Gundolfs Bibliothek

Fluch der Karibik – Die Pyramide von Cozumel – online

Updated: 24. September 2017

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Ab 12 Jahre

 

Kapitel 1

Ein Fiebertraum

 

Will Turner fuhr schweißgebadet hoch, saß fast senkrecht in seinem Bett. Nur mit Mühe bekam er seinen rasenden Puls unter Kontrolle. Keuchend sah er sich um und fand sich in der vertrauten Umgebung der Gouverneursvilla von Port Royal wieder. Neben ihm regte sich Elizabeth.

„Hmm, was is’ denn, Will?“, murmelte sie verschlafen.

„Ich hatte einen fürchterlichen Albtraum, Elizabeth. Tut mir Leid, dass ich dich geweckt habe“, erwiderte Will, der immer noch leicht benommen war. Im Mondlicht, das in das Schlafgemach fiel, zeichnete sich der Schock in seinem Gesicht ab, dem der Traum ihm versetzt hatte. Er legte sich wieder in die Kissen.

„Entschuldige bitte“, bat er. Elizabeth drehte sich zu ihm um und fuhr ihm sanft durch das Haar.

„Wenn dich etwas so erschreckt, dass du aus einem Albtraum hochschrickst, muss es wirklich furchtbar gewesen sein“, sagte sie leise. „Meinst du, dass du jetzt wieder in Ruhe schlafen kannst?“

„Ich … ich weiß nicht. Aber deshalb kannst du gerne weiterschlafen.“

„Will, ich habe keine Pflichten und muss nicht früh aufstehen“, sagte sie leise und rückte unter seine Decke. Will umarmte sie und zog sie nahe zu sich.

„Erzähl mir, was du so Schreckliches geträumt hast. Manchmal hilft es, über etwas zu reden“, bot sie an und kuschelte sich an ihn. Will druckste. Sollte er Elizabeth tatsächlich erzählen, was er gerade geträumt hatte?

„Wenn du mir versprichst, es nicht persönlich zu nehmen, ja“, sagte er schließlich. Elizabeth hob den Kopf und sah ihn im fahlen Mondlicht verblüfft an. Es musste wirklich schlimm gewesen sein, wenn er schon vorsorglich um Vergebung bat …

„Will, ich liebe dich. Warum sollte ich dir etwas übel nehmen?“

„Bitte, nimm es nicht persönlich, ich flehe dich an“, bat er erneut.

„Das tue ich nicht. Was hat dich so gequält?“

Will seufzte.

„Na gut, ich will es dir erzählen … Also, ich habe geträumt, dass ein Lord Cutler Beckett von der East India Trading Company unsere Hochzeit unterbrochen hat. Du hast im Regen auf mich gewartet, und er ließ mich gleich in Ketten vor den Altar schleppen, hatte außer einem Haftbefehl für mich auch einen für dich und James Norrington in der Tasche, weil wir Jack vor dem Galgen gerettet haben. Dein Vater war völlig entsetzt, konnte aber nichts tun. Norrington hatte seinen Dienst quittiert, nachdem er Jack erfolglos gejagt und in einem Hurrikan Schiff und Mannschaft verloren hatte. Beckett machte mir das Angebot, Jacks Kompass zu beschaffen, dann würde er uns beide begnadigen. Du musstest im Gefängnis bleiben, ich habe mich auf die Suche nach Jack gemacht und fand ihn schließlich auf einer von Kannibalen bevölkerten Insel, auf die Jack sich vor Davy Jones’ Kraken geflüchtet hatte, Die Kannibalen auf der Insel hatten Jack zu ihrem Häuptling gemacht, die Crew der Black Pearl gefangen gesetzt und nach und nach verspeist, von Gibbs, Marty und ein paar anderen abgesehen, die in Käfigen eingebuchtet waren, die aus den Knochen der verspeisten Crewmitglieder gebaut waren. Mich haben die Kannibalen abgefangen, Jack tat, als ob er mich nicht kennen würde, als ich ihn um den Kompass bat, murmelte mir aber zu, ich solle ihn retten, bevor ich ebenfalls in einem dieser Käfige untergebracht wurde. Gibbs erzählte mir, die Menschenfresser würden Jack grillen wollen und ich habe die Männer dazu gebracht, zu fliehen. Einer der beiden Käfige stürzte dabei ab, aber die sechs Mann, die noch verblieben waren, reichten aus, um die Black Pearl zu bemannen. Wir rollten mit dem kugelförmigen Käfig über die Insel, stürzten in einen Kanal, wo der Käfig endlich zerbrach und schwammen zur Küste. Jack hatte inzwischen einen zunächst erfolglosen Fluchtversuch gemacht und hing am Bratspieß über dem Feuer, als die Kannibalen auf die Jagd nach uns gingen. Jack konnte sich aber aus dem Grill katapultieren und flüchtete samt angebundenem Bratspieß direkt in die Arme einiger Frauen, die ihn mit Melonen, Kürbissen und sonstigem Obst beschmissen, die Jack mit seinem Spieß auffing und teilweise wieder zurückschleuderte, bis wieder Männer auftauchten. Dann rannte er weg und versuchte, den Spieß als Sprungstab zu benutzen, kam aber nicht ganz über die Schlucht, die Früchte bekamen das Übergewicht und er purzelte in die tiefe Schlucht, durchschlug einige Hängebrücken der Kannibalen, wobei sich das Seil abrollte, mit dem er an den Spieß gebunden war und er und der Spieß getrennt voneinander landeten. Der Spieß hat ihn nur um drei Fuß verfehlt“, erzählte Will. Elizabeth brach in schallendes Gelächter aus, als sie sich das bildlich vorstellte.

„Wenn das ein Albtraum war, möchte ich den auch haben“, kicherte sie.

„Nun, das war nicht alles“, fuhr Will fort. „Pintel und Ragetti waren samt Schlüsselhund aus dem Gefängnis entkommen und hatten die Insel ebenfalls gefunden und die auf Kiel liegende Pearl mithilfe der Flut schon fast flott gemacht. Jack kam, verfolgt von der ganzen Kannibalenhorde, um einen Felsen der Steilküste gerannt und schaffte es gerade noch, die Jakobsleiter* der Black Pearl zu packen und mitzukommen. Kaum war er an Bord, als ich ihn aufforderte, mir seinen Kompass zu geben, den Beckett unbedingt haben wollte. Jack bot mir an, mir den Kompass zu überlassen, wenn ich ihm einen Schlüssel brächte, von dem er nur eine Zeichnung hatte. Besorgt hatte er sie sich aus einem türkischen Gefängnis, aus dem er im Sarg ausgebrochen ist. Der Schlüssel würde dich retten. Auf meine Frage, wie der Schlüssel dich retten sollte, fragte er mich, was ich über Davy Jones wüsste, ich sagte ‚nicht viel’ und Jack meinte, das Ding rettet dich.

Um nähere Informationen zu bekommen, sind wir zu einer alten Freundin von Jack gefahren, einer Voodoopriesterin namens Tia Dalma, von der wir erfuhren, dass der Schlüssel zu jener Truhe gehört, in der Davy Jones, der Captain der Flying Dutchman, sein vor Liebeskummer herausgeschnittenes Herz aufbewahrte. Den Schlüssel trüge Davy Jones stets bei sich, sagte sie dazu. Weil Jones aber nur alle zehn Jahre an Land gehen konnte, gab Tia Jack zu seinem Schutz eine große Glasflasche mit Dreck mit, damit er immer Land bei sich hat – was für ein Quatsch … Ich stellte fest, wir müssten wohl die Flying Dutchman finden. Mit einem Weissagungswurf mit Krebsscheren gab Tia Dalma uns die Position der Flying Dutchman und wir machten uns auf den Weg.

An einer Inselformation, die der des Scherenwurfs entsprach, fanden wir ein gestrandetes Schiff, von dem Jack mich glauben machte, es sei die Flying Dutchman. Gibbs kickte er in die Rippen, weil er mir die Wahrheit sagen wollte. Jack gab mir noch den Rat, falls ich überrascht würde, sollte ich sagen, ich sei von ihm geschickt, seine Schuld zu begleichen. Als ich drüben war, fand ich einen völlig verwirrten und in Panik geratenen Matrosen, der den Klüver* hissen* wollte, der gar nicht mehr da war, fand einen anderen Matrosen, dem das Gesicht weggesaugt worden war oder der einen Saugnapf auf dem Gesicht hatte; so genau konnte ich das nicht erkennen, weil es dunkel war und in Strömen goss. Dann schoss neben dem gestrandeten Schiff die Flying Dutchman aus dem Wasser, die Crew enterte sofort das gestrandete Schiff. Ich kämpfte mit wenigstens sechs unheimlichen Kreaturen, die wohl mal Menschen gewesen waren, jetzt aber eher nach Seebewohnern aussahen – eingewachsene Steuerräder, Muscheln, einer mit dem Kopf eines Hammerhais – unglaublich, sage ich dir. Ich konnte sie mir nur vom Leib halten, weil ich meinen Säbel in Waltran getaucht hatte und in Brand gesetzt hatte. Aber einer kippte wohl ein Heringsfass aus, ich rutschte aus und war erst mal weg.

Als ich wieder zu mir kam, kniete ich mit fünf Überlebenden des gestrandeten Schiffes in einer Reihe und Davy Jones stampfte über das halb unter Wasser befindliche Deck. Sein rechtes Bein und seine linke Hand waren Krebsscheren, sein Haar und sein Bart die Tentakeln eines Kraken, die ein ekliges Eigenleben hatten – schauderhaft, sage ich dir. Dem verwirrten Matrosen machte er das Angebot, den Tag des Gerichts um hundert Jahre zu verschieben und diese hundert Jahre auf seinem Schiff zu dienen. Der Kaplan des gestrandeten Schiffes wollte ihn davon abhalten, sagte auf Jones’ Frage, dass er den Tod nicht fürchtete. Sein Bewacher schnitt ihm auf Jones’ Kopfnicken die Kehle durch und beförderte ihn ins Wasser. Der Verwirrte nahm mit zitternder Stimme das Angebot an. Dann kam Jones zu mir, stellte fest, dass ich weder tot noch dem Tode nahe war und fragte, was ich dort zu suchen hätte. Ich gab ihm weiter, was Jack mir gesagt hatte, worauf er meinte, er sei geneigt, dieses Angebot anzunehmen. Dann bemerkte er die abgeblendete* Black Pearl, war in einem Augenblick drüben und Jack sagte ihm, er habe doch die Seele, die er für die Black Pearl haben wollte. Jones meinte, Seele sei nicht gleich Seele – sie haben heftig gefeilscht und Jack, obwohl er kurz zuvor noch die Hosen gestrichen voll hatte bei dem Gedanken an Davy Jones, hat sich mit Worten heraus lavieren können. Jones wollte im Tausch für seine Seele hundert andere haben und behielt mich gleich als Anzahlung. Jack wollte in Tortuga nach den fehlenden neunundneunzig Seelen suchen und ich blieb als Jones’ Sklave auf der Flying Dutchman.

Dich hatte dein Vater inzwischen aus dem Kerker befreit, hatte eine Überfahrt für dich nach England organisiert, weil er nicht darauf vertraute, dass ich zurückkehren würde. Für einen fairen Prozess wollte er sorgen, aber du meinest, dass ein fairer Prozess für mich nur den Strick bedeuten würde, worauf dein Vater meinte, dann gäbe es hier nichts mehr für dich, was dich halten würde. Aber Becketts Sekretär Mercer, der auch die Drecksarbeit für ihn erledigte, hatte den Captain des Schiffes erstochen, mit dem du fahren solltest, hatte ein Schreiben deines Vaters an den König abgefangen, was er deinem Vater geradezu als Vergehen vorhielt – was für ein Blödsinn! Seit wann sollte ein Gouverneur des Königs von England seinem Dienstherrn nicht mehr schreiben dürfen? Dein Vater wurde jedenfalls verhaftet, du konntest entwischen und dich bei Beckett einschleichen und ihm mit vorgehaltener Pistole sein Siegel und seine Unterschrift auf den Kaperbriefen abnötigen, letztlich verlangte er aber auch von dir, Jacks Kompass zu liefern.

Wir hatten beide keine Ahnung, was er mit diesem Kompass bezweckte, wir wussten nur, dass er nicht so funktionierte, wie ein richtiger Kompass, allenfalls zur Isla de Muerta führen konnte. Beckett gab sein Wissen nicht preis, meinte aber, es gäbe noch mehr Schatztruhen in der Karibik als gerade die der Isla de Muerta.

Du schifftest dich auf der Edinburgh Trader, einem durch den Eigner* selbst geführten Schiff, als blinder Passagier ein. Dein Hochzeitskleid hattest du auf dem Schiff liegen gelassen, hattest dich als Matrose verkleidet. Die abergläubischen Matrosen glaubten an einen Spuk, der Captain war aber gleich von einem blinden Passagier überzeugt. Mithilfe des Kleides, das du als Marionette benutztest, und in Öl geschriebenen Buchstaben, die auf Tortuga hinwiesen, hast du die Edinburgh Trader nach Tortuga gelotst, um Jack zu finden.

Der war gerade dabei, Matrosen für den Törn zu Jones aufzutreiben, hatte aber Probleme. Unter den Bewerbern fand sich auch James Norrington, der Jack erst erschießen wollte, als Gibbs ihn nicht sofort akzeptieren wollte und damit eine Kneipenkeilerei auslöste, wie sie nur auf Tortuga passieren kann. Du hast als Matrose verkleidet eingegriffen, heftig gefochten und dem guten James schließlich eine Flasche Rum über den Kopf gezogen – so wie Meister Brown Jack, als der zum ersten Mal bei uns in der Schmiede aufkreuzte. James fand sich im Schweinetrog wieder, wo du ihn entdeckt und erkannt hast. Als nächstes seid ihr dann zur Black Pearl, wo du Jack nach mir gefragt hast und er dir zwar sagte, ich sei auf der Flying Dutchman gelandet, aber abstritt, damit auch nur das Geringste zu tun zu haben. Norrington bekam ob der Geschichte glatt das Fische füttern am Kai. Jack zeigte dir seinen Kompass und erklärte, er zeige zwar nicht nach Norden, aber auf das, was man am meisten begehre. Und um mich zu retten, müsstest du dir ganz fest wünschen, Davy Jones’ Kiste zu finden, in der sein Herz schlägt.

Während ihr nach der Kiste gesucht habt, war ich zur Arbeit auf der Flying Dutchman verdonnert. Im größten Mistwetter gab der Bootsmann die Anweisung, Mr. Turner möge die Lasttakelage – eine massive Kanone – sichern. Ich sprang also wie befohlen dorthin, aber nicht ich alleine. Der andere sah mich verstört an, ließ vor Schreck den Tampen* los, ich konnte die Last alleine nicht halten und segelte und rutschte über das Deck und der Bootsmann wollte mir mit der Peitsche beibringen, meine Arbeit ordentlich zu tun. Der andere warf sich dazwischen und wollte die ausstehende Strafe auf sich nehmen, was Davy Jones zu der Frage veranlasste, weshalb er denn so großherzig sein wollte, worauf der sich als mein Vater zu erkennen gab. Jones befahl darauf, mein Vater sollte mir die fünf Hiebe mit der Katze verpassen. Er wehrte sich, aber die Alternative war, dass der Bootsmann das tun würde. Also verdrosch mein Vater mich mit der neunschwänzigen Katze*, was ich nicht wirklich gut fand, auch nicht, als er mir klarmachte, dass der Bootsmann mir das Fleisch von den Rippen gerupft hätte. Aber wir hatten uns immerhin wieder gefunden und richtig böse sein konnte ich ihm nicht.

Als ihm klar wurde, dass ich keinen Eid auf die Dutchman geleistet hatte, meinte er, ich müsste dringend verschwinden. Konnte ich aber nicht ohne den Schlüssel. Wyvern, wohl eines der am längsten dienenden Crewmitglieder, schon mit der Flying Dutchman völlig verwachsen, erzählte mir, dass Jones den Schlüssel bei sich trägt und ein Dolchstoß in dessen Herz die Lösung wäre – und auch wieder nicht, denn ohne schlagendes Herz des Captains gäbe es keine Flying Dutchman und damit keine Rettung vor dem Tod, wie Jones sie versprochen hatte. Bei einem Würfelspiel habe ich Jones dann herausgefordert, nicht um zu gewinnen, sondern um herauszufinden, wo er den Schlüssel hatte. Paps musste natürlich in Turnerscher Manier eingreifen, verlor absichtlich, um mich zu schützen. Ich habe dann Jones aufgesucht, der über seiner Riesenorgel eingeschlafen war, habe mich mit drei Händen an seinem Bart zu schaffen gemacht, unter dem der Schlüssel verborgen war …“

„Mit drei Händen?“, unterbrach Elizabeth amüsiert. „Ist dir schon eine gewachsen?“

„Nein, aber ich habe eine Schreibfeder oder so was zwischen die Zähne geklemmt und die als dritte Hand benutzt, um die Tentakeln weit genug auseinander zu kriegen“, erwiderte Will.

„Aber ich weiß noch immer nicht, warum ich deinen Traum nicht als persönlichen Affront betrachten soll. Ist es denn so unverständlich, dass ich nicht ruhig sitzen bleibe, wenn du dich in solche Gefahr begibst?“, fragte sie dann.

„Nein, das nicht, aber der Traum ging weiter …“, sagte Will und küsste sie sanft auf die Stirn. „Paps hielt mir den Rücken frei, löste den Wachhabenden am Ruder* ab, bereitete ein Boot vor, mit dem ich flüchten konnte und gab mir sein Messer mit. Ich versprach ihm, zurückzukehren und ihn aus dieser Knechtschaft zu befreien, nur unter dieser Bedingung würde ich das Messer akzeptieren. Klingen lässt man sich nicht schenken, sonst zerschneiden sie die Freundschaft.“

Elizabeth lachte leise.

„Klingt eher nach Gibbs, was du da sagst. Seit wann bist du abergläubisch?“

„Schmiedeweisheit, mein Liebling“, grinste Will. „Jedenfalls pullte* ich fort und wurde von der Edinburgh Trader aufgefischt, deren Captain sich natürlich wunderte, wie so eine kleine Schaluppe* so weit vom Land entfernt im Meer dümpelte*. Ich habe ihm gesagt, er solle so schnell wie möglich dort verschwinden, dann sah ich dein Hochzeitskleid und erfuhr durch die Blume, dass du wohl in Tortuga ausgestiegen warst. Noch ehe ich ihm sagen konnte, wovor wir auf der Flucht waren, war die Flying Dutchman schon heran, bedrohte uns aber nicht direkt. Dafür rief Jones seinen Kraken zu Hilfe, der die Edinburgh Trader stoppte, als wäre sie auf ein Riff gelaufen. Der Captain war der Erste, den der Kraken schnappte. Die Seeleute kämpften verzweifelt, ich stand im Großmast* und wehrte mich dort gegen den Kraken, aber der Kraken zerbrach den Großmast, ich flog ins Meer und konnte mich auf einen Decksrest retten und lag ebenso darauf wie nach dem Überfall auf die Dragonfly auf der Planke, auf der du mich dann gesehen hast. Der Kraken zerbrach die Edinburgh Trader, als wäre sie aus Palmblättern. Dann sah ich hinter mir die Flying Dutchman, rutschte von meiner Planke und kletterte sozusagen in die Höhle des Löwen, genauer in das Speerfischmaul, das sie als Galionsfigur* hat. Jones war überzeugt, dass ich noch lebte und meinte, die Truhe wäre auf der Isla Cruces nicht mehr sicher und war auch der Ansicht, dass Jack seine Finger im Spiel hatte, weil er mich an Bord gebracht hatte.

Dir machte Jack inzwischen den Hof und versuchte, dich zu überzeugen, dass ihr gut zusammenpasst. Du hast dich dagegen gewehrt, nur war das Problem, dass der Kompass, den Jack dir gegeben hatte, immer wieder auf ihn wies. Es kam dir unheimlich vor, weil Jack nicht das war, was du begehrtest. James Norrington äußerte den Verdacht zuerst, dass Jack mich verraten und an Jones verkauft hatte, aber du wolltest Jack vertrauen, ihn neugierig machen, wie es wäre, für gute Taten Anerkennung zu erhalten. Jack kam dir schon mächtig nahe, als sich das schwarze Mal wieder in seiner Hand zeigte, das Jones’ Kraken auf ihn hetzen würde. Nur deshalb unterließ er es, dich küssen zu wollen.

Ihr habt die Isla Cruces erreicht, Jack, du, Norrington, Pintel und Ragetti seid zur Insel gepullt, um die Kiste zu suchen. Der Kompass in deiner Hand spielte verrückt, zeigte immer wieder auf Jack, drehte sich schließlich im Kreis, woraus Jack schloss, dass du direkt auf der Kiste sitzt. Norrington musste graben – und ihr habt die Kiste gefunden. Eine große Kiste, in der diverse Briefe und so etwas waren, und eine kleinere Kiste, in der vernehmlich das Herz schlug. Norrington war ganz verblüfft, dass Jack die Wahrheit gesagt hatte, der seinerseits meinte, das täte er ziemlich oft, es sei aber immer überraschend. Das wiederum veranlasste mich zu der Bemerkung, das sei auch kein Wunder, so wie er mich verraten hätte; aber ich hätte auch Grund ihm dafür dankbar zu sein, schließlich hätte ich auf diese Art meinen Vater wieder gefunden. Du bist auf mich zugesprungen, hast mich umarmt und geküsst.

Dann wollte ich die Truhe aufschließen, um Davy Jones’ Herz zu durchbohren, aber Jack hinderte mich mit dem Säbel, Norrington ergriff anscheinend für ihn Partei; dann stellte sich heraus, er wollte das Herz, um damit seine Ehre zurückzuerlangen. Wir kämpften uns zu dritt über die Insel, zu einer verlassenen Siedlung mit einer halbverfallenen Kirche. Der Schlüssel wechselte dabei immer wieder den Besitzer. Schließlich waren wir auf dem Dachfirst der Kirche, die an eine Wassermühle grenzte. Norrington hatte Jack in die Enge getrieben, aber Jack lenkte James’ Aufmerksamkeit auf mich, weil ich doch an dessen Elend schuld sei und konnte flüchten, während Norrington nun auf mich losging. Wir landeten auf dem verrotteten Mühlrad, das aus den Halterungen knackte und über die Insel rollte – ich im Rückwärtsgang, Norrington vorwärts. Unterwegs haben wir noch Jack mitgenommen, rangen im Rad. Jack konnte samt Schlüssel ’rauskommen und die Truhe öffnen, die Pintel und Ragetti geklaut hatten und an einer Palme verloren hatten, verfolgt von dir und Jones’ Landkommando. Jack nahm das Herz aus der Truhe und gelangte an den Strand, wo er das Herz in sein Dreckglas tat. James und ich rollten mit dem Mühlrad schließlich an den Strand, wo das Rad im Wasser umkippte und wir beide völlig verdreht aus dem Rad stolperten, nur erholte Norrington sich schneller als ich und griff in den Kampf mit Jones’ Kreaturen ein. Dabei entdeckte er das Herz im Dreckglas, nahm es heimlich an sich, schnappte sich auch die Kaperbriefe und ging mit der Truhe stiften, angeblich, um Jones’ Leute von uns abzulenken. Jack hatte mir gleich noch einen saftigen Hieb mit dem Riemen* verpasst – kleine Rache für Isla de Muerta, wo ich ihm eine mit dem Riemen übergezogen hatte, damit er mich nicht an Barbossa verkaufte – und ich war weg. Jack ließ Norrington laufen in der Meinung, das Herz befände sich ja in seinem Dreckglas.

Wir erreichten die Black Pearl, wo ich wieder zu mir kam und mich neben dir wieder fand. Aber schon wenige Augenblicke später wurde die Dutchman gesichtet. Jack blieb kühl und reizte Jones mächtig mit seinem Dreckglas in der Hand. Aber dann stolperte er, das Glas fiel auf das Deck und zerbrach – und das Herz war nicht mehr drin. Jack bekam es mit der Angst, ließ in den Wind abdrehen, um der Flying Dutchman davonzufahren. Trotz eines üblen Treffers im Heck gelang das. Gibbs erklärte, dass die Black Pearl mit dem Wind das schnellste Schiff sei, die Dutchman aber gegen den Wind, so hole sie sich ihre Beute. Die Crew jubelte und dann ging ein Ruck durch das Schiff, als Jones seinen Kraken alarmiert hatte und der die Pearl zu fassen bekam. Jack setzte sich mit einem Boot ab, ich übernahm das Kommando, weil ich das auf der Edinburgh Trader schon erlebt hatte. Zwei Angriffe des Kraken konnten wir abwehren, hatten aber auch böse Verluste. Für den zweiten hatte ich die gesamten Pulvervorräte und den Rumvorrat in ein Frachtnetz packen lassen und es in die Wanten hieven lassen. Ich blieb daran hängen und rief dir zu, du solltest schießen – auch ohne Rücksicht auf mich – um die Crew zu retten. Du hattest gesehen, dass Jack sich abgesetzt hatte und warst darüber wütend, doch er kam zurück, bekam die Muskete zu fassen, um die Pulvervorräte zu zerschießen. Ich hatte mich gerade noch aus dem Netz befreien können, bekam von der Explosion nichts mehr ab, aber der Kraken hatte erst mal genug, auch wenn er keineswegs tot war.

Jack befahl, das Schiff zu evakuieren, blieb als Letzter zurück, um sich von seiner geliebten Pearl zu verabschieden. Gibbs, Marty, Cotton, Pintel, Ragetti und ich verstauten den Proviant und das Wasser im Boot, aber du fehltest noch. Ich sah durch ein Speigatt* hoch und sah dich und Jack in inniger Umarmung und leidenschaftlichem Kuss versunken. Dabei hast du ihn an die Pearl gekettet und er belegte dich mit dem größten Kompliment, das er machen kann: Pirat nannte er dich. Du bist dann ins Boot, hast mich nahezu keines Blickes gewürdigt und nur gesagt, wir sollten machen, dass wir wegkommen, Jack habe sich geopfert. Wir sind dann weggepullt, der Krake kam, schnappte sich die Black Pearl samt Jack. Jack fand seinen geliebten Hut wieder und sprang dem Kraken mit gezücktem Säbel in den Rachen. Der Krake zerrte die Black Pearl in die Tiefe.

Dann waren wir wieder bei Tia Dalma, die uns heißen Tee mit Rum gab. Ich war völlig leer. Die Pearl, das einzige Schiff, das es mit der Flying Dutchman aufnehmen konnte, war nicht mehr – und damit die Chance dahin, meinen Vater aus den Klauen Davy Jones’ zu befreien. Ob du noch etwas für mich empfandest, wusste ich nicht, ich hatte nach dem was ich hatte mit ansehen müssen, auch große Zweifel. Aber ich wollte dir helfen und sagte, was ich tun könnte, würde ich tun. Darauf fragte Tia, ob wir bereit wären, bis ans Ende der Welt zu segeln, um Jack zurückzuholen. Wir alle sagten nacheinander ja und ich war der Letzte. Tia sagte, wenn wir dem Wahnsinn trotzen wollten, der uns dort erwartete, bräuchten wir einen Captain, der sich in diesen Gewässern auskenne – und dann kam Barbossa die Treppe herunter. Und dann bin ich aufgewacht …“, erzählte Will. „Bitte, nimm es nicht persönlich“, bat er erneut.

