Gundolfs Bibliothek

Die Verborgenen Lande – Ulrich von Wengland – online

Updated: 27. April 2017

Geschichte beendet

 

 

 

Ab 16 Jahre

 

 

Kapitel 1

Ruhe sanft, Martin!

 

Wengland erlebte in diesem Jahr 1260 seinen wohl traurigsten Sommer. Nach schwerer Krankheit verstarb Königin Regina im hohen Alter von achtundsiebzig Jahren. Kaum war sie beigesetzt, da wurde der achtzigjährige König Martin sehr krank. Den Tod seiner über alles geliebten Frau konnte der alte König nicht verwinden. Seine Söhne Ulrich und Eginhard waren schon seit vielen Jahren tot, und der frühe Tod seiner Söhne hatte König Martin schwer getroffen. Aber nichts kam dem Schmerz gleich, der ihn seit dem Tod seiner geliebten Regina peinigte. Der alte König fühlte sein Ende nahe und ließ seinen Enkel Ulrich kommen, den einzigen Sohn seines ältesten Sohnes Ulrich, der nun der Thronerbe war.

Ulrich war ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, mit knapp sechs Fuß hochgewachsen und sehr schlank. Dichte, dunkelbraune Locken umrahmten ein feingezeichnetes, schmales Gesicht, aus dem warme Augen leuchteten, die die Farbe dunklen, transparenten Bernsteins hatten und in denen die Intelligenz des jungen Mannes nicht zu übersehen war. Nachdem sein Vater und seine Mutter einer Pockenepidemie zum Opfer gefallen waren und sein Onkel Eginhard bei einem Turnier unglücklich zu Tode gestürzt war, hatte Martin Ulrich junior schon seit dem zarten Alter von vier Jahren konsequent zum Thronfolger erzogen. Er hatte ihn von den besten Waffenmeistern seines Reiches unterrichten lassen und sich selbst viel Zeit für ihn genommen. Ulrich hatte viel von seinem Großvater. Nicht nur, dass die meisten Höflinge behaupteten, er sähe ihm sehr ähnlich, ja er sei das getreue Abbild des jungen Martin von Wengland; nein, er war wie sein Großvater ein ausgezeichneter Schwertkämpfer, ein zielsicherer Bogenschütze und galt als im Turniergestech beinahe unschlagbar. Als professioneller Turnierritter hätte er ein Vermögen verdienen können. Doch Ulrich zeichnete die gleiche persönliche Bescheidenheit aus, die auch seinem Großvater zu Eigen war. Außerdem hatte er den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn seines Großvaters geerbt, und das hatte in ihm früh das Interesse an den Gesetzen seines Landes geweckt. Ulrich arbeitete gerade an einer Sammlung der in Wengland gültigen Gesetze, als seine Großmutter – für ihn geliebte Mutter – plötzlich erkrankte und kurz danach verstarb. Der junge Mann trauerte noch um die Großmutter, als der Diener des Königs ihn nun zu seinem Großvater rief.

Ulrich trat in das Schlafgemach seines Großvaters ein und wurde blass, als er den kränklichen Zustand des alten Mannes bemerkte. Solange er seinen Großvater kannte, war er ein Mann von eiserner Gesundheit und starker Natur gewesen. Diese starke Natur hatte den König auch schwere Verletzungen bald überwinden lassen. Aber nun schien den alten Mann jeglicher Lebensmut verlassen zu haben.

„Großvater – du nicht auch!“, entfuhr es dem jungen Ritter erschrocken.

„Ulrich, komm her!“, befahl Martin. Seine Stimme klang matt und brüchig. Schweigend trat Ulrich an das Bett seines Großvaters.

„Setz dich, mein Junge“, setzte der alte Mann dann sanft hinzu. Gehorsam setzte sich der Prinz.

„Ulrich – ich werde meiner Regina folgen, daran führt kein Weg vorbei“, erklärte Martin matt.

„Nein, Großvater! Lasst mich noch nicht allein!“, rief Ulrich, als könnte die Lautstärke seinen Großvater retten.

„Ulrich!“, erwiderte der König mit gewisser Schärfe. „Du musst dich schon zusammennehmen!“

Er winkte die Diener hinaus, die Tür schloss sich leise hinter ihnen.

„Es ist nicht leicht für dich, mein Junge, das weiß ich nur zu gut. Fünfzig Jahre ist es her, da saß ich – so wie du jetzt – am Sterbebett meines Vaters Rudolf. Mein Vater hat mir damals deutlich gemacht, dass sich meine Trauer auf die Beisetzung und meine Privatsphäre zu beschränken hat. Wenn du allein bist, mein Sohn, kannst du dein Gemach getrost unter Wasser setzen, wenn dir vor Trauer nach Heulen zumute ist. Aber tue es nie in der Öffentlichkeit! Wenn ich tot bin, trägst du die Verantwortung für Wengland und die guten Beziehungen zu unseren Nachbarn. Du wirst dafür all deine Kraft brauchen. Öffentliche Trauer ist dir dabei nur sehr, sehr hinderlich.

Suche dir beizeiten eine Frau. Es wird Zeit, dass du heiratest und dem Reich einen Erben gibst. Suche dir eine Frau, wie Königin Regina es war. Sie war mir nicht nur eine wunderbare Königin, sie war mein bester Ratgeber, meine Freundin, meine Geliebte – und zur Not meine Klagemauer. Wenn Wengland dir ein solches Juwel nicht bieten kann, sieh dich unter den Töchtern Scharfenburgs um. Ich kann es dir aus eigener Erfahrung nur empfehlen.“

Für einen Moment kehrte jenes Glitzern in die Augen des alten Königs zurück, das ihn berühmt gemacht hatte. Viele nannten dieses Funkeln das Feuer der Gerechtigkeit. Martins stets milde Gerechtigkeit hatte ihm den Beinamen der Gütige eingetragen, aber die meisten seiner Untertanen nannten ihn den Großen. Mehr als fünfzig Jahre lang hatte Wengland in Frieden mit seinen Nachbarn gelebt. Der letzte Krieg lag nun schon bald sechzig Jahre zurück. Martin hatte alles daran gesetzt, den Frieden zu erhalten, was nicht hieß, dass er leichtfertig zurückgesteckt hatte. Dennoch hatte es sogar mit den Wilzaren keine Handgreiflichkeiten gegeben. Nur zu diplomatischen Querelen war es mit den kriegerisch veranlagten Wilzaren gelegentlich gekommen.

„Ulrich, mein Junge, ich hinterlasse dir ein Reich, indem Frieden ist, in dem es den Menschen gut geht. Presse nie deine Untertanen. Lasse ihnen Freiheit und fordere nie mehr als zehn Prozent ihrer Einnahmen. Das genügt, um dir einen königlichen Hof zu finanzieren und dir ein Heer zu halten, das Wengland vor äußeren Feinden schützen kann. Vermeide unnötigen Prunk, der nur Neid hervorruft, halte deine Grafen möglichst an einer kurzen Leine, damit sie das Volk nicht unnötig durch Fronarbeiten von seinem Broterwerb abhalten. Erhalte dir die Freundschaft deines Volkes. Das ist viel wichtiger, als dass deine Grafen deine Freunde sind. Auf ein dir ergebenes Volk kannst du zählen, auf Grafen, die es eventuell auf deinen Thron abgesehen haben, nicht. Das heißt aber nicht, dass du nun die Grafen knechten sollst. Knechte niemanden! Sei du der erste Diener deines Volkes“, erklärte Martin eindringlich. Er nahm Ulrichs rechte Hand, zog den königlichen Siegelring von seinem eigenen Finger und steckte ihn Ulrich an.

„Dies ist das Siegel, das dich zum Regenten dieses Landes macht. Du hast in den letzten Jahren gesehen, dass ich versucht habe, dieses Land möglichst sanft und milde zu regieren. Was meine Regierungszeit anbelangt, kann ich getrost vor unseren Herrn treten. Bei allem, was du tust, mein Junge, frage dich zuerst, ob du es vor Gott verantworten kannst, dann, ob du es vor deinem Volk verantworten kannst und erst dann, ob es dir selbst einen Vorteil bringt. Du wirst einmal König von Gottes Gnaden genannt werden. Erweise dich Gottes Gnade für würdig.

Von diesem Augenblick an bist du der Prinzregent von Wengland. Ich weiß, dass Regierung eine schwere Bürde ist. Aber ich glaube, dass Regina und ich dich mit allem ausgerüstet haben, was du für eine weise Regierung deines Volkes brauchst. Deshalb lege ich das Wohl unseres Volkes getrost in deine Hände. Sei ein ritterlicher Fürst. Scheue dich nicht, dein Leben aufs Spiel zu setzen, wenn das Wohl des Volkes – auch einer einzelnen Person – es erfordert. Scheue dich auch nie, vorsichtig zu sein und einen Plan noch einmal zu überdenken. Verlasse dich nie nur auf deine Ratgeber! Gott hat dir einen Kopf zum Denken gegeben! Benutze ihn, denn du hast die nötige Intelligenz.

Nur eines darfst du niemals tun: Sperre kritische Geister nicht ein! Setze dich mit ihnen auseinander. Wenn ihre Argumente und Vorschläge gut sind, kannst du ihnen folgen. Sind ihre Argumente schlecht, wirst du passende Antworten finden. Aber wenn du sie einsperrst oder verfolgst, werden sie immer mächtiger. Denke daran, mein Sohn!

Die Tradition verlangt, dass du vor deiner Krönung drei Monate in das Kloster Wachtelberg gehst, um dich in Ruhe auf die Bürde der Königskrone vorzubereiten. Nutze diese Zeit! Lerne, Gottes Stimme zu hören und seine Gebote zu befolgen. Vertraue ihm, denn er wird dich führen. Es ist auch eine Zeit, in der du deine Trauer um deine Großeltern bewältigen kannst. Es ist keine Schande, zu weinen, wenn es niemand sieht, außer Gott.“

Ulrich sah auf seinen Ringfinger, betrachtete das Siegel.

„Über all diese Dinge haben wir doch schon gesprochen, Großvater“, sagte er dann.

„Ich möchte, dass du es dir noch einmal in Erinnerung rufst. Du kannst nicht oft genug an das Wohl deines Volkes denken“, erwiderte der König.

„Gilt das auch für eine Heirat?“

„Sicher. Auf jeden Fall langfristig. Such dir deine Frau, wo immer du magst. Nur vor den Wilzaren hüte dich, mein Junge! König Havarik war verschlagen und falsch, König Livor war nicht besser und dem jetzigen König Ranador traue ich nicht über den Weg. An deiner Stelle würde ich keine Wilzarin heiraten, das würde dir nicht nur dein Volk übel nehmen, das würde kein Volk in unserer christlichen Nachbarschaft verstehen. Sieh dich also vor. Ansonsten kannst du deine Frau frei wählen. Sei dir nur sicher, dass du sie liebst, dass sie dich liebt und dass dein Volk sie lieben kann. Als ich mich so unsterblich in meine Regina verliebte, befanden sich Wengland und Scharfenburg im Krieg miteinander. Mir war klar, dass Regina nur meine Frau werden konnte, wenn wir Frieden mit Scharfenburg haben würden. Also habe ich mich um Frieden bemüht. Solche Frauen wie meine Regina gibt es nicht oft. Sie sind wie Diamanten im Wüstensand. Aber wenn dir eine begegnet, wirst du sie erkennen. So viel hast du von deinem Großvater“, lächelte Martin.

„Großvater – ich bin nicht du“, wandte Ulrich ein.

„Das redest du dir ein, mein Sohn“, entgegnete der alte Mann. „Du bist der Sohn meines Sohnes, der Kronprinz von Wengland. Ich habe bisher nicht feststellen können, dass du für das Königsamt nicht geeignet wärst. Dass du Zweifel an dir selbst hast, ist natürlich. Ich hatte sie auch. Aber ich kann dir aus Erfahrung sagen, dass das Amt viel Verstand mit sich bringt.“

Er schloss die Augen.

„Lass den Thronrat kommen, mein Junge“, bat er. Ulrich nickte, stand auf und ging hinaus. Martin schlug die Augen noch einmal auf und sah zur Decke, an der unter den anderen Wappen des Königreichs Wengland auch das Wappen derer von Ibelin angebracht war. Ein seliges Lächeln schlich sich auf das Gesicht des alten Königs, als er an seinen geliebten Onkel Balian von Ibelin dachte, seinen Erzieher, der ihn zusammen mit seiner Gemahlin Sibylla alles gelehrt hatte, was ein König wissen musste – und vieles darüber hinaus. Beide mochten ihre eigentlich zweiten Namen angenommen haben, um Verfolgung zu entgehen, doch für ihn waren sie immer die geblieben, als die er sie an seinem achten Geburtstag kennen gelernt hatte. Martin dachte an Ibelin und Jerusalem, wo er mit seinen Erziehern eine Zeitlang hatte leben dürfen. Er schloss die Augen und war wieder dort; in dem rustikalen Gutshaus, vor dem Totentanz …

Quod sumus hoc eritis … So, wie wir sind, so wirst du sein“, zitierte er den Spruch des Totentanzes, den er damals vor fast siebzig Jahren in Ibelin gelesen hatte. „Onkel Balian … Tante Sibylla … ich komme heim …“, flüsterte er. „Ibelin, Jerusalem … ich komme … Je… ru… salem …“

Leise machte sich seine Seele auf den Pfad zum Himmel.

„Seine Majestät verlangt nach dem Thronrat“, sagte Ulrich draußen vor der Tür zu dem Diener, der vor der Tür stand.

„Ich hole die Grafen, Königliche Hoheit“, erwiderte der Diener mit einer Verbeugung und ging fort. Bald kehrte er mit den sechs Thronratsfürsten zurück. Zusammen mit Ulrich, dem Grafen von Steinburg, war der Thronrat vollständig. Gemeinsam betraten die Grafen das Gemach des Königs. Graf Wedigo sah den König an – und wusste, dass er einen Toten sah.

„Holt sofort den Medicus!“, befahl er einem Diener, der auch sogleich davoneilte.

Wenig später war der Medicus zur Stelle.

„Seine Majestät ist tot. Er ist ganz friedlich eingeschlafen“, sagte der Arzt.

Graf Wedigo wandte sich an Ulrich:

„Der König ist tot – es lebe der König!“

Ulrich schüttelte den Kopf.

„So dürft Ihr mich erst nennen, wenn die Krönung vollzogen ist. Bis dahin bin ich wohl der Thronfolger und Prinzregent, aber noch nicht der König. Traditionsgemäß werde ich mich für drei Monate in das Kloster Wachtelberg begeben. Ich bitte Euch, bis zum Tag meiner Krönung einen Reichsvogt zu bestimmen, damit das Reich nicht ohne Regierung ist“, erwiderte er.

Die Grafen des Thronrates sahen sich verblüfft an. Graf Siegbert fand als Erster die Sprache wieder:

„Wahrlich: Ihr seid der Enkel Eures Großvaters. Als Thronfolger habt Ihr das Vorschlagsrecht. Wer soll das Reich bis zu Eurer Krönung verwalten?“

Ulrich sah in die Runde. Sein Blick blieb schließlich an Siegbert hängen.

„Ihr seid der Älteste, Graf Siegbert. Deshalb schlage ich Euch für das Amt des Reichsvogtes vor“, entschied der Prinz. Die Grafen waren von dem Thronfolger mehr beeindruckt, als sie zugeben mochten. Dem gerade Fünfundzwanzigjährigen hatten sie nicht zugetraut, kluge Entscheidungen zu treffen. Offenbar hatten sie nicht bemerkt, dass Ulrich seinem Großvater in den letzten sieben Jahren kaum von der Seite gewichen war. Der junge Prinz hatte sich bislang unauffällig benommen und sich zu den Problemen der Reichsführung nicht gegenüber den Grafen geäußert. Aber er hatte zugehört und sich mit den anstehenden Aufgaben mehr auseinandergesetzt, als der Thronrat es vermutet hatte. Die Grafen waren einverstanden. Siegbert wurde im Sterbezimmer des alten Königs zum Reichsvogt bestimmt und sofort auf die Bibel des Königs vereidigt.

Ulrich seufzte leise.

„Bitte, Ihr Herren – lasst mich mit meinem Großvater allein“, bat er. Wedigo begriff und schob seine Fürstenkollegen diskret aus dem Raum. Als die Tür geschlossen war, brach die Beherrschung des Prinzen zusammen. Er fiel auf die Knie und weinte bitterlich.

Am darauf folgenden Tag wurden König Martins sterbliche Überreste im Dom zu Steinburg aufgebahrt. Reitende Boten wurden ausgesandt, um den Tod des Königs bekannt zu machen. In Wengland herrschte Trauer. Nicht, weil der Reichsvogt Staatstrauer angeordnet hatte, sondern weil das wenglische Volk seinen König geliebt hatte. So lange es Wengland als eigenes Staatsgebilde gab, war noch kein König oder Herzog so sehr – schon fast närrisch – in Ehren gehalten worden. Der Strom derer, die Martin II. die letzte Ehre erweisen wollten, riss nicht ab. Während der dreitägigen Aufbahrungszeit war ständig eine nicht enden wollende Schlange von Menschen vor dem Dom – und die Besucher schämten sich ihrer Tränen nicht. Der alte König war ein sicherer Garant für Frieden gewesen. Es gab viele Bürger, die nach Martins Tod Angst vor dem hatten, was da kommen würde – und sie ahnten nicht einmal, wie begründet ihre Angst war.

Am dritten Tag nach seinem Tod wurde der verstorbene König feierlich beigesetzt. Die Totenmesse und die Beisetzung in der Königsgruft in der Domkrypta waren so massenhaft besucht, dass es Reichsvogt Siegbert unbehaglich wurde. Aber Martin hatte in seinem Testament ausdrücklich verfügt, dass seine Beerdigung für jeden seiner Untertanen zugänglich sein sollte. Nicht nur das Volk hatte seinen König geliebt, der König hatte auch sein Volk geliebt. Eine Stunde nach der Beisetzung reiste Ulrich nach Wachtelberg ab. Er brauchte jetzt dringend geistlichen Trost, den er sich von den traditionellen Exerzitien erhoffte. Der Reichsvogt sandte erneut Boten aus, die die Thronfolgeregelung und den voraussichtlichen Krönungstermin des Kronprinzen bekannt machten.

Graf Irnwart von Südwengland kehrte nach Rothenfels, der Hauptstadt Südwenglands, zurück. Diese an Wilzarien grenzende Provinz war erst wenige Jahre vor der Thronbesteigung König Martins nach einer mehrmonatigen Besetzung durch Wilzaren wieder wenglisch geworden. War Martin schon sonst in Wengland ein beliebter und geschätzter Monarch gewesen – hier verehrte man ihn besonders. Seine gütige und gerechte Herrschaft hatte die Wunden der wilzarischen Besetzung heilen können. Graf Irnwart war immer noch tief vom Tod des Königs getroffen – und er hatte gleich eine böse Ahnung.

„Gott sei Prinz Ulrich gnädig“, brummelte er, als er in der Rüstkammer seine Waffen ablegte.

„Was meint Ihr damit, Herr?“, fragte sein Diener, der ihm die Rüstung abnahm.

„König Martin ist tot“, sagte Irnwart leise. „Prinz Ulrich leistet die traditionellen Exerzitien und Graf Siegbert hat nur beschränkte Vollmachten. Unser südöstlicher Nachbar wird nicht lange warten, fürchte ich. Ranador ist wie sein Vater und sein Großvater auf Südwengland scharf“, orakelte er düster.

„Ihr solltet den Reichsvogt warnen, Herr“, empfahl der Diener.

Irnwart schüttelte den Kopf.

„So klug ist der Reichsvogt auch“, entgegnete er – und unterließ es, Graf Siegbert zu warnen.

AAA

Kapitel 2

Hinterlist

Noch am selben Abend des Tages, an dem König Martin verstorben war, ritt ein eiliger Bote von der wilzarischen Gesandtschaft zu Steinburg nach Wilzaris, der Hauptstadt des Wilzarenreiches. Fürst Aldaron, der Gesandte des wilzarischen Königs, beließ es zunächst bei einer förmlichen, schriftlichen Beileidsbekundung an den Reichsvogt.

Als der Bote Wilzaris mitten in der Nacht erreichte, konnte sein Leibdiener es wagen, den König sofort zu wecken, hatte König Ranador doch einst die Anweisung gegeben, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit augenblicklich zu informieren, wenn in Wenglands Königshaus etwas geschah. So wurde König Ranador zu nächtlicher Stunde vom Ableben seines Hauptfeindes Martin unterrichtet. Schon längere Zeit hatte er sich mit dem Gedanken getragen, einen neuen Eroberungsversuch zu machen. Aber er hatte es nicht gewagt, solange der König noch lebte.

„Wohl, wohl, dafür hat es sich gelohnt, mitten in der Nacht aufzustehen!“, frohlockte Ranador.

„Herr, Reichsvogt Siegbert kann das Heer nur mit drei anderen Thronräten alarmieren“, setzte der Bote noch zu seinem Bericht hinzu. Der König nickte wohlwollend.

„Du weißt, worauf es ankommt“, lobte er den Boten, der unterwürfig vor ihm kniete.

„Hesekar, mein Kanzler, gib Fürst Aldaron Nachricht! Sagor wird schon etwas einfallen“, befahl Ranador seinem obersten Beamten, der inzwischen hinzugeholt worden war.

„Ja, Herr“, verbeugte er sich gemessen.

In der Woche darauf wurde Fürst Sagor von Aldaron, der als Gesandter Wilzariens in Steinburg lebte, ein Bote aus Wilzaris gemeldet und das Unheil nahm seinen Lauf.

„Lasst den Boten ein!“, wies Aldaron seinen Diener an. Der Bote trat ein, fiel vor dem Fürsten zu Boden und machte den vorgeschriebenen Kotau*.

„Was bringst du?“, fragte Aldaron.

„Eine Botschaft für den großen Aldaron“, sagte der Bote, noch immer vor den Füßen des Fürsten liegend.

„Steh auf!“, sagte der Fürst und nahm das Schreiben seines Herrn. Mit interessierter Miene las er den unmissverständlichen Befehl, die Thronräte außer Gefecht zu setzen, damit Wengland erobert werden könnte.

„Nur zu gerne!“, knurrte er schließlich. „Lass dir ein frisches Pferd geben, reite sogleich zurück und bestelle Seiner Majestät, dass ich seinen Auftrag gewissenhaft ausführen werde. Sag ihm, dass ich versuchen werde, die Grafen für die kommende Woche in das Jagdhaus Aventur nach Südwengland einzuladen. Sollte das nicht gehen, sende ich eine Brieftaube und teile mit, was ich dann unternehme.“

Der Bote verneigte sich tief, bestätigte den Auftrag und ritt sogleich wieder aus Steinburg fort.

Aldaron wandte sich an seinen Diener:

„Geh zur Königsburg. Sag dem Reichsvogt, dass der Gesandte Wilzariens um eine Audienz ersucht.“

Der Diener verbeugte sich und eilte sogleich zur Steinburg. Wenig später war er zurück.

„Herr, der Reichsvogt erwartet Euch im Thronsaal der Burg.“

Aldaron zwirbelte sich den Schnurrbart.

„So einen Spaß habe ich mir schon lange nicht mehr gemacht!“, grinste er.

Umgehend erschien der Gesandte in der Burg. Zwei Herwigsgardisten geleiteten ihn in den Thronsaal. Der Königsthron am Kopfende des Saales war mit schwarzem Tuch zum Zeichen der Trauer verhüllt. Schwert und Zepter lagen gekreuzt auf den Armlehnen des Thronsessels. Siegbert und die Grafen des Thronrates standen vor dem Thron, als Aldaron eintrat.

„Seid gegrüßt, Fürst Aldaron. Ihr hattet um ein Gespräch gebeten?“

„So ist es“, erwiderte der Gesandte und verneigte sich. „Mein Herr, König Ranador von Wilzarien, hat durch mich vom Ableben Seiner Majestät, König Martin II. von Wengland erfahren. Er entbietet Euch durch mich sein Beileid“, verkündete der Wilzare. „Ihr seht wirklich betrübt aus“, setzte er dann hinzu.

„Wir haben unseren König geliebt, Fürst“, erwiderte Siegbert. „König Martins Tod ist ein schwerer Verlust für Wengland.“

Aldaron sah die Thronräte an.

„Erlaubt, dass ich Euren düsteren Mienen etwas Helle verleihe. Sonst war um diese Zeit die Königsjagd in Südwengland. Ich habe diese Jagd immer sehr genossen und möchte sie nicht missen. Ich weiß, dass Euch die Trauervorschriften die Ausrichtung der Jagd verbieten. Deshalb möchte ich die Jagd dieses Jahr veranstalten“, bot der Wilzare an. Siegbert schüttelte den Kopf.

„Wir können in der gegenwärtigen Situation nicht alle Steinburg verlassen – ich schon gar nicht“, gab der Reichsvogt zu bedenken.

„Oh, wie schade“, erwiderte Sagor Aldaron mit gut verdeckter Heuchelei. „Ich hatte wenigstens vier Fürsten des Thronrates eingeplant. Insbesondere natürlich Euch, Graf Siegbert, und den Kronprinzen. Ich vermisse seine Königliche Hoheit übrigens. Wo ist er?“

„Seine Hoheit befindet sich für einige Zeit auf Reisen. Er wird erst zur Krönung zurück sein“, erwiderte Siegbert, was nur halb geschwindelt war. Schließlich war Prinz Ulrich ja tatsächlich nicht in Steinburg. Der Reichsvogt hatte ein ungutes Gefühl, dem Wilzaren mitzuteilen, wo sich der Thronfolger aufhielt. Unter König Martin hatte es seit Jahrzehnten zwar keinen Krieg mehr mit den Wilzaren gegeben, aber gegen Wilzaren hatten Wengländer immer noch ein tiefsitzendes Misstrauen, das von Generation zu Generation weitervererbt wurde.

„Wäre es denn möglich, eine Jagd in unmittelbarer Nähe von Steinburg zu organisieren?“, hakte Aldaron nach. Siegbert sah seine Thronratsgefährten an, die ihre Enttäuschung über die ausfallende Jagd am Aventur nur schlecht verbergen konnten.

„Wenn Ihr in Botenweite von Steinburg bleibt, ist es kein Problem“, gab der Reichsvogt nach und meinte, damit die Grafen des Thronrates für Notfälle in greifbarer Nähe zu haben.

„Nun, dann lasst uns nächsten Sonntag auf die Jagd gehen“, schlug Aldaron einen Termin vor. Die Grafen waren einverstanden. Der Gesandte verabschiedete sich und verließ die Burg, um die Jagd vorzubereiten.

Aldaron war kaum im Hause der Gesandtschaft, als er schon eine Botschaft an König Ranador schrieb, sie einer Brieftaube anheftete und das Tier gen Wilzaris auf die Reise schickte. Schon einen Tag später hielt König Ranador die Nachricht aus Steinburg in der Hand.

„Ausgezeichnet!“, lobte der König. „Feldherr Siram soll kommen!“, befahl er dem wartenden Diener.

Wenig später war Siram zur Stelle.

„Ihr habt mich rufen lassen, Herr?“, fragte er in unterwürfiger Verbeugung

„Siram, wie schnell könnt Ihr das Heer zusammenrufen?“, fragte Ranador.

„Fürst Bonat und Fürst Tungur sind mit ihrem gesamten Heer zum Turnier nach Wilzaris gekommen. Damit haben wir fünftausend Mannen in Wilzaris selbst. Mit den noch in Bonat befindlichen Teilen des Heeres und Euren eigenen Mannen sind in fünf Tagen sämtliche unter Waffen stehenden Männer zu mobilisieren“, erklärte der Oberbefehlshaber des wilzarischen Heeres.

„Dann ruft alle sofort zusammen! Am sechsten Tag marschiert das Heer gegen Wengland!“, trug der König seinem Feldherrn auf. Siram verbeugte sich und schlug mit der Faust gegen seine Brust.

„Heil, König Ranador!“, rief er aus. „Schon lange brennen Eure Soldaten darauf, die Schmach von Wilzaris zu rächen!“

„Dann geh und räche meinen Ahn“, entließ Ranador den gehorsamen General.

Der Sonntag kam heran. Außer Ulrich, der im Kloster Wachtelberg meditierte und Siegbert, der in Steinburg blieb, erschienen sämtliche Thronräte Wenglands zur Jagd im Siebensteinforst, der kaum eine wenglische Meile südwestlich von Steinburg begann und sich über fast fünfzig Meilen in südwestliche Richtung erstreckte. Der Wald war außerordentlich wildreich und galt als beliebtes Jagdrevier der Steinburger Grafen.

Es war üblich, dass der Jagdveranstalter den Jägern Treiber zur Verfügung stellte. Diese Verpflichtung war für Aldarons Vorhaben besonders günstig. Er teilte den Grafen jeweils zehn Treiber zu, mit denen sie dann in getrennten Gruppen auf die Pirsch gingen. Im Jagdeifer bemerkten die Fürsten nicht, dass ihre Treiber sie immer weiter von Steinburg weglockten.

Fünf Meilen von der Hauptstadt entfernt zückten die Treiber plötzlich ihre Dolche. Ehe die überraschten Grafen reagieren konnten, waren sie überwältigt und wie Karawanensäcke verschnürt. Die Treiber warfen ihre Gefangenen auf die unbequemen Karren, die für das erlegte Wild vorgesehen waren und brachten sie in das im Forst gelegene Jagdschloss der Steinburger Grafen, das nur zur Jagdzeit im Herbst bewirtschaftet war, die übrige Zeit des Jahres aber unbewohnt war. Die Jäger waren selbst zur Beute geworden. Die Grafen wurden scharf bewacht, während Aldaron eine Brieftaube nach Wilzaris schickte, die die Erfolgsmeldung bei sich trug.

Als es dunkel wurde, und die Jagdgesellschaft noch nicht zurückgekehrt war, begann Siegbert, sich Sorgen zu machen. Niemand hatte die zur Jagd gerittenen Fürsten nach dem Abrücken wieder gesehen. Für eine groß angelegte Suche war es jedoch schon zu dunkel und so verschob der Reichsvogt die Suche auf den folgenden Tag. Seine Hoffnung, die Thronräte würden im Laufe der Nacht zurückkehren, wurde betrogen. Am Morgen war noch immer keiner der Jäger aufgetaucht. Siegbert setzte fünfzig Mann der Herwigsgarde auf die Spur der Jäger. Es war die maximale Anzahl von Soldaten, die der Reichsvogt in seinen beschränkten Vollmachten ohne Genehmigung des Thronrates einsetzen durfte. Der Thronrat hatte immer eifersüchtig über seine Kompetenzen gewacht – und eine davon war, dass das Heer nur vom König selbst oder mit der Zustimmung von mindestens vier Thronräten mobilisiert werden durfte.

Siegbert wanderte unruhig im Thronsaal auf und ab, bis die Herwigsgardisten am Abend ergebnislos zurückkehrten.

„Nichts, Herr“, meldete ihr Anführer. „Wir haben zwar einige erlegte Wildstücke gefunden, aber es gibt keine Spur von den Thronratsfürsten und ihren Treibern.“

„Die können doch nicht im Erdboden versunken sein!“, stieß Siegbert hervor.

„Weder Treiber noch …“

„Halt, was war das?“, unterbrach Siegbert den Hauptmann. „Weder Treiber noch Jäger?“

Der Reichsvogt blieb wie angewurzelt stehen.

„Die Wilzaren! Sie hecken was aus! Aldaron hat die Jagd veranstaltet, also hat er auch die Treiber gestellt!“, rief er erschrocken. „Alarmiert sofort die Grenzwachen!“

„Aber, Reichsvogt, Ihr …“

„Zum Teufel mit den Vollmachten!“, fluchte Siegbert. „Beeilt Euch, damit noch was zu retten ist!“, befahl er. Die Herwigsgardisten stürmten davon und galoppierten in die Nacht hinaus, um die Grenzwachen zu alarmieren.

Ihre Warnung kam zu spät. Sofort nach Eintreffen der Brieftaube in Wilzaris hatte Ranador den Befehl zum Angriff gegeben und im Morgengrauen des Tages, an dem Siegbert noch nach seinen Amtsgenossen suchen ließ, hatten die wilzarischen Soldaten die wenglische Grenze an vielen Stellen überschritten und sofort jeden angegriffen, der sich ihnen in den Weg stellte. Nichts hielt ihnen stand. Rothenfels wurde überrannt, die verwaiste Burg gebrandschatzt, die wenigen Soldaten des Provinzgrafen fielen oder wurden als Gefangene hingerichtet. Wer nicht vor den Wilzaren floh, wurde gnadenlos niedergemetzelt, gleich, ob es Männer, Frauen oder Kinder waren.

Scharen von Flüchtenden strömten in Richtung Steinburg, hart verfolgt von einem gut dreißigtausend Mann starken wilzarischen Heer. Jede Hoffnung, weiter in Richtung Steinburg auf die eigenen Soldaten zu treffen, war vergebens. Wengland hatte in Friedenszeiten knapp tausend Mann als Grenzwachen um das ganze Königreich postiert. Die im Bereich der wilzarischen Grenze befindlichen dreihundert Mann waren gleich die ersten, die dem Ansturm der Wilzaren zum Opfer gefallen waren – und die anderen hatten keine Chance.

Ohne alarmiertes Heer war Wengland wehrlos. Das wilzarische Heer unter dem Feldherrn Siram eroberte den südöstlichen Anteil Wenglands, ohne auf nennenswerte Gegenwehr zu stoßen. Innerhalb einer knappen Woche waren die Wilzaren in Steinburg. Erst hier trafen sie auf den ersten Widerstand, doch gelang es Sirams Männern, die Stadtmauer im Schutz der Dunkelheit zu überklettern und die Tore zu öffnen. Nur in die Steinburg selbst kamen sie nicht hinein, weil die Burg unzugänglich auf einem recht steilen Berg auf einer Halbinsel im Alvedra lag und nur über einen durch eine Zugbrücke unterbrochenen Weg zu erreichen war. Die Brücke lag im Schussfeld der Burgbesatzung, wodurch sie gut geschützt war. Die kleine Burgbesatzung leistete erbitterte Gegenwehr, aber sie konnte das Volk außerhalb der Mauern nicht vor dem Feind beschützen …

„Ergebt Euch, Wengländer!“, forderte der von Siram ans Burgtor geschickte Parlamentär.

„Nein!“, rief Siegbert von der Mauer zurück. „Die Burg müsst Ihr schon erobern.“

„Wenn Ihr Euch nicht ergebt, wird die gesamte Bevölkerung hingerichtet!“, drohte der Parlamentär. „Wir geben Euch bis Mittag Zeit.“

Siegbert sah nach dem Sonnenstand. Die Mittagsstunde war nicht mehr weit.

„Haben wir eine Chance, uns länger zu verteidigen?“, fragte der Reichsvogt.

„Die Vorräte sind sehr knapp, Herr. Wir haben nur für zwei Tage Lebensmittel“, erwiderte der Hauptmann der Burgbesatzung.

„Hauptmann Daniel, konntet Ihr den Boten zu Prinz Ulrich schicken?“, fragte Siegbert.

„Ja, Herr. Er ist heute im Morgengrauen ausgebrochen.“

„Wen habt Ihr geschickt?“

„Sebastian.“

Siegbert wies nach unten auf den Vorplatz der Burg.

„Wenn Ihr mich fragt, hat der Gefangene dort unten verdächtig viel Ähnlichkeit mit Sebastian“, sagte er. Hauptmann Daniel sah hinunter.

„Himmel! Das ist Sebastian!“

„Ulrich wird also nicht erfahren, was die Wilzaren getan haben!“, seufzte der Reichsvogt. „Ulrich würde mir nie verzeihen, dass ich das Leben von Bürgern und Bauern aufs Spiel gesetzt habe, um meinen eigenen Kopf zu retten. Die Burg wird kampflos übergeben.“

„Wie bitte?“

„Ich sagte, dass wir die Burg kampflos übergeben“, raunzte Siegbert.

„Die Steinburg, Herr?“

„Welche sonst? Burg Rothenfels vielleicht? Los, wird’s bald?“, rief Siegbert zornig.

Die kleine Burgbesatzung öffnete das Tor und ergab sich den Wilzaren. Siram schickte eine starke Besatzung in die Burg. Kaum waren die Männer der Herwigsgarde entwaffnet, als Siram befahl, die feigen Hunde der Burgbesatzung sofort zu köpfen. Siegbert musste den Mord an seinen Leuten mit ansehen.

Was?“, empörte sich Siegbert. „Ihr habt uns …“

„Hört genau hin, wenn Euch jemand zur Übergabe auffordert!“, schnauzte Siram. „Ich habe Euch keinen freien Abzug versprochen. Feiglingen gegenüber, die von bloßen Drohungen zu beeindrucken sind, gilt das Wort eines wilzarischen Feldherrn ohnehin nicht.“

„Ihr hättet die Leute also nicht getötet?“

„Selbstverständlich hätte ich sie hinrichten lassen! Ihr habt mich durch Eure Übergabe nur um das Vergnügen gebracht. Aber dafür habe ich Eure Köpfe. Wo ist übrigens Euer Thronfolger?“

„Er war bei der Jagdgesellschaft“, log der Reichsvogt.

„Du lügst, du Hund!“, fuhr Siram den Gefangenen an.

„Er ist in Sicherheit“, sagte Siegbert dann.

Siram hob sein Schwert und setzte es Siegbert an die Brust.

„Sicherheit gibt es für Euren Thronfolger in ganz Wengland nicht mehr. In wenigen Tagen sind meine Männer bis nach Scharfenburg vorgedrungen. Also?“, versetzte der wilzarische Feldherr.

Siegbert schwieg, fasste einen verzweifelten Entschluss. Noch bevor Siram das Schwert wieder wegziehen konnte, stürzte sich der Reichsvogt in die Klinge, um den Aufenthaltsort des Prinzen nicht doch noch unter der Folter preiszugeben. Siram stieß einen derben Fluch aus und befahl seinem Adjutanten, die anderen Grafen des Thronrates zu befragen.

„Sie sind nach Wilzaris gebracht worden, Herr.“

„Hast du Fürst Aldaron gesehen?“

„Ja, Herr, aber er ist tot.“

„Wer hat ihn getötet?“, fragte Siram mit knurrendem Unterton.

„Er ist von den Wengländern gehängt worden. Seine Leiche hängt am Galgen im Burghof.“

„Und du hast ihn noch nicht abgenommen, du Wurm?“, schrie Siram seinen Untergebenen an, holte mit dem Schwert aus und traf den Mann tödlich.

„Schafft die Reste weg!“, fauchte er zwei seiner Soldaten an, die eilig gehorchten. „Und nehmt den Fürsten vom Galgen ab. Er war ein Held Wilzariens.“

AAA

 

Kapitel 3

Fürst Siram

 

Am darauf folgenden Tag meldete ein Bote die Ankunft König Ranadors.

„Seine Majestät ist schon hier?“, fragte Siram verblüfft.

„Ja, Herr. Er möchte in der Steinburg Einzug halten.“

„Die Arbeit ist noch nicht getan, Wengland ist noch nicht vollständig erobert“, widersprach der Feldherr.

„Seine Majestät sagt: Die Eroberung Steinburgs bedeutet die Eroberung Wenglands“, entgegnete der Bote.

„Ich stehe meinem Herrn zur Verfügung“, erwiderte Siram und verbeugte sich.

Wenig später zog Ranador im Triumph in die feindliche Königsburg ein. Siram erwartete seinen Herrn kniend im Burghof.

„Ich beglückwünsche dich, Siram“, sagte der König mit mildem Lächeln. „Es ist bis nach Wilzaris gedrungen, welchen Ruhm du erworben hast.“

„Mein Ruhm ist noch unvollständig, mein Gebieter. Wengland ist erst zur Hälfte erobert, und Prinz Ulrich ist noch nicht in unserer Hand.“

„Das ist eine Frage von wenigen Tagen, Siram“, erwiderte der König sanftmütig. „Erst möchte ich dich belohnen. Komm, erhebe dich und folge mir“, forderte er den Feldherrn auf.

Siram erhob sich und folgte dem König in respektvollem Abstand. Leibgardisten des Königs geleiteten den Hofstaat, zu dem auch ein ganzer Harem von Frauen gehörte, in den Thronsaal.

Mit einer Handbewegung veranlasste Ranador seine Leibwache, das schwarze Tuch vom Thronsessel zu entfernen. Ranador setzte sich gemessen und genussvoll auf den Thron seines Widersachers.

„Siram, wo sind die Insignien des wenglischen Königs? Ich will sie haben.“

Siram kniete ehrfurchtsvoll vor seinem König nieder.

„Die Insignien wurden wohl von der Besatzung versteckt, bevor sie die Burg übergeben haben, Herr.“

„Befrage die Gefangenen. Zepter und Schwert der Könige Wenglands sind meine Beute.“

„Die Gefangenen wurden sofort hingerichtet – wie Ihr befohlen hattet, mein Gebieter.“

„Ohne dass du sie nach den kostbaren Amtszeichen gefragt hast?“

„Ich sollte Wengland für Euch erobern, Herr. Ihr habt mir nicht gesagt, dass Ihr Zepter und Schwert wolltet“, erwiderte Siram und machte Kotau. Jeden anderen hätte Ranador für solchen Widerspruch sofort hinrichten lassen. Bei Siram machte er eine Ausnahme.

„Fordere nicht meinen Zorn heraus, Siram!“, mahnte er. „Deine Leute werden die Burg gründlich durchsuchen, bis sie meine Beute gefunden haben. Aber zunächst sollst du deinen Lohn für deine bisherigen Verdienste haben. Hesekar, mein Kanzler, wo ist mein Schwert?“

„Ich lasse es kommen, Herr.“

Der Kanzler drehte sich um und befahl, den Zeremonien-Bidenhander* des Königs zu holen. Ein Leibwächter des Königs trug das Schwert herbei.

„Siram, komm her und knie vor diesem Thron nieder.“

Der Feldherr gehorchte. Ranador zog das prunkvoll geschmückte Schwert aus der ebenso kostbar verzierten Scheide und hielt es blank in den Händen.

„Siram von Aventur: Als Sohn eines tapferen Fürsten tratest du in die glorreiche Schar meiner Krieger. Du hast dich in ehrlosem Frieden hochgedient und hast in ruhmreichem Kampf Wengland besiegt. Dein Vater, Siram, war vor dir der Fürst von Aventur. Seit seinem Tod vor zehn Jahren ist der Thron verwaist, denn einen Fürstenthron muss ein Mann erobern. Du hast ihn mit der Niederwerfung unseres schlimmsten Feindes – Wengland – erobert. Von nun an sollst du der Fürst Aventurs sein!“

Der König berührte mit dem Schwert Schultern und Haupt des vor ihm knienden Feldherrn.

„Sei mächtig und zeuge viele Söhne, die die unwiderstehliche Kraft ihres Vaters weitertragen. Von heute an hast du ein Anrecht auf den Fürstentrank und den Fürstenharem. Beides wird dich stark machen für deine fürstlichen Aufgaben. Man reiche ihm den Fürstentrank!“

Zwei Diener eilten herbei, einer trug eine Kanne, einer einen goldenen Becher. Der Becher wurde mit dem Trank der tausend Freuden vollgeschenkt. Der König gab einem anderen Diener das Schwert und erhob sich.

„Es ist Sitte, dass der neue Fürst den ersten Becher dieses Trankes vom König selbst erhält und eine Stunde der Freude genießen darf. Richtet einen Raum für den Fürsten her!“

Zwei Diener eilten fort um den Befehl des Königs auszuführen.

Ranador trat zu Siram, gab ihm den Becher, half ihm beim Trinken. Siram nahm den Trank mit genießenden Schlucken. Der Fürstentrank war eine flüssige Delikatesse. Die berauschende Wirkung setzte schnell ein. Siram spürte eine unglaubliche Kraft, die seinen ganzen Körper erfasste. Ein leichter Nebel legte sich um seine Sinne. Er fühlte sich leicht.

„Heram wird dich geleiten, Fürst Siram von Aventur“, hörte er die freundliche Stimme seines Herrn. Der Diener Heram erschien, nahm Siram am Arm und führte ihn aus dem Thronsaal fort.

„Wohin bringst du mich, Heram?“

„In die Fürstenloge, Herr. Der Harem unseres Gebieters ist für den heutigen Tag der deine.“

Heram öffnete eine Tür – und Siram war am Ziel seiner augenblicklichen Wünsche: Mitten im Harem des Königs …

Siram wachte auf, als es bereits dunkel war. Der Rausch des Tranks war verflogen, aber er fühlte sich immer noch gut. Das sanfte Kraulen zarter Finger in seinem Haar ließ ihn vor Wonne schnurren. Noch schläfrig schloss er die Augen wieder und gab sich dem wundervollen Kraulen hin, das auch wieder heftiges Begehren auslöste. Leise hörte er ein Gespräch zweier Frauen, das sich um die passende Kleidung für das Fest der Hinrichtung der letzten vier Gefangenen drehte. Siram erfasste plötzlich ein eisiger Schreck. Die Gefangenen konnten nur die verbliebenen vier Grafen des Thronrates sein! Siram setzte sich abrupt auf.

„Was habt Ihr, Fürst?“, fragte eine sanfte Stimme neben ihm. Es war Adana, die jüngste Tochter des Königs. Ihr warmes Lächeln nahm Siram den ersten heftigen Schreck. Er ließ sich in die Polster zurücksinken. Seine Hand suchte die von Adana.

„Sagt, meine Prinzessin: Welche Gefangenen sollen zur Freude unseres Königs gerichtet werden?“ fragte er und zog die Prinzessin zu sich heran. Sie kam näher und beugte sich über ihn.

„Die Grafen, Fürst“, sagte sie leise und küsste ihn. Siram genoss den Kuss und löste sich vorsichtig daraus.

„Wann soll das geschehen?“, fragte er dann.

„Sobald Ihr gebadet habt und Euch beim König zurückmeldet, Fürst“, erwiderte Adana.

„Wollt Ihr mir einen Gefallen tun, meine Prinzessin?“

Sie nickte.

„Bittet Euren Vater um einen Aufschub der Hinrichtung.“

„Fürst – habt Ihr Mitleid?“, fragte sie belustigt.

„Nein, aber ich weiß noch nicht, wo der Thronfolger steckt. Graf Siegbert hat sich in mein Schwert gestürzt, um den Prinzen nicht zu verraten. Ich muss die Grafen noch befragen, bevor der Henker sie von ihren Strohköpfen befreit“, erwiderte der Fürst.

„Soll ich sofort gehen?“, erkundigte sie sich.

„Vielleicht nicht sofort, schöne Adana. Ihr erfreut mich“, lächelte Siram. „Sagt mir noch: Wie kommt die Tochter des Königs in seinen eigenen Harem?“

„Mein Vater hat mir Euretwegen diese Ehre erwiesen. Ihr solltet doch mit dem Fürstentum Aventur belohnt werden.“

„Ihr gehört doch nicht zum Fürstentum?“

„Nein, aber ich habe ihn um die Ehre gebeten, Teil Eurer Belohnung zu sein. Ihr geltet als tapferster Feldherr meines Vaters.“

„Dann hat mein Herr mir die größte Belohnung gegeben, die er einem neuen Fürsten geben kann. Geht zu Eurem Vater, wenn ich bade“, flüsterte Siram mit glücklichem Unterton und zog die Prinzessin ganz nahe zu sich.

Am Morgen ließ sich die Prinzessin bei ihrem Vater melden.

„Guten Morgen, Adana, mein Liebes“, begrüßte der König seine Tochter. Das helle Rot auf ihren Wangen war deutliches Zeichen, dass sie sich gut amüsiert hatte. „Hat es dir gefallen?“

„Ja, mein König. Ich danke Euch für die hohe Ehre. Der Fürst hat eine Bitte an Euch.“

„Warum kommt er nicht selbst?“

„Er badet gerade. Er bittet Euch, die Grafen zunächst noch nach dem Aufenthaltsort des Thronfolgers befragen zu lassen, bevor sie gerichtet werden.“

Ranador sah seine Tochter an.

„Adana, du weißt, dass ein königlicher Befehl nicht widerrufen werden darf. Mein königlicher Befehl lautete, die Enthauptung zu unserer Belustigung beim Frühstück vorzunehmen“, sagte er.

„Und Ihr könnt bestimmt keinen ausnehmen?“

„Es sind nur vier. Ich komme ja völlig um mein Frühstücksvergnügen“, widersprach der König. Aber es fiel ihm schwer, seiner jüngsten Tochter eine Bitte abzuschlagen.

„Na gut, weil du es bist, mein Kind“, seufzte er ob ihres bettelnden Blickes. „Sag dem Fürsten, ich verschiebe die Hinrichtung von Graf Wedigo um eine Stunde – aber nicht länger. Er mag sehen, was er erfahren kann“, bot er an. Adana verbeugte sich und ging fort, um Fürst Siram zu unterrichten.

Der Feldherr überlegte nicht lange, sondern ging sofort in den Burgkerker, um Graf Wedigo zu befragen. Der Gefangene schwieg auf die Fragen des Fürsten. Siram winkte einem Henkersknecht.

„Bring’ ihn zum Reden!“, befahl der Fürst.

„Herr, das wird nicht gehen“, widersprach der Henkersgehilfe. „Er war so aufsässig und frech, dass der Henker ihm heute Nacht die Zunge herausgeschnitten hat.“

Siram fluchte lästerlich.

„Wo sind die anderen?“

In diesem Moment kam der Henker voller Stolz in den Kerker zurück.

„Das hat den König gefreut: Nur ein Schlag für jeden!“, rief er fröhlich.

„Du Unglücksrabe!“, donnerte Siram. „Wer soll mir jetzt sagen, wo der Thronfolger Wenglands steckt?“

 

AAA

Kapitel 4

Hilfesuche

 

In der Nacht zuvor war einem Gefangenen, einem Mönch namens Kasimir aus dem benachbarten Kloster, die Flucht gelungen. Er verstand soweit wilzarisch, dass er begriffen hatte, in welcher Gefahr der Thronfolger Ulrich war. Pater Kasimir war der Beichtvater des Prinzen, wenn der sich in Steinburg aufhielt. Unter den Klosterbrüdern in Steinburg war er der Einzige, der den Aufenthaltsort Ulrichs kannte.

Die Feierlichkeiten zu Sirams Erhebung in den Fürstenstand gaben Kasimir die nötige Zeit, wenn er davon auch keine Ahnung hatte. Der Mönch eilte zu Fuß nach Norden in Richtung Wachtelberg, immer in der Sorge, von den Wilzarenpatrouillen eingeholt zu werden.

Weiter im Norden waren die Wilzaren noch nicht vorgedrungen, weil die Eroberung der Steinburg zunächst die Hauptmacht der Wilzaren gebunden hatte. Auf wenglische Soldaten traf der Mönch aber auch nicht. Je weiter die Zeit fortschritt, desto größer wurde die Gefahr, dass auch die nördlichen Provinzen – Oberwengland, Wachtelberg, Eschenfels und Bauzenstein – ohne Vorwarnung überrannt wurden. Kasimir war im Zweifel, ob er zunächst die Provinzgrafen warnen sollte, oder ob er direkt nach Wachtelberg gehen sollte, damit Prinz Ulrich etwas unternehmen konnte.

Am dritten Tag nach seiner Flucht kam ihm der Zufall zu Hilfe. Er traf einen Knecht in den Farben des Grafen von Bauzenstein. Kasimir winkte ihm, der Mann hielt sein Pferd an.

„Ihr seid doch ein Kriegsknecht des Bauzensteiners?“

„Seht Ihr das nicht, Pater?“, fragte der Reiter. Kasimir knurrte unwillig.

„Solltet Ihr zufällig bei Eurem Herrn vorbeikommen, berichtet ihm, dass Wengland bis zur Grafschaft Steinburg von den Wilzaren besetzt ist!“, grunzte Kasimir.

„Erzählt keine Märchen, Pater!“, wehrte der Mann lachend ab.

„Herr, erbarme dich dieses Esels von Kriegsknecht und gib ihm das Gehirn zurück, dass du ihm in deinem unergründlichen Ratschluss genommen hast!“, entfuhr es Kasimir. „Ranador selbst hält in der Königsburg Hof, die Grafen des Thronrates sind Gefangene der Wilzaren und sollen hingerichtet werden! Beeilt Euch endlich, um Euren Herrn zu warnen!“, wetterte er. Der Kriegsknecht erschrak. Er hatte begriffen.

„Ich eile, Herr!“, rief er, wendete sein Pferd und galoppierte davon. Kasimir fühlte eine gewisse Erleichterung. Wenigstens Graf Bauzenstein war gewarnt. Und wenn Graf Bauzenstein gewarnt war, würde er bestimmt Boten zu den anderen nordwenglischen Provinzgrafen senden.

Doch er hatte sich getäuscht. Kaum war der Reiter um eine Wegbiegung verschwunden, als der Mönch von dort Kampflärm hörte. Augenblicke später preschte der alarmierte Kriegsknecht um die Biegung, verfolgt von einigen wilzarischen Reitern. Kasimir sprang mit einem Satz in die Büsche und entzog sich den Blicken der Verfolger. Vorsichtig lugte er durch die dichten Zweige eines Eibenbusches. Der Kriegsknecht wurde von den Wilzaren eingeholt, ein Langschwert zuckte durch die warme Sommerluft und der Wengländer fiel tödlich getroffen aus dem Sattel. Die Wilzaren kümmerten sich nicht weiter um den Mann, bogen in den Wald ab und waren verschwunden.

Kasimir sah sich vorsichtig um, dann wagte er, aus seinem Versteck herauszukommen. Ebenso vorsichtig schlich er zu dem Kriegsknecht hin, der neben seinem Pferd lag. Der Hieb des Wilzaren hatte den Helm aufgerissen und dem Mann den Schädel gespalten. Er war tot. Kasimir bekreuzigte sich.

„Der Herr nehme dich auf in die Ewigkeit. Er schenke dir die Ewige Ruhe und leuchte dir das Ewige Licht. Amen“, sprach er leise ein Gebet. Dann sah er zum Himmel.

„Vergib mir, Herr, aber ich brauche das Pferd!“

Der Mönch schleppte den Bauzensteiner ins Gebüsch, schichtete Steine über dem Toten auf, stieg auf dessen Pferd und ritt eilig in Richtung Wachtelberg weiter. Er wusste jetzt, dass die Wilzaren unaufhaltsam näher kamen und dass er nicht mehr viel Vorsprung hatte.

Am darauf folgenden Tag erreichte Kasimir endlich das Kloster, das knapp fünf wenglische Meilen von der scharfenburgischen Grenze entfernt war. Er sprang vom Pferd und hämmerte an das Klostertor.

„Gemach, Bruder, Gemach!“, rief der Bruder Torwächter auf Kasimirs trommelndes Klopfen. Schließlich öffnete der Mönch bedächtig das Tor. Kasimir drängelte hinein.

„Oh, Bruder, der Leibhaftige tobt mit seinen Scharen durch Wengland, und du lässt mich beinahe bis zur Ewigkeit warten!“, schimpfte er. „Wo ist Seine Königliche Hoheit?“

„Beim Abt“, antwortete der Torwächter gemessen.

„Und wo ist der?“, fragte Kasimir gereizt.

„Folge mir, Bruder“, erwiderte der Klosterbruder und führte Kasimir in die Klosterkirche. Dem war, als ob er auf glühenden Kohlen lief.

Als sie endlich die Kirche betraten, war der Kronprinz gerade mitten in der Beichte. Kasimir wollte gleich zum Beichtstuhl stürmen, aber der Bruder Torwächter hielt ihn zurück.

„Hast du die Heiligkeit des Ortes vergessen, Bruder?“, mahnte er. Kasimir war einen halben Kopf kleiner als der Torposten, aber er war noch einmal so breit. Er blieb vor dem Wächter stehen, stemmte die Hände in die rundlichen Hüften und ließ seinem Unmut freien Lauf:

„Bruder! Wengland brennt in hellen Flammen, der Kronprinz ist in höchster Gefahr, der Herr hat mich in seiner Güte aus den Händen der Wilzaren errettet, damit Seine Königliche Hoheit gewarnt wird – und du wenglisches Murmeltier redest von heiligen Orten!“, donnerte er. Im klösterlichen Reflex zuckte Kasimir zum Ewigen Licht herum und bekreuzigte sich.

„Vergib mir, oh Herr“, sagte er – deutlich leiser.

Am Beichtstuhl entstand Bewegung.

„Das, so scheint mir, war die Flüsterstimme von Pater Kasimir“, lächelte der Prinz, als er Kasimir erkannte. Er trat aus dem Beichtstuhl. Kasimir eilte zu ihm, packte ihn an den Armen.

„Hoheit, eine Katastrophe! Die Wilzaren haben Wengland überfallen, sämtliche Thronräte gefangen gesetzt und das Land bis mindestens zur Grafschaft Steinburg besetzt. Ranador hat einen hohen Preis auf Euren Kopf ausgesetzt. Mir sind Wilzaren sogar noch einen Tagesritt vor Wachtelberg über den Weg geritten. Ich bin ihnen nur knapp entkommen! Keiner der Grafen konnte rechtzeitig seine Soldaten gegen die Wilzaren senden!“, berichtete Kasimir hastig.

Was? Warum hat der Reichsvogt das Heer nicht entsandt? Oder mich nicht wenigstens zurückgeholt?“, fragte Ulrich erschrocken.

„Er hatte keine Gelegenheit und keine Zeit, Herr! Den Wilzaren ist es irgendwie gelungen, alle Thronräte abzufangen. Bevor das in Steinburg überhaupt bekannt wurde, war das halbe Land schon von den Wilzaren überrannt. Als der Reichsvogt Euch warnen wollte, war es schon zu spät. Da war Steinburg bereits belagert. Ein Bote, den der Hauptmann Daniel zu Euch schicken wollte, ist in den Belagerungsring geraten und gefangen genommen worden.“

„Weshalb waren nicht die vorgeschriebenen vier Thronräte in Steinburg?“, fragte Ulrich.

„Ich weiß es nicht genau. Ich glaube, Reichsvogt Siegbert sagte, sie seien zur Jagd im Siebensteinforst gewesen“, erklärte Kasimir. „Herr, es ist jetzt nicht die Zeit, nach Gründen zu suchen!“, setzte er dann drängelnd hinzu. „Es ist momentan eine Tatsache, dass die Wilzaren hinter Eurem Kopf her sind! Es ist zu spät, noch Truppen zusammenzustellen. Die Wilzaren können jede Stunde hier sein. Ihr müsst Wengland verlassen, Hoheit! Sofort!“, forderte der Mönch. Ulrich sah Kasimir betroffen an.

„Wengland verlassen? Kasimir, ich hör’ nicht recht! Das kann ich nicht tun!“, widersprach Ulrich.

„Hoheit, Ihr müsst! Vergesst nicht: Euer Kopf ist eine Menge Geld wert.“

Ulrich grinste schief.

„Wie viel bin ich Ranador denn wert?“

„Hundert Golddenati!“, schnaufte Kasimir. Der Abt und der Torwächter erbleichten. Ulrich schüttelte nur den Kopf.

„So wenig für einen Thronfolger?“, entgegnete er nicht ohne Sarkasmus.

„Nun, es gibt sicher auch in Wengland ein paar Leute, die Euch dafür an den Leibhaftigen persönlich verscherbeln würden!“, versetzte Kasimir.

Ulrich sah den Abt an.

„Pater Abt – ich will mein Volk nicht im Stich lassen. Gebt mir einen Rat“, forderte er den Abt auf. Der Mann strich sich nachdenklich durch den Bart.

„Ich fürchte, Pater Kasimir hat Recht. Ihr lasst Euer Volk nicht im Stich, Hoheit, wenn Ihr flieht. Bleibt Ihr hier und versucht, Ranador die Stirn zu bieten, seid Ihr Euren Kopf los. Wengland wäre ohne Euch ohne Thronfolger. Außer Euch gibt es keinen Erben des Throns aus dem Hause Wengland-Steinburg. Euer Tod würde das Ende Wenglands bedeuten!“

„Pater Abt, das ist Unsinn!“, widersprach Ulrich. „Wenn ich gehe, bleibt Wengland wilzarisch besetzt. Das ist auch Wenglands Ende!“

„Nein. Ihr habt die Chance, Euch im Ausland Hilfe zu verschaffen und Wengland zu befreien. Allein habt Ihr diese Möglichkeit nicht. Es bleibt keine Zeit mehr, die nordwenglischen Teilheere zusammenzurufen. Geht nach Scharfenburg. Eure Großmutter war Scharfenburgerin. Ich glaube nicht, dass der Herzog Euch Hilfe versagen wird“, sagte der Abt.

„Kasimir?“

„Ihr müsst hier verschwinden, Hoheit!“, mahnte Kasimir eindringlich.

Ulrich seufzte.

„Es fällt mir nicht leicht, Wengland zu verlassen“, sagte er.

„Eurem Großvater ist es Anno 1203 auch nicht leicht gefallen!“, erwiderte Kasimir. „Er tat es für Wengland und zum Erhalt seines Kopfes, wie Ihr vielleicht wisst. Tut Ihr es auch!“, beschwor er den Prinzen.

„Na gut, wenn es nicht zu vermeiden ist …“, seufzte der Thronfolger. „Dann lass uns reiten, Kasimir. Je schneller wir in Stolzenfels sind, desto schneller ist Wengland frei“, sagte er dann.

Noch in derselben Stunde brachen Pater Kasimir und Prinz Ulrich nach Scharfenburg auf. Die beiden Reiter mochten gerade die Grenzfurt über den Alvedra nach Scharfenburg überquert haben, als die Wilzaren über das Kloster Wachtelberg hereinbrachen und jeden umbrachten, der sich ihnen in den Weg stellte.

Drei Tage später hatten Ulrich und Kasimir Stolzenfels erreicht. Herzog Gunther empfing den Prinzen im Thronsaal.

„Seine Königliche Hoheit, Prinz Ulrich von Wengland!“, verkündete der Ausrufer.

„Prinz Ulrich, was treibt Ihr in Scharfenburg?“, fragte Gunther mit düsterer Miene.

„Ich grüße Euch, Herzog Gunther. Fragt lieber nicht, was ich in Scharfenburg treibe, sondern, was mich nach Scharfenburg getrieben hat“, antwortete Ulrich. „Ihr habt vielleicht gehört, welches Unglück über Wengland hereingebrochen ist. Ich bin gekommen, weil Wengland von den Wilzaren hinterrücks überfallen und erobert wurde. Ich bitte Euch um Hilfe.“

Gunther schmunzelte amüsiert.

„Euer Heer hat wohl das Hasenpanier ergriffen!“, lachte er auf.

„Durch unglückliche Umstände konnte das Heer nicht mehr zusammengestellt werden“, erwiderte Ulrich mit erzwungener Ruhe.

„Eure Alarmwege scheinen sehr gut zu funktionieren!“, spottete ein scharfenburgischer Graf. Ulrich rang um Beherrschung.

„Es mag sein, Graf Bernward, dass unsere wenglische Art einen großen Fehler hat und dass Ranador diesen Fehler eiskalt ausgenutzt hat. Das ist eine Sache. Eine andere ist es, die Besetzung Wenglands zu beenden. Und deshalb bin ich hier. Ich erinnere mich, dass mein Großvater mir erzählt hat, Wengland habe Scharfenburg gegen die Wilzaren geholfen. Jetzt bitte ich um die Hilfe Scharfenburgs für Wengland“, erwiderte er.

„Wenn Euer Großvater Euch das erzählt hat, muss es eine halbe Ewigkeit her sein, verehrter Prinz Ulrich“, grinste der Herzog.

„Es mag Euch entgangen sein, dass mein Großvater erst vor kurzem verstorben ist und dass er bis zu seinem Tod der König Wenglands war“, versetzte Ulrich bissig. „Es ist keinesfalls so lange her, dass es nicht mehr wahr ist!“, setzte er gereizt hinzu.

„Hilfe? Von Scharfenburg? Wie komme ich denn dazu?“, fragte Gunther süffisant. „Schlagt Euch das aus dem Kopf!“, entgegnete er.

„Herzog Gunther: Meine Großmutter – Gott sei ihrer guten Seele gnädig – war eine Scharfenburgerin. Wenglands Volk hat Königin Regina sehr geliebt. Scharfenburgs Volk war ihr genauso gewogen. Ich bitte Euch im Andenken Reginas von Scharfenburg um Eure Hilfe“, probierte Ulrich eine andere Ebene zwischenstaatlicher Beziehung aus.

„Ihr verschwendet Eure Zeit“, gab Gunther zurück. „Eure Großmutter stammte aus dem Stolzenfelser Grafenhaus. Stolzenfels ist zwar immer noch die Hauptstadt Scharfenburgs, aber ich bin mit dem alten Grafenhaus nicht verwandt und nicht verschwägert. Vielleicht hat es sich bis nach Wengland noch nicht herum geschwiegen, aber seit fast dreißig Jahren regieren die Markgrafen der Rebmark das Herzogtum Scharfenburg. Die Markgrafen von Rebmark haben keine Verpflichtungen gegenüber Wengland.“

„Abgesehen davon, dass mein Großvater Euch vor zehn Jahren bei dem großen Erdrutsch in der Rebmark Hilfe geschickt hat; abgesehen davon, dass wenglische Soldaten Euch geholfen haben, Eure Grenze in Dunkelfels gegen die Wilzaren zu sichern“, versetzte Ulrich. „Herzog Gunther – ich flehe Euch an: Helft mir, Wengland zurückzuerobern.“

„Nein!“, sagte Gunther hart. „Ich bin kein Freund Wenglands. Ich werde Euretwegen nicht das Leben meiner Ritter aufs Spiel setzen! Verlasst augenblicklich Scharfenburg!“

„Ihr verweigert mir also nicht nur die Hilfe, um die ich Euch bitte; Ihr verweist mich auch des Landes?“, fragte Ulrich verbittert nach.

„So ist es. Verschwindet! Lasst Euch in Stolzenfels nicht wieder blicken!“

Auf einen Wink des Herzogs beförderten die Thronwachen den Prinzen und seinen Begleiter hinaus und gaben Acht, dass sie auch davon ritten.

Geht nach Scharfenburg!“, schimpfte Ulrich vor sich hin, als er und Kasimir die Provinz Stolzenfels in westlicher Richtung verließen. „Da hilft man Euch weiter! Ja, von wegen!“, wetterte er.

„Hoheit …“, wandte Kasimir vorsichtig ein, „lasst den Kopf nicht hängen. Vielleicht ist Fürst Dominik bereit, Euch zu helfen“, schlug er vor.

„Dominik? Welche Veranlassung sollte der wohl haben, einem Wengländer zu helfen?“, schnappte der Prinz. „Eher fließt der Alvedra in die Quelle zurück!“

„Zugegeben: Nicht mehr und nicht weniger als der Herzog von Scharfenburg. Aber wenn Ihr Euch nicht gleich freiwillig den Wilzaren ausliefern wollt – was ich nicht annehme – sollten wir es wenigstens versuchen, Hoheit“, empfahl der Mönch unnachgiebig.

„Na gut“, seufzte Ulrich. „Schlimmer als Gunther kann Dominik mich kaum hinauswerfen.“

Der Blick des Prinzen ging gen Himmel. Er sah weniger die im leichten Sommerwind segelnden Schönwetterwolken vor dem blauen Himmel, als dass er danach Ausschau hielt, ob sein Großvater nicht dort oben erschien.

Großvater – was hättest du an meiner Stelle getan?‘, fragte er sich in Gedanken.

Nach einer Reise von fast eineinhalb Wochen erreichten er und Kasimir das Fürstentum Breitenstein. Ulrich bat um eine Audienz Fürst Dominik, die er zu seiner Verblüffung sofort gewährt erhielt. Der Fürst empfing den Prinzregenten mit kleinem Zeremoniell. Ulrich trug seine Bitte um Hilfe vor.

„Ich weiß, Fürst Dominik, Ihr schuldet Wengland nichts. Dennoch bitte ich Euch um Eure Hilfe“, schloss der Prinz.

„Hilfe wollt Ihr?“, fragte der Fürst nach.

„Fürst Dominik, mein Reich – vielmehr noch das meines Großvaters, schließlich bin ich noch nicht zum König gekrönt – wurde hinterrücks überfallen und von den Wilzaren erobert. König Ranador hat die Schwäche in unseren Alarmwegen gefunden und genutzt. Nichtsdestoweniger möchte ich das Erbe antreten, das mein Großvater Martin mir hinterlassen hat“, erklärte Ulrich. Fürst Dominik strich sich bedächtig durch den langen Vollbart.

