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Die Verborgenen Lande – Philipp von Wengland – online

Updated: 21. April 2017

Titel leicht geändert, überarbeiteter Inhalt, Kapiteltrennsymbole und neue Überschriftenfonts

 

Ab 12 Jahre

 

Prolog

 

Irgendwo dort, wo Gott Europas Zentralgebirge, die Alpen, aus dem Boden wachsen ließ, lag Wengland. Wengland war ein vielfältiges Land: Flache weite Ebenen wechselten mit schroffen Felsen und sanftem Hügelland. Mäanderreiche, glasklare Flüsse durchströmten das Land, machten es reich und fruchtbar. Im Norden begrenzte der Alvedrafluss Wengland zur Grafschaft Stolzenfels, zu Spitzeck, Rossensee und Falkenstein. Im Süden und im Osten bildeten der Aventurfluss und das Aventurgebirge die Grenze zu den Herzogtümern des Wilzarenreiches. Westlich war das Breitensteiner Dolomit die Grenze zur Grafschaft Breitenstein. Die Sage berichtet, dass im Dolomit zauberkundige Zwerge wohnten, die den wenglischen Bauern viel Gutes taten.

Wengland wurde von zwölf Stämmen germanischer Herkunft bewohnt, deren Oberhäupter einen Titel führten, der in die heutige Sprache übersetzt „Graf“ bedeutete. Die Grafen wählten aus ihrer Mitte einen Herzog, der Wenglands nahezu unumschränkter Herrscher war. Hatte dieser Herzog einen Sohn, so erbte der Sohn den Herzogstitel. Hatte der Herzog keine Kinder oder ausschließlich Töchter, konnten die Grafen beim Versterben des Herzogs wieder frei wählen.

Die Wengländer glaubten an das Götterpantheon um Odin und Thor. Etwa zu der Zeit, als im Römischen Reich Ludwig der Deutsche Kaiser war, begann auch bei den Wengländern die Christianisierung. Ein Benediktinermönch namens Avertinus verkündete den Wengländern die Frohe Botschaft von Jesus Christus. Avertinus war kein ausgesprochen mutiger Mann. Sein Abt in Irland hatte ihn wirklich zwingen müssen, die Wengländer zu missionieren. Dafür war Avertinus wesentlich diplomatischer als seine Brüder, die nicht selten mit Feuer und Schwert das Christentum zu verbreiten suchten. Zudem traf Avertinus nicht auf wilde Friesen, sondern auf die gastlichen Wengländer. Niemand behinderte den Mönch und bald taufte er viele Menschen.

Als der erste Gode, ein Priester der nordischen Götter, zum Christentum übertrat, war ein Damm gebrochen – und dieser Flut von Neugläubigen konnte Avertinus nicht mehr allein Herr werden. Von seinem Abt erhielt er die Erlaubnis, ein Kloster zu gründen. So entstand die Keimzelle des Klosters Wachtelberg im Norden Wenglands. Der christliche Glaube zog immer mehr Menschen an – auch die Adligen, die den neuen Glauben für sich entdeckten.

 

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Kapitel 1

Neuer Glaube, neue Feinde

 

Zu dieser Zeit, um 850, regierte Herzog Sandragon Wengland. Sandragon lenkte die Geschicke seines Landes von seiner Hauptburg aus. Diese Burg hatte eine Besonderheit gegenüber den anderen Burgen in Wengland. Die meisten bestanden aus einfachen Erdwällen mit hölzernen Palisaden und ebenso hölzernen Wehrtürmen. Sandragons Herzogsburg aber war aus Stein gebaut. Statt der üblichen Erdwälle umgaben steinerne Mauern die gleichfalls aus Stein gebauten Häuser und Türme der Burg. Wegen des besonderen Baumaterials wurde sie einfach die Steinburg genannt. Die Steinburg lag auf einer Insel in einem See und um diesen See herum war eine Stadt entstanden, die bis zum Alvedra reichte. Es handelte sich dabei nicht um den Grenzfluss Alvedra, sondern um einen Zufluss, der direkt von Süden zum eigentlichen Alvedra floss. Sandragon hatte die Bezeichnung für die Burg auf die Stadt ausgedehnt und nannte seine Hauptstadt Steinburg. Um den durch die Stadt fließenden Fluss vom Grenzfluss zu unterscheiden, nannte man ihn den Steinburger Alvedra oder Hinteren Alvedra.

Der neue Glaube hatte auch vor dem Herzogshof in der Hauptstadt Wenglands nicht Halt gemacht. Herzog Sandragon war zunächst skeptisch gewesen. Er ließ sich von Avertinus die neue Lehre gründlich erklären. Über vier Jahre hatte der inzwischen zum Bischof avancierte Avertinus in Steinburg verbracht, um den Herzog vom christlichen Glauben zu überzeugen.

Eines Morgens, an jenem Wochentag, den ein Christ Sonntag nennt, suchte der noch junge Herzog Avertinus in dessen Gemächern auf. Der Bischof kniete am Fenster seines Gemachs und betete. Sandragon wartete geduldig. Er wusste um die Schreckhaftigkeit seines Gastes und wollte auch dessen Gott nicht erzürnen, wenn er den Bischof aus dem Gebet aufschreckte. Doch nach einiger Zeit bemerkte Avertinus die Anwesenheit einer Person hinter sich und fuhr erschrocken herum.

„Hab’ keine Furcht“, beruhigte Sandragon den ängstlichen Priester. „Ich will dich nicht in deinem Gebet zu deinem Gott stören. Beende erst dein Gebet, Avertinus.“

„Ich war fertig, Herzog Sandragon. Was führt dich zu mir?“

„Du hast mich jetzt lange die Weisheiten deines Gottes gelehrt. Ich habe begriffen, dass er der wahre Schöpfer der Welt ist. Ich möchte deinen Glauben teilen, Avertinus. Was muss ich tun, damit dein Gott mich annimmt?“, fragte der Herzog.

Avertinus sah Sandragon eine Weile an, ganz sprachlos, dass der so reservierte Herzog Christ werden wollte.

„Du brauchst nichts zu tun, Herzog Sandragon. Gott hat dir die Erkenntnis gegeben. Soll ich dich taufen? Bist du wirklich bereit, ein Diener Christi zu werden?“, vergewisserte sich der Bischof. Sandragon nickte.

„Ja, Avertinus. Ich habe lange über Christus, Gottvater und den Heiligen Geist nachgedacht. Je länger ich darüber sinniert habe, desto klarer wird mir, dass meine Götter – Odin, Thor, die Nornen, und was sonst unseren Glauben ausmacht – in ihrer Macht beschränkt sind. Das kann nicht sein. Der Weltenschöpfer muss allmächtig sein; so wie dein Gott, von dem du mir gesagt hast, er werde zwar in drei Personen verehrt, sei aber nur ein Gott. Deshalb will ich an deinen Gott – an Gottvater, Sohn und Heiligen Geist – glauben“, erklärte der Herzog. Avertinus zögerte nicht länger.

„Wenn ich dich taufe, Herzog Sandragon, sollst du dir einen Namen wählen, der ausdrückt, dass du ein Christ bist“, forderte Avertinus den Herzogs auf.

„Welcher Name könnte meinen neuen Glauben besser ausdrücken als Christian?“, fragte Sandragon lächelnd. „Mein jetziger Name mag nach dem neuen Namen mein Geschlecht bezeichnen. Taufe mich auf den Namen Christian von Sandragon“, bat der Herzog. Avertinus schöpfte Wasser aus seinem Trinkkrug, Sandragon kniete nieder.

„Christian von Sandragon, ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

In drei Schlucken goss er das Wasser über Christian von Sandragons gesenktes Haupt.

„Amen“, sagte der Herzog und erhob sich.

Keine Woche später war der ganze Herzogshof getauft. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, konnte Bischof Avertinus die Christianisierung Wenglands als abgeschlossen betrachten. Mit der Annahme des christlichen Glaubens galt auch die christliche Zeitrechnung in Wengland, ebenso der Julianische Kalender. Nach dem neuen Kalender war der Tag der Taufe des Herzogs der 11. November im Jahre des Herrn 854 gewesen. Als Avertinus mit den Taufen im Herzogshaus fertig war, fragte er Christian:

„Welcher Heilige soll Wenglands Schutzpatron sein?“

Christian von Sandragon sah den Bischof zunächst verblüfft an.

„Was meinst du damit, Avertinus?“

„Nun, wir verehren eine ganze Anzahl von Heiligen, Christian. Ich habe dir schon von unseren Märtyrern erzählt, die ihr Leben für ihren Glauben gegeben haben. Als Heilige können aber auch Menschen verehrt werden, die auf Erden Gutes getan haben, wie Bischof Nikolaus von Myra oder Bischof Martin von Tours. Der heilige Georg zum Beispiel ist der Schutzpatron der reitenden christlichen Krieger, die wir Ritter nennen“, erklärte der Kirchenmann. Christian überlegte einen Moment.

„Der Heilige Georg dürfte mit den christlichen Kriegern gut beschäftigt sein. Sag’, welchen Heiligen würdest du Wengland empfehlen?“, fragte der Herzog.

„Ich habe dich am 11. November getauft, am Tag des heiligen Martin. Du solltest diesen Heiligen zum Schutzpatron deines Landes wählen“, schlug Avertinus vor.

„Erzähl’ mir etwas über ihn“, forderte Christian Avertinus auf.

„Martin war ein römischer Soldat. Eines Tages im Winter begegnete ihm ein fast nackter Bettler. Es war sehr kalt, und Martin hatte Mitleid mit dem Bettler. So nahm er sein Schwert und schnitt seinen Soldatenmantel in der Mitte durch und gab einen Teil dem Bettler. Später wurde er Priester und schließlich Bischof in Tours. Die Kirche verehrt ihn als einen besonders freigebigen Heiligen. Ich denke, er würde gut zu deinem Land passen, Herzog Christian. Schon seit alters her haben die Wengländer ihren Überfluss mit denen geteilt, denen nicht so viel Glück bei Ernte oder Jagd beschieden war. Ich habe bei deinen Gelehrten alte Runenschriften gefunden, in denen von einem Fürsten deines Volkes berichtet wird, der von seinem Jagdüberfluss sein halbes Dorf mit ernährte. Deshalb denke ich, dass der heilige Martin wohl der beste Schutzpatron sein kann, den Wengland haben könnte“, schloss Avertinus seine Heiligenlegende.

„So sei es“, bestätigte Christian. „Der heilige Martin soll unser Schutzpatron sein.“

Am Dreikönigsfest 855 heiratete Christian seine langjährige Geliebte, die in der Taufe den Namen Christine angenommen hatte. Kinder waren dem Herzogspaar bisher versagt geblieben, aber etwa drei Monate nach der Trauung durch Bischof Avertinus war es zweifelsfrei, dass Herzogin Christine ihr erstes Kind erwartete. Christian war fest überzeugt, dass das Kind ein Geschenk Gottes war – und dass es ein Sohn sein würde. Tatsächlich kam acht Monate später, am 8. Dezember 855, ein Junge zur Welt, der auf den Namen Albert getauft wurde. Der Herzog ließ die Geburt seines Sohnes und Thronfolgers eine ganze Woche lang fröhlich feiern.

Zur Feier kamen auch die anderen elf Grafen Wenglands nach Steinburg. Einer von ihnen war Graf Persegin von Südwengland. Persegin hatte bei der letzten Herzogswahl zehn Jahre zuvor gegen Christian von Sandragon verloren – und das hatte der rachsüchtige Persegin nicht verwunden. Dennoch gratulierte Persegin dem Herzog mit der ihm zukommenden Ehrerbietigkeit.

„Ich danke dir, Graf Persegin“, sagte Christian. „Dein Erscheinen weiß ich besonders deshalb zu schätzen, weil du noch dem alten Glauben anhängst und wir nicht immer einer Meinung sind.“

Persegin gehörte zu den wenigen Ausnahmen, die sich noch immer nicht hatten taufen lassen. Christian hatte sich selbst erst nach langer Überlegung entschlossen, Christ zu werden; er ließ auch seinen Grafen die Zeit, die sie brauchten, um sich von dem neuen Glauben überzeugen zu lassen.

„Nein, besonders in Sachen Erbfolge nicht. Aber jetzt haben wir das Gesetz und du hast einen Sohn. Du warst schneller als ich. Mein Weib hat wieder nur eine Tochter geboren“, brummelte Persegin.

„Du weißt, dass deine älteste Tochter deinen Titel erben wird, falls du nicht doch noch einen Sohn haben wirst“, entgegnete Christian. „Es war einstimmiger Beschluss aller wenglischen Grafen, dass den Herzogsthron nur ein Mann erben darf. Dazu hast du nach meiner Wahl genauso ja gesagt, wie dazu, dass mein Sohn meinen Titel erbt, ohne von den Grafen gewählt zu werden“, erinnerte der Herzog.

„Ich weiß“, knurrte Persegin. „Da hatte ich noch keine Kinder. Jetzt habe ich sechs Töchter und muss sehen, dass ich sie eines Tages gut verheirate“, seufzte der Graf.

„Persegin, mein Freund, sieh’ es nicht so schwarz“, lachte der Herzog auf. „Ich habe einen Sohn. Wer weiß, ob mein Sohn nicht eines Tages eine von deinen Töchtern zur Frau nehmen wird?“

„Sollte man das vielleicht vertraglich regeln, mein Herzog?“, fragte Persegin ölig, in der Meinung, Christian jetzt dort zu haben, wo er mit ihm hinwollte.

„Nein“, entgegnete Christian. „Ich habe meine Gemahlin geheiratet, weil ich sie liebe. Ich werde meinem Sohn genauso freie Hand lassen, wen er eines Tages zu seiner Herzogin machen will. Und außerdem sollte die Herzogin Wenglands Christin sein. Du hast den Glauben noch nicht angenommen. Ich würde meinen Sohn nicht dazu nötigen, eine Anhängerin des alten Glaubens zu ehelichen, wenn er im christlichen Glauben erzogen wird.“

„Sei ehrlich: Du würdest zulassen, dass dein Sohn möglicherweise ein unstandesgemäßes Weib nimmt?“, fragte Persegin mit einem Anflug von Entsetzen. Christian lachte herzlich.

„Persegin, du wirst es nicht fassen: Meine Christine ist die Tochter eines fleißigen wenglischen Bauern, der kaum mehr besitzt als seine paar Hufen Land und seinen Pflug. Nein, Persegin, ob eine Frau würdig ist, meiner Christine auf den Thron der Herzogin zu folgen, liegt an ihr selbst, an ihrer Person, nicht daran, ob sie eine Adlige oder eine Bauerntochter ist. Vergiss nicht, dass Wengland ohne seine Bauern nicht leben könnte – und dass auch dein Großvater noch selbst seinen Acker bestellt hat“, erklärte der Herzog.

Er stieg von seinem Hochsitz zu Graf Persegin hinunter.

„Komm, Graf Persegin, wir gehen zur Tafel“, sagte er und legte ihm in einer freundschaftlichen Geste die Hand auf die Schulter. Persegin verneigte sich vor dem Herzog und ließ ihn vorgehen; nicht zuletzt, damit Christian von Sandragon das zufrieden-teuflische Glitzern in Persegins Augen nicht sah. Wenn es einen Aufhänger gab, Christian vom Thron zu stürzen, dann war es die Bauerntochter Christine – und die Unzufriedenheit einiger anderer Adliger, die den neuen Glauben nur oberflächlich angenommen hatten, innerlich aber immer noch den alten Göttern anhingen. Alleine konnte Persegin aber nicht handeln. Er brauchte Verbündete, die ihm halfen und die notfalls einen Krieg mit loyalen Grafen riskieren würden. Die gegenwärtigen Grafen, meist älter und oft selbst vom Acker auf den Grafenthron gestiegen, standen völlig loyal zu Christian.

Die Suche nach Bundesgenossen brauchte Zeit, viel Zeit. Erheblich mehr, als Persegin sich bei der Taufe Prinz Alberts träumen ließ. Die übrigen Grafen Wenglands waren durchaus nicht davon überzeugt, dass Persegin der bessere Herzog gewesen wäre – abgesehen davon, dass alle anderen Grafen selbst Christen waren und einen Anhänger des alten Glaubens nicht auf dem Thron sehen wollten. So bedurfte es einiger Jahre Geduld, was Persegin aber nicht verzweifeln ließ. Er war sicher, dass seine Stunde kommen würde, mochte sie auch auf sich warten lassen. Vor allem aber wäre die Überraschung des Herzogs umso größer.

Die Herzogsfamilie führte ein glückliches Leben. Das Volk liebte den Herzog, der das Land gerecht regierte. Etwas mehr als drei Jahre nach der Geburt des Thronfolgers Albert kam am 29. März 859 der zweite Herzogssohn zur Welt, der den Namen Philipp erhielt. Philipp hatte das dunkle Haar seines Vaters und die braunen Augen seiner Mutter. Das erste Stück, wonach der kleine Bursche griff, war die Amtskette seines Vaters. Das kostbare Stück aus feinziseliertem Gold und sorgsam geschliffenen Smaragden und Rubinen mit dem herzoglichen Zeichen* – einer goldenen Lilie auf grünem Grund – hatte gar zu verführerisch vor den winzigen Händchen Klein-Philipps gebaumelt. Christian hob seinen Sohn aus der Wiege hoch und nahm ihn lächelnd auf den Arm.

„Du hast Pech, mein Sohn: Die Kette ist bereits für deinen großen Bruder verplant. Für dich bleibt nur der Titel des Grafen von Steinburg. Vielleicht wird Albert dir erlauben, das Heer zu führen – aber du wirst leider in der zweiten Reihe stehen, kleiner Philipp.“ sagte er leise. Das Baby ließ sich nicht beirren und spielte mit fröhlichem Lachen mit Vaters Kette.

Albert und Philipp hatten glückliche erste Lebensjahre. Albert wurde von Anbeginn zum Erbprinzen erzogen. Philipp stand etwas im Hintergrund, was ihn aber nicht störte. Er konnte spielen, mit wem er wollte, mit was er wollte. Philipp war einfach überall im Schloss zu Hause, kannte jeden noch so verschwiegenen Geheimgang. Wirkte Albert manchmal etwas distanziert, war Philipp mit jedermann gut Freund. Und wenn man ihn suchte, war er meistens in der Schlossküche oder im Stall. Sein Ungestüm brachte durchaus die Hühner im Gesindehof zum Flattern, wenn er wieder einmal ohne Rücksicht auf Federverluste hindurch gestürmt war. Mit kaum fünf Jahren konnte Philipp reiten und war ein Meister im Ringstechen. Im Burgsee lernte er auf Anregung des Waffenmeisters frühzeitig schwimmen, damit nicht noch ein Unglück geschah. Albert dagegen war – obwohl drei Jahre älter – längst nicht so wild und wagemutig wie sein kleiner Bruder. Herzog Christian musste schon darauf achten, dass Albert den Unterricht bei seinem Waffenmeister Gerold nicht schwänzte. Mit Philipp hatte er diese Sorgen nicht.

Die Jungen wuchsen heran. Als Albert zehn Jahre alt war, zogen sich die Gewitterwolken einer Verschwörung bedrohlich über der Herzogsfamilie zusammen, die von der Gefahr noch nichts ahnte.

Persegin hatte unter den jüngeren Grafen, die zwischenzeitlich die alten, fest zu Christian stehenden Provinzgrafen abgelöst hatten, Verbündete gefunden. Jetzt waren Adlige an der Macht, die schon als Grafensöhne geboren waren, die adlig erzogen waren, die die fleißigen Bauern oft genug verachteten, ihnen drückende Lasten auferlegten. Christian hatte häufig genug versucht, diesem ausbeuterischen Tun Einhalt zu gebieten. Nach seiner Auffassung waren die Grafen und ihre Krieger dazu da, die fleißigen Bauern vor Gefahren zu schützen; nicht dazu, von deren Leistungen zu leben – und deshalb war der Herzog den Junggrafen im Weg. Zwar waren die Junggrafen Christen, doch hatten sie den Glauben eher deshalb angenommen, weil der christliche Glaube nach ihrer Interpretation den Lohn für gute Taten im Diesseits auf das Jenseits verschob – ein hervorragendes Mittel, um die Untertanen kurz zu halten …

Zu dieser Zeit kam ein junger Bauer zu Christian und bat ihn um eine Unterredung. Herzog Christian war für seine Untertanen da, gleich ob Bauer oder Edelmann. So ließ er den Mann in den Thronsaal kommen.

„Wer bist du und was führt dich zu mir?“, fragte der Herzog. Der Bauer nahm eine ehrerbietige Kniebeuge vor dem Thron ein.

„Herr, ich bin Michael aus dem Dorf Aventwald in Südwengland. Ich komme, um dich zu warnen, mein Herzog.“

„Du hast eine weite Reise gemacht. Vor wem oder was willst du mich warnen?“

„Herr, ein Teil der Grafen plant deinen Sturz. Sie sagen, du wärest nicht würdig unser Herzog zu sein, weil du eine Tochter unseres Dorfes geheiratet hast“, gab der Bauer preis. Christian von Sandragon war wie vom Donner gerührt.

„Bitte?“, fragte er erschrocken nach.

„Glaub’ mir Herr, ich sage die Wahrheit!“, beteuerte Michael. „Und außerdem will Graf Persegin den Christen in Südwengland die Ausübung des Glaubens verbieten.“

„Kannst du mir irgendwelche Beweise geben?“, hakte Christian nach.

„Nein, Herr. Ich kann dir nur weitergeben, was ich mit eigenen Ohren gehört habe. Vor zwei Monaten waren Ritter bei mir zu Gast. Sie haben sich heimlich in meiner Scheune getroffen. Ich habe sie gehört, weil ich oben auf dem Heuboden beschäftigt war“, erklärte der Bauer.

„Und du hast natürlich nicht weggehört, wie es sich für einen anständigen Untertanen des Grafen Persegin geziemen würde!“, mutmaßte der Herzog.

„Als guter Untertan meines Herzogs, dessen Glauben ich auch teile, liegt mir dein Wohl nahe, mein Herzog. Als dein guter Untertan habe ich zugehört und bin gekommen, um dir zu sagen, dass diese Ritter dich um deinen Thron bringen wollen“, erklärte Michael.

„Würdest du die Ritter wieder erkennen?“

„Nein, Herr, sie waren gerüstet und trugen Helme mit breitem Rand. Das Einzige, was ich erkennen konnte, waren ihre Mäntel. Sie alle trugen rote Mäntel, wie die Provinzgrafen sie haben.“

„Wie viele waren es?“ fragte Christian.

„Bestimmt sechs Männer“, antwortete der Bauer.

„Ich danke dir für deine Warnung, Bauer Michael. Äußere einen Wunsch, ich möchte dich belohnen.“

„Mein Land liegt an einem Nebenfluss des Aventur. Ich möchte eine Wassermühle bauen, damit das Korn von Aventwald nicht erst nach Rothenfels gebracht werden muss. Bitte, Herr, erlaube mir, den Fluss zu stauen und eine Mühle zu bauen“, bat Michael.

„Den Wunsch erfülle ich dir gern. Page – lass’ den Schreiber kommen!“, wies der Herzog seinen Pagen an.

Der eilte davon, doch statt des erwarteten Schreibers erschien Graf Persegin mit mehr als zwanzig seiner südwenglischen Mannen!

„Jetzt ist es aus mit dem unwürdigen Herzog, der sogar einem gewöhnlichen Bauern erlauben will, mich um den Mahlzins zu bringen, indem er sein Korn selber mahlt!“, rief der Graf. Persegin zückte seinen Dolch, seine Begleiter ebenfalls. Sie stachen auf die völlig überraschten Männer im Thronsaal ein. Der Kampf war kurz, denn weder Christian noch Michael waren bewaffnet. Die wenigen Thronwachen waren nicht in der Lage, ihren Herrn gegen die Übermacht zu schützen. Die drei oder vier Männer, die als Ehrenwache am Thron gestanden hatten, lagen neben ihrem toten Herzog in ihrem Blut.

Persegin war nicht allein gekommen. Die fünf anderen Grafen, die sich mit ihm verschworen hatten, waren mit großem Gefolge nach Steinburg gekommen, um die Sonnenwende mit dem Herzog zu feiern. Wengland war zwar grundsätzlich christlich, aber einige heidnische Bräuche hatten die Christianisierung überlebt – schon deshalb, weil in Wengland eben niemand zu dem neuen Glauben gezwungen wurde und nun Christen und verbliebene Anhänger der nordischen Götter friedlich nebeneinander lebten. Die Grafen und ihre Mannen hatten die Burg an strategisch wichtigen Punkten besetzt. Die Schlosswache hatte keine Chance gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Verschwörer. Auch in den anderen Teilen der Burg dauerte der Kampf keine volle Stunde, dann war die Burggarde bis zum letzten Mann niedergemacht.

Persegin stürmte nach dem Mord an Christian aus dem Thronsaal.

„Stellt die Burg auf den Kopf!“, befahl er. „Die ganze Familie muss beseitigt werden!“

Seine Mannen suchten die ganze Burg ab, durchforsteten jede noch so verschwiegene Ecke – aber die Herzogin und ihre Söhne blieben unauffindbar! Den Grund dafür konnte der verräterische Graf bestenfalls ahnen. Was Persegin nicht wissen konnte, war, dass Graf Limmenfels, der die Herzogin und die Kinder hatte töten sollen, zu spät zum hinteren Burghof gekommen war. Und schuld daran war Persegin selbst, der den vereinbarten Zeitplan nicht eingehalten hatte, sondern den Herzog vor der Mittagsstunde angegriffen hatte. Der beginnende Kampflärm hatte Albert aufmerksam gemacht, der im hinteren Burghof mit seinem Bruder gespielt hatte. Christian hatte seinen Söhnen eingeschärft, dass sie sich mit ihrer Mutter in einem Geheimgang hinter dem Weinkeller verstecken sollten, wenn Gefahr drohte.

„Hörst du das? Ich glaube, da wird gekämpft!“, sagte Albert, im Spiel innehaltend. Philipp wollte sofort in Richtung des Lärms davon stürmen, aber Albert bekam ihn gerade noch am Wams zu fassen und hielt ihn fest.

„Das dürfen wir nicht, hat Vater gesagt! Wir sollen in den Geheimgang gehen“, widersprach der Ältere.

„Lass’ mich los! Ich will den Soldaten helfen!“, quengelte Philipp. Er versuchte sich loszureißen, aber Albert hielt ihn sicher.

„Nein, dafür sind wir noch zu klein.“

„Ich will zu Vater!“

„Nein, wir gehen zu Mutter!“, entschied Albert.

Die Jungen hätten sicher noch eine Weile gestritten, wäre nicht Christine von Sandragon mit ihrer Leibdienerin gekommen und hätte ihre Söhne eingefangen. Die Herzogin flüchtete – wie ihr Mann ihr geboten hatte – angesichts der Gefahr in den Geheimgang, um dort auf die Beendigung des gefährlichen Zustandes zu warten. Dabei wusste sie nicht, wo ihr Mann war, was mit ihm geschehen war. Christine schnürte sich der Hals zu vor Angst. Zwar versuchte sie, ihre Angst zu verbergen, aber den Kindern fiel die Veränderung der Mutter doch auf. Alle drei spürten, dass etwas Schreckliches passierte, auf das sie keinen Einfluss hatten. So, wie Christine vor Angst kein Wort herausbrachte, übertrug sich das entsetzte Schweigen auch auf ihre Söhne. Sie saßen im Geheimgang, alle drei dicht aneinander gekuschelt, hofften und beteten.

Nach Stunden schlüpfte die Leibdienerin in den Geheimgang. Die Frau war in Tränen aufgelöst. Weinend berichtete sie, dass die Verschwörer den Herzog und alle seine ihm treuen Mannen umgebracht hätten und nun im ganzen Burgbereich nach Christine und ihren Söhnen suchten. Der Schock war für die Herzogin unsäglich. Sie schnappte nach Luft und brach in heiße Tränen aus. Die Kinder brauchten einige Augenblicke länger um zu begreifen, dass ihr Vater tot war. Dann weinten auch sie heftig schluchzend um Herzog Christian. Plötzlich hielt Philipp inne.

„Hört ihr das?“, fragte er flüsternd, halb tränenerstickt. Auf dem Fußboden im Weinkeller nebenan stapften schwere Stiefel. Wie vom Donner gerührt waren Christine, ihre Leibdienerin und Albert augenblicklich still. Philipp hatte ganz leise gesprochen, aber seine Warnung war so eindringlich gewesen, dass alle schwiegen.

„Wir können hier nicht bleiben, Hoheit“, flüsterte die Leibdienerin. „Sie können den Geheimgang jederzeit entdecken“, warnte sie. Christine überlegte nicht lange, nahm ihre Söhne bei der Hand und ging mit der Leibdienerin zusammen den Geheimgang weiter. Er führte durch ein Gewirr von Gängen, in dem sich ein Unkundiger nur verirren konnte. Christine aber kannte den unterirdischen Weg zum Kloster.

Drei Tage war die Herzogin mit den Kindern im Steinburger Kloster, als der Abt sie überredete, mit ihren Söhnen nach Wachtelberg zu gehen.

„Du bist hier auf Dauer nicht sicher, meine Herzogin. Die Mörder werden gewiss auch das Kloster durchsuchen. Bisher haben die christlichen Verschwörer Persegin noch davon abgehalten, aber wer weiß, wie lange noch? Ihr müsst Steinburg vorerst verlassen. Geh’ nach Wachtelberg. Dort werden sie dich nicht vermuten“, empfahl der Abt. „Dort seid ihr vor den Mördern sicher.“

„Und was ist mit Christian?“, fragte die Herzogin bitter und unter Tränen.

„Dein Gemahl ist ermordet worden. Meine Mitbrüder haben das bestätigt. Er ist tot – aber du und deine Söhne, ihr lebt und müsst euch in Sicherheit bringen. Eines Tages wird Gott die Frevler zur Verantwortung ziehen, glaub’ mir.“

Christine sah ein, dass der Abt Recht hatte. Bei Nacht und Nebel brachte ein verdeckter Wagen die Herzogin und die Prinzen weit nach Norden ins Kloster Wachtelberg.

So sehr Persegin auch tobte, es nützte nichts. Die Herzogsfamilie war schier wie vom Erdboden verschluckt. In seinem Zorn befahl Persegin, die Leiche des Herzogs zu verbrennen und die Asche in alle Winde zu verstreuen.

AAA

 

Kapitel 2

Unsichere Zukunft

 

Die Jahre zogen ins Land. Herzogin Christine lebte mit ihren Söhnen unerkannt im Kloster Wachtelberg. Albert war mit dem Klosterleben zufrieden. Er überlegte sogar, ob er Priester werden sollte. Philipp dagegen fühlte sich im Kloster eingesperrt. Es zog ihn hinaus. Oft bat er seine Mutter, das Kloster verlassen zu dürfen, um außerhalb das zu lernen, was man ihm im Kloster nicht beibringen konnte. Für Philipp kam nichts anderes in Frage, als Ritter zu werden.

Christine war es jedoch zu gefährlich, ihre Söhne aus dem Kloster zu lassen, dessen Mauern sie vor den Mördern ihres Vaters schützten.

„Mutter!“, sagte Philipp eines Tages. „Albert und ich müssen Vaters Mörder strafen.“

Christine schüttelte den Kopf.

„Nein, Philipp – Gott wird sie strafen“, widersprach sie.

„Aber die Mörder leben noch! Vater ist jetzt zehn Jahre tot. Gott hat sie noch nicht gestraft. Wenn Albert oder ich uns Gott nicht als Werkzeug geben …“

„Gott, mein Sohn, ist allmächtig. Er braucht deine schwachen Kräfte nicht“, mischte sich der Abt ein.

„Pater Abt, ich fürchte, wenn Gott auf die Einsicht und den Selbstmord der Mörder hofft, wartet er vergeblich. Vielleicht wird er sie, wenn er sie denn friedlich im Bett hat sterben lassen, in die Hölle befördern. Aber dort sähe ich sie lieber heute als morgen“, versetzte Philipp bissig.

„Philipp, warum willst du um einen Anspruch kämpfen, den du ohnehin nicht hast?“, fragte der Abt.

„Mein Bruder ist der Thronfolger – richtig“, bestätigte Philipp. „Aber ich will ihm helfen, Herzog zu werden. Und wenn Albert den Titel nicht will, dann nehme ich ihn gerne“, erwiderte Philipp.

„Doch, ich will Herzog werden!“, griff Albert in das Gespräch ein. „Aber deine Hilfe, Philipp, die will ich nicht. Wenn ich es aus eigener Kraft nicht schaffe, mein Erbe zu erlangen, dann bin ich es nicht wert, Herzog zu sein.“

Der Ausdruck in Alberts dunklen Augen war ein völlig anderer als sonst. Er schien von einem Augenblick zum anderen gereift zu sein.

„Albert – ich helfe dir“, bot Philipp noch einmal an. „Bruder Retinus hat mich gelehrt, wie man mit Schild und Speer umgeht.“

„Ich weiß. Lass’ nur, Philipp. Entweder schaffe ich es allein mit Gottes Hilfe, oder es war mir nicht bestimmt, Wenglands Herzog zu sein. In drei Tagen werde ich volljährig. Dann gehe ich nach Steinburg und werde meine Ansprüche geltend machen.“

„Lass’ mich mit dir gehen“, beschwor Philipp seinen älteren Bruder.

„Nein!“, entgegnete Albert beinahe schroff.

„Gut, ich kann dir meine Hilfe nur anbieten“, seufzte Philipp.

„Philipp, das ist etwas für Männer, nicht für halbwüchsige Jungen!“, sagte Albert mit einem Anflug von Geringschätzigkeit. Philipp wurde rot vor Zorn und beherrschte sich nur mühsam, nicht handgreiflich zu werden.

„Lieber Bruder, du bist zwar etwas mehr als drei Jahre älter als ich, aber ich glaube nicht, dass du mehr Erfahrung im Schwertkampf und mehr Kraft hast, als ich! Aber bitte! Lauf’ nur mit offenen Augen in dein Unglück! Beschwer’ dich hinterher nur nicht beim Herrgott, dass ich nicht dabei war!“

Philipp wandte sich heftig ab und stürmte aus dem Raum. Er brauchte dringend frische Luft.

„Ja“, seufzte der Abt, „es ist nicht leicht für ihn als den Jüngeren, dass er den Thron nicht erbt.“

Bruder Retinus, der das Gespräch gleichfalls gehört hatte, konnte die Meinung des Abtes nicht teilen.

„Nein, Pater Abt. Das glaube ich nicht. Prinz Philipp möchte seinem Bruder auf den Thron helfen. Er selbst macht keine Ansprüche geltend“, sagte der Bruder.

„Ach was!“, erwiderte der Abt mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Philipp ist sehr ehrgeizig. Nicht umsonst hat er dich nach allen Regeln der Kunst bekniet, ihm endlich Fechtunterricht zu geben. Der Junge wird bald achtzehn. Er will nicht in der zweiten Reihe stehen, das ist alles.“

„Pater Abt, er will Ritter werden. Da kann man nicht früh genug anfangen, sich an den ritterlichen Waffen zu üben“, widersprach Retinus.

„Retinus, es genügt jetzt“, wies der Abt den Bruder zurecht. Der verneigte sich respektvoll vor dem Abt, verließ dann aber leise brummelnd den Saal.

„Aber in einem Punkt hat Philipp Recht, Albert:“, wandte sich der Abt an den Älteren der herzoglichen Brüder. „Es ist völlig unmöglich, dass du allein den Usurpator dazu bringst, dich als Herzog anzuerkennen. Ich rate dir: Versuche es nicht allein. Verbünde dich mit einem mächtigen Herrscher wie dem Grafen von Stolzenfels. Nur mit seinem Heer hast du überhaupt eine geringe Chance, deinen Thron zu erobern.“

„Pater Abt, du hast mich gelehrt, dass der Glaube Berge versetzt; dass Gott dem hilft, der im Recht ist; dass der, der im rechten Glauben lebt, nicht sterben wird, wenn er sein Recht verlangt“, entgegnete Albert. Der Abt stutzte.

„Ja, das ist wahr. Aber es steht auch geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“, mahnte er, als ihm bewusst wurde, dass Albert wahrhaft jedes Wort der Predigten, die er gehört hatte, bedingungslos glaubte.

„Ich versuche ihn nicht, wenn ich im Recht bin. Das waren einmal deine Worte. Nun, ich vertraue auf Gott. Er wird mir seine Engel senden“, versetzte Albert und verließ ebenfalls den Raum, um sein Pferd zu satteln. Der entsetzte Abt schickte einige der Klosterbrüder hinter Albert her, die ihn daran hindern sollten, seinen allzu naiven Plan in die Tat umzusetzen. Sie kamen zu spät. Albert war bereits zu Pferd fort – und die Brüder konnten nicht reiten …

Philipp hatte sich an seinen Lieblingsplatz im Kloster geflüchtet, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Ein klafterhoher Apfelbaum am Rande des friedlichen Klostergartens bot mit seinen ausladenden Ästen einen idealen Hochsitz mit Ausblick über die einengenden Klostermauern. Der junge Mann verstand nicht, warum seine Hilfe so brüsk abgelehnt wurde. Die einzige Erklärung, die er fand, war, dass Albert wohl doch mehr Angst davor hatte, dass sein Bruder ihm seinen Thronanspruch streitig machen könnte, als er zugeben mochte.

Unten im Garten suchten die Mönche nach dem verschwundenen Prinzen Philipp. Retinus entdeckte ihn schließlich im Baum, sah sich um, ob jemand in der Nähe war. Aber seine Klosterbrüder durchsuchten gerade eine ganz andere Ecke des Klostergartens.

„Was machst du auf dem Baum, Prinz Philipp?“, fragte er.

„Ich denke nach, Bruder Retinus. Ich denke nach, warum mein Bruder, der bis heute nichts dagegen hatte, wenn ich ihm behilflich war, plötzlich allein zurecht kommen will, obwohl er es nicht kann.“

„Er muss es lernen, Philipp“, erwiderte Retinus.

„Retinus – Albert kann weder mit Schild und Schwert noch mit der Lanze und schon gar nicht mit der Axt kämpfen. Die Verschwörer, die unseren Vater getötet haben, werden den Thron nicht mit einem ehrfürchtigen Buckel räumen, wenn Albert nach Steinburg kommt. Ich weiß nicht, wovon mein Bruder träumt, vielleicht, dass ihm der Herr den Erzengel Michael mit den himmlischen Heerscharen schickt. Halte mich für einen Spötter, aber daran glaube ich nicht!“, erwiderte Philipp mit beißender Ironie.

„Es geht das Gerücht, du würdest selbst gern Herzog werden“, sagte Retinus. Philipp zuckte mit den Schultern.

„Ich hatte das Pech, drei Jahre nach Albert geboren zu werden. Aber dass ich das als Pech bezeichne, heißt nicht, dass ich meinem Bruder seinen Thronanspruch streitig machen will. Ich möchte Albert nur zu seinem Recht verhelfen“, sagte er mit einiger Bitterkeit.

„Der Abt glaubt das nicht“, gab Retinus zu bedenken.

„Dann tut er mir Leid“, seufzte Philipp. „Vielleicht bezweifelt der Abt meine lauteren Absichten. Gott weiß, dass ich meinem Bruder seinen Titel gönne und ihm helfen möchte, diesen Titel zu sichern. Sonst nichts.“

Retinus raffte die Kutte und stieg gleichfalls auf den Baum. Er tat das mit einer erstaunlichen Behändigkeit, die Philipp von den sonst eher kletterfaulen Mönchen nicht kannte.

„Gesetzt den Fall, Albert würde sterben, bevor er den Herzogsthron besteigen kann. Dann fiele der Titel doch an dich, oder?“, fragte der Mönch.

„Ja“, bestätigte Philipp.

„Philipp, wenn Albert fallen sollte und du bist bei ihm, könnte der Verdacht aufkommen, dass du Schuld am Tod deines Bruders sein könntest, um seinen Titel zu übernehmen“, warnte Retinus. Philipp wollte aufbegehren, aber der Klosterbruder legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

„Versteh’ mich nicht falsch, Prinz Philipp. Ich würde nicht auf die Idee kommen, dass du deinem Bruder schaden möchtest. Aber andere könnten auf diesen Gedanken verfallen. Wenn du wirklich den Thronanspruch deines Bruders übernimmst, dann darf kein Makel daran sein.“

Philipp seufzte tief.

„Retinus – mein Bruder wird fallen, davon bin ich überzeugt. Ich kenne jeden noch so unübersichtlichen Winkel der Steinburg. Ich habe von dir gelernt, mit den ritterlichen Waffen umzugehen. Albert würde sich im eigenen Zimmer verlaufen und weiß nicht mal, an welchem Ende man ein Schwert anfasst. Er wäre ein Herzog, der nie von sich aus seine Nachbarn angreifen würde. Albert ist die Friedensliebe in Person. Aber die Verschwörer, die unseren Vater ermordet haben – die sind es nicht. Nein, Retinus, er wird ohne mich kaum lebend in die Burg hineinkommen“, bemerkte Philipp.

„Er will deine Hilfe nicht“, erinnerte Retinus.