Jetzt war Elizabeth klar, was er gemeint hatte. Sie legte den Kopf wieder auf seine rechte Schulter, ihre Hand wanderte sanft zum dem Verband, der seinen schlanken Leib umschloss und die immer noch nicht verheilte Wunde abdeckte, die er im Kampf gegen Jamie Einauge erlitten hatte.

„Will …“, setzte sie an, „du bist noch lange nicht gesund. Du hast lange mit dem Tod gerungen. Ich denke, dieser Traum ist noch eine Nachwirkung von dem, was du mitgemacht hast. Nein, ich nehme es nicht persönlich.“

„Danke“, flüsterte er. „Ich liebe dich.“

Elizabeth schmunzelte.

„Als ob ich jemals etwas anderes von dir angenommen hätte, William!“, erwiderte sie. „Und jetzt schlafen wir weiter, hm?“

Er nickte nur und war auch nur Augenblicke später wieder in tiefen Schlaf gefallen.

 

Kapitel 2

Ein mahnender Geist

 

Am Morgen darauf stand Will wieder in seiner Schmiede, als wäre nichts gewesen, mochte er auch übernächtigt und blass sein, weil er einfach zu wenig geschlafen hatte – und das wahrhaft nicht nur in der Nacht zuvor. Dieser Albtraum quälte ihn schon länger. Dieser und noch ein anderer, an dessen Ende er gestorben war; aufgespießt mit seinem eigenen Meisterstück, Admiral Norringtons Ehrenschwert, um dann als Captain der Flying Dutchman Fährmann der Seelen ins Jenseits zu sein; und das auch gleich mindestens zehn Jahre lang … Davon hatte er Elizabeth noch immer nichts erzählt, meinte, dieser Traum würde selbst seine sonst so furchtlose Frau zu sehr erschrecken.

Elf Monate waren nunmehr vergangen, seit Will Turner wieder einen Vater hatte, seit er und die Crew der Black Pearl „Stiefelriemen Bill“ Turner nach langer, langer Gefangenschaft aus der französischen Strafkolonie Cayenne befreit hatten. Dass solche Aktionen mit Risiko behaftet sein konnten, hatte Will buchstäblich am eigenen Leib erlebt – die Rettung seines Vaters hatte ihn beinahe selbst das Leben gekostet. Zwei schwere Verwundungen hatte er nur knapp überlebt. Die zweite wäre tödlich gewesen, hätte sein Vater nicht die Idee gehabt, den Fluch der Aztekengötter zu nutzen, um Wills Leben zu retten. Nun lebte er seit elf Monaten mit dem besonderen Segen der aztekischen Götter, und es gab durchaus Momente, in denen er sich müde und erschöpft fühlte. Er hatte wirklich viel Blut verloren – eigentlich zu viel. Nur der Segen der Aztekengötter hielt ihn am Leben.

Seit er wieder ein Aztekenmedaillon trug, hatte Will Turner jr. außer seinem alten Meister noch einen weiteren Helfer: Groaltek, den Schatzgeist, den Will beim Schwindeln erwischt hatte und der dafür zum Dienst an Will verpflichtet war. Groaltek war ein besonderes Gespenst, das zwischen grünlich-transparenter Erscheinung und nahezu vollständiger Materialisierung nach Belieben wechseln konnte. Für Will war der alte Azteke eine willkommene Hilfe – aber Groaltek hatte auch Rat und altes Wissen für den jungen Schmiedemeister. Will lernte gern dazu und konnte von Groaltek noch einige Techniken der Azteken für Metallbearbeitung und alte, aztekische Muster lernen.

„Übernimm dich nicht!“, warnte Groaltek, „Du weißt, dass du von geborgter Zeit lebst!“

Will nickte und prüfte die Schärfe der Klinge, die er gerade schliff.

„Dank deiner Hilfe muss ich mich nicht überanstrengen“, erwiderte er mit einem freundlichen Lächeln. Er hielt inne und sah Groaltek eine Weile an.

„Groaltek, du hast mir gesagt, dass du mir dienen musst. Einen sterblichen Sklaven könnte ich freilassen. Wie kann ich dich von deiner Pflicht entbinden?“

Groaltek schüttelte den Kopf.

„Das kannst du nicht. Das können nur die, die mir diese Pflicht auferlegt haben – die alten aztekischen Götter. Aber du bist ein guter Herr, dem ich gern diene. Ich habe schon wirklichen Sklaventreibern dienen müssen“, erwiderte der Schatzgeist. Wills Lächeln wurde breiter.

„Ich glaube, du bist ein notorischer Lügenbold, mein Guter“, grinste er. „Entweder schwindelst du mir gerade die Hucke voll – oder du hast Jack und Vater ganz schön genarrt.“

Jetzt war es der Schatzgeist, der breit grinste.

„Ich geb’s ja zu: Es macht schon Spaß, Menschen zu narren. Deinen Vater und Jack Sparrow hab’ ich genarrt, oh ja! Und ich habe mich köstlich amüsiert. Ihre dummen Gesichter hättest du sehen sollen, als ich tat, als ob ich sterben würde.“

„Wie lange bist du jetzt Schatzgespenst?“, fragte Will weiter. Groaltek zuckte mit den Schultern.

„Ich habe das Zeitgefühl verloren. Aber es ist schon lange, das kannst du mir glauben.“

„Kannst du es mir wirklich nicht sagen – oder willst du es einfach nicht?“, bohrte Will weiter.

„Dir kann ich nichts vormachen, Will Turner. Du durchschaust mich. Aber in diesem Fall kann ich es dir nicht sagen, denn ich lebe nach dem alten aztekischen Kalender, der eine gänzlich andere Zeiteinteilung hat als euer Jahr.“

Will nahm Groalteks Aussage zur Kenntnis und nahm das nächste Schmiedestück zur Hand. Nach drei Schlägen mit dem schweren Hammer setzte er erschöpft ab.

„Du bist für einen Menschen hier aus der Gegend sehr blass“, bemerkte Groaltek. „Was ist mir dir?“

„Nichts, ich bin nur müde“, wehrte Will ab. Groaltek grinste.

„Du solltest ehrlich zu dir selbst sein: Du bist körperlich noch nicht in der Lage, so einen kräftezehrenden Beruf wieder aufzunehmen!“, warnte er. Will schlug trotzig wieder zu, als er sich etwas erholt hatte.

„Woher willst du das wissen? Du bist ein Gespenst, oder?“

Will spürte einen festen Griff am rechten Arm und sah Groaltek verblüfft an.

„Gewiss, heute bin ich ein Gespenst. Aber ich war einmal ein Mensch – und ein Schmied wie du. Auch wenn ich mich eher mit der Goldschmiedekunst befasst habe, so habe ich doch alle Schmiedetechniken erlernt. Und deshalb weiß ich, wie viel Kraft es erfordert, diesen Beruf auszuüben“, meinte der Schatzgeist. „Du brauchst unbedingt eine Pause.“

„Ach was! Ich war so lange nicht mehr in meiner Schmiede; sie fehlte mir zu sehr, um jetzt schon wieder aufzuhören.“

„Will, du spielst mit deinem Leben!“, warnte Groaltek eindringlich. „Sieh mal, wir alten und fast ausgestorbenen Azteken sind mit dem menschlichen Körper sehr viel weiter als ihr Europäer. Wir wissen, dass der Mensch nach euren Maßstäben knapp zwei Gallonen** Blut im Körper hat, welches durch den Schlag des Herzens durch die Adern transportiert wird. Ohne Blut kann ein Mensch nicht leben. Unsere Ärzte haben festgestellt, dass ein Mensch, der mehr als eine halbe Gallone Blut verloren hat, einfach am Blutverlust stirbt. Du, Will, hast mehr als eine halbe Gallone Blut verloren – und nur der Segen der aztekischen Götter hält dich am Leben. Sie sind langmütig, aber du solltest ihr Wohlwollen nicht überstrapazieren. Es ist auch der Wille meiner Götter, dass du deinem Blut die Möglichkeit gibst, sich zu erneuern. Das tut es aber nur, wenn du dir Ruhe gönnst. Seit wir die Insel der Toten verlassen haben, hast du nicht viel Ruhe gehabt. Und seit wir wieder in Port Royal sind, arbeitest du wie besessen. Du lebst von geborgter Zeit! Wenn du nicht Acht gibst, wird sie mit Zinsen von dir gefordert werden!“

Will sah im Gesicht des vollständig materialisierten Schatzgeistes, dass er ernst meinte, was er sagte.

„Ich glaube es dir, aber ich arbeite mit der Schmiede für meinen und Elizabeths Lebensunterhalt und bezahle meinem Schwiegervater den Lohn unserer Zofe“, entgegnete Will. Das Gespenst nickte.

„Das ist also der Kakaobohne Kern: Du hast Sorge, deiner Frau den Unterhalt nicht mehr bieten zu können“, erkannte Groaltek.

„Sie ist aus reichem Haus. Ich habe für meinen Lebensunterhalt immer arbeiten müssen.“

„Vom Gold der Isla de Muerta ist dir ein guter Anteil zugefallen. Warum benutzt du das nicht, statt dich buchstäblich totzuarbeiten?“

„Weil es Piratengold ist!“, versetzte Will.

„Und damit willst du nichts zu tun haben?“, mutmaßte Groaltek.

„Ich bin kein Pirat!“, stellte Will klar. „Ich bin ein braver Bürger, der das Gesetz achtet!“

„Meistens jedenfalls“, grinste der Schatzgeist. Will wollte aufbegehren, aber er wusste, dass sein Gespensterdiener Recht hatte.

„Groaltek, wenn ich das Gold verwende, muss auch der blindeste Gesetzeshüter wissen, dass ich es nicht mit ehrlicher Arbeit erworben habe. Piraten werden hier für gewöhnlich gehängt. Ich möchte so nicht enden“, erklärte er schließlich.

„Das Ergebnis ist immer das gleiche: Wenn du deine Arbeit jetzt so fortsetzt, wie du es bisher getan hast, bist du in ein paar Tagen ein toter Mann.“

„Aber wenigstens ein ehrlicher toter Mann und kein hingerichteter Pirat“, versetzte Will.

„Schon, aber Elizabeth hätte in beiden Fällen nichts mehr von dir. Willst du das deiner Frau wirklich antun?“, fragte der Geist.

„Ich würde für sie sterben!“

„Ich weiß“, erwiderte Groaltek, „Aber für sie zu sterben lohnt sich nur, wenn es ihr selbst ans Leben gehen würde und es nur die Wahl ‚du oder sie’ gibt. Sonst wirfst du dein Leben umsonst weg. Und dafür ist das menschliche Leben – so kurz es auch sein mag – ein viel zu kostbares Geschenk. Elizabeth würde es nicht wollen. Sie liebt dich. Dich zu verlieren, würde ihr das Herz brechen.“

„Und wovon soll ich leben, wenn nicht von meiner Arbeit?“, erkundigte sich Will.

„Vertraust du mir?“

„Wer gibt mir die Gewissheit, dass deine Aktionen auf dem Boden des Gesetzes bleiben?“

„Ich schwöre dir bei Quetzalcoatl, der Gefiederten Schlange, dass ich weder gegen die Gesetze der Götter noch gegen die der Menschen verstoße, wenn ich dir helfe.“

„Gilt das nur für die Hilfe als solche oder auch für die Methoden?“, fragte Will. Groaltek grinste.

„Du bist klug und hörst gut zu. Doch mein Versprechen gilt auch für die Methoden. Davon aber abgesehen – ich bin auch in der Lage, mich völlig unsichtbar zu machen. Beim Beschaffen von Lebensmitteln ist das …“

„Das reicht! Kein Wort mehr!“, bremste Will. „Pirat!“, setzte er mit schiefem Lächeln hinzu.

„Ich kann dir garantieren, dass weder du noch deine Frau oder sonst jemand aus deinem menschlichen Bekanntenkreis in Verdacht geraten würde. Und den möchte ich den sehen, der ein Gespenst hängen kann“, erklärte der Schatzgeist.

„Du sagst, du bist verpflichtet, mir zu dienen. Ein Herr ist für die Handlungen seines Sklaven verantwortlich.“

Groaltek grinste breit.

„Und wer weiß, dass ich dein Sklave bin? Abgesehen davon, dass du mich nicht so behandelst, weiß es hier in Port Royal doch außer Elizabeth niemand, oder?“

„Nein, das stimmt“, räumte Will zögernd ein.

„Für die Handlungen eines Gespenstes kann kein Sterblicher verantwortlich gemacht werden. So einfach ist das. Außerdem – wer glaubt schon an Gespenster?“

Will seufzte. Groaltek hatte Recht und auch wieder nicht. Als Meister war er für Lehrlinge und Gesellen verantwortlich. Für Gesellen zwar nur in beruflicher Hinsicht, für Lehrlinge haftete er jedoch auch für deren Handlungen außerhalb der beruflichen Tätigkeiten. Allerdings – wo stand geschrieben, dass Groaltek sein Lehrling war? Im Gegenteil: Er lernte eher noch von dem alten Azteken …

„Gut, ich will dir vertrauen“, sagte er schließlich.

„Dann sperrst du jetzt deine Schmiede zu und wir gehen nach Hause“, schlug Groaltek vor. Will nickte nur, löschte das Schmiedefeuer, Groaltek löste sich auf und verschwand in Wills Medaillon. Nur wenig später war der junge Schmiedemeister auf dem Weg in die Gouverneursvilla.

Elizabeth empfing Will ebenso verblüfft wie froh, dass er sich von seiner Arbeit noch bei Tageslicht losreißen konnte.

„Du siehst müde aus“, bemerkte sie. Er nickte nur und umarmte sie schweigend.

„Komm, setz’ dich. Jenny bringt dir gleich den Tee und wird dir dann ein Bad richten“, lud die junge Frau ein. Will hielt sie sanft an der Hand fest.

„Elizabeth, komm, bleib’ hier“, bat er und zog sie auf seinen Schoß, als er sich setzte. Sie folgte ihm und strich ihm sanft durch das offene Haar.

„Was ist?“

„Liebling, ich muss bald wieder auf die Beine kommen, um wieder ordentlich arbeiten zu können“, sagte er.

„Eben darum solltest du es nicht übertreiben“, mahnte sie. Will rang sich ein schwaches Lächeln ab.

„Ich habe jetzt drei Monate nicht wirklich in der Schmiede gearbeitet. Wenn ich John Brown das Feld überlasse, versickert mehr Geld im Rumfass, als gut ist. Liebling, es soll dir an nichts fehlen, was du gewohnt bist.“

„Ach, deshalb schuftest du von Sonnenaufgang bis lange nach Einbruch der Dunkelheit!“, lächelte Elizabeth. „Will – meinetwegen hast du das nicht nötig.“

„Schatz, Geld fällt nicht vom Himmel. Ich muss dafür nun einmal arbeiten“, erklärte er. Elizabeth sah ihm tief in die schönen, braunen Augen. Müdigkeit und Erschöpfung hatten den früher darin befindlichen Glanz getrübt.

„Will, ich mag dir als verwöhnte Göre erscheinen. Sicher, ich bin mit goldenen Löffeln in den Taschen geboren worden. Mein Vater ist reich, ja. Aber das bedeutet nicht, dass ich am Reichtum hänge. Freiheit bedeutet mir mehr. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem neuen Kleid oder deiner Gegenwart, ich würde ohne zu zögern deine Gegenwart wählen. Ein Leben ohne dich hätte keine Bedeutung mehr für mich. Lieber würde ich in einer Höhle mit dir leben als ohne dich im Reichtum“, erwiderte sie und küsste ihn, bevor er etwas antworten konnte.

„Du … du meinst das ernst?“, erkundigte er sich vorsichtig, als sie sich aus dem Kuss lösten.

„Ja, das meine ich ernst. Und denk’ nicht, ich wüsste nicht, worauf ich mich einlasse. Ich möchte nicht, dass du dich meinetwegen totarbeitest.“

Will runzelte die Stirn.

„Hat Groaltek dich angesteckt?“

„Nicht nur Groaltek, Liebling. Mein Vater, Jerôme, dein Vater, Jack, Ambrose – alle sind der Ansicht, dass du nach den beiden Verwundungen noch eine Ruhepause brauchst. Dr. Savigny wirst du hoffentlich glauben.“

Will sah zu ihr auf.

„Vielleicht ist es die schönste Liebeserklärung, die ich je gehört habe, wenn du sagst, dass du lieber eine Höhle mit mir teilen möchtest als ein neues Kleid zu besitzen. Und? Wollen wir hier in Port Royal bleiben?“

Elizabeth lächelte schelmisch.

„Nein, auf keinen Fall! Sonst stehst du spätestens übermorgen wieder am Amboss – und das kommt überhaupt nicht in Frage!“

„Was hast du vor?“

„Mein Vater besitzt in Montego Bay ein hübsches Landhaus. Dorthin werden wir uns so lange verziehen, bis sich dein Blut ausreichend erneuert hat und du dich wirklich erholt hast.“

 

 

Kapitel 3

Ferien in Montego Bay

 

Drei Tage darauf hatten Will und Elizabeth es sich im Landhaus des Gouverneurs in Montego Bay an der Westseite Jamaicas bequem gemacht. Das Landhaus lag einsam in den Dünen am nördlichen Rand der Bucht; weit genug weg von dem Fischerdorf, um mit dem einfachen Volk dort nicht in zu nahen Kontakt zu geraten, aber nahe genug, um die täglichen Besorgungen erledigen zu können.

Hinter den Dünen war es vor den durchaus vorkommenden Unwettern der Karibik gut geschützt. Nur das oberste Stockwerk mit der großen Terrasse überragte die Düne und den Palmenhain am Strand. Von dort hatte man einen wunderschönen Blick über die tiefblaue See. Etwas Schöneres, als einen karibischen Sonnenuntergang von dieser Terrasse aus zu sehen, war nur schwer vorstellbar. Wegen der Abschirmung durch die Düne war die Mittagshitze dort oben allerdings schier unerträglich, weil nahezu kein Lufthauch dort ankam. Vor dem dichten Palmenhain reichte ein Anlegesteg vom luftigen, weißen Strand gut hundert Yards** in das glasklare Wasser hinaus. Am Ende des Stegs war das Wasser tief genug, dass dort auch eine Brigg oder eine Fregatte der Royal Navy anlegen konnte.

Will fiel es wirklich schwer, nichts zu tun. Seit er denken konnte, hatte er gearbeitet – neben der Schule hatte er Brot und Milch ausgetragen und damit ein wenig zum knappen Haushaltsgeld beigetragen, nach dem Tod seiner Mutter und seiner Ankunft in der Karibik hatte er mindestens von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gearbeitet und gelernt. Auf den Reisen mit Jack hatte er auch immer etwas zu tun gehabt. Jetzt war es für ihn das erste Mal im Leben, dass er wirklich nichts zu tun hatte. Doch William Turner jr. war für das süße Nichtstun einfach nicht geschaffen. In den ersten beiden Tagen hatte er Zeichnungen gemacht und neue Designvorlagen ausprobiert. Elizabeth war von seinem zeichnerischen Talent sehr angetan. Unter anderen Umständen hätte Will ein berühmter Maler sein können. So jedoch konzentrierte sich sein kreatives Talent hauptsächlich auf das Design von Degen und Schwertern, aber die Stücke aus Meister Turners Waffenschmiede waren nicht nur formschön und ausgewogen, sie waren auch richtig gute Waffen.

Doch Will war nicht nur künstlerisch begabt, er war auch sehr wissbegierig. Statt mittags zu schlafen, wie Elizabeth ihm empfahl, hörte er lieber Groaltek zu, der ihm von der Kultur der alten Azteken erzählte. Will baumelte bequem in einer der beiden der Hängematten, die er nebeneinander mitten in einer größeren Palmengruppe am Strand von Montego Bay befestigt hatte. Groaltek setzte sich – grünlich-transparent und für Jedermann sichtbar –, auf den Knoten der Hängematte am Fußende und erklärte Will, was immer er von den Azteken wissen wollte.

„Dieser Fluch, Groaltek, wie ist es dazu gekommen?“, erkundigte sich Will.

„Nun, ich habe dir von meinen Göttern erzählt, Sie sind zum Teil sehr eifersüchtig und noch mehr rachsüchtig. Dein Gott ist ein Gott der Vergebung, das sind aztekische Götter überhaupt nicht.

Als die Spanier hierher kamen, interessierte sie nichts anderes als Gold. Der amerikanische Doppelkontinent, die mittelamerikanische Landbrücke und die karibischen Inseln haben eine unendliche Vielfalt an Pflanzen, Früchten, warmem Klima und Leben in vielen Formen zu bieten, doch die Spanier interessierte nur das Edelmetall – sei es Silber oder Gold. Auch Edelsteine sind hier zu finden.

Für uns Azteken, für unsere toltekischen Nachbarn, für die Maya und die Inka hatten Edelmetalle und edle Steine nur religiöse Bedeutung. Gold und Silber sind Symbole für das Leben der Götter, für deren Blut und Gestalt. Das Gold steht insbesondere für den Sonnengott Huitzilopochtli, das Silber hauptsächlich für die Mondgöttin Ix-Chel. Im täglichen Leben spielten diese Dinge keine Rolle, nicht einmal als Zahlungsmittel. Dafür verwendeten wir hauptsächlich Fruchtkerne wie zum Beispiel Kakaobohnen, Kaffeebohnen oder die Kerne des Johannisbrots, wie ihr diesen Baum nennt. Wir konnten nicht begreifen, dass die Spanier so wild auf Gold waren.

Unsere Priester, die eine besondere Verbindung zu unseren Göttern hatten, hörten von den Göttern, dass sie auf die Spanier eifersüchtig waren und annahmen, dass die Spanier an die Stelle der Götter treten wollten. Besonders ausgeprägt erschien ihnen das bei Capitán Cortés. Auf Weisung des obersten Gottes, Quetzalcoatl, der Gefiederten Schlange, stellten drei besondere Priester nach einer langen Trancesitzung mit ihm diese achthundertzweiundachtzig Medaillons mit dem Bildnis unseres obersten Gottes her und weihten sie in der Pyramide von Cozumel.

Früher war Cozumel Territorium der Maya, aber nach dem Untergang des Maya-Reiches konnten wir Azteken die Pyramide übernehmen und weihten sie Quetzalcoatl. Er bestimmte, dass der Schatz auf ewig beisammen bleiben müsste, es sei denn, er selbst erlaube es einem Sterblichen, sich daraus zu bedienen. Ein Sterblicher, der mit Quetzalcoatls Segen ein Medaillon an sich nimmt, steht unter seinem besonderen Schutz und kann nicht sterben – auch nicht durch Gewalt. Er ist vom Glück begünstigt und es geht ihm nichts schief – vorausgesetzt, er gibt das Medaillon eines Tages freiwillig zurück und ist bereit, sich dem Urteil des Quetzalcoatl über sein Leben zu stellen.

Du kannst dir vorstellen, dass unser Sonnengott einen Gierhals wie Cortés nicht unbedingt geschätzt hat. Für die goldgierigen Spanier galt also nicht der Segen, sondern der Fluch der Aztekengötter.

Die Steintruhe wurde an Cortés geliefert in der Absicht, ihn damit von der Goldgier zu kurieren. Die Männer, die mit ihm zur Isla de Muerta segelten, sagten ihm, das Gold sei dazu bestimmt, ihn zu belohnen, wenn er die Azteken von nun an in Frieden lasse. Doch wenn das Töten nicht beendet werde, werde jeder Sterbliche, der auch nur ein Teil aus der Truhe ohne Zustimmung der Götter entferne, für alle Zeiten ein Untoter sein, den es dürstet und hungert, der jegliche angenehme Empfindung verliert – es sei denn, dass er die entwendeten Medaillons zurückgibt und etwas von seinem eigenen Blut opfert, um das vergossene Blut der Azteken zu sühnen.

Du kannst dir vorstellen, was geschehen ist: Die Spanier glaubten nicht an den Fluch der Götter, denn sie glauben nur an einen einzigen Gott. Dass er vielleicht derselbe sein könnte, den wir in vielen Gestalten ehren und den wir mit anderen Mitteln und Methoden verehren, als sie es taten, die Idee kam ihnen gar nicht. Sie töteten die Männer, die ihnen das Gold brachten und raubten das Gold.

Erst, als sie den Fluch spürten, gaben sie auf, rückten die Goldstücke wieder heraus und opferten ihr eigenes Blut – und vernichteten alle Hinweise auf die Isla de Muerta. Ihre Warnung hielt, bis Jack Sparrow sich für den Schatz zu interessieren begann, dessen Existenz immer noch als Legende kursierte. Als Wächter des Schatzes versuchte ich, ihn und deinen Vater davon abzuhalten, aber du weißt, was daraus geworden ist, dass sie nicht auf mich gehört haben.“

Will ließ die Erklärung eine Weile rutschen. Nachdenklich sah er über den weißen Strand auf das tiefblaue Meer hinaus, das friedlich und warm dalag und mit leide plätschernden Wellen den Strand hinauflief.

„Wie bist du Schatzgeist geworden?“, fragte er dann direkt. Groaltek wurde blau, dann gelb und schließlich rot.

„Ich weiß, ich kann dich nicht noch einmal belügen. Quetzalcoatl würde es mir nie verzeihen. Ich … gehörte zu jenen, die die Medaillons gefertigt haben und sie an Cortés übergeben haben. Nachdem Cortés mich und meine Gefährten umbringen ließ, habe ich Quetzalcoatl gebeten, andere warnen zu dürfen. Er gewährte mir die Gunst, verpflichtete mich aber zur Wahrhaftigkeit und bestimmte, dass ich dem, den ich belüge, dienen muss. Weil ich dir nicht die Wahrheit gesagt habe, bin ich nun dein Diener“, erklärte der Aztekengeist.

„Groaltek, kann es sein, dass du mich belogen hast, in der Absicht, mir dienen zu müssen, um dein aufgestautes Wissen loswerden zu können?“, erkundigte sich Will. Groaltek lächelte.

„Sieh mal, dein Vater hat ausgerechnet das Medaillon aus der Truhe gefischt, in dem ich gemütlich geschlafen habe. So war ich lange bei dir und dann bei Elizabeth – und deshalb kenne ich euch beide ganz gut. Ich konnte das Medaillon aber erst verlassen, als der Schatz wieder komplettiert war. Erst danach, als ich vor euren Augen in das einzelne Medaillon gezogen bin, konnte ich es nach Belieben verlassen. Aber mein Wissen wollte ich nur jemandem preisgeben, der es nicht zum Nachteil meines sterbenden Volkes nutzen würde; also jemandem wie dir, denn du bist ein ehrlicher Mensch, William. Solange ich dich kenne, hast du nie um deines eigenen Vorteils willen einen anderen belogen oder betrogen. Elizabeth ist dir in vieler Ähnlichkeit ähnlich. Ihr seid ein ideales Paar.“

„Wie lange musst du mir dienen?“, fragte Will.