„Ich kann Euch gut verstehen, nehmt das bitte zur Kenntnis, Prinz Ulrich. Vergesst aber nicht, dass Breitenstein ein kleines Fürstentum ist, das sich militärisch mit Wengland oder Wilzarien nicht messen kann. Ich unterhalte kein stehendes Heer wie Ihr. Meine Alarmwege haben noch größere Lücken als die Euren. Zudem betrachtet sich Breitenstein traditionell als neutral. Bei der Rückeroberung Wenglands kann ich Euch nicht helfen, weil mein Heer sich mit Wilzarien nur um den Preis des eigenen Untergangs schlagen könnte. Ihr erwartet das sicher nicht. Aber ich biete Euch an, als mein Gast hier zu bleiben, bis Ihr eine Lösungsmöglichkeit gefunden habt. Euer Großvater war Breiten-stein sehr gewogen, und wir unterhielten freundschaftliche Beziehungen miteinander. Ihr wisst wohl, dass König Martin oft mit meinem Vater im Gebiet von Palparuva gejagt hat. Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr das große Erbe Eures Großvaters antreten könnt. Er war ein großer König.“

„Ja, sein Tod ist ein schwerer Verlust für Wengland. Für mich selbst ist es ein großes Unglück, denn ich hätte gern noch viel von ihm gelernt. Wie einen Vater habe ich ihn geliebt und er mich wie einen Sohn“, erwiderte der Prinz.

„Ihr seid Eurem Großvater sehr ähnlich, Prinz Ulrich. In der Galerie dieser Burg hängt ein Bild von Martin II., das kurz nach seiner Krönung gemalt wurde. Ihr seid ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Wenn Ihr auch nur einen Funken seines Charakters geerbt habt, werdet Ihr Wengland einmal ein guter König sein.“

„So es je wieder frei ist“, seufzte Ulrich.

„Ihr solltet die Hoffnung nicht aufgeben. Wenn Ranador nicht gerade auf die Idee verfällt, Breitenstein anzugreifen, seid Ihr hier sicher und habt genug Zeit, Euer weiteres Vorgehen zu planen“, beruhigte Dominik den jungen Prinzen.

„Ich danke Euch, Fürst Dominik“, erwiderte der Thronfolger in echter Dankbarkeit.

„Mein Haushofmeister wird Euch Eure Gemächer zeigen“, bot Dominik an. Ulrich und Kasimir verneigten sich und folgten dem Haushofmeister, der sie zu wahrhaft fürstlichen Räumen brachte. Ulrich gestand sich ein, daheim in Steinburg auch nicht komfortabler gelebt zu haben.

 

AAA

Kapitel 5

Unverschämte Forderung

 

Ulrich lebte gut am Breitensteiner Hof. Er war angesehen, und es gab keinen Breitensteiner Ritter, der es abgelehnt hätte, sich mit Ulrich im Turnier zu messen. Dennoch blieb er unruhig, solange er keine Möglichkeit fand, Wengland von den Wilzaren zu befreien. Die wenigen Nachrichten, die nach Breitenstein drangen, machten deutlich, wie grausam die Wilzaren Wengland unterdrückten. Kreuzigung und Rädern schienen an der Tagesordnung zu sein. Ulrich schämte sich in Grund und Boden, weil er allein geflohen war, ohne dafür zu sorgen, dass sich auch sein Volk in Sicherheit hatte bringen können. Und er fühlte einen ungeheuren Druck auf sich lasten, weil er auch drei Monate nach der Eroberung Wenglands noch nicht einmal den Versuch gemacht hatte, seinem Volk zu helfen – jedenfalls warf er sich das vor.

„Das stimmt doch überhaupt nicht!“, widersprach Pater Kasimir dann regelmäßig. „Seit Monaten seid Ihr auf der Suche nach Verbündeten gegen die Wilzaren. Dass mit denen keiner Streit will, ist doch nicht Eure Schuld, Hoheit.“

Ulrich mochte das nicht gelten lassen und war sicher, dass man eines Tages nicht danach fragen würde, wie lange er vergeblich nach Hilfe gesucht hatte, sondern nur danach, wie lange sein Volk unter der Besatzung zu leiden hatte.

Zwei weitere Monate waren vergangen, seit der Prinz in Breitenstein Asyl gefunden hatte. Wieder einmal durchmaß er mit unruhigen Schritten sein Gemach. Er hatte jetzt nahezu sämtliche in der Nähe befindlichen bedeutenden Fürsten um Hilfe angefleht, keiner hatte ihm helfen wollen. Es waren nur ein paar wenglische Soldaten nach Breitenstein entkommen, die zwar bereit waren, mit dem Kronprinzen sofort gegen die Wilzaren zu kämpfen. Aber es waren viel zu wenige, um auch nur einen Gedanken an einen Angriff gegen ein fast dreißigtausend Mann starkes Heer zu verschwenden. Die Wilzaren hatten sämtliche Burgen und Befestigungen besetzt. Eine Burg wie die Steinburg mit nicht einmal fünfzig Männern belagern oder gar erobern zu wollen – das war nicht möglich.

Kasimir saß an einem Schreibpult und setzte die Chronik der wenglischen Könige fort.

„Hoheit, Ihr seid so unruhig, dass ich mit der Regierungszeit Martins II. nicht weiterkomme“, sagte der Mönch schließlich und legte den Gänsekiel weg. „Was Ihr allein in Breitenstein schon an Schuhsohlen durchgelaufen habt, hat Euer Großvater in seinem ganzen Leben nicht verbraucht …“

„Ich kann nur im Laufen denken, Kasimir. Das solltest du langsam wissen“, gab Ulrich zurück. „Seit Monaten zerbreche ich mir den Kopf, wie ich Wengland befreien kann, aber die Nachbarn, deren Hilfe ich dafür brauche, können oder wollen mir nicht helfen. Ich sehe nur noch eine Möglichkeit: den Kaiser.“

„Mit Verlaub, Hoheit, ich glaube nicht, dass Euch der Kaiser Hilfe senden würde. Zum einen gibt es derzeit keinen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, wohl aber zwei Könige, da sich die Kurfürsten derzeit nicht einig sind, wer das Heilige Römische Reich regieren soll. Sowohl Richard von Cornwall als auch Alfons von Kastilien beanspruchen den Kaiserthron, sind jeweils von einem Teil der Kurfürsten gewählt. Zum Kaiser wurde aber noch keiner gekrönt. Wollt Ihr denn an beide eine Botschaft schicken? Alfons ist in Kastilien, hat sicher seine Schwierigkeiten mit den Mauren, Richard ist in England, nachdem er sich als Graf von Poitou im Kampf um seine dortigen Besitzungen aus Frankreich zurückziehen musste. Er ist Euch verwandtschaftlich am nächsten, aber ich weiß, dass er es Eurem Großvater immer verübelt hat, dass er den Kreuzzug von 1204 abgebrochen hat und sich geweigert hat, den Kreuzzug von 1240 mitzumachen oder auch nur zu unterstützen. Außerdem gehört Wengland nicht zum Reich, weil es unabhängig ist. Welche Veranlassung sollte einer der deutschen Könige haben, Euch Hilfe zu geben?“, gab Kasimir zu bedenken.

„Der Kaiser hat Wenglands Unabhängigkeit vor Jahrhunderten anerkannt“, bemerkte Ulrich.

„Eben!“, versetzte der Mönch. „Genau deshalb glaube ich nicht, dass er Euch helfen wird.“

Ulrich blieb stehen.

„Wir sollten es versuchen, Kasimir. Wenn der deutsche König sich weigert, dann war es die letzte Chance. Wer hat mehr Kurfürsten hinter sich? Richard oder Alfons?“

„Keiner. Alfons wurde von den Kurfürsten von Trier, Sachsen und Brandenburg gewählt, Richard von denen von Mainz, Köln und der Pfalz. Der siebente, der König von Böhmen, mochte sich wohl nicht entscheiden und hat sich mit beiden Wahlen einverstanden erklärt“, antwortete Kasimir.

„Schreib’ an Alfons. Nichts gegen die Geistlichkeit, aber die Weltlichkeit liegt mir mehr“, lächelte Ulrich in Anspielung darauf, dass Richard mehrheitlich von geistlichen Kurfürsten, nämlich von Mainz und Köln, gewählt worden war.

„Ja, Hoheit“, bestätigte der Pater. „Was soll ich schreiben?“, fragte er mit einem Seufzer.

„Schreib’, dass Wengland im August 1260 von den ungläubigen Wilzaren unter ihrem König Ranador überfallen und erobert wurde, und dass ich – Ulrich, Kronprinz von Wengland – den König von Kastilien als den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches betrachte und ihn gegen Erstattung der Kosten bitte, mir bei der Rückeroberung Wenglands behilflich zu sein. Schreib’, dass ich ihm außer den Kriegskosten ein Bündnis anbiete“, gab Ulrich den Rahmen des Briefes vor.

„Soll ich noch etwas zu Eurer Krone schreiben?“, fragte Kasimir.

„Nein, es ist nicht nötig, schlafende Hunde zu wecken.“

Kasimir nickte, tauchte den Gänsekiel in die Tinte und schrieb den verlangten Brief. Nach geraumer Zeit hatte er ein kunstvoll verziertes Schriftstück fertig.

„Ich bin fertig, Hoheit. Wollt Ihr es noch einmal lesen, ob es so recht ist?“

„Ja, gib her.“

Es war in dieser Zeit durchaus nicht üblich, dass ein Mann, der nicht Geistlicher war, lesen und schreiben konnte. In der Regel war diese Kunst den Mönchen, eben den Klerikern, vorbehalten. Wenglands Grafen und Könige bildeten eine Ausnahme, da sich schon König Philipp daran erinnert hatte, dass der Titel Graf ursprünglich den bezeichnete, der schreiben konnte. So hatte er an den Grafentitel die Bedingung geknüpft, dass der Träger lesen und schreiben können musste. Sämtliche bisherigen Könige Wenglands hatten auch dafür gesorgt, dass ihre Kinder schon frühzeitig in dieser Kunst unterrichtet wurden. Ulrich las den Brief durch.

„Sehr gut“, sagte er, nahm die Feder und unterschrieb. Kasimir goss flüssigen Siegellack neben die Unterschrift und Ulrich drückte sein Siegel hinein. Der Brief wurde zusammengerollt und außen gleichfalls versiegelt.

„Kasimir, bitte Fürst Dominik, den Brief so schnell wie möglich expedieren zu lassen.“

„Sehr wohl, Königliche Hoheit.“

Kasimir richtete dem Fürsten die Bitte des Prinzen aus. Dominik war auch gleich bereit, einen Kurier zu schicken. Regelmäßige Postdienste gab es nicht, so dass jeder Brief individuell per Boten transportiert werden musste. Dabei war schwer abzuschätzen, wann und vor allem ob ein Brief den Empfänger erreichte. Die Kuriere waren vielerlei Gefahren ausgesetzt und oft sehr lange unterwegs. Ulrich war sich deshalb darüber im Klaren, dass er nicht innerhalb weniger Tage Antwort erwarten konnte. Aber nachdem der Brief an den Kastilier abgegangen war, wurde der Prinz zusehends ruhiger.

Fast ein halbes Jahr verging. Ulrich, nun einigermaßen ruhig, arbeitete an seiner Gesetzessammlung weiter. Der Codex Rex Wenglandia, wie er die Sammlung nannte, nahm konkrete Formen an. Ein Kapitel hatte Ulrich für Gesetzesänderungen reserviert, die er nach seiner Krönung mit Zustimmung des Thronrates vornehmen wollte. Eine davon war, die traditionellen Exerzitien für den Thronfolger ganz abzuschaffen, eine andere, einem Reichsvogt mehr Kompetenzen einzuräumen. Die Lähmung, die Wengland wegen der drei Monate Interregnum ereilt hatte, sollte sich nicht wiederholen können. Nie wieder sollte das Land wegen einer unsinnigen Regelung in eine solche Katastrophe gestürzt werden. Ulrich hatte sich gerade eine Gesetzesnovelle notiert, als es klopfte.

„Ja?“, rief er. Die Tür wurde geöffnet und ein Diener des Fürsten kam herein.

„Prinz Ulrich, ein Bote des Königs von Kastilien ist für Euch eingetroffen.“

„Schon? Ich komme sofort.“

Der Diener brachte Ulrich zu Fürst Dominik.

„Ihr scheint ein Glückskind zu sein, Prinz Ulrich“, eröffnete der Fürst. „Nicht nur, dass Euer Brief den Kastilier erreicht hat, auch der Antwortbrief ist angekommen. Diese Botschaft ist für Euch bestimmt“, sagte er und überreichte Ulrich eine gesiegelte Rolle.

„Danke, Fürst Dominik. Ist der Bote noch da?“

„Ja. Moment, ich lasse ihn holen.“

Dominik winkte dem Diener, der davoneilte und wenig später mit dem Herold zurückkehrte.

„Habt Ihr den Brief überbracht?“, fragte Ulrich den Mann mit dem kastilischen Tappert, dem gürtellosen Wappenrock der Herolde.

„Ja.“

„Dann bitte ich Euch, die Antwort an den König mitzunehmen. Es wird gewiss nur bis morgen dauern.“

„Eilt Euch nicht, Königliche Hoheit. Ich werde noch eine Woche bleiben, um mich für die weite Reise etwas auszuruhen“, gab der Bote zurück.

„Seid bedankt für Eure Eile, in der Ihr das Schreiben hergebracht habt. Ihr könnt ja kaum drei Monate unterwegs gewesen sein“, erwiderte Ulrich. „Ich werde Euch die Antwort mitgeben, wenn Ihr abreist.“

Ulrich zog sich in seine Gemächer zurück, wo er das Siegel aufbrach.

Wir, Alfons X., von Gottes Gnaden König von Kastilien, durch Wahl deutscher König, Regent des Heiligen Römischen Reiches, grüßen Euch, Ulrich, Kronprinz von Wengland. Wir haben Euer Hilfsersuchen vernommen und geprüft. Wir werden Euch mit Freuden helfen, Euer Reich von den ungläubigen Wilzaren zu befreien. Gern haben Wir vernommen, dass Ihr Uns die Kriegskosten erstatten wollt und Uns darüber hinaus ein Bündnis anbietet. Die Güte Eures Heeres ist Uns wohlbekannt. Wir sähen es allerdings lieber, wenn Uns Euer Heer nicht nur im Bündnisfall, sondern stets zur Verfügung stünde.

Wir bedingen daher, dass Wengland nach der Befreiung von den Wilzaren ein Teil Unseres Reiches wird. Euch, Prinz Ulrich, bieten Wir für Euer Einverständnis den Titel des Herzogs von Wengland, der Euch Wengland als erbliches, kaiserliches Lehen garantiert.

Selbstverständlich habt Ihr Uns die Treue zu schwören. Wir erwarten Eure Antwort.

 

Ulrich war entsetzt. Er gab Kasimir den Brief des kastilischen Königs.

„Ich fasse es nicht: Der Preis für die Hilfe wäre die Königskrone!“, stieß er hervor.

„Ich habe Euch gewarnt, Königliche Hoheit“, erwiderte Kasimir. „Was gedenkt Ihr zu tun?“, fragte er dann, als er den Brief gelesen hatte.

„Die Königskrone zu verspielen, nein, das würden mir meine Ahnen nie verzeihen; vor allem König Philipp nicht. Wenn der Kastilier mir nur um diesen Preis helfen will, verzichte ich dankend. Gott allein weiß, wie Wengland von den Wilzaren zu befreien ist – aber nicht um diesen Preis! Kasimir, schreib’ folgendes an den Kastilier:

Ich, Ulrich von Wengland, Graf von Steinburg, durch königliches Siegel Prinzregent des Königreiches Wengland, grüße Eure Majestät Alfons X. König von Kastilien und deutscher König, Regent des Heiligen Römischen Reiches.

Wohl habe ich Euer Hilfsangebot geprüft, aber es will mir nicht annehmbar erscheinen. Kaiser Arnulf erkannte Wengland einst als unabhängiges Königreich an. Diese Krone gebe ich nicht leichtfertig her. Wenn Ihr mir Hilfe nur um den Preis der Krone gewähren wollt, ziehe ich mein Hilfsersuchen an Eure Majestät hiermit zurück. Seid meiner Verbundenheit gewiss, aber verlangt nicht, dass ich Wengland nicht nur unter Euren Schutz, sondern unter Eure Souveränität stelle.

 

„Ist das nicht ‘n bisschen grob?“, fragte Kasimir zweifelnd.

„Schreib’ es!“, befahl Ulrich. Achselzuckend schrieb Kasimir den Brief, Ulrich unterschrieb und siegelte das Schreiben. Der Bote bekam das gesiegelte Schreiben ausgehändigt, womit er am Ende der Woche in Richtung Spanien davon ritt.

Fürst Dominik war nicht entgangen, dass sein Gast über den Inhalt des Briefes, den er aus Kastilien erhalten hatte, sehr aufgebracht war. Er bat Ulrich zu sich.

„Ihr habt den Kastilier um Hilfe gebeten, nicht wahr?“, mutmaßte der Fürst. Ulrich bestätigte es.

„Wärt Ihr bereit, mit mir darüber zu reden?“

„Ja. Ich habe den König von Kastilien, der auch König des Reiches ist, um Hilfe gebeten. Er will sie mir auch geben, aber er bedingt, dass ich die Königswürde aufgebe und Herzog unter kaiserlicher Oberhoheit werde. Dieses Angebot scheint mir völlig inakzeptabel. Ich habe dem Kastilier geantwortet, dass ich unter diesen Umständen seine Hilfe nicht in Anspruch nehme.“

„Oha, da begebt Ihr Euch auf gefährliches Glatteis, Prinz Ulrich!“, entfuhr es dem Fürsten. „Den deutschen König zu rufen ist riskant. Ich fürchte, er wird über Eure Ablehnung nicht einfach hinweggehen“, warnte Dominik.

„Schon möglich. Ich hätte allerdings größere Sorgen, wenn ein Staufer oder ein Welfe Kaiser wäre. Im Moment sind sich die Kurfürsten des Reiches nicht einig, wer eigentlich König sein soll. Die eine Hälfte möchte Alfons, die andere Richard von Cornwall zum deutschen König haben. Beide haben keine große Hausmacht. Alfons ist in Spanien gut mit den Mauren beschäftigt, und Richard weiß von nichts. Es war mir jedenfalls eine Lehre, den Kaiser zu rufen. Das probiere ich sicher kein zweites Mal. Ich hoffe auf die Uneinigkeit im Reich“, erklärte Ulrich.

„Was wollt Ihr dann zu Wenglands Rettung unternehmen?“

„Ich weiß es noch nicht. Der Kaiser, besser: Einer von denen, die Anspruch erheben, es zu sein, schien mir die letzte Möglichkeit zu sein, die sich nun zerschlagen hat.“

Fürst Dominik überlegte eine Weile.

„Ulrich, ich nehme nicht an, dass Ihr damit schon auf Wengland verzichtet“, sagte er dann. Ulrich schüttelte den Kopf.

„Nein, durchaus nicht.“

„Ihr werdet ein großes Heer brauchen – und sehr viel Geld.“

„Ist mir klar.“

„Wisst Ihr schon, woher Ihr das nehmen wollt, wenn Ihr nicht gerade zum Raubritter werden wollt?“

„Nein, bisher noch nicht“, gestand Ulrich.

„Ihr seid ein guter Kämpfer, wie ich in vielen Turnieren gesehen habe. Wenn es nicht unter Eurer Würde wäre, in die Dienste eines kleinen Fürsten zu treten, wüsste ich vielleicht etwas, was Euch zu Geld kommen lassen würde.“

„Sprecht, Fürst Dominik. Mein Großvater war sich nicht zu schade, einem benachbarten Fürsten zu dienen, um Wengland zu helfen – und ich bin auch nicht zu stolz dazu.“

„Ich habe gehört, dass mein Nachbar, der Graf von Falkenstein, einen Junker sucht.“

„Was bezeichnet er als Junker? Ich kenne darunter nur den niedersten Ritterrang.“

„In Falkenstein ist das eine Bezeichnung für den Befehlshaber der Kriegsknechte, die dort Schutztruppe genannt werden. Soviel ich weiß, war Euer Großvater der erste Junker von Falkenstein.“

„Ich danke Euch, dass Ihr mir von dieser Möglichkeit berichtet habt. Ich lasse Euch innerhalb eines Tages wissen, ob ich Euren gastlichen Hof verlasse, Fürst Dominik“, verbeugte Ulrich sich.

„Prinz Ulrich – missversteht mich nicht. Ihr seid mir ein willkommener Gast, der mir ein Freund geworden ist. Ich weiß sehr zu schätzen, dass Ihr Euch meiner Söhne angenommen und sie in den ritterlichen Tugenden unterwiesen habt. Wenn ich ehrlich bin, lasse ich Euch nur ungern ziehen. Versteht meinen Hinweis auf Falkenstein bitte nicht als Hinauskomplimentieren.“

Ulrich lächelte.

„Nein, Fürst Dominik, so habe ich Euch auch nicht verstanden. Es ist sehr freundlich, wenn Ihr mich auf Falkenstein hinweist. Ich in Euch sehr dankbar dafür. Seid versichert, dass ich die Zeit, die ich an Eurem Hof verbringen durfte, nicht bereue. Ihr habt mir sehr geholfen, und ich habe versucht, mich irgendwie erkenntlich zu zeigen. Ich hoffe sehr, dass ich Euch diesen unschätzbaren Freundschaftsdienst eines Tages wirklich vergelten kann“, erwiderte er.

„Ulrich, solltet Ihr den Posten in Falkenstein nicht annehmen können und sollte es Euch nicht gelingen, Wengland zurückzuerobern – in Breitenstein seid Ihr jederzeit willkommen. Wenn Euch Euer Status als Kronprinz nicht die Annahme eines ausländischen Lehens verbieten würde, hätte ich Euch mit der Herrschaft Palparuva belehnt.“

„Es wäre mir eine Ehre gewesen, Fürst Dominik. Sollte Wengland für mich unmöglich werden, komme ich gern auf Euer Angebot zurück.“

Fürst Dominik stand von seinem Thron auf und ging die zwei Stufen zu Ulrich hinunter.

„Geht mit Gott, Prinz Ulrich“, sagte er und umarmte den Prinzen.

„Ich danke Euch, aber ich gebe Euch morgen definitiven Bescheid“, sagte Ulrich und erwiderte die brüderliche Geste des Fürsten.

Später berichtete Ulrich Pater Kasimir von den Aussichten in Falkenstein.

„Das Problem ist nur: Herzog Gunther hat mich des Landes verwiesen. Ich darf nicht nach Scharfenburg – und Falkenstein ist nun einmal ein Teil Scharfenburgs!“, seufzte er.

„Oh, Hoheit – so würde ich das nicht sehen. Herzog Gunther hat uns hinausgeworfen, ja, das stimmt. Aber er hat nur gesagt, dass wir uns in Stolzenfels nicht mehr sehen lassen dürfen. Von ganz Scharfenburg war nicht die Rede“, erwiderte Kasimir grinsend. „Und außerdem – o Schande, dass mir das nicht früher eingefallen ist – müsste Graf Dietrich von Falkenstein eigentlich ein Verwandter von Euch sein.“

„Bitte?“

„Ja! Wenn ich mich recht erinnere, hat Graf Alwin von Falkenstein Simon von Scharfenburg zum Erben eingesetzt, den zweitälteren Bruder Eurer Großmutter. Dietrich ist sein Enkel. Er müsste ungefähr in Eurem Alter sein. Wenn Dietrich Euer Großvetter ist, darf er Euch als einem Verwandten nach scharfenburgischem Recht Hilfe nicht versagen“, erklärte der Mönch.

„Kasimir – du klerikaler Hornochse! Warum fällt dir das jetzt schon ein, nachdem ich acht Monate vor mich hin grüble und keinen Ausweg finde?“, fauchte Ulrich. Dietrich war beinahe der einzige Fürst in der Gegend, den er nicht angeschrieben hatte, weil er von einem so kleinen Fürsten ohnehin keine Hilfe erwartet hatte.

„Verzeiht. Wenn ich auch ein Mönch bin, bin ich doch nur ein fehlbarer Mensch, Hoheit. Ich hab’s einfach vergessen“, erwiderte Kasimir kleinlaut. Ulrich umarmte den Pater.

„Ist gut. Entschuldige meine Heftigkeit. Du würdest mir raten, nach Falkenstein zu gehen?“

„Unbedingt, Königliche Hoheit! Zumal, wenn der Posten des Junkers frei ist.“

„Also, Pater Kasimir: Wir reisen nach Falkenstein! Es hat schon meinem Großvater Glück gebracht – warum nicht auch mir?“

Wie versprochen, teilte Ulrich Fürst Dominik am folgenden Tag seine Absicht mit.

„Ich wiederhole es: Geht mit Gott, Prinz Ulrich. Wenn Ihr je wieder Asyl braucht, steht Breitenstein Euch offen.“

„Danke für Eure Gastfreundschaft, Fürst Dominik. Lebt wohl“, verabschiedete Ulrich sich. Wenig später ritten er und Kasimir durch das Tor der Burg in Richtung Falkenstein davon.

 

AAA

Kapitel 6

Zuflucht Falkenstein

 

Bis nach Falkenstein war es von Breitenstein nicht allzu weit. Ulrich und Kasimir ritten auf der Palparuvastraße in Richtung Grenze. An der Weggabelung, wo die Straße südöstlich zum Palparuvasee und damit nach Wengland abzweigte, ritten sie den nach Nordosten in Richtung Falkenstein führenden Weg weiter. Der Pass war hoch, über siebentausendachthundert wenglische – oder englische – Fuß. Dort, in dieser Region, war sogar im Mai Winter. Ross und Reiter stemmten sich gegen den eisigen Nordostwind, der über die Passhöhe wehte. Ulrich und Kasimir hatten sich tief in ihre Lodenumhänge gewickelt, um der schneidenden Bergkälte nicht mehr Hautoberfläche auszusetzen, als unbedingt unumgänglich war. Erst als die beiden Reiter die Waldgrenze an der Nordseite des Palparuvapasses erreicht hatten, konnten sie die Nasen aus dem Schutz der Lodenumhänge nehmen. Je weiter sie die Passstraße hinunter ritten, desto wärmer wurde es.

Als sie gegen Abend das Alvedratal erreichten, den Fluss überquerten und am Fuß eines längeren Ausläufers der Rebmärker Alpen auf einer Lichtung Rast machten, war der dritte Reisetag zu Ende. Um sich warmzuhalten, machten sie ein kleines Feuer und legten Steine im Kreis drumherum, damit das umgebende Gras sich nicht entzündete.

„Wisst Ihr den Weg zur Burg?“, fragte Kasimir.

„Ich war zuletzt vor fast zwanzig Jahren in Falkenstein. Damals fuhr ich noch im Wagen und habe mich um den Weg nicht gekümmert. Aber ich weiß noch, dass dort, wo diese Straße auf die Landstraße trifft, ein Gasthaus ist. Der Wirt wird uns bestimmt sagen können, wie wir nach Falkenstein kommen“, erwiderte Ulrich.

„Warum habt Ihr Eure Soldaten nicht mitgenommen? Dietrich kann sie gewiss brauchen.“

„Das möchte ich erst ergründen“, antwortete Ulrich. „Außerdem könnte Dietrich es falsch verstehen, wenn ich mit fünfzig bis an die Zähne bewaffneten Männern in Falkenstein erscheine.“

Am folgenden Morgen wurden die Reisenden von recht groben Fäusten wachgerüttelt. Schlaftrunken und erschrocken fuhren Ulrich und Kasimir auf. Ein Trupp scharfenburgischer Soldaten mit Falkensteiner Wappen auf den Waffenröcken hatte sie umstellt. Lanzenspitzen reckten sich ihnen drohend entgegen.

„Wer seid Ihr und was habt Ihr hier zu suchen?“, fragte der Anführer knurrend.

„Ich glaube, unsere Wegweiser sind schon da“, sagte Ulrich leise zu Kasimir. Dann wandte er sich an den Anführer:

„Ich bin Ulrich von Wengland, mein Begleiter ist Pater Kasimir aus dem Kloster Steinburg, und wir möchten zu Graf Dietrich von Falkenstein“, gab er Auskunft.

„Wahrhaftig, man sieht es Euch nicht an, wer Ihr seid. Ich hätte bei einem so bedeutenden Fürsten eine große Begleitung erwartet“, sagte der Anführer in entschuldigendem Ton. „Wir bringen Euch nach Falkenstein“, versprach er dann.

Der führende Sergeant* teilte seinen Trupp. Zehn Mann ritten die vorgesehene Route weiter ab, vier Mann und der Anführer begleiteten den Prinzen und den Pater nach Burg Falkenstein.

Gegen Mittag des folgenden Tages erreichten sie die stattliche, verwinkelte Burg. Der Truppführer schickte zwei seiner Männer voraus, damit die Gäste entsprechend empfangen werden konnten.

Als die Neuankömmlinge durch das innere Burgtor ritten, erwartete Graf Dietrich sie bereits auf dem hölzernen Balkon des Haupthauses. Dietrich von Falkenstein war jetzt siebenundzwanzig Jahre alt, war hochgewachsen und schlank. Er hatte das dunkle Haar und die dunklen Augen, die für die Stolzenfelser Familie so typisch waren.

Zwei Diener eilten herbei, die die Pferde hielten. Ulrich und Kasimir stiegen steifbeinig von den Pferden. Dietrich kam die Treppe herunter in den Hof.

„Ich fasse es nicht! Vetter Ulrich! Willkommen auf Burg Falkenstein!“

Der Graf umarmte den Prinzen herzlich.

„Danke für den herzlichen Gruß, Vetter Dietrich. Ich bitte dich um deine Gastfreundschaft.“

„Ich kann mir denken, warum. Ich habe in Stolzenfels von der Katastrophe gehört, die über Wengland hereingebrochen ist. Leider konnte ich nicht erfahren, wohin du gegangen bist, nachdem mein Herzog dich hinauskomplimentiert hat. Warum kommst du erst jetzt? Ich hatte dich eigentlich schon viel früher erwartet. Mein Haus steht dir offen, lieber Vetter“, erwiderte Dietrich. Ulrich wies grinsend auf Pater Kasimir.

„Wäre meiner wandelnden Chronik früher eingefallen, dass der Graf von Falkenstein mit mir verwandt sein muss, wäre ich schon vor neun Monaten bei dir gewesen“, lachte er.

„Sag’, wann bist du das letzte Mal hier gewesen, dass du mich einfach vergessen hast?“ fragte Dietrich nach.

„Es muss bald zwanzig Jahre her sein, dass ich mit meinen Großeltern hier war. Damals habe ich dich aber gar nicht getroffen. Deshalb habe ich gar nicht daran gedacht, dass der jetzige Graf von Falkenstein mit mir verwandt sein könnte. Bei euren Erbregelungen ist das sehr unsicher“, erklärte Ulrich. Dietrich legte seinem Großvetter einen Arm um die Schulter.

„Hauptsache, du bist jetzt da. Der Koch hat gerade das Mittagessen fertig. Zwei Esser mehr spielen bei den Mengen, die Moritz zubereitet, keine Rolle. Kommt, ihr habt sicher Hunger.“

Dietrich geleitete seine Gäste in den Rittersaal, wo seine Diener noch damit beschäftigt waren, die Tafel zu decken.

„Es ist noch nicht aufgetragen“, bemerkte der Graf. „Dann zeige ich euch gleich eure Gemächer.“

Er ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste selbst zu führen. Ulrich bekam ein Zimmer, das er aus den Erzählungen seiner Großeltern bis in den letzten Winkel kannte. Es war das Zimmer, das sein Großvater bewohnt hatte, als er auf Falkenstein gelebt hatte, in dem er später mit Regina gewohnt hatte.

„Ulrich, was ist? Du siehst das Zimmer so seltsam an“, wunderte sich Dietrich.

„Lieber Dietrich, du tust mir eine große Ehre an, wenn du mir das Zimmer gibst, in dem meine Großeltern ihre erste gemeinsame Nacht verbracht haben“, sagte Ulrich mit leicht belegter Stimme. Dietrich lachte auf.

„Es war reiner Zufall. Aber könnte es sein, dass deine Großeltern auch aus dem Himmel auf dich achten?“

„Ich hoffe es sehr“, seufzte Ulrich.

„Ulrich, du bist sehr betrübt. Sag’ mir, was los ist“, bat sein Vetter.

„Ich trauere noch um meine Großeltern, und ich habe noch keinen Weg gefunden, Wengland von den Wilzaren zu befreien“, erwiderte Ulrich.

„Vielleicht finden wir hier eine Lösung. Richte dich ein, Uli. Und dann komm’ und iss mit uns.“

Ulrich sah seinen Vetter verblüfft an.

„Wie hast du mich genannt?“

„Uli“

„Meine Güte, so hat mich seit Jahren niemand mehr genannt. Großmutter hat es nur ungern aufgegeben, aber Großvater wollte es nach meiner Volljährigkeit nicht mehr erlauben, dass ich mit Kosenamen angesprochen werde.“

„Möchtest du es nicht?“

Ich habe nichts dagegen. Großpapa wollte es nicht“, lachte Ulrich auf. „Kann ich mich etwas frisch machen?“, fragte er dann.

„Ja. Eine Kanne mit Wasser und eine Waschschüssel stehen im Nebenraum.“

„Danke. Ich komme gleich nach.“

Dietrich ließ seinen Großcousin allein, der sich Hände und Gesicht wusch und sich dann im Zimmer umsah. Sein Blick fiel auf das Fenster. Sein Großvater hatte ihm gesagt, dass er in der Nacht, in der sich eine Lösung für seine Probleme gefunden hatte, einen blinkenden Stern über Steinburg gesehen hatte.

Ich will darauf achten, Großvater‘, dachte Ulrich.

Neun Monate waren vergangen, seit er aus Wengland geflohen war, beinahe zehn seit dem Wilzarenüberfall. Er spürte aber jetzt zum ersten Mal, welches Heimweh er eigentlich hatte. Und gleichzeitig ahnte er, dass er die geliebte Steinburg noch lange nicht sehen würde. Und wenn er sie sah, würde sie leer sein, denn ohne seine Großeltern würde der Burg etwas fehlen. Selbst im hohen Alter von weit über siebzig Jahren waren Martin und Regina noch jeden Tag im Rosengarten zwischen der Burg und dem Kloster Arm in Arm spazieren gegangen, verliebt wie am ersten Tag. Diese haltbare Liebe hatte ihre ersten zarten Knospen in dieser Burg, in diesem Zimmer hervorgebracht, in dem Ulrich nun wohnen sollte. Ulrich fragte sich, was es wohl zu bedeuten hatte, dass er ausgerechnet in den Gemächern einquartiert wurde, in denen Regina und Martin ihre erste Liebesnacht verbracht hatten. Schließlich schob er den Gedanken beiseite und ging in den Rittersaal.

 

AAA

Kapitel 7

Der Junker von Falkenstein

 

Als er in den Saal kam, waren Kasimir und Dietrich schon da. Neben Dietrich stand eine schöne Frau, die er Ulrich als seine Gemahlin Gräfin Mathilde von Falkenstein vorstellte. Ulrich verbeugte sich leicht, aber höflich und bedachte die Hand der schönen Gräfin mit einem höfischen Handkuss.

„Ihr seid galant, Prinz Ulrich“, sagte sie, leicht errötend.

„Mathilde, Ihr seid ohne Zweifel eine wunderschöne Frau, aber Ihr seid auch die Gemahlin meines Vetters Dietrich. Und dessen Feindschaft werde ich mir nicht einhandeln“, erwiderte der Prinz lächelnd. „Dietrich, sei versichert, dass ich nicht in deine Gehege einbrechen werde, aber schütze dieses Juwel vor den allzu neugierigen Blicken anderer, die weniger zurückhaltend sind“, empfahl er dann. Mathilde lachte auf.

„Oh, Herr Ulrich, Ihr seid zweifellos ein überaus gut aussehender Mann. Doch so sehr ich dies und Eure höfische Galanterie schätze: Ihr hättet gegen meinen Dietrich keine Chance. Ich liebe meinen Dietrich – und nichts wird mich von ihm trennen“, sagte sie.

„Das ist ebenso schön wie selten, edle Mathilde. Wir leben in einer Zeit, in der ein Ritter sehr auf seine Gemahlin achten muss. Meine Großeltern waren löbliche Ausnahmen – so wie Ihr und Dietrich“, erwiderte Ulrich.

„Vergebt meine Neugier, aber alle Welt spricht nur von Euch oder Euren Großeltern. Was ist mit Euren Eltern?“

Ein trauriger Schimmer huschte über sein ebenmäßiges Gesicht.

„Meine Mutter starb bei meiner Geburt, und mein Vater wurde von einer Pockenepidemie dahingerafft, als ich kaum vier Jahre alt war. Nicht einmal vier Jahre später fiel mein Onkel im Turnier, und ich wurde von da an von meinen Großeltern zum Kronprinzen erzogen. Sie haben mich schon nach dem Tod meines Vaters als ihr eigenes Kind betrachtet. Königin Regina schenkte mir so viel mütterliche Liebe, wie meine leibliche Mutter es nicht besser vermocht hätte. Mein Großvater war mir Vater, Freund und Ratgeber. Ich vermisse meine Großeltern sehr, nicht nur, weil mit ihrem Tod Wenglands Schicksal in meine noch ungeübten Hände gelegt wurde“, antwortete er.

„Ulrich, was dir fehlt, ist Fröhlichkeit“, bemerkte Dietrich. Er schob seiner Frau den Stuhl zurecht. Er und seine Gäste setzten sich ebenfalls. Ulrich rang sich mühsam ein Lächeln ab.

„Ich weiß, im Moment verbreite ich nicht gerade Frohsinn, aber meine Situation ist auch nicht nach Frohsinn. Ich musste Wengland verlassen, weil die Wilzaren hinter meinem Kopf her sind. Bisher konnte mir niemand helfen, Wengland aus dem Griff der Wilzaren zu befreien – oder wollte es nicht, wie euer Herzog. Knapp elf Monate ist König Martin jetzt tot, zehn Monate sind seit dem Wilzarenüberfall vergangen, neuneinhalb Monate ist es her, dass ich ziemlich Hals über Kopf aus dem Kloster Wachtelberg fliehen musste, vor neun Monaten warf mich euer Herzog schneller aus Stolzenfels hinaus, als ich hineingekommen war. Und nur wenige Tage ist es her, dass der König von Kastilien, den ich als den Regenten des Heiligen Römischen Reiches um Hilfe gebeten habe, diese Bitte mit der Forderung beantwortet hat, ich sollte Wengland seiner Souveränität unterstellen und statt der Königskrone einen Herzogshut tragen. Nein, mir ist nicht nach Lachen zumute. Verzeiht, wenn ich euch die gute Stimmung dieses strahlenden Tages verdorben habe“, sagte er.

„Ulrich, das Unglück, das dir widerfahren ist, ist mir durch unseren Herzog bekannt geworden. Ich möchte dir helfen, aber ich kann dir keine Soldaten geben, da ich selbst nur knapp zweihundert Mannen habe. Aber ich suche einen Junker für meine Schutztruppe, da ich nicht alles alleine machen will. Die Verwaltung der Provinz fordert viel Zeit, deshalb kann ich mich nicht so um die Ausbildung meiner Knechte kümmern, wie ich müsste. Du wärst der geeignete Mann dafür. Dein Großvater hat diesen Haufen aufgebaut und berühmt gemacht. Wer, wenn nicht ein wenglischer Prinz, könnte die Falkensteiner Schutztruppe wirklich schlagkräftig machen?“, bot Dietrich den vakanten Posten an. „Die Nachwuchsförderung hat leider sehr nachgelassen, als dein Großvater Falkenstein verließ, um König zu werden. Du bist deinem Großvater so ähnlich, dass ich jede Wette eingehen würde, du hättest die gleichen Fähigkeiten wie Martin der Große“, lockte der Graf. Ulrich schüttelte den Kopf.

„Ich bin mir nicht so sicher. Gut, ich bin ein passabler Turnierritter, ich bin ein guter Bogenschütze und ein verkappter Jurist. Aber ob das die gleichen Fähigkeiten sind, die meinen Großvater zu einem bedeutenden König gemacht haben, wage ich mal anzuzweifeln.“

„Ach was! Stell’ dein Licht nicht unter den Scheffel!“, protestierte Dietrich. „Mit deiner Hilfe könnten die Falkensteiner Knappen wieder eine Truppe werden, mit denen gewisse Raubritter aus der Nachbarprovinz rechnen müssen.“

„Klingt nach Richard von Rebstadt“, grinste Ulrich.

„Schau an – du kannst doch noch lächeln! Wir bringen dich schon wieder ins rechte Lot, Uli“, frohlockte Dietrich. „Nein“, setzte er dann hinzu, „die Markgrafen der Rebmark sind inzwischen verträglich geworden. Den Chef des Clans hast du kennen gelernt. Herzog Gunther ist allerdings noch recht giftig, wie ich zugestehen muss. Sein älterer Sohn Mathias ist der Markgraf von Rebmark und ist ein verträglicher Mensch, der ein guter Freund von mir ist. Noch lieber war mir Graf Ralf, Gunthers jüngerer Bruder. Wenn seine Tochter nicht so viel jünger gewesen wäre, hätte ich meine Mathilde vielleicht gar nicht kennen gelernt. Ralf hätte es gern gesehen, wenn ich sein Töchterlein geehelicht hätte.“

„Sei ehrlich – du hättest eine andere Frau deiner Mathilde vorgezogen? Dietrich, ich bin entsetzt“, schmunzelte Ulrich.

„Du solltest die Kleine kennen lernen, Uli. Mir war es einfach zu lange, um auf ihre Volljährigkeit zu warten. Sie ist dieses Jahr erst zwanzig geworden. Außerdem wäre mir der Altersunterschied zu groß. Ich bin sieben Jahre älter als die Maid. Meine Mathilde passt schon besser zu mir. Zudem sind wir schon fünf Jahre verheiratet. Verstehst du jetzt?“

Ulrich nickte.

„Und was ist mit den Raubrittern?“

„Oh, das ist einer der letzten noch lebenden Verwandten von Richard von Rebstadt. Die Familie wurde damals aus der Rebmark verbannt. Weder Graf Simon noch die Nachbarprovinz Oberalvedra wollten etwas mit den Burschen zu tun haben. Es sieht so aus, als hätten sie ihren Schlupfwinkel auf der Alvedrainsel oder irgendwo in der Provinz Rossensee gefunden. Der Urenkel von Richard, Hermann ist sein Name, hat eine kleine Bande von Raubgesindel um sich geschart. Er plündert meine Dörfer nach Herzenslust. Wir kommen regelmäßig zu spät“, sagte Dietrich zwischen zwei Happen eines sehr leckeren Rehrückens. Ulrich trank einen Schluck Wein und sah über den Rand seines Zinnbechers Pater Kasimir an. Er sprach dem herrlichen Wildbret mit entzücktem Augenaufschlag zu, genoss den wunderbaren Rebmärker Rotwein dazu – und war ruhig und zufrieden.

„Vielleicht kannst du mir beim Aufräumen in meiner Grafschaft helfen. Und ich kann dir vielleicht mit unserem widerspenstigen Herzog behilflich sein. Es gibt nämlich so gut wie keinen Grafen in Scharfenburg, der mit seiner Entscheidung einverstanden war“, störte Dietrich Ulrich auf. Der Prinz nickte, spülte den Bissen mit einem Schluck Wein hinunter.

„Gern“, sagte er dann. „Wir hatten in Wengland eine miserable Alarmordnung, die einen gefährlichen Haken hatte: Der Alarm wurde erst auf Befehl des Königs ausgelöst – oder auf Anweisung des Reichsvogtes, wenn vier Thronräte zugestimmt hatten. Freund Ranador hat dafür gesorgt, dass eine entsprechende Anzahl nicht vorhanden war – und das war unser Untergang. Ich hatte ohnehin vor, diese Ordnung zu reformieren und habe mir schon etwas überlegt. Ich mache dir folgenden Vorschlag: Ich lasse meine allerletzten wenglischen Soldaten aus Breitenstein kommen. Mit deren Hilfe bilden wir kleine Einheiten aus, die in jeder Stadt, in jedem Dorf in Falkenstein stationiert werden. Am besten sollten es die Einwohner der jeweiligen Gemeinde sein. Das Land wird mit einem dichten Netz von Kreidetürmen überzogen, die im Alarmfall ein vorher vereinbartes Feuersignal geben. Auf dieses Signal werden die – nennen wir sie Bürgerwehren – in Alarmzustand versetzt. Wenn du in jedem der Dörfer deiner Provinz so eine Truppe hast, kannst du innerhalb von Stunden zweitausend Mann mobilisieren. Es funktioniert, wenn es kein Kompetenzgerangel gibt.“

Dietrich hörte interessiert zu.

„Ich gebe zu, die Idee ist mir noch nicht gekommen“, sagte er dann. „Aber das ist grandios! Den Dorfschulzen oder den Bürgermeister könnte man zum Hauptmann der Miliz ernennen, die Ausbildung stünde in seiner Verantwortung …“

Er brach ab, als er Ulrichs Kopfschütteln bemerkte.

„Nicht?“, fragte er dann.

„Nein. Entschuldige, wenn ich dich unterbreche, Vetter, aber eine einheitliche Ausbildung und Führung der gesamten Truppe muss sichergestellt werden. Ich würde vorschlagen, dass sämtliche Leute, die für die Führung in den kleinen Einheiten in Frage kommen, nach Burg Falkenstein eingeladen werden und selbst erst einmal gründlich ausgebildet werden, bevor sie ihr Wissen weitergeben. Ferner sollten nur solche Leute mit dieser Aufgabe betraut werden, die absolut loyal zu dir stehen. Sonst könntest du eines Tages, wenn es eine Hungersnot oder ähnliches gibt, ein gut ausgebildetes Bauernheer vor deiner Burg haben, dem du nichts entgegenzusetzen hast. Das müssen wir ausschließen.“

„Gute Idee“, sagte Dietrich. Er grinste in seinen Becher. Ulrich hatte eine Aufgabe, der er sich mit offensichtlicher Hingabe widmen konnte. Das konnte ihn von seinen sonstigen Sorgen ablenken und hatte für den Grafen den angenehmen Effekt, dass seine Schutztruppe wieder zu dem wurde, was ihr Name ausdrückte: ein Schutz für Falkensteins Bürger.

Schon am Tag darauf erhielt Ulrich seine Ernennung zum Junker von Falkenstein. Graf Dietrich überreichte ihm mit der Urkunde einen Siegelring mit dem Falkensteiner Wappen.

„Ich bitte dich, diesen Ring statt deines Regentenringes zu tragen, Ulrich. Du wirst häufig in meinem Namen siegeln müssen. Dafür brauchst du das Falkensteiner Siegel“, sagte Dietrich dazu.

„Mein Regentensiegel nützt mir im Moment ohnehin nichts, da ich zur Zeit nichts im Namen des Königs zu veranlassen habe“, erwiderte Ulrich, nahm das königliche Siegel vom Finger und steckte das Falkensteiner Siegel an den Platz.

Unverzüglich begann der neue Junker mit der Vorbereitung der Ausbildung. Er sandte einen Boten nach Breitenstein, und kaum zwei Wochen später waren seine knapp fünfzig wenglischen Mannen in Falkenstein. Dann begann er mit der Ausbildung der späteren Ausbilder. Schon bald konnte Ulrich feststellen, dass die Bauern und Bürger Falkensteins ohne Einschränkung hinter Graf Dietrich standen. Ulrich selbst wurde in ehrender Erinnerung an seinen Großvater als Junker akzeptiert. So mancher alte Mann, der noch zu Alwins Zeiten in der Schutztruppe gedient hatte, bekam feuchte Augen beim Anblick des Prinzen.

„Junker Martin ist zurück!“, hieß es oft, oder:

„Herr seid Ihr es wirklich? Seid Ihr Martin?“

Ulrich war es sehr unangenehm, dass ihn alle Welt am seinem Großvater maß. Martin hatte einst einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass er auch nach Jahrzehnten noch vorhanden war. Es war Ulrichs Pech, diesem eindrucksvollen Mann folgen zu müssen.

Dennoch ließ er sich in seiner Arbeit nicht beirren. Mit viel Mühe und Aufwand bildete Ulrich Falkensteins Soldaten aus. Fünf Monate nach seiner Ankunft konnte er auf eine Milizarmee von zweitausend Mann sehen. Jetzt wurde sein Name schon in einem Atemzug mit seinem Großvater genannt. Aber mit dem Moment, da seine Aufgabe von der Ausbildung zur Führung des Heeres wechselte, meldete sich wieder das Heimweh nach Steinburg. Ulrich war klar, dass er mit einer viel zu geringen Anzahl von Soldaten dastand. Mit der Falkensteiner Schutztruppe – so gut sie sein mochte – konnte er Wengland nicht zurückerobern. Zwar hatte Ulrichs Truppe einen bedeutenden Erfolg erzielen können, denn das Raubgesindel war dingfest gemacht und fortan herrschte in Falkenstein wieder Ruhe, aber Ulrichs Unruhe wurde wieder stärker.

Eines Nachts, es war im November 1261, erschien Ulrich im Traum sein Großvater – als junger Ritter, im Waffenrock der Falkensteiner Schutztruppe.

„Großvater!“, entfuhr es Ulrich im Schlaf.

„Ulrich, sei nicht so unruhig!“ mahnte Martin. „Du brauchst Geduld, mein Junge.“

„Großvater, wie lange hast du gebraucht?“

„Meine Situation war anders als die deine. Wengland war nicht von fremden Mächten besetzt. Ich brauchte Wengland nicht zu erobern, wie du es musst. Deshalb ging es einfach schneller. Du benötigst Gunthers Hilfe. Du musst ihm einen Dienst erweisen, damit er sich dir verpflichtet fühlt“, erwiderte die Erscheinung.

„Er hat deine Hilfe schon ignoriert“, widersprach Ulrich.

„Gunther ignoriert sie, weil ich tot bin. Er glaubt sich in meiner persönlichen Schuld, dabei steht er in Wenglands Schuld, das du repräsentierst. Aber sei’s drum. Du hättest Schwierigkeiten, eine Schuld Gunthers vor dem Adelsgericht Scharfenburgs einzuklagen, wenn er sich darauf beruft, dass ich nicht mehr lebe und meine Dienste als persönlich bezeichnet. Beweise ihm, dass du willens bist, ihm behilflich zu sein. Dann kann er sich nicht mehr drücken.“

„Wie soll ich das bewerkstelligen? Ich kann doch nicht nach Stolzenfels …“, wandte Ulrich ein.

„Biete dich ihm schriftlich als Ritter an oder warte auf eine andere gute Gelegenheit, ihm einen entscheidenden Gefallen zu tun, wenn er außerhalb der Provinz Stolzenfels ist.“

„Wie erkenne ich eine gute Gelegenheit?“

„Du wirst sie erkennen, mein Junge; du wirst sie erkennen, wenn es soweit ist. Vielleicht kann ich dir noch den Rat geben, auf den Stern zu achten. Regina und ich wachen über dich, Ulrich. Du ruhst im Zimmer unserer Liebe. Wir werden immer bei dir sein, auch wenn du uns nicht so wahrnimmst, wie jetzt mich.“

„Danke, Großvater“, murmelte Ulrich.

Ulrich schreckte hoch. Er fand sich allein in seinem Schlafgemach wieder. Durch die Butzenscheiben konnte er draußen Mondschein erkennen. Leise stand er auf und öffnete das Fenster. Ein Schwall eisiger Luft wehte herein und brachte das Feuer im Kamin zum Flackern. Fröstelnd erkannte Ulrich in der klaren Nacht im Südosten – dort, wo Steinburg etwa lag – einen heftig blinkenden Stern. Ulrich wertete den Stern als Zeichen des Himmels, das schon seinem Großvater als Zeichen zur Lösung seiner Probleme erschienen war.

„Danke, Großvater“, flüsterte er, schloss das Fenster wieder, schlüpfte wieder in sein warmes Bett und schlief zufrieden ein.

Noch am Vormittag des folgenden Tages sprach Ulrich mit seinem Vetter über den Traum, den er gehabt hatte. Dietrich dachte eine Weile nach.

„Als Ritter würde Gunther dich nicht akzeptieren, schließlich hat er dich des Landes verwiesen. Aber du kannst auf eine Gelegenheit warten, ihm einen Gefallen zu tun. Leider gibt es in Scharfenburg derzeit so gut wie keine Räuber mehr, Drachen und Lindwürmer gelten als ausgestorben. Aber irgendeine Gelegenheit wird sich bieten. Wenn dein Großvater über dich wacht, wird er dir im rechten Moment einen Hinweis geben“, sagte der Graf. Der Prinz wollte etwas einwenden, aber Dietrich stoppte ihn.

„Ulrich, du brauchst Geduld! Viel Geduld. Herzog Gunther ist ein zäher Brocken. Du wirst ihm schon einen sehr großen Gefallen tun müssen. Die Gelegenheit wird sich bieten, aber hab’ Geduld“, beruhigte er den Prinzen. „Du bist mein Junker. Ich bezahle dich gut, damit du eines Tages das nötige Kleingeld für den teuren Feldzug gegen Ranador hast. Er wird sehr teuer sein, sowohl vom Geld als auch von den Menschenleben, die er kosten wird. Wengland läuft dir nicht weg. Es bleibt an dem Fleck, an den Gott es bei der Erschaffung der Welt gesetzt hat. Auch wenn du Jahre warten musst: Deine Ansprüche verjähren nicht.“

„Meine Ansprüche nehmen sicher keinen Schaden, aber mein Ansehen bei meinem Volk, so ich je eines gehabt habe“, versetzte Ulrich bissig.

„Wenn du es verspielt haben solltest – was ich im Übrigen nicht glaube – wirst du es mit der Rückeroberung Wenglands wieder gewinnen, glaub’ mir. Abgesehen davon bin ich ganz froh, dass du jetzt hier bist, dass du meine Soldaten ausgebildet hast und sie führst, dass hier wieder Ordnung eingekehrt ist, dass noch ein paar Wengländer meine Truppe aufbessern“, lächelte Dietrich.

In den Monaten, seit er Dietrichs Junker war, hatte Ulrich die Truppe auf die ungeheure Stärke von insgesamt fünftausend Mannen angehoben. Das war viel, sehr viel, wenn man bedachte, dass die ganze Provinz Falkenstein etwas über zehntausend Einwohner zählte. Diese Anzahl konnte nicht allein aus den Männern Falkensteins rekrutiert werden. Der Graf von Oberalvedra hatte sich dem System angeschlossen und nach Falkensteiner Vorbild Feuertürme bauen lassen, die im Alarmfall aufflammten und auch seine Männer zu den Waffen riefen. Gemeinsam machte das mobilisierte Heer dann rund fünftausend gut ausgebildete und bewaffnete Recken und Mannen aus.

Aber auch diese zweifellos ansehnliche Streitmacht konnte Prinz Ulrich nicht direkt nach Wengland bringen. Er hatte Späher ausgesandt, die die Stärke des wilzarischen Besatzungsheeres überprüften. Sie berichteten ihm, dass allein an der Scharfenburger Grenze fast zehntausend Wilzaren auf Wache waren, und dass im unmittelbaren Grenzbereich mindestens weitere zehntausend stationiert waren. Für Ulrich zerschlug sich damit jegliche Hoffnung, den Thron Wenglands aus eigener Kraft und ohne die Hilfe Gunthers zu erobern. Nein, der Weg nach Steinburg führte unweigerlich über Stolzenfels. Nur mit dem etwa zwanzigtausend Mann zählenden herzoglichen Gesamtheer war an eine Auseinandersetzung mit den Wilzaren überhaupt zu denken.

 

AAA

Kapitel 8

Jagdglück

 

Die Zeit verging. Ulrich lernte, seine Ungeduld zu zügeln. Wenn ihn auch oft noch das quälende Heimweh plagte, irgendwie gelang es ihm immer wieder, sich zu beruhigen. Eines seiner besten Hilfsmittel hierfür war das Observatorium von Burg Falkenstein. Graf Alwin hatte es einst im Turmhelm des Bergfrieds eingerichtet – und es existierte immer noch. Ulrich wusste von seinem Großvater um die wundersamen Dinge, die man am Himmel sehen konnte.

Nach seiner Rückkehr aus Falkenstein hatte Martin einst Daniel von Doberheim, dem eigenen Sterndeuter und Hofmagier, die Einrichtung eines Observatoriums vorgeschlagen, und Daniel hatte die Idee begeistert aufgegriffen. So war in der Steinburg ein gut ausgestattetes Observatorium entstanden, in dem sämtliche Instrumente zu finden waren, die es zu jener Zeit für Beobachtungen am Himmel gab. Der chronisch neugierige Daniel hatte alte Schriften studiert – auch und gerade solche, die noch von römischen oder griechischen Gelehrten geschrieben worden waren. Doberheims wohlgefüllte Bibliothek war nur den unmittelbaren Mitgliedern des Königshauses, also dem König, der Königin und dem Kronprinzen, und dem jeweiligen Sterndeuter zugänglich. Die Menschen, die darum wussten, waren Geheimnisträger – und sie hüteten dieses Geheimnis sorgsam, denn Vertretern der Kirche wurde besser nicht bekannt, dass im Königshaus Schriften heidnischer Weiser gelesen wurden.

Ulrich war immer klug genug gewesen, nicht über das zu sprechen, was er in Daniels Laboratorium gesehen und gelesen hatte. Aber dank seiner Vorbildung wusste der junge Prinz mit den seit Alwins Tagen vergessenen Instrumenten umzugehen. Er hatte sich von Dietrich das Observatorium als seinen Denkraum, wie er es nannte, ausgebeten. Dietrich, der mit den Instrumentarien mangels Interesse nichts anfangen konnte, hatte es erlaubt, und Ulrich hatte sich daran gemacht, den großen Raum im Turmhelm vom Staub der Jahrzehnte zu befreien. Er hatte die alten Bücher liebevoll gesäubert, zum Teil neu gebunden, neue Bücherregale gebaut und ansonsten gründlich aufgeräumt und geputzt. Nach drei Monaten harter Arbeit blitzten die Instrumente nun wieder in blankem Messing und poliertem Holz, standen die Bücher in Griffweite, hatte Ulrich eigene Erkenntnisse aufgeschrieben.

Das Observatorium war sein Zufluchtsort geworden, wenn er allein sein wollte. Seit er diesen Rückzugsraum hatte, konnte er sich auch wieder den schöneren Dingen des Lebens öffnen. Vetter Dietrich ließ denn auch keine Gelegenheit aus, den Prinzen von trüben Gedanken abzubringen. Langsam gewann Ulrich auch wieder die von seiner Großmutter ererbte Fröhlichkeit wieder. Dabei bemerkten die Damen der Burg als Erste, welch wunderschönes, strahlendes Lachen der junge Prinz hatte. Es gab – die treue Gräfin Mathilde vielleicht ausgenommen – nahezu kein weibliches Wesen in der ganzen Provinz Falkenstein, das nicht mehr oder weniger heimlich hinter dem stattlichen Prinzen her seufzte.

Eines Abends im Oktober 1262 saß Ulrich wieder in seinem Observatorium und betrachtete die Sterne. Wieder fiel ihm der blinkende Stern auf, der genau dort stand, wo sich Steinburg befand. Seit jener Novembernacht, in der ihm sein Großvater im Traum erschienen war, hatte er den Stern nicht mehr gesehen. Ulrich rieb sich verwundert die Augen, aber der Stern blieb hartnäckig an seinem Platz am nächtlichen Himmel.

„Großvater?“, murmelte Ulrich, „Ist das wieder ein Hinweis von dir? Sollte die passende Gelegenheit nahe sein?“

In der Nacht erschien ihm wieder sein Großvater, diesmal in seiner Jagdkleidung und als älterer Mann.

„Ulrich – die Gelegenheit wird sich morgen bieten. Geh’ auf Jagd“, empfahl Martin.

„Danke, Großvater“, murmelte Ulrich im Schlaf.

Ulrich erwachte ungewöhnlich früh. Der Morgen graute gerade erst. Obwohl er wegen seiner Beobachtungen recht spät schlafen gegangen war, fühlte er sich frisch und ausgeruht. Er stand auf, zog sich an und ging zunächst in Richtung Schlossküche, um sich für einen langen Jagdtag zu stärken. Auf dem Flur stieß er beinahe mit Dietrich zusammen.

„Holla, du bist ja schon aufgestanden!“, entfuhr es Dietrich. „Guten Morgen, Ulrich.“

„Guten Morgen, Dietrich.“

„Eben bin ich auf dem Weg zu dir, um dich zu fragen, ob du Lust hättest, zu jagen.“

Ulrich sah seinen Vetter eine Weile an.

„Ist Großpapa dir auch im Traum erschienen?“, fragte er. Dietrich wurde bleich.

„Ich hab’ einen seltsamen Traum gehabt. Ein alter Herr erschien mir und gab mir den Rat, heute am Alvedra zu jagen. War das etwa dein Großvater?“, erklärte der Graf.

„Würde ich beinah’ vermuten“, grinste Ulrich.

„Dann komm, lass uns keine Zeit verlieren. Den Geistern soll man nicht zuwiderhandeln“, drängte Dietrich. Sie eilten in die Schlossküche, um noch etwas zu essen und ritten noch vor Tagesanbruch fort

In der nahe gelegenen Nachbarprovinz Rossensee kannte Dietrich ein gutes Jagdrevier am Alvedra, in der Nähe der großen Insel. Dort gab es jedes jagdbare Wild, das den Gaumen eines Menschen erfreuen konnte. Dietrich war mit Graf Eberhard von Rossensee gut befreundet und hatte von seinem Freund die Erlaubnis, in Rossensee zu jagen. Dietrich erklärte seinem Vetter die Lage des Reviers und seine Grenzen.

„Auf eines musst du noch achten: Muttertiere mit Jungen darfst du hier nicht jagen, egal, wie groß und gefährlich das Tier auch sein mag, verstanden?“, warnte er noch.

„Ja. Ich werde mich an eure Jagdgesetze halten“, versprach Ulrich.

„Dann Waidmannsheil, Ulrich!“, rief Dietrich, schon im Davonreiten.

„Waidmannsdank, Dietrich!“, antwortete Ulrich.

„Wir treffen uns mittags hier am Hünengrab. Verlauf dich nicht!“

„Ist das nicht etwas spät?“, fragte Ulrich lachend. Dietrich grüßte lachend mit dem Hut und galoppierte in den Wald hinein. Ulrich sah ihm kurz nach und trieb seinen Rappen dann in die entgegengesetzte Richtung.

Bis die Sonne über die hohen Wipfel der alten Tannen kam, hatte Ulrich schon eine Anzahl Hasen erjagt, die sich sehen lassen konnte. Es mochte wohl zehn Uhr vormittags sein, als er im Wald auf einer Lichtung eine fröhliche Jagdgesellschaft entdeckte – vielmehr einige junge Damen, die beim Lagerplatz geblieben waren und die Jäger fröhlich anfeuerten, die mit ihren Treibern eben im Wald verschwanden. Ulrich machte sich nicht bemerkbar und ritt zunächst leise weiter. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass diese Jagdgesellschaft ihm die Gelegenheit bieten würde, nach der er suchte und von der sein Großvater gesprochen hatte. Er kam nach kurzer Zeit wieder und beobachtete die Damen eine ganze Weile. Sie spielten ausgelassen mit einem Ball. Eine von ihnen zog Ulrichs Blick besonders an. Sie war jung, hatte braunes Haar, das zu einem Kranz hochgesteckt war und trug Kleidung, wie sie einer Adligen zu Eigen war. Sie bewegte sich mit graziler Anmut, und ihr Lachen war hell wie Glockenklang. Ihm fiel ein, dass sein Großvater ihn ermahnt hatte, bald zu heiraten. Er wurde in diesem Jahr siebenundzwanzig, aber eine Frau hatte er noch immer nicht gefunden. Er hatte, wie er sich eingestand, auch noch nicht danach gesucht, weil er sich erst um sein Königreich kümmern wollte. Aber diese junge Frau, die knapp über zwanzig sein mochte, rückte die Mahnung seines Großvaters wieder in sein Gedächtnis.

Wer mag sie sein?‘, fragte er sich in Gedanken.

Plötzlich stolperte eine und der ihr zugedachte Ball flog weit in den dunklen Tann hinein. Die jungen Damen, vier an der Zahl, eilten gleich hinterher.

„Ach, Hanna, was bist du ungeschickt!“, rief eines der Mädchen, aber es klang fröhlich und war ohne Vorwurf. Ulrich konnte sich in diesem Moment einfach nicht vorstellen, dass sein Großvater die Wiederauffindung eines verlustig gegangenen Spielballes als entscheidende Hilfeleistung für den Herzog bezeichnen wollte. Der junge Mann sah auf die Sonne und begann sich schon zu ärgern, weil er mit der Beobachtung der Mädchen Zeit vertan hatte. Er hatte schon das Pferd gewendet, um weiterzureiten, als er ein vernehmliches, tiefes Brummen von der gegenüberliegenden Seite der Lichtung hörte. Gleich darauf ertönte ein vierstimmiger Chor von spitzen Schreien. Ulrich überlegte nicht lange, riss sein Pferd herum und zog sein Schwert. Mit langen Sätzen preschte sein treuer Rappe Rodulf, ein Nachfahre von Martins großartigem Rufus, quer über die Lichtung. Zwei der jungen Frauen kamen ihm schon entgegen.

„Bären! Zu Hilfe!“, schrien sie.

Ulrich jagte an ihnen vorbei in den Wald hinein. Tiefer im Tann stand eben gerade ein ausgewachsener Braunbär auf und hieb mit der Pranke nach einer der jungen Damen, die sich mit einem Stock – mehr einem Stöckchen – wehren wollte. Der Prankenhieb traf sie tödlich. Das verbliebene Mädchen war das, was Ulrich schon genauer beobachtet hatte. Sie hatte zwar eingesehen, gegen den gut neun Fuß großen Bären keine Chance zu haben, aber sie hatte wohl vor Schreck die Orientierung verloren und sich weiter in den Wald zurückgezogen, statt zur Lichtung hin. Jetzt stand der Bär zwischen ihr und der rettenden Lichtung. Sie presste sich an einen Baum, der ihr eine weitere Flucht unmöglich machte – und der Bär kam näher!

Ulrich hatte das Schwert schon erhoben, um den Bären zu erschlagen, als er gewahr wurde, dass noch ein Jungtier in der Nähe des Bären war. Es musste eine Bärin mit einem gut einjährigen Jungen sein. Deshalb war das Tier auch so aggressiv, schloss der Prinz aus der Situation. Er reagierte schnell, griff hinter den Sattel zu seinem Dienstschild mit dem Falkensteiner Wappen und schlug mit der Breitseite des Schwertes auf den Metallrand. Gleichzeitig bremste er Rodulf mit den Fersen. Das scheppernde Geräusch machte die Bärin aufmerksam, die sich tatsächlich umdrehte und den neuen Gegner anvisierte. Ulrich machte weiter Lärm. Die Bärin stellte sich wieder auf die Hintertatzen, zog sich aber langsam vor dem lärmenden Menschen zurück. Ulrich drängte sie mit Schwertgeklapper so weit zurück, dass die junge Frau eine Fluchtmöglichkeit hatte. Noch bevor er das Mädchen anrufen konnte, endlich zu verschwinden, drehte die Bärin sich um, ließ sich wieder auf die Vorderpfoten fallen und zog mit ihrem Jungen ins Dickicht ab.

Ulrich wartete noch einen Moment, um sicherzugehen, dass die Bären tatsächlich verschwunden waren. Dann schob er sein Schwert in die Scheide, hängte den Schild weg und stieg vom Pferd. Verständnislos schüttelte er den Kopf.

„Warum seid Ihr nicht weggelaufen?“, fragte er und ging auf die junge Frau zu, die sich noch immer an den Baum presste. „Ihr braucht Euch nicht mehr zu fürchten. Die Bären sind fort“, setzte er dann beruhigend hinzu. Es dauerte dennoch einen Moment, bis Leben in sie kam.

„Er hat lange auf sich warten lassen!“, schalt sie ihn. Ihr Blick war betont kühl, als sie Ulrich maß. „Aber was hat ein Treiber wie Er hier überhaupt zu suchen? Warum ist Er nicht beim Herzog?“, fuhr sie ihn an.