„Eben das ist es ja!“, platzte Philipp ärgerlich heraus. „Wenn ich den Titel meines Bruders erben sollte, weil er den Verschwörern zum Opfer gefallen ist, wird mich das ein Leben lang verfolgen, weil ich ihm nicht geholfen habe, obwohl ich es hätte tun können.“

„Diesen Vorwurf müsstest du dir machen, wenn du Albert nicht helfen würdest, obwohl er dich um Hilfe gebeten hat. Er lehnt sie aber ab. Was er tut, tut er auf eigene Gefahr“, gab der Mönch zu bedenken.

„Retinus – ich liebe meinen Bruder und möchte ihn auf keinen Fall verlieren. Schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt und auf diese Weise. Er rennt in sein Unglück und ich muss tatenlos zusehen!“

„Du kannst nur jemandem helfen, der sich helfen lassen will“, sagte Retinus bedächtig. „Hilfe kannst du niemandem aufzwingen. Im Übrigen habe ich meine Zweifel, dass ihr es zu zweit schaffen könnt, wenn es ein Einzelner nicht fertig bringt. Die Verschwörer sind sicher viele, sonst hätten sie die Schlosswache nicht besiegen können. Ihr wärt dann zwei gegen eine unbekannte Anzahl von Verschwörern, wobei ich von wenigstens hundert ausgehe. Das ist immer noch ein unmögliches Verhältnis“, offenbarte Retinus seine taktischen Gedanken.

„Du meinst, ich allein würde Albert nicht viel nutzen?“

„Genau“, erwiderte der Mönch. „Du bist ein großartiger Kämpfer geworden. Für jemanden, der im Kloster groß geworden ist, ist das sehr ungewöhnlich. Du musst viel von deinem Vater haben. Dein Vater war der beste Schwertkämpfer, den ich gekannt habe. Aber einer allein kann gegen eine ganze Heerschar nichts ausrichten. Glaub’ mir“, warnte Retinus eindringlich.

Philipp sah den Mönch lange an. Er versuchte, sich den in grobes Wollzeug gehüllten einfachen Klosterbruder in einer wenglischen Rüstung mit Schild und Schwert vorzustellen.

„Ich habe dich noch nie gefragt, woher du deine Fertigkeiten im Umgang mit dem Schwert hast. Bitte, kläre mich auf“, bat Philipp. Retinus lächelte.

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte er.

„Erzähl’ sie mir“, forderte der Prinz den Mönch auf. Retinus sah in eine unbestimmte Ferne.

„Ich war einmal ein Ritter“, sagte er dann.

„Warum bist du Mönch geworden?“, bohrte Philipp weiter.

„Gut, ich erzähle es dir ganz. Ich stamme von einer Insel, weit weg. Man nennt sie Britannien. Ich bin der Sohn einer alten Adelsfamilie, die ihren Ursprung irgendwo zwischen Kelten und Römern hat. Lange Jahre habe ich meinem König treu gedient. Dann heiratete mein König und das Unglück wollte es, dass wir dieselbe Frau liebten. Ich hätte nie vergessen können, dass ich die Königin auch liebte. Mein König liebte nicht nur seine Frau, sondern auch die Geselligkeit. Für seine über hundert Ritter ließ er eine große runde Tafel bauen, an der wir alle sitzen konnten. Ich hielt mich immer mehr zurück, weil ich die Nähe der geliebten und doch unerreichbaren Frau nicht ertragen konnte. Eines Tages warf man der Königin Untreue vor. Zwar konnte ich im Zweikampf ihre Schuldlosigkeit beweisen, aber ich wurde verwundet. Diese Wunde ist nie ganz geheilt – vor allem die in meinem Herzen nicht. Das Schlimmste war nur, dass meine Königin meine unerfüllte Liebe erwiderte. Ich bin zwar nach meiner äußerlichen Genesung in die Wälder ausgerissen, aber die Sehnsucht der Königin führte sie unweigerlich auf meine Spur. Es ist geschehen, wir haben beide das Treuegelöbnis zu unserem König gebrochen. Aus Reue über unsere Tat sind wir beide ins Kloster gegangen. Meine Königin blieb in Britannien, ich schloss mich irischen Mönchen an und hatte das große Glück, an Bischof Avertinus zu geraten, der mich nach Wachtelberg holte. In meinem Orden fungiere ich nun als Fechtlehrer und habe die Aufgabe, Prinzen wie dich und deinen Bruder in den ritterlichen Tugenden zu unterweisen“, berichtete Retinus.

„Wenn dein König dich wieder nach Britannien riefe und dir verziehe, würdest du gehen?“, fragte Philipp interessiert.

„Mönch zu werden ist etwas ziemlich Endgültiges, Philipp. Ich habe ewige Gelübde abgelegt. Der Papst selbst müsste mich von meinen Gelübden entbinden“, gab Retinus zurück.

„Ist Retinus dein richtiger Name?“

„Nein, ein Ordensname. Mein früherer Name ist mit dem entehrten Ritter gestorben – und ich werde ihn nicht mehr nennen“, erwiderte der Mönch.

Eine Weile war Schweigen. Dann zeigte Retinus auf eine Staubwolke, die sich in Richtung Steinburg entfernte.

„Sieh, dein Bruder bricht auf“, sagte er. Philipp sah den Mönch mit einer Mischung aus Trauer und Verärgerung an.

„Du solltest mich ablenken, Retinus!“, knurrte der Prinz.

„Nein“, sagte Retinus. „Ich weiß, dass der Abt Albert ausreden wollte, allein zu gehen. Er hat nicht auf ihn gehört. Sein Leben ist in Gottes Hand.“

„Es gibt Momente, Retinus, in denen Worte nicht mehr helfen. Der Abt hätte ihn notfalls mit Gewalt an dem Unterfangen hindern müssen“, grollte Philipp.

„Ich sehe, dass du ein feines Gespür für das hast, was notwendig und angemessen ist. Philipp, du wirst einmal ein großartiger Heerführer sein“, prophezeite der Ex-Ritter.

„Mir liegt nichts daran, wenn ich meinem Bruder damit nicht dienen kann“, versetzte Philipp mit unüberhörbarer Bitterkeit. Damit stieg er vom Baum. Retinus folgte ihm.

Albert ritt im Eiltempo Richtung Steinburg. Er hatte seine Route so gewählt, dass er an dem Tag Steinburg erreichte, an dem er volljährig wurde. Die eisige Dezemberkälte vermochte ihn nicht zu hindern. Nicht nur Philipp sah ihm traurig hinterher, auch Herzogin Christine hatte große Angst um ihren älteren Sohn. Albert war von ihren beiden Söhnen immer der stillere gewesen. War Philipp offen für jedermann, war Albert in sich gekehrt und verschlossen. Politik, Waffenhandwerk, Umgang mit Geld hatte Albert nie interessiert. Umso verwunderter war die Herzogin, dass Albert von einem Tag auf den anderen sein Thronfolgerecht durchsetzen wollte – und es ohne jede Übung im Umgang mit Waffen machen wollte. Sie war geradezu erschüttert, dass Albert nicht nur die Hilfe seines jüngeren Bruders so brüsk abgelehnt hatte, obwohl Philipp keine Konkurrenzabsichten hatte, sondern auch gegen den Rat des Abtes unbedingt allein sein Recht einfordern wollte und sich dabei wirklich nur auf die Hilfe des Allmächtigen verlassen wollte. Bei aller Gläubigkeit, die die Herzogin in den Jahren seit ihrer Taufe angenommen hatte, hielt sie es für ausgesprochen vermessen, das eigene Recht gegen Mörder und Verräter allein mit Gottes Hilfe durchsetzen zu wollen. Der Vorwurf des Abtes, Philipp sei neidisch auf den Bruder, hatte die Herzogin zudem tief getroffen. Sie ließ Philipp rufen. Das Gespräch mit ihm bestätigte der Herzogin, dass Philipp eher darauf versessen war, für seinen großen Bruder den Thron zu erstreiten, als ihm diesen Titel streitig machen zu wollen.

Pünktlich zu seinem Geburtstag traf Albert in Steinburg ein. Die Schlosswache ließ ihn auch zu Herzog Reginald vor.

„Ich grüße dich, Herzog Reginald“, sagte Albert. „Ich bin Prinz Albert von Sandragon, der älteste Sohn des Herzogs Christian von Wengland. Herzog Christian wurde vor elf Jahren von feigen Mördern umgebracht. Ich danke dir, dass du den Thron für mich verwaltet hast. Heute ist der Tag, an dem ich volljährig werde und den Titel und die Rechte meines Vaters übernehmen kann“, erklärte der Prinz mit fester Stimme. Der Mann auf dem Thron brach in helles Gelächter aus.

„Der Witz ist gut! Als Hofnarr wärst du unschlagbar!“, rief Reginald jauchzend.

„Ich beliebe nicht zu scherzen und habe auch nicht die Absicht, hier als Hofnarr anzufangen!“, fuhr Albert ihn an.

„Höre, Söhnchen: Vielleicht bist du der, für den du dich ausgibst. Vielleicht auch nicht. Aber selbst, wenn du tatsächlich der Sohn von Herzog Sandragon sein solltest: Diesen Thron räume ich nur als toter Mann! Verstanden?“

„Wer gibt dir das Recht, auf diesem Thron zu sitzen, wenn du nicht der Erbe Herzog Christians bist?“, fragte Albert scharf.

„Das Recht des Stärkeren, Söhnchen“, grinste Reginald kalt. „Und mit dem Recht des Stärkeren lasse ich dich jetzt in den Kerker werfen, bis mir eingefallen ist, was ich mit dir anstelle.“

Reginald winkte den Wachen im Thronsaal, die zu viert auf den Prinzen losgingen.

„Ihr brecht das Recht!“, rief Albert aus und versuchte, sich der Angreifer zu erwehren.

„Hier gilt nur das, was ich als Gesetz verkünde!“, donnerte es vom Thron. „Und eines von meinen Gesetzen heißt: Wer meinen Thron will, ist ein Rebell und Aufrührer und hat sein Leben verwirkt!“

Die Wachen hatten keine Mühe mit dem unerfahrenen Albert. In wenigen Augenblicken war er stramm gefesselt. Reginald erhob sich vom Thron und trat zu dem Gefangenen.

„Es gehört eine gehörige Portion Mut oder Leichtsinn dazu, Herzog Reginald von Wengland allein und waffenlos den Thron streitig machen zu wollen. Ich weiß nicht, was bei dir wahrscheinlicher ist. Auf jeden Fall wirst du sterben“, sagte der Herzog.

„Welches Verbrechen habe ich begangen, dass du es wagst, mich, deinen rechtmäßigen Herzog, zum Tode zu verurteilen?“

„Du scheinst zwischen den Ohren nur ein Loch zu haben“, spottete Reginald. „Ich habe es dir gerade erklärt“, fügte er beinahe nachsichtig hinzu.

„Hast du die Mörder meines Vaters gleichfalls mit dem Tode bestraft?“, fragte Albert.

„Wie kann man nur so naiv sein?“, lachte Reginald auf. „Ich werde mich kaum selber hängen“, setzte er hinzu.

„Du bist …?“

„Jawohl, kleiner Prinz, dein Vater fiel durch meine Hand“, bestätigte der Herzog.

„Dann hast du kein Anrecht auf den Thron“, gab Albert ungerührt zurück. Reginald lachte dröhnend.

„Bringt ihn weg, ins tiefste Loch. Vor allem knebelt ihn. Das dumme Geschwätz ist nicht zu ertragen!“, befahl er.

Die Wachen brachten Albert in den Kerker. Bertram, ein Höfling Reginalds, beugte sich zu seinem Herzog.

„Herr, das ist die Gelegenheit, herauszubekommen, wo die herzogliche Familie versteckt ist. Wenn du Albert einfach hängst, wird eines Tages der jüngere Bruder hier auftauchen“, warnte Bertram. Reginald sah den Höfling verächtlich an.

„Dem wird es nicht besser gehen“, knurrte er.

„Es sei denn, er ist klüger und kommt gleich mit einem Heer“, gab der Höfling zu bedenken. Reginald wurde nachdenklich.

„Na gut“, sagte er nach einer Weile. „Dann werden wir den Bengel fragen“, entschied er.

Wenig später war Herzog Reginald im Kerker. Albert war an die Wand gekettet und hatte nicht viel Bewegungsfreiheit.

„Nehmt ihm den Knebel ab!“, befahl der Herzog. Der Wächter tat, wie ihm geheißen.

„Nun, vor deinem Tod wirst du uns noch ein paar Fragen beantworten“, wandte Reginald sich dann an den Prinzen.

„Oh, ich dachte, dir wäre klar geworden, dass ich der rechtmäßige Herzog Wenglands bin“, erwiderte Albert mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue. Reginald grinste teuflisch.

„Du bist kein Herzog, du bist ab morgen Rabenfutter“, versetzte er. „Wo stecken deine Mutter und dein Bruder?“, fragte er dann.

„Das werde ich dir nicht sagen“, antwortete Albert kühl.

„Gut, es gibt Methoden, deine Zunge zu lösen“, drohte Reginald. Er winkte und der Henker und zwei Henkersknechte traten in die Zelle.

„Du hast die Wahl, Bürschlein: Entweder du redest freiwillig oder mein Henker wird dich auf sehr unangenehme Weise dazu zwingen“, verdeutlichte er die Drohung. Albert blieb stumm.

„Ist das dein letztes Wort?“, fragte der Herzog den Gefangenen mit einem schiefen Lächeln, das ausgesprochen eisig war. Albert wandte sich demonstrativ ab.

„Nun gut“, seufzte der Herzog. „Ich hätte es dir gern erspart. Aber wenn du so gar nicht reden magst, bitte!“, Er drehte sich zum Henker um. „Ich will wissen, wo der Rest der Familie steckt. Nimm ihn auseinander!“, befahl er kalt. Der Henker nickte schweigend. Der Usurpator verließ die düstere Zelle und überließ den Gefangenen der Folter.

Stunden später – es war längst Nacht – kam Höfling Bertram, der das Verhör des Prinzen geführt hatte, zu Herzog Reginald.

„Nun?“, fragte der Herzog.

„Er hat verbissen geschwiegen, Herr“, verbeugte sich Bertram.

„Aber der Henker hat ihn doch wohl zum Reden gebracht!“

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, die Reginald äußerte.

„Nein, Herr. Und jetzt kann er nicht mehr reden“, bedauerte der Höfling.

„Tot?“, hakte Reginald nach.

„Ja.“

„Unfähiges Pack!“, brüllte Reginald. „Ihr solltet ihn zum Reden bringen, nicht töten! Du wirst an seiner Stelle hängen, Bertram! Los, ab in den Kerker!“, befahl Reginald in hellem Zorn. Auf seinen Wink packten die Thronwachen den Höfling und zerrten ihn in Richtung Verlies.

Reginald ließ den Hauptmann der Schlosswache kommen.

„Eginhard, der Leichnam des angeblichen Prinzen Albert wird öffentlich aufgehängt, bis die Raben ihn verspeist haben oder er vermodert ist. Ein Ausrufer soll verkünden, dass es jedem so geht, der es wagt, Herzog Reginald von Wengland den Thron streitig machen zu wollen. Das wird andere abschrecken, mögliche Ansprüche geltend zu machen. Der Ausrufer soll auch verkünden, dass Rebellen keinen schnellen Tod zu erwarten haben. Bertram wird gehängt, weil er meine Befehle nicht ausführte – auch zur Abschreckung, falls es noch ein paar Leute gibt, die meinen, was ich sage, gelte nicht für sie. Geh und gehorche!“, wies er Eginhard an. Der Chef der Schlosswache verbeugte sich.

„Es wird geschehen, wie du befiehlst, mein Herzog“, versprach er und zog sich unter ehrerbietigen Verbeugungen rückwärts zurück.

Am Morgen des folgenden Tages wurde der Hofbeamte Bertram öffentlich gehängt, die durch die grausame Folter schrecklich entstellte Leiche Alberts am Galgen aufgehängt zur Schau gestellt. Die dem Herzog absolut treu ergebene Schlosswache trieb die Steinburger Bürger zusammen, damit jeder wusste, wie Herzog Reginald mit seinen Feinden umsprang. Unter den zwangsweise zum Publikum der öffentlichen Hinrichtung gemachten Bürgern war auch Bernhard von Altenburg, ein Edelmann aus der Grafschaft Eichgau. Bernhard war zwar ein treuer Freund des Hauses Sandragon, aber er war kein Kämpfer. Es mangelte ihm insbesondere an Mut. Bernhard hätte es nie gewagt, offen gegen den Usurpator Reginald Opposition zu machen. Das wäre ihm viel zu gefährlich gewesen. Aber der Edelmann gehörte zu den ganz wenigen Menschen, die um den Aufenthaltsort der herzoglichen Familie wussten. Zu Bernhards Glück hatte er seine Zuneigung zum Haus Sandragon so gut tarnen können, dass niemand auf die Idee gekommen war, Bernhard von Altenburg könnte eine Ahnung haben, wo Herzogin Christine und Prinz Philipp waren.

Der Ausrufer ließ die Trommel schlagen, stellte sich breitbeinig unter den Galgen, um seine Wichtigkeit zu betonen, und verkündete mit lauter Stimme von dem Pergament, das er entrollte:

„Ich, Reginald, Herzog von Wengland, habe diesen untreuen Hofbeamten zum Tode durch den Strang verurteilt, weil er meine Befehle nachlässig und unzuverlässig ausführen wollte. Jedem, der meinen Weisungen nicht augenblicklich gehorcht und das Verlangte nicht zu meiner Zufriedenheit erfüllt, geht es ebenso. Ich, der Herzog von Wengland, bin Herr über Leben und Tod meiner Untertanen. Ich, der Herzog von Wengland, bin gerecht und hart. Wer sich gegen meine Herrschaft auflehnt, ist ein Rebell und hat einen langsamen Tod zu erwarten. Meine Härte stelle ich Euch mit dem angeblichen Prinzen Albert unter Beweis. Auch er starb durch die Hand meiner Henker. Er wird hängen, bis die Raben ihn gefressen haben. Wehe dem, der es wagt, sich meinem unbeugsamen Willen zu widersetzen! Als Sühne für die Untreue des Hofbeamten Bertram und die Rebellion des angeblichen Prinzen Albert haben alle Bürger Steinburgs bis zur Mittagsstunde eine Sondersteuer von zehn Gulden in bar zu entrichten. Naturalien werden hierfür nicht angenommen! Darüber hinaus haben die Bürger von Steinburg mir, Reginald, Herzog von Wengland, vor meinem Thron Treue zu schwören. Wer sich weigert oder zahlungsunfähig ist, wird auf der Stelle gerädert! Gezeichnet, Reginald, Herzog von Wengland, Graf von Steinburg.“

Der Ausrufer rollte das Pergament zusammen und gab das Dokument mit einer eckigen Bewegung an einen Knecht. Er drehte sich wieder zum Publikum um, stemmte die Fäuste in die Hüften und rief:

„Los, auf die Knie und Treue geschworen, ihr Pack!“

Die Kriegsknechte des Herzogs waren zu nahe, als dass es auch nur ein einziger Bürger gewagt hätte, nicht sofort auf die Knie zu sinken und die rechte Hand zum Schwur zu erheben. Gleichzeitig gingen die herzoglichen Mannen durch die Reihen der Bürger und kassierten den geforderten Sondertribut. Ein paar Männer, die kein Geld bei sich hatten, wurden umgehend zum Rad getrieben. Bernhard hatte zu seinem Glück – oder Unglück – dreißig Gulden in Silbermünzen in der Tasche. Der kassierende Kriegsknecht sah die Münzen.

„Zehn für den Herzog, der Rest für mich“, grinste der Krieger breit und nahm dem Edelmann sein gesamtes Geld ab. Bernhard hatte zu viel Angst, sich zu widersetzen. Die Klugheit gebot es in diesem Falle auch. Brav schwor er dem Herzog Treue, diesmal wohl wissend, dass er den Schwur nicht zu halten gedachte. Als der Ausrufer noch zufügte, dass jeder des Todes sei, der der Familie des ehemaligen Herzogs Sandragon zu helfen gedachte, war der Entschluss des Edlen von Altenburg gefasst: Er musste Christine und Philipp zum Exil überreden.

Noch am selben Tag reiste Bernhard aus Steinburg ab. Damit nicht zu offensichtlich war, dass sein Ziel das Kloster Wachtelberg war, ritt er zunächst nach Süden und zog erst dann in weitem Bogen um Steinburg herum nach Norden. Auf vielen Umwegen ritt Bernhard nach Wachtelberg, um seine Spur zu verwischen.

Eine gute Woche nach Alberts furchtbarem Tod erreichte Von Altenburg das Kloster. Unter bitteren Tränen berichtete er von Alberts Tod und der zynischen Zurschaustellung der Leiche des Prinzen. Herzogin Christine brach ohnmächtig zusammen. Prinz Philipp erblasste. Seine ebenmäßigen Züge versteinerten sich. Alles, woran der junge Mann denken konnte, war Rache. Rache für seinen ermordeten Vater und seinen zu Tode gequälten Bruder. Philipp stürmte aus dem Saal und blieb drei Tage unauffindbar. Als er nach drei Tagen wieder auftauchte, war sein Entschluss gefasst: Er musste nach Steinburg!

„Überlege es dir gut, Prinz Philipp“, mahnte Bernhard. „Dein Bruder ist schon tot. Der Usurpator lässt nach dir und deiner Mutter fahnden. Deine Mutter braucht dich jetzt sehr. Sie hat ihren Mann und ihren ältesten Sohn schon verloren. Wenn du auch noch gehst, kann das das Ende deiner Mutter bedeuten – und das Ende des Hauses Wengland-Steinburg! Ihr müsst Wengland verlassen.“

„Unser Haus heißt Sandragon!“, verbesserte Philipp. „Außerdem glaube ich nicht, dass dieser Reginald ausgerechnet jetzt mit mir rechnen würde!“, gab der Prinz zu bedenken.

„Die Sache hat zwei Haken, Philipp: Erstens bist du noch nicht volljährig, kannst also die Ansprüche deines Vaters und deines Bruders noch gar nicht übernehmen. Und zweitens bist du allein“, warnte der Altenburger Edelmann.

„Du würdest mir nicht helfen, Bernhard?“, fragte Philipp.

„Ich bin ein ganz feiger Hund, Philipp; eigentlich nicht wert, ein Edelmann Wenglands zu sein. Dein Vater wusste nur zu gut, weshalb er mir nach meiner Knappenzeit nie den Ritterschlag gegeben hat.“

„Du hattest den Mut, uns zu warnen, Bernhard“, erinnerte Philipp.

„Ich hatte schreckliche Angst, die Häscher des Herzogs würden mich schnappen. Mein Herz hat in der Hose geklopft, mein Prinz. Außerdem habe ich nie wirklich gelernt, zu kämpfen. Ich wäre dir keine Hilfe. Du und deine Mutter – ihr müsst fliehen. Persegin hat sicher bald herausgefunden, wo ihr euch verbergt.“

„Es widerstrebt mir, Wengland zu verlassen“, wandte der Prinz ein. „Sag, wie hast du den Herzog genannt? Persegin? Heißt er nicht Reginald?“

Bernhard lächelte schief.

„Persegin, der ehemalige Graf von Südwengland ist derselbe, der sich jetzt Reginald nennt. Er hat nach der Machtübernahme den Namen geändert. Ich konnte dank meiner übergroßen Vorsicht rechtzeitig untertauchen, bevor bekannt wurde, dass ich weiß, wer dieser unrechtmäßige Herzog wirklich ist“, erklärte er. „Aber um beim Exil zu bleiben: Es ist nötig, mein Prinz. Sei nicht so unvernünftig wie Albert. Allein schaffst du es nicht. Du brauchst mächtige Verbündete.“

Nach drei weiteren Tagen Bedenkzeit befanden Christine und Philipp, dass es besser war, für einige Zeit ins Exil zu gehen. Christine beschloss, in die direkt benachbarte Grafschaft Stolzenfels zu flüchten, die nicht mehr zu Wengland gehörte. Der Graf von Stolzenfels war ein Freund des Herzogs Christian. Vielleicht würde er ihnen helfen.

 

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Kapitel 3

Exil

 

Graf Ralf von Stolzenfels war ein Mann mittleren Alters. Er war fast im gleichen Alter wie Christian von Sandragon und hatte die ersten grauen Haare im schwarzen Haar, aber seine dunklen Augen hatten noch immer einen beinahe jugendlichen Glanz. Er war seit langer Zeit mit Gräfin Hildegund verheiratet und hatte zwei Kinder: den Erbgrafen Matthias und die etwas jüngere Tochter Hilde.

Die Grafschaft Stolzenfels gehörte zu einem Stammesverband nördlich des Alvedra, der in etwa zwanzig Grafschaften aufgeteilt war. Ein Oberhaupt dieses Stammes, der Skarpen genannt wurde, gab es schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Als in Wengland Christian zum Herzog gewählt worden war, hatten Ralf und drei seiner Nachbarn, die gleichfalls mit Wengland eine gemeinsame Grenze hatten, überlegt, ob sie sich nicht Wengland anschließen sollten. Die feste Verbindung unter den Grafschaften dort schien ihnen beispielhaft. Doch eine gewisse Ablehnung der Grafen, die an der Nordgrenze Wenglands residierten, hatte sie letztlich gehindert.

So hatte Ralf sich mit seinen Nachbarn getroffen und sie waren übereingekommen, dass sich die Grafschaften nördlich des Alvedra vereinigen sollten. In mühevollen Verhandlungen im Laufe von fast fünf Jahren hatten sich die beinahe zwanzig Grafen der Skarpen geeinigt, ihr Stammesgebiet zum Herzogtum Scharfenburg zusammenzuschließen. Zu dem Zeitpunkt, als Christine und Philipp aus Wengland fliehen mussten, stand die Wahl des Herzogs kurz bevor.

Nach christlicher Zeitrechnung schrieb man den 13. Januar 877, als Christine und Philipp von Sandragon Stolzenfels erreichten. Die kleine Burg Stolzenfels war von ihrem Hausherrn verwaist. Gräfin Hildegund empfing die Ankömmlinge ohne großes Zeremoniell. Sie war sichtlich überrascht, als der Ausrufer in der Halle die Herzogin Christine und den Prinzen Philipp von Wengland ankündigte. Gräfin Hildegund eilte den Gästen entgegen und empfing sie in der Mitte des Saales.

„Willkommen in Stolzenfels“, sagte sie und umarmte die Reisenden. „Christine, wo ist der Rest deines Hauses? Kommen Christian und Albert nach?“, fragte sie dann.

„Nein“, erwiderte Christine, tapfer mit den Tränen kämpfend. „Ein Thronräuber hat meinen Gemahl, meinen geliebten Christian, ermordet. Albert, mein ältester Sohn, ist bei dem Versuch, seine Erbansprüche geltend zu machen, grausam getötet worden. Philipp und ich werden von den Mördern verfolgt und konnten nicht länger im Kloster Wachtelberg bleiben. Das ist der furchtbare Grund, weshalb Philipp und ich um den Schutz deines Gatten bitten.“

„Und eure Soldaten?“, fragte Hildegund erschrocken nach. „Haben die den Raub mitgemacht?“

„Die wenigen Schlosswachen fielen den Männern des Usurpators zum Opfer. Die anderen Soldaten haben dann die Lügen des Thronräubers geglaubt, der sie von ihrem Treueid zu Christian entbunden hat.“

„Das ist ja schrecklich!“, entfuhr es der Gräfin. Sie umarmte Christine tröstend. „Bleibt einstweilen in Stolzenfels. Ralf müsste in einigen Tagen wieder zurück sein. Ich glaube nicht, dass er der Familie seines Freundes Christian Hilfe versagen wird“, beruhigte Hildegund die weinende Herzogin.

Vier Tage darauf kehrte Graf Ralf von der Grafenversammlung zurück. Das Gefolge war wesentlich größer als bei seiner Abreise. Christine und ihre Gastgeberin sahen vom Söller der Burg den Zug des Burgherrn kommen.

„Christine, ich glaube, es gibt ein neues Herzogtum“, frohlockte Hildegund.

„Was meinst du?“

Hildegund erklärte Christine den Grund der Abwesenheit Ralfs.

„Meinst du, Ralf könnte Herzog geworden sein?“, fragte Christine.

„Wir werden es gleich wissen. Komm, wir gehen in den Hof.“

Unten im Burghof konnte Hildegund ihren Mann glücklich begrüßen. Er führte ein neues Banner: Geteilt von weiß und rot. Im weißen – oder silbernen – Feld schwebte eine einzelne blaue Lilie, im roten Feld eine goldene.

„Hildegund, meine geliebte Frau!“, entfuhr es Ralf. „Du hältst den Herzog von Scharfenburg in deinen Armen. Einundzwanzig Grafschaften haben sich unter dem Namen Scharfenburg zu einem Herzogtum zusammengeschlossen – und ich bin der erste Herzog dieses Landes.“

„Herzlichen Glückwunsch, Ralf. Möge Gott dir die nötige Weisheit geben, dein Herzogtum gut zu regieren“, gratulierte Hildegund. „Wir haben Gäste, Herzog“, fügte sie dann hinzu.

„Sie seien uns willkommen“, rief Ralf fröhlich und ließ sich von seiner Frau nur zu gern die Gäste vorstellen. Hildegund winkte Christine und Philipp heran.

„Ich vermisse meinen Freund Christian, Herzogin Christine, und deinen älteren Sohn Albert“, sagte der Herzog nach der Begrüßung.

„Der Himmel gewährt keinen Ausgang, Hoheit“, mischte sich Philipp mit ernster Miene ein. „Mein Vater und mein Bruder wurden von einem Usurpator umgebracht. Deshalb sind wir zu dir gekommen, um dich zu bitten, uns aufzunehmen – und mir vielleicht eines Tages zu helfen, meinen Thron zurückzuerobern.“

„Das ist ja furchtbar!“, sagte der Herzog leise. „Seid meines aufrichtigen Beileids versichert. Bleibt meine Gäste, solange ihr wollt. Unser Haus ist euer Haus.“

Christine und Philipp nahmen dankbar an.

Die Flüchtlinge lebten am Hof Herzog Ralfs ein ruhiges Leben. Philipp bekam eine gute Ausbildung im Waffenhandwerk. Sein Waffenmeister konnte sich nur über die guten Voraussetzungen wundern, die der junge Mann mitbrachte. Unter der fachkundigen Anleitung von Meister Ludger brachte Philipp es in drei Jahren zu einem Kämpfer, dem kaum ein Gegner etwas entgegenzusetzen hatte. Nun, im Jahr 880, feierte Philipp am 29. März seinen einundzwanzigsten Geburtstag. Herzog Ralf wollte es sich nicht nehmen lassen, dem jungen Mann eine besondere Geburtstagsfeier auszurichten: Er wollte ihn zum Ritter schlagen. An sich wäre eine Beteiligung an Kämpfen mit einem Feind eine Voraussetzung für den Ritterschlag gewesen. Herzog Ralf, der Probleme lieber zunächst durch Verhandlungen löste, bevor er zur Waffe griff, nahm für sich jedoch das Recht in Anspruch, einen Mann auch dann zum Ritter zu schlagen, wenn er sich ausschließlich in Turnieren bewährt hatte. Philipp hatte schon oft im Turnier gefochten, das ganze letzte Jahr hindurch als Erster Knappe von Meister Ludger.

Eine Woche vor Philipps Geburtstag ließ Ralf Ludger und Christine rufen. Die Gerufenen erschienen umgehend.

„Ich danke euch, dass ihr so schnell gekommen seid. Ich will auch gleich zur Sache kommen: Philipp wird in wenigen Tagen einundzwanzig Jahre alt. Ludger, du hattest mir vorgeschlagen, Philipp dieses Jahr zum Ritter zu schlagen. Ich denke, die Zeit ist mehr als reif dafür. Eigentlich verbinde ich den Ritterschlag mit dem Turnier zu Pfingsten. Herzogin Christine, ich möchte deinen Sohn in den Kreis meiner Ritter aufnehmen und ihm den Ritterschlag zum Geburtstag schenken, wenn du es erlaubst“, sagte Ralf.

„Sag, Herzog Ralf, ist mit dem Ritterschlag in Scharfenburg ein Lehen verbunden?“, fragte Christine. „Ich frage nicht aus Habgier, sondern aus Sorge, edler Herzog“, setzte sie eilig hinzu.

„Weshalb?“

„Philipp ist der Erbe des wenglischen Herzogsthrones. Christian hatte mit den wenglischen Grafen die Vereinbarung, dass der Herzog von Wengland niemand lehenspflichtig sein darf. Nähme Philipp ein Lehen von dir an, könnte er nicht Herzog von Wengland werden“, erklärte die Herzogin.

„Philipp hat in den letzten Monaten nicht mehr von Wengland gesprochen“, erwiderte Ralf.

„Das heißt nicht, dass er nicht mehr an sein Erbe denkt, mein Herzog“, gab Ludger zu bedenken.

„Er wird mir nicht lehenspflichtig sein, es sei denn, er nimmt eine Grafschaft von mir an“, erwiderte Ralf. „Aber im Augenblick steht keine Grafschaft zur Neuvergabe an. Der Graf von Dunkelfels ist der einzige meiner Grafen, der keine Kinder hat, doch er ist noch nicht alt. Ich möchte Philipp als mein Patenkind beschenken, Christine. Ich will ihm keineswegs den Thron nehmen, der ihm zusteht. Welches Zeichen wird er sich erwählen?“

„Das Zeichen des Hauses Sandragon ist eine einzelne goldene Lilie im grünen Feld“, erwiderte die Herzogin. „Ich bin sicher, Philipp würde es als sein Zeichen wählen.“

„Nehmen wir mal den ungünstigen Fall an, er könne seine Ansprüche auf Wengland nicht durchsetzen. Wäre es dann angeraten, dass er das Symbol des Landes führt?“, mutmaßte Ludger.

„Ich weiß, dass der Usurpator die Lilie zum Landessymbol Wenglands erklärt hat. Insofern hat er uns auch noch das Zeichen gestohlen. Doch dieses Zeichen gehört allein dem Haus Sandragon“, wandte die Herzogin ein.

„Sag, Herzogin, würde es die Überraschung sehr stören, wenn ich Philipp einfach fragte, welches Zeichen ich ihm zum Ritterschlag vorbereiten lassen soll?“, fragte Ludger.

„Nein, gewiss nicht; er ist sicher, dieses Jahr den Ritterschlag zu erhalten.“

„Dann werde ich ihn bei der nächsten Übungsstunde fragen“, entschied der Waffenmeister.

Am folgenden Tag übte Philipp mit seinem Waffenmeister Bogenschießen.

„Philipp, wenn du Ritter wirst, welches Zeichen möchtest du dann führen?“, fragte Ludger.

„Ich hab’ noch nicht drüber nachgedacht“, antwortete der Prinz, legte einen Pfeil in die Sehne und zielte über den Daumen.

„Wäre die Lilie passend?“, hakte Ludger nach.

„Welche?“, fragte Philipp. „Wenglands oder Scharfenburgs?“

„Nun, Wenglands nehme ich einfach einmal an“, schmunzelte der Waffenmeister. „Du sollst den hinteren Strohballen treffen, denk dran!“, mahnte er dann. Philipp nickte und drehte den Bogen ein wenig höher. Er konzentrierte sich und ließ die Sehne dann los. Der Pfeil beschrieb einen hohen Bogen und senkte sich dann ins Zentrum des Ballens.

„Vielleicht sollte ich den Pfeil als Zeichen wählen“, lächelte Philipp.

„Der ist an Graf Thannburg vergeben“, grinste Ludger.

„Ludger, Wenglands Lilie wäre sicher mein Ziel. Aber ich bin klug genug, mir zu sagen, dass man die Haut des Bären nicht verkaufen soll, solange sie noch am lebenden Bären angewachsen ist“, entgegnete Philipp.

„Was wäre dein Wunschzeichen?“, fragte Ludger unnachgiebig weiter.

Philipp dachte einen Moment nach.

„Weißt du, Ludger, wenn ich meinen Thron haben will, brauche ich Geduld, ein gutes Auge und sicher auch die Fähigkeit, unerwartet zuzuschlagen. All das vereint der Falke in sich. Geduldig schwebt er über den Feldern, rüttelt oft an einer Stelle, bis sich unten ein unvorsichtiges Mäuschen zeigt. Er erspäht es mit seinem scharfen Auge. Und er schlägt zu, wenn sein Beutetier es am wenigsten erwartet“, sinnierte Philipp. „Deshalb soll der Falke mein Zeichen werden. Wenn es möglich wäre, möchte ich einen goldenen Falken im roten Feld führen, umgeben von einem grünen Rand. Grün ist die Hoffnung. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, eines Tages Wenglands Herzog zu sein.“

Ludger nickte.

„Zehn Übungsschüsse hast du noch vor dir“, lächelte er.

Ludger gab weiter, was Philipp ihm mitgeteilt hatte. Ralf ließ einen Zeichenschild vorbereiten und die goldenen Sporen nach den Maßen von Philipps Knappensporen herstellen. Philipp ahnte nichts von der Überraschung, die auf ihn wartete.

Zwei Tage vor seinem Geburtstag meinte sein Waffenmeister zu ihm, es wäre gut, wenn er die vor den Ritterschlag gesetzte Waffenwache einmal üben würde.

„Ist die Zeremonie denn so kompliziert, dass ich sie vorher proben sollte, Meister Ludger?“, fragte der Prinz.

„Übung hat noch niemandem geschadet“, erwiderte Ludger. „Ich schlage vor, dass wir uns morgen Abend in der Burgkapelle treffen. Ich bringe das Gebetbrevier mit und du die braune Kutte, die du aus dem Kloster Wachtelberg hast.“

Gesagt, getan. Am Abend darauf erwartete Philipp den Waffenmeister in der Kapelle, die Kutte über dem Arm. Ludger erschien mit dem Gebetbuch unter dem Arm.

„Du hast die Kutte noch nicht an?“, fragt er verblüfft.

„Erinnert mich zu sehr an die Mönchlein in Wachtelberg. Muss ich das Ding wirklich anziehen?“

„Sicher. Ein künftiger Ritter fragt nicht danach. Hopp, in die Kutte, mein Junge!“

Seufzend zog Philipp sich um.

„Und jetzt kniest du dich hier auf das Kissen in der Bank.“

Philipp gehorchte. Ludger schlug das Gebetbuch auf.

„Du fängst jetzt hier an und betest dich bis hierhin durch.“

Er tippte auf die erste und die letzte Seite des Buches.

„Da bin ich die Nacht über beschäftigt“, maulte der Prinz.

„Deshalb solltest du auch üben. Und morgen üben wir einfach mal die Rittermesse. Ich will keine Schande erleben, wenn’s ernst wird.“

Widerwillig fügte Philipp sich und verbrachte die Nacht mit Beten. Er war zwar gläubiger Christ, aber er meinte auch, dass der Herrgott nicht verlangte, dass seine Jünger sieben Tage die Woche und vierundzwanzig Stunden im Gebet versunken sein sollten.

Als der Morgen graute, kam Pater Lucius in die Kapelle. Lucius war in die Überraschung eingeweiht. Zunächst gratulierte er Philipp zum Geburtstag.

„Du übst für die Rittermesse, mein Sohn?“, fragte er dann. Der junge Mann nickte und unterdrückte ein Gähnen.

„Dann solltest du auch gleich beichten. Demnächst wäre ohnehin die Osterbeichte fällig. Die kannst du dir dann sparen“, lockte der Priester. Philipp war einverstanden und beichtete gleich. Es war nicht viel, was er zu bereuen hatte. Nur, dass er den Koch geärgert hatte, indem er ihm den Dill versteckt hatte und dass er den nach seiner Meinung sündigen Wunsch hatte, Prinzessin Hilde einmal zum Osterfest begleiten zu dürfen.

„Du möchtest sie begleiten? Warum sollte das eine Sünde sein, mein Sohn?“, fragte der Pater.

„Nun, Pater, wenn ich ehrlich bin, könnte ich mir vorstellen, dass aus der Begleitung mehr werden könnte.“

„Aha. Und was?“

„Nun, ein Tanz, vielleicht ein Küsschen oder so.“

„Ah ja. Philipp, kann es sein, dass du verliebt bist?“, fragte der Priester. Sein Schmunzeln war unüberhörbar.

„Ich hatte noch nicht viel Gelegenheit, die Prinzessin kennen zu lernen. Sie scheint mir sehr unnahbar, Pater. Bisher hat sie noch nie ihr Lanzentüchlein um meine Lanze geknotet. Aber ich bin auch noch kein Ritter.“

„Dein Wunsch ist keine Sünde, mein Sohn. Hast du noch mehr zu beichten?“

„Nein, Pater, ich habe alles bekannt, was ich gesündigt habe.“

Der Pater erteilte die Lossprechung und gab Philipp ein Vaterunser für den versteckten Dill auf.

Als Pater Lucius ihm noch das heilige Abendmahl spendete und ein Bad empfahl, bekam Philipp eine Ahnung von dem, was gespielt wurde. Er ließ sich aber nichts anmerken und spielte mit. So zog er nach der Kapellenzeremonie weiße Kleider an und empfing die zeremoniellen Besuche vor dem Ritterschlag durch seinen Waffenmeister, seine Diener, seinen – möglichen – Herrn Herzog Ralf und dessen Ritter. Ralf forderte ihn schließlich auf, seinen Kettenanzug anzuziehen. Philipp tat es und kehrte in den Rittersaal zurück.

