmunzeln.

„Danke, Herr Anwalt, das Wort hat der Verteidiger“, grinste er. „Ihre Überlegungen sind grundsätzlich richtig, Mr. Bennett. Aber Sie vergessen eines: Die Baumwolle! Weder England noch Frankreich können es sich wirklich leisten, dass die Südstaaten keine Baumwolle mehr liefern können. Es würde das Aus für deren weit entwickelte Textilindustrie bedeuten. Deshalb sind wir hier fest davon überzeugt, dass sowohl England wie Frankreich zu unseren Gunsten eingreifen. Wir hatten schon darüber gesprochen, als Sie zum ersten Mal auf Cotton Belle waren.“

„Nicht auszuschließen. England und Frankreich führen Kriege um der Kaiser und Könige Bart, wie gerade der Krimkrieg vor acht Jahren gezeigt hat. Aber ich würde mich darauf nicht zu sehr verlassen, Sir. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass beide warten würden, bis wir uns gegenseitig soweit zerfleischt haben, dass wir uns gegen eine Rekolonialisierung nicht mehr wehren könnten. Ich hätte Magengrimmen bei der Vorstellung, dass die Franzosen die Südstaaten von Mexiko her angreifen und die Briten die Nordstaaten von Kanada aus. Bei einem Zweifrontenkrieg – das gebe ich Ihnen gern schriftlich –, sehen wir richtig alt aus, wenn ich das so salopp formulieren darf.“

Mitchell sah den jungen Mann eine Weile an. Philip Bennett war genau das, was man sich unter einem Rechtsanwalt vorstellte: Stets korrekt gekleidet, meist trug er dreiteilige Anzüge, redegewandt, gebildet – aber er sah auch noch unverschämt gut aus, was mit einem Anwalt nicht zwangsläufig in Verbindung zu bringen war. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten, sein kurzgeschorener, äußerst gepflegter Vollbart täuschte über sein jugendliches Alter von nicht ganz siebenundzwanzig Jahren hinweg, gab ihm etwas gesetztes, ohne ihn älter zu machen. Er verstand es, den Ladies Komplimente zu machen, ohne anzüglich zu wirken. Fast alle weiblichen Bewohner von Cotton Belle seufzten mehr oder weniger heimlich hinter Philip her.

„Ich habe Sie mir gerade in einer blauen Uniform vorgestellt, Mr. Bennett“, sagte Mitchell dann. Philip schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist vorbei. Ich habe der US-Army fünf Jahre lang gedient, nun bin ich bedient. Nein, Mr. Mitchell, in eine Uniform bekommt mich keiner mehr.“

Weit davon entfernt, in Kansas, verkündeten die Zeitungen am 15. April, dass Präsident Lincoln fünfundsiebzigtausend Freiwillige zu den Waffen rief. Alle bereits bestehenden Regimenter eröffneten Werbebüros in ihrer Umgebung. So schleppend die Anwerbeaktion im Osten zunächst anlief, so schnell waren die ehemaligen Soldaten im Westen zur Stelle. In New York zum Beispiel hatte es einiger Tricks bedurft, um die Männer zu patriotisieren. Bürger hatten einen einflussreichen Politiker dazu gebracht, seine Anhängerschaft in den Armenvierteln zu mobilisieren, ihnen eine amerikanische Fahne in die Hand zu drücken und sie mit Trommlern und Pfeifern von der Hafenbatterie zum Broadway marschieren zu lassen, was einen Auflauf auslöste, der in eine nicht mehr zu bremsende patriotische Euphorie mündete.

Colonel Bennett richtete in Topeka und in Leavenworth je ein Werbebüro ein. Die Offiziere des Regiments wechselten sich bei der Bürotätigkeit ab. Nur Robert und Tom verblieben im Fort, um die Neuzugänge aufzufangen und auf die Schwadronen zu verteilen. Das Büro in Topeka hatte noch nicht mal offen, als Richard Craig schon ungeduldig vor der Tür stand. An diesem ersten Tag hatte Second-Lieutenant Ronald Gordon Dienst im Werbebüro. Er schloss auf und wäre beinahe von Craig überrannt worden, der sofort hineinstürmte.

„Bin ich der Erste?“, fragte er grußlos.

„Gewiss, Sir, denn Sie haben mich nach dem Aufschließen mit der Gewalt einer berittenen Truppe überrannt“, lächelte Gordon schelmisch. „Da Sie so heftig hereingeplatzt sind, nehme ich an, Sie möchten …“

„Keine Fragen, Junge, her mit dem Formular, bevor meine Frau hier ist und mich hindert!“, drängte Craig.

Gordon packte die Formulare aus, nahm sich eins und begann seine Eintragungen, fragte nach Namen, Geburtsdatum und Anschrift, eventueller militärischer Vorbildung.

„Oh, Sie waren schon Captain, Sir“, bemerkte Ronald.

„Ja, und jetzt hätte ich gern ein Bataillon.“

„Verzeihung, Sir, aber das sollten Sie dem Colonel überlassen. Ich notiere als Ihren letzten Rang Captain. Versprechungen mache ich lieber nicht, das ist Sache des Chefs“, erwiderte Gordon und machte seine Eintragungen. Craig unterschrieb, zwei Sekunden später stürmte Gwendolyn in das Werbebüro.

„Richard! Lass’ diese Dumme-Jungen-Streiche! Dafür bist du zu alt!“, rief sie wütend.

„Zu spät, Gwendy, habe mich soeben verpflichtet“, grinste Richard. Gordon ließ das Formular schnell in einer abschließbaren Kiste verschwinden, damit die zornige Frau es nicht noch zerriss. Alles Zetern half nichts, der Vertrag war rechtsgültig unterschrieben, Richard Craig war wieder Soldat. Mit dem Handgeld versehen, durfte er nach Hause, um seine Sachen zu holen. Zu seinem und Gwendolyns Schrecken war Susan allein zu Hause.

„Susan, wo ist Frank?“, fragte Richard.

„Der wollte zu den Covingtons. Er sagte, er sei mit Daniel verabredet“, erwiderte das Mädchen.

„Himmel, ich ahne, was der will!“, entfuhr es Richard. „Gwendy, pack’ meine Sachen. Ich gehe zu den Covingtons!“, rief er, schon im Hinauslaufen.

Währenddessen nahm Lieutenant Gordon Franks Personalien auf.

„Du bist noch minderjährig“, sagte er. „Ich brauche die Zustimmung deines Vaters.“

„Kein Problem“, erwiderte Frank, zückte ein Papier aus der Tasche, auf dem stand, dass sein Vater einverstanden sei, unterschrieben mit dem Namen Richard Craig. Gordon runzelte die Stirn, öffnete die Kiste mit den schon fertigen Formularen und holte das von Richard Craig hervor. Die Unterschrift glich der auf dem Papier, das der Junge ihm zeigte, verblüffend.

„Und das soll ich dir abkaufen?“, fragte er den Jungen.

„Mehr kann mein Daddy nicht tun, als mir den Wisch da zu unterschreiben, Mister. Also, kann ich nun Soldat werden oder nicht?“

„Unbedingter Wille?“

„‘Türlich, sonst wär’ ich nicht hier“, versetzte Frank in betont lässiger Sprache.

„Na gut, du wirst sehen, was du davon hast“, seufzte Ronald und füllte das Formular weiter aus. Frank unterschrieb es und gab dem Lieutenant die angebliche Einverständniserklärung seines Vaters. Gordon zeichnete gegen und gab Frank das Handgeld.

„Sei morgen früh um acht hier, dann fährst du gleich mit dem ersten Transport nach Leavenworth“, wies er den Jungen an.

„Kann ich nicht schon heute Abend hinreiten?“

„Wenn du unbedingt willst! Hier, das ist der Weg“, sagte Gordon und drückte Frank Craig eine schematische Karte in die Hand. Frank bedankte sich und war im nächsten Moment zur Tür hinaus.

Als Richard Craig kam, war Frank schon so weit fort, dass er nicht mehr zurückzuholen war.

„Sie sollten auf Ihren Sohn stolz sein, Mr. Craig“, sagte Ronald, als er dem entsetzten Vater gesagt hatte, dass sein jüngster Sohn sich hatte einschreiben lassen. Craig sah den jungen Lieutenant mit einer Mischung aus Ärger und Staunen an.

„Ich weiß nicht, warum Sie zur Army gegangen sind, Lieutenant, aber ich weiß, dass in einem Krieg für gewöhnlich nicht mit Pellkartoffeln geschossen wird. Wenn ich mich zur Army melde, dann weiß ich, worauf ich mich einlasse. Schließlich habe ich schon den Krieg gegen Mexiko mitgemacht. Aber Frank ist der typische Heißsporn, der einfach das Abenteuer sucht und keine Ahnung hat, was ihn wirklich erwartet“, versetzte Craig. Gordon setzte sich hinter den Schreibtisch und legte die Beine bequem auf den Tisch.

„Mr. Craig – ich kenne Ihren älteren Sohn Thomas, mit dem ich auf der Schule war. Tom hat recht klare Vorstellungen, was von ihm als Soldat erwartet wird. Was Frank anbelangt: Väter neigen manchmal dazu, ihre eigenen Kriegserlebnisse idealisiert darzustellen – meiner jedenfalls hat von der Kameradschaft in den höchsten Tönen geschwärmt. Wenn Frank keine reale Vorstellung von dem hat, was ihn erwartet, könnte das vielleicht daran liegen, dass Sie bei Ihren Erzählungen nicht ganz bei der bitteren Wahrheit geblieben sind“, stellte er fest. Richard ließ sich schwer auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen. Der Lieutenant hatte sogar Recht.

„Ganz klar: Er hat meine Unterschrift gefälscht“, sagte er. „Damit müsste man ihn doch wieder herausbekommen.“

Gordon nahm die beiden Werbeformulare und legte sie Craig vor.

„Diese beiden Unterschriften gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Ich fürchte, es wird Ihnen schwer fallen, Ihrem Sohn nachzuweisen, dass er die Unterschrift gefälscht hat.“

Richard sah wie vom Donner gerührt auf die Unterschrift unter der Einverständniserklärung. Dann fiel ihm ein, dass Frank ihn einige Tage zuvor um eine Unterschrift gebeten hatte, weil er sich einen neuen Sattel kaufen wollte und der Händler wegen des hohen Preises die Abzeichnung des Vaters verlangt hatte. Und genau diese Erklärung zeigte Gordon ihm nun im vollen Wortlaut, den Richard sich gar nicht vollständig durchgelesen hatte, bevor er sie unterschrieben hatte.

„Dieser Bandit!“, murmelte er. „Man sollte aufpassen, was man unterschreibt.“

Es war nichts mehr zu machen, Franks Vertrag war tatsächlich rechtsgültig.

Am Tag darauf hatte das Reserveregiment drei Angehörige der Familie Craig: Vater Richard war als Major eingestellt worden, Frank war Rekrut in der C-Schwadron, im Zug seines Bruders Thomas, der sich der Ausbildung des kleinen Bruders persönlich annahm und Frank nichts schenkte. Robert musste Thomas häufig bremsen, damit er Frank nicht überstrapazierte. Es vergingen keine zehn Tage, als Frank Versetzung in Roberts Zug beantragte – und bekam.

Am 17. April 1861 sagte sich Virginia von der Union los und schloss sich der Konföderation an, am 19. April gab es in Maryland die ersten Unruhen zwischen Sympathisanten der Konföderierten, die den Staat abspalten wollten und Unionstreuen, bei denen neun Sezessionisten und vier Unionstreue getötet sowie dreißig Nordstaatler verwundet wurden. Maryland war zwar ein Sklavenstaat, verblieb aber auch jetzt bei der Union. Rasch angeforderte US-Truppen verhinderten weitere Sezessionsversuche.

Dafür setzte sich die Seuche Sezession weiter westlich fort. Arkansas erklärte am 6. Mai seine Unabhängigkeit und schloss sich dem Staatenbund im Süden an. In Missouri zeigten sich bereits bedrohliche Sezessionstendenzen, denen die Unionsregierung am 10. Mai aber bei Kämpfen in Camp Jackson, dessen konföderationsgeneigte Besatzung gefangen genommen wurde, und in St. Louis wirksam begegnen konnte. Nur zehn Tage später folgte auch North Carolina und einen Monat später, am 20. Juni, entschloss sich auch Tennessee zur Sezession.

Nun standen elf Staaten in offener Rebellion zum Bund. Noch mehr Ausfälle konnte und wollte sich auch Präsident Lincoln nicht leisten. Kentucky zeigte ebenfalls die Neigung, der Union den Rücken zu kehren. Eilige Verlegung von Unionstruppen beendete die Abspaltungsversuche des Staates. Aber weder in Missouri noch in Kentucky konnten die US-Truppen die Bildung einer konföderierten Gegenregierung verhindern.

Die Unruhen in St. Louis am 10. Mai waren die ersten Kämpfe, bei denen auch die neuen Reservetruppen vom Fort Leavenworth eingesetzt wurden. Vier Tote gab es dabei auf Seiten der Nordstaatler – und alle vier waren von der C-Schwadron des Reserveregiments. First-Sergeant Klosman, Sergeant Somerset, Trooper Andersson und Trooper Brennecke waren die Unglücklichen, die nicht einmal den ersten Kriegsmonat überlebt hatten. Bei der Rückkehr ins Fort blieb Captain Bruce so unglücklich am Sattel hängen, dass er schwer stürzte. Die Lachsalve, die sein unfreiwillig heftiger Abstieg ausgelöst hatte, verstummte schlagartig, als klar wurde, dass Barry sich das rechte Bein gebrochen hatte und für wenigstens sechs Wochen nicht dienstfähig sein würde. Colonel Bennett rief Robert und Thomas zu sich.

„Ihr habt mitbekommen, dass Captain Bruce längere Zeit dienstunfähig sein wird“, eröffnete er. Zwischenzeitlich hatte er es sogar aufgegeben, Robert in Anwesenheit anderer Offiziere zu siezen. Die jungen Männer nickten.

„Robert, ich möchte, dass du die Schwadron übernimmst – und zwar endgültig. In St. Louis hast du viel Übersicht gezeigt und eine Katastrophe verhindert. Tom wird dein First-Lieutenant und Van Dyke der Second-Lieutenant“, sagte Frederick dann.

„Ich hab’ dich richtig verstanden: Ich soll Captain werden?“, fragte Robert ungläubig nach. Frederick nickte.

„Vater, das kann ich nicht“, widersprach er. „Und Tom auch nicht“, setzte er noch hinzu. Frederick ließ sich verblüfft in seinen Schreibsessel fallen.

„Wie bitte?“, fragte er erschrocken.

„Nun, Sir, die Sache ist die, dass Robert und ich noch am letzten Tag auf West Point eine Wette verloren haben, die es uns unmöglich macht, eine Beförderung anzunehmen“, erklärte Tom.

„Moment. Das verstehe ich nicht ganz. Wenn ihr euch nicht befördern lassen wollt, warum habt ihr dann die Beförderung im März angenommen?“

„Also: Wir haben gewettet, dass der Krieg mit dem Süden bis zum Amtsantritt des neuen Präsidenten ausgebrochen ist, andernfalls würden wir im nächsten Krieg den die USA führen eine Beförderung nicht annehmen. Im März hatten wir noch keinen Kriegszustand, konnten die Beförderung annehmen. Aber mit Lincolns Aufruf haben wir Krieg. Wir fühlen uns an die verlorene Wette gebunden“, präzisierte Robert. Frederick schüttelte den Kopf.

„Ihr spinnt ja vollkommen! Wegen so einer Bierlaunen-Wette wollt ihr auf eine Karriere verzichten? Bei euch piept’s wohl!“, entfuhr es dem Colonel ebenso drastisch wie salopp.

„Sorry, Sir, wir können nicht!“, bekräftigte Robert.

„Nun, gut, wenn ihr denn nicht wollt, muss ich mir etwas anderes einfallen lassen. Aber dass mir später Klagen kommen, wenn euch der neue Chef nicht passt“, seufzte der Colonel. Die jungen Männer salutierten.

„Raus mit euch! Und sagt Cabot Bescheid, dass ich ihn sprechen will“, knurrte der Colonel.

Fern davon, in Georgia, bekam Philip Bennett am selben Tag Besuch. Yancey Morrows hatte ohnehin auf Cotton Belle zu tun und nutzte die Gelegenheit, seinen Freund Philip zu visitieren.

„Schön, dass du vorbeikommst, Yancey. Wie geht’s Pam?“

„Danke, es geht ihr gut. Sie lässt dir schöne Grüße bestellen. Ich komme aus Savannah. Eigentlich hatte ich vermutet, dich dort in einem der Werbebüros anzutreffen.“

„Soldat? Ich? Ha, Yancey, eher läuft der Missouri in die Quelle zurück“, lachte Philip.

„Philip, du weißt, dass der Haftbefehl gegen dich in den neuen Konföderationsstaaten noch gilt. Der Gouverneur hat aber eine Amnestie für diejenigen erlassen, die sich unserer Armee anschließen. Davon abgesehen: Du bist zwar der Privatsekretär von Edmund Mitchell, einem Mann, der gewiss viel Einfluss hat; aber wenn herauskommt, dass Mitchell einen Mann beschäftigt, der mit Haftbefehl gesucht wird – gleich aus welchem Grund – dann ist Mitchell selbst geliefert!“, warnte Morrows. „Außerdem kannst du den Yankees, die uns an unserer Freiheit hindern wollen, eins auswischen. Wenn du schon von der Sklaverei nichts hältst, was hältst du von unserem Selbstbestimmungsrecht als Staaten?“

Philip sah seinen Freund eine Weile an.

„Nun, nach Auffassung der juristischen Fakultät der Universität von Savannah kann die Bundesregierung den Staat Georgia nicht an der Sezession hindern, rein rechtlich jedenfalls nicht“, erwiderte Philip.

„Sie will es aber tun. Also haben wir als selbstständige Staaten doch das Recht, uns zu verteidigen, oder nicht?“, hakte Yancey nach.

„Dem würde ich zustimmen.“

„Gut. Wir werden jeden Mann brauchen, um unsere Freiheit zu verteidigen. Jeden, auch die Studenten der Rechte!“

„Yancey, ich tauge zum Soldaten wie ein Kaktus als Sessel! Das wird nichts!“

„Philip, du warst schon First-Lieutenant. Lass’ dir nicht noch vorwerfen, du würdest der Konföderation wertvolle Informationen vorenthalten. Das bringt dir erst recht einen Haftbefehl ein – wegen Spionage möglicherweise!“, drängte Morrows. Philip war betroffen.

„Na gut“, sagte er, „ich denke drüber nach.“

„Da gibt’s nichts nachzudenken! Philip, das haben wir bald geschafft! Die Yanks laufen wie die Hasen, wenn wir richtig loslegen. Es sind einfach Feiglinge.“

„Dann bin ich gewiss nicht der Richtige für euch, denn ich bin Yankee.“

„Quatsch! Du warst Yankee!“, widersprach Yancey. „Jetzt bist du ein gebildeter Südstaatler. In einen Yankee hätte Pamela sich nicht verlieben können.“

Drei Stunden später war Philip zusammen mit Yancey auf dem Weg nach Savannah, um sich bei einem der neuen Kavallerieregimenter einzuschreiben.

 

 

Kapitel 6

Captain Cabot

 

Colonel Bennett sah von seiner Arbeit auf, als Trooper Nott, der Ordonnanzdienst hatte, ihm Captain James Colin Cabot meldete. Cabot trat ein, salutierte korrekt und nahm Haltung an. Cabot war siebenundzwanzig Jahre alt, von Beruf Schifffahrtsagent, stammte aus einer mehr als nur reichen Familie aus New York und war seit wenigstens sechs Jahren bei der Staatsmiliz von New York, hatte sich dort den Rang eines Captains erworben. Die Milizsoldaten trafen sich aber meist nur einmal in der Woche, meist dienstags oder sonntags, gingen sonst ihren erlernten Berufen nach. Die Milizen waren in Kompanien organisiert, die zwar noch den Namen gemeinsam hatten, die sich aber in Ausbildung und Uniform stark voneinander unterschieden. Cabot kam von einer Milizkompanie, die getrost als Sonntagssoldaten zu bezeichnen war. Ihre sonntäglichen Treffen waren eher von Lagerfeuerromantik als von militärischer Ausbildung geprägt. Als das Reserveregiment der Kavallerie Leute angeworben hatte, hatte Cabot sich dort gemeldet und war – mehr probehalber – mit seinem Milizrang übernommen worden.

Seit dem Umzug nach Fort Leavenworth hatte Lieutenant Bennett die Arbeit mit seinem Zug so sehr in Anspruch genommen, dass er seine Tätigkeit als Adjutant nicht mehr länger zusätzlich machen konnte. Colonel Bennett hatte ein Einsehen mit dem überlasteten Robert gehabt und an seiner Stelle den in kaufmännischen und organisatorischen Dingen versierten James Cabot zu seinem Adjutanten ernannt. Als Adjutant war Cabot der perfekte Mann: Das Reglement hatte er in wenigen Tagen auswendig gelernt, die gesamte Organisation des Regiments, das inzwischen die Sollstärke von knapp tausend Mann erreicht hatte, lief unter seiner Aufsicht reibungslos.

Doch ein paar Tage zuvor hatte Cabot den Wunsch geäußert, einmal eine Schwadron zu führen. Bruces Ausfall und Roberts Weigerung, sich befördern zu lassen, hatte Colonel Bennett die Gelegenheit geboten, Cabots Wunsch zu erfüllen und gleichzeitig seinem Sohn vor Augen zu führen, dass er, Robert, der geeignetere Schwadronschef wäre. Denn allzu viel traute Bennett senior dem unerfahrenen Milizcaptain nicht zu …

„Sie wollten mich sprechen, Sir?“, fragte Cabot.

„Captain Cabot, Sie hatten mir vor ein paar Tagen gesagt, Sie wollten ein Truppenkommando haben, wenn sich die Gelegenheit böte. Die Gelegenheit ist da, weil Captain Bruce durch seinen Beinbruch für einige Wochen dienstunfähig ist. Ich möchte, dass Sie die C-Schwadron solange in Vertretung übernehmen“, sagte Colonel Bennett.

„Danke, Sir. Nur in Vertretung? Ich wollte gern ein Kommando auf Dauer haben“, erwiderte Cabot. Seine Enttäuschung war kaum zu überhören.

„Captain, in erster Linie sind Sie mein Adjutant. Ich habe bei Lieutenant Bennett feststellen müssen, dass sich Truppenkommando und Adjutantentätigkeit auf Dauer gegenseitig ausschließen. Ich möchte, dass Sie sich zunächst bewähren, bevor ich mich dazu entschließe, Ihnen eine eigene Schwadron zu geben, wenn Sie es denn unbedingt wollen. Mit der C-Schwadron machen Sie einen guten Griff zu Anfang Ihrer Tätigkeit als Schwadronschef, denn die Leute sind sehr gut ausgebildet. Sie werden sich einige Tage einarbeiten, bevor ich Sie ins Feld schicke.“

„Ja, Sir!“, bestätigte Cabot zackig.

„Gut. Sie übernehmen die Schwadron ab morgen.“

„Danke, Sir!“

„Danke, Captain, Sie können gehen.“

Cabot salutierte, machte eine absolut vorschriftsmäßige Kehrtwendung und verließ das Amtszimmer des Colonels.

„Ordonnanz!“, rief Colonel Bennett.

Nott riss die Tür auf.

„Ja, Sir?“

„Nott, holen Sie mir Lieutenant Bennett und Lieutenant Craig.“

„Ja, Sir.“

Nott verschwand eilig und kehrte bald mit den Gerufenen zurück, die sich korrekt meldeten.

„Ich habe einen Vertreter für Captain Bruce, meine Herren. Captain Cabot wird ihn für die Zeit seiner Dienstunfähigkeit vertreten.“

„Cabot?“, entfuhr es Robert. „Vater, der Mann ist ein Aktenhengst! Der hat von militärischen Dingen absolut keine Ahnung!“

Frederick grinste maliziös.

Du wolltest den Posten ja nicht haben. Ich habe dir gesagt, dass du nicht maulen sollst, wenn dir der neue Chef nicht passt“, erwiderte er.

„Vater, das ist verrückt. Cabot ist der Aufgabe einfach nicht gewachsen, der geht unter wie ein leckes Boot“, warnte Robert.

„Genau deshalb schicke ich ihn ja auch mit euch beiden los. Ihr seid die Einzigen, die ihn entweder zum vernünftigen Schwadronschef erziehen oder ihm klarmachen können, dass sein Platz im Büro oder wenigstens weit weg vom Kampfgeschehen ist. Aber ich gebe zu, ich weiß noch nicht genau, was ich von dem Burschen halten soll. Ich möchte, dass ihr einen Test arrangiert. Lasst euch was einfallen!“

Robert grinste. Er hatte schon eine Idee.

„Ich weiß schon, was. Bis wann haben wir Zeit?“

„Cabot wird die Schwadron mit dem morgigen Frühappell übernehmen. Also beeilt euch“, entließ der Colonel die Lieutenants.

„Oh, Gott, was jetzt?“, keuchte Thomas, als sie über den Exerzierplatz gingen.

„Ich hab’ ‘ne Idee. Komm mit ins Kasino“, sagte Robert und zog Tom am Ärmel in Richtung Offizierskantine. Doch bevor sie das Kasino erreichten, stoppte sie ein herrischer Befehl:

„Craig und Bennett! Halt!“

Die Lieutenants sahen sich verwundert um und blieben stehen, als sie Captain Cabot erkannten.

„Hierher!“, kommandierte er.

„Was meinst du, gehorchen wir?“, fragte Tom, ohne den Blick von Cabot abzuwenden.

„Schadet weniger, als es nicht zu tun. Komm!“, gab Robert zurück. Gehorsam gingen sie zu ihm hin.

„Sir?“, fragte Robert. Cabot wurde bereits rot.

„Haben Sie nicht gelernt, dass ein Untergebener einen Vorgesetzten zu grüßen hat?“, herrschte er die Lieutenants an.

„Aus dem Exerzieralter sind wir ‘raus, Sir“, erwiderte Robert kühl. „Also, weshalb pfeifen Sie uns quer über den Platz, wenn Sie schon nicht wissen, ob wir in höherem Auftrag unterwegs sind?“

„Bennett, Ihre Respektlosigkeit werde ich Ihnen noch austreiben! Die Tatsache, dass Sie der Sohn des Kommandanten sind, gibt Ihnen keinesfalls das Recht, einen vorgesetzten Offizier den ihm zustehenden Gruß zu verweigern!“, schnauzte Cabot.

First-Lieutenant, Sir, so viel Zeit muss sein!“, erwiderte Robert in einem so gefährlich ruhigen Ton, dass Tom zu frösteln begann. „Im Übrigen bilde ich mir nichts auf die Tatsache ein, der Sohn des Chefs zu sein. Ich entwickle daraus keine Privilegien – außer, dass Colonel Bennett sich von mir Dinge sagen lässt, bei denen er anderen das Wort abschneiden würde. Das hat aber nichts mit meinem Verhältnis zu anderen Soldaten dieser Einheit zu tun, Sir.“

„Dann werden Sie sich jetzt angewöhnen, sich mir gegenüber von nun an korrekt mit Namen und Dienstgrad zu melden, wenn ich Sie rufe! Verstanden?“

Die Lieutenants salutierten.

„Ja, Sir!“, bestätigten sie.

Cabot sah die beiden Männer vor sich von oben nach unten an.

„Und noch was: Sie werden in Zukunft in tadellos gebügelten Uniformen mit dem vorschriftsmäßigen Waffenrock Ihren Dienst versehen. Diese Lumpen, die Sie tragen, sind ja widerlich!“, keifte der Captain.

„Wie belieben, Sir?“, fragte Tom nach.

„Verdammt noch mal, Sie sollen gefälligst die vorgeschriebene, vollständige Uniform tragen! Ich dulde diese Gammlerhemden nicht!“

„Sir, diese Hemden sind zwar nicht vorgeschrieben, aber an heißen Sommertagen wie diesem laut Reglement ausdrücklich erlaubt“, protestierte Robert.

„Wenn der Schwadronschef es gestattet – und ich gestatte es nicht!“, versetzte Cabot barsch.

„Seit wann sind Sie unser Schwadronskommandeur, Sir?“, fragte Robert gespielt ahnungslos.

„Ab morgen früh, Bennett!“

„Dann dürfen Sie uns ab morgen früh Befehle geben, Sir. Also, was soll dieses Theater mitten auf dem Exerzierplatz?“

„Bennett, sehen Sie mal auf Ihre Schulter. Was entdecken Sie da?“, knirschte Cabot. Robert sah auf seine linke Schulter.

„Eine Schulterklappe der Kavallerie mit einem goldenen Balken, Sir.“

„Gut, was sehen Sie auf meiner Schulter?“

„Eine Schulterklappe der Kavallerie mit zwei goldenen Balken, Sir.“

„Dann erübrigt sich wohl jede weitere Frage, was das soll, Bennett! Ich bin ein Ihnen übergeordneter Offizier und Sie werden sich so verhalten, wie es mir als Vorgesetztem gebührt. Beim nächsten Anfall von Respektlosigkeit stehen Sie unter Arrest – und für Sie, Craig, gilt das gleiche! Wegtreten!“

Die Lieutenants salutierten mit eisigen Mienen, machten kehrt und ließen den Captain stehen.

„Der braucht einen größeren Denkzettel, Tom“, knurrte Robert, als sie außer Hörweite des Captains waren. „Der Mann hat keine Ahnung von dem, was er zu tun hat. Barry hatte das auch nicht, aber Barry hat uns um Rat gebeten. Bevor der uns um Rat fragt, reiten die Pferde auf den Kavalleristen.“

„Was hast du vor?“

„Ihn mächtig zu erschrecken, aber ohne dass er uns an den Wagen fahren kann. Wir brauchen die Hilfe der anderen Schwadronen“, erwiderte Bennett. Er und Tom Craig eilten ins Kasino, wo jetzt, am frühen Nachmittag, die meisten Captains und Lieutenants versammelt waren.

„Leute, hört mal her!“, rief Robert, als die Tür hinter ihnen zu war. Tom blieb an der Tür, um Cabot zu beobachten, der noch immer auf dem Exerzierplatz herumstolzierte. Die Unterhaltungen im Raum verstummten schlagartig.

„Der Colonel hat Captain Cabot zum Chef der C-Schwadron ernannt, solange Bruce außer Gefecht ist.“

„Herzliches Beileid!“, wieherte Baldwin vor Lachen. „Ihr tut mir richtig Leid. Warum hat der Chef nicht einem von euch beiden die Schwadron gegeben?“, fragte er dann.

„Unerheblich“, entgegnete Robert. „Aber Cabot hat von Kriegskunst so viel Ahnung wie eine Kuh vom Square Dance. Wir möchten ihm einen kleinen Streich spielen, ohne dass Jimmy merkt, dass wir ihn veräppeln. Macht ihr mit?“

„Ich bin dabei!“, rief Graham.

„Ich auch!“, meldete sich Captain Stett. Fast alle versammelten Offiziere waren zu einer Schandtat bereit.

„Wir brauchen zwei andere vollständige Schwadronen – als Angreifer morgen auf dem Übungsplatz. Wir wollen Cabot Theater vorspielen. Der Chef hat’s genehmigt.“

„Kein Problem“, grinste Captain Carmody. „Schwadron B spielt die Angreifer. Mike Prescott macht bestimmt den Rebellenchef, was, Mike?“, lachte er. Mike Prescott lachte laut auf.

„Worauf du dich verlassen kannst, Hector“, rief er, im unverwechselbaren texanischen Dialekt. Prescott kam zwar aus Georgia, hatte aber lange Zeit in Texas gelebt. Er war einer der wenigen aus dem Süden stammenden Soldaten, die sich zugunsten der Union entschieden hatten.

„Schwadron D macht ebenfalls als Angreifer mit“, erklärte Captain Henderson. „Was sollen wir tun?“

„Ihr verlasst morgen früh das Fort zu einem Übungsritt, irgendwo nach Osten, dreht über Atchison nach Westen ab und geht auf dem Übungsplatz im Wald in Stellung und verkleidet euch als Rebellen. Colonel Bennett wird morgen einen Übungsritt für die C-Schwadron ansetzen, damit Cabot sich einarbeiten kann; das regle ich mit ihm. Es wird ein Übungsritt mit angeblich scharfer Munition sein, die natürlich genauso falsch ist, wie euer Angriff. Ich werde Sergeant Quaid entsprechend impfen, damit er euch auch Übungsmunition gibt. Unfälle wollen wir schließlich vermeiden. Wir werden bei uns eine ganz bestimmte Reihenfolge festlegen, nach der wir umfallen wie die Fliegen. Ihr tut das auch. Nach zwanzig Minuten ist das Spiel vorbei, wenn Cabot entweder der Geistesblitz gekommen ist, zum Sammeln zu blasen und in den Stellungen am Übungsplatz Deckung zu suchen oder er mit fliegenden Fahnen untergegangen ist. Schafft er das, soll der Angriff nach spätestens fünf Minuten zurückgeschlagen sein. Gelingt ihm das nicht, hat er nach zwanzig Minuten keinen Mann mehr – außer sich selbst“, erklärte Robert die Spielregeln. Die Offiziere brüllten vor Lachen, schlugen sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Das Theater wollte keiner verpassen! Zwei Stunden später hatte Robert alles arrangiert, jeder im Fort – außer Cabot – wusste Bescheid.

Der folgende Morgen kam schnell. Beim Morgenappell war die C-Schwadron in den dort inzwischen üblichen blauen Hemden angetreten. Den Befehl vom Vortag hatten Thomas und Robert absichtlich nicht befolgt, um das Umkleiden der ganzen Schwadron zu provozieren, damit Carmody und Henderson genug Zeit hatten, um den Übungsplatz vor der C-Schwadron zu erreichen und verkleidet in Stellung zu gehen. Colonel Bennett schritt die Reihen der mitsamt Pferden angetretenen Schwadronen ab. Der Colonel selbst trug die für einfache Soldaten vorgesehene dunkelblaue Feldjacke, die mit fünf goldfarbenen Knöpfen in einer Reihe verschlossen war. Die quer zur Schulter liegenden gelben, goldgefassten Schulterklappen mit dem silbernen Adler markierten seinen Dienstgrad. Dazu trug er die üblichen, hellblauen Hosen mit der dünnen, gelben Seitenpaspel, die in knielangen Reitstiefeln steckten. Der schwere Säbel hing an einem einfachen, aber kräftigen schwarzen Lederkoppel, dessen rechteckige Schließe mit dem Wappenadler in einem silbernen Kranz verziert war. Ein schräg über die rechte Schulter verlaufender, schmaler, schwarzer Ledergurt stabilisierte das Koppel und hielt es in der Waagerechten. Als Kopfbedeckung trug er die gewöhnliche Feldmütze mit einem gestickten Abzeichen, das nur die gekreuzten Säbel der Cavalry zeigte.

Captain Cabot, der hinter dem Colonel ging, hatte sich die große Uniform angezogen, was hieß, dass er den schwarzen Hardeehut mit Federbuschen und Kavallerieabzeichen trug, den fast knielangen dunkelblauen Gehrock aus Tuch anhatte, der mit neun Knöpfen in einer Reihe verschlossen wurde. Statt der Reitstiefel trug er unter der hellblauen Uniformhose schwarze Stiefeletten, die wie Lackschuhe glänzten und an denen gefährlich aussehende Radsporen befestigt waren. Unter dem Koppel hatte er die karmesinrote Wollschärpe angelegt, dazu kurze, weiße Handschuhe angezogen. Statt der quer liegenden, gelb unterlegten Schulterklappen hatte Cabot die längs befestigten Epauletten aufgesteckt, auf denen je zwei kleine Silberbalken seinen Dienstgrad anzeigten. Von weitem betrachtet, aus einer Entfernung, in der man die Rangabzeichen nicht unterscheiden konnte, musste Cabot eher wie der Regimentschef aussehen, so hatte er sich herausgeputzt.

„Sieh dir diesen Gockel an!“, raunte Thomas Robert zu, als er Cabots allzu prächtige Kleidung bemerkte. Wie alle ihre Leute trugen sie dunkelblaue, zweireihig mit je sieben kleinen goldfarbenen Knöpfen verschlossene Hemden, die laut Reglement den normalen Uniformrock im Sommer ersetzen konnten und die mit den vorschriftsmäßigen quer liegenden Schulterklappen versehen waren. Hosenträger in hellem Beige hielten die Uniformhosen. Unter den Hosenträgern trug das Koppel die Taschen für die langläufigen Revolver und die Zündhütchen sowie den Säbel. Auf die Verstärkung durch einen Schulterriemen hatten sie verzichtet. Tom trug kleine Tanzsporen, Robert verzichtete auf diese Marterinstrumente völlig. Er war ein so guter Reiter, dass er es nicht nötig hatte, seine Pferde mit Sporen um Gehorsam zu zwingen. Zu dieser im Rahmen des Erlaubten veränderten Uniform trugen beide die Feldmütze mit Kavallerieabzeichen ohne Regimentsnummer und Schwadronsbuchstaben.

Colonel Bennett und sein Adjutant erreichten die C-Schwadron. Robert trat als Stellvertreter des Captains vor und machte seine Meldung:

„Schwadron C angetreten! Schwadronschef revierkrank, Sir!“

„Danke, Lieutenant Bennett“, nahm Frederick die Meldung entgegen. Er drehte sich zu Cabot um.

„Captain Cabot: Bis zur Genesung von Captain Bruce übernehmen Sie das Kommando über die C-Schwadron!“, befahl er dann. Cabot salutierte zackig.

„Jawohl, Sir!“, bestätigte er und stellte sich auf den Platz des Schwadronschefs, nicht, ohne Robert einen Rippenstoß zu versetzen, um ihn weiter von sich wegzubringen. Colonel Bennett setzte den Morgenappell allein fort. Schließlich gab er den Tagesbefehl, der für alle Schwadronen Übungsritte vorsah. Dann übergab er den Befehl an die Schwadronschefs.

Cabot drehte sich um und musterte die Reihe seiner Soldaten.

„Bennett, was hatte ich Ihnen gestern gesagt?“, fuhr er Robert an, ohne ihn anzusehen.

„Bei allem Respekt, Sir, ich bin immer noch First-Lieutenant und ersuche Sie, mich dem Reglement entsprechend anzureden!“, erwiderte Robert scharf, ebenfalls demonstrativ geradeaus sehend.

„First-Lieutenant Bennett: Ich hatte Ihnen gestern den Befehl gegeben, vorschriftsmäßige Uniform zu tragen! Warum haben Sie diesen Befehl nicht befolgt, warum haben Sie ihn nicht an die Schwadron weitergegeben?“

„Unsere Uniformen sind vorschriftsmäßig, Sir!“

„Das sind sie nicht! Widersprechen Sie mir nicht, First-Lieutenant!“

„Sir, Cap…“

„Es ist mir völlig egal, welche Disziplinlosigkeiten mein Vorgänger hat durchgehen lassen! Ich dulde diese Maskerade nicht! Ich erteile Ihnen den dienstlichen Befehl, dass Sie und ihr ganzer müder Haufen augenblicklich die vorschriftsmäßige Uniform anziehen! In zehn Minuten stehen Sie wieder hier und sind ordentlich gekleidet! Wegtreten!“, schnauzte Cabot. Robert machte eine formvollendete Kehrtwendung.

„Schwadron Achtung! Ganze Schwadron weggetreten zum Umziehen – Marsch!“

„Ja, Sir!“, bestätigten die Soldaten wie aus einem Munde und verließen den Exerzierplatz ohne besondere Ordnung. Fast gleichzeitig rückten die Schwadronen von Henderson und Carmody zum Übungsritt ab.

Pünktlich zehn Minuten später stand die gesamte Schwadron in tadellosen, vorschriftsmäßigen Uniformen vor dem neuen Captain. Von Bennett und Craig vorgewarnt hatten die Soldaten am Abend zuvor eine etwas ältere Uniform auf Vordermann gebracht, alte Stiefel hochglanzpoliert, Knöpfe und Koppelschlösser mit Scheuerpulver blank gemacht. Robert hatte für die ganze Abteilung ausrangierte Waffen organisiert, die für das Prärietheater, das sie planten, gerade noch gut waren. Aber diese Waffen blitzten frisch geputzt und geölt. Captain Cabot musste den Eindruck haben, die Schwadron habe die guten Sachen vor ihm verstecken wollen. Er inspizierte jeden Mann einzeln, was insgesamt etwa eine ganze Stunde Zeit kostete. Robert grinste, als Cabot es mit Sicherheit nicht sah.

„Gut, Männer. Ihr könnt also doch, wenn ihr wollt. Ich bin zufrieden mit euch.“

„Sir?“, meldete sich Robert zu Wort.

„Lieutenant Bennett?“

„Sir, die Übung findet in der staubigsten Ecke von Kansas statt. Wollen Sie wirklich in der großen Uniform zum Manöver reiten?“, fragte Robert. Cabot maß ihn mit einem abschätzenden Blick.

„Ich habe festgestellt, dass Sie nicht viel davon halten, in der vorgeschriebenen Uniform in den Kampf zu gehen, First-Lieutenant Bennett. Ihren Leuten haben Sie das bedauerlicherweise auch beigebracht. Wir sind Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika, wir repräsentieren die Staatsgewalt. Als solche haben wir kenntlich zu sein. Wir haben unsere Uniform mit Stolz zu tragen“, versetzte Cabot.

„Eine praktische Uniform zu tragen, heißt nicht, sie nicht mit Stolz zu tragen, so man darauf stolz sein soll, dass ein Beruf eine bestimmte Kleidung erfordert. Die große Uniform, Sir, ist nur für Paraden vorgesehen, nicht für das Feld“, entgegnete Bennett kühl.

„Wollen Sie mir Vorschriften machen, was ich zu tragen habe, Lieutenant?“

„Nein, Sir, ich gebe nur einen Rat“, erwiderte Robert.

„Wenn ich Ihren Rat hören will, frage ich Sie. Ansonsten haben Sie den Mund zu halten, bis ich Sie anspreche! Verstanden?“

„Ja, Sir!“, bestätigte Bennett militärisch. Cabot wandte sich an einen Soldaten, der eben mit zwei gefüllten Eimern über den Exerzierplatz in Richtung Stall ging. Offenbar war der Mann zum Pferdetränken eingeteilt.

„Halt, Trooper!“, rief Cabot ihn an. Der Soldat blieb wie angewurzelt stehen.

„Sir?“

„Komm’ her, hilf deinem Captain aufs Pferd!“, befahl Cabot. Der Soldat sah Hilfe suchend zu Bennett.

„Stopp, Captain! Bis hierher und nicht weiter! Erstens …“

„Bennett! Halten Sie den Mund oder ich lasse Sie degradieren!“, fauchte Cabot erbost.

„Erstens ist es bei uns üblich, dass die Offiziere den Männern vormachen, was von ihnen verlangt wird – und das fängt beim Aufsitzen an. Und zweitens gehört der Mann, von dem Sie gerade Hilfestellung erwarten, zur E-Schwadron und hat von Ihnen in Ihrer Eigenschaft als Schwadronsoffizier der C-Schwadron keinerlei Befehl entgegenzunehmen!“, donnerte Robert ihn ungerührt an. „Sir!“, setzte er noch verspätet hinzu. Captain Cabot wurde blass vor Wut.

„First-Lieutenant Bennett!“, keuchte er zornig. „Es ist genug, das Maß ist voll! Sie stehen hiermit unter Arrest! Erwarten Sie keinerlei Nachgiebigkeit von mir! Die Strafe haben Sie Ihrer Aufsässigkeit zuzuschreiben! Wache!“

Robert sagte nichts, nahm sein Pferd am Zügel und trollte sich in Richtung Stall.

„He, wo wollen Sie hin, Bennett?“, fuhr Cabot ihn an. Robert blieb stehen und sah den Captain mit einem enttäuschten Blick an.

„Vom Dasein eines Kavalleristen haben Sie wirklich keine Ahnung, Sir. Ich werde jetzt mein Pferd absatteln, es schön striegeln und danach gehe ich zum Arrestbereich und lasse mich einlochen. Wollten Sie nicht zum Übungsritt aufbrechen, Sir?“

Cabot blieb ob dieser Impertinenz die Sprache weg. Er brauchte einige Sekunden, um sich zu fassen, und diese Zeit reichte Lieutenant Bennett, im Stall zu verschwinden.

Der Captain wandte sich wieder der Schwadron zu.

„Schwadron – aufsitzen!“, kommandierte er. Keine Reaktion. Die Männer standen wie die Statuen.

„Aufsitzen!“, brüllte Cabot. Die Soldaten taten, als hätten sie nichts gehört – einschließlich Thomas Craig.

„He, steigt endlich auf!“, rief Bennett vom Stall. „Von Streik war nicht die Rede, Jungs!“

„Ja, Sir!“, tönte es hundertstimmig. Ohne weitere Aufforderung bestiegen die Kavalleristen ihre Pferde. Cabot drehte sich um, vor Wut fast schäumend.

„Bennett, Sie …!“

Robert zuckte lächelnd die Schultern.

„Ich weiß nicht was Sie wollen, Sir. Die Männer sind genau da, wo Sie sie hinhaben wollen. Mir gehorchen sie jedenfalls“, grinste er. Cabot schnaubte, aber er sagte nichts mehr. Der Captain stieg mit einiger Mühe auf sein Pferd. Er sah nicht, dass Robert Tom einen Wink gab, der bedeutete, weitere Faxen zu unterlassen.

„Schwadron rechts um! In Zweierreihe – Marsch!“, kommandierte Cabot – diesmal mit Erfolg. Die Schwadron trabte in geschlossener Formation aus dem Fort.

Kaum hatte der letzte Mann das Tor passiert, als die Tür der Kommandantur geöffnet wurde und Colonel Bennett kopfschüttelnd heraustrat. Er kam eilig über den Exerzierplatz zum Stall.

„Bist du des Teufels? Wie kannst du dich so mit einem Vorgesetzten anlegen?“, fragte er. „Tu’ das nie wieder, Junge!“, warnte er. „Wenn du dich in Virginia genauso bockig anstellst, endest du vorm Kriegsgericht!“

„Ich habe einen großen Fehler, Daddy: Ich kann den Mund nicht halten!“, erwiderte Robert mit einem angriffslustigen Funkeln in den braunen Augen.

„Robert, du stehst vor der Wahl, die Schwadron selbst zu übernehmen oder Cabot als deinem unmittelbaren Vorgesetzten zu gehorchen!“, erinnerte der Colonel.

„Du willst uns wirklich mit diesem Chaoten nach Virginia schicken?“

„Mit dir Chaoten oder mit dem Chaoten Cabot. Es liegt an dir“, erwiderte Frederick bissig. „Und jetzt wüsste ich gern, was du mit dem Kerl vorhast.“

Robert erklärte seinen Plan in kurzen Worten.

„Das will ich sehen!“, grinste der Colonel. „Du wirst dein Pferd nicht absatteln, sondern mit mir und dem Stab hinterher reiten.“

Zehn Minuten später galoppierte der Regimentsstab auf einer Abkürzung zum Übungsplatz und nahm auf einem Hügel, gut geschützt von Buschwerk, einen Beobachtungsposten ein. Sergeant-Major Eisner nahm seine Taschenuhr heraus.

„Sie müssten gleich hier sein, Sir!“, sagte er. Frederick Bennett nickte.

„Ist die Gegnertruppe schon da?“, fragte er. Robert griff in sein Sattelfutteral und nahm das Fernglas heraus. Er spähte zum Waldrand, der links vom Hügelfuß war.

„Ja, da sitzen sie. Von unten dürften sie nicht sichtbar sein.“

Fast im selben Moment kam die Schwadron in schöner Marschordnung – Schwadronschef vorneweg, dahinter der Wimpelträger und daneben der Hornist, dann die Truppe in Zweierreihe, Tom als Zugführer vorn rechts neben dem ersten Glied – in den Bereich des Übungsplatzes.

„Jeder normale Offizier würde ein Gelände erkunden lassen und jetzt zwei Mann als Spähtrupp vorschicken“, sagte Robert. „Tom wird jetzt gleich nach vorn reiten, und nach dem Spähtrupp fragen. Hier, nimm das Glas, Vater.“

Frederick grinste schief.

„Du bist noch hinterlistiger als ich. Na, die Antwort da unten kann ich mir gut vorstellen!“

Im selben Moment löste sich Tom unten von seinen Leuten und ritt zu Cabot an die Spitze.

„Warum sind Sie nicht an Ihrem Platz, Craig?“, fragte Cabot hochmütig.

„Ich wollte fragen, Sir, ob ich einen Späher …“

„Unsinn!“, unterbrach Cabot ihn barsch. „Erstens schickt man grundsätzlich zwei Mann als Späher vor und zweitens brauchen wir hier keinen Späher. Das Gelände ist ja bekannt.“

Tom nickte nur und zog sich ohne Erwiderung nach hinten zurück, ritt neben seinen Bruder.

„Pass auf: Gleich geht der Tanz los. Gleich gibt dieser Vollidiot das Signal zum Angriff auf einen leider nicht sichtbaren Gegner“, warnte er. Tatsächlich:

„Abteilung – halt!“, kommandierte Cabot. Er wendete sein Pferd und brüllte: „Schwadron in einer Linie – angetreten! Fahnenträger vor! Trompeter – nein, Säbel auf! Trompeter Attacke blasen, sobald ich den Säbel senke! Craig, los, hierher!“

Tom ritt gehorsam zum Captain hin. Ob er nun dem Captain von der Seite ‘weggeschossen’ wurde, oder in der allgemeinen Verwirrung ‘fiel’, war gleich. Nach Roberts Ausfall war er ohnehin der Erste der ‘fallen’ sollte. Tom sah – mehr zufällig – zu dem Hügel hin, der den Übungsplatz überragte. Dort oben bewegten sich einige blaue Gestalten. Craig ahnte, dass Robert jetzt dort oben saß und sich schadenfroh die Hände rieb. Die Offiziere hatten als erste ‘fallen’ sollen, damit Cabot auch sicher auf sich allein gestellt war.

Cabot senkte den Säbel, nachdem er Tom ein Yard hinter sich verwiesen hatte. Kaum hatte der Trompeter das Signal beendet, als Schüsse aus dem Wald krachten und Tom laut schreiend aus dem Sattel fiel. Der Erste Hornist war der Nächste. Der Captain war völlig überrascht und viel zu erschrocken, um auf den unerwarteten Angriff zu reagieren. Verzweifelt suchte er nach einem Orientierungspunkt, aber um ihn herum war nur Chaos, fallende Männer und Pferde, Krachen von Schüssen und das Schreien der angeblich getroffenen Soldaten und einiger Gegner. Schließlich war Cabot der Meinung, er müsse seine Männer jetzt mit einer mutigen Tat mitreißen. Er entriss dem Fahnenträger den Wimpel und preschte vor, in der Hoffnung, seine Leute würden ihren Schock überwinden und ihm folgen. Die jedoch hatten Befehl, auf solche Kapriolen nicht zu reagieren, sondern nur den Befehl, hinter den Feldbefestigungen in Deckung zu gehen und sich von dort aus zu verteidigen, anzunehmen. Als Cabot merkte, dass die Männer ihm nicht folgten, schlug er sich wieder nach hinten durch, weil ihm die Idee gekommen war, er könnte es mit der Deckung probieren. Doch sein Häuflein schmolz schnell dahin und als er den Zweiten Hornisten erreichte, waren die zwanzig Minuten um, der Mann griff sich ans Herz, ließ das Signalhorn fallen und stürzte in einer theaterreifen Darstellung aus dem Sattel, japste noch einmal und regte sich nicht mehr. Cabot stand allein da – umringt von zahlreichen ‘Feinden’.

„Ich ergebe mich!“, sagte er und übergab seinen Säbel einem Mann, der sich durch die Gegner drängte. Als er aufsah, hatte er die Waffe Robert Bennett in die Hand gedrückt. Er hatte sich seiner Uniformjacke entledigt und trug im Augenblick nur sein weißes Oberhemd zur Uniformhose – und das auch noch am Kragen offen und die Ärmel halb aufgekrempelt!

Sie! Ich hab’s mir doch gedacht! Verräter!“, fauchte Cabot.

„Cabot, Sie sind genauso dumm wie Sie lang sind!“, fuhr Robert ihn an. „Sie hätten auf Lieutenant Craig hören sollen, als er Ihnen empfahl, Späher auszusenden. Dieses Desaster hätten Sie verhindern können, wenn Sie vernünftig reagiert hätten! In völliger Verwirrung einen ungeplanten Angriff gegen einen Feind zu starten, der überall und nirgends ist, ist Dummheit in Dosen! Merken Sie sich das!“

Cabot starrte ihn sprachlos an.

„Und wenn Sie sich die Leute näher ansehen, Captain Cabot, die hier um mich herum sind, werden Sie schnell feststellen, dass es alles Männer von der B- und D-Schwadron sind, die sich zwar abenteuerlich verkleidet haben, die aber genauso mit Platzpatronen geschossen haben wie Sie selbst“, setzte Robert dann hinzu. „Aber ich vermute, dass Sie einen Mann nur in Uniform erkennen können, weil Ihnen die Uniform offensichtlich wichtiger ist, als der Mann, der drin steckt. Kleidung, Cabot, ist austauschbar – Männer, vor allem gute Männer, nicht.“

Langsam fand Cabot wieder zur Sprache.

„Woher wissen Sie, was Lieutenant Craig mir empfohlen hat?“, fragte er.

„Weil wir vorher darüber gesprochen haben, Sir. Danach können Sie ihn gern selbst fragen. Aber Ihre nette Vorstellung sollten Sie zunächst dem Colonel erklären“, grinste Robert und zog sich zurück. Colonel Bennett drängte sich durch.

„Wir reden im Fort darüber, Captain Cabot. Solche Sachen beredet man nicht vor versammelter Mannschaft“, sagte Frederick Bennett. „Sammeln Sie Ihre Leute und kehren Sie zum Fort zurück!“

„Aber, Sir, meine Leute sind … sind tot!“, stotterte Cabot.

„Brauchen Sie einen Nervenarzt oder sind Sie wirklich so blöd?“, entfuhr es Bennett senior gereizt. „Wie lange braucht bei ihnen der Nickel eigentlich, um zu fallen? Mann, Ihren Leuten fehlt nichts, außer, dass einige morgen Muskelkater im Zwerchfell haben werden, weil sie sich über Ihre Vorstellung schlappgelacht haben!“

Bennett drehte sich zu den Soldaten um.

„Zurück zum Fort! Zieht euch um, Jungs!“, befahl er dann. Die Schwadronen sammelten sich, formierten sich zur üblichen Zweierreihe und ritten zum Fort zurück. Cabot schäumte vor Wut, aber er hatte im Augenblick nicht den Mut, Lieutenant Bennett anzugreifen, weil sämtliche Männer der drei Schwadronen feixten.

Im Fort befahl Bennett senior den verschreckten Cabot gleich in sein Amtszimmer.

„Captain, was mache ich mit Ihnen? So, wie Sie die Schwadron heute geführt haben, kann ich Sie unmöglich nach Virginia lassen. Das kostet mehr Leute das Leben, als ich verantworten kann.“

„Sir, ich bin schamlos hereingelegt worden! Das war doch ein abgekartetes Spiel, in dem Ihr Sohn die Regeln gemacht hat, die ich aber nicht kannte. Damit war nicht zu rechnen, Sir!“, wehrte sich Cabot, der allmählich wieder zu sich kam.

„Ja, es war ein abgekartetes Spiel, das gebe ich ohne weiteres zu. Ein Spiel auf meine Anweisung. Mit mir hat man das gleiche Spiel getrieben, anno 1840, als ich meine erste Schwadron übernahm. Das habe ich mit meinen Söhnen gemacht, das habe ich mit meinen Majors gemacht. Ein Überraschungsschlag ist der beste Test, den man mit einem Offizier machen kann. So schlimm wie Sie ist noch keiner ins Fettnäpfchen getreten. Sie haben keinerlei Übersicht gezeigt, haben völlig wirr reagiert. Ich muss von meinen Offizieren erwarten können, dass sie über die ihnen anvertrauten Soldaten den Überblick behalten, dass sie fähig sind, einen guten von einem törichten Rat zu unterscheiden. Andererseits hoffe ich, dass Ihnen der Schock von heute eine Lehre ist, die sie dazu veranlasst, Ihr Verhalten zu ändern. Ich habe heute Morgen bemerkt, dass Sie Ihren Leuten eine andere Uniform befohlen haben. Was gibt es an den Uniformen der Männer auszusetzen?“

„Sie waren nicht vorschriftsmäßig. Und unvorschriftsmäßige Monturen dulde ich nicht“, erwiderte Cabot markig.

„Sie haben heute Morgen mal auf das Thermometer gesehen?“, fragte Bennett listig.

„Ja, Sir.“

„Welche Temperatur hatten wir heute Morgen um halb sieben, als Sie die Männer in diese Heizanzüge gesteckt haben?“

„Knapp siebzig Grad Fahrenheit[1], Sir.“

„Siebzig Grad! Das bedeutet Mittagstemperaturen von fast hundert Grad, Sie Esel! Im Schatten, wohlgemerkt! Haben Sie auf dem Übungsplatz irgendwo Schatten bemerkt, außer unter dem Pferd? Wollen Sie mir die Leute umbringen, bevor sie überhaupt richtig eingesetzt werden?“

„Sir, ein Soldat muss mit Hitze wie mit Kälte fertig werden!“, widersprach Cabot.

„Aha. Das mag in der Theorie schön klingen, Mr. Cabot. In der Praxis werden Sie damit nicht allzu weit kommen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Und wenn ich Sie mir so betrachte, Mr. Cabot, wären Sie nur fünf Minuten später aus dem Sattel gekippt. Ihre Uniform trieft vor Schweiß. Ein Soldat, Captain, muss unter Umständen tagelang auf einem sonnendurchglühten oder regentriefenden Schlachtfeld aushalten können, gewiss, ich gebe Ihnen Recht. Aber man kann von einem Soldaten nicht erwarten, dass er sich im Wintermantel in die Sonne stellt und bei Regen nicht seine Plane auspackt! Davon mal abgesehen, sollte der Rock, den Sie tragen, eher der Parade und anderen großen Anlässen dienen, weniger dem Dienst im Felde. Epauletten machen sich besser, wenn sie nicht so zerfetzt sind, wie Ihre. Gewöhnen Sie sich lieber eine praktischere Uniform für den normalen Dienst an. Was die Monturen Ihrer Schwadron anbelangt, sind diese eher vorschriftsmäßig, als Ihre zerrissene Affenjacke. Sie sind in der vorgeschriebenen Farbe gehalten, sie tragen die vorschriftsmäßigen Rangabzeichen. Ich werde mir überlegen, ob ich Sie weiter in der Vertretung von Captain Bruce belasse, Captain Cabot. Meine Entscheidung lasse ich Sie morgen wissen. Das wäre alles.“

Robert Bennett putzte seinem Pferd vor dem Stall die Hufe, als Cabot wie ein geprügelter Hund aus der Kommandantur schlich. Langsam kam ihm der Verdacht, dass er es mit Cabot vielleicht zu bunt getrieben hatte. Tatsächlich kam keine fünf Minuten später die Ordonnanz seines Vaters, um ihn in die Kommandantur zu bestellen. Sein Vater sah ihn einen Moment an, nachdem Robert sich zur Stelle gemeldet hatte.

„Ich hoffe, diese Vorstellung hat dir die Augen geöffnet, dass ich meine Leute mit jemandem wie Cabot nur ungern ins Feld schicken würde. Ich biete dir den Posten noch mal an.“

„Dad, zum einen kann ich nicht, …“

„Hör auf mit dem Blödsinn! Dumme-Jungen-Wette! Du bist doch nicht so grün, dass du das wirklich ernst nimmst!“, unterbrach Frederick seinen Sohn barsch.

„… zum anderen ist es Barrys Schwadron. Wenn du mich nur als Vertretung für Barry schicken willst, ohne Beförderung, gern. Aber ich nehme Barry nicht seinen Haufen weg“, entgegnete Robert ungerührt. „Außerdem habe ich Cabot wohl ein bisschen zu heftig auflaufen lassen“, setzte er schuldbewusst hinzu. Frederick schüttelte den Kopf.

„Bruce wäre froh, wenn du ihm die Schwadron abnimmst. Du führst sie ohnehin. Bruce könnte deine Position einnehmen.“

„Vater, er ist Captain. Um den Rang loszuwerden müsste Barry seinen Abschied nehmen. Das kann er nicht, weil er seine Mindestdienstzeit als Offizier noch nicht erfüllt hat. Um ihn zu degradieren, brauchst du einen Grund und den hast du nicht, denn Barry hat nichts verbrochen, was eine Degradierung rechtfertigen könnte. Wenn du mich also unbedingt zum Captain befördern willst, ginge das nur, wenn du mir eine andere Schwadron gibst. Und ich habe so viel in die Männer investiert, dass ich sie nicht hergebe.“

„Barry könnte mein Adjutant werden.“

„Willst du Cabot auf den Mond schießen? Den Job beherrscht er wenigstens, das ist unbestreitbar.“

„Du stehst vor der Wahl: Cabot oder du. Einer von euch beiden wird diese Schwadron bei ihrem ersten wirklichen Einsatz führen.“

„Ich weiß, dass ich es mit ihm zu weit getrieben habe. Gib ihm eine zweite Chance“, erwiderte Robert. Frederick seufzte.

„Man kann jedenfalls nicht behaupten, dass du karrieresüchtig wärst. Wozu hast du eigentlich vier Jahre auf West Point verbracht, wenn du nicht Karriere machen willst?“

„Wer sagt, dass ich das überhaupt nicht will? Ich möchte im Moment nicht. Aus bestimmten Gründen, die ich dir erläutert habe.“

„Also Cabot! Hoffentlich bereust du das nicht eines Tages, mein Junge!“, orakelte Frederick Bennett düster.

[1] Grad Fahrenheit: In den USA werden Temperaturen nach der Fahrenheit-Skala gemessen.

Umrechnung Fahrenheit Celsius: 32 subtrahieren, mit 5 multiplizieren, durch 9 dividieren.

Umrechnung Celsius Fahrenheit: Mit 9 multiplizieren, durch 5 dividieren, 32 addieren.

70° F = 21,1 ° C, 100° F = 37,8° C

 

 

Kapitel 7

Feuertaufe

 

Die Hauptstädte der Kontrahenten befanden sich in fast greifbarer Nachbarschaft zueinander, da Richmond, das nach dem Beitritt Virginias zur Konföderation zur Hauptstadt des neuen Staatsgebildes erhoben wurde, nur knapp hundert Meilen fast direkt südlich von Washington lag. Der Potomac River trennte den District of Columbia am nördlichen Ufer vom Staat Virginia auf dem südlichen Ufer und bildete damit die Grenze zwischen der Union und der Konföderation. Direkt gegenüber der Bundeshauptstadt befand sich ein großer Landsitz am südlichen Ufer, der Arlington hieß und Eigentum des Colonels Robert E. Lee war. Lee hatte schon kurz nach Jahresbeginn seinen Dienst bei der 2nd US-Cavalry quittiert. Präsident Lincoln hatte dem als brillant geltenden Kavalleristen Lee den Oberbefehl über die Unionsstreitkräfte angeboten, doch Lee lehnte mit dem Hinweis darauf, dass er sich nicht in der Lage sähe, das Schwert gegen das eigene Volk zu erheben, dankend ab. Er hatte lange mit sich gerungen, so lange, bis Virginia sich der Konföderation angeschlossen hatte. Ebenso lange zögerte Lee, sich für die Sache der Sezession zu engagieren, aber schließlich siegte der Virginier über den Amerikaner und Robert E. Lee folgte dem Ruf des Präsidenten Davis.

An Stelle von Lee blieb General Scott (er war über fünfundsiebzig Jahre alt!) Oberbefehlshaber der Union. General McDowell übernahm den Befehl über die Army of the Potomac, jener Armee, deren Aufgabe es war, Washington zu schützen. McDowell sammelte Ende Mai, Anfang Juni 1861 um Washington eine ansehnliche Streitmacht, um Richmond anzugreifen. Der General forderte Kavallerie an und erhielt Abteilungen von den 1st und 2nd US-Dragoons und einen Teil des Bataillons A der Cavalry Reserve West. Major Richard Craig hatte Major Baladier abgelöst, der einen Beförderungsposten bei einem anderen Regiment angenommen hatte und kam mit den Schwadronen A, B und C seiner Einheit nach Washington. Colonel Bennett hatte seine Drohung wahr gemacht und die C-Schwadron unter das kommissarische Kommando von Captain James C. Cabot gestellt. Gleichzeitig hatte er aber Major Craig die Weisung gegeben, mit der Schwadron C nichts zu unternehmen, ohne die Lieutenants dabeizuhaben.

Während General McDowell seine Truppen sammelte, stellten auch die Konföderierten eine große Armee zusammen, die zwischen Richmond und Washington, bei Manassas in Virginia am Flüsschen Bull Run lag. General Beauregard, nach dem Fall vom Fort Sumter zum Commander-in-Chief der konföderierten Truppen ernannt, wollte so bald wie möglich Washington angreifen und Disziplinierungsbestrebungen des Nordens gegenüber dem abtrünnigen Süden durch Einnahme der Bundeshauptstadt verhindern. McDowell plante ebenfalls einen Angriff auf Richmond, in der Hoffnung, dass die Konföderation mit dem Fall der Hauptstadt zusammenbrechen würde. Den Politikern in Washington war McDowells Haltung, zunächst eine wirklich große Armee zu versammeln und dann loszuschlagen, zu zögerlich. Abgeordnete und Lobbyisten steuerten die Presse geschickt dahin, dass die öffentliche Meinung immer lauter den Angriff auf Richmond forderte. Nach langem Zögern erklärte McDowell sich bereit, die Armee am 15. Juli in Richtung Richmond in Marsch zu setzen.

Die Soldaten der Nordarmee, die in den Zeltstädten um Washington lagerten, ahnten weder, wann noch wo die erste Schlacht des Krieges geschlagen werden sollte, von der die meisten annahmen, sie werde auch die Letzte sein. Was sich in den Militärlagern tummelte, waren zum blanken Entsetzen der wenigen Berufssoldaten Amateure, Abenteurer, Sonntagssoldaten. Abgesehen von den Abteilungen der 2nd, 3rd und 8th US-Infantry, den Batterien D, E, G und M der 2nd US-Artillery und den Abteilungen der 1st und 2nd Dragoons und der Cavalry Reserve West bestand die ganze riesige Armee nur aus Freiwilligen, die sich bei ihren Staatsmilizen gemeldet hatten.

In den langen Wochen des Lagerlebens war das Bataillon von Major Craig ein verschworener Haufen geworden. Selbst Captain Cabot zeigte erste Ansätze von Lernerfolg und schien sich allmählich in die Reihen der Berufssoldaten zu integrieren. Dass er keinen so vertrauten Umgang mit den Soldaten pflegte, war ihm nicht zum Vorwurf zu machen. Schließlich konnte man von einem Offizier nicht unbedingt erwarten, dass er sich von seinen Männern duzen ließ. Auch Henderson und Carmody zeigten eine gewisse Distanz zu den Mannschaften, beschränkten den vertraulichen Ton auf die Offizierskameraden. Cabot war und blieb hier die absolute Ausnahme, da er nicht einmal mit den Offizieren einen vertrauten Ton pflegte, was aber nach dem bösen Streich, den sie ihm gemeinsam gespielt hatten, eher verständlich war. Immerhin wies er Roberts wohlgemeinte Ratschläge nicht mehr kategorisch ab, sondern probierte wenigstens aus, was der junge Lieutenant ihm empfahl.

Sechs Wochen nach ihrem Eintreffen vor Washington riskierte Major Craig es, die C-Schwadron unter Cabots Kommando auf Patrouille zu schicken, nicht ohne den Captain zu ermahnen, auf Bennett und Craig zu hören.

„Captain, Sie werden mit Ihrer Schwadron den Potomac überqueren und die Bahnlinie nach Manassas überprüfen. Stellen Sie sicher, dass die Linie in Ordnung ist. Wenn wir Richmond angreifen, wird die Linie eine wichtige Verbindung dorthin sein. Wir müssen sie deshalb unter Kontrolle behalten. Vermeiden Sie aber nach Möglichkeit den Kampf und fangen Sie von sich aus keinen an.“

Cabot stand die Enttäuschung im Gesicht geschrieben wie in einem offenen Buch.

„Ja, Sir!“, bestätigte er, unüberhörbar unzufrieden. Craig warf seinem Sohn und Robert Bennett einen viel sagenden Blick zu. Sie nickten verstehend.

Eine Stunde später war die Schwadron auf dem Weg nach Süden, folgte der Eisenbahntrasse der Baltimore & Ohio Railroad. Bei Alexandria machte die Linie einen nahezu rechtwinkligen Knick nach Westen, um dann über den Knotenpunkt Manassas im Bogen nach Richmond zu führen. Etwa eine Meile nördlich dieser Bahnlinie erstreckte sich ein Waldgebiet, das für mögliche Überfälle den besten Schutz für die Angreifer bot. Cabot sah sich den Wald nachdenklich an.

„Was meinen Sie, Bennett? Könnten sich dort Rebellen verstecken?“

„Durchaus möglich, Sir.“

„Schicken Sie einen Spähtrupp, um die Lage zu klären“, wies Cabot ihn an. Robert salutierte mit freudigem Gesichtsausdruck.

„Ja, Sir!“, bestätigte er, drehte sein Pferd um und ritt nach hinten.

„Freiwillige vor zum Spähtrupp!“, kommandierte er. Die Trooper Clifford, Pembroke, Nott, Short und Oaktree waren sofort zur Stelle. Als noch einige nachdrängten, stoppte Robert die Männer.

„Danke, Jungs, fünf Mann reichen“, rief er. „Gut, ihr seht euch in dem Wald drüben um. Stellt fest, ob die Luft rein ist.“

„Wird gemacht, Sir!“, sagten sie wie aus einem Munde und ritten zum Waldrand hinüber. Sie drangen in seitlichen Abständen von etwa zehn Yards in das Unterholz ein, tasteten sich in der relativen Dunkelheit des Waldes vor.

Ohne jede Vorwarnung zerrissen Schüsse die Stille. Short wurde von vier oder fünf Kugeln getroffen und stürzte tödlich verwundet aus dem Sattel. Die anderen vier kehrten erschrocken um, ohne genau nachzusehen, mit wie vielen Gegnern sie es zu tun hatten. Eilig preschten sie zurück.

„Starke Einheiten der Rebellen im Wald, Sir!“, meldete Pembroke hastig.

„Was ist es, wie viele sind es?“, fragte Robert. Pembroke wurde rot.

„Äh, das kann ich nicht sagen, Sir“, murmelte er verlegen.

„Wozu schicke ich euch dahin?“, knurrte Robert. Aber Cabot hatte schon abgewinkt, den Säbel gezogen.

„Schwadron ausschwärmen, Säbel auf! Hornist, …“

„Halt, Captain, wir sollen den Kampf vermeiden!“, erinnerte Robert.

„Halten Sie den Mund, Bennett! Trompeter, auf mein Signal blasen Sie Attacke!“, befahl Cabot.

„Captain, wir wissen weder, wo die Rebellen genau sind, noch wie viele es sind“, mahnte Thomas.

„Sie halten gefälligst auch die Klappe, Craig!“, schnauzte Cabot. „Hornist: Attacke!“

Nat Joshua blies das Signal, im gleichen Augenblick brachen die Rebellen aus dem Wald hervor. Geschätzt vier Kompanien Infanterie! Robert preschte zu Cabot.

„Verdammt, Sir, das geht schief! Das sind zu viele! Lassen Sie zum Rückzug blasen!“

„Rückzug? Was ist das? Kann man das essen? Ich kenne dieses Wort nicht, Bennett!“, brüllte Cabot zornig und stürmte vor.

„Idiot!“, knurrte Robert. „Joshua! Nathan Joshua! Stoß in dein Horn! Rückzug!“

Joshua gehorchte und blies das Rückzugssignal. Noch waren die Konföderierten so weit entfernt, dass die Nordstaatler sich hinter dem Bahndamm verschanzen konnten. Die Unionssoldaten machten kehrt – bis auf Cabot. Als er sich – mehr zufällig – umdrehte und feststellte, dass er als Einziger angriff, wurde ihm vor Schreck schwindlig, er fiel ohnmächtig aus dem Sattel.

Robert, der die Leute hinter dem Bahndamm verteilte, bemerkte Cabots Sturz und galoppierte sofort zurück, fing Cabots Pferd ein, klopfte ihn in aller Eile wach, schob ihn auf sein Pferd und jagte mit ihm zurück, nicht ohne sich und dem Captain die schon sehr nahe gekommenen Infanteristen mit dem Revolver vom Halse zu halten. Im gestreckten Galopp jagten sie zum Bahndamm.

Die erste Reihe der Infanteristen kniete nieder, dahinter schloss die zweite Reihe auf, eine Salve krachte, die beiden Pferde brachen getroffen zusammen, Bennett und Cabot stürzten und kollerten einige Yards weiter. Zwischen ihnen und dem rettenden Bahndamm waren noch wenigstens zwanzig Yards – zu viel, wenn vierhundert Gewehre rollende Salven feuerten! Lieutenant Bennett bekam den Captain gerade noch am Kragen zu fassen, als der zum Damm laufen wollte und riss ihn hinter eines der toten Pferde in Deckung. Schüsse krachten. Sie konnten hören, wie die Kugeln in den Sattel des Kadavers einschlugen, hinter dem sie lagen.

„Tom!“, rief Robert „Gebt uns Feuerschutz!“

Craig winkte bestätigend, die Männer der Schwadron schossen, was die Läufe hergaben, die Infanteristen vor dem Wald hatten die ersten Verluste und mussten sich mangels Deckung zurückziehen. Die Feuerpause reichte aus, damit Bennett und Cabot ihre Gewehre aus den Sattelholstern mitnehmen konnten und hinter dem Bahndamm in Deckung gehen konnten. Die durch die Einordnung der beiden Offiziere entstehende Pause bei den Yankees nutzten die Konföderierten gleich für einen neuen Angriff.

Robert übersah geflissentlich, dass Cabot einen Balken mehr auf der Schulter hatte und befahl rollende Salve. Die Wirkung des Feuers war vernichtend. Der Angriff der Südstaatler blieb in den abwechselnd abgegebenen Schüssen der Nordstaatler stecken. Obwohl in der deutlichen Überzahl, zogen sich die aus dem Wald gekommenen Konföderierten nach schweren Verlusten zurück. Aber auch bei den Unionskavalleristen hatte es ernsthafte Verluste gegeben. Zehn Männer waren tot, fünfzehn verwundet, sechs Pferde waren gleichfalls den Schüssen der Infanteristen zum Opfer gefallen.

Die Lieutenants kümmerten sich mit den übrigen Männern um die Verwundeten, als Robert plötzlich einen heißen Revolverlauf im Nacken spürte.

„Heben Sie die Hände, Mr. Bennett! Ich verhafte Sie wegen Feigheit vor dem Feind!“, keuchte Captain Cabot. Der Hahn der Waffe knackte, als Bennett nicht sofort reagierte.

„Wird’s bald?“, fauchte Cabot. Robert merkte, dass sich seine Nackenhaare langsam vor Schauder aufstellten. Langsam hob er die Hände bis in Brusthöhe.

„No! Capitano, tu sei stupido!“, fuhr Corporal Cologgia in seiner unnachahmlichen italienischen Tonart dazwischen. „Capitano, ohne Tenente Roberto wären Sie gar nicht hier, nachdem Sie vor Schreck aus dem Sattel gefallen sind! Er hat Sie geangelt von Schlachtfeld!“

Einen Moment war Cabot verblüfft, wie auch alle anderen durch das Handeln des Captains gelähmt waren.

„Wer sind Sie überhaupt?“, knurrte Cabot den kleinen Italiener an. Cologgia nahm Haltung an.

„Caporale Umberto Cologgia, Cavalry Reserve West, Squadrone C, 1. Zug!“, stellte er sich vor. Cabot nickte mürrisch und wandte sich wieder an Robert, der aufgestanden war und sich umgedreht hatte, die Hände immer noch erhoben.

„Ich sorge dafür, dass Sie an die Wand gestellt werden, Bennett!“

„Weshalb? Weil ich Sie zurückgeholt habe?“, fragte Robert.

„Wegen Meuterei und Feigheit vor dem Feind.“

„Meuterei? Feigheit vor dem Feind? Cabot, wie schreibt man das?“, erkundigte sich der Lieutenant und nahm die Hände wieder herunter, Cabot stieß mit der Waffe nach ihm, aber Robert griff beherzt zu und wand sie dem Captain aus der Hand. Ein Schuss löste sich, fuhr aber zum Glück wirkungslos in den Bahndamm.

„Cabot, Sie spinnen doch! Major Craig hatte Ihnen ausdrücklich befohlen, sich aus einem Kampf herauszuhalten, wenn er vermeidbar ist. Verdammt, wir sollen kundschaften, nicht abräumen!“

„Der Kampf war nicht vermeidbar, denn wir wurden angegriffen, oder haben Sie das bereits vergessen?“, erinnerte Cabot zornig.

„Ich behaupte, dieser Kampf wäre vermeidbar gewesen, wenn wir uns von vornherein zurückgezogen hätten …“

„Bennett, Sie feige Socke – jeder Kampf ist vermeidbar, wenn man rechtzeitig den Schwanz einzieht“, erwiderte Cabot.

„Das erklärt aber immer noch nicht Ihren idiotischen Angriff, Cabot! Mag sein, dass die Dixies uns angegriffen haben, aber Ihre Attacke war mit dem Befehl, den Major Craig Ihnen gab, in keiner Weise vereinbar. Es ist unser Job, herauszufinden, ob sich hier Rebellen herumtreiben und falls ja, wie viele es sind! Es ist nicht unser Job, sie gleich zu bekämpfen, vor allem, wenn man überdeutlich sieht, dass sie in reichlicher Überzahl vorhanden sind!“, entgegnete Robert wütend. „Und noch was, Captain: Wenn Sie mich je wieder Feigling nennen, streiche ich den einen Balken, den Sie mehr haben, aus meinem Gedächtnis und haue Sie windelweich, klar?“

„Nehmen Sie zur Kenntnis, Lieutenant Bennett, dass es eine Menge Zeugen dafür gibt, dass Sie mir gedroht haben. Ich werde Sie melden.“

„Dann erzählen Sie die Begebenheit bitte vollständig, Captain, und reißen Sie meine Warnung nicht aus dem Zusammenhang.“

Cabot musterte Robert von oben bis unten.

„Ich habe bisher nicht feststellen können, dass Sie besonders mutig sind, Lieutenant. Insofern betrachte ich meine Behauptung nicht als widerlegt.“

„Wenn Ihnen das nächste Mal auf dem Schlachtfeld vor Schreck schlecht wird, Cabot, sehen Sie selber zu, wie Sie wieder in die eigenen Reihen kommen!“, versetzte Robert giftig. „Ich setze kein zweites Mal mein Leben aufs Spiel, um Sie herauszuhauen, wenn mir hinterher dafür mit dem Kriegsgericht gedroht wird!“, grollte Robert.

„Sie haben nicht mehr getan, als Ihre Pflicht gegenüber einem vorgesetzten Offizier zu erfüllen. Als Heldentat ist das nicht zu bezeichnen.“

„Helden, Captain Cabot, Helden gibt es nicht! Es gibt nur mehr oder weniger Verrückte. Insofern teile ich Ihre Meinung. Aber wenn ich meine Pflicht erfüllt habe, bin ich wohl kaum als Feigling zu bezeichnen! Also wagen Sie es nicht, mich je wieder so zu nennen“, erwiderte Robert mit mühsamer Beherrschung. Er war kurz davor, dem Captain an die Gurgel zu gehen. Allein Thomas Craigs Intervention hinderte ihn daran.

„Ist jetzt bald gut mit der Streiterei?“, fuhr Tom dazwischen. „Wir haben andere Probleme! Emerson und Mortensen müssen dringend ins Lazarett, wenn sie überleben sollen! Statt sich um des Kaisers Bart zu streiten, sollten Sie lieber die Rückkehr zum Lager anordnen, Captain!“

„Wollen Sie mir jetzt auch noch Befehle erteilen, Craig? Wann wir zurückkehren, bestimmen unser Auftrag und mein Befehl!“, schnauzte Cabot. Craig maß ihn abschätzend von oben bis unten.

„Captain Cabot, nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich Sie melden werde, weil Sie Ihren Verpflichtungen gegenüber den Ihnen anvertrauten Männern nicht nachkommen. Unser Auftrag ist erfüllt, weil wir festgestellt haben, dass an der Bahnlinie Rebellentruppen sind. Aber wenn Sie noch weitersuchen wollen, dann stellen Sie wenigstens einen Transport mit den Verwundeten zusammen, damit sie ärztliche Versorgung erhalten. Die Männer weiter mitzuschleppen, wäre völlig unverantwortlich.“

„Sie wollen mir also vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe, Craig?“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Mein Vater hat Recht: Sie sind so blöd!“, erwiderte Tom schulterzuckend. „Sie sind so dämlich, dass die Pferde Sie beißen, Cabot. Was glauben Sie eigentlich, was Sie ohne Ihre Männer wert sind? Keinen roten, verbogenen Cent! Ein Offizier braucht seine Leute, um seine Aufgabe erfüllen zu können. Also sollte er schonend mit ihnen umgehen!“

Damit drehte er sich um und ließ Cabot einfach stehen.

„He, was haben Sie vor, Craig?“

„Meine Verwundeten zum Camp schicken“, erwiderte Tom ohne sich umzudrehen.

„Craig, ich befehle Ihnen …“, setzte Cabot an, aber er kam nicht weiter. Robert und Cologgia hielten ihn einfach fest, Masterson schob Cabot mit sanfter Gewalt ein zusammengeknülltes Stück Verbandszeug in den Mund.

„Es reicht jetzt, Captain“, erwiderte Bennett. „Ich stelle jetzt einen Transport mit den Verwundeten zusammen und schicke den mit unseren bisherigen Ermittlungen zum Camp zurück. Danach dürfen Sie wieder Befehle geben“, setzte er hinzu. Aus Cabots Augen schossen zornige Blitze, er versuchte sich zu befreien, aber es gelang ihm nicht.

„Pass’ auf ihn auf, Collie!“, befahl Bennett und entfernte sich.

Wenig später ging ein Trupp von zehn verwundeten Troopern und drei Mann unverletzter Begleitmannschaft ab. Als sie außer Rufweite waren, nahm Robert Cabot den Knebel ab.

„Die Verwundeten sind auf dem Weg. Ihre weiteren Befehle, Sir?“, fragte er formvollendet. Cabot schnaubte wütend.

„Ich seh’s ein, Bennett. Sie sind so bockig, dass ich keine andere Wahl habe, als die Patrouille abzubrechen und zurückzukehren. Aber Ihre Meuterei wird Sie eine Kleinigkeit kosten! Auf die Pferde, wir reiten zurück!“

Am Nachmittag erreichte die Schwadron das Hauptcamp vor Washington. Wutschnaubend stapfte Captain Cabot zum Zelt des Bataillonskommandeurs und erstattete zornig seinen Bericht. Major Craig verglich den Bericht mit dem, was ihm die eine Stunde früher angekommenen Soldaten Cabots erzählt hatten.

„Sir, ich muss Lieutenant Bennett und Lieutenant Craig melden, weil sie sich meinen Befehlen widersetzt haben“, setzte Cabot dann seinem Bericht hinzu.

„Worin bestanden Ihre Befehle?“, fragte Craig senior. Cabot sah ihn verblüfft an.

„Wieso wollen Sie das wissen?“

„Ich möchte wissen, worin die Befehle bestanden, damit ich prüfen kann, ob die Lieutenants zu bestrafen sind, Captain Cabot“, präzisierte Craig.

„Das ist doch völlig unerheblich. Sie haben den Befehl verweigert und gehören dafür bestraft“, versetzte Cabot. Craig sah ihn mitleidig an.

„Captain, ich habe Ihnen eben einen Befehl gegeben. Sie führen ihn nicht aus. Soll ich Sie jetzt bestrafen?“, fragte er süffisant.

Cabot wurde feuerrot und erklärte dem Major, welche Befehle missachtet worden waren. Major Craig sah den Captain noch mitleidiger an als vorher.

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, soll ich Lieutenant Craig bestrafen, weil er wollte, dass die Verwundeten in Sicherheit gebracht werden, Lieutenant Bennett dafür, dass er den Transport abgeschickt hat, dafür, dass er einen militärisch völlig sinnlosen Angriff abgeblasen hat und dass er Sie aus einer recht peinlichen Lage befreit hat. Cabot, gebe Gott, dass Sie nie wirklich was zu sagen haben. Mir wäre angst und bange, wenn Sie an der Armeespitze stünden. Mit Ihnen verlieren wir diesen Krieg garantiert“, sagte der Major. „Ich hatte Ihnen den eindeutigen Befehl gegeben, sich aus dem Kampf herauszuhalten. Dem sind Sie nicht gefolgt, als Sie die Rebellen befehlswidrig angreifen wollten. Ich gebe Ihnen noch eine Chance, Captain. Wenn Sie wieder danebenhauen, bekommt Lieutenant Bennett die Schwadron. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

„Er arbeitet doch die ganze Zeit nur darauf hin, dass Sie mir das Kommando entziehen, Sir!“, beklagte Cabot sich. „Bennett ist einfach bockig und nun soll er dafür auch noch belohnt werden?“

„Captain Cabot, um eines klarzustellen: Die Schwadron, die Sie führen, hätte Lieutenant Bennett eigentlich schon seit dem Ausfall von Captain Bruce haben sollen. Sie haben sie bekommen, weil der Junge sich hartnäckig weigert, befördert zu werden. Colonel Bennett wollte Ihnen das Kommando schon nach dem Debakel auf dem Übungsplatz entziehen. Sie haben es behalten, weil Lieutenant Bennett darum gebeten hat, Ihnen eine faire Chance zu geben. Ich gebe Ihnen diesmal nicht nur den Rat, sondern den dienstlichen Befehl, Ihr Vorgehen mit Lieutenant Bennett abzustimmen.“

„Was kann der Kerl eigentlich, was ich nicht können sollte?“, fragte Cabot giftig. „Er ist weder besonders mutig, noch habe ich bisher feststellen können, dass er mir militärisch überlegen ist.“

„Was er Ihnen voraushat? Vier Jahre West Point und sechzehn Jahre Erfahrung im Westen, Captain Cabot! Der Junge ist unter Soldaten und Indianern aufgewachsen! Und was Mut anbetrifft: Jemanden vom Schlachtfeld zu angeln, der dort hilflos liegen geblieben ist – aus welchem Grund auch immer – halte ich nicht nur für mutig, sondern für heldenhaft. Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen, Cabot. Morgen greifen wir die Rebellen an. Sie müssen dann ausgeschlafen sein“, versetzte Craig.

Während Cabot seinen Bericht erstattete, bezogen die Soldaten seiner Schwadron wieder ihre Quartiere im Camp. Die benachbarten Soldaten der 6th Massachusetts Volunteers hatten die Post für die abwesenden Männer der Cavalry Reserve angenommen. Einer ihrer First-Sergeants betätigte sich als Postbote bei den Rückkehrern. Für Robert Bennett waren ein Brief seines Vaters und einer von Susan Craig dabei. Er las in froher Erwartung den Brief von Susan zuerst, weil ihm der Abschied von ihr sehr schwer gefallen war. Aber ein Satz in dem Brief ließ ihm die Nackenhaare hochsteigen.

„Oh Gott, Tom, hör’ dir das an: Für den Unabhängigkeitstag habe ich eine Einladung von Lieutenant Gordon bekommen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich sie annehme, weil es völlig unmöglich wäre, allein zum Feuerwerk am Unabhängigkeitstag zu gehen. Meiner Treu! Ronnie will mir Susan ausspannen!“, keuchte er entsetzt. „Und das Schlimmste ist: Der Unabhängigkeitstag ist vor zwei Wochen gewesen! Wo, verdammt noch mal, hat die Post wieder geschmort? Wir sind doch seit fast zwei Monaten hier!“

„Robert! Zum Ausspannen gehören zwei!“, beruhigte Thomas ihn. „Susan hat sicher nicht die Absicht, sich dir ausspannen zu lassen.“

„Tom, Ronnie ist nicht Mr. Irgendwer! Ronnie ist der Regimentscasanova! Der wickelt die Mädchen um den Finger, ohne dass die was davon merken, bevor es zu spät ist. Tom, wenn Ronnie sich in den Kopf gesetzt hat, Susan in seine Eroberungssammlung aufzunehmen, könnte ich ihn nur daran hindern, wenn ich zu Hause wäre. Und dann auch nur mit Gewalt.“

Thomas wusste, dass Robert Recht hatte. Ronalds Terminkalender war auf der Schule berühmt-berüchtigt gewesen. Er hatte es fertig gebracht, mit fünf Mädchen gleichzeitig sehr enge Beziehungen zu unterhalten, ohne dass die fünf jungen Damen auch nur im Geringsten voneinander geahnt hatten.

„Ach was!“, tat er die drohende Gefahr dennoch ab. „Wenn wir heimkommen und Susy dir um den Hals fällt, ist alles vergessen. Dann ist immer noch Zeit, sie über den Windhund Ron Gordon aufzuklären.“

„Ich wünschte, ich könnte deinen Optimismus teilen“, entgegnete Robert. Er schrieb noch am selben Tag einen Brief an Susan, in dem er sie dringend vor Ronald warnte und ihr erklärte, wie sehr er sie vermisste. Das Schreiben trug er auch gleich zum Feldpostmeister und bat in Gedanken den Herrgott, die Post noch rechtzeitig ankommen zu lassen, bevor es endgültig zu spät war.

Am Tag darauf beorderte Major Craig seine Offiziere zur Stabsbesprechung.

„Meine Herren, das Warten hat ein Ende. Wir greifen die Rebellen bei Manassas an und werden sie mit Gottes Hilfe bis nach Richmond treiben – vielleicht auch ein bisschen weiter“, eröffnete der Major die Zusammenkunft. „General McDowell hat sich entschlossen, zuzuschlagen, bevor Beauregard seine Reserven aus dem Shenandoah-Valley hinzuziehen kann. Wir haben erfahren, dass eine ganze Brigade noch nicht zu Beauregards Verfügung steht. Wir werden die Situation deshalb nutzen und Beauregards Truppen unangespitzt in den Boden von Virginia rammen. Ihre Aufgabe wird der Flankenschutz und die Aufklärung sein. Sie werden zusammen mit den Freiwilligen aus Massachusetts eingesetzt. Ich erwarte, dass Sie denen zeigen, wie Berufssoldaten zu kämpfen verstehen“, fuhr er dann fort. Er sah sich um und sah die zweifelnden Mienen seines Sohnes und Robert Bennetts. Derart martialische Töne kannten sie nicht von Richard Craig.

„Das, meine Herren, war der Wortlaut, in dem uns Stabsoffizieren die Pläne des Generals erläutert worden sind. Ich teile diese Worte nur insoweit, als das Warten nun endlich zu Ende ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es kaum Schlimmeres gibt, als zu sitzen und zu warten. Ich warne jedoch davor, die Rebellen zu unterschätzen. In deren Reihen befinden sich leider ausgerechnet die erfahrensten Offiziere. Tun wir unser Bestes, um sie zu schlagen – und das so, dass sie es nicht noch mal riskieren, ihre Nase nach Norden zu stecken. Wir reiten morgen bei Sonnenaufgang.“

Als sie am folgenden Morgen abrückten, fiel Thomas auf, dass viele Zivilkutschen ihnen folgten. Bei einer kurzen Pause, die sie machten, um die Pferde zu tränken, fragte Tom seinen Vater, was das zu bedeuten habe.

„Der Präsident hat erlaubt, dass die Zivilisten zusehen dürfen, wie wir die Dixies fertig machen. Ich hoffe, der Mann weiß, was er zugelassen hat“, seufzte Richard Craig. „Schlachtenbummler haben mir gerade noch gefehlt“, brummelte er. Er hatte das kaum ausgesprochen, als ein Zivilist auf ihn zugeritten kam.

„Guten Morgen, Major. Ich bin Aldo Clark, Kriegsberichterstatter vom Boston Telegraph. Ich hätte einige Fragen an Sie.“

„Mr. Clark, meine Männer und ich sind auf dem Weg nach Manassas, wo wir nach neuesten Berichten auf Rebellen stoßen werden – wie ich hoffe nur dieses eine Mal, weil ich kein Interesse daran habe, mein halbes Heimatland auf den Kopf stellen zu müssen, um diese unselige Sezession zu beenden“, erwiderte Craig leicht gereizt.

„Danke, Sir, damit haben Sie meine erste Frage schon beantwortet. Wie werden Sie vorgehen?“

„Außenstehende geht es herzlich wenig an, wie wir vorgehen wollen“, knurrte Craig.

„Sir, die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, über das Tun ihrer Armee informiert zu werden. Wir leben hier in einer Demokratie, nicht in einer von Europas adligen Autokratien“, protestierte der Journalist.

„Mr. Clark, wenn Sie Informationen haben wollen, sollten Sie sich an die Armeeführung wenden. Ich habe keine Anweisung, Zivilisten Auskunft über militärische Dinge zu geben. Deshalb werden Sie von mir nichts weiter erfahren“, versetzte der Major eisig. Der Journalist wollte nicht locker lassen, aber Craig winkte zwei kräftige Sergeants herbei.