„So lange, bis die Medaillons vernichtet sind. Dann endet auch meine Geisterexistenz.“

„Möchtest du, dass sie endet?“

„Eigentlich nicht, denn ich lerne auch gerne.“

„Würde Quetzalcoatl zustimmen, dass dieses Medaillon erhalten bleibt und nur die anderen vernichtet werden?“, fragte Will weiter.

„Du solltest ihn selbst danach fragen, wenn wir mit allen Medaillons in der Pyramide sind“, erwiderte Groaltek.

„Und du meinst, er würde mir antworten?“

„Er würde … durch mich antworten“, erklärte der Geist.

Während Elizabeth und Will in Montego Bay ruhige Tage verbrachten und der junge Schmied endlich ausreichend Ruhe für seinen immer noch mit Blutarmut kämpfenden Körper fand, zog in Port Royal eines Nachts Nebel auf. Nebel war auf Jamaica selten, denn damit Nebel entsteht, muss das Wasser mindestens zehn Grad wärmer sein als die Luft – und das ist in den Tropen nahezu ausgeschlossen.

James Norrington betrachtete den Nebel mit wachsender Skepsis. Für Nebel war es viel zu warm. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht …

„Mr. Groves!“, rief er. Lieutenant Stephen** Groves, der den Admiral begleitet hatte, nahm Haltung an.

„Sir?“

„Was meint Ihr, Mr. Groves, wie hoch ist die Lufttemperatur?“

Lieutenant Groves hatte ein ausgesprochen gutes Temperaturgefühl und war Norringtons wandelnde Wetterstation, wenn die entsprechenden technischen Geräte nicht greifbar waren. Der junge Lieutenant befeuchtete den linken Zeigefinger und hob ihn hoch.

„Etwa siebzig Grad Fahrenheit** Sir“, antwortete er.

„Und das Wasser?“, fragte Norrington weiter. Groves kniete auf dem Steg nieder und langte ins Wasser.

„Mindestens fünfundsechzig Grad, Sir.“

„Für Nebelbildung reicht der Temperaturunterschied nicht“, brummte Norrington. „Gebt Alarm, Mr. Groves!“

Stephen Groves sah Norrington verstört an.

„Wieso, Sir?“

„Mr. Groves, erinnert Ihr Euch an den Überfall der Black Pearl?“, fragte der Admiral. „Es war neblig, obwohl die Temperatur und erst recht die Temperaturdifferenz zwischen Luft und Wasser Nebelbildung nicht zugelassen hätten – so wie heute. Und wenig später tauchte dieses verfluchte Piratenschiff im Hafen auf“, erinnerte James.

„Aber der Fluch wurde gebrochen, Sir“, erinnerte Groves den Admiral seinerseits.

„Mag sein“, räumte der ein. „Aber ich traue Sparrow nicht über den Weg. Wenn er einen Vorteil in dem Fluch sieht, wird er ihn nutzen; vor allem, nachdem er den Weg kennt, ihn wieder loszuwerden. Gebt Alarm!“

„Aye, Sir!“, bestätigte Groves.

„Mr. Murtogg, Mr. Mullroy, alarmiert Commander Gillette! Die Dauntless soll die Geschütze zum Hafen hin feuerbereit haben!“, befahl Norrington.

„Aye, Sir!“, bestätigten beide wie aus einem Munde und sprangen in das am Kai vertäute Boot. Unter Mullroys beträchtlichem Gewicht schwankte es bedrohlich, kenterte aber zu beider Glück nicht. Der kräftige Mullroy pullte eilig zu der auf Reede liegenden HMS Dauntless.

Nicht lange, nachdem der trübe Tag zu einer ebenso trüben Nacht geworden war, schob sich ein dunkler, unbeleuchteter Schiffsrumpf in den Hafen von Port Royal. Selbst durch den fast zu Nebel verdichteten Dunst war aber das Glimmen der Kanonierslunten erkennbar.

„Fremdes Schiff! Gebt Euch zu erkennen!“, rief der Ausguck von der HMS Dauntless hinüber. Die Antwort des unbekannten Schiffes bestand in einer vollen Breitseite, die von dort abgeschossen wurde. Nur mit viel Glück entging die vor Anker liegende Dauntless der Versenkung. Die Salve war nicht deckend**, sondern platschte einige Yards vor der HMS Dauntless ins Hafenwasser. Die Kanoniere der HMS Dauntless und der Festung Fort Charles reagierten prompt und schossen vom Schiff ebenso eine volle Breitseite und aus sämtlichen Kanonen der Artilleriestellungen des Forts, die den Hafen erreichen konnten. Nach heftigem Geschützgefecht zog sich das unbekannte Schiff aus dem Hafenbereich zurück und verschwand im Schutz von Nacht und Nebel.

Norrington lächelte zufrieden.

„Damit kommt Ihr hier nicht mehr rein, Sparrow!“

„Meint Ihr, dass es wirklich die Black Pearl war, Sir?“, erkundigte sich Lieutenant Groves.

„Wer sollte es sonst sein, Lieutenant?“, fragte James zurück.

„Mit Verlaub, Sir, Jack Sparrow hat seit der Geschichte mit dem verfluchten Gold der Azteken nichts mehr gegen die britische Krone unternommen“, gab Groves zu bedenken.

„Er ist und bleibt ein Pirat, Mr. Groves. So einer ändert sich nicht.“

„Aye, Sir!“, erwiderte Stephen mit unüberhörbarem Seufzen.

„Ihr glaubt mir nicht recht, Mr. Groves“, stellte James fest. Der Lieutenant sah den Admiral einen Moment an.

„Sir, es gibt viele Piraten in der Karibik. Captain Sparrow ist nur einer von ihnen. Nach allem, was ich über ihn gehört und erfahren habe, hat er jedenfalls Verbrechen gegen die britische Krone abgeschworen.“

„Aha. Und von wem wisst Ihr das, Mr. Groves?“, hakte Norrington nach.

„Nun, Sir, Mr. Turner ist mit Captain Sparrow gut befreundet. Außerdem ist sein Vater Erster Maat oder Steuermann bei Captain Sparrow“, erwiderte Groves.

„Mr. Turner ist selbst ein halber Pirat!“, entgegnete der Admiral mit gewisser Schärfe.

„Turner? Nein, der gewiss nicht, Sir“, wehrte der Lieutenant ab. Norrington hob fragend eine Augenbraue.

„Ihr … haltet Euch nicht für … voreingenommen, Mr. Groves?“, hakte James nach.

„Ich denke, Sir, ich … kenne … Mr. Turner inzwischen ganz gut. Dass er Sparrow vor dem Galgen gerettet hat …“, sagte Stephen, brach aber ab, als er den strafenden Blick seines Vorgesetzten bemerkte. Doch die Reaktion, die dann von James Norrington folgte, hatte der junge Lieutenant nicht erwartet.

„Na schön“, seufzte der Admiral. „Vielleicht sollte ich mit ihm reden“, überlegte er laut.

Elizabeth und Will Turner dösten in der Mittagshitze in den benachbarten Hängematten im Palmenhain am Strand von Montego Bay. In den ruhigen Tagen hatte Will sich doch an ein Mittagsschläfchen gewöhnt, das er inzwischen sehr genoss. Ein stärkerer Windstoß brachte Elizabeths Hängematte etwas mehr ins Schaukeln und ließ sie den Kopf heben, um nachzusehen, ob sich nicht doch ein Hurrikan näherte. Doch alles war ruhig, das Meer hatte nicht einmal Schaumkronen. Ihr Blick ging zu ihrer Linken, wo Will dicht neben ihr in seiner Hängematte lag. Er hatte die Augen geschlossen und schien fest zu schlafen. Elizabeth ließ sich mit einem Lächeln wieder in das Kissen sinken. Wie von selbst ging ihre Hand auf Wanderschaft, tastete nach der seinen und umfasste sie sanft. Mit einem glücklichen Lächeln spürte sie seine liebevolle Erwiderung.

Die Tage hier in Montego Bay – ruhig, friedlich und warm – hatten ihnen beiden gut getan. Will hatte sich gut erholt, die kranke Blässe seiner Haut wich allmählich wieder einer gesunden Bräune, die die karibische Sonne in sein ebenmäßiges Gesicht zauberte. Nächte voller Liebe, Zärtlichkeit und friedvoller Ruhe lagen hinter ihnen – und vor ihnen auch. Für Elizabeth hätte es bis zum Ende ihrer Tage so bleiben können.

Wenn sich die jungen Leute wie jetzt am Tage zur Ruhe legten, setzte Groaltek sich auf den Knoten am Fußende von Wills Hängematte und wachte über sie, sorgte dafür, dass niemand sie störte. Er hatte kein Verlangen danach, sein Geisterdasein mit der Vernichtung des Schatzes der Isla de Muerta zu verlieren. Will und Elizabeth waren angenehme Herren, die ihn nicht herum scheuchten und seine körperlose Existenz zu allerlei Schabernack nutzten, wie es andere schon getan hatten. Wäre es nach ihm gegangen, wäre er gern bis zum Ende der Welt bei den beiden Menschen geblieben, die ihn achteten und als Freund behandelten.

In seiner Betrachtung der beiden Menschen, die er mochte, entging dem Schatzwächter beinahe das Schiff, das sich um das Kap nördlich der Bucht schob und Montego Bay ansteuerte. Als er es bemerkte, erschrak er so, dass er einen ebenso lauten wie markigen Fluch auf Nahuatl, der Sprache der Azteken, ausstieß, dass Will und Elizabeth erschrocken hochfuhren.

„Was ist?“, rief Will erschrocken. Groaltek fuhr herum und erschrak gleich noch mal, als er sah, dass Will den Säbel, den er am Strand stets neben sich im Sand stecken hatte, schon in der Hand hatte. Der Schreck reichte aus, um den Schatzgeist das Gleichgewicht verlieren zu lassen. Er purzelte vom Ende der Hängematte und hatte Glück, in den weichen Sand zu fallen. Auch ein Gespenst war ein Sklave der Schwerkraft – jedenfalls dann, wenn es nicht die völlig körperlose Gestalt wählte …

„Seht, Mylord! Ein Schiff!“, stieß der Azteke hervor. Will sprang aus der Hängematte, sah das Schiff und ließ den schon abwehrbereit erhobenen Säbel wieder sinken, als er die Flagge der Royal Navy am Heck der Fregatte erkannte.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass unser schöner Erholungsurlaub beendet ist“, seufzte er und legte Elizabeth, die neben ihn getreten war, den linken Arm um die Schulter.

„Warum glaubst du das?“

„Die Royal Navy bemüht sich nicht ohne Grund nach Montego Bay, mein Liebling.“

 

Kapitel 4

Untersuchung

Wie Recht Will Turner hatte, zeigte sich keine halbe Stunde später, als die HMS Dauntless am Anlegesteg vor dem Landhaus des Gouverneurs festmachte und Admiral Norrington, Lieutenant-Commander Gillette mit Murtogg und Mullroy als Eskorte von Bord gingen und schnurstracks auf das Landhaus zukamen.

Will versenkte demonstrativ seinen Säbel in der Scheide, Norrington und Gillette zogen höflich die Hüte; James entbot Elizabeth einen galanten Handkuss und verbeugte sich leicht vor Will, der den Gruß erwiderte.

„Guten Tag, Mrs. Turner; guten Tag, Mr. Turner.“

„Guten Tag, Admiral Norrington“, grüßte Will. „Was führt Euch nach Montego Bay?“, erkundigte er sich dann.

„Port Royal wurde überfallen.“

Elizabeth und Will sahen sich erschrocken an, Will nahm seine Frau schützend in die Arme.

„Was … was ist mit meinem Vater?“, fragte die junge Frau besorgt.

„Eurem Vater geht es gut, Mrs. Turner. Es gab zum Glück weder Tote noch Verletzte, auch sonst ist kein materieller Schaden angerichtet worden. Dennoch ist dieser Überfall eine ernste Angelegenheit. Der Überfall trägt ziemlich eindeutig die gleichen Züge wie der letzte Überfall der Black Pearl: Es war ohne ersichtlichen Grund neblig und buchstäblich bei Nacht und Nebel kamen die Piraten. Das sieht sehr nach der Handschrift Eures Freundes Sparrow aus …“, äußerte James seinen Verdacht.

„Jack?“, entfuhr es Will.

„Nein, Admiral, der bestimmt nicht!“, pflichtete Elizabeth ihm bei.

„Was macht Euch so sicher, Mr. Turner – und Euch natürlich auch, Mrs. Turner?“

„Ich weiß, Ihr seht in Captain Sparrow nur den Piraten, Admiral. Aber Jack hat, solange ich ihn kenne, nie gegen die britische Obrigkeit in den karibischen Gewässern gehandelt. Ihr wisst selbst, dass Jack Sparrow mindestens seit der Amnestie durch Governor Swann nichts unternommen hat, was gegen britische Gesetze verstößt“, entgegnete Will ruhig. James’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Vielleicht haben wir gegenwärtig nur keine Beweise dafür?“ mutmaßte er. „Ich … möchte Euch dringend davon abraten, zu enge Beziehungen zu einem Piraten zu unterhalten.“

„Wollt Ihr mir drohen, Admiral?“, erkundigte sich Will.

„Eigentlich möchte ich eher wissen, wo Sparrow steckt“, erwiderte Norrington mit einem kühlen Lächeln. Wills Augen verdunkelten sich.

„Admiral Norrington, nehmt bitte zur Kenntnis, dass Captain Sparrow ein Freund von mir und meiner Frau ist und wir seinen Aufenthaltsort gewiss niemandem mitteilen werden, von dem wir annehmen müssen, dass er die Black Pearl erst versenkt und dann die Fragen stellt“, entgegnete der junge Schmiedemeister scharf.

„Ihr vergreift Euch im Ton, Mr. Turner!“, fuhr Norrington ihn an.

„Moment mal!“, fuhr Elizabeth dazwischen. James sah sie verblüfft an.

„Admiral, wenn Ihr von uns erwartet, dass wir Euch Captain Sparrows Aufenthaltsort preisgeben, obwohl wir annehmen müssen, dass Ihr ihn einfach verhaften wollt, dann müsst Ihr uns für ausgesprochen schlechte Freunde halten! Ein Mensch, der seinen Vater und einen Freund ans Messer liefert, ist schlimmer als der schlimmste Feind! Erwartet so etwas nicht von Will und mir. Eher geht die Sonne im Westen auf!“, grollte Elizabeth.

„Darf … ich das so verstehen, dass Ihr wisst, wo er ist, es mir aber nicht mitteilen würdet?“

„Nein, wir wissen nicht, wo er ist. Er wollte die spanischen Kolonien abgrasen, wie er uns sagte, bevor er das letzte Mal aufbrach. Dagegen kann die englische Krone nichts haben, weil mit Spanien ständig irgendwelche Händel sind“, entgegnete Elizabeth.

„Und warum seid Ihr dann so sicher, dass er sich an diese Ankündigung auch hält?“, fragte Norrington weiter.

„Jack ist sicher ein Pirat, einer, der normalerweise nur für seine eigenen Interessen arbeitet und sich einen Dreck um Vater Staat schert“, erwiderte Will. „Aber er ist auch ein guter Mann, der zu seinem Wort steht. Wenn Ihr mich genau fragt, weshalb ich an Jacks Unschuld in dieser Sache glaube, dann ist es gerade Euer Hinweis auf den ungewöhnlichen Nebel, Sir.“

Norrington und Gillette sahen sich verblüfft an.

„Was hat es damit zu tun, dass der Nebel unerwartet kam? Es ist eine Spezialität von Piraten, Nebel für einen Angriff auszunutzen“, bemerkte der Lieutenant-Commander.

„Nun, Ihr wisst, dass der Angriff der Black Pearl unter Captain Barbossa bei Nebel erfolgte – aber es war eigentlich viel zu warm für Nebel, oder?“, fragte Will. Die beiden Navy-Offiziere nickten im Takt.

„Ja“, bestätigte Norrington.

„Seht, dieser Nebel ist eine Folge des Azteken-Fluchs. Nur Schiffe, die mit verfluchten Seeleuten bemannt sind, umgibt dieser seltsame Nebel“, erklärte Elizabeth.

„Woher wisst Ihr das?“, hakte der Admiral prompt ein.

„Wir haben es festgestellt, als die Black Pearl die HMS Interceptor verfolgte. Es war strahlender Sonnenschein, es war warm, um nicht heiß zu sagen – aber die Black Pearl umwaberte diese Nebelwolke. Aber wir haben diese Beobachtung auch bestätigt bekommen“, sagte Will.

„Von wem?“, bohrte James. Will drehte sich zu dem dichten Palmenhain um und winkte.

„Groaltek, kommst du bitte?“, rief er.

Zur Überraschung Norringtons und Gillettes kam ein indianisch aussehender Mann aus dem Palmenhain, den sie vorher gar nicht bemerkt hatten.

„Erlaubt, dass ich Euch meinen Freund Groaltek vorstelle, Admiral. Groaltek ist Azteke und hat uns von den Bräuchen und Flüchen seines Volkes erzählt. Groaltek, das ist Admiral Norrington, der Chef der Royal Navy auf Jamaica“, stellte Will vor. Der Azteke verbeugte sich leicht und gemessen vor dem britischen Admiral.

„Ihr seid Azteke? Ich glaubte, die Azteken seien ausgestorben …“, wunderte sich James.

„Nein, ausgestorben sind wir nicht, wenngleich die Spanier sich die größte Mühe gegeben haben, mein Volk auszulöschen. Wir sind nicht mehr sehr viele, aber wir sind noch immer ein überlebensfähiges Volk.“

„Schön. Was wisst Ihr über diesen Fluch?“

„Wie er sich äußert – mit Skelettgestalt im Mondlicht und der Tatsache, dass man nicht sterben kann – das wisst Ihr bereits. Aber es geht offenbar um den Nebel, richtig?“

„Ja“

„Also, der Fluch ist eine Strafe meiner Götter …“

„Hört mit diesen blasphemischen Reden auf!“, grollte Gillette. „Es gibt nur einen Gott!“, fauchte er. Groaltek zuckte mit den Schultern.

„Dann fragt jemand anderes um Rat, meine Herren“, versetzte der Schatzgeist. Vor den Augen der entsetzten Soldaten verwandelte er sich in eine grünlich-transparente Gestalt, marschierte einfach durch den Admiral hindurch, löste sich zu einer grünen Wolke auf und zog als grüner Dunst in das Medaillon, das an einer Kette um Wills Hals hing.

„Was … was ist das?“, keuchte Gillette mit panischem Blick. Murtogg und Mullroy traten vorsichtig einen geordneten Rückzug zum Anlegesteg an. James Norrington schien es komplett die Sprache verschlagen zu haben. Elizabeth lächelte leicht.

„Das, Commander, ist Groaltek, der Wächter des Schatzes, der die verfluchten Medaillons seit ihrer Herstellung durch aztekische Priester hütet. Wir mögen als Christen den Glauben an die heidnischen Götter ablehnen, doch es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Das wusste schon William Shakespeare“, sagte sie.

„Aber … aber … der ist ja ein Gespenst!“, stotterte Gillette.

„Och, jedes gute englische Schloss hat sein Gespenst“, grinste Will. „Warum nicht ein aztekischer Goldschatz einen Schatzgeist?“

„Ihr müsste mit dem Teufel im Bund sein!“, stieß der Commander hervor. Es war ein im Wortsinne lebensgefährlicher Ausruf, den Gillette tätigte. Als Teufelsjünger bezeichnet zu werden, konnte Will Turner nicht auf sich beruhen lassen. Noch immer gab es in Europa Hexenprozesse, die nur allzu oft für den Beschuldigten auf dem Scheiterhaufen endeten. Solche Prozesse waren nicht allein auf Frauen beschränkt, die der Hexerei beschuldigt wurden. Es kam durchaus vor, dass auch Männer dieses Verbrechens bezichtigt wurden und ebenso durch die Mühlen der Justiz gemahlen wurden – Folter eingeschlossen.

Gillette bereute seinen Ausruf, als er auf die rasiermesserscharfe Klingenspitze von Will Turner sah. Die braunen Augen des jungen Schmieds waren schwarz vor Zorn.

„Das nehmt Ihr auf der Stelle zurück und bittet um Entschuldigung, sonst lernt Ihr den Allmächtigen in den nächsten drei Augenblicken kennen! Hoffentlich lässt Petrus Euch oben an der Himmelstür rein, Mr. Gillette“, knurrte er. Norrington stellte sich schützend vor Gillette.

„Ihr bedroht einen Offizier Seiner Majestät!“, fuhr er Will an.

„Der einen guten Christenmenschen einen Teufelsjünger schimpft!“, fauchte Elizabeth. Der Admiral senkte den Blick. Turner war im Recht und Gillette in seinem gut anglikanischen Glaubenseifer einen großen Schritt zu weit gegangen. Norrington trat zur Seite und drehte sich zu Gillette um.

„Ihr bittet Mr. Turner auf der Stelle um Entschuldigung, Mr. Gillette!“, befahl er.

„Aye, Sir!“, bestätigte Gillette, der innerlich ohnehin schon zurückgepullt war. „Ich bitte für meine unbedachten Worte um Entschuldigung, Mr. Turner“, sagte er – und es klang absolut ehrlich. Will zog den Säbel zurück und schob ihn in die Scheide.

„Ich akzeptiere Eure Entschuldigung, Commander Gillette“, erwiderte er.

James Norrington atmete tief durch. Es war nicht klug, den jungen Mann herauszufordern. Der Gouverneur schätzte seinen Schwiegersohn und würde ihn schützen, das war dem Admiral klar.

„Gut. Wenn Ihr uns etwas über den Fluch sagen könnt – gerade wenn es Euch veranlasst, Mr. Sparrow von meinem Verdacht auszuschließen – dann sagt es mir, bitte“, sagte James. Es klang erheblich höflicher als bisher.

„Wie auch immer der Fluch über diese Medaillons gekommen ist, er äußert sich jedenfalls in diesem ungewöhnlichen Nebel. Jack hatte sich während des Kampfes mit Barbossa selbst den Fluch als Schutzschild genommen, damit Barbossa ihn nicht töten konnte. Er hat mir das von seinem Blut benetzte Medaillon zugeworfen, und ich habe es zusammen mit meinem samt meinem Blut in der Kiste versenkt. Der Fluch wurde damit gebrochen, wie Ihr wisst.

Jack hat mir später erzählt, dass er sich zwar sicher, aber ausgesprochen unwohl gefühlt hat. Er meinte, er würde das nicht noch mal freiwillig auf sich laden. Jack ist ein Genießer – und wenn er seinen Rum nicht mehr schmecken kann, er bei jeder noch so saftigen Passionsfrucht nur auf Asche beißt, dann verdirbt es ihm extrem die Laune. Das ist der eine Grund, weshalb wir ausschließen können, dass Jack sich des Fluchs bedient“, erklärte Will. „Der andere Grund ist: Wir wissen, dass sich jemand an den Medaillons vergriffen hat und samt seiner Crew unter dem Fluch steht: Jamie Einauge, Nachrichtenhändler aus Tortuga und selbst Captain eines Piratenschiffs, der Mermaid“, setzte er hinzu.

„Deckt Ihr den?“, fragte Norrington.

„Nein, keineswegs, Sir. Aber durch das letzte Abenteuer, bei dem die Crew der Black Pearl, Elizabeth und ich meinen Vater befreit haben, brauchten die Männer der Black Pearl eine Pause – und ich erst recht, nachdem ich zwei schwere Verwundungen nur knapp überlebt habe. Außerdem … wollten wir Jamie und seine Leute ein bisschen schmoren lassen. Sie sollten gern merken, wie unangenehm dieser Fluch ist“, grinste Will.

„Und warum habt Ihr der Navy das nicht angezeigt, Mr. Turner?“, hakte Gillette nach.

„Auch das hat mehrere Gründe, Mr. Gillette. Die Crew der Black Pearl und wir beide haben inzwischen eine gewisse Erfahrung mit dem Fluch. Zudem haben wir dem Hüter des Schatzes das Versprechen gegeben, den verfluchten Schatz ein für allemal zu vernichten. Ich werde ungern wortbrüchig“, sagte Will.

„Soll ich das so verstehen, dass Ihr Euch Selbstjustiz anmaßen wollt, Mr. Turner?“, fragte der Admiral streng.

„Bei Gott, nein, Admiral!“, schaltete sich Elizabeth ein. „Aber es wird nicht ohne uns gehen.“

„Wie … ist das zu verstehen, Mrs. Turner?“, fragte James verstört.

„Auch mehrere Gründe. Einer ist, dass Wills Leben damit gesichert ist. Er muss bei der Vernichtung des Schatzes anwesend sein, um den Segen, der für ihn damit verbunden ist, zu erhalten. Das mag Euch als Hokuspokus erscheinen“, schob sie ein, als sie den ungläubigen Ausdruck im Gesicht des Admirals sah. „Aber der Fluch als solcher schien ebenso Hokuspokus zu sein –, und Ihr wisst, wie real er war. Mit dem Segen sieht es nicht anders aus, glaubt mir. Dann ist es nun einmal Tatsache, dass wir tunlichst erst den Fluch aufheben müssen, bevor ein Kampf mit Jamie und seinen Leuten überhaupt Erfolg verspricht. Dazu brauchen wir die Medaillons. An die wird die Navy nicht ohne weiteres herankommen.“

„Und wieso nicht?“

„Piraten trauen der Navy nicht über den Weg – wie auch umgekehrt nicht“, grinste Elizabeth. „Aber andere Piraten könnten Erfolg haben, die nötigen Informationen zu bekommen. Es wird einer großen Überzahl bedürfen, die verfluchten Leute einzufangen und zur Isla de Muerta zu bringen, um den Fluch aufzuheben.“

„Euch ist klar, dass das Recht, zu strafen ausschließlich bei der Krone liegt?“, fragte Norrington.

„Ja. Aber es gibt genügend Fälle, in denen Piraten ein Kaperbrief ausgestellt wurde, um andere Piraten zur Strecke zu bringen“, erinnerte Elizabeth.