Ulrich war zunächst verblüfft über ihren groben Ton, aber dann brach er in Gelächter aus. Zur Jagd trug er nicht gerade sein Prachtgewand, sondern verließ sich zu diesem Zweck lieber auf Leinenhemd, Lederwams und lockere Reithosen zu langschäftigen, weichen Stiefeln. Nein, wie ein Edelmann sah er auf den ersten Blick nicht aus.

„Will Er wohl mit dem Gelächter aufhören!“, fauchte die junge Edeldame herrisch.

„Verzeiht, dass ich mich nicht vorstellte, bevor ich es gewagt habe, Euch die Bären zu verscheuchen“, lachte Ulrich hell. „Ich bin Ulrich, Junker von Falkenstein“, stellte er sich dann mit einer höflichen Verbeugung vor. Er beugte sich über die Hand der jungen Frau und hauchte einen höfischen Handkuss darauf.

„Erlaubt, dass ich Euch zur Lichtung zurückbringe, bevor Meisterin Petz wieder Appetit auf Euch bekommt. Bären sind leicht zu verjagen, aber sie kommen oft wieder“, empfahl er dann. Sie nickte, wollte sich von ihm aber nicht helfen lassen. Plötzlich knickte sie mit einem Wehlaut um. Ulrich konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie stürzte.

„Seid Ihr verletzt?“, fragte er besorgt.

„Ich glaube, ich habe mir den Fuß verstaucht“, erwiderte sie.

„Ihr erlaubt?“, fragte Ulrich, hob sie einfach hoch, ohne auf eine positive Antwort zu warten und trug sie zur Lichtung zurück, ohne sich sonderlich zu beeilen. Zunächst wollte die junge Frau sich wehren, aber dann ließ sie es geschehen. Ulrich lächelte sie so freundlich an, dass sie sein Lächeln erwiderte und sich sogar vertrauensvoll an ihn lehnte.

„Danke“, sagte sie leise. „Was ist mit meiner Hofdame?“, fragte sie ängstlich. Ulrich seufzte.

„Der Bär hat sie mit der Pranke voll getroffen, Fräulein. Ich möchte Euch nicht näher beschreiben, was ich gesehen habe, aber Eure Hofdame muss tot sein“, erwiderte er leise.

Ulrich pfiff seinem Pferd, das brav hinter ihm her trottete.

„Erlaubt mir die Frage, wem ich die Bärin vom Hals hielt?“, fragte er leise.

„Adelheid ist mein Name. Meine Freunde nennen mich Adeline. Ich bin des Herzogs Mündel“, gab sie Auskunft. Beinahe hätte Ulrich seine kostbare Fracht vor freudigem Schrecken fallen lassen. Er fing sich rechtzeitig und achtete darauf, sie sicher zu halten. Ab und zu tauchte sein Blick in den ihren. Ihre warmen, blaugrauen Augen sahen ihn sanft an. Ulrich konnte sich nur knapp zusammennehmen, sie nicht einfach zu küssen, so einladend bot sich ihm ihr Mund dar. Immer wieder suchte sie schweigend seine braunen Augen, deren Wärme sie magisch anzog. Sie legte den Kopf an seine Halsbeuge und überließ sich ganz seinen kräftigen Armen. Adeline war sicher, dass noch niemand sie so warm und sicher getragen hatte. Wäre es nach ihr gegangen, hätte er sie stundenlang durch den Wald tragen können.

AAA

Kapitel 9

Adeline

 

Schließlich erreichten sie die Lichtung. Ulrich sah einen Moment in die Flammen des dortige Lagerfeuers. Er hätte schwören können, im Feuer das jungenhafte Grinsen seines Großvaters zu sehen, der ihm bedeutsam zuzwinkerte.

„Junker Ulrich, ich muss mich bei Euch entschuldigen.“

„Wofür? Dafür, dass Ihr mich für einen Treiber gehalten habt? Oh, lasst nur, das habe ich mir selbst zuzuschreiben. Ich neige nun einmal nicht dazu, im Brokatgewand auf Jagd zu gehen“, entgegnete Ulrich lächelnd. „Wo darf ich Euch absetzen?“, fragte er höflich. Adeline sah ihn einen Moment an.

Am liebsten überhaupt nicht‘, dachte sie. Laut sagte sie:

„Meine Decke ist dort drüben, Herr Ulrich.“

Er fasste sie noch einmal sicherer und trug sie hinüber. Unbewusst schmiegte sie sich an ihn.

Er erreichte die Decke und setzte sie vorsichtig ab. Die anderen jungen Damen kamen sofort herbeigelaufen.

„Adeline, seid Ihr verletzt?“, fragte eine der jungen Damen besorgt.

„Nein, zum Glück nicht. Ich habe mir nur den Fuß ein wenig verstaucht. Wäre mir dieser mutige junge Jäger nicht zu Hilfe geeilt, wäre mir sicher etwas geschehen. Aber Katharina ist von der Bärin tödlich verletzt worden. Holt sofort Hilfe, damit sie aus dem Wald getragen wird!“, sagte sie. Die Hofdamen beeilten sich, ihren Befehl auszuführen. Adeline sah Ulrich an, der sich ihren Fuß näher besah.

„Doch sagt mir, Junker Ulrich: Warum habt Ihr die Bärin nicht getötet?“

„Bevor ich mich von Graf Dietrich trennte, gab er mir mit auf den Weg, dass Muttertiere mit Jungtieren nicht getötet werden dürfen. Ich habe es zum Glück rechtzeitig gesehen und mich an Dietrichs Mahnung erinnert. Und ich habe mich daran erinnert, dass mein Großvater mir einmal gesagt hat, Bären seien allergisch gegen Lärm.“

Adeline ließ es zu, dass er ihren Fuß genau untersuchte. Seine Hände waren sanft und warm, genauso wie seine Augen, die sie gerade anlächelten.

„Ihr habt Glück gehabt. Euer Fuß ist nicht einmal geschwollen. Er wird bald wieder in Ordnung sein“, sagte er mit einem so charmanten Lächeln, dass Adeline immer mehr versucht war, ihn einfach zu küssen.

In diesem Moment kamen einige Reiter aus dem Wald, an ihrer Spitze Herzog Gunther.

„Bube! Willst du wohl deine unegalen Finger von meiner Pflegebefohlenen lassen!“, fauchte er Ulrich an. Der erhob sich langsam von den Knien und drehte sich um.

„Für gewöhnlich nennt man mich Ulrich, Junker von Falkenstein, Herzog Gunther. Ich wünsche Euch einen guten Morgen. War Eure Jagd erfolgreich?“, bemerkte der Prinz ruhig. Gunther wurde blass vor Wut.

„Ulrich, Junker von Falkenstein?“, schnaubte er. „Ich sehe nur Ulrich von Wengland, den ich bereits des Landes verwiesen habe, weil mich sein Streit mit Wilzarien nichts angeht!“ rief der Herzog wütend. „Ich hatte Euch befohlen, Scharfenburg zu verlassen! Wie konntet Ihr es wagen, ohne meine Erlaubnis zurückzukehren?“

Ulrich stand so gelassen da, dass die Höflinge des Herzogs meinten, der junge Mann habe gar nicht bemerkt, dass er der Angesprochene sei.

„Ihr habt mich hinausgeworfen! Wie einen Hund habt Ihr mich davonjagen lassen! Wahrhaft – das habe ich nicht vergessen! Aber Ihr habt mit keinem Wort erwähnt, dass ich Scharfenburg nicht mehr betreten darf. Ihr habt nur gesagt, dass ich mich in Stolzenfels nicht mehr sehen lassen soll. Da bin ich auch nie wieder gewesen. Wir befinden uns hier in der Provinz Rossensee, Hoheit!“, versetzte Ulrich bissig.

„Dennoch habt Ihr Euch über meinen ausdrücklichen Befehl hinweggesetzt!“, beharrte Gunther stur.

„Ich habe Scharfenburg verlassen, wie Ihr es mir befohlen habt, und ich bin zurückgekehrt, weil mein Vetter, der Graf von Falkenstein, einen Junker suchte und ich diese Stelle annehmen wollte. Wen er dort einsetzt, könnt nicht einmal Ihr ihm vorschreiben. Abgesehen davon habe ich Dietrich als meinen nächsten noch lebenden Verwandten um Hilfe gebeten. Nach Eurem Recht konnte er mir das nicht abschlagen. So bin ich in die Dienste Eures Grafen getreten“, erläuterte Ulrich ruhig.

„Was habt Ihr hier zu schaffen, wenn Ihr des Falkensteiners Knecht seid?“

„Ihr scheint Euren eigenen Sprachgebrauch nicht zu kennen, Hoheit“, kicherte Ulrich. „Junker bedeutet in der Falkensteiner Schutztruppe den Rang des Heerführers, falls Euch das entfallen sein sollte“, korrigierte er den Herzog. „Und was ich hier zu schaffen habe? Ich bin mit Dietrich auf Jagd. Er hat von Graf Eberhard eine entsprechende Erlaubnis, mit seinen Gefolgsleuten im Alvedraforst zu jagen“, sagte er dann kühl.

Adeline wurde es zu viel.

„Onkel, Junker Ulrich hat mich vor zwei Bären gerettet. Ohne ihn wäre ich tot, weil sonst niemand da war, der mir hätte helfen können. Ihr solltet ihm genauso dankbar sein, wie ich es bin“, mischte sie sich ein. Gunther machte eine unwirsche Handbewegung in ihre Richtung.

„Schweig, unmündiges Kind!“, herrschte er sie an. „Ich muss Euch wohl danken, Ulrich, dass Ihr eingegriffen habt. Aber jetzt verschwindet hier, bevor ich Euch wegen Eurer Dreistigkeit noch züchtigen lasse!“

Ulrich verbeugte sich höflich.

„So empfehle ich mich denn einstweilen. Nehmt bitte zur Kenntnis, Herzog Gunther, dass ich jederzeit bereit bin, Euch behilflich zu sein. Wenn Ihr nicht so bockbeinig wärt, könnte uns eines Tages die gleiche Freundschaft verbinden, wie sie zwischen König Martin und Herzog Simon bestand. Überlegt es Euch. Wenn Ihr mich braucht: Ihr findet mich in der Regel auf Burg Falkenstein. Schickt einfach einen Boten und ich stehe zu Eurer Verfügung“, sagte er kühl. Dann wandte er sich an Adeline:

„Ich wünsche Euch noch gute Besserung, mein Fräulein. Verzeiht, wenn ich mich Euch nicht länger widmen darf.“

Sie hob ihm ihre schmale Hand entgegen. Ulrich nahm sie sanft in die seine und drückte einen Handkuss darauf, der seine ganze Achtung enthielt.

„Auf Wiedersehen, Junker Ulrich“, sagte sie leise.

„Auf Wiedersehen, Fräulein Adeline“, erwiderte er ebenso leise, verbeugte sich noch einmal, bestieg sein Pferd und ritt davon, um rechtzeitig am Treffpunkt zu sein.

Der Prinz war gerade im Wald verschwunden, als einer der Höflinge den Herzog voller Sorgen ansah.

„Gebt Acht, Hoheit!“ warnte der Mann. „Der wenglische Prinz wird Euch mit ein paar geringfügigen Hilfeleistungen in einen furchtbaren Krieg mit den Wilzaren verwickeln.“

Adeline bekam große Augen.

„Ulrich von Wengland? Wenglischer Prinz? Sagt, Onkel, ist mein Retter etwa der künftige König von Wengland?“, fragte sie. Herzog Gunther nickte.

„Warum behandelt Ihr ihn so unhöflich? Er hat mein Leben gerettet!“, bohrte das Mädchen nach. Der Herzog wehrte mit einer herrischen Handbewegung ab.

„Das sind Dinge, von denen du nichts verstehst“, sagte er knurrend. Er drehte sich zu seinen Treibern um.

„Räumt auf, wir reiten heim nach Stolzenfels“, befahl er.

Adeline ließ sich von zwei Dienerinnen helfen, da ihr Fuß noch schmerzte. Den Herzog, der ihr den Rücken zukehrte, bedachte sie mit einem zornigen Blick.

„Typisch mein Onkel: Wenn ich kritisch werde, heißt es, ich verstünde nichts von der Sache, um die es gerade geht. Aber warte nur, Onkelchen: Bald bin ich volljährig, dann muss ich mich von dir nicht mehr herumkommandieren lassen!“, murmelte sie. Ohne es eigentlich zu wollen, sah sie zum Waldrand, wo ihr Retter eben verschwunden war. Sie wollte ihn so bald wie möglich wiedersehen und ihn besser kennen lernen.

Ulrich war ein Stück in den Wald geritten, als er seinen Rappen anhielt und gen Himmel sah.

„War wohl doch nicht die Gelegenheit, Großvater“, sagte er seufzend. „Oder hast du einfach das Mädchen gemeint? Du hattest mir ja geraten, mich unter den Töchtern Scharfenburgs umzusehen. Wenn du das gemeint hast, war meine Jagd vielleicht doch nicht ganz erfolglos“, murmelte er und ritt zum Treffpunkt am Hünengrab zurück.

Dietrich erwartete ihn bereits.

„Holla, nur ein paar Hasen?“, fragte der Graf verblüfft, als er Ulrichs insgesamt magere Ausbeute sah.

„Ich will ehrlich sein, Dietrich: Ich war nicht auf Hirsche scharf, sondern darauf, eurem Herzog einen Gefallen zu tun, aber ich glaube, das ist mir nur zu einem Drittel gelungen“, erklärte Ulrich die für die gesamte Jagdzeit knappe Strecke. Dietrich sah ihn verwirrt an.

„Du sprichst in Rätseln, Uli“, bemerkte er. .

„Ich kam dazu, wie einige junge Damen von einer gereizten Bärin angegriffen wurden. Ich konnte die Bären verscheuchen und eine noch in Gefahr befindliche junge Frau retten. Es stellte sich heraus, dass die Damen zur herzoglichen Jagdgesellschaft gehörten und dass die Frau, die ich rettete, des Herzogs Mündel, Fräulein Adel… …heid ist. Der Herzog kam dazu, war aber überhaupt nicht begeistert, mich zu treffen. Wir hatten einen Wortwechsel, in den das Fräulein sich einschaltete, aber Gunther hat ihr den Mund verboten. Ich glaube, es hat ihn nicht interessiert, dass Adeline in Gefahr war“, erklärte der Prinz.

„Merkwürdig. Gunther hängt sehr an seinem Mündel. Jedem anderen hätte er die Grafschaft Löwenstein gegeben. Ich glaube, Vetter, Gunther kann dich einfach nicht ausstehen.“

„Beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Ich mag ihn auch nicht. Aber was hast du gerade gesagt? Grafschaft Löwenstein? Moment, das gehört doch zur Rebmark!“, wunderte sich Ulrich. Dietrich trieb sein Pferd an, Ulrich ritt neben ihn. Sie lenkten die Pferde in Richtung Falkenstein.

Gehörte zur Rebmark“, korrigierte Dietrich. „Ich hab’ dir doch von Graf Ralf erzählt.“

Ulrich nickte.

„Ralf war der jüngere Bruder von Gunther, ein großartiger Ritter und Mann von Ehre. Dein Großvater hat ihn sehr gemocht und bot ihm einen hohen Posten in der Herwigsgarde an. Ralf war nahe daran, anzunehmen, weil er außer Geld nichts zu erben hatte. Der Titel des Markgrafen von Rebmark war das Erbe seines Bruders Gunther. Geld allein macht nicht glücklich, sagte sich Ralf und wollte bei deinem Großvater anfangen. Aber Ralf zu verlieren, wäre ein zu großer Verlust für seinen Vater, Herzog Otto, gewesen. Er wollte Ralf unbedingt halten. Ralf wollte aber nur bleiben, wenn er selbst eine Grafschaft bekäme. Es war keine Grafschaft neu zu besetzen. Also musste eine neue geschaffen werden. Unter normalen Umständen hätte der Grafenrat nie zugestimmt, aber Ralf war sehr beliebt und galt als unentbehrlicher Richter von unbestechlicher Gerechtigkeit. Der Grafenrat stimmte zu, Löwenstein wurde von der Rebmark abgetrennt und eigene Grafschaft mit Ralf als Grafen.

Ralf heiratete, seine Frau brachte Adelheid zur Welt, starb aber kurz darauf. Ralf hatte sie sehr geliebt, und es wäre ihm als Verrat an seiner toten Frau erschienen, wenn er wieder geheiratet hätte. Aber Adelheid ist nun einmal ein Mädchen, das eigentlich nach scharfenburgischem Recht nicht erben kann, wie du sicher weißt“, erklärte Dietrich. Ulrich nickte wiederum.

„Ralf wollte seine Grafschaft nicht untergehen lassen“, fuhr Dietrich fort. „Als klar war, dass er keine weiteren Kinder haben würde und Adelheid damit die einzige mögliche Erbin war, setzte er seinen Vater unter Druck, damit der im Grafenrat durchbrachte, dass auch Töchter erben können. Wieder war das Angebot deines Großvaters ausschlaggebend. Weil niemand wollte, dass Ralf ging, wurde das Erbgesetz geändert. Ralf hat ein Wunder bewirkt. Seit zehn Jahren können Mädchen bis zur Grafschaftsebene erben. Wenn Adelheid volljährig ist, wird sie die Gräfin von Löwenstein sein. Und ich gestehe, ich beneide die Löwensteiner um ihre künftige Gräfin.“

„Sieh an!“, sagte Ulrich nachdenklich. „Sie sagte mir, ihre Freunde nennten sie Adeline, und sie sprach es französisch aus. Woher kommt der Name?“

Dietrich lachte auf.

Jeder, der sie kennt, nennt sie Adeline. Zum einen, weil sie den Namen Adelheid auf den Tod nicht ausstehen kann, zum anderen, weil ihre Mutter französischer Abstammung war und ihr Vater sie immer so genannt hat.“

„Ist sie das Mädchen, von dem du meintest, sie sei die einzige mögliche Konkurrenz für Mathilde?“

„Genau die. Gefällt sie dir?“, fragte Dietrich mit schelmischem Grinsen.

„So könnte man es sehen. Sag’ – ist sie noch zu haben?“

„Im Prinzip schon, aber ich fürchte, nicht für dich, liebster Vetter. Eher fällt uns der Himmel auf den Kopf, als dass Herzog Gunther zuließe, dass ausgerechnet du Adeline heiratest. Außerdem ist sie dafür bekannt, Männer nicht an sich heran zu lassen. Wer in ihre Nähe kommt, erntet leicht eine Ohrfeige.“

Ulrich lächelte leicht.

„Immerhin hat sie es zugelassen, dass ich sie aus dem Wald getragen habe. Es schien ihr sogar zu gefallen. Jedenfalls hat sie den Kopf an meine Schulter gelegt und schien sehr zufrieden zu sein“, sagte er.

„Oh, Uli!“, entfuhr es Dietrich entzückt. „Schätze dich glücklich, denn es könnte sein, dass du die Maid erobert hast.“

„Schön wär’s. Aber mit einer Werbung warte ich besser, bis Adeline Gräfin geworden ist. Dann kann mir Gunther nicht mehr dazwischenschlagen“, lachte Ulrich auf.

Sie waren langsam in Richtung Falkenstein weitergeritten. Die Burg erreichten sie am Abend, hatten im Laufe des Tages noch zwei der von Ulrich erjagten Hasen gegessen. Mathilde empfing die Jäger und nahm ihnen gleich den Rest der Beute für die Küche ab.

„Sehr erfolgreich wart Ihr nicht“, sagte sie, als sie Ulrichs Hasen sah.

„Oh, da war beinahe noch ein Bärenschinken, aber da Euer Gemahl mir verboten hatte, Muttertiere zu meucheln, ließ ich die Bärin und ihr Junges laufen“, sagte Ulrich entschuldigend. „Es war auch noch so manches entzückende Häschen, das ich einfach nicht morden mochte“, setzte er grinsend hinzu.

„Ihr wart gewiss eher hinter Schürzen her, als hinter Wild, habe ich Recht?“, mutmaßte Mathilde. „Nur zu, Ihr seid ein junger Mann, der sich nicht scheuen braucht, ein scheues Reh anzusprechen. Für einen reißenden Wolf wollte ich Euch nicht halten!“, sagte sie – und ahnte nicht einmal, wie nahe sie an der Wahrheit war.

 

AAA

Kapitel 10

Gefahr für Falkenstein

 

Ulrich wartete zunächst ab, ob sich eine Gelegenheit bot, Adeline wiederzusehen. Dietrich hatte ihm gesagt, dass sie wohl Ende Februar ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag feiern würde und damit volljährig würde. Zu einem früheren Zeitpunkt war es nach übereinstimmender Meinung der Vettern für Ulrich unmöglich, Adeline zu besuchen oder sie einzuladen. Mitte Februar 1263 hatte Ulrich die Idee, die neue Gräfin zum Osterfest nach Falkenstein einzuladen.

„Das wird schwierig, Uli“, warnte Dietrich. „Ihr Volk wird von ihr erwarten, dass sie zu Ostern in Löwenstein ist. Schreib’ ihr im März und bitte um ein Wiedersehen. Vielleicht hast du Glück und sie lädt dich nach Löwenstein ein.“

Doch bevor Ulrich dazu kam, Adeline anzuschreiben, schlug das Schicksal unbarmherzig zu: Der Umstand, dass Ulrich im Herbst zuvor am Alvedra auf Jagd gewesen war, war denen, die seine Feinde waren, nicht verborgen geblieben. Im Dickicht versteckt hatte ein Spion Ranadors das Gespräch zwischen dem Herzog und dem Prinzen gehört, bei dem auch der vollständige Name Ulrichs gefallen war. Zwar hatte der Spion nicht genau mitbekommen, dass der Junker von Falkenstein mit dem Thronfolger Wenglands identisch war – soweit reichten seine Sprachkenntnisse nicht aus – aber er hatte verstanden, dass der von seinem Herrn gesuchte Prinz in Scharfenburg untergetaucht war.

Der Spion war gehalten, seinen Posten möglichst nicht zu verlassen, und so erfuhr Ranador erst Anfang des Jahres 1263 vom Aufenthaltsort des letzten noch lebenden Grafen Wenglands. Alle anderen waren inzwischen hingerichtet worden, waren im Gefängnis elend zugrunde gegangen oder hatten die Gelüste der königlichen Frauen Wilzariens nicht überlebt. Für den Tod des Kronprinzen hatte Ranador besondere Vorstellungen. Er hatte seinen Oberhenker schon beauftragt, eine möglichst langwierige Hinrichtung zu entwerfen und vorzubereiten. Aber um das Vergnügen zu haben, diese Hinrichtung zu erleben, musste man den Thronfolger Wenglands erst gefangen nehmen. Die Gelegenheit schien jetzt nahe zu sein. Nachdem Ranador von der Entdeckung seines Spions gehört hatte, ließ er Fürst Siram rufen. Der Fürst erschien drei Tage, nachdem der königliche Bote ihn nach Wilzaris gerufen hatte.

„Ihr habt mich rufen lassen, Majestät?“, fragte er mit ehrfürchtiger Kniebeuge. Ranador sah den stattlichen Fürsten einen Moment an. Er konnte seine Tochter Adana gut verstehen, dass sie Siram unbedingt hatte heiraten wollen. Siram war ein schöner Mann, er war stark und tapfer. Hätte Ranador nicht einen Sohn gehabt, hätte er dem Fürstenrat gewiss empfohlen, Siram zu seinem Nachfolger zu bestimmen.

„Sei gegrüßt, Siram, mein tapferer Schwiegersohn. Wie geht es meiner kleinen Adana?“

„Es geht ihr gut, mein Gebieter. Sie ist in Silla, meiner schönen Hauptstadt, sehr glücklich“, antwortete der Fürst.

„Seit Herbstbeginn hast du Silla nicht mehr verlassen, mein Siram. Ich hoffe, du hast bereits für Nachwuchs gesorgt“, schmunzelte der König.

„Adana hat Euch gewiss berichtet, dass sie ihr erstes Kind erwartet. Es wird zu Beginn des Sommers geboren werden.“

„Siram, ich erwarte, dass es ein Sohn ist und ich erwarte, dass mein Enkel hier, in Wilzaris, geboren wird.“

„Wie mein Gebieter befiehlt“, verneigte sich der junge Fürst.

„Ich habe dich rufen lassen, weil unsere Spione endlich eine Spur von Prinz Ulrich entdeckt haben. Sein Tod wäre der vollständige Triumph Wilzariens über Wengland. Er soll sich in Scharfenburg verbergen. Kannst du mir Scharfenburg erobern?“

„Mit einem ausreichend großen Heer wird es keine Schwierigkeit sein, Gebieter“, antwortete Siram. „Aber wir werden Probleme bekommen, diese ganzen Gebiete, die ich ohne weiteres für Euch erobern kann, auf Dauer zu besetzen. In Wengland brauchen wir bereits fünfzehntausend Eurer besten Soldaten, nur um die Wengländer ruhig zu halten. Um Scharfenburg dauerhaft zu besetzen, brauche ich mindestens noch einmal so viele. Für die Eroberung müssten wir wohl zwanzigtausend Recken und Mannen rechnen“, erwiderte der Heerführer.

„Gut“, sagte Ranador. „Nimm dir alle Männer, die bereit und fähig sind, für Wilzariens König zu kämpfen, wirf Scharfenburg nieder und bring mir den Prinzen. Vergiss nicht: Ich will ihn lebend!“

„Ja, Herr!“

„Hast du schon einen Plan?“, fragte Ranador interessiert.

„Dunkelfels, die Provinz, die an mein schönes Aventur grenzt, ist nur schwach verteidigt. Wir werden von Dunkelfels her in Scharfenburg einfallen. Im Falkensteiner Dreieck erwarte ich keinen starken Widerstand. Graf Falkenstein soll nur sehr wenige Soldaten haben. Wenn wir Dunkelfels und Falkenstein haben, rollen wir die Scharfenburger von beiden Seiten her auf“, erklärte Siram. Ranador nickte beifällig.

„Wenn es dir gelingt, Siram, wirst du in Steinburg mein Statthalter sein“, versprach Ranador. Siram verbeugte sich gemessen und verließ den Königshof, um den Überfall vorzubereiten.

Ende Februar hatte Siram ein insgesamt dreißigtausend Mann starkes Heer versammelt, zwanzigtausend davon in Aventur, fünftausend in der Nähe der Falkensteiner Grenze und fünftausend als Reserve in Wachtelberg. Der Feldherr Sirams, der über Falkenstein herfallen sollte, machte allerdings einen entscheidenden Fehler, als er den Angriffsbefehl seines Fürsten nicht abwartete, und nicht am Tag des Frühlingsbeginns, sondern bereits Anfang März 1263 die Falkensteiner Grenze überschritt.

Kaum hatten die ersten Wilzaren die Grenze passiert, als die Kreidetürme in Falkenstein und Oberalvedra aufflammten und den Wilzaren ein gleichstarkes Heer entgegentrat. Graf Falkenstein, sein Junker und der Graf von Oberalvedra führten ihre Männer von drei Seiten den Angreifern entgegen und griffen sie so überraschend an, dass die Wilzaren schwer geschlagen wurden. Innerhalb einer Woche waren von den Angreifern nur noch die übrig, die den Falkensteinern als Gefangene in die Hände gefallen waren.

„Ihr habt keine Chance!“, stieß einer der Gefangenen verächtlich hervor. „Siram kommt mit dem Hauptheer aus Dunkelfels und Wachtelberg. Er wird Euch vernichten und ich werde zusehen, wie sie Euch das Fell über die Ohren ziehen!“, drohte der Mann.

„Nach meiner Einschätzung der Wilzaren ist das wörtlich zu nehmen, Dietrich“, warnte Ulrich.

„Möglich“, sagte Dietrich. „Aber eines ist sicher: Der hier hat sich schwer geirrt, wenn er meint, er würde Zeuge meiner Hinrichtung sein! Er wird seine eigene erleben!“, knurrte der Graf. Er drehte sich um und rief nach dem Henker.

Wenig später meldete der Henker die Enthauptung des Gefangenen. Dietrich bedankte sich und befahl, mit dem ganzen Falkensteiner Heer in Richtung Dunkelfels zu ziehen, um den Wilzaren zuvorzukommen. Graf Oberalvedra übernahm mit einer kleinen Truppe den Schutz der heimischen Grenzen. Dietrich fiel auf, dass Ulrich unruhig war.

„Dir ist nicht wohl, Vetter“, stellte der Graf fest.

„Nein“, bestätigte Ulrich. „Mir ist nicht wohl, weil wir nicht wissen, mit wie vielen Wilzaren wir es zu tun haben werden“, sagte er.

„Zauderst du?“, fragte Dietrich mit gewisser Belustigung.

„Nein, ich zögere nicht, den Wilzaren gehörige Watschen zu verpassen, falls du das meinst. Aber mir wäre einfach lieber, zu wissen, wie viele Leute ich brauche, um diese Watschen angemessen verteilen zu können. Dietrich: Wir haben keine Ahnung, wo die Wilzaren im Augenblick stecken, und wie viele es sind! Unsere viereinhalbtausend Mannen sind ein stattliches Heer, aber wenn wir bedenken, dass allein die wenglische Grenze von zehntausend Soldaten Ranadors bewacht wird, sollten wir doch nachsehen, ob wir allein zurechtkommen“, empfahl Ulrich.

„Verstärkung?“, hakte Dietrich nach.

„Wenn es sein muss …?“, lächelte Ulrich.

„Gunther?“

„Er wird doch wohl hoffentlich sein eigenes Herzogtum verteidigen, wenn er schon Wengland nicht helfen will“, grinste Ulrich. Dietrich nickte. Er rief zwei seiner Männer und befahl ihnen, als Späher vorauszureiten.

Vier Tage später hatten die Späher die Wilzaren entdeckt und waren über die Anzahl wenig erfreut. Sie hatten zehntausend geschätzt, wie sie dem erschrockenen Dietrich berichteten.

„Wann und wo werden wir auf sie treffen?“, fragte Dietrich.

„Sie sind nur einen Tagesritt hinter uns, Herr. Wir müssten sie am Alvedra treffen, gegenüber der Insel.“

Dietrich sah Ulrich an.

„Was meinst du? Könnte uns die Insel vor diesen Massen schützen?“

„Wohl kaum. Wir bräuchten dazu Boote – und die haben wir nicht. Aber am Ufer ist eine Felsbastion. Sie könnte uns als letzte Rückzugsmöglichkeit dienen, falls wir abgeschnitten werden. In jedem Fall müssen wir vermeiden, von den Wilzaren eingeschlossen zu werden. Das wäre unser Untergang.“

„Hast du eine Idee dazu?“

„Schanzen könnten hilfreich sein, wenn wir noch rechtzeitig welche bauen können. Gib mir hundert Männer und ich versuche, Flügelschanzen an der Felsbastion zu erstellen.“

Dietrich stimmte zu und Ulrich machte sich mit hundert seiner Männer auf den Weg, den Wilzaren entgegen. Da der Prinz seine Leute zu eiligem Galopp antrieb, erreichten sie das Gelände, auf dem das Treffen stattfinden würde, bereits in der Abenddämmerung. Im Schein von Fackeln arbeiteten sie unermüdlich und hatten im Morgengrauen zwischen der Felsbastion und dem Ufer einen Graben gezogen und ihn mit Kreuzhaspeln verstärkt – langen, stabilen Stangen, auf denen quer zu dieser Achse rohe, markant angespitzte Holzspieße kreuzförmig befestigt waren. Im ersten Morgenlicht betrachtete Ulrich den Graben und war zufrieden. Er war sicher: Reiterei würde daran hängen bleiben. Wenn die Wilzaren die Spieße nicht gerade mit Griechischem Feuer beschießen würden, wären Bogenschützen dahinter völlig sicher. Zwanzig seiner Leute hatten Fallgruben ausgehoben und sorgsam abgedeckt. Diese Fallgruben deckten die linke Flanke und das den Kreuzhaspeln unmittelbar vorgelagerte Gelände.

Am Nachmittag erreichte Dietrichs Streitmacht die Felsbastion. Ulrich und seine Leute hatten inzwischen den möglichen Zugweg der Wilzaren ermittelt und eine Wegfalle gebaut, die die Wilzaren direkt vor die Kreuzhaspeln zwingen würde. Zwischen zwei dichten Waldgebieten hatten sie neue Kreuzhaspeln errichtet, die die Frontbreite auf kaum eine halbe Meile zusammendrängen würde. Dietrich war beeindruckt.

„Gratuliere“, sagte er. „Und du meinst, es funktioniert?“

„Sie müssten uns weiträumig umgehen. Sie würden wenigstens dreißig Meilen weiter nördlich ziehen müssen, weil zwischen den Schanzen und dem weiter nördlich gelegenen Stolzenfels ein undurchdringliches Waldgebiet liegt. Für die Umgehung brauchen sie gut fünf Tage. Bis dahin müsste Gunther sein Heer mobilisiert haben“, erklärte Ulrich seine Taktik.

„Ich sende eine Boten zu Gunther, damit er über unsere Vorbereitungen informiert ist“, erwiderte Dietrich.

„Gut. Trotz allem wäre es nicht unvorteilhaft, wenn er uns ein paar Mann Verstärkung schicken würde. Selbst wenn uns die Wilzaren in die Falle gehen, werden wir uns nicht ewig halten können. Ich gehe von maximal einer Woche aus.“

Dietrich nickte und rief einen Boten.

Zwei Tage darauf war der Bote in Stolzenfels und überbrachte Dietrichs Botschaft. Gunther ließ den Mann vor und ließ sich die Botschaft vorlesen. Beifällig nickte er mit dem Kopf.

„Dein Herr und sein Junker sind einfallsreiche Leute“, lobte der Herzog. „Selbstverständlich werde ich meinem treuen Vasallen Dietrich Hilfe schicken“, versprach er dann. „Ich gebe dir eine Botschaft für deinen Herrn mit, Falkensteiner“, sagte er dann und diktierte seinem Schreiber, dass er verspreche, zweitausend Mannen zur Verstärkung zu senden, sobald das Heer vollständig versammelt sei. Es werde nur wenige Tage dauern. Der Bote bekam die versiegelte Botschaft ausgehändigt und ritt eilig zum Alvedra zurück.

Dort kämpften die Falkensteiner schon den vierten Tag gegen die in Ulrichs Wegfalle gelaufenen Wilzaren. Die Falkensteiner hatten den Wilzaren schlimme Verluste beigebracht, aber sie hatten auch viele eigene Tote zu beklagen. Von der Felsbastion beobachtete ein Mann ständig die Bewegungen der Wilzaren und gab Signale nach unten. Er war schon der zehnte in dieser Position. Seine Vorgänger waren wilzarischen Pfeilen zum Opfer gefallen. Aber es fanden sich immer noch Männer, die den wichtigen Posten einnehmen wollten, so gefährlich er auch war.

Der Bote kam von hinten an die Falkensteiner heran, fand auch bald Graf Dietrich, dem er die Botschaft des Herzogs aushändigte. Dietrich rief nach Ulrich, der sich gerade ein wenig erholte.

„Lies!“, sagte der Graf. Ulrich las das Dokument.

„Dietrich, dein Gesichtsausdruck gefällt mir nicht“, sagte Ulrich, als er die finstere Miene seines Vetters sah.

„Es ist nicht üblich, Verstärkung nur schriftlich zu versprechen, wenn ausreichend Leute vorhanden sind, um die versprochene Anzahl zur Verfügung zu stellen. Kuno hat mir gesagt, dass weit mehr als zweitausend Soldaten in Lagern um Stolzenfels bereitstehen. Er meint, dass das Heer komplett ist“, knurrte Dietrich. Er wandte sich an den Boten:

„Kuno: Du reitest sofort nach Falkenstein! Sag’ Gräfin Mathilde, sie soll sofort den Haushalt nach Gut Simonstal in Löwenstein verlegen. Sie soll alles mitnehmen, was für die Wilzaren von Wert sein kann – einschließlich des Gesindes und des Viehs. Wer sich von der Bevölkerung retten kann, soll ihr folgen! Sofort!“, befahl er.

„Ihr meint, die Wilzaren …?“, fragte der Bote erschrocken nach.

„Es könnte sein, dass die Verstärkung nicht rechtzeitig kommt und die Wilzaren hier vielleicht durchbrechen. Grüße meine Mathilde, Kuno.“

„Ich eile, Herr!“, rief der Bote, schwang sich auf sein Pferd und ritt in Richtung Falkenstein davon.

„Ich bete, dass ich zu schwarz sehe!“, stieß der Graf hervor. Er und Ulrich sahen sich verstehend an, nahmen dann wortlos ihre Waffen und griffen wieder in den Kampf ein, damit andere sich einige Momente erholen konnten.

 

AAA

Kapitel 11

Verrat und Niederlage

 

Der Bote hatte Stolzenfels kaum verlassen, als Gunther nach seinem Heerführer Albert rief. Albert erschien und verbeugte sich gemessen.

„Albert: Das Heer ist vollständig versammelt. Setzt es sofort zum Rabenpass in Marsch!“, befahl der Herzog. Der treue Heerführer fragte nicht, sondern führte Gunthers Befehl aus.

Während sich das scharfenburgische Hauptheer von immerhin zwanzigtausend Mann kampflos in die Rebmark zurückzog und damit ganz Scharfenburg preisgab, kämpften die Falkensteiner noch immer an der Felsbastion in der Nähe des Alvedra. Sieben Tage waren vergangen, seit die Kämpfe dort begonnen hatten. Die Wilzaren hatten den Falkensteinern keine Handbreit Boden abgerungen. Die Männer waren allesamt über sich hinausgewachsen, hatten das Wunder vollbracht, eine mindestens doppelt so starke Armee aufzuhalten. Aber jetzt brauchten sie unbedingt Verstärkung. Nicht nur die Wilzaren hatte harte Verluste hinnehmen müssen, auch fast die Hälfte der Falkensteiner war gefallen.

„Wenn wir nicht völlig aufgerieben werden wollen, sollten wir uns zurückziehen“, sagte Ulrich an diesem, dem achten Morgen. Dietrich nickte.

„Du hast Recht. Ich glaube nicht mehr, dass wir noch Hilfe bekommen. Wenn bis Mittag kein Entsatz da ist, gehst du mit dreihundert Männern zurück. Bereitet an der Furt eine Stellung vor, in der wir Schutz finden“, erwiderte der Graf. Ulrich nickte. Der Posten von der Bastion rief etwas herunter. Ulrich und Dietrich verstanden es nicht.

„Ich sehe mal nach“, sagte Ulrich und stieg auf den Aussichtsposten der Bastion.

Die aufgehende Sonne zeigte östlich der Falkensteiner Stellung das riesige Heerlager der Wilzaren, das zwischen den Wäldern war. Kaum zwei Meilen westlich der Feldbefestigungen leuchteten Helme und Speere im rötlichen Licht der gerade über den Horizont gekommenen Sonne. Ulrich kniff die Augen zusammen, um genauer zu erkennen, wer sich dort näherte.

„Ich glaube, ich habe eine gelbe Fahne mit einem schwarzen Tier erkannt. Es könnte der Wilzarendrache sein“, sagte der Wächter.

„Bete, dass es nicht so ist“, erwiderte Ulrich gepresst. Er nahm ein einfaches Fernrohr aus seiner Gürteltasche und spähte nach Westen. Er erkannte die vom Wächter bezeichnete Fahne, zahlreiche andere wilzarische Wappen – aber kein einziges scharfenburgisches.

„Oha!“, entfuhr es Ulrich. „Entweder will Herzog Gunther uns erschrecken, oder da kommen tatsächlich Wilzaren!“

Eilig stieg er von dem luftigen Posten herunter und rief nach Dietrich.

„Dietrich! Entweder spielt uns der Herzog einen Streich, indem er erbeutete Banner zeigt – oder die Wilzaren haben uns eingekreist“, sagte er, als der Graf heran war. Dietrich wurde bleich.

„Kein Scharfenburger – schon gar nicht der Herzog – zeigt sich je unter erbeuteten Bannern! Das müssen Wilzaren sein! Lass’ das Hifthorn blasen! Wir müssen uns nach beiden Seiten verteidigen“, keuchte Dietrich.

Ulrich ließ Alarm blasen, die Falkensteiner postierten sich in aller Eile kreisförmig, brachten hastig noch ein paar Kreuzhaspeln nach Westen in Stellung. Kaum waren sie soweit, als die sie nun umkreisenden Wilzaren mit lautem Kriegsgeschrei angriffen. Der lanzenstarrende Ring der Falkensteiner bildete eine schwer zu erobernde Festung, aber es gab keine Pausen mehr für die schon erschöpften Scharfenburger. Die Bogenschützen überschütteten die Wilzaren mit einem Pfeilregen nach dem anderen, fügten ihnen schwere Verluste zu. Aber Siram gab nicht auf. Er hatte von seinem Beobachtungsposten das schmelzende Häuflein der Falkensteiner gesehen und festgestellt, dass sein Heer gut um das Dreifache überlegen war. Ohne Pause griffen seine Reiter immer wieder an, Verluste ignorierend.

Gegen Mittag war der Vorrat an Pfeilen bei den Falkensteinern erschöpft. Nicht einmal mehr Beutepfeile, die die Wilzaren in den Ring hineingeschossen hatten, waren noch vorhanden. Nun begannen die Wilzaren von außen her einen harten Kampf Mann gegen Mann. Gegen die jetzt eingesetzten, noch frischen Truppen waren die erschöpften Männer aus Falkenstein und Oberalvedra ohne Chance. Stück für Stück zerbrach der ursprünglich so dichte Ring, wurden kleine Gruppen eingeschlossen und Mann für Mann niedergemacht. Siram bekam Nachricht von einem seiner Heerführer, dass es nur noch von kurzer Dauer sein könnte, bis die Scharfenburger sämtlichst vernichtet waren.

„Der König verlangt Gefangene!“, fuhr der Fürst den Heerführer an. „Halte deine Männer zurück!“, befahl er. Er nahm sich eine starke Eskorte und ritt eilig an den Ort des Gemetzels.

„Haltet ein!“, rief er laut, das Kampfgetöse übertönend. Ein Hornist in der Nähe blies ein Signal und die Wilzaren unterbrachen den Kampf, hielten die wenigen Überlebenden aber in Schach.

„Scharfenburger!“, rief Siram in der Sprache der Scharfenburger, die der wenglischen so ähnlich war, dass das Scharfenburgische oft als Dialekt des Wenglischen bezeichnet wurde.

„Es ist vorbei! Gebt auf!“, forderte er sie auf.

„Damit sie mich auf kleiner Flamme rösten?“, knurrte Dietrich. „Nein!“, rief er laut und attackierte den ihm am nächsten stehenden Wilzaren. Der jedoch streckte seinen Spieß vor – und Dietrich lief genau in die Spitze, die ihn vollständig durchbohrte. Er stieß einen Schrei aus, als der Wilzare die Lanze zurückriss und ihm das Herz zerfetzte. Als habe ihn nur der Spieß noch gehalten, brach der Graf von Falkenstein tot zusammen. Seine Leute waren für einen kurzen Moment schreckstarr. Die Wilzaren nutzten den Moment und schlugen die Überlebenden nieder, töteten sie aber nicht. Das letzte, was Ulrich noch bemerkte, war ein harter Schlag in den Nacken, dann wurde es dunkel um ihn.

Siram ließ die Überlebenden fesseln und in sein Heerlager bringen. Es waren nur noch wenige Überlebende, etwa dreißig Männer und Ulrich unter ihnen, die schon am nächsten Tag als Gefangene nach Wilzarien gehen mussten. Man hatte ihnen nur das leinene Unterzeug gelassen, das unter dem Kettenhemd getragen wurde. Den Gefangenen wurde ein Joch auf die Schultern gelegt, die Hände daran festgekettet. Gegen eventuelle Fluchtversuche bekamen sie auch Fußfesseln angelegt, die zwar ein zügiges Marschtempo ermöglichten, aber ein Davonrennen nicht zuließen. Siram musterte seine Gefangenen eingehend. Vor Ulrich blieb er stehen, als er dessen Siegelring sah.

„Du bist Falkensteiner?“, fragte er scharfenburgisch. Ulrich nickte. Siram zog ihm den Ring vom Finger.

„Du hast tapfer gekämpft, Falkensteiner. Wie nennt man dich?“

„Ulrich.“

Siram sah auf das Wappen im Ring.

„Soviel ich weiß, ist dies das Falkensteiner Wappen. Ulrich von Falkenstein also?“, hakte er nach. Wieder nickte der Gefangene.

„Du bist mit dem Grafen verwandt?“

„Ja“, sagte er nach kurzem Zögern. Siram wertete sein Zaudern damit, dass der Gefangene ungern als Verwandter erkannt sein wollte.

„Mein König schätzt gefangene Adlige besonders“, lächelte Siram. „Aber mach’ dir nicht die Hoffnung, allzu lange zu leben“, setzte er hinzu. Damit ließ er die Gefangenen zum Aufbruch antreiben. Eine starke Bewachung von tausend Mann brachte die Gefangenen nach Wilzaris.

Der Weg nach Wilzaris war weit. Die Hauptstadt des Wilzarenreiches lag beinahe vierhundert wenglische Meilen vom Ort der Schlacht entfernt. Die Strapazen dieses mörderischen Weges überstanden nur zehn Gefangene, unter ihnen der zähe Ulrich. In Wilzaris wurden die Gefangenen in der düsteren Zitadelle eingekerkert. Ulrich war gleich bei Eintreffen in der Zitadelle von seinen Leuten getrennt worden und in eine Einzelzelle gesperrt worden. Die Zelle hatte nur ein kleines Loch weit oben in der Wand, war feucht und faulig. Als der letzte Rest Tageslicht oben im Loch verloschen war, wurde die Kerkertür geöffnet, zehn oder zwölf Wächter erschienen mit Fackeln. Vier Mann stürzten sich gleich auf Ulrich und zwangen ihn auf die Knie, den Kopf hielt ihm einer nieder, zwei hatten seine Arme gepackt und nach hinten gedrückt. Er konnte gerade noch die Spitzen zweier kostbarer Stiefel direkt vor seiner Nase sehen.

„Wer ist das?“, fragte eine herrische Stimme in der rauen wilzarischen Sprache. Ein scharrendes Geräusch von der Tür ließ Ulrich vorsichtig nach vorn sehen, soweit er es konnte. Der Mann, der ihm den Ring abgenommen hatte, kniete in der Türöffnung.

„Das ist Ulrich von Falkenstein, mein Gebieter“, sagte Siram.

„Hast du Beweise dafür?“

„Seinen Siegelring, Herr.“

„Gib ihn mir!“, forderte der Wilzarenkönig und winkte herrisch. Siram erhob sich und händigte König Ranador den Ring aus. Ranador besah ihn genau.

„Das ist das gräfliche Wappen“, bestätigte er dann. „Ich will sein Gesicht sehen!“

Der Wächter riss Ulrichs Kopf ohne Feingefühl hoch. Der Prinz sah ihn ein hohnlächelndes Gesicht mit fast schwarzen, kalten Augen, das ein knapp zwei Finger breiter schwarzer Vollbart zierte.

„Ulrich von Falkenstein – gibst du zu, vom unbesiegbaren Heer des großen Ranador besiegt zu sein?“

„Bei einer Überlegenheit von drei zu eins kann ich das ohne Schande eingestehen“, presste Ulrich heraus. Die Wächter drehten ihm die Arme schmerzhaft zusammen, drückten ihn nach hinten. Ranador setzte ihm den bestiefelten Fuß auf die Brust.

„Mein Fürst hat mir gesagt, du hättest nur ungern aufgegeben, Ulrich von Falkenstein. Er sagt du hättest tapfer gekämpft.“

„Welche Ehre!“, spottete Ulrich. Der König gab ihm einen Tritt, dass er trotz der hinter ihm stehenden Wächter ganz zu Boden stürzte.

„Sieh an, du bist noch frech“, stellte der König mit kaltem Grinsen fest. „Es gibt nicht viele, die diesen Mut haben. Deinen Mut will ich belohnen. Du wirst die Ehre haben, beim Köpfen der Letzte zu sein.“

„Dein Fürst hat dir gesagt, dass ich ein Falkensteiner bin. Dietrich von Falkenstein ist tot. Er hatte keine Söhne und ich bin sein letzter lebender Verwandter“, gurgelte Ulrich unter dem harten Griff seines Bewachers.

„Und?“, lachte Ranador auf. „Es wird mir ein Vergnügen sein, ein mir feindlich gesinntes Haus auszulöschen.“

„Ich habe einmal von einer Weissagung gehört, nach der über das Volk der Wilzaren ein großes Unglück kommen würde, wenn der letzte Falkensteiner durch wilzarische Hand fällt“, presste Ulrich heraus, obwohl sein Bewacher ihn brutal daran hindern wollte. Ranadors Handbewegung bewirkte, dass der würgende Griff in Ulrichs Nacken etwas gemildert wurde. Der König kniff die Augen zusammen, sie waren kaum mehr als schmale Schlitze, aus denen er seinen Gefangenen ansah.

„Du lügst!“, fuhr er Ulrich an. Der Griff wurde wieder härter.

„Befrage deinen Sterndeuter“, ächzte der Gefangene, dem allmählich die Sinne schwanden. Ranador wies den Wächter an, den Griff zu lockern. Ulrich keuchte, bekam aber langsam wieder Farbe.

„Der Sterndeuter wird dir bestätigen, dass ich nicht lüge“, hustete er.

Hoffentlich schluckt er die Kröte‘, hoffte der Prinz in Gedanken. Eine solche Weissagung gab es tatsächlich. Ulrich hatte in Daniels Büchern davon gelesen. Als ihm einfiel, woher er sein Wissen hatte, bereute er schon, davon gesprochen zu haben; denn diese Weissagungen waren eben das Geheimnis des wenglischen Königshauses …

Ranador war unsicher geworden und ließ den Sterndeuter kommen. In der Zwischenzeit ließ er dem Gefangenen Ketten anlegen, damit er nicht zu fliehen versuchte und schickte die Wächter einige Ellen weg. Wenig später erschien Yacinto, der Sterndeuter und Alchimist des Königs von Wilzarien. Mit seinem schwarzen, silberbestickten Gewand und dem spitzen, schwarzen, gleichfalls silberbestickten Hut hatte er etwas von einem Zauberer an sich. Ulrich betrachtete ihn mit unverhohlenem Misstrauen. Der Mann war ihm einfach unsympathisch – eine Eigenschaft, die sämtliche Wilzaren gemeinsam hatten, die Ulrich bislang begegnet waren. Der Sterndeuter beachtete den Gefangenen nur am Rande, verneigte sich tief vor seinem König.

„Yacinto, dieser Gefangene behauptet, es gäbe eine Weissagung, nach der dem wilzarischen Volk ein großes Unglück widerfahren werde, wenn der letzte Falkensteiner durch Wilzaren getötet wird. Ist das wahr?“, fragte Ranador. Wiederum verneigte sich der Alchimist tief.

„Ja, das ist wahr“, erwiderte er mit einer tiefen, auf geheimnisvolles Klingen trainierten Stimme. „Es gibt diese Weissagung. Sie ist aber nicht jedermann zugänglich. In den Ländern, in denen der Gott der Christen angebetet wird, werden solche Weissagungen von wenigen Auserwählten unter Verschluss gehalten, damit sie nicht in den Verdacht der Ketzerei geraten. Ich wüsste nicht, dass es in Falkenstein einen solchen Auserwählten gab oder gar gibt“, erklärte der Sterndeuter.

Ulrich musste schlucken, um den Kloß im Hals loszuwerden, der sich dort sperrig breit machte. Das Eis war gefährlich, auf das er sich gewagt hatte. Er konnte nur noch hoffen, seine Situation nicht noch verschlimmert zu haben.

„Sieh an!“, bemerkte Ranador mit süffisantem Lächeln. „Du weißt anscheinend mehr, als dir zusteht. Von wem hast du dein Wissen? Rede!“

Blanker Hass stand in den Augen des Wilzaren. Die beiden Wächter sprangen sofort hinzu und packten den Gefangenen, zwangen ihn wieder zu Boden. Ulrich hatte ein paar Augenblicke Zeit zum Überlegen gehabt und hatte eine passende Antwort gefunden

„Es gab einen Auserwählten in Scharfenburg“, presste er hervor. Der Griff der Wächter war so hart, dass Ulrich fast nicht mehr atmen konnte. Er japste verzweifelt nach Luft. „Der Graf Alwin von Falkenstein war ein Freund des wenglischen Weisen Daniel von Doberheim. Daniel hütete die Geheimschriften in Wengland. Von ihm hat Alwin von dieser Weissagung erfahren und es an seine Erben weitergegeben. Vielleicht hat Daniel es für richtig gehalten, das Haus, das von dieser Prophezeiung betroffen war, einzuweihen.“

Es war nur zur Hälfte geschwindelt, denn Daniels Buch der Weissagungen fand sich im Turm von Burg Falkenstein – nur hatte sich nach Graf Alwin dafür niemand interessiert …

Yacinto wog den Kopf.

„Das wäre einleuchtend, wenn die christlichen Fürsten auch nur sehr selten vernünftige Gedanken erkennen lassen. Aber Alwin galt als äußerst begabter Gelehrter“, sagte er.

„Yacinto, glaubst du, dass dieser Gefangene ein Mitglied des Hauses Falkenstein ist?“, fragte Ranador. Der Sterndeuter trat zu Ulrich und sah ihn im ungewissen Licht der rußenden Fackeln genau an.

„Ja, das würde ich glauben. Er hat die Gestalt der Falkensteiner, wenngleich seine Haare und seine Augen etwas zu hell sind. Aber das kann vorkommen. Außerdem spricht er den Falkensteiner Dialekt“, stellte Yacinto fest. Ranador nickte befriedigt.

„Danke, Yacinto, du kannst dich zurückziehen.“

Der Sterndeuter verneigte sich tief, schob die Hände in die weiten Ärmel und verließ die Zelle im Rückwärtsgang. Ranador sah den Gefangenen an, den die Wachen widerstrebend losgelassen hatten.

„Nun gut“, seufzte der König. „Da du der letzte Falkensteiner bist, und dein Tod durch unsere Hände für mein Volk eine Katastrophe bedeuten würde, wirst du das Schicksal deiner Leute nicht teilen. Aber freue dich nicht zu früh. Du wirst dir noch wünschen, unter dem Beil des Henkers gestorben zu sein!“, drohte Ranador finster.

„Bitte, Majestät, richtet meine Männer nicht hin“, bat Ulrich.

Der König sah den Gefangenen zornig an.

„Du elender Wurm, du! Ich werde nicht einen Augenblick zögern, sie zu richten! Noch ein solches Winseln von dir und ich mache mir ein noch größeres Vergnügen, wenn ich sie langsam sterben lasse!“

Mit einer heftigen Handbewegung winkte er einen Henkersknecht heran.

„Gib ihm zwanzig Hiebe, dann vergehen ihm solche Späße!“, befahl er. Der Henkersknecht nickte grimmig und drosch mit seiner Knute auf Ulrich ein, der unter den Hieben zu Boden ging. Es gab keine Deckung vor der beißenden Peitsche. Die Wächter hielten ihn fest. Mit aller Gewalt gelang es Ulrich, nicht zu schreien. Er war einer Ohnmacht nahe, als der Henker von ihm abließ, und ein grober Tritt des Königs ihn auf den zerschlagenen Rücken warf.

„Und noch was, du letzter Falkensteiner: Du wirst dein Brot verdienen! In meinen Silbergruben, Ulrich von Falkenstein!“

 

AAA

Kapitel 12

Demütigung

Wenn Ranador geglaubt hatte, Ulrich mit der Drohung von Zwangsarbeit zu schrecken, sah er sich getäuscht. Der König verließ die Zelle und befahl im Hinausgehen, der Gefangene dürfe drei Tage nur die halbe Wasser- und Brotration erhalten. Die Zellentür wurde geschlossen und wurde mit Riegelstangen gesichert. Augenblicklich wurde es stockdunkel in der Zelle. Ulrich hatte sich gerade noch die Lage des ihm zugedachten Strohlagers merken können, tapste im Dunkeln dorthin und fiel erschöpft hin. Kurz darauf war er in einen seltsamen Dämmerschlaf, einer Mischung aus Ohnmacht und Albtraum gefallen.

Am folgenden Morgen schüttelte ihn der Kerkermeister grob wach, stellte ihm eine irdene Schüssel hin, in der zwei Scheiben verdächtig schimmlig aussehenden Brotes lagen. Das Wasser im Krug roch auch nicht sehr frisch.

„Hier, was anderes bekommst du nicht!“, grunzte der Kerkermeister wilzarisch. Ulrich verstand die Sprache gut, aber er hütete sich, diesen Umstand preiszugeben, da Kenntnisse des Wilzarischen ihn schnell als Wengländer hoher Abkunft verraten hätten. Im Augenblick war ihm nicht daran gelegen, als solcher erkannt zu werden. Im Morgengrauen hatte er ein Gespräch unter den Wächtern mitgehört, die über das sprachen, was der König mit dem leider immer noch nicht gefangenen Thronfolger Wenglands vorhatte. Selbst ein ganzes Jahr in einem absolut finsteren Bergwerk konnte nicht so grausam sein, wie der ihm zugedachte Tod. So vermied er es sorgsam, seine Sprachkenntnisse anzubringen.

Einige Stunden hatte ihn der blanke Ekel davon abgehalten, das muffig riechende Wasser zu trinken, aber der quälende Durst, den der letzte Tag Fußmarsch unter einer brennend heißen Aprilsonne und das Verhör am Abend zuvor verursacht hatten, war zu stark. Das Wasser war frischer als Ulrich erwartet hatte. Nur der Krug war muffig. Der kleine Krug war schnell leer, zu schnell für den immer noch durstigen Gefangenen.

Versuch’, zu schlafen, dann vergisst du den verdammten Durst‘, ermahnte der Prinz sich in Gedanken. Ohne es bewusst zu wollen, dachte er an Adeline und hoffte, dass die Rebmark von den Wilzaren noch nicht erobert war.

Was sie wohl macht?‘, fragte er sich. Seine Träume erlösten ihn für eine Weile von der feuchten, fauligen Zelle.

Fern von Wilzaris war die Rebmark die einzige Region, die dem Wilzarensturm standgehalten hatte. Der einzige Zugang in das gewaltige Tal war der Rabenpass, den die herzoglichen Truppen sehr rechtzeitig erreicht hatten, weil sie sich um die Falkensteiner nicht gekümmert hatten. Im Tal des Rebmärker Alvedra lag die kleine Grafschaft Löwenstein, deren Gräfin nun Adelheid von Löwenstein, genannt Adeline, war. Löwenstein war selbst ein kleiner Ort mit kaum fünfhundert Einwohnern und einer beeindruckend großen Burg, die sämtlichen Bewohnern des Ortes und der nächsten vier Nachbardörfer bei Bedarf Schutz gewähren konnte. Adeline unterhielt eine kleine Truppe von fünfzig Mannen, die für die Sicherheit in ihrer Grafschaft sorgten. Im Notfall war diese Truppe schnell auf dreihundert Männer zu bringen – praktisch sämtliche Männer im wehrfähigen Alter wollten zu ihrer Verfügung stehen. Sie hatte es bemerkt, als die Wilzaren den Rabenkofel hinauf gestürmt waren und es zwei Tage lang so ausgesehen hatte, dass sie durchbrechen würden.

Eines dieser vier Nachbardörfer war Simonstal, ein Weingut, das Besitz der Grafen von Falkenstein war, den sie von der gräflich löwensteinischen Grundstücksverwaltung gepachtet hatten. Dietrichs letzte Anweisung an seine Frau war gewesen, sich mit dem ganzen Haushalt in Simonstal in Sicherheit zu bringen. Mathilde hatte nicht nur das Burggesinde, sondern noch fast tausend Flüchtlinge aus Falkenstein mitgebracht, die in Simonstal, Margretenfeld, Weinbach und Löwenbrunn sowie Löwenstein selbst Aufnahme fanden. Der Bote, der Mathilde die Nachricht überbrachte, hatte nicht nur Dietrichs mündliche Anweisung für seine Gattin gehabt, er hatte auch – wenn auch versehentlich – das Schreiben des Herzogs bei sich, mit dem er dem Grafen Hilfe zugesichert hatte. Mathilde hatte keinen Moment gezögert, nach Löwenstein zu gehen.

Als sie nach Löwenstein kam, waren die Soldaten des Herzogs schon dort. Verwirrt, weil sie das Heer ganz woanders vermutete, bat sie Pater Kasimir um Rat. Sie hatten schnell festgestellt, dass der Herzog nicht einmal den Versuch gemacht haben konnte, seinem Grafen zu Hilfe zu kommen. Die Bestätigung hatte Mathilde von Gräfin Adeline erhalten, von der sie erfahren hatte, dass der Herzog sie bereits am 1. April besucht hatte, vier Tage, nachdem er Dietrich Verstärkungen zugesagt hatte. Da aber das Heer ganz offensichtlich vollzählig vorhanden war, konnte der Herzog keine Hilfe geschickt haben. Mathilde war außer sich vor Zorn und Trauer, denn sie war sicher, dass ihr Dietrich entweder gefallen oder gefangen war. Eine Gefangenschaft bei den Wilzaren aber hatte noch kein Kriegsgefangener aus Scharfenburg oder Wengland überlebt.

Während Mathilde bereits Trauerkleidung trug, gab Adeline die Hoffnung nicht auf, dass sie Ulrich eines Tages wiedersehen würde. Woher sie diese Hoffnung nehmen sollte, hätte sie zunächst nicht einmal selbst sagen können. Alle Umstände, die bekannt waren, sprachen dagegen dass der Prinz überhaupt noch lebte. Aber in dieser Situation wusste Pater Kasimir, der trotz seiner eigenen Verzweiflung über das Schicksal des Prinzen versuchte, die beiden Frauen zu trösten, eine Legende zu berichten, die einen schwachen Hoffnungsschimmer erlaubte. Er hatte Ulrichs persönliche Sachen mitgenommen, unter denen sich auch der königliche Siegelring befand.

„Seht, edle Gräfin: Dieser Stein, ein Lapislazuli, ist blau“, sagte er und zeigte Adeline Ulrichs Regentenring. „Bei uns gibt es die Legende, dass dieser Stein sich schwarz färbt, wenn der rechtmäßige Träger stirbt – es sei denn, er kann ihn vor seinem Tod noch einem Erben übergeben, der nach ihm Wengland regieren soll.“

Adeline betrachtete den fein geschnittenen Stein lange. Er leuchtete in makellosem Dunkelblau, war glatt poliert. Nur dort, wo das Siegel eingeschnitten war, war er heller.

„Wenn Ulrich stirbt, ist Wengland ohne Erben, nicht wahr?“, fragte sie. Kasimir nickte betrübt.

„Würdet Ihr mir erlauben, den Ring in dem Fall zu behalten, Pater?“

„Dieser Ring zeigt das königliche Wappen des Hauses Wengland-Steinburg. Wenn es ausstirbt, würde ein König aus einem anderen Hause ein neues Wappen zum königlichen Siegel erheben. Dieser Ring wäre dann wertlos – oder nur ein schönes Andenken für Euch. Bedeutet er Euch etwas?“

Adeline seufzte.

„Wenn ich ehrlich bin, Kasimir: nicht halb so viel wie sein Träger. Ich meine … Ihr versteht schon.“

Kasimir lächelte wissend.

„Oh ja, ich hab‘ verstanden!“, erwiderte er mit einem Anflug von Lächeln. „Übrigens: Er ist noch blau!“, setzte er dann hinzu und drückte den Ring in Adelines schmale Hand.

Im fernen Wilzaris ließ man Ulrich nicht länger vor sich hin träumen. Grobe Fäuste rüttelten ihn wach. Vor ihm stand ein vierschrötiger Kerl, der eine bissig aussehende, offene Bullenpeitsche in der Hand hielt.

„Steh’ auf, du fauler Hund!“, herrschte der Vierschrötige ihn an. Da der Mann wilzarisch sprach, tat Ulrich, als habe er nicht verstanden, sondern zuckte nur hilflos mit den Schultern. Weil auch zwei scharfe Hiebe mit der Peitsche nichts fruchteten, rief der Mann mit der Peitsche nach einem Übersetzer. Der Übersetzer, der nur vor der Zelle gewartet hatte, trat ein.

„Sag’ ihm, was ich will!“, befahl der Peitschenträger. Der Übersetzer sah Ulrich an, probierte einige Sprachen aus, bis er es scharfenburgisch versuchte.

„Du sprichst meine Sprache?“, fragte Ulrich, erstaunt tuend. Ihm war durchaus bekannt, dass der König von Wilzarien einen Dolmetscher hatte, der angeblich zwölf Sprachen fließend beherrschte. Scharfenburgisch gehörte offensichtlich dazu. Ulrich gab sich größte Mühe, im Falkensteiner Idiom zu reden, das etwas weicher als das Stolzenfelser war. Schließlich behauptete er, ein Falkensteiner zu sein.

„Wie du hörst. Das ist Ronar, der Oberaufseher der königlichen Bergwerke in Tungur“, stellte der Dolmetscher den Peitschenträger vor. „Du sollst dich ausziehen.“

Ulrich war völlig verblüfft.

„Und wozu?“

„Damit der Minenaufseher feststellen kann, ob du überhaupt zur Minenarbeit taugst“, gab der Übersetzer zurück. Achselzuckend zog Ulrich sich das Hemd aus. Unter dem Hemd kamen die ansehnlichen Proportionen des geübten Schwertkämpfers zum Vorschein. Der Minenaufseher nickte und machte eine auffordernde Handbewegung.

„Weiter“, sagte der Übersetzer.

„Bitte?“, fragte der Gefangene mit schlecht verborgenem Entsetzen.

„Die Hose!“

Ulrich würgte es. Er war es einfach nicht gewohnt, sich seinem Gegenüber gänzlich kleiderlos zu zeigen. Als er nicht gleich reagierte, klatschte ihm die Bullenpeitsche um die Beine. Der Aufseher brüllte etwas.

„Er hat gesagt, er zieht dir die Hose mit der Peitsche aus, wenn du nicht gehorchst“, dolmetschte der Übersetzer leidenschaftslos. Ulrich atmete einmal tief durch, schnürte die Hose auf und stand hüllenlos vor den beiden Wilzaren. Auch das, was die Hose verborgen hatte, ließ für den Aufseher nichts zu wünschen übrig.

„Alle Achtung“, entfuhr es dem Übersetzer. „Wenn die Königin dich so zu sehen bekommt, bist du bald von der Minenarbeit befreit. Zieh dich an. Ronar sagt, dass er dich brauchen kann.“

Erleichtert zog Ulrich sich wieder an. Der Aufseher verschwand.

„Du wirst morgen Mittag in die Silberminen gebracht“, kündigte der Dolmetscher an.

„Übersetzer“, sagte Ulrich, „ich nehme an, du wirst nicht immer zur Stelle sein, wenn der Aufseher mir etwas sagen will. Kannst du mich deine Sprache lehren?“

Der Dolmetscher sah den Gefangenen kühl und herablassend an.

„Ein Sklave wie du braucht nur zu wissen, dass Ago dafor! Los, arbeiten!, heißt. Alles andere wäre überflüssiger Ballast“, entgegnete er. Er wollte die Zelle verlassen, aber Ulrich nahm ihn am Arm.

„Warte“, bat er. „Was meintest du vorhin damit, dass die Königin mich eventuell von der Minenarbeit befreien würde?“, fragte er dann. Der Übersetzer sah den jungen Mann einen Moment an, sah vorsichtig auf den Flur und bekam einen beinahe bekümmerten Gesichtsausdruck.

„Du solltest es dir nicht unbedingt wünschen, Falkensteiner. Es könnte schlimmer sein, als in den Minen zu schuften.“

„Warum?“

„Du bist fremd hier, deshalb kennst du das wilzarische Volk und seine Bräuche nicht. Es ist hier üblich, dass die Frauen, insbesondere natürlich die Prinzessinnen, rechtzeitig ihre ehelichen Pflichten erlernen.“

Es dauerte einen Moment, bis Ulrich begriff.

„Moment“, sagte er, „habe ich richtig verstanden? Die Wilzarinnen heiraten nicht als Jungfrauen?“

Der Dolmetscher lachte belustigt auf.

„Ha, kein Zweifel, du bist Christ! Nein, natürlich nicht. Das wäre der schlimmste Makel, den eine Wilzarin haben könnte. Wenn sie heiratet, muss sie erfahren genug sein. Sonst darf sie nicht in den Ehestand treten. Von einer Wilzarin wird auch erwartet, dass sie sich in dieser Hinsicht fortbildet. Dafür gibt es in Wilzarien große Schulen. Die königlichen Prinzessinnen müssen aber besonders gut sein. Deshalb hält man sich hier am Hof spezielle Sklaven, die nur für die Prinzessinnen da sein sollen. Klingt zwar aufs erste Hören für einen Mann nicht unangenehm, aber lass’ dich warnen, Falkensteiner: Die Beanspruchung ist so groß, dass sie noch keiner länger als drei Monate überlebt hat. Im Jahr werden hier zwanzig von deiner Statur verschlissen“, erklärte der Übersetzer.