„Knie nieder, Philipp“, sagte Ralf und deutete auf ein Kissen auf den Stufen vor dem Thron. Der Prinz kniete sich hin und hob die rechte Hand zum Schwur. Dann leistete er den ersten Ritterschwur, der beinhaltete, dass der Schwörende weder sein Leben noch sein Gut schonen würde, um Religion, Witwen, Waisen und Unterdrückte zu verteidigen. Ralf legte Philipp die goldenen Sporen selbst an und überreichte ihm Schwert und Wehrgurt.

„Philipp, ich denke, es ist an der Zeit, der Komödie ein Ende zu machen“, sagte Ralf dann. Als sich ein Anflug von Enttäuschung auf Philipps Gesicht zeigte, fuhr der Herzog fort:

„Bisher haben wir dich in dem Glauben gelassen, du würdest nur für Pfingsten üben. Dem ist nicht so. Philipp, du wirst heute einundzwanzig Jahre alt. Ich möchte dir den Ritterschlag zum Geburtstag schenken. Aber du wirst nachher, wenn du aus der Kirche kommst, keinen Lehenseid leisten, sondern mir nur für die Dauer deines Exils hier in Scharfenburg Treue geloben. Nichts soll zwischen dir und deinem Thron stehen.“

Damit hängte Ralf Philipp den Wehrgurt um den Hals und umarmte ihn.

„Ich danke dir, Herzog Ralf“, erwiderte Philipp schlicht. Wie das Zeremoniell es erforderte, ging er wieder in die Burgkapelle, um an der Morgenmesse teilzunehmen. Nach der Messe nahm Pater Lucius das Schwert und segnete es. Philipp erhielt es zurück mit der Auflage, sich nunmehr seinem Herrn zu zeigen. Mit Ludger kehrte er wiederum in den Rittersaal zurück, übergab sein Schwert dem Herzog, der ihn nun inmitten seiner unmittelbaren Gefolgsleute erwartete. Wieder kniete der Prinz nieder und leistete einen zweiten Eid gegenüber der Ritterschaft und einen dritten, wenn auch zeitlich begrenzten, dem Herzog. Ralf zog das Schwert aus der Scheide. Mit den Worten:

„Im Namen Gottes, des heiligen Michael und des heiligen Georg schlage ich dich, Philipp von Wengland, zum Ritter“, tippte der Herzog mit der flachen Schwertklinge auf Philipps Schultern. Dann schob er das Schwert in die Scheide zurück und übergab es Philipp – und verpasste ihm noch eine saftige Backpfeife. Philipp war darauf vorbereitet; er hatte den Ritterschlag im Jahr zuvor bei Ralfs Sohn Matthias gesehen, angenehmer machte es die Backpfeife gleichwohl nicht. Ralf nahm den leicht benommenen Philipp an den Schultern.

„Diese Backpfeife ist der letzte Schlag, den du unerwidert hinnehmen musst. Er dient auch dazu, dass du den Rittereid nie wieder vergisst. Denk immer daran: Sei tapfer und aufrecht, auf dass Gott dich lieben möge; sprich immer die Wahrheit, auch wenn es deinen Tod bedeutet; beschütze die Wehrlosen und tue kein Unrecht. Von nun an wird von dir erwartet, dass du dich gegen Beleidigungen und Angriffe gegen dich selbst und andere zur Wehr setzt. Erhebe dich als Ritter, Philipp von Wengland!“

Philipp stand auf, Ludger holte hinter Ralfs Thron den Schild mit dem von Philipp gewünschten Zeichen hervor und drückte ihn dem Prinzen zusammen mit einer Lanze in die Hand.

„Rauf auf ‘s Pferd!“, befahl Ludger. Philipp ließ sich das nicht zweimal sagen, eilte in den Burghof und schwang sich auf sein Pferd. Wenglands Thronfolger war Ritter.

Fünf weitere Jahre lebte Philipp mit seiner Mutter in Stolzenfels. Ralf hatte in Philipp einen ebenso treuen wie zuverlässigen Ritter, den er nicht gern hergeben mochte. Innere Zwistigkeiten in Scharfenburg hinderten Ralf, Philipp die Bitte zu erfüllen, ihm bei der Eroberung seines Erbes zu helfen. Schließlich sprach Philipp nicht mehr von Wengland. Seine Mutter tat es schon lange nicht mehr. Sie wollte nicht zurück in ein Land, aus dem man sie mit Gewalt vertrieben hatte. Aber dass Philipp nicht mehr von Wengland sprach, bedeutete keineswegs, dass er seine Ansprüche aufgegeben hatte.

Im Frühling 886, neun Jahre, nachdem Christine und Philipp in Stolzenfels Schutz gesucht hatten, ließ Ralf Philipp wieder einmal rufen. Philipp erschien umgehend.

„Du hast mich rufen lassen, Herzog Ralf?“

Ralf sah ihn väterlich an. Philipp war schon als Junge ein hübsches Kind gewesen; jetzt, als junger Erwachsener, war er ein wirklich gut aussehender Mann geworden. Das dunkle, wellige Haar, das ebenmäßige Gesicht und die braunen Augen waren väterliches Erbe, die schlanke Gestalt hatte er von seiner Mutter. So schlank er war, war Philipp doch ein Mann mit ausgeprägten, kraftvollen Muskeln. Zusammen mit seinem guten Aussehen machte seine Gestalt Philipp zum wohl begehrtesten Ritter Scharfenburgs, was die holde Weiblichkeit betraf. Es gab kein Mädchen, keine junge Frau am Hof und in der Stadt Stolzenfels, die diesem Ritter nicht mit mehr oder weniger laut schmachtendem Seufzen nachsah.

„Wohl, wohl, du bist ein stattlicher Mann geworden, Philipp von Wengland“, sagte er in fast väterlichem Stolz. „Dein Vater wäre begeistert, wenn er deine letzten Turniererfolge gesehen hätte.“

„Oh, ich bin überzeugt, er hat sie gesehen“, lächelte Philipp mit einem Blick gen Himmel.

„Philipp, du bist eine Zierde meiner Ritter. Ich kenne nur wenige, die dir an Tapferkeit und Ritterlichkeit gleichkommen. Am liebsten würde ich dich für immer in Scharfenburg behalten, zumal ich weiß, dass Hilde dir mehr gewogen ist, als sie laut sagt. Aber da ist noch dein väterliches Erbe, das ich dir nicht verbauen will. Ich weiß, dass dein Vater mit den Grafen Wenglands vereinbart hatte, dass der Herzog von Wengland niemandem untertan sein darf. Wenn du Herzog werden willst, darfst du kein Lehen von mir annehmen. Dennoch frage ich dich: Willst du mein Gefolgsmann sein?“

„In welcher Eigenschaft soll ich dein Lehnsmann sein?“

„Graf Reinhold von Dunkelfels ist verstorben, ohne einen Erben zu hinterlassen. Ich möchte dich mit der Grafschaft Dunkelfels belehnen. Es ist die viertgrößte Provinz Scharfenburgs.“

„Dein Angebot ehrt mich, Herzog Ralf. Ich bin sicher, du machst es nicht jedem. Wie lange gilt dein Angebot?“

„Wie meinst du das?“

„Nun, es ist richtig, dass ich kein Lehen annehmen darf, wenn ich Wenglands Thron besteigen will. Noch weiß ich aber nicht, ob es mir gelingt, diesen Anspruch überhaupt durchzusetzen. Deshalb bitte ich dich, mir etwas Zeit zu geben, damit ich zunächst noch einen Versuch unternehmen kann, meine Erbansprüche geltend zu machen. Gelingt mir das nicht, verzichte ich auf Wengland und werde mit Freuden dein Lehnsmann. Ich sage dir gewiss nichts Neues, wenn ich dir erzähle, dass meine Mutter in Stolzenfels eine neue Heimat gefunden hat und von Wengland nichts mehr wissen will.“

„Eben, deshalb biete ich dir die Grafschaft Dunkelfels an.“

„Wie viel Zeit kannst du mir geben?“

„Nach scharfenburgischem Gesetz darf eine Grafenstelle nicht länger als drei Monate unbesetzt sein. Dann fällt sie an den nächstgrößeren Nachbarn. Du hättest noch fast die volle Frist, denn Graf Reinhold ist vorgestern gestorben. Glaubst du, dass du in so kurzer Zeit deine Ansprüche durchsetzen kannst, wenn du es bisher nicht geschafft hast?“, erklärte der Herzog.

„Das ist schwer zu sagen. Aber ich will es versuchen.“

„Es wird nicht einfach sein, und ich kann dir noch immer nicht helfen.“

„Ich habe es nicht erwartet“, lächelte Philipp.

„Wann wirst du aufbrechen?“, fragte Ralf.

„Noch morgen früh.“

„Du hast es eilig“, bemerkte Ralf.

„Die Zeit ist kurz, ich muss sie nutzen“, erwiderte Philipp ernst. „Ich danke dir für deine Gastfreundschaft, Herzog Ralf. Ich hoffe, dass meine Mutter auch weiterhin dein Gast sein kann – auch wenn ich im Kampf um meine Rechte fallen sollte.“

„Für deine Mutter wird gesorgt, ganz gleich, was geschieht. Sie ist mit meiner Gemahlin gut befreundet. Hildegund hat mir schon mit Ehekrach gedroht, wenn ich zulasse, dass Christine wieder fortgeht“, lachte Ralf. „Aber ich kenne jemand, die sehr traurig sein wird, wenn du fortgehst. Hilde wird es gar nicht gern sehen, wenn du nicht mehr da bist.“

„Übermittle ihr meine Grüße, auch meiner Mutter. Wenn sie hier weiterhin willkommen ist, kann ich beruhigt nach Wengland gehen.“

AAA

 

Kapitel 4

Heimliche Rückkehr

 

Ohne weiteren Abschied verließ Philipp mitten in der Nacht Burg Stolzenfels. Seiner Mutter hinterließ er nur einen kurzen Brief. Die aufgehende Sonne fand den Herzogssohn bereits hinter dem Abzweig nach Rossensee. Die Landstraße zwischen Stolzenfels und Steinburg verlief ziemlich gerade – soweit es das Glissatal zuließ – unterhalb des Halbmondswaldes. Das schroffe Bergmassiv trennte den Westen des Herzogtums von den östlichen Provinzen. Zwischen dem Halbmondswald nördlich des Alvedra und dem Krähenwald südlich des Flusses bildete die Wachtelberger Pforte den leichtesten Weg zwischen Osten und Westen der Verborgenen Lande. Der Fluss, der sich in jahrtausendewährender Arbeit seinen Weg durch die kaum fünf Meilen breite Passage gebahnt hatte, war der Große Alvedra, der sich bei Wachtelberg, der Dreiflüssestadt Wenglands, mit dem Steinburger Alvedra und dem Glissa zum eigentlichen Hauptfluss vereinigte und das bedeutendste Flusssystem der westlichen Verborgenen Lande bildete.

Nur wenige Meilen hinter dem südlichen Ausläufer des Halbmondswaldes trennte der Alvedra mit seinen kristallklaren Wassern das Herzogtum Wengland vom Herzogtum Scharfenburg. Philipp trieb sein Pferd durch eine breite Furt, die schon seit der Zeit der Besiedlung dieser Gegend den Hauptübergang über den Grenzfluss bildete.

Philipp überlegte, wie er es am besten anstellte, seine Ansprüche ohne zu viel lebensgefährlichen Kampf durchzusetzen. Seit der Ermordung seines Vaters waren nun zwanzig Jahre vergangen. Vermutlich würde ihn in Steinburg niemand erkennen. Fraglich war aber auch, ob er Steinburg nach zwanzig Jahren Abwesenheit wiedererkennen würde. Viel konnte geschehen sein. Philipp beschloss, dem Usurpator einfach seine Dienste als Ritter anzubieten und loszuschlagen, sofern er genügend Getreue um sich geschart hatte, die mit den Soldaten des Thronräubers fertigwerden konnten. Er ermahnte sich häufiger, keine zu große Eile an den Tag zu legen. Eile war immer etwas Verdächtiges.

Am Abend des dritten Tages erreichte der junge Mann ein einsames Gehöft auf einer Waldlichtung in der Gegend des Klosters Wachtelberg. Der Hausherr, ein alter Bauer, sah den mit Schuppenpanzer, Helm und Schild unübersehbar als Ritter gekennzeichneten Reiter misstrauisch an, der das Hoftor passierte.

„Ich grüße dich, Bauer!“, sagte Philipp und hob grüßend die Hand. Der Bauer erwiderte den Gruß mit wachsamem Schweigen.

„Ich bitte dich um ein Nachtlager für mein Pferd und mich“, bat der Prinz. Der Bauer sah den Ritter etwas freundlicher an.

„Die Reihenfolge gefällt mir, Herr Ritter!“, sagte der alte Mann. „Wer bist du?“

„Ein heimatloser Ritter. Philipp ist mein Name“, erklärte Philipp. Der Bauer sah ihn zweifelnd an. Er hatte noch den Herzog Christian gekannt – und dieser junge Mann hatte eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit dem ermordeten Herzog!

„Ich kenne das Zeichen deiner Herkunft nicht“, bemerkte der Bauer.

„Mein Schildzeichen ist noch neu“, erklärte Philipp das Falkenwappen. „Ich hatte noch nicht die Ehre, in Wengland an einem Turnier teilzunehmen.“

„Hast du einen Herrn?“

„Nein, derzeit nicht. Aber wenn ich nicht zum Raubritter werden will, muss ich mir wohl einen Herrn suchen.“

„Herzog Reginald braucht jederzeit zuverlässige Krieger. Aber er ist gefährlich“, schlug der Bauer vor – und warnte gleichzeitig.

„Aha?“, stellte Philipp eher fragend fest.

„Ja. Herzog Reginald hat große Angst, jemand könnte ihm den Thron streitig machen“, sagte der Bauer und machte eine einladende Handbewegung. „Komm, Ritter Philipp. Sei mein Gast“, setzte er hinzu.

„Danke. Ich versorge nur rasch mein Pferd.“

Wenig später saß Philipp am Tisch des alten Bauern. Vor sich hatte er eine Schüssel Hirsebrei und einen Krug frisches Wasser.

„Sag, warum ist dein Herzog so in Angst um seinen Thron?“, fragte Philipp hinterlistig. Der Bauer seufzte tief.

„Es gibt Gerüchte, dass Herzog Reginald nicht ganz ehrlich auf seinen Thron gekommen ist“, sagte er.

„Wenn du mir das sagst, kann das für dich gefährlich werden, Bauer“, gab Philipp warnend zurück.

„Ich habe außer dem Leben nichts zu verlieren“, sagte der Bauer ernst. „Mein Leben habe ich gelebt. Ich bin alt, mein Sohn – so alt, dass der Tod kein Schrecken für mich ist. Nein, Ritter Philipp, die Häscher des Herzogs schrecken mich nicht.“

Philipp lächelte freundlich.

„Kommt sicher auf die Art an, in der du zu deinen Ahnen versammelt wirst. Es gibt Herrscher, die bevorzugen eine recht langwierige Methode“, warnte er.

„Ich weiß. Reginald gehört durchaus zu der Sorte, wie ich gehört habe“, erwiderte der Bauer.

„Ginge ich zum Herzog und verdingte ich mich ihm, könnte ich eines Tages als dein Feind vor deiner Tür stehen“, sagte Philipp. Der Bauer lächelte verschmitzt.

„Du nicht!“, sagte er bestimmt. Philipp schluckte den Bissen in seltsamer Langsamkeit hinunter.

„Wie meinst du das?“, fragte er.

„Ich habe den Herzog Christian gekannt. Lange Zeit habe ich meinem Herzog treu als Schildknappe gedient – bis zu jenem unglückseligen Tag, an dem er ermordet wurde und ich gerade noch fliehen konnte. Ich kannte die herzoglichen Prinzen. Prinz Albert hat Reginald schon auf dem Gewissen. Und den Prinzen Philipp, den muss er fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Und du, Ritter Philipp, du bist dieser Prinz!“, erklärte der Bauer. Philipp spürte ein Würgen im Hals.

„Meinen Plan kann ich aufgeben“, sagte er ernüchtert. „Wenn du mich erkannt hast, erkennt mich auch Herzog Reginald.“

„Wer weiß?“, gab der Bauer zurück. „Reginald ist nicht oft am Hof deines Vaters gewesen.“

„Mag sein, aber wenn ich meinem Vater so ähnlich sehe, dass du mich erkannt hast, erkennt mich jeder, der meinen Vater je von Angesicht gesehen hat.“

„Glaub’ mir, Prinz Philipp: In Steinburg gibt es nur noch wenige Menschen am Hof, die Herzog Christian noch gesehen haben. Und diese wenigen waren auf der Seite deines Vaters. Sie waren damals nur zu wenige, um den Soldaten Persegins zu widerstehen.“

„Dann muss ich mich wohl zunächst mit Graf Persegin befassen, oder was meinst du, Bauer?“

Der Bauer lächelte.

„Den brauchst du nicht lange zu suchen. Er sitzt als Reginald auf Wenglands Thron.“

„Woher weißt du das?“, fragte Philipp interessiert nach.

„Du hast bemerkt, dass ich ein gutes Menschengedächtnis habe. Persegin ermordete deinen Vater. Ich habe ihn an dem Tag einige Male gesehen. Dann tauchte er unter. Etwa ein halbes Jahr war Wengland ohne Herzog. Dann trat ein Baron Reginald von Aventwald zur Herzogswahl an. Als er inthronisiert wurde, war ich in Steinburg. Es war derselbe Mann, der deinen Vater getötet hat, ich schwöre es!“

Philipp dachte einen Moment nach.

„Ich gehe in die Höhle des Löwen. Ich muss es riskieren!“, entschied sich der Herzogssohn.

„Gib Acht, mein Prinz“, warnte der Bauer. „Dein Bruder hat sein Leben schon verloren. Such’ dir erst Verbündete. Es gibt durchaus noch Grafen in Wengland, die Reginald lieber heute als morgen stürzen würden.“

„Wohl kaum, um wieder einen Sandragon zum Herzog zu haben“, mutmaßte Philipp.

„Das kommt auf den Mann aus dem Haus Sandragon an. Du bist deinem Vater sehr ähnlich. Wenn du auch seinen Charakter geerbt hast, mein Prinz, bist du der geborene Herzog Wenglands“, entgegnete der Bauer freundlich lächelnd.

Philipp hatte den Rat des Bauern gehört – und er beherzigte ihn. Der Bauer wies ihm den Weg nach Eschenfels. Der Graf von Eschenfels war nach Aussage des Bauern eher ein Anhänger des Hauses Sandragon. Philipp schlug die empfohlene Richtung ein und erreichte nach einigen Tagen, in denen ihm nur ein paar unvorsichtige Hasen begegnet waren, Burg Eschenfels. Wachsame Torposten begleiteten den unbekannten Ritter zu Siegfried von Eschenfels. Der Graf von Eschenfels war bereits um die fünfzig Jahre alt und hatte vollständig weißes Haar. Der Ritter vor ihm stellte sich ihm als Philipp von Nirgendwo vor. Graf Siegfried brach in helles Gelächter aus.

„Du bist ein Spaßvogel, Ritter Philipp!“, rief er aus. „Sag’, wer hat deinen Ritterschlag vorgenommen?“

„Herzog Ralf von Scharfenburg war so gütig, mich in den Ritterstand zu erheben“, gab Philipp wahrheitsgemäß zurück.

„Du hast etwas zu verbergen. Sonst würdest du mir deinen richtigen Namen nennen.“

„Belass’ es dabei, Graf Siegfried. Es soll nicht dein Schaden sein“, beruhigte Philipp.

„Vielleicht nicht meiner“, erwiderte der Graf düster. „Vielleicht der meines Herzogs?“

Philipp spürte ein seltsames Ziehen in der Magengegend. Hatte der alte Bauer sich geirrt – oder ihn bewusst getäuscht?

„Ich kenne deinen Herzog nicht“, widersprach Philipp. „Warum sollte ich ihm schaden wollen?“

Siegfried erhob sich von seinem Hochsitz und ging langsam die drei Stufen hinunter, bis er mit Philipp auf einer Ebene war.

„Ich kannte einen jungen Grafen voller Ideale und Ritterlichkeit“, sagte er langsam. „Er hatte viel Ähnlichkeit mit dir. Du hast den gleichen mittelwenglischen Akzent wie Graf Sandragon, der unser Herzog wurde und sich später Christian von Sandragon nannte. Du hast den gleichen dunklen Haarschopf und hältst dich auch ständig an deinem Dolch fest. Dein Gesicht gleicht dem des Herzogs Christian, als wärst du sein Ebenbild. Und der Schuppenpanzer, den du trägst, ist derselbe, den Herzog Christian nur an einem Tag nicht getragen hat. Es war der Tag seines Todes, als er von einem heimtückischen Mörder umgebracht wurde. Du bist sein Sohn!“

Philipp wollte aufbegehren, aber Siegfrieds herrische Handbewegung ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Wenn ich dich fortschicke, schicke ich dich in den Tod, Ritter Philipp. Außer mir steht nur noch der Graf von Eichgau loyal zur Familie Sandragon. Herzog Reginald würde dich sofort hängen lassen – wenn ihm nicht noch Schlimmeres einfällt“, erklärte Graf Siegfried.

„Mein Leben ist sicher in Gefahr, wer immer ich sein mag, edler Graf. Gib mir Gewissheit, dass ich hier sicher sein kann.“

„Wenn du mir eingestehen willst, dass du Prinz Philipp bist, Herzog Christians jüngerer Sohn, will ich dir Schutz gewähren“, versprach Siegfried.

„Gut“, sagte Philipp. „Ja, du hast Philipp von Sandragon vor dir, Graf Siegfried“, bestätigte er dann.

„Dann sei mir willkommen. Ich betrachte dich als meinen Herzog, Prinz Philipp.“

Philipp hatte nun einen Ausgangspunkt, von dem er sein weiteres Vorgehen planen konnte. Graf Siegfried gewann den jungen Mann bald lieb, wollte ihn gar zu seinem Erben einsetzen, da er selbst keine Kinder hatte. Der Prinz fühlte sich an dem gastlichen Hof bald zu Hause, verstand sich mit Rittern und Gesinde fast so gut wie damals daheim in der Steinburg. Nach etwa zwei Monaten war der Prinz allerdings in seinen Plänen keinen Schritt weitergekommen. Er musste sich nun entscheiden, ob er für unbestimmte Zeit den wenglischen Thron anstreben wollte oder ob er doch nach Scharfenburg zurückgehen sollte, um die Grafschaft Dunkelfels anzunehmen. Unsicher, was er tun sollte, fragte er Graf Siegfried um Rat.

„Es ist wie mit dem Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach, Philipp“, sagte Siegfried. „Vom praktischen Standpunkt aus würde ich meinen, du solltest dem Herzog erklären, dass du sein Graf werden willst. Andererseits würdest du damit deine Ansprüche auf den Herzogsthron unwiderruflich aufgeben. Das wäre nicht gut für Wengland. Ich bin eigennützig und empfehle dir, nicht den bequemen Weg der fremden Grafschaft zu gehen, sondern den gefährlichen, unbequemen der Rückeroberung deines Erbes.“

„Glaubst du, dass die anderen Grafen mich anerkennen würden, gelänge es mir, den Thron zu erreichen?“, fragte Philipp nach.

„Du würdest sie überzeugen müssen. Manche sind sicher nur mit Gewalt zu überzeugen, dass ein Herzog aus dem Hause Sandragon – oder Wengland-Steinburg, wie es mit deutlicherem Bezug zu unserem Land und deiner Grafschaft genannt wird, der beste Herzog ist, den Wengland haben kann“, erklärte Siegfried. Philipp entschloss sich, zu bleiben. Nachricht konnte er Herzog Ralf immer noch geben.

Doch hierin hatte er sich getäuscht. Der Grund dafür lag näher, als der ahnungslose Philipp zu träumen gewagt hatte: Ungefähr zwei Wochen nach Philipps Ankunft war ein Stallbursche des Grafen mit Namen Holger auf einem Botengang Soldaten des Herzogs über den Weg gelaufen.

„Halt! Wohin des Weges, Bursche?“, hatte ihn einer der Reiter angerufen. Holger war stehengeblieben.

„Herr?“

„Wohin willst du, habe ich dich gefragt?“

„Zur Burg Eschenfels, Herr.“

„Was hast du da zu suchen?“

„Ich bin der Stallbursche des Grafen Siegfried“, hatte Holger stolz geantwortet. Die Soldaten hatten ihn ziehen lassen. Aber ein paar Tage später waren sie direkt bei seiner Lehmhütte erschienen.

„He, Holger, wer ist der Bengel?“, hatte der gefragt, der Holger schon auf dem Waldweg angesprochen hatte, und auf einen halbwüchsigen Knaben gewiesen, der die Ziegen des Knechtes fütterte.

„Mein jüngster Sohn, Herr.“

„Kann er schon etwas?“

„Oh ja. Er kann schon selbst Pferde versorgen, sie striegeln und satteln“, hatte Holger vaterstolz erklärt.

„Dann ist er dem Herzog durchaus von Nutzen. Dein Balg kommt mit uns mit“, hatte der Söldnerführer entschieden.

„Aber …“

„Holger, du möchtest doch bestimmt, dass dein Bengel es gut beim Herzog hat, oder?“

„Ja, natürlich.“

„Dann, Holger, wirst du deinem Herzog einen kleinen Gefallen tun. Du wirst ihm über alles, was sich am Hof deines Grafen tut, haarklein berichten, verstanden?“

„Aber Graf Siegfried …“

„Du berichtest einmal in der Woche nach der Messe in Eschenfels an einen Bettler, der eine Augenklappe über dem rechten Auge hat. Er wird dir ein Goldstück dafür geben. Solange du deine Berichte lieferst, wird deinem Sohn nichts passieren, klar?“

Holger hatte nur noch verschüchtert genickt.

„Noch was: Wage es nicht, deinen Herzog zu beschwindeln. Es gibt noch einen auf Eschenfels, der uns berichtet und der dich beobachtet. Wir würden es sofort merken, wenn du nicht die volle Wahrheit sagst. Sei sicher: Wir würden es dir nicht sagen, wenn wir dich beim Schummeln erwischen – aber dein Sohn wird es ausbaden!“, hatte der Söldnerführer gedroht und den Jungen mitgenommen. Holger hatte gehorcht und seitdem drückte sich oft ein Schatten hinter den Fenstern des Rittersaals herum. Holger, auf diese Weise zum Spion gepresst, gab brav jede Woche wahrheitsgemäßen Bericht über das, was sich am Eschenfelser Hof abspielte. Herzog Reginald hatte aus erster Hand Berichte über einen seiner letzten verbliebenen Feinde!

Eines Nachts, kurz nachdem Philipp sich zum Bleiben entschlossen hatte, rissen ihn grobe Fäuste aus dem Bett. Trotz aller Nahkampfgewandtheit dauerte der ungleiche Kampf gegen zehn Soldaten des Herzogs nur wenige Augenblicke, dann war Philipp überwältigt. Die Wachen stießen ihn gleich in den Rittersaal, wo Philipp den gleichfalls festgenommenen Grafen Siegfried traf – und Herzog Reginald. Der Herzog war selbst nach Eschenfels gekommen, um dem letzten Opponenten den Garaus zu machen. Nachdem Eugen von Eichgau gestorben war, hatte Reginald beschlossen, bei Graf Siegfried zuzuschlagen. Zudem hatte er endlich einen wirklichen Grund gefunden, gegen Siegfried vorzugehen, war ihm doch zugetragen worden, auf Eschenfels werde sein Sturz geplant.

„Nun, werte Herren?“, lächelte Reginald eisig. „Ihr seht, ich bin euren Plänen voraus!“

„Welchen Plänen, mein Herzog?“, fragte Siegfried verständnislos nach.

„Welche Pläne?“, äffte Reginald giftig nach. „Wenn du, Graf Siegfried, schon mein Herzog sagst, dann ist etwas faul!“, stieß Reginald verächtlich hervor. „Und wenn sich hier jemand aufhält, der schier das Ebenbild meines Amtsvorgängers ist, sind weitere Fragen wohl unnötig, was ihr zwei vorhabt!“, setzte er grollend hinzu und packte Philipp hart am Kinn. „Philipp, nicht wahr?“, fragte Reginald. „Meines lieben Vorgängers jüngster Sohn …“, setzte er hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten. „Was solltet ihr wohl vorhaben, außer mich um meinen Thron zu bringen? Ich weiß, was ich weiß; das reicht. Eure Köpfe rollen im Morgengrauen. Der Henker wartet schon. Jetzt brauchen wir nur noch ein schönes Plätzchen, wo ihr zwei bis zur Hinrichtung sicher verwahrt seid. Also, Siegfried, wo ist dein Kerker?“

Philipp wollte aufbegehren, aber der Graf schüttelte den Kopf.

„Ich werde euch führen“, sagte er dann schicksalsergeben und führte die Wachen gehorsam in den Kerker.

„Du möchtest uns doch bestimmt in der dunkelsten Zelle wissen, Herzog, oder?“, fragte er unterwegs.

„Sicher“, grunzte Reginald unfreundlich. Siegfried brummte zustimmend und leitete die Posten in den untersten Kerkerraum. Reginald besah sich im Schein der Fackeln den feuchten, finsteren Raum. Er grinste breit.

„Das nenne ich einen angemessenen Kerker!“, freute er sich. „Ich werde mir deine Burg als besten Kerker meines Landes merken, Siegfried. Los, ‘rein mit euch!“

Die Wachen stießen die Gefangenen grob in die Zelle und verschlossen die Tür. Ein Posten blieb vor der massiven Eichentür, in der nur ein kleines, mit starken Eisenstäben vergittertes Fenster eingelassen war, das nur wenig Licht der auf dem Flur brennenden Fackeln in die Zelle ließ.

Philipp schüttelte nur noch den Kopf.

„Wie kann man nur so lammfromm sein?“, knurrte er so leise, dass der Posten es nicht hören konnte. Siegfried lachte leise. Er winkte Philipp zu sich heran. Der Prinz rutschte zu Siegfried hinüber.

„Die sind genauso dumm, wie ich gehofft habe!“, kicherte der Graf flüsternd. Philipp sah ihn verblüfft an.

„Was meinst du?“

„Achtung, erschreck’ dich nicht“, warnte Siegfried, stand auf, ging zur Wand und drückte auf einen Stein. Zu Philipps grenzenlosem Erstaunen ließ der Stein sich in die Wand schieben. Zwei Steinbreiten daneben drehte sich beinahe geräuschlos eine Geheimtür auf. Siegfried drehte sie ganz auf, winkte Philipp und sie schlichen sich in den hinter der Tür befindlichen Geheimgang. Das schwache Licht aus der Zelle reichte aus, um Siegfried ein kleines Depot mit Feuersteinen und Fackelstäben zu zeigen. Er schlug Feuer und entzündete eine Fackel, dann drehte er die Geheimtür wieder zu, schob er den Türöffner wieder zurück, die Bolzen der Geheimtür glitten wieder zu und verschlossen den geheimen Ausgang. Philipp sah dem Tun mit offenem Mund zu.

„Was ist mit dir?“, fragte Siegfried freundlich nach.

„Mir ist gerade ein ganzer Fackelzug von Lichtern aufgegangen!“, ächzte der junge Mann. „Der Gang führt nach draußen, oder?“

Siegfried nickte.

„Und auf der anderen Seite geht es in die Schatzkammer. Wenn du je in die Verlegenheit kommen solltest, dir eine geheime Schatzkammer anzulegen, kann ich dir nur empfehlen, den Eingang dazu in deinen tiefsten Kerker zu legen. Da vermutet ihn nicht der schlaueste Räuber. Komm jetzt.“

Um zwei Biegungen herum führte der Gang ins Freie. Vor dem Ausgang schützte ein liebevoll gepflegter, äußerlich aber normal chaotisch erscheinender Brombeerstrauch den Geheimgang vor unliebsamen Besuchern. Siegfried löschte die Fackel in einem Sandhaufen an der Seite des Ganges. Der strahlend helle Vollmond wies den Flüchtigen den Weg. Aber der Mond machte sie auch sichtbar. Das helle Leinenzeug, das sie trugen, leuchtete nur allzu gut im klaren Mondschein. Vorsichtig schlichen sie in Richtung einiger angebundener Pferde, als sich plötzlich einer der beiden Wächter umdrehte.

„Halt! Wohin des Wegs?“, rief er die beiden Gestalten an, die sich deutlich von dem dunklen Boden abhoben. In ihrem Schrecken, entdeckt zu sein, drehten Siegfried und Philipp um und hetzten auf den nahegelegenen Alvedra zu. Die Wächter überlegten nicht lange, sondern schossen Pfeil um Pfeil hinter den flüchtenden Männern her. Siegfried, der nicht ganz so schnell war wie Philipp, blieb leicht zurück. Drei oder vier Pfeile trafen ihn in den Rücken. Er stürzte und blieb tödlich verwundet liegen. Kurz bevor Philipp das Ufer erreichte, spürte er einen heftigen Schlag am linken Schulterblatt, dann einen stechenden, schnell anschwellenden Schmerz. Der Einschlag schubste ihn die noch fehlenden fünf Schritte zum Ufer. Kopfüber stürzte er in den Hochwasser führenden Fluss.

Die herbeieilenden herzoglichen Wächter sahen nur noch einen Baumstamm durch die rasenden Fluten schaukeln. Nein, es gab keinen Zweifel: Der Flüchtling musste mausetot sein. Wenn der Pfeil ihn nicht getötet hatte, dann der Fluss!

 

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Kapitel 5

Insel der Räuber

 

Mitten im Alvedra lag eine große, von lichten Weiden und mächtigen Eichen bewachsene Insel. Allgemein wurde sie Alvedrainsel genannt. Im gesamten Verlauf des Alvedra war dies die einzige auch bei Hochwasser trockene Insel. Sie lag zwischen dem wenglischen und dem scharfenburgischen Ufer des Flusses, und noch war nicht geklärt, zu welchem Land die Insel gehören sollte. Die unklare territoriale Zugehörigkeit gehörte zu den kleinen Streitpunkten, an denen sich durchaus ein richtiger Krieg entzünden konnte, wenn die Beteiligten es darauf anlegen wollten. Soviel man wusste, war die Insel aber nur mit Booten und geschickten Fährleuten zu erreichen. Deshalb galt sie als unbewohnbar und war weder für Wengland noch für Scharfenburg interessant.

An diesem strahlenden Sommermorgen schlichen aber zwei Männer am Ufer der Insel entlang, denen anzusehen war, dass sie es tunlichst vermieden, in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Vorsichtig glitten sie von Deckung zu Deckung, um nicht doch von einem wenglischen oder einem scharfenburgischen Wächter entdeckt zu werden.

„Halt! Was ist das?“, sagte plötzlich einer der beiden leise. Sie blieben stehen.

„Ob der tot ist?“, fragte der Mann mit einem deutlichen Hinweis auf einen leblos erscheinenden Mann in verschmutzter Leinenkleidung, der quer über einem angeschwemmten Baumstamm lag.

„Egal – was hier angeschwemmt wird, nehmen wir aus wie eine Weihnachtsgans“, entschied der andere. Eilig durchsuchten sie den scheinbar Toten, fanden aber nichts als einen Siegelring, der das Zeichen des Hauses Sandragon – eine einzelne Lilie – zeigte.

„Nicht üppig, lohnt sich nicht. Dafür ist sogar der Aufwand zu groß, ihn wieder in den Fluss zu schmeißen. Der Fluss holt ihn sich wieder. Sengar hat noch höheres Hochwasser vorausgesehen.“

Der Mann zog den Ring von der Hand des angeschwemmten Mannes und steckte ihn ein.

„He – ich habe ihn gefunden! Der Ring gehört mir!“, protestierte der andere.

„Und ich habe ihn durchsucht!“, wetterte der zweite Räuber. Heftig streitend verschwanden sie wieder im Wald.

Tief im Wald war eine Ansammlung von Blockhütten, die im Kreis gebaut waren und mit den Eingängen zueinander zeigten. Auf dem freigelassenen Platz stand eine riesige Linde, deren untere drei Äste deutliche Spuren von Stricken aufwiesen. Es war eine Thing- oder Gerichtslinde, die man in vielen Dörfern und Städten in Wengland fand. In die Rinde eingegrabene Runen unterstrichen die Bedeutung der Linde als Baum der Gerechtigkeit. Diese Thinglinden waren ein Überbleibsel aus vorchristlicher Zeit und dienten nach wie vor als Orte der Versammlung unter freiem Himmel, zur Beratung und zur Gerichtsverhandlung – und zur Vollstreckung von Todesurteilen. Ein alter Mann ritzte gerade neue Runen in die Rinde, als die streitenden Männer das Rundlingsdorf betraten.

„Beim Odin und beim Thor!“, rief der Alte. „Was hat dieser Streit am frühen Morgen zu bedeuten? Könnt ihr euch nicht einmal vertragen?“

Mit einem Schlag verstummten die Streithähne.

„Sei gegrüßt, o Sengar, unser Gode“, sagten sie dann ehrerbietig.

„Ihr streitet euch doch schon wieder um Beute. Los, her damit!“, befahl der Gode. Die Männer mochten Räuber sein – aber vor dem Goden hatten sie Respekt. Ohne zu murren gaben sie den Ring heraus.

„Iwar wird entscheiden, wem die Beute gehört“, sagte der Gode. Sein Blick fiel auf den Ring. Er erkannte das Zeichen.

„Wo habt ihr den Ring gefunden?“, fragte er.

„Das Hochwasser hat einen Toten angespült. Das war alles, was er bei sich hatte“, erklärte einer der Räuber.

„Zeigt mir den Toten!“, forderte Sengar. Die Männer sahen sich verblüfft an, aber es wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, Sengar zu widersprechen. Sie führten ihn augenblicklich dorthin, wo sie den angeschwemmten Mann gefunden hatten. Sengar beugte sich über den leblos scheinenden Körper und stellte schnell fest, dass der Mann keineswegs tot war, wenngleich er eine schwere Verletzung am Rücken hatte.

„Die Zeichen haben die Wahrheit gesagt“, sagte der Gode, offensichtlich über diese Entdeckung überrascht. „Wir bringen ihn zu mir.“

„Du willst ihn mitnehmen, Sengar?“

„Die Zeichen sagten, der Fluss werde im Zeichen der Lilie einen großen Gewinn bringen. Dieser Mann ist unsere Hoffnung“, erwiderte Sengar mit leuchtenden Augen.

Achselzuckend hoben die beiden Männer den anscheinend leblosen Mann hoch und trugen ihn zur Hütte des Goden. Sengar winkte sie hinaus, um sich in Ruhe um den Verletzten zu kümmern. Er hatte ihm gerade das vom Wasser und vom Flusssand verschmutzte Leinenzeug ausgezogen und war dabei, die Spitze des abgebrochenen Pfeils zu entfernen, als Iwar eintrat.

„Du hast Elam und Hilvar Beute abgenommen?“, fragte Iwar. Sengar drehte sich um.

„Ja“, bestätigte der Gode.

„Gib mir die Beute“, forderte der Räuberhauptmann. Sengar schüttelte den Kopf.

„Nein, Iwar.“

„Und warum nicht? Machst du mir meine Rechte als Haupt dieser Gemeinschaft streitig?“

Sengar erhob sich und hob abwehrend die Hände.

„Nein, Iwar. Du bist unser Räuberhauptmann. Aber es ist gerade dein Prinzip, dass Lebende nicht ausgeraubt werden – und dieser Mann ist nicht tot.“

„Das lässt sich ändern“, sagte Iwar kalt und zog einen Hirschfänger aus dem Gürtel.

„Halt, Iwar!“, bremste Sengar. „Du würdest einen großen Fehler machen“, warnte er. Der Hauptmann sah den Goden verwirrt an.

„Warum? Er ist hier angeschwemmt worden.“

„Ja“, bestätigte Sengar. „Die Zeichen haben mir bedeutet, der Fluss werde im Zeichen der Lilie das Glück bringen.“

Sengar zog den Ring aus der Tasche seines Gewandes und hielt ihn mit dem eingeschnittenen Zeichen zu Iwar.

„Sieh – die Lilie des Hauses Sandragon!“, sagte er.

„Die Sandragons sind tot“, knurrte Iwar.

„Nein, Iwar. Dieser Mann ist Herzog Sandragons Sohn.“

„Welche Rolle spielt das? Wir sind Räuber, Sengar!“, erinnerte Iwar. „Weder Herzog Sandragon noch Herzog Reginald und schon gar nicht Herzog Ralf würden uns willkommen heißen. Es gibt hier keinen, dem nicht wenigstens der Galgen droht! Ganz abgesehen davon, dass die Sandragons Christen waren und wir immer noch an die Götter um Odin glauben!“

„Ich weiß“, versetzte Sengar. „Iwar – meine Visionen sind bisher immer eingetroffen. Das kannst du nicht bestreiten.“

Widerwillig schüttelte der Räuberhauptmann den Kopf.