„Bringen Sie den Herrn bitte zu den übrigen Zivilisten zurück. Er mag sich das Theater gern ansehen, wenn der Präsident es denn erlaubt hat. Aber seine Informationen soll er gefälligst anderswo einholen!“, wies Craig die Sergeants an. Beide krempelten die Ärmel auf und drangen auf den Journalisten ein.

„Okay, Jungs, ich weiche der Gewalt. Ist ja gut!“, wehrte Clark ab, als er rückwärts den Rastplatz verließ. „Aber Sie werden noch von mir hören, Major!“, rief er dann, als er außer Reichweite der Sergeants war und davon galoppierte.

Captain Cabot sah den Journalisten eilig fortreiten.

„Warum haben Sie ihn weggejagt, Sir?“, fragte er. „Die Armee hat schon so wenig Ansehen in der Bevölkerung. War es nötig, noch eins draufzusetzen?“

Craig sah ihn verblüfft an.

„Der Begriff militärisches Geheimnis sagt Ihnen wohl nichts, Captain Cabot?“, fragte er schließlich. „Wer gibt mir die Garantie, dass der Knabe nicht alles brühwarm den Rebellen erzählt? Aber selbst, wenn er kein Spion Beauregards ist: Er hätte er bestimmt nichts Eiligeres zu tun, als den nächsten Telegrafen damit zu blockieren und es seiner Zeitung weiterzugeben. Die druckt es spätestens heute Abend und morgen früh wissen die Rebellen es aus absolut frei zugänglicher Presse, denn der Boston Telegraph erscheint auch in Richmond“, knirschte Major Craig.

„Nun, in Boston hatten wir immer ein gutes Verhältnis zur örtlichen Presse, Sir“, beharrte der Captain.

„In Boston, Mr. Cabot, haben Sie auch nicht Krieg geführt!“, wies Craig ihn zurecht.

Cabot wurde rot und schwieg. Allmählich fragte er sich, wie er es immer wieder schaffte, kein Fettnäpfchen auszulassen. Er sah sich um. Sein Blick fiel auf Lieutenant Bennett, der an diesem Morgen seltsam in sich gekehrt wirkte. In einem plötzlichen Entschluss ritt Cabot zu ihm hin.

„Lieutenant Bennett?“, sprach er ihn an. Robert kam wie aus weiter Ferne zu sich.

„Sir?“, antwortete er erschrocken.

„Lieutenant, wenn ich heute keine Katastrophe auslösen soll, brauche ich Ihre Hilfe. Wollen Sie mir noch helfen, nachdem wir uns so oft gestritten haben? „fragte Cabot. Jeglicher Hochmut war aus Cabots Blick gewichen. Robert nickte.

„Selbstverständlich, Sir. Dazu haben Sie diese Schwadron bekommen“, antwortete der Lieutenant.

„Danke, Lieutenant“, sagte Cabot und ritt wieder auf seinen Platz.

Im selben Moment gab Major Craig das Zeichen zum Aufbruch. Tom Craig hatte zwar bemerkt, dass Robert und Cabot miteinander gesprochen hatten, aber er hatte nicht gehört, worum es ging.

„He, was wollte der Salondackel von dir?“, fragte er, als er sein Pferd neben das seines Freundes gebracht hatte.

„Cabot hat mich gefragt, ob ich bereit bin, ihm zu helfen und ich habe ja gesagt“, erwiderte Bennett.

„Bobby, der will doch bloß das Kommando nicht verlieren!“, entrüstete sich Tom. „Paps hat mir gestern Abend gesagt, dass er dir das Kommando gibt, wenn Cabot wieder versagt. Mann, so eine Chance kommt so schnell nicht wieder!“

„Tom, über die Frage, wer das Kommando dieses Haufens hat, haben wir ausführlich diskutiert. Ich betrachte das Thema als abgeschlossen“, gab Robert gereizt zurück.

Bevor Tom dazu kam, noch etwas zu sagen, hörten sie grollenden Donner aus Richtung Manassas. Major Craig ließ halten und in Linie antreten. Er trabte an der Front entlang.

„Männer!“, rief er schließlich, als er sein Pferd etwa vor der Frontmitte zum Stehen brachte. „Die Stunde der Entscheidung ist da. Sie sind lange ausgebildet und auf diesen Moment vorbereitet worden. Jetzt zählt Ihr Einsatz mit, ob dieser Kampf zugunsten der Union ausgeht oder nicht. Was immer Sie heute tun, denken Sie daran, dass unser Land – oder doch ein maßgebender Teil der politischen Klasse Washingtons – Sie heute sehr genau beobachten wird. Der Präsident hat erlaubt, dass die Bürger Washingtons Zeuge des bevorstehenden Kampfes werden können. Bedenken Sie das, wenn Sie jetzt nach Manassas kommen, wo unsere Truppen bereits im Kampf mit den Rebellen stehen.“

Richard Craig zog seinen Säbel, stieß ihn gerade in den blauen Sommerhimmel.

„Gentlemen – auf nach Richmond!“, rief er.

Nur eine Viertelstunde später bahnten sich die Kavalleristen einen Weg durch die Zivilisten, die am Rande des Schlachtfeldes auf das Spektakel warteten.

„Bei Gott, ich fass’ es nicht!“, entfuhr es Tom. „Wie konnte Lincoln das zulassen? Schlachten sollten Soldaten unter sich austragen.“

„Wer weiß? Vielleicht ist es für diese neugierigen Hanseln ein heilsamer Schock, zu sehen, dass eine Schlacht nichts besonders Schönes ist“, mutmaßte Robert. Ein Zupfen am Ärmel störte ihn auf.

„Eh, Tenente, was ist das? Civiliste?“, fragte Cologgia ihn.

„Wie du siehst, Collie.“

„Ecco, ich war nicht dabei, als Giulio Cesare seine Gladiatorenkämpfe veranstaltet hat. Aber ich glaube, die signori gladiatori hatten ebenso ein dummes Gefühl in die Bauch wie ich jetzt.“

„Ja, Collie. Geh’ jetzt auf deinen Platz zurück“, erwiderte Robert und klopfte Cologgia auf die Schulter. Cologgia salutierte und drehte wieder ab. Die Zivilisten am Rande des Feldes jubelten den blauuniformierten Reitern zu und feuerten sie an:

„Zeigt’s ihnen, Jungs!“

„Jagt sie bis hinter Richmond!“

„Hängt Jeff Davis an den nächsten Apfelbaum!“

„Schmeißt Beauregard ins Meer zurück, damit er nach Frankreich schwimmt!“

„Macht den elenden Rebs Feuer unterm Hintern!“

und ähnliches mehr klang hinter den Kavalleristen her.

Weiter vorne stoppte eine staubbedeckte Ordonnanz das Pferd vor Major Craig und wies ihn kurz in die Lage ein. Bislang lief alles nach Plan. Die Einheiten der Südstaatler wurden an allen Punkten zurückgedrängt, waren schon über den Bull Run gedrückt worden, nur eine kleine Brigade, die von einem General Jackson kommandiert wurde, hielt wie eine Mauer stand. Craig bekam den Auftrag, mit seinen Leuten die Eisenbahnbrücke über den Bull Run zu schützen, weil man darüber später Material in Richtung Richmond bringen wollte.

Craig und seine Männer waren unterwegs zu ihrem Ziel, als Captain Henderson bemerkte, dass eine Einheit in blauen Uniformen eiligen Schrittes auf zwei Batterien Unionsartillerie zuhielt.

„He, was ist das? Monroe, die tragen die falsche Nationalfahne! Heavens, das sind Dixies!“, rief er seinem Sergeant zu. „Monroe, wir müssen die Artilleristen warnen!“, brüllte er.

Genau in diesem Moment bogen die blauuniformierten Infanteristen, die Henderson beobachtet hatte, direkt auf die beiden Batterien ab. Pulverdampf vernebelte den Captains Griffin und Ricketts die Sicht auf die anrückende Einheit. Griffin war der Überzeugung, es handle sich um Konföderierte und ließ Kartätschen laden. Ricketts war sich nicht ganz sicher. Die Männer trugen blaue Uniformen! Im Pulverdampf hatte er die konföderierte Nationalfahne offenbar mit der Unionsfahne verwechselt. Ricketts sprang vor die Kanonen und winkte hektisch ab.

„Stopp, das sind unsere eigenen Leute, Griffin!“, rief er. Captain Griffin war kurz abgelenkt und sah Ricketts verblüfft an, vergaß seinen Feuerbefehl.

„Sind Sie sicher, Ricketts?“, fragte er.

Eine Antwort bekam er nie mehr zu hören. Das Regiment, das so nonchalant auf sie zumarschiert war, hatte Gefechtsstellung eingenommen, angelegt und feuerte eine Salve, die jegliches Leben an den acht Kanonen dieser Stellung der Unionsartillerie auslöschte. Griffin, Ricketts und ihre Männer wurden von der Salve zerfetzt. Captain Ricketts war einem folgenschweren Irrtum erlegen. Nicht etwa der Batterienachschub war auf sie zumarschiert, sondern ein Regiment Infanterie aus Maryland, das zu den Konföderierten gehörte! Die Infanteristen eines Regiments aus New York, die die Artilleriestellung schützen sollten, waren ebenso verwirrt und entsetzt über das, was eben geschehen war, wie die Kavalleristen, die die Gefahr rechtzeitig erkannt hatten, aber nicht mehr warnen konnten, weil Colonel Elzeys Männer zu schnell gewesen waren. Trotz aller Schwierigkeiten hatte Elzey es noch geschafft, sein Regiment nach Manassas zu bringen und zum entscheidenden Zeitpunkt einzusetzen.

Captain Henderson und seine Männer bekamen die gute Vorbereitung der Konföderierten aus Maryland als Nächste zu spüren. Die nächste Salve warf die Hälfte der Schwadron tot oder verwundet aus den Sätteln; Pferde, Männer und Waffen wurden zurückgeworfen und verwirbelt. Die nachfolgenden Reiter stürzten über die niedergeschossenen Kameraden, wurden von Elzeys Infanteristen zusammengeschossen, ohne dass sie ihnen selbst irgendwelche Verluste beibringen konnten.

Das New Yorker Infanterieregiment wich vorsichtig und geordnet über den hinter ihnen liegenden Hügel zurück. Da dort keine Verstärkung in Sicht war und sie selbst kaum mehr Munition hatten, zogen sie sich weiter zurück, die Konföderierten folgten ihnen. Die Fahrer der Artilleriebagagewagen packte das blanke Entsetzen, als sie die Rebellen kommen sahen. Sie versuchten, die schweren Munitionswagen zu wenden, gerieten in völlige Unordnung und flüchteten in Panik zu Fuß. Damit war der Rückweg für die Infanteristen aus New York versperrt und nun brach die Panik aus, die die Schlacht von Bull Run zu einem völligen Desaster für die Union werden ließ. Die wilde Flucht bei den Artilleriestellungen erfasste wie eine Welle die gesamte Front der Nordstaatler. Die Soldaten, im Wesentlichen Freiwillige, die nur für drei Monate Dienstzeit unterschrieben hatten und bei denen an diesem Tag häufig die reguläre Verpflichtung abgelaufen war, liefen wie die Hasen, bahnten sich rücksichtslos ihren Weg, rissen Zivilisten von den Pferden, um selbst schneller fort zu kommen. Die Zivilisten ihrerseits flüchteten ebenso eilig, um vor den ausreißenden Soldaten der Union und den sie verfolgenden Konföderierten zu entkommen. Es war ein heilloses Chaos, die Straßen nach Washington hoffnungslos verstopft.

An der Brücke über den Bull Run standen die wenigen Berufssoldaten der Kavallerie, als die Panik losbrach.

„He, was ist da hinten los?“, fragte Major Craig, als er den absolut ungeordneten Rückzug seiner Armee bemerkte.

„Guter Gott! Hendersons Schwadron!“, platzte Thomas völlig unmilitärisch heraus. Er nahm sein Fernglas aus der Satteltasche und spähte durch den Pulvernebel zu der Stellung, wo sie im Vorbeireiten zwei Batterien Artillerie entdeckt hatte.

„Oh, verdammt! Das waren keine Yanks! Das waren Dixies! He, Pa, diese blauberockten Rebellen haben die Artilleriestellung zusammengeschossen. Henderson und seine Leute sind in ernsthaften Schwierigkeiten“, gab Tom seine Beobachtungen bekannt.

„Cabot! Schnappen Sie sich Ihren Haufen und hauen Sie Henderson und seine Männer ‘raus!“, befahl Major Craig. „Winfield! Sie und Ihre Schwadron helfen Cabots Haufen!“, wies er einen Captain der Massachusetts Volunteers an.

Cabot winkte mit energischer Bewegung Robert Bennett an seine Seite.

„Wie fangen wir’s an?“, fragte er. Robert sah ihn verblüfft an.

„Schicken Sie die Volunteers auf die rechte Seite, wir nehmen die linke. Dreißig Mann brauchen wir für ein Ablenkungsmanöver von der Seite der zerschossenen Artilleriestellung, auf das die Rebellen hoffentlich hereinfallen. Ich biete mich dafür als Freiwilliger an. Wenn die Rebs drauf reinfallen, können die anderen Henderson und seine Leute bergen – und was von den Artilleristen noch übrig geblieben ist“, erklärte Robert. „Das Ablenkungsmanöver ist nicht ganz ungefährlich, Captain“, warnte Robert, als er ein allzu kühnes Funkeln in Cabots Augen entdeckte.

„Nein, das mache ich selber, Lieutenant. Suchen Sie mir die Leute aus. Ich vertraue Ihnen die Schwadron an“, erwiderte Cabot. Robert zuckte mit den Schultern und rief nach Sergeant Randolph.

„Mark, such’ dir dreißig Freiwillige für ein Ablenkungsmanöver.“

„Hab’ ich, Sir!“, antwortete Randolph, winkte seinem Trupp und schloss sich Cabot an. Robert sah den Männern zweifelnd nach.

„Das geht nicht gut“, murmelte er.

„He, Robert! Macht zu! Wir müssen uns zurückziehen!“, rief Captain Carmody von hinten. Robert winkte geistesabwesend. Dann befahl er Nat Joshua zum Angriff zu blasen.

Auf einer breiten Linie galoppierten die Kavalleristen gegen die Nachhut des Regiments von Colonel Elzey an, die sich wieder in Gefechtsstellung formierte.

„Nach rechts und links ausweichen!“, befahl Bennett. Die Front teilte sich wie ein Vorhang, die Salve ging ins Leere. Im selben Moment donnerte eine Salve vom Hügel herunter, fällte eine große Anzahl der Konföderierten. Die Kavalleristen schlossen die Front wieder und galoppierten weiter auf die Infanteristenfront zu. Diese zogen sich nun zurück, nicht ohne eine vernichtende Salve auf die Männer auf dem Hügel zu schießen. Auf dem Hügel stand niemand mehr. Ohne Aufforderung griffen die Kavalleristen zu ihren Karabinern und schossen ihrerseits auf die sich weiter zurückziehenden Rebellen. Wieder fielen viele Südstaatler. Sie zogen sich weiter zurück und überließen den Nordstaatlern das Feld, die eilig ihre Toten und Verwundeten einsammelten und sich dann über den Hügel absetzten.

Hinter dem Hügel sammelten sich die Unionskavalleristen, zählten durch, wer fehlte. Mit einigem Entsetzen musste Bennett zur Kenntnis nehmen, dass die dreißig Freiwilligen, die mit Cabot geritten waren, mitsamt ihrem Captain von der furchtbaren Salve der Elzey’schen Infanteristen getötet worden waren. Von Hendersons Schwadron war die Hälfte tot, die andere Hälfte mehr oder weniger schwer verwundet. Captain Henderson selbst hatte zwei Kugeln im rechten Bein.

„Ausgerechnet in dem Moment, in dem er vernünftig wurde, musste Cabot sterben“, murmelte der junge Lieutenant. Tom legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Er wollte es unbedingt. Es ist nicht deine Schuld.“

„Wer weiß?“, zischte eine giftige Stimme neben ihnen. Robert sah von Cabots Leiche auf. Sein Blick tauchte in den von Captain Ambrose Winfield, ein Mann, mit dem er sich in den Monaten des Lagerlebens nie verstanden hatte, eine ebenso große Ausnahme wie Cabot.

„Jeder weiß, dass Sie und Captain Cabot sich täglich dreimal gestritten haben. Ich behaupte, Sie haben ihn erschossen, um die Schwadron selbst zu bekommen.“

Robert sprang auf, als habe ihn eine Schlange gebissen.

„Ja, spinnen Sie jetzt völlig?“, fuhr er Winfield an. Tom konnte ihn gerade noch festhalten, bevor er Winfield an die Kehle ging.

„Lass’ ihn. Der spinnt doch! Das ist die Hitze des Gefechtes!“, bremste er Robert. Er wandte sich an Winfield:

„Wenn Sie solche unhaltbaren Anschuldigungen erheben, Captain, überlegen Sie sich gut, was Sie tun. Sie wissen hoffentlich, was Ihnen blühen kann, wenn Sie ungerechtfertigte Anklage gegen Lieutenant Bennett erheben“, warnte er den Captain. Winfield schnaubte verächtlich, aber er sagte nichts mehr.

Erst vierundzwanzig Stunden später hatte sich die Armee vor Washington wieder gesammelt – geschlagen, gedemütigt, viele verängstigt. Minister Cameron selbst besuchte die nicht eben vom Erfolg verwöhnten Soldaten der Unionsarmee, machte sich die Mühe, den Männern Mut zu machen, während die Presse Hohn und Spott über die geschlagene Armee ausgoss. Immerhin, die Konföderierten hatten ihnen nicht nachgesetzt und damit die einmalige Chance verspielt, Washington einzunehmen. Dieser Umstand war aber weniger der Standhaftigkeit der Unionsarmee zuzurechnen als dem strategischen Unvermögen der Befehlshaber der Südstaaten, die Gunst der Stunde zu nutzen. Sie hatten sich von den wenigen Berufskavalleristen, die nicht entsetzt geflohen waren, narren lassen. Unter diesen wenigen war die Cavalry Reserve West.

 

 

Kapitel 8

Ein falscher Verdacht und seine Folgen

 

Kaum hatte sich die Lage für die geschlagenen Soldaten ein wenig beruhigt, als Captain Winfield bereits dem zuständigen Provost Department seinen Verdacht vortrug, Lieutenant Bennett habe seinen Captain umgebracht. Schon am Nachmittag wurde Robert von zwei Militärpolizisten zur Vernehmung abgeholt, seine Waffen beschlagnahmt. Die Vernehmung entpuppte sich als bereits zusammengetretenes Kriegsgericht, das sich in einem großen Mannschaftszelt in der Nähe des Stabes versammelt hatte. Da sich die Armee im Feld befand, entfiel die sonst übliche Voruntersuchung. Genau genommen hatte Robert nicht einmal die Gelegenheit, sich durch einen Anwalt verteidigen zu lassen. Dieses Militärgericht war ein Schnellgericht. Thomas und Richard Craig begleiteten ihn, ohne dass eine Aufforderung oder gar eine Erlaubnis erteilt worden war. Die Posten ließen sie dennoch ein.

„Sie sind First-Lieutenant Robert Christopher Bennett?“, fragte der Vorsitzende Richter, als er die Anklage verlesen hatte.

„Ja, der bin ich“, antwortete Robert mit mühsamer Beherrschung.

„Was haben Sie zu den Anschuldigungen zu sagen, First-Lieutenant?“

„Dass sie unwahr sind. Ich habe Captain Cabot nicht erschossen. Er ist schlichtweg gefallen – wie Hunderte andere auch“, erwiderte Bennett.

„Es ist bekannt, dass Sie mit Cabot Differenzen hatten, dass Sie sich sogar über seine Befehle hinweggesetzt haben. Stimmt das?“, bohrte der Richter weiter.

„Ja, das ist richtig. Wenn Sie erlauben …“

„Nein, wenn Sie etwas erklären sollen, frage ich Sie danach, Lieutenant“, bremste der Richter. „Wo befanden Sie sich, als der Captain fiel, wie Sie sagen?“

„Ich kann es Ihnen auf der Karte zeigen, Sir“, bot Robert an. Der Richter winkte ihm und legte ihm die Karte vor. Robert bezeichnete seinen Standort und den Cabots.

Der Ankläger grinste breit.

„Demnach standen Sie der Stellung Cabots genau gegenüber. Sie hätten ihn also durchaus mit einem gezielten Schuss töten können“, sagte er. Robert hatte inzwischen eine gewisse Kühle gewonnen. Er sah den Ankläger offen an.

„Sir, ich wusste zwar, dass Captain Cabot mit seinen Leuten von diesem Standort …“

„Sie reden nur, wenn Sie gefragt werden, klar?“, fauchte ihn der Ankläger an.

„Augenblick mal!“, fuhr Major Craig dazwischen. Der Ankläger schwieg verblüfft.

„Wollen Sie eine neutrale Untersuchung des Falles führen oder wollen Sie einfach jemandem ein Bein stellen, Major Hammond?“, ereiferte sich Craig an den Richter gewandt. „Lassen Sie Lieutenant Bennett gefälligst ausreden, wenn er Ihnen eine Erklärung der Sachlage geben will. Sie waren schließlich nicht dabei!“

„Wer sind Sie?“, fragte der Vorsitzende Richter.

„Ich bin Major Richard Craig, Cavalry Reserve West, Bataillonskommandeur von Lieutenant Bennett“, gab Craig zurück.

„Wollen Sie Ihren Offizier verteidigen?“

„Als Bataillonschef ist das sowohl mein Recht wie meine Pflicht, insbesondere dann, wenn eine Anklage offensichtlich falsch ist.“

„Ob dies der Fall ist, untersuchen wir gerade, Major Craig“, gab der Richter kühl zurück.

„Nein, Sie wollen dem Jungen eine Falle stellen!“, fauchte Craig. „Untersuchen Sie zunächst mal das Kaliber der Kugel, die Cabot tötete“, empfahl Craig recht scharf.

Richter Hammond beriet sich kurz mit seinen Beisitzern und entschied dann, das Kaliber der tödlichen Kugel zu untersuchen. Während der eilig herbeigeholte Militärarzt die Kugel aus der Leiche operierte, forderte der Richter Robert auf, seine Waffen vorzulegen.

„Das kann ich nicht, denn meine Waffen wurden mir von den Militärpolizisten gleich abgenommen“, gab der junge Mann kühl zurück. Der Richter wurde rot und forderte den führenden Militärpolizisten auf, die konfiszierten Waffen dem Gericht auszuhändigen. Verlegen kam der Mann nach vorn und legte einen Revolver, Marke Colt, Kaliber .45 und einen Springfield-Karabiner, Kaliber .44 auf den Tisch.

„Welche Waffen besitzen Sie sonst noch? Privat?“, fragte der Richter.

„Keine, Sir.“

„Mit welcher Waffe haben Sie zu dem Zeitpunkt geschossen, als Cabot starb?“, hakte der Ankläger gleich ein.

„Als wir den Angriff ritten, hatte ich noch einen Schuss im Karabiner, den ich aus etwa zweihundert Yards Entfernung auf die konföderierte Einheit abschoss. Danach habe ich nur noch den Revolver benutzt. Als wir uns auf fünfzig Yards genähert hatten, hatte ich keine Munition mehr und habe mit dem Säbel den Kampf fortgesetzt, als wir die Infanteristen erreichten.“

„Hätte Ihre Kugel die Stellung Ihrer Kameraden erreichen können?“

„Nein. Die Stellung war noch wenigstens dreihundert Yards entfernt. Der Revolver reicht aber nur maximal hundertfünfzig Yards und weist dann eine Streuung von mindestens zwanzig Yards auf. Ein gezielter Schuss wäre nicht möglich gewesen“, erklärte Robert ruhig.

„Auch ein versehentliches Treffen nicht?“, hakte der Ankläger nach.

„Die Entfernung schloss es einfach aus, Sir.“

„Sie sind also absolut sicher, dass keine der von Ihnen abgeschossenen Kugeln Captain Cabot hätte töten können.“

„Ja, Sir.“

„Und was ist mit Ihrer letzten Karabinerkugel?“, bohrte der Captain weiter. Robert lächelte.

„Ich habe sie abgeschossen, als ich noch etwa zweihundert Yards von den Rebellen entfernt war. Die Entfernung zu Cabots Stellung betrug etwa fünfhundert Yards. Das ist ein Karabiner, Sir, keine weittragende Haubitze. Mit dem Ding da schießt man nicht weiter als dreihundert Yards, wobei von Zielen dann keine Rede mehr sein kann. Aber davon abgesehen, hätte ich nicht mit Sicherheit gewusst, wo der Captain sich genau befand. Ich kannte zwar seine Stellung – jedenfalls ungefähr, aber seinen persönlichen Standort, den kannte ich nicht. Im Pulverdampf hätte ich ihn auch unmöglich ausmachen können, wenn ich auf ihn hätte zielen wollen.“

Der Ankläger hob eine Personalakte vom Tisch.

„Hieraus ergibt sich, dass es in Ihrem Regiment angeblich keinen besseren Schützen gibt als Sie“, hielt er Bennett vor.

„Wenn ich ein Ziel sehe, trifft das zu, Sir. Aber Captain Cabot habe ich nicht gesehen“, erwiderte Robert.

Der Arzt legte die gereinigte Kugel auf den Tisch.

„Die Untersuchung ist abgeschlossen, Sir.“

„Bitte, Dr. McGoolan, tragen Sie vor“, forderte der Vorsitzende Richter den Arzt auf.

„Soweit die kurze Untersuchung der Leiche ergeben hat, wurde Captain Cabot von dieser Kugel getötet. Der Tod trat nicht unmittelbar ein, sondern mit einer gewissen Verzögerung. Der Captain ist innerlich verblutet, weil die Kugel die Milz zerrissen hat. Das lässt sich anhand der Menge Blut belegen, die sich im Inneren der Leiche findet. Wenn Sie ein genaueres Ergebnis haben wollen, muss ich eine vollständige Obduktion machen“, erklärte der Arzt.

„Wäre Cabot zu retten gewesen?“, fragte der Ankläger nach.

„Nein. Die Wunde war in jedem Falle tödlich.“

„Ist die Lage der Wunde typisch für einen gezielten Schuss, Doktor?“, fragte Major Craig.

„Schüsse in den Leib, insbesondere den Bauchbereich, sind durchaus typisch für einen gezielten Schuss. Aber dass jemand ausgerechnet auf die Milz zielt, ist eher untypisch, Sir – jedenfalls von den Verletzungen, die ich im Lazarett zu sehen bekomme. Aber das müssten Sie besser beurteilen können, als ich.“

„Danke, Doktor, keine weiteren Fragen“, bedankte Craig sich höflich.

Der Richter winkte Tom heran.

„Was für ein Kaliber ist das?“, fragte er. Tom begutachtete das deformierte Projektil.

„Ich würde es für ein kleines Kaliber halten. .36 oder .38. Aber wenn Sie es ganz genau wissen wollen, sollten Sie einen Ordnance-Sergeant als Sachverständigen zu Rate ziehen. Der wird Ihnen anhand des Gewichtes genau sagen können, was für ein Kaliber das ist. Ich muss gestehen, dass ich nicht hundertprozentig weiß, wie viel Grains Blei die genannten Kaliber enthalten.“

Der Richter seufzte leise. Er winkte einem der Militärpolizisten.

„Ich brauche sofort einen Ordnance-Sergeant, der mir etwas über das Geschossgewicht sagen kann.“

„Ja, Sir!“, bestätigte der Polizist und verschwand eilig. Wenig später kehrte er mit einem Ordnance-Sergeant der Infanterie zurück.

„Ordnance-Sergeant Malcolm Ivory zur Stelle, Sir!“, meldete sich der Mann.

„Danke, Sergeant Ivory. Können Sie mir sagen, um was für ein Geschoss es sich bei diesem Projektil handelt?“, fragte der Richter. Ivory nahm das Projektil in Augenschein.

„Ja, Sir. Sechsunddreißiger oder Achtunddreißiger. Keinesfalls größer.“

„Wie genau können Sie es sagen?“

„Hängt vom Fabrikat ab. Die schwanken immer um zehn bis zwanzig Grains. Diese hier dürften kaum über hundertzwanzig Grains wiegen.“

„Wie schwer wäre ein Projektil Kaliber .44 oder .45?“, fragte der Ankläger.

„So um die zweihundert Grains etwa. Aber die kann man auch mit bloßem Auge unterscheiden.“

„Würden Sie ausschließen, dass es sich bei dem hier vorliegenden Geschoss um eines der Kaliber .44 oder .45 handelt?“, hakte Major Craig ein.

„Ja, Sir, absolut.“

„Danke, Sergeant Ivory“, bedankte sich Craig freundlich lächelnd. Er sah den Richter an.

„Sir, wenn das der Fall ist, kann Lieutenant Bennett Captain Cabot nicht erschossen haben, weil seine Waffen ein deutlich größeres Kaliber aufweisen als das, was den Captain tötete“, erklärte Craig.

„Darf ich das als Plädoyer werten, Major Craig?“, fragte Richter Hammond.

„Sie dürfen, Sir.“

„Captain Somerset?“, wandte sich der Richter an den Ankläger.

„Das von Major Craig vorgebrachte Plädoyer kann nur zutreffend sein, wenn die hier liegenden Waffen tatsächlich die Einzigen sind, die von Lieutenant Bennett benutzt wurden. Anderenfalls muss ich nach wie vor davon ausgehen, dass Lieutenant Bennett Captain Cabot tötete, weil er ihm bei der Übernahme der Schwadron im Weg war. Die bisher vorgebrachten Beweise reichen der Staatsanwaltschaft für ein Abschlussplädoyer nicht aus“, versetzte der Ankläger.

„Immerhin haben sie für eine Anklageerhebung ausgereicht, Captain Somerset. In Ihrer Anklage haben Sie die vorhandenen Beweise für vollständig erklärt. Danach war Ihre Recherche vollständig und abgeschlossen“, erwiderte der Richter. „Weitere Beweisanträge akzeptiere ich daher nicht mehr. Im Namen des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika wird Lieutenant Robert Christopher Bennett daher vom Vorwurf, seinen vorgesetzten Offizier erschossen zu haben, freigesprochen. Die Sitzung ist geschlossen!“

Thomas und Richard Craig gratulierten Robert herzlich, fast überschwänglich. Der junge Mann selbst begriff im Moment noch nicht, welches Damoklesschwert gerade über seinem Haupt entfernt worden war. Erst ganz langsam wurde es ihm klar. Weder er noch die Craigs bemerkten, dass der als Zuhörer anwesende Captain Winfield sofort nach dem Urteilsspruch das Gerichtszelt verlassen hatte.

Mark Twain hat einmal gesagt: Eine Lüge ist schon zweimal um die Welt gelaufen, bevor die Wahrheit sich die Schuhe angezogen hat.

In diesem Fall war es nicht anders. Captain Winfield hatte eine tiefe Abneigung gegen Lieutenant Bennett, die auf dessen manchmal respektloser Art beruhte, mit Vorgesetzten umzugehen. Winfield war nach wie vor davon überzeugt, dass Robert Bennett dem Ableben des Captains Cabot nachgeholfen hatte, wenn es dafür auch keinerlei Beweise gab. Aber Winfield wollte es dem ihm impertinent erscheinenden Lieutenant nicht zu leicht machen. Ein kleiner Hinweis an den Regimentschef konnte nicht schaden, um dem respektlosen Burschen noch einige Zeit Schwierigkeiten zu machen, dachte sich der Captain und eilte direkt vom Gerichtszelt zum Telegrafen und ließ folgendes Telegramm durchgeben:

„CAVALRY RESERVE WEST, COL. BENNETT, FT. LEAVENWORTH, KANSAS. MACHE AUF MORDFALL AUFMERKSAM! LT. ROBT. BENNETT, SQ. C, HAT VORGESETZTEN CAPTAIN CABOT ERSCHOSSEN, BEFINDET SICH NOCH IN HAFT. KRIEGSGERICHT ENTSCHEIDET ERST SPÄTER! MFG. WINFIELD, CAPT. 6th MASS. CAV. RGT.“

Das Telegramm wurde im Fort Leavenworth von Ronald Gordon aufgenommen, der an diesem Tag Offizier vom Dienst war. Ronald sah das Telegramm zweifelnd an, dessen Text er eben notiert hatte. Dennoch trug er es zum Regimentschef weiter. Colonel Bennett überflog die Depesche.

„Sagen Sie nur, Sie glauben den Blödsinn, den Sie aufgefangen haben, Lieutenant Gordon?“, knurrte Frederick Bennett.

„Ich mag es nicht glauben. Aber welchen Grund – außer der bitteren Wahrheit – könnte Captain Winfield haben, Ihnen diese Depesche zu schicken? Ich kann mir denken, dass es Ihnen nicht leicht fällt, das zu glauben, zumal es Ihr Sohn …“

„Das reicht, Lieutenant Gordon!“, fauchte Bennett senior. „Auch wenn es nicht zufällig meinen Sohn betreffen würde, würde ich dem Wisch da nicht glauben, bevor ich nicht eine schriftliche Kopie des Schuldspruchs habe, verstanden?“

Gordon salutierte stramm.

„Ja, Sir!“

„Vernichten Sie den Blödsinn und gehen Sie wieder an Ihre Arbeit!“

„Ja, Sir. Sir, ich hätte eine Bitte.“

Bennett nickte auffordernd.

„Ich habe in den letzten Wochen immer sehr lange Dienst gemacht. Wäre es möglich, dass ich heute zwei Stunden eher Schluss machen könnte?“, fragte Gordon. Bennett sah den jungen Lieutenant einen Moment an.

„Private Verabredung?“, hakte er nach.

„Ja, Sir. Ich möchte jemanden besuchen.“

„Sie haben die nächsten fünf Tage Urlaub. Genügt das nicht? Lieutenant Graham hat noch mehr Überstunden gemacht“, gab der Colonel zu bedenken.

„Nun, Sir, wir haben seit Wochen keinen Alarm mehr gehabt. Da dachte ich, könnte ich gleich ein paar von den Stunden abbummeln.“

„Ordonnanz!“, rief Colonel Bennett, ohne zunächst auf Gordons Bitte einzugehen. Der Ordonnanzsoldat erschien.

„Sir?“

„Holen Sie mir Lieutenant Graham her.“

„Ja, Sir!“

Wenig später meldete Steve Graham sich zur Stelle.

„Danke, Lieutenant Graham. Lieutenant Gordon hat einige Tage Urlaub und möchte heute noch abreisen. Er bräuchte zwei Stunden Urlaub. Sind Sie in der Lage, seinen Dienst als Offizier vom Dienst zwei Stunden eher anzutreten?“, fragte der Colonel.

„Ja, Sir“, bestätigte Graham.

„Sie können zwei Stunden früher Schluss machen, Lieutenant Gordon, und übergeben Lieutenant Graham dann entsprechend früher die Schüssel. Danke, Gentlemen, wegtreten!“

Die Lieutenants salutierten und verließen das Amtszimmer.

Graham stupste Gordon vor der Tür an.

„Wieder mal auf Casanovas Spuren, Ronnie?“, fragte er. Gordon grinste breit.

„Der Fisch ist zäh und will nicht richtig beißen. Aber ich schaffe sie noch“, erklärte er.

„Wer ist dein gegenwärtiges Opfer?“

„Opfer? Pfui, was du wieder denkst! Nein, Stevie, ich bin himmlisch verliebt.“

Graham lachte laut.

„Du und verliebt? Ronnie, du weißt doch nicht was Liebe ist. Für dich ist es Liebe, eine Frau aufzureißen und sie nach Möglichkeit abzuschleppen! Du willst doch nur deinem Adressenregister eine neue Nummer hinzufügen! Aber du könntest mir wenigstens sagen, hinter wem du her bist, damit ich dir noch Weidmannsheil wünschen kann“, erwiderte er.

„Susan Craig“, gab Ronald stolz zurück. Graham winkte ab.

„Vergiss es! Die ist bei Bob Bennett in allzu guten Händen. Außerdem könntest du mit Robert Ärger bekommen, wenn er wieder zurück ist“, warnte Steve.

Wenn er wieder zurück ist. Die Welt ist einfach schlecht. Lies mal“, grinste Gordon und zeigte Graham die Depesche.

„Und das glaubst du?“, fragte Graham verblüfft.

„Ob ich es glaube ist eine Sache. Hauptsache, Susan oder ihre Frau Mama glauben es“, erwiderte Ronald mit einem fast eisigen Lächeln.

„Was bist du für ein widerlicher Knilch! Ronnie, Robert reißt dir den Kopf samt der Mütze ab, wenn du diese Lügen verbreitest – von seinem Vater mal ganz abgesehen. Gib mir nachher die Schlüssel. Ich will mit deinen widerwärtigen Methoden nichts zu tun haben!“

„Oh, wenn jemand in eine Frau verliebt ist, sollte er sie nicht allein lassen. Weggegangen, Platz vergangen! Robert und Susan sind nicht verlobt, geschweige denn verheiratet. Was sollte mich hindern, mich um dieses einsame Mädchen zu kümmern?“

„Ronnie, du bist und bleibst ein Windhund! Ich wette, du würdest mit der jungen Dame auch anbandeln wollen, wenn sie Roberts Frau wäre. Mein Gott, was bist du hinterlistig! Du hast Freundinnen im Dutzend und gönnst Robert nicht mal eine einzige.“

„Sein Pech! Er hätte sie heiraten sollen, bevor er wegging“, erwiderte Gordon kühl und ließ Graham stehen.

„Nein, nein, das kann ich nicht glauben!“, entfuhr es Susan Craig, als sie am darauf folgenden Tag das Telegramm in der Hand hielt.

„Was bringt Sie dazu, das zu glauben, Lieutenant Gordon? Robert würde so etwas nie tun!“, versetzte Gwendolyn Craig.

„Ich kenne Lieutenant Bennett schon lange, Mrs. Craig. Er war immer ein Eigenbrötler, hat seinen eigenen Kopf. Wenn etwas nicht nach seiner Nase geht, kann er leicht jähzornig werden. Ich weiß, dass er mit Cabot seine Probleme hatte. Ich könnte mir denken, dass Robert im Kampf die Nerven durchgegangen sind. Er ist durchaus so impulsiv, dass er im Affekt handeln könnte“, erklärte Ronald sanft.

„Sie halten das wirklich für wahr?“, fragte Susan unter Tränen.

„Ich wüsste nicht, welchen Grund ein anderer Offizier haben sollte, dieses Telegramm zu schicken, wenn es nicht wahr wäre“, entgegnete Gordon.

„Robert Bennett ist jemand, dem viele das Wasser nicht reichen können!“, widersprach Susan heftig.

„Er ist bestimmt ein sehr guter Offizier, Miss Craig, daran gibt es sicher keinen Zweifel. Aber er hat auch seine Fehler. Sie kennen bislang nur seine Sonnenseite, aber ich kenne ihn auch, wenn er zornig ist. Und dann ist man besser nicht in seiner Nähe, weil dann durchaus mal Tassen oder Fäuste fliegen können“, warnte Ronald. „Miss Craig, seit ich das Vergnügen hatte, dass Sie mich zum Unabhängigkeitstag zum Feuerwerk begleitet haben, wollte ich wieder mit Ihnen ausgehen. Würden Sie mir die Ehre erweisen, mich heute Abend ins Theater zu begleiten? Ich habe zwei Karten für Shakespeares Macbeth bekommen können. Bitte, sagen Sie nicht nein“, bat er dann. Susan sah ihre Mutter an.

„Du warst schon lange nicht mehr im Theater, Kind. Geh’ nur“, empfahl ihre Mutter.

Eine Woche verging, in der Ronald Gordon beharrlich und sehr ritterlich um Susan warb und keine Gelegenheit ausließ, um seinen Rivalen in ein wenig günstiges Licht zu rücken. Nach weiteren Erzählungen war Gwendolyn Craig überzeugt, dass Robert seinen Vorgesetzten erschossen hatte – und mit einem Mörder sollte Susan nichts zu tun haben.

Ronalds unermüdliche Überzeugungsarbeit zeigte Wirkung; mehr, als ihm lieb war, denn am Ende der Woche fragte Gwendolyn Craig nach, ob er wohl bereit wäre, ihre Tochter zu heiraten. Weil er Sorge hatte, ohne eine entsprechende Zusage nicht mehr mit Susan ausgehen zu dürfen, bejahte Ronald die Frage – und war zwei weitere Tage später mit ihr verlobt, auch wenn sie damit nicht wirklich einverstanden war.

Drei Tage nach der Verlobung, die nicht in großem Rahmen gefeiert worden war, brachte der Postbote einen Brief von Robert Bennett. Es war der Brief, den er abgesandt hatte, nachdem er erfahren hatte, dass Ronald Susan umgarnte. Gwendolyn nahm die Post entgegen und sah den Brief. Nein, es war besser, wenn Susan nicht mehr an den Mordbuben erinnert wurde. Den Brief durfte sie nicht sehen! Gwendolyn schloss den ungeöffneten Brief in ihrem persönlichen Sekretär ein, zu dem nicht einmal ihr Mann Zugang hatte. Dort war der Brief völlig sicher aufgehoben.

Fern davon, in der Nähe von Washington, wunderte sich Robert, weshalb er keine Antwort auf sein Schreiben bekam. Er schickte noch einen zweiten Brief, aber auch darauf kam keine Antwort.

„Beruhige dich“, sagte Tom, als er Roberts Unruhe bemerkte. „Erstens ist meine Schwester ausgesprochen schreibfaul, zum anderen ist unsere Feldpost alles andere als schnell. Wir sind bald wieder zurück. Ich habe heute gehört, dass wir abgelöst werden sollen. Zwei, drei Wochen noch, und du kannst sie selbst über den schlimmen Finger Ronald Gordon aufklären.“

Robert teilte die Meinung seines Freundes nicht. Dafür kannte er Ronald Gordon zu gut. Aber er versuchte, an das Wunder zu glauben.

Drei Tage darauf erschien ein Beamter des Kriegsministeriums und suchte nach Major Craig. Lieutenant Bennett brachte den Mann zu ihm. Als der junge Mann sich zurückziehen wollte, winkte der Beamte ihm, zu bleiben.

„Guten Tag, Major Craig. Ich bin Jeffrey Martins vom Kriegsministerium. Minister Cameron schickt mich, um Ihnen diese Papiere auszuhändigen.“

Martins reichte Craig einen verschlossenen Umschlag.

„Darf ich fragen was für Papiere das sind?“, erkundigte sich der Major.

„Es handelt sich um neue Stammrollen für Ihre Einheit mit der neuen Einheitsbezeichung. Sie haben vielleicht gehört, dass Senat und Repräsentantenhaus der Vorlage des Ministers zugestimmt haben, die bislang als US-Regimenter bestehenden Kavallerieeinheiten – Cavalry, Dragoons, Mounted Rifles – insgesamt zu Cavalry zu erklären. Zusammen mit der Cavalry Reserve West, die als Berufsregiment zu einer Einheit US-Cavalry erhoben wird, gibt es insgesamt sieben US-Regimenter. Ihr Regiment wird als das letzte, das aufgestellt wurde, die Nummer 7 tragen. Seit dem 3. August ist 7th US-Cavalry die korrekte Bezeichnung für die Gesamteinheit.“

„Danke, Mr. Martins. Ich werde die Papiere an Colonel Bennett weitergeben“, versprach Major Craig.

„Die Unterlagen enthalten auch ein Schreiben an Colonel Bennett, dass er seinen Dienst künftig als Stabsoffizier hier in Washington versehen wird. Das Kommando ist an Lieutenant-Colonel Harris, den bisher stellvertretenden Kommandeur zu übergeben“, setzte Martins hinzu.

„Ich bin sicher, dass es dem Colonel nicht gefallen wird, schon wieder ein gutes Regiment aufzugeben, das er gerade mühsam aufgebaut hat. Aber ich gebe es ihm natürlich weiter, Mr. Martins.“

„Ich darf mich empfehlen, Gentlemen?“

Martins verbeugte sich knapp und verließ das Zelt. Richard Craig sah Robert an, der am Zelteingang stand.

„Eher reicht dein Vater seinen Abschied ein, als dass er nach Washington geht“, orakelte er.

„Wenn er jemanden findet, der ihm sein Abschiedsgesuch unterschreibt!“, grinste Robert.

„Die Geschichte mit Philip hast du ihm noch nicht verziehen, oder?“, fragte Craig.

„Sagen wir, er hat sie sich selbst nicht verziehen“, schwächte Robert ab. „Schon Informationen, wann wir abgelöst werden?“, fragte er dann.

„Ja, wir reiten übermorgen zur Bahn, werden in drei Tagen verladen und sollten – so Gott und die Eisenbahngesellschaften wollen – in sechs Tagen in Leavenworth sein“, erwiderte Richard. Er sah Robert eine Weile an. Der junge Bennett war schon immer recht ernst gewesen. Aber in der letzten Zeit hatte der Major ihn überhaupt nicht mehr lachen sehen oder hören.

„Krieg ist unschön, hm?“, fragte der Major jovial.

„Solltest du der Meinung sein, dass ich auch glaube, dass der Krieg in sechs Wochen, spätestens nach einer Schlacht beendet ist, irrst du dich“, erwiderte Robert, noch eine Spur ernster als sonst. „Ich habe mir darüber keine Illusionen gemacht. Aber wir haben viele – vielleicht zu viele – gute Leute verloren. Es waren durchaus Freunde von mir dabei. Das Schlimmste ist unser unzureichendes medizinisches Personal. Dr. McGoolan ist eine rühmliche Ausnahme, aber sonst setzt jeder die Säge an, wenn er nur den Verdacht hat, der Knochen könnte in Mitleidenschaft gezogen sein. Ich habe Männer mit Verwundungen vom Schlachtfeld transportiert, die an sich nicht lebensbedrohlich waren – unter normalen Umständen. Es gibt hier Ärzte, die haben sich nicht mal die Mühe gemacht, die Männer überhaupt zu untersuchen. Das nächste Mal mache ich es wie die Sergeants, die Daddy bei Monterrey abtransportiert haben: Ich zwinge die Ärzte mit Waffengewalt zur Hilfeleistung. Vor allem hoffe ich, dass ich nicht selbst in die Verlegenheit komme, so einem Sägefisch auf dem Operationstisch zu liegen“, erklärte Robert.

„Es kann schneller gehen, als man ahnt, mein Junge“, warnte Craig. „Wie geht es Henderson?“

„Er ist jetzt wieder transportfähig, aber er wird noch eine Weile ausfallen.“

„Robert, du hast bei Manassas und auf der Patrouille viel Übersicht bewiesen. Ich möchte dich zur Beförderung zum Captain vorschlagen. Du könntest Hendersons Schwadron übernehmen.“

„Nein. Ich möchte nicht. Ich mache gern die Vertretung für Barry, bis er wieder gesund ist, vielleicht auch für Henderson, aber ich nehme keinem seine Schwadron weg“, erwiderte Robert.

„Tom hat mir von einer Wette erzählt. Hat das etwas damit zu tun?“, forschte Craig.

„Teilweise. Im Wesentlichen bin ich aber kein Stühlesäger. Und so würde ich mir vorkommen, wenn ich die C- oder die D-Schwadron endgültig bekäme, obwohl die Chefs nur wegen Krankheit oder Verwundung zeitlich begrenzt ausfallen“, versetzte Robert.

„Womit sollte man dich dann belohnen?“

„Wenn ich so etwas wie eine Belohnung verdient haben sollte, gib mir die Leute wieder, die gefallen sind und ich bin zufrieden“, sagte Robert mit einem Ton, der ausdrückte, dass er genau wusste, einen unmöglichen Wunsch zu haben.

„Ich hab’ verstanden, Bob. Ist gut, du kannst gehen“, gab Richard zurück. Robert salutierte und verließ das Zelt.

Richard sah ihm kopfschüttelnd nach. Er hatte nicht oft erlebt, dass sich eine ganze Einheit gegen Beförderungen wehrte. Aber in Robert Bennetts Zug grassierte diese Verweigerung wie eine Seuche. Jeder Unteroffizier, dem der Major Beförderung und damit Versetzung zu einer anderen Einheit in Aussicht gestellt hatte, hatte abgelehnt. Keiner wollte aus dem Zug 1 weg, der Zugführer weigerte sich ebenfalls, den Haufen aufzugeben, auch wenn er bedrohlich geschmolzen war. Von ehemals fünfzig Männern waren es noch dreißig, aber Robert hatte schon geltend gemacht, dass seine verwundeten Jungs ja nicht woanders hinkamen als zu ihm zurück, wenn sie genesen waren – und die Verwundeten hatten reihum den gleichen Wunsch gehabt.

Am 5. August 1861, gut vierzehn Tage nach dem unheilvollen 21. Juli, an dem die Nordarmee so schmählich geschlagen worden war, wurden die ersten Einheiten abgelöst, darunter auch das Bataillon der 7th US-Cavalry. Die Soldaten wurden in Washington in die Eisenbahn verladen, in der sie mit ihren Pferden im gleichen Viehwaggon – jeweils acht Mann und acht Pferde in einem Waggon – gen Westen reisten. Die Reise war kompliziert, da bis zum Ziel Warrensburg viermal umgestiegen werden musste, weil die fünf unterschiedlichen Eisenbahnlinien entweder nicht die Tarife der anderen Gesellschaften anerkannten oder unterschiedliche Spurweiten ein einfaches Umhängen der Transportwaggons verhinderten.

Wegen der Sommerhitze standen die Türen der meisten Wagen offen. Bei den gefahrenen Geschwindigkeiten von knapp zwanzig Meilen pro Stunde stellte die offene Tür auch weniger eine Gefährdung der Passagiere als eine willkommene Abkühlung durch den lauen Fahrtwind dar. Robert saß nahe an der Öffnung seines Wagens und kraulte seinem Pferd die Nüstern. Für seinen im Kampf getöteten Schimmelwallach hatte Robert eine graue Stute namens Nancy bekommen, die als Ersatzpferd gut sein mochte. Als ständiges Pferd wollte er sie ungern haben, weil ihr Galopp nicht besonders schnell war und sie nur langsam auf Schenkelhilfen reagierte – und Robert Bennett schätzte an einem Pferd Schnelligkeit, Wendigkeit und gute Reaktionen. Dafür war Nancy so gutmütig, dass sie niemanden abwarf – ein richtiges Mädchenpferd, wie Robert sie nannte. Er hoffte, sein nächstes Pferd selbst zureiten zu können.

Vier Tage darauf erreichte das Bataillon – oder das, was davon übrig war – Fort Leavenworth. Colonel Bennett war zu einer Lagebesprechung in Kansas City und das Fort stand unter dem Kommando des stellvertretenden Kommandeurs Lieutenant-Colonel Harris. Ronald Gordon entdeckte Robert in der Reihe der Heimkehrer, stieß Harris vorsichtig an und zeigte ihm das Telegramm, das er nach Weisung Colonel Bennetts schon längst hätte vernichten sollen. Harris sah auf das Telegramm, sah dann Gordon an.

„Ernsthaft?“, fragte er dann.

„Ja, Sir“, bestätigte Gordon. Harris nickte und befahl Lieutenant Bennett zu verhaften. Die Soldaten, denen er den Befehl gegeben hatte, sahen ihn ungläubig an.

„Weshalb, Sir?“, fragte Sergeant-Major Eisner, der die Männer führte.

„Sie sollen keine dummen Fragen stellen, Eisner, Sie sollen meinen Befehl ausführen!“, bellte Harris. Eisner salutierte mit eisiger Miene und winkte vier Mann. Er marschierte vor die Front der gerade angetretenen Rückkehrer bis zu Robert Bennett.

„Lieutenant Bennett, Sie sind verhaftet“, sagte Eisner. Robert sah ihn mit einer Mischung aus Ärger und Erstaunen an.

„Sergeant-Major, ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt. Was soll das?“, knurrte er.

„Befehl von Lieutenant-Colonel Harris, Sir. Sie sind verhaftet“, wiederholte Eisner. „Müssen wir unbedingt Gewalt anwenden, Sir?“, fragte er seufzend an. Sein Auftrag passte ihm nicht, das war deutlich. Robert sah zu Major Craig hinüber.

„Sir – ich soll schon wieder verhaftet werden“, rief Robert hinüber. Bevor Craig reagieren konnte, griffen Eisners Männer zu und zerrten Robert vom Pferd. Zwar wehrte er sich, aber gegen vier Mann und den bulligen Sergeant-Major kam er nicht an.

„Eisner! Lassen Sie Lieutenant Bennett frei! Sofort!“, befahl Craig.

„Bedaure, Sir, ich habe meinen Befehle vom Kommandanten!“, erwiderte Eisner und ging gerade noch vor einem Hieb des Lieutenants in Deckung, den seine Leute einfach nicht halten konnten.

Craig spürte eine Hand am Arm. Es war Cologgia.

Aspetta, Maggiore“, sagte er. Er sprang vom Pferd und führte einen Veitstanz auf, der anscheinend andeutete, dass er seinen Lieutenant befreien wollte. Die Trooper Evans und Nott sprangen hinzu, wie um Cologgia dabei zu helfen. Binnen kurzem waren sämtliche Soldaten aus Bennetts Zug um Eisner und seine Wächter versammelt, allesamt in drohender Haltung. First-Sergeant Mattson – nach Manassas noch auf dem Schlachtfeld befördert – warf sich dazwischen.

„Sir“, sagte er, „Sie sollten Lieutenant Bennett besser freilassen“, empfahl Mattson und stemmte sich anscheinend mit aller Kraft gegen die Front von Bennetts Soldaten.

„Ah, ja. Und warum, Mr. Mattson?“

Mattson grinste eisig.

„Sir, das sind keine normalen Soldaten – das sind Bennetts Spezialisten. Die sind getrimmt, ihren Gegner notfalls mit dem Spaten zu erschlagen. Also, ich weiß nicht, wie lange ich die noch halten kann. Und was dann passiert, weiß ich nicht!“, warnte Mattson. Eisner sah eine anscheinend eiskalte Entschlossenheit der Soldaten und wich mit seinen Leuten zurück. Cologgia, Evans und Nott nahmen den Lieutenant gleich schützend in die Mitte.

Ecco“, grinste Cologgia, „geht doch.“

Lieutenant-Colonel Harris kam mit eiligen Schritten über den Exerzierplatz gestapft, als er bemerkte, dass Eisner Schwierigkeiten hatte.

„Was hat das zu bedeuten?“, donnerte er. „Wer wagt es, den Sergeant-Major an der Ausführung meines Befehls zu hindern?“

„Was sollte der Befehl überhaupt?“, fuhr Craig ihn an.

„Sie reden nur, wenn Sie gefragt werden, Major!“, fauchte Harris.

„Sie wollen einen Offizier meines Kommandos verhaften lassen, Sir – und das lasse ich nicht zu, wenn mir der Grund nicht genannt wird. Also?“

„Lieutenant Bennett wird doch wegen Mordes an Captain Cabot gesucht, Major. Noch nichts davon gehört?“, versetzte Harris.

„Doch, natürlich“, gab Craig zu. „Aber das ist ein alter Hut, den schon die Motten gefressen haben. Ich war bei der Gerichtsverhandlung dabei. Lieutenant Bennett ist von diesem Vorwurf freigesprochen worden – ohne Wenn und Aber.“

Harris wurde bleich.

„Und dieses Telegramm?“, fragte er und reichte Craig die Depesche von Winfield. Craig las sie mit größter Verblüffung, gab sie an Tom weiter.

„Werfen Sie das weg, Sir“, sagte Tom zu Harris. „Captain Winfield hatte Differenzen mit Lieutenant Bennett und wollte ihm eins auswischen. Das Telegramm ist eine geballte Lüge. Nichts davon ist wahr.“

Harris sah Robert einen Moment an.

„Entschuldigen Sie, Lieutenant. Ich habe keinen Grund gesehen, an dem Telegramm zu zweifeln. Von dem Freispruch wusste ich nichts.“

„Schon gut, Sir. Das konnten meine Männer nicht ahnen“, erwiderte Robert mit einem angedeuteten Lächeln. Harris wandte sich ab und ging zur Kommandantur zurück.

„Danke, Jungs“, wandte Robert sich an seine Leute.

„Wer dir an den Kragen will, Tenente, der muss an uns vorbei. Das wird nicht einfach sein, non ce?“, grinste Cologgia. Er stand direkt neben Robert, reichte ihm gerade bis zur Schulter. Robert strich ihm in einer freundschaftlichen Geste über die schief sitzende Mütze.

„Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich von euch wegbefördern lasse“, versprach der Lieutenant gerührt.

Am Abend allerdings traf Robert der Schlag, als er von seinem inzwischen zurückgekehrten Vater erfuhr, dass Susan mit Ron Gordon verlobt war.

„Nein, das … das glaube ich nicht!“, entfuhr es ihm geschockt.

„Es ist so, mein Junge. Ich habe es gestern erfahren, als ich Gordons Antrag auf Heiratserlaubnis auf dem Tisch hatte.“

Robert sprang auf.

„Wo ist der Kerl? Den nehme ich mir vor!“

Er war schon halb an der Tür, als sein Vater ihn abfing.

„Gar nichts wirst du!“, herrschte er ihn an. „Woher willst du wissen, dass Susan es sich nicht anders überlegt hat? Hat sich aus ihren Briefen nicht ergeben?“

„Nein. Sie schrieb mir einmal, dass Ron sie eingeladen hätte und sie vermuten würde, ich hätte nichts dagegen. Ich habe ihr geschrieben und sie vor dem Casanova gewarnt, aber ich habe keine Reaktion mehr bekommen. Ich glaube nicht, dass es an Susan liegt“, erwiderte Robert. „Lass’ mich durch, Vater, ich muss Ron den Kopf waschen.“

„Den wasche ich dir gleich, wenn du nicht vernünftig wirst, Bob!“, bremste Frederick. „Meine Güte, Susan Craig ist doch nicht das einzige Mädchen auf der Welt!“, sagte er dann. „Es gibt genügend Mädchen, die dir hinterher schauen. Such dir ein anderes, Junge.“

Robert schüttelte den Kopf.

„Nein, Vater – Susan oder keine. Ich lasse sie mir nicht einfach wegnehmen. Ronnie hat doch gar nicht die Absicht, sie zu heiraten. Der sucht doch nur neue Adressen für seine Sammlung.“

„Er hat die Heiratserlaubnis beantragt. Ich muss annehmen, dass er es ernst meint“, gab Frederick zu bedenken. „Und wenn Susan deine Briefe nicht beantwortet, scheint ihr an dir nicht viel zu liegen.“

„Ich möchte wenigstens wissen, woher ihr Sinneswandel gekommen ist. Ich glaube, darauf habe ich ein Recht, Pa“, beharrte Robert.

„Du warst mit ihr nicht verlobt, Bob. Ihr wart nur befreundet. Bedenke das. Du hast Susan gegenüber keine Rechte“, warnte Frederick. „Und damit du keinen Unsinn anstellst, wirst du bis zu deinem nächsten Einsatz das Fort nicht verlassen, ist das klar?“

„Ja, Sir“, bestätigte Robert eisig.

Nur wenige Tage später hatte Thomas Craig Gelegenheit, seine Mutter zu besuchen. Zunächst wunderte es ihn, dass Susan sich nicht blicken ließ.

„Sie hat befürchtet, dein Freund würde mitkommen.“

„Welcher, Ma. Ich hab’ ‘ne Menge Freunde.“

„Na, dieser Bennett. Susan will ihn nicht mehr sehen.“

„Wie bitte? Was hat sie denn gegen ihn?“, fragte Tom erschrocken nach.

„Susan lässt sich nicht mit Mördern ein. Und du solltest den Umgang mit ihm unterlassen, Junge“, erwiderte seine Mutter streng.

„Mag ja sein, dass wir einige Rebellen unter den Rasen befördert haben, aber bislang hielt ich es für eine patriotische Pflicht, die Rebellen zu bekämpfen – weniger für Mord“, wunderte sich Tom.

„Ich meine nicht die Rebellen, Tom. Ich meine den heimtückischen Mord an Captain Cabot“, präzisierte seine Mutter ihre Bedenken. Tom war wie vom Donner gerührt.

„Woher wisst ihr das?“

„Lieutenant Gordon hat es uns gezeigt, das Telegramm, in dem es schwarz auf weiß stand.“

„Das erklärt alles. Absolut alles!“, schnaufte Tom. „Ma, Ron Gordon ist der schlimmste Schürzenjäger, den ich kenne. Er hat ein gutes Dutzend Freundinnen nebeneinander, die keine Ahnung voneinander haben. Er lässt keine Gelegenheit aus, anderen die Freundin auszuspannen. Ma, das Telegramm ist eine einzige Lüge. Robert hat Cabot nicht getötet. Das hat das Gericht zweifelsfrei geklärt. Er ist unschuldig. Warum habt ihr nicht gewartet, bis wir zurück sind? Das hätte sich alles klären lassen“, erklärte Tom.

„Ron hat mir auch gesagt, dass dein sauberer Freund ein Hallodri ist, der nicht treu sein kann. Was hast du dazu zu sagen?“, forschte Gwendolyn.

„Ich denke, Ron hat dir Schoten erzählt, die er selbst verzapft hat – nur mit Robert als angeblichem Bruder Leichtfuß. Ma – Susan ist Roberts erste und einzige Freundin. Ich schwöre es bei Gott, dass er sich für Mädchen nicht interessiert hat, bis wir zu Neujahr hier waren und er sich auf der Stelle in Susan verliebt hat. Robert ist treu wie Gold. Der lässt einen nicht im Stich, das garantiere ich.“

„Und nun?“, entfuhr es Gwendolyn. „Die Verlobung kann doch nicht einfach wieder gelöst werden. Außerdem könnte es doch sein, dass Ron selbst auch nicht gewusst hat, dass Robert unschuldig ist, oder?“

„Oh, mein Gott, Ma. Robert hat es wie ein Keulenschlag getroffen, dass Susan ihm die Freundschaft aufgekündigt hat. Wozu diese verdammte Eile? Hat Ron gedrängt?“

Gwendolyn schüttelte schuldbewusst den Kopf.

„Nein, mein Junge. Es war meine Idee. Es wäre so schön. Ron ist reich. Er könnte Susan ein bequemes Leben ermöglichen. Mit dem Mord an Cabot …“

„… konntest du Susan dazu überreden, Robert den Rücken zu kehren und sich diesen Windhund zu angeln. Pfui Spinne, wie gemein von dir“, vollendete Tom den Satz. Er stand auf.

„Ist Susan oben?“, fragte er.

„Was hast du vor?“

„Ihr sagen, dass ihre Verlobung auf falschen Voraussetzungen beruht. Und ich werde sie über Ronnie aufklären. Das bin ich meiner Schwester und meinem besten Freund schuldig.“

„Tom, einer Auflösung der Verlobung werde ich nicht zustimmen“, warnte Gwendolyn.

„Du hältst dich am besten ganz weit ‘raus!“, erwiderte Tom knurrend. „Du hast Susan unglücklich genug gemacht.“

„Das erledigst du jetzt gleich, wenn du ihr sagst, dass ihre Liebe auf einer Lüge aufbaut“, gab Gwendolyn zu bedenken. Tom ließ sich nicht bremsen und stieg ins Obergeschoss hinauf. Seine Schwester hatte ein Recht darauf, zu erfahren, dass man sie böse hintergangen hatte.

Schon am Tag darauf fuhr Susan mit ihrem Bruder nach Fort Leavenworth. Doch Robert war noch auf einem Patrouillenritt und wurde erst am folgenden Tag zurückerwartet. Dafür war Ronald im Fort – und der war nicht erfreut, Susan ausgerechnet im Fort zu sehen.

„Was hast du hier zu suchen?“, fragte er grußlos und schroff. Susan sah ihn verblüfft an.

„Ich glaube, lieber Ronald, Robert hätte mich begrüßt, wie es sich für jemanden gehört, der die Frau, die er liebt, sieht und dann hätte er mich gefragt, ob ich ihn besuchen möchte“, erwiderte sie kühl.

„Ich bin nicht Robert!“, gab Ronald zurück. „Vergiss den Bruder Leichtfuß endlich. Der ist es nicht wert, dass du an ihn denkst.“

„Und warum nicht?“

„Weil du mit mir verlobt bist, meine Liebe! Lass’ dich nicht dabei erwischen, dass du mit Robert schäkerst! Du würdest es bitter bereuen. Und jetzt fahr’ nach Hause. Frauen haben hier nichts verloren!“, erwiderte Ronald unwirsch.

„Ronnie, ich mag deine Verlobte sein – aber nicht einer von deinen Soldaten, denen du Befehle geben kannst, ist das klar? Ich lasse mich von dir nicht herumkommandieren!“, fuhr Susan ihn an. „Ich mache jetzt einen Besuch bei meinem Vater und meinen Brüdern. Wenn du je versuchen solltest, mich von Besuchen bei meinen Verwandten abzuhalten, passiert was, Ron Gordon!“

Damit drehte sie sich um und steuerte zornentbrannt die Kommandantur an.

„Du wirst den Kerl nicht wieder sehen, Susan!“, brüllte Ronald hinterher.

Robert kam mit seiner Zehn-Mann-Patrouille erst am späten Nachmittag des folgenden Tages zurück und schrieb zunächst seinen Patrouillenbericht, den er dann am Abend zu seinem Captain trug. Zu Roberts Freude hatte Captain Bruce – von seinem Beinbruch genesen – das Kommando über die Schwadron wieder übernommen. Bei Bruce im Zimmer standen Tom, Frank und Susan Craig. Robert klappte die Tür wieder zu, aber Susan hatte ihn bereits gesehen. Eilig verließ sie das Zimmer.

„Robert, warte bitte!“, rief sie über den Flur. Er blieb stehen und drehte sich langsam um.

„Ja?“, fragte er. Susan kam näher.

„Robert, es tut mir Leid“, sagte sie leise.

„Schön“, seufzte er. „Es tut dir zwar Leid, aber du stellst mich vor die vollendete Tatsache einer Verlobung!“

„Bitte, warum sollte ich an dem Telegramm zweifeln?“, erkundigte sie sich.

„Meinst du das Telegramm, das ich neulich Nachmittag zu sehen bekommen habe? Das, in dem ich als Mörder bezeichnet werde?“

Susan nickte.

„Der gesunde Menschenverstand hätte dir sagen müssen, dass das nicht wahr sein kann, Susan. Aber wenn du so wenig Vertrauen zu mir hast, ist so wohl das Beste. Doch lass’ dich vor Ronald Gordon warnen. Er ist nicht treu, Susy“, warnte Robert. „Und er ist eifersüchtig und herrschsüchtig.“

Susan schüttelte den Kopf und begann zu weinen.

„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, Robert“, schluchzte sie. „Das, was du mir erzählst, sagt Ronnie mir auch – aber umgekehrt.“

Er griff in die Hosentasche und nahm ein sauberes Taschentuch heraus.

„Hier, putz’ dir die Nase“, sagte er leise. „Und dann frag’ Tom nach Ronald. Und wenn du deinem eigenen Bruder nicht trauen solltest, weil wir gute Freunde sind, dann erkundige dich bei Mike Prescott, Eddie Baldwin und Steve Graham. Sie kennen Ronald ebenfalls aus der Schule und werden dir bestätigen, was ich dir sage.“

„Robert, ich kann jetzt nicht mehr zurück. Ich habe jetzt ein Versprechen gegeben“, erwiderte sie unter Tränen. Robert spürte einen tiefen Stich in der Herzgegend. Er schnaufte.

„Gut“, seufzte er. „Dann leb’ wohl, Susan. Ich hoffe, du wirst glücklich.“

Damit ließ er sie stehen und reagierte nicht mehr auf weitere Ansprechversuche ihrerseits.

Robert war kaum in seiner nur drei Zimmer entfernten Stube, als ihn lautes Streiten wieder aufstörte.

„Was hast du hier drin zu suchen? Los, antworte!“, hörte er Ronalds zornige Stimme.

„Ich habe dir gesagt, dass ich meine Brüder besuchen will. Was fällt dir überhaupt ein, mich derart anzufahren, Ron Gordon!“, fauchte Susan wütend.

„Dir werd’ ich helfen, verdammtes Flittchen! Du bist doch hinter Robert her!“

Robert hörte ein Klatschen, einen Wehschrei.

‚Das geht zu weit, Ronnie!’, durchzuckte es ihn. Er riss die Tür auf und stürmte in den Flur.

„Lass’ sie los, Ronald!“, sagte er drohend.

„Da hast du keine Aktien mehr, Bennett! Das ist meine Braut und ich bin gerade dabei, ihr zu zeigen, wer der Herr im Hause ist!“

Gordon wollte erneut zuschlagen, aber Robert packte hart zu und drehte Ronald die erhobene Hand auf den Rücken. Ein Handkantenschlag ließ Ronald zu Boden gehen.

„Der Herr im Haus wirst du solange nicht sein, wie ich Susan noch vor dir schützen kann. Versuch’ das noch ein Mal und ich mache Frikassee aus dir“, knurrte Robert. Er wies Susan mit einer Kopfbewegung an, den Flur zu verlassen. Sie verstand und zog sich in Bruces Stube zurück.

„Du hältst dich jetzt für den großen Helden, Robert. Aber das bist du auch nur, solange eine Schürze in der Nähe ist“, versetzte Ronald, als er sich aufgerappelt hatte.

„Komm mit ‘raus, dann klären wir unsere Meinungsverschiedenheit gleich – ohne weibliche Zeugen. Das wäre mir ohnehin lieber, damit Susy nicht mit ansehen muss, wie ich dir die Visage poliere, du Lump! Verschwinde oder schlag’ dich ehrlich mit mir, aber lass’ die Pfoten von Susan!“, forderte Robert Ronald zornig auf. Wie konnte Ronald sich an einer Frau vergreifen, noch dazu an seiner Verlobten! Roberts drohende Haltung gab Gordon zu verstehen, dass er es ernst meinte. Ron stand auf.

„Gut, gehen wir vors Tor.“

Die beiden Rivalen gingen hinaus, vor das Tor der Garnison. Kaum hatten sie die Garnisonsgrenze passiert, als Ronald ohne Warnung zuschlug und Robert hart an der Schläfe traf. Bennett taumelte und schlug der Länge nach hin, wich Ronald aber aus, der mit einem Hechtsatz hinterher setzte und bäuchlings im Staub landete. Die aufgewirbelte Staubwolke erschwerte Ronald die Sicht; er konnte nicht erkennen, wo sein Kontrahent geblieben war. Ronald sprang auf die Füße, bekam einen fürchterlichen Haken von Robert ab und flog wieder in den Sand. Robert war schnell heran, zog Ronald wieder an der Knopfleiste seiner Uniformjacke hoch, musste aber einen Schlag in den Bauch einstecken. Dennoch ließ er Gordon nicht los, sondern versetzte ihm eine rechte Gerade an die Schläfe.

Susan hatte inzwischen Tom von der drohenden Schlägerei zwischen Robert und Ronald berichtet.

„Wo sind die zwei?“, fragte er.

„Draußen vor dem Tor“, gab Susan Auskunft.

„Das gibt einen Toten – und das ist nicht Bob Bennett. Frank, komm mit!“, orakelte Tom. Er und sein jüngerer Bruder stürmten hinaus. Captain Bruce und noch vier oder fünf andere Soldaten der C-Schwadron kamen mit. Nur mit einiger Gewalt gelang es den Männern, die Streithähne zu trennen. Bruce verpasste beiden je eine saftige Backpfeife, als die mitgekommenen Soldaten sie fest im Griff hatten.

„Habt ihr den Verstand verloren? Drei Tage Arrest – alle beide! Das wird euch etwas abkühlen, ihr Hitzköpfe!“

Einige Minuten später fanden sich die Rivalen im Gefängnisblock wieder, weit genug voneinander getrennt, um sich überhaupt nicht zu sehen. Ronald fiel auf die harte Pritsche und war gleich darauf erschöpft eingeschlafen. Robert hatte ihn derart verprügelt, dass ihn nur das Eingreifen von Bruce und seinen Leuten vor ernsthaften Verletzungen bewahrt hatte. Auch Robert hatte einiges einstecken müssen, aber außer einer stark blutenden Kopfplatzwunde würden Ronalds Schläge schlimmstenfalls blaue Flecken hinterlassen.

Er stand am Zellenfenster und versuchte, die Blutung mit einem Taschentuch zu stoppen, als er hörte, dass die Tür zum Zellengang geöffnet wurde. Der Wachhabende ließ Susan ein, die mit Wasser, Salbe und Verbandszeug hereinkam. Der Sergeant schloss Roberts Zelle auf, Susan trat mit ihrem Sanitätsmaterial ein. Sie schüttelte den Kopf.

„Warum hast du das getan, Robert?“, fragte sie.

„Mach’ mir jetzt noch Vorwürfe, dass ich Ronald die Leviten gelesen habe!“, knurrte Robert. „Susan, der hätte dich verdroschen, dass du nicht mehr gewusst hättest, ob du Männlein oder Weiblein bist!“

„Dafür weiß Ronald das jetzt nicht mehr“, gab sie zurück. „Komm, setz’ dich, damit ich deine Wunde verbinden kann.“

Mit einigem Geschick brachte sie die Blutung zum Stehen und verband ihm den Kopf, wusch ihm das Blut vom Gesicht.

„Besser er weiß es nicht, als du. Wie konnte er sich nur an dir vergreifen? Du bist seine Verlobte, die Frau, die er angeblich liebt“, erwiderte Robert leise. Er sah sie an und nie war sie ihm schöner erschienen. „Ich habe dich gewarnt, Susan. Überleg’ dir, ob du wirklich dein Leben mit einem Schläger teilen willst.“

„Du scheinst nicht besser zu sein“, erwiderte sie. „Du hättest Ronnie beinahe lazarettreif geschlagen.“

Robert stand auf. Er war gut einen halben Kopf größer als sie, wie sie mit heimlicher Bewunderung feststellte.

„Ronald ist ein erwachsener Mann, Susan. Mit so einem schlage ich mich auch. An einer Frau würde ich mich nicht vergreifen. Aber für dich wäre es gesünder, wenn Ronald nicht in deiner Nähe ist. Er ist nicht so rücksichtsvoll wie ich. Er hat dich geschlagen, und er wird es wieder versuchen. Ich bin nicht immer in der Nähe, um dir zu helfen“, warnte Robert.

„Warum hast du eingegriffen?“, fragte sie.

„Wenn du mir diese Frage stellst, ist es wohl wirklich aus mit uns beiden. Schade.“

Susan biss sich auf die Lippe. Sie drehte sich um und verließ die Zelle.

Wenig später hörte Robert die Haupttür zuklappen. Er hörte Ronalds gleichmäßiges Schnarchen, wurde sich bewusst, allein zu sein. Erst jetzt traute er sich, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, die ihm wie ein Kloß im Hals steckten – er weinte, wie er seit dem Tod seiner Mutter sechs Jahre zuvor nicht mehr geweint hatte.

 

Kapitel 9

Versetzungen

 

Zwei Monate waren vergangen, seit Robert Bennett und Ronald Gordon sich heftig geprügelt hatten. Colonel Bennett hatte gleich danach sein Kommando an Lieutenant-Colonel Harris übergeben und war nach Washington gereist, um seinen Dienst künftig im Kriegsministerium zu versehen. Nur wenige Tage später war die D-Schwadron, in der Gordon Dienst tat, als Ersatz für die bei einem Einsatz fast völlig aufgeriebene E-Schwadron nach Virginia gesandt worden und gehörte bis zur Wiederauffüllung der E-Schwadron dem B-Bataillon der 7th US-Cavalry an. Seit der Schlägerei ging Robert immer waghalsigere Unternehmungen ein, die wohl von Erfolg im militärischen Sinne gekrönt waren, die aber zu seinem Leidwesen oft hohe Verluste forderten. Das Einzige, was ihn beruhigte, war der Umstand, dass er diese Unternehmen nur mit Freiwilligen durchführte. Deshalb war nicht zwangsläufig sein eigener Zug von den Verlusten betroffen. Dennoch blieb er unruhig und unzufrieden. Seine Männer trafen die Kugeln, die er eigentlich selber einfangen wollte, denn Robert Bennett hatte nicht mehr und nicht weniger vor, als sich umbringen zu lassen.

Der Erste, der den Verdacht hatte, Lieutenant Bennett könne Selbstmordabsichten haben, war Dr. Smith, der Regimentsarzt. Vorsichtig fragte der Arzt jeden ansprechbaren Verwundeten aus, von dem er wusste, dass er mit Lieutenant Bennett im Einsatz gewesen war. Der Verdacht des Arztes erhärtete sich aus den Aussagen der Männer, die dem jungen Lieutenant durchgehend völlige Furchtlosigkeit und Tollkühnheit bescheinigten. Und alle sagten, der Lieutenant habe alle wirklich gefährlichen Arbeiten selbst, meist allein, gemacht.

Smith überlegte, wie er Lieutenant Bennett von weiteren Dummheiten abhalten konnte, die das Regiment unnötig dezimierten. Zunächst wollte er Robert direkt ansprechen, doch er unterließ es, um ihn nicht dazu zu treiben, vielleicht doch selbst Hand an sich zu legen, statt es den Rebellen zu überlassen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Stattdessen traf Smith sich mit Richard und Thomas Craig, erklärte ihnen seinen Verdacht.

„Was können wir tun?“, fragte Smith schließlich, als er seinen Bericht beendet hatte.

„Er muss hier weg“, sagte Tom spontan. „Er muss an eine Stelle, wo er keine Möglichkeit hat, sich umbringen zu lassen.“

„Schön“, sagte Richard. „Nur wo ist so eine Stelle und wie bringen wir ihn dahin?“

Thomas überlegte eine Weile.

„Colonel Bennett!“, entfuhr es ihm plötzlich.

„Was meinen Sie, Lieutenant?“, erkundigte sich Dr. Smith.

„Colonel Bennett ist im Kriegsministerium in Washington. Dort hat er einen Lieutenant als Adjutanten. Dieser Adjutant hat mit der kämpfenden Truppe nichts zu tun, sitzt völlig sicher an seinem Schreibtisch, ist jederzeit unter Aufsicht. Und wenn er bei seinem Vater ist, wird er auch dort wohnen, ist also auch in seiner Freizeit unter Kontrolle.“

„Robert ist kein Aktenhengst, Tom“, gab Major Craig zu bedenken. „Das wird ihm nicht passen.“

„Sicher nicht;“ räumte Thomas ein, „aber er bekommt einen Befehl und gegen den wird er sich nicht sträuben, weil er es als Soldat gewohnt ist, zu gehorchen.“

„Wie stellen wir es an?“, fragte Richard.

„Einer von uns dreien muss Papa Bennett überzeugen, dass es sowohl für seinen Sohn als auch für die Männer dieses Regiments am gesündesten ist, wenn Robert für eine Weile an den Schreibtisch gesetzt wird. Ich bin dazu gern bereit“, bot Tom an.

Richard nickte und am folgenden Tag reiste Tom nach Washington.

„Du bist völlig sicher, Tom?“, fragte Colonel Bennett, nachdem Tom Craig ihn über Smiths Beobachtungen informiert hatte.

„Absolut, Onkel Fred. Robert will Schluss machen. Er ist viel zu katholisch, um sich aufzuhängen oder sich zu erschießen, aber die gegenwärtige Situation bietet genügend Gelegenheit, diese Absicht von anderen ausführen zu lassen. Im Interesse seines überforderten Schutzengels: Nimm ihn nach Washington, bis er wieder auf den Boden gekommen ist. Wenn er in Leavenworth bleibt, wenn er weiter von Harris die Himmelfahrtskommandos bekommt, die er will, dann dezimiert er unbeabsichtigt das Regiment. Ich bin sicher, dass Robert die Verluste, die seine Missionen hinterlassen, für seine Männer nicht will. Er ist nach jedem Einsatz deprimierter, macht sich bittere Vorwürfe, dass es wieder so viele Verluste gegeben hat. Er wünscht sich an deren Stelle.“

„Könnte es Liebeskummer sein? Wegen Susan?“, fragte Frederick Bennett. Tom nickte.

„Ja, sicher. Ich glaube, es belastet ihn sehr, dass Susan in fast greifbarer Nähe ist, und dass er nicht zu ihr darf. Es tut ihm weh, das weiß ich nur zu gut.“

„Tom, du kennst ihn fast besser als ich. Ist es ihm wirklich so ernst gewesen?“

„Wenn du mich genau fragst, ist es ihm immer noch ernst. Robert ist kein Luftikus. Er wechselt die Freundinnen nicht wie das Unterhemd – so wie Ronnie Gordon. Meine Schwester hat einen großen Fehler gemacht. Inzwischen weiß sie das. Aber da ist noch meine Mutter, der eine Heirat mit dem stinkreichen Fabrikantensohn Gordon anscheinend viel lieber wäre als mit dem vom Reichtum nicht verwöhnten Robert Bennett. Wir haben zu dritt auf sie eingeredet wie auf einen lahmen Gaul. Keine Chance; sie will einer Auflösung der Verlobung nicht zustimmen. Aber Susan ist genauso stur. Ich weiß, dass Ronald ihr geschrieben hat, aber sie hat seine Briefe nicht beantwortet.“

Frederick Bennett nickte. Er griff nach der Klingel auf dem Schreibtisch und läutete. Sein Adjutant, Lieutenant Geoffrey Taylor, erschien.

„Sir?“

„Lieutenant Taylor, was würden Sie davon halten, wenn Sie wieder an die frische Luft kommen?“, fragte der Colonel. Taylor strahlte. Der Büroalltag war ihm ebenso verhasst wie den meisten anderen jungen Offizieren.

„Mit dem größten Vergnügen, Sir.“

„Gut. Sie reisen mit Lieutenant Craig zurück nach Fort Leavenworth und übernehmen Lieutenant Bennetts Zug. Lieutenant Bennett wird Ihren Posten hier einnehmen.“

„Der Ärmste!“, entfuhr es Taylor mit einem Grinsen.

Schon am folgenden Tag hielt Lieutenant-Colonel Harris eine Depesche in der Hand, mit der Colonel Bennett ankündigte, dass Lieutenant Taylor den Zug 1 der C-Schwadron übernehmen sollte und mit der er Lieutenant Bennett nach Washington beorderte. Harris ließ Robert kommen.

„First-Lieutenant Robert Bennett zur Stelle, Sir“, meldete er sich wenig später in der Amtsstube des Kommandeurs.

„Ich habe eine Depesche aus Washington erhalten. Sie sind mit sofortiger Wirkung zu Colonel Bennett ins Kriegsministerium abkommandiert“, trug Harris vor. „Wie haben Sie das eigentlich gedreht, Lieutenant?“, fragte er dann.

„Gar nicht, Sir. Ich habe kein Interesse an einem Schreibtischjob“, versetzte Robert.

„Wie dem auch sei: Sie sitzen morgen früh in der Eisenbahn nach Washington. Ihren Zug übernimmt Lieutenant Taylor. Danke, das wär’s, Lieutenant.“

Robert salutierte schweigend und verließ die Amtsstube.

Er erreichte Washington Anfang Oktober 1861. Sein Vater holte ihn persönlich vom Bahnhof ab.

„Jetzt mal ehrlich: Warum hast du mich nach Washington abkommandiert?“, fragte Robert, nachdem sein Vater ihn herzlich begrüßt hatte. Frederick schob seinen Sohn vorsichtig, aber unnachgiebig in seine Dienstkalesche, stieg selbst ein und klopfte an die Front des Wagenkastens. Die Kutsche setzte sich in Bewegung.

„Erstens, damit du nicht wirklich Dummheiten machst; zweitens, damit deine Leute vor der Gefahr Robert Bennett geschützt werden und drittens, weil ich deinen Pferdeverstand brauche. Du wirst für uns Pferde beschaffen“, antwortete Bennett senior ohne Umschweife.

„Vater, was mich selbst anbelangt, ist absichtliches Suchen nach der Gefahr das eine. Meine Männer habe ich nicht hineingezogen“, widersprach Robert.

„Seltsamerweise sind es immer deine Leute, die es trifft“, gab Colonel Bennett zu bedenken.

„Pa, ein Kampfeinsatz ist notwendigerweise mit Lebensgefahr verbunden. Wenn du die zehn Leute meinst, die bei der Sprengung von Fort Cassens gefallen sind: Ich hatte sie absichtlich dorthin geschickt, wo nach allen Erkenntnissen keine Feindberührung zu erwarten war. Es waren Verwundete, die ich nie und nimmer absichtlich einer Gefahr ausgesetzt hätte. Ich schone mein eigenes Leben nicht, aber das heißt nicht, dass ich andere willentlich mehr gefährde als nötig. Zudem suche ich mir für meine Aktionen immer Freiwillige. Wer mit mir geht, weiß, worauf er sich einlässt“, entgegnete Robert.

„Du hast dir in den letzten Wochen den Ruf eines Selbstmordkandidaten erworben, mein Junge. Du bist hier, um dich vor dir selbst und deine Männer vor dir zu schützen. Und du wirst deinen Dienst hier solange versehen, bis du wieder klar im Kopf bist und nicht mehr zu Dummheiten neigst.“

Fern davon, in Kansas, saß Susan Craig grübelnd an einer Stickerei. Sie wurde das Gefühl nicht los, einen schlimmen Fehler gemacht zu haben, als sie sich dem Wunsch ihrer Mutter nach Verlobung mit Ronald Gordon nicht härter widersetzt hatte. Thomas hatte Susan von Roberts selbstmörderischen Missionen erzählt – wohl nicht ohne Bedacht, denn Tom machte sich Sorgen um den innerlich tief verletzten Robert Bennett. Susan schämte sich ihrer nicht abreißenden Gedanken an Robert, schließlich war sie mit Ron Gordon verlobt und Robert bedeutete ihr offiziell nichts mehr. Jetzt war Ronalds Schwadron nach Osten geschickt worden und wie es aussah, würde so bald keine Rückversetzung erfolgen. Robert war nach Washington beordert, um ihn von drohenden Dummheiten abzuhalten. Susan war allein. Allein mit ihren Gedanken, allein mit ihrem Schuldgefühl. Dann hatte sie einen Einfall. Entschlossen steckte sie die Nadel in den Sticknessel und packte die Arbeit weg.

„Mama“, sprach sie ihre Mutter an, „Mama, ich will Krankenschwester werden.“

Gwendolyn Craig sah von ihrer Näharbeit erschrocken auf.

„Wie bitte?“

„Du hast dich nicht verhört. Ich möchte Krankenschwester werden.“

„Kind, was hast du wieder für Einfälle? Du hast es nicht nötig zu arbeiten“, widersprach ihre Mutter.

„Nicht nötig um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, das ist wohl richtig, Ma. Aber ich glaube, dass der Krieg härter werden wird, dass er mehr Opfer kosten wird als bisher. Es wird bestimmt viele Verwundete geben. Die Ärzte im Fort werden dann sicher mehr Pflegekräfte brauchen. Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten“, erklärte Susan.

„Susan, du bist noch nicht volljährig. Keine Schwesternschule würde dich akzeptieren. Und ich würde es nicht akzeptieren, wenn meine Tochter gezwungen wäre, fremde Männer zu waschen und zu füttern. Nein, Susan, das wäre bestimmt nichts für dich.“

„Hör mal, Mama, Pa, Tom und Frank sind Soldaten, Ronnie ist Soldat, Robert ist Soldat. Jedem von ihnen kann etwas passieren. Ich möchte für eine solche Situation vorbereitet sein. Stell’ dir vor, Vater wäre verwundet und könnte wegen Überfüllung eines Lazarettes dort nicht behandelt werden. Meinst du nicht, es wäre besser, wenn ich dann von Krankenpflege etwas verstünde, um ihm zu helfen?“, hakte Susan nach.

„Ich glaube nicht, dass der Krieg sehr lang sein wird“, widersprach Gwendolyn ihrer Tochter. „Der Süden kann der Übermacht nicht lange widerstehen.“

„Ich weiß nicht, Ma. Robert meint …“

„Was interessiert dich eigentlich immer noch Robert? Darf ich dich daran erinnern, dass du mit Ronald verlobt bist?“

„Robert ist ein sehr guter Freund von Tom, Ma. Er ist ein sehr netter junger Mann, wohlerzogen, höflich und zuvorkommend. Ich wüsste nicht, warum ich seine Existenz aus meinem Gedächtnis streichen sollte. Er hat mir nichts getan, dir auch nicht. Warum bist du eigentlich so gegen ihn?“, entgegnete Susan scharf.

„Du hast mit ihm nichts mehr zu tun. Also vergiss ihn!“

„Zum einen beantwortet das meine Frage nicht, zum anderen …“

„Ich will von ihm nichts mehr hören, verstanden?“, unterbrach Gwendolyn Susan laut. Die junge Frau seufzte.

„Ist gut, ich rede nicht mehr von ihm. Aber was ist mit Vater, Tom und Frank? Soll ich denen nicht helfen dürfen? Es würde mir viel bedeuten, Ma. Hier sitze ich doch nur und mache mir Sorgen.“

„Und wer, meinst du, könnte dir Unterricht geben?“, erkundigte sich Gwendolyn.

„Ich hatte schon an Onkel Lucas gedacht. Er ist Arzt.“

„Du weißt, dass Lucas nicht mehr in Brooklyn arbeitet, sondern in Tennessee seine Praxis eröffnet hat?“

„Ja, das weiß ich, Ma.“

„Dann weißt du auch, dass das völlig unmöglich ist, denn Tennessee gehört zu den Staaten, die in Rebellion zu uns stehen.“

„Mama, es macht doch keinen Unterschied, ob ich in Brooklyn oder in Dover lerne.“

„Dein Vater wird das nicht dulden, Kind“, warnte ihre Mutter.

„Bisher hast du immer die Entscheidungen getroffen, wenn es um uns Kinder ging – einschließlich meiner Verlobung“, erinnerte Susan.

„In diesem Fall sollte dein Vater mitentscheiden, Susan. Ich kann es nicht verantworten, wenn du ganz allein in die rebellischen Staaten gehst. Mein Gott, was kann dir alles passieren?“

„Dann bitte ich dich um die Erlaubnis, ins Fort fahren zu dürfen, und Vater um Erlaubnis zu bitten.“

„Fahr’ nur, du wirst sehen, dass er nein sagt“, prophezeite Gwendolyn.

Susan ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie eilte in die Remise, schirrte ihr Pferd ein und fuhr eilig nach Fort Leavenworth, das sie am späten Abend erreichte. Ihr Vater war noch mit Schreibarbeiten beschäftigt, als seine Tochter hereinkam.

„Meine Güte, was machst du zu dieser Zeit hier?“, fragte er erschrocken.

„Ich konnte nicht eher hier sein, weil es von Topeka doch sehr weit ist. Papa, ich möchte dich um etwas bitten“, eröffnete Susan.

„Und um was?“

„Papa, ich möchte das Hausmütterchendasein aufgeben und endlich etwas lernen. Was würdest du davon halten, wenn ich Krankenschwester werde?“, fragte sie.

„Krankenschwester? Bist du sicher, dass du weißt, was du dir ausgedacht hast? Susan, das ist nichts für dich.“

„Und warum nicht?“, forschte Susan. Ihr Vater seufzte.

„Lazarettarbeit ist hart, Kind. Nicht immer ist sie von Erfolg gekrönt. Wenn du unbedingt willst, machst du erst eine Woche Probedienst bei Dr. Smith. Dann sehen wir weiter.“

„Wenn ich das mache und es mir immer noch gefällt – darf ich dann bei Onkel Lucas lernen?“

„Onkel Lucas ist in Tennessee. Das ist in der Konföderation, mein Kind. Mein Bruder ist strikt neutral. Du müsstest vielleicht Feinde deines Vaters behandeln. Willst du das?“

„Papa, wir sind doch der Meinung, eine Abspaltung der Südstaaten sei nicht richtig, oder?“, fragte Susan listig nach.

„Ja, natürlich.“

„Also sind die Südstaatler doch weiterhin Amerikaner, oder nicht?“

„Gewiss.“

„Dann kann ich auch ohne schlechtes Gewissen Südstaatler behandeln. Onkel Lucas denkt genauso.“

Richard Craig seufzte.

„Na schön. Es fällt mir schwer, aber wenn du unbedingt willst, gut. Mach’ eine Probewoche hier. Wenn du dann immer noch willst und Dr. Smith dir keine Ausbildung geben kann, kannst du nach Dover gehen.“

Dem Wunsch des Vaters entsprechend probierte Susan zunächst eine Woche lang aus, ob es ihr wirklich lag, Kranke zu pflegen. Dr. Smith bemerkte bereits am dritten Tag, dass er mit Susan Craig ein Naturtalent in Sachen Krankenpflege in seinem Lazarett hatte. Sie verstand es, die Patienten zu beruhigen, hatte ein besonderes Talent, den Patienten anzusehen, woran es ihnen mangelte. Dr. Smith suchte am Abend dieses Tages Major Craig auf.

„Sagen, Sie, Major, macht Ihre Tochter weiter?“, fragte er.

„Sie wollte Krankenpflege lernen. Ich habe mit ihr abgemacht, dass sie sich das erst eine Woche ansehen soll, bevor sie wirklich mit der Ausbildung anfängt. Sagen Sie nur, sie hat noch nicht genug davon?“

„Keineswegs, Sir. Sie ist täglich mit größerem Elan dabei. Ich wünschte, ich hätte die Kapazitäten, sie richtig anzulernen.“

Major Craig schüttelte den Kopf.

„Und ich hatte so gehofft, der Schock würde ausreichend sein“, murmelte er.

