Gundolfs Bibliothek

Fluch der Karibik – Die Diamanten von San Cristobal – online

Updated: 24. September 2017

Abstände geändert

 

Ab 12 Jahre

 

Prolog

Fünf Jahre waren vergangen, seit Will Turner, seine Frau Elizabeth mit ihren Seeleuten von der Aztec und Jack Sparrow mit seinen Männern und der geballten Macht karibischer und internationaler Piraten die vereinigte Flotte von Spaniern, Franzosen und verräterischen Elementen der East India Trading Company besiegt und Jamaica von deren blutiger Herrschaft befreit hatten. Sie hatten nicht verhindern können, dass viele Menschen unschuldig gehenkt worden waren, aber die Schuldigen waren bestraft, Recht und Ordnung britischer Prägung wiederhergestellt worden. Port Royal selbst, das schlimm gelitten hatte, war wieder aufgebaut und um ein schönes Haus auf dem östlichen Hügel gegenüber der Villa des Gouverneurs, die auf dem westlichen Hügel lag, reicher.

Der Aztekenschatz war – wie Will, Elizabeth und ihre Freunde es versprochen hatten – vernichtet. Mit der Vernichtung hatten sie Quetzalcoatl, einen der obersten Götter der Azteken, aus seiner Geistergestalt befreit und als Freund gewonnen, der sie oft in seiner menschlich erscheinenden Geistergestalt besuchte und Will die besondere Eigenschaft verliehen hatte, dass alles, was ihm getan wurde, auf den zurückkam, der es ihm tat. Das galt für Zärtlichkeiten seiner Frau ebenso wie für Schmerzen, die ihm jemand zufügte. Mercer, der Sekretär und Mann fürs Grobe bei der East India Trading Company hatte es am krassesten erfahren: Er hatte Will erdolchen wollen und war am eigenen Stich gestorben …

Außer der Aztec war noch die Santa Eulalia in Port Royal geblieben, eine ehemals spanische Galeerenfregatte, die seit ihrer Kaperung von den Spaniern zunächst von „Stiefelriemen Bill“ Turner kommandiert worden war. Zusammen mit Will (und Elizabeth bis zur Geburt ihres Sohnes William) hatte Bill erfolgreiche Kaperfahrten im Krieg gegen Spanien und Frankreich unternommen, doch nachdem er im Kampf gegen französische Schiffe so schwer verwundet worden war, dass er nur knapp mit dem Leben davongekommen war, hatte er beschlossen, ein etwas ruhigeres Leben zu führen und hatte seinem Ersten Maat die Santa Eulalia anvertraut, um künftig nur noch für seinen Sohn und dessen Familie da zu sein.

Den fast völligen Abschied von der See hatte ihm Klein William erleichtert, der Großvater Bills Liebling war. Er war völlig vernarrt in den Kleinen, machte an seinem Enkel gut, was er an seinem Sohn versäumt hatte – und mahnte hin und wieder spaßeshalber seinen Sohn, nicht die gleichen Fehler zu machen, die er einst gemacht hatte. Doch im Gegensatz zu seinem Vater war Will gerade nach der Geburt der beiden Kinder nie wirklich lange fortgeblieben. Mochte er auch ein guter Captain sein, ein erfolgreicher und kühner Freibeuter, auf dessen Konto einige Heldentaten gingen: William Turner jr. war ein Familienmensch, der nie lange ohne seine Familie sein konnte. Er liebte seine Frau und seine Kinder und wurde von ihnen geliebt. Auch ihretwegen übte er weiterhin seinen Beruf als Waffenschmied aus, allerdings war sein Beruf inzwischen eher ein einträgliches Hobby, denn zwischenzeitlich hatte Will Turner es nicht mehr nötig, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten …

 

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Kapitel 1

Eine besondere Einladung

1„Will!“

Elizabeths Ruf schallte durch das schöne Haus, das seit fast fünf Jahren den Hügel überragte, der zusammen mit dem Zuckerhutfelsen die östliche Begrenzung von Port Royal bildete. Vom Haus der Familie Turner aus war sowohl der Hafen von Port Royal zu übersehen als auch die große Bucht östlich davon, wo die neue Hafenstadt Kingston lag, die sich zunehmend besser entwickelte als das räumlich etwas beengte Port Royal. Das Haus lag dennoch so versteckt zwischen den Bäumen, dass es die auf dem gegenüberliegenden westlichen Hügel gelegene Gouverneursvilla nicht überstrahlte.

Zudem war es Will und Elizabeth Turner nur recht, wenn man sie nicht sofort in Port Royal fand. Will Turner war ein reicher Mann, doch er stellte seinen Reichtum nicht gern zur Schau. Seine grandiose Handwerkskunst als Waffenschmiedemeister hatte die Schmiede in der ganzen Karibik berühmt gemacht. Die Royal Navy zählte ebenso zu seinen Kunden wie die Handelskapitäne der East India Trading Company und die meisten Piraten und Freibeuter in der Karibik. Wer ein gutes Schwert, ein haltbares Entermesser oder einen ebenso dekorativen wie kampffähigen Degen suchte, kam nach Port Royal in die Coal Lane Numero 3. Aber Wills Reichtum hatte noch einen zweiten Grund: Seitdem er fünf Jahre zuvor eher unfreiwillig zum Freibeuter geworden war, hatte er einen Kaperbrief und nutzte diese königliche Lizenz zum Plündern, um französische oder spanische Schiffe aufzubringen. England lag seit 1756 mit Frankreich, seit 1761 offiziell auch mit Spanien im Krieg, mochte sich eine spanische Flotte auch schon 1757 den Angriffen der Franzosen gegen britische Besitzungen in der Karibik angeschlossen haben. Will Turner hatte mehrfach seine karibische Heimat gegen französische Angriffe verteidigt und dabei mehr als einmal Alleingänge mit seiner Brigg Aztec gewagt, die Admiral Norrington dazu veranlasst hatten, den kühnen Freibeuter Will Turner und seine Männer für Auszeichnungen vorzuschlagen. Doch die verwegenen Taten hatten ihm und seinen Männern neben Ruhm auch Geld eingebracht – und zwar eine ganze Menge …

Als Elizabeth keine Antwort bekam, stellte sie sich mitten in den großen Empfangsflur im Erdgeschoss, der dem Pendant auf der anderen Seite der Bucht keinesfalls nachstand, sah man davon ab, dass die Dekorationen im Hause Turner zwar eher maritim und deutlich schlichter waren als die barock-verspielten Dekorationen im Hause Swann, aber gewiss nicht weniger edel.

„William Turner!“, rief sie laut, als wollte sie einen Hurrikan überschreien. Elizabeth hatte Will oft genug bei seinen Kaperfahrten begleitet, um eine entsprechend tragfähige Stimme zu entwickeln.

„Ja, Mama!“

„Ja, Schatz!“

„Ja, Liebes!“

Elizabeth musste grinsen. Wenn sie derart amtlich wurde, waren alle drei William Turners, mit denen sie unter einem Dach lebte, augenblicklich zur Stelle. William Turner jr., ihr angetrauter Ehemann, schaute aus dem Obergeschoss herunter, William Turner sen. und William III, Elizabeths und Wills fünfjähriger Sohn, peilten aus dem Keller über die Treppe.

„Den mittleren von euch dreien meinte ich“, grinste sie. Großvater und Enkel tauchten wieder in den Keller ab, wo Bill mit seinem Enkel schon seit Wochen an etwas baute, was er nicht verraten wollte. Klein William hielt eisern dicht und wahrte das Geheimnis seines Großvaters.

„Was gibt’s denn?“, fragte Will von oben.

„Estrella war eben hier und hat mir einen Brief für dich von meinem Vater gegeben.“

„Und? Was steht drin?“, fragte Will. Elizabeth wedelte mit dem Brief.

„Hier, Eure Majestät. Ich werde den Teufel tun, an deine Post zu gehen.“

„Mach dich nicht niedlich und öffne den Brief. Du hast deines Vaters Post gelesen, du kannst auch meine lesen“, erwiderte Will mit breitem Grinsen.

„Du willst es so“, grinste Elizabeth, ging in den Salon, holte einen Brieföffner in Gestalt eines Entermessers – eine von Wills eigenen Arbeiten wie alle Klingen im Hause Turner – und schlitzte das Siegel vorsichtig auf. Sie las die Zeilen, stutzte und las sie nochmals.

„Und?“, fragte Will.

„Nein, das liest du selbst. Das glaubst du mir nicht“, erwiderte Elizabeth. Mit einem Seufzen kam Will eilig die Treppe herunter, gab Elizabeth einen Kuss, als er unten war und nahm ihr den Brief ab.

Lieber William,

wie Du weißt, haben wir seit einem guten Jahr einen neuen König, Seine Majestät George III.

Unser neuer König hat mich nach London bestellt. Ich soll ihm über die Entwicklung hier in der Karibik berichten. Deshalb bitte ich Dich, dass Du mich mit Deiner Aztec nach England bringst. Es wäre schön, wenn Du auch Elizabeth und die Kinder mitnimmst, damit die Kinder sehen, woher wir eigentlich kommen. Packt bitte Garderobe ein, die salonfähig ist und es ermöglicht, dass Du mich in den St.-James’s-Palast zum König begleitest.

Richte Dich darauf ein, dass der König selbst mit Dir sprechen wird. Bei seinem Großvater, König George II., war es üblich, den Souverän zuerst mit „Eure Majestät“ und im weiteren Gespräch mit „Mylord“ anzureden. Unser neuer König ist noch sehr jung (er ist noch fünf Jahre jünger als Du), aber ich nehme an, dass er die Tradition seines Großvaters fortführt.

Ich würde gern noch einiges in London einkaufen, bevor wir zurückfahren. Es wäre sehr freundlich von Dir, mit etwas Laderaum zu reservieren.

Richte bitte Elizabeth, den Kindern und Deinem Vater meine herzlichen Grüße aus

Dein Schwiegervater

Weatherby Swann

P.S.: Kannst Du mir bitte noch einen Hofdegen machen, der eines königlichen Hofes würdig ist?

Will las den Brief seines Schwiegervaters dreimal, dann endlich war ihm klar, welche ungeheure Ehre ihm zuteilwerden würde. Nur wenige Untertanen des britischen Königshauses hatten je die Möglichkeit, ihren König von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

„Das betrachte ich als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk“, sagte Will, als er das realisiert hatte. „Allerdings frage ich mich, warum er mit unserer kleinen Brigg vorlieb nehmen will, wenn er eine richtige Fregatte mit hundert Kanonen zur Verfügung hat?“, wunderte er sich dann. Elizabeth lächelte süß. Sie war in die Überraschung eingeweiht, die ihr Vater, Gouverneur Bellows und Admiral Norrington mit einigen Eingaben an den Hof in London vorbereitet hatten.

„Oh, James wird hier benötigt, wenn du mit deiner Brigg nicht da bist, um Port Royal zu beschützen.

„Oder ich hier, wenn James euch nach London bringt …“, grinste Will. Elizabeth nestelte an den Schmuckstücken, die Will an einem Lederband um den Hals trug.

„Gerade du sollst aber mit nach London …“

Will runzelte die Stirn.

„Warum eigentlich …?“

Elizabeth bekam einen Anflug von Röte.

„Mein Vater vertraut dir, du bist ein guter Captain …“

„So, so … ein guter Captain. Du hast schon mal überzeugender geschwindelt“, grinste Will und nahm seine Frau in den Arm. Elizabeth erwiderte seine liebevolle Umarmung und tupfte einen Kuss auf seinen gepflegten Kinnbart, der ihm so gut stand.

„Und wie nennst du das, wenn jemand schwindelt?“

„Pirat?“, erwiderte Will und tupfte seinerseits einen sanften Kuss auf ihre kecke Nase. „Na schön“, sagte er dann, „ich frage nicht weiter nach und lasse mich überraschen, was dein Vater eigentlich ausgeheckt hat.“

Am Nachmittag desselben Tages hatte Will aus seinen Beständen in der Schmiede einen Degen ausgesucht, der den Ansprüchen des Hofes genügen konnte: Schmale, lange Klinge, einen Griff aus purem Gold mit Perlmuttergriffen und ein fingernagelgroßer Rubin als Abschluss am Knauf der Waffe. Damit stieg er hinauf zur Villa seines Schwiegervaters. Butler Jenkins ließ Will ein und entfernte sich gemessenen Schrittes, um dem Gouverneur seinen Besucher zu melden.

„Mylord, Ihr habt Besuch“, kündigte er an, als er in das Arbeitszimmer des Gouverneurs trat. Weatherby Swann sah von seinen Papieren und Urkunden auf.

„Wer ist gekommen, Jenkins?“

„Mr. Turner, Mylord“, erwiderte der Butler.

„Was, er ist schon hier?“, entfuhr es dem Gouverneur. Er ließ seine Papiere liegen und ging in den Salon hinüber, wo sein Schwiegersohn wartete.

„Will, schön, dass du da bist“, begrüßte er den jungen Mann und umarmte ihn.

„Ich habe Eure Bestellung, Sir“, grinste Will, als er die Umarmung seines Schwiegervaters erwiderte.

„Was? Wie hast du das so schnell geschafft?“

„Ich habe erst einmal in meinen Beständen nachgeschaut. Sieh her“, sagte Will und öffnete den Degenkasten, um seinem Schwiegervater den neuen Degen zu präsentieren.

„Schön. Ein wundervolles Stück.“

Probehalber legte Weatherby Swann sich den blanken Degen an der Fehlschärfe auf den Finger. Er blieb in der Waagerechten liegen.

„Und wieder so wundervoll ausgewogen. Will, du bist ein Künstler. Was kostet der?“

„Fünfzehn Guineas, weil du es bist.“

„Was verlangst du sonst für so ein Stück?“

„Du kennst die Tarife für Marinedegen. James Norringtons Schwert war teurer …“

„In der Tat. Einverstanden.“

Gouverneur Swann bezahlte den Degen.

„Wann können wir nach England fahren, mein Junge?“

„Ich trommle meine Crew zusammen. Ich schätze in drei bis vier Tagen.“

„Sehr gut. Der König wartet auf meinen Bericht. Und auf dich.“

 

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Kapitel 2

Eine hohe Ehre

Vier Tage später, es war der 13. Juli, war die Aztec seeklar und verließ mit der Flut am Morgen Port Royal. Außer Will Turner und seiner Crew, zu der seit einigen Jahren auch sein Vater als Erster Maat gehörte, waren auch Weatherby Swann sowie Elizabeth und die beiden Kinder William und Klein Elizabeth an Bord. Klein Elizabeth wurde allgemein nur Lilly genannt und war jetzt drei Jahre alt. War William III der ganz der Vater, war Lilly ihrer Mutter unglaublich ähnlich.

Die Aztec machte gute Fahrt. Es war Sommer, das Meer war ruhig und der Wind von achtern* stetig. Es war der Sommer des Jahres 1762. Der schreckliche Krieg, dessen Auswirkungen sich am stärksten in den britischen Kolonien im nördlichen Amerika und am anderen Ende der Welt in Indien zeigten, hatte alle Kriegsparteien ermüdet. Es war jetzt nur eine Frage der Zeit, bis die noch etwas mühsam anlaufenden Friedensgespräche zum Erfolg führen würden. Auf See war relative Ruhe eingetreten, seit die Royal Navy – unterstützt von Freibeutern wie Will Turner und Jack Sparrow – den Franzosen vor Quebec zwei so vernichtende Niederlagen beigebracht hatten, dass die französische Flotte eigentlich nicht mehr existierte. Seereisen waren deshalb nicht mehr ganz so gefährlich wie noch in den Jahren zuvor.

Elizabeth Turner genoss es, wieder „richtig“ auf See zu sein. Seit William geboren war, hatte sie jeweils nur kurze Fahrten mit Will unternehmen können, auf denen zunächst Klein William allein, später dann auch Lilly hatten dabei sein können. Dass man kleine Kinder nicht auf eine Kaperfahrt mitnahm, war für Will und Elizabeth so selbstverständlich wie der Umstand, dass sie füreinander gestorben wären. Elizabeth hatte die See, die reine, salzige Luft, die Geräusche des Windes, der Wellen und das Knarren der Takelage gerade in den beiden letzten Jahren schmerzlich vermisst. Zwar konnte sie von ihrem Haus in Port Royal aus das Meer jederzeit sehen und hatte auch Seeluft um sich herum, aber es war eben doch etwas anderes, auf der See selbst zu sein, jede Welle unter den Füßen zu spüren und die sprühende Gischt zu genießen, die bei höheren Wellen auf die Back* kam. Die junge Frau stand mit ihren Kindern an der Reling des Vorschiffes, die offensichtlich den recht großen Anteil Salzwasser geerbt hatten, den ihre Eltern in den Adern hatten. Klein William stieß seine Mutter an.

„Mama, singen wir unser Lied?“, fragte er. Elizabeth musste lächeln. Ihr kleiner Pirat! William liebte dieses Lied ebenso wie seine Mutter. Ohne Piraten haben’s gut war es unmöglich, am Abend das Licht im Kinderzimmer zu löschen …

„Aye, mein Schatz“, erwiderte sie. William und sie begannen zu singen, Lilly stimmte mit ihrem noch begrenzten Sprachschatz ein, aber das musikalische Talent ihrer Mutter hatte sie.

Will stand am Steuer seiner Brigg und lächelte versonnen, als er Frau und Kinder ganz vorn am Bug* stehen sah und sie singen hörte.

„Da ist jemand wieder voll in seinem Element, hm?“, hörte er die Stimme seines Vaters neben sich.

„Aye“, grinste Will. „Sie hat das Meer vermisst.“

„Sei ehrlich: Hättest du sie ohne die Kinder mit auf die Kaperfahrten mitgenommen?“

„Aye. Sie liebt das Meer und kämpfen kann sie auch. Und sie ist ein guter Navigator. Ich weiß, wie sehr sie die Aztec mag. In diesem Schiff steckt viel von ihr drin. Die gesamte Einrichtung hat sie mit dem Schiffbauer ausgesucht. Ich kenne kein besser ausgestattetes Schiff als unseres. Manchmal glaube ich, sie hängt ebenso an der Aztec wie Jack an seiner Black Pearl.“

„Mit dem Unterschied, dass Jack freiwillig keinen anderen mit seinem Schiff fahren lassen würde, ohne dass er dabei ist – egal wer’s mal bezahlt hat“, lachte Stiefelriemen.

Die Überfahrt verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Auf den Kapverdischen Inseln, die die Aztec vierzehn Tage nach dem Auslaufen in Port Royal erreichte, ergänzte die Crew Proviant und Wasser, weitere zehn Tage darauf fuhren sie schon durch den Ärmelkanal. Auf Anraten seines Vaters steuerte Will den Hafen von Dover an, von wo aus das etwa sechzig Straßenmeilen weiter nördlich gelegene London in gut zehn Stunden mit der Kutsche zu erreichen war und verzichtete auf den gut einhundertfünfzig Seemeilen längeren Weg durch die Straße von Dover und die Themse hinauf. Die Fahrt die Themse hinauf bis zur City of Westminster hätte wenigstens zwei volle weitere Tage Fahrt bedeutet, da die Aztec die Themse hinauf nur mit geringer Geschwindigkeit hätte fahren können oder sogar auf Spanndienste angewiesen gewesen wäre.

In einer kleinen Pension in Dover machten sich die Turners und Weatherby Swann landfein und nahmen dann eine Postkutsche nach London. Will ließ sich nicht lumpen und bezahlte lieber eine Extrapost, die noch am gleichen Tag in Dover abfuhr, statt auf die regelmäßige Postverbindung am darauf folgenden Morgen zu warten. Spät in der Nacht kam die Kutsche in London an. Nicht weit entfernt von der Westminster Abbey hielt die Kutsche vor einer recht passabel aussehenden Pension mit Namen St.-James’s-Inn, die der Kutscher empfohlen hatte. Weatherby Swann erinnerte sich, dass er von James Norrington gehört hatte, dass diese Pension auch für Personen von Stand geeignet war und hatte dem Vorschlag des Kutschers zugestimmt. Der Wirt bot den Reisenden Übernachtung und Frühstück für eine Krone pro Person an, also fünf Shilling, was relativ viel Geld war, wenn man bedachte, dass die Liegegebühr für ein Schiff im Hafen von Port Royal gerade einen Shilling betrug.

Am folgenden Morgen schickte der Wirt seinen Laufburschen zum St.-James’s-Palast, der auf der anderen Seite des St.-James-Parks lag, um dem Hofmarschall die Ankunft des britischen Gouverneurs von Jamaica mitzuteilen. Der Laufbursche kam wenig später zurück und lief gleich in die Gaststube durch, wo die Familie Turner und der Gouverneur bei einem üppigen Frühstück saßen.

„Sir, der Hofmarschall hat mir gesagt, Seine Majestät erwarte Euch und den Captain um elf Uhr. Ihr möchtet Euch bitte darauf einrichten, dass der Lunch im Palast eingenommen wird“, sagte der Junge und gab Swann noch ein gefaltetes Schreiben, das er kurz überflog und Elizabeth kaum merklich zunickte.

„Danke, mein Sohn. Das ist für dich“, erwiderte Weatherby an den Laufburschen gewandt und drückte dem Jungen einen ganzen Shilling in die Hand.

„Danke, Sir“, strahlte er.

„So wie es aussieht, wird es eine längere Unterredung mit dem König. Was wollt ihr bis dahin anstellen?“, erkundigte sich Swann dann an seine Tochter und Stiefelriemen gewandt. Das Zwinkern von Elizabeths Vater konnte Will nicht sehen.

„Was… würdest du von einem Einkaufsbummel halten, Vater?“, fragte Elizabeth Bill. Der hob abwehrend die Hände.

„Du lieber Himmel! Mach dich nicht unglücklich, mit mir was einkaufen zu wollen.“

„Na ja, nur im Park zu sitzen, erschiene mir noch langweiliger, oder“, lächelte Elizabeth.

„Gut, überredet“, grinste Stiefelriemen.

Die Kinder waren mächtig neugierig auf die große Stadt und waren Feuer und Flamme für eine Tour durch die Straßen Londons. So trennten sie sich. Als Will und Weatherby zum Palast gingen, schlugen Elizabeth, die Kinder und ihr Schwiegervater den Weg in die entgegengesetzte Richtung ein, wo es nach Empfehlung des Wirts gute Einkaufsmöglichkeiten gab. Will ahnte nicht einmal, was Elizabeth noch vorhatte – und dass noch ein weiterer Besucher beim König zu erwarten war …

Will und Weatherby waren elegant gekleidet, auch wenn Will sich nur ungern gegen seine geliebten Stulpenstiefel entschieden hatte, nachdem sein Schwiegervater ihm noch am Abend zuvor deutlich gemacht hatte, dass es sich nicht gehörte, mit solchen Stiefeln im Palast des Königs aufzukreuzen. Also trug er eine weiße Kniehose mit der dazu passenden Weste und weißen Strümpfen zu schwarzen Schuhen mit Silberschnalle, ein blütenweißes Hemd mit Halsbinder und einen dunkelblauen Überrock mit goldeingefassten Knopflöchern, dazu einen schwarzen Dreispitz mit einer goldenen Tresse und weißem Federbesatz und einen Zivildegen mit einer schwarzen Wildlederscheide, dessen schlichte Eleganz geradezu betörend war. Man sah dem Degen an, dass er gut in der Hand lag und zu jemandem gehörte, der damit umzugehen verstand. Weatherby Swann konnte nicht umhin, die elegante Kleidung seines Schwiegersohnes mit anerkennendem Nicken zur Kenntnis zu nehmen. Sie war der Ausstattung, die Will sich für die Hochzeit mit Elizabeth zugelegt hatte, ausgesprochen ähnlich. Weatherbys taubenblauer Überrock mit passender Hose und hellgelber Seidenweste, und weißen Strümpfen zu schwarzen Silberschnallenschuhen spiegelte zusammen mit der wallenden Perücke unter dem mit blauen Federn besetzten Dreispitz dessen herausgehobene Stellung als Gouverneur von Jamaica ebenfalls entsprechend wider.

Streng dreinblickende Wachen des Monck’s Regiment of Foot hielten die beiden Männer am Palasttor auf.

„Halt! Wer seid Ihr und wohin wollt Ihr?“, fragte einer der Gardisten.

„Ich bin Gouverneur Weatherby Swann von Jamaica. Captain William Turner und ich sind von Seiner Majestät hergerufen worden“, erwiderte Swann und präsentierte dem Gardisten das Schreiben des Königs mit der Aufforderung, nach London zu kommen.

„Jawohl, Sir. Willkommen im St.-James’s-Palast“, antwortete der Wächter, nachdem er das Schreiben gesehen hatte und ließ sie passieren. Der Hofmarschall, vom Laufburschen des Wirts benachrichtigt, erwartete Will und Weatherby bereits im Empfangssalon des Palastes.

„Folgt mir bitte, Sirs“, sagte er nach der formellen Begrüßung und führte sie in einen der ungezählten Säle des Palastes. Zur Überraschung beider war der König sehr einfach gekleidet: Dunkler Überrock ohne Zierrat, weißes Hemd, Binder ohne Rüschen, einfache weiße Kniehose und leichte Schuhe mit sehr kleinen Schnallen. Nicht einmal eine Perücke trug der junge Monarch, sondern das eigene, dunkle Haar mit einem einfachen Band im Nacken zum modischen Zopf gebunden.

„Mylord, der Gouverneur von Jamaica und Captain Turner“, meldete der Hofmarschall.

„Danke. Lasst uns allein“, erwiderte der junge König mit einem freundlichen Lächeln, erhob sich von seinem Schreibtisch und kam auf die beiden mitten im Raum stehenden Männer zu, bot beiden die Hand. Weatherby nahm den Hut ab, machte eine tiefe Verbeugung, ohne die Hand des Monarchen zu nehmen.

„Euer Majestät“, sagte er.

„Kommt hoch und nehmt meine Hand, Governor“, erwiderte der König. Verblüfft sah Weatherby hoch. Zögernd kam er aus der Verbeugung hoch und ergriff ebenso zögernd die Hand des Königs.

„Verzeiht, Majestät, Euer Großvater …“

„Ich weiß, dass mein Herr Großvater viel Wert auf Abstand legte. Ich möchte vieles ändern“, lächelte George und bot Swann die Hand, der noch etwas zögernd einschlug.

„Dann seid Ihr Captain William Turner?“, fragte der König.

„Aye, Eure Majestät“, bestätigte Will, ergriff die Hand des Königs und drückte sie kräftig.

„Der Händedruck eines Seebären, wahrhaft. Ich habe viel von Euch gehört. Bitte, nehmt Platz. Berichtet bitte, was sich auf Jamaica ereignet hat, Governor Swann.“

Weatherby Swann berichtete ausführlich vom Krieg in den Kolonien, sofern er es wusste. Will half hin und wieder mit ergänzenden Informationen aus, die sein Schwiegervater nicht direkt hatte. Der König hörte zu. Immer wieder fiel sein Blick auf Will. Zwischendurch ließ er den Lunch servieren, zu dem Tee gereicht wurde.

Bei der Kathedrale von Westminster trafen Elizabeth, Bill Turner und die Kinder auf Admiral James Norrington, der die Familie Turner lächelnd und Elizabeth mit einem formvollendeten Handkuss begrüßte.

„Die Sonne scheint – was selten genug ist in England, aber Ihr verleiht diesem Tag noch größeren Glanz, Mrs. Turner“, sagte der Admiral.

„Admiral, Ihr seid ein Schmeichler. Doch ich danke für das Kompliment“, erwiderte Elizabeth mit einem strahlenden Lächeln. In den letzten zwei Jahren war James Norrington zu einem guten Freund der Familie Turner geworden und war recht häufig Gast im Hause Turner.

„Hallo, Onkel James!“, jubelte William. James ging in die Hocke und umarmte den kleinen Jungen.

„Hallo, Seemann!“, erwiderte James den Gruß.

„Was machst du denn hier?“, fragte William junior weiter.

„Ich bin nachher mit euch zusammen beim König, wenn dein Vater geehrt wird.“

Einige Stunden später war der König weitgehend informiert und kam zum nächsten Teil, ohne es jedoch deutlich auszusprechen.

„In der Tat, Sir Francis Drake war ein Seeheld Englands, doch Ihr steht ihm offensichtlich nicht nach, Captain Turner“, sagte der König schließlich, als Swann seinen Bericht beendet hatte und nur noch die Teetassen auf dem Tisch standen.

„Nun, Jamaica ist seit vielen Jahren meine Heimat. Ich halte nichts davon, wenn jemand sich Land unter den Nagel reißt, nur weil er stark genug dafür ist. Noch weniger halte ich davon, dass jemand aus purer Profitgier über ganze Friedhöfe geht“, erwiderte Will.

„Ihr haltet nicht viel von der East India Trading Company, nicht wahr?“, hakte der König nach.

„Nein“, erwiderte Will schlicht.

„Das war nicht zu überhören in Eurem Bericht, Captain Turner. Eure Heldentaten haben diverse Leute von Rang veranlasst, Euch bei Hofe zu empfehlen. Ich finde alles bestätigt, was mir über Euch zu Ohren gekommen ist. Es ist an der Zeit, dass Ihr dafür den verdienten Lohn erhaltet“, sagte George und läutete. Ein Diener erschien.

„Den Hofmarschall und die anderen Gäste, bitte!“, wies der König den Diener an, der sich verneigte und lautlos verschwand.

„Captain Turner, Ihr habt einen außergewöhnlichen Degen. Dürfte ich den bitte mal näher in Augenschein nehmen?“, bat der König.

„Natürlich, Majestät“, erwiderte Will, hängte seinen edlen Degen aus und überreichte ihn samt Scheide dem jungen König.

„Eine meisterhafte Arbeit. Ihr habt einen guten Waffenschmied“, sagte der König.

„Ich bin selbst gelernter Waffenschmied, Mylord“, erwiderte Will. König George nickte nur mit einem Lächeln.

Augenblicke später erschien der Hofmarschall mit der Familie Turner und Admiral Norrington.

„Kniet nieder, Captain Turner“, forderte der Hofmarschall Will auf. Etwas verwirrt kam Will der Aufforderung nach und kniete auf den Wink des Marschalls auf einem gepolsterten Bänkchen nieder. Der König zog Wills Degen ganz blank und trat zur Bank.

„William Turner, im Namen des heiligen Michael und des heiligen Georg schlage ich Euch zum Ritter“, sagte er und tippte mit dem blanken Schwert dreimal auf Wills Schultern. „Erhebt Euch als Ritter, Sir William!“, schloss er die Zeremonie ab.

„Ich … danke Euch, Mylord“, brachte Will etwas überrascht hervor. Er erhob sich und spürte, dass er weiche Knie hatte. Mit einem Ritterschlag hatte er keinesfalls gerechnet. Weatherby Swann hatte einen vaterstolzen Blick. Spätestens in diesem Augenblick war Will für seine Elizabeth die absolut passende Partie … James, Elizabeth, Bill und die Kinder bekamen Gelegenheit, dem neuen Ritter zu gratulieren. Elizabeth umarmte ihren Mann so fest, als wollte sie ihren Ritter nie wieder hergeben.

„Sir William, Euer Titel ist nicht erblich“, sagte der Hofmarschall und reichte Will den Degen zurück, der ihn mit einer leichten Verbeugung annahm. „Nichtsdestoweniger seid Ihr nun im Adelsstand, der Euch gewisse Rechte, aber auch Pflichten gibt. Es wird von Euch als Ritter erwartet, dass Ihr tapfer und aufrecht seid, stets die Wahrheit sprecht, mag es auch Euren Tod bedeuten, dass Ihr die Wehrlosen beschützt und kein Unrecht tut. Zu Euren Rechten gehört es auch, jederzeit den König anzusprechen oder ihm zu schreiben.“

Will verbeugte sich vor dem König.

„Ich danke Euch, Mylord.“

König George entließ den Hofmarschall mit einem Nicken, der sich umgehend leise entfernte.

„Nun, Sir William, Ihr habt es gehört: Ihr solltet auch unangenehme Wahrheiten aussprechen. Ich frage Euch, gibt es Dinge bei Euch zu Hause, die der Kritik würdig sind?“, sagte er. Will lächelte etwas verlegen.

„Wenn Ihr wissen wollt, was mir dazu spontan einfällt, sage ich Euch, dass mir persönlich die Sklaverei ein Dorn im Auge ist – und die Tatsache, dass wir Kolonisten uns Land aneignen, das den Ureinwohnern gehört.“

„Ihr… kennt die Ansichten von Pflanzern, was Sklaven betrifft?“

„Ja, Mylord. Aber als Christ bin ich der Ansicht, dass alle Menschen von Gott geschaffen wurden und deshalb auch gleich sein sollten. Und deshalb halte ich es auch nicht für gerecht, dass wir den Ureinwohnern der karibischen Inseln ihr Land einfach weggenommen haben und es in den nördlichen Kolonien immer noch tun“, erklärte Will. Seinem Schwiegervater und James Norrington stand der Schock ins Gesicht geschrieben, während Elizabeth und Bill leicht lächelten. Die Haltung von Sklaven war eine der wirtschaftlichen Grundlagen der Kolonialherrschaft, die gar zu gern mit gottgewollter Ordnung beschrieben wurde. Doch König George nickte zur Verblüffung von Swann und Norrington.

„Ich danke Euch für die mahnenden Worte, Sir William. Ich werde darüber nachdenken, wie den Ureinwohnern in unseren amerikanischen Kolonien geholfen werden kann. Sollte Euch noch weiteres einfallen, schreibt mir gern dazu. Seid sicher, ich werde einen klugen Rat nicht ungeprüft verwerfen. Wann werdet Ihr nach Jamaica zurückkehren?“

„Wir werden noch einige Besorgungen in London machen. Außerdem wolle ich gern die Gelegenheit nutzen, das Grab meiner Mutter in Plymouth zu besuchen, wenn ich schon in England bin“, erwiderte Will und sah seinen Schwiegervater an. Swann nickte etwas zerstreut.

„Dann wünsche ich Euch eine gute Reise, Sir William, Governor Swann“, verabschiedete der König seine Besucher. Sie verbeugten sich und verließen den St.-James’s-Palast.

 

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Kapitel 3

Auf dem Markt

2„Das sollten wir feiern“, schlug Will vor. „Jemand wie ich wird nicht jeden Tag zum Ritter geschlagen.“

„Aye, Captain Turner – aber du hast doch gerade erst was gegessen, mein Schatz“, warnte Elizabeth. Will lächelte sie verliebt an.

„Ja, und mir eben beinahe vor Schreck in die Hose gemacht, dass ich schon wieder Hunger habe. Ritterschlag! Seid ihr noch zu retten, mich beim König dafür zu empfehlen?“, wandte er sich dann grinsend an seinen Schwiegervater und Norrington.

„Es ist verdient. Aber davon abgesehen – wir haben dich für eine Auszeichnung vorgeschlagen. Dass der König dich gleich zum Ritter schlägt, wussten wir auch nicht“, erwiderte Swann.

„Schön, ich glaub’s euch mal“, grinste Will. „Hat jemand einen Vorschlag, wo man hier nett speisen kann?“

„Aye – hier entlang“, sagte James und wies in Richtung Themse.

Es war ein schöner Sommertag, und manche Wirte riskierten es, Tische und Stühle auf die Straße zu stellen und dort Essen zu servieren. In einer dieser Straßenwirtschaften vor einer Taverne in der Nähe der Pension nahmen James Norrington, Weatherby Swann und Familie Turner ihren Lunch ein, Will und Weatherby eher eine Kleinigkeit, aber alle gönnten sich dazu ausnahmsweise und zur Feier des Tages Wein. Nach einem geselligen Essen brachten Will und Elizabeth die Kinder in die Pension, damit sie ihren Mittagsschlaf halten konnten. Kaum waren die Kinder eingeschlafen, zog es Elizabeth und ihren Mann zusammen mit Vätern und Familienfreund wieder in die Gassen Londons.

Ihr ausgedehnter Bummel führte auf einen Marktplatz, auf dem eine Ware angeboten wurde, die sie alle in London nicht wirklich erwartet hatten: Sklaven. In den Kolonien waren solche Märkte üblich, nicht aber direkt im Mutterland. Noch ungewöhnlicher war, dass an einem der Stände auch Weiße mit Preisschildern um den Hals standen.

„Du lieber Himmel! Ein Sklavenmarkt!“, entfuhr es Elizabeth leise. Die anderen waren ebenso erschrocken. Die Neugier siegte und sie bummelten schließlich über den Markt. Der Stand mit den weißen Sklaven wurde nach einem Schild am Stand von ganz offizieller Seite betrieben: vom Schuldgericht zu London.

„Sagt, was sind das für Leute?“, fragte Elizabeth den Standinhaber direkt und ohne Scheu.

„Schuldner, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten, Mylady. Bezahlt die Schuld eines oder mehrerer dieser Männer und sie arbeiten ihre Schulden bei Euch ab“, bot der Mann an.

„Heilige Maria, Mutter Gottes, den kenn’ ich doch!“, entfuhr es Bill Turner unterdrückt.

„Wen meinst du?“, fragte Elizabeth. Bill nickte in Richtung eines etwa dreißig Jahre alten Mannes mit strohblondem Haar, der mit bedrückter Miene in der ersten Reihe stand. Bevor sie Bill fragen konnte, was er genau meinte, war der schon bei dem jungen Mann.

„Wie ist Euer Name?“, fragte er direkt.

„Crystal, Sir. Ruben Crystal“, antwortete er.

„Was sagt Euch Albert Jacob Crystal, junger Mann?“

„Er war mein Vater, Sir. Kennt Ihr ihn?“

„Ich habe mal ein paar Wochen für ihn gearbeitet. Was hat Euch hierher getrieben?“

„Ich habe Schulden, und zwar reichlich“, antwortete Crystal.

„Ho, Sir, da habt Ihr Euch was ausgesucht!“, meldete sich der Standinhaber zu Wort. „Der kostet Euch richtiges Geld. Aber wenn Ihr fünfzigtausend Guineas flüssig habt, ist er der Eure!“

„Fünfzigtausend?“, entfuhr es Bill erschrocken.

„Ja, Sir. Das ist mein teuerster Schuldner“, erwiderte der Verkäufer und wandte sich einem anderen Kunden zu.

„Wie lädt man sich derart hohe Schulden auf, mein Freund?“, fragte Bill Ruben Crystal.

„Ich … möchte darüber im Moment nicht sprechen, Sir. Aber … könnt Ihr mich auslösen?“

Will, Stiefelriemen und Elizabeth sahen sich an. Sklaverei war ihnen zuwider; egal, ob man die Sklaven einfach gefangen nahm oder sie sich Schulden aufgeladen hatten, die sie nicht mehr zurückzahlen konnten. Mit dem ansehnlichen Vermögen, das ihnen in Port Royal zur Verfügung stand, hatten sie alle drei schon einige Sklaven freigekauft und hatten ihnen die Freiheit geschenkt. Auf Jamaica waren es jedoch ausschließlich Schwarze oder versklavte Kariben, Ureinwohner der Karibik, die zum Verkauf standen. Zwei davon hatte Will dann nochmals auch außerhalb der Kaperei befreit, die sich ein weißer Kaffeepflanzer in den Bergen Jamaicas erneut zugeeignet hatte. Mit Einverständnis des Admirals und seines Schwiegervaters hatte er den Pflanzer derart verprügelt, dass der es sich nie wieder einfallen lassen würde, gerade freigelassene Sklaven erneut zu versklaven …

„Wir würden Euch gern helfen, Mr. Crystal, aber … das ist leider sehr viel mehr, als wir haben. Es tut mir Leid“, schaltete sich Will ein. Crystal nickte bedrückt.

„Habe ich mir gedacht …“, sagte er leise. „Aber danke …“

Die Turners, Swann und Norrington zogen sich ein Stück von dem Schuldknechtestand zurück und überlegten fieberhaft, wie man dem Mann helfen konnte.

„Woher kennst du ihn?“, fragte Elizabeth schließlich ihren Schwiegervater, als ihnen noch immer keine Lösung des Problems eingefallen war.

„Seinen Vater, den kenne ich“, sagte Bill. „Du erinnerst dich vielleicht an die Geschichte, wie ich Pirat geworden bin. Sein Vater war Passagier auf der Seagull, ein verdammt reicher Passagier. Wollt ihr es genau wissen?“

Alle nickten.

„Also: Auf der letzten Reise, die ich mit der Seagull machte, hatten wir einen Passagier, den wir in Port Royal absetzen sollten. Er nannte sich Crystal. Albert Jacob Crystal. Er war Diamantenhändler, wie er sagte. In Antwerpen hatte er zwei große Diamanten ersteigert, die Seediamanten genannt wurden. Bei der Zollkontrolle an Bord musste er sie auspacken. Große Steine waren es, wenigstens zwei Zoll im Durchmesser und sie leuchteten wie die Sonne selbst, sag‘ ich euch und das, obwohl an dem Tag keine Sonne schien! Sie fingen das Licht geradezu ein und vervielfältigten es. Crystal wusste, dass ich sie gesehen hatte, denn ich stand bei der Kontrolle hinter ihm, weil ich als verantwortlicher Maat für Passagiere und Fracht dabei sein musste. Der Zoll wollte erst Schwierigkeiten machen, aber die Papiere waren in Ordnung, sie waren auch bei der Einreise nach England verzollt worden – hübsches Sümmchen, kann ich euch sagen! Crystal bat mich, ihn zu schützen, denn die Steine hatten einen ungeheuren Wert. Ich versprach, das zu tun. Er sagte mir, der Verkäufer in Antwerpen sei wohl recht froh gewesen, die Steine los zu sein, deshalb habe er sie auch für einen erheblich geringeren Preis ersteigern können, als sie seiner Ansicht nach tatsächlich wert waren. Er sagte, er habe um ein paar Ecken herum erfahren, dass diese Steine angeblich Aggression auslösen könnten. Nun, Kunststück bei einem Kaufpreis von zweihundertfünfzigtausend Guineas pro Stück, sagte ich mir. Das löst gewisse Begehrlichkeiten aus! Ich war ziemlich sicher, dass außer mir, dem Zollbeamten und Mr. Crystal selbst niemand von den Diamanten wusste.

Auf dieser Reise gab es zum ersten Mal ständig Streit zwischen Passagieren und Mannschaft. In den meisten Fällen griffen die Matrosen Mr. Crystal aus völlig nichtigen Gründen an. Ich hatte versprochen, ihn zu schützen, und ich tat es. Bis wir in Port Royal ankamen, hatte ich mir die gesamte Mannschaft zum Feind gemacht.

Wie geplant ging Crystal in Port Royal von Bord. Nicht geplant war, dass der Captain mich aufforderte, abzumustern, weil ich ein Unruheherd in der Mannschaft sei. Dabei hatte ich nur einen Passagier vor unvorhersehbaren Aggressionen der Crew geschützt. Gegen das geschlossene Votum der Mannschaft konnte und wollte der Captain nichts tun und schmiss mich raus. Ich hatte die Hoffnung, schnell eine neue Heuer zu bekommen, aber nach drei Tagen hatte ich noch immer keinen neuen Job. Am dritten Tag kam ein abgerissener Bettler zu mir und sagte mir, Mr. Crystal wolle mich sprechen. Crystal bot mir an, ihn als sein Leibwächter zu begleiten. Der Lohn dafür war gut, und ich nahm an.

Er suchte eine Passage nach Mexiko und beauftragte mich, ein Schiff zu suchen. Aber es war wie verhext: Kein Schiff lief Port Royal an, und Crystal wurde immer nervöser. Er sagte, er müsse die Steine endlich in Sicherheit bringen, bevor sie in falsche Hände gerieten. Der Hafenmeister machte mir keine große Hoffnung; es hatte sich kein Schiff angesagt. Das eigentliche Problem lag aber noch vor mir. Als ich zu Crystal zurückkam, war er überfallen worden. Jemand hatte ihn niedergestochen und das Zimmer durchwühlt. Der Diamantenhändler lag im Sterben. Er vertraute mir die Steine an und nahm mir das Versprechen ab, sie sicher zu verwahren. Ich zeigte den Überfall bei der Polizei an und zeigte dem Beamten auch die beiden Steine und sprach von dem Auftrag, den Crystal mir gegeben hatte, damit ich nicht selbst in den Verdacht geriet. Das Ergebnis war, dass die Steine beschlagnahmt wurden und ich wieder ohne Job dastand. Ich wurde beschuldigt, Crystal umgebracht zu haben, nachdem jede ärztliche Hilfe zu spät gekommen war. Gegen eine Kaution von tausend Pfund blieb ich auf freiem Fuß, durfte Port Royal aber nicht verlassen.

In der Nacht wurde die Polizeistation überfallen, einige Polizisten umgebracht und die Steine geraubt. Das einzige Schiff, das sich außer der Achilles im Hafen gezeigt hatte, war die Esmeralda von Captain Goldbart – schon damals ein berüchtigter Pirat in der Karibik. Es lag also nahe, dass Goldbart die Dinger an sich gebracht hatte. Die Anklage gegen mich wurde fallen gelassen, und ich bekam mein Geld wieder.

Ich wusste von anderen Seeleuten, dass Goldbart seinen Schlupfwinkel auf San Cristobal hatte. Als ich am folgenden Morgen aufwachte, beschloss ich, San Cristobal aufzusuchen und nach den Diamanten zu suchen. Aber noch immer lief kein Handelsschiff den Hafen an. An jenem Abend beging ich den Fehler, eine Kneipe am Hafenrand aufzusuchen, in der auch die Royal Navy verkehrte. Und dann am Tag darauf fand ich mich an Bord der Achilles wieder – geschanghait. Den Rest kennt ihr“, erklärte Bill.

„Oha!“, entfuhr es Elizabeth. „Wenn Crystals Sohn fünfzigtausend Guineas Schulden hat, hat er das Geld bestimmt investiert, um nach den Diamanten zu suchen. Kein Wunder, dass er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, um dieses Erbe zu bekommen.“

Ein überaus fein gekleideter, recht feister Mensch kam an den Schuldknechtestand, der von drei Dienern begleitet wurde, die ihm schwere Kisten nachschleppten. Er zeigte auf diverse Schuldner, unter anderem auch auf Ruben Crystal. Es waren präzise jene, die die höchsten Schulden hatten. Was er dem Verkäufer in dessen eigene Geldkiste zählte, war ein richtig großer Haufen Geld. Elizabeths Blick fiel auf ihren Schwiegervater, der sich die juckende rechte Handfläche kratzte. Bei solchen Geldsummen erwachte prompt der Pirat in ihm. Doch ihnen beiden und Will war klar, dass sie – Piratenblut hin oder her – es nicht mitten in London riskieren konnten, diese Kiste um ihren Inhalt zu erleichtern. Schon gar nicht, wenn der Gouverneur von Jamaica und ein Admiral der Royal Navy dabei waren …

Doch Will packte die Neugier. Er wollte wissen, wer so viel Geld für Schuldknechte ausgab.

„Sagt, wer hat Euch eben den halben Stand leer gekauft?“, fragte er den Verkäufer.

„Das war Lord Morgan Everett von der East India Trading Company. Der ist halt etwas vermögender als Ihr, Sir“, erwiderte der Verkäufer mit gewisser Süffisanz. Will lächelte verbindlich.

„Danke für die Auskunft, Sir.“

„William, du planst etwas. Ich sehe es an deiner Nasenspitze“, bemerkte sein Schwiegervater, als sie außer Hörweite des Händlers waren.

„Nein“, widersprach Will, „es tut weh, wenn ich jemanden der Knechtschaft überlassen muss, aber deshalb begehe ich kein Verbrechen.“

Swann zog mit stärker werdendem Zweifel eine Augenbraue hoch, schwieg aber. Sie kehrten in die Pension zurück, wo Will eine Nachricht des Hofmarschalls vorfand, er möge bitte am folgenden Tag in das Hofmarschallamt kommen, um seinen Wappenbrief abzuholen.

Am Tag darauf ging Will allein zum Hofmarschallamt, während seine Frau mit ihrem Vater noch einige Besorgungen machte. Der Hofmarschall übergab Will den Wappenbrief. Nach der Blasonierung** war der Schild des Wappens geviert** von Gold und Rot. Im ersten Feld in Gold ein blauer Seelöwe**, im zweiten Feld in Rot zwei gekreuzte goldene Schwerter, im dritten Feld in Rot eine goldene Axt und im vierten Feld in Gold ein rotes Tatzenkreuz. Vervollständigt wurde das Wappen durch einen einfachen Stechhelm mit gold-roter Helmdecke sowie zwei goldene Seelöwen als Wappenhalter.

„Ich danke Euch“, sagte Will, als er den aufgerollten Wappenbrief entgegennahm. „Doch sagt mir, weshalb ich den Wappenbrief nicht schon gestern erhielt, als Seine Majestät mich zum Ritter schlug“, bat er dann. Der Hofmarschall lächelte leicht.

„Nun, unser junger König hat sich erst während des Gesprächs mit Euch und Governor Swann dazu entschieden, Euch zum Ritter zu schlagen, Sir William. Deshalb konnte kein Wappen vorbereitet werden und der Wappenbrief nicht fertig sein. Eine Bemerkung dazu …“

„Aye?“

„Ihr seht, dass das Wappen im Brief recht klein ist. Wenn Ihr ein schön gemaltes Wappen wünscht, dass Ihr in Eurem Haus präsentieren könnt, empfehle ich Euch diese Adresse in der Carnaby Street. Mr. Crystal ist ein hervorragender Zeichner und Maler, der auch für den Hof arbeitet.“

Will sah auf die Adresse. Ruben Crystal, No. 11 Carnaby Street, London, England, stand auf der Visitenkarte, die der Hofmarschall ihm übergab. Ein winziges Wappen zierte die Karte: in Schwarz zwei silberne oder weiße Rauten, die Linien trugen, die sie wie geschliffen aussehen ließen – Diamanten!

„Eine Frage noch: Was bedeuten die einzelnen Bilder in meinem Wappen, Sir?“, fragte er dann.

„Der Wappenkönig, der oberste Herold Englands, ist stets bestrebt, ein Wappen etwas über seinen Träger aussagen zu lassen. Der Seelöwe im ersten Feld und die beiden Seelöwen, die den Schild halten, weisen auf Eure Kühnheit zur See hin, die Schwerter und die Axt auf Euren erlernten Beruf als Waffenschmied. Das rote Tatzenkreuz im vierten Feld ist ein sehr altes Erbe Eurer Familie und stammt noch aus den Kreuzzügen. Ihr gehört zu einem jüngeren Zweig dieser Familie, die durch unglückliche Umstände in den Wirren eines Bauernaufstandes den Adelstitel vor über zweihundert Jahren verlor und fliehen musste. Deshalb steht dieses Wappen im vierten Feld, das in der Hierarchie der Felder den letzten Platz einnimmt. Ihr, Sir William, seid der lebende Beweis, dass das edle Blut dieser Familie weiterlebt – so wie die Kühnheit Eures Ahns, der Jerusalem gegen Saladin selbst verteidigte. Ich hoffe, dass ich es noch erleben darf, dass das Tatzenkreuz von Ibelin wieder in das erste Feld wandert und der Grafentitel, der Eurer Familie einst genommen wurde, Euch wieder schmückt und Ihr ihn wieder vererben könnt. Euer jetziger Titel ist leider nicht erblich.“

„Ihr seid gut unterrichtet, wie mir scheint. Danke für die Ausführungen. Was … würdet Ihr zu diesem Wappen sagen können?“, fragte Will weiter. Der Hofmarschall sah auf das kleine Wappen der Visitenkarte von Crystal.

„Die Annahme eines Wappens war nicht immer auf die Gunst des Königs zurückzuführen. Auch viele Bürgerliche führen ein Wappen, ohne dass ihm eine konkrete Beziehung zum Träger nachzuweisen wäre. Gerade bei alten Wappen ist es oft einfach Geschmackssache des Trägers gewesen. Hier ist die Gestaltung insofern ungewöhnlich, als die Rauten mit zusätzlichen Linien versehen sind, die sie wie geschliffene Steine aussehen lässt. Ich weiß zufällig, dass der verschollene Vater von Mr. Crystal Diamantenhändler war. Es kann also sein, dass dieses Wappen auf den Beruf des Vaters verweist.“

„Wie einträglich ist eigentlich der Beruf des Wappenmalers?“

„Ziemlich. Mr. Crystal gehört gewiss zu den teureren Meistern seiner Zunft, aber seine Wappen sind von außergewöhnlich guter Qualität. Ein Wappen wie Eures wird so um die zweihundertfünfzig Guineas kosten, schätze ich. Aber Crystal malt nicht nur Wappen. Er ist auch Kunstmaler. Manche seiner Werke sind unter fünftausend Guineas nicht zu haben. Er arbeitet auch viel für die East India Trading Company – Schiffsbilder und Porträts der bedeutenden Agenten und der Vorsitzenden.“

„Ich … nehme an, es überrascht Euch, wenn ich Euch sage, dass Mr. Crystal gestern von Lord Everett von der East India Trading Company beim Schuldgericht zu London gegen fünfzigtausend Guineas ausgelöst wurde und nun als Leibeigener die Schulden abarbeiten muss“, bemerkte Will.

„Das ist unmöglich!“, entfuhr es dem Hofmarschall. „Mr. Crystal ist ein ausgesprochen vermögender Mann!“

„Ihr habt mich gestern darauf hingewiesen, dass ein Ritter stets die Wahrheit sprechen soll. Meine Pflichten erfülle ich gewissenhaft, Sir. Danke für Eure Zeit“, verabschiedete sich Will und ließ einen recht konsternierten Hofmarschall zurück.

 

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Kapitel 4

Piratenlieder bringen Unglück

Eine Woche später kehrten die Turners und Governor Swann nach Dover zurück, wo ihr Schiff auf sie wartete. Admiral Norrington verließ London mit dem Ziel Plymouth, von wo aus er mit der HMS Dauntless nach Jamaica zurückkehren wollte. Während einige Kisten mit den Einkäufen verladen wurden, die Elizabeth, ihr Vater und Will getätigt hatten, beobachtete Klein William, dass auch das hinter der Aztec liegende Schiff beladen wurde – mit Menschen.

„Guck mal, Papa. Warum sind die Männer gefesselt?“, fragte der Kleine und wies auf die unter Bewachung am Kai wartenden Männer. Will hockte sich zu seinem Sohn und nahm den ausgefahrenen Zeigefinger in seine ganze Hand.

„Dass du mir etwas zeigen willst, Willy, ist lieb von dir. Aber zeig bitte niemals mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf andere Menschen“, sagte er sanft.

„Warum nicht, Papa?“

Will fuhr den eigenen Zeigefinger aus und wies auf den Jungen.

„Überleg’ mal: Wie findest du das?“

„Das sieht aus, als wolltest du stechen, Papa“, erwiderte Klein William. Will nickte.

„Stimmt. Das hat niemand gern. Und wenn du nicht möchtest, dass jemand so auf dich zeigt, dann geh mit gutem Beispiel voran und tu das auch bei anderen nicht, hm?“

„Ja, Papa. Und was sind das nun für Menschen?“, beharrte der Kleine. Will sah hinüber und erkannte einige von den Schuldknechten wieder, unter anderem auch Crystal.

„Das sind Menschen, die haben mehr Geld ausgegeben, als sie besitzen. Nun hat sie jemand beim Schuldgericht ausgelöst, und sie müssen ihre Schulden bei ihm abarbeiten“, erklärte Will.

„Und warum tun die das? Man kann doch gar nicht mehr Geld ausgeben, als man hat, oder Papa?“

„Doch das geht, wenn man sich Geld von jemandem leiht und es dann nicht zurückzahlt. Warum jemand sich mehr Geld leiht, als er hat? Nun, vielleicht, weil er das Geld für Nachforschungen benutzen will. Für Schätze zum Beispiel. Das kann ihm mehr Geld einbringen als er sich geliehen hat, wenn er findet, was er sucht.“

„Onkel Jack sagt, dass es ganz schwierig ist, Schätze zu finden“, bemerkte William junior.

„Aye, das ist richtig. Und deshalb würde ich mir auch nie Geld leihen, um einen Schatz zu finden. Aber es gibt Menschen, die sind nicht so vernünftig … Die da gehören dazu“, seufzte Will.

„Duuuu, Papa?“

„Hmm?“

„Kannst du denen nicht helfen? Du hast doch so viel Geld“, bat William junior.

„Das hätte ich gerne gemacht, aber das übersteigt meine Möglichkeiten, Willy.“

„Und wenn ich dich ganz lieb bitte?“, beharrte Willy. Will nahm seinen Sohn auf den Arm und stand mit ihm auf dem Arm auf.

„Das hat mit bitten nichts zu tun, Willy. Ich habe nicht genügend Geld bei mir, um diese Leute auszulösen. Außerdem … ist es nicht immer das Beste, Menschen, die mit Geld nicht umgehen können, welches hinterher zu werfen.“

Klein William nestelte am Halsschmuck seines Vaters.

„Papa, Mama sagt, du bist Pirat. Und Piraten nehmen sich doch, was sie wollen, oder?“

„Ich bin Freibeuter, mein Spatz. Ich nehme nur Spanier und Franzosen aus, aber keine Briten. Und das Schiff da fährt unter britischer Flagge. Das darf ich nicht überfallen.“

„Schade. Onkel Jack würde das bestimmt tun.“

„Onkel Jack würde das auch nicht tun. Der ist ebenso ein Freibeuter wie ich und überfällt keine britischen Schiffe.“

„Mama sagt das aber. Mama lügt doch nicht.“

„Ich glaube, ich muss mit deiner Mutter mal ein ernstes Wort reden …“, seufzte Will mit einem Seitenblick auf Elizabeth.

„Was verhandeln meine Piraten da gerade?“, fragte sie.

„Wir reden gerade darüber, ob ich als Freibeuter ein britisches Schiff mit Schuldsklaven überfallen darf, um sie zu befreien …“

„Will! Du wirst doch nicht etwa …!“, platzte Weatherby Swann heraus.

„Nein, das werde ich nicht. Aber ich habe hier einen kleinen Gerechtigkeitsfanatiker auf dem Arm, der mich dazu anstiften will“, grinste Will und gab seinem Sohn einen Kuss. „Pirat!“, grinste er. Auf Vaters Arm fühlte William sich völlig sicher und sang lauthals sein geliebtes Piratenlied Piraten haben’s gut.

Etwas weiter die Pier entlang fühlte sich jemand von dem Gesang gestört. Lord Everett schickte einen seiner Soldaten zu Will, der ihm im barschen Ton befahl, den Jungen zum Schweigen zu bringen.

„Wie bitte? Ich hab’ mich grad’ verhört, oder?“, erwiderte Will, reichte seinen Sohn an Elizabeth weiter und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, an Bord zu gehen. Elizabeth verstand und stieg die Planke hinauf auf das Hauptdeck der Aztec. William, der schnell erfasst hatte, dass die Sicherheitsmaßnahme ihm galt, drehte dem Soldaten eine lange Nase und fügte gleich noch Hisst die Flagge hinzu.

„Ihr sollt das Balg zur Ruhe bringen, sonst tu ich das!“, grunzte der Soldat.

„Versucht das gerne. Ihr müsst nur an mir vorbei und auf mein Schiff, um an meinen Sohn zu kommen“, grollte Will. Der Soldat wollte ihn grob zur Seite schieben, musste aber feststellen, dass sein Gegenüber sehr fest auf dem Boden stand und flog der Länge nach hin.

„Also, da hört doch …!“, stotterte der Soldat und wollte sich aufrappeln, aber ein bestiefelter Fuß setzte sich unsanft auf seinen Rücken.

„Gut jetzt!“, versetzte Will. „Der Hafen hier ist nicht gerade leise. Es kann also kaum Ruhestörung sein, wenn mein Sohn ein Lied singt. Verzieh dich zu deinem Herrn und Meister und bestell’ ihm einen schönen Gruß von Captain William Turner. Wer sich an kleinen Kindern vergreifen will, kriegt es mit mir zu tun. Klar?“

Damit schnappte Will den Soldaten beim Schlafittchen, stellte ihn wieder auf die Füße, nahm ihm vorsichtshalber das Seitengewehr ab und verpasste ihm dann einen herzhaften Fußtritt in den Allerwertesten, dass der Mann bis zu den gefesselten Schuldknechten stolperte. Die gingen ihm grinsend aus dem Weg, so dass er dort der Länge nach hinschlug und sich nicht nur die Nase am harten Boden aufschürfte.

Es dauerte keine halbe Minute, bis ein größerer Trupp Soldaten der East India Trading Company auf die Aztec zustürmte. Doch sie bremsten auf den Hacken, als sie sahen, dass der Captain keineswegs alleine war, sondern dass sich seine Männer und seine ebenfalls zu allem entschlossene Frau abwehrbereit hinter ihn stellten, die Hände an den Entermessern. Die Erscheinung von Will, Elizabeth und ihren Leuten war beeindruckend genug, dass die Soldaten vorsichtig den Rückzug zu ihrem eigenen Schiff antraten. Lautes Schimpfen dröhnte von dort herüber. Schließlich rauschte ein zornroter Lord Everett persönlich zu Will und drohte ihm mit dem Spazierstock.

„Was fällt Euch Lümmel ein, meine Männer zu bedrohen?“, wetterte er.

„Was fällt Euch ein, mich anzupöbeln?“, fragte Will kühl mit verschränkten Armen.

„Ihr wisst wohl nicht, wen Ihr vor Euch habt!“

„Rumpelstilzchen?“, fragte Will mit amüsiertem Grinsen.

„Ich bin Lord Morgan Everett! Und ich verbiete, dass dieses Balg so laut herum plärrt!“, schrie der Lord wütend.

„So, tut Ihr das? Mit welchem Recht?“, fragte Will in absichtlich herablassendem Ton, ließ die Arme locker, hakte die Daumen aber in den Gürtel.

„Habt Ihr noch nicht begriffen, wer ich bin?“, fauchte Everett.

„Das war nicht zu überhören. Es ist mir aber schnurz, wer Ihr seid. Ihr macht im Moment deutlich mehr Lärm als mein Sohn vorhin. Ihr habt mir nichts zu befehlen, Lord Everett. Ich segle nicht für die Company.“

„Wer seid Ihr?“

„Sir William Turner, Captain der Aztec.“

Bei dem Namen zuckte Everett zunächst zusammen, doch er schien es nicht für bare Münze zu nehmen, denn er sagte:

Sir William? Das ist wohl ’n Witz!“

„Nein, das ist keiner. Erkundigt Euch gern bei Hofe. Und jetzt verkrümelt Euch, sonst läuft Euer Schiff noch ohne Euch aus“, versetzte Will.

„Die Borneo segelt, wenn ich es will und bestimmt nicht ohne mich an Bord!“, fauchte Everett. „Ich fordere Genugtuung für Euer beleidigendes Auftreten, Sir William!“

„Erstens: Der Einzige, der irgendwie beleidigend agiert, seid Ihr, Lord Everett. Zweitens: Ich schlage mich nicht mit Leuten wie Euch, dazu habe ich, bei Gott, Besseres zu tun. Verzieht Euch!“, erwiderte Will und wies mit dem Kinn auf die Borneo. Dann drehte er sich um, um auf sein Schiff zu gehen.

Everett stürmte mit erhobenem Spazierstock hinterher, holte Will mitten auf der als Gangway dienenden breiten Planke ein und ließ den Stock auf seinen Rücken niedersausen, spürte aber selbst einen massiven Schlag auf den Rücken und drehte sich verblüfft um. Als er hinter sich niemanden sah, wandte er sich erneut Will zu und prallte prompt auf den Captain, der stehen geblieben war und sich umgedreht hatte. Eine harte Hand packte ihn am rüschenverzierten Binder.

„Ich kann mich nicht erinnern, Euch auf mein Schiff eingeladen zu haben. Runter hier, aber etwas plötzlich!“, fuhr Will ihn an und beförderte ihn unsanft von der Brücke. Everett stolperte noch ein paar Schritte auf den Kai und stürzte dann zu Boden.

„Planke einziehen! Leinen los!“, befahl Will. Seine Männer reagierten schnell, zogen die Planke ein und warfen die Leinen los.

„Ab in die Wanten, Männer! Setzt die Segel! Kurs Jamaica!“, rief Will.

„Aye, Captain!“, kam eine vielstimmige Bestätigung.

Will sprang auf das Achterdeck, um seinen Vater am Steuer abzulösen.

„Du hast dir gerade einen gefährlichen Feind gemacht, William“, warnte Bill.

„Wo leben wir eigentlich, wenn ein kleiner Junge nicht einmal mehr singen darf?“, fragte Will grollend. „Im Hafen ist ein Heidenlärm und dieser Idiot fühlt sich gestört, weil ein kleiner Junge singt. Normal ist das nicht, oder?“

„Es war vermutlich nicht der Gesang als solcher, sondern die Lieder selbst, was dem feinen Herrn missfiel“, mutmaßte Bill.

„Kann sein, aber das ist mir wirklich völlig egal. Er sollte besser beten, nie wirklich Piraten über den Weg zu fahren. So lange jemand davon nur singt, ist es wesentlich ungefährlicher“ knurrte Will. Er sah seinen Vater an.

„Was weißt du von Lord Everett?“, fragte er dann.

„Vorsitzender der East India Trading Company, Nachfolger von Lord Beckett. Stinkreich – und stinksauer auf dich“, grinste Bill. Will musste ebenfalls grinsen.

„Dann sollte Everett aufpassen, dass er sich nicht die Aztec zum Feind macht. Seinem Vorgänger ist das schlecht bekommen …“, sagte er.

Er sah mit gewissem Stolz über sein Schiff. In den letzten fünf Jahren waren er und seine Männer zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden, die keinem Kampf aus dem Weg ging. Aus den ursprünglich zehn Mann, die Gibbs einmal zusätzlich zu Will und Elizabeth selbst, Jerôme Savigny und Groaltek angeworben hatte, waren im Laufe der Zeit zwanzig Mann geworden, weshalb es im Mannschaftsdeck nun doch Hängematten gab und nicht mehr jeder Mann sein fest eingebautes Bett hatte. Streitigkeiten um die Kajüten vermied Will, indem er die freien Kajüten – er selbst beanspruchte die Kapitänskajüte, Bootsmann und Erster Maat hatten gleichfalls feste Kajüten – vor jeder Fahrt unter seinen Matrosen verloste. Jeder hatte die gleiche Chance; das wusste jeder und akzeptierte es auch. Gekauft hatte Will die Aztec einmal mit zwölf Sechspfünder-Kanonen und vier Zweipfündern, dann hatte er den Neunpfünder* am Bug dazubekommen. Seit einem Umbau drei Jahre zuvor war die Brigg mit zwanzig Sechspfündern an den Seiten, zwei Sechspfündern am Spiegel* und zwei Neunpfündern am Bug bewaffnet. Dafür hatten nicht einmal Kajüten weichen müssen. Es war genügend Platz zwischen den bisherigen Geschützpforten gewesen, um auf dem Haupt- und dem Mannschaftsdeck noch je zwei Stückpforten* auf jeder Seite unterzubringen.

Die Aztec genoss einen gewissen Ruhm, der auf ihre eingespielte Crew, ihre gute Bewaffnung und die Kühnheit ihres Captains zurückzuführen war. Zuweilen hatte schon allein das Erscheinen der Brigg genügt, um Franzosen und Spanier zum Rückzug zu bewegen. Selbst gut bewaffnete Fregatten waren vor der zwar erheblich kleineren, dafür aber umso bissigeren Brigg geflohen, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass Captain Turner nur zu genau wusste, wo sich die Pulvermagazine befanden und spätestens seine zweite Salve direkt in die Pulverkammer zielte. Dennoch war Will Turner weit davon entfernt, zu selbstsicher zu sein und sich und seine Crew für unbesiegbar zu halten. Er wusste, dass ein großer Teil dessen, was anderen Seeleuten den ungeheuren Respekt vor der Aztec einflößte, von göttlichen Mächten gesteuert wurde – und die Gunst Calypsos und Quetzalcoatls war keine Selbstverständlichkeit, sondern beruhte auf persönlicher Freundschaft, die Will liebevoll pflegte. Calypso hatte ihm und seiner Crew mehr als einmal aus einer Verlegenheit geholfen und der Brigg einen Schub gegeben, der mit dem Wind allein nicht zu erreichen gewesen wäre. Will und seine Männer dankten es der Göttin des Meeres, indem sie mit dem Meer respektvoll umgingen, die Gefahren des Meeres nie unterschätzten und dort, wohin sie kamen, auch andere dazu überredeten, dem Meer keinen Schaden zuzufügen. Leute, die das Meer als Hindernis, als reinen Verkehrsweg ansahen, den es zu beherrschen galt oder die Schätze des Meeres ausbeuten wollten, ohne auf mögliche Folgen zu achten, waren der natürliche Feind von William Turner und seiner Crew.

Will sah sich um und bemerkte die Borneo, die hinter der Aztec die Hafenausfahrt in Richtung Ärmelkanal passierte. Ein spöttisches Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Wenn Everett den Fehler beging, die Aztec angreifen zu wollen, sollte er besser auf seinen Captain hören, der ihm vermutlich haarsträubende Geschichten von einem Geisterschiff namens Aztec erzählte. Mochte die East India Trading Company auch inzwischen wieder treu zu Großbritannien stehen – sie gehörte zu jenen, die die Ozeane nur als Hindernisse vor ihrem Profit ansahen. Unter den Seeleuten der East India Trading Company hatte die Aztec einen ähnlich schlechten Ruf wie die Flying Dutchman … Es gab da einige Schiffe, die mit der Aztec ganz unliebsame Bekanntschaft gemacht hatten, nachdem sie Delfine gejagt hatten. Für Calypso waren Delfine geliebte Gefährten, die sie auch gern als Boten und Helfer einsetzte. Wer sie jagte, verspielte augenblicklich jegliche Freundlichkeit der Göttin und beschwor einen geisterhaften Nebel herauf, aus dem Kanonenschüsse fielen …

Überlebende, die Will und seine Männer nach solchen Attacken aus dem Wasser fischten, bekamen eine fürchterliche Gardinenpredigt, was den Respekt vor dem Meer betraf – nur bekamen sie keine Menschen an Bord der Aztec zu sehen, sondern eher Seemonster, die ihren Ursprung in Wills Albträumen hatten. Ein aztekischer Maskenhersteller auf Cozumel hatte die entsprechenden Masken geliefert, in denen Will und seine Männer dieses Theater aufführten …

Die Aztec gewann Fahrt, als der sommerliche Ostwind nach der Hafenausfahrt voll in die Segel griff. Will hatte alle Segel setzen lassen, die Männer hatten sie nach Hoskins’ Anweisungen optimal getrimmt, und die elegante Brigg schnitt wie ein Pfeil durch die Wellen. Während des Aufenthaltes in Dover hatten seine Männer die Brigg kielgeholt*, von Muscheln und Algen befreit und die Planken neu kalfatert*. Die Aztec hatte damit wieder die beste Stromlinienform des Rumpfes, die eine Brigg dieser Zeit haben konnte.

„Hihihi, wir hängen sie ab!“, kicherte Klein William, als er sah, dass die Borneo immer weiter zurückfiel und sprang fröhlich über das Achterdeck.

 

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Kapitel 5

Wer Wind sät …

Viereinhalb Wochen später lief die Aztec im Hafen von Port Royal ein und wurde freundlich begrüßt. Will steuerte seinen Liegeplatz an dem umgebauten Kai an, an dem früher die HMS Interceptor und später die HMS Invincible allein gelegen hatte. Will zahlte für den exklusiven Liegeplatz im Hafenbereich der Navy zwar vier Shilling pro Tag, doch war darin bereits die Bewachung des Schiffes durch die Royal Marines eingeschlossen. Klein William sah seinen Freund und Spielkameraden Andy Hawkins, der mit anderen Kindern bei dem alten Moses in der Nähe der Hauptpier saß und sich haarsträubende Geschichten erzählen ließ, deren Wahrheitsgehalt höchst zweifelhaft war und aus einer Menge Seemannsgarn bestand; aber der alte Moses verstand sich darauf, spannende Geschichten zu erzählen, die selbst Erwachsene noch in ihren Bann schlugen.

„Papa, da ist Andy. Darf ich mit ihm spielen?“, fragte William junior.

„Wenn ihr in der Nähe des Kais bleibt, gern. Das Schiff muss noch gelöscht* werden. Das dauert bestimmt einige Stunden“, lächelte Will. Jubelnd wollte William III sofort losstürmen, aber sein Großvater Bill bekam ihn gerade noch am Kragen zu fassen.

„Stopp, junger Mann! Du gehst mir nicht über die Planke, bevor das Schiff richtig festgemacht ist!“, bremste er seinen Enkel.

„Darf ich dir dabei helfen, Großvater?“, bat Will junior.

„Aye, du kleiner Tampsgast*. Nimm dir die Vorderspring* vor!“, lachte Bill. Willy blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften und drehte sich zu seinem Großvater um.

„Opa! Ich bin doch der Moses*!“, protestierte er.

„Aye, Moses, nun mach!“, grinste Bill zurück.

„Aye, Sir!“

Eifrig half der Fünfjährige seinem Großvater beim Festmachen der Brigg und stellte sich dabei schon sehr geschickt an. Er liebte es, mit Vater und Großvater zu segeln und hatte im Gegensatz zu vielen Erwachsenen keine Angst davor, auch ins Krähennest des Großmastes zu klettern. Für William III war die Brigg seiner Eltern ein großer Spielplatz, auf dem er spielerisch alles lernte, was ein Seemann wissen musste. Wenn er seinen Enkel geschickt wie einen kleinen Affen zwischen den Leinen und Trossen herumturnen sah, fragte Bill sich zuweilen, weshalb er sich eigentlich so dagegen gewehrt hatte, dass sein Sohn Will Seemann wurde. Doch regelmäßig kam ihm die Erkenntnis, dass es etwas anderes war, einen Vater zu haben, dem das Schiff gehörte und der es als Reiseschiff benutzte, als einen Vater zu haben, der angestellter Maat auf einem Frachtsegler war …

Die Aztec war festgemacht und William sprang freudig an Land, rief nach seinem Freund Andy. Andy bemerkte ihn, winkte ihm und lotste ihn zum alten Moses, der gerade eine mächtig spannende Geschichte von Riesenkraken und Seeschlangen erzählte. William lief dorthin und setzte sich dazu. Will und Elizabeth sahen lächelnd, dass ihr Sohn einstweilen gut beschäftigt war. Klein William konnte ein echter Wirbelwind sein, der auch schon mal Bruchschäden hinterließ …

„Port Royal – ich habe es vermisst“, seufzte Elizabeth.

„So?“, grinste Will und legte ihr sanft einen Arm um die Schulter. Sie lehnte sich an ihn und genoss seine Nähe. Es gab Tage, da kam ihr alles wie in einem Traum vor. Heute war wieder einer von diesen Tagen.

„Ich habe als Kind immer geglaubt, London wäre einer der schönsten Plätze auf dieser Welt. Aber ich stelle fest, dass ich Port Royal noch viel lieber mag. Es ist kleiner und übersichtlicher …“

„… und weniger förmlich“, vollendete Will. Sie sah ihn überrascht an.

„Was meinst du?“

„So mutig du bist: In London hast du auf Seemannshosen verzichtet …“, grinste er.

„Na ja, und du auf dein Kopftuch, Captain Turner“, erwiderte sie mit schelmischem Lachen. „Aber lass doch, verflixt noch mal, die Ohren frei!“, setzte sie dann hinzu und zog die obere Hälfte seiner Ohren wieder unter dem Kopftuch hervor. „Das sieht schon besser aus, Sir William“, ergänzte sie zufrieden und hielt seine Hände fest, damit er sich die Ohren nicht gleich wieder darunter steckte.

„Es war eine schöne Reise mit dir“, sagte er leise. Elizabeth sah ihn lange an. So viel Zeit wie auf dieser Reise hatten sie schon länger nicht mehr zusammen verbracht. Weil Klein William die ganze Reise bei seinem Großvater Bill in der Kajüte des Ersten Maats verbracht hatte und Lilly einen abgetrennten Teil der Kapitänskajüte für sich gehabt hatte, hatten ihre Eltern seit längerer Zeit auch wieder viele Nächte miteinander verbracht, in denen sie sich ungestört einander hatten widmen können. Es waren insgesamt über zwei wundervolle Monate voller Liebe und Gemeinsamkeit gewesen. Es gab Momente in Elizabeths Leben, da wünschte sie sich, mit Will und den Kindern einfach davon zu fahren – an den Horizont. Sie hatten sogar die Möglichkeit dazu, schließlich besaßen sie ein Schiff, hatten eine treu ergebene Crew und auch die finanziellen Möglichkeiten, um ihr Leben auf dem Wasser zu verbringen, frei und ungebunden. Doch Elizabeth wusste auch, dass Will nie ganz ohne seine Schmiede leben konnte, mochte er sein Handwerk auch nur noch aus Freude daran ausüben und nicht mehr aus der Notwendigkeit, damit seine Familie ernähren zu müssen. Und dann war da noch ihr Vater, den sie selbst nicht völlig allein lassen wollte. Und außerdem – das stellte Elizabeth in diesem Moment fest – hätte ihr Port Royal auf Dauer doch gefehlt … Sie war glücklich, hierher wieder zurückkehren zu können.

Einige Zeit später lag die Aztec gesichert an ihrem Kai und wurde entladen, als die Borneo in den Hafen einlief und an der Hauptpier festmachte. Der Borneo folgte in geringem Abstand die HMS Dauntless und ging auf der Reede innerhalb des Hafens vor Anker. Während das kombinierte Fracht- und Kriegsschiff der East India Trading Company entladen wurde, trieb eine Abteilung der hauseigenen Marineinfanterie der Company die von Lord Everett erworbenen Schuldknechte von Bord, brachte die Männer zu einer Ansammlung primitiver Hütten am Hafenrand von Port Royal und sperrte sie dort ein. Lord Everett, der sich davon überzeugen wollte, dass seine Kapitalanlage gut gesichert war, spazierte hinterher und bemerkte dabei auch gleich den Geschichtenerzähler in der Nähe des Hauptkais.

„Hey, du da!“, rief er laut. Moses ließ sich davon nicht stören, fühlte sich nicht einmal angesprochen. Im Hafen wurde so oft in dieser Art und Weise gerufen, dass der alte Seebär den Ruf nicht auf sich bezog. Erst, als ihn Stockhiebe trafen und Everett ihn anbrüllte:

„Ich rede mit dir, du Abschaum!“,

sah Moses verstört auf.

„Bitte?“

„Was bitte? Wenn ich dich anspreche, hast du mit ‚Ja, Mylord!‘, zu antworten! Was tust du hier?“, fauchte Everett.

„Moses erzählt Geschichten, Sir“, erklärte Andy. Andy Hawkins, der jüngste Sohn von Captain Eric Hawkins, einem persönlichen Freund von Governor Swann, war zwei Jahre älter als William, für sein Alter recht groß und auch ziemlich kräftig. Er verstand sich als Beschützer der kleineren Kinder, die zu der bunt gemischten Zuhörerschar bei Moses gehörten. Es waren Kinder aller Hautfarben, die sich auf Jamaica fanden.

„Du bist nicht gefragt, du naseweiser Bengel!“, fuhr Everett ihn an. „Du kannst für dich selbst sprechen, du arbeitsscheuer Lump!“, wandte er sich dann wieder an Moses.

„Ihr habt es gehört, Sir. Ich erzähle Geschichten“, erwiderte Moses.

„Was für eine unnütze Zeitverschwendung. Los, pack dich fort! Solche Leute wie du, die haben in einem Hafen, in dem Geschäfte gemacht werden, nichts zu suchen!“

„Ich bin hier mit …“, setzte Moses an, doch er kam nicht weit, weil Lord Everett mit dem Spazierstock auf ihn einprügelte, dass dem überraschten Moses Hören und Sehen verging.