„Danke“, sagte Ulrich. Im Moment wusste er nicht, was schlimmer sein konnte: In einem Bergwerk zu schuften oder die Prinzessinnen unter Einsatz aller männlichen Kraft zu fähigen Ehefrauen auszubilden oder deren Weiterbildung zu dienen.

 

 

AAA

Kapitel 13

Unerwartete Hilfe

 

Kurz, nachdem der Übersetzer gegangen war, erschien Fürst Siram in Ulrichs Zelle. Eine Weile musterte er den Gefangenen, der trotz des zerlumpten Leinenzeuges noch immer etwas schwer bestimmbar Nobles an sich hatte. Er winkte zwei Wächtern, die den Gefangenen anketteten. Ulrich leistete keinen Widerstand, der ohnehin zwecklos gewesen wäre. Siram trat nahe an ihn heran, winkte die Wachen hinaus und sprach leise mit Ulrich:

„Mein König hat sich gewundert, dass unter den Gefangenen, die wir herbrachten nicht der Prinz Ulrich war, der Thronfolger von Wengland“, sagte er und beobachtete die Reaktion des Gefangenen genau. Ulrich hatte damit gerechnet, dass man ihm diese Frage irgendwann stellen würde.

„Wir wissen, dass er sich in Scharfenburg aufgehalten hat“, setzte Siram hinzu. „Was weißt du über ihn?“

Der Prinz Ulrich, den Ihr sucht, Fürst Siram, der ist tot. Er ist vor Gram über seine besetzte Heimat, der er nicht helfen konnte, gestorben“, erwiderte Ulrich leise. „Ich habe ihn gekannt, den Ulrich, den Ihr meint. Er hat nichts unversucht gelassen, um Hilfe für eine Rückeroberung zu finden, aber niemand wollte oder konnte ihm gegen Euch helfen.“

„Wo ist er gestorben und wo ist er begraben?“, hakte Siram nach.

„Soviel ich weiß, ist er nach Toledo gereist, um König Alfons seine Bitte die er ihm schon abgeschlagen hatte, persönlich zu unterbreiten. Er hat bei uns auf Falkenstein Rast gemacht, als er im letzten Herbst dorthin reiste. Er ist nicht zurückgekehrt. Herzog Gunther hatte ihn des Landes verwiesen. Ein königlicher Bote, der eine Nachricht aus Toledo brachte, erzählte nebenbei, dass der Kronprinz auf der Reise starb.“

Es war eine hundertprozentige Lüge, aber so überzeugend vorgetragen, dass Siram sie offenbar schluckte. Ulrich hatte Zeit genug gehabt, sich eine passende Geschichte zurechtzulegen und sie sich einzuprägen, um sich nicht in Widersprüche zu verstricken. Zwar widersprach dies dem Rittereid, der den Ritter nötigte, auch dann die Wahrheit zu sagen, wenn es seinen eigenen Tod bedeutete, doch Ulrich hing zu sehr am Leben, als dass er es freiwillig auf diese Weise weggeworfen hätte.

„Prinz Ulrich soll im Herbst beim Grafen von Rossensee gejagt haben“, hielt Siram dem Gefangenen vor. Immer noch sprach er so leise zu dem Gefangenen, dass weder seine Fragen noch Ulrichs ebenso leise Antworten von den Wächtern vor der Tür gehört werden konnten

„Stimmt“, erwiderte Ulrich. „Er hat Falkenstein erst danach verlassen.“

Siram musterte den Gefangenen ganz genau, wie um sich jede Einzelheit von dessen Gesicht einzuprägen.

„Ulrich, du hast sehr tapfer gekämpft“, sagte er nach langem Schweigen. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Gegner bekämpft zu haben, der ähnlich tapfer war. Es hätte mir Leid getan, dich unter dem Beil des Henkers sterben zu sehen. Und du scheinst mir intelligent zu sein. Mir ist es nur recht, wenn mein König verfügt hat, dass du nicht gerichtet wirst, weil du angeblich der letzte Falkensteiner bist. Du sollst in die Minen, weil dort gute Arbeitskräfte gebraucht werden. Es wird hart für dich, das kann ich dir sagen. Deshalb wirst du nicht vor der Zeit sterben. Du brauchst jetzt nichts zu sagen, weder ja noch nein. Und ich garantiere dir, dass ich dich nicht gleich zur Folter schleppen lasse. Aber ich sage dir, dass ich dir deine Geschichte nicht abkaufe.“

Siram hatte wieder so leise gesprochen, dass niemand außer Ulrich ihn hören konnte.

„Und was, glaubt Ihr, ist die Wahrheit, Fürst Siram?“

„Du bist genau der Prinz Ulrich, den mein König sucht, um ihm das Lebenslicht auf allergrausamste Art auszupusten. Ich bin ein treuer Vasall meines Königs, aber das lasse ich nicht zu. Ich bin ein Wilzare, und ich habe eine Menge Leute erschlagen, auch zu Tode foltern lassen, aber das, was der König mit dir vorhat, schlägt dem Fass den Boden aus. Ich behalte mein Wissen für mich und werde dich nicht verraten. Das Leben in den Minen wird hart genug für dich sein, aber du hast eine Chance zum Überleben, wenn sie auch nicht sehr groß ist. Ronar geht mit seinen Arbeitern recht grob um. Du wirst seine Peitsche häufiger spüren, als dir lieb sein kann“, sagte der Fürst. Ulrich sah ihn unverwandt an, ein wenig fragend.

„Frag’ mich nicht, warum ich das tue. Ich könnte dir keine Antwort geben“, sagte Siram, als er den Blick des Gefangenen sah. „Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen geheiratet habe und die sanfteste Frau erwischt habe, die ein Mann sich wünschen kann. Wenn die Sommersonnenwende ist, wird sie unser erstes Kind gebären.“

„Warum erzählt Ihr mir das?“, fragte Ulrich langsam.

Siram seufzte.

„Wenn du der bist, für den ich dich halte, Ulrich, wäre es mir lieb, dass du eines Tages daran denken würdest, dass ich dich nicht verraten habe.“

„Was sollte der Heerführer der unbesiegbaren Wilzaren von einem Gefangenen zu fürchten haben, der in wenigen Tagen entweder tot ist oder unter der Peitsche eines Minenaufsehers sein kümmerliches Leben fristet?“, fragte Ulrich.

„Ich glaube nicht, dass du nicht versuchen würdest zu entkommen. Und wenn du es schaffst, wirst du König Ranador besiegen können. Er hat nicht nur über Scharfenburg und Wengland Elend gebracht. Auch in Wilzarien selbst wird recht willkürlich hingerichtet, einfach, weil der König zum Frühstück seine vier oder fünf Köpfe rollen sehen will. Außerdem bin ich aus Aventur“, erwiderte Siram.

„Interessant, dass ein Fürst des Königs einem Gefangenen, der vielleicht versuchen könnte, sich mit entsprechenden Petzereien die Freiheit oder ein besseres Leben zu erkaufen, solche kleinen Geheimnisse anvertraut“, sagte der Gefangene bedächtig. Siram lächelte.

„Ich betrachte es als Pakt: Ich verrate dich nicht und du verrätst mich nicht“, sagte er. „Sei fleißig in den Minen, gib dem Aufseher nicht den Vorwand, dir seine Knute über das Fell zu ziehen. Ronar tut es sehr gerne, wie ich weiß. Und liefere keinen Vorwand, dich hierher zu holen, damit du hier als Haussklave eingesetzt wirst. Ranador hat außer seinen drei Söhnen zwanzig Töchter mit seinen Nebenfrauen und eine Tochter von seiner Hauptfrau. Die Strapazen würdest du nicht überleben“, warnte der Fürst. „Was ich jetzt tun muss, tue ich nicht gerne, aber es muss sein, um den Schein zu wahren“, sagte er dann. „Diese Zitadelle verlässt ein Gefangener nicht mit den paar lächerlichen Striemen, die dich zieren. Außerdem hat Ranador verfügt, dass du die Hinrichtung deiner Leute mit ansehen musst. Die nächste Stunde wird hart werden.“

Ulrichs Blick fiel auf eine neunschwänzige Katze, die der Fürst im Gürtel trug.

„Ich vermute, Ihr werdet mir damit das Fell gerben“, sagte er. Es war eine sachliche Feststellung, die den Fürsten beeindruckte. Er nickte.

„Du wirst einen Trank bekommen, der die Schmerzen in Grenzen hält. Aber ich erwarte von dir, dass du wie abgestochen schreist. Unser König liebt schreiende Gefangene. Wenn du gut bist, hast du es bald überstanden, weil Ranador dann in seinen Harem verschwindet. Ich brauche dich dann nicht länger zu piesacken.“

„Was ist das für ein Trank?“

„Einer der vielen, die unser Hofmagier Yacinto mixt. Yacinto verwendet den Trank, wenn er im Königshaus Operationen vornimmt, weil er sehr stark schmerzstillend ist. Ich habe ihn ausprobiert, als mir eine Pfeilspitze aus dem Leib geschnitten wurde. Es war fast nichts zu merken.“

„Wann soll ich anfangen zu brüllen?“

„Sobald du magst. Spiel den Helden nicht zu lange. Die Wirkung des Tranks hält nicht ewig an. Ich werde versuchen, dafür zu sorgen, dass die Verletzungen, die ich dir zufüge, anständig behandelt werden. Nötigenfalls bitte ich meine Frau, das zu tun. Sie ist die einzige, der ich wirklich vertraue, auch wenn sie Ranadors Tochter ist.“

„Kann es sein, dass du deinen König nicht besonders magst, Siram?“, flüsterte Ulrich vertraulich.

„Vermutlich habe ich ihm zu lange widerspruchslos gedient, um nicht das Schicksal meines Vaters zu teilen.“

„Was ist mit ihm geschehen?“

„Er hat sich vor fast fünfzehn Jahren im Fürstenrat gegen Ranadors Wahl gestellt. Er war der Einzige, der Widerworte wagte. Ranador hat das nicht vergessen und meinen Vater bald darauf verhaften lassen. Er ist einen furchtbaren Tod gestorben – und ich habe es mit angesehen. Ich habe seine Haltung gegen den König damals nicht verstanden. Er musste wissen, was es für einen Fürsten bedeutete, sich gegen den Favoriten zu erklären. Wilzariens König hat absolute Macht über das Leben seiner Untertanen. Ein Fürst gilt da nicht mehr als ein Bettler“, erklärte der Fürst. Ulrich nickte.

„Ich habe Euch verstanden, Fürst Siram. Und ich versuche, Euch zu vertrauen.“

„Du wirst es nicht bereuen“, versprach Siram und gab Ulrich aus einer Flasche zu trinken, die an seinem Gürtel hing. Es war ein wohlschmeckendes Gebräu, Bier nicht unähnlich, aber etwas dickflüssiger.

„Ich werde dich jetzt an einer Stelle zwicken, wo jeder Mann normalerweise laut schreien würde. Du wirst kaum etwas spüren.“

Siram langte an Ulrichs Hose und kniff herzhaft zu. Der Gefangene sah erstaunt auf die sonst so empfindsame Stelle. Er hatte tatsächlich nichts bemerkt, was über einen Mückenstich hinausging.

„Akzeptabel“, sagte er leise. Siram lächelte freundlich und winkte nach dem Wächter.

„Kettet den Kerl aufs Gerüst!“, befahl er dann im gewohnt barschen Befehlston. Vier Wächter eilten herein, nahmen Ulrich die Ketten ab.

„Das Hemd bleibt hier. Aber zerreißt es nicht, Er braucht es noch in den Minen“, wies der Fürst die Wächter an. Einer der Wächter zog dem Gefangenen das Hemd aus und schloss ihn wieder in schwere Ketten. Mit Schlägen trieben die Wächter ihn aus der Zelle.

Am Ende des Flurs war ein großer Raum, der nur von rötlich flackerndem Licht erhellt wurde. Ulrich wurde hineingestoßen und fand sich in einer Folterkammer wieder, die ihresgleichen suchte. Ranador hatte auf einer Art Tribüne Platz genommen, neben ihm seine Hauptfrau, wie Ulrich an ihrem reichen Schmuck erkannte, und einige seiner Nebenfrauen. Sie trugen nicht sehr viel Verhüllendes, aber das Feuer in einem Eisenkorb gab nicht so viel Licht, dass die Henker am Richtblock oder gar die Gefangenen diese zarten Schleierchen hätten durchblicken können. Ranador, der ein wenig hinter ihnen saß, hatte umso besseren Blick auf die Gefangenen, die zu seiner Freude hingerichtet oder gefoltert werden sollten. Ulrichs Mitgefangene waren bereits vor ihm da. Sie trugen so schwere Ketten, dass sie sich kaum bewegen konnten. Alle hatten Spuren rabiater Folter an den Körpern. Man hatte ihnen nur einen äußerst knappen Lendenschurz gelassen. Die Wächter, die Ulrich hereinbrachten, warfen ihren Gefangenen zunächst zu Ranadors Füßen vor die Tribüne und knieten selbst nieder. Siram kam hinterher und nahm gleichfalls eine Kniebeuge ein.

„Großer Ranador, die Hinrichtung ist vorbereitet. Der Gefangene, der nach Eurem Willen in die Minen soll, hat den Trank erhalten, der die Schmerzen verstärkt. Prüft es, Majestät.“

Ranador erhob sich gemessen und kam die Stufen herunter. Siram gab ihm seine neunschwänzige Katze und der König hieb auf Ulrich ein. Der Gefangene schrie gequält auf, krümmte sich, soweit die hart zupackenden Wächter es zuließen. Noch gebückt zwinkerte er Siram zu. Gemerkt hatte er tatsächlich so gut wie nichts. Siram zwinkerte heimlich zurück.

„Sehr gut, Siram“, erwiderte der König. „Fangt jetzt an.“

Die Wächter schleppten Ulrich zu einem Gerüst, ketteten ihn daran fest, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Siram wandte sich an den Henker.

„Du hast den Befehl des Königs gehört?“

„Ja, Fürst.“

Der erste Gefangene wurde zum Richtblock geschleift. Ulrich konnte seine Überraschung nur knapp verbergen, als er feststellte, dass der Mann nicht zu denen gehörte, die mit ihm gefangen genommen worden waren. Hatte Siram noch mehr gedreht? Sein Blick suchte die übrigen neun Männer. Es waren jedenfalls nicht seine Falkensteiner, die jetzt sterben sollten. Er atmete kaum merklich auf. Dann hört er Sirams Stimme leise hinter sich:

„Deine Männer sind nach Silla in meine Burg gebracht worden. Ranador kennt sie nicht. Diese hier sind echter Abschaum, der auch bei dir den Tod verdient hätte.“

„Erzähl’ mir später davon“, flüsterte Ulrich.

„Vergiss’ das Schreien nicht! Für jeden Geköpften zwei Hiebe.“

Der Henker holte mit einem großen Beil aus und schlug mit oft geübter Präzision zu. Der Kopf des Gerichteten plumpste in einen Korb, ein Blutstrahl ergoss sich aus dem Rumpf, der einige Ellen weit spritzte. Ulrich spürte einen Knuff im Rücken und schrie markerschütternd.

„Gut. Genau die Lautstärke“, kam es leise. Ulrich sah zu Ranador, der den Schrei mit Genuss und erkennbarer Freude vernahm.

„Siram, ich bin entzückt“, rief er.

„Und ich erst, dass ich dich endlich mal leimen konnte“, knurrte es leise hinter Ulrich. Siram schlug erneut zu, Ulrich brüllte wie abgemacht.

„Du bist wundervoll, Ulrich. Wenn du weiter so schreist, brauche ich dich nicht zu schwer zu verletzen“, lobte Siram.

Kopf um Kopf fiel, Ulrich bezog Hiebe und schrie aus Leibeskräften. Dabei beobachtete er Ranador, der von Hinrichtung zu Hinrichtung unruhiger wurde und sich seiner Hauptfrau näherte, sie tätschelte und koste. Als der fünfte Gefangene enthauptet war, verabschiedete Ranador sich voller Ungeduld und Vorfreude. Er wartete nicht einmal mehr Ulrichs schauspielerische Glanzleistung ab und verschwand in einem Nebengelass, seine Hauptfrau und eine Nebenfrau mit sich ziehend. Siram ließ die Peitsche sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Gratuliere. Mit so wenig Haue ist noch keiner davongekommen“, sagte er flüsternd.

„Euer König hat ‘ne Macke“, entfuhr es Ulrich ebenso leise. „Kann der etwa nicht ohne?“

„Nein, er kann nicht. Du ahnst nicht, was es schon an Leben gekostet hat, wenn er welches machen will.“

Der Fürst ließ den Gepeitschten vom Gerüst nehmen, der – um glaubhaft zu bleiben – in die Knie ging. Die Wächter mussten ihn in die Zelle zurückschleppen. Siram konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. An diesem Gefangenen war ein berufsmäßiger Komödiant verloren gegangen. Er folgte den Wächtern, die mit dem augenscheinlich so geschwächten Mann ihre Mühe hatten. Aber Siram wusste, dass die Komödie, die er und Ulrich dem König gerade vorgespielt hatten, um den Gefangenen vor weit schlimmeren Qualen zu bewahren, Folgen haben würde. Die Wächter hatten die Zelle erreicht und warfen Ulrich ohne jegliches Feingefühl auf das dünne Strohlager. Der Fürst trat hinter ihnen ein.

„Sollen wir ihn anketten, Herr?“, fragte einer der Wächter.

„Nein, er ist durch die Auspeitschung ohnehin zu sehr geschwächt, um mich anzugreifen. Geht hinaus und schließt die Tür. Bleibt aber draußen auf Wache“, entgegnete Siram. Die Wächter verließen befehlsgemäß die Zelle und ließen den Fürsten und den Gefangenen allein.

Siram sah den Gefangenen eine Weile an. Sie sprachen miteinander scharfenburgisch.

„Die Wirkung des Tranks wird bald vergehen. Du wirst dann schlimme Schmerzen haben. Ich kann dir nicht mehr davon geben, weil er in zu großen Mengen starke Nebenwirkungen hat. Du könntest erblinden. Wenn du kannst, verzeih’ mir, dass ich dir diese Wunden zugefügt habe.“

„Was immer geschehen wird, Fürst Siram, ich werde Euch nicht vergessen, dass Ihr einiges riskiert habt, um mir die Schmerzen erträglicher zu machen. Mir ist schon klar, dass Ihr es um den Preis Eures eigenen Lebens nicht ablehnen konntet, mir diese Hiebe zu verpassen. Sagt mir, was wäre mit Euch geschehen?“

„Wie genau willst du das wissen?“, fragte Siram grinsend. „Ranador hat ausgesprochen gemeine Methoden, einen Menschen ums Leben zu bringen. Einen aufsässigen Fürsten zu richten ist sein besonderes Vergnügen, für das er sich viel Zeit nimmt. Ich würde jede Wette eingehen, dass er sich mit mir drei Tage amüsiert hätte“, gab er dann gleich die Antwort, ohne auf Ulrichs Reaktion zu warten.

„Einschließlich der Unterbrechungen im Harem?“ fragte Ulrich. Er grinste schief.

„Oh, Ranador hat seinen Harem durchaus schon in die Folterkammer verlegt, wenn ihm danach war. Die Vorstellung heute war nur ein Appetithappen.“

„Wie krank muss jemand eigentlich sein, um so etwas zu veranlassen?“, fragte Ulrich kopfschüttelnd.

„Ziemlich. Ich denke, er ist jetzt beschäftigt. Ich gehe jetzt und schicke jemanden, der sich um deine Wunden kümmern wird“, sagte Siram und drückte in einer fast vertraulichen Geste Ulrichs Hand. Er erhob sich klopfte an die Zellentür und verließ die Zelle.

Ulrich ließ sich wieder auf sein Strohlager sinken. Er bekam Hilfe von einer Seite, von der er es wirklich nicht erwartet hatte. Er nahm sich vor, sich bei Siram entsprechend zu revanchieren. Im nächsten Augenblick kamen ihm stärkste Zweifel, dass es dazu jemals kommen werde, weil die Wirkung des schmerzstillenden Tranks genauso schnell aufhörte, wie sie eingesetzt hatte. Ulrich krümmte sich vor Schmerz, machte ihn damit aber nur schlimmer, weil die Wunden, die die Auspeitschung hinterlassen hatte, gedehnt wurden. Er unterdrückte nur mit aller Willenskraft einen gepeinigten Schrei, weil er Siram nicht unnötig verraten wollte. Es hätte jemandem auffallen können, dass er jetzt offenbar stärkere Schmerzen hatte.

Nach – wie es Ulrich schien – einer Ewigkeit spürte er eine sachte Berührung an der Schulter. Ulrich schrak hoch. Er hatte der Tür den Rücken zugekehrt und nicht bemerkt dass jemand eingetreten war. Als er sich halb umdrehte, sah er in das lächelnde Gesicht einer jungen Frau.

„Bleib’ liegen, Falkensteiner“, sagte sie sanft – falkensteinisch.

„Wer bist du?“, fragte Ulrich matt.

„Adana, Fürst Sirams Frau. Er hat mich gebeten, dir behilflich zu sein.“

„Warum tut Ihr das, Ihr und Euer Gemahl?“, erkundigte Ulrich sich mit leisem Ächzen.

„Fürst Siram ist der Fürst von Aventur. Mitten durch unser Fürstentum geht die Sprachgrenze zwischen dem Wilzarischen und dem Wenglischen. Manche Wilzaren behaupten sogar, die Aventurer wären keine richtigen Wilzaren. Die Art der Aventurer gleicht eher den Wengländern als den Wilzaren. Vielleicht ist man in Aventur nicht ganz so grausam zu den Gefangenen wie im wilzarischen Kernland. Mein Mann mag keine Feiglinge und hat durchaus schon Gefangene hinrichten lassen, weil sie einfach feige waren, wie zum Beispiel die Besatzung der Steinburg. Aber er sagt, du warst sehr tapfer. Er hat mir gesagt, wenn dich nicht einer seiner Männer niedergeschlagen hätte, hättest du nicht freiwillig aufgegeben – so wie dein Verwandter, der Graf von Falkenstein. Siram war stolz, diesen tapferen Mann gesehen zu haben. Weil das so ist, möchte er dich möglichst nicht leiden sehen. Darum bin ich hier“, erklärte die junge Frau.

Bei der Erwähnung der Steinburger Burgbesatzung war Ulrich leicht zusammengezuckt. Wie konnte man es wagen, diese Leute als Feiglinge zu beschimpfen? Adana wertete sein Zusammenzucken als Schmerzreaktion

„Korrigiert mich, wenn ich jetzt was Falsches sage, aber soweit ich weiß, haben die Verteidiger die Steinburg kampflos aufgegeben, um die Bevölkerung von Steinburg vor einem Massaker zu schützen. Was ist daran feige?“, fragte Ulrich. Adana stutzte.

„Woher weißt du das?“

„Fürst Siram sollte nicht denken, dass sich die Vorgänge in Wengland nicht durch die gesamte Region verbreitet haben“, entgegnete Ulrich.

„Was daran feige ist? Ein Mann ergibt sich nicht, solange er noch kämpfen kann. Wer das tut, ist feige“, versetzte Adana.

„Es ist also mutig, zu sterben, ja?“, hakte Ulrich nach. Der milde Balsam, den Adana ihm auf den Rücken strich, linderte die Schmerzen gut. Er konnte wieder einigermaßen klar denken.

„Sicher. So wie der Graf von Falkenstein“, bestätigte Adana.

„Die Männer, die sich in Steinburg ergeben haben, sind doch auch gestorben, oder?“

„Ja“

„Wenn sie aufgegeben haben, weil Euer Gemahl damit drohte, statt ihrer die Einwohner von Steinburg zu töten, wussten sie doch genau, dass sie sterben würden, oder nicht?“

„Vielleicht“, räumte sie ein.

Ulrich drehte sich ganz um, weil die Wunden nun nicht mehr so sehr schmerzten und sah die Fürstin an.

„Nicht vielleicht, schöne Adana. Ein Wengländer, der sich einem Wilzaren ergibt, hat mit dem Leben abgeschlossen. Die Männer, die sich in Steinburg ergeben haben, waren sich völlig im Klaren darüber, dass sie nicht mehr lange leben würden. Sie haben sich geopfert, um die Einwohner zu schützen. Ich halte es für ungleich mutiger, sich freiwillig für andere herzugeben, als um das eigene Leben auch in absolut aussichtsloser Situation zu kämpfen. Ich würde die Männer der Steinburg für Helden halten, gewiss nicht für Feiglinge“, sagte er. Ohne es zu wollen, hatte er wilzarisch gesprochen. Als er es merkte, wurde er blass. Er hatte sich verraten! Adana lächelte wissend.

„Siram hat Recht“, sagte sie sanft. „Du bist nicht nur sehr tapfer, du bist auch der Kronprinz von Wengland. Niemand anderer würde seine Männer so in Schutz nehmen. Du weißt, was dich erwartet?“

Ulrich nickte mit bewundernswerter Beherrschung.

„Wenn Euer Vater das erfährt, setzt er eine Festveranstaltung in der Folterkammer an“, erwiderte er. Adana lächelte gewinnend.

Wenn er es erfährt“, sagte sie. „Er wird es aber nicht erfahren, weil Siram und ich es ihm nicht sagen werden, Ulrich von Wengland“, sagte sie leise. Sie beugte sich über ihn, und während er sich noch fragte, was sie nun beabsichtigte, hatte sie ihn bereits geküsst.

 

AAA

Kapitel 14

Sklavenschinder

 

Als Ulrich am nächsten Morgen vom Kerkermeister ruppig geweckt wurde, erschien ihm der vergangene Nachmittag und die Nacht wie ein schöner Traum. Adana hatte sich mit besonderer Aufmerksamkeit um ihn gekümmert. Diese Nacht würde er so schnell nicht vergessen. Aber abgesehen von den körperlichen Genüssen hatte er seit längerer Zeit wieder ausreichend gegessen und genügend Wasser bekommen. Die Magerration von Wasser und Schimmelbrot konnte ihn deshalb nicht besonders ärgern. Er trank nur das wenige Wasser, ließ das Brot aber liegen. Schon am Tag zuvor hatte er das schimmlige Zeug verschmäht und nach einiger Zeit war es einfach verschwunden. Wohin es gekommen war, interessierte den Prinzen nicht. Hauptsache, er musste das eklige Backwerk nicht essen. Soweit das kleine Loch oben in der Wand eine Zeitschätzung zuließ, war es noch sehr früh. Bis er mittags in die Minen gebracht werden sollte, war noch Zeit. Ulrich überließ sich noch eine Weile dem Dösen.

Ein leises Rascheln störte ihn auf. Ulrich sah auf und entdeckte vor seinen Füßen eine Ratte, die auf den Hinterbeinen saß und ihn neugierig anschaute. Erschrocken zuckte der Prinz zusammen und brachte seinen Fuß, der immerhin in Nageweite lag, eilig in Sicherheit. Die Ratte hatte sich genauso erschrocken und war mit einem Satz an der Tür. Während Ulrich noch seinen vor Schreck ins Rasen geratenen Herzschlag zu beruhigen suchte, kam die Ratte wieder langsam näher. Sie pirschte sich an die Brotschüssel heran und angelte sich die erste Scheibe, die sie dann gemächlich verspeiste. Der Anblick, den das Tier bot, hatte nichts Ekelhaftes an sich, das Ratten so oft zugeschrieben wird. Irgendwie sah es putzig aus, wie sie dasaß und an der Brotscheibe nagte.

„Guten Appetit“, wünschte Ulrich. „Hoffentlich bekommt dir das auch.“

Die Ratte sah kurz von ihrer Beschäftigung auf und widmete sich dann wieder dem für sie offenbar ausgesprochen schmackhaften Schimmelbrot. Sie fraß die Brotscheibe und nahm die zweite gleich hinterher, dann näherte sie sich dem Gefangenen, der sie aufmerksam beobachtete.

„Mir wäre es lieb, wenn du auf Ketten den gleichen Appetit hättest wie auf schimmliges Brot“, seufzte Ulrich. Neugierig schnupperte die Ratte an Ulrichs Hand, nahm vorsichtig den Strohhalm, den er ihr präsentierte und knabberte ihn auf, während sie den Menschen mit schwarzen Knopfaugen ansah.

„So, wie du mich ansiehst, hat immer Julius, unser Kastellan, geguckt“, grinste Ulrich. Die Ratte zuckte ein wenig über die Lautreihe Julius, legte den Kopf leicht schief, sprang dann davon und verschwand in einer undurchdringlich dunklen Ecke.

Nicht lange danach knirschte der Schlüssel im Schloss der Zellentür. Ulrich sah auf. Der Kerkermeister kam herein und brachte noch eine Schüssel.

„Befehl vom Fürsten: Weil du heute in die Minen gehst, gibt’s ‘nen Happen extra“, knurrte er, dann sah er die leergeputzte Frühstücksschüssel.

„Mann, wie verträgst du das bloß? Gestern und heute zwei Scheiben von dem Schimmelbrot – normalerweise müsstest du dir die Seele aus dem Leib kotzen“, murmelte der verblüffte Kerkermeister.

War wohl auch deine Absicht!‘, dachte Ulrich finster. ‚Warte nur, wenn ich eines Tages frei bin, röste ich dich und deinen sauberen König auf kleiner Flamme!

Die Tür krachte ins Schloss und Ulrich angelte nach der Brotschüssel. Zu seiner Verwunderung war es frisches Brot, noch ofenwarm. Und es war reichlich, so viel, dass er es sicher nicht schaffte. Zunächst aß er sich satt, weil ihm bewusst war, dass er so schnell nicht wieder zu essen bekam. Und was er dann bekam, darüber wollte er im Moment besser nicht nachdenken. Bald aber war er fertig, es passte nichts mehr. Aber immer noch waren eineinhalb Scheiben Brot da. Ulrich dachte einen Moment nach. Er konnte des Rest nicht mitnehmen, weil sein Leinenzeug – oder besser: die Fetzen davon, die er immer noch trug – keine Taschen hatte. Und offen Proviant mitzunehmen würde Ronar ihm gewiss nicht erlauben. Dafür war das Drangsalieren von Gefangenen in Wilzarien zu großes Volksvergnügen. An den rechtlosen Sklaven konnte sich in Wilzarien jeder austoben, ohne Strafe fürchten zu müssen. Wer schon sonst im Leben nichts zu sagen hatte, konnte im Kerker oder in den Minen seine Macht demonstrieren – und nutzte das weidlichst aus. Nach dem Eindruck, den Ulrich von dem Minenaufseher hatte, gehörte Ronar auf alle Fälle in diese Kategorie von Menschen. Nach oben buckeln, nach unten treten, schien Ronars Lebensmotto zu sein. Ulrich drehte das Brot in der Hand, dann hatte er eine Idee.

„Julius!“, rief er leise. „Julius, Brot!“

Es dauerte nicht lange, da erschien die Ratte mit langem Hals aus ihrem Versteck und schnupperte aufgeregt.

„Hier, komm her, Julius! Lecker Brot!“

Tatsächlich kam die neugierige Ratte näher, kam gar bis an Ulrichs Hand heran. Vorsichtig nahm sie ein Stück Brot, fraß es und nahm das nächste, das Ulrich ihr hinhielt.

„Schlag’ dir ruhig den Bauch voll, Julius. Ich kann’s nicht mitnehmen, und dir schmeckt frisches Brot bestimmt auch besser als schimmliges. Danke, dass du’s für mich gefressen hast“, bedankte er sich bei der Ratte und kraulte sie leicht am Rücken. Der Ratte schien das zu gefallen, denn sie streckte dem Menschen den Rücken regelrecht entgegen.

„Ich hoffe nur, du hast keine Pestflöhe mit, Julius“, sagte Ulrich, nahm die Ratte hoch und untersuchte das braune Fell genau. Sie war flohfrei.

„Du darfst gern wiederkommen, kleiner Julius“, sagte er und setzte die Ratte wieder ab, die ihn noch einmal ansah, sich die Schnauze ableckte und dann wieder in ihrer Ecke verschwand.

Gegen Mittag kam eine Wache, legte dem Gefangenen wieder Ketten an und brachte ihn zu einem unbequemen Karren. Außer Ulrich waren noch vier andere Gefangene auf dem Karren, die sich alle deutlich voneinander unterschieden. Einer mochte Asiate sein, einer war schwarz wie die Nacht. Die anderen beiden hatten auch etwas Afrikanisches an sich, waren aber nicht ganz so schwarz. Wilzarien hatte also auch im Orient Eroberungsgelüste.

Ranador, du verzettelst dich. Das kann nicht auf Dauer gutgehen – und wenn der Herr es mir erlaubt, möchte ich der Erste sein, der dir entsprechende Ohrfeigen gibt‘, dachte Ulrich bei sich.

Nach stundenlanger Fahrt erreichte der Karren ein Bergwerk. Ronar löste Ulrichs Fußfesseln und stieß ihn grob voran. Er versuchte nicht einmal, die Wunden auf Ulrichs Rücken zu schonen, er griff mit voller Absicht hinein. Der Gefangene stöhnte unterdrückt und schwor im Geiste bittere Rache. Irgendwann … Ulrich stolperte geradewegs in eine düstere Schmiede hinein.

„Aran – verpass’ ihm eine schwere Kugel. Der Knabe hat Schmalz in den Beinen!“, rief Ronar. Aran grinste breit und winkte den Gefangenen mit dem Zeigefinger heran.

„Ich glaube, ich hab’ was Feines für dich. Gefangene Kämpfer sind mir besonders willkommen. Los, Fuß her!“

Ulrich tat, als habe er nicht verstanden. Der Schmied nahm einfach Ulrichs linken Fuß, stellte ihn mit gewissem Zwang auf einen am Boden stehenden Amboss und befestigte eine starke Fußfessel, an der an einer kräftigen Eisenkette eine massive Eisenkugel hing. Die Kette war gerade so lang, dass Ulrich die Kugel unter den Arm nehmen konnte. Der Schmied schlug den Bolzen zu und drückte dem Gefangenen die Kugel in die Hand. Mit einer Handbewegung schickte er den neuen Sklaven hinaus. Ulrich schleppte die schwere Kugel mit beiden Händen und sah in das höhnische Grinsen des Aufsehers.

Keine üble Idee. Mit der verdammten Kugel habe ich zwar die Hände zum Arbeiten frei, aber schleppen kann ich das Biest nur mit beiden Händen, also sind die Wächter auf dem Weg zur Arbeit vor mir sicher‘, durchzuckte es Ulrich. ‚Aber wenn du wüsstest, was ich mir jetzt wünsche, Ronar …

Am liebsten hätte er dem Aufseher die Kugel auf die Füße geworfen, beherrschte sich aber rechtzeitig, weil er ahnte, dass er die Folgen nicht überleben würde.

Ronar ließ noch den anderen vier Gefangenen Beinkugeln geben und trieb seine Neuzugänge dann zum ersten Stollen. Ulrich besah die Stollenabsicherung. Sie war nicht sehr stabil. Die Abstände zwischen den Stützbalken waren gefährlich lang. Offenbar bedeutete hier ein Leben überhaupt nichts, das der Aufseher eingeschlossen.

Während Ulrich sich noch ausrechnete, wie lange er hier etwa überleben würde, kam schon der Obersteiger des Schachtes und erhielt von Ronar seine Anweisungen. Sie beinhalteten nur, die Sklaven zu Höchstleistungen zu zwingen – egal wie. Der Obersteiger hatte sich noch einen Rest Menschlichkeit bewahrt und wies seine neuen Arbeiter wenigstens in ihr Aufgabengebiet ein. Er sprach wilzarisch, bediente sich aber gleichzeitig einer gut verständlichen Zeichensprache. Der Mann tat das mit viel Routine, woraus Ulrich schloss, dass der Obersteiger öfters mit Leuten zu tun hatte, die des Wilzarischen nicht mächtig waren. Der Obersteiger betrachtete die kräftigen Oberarmmuskeln des Prinzen eingehend, bedeutete ihm dann, sein Hemd anzuziehen und erklärte ihm mittels Zeichensprache, dass sein Platz ganz vorn im Stollen sei, dort, wo ein besonders kräftiger Hauer gebraucht wurde.

Der Obersteiger hatte sich nicht vertan. Ulrich erwies sich als kräftig und gelehrig. Zunächst hatte er sich über das manchmal lastende Schweigen gewundert, aber als er wenige Tage nach seiner Ankunft im Bergwerk an seinem Platz meinte, es sei Zeit, einen Stützbalken einzuziehen und nach einem Steiger rief, bekam er von dem Posten, der ihn und seinen Nachbarn scharf bewachte, gleich drei Stockhiebe. Der Wächter herrschte ihn an, dass er gefälligst zu schweigen habe. Ulrich riss sich einen abstehenden Fetzen seiner Lumpen ab und wischte sich das Blut aus dem Gesicht, das aus einer kleinen Platzwunde an der linken Stirnseite lief. Er hatte Mühe, die Blutung zu stoppen. Immer wieder wies er auf die Decke des Stollens hin die Gefahr, dass sie einbrechen könnte. Irgendwann hatte der Posten ihn verstanden und brüllte einen entsprechenden Befehl nach vorn zum Schachtausgang.

So rüde auf seine Schweigepflicht hingewiesen, sah Ulrich sich genötigt, die Zeichensprache vollständig zu erlernen, mit der sich die Bergleute untereinander verständigten. Neben den von den Wärtern angewandten Zeichen enthielt die Zeichensprache der Sklaven noch einige Gebärden, die den Wärtern offensichtlich unbekannt waren und als eine Art Geheimsprache der Bergmänner dienten. In diese Bastion einzubrechen war für einen Neuling wie Ulrich schwer. Die Sklaven waren äußerst misstrauisch gegenüber Fremden. Jeder neue Sklave konnte ein eingeschleuster Spion sein. Die Wilzaren hatten ihre Methoden, ihre Sklaven unter Druck zu halten. Und eine davon war, Spitzel unter den Zwangsarbeitern zu verteilen. So war Ulrich in den ersten vier Wochen seines Bergarbeiterdaseins völlig isoliert. Das schlechte Essen trug nicht dazu bei, dass er sich in den Silberminen Tungurs wohlfühlte. Die dünne Wassersuppe, die knappen Brot- und Wasserrationen verursachten ständig nagenden Hunger, der in Verbindung mit der körperlich schweren Arbeit an Ulrichs Kraftreserven zehrte. Aber die verbliebene Muskulatur war hart wie Stahl, ständig trainiert von täglich zwölf Stunden harter Arbeit. Auf Dauer jedoch würde der ewige Hunger ihn umbringen, dessen war Ulrich sicher.

Weil er ein guter Arbeiter war, der eine Tagesausbeute lieferte, die den Obersteiger wenigstens zufriedenstellte, bewachte man ihn nach acht Wochen nicht mehr ganz so streng. Sein Nebenmann, ein älterer, völlig abgezehrter Gefangener, brach neben ihm zusammen. Ulrich fing ihn auf, bevor er auf den Felsboden stürzte. Der Prinz sah sich um, konnte keinen Wächter entdecken und verdoppelte augenblicklich seine Anstrengungen.

„Keiner zu sehen, ruh’ dich aus“, flüsterte er dem Mann zu. Er hatte leise wenglisch gesprochen.

„Himmel, du bist Wengländer?“, keuchte der Alte.

Ulrich nickte.

„Ja, aber brüll’ nicht so. Die Wächter müssen das nicht gerade mitbekommen.“

„Als was bist du hier?“

„Falkensteiner.“

Der ältere Sklave nickte.

„Landsmann, du verschwendest deine Kraft. Warum verpfeifst du mich nicht? Es würde für dich bessere Rationen bedeuten“, spottete der ältere Wengländer.

„Der Teufel soll mich holen, wenn ich je auf Kosten eines anderen einen Vorteil für mich selbst erzielen will!“, versetzte Ulrich und belud beide Loren gleichmäßig mit Silbererz.

„Wir halten dich für einen Streber. Du hast noch nie von Ronar Dresche bekommen, du lieferst verdammt viel Erz; mehr, als wir armen Schweine leisten können.“

„Wie heißt du?“, fragte Ulrich, ohne auf die harten Vorwürfe einzugehen.

„Edgar aus Wachtelberg. Und du, Streber?“

„Ulrich ist mein Name.“

Edgar bekam große Augen.

„Du sprichst Steinburger Wenglisch, und du hast verblüffende Ähnlichkeit mit einer gewissen, bedeutenden Person“, bemerkte er. „Bist du etwa …?“

Weiter kam Edgar nicht. Ulrich hielt ihm ziemlich grob den Mund zu.

„Edgar aus Wachtelberg: Ich rate dir, jetzt den Mund zu halten, wenn dir dein Leben lieb ist. Ich habe durchaus vor, diese verdammte Bergwerkshölle irgendwie zu überleben und es den Wilzaren heimzuzahlen, was sie mir schon zugefügt haben – und ich werde dabei sicher nicht kleinlich sein. Aber gib Acht, dass ich nicht bei dir anfange, du Schwachkopf. Wenn ich bisher noch keine Hiebe bezogen habe, dann weil ich es mit viel Mühe vermieden habe. Ich bekomme die gleiche dünne Wassersuppe, genauso wenig Brot und Wasser, wie ihr alle. Ich habe euch nichts voraus – außer dem Überlebenswillen! Und wenn du und deine Kumpel den auch aufbringen würden, hättet ihr eine Chance, hier lebend ‘rauszukommen. Ruh’ dich jetzt aus, aber tu was dagegen, dass man dich ständig verhaut!“, knurrte er böse. Damit ließ er den Wachtelberger los und klopfte weiter auf das Silbererz ein, um sein Tagessoll zu erfüllen und für den Mitgefangenen etwas zu tun. Der Mann war zunächst schwer erschrocken. Die Geste seines Mitgefangenen hatte absoluten Seltenheitswert, weil die Aufseher es bisher verstanden hatten, die Häftlinge gegeneinander auszuspielen – abgesehen von den wenigen Häftlingen, die sich in Geheimsprache verständigen konnten. Zu den wenigen gehörte Edgar.

„Entschuldige, Ulrich, wir haben dich wohl falsch eingeschätzt. Ich werde dir deine Hilfe so schnell nicht vergessen“, sagte er nach einer Weile. Bald hatte er sich erholt und konnte wieder mitarbeiten. Zum Dank führte er Ulrich in die Geheimgesellschaft der Sklaven ein.

Nachdem er in dieser Gesellschaft war, hatte er es etwas besser, weil er nicht mehr isoliert war. Zudem trug die harte Arbeit trotz des zehrenden Hungers dazu bei, dass er kräftiger wurde und ihm die Beinkugel nicht mehr gar so schwer vorkam. Den Wächtern gegenüber tat er aber so, als würde sie ihm von Tag zu Tag schwerer. Seine schon in Wilzaris ausprobierte Schauspielkunst bewahrte ihn vor einer noch schwereren Beinkugel.

Schon hatte der Prinz einen Fluchtplan entworfen, als ihm seine Hilfsbereitschaft ein Bein stellte.

Gut vier Monate, nachdem Ulrich zur Zwangsarbeit in die Minen gebracht worden war, geschah das, was er schon im Mai befürchtet hatte: In einem Nachbarstollen hatte man vergessen, einen Stützbalken einzuziehen. Das Ergebnis war ein Bergbruch. Ulrich hörte es an seinem Platz nur rumpeln, sah die Staubwolke aus dem Seitengang und ließ Silbererz Silbererz sein. Die Aufseher liefen aufgeregt durcheinander, ließen die Aufsicht über die Häftlinge sträflich außer Acht. Ulrich klemmte sich seine Beinkugel unter den Arm und eilte in den Nachbarstollen. Unter der Bruchschicht hatte er bald einen Steiger freigelegt. Hustend und spuckend ließ der Mann sich aus den Trümmern ziehen. Zwar sah er verblüfft, dass ein Gefangener seine Beinkugel locker unter den Arm geklemmt hatte, aber im Augenblick war er nur dankbar, gerettet zu sein. Ulrich fragte ihn per Zeichensprache, ob noch mehr Leute im Stollen seien. Nach den Zeichen des Steigers waren außer ihm noch zwei andere Männer dort gewesen. Ulrich nickte und suchte verbissen in den Trümmern des eingebrochenen Stollens, bis er die Vermissten gefunden hatte. Einer war tot, der andere war wohl verletzt, lebte aber.

Der Steiger sah den Gefangenen eine Weile an, dann umarmte er ihn einfach. Die inzwischen zusammengelaufenen Aufseher und Steiger jubelten laut, bis Ronar kam. Der Oberaufseher fragte nicht, sondern ließ seine Bullenpeitsche gleich zehn oder zwölfmal auf Ulrich niedersausen, der sich nicht so schnell decken konnte, wie ihn die scharfen Hiebe trafen. Der Steiger, den Ulrich aus dem Stollen gezogen hatte, war genauso vor Schreck gelähmt, wie alle anderen Männer im Stollen. Aber dann fiel er dem in hellem Zorn zuschlagenden Ronar in den Arm.

„Halt, Ronar!“, rief er. „Der Mann hat mich und einen Hauer aus dem eingebrochenen Stollen gerettet!“

„Er hat seinen Platz ohne Erlaubnis verlassen“, brüllte Ronar und wollte wieder mit der Peitsche ausholen, aber der Steiger hielt ihn fest.

„Ohne ihn wären wir nicht mehr am Leben, Ronar! Du kannst ihn doch nicht dafür strafen, dass er uns das Leben gerettet hat!“

„Ich werde dich für deine Saumseligkeit strafen, Harar!“, drohte Ronar. „Warum hast du den Balken nicht eingezogen?“

Harar hielt dem wütenden Blick Ronars stand.

„Ich habe dich heute Morgen um den Balken gebeten, Ronar“, sagte er dann mit erzwungener Ruhe. „Du selbst hast mir verboten, den Balken einzuziehen, weil du Material sparen willst“, versetzte er dann. Ein scharfer Hieb mit der Peitsche riss Harar den Arm auf.

„Packt den Nichtsnutz und bringt ihn zum Gerüst!“

„Ronar, mach’ mit mir, was du willst, aber lass’ den Gefangenen in Frieden. Er verdient keine Strafe!“, rief Harar noch, als zwei Wächter ihn wegschleppten.

„Nur deshalb schlage ich ihn nicht gleich tot!“, schrie Ronar hinterher. Ein Tritt traf den noch am Boden liegenden Ulrich. Er blieb liegen, hob aber vorsichtshalber den linken Arm, um sich gegen weitere Hiebe zu decken.

„Sperrt ihn ein!“, befahl Ronar zwei weiteren, recht grimmig aussehenden Wächtern. „Kettet ihn fest!“

Die Wächter packten Ulrich, stellten ihn grob auf die Füße und stießen ihn aus dem Stollen. Draußen herrschte große Aufregung, weil ein Teil der Häftlinge – die Geheimgesellschaft – die Verwirrung im Stollen zu eiliger Flucht genutzt hatte.

Später, es mochte Abend sein, kam Ronar zu Ulrich in die Dunkelzelle. Ein Wächter mit einer Fackel blieb draußen im Gang, so dass nur gedämpftes Licht in die Zelle fiel. Ulrichs an die Dunkelheit gewöhnte Augen konnten das finstere Gesicht des Oberaufsehers gut erkennen.

Einige Momente war Schweigen. Aus der Nachbarzelle hatte Ulrich die Schreie des Steigers gehört, den er aus dem Dreck gezogen hatte. So, wie Ronars Peitsche von Blut tropfte, hatte er den Mann erschlagen.

„Und nun zu uns beiden“, sagte Ronar bedächtig. „Du brauchst nicht so zu tun, als verstündest du mich nicht. Ich weiß sehr gut, dass du Wilzarisch kannst. Für jemanden, der unsere Sprache nicht spricht, begreifst du schnell, zu schnell, Bürschchen“, brummte er dann. Es klang wie das Brummen eines Braunbären. Ulrich schwieg und wartete ab. Er konnte sich kaum bewegen, da man ihm die Hände an die Wand gekettet hatte und er nun zwei Beinkugeln trug, die jede für sich doppelt so schwer waren wie seine Arbeitskugel.

„Du hast deinen Platz ohne Erlaubnis verlassen. Darauf stehen fünfundzwanzig Peitschenhiebe und Brandmarken. Aber du hast einen Wilzaren gerettet. Dass der seine Arbeit nicht ordentlich getan hat, kann ich dir leider nicht zum Vorwurf machen. Nur damit du’s weißt: Der, für den du dein unwürdiges Leben riskiert hast, hat die fünfundzwanzig Hiebe nicht überlebt – und er war besser gefüttert als du. Aber gerade weil du einen Wilzaren gerettet hast, setze ich die Strafe aus, bis König Ranador über dich entschieden hat. Du bist sein persönlicher Gefangener. Vielleicht fällt meinem Herrn noch was Amüsanteres als auspeitschen ein. Freu dich also nicht zu früh. Ich hoffe, er gibt mir freie Hand mit dir. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, dir das Fell gründlich zu gerben.“

Ronars eisiges Grinsen verhieß nichts Gutes, fand Ulrich. Er schwieg weiterhin. Jedes Wort wäre Verschwendung gewesen. Ronar knallte einmal drohend mit der Peitsche in seine Richtung. Die messerscharfe Schnurspitze verfehlte ihn nur knapp, aber er machte nicht den Versuch, auszuweichen. Er war in seiner Bewegungsfreiheit ohnehin soweit eingeschränkt, dass ein Versuch zwecklos gewesen wäre.

„Mut hast du, das muss man dir lassen. Jeder wäre erschrocken zur Seite gesprungen“, sagte der Aufseher mit einem Anflug von Bewunderung. „Auf alle Fälle bleibst du erst mal drei Tage hier. Wasser wirst du einmal am Tag bekommen“, kündigte er dann an und verließ die Zelle, die gleich wieder in völliger Dunkelheit versank. Ulrich atmete tief durch und ließ sich soweit an der Wand herunterrutschen, wie es die Kettenschellen erlaubten.

„Oh, mein Gott, der haut mich in Stücke!“, entfuhr es ihm leise. „Herr im Himmel, ich will nicht an dir verzweifeln. Hilf mir!“, flehte er.

 

AAA

Kapitel 15

Adana

 

Der Oberaufseher schickte einen Boten nach Wilzaris, und der königliche Besuch ließ nicht lange auf sich warten. Die Häftlinge wurden aus dem Bergwerk getrieben und mussten sich vor dem König niederwerfen. Auch Ronar warf sich bäuchlings in den Staub. Ranador verließ seine Sänfte und trat zu dem unterwürfig vor ihm liegenden Aufseher.

„Ich nehme deine Huldigung an, Ronar. Du hast gute Arbeit geleistet. Und ich freue mich über die Huldigung meiner Gefangenen. Es stimmt mich milde. Du darfst die Strafen heute aussetzen“, sagte er huldvoll. „Wo ist der aufsässige Gefangene, von dem du mir berichtet hast?“

Ronar führte den König in den Dunkelkerker. Das helle Licht von wenigstens zehn Fackeln, deren Träger mit dem König in die Zelle traten, blendete den seit nun einer Woche in Dunkelhaft befindlichen Gefangenen, der die Augen zusammenkniff. Ranador ließ seinen Blick nicht ohne Wohlgefallen über den gefesselten Gefangenen gleiten.

„Du bist kräftig“, sagte der König, als er Ulrich eingehend gemustert hatte.

„Was hat er getan?“, wandte er sich dann an den Oberaufseher. Ronar warf sich sofort zu Boden.

„Er hat seinen Platz ohne Genehmigung verlassen, Herr.“

„Du kennst doch das Strafmaß für ein solches Verbrechen, Ronar. Warum bindest du ihn nicht aufs Gerüst und lässt ihn deinen gerechten Zorn spüren?“

„Nun, Herr, er hat seinen Platz verlassen, um aus einem eingebrochenen Stollen zwei Männer zu bergen. Einer davon war Wilzare“, erklärte Ronar. „Da er Euer persönlicher Gefangener ist, wollte ich nicht gegen Euren möglichen Willen handeln, Herr.“

Ranador sah Ulrich an.

„Oh, wie edel“, sagte er spöttisch. „Ich sehe, der ritterliche Edelmut ist dir nicht mal mit Zwangsarbeit auszutreiben, Ulrich von Falkenstein“, kicherte er. Dann wandte er sich wieder an Ronar:

„Arbeitet er sonst gut?“

„Ja, Herr. Er ist sehr fleißig. Ich fand noch keinen Grund, ihm die üblichen zehn Strafhiebe zu geben.“

„Ich weiß, dass du das sehr bedauerst, Ronar. Nun gut, wenn er denn so edel ist, sollte ihre Majestät das letzte Wort haben. Königin Sanda wartet draußen, Ronar. Bitte sie herein.“

„Sofort, Herr.“

Ronar rutschte auf den Knien aus der Zelle und kehrte gleich darauf ebenso mit der Königin zurück. Sanda bekam ein entzücktes Leuchten in den Augen, als sie den Gefangenen ansah.

„Oh, Ranador, mein König – was ist das für eine Verschwendung!“, sagte sie. Ranador sah sie erstaunt an.

„Was meinst du, meine Königin.“

„Er ist ein schöner Mann. Muskulös und gut gewachsen. Wache – die Hose stört! Ich will ihn genau betrachten!“

Oha, Ulrich, du bist als Zuchthengst fällig. Herr im Himmel, so hab’ ich mir nicht vorgestellt, hier ‘rauszukommen!‘, durchzuckte es den Prinzen. Zwei Wachen traten zu ihm, schnürten die Hose auf und ließen sie herunter.

„Mehr Licht! Den Wali* muss ich mir genau ansehen!“

Zwei Fackeln gaben ihr genügend Licht und trieben Ulrich den Angstschweiß auf die Stirn. Er schloss die Augen und betete, dass dieser Augenblick möglichst schnell vorbeigehen möge. Sanda untersuchte das, was sie besonders interessierte, akribisch und ohne Feingefühl. Allzu wohlgefällig glitt ihr begehrlicher Blick über den kräftigen und gutgebauten Körper des Gefangenen.

„Fragt ihn, wie viele Frauen er mit dieser Pracht schon glücklich gemacht hat“, befahl die Königin dem Dolmetscher, der die Frage für Ulrich übersetzte. Der Kloß im Hals ließ ihn nur heiser röcheln.

„Eine“, presste er wahrheitsgemäß heraus.

„Oh, das ist viel zu wenig, schöner Knabe“, erwiderte Sanda, als sie Ulrichs Antwort mit ungläubigem Staunen zur Kenntnis genommen hatte. Sie wandte sich an Ranador:

„Ihn im Bergwerk zu lassen, wäre blanke Verschwendung, mein König. Ich brauche ihn dringend für die Prinzessinnen, damit sie die Liebeskunst erlernen“, sagte sie. „Lasst diesen prächtigen Mann sofort nach Wilzaris bringen. Er wird die Prinzessinnen zu guten Ehefrauen machen.“

Noch am selben Tag wurde Ulrich in dem gleichen unbequemen Karren nach Wilzaris zurückgebracht, mit dem er nach Tungur gekommen war. Den zufällig auf dem Karren mitreisenden Dolmetscher fragte er:

„Was würde eigentlich mit mir passieren, wenn ich mich gegen diese Vergewaltigung sträubte?“

„Soll ich dir das wirklich in Einzelheiten erzählen, Falkensteiner?“, erkundigte sich der Übersetzer. „Sei nur sicher: Die Damenwelt hätte dann nicht mehr viel von dir. Du würdest auf jeden Fall als Palasteunuch anfangen. Wo du endest, ist eine zweite Sache.“

„So was gibt’ s hier auch?“, fragte Ulrich mit gewissem Galgenhumor. „Ich dachte, dies sei die Heimat der Zuchthengste.“

Ulrich hatte keine Chance, sich zu drücken. Er bekam zwar eine bessere Zelle als nach seiner Gefangennahme – sie hatte immerhin ein vergittertes Fenster – aber keineswegs eine bessere Behandlung als im Mai. Um ihn gefügig zu machen, bekam er einen Trank, der ihn willenlos machte und seine männlichen Kräfte übersteigerte. Als er sich weigerte, den Trank zu sich zu nehmen, griff der Kerkermeister zu bewährten Mitteln und ließ den Gefangenen dursten, stellte ihm als einzige Flüssigkeit eben diesen Trank hin. Der Durst zwang Ulrich zur Einnahme der Droge. Ansonsten erhielt er zwar bessere Verpflegung, aber sein Haussklavendasein war die Hölle. Er diente dem ungezügelten Vergnügen von fünf Prinzessinnen, ohne sich dagegen wehren zu können. Am Ende der ersten Woche in Wilzaris war Ulrich dem Tod deutlich näher als dem Leben.

In dieser Hölle gab es nur zwei schwache Lichter. Das eine war Julius. Julius, die Ratte, die ihn bei seiner ersten Einkerkerung in Wilzaris vor einer Lebensmittelvergiftung gerettet hatte, weil sie das schimmlige Brot gefressen hatte. Am Ende der ersten Woche, als Ulrich zu Tode erschöpft und nur noch schwach atmend, auf dem mageren Strohlager von einem Überfall wenigstens kurze Erholung suchte, piepste es vernehmlich. Mit einiger Mühe schlug der Gefangene die Augen auf und sah sich um. Neben ihm saß eine Ratte, die ihn mit neugierigen Knopfaugen musterte.

„Julius?“, keuchte er. „Schnapp’ dir das Brot, ich werd’s nicht mehr brauchen“, bot er an. Die Ratte legte den Kopf schief, schien ihn vorwurfsvoll anzusehen.

„Keine gute Idee? Julius, das war’s, mich darfst du wohl auch bald verspeisen.“

Der Ratte schien diese Ankündigung entweder ungeheuerlich – oder als Einladung, schon mal zu probieren. Jedenfalls biss sie Ulrich kräftig in die rechte Hand.

„Au, verdammt! Noch bin ich nicht tot, du Dussel!“, kam er hoch. Die Ratte sprang eilig davon, blieb aber nur wenig außer Reichweite sitzen und putzte sich. Der Gefangene sah auf seine Hand, aber es floss kein Blut; die Ratte hatte nicht durchgebissen. Trotz der Situation musste er lächeln.

„Stimmt“, sagte er zu sich selbst. „Noch bin ich nicht tot. Danke für den Hinweis, Julius.“

Er lockte Julius gerade mit einem Stück Brot, als die Zellentür geöffnet wurde und Königin Sanda mit begehrlichem Blick hereinkam. Aber was sie zu sehen bekam, ließ sie mit spitzen Schreien davonrennen. Julius blickte gelangweilt hinterdrein, als die Kerkertür geräuschvoll in die Zargen krachte.

„Julius, du bist wundervoll!“, entfuhr es Ulrich, beinahe fröhlich. Er hatte eine Waffe gegen die lüsternen Prinzessinnen gefunden.

Fortan nutzte er die offensichtliche Angst der königlichen Prinzessinnen und der Königin vor der Ratte und rief nach Julius, wenn die Qualen zu groß wurden. Das Problem dabei war nur, dass der Trank, den er nach wie vor zu trinken gezwungen war, seine Sinne so benebelten, dass er frühestens drei Stunden nach Einnahme wieder soweit nüchtern war, um überhaupt an Julius zu denken. Die Ratte allein konnte ihn nicht retten, nur vor Überanstrengung halbwegs schützen.

Der zweite Lichtstrahl hatte schon anderen Wert, und der bestand in Prinzessin Adana. Adana, Tochter von König Ranador und Königin Sanda, mit dem Fürsten von Aventur verheiratet, hatte – dem Wunsch ihres Vaters entsprechend – ihr erstes Kind in Wilzaris geboren, und war noch in der väterlichen Burg geblieben, solange Fürst Siram seinem König in den besetzten Gebieten diente. So stellte sie schnell fest, wohin ihre Halbschwestern täglich zwei- bis dreimal verschwanden. Ihre Nachfrage bei ihrer Mutter bestätigte ihren schlimmsten Verdacht. Adana war entsetzt. Sie war zwar mit Siram verheiratet, aber Ulrich bedeutete ihr mehr, als sie sich zuerst hatte eingestehen wollen. Die Nacht mit dem geschundenen Gefangenen hatte tiefe Spuren in ihr hinterlassen. Als der angebliche Falkensteiner nach Tungur abtransportiert worden war, hatte sie Siram gesagt, dass sie sich in Ulrich verliebt hatte. Ihr Gemahl hatte das akzeptiert, denn einer Prinzessin konnte er den Umgang mit anderen Männern nicht verbieten. Als königliche Prinzessin Wilzariens hatte Adana das Recht, mehrere Männer zu haben, konnte sogar mit mehreren Männern verheiratet zu sein. Aber die Liebe zu einem Haussklaven war nach Wilzariens Gesetzen verwerflich. Siram hatte es dennoch gebilligt und versprochen, sie nicht zu verraten, wenn sie ihn nicht verließ. Adana hatte dieses Versprechen leichten Herzens geben können, weil sie Siram deshalb nicht weniger liebte. Trotz einer möglichen Gefahr für sich selbst hatte ihr ein Gedanke an Siram und ein Blick auf ihr gerade drei Monate altes Söhnchen Sedar einen heftigen Stoß versetzt. Wenn jemand so etwas mit ihrem Siram oder gar mit Sedar machen würde …? Der Gedanke war so scheußlich für Adana, dass sie jede Furcht vor eigener Gefahr beiseiteschob und versuchte, Ulrich zu helfen.

Am Beginn der zweiten Woche bat sie ihren Vater, den neuen Haussklaven doch für einen Tag für sich zu haben. Voller Freude, dass seine Tochter nach der Geburt ihres Sohnes wieder zu den Vergnügungen zurückkehren wollte, die sich für eine richtige Wilzarenprinzessin gehörten, genehmigte Ranador ihr Ansinnen und ließ ihr Ulrich bringen. Zwei schwerbewaffnete Wachen schleppten den bereits vom Besuch einiger ihrer Schwestern erschöpften Gefangenen herein und ließen ihn einfach fallen.

„Und wie befördere ich ihn ins Bett?“, fauchte Adana sie an. „Bin ich Thor persönlich?“

Die Wächter verneigten sich ehrerbietig.

„Wohin dürfen wir den Sklaven legen, Herrin?“

„Bringt ihn erst mal ins Bad. Sonst bekommen meine Dienerinnen die Seidenlaken nie wieder sauber“, wies sie die Wächter an, die Ulrich gehorsam ins Badezimmer schleiften und ihn in die bereits gefüllte Badewanne legten. Eigentlich hatten sie ihn hineinwerfen wollen, aber Adanas zorniger Blick, ihre über der Brust gekreuzten Arme und ihr wütend-nervöses Tappen mit dem rechten Fuß hatte die Wächter rechtzeitig davon abgehalten.

„Raus mit euch!“, befahl sie dann barsch. „Wenn ich euch brauche, rufe ich!“

Sie wartete nur, bis die Tür zu war, dann ging sie sofort ins Bad. Die ungewohnt angenehme Feuchtigkeit, die Wärme und der Duft von kostbaren Badezusätzen weckten Ulrich bald.

„Bin ich schon im Himmel?“, fragte er leise.

„Noch nicht ganz, Ulrich“, erwiderte sie und wusch ihn vorsichtig.

„Das kann nicht sein. Das träume ich doch nur“, murmelte er noch im Halbschlaf.

„Es kann sein – aber nur hier“, erwiderte sie sanft. Ihr sorgsames Waschen ließ ihn weiter träumen, bis sie ihn küsste. Ulrich war schlagartig wach.

„Julius!“, rief er erschrocken. Adana lachte.

„Vergiss’ es!“, sagte sie lachend. „Und bete zu deinem Gott, dass keine von meinen Schwestern dich in ihr Schlafzimmer bestellt, wo Julius nicht hinkommt.“

Ulrich ließ sich ins warme Wasser zurücksinken.

„Du auch?“, fragte er misstrauisch.

„Nein“, erwiderte sie. „Ich habe dich herbringen lassen, damit du einen Tag und eine Nacht Ruhe vor der wilden Horde hast. Ruh’ dich aus, bade und iss dich satt. Ich werde dich zu nichts zwingen, was du nicht willst. Nur musst du morgen früh zurück in deine Zelle.“

„Die Wahl zwischen Himmel und Hölle, oder?“

Adana seufzte.

„Leider keine Wahl, Ulrich“, erwiderte sie.

Es war ein Tag der Erholung, den Adana ihm schenkte. Doch sie schenkte ihm noch mehr, etwas, das er in der letzten Woche schon verloren hatte: Den Glauben an die Liebe einer Frau. Das, was ihre Schwestern und ihre Mutter mit Gewalt wollten, gab er ihr freiwillig – und gern.

Die Rückkehr in seine Zelle war wie der Sturz aus dem Paradies direkt in die Welt des Satans; ein Vergleich, der nicht völlig danebenlag, weil ein Teil des wilzarischen Hofes den Teufel als seinen Gott verehrte; einige der Prinzessinnen, für die Ulrich zuständig war, wohl auch. Anders war ihr Verhalten nicht erklärbar. Weil auch Julius nur begrenzt helfen konnte, sann Adana nach vier weiteren Wochen darüber nach, Ulrich ganz aus Wilzaris, am besten nach Silla, in ihr Fürstenschloss bringen zu lassen. Die Wechselbäder von Wohltat und Folter würde Ulrich nicht lange aushalten. Aber ihre Bitte, den Gefangenen als ihren persönlichen Haussklaven nach Silla zu bekommen, scheiterte.

Adana erschrak. Ihr Vater musste etwas gemerkt haben. Ein vorsichtiges Lauschen gab ihr Gewissheit: Yacinto hatte geforscht und festgestellt, dass Dietrich von Falkenstein nur einen Verwandten hatte: den Thronfolger Wenglands! Ulrich war entdeckt und musste schleunigst fliehen.

Sie eilte sofort in seine Zelle und schüttelte ihn wach, obwohl es mitten in der Nacht war.

„Ulrich, wach auf!“

Verschlafen kam er hoch.

„Was ist?“

„Vater weiß, wer du bist! Du musst sofort fliehen!“, drängte sie. Er war mit einem Satz auf den Beinen.

„Danke. Was ist mit dir? Und mit Sedar?“, fragte er.

„Frag’ nicht so lange! Sedar und ich kommen zurecht. Aber die Wachen können jeden Augenblick hier sein! Ulrich, sie wollen dich töten!“ beschwor sie ihn

„Dich etwa nicht? Adana, ich kann dich hier doch nicht in Lebensgefahr zurücklassen! Das würde Siram mir nie verzeihen.“

„Halt jetzt den Mund und verschwinde, du elender Wengländer!“, zischte sie, und küsste ihn. Er umarmte sie heftig.

„Dein Odin schütze dich und dein Kind, Adana“, sagte er leise.

„Dein Gott schütze dich, Ulrich“, erwiderte sie, küsste ihn noch einmal flüchtig und verschwand.

Mithilfe von Julius hatte der Prinz seine Flucht schon vorbereitet. Die Ratte hatte den Mörtel aus dem Fenster genagt, so dass Ulrich einen Steinquader und einen Eisenstab hatte lockern können. Die Bruchstelle hatte er mit Hirsebrei zugekleistert, der in getrocknetem Zustand viel Ähnlichkeit mit Zement hatte. Er hatte bei Neumond ohnehin fliehen wollen. Der Neumond war zwar erst in einer Woche, aber Ulrich hatte keine Zweifel mehr daran, dass er den Neumond in Wilzaris jedenfalls nicht lebend erreichen würde. So zögerte er keinen weiteren Augenblick, zog den Steinquader in der Mitte ein Stück heraus, um den Gitterstab abnehmen zu können.

„He, Julius!“, rief er. Die Ratte erschien sofort. „Wiedersehen, Julius. Der Rest vom Abendessen gehört dir, mein Helferlein. Du bist in Wengland herzlich willkommen, solange du keine Pestflöhe mitbringst.“

Damit schob er sich seitwärts durch die Gitteröffnung und sprang hinunter auf den Laufgang. Der Wächter, vor dessen Füßen er landete, hatte keine Zeit mehr, Alarm zu geben. Ulrich schlug ihm mit der Gitterstrebe so fürchterlich in den Nacken, dass der Mann tot zusammenbrach. Er nahm dem Posten Schwert, Oberwams, Stiefel und Umhang ab, zog die Sachen selber an und seilte sich mit einer langen Kette, die der Posten bei sich hatte, von der Mauer ab.