„Major, Ihre Tochter ist mit den besten Anlagen für eine Pflegekraft gesegnet: Sie ist freundlich, aber unnachgiebig, wenn es sein muss; sie kann Blut sehen – was viele meiner Sanitäter nicht einmal können, sie ist sehr vorsichtig, wenn sie Verbände wechselt; sie begreift schneller als alle, die hier mit den grünen Balken am Ärmel herumlaufen, worauf es ankommt, und sie geht nicht davon aus, dass die Kranken und Verwundeten in meinem Lazarett Simulanten sind. Sie hat mich wirklich an einer oder zwei Amputationen gehindert mit der dringenden Bitte, es wenigstens zu probieren den Arm oder das Bein zu erhalten – in einem Fall weiß ich jetzt sicher, dass der Mann den Arm behalten wird. Ich werde sie nur sehr ungern hergeben. Und ich hoffe, dass ich sie eines Tages als OP-Schwester bekomme. Eine bessere könnte ich nämlich unter der Sonne nicht finden“, erklärte der Arzt.

Am Ende der Woche hatte Susans Meinung sich keineswegs gewandelt, wie ihr Vater noch hoffte. Sie war mehr denn je erpicht darauf, Krankenpflege von Grund auf zu lernen. Nicht unbedingt leichten Herzens erlaubte Richard Craig seiner Tochter die Reise nach Dover zu seinem Bruder Lucas.

Ende November 1861 erreichte Susan Dover, eine kleine Stadt am Cumberland-River, die ungefähr zwei Meilen südlich der bedeutenden Festung Fort Donelson lag und in deren äußere Verteidigungswerke einbezogen war. Fort Donelson war zusammen mit dem etwa dreißig Meilen weiter westlich gelegenen Fort Henry mit insgesamt fast fünfzehntausend konföderierten Soldaten aller Waffengattungen belegt und bildeten ein starkes Bollwerk gegen Angriffe der Union. Dover war die nächste erreichbare Stadt in der Umgebung und dementsprechend viele Südstaatensoldaten tummelten sich in der Stadt.

Susan war zunächst unwohl unter diesen Männern, die ihr als Feinde erschienen. Dr. Lucas Craig war ein bekannter Arzt, der als ausgezeichneter Chirurg galt und deshalb auch häufig von der Armee konsultiert wurde. Dr. Craig war es herzlich egal, in welcher Uniform die Verwundeten steckten. Sie brauchten Hilfe und bekamen sie. Jedem, der sich darüber aufregte, dass Dr. Craig auch die Verwundeten der Gegenseite behandelte, hielt er zwei Briefe der Präsidenten Davis und Lincoln vor die Nase, in denen ihm seine persönliche Neutralität ausdrücklich bestätigt wurde. Dr. Craig berief sich auf den hippokratischen Eid, den er als Arzt geleistet hatte und der ihn verpflichtete, jedermann ohne Ansehen der Person zu helfen.

Susan lernte schnell und gern. Schon nach kurzer Zeit war sie für ihren Onkel eine wertvolle Praxishilfe, der er schon mal einen leichteren Fall allein überlassen konnte.

Es war Anfang Dezember, als zwei konföderierte Soldaten mit einem verwundeten Offizier in Dr. Craigs Praxis erschienen. Susan nahm die Männer in Empfang und erstarrte, als sie den Offizier mit der schlimm vereiterten Beinwunde als Philip Bennett erkannte.

„Miss, ist der Doktor da?“, fragte einer der beiden Soldaten, den Abzeichen nach ein Corporal.

„Ja, aber er hat im Augenblick noch einen Patienten“, erwiderte sie.

„Bitte, er muss dem Captain helfen. Unser Regimentsarzt will das Bein mit aller Gewalt amputieren. Wir haben ihn einfach vom OP-Tisch mitgenommen, damit Dr. Ross nicht sägen kann“, bat der Corporal. Susan trat an die Bahre und hob die nur lose aufliegende Wundabdeckung hoch.

„Oh, Gott, das sieht nicht gut aus. Wie lange ist es her?“

„Sechs oder sieben Tage, Missie.“

„Und? Schussverletzung? Säbelhieb?“

„Nein, eine Granate hat einen Baum zerkleinert und der Captain hat eine Handvoll Splitter abbekommen.“

„Sind die ‘raus?“

„Einige ja, aber es stecken bestimmt noch welche. Wir sind erst heute Morgen zurückgekehrt.“

„Seit wann ist er bewusstlos?“

„Seit der Arzt ohne Betäubung in der Wunde herumgestochert hat.“

„Tragen Sie ihn bitte nach oben, gleich ins erste Zimmer links und legen Sie ihren Captain bitte auf den Tisch“, wies Susan die Südstaatler an.

„Missie, der Doktor wird doch nicht gleich sägen?“, fragte der andere Soldat vorsichtig nach.

„Ich denke, der Doktor wird versuchen, das Bein zu retten. Aber es sieht nicht gut aus für Ihren Captain“, erwiderte sie und ging voraus ins erste Stockwerk.

Die beiden Soldaten trugen Philip hinterher, legten ihn vorsichtig auf den Tisch im Krankenzimmer. Susan nahm aus einem Schrank einen Folianten heraus, um Philip als Patienten einzutragen.

„Der Name Ihres Captains?“, tat sie ahnungslos.

„Philip Frederick Bennett“, gab der Corporal Auskunft.

„Einheit?“

„9th Virginia Cavalry, Schwadron B. Er kommandiert uns und wir würden ihn gern behalten, Missie.“

„Wissen Sie sein Geburtsdatum?“

„Nein, leider nicht.“

„Nächste Angehörige, falls wir jemanden benachrichtigen müssen?“

Der Corporal begann in seiner Hosentasche zu wühlen.

„Ich weiß genau, ich hab’ mir die Adresse eingesteckt“, grummelte er, als er vergeblich suchte. „Zack, hast du den Zettel?“, fragte er den anderen Mann, der pflichtschuldigst seine Taschen durchsuchte und auch nichts fand.

„Sorry, Miss. Fragen Sie ihn am besten selbst, wenn er aufwacht.“

Susan nickte.

„Sagen Sie mir bitte noch Ihren Namen, Corporal.“

„Corporal Sam Read, 9th Virginia Cavalry, Schwadron B. Wir sind zurzeit im Fort Donelson stationiert.“

„Gut, Mr. Read. Ich habe mir alles notiert. Wir werden uns bei Ihrem Kommando melden, sobald klar ist, was mit Ihrem Captain ist“, schloss Susan die Aufnahme, nachdem sie die vermutliche Verwundungsursache zu den persönlichen Angaben hinzu geschrieben hatte. Sie stellte den Folianten wieder weg und schob die beiden Südstaatler vorsichtig, aber bestimmt aus dem Zimmer.

Wenig später stand ihr Onkel neben dem Tisch, auf dem Philip lag.

„Wenn du mich genau fragst, ist das Bein nicht mehr zu retten. Völlig brandig“, seufzte der Arzt.

„Kannst du es nicht wenigstens versuchen, Onkel Lucas?“

„Untersuchen wir ihn erst einmal genau“, beschloss Lucas Craig. „Zieh bitte eine Spritze Opium auf, damit wir ihn betäuben können, falls er aufwacht“, wies er Susan dann an. Sie tat es, während ihr Onkel die Wunde akribisch untersuchte.

„Drei von diesen verdammten Splittern stecken noch drin. Gib mir die Schere und die kleine Pinzette, Susy.“

Sie reichte ihm die Instrumente, ihr Onkel entfernte vorsichtig die Holzsplitter. Die Wunde begann stark zu bluten. Hellrotes Blut strömte heraus.

„Verflixt, das war die Schlagader!“, fluchte Lucas. „Zwei Klemmen, schnell!“

Gleich darauf hielt er die Klemmen in der Hand, klemmte die Ader ab.

„Nadel, Faden!“

Wenig später hatte er die Ader sorgsam geflickt und machte sich daran, das brandige Fleisch zu entfernen und die tiefe Wunde zu desinfizieren und zu vernähen. Schließlich war er fertig.

„Gib noch Wundsalbe drauf und verbinde die Wunde ganz fest.“

Susan verband die Wunde.

„Du machst das sehr gut, Susan. Ist dir nicht übel?“

„Nein, warum?“

„Bist ganz schön hartgesotten, Mädchen“, lächelte ihr Onkel. „Dein Vater würde glatt umkippen.“

„Ehrlich?“, fragte Susan nach. „Und das als Soldat?“, lachte sie.

„Er kann einfach kein Blut sehen“, erwiderte Dr. Craig. Er wusch sich die Hände und sah dann auf die Uhr. „Schon acht Uhr. Meinst du, dass du Nachtwache halten kannst? So, wie die Wunde aussieht, bekommt er Fieber.“

Susan nickte.

„Ich glaube, das bin ich den Brüdern Bennett schuldig.“

„Du kennst ihn?“

Susan seufzte.

„Wenn nicht etwas dazwischen gekommen wäre, wäre ich mit seinem jüngeren Bruder Robert verlobt.“

„Moment: Robert Bennett? Toms Freund? Seit wann hat der Verbindung in die Südstaaten, Kind?“

„Nein, Robert ist Yankee, und das auch noch überzeugt. Philip eigentlich auch. Ich habe keine Ahnung, weshalb Philip in dieser Uniform steckt.“

In der Nacht um halb drei wurde Philip unruhig und wachte auf. Er fuhr heftig auf, weil ihn die Beinwunde stark schmerzte.

„Ah, verdammt!“, fluchte er.

„Hast du starke Schmerzen, Phil?“, hörte er eine weibliche Stimme. Er nickte mit verzerrtem Gesicht und zusammengebissenen Zähnen.

„Teufel, ja!“, presste er heraus. Susan goss Wasser in ein Glas und rührte ein Pulver hinein.

„Komm, trink“, sagte sie leise, stützte ihn und half ihm beim Trinken. Es dauerte eine Weile, bis der Schmerz nachließ. Susan merkte das Nachlassen daran, dass Philip ihre Hand nicht mehr so krampfhaft umklammerte. Er bekam wieder etwas mehr Farbe. Sein suchender Blick erfasste die junge Frau, die an seinem Bett saß. Die Farbe, die er gerade wiedergewonnen hatte, wich auf der Stelle.

„Großer Gott, die Yanks haben mich geschnappt!“, entfuhr es ihm entsetzt, als er Susan erkannte. Sie lächelte sanft.

„Keineswegs“, erwiderte sie. „Du bist in Dover, Tennessee, im Hause von Doktor Craig. Die Stadt wimmelt vor Konföderierten, keine Yanks in Sicht“, beruhigte sie ihn. Philip sah sie ungläubig an.

„Wie kommt die Freundin eines hundertprozentigen Yankees nach Tennessee?“, fragte Philip.

„Ich lerne bei meinem Onkel Krankenpflege. Aber wie kommt jemand wie du in eine Rebellenuniform?“

Konföderierte Uniform“, korrigierte Philip. „Solange du hier bist, solltest du nie von Rebellen sprechen, Susan. Du tätest dir keinen Gefallen damit.“

„Ich versuche, dran zu denken“, lächelte Susan freundlich. „Aber was machst du in dieser Uniform?“

„Für die Unabhängigkeit der konföderierten Staaten kämpfen, Susan.“

„Seit wann teilst du diese Meinung?“, fragte Susan erschrocken.

„Seit ich in Georgia Jura studiere und mir ein sehr guter Rechtsprofessor die Verfassung der USA gründlich erklärt hat und mir dezidiert dargelegt hat, dass jeder Staat das Recht hat, sich aus dem Staatenverband zu verabschieden. Elf der im Süden liegenden Staaten haben es getan. Ich betrachte das als legitim – wenngleich mir die Sklaverei als solche widerstrebt – und bin ihnen dabei behilflich. Nenn’ es anwaltliche Tätigkeit. Ich habe zwar einen ausgesprochen guten Sklavenhalter kennen gelernt, aber inzwischen leider auch sehr viele, deren Art, mit den Schwarzen umzugehen, mir überhaupt nicht behagt. Und wenn ich ganz ehrlich bin, kämpfe ich für den Süden, weil man mir im Norden nach dem Leben trachtet.“

„Warum?“

„Weil ich desertiert bin, als mein Vater mich nicht gehen lassen wollte. Robert hat mich entwischen lassen“, erklärte Philip. „Schätze dich glücklich, dass er dich liebt. Du kannst keinen besseren und treueren Freund finden als Bobby. Er würde dich nie im Stich lassen“, setzte er hinzu.

Susan spürte einen immer größer werdenden Kloß im Hals.

„Philip, ich habe eine Riesendummheit gemacht“, sagte sie stockend, weil ihr die Stimme zu versagen drohte. Philip sah sie eine Weile an.

„Du bist doch nicht so verrückt gewesen, einen anderen diesem Goldstück vorzuziehen?“

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Susan nickte und begann zu weinen. Unter bitteren Tränen erzählte sie Philip, was geschehen war.

„Es tut mir so furchtbar Leid, aber …“, beendete sie ihre Erzählung. Sie konnte nicht mehr weiter. Philip nahm vorsichtig ihre schmale Hand.

„Wenn ich mich nicht verrechnet habe, wirst du im Februar volljährig und kannst selbst entscheiden, zu wem du gehören möchtest. Mein Bruder ist sicher verletzt, aber soweit ich ihn kenne, ist er nicht wirklich nachtragend. Nur solltest du ihm bald schreiben, damit die Wunde bei ihm nicht größer wird. Ich bin sicher, er quält sich damit herum“, sagte er sanft. Susan seufzte.

„Tom hat mir gesagt, Robert hätte Dummheiten gemacht, er hätte wohl Selbstmordabsichten gehabt. Er soll sehr gefährliche Aktionen gemacht haben um sich von euch umbringen zu lassen. Zum Glück ist er jetzt ins Ministerium versetzt, wo er sich nicht in Gefahr bringen kann.“

„Gebe Gott, dass er da bleibt. Gegen Robert zu kämpfen, weiß Gott, ich hätte Gewissensbisse.“

„Ich bete, dass ihr euch nie gegenübersteht“, sagte Susan leise. „Du solltest schlafen. Mit der Wunde kannst du Ruhe gebrauchen.“

Philip nickte und war bald wieder eingeschlafen.

Drei Wochen widersetzte sich seine Verwundung beharrlich jeglichem Heilungsansatz, aber Susan gab nicht auf. Ihr Onkel bewunderte ihre Zähigkeit und ihre stete Ablehnung, wenn er sich zur Amputation entschließen wollte. Zu Weihnachten hatte sie die Entzündung endlich zum Weichen gebracht.

„Ich glaube, das ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk, seit ich als Kind mal ein Schaukelpferd bekam“, lächelte Philip, als Susan ihm am Weihnachtsmorgen sagte, dass die Vereiterung endlich verschwunden war.

Ende Januar 1862 klopfte es heftig an Dr. Craigs Tür. Susan öffnete, in der Meinung, ein Patient benötige dringend Hilfe. Es war Corporal Read, der unruhig von einem Bein aufs andere tretend vor der Tür stand.

„Tag, Missie, ich muss sofort zu Captain Bennett.“

Susan brachte Read zu Philip.

„Sir, Sie müssen weg hier! Die Yankees haben angefangen, Henry und Donelson zu belagern, Sir!“

„Womit? Artillerie?“

„Kanonenboote, Sir.“

„Gegen die haben wir Kavalleristen wohl keine Chance“, stellte Philip fest.

„Der General will sämtliche Verwundeten nach Alabama evakuieren. Er befürchtet einen Angriff auf Dover.“

„Wenn er das befürchtet, sollte er sich eher um die Zivilbevölkerung kümmern“, knurrte Philip. „Was ist veranlasst?“

„Bislang nur die Evakuierung der Verwundeten, Sir. In drei Stunden geht der Konvoi ab.“

„Kommt nicht in Frage! Ich bleibe hier.“

„Nein, Philip“, widersprach Susan. „Wenn die Yankees Dover trotz eurer tapferen Verteidigung einnehmen sollten, bist du in zu großer Gefahr.“

Read sah die junge Frau verblüfft an.

„Äh, Missie, es mag eine Riesenenttäuschung für Sie sein, aber der Captain ist schon verkauft“, warnte Read in Anspielung darauf, dass Philip seit fast vier Monaten mit Pamela Bennett, geborene Morrows, verheiratet war.

„Corporal, Captain Bennett ist der Bruder eines Freundes von mir. Wir kennen uns schon sehr lange.“

Read atmete hörbar aus.

„Gott sei Dank. Ich hatte schon befürchtet, Sie wären in den Captain verschossen, Missie. Wissen Sie, der Bruder seiner Frau ist nämlich fürchterlich eifersüchtig“, warnte Read.

Am Nachmittag waren die Verwundeten der Konföderierten evakuiert.

Als der Kampf um die Forts Henry und Donelson begann, war Philip längst in Sicherheit vor denen, die ihn immer noch per Haftbefehl suchten. Die Forts widerstanden der Belagerung zunächst erfolgreich. Doch am 6. Februar gab die Besatzung von Fort Henry auf, zehn Tage später, am 16. Februar, kapitulierte auch Fort Donelson nach viertägigem hartem Kampf, nach einem erfolglosen Ausfall der konföderierten Besatzung am 15. Februar. Die Verluste waren auf beiden Seiten schwer gewesen, und Dr. Craig hatte alle Hände voll zu tun gehabt. Allzu viele hatten ihre schweren Verwundungen trotz der schnellen Hilfe durch den Arzt nicht überlebt. Susan erlebte zum ersten Mal, dass Hilfe auch zu spät kommen konnte.

Gravierender war für die Zivilbevölkerung von Dover, dass die Truppen, die die Forts besetzten, alles andere als zahm waren. Selbst Dr. Craigs Praxis war geplündert worden. Er hatte sich daraufhin massiv beim Kommandeur der Unionstruppen, General Grant, beschwert. Grant machte sich die Mühe, die gerupfte Stadt zu besuchen. Craig hielt ihm die Neutralitätsbriefe unter die Nase. Der General bat für das ungehobelte Benehmen seiner Männer um Entschuldigung und versprach, den Schaden zu ersetzen. Doch Dr. Craig ging noch weiter.

„Schön“, sagte er, „General, in dieser Stadt hat sich nicht ein einziger Soldat der Konföderation befunden, als Ihre Männer hier wie die Vandalen eingefallen sind. Meinen Sie nicht, dass die US-Army den gesamten Schaden ersetzen sollte?“

Grant sah den Arzt eine Weile an.

„Sir, ich gebe zu, dass Krieg eine schreckliche Sache ist. Wir sind bemüht, ihn bald zu beenden, aber dazu muss die Bevölkerung in den abtrünnigen Staaten restlos davon überzeugt sein, wie schrecklich der Krieg ist, den sie sich selbst eingebrockt hat. Am besten, man führt es ihr direkt am eigenen Hause vor Augen“, entgegnete der General.

„Sie führen also mit voller Absicht Krieg gegen Zivilbevölkerung?“, stellte Dr. Craig zornig fest. „Das ist stark, General, und das wird den Präsidenten gewiss interessieren. Ich werde mich dort beschweren. Die Tür ist da hinten, Sir“, wies er den General aus dem Hause.

Am selben Tag schrieb Lucas Craig einen harschen Brief an den Präsidenten Lincoln und klagte die Unionstruppen, die über Dover hergefallen waren, des Kriegsverbrechens an. Lincoln empfing den Brief und gab ihn mit dem Vermerk, er bäte um Rücksprache, an das Kriegsministerium weiter. Minister Cameron und fünf Offiziere seines Stabes, darunter Colonel Bennett, erschienen im Weißen Haus. Der Präsident bat die Herren in einen Konferenzraum und legte den Brief auf den Tisch.

„Meine Herren, ich verlange eine Erklärung, was es zu bedeuten hat, dass unsere Soldaten eine offene Stadt plündern, ohne dass von Seiten der Armeeführung eingegriffen wird“, eröffnete Lincoln mit verhaltenem Zorn die Sitzung.

„Zunächst muss ich annehmen, dass General Grant Gründe für sein Verhalten hat. Zudem war Dover keine offene Stadt sondern ist in die äußeren Verteidigungswerke von Fort Donelson einbezogen. Sie muss als militärisches Ziel angesehen werden“, wehrte Cameron den Angriff auf den General ab.

„Ich wüsste nicht, welche Gründe es für eine Plünderung in diesem Umfang geben könnte – für eine Plünderung überhaupt! Noch dazu bei Zivilisten, ob sie in einem militärisch geschützten Bereich wohnen oder nicht!“, versetzte der Präsident. „Ich erwarte, dass Sie den General ablösen und entsprechend zur Verantwortung ziehen – und die ihm unterstellten Offiziere, die ihre Soldaten nicht an der Plünderung gehindert haben, ebenfalls.“

„Mr. President, es wäre unklug, den einzigen General, der Erfolg hat, abzulösen“, warf Colonel Bennett ein. Lincoln sah ihn einen Moment an.

„Colonel, ich erwarte von den Generälen – und nicht nur von den Generälen, sondern von allen Offizieren und Soldaten dieser Armee – dass sie bitte nicht vergessen, dass wir der Auffassung sind, dass die so genannten Konföderierten Staaten von Amerika weiterhin ein Teil der Vereinigten Staaten von Amerika sind! In diesem Konflikt kämpfen Amerikaner gegen Amerikaner! Nachdem, was ich zu lesen bekommen hatte, war es keine militärische Notwendigkeit, eine Stadt zu plündern, die keinerlei Anstalten zur Verteidigung gemacht hat. So jedenfalls schreibt mir Dr. Lucas Craig, ein ortsansässiger Arzt, der als absolut neutral anzusehen ist. Ich halte diesen Vorfall für überaus peinlich für die Armee und erwarte, dass der Schaden ersetzt wird. Mag sein, dass General Grant ein militärisch erfolgreicher General ist, aber einen militärisch erfolgreichen General, der seine Männer nicht auch nach dem Sieg unter Kontrolle hat, kann dieses Land nicht brauchen. Sonst zerbricht es wirklich. Aber vielleicht bringt eine Suspendierung General Grant wieder zur Vernunft. Veranlassen Sie bitte das Nötige, Mr. Cameron.“

Der Minister war zornig über die Entscheidung des Präsidenten und dachte bei der Rückfahrt ins Ministerium laut über seinen Rücktritt nach. Doch am folgenden Tag schickte das Kriegsministerium eine Depesche an General Grant, in der ihm mitgeteilt wurde, er sei einstweilen beurlaubt.

Währenddessen war Robert Bennett mit der Beschaffung von Pferden beschäftigt. Nach fast fünf Monaten war er soweit zur Ruhe gekommen, dass er nicht mehr unmittelbar in der Gefahr war, sich unnötiger Gefahr auszusetzen. Er hatte für das Ministerium eine ausgedehnte Dienstreise zu den bekannten Pferdezüchtern gemacht. Alle Waffengattungen der US-Army brauchten Unmengen an Pferden, aber für die Cavalry war das Pferd die Lebensgrundlage. Artillerieprotzen konnten notfalls – wenn auch mühselig – mit der Hand gezogen werden, ein Infanterieoffizier musste nicht zwangsläufig reiten, aber ein Kavallerist ohne Pferd war wie ein Fisch auf dem Trockenen. Von den Hunderten von Züchtern, die im Wesentlichen von Heereslieferungen lebten, boten nur wenige Dutzend Tiere an, die den hohen Ansprüchen der Cavalry genüge taten. Einer von den wenigen war Gary Hart, der seine Zuchtranch in der Nähe von Wilmington in Delaware hatte. Hart war der letzte Züchter auf Roberts Liste. Nach dem Besuch bei Hart würde er nach Washington zurückkehren. Der Pferdekauf hatte ihn von seinen sonstigen Sorgen abgelenkt, doch viele brauchbare Pferde hatte er bislang nicht gefunden.

Es war ein später Nachmittag Mitte Februar 1862, als Robert auf Harts Ranchgelände ritt. Seine graue Stute wirkte müde von der langen Reise, die fast einen ganzen Monat gedauert hatte. Gary Hart sah den Offizier durch das Tor reiten und schüttelte nur noch den Kopf. Was für ein müder Gaul! Der Offizier kam zum Haupthaus der Ranch und stieg steifbeinig ab.

„Tag, Lieutenant, was führt Sie zu mir?“, fragte Hart. Robert grüßte militärisch.

„Guten Tag, Mr. Hart. Ich bin Lieutenant Bennett, 7th US-Cavalry, zum Kriegsministerium zum Pferdekauf ausgeliehen. Was können Sie mir bieten?“

Hart nahm die krumme Tabakspfeife aus dem Mund und wies mit dem Pfeifenstiel auf Roberts müde Stute.

„Was Besseres als die Mähre allemal“, sagte der Züchter. Er sah den jungen Lieutenant einen Moment an. „Sagen Sie mal, waren Sie nicht schon mal bei mir?“

„Ja, Sir, vor einem Jahr etwa.“

„Kommen Sie ‘rein, Lieutenant“, lud Hart ein. Robert folgte ihm dankbar in die warme Stube, weil es im Freien äußerst ungemütlich war.

„Bleiben Sie länger hier?“, erkundigte sich der Züchter.

„Zwei oder drei Tage, Sir. Ich habe nur vergessen, mir in Wilmington ein Zimmer zu buchen.“

„Unnötig. Sie können hier bleiben. Dann haben Sie auch genügend Zeit, sich die Tiere in Ruhe anzusehen“, lud Hart den jungen Mann ein.

„Danke, Sir; das Angebot nehme ich gern an. Dürfte ich dann meine Stute in den Stall bringen?“

„Gewiss, kommen Sie mit.“

Hart führte Robert in einen nahen Stall, in dem etwa zwanzig Pferde standen. Robert bekam für Nancy einen offenen Stand zugewiesen. Im Nebenstand war ein großer Rappe mit Blesse und vier weißen Fesseln, der gerade seinen Abendhafer fraß. Als Robert Nancy absattelte und den Sattel auf den Stallbaum ablegte, drehte sich der Rappe zu ihm um, schnupperte neugierig in seine Richtung.

„He, Rover, lass’ das!“, raunte Hart dem Rappen zu und stupste ihn in die Flanke und ging dann fort. Aber Rover ließ sich nicht beirren, wurde richtig aufdringlich. Als Lieutenant Bennett der Stute die Hufe reinigte, näherte sich Rovers schwarzer Kopf seinem freiliegenden Hosenbund und ehe er sich versah, hatte Rover ihm das Hemd aus der Hose gezupft.

„Rover, du schwarzer Wüstling, was soll das?“, fragte Bennett ohne sich umzudrehen. Er spürte einen sanften Stoß im Rücken und sah sich doch um. Fast im Reflex kraulte er dem Rappen die rosa Nüstern, bemerkte, dass die Halsflanken des Pferdes vor Wonne flatterten.

„Wie kann ein einzelnes Pferd nur so verschmust sein?“, fragte Robert halblaut, als er mit Nancy endlich fertig war und Rover ihn halb ausgezogen hatte.

„Sagen Sie, Mr. Hart, zieht Rover eigentlich jeden aus, der im Nachbarstand arbeitet?“, fragte er den Züchter, als er wieder im Hause war. Hart sah den jungen Mann erstaunt an.

„Nein, das macht er nur mit Leuten, die er mag. Aber dann lässt er nicht locker. Hat er …?“

„Ja, er hat mir das Hemd aus der Hose gezutzelt. Drei- oder viermal hab’ ich’s wieder ‘reingesteckt.“

„Komisch, Soldaten kann er eigentlich nicht leiden. Sie waren doch in Uniform“, wunderte sich Hart.

„Ist das etwa das schwarze Ungetüm, das mir im letzten Jahr schon nachgeschlichen ist?“, wollte Robert wissen. Hart dachte einen Moment nach.

„Stimmt!“, sagte er dann. „Ja, das war Rover.“

„Ich erinnere mich dunkel, dass er mir nicht vom Stiefel gewichen ist, fast wie ein Hund. Ist er zu verkaufen?“

Hart seufzte.

„Sicher ist er das. Aber er will nicht verkauft werden.“

„So? Hat er Ihnen das gesagt?“, lachte Bennett.

„Grinsen Sie nicht. Pferde können zwar nicht mit menschlichen Worten reden, aber ein Pferd kann seinem Besitzer durchaus klarmachen, was es will. Rover fehlt manchmal nur die Sprache, um ein Wunderpferd zu sein. Er ist schnell, sehr schnell. Er ist wendig. Er reagiert schnell. Aber immer, wenn ich ihn verkaufen will, macht er Schwierigkeiten.“

„Worin äußern sich die?“

„Er fängt an zu hinken. Der sieht richtig leidend aus, fast, als ob er sich einen scharfkantigen Stein in den Huf getreten hätte. Der Bursche ist ein richtiger Schauspieler.“

„Hengst oder Wallach?“

„Noch ist er Hengst. Ich überlege noch, ob ich ihn zum Zuchthengst weiterbilden soll oder ob er als Wallach verkauft wird.“

„Wie wär’s, wenn Sie ihn mir als Hengst verkaufen?“, fragte Robert.

„Die Army nimmt doch nur Stuten oder Wallache“, erwiderte Hart verblüfft.

„Ich glaube, es wäre schade, Rover seiner Männlichkeit zu berauben. Ich würde ihn gern als Hengst kaufen.“

Hart seufzte erneut.

„Einen Hengst würde ich nicht zu dem Preis verkaufen, den die Army mir gibt. Denn wenn ich Hengste verkaufe, könnte das eines Tages Konkurrenz für mich bedeuten.“

„Welchen Preis stellen Sie sich für den Burschen als Hengst vor?“

„Reiten Sie ihn morgen. Dann reden wir darüber“, bot Hart an.

Am folgenden Tag bekam Rover seinen Sattel aufgelegt und wurde von Mr. Hart in die Reitbahn geführt. Kaum in der Reitbahn, begann das Tier mit der rechten Hinterhand zu humpeln, als ob ein Stein im Huf steckte.

„Sehen Sie, der ahnt was“, knurrte Hart. Robert sagte nichts, strich dem Rappen über die blessegeschmückte Nase, kraulte ihn leicht an den Nüstern.

„Du kannst aufhören, zu schauspielern“, sagte er leise. „Wir machen nur einen kleinen Ausritt. Was hältst du davon?“

Die schwarzen Ohren stellten sich auf. Das Tier schien die Aufmerksamkeit in Person zu sein. Robert stieg auf und nahm den Zügel auf. Die Ohren wackelten, legten sich plötzlich an und dann stieg Rover hoch. Robert hatte mit einer solchen Aktion gerechnet und blieb im Sattel, hielt die Zügel weiterhin locker in der linken Hand. Rover schüttelte den Kopf, schien zu überlegen, was er als Nächstes anstellen sollte. Dann schlug er nach hinten heftig aus. Wieder ohne Erfolg. Er sprang wie ein wilder Bronco durch die Bahn, von der angeblichen Verletzung war keine Spur mehr vorhanden. Umsonst. Der Reiter blieb oben. Aber es folgte kein scharfes Zügelreißen, kein strafender Sporenstich. Unschlüssig stand das Tier da, schüttelte wieder den Kopf.

„Rover, mich ärgerst du damit nicht“, sagte Robert leise, fast sanft.

Rovers Ohren wackelten. Robert gab ihm mit leichtem Schenkeldruck die Anweisung vorwärts zu gehen. Der Rappe gehorchte zu Harts Verblüffung. Eine ganze Stunde ritt Lieutenant Bennett Rover Probe. Je länger er im Sattel saß, desto mehr löste sich die Anspannung des Pferdes, es gehorchte immer williger. Robert hatte schon viele Pferde geritten, aber noch keines, das so prompt auf Hilfen reagierte, das so wendig war, wie Rover. Schließlich lenkte er den Rappen in die Bahnmitte und saß ab. Rover sah sich nach seinem Reiter um, entdeckte ihn unter sich und begann wieder, ihm das Hemd aus der Hose zu ziehen. Robert steckte es mit einer Hand wieder hinein und untersuchte mit der anderen die Beine des Pferdes. Alle vier Beine waren gleichmäßig, wiesen keine Fehlstellung auf. Der Lieutenant kam wieder unter dem Pferd hervor, blieb neben dem Pferd stehen und kraulte es unter dem Kinn.

„Was haben Sie mit dem Gaul gemacht? So gehorcht er nicht mal mir!“, fragte Hart.

„Ich mag Pferde sehr – und die meisten Pferde mögen mich. Nach mir hat noch keins gekeilt.“

Wenn ich den Hengst an die Army verkaufe, nur mit dem Zusatz, dass Sie ihn bekommen, Lieutenant.“

Robert sah Rover an.

„Keine Einwände, Euer Ehren. Nancy ist ein gutes Ersatzpferd, kein wirkliches Gebrauchspferd. Ich glaube, Rover und ich wären ein gutes Team“, sagte er und klopfte dem Pferd an den Hals.

Dann wollte er gehen, aber Rover kam hinterher.

„Sag bloß, du willst mit zum Einkaufen?“, wunderte sich der junge Mann. Rovers Ohren wackelten.

„Na gut, komm mit“, forderte Robert ihn auf und winkte dem Pferd. Rover trottete mit hängendem Kopf hinterher, folgte Robert den ganzen Tag auf dem Ranchgelände, ließ sich abends nur widerstrebend in den Stall bringen und sich neben Nancy anbinden. Neugierig schnupperte er in den Nachbarstand. Erst ein Rippenstoß von Robert brachte ihn wieder in den eigenen Stand, dann ließ er sich abzäumen.

„Jetzt fehlt nur noch, dass du morgen früh mit der Zeitung im Maul vor der Tür stehst“, lachte Robert, als Rover ihm wieder einmal das Hemd aus der Hose mogelte, während er dessen Hufe reinigte.

Zwei Tage später verließ Robert Harts Ranch auf Rover, Nancy am langen Zügel. Die von ihm gekauften zweihundert Pferde würden in den nächsten vier Tagen abgeholt werden. Der Vertrag, den Robert in der Tasche hatte, sagte aus, dass das Pferd für drei Jahre der US-Cavalry zur Verfügung gestellt wurde und danach Robert Bennetts Eigentum wurde – vorausgesetzt, beide überlebten den Krieg. Und der Preis war auch sehr akzeptabel gewesen.

 

Kapitel 10

Feindschaft

 

Die Abteilung des Kriegsministeriums, der Colonel Bennett vorstand, war für die Beschaffung von Reitpferden für die Army zuständig, ein Posten, den man schon per se am besten mit Kavalleristen besetzte. Trotz der umfangreichen Aufgabe, ständig für entsprechenden Nachschub zu sorgen, hatte der Kriegsminister in dieser Abteilung auch

die Regulierung von Kriegsschäden angesiedelt. Man hatte angenommen, dass der Krieg erstens nicht lange dauern würde, zweitens, dass Schadensersatzforderungen erst nach Beendigung der Feindseligkeiten geltend gemacht würden – und drittens war man davon ausgegangen, diese Forderungen mit zwei, drei harschen Sätzen unter den Teppich kehren zu können. Niemand hatte ernsthaft daran gedacht, Schäden, die durch unmittelbare Kriegseinwirkungen eingetreten waren, wirklich zu ersetzen.

Nun aber hatte eine ganze Stadt Ersatzansprüche gestellt, weil Truppen der Union Dover geplündert hatten, weil sie wie weiland die Landsknechtsheere im Dreißigjährigen Krieg über die Stadt hergefallen waren. Dr. Craig hatte schon geahnt, dass auch ein Protestbrief beim Präsidenten nur teilweise Erfolg haben würde. So hatte er die Presse informiert – und das Echo konnte der Kriegsminister nicht vertragen. Er sah sich gezwungen, die von seinen Soldaten angerichteten Schäden gleich ersetzen zu lassen.

Colonel Frederick Bennett seufzte tief. Vom Minister hatte er einen allzu großen Stapel von Briefen bekommen, in denen die Bürger von Dover ihre Schäden einforderten. Hier war ein Jurist gefragt, nicht ein Soldat, fand Bennett senior.

‚Wenn ich mir je gewünscht habe, Philip hier zu haben, dann heute!’, dachte er. Im gleichen Moment klopfte es an der Tür seines Amtszimmers.

„Ja!“, rief er. Die Tür wurde geöffnet und Robert trat ein.

„Lieutenant Bennett zurück vom Pferdekauf. Dreihundert Reitpferde eingekauft!“, meldete der junge Mann.

„Danke, danke, mein Junge“, nahm Frederick die Meldung beinahe zerstreut entgegen.

„Irgendwelche Katastrophen eingetreten, dass du so ein Gesicht machst?“, fragte sein Sohn.

„Kann man wohl sagen“, schnaufte der Colonel und berichtete Robert von den Ereignissen in Dover – und von seinem Wunsch, Philip im Ministerium zu haben. Robert lag es auf der Zunge, seinem Vater den Hinweis zu geben, dass er das durchaus hätte haben können, wenn er Philip nicht in die Fahnenflucht getrieben hätte, aber er schluckte es herunter. Sein Vater war offenbar schon selbst darauf gekommen.

„Du weißt, dass ich von Recht weniger als nichts weiß. Wie bringen wir die Kuh jetzt vom Eis?“, fragte Frederick.

„Sag’ dem Minister die Wahrheit. Sag’ ihm, dass diese Tätigkeit hier falsch ist“, empfahl Bennett junior.

„In meiner Position kannst du fast alles tun, aber nie sagen, dass du etwas nicht kannst“, schüttelte Frederick den ergrauten Kopf. „Was ist mit dir? Du verstehst doch etwas von Recht, oder nicht?“, erwiderte er dann listig. Robert atmete hörbar aus.

„Ich streite das nicht ab, aber in erster Linie wähnte ich mich Soldat zu sein“, erwiderte er.

„Bist du auch, aber jetzt kommt die zweite Linie nach vorn. Du wirst dich mit dem Kram befassen“, sagte Frederick und schob seinem Sohn den Briefstapel zu.

„Dienstlicher Befehl?“, fragte Robert.

„Allerdings.“

Robert seufzte tief.

„Ja, Sir!“, bestätigte er dann, salutierte und nahm den dicken Stoß. „Guter Gott, wann soll ich das noch machen?“, murmelte er im Hinausgehen.

Drei Tage später hatte Robert die Unterlagen sortiert. Es waren bisher einhundertfünfzig verschiedene Einwohner der Stadt, die Schäden ersetzt haben wollten. Mit seiner Liste, auf der er die Geschädigten und ihre Ansprüche notiert hatte, sprach Robert bei seinem Vater vor.

„Im Ergebnis: Alleine schaffe ich das nicht!“, fasste der Lieutenant zusammen. „Ich bin sicher, dass das, was ich jetzt katalogisiert habe, nur die Spitze des Eisbergs ist.“

„Was stellst du dir vor?“

„Ich denke, es wäre das Beste, wenn wir die Sache in Dover selber regeln. Erstens sind die Wege kurz, zweitens sollten wir den Leuten von Dover zeigen, dass die Union für sie da ist, dass wir nicht ihre Feinde sind“, schlug Robert vor.

„Junge, das sind Rebellen!“, erinnerte Frederick mit gewisser Schärfe.

„Es werden Rebellen, wenn wir die Regulierung verweigern, hinauszögern, verschleppen. Wenn wir jetzt reagieren und ordnungsgemäß die Schäden bezahlen, könnte es uns gelingen, Dover wieder ganz auf die Seite der Union zu ziehen, denke ich“, erklärte Robert. Frederick dachte einen Moment nach.

„Du könntest Recht haben. Ich spreche mit dem Minister.“

Am folgenden Tag brachte der Amtsbote mit der Post eine Depesche vom Fort Donelson. Lieutenant-Colonel Harris teilte mit, dass das 7th US-Cavalry Regiment gemäß Weisung des Ministers das Fort bezogen habe und mit den Reparaturarbeiten begonnen habe. Er forderte einige Waggonladungen Holz, Mauersteine, Mörtel und anderes Baumaterial an, teilte mit, dass der geplante Einsatz gegen die Sezessionisten im Westen Virginias verschoben werden müsste. Robert legte seinem Vater, der gegen zehn Uhr von einer Besprechung mit dem Minister kam, gleich das Telegramm vor. Frederick sah sich die Depesche nachdenklich an.

„Ich frage mich, ob man die Instandsetzung des Forts nicht mit den Reparaturen in Dover kombinieren kann“, grübelte er laut. Dann sah er einen Zusatz:

„P.S.: LT. TAYLOR SO SCHWER VERWUNDET, DASS WEITERER EINSATZ NICHT MOEGLICH IST. ERBITTE RUECKKEHR LT. BENNETT. CPL. EVANS UNTERWEGS ZWECKS ABHOLUNG.“

Bennett senior las das Telegramm mehrfach. Die Anforderung von Harris machte seine Absicht zunichte, Robert zur Schadenregulierung nach Dover/Tennessee zu schicken. Der junge Mann war ruhiger geworden, schien seinen Liebeskummer vergessen zu haben. Aber was geschah, wenn er wieder in die Nähe von Bajonetten und Granaten kam? Tennessee war noch nicht vollständig in Unionshand und im westlichen Virginia herrschte blutiger Krieg.

Frederick klingelte und Robert erschien sofort. Frederick sah seinen Sohn einen Moment an. Er war ein stattlicher, gut aussehender Mann geworden, sein Jüngerer; einer, dem die Mädchen scharenweise nachlaufen mussten. Und doch interessierten sie ihn nicht. Colonel Bennett wusste nur zu gut, dass es für seinen Sohn nur Susan Craig gab. Ob sie überhaupt ahnte, wem sie den Laufpass gegeben hatte?

„Sir?“, sprach Robert seinen Vater schließlich an, der mit den Gedanken weit weg schien. Frederick kam aus seinen Tagträumen zurück.

„Entschuldige, Junge. Hast du die Depesche gelesen?“

„Welche? Die von Harris?“

Der Colonel nickte.

„Ja, warum?“

„Ich wollte dich nach Dover schicken. Jetzt fordert Harris dich als Ersatz für Taylor an.“

„Ich weiß. Ich wollte gerade packen gehen.“

„Mir ist nicht wohl dabei. Du bist hierher versetzt worden, um dich von Selbstmordabsichten zu kurieren. Bist du von der Wolke der Dummheiten herunter?“, fragte Frederick. Robert lächelte.

„Vater, ich bin nicht Soldat geworden, um am Schreibtisch zu sitzen. Und was Dummheiten anbetrifft: Solange mir eine Strafversetzung ins Büro droht, verzichte ich auf Himmelfahrtskommandos. Genügt das?“

Frederick Bennett nickte.

„In Ordnung. Aber wen schicken wir jetzt nach Dover?“

„Mich, wen sonst?“

„Harris hat dich als Ersatz angefordert, mein Sohn!“, erinnerte Frederick.

„Weiß ich. Aber wo steht geschrieben, dass er alle zwölf Schwadronen braucht? Du hattest doch die Idee, dass unsere Leute einen Teil der Reparaturen in Dover machen sollten. Toms Leute sind ausgebildete Pioniere und meine kann ich sehr variabel einsetzen, wenn Geoff sie mir nicht verdorben hat. Ich übernehme den finanziellen Kram, Tom die handwerkliche Seite des Unternehmens. Auf die gleiche Weise haben wir Fort Leavenworth repariert.“

Bennett senior nickte grimmig.

„Ist mir bekannt. Hast du dir mal den Grundriss von Donelson angesehen? Das ist kein Fort, das ist eine Stadt für sich! Junge, da waren fünfzehntausend Mann stationiert! Das ist kein Außenposten wie Randall, der keine hundert Yard im Quadrat misst!“

„Ich habe die Zeichnung gesehen. Es ist viel freie Fläche im Fort. Die Schäden an den Mauern halten sich nach den Fotoplatten, die ich bei Mr. Brady gesehen habe, in Grenzen. Die Platten waren zwar nicht sehr scharf, aber die Schäden waren gut zu erkennen. Außerdem soll Donelson nicht wieder vollständig hergerichtet werden, wenn ich den Befehl des Ministers richtig verstanden habe. Der Ausbau soll für die Unterbringung von maximal drei Regimentern erfolgen, die Außenwerke wahrscheinlich unberücksichtigt bleiben. Ich denke, wir können genügend Zeit für die Schäden in Dover erübrigen.“

Frederick sah seinen Sohn mit einem misstrauischen Blick an.

„Ich weiß, dass du dich um die Regulierung nicht gerissen hast, mein Junge. Du hast sehr maulig reagiert, als ich dir die Unterlagen gegeben habe. Warum willst du mit aller Gewalt nach Dover?“, fragte er forschend und sah Robert durchdringend an. Der junge Mann lächelte versonnen. In seinen nussbraunen Augen war ein Leuchten, das sie transparenten, dunklen Bernsteinen gleichen ließ.

„Es hätte mir vielleicht nicht gefallen, die Sache vom Schreibtisch aus zu erledigen. Ich habe gleich vorgeschlagen, dass wir das vor Ort regeln sollen.“

„Das ist es nicht. So gut kenne ich dich. Wer oder was ist in diesem Kaff, dass du dort unbedingt hin willst?“, bohrte der Colonel weiter. Robert griff in die Innentasche seines Uniformrocks und nahm einen Brief heraus.

„Wenn du es genau wissen willst: Das ist der Grund“, sagte er und warf den Brief auf den Schreibtisch. Frederick sah zu seiner Verblüffung den Absender Susan Craig. Der Poststempel war keine zehn Tage alt.

„Bei Gott! Seit wann korrespondierst du mit ihr?“, fragte er erschrocken.

„Seit Weihnachten. Sie hat mir geschrieben und mir schriftlich erklärt, was vorgefallen ist. Seitdem schreiben wir uns wieder.“

„Robert – sie ist mit Ronald Gordon verlobt, vergiss das nicht“, erinnerte Frederick mahnend.

„Verlobt, aber nicht verheiratet“, gab Robert zurück. „Ronald hat sich einen Dreck drum geschert, dass Susan und ich fast verlobt waren. Zudem hat sich aus Susans Briefen ergeben, dass meine Briefe, die ich ihr aus Manassas geschrieben habe, nachdem ich von Rons Annäherungsversuchen erfahren hatte, nicht angekommen sind. Sie müssen abgefangen worden sein.“

„Seit Weihnachten? Das passt mit dem Zeitpunkt zusammen, an dem du wieder klar wurdest. Hat der Briefwechsel etwas damit zu tun?“

„Natürlich. Solange Ronald Susan nicht vor den Traualtar geschleppt hat, werde ich nicht aufgeben.“

„Du bist und bleibst ein Dickkopf!“, lächelte der Colonel. Jetzt war er sich völlig sicher, dass sein Sohn sich nicht mehr absichtlich umbringen lassen wollte.

Am Tag darauf traf Trooper Evans ein und einen weiteren Tag später ritten er und Lieutenant Bennett zur Bahn. Nachdem die Pferde verladen waren, steigen sie in einen Erster-Klasse-Wagen ein. Für Evans, der als gewöhnlicher Trooper sonst im Viehwaggon fuhr, war es sehr ungewöhnlich, dass er jetzt Erster Klasse reisen durfte. Fast ehrfurchtsvoll setzte er sich in die Plüschpolsterung des Abteils. In Baltimore stiegen sie um, ebenso in Harpers Ferry, Cincinnati und Louisville. Die Louisville & Nashville Railroad würde sie bis nach Tennessee Ridge fahren, dem Bahnhof, der ihrem neuen Stützpunkt am nächsten gelegen war. Doch in Munfordville am Green River war die Fahrt zu Ende.

„Munfordville! Alles aussteigen, der Zug endet hier!“, rief der Aufsichtsbeamte. Robert sah aus dem Fenster.

„Ich habe bis Tennessee Ridge bezahlt! Was soll das?“, rief er zornig.

„Tut mir Leid, Sir. Die Brücke über den Green River ist von Partisanen der Rebellen gesprengt worden“, erwiderte der Bahnbeamte.

„Wie heißt die nächste Station?“, fragte Robert weiter.

„Cave City, Sir, aber ich würde Ihnen raten, nach Bowling Green zu reiten. Nach Cave City wäre es ein Umweg, Sir“, empfahl der Aufsichtsbeamte.

„Und warum?“, hakte Evans nach.

„Die Bahn überquert hier eine Schlucht, die mit dem Pferd nicht zu passieren ist. Sie müssen von hier aus in Richtung Südwesten reiten, am Fluss entlang, ihm etwa vierzig Meilen folgen. Dort ist eine Furt ziemlich genau nördlich von Bowling Green. Dann sind’s noch etwa zehn Meilen bis nach Bowling Green. Dort können Sie wieder einsteigen. Ihre Fahrkarte bleibt gültig“, gab der Eisenbahner Auskunft. Robert nickte. Er winkte Evans und sie stiegen aus. Als sie die Pferde gesattelt hatten, wandte Robert sich noch einmal an den Aufsichtsbeamten.

„Wir haben keine Karten von dieser Gegend. Können Sie mir eine geben?“

„Ich habe nur eine Karte hier im Empfangsgebäude. Aber Sie können sich den Weg abzeichnen.“

Es war Ende Februar und nach der ersten Schneeschmelze, die den Tennessee- und den Cumberland-River soweit über die Ufer hatte treten lassen, dass dadurch die Eroberung der Forts Henry und Donelson möglich geworden war, hatte der Frost noch einmal angezogen und außer eisigen zehn Grad Fahrenheit auch noch einmal Neuschnee gebracht. Weder für die Reiter noch für die Pferde war eine Reise jetzt angenehm. Vor allem verbot es sich, bei diesen Temperaturen im Freien zu übernachten. Es war bereits dunkel geworden, aber der Halbmond brachte den Schnee zum Leuchten und wies den tief vermummten Soldaten den Weg.

Etwa zwei Stunden nach Anbruch der Dunkelheit erreichten Bennett und Evans ein einsames Gehöft, das nahe am Green River lag. Die Farm bestand aus einem Haupthaus, einem nahe daneben gebauten Stall und einigen leeren Koppeln. Die beiden Reiter hielten in schweigendem Einverständnis darauf zu, als sie bemerkten, dass im Haupthaus noch Licht brannte. Robert stieg vor dem Haupthaus steif gefroren vom Pferd und klopfte an. Es dauerte auch nicht lange, bis eine junge Frau, wohl nur wenig älter als Robert, öffnete und vor Schreck die Tür wieder zuschlug, als sie bemerkte, dass zwei Unionssoldaten vor ihrem Haus standen. Robert klopfte erneut. Vorsichtig wurde die Tür wieder einen Spalt breit geöffnet.

„Was wollen Sie?“, fragte die Frau.

„Mein Kamerad und ich sind seit heute Morgen unterwegs und möchten bei diesen Temperaturen nicht gern im Freien nächtigen. Wären Sie bereit, uns für heute Nacht Quartier zu geben?“, fragte Robert höflich an.

„Warten Sie einen Moment“, sagte die Frau und klappte die Tür wieder zu.

„Vergiss es, Robert“, seufzte Evans resigniert. „In dieser Gegend findest du keinen, der einem Yankee Obdach gibt.“

„Wir können nicht unter freiem Himmel übernachten, Andy. Dafür haben wir keine Ausrüstung mit“, erinnerte der Lieutenant.

„Sonnenklar, aber …“

Die Haustür wurde wieder geöffnet und Evans brach ab. Der Mann, der in der Tür stand, war wohl kaum dreißig Jahre alt, hatte dunkles Haar, einen dünnen schwarzen Vollbart und war offenbar sehr groß. Es schien Evans, als wäre er sogar einen oder zwei Inch größer als sein Vorgesetzter.

„Meine Schwester hat mir gesagt, Sie wollen Quartier. Wer sind Sie und wohin wollen Sie?“, fragte er. Seine Stimme klang rau.

„Ich bin First-Lieutenant Robert Christopher Bennett von der 7th US-Cavalry, Schwadron C, und das ist Trooper Andrew Evans, mein Bursche. Wir sind unterwegs nach Bowling Green. Leider hat jemand der Eisenbahnbrücke von Munfordville mit Sprengstoff Feuer unter den Fundamenten gemacht, sonst müssten wir Sie nicht belästigen, Sir“, erklärte Robert. Der Mann nickte.

„Ich bin Yancey Morton Morrows. Treten Sie ein.“

„Danke, Mr. Morrows. Dürften wir zunächst unsere Pferde versorgen?“

„Hmm, ist gut. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Stall“, sagte Morrows, verschwand kurz im Haus und kam wieder, nachdem er seine Filzpantoffeln mit Reitstiefeln vertauscht hatte. Er ging den Unionssoldaten voraus zum Stall. Evans stieß Robert vorsichtig an.

„Ob man denen trauen kann?“, fragte er flüsternd. Bennett zuckte mit den Schultern.

„Schwer zu sagen. Verlassen würde ich mich darauf nicht“, gab er ebenso leise zurück.

„Was machen wir?“

„Wir sollten nicht beide zugleich schlafen. Wir wechseln uns alle zwei Stunden ab“, entschied Robert leise.

Wenig später hatten sie die Pferde versorgt. Robert war aufgefallen, dass Rover sehr unruhig war. Er schob es auf die ungewohnte Umgebung und die Kälte. Morrows zeigte den unerwarteten Gästen eine Dachkammer.

„Ich kann Ihnen nichts Besseres bieten als diese Kammer und zwei Strohsäcke. Wir sind auf Besuch nicht unbedingt eingerichtet“, sagte er.

„Schon recht, Mr. Morrows. Zwei Strohsäcke im warmen Haus sind immer noch besser als zwei Satteldecken im kalten Schnee. Danke“, bedankte sich Bennett.

„Sie werden bestimmt hungrig sein. Meine Schwester hat eine Hammelkeule gebraten. Es ist noch einiges übrig.“

„Ja, danke, wir kommen gleich“, erwiderte Robert. Die Tür war kaum zu, als Evans sich vorsichtig umsah.

„Mir ist gerade eingefallen, dass in dieser Gegend einige Blauröcke spurlos verschwunden sind, Bobby“, warnte er. „Wir sollten höllisch aufpassen.“

Robert nickte.

Im Wohnraum erhellte ein sechsflammiger Kerzenleuchter – ein ausrangiertes Wagenrad – unter der relativ niedrigen Decke die Dunkelheit des Februarabends. Im Kamin brannte ein prasselndes Feuer und nahe beim Kamin stand ein massiver Pinienholztisch, um den sechs gleichfalls massive, aber mit einer Art Plüsch gepolsterte Pinienholzstühle standen. Morrows’ Schwester kam herein, stellte sich als Pamela vor und brachte für jeden einen großen Teller, auf dem Hammelkeule, Maiskuchen und rote Bohnen in Hammelsauce angerichtet waren. Evans sah zur Tür, als sie wieder verschwunden war, dann auf seinen reichlich gefüllten Teller und schnupperte intensiv.

„Was hast du?“, fragte Robert.

„Ich weiß nicht. Die Bohnen riechen muffig. Wenn Tim rote Bohnen macht, riecht’s anders.“

„Tim Nott ist gelernter Hotelkoch und schmurgelt rote Bohnen nicht mit Hammelsauce“, erwiderte Robert und stippte die Sauce mit einem Stück Maiskuchen auf. Dann stutzte er.

„Teufel auch! Igitt, die Bohne schmeckte nicht“, sagte er angeekelt. „Du hast Recht. Deine feine Nase möchte ich haben.“

Evans grinste breit.

„Du warst zu lange in Washington und hast lange nichts mehr aus Tim Notts Hotelküche gegessen“, erwiderte er, schob die Hammelscheiben sorgsam beiseite und beförderte die Bohnen löffelweise in das Kaminfeuer. Robert tat es ebenfalls.

Als die junge Frau wiederkam, waren die Bohnen längst nahezu spurlos verschwunden.

„Hat es Ihnen geschmeckt?“, fragte sie, als sie die leeren Teller sah.

„Ja, sehr gut. Vor allem die Bohnen waren ausgezeichnet“, lächelte Robert verbindlich. „Können Sie mir das Rezept geben? Dann kann unser Koch endlich schmackhafte Bohnen machen“, bat er dann.

„Ja, gern. Ich schreib’s Ihnen auf“, versprach Pamela mit einem viel zu freundlichen Lächeln und trug das Geschirr hinaus.

„Volltreffer! Die Bohnen waren nicht ganz koscher“, schnaufte Robert.

Nach einer kurzen Unterhaltung, bei der die beiden Unionssoldaten demonstrativ gegähnt hatten – und sich dafür augenreibend entschuldigt hatten – hatten sie sich zurückgezogen und richteten sich in der zwar kühlen, aber vom Frost weit entfernten Dachkammer die Strohsäcke her.

„Meine Satteltasche lag vorhin anders“, bemerkte Robert. Er hatte ein ungutes Gefühl und kontrollierte den Inhalt.

„Andy – hast du noch Munition?“, fragte er, als er sich bleich geworden umdrehte. Sein gesamter Munitionsvorrat aus der Tasche fehlte. Ebenso das Bajonettmesser, das er für grobe Schneidarbeiten benutzte. Andrew Evans wühlte gleichfalls hektisch in seiner Satteltasche. Er fand nichts.

„Verdammte Schweinerei!“, fluchte er leise. „Ich hab’ nichts mehr.“

„Gar nichts?“

„Nur das, was jetzt im Revolver ist.“

Robert sah Andy eine Weile an.

„Das ist eine Falle! Hast du wenigstens noch deinen Säbel?“

„Von dem trenne ich mich nur im Bett. Das weißt du doch.“

„Na gut“, seufzte Bennett. „Zwölf Schuss und zwei Säbel. Das muss reichen. Wir werden uns den Weg freischlagen müssen“, knurrte er dann zornig.

Evans lauschte angestrengt an einem Loch im Fußboden.

„Hör mal!“, flüsterte er und winkte Robert heran. Der Lieutenant robbte zu ihm hin und horchte ebenfalls an dem Loch. Unten waren Schritte zu hören, deutliches Sporenklirren wahrnehmbar, dann Stimmen.

„Guten Abend, mein Schatz.“

Robert zuckte zusammen. Das war eindeutig die Stimme seines Bruders!

„Guten Abend, Phil“, antwortete Pamela. Das Geräusch, das folgte, schien ein Kuss zu sein.

„Habt ihr Besuch?“, fragte Philip. „Im Stall stehen zwei fremde Pferde.“

„Zwei Yankees, die ich mit meinen Spezialbohnen eingeschläfert habe. Hihi, einer wollte sogar noch das Rezept dafür haben! Sind deine Leute schon da?“

„Noch nicht. Sie werden in zwei, drei Stunden hier sein.“

„Bis dahin wachen die Yanks nicht auf. Willst du noch baden?“, fragte Pamela.

„Ein heißes Bad schadet nie – vor allem, wenn du mit in der Wanne sitzt.“

„Philip!“, ereiferte sich Pamela. Die Lauscher im Dachboden hörten nur noch ein leises Lachen Philips und das Klappen einer Tür.

„Zwei, drei Stunden? Andy, wir haben nicht viel Zeit! Pack’ deinen Kram zusammen, wir verschwinden hier!“

„Willst du durchs Haus?“, fragte Evans vorsichtig.

„Nein, an der Dachrinne herunter. Morrows könnte im Haus sein. Vielleicht hat Philip auch noch ein paar Leute mit, die schon unten sitzen.“

Evans schluckte ob dieser Ankündigung.

„Ich bin ein sehr schlechter Klettermaxe, Robert“, warnte er.

„Not lehrt Seiltanzen, manchmal auch klettern. Komm jetzt.“

Eilig packten sie ihre Sachen zusammen. Robert öffnete das kleine Fenster in der Giebelwand und schaute vorsichtig hinaus. Im Hof war alles still. Leise rieselte Neuschnee vom Himmel. Im Dreivierteldunkel der schwachen Hofbeleuchtung erkannte Bennett einen schmalen Sims unter dem Giebelfenster, der an den Regenrinnen endete. Vorsichtig stieg er mit den Füßen voran aus dem Fenster, drückte sich flach an die Hauswand und schob sich inchweise nach links, bis er die Dachkante erreichte. Mit einem beherzten Griff langte er nach der Regenrinne und ließ sich gleichzeitig fallen. Sein Säbel schlug scheppernd gegen das Fallrohr.

„Hoffentlich hat keiner den Spektakel gehört“, murmelte Robert, als er mit einer Hand hängend den schleudernden Säbel mit der anderen unter Kontrolle brachte und ihn am Koppelhaken einhängte. Eisige Kälte biss in seine ungeschützten Finger. Auf die Wollhandschuhe hatte er verzichtet, weil sie für die Kletterpartie zu glatt gewesen wären. Langsam ließ er sich am Rohr herunter und war heilfroh, als er festen Boden unter den Füßen spürte.

„Puuh!“, schnaufte er leise. „Wirf die Sachen ‘runter!“, bedeutete er Evans leise. Andy warf ihm die Gepäckstücke einzeln zu, Robert fing sie auf, bevor sie laut auf dem Boden aufschlugen. Dann folgte Evans ihm zitternd und übervorsichtig auf dem gleichen Weg, den auch Robert gegangen war.

„Du schaffst es, Andy. Keine Panik. Bleib’ ruhig“, beruhigte Robert den zitternden Trooper. Schließlich war auch Evans heil im Hof gelandet.

„Gott sei Dank!“, stieß Andy leise hervor. „So viel Schiss hab’ ich noch nie gehabt!“

„Los, weiter!“, sagte Robert flüsternd, warf Andy seine Sachen zu, dann eilten sie im Laufschritt zum Stall hinüber.

Rover stampfte unruhig, als er die Schritte von draußen hörte, die auch noch näher kamen, als die Stalltür bereits geschlossen war und es immer noch finster war. Robert tastete sich an den Ständen entlang und rief leise nach Rover, der aufwieherte und seinem Herrn so den Weg wies. Robert hatte den Stand noch nicht erreicht, als eine Lampe aufflammte und gleich drei Revolverschüsse fielen. Er und Evans warfen sich flach zu Boden. Die Petroleumlampe zeichnete einen Schatten an die Wand, der ein langläufiges Gewehr in die Hände nahm.

„Ihr entwischt mir doch nicht, verdammte Yankees!“, knurrte Yancey Morrows.

Evans wollte etwas sagen, aber Robert schüttelte den Kopf. Mit Gesten bedeutete er seinem Burschen, vorsichtig zu den Ständen zu robben. Robert angelte nach einem Besen, steckte seine Mütze auf den Stiel und hielt sie vorsichtig hoch, so, dass es aussah, als stünde er auf. Wieder fiel ein Schuss, die Mütze hatte über dem Abzeichen ein Loch, hinten im Mützenbeutel ebenfalls. Evans arbeitete sich vorsichtig an einen leeren Stand heran, der Mann mit der Lampe folgte dem scharrenden Geräusch. Andy warf ein Steinchen auf die entgegengesetzte Seite des Stalles, Morrows zuckte herum und schoss in die Richtung, aus der das Aufprallgeräusch kam. Robert nutzte die Gelegenheit, kam hoch und schoss sofort. Die Kugel traf Yancey in die rechte Hüfte, er ging mit einem Aufschrei zu Boden, riss den Revolver wieder aus dem Holster und wollte zurückschießen, aber Evans war schneller und traf ihn in die Waffenhand. Morrows verlor die Waffe, wand sich vor Schmerz schreiend. Evans legte mit dem Karabiner an, aber Robert hinderte ihn.

„Nein, er ist wehrlos, Andy. Sattle die Pferde, ich kümmere mich um ihn“, sagte er und drückte den Gewehrlauf nach unten. Doch bevor er dazu kam, sich um den Verletzten zu kümmern, war dieser davon gerobbt.

„Beeilen wir uns“, seufzte Robert.

Eilig sattelten sie die Pferde, waren gerade fertig, als ein Balken vor das Stalltor krachte und die Petroleumlampe, die Morrows irgendwie mitgeschleppt hatte, in den Stall geworfen wurde und das Holz und das Stroh sofort lichterloh entzündete. Die Pferde scheuten vor dem sich schnell ausbreitenden Feuer. Robert riss den Säbel aus der Scheide und schlug die Stallhalfter einfach durch. Die in Panik ausbrechenden Pferde, die sonst noch im Stall waren, brachen durch eine Holzwand und ermöglichten den eingeschlossenen Soldaten die Flucht. Schon fast im Galopp sprangen Robert und Andrew auf die Pferde und hetzten hinaus in die Dunkelheit. Dicht an die Hälse ihrer Pferde geduckt entkamen sie den Kugeln, die Morrows und Philip hinter ihnen her sandten.

Die beiden Reiter waren in der Dunkelheit verschwunden, als Morrows zu Boden ging.

„Verdammte Yankees! Bei allen Teufeln der Hölle, von denen will ich nie wieder einen Offizier oder anderen Soldaten lebend aus meinen Fingern lassen!“, schwor er stöhnend vor Schmerz. Philip, der sich um Yanceys Verwundungen bemühte, vermutete, dass es der augenblickliche Schmerz war, dass sein Schwager den Schwur nicht so meinte, wie er ihn ausgesprochen hatte. Pamela kam aus dem Haus gelaufen.

„Verflucht noch mal, ich hab’ gedacht, du hättest die Burschen eingeschläfert?“, wetterte ihr Bruder.

„Verstehe ich nicht. Die haben die Bohnen restlos verputzt. Die müssten schlafen wie die Engel, Yancey.“

„Sie sind wach wie der Erzengel Michael und schießen wie der Teufel persönlich!“, schnauzte Morrows wütend. Pamela seufzte nur und half Philip, ihren Bruder wieder ins warme Haus zu bringen. Dann bemühte Philip sich, den Brand mit eimerweisem Wasser zu löschen. Es war nichts zu machen, der Stall brannte nieder. Er konnte nur ein Übergreifen auf das Haupthaus verhindern. Seine Männer waren noch nicht eingetroffen, er musste allein gegen die Flammen kämpfen.

Als er sehr viel später rußgeschwärzt ins Haupthaus zurückkam, hatte Pamela ihren Bruder soweit versorgt, dass er einigermaßen schmerzfrei war und schlief.

„Ich fürchte, er meint ernst, was er vor sich hinmurmelt“, sagte sie leise, als Philip sie in den Arm nahm.

„Das mit den Yankees? Pam, das glaube ich nicht. Im ersten Schmerz sagt man viel daher.“

„Er brummelt sogar im Schlaf davon, Philip. So schief ist es noch nie gegangen, wenn wir hier Yankees abgefangen haben“, seufzte Pamela. Philip streichelte sie beruhigend.

„Lass’ ihn sich erst erholen. Er hat jetzt einiges abbekommen. Das gibt sich“, sagte er leise. Pam schmiegte sich dicht an ihn.

„Wenn Yancey sich etwas in den Kopf setzt, dann führt er es irgendwann aus, Phil“, warnte sie. „Und diese beiden, die ihm hier entwischt sind, wird er mit besonderem Eifer verfolgen, glaub’ mir.“

„Er wird kaum wissen, um wen es sich handelt“, mutmaßte Philip. Pam schüttelte den Kopf.

„Der Lieutenant war sehr höflich und stellte sich und seinen Burschen vor. Er hieß übrigens auch Bennett und der Bursche Evans.“

Philip wurde blass.

„Etwa Robert Bennett?“, erkundigte er sich mit einem Zittern in der Stimme. Pam nickte und sah auf und bemerkte Philips entsetzten Gesichtsausdruck.

„Was hast du?“, fragte sie.

„Pam, ich habe gerade auf meinen eigenen Bruder geschossen!“, entfuhr es ihrem Mann.

Robert und Andrew brachten ihre Pferde erst zum Stehen, als die brennende Scheune nicht mehr in Sicht war.

„Verdammt, das war knapp!“, schnaufte Evans. „So scheußlich heiß war mir noch nie!“

Robert nickte. Er sah sich um.

„Den Spuren kann ein Blinder folgen. Sobald es hell ist, sind sie hinter uns her. Wenn Philips Leute uns verfolgen, haben wir kaum eine Chance, lebend nach Bowling Green zu kommen“, sagte er. Der Mond brach wieder durch die Schneewolken und zeigte ihnen, dass sie nahe am Fluss waren. Mehr probeweise trieb der Lieutenant seinen Rappen in den Fluss.

„Wir haben die Furt gefunden, Andy“, rief er, als er den Fluss halb durchquert hatte und das Wasser nicht wesentlich tiefer geworden war.

„Schön, aber damit haben wir die Dixies nicht vom Hals. Was machen wir mit denen?“, gab Evans zu bedenken. Bennett kam zurück.

„Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, verwirr’ ihn! Wir werden jetzt einträchtig nebeneinander einige Male in den Fluss und wieder ans Ufer reiten und so Spuren hinterlassen, die aussehen, als sei hier eine ganze Schwadron herumgetobt. Das gleiche machen wir am anderen Ufer bis zu dem Wäldchen dort. Ich gehe jede Wette ein, dass sie es dann unterlassen, uns zu nahe zu kommen.“

Nach nicht mehr als einer Viertelstunde sah das Ufer aus, als ob dort tatsächlich eine ganze Schwadron übergesetzt hatte und die beiden Flüchtlinge aufgenommen hatte. Bennett und Evans wechselten die Flussseite und hinterließen dort ebensolche Spuren bis zum Waldrand.

„Das sollte genügen, sie von unserer Überzahl zu überzeugen“, grinste Robert.

„Sieh mal, dort ist eine Hütte“, stieß Evans ihn an und wies in den Wald.

„Hoffentlich wohnen da nicht auch solch gastfreundliche Leute wie auf der anderen Seite“, murmelte Robert. Vorsichtig ritten sie zu der Hütte hin. Alles war dunkel und still. Rover schnaubte unruhig als aus der Ferne das Klappern von Pferdegeschirren zu hören war.

„Rover ist unruhig, Andy. Wir sollten hier nicht bleiben“, bemerkte Robert.

„Ich weiß auch, warum. Sieh mal auf der anderen Seite“, erwiderte Evans und zeigte auf die andere Flussseite. Inzwischen schien der Mond sehr hell und man konnte auf der Schneedecke Umrisse erkennen. Zehn oder zwölf Reiter in grauen Mänteln suchten das andere Ufer ab, kamen zu der Stelle, wo die Unionssoldaten die falschen Spuren gelegt hatten. Einer sah angestrengt herüber.

„Wenn du jetzt fair bist, Phil, dann übersiehst du uns einfach“, murmelte Robert. „Denk’ jetzt bitte an den letzten Winter, Bruderherz.“

Am anderen Ufer versuchte einer von Philips Männern, die zahlreichen Spuren zu untersuchen.

„Das waren mindestens hundert Mann, Sir! Gegen die kommen wir nicht an“, schloss Corporal Read aus den Spuren. Philip hatte aufs andere Flussufer gesehen.

„Drüben sind genau solche Spuren, Sam. Die Vögel sind uns entwischt. Zurück zur Farm!“, befahl er und winkte seinen Leuten, die vorausritten. Philip sah noch einen Moment hinüber.

‚Gute Arbeit, kleiner Bruder. Das macht dir so leicht keiner nach’, dachte er anerkennend und folgte dann seinen Männern.

Robert Bennett atmete hörbar aus, als die Konföderierten am anderen Ufer kehrt machten.

„Gott sei Dank, sie sind drauf ‘reingefallen!“

„Hattest du Zweifel?“

„Philip kennt den Trick auch. Wir haben beide zu lange im Westen gelebt, Andy. Solch eine Spur zu legen, ist eine List meiner indianischen Freunde. Als Gelbe Wolke sie mir gezeigt hat, war Philip dabei.“

Obwohl die Südstaatler abgerückt waren, wagten die beiden Unionssoldaten nicht, Feuer in der Hütte zu machen und damit auf die Anwesenheit von Menschen aufmerksam zu machen. Sie fütterten und tränkten nur die Pferde und ritten dann gleich weiter in Richtung Süden.

Knapp zehn Meilen südlich vom Green River lag Bowling Green. Robert und Andrew erreichten die Ortschaft drei Stunden nach ihrem Aufbruch. Robert stieg vor dem Büro des City-Marshals ab, um den Anschlag auf sich und seinen Begleiter anzuzeigen. Der Marshal saß gerade vor einem Stapel von Anzeigen, als Bennett das Büro betrat. Der Marshal sah auf.

„Ach, sieh mal an! Die Blaubäuche gibt’s auch noch!“, stieß er mit giftigem Unterton hervor. „Ich, vielmehr sämtliche Bürger von Bowling Green haben euch Brüder vor zwei Tagen sehr vermisst!“, zischte er.

„So?“, erkundigte sich Bennett.

„Ihr wisst doch sonst so gut Bescheid! Haben Pinkertons gepennt?“, spöttelte der Marshal in Anspielung darauf, dass sich die Union zur Feindaufklärung des Detektivbüros Pinkerton bediente. Robert kam zum Schreibtisch und stützte sich darauf.

„Sprechen Sie nicht in Rätseln, Mann!“, fauchte er den Marshal an. „Ich bin seit vier Tagen unterwegs, habe verdammt viel Glück gehabt, hier überhaupt anzukommen und seit drei Tagen keine Zeitung mehr gesehen! Also – was war hier los, dass Sie mich grußlos anfauchen?“, knurrte er den Marshal an.

„Was los war? Vor zwei Tagen ist hier ein Haufen Südstaatensoldaten – was sag’ ich? Soldaten? Banditen waren das! Also, vor zwei Tagen sind diese Banditen hier hundert Mann hoch durchgezogen! Vier Waffengeschäfte haben wir in Bowling Green. Aber glauben Sie nicht, dass noch eines davon seine Ware führt! Jedes Gewehr, jeden Revolver, jede Patrone haben die Brüder mitgehen lassen! Keinen lumpigen Cent haben sie bezahlt! Requirieren nannten sie das. Ich nenne es Diebstahl, Raub oder Ähnliches! Lieutenant, das fällt unter die Zuständigkeit der Army! Wo kommen wir denn hin, wenn alle Augenblick Rebellen unserer Geschäfte plündern? Ich allein kann das nicht stoppen. Wenn die Army das nicht unterbindet, halten Sie die Bevölkerung von Kentucky nicht mal mehr mit Waffengewalt bei der Union, das kann ich Ihnen sagen!“, ereiferte sich der Marshal. Robert grinste kalt.

„Soll ich das so verstehen, dass sich Kentucky eher den Plünderern anschließen würde als denen, die nichts dafür können?“, fragte er eisig. Der Marshal hatte im Magen das Gefühl, als liefe dort eine Ameisenarmee aufgeregt herum. Der Gesichtsausdruck des Lieutenants verhieß nichts Gutes. Der Marshal sagte nichts mehr.

„Ich nehme es zur Kenntnis und werde entsprechend darüber berichten“, sagte er dann. „Marshal, ich möchte eine Anzeige machen“, setzte Robert hinzu.

Der Marshal gewann wieder Boden unter den Füßen, nahm sein Anzeigeformular heraus.

„Was kann ich für Sie tun, Lieutenant?“, fragt er beflissen.

„Mein Begleiter und ich sind einige Meilen westlich von Munfordville nur knapp einem Anschlag entgangen, der von Zivilisten verübt wurde. Das, Marshal, fällt unter die Zuständigkeit der zivilen Strafverfolgungsbehörden“, versetzte Robert kühl.

„Bestreite ich nicht, Sir. Haben Sie einen konkreten Verdacht?“, erkundigte sich der Marshal.

„Nun, wir sind bei dem Geschwisterpaar Yancey und Pamela Morrows gewesen – zu Gast, wie wir zunächst annahmen – bis mein Begleiter feststellte, dass die Bohnen im Essen nicht in Ordnung waren und wir wenig später hörten, dass etwa zwei Stunden später ein Kommando von Rebellen uns abtransportieren sollte. Wir haben uns durchs Fenster davongemacht. Im Stall wollte uns Mr. Morrows aufhalten. Mein Bursche und ich haben ihn angeschossen und konnten flüchten, nachdem wir fast geröstet worden wären.“

„Das ist sicher mehr als nur ein Verdacht“, seufzte der Marshal. „Haben Sie Morrows getötet?“, fragte er dann.

„So viel uns bekannt ist, ist er nicht lebensgefährlich verwundet. Ich weiß nicht, ob er den Scheunenbrand überlebt hat. Darum haben wir uns nicht mehr gekümmert.“

Der Marshal notierte sich Bennetts Angaben. Dann sah er den jungen Lieutenant einen Moment an.

„Beten Sie, Lieutenant, dass Morrows tot ist. Sonst haben Sie einen Feind fürs Leben, das garantiere ich Ihnen“, sagte er langsam.

„Sie kennen den Mann?“

„Er ist in ganz Kentucky als radikaler Rebell bekannt. Und er ist bekannt dafür, ausgesprochen rachsüchtig zu sein. Wenn er wissen sollte, wer ihn außer Gefecht gesetzt hat, sind Sie Ihres Lebens nicht mehr sicher“, erwiderte der Marshal.

„Sie haben meine Anzeige. Verhaften Sie ihn und die Sache ist für mich erledigt.“

„Die Farm der Morrows gehört nicht zu meinem Bezirk, Lieutenant. Der dort zuständige Sheriff ist leider ebenfalls eher den Rebellen zugeneigt. Ich leite Ihre Anzeige weiter, aber sie wird nicht viel Erfolg haben“, warnte der Marshal. Robert nahm die Warnung mit einem Kopfnicken zur Kenntnis. Er verließ das Büro des Marshals mit einem unguten Gefühl.

 

Kapitel 11

Dover/Tennessee – Heimkehr in die Fremde

 

Nachdem sie von Bowling Green problemlos mit der Bahn weitergefahren waren, erreichten Bennett und Evans Tennessee Ridge am darauf folgenden Tag. Es war der 28. Februar 1862. Robert war entsetzt über die Zerstörungen, die Grants Leute hinterlassen hatten, als sie in Dover selbst ankamen. Es gab kein Haus, an dem nicht wenigstens ein Fenster eingeschlagen war. Die zerschlagenen Scheiben waren durch behelfsmäßige Holzabdichtungen geschlossen worden, die geborstenen Türen – offensichtlich rücksichtslos eingetreten – notdürftig hergerichtet.

„Hier sieht’s aus, als hätten die Vandalen gehaust!“, entfuhr es Robert.

„Vandalen in blauen Uniformen, Yankee!“, fauchte eine Stimme neben ihm. Er sah sich um und fand einen Jungen etwas zu dicht neben sich, der kaum dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein mochte. Robert konnte gerade noch seine Hand zu fassen bekommen, die seine Geldbörse aus der Manteltasche stibitzt hatte.

„Ich denke, das lässt du besser hier“, sagte Robert leise, aber scharf und nahm dem Jungen sein Portemonnaie wieder ab. „Kleine, aber lange Rebellenfinger mag ich genauso wenig wie du Yankees. Sind wir uns einig?“

Der Junge sah ihn groß an.

„Mann, das hat noch keiner spitzgekriegt, wenn ich ihn beklaut habe! Wie machen Sie das, Mister?“

„Wenn ich es dir verrate, klappt es beim nächsten Mal nicht mehr“, grinste Robert. „Machst du Robin Hood Konkurrenz?“

„Wer is’ ‘n das?“, fragte der Junge misstrauisch. „Gehört der den verdammten Partisanen an?“

„Nein, das soll jemand gewesen sein, der die Reichen bestohlen hat, um es den Armen zu geben“, gab Robert lächelnd zurück.

„Nee, ich ernähr’ bloß meine Familie damit. Mister. Die verdammten Yankees haben uns nicht viel gelassen.“

„Seid ihr auch durch die Plünderung geschädigt?“

„Allerdings!“, schnaubte der Junge. „‘Tschuldigung, Sir, aber ich muss weiter, damit wir was zum Mittag kriegen.“

„Hier geblieben!“, stoppte Robert den Jungen und hielt ihn am Schlafittchen fest. „Du sagst mir jetzt deinen Namen und deine Adresse hier in Dover.“

„Warum?“

„Weil ich nachsehen will, ob ich deine Familie auf meiner Liste habe.“

„Hä? Was für ‘ne Liste, Mister?“

„Der Präsident schickt mich, um das geradezubiegen, was seine Soldaten hier verbrochen haben.“

„Sie sind doch ‘n Yankee, Mann!“

„Unbestreitbar. Aber einer, der zum Helfen kommt, nicht zum Zerschlagen.“

„Ostern und Weihnachten auf einem Tag? Na, das erzählen Sie mal dem Mayor hier!“

„Genau das habe ich vor. Also – wer bist du und wo finde ich den Mayor?“

„Also, ich heiße Joseph Farnbrook. Und das Haus da drüben, das ist das vom Mayor. Aber gehen Sie da lieber nicht in Uniform ‘rein, Mister. Der Mayor schießt verdammt gut!“

„Danke. Hier, für euer Mittagessen“, lächelte Robert und zog einen Zehn-Dollar-Schein aus seiner Brieftasche.

„Danke, Mister! Mann, wenn das Dad erfährt!“, strahlte der Junge und stürzte davon.

Evans sah Bennett verblüfft an.

„Bobby, du bist als Ersatz für Taylor hier! Harris braucht dich als Truppenoffizier!“

„Colonel Bennett hat mich hergeschickt, damit ich die Schäden hier in Dover reguliere. Und das werde ich auch tun“, versetzte Robert.

„Ich glaube nicht, dass Harris das passen wird“, warnte Andrew.

„Ich habe für die C-Schwadron den Befehl in der Tasche, sich in Dover nützlich zu machen“, erwiderte Robert und stieg auf sein Pferd. Evans saß ebenfalls auf.

„Harris wird eher die D-Schwadron aus Virginia holen, als dir noch ‘ne Pause zu gönnen. Er hat den Verdacht, dass dein Vater dich in Washington verhätschelt hat.“

„Dann soll er das dem Chef klarmachen“, seufzte Robert und ritt an.

Am Abend erreichten sie das von der Eroberung noch arg gerupfte Fort. Das Haupttor war bereits geflickt, aber noch nicht wieder voll hergestellt. Posten schickten die Neuankömmlinge zu Lieutenant-Colonel Harris’ Dienstgebäude. Er hatte sich eines der unbeschädigten Gebäude ausgesucht und es für sich allein requiriert. Robert und Andrew ließen ihre Pferde vor der Tür stehen. Ein Posten riss die Tür zackig auf. Sie traten ein und salutierten vorschriftsmäßig.

„First-Lieutenant Robert Bennett zur Stelle, Sir!“

„Trooper Andrew Evans zur Stelle, Sir!“

Harris sah von seiner Tätigkeit auf.

„Ich kann nicht behaupten, dass ich von Ihrer Eile begeistert bin! Ich habe Sie vor zehn Tagen angefordert, Lieutenant! Was erlauben Sie sich?“

„Ich bin nicht auf Ihre Anforderung hier, sondern im Sonderauftrag des Kriegsministeriums, Sir“, erwiderte Robert kühl.

„Es ist mir völlig egal, in wessen Auftrag Sie hier sind, Bennett! Sie gehören zu diesem Haufen, ich habe Sie ausgeliehen und zurückgefordert! Sie sind mein Untergebener und werden tun, was ich Ihnen auftrage! Und mein Auftrag an Sie lautete, so schnell als möglich zu kommen! Und Sie wagen es, sich meinem Befehl zu widersetzen?“, keifte Harris. Robert nahm die Depesche aus der Tasche.

„Diese Depesche …“

„Sie widersetzen sich einem Befehl nicht noch mal!“, brüllte der Lieutenant-Colonel. „Ich werde Sie Muttersöhnchen schon erziehen!“

„Sir, das reicht jetzt!“, erwiderte Robert scharf.

„Sie …!“

Jetzt rede ich!“, donnerte der Lieutenant. „Und Sie hören mir, verdammt noch mal, zu!“, rief er zornig. Er warf die Depesche auf Harris’ Schreibtisch.

„In dieser Depesche, Sir, die die Einzige ist, die ich von Ihnen je zu sehen bekommen habe, ist kein Auftrag an mich enthalten, sondern nur die Bitte an Colonel Bennett, mich zurückzuschicken, weil Lieutenant Taylor ausgefallen ist, damit das klar ist! Und das hier, Sir, das ist der Befehl von Colonel Bennett, mir die C-Schwadron zur Verfügung zu stellen, damit die Plünderungsschäden in Dover repariert werden! Aus keinem anderen Grunde bin ich hier!“

„Da hört sich doch wohl alles auf! Wie reden Sie überhaupt mit Ihrem Vorgesetzten?“

„Im Augenblick, Sir, sind Sie das nicht. Ich gehöre derzeit dem Stab an und bin ausschließlich Colonel Bennett unterstellt“, erwiderte Robert kühl. Harris’ Blick fiel auf Bennetts Schulterklappen. Statt der gelb unterlegten Abzeichen der Cavalry trug er die dunkelblau unterlegten des Stabes.

„Ich brauche jede Schwadron! Ich kann keine entbehren. Und die C-Schwadron schon gar nicht! Sagen Sie das dem Colonel!“, fauchte Harris.

„Sie müssten ohnehin mindestens eine Schwadron hier lassen, um das Fort zu bewachen. Sie erhalten den Befehl vom Kriegsminister, die C-Schwadron hier zu lassen und die D-Schwadron als Ersatz dafür aus Virginia abzuziehen“, gab Robert zu bedenken. Harris’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Ich werde den Teufel tun, Bennett! Ich beordere die D-Schwadron aus Virginia zurück, oh ja! Aber die D-Schwadron hat ein Päuschen verdient – im Gegensatz zu Ihnen! Sie haben faul im Ministerium gesessen und Ihre Kameraden haben die Köpfe hingehalten – hier oder in Virginia! Sie, Bennett, gehen mit ins Feld, darauf können Sie Gift nehmen!“, zischte Harris.

„Ich reiße mich gewiss nicht um Bürojobs, Sir, aber diese Sache ist sehr wichtig, um Dover nicht noch weiter unter den Einfluss der Rebellen geraten zu lassen. Ich kenne die Materie, Captain Carmody nicht, Lieutenant Ellison und Lieutenant Gordon ebenfalls nicht. Die Männer von Lieutenant Craig sind ausgebildete Pioniere und die von Lieutenant Taylor können mit Hausbau wenigstens etwas anfangen. Die Leute haben Erfahrung darin, wie man Reparaturen macht. Schließlich haben wir auch Fort Leavenworth instand gesetzt. Deshalb ist die C-Schwadron wichtig dafür.“

Harris grinste kalt.

„Kann sein – aber ohne Sie!“, versetzte er harsch.

Robert schluckte. Dann nahm er Colonel Bennetts Befehl vom Tisch, der die C-Schwadron für die von Lieutenant Bennett durchzuführenden Arbeiten abkommandierte.

„Dann werde ich Colonel Bennett mitteilen, dass Sie sich seinem Befehl widersetzen und mir nicht die angeforderten Leute geben, Sir.“

„Das werden Sie sicher nicht tun, denn im Arrestbereich gibt es keinen Telegrafen!“, entgegnete Harris. „Ich habe jetzt genug Geduld mit Ihnen gehabt, Lieutenant. Sie stehen hiermit unter Arrest! Wache!“

Der Posten, der vor der Tür gewartet hatte, erschien.

„Sir?“

„Holen Sie Sergeant-Major Eisner!“

„Ja, Sir!“, salutierte der Posten und verschwand.

Robert sah sich unauffällig nach einer Fluchtmöglichkeit um, doch bevor er sie entdeckt hatte, waren Eisner und seine Leute da.

„Sir?“, meldete sich Eisner.

„Sergeant-Major, Lieutenant Bennett widersetzt sich meinen Befehlen. Er steht unter Arrest. Bringen Sie ihn in den Arrestbereich!“, befahl Harris. Eisner sah den jungen Lieutenant einen Moment an.

„Kommen Sie freiwillig mit oder müssen wir Gewalt anwenden, Sir?“, fragte er.

„In diesem Fall, Sergeant-Major, werden Sie Gewalt anwenden müssen“, versetzte Robert kühl. Eisners Leute griffen zu, um den Lieutenant zu überwältigen, aber sie schafften es nicht, Bennett in den Griff zu bekommen.

Die Tür der Kommandantur wurde aufgestoßen und Captain Bruce, Lieutenant Craig und wenigstens zwanzig Männer der C-Schwadron drangen in das Büro ein.

„Eisner – lassen Sie Lieutenant Bennett sofort los!“, befahl Bruce. Harris, Eisner und dessen Leute drehten sich erschrocken um und sahen in die schussbereiten Karabiner von Bruces Truppe. Der Schreck seiner Bewacher genügte Robert, um sich aus dem Griff herauszudrehen und auch die Depesche von Harris an Colonel Bennett vom Schreibtisch in seine Rocktasche verschwinden zu lassen. Harris’ Hand, die ebenfalls danach angelte, kam zu spät.

„Captain Bruce! Das ist Meuterei!“, fauchte Harris. Barry Bruce schüttelte den Kopf.

„Ich habe eben erfahren, dass Lieutenant Bennett einen Sonderbefehl für meine Schwadron hat. Und ich hatte Befürchtungen, dass Sie mir diesen Befehl nicht weitergeben wollen, Sir. Außerdem hat mir Trooper Evans mitgeteilt, dass Sie Lieutenant Bennett wegen Befehlsverweigerung einsperren wollen. Deshalb sah ich mich genötigt, meinem Lieutenant zu Hilfe zu kommen.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie jemandem, der Befehle verweigert, behilflich sind, Bruce?“

„Ich bin Lieutenant Bennett behilflich, weil ich weiß, dass er Befehle in der Regel nicht verweigert. Wenn er es tut, hat es seine Richtigkeit“, erwiderte Bruce. „Was wollte er von dir, Bobby?“

„Er wollte einen Befehl von Colonel Bennett für die C-Schwadron an die D-Schwadron geben und uns stattdessen nach Virginia schicken. Hier ist der Befehl.“

Bruce nahm Robert den Befehl aus der Hand, ohne den Blick von Harris und Eisner zu abzuwenden. Dann bedeutete er Sergeant Mattson, auf die Männer um Eisner aufzupassen und las die Depesche durch.

„Sir, für diese Aufgabe sind meine Männer die geeignetsten. Kein Mann aus Carmodys Haufen könnte die Arbeiten machen. Ich werde Colonel Bennett unterrichten, Sir! Darüber und über die Aktion bei Fort Leslie. Ich denke, es ist jetzt an der Zeit dafür.“

Harris wurde bleich. Er hatte keine Möglichkeit, Bruce daran zu hindern. Eisner und seine Leute traten zurück. Die Männer der C-Schwadron verließen mit Lieutenant Bennett die Amtsstube.

Draußen standen die übrigen Soldaten des gesamten Bataillons A, an der Spitze Major Craig. Nicht weit entfernt waren noch mehr Soldaten – das Bataillon B unter Major Thomas.

„Lieber Himmel, was ist das?“, fragte Robert erschrocken.

„Das Empfangskomitee für dich, Bobby. Wir haben dich sehr vermisst“, lachte Bruce und klopfte Robert auf die Schulter. „Als Evans bei mir hereinstürzte, waren Major Craig und Major Thomas gerade bei mir. Wir wussten, dass Harris angedroht hatte, dich gleich wieder auf Himmelfahrtskommandos zu schicken, wenn du zurückkommst. Und dein Vater hatte vorsichtshalber an Major Craig telegrafiert und den Befehl an uns, Dover zu reparieren, schon angekündigt. Harris hat irgendetwas gegen die C-Schwadron und hätte diesen Befehl nie freiwillig herausgerückt. Und als Andy mir noch sagte, dass Harris dich einsperren wollte, wussten wir, dass er den Befehl hatte und nicht weitergeben wollte. Aber jetzt ist der Mann fällig, das garantiere ich dir.“

„Weshalb?“, fragte Robert nach.

„Es wäre zu viel, es dir hier vor der Tür zu erzählen. Komm mit ins Kasino.“

„Und Harris?“

„Keine Sorge, der hat nicht mehr viel Rückhalt in der Truppe. Komm“, forderte Tom den Freund auf.

„Also, was ist hier eigentlich los?“, fragte Bennett, als Bruce, Tom und Richard Craig und er selbst bei einem Bier im Kasino saßen.

„Harris ist fertig, mein Junge“, sagte Richard Craig. „Es gibt keinen, der nach Captain Cabot – Gott hab’ ihn selig – so wenig Ansehen bei den eigenen Leuten hat wie Harris.“

„Und warum?“, hakte Robert nach.