„Komm, wir holen die Navy!“, winkte Andy William. Die beiden wollten loslaufen, doch Lord Everett packte William am Schlafittchen.

„Sieh an, der kleine Pirat. Du hast bei mir noch was gut, du kleines Scheusal. Von Piraten singen! Dir werde ich beibringen, was es bedeutet, in meiner Gegenwart von Piraten zu singen!“

„Andy, lauf!“, schrie William, als Andy zögerte. Moses warf sich dazwischen, um den kleinen Jungen vor den Stockhieben zu retten, und Andy beschloss, dass er besser Hilfe holte.

So sehr Moses sich anstrengte, gegen Everett und die schnell hinzukommenden Marineinfanteristen der East India Trading Company hatte er keine Chance. Die übrigen Kinder rannten eilig davon, um sich vor dem Wüterich in Sicherheit zu bringen. William und Moses steckten derweil eine Tracht Prügel von Lord Morgan Everett ein, dass ihnen beinahe entfiel, ob sie Männlein oder Weiblein waren.

„Du sollst mich kennen lernen, du kleine Kröte!“, fauchte Everett und schlug heftig auf den Fünfjährigen ein, der sich nicht mehr gegen die Hiebe decken konnte und nur noch weinte. Als er erneut ausholte, um dem Jungen eine Ohrfeige zu verpassen, blieb seine Hand in einem eisenharten Schraubstock stecken.

„Vorher lernst du mich kennen, du Lump!“, grollte eine wütende Stimme hinter ihm. Everett sah sich verblüfft um.

„Wer wagt es … Turner!“, entfuhr es ihm. Will verpasste Everett eine solche Ohrfeige, dass es ihn zwei Zähne kostete und riss ihn von seinem Sohn weg.

„Dir werd’ ich helfen, kleine Kinder zu schlagen! Bist du noch bei Trost, Mann?“

Die Serie von Ohrfeigen, die Will Turner ihm gab und mit einem fürchterlichen rechten Haken komplettierte, der Everett ins Reich der Träume schickte, sollte der Lord nie vergessen …

Will ließ ihn liegen und kümmerte sich um seinen hemmungslos weinenden Sohn, wiegte ihn tröstend in den Armen und untersuchte ihn auf ersichtliche Verletzungen.

„Was tut dir weh, mein Spatz?“, fragte er besorgt, als William nicht aufhörte zu weinen. Doch der Kleine konnte nicht antworten, schluchzte nur und kuschelte sich dicht an seinen Vater.

„Moses, wie geht’s dir?“, fragte Will dann.

„Geht schon, Sir. Danke für dein Eingreifen, William. Und Euch auch, Admiral, Sir“, dankte Moses Will und den ebenfalls von Andy alarmierten Soldaten der Royal Navy unter Führung von Admiral Norrington, die gerade an Land gegangen waren, als Andy zum Kai der Navy gerannt kam.

„Bring deinen Sohn am besten zum Arzt, Will. Wir kümmern uns um die Herren von der Company“, nickte James Norrington in Wills Richtung.

Will brachte seinen Sohn eilig zu Jerôme Savigny in die nahe gelegene Praxis des Arztes. Jefferson, Savignys Assistent, wollte, gerade den nächsten Patienten aufrufen, als Will mit dem Kleinen auf dem Arm hereinkam.

„Notfall, Jefferson!“, keuchte er. „Es ist wirklich dringend!“

Jefferson nickte und lotste Will noch vor dem eigentlich an der Reihe befindlichen Patienten ins Ordinationszimmer.

Mon dieu, ist der Kleine unter die Räuber gefallen?“, entfuhr es Jerôme, als Will in das Zimmer kam und Klein William gleich auf die gepolsterte Pritsche legte.

„So ähnlich. Lord Everett von der allseits geliebten East India Trading Company hat ihn mit dem Stock verprügelt.“

„Warum das?“

„Keine Ahnung. Bitte untersuch’ ihn, ob er irgendwas gebrochen hat. Er hört nicht auf zu weinen“, bat Will. Vorsichtig untersuchte Jerôme den Jungen, aber an die Rippen wollte Willy ihn nicht heranlassen.

„Aua! Papa!“, brüllte er. Will war sofort zur Stelle.

„Will, vielleicht kannst du das mal machen …“, stoppte der Arzt seine Untersuchung. Will nickte und setzte sich auf die Pritsche.

„Lass mich da mal ran, Willy“, bat er. „Ich tu dir nicht weh“, versprach er leise.

„Das tut so weh, Papa“, weinte Willy. Ganz vorsichtig tastete Will die Rippen seines Sohnes ab.

„Was spürst du, mon ami?“, fragte Jerôme.

„Fühlt sich an wie ein Absatz. Ja, recht deutlich spürbar. Hier die beiden untersten …“

„Doppelter Rippenbruch – bei einem Fünfjährigen ist das selten. Kleine Kinder brechen sich normalerweise nie diese Knochen“, wunderte sich Savigny. „Willy, was ist passiert?“, wandte er sich an den weiterhin weinenden Jungen

„Der … hat … mich … schluchz … verhauen!“, schniefte Will junior.

„Mit der Hand?“, hakte Jerôme nach.

„Mit … mit … dem Stock! Das tut so weh, Papa!“

Will streichelte seinen Sohn beruhigend und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn.

„Au!“, kam die prompte Reaktion. Will pustete vorsichtig und bemerkte die massive Beule. Nur langsam beruhigte sich William. Dr. Savigny tastete vorsichtig nach der Beule, registrierte sie und sagte Jefferson an, was er fand. Es schien keinen Fleck auf Williams kleinem Körper zu geben, der nicht mindestens einen blauen Fleck hatte.

„Prellungen und blaue Flecken nach Noten, zwei gebrochene Rippen. Das linke Handgelenk hat offenbar noch mehr abbekommen. Ich wünschte, ich könnte hineinsehen. Tut das weh, Willy?“, fragte er dann als er ganz vorsichtig das Handgelenk bewegte. Der Kleine nickte schluchzend.

„Könnte angebrochen sein. Ich werde es vorsichtshalber schienen. Du darfst die linke Hand nicht bewegen, Willy!“

„Ich glaube, Mr. Everett braucht noch eine Abreibung“, knurrte Will wütend.

„Hast du den auch so verdroschen wie er deinen Sohn?“, fragte Jerôme, während er Gips und Binden zusammentrug, um das kleine Handgelenk ruhig zu stellen.

„Nein, der hat bisher nur zehn Prozent bekommen, wenn ich mir das so betrachte“, seufzte Will. „Moses könnte auch noch bei dir aufkreuzen. Den hat er mithilfe seiner Schergen auch so vermöbelt.“

„Moses wird kaum kommen. Ich bin zwar nicht teuer, aber er kann sich einen Arztbesuch einfach nicht leisten“, gab Savigny zu bedenken und wies seinen Assistenten an, die Schiene zu halten, die er dann Lage für Lage mit Gipsbinden umwickelte

„Ich schicke ihn zu dir. Die Rechnung geht an mich – und ich hole mir die Mäuse von dem ehrenwerten Lord Everett wieder!“

„Wenn der dir das bezahlt, bin ich der Kaiser von China“, orakelte Jerôme.

„Er wird bezahlen, Jerôme, er wird bezahlen, verlass dich drauf!“, erwiderte Will mit einem eher in die Ferne gerichteten Blick. „Und zwar richtig teuer …“

Jerôme sah seinen Freund eine Weile an. Wenn sich jemand an Menschen vergriff, die William Turner jr. nahe standen, konnte der sonst so liebenswürdige und freundliche Will zu einem wirklichen Piraten werden, zu einer Furie …

 

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Kapitel 6

Beschwerden

Will brachte seinen Sohn nach Hause, machte aber den kleinen Umweg durch den Hafen, um Moses dazu zu überreden, sich ebenfalls ärztlich untersuchen zu lassen.

„Nein, nein, es geht schon wieder“, wehrte Moses ab.

„Ich weiß, dass du kein Geld hast, Moses. Aber das geht in Ordnung. Dr. Savigny behandelt dich in diesem Notfall ohne Bezahlung“, erwiderte Will.

„Papa bezahlt das, hat er gesagt“, erklärte Willy treuherzig, der sich wieder beruhigt hatte. Nachdem Jerôme seine Prellungen mit Salbe behandelt hatte und den Arm stillgelegt hatte, hatte er keine Schmerzen mehr und fand auch die Sprache wieder.

„Will, das kann ich nicht annehmen …“

„Du erzählst meinem Sohn wunderbare Geschichten, für die er dir sonst immer eine Krone gibt, wie ich weiß. Du hast heute deine Einnahmen verloren, weil dieser Lump dich und meinen Sohn verhauen hat. Das schuldet er dir schon mal. Und er wird nicht ohne weiteres davonkommen. Er wird bezahlen – bis zum letzen Penny, das schwöre ich. Arztkosten eingeschlossen“, entgegnete Will.

„Wie willst du das fertig bringen? Dafür ist der Kerl viel zu mächtig. Er hat die Company hinter sich, vergiss das nicht“, warnte Moses.

„Sehen wir mal. Du gehst zum Arzt, Moses. Jerôme schickt mir die Rechnung.“

„Ich kann mich nicht auch noch bei dir verschulden, Will.“

„Ach was. Du hast eingreifen wollen, um Willy zu schützen. Dass du das bei der Übermacht nicht konntest, ist nicht deine Schuld, Moses. Insofern schulde ich dir was. Das geht in Ordnung.“

„Aye, Captain, Turner!“, bestätigte der Geschichtenerzähler mit einem schiefen Grinsen.

Der Weg zum Hause Turner führte in einigen Serpentinen den östlichen Hafenhügel hinauf und war so gestaltet, dass auch Kutschen mit nur einem Pferd die Steigung mühelos befahren konnten. Klein William kuschelte sich dicht an seinen Vater, der ihn auf dem Arm trug und spürte wieder Geborgenheit und Schutz.

„Danke, Papa“, flüsterte er.

„Bitte, Spatz. Ich wäre ein schlechter Vater, wenn ich dir nicht aus so einer Situation heraushelfen würde“, erwiderte Will und gab seinem Sohn einen Kuss.

„Du bist der beste Papa der Welt“, sagte Willy und umarmte seinen Vater so fest, wie es mit dem geschienten linken Handgelenk möglich war.

„Danke“, lächelte Will. Sein Lächeln galt nicht nur dem Lob seines Sohnes, sondern auch der Tatsache, dass er selbst seinen Vater auch immer für den besten Vater der Welt gehalten hatte, obwohl er ihn so viele Jahre nicht gesehen hatte …

Will erreichte sein Haus und traf auf eine ebenso erleichterte wie besorgte Familie.

„Will, was ist mit Willy?“, fragte Elizabeth, die ihm die Haustür öffnete.

„Prellungen nach Noten und zwei gebrochene Rippen“, erwiderte er.

„Komm, ich habe Willys Bett schon fertig“, winkte Elizabeth, nachdem sie ihren Mann mit einem flüchtigen Kuss begrüßt hatte.

„Wer hat das getan, mein Liebling?“, erkundigte sie sich dann, als Will ihrem Sohn ganz vorsichtig die Kleidung auszog.

„Der doofe Lord Everett“, antwortete Willy.

„Und warum?“, fragte Elizabeth weiter.

„Moses hat er verhauen, weil er uns Geschichten erzählt hat. Als Andy und ich dann Hilfe holen wollten, hat er mich geschnappt und verhauen, weil ich in England Piratenlieder gesungen habe. Moses wollte mir helfen, aber die Soldaten haben ihn festgehalten“, erzählte William junior.

„Ich hätte den Kerl erschlagen sollen“, grollte Will mit erneut wachsender Wut. „Unfassbar, dass ein erwachsener Mann wegen … Das ist unglaublich!“

„James war richtig wütend, als er uns vorhin vorgewarnt hat. Ich glaube, er wollte Everett in Fort Charles einbuchten.“

„Da gehört er auch hin – vorzugsweise bei Wasser und ohne Brot“, knurrte Will. „Und er soll beten, dass er da so lange bleibt, bis meine Wut sich gelegt hat. Sonst hat er einen metallischen Gruß aus Meister Turners Werkstatt zwischen den Rippen, wenn er mir vorher über den Weg läuft!“

Er beugte sich über seinen Sohn und gab ihm einen Kuss, dann verließ er brodelnd vor Zorn das Kinderzimmer.

„Wird Papa den bösen Mann totmachen, Mama?“, fragte Willy. Es klang besorgt, wobei Elizabeth nicht ganz ermessen konnte, ob die Sorge ihres Sohnes seinem Vater oder dem galt, der ihn geschlagen hatte. Sie streichelte ihn beruhigend.

„Papa meint es nicht so, Spatz. Aber er ist auf Lord Everett sehr böse, und das kann ich gut verstehen.“

„Bleibst du hier, Mama?“

„Ja, mein Schatz, ich lasse dich jetzt nicht allein“, versprach Elizabeth und sang ihrem Sohn leise ein Schlaflied – und ausnahmsweise mal nicht von Piraten …

Am folgenden Tag erstatteten Will und Elizabeth zusammen mit ihrem Sohn Anzeige bei Elizabeths Vater. Als Gouverneur nahm er zwar nicht von jedem Bürger solche Anzeigen entgegen, hatte dafür Polizeibeamte; aber Will und Elizabeth wollten diese Sache möglichst weit oben angesiedelt wissen. Die Company war mächtig. Wer sich mit der East India Trading Company anlegte, konnte schnell in Schwierigkeiten geraten. Governor Swann war allerdings auch klar, dass man ihm Befangenheit vorwerfen würde, wenn er in dieser Angelegenheit seiner Aufgabe als Richter nachkam. Er beschloss deshalb, Governor Bellows von Nassau als Richter anzurufen und Bellows auch mitzuteilen, dass es besser war, wenn die Geschworenen nicht aus Port Royal waren, wo Lord Morgan Everett zu bekannt war, als dass man ihm unvoreingenommen gegenüber trat.

Während er mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn noch darüber sprach, überbrachte Butler Jenkins ein Schreiben mit dem Siegel der Company. Swann brach es auf und las die Zeilen mit zornumwölkter Stirn.

„Mr. Kendall, der Sekretär von Lord Everett, beantragt im Namen der Company, Lord Everett gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen“, sagte er.

„Der Kerl gehört hinter Schloss und Riegel!“, grollte Will. Sein Schwiegervater hob begütigend die Hand.

„Ich verstehe dich, Will. Mir passt es auch nicht, aber nach dem Gesetz kann ich das nicht verweigern. Es wäre etwas anderes, wäre er des Mordes oder der Piraterie angeklagt“, erklärte er. Wills Augen wurden noch eine Schattierung dunkler.

„Piraterie …“, brummte er. „Sonst fällt fast alles, was das einfache Volk aus purer Not macht, unter diesen Begriff. Aber wenn jemand einen kleinen Jungen nur deshalb nicht totschlägt, weil er daran mit Gewalt gehindert wird, kommt er mit ein paar lumpigen Shilling auf freien Fuß. Mein Gerechtigkeitsgefühl wird gerade seekrank.“

„Will hat Recht, Vater! Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, entfuhr es Elizabeth. „Klaut einer einen Apfel, legt man ihn in Ketten – und so ein Lump kann sich einfach freikaufen?“

„Nun ja, die meisten Diebe haben keine Mittel, um eine Kaution zu stellen. Das grundsätzliche Recht hätten sie auch“, gab ihr Vater zu bedenken.

„Besser kann man den Unterschied zwischen Ober- und Unterklasse kaum deutlich machen“, schüttelte Will den Kopf. „Wie hoch ist die Kaution? Ich zahle mehr, wenn er dafür hinter Schloss und Riegel bleibt.“

„Da hat sich jemand einen wirklichen Feind eingehandelt …“, murmelte Swann. Obwohl es seinen eigenen Enkel betraf, konnte er sich ein Grinsen dennoch nicht verkneifen. „Ich kann sie in einer mir angemessenen Höhe festsetzen. Aber ich bin in dieser Sache befangen, das lässt sich nicht leugnen. Setze ich sie zu hoch an, kann mir das als Parteinahme ausgelegt werden“, erklärte Weatherby.

„Dann entfällt eine Freilassung auf Kaution, weil du befangen bist, Vater“, warf Elizabeth ein. „Dann soll Bellows darüber entscheiden.“

Swanns Lächeln verstärkte sich. Elizabeths Vorschlag nahm ihm die Verantwortung ab, vor der er sich zuweilen gern drückte.

„Ja, stimmt! Dann wird er schmoren.“

„Kerkermeister!“, schrie Lord Everett ein ums andere Mal. Andere Gefängnisinsassen hatten ihn schon aufgefordert, endlich Ruhe zu geben, hatten ihm auch Prügel angedroht; aber Everett interessierte nicht, was andere sagten, insbesondere, wenn sie durch Gitter daran gehindert waren, ihre Drohungen in die Tat umzusetzen. Schließlich kam ein älterer Soldat ohne Eile angeschlichen, dem der Hund mit den Schlüsseln im Maul nicht von den Gamaschen wich.

„Was is’ ’n?“, fragte er gelangweilt.

„Ich weise Ihn an, mich freizulassen!“, befahl der Lord.

„Hä?“, fragte der Soldat und kratzte sich am Ohr.

„Lass’ mich ’raus!“, keifte der Gefangene. Kopfschüttelnd wollte der Soldat sich trollen, als Everett zugriff und ihn am Ärmel festhielt.

„Würd’ ich an Eurer Stelle nich’ machen, Mann. Kostet Euch sonst die Reparatur“, warnte der Wächter gutmütig.

„Du weißt wohl nicht, mit wem du es zu tun hast! Ich bin …“

„… ein deutlich zu lauter Gefangener, Lord Everett!“ kam eine scharfe Stimme von der Treppe zum Kommandobereich des Forts. Everett sah verblüfft zum Treppenaufgang und bemerkte dort Admiral Norrington.

„Was erlaubt Ihr Euch? Ihr …“, fuhr Everett den Admiral an.

„Haltet die Luft an!“, donnerte James, dass dem Lord tatsächlich vor Schreck erst einmal die Sprache wegblieb. Norringtons grüne Augen waren eine Schattierung dunkler geworden. „Ihr seid hier ein Gefangener wie alle anderen auch! Euer Titel und Eure Stellung interessieren hier nicht! Euer Gesuch bezüglich einer Freilassung auf Kaution ist abgelehnt. Der Gouverneur teilt mit, dass er in dieser Angelegenheit befangen ist, weil Ihr seinen Enkel geschlagen habt. Er hat deshalb Governor Bellows von Nassau um Amtshilfe ersucht. Bis dahin bleibt Ihr hier, weil der Gouverneur von Nassau auch über Eure Kaution entscheiden muss.“

„Und meine Geschäfte? Wie stellt Ihr Euch das vor?“, keifte Everett.

Ich, Sir, stelle mir gar nichts vor“, erwiderte James eisig. „Ginge es nach mir, würdet Ihr hier sitzen, bis Ihr schwarz seid. Überlegt es Euch künftig einige Male mehr, bevor Ihr Euch an einem kleinen Jungen vergreift oder Eure uniformierten Wachhunde auf einen harmlosen Märchenerzähler hetzt!“, versetzte Norrington eisig und verließ das Gefängnis.

Will Turner saß am Schreibtisch in seinem häuslichen Arbeitszimmer und zerknüllte ein weiteres Stück Papier. Eigentlich wollte er König George seine Meinung zu gewissen gesetzlichen Bestimmungen schreiben, aber zu viel Wut lag in seinen Formulierungen, fand er. Das konnte er dem König nicht zumuten, auch nicht als Ritter. Wie spät es bereits geworden war, bemerkte er erst, als Elizabeth hereinkam und eine Lampe in der Hand hatte.

„Willst du nicht schlafen gehen?“, fragte sie besorgt und deutlichem Hinweis auf die Uhr. Längst war elf Uhr abends durch. Will lehnte sich zurück und rieb sich müde die Augen.

„Ich bin immer noch viel zu wütend dafür“, seufzte er. „Am liebsten würde ich den feigen Hund erwürgen.“

Elizabeth stellte die Lampe ab, trat zu ihm und strich ihm liebevoll durch das offene Haar.

„Das glaube ich dir. Er wird seine gerechte Strafe bekommen, glaub mir. Bellows ist ein gerechter Mann“, sagte sie leise. Will zog sie auf seinen Schoß und küsste sie.

„Manchmal sind die Dinge auf See einfacher“, flüsterte er. Elizabeth konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Auf See hätte Mr. Everett deine Wut nicht überlebt, das ist mir klar – und ich hätte dir dabei geholfen. Ich hasse dieses Korsett aus Gesetzen, das weißt du“, sagte sie leise.

„Ach, es stört mich, dass wir mit so unterschiedlichen Ellen messen“, wehrte er ab.

„Mich auch“, flüsterte Elizabeth vertraulich „Und nicht nur, weil es um unseren Sohn geht, der verprügelt wurde.“

Will tätschelte sanft ihre Hand, die zärtlich sein Gesicht streichelte.

„Brauchst du was aus Metall?“, fragte er schließlich. Elizabeth lächelte. Er brauchte etwas, um sich abzureagieren …

„Ein schönes, großes Küchenbeil würde uns noch fehlen …“, grinste sie.

„Dann werde ich dir morgen eins schmieden, mein Liebling. Hoffentlich gerate ich nicht gleich in die Versuchung, es an Mr. Everett auszuprobieren …“

 

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Kapitel 7

Norringtons Dolch

Früh am darauf folgenden Tag ging Will in die Schmiede in der Coal Lane. Sie war nicht mehr regelmäßig geöffnet, ein Schild an der Tür wies aber auf die neue Adresse des Inhabers am Eastern Harbour Hill No. 1 hin – samt Skizze, wie die neue Adresse zu erreichen war. Aufträge konnten aber auch bei Meister Brown abgegeben werden, der nur drei Häuser weiter in der Coal Lane wohnte.

Wirtschaftlich lohnte es sich nicht, die Esse wegen eines einzigen Beils anzuheizen, aber Will ging es heute nicht ums Geschäft. Gleichwohl ging er sonst nur in die Schmiede, wenn er mehrere Stücke zu bearbeiten hatte. Er heizte die Esse an und wartete dann, dass sich genügend Glut entwickelte, um Eisen zu schmelzen. Die Wartezeit nutzte er aus, um einige eigentlich fertige Stücke zu überprüfen, ob sie noch zu verbessern waren. Seit er seine Handwerkskunst eher aus Neigung als aus Notwendigkeit betrieb, waren die Degen, die seine Marke trugen, noch schöner verziert und die Griffe noch anschmiegsamer verkleidet als früher. Er hatte jetzt erheblich mehr Zeit, neue Vorlagen auszuprobieren. Mit den ausgesuchten Teilen setzte er sich vor die Werkstatt, polierte sie nach oder zeichnete ergänzende Verzierungen an. Die offene Werkstatt lockte denn auch prompt einige Kunden an: Eine ältere Dame suchte ein neues Küchenbeil, ein Seemann einen Marlspieker* und ein Takelmesser, ein Soldat der Royal Marines brauchte eine neue Befestigung der Griffe seines Seitengewehrs. Während Will noch die Griffe mit neuen Stiften befestigte, kam eine Abteilung der Royal Marines im Laufschritt unter Führung von Captain Gillette heran.

„Los, Kerry, anschließen!“, befahl Gillette.

„Aye, Sir!“, bestätigte der Soldat und ließ sein Seitengewehr bei Will zurück und rannte hinterher. Will kannte Kerry und wusste, dass der schon wieder kommen würde, um seine Waffe abzuholen. Es dauerte auch nicht lange und Kerry erschien wieder bei Will.

„Hier, Euer Seitengewehr, Mr. Kerry“, sagte Will.

„Danke, Mr. Turner. Ein Shilling, wie üblich?“

„Aye.“

Kerry bezahlte.

„Was war vorhin los?“, erkundigte sich Will.

„Wir haben die Schuldknechte aus den alten Sklavenhütten geholt, sonst wären die armen Teufel da wohl bis heute Abend verdurstet“, erklärte Kerry. „Jetzt sind sie in der Festung in unserer Kaserne untergebracht, bis geklärt ist, ob die Company überhaupt Anspruch auf sie hat.“

Will schüttelte nur noch den Kopf.

„East India Trading Company!“, seufzte er. Er konnte diese Gesellschaft einfach nicht ausstehen …

Wenig später bearbeitete er das neue Beil für Elizabeth und drosch mit solcher Wut darauf ein, dass ihm bald Zweifel kamen, ob dieses Beil jemals seinem eigentlichen Zweck zugeführt werden konnte … Missmutig betrachtete er das völlig verschlagene Blech, zu dem er in seinem Zorn den massiven Eisenklumpen gehämmert hatte, als recht unerwartet Admiral Norrington bei ihm eintrat.

„Hallo, was machst du hier?“, fragte Will, als er James erkannte. In den letzten Jahren hatten sie oft eng zusammengearbeitet. Anfangs hatte Norrington den Freibeutern noch etwas reserviert gegenübergestanden, aber Wills offene, ehrliche, liebenswürdige Art und sein liebevoller Umgang mit Elizabeth und seinen Kindern hatten die Reserviertheit des Admirals langsam aufgelöst. Genau genommen liebte James Elizabeth noch immer, hatte inzwischen aber erkannt, dass sie und Will zusammenpassten wie ein Paar Schuhe. Er gönnte beiden die glückliche Ehe, die sie führten und war Taufpate von Lilly. Dank Wills Fürsprache hatte James einige Monate zuvor heiraten können, was für einen Soldaten im Krieg keine Selbstverständlichkeit war. Emily, seine Frau, war Elizabeth äußerlich relativ ähnlich, hatte aber nicht den Freiheitsdrang, der Elizabeth Turner zu Eigen war. Das Ehepaar Turner war bei den Norringtons Trauzeuge gewesen. Einer von beiden würde auch Taufpate des ersten Kindes werden, das bei den Norringtons bald ankommen würde …

„Auf dem Weg zum Gouverneur mit diesem Schuldknecht, Mr. Crystal. Er will eine Anzeige wegen Wucherei aufgeben. Deine offene Schmiede kommt mir gerade recht. Ich habe eine Reklamation, Master Turner“, sagte James mit einem Lächeln.

„Ist was mit einem von deinen beiden Ehrendegen?“, fragte Will besorgt. Norrington schüttelte den Kopf.

„Nein, nicht mit den Schwertern, die ich jeweils zur Beförderung bekommen habe. Aber dieser Dolch hier, der ist etwas wacklig, Meister“, erwiderte der Admiral und zog aus seiner Rocktasche einen Marinedolch. Will nahm die Waffe und betrachtete sie genau.

„Diese Klinge ist nicht von mir und auch nicht von Meister Brown“, bemerkte er. „Die Marke sieht nach Meister Simpson aus Philadelphia aus.“

Norrington sah den jungen Schmied verblüfft an.

„Seltsam. Dieses Stück soll bei dir gekauft worden sein – Gillette hat ihn mir zur Hochzeit geschenkt“, erklärte er. Will schüttelte den Kopf.

„Ich habe so etwas noch nie verkauft, aber vor deiner Heirat war ich eine Weile fort. Vielleicht hat Meister Brown etwas von Simpson in Zahlung genommen und weiter verkauft. Kann ich nicht ausschließen. Aber wie auch immer, das hier ist Kundendienst. Ah, die Griffschalen sind lose. Moment.“

Will nahm einen Stichel unter der Werkbank hervor und löste zunächst vorsichtig die Drahtwicklung. Die eine Griffschale fiel ihm prompt in die Hand.

„Meine Güte – das ist kein Meisterstück!“, entfuhr es ihm ob der nachlässigen Befestigung der Griffteile. „Wenn du erlaubst, mache ich dir einen ganz neuen Griff.“

„Oh, ja. Gute Idee. Der Holzgriff gefiel mir sowieso nicht recht. Ich hätte gern einen Perlmuttergriff statt des Hartholzes. Was käme der mehr?“

„Eineinhalb Shilling“, erwiderte Will.

„Abgemacht“, freute sich der Admiral. Mochten Turners Klingen sonst auch ein teures Vergnügen sein, seine anderen Preise waren durchaus bescheiden. Will suchte aus den Griffrohlingen einen aus Perlmutter aus, in den er schon einen kleinen goldenen Anker als Intarsie eingearbeitet hatte und präsentierte ihn James.

„So was hier?“

Norrington bekam leuchtende Augen.

„Ja, genau.“

Will entfernte den Hartholzgriff, säuberte die Griffseele von der schlechten Verklebung und setzte den passenden Perlmuttergriff ein, den er mit Metallstiften befestigte und erneuerte dann die Drahtwicklung. James Norrington und Ruben Crystal sahen ihm interessiert zu.

„Woran erkennt Ihr, dass der Dolch nicht von Euch ist, Master Turner?“

Will wies auf die Handwerkermarke in der Fehlschärfe.

„Hier, an der Marke. Simpson verwendet einen Hammer, der mit einem S überlagert ist. Meine Marke ist WTJ und zwei gekreuzte Schwerter.“

„In London habe ich Euch für einen Seemann gehalten, Sir.“

„Das bin ich seit einigen Jahren auch, Mr. Crystal. Die Schmiede hier ist eher eine Freizeitbeschäftigung“, erwiderte Will mit einem Lächeln.

„Aber … die sieht … richtig benutzt aus …“, stotterte Crystal.

„Ich bin gelernter Schmied, Mr. Crystal, und habe die Schmiede von meinem früheren Meister übernommen. Seemann bin ich eher zufällig“, antwortete Will grinsend.

„Glaubt Sir William kein Wort, Mr. Crystal!“, lachte James. „Der ist Freibeuter mit Leib und Seele.“

„Ihr … seid … Pirat?“, stotterte Crystal.

„Nein, Freibeuter. Ich bin sicher, der Admiral wird Euch den Unterschied erklären“, erwiderte Will und schlug den letzten Haltestift fest, mit dem auch die neue Drahtwicklung fixiert wurde.

„Wie geht’s deinem Kleinen?“, fragte Norrington.

„Besser. Und diesem Kinderquäler?“

„Den mussten wir in Einzelhaft stecken, sonst hätten ihn einige der Gefängnisinsassen gelyncht. Lord Everett hat im Gefängnis den Beliebtheitsgrad einer Krabbe im Hosenbein“, grinste James. Will musste lachen, doch sein Lachen erlosch rasch.

„Schade. Ich würde den Kerl gern tot sehen“, sagte er leise. Es dauerte einen Moment, bis er sich fing. Er betrachtete nochmals den neuen Griff, prüfte die Festigkeit. Es saß alles. Jetzt war der Dolch so, wie er eine Meisterwerkstatt verlassen sollte.

„Hier, jetzt ist es ein angemessener Dolch für einen Admiral. Und jetzt liegt er auch besser in der Hand“, sagte er schließlich und überreichte Norrington den Dolch, der ihn wohlgefällig in der Hand wog.

„In der Tat: Du bist ein Meister deines Fachs, William. Was macht das?“

„Zwei Shilling und sechs Pence. Zwei Shilling für dich, James.“

Norrington zählte zwei Shilling in Wills offene Hand und ließ dann noch einen dritten Shilling fallen, bevor Will die Faust schließen konnte. Will hielt James’ Hand fest und gab ihm den Extra-Shilling wieder.

„Zwei, mein Freund! Ich brauche kein Trinkgeld“, wehrte er ab. James seufzte und wandte sich an Crystal:

„Daran erkennt Ihr den ersten Unterschied zwischen einem Piraten und einem Freibeuter: Ein Pirat nimmt, was er kriegen kann und gibt nichts zurück. Freibeuter sind nicht ganz so gierig. Grüß den Kleinen, Will.“

„Das werde ich“, versprach Will.

Norrington und Crystal verließen die Schmiede. Crystal machte eine Kopfbewegung in Richtung Schmiede.

„Ich traf ihn in London. Ist er immer so ernst, trotz seiner jungen Jahre?“, fragte er den Admiral.

„Meistens“, erwiderte Norrington. „Aber seit der Mann, der Euch als Schuldknecht kaufte, seinen kleinen Sohn verprügelt hat, ist er besonders in sich gekehrt.“

Will beschloss, aufzuhören. Es hatte keinen Sinn. Er war nicht einmal in der Lage, ein Beil zu schmieden. Wenn es soweit war, ging es ihm wirklich schlecht. Mit einem Seufzen fegte Will die Schmiede aus. Beim weiteren Zusammenräumen hob er den abgenommenen Hartholzgriff von Norringtons Dolch auf. Ein zusammengefaltetes Papier fiel heraus, auf dem offenbar etwas notiert war. Will glättete das Papier.

„Das gibt’s doch nicht!“, entfuhr es ihm leise. Es war eine Karte, die eine Insel zeigte. Mit einem Kreuz war ein bestimmter Punkt auf der Insel markiert. Will runzelte die Stirn. Das bedurfte näherer Untersuchung, also steckte der junge Mann die Karte in die Tasche, fegte seinen Hof und die Schmiede sorgsam aus, beförderte die brennbaren Teile abgesehen von der Skizze in die Esse und den Rest in den Mülleimer, löschte das Schmiedefeuer dann mit Wasser, schloss seine Schmiede ab und ging heim.

 

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Kapitel 8

Diebe unterwegs

Es dämmerte schon, als Will in sein Haus zurückkehrte. Elizabeth öffnete ihm die Tür.

„Kein Beil?“, fragte sie, als sie sah, dass ihr Mann nichts in der Hand hatte. Will schüttelte den Kopf.

„Nein“, seufzte er. „Ich habe in fast zwanzig Jahren, die ich jetzt mit dem Hammer arbeite, noch nie ein Schmiedestück derart verschlagen, dass ich es nur noch einschmelzen kann. Ich habe heute wirklich gar nichts hingekriegt.“

Elizabeth nickte und strich ihm über das Gesicht. Dass er hart gearbeitet hatte, konnte sie in seinen müden Augen sehen.

„Ich vermute, dass du eine solche Mordswut auf Mr. Everett hast, dass du wahrscheinlich Steine zerbröseln müsstest, um deiner Wut Herr zu werden oder dich abzureagieren“, lächelte sie. „Es gibt hier ein paar Leute, die den Captain Turner schon auf der Vermisstenliste hatten …“, sagte sie dann.

„So? Und wer?“, fragte er mit einem müden, aber verliebten Lächeln.

„Dein Sohn, deine Tochter, dein Vater – und deine Frau“, erwiderte sie und küsste ihn.

„Es … es tut mir Leid“, bat er um Verzeihung und nahm sie in den Arm.

„Nein, dir muss nichts Leid tun, Will. Mir ist es lieber, du verdrischst deine Eisenstücke, als dass du jemand anderen verhaust.“

„Danke“, flüsterte er und küsste sie. Als sie sich aus einem ebenso liebevollen wie leidenschaftlichen Kuss lösten, griff er in seine Wamstasche, holte den Zettel heraus, der aus Norringtons Dolch gefallen war und gab ihn Elizabeth.

„Wofür … würdest du das halten?“, fragte er. Sie nahm ihm das Papier ab, sah die Skizze und ging gleich ins Wohnzimmer, wo ein gut bestückter Bücherschrank stand.

„Das habe ich schon mal gesehen, meine ich“, sagte sie nachdenklich und griff in ihre Literatur über Piraten. Mit zielsicherem Griff fand sie, was sie suchte.

„Hier, das sind die gleichen Konturen. Das ist San Cristobal“, sagte Elizabeth. Will kam zu ihr ins Wohnzimmer.

„Was?“

„Hier, das ist San Cristobal. Eindeutig.“

„Hat Vater San Cristobal nicht mal im Zusammenhang mit diesem Crystal und den Diamanten erwähnt?“, brummte Will.

„Hör’ ich da San Cristobal und meinen Namen?“, fragte Stiefelriemen und kam ebenfalls ins Wohnzimmer.

„Aye“, erwiderte Will und zeigte seinem Vater die Skizze. „Hier, Vater. Kennst du das?“

„Aye! Beim Klabautermann! Woher hast du das?“, stieß Bill hervor.

„James hat seinen Dolch reparieren lassen, der einen Holzgriff von unterirdischer Qualität hatte. Das ist rausgefallen, als ich die Schmiede ausgefegt habe“, erklärte Will.

„Weiß jemand davon?“, fragte Bill. Es klang hektisch.

„Nein, ich habe aufgeräumt, als James weg war. Ich war allein.“

„Diese Skizze hat mir Crystal unmittelbar vor seinem Tod gezeigt. San Cristobal liegt nahe an der mexikanischen Küste. Dorthin wollte er mit den Diamanten. Das ist die gleiche Skizze, die er mir damals gezeigt hat. Nur das Kreuz fehlte.“

„Ergibt das Sinn?“, fragte Will. „San Cristobal ist nach deinen Worten schon damals der Schlupfwinkel von Ara Goldbart gewesen. Wieso wollte Crystal ausgerechnet auf die Beuteinsel eines bekannten Piraten?“

„Ja, zumal du ja vermutet hast, dass es Goldbart war, der die Diamanten gestohlen hat“, ergänzte Elizabeth.

„Ich gebe zu, dass das nicht recht zusammenpasst“, räumte Stiefelriemen ein.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir Mr. Crystal junior mal etwas auf den Zahn fühlen sollten …“, brummte Will. Sein Vater schüttelte heftig den Kopf.

„Nein, lass es!“, warnte Stiefelriemen. „Lass die Finger von den Steinen, Junge! Nach allem, was mir passiert ist, nachdem ich die Dinger nur ein paar Stunden in Verwahrung hatte, denke ich, dass an den Geschichten, die Seediamanten seien verflucht, wohl was dran sein muss.“

„Ein Fluch?“, entfuhr es Will und Elizabeth wie aus einem Munde.

„Aye, ein Fluch“, bestätigte Bill. „Angeblich sollen sie das Leben verlängern, sogar Unsterblichkeit gewähren, doch sie ziehen Unglück nach sich. Angeblich stammen sie nicht von dieser Welt.“

„Erzähl’ mir, was du weißt, Vater“, bat Will.

„Ich bin kein guter Geschichtenerzähler. Joshamee Gibbs kann das besser – oder Tia Dalma, wie Jack mal erwähnte. Wenn jemand über alle Sagen und Legenden und deren Wahrheitsgehalt etwas weiß, dann ist sie es“, erwiderte sein Vater.

„Was … würdet ihr von einem Segeltörn nach Pantano halten?“, schlug Will vor.

„Du meinst …“

„Ich meine, wir packen unsere Siebensachen, nehmen die Kinder und machen eine Reise zu ihr. Willy braucht erst einmal wieder festen Boden unter den Füßen – und den findet er am besten auf See. Die Crew ist in Port Royal.“

„Gute Idee!“, strahlten Elizabeth und Stiefelriemen.

Am folgenden Tag wollte Will nach dem Frühstück die Händler am Hafen wegen Wasser und Proviant aufsuchen, doch bevor er fortgehen konnte, kam Samuel, ein dunkelhäutiger Junge von elf oder zwölf Jahren, der für ein paar Pence Botengänge machte.

„Guten Morgen, Sir William!“, grüßte Samuel, als Will die Tür öffnete. „Der Gouverneur bittet Euch, zu ihm zu kommen.“

„Ich komme gleich“, sagte Will. „Hat er dir schon den Botenlohn gegeben?“, fragte er dann Samuel nickte. Will langte in die Hosentasche und gab ihm noch einen Shilling extra. Samuel konnte es gut gebrauchen, das wusste Will nur zu gut.

„Danke, Sir William!“, strahlte der Junge. Will war für seine Großzügigkeit gegenüber Bettlern bekannt, aber auch dafür, dass er genau merkte, wann ihm jemand nur das Geld aus der Tasche ziehen wollte.

„Seit wann redest du mich so an, Samuel?“, fragte Will, der seine Erhebung in den Adelsstand nicht weiter veröffentlicht hatte.

„Hat der Gouverneur mir gesagt, Sir.“

„Gut. Aber Mr. Turner reicht völlig, Samuel“, grinste der junge Mann.

„Aye, Sir William!“, bestätigte Samuel und rannte eilig wieder in Richtung Stadt. Will sah ihm lächelnd nach.

„Liebling!“, rief er dann. Als Elizabeth antwortete, fuhr er fort: „Dein Vater will mich sprechen! Ich gehe zu ihm und dann gleich in den Hafen!“

„Ja, Schatz! Denkst du an die neuen Leinen?“

„Mache ich!“, erwiderte Will, nahm seinen breitrandigen Hut und eilte dann auf die andere Seite der Bucht in die Villa seines Schwiegervaters.

Swann unterrichtete Will knapp, dass Ruben Crystal gegen die East India Trading Company eine Anzeige wegen Wucherei erstattet hatte, die einen Kredit über zehntausend Guineas mit recht windig erscheinenden Methoden auf fünfzigtausend Guineas hochgetrieben hatte, den er nicht mehr hatte bezahlen können und deshalb in den Schuldturm geworfen worden war. Weatherby teilte Will auch seine Entscheidung als Richter mit, dass er nach Crystals Ausführungen und dem Kreditvertrag, den er ihm vorgelegt hatte, die Auslöse für Ruben Crystal aus der Schuldknechtschaft auf zwölftausend Guineas festgesetzt hatte.

„Bist du immer noch bereit, ihn dafür auszulösen?“, fragte Weatherby seinen Schwiegersohn schließlich.

„Ja, für diese Summe ja“, erwiderte Will. „Aber … wird die East India Trading Company sich darauf einlassen und ihn dafür verkaufen? Vierzigtausend Guineas in den Wind schreiben? Das bezweifle ich.“

„Der Unterschied zwischen Schuldknechtschaft und Leibeigenschaft besteht darin, dass der Schuldknecht nur zeitlich begrenzter Besitz ist bis die Schuld beglichen ist, während der Sklave persönliches Eigentum seines Herrn ist, das er nach eigenem Gutdünken verkaufen kann oder es bleiben lässt“, entgegnete Swann.

„Dennoch bedeutet es einen Verlust, den die East India Trading Company nicht einfach hinnehmen wird. Vor allem aber frage ich mich, weshalb die Company ihren eigenen Schuldner kauft? Das ergibt für mich keinen Sinn“, bemerkte Will. Swann sah ihn verblüfft an. Dieses Detail war ihm noch nicht recht aufgefallen.

„In der Tat, das ist interessant, mein Junge. Die Frage ist es wert, ihr nachzugehen.“

Es klopfte und Jenkins trat auf Swanns Aufforderung ein.

„Ihr habt Besuch, Mylord. Admiral Norrington ist da“, sagte der Butler mit einer gemessenen Verbeugung.

„Ja, vielen Dank, Jenkins. Ich komme gleich“, erwiderte Weatherby. „Seltsam, Verspätung kenne ich von James Norrington überhaupt nicht …“, setzte er sinnierend hinzu. Er und Will erhoben sich und verließen das Amtszimmer.

„Ihr seid spät dran, Admiral Norrington!“, sagte Swann mit hörbarem Vorwurf. Norrington sah übernächtigt und recht blass aus, fand Will.

„Ich … bitte um Entschuldigung, Governor. Bei mir wurde heute Nacht eingebrochen Ich konnte die Einbrecher zwar vertreiben, aber leider haben sie doch einen Dolch und etwas Bargeld mitgehen lassen. Ihr könnt Euch denken, dass meine Nacht recht kurz war“, erwiderte der Admiral. Swann riss erschrocken die Augen auf.

„In der Tat!“, entfuhr es ihm. „Nein, wie furchtbar, wenn nicht einmal mehr die Hüter des Gesetzes ruhig schlafen können! Hoffentlich war es nichts Wertvolles, das Euch gestohlen wurde.“

„Ein Marinedolch, Sir“, erwiderte Norrington. Er wandte sich an Will:

„Ausgerechnet der, den du mir gestern so mustergültig repariert hast, William.“

„Lag der Dolch offen?“, fragte Will, der unbewusst in die Westentasche griff und sich gleichzeitig einen Esel schalt. Die Skizze hatte Elizabeth … Norrington entging die Bewegung nicht.

„Ja, direkt neben der Garderobe“, erwiderte er. Will nickte beruhigt. Dann war sein Verdacht wohl doch nicht zutreffend.

„Dann haben die Einbrecher dich wohl gehört und haben sich gesagt, besser den als gar nichts“, mutmaßte der junge Mann.

„Ja, so wird’s wohl gewesen sein“, bestätigte Norrington. Etwas in den dunklen Augen des jungen Schmieds nährte den Verdacht in James, dass Will mehr wusste, als er im Moment sagte.

„Warum fragst du danach? Meinst du, die Diebe hätten etwas Bestimmtes gesucht?“, erkundigte er sich. Will schüttelte den Kopf.

„Die Frage hätte ich mir gestellt, wenn sie dein Haus auf den Kopf gestellt hätten“, erwiderte Will.

„Veranlasst dich etwas dazu?“, bohrte Norrington weiter.

„Nein.“

„Gut, gut.“

Er hatte wohl falsch gesehen, mutmaßte der Admiral und ermahnte sich, nicht hinter jedem Busch einen Banditen zu vermuten – schon gar nicht, wenn es um Will Turner ging. Er war Freibeuter, kein Pirat …

„Ihr habt sicher zu tun, Vater“, sagte Will. „Wenn noch etwas wegen Mr. Crystal ist: Ich gehe jetzt in den Hafen, um Proviant einzusorgen.“

„Willst du auslaufen?“, fragte Swann.

„Ja, mit der ganzen Familie. Wir wollen Tia Dalma besuchen“, erwiderte Will.

„Bestimmte Gründe?“, hakte James ein.

„Willy steht immer noch unter Schock und Elizabeth auch. Sie ist entsetzt, dass in Port Royal so etwas geschehen ist. Du kannst es auch Ferien nennen“, erwiderte Will mit einem melancholischen Lächeln.

„Glücklicher Freibeuter!“, seufzte James. Zuweilen beneidete er Will um seine Freiheit, einfach wegfahren zu können, wenn ihm oder Elizabeth danach war. Er selbst steckte in den Terminplänen fest, denen auch ein Admiral nicht entgehen konnte …

Swann und der Admiral begaben sich wieder in das Amtszimmer, um zu besprechen, was sie besprechen wollten, Will verließ die Gouverneursvilla und ging nachdenklich in den Hafen, wo sich die Läden der Schiffsausrüster befanden. Hatte der Dieb die Skizze von San Cristobal gesucht? Hatte Crystal etwas damit zu tun? Will schüttelte den Kopf. Die Skizze war im Griff gewesen, den er ausgetauscht hatte. Es hätte für Crystal keinen Sinn gemacht, den Dolch zu stehlen, wenn er gewusst haben sollte, dass in den Griffschalen die Skizze versteckt gewesen war, schließlich hatte der Dolch neue Griffschalen bekommen …

„Almosen für einen Armen. Habt Erbarmen, Sir!“, flehte ein einäugiger Bettler und streckte Will bittend die Hand entgegen. Der junge Schmied sah den Alten einen Moment an und erkannte dann den Bettler.

„Hallo, Moses!“, begrüßte er ihn. „Warst du bei Jerôme?“

„Ja, er hat die Prellungen behandelt. Es geht mir wieder besser. Danke, Will.“

„Gern geschehen. Aber seit wann bettelst du wieder? Pass auf, dass die Soldaten dich hier nicht erwischen“, erwiderte Will. Der Bettler schob die Augenklappe weg, die sein völlig gesundes linkes Auge verdeckte und zuckte mit den Schultern.

„Ich habe meinen Erzählstandort verloren, weil die Company den Schuppen gekauft hat, vor dem ich immer gesessen habe, seit ich in den Hafen umgezogen bin, und hat mich von dort weggejagt.“

„Ich kann diese Aasgeier nicht ausstehen. Wäre dir die Coal Lane recht oder ist dir dort zu wenig Kundschaft?“, fragte Will und dachte an die Vergangenheit. Viele Jahre hatte Moses in der Nachbargasse der Coal Lane gebettelt. Oftmals hatte Will ihm von seinem kargen Essen noch etwas abgegeben oder ihm ein paar kleine Münzen zugesteckt. Moses hatte ihm dafür haarsträubende Geschichten von Meeresungeheuern wie Seeschlangen oder Monsterkraken erzählt – Seemannsgarn im Quadrat, aber für Will einfach nette oder auch spannende Märchen, wie er sie als kleiner Junge von seinem Vater gehört hatte.

„Na ja, offiziell gelte ich als Bettler. Dort darf ich nicht betteln, das weißt du, Junge“, gab Moses zu bedenken.

Nachdem Norrington Captain geworden war hatte er es als seine Aufgabe angesehen, außer der Piraterie auch die Bettelei zu bekämpfen und fortan durfte innerhalb der Stadt Port Royal selbst nicht mehr gebettelt werden, weil gewisse reiche Familien sich durch die Bettler belästigt fühlten. James Norrington hatte persönlich nichts gegen Bettler, die wirklich aus echter materieller Not ihren Lebensunterhalt erbetteln mussten, weil sie durch Unfall oder Behinderung nicht mehr fähig waren, zu arbeiten. Er war auch keineswegs so hartherzig, wie manche meinten, die ihn nicht persönlich kannten; er konnte aber Leute nicht ausstehen, die sehr wohl zur Arbeit in der Lage waren, aber lieber bettelten, weil ihnen das als der einfachere Weg erschien.

Moses gehörte eigentlich in diese zweite Kategorie, war doch die Behinderung nur gespielt. Andererseits galt Moses schon fast als Institution, war er doch ein nahezu professioneller Märchenerzähler, der nicht nur die Kinder von Port Royal mit seinen spannenden, lustigen oder auch romantischen Seemannserzählungen in seinen Bann zog. So hatte Norrington einen Kompromiss gefunden, der sowohl die Stadt selbst von Bettlern freihielt, als auch den Bettlern ihr Auskommen ermöglichte: Im Hafenbereich war das Betteln weiterhin erlaubt – ob aus echter Not oder aus geschäftlichen Gründen wie bei Moses. Und nicht selten lauschte der jetzige Admiral selbst den unglaublichen Geschichten, die Moses zum Besten gab.

„Neben meiner Schmiede ist doch die Freifläche, die ich hin und wieder an Markttagen benutze, um im Freien zu schmieden. Ich habe dazu ohnehin fast keine Gelegenheit mehr. Ich vermiete dir die Fläche, damit du einen festen Platz hast, von dem dich keiner vertreiben kann“, erklärte Will.

„Das ist sehr nett von dir, aber wovon soll ich das bezahlen?“, wandte Moses ein.

„Habe ich von Geld gesprochen, Moses?“, grinste Will. „Miete: Eine Geschichte im Monat – zu erzählen, wenn ich mal wieder in die Schmiede gehe oder bei uns im Garten“, lächelte er.

„Hast ‘n gutes Herz, mein Junge“, bedankte sich der Bettler und zog die Augenklappe wieder herunter. „Du bist wirklich zu gut für diese Welt.“

„Abgemacht?“, erkundigte sich Will.

„Abgemacht.“

„Ich will noch Proviant bestellen, dann gehen wir gleich hin“, bot Will an.

„Soll ich dir tragen helfen?“, erbot sich Moses.

„Nein, das wird gleich aufs Schiff geliefert.“

„Läufst du zur Kaperfahrt aus? Brauchst du noch jemand an Bord?“

„Ich dachte, du wolltest nicht mehr zur See fahren“, erinnerte Will. Moses grinste breit.

„Kommt drauf an, mit wem …“

„Ich denke drüber nach.“

„Aye, Captain.“

Zusammen gingen sie zu einigen Ausrüstern, bei denen Will die notwendigen Dinge bestellte und auch neue Leinen orderte, dann machten sie sich in die Coal Lane auf, die noch recht hafennah war, aber schon im Handwerkerviertel von Port Royal lag. Als sie um die Ecke bogen, stockte Will. Die Tür zur Schmiede stand offen. Er war sich sicher, dass er sie am Abend zuvor verschlossen hatte. Meister Brown war nicht in Port Royal, also konnte er nicht die Tür geöffnet haben … Mit langen Schritten war Will bei der Tür. Ihm und Moses bot sich ein Bild der Verwüstung.

„Beim Klabautermann! Hier sieht’s ja aus, als wäre Davy Jones mit der Flying Dutchman durchgefahren!“, entfuhr es Moses.

„Sei bitte so gut und hol Captain Gillette oder den Admiral, Moses“, bat Will und sortierte im Geiste seine Werkstatt.

Wenig später war James Norrington mit einigen Marines zur Stelle.

„Hat hier eine Granate eingeschlagen?“, fragte er erschrocken.

„Ich weiß nicht“, sagte Will, der recht blass aussah.

„Bei mir wird eingebrochen, bei dir auch“, bemerkte James. „Fehlt etwas?“

„Soweit ich das bisher erkennen kann, fehlen zwei Waffen mit Holzgriffen“, erwiderte Will.

„Solche wie bei mir?“, hakte James nach.

„Aye“

„Welchen Zusammenhang gibt es da?“, sinnierte Norrington.

„Was für einen Dolch meint Ihr, Sir?“, erkundigte sich Moses.

„Captain Turner hat mir gestern einen Dolch repariert, der ursprünglich einen Hartholzgriff hatte und hat mir einen neuen Griff gemacht. Der alte war lose.“

Moses kratzte sich nachdenklich am Kopf.

„Ich hab’ mal von einem Dolch gehört, in dessen Griff eine Schatzkarte versteckt sein soll. Es soll sich um die Karte handeln, die zu den Seediamanten führt. Sie sollen Davy Jones’ größter Schatz sein.“

Will hatte das Gefühl, dass eine Ameisenarmee in seinen Innereien Hornpipe** tanzte und das auch noch im Gleichschritt. James Norrington schüttelte den Kopf.

„Moses, was spinnst du wieder für Seemannsgarn!“, wiegelte er ab.

„Ich behaupte ja nicht, dass das wahr ist, Sir. Aber andere könnten das glauben.“

Will rieb sich nachdenklich den Kinnbart.

„Wie bekannt ist diese Legende?“, fragte er.

„Gehört eher zu den weniger bekannten Seelegenden, aber solche Leute wie Jack Sparrow wissen darüber Bescheid. Jack hat mit Master Gibbs sicher einen der besten Kenner aller möglichen Seelegenden. Der hat mir davon mal erzählt.“

„Was weißt du über die Diamanten selbst?“, fragte Will. Langsam setzte sich ein Bild zusammen – und Ruben Crystal sah darin nicht unbedingt nach einem Unschuldslamm aus …

„Will, du glaubst diesen Kinderkram doch nicht etwa?“

„Auch der Aztekenfluch schien eine Geistergeschichte zu sein. Du weißt, wie real er war, James. Auch wenn diese Geschichte nicht stimmt, scheint es jemanden zu geben, der sie glaubt“, erwiderte Will. Er und James sahen sich einen Moment an.

„Du hast einen bestimmten Verdacht?“

„Ich habe das eigenartige Gefühl, dass Mr. Crystal irgendwie darin verwickelt ist. Nur er wusste außer dir und mir, dass ich den Griff von deinem Dolch gewechselt habe – aber bitte, lass ihn nicht gleich festnehmen.“

„Wieso nicht?“

„Weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass diese Geschichte größere Kreise hat.“

„Die … Company?“, hakte James nach. Will nickte.

„Es gibt ein paar Merkwürdigkeiten. Aber denen möchte ich erst noch nachgehen, wenn du erlaubst“, erwiderte Will.

„Du … denkst daran, dass Strafe allein Sache der Krone ist, William? Ich weiß, wie sehr du die Company verabscheust. Bring dich nicht in Teufels Küche, indem du Selbstjustiz übst“, mahnte Norrington.

„Aye“, lächelte Will.

 

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Kapitel 9

Gefahr im Verzug

Will räumte seine Werkstatt auf, nachdem Norrington und Moses gegangen waren. Moses wollte den Tag noch am Bettlerkai verbringen und auf die Freifläche neben Wills Schmiede umziehen, sofern er einen Hinweis auf seinen neuen Standort im Hafen hinterlassen konnte.

Zwei volle Stunden brauchte er, um das Durcheinander zu beseitigen. Als er fertig war, stellte er fest, dass tatsächlich nur ein Dolch und ein Entermesser fehlten, die jeweils Hartholzgriffschalen ohne Zierrat hatten. Derart einfach gehaltene Griffe waren selten. Will kannte sie nur von Meister Simpson aus Philadelphia, der preiswerte – nein, billige – Klingen herstellte, die die Bezeichnung Waffe nicht verdienten. Simpson machte sie ganz bewusst als Dekorationsobjekte, die er auch so verkaufte. Meister Brown hatte nach den Bestandslisten in Wills Abwesenheit drei Klingen von Simpson in Zahlung genommen: Den Dolch, der jetzt James Norrington gehörte und der die einzige wirklich als Waffe brauchbare Klinge war, die Will je von Simpson zu Gesicht bekommen hatte; das Entermesser und der andere Dolch, die fehlten, waren wie üblich reine Dekorationsobjekte. Brown hatte sie eindeutig zu hoch bewertet, aber das spielte jetzt keine Rolle. Wer sich dafür interessiert hatte, wusste, dass die Karte in einem Simpson-Stück steckte. Für Will lag der Verdacht nahe, dass Ruben Crystal der Langfinger war. Die Marke hatte er, Will, ihm bei der Reparatur von Norringtons Dolch erklärt.

Der nächste Gedanke, der Will überfiel, war die Erkenntnis, dass an der Geschichte um die Seediamanten sehr viel mehr Wahrheit dran war, als Uneingeweihte glauben wollten. Es gab die Diamanten, es gab die Karte und sie steckte tatsächlich im Griff eines Simpson-Dolches! Wenn derjenige, der die Dolche gestohlen hatte, feststellte, dass die Karte in keinem der Griffe drin war, bestand die Möglichkeit, dass der nächste Besuch dem Hause Turner gelten würde. Mit einiger Mühe bekam Will seinen auf einmal rasenden Herzschlag unter Kontrolle. Er musste ganz schnell sehr viel mehr über die Seediamanten erfahren – und vor allem seine Familie in Sicherheit bringen!

Will hatte es eilig, nach Hause zu kommen; so eilig, dass er beinahe den Nachtwächter Angus Habershaw umgerannt hätte.

„Holla!“, bremste der den jungen Mann.

„Oh, entschuldige, Angus. Ich bin wohl wegen des Einbruchs etwas durcheinander“, bat der um Verzeihung.

„Einbruch?“, fragte Habershaw verblüfft und rückte den ins Rutschen geratenen Dreispitz wieder gerade.

„Ja, bei mir in der Schmiede wurde eingebrochen. Zum Glück fehlt nichts, aber wer weiß, ob da nicht jemand Appetit bekommen hat. Es wäre nett, wenn du in der nächsten Zeit mal etwas genauer in die Coal Lane schauen könntest.“

„Klar, mach ich“, erwiderte Angus und hielt die Hand auf. Will griff in die Hosentasche und ließ einen Shilling in Angus’ Hand fallen. Doch der winkte nach mehr. Will gab ihm zwei, dann drei Shilling, doch Angus winkte weiter.

„Wie viel, du Gierhals?“, fragte Will mit grantigem Unterton.

„Fünf!“, grinste Habershaw. Will pflückte die drei Shilling wieder aus der offenen Hand, bevor Angus sie schließen konnte.

„Du bist zu gierig, mein Guter!“, grinste er und ließ den verblüfften Nachtwächter stehen.

„Aber … aber … Will!“, rief Habershaw Will nach. Der blieb stehen und drehte sich wieder um.

„Ich weiß, dass du keine Reichtümer verdienst, Angus, aber fünf Shilling extra dafür, dass du mal eine Runde mehr durch die Coal Lane machst, ist einfach unverschämt. Ich verzichte darauf, dem Gouverneur mitzuteilen, dass du von Bestechung lebst, aber das geht mir zu weit.“

„Hat ja nicht jeder einen so einträglichen Kaperbrief wie du, Will Turner!“, maulte Habershaw.

„Ich habe dir eine Heuer mit Beutebeteiligung angeboten. Die wolltest du nicht“, erwiderte Will und zuckte mit den Schultern. „Dann musst du sehen, wie du von deinem Nachtwächterlohn leben kannst.“

„Vier!“ bettelte Angus.

„Zwei!“, feilschte Will.

„Drei!“

„Zwei und sechs!“

Habershaw seufzte.

„Na gut, weil du es bist, Will: Zwei Shilling und sechs Pence.“

Will kam die fünf Schritte zurück und zählte Angus zwei Shilling und sechs Pence in die Hand.

„Ich werde deine Schmiede wie meinen Augapfel hüten!“, versprach Angus.

„Danke, Angus“, erwiderte Will und eilte weiter nach Hause.

Sein Vater hatte ihn offenbar schon erwartet oder auch vermisst, denn die Tür war bereits offen und Stiefelriemen peilte suchend hin-aus.

„Uff, da bist du ja!“, entfuhr es ihm, als Will den Weg auf Hörweite hinaufgekommen war. „Ich hatte schon Befürchtungen, der Fluch der Seediamanten hätte ein weiteres Opfer gefordert.“

„Vielleicht ist das schon geschehen. In die Schmiede wurde eingebrochen und alles durchwühlt“, gab Will zurück. „Und ich habe Grund zu der Vermutung, dass wir hier auch unliebsamen Besuch bekommen könnten.“

„Was meinst du? Fehlt etwas?“, fragte Stiefelriemen.

„Ja, zwei von diesen Dekorationswaffen von Simpson. Nichts wert, schon gar nicht als Waffen. Aber das ist nicht alles“, erklärte Will. „Elizabeth!“, rief er dann. Sie kam mit Lilly auf dem Arm aus dem Wohnzimmer.

„Aye?“

„Wir sollten unseren Kram packen, das Haus massiv sichern und in See gehen. Jemand weiß von der Schatzkarte und weiß auch, dass sie in einem Simpson-Dolch steckt. Bei James wurde eingebrochen, ein Simpson-Dolch gestohlen, für den ich ihm einen neuen Griff gemacht habe. Aus dem fiel die Schatzkarte. In die Schmiede wurde auch eingebrochen und zwei Dekorationsklingen von Simpson gestohlen. Crystal könnte seine Finger im Spiel haben – oder die Company. Die haben nämlich ihren eigenen Schuldner gekauft. Und das kommt mir sehr seltsam vor.“

„Wer macht was?“, fragte Elizabeth.

„Vater, geh du zur Bettelpier und sag Moses, dass seine Anfrage wegen der Heuer klar geht. Ich nehme ihn lieber mit, bevor die Company auf sein Wissen um die Seediamanten aufmerksam wird. Elizabeth, du packst das Nötigste und verrammelst das Haus. Ich gehe zu deinem Vater und löse Crystal aus. Den habe ich lieber in Sichtweite“, verteilte Will die Aufgaben.

„Aye, Captain Turner!“, bestätigten beide.

„Aber … willst du wirklich so viel Geld bezahlen?“, hakte Elizabeth dann nach.

„Dein Vater hat die Auslöse auf die eigentliche Kreditsumme von zehntausend Guineas und die Zinsen für zwei Jahre begrenzt. Macht zu, ich glaube nicht, dass wir allzu viel Zeit haben.“

„Aye, Captain“, bestätigte Elizabeth und küsste ihn.

Vater und Sohn Turner eilten den Weg hinunter, trennten sich am Fuß des Hügels, als Will zum gegenüberliegenden Hügel lief und Bill den Weg zum Hafen einschlug. Elizabeth rief das kleine Gesinde zusammen und beeilte sich, die wichtigsten Dinge zusammenzupacken. Angesichts von Wills Verdacht war es besser, wenn keiner ihrer Leute zurückblieb.

Bill Turner lief eilig zum Bettlerkai, doch Moses war dort nirgends zu finden. Keiner der Bettler hatte ihn gesehen. Turner sen. sah sich nach einem der Kinder um, die Moses sonst immer lauschten. Dennoch musste er eine Weile suchen, bis er einen von den Jungen fand, die im Hafen herumlungerten und für ein paar Pence Botengänge machten oder auf eine Gelegenheit zum Tagelohn hofften.

„Hast du Moses gesehen, Junge?“, fragte Bill. Der Junge sah ihn an.

„Ja, den hab’ ich oben in der Stadt getroffen. Er wollte hierher, aber den hat jemand mitgenommen, bevor er zur Bettlerpier gelangen konnte. Ich hab’s gesehen, als ich auch die Gasse runterging. Ich würd’ den für ’n Piraten halten, Sir.“

„Name?“, hakte Bill ein.

„Goldbart, glaube ich.“

Bill Turner schrak zusammen.

„Ara Goldbart?“

„Weiß nich’. ’Nen Vornamen hat er nich‘ genannt.“

„Meinst du, dass Moses den kennt?“

„Glaub’ ich nich’. Der hat sich selber vorgestellt.“

„Wie sah er aus?“, bohrte Bill weiter.

„Ziemlich groß, etwa so wie Ihr, Sir. Blondes Haar und einen blonden Bart, der schimmert echt wie Gold.“

„Wie alt ungefähr?“

„Weiß nich’ genau. So um die dreißig vielleicht.“

„Danke, mein Junge. Hier, für die Auskunft“, sagte Bill und gab dem Jungen eine Münze im Wert von einer Krone.

„Danke, Sir!“, strahlte der Junge. Bill packte gerade der zweite eisige Schreck. Er eilte nochmals zum Kai und peilte in den Hafen. Aber nirgendwo war ein Schiff zu sehen, dass mit der Esmeralda auch nur entfernt Ähnlichkeit hatte. Eilig rannte er zurück nach Hause.

„Elizabeth! Beeil dich!“, rief er schon von weitem. „Wir müssen hier verschwinden!“

Die junge Frau öffnete ihrem Schwiegervater.

„Vater! Was ist denn?“, fragte sie.

„Goldbart ist in Port Royal!“, keuchte Bill. „Mach schnell, Mädchen!“

„Wieso?“

„Ich erklär ’s dir, wenn wir heil an Bord der Aztec sind!“

Elizabeth hatte Bill Turner noch nie so erlebt. Wenn der sonst so ruhige Stiefelriemen derart aufgeregt war, hatte das gute Gründe. Sie beeilte sich, fertig zu werden und die Kinder und das aus zwei Dienerinnen bestehende Gesinde auf die Aztec in Sicherheit zu bringen. Das Haus hatte sie mit Jenny schon so weit gesichert, dass ein Einbruch nicht mehr möglich sein sollte. Elizabeth nahm Lilly auf den Arm, Bill trug Klein William und einen großen Seesack, Jenny und Mary zwei kleinere Seesäcke, in denen sich eher kleines Gepäck für insgesamt sechs Personen befand. Dann eilten sie in den Hafen zum Liegeplatz der Aztec.

Will hatte es ebenfalls eilig und kam noch etwas atemlos zur Gouverneursvilla, um die Auslösesumme für Ruben Crystal zu hinterlegen. Er erlebte eine ernsthafte Überraschung, als ihm ein Soldat in der Uniform der East India Trading Company die Tür öffnete. Ein Offizier der East India Trading Company trat ebenfalls hinzu.

„Captain Turner?“, fragte er.

„Aye, der bin ich“, bestätigte Will leicht verwirrt und trat in den Empfangsflur. Seit wann wurde das Haus des Gouverneurs von Soldaten der Company bewacht?

„Ihr seid verhaftet, Captain Turner“, erklärte der Offizier, als die Tür hinter Will geschlossen war und ließ ein Paar Handschellen fallen, die er an einer Kette in der Hand behielt.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Will.

„Das werdet Ihr schon erfahren“, versetzte der Offizier und machte Anstalten, Will zu fesseln; doch der ließ sich nicht einfach in Ketten legen und wehrte sich massiv gegen wenigstens sechs Marines der East India Trading Company, bis ein weiterer Offizier mit Weatherby Swann auf dem Treppenabsatz des Obergeschosses erschien. Der Gouverneur war an den Händen gefesselt, der Offizier bedrohte ihn mit einer Pistole.

„Lasst Euren Degen fallen, Captain Turner!“, befahl der Mann barsch. Will hielt sich die Marines zwar noch vom Leib, aber eher hinhaltend, um nach oben zu sehen. Den Offizier, der seinen Schwiegervater bedrohte, erkannte Will als Captain Greitzer, der ihn auf der Aztec schon mal gefangen genommen hatte.

„Wird’s bald?!“, fauchte Greitzer, als Will nicht sofort reagierte. Der flehende Blick seines Schwiegervaters ließ Will erkennen, dass weiterer Widerstand zwecklos war. Er ließ den Degen fallen und hob die Hände. Der Offizier vor ihm nickte, der Posten hinter Will holte aus und schlug mit dem Gewehrkolben zu. Der Schlag traf Will hart am Kopf, und es wurde dunkel um ihn.

Als es dunkel wurde und Will mit Ruben Crystal noch nicht an der Aztec war, wurde Elizabeth unruhig.

„Wieso kommt Will nicht?“, fragte sie.

„Er wird kommen“, wollte Bill sie beruhigen, aber Elizabeth ließ sich nicht beruhigen.

„Vater: Will ist noch vor dem Mittag zu meinem Vater gegangen! Er hatte das Geld bei sich! Das ist jetzt fast sieben Stunden her!“, ereiferte sie sich. „Ich gehe ihn suchen!“, entschied sie dann.

„Nein, tu das nicht!“, warnte Bill. „Goldbart …“

„… kennt mich nicht!“, vollendete sie den Satz entschlossen. „Pass du auf die Kinder auf!“, setzte sie hinzu, warf sich ihr Entermesser um, setzte den Dreispitz auf und war von Bord, ehe ihr Schwiegervater sie hindern konnte.

Elizabeths Weg führte schnurstracks zur Villa ihres Vaters, wo sie die Dienerschaft in heller Aufregung fand.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie verblüfft. „Jenkins? Estrella?“

„Ein Unglück, Mrs. Turner, ein Unglück!“, keuchte Estrella. „Die Company hat wieder die Macht in Port Royal! Euer Vater und Captain Turner wurden verhaftet!“

„Was?“, entfuhr es Elizabeth. „Und Admiral Norrington lässt das so einfach zu?“

„Hier lest, Mylady. Der Admiral ist nicht in Port Royal“, sagte Estrella und gab Elizabeth eine handschriftliche Notiz.

„Habe Hinweis auf spanisch-französischen Flottenverband erhalten. Lasse HMS Dauntless, HMS Kent und HMS Unicorn klarmachen und laufe mit der Flut um sechs Uhr morgens aus. Norrington, Admiral“

„Bringt Euch in Sicherheit, Mrs. Turner, bitte!“, flehte Estrella die Tochter ihres Herrn an.

„Geschickt eingefädelt …“, brummte Elizabeth. „Wohin hat man meinen Vater und meinen Mann gebracht?“, fragte sie dann.

„In die Festung, natürlich. Captain Greitzer sprach jedenfalls davon“, erwiderte Jenkins.

„So, so. Captain Greitzer …“, murmelte Elizabeth. „Scheint, als hätte die Company noch nicht begriffen, dass sie hier nicht das Sagen hat. Danke. Passt auf euch auf.“

„Mylady, Ihr wollt doch nicht …“

„Oh doch, Estrella! Ich will!“, versetzte Elizabeth und verließ das Haus ihres Vaters.

Eilig lief sie die Straße hinunter. Kurz, bevor sie die Einmündung auf die Hauptstraße unten am Hügel erreichte, stoppte sie und sprang gerade noch hinter einen Baum, als sie einen Trupp von etwa zehn Soldaten in der Uniform der East India Trading Company sah. Als die Soldaten an ihr vorbei waren, wollte sie vorsichtig weitergehen, aber eine kräftige Hand bekam sie zu fassen und zog sie unerbittlich in das Gebüsch neben der Straße, bevor sie auch nur dazu kam, Alarm zu geben.

 

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Kapitel 10

In der Festung

Will erwachte von einem Schwall eiskalten Wassers. Er schnappte heftig nach Luft und wollte sich schütteln, aber er spürte, dass nicht frei war.

„Ihr seid mir zu impulsiv und zu bewandert, was das Öffnen von Schlössern betrifft, Master Turner“, hörte Will die Stimme von Lord Everett. Mit etwas Mühe schlug Will die Augen auf und sah zunächst auf seine Handgelenke. Er fand sie an ein Joch gefesselt, das man ihm auf die Schultern gelegt und mit einer Kettenschelle am Hals befestigt hatte. Sein Blick, der durch den Raum schweifte, fand seinen Schwiegervater in der Nachbarzelle, ebenso gefesselt wie er selbst.

„Ich habe mit Euch einige Hühner zu rupfen, Turner!“, ließ sich Lord Everett vernehmen. Will wandte sich der Quelle der Töne zu und fand Everett in Begleitung zweier Soldaten in EITC-Uniform vor den Zellen.

„Inzwischen weiß ich, dass Schmerz, der Euch zugefügt wird, den trifft, der Euch schlägt. Sorgt Euch also einstweilen nicht um Eure eigene Gesundheit“, fuhr der Lord fort. „Aber für Euren Schwiegervater gilt das nicht. Ich werde Euch Fragen stellen. Beantwortet Ihr sie nicht, wird er das ausbaden. Haben wir uns verstanden?“

„Aye“, bestätigte Will und schüttelte sich, soweit es möglich war, um die nassen Haare aus dem Gesicht zu bekommen.

„Wo ist der Dolch?“, fragte Everett. Will musste erst sortieren, was Everett meinen konnte.

„Was für ein Dolch?“, fragte er. Everett kam an das Gitter und lächelte freudlos.

„Die Fragen stelle ich!“, stellte er klar.

„Mister Everett – ich bin Schmied und handle mit Dolchen“, entgegnete Will. „Wenn Ihr etwas über einen bestimmten Dolch wissen wollt, müsst Ihr die Frage schon etwas präziser stellen.“

„Ich spreche von einem Dolch mit einem losen Hartholzgriff und der Marke von Meister Simpson.“

„In der Regel verkaufe ich nur Klingen, die ich selbst herstelle. Wie kommt Ihr darauf, ich könnte einen Dolch von Meister Simpson haben?“, erkundigte sich Will.

„Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Ihr einen solchen Dolch repariert habt. Wo ist er?“

Will sortierte im Geiste die Mosaiksteinchen. Nur er selbst, Norrington und Crystal wussten davon. Norrington konnte er als Informanten ausschließen. Everett konnte also nur von Crystal wissen, dass er den Simpson-Dolch in der Hand gehabt hatte …

„Ich repariere viele Waffen, auch solche, die ich nicht selbst herstelle“, wandte Will ein. „Beschreibt mir den Dolch bitte näher.“

„Eine zweischneidige Klinge, etwa ein Fuß Gesamtlänge, mit einer vier bis fünf Inch langen Parierstange, die in Schlangenköpfen endet. Die Parierstange ist leicht gegenläufig geschwungen und imitiert eine Seeschlange. Ursprünglich hatte der Dolch einen dunkelbraunen Hartholzgriff, den Ihr gegen einen Perlmuttergriff mit Ankereinlage getauscht habt. Zwei Shilling habt Ihr dafür berechnet. Ihr solltet Euch gut daran erinnern, denn das war erst vorgestern“, erklärte Everett.

„Wenn Ihr so gut informiert seid, dann wisst Ihr auch, dass der Dolch nicht mein Eigentum ist, sondern dem gehört, der ihn reparieren ließ. Und dann wisst Ihr sicher auch, dass er seinem Eigentümer in der Nacht darauf gestohlen wurde. Wie soll ich wissen, wo er ist?“, erkundigte sich Will.

„Mir geht es weniger um den Dolch als um den Griff, Turner.“

„Der alte Griff war Gelump, das nicht weiter zu verwenden war. Soweit Abfälle in meiner Schmiede brennbar sind, werfe ich sie in die Esse und verbrenne sie“, erklärte Will.

„Verbrannt!?“ stieß Everett hervor. „Verbrannt?“

„Aye, verbrannt.“

„Und Euch ist kein Zettel in die Hand gefallen, auf dem eine Skizze war?“, fragte Everett weiter.

„Nein“, log Will.

„Warum bereitet Ihr dann das Auslaufen Eures Schiffes vor?“

„Weil mein Sohn durch Eure Prügel so unter Schock steht, dass er dringend eine besondere Hilfe benötigt. Deshalb will ich nach Pantano segeln“, versetzte Will. „Aber mich würde mal interessieren, weshalb Ihr eigentlich frei herumlauft und Soldaten kommandiert, statt hinter Gittern auf Euren Prozess zu warten?“

„Zu Euren Unverschämtheiten mir gegenüber komme ich noch. Zunächst will ich wissen, wie ich Euch Schmerz bereiten kann, ohne selbst daran zu sterben“, zischte Everett.

„Das könnt Ihr nicht“, erwiderte Will. „Quetzalcoatl selbst schützt mich. Er hat mir diesen Schutz gegeben, dass jeder Schmerz, der mir zugefügt wird, den trifft, der mich verletzen oder töten will.“

„Mal sehen, ob Ihr dabei bleibt, wenn der Henker Euren Schwiegervater in die Mangel nimmt“, drohte der Lord.

„Bedenkt bei dem, was Ihr tut, Lord Everett, dass es mir weh tut, wenn Ihr Governor Swann an meiner Stelle quälen lasst. Der Schmerz träfe mindestens den Henker, mit größter Wahrscheinlichkeit aber seinen Auftraggeber, nämlich Euch. Wollt Ihr das wirklich ausprobieren?“, warnte Will.

„Ihr blufft!“, behauptete Everett mit einem unsicheren Lächeln und winkte den Wachen.

Elizabeth schnappte heftig nach Luft und wehrte sich, so gut sie konnte. Ihr Ellenbogen traf den Angreifer und warf ihn zurück. Mit blankgezogenem Entermesser drehte sie sich um – und sah zu ihrer Verblüffung, dass sie Stephen Groves mit dem Ellenbogen erwischt hatte.

„Stephen???“, entfuhr es ihr.

„Sorry, wenn ich dich erschreckt habe, Elizabeth“, keuchte er und hielt sich die schmerzende Nase. „Ich wollte dich nur vor den Soldaten retten.“

„Danke, das ist dir gelungen. Und was machst du im Gebüsch?“

Stephen rang sich ein Lächeln ab und winkte dann. Aus vielen Büschen kamen Männer hoch, die zur Crew der Aztec gehörten.

„Hat Stiefelriemen euch geschickt?“

„Teilweise“, räumte Hoskins ein. „Einige von uns wären auf dem Weg in den Hafen fast selbst von denen abgegriffen worden. Hier, dieser Junge kann bezeugen, dass die Company die Navy weggelockt hat, um wieder die Macht zu übernehmen.“

Elizabeth sah genauer hin und erkannte Andy Hawkins, den Sohn von Captain Hawkins.

„Aye, Mrs. Turner. Sie haben den Schuppen unten am Hafen gekauft und alles Mögliche da rein geschleppt. Sah erst nach ganz gewöhnlichen Fässern aus, aber das ist Pulver; außerdem Kisten mit Gewehren und Bleistücken. Ich glaub’, sogar Entermesser und so was. Und dann ist heute Nacht einer zum Büro der Admiralität drüben geschlichen und hat da was unter die Tür geschoben. Als der Admiral heute Morgen in sein Büro gekommen ist, hat er was gefunden und hat gleich Alarm geben lassen für die HMS Dauntless, die HMS Unicorn und die HMS Kent, die beiden neuen Briggs. Die sind natürlich ausgelaufen. Ich sag’ Euch, die waren kaum um den Zuckerhutfelsen, da sind die von der Company in ihr Lagerhaus, haben sich bewaffnet und haben dann das Fort übernommen.“

Im ersten Impuls wollte Elizabeth den Jungen fragen, was um alles in der Welt er denn nur zu derart nachtschlafender Zeit im Hafen trieb, aber sie wusste auch, dass Captain Eric Hawkins zuweilen Geschäfte jenseits vom Rand der Legalität betrieb und dabei von seinen Söhnen Jim, Simon und Andy unterstützt wurde, die das eher als kleines Abenteuer zwischendurch ansahen. Außerdem war das eine der Gelegenheiten, bei denen ihr Piratensinn wieder durchkam …

„Ist noch was in dem Schuppen?“, fragte sie.