„Würde Sparrow sich auf so etwas einlassen?“

„Es würde seiner Auffassung von Freiheit vermutlich widersprechen“, sagte Will. „Aber man könnte es versuchen.“

„Freiheit?“

„Es gibt verschiedene Gründe, aus denen Menschen zu Piraten werden, Admiral“, sagte Turner. „Die meisten werden aus materieller Not dazu. Nicht jede Waise hat wie ich das Glück, einen ehrbaren Beruf zu erlernen und das Geschäft seines Meisters zu übernehmen, weil der keine Erben hat. Seht Euch nur im Hafen von Port Royal um. Es gibt eine Menge Leute, deren einziger Wunsch es ist, sich einmal am Tag satt essen zu können. Aber weil sie mangels Vermögen ungebildet sind, finden sie keine passabel bezahlte Arbeit. Ohne Arbeit kein legal verdientes Geld, ohne Geld kein Essen und schon gar kein Dach über dem Kopf. Die Rechnung ist einfach, Sir. Und dann gibt es welche, die in unserer streng aufgeteilten Gesellschaft keinen Platz finden, weil ihnen das Verhalten der Mächtigen als Unrecht erscheint. Zu dieser Sorte gehört Jack. Für ihn bedeutet Piraterie Freiheit, Ungebundenheit von Zwängen, die ihm andere auferlegen wollen. Ihm geht es nicht um Reichtum im materiellen Sinn. Er will einfach nur das tun, was er möchte und sich dabei nicht von anderen hineinreden lassen. Ihr werdet ihn nie dazu bringen, sich dem Befehl eines anderen zu unterwerfen, aber Ihr könnt ihn als Verbündeten gewinnen.“

James Norrington nickte.

„Ich habt Euch damit befasst, höre ich aus Euren Worten.“

„Elizabeth hat mir viel erzählt, mein Vater und Jack auch. Ich selbst habe unglaubliches Glück gehabt, dass ich Eurem Schiff über den Weg schwamm, dass Elizabeth mich fand und der Gouverneur so viel Vertrauen zu mir hatte, dass er dafür sorgte, dass ich eine gute Ausbildung bekam. Sonst wäre ich unwissentlich und ganz gegen meinen Willen ziemlich schnell selbst Pirat geworden.“

„Wäre es wirklich gegen Euren Willen gewesen?“

„Ja, denn meine Mutter hat mich gelehrt, mich von Piraten fernzuhalten.“

„Obwohl sie mit einem Piraten verheiratet war?“, wunderte sich Norrington.

„Es würde zu weit führen, Euch meine komplette Familiengeschichte zu erzählen. Seid nur sicher, dass meine Mutter keine Ahnung davon hatte, dass mein Vater durch widrige Umstände Pirat geworden war – so wenig wie ich, bevor ich es von Jack erfuhr.“

„Ihr … würdet mir nicht verraten, wo sich die Black Pearl aufhält?“, fragte Norrington nach.

„Ich weiß es selbst nicht“, erwiderte Will.

„Wirklich nicht?“, bohrte der Admiral unnachgiebig weiter.

„Jack erwähnte eher beiläufig, dass er lange nicht auf den Bahamas war, aber ob die Black Pearl dort wirklich ist, weiß ich nicht. Jack wollte sich melden, wenn sie wieder in der Nähe sind.“

„Und Euer Vater?“

„Mein Vater ist Seemann, Admiral. Der hat kein Blut in den Adern, sondern pures Salzwasser. Der kann an Land nicht leben. Aber das konnte er noch nie, Sir.“

James sah William lange an. In dessen Augen war keine Lüge, so viel konnte der Admiral erkennen.

„Mr. Turner, bis zum vollen Beweis des Gegenteils bleibt die Crew der Black Pearl samt ihrem Captain und Eurem Vater unter dem Verdacht, Port Royal überfallen zu haben“, sagte er schließlich. Trotz seiner eigenen Kenntnis des Fluchs und der Folgen schien ihm das, was ihm Will und Elizabeth Turner dazu gesagt hatten, immer noch unglaublich …

„Ich bin ein einfacher Handwerker, Sir, aber es gibt einen Grundsatz unseres Rechtes, der selbst mir bekannt ist: Schuld muss bewiesen werden, nicht Unschuld“, versetzte Will. James lächelte kühl.

„Es sei denn, dass der Verdächtige sich bereits einschlägige Vergehen geleistet hat – und das ist bei Captain Sparrow nun wirklich nicht zu leugnen, Mr. Turner. Ich wünsche einen guten Tag!“, sagte er, lüftete höflich den Hut und machte Richtung Anlegesteg kehrt. Gillette und die beiden Marinesoldaten folgten ihm.

Will sah Elizabeth an.

„Wir müssen zurück nach Port Royal!“, sagte er.

 

Kapitel 5

Die Entscheidung des Gouverneurs

1„Seid Ihr völlig sicher, Admiral Norrington?“, erkundigte sich Governor Swann, als James ihm von seinem Verdacht gegen die Black Pearl und ihre Crew berichtete.

„Nun, Sir, ich habe sicher keinen handfesten Beweis, aber Captain Sparrow ist und bleibt ein Pirat.“

Swann erhob sich und ging um den Tisch herum.

„Es gibt keine Hinweise, dass Sparrow und seine Leute seit der Amnestie irgendetwas gegen britische Gesetze getan hätten“, sagte er. Norrington lächelte kühl.

„Mit Verlaub, Sir, allein die Tatsache, dass er sein Schiff ohne ordnungsgemäße Registrierung in einem Schiffsregister betreibt, ist bereits ein Akt der Piraterie“, entgegnete er.

„Dann seht bei Gelegenheit mal in unser Schiffsregister, Admiral. Die Black Pearl ist dort eingetragen.“

James sah den Gouverneur verblüfft an.

„Wer hat die Eintragung vorgenommen?“, entfuhr es ihm.

„Ich, wenn Ihr gestattet“, grinste Swann.

„Verzeihung, Governor Swann!“, keuchte Norrington. „Aber … glaubt Ihr wirklich, dass Sparrow endgültig den Pfad der Piraterie verlassen hat?“, hakte er dann nach. Swann schüttelte den Kopf.

„Nein, sicher nicht. Den Mann kann man nicht kurieren, aber vielleicht seine Talente nutzen. Jack Sparrow hat mir zugesagt, dass er nur noch in Ländern oder Kolonien sein Unwesen treiben wird, die England feindlich gesinnt sind. Da hat er genug zu tun und lässt unsere Schiffe und Kolonien in Ruhe“, erwiderte er.

„Ihr … wärt also ebenso wie … Mr. Turner der Ansicht, dass die Black Pearl mit dem Überfall auf den Hafen nichts zu tun hat?“

„Admiral Norrington, ich weiß, dass Ihr Euer Leben der Jagd nach Piraten verschrieben habt. Das schätze ich sehr wohl, versteht mich nicht falsch; aber bedenkt auch, dass ein Sir Francis Drake oder ein Sir Walter Raleigh oder auch Sir Henry Morgan eine Begegnung mit Euch nicht überlebt hätte – oder Ihr nicht. Sie alle waren Piraten, doch dienten sie auch England“, gab der Gouverneur lächelnd zu bedenken.

„Bei allem Respekt, Governor: Wollt Ihr Jack Sparrow auf eine Stufe mit dem Seehelden Drake stellen?“, fragte der Admiral.

„Ihr könnt es drehen und wenden, wie Ihr wollt: Drake war ein Pirat, Sir; aber einer, den die Königin schützte, weil er ihre Staatskasse gut füllte. Wenn jemand wie Jack Sparrow die Franzosen und Spanier so beschäftigt, dass sie ihre Fühler nicht nach Jamaica ausstrecken, dann dient auch ein Jack Sparrow Britannien – vielleicht unbewusst und nicht gewollt, doch er schützt auch unsere Interessen. Bis zu einem gewissen Grad sollten wir ihm dafür dankbar sein“, erklärte Weatherby Swann.

„Eure … Ansichten … haben sich geändert, Exzellenz“, bemerkte James.

„Ja, das haben sie. Ich will nicht verschweigen, dass der junge Mr. Turner und Captain Sparrow einen gewissen Anteil daran haben. Ich habe erkennen dürfen, Admiral, dass Pirat nicht gleich Pirat ist“, grinste der Gouverneur und nippte an seinem Tee. „Admiral, vielleicht sind wir beide in dieser Frage voreingenommen. Ihr schert sie alle über einen Kamm, ich versuche zu differenzieren, aber ich halte mich nicht für unfehlbar. Ich werde deshalb einen Lordrichter aus London anfordern. Auch ein Pirat hat das Recht auf ein faires Verfahren und einen gerechten Richterspruch.“

„Governor, ich diene England …“

„So, wie ich es auch tue, Admiral Norrington. Der Dienst an Großbritannien macht mir aber klar, dass ungewöhnliche Gebiete wie diese nur mit ungewöhnlichen Mitteln zu halten sind. Außer einigen Inseln in den Bermudas, den Bahamas, den Inseln unter dem Wind und Jamaica hat Großbritannien nicht allzu viele Standbeine in der Karibik. Ich möchte das nicht leichtfertig verscherzen. Darum möchte eine wirklich neutrale Untersuchung des Falles.“

„Aye, Sir!“, bestätigte James Norrington, salutierte und verließ den Gouverneurspalast.

Weatherby Swann saß gerade wieder, als Butler Jenkins ihm seine Tochter und seinen Schwiegersohn meldete.

„Mylord, Eure Tochter und der junge Mr. Turner.“

„Lasst sie ein, Jenkins“, winkte Swann. Jenkins bat Elizabeth und Will mit gemessener Verbeugung in das Amtszimmer des Gouverneurs.

„Guten Tag, Sir“, grüßte Will mit einem Lächeln und einer Verbeugung, während Elizabeth ihrem Vater an den Hals flog.

„Elizabeth! William! Ihr beide seid schon zurück aus Montego Bay?“, fragte Swann verblüfft und umarmte seine Tochter liebevoll.

„Nachdem James Norrington Jack und Vater im Verdacht hat, dass sie mit ihrer Crew Port Royal überfallen haben, hatten wir keine Ruhe mehr. Papa, das darfst du nicht glauben!“, beschwor Will seinen Schwiegervater. Swann lächelte milde.

„Setzt euch, Kinder, setzt euch bitte hin! Du zappelst wie ein frisch gefangener Hering, William! Und du auch, Elizabeth!“

Die jungen Leute zwangen sich zur Ruhe und setzten sich brav in den Sessel gegenüber dem Schreibtisch des Gouverneurs.

„Elizabeth, William, ich kann es auch nicht glauben, aber ich bin weder Richter noch Polizist. Admiral Norrington ist an das Gesetz gebunden, …“

„… wie wir alle“, vollendete Elizabeth den Satz. „Ich weiß. Aber ich fürchte, er wird Jack und Wills Vater erst hängen und dann fragen, was sie eigentlich angestellt haben. Das darfst du nicht zulassen, Papa!“

„Habe ich gesagt, dass ich das tue?“, fragte Swann und lehnte sich in den Sessel zurück. „William, ich habe dir Gnade gewährt, ich habe Jack Sparrow und seine ganze Bande amnestiert. Nach dem, was dein Vater angestellt hat, habe ich um deinet- und Elizabeths willen lieber gar nicht erst gefragt. Du solltest mich inzwischen so gut kennen, dass dir klar ist, welche Unterschiede ich mache, mein Junge.“

„Gut. Was hast du vor?“, fragte Will.

„Ich werde diese Angelegenheit neutral untersuchen lassen. Admiral Norrington ist nicht unparteiisch, du und Elizabeth bei Sparrow und deinem Vater ebenfalls nicht. Ich werde London daher um die Entsendung eines Lordrichters bitten. Wenn du Sparrow überredest, sich dem Gericht zu stellen, gewähre ich ihm freies Geleit“, bot der Gouverneur an. Will nickte.

„Ich denke, das ist ein Angebot, auf das Jack eingehen wird. Aber da ist noch was, was du wissen solltest.“

„Und was?“

„Elizabeth und ich wissen, wer Port Royal überfallen hat.“

Swann sah Tochter und Schwiegersohn verblüfft an.

„Aber ihr wart doch gar nicht dabei!“, entfuhr es ihm.

„Nein, aber Admiral Norringtons hat uns Einzelheiten erzählt, die auf den Aztekenfluch schließen lassen“, sagte Will.

„Wir wissen, dass Jamie Einauge sich samt seiner Crew an den verfluchten Medaillons vergriffen hat. Leider scheinen sie intelligenter zu sein als Barbossa und seine Männer. Jamie nutzt den Fluch als eine Art Lebensversicherung“, setzte Elizabeth hinzu.

„Um die zu stoppen gibt’s nur eine Möglichkeit: Die Crew der Mermaid gefangen setzen, die Medaillons wiederfinden, den Fluch aufheben und die ganze Bande der Gnade Gottes anempfehlen“, erklärte Will. Swann sah den jungen Mann und seine Tochter eine Weile an.

„Wenn ihr das so genau wisst, warum habt ihr euch dazu bisher nicht geäußert?“, erkundigte sich Weatherby mit leisem Vorwurf.

„Weil Jack, mein Vater, Elizabeth und ich das Versprechen gegeben haben, den Aztekenschatz zu vernichten. Außerdem hängt mein eigenes Leben an der Erfüllung dieses Versprechens“, sagte Will.

„Wieso? Warum hängt dein Leben davon ab? Wer bedroht dich, mein Junge?“

Will lächelte schüchtern.

„Eigentlich, Papa, bin ich tot. Ich hatte durch die zweite schwere Verletzung eigentlich zu viel Blut verloren. Mein Vater wollte mich mit dem Fluch retten, aber dieser verfluchte Schatz ist auch mit einem Segen versehen. Mit Einverständnis des Schatzhüters trage ich eines dieser Medaillons, dessen Segen mich am Leben erhält. Nach den Worten von Dr. Savigny brauche ich aber Zeit, damit sich mein Blut wieder erneuert und vermehrt. Wird der Schatz vorher vernichtet, vergeht nicht nur der Fluch endgültig, sondern auch der Segen, der mein Leben erhält. Das ist der eine Grund, weshalb wir den Schatz nicht sofort vernichtet haben. Der zweite ist einfach praktisch: Jamie hat über hundert von den Medaillons verschwinden lassen. Da der Schatz aber nur komplett vernichtet werden kann, hätte es keinen Sinn gemacht, nur den Teil zu vernichten, den wir gesichert hatten. Und drittens …“

„… drittens war es eine Gemeinheit unsererseits, Jamie und seine Bande eine Weile schmoren zu lassen“, warf Elizabeth ein.

„Und viertens bin ich noch nicht wieder im Vollbesitz meiner Kräfte. Ich wäre gegenwärtig nicht wirklich in der Lage, auf Leben und Tod zu raufen. Der Segen des Schatzes schützt mich zwar, aber ich möchte nicht ausprobieren, ob er auch unverwundbar macht. Davon abgesehen: Wenn ich jetzt mit einem Untoten fechte und ihn mir mangels Kraft nicht vom Hals halten kann, gefährde ich jeden, der mit uns auf Jagd geht“, schloss Will die Erklärungen. Swann sah zweifelnd zwischen Tochter und Schwiegersohn hin und her.

„Und das soll ich glauben?“

„Du hast die Untoten selbst gesehen, Vater!“, erinnerte Elizabeth. Swann stand auf und begann eine unruhige Wanderung.

„Wie lange brauchst du, um gesund zu werden, William?“

„Genau genommen weiß ich es nicht“, räumte Will ein. „Jerôme sagt, er kann nicht prüfen, wie weit mein Blut sich erneuert hat.“

„Also … ist der Erfolg für dich immer ungewiss“, resümierte der Gouverneur. Will nickte.

„Du bist mutig, dich auf eine solche Geschichte einzulassen.“

„Hätte ich es nicht getan, wäre deine Tochter bereits Witwe, Vater“, entgegnete Will.

Für einen Moment durchzuckte Weatherby Swann der Gedanke, dass im Falle von Wills Tod der von ihm ursprünglich geplanten Hochzeit mit James Norrington dann nichts mehr im Wege stünde, doch er sah seine Tochter an und verwarf den Gedanken ärgerlich über sich selbst. Nicht nur, dass er Will wirklich mochte und ihm nie etwas Böses gewünscht hätte; Swann war auch klar, dass Elizabeth eher bis an ihr eigenes Lebensende schwarz tragen würde und sich gewiss nicht zu einer neuen Heirat überreden lassen würde, wenn Will starb. Der Gouverneur wusste, wie sehr seine Tochter William Turner liebte – und dass der junge Schmiedemeister Elizabeth ebenso bedingungslos liebte. Mit nichts hatte er das überzeugender beweisen können als mit seinem schnellen Handeln nach Elizabeths Entführung durch Hector Barbossa. Swann hatte lange gebraucht, um das zu erkennen, aber jetzt war diese Erkenntnis fest in ihm verankert. Er war zu dem Schluss gekommen, dass es wohl göttliche Fügung gewesen sein musste, die die HMS Dauntless vor nun gut neun Jahren gerade rechtzeitig an die Untergangsstelle der Dragonfly geführt hatte. Ja, es gehörte alles so, wie es war: dass Elizabeth Will auf dem Decksrest gesehen hatte; dass er, Swann, für eine ordentliche Ausbildung des Jungen gesorgt hatte …

„Wie schnell kannst du Jack Sparrow und deinen Vater erreichen? Kannst du sie überhaupt finden?“

„Ich weiß es nicht. Sie wollten sich bei uns melden, wenn sie wieder in diesen Gewässern sind. Jack wollte die spanischen Kolonien aufsuchen, damit seine Crew endlich wieder Geld verdient. Ich habe keine Ahnung, wohin sie wirklich gefahren sind.“

Swann seufzte.

„Gemeinhin nennt man das Piraterie, mein Sohn.“

„Jack ist und bleibt ein Pirat, Papa, aber er hat geschworen, nichts mehr gegen die britische Krone zu unternehmen.“

„Kann man dem Schwur eines Piraten trauen?“

„Wenn du das nicht tust, wieso hast du ihm dann gegen Leistung dieses Schwurs Gnade gewährt?“, hakte Will nach. Sein Schwiegervater nickte.

„Ja, du hast Recht, William. Ich stecke in einem Dilemma. In Sachen Black Pearl ist niemand wirklich neutral. Du und Elizabeth so wenig wie der Admiral. Ich halte es einfach für die beste Lösung, wenn ein Lordrichter die Angelegenheit in die Hand nimmt. Außerdem: Wenn er feststellt, dass Jack und seine Leute ihrem Eid treu geblieben sind, könnte ich Jack Sparrow einen Kaperbrief ausstellen. Er könnte Freibeuter sein, wenn er ein Häppchen seiner Beute an die Krone abführt.

„Ob du Jack damit locken kannst, wage ich zu bezweifeln. Der ist Pirat aus purem Freiheitswillen. Aber es könnte eine Argumentationshilfe für mich sein.“

„Aber … kannst du ihn finden?“, erkundigte sich der Gouverneur.

„Wie viel Zeit gibst du mir?“

„Der Lordrichter wird nicht vor Ablauf von drei Monaten hier sein. Ich sende die Nachricht mit dem nächsten Kurierschiff nach England. Wenn er hier ist, sollte die Black Pearl auch hier sein, sonst wird der Admiral selbst nach ihm fahnden“, erklärte Swann. Will und Elizabeth sahen sich an.

„Dann werd’ ich mal wieder eine Vertretung für die Schmiede suchen …“

 

Kapitel 6

Nach Tortuga

Fünf Tage darauf hatte Will seine Vertretung organisiert. Meister Brown wollte wieder für seinen Nachfolger einspringen. Doch eine Schwierigkeit blieb: Wo sollten sie suchen? Eigentlich blieb nur Tortuga als Ausgangspunkt. Dort bestanden die besten Aussichten, jemand zu finden, der oder die über Jacks Ziel oder Aufenthaltsort Bescheid wissen konnte. Allerdings gab es auf die Pirateninsel keine regelmäßige Schiffsverbindung, die meisten Handelsschiffe mieden die Gewässer um Santo Domingo wie der Teufel das Weihwasser, und mit der Navy brauchte ein Auskunftssuchender gar nicht erst vor Tortuga zu erscheinen. Er hätte es schlicht nicht überlebt.

Noch grübelnd saß Will Turner in Dr. Jerôme Savignys Wartezimmer. Jenkins hatte ihn zum Arzt gefahren, weil die Verletzung immer noch nicht ganz verheilt war und Will – aller liebevollen Pflege durch Elizabeth zum Trotz – doch einen professionellen Heilkundigen einen Blick auf die hartnäckig offene Wunde werfen lassen wollte. Ihm gegenüber saß ein Mann, der von der Kleidung und der braungebrannten Haut her sehr nach Seemann aussah. Jerôme rief den nächsten Patienten ins Ordinationszimmer und der Seemann ging zum Arzt hinein. Es dauerte nur Augenblicke, bis der Franzose den Kopf aus dem Behandlungszimmer steckte, sich suchend umsah. Sein Blick blieb an seinem letzten Patienten William Turner hängen.

„Will, könntest du bitte mal übersetzen? Ich verstehe den Menschen kaum“, seufzte er verzweifelt. Der Schmiedemeister grinste.

„Und wie verträgt sich das mit deiner ärztlichen Schweigepflicht?“, fragte er.

„Komm, er scheint einverstanden zu sein“, winkte Savigny. Schulterzuckend ging Will ebenfalls in den Behandlungsraum.

„Wie kann ich dir helfen?“, erkundigte er sich. Mit beiden Händen wies Jerôme in einer völlig ratlosen Geste auf den verwirrt wirkenden Patienten.

„Ich versteh’ kein Wort, mon ami.“

Will sah den Seemann an.

„Sprecht Ihr Englisch?“, fragte Will. Der Mann nickte eifrig.

„Is denge son“, erwiderte er. Es brauchte einen Moment, bis Will realisierte, dass der Patient

„Ich denke schon“, gemeint hatte.

„Wer seid Ihr?“, fragte Will weiter.

„Frederik Jensen. Is bin von Flensborg in Danmark.“

„Willkommen auf Jamaica, Mr. Jensen. Ich bin Will Turner, selbst Patient bei Dr. Savigny, der als gebürtiger Franzose nur schwer Englisch versteht – und Euer Akzent scheint für ihn gänzlich unverständlich zu sein. Ich werde das, was Ihr mir sagt, ins Französische übersetzen, wenn Ihr einverstanden seid.“

„Ja, gude Idee. Is kann nämlis nis Französis.“, strahlte Jensen

„Was ist Euer Problem?“, erkundigte sich der junge Schmied.

„Is hab’ Smerze in mei rechde Hand“, radebrechte der Däne. Will übersetzte und Jerôme untersuchte die Hand, stellte mit Wills Hilfe fest, dass eine Entzündung des rechten Handgelenks bei dem Dänen vorlag. Er verschrieb ihm kühlende Kräuterwickel.

„Oh, das wird swieris. Wo gibd es diese Kräuder?“, fragte Jensen.

„Beim Apotheker hier in Port Royal“, lächelte Will. „Wenn Ihr möchtet, begleite ich Euch zur Apotheke.“

„Das is sehr freundlis von Eus. Is wade drausen. Farwell“, verabschiedete sich der Däne und verließ das Ordinationszimmer.

Jerôme nahm sich gleich Wills immer noch offene Wunde vor und untersuchte sie, kaum dass Jensen die Tür geschlossen hatte.

„Für dich wären die gleichen Kräuter angebracht, mon ami“, schloss der Arzt die Untersuchung ab. „Deine Wunde ist immer noch entzündet. Der Apotheker soll dir eine Salbe daraus machen. Das ist das Beste in diesem Fall.“

Will nickte und zog sich wieder das Hemd an.

„Was meinst du? Wann heilt das endlich?“, fragte er, als er sich die Krawatte schnürte. Dr. Savigny zuckte mit den Schultern.

„Ich habe alles getan, was mir möglich ist. Vielleicht fragst du mal deinen Gespensterdiener“, schlug er vor. Prompt schob sich Groalteks grünlich-transparenter Kopf zwischen der eben geschlossenen Verschnürung des Hemdes und der Krawatte ins Freie.

„Hast du gerufen, Meister?“, fragte er.

„Eigentlich nicht“, grinste Will. „Aber wenn du schon mal draußen bist, frage ich dich gleich: Wie lange braucht diese verflixte Wunde, um endlich zu heilen?“

„Hmm“, brummte der Azteke. „Ich hatte dir Ruhe empfohlen. Aber da du Abkömmling des Klabautermanns gleich wieder herum hoppeln musst wie ein Meerschweinchen in der Brunst, wird sie sich wohl weiter widersetzen.“

„Groaltek, ich kann nun mal nicht ruhig in der Ecke sitzen bleiben, wenn jemand meinen Vater und meine Freunde bedroht“, erinnerte Will. Der Schatzgeist verdrehte sich zu ihm und grinste.

„Das könntest du sowieso nicht, mein Guter.“

„Freu dich, dass du dich buchstäblich dünnmachen kannst“, grinste Will zurück und drohte dem Gespenst scherzhaft mit dem Finger.

„Nun ja, alles in allem kann ich dir nur die Kräutersalbe empfehlen. Dreimal täglich einen frischen Verband damit und möglichst wenig Bewegung, vor allem im Bereich des rechten Rippenbogens“, meldete sich Jerôme zu Wort. „Wirklich, Will, das ist kein Spaß.“

„Danke, Jerôme“, erwiderte Will und stand auf. Groaltek zog sich in Wills Medaillon zurück.

„William, was muss dir eigentlich in den Schoß fallen, damit du die Finger von deinem Hammer lässt?“, erkundigte sich der Arzt. Will sah einen Moment zu Boden. Als er den Blick wieder hob, hatte Savigny den Eindruck, den treuherzigen Augenaufschlag eines jungen Hundes zu sehen.

„Ich bin es gewohnt, zu arbeiten. Ich brauche etwas zu tun, sonst werde ich wirklich krank.“

Jerôme legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter.

„Du bist krank, mon ami. Sehr krank! Normalerweise würde ich dich drei Wochen ins Bett stecken.“

„Glaub’ mir, ich hätte mir auch gern noch etwas Zeit gelassen, aber Port Royal wurde angegriffen und Admiral Norrington hat Jack und meinen Vater im Verdacht.“

„Impossible!“, entfuhr es dem Franzosen. Das ist nicht dein Ernst, n’est-ce pas?“

„Doch, leider!“

„Aber das kann doch nur Jamie gewesen sein!“, protestierte Savigny keuchend. Will lächelte.

„Eben das habe ich dem Admiral und dem Gouverneur ja auch gesagt. Ich habe drei Monate, um Jack zu finden und ihn zu überreden, sich dem Gericht eines Lordrichters zu stellen und zu beweisen, dass die Black Pearl samt ihrem Captain damit nichts zu tun hat.“

„Ich komme mit!“, entschied Jerôme. „Du solltest so eine Tour nicht ohne einen Arzt machen, mon ami.“

„Gut. Ich brauche noch ein Schiff, mit dem wir nach Tortuga kommen.“

„Frag doch mal den Dänen. Ich organisiere eine Vertretung für die Praxis.“

Will verließ das Ordinationszimmer. Der Däne saß noch im Wartezimmer.

„Wollt Ihr mir zum Apotheker folgen, Mr. Jensen?“, fragte Will.