„Harris hat telegrafiert, dass die Aktion im westlichen Virginia verschoben werden muss“, sagte Bruce. „Das Telegramm ist eine glatte Lüge. Wir waren bereits in Virginia. Das Ergebnis ist ein Desaster. Zum Glück hat es nicht zu viel Verluste gegeben. Aber wir haben nur Schwein gehabt.“

„Barry, lass’ dir die Würmer nicht einzeln aus der Nase ziehen. Was war los?“, forschte Robert. Bruce verständigte sich mit einem Blick mit Major Craig. Dann begann er zu erzählen:

„Im Januar haben wir den Befehl bekommen, im Westen Virginias die unionstreuen West-Virginier zu unterstützen. Dort hat sich eine Sezessionsbewegung in der Sezession gebildet. Das Regiment brach nach Virginia auf, wir hatten auch passable Erfolge; aber wir hatten auch Rückschläge, die bei einem solchen Feldzug nicht ausbleiben. Wir haben im Januar und Anfang Februar im Freien kampiert. Ich muss dir nicht sagen, was das für uns bedeutet hat. Nicht einer ist ohne Erfrierungen geblieben. Sämtliche Offiziere haben Harris bekniet, in Fort Leslie unsere Operationsbasis einzurichten, einem seit Jahren unbesetzten Posten am Zusammenfluss von Greenbrier und Kanawha, direkt gegenüber von Hinton. Leslie lag genau im Einsatzgebiet. Am 10. Februar hatten wir ihn endlich soweit, dass er feste Quartiere beziehen wollte, weil es ihm wohl selbst zu kalt wurde. Nur, als wir Leslie am 12. Februar erreichten, war der Posten besetzt – von Rebellen. Harris hat eine Belagerung befohlen, obwohl wir über keinerlei Gerät dafür verfügen. Außerdem hat er ein Faible für Julius Cäsar, der gute Harris. Er wollte Fort Leslie belagern, wie Cäsar in der Antike Alesia ausgehungert hat: Mit drei oder vier Gräben, mit Wasser gefüllt, mit spanischen Reitern bestückt, als Fallgräben ausgearbeitet. Die Rebs im Fort haben uns ein paar freundliche Grüße aus den Kanonengießereien von Richmond geschickt und unsere mühsam geschaufelten Gräben mit Granaten wieder zugeschippt. Bei einem Ausfall der Dixies haben wir fünfzig Mann verloren. Und dann bekamen die auch noch Entsatz. Wir saßen wie die Ratten in der Falle – verteilt im Halbkreis, abgeschnitten. Wir haben uns nur mit viel Mühe herausdrehen können, weil Tom und Lieutenant Kossmann mit ein paar Leuten ausgebrochen sind und mit Hilfe von Feuerwerkskörpern, die wir aus Schießpulver selbst gebastelt haben, den Entsatztruppen vorgegaukelt haben, dass wir ebenfalls erhebliche Verstärkungen bekommen. In der Nacht konnten wir uns dann über den Kanawha absetzen und nach Beckley entkommen. In Beckley hat Harris alle Offiziere mit Verfahren wegen Feigheit vor dem Feind bedroht, wenn wir über den Misserfolg von Fort Leslie ein Wort verlieren. Aber nach der Befehlsverweigerung gegen Colonel Bennett sind wir sicher, zu gewinnen. Captain Braunsberg telegrafiert ans Ministerium. Hoffentlich bekommt dein Vater das Kommando zurück“, schloss Bruce seinen Bericht.

„Frage ist: Will er das überhaupt?“, warf Thomas ein. „Ein Job im Ministerium ist allemal mehr wert, als ein Regiment durch die Felder zu scheuchen“, gab er zu bedenken.

„Ich glaub’ schon“, erwiderte Robert. „Er macht sich Sorgen um den Haufen. Das würde er sicher nicht tun, wenn ihm das Regiment gleichgültig wäre.“

„Immerhin ist sein Sohn dabei“, sagte Richard und sah einer Wolke Tabakrauch nach, die er eben ausgeblasen hatte.

„Nun, erstens bin ich im Augenblick noch im Stabsdienst, zweitens habe ich diesem Regiment seit fast sechs Monaten nicht angehört. Nein, nein, wenn er könnte, würde er das Kommando eher heute als morgen zurücknehmen.“

„Apropos Stabsdienst – was willst du hier? Dover reparieren, hab’ ich gehört?“, fragte Thomas nach. Robert nickte.

„Wer ist denn auf diese verrückte Idee gekommen?“, hakte Tom nach.

„Ich selber“, erwiderte Bennett.

„Wir hatten dich nach Washington geschickt, damit du keinen Blödsinn anstellst, und du … Ich fass’ es nicht!“, stöhnte Bruce auf.

„Es ist kein Blödsinn, Barry. Es ist bittere Notwendigkeit. Dover ist unsere unmittelbare Nachbarschaft, der nächste für uns erreichbare Bahnhof ist die nahe bei Dover gelegene Station Tennessee Ridge, wenn wir schnell verlegt werden sollen – und das wird häufiger passieren, glaub’ mir. Wenn wir nicht jedes Mal eine Eroberung der Stadt veranstalten wollen, um an die Eisenbahn heranzukommen, sollten wir mit den Leuten in der Stadt einigermaßen auskommen. Davon abgesehen, haben sich die Herren, die die Rebs hier ‘rausgeschmissen haben, benommen wie die Elefanten im Porzellanladen. Ich weiß nicht, ob sich einer von euch Dover richtig angesehen hat. Ich jedenfalls habe kein Haus entdeckt, das nicht beschädigt ist. Und ich bin durchaus in der Lage, Gebrauchsschäden von Kriegsschäden zu unterscheiden. Dein Onkel, lieber Thomas, hat dem Minister die Presse auf den Hals gehetzt, als der auf Verzögerungstaktik setzte. Mein Vater hat mir den ganzen Kram hingeschoben und mich beauftragt, die Schäden wieder in Ordnung zu bringen. Eigentlich hätte ich das vom Schreibtisch aus tun sollen, aber ich sehe damit, dass ich die Schäden vor Ort reguliere und gegebenenfalls für eine sofortige Reparatur sorgen kann, für uns die beste Möglichkeit, dass wir uns hier eine dauerhafte Basis schaffen und die Menschen hier davon überzeugen, dass ein Platz in der Union besser ist, als einer in der Konföderation.“

Richard sah den jungen Mann einen Moment an.

„Du weißt, dass Lucas in Dover ist?“, fragte er dann.

„Der Protestbrief deines Bruders an den Präsidenten ist mir bekannt. Ich habe selten jemanden schriftlich so zetern sehen. Und nachdem ich in Dover war, gebe ich ihm uneingeschränkt Recht“, entgegnete Robert.

„Weißt du noch mehr? Ich meine, hattest du noch weiteren Kontakt mit Dover?“, forschte Richard. Robert wurde misstrauisch. Sein Patenonkel redete sonst nicht um den heißen Brei.

„Verstehe nicht. Was meinst du?“, tat er harmlos, obwohl er genau wusste, dass Richard seine Kontakte zu Susan meinte. Richard rang mit sich.

„Robert, bei Lucas wohnt zurzeit Susan. Ist dir das bekannt?“

„Was, wenn ja?“, fragte Robert interessiert.

„Sie ist mit Gordon verlobt, mein Junge, vergiss das bitte nicht.“

„Das werde ich genauso wenig vergessen, wie es Ron nicht interessiert hat, dass Susan und ich bereits Heiratspläne hatten“, versetzte er bissig. „Und eines verspreche ich dir, lieber Patenonkel: Ich werde keine Ruhe geben, bis Ronald aufgibt. So wahr ich hier sitze!“

Sein Gesichtsausdruck war finster und eisig, wie es keiner der Männer, die mit Robert am Tisch saßen, jemals an ihm bemerkt hatte. Richard schluckte. Wenn ein Blick nichts Gutes verhieß, dann dieser.

„Immerhin ist sie jetzt verlobt. Ihr wart nur befreundet“, gab er zu bedenken.

„Aber sie ist nicht verheiratet. Und habe ich meine Zweifel, dass sie Ron jetzt noch heiraten will, Onkel Richard. Deshalb sehe ich nicht ein, weshalb ich meine Freundschaft zu ihr nicht wiederbeleben sollte. Ja, ich habe Kontakt mit Susan. Seit Weihnachten letzten Jahres schreiben wir uns ausgesprochen häufig. Susan hat mir geschrieben, dass Tom und diverse andere ihr bestätigt haben, was ich ihr von Ronald erzählt habe – und dass ihr das gar nicht gefallen hat. Ich gebe gern zu, dass Susan der letzte Anstoß für mich war, nach Dover zu kommen. Eines kann ich dir auch noch versprechen: Dass ich ihr nicht erzählen werde, dass Ronald allein im Monat Januar fünf- oder sechsmal mit der Militärpolizei aus einem Puff in Washington abgeschleppt wurde, weil er erstens stockbesoffen war, zweitens jeweils den Wirtschafter krankenhausreif geschlagen hat, drittens den fälligen Liebeslohn nicht zahlen wollte oder konnte. Nein, das tue ich ihr nicht an. Aber ich bin wirklich im Zweifel, ob das der geeignete Schwiegersohn für euch sein sollte.“

Tom grinste frech.

Mir wollte mein Vater ja nicht glauben, dass du ein Dickkopf bist“, kicherte er. „Paps, ich hab’s dir gesagt, dass Bobby nicht aufgeben wird, wenn er wieder klar im Kopf ist.“

Richard seufzte tief.

„Von mir aus jederzeit, Robert. Aber da ist noch deine Patentante, der ein reicher Schwiegersohn lieber wäre, als ein wenig bemittelter Jungoffizier.“

„Sicher schwimme ich nicht im Geld, nur denke ich, dass Susan das herzlich egal ist. Ich weiß, dass du nicht arm bist, aber ich habe nie bemerkt, dass Susan ein luxusliebendes Mädchen ist. Ich habe nur ein einziges Schmuckstück bei ihr bemerkt – und das ist eine kleine Opalbrosche in der Art, wie Tom Betty eine geschenkt hat. Ihre Garderobe ist so unauffällig wie praktisch. Nichts, aber auch gar nichts an ihr ist überdreht oder luxussüchtig. Ich denke, das kann ich ihr auch bieten.“

„Du liebst sie, oder?“, fragte Richard.

„Die Frage ist zwar indiskret, aber es stimmt. Ja, ich liebe sie. Ich liebe sie so sehr, dass ich zu Ronalds Gunsten auf sie verzichten würde, wenn ich sicher wäre, dass sie damit glücklich wäre. Nur dem ist nicht so“, gab Robert zu. Der Major nickte.

„Ich glaube, sie würde sich freuen, wenn sie dich sehen würde“, sagte er lächelnd.

Zwei Tage später, es war Sonntag, der 2. März 1862, versammelten sich die wenigen Katholiken, die es in Dover gab, in einer Scheune zur Sonntagsmesse. Eine eigene katholische Kirche gab es nicht. Susan Craig saß recht weit vorn in den lehnenlosen Bankreihen. Als der Pfarrer mit seinen beiden Messdienern hereinkam und die kleine Gemeinde sich erhob, meinte sie, außer dem Duft von Weihrauch auch eine Spur eines ganz bestimmten Rasierwassers wahrzunehmen. Zunächst verwarf sie den Gedanken, Robert könnte in der Scheune sein. Schließlich benutzten gewiss auch andere Männer dieses Rasierwasser. Doch bei den Gebeten hörte sie außer dem Idiom, das in Tennessee gesprochen wurde, auch Laute, die eher aus Kansas oder dem Nebraska-Territorium stammten. Vorsichtig sah sie sich um – und glaubte, zu träumen. Direkt hinter ihr stand Robert Bennett und zwinkerte ihr bedeutsam zu. Susan wurde feuerrot. Es kostete sie viel Beherrschung, sich nicht einfach umzudrehen und ihn zu umarmen. Susan lächelte in sich hinein. Er war da. Von diesem Moment an hatte sie das Gefühl, hier in Dover zu Hause zu sein.

Das Gefühl war nicht zu rechtfertigen, denn weder sie selbst noch Robert gehörten hierhin. Vor allem Robert würde nicht lange bleiben, dachte sie sich. Der Duft des Rasierwassers wurde stärker, dann hörte sie seine leise Stimme neben sich:

„Ich komme nach der Messe zu euch.“

Susan spürte einen sanften Schauer. Vorsichtig schob sie die rechte Hand nach hinten, bemerkte, dass sie zart umschlossen wurde. Seine Hand war warm.

„Bleibst du noch zum Essen?“, fragte sie flüsternd.

„Wenn du einen Teller Suppe für mich hast, gern“, erwiderte er, gleichfalls flüsternd. Susan drehte sich nicht um, aber sie war sicher, dass er lächelte. Sie drückte seine Hand und entzog ihm die ihre dann langsam. Er ließ nur zögernd los. Doch als die Messe zu Ende war, war Robert schnell fort.

Unruhig ging Susan zum Haus ihres Onkels. Kaum hatte sie ihm von der Begegnung in der Kirchenscheune erzählt, als es an der Haustür klopfte. Susan war nicht zu halten, eilte zur Tür und öffnete. Tatsächlich – Robert stand auf der Veranda. Er zog höflich den Hut, verbeugte sich knapp.

„Miss Craig, vermute ich?“, fragte er, als ob er sie nicht kannte. Susan sah ihn verblüfft an.

„Bitte? Ja“, stotterte sie.

„Lieutenant Robert Bennett, 7th US-Cavalry, zur Zeit ans Kriegsministerium ausgeliehen. Ich komme wegen der Plünderungsschäden. Darf ich eintreten?“

Immer noch verwirrt nickte sie. Er betrat das Haus, putzte sich ordentlich die Schuhe ab. Aber als sie die Tür geschlossen hatte, fand sie sich plötzlich in seinem Arm wieder.

„He, was soll das jetzt?“, fragte sie erschrocken, aber sie wehrte sich nicht gegen seine viel zu lang ersehnte Umarmung. Im Gegenteil: Sie erwiderte sie und lehnte sich wie schutzsuchend an ihn an.

„Entschuldige bitte die Schauspielerei, aber ich möchte nicht, dass du mit einem Yankee in Verbindung gebracht wirst, solange du unter Rebellen lebst“, sagte er sanft.

„Hast du mich erschreckt!“, keuchte sie. Sie sah zu ihm auf, bemerkte die Wärme in seinem Blick und schloss genießerisch die Augen, als er sie küsste.

„He, Sie Wüstling! Die Dame ist verlobt!“, donnerte eine Stimme zornig aus Richtung Wohnzimmer. Robert hatte mit Störung gerechnet und war deshalb nicht so sehr erschrocken wie Susan. Er drehte sich um und lächelte Lucas Craig freundlich an.

„Guten Tag, Dr. Craig. Ich bin wegen der Plünderungsschäden hier und dachte, bei der jungen Dame gleich anzufangen“, grinste er. Lucas nahm die Pfeife aus dem Mund und schüttelte unwillig den Kopf.

„Mit so etwas macht man keine Scherze, Junge! Es hat nicht viel gefehlt und Susan wäre diesem Mob zum Opfer gefallen! Solange sie in meinem Hause ist, bin ich für sie verantwortlich. Und ich dulde…“

„Nur die Ruhe, Dr. Craig“, beschwichtigte Bennett ruhig. „Scherz beiseite: Ich bin wirklich wegen der Plünderungsschäden hier. Ich habe Befehl vom Kriegsminister höchstpersönlich, das, was meine unflätigen Kameraden hier verbockt haben, wieder geradezubiegen – sofern es denn möglich ist. Und was Susan anbetrifft: Ich weiß wohl, dass sie verlobt ist. Und ich weiß auch warum. Ich hoffe, du auch, Onkel Lucas“, erklärte er.

„Sicher, mein Junge. Aber eine Verlobung ist nun einmal ein Eheversprechen.“

Robert grinste über das ganze Gesicht.

„Klar, versprechen kann sich jeder mal“, kicherte er. Susan musste lachen und ihre Fröhlichkeit steckte Lucas an.

„Herzlich willkommen im einzigen Haus in diesem Land, das sich keiner Seite anschließen mag. Hier wird jeder behandelt“, lachte er auf und bot Robert die Hand. „Bleibst du länger?“, fragte er dann und machte eine einladende Handbewegung ins Wohnzimmer, der Susan und Robert folgten.

„Wahrscheinlich solange, bis Dover wieder hergerichtet ist. Meine Leute kommen morgen nach. Gibt es hier noch ein Hotel, in dem man gut hundert Mann einquartieren kann?“

Einquartieren?“, stieß Dr. Craig entsetzt hervor. „Junge, die Leute hier würden euch eher skalpieren, als euch ein Quartier zu geben!“, warnte er.

„Ich weiß. Aber vielleicht könntest du mir als eingefleischter Neutraler helfen, Lucas. Die C- Schwadron, zu der ich normalerweise gehöre, soll den Ort wieder aufbauen, genauer: Reparieren, was beschädigt ist. Wir haben die Absicht, die Schäden gleich an Ort und Stelle zu beseitigen. Thomas’ Leute sind ausgebildete Pioniere, er hat Tischler, Schreiner und Baufachleute darunter. Einer von meinen ist im Zivilberuf Stuckateur, ein anderer Zimmermann, es sind Schmiede und ein oder zwei Drechsler dabei. Und wenn das Regiment nicht komplett in den Einsatz geschickt wird, könnte ich aus unserer deutschen Schwadron noch ein paar Kunsthandwerker bekommen.“

„Seit wann baut das Militär etwas auf, statt alles plattzumachen?“, wunderte sich Lucas Craig.

„Vielleicht, seit sich jemand ins Kriegsministerium verirrt hat, der meint, dass es ein Verbrechen ist, dem eigenen Volk den roten Hahn aufs Dach zu setzen“, erwiderte Robert lächelnd.

„Es ist immer ein Verbrechen, Menschen zu töten oder auszuplündern!“, versetzte Lucas. „Ob es das eigene Volk ist oder ein anderes!“

„Was Plünderung anbelangt, Lucas, rennst du bei mir ein offenes Scheunentor ein. Ich würde nie auf den Gedanken verfallen, Zivilisten zu drangsalieren. Wenn ich einen Krieg führen muss, führe ich ihn gegen die Soldaten der anderen Seite, niemals gegen Zivilisten“, entgegnete Robert sanftmütig. Er kannte die Ansichten von Susans Onkel genau. Lucas machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach, zum Teufel mit allen Soldaten!“, knurrte er.

„Vorsicht, du beförderst die gesamte männliche Verwandtschaft in die Hölle!“, warnte Robert lachend. „Also, finden wir hier irgendwo Quartier oder müssen wir in den alten Zelten der Außenwerke nächtigen?“

„Ich kann es dir nicht versprechen, Bob. Wir sollten zum Mayor gehen und ihm die Sachlage erklären. Du, Tom und Frank, ihr könnt hier im Hause bleiben.“

Roberts vorsichtiger Seitenblick auf Susan verriet, dass ihm das Angebot ihres Onkels sehr recht war. Und die Weise, mit der Susan seinen Blick erwiderte, bewies, dass sie auch nichts dagegen hatte.

Am frühen Nachmittag stellte Lucas den jungen Lieutenant beim Mayor der Stadt vor. Der Bürgermeister zeigte sich zunächst sehr misstrauisch gegenüber den Yankees, aber Robert verstand es, den Mann von den guten Absichten seiner Soldaten zu überzeugen. Der Mayor seufzte tief.

„Gut, Lieutenant. Wir haben alle laut nach Entschädigung geschrien. Es wäre unglaubwürdig, wenn wir sie jetzt ablehnten, nur weil die Yankeearmee den von ihr angerichteten Schaden selbst beheben will. Ich werde mit den Leuten hier reden, die genügend Platz haben, um ein paar Soldaten vorübergehend einzuquartieren. Welchen Zeitraum stellen Sie sich vor?“

„Nun, das hängt davon ab, wie groß die Schäden sind, wie schnell wir Material geliefert bekommen und wie viele Geschädigte sich noch melden. Bisher habe ich rund einhundertfünfzig Meldungen vorliegen. Aber zwei bis drei Monate würde ich in jedem Falle ansetzen.“

Der Mayor erbleichte.

„Yankees zwei bis drei Monate hier in Dover? Lieutenant, ich sage es Ihnen unverblümt: Dover gehört zum Staat Tennessee und damit nicht mehr zu den USA! Wir dulden fremde Truppen nicht in den Grenzen unseres Territoriums!“

„Mayor, ich bin genauso unverblümt: Die USA erkennen eine Abspaltung weder des Staates Tennessee noch eines anderen Staates an!“, versetzte Robert kühl. „Das zu verhindern ist mein Job, dafür werde ich bezahlt. Aber ich sage Ihnen genauso ehrlich, dass ich gerade deswegen, weil ich diese Spaltung nicht akzeptieren kann, hier bin, um Ihnen zu helfen! Nach wie vor sind die Bürger von Dover Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Deshalb nehme ich nicht hin, dass amerikanische Soldaten amerikanischen Bürgern ihre Häuser anzünden und ihre Habe wegnehmen – mit Ausnahme der Sklavenbefreiung, nur dass die hier in Dover keine Rolle gespielt hat. Wenn die Bürger es ablehnen, dass die Leute, die ihnen Hilfe anbieten, in der Nähe sind, dann können wir Ihnen nicht helfen, denn unser Stützpunkt ist auch noch nicht ganz hergerichtet. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Reparaturen auf den Sommer verschoben werden sollen, wenn die Häuser jetzt undicht sind!“

Der Mayor zuckte mit den Schultern.

„Sie manövrieren uns zwischen die Stühle, Lieutenant. Wenn wir Ihre Hilfe nicht annehmen, wird keine Stadt mehr darauf hoffen können, diese Verbrecher in Uniform zu stoppen. Tun wir es, wird die Regierung der Konföderation die ganze Stadt für Verräter an unserer Sache halten. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Mayor, ich weiß zwar, dass die nächsten Truppen der Konföderation gerade mal vierzig Meilen südlich von hier, bei Johnsonville am Duck-River stehen, aber ich glaube nicht, dass sie den Norden Tennessees wieder auf Dauer besetzen können. Dafür dürften die Kräfte der Konföderation auf lange Sicht nicht stark genug sein“, gab Robert zu bedenken. Der Mayor wurde zornrot.

„Ein Südstaatler wiegt …“

„… fünf Yankees auf. Ja, den Spruch kenne ich, Mayor“, unterbrach Robert den Bürgermeister. „Demnach hätten die fast fünfzehntausend Männer im Fort Donelson lockeren siebzigtausend Gegnern widerstehen müssen. Es waren aber nicht mal vierzigtausend, selbst unter der Voraussetzung, dass alle beteiligten Regimenter die volle Personalstärke gehabt haben, was nach aller Erfahrung nicht der Fall ist. Den gar zu stolzen Spruch sollten Sie langsam begraben.“

Die Röte im Gesicht des Mayors blieb, aber jetzt war es eher Beschämung, die die Farbe verursachte.

Mehr oder weniger zähneknirschend nahmen die Bürger von Dover hin, dass die Yankees, die ihren Ort instand setzten, auch in der Stadt wohnten. Barry Bruce verließ sich völlig auf seine Lieutenants und überließ es Robert, die Leute einzuteilen. Er selber – im erlernten Zivilberuf Bäcker – nahm sich mit dem Koch Tim Nott und dem gelernten Fleischer Tony Pembroke des leiblichen Wohles seiner Leute an. Unter den Männern der Schwadron fanden sich noch drei oder vier, die im Zivilberuf Anwalts- oder Richtergehilfe waren und von Recht eine gewisse Ahnung hatten. Robert setzte zehn Feststellungstrupps von jeweils drei Mann ein, die sich die Schäden zunächst ansahen, die Kosten überschlägig ermittelten und das Ergebnis an die Instandsetzungstrupps weitergaben, die Tom eingesetzt hatte. Robert richtete im Haus von Dr. Craig eine zentrale Anlaufstelle ein, in der Plünderungsschäden gemeldet werden konnten. Es dauerte keine zwei Wochen, bis die Männer mehr oder weniger in Zivil die nötigen Arbeiten verrichteten – und von den Bürgern sogar einigermaßen gern gesehen waren.

Anfang April verhinderten drei Regentage sämtliche Außenarbeiten. Immerhin waren die beschädigten Häuser nun dicht und hielten das Regenwasser ab. Bei dem schlechten Wetter war niemand von den Bürgern auf der Straße, als zehn oder zwölf abgerissene Gestalten in einem Außenbezirk auftauchten. Einige von ihnen trugen Kleidungsstücke, die Uniformteile sein mochten und recht konföderiert aussahen, wenngleich es nirgendwo in der konföderierten Armee violette Abzeichen gab, wie die Männer sie trugen. Sie wirkten hungrig und müde, sahen aber gefährlich aus. Einer von ihnen stieg vor dem ersten Haus ab und klopfte nicht erst an, sondern brach gleich die Tür auf. Der Hausherr, der gerade im Flur war, sah zu Tode erschrocken in die Mündung eines schussbereiten Revolvers.

„Guck nicht so dumm aus der Wäsche, rück’ was zu beißen ‘raus!“, knurrte der Eindringling.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie?“, würgte der erschrockene Mann hervor.

„Wer wir sind? Beste Männer aus Georgia! Und was ich will, habe ich dir gesagt, Mann! Wir haben verdammt viel Hunger!“

„Ich hab’ nicht viel im Haus, aber ich seh’ mal nach, was ich Ihnen geben kann, Sir“, bot der Überfallene an.

Oben, im ersten Stock des Hauses, erschien die Nasenspitze von Joseph Farnbrook, dem kleinen Meisterdieb. Er sorgte sich um seinen Vater, der sich mit zitternder Stimme mit einem von den schrägen Typen unterhielt, die Joseph schon eine Weile beobachtet hatte, und die ihm gar nicht gefallen wollten. Der Mann unten im Flur gefiel ihm immer weniger und Joseph hatte das dunkle Gefühl einer Gefahr.

„Bleib’ wo du bist! In den Keller gehen wir selber!“, stoppte der Anführer Gilbert Farnbrook. „Jesse, Hutch, Bart, hierher! Durchsucht den Vorratskeller! Wir nehmen mit, was wir finden können!“, rief er dann hinaus, ohne sich von Farnbrook abzuwenden.

„Sir, das geht aber …“

Gilbert Farnbrook beendete den Satz nie. Der Mann an der Tür schoss und traf Farnbrook mitten in die Stirn.

Der Knall des Schusses war noch nicht verhallt, als Joseph mit schreckgeweiteten Augen in sein Zimmer geschlichen war und sich vorsichtig an der Regenrinne herunterließ und dann wie von den Furien gehetzt zum Haus von Dr. Craig stürmte. Mit einem Satz sprang er die vier Stufen hinauf und hämmerte wie wild an die Tür.

„Hilfe! Überfall! Macht auf, ihr verdammten Yanks!“, schrie er. „Aufmachen! Hilfe!“

Die Tür wurde aufgerissen und Joseph merkte nicht, dass er mit seinen kleinen Fäusten Dr. Craig bearbeitete.

„Joseph, was ist los? Beruhige dich, Junge!“, versuchte Lucas den schreienden Jungen zu besänftigen.

„Räuber, Banditen, Sir! Es sind so zehn, zwölf! Sie haben meinen Daddy erschossen! Sie wollen was zu essen und behaupten, sie wären aus Georgia! Aber das sind bestimmt die Partisanen, die uns schon mal überfallen haben!“, schluchzte Joseph. Er brach zusammen und weinte nur noch. Lucas trug ihn ins Haus. Thomas, Frank und Robert kamen aus dem Wohnzimmer gelaufen.

„Was ist?“, fragte Robert.

„Die Farnbrooks sind überfallen worden. Es sollen zehn oder zwölf Mann sein. Joseph vermutet, dass es Guerillas sind, die uns schon mal unfreundlich um Proviant gebeten haben. Das letzte Mal haben die Konföderierten sie hier verscheucht.“

„Dann erledigen das diesmal Yankees“, entschied Robert. „Tom, Frank, trommelt alle zusammen, die ihr im Umkreis von hundert Yard auftreiben könnt. Die Burschen nehmen wir uns vor!“, befahl Bennett und sprang in sein Zimmer hinauf, um seine Waffe zu holen.

Keine drei Minuten später eilten wenigstens zwanzig Mann der C-Schwadron in Richtung von Farnbrooks Haus. Die Partisanen bemerkten die blauuniformierten Männer, die ihnen entgegenkamen.

„Verdammt, Yancey, das sind Yankees!“, fluchte einer, riss den Revolver heraus, aber Cologgia war schneller und traf den Mann tödlich, bevor er abdrücken konnte. Die anderen ließen sich durch den Tod des Partners aber nicht schrecken, sondern schossen aus abgesägten Schrotflinten, was die Läufe hergaben und versuchten, durch die Linie durchzubrechen.

„In Deckung!“, schrie Robert. Er und seine Leute sprangen beiseite, aber sie waren soweit trainiert, dass sie auch in dieser Situation gezielt schießen konnten. Roberts intensives Schützentraining zahlte sich aus. Die vorderen acht Mann stürzten getroffen aus den Sätteln, die letzten beiden Partisanen bemerkten gerade noch rechtzeitig, dass sie sich mit den falschen Leuten anlegen wollten und drehten um, stoben eilig davon. Die Unionssoldaten hatten sich nicht die Zeit genommen, ihre Pferde zu satteln, sondern waren zu Fuß gegen die Banditen ausgerückt. So waren die beiden Überlebenden mit wenigen Galoppsprüngen außerhalb der Reichweite ihrer Gewehre.

„Mist!“, fluchte Tom.

„Ich glaube, die haben genug, Tommy“, erwiderte Robert. „Die kommen nicht mehr wieder.“

„Vielleicht nicht hierher. Aber ich bin mir nicht sicher, dass wir die nie wieder sehen!“, seufzte Tom. Und manchmal hatte er geradezu prophetische Gaben …

 

 

Kapitel 12

Desaster am Bull Run

 

Im Laufe von fast drei Monaten, in denen Häuser instand gesetzt wurden, in denen sie mehrfach Überfälle von Partisanen abgewehrt hatten, erwarben sich die Männer der C-Schwadron die Achtung der Bürger Dovers. Zwar liebten sie die Yankees nach wie vor nicht, aber die Leute, die ihnen halfen, waren eine Ausnahme. In diesen drei Monaten hatten die Soldaten fast wie eine Stadtmiliz in Dover gelebt, man kannte sie mit Namen. Das seltsamste an diesen Yankees war, dass sie sich von der eigentlich als Schimpfwort gedachten Bezeichnung Yankee oder Yank überhaupt nicht beleidigt fühlten, sondern es fast als Ehre betrachteten, so genannt zu werden. Und keinem der Bürger war entgangen, dass zwischen der Nichte des Arztes und dem jungen Lieutenant, der die Operation ganz offensichtlich leitete, mehr als nur Freundschaft war. Allmählich hatten die Leute in der Stadt begriffen, dass Dr. Craig mit zwei der von ihm beherbergten Soldaten verwandt war. Und die Leute hatten festgestellt, dass es Dr. Craig absolut ernst war mit seiner Neutralität, behandelte er doch verwundete Südstaatler und Partisanen, die gelegentlich gefangen genommen wurden, ebenso wie die Yankees und die Bürger der Stadt.

Robert Bennett hatte aber hin und wieder Sorgen. Weniger wegen der Bürger, als wegen der häufigen Überfälle der Partisanen. Es schien, als würden sie Dover jetzt erst recht auf die Liste der zu überfallenden Orte setzen, nachdem die Union hier wieder Fuß gefasst hatte. Die Außenwerke des alten Fort Donelson waren nicht mehr besetzt, was die Partisanen offenbar als zusätzliche Aufforderung ansahen, hier anzugreifen. Seine zweite Sorge war Susan. Zwar wollte sie die Verlobung mit Ronald Gordon lösen, aber sie hatte deutlich gesagt, dass sie das nicht schriftlich tun wollte, sondern es Ronald selbst sagen wollte, wenn er aus Virginia zurück war. Nach wie vor allerdings war die D-Schwadron in Virginia, wenn auch die Kommandeure gewechselt hatten. Captain Hamilton war schwer verwundet worden und Captain Henderson, der bislang die B-Schwadron kommandiert hatte, übernahm die verwaiste D-Schwadron, eine Regelung, bei der es vermutlich bleiben würde, denn zur D-Schwadron gehörten zwei Cousins von Henderson.

Auch in der Regimentsführung hatte es einen Wechsel gegeben. Colonel Bennett hatte erreicht, das Kommando über das Regiment zurückzuerhalten, nachdem Lieutenant-Colonel Harris wegen Unfähigkeit versetzt wurde. Genau genommen hatten Bennett und Harris die Posten getauscht, da Harris nun für die Beschaffung von Pferden für die gesamte Armee verantwortlich war – ein Posten, auf dem er keinen strategischen Schaden anrichten konnte. Für die Regelung von Kriegsschäden war auf Betreiben von Colonel Bennett eine eigene Abteilung im Kriegsministerium eingerichtet worden – und sie würde eines Tages mehr als gut zu tun haben!

Militärisch schien sich die Waagschale dem zahlenmäßigen Übergewicht des Nordens zu beugen. Anfang April 1862 war es Major-General Grants Army of Western Tennessee gelungen, die Truppen Beauregards und Johnstons bei Shiloh in Südtennessee schwer zu schlagen. Grants Suspendierung war schnell wieder aufgehoben worden, als man einen General brauchte, der in der Lage war, seinen Gegner entscheidend zu schlagen. Aber der Kampf war verlustreich gewesen. Rund neunzehntausend Mann hatten insgesamt ihr Leben verloren oder waren verwundet worden. Fast fünftausend waren in Gefangenschaft geraten. Eine Besonderheit des Schauplatzes dieses Gemetzels war der Umstand, dass es sich nicht um ein offenes Feld handelte, sondern um ein Gebiet, das teilweise aus Wald, aus Sumpf, aus niederem Gestrüpp bestand. Nur in seltenen Fällen hatten sich die Gegner Auge in Auge gegenübergestanden. Meist hatten sie mehr aufs Geratewohl in die Büsche geschossen, aus denen ebenfalls Schüsse kamen. Wie viele der Toten und Verwundeten dabei von eigenen Leuten getroffen wurden, konnte nie geklärt werden. Eines aber war sicher: Die Soldaten beider Seiten hatten Angst kennen gelernt. Die Angst, buchstäblich hinter jedem Busch einen Feind vermuten zu müssen; die Angst, aus dem Hinterhalt niedergeschossen zu werden; die entsetzliche Angst, bei den Waldkämpfen in einen Waldbrand zu geraten, aus dem es kein Entrinnen gab. Letzteres war nur allzu häufig vorgekommen und die Überlebenden litten noch lange unter den Albträumen, die diese Situation verursachte. Wer die Schlacht von Shiloh mitgemacht hatte und behauptete, er habe keine Angst gehabt, wurde von sämtlichen anderen Überlebenden des Kampfes schlichtweg ausgelacht, weil er log, dass sich die Balken bogen. Für den Norden war der schwer erkaufte Sieg bei Shiloh ein Hoffnungsfunken.

Mitte April, knapp ein Jahr nach Kriegsausbruch, war es Admiral Farragut gelungen, zwischen den Forts am Unterlauf des Mississippi durchzubrechen, New Orleans gegen Ende des Monats zu besetzen und kurz darauf, im Mai, auch Baton Rouge, die Hauptstadt des Staates Louisiana einzunehmen. In den besetzten Städten ließ Farragut Teile der Armee des Generals Benjamin Butler stationieren, die für eine Sicherung der Unionsposition sorgen sollten. Farragut hatte damit seinen Auftrag erfüllt, den er bereits im Februar erhalten hatte. Nun war es an Butler und seinen Soldaten, das Erreichte zu halten. Er bediente sich dazu nicht der feinsten Methoden. Weil auch von den Frauen Opposition gegen die Besetzung von New Orleans und Baton Rouges kam – wenn auch nicht mit Waffengewalt – erließ er die Weisung, ‘…dass Frauen, die Offizieren oder Soldaten der Union nicht mit dem schuldigen Respekt begegneten, so zu behandeln seien, als seien sie Frauen, die in den Straßen der Stadt ihrem Gewerbe nachgingen.’! Kurz: Diese Frauen sollten als Huren angesehen werden!

Dieser Befehl löste im neutralen Ausland, das der Entwicklung in Amerika mit immer größerer Sorge zusah, eine solche Welle der Empörung aus, dass Präsident Lincoln sich genötigt sah, Benjamin Butler zu veranlassen, die Weisung schleunigst zurückzunehmen. Aber der Schaden, den der Befehl dem internationalen Ansehen der USA zugefügt hatte, blieb.

Ende Mai konzentrierte sich das Kampfgeschehen wieder auf den östlichen Kriegsschauplatz, nach Virginia. Dort führte General George B. McClellan den Oberbefehl sowohl über die Army of the Potomac als auch über die Unionsarmee insgesamt. Sein Hauptgegner in dieser Region war Robert E. Lee, jenes militärische Genie, das als Virginier den Oberbefehl über die Truppen der Union gut ein Jahr zuvor abgelehnt hatte. McClellan wollte mit seinen Truppen Richmond erobern, Lee gedachte, das zu verhindern und nach Möglichkeit Washington zu besetzen. Die Situation unterschied sich in keiner Weise von der des Vorjahres – nur, dass die Kontrahenten sich jetzt in etwa einschätzen konnten.

McClellan setzte alles daran, seine Armee soweit als möglich personell und technisch zu verstärken, um mit wenigstens hunderttausend Mann gen Richmond zu marschieren. McClellan forderte alle verfügbaren Reserven an, auch die 7th US-Cavalry als gesamtes Regiment. Im Austausch gegen die 7th US-Cavalry bezog die 71st Ohio Infantry den Posten in Fort Donelson. Wegen der Größe des Forts blieb der Stützpunkt aber Heimatkaserne der Kavalleristen.

Ungewöhnlich genug, dass die Kavalleristen per Schiff nach Norfolk gebracht wurden, um von dort aus der Armee McClellans nach Nordwesten zu folgen. Sie waren obendrein die letzte Verstärkung, die der Armeechef noch bekam, denn die Armee des Generals Banks, die im Nordwesten Virginias gegen die aus dem Shenandoah-Valley gekommenen Truppen General Jacksons kämpften, hatten eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Die Brigade Jacksons hatte Banks’ Truppen an der Nase herumgeführt und sie schließlich Schritt für Schritt aus dem Shenandoah-Valley hinausgedrängt. Stonewall Jackson – diesen Beinamen hatten er selbst und seine Brigade nach der Schlacht von Manassas am Bull Run erhalten, wo sie wie eine Mauer standgehalten hatten – war es aber auch gelungen, Banks entscheidend zu schwächen, so dass er nicht mehr in der Lage war, McClellan, der auf ihn vor Richmond wartete, zu verstärken. Weil wieder ein Angriff auf Washington befürchtet werden musste, wurde Banks mit seinen verbliebenen vierzigtausend Mann nach Washington zurückbeordert und McClellan blieb ohne Verstärkungen, die man in Washington angesichts der bei dem Oberbefehlshaber befindlichen gut hunderttausend Mann auch für überflüssig hielt.

Nachdem Jacksons Leute Banks’ Truppen vertrieben hatten, marschierte Jackson zur Hauptarmee unter General Lee bei Richmond, und Lee bot sich damit die Möglichkeit, McClellans Armee anzugreifen, statt hinhaltend zu taktieren. Die Army of the Potomac war bis zum White-Oak-Tree-Sumpf vorgestoßen, kämpfte dort jetzt, am 31. Mai 1862, mehr mit den Schwärmen von Moskitos als gegen Rebellen.

Doch plötzlich krachten in die brütende Mittagshitze Artillerieschüsse, die den Sumpf aufwühlten und die völlig überraschten Nordstaatler in Panik versetzten. Ganze Regimenter brachen rückwärts aus, wurden aber von anderen Regimentern unter Einsatz von Bajonetten zurückgehalten. McClellan und sein Stab brachten es fertig, die Truppen der gewaltigen Armee aus dem Sumpf herauszubringen. Aber es war schwierig und äußerst gefährlich. Am Abend war der Sumpf verlassen und die Truppen erhielten die Anweisung, den Sumpf am folgenden Tag nördlich zu umgehen und zum Gegenangriff überzugehen.

Tatsächlich wurde der Kampf am 1. Juni bei Seven Pines nördlich des Sumpfes fortgesetzt. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit konnten die Unionstruppen keinen Boden gewinnen, hatten harte Verluste. Dann setzte auch noch wolkenbruchartiger Regen ein, der den Kampf so plötzlich beendete, wie er am Tag zuvor begonnen hatte. Aber der Wolkenbruch hörte nicht auf, das Wasser des Chickahominy-River begann rasch zu steigen und bedrohte die zwischen dem Fluss und dem Sumpf eingeklemmte Armee zusätzlich. McClellan erkannte, dass er unter den gegebenen Umständen Richmond nicht erreichen konnte und entschloss sich zum Rückzug.

In den folgenden Tagen reorganisierte McClellan seine Truppen und rückte wieder gegen Richmond vor, als das Hochwasser zurückgegangen war. Doch so heftig die Sturmangriffe seiner Männer auch waren: Es gelang ihnen nicht Lees Truppen soweit aus den gut befestigten Stellungen herauszulocken, um sie mit ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit zu erdrücken. Zu allem Unglück für die Nordstaatler erhielt die Hauptstadt der Konföderation dann auch noch die Verstärkung, auf die sie selber warteten. Thomas Jackson und seine wegen ihrer Marschgeschwindigkeit auch Fußkavallerie genannte Infanteriebrigade erreichte Richmond. Robert E. Lee sah seine Chance und nutzte sie. Mit fast gleicher Stärke brach die Army of Northern Virginia aus Richmond aus und griff am 25. Juni 1862 die Army of the Potomac an.

Wieder wurden McClellans Truppen in den Sumpf getrieben, ein siebentägiger Rückzug begann. Immerhin gelang es den Nordstaatlern, so viel hinhaltenden Widerstand zu leisten, dass der Rückzug geordnet erfolgte und nicht in einer Panik wie im Jahr zuvor am Bull Run endete. Aber die Verluste waren ungeheuer. Als McClellans Armee am 1. Juli 1862 die Ausschiffungshäfen an der virginischen Küste erreichte, hatten sie sechzehntausend Tote und gut zwanzigtausend Verwundete zu beklagen.

Die Kavallerieeinheiten waren genauso davon betroffen wie die Einheiten der anderen Truppengattungen. Besonders schlimm hatte es die D-Schwadron der 7th US-Cavalry erwischt. Captain Henderson und dreißig seiner Männer waren bei Malvern Hill am 1. Juli gefallen, Lieutenant Rodney Ellison war mit gut fünfundzwanzig Mann in Gefangenschaft geraten, alle anderen waren mehr oder weniger schwer verwundet. Die totale Vernichtung der Schwadron hatten nur die Soldaten der C-Schwadron mit einiger Mühe und unter Einsatz ihres Lebens verhindert.

Jetzt, an der Küste Virginias, wurden zunächst die Verwundeten verladen, um nach Washington verschifft zu werden. Unter den ersten Transporten war auch Ronald Gordon, der eine sehr unangenehme Beinverletzung hatte. Als er von zwei Sanitätern vom Lager fortgetragen wurde, sah Ronald Robert Bennett vor einem der Zelte stehen. Er rief nach ihm:

„He, Robert!“

Bennett drehte sich um. Er wirkte müde nach dem haarsträubenden Rückzug. Langsam kam er an die Trage.

„Hm, was ist? Geht’s los?“, erkundigte er sich. Ronald nickte. Dann hob er die Hand.

„Ich wollte mich bei dir bedanken. Ohne euer schnelles Eingreifen hätte keiner von uns überlebt. Danke, Bobby.“

„Schon gut. Ich nehme an, du hättest es für uns auch getan. Kommst du nach Georgetown?“

„Nehme ich an. Am liebsten würde ich mich nach Dover bringen lassen, damit Susan mal wirklich was zu tun hat“, grinste Ronald.

„Schätze, sie ist auch so gut beschäftigt. In den drei Monaten, die unsere Schwadron dort war, hatte Dr. Craig mehr als gut zu tun“, gab Robert zurück. Dann fiel ihm ein, dass weder er selbst noch Tom oder Captain Bruce bisher über den Sondereinsatz in Dover gegenüber Ronald ein Wort verloren hatten. Ronald kniff die Augen zusammen.

„Du warst drei Monate in Dover? Bei Susan? Du verdammter Bastard willst dich doch nur wieder dazwischen stecken!“, rief Gordon zornig. „Dir wäre es doch nur recht, wenn ich krepiert wäre!“

Robert wurde bleich vor Wut, aber er beherrschte sich.

„Überleg’ dir gut, was du jetzt sagst. Wenn dem so wäre, Ronald, hätte ich nicht so viel Mühe aufgewandt, um dich und deine Leute herauszuhauen“, erwiderte er mühsam.

Ronald schnaubte nur noch heftig und gab seinen Trägern ein Zeichen, ihn weiterzutragen. Ohne, dass er Ronald noch einmal sah, kehrte Robert mit dem Gros der geschlagenen Armee nach Washington zurück. Diesmal ergoss sich weniger Spott über die Soldaten, die tapfer gekämpft hatten, als über den General, der es nicht fertig gebracht hatte, Lee entscheidend zu schlagen, als der noch auf Jackson gewartet hatte. Gegenüber dem Präsidenten hatte McClellan keine guten Argumente für sein Vorgehen, und Lincoln entließ McClellan aus dem Oberbefehl.

Im August war die Armee soweit reorganisiert und aufgefüllt, dass der neue Chef General Pope es riskierte – wie zu Beginn des Krieges wiederum auf Druck der Presse – eine Armee über Manassas in Richtung Richmond zu schicken, da über die virginische Halbinsel, von der aus McClellan es versucht hatte, kein Durchkommen in die Hauptstadt der Konföderation war. Die Armee, etwa sechzigtausend Mann stark, rückte unter Popes Kommando Mitte August nach Richmond ab.

Dazu gehörte wiederum die 7th US-Cavalry, neu aufgefüllt, mit einer fast völlig neuen D-Schwadron, deren Kommando der zum Captain beförderte Ronald Gordon innehatte. Gordon hatte sich von seiner Beinverwundung schneller erholt, als jeder erwartet hatte. Schon während der Schlacht der Sieben Tage auf der virginischen Halbinsel hatte der Divisionskommandeur erkannt, dass die 7th US-Cavalry eine Truppe war, die sich sehr gut dazu eignete, in einzelnen Schwadronen zur Aufklärung eingesetzt zu werden. Nach Ausgabe der Tagesbefehle schwärmten die zwölf Schwadronen aus, erledigten ihre Aufklärungsaufgaben und kehrten nach zwei oder drei Tagen zurück, lieferten ihre Erkenntnisse und erhielten neue Aufgaben – häufig genug direkt von General Pope.

Am 28. August 1862 waren – mehr zufällig – alle zwölf Schwadronen im Abendlager der Army of the Potomac in der Nähe von Grovetown/Virginia. Was sie an diesem Tag festgestellt hatten, war, dass General Jackson mit seinen Südstaatentruppen in eiligem Marsch von Westen her auf den Bull Run zumarschierte. Mit größter Wahrscheinlichkeit würde man am nächsten Tag auf eben diese Stonewall-Brigade treffen. Bei der E-Schwadron, der Deutschen Schwadron, nutzte man die Gunst der Stunde, noch ein paar Stunden Zeit zu haben, bevor es wieder zur Schlacht kam. So wurde ein Fest gefeiert, weil Captain Braunsberg an diesem Tag dreißig Jahre alt wurde.

Diese Schwadron bestand ausschließlich aus deutschen Auswanderern, hatte zu einer ehemals internationalen Einheit gehört und hatte sich gleich nach der Schlacht von Manassas geschlossen zur damaligen Cavalry Reserve West versetzen lassen. Es war Tradition in diesem Verband, dass deutsch gesprochen wurde, dass sämtliche anderen Angehörigen des Regimentes mit deutschen Rangbezeichnungen angesprochen wurden. Die feiernden Offiziere waren fröhlich, nur Ron Gordon wirkte allzu ernst.

„He, Kamerad, was ist mit dir?“, fragte Lieutenant Kossmann – diesmal englisch – und stieß Gordon an. „Alles lacht, nur du bläst Trübsal.“

Ronald seufzte tief.

„Halt’ mich gern für abergläubisch, Andreas, aber als Captain der D-Schwadron in der Nähe dieses verdammten Flüsschens zu sein, bringt Unglück“, unkte Ronald düster.

„Verstehe nicht. Was meinst du?“, hakte Kossmann nach.

„Als wir das letzte Mal hier gekämpft haben, da wart ihr noch bei Blenkers Korps. Mein gefallener Vorgänger Henderson, der damals noch die B-Schwadron kommandierte, hat hier eine Verwundung erlitten – im Bein. Vor ein paar Wochen ist er an so einem verdammten Flüsschen wie hier gefallen – zersiebt von einem Gewehr, das wie eine Maschine schießt. Wir hatten das Agar-Gewehr am Tag zuvor an die Rebellen verloren. Als Henderson fiel, hat es mich am Bein erwischt, gestern haben die Rebs uns ein Agar-Gewehr abgeknöpft und morgen wird es wohl eine größere Rauferei mit ihnen geben“, erklärte Gordon seine Befürchtungen.

„Ronald, jeder von uns hat Angst. Wer behauptet, es lasse ihn kalt, dass wir morgen ausgerechnet auf Stonewall Jackson und seine Mannen treffen, der lügt wie gedruckt.“

„Andreas, ich bin doch nicht erst seit gestern dabei!“, fuhr Ronald auf. „Nein, das ist was anderes. Das hat mit der normalen Angst nichts zu tun“, setzte er dann hinzu und versank wieder in Schweigen.

Kossmann nickte nur und wandte sich dann an seinen anderen Nachbarn. Es war Robert Bennett. Kossmann winkte ihm und ging ein Stück mit ihm vom Feuer weg.

„Was gibt’s?“, fragte Robert.

„Lass’ uns deutsch reden, das versteht er nicht“, murmelte Kossmann mit einem Seitenblick auf den schweigend brütenden Gordon. Robert nickte. Seit die deutsche Schwadron zum Regiment gehörte, hatte er bei Captain Braunsberg Deutsch gelernt, um sich mit den meist frischen Einwanderern verständigen zu können. Braunsberg war ein Sprachgenie, das zwölf Sprachen fließend beherrschte. Bevor Braunsberg aus Deutschland ausgewandert war, hatte er in Heidelberg an der Universität verschiedene Sprachen gelehrt. Robert Bennett gehörte zu den Leuten, die für jede Sprache zu haben waren. Außer der Sprache der Assiniboins und der Sioux verstand er noch Apache und hatte auf der Akademie einen Spanischkurs gemacht. Nun hatte ihn Deutsch gereizt. Da der Kontakt zur E-Schwadron sehr eng war und dort fast ausschließlich deutsch gesprochen wurde, beherrschte er die Sprache inzwischen sehr gut. Vor allem war sie ein unersetzliches Mittel der Geheimhaltung, denn Deutsch konnten nur wenige Südstaatler, dafür umso mehr Nordstaatler.

„Robert, Rittmeister Gordon hat Todesahnungen, fürchte ich.“

„Jeder hat vor so einer Keilerei die Hosen voll, das ist normal.“

„Das war auch mein erster Verdacht, aber ich glaube, Ronald hat der Aberglaube gepackt. Er erzählt etwas von dem Agar-Gewehr, das uns gestern weggekommen ist. Er zieht Parallelen zu Rittmeister Henderson, der nach dem Verschwinden eines Agar-Gewehrs bei Malvern Hill damit erschossen wurde“, sagte Andreas leise und eindringlich.

„Die Dinger tauchen doch nicht auf und unter wie das Ungeheuer von Loch Ness!“, lachte Robert auf. „Nein, Andreas, das ist Blödsinn.“

Kossmann zuckte mit den Schultern.

„Hoffen wir das Beste. Was ist eigentlich mit deinem Italiener, dem Cologgia?“

„Ich nehme an, dass Dr. Craig den Arm retten konnte. Er hat beim Überfall in Dover eine Ladung Buckshot in den rechten Arm bekommen. Im letzten Brief, den ich aus Dover bekommen habe, habe ich gelesen, dass Collie bald wieder dienstfähig ist.“

„Und du bist sicher, dass er wieder in deine Schwadron kommt?“

„Völlig. Oberst Bennett hält seine Leute zusammen. Vor allem solche wie Collie. Der ist nicht ersetzbar.“

Wie erwartet, traf Popes Armee am darauf folgenden Tag in der Nähe von Grovetown, nur unweit des Lagerplatzes der letzten Nacht, auf Jacksons Brigade. Pope befahl den Angriff. Während die Artillerie den Angriff vorzubereiten versuchte, wurde die Kavallerie wieder zur Aufklärung ausgesandt. An diesem Tag wogte die harte Schlacht unentschieden hin und her. Am Nachmittag stellte Pope zu seinem Schrecken fest, dass seine Armee dringend Nachschub brauchte. Sämtliche Kommandeure hatten ihm berichtet, dass es um Munition und Verpflegung nicht gut bestellt war. General Pope ließ den nächsten Kavalleristen, der in der Nähe war, holen. Es war Thomas Craig.

„Second-Lieutenant Thomas Craig zur Stelle, Sir!“, meldete er sich. Major Crawford, ein Offizier aus Popes Stab, erklärte Tom kurz die Sachlage.

„Reiten Sie sofort nach Alexandria, Lieutenant, und fordern Sie von General McClellan, der dort unseren Nachschub bewacht, einen entsprechenden Transport an.“

„Ja, Sir!“, bestätigte Tom, eilte aus dem Zelt und sprang im Laufen auf sein Pferd. Schon im Davonreiten rief er nach Corporal Sandford und Trooper Maxwell, seinen ständigen Patrouillenbegleitern.

Als Thomas Alexandria mitten in der Nacht erreichte, lagen bei Grovetown etwa vierzehntausend Mann in ihrem Blut. Thomas wurde im Hauptquartier in Alexandria zu General Franklin gebracht, der die Bestellung aufnahm und den Lieutenant warten ließ. Wenig später kehrte Franklin mit einer Notiz zurück.

„Hier, Lieutenant, geben Sie das General Pope“, sagte Franklin. „Mehr kann ich im Moment nicht tun.“

„Darf ich fragen, was in dieser Notiz steht, Sir? General Pope hat mich beauftragt, den Nachschub zu veranlassen.“

„Sie dürfen, Lieutenant. General McClellan hat mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass der Nachschub sofort in Marsch gesetzt wird, sobald General Pope eine entsprechende Kavallerie-Eskorte schickt.“

„Er soll was? Sir, das ist nicht Ihr Ernst!“, platzte Tom heraus.

„Lieutenant, mäßigen Sie Ihren Ton!“, fuhr Franklin ihn an. „Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Je schneller Sie zurückreiten und General Pope die Depesche übergeben, desto schneller hat er seinen Nachschub!“, komplimentierte Franklin die Boten hinaus.

Craig, Sandford und Maxwell jagten Augenblicke später zurück nach Grovetown, in der Hoffnung, dass noch eine genügend große Abteilung Kavallerie ausbrechen konnte, um den dringend benötigten Nachschub zu holen, aber es war zu spät. Als der Lieutenant und seine Begleiter Popes Armee erreichten, graute bereits der neue Morgen. Für die bedrohte Armee Popes war es zu spät, um sich zurückzuziehen und zu gefährlich, nichts zu unternehmen. In seiner Verzweiflung befahl Pope den erneuten Angriff, aber die Kavallerie der Konföderierten hatte bereits in Erfahrung gebracht, dass die Nordstaatler keinen Nachschub zu erwarten hatten. Der Umstand gab den Rebellen unter General Lees Oberbefehl die Chance, die Yankees entscheidend zu schlagen.

Hinter dem Eisenbahndamm, direkt südwestlich von Grovetown, hatte sich die Brigade Jacksons verschanzt. Sturmangriff um Sturmangriff führten Popes Infanteristen dagegen, aber ohne Erfolg. Sie wurden niedergemäht, ohne den Damm überhaupt zu erreichen. Auf einer Breite von gut vierhundert Yards vor dem Bahndamm war kein Flecken Boden mehr zu erkennen. Die Fläche war blau, gelegentlich vom Rot der Zuavenuniformen durchsetzt. Vierhundert Yards Leichen und Verwundete, ein Ort des Grauens.

Aus der linken Flanke hatte Ronald Gordon eine Quelle des vernichtenden Feuers ausgemacht: Das erbeutete Agar-Gewehr! Diese neue Konstruktion eines Repetiergewehrs, das auf einem kleinen Karren aufgeprotzt war, hatte einen Schutzschild für den Schützen und ermöglichte die unglaubliche Feuergeschwindigkeit von einhundertzwanzig Schuss pro Minute, ein 1862 kaum vorstellbarer Rekord.

Ronald befahl seinen Männern einen Flankenangriff auf die von vorn gut geschützte Maschinengewehrstellung, die zur Seite hin durchaus verwundbar war. Aber einer der neben dem Agar-Schützen knienden Infanteristen bemerkte die angreifende Kavallerie. Das kleine Maschinengeschütz konnte schnell gedreht werden – und das wurde den Männern der D-Schwadron zum Verhängnis. Agar-Schütze und Nebenmänner feuerten pausenlos, aber sehr gezielt, schossen die angreifenden Kavalleristen gnadenlos aus den Sätteln. Captain Gordon wurde wie von einer Riesenfaust angehoben und nach hinten aus dem Sattel geworfen. Seinen Männern erging es nicht besser. Es dauerte nur Minuten, bis die gesamte D-Schwadron tot oder kampfunfähig auf dem Schlachtfeld lag.

Trotz des ungeheuren Schlachtenlärms war das Knattern des Agar-Maschinengewehrs immer noch von anderen Waffen zu unterscheiden. Robert Bennett hatte es gehört und hatte gleich ein ungutes Gefühl. Ihm waren Ronalds finstere Ahnungen eingefallen. Ohne auf einen Befehl dazu zu warten, winkte er Sergeant Mattson und seinem Zug. Sie ritten um ein Gebüsch herum, standen genau an der gleichen Stelle, wo Ronald und seine Leute Minuten zuvor zusammengeschossen worden waren.

„Deckung!“, befahl Bennett. Seine Männer und er selbst sprangen von den Pferden und gingen hinter den Büschen in Deckung.

„Großer Gott! Gordons Schwadron!“, entfuhr es dem Lieutenant. Er spürte eine Hand an der Schulter. Erschrocken sah er auf. Neben ihm standen Thomas Craig und Barry Bruce.

„He, wohin so schnell?“, fragte Bruce.

„Hier um die Ecke ist eine Agar-Stellung. Die mähen alles weg, was sich bewegt. Gordons Schwadron hat’s erwischt“, erklärte Robert.

„Was hast du vor?“, fragte Barry interessiert.

„Die Agar-Stellung zum Schweigen zu bringen und die von Ronnies Schwadron ‘rauszuholen, die noch leben“, versetzte Robert.

„Einschließlich Gordon?“, hakte Bruce nach.

„Das ist wohl selbstverständlich, Captain!“, entgegnete Robert gekränkt.

„Nach eurer Schlägerei letztes Jahr und Ronnies harten Vorwürfen nach seiner letzten Verwundung würde ich das nicht ohne weiteres vermuten“, erwiderte Bruce mit schiefem Grinsen.

„Tut mir einen Gefallen und haltet mich nicht länger auf. Gebt uns Feuerschutz!“, knurrte Robert. „Mattson!“, rief er dann seinem Sergeant zu. „Ich brauche Wurfbomben oder Ketchams, wenn wir welche dabeihaben.“

Mattson, Evans und Nott kamen mit Leinensäcken geduckt herbeigelaufen.

„Zwanzig Ketcham-Handgranaten, Sir. Reicht das?“, fragte Mattson.

„Hoffentlich“, seufzte Robert. „Mattson, ich brauche zehn Freiwillige, um die Reste von Gordons Schwadron abzutransportieren. Sie und Nott heizen den Rebs mit den Handgranaten ein, während ich versuche, mit meinen Freiwilligen die Verwundeten zu bergen“, befahl er dann.

„Du hast doch schon wieder Selbstmordabsichten!“, grollte Thomas.

„Mitnichten und mitneffen, Tom. Aber wenn wir nicht sofort etwas unternehmen, hat von denen da drüben keiner mehr auch nur eine geringe Überlebenschance!“, versetzte Robert gereizt. Er winkte Mattson und wie von selbst gesellten sich wenigstens fünfzehn Mann zu ihrem Lieutenant. Die Helfer robbten zur der niedergeschossenen Schwadron. Die Verwundeten stöhnten oder schrien vor Schmerzen.

Kaum zeigte sich Bewegung auf dem Schlachtfeld, als die Agar-Stellung wieder Feuer spie. Robert und seine Männer drückten sich flach an den Boden. Robert riskierte es, den Kopf ein wenig anzuheben, um nach der Stellung zu sehen. Seine Feldmütze wurde ihm vom Kopf geschossen, er blieb jedoch unverletzt. Rasch rollte er weg und kam hinter dem Kadaver eines Pferdes zu liegen, wo er etwas Deckung hatte. Von dort nahm er den Agar-Schützen ins Visier, aber der Mann saß gut geschützt hinter dem Schild. Dann bemerkte Robert zwei dunkle Flugobjekte, die dicht hinter dem Agar-Schützen zu Boden fielen. Bruchteile von Sekunden später explodierten die Handgranaten, der Agar-Schütze wurde nach vorn geschleudert, blieb halb über dem Schild des Gewehrs hängen. Sein Rücken war eine einzige blutige Masse. Die beisitzenden Infanteristen versuchten die Werfer zu treffen, aber sie sahen das Ziel nicht.

Dafür hatten Robert und seine Männer die ungeschützten Infanteristen umso besser vor den Läufen. Fünf Mann gaben Feuerschutz, die anderen zehn krabbelten weiter und zogen einen Verwundeten nach dem anderen in das Gebüsch in Deckung. Ronald Gordon lag relativ nahe am Gebüsch, weil er an der Spitze reitend beinahe als Erster getroffen worden war. Er war bewusstlos, aber er lebte noch. Robert zog ihn vorsichtig zum Buschwerk hin. Thomas sah Robert viel sagend an, als er sechs Einschüsse in Ronalds Leib bemerkte.

„Ich glaube, das hättest du dir sparen können“, seufzte er leise. Robert zuckte mit den Schultern und robbte wieder auf das Feld. Nach einer guten halben Stunde hatten er und seine Männer alle Überlebenden der D-Schwadron geborgen. Es waren nur knapp zwanzig Mann und es war sehr fraglich, ob alle überleben würden. Vor allem bei Ronald bestand kaum Hoffnung.

Am Abend dieses Tages hatte die Nordstaatenarmee eine weitere schwere Niederlage einstecken müssen und diesmal war sie nur knapp der Vernichtung entgangen. Im Schutz der Nacht setzte sich die geschlagene Armee noch Norden ab, Verwundete und greifbares Material mit sich nehmend. Gegen Morgen erreichten sie Centreville, etwa zehn Meilen nordnordöstlich von Manassas, wo sie auf frische Truppen unter dem Kommando der Generale Franklin und Sumner trafen. Popes Überlebende waren gerettet, ein weiterer Vormarsch der Konföderierten konnte gestoppt werden. Doch von den eigentlich zugesagten neunzigtausend Mann hatte McClellan ganze zwanzigtausend geschickt … Die erschöpften Truppen General Popes wurden zur Bahn transportiert und von dort nach Washington weitergebracht. Die Verwundeten kamen in das Lazarett in Washington-Georgetown, die anderen Soldaten erhielten einen Lagerplatz in der Nähe.

Robert Bennett und Thomas Craig gehörten zu denen, die die Verwundeten im Lazarett ablieferten. Als sie in der Hauptaufnahme standen, wurde Thomas plötzlich blass.

„He, was ist mit dir?“, fragte Robert erschrocken.

„Ich hab’ Halluzinationen! Das ist doch meine Mutter!“, keuchte Tom. Er wies auf eine Frau in Schwesterntracht, die in der Aufnahme saß und die Neuzugänge eintrug. Robert sah in die angegebene Richtung. Tatsächlich, dort schrieb Gwendolyn Craig auf, was ihr der bullige Sergeant vor ihr angab. Schließlich war Robert als Eskortenoffizier bei ihr. Einen Moment war eisiges Schweigen, dann gab Robert Gwendolyn seine Liste mit den Verwundeten aus seinem Transport.

„Lieutenant Bennett, 7th US-Cavalry mit fünfzig Verwundeten. Hier ist die Liste, Ma’am. Wo sollen die Leute hin?“, meldete er kühl. Gwendolyn nahm ihm das Papier ebenso kühl ab.

„Danke, Lieutenant. Offiziere ins Haus 1 bis 3, Unteroffiziere Haus 4 bis 10, Mannschaften verteilt auf den Rest“, versetzte sie.

Dann sah sie den Namen Ronald Gordon auf der Liste. Gwendolyn wurde bleich. Robert ahnte den Grund der Reaktion.

„Es tut mir Leid, ich konnte es nicht verhindern“, sagte er leise. Gwendolyn blitzte ihn wütend an.

„Vielleicht wolltest du es gar nicht!“, zischte sie. Roberts Miene versteinerte sich.

„Denk’, was du willst!“, erwiderte er kalt und ging grußlos fort. Die Haupttür krachte geräuschvoll in die Zargen. Gwendolyn wollte hinter ihm her, aber ihr Sohn, der als nächster hinter Robert gestanden hatte, hielt sie am Arm fest.

„Hier geblieben, Schwester!“, bremste er. Gwendolyn funkelte ihren Sohn böse an, aber er ließ nicht los.

„Gib die Schuld an Ronalds Verwundung und schlimmem Zustand, wem du willst, aber nicht Bob Bennett, Ma. Er hat alles, aber auch wirklich alles getan, um Ronald zu bergen und ihn lebend herzubringen! Er hat Ronald aus einem Maschinengewehrfeuer geholt, in das sich nicht mal der Teufel persönlich getraut hätte. Er hat Ronnies Verletzungen behandelt, soweit das ohne Arzt überhaupt möglich war. Ohne Roberts Hilfe hätte Ronnie keine drei Stunden mehr gelebt! Er ist wirklich der Letzte, der Schelte für Ronnies Zustand verdient“, stellte Tom klar.

Robert war in seiner Wut aus dem Lazarettbezirk gestapft, war in das Lager gegangen und hatte sich vor sein Zelt gesetzt, das an der Mündung des Rock Creek in den Potomac-River aufgeschlagen war. Es war Abend geworden und die Sonne versank blutrot im Westen. Noch während er versuchte, seinen Zorn auf Gwendolyn Craig unter Kontrolle zu bekommen, hörte er leise eine Mundharmonika. Er hörte genauer hin. Der Musiker spielte Auld Lang Syne, ein Lied, das sowohl traditionell in der Silvesternacht wie auch zu Beerdigungen gespielt wurde. Erst, als seine Knie nass und kalt wurden, bemerkte Robert, dass er weinte.

Erschrocken fuhr er auf, als ihm ein Taschentuch vor die Nase gehalten wurde. Tom hockte neben ihm, genauso verweint wie er selbst.

„Deine Mühe war umsonst. Ronnie ist vor einer halben Stunde gestorben“, sagte Tom mit deutlichem Schluchzen. „Meine Mutter ist völlig fertig. Sie bittet dich um Entschuldigung wegen vorhin.“

Robert schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, Tom, das akzeptiere ich nicht. Das soll sie mir selber sagen!“, erwiderte er. „Ron war ein an sich guter Freund von mir. Wirklich auseinander gebracht hat uns deine Mutter mit ihrer feingesponnenen Kunst. Ronnie mag ein Casanova gewesen sein, er mag die Absicht gehabt haben, mir Susan mit widerlichen Mitteln auszuspannen, aber Susan hätte sich nicht ausspannen lassen, wenn deine Mutter nicht dafür gesorgt hätte, dass sie es tut. Ich habe deiner Mutter nichts getan, aber seit diesem Lügentelegramm höre ich aus ihrem Munde nur noch das Zischen einer Schlange. Nein, Tom, Entschuldigung durch Boten nehme ich da nicht mehr an. Es ehrt dich, dass du es tun willst, aber damit verschwendest du deine Zeit.“

Tom nickte. Er hatte verstanden. Leise zog er sich in das Zelt zurück, das er mit Robert teilte. Robert sah weiter in die untergehende Sonne, hörte dem Mundharmonikaspieler zu. Roberts Gedanken wanderten weit fort, nach Dover, zu Susan. Der Weg zu ihr war frei – aber Ronalds Tod, der dies möglich machte, hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Nein, Robert hatte nicht daran gedacht, seine Liebe über die Leiche eines anderen – noch dazu eines seiner besten Freunde – zurückzugewinnen. Im Augenblick wünschte er sich nur, zu ihr zu kommen, und sie noch einmal zu fragen, ob sie ihn heiraten wollte. Wie schnell sein Wunsch in Erfüllung gehen sollte, das ahnte Robert Bennett nicht.

Der Grund dafür war kaum hundert Meilen weiter südlich zu suchen. Die zweite Schlacht am Bull Run war ein guter Erfolg für die Konföderierten gewesen. Doch nach der ersten Schlacht am Bull Run vor einem Jahr hatte die Führung der Konföderation den Fehler gemacht hatte, die Armee nicht zu energischem Nachstoßen zu veranlassen. Diesen Fehler wollte Jefferson Davis nicht wiederholen. Jetzt sollte der Erfolg genutzt werden. Jeff Davis hatte deshalb die verantwortlichen Generäle – Lee, Jackson und Longstreet – und Kriegsminister Randolph in seinen Amtssitz geladen.

„Gentlemen“, eröffnete der Präsident die Zusammenkunft, „bisher hat sich der Kampf um unsere Unabhängigkeit nur auf dem Boden der konföderierten Staaten zugetragen. Ihr Sieg von Manassas gibt uns nun die Gelegenheit, auch den Yankees vom Krieg etwas abzugeben. General Lee, ich möchte, dass Sie einen Feldzug in den Norden unternehmen – mit dem Ziel, Washington zu erobern und die Yankees damit zum Frieden zu zwingen.“

Lee strich sich nachdenklich durch den vollständig weißen Vollbart.

„Direkt von Süden kommen wir an Washington nicht heran, dafür ist es zu gut verteidigt. Aber ich denke, Mr. President, wir könnten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wenn General Jacksons Brigade meiner Army of Northern Virginia zugeordnet wird, könnten wir in einer Zangenbewegung durch Maryland die verbliebenen Truppen der Yankees ausmanövrieren und zerschlagen. Außerdem könnte es uns gelingen, Maryland ebenfalls zur Sezession zu bewegen. Wir müssen allerdings bald handeln, denn unsere Informanten in Washington teilen mit, Lincoln habe weitere dreihunderttausend Mann anwerben lassen – außer denen, die er schon zum 1. Juli bestellt hat. Der Feldzug sollte erfolgen, bevor diese Streitmacht einsatzbereit ist“, sagte er dann.

Davis sah zu Jackson, in dessen melancholischen, dunklen Augen ein wirkliches Feuer nie zu entdecken war. Jetzt zeigte er seine stärkste Regung: Lebhaftes Interesse.

„General Jackson?“, forderte der Präsident Thomas Jackson zur Stellungnahme auf.

„Ich gehe mit General Lee“, sagte er in seiner wortkargen Art. Auch Minister Randolph nickte zu Lees Plan.

„Führen Sie Ihren Plan aus, General Lee. Sie werden alle Verstärkungen bekommen, die Sie benötigen. Gott segne die Konföderation“, schloss Davis die Besprechung.

Robert E. Lee und sein Stab machten sich unverzüglich an die Ausarbeitung eines Invasionsplans nach Maryland. Der Plan war schnell entwickelt und sah vor, den Potomac-River rund fünfunddreißig Meilen westlich von Washington zu überqueren. Dann wollte Lee weit nördlich von Washington zunächst Baltimore angreifen. Im Falle des Erfolges würde dies bedeuten, dass Washington eingekreist würde – ein Ende des Krieges wäre dann nur eine Frage von Wochen. Jacksons Stonewall-Brigade sollte die Speerspitze bilden.

Tatsächlich brach Lee kurz darauf von Richmond auf, überquerte den Potomac bei Point of Rocks, fünfunddreißig Meilen westlich von Washington und kampierte am 7. September 1862 in Frederick, an der Bahnlinie nach Baltimore. Am 8. September erließ er von dort aus einen Aufruf an die Bevölkerung von Maryland, sich der Konföderation anzuschließen, doch sein Appell zur Revolte verhallte nahezu ungehört – und obendrein verlor Lee mehr Männer durch Desertion, als er aus Maryland zu rekrutieren imstande war.

Doch dann, als klar wurde, dass die Yankees die Invasion nicht kampflos hinnehmen wollten, beging Lee einen folgenschweren Fehler: Er teilte seine Armee in fünf Divisionen, von denen er drei unter Jacksons Befehl weiter westlich nach Harpers Ferry schickte, einem bedeutenden Armeedepot der Union. Diese Teilung hatte er in seinem Armeebefehl Nr. 191 schriftlich fixiert. Drei Exemplare existierten davon. Eines davon fiel dem Boten jenseits der Frontlinie von Frederick aus der nicht sicher geschlossenen Kuriertasche. Seinen eigentlichen Empfänger erreichte das Papier nie, aber dafür einen, für den es mit Sicherheit nicht bestimmt war …

 

Kapitel 13

Antietam

 

Die Invasion der Südstaatler war nicht unbemerkt geblieben. Kaum hatte sich die Tatsache herumgesprochen, als in den Militärlagern in und um Washington wieder betriebsame Hektik herrschte. Schon bald befand sich die Armee auf dem Weg nach Westen, um die Rebellen abzufangen. Nach anfänglichen Misserfolgen der Unionsarmee spielte das Schicksal McClellan – er war wieder als Chef der Army of the Potomac zurückberufen worden – auf wundersame Weise in die Hände:

Am 13. September erreichte die F-Kompanie der 27th Indiana-Infantry bei Frederick die Kampflinie und machte eine kurze Pause. Private John Bloss ließ sich müde ins Gras fallen – und fasste direkt neben einen großen, unverschlossenen Umschlag. Als er den Umschlag anhob, fielen zwei Zigarren und ein Blatt Papier heraus. Während seine Kameraden gleich die Zigarren teilten, las Bloss das Papier durch. Er hatte jenes verloren gegangene Exemplar des Armeebefehls Nr. 191 von General Lee gefunden, der Aufschluss über Lees weiteres Vorgehen gab – dass er seine Armee in fünf Divisionen geteilt hatte, von denen drei nach Harpers Ferry unterwegs waren, von denen zwei via Antietam gen Washington marschierten. Bloss erkannte die Wichtigkeit des Papiers, brachte es zu seinem Captain, der mit ihm zusammen zum Regimentschef eilte. Der Colonel sprach gerade mit einem General, beide lasen den Befehl mit der gleichen Überraschung, die den Private Bloss überfallen hatte. Schon Augenblicke später waren beide auf dem Weg zu General McClellan.

Gegen zehn Uhr am 13. September hatte Bloss das Dokument gefunden und kaum eine dreiviertel Stunde später hetzten Ordonnanzen in alle Richtungen, in denen sich Einheiten der Army of the Potomac befanden. Eilig wurde die Armee in Marsch gesetzt. Kavallerie wurde zur Erkundung ausgesandt, darunter auch die Schwadronen der 7th US-Cavalry. Nach der zweiten Schlacht am Bull Run, wo die Schwadronen einzeln eingesetzt gewesen waren und in dieser ‚Formation’ als eine der ganz wenigen Einheiten Erfolg gehabt hatte, schien es für den Chef der Army of the Potomac nur logisch, dieses Regiment weiterhin so zu verwenden. Insbesondere, weil jede der Schwadronen ihre Spezialitäten hatte. Die Soldaten der C-Schwadron galten inzwischen als erfahrene Pioniere. Und genau dafür hatte McClellan die Männer vorgesehen. Er hatte nur vergessen, das auch dem Regimentschef, Colonel Bennett, mitzuteilen.

Als Colonel Bennett den Befehl zum Ausrücken erhielt, enthielt dieser Befehl nichts über die Sonderausrüstungen, über die die einzelnen Schwadronen verfügten. Colonel Bennett berief eine Offiziersversammlung ein und teilte mit, was aus dem aufgefundenen Befehl Lees hervorging.

„Wir reiten in zwei Stunden“, schloss der Colonel. „Noch Fragen, Gentlemen?“

Lieutenant Prescott meldete sich.

„Ja, Sir. Wo finden wir gegebenenfalls unser Feldlazarett?“

Colonel Bennett sah ihn abschätzend an.

„Lieutenant Prescott, bei dem, was wir vorhaben, werden wir kaum die Zeit finden, uns um Verwundete zu kümmern“, versetzte der Colonel markig. „Aber falls es Sie beruhigt: Dr. Thomas und seine Mannschaft sind bei der Stabsschwadron im Hauptquartier. Dort findet sich auch ein Hufschmied, falls ihr Pferd seine Schuhe verliert. Noch was?“

„Ja, Sir. Wenn wir wieder getrennt operieren, was sich in der letzten Zeit bei uns eingebürgert hat, wäre es vielleicht angebracht, die Spezialausrüstung mitzunehmen. Gerade wir, die C-Schwadron, werden häufig als schnell verlegbare Pioniere eingesetzt“, gab Lieutenant Bennett zu bedenken.

„Die Ausrüstung ist zwar nützlich, aber auch verdammt schwer. Als Aufklärer werden Sie kaum Bäume fällen müssen. Der Krempel bleibt hier!“, widersprach Colonel Bennett seinem Sohn.

„Wir sollten die Sachen dann auf den Bagagewagen mitnehmen, Sir. Es muss ja nicht die Sonderausrüstung fürs ganze Regiment sein. Für Notfälle, Sir“, versuchte Robert zu handeln.

„Um solche Notfälle zu vermeiden sind Sie da, Lieutenant Bennett!“, erwiderte Major Craig kühl.

„Sorry, ich verstehe nicht ganz, Sir“, hakte Robert unbeeindruckt nach.

„Herrschaftszeiten, ihr geht nicht zum Picknick!“, platzte Colonel Bennett der Kragen.

„Eben, Sir. Was uns erwartet, ist kein Barbecue, sondern die halbe Army of Northern Virginia!“, erklärte Robert ruhig. „Mit denen ist nicht gut Kirschen essen, wie wir in den letzten Monaten festgestellt haben. Darf ich daran erinnern, dass wir einige Stellungen besser hätten halten können, wenn wir …“

„Nein! Schluss! Die Pionierausrüstung bleibt hier!“, befahl Colonel Bennett barsch.

Robert nahm Haltung an, schwieg und traf seine Entscheidung. Schwer oder nicht: Axt, Säge, Nägel und Hammer, Schaufel und Sprengmaterial kamen mit! Mochte der Himmel wissen, wozu es gut sein konnte. Etwas Verbandszeug konnte auch nicht schaden, wenn das eigene Feldlazarett möglicherweise meilenweit entfernt war. Vor allem durfte er seinen Indianertee nicht vergessen! Eher verzichtete Robert auf Ersatzkleidung als auf lebensrettende Mittel, mochte der Colonel befehlen, was er wollte.

Als die 7th US-Cavalry das Hauptquartier erreichte, meldete Colonel Bennett sein Regiment als anwesend. General McClellan nahm die Meldung lächelnd entgegen.

„Ich bin besonders froh, dass Ihr Regiment mir zur Verfügung steht, Colonel Bennett. Ich werde Ihre Schwadronen wieder einzeln einsetzen. Das Beste an Ihrem Haufen ist, dass Ihre Leute einfach alles können. Ein paar berittene Scharfschützen sind von großem Vorteil, schnell verlegbare Pioniere auch. Ich glaube nicht, dass wir den Antietam vor den Rebellen erreichen. Vielleicht müssen wir Notbrücken bauen. Wir treffen uns im Hauptquartier von General Hooker in Porterstown. Sie erhalten dort weitere Befehle“, Colonel Bennett, die Majors Craig, Thomas und Callahan salutierten und verließen das Hauptquartier.

Draußen, vor dem Gebäude sahen sich die Bataillonskommandeure und ihr Regimentschef betreten an.

„Was jetzt, Fred? Keiner hat Pionierausrüstung mit!“, schnaufte Richard Craig an Colonel Bennett gewandt. Frederick grinste breit.

„Dick, ich wette fünfzig Dollar mit dir, dass sich mindestens einer Werkzeug eingesteckt hat“, sagte er.

„Und wer sollte sich deinem Befehl widersetzt haben?“, fragte Craig verblüfft.

„Mein eigener Sohn, Dick“, lachte Bennett auf. „Und deiner ist nicht besser!“

„Fred, die Jungens sind alles andere als widerspenstig“, erinnerte Richard.

„Wetten, Dick?“, hakte Frederick nach.

Topp, die Wette gilt!“, schlug Craig ein.

Wenig später hatten sie das auf dem Marsch befindliche Regiment erreicht. Die Offiziere ritten gleich bis zur C-Schwadron durch.

„Lieutenant Bennett! ‘Raus aus der Reihe! Ich habe mit Ihnen zu reden!“, befahl Colonel Bennett distanziert und barsch. Gehorsam lenkte Robert seinen Rappen aus der Reihe und ritt zu den neben der Kolonne wartenden Offizieren hin.

„First-Lieutenant Bennett zur Stelle, Sir!“, meldete er sich ebenso distanziert und korrekt.

„Satteltaschen auf!“, kommandierte der Colonel. Robert schluckte hart. Er öffnete die Satteltaschen. Obenauf lagen gut sichtbar Pionierwerkzeuge und Verbandmaterial.

„Was ist das?“, herrschte der Vater den Sohn an. Robert nahm Haltung an, fixierte einen imaginären Punkt irgendwo in der spätsommerlichen Landschaft neben dem Kopf seines Vaters.

„Pionierwerkzeuge und Verbandmaterial, Sir!“, antwortete er militärisch knapp.

Wie lautete mein Befehl?“

„Die Pionierwerkzeuge im Camp zu lassen, Sir!“

„Und Sie widersetzen sich diesem Befehl?“, forschte Bennett senior scharf.

„Ja, Sir!“, antwortete Bennett junior, immer noch den imaginären Punkt fixierend.

„Wissen Sie, was Sie sich ausgestellt haben, Lieutenant Bennett?“, bellte der Colonel. Robert schluckte erneut schwer. Drohte schon wieder Arrest?

„Ja, Sir!“, bestätigte er mühsam beherrscht.

„Ihrer Disziplinlosigkeit werde ich einen Riegel vorschieben, wenn der Einsatz beendet ist. Vorläufig brauche ich Sie noch!“, drohte der Colonel, wohl wissend, die Drohung nie wahrzumachen. Aber zunächst wollte er seinen eigensinnigen Sohn eine Weile schwitzen lassen. Mit einer herrischen Handbewegung winkte er den Lieutenant weg.

„Marsch, zurück ins Glied!“, befahl er.

„Ja, Sir!“

Der Lieutenant salutierte und wendete Rover. Der prächtige Rapphengst drehte elegant auf der Hinterhand, trug die Last seines Herrn und der wirklich nicht leichten Geräte, als wären es Federn. Bennett senior sah Pferd und Reiter nach.

„Manchmal wünschte ich, wir hätten mehr solche Hellseher wie Bobby. Wirklich, auf den kann man sich blind verlassen“, murmelte er. Dann wandte er sich an Craig.

„Dick, du schuldest mir fünfzig Dollar“, grinste er.

Der Antietam war ein schmales Flüsschen, ungefähr fünfzehn bis zwanzig Yards breit, von zahlreichen Mäandern geprägt. Zwischen Keedysville im Norden und der Mündung in den Potomac im Süden führten nur drei Brücken über den Antietam. Bis Porterstown, etwa auf der Hälfte des Weges zum Potomac, befanden sich zwei Furten, südöstlich von Sharpsburg gab es noch eine dritte Furt, die die Überquerung des Flüsschens erleichterte. Diese sechs Punkte waren für Lees Army of Northern Virginia die einzigen Möglichkeiten, via Antietam nach Washington zu gelangen. Genau in diesem Bereich musste sich Lee deshalb befinden, weshalb McClellan zielstrebig darauf zumarschieren ließ.

Am Nachmittag dieses 14. September 1862 erreichte die Army of the Potomac den Ort Porterstown, der sich einige Meilen östlich vom Ufer des Antietam befand und bezog Nachtlager. Die einzelnen Einheiten der Armee erhielten nun die genauen Einsatzbefehle. Die Schwadronen der 7th Cavalry wurden meist Infanterieregimentern als Unterstützung zugeteilt. Die meisten Captains seufzten ergeben, dennoch erkennbar zufrieden. Beim Aufruf der Abteilungen hatte Colonel Bennett die C-Schwadron zunächst ausgelassen.

„Captain Bruce, für Sie und Ihren Haufen habe ich eine Sonderaufgabe“, sagte er dann. Bruce und seine beiden Lieutenants zogen die Köpfe ein. Das bedeutete nichts Gutes.

„Au weia!“, flüsterte Bruce. „Du und dein Dickkopf, Robert!“, zischte er seinen Lieutenant an. Robert war schon kurz davor, selbst seinen Arrest anzubieten, als der Colonel fortfuhr:

„Sie werden im Bereich des linken Flügels operieren. Stellen Sie fest, ob es außer der Steinbrücke, über die die Straße nach Sharpsburg führt, und der weiter südlich gelegenen Brücke weitere Brücken gibt. Falls ja, veranlassen Sie, dass die Brücken gesichert werden. Erkunden Sie, ob es dort noch andere Furten gibt, als die südöstlich von Sharpsburg. Sichern Sie sie nötigenfalls. Sie werden vom 19th Illinois-Regiment Unterstützung erhalten. Überqueren Sie den Fluss möglichst nicht, bevor die Infanteristen da sind. Und noch was, Bruce: Von Ihnen und Ihren Männern kann das Schicksal der Potomac-Armee abhängen. Wenn Sie zu früh zurückgeschlagen werden, bricht uns der linke Flügel zusammen, weil der General sich völlig darauf verlässt, dass Sie es fertig bringen, den linken Flügel solange stabil zu halten, bis die Truppen von General Doubleday mit ihrer Durchbruchsoperation starten können. Die Umfassung soll von Süden her erfolgen, damit die Rebellen vom Potomac und damit von ihrem Nachschub abgeschnitten werden.“

„Sir, wenn diese Weisung allein auf meiner Disziplinlosigkeit beruht, bitte ich darum, diesen Einsatz auf meine eigene Verantwortung mit hundert Freiwilligen machen zu dürfen!“, bot Robert an.

Frederick schüttelte den Kopf. Er sah sich um. Außer ihm und den Offizieren der C-Schwadron war kein anderer im Zelt anwesend.

„Nein, das hat nichts damit zu tun, dass du entgegen meinem Befehl Werkzeug mitgenommen hast, Robert“, erwiderte der Colonel. „General McClellan ist die Güte der Schwadron allzu gut bekannt. Es war seine Idee, euch dorthin zu setzen, nicht meine.“

„Aber sie passt dir in den Kram, um mir …“, setzte Robert an, aber sein Vater unterbrach ihn.

„Keineswegs, mein Junge. Ich war froh, dass du dich nicht mehr um Himmelfahrtskommandos bemühst. Außerdem würde ich nicht eine ganze Schwadron bestrafen, wenn es nur um den Fehler eines Offiziers ginge. Die Sache ist gefährlich und ich möchte, dass ihr vorsichtig seid“, entgegnete Frederick mahnend. „Ich möchte euch alle drei lebend wieder sehen – und eure Leute auch. Ihr reitet morgen früh“, setzte er dann hinzu.

„Ich frage mich, ob Saint George uns nicht überschätzt!“, seufzte Bruce in Anspielung auf den Vornamen des Armeechefs. Die Schwadronsoffiziere salutierten und verließen das Kommandeurszelt.

Kurz vor Anbruch des Tages machte sich die C-Schwadron auf den Weg in ihr Einsatzgebiet, das nur knapp drei Meilen entfernt war. Bruce winkte Bennett nach vorn.

„Robert, wir brauchen einen geschützten Lagerplatz. Nimm dir ein paar Leute und sieh’ nach, ob die Luft rein ist.“

Bennett nickte und winkte Evans und Nott, seinen ständigen Patrouillenbegleitern. Den gerade genesenen Cologgia wollte er schonen.

Die kleine Gruppe löste sich von der Schwadron und galoppierte nach Südwesten davon, jagte auf der parallel zum direkt am Antietam gelegenen Höhenzug führenden Straße dahin, bis sie an die Straße kam, die über die südöstlich von Sharpsburg gelegene Brücke führte. Sie hatten kaum die letzte Biegung zur Brücke passiert, als von der gegenüberliegenden Seite des Antietam Schüsse krachten.

„Los, ‘rüber auf die andere Straßenseite!“, kommandierte Bennett. Die drei Soldaten trieben ihre Pferde zu noch schnellerem Galopp an und erreichten den schützenden Wald der South Mountains.

„Teufel auch, das war knapp!“, schnaufte Nott, als sie den Pferden hinter einem Felsen eine Atempause gönnten. Robert nahm eine Karte aus der Tasche und studierte sie einen Moment.

„Wir sind jetzt hier, am Abzweig zur Brücke. Die Straße führt auf der anderen Seite zum Potomac, entfernt sich aber immer weiter vom Antietam und liegt obendrein im Schussfeld der Dixies – wenn sich nicht gerade wie hier ein paar Felsen auftun. Die Straße führt aber nach knapp zweihundert Yards in eine Art Schlucht. Wir sollten uns das mal ansehen, Jungs“, sagte Robert, steckte seine Karte wieder ein und trieb Rover an.

Wenig später hatten sie den flachen Einschnitt gefunden, für den das Wort Schlucht sicher übertrieben war. Ein kleiner Bach plätscherte zum Antietam hinunter. Das Wasser war glasklar, die beiden Ufer des Flüsschens fest und ohne Spuren von Sumpf. Robert sah sich um.

„Ich denke, hier können wir bleiben. Der Einschnitt schränkt das Schussfeld von gegenüber ein. Oben auf die Wälle setzen wir Brustwehren, damit die Posten nicht gleich weggefegt werden. Der Einschnitt hier müsste mit ein paar Mann zu halten sein“, entschied der Lieutenant. Er nahm sich wieder seine Karte aus der Satteltasche und bückte sich nach dem Bleistift, den er im Stiefel hatte, als wieder ein Schuss krachte. Nott griff sich an den Kopf und stürzte mit einem Aufschrei aus dem Sattel.

„Deckung!“, befahl Bennett. Fast im Reflex drückten er und Evans ihre Pferde zu Boden und warfen sich hin. Mit einem schnellen Griff riss Robert den blutenden Nott hinter ein Gebüsch in Deckung.

„Wo hat’s dich erwischt, Tim?“, fragte Robert besorgt.

„Ist nur ‘n Streifschuss an der Stirn, Chef. Blutet aber wie Schwein!“, ächzte Nott. Robert nahm seinen Karabiner aus dem Sattelholster, warf Evans ein Paket mit Verbandszeug zu.

„Verbinde ihn“, wies er Andy an. „Ich kümmere mich um den Heckenschützen.“

Während Evans Nott einen Verband um die stark blutende Kopfplatzwunde machte und die Blutung mit einiger Mühe zum Stehen brachte, suchte Robert die dichten Laubbäume auf der anderen Flussseite ab. Jetzt war wieder alles still und friedlich. Die vollen, grünen Kronen entzogen den geheimnisvollen Schützen den Blicken des Unionsoffiziers. Doch plötzlich bewegten sich einige Äste in einer gewaltigen Buche gegenüber stärker, als der Wind zuließ. Robert hob den Springfield-Karabiner, stellte das Visier auf und zielte sorgsam. Er schoss, die Äste bewegten sich noch stärker und ein Mann in grauer Uniform purzelte herunter. Doch noch bevor Robert durchgeladen hatte, war der Mann im Gebüsch verschwunden.

„Mist!“, fluchte Robert und stieß den Kolben seiner Waffe hart in den Ufersand.

„Kannst du reiten, Tim?“, fragte er dann. Nott hielt sich zwar den schmerzenden Kopf und stöhnte unterdrückt, aber er nickte tapfer. Robert rüttelte Rover, das Pferd stand auf, die anderen beiden Pferde standen ebenfalls auf.

„Kommt, wir reiten zurück. Der Platz ist gut geeignet“, sagte der Lieutenant dann.

„Um als Kanonenfutter zu dienen, vielleicht“, versetzte Evans bissig.

„Jetzt wissen wir, dass uns von drüben welche ans Leder wollen. Wir werden die Bäume auf der anderen Seite unter Kontrolle halten müssen. Aber mit ein paar gescheiten, kleinen Befestigungen halten wir sie uns vom Leib und können diesen Abschnitt stabilisieren.“

„Ernsthaft?“, fragte Nott verblüfft nach. Robert winkte ihm, als sie oben auf der Wallhöhe hinter einigen hohen Büschen außerhalb der Sicht ihrer Gegner waren.

„Hier oben drei Wehren, gestaffelt und mit Schießscharten versehen, das gleiche auf der anderen Wallhöhe. Unten an der Flussmündung noch mal drei oder vier gestaffelte Wehren auf beiden Seiten der Mündung und ich schwöre dir: Die Grauen beißen sich die Zähne aus, wenn sie es ausgerechnet hier versuchen, uns in die Flanke fallen zu wollen.“

„Entschuldige, ich habe das nicht mitbekommen: Du meinst, wir sind hier so etwas wie der linke Flügel, der linke Außenposten, Robert?“, hakte Nott nach.

„Genau das, lieber Timmy“, erwiderte Bennett mit einem eher unbehaglichen Grinsen.

„Oh, großer Gott, worauf haben wir uns da eingelassen?“, hustete Nott orakelnd und folgte seinem Vorgesetzten mit einem ungemütlichen Kribbeln im Magen.

„Verdammt, der Yankee kann blind gut treffen!“, fluchte der Rebell, den Robert Bennett vom Baum geschossen hatte. Er trug die Uniform eines Captains der konföderierten Kavallerie. Quer über den Rücken hatte er einen schmerzhaften Streifschuss erlitten.

„Captain Morrows, sind Sie verwundet?“, fragte eine Stimme von hinten aus dem Gebüsch.

„Dumme Frage! Nein, ich steige immer so vom Baum, Sergeant Heywords! Teufel, der Blaubauch hat mich am Rücken erwischt!“, gab der Captain grollend zurück. Durch die Büsche kämpften sich fünf seiner Leute, angeführt von Sergeant Grover Heywords.

„Heywords, schicken Sie jemanden zu Captain Bennett. Wir brauchen unbedingt Verstärkung. Die drei Yanks waren sicher nur ein Vortrupp, der einen Lagerplatz gesucht hat“, befahl Morrows knurrend. Heywords sah sich die Verwundung seines Vorgesetzten näher an.