„Klar!“, grinste Andy. „Aber ich weiß noch was Besseres, Ma’am“, sagte er dann und winkte ihr. Elizabeth und die Männer der Aztec folgten dem Jungen, der sie auf einem völlig versteckten Pfad auf die andere Buchtseite führte. Der Weg endete fast direkt vor dem Lagerschuppen. Die Tür war zwar verschlossen, aber unbewacht. Offenbar war die Company völlig sicher, dass niemand etwas vom Inhalt dieses Schuppens wusste. Für Andy war das Schloss kein Hindernis. Mit einem Geschick, wie Elizabeth es sonst nur von Will kannte, öffnete Andy das Vorhängeschloss und präsentierte stolz das Zeughaus der Company.

Elizabeth und ihre Männer sahen sich an.

„Tja, dann müssen wir uns nur noch bedienen …“, grinste Stephen. Rasch hatten sie sich bewaffnet. Andy zeigte ihnen noch einen versteckten Bootslagerplatz, von wo sie mit zwei Booten zu der Höhle auf der anderen Buchtseite pullen* konnten, die durch einen Geheimgang mit dem Festungskerker verbunden war.

Oben in der Festung zerrten zwei Posten Weatherby Swann aus der Zelle, der Henker nahm schon mal Maß und drehte die Streckbank für die Größe des Gouverneurs zurecht. Will überlegte fieberhaft, wie er noch Zeit gewinnen konnte, aber Zeitgewinn für ihn bedeutete nicht zwangsläufig, dass es seinem Schwiegervater dann nicht schlecht ging … Will wusste nur zu gut, dass er im Falle einer Verletzung nicht weniger Schmerz empfand als vor Quetzalcoatls Segen – nur traf den, der ihn schlug, der gleiche Schmerz … Dann sah er aus dem Augenwinkel, dass im Fluchtschacht, der in den Höhlensee am Ende der Bucht führte, ein rötlicher Lichtschein heller wurde.

„Wartet, Lord Everett“, rief Will.

„Ah, Ihr werdet doch noch vernünftig“, frohlockte Everett. „Nun?“

„Ja, es gibt eine Möglichkeit. Ich weiß nur nicht, ob sie Euch gefallen wird“, sagte er.

„Und die wäre?“, hakte der Lord ein.

„Ihr stellt Euch einem fairen Kampf mit mir. Zweikampf mit gleichen Waffen.“

„Das meint Ihr nicht ernst, oder?“

„Doch, meine ich. Nur, wenn ich mich bewusst auf einen Kampf mit Euch einlasse, gilt der persönliche Schutz nicht“, erklärte Will. Everett lachte höhnisch.

„Nein, darauf falle ich nicht herein!“, fauchte Everett und winkte den Wachen.

Im selben Moment sprang die Tür zum Geheimgang auf und Elizabeth und ihre Männer drangen in das Festungsgefängnis ein, hielten die Posten in Schach.

„Dumm gelaufen, Lord Everett!“, zischte Elizabeth, schnappte sich einen Besen, der eher zufällig an der Wand stand und drosch damit auf Lord Everett ein wie auf einen staubigen Teppich. Der Lord konnte sich vor den Hieben der wütenden jungen Frau kaum retten, die beiden Wächter ließen ob der zahlenmäßigen Überlegenheit der Freibeutercrew erschrocken die Waffen fallen; dem Henker, der flüchten wollte, stellte Governor Swann elegant ein Bein, dass der massige Henker der Länge nach hinflog und mit dem Kopf so hart an das Zellengitter krachte, dass er reglos liegen blieb. Elizabeth ließ von dem hilflos in die Ecke gedrängten und ziemlich ramponierten Lord Everett ab und schloss die Ketten ihres Vaters auf, dann öffnete sie die Zelle, in der Will steckte. Er kam heraus, war mit drei Schritten bei Morgan Everett, bekam ihn mit der linken Hand zu fassen, drängte ihn ganz in die Ecke und quetschte ihn mit der linken Jochseite dort fest.

„Ihr kommt nicht weit!“, gurgelte Everett, dem das Joch die Luft abzudrücken drohte.

„Möglich“, grinste Will kalt. „Interessiert mich aber nicht. Ihr, Lord Everett, werdet uns begleiten. Da sind noch ein paar Hühner, die ich mit Euch zu rupfen habe.“

„Junge, mach keinen Fehler!“, warnte Weatherby seinen Schwiegersohn. „Du machst dir einen Feind!“

Einen kurzen Moment zuckte Triumph in Everetts Augen auf, aber der erlosch, als er in die tödlich wutschwarzen Augen von William Turner jr. sah.

„Falsche Formulierung: Er hat sich mich zum Feind gemacht, Papa. Und das geht einfach schief, Everett. Jetzt seid Ihr fällig“, grollte Will und stieß heftig mit dem hölzernen Joch gegen Everett, erwischte ihn am Kehlkopf und drückte immer fester zu, dass dem Vorsitzenden der East India Trading Company schon fast die Augen aus den Höhlen traten.

Nur das beherzte Eingreifen von Stephen Groves und Charlie Hoskins rettete Morgan Everett davor, dass Will ihn mit dem Joch erdrückte. Die beiden Männer griffen zu und zogen Will von dem eingeklemmten Lord weg. Selbst Elizabeth hatte Mühe, ihren Mann wenigstens so lange ruhig zu halten, bis sie die Ketten an seinen Handgelenken und der Halsschelle aufgeschlossen hatte.

„Lass mich los, mit dem bin ich noch nicht fertig!“, fauchte Will und schubste Elizabeth grob zur Seite, wollte sich wieder auf Everett stürzen. Seine Männer packten gerade noch zu und bekamen ihn nur mit Mühe unter Kontrolle.

„Will, lass das!“, herrschte Groves ihn an und schüttelte ihn einmal durch. „Du machst dich unglücklich!“

„Dann schafft mir dieses Kielschwein aus den Augen, sonst mach’ ich ihn kalt!“, donnerte Will. Groves nickte Eddie und Jim zu, die Everett schnappten und in die Zelle bugsierten, in der kurz zuvor noch der Gouverneur gesteckt hatte. Hoskins und Groves schleppten Will, der sich heftig gegen den Griff seiner Männer wehrte, in die andere Richtung.

Der Lärm, den die Aktion inzwischen verursachte, alarmierte den Posten oben am Zugang zum Gefängnis. Es wurde laut, als die Wachen in den Uniformen der East India Trading Company in den Zellengang hinunter kamen.

„Vorsicht!“, schrie jemand aus einer entfernteren Zelle. Groves und Hoskins blieben wie angewurzelt stehen, als sie in den Zellen weiter in Richtung Ausgang wenigstens fünfzig Soldaten der Royal Marines eingelocht sahen.

„Schnell, lasst sie raus!“, befahl Elizabeth und hielt Will an der Hand fest, während ihr Erster und Zweiter Maat die Zellen aufschlossen, in denen die Soldaten des Königs steckten. Er sah sie an, im ersten Moment wütend, dann entspannte sich sein Gesicht.

„Es tut mir Leid“, sagte er. Elizabeth nickte und gab seine Hand frei. Er drehte sich um und griff gemeinsam mit Elizabeth die eindringenden Company-Wachen an, zunächst mit bloßen Händen, dann angelte er sein Schwert von der Wand, warf sich das Gehänge um und zog blank. Der Posten vor ihm zuckte erschrocken zurück und warf dabei noch seinen Kameraden um, der hinter ihm war und gerade Elizabeth anvisiert hatte. Will zögerte nicht länger und spießte beide Posten mit einem Stich auf.

Die Freibeuter drängten die Wachen zur Treppe zurück, die Soldaten des Königs halfen ihnen, entwaffneten EITC-Männer, die ihnen zu nahe kamen und schossen mit deren Waffen auf die nun zurückweichenden Company-Marines. Unter den befreiten Soldaten der Royal Navy war auch Captain Gillette.

„Was macht Ihr hier, Captain?“, rief Elizabeth über das Kampfgetümmel hinweg.

„Ich wollte nur mein Logbuch holen, da bin ich in diese Meuterei geraten!“, schrie Gillette zurück.

„Ich dachte, das bleibt immer auf dem Schiff!“, rief Will.

„Aye, stimmt im Prinzip“, gab Gillette zurück und wich einem Bajonettstoß gerade noch aus. „Es sei denn, der Admiral will es sehen!“

„Was wird hier eigentlich gespielt, Captain Gillette?“, fragte Will und rammte einem Company-Soldaten gekonnt den Ellenbogen in die Rippen, als der ihn von hinten angehen wollte.

„Putsch, Meuterei, Aufstand – nennt es wir Ihr wollt, Captain Turner!“, schrie Gillette zurück.

„Meuterei?“, entfuhr es Will, während er einem Company-Soldaten mit dem Degengriff das eigene Bajonett vor die Nase haute.

„Aye, Sir William. Ein Teil der Mannschaften hat gemeutert und das Fort übernommen. Sie bekamen Verstärkung von den hier als Verstärkung eingesetzten Truppen der EITC. Die wenigen Männer, die Ihr hier noch seht, wollten dem Befehl von Captain Greitzer nicht gehorchen. Deshalb hat man uns entwaffnet und hier eingesperrt.“

Mit vereinten Kräften gelang es Freibeutern und königlichen Soldaten, die Company-Soldaten zurückzudrängen, die schließlich die Flucht ergriffen und sich nach oben zurückzogen.

„Sorgen wir erst einmal dafür, dass Ihr wieder Waffen bekommt und dass der Gouverneur wieder in seine Rechte eingesetzt wird“, entschied Will.

„Will, die Aztec wartet“, erinnerte Elizabeth. „Und dann ist noch Goldbart in Port Royal …“

„Sobald wir uns nach oben durchgekämpft haben, gibst du Vater das Signal. Wir können uns erst auf den Weg machen, wenn hier wieder alles im Lot ist“, entgegnete Will. „Elizabeth …

„Ich komme mit dir!“

„Ich habe nichts Gegenteiliges gesagt“, lächelte Will. „Du kommst mit mir. Stephen, du und Eddie, ihr beschützt den Gouverneur, bis alle königlichen Soldaten wieder Waffen haben. Everett bleibt mit seinen Meuterbrüdern erst einmal hier“, verteilte Will die Aufgaben.

„Aye!“, kam es vielstimmig. Will hob seinen ebenso eleganten wie robusten und scharf geschliffenen Degen, der wie angewachsen in seiner Hand lag.

„Auf geht’s! Für König George!“, rief er.

„Für den König!“, antworteten die befreiten Soldaten. Governor Swann stimmte in den Ruf ein. Stolz erfüllte ihn, mit so einer Tochter und so einem Schwiegersohn gesegnet zu sein.

 

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Kapitel 11

… wird Sturm ernten

Fort Charles lag auf der Spitze der Felsbastion, die die Hafenbucht von Port Royal nach Westen begrenzte. Das Gefängnis war tief in die Kasematten gebaut, die quer durch den Fels getrieben waren. Ein Teil der Zellen hatte kleine vergitterte Fenster, die den Blick zum Hafen ermöglichten, die Zellen weiter rechts von der Treppe, die vom Exerzierplatz herunter führte, waren fensterlos. Der Zellengang führte an den fensterlosen Zellen vorbei zu einer massiven Tür, die auf dem gepflasterten Weg endete, der nach zwei gut gesicherten Toren nach Port Royal hinunter führte.

Die Waffenkammer der Festung war schon aus Sicherheitsgründen weit vom Gefängnis entfernt, nämlich auf der anderen Seite des Exerzierplatzes, in den dortigen Kasematten. Gänzlich ohne Waffen schien es ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein, an den gut bewaffneten Posten der Company vorbeizukommen und die Waffenkammer zu erreichen. Gillette hatte gut fünfzig Mann zur Verfügung, aber es gab nur für zehn Mann Waffen und Munition – nämlich jene, die die beim Kampf im Zellenkorridor gefallenen Soldaten der East India Trading Company bei sich hatten. Elizabeth und ihre Freibeutercrew hatten ihre Munition verschossen und konnten sich nur noch auf die Blankwaffen verlassen.

„Nein, das ist Selbstmord. Da oben warten sie nur auf uns. Und sie werden wiederkommen“, warnte Gillette und hielt Will zurück, der die Treppe zum Exerzierplatz hinauf wollte. „Sie holen nur Verstärkung. Wir müssen hier ’raus!“

„Los, zur Torgasse!“, sagte Elizabeth.

„Nein, die Tore sind zu gut bewacht“, wandte Gillette ein.

„Vorausgesetzt, man will durch das Tor“, grinste Will.

„Die schießen uns ab wie auf der Fuchsjagd, wenn wir da nur die Nase ’rausstecken!“, warnte Murtogg ängstlich. Elizabeth schüttelte den Kopf und wies auf die toten Marineinfanteristen der Company.

„Nicht in entsprechender Tarnung“, sagte sie. Gillette und einige seiner Männer verzogen geradezu angewidert die Gesichter. Die Freibeuter waren weniger wählerisch und nahmen den Gefallenen die Uniformen und die Patronentaschen mit der Munition ab, zogen sich rasch die Röcke über.

„Das muss doch ein Blinder sehen, dass Ihr keine Soldaten seid!“, zweifelte Gillette. Stephen Groves grinste.

„Vergesst nicht, dass ich bis vor drei Tagen noch Soldat war, Captain Gillette“, erinnerte er seinen früheren Vorgesetzten. „Außerdem ist es dunkel. Der Torweg ist nicht so gut beleuchtet, dass es den Posten sofort auffällt, wenn ein Bärtiger aus der Gefängnistür kommt.“

Die verkleideten Freibeuter öffneten die Tür zum Torweg und traten mit solcher Nonchalance hinaus, dass es den Soldaten ganz anders wurde. Dass die Crew der Aztec eine eingespielte Truppe war, in der jeder wusste, was seine Aufgabe in solchen Fällen war, bewies der Umstand, dass vier der Männer ihre Gewehre schon beim Hinaustreten auf die Mauern über den Toren gerichtet hatten. Doch entgegen der Befürchtung der königlichen Soldaten waren die Tormauern in diesem Moment unbewacht. Will sah nach oben.

„Enterhaken!“, flüsterte er. Groves gab ihm eine Leine, an der ein Enterhaken befestigt war. Der Captain trat ein Stück von der Tür weg, ließ den Haken einige Male kreisen, dann schleuderte er ihn nach oben, wo er sich prompt auf der Mauerkrone festhakte. Will kletterte hinauf und peilte über die Mauer.

„Die Luft ist rein!“, gab er so leise nach unten, dass es außer den dort Anwesenden niemand hören konnte. Er schwang über die Mauer auf den Postenweg über dem Tor, Gillette folgte ihm.

„Wo ist die Waffenkammer?“, fragte Will, als Gillette oben war.

„Drüben, auf der anderen Seite“, gab Andrew zurück. Will winkte den Leuten zwischen den beiden Toren, die ebenfalls über das Tau nach oben stiegen, das schon er und Gillette benutzt hatten. Murtogg und Mullroy blieben als Sicherungsposten am Tor, die anderen liefen eilig im hellen Mondlicht auf dem Wehrgang auf die andere Seite des Forts.

„Halt! Parole!“, schallte es Will und Gillette entgegen, als sie den Turm an der Ecke passieren wollten.

„Parole: Gute Nacht“, grinste Will, der Posten machte Bekanntschaft mit Wills Degenknauf und sah nur noch Sterne. Der Ruf des Postens hatte auch einige andere alarmiert, die noch am Treppenhaus zum Gefängnis standen. Sie hoben die Gewehre, zögerten dann aber, als sie Männer in den eigenen Uniformen erkannten. Die königlichen Soldaten in den Company-Uniformen zögerten ihrerseits nicht und schossen auf alles, was sich im Exerzierhof bewegte. Mit dem Feuerschutz von der Wehrmauer konnten Will, Elizabeth und einige von Gillettes Soldaten die Waffenkammer erreichen. Die beiden Posten davor schienen gänzlich unbeteiligt an der Schießerei, die den Exerzierplatz in ein Schlachtfeld verwandelte. Erst, als die königlichen Soldaten und die Freibeuter nahe heran waren, bemerkten die Angreifer, dass die beiden Männer die Hosen gestrichen voll hatten. Sie zitterten wie Espenlaub, klammerten sich an die präsentierten Gewehre, als seien es gemauerte Säulen, hinter denen sie Schutz gesucht hatten. Will griff sich einen, Gillette den anderen, beide bekamen einen sauberen Kinnhaken, der sie ins Reich der Träume schickte.

Eilig bewaffneten sich die königlichen Soldaten, die noch waffenlos waren und griffen dann in den Kampf im Hof ein. Vom Postenweg auf der Mauer und aus Richtung Waffenkammer unter Feuer genommen, sahen die verbliebenen Company-Soldaten ein, dass sie verloren hatten. Es waren bemerkenswert wenige, die von den königlichen Soldaten schließlich entwaffnet wurden.

„Wo ist der Rest Eurer Männer?“ fuhr Gillette Gordon Kendall an, Lord Everetts Stellvertreter, der als einziger unter den Leuten der Company keine Uniform trug. Kendall ließ den Degen fallen.

„Es gibt keine anderen“, sagte er. Gillette schüttelte den Kopf.

„Das ist unmöglich!“, entgegnete er. „Als meine Männer und ich gefangen gesetzt wurden, waren hier doch noch wenigstens dreimal so viele!“

„Es gibt keine weiteren“, beharrte Kendall.

„Los, durchsucht alles!“, befahl Gillette den königlichen Soldaten. Dann wandte er sich an Elizabeth:

„Wir alle sind Euch und Eurem Gatten zu Dank verpflichtet, Mrs. Turner. Wo ist er eigentlich?“

Elizabeth sah sich um. Es war schon etwas her, seit sie Will im Kampfgewühl aus den Augen verloren hatte.

„Will!“, rief sie. „Will wo bist du?“

„Aye? Hier bin ich!“, meldete er sich vom anderen Ende des Exerzierplatzes, wo es zum Gefängnis hinunter ging. Einige Dutzend Augenpaare wandten sich Will Turner zu, der seinen Degen reinigte und dann im Gehänge versenkte.

„Gott sei Dank!“, entfuhr es Elizabeth erleichtert. „Ich habe dich vermisst“, setzte sie hinzu, als er zu ihr kam und sie umarmte.

„Entschuldige“, sagte er leise und küsste sie. Gillette bekam einen geradezu seligen Ausdruck, als er Zeuge des Kusses wurde.

„Captain!“, störte ein Schrei Gillette auf.

„Aye?“

„Das solltet Ihr selbst sehen, Sir!“, rief Mullroy, der dem ersten Posten gefolgt war. Eilig lief Gillette zu dem Posten, der am Treppenhaus zum Gefängnis stand und folgte dem Mann. Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht folgten auch Will, Elizabeth und ihre Leute den königlichen Soldaten in den Kerker. Was sie zu sehen bekamen, ließ ihnen den Atem stocken: Lord Morgan Everett hing in Handfesseln soweit oben an der Zellenmauer, dass seine Füße den Boden nicht erreichten. Er war tot, aber sein Sterben war recht offensichtlich langwierig gewesen. Wer immer ihn getötet hatte, hatte ihn grauenhaft zugerichtet, ihn regelrecht zu Tode gefoltert – abgezogene Haut, abgeschnittene Zehen und Ohren sprachen in dieser Hinsicht Bände, ebenso zahllose Stiche in seinem Körper, die jeder für sich zwar nicht tödlich waren, aber an Stellen waren, an denen sie furchtbare Schmerzen verursacht haben mussten.

„Mein Gott, wer tut so etwas?“, keuchte Gillette. Elizabeth wandte sich von dem grausamen Anblick ab und verbarg ihr Gesicht an Wills Brust.

„Er war ein ausgemachtes Schwein, aber das hatte nicht mal er verdient“, sagte Will leise.

„Wer weiß, ob nicht Ihr es sogar wart, der ihn so zugerichtet hat“, zischte Kendall. Will sah Everetts Stellvertreter mit einem Blick an, der geeignet war, Wasser zu Eis erstarren zu lassen.

„Das kann auch nur von einem Vertreter der East India Trading Company kommen, Mr. Kendall. Eure unfeine Gesellschaft lebt davon, andere in Misskredit zu bringen. Ich hoffe, der König wird die East India Trading Company eines Tages verbieten, ihr Vermögen einziehen und denen zurückgeben, denen Ihr es geraubt oder abgepresst habt“, versetzte er. Gillette sah Will verstört an.

„Ihr … wehrt Euch nicht gegen die Vorwürfe, Sir William?“

„Nein, den Gefallen tue ich dieser Kröte nicht. Ich gedenke nicht, irgendetwas dazu zu sagen. Das ist es nicht wert; die Company ist es nicht wert, Captain Gillette“, entgegnete Will. „Komm“, sagte er leise zu Elizabeth. „Vater wartet auf der Aztec.“

Sie beide und ihre Männer wollten gehen, aber ein scharfes

„Sir William Turner!“, das unverkennbar von Captain Gillette kam, hielt sie auf.

„Was?“, fragte Will. Gillette kam nach vorn und streckte Will auffordernd die Hand entgegen.

„Was wollt Ihr?“, fragte Will nach.

„Euren Degen!“

„Und … wieso?“, erkundigte sich Elizabeth.

„Mr. Turner, es werden Anschuldigungen gegen Euch erhoben, die …“

„… absolut unwahr sind!“, fauchte Elizabeth.

„Das mag dann durch ein Gericht geklärt werden“, versetzte Gillette und winkte auffordernd. „Governor Bellows müsste in Kürze eintreffen. Es wird also nicht lange dauern. Euren Degen, Sir William!“

„Warum wollt Ihr ihm glauben, Captain Gillette?“, fragte Will.

„Nun, ich habe gesehen, dass Ihr auf Lord Everett losgegangen seid, kaum dass Eure Zelle geöffnet war. Ihr habt durchaus Grund, ihn zu hassen, wie ich weiß.“

„Ich war mit Euch selbst zusammen, Captain Gillette, als wir das Fort von den Company-Truppen zurückerobert haben. Wann hätte ich wohl die Zeit dazu haben sollen, einen Menschen mit dieser Grausamkeit vom Leben zum Tode zu befördern – ob ich es ihm an den Hals wünsche oder nicht?“

„Ihr wart nicht die ganze Zeit mit mir zusammen, also kann ich es nicht aus eigener Kenntnis sagen. Es tut mir Leid, aber ich kann Euch nicht so gehen lassen. Erspart es mir und Euch, dass ich Gewalt anwenden muss“, sagte Gillette und winkte auffordernd mit der Hand am ausgestreckten linken Arm. Will zögerte, aber die Soldaten senkten ihre Gewehre, deren Mündungen sich auf ihn richteten.

„Captain Gillette, das glaubt Ihr doch nicht ernsthaft!“, entfuhr es Elizabeth. „Ihr wollt doch nicht ernsthaft auf die so nebenbei in den Raum geworfene Behauptung, nein: Verleumdung, Will verhaften?!“

„Ich kann und darf eine Beschuldigung nicht einfach übergehen und nicht zulassen, dass sich ein Beschuldigter auch noch von Port Royal entfernt. Lasse ich Euren Gatten jetzt gehen, geht Ihr in See, und eine Klärung des Vorfalles rückt damit in die Ferne. Das geht nicht“, erklärte Gillette.

„Will, er hat Recht. Ich muss dich bitten, deinen Degen abzugeben und keine Schwierigkeiten zu machen“, meldete sich Weatherby Swann zu Wort.

„Vater!“, entfuhr es Elizabeth. „Du glaubst doch nicht etwa …“

„Was ich glaube oder nicht, spielt im Moment keine Rolle, mein Kind. Captain Gillette ist an das Gesetz gebunden. Und das besagt, dass …“

„Schon gut“, sagte Will, hängte den Degen aus und übergab ihn Gillette. „Es wird sich klären, dass ich es nicht war. Hab’ Vertrauen zu Governor Bellows, Liebling. Er ist gerecht und wird die Wahrheit ans Licht bringen.“

„Aber, Will, das ist doch absurd!“

„Ja, das ist es. Aber wenn das erledigt ist, wird Mr. Kendall schon merken, was er davon hat, solche falschen Anschuldigungen zu verbreiten.“

„Seht Ihr?“, ereiferte sich Kendall. „Er wird mich genauso …“

„Haltet die Luft an, Mr. Kendall!“, fuhr Gillette Everetts Stellvertreter an. „Ihr werdet das Kittchen ebenfalls von innen sehen. Weit genug weg von Sir William, damit Ihr nicht Versuchung geratet, ihn auch noch zu provozieren. Und fragt jetzt bitte nicht warum. Das wisst Ihr sehr gut, denke ich.“

Gillette winkte den Posten, die Kendall und seine Leute in die Zellen verfrachteten, in denen vor der Rückeroberung des Forts die königlichen Soldaten gewesen waren. Will fand sich in der Zelle wieder, in der er schon den letzten Tag verbracht hatte …

 

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Kapitel 12

Ara Goldbart

Mit hängenden Köpfen kehrten Elizabeth und ihre Männer zur Aztec zurück.

„Wo ist Will?“, fragte Stiefelriemen, als die Truppe ohne seinen Sohn zurückkehrte. Elizabeth warf ihr Entermesser achtlos auf ihre Koje und ließ sich darauf fallen.

„Den hat Captain Gillette eingesperrt, weil ein Unbekannter Lord Everett auf grausamste Weise getötet hat und Mr. Kendall von der Company den Verdacht mal eben auf Will gelenkt hat. Gillette glaubt es auch nicht, aber er kann nicht anders. Das sagt auch mein Vater.“

„Und was sagt Will dazu?“

„Er ist es nicht gewesen, aber der Verdacht ist in der Welt und muss von einem neutralen Richter geprüft werden. Statt Will dankbar zu sein, dass er sein Leben für die Rückeroberung des Forts riskiert, sperrt man ihn ein. Dabei ist es sonnenklar, dass Kendall selbst weiß, dass sein Verdacht völlig absurd ist, auch wenn Will diesem … nein, ich sprech’s nicht aus … Mistkerl die Pest an den Hals wünschte. Zu so etwas wäre dein Sohn nicht fähig, Vater.“

Elizabeths resigniertes Seufzen war unüberhörbar.

„Was ist hier geschehen?“, fragte sie schließlich.

„Nichts. Alles friedlich und ruhig.“

„Keine Schiffe?“

„Nein, keine Schiffe. Auch drüben in Kingston ist alles leer, wie mir Jim sagte, den ich zum Nachschauen nach oben geschickt habe.“

„Kein Ara Goldbart?“

„Nein. Vielleicht hat sich der Junge getäuscht oder jemand hat diesen Namen einfach nur benutzt, weil er um den legendären Piraten Goldbart weiß“, erklärte Stiefelriemen.

„Na schön, dann lass uns nach Hause gehen. Fahren können wir ohne Will sowieso nicht. Vielleicht ist es auch besser, wenn wir noch hier bleiben. Mich wundert nämlich, dass die Masse von Soldaten der Company wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. Ich könnte schwören, dass ich wenigstens die dreifache Anzahl in Port Royal gesehen habe, bevor ich auf unsere Leute gestoßen bin.“

Einige Zeit später war Familie Turner wieder zurück in ihrem Haus, räumte das eilig zusammengesuchte Gepäck wieder in Schränke und Truhen. Es war kurz vor Sonnenaufgang, als es im Haus wieder still wurde, nachdem die Familie und die Dienerschaft erschöpft schlafen gegangen waren. Erst gegen Nachmittag erwachte Elizabeth und machte sich nach dem deutlich verspäteten Frühstück mit den Kindern auf den Weg zu ihrem Vater, um ihn zu überreden, Will freizulassen.

„Elizabeth, das geht nicht!“, erwiderte er auf ihre Bitte in einer Entschiedenheit, die Elizabeth von ihrem Vater nicht kannte.

„Wenn du ihn gegen das Versprechen freilässt, dass er sich nicht aus Port Royal entfernt, ist allen geholfen. Du weißt, dass Will ein Versprechen niemals brechen wird“, versuchte sie zu handeln.

„Nein!“, entgegnete Weatherby scharf. „Kommt nicht in Frage!“

Als er Elizabeths verblüfftes Gesicht sah, die derartige Töne von ihrem Vater noch nie gehört hatte, setzte er hinzu:

„Elizabeth, ich glaube nicht, dass Will Everett getötet hat. Aber wenn ich ihn freilasse, auch auf Kaution oder gegen Auslieferung eures Schiffs, wird Kendall mich des Amtsmissbrauchs bezichtigen, weil Will mein Schwiegersohn ist, und ich sitze gleich neben Will in der Zelle. Das kannst du nicht wollen, Kind. Es wäre weder in deinem Interesse noch im Interesse der Kolonie, wenn wir der Company solche Munition liefern.“

Elizabeth nickte. Ihr Vater hatte Recht.

„Gut, das überzeugt mich“, sagte sie schließlich. „Dürfen wir ihn wenigstens besuchen?“, fragte sie dann.

„Ja, natürlich“, lächelte ihr Vater und schrieb ihr und seinen Enkeln einen Passierschein aus.

Will lehnte am vergitterten Fenster seiner Zelle und sah sehnsüchtig hinaus. Er konnte nach unten auf den Hafen sehen, sah sein Schiff nach wie vor vertäut am Kai liegen und wünschte sich damit weit fort. Fort von den Intrigen der Company, den über Gebühr gesetzestreuen Beamten und Soldaten, die nie auf die Idee gekommen wären, Gesetze nach ihrem Sinn zu hinterfragen. Kendall und seine wenigen verbliebenen Männer hatten die königlichen Soldaten so weit entfernt von Will eingelocht, dass Will sie gut ignorieren konnte. Ein Geräusch auf der Treppe vom Exerzierplatz herunter machte ihn aufmerksam. Er drehte sich um und sah Elizabeth mit den Kindern den Zellengang betreten.

„Hallo, Papa!“, jubelte Willy, als er seinen Vater sah. Er stürmte zu der Zelle hin und wurde hart von den Gittern gebremst. „Au!“, klagte er und zog die schmerzende Hand zurück, die er sich geklemmt hatte. Er verzog schon das Gesicht, als Will die kleine Hand seines Sohnes nahm und vorsichtig pustete.

„Das geht gleich vorbei, mein Spatz“, tröstete er und streichelte den Jungen liebevoll durch das Gitter.

„Papa, warum ist das hier?“, fragte Willy und zog an dem Gitter, als der Schmerz nachließ.

„Das ist dafür da, dass ich hier nicht weg kann“, erklärte Will.

„Aber die dürfen dich doch nicht einsperren! Ich werde dich befreien, Papa!“, versprach William junior. Will konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, stand auf und küsste durch die Gitter seine Frau und seine Tochter.

„Hallo, Elizabeth, hallo, kleine Prinzessin“, begrüßte er sie. Dann wandte er sich wieder an seinen Sohn:

„Nein, kleiner Pirat, das lässt du schön bleiben. Ich muss hier bleiben und das werde ich auch. Wenn ich nicht hier bleiben wollte, wäre ich schon längst weg.“

„Und warum musst du hier sein?“, bohrte Willy in kindlicher Neugier weiter.

„Weil jemand behauptet, dass ich etwas sehr Böses getan habe. Das stimmt zwar nicht, aber das kann ich noch nicht beweisen.“

„Aber warum …“

„Willy, mein Schatz, das reicht erst einmal“, bremste Elizabeth die Wissbegier ihres Älteren. „Ich erkläre dir das, wenn wir zu Hause sind. Gut?“

„Ja, Mama“

„Was gibt es bei euch Neues?“, fragte Will.

„Wir sind wieder zu Hause. Ich habe Vater gebeten, dich auf Kaution freizulassen, aber er wagt es nicht, weil er fürchtet, Kendall könnte auch ihm eins auswischen. Er glaubt nicht, dass du Everett getötet hast. Es würde nicht einmal nützen, dass ich für dich aussage, weil Gillette weiß, dass ich dich aus den Augen verloren hatte“, erklärte sie. Will nickte.

„Ich weiß. Ich war kurze Zeit ganz allein, nur von Company-Soldaten umgeben. Die können dazu nichts mehr sagen … Und wenn sie es könnten, würden sie auf Befehl lügen. Ich kann nur hoffen, dass Gouverneur Bellows bald hier ist und dass er klug genug ist zu begreifen, dass die kurze Zeit, die ich allein war, niemals ausgereicht hätte, Everett so zuzurichten.“

„Wer könnte es getan haben?“, fragte Elizabeth. Will zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Aber ein Vorsitzender der Company hat viele Feinde. Wenn du mich genau fragst, hat der derjenige hier schon darauf gewartet, dass wir und die königlichen Soldaten das Gefängnis verlassen.“

„Aber wo?“

Will wies mit dem Kinn zur Fluchttunneltür.

„Er kann nur von dort gekommen sein. Oben waren nur Soldaten der Company und von denen nehme ich nicht an, dass sie es wagen würden, sich aus dem Korsett des blinden Gehorsams zu befreien“, sagte er.

„Dann … müsste derjenige uns gefolgt sein …“, mutmaßte Elizabeth. Will nickte nur.

„Es wird sich alles klären, Liebling. Ich war es nicht. Ich schwöre es.“

„Das habe ich auch nie angenommen, Will.“

„Ahem, Mrs. Turner, ich muss Euch bitten zu gehen“, meldete sich von der Treppe Mullroy. Elizabeth fuhr herum und wollte aufbegehren, aber Will legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm.

„Ist schon gut. Geht jetzt besser“, sagte er. Sie sah ihn an.

„Will, seit wann fügst du dich so ergeben in dein Schicksal?“

„Vielleicht, seit ich Familie habe. Niemand soll einen Grund haben, euch meinetwegen zu drangsalieren.“

„Verstehe“, sagte sie leise. „Wir hätten nach Tortuga ziehen sollen“, setzte sie seufzend hinzu. „Wir kommen wieder, wenn mein Vater es erlaubt. Auf Wiedersehen.“

„Wiedersehen, mein Liebling“, verabschiedete Will seine Familie, küsste Frau und Kinder, die sich nur ungern von ihm trennten.

Elizabeth ließ sich mit den Kindern nochmals zu ihrem Vater fahren und versuchte erneut, ihn zu überreden, Will auf Ehrenwort freizulassen, aber ihr Vater blieb hart

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit war Familie Turner wieder zurück in ihrem Haus auf dem östlichen Hügel von Port Royal. Hätten Elizabeth und ihr Schwiegervater gesehen, was sich im Hafen von Port Royal tat, hätten sie ihre Sachen augenblicklich wieder gepackt und mit der Aztec Port Royal verlassen, ob Will an Bord gewesen wäre oder nicht … Mitten im Hafen erschien schier aus dem Nichts eine Brigg, die seltsam durchsichtig erschien, aber absolut real vorhanden war, wie die kleinen Wellen bewiesen, die sich an dem halbtransparenten Schiffskörper brachen. Boote wurden von der Brigg ausgesetzt und zum östlichen Ufer der Bucht gepullt. Dort wurden sie an Land gezogen und eine recht große Gruppe erklomm im Schein vieler Fackeln den Hügel, auf dem das Haus der Familie Turner gebaut war.

Will, der nach dem recht dürftigen Abendessen wieder aus dem vergitterten Fenster schaute, glaubte, seinen Augen nicht zu trauen.

„Mr. Mullroy!“, rief er.

„Was?“, fragte der Soldat.

„Bitte, seht Euch das an!“, bat Will und wies aus dem Fenster.

„Ich kann von hier nichts sehen, Sir.“

„Dann schließt die Zelle neben meiner auf und seht Euch das an!“, forderte Will ihn auf. Nach einigem Zögern schloss Mullroy die Zelle auf und peilte nach draußen.

„Und, was gibt’s da zu sehen?“, fragte er verständnislos.

„Die Brigg da unten mitten im Hafen. Sie ist aus dem Nichts erschienen.“

Mullroy sah Will an, als ob ihm Hörner gewachsen wären.

„Das glaubt Ihr doch selbst nicht!“

Will seufzte leise. Ja, die Brigg lag jetzt da wie ein normales Schiff und er konnte Mullroy nicht beweisen, dass sie einfach so erschienen war.

„Sehr Ihr den Fackelzug da auf dem östlichen Hügel?“, fragte er, um die Aufmerksamkeit des Postens auf etwas Greifbares zu lenken.

„Aye“, bestätigte Mullroy.

„Die sind von der Brigg da mitten im Hafen. Sie sind mit einigen Booten an Land gepullt und jetzt auf dem Weg zu meinem Haus. Ich kenne niemanden, der mitten in der Dunkelheit so zielstrebig zu meinem Haus geht und von einem heimlich eingelaufenen Schiff kommt.“

„Captain Sparrow, vielleicht?“, mutmaßte Mullroy.

„Nein, der hat eine Fregatte, wie Ihr Euch vielleicht erinnert – und die hat drei Masten und nicht zwei!“, knurrte Will. „Ich habe kein gutes Gefühl, Mr. Mullroy. Es wäre mir lieb, wenn jemand nachschauen würde, was dort los ist.“

„Tut mir Leid, Sir, ich darf keine Anweisungen von Gefangenen entgegennehmen.“

„Dann holt mir jemanden her, der selbst darüber entscheiden kann, ob dort Gefahr besteht.“

„Ihr versteht mich nicht: Ich darf keine Anweisungen von Gefangenen entgegennehmen, Sir William!“, entgegnete Mullroy, verließ die Zelle, verschloss sie wieder und zog sich aus dem Zellengang zurück. Will sah ihm hilflos nach.

Als es an der Haustür klopfte, war Elizabeth dir Meinung, ihr Vater könne es sich überlegt haben oder ihr Schwiegervater käme nach Hause, der – ganz gegen seine Gewohnheit – seinen Ärger über das Verhalten der Behörden von Port Royal im Rum ertränken wollte und deshalb nach Port Royal hinunter gegangen war. Sie lief arglos zur Tür und öffnete sie – um gleich erstarrt stehen zu bleiben, weil sie direkt in die Mündungen diverser Pistolen sah.

„Hallo, Mäuschen!“, griente der Vorderste. „Los, schnappt sie euch!“, befahl der Mann mit dem blonden Bart und den schwarzen Kleidern. Ehe Elizabeth sich versah, hatten drei Mann sie sicher im Griff.

„Durchsucht alles!“, wies der Anführer seine Leute an. „Ich will die Karte haben!“

„Parlay!“, rief Elizabeth. Der Blondbart drehe sich um und grinste sie an. Im ersten Moment hatte er große Ähnlichkeit mit Ruben Crystal, doch er schien älter zu sein, so um die Fünfzig etwa.

„Sorry, Miss, aber meine Crew und ich gehören nicht der Bruderschaft an. Folglich gilt bei uns auch nicht das Parlay-Recht. Wir sind wirklich freie Piraten!“, versetzte er. Grinsend hob er ihr Kinn an, bis sie in seine durchdringenden grauen Augen sah.

„Aber da Ihr schon des Redens mächtig seid: Wo ist die Karte von San Cristobal?“, fragte er.

„Wovon redet Ihr?“

Das Grinsen wurde breiter.

„Ich rede von einer Karte, die die Insel San Cristobal zeigt und auf der ein Kreuz ist, der den geheiligten Ort bezeichnet, an dem die Diamanten meiner Sippe verwahrt werden. Und mein Name ist Ara Goldbart – nun, unter diesem Namen bin ich jedenfalls in diesen Gewässern bekannt. Mein richtiger Name tut nichts zur Sache. Also: Wo ist die Karte?“

„Ich weiß nicht, wie Ihr darauf kommt, ich könnte eine solche Karte besitzen, Captain Goldbart“, erwiderte Elizabeth äußerlich kühl, obwohl sie vor Angst bebte.

„Oh, Ihr wisst, dass ich Captain bin?“, fragte der Pirat forschend. Elizabeth hätte beinahe gestottert, konnte aber nach außen hin Kühle bewahren.

„Ihr sprecht von Euch und Eurer Crew; also nehme ich an, dass Ihr Captain seid“, versetzte sie. Goldbarts Grinsen verwandelte sich in ein anerkennendes Lächeln.

„Klug, Missie, klug. Wirklich, Ihr seid nicht auf den Mund gefallen. Kennt Ihr Euch mit Piraten aus?“

„Ein wenig. Captain Sparrow und Captain Turner sind mir bekannt.“

Das Lächeln Goldbarts wurde wieder zum spöttischen Grinsen.

„Euer Pech, denn Captain Sparrow ist mein schlimmster Feind – außer der Royal Navy natürlich… Einen Captain Turner kenne ich nicht, aber einen William Turner, der Maat bei Sparrow war – und mit dem hätte ich noch ein Hühnchen zu rupfen… Auch deshalb kommt Ihr mir samt Eurem Namen wie gerufen. Espen, die junge Dame begleitet uns! Sorg‘ dafür, dass sie gut verwahrt wird. Wer immer hier im Hause ist, wird auch mitgenommen. Und hinterlass‘ eine deutliche Nachricht. Jack Sparrow soll wissen, wer seine Liebste kassiert hat!“, wies Goldbart seinen Maat an. Nur Minuten später hatten die Piraten um Goldbart nicht nur Elizabeth, sondern auch ihre Kinder und die komplette Dienerschaft gefangen genommen.

„Also – noch mal: Wo ist die Karte?“, fragte Goldbart eindringlich. Elizabeth schwieg. Der Piratencaptain packte ihr Kinn erheblich fester als zuvor und zwang sie, ihn anzusehen. Seine grauen Augen waren kalt, eiskalt. Elizabeth begann zu frösteln. Nein, Goldbart war kein gewöhnlicher Pirat.

„Wenn Ihr es nicht freiwillig sagt, dann werden meine Männer dieses Haus vom Keller bis zum Dach durchsuchen. Ich garantiere Euch, dass Ihr Euer Heim nicht wieder erkennt, denn wir fangen links unten an und hören rechts oben wieder auf. Dazwischen bleibt keine Tapete an der Wand!“, drohte er und die grauen Augen wurden eine Schattierung dunkler. Elizabeth spürte, dass der Mann es ernst meinte.

„Wenn ich Euch gebe was Ihr verlangt – lasst Ihr dann meine Kinder, das Gesinde und mich frei?“, fragte Elizabeth mit unsicher werdender Stimme.

„Ihr habt mich falsch verstanden, Missie: Mit Ara Goldbart wird nicht verhandelt! Ich will die Karte – und Euch, Eure Sprösslinge und Euer Gesinde werde ich als Gefangene mitnehmen. Nur so bekomme ich Jack Sparrow und William Turner dazu, mir dorthin zu folgen, wohin ich sie haben will“, versetzte Goldbart eisig.

„Nun, ich sehe, mit Euch ist nicht gut Kirschen essen, Captain Goldbart. Bevor Ihr das Haus zerstört, sollt Ihr haben, was Ihr verlangt. Ich gebe Euch die Karte“, versprach sie.

Auf einen Wink ließen die Piraten sie los. Goldbart und sein Maat folgten Elizabeth in das Wohnzimmer, wo sie dem Captain die Karte aushändigte, die Will aus dem Dolchgriff geborgen hatte. Goldbart nahm sie mit einer artigen Verbeugung an, während der Maat eine an Jack Sparrow und William Turner gerichtete Nachricht schrieb, dass man auf San Cristobal auf sie warte.

„Bitte, lasst mich noch eine Nachricht für meinen Mann hinzusetzen, dass die Kinder und ich am Leben sind und dass es uns gut geht“, bat Elizabeth.

„Na schön! Schreibt!“

Elizabeth notierte ein paar Worte für Will und ließ sich dann von Goldbart widerstandslos abführen.

 

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Kapitel 13

Ein Löwe im Käfig

Will ging unruhig vor dem Zellenfenster auf und ab. Das Gefühl, dass seine Familie in Gefahr war, ließ sich einfach nicht beruhigen. Die Abstände, in denen es ihm so schien, als säßen auf seinen Schultern Engelchen und Teufelchen, die ihn zum Bleiben oder zur Flucht überreden wollten, wurden immer kürzer.

„Was ist mit Euch, Sir William?“, fragte Captain Gillette.

„Was hat Euch Mullroy erzählt, Captain Gillette?“, erkundigte sich Will.

„Dass Ihr ein Schiff gesehen habt, das angeblich aus dem Nichts erschienen ist und Leute mit Fackeln, die zu Eurem Haus hinaufgegangen sind, weshalb Ihr befürchtet, dass Eure Familie in Gefahr ist. Wie kommt Ihr darauf, dass jemand Euch bedroht oder Eure Familie?“

„Weil jemand hinter einer Schatzkarte her ist, die – angeblich – im Griff des Dolches verborgen war, den Ihr Admiral Norrington zur Hochzeit geschenkt habt, Captain. Ob es die Karte und das, wozu sie führen soll, tatsächlich gibt, ist zweitrangig. Aber es gibt jemanden, der es glaubt und mit allen Mitteln versucht, ihrer habhaft zu werden. Der Admiral wollte einen neuen Griff, den ich ihm dafür gemacht habe. Dieser Dolch wurde dem Admiral in der Nacht darauf gestohlen, bei mir in der Schmiede wurde eingebrochen und zwei Waffen mit der gleichen Marke gestohlen, die auch Admiral Norringtons Dolch hatte. Ich habe den Verdacht, dass ein Mr. Crystal der Dieb und der Einbrecher sein könnte, denn er war außer James und mir der Einzige, der wusste, dass ich den Griff ausgetauscht hatte. Deshalb wollte ich mit meiner Familie Port Royal auch vorläufig verlassen, nur ist mir das unmöglich gemacht worden“, erklärte Will.

„Beschwert Ihr Euch wegen der Verhaftung?“, erkundigte sich Gillette.

„Nein, darüber, dass meine Familie in Gefahr ist und ich sie nicht schützen kann, weil ich hier sitze!“, knurrte Will. „Wenn ich mich schon darauf verweisen lassen muss, dass die Staatsgewalt für Strafe und Schutz zuständig ist, dann erwarte ich, dass sie sich darum auch kümmert!“

„Das wird sie auch tun, Sir William“, entgegnete Gillette kühl.

„Dann hätte ich die höfliche Bitte, Eure Männer zügig in Marsch zu setzen, Captain Gillette!“, grollte Will.

„Sofern die Aufgaben es zulassen, Sir William!“, versetzte Gillette und verließ das Gefängnis.

Will trat vor Wut und Frust zitternd zunächst gegen das Gitter, dass es nur so schepperte und kehrte dann wieder an das Zellenfenster zurück. Was er sah, ließ ihn noch wütender werden. Er griff in den Köcher, in dem er sein Fernrohr stecken hatte und peilte hinunter. Die Fackelträger kamen von seinem Haus zurück – und sie waren nicht allein! Will musste mit ansehen, dass die Leute, die von der Brigg gekommen waren, Elizabeth, die Kinder und sein Gesinde im Schlepptau hatten! Mit einem Satz war er am Gitter, rüttelte daran, als wollte er das Gitter durchbiegen und brüllte:

„Gillette! Beeilung! Meine Familie wird entführt!“

Keine Antwort, nicht einmal eine Reaktion kam von oben. Nur hämisches Lachen vom anderen Ende des Zellengangs, wo Kendall und die Marines der EITC einsaßen. Will rief noch einige Male, aber es ließ sich weder jemand sehen noch hören. Wieder sah Will hinaus, aber es rührte sich an der Navy-Pier nichts, während die Leute, die seine Familie abschleppten, bereits die Boote bestiegen und zu der Brigg fuhren.

Du hast genug Geduld bewiesen, Will Turner. Hilf dir selbst, sonst tut es keiner!’ mahnte ihn jetzt sogar das Engelchen, das ihn bis jetzt dazu ermahnt hatte, brav an Ort und Stelle zu bleiben, um nicht den Verdacht zu nähren, dass er etwas mit dem Tod von Everett zu tun hatte. Er griff in seine Tasche und zog ein Notizbuch mit Bleistift hervor und schrieb folgende Nachricht an die Admiralität:

An die Admiralität und den Gouverneur von Port Royal:

Ich, William Turner jr., schwöre bei Gott, dass ich mit dem Tod von Lord Morgan Everett nichts zu tun habe. Es ist richtig, dass ich es für notwendig erachtet habe, dass dieser Mann eine gerechte Strafe erhalten sollte, weil er aus nichtigen Gründen meinen Sohn William derartig verprügelt hat, dass mein Sohn dringend ärztlicher Hilfe bedurfte. Ich respektiere selbstverständlich die Strafgewalt der Krone und habe zu keinem Zeitpunkt vorgehabt, Lord Everett selbst zur Verantwortung zu ziehen.

Ich habe das Gefängnis verlassen, weil die Admiralität trotz dringender Bitte meinerseits nicht gewillt oder nicht in der Lage war, meine Familie vor einer Gefahr zu schützen. Ich habe mit ansehen müssen, dass meine Familie von der Crew einer Brigg entführt wurde. Aufgrund der Einbrüche bei mir selbst und bei Admiral Norrington habe ich den Verdacht, dass Mr. Ruben Crystal hieran beteiligt ist. Ich werde mich mit der Aztec auf die Suche nach besagter Brigg machen und meine Familie aus den Händen der Entführer befreien. Ich berufe mich auf den mir ausgestellten Kaperbrief, der mich berechtigt, Piraten, die gegen die Gesetze Großbritanniens verstoßen, festzunehmen, nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt, um sie vor ein ordentliches britisches Gericht zu bringen.

Wenn ich das erledigt habe, werde ich zurückkehren und mich dem Gericht wegen der Vorwürfe zu Lord Morgan Everett stellen.

Sir William Turner, Captain

Als er geendet hatte, baute er die Pritsche mit wenigen Handgriffen ab, hob damit das Gitter aus den Angeln, stellte es beiseite, baute die Pritsche wieder an, riss die Seiten aus dem Notizbuch, und legte die Zettel gut sichtbar auf die wieder eingehängte Pritsche der Zelle. Dann eilte er zur Tür des Geheimgangs, die er aber mit einem Dietrich sorgsam vom Gang her verschloss.

Weiter hinten im Gefängnis bekamen Kendall und die Soldaten der Company große Augen und brüllten Alarm. Doch die Wachen der Royal Navy schienen Anweisung zu haben, auf Rufe aus dem Gefängnis einstweilen nicht zu reagieren. Will, der die Alarmrufe noch bis fast in die Höhle am Fuß des westlichen Hafenfelsens hörte, konnte sich zunächst keinen rechten Reim darauf machen; dann nahm er die Weigerung Gillettes, sich um das Gebrüll aus dem Gefängnis zu kümmern, als stillschweigendes Einverständnis des Captains, dass er sich selbst auf die Suche nach den Entführern machte …

Unten in der Höhle fand er die Boote, mit denen Elizabeth und die Crew der Aztec am Tag zuvor gekommen waren, um ihn und den Gouverneur aus den Händen der East India Trading Company zu befreien. Sie waren dort liegen geblieben, weil Elizabeth und die Crew die Festung zu Fuß in Richtung Port Royal verlassen hatten. Will schob eines der beiden Boote ins Wasser, stakte es hinaus auf das mondbeschienene Meer. Dort war nichts mehr von der geheimnisvollen Brigg zu sehen. Will pullte eilig zu seinem Schiff am Kai. Vielleicht hatte er Glück, dass wenigstens ein oder zwei seiner Männer an Bord waren. Notfalls würde er in Tortuga noch weitere Männer für diese eine Tour anheuern, aber jetzt durfte er keine Zeit mehr verlieren.

Zu seinem freudigen Schrecken waren seine Männer komplett versammelt, einschließlich seines Vaters, auch wenn der nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand.

„Is’ alles vorbereitet, Captain!“, meldete sein Vater. „Alle Mann an … hicks   Bord!“

„Gut. In welche Richtung ist die Brigg gefahren?“, erkundigte sich Will.

„A’so … sunächst ma‘: Des is’ die Esmeralda, Junge“, erwiderte „Stiefelriemen Bill“ Turner mit schwerer Zunge und ausgefahrenen Zeigfingern, mit denen er die Balance zu halten suchte. „Un’ die is’ nach Ossen abbebogen. Awwer … der wi‘d na’ San Crissobal fahr’n … hick!“

„Könnte es eventuell sein, dass du ein paar Mal zu oft die Luft aus deinem Rumglas gelassen hast, Vater?“, fragte Will mit nur mühsam verhaltenem Schmunzeln. Seinen Vater kannte er nicht in betrunkenem Zustand. Doch der nickte nur.

„Jau!“, bestätigte er, salutierte – und kippte um wie ein gefällter Baum.

„Hol’s der Geier! Stiefelriemen und duhn*? Wo schreibt man das hin?“, fragte Groves und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf.

„Bringt ihn in seine Kajüte, stellt eine Pütz* mit etwas Wasser neben die Koje, dann hat der Putzdienst es nicht so schwer“, grinste Will.

„Aye, Captain! Eure Befehle?“

„Leinen los, alle Segel setzen und Kurs San Cristobal!“, wies Will seine Crew an.

„Äh, … und wo ist das, Sir?“, fragte Hoskins. Will winkte den Zweiten Maat, ihm in die Kapitänskajüte zu folgen. Als er die Kajüte betrat, blieb der Captain so abrupt stehen, dass Charlie Hoskins ihm prompt in die Hacken lief.

„Beim Klabautermann! Was ist das?“, entfuhr es Will, als er den Kartentisch sah, aus dem sämtliche Schubladen herausgerissen waren.

„Sorry, ich konnte dich noch nicht wahrschauen*, Will. Wir haben gerade noch eine lausige Seekarte“, erklärte Hoskins, als er bemerkte, was seinen Captain so erschreckt hatte.

„Wo ist die?“, fragte Will. Charlie holte die zusammengerollte Karte aus einem Schapp*, in dem wohl keine Karte erwartet worden war, weil es sonst nur dauerhaft haltbare Lebensmittel wie getrocknete Bohnen, getrocknete Maisfladen und Trockenfleisch enthielt. Die Karte war eine eher grobe Übersichtskarte, die praktisch die gesamte Karibik zeigte, aber keine genaueren Angaben zur Wassertiefe hatte und auch die Küstenlinien keineswegs so genau zeigte wie die Karten, die sich im Kartentisch befunden hatten. Wie die im Schapp enthaltenen Lebensmittel die Notration waren, wenn aus immer welchen Gründen die Lebensmittel knapp wurden, war die Karte eine Notkarte, mit der grob navigiert werden konnte.

„Na schön, da will jemand also Krieg haben. Den kann er kriegen!“, grollte Will.

„Meinst du, dass …“

„Es gibt zwei Möglichkeiten, Charlie: Entweder war das hier die Company oder die Navy, um uns am Auslaufen zu hindern – oder der, der meine Familie entführt hat. Im Moment ist das aber Nebensache. Setz’ Kurs nach Tortuga! Wir brauchen dringen neue Karten, Charlie!“, wies Will den Zweiten Maat an.

„Aye, Captain!“, bestätigte Hoskins.

„Und leg’ den Jolly Roger bereit. Wir werden ihn in Tortuga brauchen.

Die Aztec legte von der Pier der Royal Navy ab und ging mit vollem Zeug in See. Als sie die HMS Dauntless passierten, die zusammen mit der HMS Kent und der HMS Unicorn inzwischen zurückgekehrt war, riefen die Bordwachen zur Aztec hinüber, man solle anhalten, anderenfalls sei man gezwungen zu schießen. Will und seine Männer ignorierten die Befehle geflissentlich. Ihrem Befehl folgend schoss die Crew der HMS Dauntless eine halbe Breitseite, doch gingen die Kugeln noch vor der Aztec ins Wasser. Dann erreichte die Freibeuter-Brigg das freie Wasser jenseits des Zuckerhutfelsens am Ende der Bucht, der Wind griff voll in die Segel und trieb die Aztec ihrem Ziel entgegen.

 

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Kapitel 14

Geschäfte auf Tortuga

Als die Aztec ablegte und vorsichtig zur Hafenausfahrt pirschte, lächelte James Norrington in der Hafenkommandantur vor sich hin, schob sein Spektiv zusammen und drehte sich zu Gillette um.

„Gebt Signal an die HMS Dauntless, dass sie ein paar Schüsse auf die Aztec abgeben. Sie sollten sie nur möglichst nicht treffen.“

„Admiral, bei allem Respekt: Seid Ihr sicher, dass es richtig ist, Turner entkommen zu lassen?“

„Aye“, antwortete Norrington knapp. Gillette seufzte leise, ging hinaus und wies einen seiner Soldaten an, der Dauntless das befohlene Signal zu geben. Von der HMS Dauntless wurde wie befohlen nur so geschossen, dass die Aztec nicht getroffen wurde. Unbeschadet erreichte die Brigg die offene See. Gillette sah dem Freibeuterschiff noch eine Weile nach und entschloss sich dann, seinen Vorgesetzten nach Gründen zu fragen.

„Sir, warum sollte Turner abfahren können?“, fragte er, all seinen Mut zusammennehmend.

„Captain Gillette, der Einzige, der die Möglichkeit hat, unter Piraten Nachforschungen anzustellen, ist ein Pirat oder ein Freibeuter, also Captain Turner. Ich weiß vom Gouverneur, dass Sir William Mr. Crystal auf den Zahn fühlen wollte. Dessen plötzliches Verschwinden und das gleichzeitige Auftauchen eines Geisterschiffes, das seit fast fünfzehn Jahren nicht mehr gesichtet wurde, scheinen mir im Wortsinne merkwürdig. Abgesehen davon hätte Euch der gesunde Menschenverstand sagen müssen, dass es völlig unmöglich war, dass Sir William Lord Everett in der kurzen Zeit, die er allein gewesen sein kann, auf diese Art umgebracht hat. Ihr habt ihn nur für wenige Minuten nicht im Blick gehabt, wie Ihr mir selbst gesagt habt. Ich halte es für etwas übereifrig, auf die bloß angedeutete Behauptung von Mr. Kendall einen Mann zu verhaften, der für diese Kolonie mehr als einmal sein Leben aufs Spiel gesetzt hat!“, entgegnete James. „Wir sollten überprüfen, was mit diesem Mr. Crystal eigentlich ist. Mir kommt es sehr seltsam vor, dass die East India Trading Company ihren eigenen Schuldner kauft. Holt mir Lieutenant Stevens her, Captain Gillette!“

Wenig später war Lieutenant Geoffrey Stevens zur Stelle. Norrington nahm dessen Meldung nickend entgegen.

„Macht Eure Unicorn klar und segelt nach England, Mr. Stevens. Ich möchte, dass Ihr in London Erkundigungen über diese Person einholt“, sagte der Admiral und gab Stevens einen Zettel, auf dem der Name Ruben Crystal und seine Geschäftsadresse in London notiert war. „Ich will wissen, wann er geboren wurde und wo, wie er aussieht, Wohnorte, Tätigkeiten, geschäftliche Kontakte, etc. Wenn möglich, möchte ich auch Auskünfte der gleichen Art zu seiner Familie haben. Tragt diese Informationen zusammen und bringt sie her.“

„Aye, Sir. Ich laufe mit der Flut am Mittag aus.“

Weder Will noch seine Männer ahnten, dass Admiral Norrington sie schützte. Trotz der Eile, die er an den Tag legte, wollte Will sicher sein, dass niemand sie verfolgte und ließ die Krähennester* rund um die Uhr besetzt. Die grobe Notkarte reichte, um Tortuga unbeschadet zu erreichen. Die Aztec setzte drei Meilen vor dem Piratenhafen den Jolly Roger und konnte ungefährdet anlegen. Ausnahmsweise war es ruhig in Tortuga, es lagen nur zwei Dschunken an den Kais, von denen Will eine als die Empress erkannte, die Kriegsdschunke von Captain Sao Feng. Er selbst und sein Vater machten sich auf den Weg zum Kartografen, um neue Seekarten zu beschaffen, der Großteil seiner Männer sorgte Proviant und Wasser ein.

Avenarius Pentacosta gehörte zur angesehen Zunft der Kartografen und betrieb seit einigen Jahren einen Fachhandel für Seekarten mitten in Tortuga. Pentacosta galt als Kapazität, hatte er doch früher für die East India Trading Company in derselben Funktion gearbeitet, bis er sich im Zuge des Landesverrats von Lord Beckett von der Company losgesagt hatte. Er war nur mit knapper Not dem Griff seines ehemaligen Arbeitgebers entkommen, von Piraten gerettet und nach Tortuga gebracht worden. Jetzt lebte er von den Bedürfnissen der Piraten – und er lebte gut davon. Pentacosta sah von der Karte auf, die er gerade in Arbeit hatte, als seine Ladenklingel ihm Kundschaft signalisierte. Sein bleiches Gesicht leuchtete auf, als er Will erkannte.

„Ah, guten Morgen, Captain Turner!“, grüßte er. „Was kann ich für Euch tun?“

„Guten Morgen, Mr. Pentacosta. Ich brauche einen kompletten Satz Seekarten.“

Pentacosta bekam leuchtende Augen.

„Aber gern, Sir!“

Diensteifrig eilte er in sein Lager und kam wenig später mit einem Arm voll sorgsam aufgerollter Karten zurück.

„Einmal die bekannte Welt komplett, Sir“, sagte er und legte die Karten ab. „Also, das sind vierundzwanzig Karten und eine Übersichtskarte. Macht fünfzig Dublonen*** oder fünfzig Guineas***, Captain Turner. Wenn Ihr in Reales*** zahlt, sind es 735 Reales.“

Auf Tortuga machte man es sich mit der Umrechnung der verschiedenen Goldwährungen einfach: Man rechnete schlicht eins zu eins, unabhängig vom tatsächlichen Gegenwert … Will bezahlte die Karten in britischen Guineas, suchte sich dann gleich die drei Karten heraus, die die Karibik im Detail zeigten. Suchend glitt sein Blick über die Karte.

„Wo, hast du noch mal gesagt, sei San Cristobal?“, fragte er seinen Vater.

„Vor der mexikanischen Küste“, antwortete Stiefelriemen. Will suchte die entsprechende Karte ab.

„Da ist nichts …“, sagte er.

„Sie muss dort sein.“

„Sieh selbst. Ich finde nichts“, sagte Will und wies auf die Karte. Sein Vater schaute ebenfalls darauf und konnte auch nichts entdecken.

„Beim Klabautermann! Pentacosta, was verkauft Ihr für einen Mist!“, grollte Stiefelriemen.

„Was suchen die Herren?“, erkundigte er sich und kam von der angefangenen Karte wieder zurück zum Ladentresen.

„Hier fehlt eindeutig San Cristobal!“, versetzte Bill Turner. Pentacosta beugte sich über die Karte.

„Nein, Sir, diese Karte ist vollständig“, beharrte der Kartograf. Bill wollte aufbrausen, aber Will hielt ihn zurück.

„Wie kommt Ihr darauf?“, fragte er den Spezialisten.

„Mr. Turner, ich zeichne seit fast dreißig Jahren Karten. Ich fahre zwar nicht selbst zur See, bekomme aber gerade hier ausgesprochen gute Informationen über neu entdeckte Gebiete. Von einer Insel mit dem Namen San Cristobal habe ich – wissenschaftlich – noch nie gehört.“

Vater und Sohn Turner sahen sich an. Bill zog eine Skizze aus der Tasche, die San Cristobal zeigte.

„Kennt Ihr diese Form?“, fragte er. Pentacosta sah lange auf die Skizze, kratzte sich nachdenklich am kahlen Kopf und tippte dann auf die Skizze.

„Doch“, sagte er, „diese Umrisse habe ich schon mal gesehen. Aber das war auf einer chinesischen Karte und die sind nicht mit unseren zu vergleichen. Captain Sao Feng war vor ein paar Tagen bei mir und wollte eine recht wundersame Karte haben: Aus Bambusstreifen, mit mehreren konzentrischen Kreisen, die beweglich sind. Ich hatte so etwas gerade hereinbekommen, aber eher als Schmuckstück, weil mit dieser Art Karte ein normaler Europäer nichts anfangen kann. Da waren wirklich unglaubliche Sachen darauf: Recht geheimnisvolle Orte wie das Ende der Welt zum Beispiel oder der angeblich vorhandene Jungbrunnen oder eben San Cristobal. Ich selbst arbeite streng wissenschaftlich. Hokuspokus kommt auf meinen Karten nicht vor. Deshalb habe ich das auch mehr als Schmuck für mein neues Schaufenster eingekauft. Captain Feng war so ein Teil gestohlen worden. Er hat mir so viel Geld geboten, dass ich dann doch nicht widerstehen konnte … Vielleicht kann Euch Captain Feng weiterhelfen. Er ist gerade in Tortuga.“

„Woher hattet Ihr die Karte?“, fragte Bill.

„Oh, die hat mir ein recht abgerissener Mensch angeboten, der sich Moses nennt. Gehört wahrscheinlich zu einer der Piratencrews hier.“

„Was … wisst Ihr von San Cristobal?“, hakte Will ein. Avenarius Pentacosta zog die Brille auf die Nasenspitze herunter.

„Kommt darauf an, wen Ihr fragt. Solche Leute wie Master Gibbs von der Black Pearl können darüber unglaubliche Geschichten erzählen – dass sie ein Paradies sein soll, in dem Milch und Honig fließen, in dem dicke Diamanten so einfach im Gebüsch herumliegen und die Wege aus purem Goldstaub bestehen sollen. Aber jeder hier, der nicht vom Aberglauben befallen ist, sagt, die Insel gibt es überhaupt nicht. Sie ist pures Seemannsgarn – wie Riesenkraken und Seeschlangen.“

„Ist die Black Pearl in Tortuga?“

„Nein, Captain Sparrow ist schon seit ein paar Monaten nicht mehr hier gewesen. Ihr kennt ihn ja – ständig auf der Suche nach ungesunden Schätzen. Dabei hat er den ungesündesten Schatz zu Hause: seine Frau. Ich weiß, dass er vor seiner letzten Tour beim Bader** nebenan war, um sich mal wieder einen Goldzahn machen zu lassen. Die Gerüchte, seine Frau hätte ihm drei Zähne mit dem Besen ausgeschlagen, wollen einfach nicht verstummen“, kicherte der Kartograf.

„Und wo finden wir Captain Feng?“

„Oh, der hat auf der anderen Hafenseite ebenfalls ein Badehaus eröffnet. Mr. Hamit von nebenan ist darüber nicht gerade begeistert, aber in Tortuga kann nun mal jeder machen, was er will. Es hat auch schon handfeste Keilereien mit den Chinesen gegeben, weil sie wohl versucht haben, von manchen Handwerkern und Geschäftsinhabern hier so genanntes Schutzgeld zu kassieren – wer nicht zahlt, dem machen sie die Bude platt. Aber da ist vor nicht allzu langer Zeit Captain Teague dazwischen gegangen. Ich sag’ Euch, das hat nur so gestaubt. Seitdem geben die Schlitzaugen Ruhe und haben sich in ihr Badehausviertel verzogen. Da drüben entsteht so langsam Klein-China, mit geschwungenen Dächern, irgendwelchen Tempelchen und so. Sieht ganz putzig aus, ist aber mit großer Vorsicht zu genießen. Uns Langnasen haben sie seit Teagues Eingreifen erst mal gefressen wie einen kalten Klumpen Teer.“

„Aber die Karte, die Ihr hattet, war nicht dieselbe, die ihm gestohlen worden ist, oder?“, fragte Will. Pentacosta zuckte mit den Schultern.

„Wer weiß? Ihr wisst doch, dass in Tortuga alles geklaut wird, was nicht niet- und nagelfest ist. Bei mir ist auch schon einiges abhanden gekommen, aber es hält sich in so engen Grenzen, dass ich deshalb nicht aus Tortuga weggehe. Aber dass jemand was bei Sao Feng klaut und es mir direkt zum Kauf anbietet, das glaube ich dann doch nicht. Nicht mal Captain Feng hat das behauptet und der nimmt normalerweise keine Rücksichten.“

„Danke für Eure Auskünfte – und natürlich für die Karten, Mr. Pentacosta“, verabschiedeten sich Vater und Sohn Turner und verließen den Kartenladen.

„Was hast du vor, mein Junge?“, fragte Bill, als er den suchenden Blick seines Sohnes bemerkte.

„Ich bin nicht abergläubisch, das weißt du, aber diese Insel …“, brummte Will und wendete den Blick nicht vom „Chinesenviertel“ Tortugas ab.

„Willst du sie stehlen, die Karte?“

„Vielleicht kann man sich mit ihm anderweitig einigen.“

„Das kann teuer werden, Junge!“, warnte Bill. Will nickte nur.

„Wenn wir Goldbarts Insel finden wollen, müssen wir wohl mit Sao Feng reden …“, seufzte Will. „Bring die Karten aufs Schiff. Ich gehe zu Sao Feng.“

Im Badehaus Blauer Drache nahm der Türsteher Xu die potenziellen Gäste recht genau unter die Lupe, bevor er sie einließ. Waffen waren in Sao Fengs Badehaus strikt verboten, also hatte jeder Besucher seine Waffen abzulegen, bevor er in den eigentlichen Baderaum vordringen konnte. Xu nahm Will Degen, Messer und Pistole ab, ließ den Captain auch das Oberhemd ausziehen, konnte sich aber davon überzeugen, dass Will außer seinem ledernen Band mit einigen Schmuckstücken daran und ansehnlichen Muskeln, die von harter Arbeit in der Schmiede und am Steuer seiner Aztec zeugten, unter dem Hemd nichts Bedrohliches bei sich hatte und ließ ihn schließlich passieren. Tai Huang, Sao Fengs Erster Maat und Hauptmann von dessen Gefolgsleuten an Land, war der nächste, der Will Turner stoppte.

„Was wollt Ihr?“

„Ich möchte mit Captain Sao Feng sprechen, dem Piratenfürsten von Singapur und dem Südchinesischen Meer“, erwiderte Will.

„Ich kann mich nicht erinnern, Euch ein Treffen mit meinem Herrn zugesagt zu haben“, entgegnete Tai Huang.

„Nein, ich habe auch vorher nicht darum gebeten. Die Umstände für die Unterredung haben sich erst vor kurzem ergeben. Ich weiß, dass er in Tortuga ist. Seid also bitte so gut, Eurem Herrn zu melden, dass William Turner, König der Piraten, Sao Feng zu sprechen wünscht.“

„Wartet hier“, sagte Huang, beorderte mit einem herrischen Zeichen mit dem Kopf einen seiner Untergebenen hinzu, der Will Turner in dem Zwischenraum bewachte wie ein Drache den Schatz.

Es dauerte einige Zeit, bis Tai Huang zurückkehrte und Will bedeutete, dass Sao Feng ihn empfangen werde. Will betrat den dampfgeschwängerten Hauptraum des Badehauses und fühlte sich schier augenblicklich wie selbst durchs Wasser gezogen.

„Willkommen in meinem bescheidenen Badehaus, Captain Turner, König der Piraten“, begrüßte Sao Feng Will mit großer, ausladender Geste. Will verneigte sich höflich, dennoch knapp.

„Was wünscht Ihr?“, fragte der chinesische Piratenfürst.

„Ich habe gehört, dass Ihr eine besondere Seekarte habt, die eine Insel zeigt, die sonst auf keiner Karte zu finden ist – San Cristobal“, erklärte Will. Sao Feng kratzte sich nachdenklich am fast kahlen Kopf, der diverse Narben aufwies, die sich über die gesamte Kopfschwarte zogen.

„Ist das so?“, fragte er.

„Aye“

„Und … was … kann ich für Euch tun, Captain Turner, König der Piraten?“

„Ich bitte Euch, mir diese Karte zu leihen oder sie mir zu verkaufen“, erwiderte Will. Eine Lachsalve dröhnte durch das Badehaus. Sao Feng lächelte geheimnisvoll.

„Europäer können mit unseren Karten nichts anfangen, weil sie sie nicht zu lesen verstehen“, gab Feng zu bedenken.

„Dann bitte ich Euch zusätzlich, mir einen Eurer Männer mitzugeben, der die Karte lesen kann“, bat Will.

„Was … sucht Ihr, dass Ihr mit Euren Karten nicht finden könnt?“

„Die Insel San Cristobal“, antwortete Will wahrheitsgemäß. Sao Fengs Schmunzeln ließ ihn die Antwort bereuen.

„Und … was sucht Ihr auf … San Cristobal?“, fragte Feng weiter.

„Die Insel soll – wenn es sie denn gibt – der Schlupfwinkel von Ara Goldbart sein. Goldbart hat meine Familie in seiner Gewalt und ich habe vor, meine Familie zu befreien“, erklärte Will.

„Sonst wollt Ihr dort nichts?“, bohrte Feng weiter.

„Nein“

„Was … wisst Ihr von Ara Goldbart?“, fragte der chinesische Piratenfürst.

„Ich weiß, dass er ein Pirat ist, einst Nassau angriff und dabei von Captain Sparrow und der Crew der Black Pearl gestört wurde.“

„Das ist sehr wenig, Captain Turner. Zu wenig, um Euch die Karte zu geben und einen meiner Männer dem Risiko auszusetzen, in das Ihr Euch begeben wollt.“

„Dann sagt mir, was ich wissen muss. Ich bin nicht auf Schätze aus, mir geht es nur um meine Familie.“

„Was seid Ihr bereit, für die nötigen Informationen zu bezahlen, Captain Turner?“

„Was ist Euer Preis?“

„Ich will die Steine.“

„Was für Steine?“

„Die Seediamanten. Sie sind in Goldbarts Besitz. Wenn Schätze nicht Euer Begehr sind, habt Ihr gewiss nichts dagegen, einen solchen Fund herzugeben.“

„Dass ich nicht auf Schätze scharf bin, heißt nicht, dass ich Leute beraube, um deren Besitz an Andere zu geben“, versetzte Will.

„Nun, dann wird nichts aus unserem Geschäft. Einen anderen Preis akzeptiere ich nicht.“

„Dann gebt mir die Karte und ich suche mir die nötigen Informationen woanders.“

„Der Preis für die Karte wäre noch höher. Wenn Ihr schon den Preis nicht zahlen wollt, dann erst recht nicht den für die Karte.“

„Und der wäre?“

„Goldbarts Kopf“, versetzte Sao Feng mit freudlosem Lächeln. Will schüttelte den Kopf.

„Ihr wollt Goldbarts Diamanten, Ihr wollt seinen Kopf und Ihr wisst, wo Ihr ihn finden könnt. Warum holt Ihr Euch nicht selbst, was Ihr begehrt?“, fragte er schließlich.

„Weil man den Teufel besser nicht reizt. Und jetzt verschwindet!“, erwiderte Sao Feng und winkte Will mit einer Handbewegung hin-aus, die so aussah, als verscheuche er ein lästiges Insekt. Mit eisiger Miene verbeugte Will sich knapp und verließ das chinesische Badehaus, nachdem Türsteher Xu ihm seine Waffen zurückgegeben hatte.

Sao Feng sah ihm nach.

„Er ist gefährlich“, vernahm der chinesische Piratenfürst die brüchige Stimme seines Onkels, der an einer der dicken Säulen saß. Fengs Blick ging zu dem kleinen alten Mann hin, dessen weißer Schnurrbart im Sitzen fast bis auf seine Knie reichte. Seine Augen waren schon trübe, aber voller Weisheit. Sao Feng dachte einen Moment nach. Will Turner wusste von der Insel, er wusste jetzt auch, dass es dort besondere Diamanten gab – und er hatte Verbindung zu Calypso, was Sao Feng ihm wahrhaft neidete. Besonders diese Verbindung konnte das Ziel des chinesischen Piratenfürsten, die Seediamanten in seinen Besitz zu bringen, ernsthaft gefährden. Wenn Turner Tia Dalma alias Calypso aufsuchte, um sie nach den Seediamanten zu befragen, würde er erheblich mehr wissen, als Sao Feng zulassen konnte … Der Piratenfürst drehte sich zu Tai Huang um.

„Nehmt ihn gefangen oder tötet ihn!“, befahl er.

 

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Kapitel 15

San Cristobal

Währenddessen trieb der Passatwind die Esmeralda über die Karibik. Strahlend blauer Himmel und ebenso tiefblaues Meer ließen die Grenzen beider Elemente fast verschwimmen. Die Sonne stand fast im Zenit, als Goldbart den Anker werfen ließ. Das Schiff lag still, als er seine Gefangenen an Deck holen ließ.

„Wir haben unser Ziel erreicht“, sagte Goldbart und präsentierte stolz nach Steuerbord. Elizabeth und ihre beiden Dienerinnen sahen sich verblüfft an. Dort war nichts außer den Mastspitzen von wenigstens drei gesunkenen Schiffen. Dann krampfte sich Elizabeth der Magen zusammen, als ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, dass Goldbart sie jetzt allesamt über die Planke jagen wollte. Sie würgte, konnte ihr Würgen aber gerade noch als Hustenanfall tarnen.

„Ihr seht nichts, Lady. Das ist normal. Meine Insel ist gut getarnt. Nur deshalb lebe ich noch“, sagte Goldbart. Er gab seinen Leuten einen Wink, die eines der Beiboote zu Wasser ließen und geradewegs nach Steuerbord pullten. Einer von ihnen tauchte eine Hand ins Wasser, wischte sich damit über das Gesicht, gab den anderen Männern ein Zeichen, die die Richtung geringfügig nach Backbord des Bootes änderten, fort von den Schiffswracks – und das Boot verschwand in einem Flimmern, das sehr nach einer Luftspiegelung aussah, einer Fata Morgana.

Es dauerte eine Weile, die Elizabeth wie eine Ewigkeit vorkam. Dann löste sich die Fata Morgana plötzlich auf und vor ihnen erschien wie aus dem Nichts eine tropische Insel mit feinem, weißem Strand, dichtem Bewuchs, der in Strandnähe eher aus Palmen bestand, während er weiter im Inselinneren aus tropischen Hölzern zu bestehen schien. Um die Insel herum zog sich ein ringförmiges Korallenriff, das erst jetzt erkennbar wurde. Das Boot war durch einen Kanal im Riff gefahren, der gerade breit genug für eine Brigg in der Größe der Aztec oder der Esmeralda war, und das auch nur für ein Schiff mit geringem Tiefgang. Eine Fregatte wie die Black Pearl würde hier unweigerlich auf Grund laufen … In einer geschützten Bucht, in der von außen schon ein Landesteg erkennbar war, hatte das Beiboot angelegt. Die Männer, die es hinein gefahren hatten, standen an einem Turm am Strand, der aus drei zusammengebundenen Palmen bestand, deren Blätter entfernt worden waren. Oben in den Palmen, wo einmal die Kronen gewesen waren, war so etwas wie ein Krähennest um die entblätterten Kronen gebaut, zu dem eine steile Leiter aus Bambus führte. Von vier verlängerten Eckstreben der aus Bambus bestehenden Palisade der Plattform führten metallene Ketten zu Mitte der Plattform, die im Zentrum der Plattform etwas hielten, das unter einem schwarzen Segeltuch verborgen war. Einer von Goldbarts Männern stand neben dem verdeckten Ding.