„Ja, is habe nur auf Eus gewaded“, erwiderte Jensen. Sie verließen das Haus. Will schlug den Weg zur Hafenapotheke ein, Jensen wich ihm nicht von der Seite.

„Sagt, was habt Ihr vor, wenn Ihr Jamaica verlasst, mein Freund?“, erkundigte sich Will.

„Is wollde nach die Bahamas un die Andillen sejgeln. Mein Bruder lebd auf Saint Thomas, eine danske Golonie, Neu-Dänemark**, wo er eine Suggerrohrplandage hat, Melasse macht und Rum desdillierd. Den Rum, den bringe is nach Flensborg in Danmark, wo unser Vader eine große Snapsgessäft hat. Der Rum von Flensborg is sehr begannt in Danmark, aber auch ins deutse Reis – genau in Sleswig un Holstein – südlis von Jütland“, erklärte Jensen. Will sah Frederik Jensen eine Weile an und musste sich erst einmal übersetzen, dass der Däne Verwandtschaft in Neu-Dänemark hatte und dort destillierten Rum nach Dänemark brachte, den der Vater in einem Spirituosenhandel in Flensborg verkaufte und der in Dänemark und im südlich davon gelegenen Schleswig und Holstein ausgesprochen berühmt war.

„Wenn Ihr von hier nach Saint Thomas segelt – führt Euch das nicht an Tortuga vorbei?“, fragte Will. Der Däne sah ihn verstört an.

„Ja, son, aber geine vernünfdige Mens würde nach Dorduga fahren wollen“, gab er zu bedenken. Will lächelte gewinnend.

„Vielleicht kein vernünftiger Mensch, aber ein Mensch, der um seinen Vater und einige Freunde in Sorge ist.“

„Haben Piraden Euren Vader un Eure Freunde gesnappt? Oder is Euer Vader Pirad? Danach sehd Ihr nis aus“, wunderte sich Frederik. Es klang geradezu entgeistert.

„Ja, mein Vater fährt auf einem Piratenschiff. Aber weder er noch seine Freunde sind die Halsabschneider, für die Piraten gewöhnlich gelten. Wärt Ihr bereit, mich nach Tortuga zu bringen?“

„Ihr … Ihr seht nis wie eine Pirad aus …“

„Ich bin auch keiner, wenn Euch das beruhigt. Aber ich muss im Auftrag des Gouverneurs die Black Pearl finden, bevor die Navy sie findet“, erwiderte Will.

„Oh, is verstehe. Is helfe Eus“, versprach Jensen.

Frischer Wind griff in die Segel, als die Jylland, Jensens Schoner*, am folgenden Morgen den Hafen von Port Royal verließ. An Bord waren außer der normalen Besatzung Elizabeth und Will Turner, Jerôme Savigny und Stephen Groves, der seine Dienstzeit beendet hatte und von den Bahamas aus ein Schiff nach England nehmen wollte. Will sah den jungen Ex-Lieutenant zweifelnd an.

„Weshalb fahrt Ihr nicht von Port Royal?“, fragte er. „Von dort verkehren doch regelmäßig Kurierschiffe nach England.“

„Das nächste Schiff geht in zwei Monaten. Das Kurierschiff vor zwei Tagen habe ich verpasst, weil sich die Unterzeichnung meiner Entlassungspapiere verzögert hat. Außerdem habe ich auf den Bahamas einen Onkel, der dort eine Zuckerrohrplantage betreibt. Da besuche ich ihn auf dem Heimweg“, erklärte Groves.

„Was werdet Ihr machen, wenn Ihr wieder in England seid?“, erkundigte sich Elizabeth.

„Mein Vater hat eine Schiffszimmerei in Southampton. Ich soll das Geschäft übernehmen, wollte vorher aber noch die Nase in die Welt hinaus stecken“, erwiderte Groves mit einem sanften Lächeln.

„Bis wohin fahrt Ihr jetzt mit?“, fragte Will weiter.

„Ihr seid neugierig, Mr. Turner. Ihr steigt in Tortuga aus, oder?“

Will nickte.

„Ich würde gern heil in England ankommen und nicht von Piraten verschleppt werden“, erwiderte Groves.

„Wir suchen zwar nach der Black Pearl, Mr. Groves, aber das heißt nicht, dass wir für Captain Sparrow Beuteschiffe ausspähen!“, versetzte Elizabeth eisig. Groves erhob sich, verbeugte sich leicht und verließ das Vorschiff, wo er mit dem Ehepaar Turner gesprochen hatte. Von da an ging der Ex-Lieutenant Elizabeth, Will und Jerôme aus dem Weg, soweit sich das auf einem Schiff überhaupt machen ließ.

Der kleine Schoner unter dänischer Flagge war deutlich langsamer als die Black Pearl und benötigte fast zwei Wochen bis nach Tortuga. Jensen legte nicht im Hafen an, sondern blieb auf Reede* liegen. Einer Matrosen brachte Will, Elizabeth und Jerôme an Land, allerdings auch deutlich außerhalb des Hafens; nicht, weil der Matrose oder sein Captain Angst hatten, sondern weil Will ausdrücklich darum gebeten hatte. Dort wartete der Matrose mit dem Boot, während die Turners und der Arzt auf einem Will bekannten Schleichweg in die Außenbezirke Tortugas gingen, wo Anamarias Haus stand. Will klopfte an die Tür an, die inzwischen nicht mehr zu einer windschiefen Hütte mit Palmwedeldach gehörte, sondern zu einem massiven Haus aus weiß gekalkten Adobeziegeln mit ebenso massivem Ziegeldach. Genau genommen war es das gemeinsame Haus von Jack und Anamaria Sparrow. Die Adresse kannte Will, weil er sämtliche Tür- und Fensterbeschläge und Gitter für die Balkons gemacht hatte, nachdem Jack ihm geschrieben hatte, dass er für sich, Anamaria und den gemeinsamen Sohn Jack junior auf Tortuga ein neues Haus baue. Es war Wills Geschenk zu ihrer Hochzeit gewesen – außer ebenso qualitativ hochwertigen Entermessern, auf deren Klingen er Jacks Spatzen-Tätowierung geätzt hatte.

Auf Wills Klopfen dauerte es eine ganze Weile, bis Anamaria öffnete.

„Will Turner?“, wunderte sie sich.

„In eigener Person“, lächelte er und wollte den Hut lupfen, bevor er noch rechtzeitig bemerkte, dass er sich eines Kopftuchs zur Bändigung seiner leicht gelockten Mähne bedient hatte. Anamaria stellte etwas weg, was sehr nach einem Besen aussah, und umarmte Will einfach.

„Willkommen auf Tortuga, Will!“

„Danke, danke. Mit so einem Empfang habe ich nicht gerechnet“, grinste Will und gab Anamaria einen freundschaftlichen Wangenkuss. Anamaria winkte auch Elizabeth und Jerôme zu, die sie jetzt erst bemerkte, weil sie seitlich standen. Will ließ sie los und die beiden jungen Frauen umarmten sich ebenfalls herzlich und mit Küsschen.

„Anamaria, die Black Pearl ist nicht im Hafen. Wo ist Jack?“, fragte Will schließlich.

„Wenn ich das wüsste, ginge es ihm schlecht“, erwiderte sie und nahm ihren Sohn auf den Arm, der eilig nach draußen gekrabbelt kam, um zu sehen, was sich da vor dem Haus tat. Freudig reckte der kleine Junge die Ärmchen nach Elizabeth, die ihn warm anlächelte und ihm winkte.

„Dem Tunichtgut würde ich gern was dazu sagen, dass er Jack junior und mich seit Monaten allein lässt“, grollte die junge Mulattin. Will lag es auf der Zunge, Anamaria zu sagen, dass sie schließlich gewusst hatte, dass Jack an Land auf Dauer nicht leben konnte, doch er schluckte es herunter. Nur zu genau erinnerte er sich, dass seine Mutter hin und wieder auch wütend auf ihren Mann gewesen war – und ebenso genau gewusst hatte, dass sie einen Seemann geheiratet hatte, für den die schwankenden Planken eines Schiffes ein sehr viel angenehmerer Ort waren als das feste Land.

„Wer – außer Jamie Einauge – könnte was über die Black Pearl und ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort wissen?“, hakte Will nach. Anamaria zuckte mit den Schultern.

„Ich habe jeden befragt, der auch nur den Schimmer einer Ahnung haben könnte“, sagte sie.

„Hat außer dir noch jemand abgemustert?“

„Gibbs, der ist wieder Heuermakler am Hafen. Aber der weiß auch nichts.“

Will nickte.

Faithful Bride, wie üblich?“, erkundigte sich Elizabeth.

„Ja, aber macht euch keine Hoffnungen.“

„Danke, Anamaria. Können wir was für dich tun?“

„Nee, is’ schon gut. Jack junior und ich kommen zurecht.“

Elizabeth, Will und Jerôme eilten weiter in die Stadt der Piraten. Wie üblich ging es in Tortuga drunter und drüber, aber wenn Will Turner wollte, konnte er so finster dreinblicken, dass selbst Piraten ihm aus dem Weg gingen. Dazu hatten es alle drei vermieden, in zu feiner Kleidung die Insel der Piraten anzusteuern. Elizabeth wäre auch für einen jungen Matrosen durchgegangen, nachdem sie sich mit knöchellanger Hose, Segeltuchschuhen, Hemd, kurzer Matrosenjacke und zivilem Dreispitz ausstaffiert hatte. Will und Jerôme trugen dunkle Jacken mit nach außen geknöpften Aufschlägen, Kniehosen und Seestiefel, dazu Entermesser, die an Schulterriemen hingen und obendrein Kopftücher, wie Piraten sie nur zu gern gegen die sengende Sonne verwendeten. Unangefochten erreichten sie die Faithful Bride, die Kneipe, in der Gibbs sich schon früher als Heuermakler betätigt hatte. Will schauderte es, als er den Gastraum als jenen identifizierte, in dem er Gibbs im Traum eine Mannschaft als Opfer für Davy Jones hatte anwerben sehen.

Joshamee Gibbs saß auch noch hinter einem gleichartigen Tisch, wie Will ihn im Traum gesehen hatte. Im Gegensatz zu Wills Traum schien er hier aber mehr Erfolg zu haben. Bevor Will an den Tisch kam, hatte Gibbs wenigstens zehn Männer für verschiedene Captains angeheuert. Der Name Sparrow fiel allerdings nicht.

„Warum hast du dich entschieden, Pirat werden zu wollen?“, fragte Joshamee, ohne aufzusehen, als Will an der Reihe war.

„Vielleicht, weil mein Vater einer ist und ich ihn mal wieder vermisse“, grinste Will.

„William!“, strahlte Joshamee. „Was machst du hier?“

„Meinen Vater suchen – und Jack samt seiner einzig wahren Geliebten. Wo stecken sie?“

Gibbs zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Jack ist vor vier Wochen ausgelaufen, hat aber niemandem gesagt, wohin er will. Dein Vater war bei ihm.“

„Für wen wirbst du an?“, fragte Elizabeth, die sich hinzugesellte.

„Für alle möglichen Captains. Niemand besonderes, falls ihr das meint.“

„Was hat dich von Bord getrieben?“, fragte Will. Gibbs grinste, dass sein prächtiger Backenbart sich sträubte.

„Keine Schwarzseherei, falls du das meinst. Nein, ich bin nicht auf Dauer für das Seeleben geboren. Ab und zu brauche ich mal Planken unter den Füßen, aber eigentlich ist mir ein Leben auf festem Boden lieber – im Gegensatz zu deinem Vater, Will.“

„Ist er Jacks Erster Maat?“

„Ja, aber das war nicht der Grund, weshalb ich abgemustert habe. Stiefelriemen Bill hat im Gegensatz zu mir eher Salzwasser als Blut in den Adern. Dem wachsen noch mal Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen oder ein Seestern aus dem Gesicht“, grinste Gibbs. Will schauderte es erneut, als er an seinen Traum dachte, in dem er seinen Vater mit einem Seestern in der rechten Gesichtshälfte gesehen hatte – nebst einer Traube Entenmuscheln …

„Joshamee, ich muss Jack finden – und zwar vorzugsweise vorgestern“, sagte Will eindringlich.

„Wieso?“

Will erzählte Gibbs in kurzen Worten, worum es ging.

„Jamie ist also wieder aktiv …“, brummte Joshamee.

„Wo könnte es halbwegs vernünftig sein, nach der Black Pearl zu suchen, Joshamee?“, fragte Will direkt.

„Von Englands Kolonien wollte Jack sich fernhalten“, sinnierte Gibbs. „Schätze, ihr würdet ihn am ehesten bei den Kleinen Antillen oder an der mittelamerikanischen Küste finden, vielleicht auch in der Nähe von Kuba. Aber die Bahamas oder Florida würde ich auch nicht ausschließen.“

„Also doch überall und nirgends!“, seufzte Elizabeth.

„Schätze, du brauchst ein Schiff und eine Crew, William“, bot Gibbs diensteifrig an.

„Wenn ich nicht gerade Piraterie betreiben will: Was kostet es mich, wenn ich Leute für – sagen wir – drei Monate anheuere?“

„Na ja, hier findest du fast nur Piraten. Aber einige halbwegs ehrliche Leute werden vielleicht zu finden sein. Und was ist mit einem Schiff? Wenn du’s nicht von der Navy oder der Company kapern willst?“

„Company?“, hakte Will verwundert nach.

„Er meint die East India Trading Company, Will. Es handelt sich um eine Handelsorganisation, die die englischen Kolonien befährt und über eine große Flotte verfügt“, erklärte Elizabeth. Will nickte.

„Ich rede mal mit dem Dänen. Vielleicht kann ich den Kahn mieten.“

Chartern heißt das, Junge! Nautischer Begriff!“, korrigierte Gibbs grinsend.

„Von mir aus auch das, Josh. Ich melde mich bei dir.“

Elizabeth, Will und Jerôme verließen die Kneipe und strebten wieder in die Außenbezirke der Piratenstadt, um das am Strand wartende Boot der Jylland zu erreichen.

 

Kapitel 7

Captain Turner

2„Was hast du denn nun vor?“, fragte Elizabeth, als sie wieder an Bord der Jylland in ihrer Kajüte waren. Will legte den Zeigfinger an die Lippen und zeichnete mit Kreide die Umrisse von Maroon Island** auf den Boden. Elizabeth sah eine Weile ratlos auf die Zeichnung.

„Werd’ deutlicher“, bat sie. Will sah sich prüfend und besorgt um.

„Im normalen Leben können wir mit dem, was dort ist, nicht viel anfangen“, flüsterte er so leise, dass es nur Elizabeth hören konnte. „Aber unter Piraten schon. Davon leisten wir uns das Schiff und die Crew.“

Elizabeths Gesicht strahlte auf.

„Aye, Captain Turner!“, bestätigte sie lächelnd und küsste ihn. Dann erlosch ihr Lächeln.

„Und was machen wir, wenn er dazu nicht bereit ist?“

„Dann müssen wir ein Schiff kaufen, denn ich werde keins stehlen. Mit Piratengold geht das nur in den spanischen Kolonien. Wenn wir dort mit einem dänischen Schiff ankommen, dürfte nicht einmal der Kriegszustand uns stören – abgesehen davon, dass der Krieg in Europa weit weg ist“, erwiderte er, verwischte die Skizze mit Wasser und ging dann zu Captain Jensen.

Jensen hörte sich Wills Vorschlag an, ihm das Schiff zu verchartern.

„Die Idee is gud – nur werde is mit meine Ssiff in Flensborg erwaded. Is kann es Eus nis vermieden.“

„Dann fahrt mich nach bitte Panama, damit ich mir in einer der dortigen Werften ein Schiff kaufen kann.“

„Ihr Engländer habt Krieg mid die Sspanier. Das wäre nicht ssehr slau. Also, warum solse Umstände?“, erkundigte sich der Däne. „Danmark baud gude Ssiffe, und dort wohin wir fahren, is eine Werfd. Meine Ongel baut gerade an eine Brigg*. Die gönnde grade von Stabel laufen.“

„Preis?“, fragte Will.

„Eintausend Guineas**, ssätze is.“

Will dachte einen Moment nach. Tausend Guineas waren sicher viel Geld, aber eine nagelneue Brigg war für den Preis geradezu geschenkt – es war ein gutes Drittel dessen, was üblich war. Er bemühte sich, sich die Freude nicht anmerken zu lassen.

„Nicht gerade billig, aber ich habe nicht viel Zeit, um lange zu suchen. Abgemacht“, bestätigte Will den Handel. „Ich hätte dann noch eine Bitte, Captain Jensen.“

„Und die wäre?“

„Auf unserem Weg nach Saint Thomas liegt eine kleine, unbewohnte Insel, auf der ein guter Freund von mir und meiner Frau begraben ist. Macht es Euch viel aus, dort kurz anzuhalten, damit wir sein Grab besuchen können?“, log Will.

„Aber nadürlis. Zeigt mir, wo die Insel is und ihr gönnt Eure versstorbene Freund besuchen.“

Gesagt, getan. Die Jylland lief Maroon Island an, wo Will und Elizabeth aus ihrem Versteck genügend Geld holten, um damit das Schiff zu kaufen und die Crew zu bezahlen. Nicht einmal Jerôme Savigny wusste, weshalb die beiden jungen Leute wirklich auf die unbewohnte Insel fuhren, zumal es dort tatsächlich ein Grab gab – weit weg von ihrem Goldversteck, das nach wie vor unangetastet war. Will hatte es beim letzten Besuch gegraben, eine leere Holzkiste darin deponiert und einen Stein aufgestellt, um einen glaubhaften Grund zu haben, die Insel hin und wieder anfahren zu können.

Weitere zwei Wochen später hatten die Eheleute Turner ihr Schiff gekauft, auf den Namen Aztec getauft und es ausgerüstet, wobei sie auch Kanonen nicht vergessen hatten. Nun segelten sie und Jerôme unter englischer Flagge nach Tortuga zurück, um zu sehen, ob Gibbs eine Crew für sie hatte anwerben können. Das stimmte zwar noch nicht ganz, Will und Elizabeth wollten die Registrierung aber veranlassen, sobald sie wieder zu Hause waren. Vorsichtshalber hatte Will seine Brigg aber auch im Schiffsregister von Saint Thomas eintragen lassen, damit sie nicht gänzlich ohne legale Flagge waren. Die dänische Flagge hatte zudem den charmanten Vorteil, damit im Krieg, den Großbritannien in den Kolonien gegen Frankreich und Spanien führte, neutral zu sein.

Das Erscheinen der Aztec löste in Tortuga zunächst fast Panik aus, aber Elizabeth hatte vorgesorgt und vorsichtshalber einen der Flagge von Jack Sparrow ähnlichen Jolly Roger angefertigt, den sie hisste, als von Tortuga die ersten Schüsse abgefeuert wurden. Die Antwort kam prompt, als im Hafen von Tortuga die Totenkopfflagge aufstieg und die Beschießung des fremden Schiffes eingestellt wurde. Sie waren akzeptiert und liefen die Hafenreede an.

Wenig später standen sie in der Faithful Bride. Gibbs hatte für sie zehn Mann angeworben, die einigermaßen passabel aussahen. Doch einer von ihnen entlockte Elizabeth und Will einen verblüfften Blick: Stephen Groves!

„Mr. Groves!“, entfuhr es Will. „Ihr wolltet doch nach England zurück!“

Groves zuckte verlegen mit den Schultern.

„Habe Pech gehabt, Mr. Turner. Das Schiff, mit dem ich von Neu-Dänemark weitergefahren bin, lief auf ein Riff. Wir hatten Glück und wurden gerettet, allerdings von Piraten, die uns vor die Wahl stellten, Pirat zu werden oder auf Tortuga zu verschimmeln. Ich habe mich hier umgehört und vernommen, dass Ihr Leute für drei Monate sucht, Captain Turner. Ich stehe zu Eurer Verfügung.“

„Wenn Ihr mit fünf Shilling pro Woche einverstanden seid, Mr. Groves?“

„Aye! Und der Beuteanteil?“

Will lächelte nachsichtig.

„Es gibt keinen Beuteanteil, weil ich kein Piratenschiff fahre. Ich suche Captain Sparrow und seine Black Pearl, keine Beute“, erwiderte Will kühl. „Aber Ihr seid ein erfahrener Seemann. Ich biete Euch den Posten des Ersten Maats für diese Zeit.“

„Abgemacht“, nickte Groves. „Wohin soll’s gehen?“

„Wir wollen die spanischen Kolonien und die Kleinen Antillen absuchen“, erklärte Will.

„Mit Verlaub, Captain, das hat die Royal Navy bereits getan – und ihn nicht gefunden“, warnte Groves. Will lächelte freundlich.

„Captain Sparrow hat ein untrügliches Gespür dafür, welche Absichten sich am Fuße von Mastspitzen befinden, die über der Kimm* auftauchen, Mr. Groves.“

„Ihr meint, ihm war klar, dass wir ihn versenken wollten?“, fragte Stephen Groves verblüfft.

„So sicher, wie sein Kompass nur dann nach Norden zeigt, wenn Jack es will“, grinste Gibbs.

„Wie soll denn das zugehen?“, fragte der Ex-Offizier interessiert.

„Er hat eine Spe…“

Weiter kam Joshamee nicht, weil Will ihm „versehentlich“ auf den Fuß trat.

„Au, verd… Pass auf, wo du hin latschst!“, fauchte Gibbs.

„Oh, Verzeihung, Joshamee, ich hab’ nicht aufgepasst“, bat Will den Heuermakler um Entschuldigung und zwinkerte ihm zu, was Groves nicht sehen konnte.

„Schon gut, Junge. Aber pass auf deine Quadratlatschen künftig besser auf!“, knurrte Gibbs gespielt zornig und zwinkerte zurück.

Am folgenden Tag war die Aztec bereit, in See zu gehen. Stephen Groves beäugte misstrauisch, dass William Turner jr. selbst die Brigg aus dem Hafen steuerte. Für ihn war der junge Schmiedemeister ein Möchtegern-Captain, ein Süßwassermatrose – aber ganz bestimmt kein richtiger Seemann. Er sah sich getäuscht, als Will sein Schiff mit viel Geschick und den tatsächlich erforderlichen Segeln aus der Bucht in die offene See manövrierte.

„Mr. Groves, übernehmt, bitte!“, wies der Captain den Ersten Maat an, als er die Aztec eine gute Stunde lang in Richtung Norden gesteuert hatte.

„Aye, Sir!“, bestätigte Groves und trat ans Steuer.

„Behaltet den Kurs bei, Mr. Groves. Wir segeln zunächst in Richtung Bahamas.“

„Aye, Sir! Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte, Sir?“

„Aye.“

„Sir, die Bahamas werden zu einem großen Teil von britischen Gouverneuren regiert. Wenn Ihr die spanischen Kolonien absuchen wollt, weshalb fangt Ihr dann dort an?“, wunderte sich Groves.

„Captain Sparrow hat seit langem nichts gegen die britische Krone unternommen. Der Gouverneur von Nassau ist Piraten, die gegen England nichts unternehmen, immerhin so weit gewogen, dass er sich eher als mein Schwiegervater zu einem Kaperbrief hinreißen lassen würde. Bevor ich also wirklich die Karibik von Ost nach West und von Nord nach Süd durchsuche, erkundige ich mich dort, ob Captain Sparrow vielleicht doch einen Kaperbrief angenommen hat.“

„Ihr … wisst, dass … dass der König vor einiger Zeit der East India Trading Company das Privileg der Vergabe von Kaperbriefen erteilt hat?“, fragte Groves vorsichtig.

„Selbst Governor Swann verweist das ins Reich der Fabel“, bemerkte Will. „Die EITC ist eine Handelsorganisation, kein königliches Amt.“

„Ja und Nein, Sir. Die EITC ist mächtig, sehr mächtig. Ihre Steuern und Abgaben füllen die königliche Steuerschatulle bestens. Sie ist eine Handelsorganisation – aber inzwischen mit so zahlreichen Privilegien ausgestattet, dass sie als Amt bezeichnet werden könnte, als eines, das auf Profit aus ist. Sie hat sogar eigene Truppen“, erklärte Groves. „Ich … möchte Euch warnen, Sir. Die EITC ist hinter Captain Sparrows Kopf her. Sie wird alle Mittel einsetzen, um seiner habhaft zu werden. Amnestie hin oder her.“

„Verstehe ich Euch richtig, dass die Company eine Amnestie ignorieren kann, die ein königlicher Gouverneur im Namen des Königs gewährt?“, hakte Will mit sichtbarem Entsetzen nach.

„Sagen wir: Sie tut es“, seufzte Stephen. „Und sie kann es sich leisten. Der König würde nicht zulassen, dass jemand was dagegen unternimmt.“

„Danke für die Warnung, Mr. Groves“, sagte Will leise. „Ich löse Euch in zwei Stunden ab.“

„Aye, Sir!“, bestätigte Groves. „Kurs liegt an: direkt Nord.“

Nachdenklich ging Will in die Kajüte unter dem Achterdeck. Alles roch noch neu nach frisch verarbeitetem, aber dennoch gut gelagertem Holz. Die Ausstattung hatten er und Elizabeth sich eine Kleinigkeit kosten lassen, aber ihr Beuteanteil der Isla de Muerta war nur um ein Geringes geschmälert. Jedes Besatzungsmitglied hatte ein richtiges Kajütbett und musste sich nicht mit einer Hängematte zufrieden geben. Was Elizabeth und Will sich auf Saint Thomas gekauft hatten, war eine Yacht*, ein Schiff, das man eher aus Freude an der Seefahrt fuhr; kein Frachtschiff, auf dem die Ladung den besten Platz hatte und die Seeleute zusehen mussten, wie sie unterkamen und auch kein Kriegsschiff, mochte die Aztec auch gut bewaffnet sein. Die nautischen Geräte wie Kompass, Chronometer, Sextant waren vom Feinsten, was sich hatte finden lassen. Elizabeth hatte dazu Seekarten aufgetrieben, die so genau waren, wie es den Kartografen dieser Zeit möglich war. Im Kartentisch der Aztec befanden sich Seekarten, die praktisch die gesamte bekannte Welt zeigten.

Als Will die Kajüte betrat, saß Elizabeth am Kartentisch, hatte die aktuell benötigte Karte darauf ausgebreitet und maß den Kurs mit Zirkel und Kursdreieck nach.

„Nun, Navigator? Stimmt der Kurs?“, erkundigte er sich mit einem liebevollen Lächeln. Sie drehte sich um und erwiderte sein Lächeln.

„Weißt du, dass ich gerade festgestellt habe, dass du meinen größten Traum erfüllt hast?“, erwiderte sie und küsste ihn.

„Habe ich das?“

„Ja, ich wollte schon immer navigieren. Und jetzt habe ich endlich die Gelegenheit dazu. Danke, Will.“

„Bitte, gern geschehen. Du weißt so viel über Piraten und Seefahrt allgemein, dass ich mich in der Hinsicht voll auf dich verlasse“, erwiderte er und gab ihr noch einen Kuss. „Sag mal …“, setzte er dann zögernd an, „was weißt du über die East India Trading Company?“

Einen Moment sah Elizabeth nachdenklich auf die Karte.