„Sieht nicht gut aus, Chef. Sollen wir Sie nach Sharpsburg bringen?“, fragte der Sergeant besorgt.

„Quatsch! Sie haben doch Verbandszeug in Ihrer Wundertasche, Heywords. Wegen dieses Kratzers gehe ich doch nicht zum Knochenflicker! Der Pillenjohnny kriegt es fertig, mich dienstunfähig zu schreiben!“, versetzte Morrows wütend. Heywords zuckte mit den Schultern und zog den Captain mit zwei anderen Leuten aus dem Unterholz, in das er gefallen war.

„Autsch!“, fluchte Morrows, als sich ein Ast in die Wunde bohrte. „Passt doch auf, ihr Idioten!“

Als sie den Captain geborgen hatten, schwang Heywords sich in den Sattel und ritt in Richtung Sharpsburg davon.

Unterdessen hatten Lieutenant Bennett und seine Begleiter die Schwadron erreicht.

„Lieutenant Bennett mit zwei Mann zurück von Patrouille, ein Mann leicht verwundet!“, meldete der dem Captain.

„Danke. Habt ihr was gefunden, Bob?“

„Ja, die Mündung eines kleinen Flüsschens südlich der Steinbrücke. Direkt daneben ist eine Furt, die für Infanteristen passierbar ist. Die Mündung können wir so sichern, dass die Rebs dort nicht ‘rüberkommen. Mit einigen Brustwehren ist aus der Mündung eine passable Stellung zu machen“, erklärte Robert. Bruce nickte in Richtung Nott.

„Aber nicht ganz bleifreie Luft, wie?“, kicherte er nervös. „Was ist mit Ihnen, Nott?“

„Streifschuss an der Stirn, Sir“, gab Nott zurück.

„Das einzige Problem, was wir haben, sind Scharfschützen auf der anderen Flussseite“, ergänzte Robert. „Einen habe ich vom Baum geholt, aber es könnten mehr dort sein. Ich schlage vor, dass wir das westliche Ufer einmal absuchen, bevor wir unsere Stellung einrichten.“

„Wir kommen kaum kampflos hinüber, wenn jetzt schon Scharfschützen da sind. Außerdem sollen wir uns nicht auf einen Kampf einlassen, bevor die Infanteristen hier sind“, gab Bruce zu bedenken. Robert nickte.

„Der Platz ist trotzdem geeignet. Kommt mit“, forderte Robert den Captain auf. Bruce drehte sich im Sattel um.

„Oaktree, Pembroke!“, rief er. Die Gerufenen trabten nach vorn.

„Sie reiten sofort nach Porterstown zu Colonel Barner. Teilen Sie ihm mit, dass wir einen geeigneten Übergang südlich der Steinbrücke gefunden haben. Er soll auf diese Stelle schnellstmöglich zumarschieren, damit wir noch einen Brückenkopf auf dem westlichen Ufer einrichten können, bevor die Grauröcke merken, dass wir hier sind.“

Die Boten salutierten, Oaktree wiederholte den Auftrag, dann wendeten sie ihre Pferde und galoppierten in Richtung Porterstown davon. Auf Bruces Handzeichen ordneten Bennett und seine Leute sich in die Schwadron ein, dann trabte die Einheit in Richtung Antietam.

„Sir, ein Bote von Captain Morrows!“, meldete ein Ordonnanzsoldat. Philip Bennett sah von seiner Karte auf, die er gerade studierte.

„Lassen Sie ihn ‘rein, Ordonnanz“, befahl er müde und trank einen Schluck von seinem inzwischen kalt gewordenen Kaffee. Angewidert kippte er den Rest auf den blanken Erdboden seines Zeltes. Sergeant Heywords stapfte steif herein, salutierte.

„Sergeant Grover Heywords, 9th Virginia Cavalry, Schwadron A. Captain Morrows schickt mich, Sir. Die A-Schwadron befindet sich auf dem äußersten rechten Flügel der Armee auf dem Westufer des Antietam. Auf dem Ostufer ist eine kleine Gruppe von Yankees aufgetaucht, konnte aber in die Flucht geschlagen werden. Captain Morrows ist überzeugt, dass bald größere Einheiten der Yankees in seinem Frontabschnitt erscheinen werden und bittet Sie daher, Ihre Schwadron als Verstärkung dorthin zu verlegen.“

Philip sah Heywords zunächst verblüfft an.

„Ich bin auf Befehl General Stuarts hier und kann meinen Posten nur mit seiner Zustimmung verlassen, Sergeant Heywords. Richten Sie dem Captain das bitte aus. Sagen Sie ihm bitte auch, dass ich versuche, meine Schwadron für ihn als Verstärkung freizubekommen. Irgendwelche Erkenntnisse zur gegnerischen Einheit?“

„Nein, Sir. Außer, dass es Kavallerie ist.“

„Nicht viel“, murmelte Philip. „Reiten Sie zurück, Sergeant. Sobald ich die Freigabe von General Stuart habe, komme ich nach. Anderenfalls schicke ich einen Boten.“

„Ja, Sir!“, bestätigte Heywords zackig, salutierte, machte eine Kehrtwendung und war im nächsten Moment verschwunden.

Oaktree und Pembroke hatten gegen Mittag das noch nicht auf dem Marsch befindliche Infanterieregiment bei Keedysville erreicht und richteten dem Colonel Captain Bruces Nachricht aus.

„Geben Sie Captain Bruce bitte weiter, dass ich das Regiment teile. Das Bataillon von Major Lewis marschiert zu Ihnen, ein Bataillon halte ich in Reserve, das andere Bataillon unter Major Jones schließt die Lücke zur Armee, die sich bei der Steinbrücke formiert. Und dann sagen Sie ihm bitte, dass unser Feldlazarett auf der Farm von Mr. Rohrbach eingerichtet wird. Ihr Dr. Thomas und unser Dr. Wilkins werden dort erreichbar sein. Wir werden morgen früh bei Ihnen eintreffen.“

„Ja, Sir“, bestätigten Oaktree und Pembroke wie aus einem Munde und machten sich eilig auf den Rückweg.

Sie erreichten ihre Schwadron am Nachmittag. Eilig berichteten Sie Bruce.

„Dann müssen wir auf jeden Fall Vorsorge treffen“, schnaufte Bruce. Er hatte gehofft, die Infanteristen würden noch am Abend zu ihnen stoßen.

„Holt mir Bennett und Craig her!“, wies er die Boten an. Wenig später waren die Lieutenants zur Stelle. Bruce gab ihnen die Informationen weiter, die er von Pembroke und Oaktree erhalten hatte.

„Wir sollten deshalb schon mit dem Bau der Feldbefestigungen beginnen“, schloss er seine Ausführungen. Sein Blick blieb unverkennbar an Robert Bennett hängen.

„Warum siehst du mich so an, Barry?“, fragte Robert harmlos.

„Weil ich durchaus gemerkt habe, dass du den Befehl, die Schanzwerkzeuge zu Hause zu lassen, geflissentlich überhört hast. Du und dein Zug – ihr habt Werkzeuge dabei. Also, Lieutenant Robert Christopher Bennett: Strafe muss sein! An die Arbeit!“, kommandierte Bruce. Bennett salutierte grinsend und verließ Bruces Zelt.

„Tom, du hältst ihm mit deinem Zug den Rücken frei“, wies Barry Lieutenant Craig an.

„Ich gebe ihm einige meiner Spezialisten, wenn es dir recht ist, Barry. Wir haben auch Werkzeug mit“, erwiderte Tom lächelnd, salutierte und ging gleichfalls fort. Barry Bruce blieb kopfschüttelnd zurück.

„Hat es überhaupt Zweck, Sir?“, fragte First-Sergeant Mattson zweifelnd, als sie mit den Arbeiten an den Befestigungen begannen.

„Je eher die Dinger fertig sind, desto besser sind unsere Abwehrchancen! Los, Mattson, fällen Sie mit zwei Trupps Bäume, möglichst um zehn Inch stark.“

Mattson und zwei der Corporalschaften machten sich daran, entsprechende Bäume zu suchen und zu fällen, Sergeant Elliot und eine der anderen beiden Corporalschaften richteten die Stämmchen zu, Corporal Cologgia und seine Mannschaft bauten mit dem von Mattson gelieferten Material die Brustwehren nach Roberts Konstruktion. Die Wehren wurden in die Tiefe des eigenen Hinterlandes gestaffelt, an der Mündung sogar dreifach, ebenso auf den Abbruchkanten der Hügel nördlich und südlich der Einmündung. Die Furt sicherten sie sogar vierfach. Damit war der linke Flügel sicher geschützt.

Bennett sah nachdenklich auf die freie Fläche südlich der Einmündung.

„Frank, haben wir Sprengstoff?“

„Ja, auf dem Bagagewagen sind drei Kisten“, bestätigte Frank Craig, der inzwischen Sergeant geworden war.

„Gut. Frank. Du, Cologgia, Evans und Elliot kommen mit mir. Die Dixies werden eine ganz böse Überraschung erleben, wenn sie uns von Süden her angreifen wollen.“

„Was hast du vor, Bob?“

„In drei Staffeln vor den Befestigungen Sprengstoffladungen legen, Zündschnüre wasserdicht verlegen und hinter die zweite Brustwehrenstaffel ziehen“, erklärte Robert.

„Minen statt Artillerie?“, hakte Elliot nach, der dazukam. Robert nickte.

Auf der anderen Seite des Antietam hatte Morrows’ A-Schwadron Verstärkung durch die B-Schwadron der 9th Virginia-Cavalry erhalten, die von Philip Bennett kommandiert wurde. Das gesamte erste Bataillon dieses Regiments bestand meist aus Leuten, die nicht aus dem Staat Virginia kamen. Seine Existenz verdankte es einer ungewöhnlichen Dienstvorschrift der konföderierten Armee: Wenn ein berittener Soldat sein Pferd nicht durch unmittelbare Kampfeinwirkung verlor, dann musste er sehen, woher er ein Ersatzpferd bekam – oder künftig seinen Dienst zu Fuß versehen. So hatten sich viele Soldaten aus der gesamten Konföderation, die ihre Pferde durch Krankheit oder Unfall verloren hatten, zum Dienst in der 9th Virginia-Cavalry gemeldet, als dieses Regiment im September 1861 mit einer ausnahmsweise staatlich gestellten Erstausstattung an Pferden aufgestellt worden war. Auf diese Weise waren nicht nur Philip Bennett und Yancey Morrows zur virginischen Kavallerie gekommen, sondern auch Mark Ashley und Martin Moore, die in Philips Schwadron die Lieutenantsposten innehatten.

Nun saßen Philip und Martin auf Yanceys ‚Stammbaum’, von dem man den besten Blick auf die Einmündung eines kleinen Baches hatte, der südlich der letzten Brücke von Sharpsburg in den Antietam mündete. Mit Ferngläsern sahen sie dem geschäftigen Treiben der Yankees auf dem Ostufer des Antietam zu.

„Und wir haben keine Artillerie hier“, knurrte Philip. Er drehte an der Fokussierung seines Fernglases und hätte sich beinahe verschluckt.

„Himmel, das kann nicht sein!“, entfuhr es ihm.

„Was ist, Phil?“, fragte Martin erschrocken. Philip setzte sein Glas ab und sah Martin kreidebleich an.

„Sieh mal genau hinüber. Der Yankeeoffizier, der vor der zweiten halbfertigen Brustwehr ist.“

Martin sah in die angegebene Richtung und verstand Philips Unwohlsein.

„Robert!“, keuchte er. „Verdammt, er ist ein wirklich guter Freund von mir, Phil!“

„Ich habe es befürchtet, Martin“, seufzte Philip. „Irgendwann musste es so kommen.“

„Vielleicht können wir der Begegnung ausweichen?“, schlug Martin halb fragend vor. Philip schüttelte langsam den Kopf.

„Und Robert und Tom Yancey überlassen? Nein, Martin, das wäre Mord.“

„Philip, wenn unser Haufen diese Befestigungen dort drüben angreift, stehen wir drei vor dem Problem, notgedrungen gegen den Bruder oder gegen die besten Freunde kämpfen zu müssen. Was mit uns passiert, wenn Yancey oder ein anderer Offizier mitbekommt, dass wir dann nicht ganz bei der Sache sind, muss ich dir nicht im Detail erzählen, oder?“, warnte Martin.

„Philip, Martin! ‘Runter vom Baum! Wir greifen an!“, rief Yancey von unten. „Die Yanks dürfen die Befestigungen gar nicht fertig bekommen. Los, ‘rauf auf die Gäule!“

Philip und Martin rutschten von dem luftigen Posten herunter.

„Heiliger Christophorus, hilf!“, murmelte Philip und schwang sich in den Sattel.

Robert und sein Sprengkommando waren in der Spätnachmittagssonne mit den Minen beschäftigt, als vom anderen Ufer das markerschütternde Kriegsgeschrei der Rebellen ertönte.

„Dass die sich nicht ans Trompeten gewöhnen können!“, fluchte Frank Craig, als sie in Deckung sprangen. Fast auf der gesamten Breite der Furt griffen die Konföderierten aus allen Rohren schießend an. Die Nordstaatler fanden hinter den bereits fertig gestellten Brustwehren Deckung. Tom befahl seinem Zug einen massierten Gegenangriff. Die abgesessenen Soldaten Bennetts wehrten sich mit Revolver und Säbel gegen die Angreifer. Toms berittener Zug preschte vor und sprengte die vorderste Linie der Rebellen in zwei Teile. Betroffen war unmittelbar Martin Moores Zug, der auseinander stob wie ein Vogelschwarm, in den ein Habicht hineinstößt. Mark Ashleys Zug hatte sich vor den massiven Barrikaden festgerannt. Im gezielten Feuer der dahinter befindlichen Unionssoldaten blieb der Angriff stecken. Moores auseinanderstrebende Einheit bewirkte allgemeine Verwirrung und löste fast eine Panik im Fluss aus, als einige Pferde aus dem Bereich der Furt in eine tiefe Rinne gerieten. Philip sah ein, dass sie keinen Erfolg haben würden und wies den Trompeter an, zum Rückzug zu blasen. Auf das Signal zogen sich die Konföderierten zurück.

Doch Tom Craig dachte nicht daran, ihnen Luft zu lassen und setzte den Fliehenden mit seinem Zug nach. Bruce erkannte die Gefahr.

„Robert! Auf die Pferde! Wir müssen ihnen helfen!“, befahl der Captain. So schnell es möglich war, saßen die bisher als Infanteristen Kämpfenden auf und stürmten hinterher. Die Südstaatler, die mit einem Nachsetzen wirklich nicht gerechnet hatten, suchten ihr Heil in eiliger Flucht weit auf das westliche Ufer des Antietam. Yancey Morrows, dessen Schwadron in Lauerstellung auf der anderen Seite wartete und den Yankees den Rückzug abschneiden wollte, sah sich dennoch um das Vergnügen gebracht, weil Captain Bruce die Verfolgung sofort abbrechen ließ, als er feststellte, dass die Grauröcke flüchteten und sich nicht mehr zum Kampf stellten. Unter Sperrfeuer zogen sich die Unionssoldaten wieder auf das östliche Ufer des Antietam zurück, Bennett und seine Soldaten nahmen gleich wieder die Arbeit an den Barrikaden auf, Toms Männer hielten wachsam Ausschau, ob die Rebellen es noch ein zweites Mal probierten. Tatsächlich rückten sie nach, aber ein Rückzugssignal beorderte sie zurück.

Inzwischen war die Sonne untergegangen und bald würde es völlig dunkel sein. Das Krachen der Schüsse verebbte, nur noch das Stöhnen der Verwundeten durchbrach die fast gespenstische Stille. Nicht einmal Vögel zwitscherten mehr. Auf beiden Seiten machten sich Suchtrupps auf, um die Verwundeten zu bergen – und es waren viele.

„Verdammt, warum haben wir keinen Arzt dabei?“, fluchte Bruce.

„War ja zu viel Ballast, Barry. Genau wie unser Schanzzeug“, erwiderte Bennett müde.

„Möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn du dich nicht über den Befehl des Colonels hinweggesetzt hättest“, murmelte Bruce.

„Ich will nicht unken, Barry, aber dann hätten sie uns überrannt und wären hier durchgebrochen“, gab Robert zurück. Bruce nickte.

„Robert – ihr arbeitet an den Schanzen weiter. Wenn die Infanterie hier morgen früh eintrifft, sollen sie brauchbare Befestigungen vorfinden. Ich fürchte, sie werden sie benötigen. Tom hält euch den Rücken frei“, wies Bruce den Lieutenant an. Robert nickte. Er und seine Leute waren müde, aber es war notwendig, jetzt weiterzumachen. Er stand auf und ging langsam zum Lagerplatz seines Zuges hinüber.

„Los, Jungs, wir machen weiter“, sagte er. Mattson sah den jungen Mann zweifelnd an.

„Womit, Sir?“, fragte er. „Zwei Drittel Ihrer Männer sind angeschlagen, Sie selbst auch und zehn Mann sind tot“, erklärt der First-Sergeant mit Hinweis auf Roberts bandagierten rechten Unterarm.

„Mattson, sobald es hell wird, haben wir die Dixies wieder auf dem Hals. Die Infanterie wird nicht vor morgen Vormittag zur Stelle sein. Wenn wir die Schanzen und die Ladungen bis dahin nicht fertig haben, brechen die Rebellen hier durch und dann Gnade Gott, Washington! Also, los, Jungs, machen wir weiter. Sprengkommando – außer Cologgia – kommt mit mir mit. Collie, du baust mit deinen Leuten die angefangenen Barrikaden weiter. Mattson, Bäume fällen und zurichten“, verteilte Robert die Aufgaben.

Die Männer erhoben sich, aber Trooper Stanton taumelte und stürzte. Bennett und Frank Craig fingen ihn gerade noch auf.

„He, was ist mit dir?“, fragte Robert.

„Mein linkes Bein, Chef!“, stöhnte Stanton.

„Licht!“, befahl Bennett. Sergeant Elliot leuchtete mit einer Fackel. Stantons linkes Bein war vom Oberschenkel bis zum Knie aufgerissen.

„Himmel, um den Haxen kannst du beten, Alan!“, entfuhr es Bennett. Er zog eine zusammengerollte Satteldecke heran und schob sie Stanton unter den Kopf. „Noch jemand, der solche Löcher im Fell hat?“, fragte er dann. Es fanden sich noch zehn Mann, die nicht mehr einsatzfähig waren.

„Andy, Tim, Oliver! Nehmt euch das Verbandszeug und seht zu, dass ihr die Verwundeten einigermaßen versorgt“, wies Robert die drei Trooper an. Die anderen folgten dem Lieutenant und arbeiteten zäh und verbissen im Schutz der Dunkelheit an den Befestigungen weiter.

Etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang des 16. September 1862 waren Bennett und seine Männer fertig. Die Feldbefestigungen standen. Müde und erschöpft weckte Bennett Captain Bruce.

„He, Barry!“

Bruce kam verschlafen hoch.

„Hm, is’ was?“, fragte er schlaftrunken.

„Ja, wir sind fertig. Sowohl mit den Barrikaden als auch mit den Nerven. Und müde sind wir jeder für drei“, entgegnete Robert. Bruce setzte sich auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und gähnte.

„Du setzt mich immer wieder in Erstaunen. Ich hab’ dich gestern gar nicht nach deinen Ausfällen gefragt.“

„Bei mir sind es zehn Tote und zehn kampfunfähig Verwundete. Stanton hat das Bein vom Oberschenkel bis zum Knie offen. Das behält er nur, wenn er sofort in ein gutes Lazarett kommt – nicht erst ins Feldlazarett. Doc Thomas setzt sofort die Säge an“, erwiderte Robert.

„Werde ich veranlassen“, versprach der Captain. Sein Blick fiel auf Roberts bandagierten rechten Unterarm. „Was ist mit dir?“

„Säbelratscher. Nichts Ernstes“, gab Bennett zurück.

„Wie spät ist es?“

„Halb fünf. Es wird bald hell.“

„Schon was von dem Illinois-Regiment zu sehen?“

„Nein, nichts“, schüttelte Robert den Kopf. Bruce nickte.

„Ruh’ dich aus. Ihr habt prima gearbeitet.“

Bennett lächelte gedrückt.

„Ich hoffe, die Grauröcke lassen mich. Was ist mit Tom und seinen Leuten?“

„Fünfzehn Tote, zehn Mann kampfunfähig verwundet. Sieht nicht gut aus.“

„Heißt im Klartext: Knapp fünfzig Prozent Verluste in einer einzigen Stunde Kampf in der ganzen Schwadron!“, schnaufte Robert.

„So ist es“, erwiderte Bruce mit einem deutlichen Seufzer. Er nahm Robert am Arm.

„Bobby – ich möchte, dass du auf Tom aufpasst. Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn gestern geritten hat, sich mit einem Zug einer ganzen Schwadron entgegenzustellen. Ich habe einen Heidenschreck bekommen, als ich die andere, die zweite Schwadron, auf der anderen Seite gesehen habe. Was er angestellt hat, wäre beinahe schief gegangen. Ich fürchte, heute wird der Tanz heißer werden. Fehler können tödlich sein.“

„In Ordnung. Du kannst dich auf mich verlassen“, versprach Robert.

Der Captain warf seine Decke beiseite, stand auf und zog sich die Uniformjacke an.

„Hast du eigentlich keine Jacke?“, fragte er grinsend, als ihm auffiel, dass der Lieutenant wieder einmal nur sein bequemes, dunkelblaues Oberhemd mit der doppelten Knopfreihe und seinen Rangabzeichen trug.

„Zu unbequem, um damit Barrikaden zu bauen, im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Da ziehe ich das Hemd vor – es sei denn, du gibst mir den dienstlichen Befehl, diese Zwangsjacke anzuziehen“, erwiderte Robert mit jungenhaftem Lächeln. Bruce lachte und klopfte ihm auf die Schulter.

„Das wäre das Letzte, was ich von dir verlange, solange dein Hemd den Zweck erfüllt und dich als Offizier kenntlich macht.“

Sie traten vor das Zelt des Captains. Im Lager brannten bereits drei kleine Feuer, auf denen Kaffee gekocht wurde und Bohnen und Speck gebraten wurden. Im Osten nahm der Himmel eine rote Färbung an. Robert sah den allzu roten Sonnenaufgang skeptisch an.

„Das sieht nach Regen aus. Wir werden bald nasse Füße bekommen“, mutmaßte er.

„Hoffentlich sind wir bis dahin wieder in Washington!“, murmelte Bruce.

„Bloß nicht!“, wehrte Robert erschrocken ab. „Dann wären die Rebellen auch da!“

Er sah weiter nach Osten. Dort hatte er eine Bewegung wahrgenommen.

„Barry, die Infanterie ist da!“, rief er dann freudig aus, als er über der bewegten Masse die Nationalfahne der Union erkannte.

Eine Viertelstunde später traf das Bataillon von Major Lewis am Lagerplatz der Kavalleristen ein. Nach entsprechender Begrüßung besichtigte Lewis die Feldbefestigungen.

„Die überlassen wir Ihnen, Sir“, erklärte Bruce. „Wir werden jetzt weiter nach Süden reiten, um nach weiteren Furten zu suchen.“

„Sparen Sie sich die Mühe, Captain“, erwiderte Lewis. „Ich habe einige Jahre in Sharpsburg gelebt und kenne die Gegend wie meine Westentasche. Südlich dieser Furt ist nur noch die Brücke fast an der Einmündung in den Potomac – und die ist gesprengt, soviel ich weiß. Furten gibt es weiter südlich keine mehr.“

„Wann sind Sie weggezogen, Sir?“, erkundigte sich Bruce.

„Vor sechs Jahren.“

„Der Antietam ist sehr mäanderreich. Da könnten inzwischen neue Furten entstanden sein. Wir werden befehlsgemäß suchen und kehren dann hierher zurück. Vielleicht können wir Ihnen nützlich sein.“

„In Ordnung, Captain. Wo haben Sie eigentlich die Pioniere gelassen, die die Befestigungen gebaut haben?“

Captain Bruce wies mit dem Daumen auf Lieutenant Bennett, der neben ihm stand.

„Lieutenant Bennetts Zug hat die Dinger mit Unterstützung unserer Spezialisten gebastelt. Ich hoffe, sie entsprechen Ihren Anforderungen, Sir“, sagte er.

„Ein Pionierbataillon hätte sie nicht besser bauen können. Ich bin beeindruckt, Lieutenant.“

„Sir, wenn ich noch ergänzend erklären dürfte …“, setzte Robert an. Der Major nickte wohlwollend.

„Südlich der gestaffelten Linie haben wir in drei Reihen eine Art Minen eingegraben. Es sind Sprengladungen, die von der zweiten Brustwehrreihe aus gezündet werden können. Falls die Zündung versagen sollte, haben wir jeweils eine Stange zwei Inch aus dem Boden stehen lassen, damit sie zur Not mit einem Schuss gesprengt werden können.“

„Ihr seid noch fieser als richtige Pioniere!“, entfuhr es dem Major anerkennend.

Die aufgehende Sonne lockte auch am gegenüberliegenden Ufer die Schläfer aus den Zelten. Yancey Morrows’ erster Weg nach dem Rasieren führte zum wachhabenden Sergeant.

„Was neues von den Yankees, Heywords?“, fragte er fast beiläufig.

„Ja, Sir. Die Yanks haben Verstärkung bekommen. Infanterie, etwa drei- bis vierhundert Mann.“

Morrows rief nach seinem Schwager und unterrichtete Philip, als der zur Stelle war.

„Was hältst du davon?“, fragte er abschließend. Philip nahm sein Fernglas und sah hinüber auf das andere Ufer.

„Sie haben nicht nur Verstärkung, sie haben auch die Barrikaden fertig. Üble Geschichte“, stellte Philip fest.

„Was sollten uns die lächerlichen Knüppeldämme anhaben?“, erkundigte Morrows sich abschätzig.

„Yancey, du machst noch immer den Fehler, die Yankees zu unterschätzen“, mahnte Philip. „Wenn ich mich gestern nicht völlig verguckt habe, habe ich meinen Bruder Robert erkannt. Die Art der Befestigung spricht dafür, dass Robert sie erdacht hat.“

„Und was schließt du daraus?“

„Dass mit diesen lächerlichen Knüppeldämmen wie du sie nennst, nicht gut Kirschen essen ist, Yancey. Robert ist weder dumm noch feige und außerdem versteht er etwas von Sprengstoff. Obendrein hat er Bauspezialisten in seiner Truppe. An diesen entzückenden Befestigungen werden wir uns die Zähne ausbeißen, Yancey.“

Yancey grinste humorlos.

„Ich habe Corporal Lomax gestern zum Hauptquartier nach Sharpsburg geschickt und um Artillerieunterstützung gebeten. Wir werden sie da drüben wegpusten, bevor sie überhaupt zu sich kommen!“

„He, Phil! Sieh dir das an!“, hörten sie Martin Moore vom Ausguck rufen. Morrows und Bennett liefen zum Wachbaum und erklommen den gut zugänglichen Stamm. Von dort sahen sie durch die Ferngläser die anderen Bataillone der Illinois-Infanterie. Eine massive blaue Linie reichte bis zum nächsten sichtbaren Fahnenmast.

„Na wundervoll!“, keuchte Philip. „Und weiter flussabwärts gibt’s keine Furt mehr!“

„Wir werden trotzdem danach suchen und sie von Süden umgehen. Von hier aus wird die Artillerie ihnen einheizen“, knurrte Morrows.

„Es könnte sein, dass das sehr riskant wird, Sir“, warnte Moore.

„Warum?“

„Die Yanks haben die ganze Nacht wie verrückt geschuftet. Auch vor den Befestigungen, wenn ich die Lichter, die ich heute Nacht gesehen habe mit der Lage der Barrikaden vergleiche. Ich habe den Verdacht, dass mein alter Freund Robert Bennett Minen gelegt hat. Wenn er mit Sprengstoff spielt, ist das ausgesprochen gefährlich für den, der es nicht ernst nimmt“, erklärte Martin.

„Unsinn“, versetzte Morrows unwirsch. „Wir greifen von Süden her an. Wir haben es mit dem äußersten linken Flügel zu tun. Wenn es uns gelingt, den Flügel aufzurollen, kommen wir hier weiter. Los, vorwärts!“

Damit rutschte er vom Baum. Martin sah Philip an.

„Manchmal traue ich ihm nicht über den Weg“, sagte er. Philip winkte ab.

„Er hat verrückte Ideen, aber er ist in Ordnung“, erwiderte er.

„Sei dir nicht so sicher, Phil“, warnte Martin erneut. Philip verließ gleichfalls den Baum, Martin folgte ihm.

Während die Konföderierten sich für den Angriff bereitmachten, rückte die Kavallerieschwadron auf dem östlichen Ufer nach Süden ab. Captain Bruces Blick glitt mit einem Anflug von Bitterkeit über die arg dezimierte Schwadron. Die Hälfte tot oder so schwer verwundet, dass sie nicht mehr einsatzfähig waren – und das in kaum einer Stunde Kampf!

„Sir! Sehen Sie mal! Das sind doch Rebs!“, rief einer der Trooper von hinten. Bruce sah zum anderen Ufer.

„Was meinst du, Barry, suchen die das Gleiche wie wir?“, fragte Robert. Bruce nickte, dass die Eicheln an seiner Hutkordel hüpften.

„Und verlass’ dich drauf: Sie werden eine unangenehme Überraschung erleben“, versprach der Captain. Roberts zweifelnden Blick, der erst zu den angeschlagenen Soldaten ging und dann zu den Konföderierten zurückkehrte, bemerkte der Captain nicht. Die Südstaatler am westlichen Ufer galoppierten eilig in Richtung Süden. Bruce drehte sich um.

„Pembroke, Oaktree!“

Die Gerufenen kamen nach vorn.

„Sir?“

„Reitet als Spähtrupp nach vorn. Beeilt euch und seht zu, dass ihr auf der Höhe der Rebellenspitze bleibt“, wies Bruce die Männer an.

„Ja, Sir!“

Pembroke und Oaktree setzten ihre Pferde in Galopp und sprengten davon.

„Tom! Du und dein Zug, ihr sichert nach hinten!“, befahl Bruce. Tom nickte und ließ seinen Zug ausscheren.

Genau in diesem Moment machte ein Teil der am gegenüber liegenden Ufer reitenden Soldaten kehrt, der Rest schwenkte zum Fluss.

„Da ist ‘ne Furt, Barry!“, rief Robert.

„Dann werden wir sie bremsen!“, erwiderte Bruce und zog den Säbel. „Schwadron rechts schwenkt – Marsch! Säbel auf! Angriffsgalopp! Joshua – Attacke!“, kommandierte Bruce.

Die Schwadron wendete und griff in breiter Front die ihnen entgegenkommenden Südstaatler an. Ein Hagel von Schrot und Kugeln empfing die Nordstaatler. Zehn oder zwölf Mann stürzten getroffen aus den Sätteln. Zu einer zweiten Salve kamen die Rebellen dann nicht mehr, weil die Abteilungen bereits zusammenstießen. Für die Konföderierten bot sich nicht mehr die Gelegenheit, mit Buckshot zu schießen, ohne eigene Leute zu gefährden. Robert und Tom hatten ihre Leute zu guten Fechtern ausgebildet, die es mit einem Südstaatler in dieser Hinsicht aufnehmen konnten. Ihre Säbel wüteten schlimm unter Philips Soldaten. Mitten im Kampfgetümmel trafen sich Robert Bennett und Martin Moore. Einen Moment lang spiegelte sich Zweifel in ihren Gesichtern, dann hob Martin den Säbel und griff Robert an. Bisher waren sie sich nur im Wettkampf mit dem Säbel begegnet, wobei es nie herausgekommen war, wer von beiden wirklich der bessere Fechter war. Sie forderten sich gegenseitig viel ab und schenkten sich nichts.

Tom war fast bis zu Robert durchgedrungen und verhinderte mit seiner Säbelspitze gerade noch einen von Sergeant Read hinterrücks geführten Säbelhieb, der auf Robert Bennetts Rücken gezielt hatte. Mit wütenden Hieben schlug Tom den Sergeant aus dem Sattel, bekam plötzlich selbst von hinten Hiebe.

„Das hättest du besser nicht getan, Tom Craig!“, grollte Philip und attackierte Tom. Thomas versuchte, sich gegen Philips Hiebe zu decken, ohne ihn anzugreifen, aber er geriet gegenüber Philip ins Hintertreffen. Tom hatte schon einige Verletzungen, als er keine andere Chance mehr sah, als Robert um Hilfe zu bitten.

„Robert! Hilf mir!“, schrie er in das Kampfgetümmel. Robert hörte den verzweifelten Hilferuf seines Freundes und verdoppelte seine Anstrengungen, um sich halbwegs elegant von Martin Moore zu lösen. Er entdeckte eine Lücke in Moores Deckung und traf ihn an der Schulter des Fechtarms. Martin zog sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück. Robert ließ ihn ziehen und drehte sich zu Tom um. Er konnte gerade noch seinen Säbel in Philips Schlagbahn halten und die Waffe von Tom ablenken. Der Schlag wäre zweifellos für Craig tödlich gewesen.

„Philip! Bist du verrückt?“, brüllte Robert seinen Bruder an. „Halt’ ein, du Idiot!“

Doch Philip schien nur die blaue Uniform seines Gegenübers zu sehen und hieb nun auf seinen jüngeren Bruder ein. Robert sah sich gezwungen, mit seinem Bruder zu fechten. Nach wildem Schlagwechsel gelang es Robert, Philip zu entwaffnen.

„Hau ab, bevor ich vergesse, dass du mein Bruder bist!“, keuchte der Lieutenant erschöpft. Mit starrem Blick sah Philip Robert an, als ob er aus einem Traum erwachte.

„Mein Gott!“, entfuhr es ihm. Er wendete sein Pferd und verschwand. Nur Sekunden später ertönte das Rückzugssignal für die Konföderierten. Eilig zogen sie sich über den Fluss zurück. Bruce bedeutete seinen Leuten, die Rebellen nicht zu verfolgen.

Robert sprang vom Pferd und bemühte sich um Tom, der schwer verwundet zu Boden gegangen war.

„Das war’s dann, Bobby“, ächzte Tom. Er hatte eine tiefe Schlagwunde quer über den Leib, die stark blutete.

„Blödsinn!“, widersprach Bennett heftig. „Wir bringen dich ins Lazarett nach Washington. Die flicken dich wieder zusammen. Außerdem wäre Betty bitter enttäuscht, wenn du einfach aufgibst.“

Während Robert eilig einen Notverband bei Thomas machte, zählte Captain Bruce die Verluste zusammen.

„Sieht schlecht aus, Bob. Keiner mehr ohne Blessuren, zählt man alle Kratzer mit. Dreißig Mann tot, alle anderen mehr oder weniger schwer verwundet“, sagte er kopfschüttelnd. „Immerhin haben wir sie am Durchbruch hindern können.“

„Ja, aber um welchen Preis, Barry!“, bemerkte Robert bitter. Bruce sah sich um.

„Die mit wenig Kratzern sichern in Richtung Fluss, alle anderen bekommen erst mal Verbände“, befahl er.

Eine halbe Stunde später waren die Verwundeten soweit versorgt, dass sie nicht mehr zu verbluten drohten. Pembroke und Oaktree kehrten zurück und berichteten mit schuldbewusstem Blick, dass sie die Rebellen leider verloren hätten.

„Dafür haben wir sie gefunden!“, seufzte Bruce und wies auf die mit Leichen und Verwundeten übersäte Walstatt.

„Frank!“, rief er dann Sergeant Craig. Frank gehörte zu den Leichtverwundeten, hatte nur eine Kopfplatzwunde.

„Sir?“, meldete er sich bei dem Captain.

„Nimm dir fünf Mann, die wenig abbekommen haben und bring’ die Schwerverwundeten zu Rohrbachs Farm.“

„Wird gemacht. Soll ich dann zurückkommen?“

„Nein, du bleibst im Lazarett. Das ist ein Befehl, Frankie!“, ermahnte Bruce den Heißsporn. Dann wandte er sich an Robert:

„Robert, nimm dir die restlichen Leute, die noch kampffähig sind und reite voraus. Wir brauchen dringend Kavallerieentsatz. Mit Infanterie allein ist der Flügel nicht zu halten.“

Bennett salutierte.

„Was machst du?“, fragte er dann.

„Ich bleibe mit fünf Mann hier und hüte die Verwundeten. Wir bauen Bahren, damit wir die Transportfähigen wegbringen können. Die Übrigen verladen wir auf Wagen, sobald Frank im Feldlazarett unsere Position gemeldet hat.“

Robert nickte und wollte wieder aufsteigen, als Tom ihn ansprach:

„Robert?“

Er beugte sich zu Tom hinunter.

„Ja?“

„Danke, Bob. Danke für deine Hilfe.“

„Ich hätte weder meiner noch deiner Schwester je wieder unter die Augen treten können, wenn ich nicht eingegriffen hätte“, lächelte Bennett schief.

„Mach’ keine Dummheiten. Ich bin nicht da, um dir den Rücken freizuhalten“, warnte Tom ächzend. Robert nahm die Hand des Freundes.

„Nein, bestimmt nicht. Danke übrigens, dass du mir den Graurock vom Hals gehalten hast.“

Tom nickte nur und drückte Roberts Hand. Bennett stand auf, winkte seinen Leuten stieg auf und ritt fort.

„Barry, ich hab’ ein ganz dummes Gefühl“, unkte Tom, als Robert mit seinen kaum zwanzig Mann außer Sicht war.

„Wem sagst du das?“, seufzte Bruce. „Er hat nur noch Leute bei sich, die für ihn mit dem Teufel persönlich raufen würden.“

Robert war noch nicht weit geritten, als er Evans und Nott zu sich winkte.

„Andy, reite mit Tim zu McClellan und gib ihm Nachricht, dass wir unbedingt Verstärkung brauchen!“, rief er.

„Ja, Sir!“, bestätigten beide wie aus einem Munde, zogen die Mützen tiefer und jagten um die Hügelkette davon.

Während Philips Schwadron versucht hatte, den Antietam zu überqueren, hatte Morrows mit seinen Leuten kehrt gemacht und wollte die Barrikaden doch von Süden her direkt angreifen. Einer seiner Späher hatte nur wenige hundert Yards südlich der Barrikadenstaffeln eine Sandbank entdeckt, die zwar recht tief lag, aber von Pferden durchaus als Furt genutzt werden konnte. Doch Morrows’ Angriff wurde durch massives, eigenes Artilleriefeuer behindert. Er und seine Leute konnten den Fluss nicht überqueren, ohne in das Feuer der konföderierten Artillerie zu geraten, die nach seiner eigenen Anforderung eine Überquerung des Antietam mit Granaten vorbereiten sollte. Das Nordstaatenregiment hatte sich schutzsuchend hinter den Brustwehren versteckt, um dem Gewitter von Granaten und Kartätschen zu entgehen. Die Brustwehren bestanden zu ihrem Glück nicht nur aus Holzwänden; Bennetts Soldaten hatten vor den Wehren Gräben ausgehoben und mit dem Aushub Erddämme vor den Barrikaden aufgeworfen, die nicht nur gegen Gewehrkugeln, sondern auch gegen Granaten und Splitter schützten. Morrows schickte Sergeant Heywords zur Artilleriestellung, um nach einer Feuerpause zu fragen. Nur Minuten später schwiegen die Kanonen und Morrows’ Schwadron griff über die tief liegende Sandbank an. Zur Verblüffung des Captains schlug ihnen unerwartetes Gewehrfeuer entgegen, das die ersten zehn seiner Leute aus den Sätteln riss. Dennoch galoppierte die Schwadron weiter auf die Barrikaden zu – genau in das Minenfeld hinein.

Auf dem östlichen Ufer kamen etwa zwanzig blauuniformierte Reiter über eine Hügelkette – Bennett und seine wenigen noch kampffähigen Männer.

„Chef, die reiten genau ins Minenfeld!“, rief Cologgia. Die Unionskavalleristen waren nahe genug heran, dass Robert erkennen konnte, dass weder sein Bruder noch Martin Moore unter den Konföderierten war, die auf die Barrikaden zu galoppierten.

„Die Minen, Jungs! Zielt auf die Hülsen!“, befahl Robert, der erkannte, dass die Schwadron die Infanteristen überrennen würde, wenn sie nicht aufgehalten wurde. Er nahm seinen Karabiner aus dem Holster, stellte das Visier hoch, zielte sorgsam, schoss und traf die erste Hülse.

Mit einer heftigen Explosion flog das Sprengstoffdepot in die Luft. Druckwelle und Splitter brachten ein Dutzend von Yanceys Männern und Pferden zu Fall. Die Infanteristen hinter dem Barrikadenwall wurden aufmerksam und zündeten die Schnüre der verbliebenen Depots. Morrows’ Schwadron erlitt grausame Verluste. Zwei Drittel seiner Männer waren tot. Morrows selber konnte mit Sergeant Heywords und kaum dreißig seiner Männer abdrehen.

„Wo ist das Schwein, das diese Minen gelegt hat? Den befördere ich persönlich ins Jenseits!“, drohte Yancey finster, als sich der Pulverdampf verzog und die meisten seiner Soldaten von den Explosionen zerfetzt am Ufer des Antietam lagen. Er und seine restlichen Leute zogen sich hinter einige Uferbüsche zurück. Unter Bewachung eines Soldaten ließen sie die Pferde zurück und schlichen sich, dicht an den Boden gepresst, von Busch zu Busch an die Barrikadenlinie heran.

Bennett und seine letzten Reiter hatten die Infanteristen aus Illinois erreicht.

„Ihre Leute sehen ja auch nicht besser aus als meine, Lieutenant!“, schnaufte Major Lewis, als er bemerkte, dass keiner der Kavalleristen unverletzt war.

„Captain Bruce hat Boten ins Hauptquartier geschickt und um Verstärkung nachgesucht. Im Moment kann ich Ihnen nicht mehr bieten, als mich selbst und meine zwanzig angekratzten Reiter“, erklärte Bennett schief lächelnd. Lewis sah den jungen Mann an.

„Na gut. Helfen sie ganz links aus. Übrigens: Ihre Barrikaden sind wirklich gut, Lieutenant, Kompliment“, erwiderte Lewis. Robert winkte seinen Männern, die sich gleich an die dünnsten Stellen der Verteidigungslinien warfen und das Feuer der von der anderen Flussseite her schießenden Infanteristen erwiderten.

Lewis sah mit einiger Verwunderung, dass die Kavalleristen sehr gezielt schossen und damit den benachbarten Unionsinfanteristen neue Energie gaben. Den größten Respekt nötigte ihm der führende Lieutenant der Kavalleristen ab, der die Barrikaden ablief und hier und da Korrekturen der Verteidigungslinie veranlasste. Lewis’ Infanteristen, die eben noch kurz davor gewesen waren, aufzugeben und zur Flucht bereit waren, fassten neuen Mut und verstärkten ihren Widerstand.

„Volle Deckung! Es geht wieder los!“, brüllte plötzlich einer der Infanteristen. Fast im gleichen Moment heulten die Granaten der Rebellenartillerie wieder heran. Robert drehte sich gerade um, als die erste Granate explodierte und Major Lewis getroffen zusammenbrach.

„Aah! Verdammt – mein Bein!“, schrie er auf. Robert reagierte schnell, rannte zu dem Baum, unter dem Lewis gestanden hatte und gestürzt war, und zog den Major von dem als Zielpunkt viel zu gut geeigneten Baum weg.

„Ich bringe Sie zum Verbandsplatz“, sagte er, umfasste ihn mit dem rechten Arm, um ihn in Sicherheit zu bringen.

Yancey Morrows hatte sich hinter einem Busch auf die Lauer gelegt, der fast direkt hinter den Linien der Unionssoldaten stand. Jetzt sah er den verhassten Yankee, den er beim Barrikadenbau gesehen hatte, als lebende Zielscheibe auf sich zukommen. Teuflisch grinsend zielte der Captain und schoss. Doch die Wut auf den Blaurock war so groß, dass Morrows keine ruhige Hand mehr hatte und statt des anvisierten Solarplexus nur die linke Schulter des Yankeeoffiziers traf. Der Einschlag der Kugel riss Robert nach hinten. Ein fürchterlicher Schmerz machte sich in der verwundeten Schulter breit. Robert schrie auf und ließ Lewis los, der sofort zu Boden ging. Noch bevor Robert darauf reagieren konnte, spürte er einen weiteren Schlag in den Leib, knapp unterhalb des linken Rippenbogens. Für einen Moment bekam er keine Luft mehr, dann spürte er einen rasenden Schmerz, der schnell zunahm und mit jedem Augenblick unerträglicher wurde. Vor Schmerz aufbrüllend brach er zusammen und verlor das Bewusstsein.

 

Kapitel 14

Um Leben und Tod

 

Es war früher Nachmittag des 16. September 1862. Der Artilleriebeschuss am linken Flügel der Union hörte genauso plötzlich auf, wie er begonnen hatte, als auf breiter Front zwischen der Steinbrücke nach Sharpsburg und der Furt, die von den Resten der 19th Illinois-Infantry verbissen verteidigt wurde, die Armeeteile der Generals Doubleday und Hooker auftauchten und unter starkem Artilleriefeuer den Fluss überquerten. Die Konföderierten auf dem Westufer wurden zurückgedrängt. Auf dem Ostufer des Antietam bot sich für die Sanitäter die Gelegenheit, sich endlich um die Verwundeten zu kümmern. Allenthalben erschienen Männer mit Tragen und suchten das Schlachtfeld sorgsam ab.

Major Lewis war schon halb ohnmächtig, als er beinahe schemenhaft zwei blaugekleidete Gestalten mit einer Trage unter dem Baum bemerkte, von dem Lieutenant Bennett ihn weggeholt hatte. Er winkte verzweifelt. Hatten sie ihn gesehen?

Außer Cologgia stand von den Verteidigern der Furt kein Unteroffizier der Kavallerie mehr auf den Beinen. Auch unter den Infanteristen schien es keinen einsatzfähigen Mann mehr zu geben, der wenigstens zwei Winkel auf dem Ärmel hatte. Kaum waren die Angriffstruppen Hookers und Doubledays durch, als Umberto Cologgia alle noch unverwundeten oder wenigstens einsatzfähigen Männer der Verteidiger zusammensuchte und zum Absuchen des Schlachtfeldes einteilte. Dann nahm er selbst eine Trage von einem der Wagen und winkte Andrew Evans, der mit Nott zusammen mit der Verstärkung zurückgekehrt war.

„Avanti, suchen wir auch“, sagte er. Evans nickte nur. Er selbst, Nott und Cologgia machten sich große Sorgen, was mit ihrem Lieutenant geschehen war. Er war kurz nach dem erneuten Artillerieangriff mit dem Major verschwunden.

Sie waren eine Viertelstunde unterwegs und hatten nur Tote gefunden, als Evans an den Feldbefestigungen jemanden winken sah.

„He, Collie, da winkt jemand! Und daneben, das ist doch Rover!“, rief er, als er neben dem winkenden Verwundeten Roberts Pferd grasen sah. Wo Rover war, war sein Herr nicht weit. Cologgia und er hetzten hinüber.

„Andy, kümmer’ dich um den Maggiore. Ich suche den Tenente!“, wies Cologgia Evans an.

„Corporal! Den Lieutenant hier hat es schwerer als mich erwischt!“, rief Lewis und wies auf den zusammengekrümmt neben ihm liegenden Mann. Evans war schnell heran.

„Ihre Wunde blutet stark, Sir. Wir bringen Sie ins Lazarett“, versprach er.

„Nein, Trooper. Ich habe im Moment keine Schmerzen. Es reicht, wenn Sie’s erst mal verbinden. Kümmern Sie sich zuerst um den Lieutenant, sonst stirbt er.“

Cologgia sah auf den zweiten Verwundeten, den er eigentlich für tot gehalten hatte.

„Porca miseria! Il Tenente!“, entfuhr es dem Italiener entsetzt, als er seinen vermissten Vorgesetzten erkannte – und das eigentlich nur an dem für Robert Bennett typischen Hemd. Er ließ die Trage fallen, kniete neben Robert nieder und drehte ihn auf den Rücken.

„Großer Gott!“, schnaufte Evans und verzog mitleidig das Gesicht. Robert hatte an der linken Schulter eine Schusswunde, die nur noch schwach blutete. Die Umgebung der Wunde im Uniformhemd zeigte einen großen, dunklen Fleck, wo aus der Schulterwunde Blut in den blauen Stoff gedrungen war. An der linken Bauchseite, knapp unter dem linken Rippenbogen war eine große, stark blutende Wunde. Roberts Hemd und seine Uniformhose waren vom Bauch bis zum halben Oberschenkel mit Blut getränkt. Es sah furchtbar aus.

„Collie, ich glaub’, das war’s!“, sagte Evans resigniert. Er hatte Tränen in den Augen. Cologgia nahm die Mütze ab, putzte das Messingabzeichen, die gekreuzten Säbel der Cavalry, mit dem Ärmel ab und hielt es unter Roberts Nase. Das Abzeichen beschlug. Eilig putzte Collie es erneut ab, warf die Mütze nachlässig auf den Kopf und griff nach seiner Trage.

„Er lebt, Andy! Maggiore, wir schicken Ihnen sofort jemanden, der Sie abtransportieren kann. Komm, Andy, hilf mir“, rief er unpassend fröhlich. Fast im gleichen Moment kamen zwei Infanteristen – ebenfalls mit einer Bahre – und übernahmen den Major, während Evans und Cologgia den Lieutenant vorsichtig auf die Bahre legten. Dann trugen sie die verwundeten Offiziere zum nächsten Krankenwagen. Rover trottete hinterher, als wollte er seinen Herrn nicht verlassen.

Eine Stunde später waren sie mit den Verwundeten im Feldlazarett auf der Farm von Mr. Rohrbach, die nicht weit vom Antietam lag, sich aber außerhalb der Kampfzone befand. Die beiden Feldlazarette waren als Zelte auf einer Koppel der Farm aufgebaut. Vom Antietam dröhnte immer noch der Lärm der weiter tobenden Schlacht. Dr. Thomas, der Regimentsarzt der 7th US-Cavalry, war mit seinem Assistenten Smith mit einer Operation beschäftigt, als Dr. Wilkins, der Regimentsarzt der 19th Illinois-Infantry, Robert Bennett nur kurz in Augenschein nahm und gleich wieder fortgehen wollte. Cologgia verstellte ihm den Weg.

„Warum sagen Sie uns nicht, in welchen Operationsraum wir den Lieutenant bringen sollen, Dottore?“, fragte er und zwirbelte den riesigen Schnurrbart. Wilkins sah ihn von oben herab an.

„Weil Sie Ihren Lieutenant besser gleich auf den Friedhof tragen, Corporal. Ich kann ihm nicht mehr helfen.“

„Signore Dottore, Sie zwingen mich zu ungewöhnlichen Maßnahmen!“, knurrte Cologgia. Mit einer fließenden Bewegung zog er den Revolver und spannte den Hahn. Der Arzt sah ihn nachsichtig an.

„Stecken Sie das Ding weg, Corporal“, sagte er. Cologgia hatte bemerkt, dass außer ihm und Evans noch Nott, Oaktree und Pembroke im Vorraum warteten. Er machte eine knappe Kopfbewegung, vier weitere Revolver zuckten aus den Holstern. Dem Arzt wurde unwohl. Die Männer schienen es bitter ernst zu meinen.

„Signore Dottore: Sie werden Tenente Bennett jetzt operieren. Kann sein, dass er das nicht überlebt. Aber ich garantiere, dass Sie es nicht überleben, wenn Sie sich weigern, ihm zu helfen!“

Cologgias Tonfall war ebenso leise wie gefährlich. Dr. Wilkins hing am Leben.

„Schon gut, schon gut, Corporal!“, wehrte er mit erhobenen Händen ab. „Bringen Sie den Lieutenant in die Zeltkabine hier.“

Eine weitere Stunde später hatte Dr. Wilkins Bennett eine Kugel aus der linken Schulter und eine aus der linken Leibseite operiert. Er trat aus der Kabine, wirkte müde. Cologgia und Evans, die vor der Kabine gewartet hatten, sprangen auf. Dr. Wilkins zuckte erschrocken zusammen.

„Was ist mit dem Lieutenant?“, fragte Evans. Wilkins atmete sichtlich auf, als er feststellte, dass die beiden Soldaten ihn nicht wieder bedrohten. Er zeigte ihnen zwei große, deformierte Bleiklumpen.

„Ich habe ihn operiert. Das hier sind die Projektile. Aber ich gebe Ihrem Lieutenant keine Chance. Die Verwundungen sind zu schwer, Corporal, auch wenn Sie mir gleich wieder den Revolver unter die Nase halten“, erklärte der Arzt.

„Abwarten!“, versetzte Cologgia trotzig.

Er und Evans stapften in die Zeltkabine, luden Robert wieder auf ihre Bahre und trugen ihn in das nur wenige Yards entfernte Stallgebäude, das Mr. Rohrbach für die Verwundeten zur Verfügung gestellt hatte. Die Schwerverwundeten lagen in Sechserreihen auf dem Boden, manche nur auf einer dünnen Decke. Für die ganz schweren Fälle hatte das Lazarettpersonal die Pferdestände geräumt und zwischen die Stände Decken gehängt und so eine Art Einzelkabinen daraus gemacht. Cologgia sah sich mit einem beinahe verzweifelten Blick um.

„Dio mio! Ich glaube, der Dottore hat Recht, Andy. Hier überlebt Roberto mit Sicherheit nicht!“, entfuhr es ihm. Eine ältere Schwester kam auf sie zu.

„Bringen Sie den Mann dort hinüber, in die zweite Kabine“, sagte sie. Dann fiel ihr Blick auf das von Pulverrauch, Schweiß, Dreck und Blut verschmutzte Gesicht des Verwundeten.

„Robert!“, flüsterte sie entsetzt. Zur Verblüffung der beiden Soldaten folgte ihnen die Schwester, die Robert offensichtlich kannte. In der Kabine trat sie neben die Bahre und strich Robert sanft über das nasse Gesicht.

„Corporal – Lieutenant Bennett hat hier nicht die geringste Überlebenschance. Bringen Sie ihn nach Dover zu Dr. Craig. Der ist der Einzige, der ihm vielleicht noch helfen kann. Ich besorge Ihnen die Erlaubnis dafür“, sagte sie.

„Meinen Sie, dass der Tenente das überlebt, Signora?“, fragte Cologgia besorgt.

„Eher als das Elend hier im Lazarett!“, erwiderte die Schwester. Es war Gwendolyn Craig. „Wissen Sie, wo sich Ihr Regiment befindet?“

Cologgia und Evans zuckten hilflos mit den Schultern.

„Ich weiß nicht. Colonnello Bennett hat die Squadroni über die ganze Front verteilt. Ist denn sonst noch niemand von uns hier?“

„Doch, mein Sohn Tom.“

„Tenente Craig?“, hakte Cologgia nach. Mrs. Craig nickte.

„Wie geht es ihm?“, erkundigte sich Evans.

„Er ist zwar operiert, aber es geht ihm nicht gut. Mir wäre es lieb, wenn Sie Tom auch nach Dover mitnehmen könnten“, bat Gwendolyn. Cologgia nickte.

Eine Weile saßen die beiden Soldaten unschlüssig neben ihrem bewusstlosen Lieutenant. Dann fiel Evans ein, dass Colonel Bennett Rohrbachs Farm als Sammelpunkt ausgegeben hatte. Jeder versprengte oder übrig gebliebene Kavallerist sollte sich dort melden.

„Collie, ich gehe ‘rüber zum Haupthaus. Vielleicht ist dort einer von unseren anderen Offizieren oder der Colonel“, sagte er. Cologgia nickte geistesabwesend. Evans stand leise auf, wie um Robert nicht zu wecken und verschwand. Dass in dem Stall ein Höllenlärm vom Stöhnen und Schreien der anderen Verwundeten herrschte, war ihm nicht einmal bewusst. Wie alle Soldaten aus Roberts Zug hatte Cologgia mehr als vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, aber er bewachte seinen Lieutenant treu und aufmerksam.

Evans war etwa eine Stunde lang fort, als er mit Colonel Bennett zurückkehrte. Frederick riss den Vorhang beiseite, dass Umberto erschrocken aufsprang und seinen Karabiner durchlud. Im letzten Moment erkannte er den Regimentschef, sicherte die Waffe und salutierte.

„Caporale Umberto Cologgia auf Wache, Sir!“, meldete er.

„Danke, Corporal. Was ist mit Robert?“, fragte Frederick Bennett besorgt.

„Er ist sehr schwer verwundet, mio Colonnello“, erwiderte Cologgia betrübt. Frederick trat an die Bahre, kniete daneben nieder. Robert zeigte keine Reaktion. Der Colonel umklammerte die rechte Hand seines Sohnes.

„Bobby, mein Junge!“, presste er heraus. Er drückte die immer noch blutverkrustete Hand seines Sohnes an die Wange und schluchzte unterdrückt. Cologgia kämpfte hart mit den Tränen.

Wieder wurde der Vorhang geöffnet, diesmal leise, aber Frederick Bennett hatte es dennoch gehört. Er sah sich um und bemerkte Gwendolyn Craig am Kabineneingang.

„Was willst du hier?“, fauchte er. „Genügt es dir nicht, dass Bobby sich umbringen wollte?“

„Frederick, bitte …“, setzte sie an, aber Cologgia bedeutete ihr, ruhig zu sein.

„Signore Colonnello, Signora Craig hat empfohlen, Tenente Bennett und Tenente Craig auf dem schnellsten Weg nach Dover zu bringen, weil jedenfalls Tenente Bennett hier im Feldlazarett keine Überlebenschance hat“, erklärte der Italiener und zwirbelte seinen Schnurrbart. Frederick Bennett sah Gwendolyn verblüfft an, aber er schwieg.

„Freddy, es tut mir Leid, was geschehen ist. Ich bin auch nur ein Mensch und mache Fehler. Es war gewiss nicht meine Absicht, dass es Robert schlecht geht – auch wenn es dir so scheint. Ich möchte irgendwann Robert selber für meinen Fehler um Entschuldigung bitten, weil ich weiß, dass er eine Entschuldigung durch Boten nicht mehr akzeptiert.“

Frederick sah geistesabwesend auf seinen bewusstlosen Sohn.

„Gwendy – gibt es jemanden, der Robert noch helfen kann?“, fragte er dann.

„Der Einzige, dem ich das angesichts dieser Wunden zutrauen würde, wäre Lucas – oder Susan“, erwiderte sie leise.

„Auch, wenn Robert deiner Tochter damit näher ist, als dir lieb ist?“

„Frederick, du wirst es mir jetzt nicht glauben, aber das war mein Hintergedanke. Lucas ist der beste Arzt den ich kenne, aber auch seine Fähigkeiten sind begrenzt. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass Liebe die allerbeste Medizin ist. Nichts kann damit konkurrieren. Susan ist für Lucas schon fast ein Assistenzarzt. Er überlässt ihr schon einige Fälle ganz allein. Und inzwischen weiß ich, wie sehr sie Robert liebt. Lass’ ihn nach Dover bringen. Es wäre seine Rettung“, empfahl Gwendolyn.

Colonel Bennett nickte.

„Ja, das wird wohl das Beste sein“, sagte er leise. Er kämpfte heftig mit den Tränen. „Oh, Gott, diese Verluste!“, flüsterte er.

„Ist es so schlimm?“, fragte Gwendolyn besorgt.

„Nach gegenwärtigen Schätzungen etwa zehntausend Mann tot oder verwundet“, erwiderte Frederick mit einem verzweifelten Schnaufen. „Und mein Sohn ist auch noch dabei!“

„Meine auch, Freddy, alle beide. Frank hat zum Glück nur einen Streifschuss abbekommen, aber Tom … Es geht ihm sehr schlecht!“

Sie vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Ohne es eigentlich zu wollen, stand Frederick auf und umarmte die Frau seines Freundes.

„Und ich weiß nicht, was mit Dick ist!“, schluchzte Gwendolyn. Frederick streichelte sie beruhigend.

„Dick geht es gut. Er ist im Haupthaus und er ist unverletzt“, tröstete der Colonel die Krankenschwester.

Cologgia räusperte sich vernehmlich. Bennett senior sah ihn an.

„Corporal?“

„Permesso, Signore. Soll ich für den Abtransport von die Feriti sorgen?“

„Die was?“, erkundigte sich der Colonel.

„Die Feriti, ah, die Verwundeten“, radebrechte Cologgia. Trotz der unglücklichen Situation musste Frederick Bennett lächeln.

„Wann lernen Sie endlich Englisch, Corporal?“

Cologgia salutierte zackig.

„Dann wenn Tenente Bennett mir gibt die dienstliche Befehl dazu!“, versprach er.

„Dann sorgen Sie dafür, dass er es noch kann, und verfrachten Sie ihn nach Dover, Collie! Hauen Sie ab und beschaffen Sie ein geeignetes Transportmittel! Aber versuchen Sie’s ausnahmsweise mit Englisch. Nicht jeder ist so gutmütig mit Ihnen wie mein Sohn!“

„Und Sie, Signore Colonnello!“, grinste der Italiener.

„Raus!“

Wenn er wollte und dazu gezwungen war, konnte Umberto Cologgia fehlerfreies, nahezu akzentfreies Englisch sprechen. Er machte sich nur bei ganz bestimmten Vorgesetzten, die er sehr gern hatte, einen Spaß daraus, sie mit italienischen Einwürfen zu necken. Cologgia wusste sehr genau, bei wem er das machen konnte und bei wem nicht.

Eine knappe Stunde später stand ein Planwagen vor dem Stallgebäude bereit. Evans, Nott, Oaktree und Pembroke verluden die Lieutenants Craig und Bennett, dann meldete Cologgia sie offiziell im Lazarett ab.

„Schicken Sie eine Depesche an Signorina Craig, Sir?“, fragte er dann. Dick Craig, der inzwischen dazugekommen war, schüttelte den Kopf.

„Nein, besser nicht“, sagte er. „Es wäre nicht gut, ihr Hoffnungen zu machen; ich meine, falls … Na, Sie verstehen schon, Corporal.“

Cologgia hatte verstanden. Er nickte.

„Collie, wenn Sie in Dover sind, bleiben Sie dort. Das Regiment ist so schlimm dezimiert, dass ich annehme, wir kommen bald nach. Melden Sie uns schon in Donelson an.“

Cologgia salutierte.

„Si, Signore“, meldete er. Colonel Bennett machte nur eine wegwerfende, hilflose Handbewegung.

Der Weg nach Dover war weit und kompliziert. Cologgia hatte einen Eisenbahntransport geplant, weil es im Planwagen Wochen gedauert hätte, die Verwundeten nach Tennessee zu bringen. Dafür mussten sie dann in Baltimore, in Harpers Ferry, in Cincinnati und Louisville umsteigen. Harpers Ferry war unsicheres Pflaster, weil niemand wusste, ob sich dort noch Rebellen aufhielten. Tatsächlich wurde der Zug kurz vor der Station Harpers Ferry gestoppt, die Tür des Viehwaggons, mit dem sie reisten, aufgerissen. Zwei Konföderierte sprangen mit schussbereiten Gewehren in den Waggon. Es waren Kavalleristen. Die Unionssoldaten hoben erschrocken die Hände.

„Porca miseria! Das war’s, amici“, fluchte Cologgia leise. An der geöffneten Tür erschien ein Offizier, der den rechten Arm in einer Schlinge trug – Philip Bennett.

„Hier sind Yankees, Sir!“, rief einer der beiden Soldaten nach draußen.

„Das sehe ich, Conelly!“, erwiderte der Offizier. „Wohin wollen Sie Corporal?“, schnauzte er.

„Nach Hause, Captain. Um unsere Offiziere zu begraben!“, erwiderte Cologgia eisig und in fehlerfreiem Englisch. Der Captain sah genauer in den Wagen – und wurde bleich.

„Oh, mein Gott!“, entfuhr es ihm. „Collie, was ist mit meinem Bruder?“

Cologgia kniff die Augen zusammen, dann erkannte er Philip.

„Er ist schwer verwundet, Captain. Und wenn Sie uns nicht fahren lassen, dann wird er sterben!“

„Sharpsburg?“, erkundigte Philip sich.

„Allerdings!“, schnaubte Evans. „Genauso wie Lieutenant Craig. Aber das müssten Sie am besten wissen!“, versetzte er bissig. Philip nickte.

„Conelly, kommen Sie ‘raus! Der Zug fährt weiter!“, befahl Philip. „Corporal, ich garantiere für freie Fahrt!“, versicherte Philip dem italienischen Corporal. Cologgia salutierte mit eisiger Miene, Philip erwiderte den Gruß. Seine Männer sprangen vom Waggon, die Tür wurde zugeschoben, und wenig später rollte der Zug langsam weiter. Weder Cologgia noch seine Begleiter mochten es zunächst glauben, aber in Harpers Ferry stiegen sie unter dem Schutz konföderierter Kavallerie um.

Drei Tage später erreichte der Transport endlich Dover. Thomas war auf der Fahrt mehrfach zu sich gekommen, hatte ansonsten geschlafen. Der lange Transport in dem unsauberen Viehwaggon war für seine zahlreichen Verwundungen nicht zuträglich gewesen. Robert ging es noch schlechter. Zwar war auch er einige Male zu sich gekommen, aber kurz nach dem Umsteigen in Louisville hatte ein harter Stoß des fast ungefederten Viehwaggons die Naht seiner Bauchwunde aufbrechen lassen. Robert hatte sofort das Bewusstsein verloren. Die wieder einsetzende starke Blutung hatte Tony Pembroke nur mühevoll und unter Einsatz aller Fleischererfahrung stoppen können. Danach hatten die Männer alles Polstermaterial zusammengesucht und hatten Robert und Tom halbwegs passable Lager hergerichtet.

Müde und erschöpft, seit Tagen weder gewaschen noch rasiert, erreichten die Kavalleristen am 20. September den Bahnhof Tennessee Ridge. In weiser Voraussicht hatte Evans von Louisville aus telegrafisch im Fort Donelson einen Krankenwagen bestellt. Schließlich lag Dr. Craigs Haus fast zehn Meilen entfernt und am anderen Ende der Stadt Dover. Es wäre den übermüdeten Männern nicht mehr möglich gewesen, die Verwundeten noch bis dort zu tragen. Tatsächlich stand der Wagen bereit. Ein Bagagewagenfahrer der 71st Ohio-Infantry wartete bereits auf dem Bahnsteig, als der Zug einrollte. Eilig wurden die Verwundeten verladen, die Pferde hinten angebunden, dann fuhr der Krankenwagen das letzte Stück bis zur Praxis von Dr. Craig.

Schon in Louisville hatte es geregnet, jetzt goss es in Strömen. Cologgia sah missmutig auf den einheitlich grauen Himmel.

„Das hat noch gefehlt“, murmelte er.

„Kommt noch besser, Corporal“, grinste der Infanterist, der den Wagen steuerte. „Die Wetterfrösche meinen, es könnte ein richtiges Unwetter geben. Ist sogar von schwerem Gewitter die Rede. Weiß zwar nicht, woher bei dem Sauwetter noch Gewitter herkommen soll, aber Medizinmänner vom topografischen Dienst behaupten das.“

Die Geschehnisse am Antietam waren von der Presse bereits verbreitet worden. Die Verlustlisten waren lang. Die Zeitungen veröffentlichten nach jeder bekannt gewordenen Kampfhandlung die Namen derer, die gefallen, verwundet oder vermisst waren. In Dover wurden inzwischen die Verlustlisten beider Seiten bekannt gemacht. So hatte Dr. Craig erfahren, dass sowohl seine beiden Neffen als auch deren bester Freund unter den Verwundeten der verlustreichen Kämpfe am Antietam war. Aus den Meldungen in der Presse ließ sich nicht entnehmen, wie schwer die Verwundungen waren, aber Dr. Craig war sehr erschrocken, als er die Namen in der Liste fand. Er versteckte die Zeitung vor Susan. Es war kaum vierzehn Tage her, seit sie erfahren hatte, dass Ronald Gordon gefallen war. Sie hatte ihn nicht geliebt, aber sein Tod war ihr doch nahe gegangen. Die Verwundung von Thomas und Robert würde ihr einen Schock versetzen.

Doch Susan, die wegen eines anderen Artikels die Zeitung gesucht hatte, reagierte völlig anders, als ihr Onkel es erwartet hatte: Sie wollte die Koffer packen und sofort nach Washington reisen, da sie annahm, dass sämtliche Verwundeten von Sharpsburg dorthin gebracht würden. Lucas Craig hatte sie nur mit Mühe und dem Argument zurückhalten können, dass es in Washington-Georgetown viele große Lazarette gab und die Verwundeten nicht nach den Regimentern geordnet eingeliefert würden. Es würde völlig unmöglich sein, diese drei Stecknadeln in einem Heuhaufen von fast zehntausend Verwundeten zu finden.

Schweren Herzens war Susan in Dover geblieben. Was ihr das Bleiben erleichterte, war die Tatsache, dass Betty Bennett sie gerade besuchte. Betty wohnte seit dem Umzug des Regiments in Boston bei Benjamin Bennett, weil ihr Vater sie möglichst weit von jeder Gefahr wissen wollte. Sie war mit Susan sehr gut befreundet. Die Sorge um die Brüder, Freunde und Väter, die als Soldaten in täglicher Lebensgefahr waren, schweißte zusätzlich zusammen. An diesem Tag berieten die beiden jungen Frauen, was sie unternehmen wollten, um Frank, Robert und Thomas zu helfen, als Dr. Craig mehr zufällig aus dem Wohnzimmerfenster sah und den mit der schwarzen Fahne als Verwundetentransporter gekennzeichneten Wagen vor seinem Haus entdeckte.

„Überlegt euch später, was ihr alles anstellen wollt, Mädchen“, sagte er. „Jetzt haben wir erst einmal Arbeit.“

Susan kam ans Fenster.

„Mein Gott, Betty, das ist doch Corporal Cologgia!“, entfuhr es ihr.

„Wo der ist, sind unsere Brüder nicht weit“, erwiderte Betty. Susan lief zur Haustür und öffnete sie, bevor Cologgia überhaupt klopfen konnte.

„Collie, was ist mit meinen Brüdern und Lieutenant Bennett?“, fragte Susan grußlos. Cologgia packte eine für ihn unerklärliche Schüchternheit.

„Ja, also … äh, … buon giorno, Signorina Craig“, stotterte er. „Also, Tenente Bennett und Tenente Craig, äh …“

„Mr. Cologgia, was ist mit ihnen?“, bohrte Susan unnachgiebig.

Umberto kam nicht mehr zum Antworten, weil Betty sich bereits einen Regenschirm genommen hatte und um den Wagen herumgegangen war.

„Nein! Tommy! Robert!“, schrie sie erschrocken auf. Susan ließ Cologgia stehen, ignorierte den strömenden Regen und eilte zum Wagenende.

„Oh, nein!“, keuchte sie. „Mr. Evans, was ist mit ihnen? Bitte, stottern sie nicht so wie Mr. Cologgia.“

Andy Evans räusperte sich, um den Kloß im Hals loszuwerden, der sich angesichts der beiden erschrockenen jungen Damen dort breit machte.

„Es geht ihnen beiden verdammt schlecht!“, hustete er dann. „Wir haben sie hergebracht, weil ihnen nur noch ein wirklich guter Arzt helfen kann“, erklärte er dann leise.

Susan umarmte reflexartig die hemmungslos weinende Betty.

„Betty, beruhige dich. Onkel Lucas wird ihnen helfen“, sagte sie leise, obwohl sie selbst heftig gegen die Tränen kämpfen musste.

„Lasst mich mal sehen, Kinder“, schob Dr. Craig die jungen Frauen beiseite und sah in den Wagen.

„Seid ihr des Wahnsinns?“, entfuhr es ihm entsetzt. „Die sind ja nicht mal gewaschen, ihr Ferkel! Los, ‘runter vom Wagen, aber dalli, hier geht’s um Minuten! Gleich nach oben in die beiden Zimmer links. Nun macht schon!“, trieb er die schon übermüdeten Soldaten an.

„Susan, Betty, macht Wasser heiß, damit wir überhaupt die Gesichtsfarbe erkennen können!“, wies Lucas die Mädchen an.

„Sagen Sie, Corporal, kommen Sie mit ihren Verwundeten direkt aus einer Stinktierkolonie?“, fragte er dann bissig. Cologgia musste grinsen, obwohl ihm nicht nach Lachen zumute war.

„No, Dottore, nur von dreckiges Schlachtfeld bei Sharpsburg“, erwiderte er.

„Dass Soldaten es einfach nicht lernen, sich gelegentlich zu waschen!“, schnaufte Dr. Craig, angewidert von der unangenehmen Geruchsmischung aus Schweiß, Pulverschmauch und Dreck, die wie eine Wolke um die Soldaten lag. Immerhin putzten sie sich ordentlich die Füße ab, als sie die Verwundeten ins Haus trugen. Und als sie das Haus wenige Minuten später verließen, fragten sie Dr. Craig zu dessen großer Verblüffung, wo man denn ein Bad nehmen könne.

Zwei Stunden darauf waren die beiden Verwundeten frisch gewaschen, ihre Wunden untersucht, wo nötig nachbehandelt und neu verbunden. In schweigendem Einverständnis saß Susan nun an Roberts Bett, während Betty bei Thomas Wache hielt. Die mangelnde Hygiene seit ihrer Verwundung hatte sowohl bei Robert als auch bei Thomas eine Entzündung der Wunden ausgelöst, die starkes Fieber verursachte – und das war nur schwer unter Kontrolle zu bringen. Dr. Craig sah in regelmäßigen Abständen nach seinen Patienten, wies Betty und Susan am Nachmittag an, einige Stunden zu schlafen, damit sie für eine Nachtwache frisch waren. Lucas befürchtete – nicht zuletzt der Wetterlage wegen – für die Nacht Komplikationen. Tatsächlich war am Nachmittag die noch warme Spätsommersonne durch die Wolken gedrungen und hatte die feuchte Regenluft schwül werden lassen. Bei diesen Vorzeichen waren Gewitter durchaus wahrscheinlich. Die schwüle Luft trug nicht zum Wohlbefinden der beiden Verwundeten bei.

Es war bereits dunkel, als Susan noch verschlafen in Roberts Zimmer kam und ihren Onkel dort vorfand. Er sah auf, als er die Tür klappen hörte.

„Wenn nicht ein Wunder geschieht, lebt er nicht mehr lange“, sagte er leise. „Er hat viel Blut verloren, vielleicht zu viel. Dann auch noch die Entzündung in der Bauchwunde. Sein Herz rast, aber der Blutdruck ist im Keller. Susy, das sieht nicht gut aus. Das sieht gar nicht gut aus!“, resümierte er das Ergebnis seiner Nachuntersuchung. Susan setzte sich ganz vorsichtig auf die Bettkante und nahm Roberts Hand.

„Onkel Lucas, ich habe Angst um ihn. Ich will ihn nicht verlieren.“

„Zunächst habe ich alles getan, was die ärztliche Kunst möglich macht. Das weitere muss sich jetzt zeigen, Susan. Eins kann ich dir jetzt schon sagen: Er hat mehr Glück als Verstand gehabt.“

„Was meinst du?“

„Normalerweise wäre bei einem Einschuss an dieser Stelle entweder die Milz oder die Bauchschlagader zerrissen worden. Er wäre innerhalb von Minuten verblutet. Die Innereien deines Robert haben eine kleine Besonderheit, die ihm das Leben vorläufig bewahrt hat: Zwischen Milz und Schlagader klafft eine große Lücke. Die Kugel ist genau hindurch gerutscht ohne eines von beiden zu verletzen“, erklärte Lucas. „Dafür steckte sie dann direkt neben einem Lendenwirbel in der Muskulatur, wie ich dem schriftlichen Bericht von Dr. Wilkins entnommen habe. Auch wenn er überlebt, wird er sich noch lange schonen müssen, wenn es nicht mit einer Lähmung enden soll. Wenn er aufwacht, solltest du ihm das bald beibringen.“

Susan nickte schweigend. Ihr Blick hing gebannt an Roberts Gesicht, das trotz des Fiebers bleich war. Ein mindestens fünf Tage alter Stoppelbart verunzierte seine sonst glattrasierten Wangen. Auf seiner Stirn bildeten sich wieder kleine Schweißperlen, die Susan ihm mit einem gut ausgedrückten Leintuch vorsichtig abtupfte.

„Ich gehe jetzt und sehe noch mal nach Thomas. Wenn er unruhig wird, halte ihn auf jeden Fall im Bett. Er darf sich jetzt nicht bewegen, sonst bricht die Wunde wieder auf. Gute Nacht, Susan.“

„Gute Nacht, Onkel Lucas, schlaf’ gut.“

Susan nahm kaum wahr, dass die Zimmertür leise zuklappte. Es wurde still im Haus. Die bedrückende Stille wurde nur vom schweren Atem des Fiebernden durchbrochen. Roberts Bewusstlosigkeit war bald nach seiner Ankunft bei Dr. Craig einem flachen Dämmerschlaf gewichen, der dazu geeignet war, schlimme Fieberträume zu verursachen. Er war aber noch nicht soweit zu sich gekommen, dass er seine Umgebung hatte erkennen können. Susan saß noch nicht lange an Roberts Bett, als fernes Donnergrollen das befürchtete Spätsommergewitter ankündigte. Kaum, dass der erste, wenn auch noch ferne Donnerschlag die nächtliche Stille zerriss, wurde Robert unruhig. Schwer atmend, vor wieder auftretenden Schmerzen ächzend, warf er sich hin und her. Je näher das Gewitter kam, desto heftiger wurden seine Fieberträume.

„Nein!“, rief er im Schlaf. „Nein! Thomas! Philip, du Idiot! Wir … wir sind doch Brüder! Nein!“

Susan versuchte, ihn festzuhalten, aber der Fiebernde entwickelte ungeahnte Kräfte, die offenbar selbst schlimme Wundschmerzen überdeckten. Als ihr Klammergriff nichts half, versuchte sie es in ihrer Verzweiflung mit beruhigendem Streicheln – und hatte Erfolg. Robert wehrte sich nicht länger und sank in die Kissen zurück. Doch er blieb unruhig, noch immer quälten ihn Albträume. Nur langsam gelang es Susan, ihn zu beruhigen.

Nach einer Stunde, als das schwere Gewitter abgezogen war und nur noch Regen unter Sturmböen gegen die Fenster prasselte, lag der junge Mann endlich ruhig, aber sein Atem ging noch immer stoßweise. Die Unruhe hatte ihn viel Kraft gekostet, er hatte wieder stark geschwitzt. Susan wartete einen Moment, um sicher zu gehen, dass Robert nicht plötzlich wieder im Fieberdelirium um sich schlug. Dann drehte sie die Petroleumlampe höher, wusch ihn vorsichtig und kontrollierte den Verband um die Bauchverletzung. Die tiefe Wunde war zum Glück nicht aufgebrochen. Aufatmend deckte Susan Robert wieder behutsam zu und beschränkte sich darauf, ihm die fieberheiße Stirn zu kühlen.

Die Nachtwache forderte Susan viel ab. Immer wieder befielen den Verwundeten Fieberträume. Susan bemerkte bald, dass es die schlimmen Träume vertrieb oder doch wenigstens milderte, wenn sie Robert dann streichelte, aber es verlangte höchste Konzentration von ihr. Sie war schon sehr erschöpft, als sie leise ihren Namen hörte.

„Susan“, flüsterte der Verwundete matt. Susan, die schon halb eingenickt war, schreckte hoch.

„Robert? Bist du wach?“, fragte sie. Nein, er hatte die Augen immer noch geschlossen, aber er atmete jetzt ruhiger.

„Susan, wo bist du?“, murmelte er im Schlaf. Susan setzte sich wieder vorsichtig auf die Bettkante und fuhr ihm sanft durch das verschwitzte Haar.

„Ich bin bei dir. Du bist bei uns in Dover“, antwortete sie, in der Hoffnung, dass er sie hörte.

„Mein Engelchen. Ich liebe dich“, wisperte er vertraulich.

„Ich dich auch, mein Schatz“, erwiderte sie ebenso leise, beugte sich über ihn und küsste ihn sanft auf die immer noch heiße Stirn. Sie spürte, dass seine rechte Hand etwas suchte und nahm ganz vorsichtig seine Hand in die ihre. Er umschloss sanft ihre Hand, atmete tief durch und lag dann ruhig. Alle Unruhe war gewichen. Sein Atem wurde tief und regelmäßig, er war endlich in tiefen, ruhigen Schlaf gesunken. Susan drehte die Petroleumlampe wieder so weit wie möglich herunter, damit ihr Licht den Schlafenden nicht störte.

Als der Morgen graute, wurde Robert wieder unruhig. Diesmal peinigte ihn kein Albtraum, er wachte langsam auf. Die tiefe Schwärze vor seinen Augen wurde roter Nebel, der sich einfach nicht lichten wollte. Das Erste, was er spürte, war ein sanftes, zärtliches Streicheln an seiner stoppeligen Wange.

„Gib nicht auf“, hörte er leise eine vertraute weibliche Stimme durch den roten Nebel.

„Susan?“, murmelte er im Halbschlaf.

„Ja, ich bin da“, hörte er wieder die sanfte, angenehme Stimme, diesmal dicht an seinem rechten Ohr. Die Berührung weicher Lippen an seiner rechten Wange bestätigte, dass es nicht nur ein schöner Traum war, der ihm die Nähe der über alles geliebten Frau vorgaukelte. Mit viel Mühe schlug er die Augen auf. Noch undeutlich, dann allmählich besser, erkannte er Susan, die an seinem Bett saß und sich über ihn beugte. Ihr langes, lockiges, braunes Haar fiel in weichen Wellen auf seine bloße Brust. Sie lächelte, auch wenn Besorgnis in ihrem Blick war.

„Du … du bist es wirklich?“, fragte Robert mühsam. Jedes Wort war eine ungeheure Anstrengung. Sie nickte. Ihr Lächeln wurde trauriger.

„Ja. Du bist bei uns zu Hause in Dover“, erwiderte sie. Sie drehte die Lampe höher. Geblendet von der Helligkeit kniff Robert die Augen zusammen, öffnete sie langsam wieder.

Was hast du … gesagt? Wo … bin … ich?“, erkundigte er sich ächzend.

„Bei Onkel Lucas in Dover“, gab Susan Auskunft. Er setzte zum Sprechen an, aber ein schmaler Zeigefinger verbot es ihm liebevoll.

„Nein“, sagte Susan leise. „Sprich nicht. Es kostet dich zu viel Kraft. Im Moment brauchst du Ruhe“, setzte sie hinzu und drückte ihm sanft die Augen zu.

„Tom …“, presste Robert mühsam heraus. „Was ist … mit … ihm?“

„Er lebt und ist im Nebenzimmer unter Bettys Obhut. Du solltest schlafen“, erwiderte Susan weich und drückte ihm sanft die Augen zu. Robert atmete so tief durch, wie seine Verwundungen es zuließen und schlief wieder ein. Ihren zärtlichen Kuss registrierte nur noch sein Unterbewusstsein.

Im Gegensatz zu Thomas, dessen Zustand sich Tag für Tag besserte, änderte sich zwei Wochen lang an Roberts Befinden nichts. Er hatte nach wie vor hohes Fieber, erlitt täglich mehrfach Bewusstseinsausfälle und hatte einen sehr unruhigen Schlaf. Es war unmöglich, ihn für längere Zeit allein zu lassen. Dr. Craig wusste sich keinen anderen Rat mehr, als seine Schwester Louisa um Hilfe zu bitten. Louisa Craig war Ordensschwester und lebte in einem Nonnenkloster in Massachusetts. Mit Unterstützung ihrer Tante konnte Susan sich auf die Nachtwache konzentrieren, während Louisa am Tage bei Robert war. Es hatte sich gezeigt, dass der Verwundete nachts die schlimmsten Fieberanfälle hatte. Doch nachdem der Wechseldienst eingeführt war, kehrte sich die Anfallhäufigkeit völlig um. Fortan hatte Robert am Tage stärkeres Fieber als in der Nacht, die Schüttelfrostanfälle häuften sich am Tage. Dafür schlief er nachts meist ruhig, das Fieber ging zurück und die Schüttelfrostanfälle wurden seltener. Susan kam das seltsam vor und sie schlug vor, mit ihrer Tante zu tauschen. Zwei Tage nach dem Tausch kehrte sich das Befinden des Patienten wieder um. Susan erklärte ihrem Onkel die Entwicklung. Der dachte nicht lange nach.

„Klarer Fall von Amorophilie“, resümierte er Susans Untersuchungsergebnis.

„Klarer Fall von was?“, hakte Susan nach. „Was ist das?“

„Eine Herzkrankheit, Susan“, erwiderte Lucas Craig. „Sie wird durch einen Virus hervorgerufen, der Pfeilform hat. Überträger ist in der Regel eine Person anderen Geschlechts. Der Übertragungsweg ist unterschiedlich. Der Amorophilie-Virus kann durch Berührung, durch Tröpfchen, aber auch durch Gedanken übertragen werden. Die Infektion äußert sich in solchen Anfällen wie bei Robert, wenn die infizierte Person ohnehin geschwächt ist. Bei sonst körperlich gesunden Menschen kann sie sich durch Tagträume oder durch abschweifende Gedanken äußern. Sie kann aber auch Selbstmordabsichten auslösen, wenn die infizierte Person zu sehr an dabei auftretenden Entzugserscheinungen leidet. Die Krankheit ist schwer heilbar, in den meisten Fällen allerdings nie. Ehrlich gesagt: Ich kenne auch kein Mittel dagegen“, erklärte der Arzt mit einem weisen Lächeln. Susan sah ihren Onkel erschrocken an.

„Gibt es denn wirklich keine Rettung mehr für Bobby?“, fragte sie, mit den Tränen kämpfend.

„Oh, an Amorophilie selbst ist noch keiner gestorben. Wirklich gefährlich können Robert nur seine äußeren Verletzungen werden. Aber Amorophilie kann bei der Heilung hinderlich sein.“

„Und es gibt kein Mittel dagegen? Kann ich ihm wirklich nicht helfen?“

„Doch“, gab Lucas lächelnd zurück. „Und zwar nur du“, setzte er grinsend hinzu. „Die Hilfe kann immer nur vom Überträger kommen. Du hast Robert nämlich mit Amorophilie infiziert, mein Kind.“

„Bitte? Ich fühle mich ausgesprochen gesund, Onkel Lucas! Ich würde hier doch nicht sitzen, wenn ich krank wäre und Robert damit gefährden würde“, protestierte Susan. Lucas nahm seine Nichte in die Arme

„Du zeigst schon lange die Symptome, die Amorophilie beim körperlich gesunden Menschen hinterlässt: Wenn Robert nicht hier ist, träumst du am Tage vor dich hin, bist mit den Gedanken oft weit weg. Dafür schläfst du gut, wie du mir gesagt hast, träumst gar von ihm. Jawohl, du hast Amorophilie, Susy.“

Susan sah ihren Onkel verständnislos an.

„Ich glaube, ich muss deutlicher werden“, sagte er, als er bemerkte, dass sie nicht begriffen hatte, worauf er hinauswollte. „Diese Krankheit Amorophilie ist nichts weiter als himmlische Verliebtheit, Susan. Dein Robert liebt dich so sehr, dass du der einzige Rettungsanker für ihn bist. Er wird sich nur erholen, wenn du bei ihm bist und ihn deine Liebe spüren lässt. Solange du hier bist, geht es ihm einigermaßen. Aber sobald er bemerkt, dass du nicht da bist, verschlechtert sich sein Zustand drastisch. Er hat Angst, du hättest ihn verlassen – du, sein Lebensgeist. In seinem Fieber und seiner häufigen Bewusstlosigkeit hat er kein Zeitgefühl, kann er nicht einschätzen, wann du wieder zurück bist.“

„Onkel Lucas, ich liebe Robert, oh ja, aber ich schaffe es nicht, vierundzwanzig Stunden für ihn da zu sein. Das übersteigt meine Kräfte“, gab Susan zu bedenken. „Was soll ich denn noch tun?“

„Keiner kann von dir verlangen, dass du vierundzwanzig Stunden ohne Pause für ihn da bist, auch Robert nicht. Ich bin sicher, würde er um die Regelmäßigkeit des Wechsels wissen, würde er nicht so reagieren. Er weiß es aber nicht. Ich mache dir einen Vorschlag, von dem deine Eltern nichts erfahren dürfen, bis du Bobbys Frau bist: Bleib’ hier bei ihm, schlaf’ auch hier. Dann ist er in der Nacht nicht allein und du bekommst den Schlaf, den du brauchst.“

„Tante Louisa bekommt einen Herzanfall, wenn sie hier hereinkommt und ich neben Robert liege!“, warnte Susan. Lucas schüttelte den Kopf.

„Nein, denn zu dem, was sie befürchten könnte, ist dein Liebster einfach nicht in der Lage“, grinste Lucas. „Es geht im Wesentlichen darum, die Zeit zu überbrücken, bis Robert wieder wach genug ist, um zu erfassen, dass du ihn nicht sitzen lässt, wenn du fortgehst, verstanden?“

Susan nickte. Wenn ihr Onkel wüsste, wie lange sie das schon wollte … Sie verbot sich den weiteren Gedanken, hatte Angst, ihr Onkel könnte ihre Gedanken lesen.

Einige Tage später hatte sich Roberts Zustand stabilisiert. Das Fieber erreichte nicht mehr gefährliche Höhen, aber es sank auch nicht auf einen wirklich wenig riskanten Wert. Die Entzündung der Bauchverletzung wollte – aller Reinlichkeit zum Trotz – nicht weichen. Immerhin war er jetzt häufiger wach und konnte seine Umgebung erkennen. Knapp vier Wochen nach seiner Verwundung kam er in der Nacht so weit zu sich, dass er fast völlig wach war.

„Der Tee, Susan, der Tee!“, presste er unter Zähneklappern hervor, weil ihn wieder ein Anfall von Schüttelfrost gepackt hatte.

„Was für ein Tee, mein Schatz?“, fragte Susan.

„Sind … sind meine Sachen hier?“, erkundigte er sich mühsam, ohne auf ihre Frage einzugehen.

„Deine Uniform, deine Waffen und dein Pferd samt den Satteltaschen. Es ist alles da“, gab Susan Auskunft und streichelte ihn beruhigend.

„In meiner … linken Satteltasche … ist … ist ein Ledersäckchen mit Kräutern“, ächzte Robert. Die Entzündung schmerzte stark. „Bitte …, mach’ mir … einen Tee… davon.“

„Was für Kräuter?“, hakte Susan nach, bereute die Frage aber im gleichen Moment. Jedes Wort bedeutete einen großen Kraftaufwand für Robert – und er brauchte seine Kräfte jetzt anderweitig.

„Mein Indianertee … von Zwei Schlangen, dem … dem Medizinmann … der … Assiniboins“, antwortete er stockend und vor Wundschmerz stöhnend.

„Medizinmännerweisheiten!“, entfuhr es Susan geringschätzig. „Ich halte mehr von der gängigen Medizin“, versetzte sie. Robert umklammerte ihre Hand.

„Bitte! Den Tee!“, flehte er. „Ich halt’ das nicht mehr aus.“

„Ja, ist gut. Ich mache dir den Tee. Er wird schon nicht schaden“, beruhigte sie ihn seufzend. „Aber ich lasse dich nicht gern allein in diesem Zustand.“

„Geh’ nur. Ich … ich steige schon nicht aus dem Bett“, erwiderte er mit gequältem Lächeln.

„Ich gebe dir doch lieber eine Spritze, sonst bricht die Wunde wieder auf, wenn du dich weiter so wälzt“, erwiderte Susan.

„Nein, nicht noch mehr Opium oder Morphium!“, wehrte Robert mühsam ab. „Sonst hänge … ich irgend… wann wie Dr. Smith an der Nadel! Ich weiß …, dass das … Zeug süchtig macht. Bitte, den Tee, Susan!“

„Na gut, ich lasse es vorläufig. Aber dann darfst du dich jetzt nicht mehr bewegen. Und wenn der Tee nicht hilft, muss ich dir eine Ladung Opium verpassen, damit du wieder ruhig liegst“, warnte sie und stand auf.

Susan beeilte sich, den Tee zu brühen, war in großer Sorge, Robert könnte in der Viertelstunde, die sie fort war, etwas zustoßen. Als sie abgehetzt in das Zimmer zurückkehrte, war er wieder fest eingeschlafen. Susan weckte ihn vorsichtig. Es dauerte eine Weile, bis er soweit wach war, dass sie ihm den Tee löffelweise einflößen konnte. Schließlich war die Tasse leer. Robert war Susan, die ihn stützte, im Arm eingenickt. Sie ließ ihn sanft in die Kissen zurückgeleiten, deckte ihn sorgsam zu und legte sich dann selbst schlafen, als sie sicher war, dass er für den Rest der Nacht Ruhe haben würde.

Robert erwachte am Morgen davon, dass sein rechter Arm kribbelte. Den Grund für seinen eingeschlafenen Arm quittierte er mit einem zärtlichen Lächeln. Susan hatte sich im Schlaf dicht an ihn gekuschelt und sich dabei auf seinen gesunden rechten Arm gelegt. Vorsichtig zog er den Arm unter ihr hervor und legte ihn um ihre Schulter, spielte verliebt mit einer Locke ihres weichen Haars. Er fühlte sich bedeutend besser, als in der ganzen Zeit nach seiner Verwundung. Die Bauchwunde stach nicht mehr so stark und von der Schulterverletzung spürte er fast nichts mehr. Ohne, dass er es bewusst wollte, grub sich seine Hand tiefer in Susans Haar, kraulte sanft ihren Nacken. Der Kuss, den er liebevoll auf ihre Stirn drückte, war aber absolut bewusst und gewollt. Susan wachte auf und schreckte hoch, als sie bemerkte, dass ihr Kopf auf Roberts breiter Brust lag.