Mithilfe der Toppsegel setzte sich die Esmeralda in Bewegung und passierte mit Goldbart am Steuer den Riffkanal langsam und vorsichtig. Einer seiner Männer stand am Heck und gab dem Captain ein Signal, als das Schiff mit dem Heck den Riffkanal verlassen hatte. Beim Durchfahren des Kanals erkannte Elizabeth ein langes Seil, das quer über die geschützte Bucht gespannt war, unter dem der Großmast der Esmeralda gerade so durch passte. Auf Goldbarts Handzeichen hob der Mann auf der Palmenplattform die Abdeckung über dem verdeckten Ding. Augenblicklich ging von dort ein gleißendes Strahlen aus. Gleichzeitig zogen auf beiden Seiten der Bucht je zwei Männer an Tampen und zogen einen Vorhang aus dunkelgrünem Segeltuch vor der Bucht zu. Einer der Männer sprang ins Wasser und verknüpfte drei Bändselpaare die an dem Buchtvorhang in handbreiten Abständen von der Unterkante des Buchtvorhangs nach oben angebracht waren.

„Ihr gebt Euch große Mühe, Eure Insel zu tarnen, Captain Goldbart. Wieso habt Ihr uns dann hierher gebracht?“, fragte Elizabeth. Goldbart antwortete nicht, sondern gab die Kommandos zum Festmachen. Als die Esmeralda fest vertäut an der Pier lag, drehte er sich zu Elizabeth um.

„Wenn Ihr meint, ich müsse mir Sorgen machen, Ihr könntet das Geheimnis meiner Insel verraten, seid Ihr auf dem falschen Kurs. Ihr werdet diese Insel nicht mehr verlassen.“

„Und … was habt Ihr mit mir, meinen Kindern und meinem Gesinde dann vor?“

„Ihr seid Honig für die Fliegen, die ich fangen will, sonst nichts“, versetzte Goldbart kalt. „Wenn ich mit denen fertig bin, die meine Feinde sind, werde ich mir überlegen, ob Ihr und Euer Anhang für mich noch interessant seid“, fuhr er fort und machte eine ausladende Geste zu der angelegten Planke, die auf den Steg führte.

„Nach Euch, Lady.“

Elizabeth nahm Lilly auf den Arm, Klein William an die Hand und betrat die Planke. Mit wenigen festen Schritten hatte sie den Steg erreicht und half der recht wackelig und unbeholfen herunter kommenden Jenny auf den Steg. Esther hatte noch größere Schwierigkeiten, erreichte aber mithilfe von Jenny und Elizabeth ebenfalls ungefährdet den Steg.

„Im Gegensatz zu Euren Bediensteten habt Ihr rechte Seebeine, Lady“, bemerkte Goldbart mit gewisser Anerkennung.

„Ich habe meinen Mann auf vielen Fahrten begleitet und verstehe selbst genug von Seefahrt, um zu wissen, wie ich auf ein Schiff hinauf und wieder herunter komme“, versetzte Elizabeth. „Also, wohin sollen wir jetzt gehen? Oder sollen wir im Urwald bleiben?“, knurrte sie. Goldbart zeigte ein fast sympathisches Lächeln.

„Ihr werdet in einem festen Haus wohnen, keine Sorge. Ihr könnt Euch auf der Insel auch frei bewegen – mit Ausnahme dieser Bucht. Sollten meine Männer hier einen von Euch erwischen, ist es vorbei. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Nein“, entgegnete Elizabeth kalt.

„Dann ist der- oder diejenige tot. Ist es jetzt deutlich genug?“, brummte Goldbart.

„Aye“

„Also, vorwärts!“

Ein Teil der Crew blieb beim Schiff, der größere Teil mit Goldbart führte Elizabeth und ihre Begleiter einen gut erkennbaren Dschungelpfad entlang, der in gut zu begehenden Schleifen und recht angenehmer Steigung auf den zentralen Berg der Insel führte. Dennoch waren die drei Frauen durchgeschwitzt und recht erschöpft, als sie die kleine Siedlung oben auf dem Berg erreichten. Es waren Häuser, die Elizabeth hier nicht erwartet hatte: Steinhäuser, die in spanischem Stil gebaut, weiß verputzt und schön anzusehen waren. Das größte Haus in der Mitte war eine wahrhaftige Villa. Die ganze Siedlung umgab eine massive Mauer, die gut einen Klafter** stark und wenigstens drei Klafter hoch war. Von der Siedlung aus waren die Festungsanlagen, die Elizabeth beim Aufstieg zum Teil nur schemenhaft im Dschungel wahrgenommen hatte, nicht zu sehen. Das Tor, das Crew und Gefangene durchschritten, bestand aus dicken Palmenbohlen und war mit schmiedeeisernen Beschlägen versehen, die Elizabeth in Kenntnis von Wills Schmiedekunst als gute Arbeit erkennen konnte.

„Wie soll es zugehen, dass wir uns frei bewegen können, wenn hier ein solches Tor die Mauer schließt?“, fragte sie.

„Frei bewegen bedeutet hier am Tage frei bewegen – nicht in der Nacht“, stellte Goldbart klar. „Nachts ist dieses Tor geschlossen und auch gut bewacht. Macht Euch keine Illusionen. Sparrow hat keine Chance.“

Elizabeth blieb stehen und ließ sich auch von Goldbarts Erstem Maat Espen nicht dazu bewegen, weiter zu gehen.

„Wie oft soll ich Euch noch sagen, dass ich nicht mit Captain Sparrow verheiratet bin?“, grollte Elizabeth. „Er ist ein guter Bekannter, aber nicht mein Mann!“

Goldbart blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu ihr um.

„Und wie oft soll ich Euch noch sagen, dass es mir völlig egal ist, wessen Frau Ihr seid? Mir genügt es, dass Sparrow ein guter Bekannter von Euch und Eurem Mann ist. Haltet mich nicht für blöder als ich wirklich bin.“

„Captain Goldbart, wer sich mit William Turner jr. anlegt, der ist blöde!“, fauchte sie. „Zu blöde, um zu erkennen, dass er sich jemand unnötig zum Feind macht, der ihm ein guter Freund sein könnte.“

Goldbarts Reaktion auf ihren harschen Vorwurf bestand in einer saftigen Ohrfeige, die Elizabeth zurückwarf, dass sie rückwärts zu Boden ging. Mit zwei schnellen Schritten war Goldbart heran, stellte einen bestiefelten Fuß auf ihren linken Unterarm, dass sie nicht hochkam.

„Strapaziert nicht meine Geduld, Lady!“, warnte er gefährlich leise. „William Turner gehörte zu Jack Sparrows Crew und hat in Nassau meinen Bruder getötet, als Sparrow nichts Besseres zu tun hatte, als meinen Beutezug dort zu stören und einzusacken, was meiner Crew und mir zugestanden hätte. Er hat mein Schiff versenkt, weil er Sparrows Kanonier war. Denkt nicht, ich hätte das vergessen oder gar verziehen.“

„Und was kann sein Sohn dafür?“, wetterte Elizabeth ungeachtet der bedrohlichen Situation weiter. „Verdammt noch mal, Goldbart, mein Mann hat mit Eurem Problem mit Captain Sparrow und Bill Turner nichts, aber auch gar nichts zu tun!“

Goldbarts Tritt wurde härter. Elizabeth stöhnte unterdrückt auf, weil der Fuß ihren Unterarm schmerzhaft quetschte.

„In den Adern Eures Mannes fließt Turner-Blut. Abgesehen davon weiß in der Karibik inzwischen fast jedes Kind, dass Euer Mann seinem Vater mehr als nur ähnlich ist – äußerlich wie vom Charakter. Wäre Euer Mann in der Situation seines Vaters gewesen, er hätte nicht anders gehandelt. Er wird genauso dran glauben müssen wie dieses miese Schwein Everett.“

Goldbart zog seinen Fuß zurück und bedeutete Espen mit einem Kopfnicken, Elizabeth aufzuhelfen. Der Erste Maat zog die junge Frau mit erstaunlich viel Feingefühl hoch.

„Ihr werdet sehen, was Ihr davon habt, Rache gegen jeden zu schwören, der Euch schief ansieht“, knurrte Elizabeth und klopfte sich den Dreck von Kleid.

„Wahrscheinlich irgendwann endlich meine Ruhe!“, fauchte Goldbart zurück. „Nämlich dann, wenn alle beseitigt sind, die auf meine Diamanten scharf sind. Seit fast einem Jahrhundert kämpfe ich … kämpft meine Familie darum, dieses kostbare Eigentum endlich in Sicherheit zu wissen.“

„Weder Will noch ich wollen Eure Diamanten“, erwiderte Elizabeth. Goldbart zog die Skizze aus der Tasche und hielt sie ihr vor.

„Ach ja? Und das ist Schmierpapier, was? Was Ihr oder Euer teurer Gatte damit wohl wolltet! Meine Steine rauben, wie jeder, der von den Seediamanten auch nur hört!“, donnerte er sie an. „Aber diesmal werde ich gründlicher sein und wirklich jede einzelne Spur vernichten und jeden aus dem Weg schaffen, der das Wort auch nur je gehört hat!“ fuhr er fort.

„Ihr könnt nicht die ganze Welt entvölkern, Goldbart. Die Geschichte Eurer Diamanten kursiert längst im Sagengut der ganzen bekannten Welt“, erwiderte Elizabeth wütend. „Aber in einem Punkt stimmt die Sage zu hundert Prozent: dass diese Steine aggressiv machen. Ihr seid wahrhaftig das beste Beispiel dafür. Jetzt hoffe ich noch, dass auch die zweite Aussage stimmt, nämlich dass sie Unglück bringen. Mögen sie Euch direkt in die Hölle führen, denn dort gehört Ihr hin.“

Goldbart griff sie hart am Kleid, dass der Ausschnitt einriss.

„Noch ein Wort, Lady und ich vergesse, dass ich jemals in Erwägung gezogen habe, Euch eventuell am Leben zu lassen“, knurrte er drohend. „Espen, bring die Dame und ihren Anhang in das Gästehaus. Meine Befehle dazu kennst du“, wandte er sich dann an den Ersten Maat.

„Aye, Captain!“, bestätigte der und nahm Elizabeth am Arm. „Kommt schon, sonst erlebt Ihr den heutigen Abend nicht mehr.“

Espen brachte Elizabeth, die Kinder und die beiden Dienerinnen in ein etwas abseits gelegenes Haus, in dem es an nichts zu fehlen schien.

„Hier ist Euer Schlüssel, Lady. Es ist besser, wenn Ihr nachts abschließt und das Haus nicht verlasst. Es leben hier einige recht gefährliche Untiere. Solltet Ihr einen Wunsch haben, läutet bitte hier. Außer Euch von dieser Insel entkommen zu lassen, kann ich fast jeden Wunsch erfüllen“, erklärte der Maat. Nach einer Pause fügte er hinzu: „Nehmt nicht alles wörtlich, was der Captain sagt.“

„Wenn Ihr mich damit beruhigen wollt, liegt Ihr falsch, Mr. Espen. Wenn jemand das Leben meines Mannes bedroht, dann schafft er sich gleich zwei Feinde, nämlich Will und mich“, versetzte Elizabeth zornig. Espen lächelte auf eine recht sympathische Art, die sie ein wenig an Will erinnerte.

„Nein, wirklich. Seine Drohungen sind finsterer, als er wirklich ist.“

„Warum eigentlich?“

Espen sah sich um, als fürchtete er, beobachtet oder belauscht zu werden.

„Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, dass ich Euch mehr von ihm erzähle. Ich muss jetzt gehen“, verabschiedete er sich dann. „Bitte, geht nachts nicht hinaus!“, warnte er noch im Gehen.

Doch gerade Espens eindringliche Warnung motivierte Elizabeth erst recht, die Insel des Nachts näher zu untersuchen – einschließlich eventueller Fluchtmöglichkeiten oder wenigstens der Chance, Will zu alarmieren. Denn dass Will im Gefängnis blieb, wenn er erfuhr, dass sie und die Kinder in Goldbarts Gewalt waren, glaubte sie nicht …

 

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Kapitel 16

Göttliche Hilfe

Will Turner ging nachdenklich durch das Chinesenviertel Tortugas zurück zu den Piers auf der anderen Seite des Piratenhafens. Die Karte von Sao Feng würde ihm ohne Übersetzer nichts nützen. Es machte also auch keinen Sinn, sie einfach zu stehlen, wenn Sao Feng sie nur zu einem unmöglichen Preis herausgeben wollte. Dann blieb in der Tat nur noch ein Besuch bei Tia Dalma, die gewiss eine Möglichkeit hatte, ihm den Weg nach San Cristobal zu weisen.

In seiner Nachdenklichkeit bemerkte er die schattenhaften Gestalten nicht, die ihm von Haus zu Haus folgten. Wills Fechtkunst und Kampfkraft waren bekannt. Die chinesischen Piraten wussten nur zu gut, dass ein Will Turner nur mit erheblicher Überzahl zu bezwingen war. Sao Fengs Erster Maat war deshalb mit sieben weiteren Männern unterwegs, um den Befehl seines Herrn auszuführen. Tai Huang bedeutete seinen Männern, leise zu sein, um den Briten nicht zu früh zu alarmieren. Im Chinesenviertel war es erheblich ruhiger als im eher international geprägten Hafenteil auf der anderen Buchtseite. Waffenklirren war in diesem Teil deshalb sehr viel leichter wahrzunehmen als drüben, wo Raufereien zwischen rivalisierenden Crews und Kampflärm an der Tagesordnung waren. Sao Fengs Erster Maat wollte Turner aber auf jeden Fall vor den Piers der anderen Buchtseite abfangen, um zu vermeiden, dass er und seine Männer in eine Keilerei mit Leuten von Teague gerieten oder dass jemand Turner half.

Der stete Kampflärm aus dem alten Piratenhafen wurde am Rand des Chinesenviertels lauter, als Tai Huang seine Männer mit Handzeichen anwies, Will anzugreifen. Wie die Wildkatzen sprangen die Männer aus der Deckung und stürzten sich auf den völlig überraschten Will, der sich aber schnell fing und hart und präzise zurückschlug. Mit einiger Mühe kam er an sein Messer, das er im Gürtel trug, stach zwei von Tai Huangs Leuten nieder; aber es waren einfach zu viele. Sie rangen ihn nieder, ein harter Schlag traf ihn am Kopf und es wurde dunkel um ihn.

Am anderen Ende der Bucht wurde Stiefelriemen allmählich nervös. Will war schon einige Stunden fort; zu lange, um nur um eine Seekarte zu verhandeln. Eine innere Stimme sagte ihm, dass Will etwas zugestoßen sein musste.

„Stephen, übernimm das Kommando. Charlie, Eddie, Jim, ihr kommt mit. Wir gehen Will suchen“, sagte er schließlich. Die Gerufenen bestätigten die Weisung ihres Ersten Maats. Das Suchkommando ging von Bord, Stephen Groves wies den Rest der diensthabenden Crew an, die Augen offen zu halten und das Schiff gut zu bewachen.

„Wohin wollte der Captain, Bill?“, fragte Eddie.

„Zu Sao Feng, um ihm eine Seekarte abzuhandeln. Dort werden wir auch anfangen zu suchen“, erwiderte Bill. Er und seine Männer bahnten sich einen Weg durch die Raufereien Tortugas, ohne sich daran zu beteiligen. In der Nähe des zentralen Kais kamen ihnen Jack Sparrow, Joshamee Gibbs, Pintel und Ragetti entgegen.

„Stiefelriemen! Na, das is’ ’ne Überraschung, aye?“, grinste Jack golden, als er seinen früheren Maat sah. „Was macht ihr in Tortuga?“

„Ist ’ne längere Geschichte, für die ich im Moment keine Zeit habe, Jack. Wir suchen Will“, gab Stiefelriemen zurück. Jack kannte den Ausdruck, den Bill Turner im Gesicht hatte, nur zu gut. Bill machte sich Sorgen um seinen Sohn. Erstens hielt man ihn dann besser nicht auf, wenn einem die eigene Gesundheit lieb war, und zweitens hatte er meistens Recht, dass Will dann in Schwierigkeiten war.

„Wie verträgt sich das mit deiner Kenntnis des Kodexes? Wer zurückbleibt, wird zurückgelassen! Klar soweit?“, grinste Jack dennoch. Stiefelriemen blieb so dicht vor ihm stehen, dass Jack schon nach oben sehen musste, um dem hochgewachsenen Bill in Augen sehen zu können.

„Wenn mein Sohn sich so an den Kodex halten würde, wie du es gerade tun willst, wärst du längst nicht mehr unter uns, Jack Sparrow. Geh mir aus dem Weg!“, grollte Bill und schob Jack recht grob beiseite.

„Hey, kleiner Scherz, Bill!“, rief Jack hinterher, aber Bill Turner war nicht in der Stimmung für Scherze. Bill und seine Männer reagierten nicht, sondern gingen weiter. Jack nickte in die Richtung, in die Bill und seine Begleiter gingen.

„Kommt, der Welpe braucht Hilfe“, sagte er.

Will Turner kam prustend zu sich, als Tai Huangs Leute ihn mit Schwung in einen Bottich voller Eiswasser beförderten. Bevor er soweit klar war, um sich in dem fast oberschenkeltiefen Wasser aufzurichten, waren schon zwei muskelbepackte Bademeister heran, die ihn auf die Knie zwangen und seine Arme an eine dicke Stange fesselten. Auf ein Kopfnicken von Sao Feng drückten sie Will unter Wasser. Will hatte das Gefühl, ihm würde der Kopf platzen, weil er sich zwingen musste, die Luft anzuhalten, um nicht Wasser einzuatmen.

‚Halt durch!’, vernahm er eine Stimme in seinem Kopf, die eindeutig nach Calypso alias Tia Dalma klang. ‚Ich bin bei dir und werde dich schützen.

Fast im gleichen Moment fiel es ihm erheblich leichter, die Luft anzuhalten. Dann wurde er nach oben gerissen und schnappte japsend nach Luft. Eine harte Hand mit sehr langen Fingernägeln griff nach seinem Kinn und zwang ihn, den Eigentümer der Hand anzusehen – Sao Feng.

„Du weißt von der Insel San Cristobal. Nur, wer meine Karten kennt, kann von dieser Insel wissen. Also bist du der Dieb, der mir meinen kostbarsten Besitz gestohlen hat“, warf Sao Feng ihm vor. „Wo ist meine Karte?“

„Ich habe Eure Karte nicht. Weshalb wäre ich sonst gekommen, um die Karte von Euch zu leihen oder zu kaufen?“, gab Will schwer atmend zurück. Sao Feng nickte, die Bademeister zwangen Will wieder unter Wasser, drückten ihn dieses Mal länger unter Wasser, bevor sie ihn auf Fengs Befehl wieder hochrissen. Trotz Calypsos Schutz hatte er es diesmal nur knapp geschafft, nicht unter Wasser Luft zu holen. Will keuchte vor Anstrengung, schnappte nach Luft, um besser gewappnet zu sein.

„Wo ist die Karte?“, fragte Feng scharf.

„Wenn Ihr kein Englisch versteht, dann gebt mir einen Übersetzer! Ich … habe … sie … nicht!“, grollte Will. Sao Fengs Reaktion bestand in einer Ohrfeige, die Wills Kopf zurückschleuderte, die Sao Feng aber augenblicklich bereute, weil er selbst einen fürchterlichen Schlag an der linken Wange spürte. Verwirrt drehte er sich um, aber hinter ihm stand auf fünf Yards Abstand niemand.

„Woher weißt du dann von meiner Karte?“, fragte Feng, als er sich wieder umdrehte.

„Ich habe eine Seekarte gesucht, auf der diese Insel eingezeichnet ist. Mr. Pentacosta sagte mir, dass er Euch vor einigen Tagen eine solche verkauft hat. Unter den Seekarten, die er selbst zeichnet, war sie nicht, weil er selbst diese Insel für Seemannsgarn hält.“, erwiderte Will erschöpft.

„Und woher weißt du überhaupt von dieser Insel?“

„Ich habe … davon gehört, dass sie der Schlupfwinkel von Ara Goldbart ist. Ich will dort hin, um meine Familie aus dessen Händen zu befreien. Aber das habe ich Euch alles schon gesagt.“

Sao Feng nickte mit dem Kopf, für die beiden Bademeister das Zeichen, Will wieder unterzutauchen, aber ein scharfes:

„Das würde ich an deiner Stelle bleiben lassen, Sao Feng!“,

hinderte sie.

Mitten im Raum standen Bill Turner und Jack Sparrow, die jeweils einen von Sao Fengs Männern mit scharfen Dolchen bedrohten. Jack hatte sich Tai Huang gegriffen, der seinen Herrn flehend ansah. Sao Feng drehte sich um, während aus sämtlichen Badebecken mit Blankwaffen bewehrte „Badegäste“ hochkamen.

„Und wieso?“, fragte der chinesische Piratencaptain äußerlich ungerührt.

„Ich weiß, wie sehr Ihr an Eurem Ersten Maat hängt. Tai Huang ist eine treue Seele“, sagte Jack kühl. „Ihr wollt ihn gewiss nicht verlieren.“

Sao Feng lächelte verbindlich.

„Ich kenne Euch, Captain Sparrow. Ihr tötet nicht.“

„Normalerweise nicht, aye. Aber wenn jemand einem Freund von mir ans Leben geht, kann ich auch anders. Klar soweit?“

„Wenn Euer Freund mir sagt, wo meine gestohlene Seekarte ist, wird er leben“, entgegnete Feng.

„Will hat die Karte nicht gestohlen“, widersprach Bill Turner. „Ich war mit ihm bei Avenarius Pentacosta, wo wir neue Seekarten gekauft haben, weil uns der gesamte Kartenbestand gestohlen wurde. Das, was wir suchten, haben wir auf den Karten nicht gefunden und uns bei Pentacosta darüber beschwert. Er hat uns gesagt, dass die Insel, die wir suchen, auf einer Karte ist, die Ihr vor ein paar Tagen bei ihm gekauft habt, die aber nicht seiner Auffassung als seriöser Kartenzeichner entspricht. Deshalb wollte Will sie von Euch leihen oder sie Euch abkaufen.“

Feng gab den „Badegästen“ ein Handzeichen, die ihre Waffen senkten und sich wieder ins Wasser verzogen. Auf ein weiteres Handzeichen hoben die beiden Bademeister Will aus dem Becken und stellten ihn außerhalb des Wassers auf die Füße.

„Und … was sucht Ihr auf San Cristobal?“, fragte der Chinese weiter.

„Ara Goldbart hat Wills Frau, seine Kinder und das Gesinde in seine Gewalt gebracht. Wir wollen sie befreien.“

„Du hast die Wahrheit gesagt …“, wunderte sich Sao Feng gegenüber Will.

„Ich lüge nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn es um das Wohl meiner Familie geht“, versetzte Will. Auf Fengs Wink hin lösten die „Bademeister“ die Fesseln.

„Ich bitte um Verzeihung, Captain Turner, König der Piraten“, sagte Sao Feng mit einer höflichen Verbeugung.

„Ich erwarte jetzt etwas mehr als eine bloße Entschuldigung, Sao Feng“, setzte Will hinzu.

„Was, zum Beispiel?“

„Eure Karte, zum Beispiel“, erwiderte Will. „Ich möchte sie lediglich geliehen haben und gebe sie Euch zurück, wenn ich sie nicht mehr benötige. Und ich möchte jemanden, der sie lesen kann und sie mir wahrheitsgemäß übersetzt. Ich denke, das ist das Mindeste für das was Ihr gerade angestellt habt. Dann sehe ich gern darüber hinweg, dass Ihr Euch an mir vergriffen habt und gegen jede Bestimmung des Kodexes gehandelt habt.“

„Was wäre Eure Gegenleistung?“

„Dass ich Euch nicht Captain Teague auf den Hals hetze. Der wartet nur darauf, dem Kodex auch hier Geltung zu verschaffen. Ihr seid ein Piratenfürst, Sao Feng, Ihr seid Mitglied der Bruderschaft. Also habt Ihr Euch an den Kodex zu halten. Was Ihr gerade mit mir gemacht habt, verstößt recht rabiat gegen den Kodex. Haben wir uns verstanden?“, stellte Will klar.

„Aye“, seufzte Sao Feng. Er hatte es zu weit getrieben, das sah er ein. Nach dem Kodex durfte kein Pirat einen anderen an Bord eines Schiffes schlagen, ohne dafür hart bestraft zu werden. An Land galt der Kodex in dieser Hinsicht jedenfalls dort, wo Piraten in Gemeinschaften lebten – wie eben Tortuga. Der chinesische Piratenfürst winkte Tai Huang zu sich.

„Du wirst Captain Turner begleiten, Tai Huang, und ihm wahrheitsgemäße Auskunft über den Inhalt dieser Karte geben“, wies Sao Feng seinen Ersten Maat auf Englisch an, damit gar nicht erst der Verdacht aufkam, er gebe Tai Huang geheime Befehle.

„Aye, Sao Feng, Piratenfürst von Singapur“, bestätigte Huang.

Aus dem Dunst des Badehauses erschien Calypso alias Tia Dalma. Sao Feng, der die Göttin Calypso sehr verehrte, sank sofort auf die Knie.

„Vergib mir, Calypso“, bat er.

„Du hast dich rechtzeitig besonnen, Sao Feng. Aber versuche das nie wieder, sonst werden deine Schiffe die Meere nicht mehr befahren können, ohne meinen Zorn zu spüren. Du weißt, dass William unter meinem und Quetzalcoatls Schutz steht und dass ich es nicht zulasse, dass ihm etwas zustößt. Hüte dich vor dem Zorn Quetzalcoatls, wenn du William bedrohst. Andere haben dafür schon mit ihrem Leben bezahlt“, warnte sie den Chinesen.

„Ich werde es beachten, Calypso“, versprach Sao Feng. Die Göttin lächelte.

„Gut … ich hoffe, du hast später noch Zeit für mich“, setzte sie mit verführerischem Lächeln hinzu. Sao Feng verbeugte sich.

„Für dich jederzeit, Calypso.“

Jack sah zwischen Tia Dalma und Sao Feng hin und her.

„Wie jetzt???“, fragte er geradezu erschrocken. Tia Dalma brach in raues Lachen aus.

„Du weißt doch wie … unersättlich … ich sein kann, Jack Sparrow“, lachte sie und fuhr Jack ebenfalls verführerisch um den Bart, was ein entzücktes Lächeln bei Jack hervorrief.

„Aye“, seufzte er sehnsüchtig. Vater und Sohn Turner sahen sich schmunzelnd an. Calypso gelang es, fast jeden Mann buchstäblich um den Finger zu wickeln. Will und sein Vater gehörten zu den ganz wenigen männlichen Wesen, auf die Calypso diese Wirkung nicht hatte.

Die Briten verließen das chinesische Badehaus samt Tai Huang und der Seekarte in Begleitung von Calypso in ihrer menschlichen Gestalt. Unangefochten erreichten sie die Aztec.

„Calypso, ich hätte eine Bitte an dich“, sagte Will, als er auf dem Schiff war.

„Und die wäre, William Turner?“, fragte die Göttin in seidenweichem Ton.

„Bitte sag mir, was hier eigentlich gespielt wird.“

„Und was würdest du mir dafür geben?“

„Was verlangst du dafür?“

„Die Seediamanten.“

 

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Kapitel 17

Das Geheimnis der Seediamanten

Will schluckte hörbar.

„Du kennst meine Antwort an Sao Feng dazu“, erinnerte er. Calypso lächelte.

„Ja, das habe ich gehört. Doch ich sage dir als Göttin, dass diese Diamanten göttliches Eigentum sind – so wie der Aztekenschatz göttliches Eigentum ist.“

Will nickte.

„Das setzt die Sache in ein anderes Licht. Was ist mit diesen Diamanten?“

„Ich denke, du solltest die ganze Geschichte kennen, William. Ich will dir aber auch sagen, dass du dich dafür mit jemandem anlegen musst, der einem sterblichen Menschen sehr gefährlich werden kann. Doch ich werde bei dir sein, Quetzalcoatl natürlich auch. Wir werden dir und deinen Freunden helfen“, sagte die Göttin. Dann setzte sie sich auf Wills einladende Handbewegung in einen Sessel am großen Tisch der Kapitänskajüte, die anderen – Will selbst, Bill Turner, Jack Sparrow, Gibbs und Tai Huang – nahmen ebenfalls Platz. Tia Dalma, die menschliche Gestalt der Göttin, räkelte sich bequem in den Sessel und begann zu erzählen:

„Diese Diamanten sind Diamanten der Macht. Es sind insgesamt acht und jeder steht für eine bestimmte Eigenschaft: Weisheit, Güte, Liebe, Wahrhaftigkeit; aber auch für Aggression, Habsucht, Tücke und Lüge. Zusammen bilden sie wie Yin und Yang in der chinesischen Weltanschauung ein Ganzes, das zusammengehört. Doch sie können in den falschen Händen Schreckliches anrichten. Sie wurden geschaffen, um Gut und Böse zu vereinen und damit zu neutralisieren, doch sie wurden vom Teufel getrennt. Er riss die der Aggression, Habsucht Tücke und Lüge an sich und versteckte sie auf Erden. Er bedient sich dieser Mächte und benutzt sie, um die Welt zu beherrschen. Dafür muss er sie nicht einmal selbst in die Hand nehmen. Es genügt, wenn Menschen sie in Besitz haben. Wer sie besitzt, hat große Macht, aber nur böse Macht. Der Diamant der Tücke kann – benetzt mit dem Wasser des Lebens – Dinge unsichtbar machen, egal wie groß sie sind. Ohne das Wasser des Lebens verleiht der Diamant der Tücke bis zu einem gewissen Grad aber auch Hellsicht und die Fähigkeit, Feinde zu verwirren. Der Diamant der Habsucht lässt den Besitzer große Reichtümer finden, doch sie bringen nur Unglück. Der Diamant der Aggression bewirkt, dass der Besitzer nur Gewalt als Mittel zur Wahrung seiner Rechte nutzt. Zusammen mit dem Diamanten der Lüge kann er ganze Völker in Krieg und Vernichtung stürzen. Alle vier gemeinsam bilden eine schreckliche Macht, die schon viel Unheil angerichtet hat.

Vor fast tausend Jahren machten sich christliche Mönche auf, um diese Steine zu suchen, um sie zu vereinen und sie den göttlichen Mächten zurückzugeben. Es gelang ihnen schließlich, sie alle zu finden, aber die Folgen waren furchtbar. Die Mönche, die sich dem Guten verschrieben hatten, wurden zu wahren Teufeln der Habgier und vergaßen, weshalb sie die Diamanten gesucht hatten. In ihrer Habgier zerstritten sie sich. Ein Teil von ihnen ging in das Land, das Christen das Heilige Land nennen. Sie hatten den Diamanten der Aggression und der Lüge bei sich. Die Folge waren endlose Kriege, die Palästina ins Chaos stürzten und schließlich dazu führten, dass die Christen Palästina ganz aufgeben mussten. Die letzten Mönche, die die Diamanten hüteten und versuchten, das Unheil, das sie verbreiteten, im Zaum zu halten, waren die Templer, doch auch sie wurden Opfer der Diamanten. Einmal, als sie im Heiligen Land jeden Versuch hintertrieben, Frieden zu stiften, dann, als ihr Orden fälschlich aller möglicher und unmöglicher Verbrechen gegen Gott beschuldigt wurde. Sie waren gewiss keine Engel, aber Teufel waren sie erst recht nicht. Fast alle in Frankreich lebenden Templer wurden getötet, das Vermögen des Ordens eingezogen, soweit die Soldaten des französischen Königs ihrer und ihrer Besitztümer habhaft werden konnten. Doch ein Teil konnte entkommen. Der Diamant der Lüge ging verloren. Er wurde zerschnitten und fand zum Teil seinen Weg in die Kronen der Könige Europas, andere Teile wurden verstreut. Der Diamant der Aggression blieb in einer Templerburg in Frankreich verborgen. Es heißt, Europa wird keinen Frieden finden, solange dieser Diamant dort ist.

Der Diamant der Habsucht gelangte – auch über Frankreich – nach Spanien. Auch er ist in den Händen von Mönchen dorthin gelangt, die die besten Absichten hatten. Auch sie wurden von dem Unheilsstein korrumpiert – und das Königreich Spanien samt der katholischen Kirche ebenfalls. Ein Hofmagier in Spanien erkannte schließlich, dass der Diamant die Wurzel des Übels war und veranlasste ohne Wissen des Königs, dass der Diamant in die Neue Welt gebracht wurde. Es kam zur Meuterei an Bord, in deren Folge das Schiff sank. Und zwar mitten in der Karibik. Das war vor etwa zweihundert Jahren. Seither ist die Habgier groß in dieser Gegend.

Schließlich gelang es einem Piraten, die verbliebenen drei Diamanten – den der Aggression, der Tücke und der Habsucht – in seiner Hand zu vereinen. Sein Name ist Ara Goldbart. Durch Zauberei gewann er noch Teile des Lügendiamanten und sucht verzweifelt nach den restlichen Bruchstücken, um auch den der Lüge wieder zusammenzusetzen. Er sitzt auf der Möglichkeit dazu, doch zum Glück weiß er es nicht. Alle Diamanten, auch die guten, stammen von der Insel San Cristobal. Die guten Diamanten sind mein, sie sind nie aus dem Paradies weggekommen. Aber um die Welt wieder in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen, müssen alle Diamanten vereint sein. Deshalb möchte ich sie zurückhaben“, erklärte die Göttin.

Eine Weile war Schweigen. Alle Zuhörer mussten erst einmal verdauen, was Calypso ihnen gerade gesagt hatte.

„Wenn … wenn selbst Mönche beinahe zu Teufeln geworden sind, die die Diamanten zusammensuchten – was soll dann aus Piraten werden, die die Dinger in die Hand bekommen?“, brach Gibbs schließlich das Schweigen.

„Deshalb solltet ihr sie nie alle auf einem Schiff haben. Ich bitte euch, jeweils immer nur einen der Diamanten zu sichern und zu mir nach Pantano zu bringen. Sonst wird es euch wie den Mönchen ergehen“, erwiderte Tia Dalma.

„Die Steine bringen Unglück. Ich habe es am eigenen Leib erfahren“, warf Bill Turner ein. Tia-Calypso lächelte ihn warm an.

„Dein Unglück war, dass du Bruchstücke des Lügendiamanten gehütet hast.“

„Das waren Bruchstücke???“, entfuhr es Bill entgeistert, als er daran dachte, dass die Diamanten die Größe von Hühnereiern gehabt hatten. Tia lächelte und nickte zustimmend.

„Aye, Bruchstücke!“, bestätigte sie.

„Beim Klabautermann! Wie groß sind die Dinger denn insgesamt?“

„So groß wie sechs Männerfäuste – wenn ihr seine Hände nehmt“, sagte Calypso und wies auf die Pranken von Joshamee Gibbs. Ungläubig sahen die Männer auf die großen Hände von Jack Sparrows Erstem Maat. Der einzige, der betont neutral dreinschaute, war Jack. Bei Will meldete sich Misstrauen. Jack war für geheimnisvolle und nicht immer gesunde Schätze stets zu haben – die Suche nach dem Aztekengold war schließlich seine Idee gewesen …

„Welchen Weg gibt es, um uns gegen den bösen Einfluss der Steine zu schützen?“, fragte Will. Calypso lächelte und zog aus ihrer Gürteltasche ein fein gewebtes Netz, an dessen Knotenpunkten glitzernde Splitter eingewoben waren.

„Es gibt noch einen neunten Diamanten, den der Uneigennützigkeit. Er wurde immer getrennt von den anderen acht aufbewahrt. Ein Teil dieses Steins wurde zu diesem Netz gewoben. Wenn ihr einen der bösen Steine darin einwickelt, wird der böse Einfluss davon eingeschlossen und kann euch nicht schaden. Hütet es gut, denn es ist die einzige Möglichkeit, diese Steine zu transportieren, ohne ihrem Einfluss zu erliegen. Aber auch der Einfluss dieser kleinen Splitter wirkt sehr stark auf den, der es bei sich hat. Zu viel Uneigennützigkeit kann auch schaden. Deshalb gebe ich das Netz nicht dir, William. Du würdest dir selbst schaden. Jack, du gehörst zu denen, die zuerst an sich selbst denken. Deshalb wird dich dieses Netz allenfalls so uneigennützig machen, wie William es von Natur aus ist. Ich vertraue es dir an.“

Mit gewissem Zögern nahm Jack das Netz aus der Hand der Göttin, die auch seine Geliebte gewesen war und spürte prompt das dringende Verlangen, jemandem zu helfen …

„Wir sollten uns bald auf den Weg machen“, sagte er und wollte schon gehen, aber Tia Dalma hielt ihn zurück.

„Nein, warte noch. Ich muss euch noch vor einer Gefahr warnen. Ara Goldbart ist kein gewöhnlicher Pirat!“, sagte sie mit eindringlichem Ton. Jack seufzte.

„Wem sagst du das? Vor Nassau haben wir eines seiner Schiffe versenkt, aber Goldbart ist immer noch aktiv.“

„Nein, du glaubst, dass du das Schiff versenkt hast. Er hat dich mit dem Diamanten getäuscht. Seid also auf der Hut und glaubt nicht alles, was ihr seht. Die Augen können euch täuschen. Nehmt euch auch in Acht vor seiner Erfahrung. Goldbart ist uralt für eure Begriffe, aber mit der Kraft und Gewandtheit eines jungen Mannes gesegnet. Und er ist unsterblich.“

„Na, dann gute Nacht!“, entfuhr es Gibbs. „Es bringt Unglück, sich mit Unsterblichen anzulegen.“

„Kommt darauf an, wem es Unglück bringt“, warf Jack ein. „Als ich nach dem Gold der Azteken gesucht habe, hat mein Vater mich davor gewarnt. Er meinte, es sei nicht der Trick ewig zu leben, sondern ewig mit sich selbst klarzukommen. Ich habe es damals nicht begriffen. Aber wenn ich es recht bedenke, dann war das Unglück eher auf Seiten Barbossas …“

Tia Dalma machte eine knappe Handbewegung, die die aufkommende Diskussion wieder stoppte.

„Noch etwas: Die Insel ist unsichtbar durch die Macht der Steine“, sagte sie. „Die Karte, die Sao Feng euch gegeben hat, zeigt euch die Lage an. Tai Huang wird mir aber bestätigen können, dass die Karte anders ist, als die Karten, nach denen ihr gewöhnlich navigiert. Ist es nicht so, Master Huang?“

„Aye, das ist richtig. Dafür führt sie zu mehr und geheimnisvolleren Orten.“

„Also, ihr werdet mit Tai Huangs Hilfe die Lage der Insel ausmachen und dorthin fahren können. Aber um sie wirklich finden zu können, benötigt ihr Jacks Kompass. Ihr seid aufeinander angewiesen. Vergesst das nicht!“, warnte die Zauberin. „Und vergesst auch nicht, dass ich für das, was ich euch gesagt habe, die Diamanten als Bezahlung verlange.“

„Das werden wir nicht, Calypso, Herrin des Meeres“, versprach Will mit einem freundlichen Lächeln. Tia Dalma alias Calypso erwiderte das Lächeln geradezu verführerisch.

„Dein Lächeln macht selbst eine Göttin schwach, William Turner“, hauchte sie.

„Oh, Verzeihung, so war es nicht gemeint. Du weißt, dass ich mit Elizabeth glücklich bin“, erwiderte er. Tia Dalma zog eine enttäuscht wirkende Schnute.

„Und leider bist du abgrundtief treu … William, manchmal reizt es mich, dir Elizabeth wegzunehmen, damit du frei wärst …“

„Lass es lieber, liebe Freundin. Ich weiß nicht, was meine Kinder dann mit dir anstellen würden …“, grinste Will. Calypso lachte gewinnend, während Jack verständnislos zwischen ihnen hin und her sah. Die Göttin bemerkte seinen aufkommenden Ärger und strich ihm mit zwei Fingern ebenso verführerisch um den Bart.

„Oh, Jackie, nicht eifersüchtig sein. Wir sind noch verabredet – und du weißt, dass ich alles andere als treu bin. So wie du …“

 

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Kapitel 18

Neugier

Auf San Cristobal senkte sich die Nacht. Rasch wurde es still auf der Insel. Elizabeth stellte schnell fest, dass sie von der hoch in den Bergen der Insel liegenden Siedlung fast das ganze Eiland übersehen konnte. In den Tropen wurde es ohnehin schnell dunkel, kaum dass die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, aber auf San Cristobal schien es fast im selben Moment stockfinster zu sein, in dem der letzte Strahl der Sonne vergangen war. Gleichzeitig waren aber die Sterne, die an einem völlig wolkenlosen Nachthimmel standen, scheinbar viel deutlicher zu sehen und leuchteten irgendwie intensiver als anderswo auf der Welt. Elizabeth, die auf einem Balkon des ihr und ihren Begleitern zugewiesenen Hauses stand, war sicher, noch nie einen so wunderschönen Sternenhimmel gesehen zu haben, obwohl sie schon viele Nächte auf See verbracht hatte, wo es kein anderes Licht gab als das der Sterne. An der Bucht, wo die Esmeralda lag, schien eine Art Nebel zu wabern, der mit dem Sonnenuntergang wie aus dem Nichts erschienen war. Elizabeth sah genauer hin und bemerkte, dass sich von dort aus eine Nebelwand rings um die Insel bildete. Mit einiger Sicherheit würde von See aus nur diese Nebelwand zu sehen sein – besonders, wenn auf der Insel sonst keinerlei Licht war.

Doch plötzlich flackerte etwas zu ihrer Rechten. Ein unregelmäßiges, grünliches Leuchten zeigte ab und zu die Kontur der großen Villa im Zentrum der Siedlung. Die Quelle des Leuchtens musste von Elizabeth Sichtpunkt aus hinter der Villa sein.

„Mama, was ist das?“, hörte sie ein atemloses Flüstern ihres Sohnes.

„Spatz, du solltest im Bett sein“, sagte sie sanft, beugte sich dann zu Klein Willy hinunter und nahm den Jungen auf den Arm. Willy umarmte seine Mutter und kuschelte sich dicht an sie.

„Wo ist Papa?“, fragte er dann.

„Ich hoffe, es geht ihm gut“, erwiderte Elizabeth mit einem Seufzen.

„Aber wo ist er denn?“

„Vielleicht schon auf dem Weg zu uns, wie ich deinen Vater kenne.“

„Aber er weiß doch gar nicht, wo wir sind!“

„Stimmt schon, aber dieser Goldbart, der hat Papa eine Nachricht hinterlassen. Er hat was von San Cristobal geschrieben. Und wenn dein Vater das alleine nicht findet, dann fragt er Onkel Jack oder Onkel Joshamee.“

„Au ja! Dann kommen die bestimmt gleich mit!“, freute sich Klein Willy. „Die werden bestimmt den Goldbart umkriegen, oder, Mama?“

Elizabeth musste über das grenzenlose Vertrauen ihres Sohnes zu seinem Vater und den Freunden der Familie lächeln.

„Schon möglich. Vor allem dann, wenn sie alle zusammen herkommen“, erwiderte sie und gab Willy einen liebevollen Kuss.

„Mama, warum hat der böse Mann uns einfach mitgenommen?“

„Ich glaube, weil er Angst vor deinem Vater hat. Er hat Angst, Papa könnte ihm etwas wegnehmen, was ihm viel bedeutet.“

„Aber Papa tut doch so was nicht!“, entrüstete sich William junior.

„Nein, aber das will Goldbart nicht wahrhaben“, seufzte Elizabeth.

„Duuu, was leuchtet da so komisch?“, fragte Willy dann und wies auf das weiter unregelmäßig flackernde Licht bei der Villa.

„Das möchte ich auch wissen …“, sagte Elizabeth langsam. „Willy, komm mein Spatz, du gehst jetzt wieder ins Bett.“

„Bleibst du bei mir, Mama?“

„Ja, bestimmt, mein Schatz“, versprach sie und bekam gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil sie genau wusste, dass sie dieses Versprechen nicht halten würde …

Eine Stunde später war Klein William fest eingeschlafen.

„Jenny, blieb bitte hier in der Nähe des Zimmers. Ich geh mal nachsehen, was da so seltsam leuchtet.“

„Nein, Mrs. Turner, tut das nicht. Der Maat von Goldbart hat uns doch ausdrücklich gewarnt, raus zu gehen!“

„Hat er“, bestätigte Elizabeth. „Nur bewirkt er damit bei mir gerade das Gegenteil“, versetzte sie.

„Bitte, Mrs. Turner, tut es nicht!“, flehte Jenny verzweifelt. „Wir kennen uns hier doch nicht aus!“

Das hatte durchaus etwas für sich, dachte Elizabeth bei sich. Sie war Jenny für ihre Mahnung dankbarer, als sie je zugegeben hätte. Vielleicht war es in der Tat besser, sich das Ganze bei Tageslicht anzusehen und sich einen Plan für die nächste Nacht zurechtzulegen, in der dieses Phänomen wieder erschien …

Etwas später hörten die drei jungen Frauen geradezu unheimliche Geräusche aus dem Urwald jenseits der Mauer. Es klang so, als wäre ein ausgesprochen heißhungriges Raubtier dort unterwegs. Das Fauchen und Grollen klang nach einem Jaguar oder einem Panther. Solche Raubkatzen waren auf dem mittelamerikanischen Festland durchaus anzutreffen und auch für Menschen gefährlich. Das Stampfen klang eher nach einem Elefanten, nur gab es keine Elefanten in der Karibik … Elizabeth erwischte sich dabei, doch ganz froh zu sein, auf Jenny gehört zu haben und nicht bei der herrschenden Dunkelheit hinausgegangen zu sein.

Am folgenden Tag war es auf der Insel fast gespenstisch still. Nicht einmal Vögel waren zu hören. Doch in dem Moment, als Elizabeth sich darüber wundern wollte, erschien ein fliegendes Juwel, ein schillernder Kolibri, der sich am Nektar einiger blühender Bromelien gütlich tat, die in fast greifbarer Nähe des Balkons an einer Palme wuchsen und in der Morgensonne leuchteten. Mit dem Erscheinen des Kolibris wirkte die Stille eher friedlich. Schritte auf dem Kies vor dem Haus ließen Elizabeth nach unten sehen. Goldbarts Erster Maat kam mit einem Leinensack unter dem Arm näher. Als er hochsah und Elizabeth auf dem Balkon bemerkte, lächelte er freundlich und machte eine angedeutete Verbeugung.

„Euer Frühstück!“, rief er hinauf. Elizabeth wollte eigentlich kühl reagieren, aber irgendwie konnte sie es nicht.

„Danke, Master Espen“, erwiderte sie und ging selbst nach unten, um dem Maat den Sack abzunehmen. Als sie die Tür öffnete, verbreiterte sich Espens Lächeln.

„Guten Morgen. Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen?“

„Ja und nein, Master Espen. Wir waren natürlich sehr müde, aber es waren sehr seltsame Geräusche im Urwald. Und dort drüben bei der Villa haben wir sehr seltsame Lichterscheinungen gesehen.“

„Was die Geräusche betrifft: Ich habe Euch gewarnt, dass hier schreckliche Raubtiere herum streifen. Was das Licht betrifft: Da müsst Ihr Euch geirrt haben“, erwiderte der Maat, aber ein Schimmer Unsicherheit zuckte über sein Gesicht, als er von dem Licht sprach. Elizabeth gab sich Mühe, ihre Zweifel nicht zu deutlich werden zu lassen. Auf jeden Fall würde sie der Sache mit dem Licht nachgehen.

Nicht lange nach dem Frühstück machte Elizabeth mit ihren Kindern einen Spaziergang in das Zentrum der Siedlung. Möglichst unauffällig untersuchte sie die Umgebung der Villa. Dort war nichts Ungewöhnliches zu entdecken, nur ein grüner Fleck auf dem sonst sorgfältig gekiesten Boden. Bei näherem Hinsehen sah der Fleck aus wie eine zermatschte Frucht. Da gerade eine Horde Affen durch die Wipfel der Bäume um die Villa tobte, schob Elizabeth den Fleck auf die Affen und beachtete ihn nicht weiter, aber Klein William schien an der zerlegten Frucht recht interessiert zu sein und stiefelte darauf zu. Er war eben dabei, sich zu bücken, als ihn eine Stimme von der Villa her aufhielt:

„Hey, das sollte der Kleine besser nicht anfassen, wenn ihm sein Leben lieb ist!“, grollte es von dort her. Elizabeth drehte sich um und sah Goldbart auf dem Balkon der Villa stehen. Willy zuckte erschrocken zurück und ließ den Fleck unangetastet.

„Guten Morgen, Captain Goldbart!“, versetzte Elizabeth, um Goldbart an das Mindestmaß der Höflichkeit zu erinnern, wenigstens einen Gruß auszusprechen, bevor man gegenüber anderen Menschen zum eigentlichen Thema kam. Bei Goldbart war die Mühe allerdings vergeblich, wie sie dann feststellte. Er zog lediglich die blonden Brauen hoch, ließ sich aber nicht zu einem Gruß herab. Elizabeth hatte trotz seines finsteren Gesichtsausdruckes den Eindruck, als sähe er frischer aus als am Tag zuvor. Beim zweiten Hinsehen fiel der jungen Frau auf, dass der Piratencaptain sich den Bart gründlich gestutzt und an Wangen und Kinn einige Stellen sorgsam ausrasiert hatte. Sie brachte das frischere Aussehen mit der Rasur in Verbindung, die bewies, dass Ara Goldbart ein durchaus attraktiver Mann war.

„Das Zeug ist giftig, also haltet ihn davon fern!“, grunzte Goldbart unfreundlich. Elizabeth lag ganz vorn auf der Zunge, dem Captain zu sagen, dass er dann besser dafür sorgen solle, den Fleck ganz schnell verschwinden zu lassen, doch sie schluckte es herunter. Die Piraten wussten diese Frucht offenbar einzuschätzen – und kleine Kinder waren hier gewiss nicht oft mehr oder weniger freiwillige Gäste …

„Komm, Schatz, bleib weg davon“, sagte sie und nahm William an der Hand. Ohne Goldbart eines weiteren Blickes zu würdigen, ging sie mit ihren Kindern weiter. Hinter der nächsten Wegbiegung blieb sie wieder stehen.

„Suchst du was, Mama?“, fragte William unbekümmert und ziemlich laut, als er bemerkte, dass seine Mutter sich den Hals in Richtung Villa verrenkte.

„Oh, da war ein hübscher kleiner Vogel, aber jetzt ist er weg“, schwindelte Elizabeth.

‚Vorsicht, Lizzy, Kindermund tut Wahrheit kund!‘, mahnte sie sich in Gedanken. Wenn sie etwas über dieses geheimnisvolle Licht herausfinden wollte, war es wohl besser, wenn die Kinder nicht dabei waren … Elizabeth setzte ihren Spaziergang über die Insel fort und prägte sich die Wege genau ein.

Kaum war es dunkel geworden, als bei der Villa wieder grüne Lichtzeichen entstanden. Elizabeth ging zunächst schweigend darüber hinweg und brachte die Kinder zu Bett. Sie wartete, dass Sohn und Tochter wirklich schliefen, dann beauftragte sie Jenny, in Hörweite der Kinder zu bleiben und verließ ganz leise und vorsichtig das ihr zugewiesene Haus. Im Schutz von einigen recht europäisch wirkenden Sträuchern pirschte die junge Frau an die Villa heran. Als auf den Kieswegen eilige Schritte zu hören waren, ging sie in den Büschen in Deckung und peilte vorsichtig, was sich auf den Wegen tat. Offenbar kam die ganze Crew zur Villa.

Erwartungsvoll blieben die Männer davor stehen. Es dauerte nicht lange, bis Goldbart auf die Terrasse trat und zwei seiner Männer eine Bahre aus dem Haus trugen, auf der ein alter Matrose lag, den Elizabeth auf der Esmeralda gesehen hatte. Der Mann hatte schwach und krank gewirkt und meist allein am Fockmast gesessen und Tampen gespleißt. Er war jedem ausgewichen, der sich ihm näherte und nahezu jeder hatte ihn gemieden, so dass Elizabeth Befürchtungen gehabt hatte, der Mann könne an einer ansteckenden Krankheit leiden.

„Ihr habt es schon gehört, dass Moses eben an der Wasserkrankheit gestorben ist. Meister Babalawo** wird ihn wiedererwecken“, sagte Goldbart zu den versammelten Männern. Aus dem dunklen Hintergrund trat ein Schwarzer, der in weite Gewänder mit allerlei seltsamen Zeichen gekleidet war. Seine wilden Dreadlocks hatte er mit einem dünnen Lederband um die Stirn etwas gebändigt. Ein lateinisches Kreuz, das ebenfalls an dem Lederband um die Stirn befestigt war, glänzte silbern im Mondlicht. In der rechten Hand hielt er einen mannshohen Stab, an dem ein Glasgefäß befestigt war, in der linken Hand hielt er eine silbern glänzende Kanne. Mit großer Geste hob er Stab und Kanne hoch, schüttelte den Stab kräftig, worauf das Wasser in dem Glasgefäß hellgrün aufleuchtete und richtig helles Licht gab. Dazu redete er in einer Sprache, die zwar französisch klang, aber nicht Französisch war.

Elizabeth stockte der Atem. Der Mann musste ein Voodoo-Priester sein! Ähnliche Worte hatte sie schon von Tia Dalma gehört, wenn sie ihre Beschwörungsformeln murmelte. Elizabeth wusste, dass Tia Dalma eine Göttin war, die sich gern unter die Menschen gesellte und dann ihre menschliche Gestalt annahm. Jene, die keine Ahnung hatten, wer Tia Dalma wirklich war, nannten sie Voodoo-Zauberin. Tia alias Calypso hatte ihre menschlichen Freunde einmal darüber aufgeklärt, dass eine Priesterin im Voodoo-Kult eine Mambo war und dass es wirklichen Zauber auch in dieser Religion nicht gab. Sie selbst konnte buchstäblich Wunder bewirken, was aber an der Tatsache lag, dass sie eben eine Göttin war und keine menschliche Priesterin … Dennoch hielt sich hartnäckig das Gerücht und auch der Glaube, dass es so etwas wie Schwarze Magie gab – und dass die Voodoopriester darin besonders gute Übung hatten. Die Spanier verfolgten in ihren Kolonien den Voodoo-Kult mit der Heiligen Inquisition, und das mit allen haarsträubenden Konsequenzen von Folter zur Geständniserzwingung bis zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Gebannt verfolgte Elizabeth, was sich auf der Terrasse der Villa tat.

Meister Babalawo träufelte etwas Flüssigkeit aus der Kanne auf den Mund des Verstorbenen, einer der beiden Männer, die den Toten aus dem Haus getragen hatten, öffnete dessen Mund, so dass die Flüssigkeit in den Mund gelangte. Der Helfer sorgte dafür, dass die Flüssigkeit in den Magen des Toten transportiert wurde. Es dauerte eine Weile, aber dann kam wieder Leben in den Toten. Elizabeth schlug vor Schreck die Hand vor den Mund, um sich an einem erschrockenen Schrei zu hindern. Moses setzte sich auf, Meister Babalawo gab ihm mit weiteren unverständlichen Worten mehr von der Flüssigkeit zu trinken. Moses antwortete in der gleichen Sprache, woraus Elizabeth messerscharf schloss, dass Goldbart und seine Crew Anhänger des Voodoo-Kultes waren. Moses erhob sich von der Bahre, kniete sich aber vor Goldbart wieder auf den Boden.

„Vergib mir, Bruder“, bat er.

„Du hast deine Strafe bekommen, Moses. Jetzt weißt du, was geschieht, wenn du das Wasser des Lebens nicht mehr bekommst. Dein Ausflug nach Port Royal und deine Schwatzhaftigkeit hätten dich beinahe das Leben gekostet. Bereue, was du getan hast!“, entgegnete Goldbart streng.

„Aye, Captain, ich bereue“, erwiderte Moses. Goldbart half ihm auf und umarmte ihn dann.

„Du hast gegen die Gesetze der Familie verstoßen, aber ich wollte dich nicht so verlieren, wie ich Mary verloren habe. Du bist mein Bruder. Aber von jetzt an streust du das Wissen um die Diamanten nicht mehr weiter, verstanden?“

„Aye, Captain!“, bestätigte Moses. Als er sich zum Rest der Crew umdrehte, erkannte Elizabeth im Mondlicht den Geschichtenerzähler aus dem Hafen von Port Royal. Goldbart nickte.

„Gut“, sagte er. „Wir haben die verstreuten Informationen zu dieser Insel zusammengebracht. Es existieren keine Karten mehr, die San Cristobal zeigen. Moses wird über die Existenz dieser Insel künftig ebenso schweigen wie jeder von euch. Es gibt nicht mehr viele, die von dieser Insel noch wissen. Und die wenigen, die noch Kenntnis davon haben, werden nicht mehr lange Gelegenheit haben, ihr Geheimnis auszuplaudern. Sparrow, seine Crew und Vater und Sohn Turner sind die letzten, die außer uns selbst noch von San Cristobal wissen. Unsere Spuren sind gut gelegt. Wenn sie herkommen, wird kein Pardon gegeben!“

„Aye, Captain!“, bestätigten die Piraten im Chor.

„Und dann haben wir endlich unsere Ruhe – nach fast einhundert Jahren …“, setzte Goldbart noch hinzu. „Jetzt geht auf eure Posten!“

Die Piratencrew zerstreute sich und Elizabeth schlich wieder vorsichtig zurück zu dem Haus, das Goldbart ihr gegeben hatte. Auf dem Kiesweg, der an ihrem Haus vorbei führte, strebte Moses eilig dem Tor zu. Plötzlich krümmte er sich, ging in die Knie. Im ersten Impuls wollte Elizabeth zu ihm und ihm helfen, aber sie stoppte sich rechtzeitig, als Moses ein unglaubliches Fauchen von sich gab – so, als wäre er ein Jaguar … Im Mondlicht verwandelte sich seine menschliche Gestalt wie unter furchtbaren Schmerzen zu einem Monster. Ächzend schleppte sich das Wesen, das halb Mensch und halb Tier zu sein schien, aus dem Tor. Wildes Stampfen ließ den Boden dröhnen.

„Verdammt!“, schrie jemand aus Richtung der Villa. „Das Wasser war schon wieder mit den Algen verseucht! Los, macht das Tor zu, sonst frisst er uns!“

Wenigstens fünf Mann der Crew rannten zum Tor. Elizabeth brachte sich mit einem beherzten Sprung im Schlagschatten der Veranda ihres Hauses in Sicherheit, um nicht von den Piraten entdeckt zu werden. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie fürchtete, allein dieses Geräusch werde Goldbarts Leute auf sie aufmerksam machen. Die Männer rannten vorbei und Elizabeth erlaubte sich aufzuatmen, aber dann vernahm sie ein sachtes Scharren hinter sich und erstarrte erneut.

 

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Kapitel 19

Schreck in der Abendstunde

3„Ihr könnt nicht hören, was?“

Elizabeth schrak heftig zusammen, als Espen sie ansprach. Dann wurde sie puterrot.

„Was macht Ihr hier draußen? Ich hatte Euch doch gesagt, dass es zu gefährlich ist!“, zischte Goldbarts Erster Maat und zog die junge Frau unsanft aus ihrer Deckung.

„Verdammt, das ist kein Spaß!“, fluchte er. Elizabeths Schreck legte sich, als ihr klar wurde, dass es Espen war und nicht Goldbart selbst, der sie erwischt hatte. Sie machte sich heftiger los, als sie es vielleicht beabsichtigt hatte.

„Nein, das ist es nicht!“, versetzte sie. „Denkt nicht, ich hätte Goldbarts Ankündigung nicht ernst genommen, meine Kinder, mich und mein Gesinde zu töten, wenn er meinen Mann in die Falle gelockt hat. Ich werde jede Möglichkeit nutzen, die sich mir bietet, um das zu verhindern!“

Espens Lächeln hatte sie nicht erwartet.

„Ihr könnt nicht unterscheiden zwischen den Leuten, die Euch an den Kragen wollen und solchen, die es nicht wollen!“, versetzte er, als er sich wieder in der Gewalt hatte.

„Wenn dem so wäre, Mr. Espen, hätte ich Euch nicht vertraut!“, fuhr sie ihn an. „Dass ich Euch vertraue, mögt Ihr daraus ableiten, dass Ihr keine Haarnadel zwischen den Stimmbändern habt, so wie Ihr mich erschreckt habt!“, fauchte Elizabeth. „Was geht hier eigentlich vor? Was ist mit Moses geschehen?“

Espen peilte vorsichtig um die Verandaecke. Niemand war zu sehen.

„Wir … wir sind verflucht, Mrs. Turner“, flüsterte er schließlich.

Elizabeth musste sich zwingen, das nicht zu selbstverständlich hinzunehmen, nach allem, was sie schon erlebt hatte und nach außen hin erschrocken zu tun.

„Und … was für ein Fluch ist das?“, fragte sie vorsichtig genug, dass es Espen nicht auffiel.

„Es ist das Wasser. Es lässt uns lange leben, aber … aber … es ist auch gefährlich.“

„Was für ein Wasser und was macht es so gefährlich?“, hakte sie nach. Espen machte eine Handbewegung, die Elizabeth ein wenig an Jack Sparrow erinnerte – fast, als wollte er mit beiden Zeigefingern dirigieren, während er nach Luft schnappte, um Worte zu finden.

„Das Wasser des Lebens oder der Jugend. Doch wer es einmal getrunken hat, muss es immer wieder trinken, sonst altert er sehr viel schneller als wenn er das Wasser nie zu sich genommen hätte. Fragt mich nicht, weshalb das so ist. Wir sehen darin einen Fluch, mit dem wir für unsere Gier danach bestraft werden. Viele von uns haben versucht, davon loszukommen, aber es geht nicht. Wer einmal davon getrunken hat, braucht es, um überhaupt weiterleben zu können …“

Der besorgte Blick des Maats bewies Elizabeth, dass der Mann etwas loswerden wollte, aber Sorge hatte, dabei erwischt zu werden.

„Wollt Ihr mir alles sagen, was Ihr wisst? Vielleicht gibt es eine Lösung. Kommt herein …“, lud sie ein.

„Nein, nicht jetzt. Ich muss erst Moses wieder einfangen, bevor er von den Eingeborenen gefangen wird.“

„Was ist mit ihm?“

„Ich komme morgen und bringe Euch das Frühstück, Dann habe ich etwas Zeit für Euch. Tut bitte nur mir und Euch selbst den Gefallen, dass Ihr jetzt das Haus nicht mehr verlasst. Moses ist in dem Zustand schrecklich gefährlich; und er weiß nicht, was er tut.“

Damit sprang Espen mit einem mächtigen Satz an eine Liane, die gut zehn Fuß über dem Boden hing, schwang sich daran über die Mauer und verschwand im Dickicht des Waldes.

Selbst wenn Elizabeth jetzt gewollt hätte: Sie hätte nicht schlafen können. Jede Mahnung zur Vorsicht stachelte ihr Verlangen nach weiteren Informationen nur umso heftiger an. Espen war gerade verschwunden, als sie in das Haus gehen wollte und von einem tiefen Knurren aufgehalten wurde. Zu ihrem blanken Entsetzen tauchte eine verwachsene Kreatur neben der Veranda aus den Büschen auf. Glühende Augen fixierten die junge Frau. Doch wenn die Kreatur meinte, Elizabeth mit ihrem Erscheinen erschrecken zu können, sah sie sich getäuscht. Elizabeth Turner, geborene Swann, war eine handfeste Frau, mochte ihre äußerlich zarte Erscheinung darüber zuweilen auch massiv hinwegtäuschen. Wenn sie den ersten Schrecken erst einmal überwunden hatte, zeigte sich, weshalb sie eine erfolgreiche Freibeuterin war. Mit einer fließenden Bewegung packte sie einen Hartholzstuhl der auf der Veranda stand, schwang ihn geschickt und ließ ihn mit voller Wucht auf das Ungeheuer niedersausen. Die Kreatur ging zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Der Krach, den das verursachte, mobilisierte allerdings auch die Männer, die Goldbart ausgesandt hatte, um das Tor der Siedlung zu schließen, damit Moses sie nicht anfiel.

„Donnerlüttich!“, entfuhr es einem der Männer, als er sah, dass Elizabeth den Hartholzstuhl gekonnt als Waffe benutzt hatte. „Die Lady hat echt Mumm!“, setzte er bewundernd hinzu.

„Verzieht Euch!“, fauchte Elizabeth die Männer an und packte gleich noch mal drohend den Stuhl. Goldbarts Leute traten den Rückzug an. An einer Liane kam auch Espen zurück und landete kurz vor dem Haus.

„Moses! Hier steckst du!“, entfuhr es ihm als er im Mondlicht die Kreatur auf der Veranda liegen sah. „Alles klar, Männer. Wir haben ihn. Danke, Missie. Wie habt Ihr das gemacht?“, fragte er dann mit gewisser Bewunderung. Elizabeth lupfte den Stuhl und Espen bekam große Augen.

„So stelle ich mir einen Werwolf vor“, sagte sie und ging neben Moses in die Knie.

„Nein, weg da!“, kommandierte Espen und riss sie recht grob beiseite. Zwei seiner Männer packten noch mit an und verschnürten Moses sorgsam.

„Tut mir Leid“, sagte er dann entschuldigend, als die Männer den verschnürten Moses abtransportierten. „Es kann vorkommen, dass er zur Unzeit aufwacht und dann heftig zubeißt. Er hat damit schon einem ausgewachsenen Jaguar den Schwanz abgebissen. Ich stelle mir lieber nicht vor, wie Euer Arm dann aussehen würde“, grinste er dann.

„Mr. Espen – was ist mit Moses wirklich los?“, fragte Elizabeth. Espen nickte den Männern zu, die mit Moses im Schlepptau in Richtung Villa fort gingen. Er selber kam auf die Veranda des Gästehauses.

„Ihr habt Recht. Er ist ein Werwolf, nur ist sein Biss nicht ansteckend, wie man es den europäischen Werwölfen nachsagt. Jeder hat ein Tier in sich, das durch die Algen freigesetzt wird. Bei Moses ist es der Wolf“, sagte er. Elizabeth zog einen weiteren Hartholzstuhl heran, bot Espen darauf Platz an und setzte sich auf den Stuhl, den sie als Keule benutzt hatte.

„Und was ist es bei Euch?“, erkundigte sie sich. Espen nahm ihre Einladung an und setzte sich.

„Ich werde nur zum Hund, aber ich kann dann auch recht bissig sein. Es dauert einige Stunden, dann vergeht das wieder. Aber in dieser Zeit sind wir gefährliche und völlig unberechenbare Monster. Unser Captain wird zum Alligator“, erklärte der Maat.

„Was hat Euch dazu getrieben, dieses Wasser zu trinken?“

„Zunächst einfach Durst, dann der Wunsch unsterblich zu sein oder doch wenigstens sehr lange zu leben. San Cristobal ist ein Paradies. Aber es ist ein gefährliches Paradies.“

„Wieso?“

„Die Spanier kamen hierher um nach Gold zu suchen. Für die Eingeborenen hatte es nur religiöse Bedeutung, ebenso wie die Jade und die Diamanten, die es in Süd- und Mittelamerika gibt. Es gibt nur wenige Eingeborenenstämme, denen es gelungen ist, sich den Spaniern zu widersetzen, als jene Gold und Edelsteine suchten und dafür buchstäblich über Leichen gingen. Die Pelegostos, die hier leben, gehören dazu. Sie verstehen es, sich im Dschungel zu tarnen, sind nahezu unsichtbar. Sie sind Kannibalen, die ihre Gefangenen normalerweise töten und als so genanntes Langschwein grillen. Die erste spanische Expedition, die hier einige Monate nach der Entdeckung dieser Inseln durch Columbus landete, ist nie zurückgekehrt. Wegen der vielen Löcher hier nannte Columbus die Inseln Islas de las Pozas, die Inseln der Brunnen oder der Schächte. Eine zweite Expedition fand dann die leeren Rüstungen der Männer, ein paar abgenagte Knochen und zwei oder drei tote Pelegostos. Über ein Jahrhundert machten die Spanier einen großen Bogen um diese Inseln. Das kam uns ganz gut zupass.

Mein Vater, ein englischer Kauffahrer, hatte die Inseln 1680 wiedergefunden, nachdem die Spanier jede Land- und Seekarte vernichtet hatten, um die Existenz der Islas de las Pozas geheim zu halten. Auf der zweiten Reise hierher habe ich meinen Vater begleitet. Wir gerieten mit unserer ganzen Crew in die Hände von Piraten, die uns hier aussetzten und sich mit unserem Schiff, der Cygnus, davon machten. Wir fanden einen Süßwasserteich am Strand und tranken daraus. Danach fühlten wir uns wie neugeboren. Aber wir fanden nicht nur das. Seht her …“

Espen stand auf, ging auf den sandigen Weg hinaus, griff mit der Hand in den Kies und kehrte damit auf die Veranda zurück. Dort zeigte er Elizabeth die offene Hand. Heller Kies leuchtete im Mondlicht.

„Wisst Ihr, was das ist?“

„Es sieht nach einem sehr weißen Sand aus, wie man ihn auf vielen Koralleninseln in der Karibik findet“, sagte sie.

„Das dachten wir auch – bis wir größere Stücke davon fanden. Es ist kein Sand und kein Kies. Es sind Diamanten. Fast die ganze Insel besteht aus Diamant. Erst, wenn er geschliffen wird, bekommt er seine Strahlkraft und auch nur dann, wenn er durchsichtig ist. Der weitaus größte Teil hier ist milchig und als Schmuck nicht zu gebrauchen, aber als Schleifmittel das Beste, was es überhaupt gibt. Die feinsten Stäube davon sind geeignet, Schmiedeeisen zu verbessern und einen Waffenstahl zu erzeugen, der seinesgleichen sucht. Wir waren jedenfalls der Meinung, praktisch bares Geld gefunden zu haben, nur saßen wir hier fest. Obendrein bekamen die Pelegostos Appetit auf uns. Wir haben uns mit Mühe und Not vor ihnen retten können, indem wir ein Floß bauten und damit zur Küste segelten. Mein Vater machte eine Skizze der Insel, wir nahmen Wasser mit, das es hier ja genug gab und verschwanden hier. Als wir abfuhren, sagte mein Vater, er taufe diese Inseln auf den Namen Swan Islands. Er benannte sie nach unserer Familie, der Familie Swann“, erzählte Espen.

„Wie bitte?“, fragte Elizabeth mit knochentrockenem Hals.

„Swann“, wiederholte Espen. „Wieso fragt Ihr?“

„Ich habe noch nie von Seefahrern mit Namen Swann gehört …“, sagte sie und würgte zunächst herunter, dass ihr Geburtsname ebenfalls Swann lautete.

Espen lächelte auf eine sympathische Art und fuhr fort:

„Wir brauchten fast zwei Wochen, bis wir Yucatan erreichten. Dann war unser Wasser verbraucht. Die Spanier merkten, dass wir Engländer waren und kerkerten uns ein. Schlimm genug, aber noch schlimmer war, dass wir rapide alterten. Innerhalb von weiteren zwei Wochen schienen wir alte Männer zu sein, drei von uns starben, darunter mein Vater. Den Spaniern wurde das unheimlich. Sie bezichtigten uns der Hexerei. Ihr könnt Euch denken, was die erfahrenen spanischen Folterknechte mit uns gemacht haben, um ein Geständnis zu erpressen. Uns rettete nur, dass Goldbart sich den Ort für einen Überfall ausgesucht hatte. Einen Tag, bevor die Inquisition uns wegen Hexerei bei lebendigem Leibe verbrennen wollte, kam Goldbart und räumte fürchterlich unter den Spaniern auf. Wir schlossen uns Goldbart an, nachdem er uns als Engländern das Angebot machte, seine Crew zu bereichern.

Goldbart fand die Skizze der Insel bei mir und wollte die Insel als künftigen Ankerplatz benutzen. Ich habe ihn vor dem Wasser der Insel gewarnt, aber er hat das für eine Gespenstergeschichte gehalten. Wir kehrten also auf die Insel zurück und nahmen Wasser und Proviant auf, um dann auf Raubzug zu gehen. Das Wasser bewirkte, dass alle Mitglieder der Crew wieder jung und frisch wurden. Goldbart war der Meinung, ich hätte ihm den wahren Wert des Wassers verschwiegen und gab dem Bootsmann den Auftrag, mich mit dem Gesetz Mose zu bestrafen – vierzig Peitschenhiebe weniger einem auf den nackten Rücken. Ich habe ihm eine Wette angeboten: Wenn er schnell altern würde, nachdem er das Wasser der Insel zwei Wochen lang nicht getrunken habe, sollte ich ohne Strafe davonkommen. Anderenfalls könnte der Bootsmann mich erschlagen. Er ging auf die Wette ein, trank vierzehn Tage lang nur Rum oder Wein und sah dann aus wie ein Schrumpfkopf. Danach wussten wir alle, dass wir vom Wasser der Swan Islands abhängig waren. Ich blieb also heil und wurde Goldbarts Zweiter Maat.

Unser Fischzug war erfolgreich. Unter anderem knöpften wir spanischen Mönchen zwei richtig dicke Klunker von Diamanten ab. Sie waren zu groß, um sie zu Geld zu machen. Mithilfe des Diamantenstaubs konnten wir sie in handlichere Teile zerlegen und sie für wirklich viel Geld verkaufen. Doch von dem Moment an hatten wir keine Ruhe mehr. Jeder war auf unsere Diamanten scharf. Seither suchen wir die Diamantenteile wieder zusammen, um sie hier auf der Insel sicher zu verwahren und trachten danach, jede Erinnerung an diese Diamanten auszumerzen“, schloss Espen.

„Ich nehme an, Ihr könnt mir das alles nur erzählen, weil Goldbart mich und meine Kinder sowieso umbringen wird, wenn er Will erst einmal hat“, mutmaßte Elizabeth.

„Wenn es nach Goldbart geht, sicher. Aber … Moses kennt Euch und Euren Mann gut. Vertraut mir, bitte. Dann können wir Euch helfen“, erwiderte Espen.

„Habt Ihr … persönlich … einen bestimmten Grund, mir zu helfen?“, erkundigte sich Elizabeth.

„Ich habe Euch gesagt, dass mein Name Swann ist. Mein Vater hatte außer mir noch einen jüngeren Sohn, der in England blieb. Was sagt Euch, Mrs. Turner, der Name Alfred Swann?“, fragte Espen und betonte den Familiennamen bedächtig. Elizabeth bekam große Augen, als ihr bewusst wurde, dass der Name ihres Großvaters Alfred gewesen war …

„Verzeihung, war der Bruder Eures Vaters eventuell aus London?“

Espen lächelte breit.

„Ja“, bestätigte er. „Und er hatte einen Sohn, den er Weatherby nannte.“

„Vergebt mir die Frage nach Eurem Alter, Mr. … Swann“, bat Elizabeth und hatte Mühe, sich dabei nicht die Zunge zu verknoten.

„Ich wurde im Jahr 1660 geboren und bin jetzt knapp 102 Jahre alt. Mein Bruder Alfred wurde 1675 geboren. Er war das jüngste von den drei Kindern meines Vaters“, erwiderte Espen mit sanftem Lächeln. „Ich bin dein Großonkel, Elizabeth.“

 

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Kapitel 20

Meuterei

Mit der Flut liefen die Aztec und die Black Pearl aus dem Hafen von Tortuga aus und nahmen Kurs auf die mexikanische Küste. Auf der Black Pearl tobte ein kleiner sechsjähriger Wirbelwind namens Jack Sparrow jr. über das Deck und erklomm die Webeleinen zum Ausguck im Vormars* fast noch schneller als Tia Dalmas Haustier, Affe Jack.

„Erster!“, schrie er voller Freude nach unten, als er merkte, dass der kleine Kapuzineraffe noch auf halbem Weg mit dem Tampen kämpfte, den Jack jr. ihm auf den Kopf geworfen hatte.

„Jack! Halt dich da oben fest!“, rief Anamaria vom Steuer. „Eine Hand für dich und eine fürs Schiff!“, setzte sie hinzu, um ihren Sohn an diese eiserne Regel der Seemannschaft* zu erinnern.

„Aye, Mom!“, rief der Junge hinunter und pickte* seine Sicherungsleine in einen Griff in Höhe der Plattform am Mast.

Will Turner, der mit seiner Aztec eine Kabellänge* querab* der Black Pearl fuhr, grinste. Wer hatte nur das Gerücht in die Welt gesetzt, Captain Jack Sparrow habe einen Drachen geheiratet? Gewiss, Anamaria hatte Jack in Wills Gegenwart schon einige Male schallende Backpfeifen und Ohrfeigen verpasst. Aber was immer auch der Grund dafür gewesen war, Eifersucht war es definitiv nicht. Eine Frau, die von dem grünen Ungeheuer Eifersucht geritten wurde, hätte nie – unter keinen Umständen – geduldet, dass ihr Gatte eine alte Freundin mit an Bord des gemeinsamen Schiffes nahm, von der besagte Frau ganz genau wusste, dass ihr Mann und besagte alte Freundin das Bett teilten. Zugegeben, eine leibhaftige Göttin als Geliebte hatte auch nicht jeder verheiratete Mann… Und sich ausgerechnet auf See die Feindschaft der Göttin des Meeres einzuhandeln war wohl auch nicht das Klügste, was eine um ihre Ehe besorgte Frau tun konnte. Nach allem, was Will mitbekommen hatte, war die Beziehung zwischen Jack und Anamaria in bester Ordnung, Anamaria und Tia Dalma alias Calypso kamen wunderbar miteinander aus und Jack konnte seinen Leidenschaften genüsslich frönen.

Will sah auf den Kompass in seiner Hand. Es war Jack Sparrows Spezialkompass, der nicht nach Norden wies, sondern auf das, was sein Träger sich am meisten auf der Welt wünschte. Will wollte seine Familie zurück – lebend und gesund nach Möglichkeit – und dabei war ihm Jacks Kompass eine wertvolle Hilfe. Nebenbei hatte er gleich ausprobieren können, welche Wirkung das Netz mit den Splittern des Diamanten der Uneigennützigkeit hatte. Jack hatte ihm den Kompass ohne jedes Zögern gegeben, er hatte nicht einmal gehandelt. Will nahm sich vor, auf Jack aufzupassen, damit er sich mit der neuen Uneigennützigkeit nicht noch schadete …

Die beiden Schiffe waren schnell und wendig. Wenn nichts dazwischenkam, würden sie in wenigen Tagen San Cristobal erreicht haben. Bill Turner kam auf das Achterdeck, um seinen Sohn am Steuer abzulösen.

„Sie macht gute Fahrt, so neun bis zehn Knoten“, sagte Will. „Was sagt der Kurs?“, fragte er dann. Bill kratzte sich verlegen.

„Wir sind auf dem Weg in Richtung südliches Yucatan. Ich bin sicher, dass wir in der richtigen Richtung unterwegs sind, Junge. Jacks Kompass gibt die richtige Richtung an. Fragt sich aber, ob wir nach San Cristobal segeln oder ob Goldbart mit seiner Beute zu einer anderen Insel gesegelt ist“, erklärte Bill.

„Spielt das eine Rolle?“, fragte Will. „Du weißt, dass ich nur Elizabeth und die Kinder zurückhaben will.“

„Das ist nicht der Punkt, mein Junge. Wir haben eine Karte von San Cristobal, aber wenn Goldbart auf einer anderen Insel ist, können wir nicht anhand der Karte planen, was wir machen werden.“

Will musste schmunzeln.

„Ich glaube, in den letzten fünf Jahren haben wir öfter uns unbekannte Inseln aufgesucht, als dass wir anhand einer Karte genau planen konnten, wie wir vorgehen wollen. Die Inseln vor Yucatan sind alle nicht sehr groß“, sagte er.