Die Nacht war bitterkalt, es war bereits Ende Oktober. So waren zu Ulrichs Glück nur wenige Wächter auf den Außenmauern der Zitadelle. Bis der tote Wächter gefunden war, war der geflohene Gefangene schon aus der Stadt Wilzaris selbst heraus und auf dem Weg in Richtung Wengland.

AAA

Kapitel 16

Flucht

 

König Ranador hatte die Wachen, die ihm Ulrich vorführen sollten, nicht unmittelbar nach dem Gespräch mit Yacinto ausgesandt, sondern zunächst noch seine weiteren Staatsgeschäfte erledigt. Der Gefangene saß ja sicher verwahrt in der Zitadelle. Mit dem konnte man sich auch noch später befassen. Ranador hatte ein amüsantes Verhör für die Zeit nach dem Abendessen eingeplant, was bei ihm für gewöhnlich weit nach Mitternacht war. Außerdem war ein aus dem besten Tiefschlaf geweckter Gefangener nicht so widerstandsfähig wie einer, den man am Nachmittag befragte. Doch als Ranadors Wachen in die Zelle kamen, war sie leer, der Gefangene längst über alle Berge.

Während Ranador tobte und drei der erfolglosen Wächter persönlich erschlug, ging Ulrich in der Kleidung eines Zitadellenwächters unbehelligt durch Wilzaris. Jedermann, einschließlich anderer Soldaten, die nicht den roten Mantel mit dem schwarzen Drachen auf dem Rücken und an der linken Brustseite trugen, wich ihm respektvoll aus. Er hatte ohnehin die Sprache des Landes beherrscht, aber Adana hatte ihm noch einige Feinheiten beigebracht, die ihn für einen in Wilzaris geborenen Wilzaren durchgehen ließen. Ulrich war sicher: Solange der tote Wächter, den er in einem Mauergebüsch versteckt hatte, nicht entdeckt wurde, brauchte er in Wilzaris, in Wilzarien überhaupt, keine Deckung zu suchen, wenn ein Soldat aufkreuzte.

Die zehn Tage, die er Wilzarien zu Fuß durchwanderte, hatte er keine Schwierigkeiten. Viele Leute boten ihm zu essen an, er konnte sogar in Gasthäusern nächtigen, ohne dass man von ihm Geld wollte.

Am Mittag des zehnten Tages überschritt er ohne Schwierigkeiten die Grenzbrücke über den Aventur nach Rothenfels. Das Bild, das sich Ulrich bot, war grauenhaft: Die ehemals so stolze Burg war nur noch eine schwarze Ruine, die meisten Häuser zerstört und unbewohnbar. Die Menschen, die ihm begegneten, drückten sich erst auf die andere Straßenseite, hinter ihm schüttelten sie dann drohend die Fäuste. Ihr Zorn war stumm und versteckt. Wer erwischt wurde, dass er den Wilzaren nicht mit absoluter Unterwürfigkeit begegnete, wurde gnadenlos gerädert. In Rothenfels stand an jeder Straßenecke ein Richtrad, auf den meisten waren verwesende Leichen, auf denen Raben saßen und das faulige Fleisch von den Knochen rupften. Ulrich schauderte es, dann verfehlte ihn nur knapp ein massiver Pflasterstein. Als er sich erschrocken umdrehte, sah er gerade noch einen halbwüchsigen Jungen mit einem Hechtsatz in einem Straßengebüsch verschwinden. Ulrich sah darüber hinweg. Schließlich hatte der Stein eher seiner Kleidung als dem Inhalt gegolten, den der Junge nicht kennen konnte. Wenn der Stein ihn auch übel hätte verletzen können, war Ulrich sogar froh über diesen Steinwurf. Er zeigte, dass es immer noch Wengländer gab, die sich mit der Besatzung nicht abgefunden hatten.

Am folgenden Tag allerdings war es mit der einigermaßen sorglosen Wanderung vorbei. Eine Doppelstreife wilzarischer Soldaten hielt ihn an.

„Halt!“, brüllte ihn einer an. Ulrich blieb stehen.

„Was ist, Soldat?“, fragte er in bestem Wilzarisch. Der Soldat, der ihn angesprochen hatte, war zunächst verblüfft, gewann die Fassung aber schnell wieder.

„Du bist kein Wilzare! Schon gar kein wilzarischer Soldat, du Schwindler. Dein Zitadellenmantel tarnt dich hier nicht, Bürschchen. Zitadellenwächter dürfen Wilzarien nicht verlassen!“

Die beiden Wilzaren zogen blank. Der Schwindler, der auch noch ohne Schild herumlief, schien eine leichte Beute zu sein. Momente später bereuten sie beide, den Mann überhaupt angesprochen zu haben. Ulrich hatte sie mit zwei ebenso kurzen wie harten Hieben der Länge nach aufgeschlitzt. Sie hatten nicht gesehen, dass er das Schwert bereits blank unter dem Umhang getragen hatte. Ulrich fand bei den Toten einige Mundvorräte und etwas Geld, allerdings nur wilzarische Zinnmünzen, die kein normaler Wengländer akzeptiert hätte. Ulrich steckte die Münzen trotzdem ein. Vielleicht hatten sich in den letzten vier Jahren doch ein paar Wilzaren in Wengland angesiedelt, bei denen er mit dem Geld etwas zu essen kaufen konnte.

Am Abend entdeckte der Flüchtling eine einzeln stehende Scheune, in der er Unterschlupf fand. Sein Hunger machte sich störend bemerkbar, aber Ulrich wollte sich die den Wilzaren abgenommenen Vorräte vorsichtig einteilen. Er musste damit rechnen, bis nach Breitenstein oder in die Rebmark zu Fuß gehen zu müssen, was eine Reise von mindestens einem Monat bedeutete – in Friedenszeiten. Wenn Ranador das Kopfgeld erhöhte, dann konnte aus dem Monat schnell ein zweiter werden, wenn nicht noch mehr. Also musste er sorgsam haushalten.

Ulrich richtete sich ein Strohlager her, aß ein Stück Brot. Als er trinken wollte, schnupperte er erst misstrauisch an der Feldflasche, die er den Soldaten abgenommen hatte. Bei Wilzaren konnte man nie wissen, was sich in den Flaschen befand. Er hatte von wilzarischen Spezialtränken die Nase gründlich voll und hatte Glück, es war nur Wasser. Nach diesem nicht eben üppigen Abendessen deckte er sich mit dem Umhang zu und versuchte zu schlafen.

Doch schon bald quälten ihn wieder die Albträume, die er immer heftiger hatte, je länger er unterwegs war. Kaum war er eingeschlafen, als er schon wieder schweißgebadet erwachte. Nach der Lage des Strohlagers hatte er mit Königin Sanda persönlich gerungen, so hatte er gewühlt. Immer wieder dieser entsetzliche Traum von den Prinzessinnen! Ulrich keuchte nur noch heftig. Dann schob er das Stroh wieder zusammen und legte sich wieder hin, den Mantel fest um sich ziehend.

Warum kann ich nicht wenigstens von Adana träumen?‘, fragte er sich in Gedanken. Die Tage und Nächte, die er mit ihr hatte verbringen dürfen, waren zauberhaft gewesen. Mit aller Erinnerungskraft, die er hatte, versuchte er, an diese Stunden zu denken. Es gelang ihm schließlich auch – aber auch im Traum war das Glück nur von kurzer Dauer. Dann stürmte in seinem Traum wieder Sanda ins Zimmer und ließ ihn in die Zelle zurückbringen. Wieder stand Ulrich senkrecht auf seinem Strohbett, versuchte erneut, den rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen.

Vielleicht ist es einfach nur zu kalt. Bei Adana war es immer warm. Wahrscheinlich träume ich deshalb von dieser verdammten kalten Zelle.

Er versuchte, sich mit Überlegungen abzulenken, wie er weiter vorgehen sollte und wohin er sich wenden konnte. Wengland war besetzt, Scharfenburg wahrscheinlich auch – es sei denn, dass der Herzog den Rabenpass hatte halten können. Das lag nicht fern, da der Pass ein sehr schmaler Übergang über den Rabenkofel war. Neben der Passstraße, die vielleicht drei Klafter breit war, fiel über eine Strecke von guten dreihundert Klaftern vor dem Passübergang eine steile Felswand weit über zweitausend Fuß direkt ab.

In Friedenszeiten war diese Strecke mit Seitenbegrenzungen aus ganzen Baumstämmen gesichert, die zwischen die aus dem gewachsenen Fels gemeißelten Begrenzungssteine gesteckt wurden. In Kriegszeiten wurden diese Sicherungen als erste Verteidigungsmaßnahme weggenommen. Angreifer hatten deshalb nur wenig Platz zum Manövrieren und konnten auch recht leicht über die Felskante befördert werden.

Der eigentliche Übergang war eine lange, sehr schmale Schlucht, gerade eineinhalb Klafter breit, dafür eine halbe Meile lang. Links und rechts ragten hundert Fuß hohe Felsen auf, die mit den bekannten Mitteln nicht zu besteigen waren.

Dieser Pass war eine uneinnehmbare Festung für den, der ihn zuerst besetzte. Da Gunther Graf Dietrich und die Falkensteiner sträflich im Stich gelassen hatte, nahm Ulrich an, dass die Scharfenburger den Pass hatten halten können, womit die Rebmark vermutlich frei war. Aber er musste es frühzeitig wissen – spätestens an der Wegscheide nordwestlich von Steinburg. Von dort hatte er noch die Möglichkeit, nach Breitenstein zu entwischen.

Und sein weiteres Vorgehen? Er brauchte nach wie vor die Unterstützung eines Fürsten, der ein vernünftig großes Heer zur Verfügung stellen konnte, um mit den Wilzaren fertig zu werden.

Zunächst muss ich meine Tarnung wechseln!‘, ermahnte er sich in Gedanken. ‚Wenn die Zitadellenwächter Wilzarien nicht verlassen dürfen, bin ich mit dem Mantel auffällig wie ein bunter Hund. Und vor allem muss ich vorsichtig sein. Wer weiß, was in Wengland alles geschehen ist.‘

Die Nacht war bitterkalt und Ulrich fror erbärmlich. Die Eiseskälte verhinderte, dass Ulrich wieder einschlief. Mitternacht war kaum vorüber, als der Prinz seine Schlafversuche aufgab und sich wieder auf den Weg machte. Der Mond zeigte nur eine schmale Sichel, aber er gab genügend Licht, um Ulrich den Weg zu zeigen. Ulrich klapperte vor Kälte derartig, dass ihm der Boden zu beben schien. Im ersten Licht des neuen Tages bemerkte er die Ruine eines Klosters kaum eine halbe Meile vor sich. In der vagen Hoffnung, dort noch etwas zu essen zu finden, eilte Ulrich auf die Ruine zu.

Als die Sonne aufging, betrat der Prinz die vor noch nicht allzu langer Zeit zerstörte Abtei. Die Leichen der getöteten Mönche waren kaum verwest, dafür stank es bestialisch. Nach dem Wappenrest, den Ulrich in einer verbrannten Tür fand, musste es die Abtei Heiligkreuz im Osten von Hirschfeld sein. Ulrich wusste, dass die Abtei besonders für die Armen gesorgt hatte. So durchsuchte er die Reste der festungsähnlich gebauten Klosteranlage. Tief unten, in einer Art Eiskeller, fand der Flüchtling gute Vorräte, die sich zum Mitnehmen eigneten. In einer Nebenkammer fand er auch Kleidung, mit der er seine Tarnung wechseln konnte. Obwohl er müde war, mochte Ulrich nicht an diesem Ort des Grauens bleiben. Schon wenige Stunden später verließ er, nun als wenglischer Landarbeiter verkleidet, die Ruine. Er hatte sich einen Mantelsack geschnürt, in dem er Vorräte und noch ein paar Kleidungsstücke hatte. Weil er sich warm angezogen hatte und sich satt gegessen hatte, spürte er die Kälte nicht mehr so sehr.

Mittags kam er in die Nähe eines Gasthauses. Vorsichtig fragte er an, ob er für wilzarische Zinnmünzen einen Happen essen könnte.

Zinnmünzen?“, keifte die Wirtin. „Dafür jage ich ja sogar die allmächtigen Wilzaren zum Teufel!“

Ulrich konnte gerade noch vor einer Holzschüssel in Deckung gehen, die die Wirtin voller Zorn nach ihm warf.

„Scher’ dich zum Teufel! Sieh’ zu, wo du für deinen Judaslohn was zu beißen bekommst!“

So sehr es ihm zuwider war, kein warmes Essen zu bekommen, so sehr war er zufrieden, dass sein Volk sich offenbar nicht hatte unterkriegen lassen.

„Gott schütze den König“, verabschiedete er sich und klappte die Tür zu. Kaum hatte er die sich zum Gehen gewandt, als die Tür wieder aufgerissen wurde und die Wirtin herausstürmte.

„Der lebt leider nicht mehr! Ich wette, er dreht sich im Grabe um, dass sein Enkel vor vier Jahren einfach getürmt ist!“, schimpfte sie. Ulrich blieb stehen und drehte sich um.

„Sagt mir, was er hätte tun sollen? Ganz allein gegen die Wilzaren konnte er ja wohl schlecht kämpfen! Wisst Ihr eigentlich, dass er den Wilzaren nur sehr knapp entwischt ist? Wäre er nicht geflohen, wäre er auch tot. Ich bin sicher, dass er nichts unversucht lässt, um Wengland zu retten“, entgegnete er mit verhaltenem Zorn.

„Ha! Dass ich nicht lache! Wäre er ein König, wäre er hier!“

Ulrich war nahe daran, sein Inkognito aufzugeben. Er hütete sich gerade noch.

„Vielleicht werdet Ihr Eure Meinung eines Tages ändern, Frau Wirtin“, rief er im Gehen zurück.

„Da müsste der Herr Prinzregent schon mit Ranadors Kopf in der Hand vor mir stehen!“, schrie die Wirtin hinterher.

Den Gefallen täte ich dir gern‘, seufzte Ulrich in Gedanken und wanderte weiter. Mit seiner Befürchtung, nicht bei allen seinen Untertanen auf Zustimmung zu stoßen, wenn er das Land verließ, hatte er durchaus Recht gehabt.

Je weiter der Flüchtling in Richtung Steinburg ging, desto häufiger wurden die Wilzarenpatrouillen. Ohne wirklich genügende Nahrung nahm seine Kraft allmählich ab. Seine Muskeln wurden nicht mehr durch die schwere Minenarbeit gestählt, sondern verloren ihre Härte langsam. Nicht immer konnte er fehlende Kraft durch Kampftechnik ersetzen, so dass er bei den häufiger werdenden Raufereien mit Wilzaren öfter verwundet wurde, als ihm lieb sein konnte. Seine Verletzungen waren zwar nicht schwer, aber doch behindernd.

Unter diesen Bedingungen war bald wirklich nicht mehr zu ahnen, dass unter den zerlumpten Kleidern ein königlicher Prinz steckte. Seit Wochen war er nicht mehr rasiert, weshalb ein ziemlich langer Vollbart sein Gesicht verdeckte. Als er zur Zwangsarbeit in Tungurs Bergwerken gezwungen worden war, war bei seiner Ankunft dort kahlgeschoren worden. Die kahlen Neusklaven sollten für alle, auch für die Mitgefangenen, gut erkennbar sein. Seither jedoch hatte er keinen Haarschnitt mehr bekommen, auch der Bart war ungebremst gewachsen. Zwar hätte er als Haussklave eigentlich täglich komplett enthaart werden sollen, aber auch davor hatte Adana ihn bewahrt. Die Prinzessin hatte Behaarung an einem Mann sehr geschätzt und hatte erwirken können, dass ihr Lieblingssklave seine kuschelige Wolle hatte behalten dürfen.

Die letzte Schur lag deshalb jetzt mehr als fünfeinhalb Monate zurück. Entsprechend lang war das Kopfhaar gewachsen. Bart und Langhaar hatten allerdings zwei nicht abzuleugnende Vorteile: Erstens bezog sich der Steckbrief, den er am Tag zuvor an einem Anschlagbrett gefunden hatte, und mit dem der Thronfolger Wenglands gesucht wurde, auf einen glatt rasierten Mann mit kahlem Kopf. Wer immer den Steckbrief verfasst hatte, hatte den Begriff Sklave mit einem enthaarten Körper in Verbindung gebracht, ohne das tatsächliche Aussehen am Tage der Flucht gekannt zu haben. Mit Rauschebart und Mähne erkannte ihn dann gewiss keiner als den, für den der Steckbrief inzwischen fünftausend Golddenati versprach. Und zweitens boten Bart und Langhaar einen gewissen Schutz gegen die Kälte, der er sich ausgesetzt sah.

Fünf Wochen nach seinem Ausbruch erreichte Ulrich Steinburg. Mit einem wehmütigen Blick bedachte er sein Heim, die stolze Burg auf der steilen Felsinsel im Alvedra. Im Laufe der Zeit war aus der Insel eine Halbinsel geworden, deren Landverbindung sich immer mehr verbreiterte, weil der Alvedra viel Sand dort anspülte. Alle Versuche, die Verbindung wieder zu trennen, waren schon vor Martin II. aufgegeben worden. Man hatte nicht die Mittel, dem Fluss seinen Willen zu nehmen. Aber die Burg thronte nach wie vor hoch über Steinburg. Eigentlich war er zu Hause, aber die gelbe Flagge mit dem schwarzen Drachen störte das gewohnte Bild. Ebenso wie die Kreuze, die auf dem Vorplatz der Burg standen, an denen deutlich die Reste von Menschen erkennbar waren, und die Richträder, die überall in der Stadt verteilt waren, ebenfalls noch mit menschlichen Resten. Ein Bürger bemerkte den traurigen Blick des bärtigen Mannes zur Burg.

„Mach’ dir keine Hoffnung, Fremder“, sagte der Mann. Der Bettler alias Prinz Ulrich sah den Steinburger an.

„Warum?“, fragte er.

„Weil es von der Burg nicht mehr das geringste Almosen gibt. Jeder, der dort zu betteln wagt, wird aufs Rad geflochten. Ich hab’s selbst gesehen.“

„Wisst Ihr, bis wohin die Wilzaren gekommen sind?“ erkundigte Ulrich sich.

„Es heißt, sie hätten ganz Scharfenburg bis auf die Rebmark erobert. Ich habe gehört, Herzog Gunther habe sich in die Rebmark zurückgezogen, nachdem der größte Teil des Heeres vernichtet wurde. Prinz Ulrich soll bei den Kämpfen gefallen sein. Einige Wilzaren wollen ihn tot am Rabenpass gesehen haben.“

Ulrich fand die Situation recht komisch. Der Mann vor ihm sprach gerade mit dem, den er für tot hielt. Mühsam verkniff er sich ein Lachen, was von dem Steinburger Bürger falsch gedeutet wurde.

„Ich bin auch sehr traurig darüber, aber wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, Bettelmann. Vielleicht haben die Wilzaren gelogen oder sich geirrt.“

„Gibt es schon Nachfolgerangeleien?“

„Kein Gedanke. Die Wilzaren halten hier alles so unter der Knute, dass nicht einmal Adlige auf die Idee kämen, zu mucksen.“

„Hoffe, Bürger, hoffe. Gott schütze dich“, sagte Ulrich.

„Und dich, Bettelmann.“

Der Bürger kramte in seiner Tasche und gab dem verblüfften Ulrich ein Goldstück wenglischer Prägung.

„Bitte, Bürger, sag’ mir deinen Namen, damit ich mich eines Tages erkenntlich zeigen kann“, bat der Prinz.

„Besser nicht. Verlang’ das nicht von mir, Bettelmann. Die Wilzaren verfolgen unnachsichtig jeden, der Bettlern Almosen gibt. Seit Prinz Sevur, Ranadors Sohn, hier der Statthalter ist, heißt es, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Bete, dass sie dich nicht erwischen“, wehrte der Bürger ab.

„Dann vergelt’s Gott, Bürger“, bedankte Ulrich sich. Der Mann ging weiter und verschwand bald in einem Haus. Ulrich wollte die Güte des Mannes nicht unvergolten lassen und pirschte vorsichtig hinterher. Der Mann betrat ein Haus, nach dem Zunftzeichen das eines Tuchhändlers. Nach dem Namen am Haus gehörte es einem Tuchhändler Albert aus Kreuzstein.

Ulrich wanderte weiter. Das Goldstück des Steinburger Tuchhändlers reichte nicht weit, und Ulrich widerstrebte es, seine eigenen Untertanen zu bestehlen. Allmählich merkte er, dass er es bis nach Breitenstein nicht schaffen würde. Dorthin gab es von Steinburg aus zwei Wege: Erstens die Landstraße über Martinskirchen nach Palparuva und den Quartenpass, was zu Pferd vier Tage Reise bedeutete – wohlgemerkt bis zur Grenze – zu Fuß aber wenigstens zwei Wochen, jedenfalls in Ulrichs nicht ganz gesundem Zustand. Zweitens gab es noch den Weg über den Krähenwald ins Alvedratal und von dort zum Palparuvapass, aber der kam nicht in Betracht, da der Übergang längst zugeschneit war. Allerdings war dieser Weg vermutlich im Gegensatz zur Straße nicht oder nur sehr oberflächlich bewacht. Ulrich entschied sich für den zweiten Weg, der ihm auch noch die Option Rebmark offen ließ, wenn dort wirklich kein Durchkommen nach Breitenstein möglich sein sollte. Die einzige Sorge, die ihn auf diesem Weg plagte, war die Frage, wie er über den Alvedra kommen sollte, der die Grenze nach Scharfenburg bildete, wenn es nach Breitenstein keinen offenen Weg gab. Die Brücken über den Alvedra waren das Erste, was die Scharfenburger eingerissen hatten, um die Wilzaren abzuwehren.

Die Frage klärte sich zwei Tage später, als Ulrich den Fluss erreichte und zu seiner Überraschung feststellte, dass die Wilzaren auch etwas Positives getan hatten: Über die Furt zwischen Krähenfurt und Wasserhofen führte wieder eine Holzbrücke, die zwar wacklig aussah, aber immerhin vorhanden war. Damit schien es besser zu sein, in die Rebmark zu gehen, als sich den Berg zum Palparuvapass hinaufzuarbeiten, um dann möglicherweise feststellen zu müssen, dass er nicht passierbar war.

Problematisch waren nur die beiden Posten an den Brückenköpfen. Die mussten weg. Aber wie? Der Posten auf der wenglischen Seite war mit einem Bogen bewaffnet. Ulrich betrachtete nachdenklich den langen Leinenstreifen, den er sich um eine Verletzung am linken Oberarm gewickelt hatte. Kurz entschlossen nahm er ihn ab, suchte sich im Schutz einiger Felsen am Ufer ein paar glatte Steine und schlich wieder ins Ufergebüsch. Vorsichtig arbeitete er sich an die Brücke heran. Als er auf Wurfweite heran war, legte er den ersten Stein in den Leinenstreifen, drehte die Schleuder kurz und ließ den Stein fliegen. Das Geschoss traf den Posten an der Stirn. Ulrich wollte gerade hinzu springen, um den niedergeschlagenen Posten zu entwaffnen, als der andere bereits über die Brücke hetzte. Ulrich nutzte die Chance, legte einen zweiten Stein in seine Schleuder und schlug auch den zweiten Posten nieder. Die Brücke war unbewacht, und Ulrich eilte hinüber nach Scharfenburg.

Am folgenden Tag traf er einen Wanderer, den er nach dem besten Weg in die Rebmark fragte.

„Rebmark?“, hustete der Wanderer. Er sah Ulrich an, als ob der den Verstand verloren habe.

„Die Wilzaren versuchen seit dem Frühling, seit sie uns angegriffen haben, über den Pass zu kommen. Und sie bewachen den Weg dorthin scharf. Wer als Scharfenburger versucht, sich in die Rebmark abzusetzen, wird umgebracht. Nichts zu machen, Freund“, warnte er.

„Dank’ dir, Freund“, sagte Ulrich und wanderte weiter, in Richtung Rebmark steuernd. Der Wanderer sah ihm kopfschüttelnd nach und trollte sich dann.

Ulrich war bei dem Gespräch mit dem Wanderer ein Gedanke gekommen, den er bisher nicht gehabt hatte: die Höhle am Turotsee. Es gab nur wenige Menschen, die das versteckte Hochtal am Turotsee kannten. Ulrich hatte seinen Großvater oft dorthin zur Jagd begleitet. Der Turotsee gehörte zur Grafschaft Falkenstein, seit Dietrich mit Einverständnis des Herzogs das Turotmassiv vom Grafen von Altenberg gekauft hatte. Die Grafen von Steinburg hatten in Falkenstein immer Jagdrechte gehabt, seit sein Großvater dort Junker gewesen war. Bei einer dieser Jagdexpeditionen hatte Martin seinem Enkel eine Höhle gezeigt, die einen Ausgang in die Rebmark hatte. Er hatte sie seit seiner Prinzenzeit gekannt. Das Wissen um deren Existenz hatte er stets nur mit jenen geteilt, die schon wussten, dass es dieses Tal und die Höhle gab. Ulrich war der Einzige gewesen, der erst durch ihn davon erfuhr. Da das Hochtal praktisch unbekannt war, durfte Ulrich hoffen, dass dieser Weg offen war.

Ungefähr eine Meile von dem Ort entfernt, an dem Ulrich den Wanderer getroffen hatte, begann der Weg in das Hochtal. Der Pfad war so versteckt, dass nur Eingeweihte ihn finden konnten. So zugewachsen, wie der Pfad war, war er seit Jahren nicht mehr begangen worden. Es war anzunehmen, dass dem Flüchtling dort oben keine Wilzaren begegnen würden. Zäh und verbissen wühlte er sich durch das Unterholz, wobei er sich bemühte, seine Aufstiegsspuren gut zu verwischen. Es wäre einer Katastrophe gleichgekommen, wenn die Wilzaren den Hintereingang in die Rebmark finden würden. Der Aufstieg war für den von den Strapazen seiner nun fast sechswöchigen Flucht gezeichneten Ulrich eine mühselige Angelegenheit. Immerhin hatte die Anstrengung den Vorteil, dass ihm warm wurde.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichte Ulrich die Höhe des Sees. Vor Erschöpfung knickten ihm die Knie ein. Er brach zusammen und rappelte sich nur mühsam auf. Mit stolpernden, unsicheren Schritten langte er am Höhleneingang an, der hinter einem Wasserfall lag. In der Höhle war es relativ warm. Ulrich fand sogar noch die Fackeln, die er bei seinem letzten Besuch mit seinem Großvater dort zurückgelassen hatte. Er fand auch das kleine Zunder- und Feuersteindepot. Mit letzter Kraft sammelte er etwas Holz, schlug Feuer und entzündete sich tief in der Höhle ein kleines Lagerfeuer, so dass der Lichtschein nicht nach außen fiel. Obwohl er hungrig war, kam er nicht mehr zum essen. Völlig erschöpft schlief er ein.

Als er wieder erwachte, hatte er keine Ahnung, wie spät es war, aber er merkte, dass er Hunger hatte. So kratzte er die letzten Krümel an Essbarem aus seinem Mantelsack zusammen, verspeiste sie, nahm eine Fackel und ging weiter in die Höhle hinein.

Soweit Ulrich sich erinnerte, führte der Weg nach Rebmark durch einen schmalen Stollen mit einem See. Dieser See hatte den Entdecker dieses Weges, Alwin von Falkenstein, viele Jahre lang glauben lassen, es sei unmöglich, in die Rebmark durchzukommen. Er hatte es so lange vermutet, bis eines Tages ein faustgroßer Stein vor ihm in den See gerollt war – und auch noch herausgeschaut hatte. Der See hatte zwar einen tiefschwarzen Grund, war aber nur wenige Zoll tief. Es dauerte einige Zeit, bis Ulrich sich in dem weit verzweigten Stollensystem wieder zurechtfand, aber dann entdeckte er den Seestollen. Vorsichtig watete er durch den Höhlensee und war sicher: Selbst, wenn die Wilzaren seine Spuren bis in das Turothochtal verfolgen sollten, selbst, wenn sie die Höhle finden sollten – in die Rebmark würden sie nicht durchdringen. Der See würde sie hindern.

AAA

Kapitel 17

Löwenstein

 

In Abenddämmerung erreichte Ulrich den Rebmärker Ausgang der Höhle. Von dem versteckten Ausgang bot sich ihm ein wunderbarer Blick über das Tal des Rebmärker Alvedra. Unter ihm lag ein Ort mit einer großen Burg. Der Weg von der Höhle führte direkt dort hinunter. Ulrich löschte die Fackel in einem Erdhaufen, deponierte sie in einer Felsnische und begann den Abstieg in die Rebmark hinunter. Auf halbem Weg war es bereits so dunkel geworden, dass er den Weg nicht mehr richtig sah. Er geriet auf einem Geröllfeld ins Rutschen und schlitterte einige Ellen abwärts. Am Ende des Geröllfeldes schmerzte sein linkes Knie, so dass er kaum auftreten konnte.

Knie verdreht! Das hat mir noch gefehlt‘, fluchte er in Gedanken. ‚Los, weiter. Hier oben wird das Bein in der Lausekälte nicht besser‘, ermahnte er sich dann. Hinkend erreichte er den Ort und riskierte es, sich auf dem Grenzstein eine kurze Pause zu gönnen. Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Der Nachtwächter fand den einsamen Wandersmann auf dem Grenzstein.

„He, wer seid Ihr und was habt Ihr hier zu suchen?“, sprach der Nachtwächter Ulrich an. Der Flüchtling sah ihn müde an.

„Ich bin ein verirrter Wanderer, besser noch: Ein heimatloser Bettelmann, und ich suche eine mildtätige Seele, die mir einen Happen zu essen gibt und mir vielleicht erlaubt, in ihrer Scheune zu nächtigen“, antwortete er. „Wo bin ich hier?“

„Dies ist Löwenstein-Dorf, der Hauptort der Grafschaft Löwenstein. Wenn du um ein Almosen bitten willst, Bettelmann, wende dich an unsere Gräfin. Sie ist gütig und wird dich nicht hungrig lassen.“

„Danke, Nachtwächter. Wo finde ich Eure Gräfin?“

„Geh’ die Straße immer geradeaus, Bettelmann. Dann läufst du direkt zum Schloss“, gab der Nachtwächter freundlich Auskunft. Ulrich erhob sich mühsam, nahm den Rest seiner Kräfte zusammen und humpelte in Richtung Schloss.

Der Wächter vor dem offenen Tor der Burg sah einen zerlumpten Mann auf sich zu hinken. Als der Bettler an ihm vorbei wollte, stoppte der Wächter ihn mit vorgehaltener Lanze.

„Halt! Wohin des Wegs?“

Ulrich ging in die Knie – weniger aus Unterwürfigkeit, als dass ihm die Beine vor Schmerz und Schwäche wegknickten. Der ahnungslose Wächter verstand es anders.

„Ich bitte nur um ein Stück Brot, Soldat“, sagte Ulrich.

„Warte hier, Bettelmann“, wies ihn der Wächter an, zog sich rückwärts bis zum Tor zurück, den Bettelmann immer im Auge behaltend und winkte einem zweiten Posten. Dann verschwand er kurz und kehrte mit einem schon vornehmer gekleideten Mann zurück, augenscheinlich ein Kastellan.

„Was willst du?“, fragte der Kastellan.

„Ich habe die Kühnheit, Euch um eine milde Gabe zu bitten, Herr“, sagte Ulrich leise. „Wenn ich so vermessen sein darf, bitte ich Euch, ein oder zwei Nächte in Eurer Scheune nächtigen zu dürfen. Ich habe mir das linke Bein leicht verletzt“, setzte er hinzu. Der Kastellan fuhr sich nachdenklich durch den Kinnbart.

„So hat mich noch keiner um ein Almosen gebeten. Komm herein.“

Ulrich hatte sich mithilfe des Wächters aufgerappelt und folgte dem Kastellan zum Hintereingang der Schlossküche.

„Setz’ dich, Bettelmann. Ich spreche mit der Gräfin wegen deiner Unterkunft. Anna, gib dem Bettler gut zu essen!“

Anna, die Köchin, kam mit einer Schüssel gebratenen Fleisches und einem Viertel Brotlaib. Der Blick, mit dem sie den zerlumpten Mann maß, sprach Bände. Ulrich traute sich kaum, sich auf die blitzsauberen Küchenmöbel zu setzen.

„Ich sollte mich vorher waschen“, brummte er. „Sagt, wo finde ich Wasser und Seife, um mir wenigstens die Hände zu waschen?“, wandte er sich an die Köchin. Sie sah ihn verblüfft an.

„Ein Bettler und sich die Hände waschen?“, fragte sie verwundert. „Komm, hier im Nebenraum ist eine Waschvorrichtung.“

Ulrich folgte ihr und gönnte sich den Luxus, sich nach sechs Wochen die Hände wieder mit Seife zu waschen. Dann setzte er sich an den Tisch, bedankte sich höflich für die reichliche Portion und zwang sich mit eiserner Gewalt, langsam zu essen.

Auf der Treppe entstand Bewegung. Der Kastellan kam mit der Gräfin in die Küche. Ulrich blieb fast der Bissen im Halse stecken, als er Adeline erkannte.

Ausgerechnet in diesen Lumpen muss sie dich sehen! Himmel, was muss sie von dir halten? Gib dich bloß nicht zu erkennen!‘, durchzuckte es ihn. Er sprang sofort auf.

„Ihr seid also der Bettelmann mit dem Wunsch, ein oder zwei Nächte in meiner Scheune zu nächtigen?“, fragte sie lächelnd. Ulrich ignorierte seine Knieverletzung und nahm – beinahe in ritterlicher Gewohnheit – eine höfliche Kniebeuge ein.

„Verzeiht mir meine Kühnheit, Herrin. Ich will mich mit dem Essen zufrieden geben und weiterziehen“, sagte er leise.

„Nein, kommt gar nicht in Frage! Mein Kastellan sagte mir, Ihr hättet Euch am Knie verletzt. Otto, der Mann bekommt ein heißes Bad. Und lasst das Gästezimmer herrichten“, entschied die Gräfin.

„Das ist nicht nötig, hohe Frau“, erwiderte Ulrich demütig. „Ich will Euch nicht zur Last fallen.“

„Kommt, steht auf. Vor mir wird nicht im Staub gelegen“, forderte sie ihn auf. Ulrich erhob sich zögernd und recht mühsam.

„Macht Euch nicht unglücklich, hohe Frau.“

Adeline maß ihn mit einem abschätzenden Blick von oben bis unten. Irgendetwas war an ihm, nur was …?

„Für einen gewöhnlichen Bettler seid Ihr zu höflich und zu wohlerzogen. Kein normaler Bettler geht in die ritterliche Kniebeuge. Wer seid Ihr? Nennt mir Euren Namen.“

„Besser nicht“, wehrte Ulrich ab.

„Hat Euch der Herzog geächtet, dass Ihr Euch nicht zu erkennen geben wollt?“

Ulrich lächelte gequält.

„Nein, nicht direkt. Aber der letzte scharfenburgische Graf, der es wagte, mir Unterkunft zu gewähren, hat es mit seinem Leben bezahlt. Es wäre nicht gut, wenn Herzog Gunther zur Unzeit erführe, dass ich noch lebe. Vielleicht könnte es für Euch eine Gefahr bedeuten, wenn Ihr wüsstet, wer ich bin.“

Adeline dachte einen Moment nach, betrachtete den in Lumpen gehüllten Mann eingehend.

„Eurer Sprache nach seid Ihr Falkensteiner. Ich weiß, dass die Männer Falkensteins entweder im Kampf gegen die Wilzaren fielen oder verschwanden. Die wenigen zurückgeblieben Männer waren Leibwächter des Grafen und kamen mit den Flüchtlingen aus Falkenstein in die Rebmark unmittelbar, bevor die Wilzaren den Pass erreichten. Seid Ihr einer der Männer, die mit Graf Dietrich gegen die Wilzaren kämpften?“

Ulrich nickte schweigend.

„Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich einen königlichen Prinzen für einen Treiber bei einer Jagd gehalten, weil er in einfacher Kleidung war. Ich möchte kein zweites Mal den Fehler machen, einen Menschen nur nach seinem Äußeren zu beurteilen. Ihr bleibt hier – in meinem Haus. Egal, welche Folgen das für mich haben mag“, sagte sie dann.

„Ist das als Befehl zu verstehen?“, fragte der Flüchtling.

„Ihr habt es erraten“, erwiderte sie. „Ich könnte es nicht verantworten, Euch in dieser Eiseskälte gehen zu lassen, zumal, wenn Ihr wegen Eurer Beinverletzung dazu nicht in der Lage seid.“

„Gott schütze Euch, edle Frau“, sagte Ulrich und verneigte sich ehrerbietig.

„Ich möchte morgen früh mit Euch reden. Schlaft Euch zunächst aus.“

„Erwartet nicht zu viel, edle Gräfin. Vor allem – ich glaube, ich bin schrecklich verlaust.“

„Oh, ein heißes Bad kann dagegen sehr gut sein. Arnold und Dietwart werden Euch behilflich sein. Ich hoffe, Ihr könnt mir etwas über den Verbleib eines Menschen sagen, der mir viel bedeutet.“

„Wenn ich ihn kenne …“

Adeline drehte sich auf der Treppe noch einmal um.

„Ich meine Falkensteins Junker Ulrich von Wengland“, sagte sie. Der Bettler zuckte einmal kurz. „Ich hoffe, dass wenigstens Ihr mir etwas über ihn sagen könnt.“

Sie verließ die Küche, ohne auf eine Antwort zu warten. Ihre Hoffnung war nur noch schwach, aber sie wollte an Ulrichs Tod nicht glauben, bis ihr nicht jemand, der unmittelbar mit ihm gegen die Wilzaren gekämpft hatte, das sagte. Und da waren dieses leichte Zucken bei ihm und ein merkwürdiges Gefühl bei ihr …

Wenig später lag Ulrich im Badewasser, genoss die Wärme und den Duft einer guten Seife. Arnold, den die Gräfin ihm als Badediener zugewiesen hatte, schnitt ihm die Haare kürzer und wollte ihn dann rasieren. Ulrich wehrte ab.

„Nein, schneidet ihn nur kurz“, bat er. Arnold tat, wie ihm geheißen, schnitt den Bart.

„Mit kurzem Bart seht Ihr besser aus. Ich könnt’ schwören, ich hab’ Euch schon mal gesehen“, sagte der Diener.

„Was ist mit Läusen?“ fragte Ulrich, ohne auf die Bemerkung einzugehen. Der Diener suchte die Kopfhaut penibel ab.

„Glück gehabt. Keine blinden Mitreisenden“, sagte er nach einer Weile. „Sagt, woher habt Ihr diese schrecklichen Narben?“

„Sechs Monate wilzarische Gefangenschaft gehen an niemandem spurlos vorüber“, erwiderte Ulrich mit deutlichem Seufzen.

„Keine Angst! Hier seid Ihr sicher“, beruhigte Arnold.

Währenddessen stickte Adeline an einer begonnenen Stickerei weiter und überlegte. Dieser Mann, dem sie Obdach gewährte, musste von Adel sein, daran gab es keinen Zweifel. Aber warum mochte er seine Identität nicht preisgeben? Sie legte die Sticknadel weg und nahm den Regentenring, den sie von Pater Kasimir hatte. Der Stein war makellos blau. Vor einigen Wochen hatte sie den Eindruck gehabt, er wäre dunkler geworden, schon fast schwarz. Jetzt war davon nichts mehr erkennbar.

„Ach was! Blanker Aberglaube!“, sagte sie zu sich selbst.

Draußen auf dem Flur wurde es plötzlich laut. Beunruhigt sah sie nach. Die Diener rannten durcheinander.

„Halt, Dietwart! Was ist hier los?“

Dietwart blieb erschrocken stehen.

„Euer Gast, Herrin. Als er aus dem Bad kam, ist er einfach zusammengebrochen. Arnold konnte ihn nur knapp auffangen. Ich wollte Pater Kasimir holen.“

„Tu das. Ich gehe zu Arnold.“

„Lieber nicht; das ist kein Anblick für Euch“, warnte Dietwart und eilte fort. Adeline überlegte nicht länger, sondern ging zum Gästezimmer, das auf dem gleichen Flur lag wie ihre eigenen Gemächer.

Leise betrat sie das Gästezimmer das nur vom flackernden Kaminfeuer erhellt wurde. Arnold stand mit immer noch erschrockener Miene neben dem Bett und hatte es inzwischen offenbar aufgegeben, den Ohnmächtigen wecken zu wollen.

„Erschreckt Euch nicht. Er sieht nicht sehr schön aus“, warnte Arnold, als er Adelines entsetzten Blick sah, der auf die zahlreichen Narben fiel.

„Was ist passiert?“, fragte sie.

„Eigentlich nichts. Ich habe ihm das Haar und den Bart geschnitten und gewaschen und ihm dann den Rücken gewaschen. Er war ganz zufrieden, bis er aus dem Bad gestiegen ist. Ich hatte ihn kaum trocken, da ist er zusammengeklappt.“

„Ist gut, Arnold, du kannst gehen“, sagte die Gräfin. Arnold schlich leise aus dem Zimmer, während seine Herrin sich an das Bett ihres Gastes setzte. Das Gespräch mit dem Gast hatte Arnold die letzte Gewissheit gegeben, dass der Bettler genau derselbe Mann war, den der Herzog bei der Jagd so unhöflich behandelt hatte – und der seiner Herrin so viel bedeutete. Wenn sie ihn nicht erkannte, musste das an dem Bart liegen, den er partout nicht hergeben wollte, der ihn aber – wie der Diener fand – zu seinem Vorteil veränderte.

Kaum war Arnold fort, kam Dietwart mit Pater Kasimir. Kasimir sah den Mann im Bett und sank, vor Freude weinend, in die Knie.

„Herr, Vater im Himmel, ich danke dir. Prinz Ulrich lebt!“, schluchzte er und bekreuzigte sich voller Dankbarkeit. Adeline sah den Pater erschrocken an.

„Was? Das ist Prinz Ulrich?“, stieß die junge Frau ebenso verblüfft wie höchst angenehm überrascht hervor.

„Ihr erkennt ihn nicht?“ wunderte sich der Pater, aber dann wurde ihm klar, dass die Gräfin Ulrich nicht so gut kannte wie er, der ihn hatte aufwachsen sehen.

„Nun“, sagte er, „früher hat er nie einen Bart getragen, und Bartwuchs verändert einen Mann sehr. Aber ich kann Euch versichern, dass dies Ulrich von Wengland ist. Das ist ein Wunder!“

„Kasimir, ich verstehe Eure Wiedersehensfreude, aber Prinz Ulrich braucht zunächst Hilfe“, ermahnte sie den Klosterbruder. Kasimir kam zum Bett, setzte sich auf die andere Kante.

„Was ist mit ihm?“, fragte er, beinahe sachlich.

„Er ist Arnold vor Schwäche in die Arme gefallen und ist immer noch ohnmächtig. Außerdem hat er sich wohl das Knie verletzt“, gab die Gräfin Auskunft.

„Erlaubt, dass ich meinen Herrn untersuche“, bat Kasimir. Adeline nickte. Kasimir sah sie an.

„Wollt Ihr nicht lieber gehen? Es ist kein Anblick für Euch, edle Gräfin.“

Adeline sah den Pater verständnislos an.

„Was meint ihr eigentlich, Ihr und Dietwart? Die furchtbaren Narben oder die Tatsache, dass er einfach nichts anhat?“, fragte sie dann.

„Beides, um ehrlich zu sein“, gab Kasimir zurück.

„Kasimir, ich bitte Euch: Andere Adlige in meinem Alter sind längst verheiratet! Wäre mein Onkel nicht so bockig gewesen, hätte ich Ulrich vielleicht besser kennen lernen können. Und wer weiß, ob ich dann nicht …“, lächelte sie.

Kasimir seufzte, zuckte mit den Schultern und untersuchte Ulrich dann eingehend.

„Er ist einfach nur schwach“, sagte er schließlich. „Ich glaube, nur der Wille zur Flucht und die Sorge vor Entdeckung haben ihn überhaupt bis hier kommen lassen. Nachdem Ihr ihm Unterkunft gegeben habt, hat die Anspannung nachgelassen, und das hat den völligen Zusammenbruch verursacht. Die kleine Entzündung in der Armverletzung ist nicht weiter gefährlich, die Knieverletzung auch nicht. Sie wird ihn nur ein paar Tage behindern“, diagnostizierte der Pater. „Ich werde die Wunde am Arm mit einer Kräutersalbe behandeln. Die Kräuter werden ein heilendes Fieber auslösen. Es sollte deshalb jemand bei ihm bleiben. Das Knie braucht einfach nur Ruhe und Wärme. Außerdem empfehle ich gutes Essen“, empfahl er Heilmaßnahmen. Er versorgte die Verletzungen des Prinzen und deckte dann behutsam ein kuscheliges Wisentfell über ihn. Sein Blick fiel auf die Gräfin, die Ulrich zärtlich durch das noch feuchte Haar strich. Ihre Geste und ihr liebevoller Blick sagten alles.

„Eine kleine Dosis liebevolle Zuwendung täte ein Übriges“, grinste Kasimir anzüglich.

„Es soll ihm an nichts fehlen“, versprach Adeline leise, mehr zu Ulrich gewandt. „Ich bleibe hier. Ihr könnt gehen, Kasimir. Gute Nacht. Schlaft gut.“

„Euch auch – falls Ihr dazu kommt“, erwiderte Kasimir, erhob sich leise und verließ mit einem milden, wissenden Lächeln das Gästezimmer.

 

AAA

Kapitel 18

Missverständnis

 

Adeline verließ kurz mit dem Priester das Gästezimmer, holte sich ihr Stickzeug und eine Lampe und kehrte ins Gästezimmer zurück. Die Bettvorhänge an beiden Seiten des Gästebettes zog sie zu, so dass nur die zum Kamin gewandte Seite offen blieb. Die Vorhänge waren so lang, dass es möglich war, den Nachttisch und eine Sitzgelegenheit in den zugezogenen Vorhang einzubeziehen. Sie zog sich einen Sessel ans Bett, schloss den Vorhang, damit die kalte Zugluft von den undichten Bleiglasfenstern den Schlafenden nicht störte und widmete sich wieder ihrer Stickerei.

Nicht lange darauf tat Kasimirs Heilsalbe ihre Wirkung und löste ein starkes Fieber aus. Ulrich wurde unruhig. Mit dem Fieber kamen wieder die grässlichen Albträume, die ihn nur verschonten, wenn er völlig übermüdet war. Aber das künstlich ausgelöste Fieber verstärkte sie jetzt zusätzlich. Er warf sich hin und her, ohne Ruhe finden zu können. Adeline versuchte, ihn vorsichtig festzuhalten, aber Ulrich fuhr heftig auf und befreite sich mit erstaunlicher Kraft aus ihrem Griff.

„Nein!“, keuchte er und fiel wieder zurück in die wärmenden Felle. Die Gräfin strich ihm beruhigend über die Hand, die auf dem Deckfell lag.

„Ruhig, bleibt ruhig. Ihr seid in Sicherheit“, sagte sie leise.

„Adana? Bist du das?“, fragte er im Halbschlaf. Adeline zuckte erschrocken zusammen. Adana war eindeutig ein wilzarischer Name! Weshalb flüsterte er diesen Namen so liebevoll? Ihr kam ein schrecklicher Verdacht, den sie aber sogleich wieder ärgerlich verwarf. Ulrich von Wengland ein Verräter? Nein, das konnte nicht sein. Aber sie wollte ergründen, was es damit auf sich hatte. Die Nacht war für Adeline strapaziös, weil das Fieber ihren Gast plagte und er im Fieberschlaf immer wieder nach Adana oder nach einem gewissen Julius rief. Die Gräfin konnte nicht mehr tun, als ihrem Gast den Schweiß abtupfen und versuchen, ihn zu beruhigen.

Gegen Morgen ging das Fieber leicht zurück, und Ulrich wachte wieder auf.

„Schlaft weiter“, hörte er eine sanfte Stimme. Mühsam schlug er die Augen auf. Im ungewissen Licht der niedrig brennenden Lampe und des heruntergebrannten Kaminfeuers erkannte er eine junge Frau, die an seinem Bett saß. Er versuchte, sich zu erinnern, wo er war, aber es wollte ihm nicht einfallen.

„Wo bin ich?“, fragte er.

„Auf Burg Löwenstein. Habt Ihr das schon vergessen?“, erwiderte sie. Er nickte verlegen.

„Wer seid Ihr? Doch nicht Adeline, des Herzogs Mündel?“

Sie lächelte sanft.

„Adeline ist mein Name, das ist richtig. Aber des Herzogs Mündel bin ich schon fast ein Jahr nicht mehr. Ich bin inzwischen volljährig und habe den Titel der Gräfin von Löwenstein annehmen können. Kasimir hätte mir sagen sollen, dass sein Heilfieber Gedächtnislücken hinterlässt“, sagte sie. Ulrich richtete sich ruckartig auf.

„Kasimir? Bruder Kasimir vom Kloster Steinburg? Ist der hier?“, fragte Ulrich erschrocken.

„Ja – und Ihr seid Ulrich von Wengland“, gab sie ihr Wissen preis.

„Hat Kasi Euch das erzählt?“

„Das zum einen. Zum anderen habt Ihr mir vor etwas mehr als einem Jahr das Leben gerettet, Ulrich. Ich habe Euch das nicht vergessen. Euer Gesicht habe ich mir eingeprägt, als Ihr mich einfach aus dem Wald getragen habt. Ich habe Euch allerdings nicht mal erkannt, als Dietwart Euch die Löwenmähne und den Rauschebart gestutzt hatte. Kasimir musste meinem Gedächtnis nachdrücklich auf die Sprünge helfen. Doch sagt mir, warum es für Euch oder mich gefährlich sein kann, wenn der Herzog erfährt, dass Ihr noch lebt.“

„Weil ich einer von zehn oder elf Überlebenden der Falkensteiner Schutztruppe bin. Weil ich vielleicht der Einzige bin, der von Eurem Herzog Rechenschaft fordern kann, weshalb wir keine Hilfe bekamen, obwohl er sie uns versprochen hatte. Weil ich heute glaube, dass Gunther Dietrich absichtlich umkommen ließ, weil er mir geholfen hatte. Und ich fürchte für Eure Sicherheit, wenn Gunther erfährt, dass ich auf Löwenstein Aufnahme gefunden habe.“

„Zehn oder elf? Mein Gott, es waren über viertausend, die mit Euch und Dietrich am Alvedra waren“, entfuhr es Adeline.

„Da Kasimir bei Euch ist und er vorher auf Burg Falkenstein wohnte, nehme ich an, dass Gräfin Mathilde von Falkenstein auch hier ist, oder?“

„Sie ist in Löwenstein, allerdings auf Gut Simonstal. Kasimir ist zu mir gezogen, weil ich gern mehr über Euch erfahren wollte. Außerdem liegt Burg Löwenstein mitten in meiner Grafschaft. Kasimir hat von hier bessere Möglichkeiten, die Seelsorge zu allen meinen Bürgern und Bauern zu tragen.“

„Wenn es möglich ist, möchte ich mit ihr sprechen. Ich denke, sie braucht Gewissheit über Dietrichs Schicksal“, bat Ulrich.

„Dann bringt es Ihr schonend bei, falls Dietrich nicht zu den restlichen Überlebenden gehört. Sie hat Dietrich sehr geliebt“, warnte Adeline.

„Ich weiß“, erwiderte er. „Mir wäre lieb, wenn Kasimir dabei ist, damit sie gleich geistlichen Beistand hat.“

Adeline seufzte tief.

„Den hatte sie, seit Dietrich fortgegangen ist. Sie trauert trotzdem und weint viel. Sagt mir: Ist Dietrich tot?“

„Ja. Er ist als tapferer Ritter gefallen“, erwiderte Ulrich. Die Gräfin sah ihn lange an.

„Nehmt es mir nicht übel, aber ich glaube, es wäre Mathilde lieber, wenn ihr Mann ein klein wenig feiger gewesen wäre und dafür noch lebte. Habt Ihr die Kraft, mir zu erzählen, was geschehen ist?“

„Ich werde es versuchen“, erwiderte Ulrich und berichtete vom Kampf am Alvedra, von seiner Gefangenschaft – aber das Thema Adana und sein Haussklavendasein vermied er sorgsam. Adeline hörte mit blankem Entsetzen zu.

„Sagt, Ulrich: Ihr habt im Fieber gesprochen und den Namen Adana erwähnt. Was verbindet Euch mit dieser Heidin, dass Ihr ihren Namen so liebevoll flüstert?“, fragte sie schließlich. Ulrich seufzte tief auf.

„Ich darf es eigentlich nicht laut sagen, aber mit Adana hat mich eine wirklich leidenschaftliche Liebe verbunden“, sagte er leise. Adelines Gesicht verriet helles Entsetzen.

„Ulrich, wie konntet Ihr?“, empörte sie sich. Ulrich konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Gräfin schien richtig eifersüchtig zu sein.

„Hat Euch gar die Eifersucht gepackt, edle Gräfin?“, kicherte er.

„Ach, eine Liebe zu einer Wilzarin! Ulrich, das grenzt an Verrat!“, ereiferte sie sich.

„Ich könnte es Euch erklären, aber ich fürchte, Ihr werdet mir nicht glauben.“

„Tut es“, forderte sie ihn auf, wenn es auch recht hochmütig klang.

„Nun gut. Wenn Ihr wollt …“

Ulrich berichtete also auch von seiner Zeit als Haussklave in Wilzaris, davon, dass Julius und im besonderen Adana ihm geholfen hatten.

„Habt Ihr sie wirklich geliebt?“, hakte Adeline schluckend nach.

„Ich kann nicht bestreiten, dass ich gern bei ihr war. Ich gebe zu, dass ich mich sehr gefreut habe, wenn sie mich holen ließ. Nicht nur, weil ich dort Ruhe fand. Die Stunden mit ihr waren wundervoll.“

„Ihr seid erschöpft“, bemerkte Adeline hochrot. „Ich werde nicht weiter in Euch dringen. Erholt Euch zunächst, bevor wir unsere Unterhaltung fortsetzen.“

„Adeline, seid Ihr immer noch der Meinung, dass es Verrat war, wenn ich …?“

Sie schüttelte den Kopf und strich diskret das Deckfell glatt.

„Nein. Ich hätte das nicht im Ernst vermutet“, entgegnete sie leise. „Ruht Euch aus“, setzte sie hinzu. Ulrich schloss die Augen und war bald wieder eingeschlafen. Das Fieber war weiter zurückgegangen und ließ ihn jetzt ruhiger schlafen. Adeline blieb bei ihm sitzen und sah ihn lange an.

„Jetzt bist du hier, aber irgendetwas steht wohl immer zwischen uns: entweder der Herzog oder deine heidnische Geliebte. Warum muss das sein?“, seufzte die junge Gräfin. Es schien ihr unmöglich, diesen Schatten der Wilzarenprinzessin auszulöschen.

Den Tag über ging es Ulrich einigermaßen gut, auch die Nacht versprach ruhig zu werden. Arnold, Ulrichs persönlicher Diener, war von Adeline mit der Nachtwache beauftragt worden. Sie selbst hatte am Tag viel zu tun gehabt, weil die Vorbereitungen des bevorstehenden Dreikönigsfestes ihre ganze Aufmerksamkeit erforderten. Das Fest sollte auf der Burg stattfinden und war ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis in der Grafschaft. Bis dahin waren es nur noch wenige Tage, nun brach Hektik in der normalerweise ruhigen Burg aus.

Am Abend fiel Adeline völlig erschöpft und übermüdet ins Bett. Schon im Halbschlaf, kreisten ihre Gedanken um den Gast, der nur wenige Räume entfernt unter Arnolds Obhut wohl schlafen würde. Adeline begann zu träumen. Was sie träumte, ließ sie vor sich selbst erschrecken. Als sie sich dessen am Morgen bewusst wurde, wurde sie schier schamrot. Sie brauchte eine Weile, um sich wieder zu beruhigen. Schließlich fragte sich die junge Gräfin, ob es der Wilzarenprinzessin genauso gegangen war, dass allein schon der Anblick des gut aussehenden Prinzen Begehrlichkeit geweckt hatte. Der Wilzarin war es wohl von ihrer Erziehung und den wilzarischen Traditionen her leichter gewesen, ihre Fantasien in die Tat umzusetzen. Adeline erschrak erneut vor sich selbst und den Wünschen, die sie hatte. Ihr wurde sehr plötzlich klar, was Ulrich in Wilzarien gelitten hatte, als er den Wünschen der Wilzarinnen hilflos ausgeliefert gewesen war.

Noch vor dem Frühstück sah sie nach Ulrich, der aber noch immer fest zu schlafen schien. Sie stand lange an seinem Bett und begann zu tagträumen. Oft hatte sie sich an seine kräftigen Arme erinnert, die sie vorsichtig hochgehoben hatten, an seine sanften Hände und sein freundliches, völlig entwaffnendes Lächeln, seine warmen, braunen Augen. Schon damals hätte sie ihn am liebsten geküsst. Aber im Augenblick wollte sie dem jungen Mann ihre Zuneigung noch nicht in der Deutlichkeit zeigen, in der sie es beinahe getan hätte. Ihr Morgenmantel war in dem warmen Gemach fast unbemerkt aufgegangen. Als er sich unplanmäßig öffnete, schloss sie ihn erschrocken und war froh, dass Ulrich die Augen geschlossen hatte.

Adeline ahnte nicht, dass der anscheinend so fest schlafende Ulrich sie durch nur minimal geöffnete Augenlider sehr genau beobachtet hatte. Der versehentlich recht nachlässig geschlossene Morgenmantel hatte mehr enthüllt als verdeckt und ihm fast die ganze Schönheit seiner Gastgeberin gezeigt. Was er zu sehen bekommen hatte, überzeugte ihn, dass Adana, die eine wirklich bezaubernde Frau gewesen war, gewiss nicht schöner war als diese zarte Blume des Rebmärker Alvedratales.

Ulrich mochte sie nicht länger narren, wurde unruhig und schlug die Augen auf. Im selben Moment realisierte Adeline, dass ihr Morgenmantel offen stand und schloss ihn hastig, gerade noch rechtzeitig, wie sie meinte …

„Guten Morgen, Gräfin Adeline“, wünschte er höflich. „Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen?“

„Ja, danke. Und Ihr? Plagt Euch das Fieber noch sehr?“, fragte sie und setzte sich auf die Bettkante.

„Es geht. Kasimirs Salbe bringt das Blut fast zum Sieden. Das Fieber ist normalerweise recht heftig, aber zum Glück kurz.“

„Ihr hattet außer der Armverletzung noch einige andere entzündete Narben und aufgebrochene Verletzungen. Woher stammen sie?“

„Auf einer Flucht von sechs Wochen bleibt es naturgemäß nicht aus, dass man irgendwann mit den Häschern zusammenstößt. Ich habe einige Raufereien mit Wilzaren gehabt, die nicht immer folgenlos waren. Aber sorgt Euch deshalb nicht. Ich war nie schwer verwundet“, erwiderte Ulrich lächelnd.

„Aber Ihr habt gewiss noch Schmerzen“, stellte Adeline fest.

„Es geht. Aber oberflächliche Verletzungen können manchmal schmerzhafter sein als tiefe.“

Adelines Hand fuhr sanft über den Verband an seinem linken Arm. Ulrich schloss die Augen und genoss ihre Sanftmut einfach.

„Adeline“, setzte er dann leise an, „seid Ihr zu jedem Bettelmann so gut?“

Er schlug die Augen auf und sah sie lange an. Adeline hielt dem forschenden Blick nicht stand. Sie sah scheu zu Boden.

„Nein“, widersprach sie. „Ihr seid ein königlicher Prinz, Ulrich.“

„Als ich zu Euch kam, musste ich Euch als gewöhnlicher Bettler erscheinen“, gab er zu bedenken. Adeline gewann ihre Sicherheit zurück, die sie unter seinem forschenden Blick verloren hatte.

„Für einen echten Bettler wart Ihr viel zu höflich und bescheiden“, entgegnete sie lächelnd.

„Ich konnte einfach nicht unverschämt sein. Nach sechs Wochen Flucht wird man spätestens bescheiden. Jedenfalls dann, wenn man ernsthaft um sein Leben fürchten muss. Ich hätte nicht mehr weitergekonnt. Der nächste Wilzare – oder schon die nächste Frostnacht – wäre mein Tod gewesen.“

„Und doch habt Ihr gesagt, Ihr wolltet nicht bleiben“, erinnerte sie mit einem zauberhaften Lächeln.

„Wenn ich ehrlich bin – pro forma. Ich habe nichts mehr gefürchtet, als dass Ihr mich in die kalte Winternacht zurückgeschickt hättet.“

„Das habt Ihr gut versteckt“, sagte Adeline. Wie von selbst hatte ihre Hand die seine genommen, die auf der Bettdecke lag. Eine Weile war Schweigen, das mehr als beredt war.

„Ihr seid eine wunderbare Frau, Adeline“, sagte Ulrich nach geraumer Zeit.

„Wie kommt Ihr darauf?“

„Ihr habt mich aufgenommen, obwohl Ihr nicht gewusst habt, wer ich bin. Ihr habt dafür gesorgt, dass meine Verletzungen behandelt werden. Ihr gewährt mir Obdach, bis ich mich erholt habe – jedenfalls habe ich die Hoffnung, dass es so ist. Ich habe gute Gründe, Euch sehr dankbar zu sein.“

Sie zuckte verlegen mit den Schultern.

„Das war eine Selbstverständlichkeit. Ihr wart in Not und brauchtet Hilfe. Mein Vater hat mich gelehrt, jedem zu helfen, der an meine Tür klopft. Er hat mir eingeschärft, dass ich die nötigen Mittel habe, um Bedürftige zu unterstützen. Ich halte es für meine Christenpflicht, entsprechend zu handeln.“

„Viele bezeichnen sich als Christen, aber sie handeln nicht so. Ich kann es für mich selbst nicht ausschließen, gelegentlich gegen die Gebote meines Glaubens zu handeln“, erwiderte Ulrich in unbedingter Bewunderung.

„Hättet Ihr einen Bettler etwa davongejagt?“, fragte Adeline mit einiger Verwunderung.

„Nein, sicher nicht. Aber da ist der Wunsch nach Rache. Nach Rache für das, was mir selbst angetan wurde, für den Tod von vielen tausend Wengländern, Falkensteinern und Leuten aus Oberalvedra, die von den Wilzaren umgebracht wurden – auf Schlachtfeldern und in Verliesen.“

„Wenn Ihr Rache an den Wilzaren wollt, wie konntet Ihr Euch dann in Adana verlieben? Ihr müsst sie doch als Eure Todfeindin betrachten.“

„Ich habe begreifen müssen, dass Wilzare nicht gleich Wilzare ist“, erwiderte Ulrich mit einem so ernsthaften Ausdruck im Gesicht, dass er nicht zu der jungenhaften Erscheinung passen mochte. Er sah eher aus wie das Porträt von König Martin, das Adeline bei einem Besuch auf Burg Falkenstein gesehen hatte. Das Porträt zeigte den König noch als Prinzen bei einer Falkensteiner Gerichtsverhandlung.

„Was meint Ihr?“, fragte Adeline nach.

„Fürst Siram und seine Frau Adana wussten, wer ich bin, aber sie haben mich nicht verraten, sondern mich geschützt, so gut sie es vermochten“, erklärte Ulrich. „Sie haben nicht verhindern können, dass mir Wunden zugefügt wurden, aber sie haben versucht, es mir einigermaßen zu erleichtern. Adana hat sich zudem viel Mühe gegeben, mir den Glauben an die holde Weiblichkeit zu erhalten, als ihre Mutter und ihre Schwestern alles daran setzten, mir die Freude an Damenbesuchen gründlich zu vergällen. Deshalb könnte ich Siram und Adana nicht guten Gewissens als meine Todfeinde bezeichnen.“

„Werdet Ihr Adana wiedersehen?“

„Nein, das ist vorbei. Adana ist verheiratet, glücklich verheiratet, wie sie mir gesagt hat. Sie hat einen süßen kleinen Sohn, der jetzt gut vier Monate alt ist. Von ihrer Seite aus war unser Verhältnis kein Problem, weil ihr als Prinzessin auch außerhalb der Ehe intime Kontakte zu Männern erlaubt sind. Es wird von einer Prinzessin sogar erwartet, dass sie andere Männer außer dem eigenen Ehemann hat. Siram hat unser Tun ausdrücklich gebilligt. Er hätte gegen eine Ehe zu dritt nichts gehabt. Aber mir selber würde es widerstreben, meine Frau mit einem anderen zu teilen. Und da ist noch König Ranador, der ein Verhältnis seiner Tochter zu einem Sklaven nie geduldet hätte. Wenn er herausbekommen hat, dass wir uns wirklich geliebt haben, dann hat er seine Tochter einen Kopf kürzer gemacht.“

„Seid ehrlich: würdet Ihr das bedauern?“

„Gewiss. Für das, was sie getan hat, verdient sie nach unserer Auffassung keineswegs den Tod. Sie hat mir Liebe und Erfüllung geschenkt. Sie war wunderbar.“

„Glaubt Ihr, dass eine christliche Frau genauso zärtlich sein könnte?“

„Ja, davon bin ich überzeugt. Das beste Beispiel sitzt an meinem Bett“, sagte Ulrich leise.

Er richtete sich auf, zog Adelines Hand an sich und küsste sie ehrerbietig. Adeline ließ es angerührt geschehen.

„Ihr seid galant, Ulrich“, erwiderte sie ebenso leise.

„Wenn ich Euch heute sagte, dass ich Euch mehr als nur gern habe, würdet Ihr mir nicht glauben. Ihr würdet mich für einen Bruder Leichtfuß halten, weil ich mich in so kurzer Zeit schon in die zweite Frau verliebe“, mutmaßte der Prinz. „Aber meine Liebe zu Adana hatte ihre Wurzeln in meiner Verehrung für Euch. Die ersten Male, die Adana mich verwöhnte, musste ich die Wilzarin, die bei mir war, verdrängen. Ich suchte nach einer Frau, der ich selbst gern Liebe geschenkt hätte. Dabei dachte ich an Euch, träumte, Ihr wärt bei mir gewesen“, gestand er dann. Adeline wurde feuerrot, als sie an den Traum er letzten Nacht denken musste. Sie sprang auf und verließ eilig das Zimmer. Ulrich war tief betroffen, glaubte, sie mit seinem Geständnis verletzt zu haben.

Du Obertrottel!‘, schimpfte er in Gedanken. ‚Du plumpes Trampeltier! Wie konntest du ihr das antun?

Mit schuldbewusstem Seufzen ließ er sich in die warmen, kuscheligen Fellkissen zurücksinken. Ulrich kam der Gedanke, wie schön es sein könnte, wenn Adeline jetzt nah bei ihm wäre, in diesen wundervoll wärmenden Fellen. Er hoffte inständig, die Chance nicht völlig vertan zu haben. Schließlich schlief er wieder ein – und träumte von Adeline.

Adeline selbst kam erst in ihrer Kemenate zur Ruhe. Sie hatte sich knapp davor zusammengenommen, Ulrich einfach zu küssen. Alles in ihr bebte. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie nur Angst vor der eigenen Courage gehabt hatte, vor den Folgen, die ein Kuss zu diesem Zeitpunkt hätte haben können.

Du dumme Gans!‘, schalt sie sich in Gedanken. ‚Wie lange träumst du schon davon, Ulrich einfach zu umarmen und ihn zu küssen. Da bietet sich die Gelegenheit – und was machst du? Du reißt aus! Blöde Kuh!‘, wetterte sie gedanklich. ‚Aber wenn ich recht überlege – was ist, wenn er wirklich so ein Bruder Leichtfuß ist? Wär’s nicht besser ihn überhaupt kennen zu lernen? Dummes Zeug! Kasimir hat dir schon so viel von ihm erzählt. Oder doch lieber ein Weilchen zappeln lassen? Wenn nur diese verflixte Sehnsucht nicht wäre …

Ihre verworrenen Gedanken begleiteten sie bis in den Schlaf.

Als sie am Morgen erwachte und sich an den Abend zuvor erinnerte, beschloss sie, dass es besser für sie beide war, wenn sie sich einstweilen etwas zurückhielt.