„Guten Morgen, mein kleiner Goldfisch“, hörte sie seine Stimme. Susan drehte sich wieder zu ihm. Seine Stimme klang wieder so fest und ruhig, wie sie es gewohnt war, seine Augen waren nicht mehr so fiebertrüb wie in den vergangenen Wochen.

„Robert? Geht es dir besser?“, fragte sie verblüfft. Er nickte. Seine Hand fuhr sanft über ihr Gesicht. Er zog sie wieder an sich – und sie ließ es geschehen. Sein zartes Streicheln war zu schön, um es nicht zu genießen.

„Ja, ich fühle mich besser. Der Tee war die letzte Rettung. Danke, dass du ihn mir gemacht hast“, erwiderte er leise und küsste dankbar ihr Haar. Susan richtete sich auf und legte ihm die Hand auf die Stirn.

„So weit war das Fieber noch nie ‘runter“, bemerkte sie. „Ich werde gleich die Verbände wechseln“, sagte sie dann, stand auf, zog sich den Morgenmantel an und nahm Verbandszeug aus dem kleinen Medizinschrank. Sie schnitt den Verband um die Bauchwunde auf. Als sie die Wundauflage abhob, sah sie außer den grünlich-schwarzen Salben- und Blutresten um die große Wunde, dass die Entzündung beinahe vollständig zurückgegangen war.

„Was ist das? Die Entzündung ist ja fast weg!“

„Zwei Schlangens Wundertee, mein Schatz. Es gibt nichts Besseres gegen hartnäckige Entzündungen“, erwiderte er leise ächzend, als sie die Wunde vorsichtig reinigte und die Wunde wieder zu schmerzen begann. Aber der Schmerz war nicht mehr mit dem zu vergleichen, der ihm am Tag zuvor noch das Bewusstsein geraubt hatte. Susan verteilte wieder reichlich Salbe auf der Wunde und verband sie frisch. Kaum hatte sie sich die Hände gereinigt, als Robert sie wieder an sich zog und einfach küsste. Es war ein langer, intensiver Kuss. Susan schloss genießerisch die Augen – und wusste, dass Robert leben würde.

 

 

Kapitel 15

Kleine Wunder

 

Sechs Wochen waren seit der blutigen Schlacht am Antietam vergangen. Rein vom taktischen Standpunkt aus gesehen, hatten die Unionssoldaten dort wieder einmal eine Niederlage erlitten, die Schlacht als solche jedenfalls nicht gewonnen. Hatten sie am Nachmittag des 16. September noch wie die eindeutigen Sieger ausgesehen, so wandelte sich das Bild im Laufe des 17. September fast völlig. General McClellan war ein Mann, der seinem Gegner zwar Stärke demonstrieren wollte, der aber zögerte, wenn es um konsequentes Nachsetzen ging. Er hatte seine vorstoßenden Truppen unter den Generals Hooker und Doubleday ohne Reserven gelassen, die dringend benötigt worden wären, um die Konföderierten endgültig zu vertreiben.

So war es General Lee gelungen, Verstärkungen heranzuführen und eine Gegenoffensive zu starten, die am Abend des 17. September die Eroberung der Steinbrücke über den Antietam zur Folge hatte. Der zeitweilige Besitz dieser wichtigen Brücke spiegelte den Verlauf des furchtbaren Gemetzels deutlich wider: Am Ende des 15. war sie im Besitz der Südstaatler, am 16. hatten General Burnsides Truppen sie erobert, am 17. waren wieder die Konföderierten die Herren der Brücke. Doch als die Unionstruppen den Kampf am 18. September morgens wieder aufnehmen wollten, waren ihre Gegner weg – einfach verschwunden, abgesetzt nach Westen!

Lee hatte so entsetzliche Verluste hinnehmen müssen, dass er sich zum Rückzug entschlossen hatte. So konnte die Union den Ausgang der Schlacht doch wenigstens als strategischen Sieg betrachten, war doch mit dem Abzug der Armee Lees die Bedrohung Washingtons abgewendet. Aber auch für die Union waren die Verluste grausam gewesen, ein teuer erkaufter Erfolg.

Insgesamt einundzwanzigtausend Männer beider Seiten hatten ihr Leben lassen müssen oder waren verwundet worden. Ganze Brigaden waren fast völlig aufgerieben worden, manche Dörfer nach dieser Schlacht buchstäblich herrenlos geworden, weil sämtliche Männer am Antietam gefallen waren. Viele, sehr viele der Verwundeten starben erst Tage oder auch Wochen später in den Lazaretten, deren überfordertes Personal dieser grauenhaften Flut nicht Herr werden konnte. Und von denen, die überlebten, blieben die meisten für den Rest ihres Lebens gezeichnet – durch den Verlust von Gliedmaßen, Sinnesorganen oder auch durch psychische Schäden, weil sie den Verlust von so vielen Freunden, Bekannten und Verwandten nicht ertragen konnten.

Die 7th US-Cavalry hatte es schlimm getroffen. Keine der Schwadronen hatte weniger als fünfzig Prozent Verluste. Die C-Schwadron existierte praktisch nicht mehr, weil von ihren achtzig Troopern sechzig gefallen und alle anderen verwundet waren, von den acht Corporals nur noch Porter und Cologgia lebten, während alle anderen gefallen waren, von den Sergeants außer Frank Craig nur First-Sergeant Mattson überlebt hatte und alle drei Offiziere verwundet waren – wobei Bruce es mit einem Oberarmsteckschuss noch fast gut hatte, denn von Bennett und Craig nahm zu diesem Zeitpunkt keiner an, dass sie überleben würden.

Major Lewis, der Kommandeur des Bataillons, das die Furt mithilfe der Barrikaden so verbissen verteidigt hatte, war das verwundete Bein keine zwei Stunden nach seiner Einlieferung im Lazarett abgenommen worden. Er lag noch im Lazarett, war aber nach Georgetown verlegt worden, wo er sich endgültig von der Verwundung erholen sollte. Er hatte an Colonel Bennett geschrieben und um einen Besuch gebeten. Jetzt, sechs Wochen nach der Schlacht, fand Frederick Bennett endlich die Zeit, den Major zu besuchen.

„Danke, dass Sie gekommen sind, Sir“, begrüßte Lewis den Colonel. „Wie geht es dem Lieutenant, der mich von dem Baum da weggeholt hat?“, fragte er gleich. Frederick Bennett sah ihn zunächst verblüfft an.

„Entschuldigung, Major. Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen“, sagte er dann. Lewis setzte sich auf.

„Sie sind doch der Regimentschef der 7th US-Cavalry oder bin ich im Irrtum, Sir?“, erkundigte sich Lewis.

„Doch der bin ich. Aber was hat das mit Ihrem Lieutenant zu tun, der Sie aus der Gefahrenzone gebracht hat?“, erwiderte Frederick und setzte sich auf den Stuhl, der an Lewis Bett stand.

„Sir, ich bin nicht von einem meiner Lieutenants gerettet worden, sondern von einem sehr sympathischen und mutigen Lieutenant der Cavalry. Colonel Barner sagte mir, die Schwadron, die uns aushelfen sollte, sei von Ihrem Regiment gewesen.“

„Mein Regiment war auf der gesamten Front verteilt, Major. Darf ich fragen, wo Sie sich befanden?“

„Wir waren auf dem äußersten linken Flügel unserer Armee. Ihre Jungs haben uns die besten Barrikaden gezimmert, die ich je zu Gesicht bekommen habe – und ich bin einige Jahre bei einem Pionierregiment der Staatsmiliz von Illinois gewesen. Ihre Jungs sind am frühen Nachmittag des 16. bei uns eingetroffen, haben sich beinahe wortlos an die gefährdetsten Stellen geschmissen und haben uns mit ihren Karabinern brauchbare Hilfe geleistet, bis wir Verstärkung bekamen, die Ihr Lieutenant bestellt hatte. Und von denen, die zu uns kamen, war keiner unverwundet. Ihr Lieutenant hat mich dann weggetragen, als ich diesen verdammten Splitter abbekommen habe, aber dann hat’s ihn leider selbst schwer erwischt. Ich wüsste gern, ob er noch lebt, denn ich würde mich gern bei ihm bedanken.“

„Äußerster linker Flügel? Sagen Sie, trug der junge Mann vielleicht statt der Jacke nur ein Hemd?“, fragte Frederick nach.

„Ja, wie die meisten seiner Leute“, bestätigte Lewis.

„First- oder Second-Lieutenant?“

„First-Lieutenant, soweit ich mich erinnere.“

„Dunkelhaarig?“

„Ja. Dunkelhaarig, braune Augen, sechs Fuß groß, sehr schlank. Ein richtig gut aussehender Bengel. Wenn meine Tochter ihn sehen würde, wäre sie sicher sehr verliebt.“

Frederick Bennett hatte plötzlich einen leichten Tränenschleier vor den Augen. Lewis hatte seinen Sohn beschrieben!

„Das … das war mein Sohn, Major Lewis“, erwiderte er mühsam.

„Ich gratuliere Ihnen zu diesem Sohn, Sir. Für meine Leute und mich sind er und seine Männer schlicht Helden.“

„Ich hoffe, ich kann es ihm noch bestellen, Major. Als meine Männer Robert nach Hause brachten, war er dem Tod deutlich näher als dem Leben. Ich bete, dass er überhaupt noch lebt.“

„Wenn er so schwer verwundet war, müsste er doch hier in Georgetown sein“, mutmaßte Lewis.

„Nein, ich habe ihn nach Dover in Tennessee zu einem Bruder meines Freundes, einem sehr guten Arzt, bringen lassen.“

„Wenn Sie Gelegenheit haben, ihn zu besuchen, grüßen Sie ihn bitte von mir – und von meinen Männern“, bat der Major.

„Sicher. Ich wünsche Ihnen gute Besserung, Major Lewis. Was werden Sie tun, wenn Sie gesund sind?“

„Zum Soldaten tauge ich wohl nicht mehr, bestenfalls im Invalidenkorps – vorausgesetzt, dass ich als Einbeiniger dort überhaupt eingesetzt werden kann. Sonst gehe ich in meinen Zivilberuf zurück. Als Anwalt braucht man nicht unbedingt zwei Beine, solange der Kopf noch dran ist“, erwiderte Lewis mit gewissem Galgenhumor. Bennett verabschiedete sich und verließ das Krankenzimmer.

Draußen blieb er stehen.

„Ausgerechnet Rechtsanwalt! Als ob es nicht tausend andere Berufe gäbe!“, keuchte er. Über den Flur kam Richard Craig gelaufen.

„Freddy! Hier bist du! Ich hab’ dich schon überall gesucht! Wir werden abgelöst und sollen nach Donelson zurück.“

„Wann?“

„Schon heute Abend geht unser Zug. Los, kommen Sie, Sir!“

Auch sechs Wochen nach ihrer schweren Verwundung waren Robert Bennett und Thomas Craig immer noch ans Bett gefesselt, ertrugen das erzwungene Nichtstun aber halbwegs gern, weil ihre Freundinnen in der Nähe waren. Susan verbrachte die meiste Zeit des Tages bei Robert, erledigte sogar ihre Hausarbeiten weitestgehend im Krankenzimmer

„Was meinst du? Wann kann ich es mal probieren, aufzustehen?“, fragte Robert an einem Morgen, als Susan ihn weckte. Sie setzte sich vorsichtig auf die Bettkante, nahm seine Hand.

„Die Entzündung deiner Bauchwunde ist zwar weg, die Schulterverletzung ist so gut wie geheilt und an deinem Arm erinnert nur noch eine kleine Narbe an den Säbelhieb, aber die Bauchwunde ist noch nicht soweit verheilt, dass du ihr große Belastungen zumuten kannst. Ich will nicht, dass sie wieder aufbricht. Bislang widersetzt sie sich allen Heilansätzen.“

„Es müssen jetzt bald sechs Wochen sein, seit mich diese blöde Kugel getroffen hat! Das kann doch nicht sein!“, protestierte Robert. „Ich fühle mich wunderbar, Mäuschen.“

Susan lächelte ihn sanft an.

„Ja, mein Schatz. Solange du liegst, fühlst du dich stark, glaubst du, du könntest Bäume ausreißen. Aber wenn du aufstehst, merkst du, dass es allenfalls Schnittlauch ist, den du aus dem Boden kriegst. Und du liegst schneller lang, als du bis drei zählen kannst.“

Robert nickte seufzend. Er fühlte sich eingesperrt.

„Natürlich passt dir das nicht!“, bemerkte Susan. „Ich möchte dich nur nicht verlieren, weil du zu ungeduldig mit dir und deinem Körper bist. Du bist nicht aus Holz und Eisen, Robert“, ermahnte sie ihn leise und küsste ihn.

„Würdest du mir wenigstens leichte Arbeit erlauben, die ich im Bett erledigen kann?“, hakte er nach, als er sich aus dem Kuss löste.

„Was meinst du zum Beispiel?“

„Nun, Aufarbeitung von Akten. Beim Regiment ist doch seit Cabots Tod keine vernünftige Adjutantenarbeit mehr gemacht worden“, schlug Robert vor.

„Du bist wohl völlig närrisch!“, schalt Susan. „Nein, Bobby! Hier halb im Sitzen, halb im Liegen Akten bearbeiten! Das macht die Narbe garantiert nicht mit!“

„Susan, hör mal …“, setzte Robert an und spielte mit einer Locke ihres langen Haars. „Ich bin dir sehr dankbar, für alles, was du in den letzten Wochen für mich getan hast und habe nicht die Absicht, deine monatelange Arbeit zunichte zu machen, indem ich mich gleich überanstrenge. Aber langsam brauche ich wieder eine Aufgabe, sonst versauere ich noch. Und wenn es theoretischer Kadettenunterricht ist – ich muss was tun, verdammt noch mal!“

„Na gut, ich spreche mit Onkel Lucas. Er ist der Arzt und sollte die letzte Entscheidung darüber haben. Hast du gut geschlafen, mein Schatz?“

„Ja, aber ich vermisse dich nachts oft“, erwiderte er leise und streichelte sanft ihre schmale Hand.

„Robert, wir sind nicht verheiratet!“, bremste die junge Frau. „Ich habe nur für die Zeit bei dir übernachtet, als es dir so schlecht ging, dass unbedingt jemand bei dir sein musste. Und weil du offensichtlich niemand anderen in deiner Nähe geduldet hast, habe ich hier geschlafen – nicht, weil ich mit aller Gewalt meine Nächte mit dir in einem Bett verbringen will.“

„Schon gut, vergiss es. Wann fragst du Lucas?“

„Sobald ich dich rasiert habe, Stachelbeere“, erwiderte sie lachend und stand auf. Sie nahm das Rasierzeug aus dem Schrank, schob ihm eine Decke unter den Kopf, seifte ihn ein und schabte ihm dann die Bartstoppeln von den Wangen.

„Ich hab’ dich beinahe nicht wieder erkannt, als du herkamst, so einen Bart hattest du“, sagte sie dabei. „War gar nicht so einfach, die Wolle zu entfernen.“

„Seit du mich rasierst, habe ich weder Schnitte noch Stoppeln. Du bist sehr sanft. Danke, Susan“, bedankte er sich nach einer gründlichen, aber verletzungsfreien Rasur. Er zog sie zu sich herunter und küsste sie.

„Ich wünschte, du wärst gesund, Bobby“, flüsterte sie vertraulich. Es war ein Satz, der ihre Aussage, sie wolle nicht unbedingt bei ihm schlafen, schlicht Lügen strafte. Mit einiger Mühe gab sie sich einen Ruck und verließ das Krankenzimmer.

Unten im Wohnzimmer fand sie Besuch vor: Ihren Vater und Frederick Bennett, die an diesem Morgen mit dem Zug aus Washington eingetroffen waren und als Erstes ihre Söhne besuchen wollten. Dr. Craig hatte seinen Bruder und Roberts Vater schon über den Zustand der jungen Männer informiert, als Susan das Wohnzimmer betrat.

„Guten Morgen und herzlich willkommen“, sagte sie. Ihr Vater umarmte sie, drückte sie heftig an sich. „Wir haben uns große Sorgen um euch gemacht, Paps“, ergänzte sie dann. Richard lächelte freundlich.

„Wohl kaum halb so viel wie um Robert und Tom, oder, Spatz?“, mutmaßte er. Susan und Betty wurden rot.

„Na ja, wir sind ein paar Ostersonntage älter, Dick. Wer will es den Küken verdenken?“, lachte Frederick auf. „Susan, kann ich zu Robert?“, fragte er dann.

„Ja, er ist eben aufgewacht. Es ist das Zimmer gleich oben links. Aber Vorsicht: Könnte sein, dass er vor dem Frühstück noch ein Nachnickerchen macht. Ich komme gleich mit seinem Frühstück, Onkel Freddy“, erwiderte Susan und eilte in die Küche, um Pancakes und Speck zu braten und Kaffee zu kochen.

Frederick stieg die Treppe hinauf und öffnete die Tür, ohne anzuklopfen, stieß sie weit auf, dass sie an die Wand schlug. Er mochte erwartet haben, dass Robert im Sessel am Kamin saß. Stattdessen lag er immer noch geschwächt im Bett und war wieder eingenickt.

„Mir scheint, mein Herr Sohn schläft noch!“, rief der Colonel laut. Robert, der nur leicht geschlafen hatte, fuhr erschrocken auf und verzog im gleichen Augenblick das Gesicht zu einer schmerzvollen Grimasse.

„Au, verdammt!“, schrie er auf, als die Bauchwunde wieder stark schmerzte.

Susan hatte die Tür schlagen hören. Mit langen Sätzen sprang sie in das Obergeschoss und kam gerade zurecht, als der Colonel den Weckruf ausstieß. Sie drängte Roberts Vater beiseite und stützte Robert, der vor Schmerz ganz grau war. Er krümmte sich.

„Himmel, tut das weh!“, ächzte er.

„Komm, leg’ dich wieder hin. Entspann’ dich“, sagte Susan sanft und drückte ihn ganz vorsichtig in die Kissen zurück. Zornig drehte sie sich zu seinem Vater um.

„Kein Wunder, dass Philip desertiert ist!“, sagte sie schneidend. „Bei so einem Rabenvater hätte ich es auch nicht lange ausgehalten!“

„Lass’ nur“, stöhnte Robert und presste eine Hand auf die Bauchwunde. „Das … ist nur unser häusliches Weckzeremoniell.“

„Das ist doch kein Grund, natürliche Gesetzmäßigkeiten außer Acht zu lassen! Und dein Vater ist gerade dabei, es zu tun! Bevor ich dich zu dem zurücklasse, musst du wieder fechten können!“, erwiderte Susan wütend. Frederick überging Susans Zynismus und wandte sich an seinen Sohn:

„Wie geht’s dir, mein Junge?“, fragte er – erheblich leiser.

„Ich fühle mich prächtig! Bäume könnte ich ausreißen! Ich strotze geradezu vor Gesundheit, wie du siehst!“, erwiderte Robert bissig und ächzend.

„Entschuldige, ich dachte, es ginge dir besser. Sechs Wochen sind eine lange Zeit.“

„Stimmt schon, aber für Roberts Wunden reicht es noch lange nicht. Er konnte noch nicht einmal aufstehen. Er hat Glück, dass er überhaupt noch lebt“, versetzte Susan und streichelte Robert sanft. Langsam kam sein stoßweiser Atem zur Ruhe.

„Tut mir Leid, mein Junge. Das war nicht meine Absicht.“

„Schon recht. Bisher habe ich auch mehr Glück als Verstand gehabt, dass es mich nie so erwischt hat“, entgegnete Robert.

Allmählich gewann er seine Beherrschung zurück und konnte den Schmerz unterdrücken.

„Was ist mit unseren Leuten? Was ist mit Barry? Wie ist die Schlacht ausgegangen?“, erkundigte Robert sich dann. Frederick setzte sich an die andere Bettseite. Es konnte ihm nicht entgehen, mit welcher vertraulichen Selbstverständlichkeit Robert Susans Hand hielt, die eben noch genauso selbstverständlich seine Bettdecke korrigiert hatte und auf dem Zudeck liegen geblieben war, als ob es nichts Natürlicheres auf der Welt geben konnte. Frederick Bennett überging diesen Umstand, der sich wohl für Eheleute geziemt hätte, nicht aber zwischen Patient und Krankenpflegerin üblich war. In jedem Lazarett wäre ein solches Handeln sofort unterbunden worden.

„In dieser Reihenfolge, ja?“, hakte er nach.

„Exakt“, bestätigte Robert mit dem Anflug eines Grinsens.

„Die Schwadron existiert praktisch nicht mehr. Von den Troopern haben ganze zwanzig überlebt. Ob Stanton das Bein behalten hat, weiß ich noch nicht. Ich habe ihn mit dem nächsten Transport nach euch nach Donelson geschickt. Cologgia war der Erste, der aus dem Lazarett entlassen wurde. Porter, Evans, Nott, Oaktree und Pembroke sind auch schon seit Wochen wieder im Dienst. Frank Craig und Don Mattson sind die einzigen Sergeants, die überlebt haben, sind beide im Moment wohlauf. Barry Bruce hat die Schusswunde im rechten Oberarm auskuriert. Nur du und Tom, ihr seid noch nicht wieder im Dienst. Der Brigadier will, dass ich die Reste der C-Schwadron auf die anderen Schwadronen verteile, genauer, die verbliebenen Schwadronen neu formiere, daraus fünf Schwadronen mache und sieben neue aufstelle. Keine der Schwadronen hat weniger als fünfzig Prozent Verluste“, erklärte Frederick.

„Der Mann hat keine Ahnung von Korpsgeist!“, sagte Robert kopfschüttelnd. „Unsere Stärke war immer der Zusammenhalt in der Mannschaft. Es wäre das Dümmste, was du tun könnest.“

„Ich habe auch nicht vor, es zu tun, mein Junge. Weißt du eigentlich, dass deine Jungs Dr. Wilkins mit Waffengewalt gezwungen haben, dich zu operieren?“

„Nein, ich habe davon nichts mitbekommen – und hier haben sie uns nur abgeliefert, wie Susan mir erzählt hat“, antwortete Robert matt.

„Billigst du das Verhalten? Du – als ihr kommandierender Offizier, meine ich.“

„Ja, denn wenn das wahr ist, haben sie mir damit das Leben gerettet“, versetzte er. Frederick nickte.

„Ich werde mir eine passende Strafe für sie ausdenken.“

„Die einzige Strafe, die sie verdient haben, sind ‘ne Ehrenmedaille und ein oder zwei Streifen mehr auf dem Ärmel!“, murmelte Robert mit geschlossenen Augen. Er spürte wieder Schwäche aufsteigen.

„Ist das ein ernst gemeinter Vorschlag, Lieutenant?“

„Ja, sicher. Ich geb’s dir auch schriftlich, sobald ich wieder schreiben kann.“

Mit einiger Mühe schlug Robert die Augen auf und sah seinen Vater listig lächeln.

„Seltsam – ich hatte die gleiche Idee. Ich soll dir übrigens schöne Grüße von Major Lewis bestellen. Er hat mir gesagt, dass er und seine Leute dich und deinen Haufen für so etwas wie Helden halten“, grinste er. Robert schüttelte abwehrend den Kopf.

„Helden, Vater, Helden gibt es nicht. Nur mehr oder weniger Verrückte. Unsere Schwadron ist wahrscheinlich aus den verrücktesten Leuten zusammengestellt worden, die unter der Sonne zu finden sind. Wir waren jedenfalls verrückt genug, in einen Kampf einzugreifen, der fast aussichtslos war. Im Nachhinein betrachtet war es militärisch völlig sinnlos, mit knapp zwanzig verwundeten Männern Verstärkung spielen zu wollen. Inzwischen bedaure ich, es getan zu haben“, erwiderte er. Es strengte ihn immer noch an, länger zu sprechen, besonders, wenn er unter Wundschmerzen litt.

„Major Lewis sieht das anders, mein Junge. Er behauptet steif und fest, wenn ihr nicht dazugekommen wärt – ihr zwanzig verwundeten Kavalleristen – hätte er seine Männer nicht länger dort halten können. Soll ich dir im Detail erzählen, was passiert wäre?“

Robert nickte schweigend.

„Wenn Lewis ohne eure Hilfe geblieben wäre, hätte er die Stellung aufgeben müssen. Ohne diese Stellung am linken Flügel wäre uns die ganze linke Flanke zusammengebrochen, weil die weiter rechts stehenden Truppen keinerlei Deckung in der Seite hatten und sich ebenfalls hätten zurückziehen müssen. Im Ergebnis hätten die Rebellen das gemacht, was uns gelungen ist: Die südliche Flanke aufrollen. Junge, sie hätten uns bis Washington gejagt, wenn sie dort durchgebrochen wären!“

„Du willst doch nicht etwa sagen, dass meine Wenigkeit und die mageren zwanzig Mann, die ich noch hatte, das bewirkt haben?“, fragte Robert erschrocken.

„Genau das, mein Junge. Die C-Schwadron – und ganz besonders ihr First-Lieutenant und zwanzig weitere tapfere Männer – sind das Tagesgespräch der Army of the Potomac“, erwiderte Frederick vaterstolz.

„Sie können den Dank des Vaterlands nur nicht mehr entgegennehmen. Schade auch!“, versetzte Robert mit tiefer Bitterkeit. Frederick hatte selten so viel beißende Ironie gehört, wie in diesem einen Satz.

„Von deinen zwanzig Mann sind fünf gefallen, alle anderen leben noch – und sind wesentlich weniger schwer verwundet gewesen als du“, beruhigte sein Vater. „Von denen, die vorher verwundet wurden, sind noch viele im Lazarett gestorben.“

„Mir ist jeder zu viel, der tot ist. Elliot hatte Familie, er war gerade Vater geworden. Sally Elliot wird es wie ein Keulenschlag treffen, dass Simon tot ist. Und das ist nur ein Beispiel, Dad.“

„Ich weiß, dass du deine Männer als deine Freunde betrachtest. Und deine Männer haben überzeugend bewiesen, dass sie tatsächlich Freunde sind. Sonst würden Tom und du sicher nicht mehr leben – nicht nur, weil sie Wilkins die Revolver unter die Nase gehalten haben. Ich werde deine Schwadron nicht auflösen, mein Junge. Du wirst die Besten bekommen, die sich finden lassen“, versprach Frederick.

„Wo ist eigentlich Betty?“, fragte er dann. „Ben hat mir telegrafiert, sie sei hergefahren, um Susan zu besuchen. Ich habe sie noch nicht gesehen“, erkundigte er sich dann. Wie auf ein Stichwort hörte er aus dem Nebenzimmer das helle Lachen seiner Tochter und sah Susan fragend an.

„Sie ist nebenan bei Tom und gibt ihm sein Frühstück. Seit es Tom besser geht, ist Betty die Fröhlichkeit in Person“, gab die junge Frau Auskunft.

„Darf ich fragen, weshalb?“, kam Bennett seniors erschrockene Frage. Susan sah Robert an, der nur nickte.

„Och, Betty und Tom sind genauso verliebt wie Robert und ich.“

„Wie bitte?“, entfuhr es dem Colonel.

„Ja, Robert und ich haben uns schon vor einer ganzen Zeit vertragen und … Sagst du es ihm?“, wandte sie sich mitten im Satz an Robert.

„Wir wollen heiraten, Pa. Möglichst bald.“

„Dass ihr zwei nicht zu trennen seid, auch nicht mit falschem Mordverdacht und erzwungener Verlobung, das weiß ich spätestens seit dem Tag, an dem Robert von eben auf jetzt wieder einen klaren Kopf hatte, weil du ihm geschrieben hattest, Susan. Aber … was war das mit Betty und Tom?“, stotterte Frederick.

„Vater, die Brosche, die ich mitgebracht habe, als ich aus Topeka kam, war so etwas wie ein Verlobungsgeschenk. Tom und Betty sind seit wenigstens vier Jahren entschlossen, zu heiraten“, erklärte Robert leise. Frederick seufzte tief.

„Susan hat Recht: Ich bin ein Rabenvater! Über die Gefühle meiner Kinder weiß ich gar nichts“, sagte er und lehnte sich über das Bett, umarmte seinen Sohn und dessen Freundin.

„Mir scheint, die Welt muss fast aus den Angeln fallen, bevor ein alter Esel wie ich merkt, dass es auch außerhalb seiner Scheuklappen Leben gibt. Bobby, ich wünsch’ dir gute Besserung. Du bleibst hier, bis du völlig gesund bist. Susan, bitte, pass’ auf ihn auf und sorge gut für ihn. Tut mir Leid, wenn ich dir wie ein Brüllaffe erschienen bin. Ich verspreche, es kommt nicht wieder vor. Auf Wiedersehen.“

Damit stand Bennett senior auf. Susan begleitete Roberts Vater bis zur Tür.

„Ich bleibe lieber hier. Nach solchen Anfällen geht es ihm meistens schlechter“, sagte sie leise. Frederick warf noch einen Blick auf seinen Sohn, der die Augen wieder geschlossen hatte.

„Wird er durchkommen?“, fragte er ängstlich. Sie nickte.

„Jetzt bin ich mir sicher, dass er leben wird. Aber die ersten vier Wochen habe ich stündlich mit seinem Tod gerechnet. Es war schlimm“, flüsterte sie. Frederick strich ihr sanft über das Gesicht.

„Danke, Susan – für alles, was du für meinen Sohn getan hast. Bis bald.“

Susan schloss leise hinter ihm die Tür und drehte sich dann zum Bett um. Als sie Robert ansah, erschrak sie. Er war kreidebleich geworden.

„Bobby, was hast du?“, fragte sie erschrocken.

„Die Bauchwunde! Verdammt, es tut so weh!“, stöhnte er. Susan setzte sich ans Bett, schlug die Bettdecke zurück und öffnete vorsichtig den Verband um die Wunde unter dem linken Rippenbogen. Der Schorf war ein wenig geplatzt, aber die Naht hatte standgehalten. Vorsichtig säuberte Susan die Umgebung der Wunde, gab neue Salbe darauf und schloss den Verband wieder.

„Sie ist zum Glück nicht aufgebrochen. Hast du starke Schmerzen?“

Er nickte mit geschlossenen Augen und zusammengepressten Lippen. Susan rührte ein schmerzstillendes Pulver in ein Glas frisches Brunnenwasser und half ihm bei Trinken. Langsam gewann er wieder Farbe.

„Gott sei Dank, es lässt nach“, atmete er nach einer Weile auf. Susan streichelte ihn beruhigend.

„Mit Aufstehen ist noch nichts, Lieutenant“, sagte sie dann leise. „Ich denke, das war die beste Lehre.“

Wortlos legte Robert ihr die Arme um den Nacken und zog sie zu sich herunter. Sie versanken in einem zärtlichen, langen Kuss.

Zwei weitere Wochen später waren Lucas und Susan sich einig, dass sie Robert erlauben konnten, aufzustehen. Es war ein regnerischer, kalter Novembertag, als Robert nach fast genau zwei Monaten strenger Bettruhe zum ersten Mal aufstand. Noch sehr wacklig auf den Beinen, die es sich völlig abgewöhnt hatten, sein Gewicht von knapp hundertfünfundvierzig Pounds zu tragen, machte er an Susans Arm erste Gehversuche.

„Jetzt weiß ich, welche Sorgen Kleinkinder haben!“, schmunzelte er, als er sich mit viel Mühe in den Sessel am Kamin laviert hatte.

„Ganz ordentlich für jemanden, der zwei Monate keinen Schritt getan hat“, lobte Susan seinen kurzen Gang durch das Zimmer. „Du kommst langsam wieder zu Kräften.“

„Ich schon, meine Beine nicht!“, lachte Robert auf.

„Und wie fühlst du dich sonst?“

„Die Knie sind noch weich, die Narbe sticht noch, aber sonst geht es mir gut“, antwortete er. „Ich mache mir nur Sorgen, was mit meinem Bruder ist.“

„Nach dem, was du mir erzählt hast, geht es ihm sicher besser als dir“, erwiderte Susan.

„Ich meine nicht unbedingt seine körperliche Gesundheit, Susy. Philip war wie ausgewechselt. Er hat auf Tom wie ein Irrer eingedroschen. Ich mache mir mehr Sorgen darum, ob er noch der ist, den ich als meinen Bruder kenne. Es hat mich einige Mühe gekostet, ihn zu entwaffnen, weil er auch auf mich eingeprügelt hat, als wäre ich der Leibhaftige persönlich.“

Susan stutzte. Bislang hatte Robert nur davon gesprochen, dass er um eine Verwundung seines Bruders wusste, aber nicht, dass er gegen ihn gekämpft hatte.

„Robert …, ist das so zu verstehen, dass … dass du mit Phil gefochten hast?“, erkundigte sie sich. Robert nickte. Sehr glücklich wirkte er nicht.

„Du … du hast mit deinem eigenen Bruder gefochten?“, würgte sie. Zu welchen Bestien machte der Krieg Menschen?

„Sag’ mir, was ich hätte tun sollen, Susan! Zusehen, wie mein Bruder meinen besten Freund zu Hackfleisch macht, weil er offensichtlich nicht mehr weiß, wo er herkommt? Ich hatte keine Wahl, Susan, ich musste handeln oder Tom wäre in Stücke gehauen worden. Sag’ mir jetzt nicht, dass dir das lieber gewesen wäre!“, versetzte Robert. Susan sah ihn verzweifelt an.

„Großer Gott, wie weit ist es gekommen, dass sich sogar Brüder bekämpfen müssen! Warum muss das sein, Bob? Sag’ mir, warum das sein muss!“

„Weil es ein paar Verrückte gibt, die meinen, dieses Land müsse geteilt werden. Sie haben noch nicht begriffen, dass die Nord- und die Südstaaten nur gemeinsam überleben können. Getrennt wird es nicht lange ein freies Amerika geben.“

„Robert, ist die Einheit eines Landes wert, dass dafür so viele Menschen sterben müssen? Ist sie dein Leben wert?“

Robert stemmte sich aus dem Sessel und nahm Susan in die Arme.

„Susan, ich liebe dich, ich habe keinen größeren Wunsch, als dich zu heiraten, eine Familie zu haben und dich glücklich zu machen. Mein Versprechen an dich ist, dich zu heiraten. Aber ich habe auch Vater Staat ein Versprechen gegeben – mein Leben für seinen Bestand einzusetzen, wenn es nötig ist. Und Versprechen, die ich gebe, halte ich, wenn mich nicht höhere Gewalt daran hindert …“, sagte er leise.

Susan schmiegte sich wie schutzsuchend an ihn, spürte, dass seine kräftigen Arme sie sanft umfassten.

„Ich habe Angst um dich“, schluchzte sie. Er strich ihr sanft durch das offene Haar, küsste sie zart auf die Stirn.

„Das ist das Schlimmste, was du mir antun kannst, außer mich zu verlassen“, entgegnete er. „Wenn du Angst um mich hast, mache ich mir deinetwegen Sorgen und kann mich nicht auf meine Aufgabe konzentrieren. Dann wird es wirklich gefährlich für mich. Tu’ das nicht, Susan. Mach’ dir bitte nie – nie – Sorgen um mich“, bat er.

„Du hast gut reden. Ich sitze hier zu Hause und warte darauf, dass du heimkommst, bete, dass du überhaupt zurückkehrst. Robert, du gehst nicht zur Jagd – du gehst wieder in den Krieg! Du warst mehr tot als lebendig, als sie dich hergebracht haben! Sollte ich da keine Angst haben?“, versetzte sie.

„Susan – ich setze mich nicht freiwillig größerer Gefahr aus, als notwendig ist. Die Zeiten, in denen ich aus Liebeskummer Selbstmord begehen wollte, sind vorbei. Ich bin so vorsichtig wie es geht. Aber wenn ich zu vorsichtig bin, lande ich wegen Feigheit vor dem Feind vor dem Erschießungskommando. Das kann auch nicht in deinem Sinne sein. Susan, im Gegensatz zu anderen bin ich lange vor dem Krieg freiwillig Soldat geworden. Ich habe mich auch keinen Illusionen hingegeben, dass der Krieg ein Spaziergang von maximal drei Wochen ist. Krieg ist Dreck, bedeutet kaputte Knochen, zerschossene Glieder und den Verlust von Freunden und Bekannten, vielleicht auch von Verwandten, bedeutet Verwüstungen, die kaum je wieder gutzumachen sind. Krieg heißt im Schmutz zu liegen, bei Nässe, Kälte, Schnee und auch glühender Hitze ums nackte Leben kämpfen. Das hat nichts Heroisches an sich, hat nichts zu tun mit diesen kitschigen Postkarten, die ich in Washington gesehen habe. Darauf sind Soldaten in heldenhaften Posen abgebildet, aufrecht mitten im Getümmel stehend, als seien sie unverwundbar, am besten noch den Säbel hoch erhoben, mit stolzgeschwellter Brust. Es ist nicht so und ich weiß es nur zu gut. Es ist mein Job, Susan, und ich habe durchaus Tage erlebt, an denen ich ihn am liebsten hingeschmissen hätte – vor allem an dem Tag, als ich mich gezwungen sah, mit meinem eigenen Bruder zu fechten, das darfst du mir glauben. Aber meine Versprechen halte ich – auch dieses, das ich meinem Land gegeben habe“, erklärte Robert. Susan seufzte tief.

„Fast möchte ich hoffen, dass du noch lange nicht dienstfähig bist“, sagte sie. Robert lächelte sie liebevoll an.

„Dein Onkel hat mir gesagt, dass ich für wenigstens drei Monate noch nicht reiten darf, weil die Kugel meine Wirbelsäule beschädigt hat. Ich bleibe also wohl noch ein Weilchen bei dir, mein Schatz. Aber den Antrag auf Heiratsgenehmigung, den habe ich gestern abgeschickt. Sobald ich die Erlaubnis habe, wirst du meine Frau“, sagte er leise, beugte sich zu ihr und küsste sie.

Die folgenden Wochen zählte Robert Bennett zu den schönsten seines Lebens. Lucas Craig ließ die jungen Leute gewähren, gestand ihnen wesentlich mehr Nähe zu, als deren Eltern jemals vor der Hochzeit zugelassen hätten. Als Lucas eines Morgens – es war kurz vor Weihnachten – Susan und Betty wecken wollte, waren die Betten der Mädchen beide unbenutzt. Zunächst bekam der Arzt einen Schreck, dann eine Ahnung. Leise schlich er in die Zimmer, die die jungen Männer bewohnten. Tatsächlich, Susan und Betty hatten die Nacht bei ihren Liebsten verbracht. Susan hatte sich im Schlaf so eng in Roberts Arm gekuschelt, und er hielt sie so zärtlich umarmt, dass Lucas keine Sekunde zweifelte, dass sie gerade ihre Hochzeitsnacht verbracht hatten. Lucas Craig stand unschlüssig in der Tür, vergrub die Hände in den Hosentaschen. Sie jetzt zu wecken und grob zu trennen wäre ihm als ein Verbrechen wider die Menschlichkeit erschienen, zumal diese Therapie einen ganz offensichtlichen Erfolg hatte. Dem Arzt drängte sich der Verdacht auf, dass diese Behandlungsmethode nicht so ganz neu war, wie er anfangs vermutet hatte. Zu selbstverständlich war die Geste, mit der Robert seine Freundin an sich gezogen hatte. Er lächelte vor sich hin, schlich zum Foliantenschrank, nahm sich ein Blatt Papier und einen Bleistift.

‘Es wäre ein Verbrechen, Euch zu wecken. Guten Appetit beim Frühstück. Onkel Luke’

notierte er darauf, legte den Zettel auf Roberts Nachttisch und verließ auf leisen Sohlen das Zimmer.

Anfang Januar waren Robert und Thomas soweit hergestellt, dass sie Stabsaufgaben im Regiment übernehmen konnten. Lieutenant Bennett arbeitete wieder als Adjutant des Colonels, Lieutenant Craig wurde als Verpflegungsoffizier eingesetzt. Ihre überlebenden Männer bildeten die Keimzelle der neu entstehenden C-Schwadron. Colonel Bennett hatte mit Streifen nicht gegeizt. First-Sergeant Mattson war für den am Antietam gefallenen Eisner zum Sergeant-Major befördert worden, Corporal Cologgia hatte einen Sprung zum First-Sergeant gemacht, Porter war Quartermaster-Sergeant geworden, Andrew Evans, Tim Nott und Tony Pembroke geschlossen zu Sergeants befördert worden.

Frank Craig hatte die Ehre, künftig als Regimental Quartermaster-Sergeant mit seinem älteren Bruder für das Wohl der Soldaten des ganzen Regimentes zu sorgen. Richard Craig war zunächst sehr skeptisch, ob sein Jüngster den hohen Anforderungen seiner neuen Aufgabe gewachsen sein würde, aber Frank hatte sich ein Hintertürchen offen gelassen: Wenn er mit der Aufgabe nicht zurecht kam, wollte er den dreifachen Querstreifen gern wieder hergeben und zurück in Roberts Schwadron gehen. Wider Erwarten entwickelte Frank ein großes Organisationstalent, hatte von Tom beste Rückendeckung für manchmal ungewöhnliche Vorhaben.

Eine seiner Ideen war es, das Lazarettpersonal auszubauen. Zwar gehörte der Sanitätsbereich nicht unbedingt zu seinen Aufgaben, aber der völlig überlastete Dr. Thomas hatte nichts dagegen, dass Frank Craig ihm einen Teil der organisatorischen Aufgaben abnahm. Dr. Smith, der Assistenzarzt, war noch tiefer in seiner Morphiumsucht versunken, war kaum noch fähig, einen Patienten zu behandeln und die Organisation des Lazarettes aufrecht zu erhalten. In dieser Situation bat Frank seinen Onkel um Hilfe und erreichte, was noch niemand fertig gebracht hatte: Dr. Craig war tatsächlich bereit, zwei Tage in der Woche im Fort auszuhelfen, bis Dr. Smith von seiner Sucht geheilt war oder bis ein neuer Arzt kam. Lucas kam nicht allein – er brachte auch Susan mit, die vom Lazarettpersonal mehr als herzlich willkommen geheißen wurde. Man hatte sie seit der Woche, in der sie dort Praktikum gemacht hatte, sehr vermisst. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass es im Wesentlichen ihren Bemühungen zu verdanken war, dass Lieutenant Bennett noch lebte. Lucas Craig war aber auch Betty Bennett gefolgt, die während der Monate, in denen sie Tom gepflegt hatte, Geschmack an der Krankenpflege gefunden hatte und es Susan gleichtun wollte.

Es war am 16. Februar 1863, als eine Gruppe hochrangiger Offiziere dem Fort Donelson einen Besuch abstattete. General Grant, General Sherman und General Pleasonton, der Kommandeur der Kavallerie, nahmen die Gelegenheit wahr, das Fort zum Jahrestag seiner Eroberung zu besichtigen. Grant war angenehm überrascht, in welch gutem Zustand das bei der Eroberung so schwer zerstörte Fort war.

„Gratuliere, Colonel. Ich hätte nicht erwartet, das Fort jemals wieder benutzbar zu sehen“, sagte General Grant anerkennend nach der Besichtigung.

„Colonel Bennett verfügt auch über eine großartige Truppe von Kavalleriepionieren!“, lachte General Pleasonton auf. Er wandte sich an Colonel Bennett:

„Wenn ich das so ausdrücken darf, Colonel?“

„Ja, das ist richtig. Allerdings muss ich zugestehen, dass Fort Donelson nicht das Werk meiner Kavalleriepioniere ist, Sir. Hier haben wir doch Handwerker benötigt. Aber meine Spezialisten haben Dover wieder aufgebaut. Leider ist diese Truppe, die C-Schwadron, am Antietam fast aufgerieben worden. Wir sind dabei, sie neu aufzubauen“, erwiderte Bennett.

General Grant bekam einen nervösen Anflug. Er hatte nicht vergessen, dass ihn die Plünderung von Dover zeitweise sein Kommando gekostet hatte.

„Wie reagieren die rebellischen Einwohner von Dover auf Ihre Anwesenheit, Colonel?“, wollte Grant wissen. Colonel Bennett lächelte verbindlich.

„Sie lieben uns Yankees nicht unbedingt, aber die Männer der C-Schwadron sind dort jederzeit herzlich willkommen. Die Menschen dort haben nicht vergessen, wer ihnen das Dach über dem Kopf zurückgegeben hat. Vorige Woche waren Wahlen zum örtlichen Marshal. Einem meiner Männer ist tatsächlich vom Mayor die Kandidatur nahe gelegt worden.“

„Und? Hat er kandidiert?“, hakte Sherman nach.

„Nein. Lieutenant Bennett sieht sich in seinem noch nicht ganz gesunden Zustand nicht in der Lage in einer Stadt für Recht und Ordnung zu sorgen. Außerdem ist er als Soldat zurzeit nicht abkömmlich.“

General Pleasonton wurde hellhörig.

„Ist das zufällig Lieutenant Robert Christopher Bennett?“

„Ja, Sir“, bestätigte Frederick.

„Ich möchte gern mit ihm sprechen, Colonel.“

Frederick beauftragte seine Ordonnanz, den Lieutenant zu holen und wenig später war Robert zur Stelle. Pleasonton nahm den jungen Mann beiseite und zog sich mit ihm in das Dienstzimmer von Colonel Bennett zurück, wo sie ungestört waren.

„Lieutenant, ich habe von Ihrer großartigen Idee mit den Feldbefestigungen gehört – und davon, mit welcher Tapferkeit Sie und Ihre Männer die Stellung verteidigt haben. Männer wie Sie könnte ich in meinem Stab brauchen“, bot Pleasonton dem jungen Mann an.

„Danke, Sir, das ist eine große Ehre für mich.“

„Freut mich, dass Sie annehmen, Captain“, erwiderte Pleasonton und klopfte Robert anerkennend auf die Schulter.

„Moment, Sir“, erwiderte Robert. „Erlauben Sie mir einen Einwand?“

„Ungern, aber sprechen Sie, Captain.“

„Von meinen Leuten sind sehr wenige übrig geblieben, dennoch möchte ich keinen davon missen. Außerdem haben mein Captain und Lieutenant Craig ebenso viel Anteil an der Verteidigung der Furt wie ich selbst. Die Hauptlast des Kampfes haben nach meiner Überzeugung die Infanteristen vom 19th Illinois-Regiment getragen. Und obendrein bin ich nicht Captain, sondern First-Lieutenant, Sir.“

Pleasonton grinste, dass sich sein kurzgeschorener, schmaler Vollbart sträubte.

„Ihre absolut blödsinnige Wette hat sich herum geschwiegen. Mir ist bekannt, dass Sie sich nicht gern befördern lassen wollen. Sie kennen doch George Custer?“

„Ja, Sir. Er war mein Klassenkamerad auf West Point, wenn auch nicht unbedingt ein Freund von mir“, erwiderte Robert.

„Custer hatte sich doch an Ihrer Wette beteiligt, oder?“

„Ja, Sir.“

„Er hat sie genauso verloren wie Sie, wenn ich mich recht an seine Worte erinnere. George Armstrong Custer ist zum Brigadier befördert worden und hat sich keine Sekunde dagegen gesträubt. Was also hindert Sie, den Blödsinn nicht ebenfalls aufzugeben, und eine Beförderung anzunehmen?“

„Custer ist General? Gnade seinen Leuten!“, entfuhr es Robert. „Sir, es mag Ihnen hanebüchen erscheinen, aber ich habe ein Versprechen gegeben, nämlich das, mich während des nächsten Krieges, den mein Land führen muss, nicht befördern zu lassen. Es mag Leute geben, die sich an ein Versprechen nicht gebunden fühlen. Ich für meinen Teil werde ein Versprechen nicht brechen. Und außerdem will ich meine Leute nicht aufgeben“, erwiderte Robert ruhig.

„Der Eid, den Sie geschworen haben, Lieutenant, verpflichtet Sie, die Aufgaben zu übernehmen, für die Sie geeignet sind und zu denen Sie eingeteilt werden“, entgegnete Pleasonton scharf. „Kluge Köpfe wie Sie sind dringend notwendig, um den Krieg nicht vorsätzlich in die Länge zu ziehen. Und wenn Sie es geschafft haben, die Rebellen in Dover zur Räson zu bringen, dann sind Sie für das Oberkommando unentbehrlich!“

„Sir, ein Offizier – gleich welchen Ranges – ist nur so gut, wie die Leute, die er hat“, gab Robert zu bedenken. „Rechnen Sie das bitte ein, wenn Sie meinen, dass ich allein die Lorbeeren ernten soll, die andere mit mir gepflanzt haben. Ohne meine Leute bin ich nicht die Hälfte wert, Sir“, spielte er seine eigene Rolle herunter. „Was die Rebellen in Dover anbelangt: Wir haben die Leute nicht zur Räson gebracht, nicht unterdrückt, wir haben ihnen geholfen, Sir. Das wiegt ab und zu mehr als Waffengewalt. Es widerstrebt mir als amerikanischem Offizier, amerikanischen Bürgern ihr Hab und Gut wegzuplündern, wie es hier geschehen ist“, setzte er hinzu.

„Ich denke, wir sollten das testen, ob Sie ohne ihre Männer wirklich nur die Hälfte wert sind. Ob es Ihnen passt oder nicht: Sie sind von heute an Captain und gehören zu meinem Stab“, versetzte Pleasonton kühl.

„Ich gehorche, Sir, aber ich bitte Sie, dass ich hier noch meinen Nachfolger in die von mir begonnenen Tätigkeiten einführen darf, bevor ich meine Arbeit in Ihrem Stab aufnehme. Außerdem benötige ich noch die Erlaubnis des behandelnden Arztes, dass ich wieder reiten darf. Sonst haben Sie vielleicht nicht viel von mir, wenn ich mit einer Lähmung aus dem Sattel kippe“, bat Robert um Aufschub. Pleasonton sah ihn verwundert an.

„Sie sind nicht gesund? So sehen Sie nicht aus!“

„Ich habe am Antietam eine Kugel in den Bauch bekommen, die an der Wirbelsäule stecken geblieben ist. Zwei Wirbel sind dadurch angekratzt. Bei zu großer Belastung, speziell beim Reiten, kann es zu einem Bruch eines der beiden Wirbel kommen. Die Folge wäre, dass ich gelähmt bin – und bleibe. Falls Sie es mir nicht glauben, erkundigen Sie sich bei Dr. Craig, in dessen Behandlung ich immer noch bin“, sagte Robert. Pleasonton seufzte. Eine nicht auskurierte Verwundung setzte die Sache in ein anderes Licht.

„Na gut. Ich will Ihnen nicht befehlen, zum Krüppel zu werden, Lieutenant. Erholen Sie sich erst vollständig. Sie melden sich bei mir, sobald die Folgen Ihrer Verwundung beseitigt sind“, erwiderte der General. „Falls Ihr Regiment dann noch zu meinem Korps gehört“, setzte er hinzu.

„Ist eine Umgruppierung geplant, Sir?“, fragte Robert. Pleasonton nickte.

„Grant baut ein eigenes Kavalleriekorps auf. Weil die 7th US-Cavalry schon im Westen Tennessees ist, möchte er das Regiment gern haben. Ich gebe es ungern her, denn dieses Regiment ist das Beste, was ich habe. Gerade deshalb will ich Sie unbedingt in meinem Stab haben. Sie sind besser als Custer, weil Sie nicht so hitzköpfig sind, Bennett. Ich weiß sehr wohl, wer Sie sind. Mir ist bekannt, dass eigentlich Sie die Schwadron geführt haben, deren Ruf in der ganzen Army of the Potomac kursiert. Ihr Name ist in der Armeeführung besser bekannt als Sie ahnen. Sie werden hier unnötig verheizt. Ihre Talente sollten Sie höheren Ortes nutzen können“, erklärte Pleasonton. Robert dachte einen Moment nach. Einem Major-General direkt unterstellt zu sein konnte seine Vorteile haben.

„Gut, Sir, Sie haben mich überzeugt. Wenn meine Knochen wieder kuriert sind und das Regiment Ihres bleibt, komme ich in den Korpsstab“, sagte der Lieutenant dann. Pleasonton sagte nichts, sondern reichte Bennett junior die Hand.

Am selben Abend sprach Robert bei seinem Vater vor, weil er auf seinen Antrag auf Heiratsgenehmigung noch nichts gehört hatte.

„Nein, den habe ich noch nicht unterschrieben, Robert“, antwortete der Colonel auf die Frage seines Sohnes.

„Aha. Und warum nicht?“, erkundigte sich der.

„Robert – du bist nicht mal vierundzwanzig, du bist noch nicht mal verlobt. Was willst du jetzt schon mit einer Heiratsgenehmigung, wenn doch noch mindestens ein Jahr vergeht, bevor du überhaupt heiraten kannst?“

„Dad, ich kenne den bürokratischen Instanzenweg, den so ein Antrag nimmt. Wenn ich ihn nicht jetzt schon stelle, können Susan und ich nicht nach Ablauf der offiziellen Verlobungszeit heiraten – jedenfalls nicht gleich. Und ich mag nicht mehr ohne sie sein.“

„Ohne Verlobung leite ich den Antrag nicht weiter“, entschied der Colonel.

„Das heißt, sobald wir verlobt sind, gibst du das Ding weiter, ja?“

Frederick nickte.

„In Ordnung. Dann halte dir den 20. Februar bitte frei. Susan hat Geburtstag. Wir werden das mit unserer Verlobung verbinden.“

„Aber, Junge, hör’ mal. Dazu müsste doch wenigstens Gwendolyn Craig noch eingeladen werden!“, protestierte Frederick.

„Diesmal, Daddy, stellen Susan und ich Gwendolyn vor vollendete Tatsachen. Für eine Verlobung braucht Susan gottlob kein Einverständnis ihrer Eltern mehr. Davon abgesehen, ist ihr Vater sehr mit mir als künftigem Schwiegersohn einverstanden. Und eine große Feier ist auch nicht vonnöten. Der Rahmen ihres Geburtstages genügt völlig.“

Frederick maß seinen Sohn mit einem forschenden Blick.

„Wenn du es so eilig hast, verstehe ich nicht, warum du nicht schon längst verlobt bist. Seit deiner Verwundung sind fünf Monate vergangen. Du warst die ganze Zeit mit ihr zusammen. Hat sich keine Gelegenheit für euch ergeben?“, fragte er. Robert grinste.

„Erwartest du jetzt, dass ich dir detailliert erzähle, was Susan und ich in den letzten fünf Monaten gemacht haben? Daddy, ein Gentleman genießt und schweigt“, erwiderte er. Fredericks Augen weiteten sich.

„Besteht Anlass zur Sorge? Deiner Braut wegen?“, fragte er erschrocken. Robert sah eine Möglichkeit, seinen Vater dazu zu bringen, den Antrag zu beschleunigen, aber er war zum Schwindeln in dieser Sache zu ehrlich.

„Wenn ich behaupten würde, Susan sei schwanger – würdest du mir die Erlaubnis direkt geben oder würdest du mich unehrenhaft entlassen?“, erkundigte er sich. Frederick schüttelte unwillig den Kopf.

„Bevor ich jemanden wie dich gehen lasse, noch dazu unehrenhaft, würde ich den Dienstweg lieber vergessen und dir eine direkte Heiratserlaubnis geben. Ich würde dich notfalls vor den Traualtar prügeln, mein Sohn.“

„Unnötig. Susan und mir wäre der Termin vorgestern zum Heiraten recht, wenn du verstehst, was ich meine“, gab Robert lächelnd zurück.

„Aargh! Verlob’ dich bloß, bevor auch dafür noch eine Genehmigungspflicht eingeführt wird!“, knurrte der Colonel. Robert salutierte und verließ das Amtszimmer seines Vaters.

Vier Tage darauf fand im Offizierskasino eine dreifache Feier statt: Susan Craig beging ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag, sie verlobte sich mit Robert Bennett – und Betty Bennett und Thomas Craig versprachen sich gleichfalls die Ehe. Die Verlobungsringe für beide Paare hatte Major Craig gestiftet. Colonel Bennett räusperte sich, als er mit seinen Verlobungsgeschenken vortrat. Die Verlobten sahen ihn verwundert an, denn er hatte nichts in der Hand. Frederick winkte Captain Bruce heran, der keine Ahnung hatte, was der Colonel von ihm wollte. Die Handbewegung von Colonel Bennett beorderte ihn neben Susan Craig, die Roberts Arm schon seit wenigstens einer Stunde nicht mehr losließ. Der nächste Wink des Colonels befahl Frank Craig an seine Seite, der zwei schmale Kästchen unter dem Arm trug und drei etwa doppelt so breite Kästchen in der rechten Hand hielt, in der linken hatte er zwei kleine Tüten.

„Also, Kinder. Zunächst – ich freue mich, dass ihr euch die Ehe versprechen wollt. Es mag üblich sein, zu solchen Anlässen Blumen zu schenken, doch ist das im Februar noch schwierig. Meine Blumensträuße sind deshalb recht trocken ausgefallen, aber vielleicht nützlicher als Blumen in der Vase: Für dich, Susan und dich, Betty daher eine Tüte mit getrockneten Blüten, aus denen Ihr Tee kochen könnt, wenn es eure Männer wieder einmal so hart trifft wie vor fünf Monaten – was Gott verhüten möge“, begann Frederick seine Gratulation. Frank überreichte den überraschten Mädchen je eine Tüte mit Kräutern.

„Kräuter sind dennoch vergänglich, weil sie auch nicht ewig reichen“, fuhr er dann fort. „Susan, Betty: Eure Verlobten verdanken euren Bemühungen, dass sie überhaupt noch leben. Ich weiß selbst, was es für unsere Krankenschwestern bedeutet, Verwundete zu pflegen. Unser Lazarettpersonal, da wird Dr. Thomas mir Recht geben, besteht aus Helden spezieller Art – und dazu gehört ihr beide ganz besonders. Orden gibt es für eure Tätigkeit leider – noch – nicht, obwohl ihr sie mehr verdient hättet als mancher andere. Ich habe mir daher erlaubt, euch ein kleines Präsent schnitzen zu lassen, das ein persönlicher Orden sein soll. Frank, gib mir die kleinen Kästchen.“

Frank gab dem Colonel die beiden schmalen Kästchen. Frederick öffnete sie. Zwei runde Kameebroschen aus Opal kamen zum Vorschein, etwa drei Inch im Durchmesser. Die eine zeigte Susans Profil und darüber war ein winziger Äskulapstab eingeschnitzt, die andere zeigte in gleicher Weise Betty Bennett. Die Mädchen nahmen die Broschen mit glückstrahlenden Gesichtern an. Frederick umarmte die jungen Frauen, wünschte ihnen Glück.

„Zu euch, Jungs: Robert, du hast mir nach deiner Verwundung gesagt, dass es Helden nach deiner Meinung nicht gibt, sondern nur mehr oder weniger Verrückte. Es gibt Zeiten, da teile ich deine Meinung. Nichtsdestoweniger gibt es in der Armee ein paar Leute, die hartnäckig an Heldentum glauben. In diesem Falle gehöre ich auch dazu. Was ihr am Antietam getan habt, war nicht eure normale Aufgabe, es war sehr viel mehr. Und das gilt für euch alle drei. Captain Barry Bruce, Sie feiern heute zwar nicht Verlobung, weil Sie schon lange verheiratet sind, dennoch gibt es etwas zu feiern für Sie. Sie sind zu Ihren Offiziersspangen einmal gekommen wie die Jungfer zum Kind. Ich habe Sie einmal ins kalte Wasser werfen müssen, und Sie haben schwimmen gelernt. Es ist an der Zeit, Ihnen eine längst überfällige Belohnung zu geben. Frank, die erste Kiste bitte.“

Frank Craig gab Colonel Bennett das oberste Kästchen. Er öffnete es, der Deckel gab den Blick auf ein Paar Schulterklappen in der gelben Farbe der Kavallerie, die an den Enden mit je einem goldfarbenen Eichenblatt bestickt waren – die Abzeichen eines Majors. Daneben lag ein Orden, eine Ehrenmedaille, die Congressional Medal of Honor, der höchste militärische Orden, den die Vereinigten Staaten zu vergeben hatten. Bruce sah ungläubig auf den Inhalt des Kästchens, sah sich dann verwirrt um, ob nicht ein Namensvetter hinter ihm stand, der eigentlich gemeint war.

„Major Bruce, ich darf Ihnen herzlich gratulieren. Sie werden das Bataillon von Major Callahan übernehmen, der ins Kriegsministerium wechselt“, gratulierte der Colonel.

„Da… danke, Sir. Zu viel der Ehre“, murmelte Bruce. „Aber mit dem Orden ist doch eher ein Unteroffizier zu bedenken, der ich eigentlich bin, oder nicht?“, grinste er dann verlegen.

„Major Bruce, Sie sind seit vielen Jahren kein Sergeant mehr. Dieser Orden, das ist richtig, wurde bisher an Unteroffiziere oder Mannschaften verliehen. Sie sind der erste Offizier, der ihn erhält. Noch ist es nicht ganz offiziell, aber ab Anfang März soll die Auszeichnung auch für Offiziere zugänglich sein. Ich habe sie mit einiger Mühe schon für heute bekommen können“, erklärte Colonel Bennett, nahm den Orden aus dem Kästchen und befestigte ihn an der linken Seite von Bruces Uniformjacke, schüttelte dem Ausgezeichneten die Hand.

„First-Lieutenant Robert Bennett:“, fuhr er dann derart förmlich fort, dass Robert sich verstohlen umsah und ein Mauseloch suchte, in das er verschwinden konnte.

„Barry Bruce hat Ihnen alle Freiheiten gelassen, die ein Offizier sich nur wünschen kann. Er hat gut daran getan. Ihr Ideenreichtum und Ihre persönliche Tapferkeit hat die Army of the Potomac gerettet. Solange Major Bruce Ihr Schwadronschef war, haben Sie sich strikt geweigert, ihm sein Kommando streitig zu machen. Das ehrt Sie besonders. Dieser Grund entfällt nun – und von dieser dämlichen Wette wollen wir nie wieder etwas hören! Frank, Kiste Nummer zwei, bitte.“

Frank Craig grinste über das ganze Gesicht, als er dem Colonel das zweite Kästchen gab. Frederick klappte es auf. Ein Paar gelbe Schulterklappen mit je zwei goldfarbenen Balken an den Enden lagen neben einer Ehrenmedaille.

„Captain Robert Bennett, die neue C-Schwadron ist Ihre Schwadron. Und die Ehrenmedaille als Anerkennung für Ihre persönliche Einsatzbereitschaft. Herzlichen Glückwunsch, mein Junge!“, gratulierte Frederick seinem Sohn. Mit Tränen in den Augen umarmte er den jungen Mann, der die Umarmung gerührt erwiderte.

„Ich bin sehr stolz auf dich, Bobby“, setzte Frederick noch hinzu und befestigte die Medaille an Roberts Uniform.

„Danke, Daddy“, erwiderte Robert – recht mühsam, wie es schien. Erst Susans Glückwunschkuss bewies ihm, dass er nicht träumte.

„Second-Lieutenant Thomas Craig:“, wandte der Colonel sich dann an Thomas, der nicht ganz so verlegen war wie Robert und Barry – er hatte mit Blick auf das letzte Kästchen mit neuen Schulterklappen gerechnet. „Sie haben immer in der zweiten Reihe gestanden – weil Sie es selbst so wollten. Denn auch Sie hätten längst mehr verdient. Ihre mutige Attacke am Antietam hat es möglich gemacht, dass die rettenden Barrikaden fertig werden konnten. Einen Lohn haben Sie dafür schon bekommen, denn meine Tochter wäre lieber heute als morgen Ihre Frau. Vater Staat sollte da nicht zurückstehen. Frank, Kiste Nummer drei!“

Frank gab Frederick das letzte Kästchen, das er noch in der Hand hielt. Frederick öffnete es. Die Schulterklappen eines Captains wurden sichtbar, nebst einer Ehrenmedaille.

„Captain Thomas Craig, die verwaiste D-Schwadron braucht einen neuen Chef. Sie könnte keinen Besseren bekommen als Sie. Und die Medaille als Anerkennung für eine persönliche Tapferkeit, die nicht viele zeigen.“

Wie zuvor ließ Colonel Bennett es sich nicht nehmen, die Medaille an Toms Uniform zu befestigen. Er schüttelte ihm die Hand, umarmte seinen künftigen Schwiegersohn.

„Herzlichen Glückwunsch, mein Junge“, sagte er dazu, wandte sich dann an die beiden Verlobungspaare und den neuen Major:

„Euch allen alles Gute für eure Zukunft. Ich hoffe, Sie wird besser als jener 16. September letzten Jahres am Antietam.“

Donnernder Applaus der anwesenden Gäste und ein Tusch der Militärkapelle der 71st Ohio Infantry beendeten die Zeremonie, die Colonel Bennett sichtlich genossen hatte.

 

Kapitel 16

Neuer Beginn

 

Es war wieder März geworden. In Tennessee war der Schnee geschmolzen, der Tennessee- und der Cumberland-River führten wieder gefährliche Hochwässer. Die Tage wurden länger, der Frühling lag in der Luft. Gleich nach dem Morgenappell erschien Captain Robert Bennett im Amtszimmer des Colonels.

„Bevor ich zum Übungsritt losreite: Hast du den Antrag auf Heiratsgenehmigung abgeschickt?“, fragte er.

„Ja. Am Tag nach deiner Verlobung habe ich ihn auf den Weg gebracht. Junge, das dauert seine Zeit. Du erwartest doch nicht schon nach zwei Wochen Antwort?!“, erwiderte Frederick.

„Nein, natürlich nicht. Ich wollte auch nur sicher gehen, dass …“

Frederick winkte ab.

„Das musste ich schon tun, damit du mir nicht jeden Tag damit auf die Nerven gehst! Und jetzt rücken Sie endlich zum Übungsritt aus, Captain Bennett!“

Robert salutierte mit völlig unmilitärischem Lächeln und hatte keine fünf Minuten später das große Fort verlassen.

Zwei Tage darauf bat Robert den katholischen Feldkaplan, Father Higgins, um einen Termin und konnte noch am Nachmittag mit seiner Braut dort vorsprechen.

„Herr Kaplan, wir möchten heiraten und würden gern das Aufgebot bestellen“, begann Robert nach der Begrüßung. Der Kaplan nickte.

„Ich setze zunächst voraus, dass Sie beide katholischen Glaubens sind. Falls das nicht so ist, müsste der protestantische Teil von Ihnen konvertieren, weil eine Trauung sonst nicht möglich wäre“, gab Kaplan Higgins zu bedenken.

„Meine zukünftige Frau ist ebenfalls katholisch“, entgegnete Robert.

„Sehr gut. Um das Aufgebot zu bestellen, benötige ich Ihre Heiratserlaubnis, Captain. Haben Sie sie dabei?“

„Aber was hat denn Roberts Heiratsgenehmigung mit dem Aufgebot zu tun, Reverend Father?“, fragte Susan verblüfft.

„Ohne die Erlaubnis dürfte Captain Bennett nicht während des Krieges heiraten, Miss Craig. Als Feldkaplan unterliege ich nicht nur dem Kirchenrecht, sondern auch den militärrechtlichen Bestimmungen. Eine Ausnahme gäbe es nur dann, wenn für den militärischen Heiratskandidaten akute Lebensgefahr besteht, um der überlebenden Ehefrau Versorgungsansprüche zu sichern. Aber Captain Bennett sieht nicht aus, als schwebe er in Lebensgefahr“, gab der Kaplan zurück. Susan sah Robert einen Moment an.

„Wir hätten heiraten sollen, als du auf Onkel Lucas’ Operationstisch gelegen hast“, sagte sie mit nicht zu überhörenden Zynismus. Robert drückte sanft ihre Hand.

„Ich habe die Heiratsgenehmigung beantragt, der Antrag ist vor zwei Wochen nach Washington gegangen.“

„Der Antrag genügt nicht, Captain. Ich brauche die gültige Heiratserlaubnis, bevor ich überhaupt das Aufgebot aushängen darf.“

Robert seufzte.

„Fast würde ich sagen, Sie hätten sich mit meinem Vater verschworen. Aber Sie haben Ihre Vorschriften, Kaplan. Kennen Sie eigentlich den Schutzpatron der Aktenhengste?“

Verwirrt schüttelte der Kaplan den Kopf.

„Sankt Bürokratius lässt grüßen, Reverend Father Higgins. Ich komme mit der Genehmigung wieder. Guten Tag!“, grinste Robert, zog den Hut und verließ mit seiner Braut das Sakristeizimmer des Feldkaplans.

„Wie lange kann so eine Genehmigung auf sich warten lassen?“, fragte Susan, als sie über einen der großen Exerzierplätze zum Lazarett gingen, wo Susan ihren Tagdienst antreten wollte. Robert zuckte mit den Schultern.

„Offen gestanden, weiß ich es nicht. Ich weiß, dass Ronald die Heiratsgenehmigung beantragt hatte, kurz bevor wir aus Virginia wiederkamen. Ich habe aber nie die Genehmigung gesehen. Ich werde meinen Vater fragen. Vielleicht kann der etwas dazu sagen“, sagte Robert, küsste Susan und hielt ihr die Tür auf. „Sehen wir uns heute Abend zum Essen?“, fragte er dann.

„Gern. Holst du mich ab?“

„Wenn mir kein Alarm dazwischen kommt, bin ich um sechs Uhr hier“, versprach der junge Mann und ging fort.

Bevor er seinen eigenen Dienst antrat, erkundigte er sich bei Richard Craig, der ihm zufällig begegnete, danach, wie lange man etwa für die Erteilung einer Heiratserlaubnis rechnen musste.

„Schwer zu sagen, mein Junge. Das hängt immer sehr davon ab, wie die entsprechende Abteilung im Ministerium zu tun hat. In Friedenszeiten brauchst du den Wisch ohnehin nicht. Jetzt solltest du mit mindestens zwei Monaten rechnen, bevor jemand deinen Antrag überhaupt in die Hand nimmt“, gab Major Craig Auskunft.

„Danke, Sir“, erwiderte Robert seufzend. Zwei Monate? Das erschien ihm viel zu lang! Während er zu den Stallungen ging, überlegte er, was zu tun war, um die Frist zu verkürzen. Schließlich kam ihm der Gedanke, den Pfarrer in Dover um die Trauung zu bitten.

Eine Woche später fand sich für die Verlobten Gelegenheit, nach Dover zu fahren. Susan wollte ihren Onkel besuchen, der sich zurzeit wieder verstärkt um seine Praxis kümmern konnte, weil im Fort nur wenige Kranke waren, die Dr. Thomas auch allein behandeln konnte. Seinen Assistenzarzt Smith hatte Thomas zur Entziehungskur nach Washington geschickt. Nach dem Besuch bei Onkel Lucas fuhren die jungen Leute zur Kirche weiter und baten um ein Gespräch mit dem Reverend. Der baptistische Prediger ließ sie einen Moment warten, bis er Zeit für das Paar hatte.

„Guten Tag, meine Kinder. Was kann ich für euch tun?“, fragte er dann salbungsvoll. Robert lächelte ihn freundlich an.

„Wir möchten heiraten, Reverend. Deshalb an Sie die Frage, ob Sie uns trauen würden?“, sagte er. Der Prediger musterte den Offizier und seine Braut.

„Es ist ungewöhnlich, dass ein Offizier sich nicht von seinem zuständigen Feldgeistlichen trauen lässt“, sagte er langsam.

„Reverend, es ist uns herzlich egal, wer uns traut. Uns geht es im Moment darum, dass das Aufgebot ausgehängt wird, damit wir, wenn die Heiratsgenehmigung für meinen Verlobten eintrifft, gleich heiraten können“, warf Susan ein.

„Ist das so zu verstehen, dass ich das Aufgebot für Sie aushängen soll und der Feldgeistliche dann die Trauung vornimmt? Captain, das geht nicht“, erwiderte der Geistliche.

„Das wissen wir. Wenn Sie das Aufgebot herausgeben, würden wir uns auch hier in Dover von Ihnen trauen lassen“, wehrte Robert ab.

„Warum will mein Bruder im Geiste das Dokument nicht aushängen?“, erkundigte sich der Reverend.

„Er ist in die Bürokratie der Army eingebunden, Sir. Nach den Armeevorschriften darf ein Feldgeistlicher ein Aufgebot erst aushängen, wenn der Soldat eine gültige Heiratsgenehmigung hat. Die liegt aber noch nicht vor. Deshalb wenden wir uns an Sie als einen nicht an die Armeevorschriften gebundenen Geistlichen.“

„Verstehe, Captain. Ja, ich hänge Ihr Aufgebot aus. Ich benötige noch einen Taufschein, aus dem hervorgeht, dass sie der Freien Evangelischen Kirche der Baptisten angehören, und dass Sie unverheiratet sind“, sagte der Geistliche und zückte einen Notizzettel.

„Das mit dem Taufscheininhalt unverheiratet ist kein Problem, Sir. Aber wir gehören nicht der Baptistengemeinde an. Wir sind beide Katholiken. Ist das ein Hindernis?“, erkundigte sich Robert.

„Das ist kein Hindernis, Captain, das ist ein Problem“, erwiderte der Reverend. „Ich darf nur Angehörige meiner Kirche verheiraten. Ihre Ehe wäre nicht gültig, wenn ich die Trauung vornehme, solange Sie nicht beide in die Kirche der Baptisten eintreten. Sie sollten sich an Father John wenden. Er ist katholischer Priester und könnte Sie ohne Schwierigkeiten trauen“, empfahl der Reverend.

„Das ist das Problem. Father John ist inzwischen ebenfalls Militärpfarrer, kann also auch nicht über den Schatten des Sankt Bürokratius springen“, seufzte Robert.

„Nun, wenn es Ihnen nicht widerstrebt, sich vorerst nur standesamtlich vom Friedensrichter trauen zu lassen und die kirchliche Trauung nachzuholen, wenn Ihre Heiratsgenehmigung vorliegt, sollten Sie mit dem Friedensrichter sprechen“, gab der Geistliche einen Tipp. Robert und Susan bedankten sich höflich und verließen die evangelische Kirche.

Das Büro des Justice of the Peace war nicht weit von der Kirche entfernt. Doch noch bevor Robert klopfen konnte, kam bereits ein Gewehrlauf aus dem seitlich von der Tür gelegenen Fenster.

„Mach’, dass du wegkommst, verdammter Yankee! Mitsamt deinem Flittchen!“, knurrte eine tiefe Stimme. Robert schob Susan instinktiv hinter sich, um sie vor dem drohenden Gewehr zu schützen.

„Guten Tag, Sir. Wir wollten zum Friedensrichter“, sagte er dann mit mühsamer Beherrschung.

„Den habt ihr gefunden, verdammt noch mal. Aber ich bin für Yankees nicht zuständig“, wetterte der Justice of the Peace.

„Sir, nehmen Sie das Gewehr weg, Ich bin nicht bewaffnet und habe nicht die Absicht, Sie zu bedrohen“, bat der junge Captain.

„Dein Pech, Söhnchen. Mit Yankees fackel’ ich nicht lange. Mir habt ihr nur einmal die Bude ausgeräumt!“, schnaubte der Richter.

Der Hahn des Gewehrs knackte metallisch, als der Richter ihn spannte. Robert griff durch das offene Fenster beherzt zu, drehte das Gewehr weg, so dass der Schuss wirkungslos in die Holzwand knallte. Ohne große Mühe wand er dem älteren Richter das Gewehr aus der Hand, stellte es außen an der Hauswand ab, als er es sorgsam entladen hatte. Susan sah sein Tun mit schreckgeweiteten Augen.

„Ich denke, jetzt können wir normal miteinander reden, Sir. Miss Craig und ich möchten heiraten und würden Sie bitten, das Aufgebot auszuhängen“, sagte Robert dann. Der Friedensrichter schnaubte verächtlich.

„Wie komme ich dazu, euch zu verheiraten? Sucht euch gefälligst einen Yankee dafür!“

„Sie sind Friedensrichter. Also können Sie eine Trauung vornehmen. Mehr wollen wir auch nicht, Sir“, erklärte Robert.

„Nein! Schert euch weg! Yankees verheirate ich nicht!“

„Na gut, ich kann Sie nicht dazu zwingen, Sir, aber Ihrem Ansehen als Friedensrichter dient Ihre recht kriegerische Haltung nicht. Guten Tag, Sir!“, versetzte Robert kühl.

Er bot Susan den Arm und ging mit ihr die Straße zurück zur Kirche, wo sie ihre Kutsche geparkt hatten.

„Hochzeit mit Hindernissen!“, seufzte er, als er ihr in den Einspänner half. „Der eine kann das Aufgebot aus verwaltungstechnischen Gründen nicht aushängen, der nächste kann es aus religiösen Gründen nicht und der Dritte will es aus politischen Gründen nicht. Ich fasse es nicht.“

Unverrichteter Dinge machten sie sich auf den Weg zurück ins Fort. Es blieb nichts anderes, als auf die Genehmigung zu warten und dann erst das Aufgebot zu bestellen.

„Robert – sei nicht enttäuscht“, sagte Susan, als sie zurückfuhren. „Du hast mir bewiesen, dass es dir sehr ernst ist. Ich weiß das zu schätzen – und ich habe auch die Geduld, auf die Heiratsgenehmigung zu warten“, beruhigte Susan ihren Verlobten. Robert seufzte tief.

„Danke, das ist sehr nett von dir. Mir ging es aber nicht darum, dir meine ernsten Absichten zu demonstrieren, sondern darum, das Aufgebot auszuhängen. Ich muss damit rechnen, wieder ins Feld geschickt zu werden – und bis dahin wollte ich eigentlich mit dir verheiratet sein“, erwiderte er.

„Möchtest du mich auf Nummer sicher haben oder …?“, fragte Susan nach. Robert schüttelte den Kopf.

„Nein, ich misstraue dir nicht, Schatz. Aber ich möchte, dass du versorgt bist, wenn mir etwas zustoßen sollte. Antietam war eine deutliche Warnung.“

„Bobby, deshalb brauchst du dich nicht so zu beeilen. Ich wäre nicht auf die wenigen Dollars angewiesen, die die Army für Witwen herausrückt. Aber ein Leben ohne dich würde mir nicht mehr viel bedeuten. Mir wäre es lieber, wenn du vorsichtiger wärst als bei Sharpsburg“, sagte sie. Robert lächelte sie liebevoll an.

„An mir allein liegt’s nicht, mein Schatz. Ich habe Major Lewis in eine Richtung geschleppt, in der ich keinen Graurock gesehen habe. Trotzdem haben mich die Kugeln von vorn getroffen. Dieser Krieg, Susan, hat nichts mit dem gemein, was man uns auf der Akademie beigebracht hat. Es ist hier nicht die Regel, dass zwei Armeen aufeinander zugehen, sich beharken, bis einer kleinbei gibt – und dann war’s das. Nein, wir haben mit Heckenschützen zu rechnen. Darauf hat uns niemand vorbereitet. Das ist ein erhebliches Problem in diesem Konflikt.“

„Und du sagst, ich soll mir keine Sorgen um dich machen! Spaßvogel!“, gab Susan zurück.

Robert legte ihr sanft den Arm um die Schultern und zog sie an sich, behielt die Zügel locker in der linken Hand. Rover trabte folgsam weiter.

„Nein, das solltest du wirklich nicht“, sagte er leise. Susan legte den Kopf an seine Schulter.

„Du könntest wieder verwundet werden, oder gar in Gefangenschaft geraten – vielleicht auch …“

Sie brach mitten im Satz ab. Nein, das konnte sie nicht aussprechen. Er schüttelte den Kopf und streichelte sie leicht.

„Wenn ich verwundet werden sollte, bin ich wieder bei dir. Es wäre nicht die schönste Art, heimzukommen, aber immer noch besser, als tot. Und sollte ich einmal vermisst werden, Susan, mach’ dir um Gottes Willen keine Sorgen! Wenn sie mich schnappen, werde ich nichts unversucht lassen, um aus einem Gefangenenlager wieder auszubrechen, das verspreche ich dir“, flüsterte er sanft in ihr Haar.

„Das sagst du so!“, entfuhr es der jungen Frau. „Ich habe Leute gesehen, die ausgetauscht wurden! Denen konntest du die Rippen im Leib zählen! Bobby, das wünsch’ dir lieber nicht.“

„Ich wünsche es mir beileibe nicht. Aber ich kann die Möglichkeit genauso wenig ausschließen, wie eine Verwundung – oder noch Schlimmeres. Es ist besser, darauf eingerichtet zu sein, mein Schatz. Dann ist es jedenfalls kein Blitz aus heiterem Himmel, schlimmstenfalls eine böse Nachricht. Aber mein Versprechen gilt: Ich reiße aus und bin bald wieder hier.“

Susan lächelte schweigend. Ein solches Versprechen zu halten, würde sicher die schwerste Aufgabe sein, die Robert sich stellen konnte. Dass er es versuchen würde, zweifelte sie nicht an, doch sie hatte ihre Zweifel, dass es ihm gelingen würde, erfolgreich aus einem dieser scharf bewachten Gefängnisse auszubrechen. Im Augenblick wollte sie ihm nicht widersprechen, weil sie den Gegenbeweis jetzt nicht führen konnte. Und gleichzeitig betete sie, dass sie es nie tun brauchte.

In den folgenden Wochen widmeten sich die jungen Leute ihren normalen Tagesaufgaben. Robert war mit der Ausbildung seiner neuen Rekruten und seiner Adjutantentätigkeit beschäftigt, während Susan sich der Pflege der Kranken und Verwundeten widmete. Dr. Thomas hatte sie zur OP-Schwester ausgebildet, als er während des Winters einige Wochen relativ wenig zu tun gehabt hatte.

Die Grundausbildung der Neuen in der C-Schwadron nahmen Robert jetzt im Wesentlichen seine Sergeants ab, unter denen Evans und Cologgia mit besonderem Einfühlungsvermögen glänzten. Bei den Rekruten hatte sich einiges verändert. 1861 waren es alles Freiwillige oder Berufssoldaten gewesen, die die neuen Regimenter gebildet hatten. Nach den verlustreichen Schlachten des letzten Jahres – Bull Run, Antietam, Fredericksburg – hatte sich die Lage für die Werbeoffiziere stark verschlechtert. Längst nicht mehr so viele junge Männer glaubten an die falschen Versprechungen von Abenteuer und Lagerfeuerromantik. Die Zeitungen hatten sie eines erheblich Besseren belehrt. Zwar war es noch nicht möglich, das neue Medium Fotografie in der Zeitungspresse umzusetzen, aber es gab sehr gute Zeichner, die das Geschehen auf den Schlachtfeldern, in Kasernen und Lazaretten wenig schmeichelhaft wiederzugeben wussten.

Um keinen ernsthaften Einbruch bei den Neuzugängen zu erleiden hatte der Norden im März 1863 eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt, eine Maßnahme, zu der die Konföderation schon im Sommer 1862 hatte greifen müssen. In beiden Teilen der amerikanischen Staaten hatte diese freiheitsfeindliche Gesetzgebung Unruhen und Straßenschlachten ausgelöst. Dennoch hielten beide Regierungen an ihren Konskriptionsgesetzen fest. Im Norden wie im Süden gab es aber die Möglichkeit, sich durch Zahlung einer nicht ganz unerheblichen Summe Geldes freizukaufen oder einen Ersatzmann zu stellen – Besserstellung für Reiche.

Unter den Reichen, die es sich hätten leisten können, dem Finanzminister eine gehörige Geldspritze zur Anwerbung von Ersatzleuten zu geben, statt selbst eine Waffe in die Hand zu nehmen, war auch Gary Hart, der Hauptlieferant für Kavalleriepferde. Seit er Robert Bennett Rover verkauft hatte, konnte Hart sich vor Aufträgen aus dem Kriegsministerium nicht mehr retten. Trotz seiner an sich kriegswichtigen Tätigkeit hatte Hart einen Einberufungsbescheid erhalten. Gary Hart gehörte nicht zu den Leuten, die sich sträubten, für ihre Überzeugungen einzustehen. Schon längere Zeit hatte er sich mit dem Gedanken getragen, wie sein Cousin und sein Neffe Soldat der Union zu werden. Seine Pferde hatten ihn davon abgehalten. Nun lag der Bescheid vor ihm, der ihn zu einer Fußartillerieeinheit befahl – als gewöhnlichen Gunner. Die Tatsache, als einfacher Soldat eingezogen zu werden, widerstrebte dem erfolgreichen Geschäftsmann Hart wesentlich mehr als der Umstand, dass man ihn von seinen Pferden wegholen wollte.

Mit der Einberufung in der Hand ging Gary Hart nicht etwa ins nächstliegende Werbebüro, sondern fuhr direkt nach Washington und bat um einen Termin bei Colonel Harris.

„Tag, Mr. Hart. Was kann ich für Sie tun?“, fragte Harris, als Hart in sein Büro kam. Hart setzte sich und legte den Konskriptionsbescheid auf den Tisch.

„Das, Sir, habe ich vor ein paar Tagen bekommen und es hat mir fast die Stiefel ausgezogen. Was soll das?“, fragte Hart. Harris sah schon am Briefkopf, um was für ein Dokument es sich handelte.

„Sie sind einberufen worden, Mr. Hart. Aber bei mir sind Sie an der falschen Adresse. Ich bin nur für die Beschaffung von Pferden verantwortlich, nicht für das Personal“, erwiderte Harris.

„Weiß ich, Colonel. Was mich wundert, ist, dass die Army so versessen darauf ist, mich als militärisch ahnungslosen Menschen ausgerechnet in die Artillerie zu stecken. Ich hab’ ja nichts dagegen, meinem Vaterland zu dienen – in der gegenwärtigen Situation ist das eher eine patriotische Pflicht – aber wenn schon, möchte ich ein eigenes Kavallerieregiment“, entgegnete Hart.

„Mr. Hart, Sie sagten doch gerade, dass Sie ein militärischer Laie sind. Wie kommen Sie dann zu der Erkenntnis, dass Sie fähig wären, ein ganzes Kavallerieregiment zu führen?“, erkundigte sich Harris und zündete sich eine Zigarre an, bot Hart eine an, der sie auch gern annahm.

„Colonel Harris: Ich bin ein erfolgreicher Geschäftsmann und bin es gewohnt, Anweisungen zu geben, nicht Befehle zu empfangen!“, protestierte Hart.

„Man gewöhnt sich an alles, Mr. Hart. Auch daran, Befehle zu empfangen und auszuführen. Aber davon abgesehen: Auch ein Colonel wie ich ist immer noch ein Befehlsempfänger, nicht der Armeechef persönlich“, gab Harris zu bedenken.

„Colonel, ich wehre mich ja nicht grundsätzlich dagegen, meine Pflicht zu tun. Aber ich lasse mich nicht zum Gunner Nobody degradieren. Machen Sie den Leuten hier im Ministerium klar, dass ich nicht ein namenloser Irgendwer bin, sondern der Lieferant für Kavalleriepferde! Wenn die Army mich unbedingt haben will, will ich zur Kavallerie. Und da will ich nicht der letzte Arsch sein, verstanden?“, fauchte Hart. Harris lehnte sich über den Tisch und sah Hart einen Moment durchdringend an.

„Mr. Hart: Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass Sie wohl mein Geschäftspartner als Pferdehändler sind, aber nicht mein Chef! Diesen Ton verbitte ich mir!“, erwiderte Harris scharf.

Hart schwieg erschrocken. Er hatte seinen Geschäftspartner gerade wie den letzten seiner angestellten Zureiter behandelt!

„Nun gut. Ich habe mich im Ton vergriffen. Entschuldigen Sie, Colonel. Es wäre mir lieb, wenn Sie auf die zuständigen Stellen entsprechend einwirken könnten“, zog Hart sich zurück.

„Wie meinen Sie das?“, fragte Harris harmlos nach.

„Nun, dahin, dass ich zur Kavallerie komme und ein Paar Offiziersspangen auf den Schultern habe“, präzisierte Hart.

„Mr. Hart, wir stehen nicht mehr am Anfang des Krieges, als die ganze Armee aus fünfzehntausend Mann bestand, von denen auch noch fast die Hälfte zu den Rebellen überlief und wir eine ganze Armee praktisch aus dem Boden stampfen mussten. Damals, Mr. Hart, war es noch möglich, dass ein militärischer Laie ohne Zicken Offizier werden konnte. Inzwischen sind die Anforderungen höher geworden und man kann sich die Schulterklappen nicht mehr einfach kaufen“, entgegnete Harris kühl.

„Dann muss ich von meinem Recht als Konskribierter Gebrauch machen, einen Ersatzmann zu stellen oder eine entsprechende Summe zu zahlen. Ich habe kein Interesse, mich von irgendwelchen Habenichtsen herumkommandieren zu lassen, nur weil sie ein paar Tage länger dabei sind. Ich bin es nicht gewohnt Anweisungen zu bekommen, ich gebe sie, Colonel“, versetzte Hart.

„Möglich, aber nicht mir!“, gab Harris zurück. „Und was Ihre Einberufung anbelangt, sage ich Ihnen noch einmal: Sie sind bei mir an der falschen Adresse. Wenn es um die Modalitäten Ihres Armee-Eintritts geht, wenden Sie sich an die dafür zuständige Personalabteilung“, erwiderte Harris betont distanziert.

Hart stand auf.

„Na gut. Ich hatte gehofft, Sie wären vernünftiger, Colonel Harris. Dann muss die Army sehen, woher sie ihre Pferde bekommt. Unter diesen Umständen sehe ich mich nicht in der Lage, mit der Army noch Geschäfte zu machen“, schnaubte er.

„Mr. Hart, Sie sollten diese Geschäftsbeziehung nicht vorschnell aufgeben, nur weil Sie eine Einberufung zu einem Ihnen nicht genehmen Truppenteil bekommen. Jemand anders könnte Ihren Platz als Hauptlieferant der Army einnehmen“, warnte Harris. „Es gibt noch ein paar andere Pferdezüchter, die unsere Anforderungen erfüllen.“

„Wollen Sie mir drohen?“, fuhr Hart auf.

„Nein, genauso wenig wie Sie mir“, lächelte Harris.

Hart ließ sich ertappt wieder auf den Stuhl fallen.

„Mal unter Geschäftspartnern: Was würden Sie mir raten zu tun?“, fragte Hart ernüchtert. Harris lächelte gewinnend und hintergründig. Er hatte Hart dort, wo er ihn hinhaben wollte.

„Kommt darauf an, was Ihnen die Sache wert ist, Mr. Hart. Ich weiß, Sie lieben Ihre Pferde. Ich könnte es vielleicht arrangieren, dass Sie Ihre Pferde betreuen könnten – als Regimentsstallmeister eines Regiments, das fast ausschließlich Pferde aus Ihrer Zucht reitet. Ungefährlicher Job, praktisch nicht weisungsgebunden, ‘ne Menge Streifen auf dem Ärmel. Auch Sergeant wird man heute nicht mehr aus dem Stand“, lockte Harris.

„Und was wollen Sie dafür, Colonel?“, hakte Hart misstrauisch nach.

„Die Hälfte der Summe, für die Sie sich freikaufen könnten“, gab Harris seinen Preis bekannt.

„Das sind bei meinem Einkommen zwanzigtausend Dollar!“, protestierte Hart. Harris’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Sie zahlen an mich und werden Sergeant oder Sie haben ein paar unerfreuliche Jahre Knast vor sich. Einige Ihrer Pferde erfüllen ganz und gar nicht die zugesicherten Eigenschaften, Mr. Hart. Man könnte das auch Betrug nennen“, zischte Harris. Hart schluckte schwer. Wenn Colonel Harris eine solche – wenn auch unwahre – Behauptung aufstellte, konnte das für seinen Handel mit der Army fatale Folgen haben. Hart nickte zögernd.

„Und ich erwarte, dass Sie mir zu gegebener Zeit noch einen kleinen Gefallen tun, Mr. Hart. Aber wenn Sie je ein Wort über diese Unterhaltung verlieren sollten, geht es Ihnen schlecht. Das garantiere ich“, setzte Harris noch hinzu. Wieder nickte Gary Hart zögernd. Er bereute es, den Colonel überhaupt angesprochen zu haben. Er hätte sich besser an seinen vorherigen Ansprechpartner gewandt, sagte er sich. Lieutenant Bennett wäre gewiss nicht auf die Idee gekommen, ihn gleich zu erpressen.

Zehn Tage später stieg Sergeant Gary Hart in Tennessee Ridge aus dem Zug. Colonel Harris hatte ihm eingeschärft, sich wie normal zu geben, also den herrischen Geschäftsmann herauszukehren. Hart fuhr den ihn erwartenden Trooper gleich in einer Art an, die jedem Berufssergeant zur Ehre gereicht hätte:

„Trooper! Ihre Haltung ist saumäßig! Ihre Stiefel sind nicht geputzt und Ihre Mütze sitzt schief! Rücken Sie sie sofort gerade, oder ich sorge dafür, dass Sie die nächsten drei Wochen Kartoffeln schälen!“

Trooper O’Hara, neu in der Truppe, salutierte erschrocken, rückte die Mütze gerade und hielt dem neuen Sergeant das Pferd, das der Mann zu O’Haras Erstaunen gut zu kennen schien.

Im Fort nahm Captain Bennett als Adjutant des Colonels den neuen Sergeant in Empfang. Gary Hart war erschrocken und erleichtert zugleich.