Im Gegensatz zu den komplizierten kolonialen Besitzverhältnissen in den Kleinen Antillen, die die Karibik nach Osten gegen den Atlantik abgrenzten, war der westliche Teil der Karibik seit über zweihundert Jahren in spanischem Besitz, gleich, ob es Inseln waren oder das mittelamerikanische Festland. Piraten und Freibeuter, die hier ihr Glück versuchten, waren häufiger gescheitert als ihre Unternehmungen Erfolg gehabt hatten. Bill Turner hatte ungute Erinnerungen an eine Expedition an die Küste des südlichen Yucatan, bei der die Freibeuter britische Siedler in der Provinz Honduras gegen die spanische Kolonialmacht unterstützt hatten. Bei der Landung an der Küste hatte Bill zwei Kugeln ins linke Bein bekommen und wäre fast verblutet, hätten Will und Jack ihn nicht rechtzeitig geborgen. Er war nur knapp mit dem Leben davongekommen. Eine Reise vor die mittelamerikanische Küste war nichts weniger als der sprichwörtliche Gang in die Höhle des Löwen, denn nach wie vor befand sich Großbritannien mit Frankreich und Spanien im Krieg.

Jacks Spezialkompass führte die Captains der Aztec und der Black Pearl geradewegs in westsüdwestliche Richtung. Die eingespielten Crews konnten die Geschwindigkeit von zehn Knoten Tag und Nacht halten, womit beide Schiffe ein Etmal* von 240 Seemeilen hatten. Drei Tage nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Tortuga meldete Jack junior aus dem Vormars der Black Pearl mit ebenso lauter wie heller Stimme:

„Land in Sicht!“

Will und Jack, die an den Rudern ihrer Schiffe standen, griffen auf Jack juniors Signal zu den Spektiven und peilten zur Kimm*. Dort erschien eine flache Insel. Stephen Groves, der bei Will am Steuer war, schüttelte den Kopf.

„Mir fehlt da eine“, brummte er.

„Was meinst du, Stephen?“

„Nach dem Kurs, den ich in der Kajüte gesehen habe, laufen wir auf die Schwaneninseln zu. Sonst gibt es hier weit und breit kein Land. Das können nur die Schwaneninseln sein. Ich sehe aber nur Little Swan. Great Swan wäre von uns aus gesehen dahinter und müsste Little Swan überragen – aber da sehe ich nichts …“, erklärte Groves. Will nickte und winkte zu Jack hinüber, der mit seiner Black Pearl eine Kabellänge querab der Aztec lief. Jack verstand und steuerte näher an die Aztec heran.

„Komm näher!“, rief Will. Jack kam noch näher, bis beide Schiffe auf Enterhakenweite heran waren, dann warfen Pintel und Ragetti Enterhaken und holten die Aztec dicht. Will warf selbst einen Enterhaken und schwang auf die Black Pearl hinüber.

„Groves fehlt eine Insel!“, rief er und sprang auf das Achterdeck zu Jack hoch. „Great Swan ist nicht da!“, setzte er noch hinzu. Jack nickte und trat mit dem Fuß dreimal kräftig auf das Deck. Die Tür der Kajüte ging auf und Tia Dalma und Anamaria kamen heraus.

„Du hast gerufen, Jack?“, fragte Tia schnurrend.

„Aye. Hier fehlt eine Insel. Was kannst du uns dazu sagen, Tia Dalma?“, fragte er.

Die Göttin kam in ihrer menschlichen Gestalt auf das Achterdeck und sah in die Richtung, in die Jack wies.

„Seht ihr den hellen Schein hinter der Insel?“, fragte sie dann.

„Aye“, bestätigten Will und Jack.

„Great Swan ist da – nur überstrahlen die Diamanten sie. Das ist Goldbarts Tarnung. Gebt Acht. Die Küste ist sehr gefährlich.“

„Ist Great Swan San Cristobal?“, fragte Will. Calypso alias Tia Dalma nickte.

„Aye, das ist sie. Die Inseln in der Karibik haben zum Teil viele Namen. Columbus nannte sie Islas de las Pozas, Captain Swann benannte sie vor fast hundert Jahren in Schwaneninseln um, aber Goldbart nannte sie immer nach ihrem Entdecker Christoph Columbus San Cristobal“, bestätigte die Göttin.

„Deshalb ist San Cristobal auch auf keiner Karte verzeichnet“, fügte Jack hinzu. „Es gibt nicht viele, die überhaupt um diesen Namen wissen.“

„Wie können wir landen?“, erkundigte sich Will. Tia Dalma lächelte.

„Es geht auf natürliche Art nur zu ganz seltenen Gelegenheiten, die die meisten Menschen nie in ihrem Leben zu sehen bekommen. Wie du weißt, William Turner, erscheint manchmal beim letzten Strahl der Sonne ein grüner Schein. Manche sagen, dass dann eine Seele aus dem Reich der Toten zurückkehrt. Du hast es auf Cozumel selbst gesehen. Doch hier bist du an dem Punkt dieser Welt, wo er überhaupt entsteht, denn es ist eine besondere Art von Regenbogen. Wir werden ihn heute Abend sehen – und dann wirst du die Insel für einen kurzen Moment sehen können, bevor es ganz dunkel wird. Wir können normalerweise nicht mit den Schiffen landen. Aber heute Abend wird das möglich sein… Bereitet euch vor. Viel Zeit haben wir nicht. Die Black Pearl und die Aztec müssen in dem Moment fahren, in dem ich das Signal gebe. Ich werde euch in den Kanal helfen.“

Die beiden Segelschiffe blieben nicht unbemerkt. Mochte der Glanz der Diamanten auf dem Turm am Strand die Insel zum Meer hin auch verdecken, so konnten Bewohner der Insel immer noch erkennen, was sich auf dem Meer tat. Die Strahlen der Diamanten waren nur auf die See gerichtet, zum Land hin aber abgeschirmt. Der höchste Punkt von San Cristobal oder Great Swan lag zwar kaum dreihundert Fuß hoch, doch hatte ein Wächter, der dort postiert war, bei entsprechender Klarheit der Luft etwa zwanzig Seemeilen Sicht. Zwei Stunden bevor die Black Pearl und die Aztec San Cristobal erreichten, hatte der Posten sie bereits gesehen. Er schlug Alarm mit einer Schiffsglocke, die weit über die Insel zu hören war.

Ara Goldbart trat auf den Balkon der Villa und peilte mit seinem Fernrohr nach Nordosten, von wo sich jemand nach der Anzahl der Glockenschläge näherte. Sein kaltes Lächeln verhieß nichts Gutes, fand Moses.

„Fein, sie kommen. Wie ich es mir gedacht habe. Deine Kenntnis von Turner macht sich bezahlt, Moses.“

„Aaron, ich habe drüber nachgedacht“, sagte Moses. „Wie du sagst, ich kenne Turner. Mach ihn dir nicht unnötig zum Feind.“

„Was soll das heißen?“, fragte Goldbart scharf und drehte sich zu seinem Bruder um.

„Aaron, ich halte es für einen Fehler, wenn du diese Männer töten willst“, präzisierte Moses.

„Ist das deine Art, Dankbarkeit zu zeigen, Moses?“, zischte Goldbart.

„Was heißt hier Dankbarkeit?“, fuhr Moses seinen Bruder an. „Du hast mich nach Port Royal beordert; du hast mir befohlen, nur einmal im Monat das Wasser des Lebens zu mir zu nehmen, damit ich normal altere! Du hast mich nur zurückgeholt, weil es dir zu riskant erschien, mich länger dort zu lassen!“

Goldbart drehte sich ganz um und packte Moses am Kragen des offenen Hemdes.

„Ich will dir mal was sagen, Bruderherz: Ich bin der Captain und du wirst dich mir unterordnen! Ich bin das Oberhaupt der Familie und ich trage die Verantwortung für die Diamanten und dafür, dass sie endlich in Ruhe gelassen werden!“, donnerte er Moses an.

„Du vergisst das Maß, Aaron!“, brüllte Moses zurück und riss sich los. „Deine Rachsucht dient gewiss nicht dazu, dass wir endlich unsere Ruhe haben. Glaubst du eigentlich allen Ernstes, dass Turner und Sparrow herkommen, ohne einen Hinweis auf ihr Ziel in Port Royal zurückzulassen? Verdammt noch mal, sie sind keine Piraten, sondern Freibeuter! Hast du das noch nicht begriffen?“, wetterte er.

„Halt dich zurück, bevor ich vergesse, dass du mein Bruder bist, Moses Everett!“, fauchte Goldbart. „Sonst geht es dir wie diesem ungeratenen Balg von Morgan, diesem Usurpator!“, drohte er. Moses ging noch zwei Schritte zurück, doch das Balkongeländer hinderte ihn, noch weiter zurückzuweichen.

„Denk nicht mal dran, Aaron“, warnte er.

„Woran?“, fragte Goldbart und zog sein Entermesser. „Ich schlitze dich auf! Du weißt, dass ich keine Skrupel habe, auch in der Familie aufzuräumen, wenn es sein muss!“

Moses verpasste Goldbart einen Stoß und zog sein eigenes Entermesser.

„Espen!“, rief er.

„Ah, mein Brüderchen will eine Meuterei anzetteln!“, giftete Goldbart und griff Moses an. Der Schlag hätte Moses getroffen, der die Klinge noch nicht blank hatte, aber ein drittes Entermesser verhinderte den Hieb.

„Lass es!“, zischte Espen.

„Meuterei!“, brüllte Goldbart.

Die Männer seiner Crew rannten zusammen.

„Wir müssen dem Captain helfen!“, rief einer.

„Was? Dem Menschenschinder?“, fauchte ein anderer. „Es wird Zeit, dass dem ein Ende gemacht wird!“

Es dauerte nur Momente, bis auch die Crew in heftige Keilerei verwickelt war. Goldbart, der sich mit Mühe gegen Espen und Moses wehrte, übersah, dass seine ihm treuen Männer zwar den größeren Anteil ausmachten, aber die Männer, die für Moses waren, waren die besseren Kämpfer.

„Papa Babalawo**!“, schrie er.

Der Voodoo-Priester erschien prompt auf dem großen Balkon.

„Haltet Frieden!“, mahnte der dunkelhäutige Priester.

„Den haben wir viel zu lange gehalten!“, knurrte Moses und attackierte seinen Bruder mit größerer Heftigkeit als zuvor.

„Halt ein, Moses, sonst muss ich dich zwingen!“, drohte der Babalawo. Doch Moses hatte genug.

„Nein!“, rief er. Der Voodoo-Priester griff in seine weiten Gewänder und zog mit der Linken eine kleine Puppe, mit der rechten Hand eine Nadel heraus und stach zielsicher die Nadel in den Rücken der Figur. Sowohl Moses als auch Espen blieben mitten in der Bewegung stocksteif stehen, ließen mit einem Schrei ihre Entermesser fallen und gingen zu Boden.

„Lasst die Waffen fallen!“, brüllte Goldbart den anderen Crewmitgliedern zu und bedrohte Moses mit seinem Entermesser. Resigniert gaben die Männer auf, als sie bemerkten, dass der Babalawo erneut in die Puppe stechen wollte. Goldbart nickte befriedigt.

„Wenn wir mit unseren Feinden fertig sind, seid ihr dran. Es reicht mir jetzt!“, knurrte er. „Los, sperrt sie im Schlangenturm ein – und die anderen Gefangenen gleich mit!“

 

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Kapitel 21

Kampf um San Cristobal

Calypso hatte einen Krebsscherenwurf zur Weissagung benutzt und festgestellt, dass die Ankunft der Freibeuterschiffe hektische Aktivität auf San Cristobal ausgelöst hatte. Sie hatte entgegen ihrer ersten Anweisung dazu geraten, die Landung doch noch bei Tage zu versuchen. Jetzt stand die Göttin in ihrer menschlichen Gestalt am Bug der Black Pearl und beobachtete das ringförmige Korallenriff, das trotz der hoch aufgelaufenen Flut immer noch nicht tief genug unter Wasser lag, um der nachtschwarzen Fregatte die Durchfahrt zu ermöglichen. Die Black Pearl hatte 25 Fuß Tiefgang, was gut vier Faden* entsprach, die Aztec mit 11 Fuß nicht ganz zwei Faden Tiefgang. Unter normalen Umständen hätte die Black Pearl San Cristobal niemals anlaufen können. Goldbart benutzte aus gutem Grund Briggs als Kaperschiffe. Die Bucht, die hinter dem Ring aus Korallen sichtbar war, reichte knapp aus, um eine Brigg von der Größe der Aztec einfahren zu lassen.

Calypso lächelte sanft. Goldbart war schlau genug, eine Insel zu seinem Stützpunkt zu machen, den die Royal Navy nicht mit zahlreichen oder großen Kriegsschiffen erreichen konnte. Doch als Göttin des Meeres hatte sie andere Möglichkeiten, einem Piraten den Stützpunkt zu verleiden. Sie ließ sich geschickt am Bugnetz der Black Pearl hinunter, erreichte die Ankerkette und konnte von dort aus die Wasseroberfläche erreichen. Sie streckte eine Hand aus und murmelte eine leise Beschwörung. Die Korallen an der Durchfahrt verstanden die Anweisung ihrer Göttin und sortierten sich mit zusätzlicher Hilfe von einigen tausend Krabben neu, die Calypso hinzu gerufen hatte. Die Durchfahrt wurde immer tiefer und breiter. Schließlich kam eine Krabbe an die Ankerkette und teilte der Göttin mit, dass alles klar sei. Tia Dalma stieg zurück an Deck und gab Jack das Zeichen, dass die Durchfahrt tief genug war.

„Anker hoch, klar bei Toppsegel!“, kommandierte Jack. Ein Teil der Crew hievte den Anker auf, ein anderer Teil reffte die Segel bis auf die Toppsegel, so dass die Black Pearl nur mit den kleinen Segeln oben an den Masten langsam in die Bucht einfuhr.

Goldbart grinste aus seiner Deckung im Dschungel nahe der getarnten Bucht, in der die Esmeralda vor Anker lag.

„Nicht schlecht. Eine Fregatte hier hereinzubringen, ist eine Kunst. Aber jetzt werden wir ein bisschen Verwirrung stiften … Los, den Diamanten ins Wasser!“, befahl er dann. Der Posten auf dem Turm am Strand verstand und senkte einen der Diamanten in das Wasserloch unter dem Turm. Augenblicklich wurde die Insel transparent und wurde immer durchsichtiger – jedenfalls für Beobachter, die außerhalb des Korallenrings waren.

Will staunte nicht schlecht, als die Black Pearl vor seinen Augen durchsichtig wurde. Auch die Männer seiner Crew sahen zu ihrem Schrecken, was mit der Insel und dem anderen Kaperschiff geschah.

„Wir sollten hier verschwinden, Captain!“, empfahl Groves. Doch Will schüttelte den Kopf.

„Nein, Männer. Sie versuchen, uns zu narren. Aber sie werden schnell feststellen, dass wir uns nicht narren lassen. Bootsmann, Toppsegel setzen! Wir folgen der Black Pearl!“, wies Will Eddie an.

„Woher weißt du, dass das möglich ist, Will?“, fragte sein Vater.

„Ich habe vom Gefängnis aus gesehen, wie die Esmeralda im Hafen von Port Royal erschienen ist, Vater. Sie war ebenso durchsichtig wie die Black Pearl jetzt. Erinnere dich, was Calypso uns zu den Diamanten gesagt hat: In Verbindung mit dem Wasser des Lebens können sie Dinge unsichtbar machen. Unsichtbar bedeutet aber nicht, dass etwas nicht da ist. Also hinterher, Männer!“

Einen Moment war verblüfftes Schweigen, dann ertönte ein viel-stimmiges

„Aye, Captain!“

Die zum Segelsetzen eingeteilten Männer eilten die Wanten hinauf, andere hievten den Anker aus dem Wasser. Die Aztec setzte sich langsam in Bewegung. Der Klüverbaum* am Bugspriet geriet in den Einflussbereich des im Wasser versenkten Diamanten und wurde ebenfalls durchsichtig wie eine Fata Morgana. Dann schob sich das ganze Schiff in die vom Korallenring umschlossene Bucht und der Effekt verging wieder.

„Verdammt!“, fluchte Goldbart. „Woher wissen die, dass das nur eine Spiegelung ist?“

„Vielleicht hat Moses Turner darüber etwas erzählt …“, mutmaßte Goldbarts Bootsmann. Goldbart zuckte mit den Schultern.

„Nicht ausgeschlossen“, sagte er. „Aber wir haben noch ein paar Überraschungen für sie parat. Los, Jungs!“

Ein Teil der Männer verließ die Deckung im strandnahen Dschungel und beeilte sich, auf die Esmeralda zu kommen, die hinter der Segeltuchtarnung verborgen lag. Die Black Pearl fuhr vorsichtig weiter. Als der Klüverbaum* das tarnende Segeltuch berührte, feuerten die Kanoniere der Esmeralda eine Breitseite der auf dem Oberdeck befindlichen Geschütze ab, die geschickt über den Urwald geschossen war und die Black Pearl schräg von Steuerbord erreichte, wo sie einige Schäden am Vorschiff verursachte. Jack warf das Ruder nach Backbord, aber der Klüverbaum verfing sich in der Segeltuchtarnung und hielt die Fregatte in einem ungünstigen Winkel, um das Feuer der Esmeralda hinter dem Wald zu erwidern.

Goldbart lachte hämisch. So hatte er sich die Angelegenheit vorgestellt. Doch Captain Jack Sparrow war keineswegs am Ende seines Lateins.

„Legt die langen Riemen aus! Zurück!“, befahl er. Eilig besetzte die nicht als Kanoniere eingeteilte Crew die Riemen und pullte auf Gibbs’ Anweisung zurück bis der Klüverbaum wieder frei war. Dann drehte Jack sein Schiff nach Backbord, Pintel führte die Kanonen auf dem Hauptdeck, Ragetti die Geschütze im Kanonendeck. Eine volle Breitseite der Black Pearl zerfetzte die Tarnung der Bucht und legte einen Teil des Küstenwaldes flach.

Will hatte die Bedrängnis der Black Pearl gesehen und auch wahrgenommen, woher die Schüsse kamen. Er steuerte nahe an die Black Pearl heran, um Jack Feuerschutz zu geben. Groves agierte als Geschützmeister und spielte seine bei der Navy erworbene Erfahrung aus. Er ließ die Geschütze auf dem Hauptdeck so steil wie möglich stellen und feuerte eine halbe Breitseite über den Wald, die auf dem Oberdeck der Esmeralda einschlug, einige Planken beschädigte und zwei Kanonen vom Hauptdeck zum Absturz brachte. Groves hatte seine Geschützcrew so gut eingespielt, dass die Geschütze innerhalb weniger Minuten wieder feuerbereit waren und seine Männer gleich eine zweite Salve hinterherschickten. Auch die Esmeralda feuerte erneut, doch war die Black Pearl außerhalb der Reichweite der kleinen Deckskanonen der Esmeralda. Die Salve traf die vorgerückte Aztec, zerlegte die Steuerbordreling und die Beplankung im Bereich des Fockmastes. Die Kanoniere im Geschützdeck der Aztec feuerten eine halbe Breitseite direkt in den küstennahen Wald hinein und fällten damit zahlreiche Bäume. Ohne es zu ahnen hatten sie damit einen Angriff der Crew Goldbarts einstweilen verhindert, die sich gerade zu Fuß durch den Urwald schlug und sich im Gewirr der umstürzenden Bäume festrannte.

Jack hatte seine Black Pearl wieder auf Kurs gebracht und fuhr in die Bucht ein, in der die Esmeralda lag. Eine wuchtige Breitseite der Fregatte fegte die auf dem Oberdeck verbliebenen Kanonen der vor Anker liegenden Brigg weg.

Weiter oben sahen Goldbarts Gefangene, wie die Black Pearl und die Aztec mit der Esmeralda kämpften, um landen zu können. Der Turm bot durch stark vergitterte Fenster einen guten Ausblick zur Bucht hinunter. Der Beginn des Kampfes um die Insel war für die beiden Wächter, die dort oben die Gefangenen bewachten, das Zeichen, die Schlangen freizulassen. Weil die Wächter keine Neigung hatten, Bekanntschaft mit den Giftzähnen der aufgescheuchten Korallenottern zu machen, verrammelten sie eilig die Tür, nachdem sie die Giftnattern in den Gang gejagt hatten. Schlangen suchten Wärme und Licht und so waren die Kriechtiere schneller in den Zellen, als den Insassen lieb sein konnte.

Ein spitzer Schrei von Jenny alarmierte Elizabeth. Eilig suchte die junge Frau etwas, womit sie die Schlangen vertreiben konnte, aber zum einen war nichts dergleichen vorhanden, zum anderen warnte Moses sie, dass sie die Schlangen damit nur noch wütender machen würde.

„Auf die Pritsche!“, befahl Moses. „Dort kommen sie nicht hin.“

Die Pritschen, auf denen die Gefangenen schlafen sollten, waren an Ketten an der Wand befestigt und hatten keinen Bodenkontakt. Die Wände selbst waren zu glatt, als dass es den Korallenottern möglich gewesen wäre, die Wände hinauf zu gleiten. Mit einem Satz waren die Insassen – Elizabeth, Jenny, Esther, die beiden Kinder, Moses und Espen – auf den Pritschen, wo sie einstweilen sicher waren. Aber es war kein Vergnügen, auf einem zwei Fuß breiten und sechs Fuß langen Brett zu stehen, das nur mit zwei fingerlangen Stiften in der Wand befestigt war und auf einem zwei Finger schmalen Sims auflag …

Unten in der Bucht wurde immer noch heftig gekämpft, aber Goldbart und seine Männer zogen sich nun aus der Bucht zurück, um die Freibeuter in den Dschungel zu locken. Jack und Will ließen jeweils eine gut ausreichende Wachtruppe zurück, die die Schiffe nötigenfalls gegen Goldbart und seine Piraten verteidigen konnte.

„Der Dschungel ist ziemlich dicht“, sagte Stiefelriemen. „Gut geeignet für jede Art von Hinterhalt. Sie kennen diese Insel gut, wir nicht“, warnte er. Will nickte, aber Bill sah schon an der Bewegung seines Sohnes, dass Will nicht vorhatte, auf die Warnung zu hören. Wenn es um Elizabeth und seine Kinder ging, konnte William Turner jr. ausgesprochen impulsiv sein und die nötige Vorsicht vergessen.

„Wenn wir schnell genug sind, haben sie keine Chance, sich zu verbarrikadieren“, erwiderte Will. Ihm war anzusehen, wie sehr er darauf brannte, seine Familie aus den Fängen Goldbarts zu befreien. Jack und Bill sahen sich an. Bei Will kam der jugendliche Hitzkopf wieder durch, den sie eigentlich längst verschwunden gewähnt hatten.

„Vater! Wir haben nicht viel Zeit!“, mahnte Will zur Eile. Bill Turner sah ein, dass er seinen Sohn mit nichts davon abhalten würde, sich zu seiner Familie durchzukämpfen. Der Artilleriekampf hatte auch die übrigen Männer der beiden Crews soweit aufgeheizt, dass sie jetzt von Vernunft und Zurückhaltung nichts wissen wollten.

Goldbart und seine Leute hatten sich aus dem Buchtbereich zurückgezogen und waren tief in den Dschungel gegangen.

„Wir verteilen uns auf die Dschungelverstecke!“, wies Aaron seine Männer an. Doch seine Männer begannen zu zweifeln, dass es eine gute Idee ihres Captains gewesen war, die Feinde auf die Insel zu locken, die sie so lange einigermaßen hatten geheim halten können. Mit den Zweifeln an der Idee kamen auch Zweifel an der Führungskompetenz des Captains auf.

„Nein!“, widersprach sein Bootsmann. „Captain, Ihr wisst genau, dass wir im Dschungel nicht sicher sind – schon gar nicht einzeln. Diese Eingeborenen können sich noch besser unsichtbar machen als wir mit den Diamanten die ganze Insel verschwinden lassen können. Fünf von uns haben sie schon gefressen. Ich möchte nicht am Spieß enden!“

„Jimmy, du vergisst, wer hier das Sagen hat!“, fauchte Goldbart. Jimmy steckte demonstrativ sein Entermesser ein.

„Ich will dir mal was sagen, Aaron: Du bist Captain einer Piratencrew. Und Piraten wählen ihren Anführer selbst. Du hast uns in eine unmögliche Situation gebracht. Ich verweigere dir die Gefolgschaft“, zischte Jimmy.

„Möchtest du auch mit den Nadeln von Papa Babalawo Bekanntschaft machen, Jimmy?“, drohte Goldbart.

„Vielleicht möchtest du Bekanntschaft mit meinem Entermesser machen, Aaron“, giftete der Bootsmann. Mit einer fließenden Bewegung hatte er das Entermesser wieder aus der Scheide und schlug dem Voodoo-Priester die flache Klinge auf die Finger, der mit einem Wehlaut die Puppe fallen ließ.

„Es reicht mir jetzt. Moses hatte absolut Recht. Deine Rachsucht gegen andere ist nicht mehr zu ertragen!“, fuhr Jimmy Goldbart an. Goldbart zog ebenfalls das Entermesser. Die Männer bildeten einen Ring, in dem Aaron und Jimmy ihren Streit im Wortsinne ausfochten.

Während der Captain und Jimmy sich stritten, suchte der Babalawo seine Puppe. Er fand sie schließlich ein paar Yards außerhalb des Rings von Goldbarts Leuten. Er ging einige Schritte in die Richtung. Bevor er sich bücken konnte, hatten schon kleine Finger die Puppe verschwinden lassen. Verwirrt sah der Voodoo-Priester wieder hoch – und erstarrte. Ganz deutlich hatten ihn Augen aus dem dichten Grün angeblinzelt!

„Uaaahhhh!“, entfuhr es ihm. „Pe… Pele… Pelegostos!“, stieß er entsetzt hervor.

 

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Kapitel 22

In den Netzen der Pelegostos

Jack, Will und ihre Männer kämpften sich durch den dichten Dschungel, stets auf der Hut vor Attacken von Goldbart und seinen Leuten aus dem Hinterhalt. Jacks Kompass wies ihnen in Wills Händen den Weg zu Elizabeth und den Kindern. Dabei offenbarte sich, dass der Kompass tatsächlich den Weg dorthin wies, nicht nur die Richtung, in der sich die Gesuchten befanden. Die Pfade waren so verschlungen, dass die Männer schon glaubten, Goldbart schleppe seine Geiseln mit sich durch den Urwald von Great Swan Island/San Cristobal. Die Insel war von bestechender Schönheit, wobei bestechend durchaus auch auf ihre geflügelten Bewohner in Gestalt von Moskitos anzuwenden war …

„Was ist das?“, fragte Marty plötzlich. Der Zwerg ging direkt neben Will, dem er gerade bis zum Gürtel reichte. Er zupfte an einer Schnur, die direkt vor seiner Nase hing.

„Lass die Finger davon, Marty! Das bringt …“, stieß Gibbs erschrocken hervor, aber es war zu spät. Die Falle in Form eines großen Netzes schnappte zu, und Will, Jack, Marty, Gibbs, Cotton und Bill zappelten wie frisch gefangene Heringe in den kräftigen Maschen des aus Lianen gewebten Netzes. Ein dickes Gegengewicht riss das Netz in die Höhe, bis es samt Inhalt gut zehn Fuß über dem Boden in luftiger Höhe stoppte.

„… Unglück!“, vollendete Gibbs schnaufend, als das Netz ausschaukelte. Erschrockene Rufe von anderen Crewmitgliedern der Aztec und der Black Pearl, die nur ein paar Yards seitlich versetzt den Dschungel durchstreiften, gaben den Netzinsassen die fatale Gewissheit, dass die anderen in ähnliche oder gleiche Fallen gelaufen waren.

Bill Turner wartete nicht lange und griff zu seinem Messer, um das Netz zu durchtrennen. Jack stoppte ihn.

„He, nein!“, rief er und hielt Bills rechte Hand fest.

„Und wieso?“, erkundigte sich Vater Turner.

„Ist dir mal aufgefallen, wie hoch das ist?“, gab Jack zu bedenken. „Du bist im Begriff, etwas unglaublich Blödes zu tun, klar soweit?“

„Und was sollten wir deiner Meinung nach tun, Jack?“, erkundigte sich Bill, die Klinge noch immer am Netz.

„Abwarten, mein Freund, ganz einfach“, erwiderte Jack mit ausladender Geste, die er sich nur deshalb erlauben konnte, weil er mehr zufällig beide Arme außerhalb des Netzes hatte.

„Und worauf?“, fragte Will, der sich im Gegensatz zu Jack praktisch gar nicht bewegen konnte, weil er zwischen Cotton und Gibbs eingeklemmt war.

„Die Pelegostos werden uns hier nicht hängen lassen“, grinste Jack.

„Da … wär’ ich mir nicht sicher …“, schnaufte Gibbs und versuchte sich umzudrehen, ohne Will platt zu quetschen, wo bei er feststellte, dass er seine eigenen Knie im Rücken spürte, die er gerade in Wills Rücken bohrte.

„Zugegeben, sie lieben gut abgehangenes Fleisch. Grillt sich besser …“, kicherte Jack mit goldenem Grinsen.

„An uns haben sie dann nicht viel zu knabbern …“, kicherte Marty und knuffte Will freundschaftlich in die Seite.

„Wenigstens einer steckt nicht fest“, keuchte Will und wies mit dem Kinn und einiger Mühe auf Cottons Papagei, der sich auf einem Ast ein paar Fuß höher das Gefieder ordnete. Irgendwie bekam er dank der Platzveränderung von Gibbs die Arme frei und konnte sie ebenfalls aus dem Netz strecken und an den Lianenstrick kommen, der das Netz hielt.

„Will, lass die Finger davon!“, kommandierte Jack, der ahnte, was sein junger Freund vorhatte.

„Ich warte jedenfalls nicht, bis …“

Weiter kam Will nicht, weil ihn ein Pfeil mit einem schnell wirkenden Betäubungsgift in den Hals traf. Er sackte zusammen und rührte sich nicht mehr. Fast gleichzeitig trat ein eher kleinwüchsiger Mann aus dem Urwald, der ihn bisher verborgen gehalten hatte. Außer grüner Pflanzentarnfarbe trug er nur eine Art Baströckchen als Kleidung um die Lenden. Der Kleine war nicht allein. Aus dem Dschungel tauchten mit grüner Pflanzenfarbe hervorragend getarnte Menschen von sehr unterschiedlicher Größe auf, die – abgesehen von ihrer Tarnfarbe – nur sparsam bekleidet waren. Das entzückte Lächeln, das sie im Gesicht hatten, bewies, dass sie über die Beute mehr als nur erfreut waren. Sechs – nun ja, eher fünfeinhalb – Männer auf einen Schlag im Netz und noch einige andere ein paar Netze weiter … Die nächsten Mahlzeiten waren gesichert.

Weit oben in der Piratensiedlung hörten die Gefangenen im Schlangenturm seltsame Geräusche, einen hohlen Ton, den jedenfalls Elizabeth und ihre Dienerinnen noch nie gehört hatten. Moses und Espen wurden noch bleicher, als sie angesichts der Giftschlangen in den Zellen ohnehin schon waren. Zwar lagen die Schlangen wieder ruhig und machten keine Anstalten, die Pritschen zu entern, aber die Situation war nach wie vor gefährlich. Sofern sich einer der Gefangenen falsch bewegte und auf den Boden kam, konnten sich die sensiblen Tiere erschrecken, und die Folgen malte sich lieber keiner der Gefangenen aus.

„Was ist das?“, flüsterte Elizabeth mit trockenem Hals.

„Die Pelegostos!“, stieß Espen entsetzt hervor. „Sie haben Gefangene gemacht.“

„Was … wird mit den Gefangenen geschehen?“, erkundigte sich Elizabeth. Espen sah sie eine Weile an.

„Sie sind Kannibalen. Fünf von uns sind ihnen im Dschungel schon zum Opfer gefallen. Gefangene sind für sie einfach Fleisch …“, sagte er.

„Können wir denn gar nichts tun?“, fragte Elizabeth weiter. Espen sah sie verblüfft an.

„Äh, wir sitzen hier fest, junge Frau!“, erinnerte er sie. Mit einem kühlen Lächeln zog Elizabeth eine massive Haarnadel aus ihrem hochgesteckten Haar heraus.

„Damit lässt sich praktisch jedes Schloss knacken. Hat Will mir gezeigt“, versetzte sie. Moses grinste schief.

„Möglich, aber dazu musst du erst mal an das Schloss herankommen, Mädchen. Dazwischen sind ein paar hungrige Kriechtiere, die verdammt giftige Beißerchen haben“, warnte er.

„Wie lang sind die Zähne ungefähr?“, fragte die junge Frau.

„Na, so etwa“, erwiderte Moses und ließ zwischen Zeigefinger und Daumen etwa zwei Inch** Platz. Elizabeth nahm Maß.

„Gehen solche Zähne auch durch Stiefelleder?“, fragte sie.

„Willst du das wirklich ausprobieren, Mädchen?“, erkundigte sich Moses spöttisch.

„Weißt du es nicht oder gehen sie durch?“, hakte sie nach.

„Ich weiß es nicht, und ich möchte es nicht ausprobieren.“

„Feigling!“, knurrte Elizabeth.

Sie begutachtete die Matratze, die auf der Pritsche lag. Es war eine Seegrasmatratze, die zu dünn war, um darauf passabel schlafen zu können und eigentlich zu dick, um sie aufzurollen. Aber für gewisse Bastelarbeiten war sie möglicherweise zu gebrauchen…

„Nimm bitte William“, sagte sie Jenny und reichte der Dienerin den kleinen Jungen, der seiner Mutter interessiert zusah. Zur Verblüffung ihrer Zellengenossen zog Elizabeth die Haarnadel nochmals auseinander und bekam eine scharfe Klinge heraus, mit der sie die Matratze in lange Streifen schnitt, die sie sich um die Füße wickelte.

„Was machst du da, Mama?“, fragte William.

„Etwas, was du mit deiner Matratze zu Hause bitte auf gar keinen Fall machen wirst, Willy!“, ermahnte sie ihren wissbegierigen Sohn.

„Mama baftelt …“, jubelte Klein Lilly lispelnd und klatschte vor Freude in die Händchen. Esther hatte ihre liebe Mühe, die quirlige Kleine festzuhalten.

„Lilly, halt bitte still!“, flehte Esther, die ein Problem damit hatte, einerseits das Gleichgewicht auf der schmalen Pritsche zu wahren und andererseits dafür zu sorgen, dass der jüngste Wirbelwind aus der Familie Turner ihr nicht entwischte und in Lebensgefahr geriet.

„Halt’ sie bitte noch etwas ruhig, Esther“, bat Elizabeth, die sich die geschnittenen Matratzenstreifen um die Füße wickelte.

„Das würde ich gern, aber die Kleine lässt mich nicht, Mylady.“

„Onkel Espen, könntest du bitte mal …“, bat Elizabeth ihren Großonkel. Mit einem breiten Grinsen nahm Espen Esther Lilly ab. Gegen seine großen Pranken kam die Kleine nicht an, aber dass sie nicht gerne auf seinem Arm saß, war an dem kraus gezogenen Näschen unübersehbar.

„Du ’tinkst!“, protestierte sie und stemmte sich mit aller Macht gegen Espen. Der Maat war sich wohl bewusst, sich seit längerem nicht gewaschen zu haben, nur war das unter Seeleuten eher normal.

„Da musst du jetzt durch, meine Kleine!“, kicherte er und hielt Lilly eisern fest, die wie ein zappelnder Fisch im Netz strampelte, aber nicht gegen ihn ankam. Schließlich verlegte sie sich aufs Quengeln und Schreien – und Kinder, insbesondere Kleinkinder, haben unglaublich tragfähige Stimmen …

„Lilly!“, fuhr Elizabeth dazwischen. „Sei still!“

Aber Lilly ließ sich nicht beruhigen. Mit einem gereizten Seufzen hielt die junge Frau in ihren Bemühungen inne, sich für einen Durchbruch durch die Linie der Schlangen zu präparieren und angelte nach der quengelnden Lilly, um sie wieder zur Ruhe zu bringen.

Inzwischen senkte sich Dunkelheit über die Insel. Die Pelegostos hatten die Netze mit den Gefangenen von den Bäumen geholt, waren aber jeweils in solcher Überzahl erschienen, dass jeder Widerstand in Keim erstickt wurde. Die Männer wurden mit Händen und Füßen an Stangen gefesselt und in das Dorf der Eingeborenen getragen. Zur Verblüffung der Männer von Black Pearl und Aztec fanden sie dort ihre Kontrahenten um Goldbart ebenso verschnürt vor wie sie selbst waren.

„Was geht denn hier vor?“, fragte Stiefelriemen verwirrt.

„Lass mich das machen!“, grinste Jack und redete in einer für die anderen unverständlichen Sprache auf die Eingeborenen ein, in die nur ab und zu eine Redewendung auf Englisch eingeflochten war, die für Captain Jack Sparrow üblich war, sein berühmtes klar soweit zum Beispiel. Die Pelegostos antworteten ihm in der gleichen Sprache.

„Woher kann Jack die Sprache?“, fragte Gibbs, ebenso verwirrt wie Bill Turner.

„Hat er mal von ihnen gelernt“, schaltete sich Ragetti ein. „Als er mal deren Häuptling war. Wir konnten ihn nur knapp vor dem Bratspieß retten …“

„So viel zum Thema: Wer zurückbleibt, wird zurückgelassen“, grinste Bill. „Die Frage ist nur, wer uns jetzt vor dem Bratspieß rettet …“

Der Anführer der Pelegostos hörte Jack zu, nickte ab und zu und wandte sich dann an Goldbart, der ebenfalls in der Sprache der Pelegostos antwortete.

„Gute Güte, was ist das für ein Palaver?“, meldete sich nach einiger Zeit Will zu Wort, der aus der Betäubung erwachte und sich am Spieß wieder fand.

„Schwer zu sagen“, seufzte Gibbs. „Sie palavern schon ein paar Stunden, habe ich den Eindruck. Jack verhandelt mit dem Häuptling der Pelegostos, wie’s aussieht. Und Goldbart mischt da auch mit.“

Will beobachtete die Szenerie und erinnerte sich an den Albtraum, den er vor langer Zeit gehabt hatte. Darin war Jack auf die Insel der Pelegostos geflohen, um vor dem Kraken von Davy Jones Schutz zu suchen. Sie hatten Jack zu ihrem Häuptling gemacht, den sie letztlich aber verspeisen wollten. Ein großer Teil der Crew war von den Kannibalen verspeist worden, bevor Will dazu gekommen war …

Zur Verwunderung aller, die an die Stangen gefesselt waren, durchtrennte der Anführer der Eingeborenen Jacks Fesseln und auch die von Goldbart.

„Was wird das jetzt?“, fragte Will, als der Anführer auch zu ihm trat und Jack in der fremden Sprache auf ihn einredete.

„Er ist sich nicht sicher, was er von uns allen halten soll. Ich habe ihn überreden können, dass er einen Zweikampf ansetzt – zwischen dir und Goldbart, mein Freund“, erklärte Jack. „Du bist ja schließlich unser Oberpirat als König der Piraten …“

Jack zwinkerte Will zu, was eine gewisse Bandbreite von Interpretationen für Will zuließ – von zu erwartender Hilfe durch Jack bis zum Beweis handfester Feigheit des Captains Jack Sparrow …

„Welche Regeln sollen gelten?“, fragte Will.

„Piraten haben keine Regeln, Turner!“, knurrte Goldbart ohne eine Antwort von Jack abzuwarten.

„Nur ein richtiger Feigling ignoriert die Notwendigkeit von Regeln, Goldbart“, erwiderte Will eisig. „Weil er zu feige ist, sich ihnen zu unterwerfen.“

„Nein, Turner, ein Regelkleber ist ein Feigling, weil er zu feige ist, sein Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Aber ich werde dir zeigen, wozu jemand in der Lage ist, der nur nach eigenen Regeln lebt“, grollte Goldbart und griff Will mit einem Panthersatz an, kaum dass er ein Entermesser in der Hand hielt und ohne darauf zu warten, dass Will ebenfalls gänzlich von den Fesseln befreit und bewaffnet war.

Will blockte den Angriff ab, indem er kurz beiseitetrat und Goldbart elegant einen Fuß stellte, über den der vermeintliche Inselherr der Länge nach hinflog. Mit einem Satz war Will heran und trat Goldbart heftig auf die Waffenhand, dass der den Säbel verlor. Bevor Ara mit der linken Hand einen Dolch aus dem Stiefel bekam, hatte Will ihm schon einen weiteren Fußtritt gegen die linke Hand verpasst, dass auch der Dolch in unerreichbare Entfernung flog. Dann zog er den überraschten Goldbart am Hosenbund hoch und rammte ihm das Knie mit voller Wucht unter das Kinn, dass seinem Gegner buchstäblich Hören und Sehen verging. Goldbart kam nicht dazu, sich irgendwie zu wehren, weil Will ihn mit einem solchen Hagel von Fausthieben eindeckte, dass er nicht einmal die Gelegenheit fand, sich gegen die Hiebe zu decken. Goldbart bekam Will Turners ganze Wut zu spüren, die sich seit dem Einbruch in seine Schmiede aufgestaut hatte.

„Und jetzt will ich wissen, wo meine Familie ist und weshalb du Lump sie eigentlich entführt hast“, keuchte Will schließlich, als Goldbart augenscheinlich zerschlagen am Boden lag und sich nicht mehr rührte. Doch Goldbart bekam ein müheloses Grinsen zustande, was Will angesichts der Prügel, die Goldbart praktisch ohne Gegenwehr eingesteckt hatte, sehr wunderte.

„Die ist im Schlangenturm und dürfte kaum noch lebendig sein.“

Will sagte kein Wort, riss Goldbart wieder hoch und verpasste ihm noch eine solch brutale Tracht Prügel, wie es noch niemand von Will Turner gesehen hatte. Goldbart schien weiterhin keine Mittel zu finden, sich gegen die harten Schläge auch nur ansatzweise zu wehren.

„Jack, tu was!“, mahnte Stiefelriemen. „Mein Sohn erschlägt den Kerl sonst.“

„Aye!“, grinste Jack. „Lass deinen Welpen seine Wut lieber an Goldbart auslassen als an anderen!“

„Aye, Jack. Stiefelriemen hat Recht. Aber auf andere Weise, als er eigentlich meint. Es heißt, Goldbart sei unsterblich und profitiere von der Wut seiner Gegner“, warnte Gibbs. Jack sah genauer hin und stellte fest, dass Goldbart zwar die Hiebe über sich ergehen ließ, sie aber augenscheinlich besser wegsteckte, als er nach außen hin Glauben machen wollte. Wie zur Bestätigung kam Goldbart plötzlich hoch und schlug fürchterlich zu, dass Will in den Sand flog. Doch gleichzeitig ging auch Goldbart wieder zu Boden, den das Echo seines Schlags durch den Schutz Quetzalcoatls glatt wieder umwarf. Will rappelte sich wieder auf und ging mit noch größerer Wut auf Goldbart los, verpasste ihm Ohrfeigen in Serie, dass Goldbart wiederum nicht dazu kam, sich gegen Wills Schläge zu wehren.

Jacks Blick wanderte über die auf der anderen Seite abgelegten Männer Goldbarts und blieb an einem Schwarzen hängen, der mit seinen wilden Dreadlocks und den ungezählten Täschchen und Beuteln am Gürtel viel Ähnlichkeit mit einem Babalawo, einem Priester der Voodoo-Religion, hatte. Der Babalawo hatte die Augen halb geschlossen und schien sich auf etwas zu konzentrieren. Jack überlegte nicht lange, wog einen Stein in seiner Hand, nahm Maß und warf ihn dem Babalawo an den Kopf, der prompt die Kontrolle verlor und etwas aus der Hand fallen ließ.

Bevor einer der Eingeborenen danach greifen konnte, war Jack schon zur Stelle und sicherte den Gegenstand – eine kleine Puppe. Hinter sich hörte er das Klatschen der Hiebe, die Will mit unverminderter Härte an Goldbart austeilte.

„Will, hör auf!“, rief er. Will stockte mitten im Schlag und ließ die Rechte sinken, die Linke noch an Goldbarts Schlafittchen. Goldbart hing völlig schlapp in Wills Griff.

„Was ist?“, fragte er.

„Der hat genug, wenn du mich fragst – vor allem, nachdem ich seinem Babalawo das hier abgeknöpft habe“, grinste Jack und wedelte mit der Voodoo-Puppe. Will ließ Goldbart los, der ohnmächtig liegen blieb und trat zu Jack, den feindlichen Piratencaptain immer noch sichernd im Blickfeld.

„Was ist das?“, fragte Will mit einem Nicken auf die Puppe, die er kurz in Augenschein nahm und sich dann wieder Goldbart zuwandte.

„Eine Geisterpuppe, die Voodoo-Priester benutzen, um ihren Zauber auf andere Menschen zu übertragen – zu deren Schaden oder auch Nutzen. In diesem Fall Nutzen, denn der Babalawo hat die Wucht deiner Schläge über diese Puppe als Kraft auf Goldbart zurück übertragen. Noch ein bisschen länger und er hätte dich mit einer solchen Wucht angegriffen, dass nicht mal Quetzalcoatls Schutz dich gerettet hätte, mein Freund. Nachdem ich sie ihm abgenommen habe, hat Goldbart deine Schläge nicht mehr vertragen können. Klar soweit? Der ist fertig mit der Welt, sag ich dir.“

Will nickte.

„Wo ist der Schlangenturm?“, fragte er dann drängend. „Ich lasse Elizabeth und die Kinder keinen Augenblick länger dort, als es unumgänglich ist.“

Jack wandte sich an den Anführer der Eingeborenen, der ihm wortreich etwas erklärte und dann seinen Leuten mit großer Geste eine Anweisung gab. Die Männer wiederholten seine Worte laut im Chor und schnitten dann alle Männer der Black Pearl und der Aztec los.

„Er sagt, wir seien frei und nicht länger ihre Vorräte. Sie … halten uns für so was wie … Götter. Wir sollten hier verschwinden und zwar zügig. Wenn sie einen erst für einen Gott halten, haben sie die dumme Angewohnheit, einem die Ehre erweisen zu wollen, einen aus der fleischlichen Hülle befreien zu wollen – nach dem Grillen …“, dolmetschte Jack.

„Nicht ohne Elizabeth und die Kinder! Wo sind sie, verdammt?“, entgegnete Will scharf. Jack wandte sich erneut an den Anführer der Eingeborenen, der wild in eine bestimmte Richtung gestikulierte.

„Er sagt, dort auf dem Hügel. Aber er sagt, dort wohnt auch der Teufel selbst“, übersetzte Jack.

„Du weißt, dass ich für Elizabeth mit dem Teufel persönlich raufe. Wie kommen wir da am schnellsten hin?“

Jack sprach wieder mit dem Anführer der Pelegostos, der ihm den Weg so mit Gesten beschrieb, dass auch Will verstand, was der Mann meinte.

„Was soll jetzt mit Goldbart und seinen Leuten geschehen?“, erkundigte sich Will dann. Jack sah ihn verblüfft an.

„Manchmal bist du wirklich noch ein Welpe, Junge. Die sind Pelegosto-Futter!“, versetzte Jack.

„Jack, das können wir nicht zulassen! Das sind Menschen!“, protestierte Will. Jack schüttelte nur den Kopf.

„Du hast irgendwie nicht verstanden, dass es bei dem Zweikampf um die Frage ging, welche Gruppe sie zur Hauptspeise erklären und welcher sie die Chance geben, sich von der Insel zu verdrücken. Wir haben bis zum Einbruch der Dunkelheit Zeit dazu. Dann werden sie uns wieder jagen“, erklärte Jack.

„Hattest du nicht was von Göttern gesagt?“, erinnerte Will mit einem schiefen Grinsen.

„Halt endlich die Klappe und komm!“, grunzte Jack. Es gab Tage, da begriff er nicht, wie ein Mensch mit einem eigentlich so klugen Kopf wie William Turner jr. derart einfache Wahrheiten ignorieren konnte … Sie hatten jetzt an ihr eigenes Leben zu denken und noch das von Wills Familie – aber alle anderen waren nach dem Kodex ohnehin verloren …

 

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Kapitel 23

Gefahr am Schlangenturm

Die Männer von Jack und Will waren kaum frei, als sie auch schon den von dem Eingeborenen beschriebenen Weg beschritten und zu der Siedlung eilten, um Wills Familie dort zu retten.

Elizabeth war es inzwischen gelungen, Lilly zur Ruhe zu bringen, aber ihr Gezappel hatte die Schlangen erneut aufgeschreckt. Elizabeth seufzte resigniert. Kleinkinder waren eben noch nicht für Piratentouren geeignet … Sie musste also zunächst warten, bis sich die Schlangen wieder beruhigt hatten, um ihre Bastelarbeiten fortsetzen zu können. Wie lange sie schon wartete, war zwanglos an dem wandernden Lichtfleck erkennbar, den die Sonne auf ihrem Weg nach Westen durch das nach Süden gerichtete Fenster der Zelle auf den Boden malte. Schließlich lagen die Schlangen wieder dösend in dem Lichtfleck, ließen sich von der Sonne wärmen und kümmerten sich nicht mehr um die Menschen, die verängstigt auf den schmalen Brettern standen.

„Lilly, mein Schatz“, sprach Elizabeth ihre Tochter an. „Tu mir bitte den Gefallen, jetzt nicht gleich wieder zu zappeln, sonst wachen die Schlangen wieder auf und wir können hier nicht heraus. Ich gebe dich jetzt wieder an Esther und du bist bitte ganz lieb. Es dauert nicht lange.“

„Wa’ ma’t du da, Mama?“, fragte die Kleine interessiert.

„Ich mache mir Stiefel, damit ich zur Tür kann.“

„’tiefel“, wiederholte Lilly und klatschte fröhlich. Elizabeth legte mahnend den Zeigefinger an die Lippen, aber Klein Elizabeth quietschte vergnügt. Weil sie sich auch noch heftig bewegte, wurden die Schlangen wieder nervös.

„Kinder im Sprechlernalter!“, seufzte ihre Mutter. „Ich geb’s auf!“

Eine von den Schlangen, die eben noch dösend in dem länger werdenden Lichtfleck des nach Westen gerichteten Fensters gelegen hatte, züngelte und schlängelte sich dann eilig unter die Bank, auf der Elizabeth mit ihren beiden Kindern stand. Elizabeth und Klein William standen wie zur Salzsäule erstarrt und wagten nicht, sich zu bewegen, während Lilly neugierig nach der Schlange forschen wollte und von ihrer Mutter kaum zu bändigen war.

„Lilly, halt endlich still!“, fuhr sie die Kleine gereizt an, die prompt zu weinen begann. Elizabeth war klar, dass ihre Kinder durstig und hungrig waren, dass Lilly längst eine neue Windel benötigte und dass beide längst hätten schlafen müssen, um nicht quengelig zu werden. Sie wiegte Klein Elizabeth beruhigend und hielt mit der anderen Hand Willy fest, der sich müde an seine Mutter lehnte.

„Hört ihr das auch?“, fragte Espen plötzlich. Ein Knistern wie brennendes Reisig drang von unten herauf – und Rauch! Von unten herauf hörten sie Hohnlachen der Wächter, die Goldbart zurückgelassen hatte. Entsetzt realisierten die drei Frauen und zwei Männer, dass das Treppenhaus des Turms und sämtliche Stockwerksböden aus Holz bestanden.

„Verdammt!“, fluchte Moses. „Schlangen oder nicht, wir müssen hier sofort ’raus, sonst rösten wir bei lebendigem Leibe!“

Espen peilte aus dem Fenster. Der Turm war gut sechzig Fuß hoch. Selbst wenn sie es geschafft hätten, die Gitterstäbe aus dem Mauerwerk zu brechen: Springen war unmöglich.

Weiter unten kämpften sich Jack, Will und ihre Männer durch einen dichten Urwald, als plötzlich einer der Pelegostos, ein farblich gut getarnter Junge etwa in Martys Größe, an Lianen durch den Urwald schwang und ihnen etwas zurief.

„Was sagt er?“, fragte Will.

„Dass wir uns beeilen sollen. Dort oben auf dem Hügel brennt es“, übersetzte Jack. Will mochte der Übersetzung nicht wirklich glauben und zerschlug die nächste Reihe Buschwerk, aber dann tat sich der Dschungel etwas auf und er sah, dass der junge Pelegosto sie zutreffend gewarnt hatte: Aus dem Turm, zu dem der Kompass in seiner Hand unbeirrbar wies, drang dichter Rauch aus den unteren beiden Stockwerken.

„Beeilung, Männer!“, rief er und verdoppelte seine Anstrengung, den Weg frei zu schlagen. Der kleine Pelegosto setzte seinen Weg durch die Kronen oben fort, kam wieder zurück und rief wieder etwas nach unten.

„Er hat einen besseren Weg gefunden, Will!“, übersetzte Jack. „Mehr nach links!“, wies er Will dann an. Will, Gibbs, Pintel und Bill hackten sich weiter verbissen durch das Buschwerk, das in der genannten Richtung immer zäher wurde. Groves, Jim, Eddie und Ragetti lösten sie nach einiger Zeit ab. Will fand irgendwie noch die Zeit, die Entermesser im Weitergehen nachzuschleifen und trotzdem auf den Weg zu achten.

„Wir sind durch!“, meldete Ragetti schließlich. Der Junge applaudierte aus dem Baumdach und rief nochmals etwas hinunter, das er mit

Vi lana!“, beendete.

„Was sagt er?“, fragte Bill.

„Dass wir zumachen sollen, weil die Sonne bald untergeht“, dolmetschte Jack.

„Woher kannst du eigentlich die Sprache, Jack?“, stellte Will die Frage, die ihn schon seit längerem beschäftigte.

„Später. Erst einmal müssen wir deine Frau aus den üblichen Schwierigkeiten retten, in die sie sich immer wieder bringt, klar soweit?“, erwiderte Jack und lief mit blankem Entermesser den Weg hinauf, der sich ihnen nun präsentierte.

Oben auf dem Hügel waren die Gefangenen nicht untätig, was ihre Freiheit und ihr Leben betraf.

„Moses, knote die Decken zusammen! Ich breche einen von den Gitterstäben heraus!“, rief Espen und wandte sich an Elizabeth:

„Gib mir doch mal eine von deinen scharfen Haarnadeln, Mädchen!“

„Wie hoch ist das hier?“, fragte sie, als sie ihrem Großonkel die Haarnadel reichte, der auch gleich damit den Mörtel aus dem Mauerwerk kratzte. Der Mörtel erwies sich als weich genug, um mit der dicken Nadel entfernt werden zu können.

„Mindestens sechzig Fuß“, erwiderte Espen. Elizabeth übersah die vorhandenen Decken. Es waren acht Stück, die in der Diagonale neun Fuß messen mochten. Für sechzig Fuß würde das zwar gut reichen, aber die Decken sahen nicht besonders stabil aus. Ihr Blick fiel auf die Schlangen. Von denen war jede gut dreieinhalb Fuß lang, wenigstens zwanzig von der Sorte befanden sich auf dem Stockwerk, in dem sie und ihre Gefährten gefangen waren. Kurz entschlossen sprang sie auf den Boden, zog eine zweite Haarnadel aus der Frisur, womit ihr langes Haar herunterfiel.

„Vorsicht, Miss Elizabeth! Die Schlangen!“, schrie Jenny auf.

„Wenn mich eine davon beißt und ich daran sterbe, ist es mir lieber, als lebendig zu verbrennen!“, gab die junge Frau entschlossen zurück.

Unwillig warf sie das offene Haar nach hinten, visierte die vorderste Schlange an und stach zu. Der Stich traf die Schlange direkt hinter dem Kopf und tötete sie. Moses sah sie verblüfft an. Das hatte er einer Frau nicht zugetraut. In Port Royal galt Elizabeth sonst als vornehme Dame, die mit ihrer Familie eher zurückgezogen lebte. Von einer solchen Frau hätten Uneingeweihte nie angenommen, dass sie wie ein Pirat oder Freibeuter um ihr Leben zu kämpfen verstand. Moses pfiff leise durch die Zähne. Das Mädchen hatte Mumm!

Während Espen einen der Gitterstäbe freikratzte und schließlich entfernen konnte, tötete Elizabeth Schlange um Schlange und gab sie Moses, der wortlos verstand und die toten Schlangen mit haltbaren Seemannsknoten zu einem Tau verknotete.

Unten vor dem Turm wurde es laut, als die Männer von Black Pearl und Aztec aus dem Urwald kamen und die Bewacher, die Goldbart zurückgelassen hatte, ohne lange zu fragen angriffen. Was die fünf oder sechs Männer bewog, der erkennbaren Überzahl überhaupt Widerstand leisten zu wollen, war für Elizabeth und ihre Mägde nicht ersichtlich. Piraten nahmen normalerweise bei erkennbarer Überzahl reißaus. Ein Freibeuter wie William Turner, der sich auch mit zahlenmäßig überlegenen Kräften anlegte, war eine echte Ausnahme in dieser Spezies.

Will und Jack griffen die Bewacher als erstes an. Die Männer wirkten entschlossen, den Turm zu verteidigen und Löschversuche zu verhindern, aber sie hatten schon Probleme, sich allein gegen Will und Jack zu wehren, die mit noch größerer Entschlossenheit und Geschicklichkeit kämpften. Die Überzahl der beiden Crews tat ein Übriges. Binnen weniger Minuten lagen Goldbarts Männer mindestens kampfunfähig am Boden.

Espen hatte die Lücke groß genug, um das Gefängnis durch das Fenster zu verlassen.

„Los, Frauen und Kinder zuerst!“, kommandierte er.

„Wartet!“, brüllte Gibbs. „Das Tau reicht nicht!“

Das aus Schlangenkörpern geknotete Tau reichte nur bis zum ersten Stock, der bereits in hellen Flammen stand. Die Knoten hatten Länge gekostet …

„Gib mir das Tau mit der Affenfaust*!“, rief Ragetti, schnappte sich den Tampen, den Pintel trug, und warf ihn mit einer Präzision hinauf, die dem Einäugigen keiner zugetraut hätte. Espen konnte die Affenfaust gerade noch festhalten, zog das Tau hinein und befestigte es an zwei noch vorhandenen Gitterstäben. Dann winkte er Jenny, die aber ängstlich den Kopf schüttelte.

„Du hast die Wahl, Mädchen: Eventuell abstürzen oder ganz sicher verbrennen. Was ist dir lieber?“

Jenny ließ sich davon dann doch überzeugen und stieg mit zitternden Knien auf die Fensterbank. Sie zögerte lange, hinüberzusteigen, bis Elizabeth sie anfuhr:

„Wird’s jetzt?“

„Ja, Miss Elizabeth! Sofort, Miss Elizabeth! Es ist nur so scheußlich hoch …“

„Die Decken!“, kam Esther eine Idee. „Wir werfen sie ’runter, das müsste doch reichen, wenn die Männer die Decken halten, oder?“

„Aye!“, bestätigte Moses.

Gesagt, getan, die Decken flogen hinunter. Acht Männer spannten drei Decken übereinander. Nun traute sich Jenny, den Abstieg zu beginnen.

„Etwas weiter nach rechts, Jenny!“, rief Will hinauf. „Sonst bist du gleich im Fenster unter eurer Zelle!“

Jenny wich zitternd aus.

„Nehmt … nehmt die Decke weiter nach rechts!“, schrie sie panisch. Die Männer mit der Decke rückten weiter nach rechts und Jenny ließ sich weiter am Seil herab. Es dauerte schier Ewigkeiten, bis sie endlich unten war.

„Die Zeit läuft uns weg“, brummte Jack, der den Sonnenuntergang nahen sah.

„Stimmt“, bestätigte Will, doch meinte er, dass sich das Feuer im Turm schneller nach oben fraß, als Esther und Jenny herunterstiegen. Als Esther endlich unten war, sprang Will an das Seil, hangelte sich eilig nach oben und wollte Elizabeth aus dem Fenster helfen.

„Nein, die Kinder zuerst, Will“, widersprach sie und reichte ihm Lilly.

„Papa!“, freute sich die Kleine.

„Halt dich fest, meine Kleine!“, flüsterte Will, hielt seine Tochter mit dem linken Arm fest und stieg nur am rechten Arm abwärts, aber Lilly hielt nicht still.

„Lilly, lass das, sonst kann ich uns nicht halten!“, mahnte er. Er musste anhalten und das kleine Mädchen erst wieder zur Ruhe bringen, bevor er sich dann weiter abseilen konnte.

Als er unten ankam, war er erschöpft. Die Schläge, die er Goldbart verpasst hatte, hatte ihn schon einiges an Kraft gekostet, der anstrengende Weg durch den Urwald mit Entermessereinsatz ebenfalls

„Puuh, die Kleine kostet manchmal Kraft und Nerven!“, schnaufte er. In wortlosem Einverständnis stieg Bill Turner das Tau hinauf, um auf die gleiche Weise Klein William abzuholen; der war aber folgsamer und hielt sich wie ein Klammeraffe an seinem Großvater fest. Elizabeth schwang sich entschlossen aus dem Fenster und stieg eilig das Tau hinunter. Als sie den in hellen Flammen stehenden zweiten Stock passierte, brach die innere Holzkonstruktion bis zum dritten Stockwerk zusammen. Aus dem vergitterten Fenster schoss eine Stichflamme, die Elizabeth knapp verfehlte. Sie ging noch ein Stück weiter nach rechts, damit das Tau nicht noch Feuer fing. Ihr Ausweichen hatte aber zur Folge, dass der Tampen über einer Kante scheuerte und Faser für Faser aufging.

Espen und Moses knoteten schon das Seil aus den toten Schlangen um die beiden Gitterstäbe, als das Feuer das oberste Stockwerk erreichte. Beide schwangen aus dem Fenster, Moses an dem Seil, das auch Elizabeth benutzte, Espen am Schlangenseil. Moses rutschte an dem Schlangentau glatt herunter, während das Hanfseil, an dem Espen und Elizabeth hingen, sich immer schneller auflöste. Elizabeth war noch gut zehn Fuß über dem Boden, als das Tau riss. Will und Jack waren mit einem Riesensatz zur Stelle und fingen sie sicher auf. Espen landete sicher bei den anderen Männern in den Decken.

Will umarmte seine Frau fest und gab ihr einen Kuss.

„Gott sei Dank! Ich hab’ euch alle drei lebend wieder – und unsere Mädchen auch!“, flüsterte er dankbar. Elizabeth schmiegte sich fest an ihn, als wollte sie ihn nie wieder hergeben. Die beiden Kinder kamen zu ihren Eltern gerannt und umarmten ihren Vater ebenfalls ganz fest.

„Vielen Dank an alle, die dabei mitgeholfen haben, dass ich meine Familie zurückbekomme!“, rief er dann an seine und Jacks Crew gewandt.

„Bevor du anfängst, die Feier zu planen: Denk daran, dass wir bis Sonnenuntergang weg sein müssen, wenn wir nicht woanders am Grillspieß enden wollen!“, mahnte Jack zur Eile.

„Gut, kommt, ab zu den Schiffen!“, rief Will und winkte allen, die sich um den brennenden Turm herum befanden. Eilig setzten sich die Männer und Frauen in Bewegung, Bill behielt seinen Enkel gleich auf den Arm, Will nahm seine Tochter wieder von Gibbs zurück, Elizabeth an die Hand und eilte den breiten Weg hinunter zur Bucht.

So eilig, wie die Männer der Aztec und der Black Pearl mit den befreiten Gefangenen auch zur Bucht strebten, die Sonne war untergegangen, bevor sie auch nur den halben Weg geschafft hatten. Rasch wurde es dunkel. Zwar reichte das Sternenlicht gerade noch aus, um sie den Weg erkennen zu lassen, aber das Geraschel zu beiden Seiten des Weges erinnerte sie beständig daran, dass die Pelegostos sie ab dem Sonnenuntergang wieder als jagdbares Wild betrachteten. Mit knapper Not erreichten sie die Bucht, in der die Schiffe lagen.

Als sie die Dingis bestiegen, um zu den beiden Schiffen zurückzukehren, wurde klar, dass ihnen nicht die Pelegostos folgten, sondern Goldbarts Piraten, die sich irgendwie aus den Fängen der Pelegostos befreit hatten. Gibbs’ Blick ging nach oben zu dem Hügel, auf dem das Dorf der Pelegostos lag. Es stand ebenso in Flammen wie die Siedlung der Piraten und der Schlangenturm. Goldbarts Piraten schossen sofort auf alles, was sich bewegte. Will sprang als Letzter ins Boot und deckte Frau und Kinder mit dem eigenen Körper, wohl bedenkend, dass Quetzalcoatls Schutz sich seit einiger Zeit allein darauf beschränkte, dass der Schütze ebenso schwer verletzt oder getötet werden konnte, wenn er Will traf.

Vertrau mir, William’, hörte er eine leise Stimme, die eindeutig aus seinem neuen Aztekenmedaillon kam. Ein grüner Kopf erschien und Quetzalcoatl in Gestalt von Groaltek lächelte ihn an. Aus dem Medaillon strömte ein grüner Dunst, der Will vollständig und weit umschloss. Die Kugeln der Verfolger prallten daran ab wie von einem Harnisch, als Will sich über seine Familie warf.

Fast gleichzeitig brüllten die Geschütze der Aztec und der Black Pearl auf und deckten den Rückzug der beiden Crews. Die Geschosse wühlten den Strand an der Bucht auf, dass der Sand nur so spritzte und Goldbart und seinen Männern die Sicht nahm.

„Vorwärts, Männer, zu den Schiffen!“, befahl Will. Eilig pullten die Bootsbesatzungen zu den Freibeuterschiffen, während die Kanonen der beiden Schiffe noch je eine Breitseite abfeuerten.

„Gut, gut“, empfing Tia Dalma Jack auf der Black Pearl. „Und was ist mit den Diamanten?“

„Du kriegst sie“, versprach er hastig, als ihm bewusst wurde, dass die Bezahlung für ihre Dienste noch nicht gesichert war. „Wir konnten sie nur heute nicht mitnehmen, klar soweit?“

Tia lächelte.

„Du bleibst ein Tunichtgut, Jack. Aber morgen ist auch noch ein Tag …“

 

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Kapitel 24

Familienleben

In den Tropen ist die Dämmerung kurz, die Länge der Tage variiert über das Jahr nur wenig. Gegen sechs Uhr abends war die Sonne untergegangen, innerhalb weniger Minuten war es vollständig dunkel gewesen. Die Crews waren kurz nach halb sieben am Abend auf den Schiffen, und alle hatten einen Bärenhunger nach dem, was sie gerade überstanden hatten. Tia Dalma, Anamaria und Jack junior waren über den Tag nicht untätig gewesen und hatten gefischt, während die Männer an Land gewesen waren. Die Göttin des Meeres hatte nachgeholfen, indem sie für einen guten Fang gesorgt hatte; sogar ein Tunfisch war ins Netz gegangen. Tia und Anamaria teilten die gefangenen Fische entsprechend der Größe der beiden Crews auf und machten sich auch schon daran, einen Teil des Fangs zu räuchern.

Normalerweise durfte auf den aus Holz bestehenden Schiffen kein offenes Feuer gemacht werden. Wann immer etwas auf Feuer zubereitet werden musste, ging das eigentlich nur an Land. Nachdem sich aber ein Ofensetzer Jacks Crew angeschlossen hatte, hatte der Mann dafür gesorgt, dass die Black Pearl einen richtigen Herd bekam, in dem auch Feuer gemacht werden konnte, ohne das Schiff zu gefährden. Will hatte sich von ihm in der Kombüse ebenfalls einen Herd einbauen lassen, als er die Aztec ein paar Jahre zuvor grundlegend umgebaut und erweitert hatte.

Der Räucherofen auf der Black Pearl stammte allerdings von Will Turner, dem Meister aller Metalle. Er hatte einen solchen Ofen einmal konstruiert, damit der Fisch, den sein Vater zu gern mit seinem Enkel angelte, abwechslungsreicher zubereitet werden konnte. Für Jack hatte er einen gleichartigen Ofen gebaut, der für den Gebrauch auf See geeignet war. Seitdem gab es auf der Black Pearl auch auf längeren Reisen ausgesprochen leckeren und vor allem frischen Räucherfisch, aber auch Bukan**, eine besondere Art Rauchfleisch.

Als die Familie an Bord ging, schlug Will vor, dass Elizabeth und ihre Mägde einstweilen von allen Arbeiten befreit sein sollten, um sich von den Strapazen der Gefangenschaft zu erholen. Doch Elizabeth wollte für sich selbst nichts davon wissen, erst einmal gar nichts zu tun, weil sie in der Arbeit für Crew und Schiff eine Möglichkeit sah, die letzten Tage zu verarbeiten. Sie begann ihre Tätigkeit damit, dass sie unbedingt selbst kochen wollte. Sie wollte Fischsuppe machen – ihre Spezialität, die einfach genial und jedes Mal etwas anders schmeckte, weil sie immer aus verschiedenen Fischen zubereitet war, die gerade an die Angel gingen. Wenn die Aztec mit nahezu voller Fahrt lief, waren es oft die muskulösen Jäger unter den Fischen, die anbissen. Lag das Schiff irgendwo vor Anker, waren es die eher in Küstennähe lebenden Fische, die sich im Angelhaken verbissen. Jetzt verarbeitete Elizabeth mithilfe ihrer Mägde den Tunfisch, der auf Calypsos Weisung ins Netz gegangen war und noch für längere Zeit Nahrung für beide Crews liefern würde, besonders, wenn man das restliche Filet trocknete, räucherte oder einkochte.

Dann war es acht Uhr abends; die Wache* läutete das Ende der zweiten Wache und den Beginn der dritten Wache ein. Gleichzeitig war auch die Fischsuppe servierbereit, als Will und sein Vater mit den Kindern und den neuen Crewmitgliedern Espen und Moses zum Abendessen in die Kapitänskajüte kamen. Im Regelfall aß Will auch als Captain mit der Crew zusammen in der Messe*. Nur wenn die ganze Familie an Bord war, speisten alle Turners gemeinsam in der Kajüte des Captains.

Die Tunfischsuppe war überaus lecker; selbst die sonst wählerischen Kinder schleckten sich schlicht die Finger ab.

„Kann ich noch was haben, Mama?“, fragte Willy, obwohl er schon vier Teller davon verputzt hatte.

„Ich denke, es ist genug, Schatz. Sonst bekommt die dritte Wache nichts mehr ab“, wehrte Elizabeth den mächtigen Appetit ihres Sohnes ab. Grinsend flüsterte Großvater Bill mit dem Jungen, der begeistert:

„Au ja, Großvater!“, jubelte.

„Was beredet ihr Piraten schon wieder?“, fragte Elizabeth mit liebevollem Lächeln. Ihr kleiner Pirat war wirklich der Vater im Kleinformat, so wie er sie mit großen, sanften, braunen Augen anstrahlte.

„Wie wir Suppe kapern können, Mama“, erklärte Willy wahrheitsgemäß.

„Na schön, wenn die dritte Wache satt ist und noch was übrig ist, kannst du zum Frühstück noch was haben, Willy. Aber nicht, dass dir schlecht wird!“

„Bestimmt nicht, Mama. Du weißt doch, wie gern ich deine Fischsuppe mag! Ist doch mein Lieblingsessen!“

„Gut, mein Schatz. Ab jetzt, Zähne putzen und dann in die Heia!“

„Aye, Mom!“, bestätigte der Kleine. Mithilfe seines Großvaters rutschte er vom Stuhl und rannte eilig in den kleinen Waschraum, um sich ordentlich die Zähne zu putzen.

Der Umstand, dass Familie Turner sich die Zähne nach jedem Essen gründlich schrubbte, war eine absolute Ausnahmeerscheinung in diesem eher wasserscheuen Jahrhundert, in dem die Reinigung des Körpers meist durch den Gebrauch von Parfum ersetzt wurde, sofern man es sich leisten konnte. Elizabeth, die schier unersättliche Leseratte, hatte vor vielen Jahren gelesen, dass es gut für die Zähne war, wenn man sie nach dem Essen gründlich reinigte. Es war Erfahrung ihrerseits, dass die Zähne länger hielten, wenn man diesem Rat folgte. Sie hielt es selbst ein, hatte es als Zwölfjährige an Will weitergegeben, der ihrem Rat gefolgt war und dadurch wie sie ein schönes und ebenmäßiges Gebiss hatte, an dem kein Zahnbrecher oder Bader etwas verdienen konnte. Sie erzog ihre Kinder konsequent zu sauberen Menschen und sorgte auch an Bord dafür, dass immer ein Fäss-chen Frischwasser zum Zähneputzen im Waschraum der Kapitänskajüte war. Was die Sauberkeit betraf, war die Disziplin auf der Aztec fast noch strenger als auf einem Schiff der Royal Navy – und sie galt für alle Crewmitglieder… Wer auf der Aztec anheuerte, musste unterschreiben, dass er sich täglich zweimal gründlich wusch, täglich frische Unterwäsche anzog und wenigstens alle zwei Tage das Hemd und die Hose wechselte. Zuweilen war die Aztec deshalb auch mit Hemden, Hosen und Unterzeug geradezu geflaggt …

Nachdem Willy mit seinem Großvater abgezogen war, fand Will Gelegenheit, Moses und Espen dazu zu befragen, wie sie zu Goldbarts Crew kamen und was sie dazu bewogen hatte, dort wieder auszusteigen. Espen erklärte ihm seine Geschichte und auch die Notwendigkeit, dass er und Moses weiterhin von dem verjüngenden Wasser trinken mussten, um nicht sterben zu müssen.

„Als Großonkel von Elizabeth bist du natürlich herzlich bei uns willkommen, Espen. Wenn du möchtest, kannst du an Bord bleiben“, bot Will an. „Oder möchtest du dich lieber in Port Royal zur Ruhe setzen?“

Espen schmunzelte.

„Nun, für jemanden, der schon schlappe hundert Jährchen ist, wär’ das bestimmt nicht schlecht, aber … aber ich mag nicht auf Dauer an Land leben. Achtzig Jahre meines Lebens habe ich hauptsächlich auf See verbracht. Ich kann dir bestimmt noch einige gute Ratschläge geben, Junge. Also, wenn du es ernst meinst, würde ich gern bei dir an Bord bleiben.“

„Abgemacht, Espen. Willkommen auf der Aztec“, sagte Will.

„Und du, Moses?“, wandte er sich dann den Mann, den er nur als Seemannsgarn spinnenden Märchenonkel kannte. Moses druckste eine Weile, knetete seine großen Hände.

„Wenn du mich ohne weitere Fragen aufnimmst, ja.“

„Ich … wir … wüssten schon gern, wen wir hier an Bord haben. Ich habe einen Kaperbrief, Moses, und ich bin nicht wirklich Pirat, aber ich möchte den Leuten meiner Crew wirklich vertrauen können. So ganz ohne Fragen wird es dann nicht gehen“, erwiderte der junge Captain. Moses nickte ergeben.

„Aye, als Captain eines Schiffes hast du Anspruch darauf, die Leute deiner Crew gut zu kennen“, räumte er ein. „Es … es gibt Umstände, mit denen ich dich nicht belästigen möchte. Vielleicht kann ich es dir im Moment auch noch nicht sagen, weil ich auch nicht ganz genau weiß, was ich von dir halten soll. Gib mir ein paar Tage Zeit, Will“, bat er.

„Aye“, erwiderte Will leise. „Ich lasse dir Zeit. Bis wir wieder in Port Royal eintreffen, solltest du es dir überlegt haben, Moses.“

„Aye, das werde ich“, erwiderte der Märchenerzähler und verließ dann in etwas gedrückter Stimmung die Kapitänskajüte.

Die Tür war gerade hinter Moses und Espen zu, und Will und Elizabeth waren allein in der Kajüte. Elizabeth sah Will einen Moment an, dann trat sie zu ihm und umarmte ihn.

„Dann werde ich es dir sagen, womit er im Moment nicht heraus will“, sagte sie. Will erwiderte ihre sanfte Umarmung und tupfte einen zärtlichen Kuss auf ihre kecke Nase.

„Und was ist das?“, fragte er leise mit liebevollem Blick auf seine geliebte Frau.

„Moses ist Ara Goldbarts Bruder.“

„Schau an …“, lächelte Will.

Wenig später kehrte abendliche Ruhe auf der Aztec ein. Die Freiwache* um William Turner jr. begab sich nach den Anstrengungen der letzten Tage zur Ruhe, um sich zu erholen. Klein William schlief wieder bei seinem Großvater in der Kajüte des Ersten Maats, Klein Elizabeth hatte ihre abgetrennte Kajüte innerhalb der Kapitänskajüte. Elizabeth und Will hatten im Zuge des Umbaus der Aztec noch einen weiteren Schlafraum mit einer großen Doppelkoje von der übrigen Kajüte abgetrennt, so dass jemand, der in die Kapitänskajüte kam, nicht gleich vor dem Ehebett zur See stand und den Captain und seine Frau mitten in der größten Leidenschaft antraf … Es galt als eiserne Regel, dass an die innere Kajütentür angeklopft wurde und sie erst geöffnet wurde, wenn von drinnen die Erlaubnis dazu erteilt wurde – egal, was vor der Tür gerade passierte.

Elizabeth und Will brachten Lilly zu Bett und gingen dann verliebt Arm in Arm hinüber in ihre Schlafkajüte. Will schloss leise die innere Kajütentür und umarmte seine Frau.

„Wie geht es dir, mein Liebling?“, fragte er und drückte sie an sich.

„Es geht mir gut. Goldbart hat uns nichts angetan, bis er uns dann urplötzlich einsperren ließ, als ihr vor der Insel erschienen seid. Seine Wächter haben dann zunächst Schlangen auf uns gehetzt, als die Schießerei an der Bucht begann und haben dann irgendwann im Turm Feuer gelegt. Ich nehme an, dass Goldbart ihnen das befohlen hat, wenn er bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht wieder zurück sein sollte. Aber Goldbart hatte ohnehin angedroht, uns alle zu töten, wenn er mit euch fertig wäre“, erwiderte sie und schmiegte sich an ihn. Es tat gut, dass er sie in den Armen hielt und ihr wieder Halt gab. Erst jetzt bemerkte Elizabeth, dass sie dem Zusammenbruch nahe war. Sie überließ sich ganz und gar Wills starken Armen.

„Die Kinder haben von dem Feuer wohl nicht viel mitbekommen oder waren sich jedenfalls der Gefahr nicht wirklich bewusst. Vor den Schlangen hatten sie mehr Angst und waren wohl froh, dass sie bei uns auf den Armen sicher waren“, fuhr sie fort. Wills liebevolles Streicheln tat so wohl.

Elizabeth glaubte, auf Wolken zu schweben, als er sie zärtlich und intensiv küsste und dabei ganz vorsichtig die Verschnürung ihres Kleides öffnete. Sie lächelte sanft und schnürte ihrerseits bei ihm Hemd und Hose auf.

„Ich gebe zu, dass Hemd und Hose in vielen Fällen wirklich praktisch sind“, murmelte er, als er sie aus dem Leibchen schälte, während sie ihn schon längst von dem lockeren Hemd und der Hose befreit hatte. Er musste nur noch aus den Stiefeln und der heruntergefallenen Hose steigen, um ganz für seine Frau da zu sein. Will legte die störenden Reste seiner Sachen ab, dann hatte sich auch Elizabeth der etwas komplexeren Kleidung entledigt. Sie sanken auf die Koje, die ihnen beiden reichlich Platz bot.

„Für dich würde ich bis ans Ende der Welt segeln und darüber hinaus, wenn es notwendig wäre“, flüsterte Will und zog sie ganz nahe an sich, bis sie eins wurden.