„Ich weiß noch nicht, worin das Glück besteht, das der Mann uns bringt, doch wir werden davon profitieren. Aber zuerst muss ich ihn retten“, setzte Sengar hinzu. Iwar nickte mürrisch.

„Dann erhalte unser Glück“, sagte er und verließ die Hütte.

Ein seltsam fremd klingender Gesang drang an Philipp von Sandragons Ohr. Er merkte, dass er nicht mehr im Wasser schwamm, sondern auf einem weichen Fell lag, das seinen erschöpften, von zahlreichen Kollisionen mit Steinen im Fluss malträtierten Körper sanft umschmiegte. Die Wunde im Rücken verursachte einen klopfenden Schmerz. Er stellte fest, dass man ihn auf den Bauch gelegt hatte, wohl, damit er sich nicht auf die Verwundung legen konnte. Ohne dass er es wollte, entrang sich ihm ein mattes Stöhnen. Der Singsang hörte sofort auf. Eine Hand legte sich vorsichtig auf seinen Hinterkopf.

„Nicht aufgeben“, mahnte eine sonore Stimme. Mit viel Mühe öffnete Philipp die Augen. Im Schein einer Talglampe sah er einen alten Mann neben sich.

„Wo bin ich?“, fragte er und versuchte, sich aufzustützen. Die Hand wanderte auf seinen Rücken und verbot ihm, aufzustehen.

„Bleib liegen“, sagte der alte Mann. „Du bist noch sehr krank, junger Sandragon.“

Zweifelnd zog Philipp die dunklen Brauen zusammen.

„Woher weißt du, wer ich bin?“

„Der Siegelring deines Vaters hat dich verraten.“

„Und wo bin ich?“

„Auf der Alvedrainsel“, antwortete der Alte. Hand oder nicht – Philipp kam hoch, als habe ihn eine Schlange gebissen.

„Alvedrainsel?“, fragte er erschrocken nach.

„Ja. Was erschreckt dich so?“

„Es gibt Gerüchte, dass sie von den wildesten Räubern bewohnt wird, die zwischen Wengland und Scharfenburg vogelfrei sind.“

„Das stimmt, aber fürchte nichts“, beruhigte der Alte. Philipp sank matt auf sein Lager zurück.

„Kein anständiger Räuber kann den möglichen Erben eines Reiches wie Wengland ungeschoren lassen“, seufzte er.

„Wer weiß?“, lächelte der Alte weise. Philipp sah ihn eine Weile an. An dem alten Mann war nichts, was auf Bösartigkeit schließen ließ.

„Wer bist du?“, fragte er.

„Ich bin Sengar, ein Gode, ein Priester der alten Götter.“

„Bist du vor den Mönchen geflohen?“

„Ich wollte meine Götter nicht verraten. Weil die Mönche und der Bischof gedroht hatten, sie würden alle Goden und ihre Heiden verbrennen, bin ich geflohen, ja. Iwar und seine Leute sind auch Anhänger der alten Götter, aber es gibt auch ein paar Christen hier. Wir sind tolerant“, erklärte Sengar.

„Im Kloster Wachtelberg habe ich die Mönche einmal von einem Goden Sengar reden hören, der ein Seher sein soll. Bist du das?“

„Ich habe Visionen, ja. Sie treffen ein. Vielleicht hat Odin mir die Gabe des Hellsehens gegeben.“

Philipp wollte etwas sagen, aber Sengar hinderte ihn.

„Nein, schweig. Deine Wunde und deine Flussreise haben dich sehr geschwächt. Schlaf jetzt.“

Sengars Heilkunst ließ Philipp bald kräftiger werden. Die sorgsam gemischten Heilsalben bewirkten eine gute Heilung der Schulterwunde. Als der Mond sich erneut rundete, konnte Sengar zufrieden feststellen, dass Philipp genesen war. Aber auf dem weisen Lächeln des Goden lag ein Schatten.

„Du hast Sorgen, Sengar“, stellte Philipp fest.

„Es ist Vollmond, mein Sohn.“

„Und?“

„Bei Vollmond werden die neuen Mitglieder in die Gemeinschaft aufgenommen.“

„Was ist daran so schlimm, dass du Sorgenfalten auf der Stirn hast?“

„Du wirst heute aufgenommen – vorausgesetzt, du bestehst die Mutproben“, seufzte der Gode. Ihm war anzusehen, dass ihm das, was Philipp bevorstand, nicht behagte. Der Prinz lächelte hintergründig.

„Sengar, weiser Gode – vielleicht will ich gar nicht aufgenommen werden?“, grinste er.

„Philipp, du hast es mit einer verwegenen Räuberbande zu tun!“, warnte der Gode. „Du wirst aufgenommen oder du wirst sterben.“

„Sengar, du magst die Gabe des Zweiten Gesichtes haben, aber ich fürchte, du kennst mich nicht. Warte ab.“

Sengar wollte noch etwas sagen, aber in dem Moment traten Iwar und zwei seiner Leute ein.

„Es ist Vollmond, Philipp Sandragon – und du bist gesund. Es ist an der Zeit, dass du deinen Mut beweist“, sagte der Räuberhauptmann mit dem Ton eines Mannes, dem stets gehorcht wird. Philipp schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er.

„Feiglinge haben auf dieser Insel keinen Platz“, zischte Iwar.

„Iwar, ich danke dir für die Gastfreundschaft, die du mir gewährt hast – aber ich habe nicht die Absicht, mich irgendwelchen Mutproben zu unterziehen“, erwiderte Philipp kühl. Bei Iwar regte sich Zorn. Noch nie hatte es jemand gewagt, sich zu widersetzen, wenn er als Anführer Mutproben befohlen hatte.

„Ohne den Beweis deines Mutes wirst du nicht in diese Gemeinschaft aufgenommen“, warnte Iwar knurrend.

„Das möchte ich vielleicht gar nicht“, gab Philipp lächelnd zurück.

„Packt ihn! An die Linde mit ihm!“, befahl Iwar. Seine Begleiter traten vor, aber eine Handbewegung von Philipp ließ sie stehenbleiben.

„Iwar, ich glaube, der größere Feigling von uns beiden bist du, denn du hast nicht den Mut, mich selbst anzugreifen“, sagte Philipp kalt. „Du lässt deine Leute die Drecksarbeit tun. Wenn du von mir Mutproben verlangst, setzt du voraus, dass ich vor dir mehr Angst habe, als davor, mich irgendeinen Felsen hinunterzustürzen. Ich habe keine Angst vor dir, und wenn du meinen Mut prüfen möchtest, bin ich gern bereit, dir im Zweikampf gegenüberzustehen“, entlarvte Philipp den Räuberhauptmann.

„Und womit willst du kämpfen?“, fragte Iwar listig.

„Mit den Waffen, die bei euch üblich sind, wenn du mir welche ausleihst.“

„Du wirst gegen mich kämpfen – mit den Waffen, die du jetzt bei dir hast!“

„Wenn du die gleichen Waffen hast, würde ich deinen Mut nicht in Zweifel ziehen“, erklärte Philipp. Iwar zog den Hirschfänger.

„Damit werde ich dich an die Wand nageln!“

„Fürwahr – sehr mutig, mit einem Hirschfänger auf einen Waffenlosen loszugehen!“, grinste Philipp. „Du bist ein Feigling, Iwar, denn du hast nicht den Mut, mir waffenlos gegenüberzustehen.“

Mit einem Wutschrei sprang Iwar vor, aber Philipp wich ihm aus, und stellte Iwar ein Bein, der der Länge nach hinfiel. Bevor er aufstehen konnte, stieß Philipp den Hirschfänger weg.

„Komm, Iwar, wir gehen hinaus und unterhalten uns draußen weiter. Sonst geht Sengars Hütte noch zu Bruch“, sagte Philipp, packte den verblüfften Räuberhauptmann am Schlafittchen und beförderte ihn aus der Hütte auf den Platz.

Dort hatte sich die gesamte Bande in Erwartung der von Philipp abzuleistenden Mutprobe um die Linde versammelt.

„Euer Hauptmann ist ein Feigling!“, rief Philipp provozierend. „Er hat nicht den Mut, sich wie ein Mann zum Zweikampf ohne Waffen zu stellen. Er ist feige, weil er einen Waffenlosen mit der Klinge bedroht!“

Iwar rappelte sich auf. Die Angelegenheit hatte eine für ihn unschöne Wendung genommen. Dieser junge Mann ließ sich nicht einschüchtern.

„Komm her, du Maulheld! Kämpfe nicht mit Worten, sondern mit den Fäusten!“, schrie Iwar wütend.

„Das biete ich dir die ganze Zeit an“, versetzte Philipp kühl. Er ging die drei Holzstufen zum Dorfplatz hinunter. Iwar senkte den Kopf und rannte wie ein Stier auf Philipp zu, der aber kurz vor dem Aufprall auswich. Iwar konnte nicht mehr bremsen und rannte in vollem Tempo gegen den massiven Stützbalken der Hüttenveranda. Er taumelte und fiel um wie ein gefällter Baum. Die ganze Bande sah sich betreten an. Ihr Chef ausgetrickst von einem angeschwemmten Niemand! Einen gefährlichen Moment lang lagen die Hände der Räuber auf ihren Waffen. Philipp drehte sich langsam zu ihnen um.

„Möchte sich noch jemand mit mir schlagen – oder habe ich für heute Nacht meine Ruhe?“, fragte er kalt. Die halb gezogenen Waffen verschwanden wieder in den Scheiden. Unsicher geworden, zogen sich die Männer zurück. Philipp und Sengar kümmerten sich um Iwar, der noch immer ohne Bewusstsein war.

Als wieder Vollmond war, hatte Iwar die böse Gehirnerschütterung auskuriert. Wiederum suchte er Philipp in Sengars Hütte auf.

„Jemanden wie dich könnte ich in meiner Bande gebrauchen“, sagte er. „Du bist listenreich und klug. Außerdem bist du mutig.“

Philipp sah Iwar lange an.

„Nein“, sagte er schließlich. „Iwar, ich habe nicht die Absicht, die Kaufleute Wenglands und Scharfenburgs auszurauben.“

„Du willst dich uns also nicht anschließen?“, stellte Iwar enttäuscht fest.

„Nein“, entgegnete Philipp. „Aber vielleicht willst du dich mir anschließen?“

„Was?“, brauste Iwar auf. „Ich kenne keinen Herrn – außer mir selbst!“

„Beruhige dich, Iwar“, erwiderte der Prinz. „Ich mache dir ein Angebot. Du kannst es dir in Ruhe überlegen, denn ich habe nicht die Absicht, dich zu zwingen.“

Noch misstrauisch nickte der Räuberhauptmann vorsichtig.

„Was bietest du?“, fragte er dann.

„Iwar, ich bin Christian von Sandragons Sohn, der rechtmäßige Erbe Wenglands. Ich möchte dieses Erbe antreten, aber allein komme ich nicht weit. Du und deine Leute, ihr seid mutig, ausdauernd und habt Kampferfahrung. Wenn ihr mir helft, mein Reich zu erobern, seid ihr in Wengland nicht mehr geächtet. Außerdem biete ich euch an, euch eine Tätigkeit zu geben, die euren Fähigkeiten entspricht und die euch nicht in die Nähe des Galgens bringt“, bot Philipp an.

„Alle Untaten werden gestrichen?“, hakte Iwar vorsichtig nach.

„Ja“, bestätigte Philipp.

„Auch Morde?“

„Wenn ihr meine Leute werdet, ja“, bekräftigte Philipp seine Amnestieabsichten.

„Gib mir Bedenkzeit. Ich kann und will nicht für alle entscheiden. Außerdem ist mir dein Titel zu geringwertig. Wenn ich schon dienen soll, dann nur einem König – keinem Herzog.“

Philipp grinste.

„Es liegt bei dir, Iwar: Mach’ mich zum König und du kannst einem König dienen.“

Iwar verließ die Hütte und ließ Sengar und Philipp allein.

„Hast du schon darüber nachgedacht, wie du deine Feinde besiegen willst?“, fragte der alte Gode.

„Für eine offene Feldschlacht reicht Iwars Bande nicht aus“, erwiderte der junge Mann ernst. Sengar lächelte weise.

„Jeder muss dich für tot halten. Wenn du einen Rat von mir hören willst: Trete als dein eigener Geist auf. Versetze deine Feinde damit in Angst und Schrecken“, empfahl Sengar.

„Jeder, der mir begegnet, muss sehen, dass ich sehr lebendig bin“, gab Philipp zu bedenken.

„Nun – wenn das Gesicht nicht erkennbar ist, wohl kaum“, schmunzelte Sengar. „Außerdem: Mit Iwar und der Bande könntest du an verschiedenen Orten gleichzeitig sein. Nur solltest du vorher genau klären, wer deine Feinde sind. Wenn du gezielt gegen die Abtrünnigen und Thronräuber vorgehen kannst, könnte das eine gute Wirkung haben.“

„Aber wie kann ich unerkannt bleiben? Bisher hat mich noch jeder als Christian von Sandragons Sohn erkannt“, bemerkte Philipp mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck. Sengar legte den Kopf schief und betrachtete Philipps ebenmäßiges Gesicht.

„Nun, wir können dich ein wenig verändern. Den Bart nimmst du ab, das ist schon eine große Veränderung. Du trägst den gleichen sauber gestutzten Vollbart wie dein Vater. Der muss weg. Ich hab’s! Wir werden dir eine Mönchsfrisur verpassen! Und den Benediktinerkranz bleichen wir schön blond, deine Augenbrauen auch. Nicht mal deine Mutter würde dich erkennen!“, schlug der Greis vor. Philipp dachte nicht lange nach. Er hatte lange genug im Kloster gelebt, um überzeugend einen Mönch zu spielen.

Sengar mischte eine Tinktur, um das Haupthaar und die so verräterischen Brauen zu färben. Währenddessen gab einer der Räuber, der eigentlich Barbier war, Philipp einen entsprechenden Haarschnitt. Schon die neue Frisur veränderte den jungen Mann stark. Nach einigen Stunden Arbeit hatte Sengar Haar und Brauen des Prinzen in ein helles Weizenblond verwandelt. Nein, er war völlig sicher: Niemand würde Prinz Philipp erkennen. Einer der wenigen Christen in Iwars Bande war ein ausgerissener Mönch, der noch seine grobe Wollkutte hatte. Er lieh sie Philipp aus. Schon am folgenden Tag setzte Elam den vermeintlichen Mönch am Südufer des Alvedra ab, von wo er zu Fuß weiterwanderte.

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Kapitel 6

Der Geisterreiter erwacht

 

Es gab keinen Fürsten in Wengland, der sich mit der Kirche nicht gutstellen wollte. Der christliche Glaube, der Demut predigt, hatte es den Fürsten angetan. Wenn schon nicht aus eigener Überzeugung, dann eben wegen der christlichen Demut. Das Volk war leicht in der Treue zum Herzog zu halten, wenn man es davon überzeugte, dass die Treue zum Herzog ein gottgefälliges Werk sei. Christian von Sandragon war einst aus eigener Überzeugung Christ geworden, nicht, um mit dem Befreiung verheißenden Glauben sein Volk zu unterdrücken. Darin unterschied sich der ermordete Herzog deutlich von anderen Angehörigen des wenglischen Adels.

Die nach außen zur Schau getragene Kirchentreue der Grafen und des Herzogs von Wengland öffnete dem Spion im Mönchsgewand, als der Philipp Wengland durchwanderte, allerdings Tür und Tor. Kein Hof, an dem er als Mönch keinen Zutritt hatte. Sogar Herzog Reginald empfing den angeblichen Kirchenmann. Doch der Herzog war ein überaus misstrauischer Mann. Zudem hätte er schwören können, diesen Mann, der sich ihm mit einer unterwürfigen Verbeugung als Bruder Alwin vom Benediktinerorden vorgestellt hatte, irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Mit listigem Lächeln lud der Herzog den Mönch zum Mittagsmahl ein.

„Du wirst gewiss hungrig sein von deiner Wanderschaft, Bruder Alwin. Komm, setz’ dich an meine Tafel.“

Philipp hatte ein merkwürdiges Glitzern in den grauen Augen des Herzogs entdeckt, das ihn vor einer Falle warnte. Innerlich wie ein Bogen gespannt, folgte er dem Herzog in den Rittersaal. Für einen Moment packte ihn ein melancholischer Anflug, dann wieder die kalte Wut. Dieser Saal war sein Saal! Am liebsten hätte er Reginald mit bloßen Händen erwürgt, aber er nahm sich rechtzeitig zusammen und lächelte den Herzog milde an. Reginald bot ihm einen Ehrenplatz an und klatschte dann in die Hände. Augenblicklich erschienen der Mundschenk und seine Gehilfen, um das Mahl zu servieren. Einer der Diener setzte vor Philipp alias Alwin eine mit einer Tonhaube abgedeckte Platte ab. Unter der Platte kam ein wundervoll duftender Rehbraten zum Vorschein. Vor Reginald stand eine gleichartige Platte, unter der sich jedoch ein bereits zerlegtes Brathähnchen befand.

„Ich wünsche dir gesegneten Appetit, Bruder Alwin“, forderte Reginald den Mönch zum Essen auf, nahm gleich die erste Hähnchenkeule und verspeiste sie mit einigem Genuss.

„Verzeih, wenn ich nicht sofort beginne, mein Herzog“, sagte Philipp langsam. „Sag: Irre ich mich, oder ist heute Freitag, mein Herzog?“

„Gewiss ist heute Freitag, Bruder Alwin“, erwiderte der Herzog, an einem Knochen nagend.

„Und dann setzt du mir Fleisch vor und isst selbst Fleisch? Hältst du dich nicht an die Gebote der Kirche? Ich bin entsetzt, mein Herzog!“

Reginald verschluckte sich beinahe vor Schreck. Er war überzeugt: Der Mann war tatsächlich ein Mönch! Nur ein echter Mönch wies in dieser Weise am Freitag einen solchen Braten zurück.

„Oh, verzeih’ Bruder Alwin!“, bat der Herzog mit einer geradezu höflichen Verbeugung. „Mundschenk! Was soll das? Fleisch am Freitag? Serviere umgehend Fisch!“, fuhr er den Mundschenk an. Der gewarnte Mundschenk zog sich eilig zurück, um nach einiger Zeit mit zwei Platten wiederzukehren, auf denen gekochter Fisch für Philipp und gebeizter Lachs für den Herzog lagen. Die Platten mit dem ausgesprochen appetitlichen Rehbraten und dem Hähnchen wurden in die Küche zurückgetragen.

Harte Strafe!’, dachte Philipp. ‚Rehbraten gegen gekochten Weißfisch tauschen zu müssen, ist ein echtes Opfer. Oh, Wengland, was verlangst du nur?

Philipp aß den nach fast nichts schmeckenden Fisch mit gut vorgetäuschtem Appetit. Einen hinterlistig angebotenen Nachschlag lehnte er mit Hinweis auf Freitag dankend ab. Reginald war endgültig überzeugt, es mit einem echten Vertreter der Kirche zu tun zu haben. Er bot ihm sogar ein Nachtlager an, das Bruder Alwin auch annahm.

Kaum war der Herzog fort, begann Philipp das Schloss genau zu untersuchen. Schnell stellte er fest, dass Reginald zum einen keine baulichen Veränderungen an der Burg vorgenommen hatte – und dass ihm der Geheimgang zum Kloster offenbar unbekannt war. Andernfalls hätte jemand das bei der Flucht vor zwanzig Jahren dort liegengebliebene Taschentuch finden müssen. Es lag immer noch dort, wo die Dienerin es verloren hatte. Es dauerte einen Moment, bis Philipp sich wieder auf sein eigentliches Vorhaben konzentrieren konnte. Dann schlich er weiter durch die Burg. Durch seine Ortskenntnisse konnte er sich den Wachen entziehen, die in den Gängen postiert waren. Schließlich kam er durch eine Geheimtür im Arbeitskabinett des Herzogs heraus. Auch hier war nichts verändert worden. Herzog Christians Archivtruhe stand noch immer direkt unter dem Fenster. Und noch immer steckte der Schlüssel im Schloss. Schon Herzog Christian hatte es nicht für notwendig gehalten, den Truhenschlüssel mitzunehmen, wenn die Tür abgeschlossen war. Philipp vergewisserte sich, dass die Tür tatsächlich verschlossen war und durchsuchte dann im Schein einer kleinen Talglampe die Papiere in der Truhe. Nach kurzer Zeit hatte er etwas gefunden, was er eigentlich gar nicht gesucht hatte: eine Liste mit den Namen der Verschwörer gegen Herzog Christian. Philipp konnte nur vermuten, dass Reginald seine damaligen Mitverschwörer damit unter Kontrolle hielt. Dieses Dokument war wertvoller, als sämtliche Aufstellungen über Truppen und die Bauweise von Burgen, wonach Philipp eigentlich geforscht hatte. Philipp nahm sich die Zeit, die Liste abzuschreiben, damit ihr Fehlen nicht auffiel und Herzog Reginald und seine Mitverschwörer warnen konnte. Er legte sie wieder dorthin, wo er sie entdeckt hatte und schlich davon.

Als der Herzog seinen Gast zum Frühstück empfing, kam der ihm seltsam unausgeschlafen vor. Er sprach ihn auf seine ungesunde Blässe an.

„Ich habe die Nacht mit Beten verbracht, mein Herzog“, antwortete Bruder Alwin mit einem recht geheimnisvollen Blick.

„Für wen hast du so angestrengt gebetet, dass du noch Ringe um die Augen hast?“, fragte der Herzog belustigt.

„Für dich, mein Herzog, und deine Getreuen“, gab Alwin zurück.

„Sei bedankt, aber das war nicht nötig.“

„Jeder hat es nötig, dass ein anderer sein Fürsprecher bei Gott ist. Besonders, wenn wie bei dir, mein edler Herzog, böse Zungen hartnäckig behaupten, du seist nicht rechtmäßig Wenglands Herzog.“

Reginald sprang so heftig auf, dass er seinen Becher umwarf und der Wein über den Tisch floss.

„Was?“, rief er zornig. „Wer verbreitet solche Ungeheuerlichkeiten?“

„Ich hörte sowohl in Breitenstein als auch in Scharfenburg davon. Wie diese Nachrichten dorthin kamen, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass irgendwelche ewig Unzufriedenen, die dein reiches Land verlassen haben, diese Lügen verbreiten. Natürlich glaube ich diese Lügen nicht, aber es gibt gewiss Leute, die sie für bare Münze nehmen. Gib deshalb gut Acht auf dich, o Herzog. Darum habe ich dich in mein nächtliches Gebet aufgenommen“, gab der falsche Mönch zurück und hatte damit die offensichtliche Absicht des Herzogs, nähere Informationen zu bekommen, gleich durchkreuzt.

„Ich hörte noch, dass es ein Gespenst geben soll, das in den Grenzregionen Wenglands spuken soll“, fuhr er fort. „Hast du schon davon gehört, mein Herzog?

„Gespenst? In meinem Herzogtum? Wo? Ich sende sofort meine Ritter aus!“, stieß der Herzog hervor.

„Deine Ritter, mein Herzog, sind gewiss die tapfersten Männer deines Landes. Aber ein Mensch aus Fleisch und Blut vermag gegen ein Gespenst nichts auszurichten“, warnte einer der Grafen, die mit am Tisch saßen. „Bruder Alwin, was weißt du über diesen Geist?“, fragte der Graf nach.

„Man sagt, es sei ein Reiter auf einem schwarzen Pferd. Der Reiter ist ganz schwarz gekleidet, soll einen Helm tragen, aus dem die Augen wie von Feuer leuchten. Sein Schwert soll der Blitz selber sein. Schwerter und Lanzen durchdringen ihn, ohne ihn zu verletzen. Sein Pferd hat feurigen Atem und glühende Augen. Er könnte fast der Leibhaftige sein! Er soll des Nachts wüten und sich besonders am Adel vergreifen, aber auch ein paar Bauern behaupten, unliebsame Bekanntschaft mit dem Gespenst gemacht zu haben. Sie nennen es Geisterreiter. Aber ihr, edle Herren habt gewiss nichts zu befürchten, denn der Geisterreiter soll sich nur an Leuten vergreifen, die ihre Würde unrechtmäßig tragen oder ihr Volk ausplündern; und das tut ihr doch nicht.“

Als Philipp den Herzogshof verließ, hatte er auf diese Weise die Sage vom Geisterreiter in die Welt gesetzt. Herzog Reginald hatte eine unbestimmte Ahnung, die Drohung richte sich gegen ihn. Er wusste selbst am besten, dass er den Thron geraubt hatte. Die Schilderungen von dem geheimnisvollen Reiter waren so schaurig gewesen, dass der Herzog es mit der Angst bekam. Vorsichtshalber ließ er den Mönch verfolgen, der aber nur bis zum Kloster in Steinburg ging und dort nicht mehr herauskam. Die Verfolger fanden einen ratlosen Prior, der Stein und Bein schwor, niemanden gesehen zu haben. Die herzoglichen Wachen durchsuchten sicherheitshalber das Kloster, fanden den angeblichen Priester aber nicht.

Philipp war in das Kloster hineingegangen und sofort im Geheimgang verschwunden, wo er drei Tage lang blieb und sich an den Vorräten des Klosters labte. Er war völlig sicher, dass ihn im Geheimgang niemand finden würde. Nach drei Tagen war die fieberhafte Suche beendet und der Prinz konnte es riskieren, das Versteck zu verlassen. In einer Gruppe von Mönchen verließ er das Kloster und tauchte im Gedränge des Steinburger Marktes unter.

Eine gute Woche später hatte Philipp das Ufer gegenüber der Alvedrainsel erreicht und gab das vereinbarte Signal. Ein Boot kam von der Insel herüber und legte am Ufer an. Elam, der Fährmann, war sichtlich verblüfft, Philipp zu sehen.

„Du bist zurückgekehrt?“, fragte er erstaunt.

„Wie du siehst“, gab Philipp zurück. Elam winkte ihm, ins Boot zu kommen. Der angebliche Mönch stieg ein. Der Fährmann stieß das Boot in die Mitte des Stroms.

„Iwar hat gesagt, du wirst nicht wiederkommen“, sagte Elam.

„Und warum sollte ich nicht wiederkommen?“, fragte Philipp interessiert.

„Weil Iwar immer noch meint, dass du ein Feigling bist. Er hat gesagt, wenn du tatsächlich wiederkommst, musst du die Mutprobe machen.“

„Er hat’s immer noch nicht begriffen“, seufzte Philipp.

„Was hat er noch nicht begriffen?“

„Dass ich nicht gewillt bin, mich ihm zu unterwerfen“, knurrte Philipp.

„Jeder hat sich ihm unterworfen“, gab Elam zu bedenken. „Iwar ist stark.“

„Wir werden sehen“, sagte der Prinz mit einem Lächeln, das alle Entschlossenheit beinhaltete. Philipp wollte den Thron, der ihm als Nacherben zustand. Da sollte ihm kein Räuberhauptmann in die Quere kommen.

Elam manövrierte das Boot sicher durch den reißenden Alvedra. Iwar und gut zwanzig seiner Räuber erwarteten das Boot.

„Du bist also tatsächlich zurückgekehrt“, stellte Iwar schnaubend fest.

„Weshalb hätte ich das nicht tun sollen?“, fragte Philipp mit kühlem Unterton.

„Weil Feiglinge nie ihr Wort halten!“, giftete der Räuber. Philipp sprang an Land und blieb dicht vor Iwar stehen.

„Dann bin ich nach deinen eigenen Worten kein Feigling, Iwar“, versetzte er. „Im Übrigen dachte ich, diese Frage wäre geklärt.“

„Die Frage deines Mutes hängt ganz von dir ab“, grinste Iwar. „Du wirst die Mutprobe machen – wie jeder hier.“

„Nein, das werde ich nicht. Ich habe dir schon einmal angeboten, mich im Zweikampf mit dir zu beweisen. Das ist die einzige Art der Mutprobe, die ich akzeptiere – auch, damit du deinen Mut unter Beweis stellen kannst. Ich habe keinesfalls die Absicht, mich dir zu unterwerfen.“

Iwar wollte den Hirschfänger ziehen, bekam aber von Philipp einen so heftigen Faustschlag unter das Kinn, dass er rückwärts in die Arme seiner Männer geworfen wurde. Mit einem schnellen Griff hatte Philipp einem der völlig überraschten Räuber das Kurzschwert aus dem Gürtel gezogen. Iwar erhob sich und schüttelte sich wie ein nasser Hund. Sein Blick fiel auf den blanken Sax* in der Hand seines Gegenübers.

„Du bist ein Feigling, weil du mir mit einer Waffe in der Hand gegenüberstehst“, schalt Iwar. Philipp grinste schief.

„Da du den Mut nicht findest, auf meine Stufe herunterzukommen, muss ich eine Stufe nach oben. Jetzt sind wir gleich voreinander. Erschreckt dich das?“

Ja, es erschreckte Iwar. Bisher war er seinen Opfern immer nur dann gegenübergetreten war, wenn er überdeutlich sah, dass er der Stärkere war oder besser bewaffnet war. Beides traf jetzt nicht zu.

„Also, Iwar: Ich biete es dir noch einmal an: Zweikampf unter uns beiden – allein – dann wissen wir, was wir voneinander zu halten haben. Oder ich suche mir meine Verbündeten anderswo. Dann aber, Iwar, dann Gnade dir Gott!“

Iwar sah unentschlossen aus, zuckte seltsam mit den Augen. Philipp bemerkte einen langen, schlanken Schatten, der sich hinter ihm erhob.

„Elam – lass’ den Riemen ganz langsam zu Boden!“, befahl Philipp, ohne sich umzudrehen. Iwar und die vor Philipp stehenden Räuber wurden bleich. Der Mann schien Augen im Hinterkopf zu haben. Den deutlichen Schattenwurf der Ruderstange hatten sie gar nicht gesehen.

„Iwar: Du und ich – und sonst keiner, verstanden?“

Die letzte Demonstration hatte Iwar überzeugt, dass er es nicht mit einem gewöhnlichen Menschen zu tun hatte. Er bedeutete seinen Leuten, Philipp durchzulassen.

Wenig später hatte Philipp sich in Sengars Hütte von seiner Verkleidung befreit. Mit dem konfiszierten Sax kam er aus der Hütte und erwartete den Räuberhauptmann an der Thinglinde. Iwar hatte eigentlich überhaupt kein Verlangen, sich einem wirklich gleichwertigen, möglicherweise überlegenen Gegner zu stellen; aber er musste, schon um vor seinen Leuten nicht selbst als Feigling dazustehen. Zudem brachte es dieser Fremde in einer seltsamen Art fertig, jeden verbalen Angriff umzudrehen.

Sengar stellte sich als Schiedsrichter zwischen die Duellanten und gab das Zeichen zum Beginn des Kampfes. Iwar machte einen weiten Ausfall, den Philipp elegant parierte. Es war deutlich, dass Iwars Gegner es gewohnt war, mit einem viel schwereren Schwert umzugehen. Philipp griff seinerseits an und deckte den Oberräuber mit einem solchen Wirbel von Schlägen ein, dass der nicht wusste, welchen Schlag er zuerst abwehren sollte. Der Zweikampf war kurz, denn Iwars Hirschfänger flog im hohen Bogen fort und blieb im Holz eine Hütte stecken. Der Sax in Philipps Hand zuckte bedrohlich zum tödlichen Schlag. Iwar sank schicksalsergeben in die Knie. Er hatte verloren – und nach dem Gesetz der Räuber hatte er sein Leben verwirkt. Aber der tödliche Hieb blieb aus. Philipp senkte die Waffe und streckte Iwar die Hand hin.

„Steh’ auf, Iwar. Ich habe nicht die Absicht, dich zu töten.“

Iwar sah auf.

„Es ist dein Recht, mich zu töten“, erinnerte er.

„Ich weiß“, erwiderte Philipp. „Ich schenke dir dein Leben, weil du mir lebend mehr wert bist als tot.“

Unsicher ergriff der Räuber die sich ihm einladend entgegenstreckende Hand.

„Mein Angebot gilt immer noch: Helft mir, meinen Thron zu erobern und ich gewähre euch Amnestie und eine Stellung, die euch aus eurem Räuberdasein befreit“, bot der Prinz an. Iwar war immer noch sprachlos, aber Hilvar hatte den ersten Schrecken überwunden.

„Wer bist du, dass du uns ein solches Angebot machen kannst?“, fragte er.

„Ich bin Herzog Christians Sohn, der rechtmäßige Erbe des Throns von Wengland. Euer Hauptmann wollte nur sich selbst oder einem König dienen. Das könnt ihr haben, wenn ihr mich zu Wenglands König macht“, erklärte Philipp. Wenn der Blitz in die Lichtung gefahren wäre – die Räuber hätten nicht erschrockener sein können. Elam drängte sich nach vorn. Dieser wahrhaft vierschrötige ehemalige Fährmann hatte von allen Mitgliedern der Bande die größte Körperkraft.

„Dein Vater hat mich einsperren lassen, weil ich meinen Fahrgästen nicht nur das Fährgeld, sondern alle Wertsachen abgeknöpft habe. Willst du das wirklich streichen?“, fragte er.

„Ja, Elam. Was immer ihr verbrochen habt: Wenn ihr mir zu dem Thron verhelft, der mir zusteht, erlasse ich euch allen die Strafen, ganz gleich, aus welchem Grund ihr verfolgt wurdet. Von vielen von euch weiß ich inzwischen, dass ihr nicht aus blanker Habgier oder Mordlust zu Räubern geworden seid, sondern aus Not, weil die Ernte schlecht war, weil man euch wegen eures Glaubens verfolgt hat oder weil ihr anderen Verfolgten geholfen habt und damit in den Augen der Fürsten Gesetzlose wart“, versprach Philipp.

„Dann bin ich dabei!“, entschied sich Elam und stellte sich demonstrativ hinter Philipp. Es gab keinen in der Bande, der noch zögerte. Die Räuber wollten Philipp gar als ihren Hauptmann anerkennen, aber der wehrte ab:

„Nein, Iwar soll euer Hauptmann bleiben!“

Die Räuber murrten, aber Philipp bedeutete ihnen, zu schweigen.

„Iwar hat einen Zweikampf gegen mich verloren – na und? Er hat euch bisher gut geführt. Ihr verdankt ihm damit viel Erfolg und deshalb Nahrung und Beute. Von einem verlorenen Zweikampf könnt ihr eure Gefolgschaft nicht abhängig machen. Wenn ihr mir auch schon nach dem ersten Misserfolg die Treue aufkündigt, seid ihr nicht die Verbündeten, die ich brauche, um mein Ziel zu erreichen!“, rief Philipp. Die Männer sahen sich betroffen an.

„Wir kennen nur das Recht des Stärkeren“, wandte Hilvar ein. „Woran sollen wir uns dann halten?“

„Stärker zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, auch klüger zu sein“, mischte sich Sengar ein. „Ich habe euch das oft genug gesagt, aber ihr habt mir nicht zugehört. Prinz Philipp braucht jetzt Männer, auf die er sich absolut verlassen kann. Wenn ihr bei der ersten Niederlage, die bei den Gegnern, mit denen wir es zu tun haben werden, zwangsläufig eintreten muss, Philipp die Gefolgschaft aufkündigt, dann könnt ihr es vergessen, die engsten Vertrauten eines Königs zu werden. Die Zeichen haben mir gesagt, dass einige sterben müssen, dass es nicht ohne Verluste abgehen wird. Aber wenn wir unser Ziel, Philipp auf den Königsthron zu bringen, nicht aus den Augen verlieren und ihm treu sein werden, wird es uns gelingen!“

„Gode“, sagte Iwar, „du hast uns geweissagt, der Fluss brächte im Zeichen der Lilie das Glück. Ist das unser Glück?“

„Ja, Iwar“, bestätigte Sengar. „Die Zeichen sind jetzt noch genauer geworden. Der Fluss schenkt uns im Erfolgsfall Straflosigkeit. Das bedeutet für uns alle ein geschenktes neues Leben. Wir sollten es nutzen und es als eine Warnung der Götter ansehen, dass Verbrechen sich nicht lohnt. Lange Jahre haben wir uns hier auf der Insel verstecken müssen. Das wird vorbei sein. Aber wehe, wenn wir wieder auf den falschen Pfad geraten. Eine dritte Chance bekommen wir sicher nicht!“

In der Folgezeit entwarf Philipp mit Iwar und einigen anderen einen Plan, nach dem sie vorgehen wollten. Die Liste mit den Namen der Verräter war dabei hilfreich.

„Ich hätte eine Idee“, sagte Sengar. Philipp nickte auffordernd.

„Die Bande ist groß genug, um alle Verräter auf einmal zu kaltzustellen. Aber ich glaube, die Wirkung beim Volk wäre noch besser, wenn wir das Strafgericht auf einen längeren Zeitraum ausdehnen. Drei bis vier Monate halte ich für eine gute Zeit. Wenn immer zwei oder drei gleichzeitig an verschiedenen Stellen als Geisterreiter auftauchen, ist die Verwirrung noch größer. Der Herzog muss schlottern vor Angst!“, schlug er vor. Philipp nickte.

„Du hast einmal erwähnt, es wäre die beste Lösung, wenn das Gesicht nicht zu erkennen ist. Ist dir dazu schon etwas eingefallen, Sengar?“ fragte er.

„Ja“, erwiderte der Gode.

Er ging zu einer Truhe und entnahm ihr eine schwarze Ledermaske, und ein eigentlich ganz normal aussehendes Schwert, sah man davon ab, dass es länger war als die üblichen Spatha*-Klingen.

„Hier, das sind unsere kleinen Geheimwaffen“, sagte Sengar. „Solche Masken werden wir für alle Geisterreiter herstellen. Damit ist das Gesicht unkenntlich gemacht. Ich habe auch eine Lösung für das Schwert gefunden. Du hattest ja in die Welt gesetzt, das Schwert des Geisterreiters sei wie der Blitz selbst. Ich habe lange überlegt, wie wir das in die Tat umsetzen können und habe dann dieses Schwert hier geschmiedet. Es wird jeden vor Angst brüllen lassen, der es ungewarnt zu sehen bekommt. Vorsicht, es wird gleich richtig hell!“

Sengar zog das Schwert aus der Scheide. Die Klinge leuchtete auf, als sei sie die Sonne selbst. Geblendet schlossen alle die Augen.

„Sengar, was ist das für eine Waffe?“, fragte Philipp, während er vorsichtig unter dem Arm hervor lugte.

„Es ist zum einen ein besonders gutes Schmiedeeisen, das leicht zu polieren ist. Das ist wichtig, damit das Metall blank bleibt. Und dann habe ich eine Mischung aus verschiedenen Flüssigkeiten und gemahlenen Bergkristallen entwickelt, die diesen Leuchteffekt hervorruft. Oben in der Scheide ist ein Kissen angebracht, das mit dieser Flüssigkeit getränkt wird. Wenn du das Schwert aus der Scheide ziehst oder es hineinschiebst, wird die Klinge mit dieser Flüssigkeit benetzt. Diese Flüssigkeit enthält auch einen nachtleuchtenden Stoff. Bei Tag wird niemand mit dir kämpfen können, weil er völlig geblendet ist; bei Nacht kannst du sehen – und dein Gegner wird vor Angst und Schrecken laufen, dass ihm die Sohlen qualmen“, erklärte Sengar die Eigenschaften des Schwertes. Er schob es zurück in die Scheide und überreichte Philipp das Schwert mit einer eleganten Verbeugung.

„Nichts an diesem Schwert ist verhext. Alles hat seine natürliche Erklärung. Ich habe dieses Schwert für Wenglands ersten König geschmiedet – und ich hoffe, dass noch viele Könige Wenglands es in den Händen halten werden“, setzte der Gode hinzu.

Der Plan wurde allgemein gutgeheißen, und auf der Alvedrainsel begannen die Vorbereitungen für die Eroberung des wenglischen Thrones. Die Schwerter der Gefolgsleute Philipps wurden mit der gleichen Tinktur behandelt, mit Hilfe von zwei Schustern stellte Sengar die notwendige Anzahl von Masken her.

Anfang September begann, was später als die Geisterreitersage in Wenglands Volksgut übergehen sollte. Während der ersten fünf Wochen fielen drei Barone dem Geisterreiter zum Opfer, die Reginald ohne Vorbedingung treu waren. Das vor Angst zitternde Volk nahm das zur Kenntnis. Einige kleine Hilfeleistungen an die Bauern brachten das Volk bald auf die Seite des nächtlichen Reiters. Die Bauern hatten keine Angst vor dem Gespenst, sondern verehrten es fast wie einen Heiligen. Auch war sehr offensichtlich, dass der Geisterreiter nur Leute angriff, die gegen den Herzog Christian gewesen waren. Bald kursierte das Gerücht, der geheimnisvolle Nachtreiter sei Herzog Christian selbst, der keine Ruhe fände, weil er nicht ordentlich bestattet worden sei. Andere behaupteten, es sei der Geist des toten Albert, der seinen Vater und sich selbst rächen wollte. Die Gerüchte liefen schneller durch das Herzogtum, als Reginald und seine Leute es verhindern konnten.