„Mr. Hart! Haben Sie beim Pokern verloren oder weshalb hat man Sie eingezogen?“, fragte Bennett freundlich.

„Nein, ich wollte für meine Pferde da sein“, schwindelte Hart. Robert hatte einen ihm unbekannten Unterton in Harts Stimme wahrgenommen, aber er beließ es im Augenblick bei Harts Erklärung. Er war froh, dass Hart die Aufgaben im Stall übernahm, was die Sicherung der Versorgung von fast eintausendfünfhundert Pferden bedeutete, die zu zwei Dritteln aus Harts Zucht stammten. So ging er über den ungewissen Verdacht hinweg, der ihm gekommen war. Außerdem hätte er sich für die Aufgaben, die vom Regimentsstallmeister zu erledigen waren, niemand Besseren vorstellen können, als den Züchter persönlich. Hart atmete auf und überlegte, ob er sich nicht eines Tages dem Captain anvertrauen sollte, bevor Colonel Harris von ihm Dinge verlangte, bei denen sein Gewissen rebellieren musste.

Einige Tage später bat Hart Robert, ihm Rover als Deckhengst zur Verfügung zu stellen. Drei Stuten waren rossig und sollten Fohlen von Rover haben. Robert freute sich für seinen folgsamen Hengst und gönnte ihm das Vergnügen. Bei dem Gespräch mit Hart hatte Robert das Gefühl, dass Hart ihm noch etwas sagen wollte, aber der Sergeant war noch nicht so weit, dass er über Harris’ Erpressung sprechen mochte.

Es war Mitte April, als Robert einen lang ersehnten Brief in der Hand hielt. Er hatte seine Heiratsgenehmigung! Er ließ alles stehen und liegen und rannte ins Lazarett.

„Susan!“, rief er schon von der Tür. „Susy, wo steckst du?“

Dr. Thomas kam aus dem Ruheraum der Ärzte.

„Captain – das ist ein Lazarett und kein Exerzierplatz!“, mahnte er.

„Sorry, Sir. Ich suche Miss Craig“, bat Robert um Entschuldigung.

„Warten Sie einen Moment. Ich hole sie.“

Dr. Thomas verschwand hinter einem Paravent. Gleich darauf kam Susan aus dem OP.

„Ich hab’ die Genehmigung!“, sagte Robert, kam ihr entgegen und umarmte sie.

„Ehrlich?“, fragte sie ungläubig.

„Ja, mein Schatz. Wenn du Zeit hast, möchte ich jetzt gern das Aufgebot bestellen.“

Susan sah Dr. Thomas an, der ihr gefolgt war.

„Sie sind noch nicht weg, Schwester Susan?“, schmunzelte der Arzt.

Eilig verließen die jungen Leute das Lazarett und suchten den Feldgeistlichen auf.

„Father Higgins, wir möchten das Aufgebot bestellen.“

Higgins sah Robert über den runden Rand seiner Nickelbrille an.

„Ohne Heiratsgenehmigung kein Aufgebot, Captain“, erwiderte der Kaplan.

„Wir hatten darüber eingehend gesprochen, Reverend Father. Hier ist sie“, grinste Robert und legte Higgins das Dokument vor. Der Geistliche nickte und füllte das notwendige Formular aus.

„Ich gebe es telegrafisch nach Topeka und Dover. Hat einer von Ihnen beiden noch anderswo längere Zeit gewohnt?“

„Ja, ich war fünf Monate in Washington stationiert“, erwiderte der Captain.

„Dann werde ich auch ein Exemplar nach Washington telegrafieren. Das Aufgebot muss sechs Wochen aushängen. Haben Sie schon einen Hochzeitstermin geplant?“, erkundige sich der Priester.

„Heute ist der 15. April. Heute in sechs Wochen wäre der 27. Mai. Heute ist Mittwoch. Ich wäre für einen Samstag als Hochzeitstag. Das wäre dann der 30. Mai. Mai ist immer gut zum Heiraten, was meinst du, Susy?“, fragte Robert.

„Ja, sehr gut. Dann haben wir noch genügend Zeit, um Mutter, Onkel Lucas und Onkel Ben einzuladen. Alle anderen sind ohnehin im Fort. Fürs Hochzeitskleid reicht es ebenfalls noch. Einverstanden“, lächelte Susan.

Gleich zu Dienstbeginn des nächsten Tages legte Robert seinem Vater einen Urlaubsantrag mit dem geplanten Hochzeitstag und zwei Wochen Urlaub vor. Der Colonel sah auf das geplante Datum, griff in die Schublade und gab Robert wortlos zwei Schriftstücke. Das eine war eine telegrafische Anforderung der Army of Western Tennessee, zu der das Regiment seit Anfang April gehörte, mit der zwei Bataillone zum 1. Mai angefordert wurden, das andere war die schriftliche Bestätigung, dass das Bataillon A unter Major Craig mit den Schwadronen A, B, C und D und das Bataillon C unter Major Bruce mit den Schwadronen I, J, K und L am 29. April per Bahn nach Memphis/Tennessee geschickt würden. Robert las beide Papiere mit blankem Entsetzen.

„Großer Gott, Pa!“, entfuhr es dem jungen Captain.

„Es war keine Absicht. Hätte ich deinen Urlaubsantrag zwei Tage früher gehabt, hätte ich nach einer anderen Lösung gesucht. Ich weiß, was es dir bedeutet, mein Junge“, sagte Frederick. Es klang beinahe entschuldigend.

Robert war nahe daran, seinen Vater um Entsendung einer anderen Schwadron zu bitten, aber er wusste, dass es dafür zu spät war. Sein Vater hätte den Austausch einer Schwadron jetzt ausführlich begründen müssen. Und die geplante Hochzeit des Schwadronsführers stellte mitten im Krieg keine ausreichende Begründung dar.

„Die beiden Bataillone werden in zwei Wochen in Tennessee Ridge verladen. Ihr fahrt zunächst nach Memphis, euer Ziel wird Vicksburg sein“, hörte er die Stimme seines Vaters wie aus weiter Ferne. Robert nickte geistesabwesend und verließ wie in Trance das Amtszimmer seines Vaters und ging, ohne es bewusst zu wollen, zum Stall hinüber.

Mechanisch striegelte er Rover. Ein Zeitgefühl hatte er an diesem Morgen nicht. Er wusste nicht, wie lange er sich schon mit seinem Pferd beschäftigte, als er Susan am Stalleingang hörte:

„Robert, bist du hier?“, rief sie in den Stall.

„Ja“, rief er zurück, „hier im Stand bei Rover!“

Susan kam zum Stand.

„Wo bleibst du? Wolltest du nicht noch frühstücken, bevor du zur Patrouille reitest?“, fragte sie. Seufzend packte Robert das Putzzeug weg.

„Entschuldige. Ich bin heute Morgen etwas durcheinander“, sagte er. Er wirkte auch sehr zerstreut, fand Susan, als sie bemerkte, dass er den Striegel in Rovers Futterkrippe legte.

„Was hast du?“, fragte die junge Frau besorgt, fischte den Striegel diskret aus der Futterkrippe und steckte ihn in die Putzkiste unter dem Stallbaum. Robert ließ sich auf den Stallbaum, den Balken der Rovers Stand vom Nachbarstand trennte, sinken.

„Susan, ich habe gerade erfahren, dass ich in zwei Wochen nach Memphis muss“, sagte er tonlos, sichtlich geschockt. Susan ließ sich erschrocken ebenfalls auf den Stallbaum fallen.

„Und unsere Hochzeit?“, fragte sie keuchend nach.

„Ich bete, dass ich dann ein paar Tage Luft habe und Urlaub bekomme. Sonst müssen wir sie verschieben, bis ich wieder zurück bin. Obendrein betrifft es nicht mich alleine, sondern auch deine Brüder und deinen Vater“, erwiderte er müde.

„Ob es Zweck hat, bei Father Higgins nachzufragen, ob er uns eher traut?“

„Die Aufgebotszeit ist noch nicht abgelaufen. Ich weiß nicht, ob er das als Notfall betrachtet. Aber wir können ihn fragen“, gab Robert zurück.

„Notfalltrauung?“, keuchte Father Higgins, als sie am späten Nachmittag bei dem Geistlichen vorsprachen. „Captain, eine Notfalltrauung kann ich nur dann vornehmen, wenn bei einem von Ihnen beiden Lebensgefahr bestünde oder eine Schwangerschaft – wie undenkbar! – so weit fortgeschritten wäre, dass bei Beachtung der Aufgebotsfrist eine uneheliche Geburt drohen würde. Da keiner von beiden Umständen vorliegt, kann ich Sie nicht vorzeitig trauen“, gab der Priester zurück.

„Father Higgins, noch mal: Ich bin am geplanten Termin im Einsatz und weiß nicht, wann ich zurück bin. Genau genommen kann ich nicht einmal sagen, ob ich überhaupt wiederkomme, weil ich in einen Kampfeinsatz befohlen werde und mir niemand garantieren kann, dass ich ihn überlebe!“, versetzte Robert drastisch.

„Es ist trotzdem kein Notfall“, beharrte Higgins.

„Können Sie sich jetzt einen Reim darauf machen, weshalb ich Sie gebeten habe, das Aufgebot auszuhängen, auch ohne dass die Heiratsgenehmigung vorlag?“, fragte Robert gereizt.

„Das konnte ich nicht, weil ohne die Geneh…“, setzte der Kaplan an, aber Robert hatte ihn bereits grob an der schwarzen Uniformjacke gepackt und schüttelte ihn durch.

„Wenn Sie sich nicht wie ein verdammter Paragrafenhengst benehmen würden, wäre Miss Craig jetzt meine Frau, Sie Schwachkopf!“, fuhr Robert den erschrockenen Priester an. „Nur, weil Sie sich beharrlich gesträubt haben, müssen wir die Hochzeit jetzt auf unbestimmte Zeit verschieben!“

„Aber als Soldat müssen Sie doch jederzeit damit rechnen, in den Einsatz geschickt zu werden“, gab Father Higgins zu bedenken.

„Eben, Higgins!“, donnerte Bennett ihn an. „Genau deshalb habe ich es ja so eilig gehabt! Ich kann nicht planen! Ich habe keinen Einfluss darauf, wann ich wieder weggeschickt werde! Geht das in Ihren irischen Dickschädel nicht ‘rein, Mann? Wenn Sie es schon verhindert haben, dass wir das Aufgebot rechtzeitig bestellen konnten, dann verkürzen Sie wenigstens die Aufgebotszeit!“, forderte der junge Mann zornig.

„Das … das kann ich nicht“, würgte Higgins. Robert war nahe daran, den Mann zu schlagen, aber Susan hinderte ihn sanft.

„Halt, Robert. Tu’ es nicht. Father Higgins kann doch auch nichts dafür“, beschwor sie ihn. Schnaubend stellte Robert den Priester wieder auf die Füße.

„Susan, ich kann nicht garantieren, dass ich Urlaub bekomme, um zu heiraten. Wir müssten die Hochzeit tatsächlich auf unbestimmte Zeit verschieben“, gab Robert zu bedenken.

„Es hat keinen Sinn, dass du dich aufregst. Damit wird die Lage nicht besser. Father Higgins hat seine Vorschriften und kann sich nicht darüber hinwegsetzen“, erwiderte sie. „Lass’ uns mit meinem Vater reden. Er ist dein Bataillonschef. Vielleicht gibt er dir zum Hochzeitstermin ein paar Tage frei“, empfahl sie dann sanft.

Sie verließen die Kapelle und suchten Major Craig auf. Susan erklärte ihm die Sachlage.

„Könntest du Bobby dann wenigstens ein paar Tage freigeben, damit wir heiraten können?“, fragte sie schließlich.

„Heiratsurlaub? Mitten im Feldzug? Kinder, wie stellt ihr euch das vor? Robert ist Schwadronskommandeur! Völlig unmöglich!“, entgegnete Major Craig.

Es war ein trauriger Tag für das junge Paar, das die ersehnte Hochzeit in greifbarer Nähe gehabt hatte. Es half alles nichts: Robert musste nach Vicksburg und die Trauung war in eine ungewisse Ferne gerückt

 

 

Kapitel 17

Vicksburg

 

Der 29. April rückte unaufhaltsam näher. Drei Tage vor der geplanten Abfahrt erhielt Colonel Bennett den endgültigen Einsatzbefehl und rief die Offiziere der angeforderten Einheiten zur Offiziersbesprechung in sein Amtszimmer. Wenig später meldeten sich die Männer zur Stelle.

„Gentlemen“, eröffnete Colonel Bennett, „mir liegt jetzt der genaue Einsatzbefehl für Sie und Ihre Einheiten vor. Sie werden am 29. April von Tennessee Ridge aus mit der Eisenbahn nach Memphis in Tennessee gebracht, wo Sie auf die unter dem Befehl von Major-General Ulysses Simpson Grant stehende Army of Western Tennessee treffen. Unser Regiment ist, wie Sie wissen, dieser Armee zugeteilt worden. Sie werden mit General Grants Armee auf Vicksburg marschieren.“

Der Colonel winkte Sergeant Evans, der eine Landkarte auf dem großen Kartentisch ausbreitete, die den Verlauf des Mississippi und die daran angrenzenden Staaten zeigte. Bennett senior nahm einen Zeigestock und tippte auf einen roten Kreis, der die Stadt Vicksburg im Staat Mississippi markierte.

„Dies, Gentlemen, ist Grants Ziel. Für den Fall, dass es Ihnen nicht bekannt sein sollte: Vicksburg ist die am stärksten befestigte Stadt am Mississippi, eine schier uneinnehmbare Festung, die unseren Schiffen den Weg versperrt. Seit Admiral Farragut letztes Jahr den Old Man River hinaufgefahren ist, versucht unsere Navy an Vicksburg vorbeizukommen, bisher erfolglos. Nicht umsonst nennt man Vicksburg auch das Gibraltar des Mississippi. Wer Vicksburg beherrscht, beherrscht den Strom. Der Mississippi ist die Lebensader der Rebellen, weil er die westlich davon gelegenen Teile der Konföderation mit den östlichen verbindet. General Grant hat die Absicht, die Konföderation in zwei Teile zu zersprengen, indem er diese Lebensader unter unsere Kontrolle bringt. Dazu braucht er Vicksburg. Außerdem wäre die Beherrschung des Flusses sehr günstig für unsere Nachschublinien nach New Orleans und Baton Rouge. Der Brückenkopf in Louisiana könnte entscheidend verstärkt werden. Vicksburgs Eroberung kann kriegsentscheidend sein“, erklärte Frederick Bennett.

„Das heißt, wenn Vicksburg erobert wird …“, murmelte Major Bruce.

„… ist der Zusammenbruch der Konföderation nur noch eine Frage der Zeit, Major Bruce, genau“, unterbrach Colonel Bennett Barry bestätigend. „Grant ist daran interessiert, Vicksburg noch in diesem Sommer einzunehmen; denn je länger der Krieg dauert, desto größer wird die Gefahr, dass Großbritannien und Frankreich doch noch zugunsten der Konföderation eingreifen. Das, Gentlemen, sind Gegner, denen die halben Vereinigten Staaten nicht gewachsen sind.“

„Kurz: Vicksburg muss in die Hand der Union, damit der Krieg unter uns bleibt und möglichst bald beendet ist“, bemerkte Robert. Sein Vater nickte.

„Genau“, bestätigte er.

„Grant wird Vicksburg belagern müssen, weil die Rebs es nicht einfach hergeben werden. Das erledigen Artillerie und Infanterie. Worin wird dann unsere Aufgabe bestehen?“, fragte Thomas Craig.

„General Grant braucht Sie, meine Herren, zur Aufklärung und zur Störung der feindlichen Nachschublinien. Am liebsten hätte er das ganze Regiment gehabt, aber ich habe ihm erklärt, dass ich Fort Donelson und unseren Außenposten Fort Henry nicht ganz entvölkern kann, weil die 71st Ohio als Infanterieeinheit Nord-Tennessee nicht allein kontrollieren kann“, sagte der Colonel. Er legte den Zeigestock weg und bedeutete Evans, die Karte wieder wegzupacken.

„Gentlemen, ich erwarte von Ihnen, dass Sie saubere und gründliche Arbeit machen. Ihre genauen Befehle, wie Einsatz der einzelnen Schwadronen, erhalten Sie in General Grants Hauptquartier in Memphis. Sie rücken am 29. April um fünf Uhr früh hier ab, damit Ihr Zug in Tennessee Ridge mittags um zwölf abfahren kann. Das wäre alles. Sie können gehen.“

Die Offiziere salutierten und verließen das Büro des Colonels.

Die beiden folgenden Tage nutzten die Offiziere, um ihre Männer über das Ziel des Einsatzes zu informieren und zur Zusammenstellung der notwendigen Ausrüstung. Am Nachmittag des 27. April fand Robert zwischendurch Zeit, die Hufeisen seines Pferdes zu kontrollieren. Zwei Eisen waren gebrochen.

„Ich weiß nicht, was du für Hufe hast, Rover“, seufzte er. „Alle vierzehn Tage ein Paar neue Schuhe – und das bei deiner Hufschmiedallergie!“, setzte er hinzu. Wenn Rover einen Menschen überhaupt nicht leiden konnte, dann war es Sergeant Feldman, den Hufschmied. Robert band seinen Hengst los und führte ihn zur Schmiede, wo schon einige seiner Männer ebenfalls mit ihren Reittieren warteten.

Er stand keine fünf Minuten, als Stallmeister Hart kam.

„Gut, dass ich Sie treffe, Sir“, sagte er. „Ich hab’ gehört, Ihr Bataillon geht nach Vicksburg?“, fragte Hart dann. Robert nickte.

„Ja, übermorgen fahren wir“, bestätigte er.

„Wollen Sie Rover mitnehmen?“

„Er ist mein Dienstpferd“, gab Bennett zu bedenken.

„Schon, aber ich hätte guten Ersatz für Sie. Rover ist ein Deckhengst, wie man ihn mit der Laterne suchen muss. Nach allen Anzeichen werden demnächst zwanzig Stuten rossig. Außer Rover sind nur zwei andere Hengste hier, die ich noch aus Wilmington mitgebracht habe. Ich hätte Ihren Hengst gern als Verstärkung. Ich gebe Ihnen dafür Pilatus mit, einen Halbbruder von Rover“, bot Hart an.

„Pilatus wird bevorzugt von Colonel Bennett geritten. Haben Sie mit ihm gesprochen?“, fragte Robert.

„Ja. Er sagte, er wollte dann Rover so lange reiten, bis Sie wieder da sind“, erklärte Gary Hart.

„Na, das will ich sehen. Der Bursche lässt doch keinen außer mir auf seinen Rücken!“, warnte Robert besorgt. Wenn sein Vater wieder mal Schwierigkeiten mit dem zerschossenen Bein haben sollte … Er spann den Gedanken nicht weiter. Rover konnte unausstehlich sein, wenn er seinen Reiter nicht mochte. Er hatte es schon oft überzeugend bewiesen. So schön wie Tom Craig hatte er aber selten jemanden abgesetzt – er war im hohen Bogen in den Misthaufen an den Stallungen im Fort gesegelt. Hart grinste schief.

„Ihr Vater hat es gestern schon probiert, Ihren schwarzen Teufel zu reiten. Rover ist ganz nett mit ihm herumgesprungen, aber er hat sich nicht abwerfen lassen. Ihr Vater ist ein ebenso guter Reiter wie Sie, Captain.“

Robert sah auf die Vorderhufe seines Pferdes.

„Sagen Sie, war mein Vater gestern irgendwo in den Bergen?“

„Ja, an den Klippen des Cumberland. Warum?“

„Das erklärt die gebrochenen Hufeisen. Rover, Rover, gewöhn’ dir das lieber ab, wenn der Colonel dich reitet. Sonst hast du nicht lange was vom Vergnügen mit den Stuten hier“, lachte Robert und kraulte Rover die weiche Nase. Der Hengst schien recht unschuldig dreinzuschauen.

„Gut, Sergeant. Ich lasse ihn hier. Aber dass mir der Bursche nicht zu viel Speck ansetzt.“

„Bestimmt nicht, Sir“, versprach Hart.

„Dann lassen Sie ihn doch gleich beschlagen. Ich seh’ mir mal Pilatus an.“

Hart grinste über das ganze Gesicht, dass der rotblonde Vollbart sich sträubte.

„Ich habe ihn eben gerade kontrolliert, Sir. Alle Hufeisen sind in Ordnung, der Gaul ist kerngesund und wird Sie in den nächsten Monaten bestimmt nicht im Stich lassen“, erwiderte der Pferdezüchter. Robert lachte, klopfte Hart freundlich auf die Schulter und ließ den Sergeant mit Rover stehen. Es war auch so noch genug zu tun, um den Abmarsch von zwei Dritteln des Regimentes zu organisieren.

Roberts Schwadron war am Nachmittag des folgenden Tages reisefertig. Er selbst hatte auch alles Notwendige gepackt und hatte nun genügend Zeit, sich zu verabschieden. Der Captain ging noch einmal sein Gepäck durch. Nein, es fehlte nichts. Er zog die Uhr aus der Tasche. Es war kurz vor fünf. Nach dem Dienstplan hatte Susan um fünf Uhr Schichtwechsel. Langsam ging er zum Lazarett hinüber. Er war gerade vor der Tür, als seine Schwester völlig abgehetzt ankam.

„Bobby, wie spät ist es?“, fragte sie schon von weitem.

„So wie du aussiehst, wahrscheinlich zu spät. Es ist zwei Minuten nach fünf, Schwesterherz“, antwortete Robert lächelnd. „Beginnt dein Dienst um fünf?“

„Ja, ich löse Susan ab“, hechelte Betty.

„Dann sag’ ich dir gleich: ‘Auf Wiedersehen’, Betty. Wir reiten morgen sehr früh weg“, erwiderte Robert und gab Betty einen geschwisterlichen Kuss.

„Ich weiß, ich komme gerade von Tom. Sei vorsichtig, Bobby. Komm nicht so wieder wie das letzte Mal – und pass’ auf meinen Tommy auf“, bat Betty. Robert sah seine Schwester eine Weile an und umarmte sie. Ihre roten Wangen verrieten, dass bei dem Abschied mehr gewesen war, als harmlose Küsse.

„Dein Tommy ist mein bester Freund, Betty. Du weißt, dass ich für Tom fast alles tue – einschließlich Einsatz meines eigenen Lebens“, sagte er sanft. „Ich werde auf ihn aufpassen. Versprochen.“

„Danke, Bobby. Aber – wer passt auf dich auf?“

„Tom, wer sonst?“, lachte Robert. „Los, mach’ schon, Susan steht sich ja die Beine in den Bauch!“

Er küsste sie noch einmal und schob sie dann ins Lazarettgebäude.

Wenig später kam Susan heraus. Robert umarmte sie, gab ihr einen leichten Kuss.

„Guten Abend, mein Schatz“, sagte er leise. Susan erwiderte seine Zärtlichkeit, hakte sich bei ihm ein.

„Hallo, Schatz. Danke fürs Abholen“, erwiderte sie. „Reist ihr wirklich schon morgen?“

Robert nickte.

„Ja“, bestätigte er. „Morgen früh geht’s ab nach Vicksburg.“

„Wie lange wirst du weg sein?“

Robert zuckte mit den Schultern.

„Vicksburg ist eine starke Festung. Ich glaube nicht, dass sie uns mit Blumensträußen erwarten werden. Wir sollen die feindlichen Nachschublinien stören. Mein Aufenthalt dort hängt von der Zähigkeit der Rebellen ab – und leider sind sie sehr zäh. Ich fürchte, es wird lange dauern; und ich kann dir nicht sagen wie lange, so gerne ich das möchte.“

Die jungen Leute schlenderten langsam zum Wohngebäude der hohen Offiziere, wo Susan bei ihrem Vater wohnte.

„Schreib’ mir wenigstens“, bat Susan.

„Natürlich, Susy. Ich werde dir schreiben, so oft ich kann“, versprach der junge Mann. „Hoffentlich gibt dein Vater mir zwischendurch ein paar Tage Urlaub. Ich lasse dich nicht gern wieder allein, glaub’ mir.“

„Bist du eifersüchtig?“, fragte sie belustigt.

„Nein, aber ich möchte dich endlich heiraten“, sagte er.

Er ließ sie die zwei Stufen zur Tür vorgehen, die er ihr dann ritterlich aufhielt.

„Kommst du noch mit ‘rauf?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, du willst dich sicher noch von deinem Vater und von Tom verabschieden. Ich glaube, ich wäre im Weg.“

„Fällt es dir schwer, mein Schatz?“

„Ja, natürlich. Ich werde wieder Monate weg sein, und du wirst mir sehr fehlen, Liebling. Ich liebe dich“, erwiderte er leise. Susan umarmte ihn heftig, klammerte sich an ihn.

„Robert …“, bat sie, „bitte, gib Acht auf dich. Ich möchte dich nicht wieder auf einer Bahre wieder sehen.“

Robert erwiderte ihre Umarmung sanft und streichelte ihre braunen Locken.

„Ich werde nicht unvorsichtig sein. Dafür hänge ich zu sehr am Leben, das du mir in zäher Kleinarbeit wiedergegeben hast. Hab’ keine Angst“, flüsterte er beruhigend in ihr Haar. Susan spürte Tränen aufsteigen, sie begann zu zittern.

„Bitte, Susy, mach’ dir nie Sorgen um mich“, bat er. „Mein Beruf ist gefährlich, das wissen wir beide – vor allem in diesen Zeiten. Ich lebe gefährlich, aber ich hänge am Leben. Außerdem liebe ich dich und habe schon deshalb ein großes Interesse, hier wieder aufzutauchen. Lebend und gesund, nach Möglichkeit. Ich werde nicht noch einmal auf einer Bahre zu dir zurückkehren.“

Er ließ sie los und hob ihren Kopf an, sah ihr in die verweinten Augen.

„Und noch was: Viele Frauen verlieren die Fassung, wenn ihre Männer vermisst gemeldet werden. Sollte man mich eines Tages auch mal unter die Vermissten rechnen, bitte, dreh’ nicht durch. Ich werde alles – aber auch wirklich alles – tun, um aus einem Gefangenenlager auszubrechen. Außerdem besteht die Chance, dass man mich als Offizier wieder austauscht.“

Robert drückte die Nadel seiner Ehrenmedaille auf, nahm sie ab und legte Susan den Orden in die Hand.

„Behalte sie hier. Sollte mir wirklich etwas zustoßen, behalte den Orden als Erinnerung an mich“, sagte er sanft.

Susan sah eine Weile auf den Orden. In seiner Kompliziertheit war er nur noch mit dem der französischen Ehrenlegion oder dem vom Hause Habsburg verliehenen Orden vom Goldenen Vlies vergleichbar. An einem schildverzierten, verschnörkelten Balken hing in einem schmalen Querschlitz ein Ordensband, das in der oberen Hälfte blau war. Die untere Hälfte bestand aus den dreizehn Streifen der amerikanischen Nationalfahne, die senkrecht angeordnet waren. Unter dem Band saß ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen auf zwei gekreuzten Kanonenrohren, vor denen noch ein gezogener Säbel drapiert war. Unter den Kanonenrohren waren acht Kanonenkugeln angegossen. Adler, Kanonen, Säbel und Kugeln bestanden aus Silber. Unter dieser Figur hing ein fünfzackiger Stern mit der Spitze nach unten, der aus Bronze gefertigt war. Die Enden der Sternspitzen waren als dreiblättrige Kleeblätter ausgeformt, die Flächen der Spitzen waren mit Eichenblättern verziert. Um das Zentrum des Sterns lief ein kreisförmiges Sternband mit vierunddreißig kleinen, fünfzackigen Sternen. Im Zentrum dieses Sternkreises befand sich eine weibliche Gestalt, die die Union symbolisierte und mit einem Schild in der rechten Hand und einem Fasces-Bündel, dem Liktorenbündel der römischen Republik, in der linken Hand eine männliche Figur vertrieb, die den Geist der Sezession und Rebellion symbolisierte und als Attribut für Falschheit züngelnde Schlangen in beiden Händen hielt.

„Auch wenn ich etwas Unmögliches von dir verlange: Sei bitte vorsichtig“, bat Susan eindringlich. „Es wäre schrecklich für mich, wenn …“

Sie brach ab und begann zu weinen. Robert nickte umarmte sie schweigend. Worte waren jetzt überflüssig. Susan verstand, dass auch ihm ein großer Kloß im Hals saß. Eine ganze Weile standen sie in enger Umarmung da. Schließlich befreite Robert sich vorsichtig aus ihrer Umklammerung.

„Ich werde so vorsichtig sein, wie es geht, ohne mich dem Vorwurf der Feigheit aussetzen zu müssen“, sagte er. „Das verspreche ich dir. Auf Wiedersehen, Susan.“

„Auf Wiedersehen, Robert. Komm bald gesund zurück.“

Er nickte, küsste sie zärtlich und verließ das Haus.

Susan stand noch lange an der Haustür und sah auf den Orden in ihrer Hand. Es war nicht gut, dass er seinen Orden bei ihr zurückließ. Es brachte Unglück, ein persönliches Stück von dieser Bedeutung in den Händen eines geliebten Menschen zu lassen – als vorsorgliches Erinnerungsstück. Susan seufzte. Noch nie hatte sie eine solche nagende Angst gespürt, wenn Robert sich von ihr verabschiedet hatte. Zunächst wollte sie es darauf schieben, dass er letztes Mal schwer verwundet zurückgekehrt war, aber das allein war es nicht. Sie nahm sich vor, auf jede noch so schlechte Nachricht vorbereitet zu sein.

Im Morgengrauen des folgenden Tages rückten die beiden Bataillone in langer Reihe aus dem Fort ab, verabschiedet von den zurückbleibenden Kavalleristen und den Infanteristen des 71st Ohio-Regiment. Captain Bennett drehte sich im Vorbeireiten noch einmal um und winkte zu Susans Fenster hinauf, in der Hoffnung, dass sie dort hinter der Gardine stand. Tatsächlich wurde die Gardine ein Stück beiseitegeschoben und Susan erwiderte sein Winken – völlig verweint. Für einen Moment hatte Robert die Absicht, umzukehren und bei ihr zu bleiben, aber dann siegten sein Verstand und sein Pflichtempfinden. Er trieb Pilatus zu einer schnelleren Gangart an, um seine Schwadron wieder einzuholen.

In der Station Tennessee Ridge standen schon zwei Sonderzüge bereit, die praktisch nur aus Viehwaggons und einem Personenwagen bestanden. Major Bruce und Major Craig fragten den Aufsichtsbeamten, was die Mischung der Züge zu bedeuten habe.

„Die Personenwagen wurde für die Herren Offiziere eingestellt, Sirs“, erwiderte der Bahnbeamte. Bruce und Craig sahen sich verstehend an.

„Nehmen Sie die Personenwagen aus den Zügen heraus“, wies Bruce den Beamten an. „Die Offiziere reisen mit ihren Männern und den Pferden.“

„Aber …“

„Nichts aber!“, versetzte Richard Craig. „In diesem Haufen gibt es keine Privilegien! ‘Raus mit den Wagen!“

„Ja, Sir“, seufzte der Aufsichtsbeamte und gab den Rangierern seine Anweisungen. Die Loks zogen die abgekoppelten ersten Wagen ab, schoben sie nacheinander auf ein Abstellgleis und setzten sich wieder vor ihre Züge, wurden wieder angekoppelt. Währenddessen wurden die Pferde in die Wagen verladen, jeweils zehn pro Wagen. Die dazugehörigen Soldaten nahmen Ihr Sattelgepäck und stiegen zu ihren Pferden in den Waggon. Trotz des Umrangierens startete der erste Zug pünktlich um zwölf Uhr, der zweite fuhr im Blockabstand, also eine Signalstrecke entfernt, hinterher.

Am folgenden Morgen um sechs Uhr erreichten die Züge Memphis in Tennessee. Die Reise war zwar lang, aber ohne Zwischenfälle gewesen. Major Craig suchte den zuständigen Ortskommandanten auf, der ihn informierte, Grants Armee stünde bereits rund dreißig Meilen südlich von Vicksburg. Man habe Nachricht, dass Grant den Mississippi dort überqueren wolle, um Vicksburg zu umgehen und einzuschließen. Richard Craig sah auf die große Wandkarte im Büro.

„Ziemlich großer Umweg. Warum geht Grant nicht von Norden her auf Vicksburg zu?“, fragte er nach einer Weile. Der Kommandant kam zur Karte.

„Sehen Sie, Major: Außer dem Mississippi im Westen ist Vicksburg im Norden – wenn auch einige Meilen entfernt – vom Yazoo-River geschützt. Das Problem besteht darin, dass hier, bei Snyder’s Bluff, siebeneinhalb Meilen östlich der Yazoo-Mündung, starke Artilleriebatterien der Rebellen eingegraben sind. Grant kann es nicht riskieren, den Yazoo einfach zu überschreiten. Die Rebs würden ihm seinen Nachschub zusammenschießen. Deshalb geht er südlich herum, um seinen Nachschub über den Mississippi zu sichern. Er möchte diese Batterien von Süden her angehen, um sie außer Gefecht zu setzen. General Sherman versucht seit Februar, an diesen Befestigungen vorbeizukommen, aber er schafft es nicht. Admiral Porters Flussbootflottille hängt vor Snyder’s Bluff fest. Sie sollen Grants eigenen Truppen zugeordnet werden. Schlagen Sie sich von hier südwärts auf Vicksburg zu durch. Schätze, Sie werden vierzehn Tage dafür brauchen. Bis Grenada beherrschen unsere Truppen das Gebiet. Südlich davon ist Einflussgebiet der Konföderierten. Deshalb werden Sie länger brauchen, als wenn wir das Gebiet bis zum Yazoo unter Kontrolle hätten. Wenn Grants Planung hinkommt, wird er etwa am 14. Mai bei Snyder’s Bluff mit Ihnen zusammentreffen. Sollte die Armee noch nicht eingetroffen sein, beschäftigen Sie die Batterien dort, damit sie nicht zu angestrengt nach Osten schauen.“

„Kurz gesagt, wir sollen Scheinangriffe auf Snyder’s Bluff führen, um vom tatsächlichen Angriff von Osten abzulenken. Korrekt, Sir?“, fasste Richard Craig zusammen.

„Sie haben es erfasst, Major“, bestätigte der Lieutenant-Colonel.

„Eine Frage Sir: Warum rangieren wir nicht einfach die Züge um und fahren weiter nach Süden?“, erkundigte sich Craig.

„Weil die konföderierte Kavallerie unseren Jungs gut auf die Finger geschaut hat. Sie haben die Eisenbahnlinie mehrfach unterbrochen, so dass wir sie bisher nicht reparieren konnten. Zwar kontrollieren wir im Prinzip das Gebiet, aber die partisanenartigen Überfälle auf Bahnanlagen häufen sich. Mit den Zügen kommen Sie nicht mal bis Grenada, Major.“

„Meine Männer und ich machen uns sofort auf den Weg, Sir“, sagte Major Craig, salutierte und eilte zu den wartenden Bataillonen zurück. Er rief die Offiziere zusammen und erklärte die Sachlage. Wenig später befanden sich die beiden Bataillone auf dem Weg nach Süden.

Entgegen der Warnung des Ortskommandanten von Memphis verlief die Reise ruhig. Kein konföderierter Angriff versuchte die Bataillone der 7th US-Cavalry auf ihrem Weg nach Vicksburg zu behindern. Dennoch hatten sie länger als vierzehn Tage gebraucht, um das Nordufer des Yazoo gegenüber von Cardiff zu erreichen. Am 18. Mai lag der Yazoo-River langsam und trübe fließend vor den Soldaten der 7th US-Cavalry. Am gegenüberliegenden Ufer war die Stadt Cardiff erkennbar. Dahinter lag der Höhenzug, genannt Snyder’s Bluff, auf dem die den Fluss beherrschenden Batterien lagen. Von Grants Armee war allerdings weit und breit nichts zu sehen. Major Craig nahm sein Fernglas aus der Satteltasche und sah auf die südliche Flussseite. Grants Armee konnte er nicht entdecken, dafür die Geschützbatterien, die oberhalb von Cardiff in den Hügeln verborgen waren.

„Ja, da sind sie. Acht oder neun Batterien. Wenn wir einfach angreifen, blasen sie uns in die ewigen Jagdgründe, bevor wir auch nur gehustet haben. Wie locken wir sie aus der Reserve, ohne allzu große Verluste zu haben?“

Barry Bruce ritt an Craigs Seite.

„Wenn wir wieder so schöne Schanzen bauen wie am Antietam, hätten wir Deckung. Wenn kleine Gruppen von uns sie zum Feuern provozieren, könnte was draus werden“, sagte er. Craig sah ihn verblüfft an.

„Was haben Sie vor, Bruce?“

„Die Geschütze da oben knacken wir nicht mit Sturmangriffen. Das kostet mir zu viele Leute. Wir bringen Scharfschützen auf die andere Seite – am besten nach Einbruch der Dunkelheit. Die Scharfschützen postieren sich in Schussweite der Batterien. Sobald die Batterien in Aktion treten, nehmen sich unsere Scharfschützen die Artilleristen vor“, schlug er vor. Craig sah wieder hinüber.

„Haben Sie mal gesehen, wie die Geschütze gesichert sind? Rundherum Sandsäcke. Da nützen Scharfschützen nicht allzu viel“, gab er zu bedenken.

„Darf ich mich einmischen?“, fragte Robert, der ebenfalls nach vorn geritten war. Bruce und Craig nickten.

„Sicher können wir die Artilleristen nicht einfach abschießen. Aber es gibt noch eine andere Methode“, sagte der Captain.

„Und welche, Captain Bennett?“, fragte Richard Craig ungewöhnlich distanziert.

„Kanonen mögen keinen Sand in der Mündung. Wir werden also nicht auf die Kanoniere schießen, sondern auf die Sandsäcke – und zwar in dem Moment, in dem die Kanone vorgerollt wird und an den Sandsäcken vorbeikommt. Es dauert zwar einige Zeit, aber ich garantiere, dass die Geschütze nach dem zehnten Schuss einen Rohrkrepierer haben“, erläuterte Robert seinen Plan.

„Ich gehe recht in der Annahme, dass du das mit deinen Scharfschützen erledigen willst?“, fragte sein künftiger Schwiegervater.

„Sicher. Ich schlage keine Verrücktheiten vor, die ich nicht selber machen würde“, bekräftigte der junge Mann. Richard Craig sah Robert einen Moment an.

„Such’ dir die besten Schützen, die du finden kannst, nehmt euch genügend Munition mit und tu’, was du nicht lassen kannst“, gab Richard die Erlaubnis. „Soll ich schon den Kondolenzbrief an Susan fertig machen?“, setzte er dann bissig hinzu.

„Wenn ihr mich da drüben als Leiche findet, von mir aus. Aber bring’ es ihr schonend bei. Sie hat furchtbar geweint, als wir abgerückt sind“, entgegnete Robert ruhig.

„Und trotzdem meldest du dich freiwillig? Hast du wieder Selbstmordabsichten?“, hakte Bruce nach.

„Keineswegs. Sagt mir einen anderen Weg, wie wir die Batterien da oben ohne eigene Artillerie wegputzen und ich bin dabei“, erwiderte Bennett mit freundlichem Lächeln. Bruce und Craig senior mussten zugeben, dass sie auch keine bessere Lösung wussten. Robert salutierte und machte sich auf die Suche nach seinen bewährten Scharfschützen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit hatte er seine Truppe versammelt. Major Bruce sah die Männer zweifelnd an.

„Robert, das sind sämtliche Unteroffiziere, die wir haben! Konntest du dir wirklich nichts anderes aussuchen?“, fragte Bruce.

„Barry, du gehörst nicht zu der Sorte Offizier, der einen Sergeant braucht, um seine Befehle ankommen zu lassen. Die Jungs sind nun mal mein alter Zug – oder was davon übrig ist. Es gibt keine besseren Schützen als sie“, erklärte Robert.

„Mattson lässt du mir hier, den braucht der Colonel vielleicht noch. Los, haut ab!“, sagte Bruce und klopfte Robert auf die Schulter.

Die Scharfschützen stiegen auf die Flöße, die die Pioniere im Laufe des Tages zusammengezimmert hatten und setzten auf die südliche Flussseite über. Im Schutz der Dunkelheit bauten die Pioniere die Unterstände, die die Truppen am folgenden Tag vor dem Artilleriefeuer bewahren sollten. Die Scharfschützen gingen knapp eine Meile am anderen Ufer landeinwärts, bis die Geschützrohre in Reichweite ihrer Karabiner waren. Dort legten sie sich auf die Lauer und erwarteten in abwechselnden Wachen den neuen Tag.

Als die Sonne am 19. Mai aufging, rieben sich die Artilleristen auf den Höhen des Snyder’s Bluff verwundert die Augen, als sie die Uferbefestigungen bemerkten, die am Nordufer über Nacht entstanden waren.

„Was halten Sie davon, Sir?“, fragte ein verwirrter Artilleriecaptain seinen Bataillonschef. Gemeinsam sahen die beiden konföderierten Offiziere hinüber.

„Hinter den Befestigungen sind ‘ne Menge blaue Mützen zu sehen. Diese Wahnsinnigen! Befinden sich direkt in unserem Schussfeld. Lassen Sie Sprenggranaten laden, Captain. Wir schießen sie in Stücke!“, befahl der Major. Nur Minuten später donnerten die Geschütze oberhalb von Cardiff, verwandelten die Luft des sonnigen Maitages in ein Gewitter aus Tod und Verderben.

Kaum hatten die Kanonen ihr tödliches Werk begonnen, nahmen die unter den Stellungen in Deckung liegenden Scharfschützen die Sandsäcke um die Geschütze ins Visier. Jedes Mal, wenn ein Geschütz nach dem Laden vorgerollt wurde, trafen Schüsse die Sandsäcke, warfen kleine Mengen Sand in die Geschützrohre. Es dauerte keine zehn Minuten, bis das erste Geschütz mit Rohrkrepierer in die Luft flog. Als ein zweites Geschütz ebenfalls einen Rohrkrepierer hatte, wurde der Captain der Batterie aufmerksam.

„Feuer einstellen!“, befahl er. „Hier stimmt etwas nicht!“

Er ließ die vor ihm stehende Kanone zurückziehen und untersuchte das Rohr.

„Verdammt! Wie kommt Sand in das Rohr?“, fluchte er. Doch als er aus dem Sandsackschutz heraus sah, um den Grund für den Flugsand zu finden, trafen ihn kurz nacheinander drei Kugeln in den Brustbereich. Tödlich getroffen sackte der Artilleriecaptain zusammen. Die Geschützmannschaften griffen zu ihren Musketen und versuchten, die in Deckung liegenden Yankees abzuschießen. Die Männer waren auf beiden Seiten gut gedeckt. Weder bei den Konföderierten noch bei den Unionisten gab es durch die Schießerei mit Handfeuerwaffen Verluste. Die Kanonen waren an der gesamten Batteriefront verstummt. Auf dem anderen Ufer kamen die dort verbliebenen Kavalleristen aus ihrer Deckung. Die Uferbefestigungen waren völlig zerstört – aber dahinter waren nur aufgesteckte Mützen gewesen, kein einziger Soldat! Unter Major Craigs Befehl saßen die Männer auf und preschten in breiter Formation durch den seichten Fluss. Als sie das Südufer erreicht hatten, bemerkte Tom Craig, dass aus Richtung Osten eine große, bewegte, blaue Masse auf Snyder’s Bluff zu rückte.

Die Kavallerieattacke und der jetzt erfolgende Angriff der Vorhuttruppen der Army of Western Tennessee unter General Shermans Kommando bewirkten, dass die Artilleristen wieder ihre Kanonen luden, doch durch die heftige Schießerei mit Handfeuerwaffen war noch mehr Sand in die Mündungen ihrer Geschütze gekommen. Zehn oder elf Geschütze flogen beim ersten Schuss in die Luft, töteten jeweils die gesamte Geschützbedienung. Die Scharfschützen verließen ihre Deckungen und stürmten die Batteriestellung, kamen fast gleichzeitig mit den Infanteristen des XV. Korps der Union an. Oben war kaum noch Leben. Die wenigen Überlebenden ergaben sich ohne weiteren Kampf. Von Roberts Scharfschützen war niemand verletzt oder gar getötet worden. Admiral Porters flache Flussboote konnten Snyder’s Bluff passieren und den Nachschub der Unionstruppen sichern. Der Weg zum kaum vierzehn Meilen entfernten Vicksburg war praktisch frei.

Noch am selben Tag wurde Vicksburg von allen Seiten eingeschlossen und war abgeschnitten. Der Belagerungsring schloss sich in einer Entfernung von nicht einmal zwölf Meilen vom Stadtzentrum Vicksburgs. Major-General Grant hatte nicht die Absicht, noch lange zu warten, bis die in Panik in den Ring geflüchteten Verteidiger der Außenstellungen sich wieder gesammelt und reorganisiert hatten. Er ließ gleich einen Angriff auf das im Nordosten des Befestigungsrings von Vicksburg gelegene Fort Hill vortragen, der jedoch von der am bisherigen Kampf nicht beteiligten Besatzung blutig abgewiesen wurde. Auch ein zweiter Sturmangriff am 21. Mai scheiterte kläglich. Grant musste einsehen, dass die Verteidiger von Vicksburg nicht einfach aufgaben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als eine lange Belagerung in Kauf zu nehmen.

Seit dem Dezember des Vorjahres versuchte General Grant, Vicksburg einzunehmen. Das Louisiana-Ufer des Mississippi war seit Januar in Unionshand. Im Februar war ein spektakulärer Versuch gescheitert, den Mississippi umzuleiten, und Vicksburg damit zu einer Binnenstadt zu machen. Vicksburg lag an der Außenseite einer engen Flussschlinge. Die zu Louisiana gehörende Halbinsel in der Schlinge wurde von Unionstruppen besetzt. Pioniere begannen, einen Kanal durch die Halbinsel zu graben, was einige Wochen in Anspruch nahm.

Aber der Zugang zum Kanal war so geschickt gewählt, dass er in einem Nebenfahrwasser des Mississippi lag und die Strömung nicht ausreichte, um den Fluss wie beabsichtigt umzuleiten. Als dann noch Hochwasser dazukam, mussten die Soldaten der Union auf der nun zur Insel gewordenen ehemaligen Landzunge um ihr Leben laufen und retteten es nicht selten auf einen Baum. Diese Aktion hatte die Einwohner und die Verteidiger Vicksburgs noch über die Yankees lachen lassen – aber jetzt verging ihnen das Lachen. Nachdem Vicksburg abgeschnitten und eingekesselt war, wurden die Nahrungsmittel in der Stadt bald knapp. Durch den dichten Belagerungsring kam kein Schuss Munition, kein Krümel Essbares mehr in die Stadt am Mississippi. Einzelne Blockadebrecher, die versuchten, über den Fluss noch etwas in die Stadt zu bringen, wurden von den ständig patrouillierenden Kavalleristen der 7th US-Cavalry abgefangen. Die Nachschubwege waren äußerst wirksam gestört.

Es war der 3. Juli 1863, morgens um 10.00 Uhr, als an allen Linien um Vicksburg von den Konföderierten die weiße Flagge zum Zeichen der Kapitulation gesetzt wurde. Eine Abordnung der Verteidiger kam – ebenfalls mit einer weißen Fahne – zur Waffenstillstandsverhandlung. Ab dem Nachmittag schwiegen an der gesamten Front die Waffen.

Thomas Craig ritt mit wenigen Leuten an der Flussseite eine Patrouille, als ihm unter den niedergeschlagen dasitzenden Konföderierten ein bekanntes Gesicht auffiel. Er sah sich vorsichtig um. Seine Männer wussten nicht um die Freundschaft, die ihn mit Martin Moore verband – und Moores Leute sicherlich ebenfalls nicht.

‚Zum Teufel mit erstaunten Gesichtern!’, durchzuckte es Tom.

„Captain – zu welcher Einheit gehören Sie?“, fragte er den teilnahmslos wirkenden Martin Moore. Langsam hob Martin den Kopf. Er wirkte müde, hungrig und deprimiert. Es dauerte einen Moment, bis er Tom erkannte, aber er mochte nicht glauben, was er sah.

„Theoretisch zur 9th Virginia-Cavalry, Schwadron B – bis mir mein Gaul an Dampf eingegangen ist. Jetzt darf ich zu Fuß gehen, Yankee. Und Sie?“

„Captain Thomas Craig, 7th US-Cavalry, Schwadron D“, stellte Tom sich vor. Martin stand auf und trat an Toms Pferd. Dessen Männer zogen vorsichtshalber die Revolver. Tom winkte ab und stieg vom Pferd.

„Tom? Bist du es wirklich?“, fragte Martin verblüfft nach, aber Tom hatte ihn schon umarmt.

„Bei Gott, Martin, wir hatten geglaubt, du steckst irgendwo in Virginia! Was, zum Teufel, machst du ausgerechnet in Vicksburg?“, fragte Tom. Martin sah sich um, sah die verwirrten Gesichter seiner eigenen Männer und der Leute seines Freundes.

„Ich hoffe, ich kann es dir erzählen, wenn mich nicht tausend verdatterte Männer anstieren. Ist Robert auch hier?“, erkundigte sich Martin Er sah einen schwachen Hoffnungsschimmer, so wie Tom ihn begrüßt hatte.

„Ja, er ist gerade auf der anderen Seite unterwegs.“

„Grüß’ ihn von mir. Ich hoffe, ich habe ihn nicht zu wütend gemacht, als wir uns letztes Jahr bei Sharpsburg getroffen haben“, sagte Moore.

„Wenn das der Fall wäre, lieber Martin, hätte Bobby dich kaltgemacht, statt dich nur anzubohren“, erwiderte Tom. „Ich richte ihm deine Grüße aus.“

Tom stieg wieder auf sein Pferd und ritt seinen Weg weiter ab. Martin sah ihm hinterher und atmete hörbar auf. Wenn Tom und Robert sich weiterhin zu seinen Freunden rechneten, konnte das in der gegenwärtigen Situation einen gewissen Vorteil haben.

Am Tag darauf, am 4. Juli, marschierte die Besatzung von Vicksburg aus und übergab die Stadt. Welche Konsequenzen der Fall der Stadt haben sollte, war in diesem Moment noch nicht voll abzusehen. Bis zur Schlacht am Antietam war es nur um die Einheit des Landes gegangen – eine fragwürdige Position in dieser Sache bezogen beide Teile der amerikanischen Staaten. Sowohl die zwangsweise Erhaltung der Einheit als auch das Ausscheiden aus dem Staatenverband ohne eine eindeutige Regelung in der Verfassung fand in der Weltöffentlichkeit ein geteiltes Echo. Doch fünf Tage nach der wenigstens strategisch gewonnenen Schlacht bei Sharpsburg hatte Lincoln eine Emanzipationserklärung unterzeichnet, die alle schwarzen Bewohner der immer noch abtrünnigen Staaten für frei erklärte. Seit dem 1. Januar 1863 war diese Bestimmung in Kraft – wenn sie auch noch nicht überall durchsetzbar war. Nur dort, wo die Union bereits Gebiete der Konföderation dauerhaft erobert hatte, konnte sie überhaupt angewandt werden. Insofern war Lincolns Erklärung zum Zeitpunkt ihrer Unterzeichnung kaum das Papier wert, auf dem sie stand. Aber diese Erklärung hatte ein deutliches Abrücken der europäischen Staaten bewirkt, die die Südstaaten mehr oder weniger heimlich unterstützt hatten. Zu einer formellen Anerkennung der Konföderierten Staaten von Amerika hatte sich bisher auch nur die polnische Exilregierung durchringen können. Und dass Großbritannien und Frankreich sich noch zu einer solchen Anerkennung entschließen konnten, wurde immer unwahrscheinlicher. Der Fall Vicksburgs würde einen starken Prestigeverlust der Südstaaten gegenüber den potenziellen Unterstützerstaaten in Europa bedeuten.

Die angetretenen Unionssoldaten empfanden Mitleid mit den tapferen Verteidigern, die in den langen Kämpfen gut dreißigtausend Mann Verluste gehabt hatten. Kein Hohnruf wurde hörbar, als General Pemberton, der Kommandeur der konföderierten Truppen, sich offiziell ergab. Der Tag war heiß, und es war für die erschöpften Soldaten Vicksburgs nicht angenehm, in den dicken Uniformjacken antreten zu müssen.

Als Martin in sein halbzerstörtes Heim in Vicksburg zurückkehrte, hatte er starke Kopfschmerzen. Moore litt nicht nur unter der starken Hitze, er hatte auch große Angst um seine kleine Tochter Addie. Addie war zehn Monate alt und hatte unter dem Hunger der Belagerung sehr gelitten, auch wenn ihre Eltern eher auf Nahrung verzichtet hatten, um es der Kleinen zu geben. Sie war schwer krank. Zur Überraschung seiner Frau Cindy hatte Martin seinen Säbel immer noch, als er heimkam. Er hatte am Morgen noch Befürchtungen gehabt, seinen kostbaren Säbel irgendeinem Hinterwäldler von Yankee aushändigen zu müssen. Nicht nur, dass es für Martin als Südstaatler ehrenrührig gewesen wäre, sich von dieser Soldatenehre symbolisierenden Waffe trennen zu müssen, nein, ihn plagte die Vorstellung, jemand könnte den Degen auch noch als Feuerhaken benutzen. Schweigend betrat er das Haus und ließ sich schwer in einen vom Deckenkalk beschmutzten Sessel fallen.

„Oh, mein Gott, hab’ ich Kopfschmerzen!“, klagte er. Cindy holte ein Glas Wasser.

„Hier“, sagte sie, „trink. Und dann zieh’ die dicke Uniform aus. Kein Wunder, dass du Kopfschmerzen bekommst, wenn du in deiner Winteruniform bei fast fünfundneunzig Grad in der Sonne stehst.“

Moore trank das Glas in einem Zug aus und knöpfte den Uniformrock auf.

„Die Yanks haben sich sehr gut benommen. Kein Hohn, kein Spott – wirklich, sie haben sich ganz ausgezeichnet benommen“, sagte er dann anerkennend. Dann nahm er seine Frau bei der Hand.

„Wie geht’s der Kleinen, Cindy?“, fragte Martin besorgt.

„Um nichts besser“, seufzte Cindy bedrückt. „Sie ist völlig apathisch und ihr Atem geht so seltsam flach. Ich hab’ solche Angst, Martin!“

„Ich werde mir Zivil anziehen und sehen, ob ich nicht noch etwas zu essen auftreibe. Vielleicht kann ich als Zivilist eher etwas von den Yanks abstauben, als wenn ich in Uniform komme“, sagte Martin und stand auf. Noch immer schmerzte sein Kopf heftig, aber Addie hatte Vorrang.

„Bitte, sei vorsichtig!“, warnte Cindy. „Du weißt, dass die Yankees jeden hängen, den sie als Soldaten in Zivil erwischen!“

„Abwarten!“, knurrte Martin, stieg die bedrohlich wackelige Stiege in das zerschossene obere Stockwerk, zog sich rasch um und verließ sein Haus.

Nachdem Moore schon mehr als vier Stunden fort war und die Dunkelheit bereits eingesetzt hatte, packte seine Frau die nackte Angst. Sie musste damit rechnen, dass die Yankees Martin entdeckt hatten – und dass sie vielleicht nicht zimperlich sein würden, wenn sie erst merkten, dass er Ex-Verteidiger der Stadt war. Aber Addie brauchte jetzt wirklich etwas zu essen, und es war nichts mehr im Hause. Cindy rief George, ihren einzigen schwarzen Hausdiener, der nicht fortgelaufen war, um sich den Yankees anzuschließen. Cindy beauftragte ihn, gut auf die kleine Miss Addie und das Haus aufzupassen, während sie unterwegs war.

„Missus, wollen Sie nicht lieber mich gehen lassen?“, fragte George. „Dem alten George werden die Yankees nichts tun. Aber ich habe Angst um Sie, Missus, wenn Sie jetzt allein gehen. Die Yankees sind böse, Missus!“, warnte George.

„Nein, George, das glaube ich nicht“, erwiderte Cindy beruhigend. „Einer Frau wird nicht einmal ein Yankee etwas antun. Pass gut auf Miss Addie auf.“

„Ja, Missus. Ich werde meine kleine Missie hüten wie meinen Augapfel“, versprach George. Cindy nahm sich ein großes Tuch, hängte es sich um die Schultern und verschwand in der undurchdringlichen Dunkelheit der schlecht beleuchteten Straße. George sah seiner Herrin sorgenvoll nach.

Martin Moore war auf der Suche nach etwas Essbarem bis ans andere Ende von Vicksburg und zurück gelaufen, aber gefunden hatte er nichts. Als er einer Nordstaatenpatrouille begegnete, wollte er sich zunächst verstecken, doch erinnerte er sich dann seiner Zivilkleidung und ging frech auf der Straße weiter.

„Halt!“, kommandierte eine herrische Stimme. „He, Sie da, im dunklen Anzug! Laufen Sie auf den Ohren? Stehen bleiben oder wir schießen!“

Martin blieb stehen und drehte sich um.

„Meinen Sie mich?“, fragte er sanft.

„Ja, genau Sie! Papiere!“, knurrte der führende Sergeant. Moore zuckte mit den Schultern.

„Sorry, wenn Ihre Artillerie mir nicht mitten in den Schlafzimmerschrank geschossen hätte, könnte ich Ihnen noch Papiere zeigen“, erwiderte er.

„Mitkommen!“, grunzte der Patrouillenführer. Zwei bullige Privates packten Martin.

„He, Moment mal! Ich bin …“

„Ein Rebell, sicher!“, schnauzte der Sergeant. „Los, mitkommen!“

„He, hören Sie, das ist ein Missverständnis! Ich …“, protestierte Martin erfolglos.

„Das wird sich dann sicher aufklären, Mister!“, versetzte einer der Privates. Zu zweit schleppten sie Martin zur Kommandantur ab.

 

 

Kapitel 18

Der Preis der Hilfe

 

Die Nacht war nach kurzer Dämmerung hereingebrochen. Die Soldaten der Unionsarmee bekamen frei, soweit sie nicht zum Wachdienst eingeteilt waren. Im ungewissen Licht der wenigen noch intakten Lampen spazierten Robert Bennett und Thomas Craig durch die Straßen der eroberten Stadt.

„Eine schöne Stadt muss Vicksburg einmal gewesen sein“, bedauerte Tom, als er die Skelette der vielfach zerstörten Häuser bemerkte. In dem gespenstischen Licht der Öllaternen wirkten sie noch unheimlicher als bei Tageslicht. Die wenigen Einwohner, die es riskierten, in der Dunkelheit auf die Straße zu gehen, und den beiden Unionsoffizieren begegneten, sahen sie misstrauisch, ja voller Hass an.

„Wenn Blicke töten könnten, lägen wir längst mausetot auf der Straße“, raunte Robert mit einem unbehaglichen Gefühl. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, stieß Tom an.

„He, wart’ mal; hast du das auch gehört?“, fragte er. Tom blieb gleichfalls stehen.

„Was?“, fragte er.

„Da hat jemand um Hilfe gerufen“, erwiderte Robert und sah sich suchend um. Da war es wieder:

„Hilfe! Zu Hiilfee!“

Es war eindeutig eine weibliche Stimme, die nach Hilfe verlangte. Robert orientierte sich.

„Es kommt von dort drüben, Tom!“, rief er und lief dann in die Richtung, aus der die Rufe kamen. Tom folgte ihm eilig.

In einer Seitenstraße, die noch schlechter als die Hauptstraße beleuchtet war, drang ein offensichtlich betrunkener Corporal der US Cavalry auf eine völlig verängstigte junge Frau ein. Er fuchtelte wild mit dem Revolver herum und machte Anstalten, sie zu küssen, obwohl die Frau das sichtlich nicht wollte.

„Ssssei dddochh nnnich ssso wiwiwwiderspens… spenstig, Kleine. Der gggu… gute Sssam ttut d… ddir ddoch gar nnischt. Nur’ n klit… klitzekleines Küss… Küsschen!“, stotterte der Betrunkene. Er hatte die Frau fast an eine Hauswand gedrückt, als ihn eine harte Hand an der Schulter packte und unsanft herumriss.

„Lass’ deine Wurstfinger von der Lady!“, grollte Robert, holte aus und versetzte dem verblüfften Säufer einen sauberen Kinnhaken. Der Corporal wurde auf die Straße geschleudert und blieb benommen liegen.

„Tut mir Leid, Ma’am“, sagte er dann und wandte sich an die verängstigte Frau. „Ich schlage mich sonst nicht in Gegenwart einer Frau, aber es ging leider nicht anders. Hat der Mann Ihnen etwas getan?“

Die junge Frau schwieg erschrocken, als sie die beiden Männer als Yankees erkannte. Sie drückte sich noch dichter an die Hauswand.

„Sie brauchen keine Angst zu haben. Wir werden Ihnen nichts tun“, versuchte Tom, sie zu beruhigen. „Können wir Ihnen irgendwie behilflich sein?“, bot er dann an. Unschlüssig sah die junge Frau sie an, hatte Befürchtungen, das furchtbare Spiel begänne wieder von vorn. Die jungen Offiziere waren ratlos. Wie sollten sie der Frau helfen, wenn sie keine Antwort gab? Robert sah sich auf der Straße um, ob nicht irgendwo ein Zivilist zu sehen war, der die Frau begleiten konnte. Aber es blieb alles dunkel und still.

„Hören Sie Ma’am, es ist leider niemand in Sicht, der Sie nach Hause begleiten könnte. Es tut uns Leid, dass dieser Lump Sie belästigt hat. Aber der kriegt sein Fett, mein Ehrenwort“, versprach Tom. Die junge Frau gewann ihre Selbstbeherrschung langsam wieder, als sie merkte, dass die beiden Offiziere nichts von ihr wollten.

„Das Ehrenwort eines Yankees!“, zischte sie geringschätzig.

„Sehen Sie es, wie Sie wollen, Ma’am“, erwiderte Robert kühl. „Er wird seine Strafe bekommen. Können wir Ihnen irgendwie helfen?“

„Ja, Sie können mich gehen lassen!“, erwiderte sie stolz. Tom machte ihr den Weg frei und ließ sie passieren.

Während die Frau mit schnellen Schritten die Straße entlangging, kümmerten Robert und Tom sich um den Betrunkenen.

„So ein Lump! Sich an einer Frau vergreifen zu wollen!“, fluchte Robert laut. „Am liebsten würde ich ihn verrollen, bis er seine Knochen nummerieren kann!“

Tom packte den Corporal an den Beinen, Robert nahm ihn unter den Armen.

„Teufel, ist der Kerl schwer!“, ächzte Tom.

„Bei dem, was der gesoffen hat!“, stieß Bennett wütend hervor.

„So wütend habe ich dich nicht mehr erlebt, seit du Ronald zusammengeschlagen hast“, bemerkte Tom grinsend.

„Ich hab’ daran gedacht, was ich mit jemandem machen würde, der sich an Susan vergreifen würde.“

Würde?“, lachte Tom. „Ich seh’ noch Ronalds polierte Nase vor mir, nachdem er mit dir über das Verhältnis zu Susan diskutieren wollte.“

Robert sah die Straße entlang und bemerkte die Frau, die an der Straßenecke stehen geblieben war.

„Sieht aus, als wäre sie bestellt und nicht abgeholt. Sieh mal, die ist immer noch da“, sagte er.

„Lass’ den Lumpen liegen, Tom. Der schläft erst mal seinen Rausch aus“, setzte er dann hinzu. Tom ließ die Beine wieder fallen, Robert ließ gleichfalls los. Fast im selben Moment bog eine Patrouille um die Ecke. Tom winkte sie herbei.

„Sergeant, nehmen Sie den Saufbold mit und sperren Sie ihn ein. Mit dem befassen wir uns später“, sagte er.

„Ja, Sir“, bestätigte der Infanteriesergeant.

Von der Hauptstraße aus beobachtete die junge Frau das Geschehen in der dunklen Seitenstraße, sah, dass der Betrunkene von der Patrouille mitgenommen wurde, und dass die beiden Offiziere, die ihr so ritterlich geholfen hatten, in ihre Richtung kamen. Sie sprang schnell in einen Hauseingang, dann jedoch, als sie an ihr vorbeigingen, fasste sie den Entschluss, die angebotene Hilfe anzunehmen.

„Warten Sie bitte einen Moment“, sagte sie. Bennett und Craig blieben stehen.

„Da kenn’ sich einer aus!“, murmelte Tom und verdrehte die Augen gen Himmel.

„Ma’am?“, fragte Robert und tippte an den Hut.

„Ich war eben schrecklich durcheinander. Es tut mir Leid, dass ich so unhöflich war. Vielen Dank, dass Sie eingegriffen haben“, bedankte sie sich. „Sie hatten mir eben Hilfe angeboten. Gilt das noch?“, fragte sie dann. Robert nickte.

„Keine Ursache, Ma’am. Was können wir für Sie tun?“

„Ich habe eine kleine Tochter, die durch die Entbehrungen der Belagerung schwer erkrankt ist. Wir haben hier nichts mehr zu essen. Die Kleine ist mein Ein und Alles. Können Sie mir helfen?“

„Gewiss, wenn Sie uns sagen, was Sie benötigen und wohin wir etwas bringen sollen“, erwiderte Tom.

„Nun, etwas Milch und Haferflocken. Wenn Sie mir damit aushelfen könnten?“, bat sie und nannte ihre Adresse. Robert nickte.

„Lässt sich organisieren. Aber zuerst bringen wir Sie nach Hause“, sagte er lächelnd.

Die Frau hatte jetzt auch nichts mehr gegen Begleitung durch Yankees und ließ sich von den beiden Unionscaptains heimbringen. Ein hochgewachsener, schon grauhaariger Schwarzer öffnete die Haustür.

„Gott sei Dank, Missus Cindy, wenigstens Sie sind wieder da. Master Martin ist immer noch nicht gekommen“, begrüßte der Schwarze die Frau.

„Danke, George. Wie geht es Miss Addie?“

„Miss Addie schläft, aber sie war an nichts interessiert.“

Toms Blick fiel auf das Namensschild an der Tür. Martin Moore stand auf dem Schild.

„Mrs. Moore, ich sehe, Ihr Mann heißt Martin mit Vornamen. Ist das Martin Moore aus Virginia?“

Cindy Moore sah den Yankee staunend an.

„Sie kennen ihn, Captain?“, fragte sie verwundert.

„Wenn es der ist, den ich meine, schon. Wir drei waren zusammen auf West Point, sind Freunde geworden. Leider hat uns die Tatsache, dass Martin sich nicht gegen die Ansichten seines Heimatstaates entscheiden mochte, politisch zu Feinden gemacht“, erklärte Tom.

„Ja, das ist mein Mann“, bestätigte Cindy. Robert und Tom sahen sich verstehend an.

„Wir sind gleich wieder da“, versprach Robert. Cindy Moore schloss hinter ihnen die Tür, war sich aber nicht ganz sicher, ob die Männer wiederkommen würden.

Sie eilten zur Kommandantur im Rathaus. Hinter einer Tür hörte Robert eine Stimme, die unverkennbar Martin Moore zu Eigen war.

„Halt, wart’ mal“, sagte er. „Das ist doch Martin!“

Tom blieb gleichfalls stehen, sie lauschten einen Moment.

„Sergeant, ich erkläre Ihnen jetzt zum ich-weiß-nicht-wie-vielten-Mal, dass ich in Vicksburg nur die Tabak- und Zigarrenfabrik meines Vaters weitergeführt habe!“

„Wenn das denn so ist, haben Sie Pech, Mr. Moore. Wie Sie wissen, sind Ihre Kriegsgerichte nicht sehr zimperlich darin, Zivilisten unter die Anklage der Spionage zu stellen, wenn diese in militärischem Sperrgebiet von Patrouillen aufgegriffen werden. Und wenn Sie als Soldat gegen uns gekämpft haben sollten, gilt das doppelt.“

„Aufgegriffen! Militärisches Sperrgebiet!“, schnaufte Martin. „Wenn ich das schon höre! Die Stadt war kaum eine Stunde übergeben, als ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem gemacht habe! Ich habe mich als ganz normaler Bürger auf ganz normalen Straßen bewegt. Nichts, Sergeant, absolut nichts hat darauf hingewiesen, dass hier so etwas wie ein militärisches Sperrgebiet eingerichtet worden ist. Ich bin mir keines Verstoßes gegen irgendein Gesetz bewusst – weder der USA noch der CSA.“

„Ob Sie sich dessen bewusst sind, ist mir herzlich egal! Corporal, sperren Sie den Mann ein, bis der Militärstaatsanwalt übermorgen kommt. Der Mann wird der Spionage angeklagt!“, befahl der Sergeant.

„Hör’ dir das an! Die wollen Martin ans Leder!“, flüsterte Tom.

„Nur über meine Leiche!“, erwiderte Robert ebenso leise. Er klopfte an die Tür des Vernehmungszimmers.

„Ja, herein!“, kam es vor drinnen. Die Offiziere traten ein.

„Holla, Martin, was machst du hier?“, fragte Robert, scheinbar überrascht. Moores Verblüffung war dagegen echt.

„Das frag’ ich mich schon die ganze Zeit. Heutzutage kannst du als Normalbürger nicht mehr einkaufen gehen, ohne gleich vom Militär abgegriffen zu werden!“, gab Martin zurück.

„Sergeant, was geht hier vor? Seit wann ist es üblich, Zivilisten von Militärs verhören zu lassen?“, fuhr Tom den Sergeant an. Der Sergeant sprang auf.

„Sergeant Thompson beim Verhör, Sir!“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage, Sergeant Thompson!“, erwiderte Tom scharf.

„Wir haben den Burschen ohne Papiere auf der Straße gefunden. Er behauptet, Martin Moore aus West-Virginia zu sein, der hier die Tabak- und Zigarrenfabrik seines Vaters weiterführen sollte und den die Kriegsereignisse hier festgenagelt haben. Behauptet, er hätte ‘ne kleine Tochter zu Hause, die krank sei. Adresse hat er mir nicht verraten. Für mich lügt der Kerl wie gedruckt!“, berichtete der Sergeant schwitzend.

„Der Mann sagt die Wahrheit, Sergeant Thompson. Ich kenne ihn. Lassen Sie ihn laufen!“, erwiderte Robert kühl. Dem Sergeant klappten die Kinnladen herunter. Er rührte sich nicht.

„Wird’s bald?“, fauchte Robert zornig.

„Ja, Sir! Sofort, Sir!“, keuchte Thompson und beeilte sich, Martins Handschellen aufzuschließen.

„Los, hauen Sie ab, Mann, bevor ich mich dem Captain widersetze!“, knurrte er Martin an. Moore stand auf und verließ mit seinen Freunden den Verhörraum.

Die Tür war kaum zu, als die Freunde sich umarmten.

„Ohne euch wär’s mir schlecht gegangen“, bedankte Martin sich. „Ich dachte, wir hätten Krieg?“, setzte er dann mit schelmischem Grinsen hinzu.

„Wenn du nicht sofort den Mund hältst, bekommt Thompson noch spitz, dass ich genauso schwindeln kann wie du. Wir reden bei dir zu Hause darüber. Tom, geh’ schon mit Martin vor. Ich besorge noch die Lebensmittel.“

Wenig später trafen sie sich wieder in Moores Haus. Robert brachte einen großen Weidenkorb voller Lebensmittel und eine Kanne mit zwei Quarters Milch.

„Ich hoffe, das genügt, um eurer Kleinen die Lebensfreude wiederzugeben“, sagte er, als Martin ihn einließ.

„Ich träume doch nur!“, hustete Moore. „Das kann nicht sein! Ich hab’ dich am Antietam…“

„Komm, das sind olle Kamellen!“, wehrte Robert ab. „Martin, wir sind Freunde. Kann sein, dass wir uns auf dem Schlachtfeld nichts schenken, aber ich hasse es, wenn Zivilisten – speziell kleine Kinder – unter unseren Meinungsverschiedenheiten leiden müssen.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll. Ihr habt Cindy geholfen, ihr bringt uns Lebensmittel. Jungs, ihr bringt mich richtig in Verlegenheit.“

„Vergiss’ es“, erwiderte Tom. „Aber, was zum Teufel, treibst du eigentlich in Vicksburg?“

Martin grinste verlegen.

„Das ist eine längere Geschichte. Kommt ins Wohnzimmer – oder das, was eure Artillerie noch davon übrig gelassen hat. Habt Ihr Zeit?“

Robert zog die Uhr aus der Tasche, sah demonstrativ darauf.

„Wir haben Ausgang bis zum Wecken. Demnach haben wir volle sieben Stunden Zeit“, sagte er.

Martin winkte sie in das Wohnzimmer. Über dem Hauptfenster war ein großes Loch, das jetzt mit einem zerschlissenen Betttuch abgehängt war. Die Trümmer hatten die Moores schon beiseite geräumt, aber der Deckenkalk war immer noch in den Plüschmöbeln. Es staubte, als Tom sich auf das Sofa setzte.

„George!“, rief Martin. „Sieh’ doch mal nach, ob wir noch Wein im Keller haben.“

„Ja, Master Martin!“, antwortete George. Es klang schon wie aus dem Keller.

„Dein Sklave?“, fragte Robert.

„Willst du ihn mir wegnehmen?“, kam die prompte Rückfrage von Martin. Robert schüttelte den Kopf.

„Wir haben uns in der Sklavenfrage häufig gestritten, Martin. Jetzt tragen wir unseren Streit mit Waffengewalt aus. Aber den heutigen Abend betrachte ich als Waffenstillstand in dieser Sache. Ich würde George allerdings nicht daran hindern, wenn er dir weglaufen würde“, erwiderte Robert.

„Ich muss eurem Präsidenten Lincoln ein Kompliment machen“, lächelte Martin gezwungen.

„Seine Idee, die Sklavenfrage zum Gegenstand dieser Auseinandersetzung zu machen, stellt uns ein recht großes Bein. Aber bitte, sagt ihm das erst nach dem Krieg.“

„Wir schweigen wie die Gräber“, versprach Tom. „Aber was machst du nun in Vicksburg, Martin?“, hakte er dann zum wiederholten Mal nach.

Martin bedeutete George, für jeden ein Glas Wein einzuschenken und begann dann zu erzählen:

„Ihr kennt vielleicht die völlig verrückte Dienstvorschrift der Army, dass der berittene Soldat, der sein Pferd durch Krankheit oder Unfall verliert, sich selbst ein Ersatzpferd beschaffen muss?“, unterstellte Martin. Seine Freunde schüttelten vereint die Köpfe.

„Nie gehört“, sagten sie wie aus einem Munde.

„Ist auch kein großes Geheimnis, was ich euch verrate. Also: Wer in den Armeen der konföderierten Teilstaaten berittener Soldat sein will, muss sein eigenes Pferd mitbringen. Die Dienstvorschrift gewährt einen Ersatz nur für den Fall, dass das Pferd im Kampf getötet wird. Verliere ich meinen Gaul durch Krankheit oder Unfall, muss ich mir privat einen Ersatz beschaffen oder künftig zu Fuß gehen. Nur Virginia hat bei der Aufstellung seines 9th Cavalry Regiment die Erstausstattung an Pferden gestellt. Auf diese Weise sind wir etwa in Bataillonsstärke dorthin gekommen. Dein Bruder Philip, sein Schwager Yancey Morrows, Mark Ashley und ich waren dabei. Philip führte die Schwadron B, Morrows die Schwadron A. Zuerst hat es Phil erwischt. Sein Pferd bekam einen nicht mehr zu bremsenden Durchfall, war in wenigen Tagen reif für die Notschlachtung. Philips Stute hat Yanceys Pferd angesteckt – bis schließlich die Pferde fast des ganzen Bataillons tot waren. Da es Durchfall war, wurde dies als Verlust durch Krankheit gewertet – auch wenn die Ansteckung dadurch bedingt sein mochte, dass das Pferdefutter kriegsbedingt von schlechter Qualität war. Wir haben zunächst versucht, neue Pferde zu bekommen. Für einzelne wäre es sicher nicht das Riesenproblem gewesen – aber für ein ganzes Bataillon? Unmöglich. Für knapp eine Schwadron konnten wir Pferde auftreiben. Befehlsgemäß wurde damit zunächst die Schwadron A ausgerüstet. Zehn oder elf Tage später wurde Yancey Morrows’ Schwadron zur Eskorte eines Goldtransports geschickt. Seither sind sowohl der Goldtransport als auch die Eskorte verschwunden. Die Gerüchteküche behauptet eine Unterschlagung der Kohlen genauso wie einen Überfall durch Unionstruppen. Philip und einige andere haben sich zur Militärstaatsanwaltschaft wegbeworben, Mark ist mit einigen Leuten zur Infanterie übergewechselt – und ich habe mich nach Vicksburg gemeldet. Zum einen konnte ich hier auf Vaters Tabakverarbeitung aufpassen und zum anderen habe ich die Verteidigung der Stadt mit organisiert“, erklärte Martin.

„Philip hat also endlich den Job, den er schon haben wollte, als ich noch in die Hose gemacht habe“, bemerkte Robert. „Was hast du als Nächstes vor?“, fragte er dann. Martin zuckte verlegen mit den Schultern.

„Ich habe mein Ehrenwort gegeben, nicht mehr in diese Kämpfe einzugreifen. Ausnahme wäre nur, wenn dagegen ein Yankee- äh, Unionsoffizier gleichen Ranges ausgetauscht würde“, gab er zurück. „Bis das der Fall sein wird, werde ich hier auf die Tabakfabrik Acht geben.“

„Produziert ihr noch?“, fragte Tom.

„Solange ich noch Tabak habe, wird produziert. Mit Chance kann ich sogar wieder exportieren, wenn der Mississippi wieder geöffnet wird“, gab Martin seine Zukunftsplanung preis.

„Ich würde äußerst ungern wieder gegen euch beide kämpfen. Es war ein Schock für mich, dass wir uns am Antietam so geschlagen haben. Vor allem war es ein Heidenschreck für mich, dass du mich mit drei Hieben entwaffnet hast, als es ernst wurde, Bobby.“

„Wenn mir das nicht gelungen wäre, hätte Philip aus Tom Hackbraten gemacht“, erwiderte Robert leise.

„Niemand war entsetzter als Philip, als ihm klar wurde, was er eigentlich getan hat“, ergänzte Martin.

„Falls du Kontakt mit ihm hast, sag’ ihm bitte, dass ich es ihm nicht nachtrage, Martin“, sagte Tom.

„Von mir bitte die gleiche Bestellung – und grüß’ ihn vor allem“, bat Robert. Martin nickte.

„Was habt ihr vor?“, fragte er dann.

„Zunächst mal heiraten“, erwiderte Robert. „Ich hoffe, dass ich doch noch Sonderurlaub bekomme. Jetzt, nachdem Vicksburg gefallen ist, steigen meine Chancen darauf. Und dann hoffe ich, dass der Krieg bald aus ist. Ich habe immer wieder ein komisches Gefühl, wenn es zum Kampf kommt. Es ist unangenehm, den Bruder und einige der besten Freunde auf der gegnerischen Seite zu wissen.“

Tom nickte beifällig.

„Ich möchte auch bald heiraten – und ich hätte außer Bob auch dich gern zum Trauzeugen“, sagte er.

Am folgenden Tag standen Robert und Tom bei Major Craig in der Tür und beantragten Sonderurlaub für die Hochzeit.

„Tom, du hast noch nicht mal einen Antrag auf Heiratserlaubnis gestellt. Bei dir wird es ohnehin im Moment nichts mit der Heirat“, erwiderte Richard Craig. „Was dich anbetrifft, Robert: Warte noch einige Tage, bis sich die Lage stabilisiert. Wenn sich in den nächsten zehn Tagen nichts Außergewöhnliches ereignet, kannst du Heiratsurlaub haben“, versprach der Major. „Schreib’ Susan aber erst, wenn du hier abreist, damit sie sich nicht unnötig Hoffnungen macht – falls doch etwas dazwischen kommt“, setzte er hinzu.

Während Robert sich schon auf den bevorstehenden Heiratsurlaub freute, stellte Tom von Vicksburg aus seinen Antrag auf Heiratsgenehmigung und schrieb gleichzeitig an Betty und beauftragte sie, den Feldkaplan dazu zu bekommen, das Aufgebot allein auf ihren Antrag auszuhängen.

Bis sich die Versorgungslage besserte, versorgten die Freunde die Familie Moore mit Lebensmitteln. Martin hatte nicht erwartet, dass seine Yankee-Freunde ihr Hilfsangebot so ernst meinten. Eines Abends kamen Tom und Robert mit der Lebensmittellieferung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Martin war gerade dabei, George die Leviten zu lesen.

„Hört sich schlimm an, Cindy“, bemerkte Robert, als er in der Küche den Korb auspackte.

„Klingt, als ob George mit dem Inhalt der Schmuckschatulle türmen wollte“, setzte Tom hinzu.

„So was Ähnliches ist es auch. George hat sich Martins Sattel abnehmen lassen. Er ist furchtbar wütend“, erwiderte Cindy seufzend. „George kann doch auch nichts dafür.“

„Mach’ so was ja nicht noch mal, sonst vergesse ich mich!“, tönte es aus dem Wohnzimmer. George schlich über den Flur wie ein geprügelter Hund.

„Wart’ mal, George“, bat Robert den Schwarzen. „He, Martin, ist das eine Art, mit seinem Eigentum umzugehen?“, fragte er dann den Hausherrn. Zornbebend kam Martin aus dem Wohnzimmer.

„Mach’ du dich noch lustig, verdammter Yankee!“, fuhr er Bennett an. Robert blieb ruhig.

„Was ist passiert? Können wir dir helfen?“, erkundigte er sich. Martin sah ihn verblüfft an.

„Wie willst du mir da helfen?“

„Das kann ich dir sagen, wenn du mir verrätst, weshalb du dich so aufregst.“

„Weshalb ich mich aufrege? Einer eurer Leute hat George meinen Sattel unter dem Hintern weggeplündert!“, ereiferte sich Moore. „Sattel ist an sich Sattel, aber das ist ein Erbstück meines Großvaters. Vor allem – die Beschläge sind pures Silber! Der Dieb wird sich die Beschläge abnehmen und kann sie direkt verkaufen oder einschmelzen“, erklärte Moore.

„George, was ist genau passiert?“, wandte Robert sich an den Schwarzen.

„Ich hatte mir von Master Martin den Sattel ausgeliehen, weil ich nach Vicksburg hineinreiten wollte – und weil ich ein bisschen glänzen wollte. Ich wollte einen Bekannten besuchen, der einem Freund von Master Martin gehört. Und wie ich so durch die Straßen reite, steht plötzlich ein Yankee vor mir und sagt: ‚’Runter von dem Maultier, der Sattel gehört mir!’ Ich sage: ‚Niemals!’, er zieht seinen Revolver – und ich bin ‘runter von meiner Mary. Dann hat er sich den Sattel genommen und ist damit weg“, berichtete George.

„Was war das für ein Yankee, George? Beschreib’ mir den Mann“, fragte Robert weiter.

„Er war ziemlich lang und dünn. Er trug eine blaue Uniform und eine Mütze.“

„Hatte er ein Abzeichen auf der Mütze? Hatte er Winkel am Ärmel oder Schulterklappen, so wie ich?“

„Winkel hatte er auf dem Ärmel. Zwei auf jeder Seite, die waren gelb. Ach so, einen blauen Fleck hatte er hier, links am Kinn“, beschrieb George den Plünderer.

„Hört sich fast nach unserem Freund Sam Hunter an, der Cindy an die Wäsche wollte“, bemerkte Tom grinsend.

„Wie sah der Sattel genau aus, Martin?“, bohrte Robert weiter.

„Hör auf, mir Hoffnungen zu machen!“, wehrte Martin ab. „Das Ding seh’ ich nie wieder! Grant hat niemandem das Eigentum garantiert!“

„Nein, euch vielleicht nicht. Aber es soll keiner wagen, sich an meinem Eigentum zu vergreifen!“, grinste Robert schelmisch. „Ich habe dir das Ding verkaufen wollen, und du hast deinen Neger damit beauftragt, den Sattel probezureiten. Und da wird er einfach weggeplündert! Nein, welch eine Unverschämtheit!“

„Meinst du, das klappt?“, fragte Martin mit schwacher Hoffnung.

„Ich werde lügen, dass sich die Balken biegen und Tom wird einen Meineid schwören, dass der Sattel mir gehört“, versprach Robert. „Aber sag’ mir jetzt ganz genau, wie der Sattel aussieht, damit ich mich nicht in Widersprüche verstricke.“

Martin beschrieb den Sattel so genau, wie es ihm möglich war. Als die Nordstaatler sich mit dem Versprechen verabschiedeten, den Sattel zu suchen und nach Möglichkeit wiederzubeschaffen, hatte Martin stärkste Zweifel, ob ihnen das gelingen würde.

Noch am Nachmittag machte Robert eine Anzeige bei der Militärpolizei.

„Sie wollten einem Rebellen Ihren Sattel verkaufen, Captain?“, fragte der aufnehmende Polizist verblüfft.

„Ist das verboten?“, erkundigte sich Robert kühl.

„Nein, natürlich nicht, Sir“, beeilte sich der Polizist. „Nur, wenn es sich um Eigentum der Army handelt.“

„Der Sattel ist mein persönliches Eigentum. Ich hatte mich mal bekauft – der Sattel wollte meiner Stute zu Hause einfach nicht passen – und hatte ein Angebot von Mr. Moore hier aus Vicksburg. Als wir hergekommen sind, hab’ ich das Ding einfach auf unseren Bagagewagen geschmissen und gehofft, dass Mr. Moores Angebot noch gilt.“

„Welchen Preis hatten Sie vereinbart, Sir? Wegen der Schadenshöhe, meine ich.“

„Fünfhundert Dollar – Golddollar, versteht sich. Der Sattel ist mit Silber beschlagen.“

„Ja, Sir, wir werden nach dem Sattel fahnden“, versprach der Militärpolizist.

„Mir wäre daran gelegen, dass er bald wieder auftaucht, denn ich werde vermutlich bald versetzt und möchte das Geschäft dann abgeschlossen haben“, drängte Robert zur Eile.

„Wir tun unser Bestes, Sir.“

Es dauerte keine vierundzwanzig Stunden, bis die Militärpolizei eine Großrazzia veranstaltete, bei der auch der bewusste Sattel wieder auftauchte. Tom hatte mit seiner Vermutung Recht behalten, dass sich Corporal Sam Hunter von einem der Kavallerieregimenter der Miliz sich an dem kostbaren Stück vergriffen hatte. Da Hunter noch Bewährung hatte – wegen des Angriffs auf Cindy Moore – wurde er unter Arrest gestellt. Aber jetzt wusste Hunter, wem er den Arrest zu verdanken hatte – und sann auf Rache.

Mit der abendlichen Hilfslieferung brachten Bennett und Craig auch den entwendeten Sattel mit. Martin konnte das Glück nicht fassen.

„Ich glaub’s nicht! Das kann nicht sein! Da brat’ mir einer ‘nen Storch!“, stammelte er, als Tom ihm den Sattel überreichte. „Mein Sattel – und nicht der kleinste Kratzer dran!“

Martin begann sich zu fragen, wie er das, was Robert und Tom schon für ihn und seine Familie getan hatten, je wieder gutmachen konnte.

„Was macht euer kleiner Sonnenschein?“, fragte Robert dann.

„Dank eurer Hilfe geht es Addie wieder gut. Sie isst und hat auch wieder Freude an ihren wenigen Spielsachen“, erwiderte Cindy. Sie verschwand kurz und kam dann mit dem kleinen Mädchen wieder. Zunächst betrachtete die Kleine die fremden Männer mit gewissem Argwohn, aber als Robert sie anlächelte, konnte sie dem Lächeln nicht widerstehen und erwiderte es. Beinahe instinktiv streckte Addie ihre Ärmchen nach dem freundlich lächelnden Mann aus.

„Darf ich?“, fragte er. Cindy nickte und gab ihm die Kleine, die gleich fröhlich an einer von Roberts Schulterklappen zerrte.

„Hast du auch Kinder?“, fragte Cindy, als sie merkte, dass der junge Mann sehr ungezwungen mit ihrem Töchterchen umging.

„Nein, noch nicht. Ich bin leider noch nicht mal verheiratet. Meine Verlobte und ich hatten schon die Hochzeit geplant, als mir der Einsatz hierher dazwischen kam. Aber Susan und ich hätten schon gern Kinder, wenn wir endlich verheiratet sind“, erwiderte er. Addie war mit nichts zu bewegen, wieder von Roberts Arm herunter zu kommen. Schließlich gab Cindy ihre Bemühungen auf. Langsam wurde ihr klar, weshalb Martin es gern gesehen hätte, wenn Robert Addies Patenonkel geworden wäre. Doch nach einiger Zeit schlief Addie Robert im Arm ein. Er löste Addies kleine Fingerchen vorsichtig von seiner Schulterklappe, gab ihr einen sanften Gute-Nacht-Kuss und reichte sie zu ihrer Mutter zurück.

Seit Roberts Anfrage um Heiratsurlaub waren elf Tage vergangen und es hatte keine besonderen Vorkommnisse gegeben. So sprach er wieder bei seinem Bataillonschef vor. Richard Craig seufzte.

„Du bist hartnäckig, das muss man dir lassen, Robert“, seufzte der.

„Susan und ich wären längst verheiratet, wenn sich nicht alles gegen uns verschworen hätte“, versetzte Robert. „Mein Vater hat sich geweigert, den Antrag auf Heiratserlaubnis wegzuschicken, solange wir nicht verlobt waren. Als das erledigt war, hat sich Father Higgins gesträubt, das Aufgebot auszuhängen, solange noch keine Heiratserlaubnis vorlag. Mögliche andere Heiratsmöglichkeiten in Dover scheiterten an religiösen oder politischen Gründen. Und als wir endlich das Aufgebot bestellen konnten, bekam ich den Einsatzbefehl nach Vicksburg – und der Pfarrer war nicht bereit, die Aufgebotszeit auch nur ein Jota zu verkürzen. Geplant hatten wir, im Mai zu heiraten. Jetzt ist es bald August! Hier ist nichts los, was es unmöglich machen würde, dass ich ein paar Tage Urlaub bekomme, um endlich mein Versprechen gegenüber deiner Tochter zu erfüllen“, zählte er gereizt auf.

„Du bekommst ja deinen Urlaub“, beruhigte Richard den aufgebrachten jungen Mann. „Kann Lieutenant O’Hara dich vertreten?“

„Kein Problem.“

„Ich gebe dir zehn Tage Heiratsurlaub. Aber der Weg nach Dover ist weit. Du hättest deinen Urlaub verbraucht, bis du ankommst. Wenn du einen Verwundetentransport kommandierst, den du in Nashville ablieferst, beginnt dein Urlaub erst, wenn du den Transport dort verlässt. Ich arrangiere, dass du deinen Dienst auch wieder in Nashville antrittst, um einen Nachschubtransport für uns zu eskortieren. Die genaue Route des Transports kannst du bei der Dependance des Provost Department im Rathaus erfragen“, erklärte Richard.

„Gut, wann geht der Transport ab?“

„Zwei Tage brauchen wir noch, um den Transport zu organisieren. Übermorgen kannst du starten.“

„Dann kann ich jetzt an Susan schreiben?“, hakte Robert nach.

„Ja. Es tut mir zwar Leid, dass Tom und ich bei der Hochzeit nicht dabei sind, aber Frank wird uns würdig vertreten. Ich bitte dich nur um eines, mein Junge: Bevor du mit Susan zum Traualtar gehst, verzeih’ meiner Frau, dass sie euch auseinander bringen wollte.“

„Das ist erledigt. Cologgia hat mir gesagt, dass es meine künftige Schwiegermutter war, die dafür gesorgt hat, dass Tom und ich nach Dover verlegt wurden“, erwiderte Robert.

„Nun, gesprochen hast du mit ihr noch nicht“, gab Richard zu bedenken.

„Sie war auch noch nicht in Dover oder in Donelson“, bemerkte Robert grinsend. „Aber ich werde mit ihr reden, wenn sie zur Hochzeit kommt.“

Am selben Nachmittag schrieb Robert einen Brief an Susan, kündigte sein Kommen für die erste Augustwoche an und bat sie, Samstag, den 8. August als Hochzeitstermin einzuplanen. Da beim Provost Department auch die Feldpoststelle eingerichtet war, nahm Robert den Brief mit, als er sich nach der Transportroute erkundigte.

„Sie fahren mit Ihrem Transport über Grenada, Corinth und Jackson nach Nashville. Wenn die Straßen- und Wetterverhältnisse sich nicht verschlechtern, brauchen Sie gut vierzehn Tage. Eisenbahnen stehen leider nicht zur Verfügung, weil die Linie zwischen Corinth und Decatur nicht unter unserer Kontrolle ist. Sie müssen mit Planwagen vorlieb nehmen. In der Gegend um Corinth werden Sie höllisch aufpassen müssen, weil sich dort Rebellenpartisanen herumtreiben, Captain. Ich wünsche Ihnen alles Gute“, erklärte der für die Logistik zuständige Major.

„Danke, Sir. Wann soll der Transport abgehen?“

„Übermorgen früh.“

Zwei Tage darauf rückte eine Kolonne von zehn Planwagen mit Verwundeten in Richtung Norden von Vicksburg ab. Einer sah dem Transport mit unverhohlenem Hass nach. Es war Corporal Sam Hunter, der gerade in diesem Augenblick wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Er hatte an der Spitze des Zuges den Captain erkannt, der für seine Inhaftierung gesorgt hatte.