„Überzeugender als so kannst du es kaum beweisen, mein Liebling!“, hauchte Elizabeth, als sie seine Fülle spürte und sie sich zärtlich liebten.

„Und wenn ich mit dem Teufel persönlich raufen müsste – für dich und unsere Kinder würde ich es tun“, setzte er noch hinzu, bevor die Leidenschaft ihn völlig hinriss.

„Ich glaube … das hast du diesmal … getan“, hauchte sie und überließ sich einem hinreißenden Höhepunkt, der sie beide in himmlische Sphären forttrug. Schwer atmend kamen sie zur Ruhe, doch der Hunger nach Liebe und Geborgenheit war noch lange nicht gestillt. Es bedurfte nur eines sachten Streichelns mit einem Finger um den Bauchnabel herum, um erneut ein Feuer der Leidenschaft zu entfachen, das nicht mit allem Wasser der Karibik zu löschen war …

 

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Kapitel 25

Jäger und Gejagte

Der nächste Morgen kam schneller, als es den Männern der Black Pearl und der Aztec lieb sein konnte. Nicht nur Will Turner fand schwer aus der Koje, Jack ging es nicht anders – und auch sonst keinem, der auf einem der beiden Freibeuterschiffe fuhr und am Kampf um die Insel am Tag zuvor teilgenommen hatte. Gähnend und sich noch kratzend fanden sich die Männer an Deck ein, die Will und Jack noch am Abend ausgesucht hatten, um Calypsos Bezahlung zu holen. Sie feixten sich eins, als ihre Captains nicht weniger verschlafen waren als sie selber. Aber der Umstand bewies ihnen gleichzeitig, dass weder Jack noch Will von ihren Männern mehr verlangten, als sie selbst zu leisten bereit waren.

Jack junior, der darauf bestand, als Schiffsjunge und künftiger Piratencaptain auch die Wache mitzugehen, stand bei Sonnenaufgang im Vormars der Black Pearl und peilte zur Bucht, die nur ein paar Kabellängen entfernt war.

„Pa!“, rief er laut, als er seinen Vater an Deck sah.

„Aye, Matrose?“

„Die Bucht ist leer, Pa! Die Esmeralda ist weg!“, schrie Jack junior. Jack fuhr herum und zog das Fernrohr. Jack junior hatte in gut fünfzig Fuß Höhe die bessere Übersicht über den Urwald, aber Schiffsmasten und Segel waren mit einem geübten Blick auch durch den Palmenwald zu erkennen. Jack sah aber nichts dergleichen.

„Aye, nichts zu sehen …“, murmelte Jack.

„Wie sollen sie denn an uns vorbei gekommen sein?“, fragte Pintel ratlos. Jack sah ihn einen Moment an.

„Die Frage ist, ob das, was du siehst, auch das ist, was du siehst“, sagte er. Pintel erwiderte den Blick das Captains mit schweigender Verwirrung, während Ragetti vor sich hin kicherte und den Satz glucksend vor Vergnügen wiederholte. Pintel bedachte ihn mit einem indignierten Blick.

„Du meinst, sie haben ihren Kahn unsichtbar gemacht?“, mutmaßte Will, der mit seinen Männern auf die Black Pearl übergesetzt hatte.

„Aye“, sagte Jack. „Wir wissen, dass der eine Diamant in Stücke geschnitten wurde. Wäre doch möglich, dass Goldbart auch von dem Diamanten ein Stück abgeschnitten hat, der für die Unsichtbarkeit zuständig ist, um ein Stück auf dem Schiff mitzunehmen und er den Rest des Klunkers hier gelassen hat, um die Insel zu tarnen, wenn er weg ist. Klar soweit?“

Wills fragender Blick, der Moses traf, sah in dessen verschmitztem Grinsen die Bestätigung von Jacks scharfsinniger Mutmaßung.

Mit jeweils einem Dingi gingen die beiden Captains, je drei ihrer Crewmitglieder und ein ehemaliges Mitglied von Goldbarts Crew an Land: Außer Will noch Stephen Groves, Jim, Eddie und Espen; außer Jack noch Gibbs, Pintel, Ragetti und Moses. Bill Turner übernahm auf der Aztec die Kanonen, Anamaria die auf der Black Pearl. Ohne abzuwarten, ob Goldbart und seine Mannen sich noch vorhanden meldeten und Widerstand leisten wollten, feuerten die beiden Freibeuterschiffe in rascher Folge je drei volle Breitseiten, um den beiden Dingis Feuerschutz zu geben.

Die Tatsache, dass sich auf der Insel überhaupt nichts tat, ließ Jack und Will nun doch langsam glauben, die Esmeralda habe sich in der Nacht heimlich davongeschlichen, ohne dass die Wachen auf ihren Schiffen es mitbekommen hatten. Doch daran lag es nicht, dass keine Gegenwehr erfolgte und die beiden Dingis nicht beschossen wurden. Zwar hatten sich Goldbart und seine Männer den Pelegostos entziehen können, aber der Ausbruch aus dem Gewahrsam der Pelegostos war problematischer gewesen, als sie zunächst gedacht hatten. Der Babalawo hatte es irgendwie – vielleicht mit der Magie der Voodoo-Priester – fertig gebracht, sich aus den Fesseln zu befreien und den erschrockenen Pelegostos klar machen können, dass sie die falschen Götter hatten gehen lassen. Er bewies es ihnen damit, dass Ara Goldbart mit dem Anführer kämpfte, nachdem er ihm einen guten Schluck vom Inselwasser gegeben hatte. Der Babalawo gab ihm ganz bewusst algenverseuchtes Wasser, zwar nicht so viel, dass Goldbart zum Alligator mutierte, doch der Wasserfluch tat in geringerer Menge etwas noch viel Schlimmeres: Das Äußere veränderte sich zwar nicht, doch innerlich wurde Ara Goldbart zum reißenden Krokodil, das mit ungeheurer Kraft und gnadenloser Grausamkeit alles tötete, was sich ihm in den Weg stellte. Dass der Piratenführer zu einem Kampf überhaupt in der Lage war, nachdem Will Turner ihn nach Strich und Faden verprügelt hatte, war schon ein Wunder für sich; jetzt aber zeigte sich, dass der Babalawo wirklich magische Fähigkeiten hatte und zusätzliche Kraft des Häuptlings auf Ara Goldbart übertragen konnte, während er gleichzeitig den Häuptling schwächte. Mit dem siegreichen Kampf wuchs auch wieder Goldbarts übliche Aggression gegen Andere. In seiner Tobsucht schlug Goldbart nicht nur den Häuptling und den Medizinmann der Pelegostos tot. Mit Schaum vor dem Mund wütete er wie ein Berserker, schlug und stach auf alles ein, was sich bewegte, bis sich nichts mehr bewegte. Mit jedem Niedergeschlagenen nahmen seine Wut und seine Kraft zu, steigerte sich seine Aggression ins Unermessliche. Erst, als der Captain in sinnloser Zerstörungswut das ganze Dorf dem Erdboden gleich gemacht hatte, stoppte ihn der Babalawo mit einem Zauberspruch. Keuchend war Goldbart zu Boden gegangen und hatte seinen wieder freien Männern befohlen, alles in Brand zu stecken, um selbst die Leichen der Pelegostos zu vernichten, die er in dem tobsüchtigen Zustand getötet hatte.

Aber dieser gesteuerte Zorn hatte auch für Goldbart selbst seinen Preis. Den Rest der Nacht hatte er wie tot dagelegen, umsorgt von seinem Babalawo, der ihn mit tropfenweiser Gabe des Lebenswassers und einer ausgedehnten Massage des völlig überlasteten Körpers nach Stunden wieder zu sich brachte. Es hatte noch bis nach Sonnenaufgang gedauert, bis Ara Goldbart wieder so weit hergestellt war, dass er überhaupt aufstehen konnte. An Gegenwehr oder Kampf um die Diamanten war jetzt nicht zu denken. Zudem hatten seine verbliebenen Männer die Nacht genutzt, um die noch entkommenen Pelegostos zu jagen und zu töten und waren völlig übermüdet.

Mit schnellen Riemenschlägen und aus besagten Gründen ohne Gegenwehr von Goldbarts Truppe erreichten die beiden Dingis den Strand westlich der Bucht, wo der Palmenturm war. Dank Moses und Espen mussten sie auch nicht lange nach den Steinen suchen. Sie holten die dort befindlichen drei Großdiamanten aus dem Wasserloch unter dem Turm herauf. Jack verpackte zwei davon in das Netz, das Tia Dalma ihm gegeben hatte, den dritten überließ er ohne Verpackung Will. Espen und Moses füllten sich noch zwei große Fässer von dem Wasser ab, in dem die Diamanten gelegen hatten, dann pullten sie die Boote zurück zur Black Pearl, um Tia Dalma alias Calypso ihre Bezahlung zu übergeben. Dass sie ohne jede Gegenwehr von Goldbart und seinen Leuten die Steine hatten sichern können, ließ sie jetzt sicher sein, dass die Esmeralda San Cristobal heimlich verlassen hatte …

„Es ist noch nicht überstanden“, sagte Calypso, als sie die Diamanten, die ihr Eigentum waren, in den Händen hielt. „Goldbart und seine ihm ergebenen Männer leben. Sie werden nicht aufgeben, diese Diamanten zurückzuerlangen“, fuhr die Göttin fort. „Außerdem … dieser Diamant hier ist nicht vollständig …“, sagte sie dann und wies auf einen der Diamanten, der einen grünlichen Schimmer hatte. „Vom Diamanten der Tücke fehlt ein großer Teil. Goldbart hat ihn noch und wird ihn benutzen. Segelt jetzt ab, aber seid auf der Hut. Goldbart wird euch folgen, um diese Diamanten zurückzubekommen“, wies Calypso alias Tia Dalma die Crews der beiden Freibeuterschiffe an. „Es ist besser, wenn ihr nicht alle Diamanten auf einem Schiff habt. Will, du bist uneigennützig genug, um den Diamanten der Habsucht zu verwahren. Nimm ihn an dich.“

Wie die Göttin des Meeres empfohlen hatte, segelten die Aztec und die Black Pearl von San Cristobal fort, als Goldbart seine verbliebenen Männer um sich scharte. Der Kampf gegen die Eingeborenen und gegen die Freibeuter hatte seine Crew stark dezimiert. Er hatte noch zehn Mann, die ihm absolut treu ergeben waren. Sie hatten ihre fünf bereits verspeisten Schiffskameraden schrecklich gerächt und auch ein zweites Dorf der Pelegostos auf der anderen Seite der Insel dem Erdboden gleich gemacht, hatten niemanden am Leben gelassen. Jetzt peilte Goldbart hinter den beiden Freibeutern her.

„Du bist ganz sicher, dass Sparrow oder Turner einen Kompass hatte, der sie direkt geführt hat, Jimmy?“, fragte der Captain.

„Aye, Sir“, bestätigte Jimmy. „Turner hat sich an einem besonderen Kompass orientiert. Das Ding zeigt nicht nach Norden, wie ich sehen konnte.“

Goldbart schob sein Spektiv zusammen, mit dem er den davonfahrenden Schiffen nachgeschaut hatte.

„Na schön, dann werden wir uns wiederholen, was diese Piraten uns geraubt haben. Macht die Esmeralda klar, Jungs!“, befahl Goldbart. „Sie wissen nicht um das hier“, setzte er hinzu und holte aus seiner Tasche einen Diamanten, der in eine Leine eingeknüpft war.

Die Aztec durchpflügte die Karibik mit allerbestem Wind bei strahlendem Sonnenschein mit Kurs Jamaica. Die Black Pearl segelte schon eine halbe Meile voraus. Jack nutzte die höhere Geschwindigkeit seiner Perle von Schiff voll aus. Will ließ ihn fahren. Er wusste nur zu genau, dass seine Brigg nur dann mit der Black Pearl mithalten konnte, wenn sie absolut muschelfrei war und Jack nicht noch zusätzliche Hilfe von seiner göttlichen Geliebten Tia Dalma hatte. Im Moment, davon war William Turner neidlos überzeugt, schob Calypso in ihrer menschlichen Gestalt das Schiff ihres Liebsten noch mal an, weil es sich bei höherer Geschwindigkeit umso besser lieben ließ … Zuweilen auch zu dritt … Außerdem benötigte die Aztec außer einer größeren Reparatur der Reling und der Beplankung beim Fockmast mal wieder eine gründliche Überholung des Rumpfes. Der Zimmermann hatte die Schäden aus dem Kampf um die Insel nur notdürftig flicken können. Will nahm sich vor, in Port Royal sofort eine Grundüberholung seines Schiffes in Auftrag zu geben.

Was Jacks Verhältnis zu Frauen betraf, überließ Will den Freund ebenso neidlos dessen Leidenschaften. Ihm genügte die Liebe seiner eigenen Frau vollkommen. Elizabeth war eine starke Frau, das wusste Will nur zu gut; doch die letzten Tage und Wochen hatten ihr zugesetzt. Sie hatte es nach der friedvollen und zärtlichen Liebesnacht erst recht gemerkt und wehrte sich nicht mehr gegen Wills Anregung, sich einstweilen nur fahren zu lassen. Er wollte vorläufig dafür sorgen, dass sie möglichst wenig zu tun hatte, ebenso die beiden Mägde, die nach den Strapazen der Gefangenschaft noch sichtlich unter Schock standen. Alle drei sollten sich nach Möglichkeit ausruhen und die Rückreise einfach genießen. Lilly war noch zu klein, um die Gefahr zu realisieren, in der sie geschwebt hatte und Willy steckte dieses Abenteuer eindeutig besser weg als die Prügel von Lord Everett. Er tobte mit Bill, Moses und Espen gar zu gern über das Deck. Will ließ sie alle gewähren, schließlich hatten auch sie schlimme Tage und Stunden durchgemacht. Lilly flüchtete häufig zu ihrem Vater, wenn das Getobe an Deck zu heftig für das kleine Mädchen wurde. Bei ihrem Vater fühlte sie sich sicher und geborgen, besonders, wenn er sie auf den Arm nahm oder sie sich auf die Schultern setzte, wenn er am Steuer stand. Dann spielte sie zu gern Ausguck.

„’Uck ma’, Papa!“, rief sie kurz vor Sonnenuntergang des folgenden Tages und zeigte mit ausgestrecktem Zeigefingerchen nach achtern. Will drehte sich um und peilte nach achtern.

„Was siehst du denn, meine Kleine?“, fragte er sanft, als er außer einem Dunstfleck nichts weiter sah, der gut vier Seemeilen achteraus war.

„Pi’aten!“, jubelte Klein Elizabeth und klatschte begeistert in die Händchen. Will war sich nicht sicher, ob seine Jüngste jetzt nicht nur spielte und so tat, als ob sie ein Piratenschiff gesehen hatte.

„Oh, ja … Aye, was für eine Flagge siehst du, Mäuschen?“

„’Äuschchen!“, wiederholte Lilly begeistert. „’Waaz; Papa, ganz ’waaz und ’elb!“, sagte sie und malte mit dem Zeigefinger ein schräges Kreuz in die Luft. Will wurde nachdenklich. Goldbart benutzte eine schwarze Flagge, in der nur zwei gelbe gekreuzte Knochen waren. Jetzt war die Frage, ob die Kleine auf diese Art ihre Erinnerungen an Goldbart verarbeitete und ihre Beobachtung nicht den Tatsachen entsprach, oder ob sie wirklich etwas gesehen hatte. Er sah nochmals nach achtern, aber dort war nach wie vor nur der Dunstfleck – doch der war größer geworden und sehr viel näher als noch vor kurzem …

„Sind  sie noch da, mein Schatz?“, fragte er. Lilly schüttelte ernsthaft den Kopf und steckte den rechten Zeigefinger in den Mund. Jetzt war Will sicher, dass Lilly nicht nur spielte, sondern wirklich etwas gesehen hatte. Aber wo war Goldbarts Schiff geblieben? Vorsichtig setzte Will seine Tochter ab, die gleich wieder auf seinen Arm wollte und schon quengelte, als Will mit dem Fernrohr achteraus peilte und in dem Dunst eine schäumende Bugwelle entdeckte!

„Alarm!“, schrie er. „Esmeralda achteraus!“

Groves, der schon an Deck war, sprang auf das Achterdeck und peilte selbst, sah aber nur den Dunstfleck.

„Wo soll die sein?“, fragte er.

„Im Dunst ist eine Bugwelle. Er hat sie unsichtbar gemacht. Ich vermute, mit dem Diamantenstück, das er noch hat“, erwiderte Will. „Alle Mann auf ihre Posten! Macht die Kanonen klar!“, rief er. „Lilly, mein Schatz, du gehst jetzt zu Mama unter Deck und da bleibst du!“, wies er die Kleine dann an, die aber ihre Ärmchen ausstreckte und unbedingt auf Vaters Arm wollte. Seufzend nahm Will sie wieder hoch.

„Ich bringe sie eben nach unten. Übernimm das Steuer, Stephen“, sagte er.

„Aye, Captain!“, bestätigte Groves.

Will war kaum unten am Ende des Niedergangs, als ein heftiger Ruck durch das Schiff ging und ihn glatt von den Füßen riss. Er konnte Lilly eben noch hochnehmen, damit sie nicht hart aufschlug, dafür konnte er sich selbst nicht halten und krachte mit dem Kopf an das Geländer des Niedergangs – und es war dunkel.

Elizabeth kam aus der Kajüte, sah Will bewusstlos neben dem Niedergang liegen, nahm Lilly und beförderte sie in die Kajüte, deren Tür sie gleich wieder schloss, damit Lilly nicht wieder an Deck kam.

„Will!“, rief sie und wollte ihn wiederbeleben, doch eine harte Hand riss sie fort von ihm, ohne dass sie im ersten Moment sagen konnte, wer sie eigentlich gepackt hatte. Dann erst bemerkte sie, dass schier aus dem Nichts Goldbarts Piraten auf die Aztec stürmten, nachdem die an Backbord befindlichen Männer anscheinend ohne Fremdeinwirkung zu Boden gegangen waren. Erst, als sie unter Deck war, sah sie, wo sie eigentlich war – und dass außer ihr auch noch Moses und Espen in die Brigs geworfen wurden.

Als Will wieder zu sich kam, war es längst dunkel. Neben ihm steckte ein Entermesser im Holz des Niedergangs, mit dem ein Zettel aufgespießt war:

Ich hätte dich töten können, aber das hätte mir den Spaß verdorben.

Goldbart

Will setzte sich auf und sah in das verschwitzte Gesicht seines Vaters, fühlte sich komplett durchnässt und wurde dann gewahr, dass sein Vater ihn mithilfe eines Eimers Wasser geweckt hatte.

„Was ist passiert?“, fragte er.

„Genau wissen wir es auch nicht. Aber Lilly redet dauernd von Piraten; Elizabeth, Moses, Espen und der Diamant sind weg. Die Männer, die gerade an Deck waren, haben gerade an Backbord gepeilt, ob wir irgendwo aufgelaufen sind und sind aus heiterem Himmel niedergeschlagen worden“, erklärte „Stiefelriemen Bill“ Turner. Will stand auf, auch wenn die Welt sich immer noch drehte. Er hielt sich gerade noch an der Reling fest, um nicht wieder umzukippen.

„Wo ist Jack?“, fragte er.

„Der war schon außer Sicht, als wir irgendwie gestoppt wurden. Jack macht in solchen Situationen wie jetzt keine Lichter an – und die Black Pearl war in Richtung Dunkelheit unterwegs. Schwarz wie sie ist, ist sie ganz schnell unsichtbar, wenn’s duster wird – und es ist duster! Die meisten Männer meinen, wir wären kurz auf ein Riff gelaufen. Schäden haben wir aber nicht feststellen können“, erwiderte Groves. Will schüttelte den Kopf und riss den Zettel unter dem Entermesser im Niedergang heraus.

„Das war kein Riff. Das war Goldbart mit seiner unsichtbaren Esmeralda!“, versetzte Will.

„Unsichtbar?“, fragte der verblüfft.

„Aye. Tia Dalma sagte uns, dass er noch einen Teil eines Diamanten besitzt, der in Verbindung mit Wasser Dinge unsichtbar machen kann.“

„Will, das ist Humbug!“, ereiferte sich Groves.

„Nein, ist es nicht! Erstens springen meine Frau, Moses und Espen nicht einfach über Bord und zweitens hat Goldbart ja sehr deutlich gemacht, wer hinter dem unplanmäßigen Stoppen steckt!“, widersprach Will heftig und zeigte Groves das Stück Papier. „Lilly hat in dem Dunst, der sich uns rasch näherte, eine Flagge gesehen, die Goldbarts Flagge entspricht. Ich selbst habe dann noch eine Bugwelle gesehen, als ich mit dem Fernrohr gepeilt habe, aber da hatte er seinen Kahn schon unsichtbar gemacht“, setzte er hinzu.

„Wieso fragst du eigentlich nach Jack? Hast du ihn im Verdacht, dass er mit Goldbart gemeinsame Sache macht?“, fragte Bill.

„Nein, ich könnte seinen Kompass gut gebrauchen, um die Esmeralda zu finden, denn Goldbart wird sie sicher unsichtbar lassen“, entgegnete Will.

„Es gibt vielleicht noch eine Möglichkeit“, sagte Groves.

„Und was?“, erkundigte sich Bill.

„Nun, bestimmte Wasserlebewesen leuchten im Dunkeln. Es ist jetzt Nacht, aber der Vollmond kann uns helfen.“

„Erklär mir das näher“, bat Will.

„Du erinnerst dich vielleicht daran, wie wir den Gouverneur aus Becketts Fängen gerettet haben. Als wir in die Höhle gepullt sind, leuchteten an der Wasseroberfläche Planktonwesen auf, die kaltes Licht erzeugen. Weißt du noch?“

Will hielt sich den schmerzenden Kopf.

„Egal, ich kann jetzt nicht richtig denken, weil ich das Gefühl habe, gerade unter meinen eigenen Schmiedehammer geraten zu sein. Du wirst wissen, was du meinst, mein Freund. Du meinst, wir können ihnen auch bei Nacht und in unsichtbarem Zustand folgen, verstehe ich dich richtig?“

„Aye“, bestätigte Groves.

„Gut, nimm Peilung auf“, wies er dann seinen Steuermann an.

Groves enterte in den Vormars auf und sah über die See. Bald hatte er einen solchen Lichtfleck gefunden und gab Zeichen, in diese Richtung zu fahren.

 

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Kapitel 26

Seeschlacht

Elizabeth, ihr Großonkel und Moses waren in den Brigs unter Deck der Esmeralda eingesperrt, Elizabeth allein, die beiden Männer ihr gegenüber. Sie befand sich nicht zum ersten Mal in den Händen von Entführern; doch obwohl diese Leute nicht einmal zu Verhandlungen nach dem Piratenkodex bereit waren, hatte sie diesmal weniger Angst um sich selbst als um den Mann, den sie liebte, ihren gerade gefundenen Großonkel und einen alten Freund. Und dann war da eine Hoffnung, die sie bei der ersten Entführung durch Goldbart nicht gehabt hatte: Die Aztec war auf dem Meer und sie war nach wie vor manövrierfähig. Zudem hatte sie einen zartgrünen Schimmer im Wasser am Heck der Esmeralda gesehen. Groves kannte dieses Phänomen. Er würde Will führen, falls Jack mit seinem Spezialkompass zu weit entfernt war. Will und Stiefelriemen würden der Esmeralda bis ans Ende der Welt folgen – nötigenfalls über die Kante hinaus, dessen war Elizabeth sicher. Sie wollte auch nicht die Hoffnung aufgeben, dass die Black Pearl noch in der Nähe war. Calypso würde gewiss merken, dass ihr Diamant schon wieder in den falschen Händen war …

Espen bemerkte die Ruhe seiner Großnichte. Besorgt sah er sich um.

„Hast du keine Angst, Kind?“, flüsterte er verblüfft. Elizabeth sah ihn eine Weile an.

„Goldbart hat keine Chance, Onkel Espen. Will, sein Vater und Jack werden die Esmeralda verfolgen, bis sie sie haben, da bin ich sicher“, erwiderte sie ebenso leise.

„Ist das nicht genau das, was Goldbart will?“, fragte Espen. „Wenn Will und Jack Sparrow wissen, dass wir hier an Bord sind, werden sie nicht versuchen, die Esmeralda aus der Distanz zu versenken, sondern werden sie entern wollen. Dafür müssen sie nahe heran. Ich glaube nicht, dass Goldbart die Absicht hat, sein Schiff entern zu lassen. Außerdem ist das Schiff unsichtbar. Wie wollen deine Freunde uns finden? Ara wird seinerseits versuchen, die Aztec und die Black Pearl auf möglichst große Entfernung zu versenken. Die Kanonen, die im Zwischendeck sind, sind nicht aus Palmstämmen geschnitzt und die Kugeln daneben bestehen nicht aus Kokosmark. Deutlicher muss ich wohl nicht werden, oder?“, erwiderte er dann.

„Jack ist ein schlauer Taktiker, Onkel Espen. Und Will und sein Vater sind gute Kämpfer, wie alle an Bord der Aztec und der Black Pearl“, erwiderte sie zuversichtlich.

Die Esmeralda hatte nicht wirklich viel Vorsprung, das wussten alle an Bord der Aztec. Elizabeth vermutete zudem richtig, dass die Black Pearl kehrt gemacht hatte, weil Calypso bemerkt hatte, dass ihr Diamant erneut in falsche Hände geraten war. Jack, Will und sein Vater mutmaßten, dass Goldbart zurück nach San Cristobal segeln würde, wenn er den Diamanten dort wieder in Sicherheit bringen wollte, den er auf der Aztec gefunden hatte. Also schlugen die Crews der Black Pearl und der Aztec wieder den direkten Kurs nach Westen ein, wo San Cristobal östlich der Küste der spanischen Provinz Honduras lag. Will ließ alle Lampen löschen. Die Aztec war damit zwar nicht so unsichtbar war wie die Black Pearl, die in der Nacht mindestens ebenso gut getarnt war wie die Esmeralda mit dem Diamanten, aber es reichte doch aus, um nicht sofort gesehen zu werden.

Ara Goldbart war ein begnadeter Seefahrer, und er hatte ein hervorragendes Schiff. Seine Brigg, die Esmeralda, war leicht, gut besegelt und hatte einen schmalen Rumpf, der dem Wasser wenig Widerstand bot. Von ihrem Rumpfquerschnitt und dem spitzen Bug hätte die Esmeralda das schnellste Schiff in der Karibik sein müssen, doch Ara Goldbart war bei allen guten Fähigkeiten als Captain kein solcher Steuermann wie Captain Jack Sparrow.

Jack verstand es, den letzten Windhauch auszunutzen und mit seinem Schiff auf den Kämmen der Dünung zu reiten wie ein kundiger Reiter auf einem gehorsamen Pferd, das die Gedanken seines Reiters ahnte. Jack und seine Black Pearl waren miteinander verwachsen und beide zusammen nannten das Meer Bruder und Schwester in einem. Von ihm hatte Will viel gelernt und war mit seiner Aztec fast ebenso verwachsen. Dazu kam ein Umstand, den Goldbart in seine Überlegungen nicht einbeziehen konnte, weil er ihn nicht kannte: Ara Goldbart hatte eine höhere Macht gegen sich. Dieselbe höhere Macht, die Goldbarts Schiff behinderte, verlieh Jack und seiner Black Pearl und Will Turner und seiner Aztec eine noch bessere Seelage und beschleunigte die Freibeuterschiffe. Calypso war über den erneuten Raub eines ihrer Diamanten mehr als nur ungehalten …

Der Morgen graute, als der Ausguck auf der Esmeralda die Kontur zweier aufholender Schiffe wahrnahm. Zwei und drei Masten, wurden an der Kimm sichtbar. Die unübersehbaren schwarzen Flaggen mit dem Totenkopf und den darunter gekreuzten Säbeln einerseits und der Sanduhr vor gekreuzten Säbeln andererseits ließen keinen Zweifel daran, dass es die Black Pearl und die Aztec waren, die die Esmeralda verfolgten.

„Die Aztec und die Black Pearl holen uns ein, Captain!“, rief der Ausguck so laut, dass es auch die Gefangenen unter Deck hören konnten.

Goldbart sah sich um und bemerkte die beiden Schiffe ebenfalls.

„Verdammt! Wieso sind wir eigentlich sichtbar?“, entfuhr es ihm, als er bemerkte, dass das für die Unsichtbarkeit typische schleierartige Flirren in der Luft fehlte. Er war mit zwei Schritten an der Heckreling und holte den Tampen herauf, in den der kleine Diamant eingeknotet war. Zu seinem Entsetzen war der Knoten halboffen – und der Diamant weg!

Erschöpft von den Strapazen des letzten Tages hatte Elizabeth noch geschlafen, zuckte aber bei dem Alarmruf hoch. Eilig weckte sie ihren Großonkel, der verschlafen hochkam.

„Die Aztec und die Black Pearl sind hinter uns!“, flüsterte sie. Espen Swann sah seine Großnichte an und fand eine Mischung aus Vertrauen und ungeheurer Angst in den Augen der jungen Frau. Er ertappte sich selbst bei der Erkenntnis, dass er nie zuvor die Meldung über diese ihm bisher feindlichen Freibeuterschiffe so gern gehört hatte, wie in diesem Moment.

„Wirklich? Dann haben dein Mann und Captain Sparrow in der Tat keine Zeit verloren“, seufzte er erleichtert, zum ersten Mal in seinem Leben eine respektvolle Bezeichnung für einen anderen Piratencaptain benutzend. Doch noch war es fraglich, ob die Crews der Aztec und der Black Pearl es schaffen würden, die Esmeralda zu entern, ohne dass ihr eigenes Schiff versenkt wurde.

Ara Goldbart übernahm das Ruder von seinem Steuermann, nachdem er achteraus gepeilt hatte. Goldbart wusste, dass er gegenüber der Aztec wenigstens drei Stunden Vorsprung hatte. Er hatte zuversichtlich gehofft, dass sein Vorsprung ausreichen würde, unsichtbar San Cristobal zu erreichen. Das war nun hinfällig, da der Diamant wie auch immer aus seinem Knoten gerutscht war. Jetzt konnte er nur noch hoffen, die verwunschenen Gewässer um seine Insel vor den beiden Verfolgern zu erreichen, die es ihm ermöglichen würden, die Crew der ihn verfolgenden Schiffe mit Trugbildern zu narren – wie es ihm schon einmal gelungen war. Damals hatte er mithilfe seines Diamanten in der verzauberten Zwölf-Meilen-Zone den Untergang der Esmeralda simuliert und sich Jack Sparrow und auch die Royal Navy für viele Jahre vom Hals geschafft. Doch jetzt schien das sehr frühe Erscheinen der Black Pearl und obendrein der Aztec seine Absicht zunichte zu machen. Die Esmeralda war noch viel zu weit von San Cristobal entfernt, um rechtzeitig die verwunschene Zone zu erreichen.

Dann bekam Goldbart den nächsten Schock: Das Steuer ließ sich nur ein oder zwei Grad in jede Richtung drehen! Er fluchte so laut, dass es bis in die Brig zu hören war. Moses grinste fröhlich vor sich hin. Dann erst bemerkte Elizabeth, dass die Tür der Brig Hebespuren an den unteren Gitterkanten hatte.

„Was grinst du so?“, fragte Espen leise.

„Ich bin heute Nacht auf einem kleinen Spaziergang gewesen und habe die Ruderkette blockiert und den Diamanten aus dem Wasser geholt“, flüsterte Moses so leise zurück, dass es außer Espen und Elizabeth keiner hören konnte.

Will und Jack hatten in der Nacht mit Groves’ Wissen um die Eigenschaften des Planktons und Jacks verzaubertem Kompass die Spur der Esmeralda rasch gefunden.

„Jack! Die Esmeralda ist vor uns! Wir holen auf!“, rief Marty aus dem Ausguck im Vormars hinunter. Jack packte das Ruder fester, nachdem er sich noch mal per feuchtem Finger vergewissert hatte, dass er Wind und Wellen optimal ausnutzte.

„Gibbs! Legt die langen Riemen aus! Macht die Kanonen klar!“, befahl der Captain. „Ich versuche, von Backbord an sie ‚ranzukommen!“

„Aye, Captain!“, bestätigte Jacks Erster Maat und beeilte sich, Jacks Anweisungen nachzukommen.

„Will, geh’ mit deiner Aztec weiter nach Steuerbord! Wir nehmen sie in die Mitte!“, schrie Jack zu Will hinüber, der winkend bestätigte und Groves aus dem Vormars zurückrief.

Vor dem Bug der Freibeuterschiffe schäumte das Wasser auf, als Calypso sie noch mal kräftig anschob und ein regelrechter Ruck durch den Rumpf ging. Der Schubs war so heftig, dass Groves beim Abstieg aus dem Vormars beinahe das Gleichgewicht verloren hätte, doch konnte er sich gerade noch an einem Tampen festhalten und das Deck sicher erreichen.

Goldbart sah zu seiner Verblüffung, dass die Verfolger stetig und sehr schnell aufkamen.

„Wir sind zu schwer, Captain!“, meldete sich sein neuer Erster Maat Jimmy zu Wort. Elizabeth hörte seine Warnung.

„Gebe Gott, dass sie nicht auf die Idee kommen, einfach grob zu wenden und sich zum Kampf zu stellen“, flehte sie leise.

Goldbart konnte nur geradeaus fahren. Auf der Aztec war das nicht unbemerkt geblieben.

„Vater! Die Bugdrehbasse!“, schrie Will. Stiefelriemen verstand und sprang mit zwei Sätzen an ein kleinkalibriges Handgeschütz, das Will vor nicht allzu langer Zeit auf der Backbordseite der Back hatte montieren lassen. Wills Spezialität war es an sich, von Backbord achtern anzugreifen; eine Taktik, die er Jack abschaut hatte, und die er zur Vollendung gebracht hatte, indem er es auch von Steuerbord achtern konnte. Stiefelriemen zielte mit einer Präzision, die nur noch von der Schmiedekunst seines Sohnes übertroffen wurde – und traf mit dem ersten Schuss die Steuersäule der Esmeralda, womit er auch Ara Goldbart von den Füßen riss. Der Piratencaptain blieb aber unverletzt und konnte sich schnell aufrappeln. Der nächste Schuss aus der Handkanone traf den Kettenkanal der Ruderkette und durchtrennte sie. Die Esmeralda war nun endgültig manövrierunfähig, nachdem Moses die Ruderkette zunächst nur blockiert hatte, doch verlor sie noch keine Geschwindigkeit. Eine dritte Ladung aus dem Handgeschütz traf schließlich unter Wasser das Ruderblatt und warf es in die Hart-Backbord-Stellung. Wer immer an Deck der Esmeralda stand, wurde durch den heftigen Umschwung von den Beinen gerissen. Die Esmeralda machte praktisch eine unfreiwillige Vollbremsung, als ob auf beiden Seiten die Anker griffen. An Deck und unter Deck blieb nichts stehen, das nicht befestigt war.

Die Black Pearl wich nach Backbord aus, um nicht mit der nach Backbord schwenkenden Esmeralda zu kollidieren. Die beiden Verfolger konnten nun innerhalb von wenigen Minuten das manövrierunfähige gegnerische Schiff stellen.

„Zielt auf die Masten! Feuer!“, befahl Stiefelriemen Bill. Die Breitseiten der Black Pearl und der Aztec krachten, dass es fast alles vom Achterdeck der Esmeralda fegte und die Reling wie Glas splittern ließ.

„Feuer!“, befahl auch Goldbart. Die Breitseite der Esmeralda war auf die seitliche Beplankung der Black Pearl gezielt, prallte aber fast wirkungslos ab, weil der Winkel durch die Ruderveränderung nicht mehr hinkam.

Unter Deck der Brigg wurde es gefährlich. Durch den heftigen Ruck waren von einem umstürzenden Tisch zwei Kerzen in einen Ballen Segeltuch gefallen, der schnell Feuer fing.

„Wir müssen hier ’raus!“, rief Elizabeth. „Wo ist der Balken, mit dem du die Tür geöffnet hast?“, fragte sie Moses. Verlegen wies er auf ein zerbrochenes Brett.

„Das hat nur für einen einmaligen Ausstieg gereicht“, sagte er dann. Elizabeth wollte ihn zurechtweisen, dass er nicht auch sie und Espen mitgenommen hatte, doch dann wurde ihr klar, dass sie zu dritt keine Chance gehabt hätten, unentdeckt zu bleiben und Moses’ Absicht, die Manövrierfähigkeit der Esmeralda einzuschränken und die Unsichtbarkeit aufzuheben, dann keine Wirkung gehabt hätte.

Verzweifelt rüttelten die Gefangenen an den verschlossenen Gittertüren, schrien um Hilfe, aber im Lärm des Kampfes hörte sie niemand. Der Raum im Unterdeck verqualmte immer mehr, die Gefangenen husteten, weil ihnen der giftige Rauch die Luft nahm.

Eine erneute Breitseite der Black Pearl riss die beiden Masten der Esmeralda nieder, von denen einer die Decksluke zum Zwischendeck blockierte.

„Klar bei Enterhaken!“, kommandierte Jack. „Entern, Männer!“, befahl er dann und schwang sich hinüber. Gibbs, Marty, Pintel, Ragetti, Tai Huang und insgesamt etwa zwei Drittel der Crew der Black Pearl folgten ihm auf die Esmeralda; Will und seine Männer hatten schon von der anderen Seite her die Esmeralda geentert, Goldbarts Männer angegriffen und schon einige von Goldbarts Piraten außer Gefecht gesetzt.

Jack griff Ara Goldbart an, Bill den Ersten Maat Jimmy, Gibbs gesellte sich zu William junior, focht mit dem jungen Freibeutercaptain Rücken an Rücken einen wilden Kampf mit Goldbarts Leuten, als dem Maat auffiel, dass Rauch aus dem Unterdeck drang.

„Verdammt! Das Schiff brennt!“, entfuhr es Gibbs.

 

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Kapitel 27

Untergang

Elizabeth bekam fast keine Luft mehr vor Rauch. Die Flammen des brennenden Segeltuchs setzten nun auch das Plankenholz am Boden und an der Bordwand in Brand. Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie alle erst verbrennen und ihre Asche dann im Meer versinken. In ihrer Panik wollte Elizabeth sich die Haare raufen – und griff in die Haarnadeln, mit denen ihre Frisur festgesteckt war.

„Verdammt! Warum habe ich nicht gleich daran gedacht?!“, fluchte sie wenig damenhaft, zog eine der Nadeln heraus und stocherte damit eilig im Schloss herum.

Will, Gibbs und Stiefelriemen schlugen sich den Weg unter Deck ohne jede Rücksicht frei. Den blockierenden Mast räumten sie zu dritt von der Decksluke, aus der schwarzer Rauch quoll. Gibbs und William senior verteidigten die geöffnete Luke verbissen gegen Goldbarts Leute, Jack kämpfte sich zur Kapitänskajüte durch, Will sprang in den Qualm hinunter, und arbeitete sich – sein Kopftuch als Atemschutz vor Mund und Nase gebunden – durch den erstickenden Rauch, bis er auf einen von Goldbarts Piraten traf. Der Mann rang sichtlich um Atem.

„Wo sind die Gefangenen?“, fuhr er ihn an.

„Unten!“, hustete der Mann.

„Los, führ‘ mich!“, befahl Will. Der Pirat begriff, dass er es mit jemandem von der Aztec oder der Black Pearl zu tun hatte und beging den Fehler, Will anzugreifen. Der zornige junge Captain fackelte nicht lange. Drei kurze, heftige Hiebe und Goldbarts Mann sank entseelt zu Boden.

Elizabeth rang nach Luft, aber sie schaffte es, das Schloss zu knacken. Mit schnellen Schritten war sie an der gegenüber liegenden Zelle und öffnete das Schloss auf die gleiche Weise, als eine schlanke Gestalt durch den Rauchnebel huschte und sie auffing, bevor sie ohnmächtig wurde.

„Will! Espen … Er ist …“, keuchte sie noch, dann wurde es dunkel um sie. Will hob sie auf seine Arme und trug sie ein Deck höher, wo die Luft noch besser war und lotste dann auch Moses hinaus.

„Espen, Master Turner! Er ist dort drüben. Ich glaube, er ist tot“, japste Moses.

„Bring Elizabeth nach oben. Ich kümmere mich um ihn“, versprach Will und verschwand in dichten Qualm. Moses tat, wie ihm geheißen und brachte Elizabeth hinauf. Mithilfe eines Entertampens gelangte er auf die Black Pearl.

Ara Goldbart hatte Jack in der Kapitänskajüte entdeckt und ihn angegriffen. Jack erkannte schnell, dass Goldbart in seiner eigenen Kajüte eindeutig im Vorteil war und zog sich fechtend an Deck zurück. Goldbart setzte ihm nach, in der Annahme, Jack habe seiner Fechtkunst nichts entgegenzusetzen. Doch der Captain der Esmeralda sah sich böse getäuscht, als Jack ihn an Deck mit solcher Heftigkeit attackierte, die Ara nach dem eiligen Rückzug seines Kontrahenten aus der Kabine nicht erwartet hatte.

„Du elende Schmeißfliege Jack Sparrow musst mir aber auch ständig in die Quere kommen!“, fluchte der blondbärtige Pirat. Jack parierte seinen Hieb elegant und grinste golden.

„Schmeißfliege Captain Jack Sparrow! So viel Zeit muss sein, mein Guter!“, versetzte er und sprang Goldbart erneut an. Ara war ein wirklich guter Fechter, aber mit Jack Sparrow in seiner Wut war auch nicht gut Kirschen essen. Goldbart verhakte sich mit seinen voluminösen Stulpenstiefeln in der geborstenen Reling, Jack setzte nach. Allein Goldbarts unglaubliche Körperbeherrschung erlaubte es ihm, dem tödlichen Stich noch auszuweichen und Jack ins Leere laufen zu lassen. Der Captain der Black Pearl geriet in Schwierigkeiten, weil er den Schwung nicht auffangen konnte, der noch durch die Explosion eines Geschützes unter Deck der Esmeralda verstärkt wurde. Jack stürzte. Goldbart grinste höhnisch und holte zum tödlichen Hieb aus, als ihn ein Block der Takelage traf und ihn rücklings über Bord warf. Jacks dankbarer Blick fand einen grinsenden William Turner senior, der elegant mit dem Entermesser grüßte und dann – noch aus der Drehung heraus – einen von Goldbarts Piraten fällte, der sich von hinten an ihn heranschleichen wollte.

Jack rappelte sich auf. Er bemerkte, dass die Esmeralda schwere Schlagseite hatte. Der Klüverbaum tauchte schon ins Wasser.

„Bill! Gibbs! Alle ‘runter von der Esmeralda! Zurück auf die Aztec und die Pearl!“, befahl Jack. Eilig griffen sich die Männer der Aztec und der Black Pearl die Entertampen und kehrten auf ihre Schiffe zurück, wo Jenny sich schon um Elizabeth und den inzwischen gleichfalls nach einer schweren Rauchvergiftung ohnmächtigen Moses bemühte. Stiefelriemen und Jack waren die letzten, die die sinkende Esmeralda verließen. Als Bill auf dem Hauptdeck der Black Pearl landete, übersah er rasch die Leute, die an Deck waren.

„Wo ist Will?“ fragte er, als er bemerkte, dass sein Sohn nicht an Deck war. „Stephen!“, schrie er dann zur Aztec hinüber. „Ist Will bei dir?“

„Nein! Ich dachte er wäre bei euch drüben!“, kam es von der Aztec zurück.

Im Brigdeck der Esmeralda hatte Will in dem nahezu undurchdringlichen Rauch den bewusstlosen Espen Swann gefunden, der noch immer in der von Elizabeth aufgebrochenen Zelle lag. Selbst unter dem nassen Tuch schon um Atem ringend, zog Will Elizabeths Großonkel aus der Zelle. Um Wills Füße schwappte Wasser, was erklärte, weshalb der Brand in der unmittelbaren Nähe der Zellen gelöscht war, aber nun tauchte der Bug der Esmeralda endgültig unter. Das Deck wurde immer schräger. Will rutschte auf den nassen, glitschigen Planken aus und sah noch im Fallen, dass eine brennende Petroleumlampe durch die Krängung* aus der Halterung fiel und direkt vor dem einzigen sichtbaren Fluchtweg, dem hölzernen Niedergang zum Zwischendeck, zerbrach. Binnen Augenblicken brannte die steile Leiter. Als ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, sah Will durch das Licht der kleinen Explosion, dass sich das Feuer, das weiter achtern im Brigdeck immer noch loderte, bis zum Pulvermagazin durchgefressen hatte. Der junge Mann erkannte schnell, dass das Wasser, was bisher ins Brigdeck gedrungen war, den Brand nicht mehr rechtzeitig würde löschen können.

Verzweifelt sah er sich um. Irgendwoher musste das Wasser doch kommen! Er tauchte im höher steigenden Wasser unter und sah das Loch im Rumpf. Es war ziemlich groß. Will konnte dennoch nur hoffen, dass es groß genug sein würde, auch Espen aus dem absaufenden Schiff heraus zu ziehen.

Eine gewaltige Stichflamme schoss aus dem Heck der Esmeralda, als das Pulvermagazin explodierte und das Schiff zerriss. Wer immer an Deck der Aztec oder der Black Pearl stand, bekreuzigte sich.

„Oh, Gott! William!“, entfuhr es Bill Turner, der unter seiner Bräune leichenblass wurde. Die Trümmer der Esmeralda fuhren in die Tiefe des Karibischen Meeres, das an dieser Stelle gute zweitausend Faden tief war. Bill sackte in übermächtigem Schmerz in sich zusammen. Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Als er aufsah, sah er keine Trauermiene, sondern Jacks fröhliches Grinsen. Bevor er aufbrausen konnte, sagte Jack:

„Sieh mal! Dein Welpe!“

Bill kam hoch und peilte über die Reling. Ein Stück abseits der noch auf dem Wasser treibenden Trümmer der Esmeralda sah er zwei Männer in der See. Will hielt den Kopf von Espen mit dem einen Arm über Wasser, mit der anderen winkte er.

„Los, werft ihm einen Tampen zu, ihr Kielschweine!“, feuerte Gibbs die Crew an. Ein Tampen flog in Wills Richtung, der ihn zu fassen bekam und sich zur Black Pearl ziehen ließ.

„Holt erst Espen hoch!“, rief er. Gibbs, Pintel und Cotton packten zu und hievten Espen Swann an Deck. Will stieg aus eigener Kraft an Bord.

„Gott sei Dank! Ihr lebt beide!“, entfuhr es Bill Turner, der seinen Sohn glücklich umarmte.

„Was ist mit Elizabeth?“, fragte Will Jenny, die eben an Deck kam.

„Es geht ihr wieder besser, Master Turner. Sie ist in der Gästekajüte und hat schon nach Euch gefragt.“

Will befreite sich vorsichtig aus den Armen seines Vaters und sprang den Niedergang zum Zwischendeck hinunter, wo sich im Heck die Gästekajüte befand. Der junge Mann bremste sich rechtzeitig, um die Tür nicht zu eilig aufzustoßen und trat leise in die Kabine, die ihm immer noch so vertraut war, obwohl er schon seit Jahren nicht mehr auf der Black Pearl übernachtet hatte.

„Will!“, freute sich Elizabeth. Er setzte sich an die Koje und umarmte sie einfach, ohne daran zu denken, dass er triefend nass war.

„Oh, entschuldige, ich …“, stotterte er, als es ihm auffiel. Doch Elizabeth drückte ihn nur umso fester an sich.

„Lass nur, das trocknet wieder. Hauptsache, du lebst und es geht dir gut“, erwiderte sie. „Was ist mit Espen und Moses?“

„Sie leben beide und sind an Bord, aber sie haben ebenso wie du eine schlimme Rauchvergiftung und sind noch bewusstlos. Wie geht es dir?“

„Zu sagen: Es ist alles in Ordnung, wäre wohl etwas übertrieben; aber es geht mir wieder besser“, erwiderte sie und küsste ihn. Will zog sie nahe an sich und erwiderte ihren Kuss mit einer Leidenschaft, die er an sich selbst nicht erwartet hatte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er eine Höllenangst um seine Frau ausgestanden hatte.

„Wie seid ihr uns so schnell gefolgt? Wieso ist die Black Pearl mit dabei? Jack war doch schon weg!“, wunderte sie sich dann, als sie sich nach geraumer Zeit atemlos voneinander lösten und Elizabeth einen Hustenanfall überstanden hatte.

„Groves fand eure Spur im aufgewirbelten Plankton. Deshalb konnten wir euch mit der Aztec folgen. Und Jack – nun ja, es war Calypso, die ihn zur Umkehr bewegt hat. Sie hat gemerkt, dass ihr Diamant wieder gestohlen wurde. Sie hat ein sehr sicheres Gefühl, wer wo damit verschwunden ist … Ich hatte schreckliche Angst um dich, mein Liebling“, sagte er. Sie lächelte sanft und strich ihm über das Gesicht. Bartstoppeln kratzten an ihrer Hand, sicheres Zeichen dafür, dass Will an diesem Morgen sich nicht wie üblich die nicht von Kinn- und Oberlippenbart bedeckten Teile des Gesichtes rasiert hatte. Elizabeths Schmunzeln verstärkte sich, als ihr Zeigefinger die Wölbung unter dem Jochbein ihres Mannes nachzeichnete.

„Aye, das merkt man, Captain Turner“, grinste sie. „Du bist unrasiert, geliebte Stachelbeere“, setzte sie hinzu und stupste ihn auf die Nase. „Wo hast du nur deine Gedanken gehabt?“

„Bei dir, wo sonst?“, erwiderte er leise, küsste sie sanft auf die Wange und sah sie lange an.

„Ich hatte Angst, unsere Kinder würden ohne Mutter groß werden“, sagte er dann langsam. „Und ich gebe zu, ich hätte nicht gewusst, wie ich ohne dich weiter leben sollte. Mir war, als hätte mir jemand das Herz aus der Brust gerissen, als ich das Schiff brennen sah.“

Elizabeth nickte.

„Dann sag’ nie wieder, dass du für mich sterben würdest. Ich wüsste nämlich auch nicht, wie ich ohne dich auskommen sollte“, flüsterte sie und küsste ihn nochmals, als wäre es der letzte Kuss, der ihnen für alle Ewigkeit bleiben würde.

 

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Kapitel 28

Ein Hauch von Schicksal

Es klopfte an der Kajütentür. Will löste sich mit Mühe von Elizabeth und forderte dann zum Eintreten auf. Eine weise lächelnde Tia Dalma trat ein. Will erhob sich höflich.

„Ich wusste, ich kann mich auf euch verlassen. Die Diamanten der Macht sind wieder vereint“, sagte sie.

„Wir hatten es dir versprochen, Tia Dalma. Du weißt, dass ich meine Versprechen halte, wenn ich nicht gewaltsam daran gehindert werde“, erwiderte Will.

„Aye, das weiß ich, sonst hätte ich nicht gerade dich darum gebeten, William Turner. Eine Bitte habe ich noch an dich; an dich … persönlich.“

„Und die wäre?“

„Bring die Steine an einen Ort, an dem sie sicher sind.“

Will schüttelte den Kopf.

„Der einzige Ort, an dem diese Steine vor den Nachstellungen der Menschen sicher sein könnten, wäre der Meeresgrund. Dort kommen Menschen nicht hin“, sagte er. Tia-Calypso lächelte milde.

„Aye, ich weiß“, bestätigte die Göttin. „Aber ich wüsste noch einen Ort.“

„Und der wäre?“, fragten Will und Elizabeth wie aus einem Mund.

„San Cristobal“, grinste Calypso.

„Tia Dalma, diese Insel ist zu vielen bekannt, als dass deine Diamanten dort sicher wären“, warnte Will.

„Wenn es außer uns niemand weiß und ich euch einen Weg zeige, wie ihr diese Insel wieder verbergen könnt, ist mir geholfen. Ihr habt mich noch nie enttäuscht. Außerdem … du schuldest mir etwas, William.“

Will sah die Meeresgöttin fragend an.

„Was meinst du, wer dich bei der Explosion der Esmeralda wohl gerettet hat?“, fragte Tia Dalma, als sie merkte, dass Will Ihre Hilfeleistung nicht begriffen hatte. Er verneigte sich mit einem leisen Seufzen. Eigentlich half sie ihm ungefragt, aber Will Turner war nicht der Mann, der undankbar war – auch nicht für ungebetene Hilfe.

„Vergib mir, dass es mir nicht klar war, wer mir zum wiederholten Mal auf See geholfen hat“, sagte er.

„Gerade, weil ich dir ungefragt geholfen habe, bitte ich dich um deine Hilfe, William. Wirst du die Existenz dieser Insel geheim halten?“

„Ich – wir – haben damit kein Problem, Tia Dalma“, sagte Will. „Du weißt, dass wir ein Geheimnis, das du uns anvertraust, nie wissentlich verraten würden. Aber außer uns wissen noch Moses und Espen von dieser Insel. Und natürlich Goldbart selbst.“

„Wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Ich nehme zwar an, dass er den Untergang seines Schiffes nicht überlebt hat, aber er hat schon Jack Sparrow darüber getäuscht. Wer weiß, was er diesmal angestellt hat, um sich unsichtbar zu machen?“, ergänzte Elizabeth.

„Täusche ich mich oder nutzt ihr nicht schon eine Insel, die eigentlich jeder kennt und außer euch doch keiner betritt?“, fragte Calypso mit hintergründigem Lächeln.

„Ja, stimmt“, bestätigte Will. „Aber der Einzige, der die Insel sonst noch – wirklich – kennt, hat bei Neptun und Poseidon geschworen, sie nie wieder zu betreten.“

„Oh, Jack würde auch bei mir schwören, wie ich ihn kenne …“, gab Calypso zurück.

„Wenn du meine ehrliche Meinung hören möchtest: Die Steine sind nur im Meer wirklich sicher“, bekräftigte Will.

„Das meinst du, weil du nicht weißt, was sich unter dieser Oberfläche noch alles tut. Nein, William, dem Meer kann ich sie nicht anvertrauen. Es gibt Kräfte im Meer, die mir mächtige Feinde sind.“

„Dann habe ich noch eine andere Idee: Du hast Macht über das Meer. Lass doch eine Insel entstehen, die außer dir und denen, denen du das Geheimnis anvertraust, wirklich niemand kennt“, schlug Elizabeth vor.

„Nein, bringt sie nach San Cristobal.“

„Wenn es dein ausdrücklicher Wunsch ist, Herrin der Meere, werden wir das tun“, versprach Will. „Weiß Jack schon davon?“, fragte er dann.

„Aye, es ist seine Idee gewesen.“

Will grinste.

„Du solltest ihm das Netz mit den Diamantensplittern wegnehmen, sonst verschenkt er eines Tages noch seine Pearl“, prustete Will vor Lachen, als ihm klar wurde, was Jack zu diesem Vorschlag veranlasst haben konnte, der nicht zu ihm passte. Nimm was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück – das war das eigentliche Credo des Captains Jack Sparrow … Tia-Calypso erwiderte Wills amüsiertes Lächeln mit spitzbübischer Miene.

„Nicht, bevor meine Diamanten da sind, wo ich sie haben will …“, versetzte sie.

Nach einer Lagebesprechung an Bord der Black Pearl kehrten Will, Elizabeth und die übrigen Crewmitglieder der Aztec auf die Brigg zurück. Beide Schiffe nahmen wieder Kurs auf San Cristobal. Dabei passierten sie eine Insel, die etwa eine Seemeile steuerbord querab der beiden Freibeuterschiffe lag. Beide Captains standen an den Rudern ihrer Schiffe. Hätten sie bemerkt, was sich auf einer kleinen Insel tat, an der sie gerade vorbeifuhren, hätten sie vermutlich anders reagiert, aber sie hatten keinen Blick für die Insel. So entging Captain Jack Sparrow und Captain William Turner, dass zwei erschöpfte Schiffbrüchige an Land robbten: Ara Goldbart und sein Babalawo, die beiden einzigen Überlebenden der Esmeralda aus der Seeschlacht mit der Black Pearl und der Aztec. Als die beiden Freibeutersegler hinter der Kimm verschwunden waren, suchten sie mit letzter Kraft Holz zusammen und entzündeten ein Feuer, von dem sie hofften, dass es nicht gerade die Freibeuter oder die Royal Navy es entdeckten …

„Soll ich in den Ausguck gehen, Will?“, fragte Moses. Will sah seinen neuen Matrosen einen Moment an.

„Nein“, sagte er schließlich. „Aber du könntest mir helfen, unsere Waffen zu überholen. Nach all den Keilereien haben sie es nötig, nachgeschliffen zu werden“, erwiderte er. „Eddie!“, rief er dann. Eddie kam von der Back ans Achterdeck.

„Aye, Captain?“

„Übernimm das Steuer. Moses und ich schleifen die Waffen nach.“

„Aye, Captain!“, bestätigte Eddie und ging ans Steuer. Moses folgte Will in die Waffenkammer im Mannschaftsdeck. Will nahm aus einem Schapp seine Schleifutensilien, wies Moses an, Wasser in einen kleinen Eimer zu schöpfen und gab ihm dann ein kleines Holzfässchen mit einem konservierenden Fett und ein Säckchen feinen, weißen Sand. Will nahm sich der Schärfe der Waffen an, Moses mischte sich nach Wills Anweisung etwas Fett und eine Spur Sand und behandelte damit die nachgeschliffenen Blankwaffen nach. Der Fettanteil konservierte die Klingen, der feine Sand darin wirkte als Schleifmittel, um die Klingen zu polieren. Eine Weile arbeiteten Captain und Matrose schweigend an den Entermessern, Säbeln und Rapieren. Will hatte den Eindruck, dass Moses ihm etwas sagen wollte, aber es irgendwie nicht herausbrachte. Dann nahm Will einen Säbel zur Hand und Moses wurde blass.

„Was hast du?“, fragte Will.

„Ach … nichts …“, erwiderte Moses bleich und tonlos.

„Doch, du hast was. Das ist dein Säbel, Moses, oder?“

Moses wurde noch bleicher.

„Wo… woher weißt du das?“, würgte er.

„Der hier trägt nicht meine Marke. Außer dir und Espen haben alle auf der Aztec Klingen, die ich selbst hergestellt habe“, sagte Will und betrachtete die Klinge eingehend. „Ein schönes Stück … sehr ausgewogen.“

„Ja, außer dir gibt es nur ganz wenige Waffenschmiede, die das so hinkriegen.“

„Was mich wundert, ist die Marke. Das ist die Marke von Simpson, aber ich war bisher der Meinung, dass es den Laden erst seit gut fünfzig Jahren gibt. Oder ist die Zahl 1688 kein Herstellungsjahr, sondern eine Modellbezeichnung?“, brummte Will mit gerunzelter Stirn.

„Doch, das ist das Herstellungsjahr“, erwiderte Moses. „Die Familie Simpson hat nicht immer in Philadelphia gewohnt, weißt du … Und es hat auch richtige Waffenschmiede bei den Simpsons gegeben. Du bist beileibe nicht der erste Waffenschmied, der Pirat geworden ist. Neville Simpson … der war ein Schmied! Manche sagten, er sei mit dem Teufel im Bund, weil er so unglaublich gute Metallmischungen hinbekam. Das war auch einer der Gründe, weshalb er England verlassen musste. Er stammte aus Sheffield und war in England der Lieferant unseres Vaters gewesen. Als Sheffield 1648 von dem Pack Cromwells erobert wurde, musste er als königstreuer Mann und angeblicher Teufelspaktierer fliehen. Mein Vater verhalf ihm und seiner Familie zur Flucht und wurde selbst zum Geächteten, wollte das Land aber nicht verlassen. Mein damals siebzehnjähriger Bruder und ich sahen keine Zukunft mehr in England. Unser jüngster Bruder blieb bei unseren Eltern, die bei Verwandten in Nottingham untertauchten. Aaron und ich schlugen uns mit Simpson und seiner Familie nach Holyhead in Wales durch, kaperten dort einen kleinen Segler und gelangten auf die See. Irische Rebellen halfen uns, gaben uns Unterschlupf, bis sie merkten, dass wir Engländer waren. Also mussten wir wieder fliehen. Ein Arzt schützte uns. Er betrachtete sich als neutral, berief sich auf den hippokratischen Eid, nur hat es ihm nichts genützt. Als er einem Rebellen das Fell flickte, drangen Cromwells Soldaten ein und nahmen uns alle fest. Wir schmorten acht Jahre ohne Prozess im Kerker. Dann verkaufte man uns als Sklaven nach Jamaica. Nach drei weiteren Jahren konnten wir fliehen und kaperten eine große Galeone. Simpson machte sich in San Cristobal auf Hispaniola selbstständig, als die Spanier die Insel in den Wirren von Kämpfen mit Piraten nicht wirklich beherrschten. Simpsons Klingen waren sehr gefragt, besonders bei Piraten. Seine Metallmischungen waren einfach grandios.“

„Legierung nennt man das in der Fachsprache“, warf Will ein. Dann fiel ihm etwas ein.

„Sag mal, wie lange gab es diese Waffenschmiede in San Cristobal?“, fragte Will.

„Sehr lange, allerdings nicht in San Cristobal selbst. Die Spanier konnten ihre Herrschaft wieder stabilisieren und Neville Simpson musste sich wieder dünn machen. Er ging nach Tortuga, behielt aber den Namen San Cristobal für seine Schmiede.“

Will ließ die Information sacken. Moses bemerkte, dass der junge Captain plötzlich ganz weit weg war …

Wills Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Vor Jahren war in Meister Browns Schmiede ein vornehmer Kunde aufgetaucht und hatte über die seinerzeit mangelhafte Stahlqualität der Klingen von Meister Brown wie ein Rohrspatz geschimpft. Will, damals Lehrling im zweiten Lehrjahr, hatte den Mann gefragt, woraus denn seiner Meinung nach vernünftiger Schwertstahl bestehen sollte und der Kunde, augenscheinlich vom Fach, hatte ihm eine Rezeptur verschiedener Metalle genannt, außer Eisen unter anderem Mangan, die Will in der Folgezeit einfach ausprobiert hatte. Die Legierung ergab einen nahezu rostfreien Schmiedestahl von extrem guter Schleifbarkeit und Elastizität, aus dem Klingen entstehen konnten, die wie Silber glänzten und unglaublich scharf sein konnten. Ein halbes Jahr später war der Mann wieder erschienen. Will, der erneut allein in der Schmiede war, weil Meister Brown mal wieder einen mächtigen Rausch ausschlafen musste, hatte dem Mann einen Dolch aus diesem Material vorgelegt, den der Kunde zu Wills großer Freude gekauft hatte – und sogar mehr bezahlt hatte, als der Lehrling verlangt hatte; Wills erstes Trinkgeld, immerhin drei Shilling.

„Du wirst es noch zu was bringen, Junge. Solche Klingen macht nur mein sonstiger Lieferant von San Cristobal“, hatte der Mann gesagt und hatte sich einen Säbel genommen. „Die Krönung wäre es, wenn eine Waffe wie diese so ausgewogen wäre, dass sie an der Fehlschärfe waagerecht auf einem Finger liegen bleibt.“

„Und wie kriege ich das hin, Sir?“, hatte Will wissbegierig gefragt. Der Mann hatte den Säbel wieder weggelegt und den Lehrjungen an den Schultern genommen.

„Die Waage ist hergestellt, wenn die Klinge auf der einen Seite und der ganze Griff das gleiche Gewicht haben. Im Prinzip muss die Angel nahezu dieselbe Breite wie die Klinge haben, dann kommst du schon ganz gut hin. Aber die genauen Proportionen, die musst du selbst herausfinden, denn jeder Säbel ist anders. Probiere es aus, mein Junge“, hatte er gesagt.

Diese Empfehlung des Kunden, dessen Namen Will nie erfahren hatte, war ihm Ansporn genug gewesen, seine eigenen Experimente zu beginnen und nicht eher Ruhe zu geben, bis er eine Formel entwickelt hatte, mit der er die erforderlichen Gewichtsverhältnisse bestimmen konnte. Meist hatte Will seine Experimente mit den Lehrmaterialien gemacht, die ihm Meister Brown für seine „Hausaufgaben“ gegeben hatte. Dazu hatte Will seinen eigentlich freien Samstagnachmittag genutzt und hatte wie besessen sowohl am richtigen Verhältnis von Klinge und Griff plus Angel gearbeitet, als auch an der weiteren Verfeinerung des Stahlrezeptes.

Die Früchte seiner Arbeit, seines Entwicklungsgenies und seiner Beharrlichkeit hatte Meister Brown eingestrichen, der sich die von Will ausgetüftelten Verfahren und Materialmischungen hatte patentieren lassen. So lange Will Lehrling und Geselle gewesen war, hatte er seinen Meister dafür so manches Mal gehörig verflucht – bis zu jenem Tag, an dem John Brown Will die Schmiede übergeben hatte, samt allen Patenten, die Will erarbeitet hatte und die ihm als neuem Meister übereignet wurden. Letztlich hatte John Brown damit sehr viel klüger und vorausschauender gehandelt, als Will es dem notorischen Trunkenbold zugetraut hatte: Unter dem Strich hatte er nämlich die mühsame und geniale Entwicklungsarbeit damit für Will und dessen Zukunft gesichert, indem er die Patente angemeldet hatte, die Will nie selbst bekommen hätte. Nur Meistern war eine Weiterentwicklung des Handwerks gestattet, Lehrlinge und Gesellen durften daran – offiziell – keinen Anteil haben … So hatte Meister Brown genau genommen eine illegale Handlung gedeckt und sogar Bestrafung in Kauf genommen hatte, um seinen jungen Gehilfen zu schützen. Erst jetzt, etwa sechs Jahre, nachdem Will die Schmiede übernommen hatte, wurde ihm dies endlich klar. Er schuldete John Brown noch etwas mehr als die vereinbarte Leibrente, dachte er bei sich …

Dann gingen Wills Gedanken wieder zu Goldbart zurück. Dieser seltsame Kunde, der ihm dieses einträgliche Geheimnis verraten hatte, hatte edle Gesichtszüge gehabt, sehr ähnlich denen von Ruben Crystal – und Ara Goldbart, soweit das unter dem verfilzten Bart überhaupt zu erkennen war. Und dann fiel Will noch ein kleines Detail ein: Der vornehme Kunde hatte eine Krawattennadel getragen, deren Kopf ein kleiner Wappenschild war – ein schwarzer Schild mit zwei rautenförmigen Diamanten! Das Crystal-Wappen!

„Hat Simpson auch mal Kunden außerhalb des Piratentums gehabt?“, fragte er Moses.

„Nein. Seit er auf Tortuga arbeitete, hat er nur noch Piraten als Kunden gehabt. Eine Zeit ist sein Sohn Charles sogar mit uns gesegelt und war unser Waffenmeister. Charlie hatte bei seinem Vater Waffenschmied gelernt. Sein Bruder Edward ging später in die englischen Kolonien auf den amerikanischen Kontinent. Edward war ziemlich aus der Art geschlagen, was Waffenschmiedetechnik betraf. Er gründete den Zweig der Familie Simpson in Philadelphia“, erwiderte Moses.

Wenn Neville Simpson und später sein Sohn der Waffenlieferant von Goldbart und seinen Männern gewesen war, dann wurde Will klar, weshalb die Karte von San Cristobal ausgerechnet in einem Simpson-Dolch von guter Waffenqualität versteckt gewesen war – und weshalb Morgan Everett eventuell auch ohne Kenntnis durch Ruben Crystal davon gewusst haben könnte … Will sah Moses an. Der wusste etwas … Der zweite Gedankenblitz, der Will traf, war eine zweite Krawattennadel – die Krawattennadel von Morgan Everett. Auch er hatte einen kleinen Wappenschild als Kopf der Krawattennadel getragen – und das war ein schwarzer Schild mit zwei goldenen Rauten. Bisher war ihm das gar nicht aufgefallen, es hatte ihn bislang auch nie interessiert … Will war nicht erfahren, was Wappen betraf, aber diese Ähnlichkeit war so frappierend, dass er sich zum einen die Frage stellte, warum es ihm erst jetzt einfiel, dass sich die Wappen Everetts und Crystals sehr glichen und zum zweiten, ob es da eventuell eine Verbindung gab. Er wollte diesen Gedanken schon als völlig absurd verwerfen, als die Mosaiksteine langsam Gestalt annahmen …

„Was ich dich schon lange fragen wollte, Moses: Was sagt dir der Name Ruben Crystal? Und was hat der mit Lord Everett zu tun? Ich meine, wieso kauft ein Gläubiger seinen Schuldner, obwohl er von dem Verkauf doch eigentlich einen Erlös erwartet, den ihm andere bezahlen sollen?“, fragte er. Moses wurde schlagartig puterrot.

„Ich denke, es … es ist an der Zeit, dass du alles erfährst. Aber ich warne dich: Es wird dauern.“

„Wenn das, was du mir sagen kannst, die Mosaiksteine zusammensetzt, die im Moment noch durch meinen Kopf kreisen, dann nehme ich mir die Zeit“, entgegnete Will.

Moses räusperte sich, dann begann er, die ganze Geschichte zu erzählen …

 

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Zwischenspiel 1

Moses’ Erzählungen

Familiengeheimnis

Moses legte das Putzzeug weg, war eine Weile recht weit fort, so schien es Will; dann begann er zu erzählen – und es klang nicht wie das Seemannsgarn, das er als Geschichtenerzähler in Port Royal zum Besten gegeben hatte. Das, was er erzählte, war die Wahrheit und nichts als die Wahrheit …

Man schrieb das Jahr 1663. Die Monarchie in England war gerade drei Jahre wiederhergestellt, als die Galeone Sheffield Spirit in Bristol einlief. Aaron, inzwischen 32 Jahre alt und Moses Everett, damals 34 Jahre alt, hatten einen ebenso erfolgreichen wie räuberischen Fischzug durch die Karibik unternommen, hatten von einer Amnestie erfahren, die König Charles II. für Leute erlassen hatte, die während des Bürgerkrieges als Royalisten verfolgt und geächtet worden waren. Die Amnestie hatte sie ermutigt, nach England zurückzukehren. Ihr erster Weg nach der Landung führte sie zum Hafenmeister.

„Wir sind englische Seeleute und wir sind nur knapp einem Holländer entwischt, als wir die Irische See erreichten“, trug Aaron vor. „Wir würden diesen Käseköpfen gern zeigen, was wir von ihrer Art halten – offiziell, versteht sich, mit Kaperbrief.“

Der Hafenmeister sah den blondbärtigen Captain eine Weile an.

„Ihr seid Piraten“, sagte er dann.

„Aye! Und wir würden das, was wir tun, gern für unser Land tun“, sagte Moses und erntete einen vernichtenden Blick von Aaron, der es lieber für sich behalten hätte, dass sie von der Seeräuberei lebten.

„Es gibt derzeit keine königlichen Kaperbriefe, meine Herren“, erwiderte der Hafenmeister. „Aber es gibt einige Unternehmen, die Plünderlizenzen vergeben können und das auch fleißig tun. Die East India Trading Company in London zum Beispiel.“

Der Hafenmeister gab ihnen einen Aufruf der Company, die Kaperfahrer suchte. Unterzeichnet war der Aufruf von Lord Benjamin Everett, einem Vorstandsmitglied der Company. Aaron und Moses sahen sich verblüfft an. Ihr jüngster Bruder hatte offenbar Karriere gemacht …

Sie reisten augenblicklich nach London weiter, um sich in den Dienst der Company zu stellen. Benjamin ließ seine Brüder warten und machte ein recht angewidertes Gesicht, als die beiden ungewaschenen Seeleute sein Büro betraten. Eilig griff er in eine Schublade und hielt sich ein parfümiertes Taschentuch unter die Nase.

„Hallo, Kleiner!“, grinste Moses, der älteste der Everett-Brüder. Benjamin rang sich ein gequältes Lächeln ab. Seine beiden Brüder waren drei und fünf Jahre älter, durch ihren Beruf als Seeleute auch erheblich kräftiger als er, der seit Jahren nur am Schreibtisch saß und allenfalls eine Schreibfeder stemmte.

„Was verschafft mir die Ehre eures Anblicks, Brüder?“, fragte er. Aaron ließ sich in den Sessel vor dem Schreibtisch fallen, dass es staubte, legte die bestiefelten Füße bequem auf die blankpolierte Schreibtischplatte und zog ein kurzes Takelmesser, mit dem er sich die Fingernägel reinigte.

„Dir geht’s gut, ja?“, fragte er eher beiläufig, die kräftige Klinge in seiner Hand liebevoll betrachtend.

„J… ja“, brachte Benjamin zögernd vor.

„Moses und mir weniger. Wir haben eine ziemlich schwere Zeit hinter uns nachdem wir jahrelang im Kerker geschmachtet haben, als Sklaven verkauft wurden und uns dann als Piraten durchgeschlagen haben“, bemerkte Aaron. „Und du sitzt hier warm und trocken, du hast unser Erbe übernommen. Du schuldest uns was, Kleiner!“

„Ein Erbe … gibt es nicht. Gab es nie“, keuchte Benjamin. „Als ihr geflohen wart, wurde unser Vater verhaftet und wegen Hochverrats hingerichtet. Mutter und ich kamen bei den Cullenhams in Nottingham unter, die uns versteckten. Was Vater besessen hat, wurde komplett beschlagnahmt. Durch die Fürsprache von Lord Cullenham konnte ich eine Lehre bei der Company machen und habe mich hochgearbeitet. Was ich besitze, habe ich mir ebenso erarbeitet wie ihr.“

„Immerhin – du bist Lord“, warf Moses ein.

„Durch die Gnade des Königs, der meine Bemühungen, der königlich privilegierten Company bestmöglich zu dienen, damit honoriert hat“, versetzte Benjamin, der langsam wieder Boden unter den Füßen spürte. Seine Brüder wollten ihm offenbar nicht gleich an die Perücke …

„Du kannst trotzdem was für uns tun“, sagte Aaron und rutschte noch etwas bequemer in den Sessel hinein, schlug die langen Beine übereinander. „Ihr vergebt Kaperbriefe, aye?“

„Ja, das tun wir. Meine Idee“, erwiderte Benjamin.

„Dann gib uns einen Kaperbrief und wir machen diesen verdammten Käse kochenden Holländern Feuer unterm Hintern“, grinste Aaron.

„Aber ja!“, erwiderte Benjamin strahlend, dass er so billig davonkam und stellte seinen Brüdern den verlangten Kaperbrief aus.

Wenige Tage später ging die Sheffield Spirit von Bristol aus wieder in See. Unter dem Schutz des Kaperbriefs machten die Brüder gute Beute, lieferten ordnungsgemäß und regelmäßig den Kronanteil ab. Doch als der Krieg mit den Niederlanden dann 1665 mit voller Wucht ausbrach, wollte der königliche Admiral Monck von den Kaperfahrern nichts wissen, die sonst gern als Hilfstruppen engagiert wurden. Monck legte viel Wert auf Disziplin, die er bei Kaperfahrern jedoch vermisste. Seine Abneigung gegen die Kaperfahrer hinderte ihn aber keineswegs, Seeleute zwangsweise zu verpflichten, anders gesagt, sie zu schanghaien* – auch von den Kaperfahrern, wo kampferfahrene Seeleute zu erwarten waren. Bei einem Hafenaufenthalt in Charleston, Carolina, beschlagnahmte die Royal Navy die Sheffield Spirit samt Crew. Die Brüder Everett, die sich das Kommando teilten, wurden zu einfachen Matrosen degradiert, das Schiff von da an von einem Captain der Royal Navy kommandiert. Protestschreiben an die Company fruchteten nichts. Benjamin musste seinen Brüdern mitteilen, dass er für sie nichts tun konnte.

Aaron sah sich das einen weiteren Monat an. Als er als Rudergänger die verlangte strenge Kiellinie* der Flotte nicht hielt, sondern leicht aus dem Verband ausscherte, um besseren Blick nach vorn zu haben, wollte der Captain den ohnehin zu Widerspruch neigenden Aaron mit dem Gesetz Mose bestrafen, was nichts anderes hieß, als dass er neununddreißig Peitschenhiebe auf den bloßen Rücken bekommen sollte. Die Folge der barbarischen Strafandrohung war, dass die gesamte Crew der Sheffield Spirit meuterte. Die britischen Offiziere und ihre allzu willfährigen Helfer gingen in einem Dingi von Bord, die Sheffield Spirit nahm Kurs nach Westen auf, um wieder in die Karibik zu fahren. In den Weiten der Karibik fanden die Brüder und ihre Crew ein neues Zuhause. Hauptsächlich operierten sie von Tortuga aus. In den folgenden fünfzehn Jahren ließen sie kein Schiff ungeschoren, das ihnen über den Weg fuhr, ganz besonders keine der Royal Navy und erst recht keine Niederländer. Aaron erwies sich als gnadenloser Pirat, der gefangene britische Offiziere ohne viele Umstände an der Großrah aufknüpfen ließ. Bootsmänner der Navy, die für die Körperstrafen auf den Schiffen der Navy zuständig waren, bekamen vor dem Hängen eine Tracht Prügel mit der neunschwänzigen Katze, die mancher Gefangene nicht überlebte. Die Sheffield Spirit war ein gefürchtetes Piratenschiff, dessen Name unter den Männern der Royal Navy nur hinter vorgehaltener Hand genannt wurde.

Im April 1665 hatten sich die Brüder selbstständig gemacht. Als die Spanier im selben Jahr britische Siedler von Hispaniola vertrieben – unter anderem die Familie Simpson – hatten sie sich die Everetts zu erbitterten Feinden gemacht. Doch die Tatsache, dass sie nun von England, den Niederlanden und Spanien steckbrieflich gesucht wurden, machte Benjamin nervös. Noch immer sandten seine Brüder den Kronanteil an ihrer Beute nach England; schließlich arbeiteten sie mit Kaperbrief und waren ordentliche Geschäftsleute, die ihre Verträge einhielten. Auf Tortuga erreichte die Piratenbrüder schließlich ein Brief ihres Bruders, in dem er sie aufforderte, den Namen Everett nicht weiter zu beschädigen. Moses war über das Ansinnen Benjamins nicht amüsiert, aber Aaron sah die Chance, sich gänzlich abzunabeln und fortan auf eigene Rechnung zu arbeiten.

Aaron Everett nannte sich fortan Ara Goldbart, Moses legte den Familiennamen einfach ab, die Sheffield Spirit wurde in Ark Devilish umbenannt – eine Verballhornung des Namens der berühmten Ark Royal, die in der Schlacht gegen die spanische Armada das Flaggschiff der englischen Flotte gewesen war. Sie bekam blutrote Segel und deutlich stärkere Kanonen, die Goldbart insbesondere von Schiffen der Navy übernahm. Innerhalb weniger Wochen verbreiteten der Name Goldbart und das Schiff Ark Devilish Angst und Schrecken in der Karibik. Zu den Wenigen, die außer der Crew der Ark Devilish die wahre Identität von Ara Goldbart und Moses kannten, gehörten Neville und Charlie Simpson sowie Benjamin Everett.

Die Erfolge der Ark Devilish machten auch den Piraten Henry Morgan aufmerksam, der Goldbart 1668 bei einem Treffen auf Tortuga Beteiligung anbot, wenn er unter Morgans Kommando an einem Großangriff der karibischen Piraten hauptsächlich englischer Herkunft auf Portobelo in der spanischen Provinz Panama teilnahm. Goldbart nahm an, die Crew der Ark Devilish bekam einen erklecklichen Anteil an der ungeheuren Beute, die Morgans Piratenflotte gemacht hatte. Ara Goldbart, der sich unter dem Kommando eines anderen nicht recht wohlfühlte, wollte es bei der einmaligen Beteiligung belassen, aber die Crew verlangte, dass die Ark Devilish weiterhin bei den erfolgreichen Fischzügen Morgans mitmachte.