Zudem gab es Berichte, nach denen der Geisterreiter mit Sicherheit an drei Orten gleichzeitig gesehen worden war. Übereinstimmend wurden ein schwarzes Pferd, eine unkenntliche Gestalt im weiten schwarzen Kapuzenmantel mit feurig leuchtenden Augen und ein geheimnisvoll leuchtendes Schwert genannt. Bei einem toten Grafen wurde schließlich – etwa zwei Monate nach Beginn des Spuks – eine Nachricht gefunden, dass es allen so gehe, die Feinde des Christian von Sandragon seien. Die ersten Grafen und Barone wandten sich von Reginald ab, in der Hoffnung, dem Fluch des Geisterreiters zu entgehen.

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Kapitel 7

Prinzessin Hilde

 

Die Kunde von dem geheimnisvollen Reiter drang auch bis nach Scharfenburg. Dort hatte man noch keine genauen Erkenntnisse, gegen wen sich die Überfälle des Gespenstes richteten. Herzogin Hildegund war eine eher ängstliche Natur. Sie erschrak über das Auftauchen des mörderischen Geistes so sehr, dass sie der Schlag traf und sie daran starb. Herzog Ralf war tief getroffen und sann darüber nach, die Frauen in die sichere, aus behauenem Stein gebaute Burg Dunkelfels zu bringen, doch seine Tochter Hilde widersprach ihm:

„Nein, Vater. Wenn es ein Gespenst ist, ist keine Burg sicher, ob aus Holz oder aus Stein. Ist es kein Geist, sind wir hier, in deiner Nähe, am sichersten.“

Ralf musste zugeben, dass das Mädchen Recht hatte und ließ Hilde und Christine am Hof in Stolzenfels bleiben. Aber Ralf traf bald ein zweiter Schlag: Hilde, manchmal etwas eigensinnig, hatte durchgesetzt, allein ausreiten zu dürfen. Schließlich wollte sie am Tage ihren Zelter* bewegen – und der Geisterreiter tobte doch nur bei Nacht. Es war Mitte November, die Jagdzeit gerade in vollem Gange, als Hilde endlich die Erlaubnis erhalten hatte, morgens allein reiten zu dürfen. Hilde liebte weite Ritte und so hatte der Herzog sich erst am späten Nachmittag Sorgen gemacht, dass sie so lange ausblieb. Er schickte ein Suchkommando los. Spät in der Nacht war die Suchmannschaft zurückgekehrt – ohne Hilde, nur mit ihrem ledigen Pferd. Die Männer hatten es reiterlos in der Nähe der Alvedrainsel gefunden. Nach tagelangen starken Regenfällen hatte der Fluss wieder einmal Hochwasser geführt und so mutmaßte man am Hof sofort, dass Hilde von den reißenden Fluten fortgerissen und ertrunken war. Alle weitere Suche half nichts: Prinzessin Hilde war spurlos verschwunden. In dieser Bitternis fand Herzog Ralf in Herzogin Christine eine gute Freundin, die versuchte ihm Trost zu geben. Allzu gut konnte sie die Trauer um ein verlorenes Kind nachvollziehen.

Was aber war wirklich geschehen? Hilde hatte zwei besondere Eigenschaften, die eigentlich nur mit der Prinzessin von Scharfenburg gemeinsam in Verbindung gebracht wurden: Erstens war sie chronisch neugierig und zweitens hatte sie wenig Angst.

Ihre erstere Eigenschaft hatte sie den Ausritt überhaupt unternehmen lassen. Ihre Wissbegier hatte Forschercharakter; sie mochte es nicht einfach hinnehmen, dass der Geisterreiter als Gespenst bezeichnet wurde. Es schien ihr unglaublich, dass ein Gespenst – ein wohl körperloses Wesen – feste Gegenstände wie ein Schwert führen konnte. Das bedurfte näherer Untersuchung.

Hier kam ihr ihre zweite Eigenschaft zugute. Sie war geradewegs zum Alvedra geritten, um auf der wenglischen Seite zu suchen. In der Nähe der Alvedrainsel erreichte sie den Fluss und musste feststellen, dass die dortige Furt wegen des Hochwassers nicht passierbar war. Sie wollte gerade wenden, um an einer anderen Stelle nach einem geeigneten Übergang zu suchen, als ihr auffiel, dass der Uferbereich von vielen Hufspuren durchzogen war. Kaum hatte sie diese Feststellung getroffen, als sie ein Geräusch hörte, das von weiter flussaufwärts kam. Sie sah auf und erkannte drei Reiter, die auf sie zu ritten. Drei Geisterreiter, denn alle drei hatten schwarze Pferde, schwarze Kleidung – und schwarze Lederhelme, die die Köpfe völlig verhüllten! Hilde hatte zwar wenig Angst, aber das hieß nicht, dass sie sich nicht erschreckte. Und dieser Anblick erschreckte die Prinzessin so sehr, dass sie vor Schreck aufschrie. Ihr Zelter wiederum erschrak über den hohen Schrei seiner Reiterin, dass er ausbrach, Hilde abwarf und mit langen Sätzen davonjagte.

Hilde war so nah am Fluss gewesen, dass sie in die reißenden Fluten stürzte. Einer der drei Reiter handelte sofort, preschte in den Fluss, sprang vom Pferd und hielt Hilde fest, die von der Strömung ergriffen zu werden drohte. Mit einiger Mühe gelang es ihm, die Ohnmächtige aus dem Strom zu ziehen, bevor sie ertrank. Die beiden anderen Reiter kamen hinzu und halfen dem Retter. Triefend nass und nach Luft schnappend nahm Philipp den Lederhelm ab. Es hatte nicht viel gefehlt und der Alvedra hätte ihn mitsamt der Geretteten erfasst.

„Mein Gott! Hilde von Scharfenburg!“, entfuhr es ihm, als er sich die Person näher ansah, die er eben aus dem Wasser gefischt hatte.

„Ist dir der Herzog nicht wohlgesonnen, Philipp?“, fragte ihn einer seiner Gefährten.

„Oh doch, das ist ja der Haken!“, erwiderte Philipp seufzend. Die beiden Reiter sahen sich verdutzt an.

„Warum?“

„Wenn ich Hilde zu Herzog Ralf zurücklasse, weiß morgen ganz Scharfenburg, dass Prinz Philipp noch lebt, und dass es beileibe nicht nur einen Geisterreiter gibt. Hilde kann einfach nicht die Unwahrheit sagen. Das würde unsere Pläne völlig über den Haufen werfen. Behalte ich Hilde bei uns auf der Insel, habe ich Herzog Ralf zum Feind – und das Problem, wie Hilde gut zu schützen ist.“

Einer der beiden anderen Reiter nahm den Helm ab. Iwar kam zum Vorschein.

„Das erste Problem verstehe ich. Aber das zweite ist mir ein Rätsel“, sagte er.

„Iwar: Auf der Insel befinden sich fünfzig Männer – aber keine Frau! Hilde ist eine Prinzessin und keine Hure! Außerdem möchte ich wegen einer Frau keinen Streit auf der Insel haben“, erklärte Philipp.

„Was das anbelangt, kann ich dich beruhigen, Prinz Philipp. Wir sind alle verheiratet. Unsere Frauen wohnen noch in Wengland oder in Scharfenburg. Zwar mussten wir uns vor den Häschern beider Herzöge verstecken, aber das heißt nicht, dass wir unsere Frauen nicht regelmäßig besuchen. Niemand von uns wird die Prinzessin antasten“, sagte Iwar. Grinsend setzte er hinzu: „Du bist eigentlich der Einzige, der ihrer Jungfräulichkeit gefährlich werden könnte.“

Philipp überging die Bissigkeit Iwars, hob Hilde hoch und wollte sie zu seinem Pferd tragen, als die Prinzessin aus ihrer Ohnmacht erwachte. Ihr Blick tauchte in die ihr sehr vertrauten Augen Prinz Philipps. Schon oft hatte sie von ihm geträumt, aber weder ihrem Vater noch sonst jemandem von ihren Träumen erzählt.

„Das kann nicht sein!“, entfuhr es ihr. Heftig versuchte sie, sich freizumachen, aber Philipp hielt sie sicher und fest.

„Was kann nicht sein?“ fragte er sanft.

„Herzog Reginald ließ verbreiten, du seist tot! Deine Mutter grämt sich sehr. Warum gibst du kein Lebenszeichen von dir?

„Ich habe meine Gründe, Prinzessin Hilde“, gab Philipp zurück. „Verzeih’, wenn wir dir jetzt die Augen verbinden, aber es muss sein.“

Noch bevor Hilde etwas sagen konnte, hatte Iwar ihr von hinten die Augen verbunden.

„Warum tut ihr das?“, fragte sie protestierend.

„Dir wird nichts geschehen. Ich werde es dir später erklären. Hab keine Angst.“

Philipps Stimme klang beruhigend. Die Prinzessin gab ihren nutzlosen Widerstand auf und ließ sich von ihm zu seinem Pferd tragen. Im Augenblick wusste sie nicht, was sie von der Situation halten sollte. Solange Philipp am Hof ihres Vaters gewesen war, war er ein ritterlicher Mann gewesen, der keiner Frau zu nahe getreten war. Sie ertappte sich bei dem Bedauern, Philipp bei den zahlreichen Turnieren nicht öfter ihre Gewogenheit gezeigt zu haben. Oft hatte er ihr seine Lanze hingehalten, aber nur ein einziges Mal hatte sie ihn mit der Gunst ihres Lanzentüchleins bedacht. Jetzt erinnerte sie sich, dass Philipp an jenem Tag besonders tapfer und ritterlich gefochten hatte.

Philipp setzte sie auf sein Pferd, stieg auf und nahm hinter ihr Platz. Sein linker Arm umfasste sie von hinten sanft, aber unnachgiebig. Mit rechts nahm er den Zügel auf und ritt an. Die Vorwärtsbewegung des Reittiers drückte Hilde nach hinten gegen Philipps Brust. Zunächst wollte sie sich gegen die eigentlich ungebetene Nähe ihres Entführers wehren, aber jeder Galoppsprung ließ sie wieder gegen den warmen, festen Körper des jungen Mannes hinter ihr fallen. Schließlich passte sie sich der Bewegung des Pferdes an und ließ sich, wenn auch noch widerwillig, in Philipps Arm sinken. Sie begann zu zittern, weil ihre nasse Kleidung die Kälte des Novembermorgens verdoppelte. Er zog seinen Umhang nach vorn und deckte die fröstelnde Prinzessin damit zu. Die Wärme, die der unter Philipps rechtem Knie feststeckende Umhang bewirkte, ließ die junge Frau schläfrig werden. Sie nickte ein, wobei sie sich unbewusst dicht an Philipp schmiegte. Er legte seinen Arm noch etwas fester um sie und übersah geflissentlich das Feixen seiner Begleiter.

Die drei Reiter ritten in eine Furt hinein, die zur Alvedrainsel führte. Die Furt lag so versteckt, dass nur die Bewohner der Insel sie kannten. Aber selbst die Insulaner hatten die Furt erst ein gutes Jahr, nachdem sie ihren Unterschlupf gefunden hatten, entdeckt. Auf der Insel ließen die Geisterreiter ihre schon recht müden Pferde in einen gemütlichen Schritt fallen. Die Nacht war ereignisreich und strapaziös für alle drei gewesen. Iwar hatte ein Lager der herzoglichen Soldaten überfallen, Philipp der Burg Eschenfels einen spukigen Besuch durch den Geheimgang abgestattet und Hilvar hatte Graf Werniger von Bauzenstein buchstäblich zu Tode erschreckt, war den Wachen aber nur mit knapper Not entkommen.

Sengar, der alte Gode, hatte sich bereits Sorgen gemacht, weil gerade diese drei besonders früh heimzukommen pflegten. Unruhig wanderte er am Dorfeingang auf und ab. Als er die schon fast Vermissten kommen sah, seufzte er erleichtert auf.

„Odin sei Dank, ihr lebt! Ich hatte schon die schlimmsten Befürchtungen, weil ihr so lange ausgeblieben seid. Es ist schon lange hell!“, sagte er, als die drei Reiter das Dorf erreichten.

„Hilvars Pferd hatte sich einen Stein in den Huf getreten. Und dann hat sich Herzog Ralfs Tochter derart erschrocken, als sie uns sah, dass sie ohnmächtig vom Pferd gefallen ist. Philipp hat sie aus dem Fluss gezogen“, erklärte Iwar ihre Verspätung. Sengar sah Philipp lange an.

„Ich wollte es nicht glauben, als ich heute die Runen warf, aber es scheint – wieder einmal – eingetreten zu sein“, sagte er dann.

„Was meinst du?“, fragte der Prinz.

„Ich sah, dass du heute Glück haben wirst. Aber es droht auch Unglück. Du wirst sehr vorsichtig sein müssen, wenn du dein Leben nicht verlieren willst. „

„Unglück im Zusammenhang mit Glück?“, fragte Philipp. Ein zweifelnder Blick traf die in seinem Arm schlafende Prinzessin. Sengar schüttelte den Kopf.

„Nein, unabhängig davon.“

„Wer weiß, ob mein Glück dann nicht darin bestanden hat, dass Graf Ehrenfrieds Wachen heute Nacht danebengeschossen haben“, seufzte Philipp und trieb sein Pferd weiter.

Am Rande des Dorfes war eine neue Blockhütte entstanden, die nun Philipps Hütte war. Er hatte nicht länger bei Sengar wohnen wollen, weil die Hütte des Goden auf Dauer für zwei Personen zu klein war. In wenigen Tagen hatten fast alle Mitglieder der Inselgemeinschaft die neue Hütte errichtet. Sie war großzügig bemessen, hatte sogar drei Räume. Damit hatte Philipp eine Wohnung, die genauso groß war, wie die Iwars. Er selber hätte sich auch mit einer Ein-Raum-Hütte zufriedengegeben, aber die Männer der Gemeinschaft hatten darauf bestanden, dem künftigen König ein größeres Haus zu bauen. Der Prinz hielt seinen Rappen vor der Hütte an.

„Wach auf, Prinzessin. Wir sind am Ziel“, sagte er leise in Hildes noch immer nasses Haar. Sie fand nur schwer in die Wirklichkeit zurück. Die gleichförmige Bewegung, die Wärme im Umhang und Philipps sanfte Umarmung hatten sie fest einschlafen lassen. Philipp musste sie einige Male anstupsen, bevor Hilde soweit wach war, dass er vom Pferd steigen konnte, ohne dass sie herunterfiel. Noch recht schlaftrunken ließ sie es geschehen, dass der Prinz sie vom Pferd hob und in die Hütte trug. Hilde schlief gleich wieder ein und bemerkte nicht, dass ihr Entführer sie vorsichtig von den nassen Kleidern befreite und sie in das mit warmen Fellen ausgestattete Bett in der Schlafkammer legte.

Philipp machte Feuer in der kleinen gemauerten Feuerstelle des Schlafraums, hängte die nassen Sachen auf einem Gestell davor zum Trocknen auf und zog sich dann selbst die völlig durchnässten Kleider aus, die er gleichfalls zum Trocknen aufhängte. Er trocknete sich den Rest der Feuchtigkeit vom Körper, zog sich eine trockene Hose an, nahm zwei Felle, die noch übrig waren, nachdem er die Prinzessin warm verpackt hatte, und legte sich auf einer breiten Holzbank in der Nähe des Feuers zum Schlafen nieder. Die Strapazen der Nacht forderten ihren Tribut, und Philipp war bald eingeschlafen.

Hilde fuhr erschrocken auf. Sie fand sich in einer ihr fremden Behausung wieder, dazu in einem fremden Bett. Zu ihrem Schrecken bemerkte sie, dass zwischen ihrer Haut und der frischen Luft nur ein warmes, schmeichelndes Fell war. Der Schock war so groß, dass sie nicht einmal schreien konnte. Die Prinzessin versuchte, ihren rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen, um zu überlegen, was sie als nächstes tun sollte. Als sie sich etwas beruhigt hatte, sah sie sich in dem Raum um und fand ihre Kleider auf einem Gestell an einem schon recht weit heruntergebrannten Feuer wieder. Aber daneben hingen noch andere Kleidungsstücke, die ihr unbekannt waren. Es dauerte eine Weile, bis sie sich erinnerte, dass sie in den Alvedra gefallen war, als sie drei Geisterreiter gesehen hatte. Nur undeutlich war die Erinnerung an einen Mann, der sie aus dem Wasser gezogen hatte, noch verschwommener, fast schon ein Bild ihrer Träume, der Mann, der sie sicher und warm gehalten hatte. Danach setzte ihre Erinnerung völlig aus. Ihr Blick, der durch den Raum ging, traf den augenscheinlich noch fest schlafenden Philipp, der auf einer recht unbequemen Holzbank lag. Hilde wusste sich keinen Reim darauf, dass er sich nicht gemeldet hatte, obwohl er doch wissen musste, dass der scharfenburgische Hof sich große Sorgen um ihn machte. Sie fasste den Entschluss, sofort nach Stolzenfels zurückzukehren, um seiner trauernden Mutter die gute Nachricht zu bringen. Leise stand sie auf und zog sich ihre inzwischen gut getrockneten Sachen an. Es war ungewohnt für die Prinzessin, sich allein ankleiden zu müssen, aber schließlich schaffte sie es doch.

Sie hatte den Türverschluss bereits geöffnet, als sich eine ebenso warme wie kräftige Hand auf die ihre legte.

„Wohin so eilig?“, fragte Philipps Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum. Der anscheinend so fest Schlafende stand hinter ihr.

„Nach Stolzenfels“, erwiderte sie wahrheitsgemäß. Philipp legte den bereits abgezogenen Lederriemen wieder auf den Verschlussbolzen in der Wand und schüttelte mit einem bedauernden Lächeln den Kopf.

„Ich kann dich nicht gehen lassen, edle Prinzessin“, sagte er.

„Heißt das, ich bin deine Gefangene?“, fragte sie mit einer gewissen Schärfe.

„Nein“, erwiderte er. „Auch keine Geisel“, setzte er hinzu.

„Und warum darf ich dann nicht heim?“

„Meine Existenz muss geheim bleiben, bis ich entweder mein Ziel erreicht habe, oder beim Kampf um mein Erbe mein Leben verliere.“

Mit einem sanften Lächeln zog er den Riemen vom Türbolzen und öffnete die Schlafzimmertür zum eigentlichen Wohnraum. Seine Geste war einladend, als er sagte:

„Setz dich, Prinzessin.“

Hilde sah sich im Wohnraum um und bemerkte eine Eckbank, die mit einigen Fellkissen belegt war. Auf dem Tisch davor standen zwei irdene Krüge und ein Korb Brot sowie ein Brett, auf dem eine noch nicht angeschnittene Wurst lag. Ohne es wirklich zu wollen, setzte die Prinzessin sich an den Tisch.

„Ich werde dein Geheimnis hüten“, versprach sie und wollte gleich wieder aufstehen, aber Philipp drückte sie vorsichtig auf die Bank zurück.

„Das glaube ich nicht“, sagte er.

„Du wagst es, an meinem Wort zu zweifeln?“, fuhr sie auf, diesmal ganz befehlsgewohnte Prinzessin. Philipp lächelte verbindlich.

„An deinem Wort gewiss nicht. Eher an deiner Fähigkeit zu lügen. Du müsstest schwindeln, dass sich die Balken biegen. Und das kannst du nicht. Vielleicht würdest du mich nicht absichtlich verraten, aber spätestens dann, wenn dein Vater dich direkt fragt, wo du gewesen bist, wirst du mich verraten, weil du nicht lügen kannst.“

„Ich weiß ja nicht mal, wo ich bin! Wie kann ich dich verraten?“, fragte sie zurück.

„Du hast gesehen, dass es nicht nur ein Geisterreiter ist, der die Verräter verfolgt; du hast mich gesehen. Beides sind Dinge, die nicht zur Unzeit ans Licht kommen dürfen. Am Hof in Stolzenfels wird man dich fragen, in wessen Begleitung du warst. Ich kenne dich zu gut, um nicht zu wissen, dass du frank und frei meinen Namen nennen wirst, weil du nicht die Unwahrheit sagen kannst. Bitte, Hilde, sieh ein, dass ich dich nicht gehen lassen kann.“

„Warum hast du kein Lebenszeichen von dir gegeben? Deine Mutter ist in großer Trauer. „

„Ich kann es mir denken – und es tut mir weh, auch wenn du mir das nicht glauben magst. Ich habe mich nicht gemeldet, weil ich im Moment lieber als tot gelten möchte. Herzog Reginald ist überzeugt, dass ich die Flucht aus Eschenfels mit meinen Verletzungen nicht überlebt habe. Im Augenblick agiere ich als mein eigener Geist. Wenn herauskommt, dass ich noch lebe – und dass es nicht nur einen Geisterreiter gibt – ist es nur eine Frage der Zeit, wann Reginald und seine ihm ergebenen Grafen herausbekommen, wo unser Schlupfwinkel ist. Wenn meine Mutter wüsste, dass ich noch am Leben bin, würde sie nicht mehr trauern. Sie könnte nicht so tun, als ob sie trauert. Reginald wüsste schneller, dass ich lebe, als mir lieb sein kann“, erklärte Philipp.

„Soll ich denn auch für tot gelten?“, fragte die Prinzessin leise.

„Es wäre mir lieber. Ich habe die Befürchtung, dass dein Vater nicht ruhen wird, bis er dich gefunden hat, wenn ich ihm Nachricht gebe, dass du bei mir bist“, erwiderte Philipp. „Ich möchte dich als meinen Gast betrachten, keinesfalls als Gefangene.“

„Gäste können kommen und gehen, wann sie wollen, Philipp“, erinnerte Hilde.

„Ich weiß. Es ist eine Situation, die nicht schön ist. Ich konnte dich nicht im Fluss treiben lassen, sonst wärst du wirklich tot.“

„Hast du mich aus dem Wasser gezogen?“

Der junge Mann nickte schweigend.

„Ich danke dir, Prinz Philipp. Ich schulde dir mein Leben.“

„Wirst du als Gegenleistung freiwillig bleiben?“, fragte er.

„Nur, wenn du meinem Vater Nachricht gibst, dass ich beim Geisterreiter bin, dass er keine feindlichen Absichten gegen Scharfenburg hat und lediglich zur Wahrung seines Inkognitos die wahrheitsliebende Prinzessin bis zur Erfüllung seiner Aufgabe bei sich behält und garantiert, dass ihr kein Leid geschieht.“

„Würde dir das sehr viel bedeuten?“, fragte Philipp.

„Ja. Dein Erscheinen als Geisterreiter – oder deiner Freunde – hat für meine Familie einen furchtbaren Verlust bedeutet. Meine Mutter ist vor lauter Angst gestorben, und …“

Weiter kam Hilde nicht. Ein Weinkrampf packte sie. Philipp umarmte sie unaufgefordert und streichelte sie tröstend.

„Das tut mir Leid, Hilde. Das lag nicht in meiner Absicht. Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.“

„Das glaube ich dir sogar“, schluchzte Hilde. „Ich habe das auch nie angenommen. Alles, was vom Geisterreiter bekannt wurde, waren Angriffe gegen Herzog Reginald und seine Grafen. Aber Mama hatte Angst, der Geisterreiter werde sich gegen Scharfenburg wenden, wenn er erst mit den Wengländern fertig wäre. Bitte, gib meinem Vater Nachricht, damit er sich nicht zu Tode grämt. Er hätte schon den zweiten schweren Verlust erlitten. Tu ihm das nicht an, Philipp. Er liebt dich wie einen Sohn und muss dich tot glauben. Er hat seine Frau verloren, die er sehr geliebt hat – und nun noch ich, das wäre zu viel für ihn“, flehte sie. Philipp nickte.

„Ich bin einverstanden“, sagte er leise.

„Wann wirst du ihm Nachricht geben?“

„Sobald ich ausgeschlafen habe“, erwiderte Philipp mit schiefem Lächeln.

„Habe ich dich geweckt?“

„Ich habe einen leichten Schlaf, wenn ich auf jemanden aufpassen muss“, gab er zurück.

„Von der Sorge kann ich dich befreien, Prinz Philipp. Ich bleibe und werde nicht versuchen, zu fliehen, wenn du unsere Abmachung einhältst“, versprach sie. „Wie weit darf ich mich bewegen?“

„Verlass’ bitte die Insel nicht.“

„Insel? Sind wir auf der Alvedrainsel?“

Philipp nickte.

„Dort sollen Räuber wohnen“, warnte Hilde. Philipp lachte freundlich.

„Es waren Räuber. Jetzt helfen sie mir, meinen Thron zu erobern.“

„Du vertraust ihnen?“

„Ja.“

„Mutig“, erwiderte Hilde.

„Sie haben mich gerettet, als ich hier verwundet angespült wurde. Ich verdanke ihnen mein Leben – und die letzten Monate haben mir gezeigt, dass ich diesen Männern vertrauen kann.“

Philipp wies auf die Krüge und einige Würste, die unter der Zimmerdecke in der Nähe des Kamins hingen.

„Falls du hungrig bist, nimm dir nur. Wasser ist im Krug“, bot er an.

„Und du? Hast du keinen Hunger?“

„Nein, ich bin im Moment nur müde, weil ich drei Tage fast nicht geschlafen habe. Ich werde heute Abend einen Happen essen.“

„Gehst du heute Nacht wieder auf Spukreise?“, fragte Hilde.

„Drei meiner Männer sind von den Wachen des Herzogs verwundet worden. Irgendwie müssen wir den Ausfall auffangen. Deshalb gehe ich jede Nacht mit hinaus.“

„Du solltest ruhen“, empfahl die Prinzessin. Philipp schüttelte den Kopf.

„Ich fürchte, ich finde keine Ruhe, bis ich Reginald selbst vor der Klinge habe.“

„Er ist gut bewacht, nicht wahr?“

Der junge Mann nickte und unterdrückte ein Gähnen.

„Entschuldigung. Ich bin müde und möchte gern noch ein wenig schlafen“, sagte er.

„Schlaf nur“, erwiderte Hilde. Sie hatte ihr Wort gegeben und hatte nicht vor, es zu brechen. Philipp kehrte ins Schlafgemach zurück, legte sich wieder auf seine Bank und war bald wieder eingeschlafen. Die Prinzessin sah sich die Hütte genauer an, nahm sich schließlich ein Stück Wurst, einen Trinkkrug Wasser und ein Stück Brot, aß und trank und legte sich gleichfalls wieder ins Bett und schlief weiter. Als sie erwachte, war es dunkel und Philipp war wieder fort.

In dieser Nacht tauchte der Geisterreiter zum ersten Mal in Stolzenfels auf. An einem Pfeil befestigt schoss er die von der entführten Prinzessin verlangte Nachricht in die Burg Stolzenfels und beeilte sich, Scharfenburg zu verlassen. Gleich hinter der großen Grenzfurt bemerkte Philipp ein Lager der wenglischen Grenzwachen. Er parierte seinen Rappen und legte sich auf die Lauer. Er wollte zunächst herausfinden, welche Position die Grenzwächter einnahmen. Das Lauschergebnis war eindeutig: Er hatte Leute vor sich, die Reginald treu waren.

Gerade wollte er aufsteigen, als gegenüber ein anderer Geisterreiter mit gezogenem Leuchtschwert und schaurigem Kriegsruf durch das Dickicht brach. Die Soldaten gerieten in Panik, aber einer behielt zu Philipps Entsetzen die Nerven und schleuderte seine Lanze auf den Eindringling. Die Waffe traf den Angreifer in den Rücken. Er blieb dennoch im Sattel und ritt geradewegs durch das Lager direkt auf Philipp zu, erreichte das Gebüsch und stürzte gleich neben dem Prinzen zu Boden. Philipp überlegte nicht lange, sondern preschte aus dem schützenden Unterholz in das Lager hinein. Jetzt aber war die Panik vollständig. Es musste ein Geist sein! Nicht einmal eine Lanze, die ihn durchbohrt hatte, konnte dem Geisterreiter etwas anhaben. Das Lager ging in Flammen auf, die Grenzwachen flohen Hals über Kopf in den Wald hinein.

Philipp kehrte sofort in das Gebüsch zurück, um sich um den Verwundeten zu kümmern. Die Lanze steckte ihm tief im Rücken. Philipp sprang vom Pferd, zog die Lanze heraus und nahm ihm die Maske ab. Es war Elam. Er war noch bei Bewusstsein.

„Sie sind geflüchtet“, sagte Philipp leise. „Die Lanze habe ich herausziehen können. Kannst du reiten?“

Elam schüttelte den Kopf.

„Odin ruft mich, Philipp. Lass’ mich hier. Du kannst nichts mehr für mich tun.“

„Das wird sich zeigen. Sengar könnte deine Wunde bestimmt heilen. Außerdem könnten die Wachen wiederkommen, wenn sie sich von ihrem Schrecken erholt haben“, gab er zu bedenken und half Elam hoch. Vorsichtig half er ihm auf sein Pferd und stieg selbst auf sein eigenes Pferd. Dann traten sie den Rückweg an. Wegen Elams Verletzung konnten sie nicht so schnell reiten, wie sie eigentlich wollten. Mitten in der Grenzfurt schwanden Elam die Sinne. Philipp bekam ihn gerade noch am Arm zu fassen und zog ihn wieder in den Sattel. Elam hatte keine Gewalt mehr über sein Pferd, und Philipp musste beide Tiere durch den angeschwollenen Strom lenken. Der Alvedra schenkte dem, der ihn durchqueren wollte, nichts. An der Furt gab es tückische Unterströmungen, die einem nicht trittsicheren Reittier die Füße wegreißen konnten. Elams Rappe ließ sich mit der schweren Fracht seines verwundeten Reiters nur ungern durch den brodelnden Fluss lenken. Nur mit Mühe erreichte Philipp mit beiden Pferden das scharfenburgische Ufer, auf dem sie halbwegs sicher waren.

Philipp ritt die ganze Nacht hindurch langsam weiter und erreichte erst am späten Vormittag des folgenden Tages die Insel. Sengar, unruhig wie immer, wenn sich die Reiter verspäteten, war völlig nervös geworden, als Hilvar allein zurückgekehrt war und mitgeteilt hatte, dass Philipp und Elam nicht am Treffpunkt gewesen waren. Sengar ertappte sich dabei, zu dem Gott zu beten, den Philipp als den seinen verehrte. Er bat den Christengott inständig, er möge seine Befürchtungen unzutreffend sein lassen. Wie zur Bestätigung bogen just in diesem Moment zwei Pferde um die Ecke des Gebüschs. Der Gode lief besorgt darauf zu.

„Sengar!“, rief Philipp schon von weitem. „Elam ist verwundet. Hol’ noch ein paar Leute, damit wir ihn in seine Hütte bringen können!“

Sengar erreichte Elams Pferd, betrachtete den Reiter und schüttelte traurig den Kopf.

„Er ist tot“, sagte er leise. Philipp stieg müde ab und nahm beide Pferde am Zügel.

„Wengland, du kostest Opfer“, flüsterte er. Sengar legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Elam wird nicht der letzte Tote sein, Philipp. Wir haben es gewusst, dass es nicht ohne Opfer geht“, beruhigte Sengar den Prinzen.

„Trotzdem ist mir jeder einzelne, der fällt, zu viel. Die Männer hier sind meine Freunde geworden.“

„Du weißt aber auch, dass du es nicht alleine schaffen kannst“, erwiderte der Gode. „Dir selbst droht große Gefahr. Wenn du fällst, ist es eine Katastrophe.“

„Meinst du, ich sollte nicht selbst um mein Erbe kämpfen?“, fragte Philipp, während sie zum Dorf gingen.

„Du bist seit fünf Tagen fast ohne Pause unterwegs. Du bist völlig erschöpft. Ruh’ dich aus. Es war vereinbart, dass jede Nacht eine andere Gruppe geht. Du kannst nicht alle Toten und Verwundeten selbst ersetzen“, mahnte der Gode. Seine Worte waren ebenso wahr wie unangenehm für Philipp. Der Prinz mochte seinen so persönlichen Kampf nicht gänzlich aus der Hand geben, aber Sengar hatte Recht: Er brauchte dringend etwas Ruhe. Die Aussicht, wieder auf der unbequemen Holzbank schlafen zu müssen, reizte Philipp allerdings gar nicht.

„Übrigens: Es hat sich jemand noch größere Sorgen um dich gemacht als ich“, sagte Sengar mit einem weisen Lächeln in das Schweigen hinein.

„Aha. Und wer?“

„Die Prinzessin ist sehr unruhig gewesen, als du nicht mit Hilvar gekommen bist. Ich glaube, sie mag dich sehr.“

„Sengar, du hast gestern gesagt, ich hätte Glück gehabt. Hast du damit die Prinzessin gemeint?“

„Allerdings“, schmunzelte der alte Gode.

Sie erreichten das Dorf, wo die wartenden Männer Elams Leichnam abluden. Iwar sah Philipp eine Weile an.

„Was hast du?“, fragte er, als der Prinz kurz berichtet hatte, was sich zugetragen hatte. Der junge Mann seufzte schwer.

„Ich habe mich auf dem Weg hierher wohl hundertmal gefragt, ob ich Elam hätte retten können.“

„Philipp“, sagte Iwar, „du solltest dir keine Vorwürfe machen. Du hast Elam schon geholfen, indem du ihn hergebracht hast. Odin hat dich zu ihm geführt. Wir werden Elam aufbahren und ihn beisetzen, wenn du dich ausgeruht hast.“

Der Prinz nickte schweigend und setzte seinen Weg zu seiner Hütte fort. Die Aussicht auf die knochenharte Bank war nicht verlockend, aber immer noch besser, als gar keinen Schlaf zu bekommen. Zunächst versorgte er sein müdes Pferd und betrat dann sein Haus. Verblüfft stellte er fest, dass sich etwas verändert hatte. Anstelle der Holzbank stand im Schlafraum ein zweites Bett, belegt mit kuscheligen Fellen. Philipp rieb sich müde die Augen, wie um ein Trugbild zu vertreiben, aber das Bett blieb hartnäckig an seinem Platz und wich keinesfalls der harten Bank.

„Guten Morgen, Prinz“, hörte er eine freundliche Begrüßung.

„Guten Morgen, Prinzessin“, sagte er und drehte sich um. „Hast du das zweite Bett gebaut?“, fragte er dann. Hilde schüttelte den Kopf.

„Unter deinen Leuten ist ein Tischler, den ich um Hilfe gebeten habe. Er hat in ein paar Stunden das zweite Bett gezimmert, und der Gode hat mir noch einige Felle gegeben. Ich habe mir gedacht, dass ich wohl einige Zeit bei dir verbringen werde und wollte dir nicht auf Dauer deine Schlafstatt vorenthalten.“

„Ich weiß nicht, ob ich das annehmen darf“, erwiderte Philipp leise. Dankbar küsste er die Hand der Prinzessin.

„Du siehst müde aus. Warum bist du nicht mit Hilvar gekommen?“

„Ich habe deinem Vater – wie versprochen – die von dir gewünschte Nachricht gegeben und kam am Alvedraufer dazu, als Elam eine Gruppe wenglischer Grenzwächter angriff. Er bekam eine Lanze in den Rücken. Zwar konnte ich die Wächter verwirren, aber Elam ist auf dem Weg hierher gestorben. Ich bete, dass sein Opfer nicht umsonst war.“

Die Müdigkeit in Philipps Augen und die Tatsache, dass er noch immer Hildes Hand hielt, brachte sie dazu, ihn einfach zu umarmen. Er erwiderte ihre Umarmung.

„Und ich bete, dass dein Vater jetzt keinen Preis auf meinen Kopf aussetzt“, setzte er leise hinzu.

„Ich habe Angst um dich, Prinz Philipp“, flüsterte Hilde.

„Bitte, hab’ keine Angst. Darf ich jetzt schlafen gehen?“ bat er. Hilde sah auf.

„Ja, natürlich“, sagte sie und ließ ihn los. Ohne ein weiteres Wort legte Philipp sich so wie er war – angezogen und bewaffnet – in sein Bett und war im nächsten Moment schon in den tiefen Schlaf der Erschöpfung gefallen.

Diesmal bemerkte er nicht, dass ihn jemand von Waffen und Kleidern befreite, damit er ohne Störung schlafen konnte.

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Kapitel 8

Geheime Liebe

Die Nachricht, die der Geisterreiter in die Burg Stolzenfels befördert hatte, landete geradewegs vor den Füßen des Kastellans. Der Kastellan hetzte zunächst auf die Burgmauer, sah aber nur noch einen Schatten im Mondlicht verschwinden. Zu spät, der Reiter war fort. Der Kastellan besah sich im Schein einiger Fackeln die Pfeilnachricht genauer.

Herzog Ralf von Scharfenburg persönlich!

stand auf der aufgerollten Botschaft. Obschon es Nacht war, brachte der Kastellan seinem Herrn den Brief. Herzog Ralf war noch wach und nahm dem Kastellan mit einem etwas verwunderten Blick das Schreiben ab. Der Inhalt der Nachricht ließ den Herzog jeglichen Schlaf vergessen.

 

Der Geisterreiter grüßt Herzog Ralf von Scharfenburg.

Durchlaucht, es ist mein Ziel, Wengland vom Usurpator Reginald zu befreien und die Familie Sandragon zu rächen. Da ich Dir schreiben kann, wird Dir klar sein, dass ich ein lebendiger Mensch bin. Meine Identität muss aber bis zur Erfüllung meiner Aufgabe geheim bleiben. Sei versichert, Herzog Ralf, dass ich gegen Dich, Dein Haus und Dein Herzogtum keinerlei feindliche Empfindung habe.

Leider ist mir am gestrigen Tag Deine Tochter, die Prinzessin Hilde, über den Weg geritten und ins Wasser gestürzt, als sie meiner ansichtig wurde. Deine Tochter lebt und befindet sich in meiner Obhut. Für ihre Sicherheit kann ich Dir garantieren,

Da ich weiß, dass die Prinzessin Hilde nicht lügen kann, wäre mein Inkognito nicht gewahrt, wenn ich sie Dir zum jetzigen Zeitpunkt zurückgäbe. Mein Aufenthaltsort und meine Person müssen aber geheim bleiben, damit ich meine Aufgabe erfüllen kann. Allein aus diesem Grunde, edler Herzog, muss Deine Tochter einstweilen bei mir bleiben. Ich versichere Dir, dass ich sie mit dem ihr gebührenden Respekt behandle und dass sie weder Geisel noch Gefangene, sondern mein Gast ist.

Ich bitte Dich von Herzen, Herzog Ralf: Verfolge mich nicht. Ich möchte mit Dir keinesfalls Streit anfangen. Sobald meine Aufgabe erfüllt ist, wirst Du die Prinzessin Hilde wohlbehalten wiedersehen. Das gleiche gilt, wenn ich Herzog Reginalds Häschern in die Hände falle. Mein Leben wäre dann verwirkt und eine getarnte Identität nicht mehr vonnöten. Für diesen Fall habe ich vertrauenswürdige Personen, die Dir die Prinzessin zurückbringen werden. Für den Fall meines Erfolges wirst Du sie von mir selbst zurückerhalten.

Ich bitte Dich, mich zu verstehen und mir nicht zu zürnen, edler Herzog. Ich kann wohl begreifen, in welcher Sorge Du sein musst, besonders nachdem auch Deine Gattin verstorben ist. Ich übermittle Dir hiermit mein aufrichtiges Beileid. Hilde hat mir gesagt, Deine Gemahlin sei gestorben, weil ich sie erschreckt habe. Wenn das so ist, bedaure ich diese Folge zutiefst. Es war nicht meine Absicht, Deiner Gemahlin Schaden zuzufügen. Zu sehr verehre ich sie. Es war auch nicht meine Absicht, Deine Tochter zu entführen und Dich damit in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Schicksal hat es so gewollt. Vertraue mir, Herzog Ralf.

Ich bitte Dich, Deinem Hause, besonders dem Erbprinzen Matthias und Herzogin Christine von Wengland meine Grüße auszurichten. Berichte der Herzogin, dass ich nichts unversucht lasse, um Wengland sein rechtmäßiges Herrscherhaus wiederzugeben. Ich gelobe ihr Treue bis in den Tod.

 

Der Herzog las die Botschaft mehrmals.

„Kastellan! Dieser Geisterreiter steht unter meinem persönlichen Schutz!“, sagte er dann. Der Kastellan sah seinen Herrn verblüfft an.

„Aber er hat deine Tochter entführt, Herr!“, gab der Kastellan zu bedenken.

„Das halte ich für zweifelhaft“, erwiderte der Herzog. „Ich muss eher annehmen, dass er Hilde gerettet hat. Zudem hat der Mann Recht: Hilde könnte sein Geheimnis nicht bewahren. Aber ich kann es. Ich will, dass folgender Aufruf morgen in Scharfenburg verlesen wird und an den Grenzpfosten angeschlagen wird; schreib:

 

Ich, Herzog Ralf von Scharfenburg, sichere dem Geisterreiter freies Geleit zu, wenn er im Gegenzug bereit ist, mir meine Tochter, Prinzessin Hilde, persönlich zu übergeben. Ich sichere ferner zu, seine Identität nicht preiszugeben und ihn nicht zu verfolgen.

 

Der Kastellan notierte den Aufruf und versprach seinem Herrn, ihn am nächsten Morgen zu veröffentlichen.

Philipp erwachte erst am Mittag des folgenden Tages. Er fühlte sich immer noch matt und zerschlagen.