„Es ist eine Handelsorganisation, die hauptsächlich im Pazifik und im Indischen Ozean tätig ist. Sie verwaltet Indien, Sumatra, Borneo und viele andere Inseln im westlichen Bereich des Pazifiks, hat diesen Seebereich und das Südchinesische Meer fast vollständig unter Kontrolle. Dort bekämpft sie auch die Piraterie – mit allen legalen und weniger legalen Mitteln. Teilweise ernennt sie eigene Gouverneure und unterhält sogar eigene Truppen“, erklärte sie.

„Und der König lässt das zu?“

Elizabeth zuckte mit den Schultern.

„Der König ist von Indien und Sumatra weit entfernt“, sagte sie mit einem Seufzen. „Es ist buchstäblich am anderen Ende der Welt.“

„Hältst du es für denkbar, dass sie Kaperbriefe im Namen des Königs ausstellen?“

„Ich weiß, dass Vater es nicht glauben will, aber es ist wahr.“

„Woher weißt du das?“

Elizabeth grinste schelmisch.

„Ich weiß, wo Vaters Post liegt … und lese regelmäßig, was er an Nachrichten aus London bekommt.“

„Pirat!“, erwiderte Will mit ebenso schelmischem Grinsen.

„Ich betrachte das als Kompliment, Will.

„Ist es ja auch. Aber warum will dein Vater das nicht wahrhaben?“

„Ich weiß es nicht – und direkt fragen kann ich ihn schlecht.“

„Klar“, schmunzelte er. „Wann sind wir nach deinen Berechnungen in Nassau?“

„Wenn der Wind so bleibt, in zehn Tagen. Sie ist fast so schnell wie die Black Pearl“, sagte sie. „Will, was machen wir, wenn Jack nicht in Nassau ist oder wir keine Hinweise auf ihn bekommen?“

„Ich gebe zu, es war einfacher nach der Black Pearl zu suchen, als sie noch als Geisterschiff galt und Barbossa keine Gelegenheit ausließ, Hinweise auf sich und seinen Kahn zu hinterlassen“, seufzte Will. „Wenn nichts hilft, werden wir wohl diese Adresse aufsuchen müssen“, setzte er hinzu und zog einen Zettel aus der Tasche, den er ihr zeigte.

„Tia Dalma?“, fragte sie verblüfft. „Von wem hast du den Zettel?“

„Gibbs hat ihn mir für den Notfall mitgegeben, wenn alle anderen Mittel versagen. Aber er meint, es sei gefährlich, sich ohne Not mit einer Voodoo-Priesterin einzulassen. Er traut ihr nicht über den Weg.“

„Verständlich“, nickte sie.

„Was weißt du von ihr?“

„Ach, Jack erwähnte sie mal. Klang so, als wäre es eine von den vielen, vielen Bräuten, die er in schier jedem Hafen hat. Bis jetzt hat er sich überall Backpfeifen und Ohrfeigen eingefangen … Aber …, von der Insel Pantano, auf der sie wohnt, erzählt man sich, dort lebe Calypso.“

„Und wer ist … Calypso?“, fragte er. Er hatte mal wieder das fatale Gefühl unwissend zu sein wie ein Wickelkind – oder eben ein Welpe …

„Calypso ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Eine Seenymphe, die Odysseus über Jahre gefangen hielt. Manche behaupten, sie sei mit Davy Jones liiert.“

„Holla, das geht mir doch etwas zu sehr ins Märchenhafte!“, wehrte Will ab. Elizabeth grinste.

„Der Fluch der Azteken und Groaltek sind ebenfalls in diesem Sagenbereich zu suchen. Ernsthaft, das hätten wir beide doch auch nicht geglaubt, Schatz“, erinnerte sie.

„Nein, das ist wahr“, bestätigte er mit leisem Seufzen. „Aber mir sträuben sich gerade die Nackenhaare, wenn ich an den Traum denke, von dem ich dir erzählt habe.“

„Du meinst …“

„Weißt du, langsam fällt eine Karte nach der anderen auf die Bildseite – alles Bilder, die ich in meinem Traum gesehen habe, von deren Existenz ich aber nie zuvor gehört habe. Es wird mir allmählich unheimlich“, erwiderte Will. Elizabeth streichelte ihm sanft über das Gesicht.

„Verstehe“, flüsterte sie. „Wie geht es dir eigentlich, Liebling?“

„Ich merke seit Tagen nichts mehr – und das kommt mir erst recht seltsam vor.“

„Zieh doch mal dein Hemd aus“, bat sie. Er tat, wie ihm geheißen. Elizabeth nahm den Verband ab und stutzte.

„Das heilt ja plötzlich!“, entfuhr es ihr. „Die Kräuter müssen richtig gut sein!“, schnaufte sie. Vorsichtig erneuerte sie den Verband, wie Jerôme es ihr gezeigt hatte.

„Ich weiß im Moment noch nicht, wo ich das einsortieren soll“, sagte sie leise.

„Was meinst du?“

„Lass mich drüber nachdenken, ja?“, bat sie. „Im Augenblick kann ich noch nicht sagen, ob es zutreffend ist und wie ich es dir sagen soll“, wehrte sie ab. Er nickte. Elizabeth war sein wandelndes Seefahrts- und Sagenlexikon, sofern Gibbs nicht greifbar war. Aber auch sie brauchte hin und wieder eine Pause von seinem beständigen Fragen.

„Ich löse Groves am Steuer ab“, sagte er. Sie nickte und küsste ihn.

 

Kapitel 8

Riskante Begegnung

Die Kajütentür klappte hinter Will zu, und Elizabeth begann eine unruhige Wanderung durch die Kajüte.

Es gab ein Gerücht, eine Sage, eine Legende, die von einem jungen Helden erzählte, der nur durch schieres Wunder zwei eigentlich tödliche Verletzungen überlebte – durch göttlichen Segen und wegen seiner Aufgabe, die Meere von einer bösen Macht zu befreien. Dazu kam die schlichte Tatsache, dass nur wenige Menschen überhaupt einen Schiffsuntergang überlebten, aber Will hatte schon zwei Schiffbrüche lebend überstanden: Den Untergang der Dragonfly und der HMS Interceptor.

Sollte Will etwa …? Elizabeth schauderte, als ihr einfiel, dass der fragliche junge Held harte Prüfungen zu bestehen hatte, Zweifel an der Treue seiner Gefährtin haben würde, die ihm gleichwohl nie wirklich die Treue entziehen würde – und er musste sterben, um ewig leben zu können! Die Liebenden würden sehr lange getrennt sein. Die Gerüchte dazu waren je nach Version der Legende unterschiedlich, schwankten zwischen sieben und hundert Jahren. Elizabeth schüttelte sich. Will hergeben? Niemals! Sie liebte ihn mit allem, was in ihr war.

Sie hatte einmal von Piraten geträumt. Piraten lebten ein freies Leben, waren niemandem untertan, dienten nur ihren eigenen Interessen, niemals aber anderen.

Will, der Piratensohn, hatte jedoch einen Weg gefunden, die Freiheit des Piratenlebens mit einer bürgerlichen Existenz und regelmäßigen, absolut legalen Einkünften zu verknüpfen. Ein Lächeln stahl sich auf Elizabeths Gesicht. Dieser Umstand passte nun ganz und gar nicht zu jener Sagengestalt. Jenem nämlich wurde ausgerechnet an seinem Hochzeitstag die bürgerliche Existenz unter den Füßen weggerissen …

Doch dann erstarrte sie erneut. Nach allem, was sie über diesen sagenhaften Helden wusste, passte ausgerechnet die EITC auf die nichtstaatliche Einrichtung, die dem jungen Helden und seiner treuen Gefährtin das Leben schwermachen sollte … Vielleicht stimmte nicht alles, was dazu aufgeschrieben war oder mündlich weitergegeben wurde, aber es passten einfach zu viele Dinge, die sich im Leben des William Turner jr. schon ereignet hatten, auf diese Sagengestalt.

Am erschreckendsten war sicher, dass Will, der definitiv nicht in Wolkenkuckucksheim lebte, sondern mit beiden Beinen fest auf der Erde stand, lieber seinen klugen Verstand benutzte, wo andere dem Aberglauben nachhingen, diese Sage geträumt hatte – jedenfalls einen Teil davon, obwohl Elizabeth absolut sicher war, ihm niemals davon erzählt zu haben. Wie würde Will reagieren, wenn sie ihm so etwas sagte? Vermutlich würde er lachen, sagte sich Elizabeth.

Andererseits hatte er schon genug Unglaubliches erlebt, um nicht jede unwahrscheinlich erscheinende Möglichkeit ins Reich der Fabel zu verweisen. Und manchmal war es besser, eine schmerzhafte Wahrheit um die Ohren geschlagen zu bekommen, als süße Lügen zu hören. Aber noch wehrte sich zu viel in ihr selbst, um zu akzeptieren, was dem Mann, den sie liebte, möglicherweise noch bevorstand.

Ihr Blick fiel auf den Zettel mit der „Adresse“ von Tia Dalma, einer Skizze der Insel Pantano, die in der Nähe von Cozumel lag – wohin sie ohnehin mussten, um den Aztekenschatz endgültig zu vernichten. Vielleicht war es hin und wieder ganz passabel, gewisse Dinge von einer sowieso geheimnisumwitterten Person aussprechen zu lassen …

Will stand am Steuer seiner Brigg und sah Stephen Groves nach, der nach der Ablösung durch den EignerCaptain wollte ihm als Bezeichnung für Will immer noch nicht angemessen erscheinen – in die Steuermannskajüte unter dem erhöhten Vorschiff ging. Eine innere Stimme warnte Will vor einer Gefahr, die von dem ehemaligen Navy-Lieutenant ausging, wobei sich stets ein Fragezeichen hinter das Wort ehemalig schlich. Will wusste nur zu gut, dass James Norrington Jack mit besonderem Eifer jagte und es noch immer nicht verkraftet hatte, dass Governor Swann den Piraten amnestiert hatte. Er nahm sich vor, seinen Ersten Maat im Auge zu behalten. Es bestand nach Wills Überzeugung eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass Norrington Groves in seine Expedition eingeschleust hatte – ob als Aufpasser oder als Spion, darüber war sich Will noch nicht ganz klar. Es waren ein aber paar Zufälle zu viel, die Groves an Bord der Aztec gespült hatten.

Am Horizont tauchten Masten auf. Einer, zwei, drei. Im Großtopp* wehte eine Will unbekannte Flagge, die der britischen Handelsflagge sehr ähnlich war: Die Flagge hatte roten Grund, doch die Oberecke** war nicht der Union Jack, die britische Nationalflagge. Er nahm das Fernrohr zur Hand und bemerkte, dass die Oberecke weiß war, geteilt durch zwei blaue Balken. Dann schob sich auch der Rumpf des Dreimasters über die Kimm und Will erkannte an der Flaggleine des Besanmastes* eine dunkelblaue Flagge mit einem dreistrahligen weißen Stern und Buchstaben zwischen den Strahlen des Sternes, die auf die Entfernung noch nicht genau zu erkennen waren.

„Kennt Ihr diese Flagge, Bootsmann?“, fragte Will und gab das Fernrohr Mr. Hoskins, einem kleinen, gedrungenen Seemann, den Gibbs ihm für diesen Posten empfohlen hatte. Hoskins peilte durch das Fernrohr.

„Beim Klabautermann!“, entfuhr es ihm. „Verdammte Sintflut! Das ist ein Schiff der Company!“

„Was?“, hakte Will nach. Hoskins wies kreidebleich auf das sich auf Gegenkurs nähernde Schiff.

„Das ist ein Schiff der East India Trading Company, Captain. Wenn die mich hier an Bord finden, bin ich geliefert!“

„Wieso?“

„Captain, Sir, ich bin als Pirat gefahren. Die EITC interessiert es nicht, wenn sich jemand von diesem Weg abgewandt hat und ein ehrlicher Seemann geworden ist. Die rösten mich auf kleiner Flamme!“, stieß der Bootsmann hervor.

„Wir segeln unter britischer Flagge“, gab Will zu bedenken. „Die sollten keinen Grund haben, uns anzugreifen.“

„Euer Wort in Gottes Ohr, Captain“, seufzte Hoskins.

Es dauerte eine gute Stunde, dann war das Schiff unter der Flagge der East India Trading Company so nahe gekommen, dass ein Gruß fällig war. Will ließ den Bootsmann die Flagge dippen*. Doch das andere Schiff erwiderte den Gruß nicht, sondern gab Signal zum Halten. Will beschloss, das Signal geflissentlich zu übersehen; er hatte schließlich kein Navy-Schiff in Sichtweite, sondern ein Handelsschiff. Die Antwort kam prompt und bestand in einem Warnschuss, der vor dem Bug ins Wasser klatschte.

„Gib mir mal das Megaphon“, knurrte Will. Hoskins reichte ihm den Verstärker.

„He!“, rief er dann mit der Verstärkung durch die Flüstertüte hinüber. „Was soll das, britisches Handelsschiff?“

„Geht augenblicklich längsseits und nehmt den Wind aus den Segeln!“, befahl eine herrische Stimme von dem „Handelsschiff“.

„Warum sollten wir das tun?“, fragte Will zurück.

„Weil ich das sage!“

„Ich lasse mir keine Befehle von einem Handelssegler geben!“, donnerte Will zurück. „Gehabt Euch wohl!“, fauchte er.

Ruder nach Steuerbord!“, wies er den Rudergänger an, der auch sofort dem Befehl nachkam.

In diesem Moment stieg Elizabeth an Deck und wurde blass, als sie das Schiff der EITC sah

„Will, was wollen die?“, fragte sie.

„Uns stoppen, aber da spiele ich nicht mit“, erwiderte er und stellte zu seiner Zufriedenheit fest, dass sich die Schiffe voneinander entfernten.

„Vorsicht, Captain!“, warnte Groves, der von der Back kam und wies auf den Großmast des Handelsseglers. Dort, im Ausguck, stand Mann in einer Art Uniform und zielte mit einer Muskete auf Will. Ein Schuss krachte, Will ließ sich im Reflex fallen, die Kugel fetzte über die Steuerbordreling. Der junge Captain sprang wieder auf die Füße.

„Hart Steuerbord!“, brüllte er. Der Rudergänger gehorchte, und die Aztec drehte rasch nach rechts weg, zeigte dem Handelssegler in wenigen Augenblicken das Heck – schneller, als die Galeone eine Breitseite abfeuern konnte. Der Wind griff voll in die Segel und brachte die Aztec schnell außer Reichweite der Kanonen des Company-Schiffes.

„Macht die Kanonen klar!“, befahl Will und trat selbst ans Steuer. Eilig liefen seine Männer an die Geschütze und hatten sie rasch geladen. Dennoch machte Will keine Anstalten, zu wenden und den Handelssegler anzugreifen, sondern brachte seine Aztec wieder auf Kurs nach Norden. Der eher schwerfällige Handelsdreimaster blieb hinter der schnellen Brigg rasch weit zurück.

„Mr. Groves, übernehmt bitte das Steuer. Ich werde den Vorfall im Logbuch eintragen“, sagte Will.

„Aye, Captain!“, bestätigte Groves und trat ans Steuer. „Werdet Ihr dazu eintragen, dass ich Euch über die Privilegien der East India Trading Company informiert habe?“

„In einer Weise, die es uns beiden erlaubt, das Gesicht zu wahren, Mr. Groves“, grinste Will und verschwand in der Kajüte unter dem Achterdeck.

„Warum ist er einem Kampf ausgewichen, Mrs. Turner?“, fragte Groves. „Euer Mann ist doch eher ein Kämpfer …“

„Schon, aber nur, wenn er überzeugt ist, das Richtige zu tun, Mr. Groves. Er hat eine großartige Ausrede: Die Privilegien der EITC sind Euch als ehemaligem Navy-Offizier bekannt, aber Will ist Privatmann, gehört weder der Handelsgilde noch der Flotte an und muss darüber nicht unterrichtet sein. Er kann sich schlicht und einfach dumm stellen“, grinste Elizabeth.

Mit einiger Wut im Bauch machte William Turner folgenden Logbucheintrag:

„27. Juli 1757, 2 Glasen* mittags: Dreimaster unter scheinbar britischer Flagge (Erster Maat und Navigator vermuten: East India Trading Company) versucht, die Aztec zu stoppen. Kann keine Berechtigung eines Handelsschiffes erkennen, ein deutlich durch britische Flagge gekennzeichnetes Schiff zu stoppen. Erster Maat behauptet zwar, EITC sei königlich privilegiert, doch kann dies nach meiner Überzeugung keine hoheitlichen Aufgaben wie Durchsuchung eines eindeutig britischen Schiffes beinhalten. Warnschuss vor den Bug seitens des unbekannten Seglers ist erfolgt, wurde aber aus besagten Gründen ignoriert. Könnte sich auch um ein unter falscher Flagge fahrendes Piratenschiff handeln. Von der Großmastrah wurde auf die Aztec geschossen. Keine Verletzten, lediglich Steuerbordreling leicht beschädigt. Haben Feuer nicht erwidert und sind ausgewichen, da unsererseits keine Gewaltanwendung gegen britische Schiffe beabsichtigt ist. Brigg Aztec ist im Auftrag des Gouverneurs von Jamaica, Seiner Exzellenz Weatherby Swann, unterwegs, um Captain Jack Sparrow ausfindig zu machen und ihn davon zu überzeugen, seine Schuldlosigkeit an gewissen Ereignissen vor einem Lordrichter unter Beweis zu stellen.

Capt. William Turner“

Eine Weile sah Will auf seine Eintragung. Konnte der König von England tatsächlich eine Handelsorganisation mit derart weit reichenden Privilegien ausgestattet haben? Privilegien, die vom Parlament nicht mehr kontrolliert werden konnten, weil sie ausschließlich wirtschaftlichen Interessen dienten? Wenn das stimmte, was – zum Teufel – war dann so verwerflich an der Piraterie? Etwa die Tatsache, dass Piraten in der Tat nur für den eigenen Geldbeutel arbeiteten, der König davon aber keinen Penny sah? Sollte es wirklich dieser ominöse Penny sein, den der König eben nicht sah und der den Unterschied zwischen einem wohlgelittenen Wirtschaftsunternehmen und einem aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Piraten machte? Ging es Großbritannien wirklich nur ums Geschäft, nicht um das Wohlergehen aller seiner Bürger?

Tief in Will meldete sich Misstrauen in die Nation. Bislang hatte er sein Land ohne Vorbehalte unterstützt, aber wenn einer Handelsorganisation, die es auf Profit abgesehen hatte, hoheitliche Aufgaben übertragen wurden, dann stimmte etwas nicht mehr.

„Du grübelst mal wieder …“, meldete sich Groaltek und ließ sich an einem grünen Faden aus dem Medaillon um Wills Hals schweben.

„Ja“, seufzte Will. „Mir kommt das alles sehr seltsam vor, Groaltek.“

„Du hattest eine Vision“, stellte der Azteke fest.

„Ich würde es eher Albtraum nennen“, sagte Will leise. „Woher weißt du das?“, fragte er dann erschrocken. Groaltek lächelte.

„Ich bin dein Schutz, mein Lieber. Deshalb habe ich die gleiche Vision. Auf dieser Welt geschieht nichts ohne Grund, William, auch Visionen nicht.“

„Heißt das, die … die Vision wird eintreffen?“, hakte Will mit belegter Stimme nach.

„Nein, es ist eine Möglichkeit. Du bist gewarnt, wer deine Feinde sind und kannst auf sie reagieren.“

„War es richtig, einem Kampf auszuweichen?“

„Ja, denn du wusstest weder, wie stark sie wirklich waren, noch was sie tatsächlich vorhatten.“

„Was rätst du mir, wenn wir erneut eine solche Begegnung haben?“

„Dein Schiff ist schnell und wird Nassau auf jeden Fall vor ihnen erreichen. Sprich mit dem Gouverneur und melde den Angriff auf dein Schiff. Nicht alle Gouverneure teilen die Leidenschaft deines Königs für diese seltsame Gesellschaft.“

„Danke, Groaltek.“

Der Azteke löste sich auf, verschwand im Medaillon, das Will wieder in seinem Hemd versenkte. Er hatte so leise mit dem Schatzgeist gesprochen, dass er sicher sein konnte, niemanden auf die Idee zu bringen, er sei nicht ganz richtig im Kopf. Schließlich wussten an Bord nur Elizabeth und Jerôme von der Existenz des Schatzgeistes …

 

Kapitel 9

Nassau

Die Aztec erreichte ohne weitere Zwischenfälle Nassau auf der Insel New Providence, die Hauptstadt und der zentrale Hafen der Inselgruppe der Bahamas. Vor gerade einmal vierzig Jahren war diese Insel und viele der weiteren bewohnten Inseln der Bahamas eine Piratenrepublik gewesen, bis Captain Woodes Rogers den von Blackbeard alias Edward Teach angeführten Piraten den Garaus gemacht hatte. Die Grundstruktur, die parlamentarische Regierung, blieb jedoch erhalten, weiterhin geführt von einem Gouverneur der britischen Krone.

Groves, der den Hafen von früheren Besuchen mit der Royal Navy kannte, steuerte die Aztec zu den Piers.

„Wie lange werden wir in Nassau bleiben, Sir?“, fragte er, nachdem die Brigg vertäut war.

„So lange, bis wir Wasser und Proviant aufgenommen haben und Erkundigungen über Captain Sparrow eingezogen haben, Mr. Groves“, entgegnete Will. „Wollt Ihr Euren Onkel besuchen?“

„Nun, wenn wir schon mal hier sind …“

„Wohnt er hier in Nassau?“

„Aye, Sir.“

Misstrauen meldete sich in Will. Stephen Groves kannte die ungefähre Route, die die Aztec von Nassau weiterfahren würde. Wenn Norrington ihn geschickt hatte, konnte er diese Information gut an die Navy weitergeben. Sollte der Gouverneur Jacks Ziel kennen, würde Groves keine Schwierigkeiten haben, dieses Wissen ebenfalls zu erlangen und an die Navy weiterzugeben. Will beschloss, die Angelegenheit flexibel zu handhaben. Wenn Groves verschwinden sollte, würde er jedenfalls nicht den ursprünglich geplanten Kurs einschlagen …

„Schön, besucht ihn. In spätestens drei Tagen segeln wir weiter“, erwiderte Will. „Ihr wisst ja: Wer zurückbleibt, wird zurückgelassen“, setzte er mit einem schelmischen Grinsen hinzu. Stephen konnte nicht anders, als das ansteckende Grinsen zu erwidern.

„Ich schätze, bis zu einem gewissen Grad könnt Ihr Eurem Piratenblut nicht widerstehen, Sir“, schmunzelte er.

„Aye, bis zu einem gewissen Grad, Mr. Groves …“, grinste Will zurück. „Ich wünsche Euch einen schönen Aufenthalt.“

„Danke, Sir“, verabschiedete sich Groves – und grüßte in jahrelang eingeübter Routine militärisch.

Keinen Glasenschlag später eilte Groves mit einem kleinen Seesack bewaffnet von Bord und verschwand im Gewühl des Hafens. Will hatte beim Hafenmeister die Aztec ordnungsgemäß angemeldet, die Liegegebühr bezahlt und von dort einen Boten zum Gouverneur geschickt, bei dem er als Bevollmächtigter des Gouverneurs von Jamaica um eine Audienz bat. Der Bote kam auch nicht sehr lange danach zurück und teilte mit, dass der Gouverneur den Captain Turner zwar nicht selbst empfangen könne, da er sich nicht in Nassau aufhalte, dass aber sein Stellvertreter, Mr. Bellows, geehrt sei, einem Gesandten des Kollegen von Jamaica am folgenden Tag um zehn Uhr einen Gesprächstermin geben zu können.

Will und Elizabeth erschienen also am darauf folgenden Tag Punkt zehn Uhr beim Vizegouverneur von New Providence, der zunächst etwas verstört gewahrte, dass Captain Turner gleich in Begleitung seiner Frau kam.

„Ich bin Governor Swanns Tochter, Mr. Bellows“, lächelte Elizabeth verbindlich.

„Es ist ungewöhnlich, dass eine junge Frau aus vornehmem Haus wie Ihr derartige Reisen unternimmt, Mrs. Turner. Keine der Frauen, die mir bekannt sind, würde sich freiwillig diesem Risiko aussetzen“, wunderte sich der Vizegouverneur. „Schon gar nicht in der gegenwärtigen Situation!“

„Ich weiß, dass es in der Regel als geradezu skandalös gilt, wenn eine Frau die Nase auch nur aus der Haustür hinaus steckt, Mr. Bellows. Ich kann Euch versichern, dass das Haus zuweilen nicht weniger gefährlich ist als das, was sich außerhalb davon befindet“, versetzte Elizabeth kühl. „Mein Mann reist im Auftrag meines Vaters, und ich habe feststellen dürfen, dass es auf dieser Welt niemanden gibt, der mich zuverlässiger schützen kann, als mein Mann. Darum habe ich mich entschlossen, ihn zu begleiten, wohin immer es ihn auch verschlägt.“

Das war nur halb geschwindelt; Elizabeth wusste dank Wills didaktischen Fähigkeiten durchaus ein Schwert zu benutzen und sich mögliche lästige Elemente gut selbst vom Hals zu halten, aber dass sie Will aus Liebe zu ihm nicht alleine lassen würde, war eine schlichte Tatsache. Ersteres wollte sie dem Vizegouverneur allerdings nicht auf die Nase binden, sonst hätte sie vermutlich Riechsalz benötigt – für den Vizegouverneur …

„Nun gut, was führt Euch zu mir, Captain Turner?“, fragte er dann Will.

„Ich … wir sind auf der Suche nach Captain Jack Sparrow und seiner Black Pearl. Habt Ihr Kenntnis von seinem Aufenthalt?“, fragte Will direkt.

„Weshalb … sucht … Ihr ihn?“, fragte Bellows zögernd.

„Seine Aussage vor Gericht als Zeuge zu gewissen Vorfällen in Port Royal wird benötigt“, erklärte Elizabeth mit vorsichtiger Diplomatie. Dass Jack sich selbst vor Gericht verantworten sollte, hielt sie als Information nicht für angebracht.

„Wenn die Royal Navy es versuchen würde, würde er sicher nicht freiwillig mitkommen, fürchtet Governor Swann, und hat uns daher gebeten, ihn aufzuspüren“, ergänzte Will.

„Weder Captain Sparrow noch sein Schiff sind in der letzten Zeit hier gewesen“, wehrte Bellows ab.

„Wann habt Ihr ihn zuletzt gesehen?“, fragte Elizabeth.

„Oh, das ist bestimmt schon zwei Monate her.“

„Wohin wollte er, als er aufbrach?“, bohrte Will weiter.