Etwa eine Woche gelang es der Gräfin, dem Prinzen soweit aus dem Weg zu gehen, dass sie nicht in Versuchung geriet, ihrem eigenen Begehren sofort zu erliegen. Seinem warmen Lächeln und seinem liebevollen Blick würde sie nicht widerstehen können. Sie fragte sich lieber nicht, ob sie das überhaupt wollte.

Zwei Wochen waren vergangen, seit Ulrich hungrig und erschöpft auf Burg Löwenstein angekommen war. Das Dreikönigsfest war ohne ihn gefeiert worden, weil er zu dem Zeitpunkt noch mehr geschlafen hatte, als dass er wach gewesen war. Es ging ihm jetzt besser, er war wieder fieberfrei, aber litt darunter, seine Gastgeberin scheinbar schwer verärgert zu haben. Seit jenem Abend hatte er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wie sollte er sie um Entschuldigung bitten, wenn sie ihm nicht einmal die Gelegenheit dazu gab? Kasimir, der die weitere Behandlung des Prinzen übernommen hatte, wich ihm in dieser Frage genauso aus, wie Arnold, den Adeline ihm als persönlichen Bediensteten zugewiesen hatte. Arnold tat alles für Ulrich, aber es war schwerer, ihm Informationen über die Gräfin zu entlocken, als eine Auster zum Reden zu bringen.

AAA

Kapitel 19

Liebe

 

Auf Anraten von Kasimir bat Ulrich nun, zwei Wochen nach seiner Ankunft, ihm ein Bad zu richten, was Arnold auch sogleich tat. Der Diener bereitete ein heißes, wohlriechendes, schäumendes Bad vor, in das sein zeitweiliger Herr sich wohlig seufzend hinein gleiten ließ.

„Ist es recht so, Euer Gnaden?“, fragte Arnold beflissen. Ulrich nickte.

„Ja, wunderbar.“

„Soll ich Euch noch rasieren oder wollt Ihr den Bart stehen lassen?“

„Nein, der kann gerne bleiben. Aber das Haar kannst du etwas nachschneiden.“

Arnold seifte Ulrich den Rücken ein.

„Mögt Ihr unsere Gräfin?“, fragte er dabei. Ulrich blinzelte in die tiefstehende Wintersonne, die in die Badestube schien, verblüfft über die plötzliche Redseligkeit des Dieners in dieser Sache.

„Seit eineinhalb Wochen umgehst du diese Dinge wie die Katze den heißen Brei“, rügte er den Diener. „Oh ja, ich mag sie“, setzte er dann hinzu.

„Seid ehrlich – würdet Ihr sie gern heiraten?“, fragte Arnold weiter.

„Arnold, du bist der Nachrichtenherold in diesem Hause. Wenn ich dir jetzt sage, was ich gerne täte, weiß es morgen die Köchin, übermorgen die ganze Grafschaft Löwenstein und in einer Woche lässt der Herzog mich einkerkern, weil ich seiner Nichte zu nahe getreten bin. Danke, ich habe Zeit genug im Verlies zugebracht“, erwiderte Ulrich.

„Der Herzog hat keine Macht über die Gräfin oder Euch. Sie ist auch niemandem versprochen, weil sie sich hartnäckig geweigert hat, Verehrer an sich heran zu lassen. Aber ich glaube, sie liebt Euch.“

„Arnold, sei vorsichtig mit dem, was du sagst!“, warnte Ulrich mit drohendem Unterton. Arnold grinste breit.

„Ich wollte es ja selbst nicht glauben, als sie vorletzte Woche aus Eurem Zimmer gestürmt ist. Aber jetzt bin ich mir sicher.“

„Aha. Und warum?“

Arnold nahm einen Kübel warmes Wasser und spülte den Seifenschaum ab.

„Ihr müsst wissen, ich habe meine Kammer über dem Gemach der Gräfin. Neulich Nacht hat sie im Schlaf gesprochen. Euer Gnaden – das hättet Ihr hören sollen! Da war ich mir sicher, dass sie Euch liebt.“

„Arnold, du wirst mir den Gefallen tun, und das, was du gehört hast, schleunigst vergessen.“

Arnold fuhr mit der Wäsche fort und seufzte.

„Das ist nicht einfach, Herr.“

„Dein Vergessen hat ein Preisschild, was?“

„Nein, Herr. Ich bin meiner Gräfin und Euch treu ergeben. Ich habe Euch das auch nur gesagt, weil Ihr letzte Woche so geknickt wart, dass unsere schöne Gräfin so plötzlich aus Eurem Gemach geflüchtet ist.“

„Geheimnisse gibt’s in diesem Hause nicht, was?“, fragte Ulrich und hob ein Bein aus dem Wasser, damit Arnold es waschen konnte.

„Hier in der Burg nicht. Aber was hier geschieht, dringt nicht nach außen, es sei denn, die Gräfin wünscht es.“

„Gilt wohl auch für das, was du mir gerade erzählt hast“, grinste Ulrich. Arnold schwieg einige Momente ertappt und spülte dem Prinzen die Seifenreste vom Bein, als er die Wäsche beendet hatte.

„Ihr seht schon besser aus, Euer Gnaden“, wechselte er das Thema. „Übrigens: Ihr wärt ein guter Graf hier.“

„Betätigst du dich auch als Kuppler, Arnold?“

„Meist sogar erfolgreich, Herr“, grinste der Diener. „Aber im Ernst: Jemand wie Ihr fehlt in diesem Hause. Die Gräfin hat gegen die anderen Grafen allein keine Chance. Auf Dauer wird sie untergebuttert. Sie braucht jemanden wie Euch, der ihr hilft und sie beschützt. Die hohen Herren nehmen sie als Frau – zumal in ihrem jungen Alter von kaum dreiundzwanzig Jahren – nicht ernst.“

„Wenn sie mich lässt, Arnold, gern“, gab Ulrich zurück. Schließlich stieg er gereinigt aus der Wanne und fühlte sich bedeutend besser.

Als er in sein Gemach zurückkehrte, stand Adeline zu seiner Verwunderung am Fenster.

„Guten Abend, edle Gräfin“, sagte er und ging zu ihr. Sie drehte sich um. Ulrich machte eine höfliche Kniebeuge.

„Verzeiht mir bitte meine Verfehlung von Eurem letzten Besuch“, sagte er mit gesenktem Kopf.

„Erhebt Euch, mein edler Ritter“, erwiderte Adeline leise und weich. Sie nahm seine Hand. Er stand auf.

„Ihr habt mich keineswegs verletzt, lieber Ulrich. Ich habe mich vor mir selbst erschrocken“, sagte sie dann.

„Weshalb?“, forschte der Prinz lächelnd.

„Weil ich Euch begehrte, und weil ich wusste, was das für Euch bedeuten könnte.“

„Wenn das Euer ganzer Kummer ist …“, lächelte Ulrich warm. Er hob ihre Hand an seine Lippen und küsste sie zärtlich. Adeline kam ihm näher, umarmte ihn und lehnte sich an ihn.

„Ich liebe Euch, Ulrich“, gestand sie leise.

„Ich Euch auch – schon lange“, erwiderte er genauso leise. Zärtlich hob er ihr Kinn an, bis seine Lippen die ihren erreichen konnten. Zunächst zart, dann intensiver, immer in zärtlicher Liebkosung, küssten sie sich. Der Bann war gebrochen.

Adeline erwachte am frühen Morgen davon, dass es empfindlich kalt wurde. Ulrichs wunderbare Wärme war fort. Erschrocken fuhr die junge Frau auf. Zu ihrer Erleichterung fand sie den Vermissten am Kamin, wo er eben das erloschene Feuer neu entfachte. Beruhigt ließ sie sich in die bequemen Kissen zurücksinken und sah dem jungen Mann bei seiner Beschäftigung zu. Gegen die im Raum herrschende Kälte hatte er nur seine Hose angezogen, ein Umstand der Adeline frösteln ließ und ihr gleichzeitig bewies, wie abgehärtet ihr Liebster war – und dass er ganz offensichtlich wieder genesen war. Als das Feuer wieder aufflammte, bot sich der Gräfin ein erwärmender Anblick. Die Flammen zeichneten flackernde Schatten auf Ulrichs zernarbte Haut. Die Bewegung der kräftigen Muskelstränge auf dem breiten Rücken warf mit den Narben eigenartige Bilder, als der Prinz die Scheite mit dem Feuerhaken noch zurecht schob.

Adeline begann wieder zu träumen, von der wunderschönen Nacht, von einer Zukunft mit dem Mann, der eben das Feuer neu entfachte. Sie hatte die Augen wieder geschlossen. Ein sanfter Kuss holte sie in die Wirklichkeit des mit Ulrich geteilten Gemachs zurück.

„Guten Morgen, Liebste“, hörte sie seinen ebenso leisen wie liebevollen Gruß. Adeline schlug die Augen auf und sah in ein warmes, braunes Augenpaar.

„Guten Morgen, mein Herz“, erwiderte sie sanft. „Willst du schon aufstehen?“, fragte sie dann und strich ihm zart über das lächelnde Gesicht. Der kurze, dennoch weiche Bart liebkoste leicht ihre Hand.

„Nein“, erwiderte er leise. Seine warmen Lippen berührten sacht ihre Handfläche.

„Ich wollte nur vermeiden, neben einer Eisprinzessin zu erwachen“, sagte er dann sanft. „Du bist eben so heftig aufgefahren, Adeline. Hast du schlecht geträumt, mein Liebling?“

„Nein, ich habe dich nur vermisst“, erwiderte die junge Frau leise. „Und mir war kalt“, setzte sie hinzu.

„Soll ich dich wärmen?“

Adeline nickte eifrig. Ulrich zog sich wieder aus und schob sich unter die wärmende Felldecke. Er zog Adeline vorsichtig an sich, sie ließ es mit wohligem Seufzen geschehen. Ulrichs Wärme war ihr wieder nahe. Zufrieden lächelnd schlief sie unter seinem zärtlichen Streicheln wieder ein.

Der Dienerschaft war das zärtliche Geschehen der Nacht nicht entgangen. In Kenntnis der geradezu fantastisch anmutenden Informationswege bemühten sich die Verliebten auch nicht um Verheimlichung. Sie waren sich völlig sicher, dass die Diener Diskretion wahren würden. So glücklich wie im Augenblick hatte die ganze Dienerschaft ihre Gräfin noch nicht gesehen. Bald riskierte die Gräfin es auch, Gäste einzuladen. Zunächst waren es nur völlig vertrauenswürdige Personen, die Ulrich nicht verraten würden.

Zu diesen Gästen gehörte auch Gräfin Mathilde, der Ulrich so schonend wie möglich vom Tod ihres Gatten berichtete. Mögliche Eifersucht seiner Geliebten ignorierend, nahm Ulrich die hemmungslos weinende Gräfin Mathilde in den Arm, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

„Er hat es geahnt“, sagte sie leise. „Er hat mit dem Boten Kuno seinen Ring und die Botschaft vom Herzog mitgeschickt.“

„Mathilde, wir können ihn nicht wieder lebendig machen, aber vielleicht können wir so etwas wie Gerechtigkeit für die Toten erlangen“, erwiderte Ulrich zuversichtlich. Mathilde sah mit rotgeweinten Augen zu ihm auf, Adeline sah ihn gleichfalls verblüfft an.

„Was meint Ihr?“, fragte Mathilde schluchzend.

„Bitte, sagt mir, wann der Herzog mit seinem Heer hier in der Rebmark erschienen ist“, bat der Prinz.

„Ich weiß es nicht genau. Aber sie waren schon da, als ich mit den Flüchtlingen aus Falkenstein nach Simonstal kam“, antwortete Mathilde. Ulrich nickte.

„Könnt Ihr Euch erinnern, wann das genau war?“, fragte er weiter.

„Kuno kam mit Dietrichs Nachricht. Wir haben sofort gepackt und sind schon am Abend des nächsten Tages mit Sack und Pack nach Simonstal umgezogen. Wegen einiger Alter und Kranker haben wir fünf Tage dorthin gebraucht. Ich meine, wir wären am 9. oder 10. April in Simonstal angekommen.“

„Habt Ihr das Dokument von Gunther da?“

„Nein, es ist in Simonstal.“

„Wenn Ihr daheim seid, schaut bitte auf das Dokument. Ich meine, es trug ein Datum vom 29. März. Dietrich hat Kuno noch am 31. März zu Euch gesandt. Er dürfte im Eiltempo zwei Tage gebraucht haben, war also spätestens am 2. April in Falkenstein. Wenn Ihr sechs Tage später hier wart, wart Ihr spätestens am 8. April in Simonstal“, sagte er zu Mathilde. Dann wandte er sich an Adeline:

„Sag, mein Herz, kannst du dich daran erinnern, wann dein Onkel herkam?“

„Oh ja, sogar sehr gut. Er besuchte mich noch in voller Rüstung und sagte, es sei kein Aprilscherz, was er mir jetzt sagen müsse, aber du und Dietrich, ihr wärt mit allen Falkensteinern gefallen. Er war am 1. April bei mir. Und sein Heer war in Rebmark“, erwiderte Adeline. Ulrich nickte grimmig.

„Mathilde, es gibt in Scharfenburg ein Adelsgericht. Und vor das werde ich Euren Herzog zerren“, versprach Ulrich.

„Was habt Ihr vor?“, fragte Mathilde.

„Ich möchte Euren Herzog zur Verantwortung ziehen, für das, was mit Dietrich, unseren Gefährten – na ja, und mit mir selbst – geschehen ist.“

„An welche Strafe habt Ihr gedacht, Prinz Ulrich?“, fragte Mathilde.

„Ich glaube, die schlimmste Strafe für Gunther wäre, wenn er mir bei der Rückeroberung Wenglands helfen müsste“, lächelte Ulrich.

„Ihr meint nicht, dass eine andere Strafe auch passen würde?“, fragte die Gräfin von Falkenstein.

„Ich gebe zu, ich würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, sogar drei: Erstens: Falkenstein wäre frei, Ihr könntet Eure Grafschaft zurückhaben. Zweitens: Mit Gunthers großem Heer hätte ich eine gute Chance, mein Königreich endlich von der Wilzarenbesatzung freizubekommen. Drittens: Ich könnte Gunther nichts Schlimmeres antun, als ihn ausgerechnet dazu zu zwingen. Er hat mich schimpflich davongejagt, als ich ihn vor drei Jahren darum gebeten habe. Hätte er mir damals gleich beigestanden, hätte viel Unglück verhindert werden können. Ich will nicht aufzählen, was der Herzog alles hätte verhindern können, das Sündenregister wäre zu lang. Aber deshalb halte ich es für eine passende Strafe für Gunther“, erklärte Ulrich.

„Aber Ihr wisst, dass diese Strafe auch für Euch gefährlich werden kann?“, erkundigte sich Mathilde.

„Kaum gefährlicher, als mit kaum viertausend Leuten einem Heer von fünfzehntausend acht Tage lang zu widerstehen und sechs Monate wilzarische Gefangenschaft erdulden zu müssen“, versetzte Ulrich.

Dennoch ließ Ulrich sich Zeit, um die Klage gründlich vorzubereiten. Er wollte Adeline auch nicht zu lange ohne Trauring lassen. Sie schenkte ihm zu schöne Liebe, um eines Tages mit einem unehelichen Kind dazustehen. Aber jedes Mal, wenn er sich zu einem Heiratsantrag entschlossen hatte, traf ihn die Erkenntnis, dass er genau genommen nur ein geduldeter Flüchtling war. Diese Erkenntnis ließ ihn regelmäßig schweigen.

Der Frühling zog ins Land. Nach dem harten, kalten Winter erwachte die Tier- und Pflanzenwelt zu neuem Leben. Adeline und Ulrich machten einen Ausritt in einen der gräflichen Forste. Sie hatten Mathilde besucht und ritten nun in aller Ruhe zurück. Auf einer Lichtung machten sie Rast, machten Picknick.

„Erinnerst du dich noch an die Jagd?“, fragte Adeline nach einer Weile, die sie schweigend gegessen hatten. Ulrich nickte.

„Wenn der Herzog damals nicht so bockig reagiert hätte, dann …“

Er brach ab, konnte das, was er wollte, nicht aussprechen. Adeline sah den Prinzen einen Moment an.

„Ulrich?“

„Ja, mein Herz?“

„Du bist heute nicht so glücklich, wie in der letzten Zeit. Was hast du?“, fragte sie besorgt. Ulrich war verblüfft, wie genau ihn seine Adeline beobachtete.

„Mir … ist vor einiger Zeit etwas eingefallen“, sagte er.

„Und was?“, hakte sie sofort nach.

„Wie wenig ich dir bieten kann“, seufzte er.

„Was meinst du?“

Er sah in eine unbestimmte Ferne.

„Weißt du, ich führe gewiss einen stolzen Titel, aber er ist hohl und leer. Noch immer ist Wengland besetzt, noch immer steht ein hohes Kopfgeld auf meine Wenigkeit. Ich würde Herzog Gunther allerdings auch so zutrauen, dass er mich gegen ein wilzarisches Abzugsangebot ausliefern würde. Was dann mit mir geschieht, weiß ich nur zu gut. Siram hat’s mir beschrieben. Ich habe nicht die Mittel, eine Hochzeit auszurichten, schon gar nicht in dem Umfang, der der Gräfin von Löwenstein angemessen wäre. Seit ich dir in die Haustür gefallen bin, bin ich dein Gast, dein Freund, dein Geliebter. Ich aber kann dir nichts dafür geben. Adeline, du beschämst mich“, sagte er leise. Adeline rückte zu ihm hin und strich ihm sanft durch das Haar.

„Ulrich, wer du bist und was du mir bieten kannst, ist mir herzlich egal. Auch wenn du nicht der Prinzregent von Wengland wärst, der künftige König, würde ich dich nicht weniger lieben. Du bist – wenn du nicht gerade wie jetzt Trübsal bläst – ein charmanter und galanter Mann, du hast einen edlen Charakter, du bist ein zärtlicher Liebhaber und ein kluger Ratgeber. Dank deiner Hinweise habe ich meine Grafschaft zum Blühen gebracht. Deine Idee war es, in Simonstal einen Markt einzurichten. Ich gestehe ohne Schande, dass ich nicht auf den Gedanken gekommen wäre. Mein Volk liebt dich – dich, Ulrich von Wengland. Ich erlebe es oft, dass Leute zu mir kommen und den Grafen sprechen wollen, völlig verblüfft sind, dass es keinen Grafen gibt, obwohl ich doch wohl verheiratet bin. Sie möchten den Grafen Ulrich sehen. Ich weiß, dass du diesen Titel nie akzeptieren wirst, weil er dir den Weg zu dem dir rechtmäßig zustehenden Königsthron versperren würde. Aber glaub’ mir eins: Du bist kein Almosenempfänger in Löwenstein! Das Volk von Löwenstein betrachtet dich als seinen Fürsten und liebt dich sehr. Gunther soll es wagen, dich zu bedrohen. Ich schwöre dir, dass Löwen-stein sich deinetwegen von Scharfenburg lossagen würde“, erwiderte Adeline liebevoll. Ulrich lächelte sie an und zog sie nahe an sich.

„Du bist eine wunderbare Frau, Adeline. Sollte es mir gelingen, mein Königreich zu befreien, egal mit wessen Hilfe, wirst du meine Königin sein. Mein Großvater hatte Recht, als er mir empfahl, meine Frau unter den Töchtern Scharfenburgs zu suchen. Er hat selbst eine Scharfenburgerin geliebt. So sehr, dass er ihren Tod kaum einen Monat überlebt hat. Jetzt weiß ich auch warum. Sie muss als junge Frau genauso gewesen sein wie du: Schön, zärtlich, leidenschaftlich, charmant, edel und klug. Die letzteren drei Eigenschaften habe ich noch an ihr erlebt. Aber du bist wirklich genauso. Ich liebe dich.“

Er zog sie ganz nah an sich, sie küssten sich zärtlich.

„Adeline – “, setzte Ulrich an, als er sich aus dem Kuss löste, „willst du meine Frau werden?“

„Ja“, sagte sie nur und küsste ihn wieder.

Die Liebenden hatten Simonstal am frühen Nachmittag verlassen, der Weg zur Burg Löwenstein war kaum drei Reitstunden weit, selbst wenn man sich Zeit ließ. Aber als Ulrich und Adeline in die gräfliche Burg zurückkehrten, war es fast Mitternacht …

 

 

AAA

Kapitel 20

Hochzeit in Löwenstein

 

Herzog Gunther ahnte nichts davon, dass der von ihm so schmählich im Stich gelassene Ulrich zum einen das Massaker am Alvedra überlebt hatte und zum anderen durch glückliche Fügung nicht nur der Gefangenschaft entronnen war, sondern auch noch direkt unter des Herzogs Nase lebte – und liebte. Zwar fragte Gunther sich öfter, wie er die Wilzaren von der Südseite des Rabenpasses vertreiben konnte, aber die Wilzaren konnten genauso wenig über den Pass wie seine eigenen Leute.

Das entstandene Patt war für Gunther keine so unangenehme Situation. Die Rebmark, Gunthers Stammlande, waren frei. Wohl regierte Gunthers Sohn Mathias die Rebmark als deren Markgraf, aber den Herzog scherte das wenig. Solange er in der Rebmark war, hatte Mathias wenig zu melden.

Dazu kam, dass es an nichts mangelte. Die Rebmark war außerordentlich fruchtbar. Sämtliche notwendigen Nahrungsmittel konnten deshalb in der Rebmark produziert werden – und sie reichten auch für die Hunderte von Flüchtlingen, die es gerade noch geschafft hatten, sich in die Rebmark abzusetzen. In der Rebmark wurde ein Wein angebaut, der nicht nur in Scharfenburg, sondern sogar weit über die Region Wengland-Scharfenburg-Breitenstein hinaus bekannt und berühmt war, dazu auch Korn aller Art, Obst und Gemüse. Auch Schweine, Rinder und Schafe wurden in der Rebmark und Löwenstein gezüchtet. Ein kleiner Salzstock oberhalb der Quelle des Rebmärker Alvedra bei Rebspringe sorgte für das nötige Salz zum Konservieren und zum Pökeln, in Biendorf am Oberlauf des Rebmärker Alvedra gab es fünf Imker, deren fleißige Bienenvölker den Honig herstellten, der ebenfalls zur Konservierung und zum Würzen verwendet wurde. Zwischen Rebspringe und Biendorf erstreckte sich ein dichter Wald, der zum Teil in gräflich-löwensteinischem Besitz, zum Teil in markgräflichem, zum Teil aber auch in bäuerlichem Besitz war. Aus diesem riesigen Waldgebiet kam jedenfalls das Holz für Wagen, Pflüge und Waffenschäfte wie auch für Brennholz und Stützholz für die drei Eisenerzgruben in der Nähe von Rebspringe. Diese Eisenerzgruben lieferten das Eisen für einen sehr guten Schmiedestahl, aus dem Klingen gefertigt wurden, die weit über die Rebmark hinaus bekannt waren. Neben dem Eisenerz wurde auch gewisse Mengen von Silber und Gold gefunden, die den Rebmärker Markgrafen ein gutes Auskommen sicherten. Daneben gab es einige Glashütten, in denen wunderschöne Gläser und Kristallwaren hergestellt wurden. Die wirtschaftliche Autarkie der Rebmark wurde auch durch zwei reiche Kohlegruben gesichert, deren Ertrag die übermäßige Nutzung der Wälder für Brennholz entbehrlich machte. Die Rebmark war reich und unabhängig.

Herzog Gunther brauchte sich um das Schicksal des sonst bedeutend ärmeren Teils seines Landes außerhalb der sicheren Rebmark nicht weiter zu scheren. Da mochte das scharfenburgische Volk außerhalb des Passes unter der grausamen Herrschaft der Wilzaren geknechtet sein und schreien: Gunther hörte es nicht, und es hätte ihn auch nicht interessiert. Viel mehr interessierte ihn das gesellschaftliche Leben in der Rebmark und in Löwen-stein. Es war ihm wohl zu Ohren gekommen, dass die Gräfin von Löwenstein einen edlen Liebhaber hatte, aber wer der glückliche Galan war, das drang durch die sorgsamen Filter der treuen Diener nicht hindurch. Gunther war neugierig geworden, wem es gelungen war, seine Nichte derart zu bezaubern. Bislang hatte Adeline, vielleicht die schönste Blume seines Herzogtums, sich beharrlich geweigert, einen Verehrer weiter als bis auf Armlänge an sich herankommen zu lassen. Dabei hatte es nicht selten erzürnte Backpfeifen gesetzt, wenn ein adliger Gockel diesen Bannkreis durchbrochen hatte. Gunther hatte es deshalb nach einigen Fehlversuchen unterlassen, einen passenden Ehemann für seine Nichte auszusuchen. Wer hatte es nur vermocht, diese Grenze zu überschreiten, ohne schwerverwundet niederzusinken? Seit den ersten Gerüchten, die Adeline noch im Januar in Umlauf gesetzt hatte, plagte Gunther diese brennende Frage, aber seine Nichte lud ihn nicht in die Festung des Glücks ein. Sie hatte immer darauf bestanden, keinen uneingeladenen Besuch von ihren näheren Verwandten zu bekommen.

Als dann das Wunder geschah, konnte Herzog Gunther sein Glück kaum fassen. Die Gräfin sandte ihm eine Botschaft, dass sie am Ostersonntag 1264 den König ihres Herzens heiraten würde und zu dieser Feier ihren verehrten Onkel, den Herzog von Scharfenburg, herzlich einlade. Gunther war begeistert, ließ den Boten sogar warten, gab dem Mann einen guten Botenlohn in Form eines neuen Schildes mit und sagte gleichzeitig sein Erscheinen zur Hochzeit zu.

Als Adeline und Ulrich die Nachricht des Herzogs erhielten, konnte Ulrich sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Adeline lachte fröhlich.

„Mein guter Onkel wird Augen machen!“, jauchzte sie.

„Ich hoffe, er fällt vor Schreck um!“, bemerkte Ulrich geradezu grimmig. Es war ein Ausdruck in seinen Augen, den Adeline noch nie an ihm gesehen hatte: finster und eiskalt.

„Ulrich, bitte meide diesen Gesichtsausdruck bei der Hochzeitsfeier“, bat sie ihn erschrocken.

„Es würde nur dem Herzog gelten“, erwiderte Ulrich. „Du weißt, was ich ihm verdanke.“

„Natürlich. Aber bitte, Liebling – mir zuliebe“, bekräftigte sie. Ulrichs Gesicht entspannte sich zu einem zärtlichen Lächeln, das Adeline schon besser bekannt war.

„Ich werde dir die Feier nicht verderben, das verspreche ich dir“, sagte er leise.

Der Ostersonntag kam heran. Schon früh am Tag trafen die ersten Gäste ein, um der Gräfin und ihrem Bräutigam zu gratulieren. Die Trauung war für den Nachmittag angesetzt. Herzog Gunther erschien erst eine Stunde vor der Trauung in der Burgkapelle. Er wollte sichergehen, der letzte Gast zu sein. Das würde großen Eindruck machen. In der Tat:

„Seine Hoheit, Herzog Gunther von Scharfenburg!“, meldete der Ausrufer. Die Gäste verstummten wie auf Kommando, wandten sich dem Mittelgang im Rittersaal zu und machten eine ehrfürchtige Kniebeuge. So, wie Gunther nach beiden Seiten milde grüßend die Treppe zum Rittersaal herunterkam, wirkte er stolz wie ein Pfau. Doch als er nach vorn sah und das Brautpaar ansah, hinderte ihn ein sperriger Kloß im Hals an einem jovialen Gruß. Gunther spürte, wie sich eine eisige Faust um sein Herz krallte, als er in dem glücklichen Bräutigam den totgehofften Ulrich von Wengland erkannte. Gunther gurgelte etwas Unverständliches. Ulrich lächelte freundlich.

„Danke für die guten Wünsche, Hoheit“, sagte er. Der Herzog hätte kaum erschrockener sein können, wenn die Decke über ihm eingestürzt wäre.

„Ulrich – Ihr lebt!“, entfuhr es ihm röchelnd. Ein Schatten huschte über Ulrichs Lächeln.

„Grämt Euch deshalb nicht und feiert mit uns“, lud Ulrich ein. „Wegen der anderen Sache treffen wir uns anderswo. Heute sollt Ihr fröhlich sein.“

Gunther verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.

„Soll das eine Drohung sein?“, zischte er.

„Nein, eine Ankündigung“, erwiderte Ulrich mit einem nur äußerlich freundlichen Lächeln.

Der Herzog bemerkte einige zornige Gesichter – auch einiger markgräflicher Leute – und eilte in einen anderen Saal. Wütend ballte der Prinz die Fäuste. Erst eine sanfte Hand, die sich zart auf seinen Arm legte, dämpfte seinen Zorn etwas.

„Den Kerl knöpfe ich mir vor“, knurrte Ulrich.

„Liebling, denk’ dran, was du mir versprochen hast“, mahnte Adeline leise. „Keinen Streit auf der Hochzeit!“

„Ich brauche dringend frische Luft!“, keuchte er. Das Brautpaar ging hinaus auf den Balkon des Rittersaales in den warmen Sonnenschein des strahlenden Ostertages. Langsam beruhigte sich Ulrichs vor Zorn rasender Puls.

„Ist dein Zorn so groß, mein Schatz?“, fragte sie weich. Er nickte.

„Mathilde hat die Urkunde mitgebracht. Ich hatte Recht. Sie stammt vom 29. März. Am 1. April hat der Lump dich besucht und dir erzählt, ich wäre tot, gefallen mit allen Falkensteinern einschließlich des Grafen Dietrich. Er kann nicht einmal ansatzweise den Versuch gemacht haben, uns Verstärkungen zu schicken. Er muss sofort in die Rebmark abgezogen sein. Wir haben aber noch sechs Tage am Alvedra ausgehalten, weil wir immer noch auf Verstärkungen hofften. Aber statt des Herzogs und der Scharfenburger kam nur ein weiteres Wilzarenheer aus Richtung Stolzenfels. Weißt du jetzt, warum ich ihn am liebsten erschlagen würde?“

„Ja, ich kann es mir vorstellen. Du wolltest ihn doch vor dem Adelsgericht verklagen. Hast du noch nichts unternommen?“

„Doch, aber die Sache hat den Haken, dass ich kein Scharfenburger bin. Nur ein Scharfenburger kann die Klage führen. Leider keine Scharfenburgerin, mag sie auch Gräfin sein. Ich habe mich erkundigt.“

Adeline lächelte Ulrich süß an.

„Dann lass’ doch meinen Vetter Roderich die Klage führen“, sagte sie. Ulrich sah sie fragend an.

„Bitte?“

„Also: Ich habe einen Vetter namens Roderich. Er ist mein Trauzeuge und außerdem kennt er unsere Gesetze in- und auswendig. Er ist der Sohn meiner Tante und hatte deshalb kein Erbrecht auf die Grafschaft. Wenn ich die Grafschaft nicht hätte erben können, hätte Papa Roderich zum Erben eingesetzt. Aber der war daran gar nicht interessiert. Er wollte nur Richter sein. Also ist er Löwensteins Richter, weil ich von den Gesetzen zugegebenermaßen wenig verstehe. Ein Richter kann aber auch für einen anderen eine Klage führen, ihn sozusagen vertreten. Ich glaube, du solltest mit Roderich reden“, erklärte Adeline.

„Warum hast du mir das nicht früher gesagt? Die Sache könnte längst entschieden sein“, fragte Ulrich. Seine Frage war ohne Vorwurf. Adeline lächelte, aber es war ein ängstliches Lächeln.

„Du hattest Mathilde und mir gesagt, was dein Ziel ist. Wenn das Adelsgericht so entscheidet, wie du es dir wünschst, wirst du fortgehen und lange wegbleiben. Vielleicht kommst du diesmal wirklich nicht wieder. Und ich wollte dich noch nicht wieder verlieren.“

Ulrich nickte verständnisvoll und umarmte seine Braut.

„Schon gut. Und außerdem wolltest du erst mit mir verheiratet sein, bevor du mich wieder auf die Weide lässt. Ich versteh’ schon“, sagte er leise und küsste sie sanft auf die Stirn.

„Nein, versteh’ mich nicht falsch. Ich bin nicht eifersüchtig, ich …“

„Ja, ja, ist doch in Ordnung“, unterbrach er sie und erstickte weitere Einwände einfach mit einem unglaublich zärtlichen Kuss.

Nur eine knappe Stunde später küssten sie sich erneut. Diesmal war es der Brautkuss nach der Trauung. Nach scharfenburgischem Recht waren sie nun ein Paar. Die Hochzeit sollte drei Tage fröhlich gefeiert werden. Adeline ließ auftragen, was Küche und Keller hergaben – und das war nicht wenig: Täglich wurde auf dem großen Drehspieß in der Küche ein ganzer Ochse gebraten, dazu drei Wildschweine und ungezählte Hühner. Vierzig Schweine waren geschlachtet worden, um zu Schweinebraten, Haxen und Wurst verarbeitet zu werden. Ein ganzes Fuder* Rebmärker Wein wurde ausgetrunken und diverse Fässer Löwenbrunner Bier. Der Bäcker in Löwenstein hatte fast fünfhundert Pfund Mehl zu Brot und Kuchen verbacken, Pater Kasimir hatte nach altem Klosterrezept einen Kräuterlikör gebraut, der allzu schlimme Folgen der Völlerei mildern sollte. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten gab es nur wenige Menschen in Löwen-stein, die tatsächlich nüchtern waren. Die meisten tranken gar zu gern auf das Wohl des jungen Paares, insbesondere der Herzog, der am Ende der Feier einer Alkoholvergiftung nahe war.

Ulrich, Adeline, Roderich und Kasimir hatten sich allerdings keinen Rausch angetrunken. Ulrich, weil er sich prinzipiell nicht betrank – was nicht hieß, dass er Bier und Wein völlig verschmähte; Adeline, weil sie ohnehin wenig Gefallen an berauschenden Getränken hatte; Roderich, weil er als Richter einen klaren Kopf brauchte und Kasimir, weil er eine ganze Menge vertrug. Ulrich besah sich das wüste Gelage mit deutlichem Missfallen und nahm sich vor, die wenglische Hochzeit, die noch ausstand, und die Krönung in zivilisierteren Bahnen zu veranstalten. Doch war ihm auch klar, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit oft eine große Lücke klaffte.

 

 

AAA

Kapitel 21

Erste Rache

 

Herzog Gunther war während der Hochzeit von Ulrichs Zorn verschont geblieben. Er hatte sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken und pflegte nun auf Burg Rebstadt seinen Kater. Mit einem kalten Wickel um den Kopf beratschlagte er nun mit seinem Burgvogt, was er gegen den unliebsamen Zeugen Ulrich von Wengland unternehmen sollte.

„Warum ist der Kerl nicht hingerichtet worden?“, fragte sich Gunther verzweifelt und hielt sich den schmerzenden Kopf. „Die Wilzaren töten doch jeden Gefangenen!“

„Manchmal lassen die Wilzaren Gefangene am Leben, um sie in den Silberminen arbeiten zu lassen. Bei der Statur des Prinzen würde ich das als Grund annehmen“, gab der Burgvogt zurück.

„Was kann ich ihm anhängen, damit ich den Burschen loswerde?“, fragte Gunther. Der Burgvogt war gewiss ein loyaler Mann, aber er hatte auch ein gesundes Rechtsempfinden.

„Was sollte er Euch schaden können, Hoheit?“, fragte er harmlos.

„Dass ich ihm und seinem Grafen nicht rechtzeitig Verstärkungen geschickt habe!“, versetzte Gunther bissig.

„Kann er das beweisen?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Gunther verzweifelt und rieb sich die Stirn, als ob er damit die plagenden Kopfschmerzen loswerden könnte. „Aber so wie er mich angesehen hat, könnte er es jedenfalls behaupten. Gumpert, gib mir einen Rat!“

„Dass er nicht tot ist, könnt Ihr ihm kaum zum Vorwurf machen. Wenn Ihr behaupten wollt, der Prinzregent habe Verrat begangen, müsstet Ihr das beweisen, was kaum möglich sein könnte. Die Beziehung zu Eurer Nichte ist nicht unstandesgemäß, weil Prinz Ulrich aus einem alten und vornehmen Adelsgeschlecht stammt. Die einzige Chance, dass er nicht zu groß wird, wäre, wenn Ihr ihn dazu bringen könntet, Löwenstein als Lehen anzunehmen, insbesondere jetzt, wo er ohnehin mit der Gräfin von Löwenstein verheiratet ist. Das würde ihn vom wenglischen Thron fernhalten“, erklärte Gumpert. Gunther schüttelte den Kopf, was ihm nur unter großen Schmerzen möglich war.

„Ach was, dafür ist er viel zu schlau. Er muss den Grafentitel nicht annehmen. Und das weiß er genau.“

„Woher sollte er das wissen? Die Gräfin versteht nicht viel vom scharfenburgischen Recht“, wollte Gumpert wissen.

„Mag sein. Aber dafür hat sie den besten Rechtskenner Scharfenburgs an ihrer Seite. Roderich von Löwenstein, ihr Vetter, ist Löwensteins Richter. Ich konnte bisher nur mit Mühe verhindern, dass der Bengel Richter am Adelsgericht wird.“

„Dann lasst es zu, Hoheit.“

„Wie bitte?“, fauchte Gunther.

„Lasst zu, dass Roderich Adelsrichter wird. Als solcher kann er nicht mehr als Anwalt für Ulrich tätig werden.“

„Dafür habe ich ihn dann den Rest meines Lebens gegen mich! Kommt überhaupt nicht in Frage! Der Kerl ist mir zu gebildet! Stell’ dir vor, Gumpert: Roderich kann lesen und schreiben! Es gibt sogar Leute, die behaupten, er könne auch noch rechnen! Nein, so einen Menschen kann ich nicht an einem Gericht dulden, dem auch ich mich unterwerfen muss.“

Während Herzog Gunther in Rebstadt brütete und keine Lösung fand, wie er Ulrich elegant loswerden konnte, legte Ulrich in Löwenstein dem Vetter seiner Frau die vorhandenen Beweise vor. Roderich studierte das Beweismaterial eingehend.

„Hoheit – damit könnt Ihr Herzog Gunther um den Herzogshut bringen“, sagte er schließlich.

„Erklärt mir das bitte näher“, bat Ulrich.

„Nun, Ihr könnt beweisen, dass Herzog Gunther seinen Vasallen, der ihm Treue geschworen hatte, im Stich gelassen hat. Vor dem scharfenburgischen Adelsgericht, dem sich auch der Herzog zu unterwerfen hat, würde das unweigerlich bedeuten, dass ihm der Titel aberkannt wird. Ferner ist es eine Tatsache, dass Herzog Gunther seit mehr als einem Jahr nichts unternommen hat, um Scharfenburg – immerhin sein eigenes Herzogtum – von der Gewalt der Wilzaren zu befreien. Unsere Soldaten verteidigen lediglich den Rabenpass, obwohl sie mehr könnten“, erklärte der Advokat.

„Da kann ich ihm nicht mal große Vorwürfe machen“, entgegnete Ulrich. „Der Rabenpass ist leicht zu verteidigen, aber schwer zu erobern.“

„Ich würde für Euch die Klage führen. Was stellt Ihr Euch als Sühne vor?“

„Mir geht’s eigentlich nicht darum, Gunther um seinen Titel zu bringen. Ich möchte nur Hilfe für Wengland haben.“

„Lässt sich einrichten. Wir verklagen ihn zunächst. Im Termin können wir dann einen Vergleichsvorschlag machen. Etwa: Klagrücknahme gegen Erstattung der Kosten und Zusicherung der Hilfeleistung für Wengland“, empfahl Roderich.

„Eine Zusicherung hat er ja schon einmal nicht eingehalten“, erinnerte der Prinz.

„Stimmt schon, aber diesmal wird er einen gerichtlichen Vergleich schließen. Wenn er den Vergleich nicht erfüllt, wird das Gericht ihn wegen grober Pflichtuntreue zum Tode verurteilen. Das kann er sich nun wirklich nicht leisten.“

„Gut, Roderich. Dann formuliert bitte die Klage für mich und reicht sie beim Adelsgericht zu Scharfenburg ein. Und tu mir den Gefallen und sei nicht so entsetzlich förmlich!“

„Gern, Prinz Ulrich“, erwiderte Roderich und machte sich sogleich an die Arbeit.

Das Adelsgericht von Scharfenburg hatte sein Vorbild in Wengland und war von Herzog Heinrich auf Königin Reginas Initiative gegründet worden. Das Gericht bestand aus fünf Richtern aus dem scharfenburgischen Adel, die von der Grafenversammlung gewählt wurden. Dies war ein wesentlicher Gegensatz zum wenglischen Adelsgericht, das sich aus den Grafen des Thronrates zusammensetzte, die Nachfolge also durch Erbe geregelt wurde. Die Richter in Scharfenburg waren – wie ihre wenglischen Kollegen – nur der Kenntnis der Gesetze und ihrem Gewissen unterworfen. Die Boten des Gerichtes genossen besonderen Schutz. Sie waren rechtlich den Herolden gleichgestellt, denen stets freies Geleit und sichere Reise zu garantieren war. Wehe dem, der dies Gebot verletzte! Dem scharfenburgischen Adelsgericht ging der Ruf voraus, absolut unparteiisch zu sein, was vom wenglischen Pendant mit dieser Sicherheit nicht behauptet werden konnte. Diesen Umstand in Wengland zu ändern war Ulrich ebenfalls ein wichtiges Anliegen, das er im Codex Rex Wenglandia gebührend berücksichtigt hatte.

Scharfenburgs Herzöge mussten bei Regierungsantritt unter Verpfändung des eigenen Lebens schwören, dass sie sich einem Spruch des Adelsgerichtes unterwarfen. Ein Spruch des Adelsgerichtes hatte denn auch Herzog Heinrich einst den Herzogshut gekostet. Er hatte selbst den Passus eingefügt, dass der Herzog der Gerichtsbarkeit des Adelsgerichtes genauso unterstand wie alle anderen Adligen des Landes. So hatte er sich im eigenen Rechtsnetz verfangen und war darüber gestolpert. Auch war das Gesetz so abgefasst, dass der Herzog es allein nicht ändern konnte. Dazu war eine einstimmige Beschlussfassung in der Grafenversammlung notwendig. Dass eine Reform des Gesetzes deshalb so gut wie unmöglich war, hatte Herzog Otto zu spüren bekommen, der mehrfach versucht hatte, eine Berufungsinstanz einzuführen. Er war regelmäßig am Widerstand wenigstens zweier Grafen gescheitert.

Als Herzog Gunther die Klage Roderichs durch einen Boten des Adelsgerichtes zugestellt wurde, durchmaß er mit unruhigen Schritten sein Arbeitskabinett. Sein Burgvogt hatte ihm die Klage vorgelesen. Seine Unruhe wurde mit jedem Schritt stärker.

„Gebt mir einen Rat, Gumpert!“, forderte der Herzog den Burgvogt auf.

„Roderich erhebt schwere Anschuldigungen gegen Euch, und er bietet Prinz Ulrich als Zeugen dafür an, dass Ihr Euren Vasallen Dietrich …“

„Himmel, das habt Ihr mir alles gerade aus dem Wisch da vorgelesen, Gumpert!“, unterbrach Gunther den Burgvogt unwirsch. „Ich will wissen, was Ihr mir ratet!“

„Was wollt Ihr zu Eurer Verteidigung anführen, Hoheit? Dass Euch das Wilzarenheer, dass die Falkensteiner vernichtete, in Stolzenfels angriff und damit am Entsatz hinderte, würde schnell als Lüge entlarvt. Neben Ulrich als Zeugen für den mangelnden Entsatz bietet Roderich auch mehrere Zeugen dafür an, dass Ihr bereits zwei Tage nach Eurer Zusage in Löwenstein wart. Das ist leider genau der Zeitraum, den ein Heer benötigt, um von Stolzenfels nach Rebstadt oder Löwenstein zu gelangen. Zudem wird Eure Zusage als Urkundenbeweis angeboten. Wenn das Dokument Euer Handsiegel trägt, werdet Ihr schwerlich behaupten können, es sei gefälscht. Roderich braucht nicht einmal Prinz Ulrich als Zeugen dafür, dass die Falkensteiner tatsächlich erst sechs Tage nach Eintreffen Eurer Nachricht aufgerieben wurden. Der Ort der Schlacht war in zwei Tagen zu erreichen, also genau im selben Zeitraum wie Löwenstein. Bei der Beweislage habt Ihr keine Chance, Hoheit. Ich kann Euch keinen Rat geben, wie Ihr Euch dagegen verteidigen sollt“, erklärte Gumpert.

„Dann ratet mir, was ich dann tun soll“, forderte der Herzog. Gumpert dachte eine Weile nach. Dann zuckte er verlegen mit den Schultern.

„Bietet einen Vergleich an.“

„Und was sollte ich da anbieten? Gold? Silber? Edelsteine?“

„Nein, eher eine Dienstleistung.“

„Gumpert! Ich bin ein Herzog und kein Dienstbote!“, fauchte Gunther.

„Ich denke an eine Dienstleistung in der Form, in der Ihr sie eigentlich Eurem Vasallen geschuldet hättet“, präzisierte Gumpert.

„Was meint Ihr? Zum Teufel, lasst Euch die Würmer nicht einzeln aus der Nase ziehen!“

„Im Grunde will Roderich doch gar nichts von Euch, jedenfalls nicht selbst. Diese Klage, Hoheit, mag zwar von Roderich unterschrieben sein, aber Ulrich hat sie initiiert. Es sind Dinge darin enthalten, die nur Ulrich von Wengland wissen und klagen kann. Vor drei Jahren war er bei Euch und bat Euch um Hilfe für die Rückeroberung Wenglands. Ihr habt ihn damals abgewiesen. Das Ergebnis ist letztlich, dass Graf Falkenstein und viereinhalb tausend seiner Männer tot sind, dass Scharfenburg – außer Rebmark und Löwenstein – von den Wilzaren besetzt ist. Wenn Ihr dem Wengländer nun anbietet, ihm bei der Eroberung seines Reiches zu helfen, wenn er Euch im Gegenzug hilft, Scharfenburg freizubekommen, wärt Ihr fein heraus. Ihr würdet Ulrich damit zuvorkommen, denn ich könnte mir vorstellen, dass er genau das will, nur ohne eigene Leistung.“

„Dann müsste ich es ja unter Gefahr für mein eigenes Leben tatsächlich tun! Ich bin doch nicht verrückt!“, widersprach Gunther heftig.

„Dann, Hoheit, sucht Zeugen, dass Ihr korrekt gehandelt habt. Aber Ihr wisst so gut wie ich, dass sie einen Meineid schwören würden. Ich muss Euch nicht sagen, was das für die Zeugen und für Euch bedeuten würde“, versetzte Gumpert kühl.

„Schweig!“, brüllte Gunther und sprang Gumpert heftig an, der sich den Herzog aber vom Halse halten konnte.

„Ihr könnt die Wahrheit nicht vertragen, Hoheit“, bemerkte der Vogt. „Wollt Ihr die Richter genauso anspringen? Ihr wisst, dass Euch das nicht nur den Titel kostet. Das brächte Euch aufs Schafott!“, mahnte er. „Den Verlust des Titels könnt Ihr nur mithilfe eines Vergleichs vermeiden“, setzte er hinzu. Gunther schäumte fast vor Wut. Wie zur Beruhigung stürzte er zwei Becher Wein hinunter. Keuchend kam er zur Ruhe.

„Gut denn, Gumpert“, sagte er unsicher, da ihn der Wein bereits leicht benebelte. „Schreibt dem Gericht, dass ich einen Vergleichsvorschlag mache – wie von Euch empfohlen.“

Der Bote des Adelsgerichtes überbrachte die Klagbeantwortung Herzog Gunthers als Abschrift nach Schloss Löwenstein. Roderich brach als nomineller Kläger das gerichtliche Siegel auf, überflog das Schreiben und brach in hellen Jubel aus. Eilig sprang er die Stufen zum Rittersaal hinauf, wo sich Adeline und Ulrich zu dieser Zeit gewöhnlich aufhielten. Er traf aber nur Arnold, der gerade ausfegte.

„Arnold, wo ist der Prinz?“, fragte Roderich hechelnd.

„Seine Königliche Hoheit ist mit der Frau Gräfin im Rosengarten, Euer Gnaden“, antwortete der Diener. Roderich hetzte mit dem Gerichtsschreiben in der Hand quer durch das Schloss zum Rosengarten, wo Adeline und Ulrich verliebt spazieren gingen.

„Ulrich!“, rief Roderich durch den Garten. „Herzog Gunther bietet Vergleich an!“

Die Liebenden fuhren erschrocken herum. Roderich wedelte aufgeregt mit dem Dokument, als er im Laufschritt den Gartenweg entlangkam.

„Hast du uns erschreckt, Roderich!“, entfuhr es Adeline.

„Tut mir Leid, ich war nur der Meinung, ihr solltet es sofort erfahren“, sagte Roderich entschuldigend.

„Erlaube bitte“, sagte Ulrich und nahm Roderich das Schreiben ab. Mit jeder Zeile, die er las, hellte sich seine Miene mehr auf.

„Roderich, das ist ein Wunder!“, strahlte der junge Prinz.

„Was ist eigentlich los?“, wunderte sich Adeline. Ulrich umarmte sie und wirbelte sie im Kreis herum.

„Gunther hat Angst um seinen Herzogshut! Er bietet mir an, mir bei der Befreiung Wenglands zu helfen!“, jubelte er. Adeline umarmte Ulrich glücklich. Als sie sich etwas vom Freudentaumel erholt hatten, las Ulrich das Vergleichsangebot noch einmal gründlich durch.

„Ich würde sagen, wir nehmen den Vergleich an. Bedingung: Erstens: Gunther verspricht schriftlich diese Hilfe. Das Dokument ist dir, Roderich, als Notar in Verwahrung zu geben. Zweitens: Gunther zahlt sämtliche Prozesskosten“, sagte er dann. Roderich grinste über das ganze Gesicht.

„Man könnte meinen, du führst täglich Prozesse“, sagte er.

„Ein gewisses Talent ist sicher nicht abzustreiten, Interesse auch nicht. Mein Großvater hatte viel mit Gerichtsverfahren zu tun. Er hat es sich mühsam angeeignet. Ich habe es immer leichter gehabt. Vielleicht liegt es an meinem Sternzeichen.“

„Bitte?“, fragte Roderich.

„Nun, ich bin im Zeichen der Waage geboren. Waagen sagt man ein ausgeprägtes Rechtsempfinden nach. Opa hatte es auch, aber angelernt. Schließlich war er Skorpion vom Sternzeichen“, grinste der Prinz mit einem Augenzwinkern.

„Woher weißt du eigentlich all’ diese Dinge, von denen unsereins keine Ahnung hat?“, fragte Roderich verblüfft.

„Wenn wir in Steinburg sind, lieber Vetter, dann zeige ich dir unsere königliche Hausbibliothek. Ein Anwalt hat gefälligst zu schweigen, deshalb kann ich das bei dir riskieren. Du wirst Dinge finden, die lassen dir die Augen übergehen“, versprach Ulrich

Der Vergleich wurde von Herzog Gunther zu Ulrichs Bedingungen zähneknirschend akzeptiert. Man vereinbarte einen Vergleichstermin beim Adelsgericht, bei dem der Vergleich protokolliert wurde.

„Damit Ihr klarseht, Hoheit: Ich schließe diesen Vergleich auf diese Weise nur, weil ich damit erreiche, was ich will und ich Euch nicht um den Titel bringen will. Dass ich dabei noch mehr Vorleistung erbringe, ist mir nicht eben recht. Ihr habt mich schon einmal im Stich gelassen“, kommentierte Ulrich den Vergleich. Gunther schnappte nach Luft.

„Wie bitte? Aber … oh, jetzt wird mir Euer abgekartetes Spiel erst bewusst! Ich erkenne den Vergleich nicht an!“, rief der Herzog. Roderich lächelte ihn freundlich an und wedelte mit dem Dokument.

„Erkennt Ihr das Siegel hier? Es stammt von Eurer eigenen Hand, Hoheit! Mit Bestätigung der Echtheit durch den Gerichtsnotar. Pech für Euch!“, grinste er.

„Der Vergleich wurde unter falschen Voraussetzungen geschlossen! Ich habe geglaubt, Ihr hättet Klage gegen mich geführt!“, japste der Herzog zu Roderich.

„Das habe ich, Hoheit, das habe ich“, entgegnete Roderich kühl. „Der Inhalt Eures Vergleichsangebotes zeigt aber sehr, sehr deutlich, dass Euch wohl bewusst war, dass hinter der Klage sowohl meine als auch die Interessen des Prinzregenten von Wengland standen“, setzte er kalt hinzu. Ulrich sah Roderich von der Seite an und wurde sich klar, dass es für einen rechtlich nicht Kundigen nichts Schlimmeres gab, als von einem Advokaten schlichtweg über den Tisch gezogen zu werden. Roderich hatte seine ganze Raffinesse als erfahrener Richter und Advokat eingesetzt.

„Passen tut mir der Vergleich jetzt jedenfalls nicht mehr“, raunzte der Herzog.

„Nun, Ihr habt gehört, dass er Prinz Ulrich auch nicht ganz schmecken mag. Aber da er euch beiden nicht gefällt, ist er perfekt. Ein Vergleich ist nur dann wirklich gut, wenn beide Seiten gleichmäßig unzufrieden sind.“

AAA

Kapitel 22

Gegenangriff

 

Nachdem der Vergleich rechtskräftig abgeschlossen war, machte Ulrich sich daran, eine ausreichend starke Truppe zusammenzustellen. damit er den Rabenpass freikämpfen konnte. Schon nach drei Wochen hatte er gut tausend Mann gesammelt. Ihm kam dabei zugute, dass es sich unter anderen um die fünfhundert bereits vollausgebildeten Löwensteiner handelte, die die neuen, noch unvorbereiteten Männer rasch in die Kunst des Kriegswesens einweihen konnten.

Mitte Mai begab sich Herzog Gunther nach Schloss Löwen-stein, um das Vorgehen mit Prinz Ulrich zu besprechen.

„Wie werdet Ihr es anfangen?“, fragte er. Ulrich nahm eine kunstvoll gemalte Karte der Rebmark zu Hilfe, die auch die angrenzenden Provinzen Steingau, Oberalvedra, Liliental, Falkenstein, Skarpenborn und Altenberg sowie Rossensee und die nördlichen Grenzbereiche der wenglischen Grafschaften Steinburg und Wachtelberg zeigte.

„Seht – hier ist der Rabenpass, unterhalb verläuft die Landstraße zwischen Skarpingen und der Altenberger Pforte über Turot. Hier ist die Landstraße am Alvedra entlang, hier könnt Ihr den Turotsee sehen, dies ist die Rebmark mit der Grafschaft Löwenstein. Erkannt?“, demonstrierte Ulrich die Karte. Gunther nickte.

„Und?“, fragte er uninteressiert.

„Ich werde mit meinen tausend Leuten durch die Höhle am Turotsee gehen und die Wilzaren am Pass von hinten her angreifen. Wir werden, von heute an gerechnet, in vier Tagen an der Wegscheide unten am Pass sein. Und Ihr, Hoheit, werdet mit den am Rabenpass stehenden Soldaten die Wilzaren so beschäftigen, dass wir sie in die Zange nehmen können. Damit hätten wir den Pass frei – Ihr könnt die Rebmark verlassen. Wir werden zunächst das Falkensteiner Dreieck säubern. Dort haben die Wilzaren die schlechteste Möglichkeit, ihre bedrohten Truppen zu verstärken. Vom Falkensteiner Dreieck arbeiten wir uns nach Osten vor. Wenn wir entschlossen zuschlagen, werden die Wilzaren in Verwirrung geraten und sich wenigstens bis an die Alvedrainsel zurückziehen. Auf dem Weg nehmen wir jeden, der fähig und willens ist, eine Waffe für Euch zu führen, in das Heer auf, ersetzen damit unsere Verluste und verstärken das Heer. Sobald wir Wengland erreichen, werde ich das mit Wengländern ebenso tun. Wenn wir es fertig bringen, die Wilzaren auf dem alten Schlachtfeld am Alvedra entscheidend zu schlagen, nehmen sie Reißaus. Sie sind sehr abergläubisch“, erklärte Ulrich seinen Plan. Gunther hatte – nun aufmerksamer – zugehört.

„Ihr seid ein Fantast, Prinz Ulrich“, sagte er dann geringschätzig. „Die Höhle am Turotsee hat keinen Zugang zur Rebmark!“, versetzte er spöttisch. Die anwesenden Heerführer lachten. Ulrich lächelte aber nur nachsichtig.

„Ratet mal, wie ich hierhergekommen bin! Geflogen bin ich gewiss nicht“, sagte er, ebenso spöttisch. Gunther und seine Leute schwiegen betroffen. Sie alle hatten sich nie die Frage gestellt, wie Prinz Ulrich eigentlich in die Rebmark gekommen war. Gunther riskierte den Angriff nach vorn, um der unliebsamen Pflicht nicht nachkommen zu müssen:

„Vielleicht wart Ihr gar nicht in wilzarischer Gefangenschaft, sondern habt Euch feige abgesetzt?“, stellte er eine Behauptung auf.

Ulrichs Blick verfinsterte sich.

„Diese Unverschämtheit, Hoheit, nehmt Ihr entweder auf der Stelle zurück, oder Ihr gebt mir Genugtuung für Eure ungeheuerliche Unterstellung!“, grollte er.

„Was ist daran unverschämt? Ihr unterstellt mir doch auch, ich hätte nicht den Versuch gemacht, meinem Vasallen zu helfen“, grinste der Herzog. An Ulrichs Gesichtsausdruck änderte sich nicht viel, nur, dass die sonst so warmen, braunen Augen dunkler wurden – ein deutliches Warnzeichen für jeden, der es kannte; aber Gunther kannte es nicht.

„Herzog Gunther, wählt Eure Worte jetzt mit Bedacht: Roderich von Löwenstein hat Euch dieses Verbrechens angeklagt, er hat Beweise vorgelegt, die Ihr bisher nicht entkräftet habt. Im Gegenteil, Ihr habt vergleichsweise angeboten, mir bei der Rückeroberung Wenglands behilflich zu sein. Für Eure niederträchtige Behauptung habt Ihr nicht den Hauch eines Beweises, aber abgesehen davon ziehe ich auch gern mein Wams aus, um Euch die Spuren wilzarischer Gefangenschaft zu zeigen. Dennoch zöge ich es vor, dass Ihr Eure unwahre Behauptung zurücknehmt, bevor ich Euch mit dem Schwert dazu zwinge!“

„Ich ziehe Euch mit Vergnügen das Hemd mit dem Schwert aus!“, versetzte Gunther. Sein Sohn Mathias fiel ihm in den Arm.

„Halt, Vater! Ihr könnt das nicht beweisen, was Ihr da behauptet. Widerruft, bitte“, bat der Markgraf. Gunther schwieg verbissen.

„Bitte, Prinz Ulrich, mein Vater hat es nicht so gemeint. Zürnt ihm nicht“, versuchte Mathias die Situation zu retten.

„Diesmal, Markgraf Mathias, ist Euer Vater einen Schritt zu weit gegangen. Ich möchte von ihm ganz persönlich hören, dass er diesen Vorwurf zurücknimmt – oder ihn ganz persönlich für diese Frechheit zur Verantwortung ziehen“, wehrte Ulrich den Vermittlungsversuch ab. Gunther schwieg weiter. Adeline, die am Kamin saß und bisher schweigend gestickt hatte, sah die Beratungsrunde an.

„Die Herren mögen verzeihen, dass ich mich dazu äußere, aber mein Onkel hat es mit der Wahrheit noch nie ganz genau genommen, liebster Ulrich. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass er mir sagte, du und Dietrich wären mit allen Falkensteinern gefallen, obwohl du immer noch lebst?“, lächelte die Gräfin süß. Gunthers Grinsen gefror langsam.

„Also?“, fragte Ulrich scharf. Er zog sein Schwert leicht aus der Scheide. „Es ist zwar nicht Wenglands Königsschwert, aber durchaus geeignet, Euch von Eurem Schandmaul zu befreien, Herzog Gunther.“

„Das hat mir noch keiner geboten!“, fauchte Gunther, sprang auf und zog blank. Ulrich hatte sein Schwert ebenso schnell aus der Scheide und parierte den Schlag des Herzogs.

„Na gut, wie Ihr wollt. Wir sollten nur in den Hof gehen, damit wir die kostbare Einrichtung Eurer Nichte nicht beschädigen“, schlug Ulrich vor, während er den Herzog lauernd anvisierte.

„Nein, wir erledigen das hier!“, rief Gunther und schlug erneut zu.

„Bitte“, zuckte Ulrich mit den Schultern, als er den Hieb elegant abwehrte. Er griff Gunther nun ohne Nachsicht an, focht sich mit ihm rund um den Tisch. Gunther ging nur rückwärts, hakte plötzlich hinter eine Welle im Teppich und stürzte. Ulrich stieß das Schwert fort, das dem Herzog entfallen war und setzte ihm die Klinge an den Hals.

„Und jetzt widerruft Ihr, sonst braucht Scharfenburg einen neuen Herzog!“, sagte er leise, aber so eisig, dass Gunther zu frösteln begann, obwohl er mitten im warmen Sonnenschein lag, der durch die hohen Bleiglasfenster in den Rittersaal fiel. Die braunen Augen des Prinzen waren fast schwarz vor Zorn und von bitterer Kälte. Zögernd nickte der Herzog, weil er die Entschlossenheit seines Gegners deutlicher in dessen Augen lesen konnte, als in einem aufgeschlagenen Buch.

„Sagt es laut und deutlich!“, knurrte Ulrich.

„Ja, ich nehme es zurück“, presste Gunther hervor, ängstlich auf die Schwertspitze peilend, die nur um Haaresbreite von seiner Kehle entfernt war.

„Gut“, sagte der Prinz und zog das Schwert zurück. „Aber lasst Euch gewarnt sein: Behauptet Ihr das je wieder, erschlage ich Euch ohne weitere Warnung!“, drohte er dann und schob sein Schwert in die Scheide zurück. Gunther rappelte sich mühsam auf, klopfte sich imaginären Staub von der reichen Kleidung. Arnold hatte so blitzsauber ausgefegt, dass nicht das kleinste Stäubchen auf dem Boden sein konnte. Gunther kehrte auf seinen Platz zurück und die Versammlung akzeptierte Prinz Ulrichs Plan gegen die Wilzaren.

Das Kaminfeuer beleuchtete das bequeme Bett, in dem sich Adeline dicht an Ulrich schmiegte.

„Heute Nachmittag hatte ich die Befürchtung, du wolltest den Herzog erschlagen“, sagte sie leise.

„Wenn er nicht widerrufen hätte, hätte ich das getan“, erwiderte Ulrich leise.

„Bestimmt?“

„Ja“

„Er ist mein Onkel“, erinnerte Adeline.

„Er wäre ein Lügner gewesen. Gewünscht habe ich mir das ohnehin, weil er Dietrich, seinen treuen Vasallen, so hinterlistig versetzt hat.“

„Ich glaube, er hasst dich“, seufzte die Gräfin. Ihre schmale Hand ging auf eine liebevolle Wanderschaft.

„Das weiß ich schon seit dem Tag, an dem ich ihn das erste Mal um Hilfe gebeten habe. Seit September 1260 ist mir das schon klar.“

„Und trotzdem willst du ausgerechnet von meinem Onkel Hilfe?“

„Aus zweierlei Gründen. Erstens habe ich keine andere Wahl. Gunther ist der Einzige, der mir wirklich die Unterstützung geben kann, die ich brauche. Zweitens möchte ich ihm für das, was er Dietrich, Mathilde, den Grafschaften Falkenstein und Oberalvedra und mir angetan hat, als er uns im Stich ließ, gepflegt in den Hintern treten“, erwiderte der Prinz leise. Er vergrub die Nase tief in Adelines offenem Haar.

„Ich liebe dich“, flüsterte er zärtlich hinein.

„Wann wirst du gehen?“, fragte sie mit einem Zittern in der Stimme.

„Morgen früh bei Sonnenaufgang“, erwiderte er sanft und streichelte sie beruhigend.

„Bist du sicher, dass du mich liebst.“

„Ja, absolut.“

„Warum verlässt du mich dann?“

„Ich verlasse dich nicht, Liebste. Ich gehe nur für ein Weilchen fort, um dir ein ganzes Königreich zu schenken. Ich muss es nur erst haben.“

„Ich will kein ganzes Königreich. Du genügst mir vollkommen.“

Ulrich lächelte sie liebevoll an.

„Mich, mein Herz, gibt es nur mit Wengland. Ich habe als Prinzregent geschworen, nichts unversucht zu lassen, mein Volk von der Unterdrückung durch die Wilzaren zu befreien. Meine Versprechen pflege ich zu halten – ob sie dir gelten oder meinem Volk, das auf mich hofft. Du wirst mich nie ganz allein für dich haben. Wenglands Volk hat auch gewisse Rechte auf mich“, erklärte er sanftmütig.

„Bitte, halt mich fest. Lass mich heute Nacht nicht los. Ich habe Angst“, bat sie zitternd.

„Wovor fürchtest du dich?“ fragte er. Seine Stimme klang warm und zärtlich.

„Davor, dass du nicht wiederkommst; davor, dass ich ein Kind vielleicht ohne dich zur Welt bringe. Du bist noch nicht lange in meinem Leben, aber ich könnte nicht mehr ohne dich sein.“

Ulrich umarmte seine Frau und zog sie ganz nah an sich. Sie zitterte am ganzen Leib. Fürsorglich deckte er sie gut zu.

„Adeline, du bist meine Frau. Sollte mir etwas zustoßen und solltest du tatsächlich ein Kind von mir zur Welt bringen, wird es Wenglands Thron erben“, sagte er.

„Verdammt noch mal – es ist mir völlig egal, ob unser Kind irgendetwas erben kann, wenn du nicht mehr bei mir bist!“, versetzte sie bissig. Sie fuhr heftig auf. „Und außerdem …“

Ulrich zog sie wieder vorsichtig in die Fellkissen zurück.

„… und außerdem hast du scheußliche Angst, ich könnte mich mit Adana amüsieren, wenn du nicht in der Nähe bist, um auf mich aufzupassen“, mutmaßte der Prinz. Adeline wurde rot, fühlte sich ertappt. Aber sie kuschelte sich fest an Ulrichs warmen, muskulösen Körper. Sie hatte tatsächlich genau das befürchtet.

„Ich denke, ich kann dich beruhigen“, sagte er leise. „Zum einen könnte es sein, dass die junge Dame gar nicht mehr lebt, zum anderen bin ich inzwischen verheiratet. Als ich mich mit ihr eingelassen habe, war ich es nicht. Bitte, vergiss das nicht.“

„Du könntest wieder in Gefangenschaft …“

Adeline brach unter Tränen ab.

„Nein, ein zweites Mal sicher nicht. Diesmal würde ich es lieber wie Dietrich machen und mich in die nächste Lanze stürzen. Davon abgesehen – jetzt weiß Ranador sicher, wen er eigentlich seinem Harem zur Verfügung gestellt hat. Ich hätte keinerlei Überlebenschancen als Gefangener mehr“, flüsterte er vertraulich.

„Wenn du meinst, dass mich das beruhigt, irrst du dich“, schluchzte sie. Er trocknete ihr vorsichtig die Tränen.

„Adeline – willst du jedes Mal so einen Aufstand machen, wenn ich für einige Zeit fortmuss? Du hast einen künftigen König geheiratet, zudem einen, der das mitmacht, was er von seinen Untertanen verlangt. Kein König Wenglands hat sich je hinter seinen Vasallen versteckt, sondern sein Heer stets selbst angeführt. Ich werde mit dieser Tradition nicht brechen.“

„Ich vermisse dich nur so.“

„Glaub’ mir: Mir wird’s nicht anders gehen. Ich möchte auch nicht mehr ohne dich sein. Wenn ich wieder da bin, siehst du das alles anders.“

Wenn du wiederkommst!“

„Solche Zweifel sind im Augenblick nicht angebracht“, widersprach Ulrich.

„Ich hätte sie nicht, wenn du mit Dietrich fortziehen würdest. Aber du gehst mit meinem Onkel.“

„Du traust ihm nicht?“

„Nein. Er hasst dich und wird bestimmt nichts unversucht lassen, um dir zu schaden, Uli“, warnte Adeline weinend.