„Willkommen“, hörte er einen leisen Gruß. Er drehte sich um und sah in Prinzessin Hildes sanfte, grüne Augen.

„Soll ich dir etwas zu essen machen?“, fragte sie sanft. Philipp schüttelte den Kopf.

„Danke, nein.“

„Du hast lange geschlafen. Du musst hungrig sein“, stellte sie fest. Philipp richtete sich auf und nahm ihre Hand.

„Wirklich, ich habe keinen Hunger. Aber ich habe ein Anliegen, auch auf die Gefahr, dass dir das im Augenblick vermessen erscheinen mag: Hilde, wenn es mir gelingt, Wenglands Thron zu erobern – willst du ihn mit mir teilen?“, fragte der Prinz. Hilde wich seinem Blick aus.

„Gib mir Zeit, damit mir über deine Absichten klar werde.“

„Du hältst mich für einen Halunken?“, mutmaßte Philipp. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Ich weiß es noch nicht. In den letzten zwei Tagen konnte ich mir jedenfalls kein genaues Bild über eure Ziele machen.“

„Was ich will, habe ich dir gesagt: Wenglands Thron. Schließlich ist er mein Erbe. Es mag sein, dass ich mich dazu einer unfeinen Methode bediene, aber es geht wohl nicht anders. Albert hat es auf eine andere Art probiert – und er ist tot. Ich möchte mein Erbe, keinen Sarg.“

„Philipp, irgendwann muss auch Reginald dahinter kommen, dass der geheimnisvolle Reiter kein Gespenst ist. Nur ein völliger Dummkopf wird glauben, dass ein Gespenst Spuren hinterlässt. So bescheuert kann nicht einmal Reginald sein“, warnte Hilde.

„Möglich, aber bislang hat er nicht erkennen lassen, dass er den Geisterreiter nicht als Gespenst betrachtet“, lächelte Philipp. „Hilde, bist du jemandem versprochen?“, fragte er dann.

„Nein, das bin ich nicht. Aber ohne die ausdrückliche Zustimmung meines Vaters werde ich mich nicht äußern“, erwiderte sie.

„Bevor ich bei Herzog Ralf um dich werbe, möchte ich dein Einverständnis, edle Prinzessin. Ich möchte eine Frau an meiner Seite haben, die diesen Platz will, weil es neben mir ist. Von Vertragsehen halte ich nichts. Nur eine Frau, die mich liebt, soll meine Königin sein.“

„Königin? In Wengland wird ein Herzogsthron vergeben“, erinnerte Hilde.

„Bisher, ja“, bestätigte Philipp. „Meine Leute wollen die Grafen überreden, mich als König anzuerkennen, nicht als Herzog“, erklärte er.

„Bitte, gib mir Zeit“, bat die Prinzessin nochmals.

„Gibt es jemanden, der dir besser gefällt?“

Sie sah ihn einen Moment forschend an.

„Nein. Unter Vaters Rittern warst du mir der liebste. Ich habe es dir viel zu wenig gezeigt. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich dich gern in Stolzenfels behalten.“

„Ich wäre nicht geblieben, es sei denn ich hätte die absolute Gewissheit gehabt, dass Wenglands Thron für mich nicht zu erreichen ist“, grinste Philipp. „Aber ich gebe dir Zeit. Sag mir, wann du dich entschieden hast. Ich werde dich nicht drängen“, versprach er.

Am Abend wurde Elam in einer feierlichen Zeremonie bestattet. Philipp, Hilde und die übrigen drei Christen der Inselgemeinschaft hielten sich im Hintergrund, weil ihr Glaube ihnen eine direkte Teilnahme an einer heidnischen Ritualhandlung verbot. Elams Bestattung war nicht die erste, seit Philipp auf die Insel gekommen war. Die Männer der Inselgemeinschaft akzeptierten, dass die Christen unter ihnen bei solchen Zeremonien zurückblieben. Niemand hätte daran gezweifelt, dass sie auf ihre Weise für den Toten beteten.

Die Novembernacht war bitterkalt und Hilde fröstelte. Philipp kehrte kurz in seine Hütte zurück und holte eines der warmen Felle, das er Hilde umlegte Sie sah ihn dankbar an und hatte nichts dagegen, dass er vertraulich einen Arm um ihre Schulter legte. Bei dem darauffolgenden Totenschmaus blieb Hilde in Philipps Nähe, von der sie sich Schutz und Sicherheit versprach. Zwar hatte sie nicht unbedingt Angst vor den Männern, die sie nur als Räuber kannte, aber Vorsicht hatte noch niemandem geschadet, sagte sich die Prinzessin. Philipp bemühte sich um sie, warb mit Ritterlichkeit und Aufmerksamkeit um sie. Irgendwann nach Mitternacht löste sich die Trauergemeinde auf. Philipp begleitete Hilde. Der Vollmond wies ihnen den Weg in seine Hütte. Die Nacht war still, kein Windhauch glitt über die Insel. Trotz der bitteren Kälte war die Luft nicht unangenehm.

„Es ist so still“, sagte Hilde leise. „Eine Nacht, die fast für eine Hochzeit gemacht ist“, setzte sie hinzu. Philipp nickte schweigend. Die Prinzessin hatte sich bei ihm eingehakt und fühlte sich an seiner Seite sicher und geborgen. Als sie zu ihm aufsah, entdeckte sie die gewaltsam unterdrückte Sehnsucht des jungen Mannes.

„Dich beschäftigt etwas sehr, was mit dem Geisterreiter nichts zu tun hat“, stellte sie fest. Wieder ein schweigendes Nicken.

„Was ist es?“, hakte sie nach.

„Deine Nähe, meine Prinzessin. Du bist mir so nah und doch so fern. Ich sehne mich danach, dich in meinen Armen zu halten, dir ganz nah zu sein. Aber obwohl ich deine Hand jetzt halte, gehört sie doch nicht zu mir. Du bist nicht meine Gemahlin. Aber ich habe dir versprochen, dich nicht zu drängen. Deshalb wollte ich schweigen“, erwiderte er.

„Du hast ein Recht auf eine klare Antwort, Prinz Philipp. Ich kenne dich als einen ritterlichen Mann. Als solchen habe ich dich am Hof meines Vaters kennengelernt. Und nur zu einem solchen Mann möchte ich gehören.“

Philipp blieb stehen und zog Hilde vorsichtig an sich. Das volle Licht des Mondes spiegelte sich in ihren warmen, grünen Augen, die sich langsam schlossen, als Philipp sie zärtlich küsste. Er hob sie auf seine Arme und trug sie den Rest des Weges in seine Hütte. Hilde ließ es geschehen und legte den Kopf vertrauensvoll an Philipps Halsbeuge.

Die Zärtlichkeit der Herbstnacht fand in ihrer beider Erinnerung keine Parallele. Durch das Fenster fiel silbernes Mondlicht herein und beleuchtete romantisch das warme Nest einer zärtlichen Liebe. Kurz vor Monduntergang erschien das bärtige Gesicht des alten Goden am Fenster. Lächelnd holte sich der weise Priester die Bestätigung, dass sein Liebestrank ein voller Erfolg war. Einige Zeit beobachtete Sengar das Paar, das dicht aneinandergeschmiegt in tiefem, ruhigem Schlaf lag.

‚Die Zeichen lügen nicht’, dachte er. ‚Wengland wird ein edles Königspaar haben.’

Ganz leise entfernte sich Sengar von der Hütte. Die Liebenden sollten Zeit für sich haben, damit ihre Liebe wachsen konnte. Eventuellen Unfällen hatte Sengar vorgebeugt, indem er in den Wein der Prinzessin nicht nur den Liebestrank, sondern auch einen Kräuterextrakt gemengt hatte, der sie für die nächsten Wochen unfruchtbar machen würde. Die jungen Leute durften einander ohne Sorge genießen. Sengar beschloss, es ihnen umgehend zu sagen.

Die Zeichen, die Sengar so klar zu deuten vermochte, sagten dem Goden aber auch, dass noch schwere Aufgaben vor dem künftigen König lagen. Manche Dinge, die Sengar vorhersah, mussten bei entsprechender Handlungsweise nicht eintreten, aber sie konnten eintreten. In einer dieser Visionen hatte Sengar Philipp in einer lebensgefährlichen Situation gesehen, aber die Vision war an der alles entscheidenden Stelle dunkel geworden. Noch häufiger hatte Sengar Visionen gehabt, die er nicht zu Ende sehen konnte.

Ich werde meinem König nicht lange dienen können’, erkannte der Gode. ‚Ich bin alt, er ist jung. Vielleicht sollte ich meine Visionen aufschreiben, damit Philipp auch nach meinem Tod nicht auf meine Visionen verzichten muss und sich danach richten kann.’

Für zwei Wochen sorgte Sengar dafür, dass niemand das junge Glück störte. Er weihte Hilde und Philipp in sein kleines Geheimnis ein und befreite sie damit vorläufig von allen Sorgen. Es war eine Zeit der Ruhe, in der Philipp sich von den Strapazen der letzten Zeit erholen konnte.

Da viel Schnee gefallen war, wären die Spuren der Reiter allzu auffällig gewesen. Deshalb stellten Philipp und seine Leute die nächtlichen Spukreisen des Geisterreiters vorläufig ein. Dafür sandte Iwar etwa zehn seiner Männer aus, um zu ergründen, was die bisherige Aktivität des Geisterreiters bewirkt hatte. Als die Spione drei Monate später zurückkehrten, war das Ergebnis verblüffend: Die meisten Grafen hatten sich von Reginald losgesagt, das Volk verlangte lautstark nach Rache für die Familie Sandragon. Zudem fanden Iwars Männer den Aufruf von Herzog Ralf, aus dem sie schlossen, Herzog Ralf stehe auf Seiten des Geisterreiters.

„Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir Herzog Reginald den Rest geben“, schloss Iwar seinen Bericht. Philipp nickte zustimmend.

„Ganz gleich, was passiert, es ist nicht mehr notwendig, dass Prinzessin Hilde mein Geheimnis wahrt“, sagte Philipp. „Ich werde sie heute Nacht nach Stolzenfels zurückbringen. Sobald ich zurück bin, greifen wir Steinburg an“, entschied er dann.

„Wir werden alles vorbereiten“, versprach Iwar.

Philipp kehrte zurück in seine Hütte.

„Hilde, meine Prinzessin“, sagte er leise, als er das Haus betrat. Sie umarmte ihn und küsste ihn.

„Philipp, mein Prinz?“, fragte sie ebenso leise.

„Heute Nacht bringe ich dich zu deinem Vater zurück“, eröffnete der junge Mann.

„Vielleicht möchte ich jetzt gar nicht mehr zurück“, erwiderte Hilde.

„Die Zeit der Ruhe ist vorbei, Liebste“, bemerkte Philipp. „Sobald ich dich nach Stolzenfels zurückgebracht habe, beginnt die Endabrechnung mit Reginald. Da möchte ich dich in Sicherheit wissen.“

„Und dein Inkognito?“

„Dein Vater hat mir freies Geleit und die Wahrung meines Geheimnisses zugesagt. Du brauchst also nicht zu schweigen oder gar zu lügen.“

Die Prinzessin lehnte sich an ihn. An ihrer Wange spürte sie das weiche Leder, aus dem sein Wams gefertigt war. Einen Augenblick träumte sie in seinem Arm von der zärtlichen Zeit, die hinter ihnen lag. Philipp ließ ihr Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, wieder von ihm getrennt zu sein. Er gestand sich ein, dass ihm das selbst schwerfiel. Er erwiderte ihre Umarmung und liebkoste sanft ihr Haar,

„Ich liebe dich, Hilde“, flüsterte er in den seidig-blonden Schopf. Ihre Erwiderung war leise und weich. Vorsichtig schob sich ihre schmale Hand in sein Wams und kraulte ihn sanft, wie sie es in den wunderschönen Nächten zuvor getan hatte. Es war ihre schweigende Bitte um eine Stunde zärtlicher Liebe. Philipp verstand und erfüllte ihren Wunsch zum Abschied.

Die anbrechende Dunkelheit fand das Paar in liebevoller Umarmung unter den weichen Fellen von Philipps Bett. Der Prinz fand nur schwer in die Wirklichkeit zurück. Hilde hatte ihm alles geschenkt, was sie zu geben vermochte. Das gemeinsame Erleben hatte sie auf Wolken schweben lassen, sie alles vergessen lassen, was ihrer Liebe gefährlich werden konnte. Philipp küsste die Prinzessin zärtlich wach.

„Es ist Zeit, Liebling. Wir müssen reiten“, sagte er sanft, als Hilde halb erwacht war. Es fiel ihnen beiden schwer, aber Hilde sollte in Sicherheit sein.

In der tiefschwarzen Neumondnacht gelangte der maskierte Reiter mit seiner so kostbaren Fracht ungesehen vor das Tor der herzoglichen Residenz.

„Halt! Wer da?“, rief der Torposten hinunter.

„Prinzessin Hilde in Begleitung des Geisterreiters!“, kam es von unten zurück. Die Torposten hatten eindeutige Anweisung, den Geisterreiter, wenn er mit Prinzessin Hilde kam, einzulassen. Das Burgtor wurde geöffnet, und Philipp trieb seinen Rappen in den Burghof. Der Kastellan fragte nach seinem Begehr.

„Hol’ den Herzog. Er soll seine Tochter von mir in Empfang nehmen“, sagte der Maskierte. Der Kastellan verschwand und kehrte bald mit dem Herzog zurück.

„Willkommen, edler Geisterreiter. Ich sehe, du machst von meinem Angebot Gebrauch. Doch warum kommst du jetzt erst? Mein Angebot hängt schon seit Monaten aus“, wunderte sich Ralf.

„Verzeih’ mir, Herzog Ralf. Wenn ich deine Nachricht früher gefunden hätte, wäre ich früher gekommen. Leider hat mich der Winter gezwungen, in meinem Versteck zu bleiben“, erklärte der Geisterreiter. Er stieg vom Pferd, half Hilde ritterlich herunter und führte sie zu ihrem Vater.

„Ich erfülle mein Versprechen und gebe dir deine Tochter heil und gesund wieder“, sagte er. Ralf umarmte seine Tochter

„Wir haben uns große Sorgen gemacht. Gott sei Dank, dir ist nichts geschehen“, sagte er erleichtert.

„Beinahe wäre ich tot gewesen. Ich verdanke mein Leben diesem edlen Mann. Er hat mich gerettet.“

„Ich möchte wissen, wer sich unter der Maske verbirgt“, forschte Ralf.

„Du hattest mir zugesagt, mein Geheimnis zu wahren. Ich werde dir mein Gesicht zeigen, wenn wir allein sind“, wandte der Geisterreiter ein.

„Dann folge mir“, lud der Herzog ihn ein. Unaufgefordert nahm Philipp sein Schwert von der Seite und händigte es Ralf aus.

„Zum Beweis, dass ich in friedlicher Absicht komme“, sagte er.

Im Arbeitszimmer des Herzogs waren sie schließlich nur noch zu dritt. Philipp öffnete den Maskenhelm und zeigte sich dem verblüfften Herzog.

„Prinz Philipp! Wir wähnten dich tot!“, entfuhr es dem Herzog.

„Es hat auch nicht viel gefehlt und ich wäre tot gewesen. In den letzten Monaten musste ich tot sein, um Reginald und seinen Genossen als Geist erscheinen zu können. Deshalb gab es kein Lebenszeichen von mir. Bitte, Herzog Ralf, bewahre mein Geheimnis noch für kurze Zeit. Sag’ es auch nicht meiner Mutter.“

„Sie grämt sich sehr, weil sie annehmen muss, du wärst deinen Feinden zum Opfer gefallen“, gab der Herzog zu bedenken.

„Ich kann es mir denken. Aber zum einen kann es durchaus noch geschehen. In Kürze werde ich endgültig mit Reginald abrechnen und – so Gott will – Wenglands erster König sein. Zum anderen ist die Trauer meiner Mutter die beste Tarnung für mich. Solange sie mich tot glaubt, trauert sie – und Reginald kommt nicht auf die Idee, dass ich noch vorhanden bin. Ich hoffe, sie wird mir eines Tages verzeihen, wenn ich ihr sage, warum ich kein Lebenszeichen von mir gegeben habe“, erklärte Philipp. „Herzog Ralf, du weißt, dass ich deine Tochter Hilde schon immer sehr gern gehabt habe. In den letzten Monaten ist Liebe daraus geworden. Ich bitte dich deshalb in aller Form um die Hand deiner Tochter. Hilde soll meine Königin sein“, setzte er hinzu. Ralf sah mit einem Lächeln auf die junge Frau, die den Prinzen so liebevoll ansah, dass der Herzog an ihrer Entscheidung nicht zweifelte.

„Ja“, sagte er. „Ich denke, Prinz Philipp, es ist nichts Neues für dich, wenn ich dir sage, dass eine Ehe zwischen dir und Hilde schon immer mein Wunsch war. Hilde soll deine Königin sein. Aber auch, wenn du es nicht schaffen solltest, dir deinen Thron zu erobern, wird Hilde deine Frau. Ein Platz unter meinen Rittern ist dir sicher, wenn du ihn willst, mein Sohn.“

Der Herzog lächelte hintergründig, als er fortfuhr:

„Deinem Brief habe ich entnommen, dass du um den Tod meiner Frau weißt.“

„Ja“, sagte Philipp. „Es tut mir Leid. Den Tod deiner Frau habe ich nicht beabsichtigt. Wie kann ich das …“

„Nein“, wehrte Ralf ab. „Philipp, deine Mutter hat mir nach Hildegunds Tod viel Trost gegeben. Auch daraus ist Liebe geworden. Ende dieses Monats ist die offizielle Trauerzeit abgelaufen. Im März werden wir heiraten. Du wirst zwar deine Stiefschwester ehelichen, aber ihr seid nicht blutsverwandt. Ich akzeptiere deine Werbung und betrachte dich als Hildes Verlobten. Und weil ihr jetzt verlobt seid, wirst du Hilde hier und jetzt küssen!“

Philipp brauchte keine weitere Aufforderung. Er zog Hilde an sich und bewies seinem künftigen Schwiegervater, dass er zum Küssen keinen Unterricht brauchte.

„Wohl, wohl, ihr habt die Zeit genutzt, wie ich sehe“, grinste Ralf. „Ich hoffe, es war eine amüsante Zeit“, setzte er dann hinzu. Der Blick, den Hilde und Philipp tauschten, war mehr als eindeutig und zeigte dem in diesen Dingen erfahrenen Herzog, dass zwischen ihnen mehr gewesen war als nur harmlose Küsse.

„Ja, wir haben die Zeit genutzt und genossen“, bestätigte Philipp.

Wenig später ritt der maskierte Reiter wieder unerkannt aus dem Tor der Burg Stolzenfels. Niemand wagte, ihn aufzuhalten.

 

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Kapitel 9

Nacht der Abrechnung

 

Burg Steinburg lag in völliger Finsternis. Das war nicht nur auf die mondlose Nacht in diesem Februar 887 bezogen, sondern auch auf die Stimmung in der Burg. Herzog Reginald war völlig isoliert. Sämtliche Grafen hatten ihm den Treueid aufgekündigt. Nur seine Leibgarde stand noch treu zu ihm. Es waren seine willfährigsten Bluthunde, die für ihn in den vergangenen zwanzig Jahren die schmutzige Arbeit gemacht hatten. Sie versuchten, die immer größer werdende Opposition im Land mit harter Hand zu unterdrücken, aber die Grafen und ihre Ritter schützten ihre Bauern vor dem Zugriff der Männer, die allgemein wirklich Bluthunde genannt wurden. Die Reihen waren arg dezimiert. Nur noch in der Steinburg selbst waren der Herzog und seine Männer sicher.

Reginald – er hatte vom Volk inzwischen den Beinamen der Unrechtmäßige bekommen – lief im Thronsaal ruhelos auf und ab. Seit gut drei Monaten gab es keine Nachrichten mehr vom Erscheinen des Geisterreiters. Zwar hatten die Grenzwächter vom Alvedra berichtet, den Geisterreiter schwer verwundet zu haben. Aber der Umstand, dass das Gespenst nach der Verwundung noch das ganze Lager verwüstet hatte und dann erst verschwunden war, ließ Reginald und seine wenigen Getreuen zweifeln, dass der Geisterreiter nie wieder kommen würde. Aber die sonst so aufmerksamen Wachen hatten in der ruhigen Zeit an Wachsamkeit sehr nachgelassen.

Wäre ich der Geisterreiter, würde ich meine Spukreise dann beginnen, wenn ich damit rechnen kann, dass die Wachen unaufmerksam sind’, dachte der Herzog bei sich. In seiner Unruhe kam Reginald am Fenster vorbei – und blieb wie angewurzelt stehen! Draußen leuchtete in der finsteren Nacht das geheimnisvolle Schwert des Geisterreiters. Die grünlich schimmernde Klinge beschien gespenstisch die Maske des Geisterreiters.

„Ja, sieh’ es dir nur genau an, Reginald! Ich bin gekommen, um von dir Rechenschaft zu fordern!“, rief eine hohle Stimme.

„Wache! Waachee!“, brüllte Reginald. Es klang verzweifelt.

Eilig rannten die Häscher des Herzogs in den Burghof, der Hauptmann der Männer eilte zum Herzog. Reginald wies kreidebleich in den Hof hinaus.

„Er ist da!“, keuchte er. Der Hauptmann straffte sich.

„Ich werde dir seinen Kopf auf einem silbernen Tablett servieren, Herr!“, versprach er und rannte ebenfalls in den Hof hinaus.

„Es ist ein Gespenst!“, rief Reginald hinter ihm her, aber der Hauptmann hörte nicht mehr.

Reginald schlotterte vor Angst. Nur zu gut wusste er, dass keiner der Grafen und Soldaten, die mit dem Geisterreiter gekämpft hatten, den Kampf überlebt hatten. Er hörte unten im Hof Schwerterklirren und sah hinaus.

Die Häscher, die in den Hof gekommen waren, sahen sich zwei Dutzend Geisterreitern gegenüber. Der Herzog hatte noch knapp fünfzig Männer, die ihm bedingungslos gehorsam waren – und das Verhältnis von zwei zu eins sah für die Burgwächter nicht so schlecht aus…

„Ha!“, stieß der Hauptmann hervor. „Alles nur Mummenschanz! Das sind keine Gespenster!“

Er und seine Männer zogen die Schwerter, die angeblichen Gespenster ebenfalls. Zwei Dutzend grün leuchtende Schwerter erleuchteten den Hof, was die Männer des Herzogs dann doch wieder zögern ließ. Dafür gingen die Geisterreiter mit Macht auf die Wachen los. In wenigen Augenblicken tobte ein erbitterter Kampf im Burghof. Die Wachen waren geübte Kämpfer, aber Philipp und seine Männer waren es auch. Der Prinz hatte genug Wut im Bauch, dass er für zwei kämpfte. Er drosch mit einer Macht auf die Männer des Herzogs ein, der kaum ein Posten widerstehen konnte.

Reginald bemerkte, dass seine Männer nicht in die leere Luft schlugen, dass sie die angeblichen Gespenster sogar verwunden konnten. Der Herzog sah die Möglichkeit, dass seine Männer vielleicht doch die Oberhand behalten würden, nahm sein Schwert und lief ebenfalls in den Burghof.

Philipp sah den Usurpator kommen, trat dem Wächter, mit dem er sich gerade schlug, so fürchterlich in die Weichteile, dass der Mann mit einem lauten Schrei zu Boden ging. Philipp kannte mit diesen Männern kein Erbarmen und stieß ihm das Schwert so massiv in den Leib, dass das Kettenhemd riss und das Schwert den Mann komplett durchbohrte. Dann wandte er sich dem Herzog zu, der mit dem Langschwert ausholte und an Philipps Parade scheiterte. Trotz seiner sechzig Jahre und der Tatsache, dass er sich gern hinter seinen Männern versteckte, wusste Herzog Reginald mit dem Schwert umzugehen. Er trat nach Philipp, der aber ausweichen konnte und seinerseits einen mächtigen Hieb anbrachte, den der Herzog aber mit der Klinge ablenken konnte. Sein Gegenhieb traf dann aber die leere Luft, als Philipp geschickt auswich, wobei er einem anderen Wächter den Ellenbogen eher zufällig in die Magengrube trieb, dass der wie eine Lepraklapper zusammenklappte. Philipp verpasste ihm einen fürchterlichen Fußtritt unter das Kinn, der den Mann endgültig zu Boden warf und konnte aus der Drehung heraus gerade noch einen neuen Angriff des Herzogs abwehren. Das Schwert des Herzogs wurde hochgerissen, doch bekam der es mit beiden Händen zu fassen und zog es im Gegenzug voll durch. Philipp konnte nur knapp ausweichen und knallte mit der Schulter an die Wand. Die Klinge verfehlte ihn nur um Haaresbreite und landete ebenfalls in der Wand, dass die Funken flogen. Philipp kam hoch und traf den Herzog mit dem Lederhelm unter dem Kinn, der zurückgeworfen wurde, aber auf den Beinen blieb. Der junge Mann setzte ihm nach und trieb ihn in den Rückwärtsgang, aber Reginald wich aus und ließ Philipp ins Leere laufen.

Der Herzog und der Prinz fochten sich rund um den Burghof, Reginald im Rückwärtsgang. Bei den Stallungen waren ein paar Säcke Hafer. Reginald gelang es, in einen offenen Sack hineinzugreifen und eine Handvoll Hafer herauszuholen, die er dem Geisterreiter ins Gesicht warf. Für einen Moment stand Philipp im Dunkeln, aber Reginald konnte den Moment nicht nutzen, weil er sich im Abstand zu einem Stein verkalkuliert hatte, rücklings darüber stolperte und auf das harte Pflaster stürzte. Aber die Handvoll Hafer bewirkte immerhin, dass Philipp ihm nicht den Todesstoß versetzen konnte. Reginald konnte sich aufrappeln, aber Philipp hatte inzwischen wieder klare Sicht und schlug beidhändig von oben her zu, dass Reginalds Schwert auf den Boden getrieben wurde. Ein wuchtiger Faustschlag des Geisterreiters traf ihn mitten im Gesicht und warf ihn erneut zurück. Der Herzog krachte an eine hölzerne Wand, die seinem Gewicht plus der Geschwindigkeit nicht standhielt und einbrach. Reginald stürzte rücklings in den Stall und blieb mit den Beinen an den Resten der Bretter hängen, die etwa in Kniekehlhöhe abgebrochen waren. Hilflos hing der Herzog fest. Philipp entwaffnete ihn, indem er ihm die rechte Hand abschlug, die samt Schwert noch draußen war. Brüllend vor Schmerz hielt Reginald sich den Armstumpf mit der verbliebenen linken Hand.

Philipp packte grob zu und riss ihn an der linken Hand aus dem Loch heraus und warf ihn ohne Rücksicht auf das harte Pflaster des Innenhofes. Die wenigen Wachen, die noch übrig waren, gaben entmutigt auf, als ihr Herzog schwer verwundet am Boden lag. Philipp sah zu Iwar hinüber, als Hilvar ihn warnte:

„Achtung! Dolch!“

Philipp drehte sich zu Reginald um, der mit viel Mühe einen Dolch gezogen hatte, und ihm damit in die Wade stechen wollte. Seine Hand kam nicht weit. Die scharfe Klinge von Philipps Schwert trennte auch die linke Hand samt Waffe vom Arm des Herzogs. Reginald konnte das Gesicht nicht erkennen, das nach wie vor in der Ledermaske steckte, aber dass es ganz bestimmt nicht freundlich war, erkannte er aus den Worten, die der Geisterreiter sprach:

„Und jetzt werde ich mit dir abrechnen. Denk nicht, du kämest mit zwei verlorenen Händen davon. Dafür hast du zu viel angerichtet und das für zu lange Zeit!“, zischte es aus dem Helm. Er winkte seinen Männern, die den Herzog ergriffen und ins Zentrum des Burghofs beförderten. Der heftige Kampf hatte die Dienstboten und zahlreiche Menschen aus Steinburg angelockt, die durch das beim Kampf geöffnete Burgtor in den Hof gekommen waren. Im Schein einiger Dutzend Fackeln fesselten die Leute aus Steinburg die verhassten Bluthunde. Philipps Männer konnten sie nur mit Mühe davon abhalten, die nunmehr hilflosen Wachen mit Knüppeln zu erschlagen.

Abgesehen von Philipp nahmen die anderen Geisterreiter ihre Helme ab.

„Wer wagt es, Herzog Reginald von Wengland anzugreifen?“, fragte Reginald in einem letzten Aufbäumen.

„Jemand, der das Haus rächt, das vor gut zwanzig Jahren durch den Mord an Christian von Sandragon, Herzog von Wengland, in Verbannung und Tod getrieben wurde!“, rief Philipp laut und deutlich in den Hof. „Übrigens – bevor du Herzog wurdest, war dein Name Persegin!“, zischte es aus dem Lederhelm. „Persegin, Graf von Südwengland!“

Reginald wurde bleich.

„Und Graf Persegin war das Haupt der Verschwörung gegen Herzog Christian!“, rief Philipp. „In der Truhe deines Arbeitszimmers ist eine Liste mit den Namen der Verschwörer, aus der auch hervorgeht, dass Graf Persegin nach der Ermordung des rechtmäßigen Herzog seinen Namen änderte, um unterzutauchen und als schuldloser Reginald den Thron des Herzogs einzunehmen!“

„Sollen wir sie holen, Geisterreiter?“, fragte es aus der Menge.

„Ja, holt sie!“, befahl der Geisterreiter. Reginald sank in Anbetracht der harten Vorwürfe in die Knie. Vor allem wusste er, dass die besagte Liste tatsächlich in seiner Truhe war und er jetzt keine Möglichkeit mehr hatte, sie zu vernichten.

„Ja, ich bin Graf Persegin“, gab der Herzog zu.

„Durch deine Hand fiel Herzog Christian!“, schnaubte Philipp.

„Ja“, gestand Reginald. Die Männer, die eben noch nach Beweisen suchen wollten, blieben im Burghof.

„Einem Herzog, der seinen Vorgänger hinterrücks ermordete, bin ich nicht länger treu!“, kam eine Stimme von hinten. Es war der Hauptmann der Schlosswache, der sauber verschnürt von vier kräftigen Bürgern bewacht wurde. In den Reihen der entwaffneten Schlosswache erhob sich zorniges Gemurmel, das immer lauter wurde und schließlich zu dem Ruf:

„Hängt den unrechtmäßigen Herzog!“, anschwoll.

Der vielfache Ruf besiegelte Persegins Schicksal. Ehe er sich versah, hatte er einen Strick um den Hals. Philipps Männer hängten den hilflos strampelnden Persegin kurzerhand an den auf seinen eigenen Befehl im Burghof aufgestellten Galgen. Eigentlich hatte daran jeder hängen sollen, der es wagte, gegen die Herrschaft Reginalds zu rebellieren – insbesondere natürlich der Geisterreiter. Ein letztes, heftiges Strampeln des Usurpators, dann war er tot.

Der Bürgermeister von Steinburg sprang auf die Plattform unter dem Galgen.

„Christian von Sandragon wurde ermordet, Prinz Albert ist auch tot. Prinz Philipp soll tot sein. Aber seine Leiche wurde nie gefunden. Wenn er noch lebt, wäre er der Erbe Herzog Christians. Wer geht freiwillig mit, um Prinz Philipp zu suchen?“, rief er.

Unter den Bürgern gab es keinen, der nicht wollte. Aber bevor der Bürgermeister sie entsprechend einteilen konnte, kam ein dröhnendes:

Halt!“, aus der Menge. Es war zweifelsfrei der Geisterreiter.

„Geh’ nicht, Bürgermeister Wilfrid. Du brauchst nicht zu suchen“, ergänzte er. Der Mann mit der Maske kam zum Galgen, erklomm die Plattform und blieb neben dem Bürgermeister stehen.

„Warum sollten wir nicht nach unserem rechtmäßigen Herzog suchen?“, fragte Wilfrid. Der Geisterreiter nahm die Maske ab.

„Weil ich Philipp, Prinz von Wengland, bin“, sagte er. Der Prinz war seinem Vater so ähnlich, dass es keines weiteren Beweises bedurfte. Dennoch wies Philipp den Siegelring seines Vaters vor, den Reginald niemals in die Hand bekommen hatte. Der Bürgermeister sank auf die Knie und hob die Hand zum Schwur, aber Philipp wehrte ab.

„Nicht so eilig, Bürgermeister. Der Bürgermeister wird in Steinburg vom Grafen eingesetzt. Vorläufig entbinde ich dich von deinen Pflichten, bis geklärt ist, ob und wie du mit dem unrechtmäßigen Herzog zusammengearbeitet hast. Hauptmann Iwar: Du und deine Leute, ihr übernehmt ab sofort die Aufgaben der Schlosswache. Hilvar, du wirst morgen als Ausrufer verkünden, dass Philipp von Wengland auf den Thron seines Vaters zurückgekehrt ist, und die Grafen Wenglands auffordert, ihm Treue zu schwören!“

„Ja, mein Prinz“, bestätigte Hilvar

„Du wirst verkünden, dass Philipp von Wengland unter den Männern zwischen achtzehn und vierzig Jahren tausend Soldaten sucht, denen er vertrauen kann. Wer Interesse hat, soll sich hier in Steinburg bei Hauptmann Iwar melden.“

„Ja, mein Prinz!“

Auf Philipps Aufruf meldeten sich bereits in den ersten drei Wochen nach seiner Heimkehr mehr junge Männer im wehrfähigen Alter, als notwendig waren. Iwar und sein Musterungstrupp waren zwei Monate lang vollauf damit beschäftigt, die Bewerber zu prüfen.

AAA

Kapitel 10

Der König und die Grafen

 

Die Grafen Wenglands – außer dem bereits toten Persegin und Philipp selbst waren es zehn an der Zahl – kamen wie befohlen nach Steinburg. Bis alle versammelt waren, war es Mitte April 887 geworden. Als die Versammlung vollständig war, rief Philipp die Grafen in den Thronsaal und forderte sie zum Treueschwur auf, den die Grafen auch sofort leisteten.

„Euren Treueschwur nehme ich an, ihr Grafen von Wengland. Ich behalte mir allerdings Umbesetzungen vor, wenn sich erweist, dass jemand von euch direkt an der Verschwörung gegen meinen Vater beteiligt war“, sagte Philipp. Die Grafen nickten schicksalsergeben.

„Wir werden dir treu sein, Herzog Philipp“, bekräftigte Bischof Sebald von Wachtelberg, der als ältester Graf der Sprecher des Grafenkollegiums war.

„Moment!“, platzte Iwar heraus. „Ich werde nur einem König dienen!“

„Wengland hat nur einen Herzog, Hauptmann Iwar“, erinnerte Sebald.

„Es liegt doch bei euch, ihr Grafen. Wenn ihr Prinz Philipp als König ausruft, dann lassen meine Leute und ich uns allesamt taufen!“, bot Iwar an. Dieses Angebot war wie Himmelsglocken in des Bischofs Ohren. Aber es eröffnete ihm eine weitere ungeahnte Möglichkeit, die er sogleich nutzte.

„Dann sei es“, sagte er mit einem listigen Glitzern in den Augen. „Aber wenn wir Grafen dich als König anerkennen, dann nur unter zwei Bedingungen“, wandte sich der Bischof an Philipp.

„Nenne mir deine Bedingungen“, erwiderte der.

„Erstens: Die Grafen der sieben größten Provinzen bilden einen Thronrat, dessen Befugnisse in weiteren Verhandlungen zu regeln sind. Und zweitens: Du verzichtest auf eine eventuelle Verfolgung der Grafen wegen der Verschwörung des Persegin“, forderte der Bischof.

„Wenn ich auf deine Bedingung nicht eingehe?“, fragte Philipp.

„Du kannst dir denken, dass wir mit der Art und Weise, in der du uns herbestellt hast, nicht einverstanden sind. Wir würden dich lediglich als Herzog akzeptieren. Da deine Leibgarde aber nur einem König dienen will, würdest du diese dir treuen Männer verlieren. Ich weiß nicht, ob du dir das leisten kannst, Prinz Philipp“, lächelte Sebald kühl. Iwar verfluchte sich innerlich, von Philipps Königtum gesprochen zu haben. Er hatte ihn in eine heikle Lage gebracht. Der Thronerbe dachte einen Moment nach.

„Es fällt mir besonders schwer, auf deine zweite Bedingung einzugehen“, sagte er. „Aber ich will Iwar und seine Männer nicht mehr missen. Sie waren die Einzigen, die bereit waren, mir zu meinem Recht zu verhelfen. Da seine Bedingung war, nur einem König zu dienen, mag ich ihn nicht enttäuschen. Graf Sebald, ich akzeptiere deine Bedingungen.“

Graf Sebald schluckte verblüfft. Er hatte gehofft, durch die Bedingungen Philipps Verzicht herauszufordern. Aber der Thronprätendent hatte akzeptiert und die Grafen sahen sich gezwungen, ihn als König anzuerkennen.

Einen Monat darauf, am 25. Mai 887, dem Himmelfahrtstag, fand in der Bischofskirche von Wachtelberg die Krönung des Prinzen Philipp zum König von Wengland statt. Der Hofgoldschmied hatte alle Kunst aufgewandt, um den Herzogshut in eine Königskrone umzugestalten, und es war ihm gelungen. Der Herzogsreif hatte fünf Bögen erhalten, die mit Perlen verziert waren. Im Zentrum, dort, wo die Bögen zusammentrafen, befand sich ein Pentagon aus Lilien, die sich jeweils den Bögen zuwandten. Innen war der Reif mit dunkelrotem Samt gefüttert. Philipp hatte die zweifellos kostbare Krone etwas abschätzend betrachtet, lag ihm doch selbst nichts am Prunk. Er hatte sein Spiegelbild recht nachdenklich betrachtet und für sich entschieden, die Krone nur zu tragen, wenn es unumgänglich war. Immerhin bestand sie – abgesehen von Perlen und Edelsteinen – aus purem Gold und wog über zehn Pfund.

Für die Verhandlungen mit den Grafen war ein Termin Anfang Juni vereinbart worden. Bischof Sebald führte als Sprecher der Grafen das Wort:

„Majestät, wir waren übereingekommen, dass Ihr die Grafen der sieben größten Provinzen als Thronrat anerkennt. Die Befugnisse des Thronrates wollen wir nun mit Euch regeln“, eröffnete der Bischof nach der Begrüßung durch den jungen König. Dabei verwendete er zum ersten Mal den plurale maiestatis.

„Welche Befugnisse stellt Ihr Euch vor, Graf Sebald?“, fragte Philipp zurück, die höfliche Anrede gleichermaßen gebrauchend. Sebald entrollte ein Pergament.

„Erstens: Die Grafen des Thronrates beraten mit dem König die Gesetze des Reiches. Ohne Zustimmung des Thronrates sollen Gesetze, soweit sie das Königshaus betreffen, keine Gültigkeit haben.

Zweitens: Der Thronrat wählt den König aus seiner Mitte neu, sofern der König verstirbt. Eine Erbfolge braucht nicht eingehalten zu werden.

Drittens: Der König kann das Heer nur mit Zustimmung des Thronrates einberufen.

Viertens: Der Thronrat vertritt den König. Die Beschlüsse des Thronrates müssen dann einstimmig gefasst werden. Ist der Thronrat gezwungen, das Heer einzuberufen, sind hierzu vier Mitglieder des Thronrates notwendig.

Fünftens: Erhebungen in den erblichen Adelsstand sind von der Zustimmung des Thronrates abhängig.

Sechstens: Der Thronrat bildet das Adelsgericht, das Streitigkeiten unter dem wenglischen Adel klärt. Richtet sich die Klage gegen ein Mitglied des Thronrates, richtet der König mit“, verlas Sebald die Forderungen. Er hatte kaum bemerkt, dass Philipp sich Notizen gemacht hatte. Als er aufsah und feststellte, dass der König mitgeschrieben hatte, wurde er bleich.

„Ihr wundert Euch, dass ich schreiben kann?“, fragte Philipp lächelnd. „Vergesst nicht, dass ich lange in Eurem Kloster gelebt habe und dort lesen, schreiben und rechnen gelernt habe. Wäre es nach Euch gegangen, hochwürdigster Bischof, wäre ich Priester geworden“, erklärte er. „Kommen wir zu Euren Forderungen: Wenn ich sie so akzeptiere, bin ich kein König, kein Souverän dieses Reiches, sondern bestenfalls Eure Marionette. Das werdet Ihr nicht von mir erwarten. Dann wäre der Herzogstitel meines Vaters mehr wert gewesen – auch ohne Iwars Garde“, erläuterte der König. „Eure erste Forderung halte ich für legitim. Sie verhindert eine gar zu selbstherrliche Regentschaft. Ich bin gewillt, sie zu akzeptieren; aber ich stelle Gegenbedingungen:

Erstens: Erbfolge ist für mich unantastbar. Eure zweite Bedingung ist für mich unannehmbar. Der Thronrat mag den König, der durch Erbfolge seinen Titel erhält, bestätigen, aber nicht wählen. Eine einzige Ausnahme will ich gelten lassen, nämlich die, dass die herrschende Königsfamilie ausstirbt. Eine rein männliche Erbfolge des Königstitels setze ich – entsprechend der mit Herzog Christian getroffenen Regelung – voraus.