„Ihr solltet beim Hafenmeister nachfragen. Möglicherweise hat er ihm einen Zielhafen genannt.“

„Eigentlich ist das doch nur bei Freibeutern** der Fall“, wunderte sich Elizabeth. „Hat er einen Kaperbrief des Gouverneurs angenommen?“

„Der Gouverneur hat ihm einen angeboten, angenommen hat er ihn nicht, wie ich weiß. Wenn … wenn Ihr Captain Sparrow kennt, wisst Ihr, dass er sich nicht gern festlegen lässt.“

Elizabeth und Will nickten im Takt. Jack und Kaperbrief, das passte mit seiner Auffassung von Freiheit nicht zusammen …

„Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?“, fragte Bellows, eigentlich mehr rhetorisch, weil es den Gepflogenheiten entsprach.

„Ja, Ihr könntet mir sagen, wo ich einen Angriff auf mein Schiff melden kann.“

„Ihr wurdet angegriffen?“, keuchte Bellows erschrocken. „Spanier oder Franzosen?“

„Nein, Briten“, versetzte Will.

„Was? Wer wagt es, als Brite ein britisches Schiff anzugreifen? Es reicht, wenn uns Franzosen und Spanier das Leben schwer machen!“

„Mein Erster Maat und der Bootsmann meinen, es könnte ein Schiff der East India Trading Company gewesen sein. Jedenfalls fuhr die Fregatte unter deren Flagge.“

„Habt Ihr den Namen des Schiffes?“

„Nein, leider nicht. Am Bug war kein Name angebracht und

am Spiegel sind wir nicht vorbeigekommen, weil wir vorher abgedreht haben. Aber es hatte eine Galionsfigur, die nach einem Affen aussah“, erklärte Will. Bellows nickte.

„Das könnte die Borneo gewesen sein. Sie hat einen Orang-Utan, einen dort heimischen Affen, als Galionsfigur. Sagt, was ist genau geschehen?“, erkundigte sich Bellows dann. Will berichtete kurz. Bellows rieb sich nachdenklich den ergrauten Backenbart, der das Ehepaar Turner durchaus an ihren Freund Gibbs erinnerte.

„Sagt, Captain Turner, seit wann seid Ihr in dieser Position?“

„Erst seit kurzem, wie ich einräumen muss. Mein Schiff ist kaum drei Wochen alt. Ich fahre erst seitdem als Eigner und Captain“, erwiderte Will. Bellows nickte.

„Dann verstehe ich, Captain Turner. Ich persönlich habe volles Verständnis für Eure Handlungsweise. Es ist nur zu gut begreifbar, dass ein braver britischer Bürger sich nicht vorstellen kann, dass eine grundsätzlich private Handelsorganisation Befugnisse hat, die jenen der Royal Navy gleichen. Leider ist es wahr und ich kann Euch nur warnen, Euch ein zweites Mal einer solchen Aufforderung zu entziehen. Ihr würdet der Piraterie angeklagt“, warnte der Vizegouverneur. Jetzt war es Will der sich nachdenklich den gepflegten Kinnbart rieb.

„Was war Piraterie gleich noch mal? Bewaffneter Überfall, Wegelagerei zur See, Raub, Mord, Segeln unter falscher Flagge, Brandschatzung und so weiter. Man hat Captain Sparrow in meiner Gegenwart viel vorgeworfen, die Weigerung, sein Schiff durchsuchen zu lassen, gehörte definitiv nicht dazu“; versetzte Will. Bellows sah ihn mitleidig an.

„Eure Einwände verstehe ich. Bei mir persönlich rennt Ihr damit eine offene Frachtluke ein. Ich bin ein vom König eingesetzter Vizegouverneur, wie auch der hiesige Gouverneur vom König persönlich eingesetzt wurde. Wir beide könnten allenfalls verstehen, wenn der Company Kaperbriefe ausgestellt werden, wie anderen Privatleuten auch. Dass sie militärische und polizeiliche Befugnisse gegenüber britischen Bürgern hat, mag in völlig unterentwickelten, gerade erst gefundenen Kolonien vielleicht noch passend sein, geht aber zumindest in dieser militärisch überwachten Kolonialgegend nach meinem Geschmack erheblich zu weit und mir genauso gegen den Strich wie Euch. Als reiner Privatmann seid Ihr in erheblicher Gefahr. Ich kann Euch aber einen Kaperbrief ausstellen. Der würde Euch das Recht geben, Euch gegen Angriffe zu verteidigen. Sollte Euch wieder einer dieser Pfeffersäcke bremsen wollen, haltet ihm den vor die Nase.“

„Einen Schutzbrief des Gouverneurs von Jamaica haben wir. Aber ein Kaperbrief ist ein freundliches Angebot. Frage ist: Muss ich ihn benutzen?“, erkundigte sich Will.

„Ihr fragt Euch, ob Ihr Spanier oder Franzosen fahren lassen dürft, oder?“

Will nickte.

„Ihr dürft ihn benutzen, müsst es aber nicht. Doch wenn Ihr es tut, gehören zehn Prozent der Beute der Krone und sind hier in Nassau abzugeben, weil der Kaperbrief hier ausgestellt wurde.“

„Aye!“, bestätigte Will.

Bellows stand auf und ging zu seinem Schreibsekretär, dem er zwei kunstvoll geschriebene und verzierte Dokumente entnahm, in denen nur der Name des Inhabers und eine zweite Unterschrift fehlten. Eine Unterschrift, die des Königs von Großbritannien, zierte samt dessen Siegel bereits die Dokumente. Gültig wurden sie jedoch erst, wenn der Bevollmächtigte Seiner Majestät des Königs ebenfalls unterzeichnete und sein Siegel dazu setzte. Vizegouverneur Bellows war ebenso wie der eigentliche Gouverneur berechtigt, solche Kaperbriefe zu unterzeichnen.

„Euer voller Name, Captain Turner?“

„William Turner jr., Sir.“

Bellows trug den vollen Namen des Inhabers einschließlich des Captainstitels und das Datum in den einen Kaperbrief ein, siegelte ihn und trocknete die Tinte mit Streusand. Den zweiten versah er lediglich mit seiner Unterschrift und seinem Siegel – ein Blankodokument. Beide Kaperbriefe überreichte er Will.

„Der Kaperbrief ohne Namen ist für Captain Sparrow, wenn er ihn möchte. Ich kenne Jack Sparrow und weiß, dass er kein Halsabschneider ist, wie Teach oder Vane es waren und einige andere noch immer sind. Ich weiß aber auch, dass er das Piratenleben niemals aufgeben wird. Dafür ist er ein viel zu freiheitsliebender Mensch. Aber dieser Kaperbrief kann ihm den Hals retten. Ihr seht, dass das Datum noch fehlt. Wenn Ihr Jack findet und er bereit ist, sich dem Gericht zu stellen, tragt ein früheres Datum ein als die Überfälle auf Port Royal. Es könnte ihn retten“, sagte er dazu.

„Danke für Euer Vertrauen, Exzellenz. Dennoch wage ich zu bezweifeln, dass Jack dieser Kaperbrief wegen der Vorwürfe in Sachen Port Royal retten könnte, da ihm vorgeworfen wird, einen britischen Hafen attackiert zu haben. Er ist dann wohl mit unserer Zeugenaussage besser bedient“, wandte Elizabeth ein.

„Nein – und dieser Umstand ist im Seerecht zu suchen. Jeder Captain ist verpflichtet, ein Logbuch zu führen. Das tun selbst Piraten. Wenn schon nicht wegen der Verpflichtung von Seiten des Staates, dann deswegen, weil die Beute ordnungsgemäß geteilt werden muss. Dazu wird sie ins Logbuch eingetragen. Ein Logbuch hat vor Gericht Beweiskraft. Es wird – bis zum vollen Beweis des Gegenteils – unterstellt, dass die Eintragungen korrekt sind. Sollte Jack an den gewissen Tagen eben woanders gewesen sein, wird ihm das vor Gericht helfen.“

„Aber dann bräuchte er den Kaperbrief doch nicht …“, wunderte sich Will.

„Im Prinzip ja, aber …“, grinste Bellows. „Seht, wenn sich bei der öffentlichen Gerichtsverhandlung Leute herumtreiben, die für die Spanier oder die Franzosen spionieren, könnte Jack auch später nichts passieren, wenn er das Pech haben sollte, denen zur Unzeit über den Weg zu fahren. Als Inhaber eines Kaperbriefes ist er geschützt. Und … was die Überfälle auf britische Bürger betrifft: Das kann man ja sogar der Company vorwerfen, wie Ihr bezeugen könnt. Ich würde diesen verdammten Pfeffersäcken gern eins auswischen.“

Elizabeth und Will sahen sich viel sagend an. Der Sprachgebrauch des Vizegouverneurs entsprach mit zunehmender Gesprächsdauer nicht wirklich dem, was in der so genannten Upper Class üblich war …

„Mr. Bellows, kann es sein, dass Ihr selbst zur See gefahren seid?“, fragte Elizabeth, der in diesem Moment einfiel, dass sie den Namen Bellows schon mal im Zusammenhang mit Piraten gelesen hatte. Bellows schmunzelte.

„In der Tat, das bin ich – und nicht immer auf die legale Art, wie sehr viele Leute, die auf New Providence leben. Bestellt Captain Sparrow bitte schöne Grüße von Captain Jonathan Bellows. Ich wünsche Euch allzeit gute Fahrt und stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“, verabschiedete der Ex-Pirat die jungen Leute freundlich.

„Danke, gehabt Euch wohl, Exzellenz“, erwiderten sie den Gruß und verließen das Amtsgebäude.

Draußen blieb Will nach einer Weile, die sie schweigend zum Hafen zurückgegangen waren, plötzlich stehen.

„Sag mal: Woher weiß Bellows eigentlich, dass Jack sich selbst vor Gericht verantworten soll? Ich habe ihm davon nichts gesagt und du hast es vorsichtig umschrieben …“

Elizabeth sah Will verblüfft an.

„Stimmt!“, keuchte sie. „Groves!“, setzte sie dann hinzu. „Ich fürchte, unser Erster Maat spielt nicht mit offenen Karten.“

„Nein, und wir ab jetzt auch nicht mehr. Von den Kaperbriefen sollte er besser nichts erfahren. Komm, zurück zum Schiff!“

 

Kapitel 10

Verrat in der Flasche

Am Abend des Tages war die Crew wieder vollzählig, einschließlich Stephen Groves, der rechtzeitig zurückgekehrt war. Will rief ihn und Bootsmann Hoskins in die Kapitänskajüte, um den Kurs zu besprechen, da die Aztec mit der Flut am nächsten Morgen auslaufen sollte.

„Also, Captain Sparrow ist nicht in Nassau und er ist auch nicht hier gewesen. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als diesen nassen Heuhaufen namens Karibik nach der Stecknadel Black Pearl abzusuchen. Englische Kolonien können wir ausschließen. Dort wird er nicht sein.“

„Was macht Euch so sicher, Sir?“, fragte Groves nach.

„Die Auskünfte, die ich heute vom Gouverneur bekommen habe. Die Black Pearl war zwar nicht hier, aber es sind Nachrichten durchgesickert, die es ausschließen, dass Captain Sparrow englische Gewässer anlaufen wird“, versetzte Will. „Reichtümer sind nicht unbedingt sein Ziel – aber ohne Rum kann er nicht leben. In Neu-Dänemark war er nicht, die Franzosen brennen keinen anständigen Rum, bleiben nur noch die spanischen Kolonien. Setzt Kurs nach Kuba, Mr. Groves!“

„Aye, Sir … Aber … Ihr wisst, dass sich Spanien mit uns im Krieg befindet?“

„Aye, das hat sich bis zu mir herum geschwiegen, Mr. Groves.“

Groves sah Will verstört an.

„Und trotzdem wollt Ihr spanische Gewässer anlaufen?“

„Mr. Groves, es ist meine Aufgabe, Captain Sparrow zu finden und ihn zu überreden, sich dem Gericht zu stellen. Und das werde ich tun!“, versetzte Will. Mit einem Lächeln setzte er hinzu:

„Abgesehen von dem Umstand, dass wir bis zur Registrierung in Port Royal noch unter dänischer Flagge fahren.“

„Aber … was, wenn Angreifer herausfinden, dass wir keine Dänen sind?“, bohrte Groves weiter. „Denkt an Eure Frau, Sir!“

„Ich bin, wie mein Mann, mit Captain Sparrow befreundet. Abgesehen davon werdet Ihr jede Hilfe brauchen können, wenn es trotz der neutralen Flagge zum Kampf kommt“, erwiderte Elizabeth. Groves fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er sie ansah.

„Wie bitte?“

„Mr. Groves, ich hatte zwar nicht den Vorzug, von der Royal Navy ausgebildet zu werden, aber mir ist durchaus bekannt, wie man mit einem Schwert umgeht“, grollte sie. Groves sah nur ihren finster-entschlossenen Ausdruck und beschloss, seine Zweifel besser nicht länger laut zu äußern.

„Aye, Captain!“, sagte er – und es klang absolut echt. Will zog die Augenbrauen leicht hoch. Es war bemerkenswert, dass Groves der Titel Elizabeth gegenüber so einfach herausgerutscht war, während er sich nach Kräften bemühte, den Eigner des Schiffes zwar mit anderen respektvollen Anreden anzusprechen, nur nicht mit Captain 

„Dann wäre der Kurs klar. Bereitet alles vor, damit wir mit der Flut auslaufen können“, wies Will ihn an.

„Aye, Sir!“, bestätigte Groves.

„Aye, Captain!“, kam es von Hoskins, der Groves einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.

Die beiden Männer verließen die Kajüte, in der Elizabeth und Will mit Jerôme zurückblieben.

„Meint ihr, dass es klug ist, wenn ich euch weiter begleite?“, fragte der Franzose.

„Kommt darauf an, für wen es gefährlich sein sollte“, erwiderte Elizabeth. „Gegenüber englischen Behörden können wir beide bezeugen, dass du mit den Franzosen seit deiner Gefangenschaft nichts mehr zu tun haben willst. Sollten wir durch Franzosen oder Spanier aufgebracht werden, kannst du immer noch behaupten, wir hätten dich gezwungen.“

„Allerdings müssen sie uns dazu erst einmal haben …“, grinste Will. Jerôme atmete sichtlich auf. Er kannte Will gut genug um zu wissen, dass der für Menschen, die ihm nahe standen, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen würde.

Mit der Flut lichtete die Aztec die Anker. Will steuerte sein Schiff selbst aus dem Hafen und machte auch einen geschickten Bogen um eine Untiefe in der Hafeneinfahrt, was Stephen Groves ein anerkennendes Nicken entlockte. Der Mann schien doch zu wissen, was er tat, wenn er am Ruder stand. Das Ufer blieb schnell zurück, als der Passatwind voll in die Segel griff und die Brigg vorwärts trieb. Der Erste Maat sah auf den Sonnenstand. Es wurde Zeit für seinen Bericht … Stephen sah zum Achterdeck und stieg dann in seine Kajüte unter dem Backdeck.

Bootsmann Hoskins, der eine lose Verschraubung am Ankerspill* festzog, vernahm ein Platschen, das lauter war, als der Seegang zuließ. Er peilte über die Steuerbordreling und sah eine Flasche am Rumpf vorbei treiben.

Wahrschau*! Flaschenpost an Steuerbord!“, rief er laut und angelte gleich mit einem Bootshaken nach der Flaschenpost und hatte sie schnell fest, hievte sie an Bord. Im selben Moment kam Groves aus seiner Kajüte.

„Bist du bescheuert?“, brüllte er den Bootsmann an und wollte ihm die Flasche entwinden, aber zwei weitere Matrosen halfen dem Bootsmann und hatten Groves schnell unter Kontrolle.

Will sah den Tumult vor dem Backdeck.

„Übernimm das Steuer!“, wies er Elizabeth an und eilte zum Vorschiff.

„Was ist hier los?“, fragte er scharf und bekam gerade noch Hoskins’ rechte Hand zu fassen, die zur Faust geballt auf dem Weg zu Groves’ Kinn war. Keuchend vor Wut trat Hoskins einen Schritt zurück.

„Hier, Captain, das habe ich aus dem Wasser gefischt. Der Erste Maat wollte mich daran hindern. Eddie und Jim haben mich vor ihm gerettet.“

Will sah die Flasche an. Es war offensichtlich eine Flaschenpost.

„Öffnet die Flasche, Mr. Hoskins!“, wies er den Bootsmann an, der die Flasche köpfte und Will den Brief übergab, der darin steckte.

„Das Fell sollte der Captain dir gerben, Stephen!“, grollte Hoskins. „Sir, auf Verrat stehen zehn Hiebe mit der Katze!“

„Ist das so?“, fragte Will mit nicht zu überhörender Süffisanz in der Stimme.

„Das gilt selbst unter Piraten, Sir!“, versetzte Hoskins. Will sah den Bootsmann einen Moment an.

„Mr. Hoskins, wir sind weder Piraten noch Angehörige der Royal Navy“, erinnerte er den Bootsmann. „Es wäre mir lieb, wenn ich lesen dürfte, was der Erste Maat abschicken wollte“, mahnte er den aufgeregten kleinen Mann zur Ruhe.

„Aye, Captain!“, bestätigte Hoskins.

Will las die Botschaft.

„Ihr schreibt Berichte an Admiral Norrington, Lieutenant Groves. Das ist in der Tat interessant“, hielt er dem Ersten Maat dann vor. Groves wich das Blut aus dem Gesicht. Er war ertappt.

„Lasst ihn los, Männer“, winkte Will. Die beiden Matrosen ließen Groves los, der sich unwillkürlich die Handgelenke rieb.

„Mr. Hoskins hat im Prinzip Recht, dass auf Verrat eine Bestrafung mit der neunschwänzigen Katze steht“, sagte er zu Groves, der noch blasser wurde. Diensteifrig holte Hoskins das schreckliche Strafinstrument aus dem Sack. Doch zu Hoskins’ Überraschung schüttelte der junge Captain den Kopf.

„Die Katze ist aus dem Sack, Sir!“, keuchte Hoskins verwirrt. Wenn die Katze aus dem Sack war, musste sie auch benutzt werden, so wollte es die seemännische Tradition.

„Dann steckt sie wieder in den Sack, Bootsmann!“, befahl Will. „Auf meinem Schiff wird es eine solche Strafe nicht geben.“

„Aye, Captain!“, bestätigte Hoskins und versenkte die Peitsche wieder – unbenutzt.

„Mr. Groves“, wandte sich Will an den Ersten Maat, „dass Ihr mit etwas zu viel Zufall auf die Aztec gekommen seid, ist mir schon etwas länger klar. Und es überrascht mich nicht, dass Ihr mir über Euch nicht die Wahrheit gesagt habt. Aber Ihr habt es nicht nötig, dem Admiral heimlich Nachrichten zu übermitteln. Dieses Schiff fährt im Auftrag des Gouverneurs von Jamaica – und ich pflege die Aufträge zu erfüllen, die ich bekomme, ob als Schmied oder als Beauftragter des Gouverneurs. Schickt ihm also Eure Berichte gern per Post und vertraut Eure Nachrichten nicht den Zufällen der Meeresströmungen an. Ich wüsste nur gern, was Ihr berichtet. Deshalb werdet Ihr mir die Kopien Eurer Berichte zeigen, Mr. Groves.“

„Aye, Captain!“, bestätigte Groves. „Äh, woher wisst Ihr …“, stotterte er dann.

„Ich kenne die Dienstvorschriften der Royal Navy, Mr. Groves“, lächelte Will.

„Woher, Sir?“

„Der Gouverneur von Jamaica ist mein Schwiegervater, falls Euch das entfallen sein sollte. Schon deshalb habe ich mehr Kontakt zu Admiral Norrington, als es für einen gewöhnlichen Menschen üblich ist. Der Admiral zitiert nur zu gerne aus dem umfangreichen Repertoire der Dienstvorschriften. Und dann ist da noch meine Frau …“, grinste Will.

„Sir, wollt Ihr ihn ohne Strafe davonkommen lassen?“, fragte Hoskins. Will sah den kleinen Bootsmann einen Moment an.

„Warum seid Ihr so wild darauf, dass Mr. Groves bestraft wird?“, fragte er.

„Er wollte Euch verraten, Sir!“

„Das wäre wohl der Fall, wenn er uns an die Spanier, die Franzosen oder die Company liefern würde. Berichte an die Royal Navy, die über unsere Fahrt ohnehin informiert ist, fallen nicht unter Verrat, Mr. Hoskins. Mr. Groves ist Offizier der Royal Navy und erfüllt seine Pflicht gegenüber dem Admiral, wenn er seine Berichte schreibt. Das Einzige, was bedenklich ist, ist seine Heimlichtuerei. Aber das ist erledigt, verstanden?“

„Aye, Captain!“

„Mr. Groves, ich belasse Euch in der Funktion des Ersten Maats, aber ich erwarte, dass Ihr keine Geheimnisse mehr vor mir habt“, wandte Will sich an Groves.

„Aye, … Captain!“

Mit einem warmen Lächeln klopfte Will seinem Ersten Maat auf die Schulter.

„Lasst es gut sein, Master Groves“, sagte er und machte mit beiden Armen eine auffordernde Bewegung, die Elizabeth am Steuer fast an Jack erinnerte.

„Los, ab auf Eure Posten, Männer!“

„Aye, Captain!“, brüllte es über das Deck. Eilig begaben sich die Matrosen auf ihre Positionen und Will kehrte zum Achterdeck zurück.

Stephen Groves sah ihm verdattert nach. Wenn William Turner in dieser Situation etwas bewiesen hatte, dann gleich mehrere Dinge: Erstens Führungskraft, zweitens ein feines Gespür für eine gerechte Handlungsweise und drittens, dass ihm grausame Strafen zuwider waren. Es gab Captains, die vom rein seemännischen Standpunkt geradezu perfekt waren, aber sie waren wahre Teufel, wenn es um die Behandlung von Untergebenen ging. Es gab sanftmütige Captains, die von der Seefahrt aber so viel verstanden wie ein Riesenkraken vom Orgelspielen und es gab solche, die sowohl gute Seeleute als auch gute Menschenführer waren. Solche wie William Turner …

Groves kam keine fünf Minuten später zu Will auf das Achterdeck und übergab ihm ein Logbuch.

„Meine Berichtsabschriften, Sir“, sagte er mit belegter Stimme.

„Danke, Lieutenant Groves.“

Stephen rang sich ein unsicheres Lächeln ab.

„Dieser Rang gebührt mir nicht an Bord Eures Schiffes, Captain.“

„Sprecht Ihr französisch, Lieutenant Groves?“, fragte Will mit einem sanften Lächeln.

„Ähem … beschränkt, Sir.“

„Dann empfehle ich Euch, bei Dr. Savigny etwas Nachhilfe zu nehmen. Wenn Ihr das getan habt, werdet Ihr wissen, dass Lieutenant übersetzt Stellvertreter oder Platzhalter bedeutet – und genau das seid Ihr als mein Erster Maat“, grinste Will.

 

 

Kapitel 11

Unerwartete Begegnung

Die Aztec segelte von New Providence nach Kuba, von dort nach Saint Domingue, zu den Cayman Islands, Puerto Rico – nirgendwo eine Spur von Jack Sparrow und seiner Black Pearl.

„Sollte er die Karibik verlassen haben?“, fragte Groves schließlich. Will zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Die Zeit, die der Gouverneur uns gegeben hat, ist fast um. Über zwei Monate sind wir jetzt schon unterwegs, aber es gibt kein Lebenszeichen von Captain Sparrow. Letzter Versuch: Wir fahren nach Pantano und besuchen Tia Dalma. Das erscheint mir die letzte Chance zu sein, ihn ausfindig zu machen“, seufzte Will.

„Wir geben auf, Captain?“, fragte Bootsmann Hoskins bedrückt.

„Wenn Ihr noch was Besseres wisst, sagt es mir, Master Hoskins“, forderte Will ihn auf, aber der kleine Bootsmann schüttelte nur den Kopf.

„Masten an der Kimm!“, brüllte Matrose Eddie aus dem Vormars*. Er wies mit ausgestrecktem Arm nach Westen. Will trat an die Reling und peilte mit dem Fernrohr in die Richtung, in die Eddie wies.

„Eine spanische Brigg …“, brummte Will.

„Was wollt Ihr tun, Captain?“

„Macht die Kanonen klar – für alle Fälle“, wies Will den Ersten Maat an.

Der Spanier kam schnell näher, zumal sich die Aztec fast genau auf Gegenkurs befand.

„Weitere Masten, Captain!“, rief Eddie aufgeregt. Will nahm nochmals das Fernrohr und sah in die Richtung, in die der Ausguck wies. Ein schelmisches Lächeln kräuselte sich um seine Lippen, als er die Flagge am Heck erkannte: Ein leicht abgewandelter Jolly Roger, der statt der gewöhnlichen Knochen unter dem weißen Totenkopf gekreuzte weiße Säbel auf schwarzem Grund hatte. Dazu die rabenschwarzen Segel und ein kohlschwarzes Schiff – das war eindeutig die Black Pearl!

Der Spanier bemühte sich verzweifelt, der erheblich schnelleren Fregatte zu entkommen, aber die Black Pearl holte den Spanier ein. Schon von weitem war sichtbar, dass Enterhaken in die Takelage des spanischen Schiffes flogen. Doch es fiel kein einziger Schuss. Es war fast gespenstisch still, als die Aztec auf der Backbordseite der spanischen Brigg längsseits ging.

„Ahoi!“, rief Will und winkte hinüber. Spanier und Piraten sahen sich verblüfft an. Niemand hatte bemerkt, dass die Brigg unter dänischer Flagge näher gekommen war.

„William???“, entfuhr es Jack mit hörbarer Verwirrung. „Was, beim Klabautermann, treibst du hier?“

„Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen!“, rief Will. Jack und der gefangene spanische Capitán wechselten einen Blick. Ergeben nickte der Spanier. Jack winkte Will.

„Komm ’rüber!“

Will warf einen Enterhaken und schwang auf das Hauptdeck des spanischen Schiffes. Jack wandte sich an seine Männer:

„Los, durchsucht die Ladung! Es fehlen nicht mehr viele Teile.“

„Aye, Captain!“

„Du suchst die Medaillons zusammen?“, fragte Will. Jack nickte nur, machte aber eine abwehrende Handbewegung und wandte sich wieder an den spanischen Captain.

„Capitán Gonzales, ich bin untröstlich, Euch auf diese Weise aufhalten zu müssen. Ihr werdet in Kürze unbehelligt weiterfahren. Ich verlange lediglich den Rum, den Ihr an Bord habt und die Medaillons mit dem Totenkopf.“

„¡Si!“, bestätigte der Spanier. „¡Teniente** Alvarez! ¡El Ron, por favor!“, befahl er. Der spanische Leutnant salutierte zackig und gab die Anweisung weiter.