„Ich traue ihm auch nicht, Liebste. Das ist die beste Absicherung, die ich haben kann“, erwiderte Ulrich und küsste sie lange und genüsslich. Ganz langsam löste sich Adelines nagende Angst.

„Bitte, lieb mich“, flüsterte Adeline sanft, aber atemlos, als sie sich kurz aus dem Kuss löste. Ulrich nickte nur und fuhr im Kuss fort.

Im Morgengrauen des folgenden Tages zog Ulrich mit seinen tausend Mannen in Richtung Höhle ab. Er hatte Adeline verlassen, als sie noch schlief. Er hatte nur eine kleine Notiz zurückgelassen, in der er ihr sagte, dass er sie liebte und dass er bald zurück sein wollte. Ihre Tränen hätte der Prinz nicht ertragen – und er wusste, sie würde weinen, wenn sie aufwachte. Gleichzeitig fragte er sich, ob ein schriftlicher Abschied nicht recht herzlos war. Sein Blick ging zum Himmel, an dem im Morgenrot nur ein paar rosa Wölkchen zogen.

Herr im Himmel, vergib mir, dass ich so grob zu ihr war. Ich liebe sie mehr als mein Leben, aber Tränen hätten mir den Abschied schwerer gemacht, als nötig. Bitte, Herr, tröste meine Frau‘, sandte er ein Stoßgebet zum Himmel.

Der Heerbann erreichte bald den Höhleneingang. Von nun an ging es langsamer voran, weil die Reiter ihre Pferde einzeln hintereinander am Zügel führen mussten. Eine schier unendlich lange Schlange mit tausend Fackeln bewegte sich durch die sonst so verschwiegene Höhle. Die Vorderseite der Turothöhle wurde erst nach Einbruch der Dunkelheit erreicht. Ulrich ließ seine Soldaten vor der Höhle lagern. In der Frühe des folgenden Tages zog das kleine Heer weiter. Pünktlich, wie Ulrich versprochen hatte, traf es am dritten Tag nach dem Aufbruch an der Wegscheide des Rabenpasses ein.

„Gebe Gott, dass Herzog Gunther diesmal zur Stelle ist“, murmelte Ulrich und befahl den Angriff. Die untersten Passwachen der Wilzaren wurden glatt überrannt. Zur Gegenwehr waren sie viel zu überrascht. Die Löwensteiner kamen gut voran. Tatsächlich hatte Gunther diesmal Wort gehalten. Seine Truppen beschäftigten die Wilzaren am Pass, so dass Ulrichs Leute sie im Rücken zu fassen bekamen. Prinz Ulrich ließ seiner in vier Jahren aufgestauten Wut freien Lauf. Wo er war, fielen die Wilzaren reihenweise. Gegen Mittag gaben die letzten Wilzaren auf. Oben auf der Passhöhe zwangen die Löwensteiner ungefähr fünfzig Gefangene vor Gunther und Ulrich auf die Knie.

„Sofort hinrichten!“, befahl der Herzog.

Ulrich hatte plötzlich eine Erinnerung an den Tag, als er selbst als Gefangener von einigen tausend Wilzaren umzingelt war. Und er erinnerte sich an das Gesicht des Befehlshabers Siram, der den tötungslustigen Männern Einhalt geboten hatte.

„Wartet!“, sagte er kopfschüttelnd. „Tut das nicht, Hoheit“, widersprach er. Gunther sah den Prinzen entgeistert an.

„Und warum nicht?“

„Sie haben sich ergeben, Herzog Gunther. Es ist nicht christliche Art, Männer zu töten, die tapfer gekämpft haben, aber ihre aussichtslose Lage erkannt haben und deshalb die Waffen niedergelegt haben.“

„Es sind Wilzaren, Ulrich“, erinnerte Gunther. „Denkt daran, was sie mir Euch und Euren Gefährten gemacht haben.“

„Eben daran dachte ich“, versetzte Ulrich lächelnd. „Wäre es nach den Soldaten gegangen, wären wir alle getötet worden. Ich habe es der Großmut Fürst Sirams zu verdanken, überhaupt die Schlacht überlebt zu haben – wenn auch für einen bestimmten Zweck, aber das sei dahingestellt. Wir sollten nicht Gleiches mit Gleichem vergelten – das ist eine viel bessere Rache, Herzog. Das war schon Kaiser Marcus Aurelius von Rom klar“, erklärte er.

„Ein Heide!“, stieß der Herzog verächtlich hervor.

„Nichtsdestoweniger ein kluger Politiker“, entgegnete Ulrich. „Ich bitte Euch um das Leben der Gefangenen.“

„Was habt Ihr mit ihnen vor?“

„Zum einen können sie uns vielleicht ein paar Fragen beantworten, zum anderen dürfen wir irgendwann christliche Großmut beweisen. Überlasst sie mir.“

„Nun gut, es sei.“

Gunther winkte einigen Wächtern, die die Gefangenen in einen eilig zurechtgezimmerten Pferch am Fuß des Rabenkofels brachten und gut bewachten. Ulrich ließ sie sich dann einzeln vorführen. Fragen nach Person, Rang und Stand eröffneten jedes Einzelgespräch. Es folgten Fragen über die Stärke des wilzarischen Heeres und die verteidigten Punkte. Seine genaue Kenntnis der wilzarischen Sprache kam dem Prinzen dabei zugute. Er fragte die Vorgeführten und diktierte das, was er gehört hatte, dem Schreiber ins Wenglische übersetzt. In geduldigem Fragen fand Ulrich heraus, dass kaum zehntausend Mann in Scharfenburg waren, weitere zehntausend in Wengland – und dass sie nicht mehr hatten gewarnt werden können, weil der Rabenpass zu schnell abgeschnitten worden war. Einer der Gefangenen, die Ulrich vorgeführt wurden, war ganz offensichtlich kein gewöhnlicher Soldat, der hier seinen Dienst tat, sondern jemand, der hier eigentlich nichts zu suchen hatte: ein Zitadellenwächter! Ulrich runzelte die Stirn.

„Ihr seid ein bedeutender Vertreter König Ranadors, wie mir scheint“, sagte er. Dem Wilzaren klappten vor Schreck die Kinnladen herunter. Der Scharfenburger sprach fließend wilzarisch!

„Ihr sprecht wilzarisch?“, fragte der Gefangene erschrocken.

„Ich habe sechs Monate in wilzarischer Gefangenschaft geschmachtet und hatte das zweifelhafte Vergnügen, meine Sprachkenntnisse zu vervollständigen“, gab Ulrich düster zurück. „Ihr tragt die Rüstung eines Zitadellenwächters. Was habt Ihr hier zu suchen, wenn Zitadellenwächter Wilzarien nicht verlassen dürfen?“

„König Ranador hat einige von uns nach Wengland und Scharfenburg gesandt, um auf die Loyalität der königlichen Truppen zu achten“, gab der Mann Auskunft.

„Gibt es daran denn Zweifel? Wilzariens Soldaten stehen doch treu zu ihrem Herrn?“, hakte Ulrich nach.

„Diese Zweifel gibt es, seit der König Verrat im eigenen Hause entdeckt hat“, erwiderte der Zitadellenwächter.

„Erzählt mir mehr darüber.“

„Das darf ich nicht.“

Ulrich winkte einem Posten.

„Aswin, bring’ Wein für den Herrn Zitadellenwächter. Er wird gewiss Durst haben nach der harten Schlacht“, wies Ulrich den Posten freundlich an, der augenblicklich den verlangten Wein servierte.

„Trinkt ruhig“, empfahl der Prinz und schenkte dem Gefangenen ein, der auch durstig trank, nachdem Ulrich selbst einen Schluck von dem Wein aus seinem eigenen Becher getrunken hatte.

„Und was war das nun mit der mangelnden Loyalität im Königshaus?“, fragte Ulrich dann nach einer Weile. Der Gefangene hatte schon einen Glimmer und hatte seine Zunge nicht mehr ganz unter Kontrolle.

„Is’ doch klar: Seine Tochter, die Adana, die … die hat sich nämlich in ‘nen Haussklaven verschossen. Hat ‘ne Weile gedauert, bbbisss ich das aus ihr … hick … ‘raus hadde“, lallte er. „Awwer Hador wwwidersteht so leicht kkkeier. Hab’ ‘se gganz schön … hick! … pie… piesacken müssen, die Klleene, auch ihr Ss… söhnchen, aber dd… dann hat ‘se wie ‘ne Nachtigall gezwitschert, das könnt Ihr mm… ir ruhig gg… lauben.“

„Was ist mit ihr geschehen?“, fragte Ulrich mit erzwungener Ruhe.

„Was schon? Hin is’ ‘se … hick!“, brummelte der Zitadellenwächter. „‘Se war nich’ von’ner Statur wie’n Mann, der hätt’ das abgekonnt. Awwr ‘se war’n Mädchen. Nee, die überleb’n so was nich’.“

„Oh, mein Gott!“, entfuhr es Ulrich. „Hat sie gesagt, wer dieser Haussklave war?“, fragte er dann.

„Kkllar. Nnnachddemm ich nnachggeholfennn hab’… hick! … hat ‘se ihr’m Pappa erzählt, dass ihr Liebhaber Wwwengllands Kkronnpprinz war. Mann, is’ der Alte … hick! … sauer gewor’n! Wisst ‘er, ‘ne Prinzessin kann sich jeden schnapp’n, dd… den ‘se will, bloß nich’n Sklaven; … hups! … weil, der gilt als unwwürdig, so ‘ne Art Unrat. Nee, des darf ‘se nich’.“

„Mit diesem Unrat, du Wurm, redest du gerade!“, zischte Ulrich und packte den Betrunkenen beim Wams, der ihn aber nur mit glasigen Augen ansah.

„Hmm? Is’ was … hick! … ?“

Zornig winkte Ulrich dem Wächter. Er wusste genug, und der Gefangene war viel zu betrunken, um ihm entscheidende Informationen zu geben – meinte Ulrich.

„Wa’tet mmall ‘n Moment. Wwwird Euer Gnnaden b’stimmt in’ressier’n: Wenn der Siram das ‘rausbekommt, das mit sseinner Fffrau, dann is’ er nich’ mehr dem Könnig dreu, der springt ab, d… das g… garrantttier’ ich Euch!“, lallte der Gefangene, als der Wächter ihn hinausbeförderte. Ulrich ließ sich nichts anmerken, aber diese Information war wertvoller, als alles andere, was er bislang erfahren hatte. Doch die Trauer um seine tote Geliebte war zu groß, um sie wirklich verbergen zu können. Als er allein war, überkamen ihn bittere Tränen. Ein Wächter bemerkte es und trat ein.

„Was habt Ihr, Herr? Ist Euch nicht wohl?“, fragte er teilnahmsvoll.

„Nein, ich bin nur müde und traurig“, erwiderte Ulrich mühsam.

„Hat Euch der Gefangene verärgert, Herr? Sollen wir ihm die verdiente Strafe geben?“

Ulrich schüttelte den Kopf.

„Nein, lasst nur. Er hat die Strafe vielleicht nicht verdient. Eher der, der ihm den Befehl gab, eine junge Frau zu foltern, deren einziges Verbrechen ihre Liebe zu einem Gefangenen war, und die nicht mehr getan hat, als ihr Recht als wilzarische Prinzessin wahrzunehmen. Der Mann hätte sich dem Befehl nur unter Verlust seines eigenen Lebens widersetzen können. Er wäre einen grausamen Tod voller Qualen gestorben“, sagte er langsam. „Arme, kleine Adana“, seufzte er wilzarisch. „Ja“, sagte er dann, „bring’ den nächsten.“

Den ganzen Tag und die halbe Nacht verhörte der Prinz die Gefangenen und konnte sich bald ein Bild von dem machen, wie die Situation in Scharfenburg und Wengland war.

Am Morgen berichtete er Herzog Gunther recht übernächtigt von den Verhören. Auf der Karte markierte er mit einem Bleistift die Positionen, auf denen Wilzaren standen.

„Und das glaubt Ihr?“, fragte Gunther spöttisch. „Eine Frage, die mir nicht unter der Folter beantwortet wird, ist falsch beantwortet“, versetzte er giftig.

„Ich halte es für einen Trugschluss, dass durch Androhung oder Zufügung von Schmerzen die Zunge zur Wahrheit gelöst wird. Gar zu oft wird unter der Folter irgendwas gesagt, nur um die Qual zu beenden. Ob das dann die Wahrheit ist, ist eine ganz andere Sache! Was ich hier auf der Karte eingezeichnet habe, hat sich aus übereinstimmenden Aussagen von fünfzig Gefangenen ergeben. Die Aussagen waren zu unterschiedlich formuliert, als dass sie abgesprochen sein könnten. Abgesehen davon sind die Verhörten nicht zu ihren Gefährten gebracht worden, sondern in einem gesonderten Pferch untergebracht worden. Ich halte die Aussagen für wahr“, erklärte Ulrich seine Auffassung.

„Na gut, wir werden sehen“, sagte der Herzog schulterzuckend.

Die Gefangenen wurden mitgeführt, bis Stolzenfels frei war, dann wurden sie in der Burg Stolzenfels sicher verwahrt. Das Heer zog weiter auf dem von Ulrich anhand der Aussagen geplanten Weg. Die Wilzaren, von der Übernahme des Rabenpasses völlig überrascht, wichen zurück. Anfangs war es ein schrittweises Zurückgehen, dann heillose Flucht, als sich der Nimbus der Unbesiegbarkeit des wilzarischen Heeres in immer weiteren Rückzügen auflöste. Auf dem Weg, den das scharfenburgische Heer nahm, schlossen sich ihm tausende von Bauern an. Innerhalb von drei Wochen waren die Wilzaren aus Scharfenburg vertrieben, begannen auch, von der wenglisch-scharfenburgischen Grenze in Richtung Wilzarien zurückzuweichen. Nur in der Festung Dunkelfels, einer besonders stark gebauten Burg am Rand des Aventurgebirges, widerstand eine zähe Besatzung.

„Die Festung ist nicht zu knacken“, seufzte Gunther.

„Und warum nicht?“, fragte Ulrich interessiert.

„Die Mauern sind mit Sand verfüllt“, knurrte Gunther.

„Und das ist alles?“, grinste Ulrich spöttisch.

„Sandwände sind mit Widdern* nicht zu brechen“, entgegnete Gunther scharf.

„Wenn das die einzige Methode ist, die Ihr kennt, um eine Festung sturmreif zu machen, ist mir klar, warum Ihr Euch lieber in der Rebmark versteckt habt, als Eurem Volk zu helfen!“, versetzte Ulrich bissig. „Es gibt auch andere Methoden, eine Burg zu knacken; aber sei’s drum. Wenn wir die Burg unbeschädigt einnehmen wollen, brauchen wir nur tausend Mann, die aufpassen, dass keine Maus ‘rein- und ‘rauskommt – und Zeit. Wir hungern sie aus. Wilzarischer Entsatz ist hier nicht mehr möglich. Tausend Mann belagern die Feste Dunkelfels, der Rest zieht weiter“, schlug Ulrich vor.

So geschah es. Vor dem gut dreißigtausend Mann starken Heer der Scharfenburger, das wild entschlossen um jedes Dorf und jeden Hof kämpfte und sich ständig durch zulaufende Männer vergrößerte, nahmen die Wilzaren Reißaus. Auch in Wengland änderte sich hieran nicht viel, nur, dass sich hier kaum Adlige meldeten, was Ulrich schließlich sehr wunderte. Er war nahe daran, an der Loyalität seines Adels zu zweifeln. Gerade hatte sich wieder eine Gruppe Bauern gemeldet. Ein Posten brachte sie gleich zu Ulrich. Einer der Bauern erkannte den Siegelring, der Ulrich als Prinzregenten auswies und fiel vor ihm unter Freudentränen auf die Knie.

„Gott ist uns gnädig! Hoheit, Ihr lebt!“, schluchzte er und küsste ehrfürchtig den kostbaren Ring an Ulrichs Hand. Vorsichtig, aber bestimmt, entzog Ulrich dem Bauern die Hand.

„Erhebe dich. Wie ist dein Name?“

„Ich bin Eduard, der zu meiner Linken ist mein Bruder Rinald, der zu meiner Rechten ist mein Neffe Martin. Er wurde nach Eurer Hoheit großem Ahn benannt.“

Ulrichs Blick fiel auf Martin. Ein Seufzen entrang sich dem Prinzen. Wenn sein Großvater das wüsste … Dieser Martin hatte die Weisheit offenbar nicht mit Löffeln gefressen, aber er schien recht kräftig zu sein.

„Ist recht, Eduard, aber steh’ bitte auf! Ich bin doch nicht Ranador, der seine Untertanen in diese unwürdige Haltung zwingt!“, sagte der Prinz dann und half dem Bauern auf. „Was könnt Ihr?“

„Nicht viel mehr, als die Felder bestellen“, sagte Rinald.

„Das lässt sich ändern“, erwiderte Ulrich. „Wenn ihr eure Felder bestellt, seid ihr kräftig, das ist wichtig. Radebrand, mein Waffenmeister, wird euch das Handwerk eines Kriegsknechtes lehren. Aber sagt mir doch, warum sich kaum jemand von Adel bei mir meldet. Ist Wenglands Adel nicht königstreu?“

Eduard schüttelte traurig den Kopf.

„Es liegt nicht an mangelnder Treue, sondern eher an mangelndem Adel, Herr.“

„Was meinst du damit?“

„Nun, die Wilzaren haben jeden Adligen, der sich als solcher zu erkennen gab, sofort umgebracht. Ich weiß zwar, dass der Statthalter Siram in Steinburg das nicht wollte, aber ihm ist Prinz Sevur vorgesetzt worden. Seitdem war kein Adliger mehr seines Lebens sicher. Wir haben alle gefürchtet, Ihr wärt auch tot, Herr. Einige mögen vielleicht noch verschleppt worden sein“, erklärte Eduard.

„Danke“, sagte Ulrich leise. Er hatte nur eine schwache Hoffnung, noch lebende Gefangene aus dem Bergwerk in Tungur zu befreien.

 

AAA

Kapitel 23

Schlacht um Steinburg

 

So vergrößerte sich das Heer weiter, schließlich konnten Scharfenburger und Wengländer getrennt operieren. Die Wilzaren gingen weiter zurück. Dabei fürchteten sie die zornigen Bauernsoldaten Wenglands weit mehr als die größtenteils adligen Ritter Scharfenburgs. Wenn Ulrich nicht genau aufpasste, gab es keine Gefangenen, weil die, die sich ergaben, gnadenlos von ihren Bezwingern aufgespießt wurden. Wenglands Bauern nahmen furchtbare Rache an ihren Unterdrückern.

Nur in der Steinburg selbst trafen sie auf Widerstand.

„Was tun wir, Herr? Das sind Sirams und Sevurs Leute. Die sind sehr zäh“, fragte einer seiner Hauptleute Ulrich.

„Wir machen es wie mit Burg Dunkelfels. Einkreisen und erst die Umgebung erobern. Die Steinburg läuft nicht weg. Sie steht seit mehr als vierhundert Jahren an dem Fleck dort. Sie wird sich nicht in ein paar Tagen in Luft auflösen“, entgegnete der Prinz.

„Ja, Herr“, verbeugte sich der Hauptmann und ging fort. Ulrich sah die Steinburg lange an. Oben, auf dem Bergfried, flatterte die Wilzarenflagge – ein gelbes Tuch mit einem springenden schwarzen Drachen in der Mitte – im Sommerwind.

Du hast dort die längste Zeit gehangen‘, knurrte er in Gedanken. Sein Blick fiel auf das Fahnentuch in seiner Hand – oben grün, unten rot, im grünen Feld in der Oberecke* eine einzelne gelbe Lilie – die wenglische Königsflagge.

Nicht mehr lange, und du wirst diesen Turm dort zieren – hoffentlich für länger‘, dachte er.

Hätte Ulrich geahnt, wer sich zu dieser Zeit auf der Steinburg aufhielt, hätte er es gewiss eiliger gehabt, die Steinburg in seine Hand zu bekommen. Ranador hatte seit einiger Zeit die Steinburg zu seiner grausamsten Zwingburg gemacht und seinen Sohn Sevur abgelöst. Noch immer starben auf der Steinburg Gefangene unter Folterqualen. Ranador, den diese Hinrichtungen sehr anregten, hatte sogar einen Teil seines Harems nach Steinburg holen lassen. Die Steinburg, sonst geliebtes Symbol eines gütigen Königshauses, hatte einen schrecklichen Ruf bekommen. Die Menschen mieden die Burg, als sei dort der Teufel persönlich eingezogen. So wie Ranador sich dort gebärdete, war diese Ansicht auch gar nicht so weit hergeholt.

Ungefähr eine Woche, nachdem Ulrichs Heer die Steinburg eingekreist hatte, traute sich ein Wächter, dem grausamen König diesen Umstand mitzuteilen.

Abgeschnitten?“, brüllte Ranador. „Ich werde dir auch was abschneiden!“, drohte er und zog schon den Dolch.

„Wengländer haben Steinburg umzingelt, großer Ranador. Wir werden belagert“, gurgelte der Wächter aus dem Kotau.

Wengländer?“, schrie der König. „Wie kommen diese Würmer dazu, sich meiner Gewalt zu widersetzen? Das darf nicht sein! Wir haben noch immer nicht die Königsinsignien!“

„Es heißt, Prinz Ulrich führe sie an, Herr“, presste der Wächter unter dem würgenden Griff des Königs heraus.

Zitadellenwache!“, schrie Ranador wie von Sinnen. Vier Mann der rotschwarz bemäntelten Wache eilten sofort herbei und warfen sich zu Boden. „Bringt diesen Wurm in den Turm!“, presste der König voller Zorn heraus. „Straft ihn für die ungeheuerliche Nachricht, mit der er seinen König erschüttert hat.“

„Sofort, großer Ranador. Wollt Ihr der Hinrichtung beiwohnen?“

„Selbstverständlich!“, versetzte Ranador. Der unglückliche Wächter wurde in den Turm der Burg geschleppt und starb einen langsamen Tod unter den Peitschenhieben des Henkers. Ranador rutschte wieder unruhig auf seinem Platz hin und her, ließ schon nach kurzer Zeit zwei seiner Nebenfrauen in die Folterkammer holen.

Auch wenn Ranador die Nachricht von der Belagerung durch die grausame Tötung des Boten ungehört machen wollte – die Tatsache blieb, mochte er auch sämtliche Boten noch so furchtbar dafür strafen. In zwei Wochen hatten auf diese Weise wohl fünf Boten von Fürst Siram ihr Leben gelassen. Ranador wollte von Belagerung nichts wissen, schmiedete weiterhin Pläne zur Eroberung des Rabenpasses, als sei die Höhe immer noch von seinen Truppen zu besetzen. Schließlich hatte Siram, nach dem Abzug von Prinz Sevur der eigentliche Befehlshaber der Steinburg, genug. Er wollte seine besten Männer nicht mehr den immer grausameren Launen seines Königs aussetzen. So ließ er keine Boten mehr zum König, was Ranador – nun um sein Vergnügen gebracht – auch nicht dulden mochte. Er stürmte wutentbrannt in den Hof.

„Was hat das zu bedeuten? Warum erfahre ich nichts mehr?“, donnerte er Siram an. „Wer wagt es, dem König von Wilzarien die Mitteilung zu verweigern?“

Die Soldaten – mit Ausnahme Sirams – warfen sich bäuchlings zu Boden.

„In die Knie, Siram, und Treue geschworen! Küsse meine Füße, du Wurm!“, befahl Ranador geifernd.

„Nein“, sagte der Feldherr ruhig.

„Du widersetzt dich meinem Befehl, Siram?“

„Alles hat seine Grenzen. Ein wilzarischer Fürst fällt nicht vor einem verrückten Hanswurst auf die Knie – und wie ein solcher benehmt Ihr Euch im Augenblick!“, entgegnete Siram eisig. Ranador entriss einem Wächter die Lanze, schleuderte sie auf den Feldherrn, der aber rechtzeitig seinen Schild hob, an dem die Lanze abprallte und wirkungslos zu Boden fiel. Die Kotau machenden Soldaten verkrampften sich noch mehr. Würde Ranador in dieser Auseinandersetzung Sieger bleiben, drohte ihnen allen ein schlimmer Tod.

„Ich habe Euch Boten gesandt, um Euch auf die Lage aufmerksam zu machen. Ich habe ihre Todesschreie aus dem Turm durchaus gehört. Wenn Ihr die Wahrheit in Blut und Qualen meiner Männer erstickt, muss ich annehmen, dass sie Euch nicht interessiert und teile sie Euch nicht mehr mit. Aber da Ihr den Kerker endlich verlassen habt, wo Ihr Euch bisher ergötzt habt, kommt auf die Mauer und seht selbst, dass ein großes Wengländerheer vor der Steinburg steht. Prinz Ulrich hat schon angeklopft und hundert meiner Männer erschlagen. Ich sage Euch nichts Neues, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass wir ganze zweihundert Mannen zur Verteidigung dieser Burg haben!“, erklärte der Fürst ruhig. Ranador, wie gelähmt von der Impertinenz seines Feldherrn, bewegte sich nicht. Siram packte seinen Schwiegervater kurzerhand am Gewand und schleppte ihn zur Burgmauer.

„Da unten stehen sie. Dort, mein König, an dem Zelt dort, hängt der Schild des eigentlichen Burgherrn. Dort ist Prinz Ulrich von Wengland. Es dauert nicht mehr lange, dann wird er diese Burg erobert haben“, sagte Siram.

„Nur über deine Leiche, Siram!“, knurrte Ranador.

„Vielleicht komme ich billiger weg, wenn ich Euch wie ein Paket verschnürt an Ulrich ausliefere; so wie er vor Euch gelegen hat“, grunzte Siram.

„Du hast es also auch gewusst, du Wurm!“

„Sicher. Aber ich bin ein Wilzare und werde diese Burg bis zum letzten Blutstropfen verteidigen – auch wenn Ihr dieses Opfer nicht wert seid. Doch nur, wenn Ihr jetzt Euer Lustgewand mit der Rüstung vertauscht und hier herauskommt, um diese Burg mit zu verteidigen!“, fuhr Siram den König zornig an.

Nach der Einkreisung der Burg hatte Ulrich das leere Kloster schnell als schwächsten Punkt der Befestigungsanlagen ausgemacht. In der Nacht schlich er mit Arnold in das verlassene Kloster und eilte in der mondhellen Nacht zielstrebig um den Kreuzgang zu einer Mauernische. Arnold wollte seinen Herrn gerade darauf aufmerksam machen, dass die Nische ins Nichts führe, als sich die Rückwand des Spaltes wie von Geisterhand zu bewegen begann. Ulrich konnte seinen Diener gerade noch an einem erschrockenen Schrei hindern, der sie verraten hätte. In dem dunklen Gang fand sich ein Mauerdepot mit Zunder, Feuerstein und einer Pechfackel. Ulrich schlug leise Feuer, die Fackel flammte auf und zeigte dem verblüfften Arnold einen langen Gang, der recht muffig roch. Offenbar hatte diesen Gang seit Jahren niemand mehr betreten. Dass der Prinz dennoch leise schlich, ließ Arnold vermuten, dass jemand neben der Mauer Schritte hören konnte.

„Herr, was ist das?“

„Einer der vielen Geheimgänge dieser Burg. Sie haben ihn nicht entdeckt. Komm, wir sehen nach, ob wir das Tor aufbekommen.“

„Wäre es nicht besser, das Heer durch den Gang zu bringen?“

„Ungern. Erstens wäre es dann kein Geheimgang mehr und zweitens ist der Ausgang zu schmal. Die Wilzaren könnten uns Mann für Mann niedermachen. Daran liegt mir nichts“, erwiderte Ulrich flüsternd.

Sie gingen den Gang weiter, erreichten den Weinkeller. Mit der gleichen Mechanik wie an der Klostertür öffnete Ulrich die Tür zum Weinkeller. Ein Wilzare, der mehr zufällig im Weinkeller war, kam nicht mehr dazu, Alarm zu geben. Arnolds Dolch fuhr ihm durch die Kehle. Prinz und Diener schlichen weiter, erreichten einen Ausgang zum Hof. Ulrich bekam Arnold gerade noch zu fassen und zog ihn in den Schatten zurück, als ein Wächter über den Hof ging.

„Blöder Vollmond“, knurrte Ulrich. Der Burghof war so groß, dass man ihn nicht ungesehen durchqueren konnte. Der kürzere Weg rechts herum war voll im Mondlicht gelegen, also unbenutzbar. Der längere, links herum führende Weg um den Hof, barg die Gefahr, entdeckt zu werden, weil er an vielen Zugängen vorbeiführte.

„Wir müssen drüben ans Tor“, flüsterte Ulrich.

„Ich gehe“, bot Arnold an. Er sah Ulrichs zweifelnden Blick. „Ich will es für Euch tun, Herr.“

„Ich überlasse solche Aufgaben nicht gern anderen“, wandte der Prinz ein.

„Vertraut mir, Herr.“

„Es ist kein mangelndes Vertrauen, Arnold, eher Sorge um dich. Aber wenn du unbedingt willst …“

Ulrich machte eine einladende Handbewegung.

„Ich decke dich mit dem Bogen“, versprach er dann. Arnold nickte und schlich davon. Sein Herr hielt sich dicht an der Mauer, verschmolz mit dem Schatten. Arnold eilte um den Hof, erreichte unangefochten das Tor und hob den schweren Balken aus den Lagern. Das Tor schwang auf – und augenblicklich strömten die Wengländer hinein. Arnold konnte gerade noch zur Seite springen, um von dem Strom nicht umgerissen zu werden. Der Diener arbeitete sich wieder zu seinem Herrn.

„Wir werden die Burg erobern, Herr“, jubelte er.

„Mir fehlt noch etwas. Komm noch mal mit in den Gang.“

Eilig kehrten sie in den Geheimgang zurück, wo Ulrich in einer kleinen Kapelle, die etwa in der Mitte zwischen dem Kloster und dem Weinkeller lag, eine Deckenkassette anhob. Oben in der Kassette lag ein unscheinbares Schwert, schmaler und länger als die üblichen Klingen. Ulrich nahm es heraus und zog es aus der Scheide. Der Raum leuchtete im grünlichen Licht, das das Schwert ausstrahlte.

„Damit schmeißen wir sie hier ‘raus!“, grinste der Prinz. Er sah in Arnolds schreckstarres Gesicht. Voller Angst bekreuzigte sich der Mann.

„He, Arnold – das ist nur Wenglands Königsschwert – nicht der Leibhaftige!“, lachte Ulrich auf. „Los, komm!“

Sie stürmten wieder durch den Gang auf den Hof, wo inzwischen ein wilder Kampf zwischen den überraschten Wilzaren und den wütenden Wengländern tobte. Ulrich suchte sich gleich den ersten Gegner, der vor dem Leuchtschwert erschrocken zurückzuckte. Die Wilzaren unten im Hof waren eine allzu leichte Beute der Angreifer geworden. Die Wengländer, Ulrich an der Spitze, stürmten die Aufgänge zu den Wehrgängen hinauf, alles vor sich niederhauend. Ein großer Teil der Nebengebäude war schon freigekämpft, als Ulrich im oberen Hof auf Fürst Siram traf.

„Unser letztes Treffen ist ein Weilchen her, Wengländer“, sagte Siram und hob den Schild. Ulrich ließ das Schwert für einen Moment sinken.

„Siram – dein König ist dein Opfer nicht wert. Ergib dich mit deinen Männern.“

„Ein Wilzare ergibt sich nicht, Wengländer. Das ist feige“, widersprach Siram.

„Na gut, aber diesmal strecke ich nicht die Waffen“, warnte der Prinz.

„Dann wirst du sterben, Wengländer.“

„Vielleicht – aber dann auf dem Erbe meiner Väter“, gab Ulrich zurück, nahm den Schild hoch und sprang Siram an. Der Feldherr antwortete mit einer klugen Parade. Der harte Kampf zog sich hin, dem schließlich fast alle in der Nähe stehenden Kämpfer nur noch zusahen. Ulrich hatte zwar schon einige Stunden Kampf hinter sich, aber die Tatsache, dass es um die Steinburg, um sein Zuhause ging, wirkte mindestens so stimulierend wie ein Becher wilzarischen Zaubertrankes. Siram widerstand dem Prinzen noch eine Weile, dann durchbrach Ulrich dessen Deckung und schlug ihm so tiefe Wunden, dass Siram kampfunfähig zu Boden ging. Nur knapp konnte er den Fürsten daran hindern, sich in das eigene Schwert zu stürzen.

„Töte mich!“, presste Siram heraus. Ulrich schüttelte den Kopf.

„Vielleicht wirst du noch gebraucht, Siram“, sagte er und suchte sich den nächsten Gegner.

Aber Sirams Ausfall wirkte wie ein Signal. Nach und nach ergaben sich die Wilzaren, nahmen die Panzer ab und legten die Waffen nieder. Allein König Ranador wehrte sich noch. Ulrich griff in den Kampf ein. Der Wengländer, dessen Platz er einnahm, fiel zweien seiner Kameraden erschöpft in die Arme. Ranador schien den Wechsel seines Gegners gar nicht bemerkt zu haben. Erst ein Hieb mit der flachen Klinge gegen den Helm machte ihn aufmerksam.

„Ranador, wir haben ein paar Hühner miteinander zu rupfen“, sagte Ulrich.

„Wer bist du?“, fragte Ranador, während er versuchte, sich den Wengländer vom Hals zu halten.

„Wer ich bin? Ulrich von Wengland, der Hausherr hier. Vor dir steht dein Gefangener, den du nicht genug demütigen konntest; der Mann, den deine Tochter so sehr geliebt hat, dass du sie dafür hast zu Tode quälen lassen – mit ihrem Sohn – und jetzt bist du fällig!“

Ranador bezog so fürchterliche Hiebe, dass er sich kaum dagegen decken konnte und ihm der Schild zerbrach. Verzweifelt versuchte der Wilzarenkönig, sich mit dem beidhändig geführten Schwert vor den harten und präzisen Schlägen seines Gegners zu verteidigen – umsonst.

„Gefesselt und hilflos war ich dir lieber, was?“ rief Ulrich in höher steigendem Zorn. Die nächsten drei Hiebe trafen den König mit voller, unbarmherziger Wucht. Sein Schwert zerbrach, er war waffenlos. Ulrich holte zum tödlichen Schlag aus, als er Sirams matte Stimme hörte:

„Halt ein, Prinz, bitte!“

Ulrich hielt das Schwert noch erhoben, immer noch bereit, den hilflos an einen Pfeiler gedrängten König zu erschlagen.

„Dein Feldherr bittet für dich, Ranador. Was meinst du?“

„Ulrich! Tötet ihn nicht!“, rief Siram beinahe verzweifelt. Der Prinz nickte kaum merklich. Mit einer raschen Bewegung ließ er das Schwert sinken, packte Ranador und warf ihn zu Boden. Ehe Ranador sich versah, hatte er Ulrichs gepanzerten Fuß auf dem Nacken.

„Ranador – ich erkläre dich für gefangen“, sagte er – gefährlich leise.

„Töte mich, aber demütige mich nicht!“, presste der gefangene König mühsam unter dem Druck des Fußes heraus.

„Ah, ja? Wir werden sehen!“, versetzte Ulrich bissig. „Ab in den Kerker mit ihm – anketten!“, befahl er dann zwei Wächtern, die den König sogleich packten und wegschleppten. Die restlichen Wilzaren hatten aufgegeben. Steinburg war frei.

Siram rappelte sich erschöpft auf die Knie auf.

„Lass’ meinen König frei – ich flehe dich an!“

Ulrich kam zu ihm, schob das Schwert in die Scheide, nahm den Helm ab und hockte sich vor den knienden Siram hin.

„Du hast einiges gut bei mir. Ich bedaure nur, dass du ein Wilzare bist. Du bist ein tapferer Krieger. Für Ranador verschwendest du aber nur kostbaren Atem. Ich habe sechs Monate Gefangenschaft und Demütigung nicht vergessen und schon gar nicht verziehen. Auch nicht, dass er mich zu für mich unaussprechlichen Dingen gezwungen hat. Aber was ich ihm wirklich heimzahlen will, ist der grausame Mord an Adana, deiner Frau und deinem Sohn Sedar. Sie hat mich geschützt und wurde dafür grausam bestraft.“

Siram wurde bleich.

„Ist das wahr? Meine Frau und mein – Sohn?“, fragte er mit Tränen in den Augen. Ulrich nickte.

„Ja“, sagte er. „Wir haben einen Zitadellenwächter am Rabenpass gefangen. Er hat mir – wenn auch im Vollrausch – davon erzählt. Ich schwöre es.“

Zur Bekräftigung hob Ulrich die rechte Hand. Siram entrang sich ein Schrei tiefsten Schmerzes. Er merkte kaum, dass Ulrich ihn tröstend umarmte.

„Nein!“, rief der Fürst immer wieder. „Nein!“

Er sah zu Ulrich auf.

„Zu der Strafe, die er verdient hast, bist du gar nicht fähig, nicht in all’ deinem Zorn, Ulrich. Er ist auch nicht mehr derselbe, der einmal den Thron bestiegen hat.“

„Du hältst ihn für verrückt?“

„Gewiss. Welcher Vater käme auf die Idee, seine Tochter wegen einer an sich erlaubten Liebe töten zu lassen? Welcher Feldherr würde Boten zu Tode quälen lassen, nur weil sie ihm über eine missliche Situation Auskunft geben?“, fragte der Wilzare bitter. Seine Wunden schmerzten zu stark, er brach zusammen.

„Töte mich. Ich bin verwundet“, bat er dann.

„Das ist kein Grund dich umzubringen, Siram“, erwiderte Ulrich und winkte einige Männer herbei.

„Er ist verwundet. Bringt ihn zum Feldscher. Alle anderen auch. Wilzaren werden genauso behandelt wie Wengländer!“, befahl der Prinz.

AAA

Kapitel 24

Strafgericht

 

Die unverletzten Wilzaren wurden zunächst eingekerkert, die Verwundeten von wenglischen Ärzten behandelt. Am Nachmittag waren die Kampfspuren in der Burg soweit beseitigt, dass sie wieder als Wohnhaus nutzbar war. Ulrich ließ es sich nicht nehmen, auf dem Söller die wenglische Königsflagge selbst zu hissen. Die Bürger, die sich in der Stadt vor der Burg zusammengefunden hatten, begrüßten die von ihnen so geliebte Flagge mit lautem Jubel, wenn sich auch reichlich Tränen bitterer Trauer um die vielen Toten, die wegen ihrer Treue zu eben dieser Flagge gestorben waren, in den hellen Jubel mischten. Ulrich selbst konnte sein Glück kaum fassen, wieder daheim zu sein. Aber zwei Dinge fehlten ihm noch zur Vollständigkeit seiner Freude: Adeline zu seiner Königin zu machen und die verbliebenen Gefangenen aus den Lagern, Verliesen und Bergwerken in Wilzarien zu holen.

Nach einem Rundgang durch die Burg besuchte der Prinzregent die Verwundeten, die in einem eilig eingerichteten Lazarett in einem der großen Säle untergebracht waren. Er nahm sich Zeit für jeden, gleich, ob Wilzare oder Wengländer.

Einer der verwundeten Wengländer machte dem Prinzen deshalb Vorwürfe. Ulrich setzte sich an dessen Lager.

„Höre, Soldat: Mein Großvater, der König Martin, hat unter den Scharfenburgern furchtbar gelitten, aber er wollte Frieden und suchte den Ausgleich. Ich will das Werk meines Großvaters fortsetzen. Er suchte den Ausgleich mit Scharfenburg. Ich will auch Frieden mit Wilzarien“, sagte er. Der Soldat richtete sich auf.

„Ihr wollt die Wilzaren nicht bestrafen. Das kann Euer Volk nicht gutheißen!“ gab der Soldat zu bedenken.

„Ich werde meinem Volk mit gutem Beispiel vorangehen, Soldat. Ich war in wilzarischer Gefangenschaft und wurde ausgesprochen schlecht behandelt. Selbstverständlich werden wir die Wilzaren bestrafen, aber die, die wirklich Verbrechen begangen haben, nicht ein ganzes Volk. Es ist doch nicht jeder ein Mörder, nur weil er zufällig Wilzare ist, selbst wenn er wilzarischer Soldat ist! Ich kann nicht erwarten, dass auch die einfachen Leute in meinem Volk das begreifen, aber ich werde nicht zulassen, dass mein Volk mit derselben Barbarei antwortet, mit der es angegriffen wurde. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir auch bereit sein, zu verzeihen. Kannst du das begreifen?“

„Noch nicht, Herr“, antwortete der Soldat mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Ihr ahnt nicht, was Euer Volk auf sich genommen hat, nur, weil es Euch zum König wünschte. Wer nur andeutete, dass er treu zu Euch stehe, wurde furchtbar dafür gestraft, oft zu Tode gefoltert. Wer das durchgemacht und überlebt hat, Herr, wird nicht begreifen können, dass Ihr die Wilzaren dafür nicht auch bluten lassen wollt.“

Ulrich schob den Ärmel seines Hemdes zurück. Eine großflächige Narbe in Form eines Drachens wurde sichtbar.

„Sieh dir das an, Soldat. Weißt du, was das ist?“, fragte Ulrich ruhig. Der Soldat betrachtete die Narbe lange.

„Nein, Herr.“

„Das ist das wilzarische Sklavenzeichen, das den Haussklaven eingebrannt wird, wenn sie zum Dienst bei den Frauen des Hofes verurteilt werden. Diese Sklaven bekommen nur ein einziges Getränk, das die Manneskraft vervielfacht. Die wilzarischen Frauen nutzen diesen Umstand für ihr körperliches Vergnügen und für die Ausbildung zu guten, willigen Ehefrauen. Die meisten Haussklaven sterben nach der ersten Woche, weil der Trank zwar die Manneskraft steigert, aber diese Kraft aus dem übrigen Körper zieht. Noch schlimmer ist es, wenn dem Sklaven zusätzlich Schmerz zugefügt wird, denn er verstärkt die Wirkung dieses Trankes nochmals sowohl hinsichtlich der Manneskraft als auch des Entzugs der übrigen Kräfte. Ich hatte das Pech, dass die Königin an mir Gefallen fand, mich mit dem Zeug gefügig machte und mich dann noch schlagen ließ, während ich sie bedienen musste. Sie und einige ihrer Töchter haben mich drei Tage lang nahezu pausenlos auf diese Weise vergewaltigt und mich damit fast umgebracht. Die Königin wird dafür sicher auch bestraft werden. Aber ihre Tochter Adana hat mich so sehr geliebt, dass sie mir helfen wollte und dafür gestorben ist. Beide sind Wilzarinnen. Aber meinst du, dass Adana meine Feindin gewesen wäre? Meinst du, ich sollte sie – lebte sie noch – strafen?“

„Nein, Herr“, erwiderte der Soldat kleinlaut.

„Sag mir deinen Namen, Soldat“, forderte Ulrich ihn auf. Der Mann sah betroffen auf.

„Edgar, aus dem Dorf Wachtelberg.“

„Edgar aus Wachtelberg“, sinnierte der Prinzregent laut. „Sag’ Edgar, warst du im Sommer letzten Jahres Gefangener im Bergwerk von Tungur?“, fragte er dann. Edgar nickte verblüfft.

„Du bist nach einem Bergbruch geflohen, als alles in einen Stollen stürzte, wo Ronar einen Gefangenen verdrosch“, stellte Ulrich fest. Wieder betroffenes Nicken.

„Edgar, was mache ich mit dir? Die Geheimgesellschaft hat geschworen, nie einen aus der Gruppe im Stich zu lassen. Wo wart ihr, als Ronar mich ausgepeitscht hat? Warum habt ihr euch nicht auch um mich gekümmert?“

Edgar war wie vom Blitz getroffen. Der kurze, aber füllige Bart und das volle, dunkle Haar veränderten den Prinzen so sehr, dass er ihn überhaupt nicht erkannt hatte. Die Bergwerkssklaven waren kahl geschoren und glatt rasiert gewesen, um sie stets leicht von den Wachen unterscheiden zu können.

„Könnt Ihr mir vergeben, Herr?“, fragte er zerknirscht. Ulrich lächelte freundlich.

„Sieh’ mal da drüben, Edgar. Dort in dem Bett liegt der Koch von Ranador. Er hat nichts weiter getan, als dem König, seinem König, das Essen zu machen. Er ist Wilzare. Ihn soll ich bestrafen und dich, der mich so sträflich im Stich gelassen hat, soll ich straflos ausgehen lassen?“, fragte der Prinzregent grinsend. Edgar wurde rot bis unter die Haarwurzeln.

„Bevor du das nächste Mal Strafe für einen anderen forderst, vergewissere dich erst, ob du nicht selbst was ausgefressen hast“, lachte Ulrich auf und klopfte dem Soldaten auf die Schulter. „Übrigens, der Umstand, dass du deine Meinung frei äußern kannst, sollte dir zeigen, dass Wenglands Könige nicht rachsüchtig sind. Ranador hätte dich dafür köpfen lassen – oder noch etwas Schlimmeres mit dir anstellen lassen“, setzte er noch hinzu und ging dann weiter.

Erst am Abend hatte Ulrich Gelegenheit, die unverletzten Gefangenen zu visitieren. Viele baten um Gnade. Sie kannten die Gewohnheiten ihrer Fürsten, mit Gefangenen umzugehen. Keiner wünschte sich das selbst. Umso erstaunter waren die Gefangenen, die sich dem Prinzen zu Füßen warfen, ohne dass sie ein Wächter dorthin befördert hätte, dass er regelmäßig sagte:

„Steh’ auf!“

Als Letzten besuchte er Ranador. Als einziger Gefangener war Ranador angekettet worden. Ulrich sah den gefangenen König eine Weile an, dann winkte er die Wachen hinaus.

„Ich muss deinem tapferen Feldherrn Siram dankbar sein, Ranador. Hätte er nicht für dich gebeten, hätte ich dich erschlagen“, sagte Ulrich. Er sprach wilzarisch mit seinem Gefangenen. Ranador sah den jungen Prinzen verblüfft an.

„Du sprichst meine Sprache?“, gurgelte er.

„Allerdings!“, versetzte Ulrich. „Deine Tochter hat mir den letzten Schliff in deiner Sprache gegeben.“

„Aber in Wilzaris …“

Den Gefallen wollte ich dir nicht tun, dass du merkst, wen du vor dir hast. Hättest du dir die Mühe gemacht, dir nur ein einziges Mal die Bilder hier im Schloss anzusehen, hättest du mich erkennen müssen. Ich habe sehr viel Ähnlichkeit mit meinem Großvater. Aber es hat dich offenbar gar nicht interessiert, mit wem du es eigentlich zu tun hast, Ranador. Schade eigentlich.“

„Was hast du mit mir vor? Wirst du mich jetzt töten?“

In der Frage des Königs lag eine gewisse Angst.

„Davon hätte mein Volk nichts. Nicht nur mich hast du gedemütigt – mein ganzes Volk hast du geknechtet. Viele tausend Wengländer sind unter wilzarischen Peitschenhieben gestorben, an wilzarischen Kreuzen und auf wilzarischen Richträdern elend verreckt. Ich werde dir den Gefallen nicht tun, dich einfach zu enthaupten. Du wirst für deine Untaten wirklich büßen“, erklärte Ulrich. Er setzte sich auf einen Schemel, der in der Nähe der Tür stand. Ranador zerrte an den Ketten, die ihn stehend an die Kerkerwand fesselten.

„Du kannst mich nicht in einen Harem zwingen!“, presste Ranador heraus. Sein ganzer Körper spannte sich in der verzweifelten Anstrengung, die Ketten zu sprengen.

„Gib dir keine Mühe, Ranador – das ist wenglischer Kettenstahl“, schmunzelte Ulrich. Dann wurde er wieder ernst.

„Nein, zu deinem Glück verfügt Wengland nicht über etwas so Widerliches wie einen Harem. Aber wenn ich mit dir fertig bin, wirst du keine Sehnsucht mehr nach deinen Damen haben!“, drohte er dann finster. Im Blick Ranadors zuckte blanke Angst auf.

„Willst du mich entmannen?“

„Warte es ab. Bislang war ich damit beschäftigt, mein Reich erst einmal von deiner Knute zu befreien. Was ich mit dir anstellen will, habe ich mir noch nicht genau überlegt. Aber sei sicher: Ein Spaziergang wird es für dich nicht werden. Aber etwas möchte ich noch wissen: Was war das mit Adana?“

„Was meinst du?“

„Einer deiner tapferen Zitadellenwächter hat munter bei einem Glas Wein geplaudert und mir erzählt, Adana sei nach meiner Flucht gefoltert worden und hätte das nicht überlebt; und ihr Sohn auch nicht. Was ist da dran?“, forschte der Prinz.

„Das ist wahr“, gestand Ranador ohne Umschweife.

„Du Schwein!“, fauchte Ulrich, sprang zu dem Gefangenen und schlug ihm voller Zorn ins Gesicht. „Das verlangt nach einer besonderen Rache!“, grollte er, klopfte an die Zellentür und ließ sich aufschließen.

„Morgen wirst du mein Urteil hören, Ranador!“, drohte er düster und verließ die Zelle.

In der Nacht schreckte Ulrich heftig auf. Er hätte schwören können, dass Adana nach ihm gerufen hatte!

„Adana?“, sagte er ins Dunkel. Keine Antwort. Nur das Kaminfeuer knisterte.

Das darf nicht wahr sein: Ich werde Adeline schon untreu!‘, schalt Ulrich in Gedanken. ‚Oh, mein Gott, vergib mir diesen sündigen Gedanken!

Er legte sich wieder hin, konnte aber keine Ruhe finden. Er fühlte sich beobachtet. Vom Fenster her kam eine milchweiße Gestalt herein geschwebt – Adana! Auf ihrem Arm trug sie ihren Sohn Sedar. Ulrich sah wie gebannt auf die Erscheinung.

„Ulrich“, sprach die Erscheinung ihn an, „mein Vater ist dein Gefangener. Ich bitte dich um Milde für ihn.“

„Adana“, widersprach Ulrich, „dein Vater hat dich und deinen Sohn zu Tode foltern lassen. Das kann ich doch nicht einfach übergehen!“

„Er hat seine Strafe im Grunde schon bekommen“, lächelte Adana. „Mein Vater hat mich sehr geliebt. So sehr, dass nur sein tapferster Feldherr mein Gemahl werden sollte. Er hat Sedar geradezu abgöttisch geliebt. Wir beide sind tot, das hat ihn mehr getroffen, als er je nach außen zugeben wird. Jetzt, wo ich im Paradies bin, sehe ich sein Herz. Ja, er ist nach außen grausam, hinterhältig und verschlagen. Aber eigentlich sehnt er sich nach Liebe, wenn er auch nie genau wissen wird, was das wirklich ist. Er muss seine Macht demonstrieren. Bitte, Ulrich, schone sein Leben. Ich bitte für ihn, wie ich für dich gebeten habe. Er war zu hart, um Gnade zu üben. Bitte, Ulrich, um meinetwillen; um unserer Liebe willen: verschone ihn“, flehte die Erscheinung.

„Er hat unsere Liebe grausam verfolgt. Und du weißt sicher, dass ich inzwischen verheiratet bin“, gab Ulrich zu bedenken.

„Natürlich weiß ich das. Ich weiß auch, dass du in Adeline genau die Frau gefunden hast, die zu dir passt. Wir haben uns geliebt, Ulrich, aber wir haben auch gewusst, dass diese Liebe keine Zukunft hatte. Ich hätte Siram deinetwegen nicht verlassen, und mir war sehr wohl klar, dass du mich als Heidin nie hättest heiraten können und dass du mich in deiner Monogamie nie mit einem anderen Mann geteilt hättest. Dennoch habe ich dir in den Stunden, in denen wir zusammen waren, ungeschmälert gehört – und du mir, auch wenn du mich die ersten Male Adeline genannt hast. Denk’ nicht, ich hätte das nicht bemerkt. Ich weiß wohl um dein schlechtes Gewissen nach deiner Flucht – und ich sage dir, dass du es nicht haben musstest. Ich habe dir nichts nachzutragen. Du hättest das, was geschehen, ist nicht verhindern können, denn du wärst vor mir gestorben, wärst du nicht geflohen. Mach’ dir deshalb also keine Vorwürfe. Aber ich bitte dich nochmals: Schenke meinem Vater das Leben, und wenn du es nur meinetwegen tust, Ulrich.“

„Hast du Siram auch darum gebeten? Er will Rache für dich und seinen Sohn.“

„Das ist schwierig, weil Siram nicht wie du erreichbar ist. Du träumst deutlich und kannst dich daran erinnern. Siram träumt auch, aber er erinnert sich nie an seine Träume. Ich kann nicht zu ihm vordringen“, erwiderte Adana.

„Wo bist du jetzt? Im Paradies? Sind meine Großeltern auch dort?“

„Ja, das sind sie. Dein Großvater gab mir den Rat, dich im Traum zu besuchen.“

„Dann grüß’ ihn von mir. Sag’ ihm, Wengland wird bald wieder einen König haben.“

„Ich werde es ihm ausrichten; auch, dass es eine Königin bekommen wird, wie es keine bessere in dieser Zeit gibt. Bleib’ deiner Frau treu. Sie liebt dich sehr.“

Die Erscheinung schwebte zum Fenster und verblasste.

Ulrich schreckte schweißgebadet hoch. Hatte er geträumt? Hatte ihn ein Geist besucht? Ein blinkender Stern in der Nacht forderte seine Aufmerksamkeit. Ulrich stand auf und öffnete das Fenster. Im Südosten, Richtung Wilzaris, stand der blinkende Stern, den er schon von Falkenstein aus gesehen hatte.

„Oh, ja – ich habe begriffen!“, sagte er leise und schluckte schwer. „Ich werde ihn schonen, Adana. Aber ganz ohne Buße kann ich ihn nicht lassen. Das verstünde mein Volk, das unter ihm sehr gelitten hat, in keinem Fall. Aber er wird nicht von wenglischer Hand sterben, das verspreche ich dir!“

Am nächsten Morgen besuchte der Prinz Ranador. Eine Weile sah er den müde wirkenden Gefangenen an.

„Guten Morgen, Ranador. Hattest du eine gute Nacht?“

„Kann ich nicht behaupten“, grunzte der König.

„Ich hatte heute Nacht Besuch. Deine Tochter Adana hat mir einen Besuch als Geist abgestattet und flehentlich für dich gebeten. Ranador, du hättest einen billigen Frieden haben können, wenn du deiner Tochter mit mir freie Hand gelassen hättest. Sie hätte Siram zwar meinetwegen nie verlassen, aber sie hätte deine beste Fessel für mich sein können. Adana hätte mich beinahe vergessen lassen, dass ich das, was ich tat, unter Zwang tat. Die Tage mit Adana waren eine kurze Erholung für meinen arg strapazierten Körper. Adana gab mir viel Kraft. Die Stunden, die ich mit ihr verbringen durfte, waren Balsam, der meine geknechtete Seele und meinen gequälten Körper fast geheilt hätte. In ihren Armen hätte ich sogar beinahe meinen Thronanspruch vergessen. Sie hat geahnt, dass du ihr das Leben nehmen würdest, aber sie hatte gehofft, du würdest sie enthaupten lassen, wie es einer Königin zukommt – oder ihr wenigstens Gift schicken. Sie wäre gewiss in Würde gestorben. Aber du hast sie von deinen rohesten Henkern zu Tode quälen lassen. Und jetzt werde ich für Adana Rache nehmen“, grollte Ulrich.

„Was hast du mit mir vor? Adana hat doch für mich gebeten!“, stieß Ranador vor.

„Sie hat mich gebeten, dich am Leben zu lassen. Und das habe ich ihr versprochen. Aber das heißt nicht, dass du ungestraft davonkommst, Ranador. Bedenke, du hast nicht nur Adana und mir Schmerzen zufügen lassen. Du hast mein Volk gepeinigt. Und mein Volk wird dich richten – am Pranger auf dem Marktplatz von Steinburg!“, entschied Ulrich.

Ranador sank in sich zusammen, soweit die Ketten es zuließen.

„Das darfst du nicht tun! Ich bin ein König! Ein König darf nur von einem König gerichtet werden!“

„Nun, dir ist es herzlich egal gewesen, wer die wenglischen Adligen tötete. Ich glaube nicht, dass du es selbst getan hast. Dafür hattest du deine Henker – wohl kaum von hohem Adel, oder?“, grinste Ulrich maliziös.

„Aber du bist doch von Siram ausgepeitscht worden“, erwiderte Ranador und zerrte wieder vergeblich an den massiven Ketten.

„Oh, Ranador, das sollte ich dir vielleicht nachsehen? Du hast mich auspeitschen lassen, weil du Lust dazu hattest; weil du in Stimmung für deinen Harem kommen wolltest. Du hast dich an fünf Hinrichtungen geweidet, Ranador – und an meinen Schmerzen. Siram hat mir gesagt, dass sämtliche Fürsten dieses Landes entweder die Gnade hatten, geköpft zu werden oder das Pech hatten, langsam und qualvoll zu sterben. Durch Henkershand, nicht durch die eines Gleichgestellten. Und jetzt hast du die Stirn, Forderungen zu stellen? Das ist strafverschärfend“, versetzte der Prinz eisig.

„Dein Volk wird mich zerfetzen!“

„Hättest du es nicht verdient? Ich habe mit ansehen müssen, wie viereinhalbtausend Falkensteiner niedergemetzelt wurden, wie zwanzig meiner überlebenden Männer auf dem Weg nach Wilzaris umgebracht wurden, weil sie nicht mehr weiterkonnten, und für Raben und Füchse liegen blieben. In meiner Gegenwart wurden zehn Männer hingerichtet, die fast nackt vor ihre Henker treten mussten. Tausende Wengländer sind gestorben, weil sie Wenglands König nicht abschwören wollten. Ranador – du hättest einen tausendfachen Tod verdient, aber ich habe versprochen, dass du um deiner Tochter Adana willen nicht sterben wirst“, entgegnete der Prinz.

„Gewähre mir einen letzten Wunsch“, bat Ranador.

„Letzte Wünsche, Ranador, hat nur ein zum Tode Verurteilter – und das bist du nicht! Die Strafe wird für dich unangenehm, aber du wirst nicht sterben.“

„Willst du mich hier angekettet lassen?“ fragte der Gefangene vorwurfsvoll und streckte die angeketteten Hände zu Ulrich.

„Ja, Ranador“, antwortete Ulrich, „du wirst dort angekettet bleiben, damit du einsiehst, wie unangenehm diese Lage ist.“

„Ich bitte dich um eine einzige Gunst.“

Ulrich machte eine auffordernde Handbewegung.

„Einige meiner Frauen sind hier. Gewähre mir die Gunst, sie noch einmal genießen zu dürfen, bevor du mich strafst.“

„Die Strafe hat bereits begonnen! Vielleicht werde ich erlauben, dass du dich in ihrer Gesellschaft morgen Abend vom Pranger erholen darfst.“

Ulrich klopfte an die Tür der Zelle. Die Wache öffnete und der Prinz verließ den Kerker. Ranador zerrte vergeblich an den harten Ketten. Zum ersten Mal wurde dem Wilzarenkönig bewusst, wie schrecklich es war, hilflos an die Wand gekettet zu sein. Er gestand sich ein, dass es für ihn kein Vergnügen gewesen wäre, wenn Ulrich seine liebedürftigen Frauen auf ihn losgelassen hätte, solange er noch an die Wand gekettet war. Er hatte Angst, genauso wie Ulrich von den Damen rüde vergewaltigt zu werden. Durch ein Wandloch in der Zelle hatte er dem Treiben damals zugesehen – und es ausgesprochen anregend gefunden. Aber für sich selbst wollte er dieses Schicksal ungern hinnehmen.

Am Morgen des folgenden Tages kamen Wächter, steckten Ranadors Hände und den Kopf in einen großen hölzernen Prangerkragen. Ohne besonderes Feingefühl trieben die Wächter ihn hinaus vor das Burgtor und ketteten ihn an den öffentlichen Pranger auf dem Burgvorplatz, der auch der Marktplatz von Steinburg war. Der Ausrufer entrollte die Bekanntmachung des Prinzregenten und verlas sie:

„An mein Volk von Wengland: Prinz Ulrich grüßt sein tapferes Volk, das über fünf Jahre der grausamen Unterdrückung durch die Wilzaren König Ranadors widerstanden hat. Die Stunde der endgültigen Befreiung ist nahe. Nachdem Steinburg durch Euch, meine geliebten Wengländer, von der Fremdherrschaft befreit wurde, ist das Wilzarenheer auf der Flucht. Viele Wilzaren sind uns als Gefangene in die Hände gefallen. Die meisten von ihnen waren aber nur Befehlsempfänger, denen ihr schreckliches Tun befohlen wurde und die sich diesen Befehlen nur um den Preis entsetzlichster, grausamster Strafen hätten widersetzen können. Diesen Wilzaren, die oft unter ihren Befehlen nicht minder gelitten haben als wir Wengländer, sollten wir verzeihen. Aber unter den Gefangenen befindet sich der Mann, der alles zu verantworten hat und der sich nicht darauf berufen kann, ihm sei sein Tun befohlen worden, weil er Herr über Leben und Tod aller Wilzaren ist und sich auch als Herr über Leben und Tod aller Wengländer wähnte: König Ranador von Wilzarien steht am Pranger von Steinburg. Dieser König Ranador, der den Überfall auf Wengland und Scharfenburg angeordnet hat, auf dessen Befehl die Grafen des Thronrates und Ungezählte von Euch getötet wurden, ist zur Prangerstrafe verurteilt. Ihr dürft mit ihm nach Belieben verfahren, aber tötet ihn nicht. Um seiner Tochter Adana willen, die Euren Prinzregenten von Herzen geliebt hat und seinetwegen gestorben ist, soll König Ranador nicht sterben. Ich erfülle damit eine Bitte um Gnade, die der Geist der toten Adana an mich gerichtet hat. Ranador wird zunächst sieben Tage lang vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang der Strafe des wenglischen Volkes ausgesetzt. Danach werde ich prüfen, ob eine weitere Bestrafung notwendig ist. Ulrich, Prinzregent von Wengland.“

Ranador erschrak zutiefst. Mindestens sieben Tage lang dem Wüten des Mobs überlassen? Das war eine harte Strafe. Vier wenglische Soldaten bewachten den Verurteilten, an dem die Steinburger Bürger ihre Wut und ganze Verachtung ausließen. Der Tag schien Ranador überhaupt kein Ende nehmen zu wollen. Er hatte nicht für möglich gehalten, wie viele faule Eier, verfaulte Kohlköpfe, wie viel schimmliges Brot und anderen Unrat es in Steinburg gab. Aber er war sicher, dass die Stadt mit Ausnahme des Prangerplatzes blitzsauber sein musste, nach dem, was er abbekommen hatte. Als die Wachen ihn in die Burg zurückbrachten, hielten sie Abstand, da der Gestank, der von Ranador ausging, fast nicht auszuhalten war. Auf Ulrichs Anweisung erhielt der gefangene König ein reinigendes Bad und wurde wieder in seiner Zelle angekettet.

Kurz nachdem er in die Zelle gebracht worden war, besuchte Ulrich den Gefangenen.

„Nun, Ranador, hast du noch Verlangen nach zehn Damen, die dich heute mit unverhohlener Lüsternheit am Pranger beobachtet haben?“, fragte er. Der Gefangene schüttelte müde den Kopf.

„Nein, gewiss nicht. Ich bin erschöpft von der Strafe deines Volkes. Ich bitte dich, dass ich im Liegen ruhen darf“, erwiderte der Gefangene leise.

„Ranador, erinnerst du dich an das, was in den ersten drei Tagen geschehen ist, nachdem ich wieder aus dem Bergwerk zurück in der Zitadelle war?“, fragte Ulrich. Ranador schluckte hart. Diese Kost war bitter!

„Drei Tage und drei Nächte haben fünf deiner Töchter – und deine Königin – mich pausenlos vergewaltigt. Um die Wirkung von Yacintos Tränken weißt du, sonst hättest du mir das Zeug nicht mit Gewalt eintrichtern lassen. Ich durfte kaum Luft holen, geschweige denn ruhen. Und von Liegen war schon gleich gar nicht die Rede. Als einziges Getränk bekam ich den Trank deines Zauberers, der mich gefügig machte und deinen Damen die Möglichkeit zu ihrem widerlichen Tun gab. Zu essen bekam ich nichts. Diese drei Tage haben mich fast meine ganze Kraft gekostet, und ich habe sie nur knapp überlebt. Ich vermute allerdings, dies weniger deiner Gnade zu verdanken, als dem Umstand, dass deine Damen auch müde wurden. Ranador, du wirst hier drei Tage und drei Nächte stehen! Aber der vierten Nacht wirst du liegen dürfen“, gab Ulrich scharf zurück.

„Du bist jung und stark, Ulrich“, gab der König zu bedenken.

„Nun, du rühmst dich deiner Stärke, Ranador. Jetzt hast du Gelegenheit, sie zu beweisen. Davon abgesehen – nach vier Monaten Bergwerk, ohne ausreichend Nahrung und Wasser, glaube ich, in deutlich schlechterer Verfassung gewesen zu sein, als du es jetzt bist. Ich weiß, dass ich diese Marter überlebt habe. Ich rechne dein höheres Alter ein und erleichtere es dir, indem du keinen Damenbesuch bekommst – es sei denn, du wünschst ausdrücklich ihre Gesellschaft. Dann werden sie dich nachts besuchen dürfen, bis du morgens wieder an den Pranger gehst“, versetzte Ulrich eisig. Ranador wurde das dunkle Gefühl nicht los, eindeutig den Falschen erwischt zu haben, als er Ulrich den Strapazen der Zitadelle überlassen hatte. Und ihm wurde bewusst, dass ihm der Tod des Gefangenen keineswegs unrecht gewesen wäre.

Ohne Erbarmen wurde Ranador jeden Morgen zum Pranger geführt. Es sprach sich schnell herum, dass in Steinburg Wenglands schlimmster Feind dem Wüten des Volkes ausgesetzt war. Täglich erschienen neue Bürger und Bauern, um den verhassten Wilzaren zu strafen.

Am Abend des vierten Tages war der Gefangene so erschöpft, dass er nicht mehr gehen konnte. Er wurde in einem Karren zurückgefahren, wie üblich gebadet, bekam diesmal aber – wie versprochen – nur Fußfesseln, damit er sich im Liegen erholen konnte. Wieder visitierte Ulrich den Gefangenen. Völlig erschöpft sank Ranador vor dem Prinzen auf die Knie.

„Gnade. Erlasse mir die Strafe, ich bitte dich!“, flehte Ranador.

„Nein“, sagte Ulrich unnachsichtig. „Ich habe ein Urteil gefällt, Ranador, und ich nehme es nicht zurück. Bedenke, als ich dich um Gnade für meine Mitgefangenen angefleht habe, hast du mir gesagt, dass ein König zu seinem Urteil steht. Für meine Bitte wurde ich ausgepeitscht. Ich weiß, dass du es genossen hast, meiner Bestrafung zuzusehen. Nein, Ranador, du wirst morgen früh wieder auf dem Marktplatz stehen.“

Ranador warf sich ganz zu Boden.

„Ich kann nicht mehr!“, schluchzte er.

„Ich habe dir versprochen, dass du nicht sterben wirst – und ich pflege meine Versprechen zu halten“, erwiderte Ulrich. Er verließ die Zelle und befahl dem Kerkermeister, dem Gefangenen ein kräftiges Nachtmahl zu bringen, damit er sich nach den Entbehrungen der letzten Tage stärken konnte.

Als Ulrich in seine Gemächer zurückzog, fragte er sich, ob seine zur Schau getragene Härte richtig war. Er musste den schmalen Grat zwischen zu hart und zu weich finden, um Ranador nicht über Gebühr zu demütigen und ihn trotzdem angemessen für die Gräuel büßen zu lassen – und das war nicht einfach. Ein Klopfen störte ihn bei seinen Gedanken.

„Ja?“, rief er. Ein Wächter trat ein.

„Herr, die wilzarischen Frauen bitten um eine Audienz“, sagte der Mann mit einer Verbeugung.

„Die ganze Meute?“, fragte der Prinz entsetzt.

„Ja, Herr“, bestätigte der Wächter.