Zweitens: Über das Heer muss der König frei verfügen können – ohne die gnädige Zustimmung des Thronrates. Die Thronratsgrafen – das habe ich anerkannt – sind die Grafen der größten Provinzen. Folglich kann ich mir die Thronräte nicht aussuchen. Allzu leicht kann es geschehen, dass der König sechs Thronräte zum Feind hat. Vom Grafen von Steinburg mag ich das nicht annehmen, da der König selbst oder einer seiner Söhne dieser Graf ist. Deshalb fordere ich, dass der König über das Heer allein verfügen kann.

Drittens: Erhebung in den Adelsstand ist ausschließlich Sache des Königs. Es war ausschließlich Sache des Herzogs, zu adeln. Als König kann ich nicht weniger Rechte haben. Deshalb nehme ich das Recht, zu adeln oder es bleiben zu lassen, für mich allein in Anspruch.

Was Eure Forderung nach Vertretung des Königs betrifft, bitte ich Euch, das etwas präziser auszudrücken, bevor ich mich dazu äußere. Eure Forderung, den Thronrat als Adelsgericht einzusetzen, halte ich für ausgesprochen gut. Das akzeptiere ich gern.“

Philipp lächelte, aber gleichzeitig machte er deutlich, dass er sich nicht einfach Bedingungen stellen ließ. Die Grafen sahen sich verblüfft an.

„Wenn Ihr die Bedingungen nicht vorbehaltlos akzeptiert, ziehen wir unsere Anerkennung für Euch als König zurück!“, drohte der Bischof. Philipps Augen schienen aus Obsidian zu bestehen, als er sagte:

„Dafür ist es zu spät, Graf Sebald. Ihr, hochwürdigster Bischof, habt mich als König gekrönt, und sämtliche Thronratsgrafen haben mit ihren Siegeln das Dokument anerkannt, das mich zum König macht. Zum König von Gottes Gnaden – nicht von Euren!“

Philipp hatte die Stimme nicht erhoben, sein eisiger Gesichtsausdruck reichte völlig, um bei den Grafen einen unangenehmen Schauer am Rücken zu erzeugen.

„Nichtsdestoweniger bin ich bereit, mit Euch über Eure Rechte zu verhandeln. Mein Vater hatte vielleicht zu viel Macht für einen Einzelnen. Deshalb hatte auch sein Mörder viel zu viel Macht. Das darf nicht wieder vorkommen. Ich bin darum bereit, meine Macht zu teilen – völlig abgeben will ich sie keinesfalls!“

Der Bischof sprang heftig auf.

„Majestät!“, empörte er sich.

„Setzt Euch, Graf Sebald von Wachtelberg!“, herrschte Philipp ihn an. „Wir sind durchaus so zivilisiert, dass wir uns auch so benehmen! Alle!“

Das wirkte. Der Bischof setzte sich.

„Gut. Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, können wir vielleicht fortfahren“, setzte der König hinzu. „Graf Sebald, bitte erklärt mir genauer, was Ihr mit der Vertretung des Königs gemeint ist.“

Sebald schnaufte heftig, er brauchte einen Moment, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Damit ist die Vertretung des Königs in Zeiten der Krankheit gemeint“, sagte er dann. Philipp nickte.

„Haltet Ihr es nicht für besser, in solchen Zeiten einen Reichsvogt einzusetzen?“, fragte er.

„Warum?“, fragte Sebald nach.

„Es wäre gewiss zu viel verlangt, wenn das gesamte Thronratsgremium den König vertritt. Die Regentschaft in Euren Provinzen würde darunter leiden. Ich mache Euch einen Vorschlag: Für den Fall, dass der König erkrankt oder gar in Gefangenschaft gerät, setzt der Thronrat einen Reichsvogt ein, der mit genau den Befugnissen ausgestattet ist, die in Euren ursprünglichen Bedingungen stehen. Der Thronrat unterstützt den Reichsvogt nicht nur, er kontrolliert ihn auch – und er wird aus der Mitte der Thronratsgrafen gewählt“, empfahl der König. Der Vorschlag war vernünftig, das sahen auch die Grafen ein. Nach kurzer Beratung stimmten sie zu.

„Gut“, sagte Philipp. „Schreiber: Notiere es!“, wies er den wartenden Schreiber an.

„Ja, Majestät“, erwiderte der Hofschreiber. Seine Feder kratzte über sein Notizpergament.

„Eure erste Bedingung war, dass der Thronrat die Gesetze berät. Das ist in Ordnung; ich akzeptiere das. Was die Gesetze anbelangt, die den König betreffen, bin ich nicht ganz einverstanden. Jedes Gesetz bindet auch den König. Ich habe nicht vor, die Gesetze, die in dieser Runde beraten werden, selbst nicht zu befolgen. Das ist das eine. Billige ich diese Klausel vorbehaltslos, bin ich bei jedem Gesetz mit Fessel und Knebel versehen. Deshalb kann ich mich damit nicht einverstanden erklären.“

Bischof Sebald wollte erneut aufspringen, doch Graf Simon von Eschenfels hielt ihn zurück.

„Lasst mich das näher erklären, Majestät“, bat er. Der König nickte.

„Es gibt Gesetze, die ausschließlich den König betreffen, nicht jedoch das übrige Volk. Darunter fällt das Verbot für den König, ein ausländisches Lehen anzunehmen, das Verbot der weiblichen Erbfolge im Amt des Königs und die Bestimmung, dass der König Wengland im Kriegsfall nicht verlassen darf – dies wiederum mit Ausnahme des Exils. Sonst nichts“, erklärte Graf Eschenfels.

„Ist das wirklich alles?“, hakte Philipp misstrauisch nach.

„Ja“, bestätigte der Bischof. Der Hofschreiber notierte eifrig. Philipp ließ den Mann zu Ende schreiben.

„Wenn das so aussieht, sehe ich keinen Grund, diesen Artikel abzulehnen. Wenn Ihr meine sonstigen Gegenforderungen – Adelserhebung und Heeresverfügung durch den König allein oder durch den Reichsvogt gemäß Euren Vorschlägen, sowie männliche Erbfolge auf dem Thron – akzeptiert, kann das Dokument ausgefertigt werden“, schlug der König vor.

„Habt Ihr es sehr eilig, Majestät?“, fragte der Bischof.

„Wenn ich ehrlich bin, möchte ich diese Verhandlungen so bald wie möglich abschließen und zu einer Regierung dieses Landes kommen“, gab Philipp zurück.

„Nun, ich denke, die gegenseitigen Vorschläge sollten wohlbedacht sein. Ich bitte Euch, uns einen Monat Frist zu gewähren, um die Vorschläge zu prüfen. Die Zeit käme sicher auch Euch zugute, um über unsere Angebote nachzudenken. Vielleicht seht Ihr nach einem Monat manches in einem anderen Licht, Majestät.“

„Ihr meint, ich könnte mir meine Bedingungen aus dem Kopf schlagen? Irrt Euch nicht in mir, Graf Sebald. Ich weiß, was ich will. Aber bitte: Niemand soll behaupten, Philipp von Wengland habe seine Thronräte unter Zeitdruck genötigt, seine Bedingungen zu akzeptieren. Ich schlage als neues Datum den elften Juli vor. Sind die Herren einverstanden?“

Die Grafen waren einverstanden und die Versammlung löste sich auf.

Einen Monat später, am 11. Juli 887, kehrten die Grafen des Thronrates nach Steinburg zurück. Philipp beobachtete die Ankunft der Grafen und ihrer Gefolge von einem Erker des Rittersaales aus, in dem die weitere Beratung stattfinden sollte. Neben ihm stand der alte Gode Sengar. Philipp sah den weisen Berater an.

„Ich danke dir, Sengar, dass du mir beim Ausformulieren des Verfassungsentwurfs geholfen hast. Du bist ein wertvoller und verlässlicher Ratgeber“, sagte der König mit dem Unterton ehrlicher Dankbarkeit.

„Danke … Philipp … Wenn ich dich so ansprechen darf“, erwiderte der alte Priester zögernd.

„Gewiss“, bestätigte der König. „Sengar, ohne dich und Iwar und seine Männer hätte ich niemals das erreichen können, was ich erreicht habe. Ihr seid nicht meine Untertanen, ihr seid meine Freunde.“

Dann sah Philipp einen Ausdruck im Gesicht des alten Goden, den er vorher noch nie an ihm bemerkt hatte.

„Was hast du?“, fragte er besorgt.

„Philipp, in der Zeit, in der ich mit dir zusammen war, habe ich deinen Glauben kennen gelernt. Ich … ich möchte mich taufen lassen und, wie du, Christ werden“, sagte Sengar. Der junge König sah ihn mit einem Ausdruck höchsten Erstaunens an.

„Ist dir klar, was du da gerade gesagt hast?“, fragte er erschrocken.

„Ja, ich weiß es“, lächelte Sengar. „Ich möchte den Namen Dankwart annehmen.“

„Sengar, deine Tätigkeit als Gode passt nicht recht mit dem christlichen Glauben zusammen“, warnte Philipp. „Wie willst du damit weiterverfahren, wenn du Christ wirst?“

„Sei ohne Sorge, Philipp, mein König. Du wirst auf meinen Rat und meine Visionen nicht verzichten müssen. Meine Kunst basiert nicht auf Magie, sondern auf Wissenschaft. Ich habe die griechischen und römischen Gelehrten gelesen, habe ihre Behauptungen in der Natur gesucht und gefunden, habe eigene Beobachtungen gemacht. Alles, was ich tue und erforsche, hat seine natürliche Erklärung – abgesehen von meinen Visionen. Ich … nehme an, dass sie ein göttliches Geschenk sind“, erklärte Sengar.

„Versteh’ mich nicht falsch, Sengar. Ich fürchte nicht, deine Visionen zu verlieren, ich fürchte, dich zu verlieren. Was du tust, hat in den Augen der Mönche etwas Teuflisches an sich. Sie fürchten in einen wirklich klugen Mann wie dich.“

„Solange ich ein Heide bin, werden sie mich noch eher verfolgen, als wenn ich dein getaufter Hofmagier bin“, erwiderte Sengar.

„Du … wohnst jetzt in Doberheim, oder?“, fragte der junge König.

„Ja“

„Wenn du den Namen Dankwart annehmen willst, nenne dich Dankwart von Doberheim. Bleibe mein Berater, Sengar, ich brauche dich.“

„Ich bin alt, Philipp. Ich fürchte, meine Zeit ist bald abgelaufen“, sagte Sengar. Bevor Philipp noch etwas dazu sagen konnte, erschien der Haushofmeister.

„Die Grafen des Thronrates sind eingetroffen, Majestät“, meldete er.

„Ja, lass sie eintreten!“, forderte Philipp den Bedienten auf.

Die Grafen traten ein und verbeugten sich höflich. Philipp erwiderte die Höflichkeit und bat sie, am großen Tisch im Saal Platz zu nehmen und forderte sie dann auf, das Ergebnis ihrer Beratung vorzutragen.

„Wir haben uns beraten, mein König“, eröffnete Graf Simon von Eschenfels. Philipp nahm zunächst zur Kenntnis, dass nicht mehr der Bischof von Wachtelberg für den Rat sprach.

„Und … was hat Eure Beratung ergeben?“, fragte der König.

„Wir stimmen Euren Vorschlägen zu“, erklärte Graf Simon. Philipp nickte lächelnd.

„Sehr gut“, sagte er. „Mein Schreiber hat den Verfassungsentwurf bereits fertig abgeschrieben. Magnus, lies den Herren das Dokument vor, damit sie es siegeln können!“

Magnus erhob sich, entrollte ein Pergament und trug vor:

Wir, Philipp I., König von Wengland und der Thronrat, bestehend aus den Grafen Sebald, Bischof von Wachtelberg, Wilfrid von Eichgau, Simon von Eschenfels, Theodor von Karlsfeld, Wilfried von Sachstal, Philipp von Steinburg und Peter von Südwengland, haben beschlossen, das Verhältnis zwischen König und Thronrat wie folgt zu regeln:

Artikel 1: Thronrat

Der Thronrat des Königreiches Wengland setzt sich aus den Grafen der sieben Grafschaften zusammen, die die sieben größten Flächen innehaben. Am Tage der Unterzeichnung dieses Dokumentes sind dies die Grafschaften:

Eichgau

Eschenfels

Karlsfeld

Sachstal

Steinburg

Südwendland

Wachtelberg

Artikel 2: Änderungen im Thronrat

Verkleinert sich die Fläche einer Grafschaft des Thronrates – etwa durch ausländische Besetzung oder gar Annexion – soweit, dass sie kleiner wird, als eine der bis dahin nicht thronratsberechtigten Grafschaften, fällt das Recht, den Grafen des Thronrates zu stellen, an die Grafschaft, die zu diesem Zeitpunkt die achtgrößte Provinz ist.

Artikel 3: Gesetzgebung

Der König und der Thronrat beraten gemeinsam die Gesetze, die für das Königreich Wengland gelten sollen. Die so beratenen Gesetze erhalten Gültigkeit, wenn sowohl der König als auch die Mehrheit des Thronrates zustimmt, soweit in den folgenden Artikeln nichts anderes bestimmt ist.

Artikel 4: Nachfolge des Königs

Grundsätzlich erbt der älteste Sohn des Königs Titel und Rechte des Vaters. Weibliche Erbfolge auf dem Königsthron ist ausgeschlossen.

Artikel 5: Wahlrecht des Thronrates

Verstirbt der König, ohne einen männlichen Erben zu hinterlassen, wählt der Thronrat aus seiner Mitte den neuen König, der Titel und die Rechte des verstorbenen Königs erbt. Der Thronrat hat auch dann das Wahlrecht, wenn der Kronprinz auf den Thron verzichtet.

Artikel 6: Amtsunfähigkeit des Königs

Erkrankt der König so schwer, dass ihm eine Ausübung der Regierungsmacht nicht mehr möglich ist, wird er im Kampf in einer solchen Weise verwundet oder gerät er in Gefangenschaft äußerer Feinde, erwählt der Thronrat aus seiner Mitte einen Reichsvogt, der den König vertritt. Die Befugnisse ergeben sich aus der beigefügten Satzung des Thronrates, die von den Grafen so beschlossen wurde.

Artikel 7: Adelsgericht

Der Thronrat bildet das Adelsgericht des Königreichs Wengland, das Streitigkeiten unter den Adligen des Reiches klärt. Richtet sich die Klage gegen ein Mitglied des Thronrates, so richtet der König selbst mit. Wie in allen anderen gerichtlichen Streitigkeiten hat der König aber das Recht, Gnade zu üben, wenn er darum angerufen wird.

Steinburg am elften Tag des siebenten Monats im Jahre des Herrn 887

 

Die Grafen hatten gespannt zugehört.

„Wie seid Ihr auf den ersten Artikel in dieser Form gekommen?“, fragte Graf Simon.

„Graf Sebald hatte die Thronratseigenschaft für die sieben größten Grafschaften gefordert. Diese Grafschaften sind mit Ausnahme Steinburgs, das ziemlich in der Mitte Wenglands liegt, Grenzgrafschaften. Wenn wir auch keine Gebietsabtretungen oder gänzliche Zuschlagung von Ländereien kennen wie in Scharfenburg, so kann es doch geschehen, dass eine Eurer Provinzen sich durch ausländische Einwirkung verkleinert oder gar ganz verschwindet. Für diesen Fall muss vorgesorgt werden. Ohne diese Bestimmung könnte es sein, dass der König einen arg dezimierten Thronrat hat oder dass Grafen die Politik mitbestimmen, die nur einen geringen Teil Wenglands vertreten. Ich denke, das kann nicht im Interesse dieses Landes und dieses Volkes sein. Außerdem stelle ich mir vor, dass diese Bestimmung Euch darin bestärken wird, die Grenzen gut zu schützen“, erklärte Philipp.

„Zweifelt Ihr etwa daran, Majestät?“, entfuhr es Graf Simon voller Schrecken.

„Nein, ich zweifle nicht, Graf Simon. Aber ein kleiner Ansporn schadet nicht.“

„Ist … das … eine Bedingung?“, fragte Graf Wilfrid.

„Macht einen besseren Vorschlag.“, forderte Philipp die Grafen auf. „Es war Eure Idee, die Grafen der sieben größten Provinzen zum Thronrat zu erklären. Meint Ihr nicht, diese Eigenschaft sollte möglichst genau beschrieben werden?“

„Wir waren der Ansicht, dass die Grafen der zurzeit größten Provinzen den Thronrat bilden sollten – unabhängig von der künftigen Größe der Grafschaften“, wandte Sebald ein.

„Nehmen wir mal an, das wäre so“, sagte Philipp. „Stellt Euch vor, Wengland bekäme Streit mit Wilzarien, was durchaus geschehen kann. Bis wir ein genügend großes Heer aufgestellt haben, vergeht fast ein Monat. Bis dahin können die Grenzgrafschaften Südwengland, Karlsfeld, Eschenfels, Siebenberg und Hirschfeld schon überrannt sein, Limmenfels und Bauzenstein stark bedroht sein. Stellt Euch nun vor, dass Wilzarien diese Grafschaften auf Dauer besetzt halten kann, weil die Grenze zu diesen Provinzen aus dem Fluss Limmur besteht, der eine natürliche Barriere bildet. Drei Grafschaften des Thronrates wären wilzländisch besetzt. Verbliebe die Thronratswürde bei diesen Grafschaften, wäre der Thronrat auf vier Mitglieder einschließlich Steinburg selbst geschmolzen. Das ist wohl kaum als eine angemessene Vertretung des wenglischen Adels gegenüber dem König zu bezeichnen, wenn es noch fünf andere Grafschaften gibt, die dieses Amt übernehmen könnten – jedenfalls zeitweise“, mutmaßte Philipp.

„Majestät belieben zu fantasieren!“, entfuhr es Graf Wilfrid.

„Nein, Graf Wilfrid. Ich versuche nur, möglichst umfassend zu planen und zu denken“, antwortete der junge König. „Deshalb erscheint es mir besser, dass in einem solchen Fall die Ehre des Thronrates auf die nächstfolgenden Provinzen übergeht – auch wenn dieser Fall fast unmöglich scheint. Ihr verliert nichts dabei, denn zum einen wäre dieser Übergang nur solange, bis die ursprüngliche Grafschaft wiederhergestellt ist und zum anderen regelt sich die Nachfolge in den Grafschaften durch Erbfolge. Nur, wenn ein Grafengeschlecht ausstirbt, fällt das Lehen an den König zurück und wird neu vergeben. Aber Wengland kann dabei viel gewinnen, denn es wird immer einen vollständigen Thronrat haben, der stets die jeweils größten Provinzen des Landes repräsentiert.“

Die Grafen überlegten eine Weile. Dann hießen sie das Dokument gut. Der Schreiber brachte Siegellack, goss etwas von dem flüssigen Lack auf eine quer über die Breite des Pergamentes gezogene Schnur, die aus grünen und roten Fäden gedreht war. In jeden der kleinen roten Seen drückten der König und die Grafen ihre Siegelringe hinein. Schließlich zierten acht Siegel – Philipp zeichnete auch als Graf von Steinburg – das Dokument. Es wurde damit gültig und stellte die Gründungsurkunde des Königreichs Wengland dar.

 

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Kapitel 11

Kaiserliche Forderung

 

Wenige Tage später fand die Taufe des Goden Sengar statt, der in der Taufe den Namen Dankwart annahm und von König Philipp zum Baron von Doberheim erhoben wurde. Der weise Seher legte dem jungen König dar, was er über Himmel und Erde wusste. Seine Visionen waren so überdeutlich klar und zutreffend, dass Philipp den Weisen schließlich bat, seine Weissagungen schriftlich festzuhalten.

„Auf den Gedanken bin ich auch schon gekommen, mein König. Aber wenn ich dich recht verstehe, möchtest du die hohe Kunst des Lesens und Schreibens jedermann öffnen.“

„Stimmt“, bestätigte Philipp.

„Meine Visionen bergen auch Gefahr. Es wäre nicht gut, wenn jeder Beliebige die Zukunft wüsste. Nicht jede Vision tritt zwangsläufig ein. Manche sind durch entsprechendes Verhalten zu vermeiden – oder erst auszulösen. Das kann gefährlich werden“, warnte Dankwart.

„Zweifelsohne“, gab König Philipp zu. „Dankwart, mein Freund, schreibe deine Weissagungen auf. Ich verfüge, dass sie nur dem König, der Königin und dem Kronprinzen zugänglich sein sollen. Du und deine Nachfolger werden die Hüter dieses Geheimnisses sein.“

„Welche Nachfolger, Philipp?“, fragte Dankwart schmunzelnd. „Ich habe keine Kinder“, gab er zu bedenken.

„Dann möchte ich, dass du dir einen Nachfolger erwählst, den du in deiner Kunst unterweist. Unter deinen Godenbrüdern müsste es doch noch Jüngere geben.“

Dankwart sah den König lange an.

„Ich weiß, dass du ein toleranter Mann bist, Philipp von Wengland, auch wenn du ein Christ bist. Die Priester des christlichen Glaubens haben uns Goden verfolgt, weil wir Gottheiten verehrten, die nach christlichem Verständnis heidnisch waren. Sie haben uns von den Soldaten der Herzöge von Wengland und Scharfenburg töten lassen, bis die Bruderschaft der Godenpriester vom Angesicht der Erde verschwunden war. Nein, Philipp, es gibt keine jüngeren Goden mehr. Ich war der Jüngste, und ich allein konnte auf die Alvedrainsel fliehen“, sagte er. Dankwart hatte einen traurigen Ausdruck in den Augen. Philipp überlegte eine Weile.

„Das tut mir Leid. Das wusste ich nicht, Dankwart“, erwiderte er. „Wem würdest du unter Iwars Leuten deine Kunst anvertrauen?“

„Am ehesten Hilvar. Er ist klug und geschickt.“

„Dann bitte ich dich – Hilvars Einverständnis vorausgesetzt – ihn in dein Reich einzuführen, damit er eines Tages deine Aufgaben übernehmen kann“, bat der König.

Nur wenige Tage nach Dankwarts Taufe machten auch Iwar und seine Leute ihr Versprechen wahr und ließen sich taufen. Iwar nahm in der Taufe den Namen Herwig an. In Anbetracht seiner Verdienste und der Treue, die er Philipp hielt, wurde Herwig der Hauptmann der königlichen Leibgarde, die aus seinen Leuten bestand. Zu Ehren ihres Chefs erhielt die Truppe den Namen Herwigsgarde.

Im August erhielt Philipp Besuch von einem Abgesandten des Kaisers Karl III., genannt der Dicke.

„Karl III., Kaiser des Römischen Reiches, entbietet Euch, Philipp, Herzog von Wengland, seinen Gruß und fordert Euch zum Treueschwur auf“, grüßte der Gesandte. Philipp war völlig verblüfft.

„Wie bitte?“, fragte er. „Treueschwur? Wem soll ich Treue schwören? Ich habe keinen Herrn außer Gott!“, widersprach er heftig.

„Mein Herr, Kaiser Karl, versteht sich als weltliches Haupt der Christenheit. Ihr habt ihm zu dienen, wie ich es auch tue.“

„Bestellt Eurem Herrn einen schönen Gruß, Herr Ritter, und sagt ihm, dass er sich in mehrfacher Hinsicht im Irrtum befindet. Erstens bin ich kein Herzog, sondern inzwischen König. Zweitens ist Wengland niemandem lehenspflichtig. Mein Vater war ein unabhängiger Fürst – und ich bin es auch. Drittens erkenne ich niemanden als meinen Herrn an – außer Gott dem Allmächtigen, dem Dreifaltigen. Wenn Euer Herr Wengland lehenspflichtig machen will, muss er es erst unterwerfen, aber ich würde ihm davon abraten. Ich habe gute Soldaten – und zwar ständig, im Gegensatz zum Kaiser“, knurrte Philipp unwillig.

„So verweigert Ihr Eurem Kaiser den Eid?“

„Ich habe nie zugesagt, ihm einen zu leisten“, versetzte Philipp. „Der einzige Eid, den ich zu leisten bereit bin, ist, dass ich den christlichen Glauben allezeit vertrete und verteidige. Doch diesen Eid schwöre ich meinem Gott – nicht dem Kaiser, der kaum wissen dürfte, dass es ein Land mit Namen Wengland überhaupt gibt.“

„Er weiß es sehr wohl, denn Euer Land ist umgeben von kaiserlichen Lehen. Breitenstein, Scharfenburg, Schwarzenstein – alles kaiserliche Lehen und in Eurer unmittelbaren Nachbarschaft. Seht Euch vor“, warnte der Gesandte.

„Euer Kaiser mag sich vorsehen, Herr Ritter“, erwiderte der König mit drohendem Unterton. „Ich habe lange um mein Erbe gekämpft und bin nicht willens, es mir jetzt durch einen fernen Irgendwen abnehmen zu lassen, der auf Wengland keine Ansprüche hat. Ich bin ein unabhängiger König, wie es auch der dänische König ist!“, sagte er scharf.

„Mein Kaiser wird auf Eure Unverschämtheiten angemessen reagieren“, erwiderte der Gesandte kalt und verbeugte sich.

„Der Einzige, der unverschämt ist, ist Euer Herr, der Euch mit einer Forderung her gesandt hat, die zu erfüllen mir meine Ehre verbietet. Wengland war immer unabhängig und wird es bleiben. Mein Vater wurde Christ, aber er hat sich nicht dem Kaiser unterworfen, sondern nur Gott. Dabei bleibt es. Wenn der Kaiser es wünscht, bin ich gern bereit, ihm für meine Worte Genugtuung zu geben – aber nur ihm ganz persönlich, keinem Beauftragten, keinem Vertreter.“

„Ihr bietet dem Kaiser ein Duell an?“, fragte der Botschafter verblüfft nach.

„Wenn er will, ja. Aber nochmal: Kaiser Karl III. höchstpersönlich. Er soll sich nicht davor drücken und sich hinter dem Rücken seiner Paladine verstecken. Wenn er mein Reich will, soll er es sich persönlich bei mir abholen, wenn er kann.“

„Mein Herr kann das nicht akzeptieren.“

„Dann trollt Euch, woher Ihr gekommen seid. Bestellt dem Kaiser meine Grüße“, sagte Philipp kühl. Der Gesandte verbeugte sich und ging fort.

„Ich glaube, du hast dir gerade den Kaiser zum Feind gemacht, Philipp“, brummte Dankwart, der neben dem Thron stand. Philipp sah seinen Ratgeber an.

„Vielleicht“, gestand er ein. „Aber es kann doch niemand von mir erwarten, dass ich als König einen Untertaneneid leiste, den mein Vater nicht als Herzog geleistet hat!“, protestierte der junge König.

„Der Kaiser ist mächtig, mein König“, warnte Dankwart.

„Der Kaiser ist weit weg“, widersprach Philipp. „Er ist in Aachen oder in einer seiner anderen Pfalzen. Wengland dürfte er knapp dem Namen nach kennen. Ich glaube nicht, dass er viel unternehmen wird.“

„Sei dir dessen nicht so sicher, König Philipp. Er hat von dir den Eid fordern lassen. Du hast ihn nicht geleistet. Das wird der Kaiser nicht unvergolten lassen“, orakelte Dankwart.

 

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Kapitel 12

Angebot mit Risiko

 

Doch nicht allzu lange darauf, es war September, ließ sich ein Bote des Markgrafen Arnulf von Kärnten bei König Philipp melden.

„Lass ihn eintreten!“, befahl Philipp dem Diener. Der Diener winkte den Garden, die den Boten vorließen. Der Bote verneigte sich ehrerbietig.

„Arnulf, Markgraf von Kärnten, entbietet Euch, edler Philipp, König von Wengland, durch mich seine Grüße. Er bittet Euch um eine Unterredung und Eure Hilfe.“

„Sagt mir Euren Namen, Herr Ritter“, bat Philipp.

„Roland von Eppenstein ist mein Name, Majestät. Ich stehe in des Markgrafs Diensten.“

„Euer Herr wünscht eine Unterredung mit mir? Weshalb, Herr Roland?“

„Ihr habt vielleicht gehört, dass Kaiser Karl Schwierigkeiten im Reich hat. Mein Herr, der Markgraf von Kärnten, hat gute Chancen, der neue König und damit auch der neue Kaiser zu werden. Aber es gibt auch gegen ihn Widerstand unter den Fürsten des Reiches, besonders aus Bayern. Markgraf Arnulf bittet Euch um Hilfe.“

„Wo wünscht Euer Herr die Unterredung? Hier oder in seiner Mark Kärnten?“

„Er ist auf dem Wege nach Aachen in die Hauptpfalz. Er bittet um eine Zusammenkunft mit Euch im Kloster St. Johannis im Münstertal. Seid Ihr dazu bereit?“

„Grundsätzlich schon“, erwiderte Philipp mit einer gewissen Zurückhaltung. „Ich bin allerdings daran interessiert, dass Wengland unabhängig bleibt. Wenn der Herr Markgraf mir die Unabhängigkeit Wenglands garantiert, will ich ihm gern behilflich sein, wenn ich es kann“, versprach er dann.

„Ich will es ihm ausrichten. Wann werdet Ihr ihn treffen wollen?“, fragte Roland.

„Ich werde morgen nach dem Kloster St. Johannis aufbrechen. Sagt ihm, ich würde dort in der ersten Oktoberwoche eintreffen“, antwortete Philipp.

„Ich danke Euch. Der Termin passt genau in die Reisepläne meines Herrn. Er wird Euch dort erwarten“, dankte Roland, verbeugte sich und ging

Wilfrid von Eichgau, der dem König einen Besuch abstattete, hatte das Gespräch mit dem Boten des Markgrafen mitgehört.

„Ihr wollt mit dem Markgrafen gegen den Kaiser paktieren?“, fragte er erschrocken.

„Ich möchte zunächst mit ihm sprechen und dann entscheiden, was ich unternehme“, erklärte Philipp.

„Ich bitte Euch, Majestät – seid vorsichtig!“, beschwor Wilfrid den König. „Wenn Arnulf der neue Kaiser wird, wird er von Euch genauso den Eid fordern.“

Philipp lächelte freundlich.

„Nicht, wenn ich ihm im Gegenzug zur Unterstützung die Anerkennung Wenglands als unabhängiges Königreich aus der Mütze zaubere“, grinste er.

„Glaubt Ihr, er geht darauf ein?“, hakte Wilfrid nach. Philipp zuckte mit den Schultern.

„Ich muss es jedenfalls versuchen, Graf Wilfrid. Wollt Ihr mich begleiten?“

„Als Vertreter des Thronrates?“

„Als einer meiner Vasallen, als mein Freund – nach Gusto, Herr Wilfrid“, lächelte Philipp.

Am Tag darauf machte Philipp sich in Begleitung von Graf Wilfrid und der Herwigsgarde nach dem Münstertal in Rätien* auf. Das Kloster St. Johannis im Münstertal war von Steinburg aus in weniger als drei Reisewochen zu erreichen. Bei gutem Wetter kam der König mit seinem Gefolge wie angekündigt in der ersten Oktoberwoche im Kloster St. Johannis an. Der Prior empfing den Gast ehrerbietig.

„Seid willkommen, Philipp, König von Wengland“, verneigte sich der Prior.

„Ich danke für den herzlichen Empfang, Pater Prior. Ich habe eine Einladung des Markgrafen Arnulf von Kärnten, der mich gebeten hat, mit ihm hier wegen einer Unterredung zusammenzutreffen“, erwiderte Philipp.

„Ich weiß, Majestät. Der Herr Markgraf ist bereits eingetroffen. Er hat mich gebeten, Euch zu übermitteln, dass er Euch noch heute seine Aufwartung machen will.“

„Danke, ich bin geehrt. Können wir uns an einem Ort ungestört unterhalten?“

„Gewiss. Wir haben bereits einen Raum hergerichtet. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt?“

Der Prior führte Philipp, Graf Wilfrid und Herwig in einen größeren Raum, in dem Markgraf Arnulf bereits wartete. Der Markgraf erhob sich und verbeugte sich.

„Ich danke Euch, dass Ihr meiner Bitte um eine Audienz entsprochen habt, Majestät“, sagte er.

„Schon recht, Herr Markgraf. Ihr wolltet mich sprechen?“

„Ihr habt vor einiger Zeit Kaiser Karl den Treueid verweigert, habe ich gehört. Ist das richtig?“, erkundigte sich Arnulf.

„Ja, das stimmt“, bestätigte Philipp.

„Wisst Ihr auch, dass Karl III. schwere Probleme im Reich hat?“, fragte Arnulf weiter.

„Euer Bote erwähnte etwas in dieser Richtung.“

„Gut. König Philipp, ich bitte Euch, mir bei der Königswahl in Aachen zu helfen. Der größte Teil des fränkischen Adels steht hinter mir, aber ich bin nicht sicher, ob diese Mehrheit tatsächlich ausreicht, um mich zum König zu wählen.“

„Wenn Ihr den größten Teil des Adels hinter Euch habt, sollte Eure Wahl eine Formsache sein“, wunderte sich Philipp.

„Mag sein. Mein Problem besteht darin, dass die, die noch gegen mich sind, vermutlich versuchen werden, mich mit Waffengewalt daran zu hindern, Aachen überhaupt zu erreichen. Ich habe nur eine kleine Streitmacht, kaum fünfzig Mannen. Wollt Ihr mir helfen?“

Philipp musterte den Markgrafen interessiert.

„Herr Markgraf, meine Herwigsgarde wäre zweifellos in der Lage, Euch wirksam zu schützen. Aber ich bin ein gebranntes Kind, wie Ihr wisst. Ich denke, Herr Roland hat Euch berichtet, dass ich an einer Unabhängigkeit meines Landes interessiert bin. Wenn Ihr gewillt seid, eine Unabhängigkeit Wenglands zu garantieren, bin ich gern bereit, Euch nach Aachen zu begleiten und sicherzustellen, dass Ihr heil ankommt“, sagte Philipp.

Arnulf sah den König eine Weile an.

„Wengland ist doch ein christliches Land, oder bin ich im Irrtum?“, fragte er nach.

„Gewiss ist Wengland christlich – allerdings mit dem Unterschied zu Franken, dass in Wengland niemand zum christlichen Glauben gezwungen wird“, lächelte Philipp verbindlich. „Vor allem ist Wengland ein freies Land.“

„Nun, der deutsche König und Kaiser des Römischen Reiches wird als weltlicher Herrscher über die gesamte Christenheit eingesetzt“, gab Arnulf zu bedenken.

„Dann erklärt das zum Beispiel dem dänischen König oder dem der Angelsachsen. Beide sind Christen, ihre Reiche sind christlich, gehören aber nicht zum Heiligen Römischen Reich. Noch deutlicher wird es, wenn Ihr das Westfrankenreich betrachtet. Es war einmal mit Lotharingien und dem Ostfrankenreich zusammen das einzige Frankenreich. Jetzt gibt es derer drei, wenn Lotharingien noch unabhängig ist. Wengland hat nie zum Römischen Reich gehört, solange es ein Herzogtum war. Ich sehe nicht ein, weshalb ich als König plötzlich ein Reichsfürst sein sollte.“

„Hat Kaiser Karl Euch als König anerkannt?“, fragte der Markgraf.

„Der Kaiser hat auf meine Botschaft nicht reagiert – oder besser: Er hat mir statt der Anerkennung seinen Boten mit der Forderung nach dem Eid geschickt. Aber meine Nachbarn – Reichsfürsten übrigens – haben mich ohne lange zu zögern als König akzeptiert. Bedeutsamer scheint mir aber die Anerkennung der Grafen des wenglischen Thronrates zu sein. Stellvertretend für Wenglands Volk haben die Grafen mich zum König gewählt“, versetzte Philipp. „Insofern ist es mir recht gleichgültig, ob mich Kaiser Karl III. als König akzeptiert oder nicht.“

„Warum sollte ich es dann tun?“ fragte Arnulf kühl.

„Weil Ihr heil in Aachen ankommen wollt, Herr Markgraf. Ich biete Euch meine Hilfe gegen eine Anerkennung Wenglands als vom Kaiser unabhängiges Königreich.“

„Es würde Euch nicht genügen, ein reichsunmittelbarer Fürst zu sein?“

„Nein, das würde mir nicht reichen“, gab Philipp zurück.

„Wenn ich Euch die Anerkennung verweigere, würdet Ihr mir Eure Garde nicht geben?“

„Nein.“

Das war deutlich. Arnulf schüttelte den Kopf.

„Ich kann machen, was ich will. Ich stoße immer auf Ablehnung meiner Vorhaben“, seufzte er.

„Nein, Herr Markgraf. Ich bin nicht gegen Euer Vorhaben, Kaiser Karl einen Tritt zu versetzen, im Gegenteil. Aber ich möchte vor Forderungen sicher sein, für die kein Anspruch besteht“, entgegnete Philipp.

„Ihr meint also, der Kaisertitel ist Schall und Rauch?“, ereiferte sich Arnulf.

„Ich sage nur, dass Wengland nicht zum Reich gehört, sonst nichts. Ich bin dem Reich gern in Freundschaft verbunden, wenn man Wengland die Unabhängigkeit garantiert. Aber diese Garantie will ich haben – schriftlich!“

„Oder?“

„Oder Ihr reist allein weiter nach Aachen – ohne weitere Begleitung durch wenglische Soldaten, die Ihr gewiss gut gebrauchen könnt“, lächelte Philipp kühl.

„Wie lange besteht Eure Dynastie schon?“

„Bei den Kämpfen um meinen Thron ist leider einiges an schriftlichen Dokumenten verlorengegangen. Aber nach der mündlichen Überlieferung besteht die Dynastie seit wenigstens zweihundert Jahren.“

„Wäre es ein großes Manko für Euch, wenn ich die Unabhängigkeit solange garantiere, wie Eure Dynastie auf dem Thron sitzt, Majestät?“, fragte Arnulf listig.

„Ihr wollt mir ein Bein stellen. Ihr hofft, dass meine Dynastie nicht mehr lange besteht und dass Wengland damit ein Bestandteil des Reiches wird“, bemerkte Philipp.

„Ihr lebt von Erbfolge, soviel ich weiß. Was soll Euch gefährlich werden?“

„Jede Menge gedungener Mörder, Herr Markgraf“, entgegnete der König kalt. „Wenn ich akzeptiere, dass die Unabhängigkeitsgarantie nur solange gilt, wie die Dynastie Wengland-Steinburg den Thron innehat, habe ich nächste Woche die Kopfgeldjäger auf dem Hals. Solche Unannehmlichkeiten schätze ich nicht.“

„Ihr seid geradeheraus, Philipp. Dennoch bitte ich Euch, zu überlegen, ob die Beschränkung auf Eure Familie nicht Vorteile für Euch hätte“, bat der Markgraf.

„Ich will Euren Vorschlag gern prüfen, aber im Augenblick will mir kein Vorteil einfallen, den ich davon haben könnte.“

„Wollt Ihr mir morgen oder übermorgen Antwort geben, wenn Ihr über meinen Vorschlag nachgedacht habt?“

„Gern. Erlaubt, dass ich mich zurückziehe, Herr Markgraf“, bat Philipp. Philipp und Arnulf verbeugten sich, Philipp und seine Begleiter verließen den Raum und ließen sich vom Prior ihre Quartiere zeigen.

Wenig später klopfte es an Philipps Tür. Er bat einzutreten, Herwig und Wilfrid erschienen.

„Sagt mir, was meint Ihr zu dem Angebot des Markgrafen?“, fragte er seine Begleiter. Herwig schüttelte bedenklich den Kopf.

„Ich kann mich dafür nicht erwärmen, Philipp. Du hast Recht mit deiner Befürchtung, er könnte dir eine Wagenladung Gift schicken.“

„Wilfrid?“

„Wenn ich ehrlich bin, ist das Angebot auf den ersten Blick unzureichend. Aber auf den zweiten …?“, bemerkte Wilfrid.

„Wie meinst du das?“, hakte Philipp nach.

„Sieh mal: Wenn die Anerkennung Wenglands als selbstständiges Reich nur gilt, solange ein König aus deinem Geschlecht auf dem Thron sitzt, wird das den Thronrat hindern, im Falle einer Neuwahl einen König aus einer anderen Familie zu wählen“, gab der Graf von Eichgau zu bedenken.

„Die Wahlmöglichkeit gilt nur, wenn das Geschlecht ausstirbt. In dem Fall gibt es mit Sicherheit einen König aus einer anderen Dynastie. Und ob es die Grafen des Thronrates interessiert, ob ein König oder der Kaiser selbst regiert, weiß ich nicht“, entgegnete Philipp. Wilfrid von Eichgau sah den König listig an.

„Es gibt noch eine Wahlmöglichkeit: Nämlich dann, wenn der Thronprätendent auf den Thron verzichtet, gleich aus welchem Grund. Diese Regelung wurde von dir selbst in den Vertrag aufgenommen. Auch in dem Fall hat der Thronrat die Möglichkeit der Wahl. Wenn der Kronprinz einen Bruder hat, wäre die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Bruder des Kronprinzen zum König gewählt wird, wenn es für die Thronräte einen zwingenden Grund dafür gibt. Der drohende Verlust der Selbstständigkeit Wenglands kann so ein zwingender Grund sein“, empfahl der Graf.