„Was ist mit dir?“, fragte Moses seinen Bruder, der unruhig die Kapitänskajüte der Ark Devilish durchmaß. In den vergangenen drei Jahren hatte Aaron sich als der fähigere von beiden Brüdern erwiesen, was Navigation und Gespür für Beute betraf. Die Crew hatte nach dem Recht der Piraten Aaron als alleinigen Captain durchgesetzt. Moses hatte sich dem Willen der Crew gefügt, hatte seine eigenen Ansprüche auf den Posten des Captains aufgegeben und war jetzt Erster Maat der Ark Devilish.

„Wir haben Beute gemacht, dass sie uns fast an den Ohren wieder herauskommt, aber die Crew verlangt, dass wir weiterhin mit Morgan segeln. Auf ganz Tortuga gibt es nicht genügend Höhlen, um die Beute sicher zu verstecken! Wo sollen wir das noch lassen???“, schnaufte Goldbart. „Außerdem … im Verein mit Morgan bin ich schon wieder ein Befehlsempfänger und kein freier Pirat mehr.“

„Du kannst dich sicher nicht beklagen, dass es uns schlecht geht, Bruder. Nicht mal, als wir vor dem Bürgerkrieg noch friedlich in Sheffield wohnten, haben wir in einem solchen Wohlstand gelebt“, erinnerte Moses.

„Nein, stimmt. Aber du weißt, wie allergisch ich gegen Befehle von jemand anderem bin“, knurrte Aaron. Moses grinste.

„Oh ja, Ich weiß. Aber wenn die Crew es verlangt, kannst du dich als Captain dagegen nicht sträuben. Sonst riskierst du deinen Posten und dein Schiff“, erinnerte Moses. Aaron sah ihn direkt an.

„Ich weiß. Fast drei Jahre segeln wir jetzt mit Morgan. Aber jetzt schnappt der Mann über. Denk dir: Er redet von vereinigten Freibeutern Amerikas, nennt sich Chefadmiral aller Bukaniersflotten und Generalissimo … Der ist doch nicht mehr ganz normal! Moses, das ist Größenwahn! Ich befürchte, dass Morgan zu sehr von sich eingenommen ist und nicht mehr weiß, was er tut!“, ereiferte sich Goldbart. „Aber die Crew sprudelt vor Begeisterung.“

„Aaron, du riskierst eine Meuterei, wenn du dich von Morgan abwendest!“, warnte Moses.

„Ruf die Crew vor dem Achterdeck zusammen, Moses!“, wies Aaron seinen Bruder an.

Moses tat, wie ihm geheißen und Goldbart eröffnete der Crew, dass er es für brandgefährlich halte, weiter im Kielwasser von Henry Morgan zu segeln. Er sei wohl bereit, noch den Angriff auf Panama mitzumachen, aber dann müsse Schluss sein, wenn man nicht auf Dauer abhängiger von Morgan sein wolle, als man es früher vom Grundherrn gewesen war. Die Crew murrte prompt. Das Gemurre wurde so massiv, dass Goldbart sich erst wieder Gehör verschaffen konnte, als er in die Luft schoss.

„Ruhe!!!“ donnerte er. „Ich mache euch auf folgende Bestimmung in unserem Kodex aufmerksam: ‚Jedes Mitglied der Crew erkennt an, dass das Schiff Ark Devilish, ehemals Sheffield Spirit, alleiniges Eigentum von Aaron und Moses Everett ist und nicht zum gemeinsamen Vermögen der Crew gehört. Dafür akzeptieren Aaron und Moses Everett, dass sie ebenfalls nur einen Anteil an der Beute erhalten und nicht wie üblich einen und einen halben Anteil.’ Das heißt im Klartext: Wenn es euch nicht passt, dass ich mein Schiff nicht länger in den Dienst des selbsternannten Chefadmirals Morgan stelle, dann sucht euch ein anderes Schiff, auf dem ihr fahrt. Diese Fahrt nach Panama wird die letzte sein, die die Ark Devilish unter Morgans Oberkommando macht!“

„Captain, wir erwarten von Euch, dass Ihr ebenso gute Beute für uns findet, wie Morgan sie wittert. Wir geben Euch die Chance, aber wenn Ihr auch nur einmal weniger Beute ausmacht, seid Ihr die längste Zeit Captain gewesen“, drohte der Bootsmann.

Der Angriff gegen Panama 1671 war dann ein so ungeheurer Fischzug, dass Henry Morgan beschloss, sich zur Ruhe zu setzen. Goldbarts Ausstieg aus der Bukaniersflotte war damit unnötig geworden, weil sich die Flotte durch Morgans freiwilligen Rückzug aus dem Geschäft von selbst auflöste. Die Ark Devilish segelte wieder allein, der Erfolg war schwankend. Die Spanier bewachten ihre Schatzflotten inzwischen besser und dann 1676 kam auch noch ein neuer Vizegouverneur nach Jamaica: Sir Henry Morgan! Die Freude der Piraten in der Karibik währte nicht lange, denn Morgan nahm seine Stellung als Vizegouverneur ernst und machte seinen ehemaligen Verbündeten die Hölle heiß. Piraten, die den Schiffen des Karibik-Geschwaders der Royal Navy in die Hände fielen, hatten meist nicht mal mehr Zeit, ihr Testament zu machen …

In dieser Situation erwies sich Moses als Mann mit feinem Gespür für feindliche Schiffe, die stärker waren als die Ark Devilish. Einige Male entkam die Ark Devilish nur knapp der englischen Royal Navy, aber auch der Armada Española, der spanischen Flotte. Danach hörte Goldbart auf seinen Bruder, wenn der ihn vor einer Gefahr warnte. Der Bruderschaft der Küste, die nach der Auflösung der vereinigten Freibeuter Amerikas wiederauflebte, schloss sich die Crew der Ark Devilish jedoch nicht an. Die Männer waren zufrieden mit der Beute und ihrem Captain.

Ein Raubzug in Honduras 1680 bescherte den Männern um Goldbart nicht nur neue Schiffskameraden, sondern endlich auch ein ganz eigenes Beuteversteck, die Insel San Cristobal … Espen Swann kaufte sich damit in die Crew ein, obwohl er Goldbart ausdrücklich vor der Insel warnte.

Aaron und Moses Everett waren jetzt 49 und 51 Jahre alt. Nach den Maßstäben ihrer Zeit waren sie alte Männer. Nicht nur sie waren älter geworden, ihre verbliebenen Männer der ersten Stunde waren es auch. Von denen, die die Meuterei gegen die Navy und den Namenswechsel der Ark Devilish noch mitgemacht hatten, waren nur noch fünf Mann an Bord, alle anderen waren erst viel später hinzugekommen. Nur diese fünf Männer wussten noch um die wahre Identität der Everett-Brüder.

Die geschützte Bucht von San Cristobal bot ein gutes Versteck für das Schiff, die Insel war paradiesisch und friedlich. Espen Swanns Warnung vor dem Wasser der Strandquelle verhallte ungehört. Doch als Goldbart auf Espens Vorschlag hin zwei Wochen nur von den Schiffsvorräten trank, alterte er rapide. Zwischenzeitlich hatten alle Männer Goldbarts von dem Jungbrunnen getrunken – und waren augenblicklich abhängig von dem Wasser. In der Überzeugung, nun für immer auf San Cristobal gefangen zu sein, begannen die Männer sich richtig einzurichten. Sie bauten die Siedlung, dann hatten sie die erste Begegnung mit den Pelegostos.

Weil es ihnen auf der Insel mit den Pelegostos zu eng war, bekämpften Goldbart und seine Männer die Eingeborenen und schafften sie schließlich auf die unbewohnte Nachbarinsel Little Swan, die nur ein paar Dutzend Klafter östlich von Great Swan oder San Cristobal lag. Die Pelegostos waren Jäger, aber auf Little Swan gab es außer ein paar Leguanen nichts zu jagen. Es gab nicht einmal Holz, um Boote zu bauen. Ohne Boote konnten die Männer der Pelegostos aber auch nicht auf die See fahren, um fischen. In ihrer Verzweiflung versuchten immer wieder einige, bei Niedrigwasser nach San Cristobal zurückzukehren, doch sie wurden stets wieder vertrieben. Goldbarts Männer sicherten schließlich die Meeresenge mit einer dichten Kaktuspflanzung, die über längere Zeit wirksam verhinderte, dass die Pelegostos zurückkehrten. Ohne genügendes Nahrungsangebot auf der kleinen Insel, die kaum eine Meile lang und nicht mal eine Viertel Meile breit war, waren die Pelegostos dem Hungertod nahe – und wurden endgültig zu Kannibalen.

Goldbart und seine Männer hatten inzwischen festgestellt, dass San Cristobal nahezu vollständig aus Diamanten bestand. Doch es waren keine lupenreinen Diamanten. Nach einem guten Jahr packte die Männer die Sehnsucht nach der See. Mit zwanzig Fässern Inselwasser bewaffnet gingen sie wieder in See und enterten nur Tage später ein spanisches Schiff, auf dem zwei Mönche reisten, die eine große Truhe bewachten. Im Gegensatz zu anderen Mönchen waren diese beiden äußerst wehrhaft und verteidigten die Truhe verbissen mit geschickt geführten Schwertern. Goldbarts Männer hatten einen schweren Stand gegen die Mönche, die sogar Kettenhemden unter den Kutten trugen. Doch die Übermacht war schließlich zu groß und am Ende lagen die beiden Mönche in ihrem Blut. Einer der beiden röchelte noch:

„Es ist wahr, die Diamanten sind verflucht“, dann starb er. In der Truhe fanden Goldbart und seine Männer zwei ungeheuer große Diamanten, die selbst in der Dunkelheit des Zwischendecks wie die Sonne selbst zu leuchten schienen, indem sie das wenige Licht der Fackeln einfingen und es vervielfachten.

„Wir sind reich!“, entfuhr es Espen, als er die Steine sah. Alle nickten mit leuchtenden Augen.

„Du verstehst was davon, Espen. Was bringen die Dinger ein?“, fragte Moses.

„Sie sind zu groß, um sie im Stück zu verkaufen. Auf San Cristobal haben wir genug Diamantstaub, um sie zu zerlegen …“, schlug Espen vor.

Die Crew kehrte nach San Cristobal zurück und Espen machte sich daran, einen der Riesendiamanten zu zerlegen. Das erste Stück, das er von dem größten Diamanten abschnitt, war etwa ein Drittel des gesamten Steins. Dieses Stück zerlegte er in drei weitere Teile und schliff die drei Teile mit zahlreichen, geometrischen Fassetten. Die drei fertig geschliffenen Diamanten strahlten ungeheuer hell, schienen das Sonnenlicht geradezu einzufangen. Von dem Effekt beflügelt, nahm Espen den verbliebenen Stein zur Hand und schliff ihn ebenfalls in solchen Fassetten, machte es mit dem ursprünglich kleineren Stein ebenso. Nach dem Schliff waren die beiden Riesendiamanten fast gleich groß und verstrahlten ein so ungeheuer helles Licht, dass es die Männer beinahe blendete.

„Hol ’s der Geier!“, platzte Goldbart heraus. „Die Dinger müssen wir unter Tage bringen, sonst sind wir ganz fix blind!“

San Cristobal hatte hunderte von kleinen Löchern und großen Höhlen, weshalb Columbus die Inseln einst Islas de las Pozas getauft hatte, die Inseln der Höhlen oder Löcher. Doch selbst in den Höhlen fingen die Steine noch das Licht ein – und keine Höhle war tief genug im Berg, dass es völlig dunkle Stellen gab. Und sofern die Steine Licht einfingen, strahlten sie es wieder ab. Selbst Sternenlicht ließ sie noch leuchten, und zwar so hell, dass ein Lichtschein aus den Löchern fiel … Nur, wenn die Steine im Wasser des Lebens waren, ließ die Leuchtkraft nach. Also bewahrten die Männer die Riesendiamanten und deren kleine Ableger in dem Strandteich auf, der die Quelle des Lebenswassers war.

Am Tag darauf ging Moses mit Aaron fischen. Sie fuhren mit einem Dingi von der Bucht aufs Meer, wo sich der Strandteich befand. Als Moses aus der Bucht heraus gepullt war, verschwamm die Insel plötzlich, wurde zur Fata Morgana und war dann weg – einfach weg!

„Aaron … die …die Insel!“, entfuhr es ihm. Er war kreidebleich und zitterte am ganzen Körper.

„Was ist denn mit dir los? Hast du was Falsches getrunken?“

„Sag mir, ob ich Halluzinationen habe, oder ob unsere Insel wirklich weg ist!“, presste Moses heraus. Aaron sah sich um und wurde ebenfalls weiß wie der Sand von San Cristobal.

„Gute Güte!“, entfuhr es ihm. „Los, sofort zurück!“, befahl er. Moses wendete das Dingi und pullte zurück. Nach zehn oder zwölf Riemenschlägen war die Insel wieder schemenhaft zu erkennen, dann tauchte sie vollständig auf.

„Mein Gott, was ist das?“, flüsterte Moses, als er nach der Insel peilte, die unschuldig dalag, als wäre nichts gewesen. Aaron bekam plötzlich ein freudiges Strahlen im Gesicht und knuffte seinen Bruder in die Schulter.

„Die Insel ist unsichtbar geworden. Man findet sie nur noch, wenn man genau weiß, wo sie ist! Juchhu! Wir haben eine Möglichkeit gefunden, uns wirklich zu verstecken!!“

„Aber wieso ist sie plötzlich unsichtbar?“, fragte Moses, als sie am Strand aus dem Boot stiegen.

„Keine Ahnung. Ist das wichtig?“, schmunzelte Aaron. „Hauptsache, nur wir wissen, wo unsere Insel ist.“

„Nun ja, es könnte eine vorübergehende Laune der Natur sein …“, warnte Moses. „Und wenn wir es wissen, können wir das vielleicht nutzen …“

Moses‘ Hinweis wirkte. Die Männer begannen zu forschen, weshalb ihre Insel plötzlich nicht mehr von See aus sichtbar war. Es dauerte ein paar Wochen, dann hatte Espen die Idee, die Diamanten aus dem Strandteich zu ziehen. Das Ergebnis war verblüffend. Außerhalb des Wassers blendeten die Diamanten die unmittelbare Umgebung, das Wasser des Lebens streute das gebündelte Licht so weit in die Luft, dass die ganze Insel in dieser gigantischen Fata Morgana verschwand. Weitere Versuche zeigten, dass je einer der drei kleinen Diamanten genug Leuchtkraft besaß, um selbst in gewöhnlichem Seewasser ein ganzes Schiff auf diese Weise zu tarnen.

In der Zwischenzeit war es Espen gelungen, eine größere Menge lupenreiner Diamanten zu finden und zu schleifen. Er präsentierte Aaron eine handliche Truhe, die randvoll Diamanten war, in – nun ja – normaler Größe von stecknadelkopfgroß bis daumendick.

„Wenn wir es geschickt anstellen, können wir diese Diamanten so gut verkaufen, dass wir allesamt Millionäre sind – völlig legal. Wir könnten wieder ehrliche Leute sein“, sagte Espen.

„Was meinst du: Was sind die wert?“, fragte Aaron und ließ die Diamanten durch seine Hände gleiten.

„Wir sind dreißig Mann in der Crew. Diese Diamanten hier garantieren jedem von uns ein bis zwei Millionen Guineas.“

„Das kann man in einem ganzen Leben nicht ausgeben!“, flüsterte Moses.

„Wo verkauft man so etwas am besten?“

„In Antwerpen“, erwiderte Espen. „Das ist der Handelsplatz für Diamanten.“

Aaron erhob sich.

„Männer!“, rief er. „Wir haben in unserem Kodex niedergelegt, dass keiner von uns davon reden soll, das Piratenleben aufzugeben, bevor nicht jeder von uns wenigstens eintausend Pfund zusammen hat. Diese Diamanten werden uns alle zu Millionären machen. Ich für meinen Teil werde das Piratenleben aufgeben und werde nach England zurückkehren.“

Fast alle waren einmal aus materieller Not Piraten geworden, nur die ältesten von ihnen waren auch aus Freiheitswillen diesem Weg gefolgt. Mit reichlich Wassernachschub versehen lief die Ark Devilish am folgenden Tag aus der Bucht von San Cristobal aus und segelte nach Antwerpen. Dort verkauften die Männer ihre Diamanten und trennten sich als schwerreiche Privatiers. Bevor sie ihrer Wege gingen, schworen sie einander, die Lage ihrer Insel nie zu verraten. Einmal im Jahr wollten sie wieder nach San Cristobal segeln, um die Wasservorräte aufzufrischen. Sie verabredeten dazu den 21. Juni eines jeden Jahres. Moses und Aaron Everett kehrten nach England zurück. Aaron, der ein großes zeichnerisches Talent hatte, ging nach London und wurde Maler. Weil er auch von Heraldik etwas verstand, war er bald Hoflieferant des englischen Colleges of Arms, für das er die Wappenbriefe, die Verleihungsurkunden für Wappen, gestaltete. Moses wurde es bald in England zu kalt. Er kehrte nach Jamaica zurück und ließ sich als Privatier in den Blue Mountains nieder.

Es schien so, als meine es das Leben von nun an mit den Brüdern Everett und ihren Männern gut. Sie hatten sich getäuscht …

 

 

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Zwischenspiel 2

Moses’ Erzählungen

Schwarze Magie

Die Probleme für die Crew der Ark Devilish begannen, als Benjamin Everett feststellte, dass sein nächstälterer Bruder wieder in England war – und für seine nun gut fünfzig Jahre viel zu jung aussah. Benjamin verlangte, dass seine Brüder den Namen Everett nicht wieder annahmen und drohte damit, sie als Piraten und Hexer zu denunzieren, wenn sie das täten. Eigentlich war Aaron derjenige von den drei Everett-Brüdern, der als Erster zur Waffe griff, wenn ihm jemand auf die Füße trat, doch in seinem Leben hatte sich etwas verändert.

Ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr nach England hatte Aaron Ende 1682 auf einem Ball die sanfte Mary kennen gelernt und beabsichtigte, sie zu heiraten. Mary war gerade erst zwanzig und sollte nicht wissen, dass der Mann, der sich für sie interessierte, rein vom Alter her ihr Vater hätte sein können. Mary zuliebe verzichtete Aaron darauf, mit seinem jüngeren Bruder Streit anzufangen. Er versprach Benjamin, sich völlig von der Familie zu trennen und jeden Hinweis auf seine familiäre Zugehörigkeit zu unterlassen, wenn Benjamin sich im Gegenzug verpflichtete, alles zu unterlassen, was Aaron, Moses und deren Männern schaden konnte. Benjamin gab eine entsprechende Zusage, Aaron legte sich den neuen Namen Charles Crystal und ein neues Geburtsdatum zu, das sein tatsächliches Alter dem seiner Verlobten anglich. So ganz von der Familie wollte Aaron aber doch nicht lassen und fälschte mit viel Geschick einen Wappenbrief, mit dem er das Everett-Wappen in leichter Abwandlung weiterhin führen konnte. Statt der goldenen Rauten führte Aaron im schwarzen Feld zwei weiße oder silberne Rauten, die mit zusätzlichen Linien versehen waren und die geschliffenen Riesendiamanten symbolisierten.

Doch das Lebenswasser hatte eine gravierende Nebenwirkung: Es machte unfruchtbar. Aarons Ehe mit Mary blieb kinderlos. Mary, die unbedingt Kinder haben wollte und sich selbst die Schuld an der Kinderlosigkeit gab, versuchte alles Mögliche und auch Unmögliche, um ihren Kinderwunsch erfüllt zu bekommen. Drei Jahre nach der Hochzeit entdeckte sie das Lebenswasser und trank davon, ohne Aaron etwas davon zu sagen. Als sie plötzlich rapide alterte, weil sie nur einmalig von dem Wasser getrunken hatte, wusste Aaron zwar, woran sie litt, doch er konnte ihr nicht helfen. Das Problem bestand darin, dass Aaron jedes Jahr bei seiner Reise zum 21. Juni nach San Cristobal nur so viel von dem Lebenswasser mitbrachte, wie er selbst für ein Jahr benötigte. Mary hatte das Lebenswasser kurz vor dem Juni des Jahres 1686 gefunden, und der Vorrat war nahezu aufgebraucht. Zwei Personen konnten davon nicht ausreichend bekommen, um die Alterung auch nur im normalen Rahmen zu halten. Obendrein blieb die rasante Alterung des Ehepaares Crystal den Nachbarn nicht verborgen. Rasend schnell machte das Gerücht die Runde, die Crystals seien mit dem Teufel im Bunde.

Aaron konnte nur noch eilig ein paar Sachen packen und mit Mary nach Southampton eilen, wo die Ark Devilish im Hafen lag. Einige der ebenfalls in England wohnhaften Männer Goldbarts waren damit beschäftigt, das Schiff für die Reise nach San Cristobal vorzubereiten, als ihr Captain in ebenso greisen- wie grauenhaftem Zustand die Pier erreichte, an dem die Galeone vertäut war. Nur mit Mühe konnte er die Männer davon überzeugen, dass er Ara Goldbart war. Zu Aarons Glück hatte einer der Männer noch Lebenswasser bei sich und konnte seinen Captain retten. Doch für Mary kam jede Hilfe zu spät. Das Lebenswasser bewirkte – wenn man es dauerhaft trank – auch eine gewisse Widerstandskraft, doch Mary hatte diese Widerstandskraft noch nicht entwickelt. Sie starb in den Armen ihres bitterlich weinenden Mannes, der völlig verzweifelt war und sich schwere Vorwürfe machte, Mary nicht in sein Geheimnis und die daraus resultierenden Gefahren eingeweiht zu haben.

Als es Nacht geworden war, war die Ark Devilish auslaufbereit. Doch weder Aaron noch seine Männer hatten jetzt noch Interesse, nach San Cristobal zu fahren. Aaron hatte mit dem Tod seiner Frau seinen Lebensmut verloren; ihm und seinen Männern war klar, dass sie zu einem Leben in ewiger persönlicher Einsamkeit verurteilt waren, wenn sie ihr Geheimnis hüten wollten. Zu groß war die Gefahr, dass Leute etwas über das Wasser erfuhren, die besser nie davon hörten – kirchliche Fanatiker zum Beispiel. Als es Mitternacht schlug, verließen sie das Schiff, doch ein großer, dunkelhäutiger Mann trat ihnen entgegen, der afrikanische Gewänder trug.

„Geht nicht in die Stadt!“, warnte er. „Sie suchen euch, und sie wollen euch töten!“

„Woher weißt du das?“, fragte Aaron. „Und wer bist du?“

„Man nennt mich Mukassa. Ich bin ein Priester.“

„Und wer sucht nach uns?“, fragte einer der Männer.

„Deine Nachbarn, Goldbart – und dein Bruder. Deine Nachbarn wollen dir ans Leben, weil sie glauben, du seiest mit dem Teufel im Bund. Dein Bruder Benjamin ist hinter deinem Reichtum her. Er will die Diamanten“, erwiderte der Priester.

„Und woher weißt du davon?“, fragte Goldbart misstrauisch.

„Ich bin auch ein Seher“, gab der Priester zurück. „Fahrt nach San Cristobal.“

„Das werden wir – und es wäre freundlich, wenn du uns begleiten würdest, Mukassa.“

Mukassa kam an Bord und die Ark Devilish verließ eilig den Hafen von Southampton. Der dunkelhäutige Priester stand am Bug und murmelte leise Worte vor sich hin. Zu Goldbarts Verblüffung war der Wind günstig und trieb die Ark Devilish rasch gen Westen vorwärts, obwohl er noch eine Stunde zuvor von Westen gekommen war und die Ark Devilish nach Aarons Berechnung zu einem kreuzenden* Kurs hätte zwingen müssen.

„Mukassa, woher weiß mein Bruder Benjamin von den Diamanten?“, fragte Goldbart, als der Priester etwas später auf das Achterdeck der Galeone kam.

„Hast du schon deinen Logbucheintrag gemacht?“, fragte Mukassa scheinbar zusammenhanglos.

„Nein, aber …“

„Mach deinen Eintrag und du wirst wissen, woher Benjamin mehr weiß, als dir lieb sein kann“, antwortete der Priester. Aaron nickte, winkte Jimmy, dem Bootsmann, und ging in die Kajüte. Doch sein Logbuch fand er nicht. Ara Goldbart war wie vom Donner gerührt. Dieses Logbuch enthielt alle Angaben zu San Cristobal – und alles Wissenswerte über die Diamanten und das Lebenswasser! Kreideweiß kehrte Aaron an Deck zurück.

„Wir müssen umkehren. Alle, die zur Crew gehören, müssen mit!“, keuchte er. Mukassa schüttelte den Kopf.

„Es ist zu spät. Alle, außer denen, die hier an Bord sind, wurden bereits verhaftet. Allein Espen Swann konnte sich retten. Er wartet in Cape May in Neuengland auf dich“, erwiderte Mukassa. Aaron sah Mukassa eine Weile an. Er hatte zwar keine Erklärung, wie Espen nach Amerika gekommen war, aber das würde er sicher erfahren. Er beschloss, den Angaben des Priesters zu glauben und nahm Kurs auf Neuengland.

Drei Wochen später kam die Küste Pennsylvanias in Sicht – und ein Riegel von wenigstens fünf großen Fregatten der Royal Navy. Aarons fragender Blick traf den Priester, von dem er inzwischen wusste, dass er der Voodoo-Religion angehörte und dass dessen Titel Babalawo lautete. Mukassa bestand von da an darauf, als Papa Babalawo angesprochen zu werden und verbot den Männern, seinen Namen Mukassa je wieder zu erwähnen. Der Blick, mit dem der Babalawo Aaron bedachte, machte deutlich, dass die Fregatten auf die Ark Devilish warteten.

„Du wirst ein anderes Schiff benötigen. Deine Galeone ist für die neuen Herausforderungen nicht mehr geeignet. Ein kleines, aber schnelles Schiff wie eine Brigg wäre besser geeignet“, sagte er.

„Wir werden erst einmal verschwinden“, bemerkte Goldbart und nickte Jimmy zu, der den mitgeführten Diamanten in einen Tampen eingeknüpft am Spiegel* ins Wasser hängte. Augenblicklich bildete sich das leichte Flirren um die Ark Devilish, das die äußere Unsicht-barkeit markierte. Aaron fuhr ein weites Ausweichmanöver, damit die wartenden Fregatten gar nicht erst in der richtigen Richtung suchten, falls die Masten der Ark Devilish bemerkt worden waren. Ungesehen gelangte das Schiff vor den kleinen Hafen von Cape May. Im Schutz der Dunkelheit setzte Aaron das Beiboot aus, mit dem er selbst, Bootsmann Jimmy, Mukassa und zwei weitere Männer außerhalb des Hafens landeten. Der Babalawo führte die Männer der Ark Devilish zum Gefängnis, wo sie nicht nur Espen Swann, sondern auch Charles Simpson vorfanden. Die beiden Polizisten, die die Gefangenen bewachten, hatten gegen die als Piraten erfahrenen Seeleute keine Chance und lagen nach kurzem Kampf tot in ihrem Blut.

Espen hatte sich – wie sein Captain vor vielen Jahren – über Holyhead in Wales nach Amerika einschiffen können. Die Überfahrt war auch problemlos gewesen. Doch kurz bevor die Brigg Esmeralda, mit der Swann nach Cape May gelangt war, in dem kleinen Hafen eingelaufen war, hatte Edward Simpson seinen älteren Bruder Charles als Piraten denunziert, der ihn gerade in Philadelphia besuchte und mit ihm über Edwards Fähigkeiten als Waffenschmied in Streit geraten war. Charles hatte nach Cape May entkommen können, aber Edward hatte die Polizei auf seine Spur gesetzt, die Charles Simpson dort gestellt hatte. Edward, der die Polizisten begleitete, hatte auch Espen Swann erkannt und ihn gleich mit verraten. So waren beide in Cape May verhaftet und im Schnellverfahren abgeurteilt worden und hatten auf die Hinrichtung am folgenden Morgen gewartet, als Aaron und seine Männer eintrafen.

Auf der Ark Devilish erzählte Aaron von den Vorfällen in England; Espen hatte die Idee, die Esmeralda zu kapern und als zweites Schiff nach San Cristobal mitzunehmen. Sie waren genügend Männer, um beide Schiffe ausreichend zu bemannen, zumal für die Brigg Esmeralda nur zwei Mann unbedingt notwendig waren, um sie zu fahren. Von verschiedenen Orten an der amerikanischen Küste nahmen sie die außerhalb Englands lebenden Mitglieder ihrer Gemeinschaft mit, insgesamt zehn Mann einschließlich Moses.

Auf San Cristobal angekommen erfuhren Aaron und Moses, dass durch den Diamantenhändler in Antwerpen Gerüchte über die Riesendiamanten in Umlauf gesetzt worden waren. Diese Gerüchte waren Benjamin Everett zu Ohren gekommen, der seinen Einfluss geltend gemacht hatte, um Espen verhaften zu lassen.

„Er war bei mir und wollte wissen, wer noch Diamanten von San Cristobal hatte. Ich habe ihn hinausgeworfen“, sagte Espen. „Ich habe die bei mir vorhandenen Karten im Griff eines Dolchs von Charlie und in dem Buch von Exquemelin** eingebunden und sie zu meinem Bruder Alfred gebracht.“

„Bist du des Irrsinns???“, fuhr Aaron seinen Ersten Maat an. Espen lächelte.

„Nein, überhaupt nicht. Alfred hat keine Ahnung. Er hat eine große Bibliothek und ein recht neues Werk wie das von Exquemelin wäre früher oder später sowieso dort gelandet. Er hat nur den kleinen Fehler, dass er längst nicht alles liest, was er an Büchern besitzt – nun, in diesem Fall zum Glück für uns. Er ist an Piraten nicht interessiert und wird das Buch gewiss nicht lesen. Außerdem habe ich es in einem Kapitel eingefügt, in dem diverse handgezeichnete Karten vorhanden sind, die nicht unbedingt im Text auch behandelt werden. Die Karte im Buch ist auch ohne Koordinaten. Ich bin doch nicht bescheuert, Ara. Aber bei Alfred wird niemand danach suchen. Der Dolch wird ebenfalls in seiner umfangreichen Waffensammlung landen, ohne je benutzt zu werden.“

„Nun gut, wir wissen jedenfalls, wer die Sachen hat. Aber wir sollten jeden Hinweis auf San Cristobal sonst vernichten. Es ist besser, wenn überhaupt keiner eine Ahnung von dieser Insel hat“, brummte Goldbart.

„Nun ja, die Company ist unterrichtet. Benjamin wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um dieser Diamanten habhaft zu werden“, warnte Moses. Aaron nickte. Dann wurde er kreidebleich.

„Du meine Güte! Ich hatte einige Diamanten in dem Wasserfass in London!“, entfuhr es ihm.

„Einige?“, fragte Moses. „Wie viele waren es?“

Aaron wurde feuerrot.

„An die dreißig.“

Brüllendes Gelächter seiner Männer folgte Aarons kleinlautem Eingeständnis. Espen klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Das ist schon wieder so viel, dass dein Bruder glauben wird, du hättest sie alle gehabt!“, lachte er. Doch Aaron Everett alias Ara Goldbart mochte nicht in das Gelächter einstimmen. Er traute Benjamin beträchtliche Habgier zu …

In den folgenden Monaten, die die Männer auf San Cristobal blieben und sich mithilfe des Jungbrunnens von den Spuren der Alterung befreiten, kam es immer wieder zu Zusammenstößen mit den Pelegostos von der Nachbarinsel. Die Eingeborenen hatten die vergangenen Jahre genutzt, um das Kaktusdickicht wieder zu beseitigen und sich wieder auf der Hauptinsel anzusiedeln. In den Jahren zuvor waren Goldbart und seine Leute nur für ein oder zwei Tage auf „ihrer“ Insel gewesen, um Wassernachschub zu holen und waren dann wieder weggefahren. Goldbart und seine Männer waren zu wenige, um den stark angewachsenen Stamm der Pelegostos wieder von der Insel zu vertreiben. So mussten sie sich mit den Eingeborenen irgendwie arrangieren. Sie versuchten es, indem sie die Pelegostos einfach ignorierten. Doch die Pelegostos spürten, dass sie den Eindringlingen überlegen waren und griffen die Siedlung immer wieder an. Nach einem halben Jahr mussten die Männer schon mindestens zu dritt an den Strand, um Wasser zu holen. Sie holten also sämtliche Fässer aus den beiden Schiffen in der Bucht, füllten sie mit dem für sie buchstäblich lebensnotwendigen Wasser und legten in der zentralen Villa der Siedlung ein Wasserlager an. Dabei geschah es, dass eines der Fässer an einem Ort offen blieb, an dem Licht einfallen konnte. Es bildeten sich Algen in dem Wasser, die in den Händen des Babalawo Mukassa eine schreckliche Wirkung entfalteten: Wer von dem algenverseuchten Wasser trank, wurde – wenn auch nur vorübergehend – im Wortsinne zum Tier. Aaron verwandelte sich in einen Alligator, Moses in einen Wolf, der eher einem Werwolf glich, Espen in die zahme Wolfsvariante, einen Hund, Jimmy in einen Riesenskorpion, Charlie Simpson wahrhaft in einen Drachen, der nötigenfalls auch Feuer speien konnte. In ihrer Tiergestalt konnten die Männer die Eingeborenen so erschrecken, dass sie sich auf die andere Seite der Insel zurückzogen und es lange Zeit nicht riskierten, den Teil mit der Siedlung zu besuchen.

Charlie Simpson nahm sein Handwerk als Waffenschmied wieder auf und fertigte im Jahr 1688 für alle Männer Goldbarts einen kompletten Waffensatz, also Rapier, Entermesser, Axt und Takelmesser, die er mit seiner eigenen Handwerkermarke, dem mit einem S überlagerten Hammer, kennzeichnete. Weil Charles Simpson nur zu klar war, dass sein Bruder Edward die gleiche Marke verwendete, aber wesentlich schlechtere Qualität lieferte, ergänzte er seine eigene Marke um eine Raute. Doch diese Waffensätze bleiben die letzten, die Charles Simpson noch fertigte. Er war der Erste, der von den Pelegostos gefangen genommen und gegessen wurde …

Doch es kam noch schlimmer. Benjamin kannte aus dem gestohlenen Logbuch alle Namen der Männer seiner Brüder. Nachdem auf seine Veranlassung bis auf Aaron und die wenigen Crewmitglieder aus Southampton alle anderen Männer der Ark Devilish verhaftet worden waren, hatte er für eine gründliche Befragung der Verhafteten gesorgt. Zumeist hatten sie spätestens unter Folter alles gesagt, was sie wussten. So war Benjamin auch bekannt, dass es außer dem Logbuch einige Lagepläne der Insel San Cristobal gab. Um zu verhindern, dass ihm jemand diese Diamanteninsel streitig machen konnte, setzte er alles daran, jede noch so geringe Information darüber zu vertuschen und gleichzeitig alle handfesten Beweise für die Existenz der Insel in die eigene Hand zu bekommen.

Benjamin erwirkte einen Durchsuchungsbefehl für alle Häuser, in denen Crewmitglieder von Goldbart gewohnt hatten. So war er auch auf die Adresse von Alfred Swann gestoßen. Alfred hatte zwar keine Ahnung, was sein Bruder ihm mit dem Buch von Exquemelin und dem Dolch mit der originalen Simpson-Marke geschenkt hatte; dass beides ziemlich gefährliche Dinge waren, ging ihm aber auf, als er unangenehmen Besuch von Beauftragten der Company erhielt, die gezielt nach einem Dolch und einem Buch gefragt hatten. Alfred leugnete geistesgegenwärtig, derartiges von Espen erhalten zu haben, brachte aber beides bei Nacht und Nebel zu einem Freund in der Nachbarschaft. Als die Beauftragten der Company mit einem Durchsuchungsbefehl am folgenden Tag wiederkamen, fanden sie nichts, so sehr sie das Haus auch auf den Kopf stellten. Nachdem Alfred dennoch verhaftet wurde, zeigte sich aber, dass auch die Familie Swann einen gewissen Einfluss hatte. Der von Alfred konsultierte Rechtsanwalt konnte den Richter davon überzeugen, dass sein Mandant weder selbst ein Pirat war, noch dass er irgendetwas zum gegenwärtigen Aufenthalt seines Bruders Espen Swann wusste. Es gelang dem Anwalt auch, Benjamin Everett in ein wenig günstiges Licht zu rücken, indem er nachwies, dass er das Wissen um die Angehörigen der Freibeuter Goldbarts durch den gesetzwidrigen Dieb-stahl des Logbuchs hatte. Der königliche Gerichtshof hob daraufhin alle Haftbefehle gegen inhaftierte Freibeuter auf, soweit die Haft auf Erkenntnissen aus dem gestohlenen Logbuch beruhte; Benjamin Everett wanderte selbst für zwei Jahre ins Gefängnis.

Nachdem Alfred aus der Haft entlassen worden war, konnte er aber nicht in sein Haus zurückkehren, das im Verlauf einer weiteren Durchsuchung unbewohnbar geworden war. Alfred kam bei seinem befreundeten Nachbarn unter, wo er mehrere Monate bleiben musste. Während dieser Zeit lernte er die Schwester seines Freundes näher kennen, und als Benjamin nach einem Jahr Haft im Tower zu London starb, heiratete Alfred die Nachbarstochter. Als dann bekannt wurde, dass mit Angus Everett der Sohn des früheren Vorsitzenden der East India Trading Company die Geschäfte der Company am Hauptsitz in London übernahm, zog Alfred aus Sorge vor der persönlichen Rache des neuen Company-Vorsitzenden aus London fort ins unmittelbare Umland nach Middlesex. Der Ort war nahe genug, dass Alfred seiner Arbeit in London weiter nachgehen konnte, aber weit genug, um der Aufmerksamkeit der Company zu entgehen. Alle diese Umstände teilte Alfred seinem Bruder in einem Brief mit, den er nach Jamaica an Moses‘ dortige Adresse sandte. Darin bat er Espen auch, ihm das Buch und den Dolch wieder abzunehmen, weil er befürchtete, dass beides von der Company gesucht würde – auch ohne königliche Erlaubnis. Doch Espen traute dem Frieden nicht und antwortete nicht.

Durch Alfreds Brief hatten Goldbart und seine Männer Alfreds neue Anschrift, aber als sich die Crew der Ark Devilish dorthin aufmachten, um beides wieder in ihre Obhut zu nehmen, da war Alfred wieder verzogen. Von da an, es war das Jahr 1696, suchten sie nach dem Dolch und dem Buch, aber auch nach den aus Aarons Haus verschwundenen Diamanten. Unter den etwa dreißig Diamanten, die er dort gehabt hatte, waren auch zwei besonders große gewesen, jene „Bruchstücke“, die Espen von einem der beiden Riesendiamanten abgeschnitten hatte. Es waren die beiden, die Aaron als Vorbilder seines persönlichen Wappens betrachtete und die er deshalb nicht verkauft hatte.

Es war der Beginn einer sechzig Jahre währenden Suche …

 

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Kapitel 29

Gefahr erkannt

1„Seither haben wir das alles gesucht. Aaron ist darüber zu einem wirklichen Scheusal geworden, der keinen anderen mehr achtet außer sich selbst“, schloss Moses seine Erzählung. Will nickte.

„Ich vermute, Albert Jacob und Ruben Crystal sind ebenso mit Aaron Everett identisch wie Charles Crystal“, mutmaßte Will.

„Aye“, bestätigte Moses.

„Dann waren die Diamanten, die Albert Jacob Crystal damals in Port Royal geraubt wurden, eure Diamanten, oder?“, mutmaßte Will.

„Aye“, bestätigte Moses erneut.

„Aber wer hat sie ihm gestohlen – und weshalb lebt er noch immer? Vater sagte, er sei ermordet worden …“, fuhr Will fort.

„Ich gebe zu, da habe ich an deinem Vater noch was gutzumachen. Ich habe die Diamanten in Sicherheit gebracht, nachdem Aaron wirklich überfallen und schwer verletzt worden war. Aaron ist an dem Tag nicht gestorben. Weißt du, das Lebenswasser kann bis zu einem gewissen Grad auch Wunden heilen und es kann Bilder von Dingen vorgaukeln, die gar nicht vorhanden sind. Vor allem, wenn man davon ein bis zwei Tropfen in Rum gibt“, erwiderte der Geschichtenerzähler.

„Noch mal zu dieser Schuldsklavengeschichte: Ich vermute, Morgan Everett war euer Großneffe.“

„Aye.“

„Aaron hat ihm die Diamanten geklaut?“, mutmaßte Will weiter.

„Aye. Die Diamanten – alle, die in Aarons Haus zurückblieben – hat Benjamin sich unter den Nagel gerissen. Er hat sie nach und nach verkauft, die letzten hat Angus unter die Leute gebracht. Alle wurden über Antwerpen verkauft. Die meisten haben wir auf See abgefangen. Als Aaron dann keine Überlebenden mehr zurückließ, bin ich von Bord gegangen und habe auf Jamaica gelebt. Für eine Zeit hat Aaron sich selbst wieder in England niedergelassen und hat unter dem Namen Ruben Crystal als Wappenmaler gearbeitet. In der Zeit ist er mehrfach im Büro der Company eingebrochen, um alles dort zu vernichten, was auf San Cristobal und die Diamanten hinweisen könnte, das hat er mir geschrieben; aber Morgan war keineswegs auf den Kopf gefallen. Aaron hat unterschätzt, dass Morgan eben auch ein echter Everett war. Morgan war noch rücksichtsloser als Benjamin und Angus zusammen. Das richtige Problem begann für Aaron, als Morgan herausbekam, bei welcher Bank er sein Geld hatte. Die Company hat die Bank übernommen und Aarons Konto aus nichtigen Gründen gesperrt. Er klagte dagegen, aber er musste schon einen Kredit aufnehmen, um den Prozess überhaupt bezahlen zu können. Morgan erfuhr natürlich, bei welcher anderen Bank er den Kredit laufen hatte und übernahm auch diese Bank. Er trieb die Zinsen erbarmungslos in die Höhe. Nicht nur Aaron hat er damit in die Schuldknechtschaft getrieben, auch ungezählte andere, die völlig unbeteiligt an dem familiären Geschehen sind. Als Aaron dann als Schuldknecht verkauft werden sollte, hat Morgan richtig zugeschlagen und ihn auch noch gekauft. Auf Jamaica hat Aaron dann Anzeige wegen Wucherei erstattet und hat die erste Gelegenheit zur Flucht genutzt. Ich wollte ihn davon abhalten, weil ich dich kannte, aber er war nicht mehr zu stoppen.“

„Elizabeth erwähnte, dass Goldbart Morgan getötet hat …“, warf Will ein.

„Aye, das ist richtig. Er hat ihm den Kredit mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt …“

„Und deshalb habe ich dann im Knast geschmort. Dann ist Aaron auch bei Norrington eingestiegen, oder?“

„Aye, wer denn sonst?“, grinste Moses.

„Und … wie bist du an dein Lebenswasser gekommen?“, fragte Will. Moses grinste breit.

„Ein Tagelöhner fällt nicht auf. Ob ich unten am Hafen gesessen habe oder nicht, das hat doch nie jemanden interessiert. Schwierigkeiten hatte ich nur, als du so regelmäßig zu mir gekommen bist, um neue Geschichten zu hören. Ich bin deinem Meister sehr dankbar gewesen, dass er dich dann mehr beschäftigt hat …“

„Nein, er hat nur noch mehr seiner Sorgen versucht, im Rumfass zu ersäufen. Das dumme war nur, dass die mit der Zeit schwimmen lernten …“, grinste Will. Moses musste herzhaft lachen.

„Sag mal, wie ist Aaron eigentlich darauf gekommen, dass das Buch von Exquemelin ausgerechnet bei uns ein könnte?“, fragte Will.

„Na ja, er wusste von mir, dass der neue Gouverneur von Jamaica Swann mit Familiennamen hieß. Der Name ist nicht so häufig. Wir sind der Sache nachgegangen und haben festgestellt, dass Weatherby Swann der Sohn von Alfred ist. Und ich wusste natürlich, dass du mit Elizabeth verheiratet warst … Wir haben nur nie erfahren, wo der Dolch abgeblieben war. Dass Aaron ihn bei dir gefunden hat, als der Admiral ihn reparieren ließ, war Zufall pur. Er wusste, dass du den Griff ausgetauscht hattest. Dass er den Dolch gestohlen hat, war eher die Tarnung dafür, dass es richtige Waffen aus einer Simpson-Schmiede gab. Der Inhalt musste bei dir sein. Er hat die Gelegenheit genutzt, auch gleich Espens Buch mitgehen zu lassen, um wirklich jede Spur zu verwischen. Als er äußerte, euch alle töten zu wollen, haben Espen und ich ihm die Gefolgschaft versagt. Jetzt weißt du alles, William.“

„Was ist eigentlich aus der Ark Devilish geworden?“, fragte Will nachdenklich und putzte die Marke auf Moses‘ Entermesser.

„Sie war etwas altersschwach, wir haben sie verkauft und dafür so eine Brigg wie deine gekauft. Sie ist noch viele Jahre als Dragonfly gefahren …“

Wills Kopf zuckte herum.

„Da staunste, was?“, griente Moses. „Und das ist nicht alles. Es hat mich erstaunt, welche Qualität aus Browns Schmiede kam, nachdem du dort im zweiten Jahr gelernt hast. Aaron hatte von Charlie das grandiose Stahlrezept, mit dem wir aber nichts anfangen konnten. Wir brauchten einen, der was damit anstellen konnte. Ich habe Aaron gesteckt, dass es in Port Royal einen großartigen Schmiedelehrling gab. Er hat dich besucht, hat dir was von der Schmiede San Cristobal erzählt – und von dem Stahlrezept, das er von Charlie hatte. Die Saat ist auf ausgesprochen fruchtbaren Boden gefallen, denn du hast es noch verbessert – und wir hatten endlich wieder vernünftige Schwerter.“

Will schüttelte nur noch den Kopf.

„Das gibt’s nicht! Ausgerechnet ich habe einer Piratenbande die Schwerter geschmiedet!“, entfuhr es ihm. Da hatte er, der Piraten doch so abgrundtief gehasst hatte, lange vor seiner Bekanntschaft mit Jack Sparrow die ganze Crew des schon damals berüchtigten Piraten Goldbart mit Schwertern und Entermessern ausgerüstet! Will konnte es kaum glauben, aber seine eigene Erinnerung hatte ihm unabhängig von Moses‘ Erzählung deutlich gemacht, dass es sehr seltsame Dinge auf dieser Welt gab – nicht nur verfluchtes Aztekengold, sondern auch verfluchtes Wasser, das andererseits auch ein Segen sein konnte …

Eine Weile war Schweigen. Dann ließ ein leises Geräusch Will und Moses herumfahren. Aus dem Schatten löste sich die menschliche Gestalt Calypsos, Tia Dalma.

„Willkommen an Bord“, begrüßte Will sie. „Wie lange stehst du schon dort?“, fragte er dann verblüfft und auch leicht verärgert. Tia Dalma lächelte gewinnend.

„Ich weiß, du hast es nicht gern, wenn man dir nachspioniert, William“, sagte sie. „Aber so ganz freiwillig bin ich nicht auf deinem Schiff und in diesem Raum“, setzte sie hinzu. Will sah sie verständnislos an, Moses ebenfalls.

„Wieso?“, fragte er, ganz Captain. Tias Lächeln wurde geradezu verführerisch. Sie winkte einem Fass, das sich wie von selbst zu den beiden anderen Fässern gesellte, auf denen Moses und Will saßen und ließ sich darauf nieder.

„Was … könnte es wohl sein, was eine Göttin nötigen könnte, sich an einen Ort zu begeben, an dem sie eigentlich nicht sein will?“, fragte sie und fuhr mit dem rechten Zeigefinger Will sanft um den Bart.

„Keine Ahnung“, erwiderte er. Er liebte diese Fragespielchen ganz und gar nicht … „Also sag‘ es lieber gleich.“

Tia zog sich von ihm zurück. Will war beinahe der Einzige, den sie mit ihren Verführungskünsten nicht schwach machen konnte.

„Moses hat einen Namen ausgesprochen, den er nicht hätte nennen dürfen, weil sein Babalawo ihm das ausdrücklich verboten hat – Mukassa!“, sagte sie.

„Und weshalb zwingt dich das auf mein Schiff? Wir alle nennen dich auch bei deinem göttlichen Namen“, wunderte sich Will.

„Es gibt Namen, William Turner, die einem Fluch gleichkommen. Mukassa gehört zu diesen Namen. Eigentlich sollte er die Wasser und die Anwohner eines gewaltigen Sees im Herzen Afrikas bewachen, der eine der Quellen des Nils ist. Doch der Zorn darüber, dass so unendlich viele Afrikaner von Weißen und anderen Afrikanern versklavt und hierher in die Neue Welt verkauft wurden, hat ihn dazu getrieben, Afrika zu verlassen und zu versuchen, seinen Schutzbefohlenen hier zu helfen. Doch Mukassa weiß genau, dass er hier draußen nichts zu suchen hat und er von mir und anderen Meeresgöttern in Poseidons Auftrag gesucht wird. Wir Götter können nur untertauchen, wenn wir unsere Namen verheimlichen und sie auch nicht von Sterblichen ausgesprochen werden. Man kann das buchstäblich totschweigen nennen“, erklärte Calypso. „Bisher haben wir vergeblich nach ihm gesucht, weil ihr seiner Weisung nachgekommen seid, seinen Namen nicht zu nennen. Außerdem hatte er die Diamanten, die ihm eine zusätzliche Macht verliehen haben. Die hat er nun nicht mehr, weder die Diamanten noch die Macht. Es ist meine Aufgabe, Mukassa wieder nach Afrika zu bringen, denn sein See vermisst ihn und die Menschen am Rande des Sees sind umso gefährdeter, wenn ihr Schutzgott nicht da ist. Deshalb muss er unbedingt zurück.“

„Hat er den Schwarzen helfen können?“, fragte Will.

„Er hat leider nicht begriffen, dass der Herr dieser Welt ihn für eine ganz bestimmte Aufgabe ausersehen hat. Er könnte ihnen besser helfen, wenn er dort wäre. Außerhalb dieses Machtbereichs kann er wenig für sie tun“, sagte sie. „Die Männer um Moses und Aaron sind zudem mehrheitlich Weiße. Ich weiß ohnehin nicht, weshalb er sich gerade sie aussuchte … Werdet ihr mir helfen?“

„Wie können wir dir helfen?“, erkundigte sich Will.

„Sobald wir die Diamanten auf San Cristobal in Sicherheit gebracht haben, werde ich die Krabbenscheren werfen, um seinen genauen Aufenthaltsort zu ermitteln, doch müssen Sterbliche dabei Mukassa rufen. Deshalb brauche ich eure Hilfe.“

„Aye“, bestätigte Will. Calypso erhob sich, verschwand im Schatten, löste sich auf uns kehrte auf die Black Pearl zurück.

Er und Moses kehrten an Deck zurück, wo es längst Nacht war.

„Ihr wart lange beim Waffenputzen“, bemerkte Bill, der das Steuer übernommen hatte.

„Aye, Moses hatte mir eine Menge zu erzählen“, erwiderte Will. „Moses“, sagte er dann an den Märchenerzähler gewandt, „wenn wir von San Cristobal zurück sind, werde ich mich dem Gericht des Gouverneurs von Nassau wegen Morgans Tod stellen. Ich möchte, dass du im Prozess aussagst.“

„Ich hoffe, dass das nicht nötig sein wird, denn du verlangst von mir, dass ich meinen Bruder ans Messer liefere.“

„Wir können doch davon ausgehen, dass er tot ist, oder?“, fragte Will.

„Nein, das Lebenswasser macht unsterblich. Das habe ich dir gesagt. Aaron wird eine Möglichkeit finden, nach San Cristobal zurückzukehren. Mu… äh, der Babalawo wird ihm helfen“, erwiderte Moses.

„Das ist mir nach deiner Erzählung völlig klar, aber das weiß außer uns keiner.“

„Wovon redet ihr da?“, fragte Bill verständnislos.

„Moses hat mir die ganze Geschichte erzählt, die auch mit deinem zwischenzeitlichen Arbeitgeber Albert Crystal zusammenhängt. Es ist eine von den Geschichten, die wie pures Seemannsgarn klingen und die nur hier wahr sein können. Hätte Jack oder Gibbs sie erzählt, würde ich das auch für Schwindel halten. Aber das jetzt alles zu wiederholen, bringt im Moment nichts“, erwiderte Will.

„Noch eine Aufgabe, Moses: Das, was du mir erzählt hast, sollten alle wissen. Nur, was sie kennen, können sie schützen.“

„Aye, Captain“, bestätigte Moses. „Dann werde ich auf San Cristobal eine ganz große Zuhörerschaft haben …“

 

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Kapitel 30

Kampf der Götter

Die beiden Segler erreichten die Insel San Cristobal mit der Morgenflut. Tia Dalma alias Calypso wies Moses an, allen Besatzungsmitgliedern außer Will und Jack seine Geschichte zu erzählen. Die Crews der Aztec und der Black Pearl schlugen ihr Lager am Strand auf und lauschten dann Moses’ Geschichte.

Calypso selbst zeigte Will und Jack eine besonders tiefe Höhle, die weit unter die Insel führte. Es war heiß dort unten.

„Wieso ist es hier so heiß?“, fragte Will.

„Vulkangestein, Will“, erwiderte Jack knapp. „Wir sollten hier nicht lange bleiben.“

Tia Dalma nickte beifällig.

„Will, hol‘ doch Groaltek dazu“, bat sie dann. Will klopfte auf sein Medaillon und Groaltek alias Quetzalcoatl erschien.

„Oh, wir sind ja schon da!“, sagte der Aztekengott, als er die Höhle erkannte und schlüpfte ganz aus dem Medaillon. Ein grünlicher Schatten umgab ihn, bis er ganz materialisierte. Calypso und er legten die Schleifstücke des größten Diamanten auf einer dunklen Steinsäule zusammen, die einen grünen Schimmer annahm, der immer heller wurde.

„Schützt eure Augen!“, befahl Quetzalcoatl den beiden Sterblichen, die auch ohne entsprechende Weisung die Arme schützend vor die Augen hoben, um von dem gleißenden grünen Licht nicht geblendet zu werden. Die Arme reichten bald nicht mehr. Jack und Will mussten sich umdrehen – und sahen in dem ungeheuren grünen Leuchten ein Wunder. Die gesamte Höhle glitzerte im Widerschein der leuchtenden Säule, Millionen von Diamanten erleuchteten den gewaltigen Raum wie brennende Kerzen. Erst jetzt wurde sichtbar, dass die ganze gewaltige Halle auf bearbeiteten Steinsäulen ruhte, in die aztekische Muster eingeschnitten waren.

„Was ihr hier seht, ist die Arbeit von hunderten aztekischer Priester“, sagte Groaltek. „Aber es ist zu gefährlich, dass die Insel bestehen bleibt.“

Dann erlosch das Leuchten so rasch, wie es gekommen war.

„Ihr könnt euch umdrehen“, sagte Calypso. Will und Jack wandten sich um und sahen einen roh wirkenden, gleichwohl strahlend leuchtenden Riesendiamanten, der auf der Säule lag.

„Jetzt ist er wieder der Großdiamant, der er vor der Behandlung durch Espen war“, erklärte Groaltek.

„Wie … ist das mit der Insel zu verstehen?“, erkundigte sich Will.

„Sobald die drei Diamanten ihre ursprüngliche Form haben, werden wir alle die Insel verlassen. Dann werde ich sie im Meer versenken. Nur so sind die Diamanten so geschützt, wie sie es sein sollten“, erwiderte Tia Dalma.

„Das erklärt mir, weshalb du sie unbedingt hier haben wolltest“, bemerkte Will. „Aber was ist dann mit dem Lebenswasser? Moses und Espen benötigen es“, erinnerte er.

„Es wird diese Insel nicht mehr geben. Das Wasser des Lebens war nie für Menschen gedacht“, sagte Groaltek. „Es ist ein Trank, den auf Dauer nur Götter vertragen. Ich weiß, dass Menschen, die es einmal genossen haben, es immer wieder haben müssen. Aber … Menschen sind nun einmal sterblich. Ihr alle werdet eines Tages sterben. Der Tod gehört zum Menschen dazu. Du weißt, William, dass alle, die nur durch dieses Wasser noch leben, eigentlich seit Jahren oder Jahrzehnten tot wären.“

„Er hat Recht. Unsterblichkeit ist allein den Göttern vorbehalten, Will“, sagte Tia Dalma.

„Ich will sie nicht für mich“, wehrte Will ab. „Mir geht es um Moses und Espen, die sich mir anvertraut haben, ohne die es gar nicht möglich gewesen wäre, die Diamanten wieder zusammenzubringen.“

„Sicher nicht in diesem Jahrhundert, Will. Aber irgendwann hätten wir sie gefunden, auch wenn sie sich dir nicht anvertraut hätten. Die Zeit hätte sie uns irgendwann zugetragen. Die Zeit, mein Freund, ist der Feind des Menschen, aber der Freund der Götter. Und dennoch: Wir beneiden euch oft, weil ihr nicht ewig leben müsst; denn ewig zu leben bedeutet auch, ewig mit sich selbst klarzukommen. Ein göttliches Leben kennt keine Lebensgefahr, sondern oft auch Langeweile. Ihr Menschen solltet froh sein, dass ihr euch nur eine gewisse Zeit mit dem Leben in dieser Welt plagen müsst. Genießt euer Leben, so kurz es euch auch erscheinen mag. Ich sage dir, mein Freund: In der Kürze liegt die Würze. Geht jetzt!“, entgegnete Groaltek.

Ein leises Grollen tief in der Erde ließ Will sich besorgt umsehen.

„Der Vulkan ist erwacht“, sagte Groaltek. „Geht nach oben! Sofort! Calypso und ich erneuern die Diamanten. Geht, ihr habt nicht viel Zeit! Sobald die Verschmelzung abgeschlossen ist, wird der Vulkan ausbrechen und die Insel zerreißen.“

Will wollte sich sträuben, aber Jack nahm ihn am Arm und zog ihn mit sanfter Gewalt in Richtung Ausgang.

„He, was soll das?“, fuhr Will ihn an.

„Komm“, erwiderte Jack. „Es hat keinen Sinn mit Göttern zu diskutieren. Das tue nicht mal ich!“

Ohne auf Wills Protest zu achten, zerrte Jack ihn weiter.

Weit davon entfernt spürte Mukassa, dass der Erdboden leicht vibrierte. Er sprang auf.

„Sie erneuern die Diamanten!“, stieß er hervor.

„Was?“, fragte Goldbart müde.

„Deine Feinde haben die Diamanten zusammen und erneuern sie!“, keuchte Mukassa. „Sie … rauben meine Macht!“, japste er. Schreiend rannte er über die Insel. Aaron Everett sah ihm wie gelähmt nach. Er war am Ende seiner Kräfte und spürte, wie er immer schwächer wurde. Mukassa rannte immer schneller, umrundete die Insel mehrfach – und wuchs dabei. Seine Schritte dröhnten immer heftiger, erschütterten den Muschelsandboden wie ein Erdbeben. Sein Geschrei wurde unerträglich. Goldbart hielt sich die Ohren zu, aber der Lärm zerriss ihm fast die Trommelfelle. Dann sah er hilfesuchend nach oben und bemerkte eine einzelne Wolke, die sich über der kleinen Insel drehte, anwuchs und zunehmend dunkler wurde. Goldbart packte die Angst. Er war allein mit einem zornigen Gott, der ihn in seiner Wut zermalmen konnte, ohne auch nur zu merken, dass er ihn wie eine Krabbenlarve zertrat. Mit fest zugehaltenen Ohren flüchtete Aaron in das Innere der Insel, falls man den palmenbewachsenen Sandhügel so nennen wollte. Am Rand der Insel tobte immer noch der, der ihn bisher beschützt hatte und war kein Schutz mehr, sondern eine ernsthafte Gefahr.

Die schwarze Wolke türmte sich zu einem gewaltigen Wolkenberg, drehte sich immer schneller und breitete sich aus. Mit einem Donnerschlag zerbarst der zu einer Größe von bestimmt sechzig Fuß angewachsene Mukassa in hunderte von fliegenden Fischen, die sich aber sogleich wieder zu einem Schwarm zusammenfanden, wirbelnd in die Luft stiegen, um dann mit einem Satz von wenigstens einer Kabellänge ins Meer zu springen und mit gleichartigen Riesensprüngen wie ein Monsterdelfin in Richtung San Cristobal davonzujagen.

Über der kleinen Koralleninsel ging schier die Welt unter. Ein örtlich begrenzter Hurrikan zerfetzte Palmen und Strand. Mitten in diesem Chaos von wahnsinnigen Windgeschwindigkeiten, stürzenden Wassermassen und herumwirbelndem Holz und Sand versuchte Ara Goldbart Deckung zu finden, die es auf dieser Insel nicht gab. Die wirbelnden, abgebrochenen Palmen zerschlugen ihn, ließen nicht einen Knochen in seinem Leib heil. Von einem armdicken Palmholzsplitter geradezu aufgespießt, hauchte Goldbart in Einsamkeit und tobendem Hurrikan sein Leben aus. Er streckte die zerschlagene Hand in Richtung Meer aus, wo er am Horizont die Masten eines Schiffes sah …

„Mary!“, flüsterte er unhörbar, dann verließ ihn der letzte Rest seines Lebens. Ara Goldbart alias Aaron Everett war tot.

Auf San Cristobal ahnte niemand etwas von dem wütenden Wassergott, der über das Meer heranstürmte. Jacks beharrliches Zerren an seinem Arm und heftiger werdende Erdstöße überzeugten dort aber auch Will Turner, dass es Zeit wurde, die unterirdische Diamantenschmelze zu verlassen. Calypso und Quetzalcoatl konnte nichts geschehen, sie waren unsterbliche Götter. Die beiden Männer stürmten nach oben und aus der Höhle hinaus. Nadelspitze Diamantsplitter, die aus der Decke brachen, verfehlten sie zum Teil nur um Haaresbreite. Nur knapp entkamen sie der zusammenbrechenden Höhle, die hinter ihnen endgültig einsackte und eine Staubwolke aus purem Diamantstaub hoch in die Luft wirbelte.

„In die Boote!“, befahl Jack. „Macht schon! Ich will Bewegung! Los, los!“, schrie er.

„Alle Mann an Bord!“, brüllte Will.

Moses’ Zuhörer – die kompletten Crews der beiden Freibeuterschiffe einschließlich der Familien der beiden Captains – waren durch die stärker werdenden Erdbewegungen schon gewarnt, sprangen auf, stürzten zum Wassersaum, packten die Boote, die dort gerade über die Flutgrenze auf den Strand gezogen waren und brachten die Dingis zu Wasser, stiegen eilig ein. Will und Jack waren die letzten, die mit einem Riesensatz das dem Strand noch nächste Boot erreichten und sich knapp hineinziehen konnten.

„Los, pullt was ihr könnt!“, befahl Will. Marty und Ragetti pullten, was das Zeug hielt. „Wir müssen hier so schnell wie möglich weg!“, setzte er hinzu, drehte sich um und setzte sich zu Gibbs auf die Ducht*, schnappte sich den Backbordriemen und assistierte dem Ersten Maat der Black Pearl beim Pullen des zweiten Riemensatzes.

Dumpfes Grollen warnte vor Gefahr, als die Männer und Frauen eilig an Bord ihrer Schiffe gingen, die Boote einholten und die Segel setzten. Jack befahl, die langen Riemen auszulegen und die Black Pearl schon mit Menschenkraft von der Insel wegzubringen. Die Crew der Aztec konnte sich nur auf die Segel verlassen, bekam sie aber wegen der geringeren Anzahl schneller gesetzt als die der Black Pearl.

„Mein Gott, was ist das?“, keuchte Elizabeth und wies auf einen weit entfernten, ungeheuer großen Delfin, der mit gewaltigen Sprüngen auf San Cristobal zukam.

„Der Kraken!“, entfuhr es Bill Turner, der bei dem gewaltigen Meeresbewohner nur an die Legende von Davy Jones und dessen Kraken denken konnte. „Hart Steuerbord!“, kommandierte er. Will, der am Steuer stand, reagierte rasch und drehte das Steuer nach rechts. Groves griff mit zu und half dem Captain. Die Aztec nahm den Steuerbefehl an und wendete nach rechts, während die Black Pearl mit Riemenhilfe aus der Gefahrenzone entkam.

Es war kein Riesenkrake, der auf Kollisionskurs mit der Aztec war, aber der in einen ungeheuren Fischschwarm aufgelöste Mukassa hatte mit seiner Geschwindigkeit eine ähnliche Durchschlagskraft wie ein mit voller Wucht und gleicher Masse auftreffender Krakenkörper. Er erwischte auf seinem sturen Weg gerade noch das Ruderblatt der Aztec, das in tausend Teile zersprang und die Brigg manövrierunfähig machte. Während Will, seine Frau und seine Männer noch wie erstarrt dastanden, traf Mukassa auf das feste Land der Insel, zerstob zunächst in die einzelnen Fische, die sich aber schnell wieder zusammenfanden und wieder zu dem Babalawo mutierten. Mit Wutgebrüll stürmte Mukassa zu den Höhlen und verschwand unter der Erde. Es dauerte nur Minuten, bis das drohende Grollen aus dem Erdinneren zu einem wütenden Brüllen anschwoll, das sich in einem Vulkanausbruch Luft machte und die Insel regelrecht spaltete.

Der Luftdruck der Explosion griff in die Segel der Aztec und trieb sie von der Insel fort, Gesteinsklumpen klatschten rechts und links neben der Brigg ins Wasser, türmten grünweiße Wassersäulen auf, die darüber zusammenbrachen und für zusätzlichen Schub sorgten, aber auch für Zerstörung an Deck.

„Festhalten!“, brüllte Will, als ein Kaventsmann von Welle das Heck der Aztec gerade noch traf und Heckreling und Spiegelverzierung förmlich zerfetzte. Eine weitere Riesenwelle ließ die Brigg auf der Bruchkante reiten wie einen Seelöwen, der sich von den Wellen an Land tragen ließ. Die Welle erfasste auch die Black Pearl und trug auch die schwarze Galeone aus der Gefahrenzone. Ein kleiner Strudel zwischen Black Pearl und Aztec nahm die Züge der schäkernd zwinkernden Calypso an. Dass sie es gewesen war, die ihre Freunde aus der Gefahrenzone geschoben hatte, ließ sich gut daran erkennen, dass die Welle kehrt machte und sich dann mit aller Macht auf die Insel warf, wo unter dem Anprall der Wassermassen ganze Teile des schützenden Korallenringes zerbrachen.

Der Vulkan kochte und brodelte, die aufspritzende Lava nahm immer wieder eindeutig die Gestalt zweier heftig miteinander ringender Gestalten an – Quetzalcoatl und Mukassa, die sich einen Ringkampf der Titanen in dem neu entstandenen Krater lieferten. Eine gewaltige Wasserwelle schwappte den Vulkankegel hinauf, als Calypso ihrerseits in den Kampf eingriff. Das Wasser, das mit den glühenden Lavamassen zusammentraf, löste die nächste Explosion aus, die die Spitze wegsprengte und zu purem Staub atomisierte. Eine riesige Wolke stieg hoch, die schwer von Vulkanstaub und Wasser war.

„Die Rahen in den Wind!“, schrie Will. Auf der Black Pearl brüllte Jack das gleiche Kommando. Ihre Männer sprangen an die Brassen, zerrten mit aller Macht daran und brachten im letzten Moment die Rahen in die günstigste Position, als der Luftdruck der Inselexplosion erneut die beiden Schiffe traf und ihnen mit den Segeln einen gewaltigen Schub gab, der sie mit einer nicht für möglich gehaltenen Geschwindigkeit von San Cristobal forttrieb; fort aus der Gefahrenzone, in der beide Schiffe erst verbrannt und dann als Asche versunken wären. Dennoch trafen auch weiterhin Bimsstücke die Aztec und die Black Pearl, zerschlugen Planken, rissen Segel ein, verletzten Leute an Deck.

„Deckt euch mit den Reservesegeln, wenn ihr es nicht unter Deck schafft!“, befahl Will. Er blieb am Steuer, warf sich einen dicken Schutz aus dem Reservegaffelsegel über den Kopf. Wer unter Deck verschwinden konnte, tat es, wer es nicht schaffte, ging unter dem dicken Segeltuch in relative Deckung.

Ein tiefes, wütendes Grollen ließ alle an Deck nochmals nach der sterbenden Insel peilen. Eine Stichflamme schoss wohl fünfhundert Yards hoch aus der Spitze des Vulkans, gefolgt von einer noch höheren Stichflamme, die zu einer gewaltigen Wolke wuchs, abkühlte und gegen den Wind in Richtung Osten fortdriftete. Die Wolke nahm die Gestalt von drei menschlich wirkenden Figuren an, von denen zwei eine dritte in der Mitte schleppten. Calypso und Quetzalcoatl schleppten Mukassa zurück nach Afrika …

Dann war Stille. Auf der Aztec rappelten sich die an Deck befindlichen Leute langsam wieder auf. Will zog sich mit einiger Mühe an der Steuersäule hoch und fühlte sich, als ob er unter den eigenen Schmiedehammer geraten war.

„Elizabeth! Vater! Stephen!“, rief er. Aus verschieden Ecken des Decks meldeten sich die Gerufenen.

„Was ist mit den Kindern, Elizabeth?“, rief er dann. Mit einem Satz war Elizabeth an der Kajütentür und riss sie auf. Dahinter hockten Willy und Lilly unter dem Kartentisch und hielten sich aneinander fest.

„Alles in Ordnung!“, rief Elizabeth zu Will nach oben auf das Achterdeck. „Sie sind hier unten.“

„Gott sei Dank!“, entfuhr es Will erleichtert. Dann sah er sich um.

„Das sieht ja ziemlich gerupft aus …“, bemerkte er. „Sucht das Schiff nach Schäden ab!“, wies er dann die Crew an.

„Aye, Captain!“, bestätigten die Männer. Wills Blick, der zur Black Pearl hinüberging fand die Crew dort mit der gleichen Tätigkeit beschäftigt. Auch die Black Pearl hatte einiges abbekommen, beide Schiffe hatten zusätzlich noch die verbliebenen Schäden aus den Kämpfen mit der Esmeralda. Beide benötigten dringend eine gründliche Reparatur – und das vorzugsweise in einer richtigen Werft …

Jack nahm sein Fernrohr zur Hand und peilte nach San Cristobal. Von der einst um die dreihundert Fuß hohen Insel mit den bewaldeten Spitzen war nichts mehr geblieben. San Cristobal selbst war nach der Katastrophe noch gerade fünfzig Fuß hoch, in zwei etwa gleich große Teile zerbrochen und hatte fünf Sechstel seines Umfangs und seiner Masse verloren, Little Swan schaute nur noch knapp aus dem Meer heraus. Die Islas de las Pozas oder Swan Islands waren nur noch schwache Abbilder ihrer selbst, mehr Erinnerung an Inseln, als dass sie noch bewohnbare Eilande waren.

 

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Kapitel 31

Das Wunder von San Cristobal

2„Kommt, machen wir die Aztec wieder seetüchtig. Sofern sie wieder flott ist, fahren wir nach Hause“, seufzte Will.

„Aye, Captain!“, bestätigten die Männer der Crew müde. Der Black Pearl ging es nicht besser, wie Elizabeth mit einem Blick auf das geschäftige Treiben auf der schwarzen Fregatte feststellte. Die arg ramponierten Freibeuterschiffe gingen vor Great Swan vor Anker, um die nötigsten Instandsetzungsarbeiten zu erledigen, die sie mit Bordmitteln machen konnten.

Will setzte mit Moses, einem Reiseamboss und einigen Werkzeugen auf die Insel über, entfachte ein heißes Schmiedefeuer, in dem er Nägel und Bolzen aus einigen Roheisenstücken fertigen konnte. Der Diamantstaub, der nach wie vor die Reste der Insel bedeckte, soweit nicht Lava die Fundstellen verdeckt hatte, war ihm dabei eine große Hilfe. Moses half ihm und suchte dabei eher heimlich nach lupenreinen Diamanten.

Auf seiner Suche kam er an eine etwas dürftig kleckernde Quelle. Voller Hoffnung kostete er von dem Wasser, spie es aber sofort wieder aus, als es nach Schwefel schmeckte. Moses packte ein eisiger Schreck. Die Quelle des Lebenswassers war versiegt! Die Panik in seinen Augen war nicht zu übersehen, als er zu Will zurückkehrte, der im Schweiße seines Angesichtes Nägel schmiedete.

„Die Quelle!“, keuchte Moses. „Die Lebenswasserquelle! Sie ist … sie ist nicht mehr!“

Will wischte sich den Schweiß vom Gesicht und nickte müde.

„Es war bei dem Vulkanausbruch wohl unumgänglich, dass sie ebenfalls zerstört wird“, sagte er.

„Aber … Espen und ich … wir brauchen es!“

Will plagte das schlechte Gewissen. Quetzalcoatl hatte es ihm gesagt, dass er die Insel samt der Quelle zerstören wollte, aber Will hatte Moses und Espen nicht mehr gewarnt. Er hatte es auch nicht können, weil die Insel bereits im Zerfall begriffen gewesen war, als Jack und er aus der Höhle gekommen waren.

„Habt ihr nichts mehr?“, fragte er. Moses schüttelte den Kopf.

„Bei dem Vulkanausbruch sind Teile in unserem Quartier eingeschlagen und haben die beiden Fässer zerstört, die wir uns gerade abgefüllt hatten“, erwiderte er mit kreidebleichem Gesicht.

„Wenn … wenn ihr davon nichts mehr bekommt, wie lange habt ihr dann noch zu leben?“

„Zwei Wochen, vielleicht drei. Aaron hatte mich gerade erst von Mukassa erwecken lassen, weil ich schon das zweite Mal am Wassermangel gestorben war. Der Verfall geht sehr schnell.“

„Ich … nehme an, dass dies die einzige bekannte Quelle des Lebenswassers war, oder?“, fragte Will.

„Wir wissen von keiner anderen“, sagte Moses.

„Eine klitzekleine Chance habt ihr noch, wenn ihr euch ein Azteken… Quatsch, die Dinger haben wir ja vernichtet … Moses, mir fällt dazu keine Lösung ein“, seufzte Will.

Moses ließ sich in den weißen Sand fallen und war wie erstarrt, war völlig gelähmt von der Erkenntnis, dass er noch zwei, allenfalls drei Wochen zu leben hatte. Will sah ihn an und spürte die fast greifbare Starre, die Moses gepackt hatte. Dann fiel sein Blick mehr zufällig auf die Black Pearl, wo Jack an Deck mit weit ausholenden Bewegungen seine Crew dirigierte, die Holzteile und Segel tauschten.

„Moses, du solltest die letzten Wochen, die dir noch bleiben, richtig genießen“, empfahl Will schließlich.

„Das sagst du so!“, entfuhr es Moses.

„Sieh dir Jack Sparrow an“, sagte Will und wies zur Black Pearl. „Jack macht sich keine Sorgen und er hat keine Sorgen. Er lebt in den Tag hinein und nimmt das Leben, wie es kommt. Er genießt jeden Tag, den der Herrgott ihm gibt, als wäre es der letzte Tag. Ich bin mit Jacks Lebensführung nicht immer einverstanden, Moses, aber was den Lebensgenuss betrifft, kannst du dir an ihm nur ein Beispiel nehmen. Wenn er sich besaufen will, dann tut er es, wenn er …“

„Lass nur, ich weiß, was du meinst“, wehrte Moses ab. „Ja, du hast Recht, Will – und auch nicht. Jack lebt sein Leben, wie er es lebt, weil er nicht weiß, wann es endet. Ich weiß es jetzt – und das ist der Haken an der Sache.“

„Dann kann ich dir nur den Rat geben, dein Leben in der verbleibenden Zeit in Ordnung zu bringen, Moses. Regle deine Angelegenheiten“, riet Will ihm. „Dein Gewissen hast du schon erleichtert.“

„Ja, aber zuerst muss dein Hals noch aus der Schlinge. Wir sollten deine Aztec ganz fix wieder flott kriegen, damit du nicht am Ende noch für Aarons Taten hängst“, erwiderte Moses. „Ich verdanke dir zu viel, als dass ich dich gleich nach mir im Jenseits in Empfang nehmen will.“

Will schmunzelte. Moses’ Lebenswille war wieder erwacht. Und vielleicht … vielleicht gab es ja doch noch eine kleine Chance für ihn. Irgendwo im Hinterkopf spukte bei Will der Gedanke, dass er noch von einer Quelle der Ewigen Jugend gehört hatte. Im Moment wusste er nur nicht wo …

Während Moses und Will sich an Land um die Nägel und Bolzen kümmerten, taten die Crews an Bord der beiden Schiffe, was sie konnten, um die Seetüchtigkeit der schwer angeschlagenen Segler wiederherzustellen. Auf Anweisung von Charlie Hoskins tauschten die Männer auf der Aztec die beschädigten Segel aus, reparierten notdürftig die Reling, ersetzten das zerschlagene Ruderblatt und geborstene Planken, nachdem Will ausreichend viele Nägel und Bolzen hergestellt und noch einige Beschläge fabriziert hatte. Die Reparaturarbeiten dauerten fast zwei volle Tage.

Moses und Espen baten am Abend des zweiten Tages darum, die Nacht auf der Insel verbringen zu können. Will gönnte ihnen die Hoffnung, doch noch etwas von dem Lebenswasser auftreiben zu können, wenn sie nur danach suchen konnten. Er brachte sie beide an Land und kehrte dann auf die Aztec zurück. Die Brigg und die Black Pearl waren soweit hergestellt, dass sie die Rückfahrt nach Jamaica ohne weiteres überstehen würden.

Die Sonne versank hinter Great Swan, tauchte als orangeroter Ball ins Wasser und färbte die allerletzten Reste der Wolken, die der Kampf der Götter hinterlassen hatte, blutrot und den Himmel fast violett. Will und Elizabeth standen auf dem reparierten Achterdeck ihres Schiffes, hatten einander verliebt im Arm und sahen in die untergehende Sonne. Einen Moment dachte Will an seinen immer wiederkehrenden Albtraum, in dem er nach einem solchen grandiosen Sonnenuntergang wie diesem seine geliebte Elizabeth für zehn Jahre verlassen musste, um als Calypsos Fährmann auf der Flying Dutchman die Seelen der auf See Verstorbenen ins Jenseits zu bringen … Der Gedanke daran ließ ihn sich verkrampfen und Elizabeth unbewusst ganz fest an sich ziehen. Er drehte sich zu ihr, nahm sie ganz in die Arme und küsste sie, als sei es der letzte Kuss, den er ihr je geben würde. Elizabeth erwiderte seine leidenschaftliche Umarmung und den Kuss mit gleicher Intensität, die sie ihre Umwelt fast vergessen ließ. Sie bemerkten kaum, dass die Sonne gerade noch über den Horizont schaute. Mehr zufällig sahen sie gerade hin, als der letzte Sonnenstrahl versank – und ein grüner Schein das Licht noch einmal explodieren ließ. Als er verblasste, waren die eben noch knallroten Wolken grau – und vom südlichen Bruchstück San Cristobals war nur noch ein kümmerlicher Rest vorhanden, geradezu ein Krümel von allenfalls fünfhundert Quadratfuß … Die ganze Inselgruppe war vielleicht noch zweieinhalb oder drei Quadratmeilen groß, ein Nichts im Vergleich zu dem, was hier vor dem Vulkanausbruch gewesen war!