„Nun gut“, seufzte Ulrich. „Doppelte Wachen im Thronsaal. Lass’ die Damen dorthin bringen. Ich komme gleich.“

Wenig später war Ulrich im Thronsaal. Zepter und Schwert der Könige Wenglands lagen wieder gekreuzt auf den Armlehnen des Thronsessels. Sie würden dort liegen bis einen Tag vor Ulrichs Krönung. Der Thron war jetzt wieder schwarz verhüllt. Auch die Trauerverhüllung würde bis zur Krönung bleiben. Ulrich nahm auf dem Sessel vor dem Thron Platz und bedeutete den Wächtern, die Frauen vorzulassen. Die Wilzarinnen traten ein und warfen sich sofort zu Boden.

„Erhebt Euch!“, rief der Prinzregent. „In Wengland wird weder vor dem König noch seinem Stellvertreter im Staub gelegen.“

Zögernd erhoben sich die Frauen, unter ihnen Königin Sanda. Sie wurde leichenblass, als sie in dem Prinzen den gepressten Haussklaven erkannte. Sie spürte einen größer werdenden Kloß im Hals und räusperte sich verzweifelt, um die Heiserkeit loszuwerden.

„Großer Ulrich, habt Erbarmen mit König Ranador“, flehte sie. Ulrich zog fragend die linke Augenbraue hoch.

„König Ranador büßt für die Verbrechen, die er an mir und meinem Volk verübt hat“, entgegnete er kühl.

„Wir wollen uns Euch als Sühneopfer anbieten. Drei Nächte mit uns allen gegen das Leben des Königs Ranador“, bot die Königin an, kokett den Ausschnitt am Hals erweiternd.

„Höre, Weib!“, fauchte Ulrich böse. „Das Leben deines Paschas ist nicht bedroht! Ich lasse ihm das Leben um Eurer Tochter Adana willen, die mich geliebt hat und die versucht hat, mir mein schweres Los als Gefangener in Eurer Zitadelle zu erleichtern. Euer Angebot interessiert mich nicht! Ich wurde von Euch gezwungen, so vielen Frauen zu Willen zu sein, dass ich die Gefährtin der Nacht sorgsam wähle! Ich habe nicht die Absicht, dieselbe Qual, die ich in Wilzaris nur widerwillig erduldete, freiwillig auf mich zu laden!“

„Aber Ihr bestreitet nicht, dass Ihr mit Adana …“

Schweig!“, donnerte der Prinz. „Adana, Königin Sanda, Adana hat mich geliebt. Sie hat meinen geschundenen Körper wieder zum Leben erweckt. Ja, ich war gern bei ihr. Das kann ich nicht bestreiten – ich leugne es nicht einmal vor meiner Gemahlin! Aber dass ausgerechnet Ihr Euch auf Adanas zärtliche Liebe zu mir beruft, die Ihr mit erbarmungsloser Grausamkeit verfolgt habt, ist der Gipfel der Unverschämtheit! Verschwindet, bevor ich Euch in die Strafe Eures Königs einbeziehe! Ich habe durchaus nicht vergessen, wer in der Dunkelzelle im Bergwerk von Tungur den Wachen befahl, mich zu entkleiden. Und ich habe auch nicht vergessen, wer sich gleich als Erste über mich hergemacht hat. Eure Idee war es, mich zum Dienst bei den Prinzessinnen und Euch zu zwingen! Trotz dieser Ungeheuerlichkeit habe ich mir so viel Ritterlichkeit bewahrt, dass ich mich an Frauen nicht vergreife. Aber wenn Ihr nicht schleunigst diesen Saal verlasst, könnte ich es mir anders überlegen!“, drohte er zornig. Die Frauen waren, erschrocken über den heftigen Ausbruch, in Kotau-Deckung gegangen.

„Wache! Raus mit den Klageweibern! Morgen bringt eine Abteilung von hundert Mann die Haremsdamen nach Rothenfels, bis die Zitadelle von Wilzaris in unserer Hand ist“, befahl der Prinz wütend und verließ zornbebend den Thronsaal. Er hatte sich nur knapp davor zusammengenommen, Sanda einfach mit bloßen Händen zu erwürgen. Er brauchte lange, bis seine Empörung sich soweit gelegt hatte, dass er überhaupt schlafen konnte.

 

 

AAA

Kapitel 25

Güte und Zorn

 

Wie gewöhnlich besuchte Ulrich den gefangenen König nach dem Prangertag in dessen Zelle.

„Nun, Ranador, wie geht es dir heute?“ fragte er. Ranador suchte lange nach Worten.

„Als ich heute auf dem Marktplatz war, kam ein langer Reiterzug mit zwei Wagen vorbei, in denen meine Frauen saßen. Wirst du auch sie bestrafen?“, fragte Ranador.

„Gestern Abend war ich nahe daran, als die Königin mir drei Nächte mit ihr selbst und deinen Nebenfrauen anbot, um dir den Rest der Prangerstrafe zu ersparen. Es ist bemerkenswert, dass deine Königin ausgerechnet an meine Liebe zu Adana appellierte, als sie sich anbot. Für diese Unverfrorenheit hätte sie eigentlich mit an den Pranger müssen, aber ich vergreife mich nicht an Frauen, selbst wenn sie mich vergewaltigt haben. Sie werden nach Rothenfels gebracht. Wenn du deine Strafe hier verbüßt hast, wirst du ihnen folgen.“

Ranador senkte den Kopf.

„Werde ich von ihnen getrennt sein?“

Ulrich schüttelte den Kopf.

„Mein Urteil war hart für dich, aber ich neige nicht zur Grausamkeit. Wenn du in Rothenfels bist, werden deine Königinnen dich verwöhnen dürfen.“

Ranador sank in die Knie und zitterte am ganzen Leib.

„Ich fürchte, dafür reicht meine Kraft nicht mehr“, schluchzte er.

„Wenn deine Frauen dich lieben, Ranador, werden sie dir Kraft geben. Ich weiß, wovon ich rede.“

„Ach, was weißt denn du von wilzarischen Frauen?!“, widersprach Ranador und schüttelte traurig den Kopf. „Von meinen Frauen ist keine so, wie Adana es war. Ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht, Ulrich. Ich habe Adanas Liebe zu dir nur als Verbrechen und Verrat gesehen, nicht als das Geschenk, das sie mir damit gemacht hätte, wenn sie dich wirklich eingewickelt hätte. Keine meiner Frauen ist von solcher Zärtlichkeit wie Adana. Sie werden den letzten Funken Kraft aus meinen Lenden saugen.“

„So, wie sie es mit mir beinahe auch gemacht hätten? Deine Reue bezüglich Adanas kommt ein bisschen spät, Ranador“, sagte Ulrich leise. „Adana hat mir viel bedeutet. Mehr, als ich mir eingestehen wollte. Du hattest ein Juwel in deinem Hause, und du hast es zu Staub zertreten.“

Auf Ulrichs Gesicht war ein Ausdruck tiefer Trauer.

„Wenn du nach Rothenfels kommst, wird es dir freigestellt sein, deine Frauen zu sehen oder nicht. Ich werde dich nicht zwingen, ihre kraftraubende Gesellschaft ertragen zu müssen“, versprach der Prinz dann und ging fort.

Endlich hatte Ranador die Prangerstrafe verbüßt. Ulrich verkündete Gnade für alle wilzarischen Gefangenen, indem er alle Untaten der Wilzaren für getilgt erklärte, weil Ranador mit dem Pranger bestraft worden war. Die Wengländer hatten ihren Zorn am Hauptverantwortlichen auslassen dürfen und waren des Vergnügens nun überdrüssig. Sie applaudierten dem Gnadenerlass des Prinzregenten. Die gefangenen Wilzaren, darunter auch Ranador und der inzwischen genesene Siram, wurden nach Rothenfels gebracht.

In den Tagen, in denen Ranador seine Prangerstrafe abgebüßt hatte, hatte Ulrich seine Vorbereitungen für die Krönung und die wenglische Hochzeit getroffen. Er hatte seine Verwaltung organisiert, damit er den Kampf gegen die noch immer widerstehenden Wilzaren unter Prinz Sevur weiterführen konnte, ohne von technischen Schwierigkeiten in Wengland gehindert zu sein. Am Ende der Strafwoche erreichte den Prinzregenten die Nachricht, Wilzaris sei eingenommen worden, allein die Provinz Tungur widerstünde noch. Ulrich rief seine Heerführer zusammen.

„Roland, mein Heerführer bei Herzog Ludwig, sendet die Nachricht, dass Wilzaris in der Hand der verbündeten Heere ist und die Gefangenen, die noch in Silla waren, auf dem Weg nach Löwenstein sind. Er berichtet weiter, dass nur noch in der Bergprovinz Tungur Widerstand geleistet werde“, eröffnete er die Zusammenkunft. „Rüstet Eure Männer, wir folgen den verbündeten Heeren mit der Herwigsgarde, um Prinz Sevur den Rest zu geben.“

„Sagt, Herr, welchen Frieden stellt Ihr Euch vor? Wilzarien ist ein stolzes Land, das eine wie immer auch geartete Demütigung nicht hinnehmen wird“, warnte Werinher, der neue Graf von Eichgau.

„Ich habe nicht vor, Wilzarien auf Dauer zu einer wenglischen Kolonie zu machen. Es mag als Königreich gern weiter bestehen – wenn es nicht wieder Streit mit Wengland sucht“, erwiderte Ulrich. „Die Wilzaren haben genug gebüßt. Ich möchte nur die Kosten ersetzt haben und eine Garantie, dass von Wilzarien keine Gefahr mehr ausgehen wird.“

„Habt Ihr dazu schon Pläne?“, fragte Werinher nach.

„Ja. Aber bevor ich die zu laut in die Welt posaune, möchte ich erst Prinz Sevur in sicherem Gewahrsam wissen.“

„Werdet Ihr die Herwigsgarde begleiten, Herr?“

„Ich würde die Gefangenen von Tungur gern höchstpersönlich aus dem Bergwerk befreien. Aber das Bergwerk liegt in Wilzarien. Wengland liegt im Krieg, also darf ich nach dem gültigen Königsgesetz das Land nicht verlassen – es sei denn, der Thronrat genehmigt es mir.“

Werinher grinste.

„Das gilt doch nur für den König – und Ihr seid noch der Prinzregent“, erwiderte er. Die Grafen lachten herzlich.

Drei Wochen später streckten die letzten Wilzaren vor dem Bergwerk von Tungur die Waffen. Ulrich und seine Leute waren gerade noch rechtzeitig gekommen, um ein Blutbad unter den Gefangenen zu verhindern. Die abgemagerten, zum Teil völlig entkräfteten Zwangsarbeiter konnten ihr Glück kaum fassen, dass sie befreit wurden.

„Dank Euch, Herr. Wenn Ihr nicht gekommen wärt, hätte Ronar uns alle töten lassen“, sagte einer der Ex-Gefangenen. Er glich mehr einem Totengerippe als einem lebendigen Menschen.

„Wo ist der Kerl?“, fragte Ulrich zornig.

„Ich habe ihn unter den Gefangenen gesehen, Hoheit“, kam es von hinten. Es war Edgar, der wie Ulrich den Aufseher gut kannte.

„Bringt mir den Lumpen her!“, befahl der Prinz. Wenig später schleppten zwei Wächter den vor Angst am ganzen Leib zitternden Ronar an.

„Nein, was für ein Häuflein Elend du bist, wenn du nicht gefesselte Gefangene mit deiner Bullenpeitsche traktieren kannst!“, entfuhr es Ulrich.

„Gnade, Herr“, winselte der Aufseher.

„Gnade? Wofür? Dafür, dass du keine Gelegenheit ausgelassen hast, mich und andere deine Peitsche spüren zu lassen? Dafür, dass dich nur die endgültige Niederlage deiner Soldaten gehindert hat, deine Zwangsarbeiter töten zu lassen?“, fragte Ulrich bissig. Ronar sah auf. Blankes Entsetzen packte ihn, als er in dem königlich gerüsteten Ritter den von ihm so herbe geschundenen Zwangsarbeiter wieder erkannte.

„Ich konnte nichts dafür, Herr. König Ranador hat es mir befohlen“, verteidigte sich Ronar.

„Du hast keinen Augenblick gezögert, einen deiner Gefangenen auszupeitschen, wenn dir danach war – ob Ranador dir den Befehl dazu gegeben hat oder nicht. Und dir war oft danach, Ronar. Solange ich hier war, ist kein Tag vergangen, an dem du nicht mindestens drei oder vier Leute auf dein Gerüst gebunden hast, um sie mit deiner Peitsche zu quälen. Es hat dir Freude gemacht, wie ich weiß. Du hast nicht auf Befehl gehandelt, du hast nach eigenem Gutdünken die Peitsche geschwungen. Edgar: Dieser Aufseher hat sein Leben verwirkt. Übergib ihn dem Henker.“

„Euer Urteil, Herr?“

„Köpfen!“

„Vergebt, Herr: Ist das für die Untaten nicht zu milde?“, fragte Edgar nach.

„Edgar, ich dulde keine unnötige Quälerei“, versetzte Ulrich. „Der Mann hat für das, was er getan hat, den Tod verdient, aber ich bin nicht Ranador, der sich überlegt, wie seine Gefangenen möglichst qualvoll hinrichten lässt.“

„Da wir gerade dabei sind, Herr: Was soll eigentlich mit Ranador geschehen? Ihr wollt ihn doch wohl nicht am Leben lassen?“

„Edgar, ich bin nicht bereit, in dieser Frage eine Diskussion mit dir zu führen. Ranador hat gebüßt, ich habe ihn begnadigt. Und damit ist Schluss, verstanden?“

„Ja, Herr, verstanden, aber nicht einverstanden!“, knurrte Edgar.

„Das weiß ich, Edgar. Und nun führe meinen Befehl aus“, erwiderte Ulrich ruhig. Edgar winkte den Wächtern, die den laut um Gnade schreienden Ronar fortbrachten. Einige Zeit später brachte der Henker den Kopf des Hingerichteten. Ulrich nahm die Vollstreckung des Urteils mit einem schweigenden Kopfnicken zur Kenntnis und befahl dann, nach Rothenfels zurückzukehren, wo die gefangenen Wilzaren auf ihre Freilassung warteten. Wilzarien war besiegt.

Eine Woche nach dem Fall von Tungur erreichte das wenglische Expeditionsheer Rothenfels, das noch von den Scharfenburgern besetzt war. Herzog Gunther empfing die Wengländer zwar kühl, aber doch mit den ihnen zustehenden Ehren.

„Ich habe gehört, wie Ihr mit Ranador umgesprungen seid“, lobte er den Prinzen später, als sie beim Essen saßen. „Für so hart und gerecht hätte ich Euch jungen Mann nicht gehalten“, setzte er hinzu.

„Es gibt Leute, Herzog Gunther, die behaupten, ich hätte viel von meinem Großvater. Er hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich hoffe, Spuren davon geerbt zu haben“, entgegnete Ulrich. „Ich denke, es wäre jetzt an der Zeit, einen Schlussstrich unter die Feindseligkeiten zwischen Wengland und Wilzarien zu ziehen. Wir sollten mit Ranador über einen Friedensschluss verhandeln“, sagte Ulrich dann.

„Das wird gewisse Schwierigkeiten machen, Prinz Ulrich“, erwiderte der Herzog.

„Warum? Ist er geflohen?“, fragte der Prinz verblüfft nach.

„Nein, er ist tot.“

„Wie bitte? Als ich ihn in Eurer Obhut zurückließ, war er noch ganz munter. Hatte der Pranger doch noch Folgen?“

Gunther seufzte.

„Weniger der Pranger, den er wirklich gut überstanden hat, als der Dolchstoß seines Feldherrn Siram.“

Ulrich wurde bleich. Er legte das Besteck weg. Der Appetit war ihm schlicht vergangen.

„Bitte, Herzog Gunther, berichtet mir, wie das geschehen konnte. Ich hatte doch angeordnet, dass Ranador streng von den Mitgefangenen getrennt werden sollte.“

Gunther räusperte sich. Er winkte einem Wächter im Saal der neuerbauten Burg.

„Holt Dietmar her!“, befahl der Herzog. Der Wächter verbeugte sich und ging fort.

„Dietmar war dabei“, sagte er dann an Ulrich gewandt.

Wenig später war Dietmar zur Stelle.

„Herzog Gunther hat mir gesagt, du wärst dabei gewesen, als Siram seinen König ermordete. Was ist geschehen, und warum hast du es nicht verhindert, Dietmar?“, fragte der Prinz.

„Siram sagte mir, er müsse unbedingt mit König Ranador sprechen. Er sagte, er sei dessen Schwiegersohn. Bevor ich ihn zu seinem König brachte, habe ich mir das von König Ranador bestätigen lassen. Dann habe ich Siram zum König geführt. Ich hatte ihm – wie Ihr befohlen habt – nur leichte Fesseln gemacht. Er riss sich von mir los und ging Ranador gleich an die Gurgel. Ich habe versucht, ihn dort wegzureißen, aber der Feldherr war stärker als ich, entriss mir den Dolch und rammte ihn dem König ins Herz. Als weitere Wachen kamen, die ich gerufen hatte, war es schon zu spät, Herr“, berichtete der Wächter.

„Was ist mit Siram geschehen?“, fragte Ulrich betroffen.

„Wir haben ihn aus Ranadors Zelle gezerrt, sonst hätte er die Leiche noch in Stücke geschnitten. Vier Männer waren nötig, ihn wieder in seine Zelle zu bringen. Wir haben ihn angekettet, damit er nicht noch mehr Dummheiten anstellt“, gab Dietmar Auskunft.

„Ich möchte mit ihm reden.“

„Herr, er ist völlig außer Rand und Band!“, warnte Dietmar.

„Er hatte allen Grund, den König zu töten“, erwiderte Ulrich. „Bring’ mich zu ihm.“

„Ja, Herr.“

Siram zerrte an den harten Ketten, die ihm kaum Bewegungsfreiheit ließen. Die Wengländer hatten ihn geschlagen, weil er sich heftigst gegen die Ketten gewehrt hatte. Er fühlte sich einfach elend und hilflos. Die Tür öffnete sich und Prinz Ulrich trat ein. Siram hätte ihn beinahe nicht erkannt, weil er jetzt eine Rüstung trug, die königlich zu nennen war. Der Waffenrock war neu und zeigte die wenglischen Farben mit der goldenen Lilie auf beiden Seiten der breiten Brust. Zudem war er jetzt nicht mehr abgezehrt von langer Kerkerhaft, sondern sah gesund und kräftig aus. Bei dem Kampf um die Steinburg hatte Siram nicht sonderlich auf seine Gegner geachtet.

„Siram, was hast du getan?“, fragte Ulrich leise.

„Ich habe meine Frau und meinen Sohn gerächt, Wengländer. Dazu war ich als ihr Mann und sein Vater verpflichtet.“

„Ich habe Ranador versprochen, dass er nicht durch uns sterben wird.“

„Du hast dein Versprechen gehalten, Ulrich, denn er starb nicht durch wenglische Hand. Aber ich, ich habe ihm das nicht versprochen. An dem Tag, als du mir gesagt hast, wie Adana gestorben ist, habe ich Rache geschworen – und jetzt habe ich mich und die Meinen gerächt.“

„Du hast einen Mord begangen, Siram. Einen Mord an einem Mann, der unter meinem Schutz stand. Achtest du mich so wenig, dass du dich über meine Zusagen hinwegsetzt?“

„Ich wusste nicht, dass du ihn unter deinen Schutz gestellt hast. Das hat mir niemand gesagt“, erwiderte der gefangene Feldherr. „Hätte ich es gewusst, hätte ich meine Rache verschoben, bis Ranador deines Schutzes ledig gewesen wäre.“

„Hegst du noch gegen andere Rachegedanken?“, fragte Ulrich.

„Nein“, antwortete Siram sofort. „Meine Rache ist ausgeführt und erledigt. Aber ich würde ungern nach Aventur zurückkehren, wenn es wilzarisch ist. Ich mag nicht mehr unter der Willkürherrschaft der wilzarischen Könige leben.“

„Wo möchtest du leben, Siram?“

„Wengland dürfte mich kaum dulden, nachdem ich den Krieg gegen Wengland und Scharfenburg vorbereitet habe. Ich muss zugeben, dass ich es gern getan habe und erst sehr spät gemerkt habe, dass die Könige von Wilzarien so grausam sind, dass sie nicht meinem Wesen entsprechen. Ich muss dir auch gestehen, dass ich die Hinrichtung der Besatzung Steinburgs angeordnet habe, weil ich die Männer für feige hielt, die sich uns kampflos ergaben.“

„Ich weiß. Adana hat es mir erzählt“, sagte Ulrich. „Denkst du immer noch so über die Männer der Steinburg?“

„Ich habe meine Meinung geändert, als Adana mir von deinem Einwand berichtete. Was hast du mit mir vor?“

„Ich habe mich umgehört, als ich in Steinburg war. Die Menschen dort sprachen mit Achtung von dir, weil du sie nicht geknechtet hast, als du Ranadors Statthalter dort warst. Manche sprachen mit unverhohlener Bewunderung von dir, obwohl sie die Wilzaren allgemein eher in die Hölle wünschen. Bereust du, die Kriegsvorbereitungen getroffen zu haben?“

„Heute ja.“

Ulrich schmunzelte.

„Ich glaube, ich habe die passende Strafe für dich. Liegt es dir, einen Tag mal zu stehen?“

„Die Mannbarkeitszeremonie schreibt es vor, dass der Prüfling drei Tage und Nächte stehen muss und nichts bekommt außer dem Trank, den man dir zwangsweise eingeflößt hat. Er darf sich nicht vom Fleck rühren, egal, was vor seinen Augen geschieht und was mit ihm getan wird. Ich hatte die zweifelhafte Ehre, meine Prüfung in Ranadors Harem ablegen zu müssen. Du kennst Königin Sanda gut genug, um zu wissen, was sie mit einem Mann macht – vor allem, wenn er sich nicht wehren kann oder darf. Ich denke, du verstehst.“

Ulrich verstand.

„Was meinst du, würden die Wengländer es dir sehr übel nehmen, dass du ihren schlimmsten Feind erledigt hast?“

„Ich weiß, dass manche es dir übel nehmen, dass du es nicht getan hast“, erwiderte Siram lächelnd. „Warum hast du es nicht getan?“, fragte er dann

„Weil deine Frau mir im Traum erschienen ist und für ihren Vater um Gnade gefleht hat. Ich habe sie gebeten, auch dir zu erscheinen, aber sie sagte, du könntest dich an deine Träume nie erinnern.“

„Das akzeptiere ich. Was willst du mit mir tun?“

„Dich für einen einzigen Tag an den Pranger stellen und dem Volk von Wengland Gelegenheit geben, dir zu danken.“

„Am Pranger?“, fragte Siram verblüfft nach.

„Du wirst schon sehen …“, grinste Ulrich geheimnisvoll und befahl dem Wächter, die Ketten aufzuschließen.

„Sorg’ dafür, dass der Fürst ein Bad bekommt und alles hat, was er möchte. Es soll ihm an nichts fehlen, Dietmar. Fürst Siram ist mein Gast, kein Gefangener mehr.“

Am Tag darauf fand Siram sich im Rittersaal der Burg wieder. Der Pranger bestand aus einem Riesenkuchen, vor dem der Fürst stand und den Dank der Wengländer und Scharfenburger entgegennahm. Es gab keinen, der Siram nicht dankbar war, dass er die Welt von König Ranador befreit hatte.

Zur gleichen Zeit verhandelten Herzog Gunther und Prinz Ulrich mit Prinz Sevur über einen endgültigen Friedensschluss.

„Ich dachte, Ihr hättet meinen Vater hart genug bestraft. Was gibt es noch zu verhandeln? Welchen Preis wollt Ihr noch für den Frieden?“, fragte der junge Wilzare mit verhaltenem Zorn.

„Nun, Euer Vater hat für seine Untaten gebüßt, soweit sie mit Geld nicht zu ersetzen waren, Prinz Sevur. Jetzt geht es um ganz genau bezifferbaren Schadenersatz“, erwiderte Ulrich. „Unsere Kriegskosten beliefen sich auf drei Millionen Gulden, die Herzog Gunther verauslagt hat. Diese Summe ist an Herzog Gunther zu zahlen. Nach Erhebungen der Steuerbeamten sind Schäden an Gebäuden und Ernten in Wengland in Höhe von zwei Millionen Gulden entstanden, ebenso viel in Scharfenburg. Also noch einmal zwei Millionen an mich, besser die beim Steueramt Steinburg eingerichtete Schadenskasse und zwei Millionen an Herzog Gunther, genauer an die beim Steueramt zu Stolzenfels befindliche Gerichtskasse. Ihr steht mit insgesamt sieben Millionen Gulden bei uns beiden in der Kreide, Prinz Sevur. Ich weiß, dass Ihr den Betrag nicht auf einmal aufbringen könnt. Ihr braucht nicht vor Entsetzen bleich zu werden. Nach Euren Abrechnungen, die wir in Wilzaris gefunden haben, ist das das normale Tributaufkommen Eurer besetzten Länder in fünf Jahren. Wir möchten vermeiden, dass Wilzarien nun andere Länder noch mehr presst, um die Schulden bezahlen zu können. Wir räumen Euch daher einen Zeitraum von zehn Jahren ein, in denen Ihr die Schulden in monatlichen, gleichen Tributraten an uns entrichtet, aber wir berechnen dann fünf Prozent Zinsen auf die Schuld. Eure Silberbergwerke geben genug her – auch ohne Zwangsarbeiter aus Wengland oder Scharfenburg. Das zum Geld“, erklärte Ulrich. Sevur war fassungslos. Die Kosten auf den letzten Heller berechnet, gleich mit angemessenen Ratenzahlungsvorschlägen und geradezu liebevollen Zahlungsbedingungen für diese Zeit!

„Ist das alles?“, fragte der Wilzare verblüfft. Er hatte nicht gehofft, so leicht davonzukommen.

„Nicht ganz. Einen sauren Tropfen muss ich noch in Euren Wein kippen: Ich möchte eine Sicherheit, dass von Wilzarien keine Gefahr mehr für Wengland ausgeht – und für Scharfenburg auch nicht“, erwiderte Ulrich.

„Wollt Ihr Geiseln?“

„Nein, eine Grenzkorrektur“, gab Ulrich kühl zurück.

„Ihr wollt doch nicht etwa Aventur?“, fragte Sevur entsetzt.

„Genau das wollen wir. Der nördliche Teil, zwischen der Westspitze des Aventurgebirges bis zur Mündung des Südwenglischen Aventur, ist an Scharfenburg abzutreten, der südliche Teil zwischen der Aventurmündung und dem Kamm des Aventurgebirges südlich der Aventurquellen am Aventurpass an Wengland. Das Aventurgebirge dürfte Euch an solch schlechten Scherzen wie nach dem Tod von König Martin hindern“, erklärte Gunther.

„Aber Aventur war immer wilzarisch!“, protestierte Sevur.

„Das wissen wir, Prinz Sevur. Wir wissen auch, dass mitten durch Aventur die Sprachgrenze verläuft. Ich kann Euch für Wengland garantieren, dass die Menschen dort nicht geknechtet werden. Die Sprache wird ihnen bleiben, soweit sie Wilzarisch sprechen. Wilzarisch wird zweite Amtssprache bleiben und die Ortsnamen bleiben Wilzarisch. Es wird lediglich eine wenglische Übersetzung hinzugefügt. Was ich nicht garantiere, ist allerdings die Verehrung von Götzenbildern. Die Straße nach Wilzaris bleibt geöffnet, denn Wengland schottet sich nicht ab. Aber es wird dort wenglische Soldaten geben. Und seid sicher, dass wir unser Alarmsystem gründlich überarbeiten werden. Ein nächstes Mal wird Wengland nicht unvorbereitet sein.“

„Schön, Ihr garantiert das für Wengland. Was ist mit Scharfenburg?“, hakte Sevur nach. Gunther gab gleichfalls eine entsprechende Garantie für Aventur-Nord ab.

„Na gut. Und wie wollt Ihr das Land regieren, Prinz Ulrich? Von Steinburg aus?“, fragte der Wilzare dann. Der Wengländer schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe einen vertrauenswürdigen Mann, der die Provinz von Silla aus regieren wird und der mit den Aventurern bestens auskommt.“

„Die Leute in Aventur akzeptieren nur einen Mann aus Aventur als ihren Fürsten. Meine Vorfahren haben ihre liebe Not gehabt, einen Fürsten aus anderen Teilen Wilzariens dort einzusetzen.“

„Das ist mir bekannt. Aventur wird auch einen Fürsten aus Aventur bekommen.“

„Siram!“, entfuhr es Sevur.

Ulrich nickte und schob dem Wilzaren den Vertrag zu, damit er ihn siegelte.

„Seid sicher, mit Aventur werdet Ihr viel Ärger haben“, warnte Sevur und drückte seinen Ring in den flüssigen Siegellack. Der Friede war geschlossen.

 

 

AAA

Kapitel 26

Kurzbeinige Lügen

 

Es war inzwischen September geworden. Der Feldzug gegen die Wilzaren war doch kürzer gewesen, als Ulrich anfangs befürchtet hatte. Herzog Gunther war am Tag nach Besiegelung des Friedensvertrages nach Scharfenburg aufgebrochen, um seine Aufgaben dort wahrzunehmen.

Ulrich selbst wollte zunächst noch nach Steinburg, um mit dem Bischof einen Termin für die Krönung zu vereinbaren. Doch er brauchte nicht erst in die Hauptstadt zu reisen, der Bischof kam nach Rothenfels. Graf Roland, Ulrichs Heerführer bei Herzog Gunther und neuer Graf von Südwengland, hatte den Bischof gebeten, die neue Burg zu segnen. Bischof Otto, nach dem Tod des letzten Abtes von Wachtelberg durch den Papst zum Bischof von Wengland bestimmt, war gleichzeitig auch der Graf von Wachtelberg. Er war der einzige Graf, den nicht der Prinzregent eingesetzt hatte. Und er war der einzige Graf, der Ulrich noch nicht Treue geschworen hatte.

Als Otto nach Rothenfels kam, bat Ulrich um ein Gespräch. Der Bischof ließ ihn zunächst warten und forderte ihn dann auf, den Bischofsring zu küssen, wie es sich für einen Sohn der Kirche gehörte. Ulrich tat es, betrachtete er sich doch als gläubigen Christen.

„Gut, mein Sohn. Ihr wolltet mich sprechen?“, sagte Otto dann.

„Hört, Exzellenz, Ihr seid vom Papst als Bischof von Wengland eingesetzt worden. Als solchen erkenne ich Euch an. Aber als Abt von Wachtelberg beansprucht Ihr auch den Titel des Grafen von Wachtelberg. Ist das so richtig?“, fragte der Prinz.

„Das stimmt“, bestätigte Otto.

„Dann fordere ich Euch auf, mir dann als Eurem Lehnsherrn die Treue zu schwören“, sagte Ulrich.

„Treue schwöre ich nur dem Papst, Prinz Ulrich. Ihr habt meinen Ring geküsst, also erkennt Ihr mich als eine Autorität an, die höher ist als die Eure“, erwiderte der Bischof.

„Verwechselt nicht Treue zur Kirche mit Unterwürfigkeit unter Eure Autorität als Menschen, Exzellenz. Als gläubiger Christ ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass ich mich Eurer Autorität im Glauben unterwerfe. Aber was Eure weltlichen Ansprüche anbelangt, bin ich Euer Herr, wenn Ihr den Titel des Grafen von Wachtelberg haben wollt. Der Titel ist keineswegs automatisch mit dem Bischofsamt verknüpft. Wenn Ihr also Graf von Wachtelberg werden wollt, schwört mir Treue“, erklärte der Prinz kühl.

„Da kommt Ihr zu spät, Prinz Ulrich. Ich bin bereits Graf von Wachtelberg.“

„Ich habe Euch nicht eingesetzt. Wer maßt sich an, eine Grafenstelle in Wengland zu vergeben?“

„Seine Heiligkeit, der Papst, hat mich als Bischof eingesetzt und zum Grafen bestimmt.“

„Seine Heiligkeit mag Euch als Bischof einsetzen. Dagegen sträube ich mich als Sohn der Kirche keineswegs, aber er hat seine Finger aus den weltlichen Angelegenheiten dieses Reiches herauszuhalten. Ich habe nicht vor, in einen Investiturstreit um die Bischofswürde in Wengland einzutreten, aber meine Grafen bestimme ich selbst. Wenn Ihr also nicht bereit seid, mir den Treueid zu schwören, werde ich Seiner Heiligkeit mitteilen, dass ich Euch zwar gern als Bischof akzeptiere, aber dass Ihr nicht mein Graf seid und dass ich mich gegen diese Unverschämtheit verwahre.“

„Prinz Ulrich, Ihr maßt Euch Rechte an, die Euch nicht zustehen. Ihr seid nicht der König von Wengland, der allein berechtigt ist, Lehen zu vergeben“, versetzte der Bischof. Ulrich war wie vom Blitz getroffen.

„Abgesehen davon, dass Ihr eben selbst zugestanden habt, dass allein Wenglands König das Recht hat, seine Grafenstellen zu besetzen, sind Eure Worte eine solche Frechheit, dass mir allmählich die Lust kommt, Euch die Anerkennung als Bischof zu entziehen. Ich bin der Prinzregent dieses Landes, keineswegs nur der Reichsvogt, der ausgesprochen beschränkte Vollmachten hat. Der Prinzregent, Bischof Otto, hat keinen Deut weniger Befugnisse als der König selbst. Ich bin der rechtmäßige König Wenglands, nur, dass ich noch nicht gekrönt bin“, erwiderte Ulrich mit erzwungener Ruhe.

„Ihr wart lange nicht in Wengland. Es hat sich einiges geändert.“

„Sollte der Papst sich nun auch anmaßen, Gesetze dieses Landes zu ändern? Das schlägt dem Fass den Boden aus! Außer Euch, Otto, hat mir kein Graf den Treueschwur verweigert. Ich fordere Euch nochmals auf, den Eid zu leisten.“

„Das Land musste verwaltet werden. Seine Heiligkeit hat mich mit der Exilregierung beauftragt.“

„Exilregierung? Verwaltung Wenglands? Otto, lasst Euch nicht auslachen! Bis vor zwei Monaten war Wengland von den Wilzaren besetzt und wurde keineswegs von irgendwem anders verwaltet, wie Ihr es auszudrücken beliebt. Hier hat nur die Knute der Wilzaren geherrscht, bis Herzog Gunther bereit war, mir bei der Rückeroberung meines Reiches behilflich zu sein. Ich habe den Papst nicht gebeten, mir hier einen Hilfsvogt einzusetzen. Wenn ich jemanden um Hilfe gebeten habe, dann, um Wengland vom Joch der Wilzaren zu befreien, nicht, um mir bei der Verwaltung zu helfen! Das kann ich – bei Gott – allein!“

„Ihr erinnert Euch an ein Schreiben an den deutschen König?“, fragte der Bischof maliziös lächelnd.

„Das Schreiben ging vor drei Jahren an den König und ich habe mein Hilfsersuchen nach dem unverschämten Preis, den der König von mir forderte, zurückgezogen. Davon abgesehen habe ich mich an Alfons von Kastilien gewandt, der in der Mehrheit von weltlichen Fürsten gewählt wurde, nicht an Richard von Cornwall. Meine Bitte richtete sich an den König, nicht an den Papst! Zudem habe ich die geforderte Erklärung nicht abgegeben. Seine Heiligkeit hat nicht in Wenglands Angelegenheiten herum zu pfuschen, wenn ich ihn darum nicht bitte“, versetzte Ulrich bissig. „Also, ich sage es jetzt zum letzten Mal: Schwört mir Treue oder ich akzeptiere Euch nicht als Graf von Wachtelberg.“

„Ihr würdet deshalb einen Krieg riskieren?“

„Das Risiko liegt weniger auf meiner als auf Eurer Seite“, gab Ulrich zurück. „Ihr würdet allein dastehen.“

„Auch, wenn ich Euch mit dem Kirchenbann drohe?“

„Das mag bei Kaiser Heinrich IV. gezogen haben, weil es um die Bischofsinvestitur ging. Hier geht es um meine Souveränität als weltlicher Fürst. Das wirft ein etwas anderes Licht auf die Angelegenheit. Wenn Ihr versucht, meine Grafen mit dem Kirchenbann zur Untreue gegen ihren Lehnsherrn zu verleiten, ist das eine Kriegserklärung Eurerseits an Wengland, Bischof Otto. Ich garantiere Euch, dass Ihr das nicht überlebt.“

Der Bischof überlegte eine Weile. Der Prinz hatte Recht, und das wusste der Bischof nur zu gut. Er hatte es versucht, sich dem Treueid zu entziehen und trotzdem als Graf anerkannt zu werden. Jetzt sah er ein, dass er eher einen innerwenglischen Krieg provozieren würde, als dass der Prinzregent ihn ohne Treueschwur als Grafen akzeptieren würde. Und Otto war klug genug zu erkennen, dass er keine Verbündeten in Wengland haben würde. Ein innerwenglischer Krieg wäre eine ziemlich einseitige Sache – und zwar nicht zum Vorteil des Bischofs.

„Nun gut“, sagte er schließlich. „Ich sehe ein, dass Ihr verstockt seid. Seid Ihr wenigstens kompromissbereit?“

„Das hängt von Eurem Angebot ab“, erwiderte Ulrich kühl.

„Ich biete Euch an, dass ich Euch nach der Krönung Treue schwöre. Ich würde das Gesicht nicht vor Seiner Heiligkeit verlieren und Ihr hättet trotzdem, was Ihr wollt.“

Ulrich war versucht, stur zu bleiben und den Treueschwur auf der Stelle zu fordern. Aber er sagte sich, dass er den Bischof damit vielleicht soweit treiben würde, dass er ihm die Krönung verweigerte. Daran war Ulrich nun gar nicht gelegen. Genau genommen genügte der Eid nach der Krönung. Er verlor nichts dabei.

„Gut“, sagte er. „Das kann ich hinnehmen, ohne vor meinen Grafen das Gesicht zu verlieren. Ich möchte mit der Krönung auch nicht mehr zu lange warten. Aber zur Krönung möchte ich meine Königin in Wengland haben.“

„Ihr habt bereits eine Gemahlin?“

„Adelheid von Löwenstein ist meine Frau – wenn auch erst nach scharfenburgischem Recht. Ich bitte Euch deshalb, die Krönung mit der wenglischen Hochzeit zu verbinden.“

„Gut“, sagte der Bischof. „Wollt Ihr dann nicht gleich ein ganz großes Fest daraus machen und Krönung und Hochzeit mit Eurem Geburtstag verbinden?“, schlug Otto vor. Ulrichs Geburtstag war der 8. Oktober. Bis dahin war noch gerade ein Monat Zeit. Zwar erschien ihm die Frist knapp, aber einhaltbar.

„Wenn ich morgen früh aufbreche, sehe ich keine Schwierigkeiten mit dem Termin“, sagte der Prinz.

„Dann werde ich die Vorbereitungen dafür treffen“, versprach der Bischof. Ulrich verabschiedete sich und suchte nach Graf Werinher, den er mit der Vorbereitung seitens des Hofes beauftragte.

Die Reise nach Löwenstein war zwar weit, aber zu Pferd doch wesentlich kürzer und bequemer als die Flucht zu Fuß. Der Weg führte an jenem Gasthaus vorbei, aus dem die Wirtin den Prinzen seinerzeit hinausgeworfen hatte. Der junge Prinz konnte sich nicht verkneifen, dort einzukehren.

„Gott zum Gruß, Frau Wirtin“, sagte er. Die Wirtin sah den gerüsteten Ritter verblüfft an. Sie erkannte das Wappen auf dem Waffenrock.

„Euer Hoheit suchen mein bescheidenes Gasthaus auf?“, fragte sie verwundert und machte einen tiefen Knicks. Ulrich lächelte und nahm den Helm ab.

„Sagt, Frau Wirtin, nehmt Ihr auch wilzarische Zinnmünzen?“, fragte er. Der Wirtin ging die Frage durch Mark und Bein. Sie sah auf.

„Herr, der Bettler im letzten Winter …“

„Ja, das war ich, Frau Wirtin“, bestätigte Ulrich lachend.

„Verzeiht mir bitte, dass ich Euch so schmählich davonjagte“, bat die Frau leise.

„Nun kommt schon vom Boden hoch. Nähme ich Euch das übel, wäre ich nicht bei Euch eingekehrt. Bereitet mir und meinen Begleitern ein Mahl“, forderte Ulrich sie auf. „Ich zahle in wenglischer Währung, wenn Euch das beruhigt“, grinste er. Die Wirtin erhob sich.

„Ich habe Euch so beleidigende Dinge hinterher geworfen.“

„Meint Ihr die Holzschüssel, die mich knapp verfehlte oder den Wunsch, der feige Prinz möge ins Pfefferland gehen?“, lachte Ulrich.

„Beides.“

„Lasst es gut sein, Frau Wirtin. Aber jetzt möchte ich endlich Eure Kochkünste probieren.“

Während Ulrich auf dem Weg nach Löwenstein war, hatte Herzog Gunther die Grafschaft längst erreicht. Immer noch plagte ihn eine starke Abneigung gegen den Prinzen, der ihn zum Feldzug gegen die Wilzaren gezwungen hatte. Gunther wollte einfach nicht einsehen, dass eine Hilfe für Ulrich zu einem früheren Zeitpunkt das große Leid, das über Scharfenburg gekommen war, verhindert hätte. So rechnete er sämtliche Verluste dem Zwang des Prinzen an. Zwar hatte er auf dem knapp drei Monate dauernden Feldzug kaum dreihundert Männer verloren, doch nach Gunthers Berechnungen waren insgesamt sechs- oder siebentausend Scharfenburger den Wilzaren zum Opfer gefallen – allesamt, bevor er gen Wilzarien gezogen war. Aber diesen Umstand ignorierte der Herzog. Jetzt wollte er sich an Ulrich dafür rächen. Und das ging am besten mit Adeline, fand Gunther. Er hatte diese Verbindung nie akzeptiert.

Nach seiner Rückkehr suchte er Adeline in Löwenstein auf.

„Onkel Gunther!“, begrüßte sie ihn. „Wo ist Ulrich? Geht es ihm gut?“

„Jaaa“, sagte Gunther gedehnt. „Als ich ihn das letzte Mal sah, ging es ihm gut.“

„Es klingt seltsam, wie Ihr das sagt, Onkel. Was ist?“

„Ach, mein Kind“, sagte er, „ich hatte immer Zweifel, dass ein so gut aussehender Bengel treu ist. Es hat sich leider bestätigt.“

„Wie bitte?“, fragte die Gräfin entsetzt.

„Irgendwer muss es dir sagen, bevor Ulrich dir Lügen auftischt. Er hat seine Heidenmetze getroffen. Sie haben sich heftigst amüsiert. Er hat nicht einmal den Versuch gemacht, sein Tun zu verbergen.“

„Nein!“, entfuhr es Adeline. „Das kann nicht sein. Das glaube ich nicht.“

„Hat er dir je geschrieben? Von mir sind doch häufig Briefe gekommen. Hat er dir genauso fleißig geschrieben?“, fragte der Herzog mit hinterlistigem Grinsen.

„Nein“, sagte Adeline wahrheitsgemäß. „Ich habe mich zwar gewundert, aber …“

„Er war so beschäftigt, von einer Schürze zur anderen zu springen, dass er nicht mal zum Schreiben gekommen ist“, versetzte Gunther.

„Ich werde das nachprüfen, wenn Ulrich wieder daheim ist“, sagte die junge Gräfin. Sie mochte das, was ihr Onkel ihr gesagt hatte, nicht einfach hinnehmen. Aber was, wenn er ausnahmsweise die Wahrheit sagte?

In der Nacht schreckte sie heftig auf. Jemand hatte sie gerufen. Sie stand auf und sah auf dem Flur nach, aber es war alles dunkel und völlig still.

„Adeline!“, hörte sie eine sanfte Stimme hinter sich. Es kam eindeutig aus ihrem Schlafzimmer. Bebenden Herzens ging sie zurück – und erstarrte vor Schreck, als sie eine leuchtend weiße Frau mit einem Baby auf dem Arm sah.

„Hab’ keine Angst, Adeline“, sagte die Erscheinung sanft. „Komm, geh wieder ins Bett.“

„Wer … wer bist du?“, stotterte die Gräfin.

„Ich bin Adana“, sagte die Erscheinung. „Und ich bin seit beinahe einem Jahr tot.“

Adeline spürte, dass ihre Knie weich wurden. Es gelang ihr gerade noch, sich auf ihr Bett zu setzen.

„Du bist ein Ge… Gespenst?“

„Nicht ganz. Ich habe die Fähigkeit, lebenden Menschen im Traum zu erscheinen. Glaube kein Wort von dem, was dein Onkel dir erzählt hat. Dein Onkel lügt, weil er Ulrich hasst. Ulrich ist dir keinen Moment untreu gewesen, Adeline. Er hat sich selbst sehr erschrocken, als ich ihm im Traum erschienen bin, um für meinen Vater um Gnade zu bitten. Er hat sich heftige Vorwürfe gemacht, weil er glaubte, dir Unrecht zu tun, wenn er von mir träumte. Er konnte genauso wenig dafür, wie du jetzt. Er ist auf dem Weg zu dir, um dich nach Steinburg zu holen. Erzähle ihm von mir und von Sedar.“

Adeline nickte und sah, wie die Erscheinung zum Fenster schwebte und verblich. Adeline konnte nicht anders: Sie schrie heftig.

Die junge Frau fuhr auf. An ihrem Bett saß Pater Kasimir im Schein einer nur niedrig brennenden Lampe.

„Kasimir, habt Ihr die Erscheinung auch gesehen?“

„Ihr habt schwer geträumt, edle Gräfin. Ihr werft Euch schon eine ganze Zeit ruhelos herum.“

„Dann … dann war hier niemand?“

„Niemand außer mir“, erwiderte der Pater beruhigend.

„Oh, Gott, Kasimir. Ich habe Zweifel an Ulrichs Treue. Was soll ich tun?“

„Hat Euch der Herzog gesagt, er sei untreu gewesen?“

Adeline nickte.

„Ich würde es nicht glauben. Euer Onkel gehört zu der Sorte von Mensch die, wenn sie den Mund aufmachen, lügen wollen und die, wenn sie ihn zumachen, gelogen haben. Ihr wisst doch, dass er Ulrich hasst. Warum nehmt Ihr das für bare Münze?“, erwiderte der Pater.

„Er ist so lange fort und ich habe nichts von ihm gehört. Warum schreibt er nicht? Von meinem Onkel habe ich fast jede Woche eine Botschaft bekommen. Aber mein Gemahl, Pater, der schreibt mir nicht.“

„Ich würde Eurem Onkel ohne weiteres zutrauen, dass er Ulrichs Briefe abfängt und vernichtet. Herzog Gunther würde alles tun, um Eure Liebe zu zerstören. Traut ihm nicht“, warnte Kasimir. „Ist er noch im Schloss?“

„Ja“

„Dann werden wir ihm einen Streich spielen. Ich habe Ulrichs Regentenring hier. Er hat seinen Siegelring als Graf von Steinburg mit. Das Wappen unterscheidet sich geringfügig, aber erkennbar von seinem Regentenring. Ihr bekommt morgen ein Schreiben, das mit dem Regentenring gesiegelt ist. Zeigt es Gunther. Ich bin auf seine Reaktion gespannt“, empfahl Kasimir.

„Warum?“

„Überlasst es zunächst mir. Ich denke, Ihr werdet eine Überraschung erleben.“

Am Morgen überbrachte Kasimir der Gräfin zum Frühstück einen gesiegelten Brief.

„Seht, edle Gräfin, Euer Gemahl hat Euch geschrieben!“, rief er schon von der Tür des Rittersaales.

„Das kann doch nicht sein! Kasimir, zeigt mir den Brief!“, befahl der Herzog.

„Weshalb sollte ich Euch den Brief geben, der für die Gräfin bestimmt ist?“, fragte Kasimir.

„Weil ich das so will, Pater“, versetzte Gunther. Adeline winkte dem Mönch.

„Lasst es gut sein, Kasimir. Gebt dem Herzog den Brief. Ulrich und ich haben keine Geheimnisse vor meinem Onkel“, sagte sie. Kasimir händigte Gunther das gesiegelte Schreiben aus.

„Das Siegel ist gefälscht, Mönchlein!“, fuhr Gunther den Mönch an.

„Weshalb? Dies ist das Regentensiegel“, erwiderte Kasimir harmlos.

„Das hat der Prinzregent aber gar nicht bei sich! Er trägt seinen Grafenring!“

„Woher wisst Ihr das, Onkel?“, hakte Adeline nun nach, die Kasimirs Spiel verstanden hatte.

„Weil er seine Briefe damit gesiegelt hat.“

„Welche Briefe, Onkel?“

„Die er dir …“, sagte der Herzog, brach erschrocken ab. Er hatte sich verplappert.

„Die er mir – was?“, zischte die Gräfin. „Onkel Gunther, du hast Ulrichs Briefe an mich abgefangen und mir deine Lügen aufgetischt. Mach, dass du aus meinem Hause kommst! Sofort!“, befahl sie wütend.

Kaum eine halbe Stunde später galoppierten Gunther und seine Begleiter eilig aus dem Burgtor.

AAA

Kapitel 27

Des Königs Rückkehr

 

Die Sonne verschwand gerade hinter der Bergkette im Westen, als Ulrich und seine Begleiter im Dorf Löwenstein einritten und dort schon mit Freude empfangen wurden.

„Willkommen daheim, Herr!“, begrüßte ihn der Wächter vor dem Burgtor. „Die Gräfin wartet so sehnsüchtig auf Euch.“

„Führ’ mich zu ihr“, bat der Prinz.

Adeline saß mit Pater Kasimir im Rittersaal und nahm das Abendessen ein. Die Unruhe vor dem Tor hatte sie noch nicht bemerkt. Der Wächter, der Ulrich unten in Empfang genommen hatte, klopfte an die offene Tür des Saales.

„Daniel, was soll das? Die Tür ist doch offen!“, sagte die Gräfin.

„Hier ist ein Gast für Euch!“

„Dann lass’ ihn ein, Daniel“, erwiderte sie. Daniel stellte sich zurecht, pustete sich auf und rief:

„Seine Königliche Hoheit, Ulrich, Kronprinz und Prinzregent von Wengland!“

Adeline hielt nichts mehr auf ihrem Sitz bei Tisch. Sie sprang auf und eilte Ulrich entgegen. Mitten im Rittersaal umarmten sie einander und küssten sich innig.

„Meine geliebte Adeline“, flüsterte Ulrich glücklich. Adeline weinte vor Glück. Die Sehnsucht vieler einsamer Nächte war vorbei. Als sie sich etwas gefangen hatte, glitt ihr bewundernder Blick über die königliche Rüstung, die er trug.

„Jetzt siehst du aus wie ein königlicher Prinz“, sagte sie leise und küsste ihn wieder.

„Ich mochte nicht wieder in Lumpen erscheinen, Liebste. Ich bin auch nicht ganz allein gekommen, ich habe noch ein paar Begleiter“, erwiderte er.

„Ich hatte gehofft, wir könnten die Nacht allein verbringen“, flüsterte sie vertraulich.

„Das werden wir auch“, versprach Ulrich leise. „Niemand wird uns stören.“

Schloss Löwenstein war zwar nicht übermäßig groß, bot aber doch so viel Platz, dass die auf äußerste Diskretion bedachten Diener der Gräfin die Begleiter des Prinzen soweit von Adelines und Ulrichs gemeinsamem Schlafgemach entfernt unterbringen konnten, dass das junge Paar eine ungestörte Liebesnacht genießen konnte. Nur das Kaminfeuer erhellte den Raum, als sie sich zärtlich liebten und schließlich in den sanften Schlaf der Liebesseligkeit sanken.

Eine Woche lang blieben der Prinz und seine Begleiter in Löwenstein. Für Adeline und Ulrich war es eine wunderschöne Zeit. Die diskreten Diener schützten das Paar vor Neugierigen. In diesem Schutz gedieh die Zärtlichkeit der Liebenden zu schönster Blüte. Jeder Zweifel an Ulrichs Treue war ausgelöscht, und am Ende der Woche erfuhr der künftige König, dass er in ungefähr fünf Monaten Vater werden würde.

Dann kam der Tag der Abreise. Adeline ließ ihre hübsche kleine Grafschaft in der Verwaltung ihres Vetters Roderich, um Ulrich nach Wengland zu folgen. Die Reise dauerte eine knappe Woche, und wohin sie auch kamen, wurde das Prinzenpaar begeistert gefeiert. Schloss Steinburg machte auf die junge Gräfin einen tiefen Eindruck. Schon auf Schloss Löwenstein waren sie ungestört gewesen, aber in der Steinburg war nicht einmal eine abschottende Dienerschaft vonnöten. Es verstand sich von selbst, dass die Diener die königlichen Gemächer nur betraten, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Vom Flur war das Schlafgemach so weit entfernt, dass selbst lautstarke Liebhaber dort nicht zu hören waren. Adeline besichtigte voller Freude die schönen, wenn auch nicht unbedingt luxuriös ausgestatteten Räume, die allein dem Königspaar vorbehalten waren. Der einzige wirkliche Luxus waren ganz neue Biberfelle, mit denen das königliche Ehebett belegt war. Sie waren noch weicher und schmiegsamer als die, in denen sie in Löwenstein ihre Liebe genossen hatten. Von den weichen Kuschelfellen mochte Adeline sich gar nicht trennen. Schließlich nahm Ulrich ihre Hand.

„Komm, es gibt noch mehr zu sehen“, sagte er leise. Er ließ es sich nicht nehmen, seine Frau selbst durch ihr neues Reich zu führen. Langsam gingen sie durch die für sie reservierte Zimmerflucht. Schließlich standen sie auf dem Dach des Bergfrieds unter der im leichten Frühherbstwind wehenden Königsflagge. Adeline lehnte sich an Ulrich an und umarmte ihn. Er erwiderte Ihre Umarmung.

„Ulrich?“

„Ja, mein Herz?“

„Bis zur Hochzeit und Krönung sind es noch beinahe zwei Wochen. Was geschieht bis dann?“

„Wir werden die weiteren Vorbereitungen treffen. Die Gäste sind geladen, aber wir müssen noch die Tischordnung festlegen, die Speisen und Getränke bestimmen. Du brauchst noch ein Hochzeitskleid; und ich müsste mir auch allmählich ein angemessenes Gewand für die Krönung machen lassen. Der Krönungsmantel ist zwar vorhanden, aber ich habe nichts Passendes, um es darunter anzuziehen“, erwiderte der Prinz. Er strich ihr liebevoll durch das offene Haar. Sie sah ihn einen Moment verwirrt an. Ulrich trug ein hüftlanges dunkelgrünes Tuchwams, das eng am Körper anlag und die Proportionen seines ebenso schlanken wie kräftigen Körpers gut zur Geltung brachte. Dazu hatte er eine passende Hose von gleicher Qualität und Farbe, die im Hüftbereich locker geschnitten war. Erst ab dem halben Oberschenkel betonte sie die Form seiner kräftigen Beine. Aus den Falten am Oberarm und an der Hose leuchtete goldgelbe Seide. Die breiten Schultern waren mit kleinen Schulterwülsten verziert, die mit dünnen, goldenen Linien bestickt waren. Um den Hals trug er eine schwere Goldkette, die aus kostbaren, breiten, kunstvoll ziselierten Gliedern bestand. Diese Kettenglieder waren abwechselnd mit Rubinen und Smaragden verziert. Vorn auf der Brust befand sich das königliche Wappen, das in Glasfluss auf ein entsprechend geprägtes Kettenglied aufgebracht war. Dies zentrale Wappenelement war schildförmig und mindestens doppelt so groß wie die anderen Kettenglieder. Es war die Amtskette der wenglischen Könige, die der jeweilige König oder gegebenenfalls sein Nachfolger trug. War der Träger der König, hing das Wappenelement unter einer Nachbildung der wenglischen Königskrone. Die Amtskette war allein von ihrem Gehalt an Edelmetall und -steinen ein Vermögen wert. Zu diesem gewiss teuren Anzug trug er kurze, braune Stiefeletten, die aus Elchleder gefertigt waren. Ulrich bemerkte Adelines Blick.

„Liebling“, sagte er leise. „Was ich trage, ist sicher nicht mit den Lumpen zu vergleichen, in denen ich letztes Jahr nach Löwenstein gekommen bin, aber für die Krönung ist es nicht die korrekte Tracht. Außerdem ist die Kette, wenn du so willst, nicht mein Eigentum, sondern Bestandteil der Amtsinsignien des Königs. Komm, ich zeige dir die Tracht, die ich benötige.“

Sie stiegen den Turm hinunter und kamen bald in eine lichtdurchflutete Galerie, in der die Porträts der bisherigen Könige Wenglands hingen. Ulrich stellte Adeline die Ahnen vor. Als sie vor dem Bild von König Martin II. standen, sah Adeline verblüfft von dem Bild an der Wand zu dem lebendigen Mann neben sich, der sanft und vertraulich ihre Hand hielt.

„Bist du sicher, dass dieses Bild deinen Großvater zeigt? Ich möchte meinen, du wärst es“, sagte sie. Ulrich lachte herzlich.

„Du bist nicht die Erste, die das sagt. Schon viele haben das vermutet. Aber es ist eine Tatsache, dass dieses Bild 1210 gemalt wurde. Ich bin aber erst 1235 geboren. Mein Großvater war damals nur ein Jahr älter, als ich jetzt bin. Hier siehst du übrigens die Krönungstracht, die weiß ist. Ich muss sie mir neu anfertigen lassen, weil die alte, die mein Großvater hatte machen lassen, einem Schwarm hungriger Motten zum Opfer gefallen ist. Diese Tracht wird nur zu ganz bestimmten Anlässen getragen, und Großvater hatte sie fast zehn Jahre in der Truhe liegen. Da hatten die Motten genügend Zeit, sich daran gütlich zu tun.“

Sie gingen langsam weiter und besichtigten die Burg sehr eingehend. Nach einem langen Rundgang kamen sie wieder zu den königlichen Privatgemächern. Die Wächter, die in einer rot-grünen Tracht davor standen, standen stramm, als der Prinzregent und die schöne Frau in seiner Begleitung die Gemächer betraten. Ulrich nahm die Königskette und den Dolch ab und folgte Adeline auf den Balkon vor ihrem Schlafgemach. Sie genoss den schönen Ausblick auf Steinburg und die umliegenden Berge. Dann spürte sie Ulrichs unmittelbare Nähe und lehnte sich an ihn. Er umarmte sie von hinten und küsste sie sanft auf das Haar.

„Steinburg ist schön, Liebling“, sagte sie leise.

„Ja, es ist eine schöne Stadt und eine schöne Provinz. Als Kronprinz bin ich auch der Graf von Steinburg. Es ist die größte und vielfältigste Provinz dieses Landes. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Lieber wäre ich gestorben, als Wengland, speziell mein geliebtes Steinburg, aufzugeben“, sagte der Prinz. In seiner Stimme war so viel Wärme, dass Adeline ein wohliger Schauer überströmte.

Hinter den Hügeln im Westen der Stadt versank die Sonne. Ihre letzten Strahlen tauchten Steinburg und den gen Osten gelegenen Höhenzug in ein warmes, rotgoldenes Licht. Das Paar blieb auf dem Balkon, bis in Steinburg die ersten Lichter entzündet wurden. Im letzten Tageslicht fanden sich ihre Lippen zu einem zärtlichen Kuss. Ulrich hob Adeline auf seine Arme und trug sie ins Zimmer zurück. Die romantische Abendstimmung ließ die jungen Leute das bereitstehende Abendessen beinahe vergessen. Erst nach geraumer Zeit fanden sie Gelegenheit zum Speisen. Sie waren ungestört. Niemand, nicht einmal die Wachen vor den königlichen Privatgemächern hörten auch nur das leiseste Geräusch der zärtlichen Liebesnacht hinter der schweren, mit kostbaren Schnitzereien geschmückten Eichentür.

Schließlich war der Tag des großen Festes gekommen. Zum ersten Mal seit fast einem Monat verbrachten Adeline und Ulrich den Morgen nicht gemeinsam. Die Tradition verlangte es nun einmal, dass der Bräutigam die Braut erst vor dem Traualtar in Empfang nahm. Normalerweise wäre der Brautvater derjenige gewesen, der seine Tochter an den glücklichen Bräutigam vor dem Altar übergab. Fiel der aus, wäre der Vater des Bräutigams der passende Ersatz gewesen. Aber in diesem Fall waren beide Brautleute ohne Eltern – und ihren Onkel hatte Adeline zur wenglischen Hochzeit gar nicht erst eingeladen. So hatte Roderich von Löwenstein nicht nur die Rolle als Trauzeuge für Adeline übernommen, er fungierte auch als Brautführer. Ulrich erwartete seine Braut mit seinem Trauzeugen Werinher vor dem Altar. Wie schon bei der Beisetzung des alten Königs vier Jahre zuvor war der Dom zum Bersten voll.

Bischof Otto zelebrierte zunächst die Brautmesse. Adeline und Ulrich versprachen sich – nun zum zweiten Mal, dafür in einer noch breiteren Öffentlichkeit als in Löwenstein – gegenseitig Treue und Annahme als Eheleute. Bischof Otto bestätigte kraft seines Amtes den Bund der königlichen Ehe. Die Ehe war geschlossen, nun konnte die Krönungszeremonie beginnen.

Das Prinzenpaar kniete auf einer mit dunkelrotem Samt bezogenen, gepolsterten Kirchenbank direkt vor dem Altar. In feierlicher Prozession trugen festlich gekleidete Diener die Kronen der künftigen Majestäten und die königlichen Insignien Kette, Zepter und Schwert vom Schloss in den Dom. Der im Heiligen Römischen Reich bekannte Reichsapfel fehlte, weil die wenglischen Könige keinen allumfassenden Herrschaftsanspruch in der Welt stellten, der mit diesem Apfel ausgedrückt wurde. Kronen und Insignien wurden auf dunkelgrünen Samtkissen mit dem eingestickten Königswappen auf dem Altar niedergelegt. Der Bischof segnete die königlichen Insignien mit einem eigens dafür im Messbuch vorgesehenen Gebet. Dann sprach Otto das Segensgebet über das Prinzenpaar.

Als erste der Insignien erhielt Ulrich die Amtskette, nun um die Königskrone bereichert, an die das zentrale Wappenelement angehängt worden war. Sorgsam richtete der Bischof die schwere Kette auf dem Krönungsmantel aus. Adeline wurde mit der schmaleren und leichteren Kette der Königin geschmückt. Dann tauchte der Bischof den rechten Daumen in ein kleines Gefäß mit Chrysam, einem kostbaren Salböl, und bezeichnete das Prinzenpaar jeweils mit einem Kreuz auf der Stirn. Dazu sprach er ein Segensgebet:

„Ich salbe dich mit dem heiligen Chrysam zum Zeichen, dass dein königliches Amt dir durch Gottes Gnade gegeben ist. Empfange Gottes Gabe, den Heiligen Geist.“

Als nächstes hob der Bischof die fünfbögige Königskrone vom samtenen Ruhekissen.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes kröne ich dich, Ulrich, mit dem goldenen Königsreif der Könige von Wengland. Gottes Gnade und Weisheit ruhe auf dir alle Zeit“, sprach der Bischof den Segen dazu.

„Amen“, erwiderte Ulrich. Vorsichtig senkte Otto die Krone auf das Haupt des Prinzen. Mit einem ähnlichen Segen erhielt Adeline das mit Diamanten reich verzierte Diadem der wenglischen Königin.

Zur Fortsetzung der Zeremonie verließ das Paar die Kniebank und wurde von vier festlich gekleideten Herwigsgardisten zu den Krönungsthronen vor dem Altar geleitet. Als sie Platz genommen hatten, hob Otto das Zepter vom Kissen und überreichte es mit beiden Händen Ulrich.

„Nimm dieses Zepter als Zeichen deiner königlichen Würde. Dieses Symbol der Einheit des wenglischen Volks trage in deiner Hand die Gerechtigkeit durch Wengland.“

„Amen“, antwortete Ulrich und nahm das Zepter mit beiden Händen entgegen, behielt es aber allein in der Linken. Der Bischof nahm das Königsschwert, das zuerst bei der Inthronisation Philipps I. Bestandteil der Krönungszeremonie gewesen war, aber danach lange Zeit verschollen war, bis Martin II. es wiederentdeckt hatte. Es war ein Meisterwerk frühmittelalterlicher Schmiedekunst und hatte auch nach mehr als dreihundert Jahren nichts von seiner Schärfe und Elastizität eingebüßt. Seine Zähigkeit und gute Schleifbarkeit machten das Schwert zu einer wirklich gefährlichen Waffe. Es war beileibe kein kostbares Zierstück, das für seinen ursprünglichen Gebrauch nicht taugte. Ulrich hatte es bereits ausprobiert, als er es im Kampf um die Steinburg benutzt hatte.

„Dieses Schwert sei in deiner Hand das Schwert der Gerechtigkeit. Führe es nur in ehrenhaftem Kampf, stifte Frieden und bewahre ihn. Für immer sei Friede mit dir und deinem Volk, Ulrich, der du der erste König Wenglands dieses Namens bist“, sagte Otto dazu. Ulrich zog das Schwert aus der nahezu schmucklosen Scheide. Der Glanz der mit der immer noch vorhandenen Spezialflüssigkeit benetzten Klinge blendete die in unmittelbarer Nähe befindlichen Zeremoniengäste. Der neue König erhob sich, kreuzte Schwert und Zepter über der Brust und sprach den Königseid:

„Ich, Ulrich von Wengland, schwöre, mit all’ meiner Kraft, all’ meinem Wissen und Können Volk und Land von Wengland zu dienen, seinen Reichtum und Wohlstand zu wahren, es zu verteidigen gegen jeglichen Feind. Ich gelobe, Frieden zu stiften, wo immer es nötig ist und jedermann ohne Ansehen von Person und Stand Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen. Dies alles schwöre ich, so wahr mir Gott helfe.“

Bischof Otto nahm seinen Bischofsstab und segnete das neugekrönte Königspaar. Noch den Stab in der Hand, kniete der Bischof dann vor dem König nieder und leistete den nun fälligen Treueid als Graf von Wachtelberg.

„Als dem Herrn meines Lehens Wachtelberg, schwöre ich, Otto, Euch, Ulrich I. von Wengland, Treue bis in den Tod“, sagte er und hob die rechte Hand zum Schwur. Ulrich trat zu ihm, hielt ihm die rechte Hand mit dem königlichen Siegelring hin.

„Ich bestätige Euch, Otto von Wachtelberg, als den Grafen dieser Provinz. Ihr dürft den königlichen Siegelring küssen“, sagte er. Otto warf ihm einen Blick zu, der alles andere als Begeisterung ausdrückte, aber er tat das Verlangte. Werinher von Eichgau sprang auf.

„Hoch König Ulrich, hoch Königin Adeline!“, rief er laut. Der Ruf wurde von den anwesenden Gästen aufgenommen, und der Dom hallte davon wider. In feierlicher Prozession kehrte das Königspaar auf die Burg zurück, die nach vier Jahren nun wieder ein königliches Paar beherbergte. Eine ganze Woche lang würde nun die Hochzeit und die Krönung des neuen Königspaars gefeiert werden.

– Und Wengland war um eine Provinz reicher und hatte Frieden –

vorläufig … –

ENDE

 

 

AAA

 

Glossar

In dieser Geschichte gibt es Ausdrücke, die nicht jedem geläufig sind und der näheren Erläuterung bedürfen.

Bidenhander: Schwert mit langem Griff, das beidhändig geführt werden kann.

Fuder: altes Hohlmaß, ca. 1000 Liter

Kotau: Im Orient und in Fernost gebräuchlicher Gruß, bei dem sich der Grüßende dem Höhergestellten zu Füßen wirft und mit der Stirn den Boden berührt. Von der Haltung her ist der Kotau etwa vergleichbar mit der Gebetshaltung der Muslime, wenn sie sich kniend mit dem Kopf bis auf den Boden neigen. In extremen Fällen bedeutet Kotau auch, sich vor dem Herrscher auf den Bauch zu legen

Oberecke: Vom Betrachter aus gesehen das linke obere Viertel einer Flagge oder eines Wappens.

Sergeant: Im Hochmittelalter wurden berittene, nichtadlige Kriegsknechte als Sergeanten bezeichnet. Es handelt sich hier noch nicht um den im angelsächsischen Sprachraum bekannten Unteroffiziersdienstgrad.

Wali: nordischer Frühlingsgott

Widder: Gerät zur Zerstörung von Mauern, i. d. R. starker Baumstamm mit metallenem Widderkopf.

 

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

error

Gefällt Dir diese Webseite? Dann sag' es gerne weiter :)