Philipp dachte eine Weile nach.

„Herwig, was meinst du dazu?“, fragte er dann. Der Gardehauptmann seufzte.

„Klingt gut“, erwiderte er. „Aber wer garantiert, dass die Thronräte auch künftig an einer Selbstständigkeit Wenglands interessiert sind?“, gab er zu bedenken.

„Nun, es ist ein Unterschied, ob sich sieben oder acht Männer einig sein müssen, um das Schicksal eines Landes zu lenken – oder eine nicht näher bestimmbare Anzahl. Genau das würde aber passieren, wenn Wengland im Römischen Reich aufginge. Ich gehe jede Wette ein, dass Wengland als einheitliches Land nicht erhalten bliebe, wenn der Kaiser seine Hand darauf legt. Es würde zersplittert werden. Das ist nicht gut für Wenglands Grafen, weil sie im Chor der Reichsfürsten schlichtweg untergehen würden. Sie wären zwölf unter hunderten. Nein, Herwig, das werden die Thronräte nicht riskieren. Sie würden ihre eigene Freiheit aufs Spiel setzen – und so dumm sind sie nicht“, erklärte Wilfrid.

Philipp bat die Männer, ihn alleinzulassen und versank in tiefer Nachdenklichkeit. Je länger er über Wilfrids Rat nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass der Graf von Eichgau recht hatte. Die äußere Bedrohung durch den Kaiser konnte Wengland im Inneren zusammenhalten. Er entschloss sich, das Angebot des Markgrafen von Kärnten anzunehmen.

Am Tag darauf traf Philipp mit Arnulf wieder zusammen.

„Ich habe über Euren Vorschlag nachgedacht, Herr Markgraf. Er scheint mir zwar bedenklich, aber ich möchte letztlich auch keinen Streit mit dem möglichen künftigen Kaiser anfangen. Ich habe mich deshalb entschlossen, Euer Angebot anzunehmen. Wenn Ihr also die Unabhängigkeit Wenglands anerkennt, solange ein König aus meinem Hause auf dem Thron sitzt, will ich Euch Begleitschutz geben“, sagte Philipp nach der Begrüßung.

„Ich danke Euch, König Philipp. Seid sicher, solange ein Kaiser aus meinem Hause auf dem Thron des römischen Kaisers sitzt, wird Wengland im Kaiser immer einen guten Freund haben“, versprach Arnulf.

„Ich bitte Euch, Eure Zusage schriftlich niederzulegen und mit Eurem Siegel zu bestätigen, Herr Markgraf. Vor allem über Eure mögliche Königs- oder Kaiserkrönung hinaus zu bestätigen“, forderte Philipp.

„Ihr traut mir nicht, oder?“

„Nein“, erwiderte der König kühl. „Ich habe gelernt, sehr vorsichtig zu sein. Bei einem Mann, der im Begriff ist, sich die fast unbeschränkte Macht des römischen Kaisers zu Eigen zu machen, kann niemand vorsichtig genug sein. Allzu oft haben Herrscher von hohem Rang ihre Zusagen nicht eingehalten. Und ich möchte etwas in der Hand haben, falls Ihr wider Erwarten Euer Wort brecht.“

Arnulf wurde rot vor Wut.

„Wie könnt Ihr es wagen, am Wort des Markgrafen von Kärnten zu zweifeln?“, begehrte er auf.

„Wie kann der Kaiser es wagen, von mir einen Eid zu fordern, den ich nicht schulde?“, entgegnete Philipp ebenso scharf. „Nein, Herr Markgraf, ich gehe sicher. Es liegt bei Euch. Gebt Ihr mir Eure Zusage schriftlich und über Eure Krönung hinaus, habt Ihr den Schutz, den Ihr wünscht. Ansonsten verabschiede ich mich heute von Euch.“

Der Markgraf dachte eine Weile nach.

„Gut“, sagte er dann. „Ich akzeptiere das. Schreiber, notiere:“

Ein Klosterbruder kam gelaufen und stellte sich an ein Schreibpult. Mit der Feder in der Hand erwartete er das Diktat.

„Arnulf, Markgraf von Kärnten, sichert zu, dass das Königreich Wengland, für alle Zeit frei von Pflichten gegenüber dem Kaiser des Römischen Reiches sein soll, solange ein König aus dem Hause Wengland-Steinburg auf dem Thron Wenglands sitzt. Er sichert zu, dass dies Versprechen über seine Krönung zum deutschen König und zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches hinaus von ihm aufrechterhalten wird. Er wird seine Nachfolger testamentarisch verpflichten, dieses Versprechen gegenüber Wengland einzuhalten. Für den Fall, dass er König oder Kaiser wird, wird dieses Dokument vor dem Reichsgericht gültig sein. Der König von Wengland kann seine Unabhängigkeit vor dem Reichsgericht gegen den Kaiser einklagen. Dies verspreche ich, so wahr mir Gott helfe. Kloster St. Johannis zu Münster im Münstertal in Rätien, den 8. Oktober im Jahre des Herrn 887“, diktierte Arnulf. Er wandte sich zu Philipp um.

„Ist das für Euch akzeptabel?“, fragte er.

„Erlaubt, dass ich das Dokument noch einmal in Ruhe lese, bevor ich dazu ja oder nein sage“, erbat der König.

„Seid Ihr ein Tintenkleckser oder ein König?“, wunderte sich der Markgraf.

„Beides, wenn Ihr es genau nehmt. Ich bin ein König, aber ich kann auch lesen, schreiben und rechnen. Ich hatte das Vergnügen, im Kloster Wachtelberg aufzuwachsen. Aus Euren Worten schließe ich, dass Ihr des Schreibens nicht mächtig seid.“

„Überflüssiger Ballast“, wehrte Arnulf ab.

„Der Titel Graf hat etwas mit Schreiben zu tun, verehrter Herr Markgraf. Ich bin der Ansicht, dass jemand das, was sein Titel ausdrückt, können sollte. Deshalb verlange ich von meinen Grafen, dass sie lesen und schreiben können“, erwiderte Philipp mit einer gewissen Bissigkeit. Er las das Dokument genau durch, überlegte sich alle Fußangeln, die sich in der Formulierung verbergen konnten. Er fand keine.

„In Ordnung“, sagte er schließlich. „Siegelt das Dokument. Ich bin einverstanden.“

„Wie gnädig!“, knurrte Arnulf. Er ließ Siegellack kommen und besiegelte das Dokument, das er Philipp übergab. Philipp bedankte sich höflich und fragte, wann der Herr Markgraf die Reise fortsetzen wollte. Arnulf wollte am folgenden Tag weiterreisen.

Als Philipp wieder in seinem Gemach war, ließ er Herwig kommen, der auch umgehend erschien.

„Du hast mich rufen lassen?“, fragte der Hauptmann.

„Herwig, der Markgraf hat dieses Dokument unterzeichnet. Ich möchte, dass es auf dem schnellsten Weg nach Steinburg gebracht wird. Sende deinen zuverlässigsten Mann damit nach Steinburg.“

„Du traust dem Kerl nicht, oder?“

„Nein, ich möchte dieses wertvolle Dokument nicht durch halb Europa schleppen. Mir ist die Gefahr zu groß, dass Arnulf uns seine schriftliche Zusage mit Gewalt wieder abnehmen will. Das sollten wir von vornherein unmöglich machen. Der Bote soll heimlich heute Nacht noch reiten.“

„Selbstverständlich. Ich werde Christoph schicken. Einen besseren Kurier habe ich nicht“, antwortete Herwig. Philipp nickte und der Hauptmann ging fort.

 

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Kapitel 13

Arnulfs Verrat

 

Philipp stellte am folgenden Morgen fest, dass Arnulfs Gefolge komplett war, auch von den Mönchen fehlte niemand. Die Abreise des Boten nach Steinburg war offensichtlich unbemerkt geblieben. Erst drei Tage später fragte Arnulf den König, wo denn einer seiner Begleiter geblieben sei.

„Ich habe ihn nach Steinburg geschickt, damit er meldet, dass ich Euch nach Aachen begleite“, antwortete Philipp. „Aber er hat keine Eile und wird sicher noch in Brixen Rast machen.“

„Er reitet über Brixen? Wäre der Weg über den Reschen- und den Fernpass nicht näher? „

„Gewiss, aber mein Bote hat noch Nachrichten für den Bischof von Brixen bei sich. Deshalb reist er erst noch ins Eisacktal“, schwindelte Philipp.

Die Reisegesellschaft war zunächst weiter nördlich dem Münstertal gefolgt, zum Ofenpass hinaufgezogen und rastete im dortigen Schutzhaus. Philipp wies Herwig an, den Markgrafen zu belauschen, ob er etwa auch Boten fortsandte. Gegen Mitternacht kam Herwig zu Philipp. Der König schlief bereits.

„Philipp, wach auf“, schüttelte Herwig ihn wach. Es dauerte eine Weile, bis Philipp wach war.

„Hmm? Was ist?“

„Philipp, Arnulf hat den Verdacht, dass der Bote das Dokument bei sich hat. Er hat vier Mann hinter ihm hergeschickt, um ihn abzufangen.“

„Das Inntal abwärts?“, fragte Philipp.

„Nein, nicht nur. Zwei sollen über Ardez das Inntal absuchen, zwei Mann zurück nach Münster und weiter nach Mals, um über das Vintschgau den Reschenpass hinaufzureiten.“

„Was hast du Christoph genau gesagt?“, erkundigte Philipp sich.

„Dass er mindestens eine Woche in Taufers bleiben soll oder so lange, bis Pater Max vom Kloster St. Johannis eine Taube schickt.“

„Eine Taube?“

Herwig grinste über das ganze Gesicht.

„Ich habe mit Pater Max abgemacht, dass er darauf achtet, ob einer der markgräflichen Soldaten zurückkehrt. Sein Bruder Julian hat in Taufers den Gasthof, in dem Christoph eingekehrt ist. Julian züchtet Tauben für seine Küche, hat aber festgestellt, dass sie immer wieder zu ihm zurückkehren, wenn sie mal aus dem Schlag entflogen sind – vor allem, wenn es Tauben sind, die als Paar leben. Ich habe mit Max und Christoph abgemacht, dass Max sich eine der Tauben seines Bruders kommen lässt. Arnulfs Männer werden sicher dort in Münster übernachten. Bis Mals im oberen Vintschgau brauchen sie einen Tag, wenn sie den Weg Richtung Reschenpass einschlagen wollen. Sobald die Soldaten in Münster eintreffen, schickt Max die Brieftaube zu seinem Bruder. Christoph wird sich nach Eintreffen der Taube zwei Tage im Stall des Gasthofes verstecken und am dritten Tag nach Steinburg abreisen.“

„Er wird also hinter den Häschern sein?“, fragte Philipp. Herwig nickte.

„Warne ihn, dass er es mit zweien zu tun hat. Beobachte genau, was die Burschen anhaben, damit Christoph sich darauf einstellen kann, Herwig.“

Der Hauptmann nickte wieder.

„Sei ohne Sorge, mein König. Christoph wird nicht unvorbereitet sein. Ich habe ihm schon gesagt, dass er mit Verfolgung rechnen muss.“

„Gut.“

Am nächsten Morgen zog die Gesellschaft weiter Richtung Zernez* und machte an einer auf halbem Weg nach Zernez bei einer Ansiedlung von Eisenschmelzen Rast. Arnulf verwickelte Philipp in ein angeregtes Gespräch. Philipp wurde misstrauisch, als er bemerkte, dass alle seine Leute neben einem Markgräfler saßen. Seine Männer hatte das gleiche Misstrauen gepackt. Er war nicht überrascht, als Markgraf Arnulf ihn plötzlich aufforderte, das Unabhängigkeitsdokument herauszugeben.

„Ich habe damit gerechnet, Herr Arnulf. Das Dokument habe ich nicht bei mir“, entgegnete Philipp kühl. „Aber da Ihr Euer Wort offenbar nicht halten wollt, sehe ich keinen Grund, an unserem Handel festzuhalten. Wir werden Euch hier verlassen und heimreiten.“

„Ihr habt das Schreiben Eurem Boten mitgegeben, nicht wahr? Er ist nicht weit gekommen. Meine Leute haben ihn längst eingeholt und unschädlich gemacht.“

„Glaubt es nur, Herr Markgraf. Ich weiß, dass Ihr vier Mann hinter meinem Boten hergeschickt habt, die ihn im Inntal oder im Etschtal verfolgen sollen. Sie werden ihn nur nicht finden, fürchte ich. Glaubt Ihr, ich hätte Euch die tatsächliche Reiseroute meines kostbarsten Besitzes mitgeteilt? Ich habe Euch nie vertraut – und ich werde es nie tun“, sagte Philipp eisig. Der Markgraf erschrak. Er war einen Schritt zu weit gegangen. Seine Leute saßen da und waren sehr erschrocken, dass die königlichen Soldaten ihre Dolche schneller gezogen hatten als sie.

Ohne weitere Behinderung stiegen Philipp und seine Männer auf ihre Pferde und zogen in Richtung Bozen zurück über den Pass ab. Philipp hielt sein Pferd noch einmal an.

„Jedes Reich bekommt den Herrscher, den es verdient. Wohl, das Römische Reich scheint mir ein Reich von Intriganten und Räubern zu sein. Auch das ist ein Grund, weshalb Wengland mit diesem Reich nichts zu tun haben will. Gehabt Euch wohl und werdet König oder Kaiser, was immer Euch beliebt, Herr Arnulf. Aber auf Wengland werdet Ihr verzichten müssen“, sagte er, dann folgte er seinen Herwigsgarden.

Der junge König und seine Männer hatten es jetzt sehr eilig, um dem in Gefahr befindlichen Christoph zu Hilfe zu kommen. Aber Christoph war klüger gewesen, als Philipp oder Herwig angenommen hatten. Er erwartete seinen König im Kloster St. Johannis in Münster. Als Philipp und seine Leibgarde dort eintrafen, empfing Pater Max sie mit Christoph zusammen.

„Gott sei Dank, dir ist nichts passiert, Christoph“, sagte Philipp erleichtert.

„Als ich von Max die Taube bekam, bin ich sofort hierher zurückgekehrt. Die zwei Banausen sind mir auf dem Weg begegnet. Ich habe sie ein bisschen mit der Klinge gekitzelt und sie haben mir alles ausgeplaudert, was ihr sauberer Patron vorhatte. Mir war klar, dass Ihr diesen adligen Räuber nicht sehr weit begleiten würdet. Deshalb habe ich hier auf Euch gewartet.“

„Wie hast du das angestellt. Es waren immerhin zwei gegen einen!“, wunderte sich Herwig.

„Ich hab’ sie über ein Seil fallenlassen, das ich über den Weg gespannt hatte. Da sie Waffenröcke mit den Farben des Markgrafen trugen, waren sie leicht zu erkennen. Bevor sie wieder klar im Kopf waren, habe ich sie verschnürt und sie nach dem Aufwachen freundlich befragt“, grinste Christoph.

„Sind die Knaben noch hier?“, fragte Philipp. Christoph nickte.

„Wir schicken sie hinter ihrem Herrn her. Mit freundlichen Grüßen aus Wengland.“

Die Boten des Markgrafen wurden verschnürt auf ihre Pferde gesetzt und bekamen den Weg genannt, auf dem ihr Herr zog. Philipp und seine Garde aber ritten am nächsten Tag in Richtung Reschenpass weiter. Es war inzwischen Mitte Oktober. Als sie von Landeck aufbrachen, fragte Herwig:

„Wolltest du nicht deine Braut besuchen, Philipp?“

Der König lächelte.

„Das ist eine großartige Idee, mein Freund. Wir machen einen Umweg über Breitenstein nach Stolzenfels. Was meinst du? Wann können wir da sein?“

„Wenn wir uns etwas beeilen, in zwei Wochen. Du könntest zu Allerheiligen bei Hilde sein.“

„Dann – auf nach Stolzenfels!“, rief Philipp. „Herwig, sende einen Boten nach Steinburg, dass wir zunächst nach Stolzenfels reisen und mit der Königin heimkommen.“

„Sofort, mein König!“, bestätigte Herwig.

 

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Kapitel 14

Königliche Hochzeit

 

Bevor Philipp Boten aussenden konnte – einen nach Steinburg, um seine längere Abwesenheit zu melden und einen nach Stolzenfels, um seinen Besuch anzukündigen – erwischte Philipp und seine Männer ein massiver Wintereinbruch. Sie waren gezwungen, nach Landeck zurückzukehren und dort fast sechs Wochen auszuharren. Dann endlich konnten sich die Boten auf den Weg machen, aber der Winter verlangsamte ihr Marschtempo erheblich.

Es war bereits Dezember, als Philipp und seine Herwigsgarde die Grafschaft Breitenstein erreichten. Sie rasteten einige Tage bei Graf Edmund in Breitenstein. Dorthin kam auch der Bote, den Philipp vorausgeschickt hatte.

„Sei willkommen, Christoph. Bringst du Nachrichten?“, fragte der König gutgelaunt, als der Bote eintrat.

„Ich grüße Euch, mein König. Ich komme aus Stolzenfels und bringe sowohl gute wie traurige Nachricht“, erwiderte Christoph.

„Nun?“, forderte Philipp ihn zur Auskunft auf.

„Die traurige Nachricht ist, dass Herzog Ralf plötzlich an einem Fieber gestorben ist und Eure Mutter wieder Witwe ist. Sie trauert sehr. Aber sie freut sich auf Euren Besuch und hofft, dass Ihr das Weihnachtsfest in Stolzenfels begeht. Das ist die eine gute Nachricht. Des weiteren: Erbprinz Matthias hat das Erbe des Herzogs angetreten und bietet Euch Freundschaft. Er hat die bestehende Verlobung Eurer Majestät mit der Prinzessin Hilde bestätigt und hofft, dass das Weihnachtsfest oder das Dreikönigsfest Euch als Hochzeitstermin recht ist. Schließlich bat mich Eure Verlobte, Euch mitzuteilen, dass sie sich sehr nach Euch sehnt und hofft, mit Euch nach Steinburg gehen zu dürfen. Nicht, weil es ihr nicht in Scharfenburg gefällt, sondern, weil sie Euch über alles liebt, wie sie mir sagte“, berichtete Christoph.

„Danke, Christoph“, sagte Philipp. „Du warst fleißig. Hast du einen Wunsch?“

„Ich war seit August nicht mehr daheim in Aventwald. Meine Frau müsste inzwischen unser drittes Kind geboren haben. Bitte, Majestät, lasst mich heim“, bat der tüchtige Bote.

„Gewiss, Christoph. Reise heim, sobald du dich ausgeruht hast“, gab Philipp zurück. „Herwig!“, rief er dann. Der Hauptmann kam zu ihm.

„Herwig, rufe die Garde zusammen!“, wies Philipp ihn an.

„Sofort, mein König.“

Wenig später war die Herwigsgarde versammelt. Philipp sah sich die Männer eine Weile an.

„Freunde“, sagte er dann, „ihr seid mir von Wengland nach Rätien und von dort nach Breitenstein gefolgt. Ich danke euch dafür. Christoph hat mir heute gesagt, dass er wohl zum dritten Mal Vater geworden ist, aber noch keine Gelegenheit hatte, sein Kind zu sehen, weil wir seit September unterwegs sind. Ich habe ihm daher Urlaub gegeben, damit er seine Familie besuchen kann. Ihr wart alle tüchtig und seid treu. Deshalb möchte ich allen, die es wünschen, erlauben, heimzureiten, um das Weihnachtsfest bei ihren Familien zu verbringen. Ich bitte um zehn Freiwillige, die mich nach Stolzenfels begleiten. Alle anderen können von hier aus gleich nach Wengland heimkehren und sind bis drei Tage nach dem Dreikönigsfest beurlaubt.“

Die Männer waren zunächst völlig überrascht.

„Herr, warum tut Ihr das?“, fragte einer.

„Ich habe nicht vergessen, dass ihr mir geholfen habt, als ich keine Freunde mehr hatte. Ihr seid für mich nicht nur Untertanen, ihr seid meine Freunde. Ich bin nicht Euer Herr, sprich mich nie wieder so an, mein Freund, jedenfalls nicht, wenn wir unter uns sind. Ihr habt euch einmal freiwillig zu jener Inselgemeinschaft zusammengeschlossen, die ich traf. Jetzt seid ihr meine Soldaten, weil ihr euch mir angeschlossen habt. Aber ich bin kein gewöhnlicher Tyrann, der von seinen Männern erwartet, dass sie schweigend hinter ihm her trotten. Ihr seid Herwigsgardisten, das ist etwas Besonderes; ihr seid etwas Besonderes! Deshalb gebe ich euch Urlaub bis drei Tage nach Dreikönig. Wer kommt mit nach Stolzenfels?“

Die Herwigsgarde bestand aus rund hundert Männern. Zehn Freiwillige hatte Philipp gesucht, sechzig wollten unbedingt mit ihm nach Stolzenfels reisen.

„Ich betrachte das als Ehre, Freunde“, sagte Philipp. „Aber überlegt noch einmal: Keinen Wunsch zur Heimkehr? Ich sehe keinen schief an, der nach Hause möchte, im Gegenteil. Also – noch wer?“

Aber die sechzig Mann blieben dabei, mitkommen zu wollen. So reisten sie am nächsten Morgen ab: Philipp und seine Begleiter nach Stolzenfels, die Urlauber in Richtung Wengland.

Zwei Tage nach der Wintersonnenwende trafen die Reisenden bei Schneesturm und bitterer Kälte in Stolzenfels ein. Wächter nahmen den erbärmlich frierenden Rittern die Pferde ab und brachten sie in die warmen Stallungen. Diener führten den König und sein Gefolge zu Herzog Matthias.

„Ich heiße dich willkommen, Philipp, König von Wengland, liebster Stiefbruder“, begrüßte der Herzog den König. Er stand vom Thron auf, kam durch den halben Saal zu Philipp und umarmte ihn in brüderlicher Wiedersehensfreude.

„Als Prinz ohne Erbe hast du Stolzenfels bei Nacht und Nebel verlassen, als strahlender Sieger und König deines Landes kehrst du zurück. Wohl, das ist Karriere!“, freute Matthias sich.

„Strahlend zwar, aber grausig frierend. Ich hatte ganz vergessen, wie kalt die Winter in Stolzenfels sind“, erwiderte Philipp zähneklappernd. In seiner kalten Rüstung fror er noch immer.

„Mein Bote hat mir berichtet, Vater sei gestorben?“, fragte er dann. Matthias nickte traurig.

„Ja, es ist ein Unglück, das Mutter sehr getroffen hat. Du warst nicht da, um sie zu trösten. Hilde hat es übernommen, aber sie trauert immer noch sehr.“

„Sie hat jahrelang um meinen Vater getrauert, Matthias“, erwiderte Philipp. „Es wird für sie schwer sein, die Trauer um den zweiten Mann, den sie geliebt hat, zu überwinden.“

„Er wollte dir noch so viel sagen, Philipp.“

„Ich kann es mir denken, Bruder. Ich wäre früher gekommen, wenn es mir möglich gewesen wäre, aber ich musste erst mein Erbe sichern.“

„Ich weiß, Philipp. Ich mache dir keinen Vorwurf. Die Botschaften, die du geschickt hast, haben ihm gezeigt, wie sehr sein Stiefsohn ihn liebt. Hilde hebt deine Briefe auf wie einen Schatz, Mutter auch. In Vaters Truhe sind all deine Briefe gesammelt. Er hat sie immer wieder gelesen und gehofft, er würde dich noch einmal sehen.“

„War er sehr böse auf mich?“

„Nein, im Gegenteil. Du bist nicht im Zorn gegangen, und er kannte deine Beweggründe, weshalb du dich nach deinem Verschwinden nicht gemeldet hast.“

„Wann ist er gestorben?“

„Vor zwei Monaten. Er ist einem Fieber erlegen. Sein letzter Gedanke galt dir. Er wünschte, dass du bald kommen mögest, um Hilde zu heiraten. Es hat ihn nur bedrückt, dass er seinen Enkel nicht mehr sehen konnte. Er hat dir einen Segen hinterlassen und bittet dich letztwillig, dein Falkenwappen dem jeweiligen Kronprinzen zum Zeichen zu geben.“

Philipp und seine Begleiter zitterten immer noch, so durchgefroren waren sie.

„Ich habe dir und deinem Gefolge warme Zimmer herrichten lassen. Für jeden steht ein heißes Bad bereit. Wärmt euch auf, wir sehen uns später bei der Tafel“, lud Matthias dann ein.

„Das Angebot nehme ich nur zu gern an“, erwiderte Philipp. Er verneigte sich dankbar, dann folgte er mit seinen Leuten den Dienern, die sie zu ihren Gemächern begleiteten.

Wenig später genoss Philipp ein heißes Bad, das ihn alle Kälte des Wintertages vergessen ließ. Der junge König träumte im warmen Wasser vor sich hin.

„Soll ich Majestät den Rücken waschen?“, hörte er von fern eine Frage. Die helle Stimme ließ König Philipp an einen Pagen denken.

„Ja, gern“, erwiderte er murmelnd, beugte sich beinahe im Halbschlaf vor und überließ sich dem sorgsamen Waschen des Dieners. Diese Wäsche allerdings hatte eine andere Qualität, als Philipp sie von seinem Kammerdiener kannte. Es hatte etwas geradezu Zärtliches an sich. Etwas, was Philipp an lange Winternächte in einer verschwiegenen Hütte auf der Alvedrainsel denken ließ. Er drehte sich um – und sah in das lächelnde Gesicht seiner Braut.

„Hilde?“

„Wer sonst, mein König?“, fragte sie leise zurück. Sie umarmte ihn, ungeachtet dessen, dass er vom Bad nass war.

„Ich habe Euch so vermisst“, sagte sie, ein Schluchzen unterdrückend.

„Ich dich auch, mein Liebling. Übrigens, wir sind verlobt, mein Herz. Warum bist du so förmlich?“, erwiderte er und strich ihr sanft durchs Haar.

„Schon, aber in Scharfenburg wird ein König erst nach der Hochzeit geduzt – und nur auf sein ausdrückliches Einverständnis.“

„Ach was!“, protestierte Philipp. „Ich wünsche, dass du mich genauso nennst, wie auf einer gewissen Insel, Liebste.“

„Da habe ich dich Prinz genannt. Das bist du nicht mehr.“

„Dann sag’ einfach Philipp“, schlug der König lächelnd vor.

„Ist dir das nicht zu wenig ehrerbietig?“

„Immerhin sind wir schon wieder beim Du“, bemerkte er sanft und überließ sich völlig der sorgsamen, sanften Reinigung. Philipp war sicher: So sehr hatte ihn noch niemand verwöhnt. Eine warme Dusche aus einem Kessel spülte die Seife von seinem Rücken. Er wollte Hilde den Schwamm aus der Hand nehmen, um sich weiter zu waschen, aber Hilde ließ es nicht zu.

„Kommt gar nicht in Frage“, widersprach sie. „Brautbad bleibt Brautbad.“

Der junge Mann sah sie verwirrt an.

„Erklärst du mir, was das ist?“

„Nun, hier ist es Sitte, dass die Braut den Bräutigam wenigstens einmal vor der Hochzeit badet. Früher, in barbarischer Zeit, hatte das wohl den Zweck, dass der Mann wenigstens einmal sauber sein sollte. Zeitweise war es auch Bestandteil der Hochzeitsnacht“, erklärte die Prinzessin.

„Kann ich mir denken“, seufzte Philipp leise.

„Warum?“

„Kannst du dir denken, was dein Brautbad bei mir bewirkt?“

„Ich sehe es, mein König.“

„Sag’, mein Herz, hat dein Bruder den Hochzeitstermin schon bestimmt?“, fragte er, genüsslich schnurrend.

„Nein, aber er könnte sich das Dreikönigsfest vorstellen, oder Weihnachten.“

„Die Idee ist sehr ansprechend. Ich hatte zwar eher an eine Hochzeit zu Ostern in der Bischofskirche in Steinburg gedacht, aber doppelt hält bekanntlich besser.“

„Mit anderen Worten: Du würdest mir auch zweimal die Treue schwören?“, fragte Hilde lächelnd, während sie jeden seiner Zehen einzeln schrubbte.

„Auch drei- und viermal, wenn du willst. Ich hoffe, ich vergesse nie, dir mindestens einmal am Tag zu sagen, dass ich dich liebe“, antwortete er und stupste sie sanft an der Nase, was einen weißen Schaumfleck hinterließ.

„In den letzten Monaten, seit du mich hergebracht hast, habe ich nichts gehört“, grinste Hilde schelmisch.

„Solltest du meine Rufe aus Steinburg einfach überhört haben?“, fragte er mit schelmischem Lachen. Statt einer Antwort küsste sie ihn einfach.

„Wie wäre es, wenn ich dir ein Brautbad bereite?“, fragte er nach einer ganzen Weile beredten Schweigens.

„Das ist Sache der Frau, Liebster.“

„Ja, du wirst meine Frau, meine Königin, mit der ich die Verantwortung für mein Volk teilen werde – auch wenn du allein Wengland nie regieren dürftest. Aber solange ich König bin, wirst du nicht einfach neben mir sitzen und deine Schönheit präsentieren, sondern mit mir zusammen regieren. Ich setze dich auf einen gleich hohen Thron an meine rechte Seite. Deshalb steht es auch mir an, dir ein Ehrenbad zu geben.“

„Und wann möchtest du das tun?“

„Sobald du mit mir fertig bist“, erwiderte Philipp mit sanftem Lächeln. Hilde schüttelte den Kopf.

„Lass uns das auf die Hochzeitsnacht verschieben, Liebling. Das, was ich in deinen Augen lese, kommt nämlich nicht in Frage, bevor wir getraut sind. Säße ich nach dir im Bad, hätte ich nicht mehr die Kraft, dir sanftem Verführer zu widerstehen.“

„Meinst du, ich könnte dir widerstehen?“, fragte Philipp leise. Die zärtliche Vertrautheit war schon zu weit fortgeschritten. Der folgende Kuss bewies es. Hilde gestand sich ein, dass es für sie kaum etwas Schöneres geben konnte, als jetzt von Philipp gebadet zu werden und eine schöne Nacht mit ihm zu verbringen.

„Ich habe dich bei der Tafel entschuldigt“, sagte sie weich. „Mein Bruder war einverstanden, das offizielle Begrüßungsmahl auf morgen Mittag zu verschieben.“

„Wir haben also richtig Zeit für uns, ja?“

Hilde nickte nur …

Der Weihnachtsmorgen fand das königliche Paar im sanften Schlummer des gemeinsamen Erlebnisses. Ein Sonnenstrahl, der durch die Fenster auf einen Metallspiegel fiel, wurde von dort auf Hildes Gesicht reflektiert und weckte die Prinzessin. Neben sich spürte sie Philipps wunderbare Wärme. Wie von selbst begann ihre Hand eine zärtliche Wanderung über seine Haut. Vorsichtig, aber doch neugierig erforschte sie den kraftvollen Körper des schlafenden Mannes neben sich. Unter seiner Haut ertastete sie die harten, durchtrainierten Muskeln, die ihn zu einem gefürchteten Schwertkämpfer und ausdauernden Bogenschützen machten. Wie viel geduldige Arbeit und harte Übung musste es gekostet haben, diese Kraft aufzubauen – und sie zügeln zu lernen? Das, was Philipp in dieser Nacht getan hatte, hatte nichts mit seiner Körperkraft zu tun. Liebevoll und sanft streichelte sie ihn wach …

Sehr viel später trafen der König und sein Gefolge beim Gastmahl des Herzogs ein. Als alle versammelt waren, erhob sich der junge Herzog.

„König Philipp, ich heiße Euch am Hof von Stolzenfels willkommen. Wenn Ihr jetzt wieder fortgeht, wird dieser Hof bedeutender Schönheit und Anmut beraubt sein, denn Ihr werdet meine Schwester, die mein Vater Euch zur Braut gab, mit nach Steinburg nehmen. Fast möchte ich Euch deshalb bitten, Eure Residenz nach Stolzenfels zu verlegen, damit meine geliebte Schwester mir nicht so fern ist. Seid meiner Freundschaft versichert, edler Philipp. Bleibt, solange Ihr mögt. Stolzenfels wird Euch immer offenstehen.“

Der Herzog erhob seinen Becher, die an der Tafel sitzenden Männer taten es ihm gleich, man trank einen Schluck köstlichen Rebmärker Wein. König Philipp stand auf.

„Danke, Herzog Matthias. Wir waren schon gute Freunde, als ich noch ein Prinz ohne Erbe war. Ihr habt mir die Treue in bösen Tagen gehalten, Ihr sollt auch die schönen teilen dürfen. Keinen Tag länger mag ich auf meine geliebte Hilde verzichten. Ich möchte sie so schnell wie möglich zu meiner Königin machen. Da wir aus verschiedenen Fürstenhäusern stammen, möchte ich die Hochzeit nicht nur in Wengland, sondern auch hier in Scharfenburg feiern. Herzog Matthias: Ich lade Euch zu beiden Feiern ein. Steinburg, mein herzoglicher Freund, wird den Scharfenburgern stets offen sein. Die Ehe zwischen Eurer Schwester und mir möge eine dauerhafte Freundschaft und Verbundenheit unserer Reiche besiegeln.“

Die am Tisch befindlichen Scharfenburger applaudierten spontan, tranken dem König zu.

„Übrigens, Matthias, ich vermisse die herzoglichen Frauen“, sagte Philipp dann.

„Sie werden gleich kommen“, gab Matthias zurück. „Sie wollten sich für dieses Mahl besonders schön machen.“

In diesem Moment erschien der Ausrufer im Rittersaal, stieß die reich verzierte Lanze dreimal auf und rief:

„Herzogin Christine von Scharfenburg und Prinzessin Hilde von Scharfenburg!“

Die Männer sahen gebannt zur großen Flügeltür, die breit geöffnet wurde. Die Schönheit der beiden Frauen brachte sämtliche Gäste dazu, sich ehrerbietig zu erheben. Philipp verneigte sich, seine Ritter taten es ihm gleich, die Scharfenburger folgten der königlichen Höflichkeit. Matthias und Philipp verließen wie verabredet ihre Plätze, um die Frauen zu ihren Hochsitzen zu geleiten.

Christine umarmte ihren Sohn und drückte ihn fest an sich.

„Philipp, ich danke Gott, dass du lebst – und dass du geschafft hast, was dein Vater wollte: eines Tages unabhängiger König Wenglands zu sein. Gott segne dich, Philipp.“

„Ich hätte dir gern früher Nachricht gegeben, aber …“

„Lass’ es gut sein, mein Sohn“, erwiderte die Herzogin. Sie nahm Hildes Hand und legte sie auf den Arm ihres Sohnes.

„Geleite sie, mein König, denn sie wird deine Königin sein“, sagte sie. Philipp verneigte sich und führte die vor Glück strahlende Hilde zu dem freien Sitz neben seinem Platz. Herzogin Christine durfte neben ihrem Stiefsohn am Kopfende der Tafel Platz nehmen.

„Da wir nun vollzählig sind, König Philipp: Meine Schwester hat mir gestanden, dass sie es kaum erwarten kann, Eure Gemahlin zu werden. Aus Euren Worten habe ich entnommen, dass es Euch ebenso geht. Ich habe – ohne Euch zu fragen – mit dem Bischof von Scharfenburg, Graf Kreuzeck, besprochen, dass sich das Dreikönigsfest für eine Hochzeit sehr gut eignet. Seid Ihr einverstanden?“, fragte Matthias. Philipp sah Hilde einen Augenblick an.

„Nicht ganz“, sagte er dann. „Dann müsste ich noch beinahe zwei Wochen warten, und diese Frist will mir einfach zu lang erscheinen. Von mir aus könnte die Hochzeit heute sein.“

Ein Lachen ging durch die Tafelrunde. Der Bischof, der Philipp gegenübersaß, schluckte den Bissen vor Lachen recht mühsam herunter.

„Wir wollen Euch nicht warten lassen, Majestät“, sagte er dann. „Wenn Ihr bereit seid, kann die Trauung heute noch erfolgen.“

„Gern“, erwiderte Philipp. „Je weniger Aufschub, desto besser.“

Noch am selben Tag wurden die jungen Leute in der Stolzenfelser Bischofskirche vor Augen und Ohren des Scharfenburger Hofes getraut. Als die Hochzeitsgäste in die Burg zurückkehrten, hatten die Diener alle Räume des Königspaares festlich geschmückt, die Hochsitze am Kopf der Tafel im Rittersaal für die Brautleute hergerichtet. Bis tief in die Nacht hinein wurden Hochzeit und Weihnachtsfest gemeinsam fröhlich gefeiert. Dank der erholsamen Nacht zuvor befiel das junge Paar keine zu frühe Müdigkeit. Als sich die Hochzeitsgesellschaft schließlich auflöste und das junge Paar sich zurückziehen wollte, legte Matthias seinem Schwager vertraulich eine Hand auf den Arm.

„In Scharfenburg ist es Sitte, dass der Bräutigam die Braut von der Tafel ins Brautzimmer trägt“, sagte er.

„Und wenn es um die ganze Stadtmauer wäre: Hilde trage ich auf Händen!“, erwiderte Philipp lachend, hob Hilde auf seine Arme und trug sie – begleitet von Herzog Matthias Hofstaat und der Herwigsgarde – in ihre nun ganz offiziell gemeinsamen Gemächer, wo sie allein blieben.

So begann eine lange Periode freundschaftlicher Verbundenheit zwischen Wengland und Scharfenburg, die erst nach fast dreißig Jahren eine kurze Pause erfahren sollte.

– Und Wengland war ein unabhängiges Königreich –

ENDE

 

 

Glossar

 

Auch in dieser Geschichte gibt es Ausdrücke, die nicht jedem geläufig sind und der näheren Erläuterung bedürfen. Es gilt wie immer: Wenn ein Wort nicht verstanden wird und hier nicht zu finden ist: Bitte melden!!!

Rätien: alte Bezeichnung für das schweizerische Graubünden, aber auch für den Vintschgau in Südtirol.

Sax: kurzes Schwert, länger als der römische Gladius, aber deutlich kürzer als die zeitgleich gebräuchliche Spatha

Spatha: germanisches Langschwert mit kurzer Parierstange

Stanuc: alter Name für Stanz bei Landeck

Zeichen: Diese Geschichte spielt im Frühmittelalter. Den Begriff Wappen, der die hier beschriebenen Zeichen sicher besser definiert, kannte man zu dieser Zeit noch nicht; dennoch gab es schon gewisse Zeichen und Farben, die einzelne Stämme voneinander unterschieden. Zu den bekanntesten Symbolen der Antike und des Frühmittelalters zählen wohl immer noch der römische Adler, der gallische Hahn und das ebenso gallische Wildschwein (nein, nicht das, was Obelix so gern verputzt. Es gab bei den gallischen Stämmen auch Tragzeichen in Gestalt eines Wildschweins …) oder der normannische Löwe und der Drachenkopf der Wikinger.

Die Stämme in der Region, die Wengland, Wilzarien, Breitenstein und Scharfenburg ausmacht, haben schon eine etwas feiner unterscheidende Symbolik, die im Hochmittelalter auch direkt in die Heraldik übergeht, aber der Begriff Wappen wird erst in den Kreuzzügen ab dem 11. Jh. geprägt. Konsequenterweise sind die ersten Wappen, die so bezeichnet werden, Kreuzwappen wie das der Barone von Ibelin oder des Königreichs Jerusalem. Gleichwohl ist die wenglische Lilie (eine goldene Lilie auf grünem Grund) als Symbol für Wenglands Herrscherhaus über dreihundert Jahre älter als die ältesten Kreuzwappen … Sie beruht auf den gelben Wasserlilien, die am Ufer des Burgsees von Steinburg in großer Zahl wachsen.

Zelter: speziell trainiertes Pferd, das im Trab im Passgang läuft, also die Beine nicht über Kreuz, sondern parallel setzt. Diese Gangart galt als besonders bequem für Damen und sicher für den Damensitz.

Zernez: Das Dorf im Engadin am Fuß des Ofenpasses wird zwar erstmals im 12. Jh. urkundlich erwähnt, die Gegend ist aber schon sehr viel länger besiedelt. Auf dem Ofenpass gibt es bei Ova Spin neusteinzeitliche Siedlungsspuren, der Pass selbst bestand schon zur Römerzeit zumindest aus einem Saumweg. Mit dem Julierpass im Oberengadin bildete der Ofenpass ebenfalls in römischer Zeit eine Seitenverbindung der westlichen Via Claudia Augusta (sie führte von Verona durch das Etschtal, über den Reschenpass, Landeck und den Fernpass nach Augsburg) über die Bündner Täler ins Churer Rheintal. Im Frühmittelalter galt dieser Weg als wichtige Verbindung in Richtung Chur und weiter nach Norden an den Bodensee.

Da bei Zernez die Ofenpassstraße von der Straße zwischen Ober- und Unterengadin abzweigt, das weiter höher am Pass gelegene Ova Spin schon in der Neusteinzeit besiedelt war, halte ich es für wahrscheinlich, dass dieser Knotenpunkt bereits zu römischer Zeit ebenfalls besiedelt war. Ob der wahrscheinliche Flecken im 9. Jh. schon Zernez hieß, ist dabei natürlich unsicher …

 

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