Will, Elizabeth und alle anderen, die den grünen Schein gesehen hatten, waren wie erstarrt, Will auch deshalb, weil diese Insel wie die Flying Dutchman in seinem Albtraum einfach verschwunden war, vielleicht ins Jenseits entrückt. Wer konnte das schon wissen?

„Espen! Moses!“, flüsterte Elizabeth entsetzt. Sie spürte, dass Will sie an sich drückte.

„Vielleicht war es besser so“, flüsterte er ebenso leise. „Ohne das Wasser des Ewigen Lebens wären sie in den nächsten Wochen elend zugrunde gegangen. Das hat wohl jemand gnädig abgekürzt …“

Sein Blick, der zum Himmel ging, fand das Sternbild des Adlers über dem Horizont – und einen großen Vogel, der immer höher in Richtung dieses Sternbildes stieg und schließlich im Dunkel des sich rasch verdunkelnden Himmels verschwand. Will hätte schwören können, dass der Vogel von einem leichten grünen Schimmer umgeben war …

Etwas später war Will in der Kajüte, die sich Moses und Espen geteilt hatten und sah dort nach, ob er möglicherweise jemanden von Moses’ Verschwinden benachrichtigen musste. Er fand auf der Koje des Geschichtenerzählers diese Nachricht:

Lieber Will,

wenn du das hier findest, sind Espen und ich in einer besseren Welt. Quetzalcoatl hat Espen hier an Bord besucht, während ich mit dir auf der Insel war. Er hat uns versprochen, dass er uns an einen Ort bringen wird, an dem wir das Wasser des Lebens nicht länger benötigen werden. Wenn Espen ihn recht verstanden hat, wird er die ganze Insel ins Jenseits versetzen.

Du hast viel für uns getan. Espen und ich wären gern bei euch geblieben, Espen schon wegen Elizabeth und der Kinder, die seine Verwandten sind.

Espen und ich möchten nicht, dass du wegen Aarons Taten in Bedrängnis gerätst. Ich habe das, was ich dir zu unserer Geschichte und zu Aaron Everett alias Ara Goldbart sagen konnte, in dem Notizbuch aufgeschrieben, das du unter meinem Kopfkissen findest. Gib dieses Notizbuch samt diesem Brief dem Richter in Port Royal. Es sollte ihn davon überzeugen, dass du mit dem Mord an Morgan Everett nichts zu tun hast. Gib dem Richter auch das Medaillon, das du in dem Notizbuch findest. Er soll es bei der Verhandlung in die Hand nehmen. Vergiss nicht, ihm das zu sagen. Du kennst diese Medaillons, mein Freund…

Dein alter Freund

Moses Everett

Er quittierte den Brief mit einem Lächeln und nahm das Kopfkissen beiseite. Er fand das Notizbuch. Im Deckel des Buchs war eine Vertiefung, in der ein Aztekenmedaillon steckte, wie Will selbst eines um den Hals trug. Neben dem Notizbuch lag ein weiterer Umschlag, aus dem ein Schlüssel herausfiel, als Will ihn anhob. Der Schlüssel als solcher trieb ihm einen Schauer über den Rücken: Er erkannte ihn als den Schlüssel, der in seinen Albträumen zur Truhe des Toten Mannes gehört hatte, jener Truhe, in der Davy Jones sein herausgerissenes Herz aufbewahrte … In dem Umschlag fand Will noch einen Zettel:

Will, die Reise hat dich bisher nur Geld, Zeit und Nerven gekostet. Espen und ich wollen nicht, dass deine Crew noch meutert, weil ihr keine Beute gemacht habt. Der Schlüssel gehört zur der Truhe, die du unter Espens Koje findest. Der Inhalt sollte reichen, um euch allesamt so reich zu machen, dass ihr euch zur Ruhe setzen könnt. Antwerpen ist ein guter Platz, um die Dinger zu verkaufen …

Moses         Espen

Als er den Zettel gelesen hatte, nahm er den Schlüssel und schaute unter die Nachbarkoje. Wie im Brief beschrieben, fand er dort eine Truhe, die seinen Schauder nochmals verstärkte: Das war doch tatsächlich das Ding, von dem er geträumt hatte! Wie in seinen Träumen hatte sie ein herzförmiges Schloss, das Calypso selbst zu zeigen schien. Er holte sie unter der Koje hervor, steckte den Schlüssel hinein, drehte ihn. An jeder Seite der Truhe sprangen Haltebolzen mit hörbarem Klacken heraus. Vorsichtig öffnete er die Truhe und war von den darin befindlichen Diamanten beinahe geblendet. Er griff hinein und ließ die Diamanten durch seine Finger gleiten. Das war so ungeheuer viel Geld wert, dass Will Moses’ Einschätzung teilte: Keiner von seiner Crew würde es künftig nötig haben, für seinen Lebensunterhalt noch zu arbeiten …

 

 

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Kapitel 32

Thetis

Am darauffolgenden Morgen lichteten die Aztec und die Black Pearl die Anker und nahmen Kurs auf Jamaica. Der direkte Kurs führte sie an einer kleinen Insel vorbei, die von einem Hurrikan verwüstet war. Es war sichtbar, dass dort Palmen gestanden hatten, jetzt aber ausgerissen und teilweise zerbrochen waren, wirr durcheinander lagen. Palmholz war ein gutes Baumaterial, das sich auch für Masten und Rahen eignete. Jack gab Will ein Zeichen und die beiden Schiffe steuerten die Insel an, um ihre Notvorräte an Reparaturholz zu ergänzen.

Die Landungstrupps, die mit Dingis an Land gingen, fanden genügend ganze, gerade Stämme, um auch Reservemasten an Deck legen zu können. Nach einigen Stunden, die sie die Insel abgesucht hatten, machten die Männer eine grausige Entdeckung: Zwischen zerborstenen Palmstämmen ragte eine blutverkrustete Hand heraus! Piraten und Freibeuter waren raue Gesellen, die durch den Anblick von Toten nicht leicht zu erschrecken waren; dafür hinterließen sie selbst zu viele Tote. Doch so raue Gesellen sie waren, sie waren dennoch gläubige Leute und ließen Tote, die sie fanden und an deren Tod sie nicht beteiligt waren, nicht einfach unbestattet liegen. Mit vereinten Kräften legten sie den Toten frei.

„Goldbart!“, entfuhr es Bill Turner.

„Wenig schöner Tod …“, kommentierte Jack den armdicken Palmholzsplitter, der Ara Goldbart durchbohrt hatte.

Mit einem geschickten Griff rupfte Jack Goldbart einen Kapitänsknoten in Form einer Affenfaust ab und wollte das Schmuckstück in seiner Wamstasche verschwinden lassen, aber Bill hinderte ihn.

„Das lässt du besser hier, Jack“, sagte er.

„Damit es sich ein anderer schnappt? Oh nein, mein Freund. Nimm, was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück. Alte Piratentradition!“

„Jack, das bringt Unglück!“, warnte Gibbs. Jack hielt den Kapitänsknoten in der Faust hoch.

„Das hier ist der Beweis, dass Ara Goldbart tot ist, denn lebend hätte er sich davon nicht getrennt“, erklärte er.

„Und … wem willst du das beweisen und wieso?“, erkundigte sich Will. Jack machte eine ausladende Handbewegung.

„Zum Beispiel unserem geschätzten Freund Norrington, damit er sich wieder auf das Wesentliche konzentriert, nämlich die Spanier und Franzosen, mein Guter. Und außerdem, weil … nun … sieh her:“, sagte Jack und schüttelte mit der anderen Hand seine Dreadlocks, in die zahlreiche Schmuckstücke eingeflochten waren. „Jedes einzelne Stück ist ein Andenken an eine Reise und/oder ein Abenteuer. Das Teil von Goldbart hat mir schon immer gut gefallen. Darauf war ich schon scharf, als wir mit ihm und seiner Crew in Nassau zusammengestoßen sind.“

„Wirst du es …?“

„In Ehren halten? Selbstverständlich, Captain Turner!“, versetzte Jack mit stolzer Pose. „Goldbart war ein Pirat, eine Legende von Pirat. Und ein Pirat, der was auf sich hält, hält so eine Legende natürlich in Ehren, Ehrenwort!“

Wills Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Ich werde nie wissen, wann du mir die Wahrheit sagst, Jack. Vergiss nicht, ich bin nicht immer da, um dich …“

„… zu retten, hm?“, mutmaßte Jack. „William, ich war schon Pirat, da hast du noch nicht mal gewusst, wie man das schreibt. Nein, nein, pass du lieber auf dich selber auf.“

„Na gut“, seufzte Will. „Begraben wir ihn, und dann nichts wie ab nach Hause!“

„Nein … ich werde nach … St. Vincent segeln. Dort finden sich sicher ein paar interessante Ziele für passionierte Freibeuter“, entgegnete Jack.

„Deine Pearl ist genauso beschädigt wie meine Aztec, Jack. Die gehört in eine Werft!“, mahnte Will. Jack winkte ab.

„Ich kenne unterwegs genug Inseln, auf denen Werften und gute Handwerker sind.“

„Ist dein Schiff“, seufzte Will schulterzuckend, was Jack zu eifrigem Nicken veranlasste.

Zwei Stunden später markierte ein mit Korallenresten verzierter Grabhügel das Grab des Ara Goldbart alias Aaron Everett. Cotton legte die letzten Steine darauf. Sein Papagei hüpfte auf der Schulter seines Herrn herum und krächzte:

„Tote Männer erzählen keine Geschichten!“

„Was für ein Ende!“, seufzte Elizabeth. „Kein Ende für einen Piraten …“

„Captain Turner, König der Piraten!“, sprach Tai Huang Will an.

„Aye?“

„Ihr hattet um die Karte von Sao Feng gebeten mitsamt mir als Kartenleser. Ihr braucht die Karte nicht mehr. Captain Sparrow segelt in die andere Richtung. Bringt mich und die Karte nach Tortuga zurück“, verlangte der Chinese.

„Aye, das habe ich versprochen – und ich halte meine Versprechen“, erwiderte Will mit einem Lächeln. „Willkommen an Bord, Master Huang.“

Tai Huang!“, korrigierte der Chinese indigniert

„Das heißt so viel wie Herr, mein Guter“, grinste Jack an Will gewandt.

„Willkommen an Bord, Tai Huang“, sagte Will. Tai Huang verbeugte sich respektvoll.

„Ich werde nur meine Sachen von der Black Pearl holen“, erwiderte er.

Wenig später trennten sich die Freibeuterschiffe. Jack Sparrows Black Pearl schlug einen südöstlichen Kurs ein, während Will mit seiner Aztec direkt nach Osten fuhr. Als die Sonne unterging, verschluckte die zunehmende Dunkelheit die Black Pearl einfach.

Am folgenden Morgen war die Aztec nur noch gute einhundert Seemeilen von Port Royal entfernt.

„Segel an Backbord in Sicht!“, meldete Eddie aus dem Ausguck.

„Flagge?“, rief Bill Turner, der am Steuer stand. Eddie peilte voraus.

„Französisch!“

„Hisst die britische Flagge! Macht die Kanonen klar!“, befahl Bill. „Weckt den Captain!“

Heftiges Klopfen an der Kajütentür riss Elizabeth und Will aus dem Schlaf.

„Captain! Franzosen voraus!“, meldete Charlie Hoskins. Will schüttelte sich verschlafen, kam dann aber doch aus der Koje und stand nur Augenblicke später zerzaust und nur mit einer Hose bekleidet an Deck. Der frische Wind trieb die Reste des Schlafs aus seinem Körper. Mit zwei Sätzen war er auf dem Achterdeck.

„Spinne ich oder streichen* die die Flagge?“, fragte er, nachdem er durch das Fernrohr gepeilt hatte. Sein Vater nahm ihm das Fernrohr ab und sah zu dem französischen Schiff hinüber.

„Aye“, strahlte er. „Sie streichen die Flagge!“

„Sind die Kanonen klar?“

„Aye!“

„Fahrt die Geschütze aus!“, kommandierte Will.

„Will, sie geben schon auf!“, erinnerte sein Vater. Will nickte.

„Ich möchte nur vor bösen Überraschungen geschützt sein“, erwiderte er.

Die Aztec näherte sich dem französischen Schiff, einer Brigg, die noch etwas kleiner war als die Aztec. Mit feuerbereiten Kanonen näherte sich die britische Brigg der französischen. Die Matrosen an Deck ließen demonstrativ die Waffen fallen. Verblüfft sahen sich die Männer an Deck an.

„Ahoi!“, rief Will hinüber. Ein französischer Offizier an Deck nahm den Dreispitz ab und grüßte höflich.

Bonjour, Messieurs! Parlez vous français?“

Will war einen Moment versucht, sein ziemlich rostiges Französisch aus der Backskiste zu kramen, besann sich aber rechtzeitig.

„Sprecht Ihr englisch?“

„Ein wänisch, Monsieur!“, gab der Franzose zur Antwort. „Wir … äh …ergäben uns.“

Will winkte bestätigend und nickte seinem Vater zu.

„Aye, Captain!“, bestätigte Bill. „Charlie, Eddie! Prisenkommando!“

Außer den beiden Gerufenen setzten zehn weitere Männer auf die französische Brigg über. Sie waren kaum auf den Decksplanken, als die Luken vorn und achtern aufgestoßen wurden und zahlreiche französische Soldaten an Deck stürmten. Gleichzeitig fuhr die Brigg die Kanonen aus, aber Will reagierte prompt.

„Feuer!“, schrie er. Eine Salve krachte, die die Geschütze der französischen Brigg augenblicklich außer Gefecht setzte, bevor sie noch eingesetzt werden konnten; sie brachte das feindliche Schiff obendrein derart ins Schwanken, dass die meisten Franzosen von den Füßen gerissen wurden. Bill und seine Männer waren auf die Salve besser vorbereitet, schließlich hatte Bill die Kanonen selbst richten lassen – und die zielten auf die Geschützpforten, nicht auf das Deck. Der Rest der Crew hatte sich mit schussbereiten Musketen an der Reling verschanzt und feuerte gezielt auf die Franzosen. Bill und seine Männer fochten mit Entermessern und Säbeln gegen die Besatzung der französischen Brigg. Eine zweite Salve Musketenfeuer vom Deck der Aztec brach den Widerstand der meisten Franzosen, aber sie gaben nicht auf. Will und der Rest seiner Männer schwangen sich ebenfalls auf die französische Brigg hinüber und griffen in den Kampf ein.

Vater und Sohn Turner suchten im Kampfgetümmel nach dem Capitaine und seinem Ersten Offizier, fanden beide schließlich beim Steuer der Brigg. Die französischen Offiziere versuchten, sich einem Gefecht mit dem Freibeutercaptain und seinem Ersten Maat zu entziehen und ihre Soldaten die Kohlen aus dem Feuer holen zulassen – vergebens. Bill stellte den französischen Lieutenant zum Kampf, Will erwischte den Capitaine, als der unter Deck flüchten wollte und stellte nach kurzem Schlagwechsel fest, dass der Capitaine kein Meisterfechter war. Der Capitaine ließ den Säbel fallen und hob die Hände. Die Kapitulation des Capitaines ließ auch die übrigen französischen Soldaten aufgeben. Sie ließen die Waffen fallen. Eilig sammelten die Freibeuter die Waffen ein, damit die Franzosen nicht wieder in Versuchung gerieten, sich eines anderen zu besinnen …

„M’sieur, isch bin von Adel!“, presste der französische Capitaine heraus, als die Spitze von Will Turners Klinge bedrohlich nahe an seinem Hals war. Er stand mit dem Rücken zur Wand der Kapitänskajüte und hatte keinen Fluchtweg mehr.

„Was Ihr nicht sagt!“, spottete Will. „Und was wollt Ihr mir damit sagen?“

„Dass Ihr misch nischt döten dürft!“, gurgelte der Capitaine.

„Und wieso nicht, Monsieur?“

„Kein gemeiner Mann darf das!“

„Oh, was für ein Pech für Euch!“, grinste Will. „Gestatten: Sir William Turner, Captain Seiner Majestät Kaperschiff Aztec! Ebenfalls von Adel!“

Dem Franzosen wich das Blut aus dem Gesicht.

„Aber … aber …“

„Nichts aber!“, knurrte Will. „Ihr wisst, was für gewöhnlich mit einem Captain geschieht, der nur zum Schein kapituliert!“

Vorsichtig nickte der Franzose. Führungsoffiziere, die nur zum Schein kapitulierten, um den Gegner in eine Falle zu locken, endeten bei Freibeutern und Piraten normalerweise an der Großrah …

„Ich überlege mir noch, ob wir Euch aufknüpfen, über die Planke schicken oder der Royal Navy übergeben“, versetzte Will. „Durchsucht das Schiff, Jungs!“, befahl er dann.

„Aye, Captain!“, kam eine vielstimmige Bestätigung.

Während die Crew der Aztec die Franzosen noch verschnürte und die Brigg nach lohnender Beute durchsuchte, erschien eine britische Fregatte am Ort des Geschehens. Stephen Groves bemerkte sie zuerst.

„Will, wir bekommen Besuch!“, rief er. Will, der die Kapitänskajüte nach wertvollen Navigationshilfen durchsuchte, kam an Deck.

„Die HMS Hermes aus Nassau …“, sagte er nachdenklich. Die Anwesenheit der Fregatte von den Bahamas erinnerte Will an sein Versprechen, er werde sich wegen des Todes von Morgan Everett dem Gericht stellen. Eigentlich hatte er vorgehabt, Tai Huang zunächst samt der ausgeliehenen Seekarte nach Tortuga zu bringen. Das Erscheinen der Royal Navy machte den Plan zunichte. Im schlimmsten Fall brachte ihm eine weitere Verzögerung der Rückgabe Sao Fengs Feindschaft ein …

Die HMS Hermes ging an der freien Seite der französischen Brigg längsseits, ein Prisenkommando kam an Bord. Der führende Offizier kam zu Will, den die Schärpe unter dem Leibgurt als Captain auswies und salutierte.

„Lieutenant Simon Ashford von der HMS Hermes, Sir. Ihr habt die Thetis aufgebracht! Meinen Glückwunsch. Seit drei Jahren entwischt sie uns immer wieder. Capitaine de la Croix und seine Crew haben viel britisches Kleinholz hinterlassen. Wer seid Ihr?“

„Sir William Turner, Captain der Aztec.“

Ashford bekam große Augen.

„Ihr werdet gesucht, Sir William“, sagte er. Will nickte.

„Ich kann es mir denken“, sagte er leise. „Bitte, lasst meine Crew nach Tortuga weiterfahren. Ich werde mich dem Gericht in Port Royal stellen. Das habe ich versprochen.“

„Wann werdet Ihr etwa zurück in Port Royal sein?“, erkundigte sich Ashford.

„Wir bringen nur ein Crewmitglied nach Tortuga, dann kehren wir nach Port Royal zurück. Wenn alles gutgeht, sind wir in etwa einer Woche in Port Royal“, erwiderte Will.

„Dann wünsche ich Euch gute Reise und eine glückliche Heimkehr. Wenn Ihr erlaubt, dann eskortieren wir die Thetis nach Port Royal. Ich werde dem Gouverneur Euren Erfolg melden.“

 

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Kapitel 33

Tortuga in Flammen

Die Aztec und die HMS Hermes mit der Thetis als Prise trennten sich. Bill Turner schlug als Steuermann den Kurs nach Norden in Richtung Tortuga ein, die Hermes nahm Kurs auf Jamaica.

Das Zusammentreffen mit der Thetis hatte deutlich gemacht, dass sich Großbritannien nach wie vor im Krieg mit Frankreich und Spanien befand. Nach allem, was Will und seine Männer wussten, hatten die Franzosen und die Spanier gerade in der Karibik herbe Verluste hinnehmen müssen. Zahlreiche Inseln waren inzwischen von den Briten erobert worden, auch mithilfe von Freibeutern wie William Turner und Jack Sparrow. Aber das Kriegsglück war eine launische Göttin. Was heute erobert war, konnte schon übermorgen wieder verloren sein. Die meisten Inseln verfügten nicht über starke Befestigungen oder hatten sie im Zuge der Eroberung verloren.

Die Anwesenheit eines französischen Schiffes in der Nähe von Jamaica, das nur gute achtzig Seemeilen südlich von Kuba und gute hundert Seemeilen südwestlich von Hispaniola lag, erinnerte die Männer und die Frau auf der Aztec daran, dass beide Inseln nördlich von Jamaica feindliches Gebiet waren. Die nur etwas über fünfzig Seemeilen breite Passage zwischen Kuba und Hispaniola war ein verdammt gefährliches Nadelöhr …

Alle an Bord waren zum Zerreißen gespannt, als die Aztec vierundzwanzig Stunden später die Meerenge zwischen den beiden großen Antilleninseln erreicht hatte. Will stand selbst am Steuer seiner Brigg, alle Kanonen waren klar und besetzt. Es mussten nur noch die Stückpforten geöffnet und die Geschütze ein kleines Stück vorgerollt werden, um feuerbereit zu sein.

Tortuga lag gerade vier Seemeilen vor der Küste der französischen Kolonie Saint Domingue auf dem westlichen Teil Hispaniolas – eine Entfernung, die im Grunde keine war, lag der Piratenhafen doch in Sichtweite des französischen Hafens Port de Paix auf Hispaniola. Spanier und Franzosen hatten sich knapp achtzig Jahre zuvor geeinigt, die Piraten von Tortuga zu vertreiben, geschehen war jedoch nicht viel; nicht einmal im jetzigen Krieg gegen Großbritannien, das von Freibeutern unterstützt wurde, die nicht selten von Tortuga aus ihre Kapertouren begannen. Dass Tortuga nach wie vor eine freie Insel war, zählte zu den Wundern der Karibik …

Als die Aztec weitere fünf Stunden später mit günstigem Wind den geschützten Hafen der Piratenstadt erreichte, meldete Eddie aus dem Vormars, dass in Port de Paix zahlreiche Schiffe lagen. Will nahm sein Spektiv und peilte zu dem südöstlich des Piratenhafens gelegenen französischen Kolonialhafen. Der Mastenwald dort war in der Tat ungewöhnlich – und es waren sowohl französische als auch spanische Schiffe dort.

„Hmm, Spanier habe ich hier noch nie gesehen. Vielleicht weiß man in Tortuga etwas.“

„Willst du am Kai anlegen oder auf Reede bleiben?“, fragte Bill.

„Wir wollen nur Tai Huang samt der Karte bei Sao Feng abgeben. Suchen wir uns einen Platz bei den Chinesen.“

„Aye, Captain!“ bestätigte Bill.

Wenig später wurde die Aztec neben der Empress am Chinesenkai vertäut. Will, Elizabeth und Tai Huang gingen von Bord und direkt in Sao Fengs Badehaus, das über einige wacklig erscheinende Holzbrücken zu erreichen war. Türsteher Xu öffnete zunächst zögernd, riss aber die Tür weit auf, als er Tai Huang erkannte, den er freudig auf Chinesisch begrüßte. Dennoch kontrollierte er Will und Elizabeth akribisch auf verbotene Waffen und staunte nicht schlecht über das reiche Waffenarsenal, das Elizabeth unter ihren weiten Kleidern hervorzauberte. Tai Huang konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Wolltet Ihr das Badehaus gleich übernehmen?“, fragte er spitz.

„Nein, nur sicher sein, dass wir auch wieder hinauskommen“, versetzte Elizabeth ebenso spitz.

Xu ließ sie schließlich passieren. Im Badehaus selbst war eine lautstarke Feier, die dem sonst sehr zurückhaltenden Tai Huang einen verblüfften Gesichtsausdruck entlockte. Als die drei in den Hauptbaderaum traten, wurde es schlagartig still. Alles sah zur Tür. Sao Feng selbst drehte sich in einer großen Geste um, die Arme weit ausgebreitet.

„Willkommen in Klein-Singapur, Captain Turner!“, begrüßte er Will. Turner verbeugte sich leicht.

„Danke für den Willkommensgruß, Captain Sao Feng. Ich habe Euch versprochen, Euch Eure Karte und Tai Huang, den Ihr mir für die Übersetzung ausgeliehen habt, zurückzugeben. Ich halte meine Versprechen, wenn ich daran nicht mit Gewalt gehindert bin. Hier ist Tai Huang mitsamt Eurer Karte wieder zurück“, sagte Will. Tai Huang trat vor, verbeugte sich tief und sagte etwas auf Chinesisch. Sao Feng streckte die Hand nach der Karte aus, die Tai Huang ihm mit ehrerbietiger Verbeugung übergab. Der chinesische Piratenfürst drehte sich um und entrollte die Karte.

„Ihr … seid ein Freund von Captain Sparrow?“, fragte er dann ohne sich umzudrehen.

„Aye“, erwiderte Will wahrheitsgemäß.

„Dann könnt Ihr mir das sicher erklären, Captain Turner!“, fauchte er und drehte sich um, hielt Will die entrollte Karte hin. Das Zentrum, die konzentrischen, beweglichen Kartenringe, fehlten – sie waren rabiat herausgeschnitten! Will und Elizabeth sahen sich verstört an.

„Nein, das kann ich nicht erklären!“, erwiderte Will, als sich vom ersten Schrecken erholt hatte.

„Und weshalb nicht?“, fuhr Sao Feng ihn an.

„Fragt Euren Mann!“, versetzte Will. „Tai Huang ist bis vor drei Tagen auf der Black Pearl mitgefahren. Während er bei uns an Bord war, hatte er die Karte stets bei sich, und er hatte eine eigene Kajüte, die er mit niemandem geteilt hat.“

Fengs Blick ging zu Tai Huang, der kreidebleich geworden war. Er warf sich zu Boden und erklärte wortreich etwas auf Chinesisch. Elizabeth und Will verstanden kein Wort, aber es schien deutlich, dass der Mann zum einen beteuerte, dass er keine Ahnung hatte, wie das Kartenzentrum abhanden gekommen war und zum anderen um Gnade flehte.

„Captain Turner sagt die Wahrheit, großer Sao Feng. Er hat mir eine verschließbare Kajüte gegeben. An Bord der Aztec kann Eure Karte nicht geplündert worden sein“, setzte er auf Englisch hinzu.

„Ich werde mir überlegen, was ich mit dir anstelle, Tai Huang“, grollte Sao Feng. „Und was Euch betrifft: Als Freunde von Captain Sparrow seid Ihr allerbester Honig für diese Biene …“, sagte er, an Elizabeth und Will gewandt. „Ergreift sie!“, befahl er.

Die wie üblich gut bewaffneten Badegäste kamen aus den Badezubern hoch, um die beiden Europäer gefangen zu nehmen, doch just in diesem Moment brachen von drei Seiten her spanische und französische Soldaten in das Badehaus ein. Elizabeth reagierte am schnellsten und griff sich den Jian** einer bei den ersten Schüssen der eindringenden Soldaten getöteten Frau. Will bekam einen französischen Soldaten am Kragen zu fassen, schnappte sich dessen Seitengewehr, verpasste ihm einen herzhaften Fußtritt, der den Mann geradewegs in einen gut gefüllten Eiswasserzuber trieb, wo er kopfüber hängen-blieb. Das französische Seitengewehr war ein kurzer Infanteriesäbel, der viel Ähnlichkeit mit einem Entermesser hatte. Will konnte den nächsten Spanier damit gleich zu seinen Ahnen versammeln. Sao Feng riss einen Dao** aus der Scheide und wehrte sich damit gegen die Soldaten der Franzosen und Spanier.

„Raus hier!“, befahl er.

Als ob sein Befehl ein Stichwort gewesen war, explodierte unter dem Badehaus eine Reihe von Sprengsätzen, die den Boden zum Einsturz brachten. Sao Feng griff Will am Hemd und bedeutete ihm, ihm in die Unterwelt zu folgen. Will seinerseits bekam gerade noch Elizabeth zu fassen und zog sie mit sich. Alle drei verschwanden im Heizraum des Badehauses, einige weitere Leute von Sao Feng, darunter auch Tai Huang, folgten ihnen in die Katakomben, die durch ein Abflusssystem an die Bucht führten. Als sie dort ein aufgesägtes Absperrgitter vorfanden, traf ein vorwurfsvoller Blick des chinesischen Piratenfürsten den britischen Piratenkönig.

„Wenn dieses Gitter normalerweise den Zugang hier versperrt, dann frage ich mich, weshalb Ihr uns hier herunter geführt habt, Sao Feng“, entgegnete Will auf den unausgesprochenen Vorwurf. Ein breit grinsender Marty drängte sich zwischen ihnen durch.

„Kommt schon!“, rief der Zwerg. „Wir haben es etwas eilig!“

„Alle Mann an Bord! Alle Mann an Bord!“, krächzte es aus dem Hintergrund, wo Cotton mit seinem Papagei, Leech und LeJon aus dem verrauchten Dunkel des Heizkellers auftauchten.

Ohne weitere Fragen folgten Will, Elizabeth, Sao Feng und dessen Leute dem Zwerg und den anderen Männern aus Jack Sparrows Crew, die sie im Schutz dichten Buschwerks zur Südküste führten. Dort lag nicht nur die Black Pearl, sondern noch einige weitere Freibeuterschiffe wie Capitaine Chevalles St. Malo und Fengs zweite Kriegsdschunke, die Hai Peng. Doch Tortuga selbst stand in hellen Flammen. Nicht ein einziges Gebäude war noch intakt, soweit es vom Ende der Bucht erkennbar war. Erkennbar war aber auch, dass die Aztec und die Empress den angegriffenen Hafen rechtzeitig hatten verlassen können und die französischen und spanischen Schiffe mit massivem Feuer eindeckten.

„Marty, wo kommt ihr her?“, fragte Elizabeth verblüfft.

„Wird Jack euch sagen“, erwiderte Marty und winkte allen, ihm zu folgen. Der Zwerg führte sie zu einer etwas entfernten Bucht, wo ein Dingi getarnt am Ufer lag. Fast zur selben Zeit kamen Gibbs, Pintel und Ragetti mit dem Kartografen Avenarius Pentacosta einen anderen Weg zum Dingi gelaufen. Ihnen folgten Captain Teague, seine beiden Bücherträger mit dem Kodex und ein Hund mit einem Schlüsselbund im Maul. Will und Elizabeth sahen das Tier verblüfft an.

„Wie kommst du denn hierher? Du gehörst doch nach Port Royal ins Gefängnis!“, entfuhr es Elizabeth, als der Hund sie schwanzwedelnd begrüßte.

„Schildkröten, Mä’chen!“, grinste Teague. Will und Elizabeth schüttelten nur noch den Kopf.

Die Männer befreiten das Dingi von den tarnenden Palmblättern, schoben es ins Wasser, alle sprangen hinein. Cotton nahm Kurs auf die Black Pearl, die das Dingi auch wenige Minuten später erreichte.

„Bitte an Bord zu kommen, Mylady, Gentlemen!“, forderte Gibbs die Passagiere auf. Sie stiegen über die feste Außentreppe der Black Pearl an Bord. Jack dirigierte vom Achterdeck aus die Kanonen.

„Feuer!“ befahl er. Seine Männer schossen eine volle Breitseite, die ein französisches Schiff auf Angriffskurs schwer unter der Wasserlinie beschädigte, das augenblicklich Schlagseite bekam. Zahlreiche Männer sprangen von dem feindlichen Schiff ins Wasser und paddelten offensichtlich verzweifelt um ihr Leben, als eine weitere Breitseite der Aztec in der Pulverkammer einschlug und es zur Explosion brachte.

„Jack! Wo kommt ihr her?“, rief Will zum Achterdeck hinauf.

„Das klären wir später!“, rief Jack zurück. „Erst wehren wir diese Perückenträger von Tortuga ab! Marty, Cotton! Bringt Captain Turner und Lizzy auf ihr Schiff!“, befahl er dann. „Sao Feng und Tai Huang bleiben hier!“

Will und Elizabeth folgten Cotton und Marty wieder ins Dingi, die sie zu der nicht weit entfernten Aztec brachten, wo Stiefelriemen sie mit sichtbarer Erleichterung begrüßte.

„Dem Himmel sei Dank, ihr seid noch am Leben!“, entfuhr es ihm.

„Gab es Zweifel, Vater?“, erkundigte sich Will verwirrt.

„Entschuldige, aber die Spanier und Franzosen gehen im Augenblick vor, Captain. Wir sind mit zehn Freibeuterschiffen draußen und haben noch zwölf Franzosen und Spanier gegen uns. Jack hat es abgelehnt von Kuba Verstärkung durch die Navy anzufordern, weil Tortuga nun mal ausschließlich Territorium der Piraten und Freibeuter ist. Wir haben sie fast kurz, sie wissen es nur noch nicht. Die Trinitate und die Bucentaur dürften die gefährlichsten Gegner sein. Aber sie sind durch vier Briggs gut geschützt.“

Will nickte und nahm das Spektiv zur Hand.

„Welche sind das?“ fragte er.

„Die beiden Dreidecker dort steuerbord voraus“, erklärte Bill Turner. „Der Wind ist ungünstig“, warnte er dann.

„Charlie! Setzt Calypsos Toppflagge!“, wies Will seinen Zweiten Maat an.

„Aye, Captain!“

„Beten wir, dass Calypso uns ihre Hilfe nicht versagt“, sagte Will dann leise. Auf Charlies Kommando stieg der blaue Wimpel mit der weißen Meerjungfrau darin in den Topp des Großmastes. Im Glas des Kompasses erschien Calypsos göttliches Gesicht, das längst nicht so dunkel war wie das ihrer menschlichen Gestalt als Tia Dalma.

„Was kann ich für dich tun, William?“, fragte sie.

„Wir könnten etwas mehr Westwind gebrauchen, Calypso, Herrin des Meeres und der Winde“, sagte Will.

„Komm nachher auf die Black Pearl, William. Ich möchte mit dir reden. Den Wind bekommst du natürlich“, erwiderte Calypso, dann verschwand ihr Gesicht aus der Kompassverglasung.

Der bisher aus Südosten wehende und für die Franzosen und Spanier günstige Wind drehte und gab nun den Freibeutern besseren Schub.

„Macht die Bugkanone klar!“, befahl Will. „Besetzt die Drehbassen auf dem Backdeck!“

„Aye, Captain!“, kam es vielstimmig.

„Mr. Turner, übernehmt die Backbordkanonen, Mr. Groves, Ihr übernehmt die Steuerbordgeschütze!“, wies er dann seine Geschützführer an.

„Aye, Captain!“

Der drehende Wind blieb den anderen Freibeutern ebenso wenig verborgen wie den Spaniern und Franzosen. Entgegen ihrer Erwartung zogen sich die Piratenschiffe nicht weiter zurück, sondern wendeten und näherten sich, wobei eher zufällig eine Keilformation entstand, die die Aztec anführte. Ein französischer Capitaine bemerkte den blauen Wimpel im Topp der Aztec. Außerhalb des Freibeutertums, bei den Flotten der Spanier und Franzosen, wurde dieser Wimpel mit der persönlichen Flagge von Captain William Turner gleichgesetzt – jedenfalls von denen, die Will Turner als Captain der Aztec schon über den Weg zu segeln versucht hatten …

„Oh, er ist wieder da!“, schmunzelte er. „Der König verteidigt sein Reich selbst“, setzte er spöttisch hinzu. Der Mann hatte keine Ahnung, dass er mit William Turner jr. tatsächlich den König der Piraten vor sich hatte; aber es war den Feinden Großbritanniens doch aufgefallen, dass Captain Turner eine führende Funktion unter den britischen Freibeutern hatte.

„Unterschätzt Turner nicht, mon Capitaine!“, warnte der Erste Offizier, ein Lieutenant.

„Ach was!“, knurrte der Capitaine. „Dem hat noch keiner richtig die Zähne gezeigt! Auch mein damaliger Capitaine nicht, als wir Tortuga 1756 angegriffen haben. Diesmal kriegt er mich nicht dran! Ladet die Kanonen mit Hagel!**“

„Ihr … wisst dass …“, setzte der Lieutenant vorsichtig an, aber der Capitaine unterbrach ihn barsch:

„Tut, was ich sage, Lieutenant!“

„Oui, mon Capitaine!“

Die Freibeuterflotte kam rasch mit dem zunehmenden Westwind gegen die französisch-spanische Flotte auf. Die Bugkanonen der Freibeuter spien Sprenggeschosse, die präzise trafen und schon auf respektable Entfernung die Schanzkleider der verbliebenen vordersten feindlichen Schiffe wegrissen, die den sich bisher in Richtung Westen absetzenden Freibeuterschiffen hatten folgen wollen. Kaum einer der Gegner kam dazu, noch seine Drehbassen am Bug abzufeuern. Sie wären ob ihrer geringen Reichweite auch wirkungslos gewesen. Wie ein Keil drang die Freibeuterformation in die Koalitionsflotte ein. Die mit den Breitseiten zu den angreifenden Freibeutern fahrenden Spanier und Franzosen feuerten ihre Breitseiten ab, trafen dabei aber auch eigene Schiffe, die noch zwischen ihnen und den Freibeutern lagen. Die Freibeuter dagegen fuhren – wenn auch nicht wirklich absichtlich – so weit seitlich von einander abgesetzt, dass sie sich nicht gegenseitig versenkten, sondern ihre ganze Zerstörungskraft den Feinden ihrer Zuflucht widmen konnten.

Der Einbruch der Freibeuter in die französisch-spanische Linie war mit der Windhilfe Calypsos so heftig, dass zwei der anlaufenden Freibeuterschiffe, die St. Malo und die Hai Peng, ihre unmittelbaren Gegner rammten und regelrecht aufschlitzten. Der französische Capitaine auf der Bucentaur sah mit blankem Entsetzen, dass die Aztec direkt auf seinen Dreidecker zuhielt – und nun hatte er sämtliche Kanonen der Backbordseite mit Hagel laden lassen, der nur auf die kurze Enterdistanz wirkte!

„Eddie! Verpass dem dicken Dreidecker einen Gruß aus dem Neuner und kapp ihm den Großmast!“, wies Will seinen Buggeschützführer an. Eddie bestätigte und ließ den Neunpfünder am Bug etwas höher richten, zielte sorgfältig und feuerte dann eine massive Eisenkugel auf die Bucentaur ab, die deren Großmast knapp über der Großrah und unter dem Mars* des Großmastes erwischte, die Wantenverspannung zerstörte und den Mast so ansägte, dass er nach achtern kippte. Der Capitaine und der Lieutenant konnten nicht mehr ausweichen und wurden von dem herabstürzenden Mast erschlagen.

Der Zweite Offizier der Bucentaur übernahm das Kommando und befahl den sofortigen Rückzug. Die Trinitate folgte dem Beispiel der Bucentaur und zog sich ebenfalls in Richtung Osten zurück. Die kleineren Briggs konnten dann ebenfalls nur noch Fersengeld geben und hoffen, dass ihre Schiffe schneller waren als die der Freibeuter. Sie warfen alles über Bord, was nicht niet- und nagelfest war. Aufatmend stellten die Besatzungen fest, dass außer der Black Pearl und der Aztec alle anderen Freibeuterschiffe zurückblieben, um aufzufischen, was die Franzosen und Spanier in Panik über Bord geworfen hatten. Sie atmeten noch mehr auf, als sie sahen, dass schließlich auch die Aztec und die Black Pearl die Verfolgung abbrachen.

 

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Kapitel 34

Heimkehr

Als die französischen und spanischen Schiffe am Horizont verschwunden waren, kehrten die Schiffe der Freibeuter und Piraten in den Hafen von Tortuga zurück. Den Crews bot sich ein Anblick völliger Zerstörung. Die Männer und Frauen an Bord der Piratenschiffe waren wie erstarrt. Schon von See aus war erkennbar, dass in Tortuga nicht ein einziges Haus mehr unbeschädigt war. Die meisten Gebäude waren ohnehin eher Bretterbuden gewesen, nur wenige Häuser hatten aus Stein bestanden, aber auch die Steinhäuser waren völlig zerstört. Die Franzosen und Spanier hatten ganze Arbeit geleistet. Die Schiffe der Piraten, die es nicht mehr geschafft hatten, auf die See zu entkommen, lagen versenkt vor weitgehend zerstörten Kaianlagen und blockierten die Bucht für die anderen Schiffe.

„Lasst uns holen, was wir holen können“, sagte Tia Dalma schließlich. „Ich halte es nicht für gut, wenn ihr hier bleibt. Tortuga ist nicht mehr sicher.“

„Und … wo sollen wir hin, Tia Dalma?“, fragte Anamaria.

„Holt, was ihr holen könnt. Ich werde euch dann einen Vorschlag machen“, erwiderte die dunkelhäutige Frau, menschliche Gestalt der Meeresgöttin Calypso.   

Die Piraten setzten Boote aus, mit denen sie landeten und begannen, nach Habseligkeiten zu suchen, die noch brauchbar waren. Zwei volle Tage verbrachten sie damit, ihre Haushalte auf Tortuga aufzulösen, ihre verbliebene Habe an Bord ihrer Schiffe zu bringen und die Toten zu beerdigen. Pater Andrew O’Neal, ein irischer Franziskanerpater, der vor Jahren von Piraten gefangen genommen worden war und dann freiwillig in Tortuga geblieben war, um zu versuchen, die Piraten zu einem besseren Leben zu bekehren, segnete die Gräber der toten Piraten und ihrer Widersacher aus Frankreich und Spanien.

„Was … wird aus Tortuga werden?“, fragte Elizabeth mit belegter Stimme, als schließlich alles Brauchbare verstaut war. In den Ruinen der Schiffbruch-Bar standen nur noch die Piratenfürsten und ihre engsten Crewmitglieder.

„Tortuga ist nicht mehr sicher“, sagte Tia Dalma. „Dieser Krieg zwischen England auf der einen und Frankreich und Spanien auf der anderen Seite hat Spaniern und Franzosen klargemacht, dass sie hier keine Piraten dulden können. Ihr braucht eine neue Zuflucht, von deren Existenz nur ihr allein etwas wisst. Die Karibik ist groß, sie ist teilweise noch unerforscht; nicht alle Inseln sind in den Karten enthalten, die ihr kaufen könnt. Dennoch sind die natürlichen Inseln auf Dauer auch nicht sicher. Ich werde euch eine neue Zuflucht machen. Kommt in drei Monaten nach Pantano, dann werdet ihr erfahren, wo ihr euch vor euren Feinden verbergen könnt, wenn es nötig ist.“

Die Anwesenden nickten nur zustimmend.

 

Mit der Flut am Mittag verließen die Schiffe der Piraten und Freibeuter Tortuga und zerstreuten sich in der Abenddämmerung, nachdem sie die Meerenge zwischen Kuba und Hispaniola passiert hatten. Will nahm Kurs auf Jamaica. Als sein Vater ihn beim achten Glasenschlag um acht Uhr abends ablöste, ging er mit ungutem Gefühl in der Magengrube in die Kapitänskajüte und blieb während des Abendessens mit Elizabeth und den Kindern wortkarg und in sich gekehrt.

„Was hast du?“, fragte Elizabeth schließlich, als sie die Kinder in die Kojen gebracht hatte. Will sah sie eine Weile an, schien aus einer unendlichen Ferne zurückzukommen.

„Ich mache mir Gedanken über das, was mich in Port Royal erwartet, Liebling“, sagte er schließlich leise. „Um euch aus Goldbarts Klauen zu befreien, bin ich aus dem Gefängnis ausgebrochen. Ich habe eine Nachricht hinterlassen, dass ich zurückkehre und mich dem Gericht stellen werde, wenn das erledigt ist. Goldbart kann ich nicht als Gefangenen präsentieren, was ich eigentlich zugesagt hatte. Und ob die Richter dem Tagebuch eines stadtbekannten Märchenerzählers Glauben schenken werden, halte ich für mindestens zweifelhaft …“

„Will …“, setzte Elizabeth an, „du denkst doch wohl nicht, dass dein Vater und ich es zulassen würden, dass man dich für eine Tat hängt, die du nicht begangen hast.“

„Wenn ihr das tut, seid ihr ebenso vogelfrei wie alle Piraten, die keinen Kaperbrief haben. Ich wollte unsere Kinder eigentlich nicht als Piraten aufwachsen sehen – oder mir das aus der himmlischen Perspektive ansehen müssen. Du weißt, was es bedeutet, sich gegen das Gesetz zu stellen“, versetzte Will.

„Ja, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich sage dir mit aller Deutlichkeit, dass ich mich einem ungerechten Gesetz oder einem ungerechten Richterspruch nicht beugen werde und lieber den Rest meiner Tage als Pirat verbringe, als zuzulassen, dass der Mann, den ich liebe, aus einem unbewiesenen Verdacht heraus gehängt wird, Will!“, erwiderte Elizabeth entschieden. „Sollte Governor Bellows dich wirklich verurteilen – was ich nicht glaube – werden dein Vater und ich eine Hinrichtung zu verhindern wissen. Aber vielleicht warten wir erst einmal ab, hm?“

Will nickte, aber die nagende Ungewissheit in seinen Innereien wollte sich einfach nicht auflösen.

 

Als Will um vier Uhr morgens Stephen Groves am Steuer ablöste, hatte er kaum geschlafen. Immer wieder hatte ihn der Albtraum gequält, in dem er vor der Trauung mit Elizabeth in seiner Schmiede verhaftet worden war. Manche Dinge, die er geträumt hatte, waren zwischenzeitlich eingetroffen, andere hatten sich in der Realität anders dargestellt als im Traum. Aber Will war keineswegs davon überzeugt, dass seine Träume wirklich nur Schäume waren …

 

Gegen Mittag erreichte die Aztec Port Royal. Als Will seine Brigg um den Zuckerhutfelsen manövrierte, um die Hafeneinfahrt anzupeilen, donnerten die Breitseiten von drei Fregatten der Royal Navy, die auf Reede vor dem Hafen lagen. Doch es folgten keine Einschläge ins Wasser oder gar auf der Aztec selbst. Die Royal Navy schoss für ein Freibeuterschiff Salut! Auf den Rahen standen die Matrosen und brachten ein dreifaches Hurra für die Aztec, ihren Captain und dessen Crew aus. Die Crew der Aztec erwiderte den Gruß, nur Will Turner mochte dem Frieden noch immer nicht trauen.

Schließlich lag sein Schiff an der Pier und war kaum vertäut, als Governor Bellows mit einer Eskorte von zehn Mann der Royal Marines an Bord kam. Will übergab seinem Vater das Kommando und stieg auf das Hauptdeck hinunter.

„Willkommen an Bord, Governor Bellows“, begrüßte er Jonathan Bellows.

„Willkommen in Port Royal, Captain Turner“, erwiderte Bellows den Gruß und verbeugte sich leicht. „Ihr… seht nicht glücklich aus, Captain Turner“, setzte er dann hinzu.

„Als ich aus dem Gefängnis ausbrach, um meine Familie zu retten, habe ich die Zusage hinterlassen, mich dem Gericht zu stellen, wenn ich zurück bin. Ich bin wieder in Port Royal, weil ich meine Zusagen halte, wenn ich nicht gewaltsam daran gehindert werde!“, erklärte Will beherrscht, aber dem Gouverneur entging nicht, dass die Stimme des jungen Captains leicht zitterte. Bellows nickte.

„Etwas anderes war von Euch auch nicht zu erwarten, Sir William. Seit Ihr ausgerissen seid, ist viel geschehen. Folgt mir, bitte.“

Will nickte und wollte sein Schultergehänge mit dem in Tortuga erbeuteten Entermesser abnehmen, aber Bellows schüttelte den Kopf.

„Nein, nehmt den Säbel gern mit, Sir William.“

Will ließ das Schultergehänge, wo es war und folgte Bellows bewaffnet von Bord und in das Büro des Admirals der Royal Navy, hatte aber weiterhin das Gefühl, statt harter Knochen eher Quallen als Kniescheiben zu haben, so weich waren seine Knie.

 

Elizabeth sah ihn begleitet von zehn Soldaten von Bord gehen, als sie aus der Kapitänskajüte trat und bekam ebenso ein ungutes Gefühl wie ihr Schwiegervater. Sie verständigte sich mit Stiefelriemen durch einen knappen Blick, kehrte in die Kajüte zurück, holte Moses’ Tagebuch und eilte dann mit „Stiefelriemen Bill“ Turner und ihren Kindern hinter Bellows, seinen Soldaten und Will hinterher, nachdem Bill Charlie Hoskins das Kommando übergeben hatte.

 

Jonathan Bellows lotste Will in das Amtszimmer des Admirals, wo Admiral Norrington und Weatherby Swann bereits warteten. Die Begrüßung fiel so herzlich aus, dass Will sich langsam erlauben wollte, keine Strafe befürchten zu müssen. Governor Bellows nahm hinter dem großen Schreibtisch des Admirals Platz und schlug eine Ledermappe auf.

„Sir William Turner, Mr. Gordon Kendall, Sekretär der East India Trading Company, beschuldigt Euch, Lord Morgan Everett in den Verliesen des Forts Charles in Port Royal ermordet zu haben. Was habt Ihr dazu zu sagen?“, fragte Bellows.

„Wenn ich mich recht erinnere, gilt, dass ein Beschuldigter das Recht auf einen Anwalt und ein Geschworenenurteil hat“, entgegnete Will mit erzwungener Ruhe. Sein innerer Zustand war nur daran zu erkennen, dass sich seine linke Faust um den Griff des Entermessers krallte, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„William, ich habe Governor Bellows erklärt, dass ich dich verteidigen werde“, schaltete sich Governor Swann ein. „Und eine Verhandlung vor Geschworenen findet erst dann statt, wenn die Voruntersuchung ergibt, dass eine öffentliche Anklage überhaupt Aussicht auf Erfolg verspricht. Governor Bellows hat diese Zusammenkunft als Voruntersuchung bezeichnet. Du kannst es nicht wissen, weil dir nach deinem Ausbruch aus dem Gefängnis keine Anklage zugestellt werden konnte.“

„Danke, Sir. Ich weiß diese Bemühung sehr zu schätzen. Ratet Ihr mir zu einer Aussage – als mein Anwalt?“

„Ja.“

Will nickte.

„Mit dem Tod von Lord Morgan Everett habe ich nichts zu tun!“, erklärte er mit fester Stimme. Bellows nickte.

„Wisst Ihr, wer Lord Everett getötet haben könnte?“

„Ja.“

Die Anwesenden sahen sich verblüfft an.

„Und … wer … war es?“

„Ara Goldbart alias Aaron Everett, ein … Verwandter … des Lord Morgan Everett“, erwiderte Will.     

„Welche Beweise oder Indizien könnt Ihr dafür anbieten, Sir William?“

„Moses Everett, der Bruder von Aaron Everett, hat es mir gesagt“, erwiderte Will und spürte erneut Unwohlsein. Würde Bellows ihm das tatsächlich abkaufen?

„Moses ist hier in Port Royal als berufsmäßiger Märchenerzähler bekannt – und er hat die Reise leider nicht überlebt“, fuhr er fort. „Vor seinem Tod hat er seine Aussage jedoch in einem Tagebuch protokolliert, weil er nicht wollte, dass ich für die Tat seines Bruders hänge. Das Tagebuch befindet sich allerdings noch an Bord der Aztec.“

„Nein, es ist hier!“, kam Elizabeths Stimme von der Tür. Sie drängte sich durch die Soldaten hindurch und übergab Bellows das Tagebuch von Moses Everett. „Ich kann bezeugen, dass dies alles wahr ist, Mylord!“, setzte sie hinzu. Governor Bellows schmunzelte leicht.

„Wenn Ihr eine Zeugin seid, so ist Euer Platz draußen vor der Tür, Lady Turner. Aber wir wollen uns nicht an Förmlichkeiten festbeißen. Ihr könnt bleiben“, sagte er. „Sir William, hat Moses Euch etwas zum …Verwandtschaftsgrad … zwischen ihm, seinem Bruder und Lord Everett gesagt? Falls ja, was?“, fragte er dann weiter.

„Ja, er bezeichnete sich und Aaron Everett als die Großonkel von Lord Everett. Sein Großvater, Benjamin Everett, ebenfalls Lord Everett, war der jüngste Bruder von Aaron und Moses Everett“, erklärte Will. Bellows nahm die Aussage nickend zur Kenntnis.

„Was sagt Euch der Name Ruben Crystal?“, fragte er dann.

„Ruben Crystal ist ein weiterer Aliasname von Aaron Everett. Nachdem Benjamin Everett wegen der Piratentätigkeit seiner Brüder verlangte, dass sie den Namen Everett nicht weiter in Misskredit bringen, nannte er sich zunächst Charles Crystal, später Albert Jacob Crystal, schließlich Ruben Crystal. Den Vorgängernamen hat er – zumindest als Ruben – als den Namen seines Vaters bezeichnet“, erklärte Will. Bellows nickte erneut.

„Was… wisst Ihr über das … tatsächliche … Alter von Aaron und Benjamin Everett?“, bohrte Bellows weiter.

„Mal überlegen …“, sagte Will und kratzte sich am Kinnbart. „Moses sagte mir, er und sein Bruder seien zwei oder drei Jahre auseinander; nagelt mich da bitte nicht fest. Er sagte weiter, dass sie siebzehn und neunzehn oder zwanzig Jahre alt waren, als sie vor Cromwell aus England flohen. Das war etwa 1650. Moses war der Ältere von beiden. Demnach müsste Moses etwa hundertdreißig Jahre alt gewesen sein, als er jetzt auf der Reise starb, Aaron entsprechend jünger.“

Bellows sah in die Mappe.

„Moses Everett war hundertzweiunddreißig, Aaron hundertdreißig Jahre alt, Sir William“, sagte er. Bellows sah auf und blickte in die verblüfften Gesichter von Elizabeth und Will Turner.

„Ihr fragt Euch, woher ich das weiß …“, schmunzelte er. „Nun, nach Eurem Ausbruch wollte Admiral Norrington gern mehr über diesen seltsamen Schuldsklaven erfahren, der von seinem eigenen Gläubiger gekauft wurde. Er hat Lieutenant Stevens von der HMS Unicorn mit Nachforschungen über ihn beauftragt. Das, was Lieutenant Stevens zusammengetragen hat, ist in diesem Dossier hier – und es entspricht dem, was Ihr uns über Mr. Crystal und Moses gesagt habt. Ihr habt damit nicht nur die Untersuchung von Lieutenant Stevens bestätigt, Sir William, damit ist auch erwiesen, dass Ihr den Mord an Lord Morgan Everett nicht begangen haben könnt. Stevens hat in London ein Tagebuch von Ruben Crystal gefunden, in dem die meisten Eurer Angaben bereits enthalten sind. Als letzte Eintragung ist darin vermerkt:

‚Morgan hat mich ruiniert. Ab morgen schmore ich im Schuldturm. Niemand wird bereit sein, fünfzigtausend Guineas für mich zu bezahlen. Aber wenn Morgan denkt, dass er mich damit in der Hand hat, hat er sich geschnitten. Im Gegenteil – wenn ich erst einmal in seiner Nähe bin, schlitze ich ihn auf wie einen Fisch. Er wird richtig was davon haben. Ich brauche nur etwas Zeit – und die richtigen Räumlichkeiten … Er wird den Tag seiner Geburt noch verfluchen!‘

Diese eigene Aussage von Aaron Everett enthält eine klare Todesdrohung gegen Morgan Everett. Aber das ist noch nicht alles. Ich habe Dr. Savigny die Leiche von Lord Everett untersuchen lassen, Sir William. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Morgan Everett etwa eine Stunde lang entsetzlich gemartert wurde. Gestorben ist er letztlich an einem Stich ins Herz, den ihm sein Mörder zufügte, als seine eigene Entdeckung drohte – als jemand vom Exerzierplatz in das Treppenhaus zum Gefängnis ging. Ihr, Sir William, und einige Soldaten der East India Trading Company, Ihr habt die Qualen von Lord Everett beendet, denn Ihr wart die Einzigen, der nach dem Ausbruch Eurer Crew und der königstreuen Navy-Soldaten von oben in das Treppenhaus gekommen sind. Die Leichen Eurer Kontrahenten lagen alle am oberen Treppenabsatz. Unmittelbar danach seid Ihr von Eurer Frau und auch von Captain Gillette gesehen worden, der Euch ebenso wie Eure Frau kurz aus den Augen verloren hatte. Aber es waren nach der Aussage von Captain Gillette allenfalls fünf Minuten, die er Euch nicht gesehen hatte. Und diese Zeit hätte keinesfalls ausgereicht, um Lord Everett so grausam zuzurichten. Der von Mr. Kendall erhobene Vorwurf, Ihr hättet Lord Morgan Everett ermordet, ist damit schon aus diesen Gründen nicht haltbar. Ich habe daher einen Freispruch ohne wenn und aber verfügt. Ihr, Sir William Turner, seid nicht schuldig im Sinne der Anklage und werdet wegen erwiesener Unschuld freigesprochen“, verkündete Jonathan Bellows. „Die Aussage von Moses Everett, die Euch zusätzlich entlastet hätte, kann nun aber noch dazu dienen, den wahren Mörder zu bestrafen“, fuhr er dann fort. „Was wisst Ihr über den Verbleib von Aaron Everett alias Ara Goldbart?“

„Er ist tot, Mylord. Er konnte sich nach einer Seeschlacht, bei der die Aztec und die Black Pearl gemeinsam die Esmeralda bekämpft haben, um Geiseln lebend zu befreien, zwar aus seinem untergehenden Schiff retten und zu einer in der Nähe gelegenen Insel schwimmen; aber dort ist er in einem schrecklichen Hurrikan geraten und bei dieser Naturkatastrophe ums Leben gekommen. Sowohl meine eigene Crew als auch die Crew von Captain Sparrow können das bezeugen. Wir haben ihn dort ordentlich beigesetzt, Sir“, gab Will zurück. Bellows nickte.

„Dann hat Gott der Allmächtige ihn selbst gerichtet. Möge er seiner Seele gnädig sein“, sagte Bellows leise. Dann erhob er sich von dem Schreibtisch und trat zu Will, streckte die Hand aus.

„Erlaubt mir, Euch als Erster zu beglückwünschen“, sagte er. Will ergriff die Hand des Gouverneurs von New Providence und drückte sie mit dem Gefühl, dass ihm ein ganzer Berg Steine vom Herzen fiel.

„Ich danke Euch“, erwiderte er dennoch schlicht.

Auch die anderen Anwesenden gratulierten Will zu dem Freispruch. Schließlich hob sein Schwiegervater die rechte Hand, in der er ein Dokument hatte.

„William, das hier habe ich von Lieutenant Stevens erhalten, der seine Nachforschungen auch ausdrücklich dem Lordrichter in England mitgeteilt hat, da es sich um Nachforschungen im Zusammenhang mit dem Tod eines geadelten Bürgers Britanniens handelte. Mr. Stevens’ Nachforschungen haben auch ergeben, dass Morgan Everett seinen Bruder bewusst in den Ruin getrieben hat. Der Lordrichter hat verfügt, dass der Landbesitz von Lord Everett dem übertragen wird, der den Mörder stellt und der Gerechtigkeit zuführt. Das bist offensichtlich du, mein Junge. Damit ist eine Besserung deines Titels verbunden. Du bist hinkünftig nicht nur der Ritter Sir William Turner, du darfst dich Baronet nennen, denn der Titel eines Baronet ist an Landbesitz geknüpft. Nach außen hin ändert das zunächst nichts, die Anrede ‚Sir‘ bleibt.“

„Und … welcher Landbesitz wird mir übertragen?“, fragte Will zögernd. Sein Schwiegervater entrollte das Pergament, das er in der Hand hielt.

„Es handelt sich um … die Swan-Inseln, die auch … Islas San Cristobal … genannt werden“, sagte er. „Und sie sollen auch in der Karibik sein. Ihr wisst nicht zufällig, wo das ist?“

Will und Elizabeth verständigten sich mit einem schnellen Blick, schüttelten dann unwissend tuend die Köpfe. Es war wohl besser, wenn keiner wusste, wie „groß“ diese Inseln noch waren.

„Nun“, sagte Swann hörbar zufrieden, „ich nehme an, ihr werdet demnächst wieder abfahren, um euer Land zu sehen. Eine präzise Lagebeschreibung gibt es jedenfalls.“

Will nahm das Dokument entgegen und sah auf die darin enthaltenen Längen- und Breitenangaben. Diese Islas San Cristobal waren ganz offensichtlich nicht identisch mit den Schwaneninseln vor der Küste der spanischen Kolonie Honduras …

„Bring‘ mich an den Horizont!“, entfuhr es Will Turner leise, als er die Besitzurkunde in den Händen hielt.

 

Vielleicht musste Calypso sich nicht großartig anstrengen, um den Piraten eine neue Zuflucht zu bauen …

 

 

Ende

 

 

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Glossar

Wie üblich gibt es auch dieses Mal wieder ein Glossar. Ich habe dieses Mal drei Glossare gefertigt, ein Seelexikon, ein allgemeines Lexikon und eines für Währungen.

* Seelexikon

Achtern: hinten

Affenfaust: Seemannsknoten in Form einer faustähnlichen Kugel. Solche Knoten dienen als Beschwerung für Tampen, die gezielt über Bord geworfen werden, zum Beispiel, um eine armdicke Festmachertrosse sicher an Land zu bringen.

Back: die, erhöhter vorderster Teil des Vorschiffes.

Bug: der, vorderster Teil des Schiffes.

Bugspriet: Verstärkung des Vorschiffes, um den Klüverbaum↑ aufzunehmen.

Ducht: Sitzbank eines offenen Bootes.

Duhn: betrunken

Etmal: Die Strecke, die ein Schiff in 24 Stunden zurücklegt, gemessen von einem Mittag zum nächsten.

Faden: Tiefenmaß in der Seefahrt. 1 Faden = 6 Fuß ~ 1,80 m.

Fockmast: Bei mehrmastigen Schiffen der vorderste Mast.

Freiwache: Freizeit an Bord, die als Begriff auch auf die Freiwache habende Crew bezogen wird. Ein Seemann, der Freizeit an Bord hat, gehört zur Freiwache.

Freiwache bedeutet aber nicht, dass man im Gefahrenfall Däumchen drehen kann. In besonderen Situationen wird von den Freiwachen selbstverständlich erwartet, dass sie mit anpacken, um das Schiff aus einer Gefahr zu retten.

Für den Captain eines Schiffes gilt grundsätzlich Bereitschaft, d. h.: er muss zu jeder Tages- und Nachtzeit greifbar sein, um Entscheidungen bezüglich des Schiffes treffen zu können. Üblicherweise ist der Captain Teil einer bestimmten Wache und hat auch grundsätzlich in den Freiwachenzeiten frei; wenn aber etwas seine Entscheidung erfordert, muss er an Deck sein.

Kabellänge: Längenmaß in der Seefahrt: 185,2 m = 1/10 Seemeile.

Kalfatern: Abdichten der Decks- und Plankennähte, um Eindringen von Wasser zu verhindern.

Kielholen:

  1. Das Schiff aufs Trockene bringen, um den Rumpf unter der Wasserlinie von Schmutz, Algen und Muscheln zu befreien.
  2. Ein unbotmäßiges Besatzungsmitglied unter dem Schiff durchziehen. Die Gefahr für den Kielgeholten geht dabei weniger von der Gefahr des Ertrinkens aus, als davon, dass ein unsauberer Rumpf eben mit scharfkantigen Muscheln bewachsen ist.

Kiellinie: militärische Formation bei der Marine. Dabei fahren alle eingesetzten Schiffe hintereinander, also im Kielwasser des vorausfahrenden Schiffes. Diese Formation hat den Zweck, dass ein entgegenkommender Feind die Stärke der Flotte nicht ausmachen kann. Zudem behindern sich die Schiffe dann nicht, wenn sie Breitseiten auf einen Gegner abfeuern. Bei Segelschiffen ist diese Formation bei direkt achterlichem Wind aber schwer einzuhalten, weil die hinteren Schiffe den vorderen buchstäblich den Wind aus den Segeln nehmen.

Kimm: die, der sichtbare Horizont auf See, die scheinbare Berührungslinie von Himmel und Wasser.

Klüverbaum: Rundholz, das auf dem Bugspriet↑ montiert ist. Am Klüverbaum werden die Vorsegel↑ angeschlagen.

Krähennest: Mastkorb, in dem ein Ausguck die See beobachtet.

Krängung: die, seitliche Neigung eines Schiffes (bei Segelschiffen meist Normalzustand am Wind), auch Schlagseite genannt. Zuviel Krängung kann zum Kentern führen

Kreuzen:

  • Seglerisch: auf Zickzackkursen „am Wind“ gegen den Wind fahren.
  • allgemein: sich in einem bestimmten Seegebiet unter Fahrt aufhalten (z.B. Lotsenboote)

Löschen: Nein, das hat mit Feuer rein gar nichts zu tun. So nennt man das Entladen eines Schiffes …

Marlspieker: spitzer, stählerner Dorn, wichtiges seemännisches Werkzeug zum Spleißen↑.

Mars: Plattform auf der Saling↑ eines Mastes.

Marsrah: 2. Rah von unten

Messe: Speisebereich auf einem Schiff. Auf kleineren Schiffen wie der Aztec muss die Messe zum Essen jeweils erst hergerichtet werden. Dafür werden Bänke und Tische, die sonst an der Decke vertäut sind, heruntergeholt. Seemännisch nennt man dies Backen und Banken.

Moses: scherzhafte Bezeichnung für den Jüngsten einer Crew.

Picken: einhaken

Pütz: Eimer

Pullen: seemännisch richtig für die an Land irrtümlich verwendete Bezeichnung „rudern“. Siehe auch unter Riemen.

Querab: dwars (seitlich).

Riemen: binnenländisch – falsch – „Ruder“, Rundholz mit Blatt und Handgriff zum Fortbewegen eines Ruderbootes. Siehe auch unter pullen.

Saling: querschiffs am Mast beiderseits angebrachte kurze Stange, die die vom Topp herabführenden Wanten abspreizt und dadurch dem Mast besseren Halt gibt.

Schanghaien: jemanden gegen seinen Willen zum Dienst an Bord eines Schiffes nötigen, indem man ihn (meist mithilfe von reichlich Alkohol dunkelblau und k. o. gemacht) an Bord schleppt und ihn erst auf hoher See aus dem Bau lässt …

Seemannschaft: die Fertigkeiten und Kenntnisse, die ein Seemann zur praktischen Handhabung eines Schiffes beherrschen muss. Die Anforderungen an einen Seemann, und insbesondere an den verantwortlichen Schiffsführer, sind sehr vielseitig. Sie variieren dabei je nach der Art des Schiffes, dem Fahrtgebiet, dem Wetter und Seegang, Fähigkeiten und Anzahl der Besatzung.

Spiegel: querschiffs stehender Abschluss am Heck, bei alten Seglern oft mit kunstvollen Verzierungen und großen Fenstern versehen.

Spleißen: Tauwerk verflechten

Spring: die, Leine zum Festmachen, die von vorn schräg nach achtern (vordere Spring) oder von achtern schräg nach vorn (achtere Spring) ausgebracht wird, die sich beide beim Festhalten des Schiffes in ihrer Wirkung ergänzen

Streichen, Flagge: Die Flagge niederholen ohne sie wieder zu setzen. Ein Kriegsschiff, das die Flagge streicht, kapituliert vor dem Gegner.

Stückpforte: durch Klappe in der Beplankung eines Schiffes geschützte Schießscharte. Die Klappe wird geschlossen, wenn die Kanone nicht benutzt wird, um sowohl die Kanone selbst als auch das Schiff vor eindringendem Seewasser zu schützen.

Tampsgast: der letzte und schlechteste in einer Crew, der meistens alles falsch macht. Hier eher scherzhaft gemeint.

Schapp: eingebauter Schrank auf einem Schiff.

Spiegel: auch Spiegelheck; reich verziertes Heck bei alten Großseglern

Stagsegel: Segel, die längs zur Schiffsachse stehen; auch Schratsegel genannt.

Vormars: Plattform auf der Marsrah↑ des Fockmastes↑, die als Ausguck genutzt wird.

Vorsegel: Stagsegel↑, die vor der Fock am Klüverbaum gefahren werden.

Wache: Eine Schiffscrew wird eingeteilt in erste bis vierte Wache, wobei sich die Stärke der Wache nach der Größe der Crew richtet. Sie sollte mindestens so viele Männer (oder auch Frauen) umfassen, wie das Schiff mindestens zum Fahren benötigt. Da die Aztec im Wesentlichen baugleich mit der HMS Interceptor ist, sind mindestens zwei Mann zum Fahren notwendig, wie sich aus Fluch der Karibik ergibt.

Die Wacheinteilung beginnt um zwölf Uhr mittags, weil dies die einzige natürlich festzulegende Uhrzeit ist. Die Dauer der Wache beträgt jeweils vier Stunden, also von zwölf Uhr mittags bis vier Uhr am Nachmittag, von vier Uhr nachmittags bis acht Uhr abends, von acht Uhr abends bis zwölf Uhr in der Nacht, von Mitternacht bis vier Uhr morgens (sie gilt als die schlimmste Wache, weil zwischen zwei und drei Uhr der absolute Tiefpunkt erreicht wird), von vier Uhr morgens bis acht Uhr morgens und von acht Uhr morgens bis mittags zwölf Uhr.

Um die Zeiten korrekt einzuhalten, wird ein Stundenglas benutzt. Dabei handelt es sich um eine Sanduhr, die in einer halben Stunde durchläuft. Ist es durchgelaufen, schlägt die Wache einmal die Schiffsglocke und dreht das Glas um. Beim nächsten Durchlauf folgen zwei Schläge. Nach vier Stunden zeigen also acht Schläge das Ende der Wache bzw. den Beginn der neuen Wache an. Dieses Läuten wird Glasen genannt. Seeleute teilen meist den Tag in allen Lebenslagen in Glasen ein…

Wahrschauen: warnen

** Allgemeines Lexikon

Arawak: Indianische Ureinwohner der Karibik.

Babalawo: Bezeichnung für einen Priester im Voodoo-Kult. Papa Babalawo ist dabei die respektvolle Anrede, die in etwa dem „Pater“ des christlichen Priesters entspricht.

Bader: Alte Bezeichnung für einen Badestubenbetreiber, der neben seinen Kenntnissen um die Hygiene und das Badewesen auch als Heilkundiger galt, chirurgische Eingriffe vornahm, aber auch von Augen- und Zahnheilkunde etwas verstand. Besonders „kleine“ Leute gingen im Mittelalter und der frühen Neuzeit zum Bader, wenn sie einen Arzt brauchten, weil „richtige“ Ärzte zu teuer waren. Mit dem Bader arbeiteten häufig Scherer (zum Haarschneiden) und Barbiere (zuständig für die Rasur) zusammen. Das Zunftzeichen der Bader, die flache Blechschüssel, gibt es als schmiedeeisernes Firmenschild noch heute in Altstädten, die hauptsächlich von Fachwerkhäusern geprägt sind und bezeichnet dort ein Friseurgeschäft.

Blasonierung: Fachsprache der Herolde, auch Bezeichnung für die Beschreibung eines Wappenbildes.

Bukan: Genau genommen ist Bukan das Wort, das die Arawak↑ für einen hölzernen Grillrost benutzten, auf dem sie in dünne Streifen geschnittenes Fleisch räucherten und gleichzeitig dörrten. Die Arawak waren u. a. auf Tortuga beheimatet, wohin um 1630 Franzosen von Hispaniola kommend vor den Spaniern flohen. Die Franzosen lernten von den Arawak diese Art der Konservierung erlegter Tiere und ernährten sich auf die gleiche Art. Diese Franzosen waren aber auch als Seeräuber aktiv. Bald belegte man sie mit dem französischen Wort Bukanier, was übersetzt Fleischräucherer bedeutet. Daraus wurde dann einer der Begriffe, unter denen Piraten der Karibik bekannt wurden: Bukanier oder Bukaniere.

College of Arms: Englisches Wappenamt. Dort werden die in England gültigen Wappen registriert, aber auch vergeben. Nur der Chef des Wappenamtes, der englische Wappenkönig (Garter Principal King of Arms), der oberste Herold Englands, hat in England die Befugnis, Wappen zu vergeben.

Dao: chinesischer Krummsäbel mit verbreiterter Spitze; hat viel Ähnlichkeit mit einem Sarazenenschwert der späteren Periode.

Exquemelin, Alexandre: Autor des Buches „Die Amerikanischen Seeräuber“, verlegt von Jan ten Hoorn, Amsterdam 1678. Übersetzungen aus dem Niederländischen in andere Sprachen folgten rasch (1681 Köln, 1684 London und 1686 in Paris (erweiterte Edition). Exquemelins Bericht beruht auf Tatsachen und stellt eine der bedeutendsten Quellen zum Piratenwesen des 17. Jh. dar. Exquemelin hat selbst einige Zeit unter Piraten gelebt und aus dieser Zeit berichtet.

Es handelt sich um das Buch, das Elizabeth zu Rate zieht, als sie die Insel San Cristobal sucht …

Geviert: In der Fachsprache der Herolde wird ein Schild als geviert bezeichnet, wenn er aus vier Feldern besteht.

Hagel: Schrotladung, die von einer Kanone verschossen wird.

Hornpipe: stark rhythmischer Seemannstanz mit Elementen des Stepptanzes, der anfangs zum Spiel einer Pfeife aus Horn (eben der Hornpipe) getanzt wurde.

Inch: engl. Längenmaß, ca. 2,5 cm.

Jian: chinesisches Schwert mit gerader Klinge, das insbesondere von Frauen benutzt wurde.

Klafter: Altes Längenmaß, entspricht 6 Fuß (~ 1,80m) und ist die Entsprechung zum maritimen Tiefenmaß Faden↑.

Neunpfünder: Das Kaliber von Kanonen wird entweder in Pfund oder in Zoll↑ angegeben. Neun Pfund bedeutet, dass die abgeschossene Kugel 9 Pfund (ganz genau: 9 Pounds/ca. 4,5 kg) wiegt.

Bei der Angabe in Zoll ist der innere Laufdurchmesser für die Größe des Geschosses maßgebend. Die Kugeln, die damit verschossen werden, haben einen nur geringfügig geringeren Umfang als der Durchmesser des Laufes. Was die Dinger wiegen, kann man errechnen, wenn man berücksichtigt, dass die Formel für den Kugelinhalt

4/3 π⋅ r3

ist und das spezifische Gewicht des Materials von der verwendeten Metalllegierung abhängt… Auf jeden Fall verdammt schwer und mit einer Durchschlagskraft, die man besser nicht am eigenen Leibe ausprobiert haben möchte.

Pint: engl. Hohlmaß, ca. 0,5 Liter

Seelöwe: Mit den Tieren, die wir als Seelöwen kennen, hat dieses Tier nichts zu tun. In der Fachsprache der Herolde wird damit ein Löwe bezeichnet, der in einem Fischschwanz endet.

Zoll: altes Längenmaß, entspricht mit ca. 2,5 cm ungefähr dem Inch

*** Währungen

Gold und Silber gelten gemeinhin als handlicher Gegenwert für Waren, also als Zahlungsmittel. Seit dem Mittelalter wurde in Europa hauptsächlich mit Silbermünzen bezahlt, Gold galt wegen des schwankenden Wertverhältnisses zum Silber hingegen eher als Ware. In der Regel hatte Gold in Europa in der präkolumbianischen Zeit (also vor 1492) den zwölffachen Wert der gleichen Menge Silber. Nach Entdeckung der reichen Goldvorkommen gerade in den spanischen Kolonien und dem schon als massenhaft zu bezeichnenden Import nach Europa während des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) verfiel der Goldwert auf das Zehnfache des Silbers. Silbermünzen als Zahlungsmittel gelangten durch die europäischen Kolonialmächte auch in deren Kolonien. Die europäischen Mächte prägten aber auch Goldmünzen, die dann einen bestimmten Silberwert repräsentierten.

In den meisten europäischen Ländern bürgerte sich als Grundrecheneinheit das Pfund Silber ein, wobei als Pfund eine Masse zwischen rd. 375 g und 410 g galt. Gewichte wurden mit der Benutzung einer Waage assoziiert. Das führte dazu, dass sich aus dem lateinischen Wort libra (Waage) die Währungsbezeichnungen Livre (Frankreich) und Lira (Italien) entwickelten. Über Frankreich war die Livre auch nach England gekommen, das britische Pfund Sterling wird bis heute mit dem Zeichen £ dargestellt, das eben die Abkürzung für Livre ist.

Das uns heute bekannte Dezimalsystem ist neueren Datums und hat seine Wurzeln in neuen Rechenformen, die in der französischen Revolution entwickelt wurden. Davor wurde in Zwölfer- oder Zwanzigersystemen gerechnet, auch aus Kombinationen daraus. Es galt im Grundsatz folgende Stückelung:

1 Pfund/Livre = 20 Solidi/Sou/S(c)hilling = 240 Pfennige/Pence/Denare/Deniers

Bei einem Grundgewicht von durchschnittlich 400 g Feinsilber pro Währungs-Pfund ergeben sich ca. 20 g für einen Solidus/Sou/S(c)hilling und 1 g Feinsilber für einen Pfennig/Penny/Denar/Denier.

Dublone: Span. Goldmünze, zwischen 1537 und 1833 geprägt, im Wert von 2 Escudos↑, mit einem Gewicht von 6,77 g. Ausgehend von einem Verhältnis von 1:10 hat die Dublone dann den Gegenwert von rd. 1,7 Pfund bzw. Guineas↑

Escudo: span./portug. für Wappenschild, bezeichnet eine Goldmünze, die im spanischen Weltreich geprägt wurde. 2 spanische Escudos ergeben 1 Dublone↑ und damit ca. 1,7 Guineas↑.

Guinea: engl. Goldmünze, zwischen 1663 und 1813 geprägt, zwischen 20 und 27 Shilling im Wert. Ab 1717 betrug der Wert 21 Shilling. Die Bezeichnung Guinea beruht auf der afrikanischen Region Guinea, dem Fundort des Goldes für diese Münzen. Andere Quellen behaupten, es habe keine Münzen dieses Wertes gegeben, die Guinea sei lediglich eine Recheneinheit für eine Summe von 21 Shilling gewesen.

Ebenfalls einer Summe von 21 Shilling entspricht auch das engl. Pfund Sterling (£), das aber aus Silber (daher Sterling-Silber!) bestand. Wegen der Schwankungen der Werte von Silber und Gold ergaben sich die unterschiedlichen Bewertungen bis 1717.

Gerade bei höherwertigen Gegenständen wurde in Großbritannien und dessen Kolonien auch nach 1813 (bei Auktionen gilt das sogar noch heute) in Guineas gerechnet und nicht in Pfund Sterling.

Ergänzend sei zum Wert der Guinea bzw. des Pfund Sterling im 18. Jh. folgendes angemerkt: Nach dem Buch Piraten von John Matthews gelang es Henry Avery, die größte Einzelbeute einzufahren, die je gemacht wurde. Sie betrug 325.000 £. Nach Matthews entsprach das einem heutigen Wert von rd. 45 Mio. €!

1 Guinea bzw.1 £ war nach dieser Umrechnung etwa 140 € wert …

Real: (Pl. Reales) spanische Silbermünze, die in Stückelungen zu1/2, 1, 2, 4 und 8 Reales auch in den spanischen Überseeterritorien geprägt wurde und gerade in Süd- und Mittelamerika den Charakter einer allgemein gebräuchlichen Währung unabhängig von der Nationalität hatte. Als bekannteste Münze gilt die 8 Reales-Münze, die ein Gewicht von 27 Gramm hatte und damit als Großmünze galt. Damit hat die Acht-Reales-Silbermünze den Gegenwert von ca. 1,4 Shilling und 1 Shilling ist ca. 0,7 Acht-Reales wert.

 

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