‚Das zahle ich dir heim!’, dachte er bei sich. Dann hatte er eine Idee. Er hatte die ungefähre Route im Gefängnis mitgehört, weil der Major die Tür zum Zellentrakt offen gelassen hatte, damit die Luft dort nicht so stickig wurde. Noch bevor er sich bei seiner Einheit zurückmeldete, suchte er das Haus eines ihm bekannten konföderierten Offiziers namens Joseph Mackintosh auf. Hunter und Mackintosh hatten vor dem Krieg kleinere Gaunereien zusammen gemacht. Bei Mackintosh versammelten sich an diesem Tag heimlich und in Zivil noch andere konföderierte Offiziere – und unter ihnen Martin Moore.

„Was willst du hier, Sam?“, fragte Mackintosh nervös, als er den Yankee vor der Haustür sah.

„Joe, ich hab’ ‘ne gute Geldeinnahmequelle entdeckt“, murmelte Hunter.

„Für uns beide oder für wen?“, erkundigte Mackintosh sich misstrauisch.

„Für uns und für deinen Verein“, grinste Hunter.

„Gut, komm’ ‘rein.“

Mackintosh lotste Hunter in ein Hinterzimmer, wo sie ungestört waren.

„Also, was planst du?“, fragte er, als er die Tür geschlossen hatte.

Hunter grinste.

Ich kann nichts unternehmen, aber ihr könnt. Ich verlange nur eine kleine Beteiligung.“

„Und worin soll deine Beteiligung bestehen?“

„Fünfhundert Dollar in Goldmünzen. Zahlbar im Voraus.“

„Bist du närrisch? Woher soll ich fünfhundert Golddollars nehmen?“

„Ich nehme an, du machst sie locker, wenn ich dir sage, worum es geht“, erwiderte Hunter mit maliziösem Grinsen. Mackintosh machte eine auffordernde Handbewegung.

„Ich habe in Erfahrung gebracht, dass ein Goldtransport mit schlappen hunderttausend Dollar in Gold nach Nashville unterwegs ist. Es ist ein Teil der Kriegskasse von General Grant. Ich habe die Route. Soviel ich weiß, ist eure Kriegskasse ganz nett geplündert. So ‘ne kleine Geldspritze kann euch doch bestimmt nicht schaden.“

„Sam, es hat Zeiten gegeben, da hätten wir beide uns die Beute geteilt. Warum willst du nicht mehr als fünfhundert Dollar haben?“, fragte Mackintosh, erneut von Misstrauen gepackt. Sam Hunter sah ihn unschuldig an.

„Joe, ich kann da nicht offen mitmischen! Jeder noch so dumme Militärpolizist muss mir auf die Schliche kommen, wenn ich plötzlich Geld habe! Ich will nur fünfhundert, weil nichts zu verteilen bleibt. Du brauchst dafür wahrscheinlich eure Kavallerie. Der Transport ist gut bewacht. Und eure Kavallerie ist sicher nicht abgeneigt, sich auch ein paar Dollar in die Tasche zu schieben, bevor sie den Rest Vater Staat abtritt“, erklärte Hunter. „Für dich wird vermutlich auch nur Ruhm übrig bleiben – oder lobende Erwähnung im Armeebericht.“

Mackintosh sah seinen Gaunerkollegen einen Moment nachdenklich an.

„Doch, für mich springt auch was dabei ‘raus. Ich weiß auch schon wie. Du bleibst hier, Sam“, sagte er und ging fort.

Im Salon saßen fünf konföderierte Offiziere in Zivil und sahen Mackintosh erwartungsvoll an.

„He, wo waren Sie, Lieutenant?“, fragte ein Colonel. Mackintosh kratzte sich verlegen am Kopf.

„Ich habe gerade Besuch von einem meiner Informanten. Er sagt mir, dass heute ein Goldtransport der Yankees in Richtung Nashville abgegangen ist. Er hat die genaue Route und will dafür tausend Golddollars haben“, gab Mackintosh zur Antwort.

„Verdammt teuer“, entfuhr es Martin Moore. „Was ist der Transport wert?“, hakte er nach.

„Hunderttausend Dollar in Gold.“

„Ein Prozent Beteiligung ist nicht zu viel“, sagte der Colonel. „Das Geld können wir gut gebrauchen. Die Franzosen wollen nur noch gegen Gold Waffen und Munition liefern. Die Briten sind auch nicht besser. Gentlemen, krempeln Sie ihre Taschen zugunsten unserer Sache um!“

Gehorsam wendeten die Offiziere ihre Börsen um und bekamen die tausend Dollar zusammen.

„Lieutenant Mackintosh, kaufen Sie Ihrem Informanten die Route ab!“, befahl der Colonel. Mackintosh salutierte und kehrte zu Hunter zurück.

„Sam, ich habe das Geld. Route gegen Geld“, sagte er. Hunter händigte ihm eine schriftliche Kurzbeschreibung des Fahrtweges von Robert Bennetts Verwundetentransport aus, bekam seine geforderten fünfhundert Golddollars und trollte sich. Joseph Mackintosh grinste hinter ihm her und klimperte in seiner Tasche mit den restlichen fünfhundert Dollar. Das von seinen Kameraden ergaunerte Geld versteckte Mackintosh zunächst im Keller und kam dann mit einer Flasche französischem Cognac wieder herauf, den er noch aus Friedenszeiten hatte.

„Gentlemen, ich denke, das ist ein Grund zum Feiern“, sagte Mackintosh, nahm Gläser aus dem Schrank, schenkte jedem der anwesenden Männer einen Cognac ein.

„Auf die wieder gefüllte Kasse unserer Sache!“, brachte er seinen Toast aus. Die Offiziere nahmen einen Schluck von dem edlen Getränk.

„Hmm, der ist gut, Lieutenant!“, lobte Martin. „Aber auf die gefüllte Kasse sollten wir erst trinken, wenn das Geld gesichert ist“, lachte er dann.

„Captain Moore, tragen Sie bitte Sorge dafür, dass General Forrest die Route erhält. Er ist in der Gegend“, wies der Colonel Martin an.

„Ja, Sir.“

Zwar rebellierte Martins Ehrgefühl zunächst dagegen, sein Ehrenwort zu brechen, als er an General Forrest ein Telegramm mit dem Weg des vermeintlichen Goldtransports aufgab, aber andererseits empfand er gegenüber Yankees keinerlei Verpflichtung – abgesehen von Robert Bennett und Tom Craig. So war sein schlechtes Gewissen schnell beruhigt. Er handelte schließlich nicht gegen seine Freunde.

Doch genau diese Vermutung war ein schrecklicher Irrtum …

 

Kapitel 19

In der Falle

 

Robert Bennett konnte von dem Verrat nichts wissen, aber ihm war unwohl. Er schob sein Unwohlsein auf die Warnung vom Major des Provost Department. Diese Warnung ging ihm schon seit Tagen nicht aus dem Kopf, auch wenn er sich immer wieder sagte, dass kein Partisan Interesse daran haben konnte, einen Verwundetentransport zu überfallen – ausgenommen, man wollte einfach Yankees umbringen. Einen Angriff aus purer Mordlust traute Robert allerdings nicht einmal Guerillas zu. Aber seine Unruhe blieb. Am zehnten Tag der Reise, dem 27. Juli 1863, passierte der Treck Corinth, einen Eisenbahnknotenpunkt im Staat Mississippi. Robert, der auf der Höhe des ersten Wagens ritt, drehte plötzlich um.

„Sergeant Carlsson!“, rief er. Anders Carlsson kam nach vorn.

„Sir?“

„Geben Sie mir doch mal die Karte.“

Carlsson griff in seine Kartentasche und gab dem Captain eine Landkarte, in die die geplante Route eingezeichnet war. Robert studierte die Karte eine Weile.

„Ich hab’ ein ganz dummes Gefühl, Mr. Carlsson. Wir sollten einen anderen Weg nehmen. Was halten Sie von einer Straße ein paar Meilen weiter nördlich, hier über die Kreuzung der Louisville & Nashville mit der Mobile & Ohio Railroad?“, fragte er. Carlsson lugte in die Karte.

„Würde ich für ‘ne gute Idee halten, Sir“, bestätigte der Sergeant.

„Sagen Sie es bitte den Fahrern, Sergeant, damit wir uns nicht verlieren“, wies Robert den Sergeant an.

„Wird gemacht, Sir“, bestätigte Sergeant Carlsson.

Sie folgten der Bahnlinie der Mobile & Ohio Railroad, soweit die Streckenführung es zuließ, in Richtung Jackson, beschafften sich in Jackson noch einmal Proviant und setzten dann den Weg nach Nordwesten fort, bis sie an die Strecke der Louisville & Nashville Railroad kamen, die hier die von Jackson kommende Linie kreuzte. Dort bog der Treck nach Nordosten ab und folgte der mit der L & NRR parallel laufenden Straße. Doch schon bald trennten sich die Bahnlinie und die Straße. Robert sah der weiter nach Nordosten verlaufenden Bahnlinie mit tiefem Seufzen nach, während sich die Straße jetzt fast genau östlich richtete. Diese Bahnlinie führte direkt nach Hause, nach Tennessee Ridge, dem Bahnhof von Dover, wo Susan sicher schon mit hektischen Vorbereitungen für die Hochzeit beschäftigt war.

‚Es sind nur noch ein paar Tage!’, beruhigte er sich in Gedanken und trieb Pilatus wieder an. An diesem Tag erwischte er sich mehrfach dabei, dass seine Gedanken immer häufiger bei Susan waren. Nur mit einiger Willenskraft gelang es ihm, sich wieder auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

Am folgenden Tag waren sie nur noch wenige Meilen von Johnsonville entfernt, als ohne jede Vorwarnung konföderierte Kavallerie aus dem etwa eine Viertelmeile nördlich neben der Straße befindlichen Wald hervorbrach.

„Los, fahrt zu, was die Pferde laufen können!“, befahl Captain Bennett. „Carlsson, die Hälfte bleibt mit mir zurück, die anderen schützen die Wagen!“

Sergeant Carlsson teilte die Leute in Windeseile ein. Robert und seine knapp sechzig Mann versuchten, die Südstaatler aufzuhalten, während Sergeant Carlsson mit den anderen sechzig Mann und den Wagen mit höchstmöglicher Geschwindigkeit nach Osten preschte. Carlsson sah sich noch einmal um und bemerkte, dass die zurückbleibenden Unionssoldaten eingekreist wurden. Es schien so, als werde der Treck nicht verfolgt.

„Gott steh’ dem Captain und den Jungs bei!“, entfuhr es dem Sergeant. „Christian, Axel! Los, macht euch auf dem Weg nach Johnsonville. Captain Bennett braucht sicher Verstärkung!“, befahl er. Während die beiden Trooper noch auf dem Weg waren, gelang es der Begleitmannschaft, einen Flankenangriff abzuwehren.

Weiter hinten, wo Bennett mit seinen sechzig Mann zurückgeblieben war, wurde heftig gekämpft. Verzweifelt versuchten die Unionssoldaten, sich einer Umklammerung zu entziehen, aber es gelang ihnen nicht. Nach einer Stunde harten Kampfes lagen vierzig Nordstaatler tot am Boden, die überlebenden zwanzig und ihr Captain wurden von einer deutlichen Übermacht niedergerungen. Ein Schlag mit dem Gewehrkolben beendete den ungleichen Kampf, den Robert gegen vier oder fünf grauberockte Reiter führte. Es wurde dunkel um ihn.

Als Robert aufwachte, war es dunkel. Er wollte sich den schmerzenden Kopf halten, aber er spürte, dass seine Hände auf den Rücken gefesselt waren.

„Verdammte Bande!“, fluchte er laut.

„Sir, der Yankeechef ist wach!“, hörte er einen Ruf. Robert drehte sich um und sah an einem Feuer einen First-Sergeant der Kavallerie in grauer Uniform sitzen.

‚Immerhin, es sind keine Partisanen!’, durchzuckte es den Captain. Aus der Dunkelheit kam ein Mann in Generalsuniform. Sein Haar war schütter, dafür reichte es im Nacken über den beigefarbenen Stehkragen der Uniform, der mit einem Lorbeerkranz bestickt war, in dem drei Sterne im Schein des Feuers glitzerten. Der General trug einen buschigen, aber unregelmäßigen Bart um den Mund, der am Kinn in einem etwa fingerlangen Ziegenbart endete. Unter buschigen Augenbrauen fanden sich tief liegende, dunkle Augen, die den gefangenen Nordstaatler durchdringend ansahen.

„Guten Abend, Captain“, grüßte eine dunkle Stimme, in der sowohl Härte als auch Höflichkeit schwang. „Ich bin General Nathan Bedford Forrest, Forrest’s Cavalry Corps. Mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Captain Robert Christopher Bennett, 7th US-Cavalry“, stellte Robert sich vor.

„Sie waren sehr widerspenstig, Captain Bennett. Deshalb bleibt es bei den Fesseln, damit Sie uns nicht wieder ausreißen. Aber ich muss zugeben, dass Sie es meinen Leuten außergewöhnlich schwer gemacht haben. Captain Gleason ist sonst noch kein Goldtransport entwischt“, grinste Forrest.

„Goldtransport? Wovon reden Sie, General?“, fragte Robert verblüfft nach.

„Captain, ich erwarte, dass ein Soldat niedrigeren Ranges mich mit Sir anspricht. Dies entspricht den allgemeinen Gepflogenheiten. Wir wollen doch die Form wahren. Wie viel Gold haben Sie transportiert?“

„Kein Grain, es sei denn, dass einige meiner Verwundeten Goldzähne gehabt hätten, Sir!“, versetzte Robert. Forrest hob zweifelnd die rechte Augenbraue.

„Das nehme ich Ihnen nicht ab, Captain Bennett.“

„Ist es nicht ohnehin unerheblich, wenn Ihrem Schwadronskommandeur der Treck entkommen ist, Sir?“

„In gewisser Weise haben Sie Recht, Captain. Es ist unerheblich. Dennoch hätte es mich interessiert.“

„Ich habe einen Transport von zweihundert Verwundeten kommandiert, die aus Vicksburg nach Nashville verlegt werden sollten, Sir. Wissentlich habe ich kein Gold bei mir gehabt“, bekräftigte Bennett.

„Na gut, sei’s drum. Fehlinformation“, seufzte Forrest. „Aber ich denke, Sie können uns Auskunft über General Grants Armee bei Vicksburg geben.“

„Sir, ich bin Captain der Cavalry und als solcher nur für begrenzte Aufgaben der Aufklärung der Nachschubstörung eingesetzt gewesen. Über Größe und Zusammensetzung der Armee Grants könnte ich Ihnen keine Auskunft geben – selbst wenn ich wollte.“

„Schade. Eine bessere Zusammenarbeit könnte sich günstig auf Ihre Unterbringung auswirken“, erwiderte Forrest. Seine dunklen Augen verfinsterten sich noch mehr. Er stand auf und ging fort.

Robert zerrte vergeblich an den Fesseln, er wurde sie nicht los.

„Gib dir keine Mühe, Yankee“, mahnte der First-Sergeant am Feuer gemütlich. „Seemannsknoten sind nicht einfach aufzubekommen“, grinste er.

„Bisher hielt ich dich für einen Reiter“, rang Robert sich Galgenhumor ab. Ihm war zum Heulen. Buchstäblich zehn Meilen vor zu Hause abgegriffen, in Feindeshand gefallen! Hinterlistiger konnte das Schicksal kaum zuschlagen!

„Gott schütze jeden braven See- und Reitersmann – und die anwesenden Herrschaften von der Infanterie!“, lachte der Konföderierte und trank einen Schluck aus seiner Blechtasse. Trotz seiner ungemütlichen Situation musste Robert gleichfalls lachen.

„Wundere mich, dass du noch lachen kannst, Yankee“, sagte der First-Sergeant. „Du hättest dem General lieber sagen sollen, was er wissen will.“

„Wenn ich das wüsste, was er wissen will und er mir im Gegenzug erlaubt hätte, zu meiner eigenen Hochzeit zu gehen, hätte ich es ihm gesagt“, versetzte Robert bitter. „Dein Chef ist der x-te, der mich am Heiraten hindert!“

„Mach’ dir keine Hoffnung, Yankee, dass Nathan Bedford Forrest einen Yankee entkommen lässt. Eher gehst du zu deiner eigenen Beerdigung!“, warnte der Sergeant nicht unfreundlich. Er winkte mit der Blechtasse.

„Hast du Durst?“, fragte er. Robert nickte.

„Na schön, sollst was haben. Aber wenn du Zicken machst, brauchst du neue Zähne!“, warnte der Konföderierte im gleichen Atemzug.

„Mit gefesselten Händen und Füßen! Dixie, du machst mir Spaß!“, entfuhr es dem Gefangenen halb spöttisch. Der First-Sergeant füllte Kaffee aus der Kanne in eine andere Blechtasse.

„Das Zeug ist kochend heiß. Ich lass’ es noch einen Moment stehen, wenn’s dir recht ist, Yankee“, sagte er.

„Wo sind wir hier?“, erkundigte sich Bennett.

„Das möcht’st wohl wissen, was? Nee, nee, kommt nicht in Frage, Yankee“, erwiderte der Aufseher.

„Und wo bringt ihr uns hin, Johnny Reb?“, fragte Robert unbeeindruckt weiter.

„Camp Virgil in Georgia. Weit genug weg von jeder Ansammlung blauer Ratten, wie du eine bist“, antwortete der Sergeant.

„Woher kommst du?“

„Ich? Aus Tennessee. Und du?“

„Aus Kansas. Kennst du Dover?“

„Ich kenn’ nur das in Tennessee. Da wohn’ ich nämlich.“

„Und wie heißt du?“, bohrte Robert weiter, immer in der Absicht, den Mann in ein Gespräch zu verwickeln.

„Conover, Cash Conover, im Zivilberuf Flussschiffer auf dem Cumberland-River“, gab der Sergeant Auskunft.

„Daher die Schifferknoten, wie?“

„Genau. Dein Kaffee ist trinkfertig, Yankee.“

First-Sergeant Conover flößte seinem Gefangenen den Kaffee vorsichtig ein. So sehr sich Robert auch bemühte, den Mann aus Tennessee in ein längeres Gespräch zu bringen, es wollte ihm nicht gelingen. Im Morgengrauen des folgenden Tages zogen Forrests Kavalleristen mit ihren Gefangenen in Richtung Süden ab.

Sergeant Carlsson und sein Verwundetentransport erreichten Johnsonville mit letzter Kraft. Pferde, Fuhrleute, Reiter und sicher nicht zuletzt die transportierten Verwundeten waren am Ende. Soldaten der Unionskavallerie nahmen sie in Empfang.

„Unser Captain und sechzig Mann sind noch draußen, Sir“, keuchte Carlsson, als ihm ein Offizier eine Blechtasse Wasser gab. Es war Andreas Kossmann, der mit Soldaten der E-Schwadron der 7th US-Cavalry mehr zufällig in der Nähe von Johnsonville rastete.

„Von welcher Einheit sind Sie, Sergeant?“

„2nd US-Cavalry, aber unser Captain, der war von der 7th US. Der arme Kerl! Kommt her, will heiraten und dann so was! Bitte Sir, sehen Sie nach, ob Sie noch was tun können!“, beschwor Carlsson dann Kossmann.

„Friedhelm, lass’ die Männer aufsitzen!“, befahl Kossmann auf Deutsch. „Einer unserer Rittmeister ist abhanden gekommen!“

Eilig sprangen die deutschen Soldaten auf die Pferde und galoppierten in die Richtung, aus der der Transport gekommen war. Kaum fünf Meilen westlich vor Johnsonville fanden sie ein mit Toten übersätes Schlachtfeld. Vierzig Tote in blauer Uniform fanden Kossmann und seine Leute – und etwa fünfzig Südstaatler, die ebenfalls gefallen waren. Sie drehten jeden Mann um, aber ein Captain war nicht unter den Toten.

„Es müssen welche in Gefangenschaft geraten sein, Herr Rittmeister“, meldete Trooper Huber seinem Captain. Kossmann nickte erschüttert.

„Sehe ich auch so, Huber. Petzold, Mackensen! Reiten Sie zurück und holen Sie Wagen, damit wir die armen Teufel nach Johnsonville bringen können. Ihre Kameraden können sie sicher identifizieren. Dann brauchen wir sie wenigstens nicht namenlos zu begraben“, befahl Andreas.

„Und die Rebellen?“, fragte Huber.

„Sie werden wohl kaum erwarten, dass wir nach den Gefährten dieser werten Herren suchen, Huber, um sie nach den Namen zu befragen!“, versetzte Kossmann. Huber nahm Haltung an.

„Nein, Herr Rittmeister!“, stieß er hervor. Wenig später hatten sie die Wagen des Verwundetentransports und verluden die Toten – beider Seiten.

Knapp fünfzig Meilen nordöstlich von Johnsonville bereitete Susan die bevorstehende Hochzeit vor. An diesem Tag war gerade das Hochzeitskleid eingetroffen.

„Oh, Susy, wenn Robert dich in dem Kleid sieht, fällt er um!“, prophezeite ihre Mutter. Gwendolyn Craig hatte die zeitweilige Tätigkeit im Hauptlazarett von Georgetown wieder aufgegeben, als sich die Lage dort entspannt hatte. Nachdem die Verwundeten der verlustreichen Schlacht von Chancellorsville Anfang Mai allmählich auf dem Weg der Genesung waren, waren bis Ende Juni insgesamt auf Seiten der Union rund zweitausendsiebenhundert Soldaten verwundet worden, von denen etwa eintausendsiebenhundert in den Lazaretten in Washington behandelt wurden. Gemessen an der Zahl derer, die dort nach Sharpsburg oder der noch verlustreicheren Schlacht von Fredericksburg Mitte Dezember 1862 Patienten gewesen waren, war die Auslastungsquote deutlich zurückgegangen, so dass nicht mehr das gesamte Pflegepersonal benötigt wurde. So hatte Gwendolyn ihren Dienst quittiert und war ihrem Mann nach Fort Donelson gefolgt. Jetzt unterstützte sie ihre Tochter bei den Hochzeitsvorbereitungen.

„Meinst du, Ma?“, fragte Susan vorsichtig nach. Gwendolyn sah ihre Tochter noch einmal genau an. Das Kleid aus weißer Baumwolle hatte einen kleinen Ausschnitt und halblange Ärmel, oben gebauscht, die mit einer bauschigen Spitze besetzt waren. Die gleiche Spitze begrenzte den Ausschnitt. Der Rock des Kleides war mit einer Krinoline gestützt und unten wieder mit Spitze besetzt. Um die Taille trug Susan eine weiße Schärpe, die hinten zu einer großen Schleife gebunden wurde. Dazu gehörte ein Schleier aus zartem Tüll, der bis zu den Hüften reichte und ein schmaler Haarreif, der am Hochzeitstag mit reichlich Myrte besteckt werden sollte. Bis dahin war aber noch mehr als eine Woche Zeit – laut Planung.

„Robert darf das Kleid aber erst am Hochzeitstag sehen, sonst bringt es Unglück, mein Kind“, sagte Gwendolyn lächelnd.

„Ich werde es gut verstecken, damit er es nicht gleich wittert, wenn er in ein paar Tagen heimkommt!“, lachte Susan und ließ sich von ihrer Mutter aus dem Kleid helfen.

„Ach, Mama, ich bin so froh, dass Daddy meinem Bobby doch einige Tage Urlaub gegeben hat. Dabei hat er zuerst so gezetert!“

„Das kenne ich. Erst ist er sehr unwillig, und dann rückt er mit allem ‘raus, was du dir wünschst“, erwiderte Gwendolyn, gleichfalls lachend.

Susan sah zur Uhr. Eben schlug es sechs Uhr abends.

„Schade, der Juwelier macht gerade zu. Ich habe bei Mr. Marquardt eine wunderschöne Taschenuhr gesehen, Ma. Ich wollte sie Robert zur Hochzeit schenken. Gehen wir morgen Vormittag hin?“, fragte Susan.

„Ja, dann können wir noch ein paar andere Besorgungen machen. Zum Glück kann man in Dover als Yankee leben.“

Susan lächelte versonnen.

„Ohne Robert und seine fleißigen Männer wäre das kaum möglich, Ma. Ich weiß noch, wie sie hier drei Monate gearbeitet haben, um Dover wieder herzurichten. Manchmal waren sie nahe daran, aufzugeben, aber Robert hat es immer wieder fertig gebracht, sie anzuspornen – und er war nie scharf“, träumte sie laut. Ihr Blick verriet, dass ihre Gedanken ganz und gar bei Robert waren. „Ich freue mich so, dass er bald wieder bei mir ist – und noch mehr darauf, dass ich bald seine Frau bin.“

Am Abend dieses Tages identifizierten die durchgekommenen Soldaten des Verwundetentrecks die Toten.

„Es fehlen zwanzig Mann und unser Captain“, sagte Sergeant Carlsson. Andreas Kossmann hatte die Namen, die ihm Carlsson bisher aufgegeben hatte, schon notiert.

„Sie sagten mir, der Captain sei nicht von Ihrem Regiment, Sergeant, sondern von unserem. Wie war doch der Name?“, fragte er dann.

„Bennett hieß er. Robert Bennett“, antwortete Carlsson. Andreas fiel vor Schreck beinahe der Bleistift aus der Hand.

„Großer Gott! Robert Bennett vermisst? Katastrophe!“, entfuhr es ihm. Sergeant Carlsson zuckte verlegen mit den Schultern.

„Kann doch jedem passieren. Mit so was muss man einfach rechnen“, sagte er.

„Stimmt schon, Sergeant. Aber zehn Tage vor der Hochzeit und zehn Meilen von zu Hause entfernt, ist es einfach mehr als unglücklich“, versetzte Andreas seufzend. „Mein Gott, was wird seine Verlobte sagen?“, setzte er dann leise hinzu. Seufzend machte er seine Eintragung.

Am folgenden Vormittag machten Susan und ihre Mutter den geplanten Einkaufsbummel, nahmen noch eine Zeitung mit. Susan las eine Notiz auf der ersten Seite, ziemlich weit unten.

Verwundetentransport überfallen! Neuer Beweis für die Bösartigkeit der Rebellen! stand dort.

„Nicht zu fassen!“, entfuhr es ihr. „Nicht mal vor Verwundeten machen diese Banditen halt!“, empörte sie sich weiter. „Verlustliste Seite drei“, las sie vor, schlug die Seite aus lauter Neugier um – und geriet plötzlich ins Wanken.

„Nein!“, schrie sie auf. „Nein! Das muss ein Irrtum sein!“

Sie ließ die Zeitung fallen und drohte, in Ohnmacht zu fallen. Ein zufällig vorbeikommender Soldat konnte die junge Frau gerade noch stützen.

„Oh, Gott, Susan, was hast du denn, Kind?“, fragte ihre Mutter erschrocken.

„Sieh mal die Liste auf Seite drei. Sag mir, dass ich nicht mehr lesen kann, Mama.“

Gwendolyn hob die Zeitung auf, während der freundliche Helfer Susan zur nächsten Veranda trug und sie dort absetzte. Ihre Mutter ordnete kurz die Blätter, dann fand sie die Seite mit der Verlustliste.

„Bennett, Robert, Captain, 7th US-Cavalry – vermisst, wahrscheinlich gefallen!“, las sie halblaut. „Um Gottes Willen!“, keuchte sie dann, als sie die ganze Tragweite dessen begriffen hatte, was in der dürren Notiz steckte. Langsam ging sie zu ihrer verzweifelt weinenden Tochter hin.

„Entschuldigen Sie meine Neugier, Ma’am, was hat die junge Lady?“, erkundigte sich der Soldat, der Susan eben gestützt hatte.

„Sie hat gerade erfahren, dass ihr Verlobter vermisst wird und vermutlich gefallen ist“, erklärt Gwendolyn leise.

„Mein Mitgefühl, selbst wenn es ein Rebell sein sollte, Ma’am“, sagte der Soldat.

„Beleidigen Sie nicht noch meinen künftigen Mann!“, fuhr Susan wutschnaubend auf. „Einen besseren Anhänger der Union werden Sie unter der Sonne kaum finden!“, fauchte sie den erschrockenen Soldaten an. Gwendolyn umarmte sie und beruhigte sie. Susan sackte wieder in sich zusammen und weinte nur noch.

„Entschuldigung, Trooper. Sie hat einen schweren Schock. Wären Sie so nett, mir zu helfen, sie nach Haus zu bekommen?“, bat die Mutter sanft.

„Ja, gewiss, Ma’am. Wer ist denn der Verlobte der jungen Dame?“

„Captain Robert Bennett.“

„Heavens! Das wird meinen Colonel treffen wie ein Keulenschlag. Mein Name ist Sanderson. Ich bin der Bursche von Colonel Bennett.“

„Bitte, Mr. Sanderson, bringen Sie es dem alten Herrn schonend bei“, bat Gwendolyn.

„Ich tue mein Möglichstes, Ma’am“, versprach Sanderson.

Dr. Craig verordnete seiner Nichte Beruhigungsmittel und Schlaf. Doch in der Nacht schreckte sie hoch, weil sie Geräusche auf der Straße gehört hatte und geglaubt hatte, Robert käme heim. Es war ein Trugschluss. Unten auf der Straße hatten sich nur zwei Soldaten etwas lauter unterhalten. Verschlafen machte die junge Frau Licht. Noch einmal las sie den Artikel durch, den sie sich weinend aus der Zeitung ausgeschnitten hatte, ebenso die Verlustliste. Dann nahm sie Roberts Orden aus der Nachttischschublade.

„Wenn sie mich schnappen, reiße ich aus. Das verspreche ich dir“, glaubte sie Roberts leise Stimme zu hören.

„Du hast es ja fast herbeigeredet, Liebling“, seufzte sie, als könne Robert durch den Orden hören, was sie sagte. „Vermisst – wahrscheinlich gefallen“, brummelte sie vor sich hin. „Wie sind sie darauf nur gekommen, wenn er einfach nicht mehr da war? Und wahrscheinlich heißt doch so viel wie: ‚Wir sind nicht ganz sicher’! Ich sollte mit dem Redakteur sprechen“, murmelte sie. Sie legte Zeitungsausschnitte und Orden wieder in die Schublade, löschte das Licht.

„Bobby, wo immer du jetzt bist, was immer du vorhast: Sei bitte nicht unvorsichtig. Heiliger Christophorus, gib Acht auf ihn. Ich glaube nicht, dass er tot ist, bis ich vor seinem Grab stehe.“

Am folgenden Morgen suchte sie die Druckerei auf, in der die Zeitung hergestellt wurde und bat um ein Gespräch mit dem Redakteur. Der Drucker lächelte die junge Frau freundlich über den Rand der runden Nickelbrille an.

„Den haben Sie vor sich Miss. Ich bin der Inhaber, Chefredakteur, Reporter und Drucker dieses Blattes in einer Person. Gestatten: Isaac Green“, sagte er. Susan nickte, nahm den Zeitungsausschnitt aus ihrer Handtasche und zeigte ihn dem Mann an der Presse.

„Diese Verlustliste haben Sie gestern veröffentlicht. Sie bezeichnen darin Captain Bennett als vermisst, wahrscheinlich gefallen. Ich hätte gern gewusst, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen, Mr. Green“, bat sie um Auskunft.

„Das ist nicht meine Einschätzung, Miss. Ich bekomme die Verlustlisten aus dem Fort Donelson und drucke sie lediglich ab. Nur der Artikel, der dazu in meinem Blatt stand, ist von einem meiner Korrespondenten“, antwortete Green.

Im selben Moment öffnete sich die Tür und ein Offizier in Unionsuniform trat ein.

„Aber Sie haben Glück, Miss. Da kommt gerade Lieutenant Graham, der mir die Verlustlisten immer bringt“, stellte Green vor.

„Guten Tag, Miss Craig. Es tut mir sehr Leid für Sie“, sagte Graham mit ehrlichem Bedauern, als er Susan erkannte.

„Danke, Mr. Graham. Es hat mich wie ein Blitz getroffen, das dürfen Sie mir glauben. Aber bitte – wie sind Sie darauf gekommen, Robert könnte tot sein, obwohl er einfach nur nicht mehr zu finden war?“, fragte Susan dann. Steve Graham holte tief Luft, seufzte.

„Wir haben es uns nicht leicht gemacht, mit dieser Angabe, Miss Craig. Sein Vater hat die Liste nur schweren Herzens unterschrieben“, erwiderte er.

„Das erklärt mir immer noch nicht den Grund, weshalb Sie annehmen, mein Verlobter sei gefallen“, bohrte Susan unnachgiebig weiter.

„Nun, Robert ist ein Soldat, der in bestimmten Situationen an Unvernunft grenzend tapfer ist. Sergeant Carlsson hat Captain Kossmann berichtet, dass Captain Bennett mit etwa sechzig Mann zurückgeblieben ist, um angreifende Rebellenkavallerie von seinem Verwundetentransport fernzuhalten. Soweit ich meinen Freund Robert kenne, ist das so eine Situation, in der er wie ein Löwe kämpft, ungeachtet dessen, was ihm selbst passieren kann. Hinzu kommt, dass von sechzig Mann vierzig mausetot sind. Wir haben nur Tote gefunden. Wir müssen aber davon ausgehen, dass es auch Verwundete gegeben hat; die sind aber nicht mehr am Ort des Geschehens gewesen. Daraus folgt, sie müssen in Gefangenschaft geraten sein. Robert hat sich bestimmt nicht ergeben, ohne kampfunfähig zu sein. Wir nehmen deshalb an, dass er verwundet war. In Anbetracht der medizinischen Lage der Konföderation können wir ihm dann keine Überlebenschance einräumen“, erklärte Graham mit traurigem Lächeln. „Immerhin sind Sie nicht bei ihm, um ihn zu pflegen, Miss Craig“, setzte er dann hinzu.

„Es sind also nur Spekulationen, Lieutenant Graham“, fasste Susan kurz zusammen. „Für mich besteht dann immer noch die Hoffnung, dass Sie sich geirrt haben, Mr. Graham. Danke.“

Als Susan heimging, war für sie klar, dass sie warten würde, bis über Roberts Schicksal Gewissheit herrschte.

Währenddessen war Robert unfreiwillig wieder auf dem Weg Richtung Süden. Gleich am Tag nach seiner Gefangennahme hatte man ihn von seinen Leuten getrennt. General Forrest hielt es für besser, den Yankeeoffizier sicher zu verwahren und ließ ihn nach Camp Virgil in der Nähe von Atlanta in Georgia bringen, etwa dreihundertzwanzig Meilen Luftlinie südöstlich von Johnsonville/Tennessee entfernt. Die Gegend war konföderiertes Kernland, noch nie von Yankeefüßen während dieses Krieges betreten – abgesehen von den Gefangenen, die dorthin gebracht wurden. Der schwer bewachte Gefangenentransport, dem noch vier weitere Unionsoffiziere angehörten, erreichte am 8. August Camp Virgil. Robert durfte nicht daran denken, dass er an diesem Tag eigentlich in Fort Donelson mit Susan vor dem Traualtar beim Feldkaplan stehen wollte, wenn er nicht in Tränen der Verzweiflung ausbrechen wollte. Es kostete ihn viel Beherrschung.

Während des Transports hatte er bemerkt, dass First-Sergeant Conover, der die Gefangenen mit etwa fünfzig Mann eskortierte, kein übler Bursche war. Unter anderen Umständen hätte der Schiffer sicher sein Freund sein können. Soweit es möglich war, hatte Conover – immer unter herben Flüchen gegen die Yankees – seinen Gefangenen die Reise erleichtert. Es gab Momente, in denen Captain Bennett fast nicht glauben konnte, einen echten Dixie vor sich zu haben, so locker scherzte Conover mit seinen Fahrgästen, wie er die ihm anvertrauten Gefangenen oft nannte.

Das Palisadentor des Lagers krachte hinter dem gut bewachten Wagen wieder zu – dahinter bot sich ein trauriges Bild von unter freiem Himmel eingepferchten Gefangenen und einer großen Anzahl von massiven Holzbaracken.

„Klappt die Schnäbel wieder zu, Yankeeboys, das sind Leute, die auf den Weitertransport warten. Ihr bleibt hier!“, lachte Conover, als er die entsetzten Gesichter der fünf Gefangenen auf seinem Wagen sah.

Der Wagen mit den Gefangenen fuhr vor ein gemauertes Gebäude, hielt an. Die Wachmannschaft trieb die Gefangenen vom Wagen, der Wagen wurde weggefahren, einer der Posten verschwand kurz in dem Gebäude und kehrte mit einem einbeinigen Offizier zurück, der die drei Sterne des Colonels auf dem hellblauen Kragen der Infanterie trug. Robert sah sich verstohlen um. Die Konföderierten im Lager waren aus allen möglichen Waffengattungen zusammengewürfelt, doch der Hauptanteil wurde von Infanteristen gestellt. Auffallend war, dass die meisten Offiziere, die sichtbar waren, in irgendeiner Weise versehrt waren. Meist fehlte ein Arm oder ein Bein.

‚Hoffentlich komme ich hier wieder lebend ‘raus!’, durchzuckte es den jungen Captain. ‚Die dürften uns Yanks mit jeder Faser ihres Daseins hassen’, mutmaßte er in Gedanken.

Der Colonel kam auf Unterarmgehstützen die drei Stufen zum staubigen Platz herunter.

„Guten Tag, Gentlemen“, begrüßte er die neuen Gefangenen. „Mein Name ist McNeal, Colonel Miles McNeal. Ich bin der Kommandant dieses Lagers. Wir behandeln unsere Gefangenen hier anständig. Sie werden die gleichen Rationen bekommen, die auch die Wachmannschaften erhalten, was nicht heißt, dass es viel wäre, aber die Blockade lässt nicht mehr zu. Im Gegensatz zu anderen Lagern haben Sie hier feste Quartiere. Schätzen Sie sich also glücklich, dass Sie nach Camp Virgil gekommen sind und nicht irgendwo anders hin, wo Sie vielleicht in Erdhöhlen hausen müssen, sich die Wachen den Bauch voll schlagen und Sie hungern müssten. Doch ich warne Sie: Falls Sie das Weite suchen wollen, werden wir Sie finden und wieder einfangen. Strafe bleibt dann naturgemäß nicht aus. Versuchen Sie es also gar nicht erst. Nur zur Warnung: Wir befinden uns hier in einem sumpfigen Gebiet, dass man besser nicht zu durchqueren versucht, wenn man die Passagen nicht kennt. Unser vordringliches Interesse ist es, Sie von weiteren Kämpfen fernzuhalten. Uns interessiert es nicht, wie viel Yankees noch kommen, wir werden sie schon aufhalten. Verhöre gibt es deshalb hier nicht. Genießen Sie die Pause, Gentlemen“, sagte McNeal so laut, dass es alle Neuankömmlinge hören konnten. Dann stemmte er sich von einem zum anderen, sah sich die Gefangenen genau an.

Vor Bennett blieb er stehen.

„Ihr Name, Captain?“, fragte der Colonel.

„Robert Christopher Bennett, 7th US-Cavalry, Schwadron C“, stellte Robert sich korrekt vor.

„Wo wurden Sie gefangen genommen?“

„Ein paar Meilen westlich von Johnsonville in Tennessee“, gab Bennett Auskunft.

„Bei welcher Gelegenheit?“

„Ich habe einen Verwundetentransport kommandiert, der von Ihrer Kavallerie überfallen wurde“, erwiderte Robert. McNeal nickte und stemmte sich zu Roberts Nachbarn. Jeden fragte er nach Namen, dem Ort und der Gelegenheit der Gefangennahme.

„Sollten Sie Grund zur Klage haben, Gentlemen, wenden Sie sich an mich. Sie erreichen mich hier in diesem Gebäude. Sergeant Lyman, die Herren bekommen ihre Quartiere zugewiesen und sollen sich mit dem Lager vertraut machen. Nehmen Sie den Männern die Fesseln ab, sobald sie ihre Unterkünfte haben“, wies McNeal einen der Posten an und humpelte in sein Dienstgebäude zurück.

Die Gefangenen konnten sich innerhalb des Lagers frei bewegen, wurden aber dabei ständig bewacht. Nur auf den Latrinen sahen die Wachen nicht ganz so genau nach ihren Bewachten. Drei Tage später hatte Robert sich das Lager sehr genau angesehen und festgestellt, dass das Camp offenbar auf einer felsigen Insel in einem großen Sumpf lag. Dem Gefangenenlager war ein Steinbruch angeschlossen, in dem aber zu Roberts Überraschung nicht allzu viele Gefangene in blauen Uniformen arbeiteten. Er drehte sich zu dem Posten um, der ihn auf allen Wegen im Lager begleitete.

„Was sind das für Leute, Corporal?“, fragte er.

„Strafgefangene, Yankee. Gewöhnliche Kriminelle, die vom Staatsgefängnis von Atlanta hierher zur Zwangsarbeit gebracht werden“, gab der Posten Auskunft.

„Und die Blauröcke?“, hakte Robert nach.

„Ausreißer, die wir wieder eingefangen haben. Wiederholungstäter.“

Sobald er sich über die Örtlichkeit ungefähr im Klaren war, entwarf Robert sich einen Fluchtplan. Er hatte Susan versprochen auszubrechen und gedachte, dies Versprechen zu halten. Robert hatte festgestellt, dass es einen nur oberflächlich überwachten Ausgang zum Steinbruch gab. Er wartete eine dunkle Nacht ab und schlich sich an den Palisaden entlang zu dem bewussten Ausgang. Das Tor war nicht einmal verschlossen.

‚Selbst schuld!’, dachte der Captain, öffnete das Tor und robbte durch den Steinbruch davon. Doch als er über die steile Felskante zum Sumpfbach absteigen wollte, knackte es hinter ihm metallisch.

„Halt! Wer da?“, rief eine Stimme aus dem Dunkel. Bennett drückte sich erschrocken dicht an den Felsen und wagte kaum zu atmen.

„Sonny, mach’ Licht! Hier schleicht irgendwer herum!“, rief der Wächter erneut.

Soweit Robert es im Dunkel fühlen konnte war zwischen ihm und dem Wächter wohl ein Felsenvorsprung. Doch als die Blendlaterne aufflammte, erkannte Bennett seinen Irrtum: Der Wächter stand fast genau vor ihm. Leise hatte er sich zu dem Vorsprung vorgearbeitet.

„Sieh an! So spät noch unterwegs? Das ist aber gar nicht gesund, Yankee“, grinste der Wächter. Bevor der Mann noch den Hahn seines Gewehrs spannen konnte, sprang Robert wie ein Puma vor, riss den Posten zu Boden und rang mit ihm. Die Lampe fiel zu Boden und verlosch wieder. Doch die Rauferei blieb nicht unentdeckt. Drei oder vier andere Lampen flammten auf, mehrere Wächter stürzten in den Steinbruch. Nur Sekunden später war Robert überwältigt. Drei Mann hatten ihn fest im Griff. Der Posten, der ihn entdeckt hatte, rappelte sich vom staubigen Boden hoch, klopfte sich die Uniform grob ab.

„Du hast Pech, Yankee. Der Colonel ist nicht hier. Und ich kann Yanks einfach nicht ausstehen“, grinste der Posten schief. „Haltet den Kerl gut fest, Jungs!“

Damit holte der Wächter aus und schlug mehrfach brutal zu, traf den Ausreißer sowohl oberhalb wie unterhalb der Gürtellinie und ließ nicht eher locker, bis der Gefangene sich nicht mehr rührte und zwei seiner Kameraden ihn daran hinderten, noch einen Stein zu nehmen, um Robert zu erschlagen.

„Schafft ihn wieder in sein Quartier!“, keuchte der Posten dann, als er aus dem Gewaltrausch wieder erwachte.

Am Morgen brachte ein Wächter den immer noch ohnmächtigen Gefangenen mit einem Eimer kalten Wassers wieder zu sich. Prustend kam Robert hoch und schüttelte sich.

„Guten Morgen, Captain Bennett“, hörte er die Stimme des Colonels.

„Danke, einen guten Morgen stelle ich mir anders vor!“, versetzte Robert mühsam, weil seine linke Kinnbacke durch die Schläge vom Vorabend noch stark geschwollen war. Er hatte das Gefühl, keinen heilen Knochen mehr im Leib zu haben.

„Man hat mir berichtet, Sie hätten gestern Nacht ausbrechen wollen, Captain“, sagte McNeal. Robert sah den Lagerkommandanten an, soweit sein verschwollenes rechtes Auge das zuließ.

„Ja, stimmt“, gab er unumwunden zu.

„Schade, dass es Ihnen bei uns nicht gefällt, Captain. Haben Sie Grund zur Klage?“, erkundigte sich der Colonel. Robert schüttelte den Kopf und spürte Schmerzen im Nacken.

„Nichts gegen Ihr Lager, Sir, aber Freiheit ist noch besser“, erwiderte der Gefangene.

„Sie sind ehrlich, Captain, das rechne ich an. Sergeant, der Mann wird fünf Tage bei Wasser und Brot in den Dunkelpferch gesperrt. Vielleicht sieht er dann ein, dass er es hier besser hat.“

Nur eine halbe Stunde später schloss sich hinter Robert die massive Holztür des Dunkelpferches. Zunächst war es absolut finster in dem kaum vier Squareyard kleinen Gefängnis. Selbst die Luftschlitze unter dem Hüttendach waren abgedunkelt, indem man sie von außen mit schwarzem Stoff bespannt hatte. Nach einiger Zeit hatten sich Roberts Augen so an die Dunkelheit gewöhnt, dass er bemerkte, dass trotz der überlappend eingesetzten Bretter noch ein klein wenig Licht durch wenige Ritzen schien. Resigniert setzte Bennett sich auf den blanken Boden der Hütte und überließ sich wenig später dem Schlaf, der ihm fehlte. Fünf Tage lang blieb er in dem finsteren Gefängnis, bekam lediglich Wasser und Brot. Dann ließ man ihn wieder in die relative Freiheit des Lagers hinaus.

Doch schon bald schmiedete er erneut Fluchtpläne. Es war inzwischen September geworden. Neue Gefangene wurden eingeliefert. Unter den Neuen erkannte Robert Rodney Ellison, den Lieutenant der D-Schwadron, der schon seit der Schlacht bei Malvern Hill vor mehr als einem Jahr in Gefangenschaft war. Colonel McNeal ließ es zu, dass Ellison in Robert Bennetts Baracke kam. Kaum zusammen, beschlossen die beiden Männer, die schon früher Freunde gewesen waren, gemeinsam auszureißen. Der Steinbruch schied nicht zwangsläufig aus, aber es war notwendig, eventuell einen der Posten niederzuschlagen.

In einer Neumondnacht, ziemlich genau einen Monat nach seinem ersten Fluchtversuch, unternahm Robert mit Rodney einen erneuten Ausbruch. Zwei Wächter im Steinbruch waren nicht schnell genug und gingen unter wuchtigen Hieben bewusstlos zu Boden.

„Nimm dir das Gewehr, Rod. Ich nehme den Revolver“, flüsterte Robert dem Mitausreißer zu. Mit Hilfe eines Seils ließen sie sich zum Sumpfbach hinunter und versteckten sich zunächst im Unterholz des Sumpfgebietes, das Camp Virgil umgab. Als es hell wurde, eilten sie dann in Richtung Norden durch den Sumpf davon, immer darauf achtend, nicht in eines der Sumpflöcher zu treten.

„Hast du eine Ahnung, wo wir hier hinkommen?“, fragte Ellison.

„Wenn ich die Karte im Büro von McNeal richtig im Gedächtnis habe, kommen wir hier an den Allatoona Lake. In Cartersville am Nordostufer können wir uns vielleicht etwas anderes zum Anziehen beschaffen. So fallen wir auf wie bunte Hunde“, erwiderte Robert.

Nach einigen Stunden hatten sie den See erreicht. Im Schutz einiger Büsche ruhten sich die flüchtigen Offiziere eine Weile aus. Plötzlich fuhr Rodney auf.

„Verdammt! Die Hunde müssen unsere Spur entdeckt haben!“, sagte er. Von beiden Seiten hörten sie Hundegebell, das langsam näher kam.

„Schlechte Karten“, schnaufte Robert. „Sie kommen von beiden Seiten am Ufer lang. Uns hilft nur noch Schwimmen. Der See ist nicht besonders breit. Wir könnten es vielleicht schaffen, vor ihnen am anderen Ufer zu sein. Los, komm!“

Die Flüchtlinge warfen sich ins Wasser und beeilten sich, aus der Reichweite möglicher Schützen zu kommen, die irgendwo am Ufer waren. Tatsächlich peitschten Schüsse auf. Bennett und Ellison tauchten weg und schwammen einige Yards unter Wasser. Doch als sie wieder auftauchten, schossen die Verfolger am Ufer sofort wieder. Wieder tauchten die beiden Nordstaatler ab. Als sie wieder hochkamen, war am Ufer nichts mehr von den Verfolgern zu sehen.

„Ob sie’s aufgegeben haben?“, fragte Ellison hoffnungsvoll. Robert sah ihn zweifelnd an, während er sich mit ruhiger werdenden Schwimmstößen zum nordwestlichen Ufer arbeitete.

„Wenn sie mich so oft eingefangen hätten wie dich, hätte ich Zweifel, Rod“, grinste er in Anspielung darauf, dass Ellison schon zum sechsten Mal ausgebrochen war. Sie waren jetzt nur noch wenige Yards vom Nordufer entfernt.

„Ich glaube, ich kann wieder stehen“, sagte Ellison und richtete sich auf. Er war gerade aufgestanden, als vom Nordufer Schüsse krachten. Rodney griff sich an die Brust, schrie noch einmal auf und fiel tödlich getroffen in die Fluten des Sees zurück. Am Ufer sprangen gut ein Dutzend schwer bewaffnete Konföderierte aus dem Gebüsch. Schussbereite Gewehre zielten auf den noch im Wasser befindlichen Robert.

„Komm ‘raus, du elende Ratte!“, fauchte es vom Ufer. Robert stand mit erhobenen Händen auf. Er sah ein, dass er nicht die geringste Chance hatte, jetzt noch zu entkommen. Der Posten, der ihn bei seinem letzten Ausbruchsversuch zusammengeschlagen hatte, grinste mit einem Anflug von Sadismus.

„Am liebsten würde ich dir das Fell über die Ohren ziehen, aber der Colonel hat mir leider ausdrücklich befohlen, dich lebend ins Lager zurückzubringen. Du darfst dich auf einen schönen Fußmarsch freuen. Von Reiten oder Fahren hat er nämlich zum Glück nichts gesagt.“

Die Wächter fesselten Robert, der führende Corporal nahm ihn an einem Seil, das er um sein Sattelhorn knotete und trabte an. Auf dem Weg zurück stürzte Robert mehrfach, wurde jeweils einige Dutzend Yard mitgeschleift. Als die Wächter mit ihrem Gefangenen wieder in Camp Virgil eintrafen, war es finstere Nacht. Robert war völlig erschöpft und brach bewusstlos zusammen.

Beim Frühappell des nächsten Tages wurde Captain Bennett dem Lagerkommandanten vorgeführt. Colonel McNeal schüttelte betrübt den Kopf.

„Captain Bennett, Sie machen mir große Sorgen. Meine Aufgabe ist es, Sie hier zu behalten, bis die Kampfhandlungen eingestellt werden. Sie haben keine Chance hier zu entwischen. Sehen Sie es ein und freuen Sie sich, dass der Krieg für Sie vorüber ist“, mahnte McNeal.

„Sir, das werde ich nicht tun können, denn ich habe einen Eid geleistet, den ich nicht brechen werde. Als Offizier bin ich verpflichtet, jede Chance zu nutzen, mich der Gefangenschaft zu entziehen“, erwiderte Robert müde, aber kühl. McNeal trat nahe an ihn heran.

„Ich muss zugeben, dass ich bewundere, wie stur Sie sind, Captain. Wurden Sie ordentlich behandelt?“

„Wie man eben einen Ausreißer behandelt, wenn man ihm zeigen möchte, wer der Herr im Hause ist. Von ein paar Würgemalen am Hals, einigen Hautabschürfungen und blauen Flecken abgesehen werde ich wohl keine Schäden behalten“, versetzte Robert mit nicht zu überhörendem Sarkasmus.

„Würden Sie das bitte präzisieren, Captain?“, forderte McNeal ihn auf.

„Ihre Soldaten haben ohne Anruf geschossen, Lieutenant Ellison getötet ohne ihm die Chance zu geben, zu kapitulieren; mich hat man recht grob gefesselt und mit einem Strick um den Hals neben dem Pferd traben lassen. Wenn ich hingefallen bin, hat mich der Gaul halt ein Stück mitgeschleift, bis ich schon blau anlief. Erst dann hat Ihr Corporal angehalten und mich wieder auf die Füße gestellt“, erklärte Bennett äußerlich ruhig, innerlich vor Wut bebend. Colonel McNeal sah ihn verblüfft an.

„Ich erwarte nicht, dass Sie mir das abnehmen, Sir, auch wenn es den Tatsachen entspricht. Ich bin eben nur ein Yankee“, setzte der Gefangene hinzu. Colonel McNeal hinkte zu seinem Schreibtisch und klingelte. Eine Ordonnanz erschien.

„Sir?“

„Holen Sie Corporal Carter her, Ordonnanz!“, befahl McNeal.

Carter erschien wenige Minuten später.

„Corporal Carter, Sie haben diesen Gefangenen zurückgebracht?“, fragte McNeal – in Anwesenheit Bennetts. Carter nickte stolz.

„Ja, Sir.“

„Sie haben den zweiten Ausreißer erschossen oder erschießen lassen?“, hakte der Colonel weiter.

„Ja, Sir“, gab Carter unumwunden zu.

„Warum?“

„Bitte, Sir?“

„Ich habe Sie etwas gefragt! Antworten Sie Mann!“, knurrte McNeal.

„Es sind Yankees, Sir. Ich hatte keinen Befehl, die Ausreißer erst anzurufen“, antwortete Carter.

„Hatten Sie Befehl ohne Anruf zu schießen?“, fragte der Kommandant scharf.

„Nein, Sir.“

„Hatten Sie Befehl, den Überlebenden hierher zu Fuß laufen zu lassen? Mit einem Strick um den Hals? Hatten Sie Befehl, ihn gegebenenfalls hierher zu schleifen?“, fragte der Colonel weiter. Carter wurde hochrot.

„Nein, Sir“, sagte er kleinlaut.

„Mr. Carter, ich bestrafe Sie wegen Gefangenenmisshandlung mit zehn Stunden Strafexerzieren. Sergeant Conover: Sie überwachen, dass Corporal Carter noch heute die ersten drei Stunden dort abexerziert, wo die Gefangenen es sehen können. Ich dulde keine Misshandlung der mir anvertrauten Kriegsgefangenen. Wegtreten, Corporal!“, verkündete McNeal sein Urteil. Carter salutierte mit eisiger Miene und hochrotem Kopf. McNeal sah den Gefangenen an.

„Das zur Gefangenenmisshandlung. Hartnäckiges Ausreißen ist ebenfalls zu bestrafen. Captain Bennett, ich bestrafe Sie mit zehn Tagen Dunkelhaft bei Wasser und Brot und anschließender vierwöchiger Zwangsarbeit im Steinbruch. Damit Sie mir nicht wieder davonlaufen, werden Sie eine Fußfessel erhalten. Legt ihn in Ketten!“

 

Kapitel 20

Rettungsaktion

 

Colonel McNeal war ein ordentlicher Mann, der die Namen seiner Gefangenen an das Oberkommando der konföderierten Armee meldete und darum bat, die Angehörigen seiner Gefangenen über deren Verbleib zu unterrichten. Er hatte mit dieser Praxis begonnen, als er selbst darüber informiert wurde, dass sein jüngster Sohn Sean bei Sharpsburg in Gefangenschaft geraten war. Der Kommandant des Unionsgefängnisses, in dem Sean saß, hatte sich dies zur Gewohnheit gemacht. Für McNeal war es eine große Erleichterung, zu wissen, dass sein Sohn lebte. Vor dieser Nachricht hatte er drei Wochen lang keine Ahnung gehabt, was mit seinem Jungen, kaum sechzehn Jahre alt, überhaupt geschehen war, weil Sean nach einem Angriff vermisst wurde. Weil McNeal deshalb gut die Empfindungen anderer Angehöriger nachvollziehen konnte, hatte er mit seinen Listen begonnen. Die Gefangenenlisten von Colonel McNeal gingen zunächst zum Confederate Provost Department in Richmond, von dem eine Abteilung für den Gefangenenaustausch zuständig war. Von dort sollten sie an die in Washington zuständigen Behörden des Nordens weitergeleitet werden.

Beim Provost Department arbeitete inzwischen auch Philip Bennett, der Militärstaatsanwalt für den Bereich Tennessee geworden war, das seitens der Konföderation selbstverständlich noch zum Staatsgebiet gerechnet wurde, wenn dort auch seit eineinhalb Jahren große Teile von Unionstruppen beherrscht wurden. Nur der Südosten Tennessees, etwa südöstlich der Linie Lawrenceburg – Sparta – Cumberland-Gap wurde noch von den Konföderierten kontrolliert. Und das Einflussgebiet nahm fast täglich ab, auch wenn der Juli des Jahres 1863 speziell in Tennessee sehr ruhig geblieben war. Selbst jetzt, Mitte September, war in Tennessee weitgehende Ruhe. Aber die Ruhe war trügerisch.

Zu diesem Zeitpunkt führte Philip Ermittlungen wegen eines verschwundenen Goldtransportes. Pikant daran war, dass sein Schwager Yancey Morrows mit seiner Schwadron den Transport eskortiert hatte und mitsamt dem Gold verschwunden war. Der Transport war für Decatur in Alabama bestimmt und war von Murfreesboro/Tennessee abgesandt worden, kurz bevor die Truppen des Unionsgenerals Rosecrans die Stadt eingenommen hatten und von dort eine Expedition nach Südosten in Richtung südliche Grenze der Appalachian Mountains unternommen hatte. Alles war möglich. Sowohl das Abfangen des Transportes durch Yankees als auch, dass die Begleitmannschaft das Gold unterschlagen hatte. Die erstere Spur hatte man durch Spione verfolgen lassen – und hatte den Verdacht nicht bestätigt gefunden. Nun ermittelte Philip – mit gewissem Widerwillen, wie er sich eingestand – gegen Yancey und seine Leute. In keinem Yankeegefängnis war einer von ihnen aufgetaucht, aber auch innerhalb der Konföderation fehlte jede Spur von der gesamten Schwadron

Am Morgen des 16. September 1863 kam eine Ordonnanz in Philips Büro.

„Guten Morgen, Sir. Die neuen Verlustlisten sind eben erschienen. Möchten Sie ein Exemplar?“

„Ja, danke, Ordonnanz.“

Der Ordonnanzsoldat legte mehrere frisch gedruckte Seiten auf den Schreibtisch.

„Oh, da fällt mir noch etwas ein, Sir. Ich habe eben die neueste Gefangenenliste gesehen. Ich glaube, ich habe Ihren Namen gesehen. Putzig, was?“, grinste der Soldat. Philip wurde bleich.

„Das ist überhaupt nicht putzig, Ordonnanz!“, versetzte Philip. „Geben Sie mir bitte auch ein Exemplar davon“, wies er den Ordonnanzsoldaten an. Mit roten Ohren händigte der Soldat Philip eine Liste aus. Eilig suchte Philip nach dem Namen.

„Ordonnanz, stellen Sie bitte umgehend fest, ob dieses Jahr noch ein Austausch geplant ist“, sagte er zu dem Soldaten, der salutierte und aus dem Zimmer lief.

„Bobby in Gefangenschaft. Mein Gott!“, entfuhr es Philip als er allein war. „Hoffentlich geht es ihm gut. Wenigstens ist er in Camp Virgil!“

Der Ordonnanzsoldat kam zurück und teilte mit, dass noch ein Austausch für Oktober geplant war.

„Ordonnanz, melden Sie mich bitte bei Colonel Brown an. Ich muss dringend mit ihm sprechen“, wies er den Ordonnanzsoldaten an. Colonel Howard Brown stand der Abteilung des Confederate Provost Department vor, die die Austausche vorbereitete und durchführte. Die Ordonnanz verschwand und kam wenig später mit der Meldung wieder, dass Colonel Brown den Major Bennett erwarte. Philip eilte sofort in den nächsthöheren Stock, wo Brown sein Büro hatte.

„Guten Morgen, Major Bennett. Was kann ich für Sie tun?“, fragte Colonel Brown.

„Vielleicht können Sie mir behilflich sein, Sir. Ich habe heute Morgen die neueste Gefangenenliste bekommen und festgestellt, dass mein Bruder unter den Gefangenen ist. Wäre es möglich, ihn beim Oktoberaustausch zu berücksichtigen?“, fragte Philip. Brown sah Philip einen Moment verwirrt an.

„Major, wir haben leider keinen unmittelbaren Einfluss darauf, wen die Yankees wieder ‘raus lassen“, sagte er. Philip lächelte schief.

„Sir, ich bin nicht im Süden geboren. Mein Bruder ist Yankee. Er ist bei Johnsonville in Gefangenschaft geraten und sitzt jetzt in Camp Virgil“, gab Philip zu bedenken.

„Was ist Ihnen wichtiger, Major: Dass wir den Krieg gewinnen oder, dass Ihr Bruder weiter gegen uns kämpfen kann?“, fragte Brown scharf.

„Blut, Sir, ist dicker als Wasser. Ich kämpfe gegen die Yankees, aber das heißt nicht, dass ich meinen kleinen Bruder in die Hölle wünsche“, erwiderte Philip kühl. „Es böte sich an, ihn gegen einen in Vicksburg auf Ehrenwort entlassenen Captain unserer Armee auszutauschen“, schlug er dann vor.

„Sie haben meine Frage nur halb beantwortet, Major, aber ich kann Sie verstehen. Wen meinen Sie in Vicksburg?“

„Mein alter Schwadronskamerad Martin Moore hat in Vicksburg die Stadtverteidigung mit organisiert, hat ein Kommando als Captain bekommen und wurde nach dem Fall der Stadt auf Ehrenwort entlassen. Er könnte aber wieder ein Kommando übernehmen, wenn er gegen einen gleichrangigen Unionsoffizier ausgetauscht wird. Ich denke, es wäre im Sinne der Konföderation, einen so ausgezeichneten Offizier wie Captain Moore wieder in unsere Verteidigungsbemühungen einrechnen zu können“, erklärte Philip.

„Bringen Sie es fertig, Moore hierher zu holen?“, fragte Brown.

„Wenn seitens der Yankees freies Geleit versprochen wird, sehe ich kein Problem“, gab Philip zurück.

„Gut. Ich schreibe heute noch nach Washington und setze Captain Bennett auf meine Austauschliste. Informieren Sie bitte Captain Moore und Colonel McNeal.“

„Danke, Sir.“

Fern davon, in Vicksburg, erhielt Thomas Craig, der mit seiner Schwadron noch immer dort war, einen Brief seiner Schwester, in dem Susan ihm mitteilte, dass Robert vermisst wurde, seit sein Verwundetentransport bei Johnsonville überfallen worden war. Tom war tief betroffen, dass sein Freund wohl in Gefangenschaft war; so sehr, dass es auch Martin Moore auffiel, mit dem er sich an diesem Abend traf.

„He, Tom, was ist mit dir?“, fragte Martin besorgt, als Thomas ihn am Abend in seinem inzwischen wieder hergerichteten Haus besuchte.

„Frag’ lieber nicht was mit mir ist, sondern, was mit Bobby ist“, seufzte Tom tief.

„Tot?“, erkundigte sich Moore besorgt. Tom zuckte mit den Schultern.

„Nein, so wie Susan schreibt, ist er wohl in Gefangenschaft geraten. In der Liste wird er als vermisst, wahrscheinlich gefallen geführt. Meine Schwester ist völlig fertig. Robert ist heimgereist, um zu heiraten. Nicht zu fassen: Kommandiert einen Verwundetentransport und der wird überfallen! Wer kommt nur auf eine so irre Idee?“, murmelte Tom. Martin hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube.

„Hat er den Transport von hier aus kommandiert?“, fragte Martin vorsichtig nach.

„Ja, mein Vater wollte ihm möglichst lange Urlaub gegen. Er sollte den Transport nach Nashville begleiten und von dort seinen Urlaub antreten“, gab Tom Auskunft.

„Nashville? Sag’ mal: Wann ist Robert abgefahren?“, hakte Moore nach.

„Am siebzehnten Juli.“

Martin sah sich vorsichtig um.

„Auf die Gefahr hin, dass du mir die Schnauze polierst: Könnte das hier seine geplante Route gewesen sein?“, fragte Moore ging zum Sekretär und nahm ein Blatt Papier heraus, das er Tom zeigte. Tom war starr vor Schreck. Er sah die Zeichnung der Strecke, die Roberts Transport hatte fahren sollen!

„Du verdammter Bastard!“, knurrte Thomas. „Du hast Robert ans Messer geliefert! Na warte!“, rief er und wollte sich auf Martin stürzen, aber Moore hielt ihn sich vom Leib.

„Halt, Tom, hör’ mir zu!“, gurgelte er. „Es war keine Absicht, ich schwör’s dir!“

„Was war es dann, verfluchter Rebell?! Robert hat dir mehr geholfen, als jeder andere!“, schrie Tom wütend. „Und zum Dank verrätst du ihn, was?“

Martin hielt Tom mühsam fest.

„Wenn du mich ausreden lassen würdest, können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, Tom. Beruhige dich und hör mir zu“, bat Martin eindringlich.

„Und woher weiß ich, dass du nicht lügst?“, knurrte Tom.

„Das kann ich dir nicht beweisen, Tom, ich kann dich nur um dein Vertrauen bitten. Du und Robert, ihr habt so viel für mich und meine Familie getan, dass ich nie – nie und nimmer – Robert verraten hätte, wenn ich nur die leiseste Ahnung gehabt hätte, dass er diesen Transport kommandiert – selbst wenn er Gold und Edelsteine im Wert von Millionen geladen gehabt hätte. Bitte, Tom, glaub’ mir das“, erklärte Martin. Tom seufzte schwer.

„Ich würde dir gern vertrauen, Martin, aber …“, setzte er an, Martin unterbrach ihn sanftmütig:

„Dann lass’ es mich erklären, gut?“

Tom nickte.

„Einer meiner Kameraden hier in Vicksburg bekam Besuch von einem Yankeeinformanten. Den Namen kenne ich nicht, aber vielleicht kann ich ihn herausfinden. Der Informant gab ihm diese Route hier und behauptete, es handle sich um einen Goldtransport, der von hier nach Nashville geschickt würde. Mein Kamerad hat dem Informanten die Route für tausend Golddollar abgekauft und ich bekam den Auftrag, sie an Forrest zu telegrafieren“, erklärte Martin. „Hätte ich geahnt, dass das der Weg von Robert ist, hätte ich mir eher die Hand abhacken lassen, als sie an General Forrest weiterzugeben“, setzte er bekräftigend hinzu.

„Martin, du hast dein Ehrenwort gebrochen, nicht mehr gegen die Union zu kämpfen!“, grollte Tom finster.

„Tom, die einzigen Yankees, denen ich mich verpflichtet fühle, sind du und Bob Bennett. Ich werde keine Waffe in die Hand nehmen, solange ich nicht hochoffiziell ausgetauscht werde, aber ich garantiere, dass ich anderweitig für die Freiheit meines Landes kämpfen werde!“, versetzte Martin. „Genauso ruhigen Gewissens kann ich dir versprechen, dass ich gegen dich oder Robert nie bewusst kämpfen werde, egal, was passieren mag.“

Tom sah Martin eine Weile an.

„Es könnte ein Vorteil für dich sein, wenn du vielleicht ausgetauscht wirst. Möglicherweise sogar gegen Robert, denn du bist auch Captain. Du könntest immerhin ein Motiv dafür haben, Bobby um seine Freiheit zu bringen“, dachte der Nordstaatler laut nach. Martin schüttelte den Kopf.

„Wenn das meine Beweggründe wären, Tom, hätte ich andere Mittel und Wege gefunden, Robert oder dich dingfest zu machen. Nein, ein Telegramm an Forrest ist fast gleichbedeutend mit einem Todesurteil, weil Forrest meist nur Tote hinterlässt. Davon hätte ich wirklich nichts gehabt“, erwiderte Moore.

„Kommt auf den Inhalt des Telegramms an“, gab Tom zurück. Moore stand wieder auf und holte aus seinem Sekretär die handgeschriebene Depesche, an die der Telegrafenstreifen angeheftet war.

„Hier, das ist die Depesche, die ich aufgegeben habe. Ich schwöre bei Gott, dass es das Telegramm ist, das Forrest von mir erhalten hat, und dass es das einzige Telegramm ist, das ich abgesandt habe, seit Vicksburg gefallen ist.“

Tom verglich die handschriftliche Notiz mit dem Bestätigungsstreifen, in den die Nachricht in Lochschrift eingestanzt war. Sie stimmte überein.

„Gut, ich glaube dir“, sagte er leise. „Was können wir für Robert tun?“, fragte er dann.

„Ich schreibe an Philip. Er ist jetzt im Provost Department – und die sind auch für den Austausch von Gefangenen zuständig“, versprach Martin.

„Dann beeil’ dich bloß damit. Ich habe gehört, dass unsere Regierung den Gefangenenaustausch beenden will“, warnte Tom.

„Ich telegrafiere heute noch an Philip. Komm mit ins Telegrafenbüro.“

Von den Bemühungen seiner Freunde und seines Bruders, ihn aus der Gefangenschaft freizubekommen, ahnte Robert Bennett freilich nichts. Seit zwei Wochen schuftete er im Steinbruch von Camp Virgil. Die schwere körperliche Arbeit zeigte ihre Wirkung, denn die knappen Rationen lieferten nicht viel Energie. Wenn die Zwangsarbeiter abends in ihre Unterkünfte zurückgebracht wurden, waren sie am Ende ihrer Kräfte.

‚Ich stehe das keine vier Wochen durch’, dachte Robert an diesem Abend, als er erschöpft auf seiner harten Pritsche lag. ‚Ich muss hier weg. Egal, was es mich kostet, ich muss hier ‘raus, sonst überlebe ich das nicht.’

Im Halbdunkel der Unterkunft betrachtete er seine Stiefel. Sie hatten sehr gelitten, vor allem hatte ihnen der Fluchtversuch quer durch den Allatoona Lake geschadet. Immerhin hatte eine mildtätige Seele von Mitgefangenem, der im Zivilberuf Schuster war, die Stiefel wieder aufgearbeitet, soweit das mit den beschränkten Mitteln im Lager möglich war. Aber einen Fluchtversuch würden sie bestimmt noch überstehen. Zu Hause konnte er sich neue Stiefel beschaffen. Der linke Stiefel hatte jetzt noch deutliche Spuren der Fußfessel dazubekommen. Vermutlich würde in der nächsten Woche der Schaft abgescheuert sein, wenn er bis dahin nicht die Kettenschelle los war. Den Stiefel in der Hand, überlegte der junge Mann, was er als nächstes tun wollte. Für den folgenden Tag war eine Sprengung im Steinbruch geplant. Daraus musste sich doch eine Fluchtmöglichkeit ergeben! Der Mond ging auf und schien in die Unterkunft. Robert kam eine Idee. Er stellte den Stiefel wieder an seinen Platz und besah sich die am Pritschenpfosten angeschlossene Fußfessel, die ihm die Wache jeden Morgen an den bestiefelten Fuß schloss.

‚Sieht nicht stabil aus’, dachte Bennett. Er stieg von der Pritsche und hielt die Kette der Fußfessel, an der eine schwere Eisenkugel hing, ins bleiche Mondlicht.

‚Idiot!’, schalt er sich in Gedanken. ‚Du könntest längst über alle Berge sein! Das Zeug ist morsch wie trockenes Holz. Ein kleiner Schlag mit deinem Vorschlaghammer und die Kette zerbröselt zu Staub!’

Wie üblich wurden die Zwangsarbeiter bei Tagesanbruch von den Wachen geweckt, mussten sich unter Bewachung ankleiden, dann wurden die Fußfesseln geschlossen und die Zwangsarbeiter marschierten in Reih und Glied mit den Eisenkugeln in beiden Händen zum Steinbruch. Dort erst wurden die Werkzeuge ausgegeben. Robert erhielt wieder den großen Vorschlaghammer, mit dem er schon zwei Wochen arbeitete. Er achtete darauf, dass die Kette seiner Fußfessel immer über einem Stein lag, damit er rasch zuschlagen und sich von der Kugel befreien konnte. Gegen zehn Uhr blies der Trompeter ein Warnsignal. Augenblicklich ruhte die Arbeit, jeder duckte sich oder räumte seinen Platz, wenn er sich im steinschlaggefährdeten Gebiet befand. Robert gehörte zu denen, die sich zu ducken hatten. Vorsichtig hatte er sich immer weiter an die Abbruchkante herangearbeitet. Als die Sprengladung detonierte, schlug er mit dem Vorschlaghammer zweimal kräftig zu, die Kette zerbrach knapp eine Handbreit unter der Fußschelle. Mit einem beherzten Schwung warf er sich über die Abbruchkante und kletterte so schnell es ihm möglich war, die zerklüftete Felswand hinunter. Er war sicher, dass man ihn erst vermissen würde, wenn die Zwangsarbeiter am Abend in die Unterkünfte zurückgetrieben würden. In keinem Falle würde man eher zählen, als bis sich die Staubwolke der Explosion wieder verzogen hatte. Nach aller Erfahrung waren das gut zwanzig Minuten.

An diesem Tag hatte First-Sergeant Conover die Aufsicht über die Zwangsarbeiter. Conover ließ gleich nach dem Aufklaren die Gefangenen durchzählen. Eine halbe Stunde war nach der Sprengung vergangen, als Corporal Carter ihm meldete, dass einer der Gefangenen fehle.

„Lassen Sie mich raten Carter: Bennett?“, fragte Conover. Carter nickte.

„Nehmen Sie sich Hunde, Carter, und suchen Sie den Sumpf ab!“, befahl Conover. Carter strahlte vor Freude.

„Ja, Sir!“, meldete er sich zackig ab.

„Carter, Sie denken daran, was Ihnen das letzte Mal passiert ist?“, mahnte Conover. „Schleifen Sie ihn also nicht wieder her!“, wies er den Corporal an. Carters Lächeln erlosch so schnell, wie es gekommen war.

„Ja, Sir!“, bestätigte er. Es klang sehr viel weniger enthusiastisch als die erste Meldung.

Zehn Minuten später schnüffelte eine Meute von zehn Bluthunden intensiv an den Spuren des Flüchtlings. Einer begann zu geifern und folgte trabend der Spur, die er entdeckt hatte.

„Ich glaub’, Nero hat die Spur gefunden, Sir!“, meldete einer der Trooper, die mit Corporal Carter die Suchpatrouille bildeten.

„Guter Hund, Nero, such! Such! Such den Yankee!“, feuerte Carter den Bluthund an. Das große Tier stemmte sich mit Macht gegen die massive Leine.

„Fenton, die Langleine!“, befahl Carter barsch. Trooper Fenton gab ihm eine etwa zehn Yards lange Leine aus starkem Hanf. Carter stieg vom Pferd, band die Langleine an Neros Führleine und ließ den Hund laufen und saß wieder auf. Die Meute hetzte hinterher.

„Bildet eine Kette, zwei Yards Abstand! Wir durchkämmen den Sumpf!“, befahl Carter. Die Soldaten zu Pferd schwärmten aus.

Robert war so schnell und so weit gelaufen, wie sein geschwächter Zustand es zuließ. Weder seine Kondition noch seine hohen Stiefel ließen einen Langstreckenlauf zu. Keuchend stolperte er über eine Baumwurzel, die halb in der Luft hing und stürzte. Einen Moment blieb er benommen liegen. In der Ferne hörte er Hundegebell.

‚Verdammt!’, fluchte er in Gedanken. ‚Diese verdammten Viecher haben eine viel zu feine Nase! Die riechen Yankees buchstäblich zehn Meilen gegen den Wind. Viel weiter bin ich nicht vom Camp entfernt’, durchfuhr es den jungen Mann. Es hatte ihm letztes Mal nichts genützt, dass er und Rodney ins Wasser gesprungen waren, um die Spuren zu verwischen. Die Verfolger hatten sie trotzdem gefunden. Schwer atmend stemmte er sich hoch und lief weiter, so schnell ihn seine müden Füße trugen. Der Mooruntergrund war nicht dazu geeignet, darauf Rennen zu veranstalten. Das Hundegebell kam rasch näher, jetzt hörte der Flüchtling schon Pferdegeschirre klirren.

‚Gib nicht auf, sonst haben sie dich gleich’, mahnte er sich in Gedanken, doch seine stolpernden Schritte wurden immer unsicherer.

„Lasst die Hunde los!“, befahl Carter, vom Jagdfieber gepackt. Seine Soldaten ließen die Bluthunde von der Leine und die Tiere jagten voraus ins Unterholz. Nero, der die Spur des Ausreißers entdeckt hatte, hetzte mit langen Sätzen weit voraus. Er schnüffelte nicht mehr am Boden, er nahm sein Wild schon in der Luft wahr. Nero war ein Bluthund mit Erfahrung. In seinen jetzt sechs Jahren hatte er seinem Herrn jeden Schwarzen aufgestöbert, der zu fliehen versucht hatte – jeden. Nero war es gleich, ob er Schwarze oder Weiße jagte. Er witterte den Geruch eines Menschen und jagte sein Jagdwild, bis er es gestellt hatte. Der Geruch nach Mensch, nach fliehendem Mensch, wurde immer stärker. Dann sah Nero den Menschen, auf den er angesetzt war und sprang ihn mit einem Riesensatz an.

Robert hörte Äste knacken, drehte sich um und sah die Bestie von Bluthund, die wie ein Puma auf ihn zusprang. Er konnte nicht weit genug ausweichen, der Hund bekam ihn noch am rechten Oberschenkel zu fassen und biss sofort heftig zu. Robert schrie auf, stürzte, der Hund hielt ihn fest im Biss.

„Aah! Verdammter Köter! Pfui! Aus!“, brüllte Robert. Der Hund wollte gar den Fang schütteln, aber dafür war Robert mit seinen knapp hundertfünfzig Pounds doch zu schwer. So hielt Nero den gestellten Flüchtling fest im Maul und ließ sich nicht davon beeindrucken, dass der Mensch, den er gefangen hatte, wild nach ihm schlug. Nur Sekunden später war eine ganze Meute von Hunden da – und die dazugehörigen Jäger in Gestalt von Carter und seinen berittenen Soldaten. Carter grinste zynisch.

„Ein richtiger Bär, den Nero gefangen hat. Wer hat das Buckshot?“, fragte er. Einer seiner Männer reichte ihm eine doppelläufige Schrotflinte. Carter legte an und zielte auf den hilflos im Verbiss hängenden Bennett. Robert gab es auf, nach dem sturen Hund zu schlagen und ließ sich resigniert in das nasse Gras sinken.

„Schieß doch. Dann hab’ ich’ s hinter mir“, sagte er leise. Carter spannte die Hähne, hielt einen endlosen Moment noch auf den Flüchtling – und schoss. Knapp über Roberts Kopf wurde die Weide zerfetzt, unter der er gestürzt war. Carter hatte im Bruchteil einer Sekunde die Flinte noch minimal angehoben. Nero ließ den Menschen los und lief mit eingezogenem Schwanz zu Carter zurück, der ihm ein Stück Fleisch zuwarf, das der Hund auffing und verschlang. Der Corporal lachte wie irre und wies dann seine Soldaten an, den Ausreißer auf ein Pferd zu fesseln.

Einige Stunden später war die Suchpatrouille mit dem Gefangenen zurück im Camp Virgil. Colonel McNeal war nach Atlanta gefahren und wurde erst am kommenden Tag zurückerwartet. So ließ Carter den eingefangenen Flüchtling ohne Rücksprache mit Vorgesetzten in den Dunkelpferch sperren, sorgte auch nicht für eine Behandlung der Bisswunde. Robert bekam nur einen Krug Wasser und blieb einstweilen sich selbst überlassen. Er versuchte, den Schmerz in der Bisswunde zu ignorieren und war irgendwann eingeschlafen.

Er erwachte von lautem Schimpfen, das offensichtlich First-Sergeant Conover von sich gab. Dann wurde die Pferchtür aufgerissen. Geblendet kniff Bennett die Augen zusammen, weil die Sonne ihm strahlend hell ins Gesicht schien. Conover und zwei andere Soldaten stürzten herein. Die beiden Soldaten stellten Robert recht vorsichtig auf die Füße, aber er knickte gleich wieder in den Knien ein, weil die Beinwunde stark schmerzte. Die beiden Männer stützten ihn.

„Ist deine Wunde behandelt worden, Yankee?“, fragte Conover mit nicht zu überhörender Besorgnis. Robert schüttelte den Kopf. Conover beugte sich zu der Bisswunde hinunter und betastete sie vorsichtig. Robert spürte einen brennenden Schmerz, er ächzte leise.

„Ist schon geschwollen“, brummelte der Sergeant. „Bringt ihn ins Krankenrevier“, wies er dann die Soldaten an, die mit Bennett über den großen Platz zur Lazarettbaracke gingen. Der Lagerarzt nahm sich der Wunde auch gleich an, behandelte sie mit Jod und verband sie dann.

„Drei Tage nicht bewegen“, wies der Arzt den Gefangenen an.

„Ja, Doktor“, bestätigte der müde. Seine Bewacher zogen ihm die Stiefel aus, einer schloss das unverletzte Bein am Fuß mit einer Kette an den eisernen Bettpfosten an.

Es war bereits dunkel geworden, als Colonel McNeal zurückkehrte und von Sergeant Conover unterrichtet wurde, dass der entsprungene Gefangene wieder da sei, aber mit einer tiefen Bisswunde im Bein im Lazarett liege.

„Hoffentlich unter Bewachung?“, fragte McNeal. Conover nickte.

„Gehen wir ‘rüber. Ich kann den Mann nicht hier behalten, sonst gelingt ihm doch noch die Flucht“, seufzte McNeal. Er nahm seine Unterarmgehstützen und humpelte zusammen mit Conover zum Lazarett hinüber. Eine Weile sah er den verletzten Nordstaatler an, der seinen Blick müde erwiderte.

„Sie können es nicht lassen, hm?“, fragte McNeal schließlich. Robert schüttelte schweigend den Kopf. Zum Reden war er noch zu erschöpft.

„Wo haben Sie ihn zu fassen gekriegt, Conover?“

„Nach Auskunft von Corporal Carter hat die Patrouille ihn im Sumpf gestellt. Nero hat sich in seinen rechten Oberschenkel verbissen. Sonst wäre er wohl weg gewesen.“

Miles McNeal wandte sich wieder an den Ausreißer:

„Captain Bennett, ich glaube, Sie können sich nicht beschweren, dass Sie hier schlecht behandelt werden. Warum geben Sie es nicht endlich auf und sehen ein, dass Sie das Spiel verloren haben?“

„Es ist ein Versprechen, Sir“, presste Robert mühsam heraus.

„Das heißt, Sie werden es immer wieder versuchen, bis Sie es schaffen?“, hakte McNeal nach. Robert nickte.

„Sie sind wenigstens ehrlich. Ich muss zugeben, dass ich Ihre Zähigkeit bewundere. Ich an Ihrer Stelle hätte schon längst aufgegeben. Warum wollen Sie partout weg?“, bohrte der Kommandant unnachgiebig weiter.

„Erstens, weil ich meinen Offizierseid nicht brechen werde, und zweitens, weil ich eigentlich auf dem Weg zu meiner Hochzeit war. Ich … ich habe es meiner Verlobten versprochen“, erwiderte Robert leise und stockend. McNeal nahm es nickend zur Kenntnis.

„Ich verstehe Ihre Beweggründe, Captain Bennett. Ihre Gründe sind mir sogar sympathisch. Aber ich werde meinen Eid auch nicht brechen. Und der heißt, dass ich einen Yankee nicht ausreißen lasse. Da Sie immer wieder versuchen werden, hier zu entkommen, kann ich Sie nicht hier behalten. Dafür ist dies Lager nicht sicher genug. Sie werden in ein richtiges Gefängnis verlegt, wo Sie das Kriegsende hinter Gittern abwarten werden. Nur lassen Sie sich gewarnt sein: Bei Fluchtversuchen in anderen Lagern oder gar Gefängnissen kann es mit Peitschenhieben enden, wenn man Sie wieder einfängt. Sie bleiben zunächst hier, bis Sie soweit sind, dass wir Sie ohne Komplikationen wegbringen können. Ich wünsche gute Besserung“, sagte McNeal, erhob sich und verließ das Lazarett. Conover folgte ihm.

„Wohin bringt man den Yankee, damit er nicht wieder ausreißt?“, fragte der Colonel, als er mit dem Sergeant über den Platz humpelte.

„Nun, Atlanta hat ein stabiles Gefängnis, Sir. Dort sind auch einige Yankeeoffiziere eingesperrt.“

Einige ist gut! Der Knast ist hoffnungslos mit Yankees überfüllt!“, entfuhr es McNeal. „Nein, das ist nichts. Ich telegrafiere nach Richmond, ob uns Libby Prison noch einen widerspenstigen Ausreißer abnehmen kann“, sagte er dann. Er stemmte sich zum lagereigenen Telegrafenbüro und gab ein Telegramm an eines der berüchtigtsten Gefängnisse der Konföderation auf. Wenig später hatte er die Bestätigung, dass Libby Prison den Gefangenen Bennett aufnehmen würde.

„Conover, Sie haben gewisse Erfahrung im Gefangenentransport“, sagte McNeal. „Ich möchte, dass Sie Captain Bennett nach Richmond bringen, damit er dort sicherer verwahrt wird als es hier möglich ist. Von dort können Sie wieder zu Ihrer Einheit bei General Forrest stoßen.“

Conover salutierte.

„Sir, ich würde lieber wieder hierher zurückkehren“, sagte er. McNeal sah ihn verwundert an.

„Sergeant, Sie gehören nicht zu meinem Personal“, erwiderte der Colonel.

„Ich weiß, dass General Forrest mich nur ausleihen wollte. Ich muss zugeben, Sir, dass es mir widerstrebt, Zivilisten anzugreifen. General Forrest tut das nur zu häufig“, gab Conover zu bedenken.

„Die Yankees haben damit angefangen, Sergeant. Die sollten sich nicht wundern, wenn wir sie mit der eigenen Kost füttern!“, versetzte McNeal.

„Sir, ich kann keinen Krieg gegen Menschen führen, die nicht kämpfen, gegen Frauen und Kinder. Nein, Sir, das kann ich nicht.“

McNeal sah den graubärtigen Sergeant eine Weile an.

„Wollten Sie deshalb zum Lagerpersonal?“, fragte er.

„Ja, Sir“, bestätigte Conover.

„Na gut. Dann kommen Sie wieder, wenn Sie Captain Bennett abgeliefert haben. Sie nehmen noch eine Kleinigkeit mit, Sergeant. Es ist besser, wenn wir das Gold aus dem Transport, den wir den Yankees neulich abgenommen haben, nach Atlanta in den Tresor bringen.“

„Ja, Sir. Wann sollen wir fahren?“

„Sobald Captain Bennetts Wunde etwas verheilt ist. Ich denke in zwei oder drei Tagen können Sie fahren. Das wäre dann der siebzehnte oder der achtzehnte September.“

Am 17. September hatte Philip morgens eine Depesche auf dem Schreibtisch, dass Captain Moore freies Geleit zum Austausch im Camp Virgil gewährt werde. Gleichzeitig hatte er ein Telegramm von Martin erhalten, in dem Martin ihn bat, sich für Roberts Freilassung einzusetzen, weil er ihm viel zu verdanken habe. Philip telegrafierte zurück und bat um ein Treffen im Camp Virgil bei Atlanta. Er werde dort voraussichtlich am 20. September eintreffen, um Robert nach Norden zu bringen. Dann schickte er eine Depesche an Colonel McNeal mit der Anweisung, den Gefangenen Captain Robert Bennett für den nächsten Gefangenenaustausch auszuliefern. Philip gab noch ein drittes Telegramm auf, in dem er seinem Vater ohne Beachtung des offiziellen Weges mitteilte, dass Robert ausgetauscht werden sollte und reiste sofort nach Atlanta ab, ebenso wie Martin, der sich unmittelbar nach Empfang des Telegramms in Uniform auf den Weg nach Atlanta machte.

In den frühen Morgenstunden des 17. September erschien Sergeant Conover im Lazarett und rüttelte Bennett wach.

„Los, aufstehen, Yankee! Ab nach Richmond. Der Knast wartet, Mr. Ausreißer“, knurrte er.

„Dahin komme ich noch früh genug. Muss es denn mitten in der Nacht sein?“, maulte Robert unwillig.

„Steh’ auf, sonst mach’ ich dir Beine, Blaubauch!“, zischte ein zweiter Soldat, der mit Conover gekommen war und spannte den Hahn seines Karabiners. Robert kannte ihn unter dem Namen Fenton.

„Munitionsverschwendung, Fenton. Denk’ dran, ihr schwimmt nicht drin“, erinnerte Robert gähnend. Fenton wurde wütend und stieß mit dem Karabinerkolben nach dem verschlafenen Gefangenen. Conover hinderte ihn grob.

„Trooper Fenton!“, herrschte er ihn an. „Zum Teufel, wie oft muss ich Ihnen sagen, dass in diesem Lager Gefangene nicht misshandelt werden?“

„Aber …“

„Halt’ die Schnauze und nimm den Ballermann beiseite!“, donnerte Conover. Fenton stand erschrocken stramm. Conover winkte dem Gefangenen und schloss die Fußfessel auf.

„Komm schon, Yank. Fenton hat wieder Sodbrennen.“

Robert erhob sich mühsam, nahm seine Uniform, die einzige Habseligkeit, die ihm geblieben war, und folgte Conover. Sein Pferd, seine Waffen und sein gesamtes Gepäck hatte Forrest für seine Leute beschlagnahmt. Robert durfte nicht hoffen, sein gutes Gewehr oder gar seinen Pilatus je wieder zu sehen.

Wenig später saß er an Händen und Füßen gefesselt im Wagen, der ihn nach Richmond bringen sollte. Conover, und die Trooper Elias, Fenton und Lomax, die ihn bewachen sollten, wirkten sehr nervös, fand Robert. Lag es daran, dass er ein so hartnäckiger Ausreißer war? Eigentlich hatten sie ihn so gut verschnürt, dass er auf dem Transport bestenfalls als Känguru entkommen konnte. Immerhin hatten sie ihm die Hände nicht auf den Rücken gebunden, sondern sie vorn gefesselt, damit er sich in dem praktisch ungefederten Wagen noch abstützen konnte. Kurz nach dem Verlassen des Camps kamen sie an eine Kreuzung. Robert, der hinten im Wagen saß und die hinten reitenden Conover und Fenton sehen konnte, bemerkte, dass auf einem Wegweiser Richmond geschrieben stand – und dass sie diesem Wegweiser offensichtlich nicht folgten, sondern weiter in Richtung Südosten, nach Atlanta, fuhren.

„He, Dixie! Nach Richmond geht’s da hinten links ‘rum. Wo wollt ihr mit mir hin?“, rief Robert nach hinten. Conover spuckte Tabaksaft an den Wegrand und grinste.

„Wir machen einen kleinen Umweg über Atlanta, Yank. Wir haben noch was abzugeben. Aber keine Sorge, nach Libby Prison kommst du schon noch. Sehn’ dich nicht zu sehr danach. Das ist kein Ort für berufsmäßige Ausbrecher wie dich.“

Am Mittag dieses Tages erhielt Colonel Bennett im fernen Fort Donelson eine Depesche. Er sah die Ordonnanz verblüfft an, als der Soldat ihm mit zackigem Salut das versiegelte Telegramm gab und sagte:

„An Sie persönlich, Sir. Kommt aus Richmond in Virginia!“

„Danke, Sanderson“, sagte Colonel Bennett langsam. Er nahm die Depesche und öffnete sie gleich.

„HABE ROBERT GEFUNDEN. BEFINDET SICH ALS KRIEGSGEFANGENER IM CAMP VIRGIL/GEORGIA. HABE ERREICHT, DASS ER AUSGETAUSCHT WIRD. MACHE MICH NOCH HEUTE AUF DEN WEG NACH CAMP VIRGIL, UM ROBERT ABZUHOLEN. WIRD IN CA. ZWEI WOCHEN ZU HAUSE SEIN. PHILIP.“

Frederick Bennett las das Telegramm mehrfach, bis er begriffen hatte, dass Philip seinem Bruder aus der Gefangenschaft helfen konnte. Noch wichtiger war zunächst die Tatsache, dass Robert überhaupt noch lebte. Frederick sprang auf und lief, so schnell es sein leicht gelähmtes Bein erlaubte, ins Lazarett hinüber.

„Doktor, wo ist Miss Craig?“, fragte er abgehetzt den Regimentsarzt.

„Warten Sie einen Moment. Sie zieht sich eben um, weil bei der Operation ‘ne Menge Blut geflossen ist“, sagte Thomas und zündete sich seine Pfeife an. Eben gerade hatte er Major Francis Deveraux operiert, einen Franzosen, der zunächst als Militärbeobachter in die USA gekommen war und der sich schließlich die Sache der Union zu Eigen gemacht hatte. Er hatte Major Thomas ersetzt, der bei den häufigen Partisanenkämpfen ums Leben gekommen war.

„Was ist mit Major Deveraux? Kommt er durch?“, fragte Bennett besorgt. Dr. Thomas zuckte mit den Schultern.

„Im Augenblic