„Will“, sprach Jack den jungen Mann an. „Bitte, leg’ mit deinem Kahn ab und entferne dich eine Kabellänge*. Sofern wir den Spanier abgefertigt haben, feiern wir zusammen, klar soweit?“

„Aye …“, bestätigte Will mit hörbarem Zögern. Sollte Jack die Absicht haben, danach sofort zu verschwinden, würde er ihn nicht aufhalten können. Dazu war die Aztec nicht schnell genug. Doch der Blick, mit dem Jack ihn bedachte war das unübersehbare Versprechen, dass es zu einem Treffen auf See kommen würde.

Will Turner schwang zurück auf die Aztec.

„Ablegen!“, befahl er. „Wir gehen eine Kabellänge nach Norden in Warteposition!“

Die Leinen der Aztec wurden losgemacht. Mithilfe der Toppsegel nahm der Segler Geschwindigkeit auf. Will steuerte die Brigg auf die erbetene Position, ließ den Anker werfen und wartete, dass Jack den Spanier fahren ließ.

Es dauerte nicht lange, bis der Spanier die Segel setzte und in Richtung Osten getrieben wurde. Zu Wills Verblüffung dippte der spanische Captain sogar noch die Flagge, die Black Pearl erwiderte den Gruß und näherte sich dann der Aztec. Die Black Pearl warf neben der Aztec den Anker, Jack winkte die Besatzung der Aztec an Bord. Abgesehen von Groves und Hoskins, die als Bordwache auf der Brigg blieben, ging die Besatzung auf die Black Pearl hinüber.

Nach einer überschwänglichen Begrüßung und vielen Umarmungen bot Jack Will Elizabeth und ihren Leuten Platz auf dem Achterdeck der Black Pearl an.

„Was treibt ihr hier draußen?“, fragte Jack.

„Wir sind auf der Suche nach dir und deinem Haufen – im Auftrag des Gouverneurs“, sagte Will.

„Und … wieso …, wenn die Frage erlaubt ist?“, hakte Jack nach.

„Port Royal ist überfallen worden. Es ist nichts Gravierendes passiert, sieht man davon ab, dass Norrington dich und deine Männer im Verdacht hat. Wir …“

„Und das sagst du mir so ins Gesicht, William?“, knurrte Jack.

„Vielleicht hörst du mir erst einmal zu!“, grollte Will zurück. „Jack, weder Elizabeth noch ich oder unsere Leute glauben diesen Vorwurf. Auch der Gouverneur glaubt es nicht.“

„Und warum lässt er mich dann suchen?“

„Er bietet dir an, dich von diesem Verdacht ein für allemal zu befreien. Er hat nach einem Lordrichter geschickt. Wenn der feststellt, dass du mit dieser Sache nichts zu tun hast, kann Governor Swann dir einen Kaperbrief geben, was dich als Freibeuter legalisieren würde.“

„Und das glaubst du ernsthaft, Junge?“, fragte Jack. Er schüttelte den Kopf. „Du bist wirklich ein Welpe!“

Ein raues Lachen des Captains bewies, wie wenig er von Wills Vorschlag hielt. Abgesehen von Stiefelriemen brachen auch die übrigen Männer in lautes Gelächter aus. Auch Wills Männer konnten sich ein Lachen nicht verkneifen, doch Will selbst blieb ernst, und Elizabeth bekam gar ein wütendes Funkeln in den Augen.

„Jack, mir ist durchaus klar, dass du gute Gründe hast, an der Ehrlichkeit anderer Leute zu zweifeln“, sagte Will. Er hatte nicht einmal laut gesprochen, hatte aber eine durchaus tragfähige Stimme, die er in den letzten Wochen an Bord auch recht gut trainiert hatte. Zudem ließ der Tonfall keinen Widerspruch zu und bewirkte, dass es wie auf Kommando still wurde. Elizabeth bemerkte, dass Wills braune Augen deutlich dunkler geworden waren. Jack sah seinen jüngeren Freund verblüfft an.

„Was?“

„Ich weiß, dass du so oft hintergangen worden bist – auch von deiner ehemaligen Crew – dass es dir schwer fällt, anderen Menschen zu vertrauen. Aber was Governor Swann betrifft, kann ich dir bei meiner Seele schwören, dass er dich nicht hintergehen wird. Admiral Norrington mag geschworen haben, jeden Piraten an den Galgen zu bringen, aber wenn dieses Verfahren ergibt, dass du mit den Überfällen nichts zu tun hast, hat er keinen Grund, dich weiterhin zu jagen. Für alles andere bist du amnestiert – samt deiner Crew.“

„Nimmst du wirklich an, dass dein Admiral oder der hochverehrte Lordrichter“ – Jack spie die Worte geradezu aus und dirigierte mit beiden Zeigefingern ein imaginäres Orchester – „die geringste Chance auslassen würde, jemanden, der sich nicht wie eine Marionette spielen lässt, davonkommen zu lassen? Nein, William, so wahr dieses Schiff von Davy Jones persönlich aus den Tiefen des Ozeans gehoben wurde: Ein Mann, der seine Freiheit genießt, ist diesen katzbuckelnden Perückenträgern ein Dorn im Auge. Ich glaube dir, ich glaube selbst deinem Herrn Schwiegerpapa – aber ich traue weder Norrington noch irgendeinem anderen Lakaien des Königs von hier bis zum nächsten Wellental!“

„Der Lordrichter wird in wenigen Tagen in Port Royal sein. Wenn wir bis dahin nicht mit dir dort sind, wird die Royal Navy dich suchen“, warnte Elizabeth.

„Womit du mir sagen willst, es sei das kleinere Übel, jetzt mit euch zu fahren, statt sich mit der Navy herumzuschlagen.“

Elizabeth nickte. Jack zog eine traurige Schnute.

„Lizzy, Liebes. Es liegt nicht an euch beiden. Ja, es stimmt, ich habe wenig Vertrauen in andere, aber ganz besonders wenig in Staatsdiener. Da ist noch was, was ihr beide vielleicht nicht bedacht habt: Es reicht nicht, wenn ich dem Lordrichter sage, dass ich es nicht gewesen bin. Ich kann ihn zwar besoffen reden, aber ohne Kater am nächsten Tag – und dann tanze ich doch noch mit des Seilers Tochter Ringelreihen. Danke, kein Bedarf. Es wird nicht ohne handfeste Beweise abgehen. Die gibt’s aber nur mit Jamie Einauge im Schlepptau – vorzugsweise verschnürt wie ein Rollbraten und unverflucht. Was meint ihr eigentlich, weshalb ich die Medaillons zusammensuche?“

„Jack, wie wär’s wenn du uns sagst, was deine Absichten sind?“, schlug Will vor. Jack sah die beiden jungen Leute an.

„Kommt mit!“, sagte Jack und winkte ihnen, lotste sie in die Kapitänskajüte der Black Pearl.

In der Kajüte zeigte er ihnen einen Aufruf des Gouverneurs von Nassau, der allen Piraten, die sich stellten und der Piraterie abschwuren, Amnestie und einen Kaperbrief zusagte.

„Ich bin in Nassau gewesen. Bellows hat mir den Kaperbrief angeboten. Ich habe ihm gesagt, dass er sich den sonst wo hinstecken kann. Ein Kaperbrief interessiert mich nicht, ich will nur meine Freiheit, sonst nichts. Bellows hat mir klar gemacht, dass diese Überfälle – Port Royal ist ja beileibe nicht die einzige Siedlung, die diese Monster angreifen – stets der Black Pearl zugerechnet werden und nur der greifbare Beweis des Gegenteils mir und meiner Crew den Hals retten kann. Seitdem sind wir auf der Suche nach den von Jamie verstreuten Medaillons. Wir haben bis auf eines alle finden können. Ich weiß, wer es hat, aber es wird schwierig, an ihn heranzukommen.“

„Und wer hat es?“, fragte Will direkt.

„Jack!“, erwiderte Jack mit goldenem Grinsen.

„Jack?“, hakten Will und Elizabeth wie aus einem Munde nach.

„Jack!“, bestätigte Sparrow mit noch breiterem Grinsen.

„Und wo ist dann das Problem, Jack?“, fragte Will mit deutlicher Betonung des Namens. Jacks Zeigefinger stießen erneut in die Luft, als wollte er Rauchkringel aufspießen.

„Du … erinnerst … dich vielleicht an meinen kleinen Namensvetter, dem mein geschätzter Kollege Hector Barbossa diesen ehrenwerten Namen gab?“, erkundigte sich Jack.

„Der Affe?“, entfuhr es Elizabeth. Mit einem gewissen Schauder dachte sie an das verlauste Fellknäuel, das dem meuterischen Captain Barbossa nicht vom Rockschoß gewichen war. Jacks Gesicht leuchtete auf. Mit einer ausholenden Bewegung bestätigten seine Hände die Richtigkeit von Elizabeths Spekulation.

„Genau der.“

„Wenn du das weißt, warum ist es dann ein Problem, an ihn heranzukommen?“, fragte Will.

„Ich habe dir mal von einer alten Freundin erzählt – Tia Dalma. Sie weiß über so ziemlich jeden in der Karibik so ziemlich alles. Hin und wieder benötige ich ihre Hilfe, und sie verlangt dafür Bezahlung. Sie wollte Jack haben, der uns nach einem Besuch auf der Isla de Muerta wieder an Bord gesprungen ist. Erst bei einem weiteren Besuch bei ihr habe ich dann erfahren, dass dieses Affenvieh schon wieder untot ist. Tatsächlich hat Jack eines der Medaillons.“

„Und sie rückt es nicht heraus?“

Jack rückt es nicht heraus – und außerdem müssen wir den kleinen Kerl auch noch bluten lassen, um den Fluch aufzuheben. Tia hat schon mehrfach versucht, es ihm abzunehmen, aber mit diesem räuberischen Vieh ist nicht gut Kirschen essen.“

„Man muss ihn also überlisten, sehe ich das richtig?“, erkundigte sich Will. Jack nickte. Seine kohleumrandeten Augen verengten sich leicht.

„Du siehst so aus, als hättest du eine Idee, William“, sagte er.

„Kommt darauf an“, erwiderte Will zurückhaltend.

„Worauf?“

„Was Jack will“, grinste er. Elizabeth sah ihn verstört an, bemerkte aber das wortlose Verstehen zwischen Jack und Will.

„Ah, ja“, grinste sie, als sie ebenfalls begriff, worauf Will hinaus wollte.

 

Kapitel 12

Falle auf See

3„Was brauchst du?“, fragte Jack. Will dachte einen Moment nach.

„Schlamm oder Ton, ein hitzebeständiges Gefäß und ein verdammt heißes Feuer“, erklärte Will. Jack nickte.

„Lässt sich machen. Kriegst du eine richtige Kopie hin?“

„Zwei“, grinste Will.

„Wieso zwei?“

„Eine für Jack und eine für einen treuen Begleiter“, erwiderte Will. Fast im selben Moment schlüpfte Groaltek aus dem Medaillon, das Will auf der Brust trug.

„Was hast du vor, William?“

„Dir ein neues Zuhause zu bauen, Groaltek“, sagte Will.

„Darf ich dir einen Tipp geben?“

„Und der wäre?“

„In der Pyramide von Cozumel befindet sich alles, was du benötigst. Die Gussform für die Medaillons existiert noch, es ist noch Material da, und ich weiß noch, wie ich sie hergestellt habe.“

„Äh, wir wollten die Dinger gern ohne entsprechenden Fluch haben“, warf Jack ein. „Außerdem … Capitán Gonzales sagte, dass die Pyramide weitgehend zerstört sei.“

„Spanier!“, seufzte der aztekische Schatzgeist.

„Da wir grad’ bei Spaniern sind …“, bemerkte Elizabeth. „Ich habe ja schon wundersame Dinge von dir gelesen, Jack, aber … wie hast du das mit dem Spanier hingekriegt?“

Jack grinste golden.

„Ich bin Captain Jack Sparrow, Liebes!“, erwiderte er mit fröhlichem Dirigieren seiner Zeigefinger. Elizabeth sah ihn mit schief gelegtem Kopf an.

„Du kannst dir bei mir die Märchenstunde sparen, Captain“, grinste sie zurück. „Ich weiß, was von deinen Geschichten zu halten ist.“

Jack zog eine tieftraurige Schnute. Dann sah er Will an, der amüsiert grinste.

„Was soll man von solchen Leuten halten?“, fragte Jack.

„Dass sie keine Machete für ein intellektuelles Gestrüpp benötigen“, kicherte Will. Jack und Elizabeth sahen ihn beide verblüfft an. Diese Wortwahl waren sie beide von Will nicht wirklich gewöhnt. Jack fing sich als Erster und schlug dem jungen Schmiedemeister lachend auf die Schulter.

„Junge, du machst mir bald Konkurrenz!“, lachte er. „Ein Schiff hast du ja schon.“

Will lächelte sanft.

„Schon, aber Pirat werde ich nicht.“

„Das geht manchmal schneller, als man es selber will, Junge“, warnte Jack mit einer Ernsthaftigkeit, die wiederum für ihn ungewöhnlich war.

„Also, wie war das mit dem Spanier?“, hakte Elizabeth hartnäckig nach. „Wir haben Krieg mit Spanien“, erinnerte sie. Jacks rechter Zeigefinger fuhr durch die Luft.

„Nein, die britische Krone hat Krieg mit der spanischen Krone. Mich interessiert das herzlich wenig.“

„Trotzdem stellt sich die Frage, wie du es fertig bekommen hast, den Spanier ohne einen einzigen Schuss auszunehmen wie einen Weihnachtsputer“, bohrte Will weiter.

„Weißt du, William, Engländer – ganz besonders welche in Uniform – sind meist arrogante Schnösel, die sich und ihre Traditionen für das Wichtigste auf der Welt halten und die meinen, dass ihre nebelverhangene Insel der Nabel der Welt sei. Es gibt Ausnahmen von dieser Regel und zwei davon sind mit mir in dieser Kajüte. Die Spanier sind nicht besser, meistens jedenfalls nicht oder doch hauptsächlich, klar soweit? Außerdem sind diese katholischen Pfaffen der Señores noch abergläubischer als Gibbs in doppelter Ausgabe – aber genau das hat sie dazu gebracht, mir bei der Suche nach Jamies Medaillons behilflich zu sein. Vor einiger Zeit haben wir einen dieser spanischen Pfaffen aus dem Meer gefischt, den nur noch seine weiten Gewänder über Wasser hielten. Der hätte mich beinahe für Davy Jones persönlich und meine hübsche Pearl für diese potthässliche Flying Dutchman gehalten“, sagte Jack und schüttelte sich bei der Vorstellung, dass jemand seine geliebte Black Pearl für ein solch verkommenes Geisterschiff halten konnte …

„Es gibt eine verlassene Siedlung auf der Isla Cruces, die von Spaniern angelegt wurde. Er bat mich, ihn dort abzusetzen. Es war ohnehin die nächstgelegene Insel, also brachte ich ihn zur Isla Cruces. Unterwegs erzählte er etwas von einem aztekischen Fluch, der wieder über Gottes Schäflein gekommen sei und sagte, er kenne den Schlüssel dazu. Er wusste ziemlich genau, dass Jamie die Medaillons nur in spanischen Gebieten verteilt hatte. Ich wollte ihm erst nicht glauben, aber dein Vater gab mir den Rat, es wenigstens auszuprobieren, was das Mönchlein behauptete. Tatsächlich fanden wir welche von den Medaillons an den Orten, die er uns genannt hatte. Wir sind also wieder zurück zur Isla Cruces und haben ihm gesagt, dass wir die Dinger gefunden hatten. Er gab uns eine Nachricht für das Kloster San Damiano auf Yucatan und versicherte uns, uns werde nichts geschehen, wenn wir diese Nachricht dorthin brächten. Auch damit hatte er Recht. Der spanische Vizekönig in Mexiko hat eine Heidenangst vor diesem Fluch und hat uns gebeten, dem ein Ende zu machen. Alle spanischen Schiffe sind angewiesen, uns Medaillons abzuliefern, sofern welche gefunden werden. Als Gegenleistung beschränken wir die Beute auf den Rum.“

„Warst du deshalb seit so langer Zeit nicht mehr in britischen Gewässern?“, fragte Elizabeth. Jack nickte.

„Aber warum hat der Spanier versucht, vor euch zu fliehen, wenn ihr eine Abmachung mit dem Vizekönig habt?“

Jack grinste breit.

„Teil des Handels. Wir tun so, als ob wir die Spanier überfallen. Darum auch die ‚Beute’. Sonst würden uns die Briten die Suppe versalzen, indem sie die Spanier angreifen und möglicherweise die Medaillons mitgehen lassen – was dann natürlich die Aufhebung des Fluchs unmöglich machen würde. Hector hat zehn Jahre gebraucht, um alle Teile wieder zusammenzukratzen.“

„Also brauchen wir dann nur noch das Medaillon von Jack, dem Affen …“, setzte Will an.

„… nicht zu vergessen, dass wir auch noch Jamie und seine Bande zu fassen kriegen müssen“, grinste Jack, Will einfach unterbrechend.

„Vielleicht helfen dir die Spanier dabei auch“, spekulierte Elizabeth mit süßem Lächeln.

Die Tür wurde aufgerissen und ein sichtlich nervöser Stiefelriemen platzte herein.

„Jack! East India Trading Company!“, keuchte er. Jack sprang von seinem Platz am großen Tisch auf und folgte Bill nach draußen, Elizabeth und Will gingen ebenfalls auf das Deck hinaus. Jack peilte bereits mit dem Fernrohr nach dem Company-Schiff.

„Verdammt!“, entfuhr es Jack. „In die Wanten, ihr lahmen Hunde!“, brüllte er. „Alle Segel setzen! Kurs Südost! Marsch!“

Er wandte sich an Will und die Crew der Aztec:

„Tut mir Leid, Will, wir müssen uns trennen. Wir treffen uns auf Cozumel. Wir werden auf euch warten. Los, ab mit euch!“

Eilig verließen Will, Elizabeth und ihre Crew die Black Pearl. Die schwarze Galeone nahm rasch Fahrt auf und segelte in Richtung Südosten davon. Im Westen stand die Sonne nur noch knapp über dem Horizont. Bald würde sie untergehen – und die Dunkelheit die Black Pearl schützen.

„Eure Befehle, Captain Turner?“, fragte Groves, als alle wieder an Bord der Aztec waren.

„Die werden uns nicht glauben, dass wir keine Piraten sind, da sie uns mit einem Piratenschiff zusammen gesehen haben“, gab Hoskins zu bedenken.

„Wir könnten behaupten, die hätten uns ausgeraubt“, warf Elizabeth ein. „Wir haben nicht mal eine Flasche Rum an Bord – nichts, was auch nur nach Wert aussieht!“

Will nickte und nahm sein Aztekenmedaillon ab

„Verhalt’ dich ruhig, Groaltek“, bat er den Schatzgeist. Der alte Azteke steckte prompt den Kopf aus dem Medaillon.

„Will, lass den Quatsch und nimm das Medaillon wieder um!“, beschwor er den Captain der Aztec. „Du überlebst das nicht!“, warnte er vor der Konsequenz.

„Wenn ich ein goldenes Medaillon um den Hals trage, können wir unsere Tarnung als überfallenes Schiff vergessen“, erwiderte Will. „Ich stecke dich in die Innentasche im Wams. Da kann dein Medaillon samt dir nicht verloren gehen.“

Nur wenig später ging eine große Fregatte unter der Flagge der East India Trading Company neben der Aztec längsseits.

„Ahoi!“, rief jemand, der augenscheinlich in einer Uniform steckte. Will winkte hinüber.

„Ahoi! Danke für Euer Erscheinen, Admiral! Ihr habt uns gerettet“, antwortete Will. Der Offizier auf dem Schiff der Company lächelte milde.

„Danke für die Blumen, Master Unbekannt. Aber ich bin kein Admiral, sondern ein Lieutenant. Greitzer ist mein Name. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Captain William Turner. Nochmals vielen Dank für Euer Eingreifen, Lieutenant Greitzer. Ohne Euch hätten die uns wohl versenkt.“

„Wir kommen an Bord und sehen, wie wir Euch helfen können“, gab Lieutenant Greitzer zurück.

„Bitte, kommt“, lud Will mit einer artigen Verbeugung ein.

Im Nu standen wohl zwanzig Marineinfanteristen der East India Trading Company an Deck der Aztec. Zu ihrer Verblüffung fanden sich Will, Elizabeth und ihre Leute vor Gewehrläufen wieder, die auf sie gerichtet waren.

„Was soll das, Lieutenant Greitzer?“, fragte Will ärgerlich. Greitzer musterte ihn von oben bis unten.

„Captain … William … Turner. Das habe ich doch so richtig verstanden, ja?“

„Ja, korrekt.“

„Captain Turner, Ihr und Eure Crew – einschließlich Eurer werten Gemahlin – seid verhaftet“, grinste Greitzer und zückte aus dem Ärmel einen Haftbefehl, der auf Will lautete.

„Was?“, entfuhr es Elizabeth. „Was wirft man uns eigentlich vor?“

„Piraterie, Mylady“, flötete Greitzer maliziös. „Sie haben sich der Durchsuchung durch eines unserer Schiffe, die Borneo, bereits widersetzt. Das erfüllt den Tatbestand der Piraterie.“

„Moment! Ich habe einen Kaperbrief!“, protestierte Will.

„Das interessiert mich nicht!“, fauchte Greitzer. „Außerdem … es ist bekannt, dass Ihr mit Captain Sparrow gut bekannt seid – um nicht befreundet zu sagen. Die Black Pearl war ja nicht zu übersehen. Wer mit einem Piraten befreundet ist, ist ebenfalls ein Pirat. Zudem – und das wollen wir bitte nicht unerwähnt lassen – wart Ihr mit dem Auftrag unterwegs, die Black Pearl und Captain Sparrow nach Port Royal zu bringen. Da er nicht anwesend war, als der Lordrichter dort eintraf, hat der Lordrichter, seine Exzellenz Lord Cutler Beckett, gehandelt und die Schiffe der Company auf die Suche geschickt. Ihr könnt es ja dem Richter erklären, wieso Ihr Captain Sparrow entgegen Eurer Zusage noch nicht ausgeliefert habt“, grinste Greitzer. „Los, sperrt sie in die Brig auf der Endeavour und nehmt die Aztec in Schlepp!“

Handschellen klickten, die Soldaten der East India Trading Company trieben die Crew der Aztec über die Gangway auf die Fregatte. Ohne viel Feingefühl beförderten sie die Männer in die größere Brig, Elizabeth in die gegenüberliegende Zelle, die sorgsam verschlossen wurden.

Das zunehmende Dunkel hatte die Black Pearl glatt verschluckt. So sehr sich die Männer in den Krähennestern der Endeavour auch bemühten, die schwarze Galeone aufzuspüren, sie war wirklich einfach vom Dunkel umfangen und damit hervorragend getarnt. Auf der Black Pearl waren die Laternen obendrein gar nicht erst entzündet worden. Während die Seeleute der East India Trading Company sich die Augen aus dem Kopf guckten, peilte Jack Sparrow mit zufriedenem Grinsen gegen den westlichen Abendhimmel und sah dort scharf und klar abgezeichnet die Fregatte der EITC neben der kleineren Brigg liegen.

„Er hält sie uns vom Hals. Prima, dein Welpe ist ein echter Freund, Bill. Na los, machen wir uns auf den Weg nach Cozumel“, grinste Jack und schob das Fernrohr wieder zusammen. Bill Turner dagegen hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Die Fregatte lag schon viel zu lang neben der Brigg

 

 

Kapitel 13

Ausbruch

Die Tür zum Brigraum der Endeavour war kaum zu, als Elizabeth aufsprang.

„Mein Vater!“ entfuhr es ihr.

„Was meinst du?“, fragte Will.

„Den Haftbefehl müsste mein Vater als Gouverneur von Jamaica unterzeichnen. Er trug aber die Unterschrift dieses Beckett!“

„Du meinst, er hat deinen Vater abgesetzt?“, hakte Will nach. Elizabeth nickte. In ihren braunen Augen stand die blanke Angst.

„Master Groves, was sagt Ihr dazu?“, wandte sich Will an den „Ex“-Offizier.

„Eure Frau hat Recht, Captain.“

„Kennt Ihr diese Fregatte?“, fragte Will mit einem Blick, der durch das Brigdeck streifte.

„Ja. Sie ist nicht so schnell wie die Aztec, wenn Ihr das meint, Sir.“

„Sir, wenn wir nach Port Royal kommen, hängen die uns ohne viel Federlesen. Sie brauchen nur das hier zu sehen und Ihr seid geliefert, Sir“, sagte Hoskins und schob seinen rechten Ärmel hoch. Auf seinem rechten Unterarm war unübersehbar ein P eingebrannt.

„Ich kenne Lord Beckett, Sir. Dem habe ich das zu verdanken. Mein einziges Vergehen war die Tatsache, dass mein Fischerboot in der Nähe eines Piratenschiffes gesehen wurde …“

„Verstehe …“, sagte Will leise. „Jetzt weiß ich auch, was Jack meinte, als er sagte, dass man schneller zum Piraten werden kann, als man es selber möchte“, brummte er. „Na schön, es geht auch anders. Los, Jungs! Helft mir mal!“, sagte er, stemmte sich hoch und fasste das Gitter der Tür mit beiden Händen an.

„Will, du bist gefesselt!“, warnte Elizabeth. Er lächelte sie warm an.

„Noch, mein Schatz, noch!“

„Was habt Ihr vor, Captain?“, fragte Groves verblüfft.

„Ausbrechen“, sagte Will knapp.

„Aber, wie …?“

„Schon mal was von Türscharnieren mit halbem Stift gehört, Master Groves?“, grinste Will.

„Schmied!“, grinste Hoskins, stand auf und griff ebenfalls an die Gittertür. Groves tat es ihm gleich.

„Zuuugleich!“, kommandierte William leise. Die drei Männer hoben die Gitter gemeinsam an, die aus den Angeln gehoben wurden.

„Leise!“, flüsterte Will. Er sprang an die Wand, wo ein Schlüsselbund hing, schloss Elizabeths Zelle auf, die seine Handschellen öffnete und dann die übrigen Männer befreite. Die metallenen Fesseln behielt Will als vorläufige Waffe in der Hand und postierte sich hinter der Tür, bis alle frei waren und bereit, das Brigdeck zu verlassen.

Inzwischen war es dunkel geworden – stockdunkel. Nur die Schiffslaternen gaben etwas Licht an Deck. Ganz vorsichtig peilte Will aus der Backluke. Kein Mensch zu sehen.

„Die Luft ist rein!“, flüsterte er und ging ganz leise an Deck, die Handschellen fest im Griff. Ebenso leise kam Elizabeth und dann die Crew an Deck. Auf Zehenspitzen schlichen Will und Stephen in Richtung Achterdeck. Groves hielt Will plötzlich am Ärmel fest.

„Wartet. An Backbord muss eine Wache sein. Den übernehme ich, damit Ihr zum Achterdeck durchkommt, Captain“, bot Groves an. Will nickte, Stephen hüpfte trotz der schweren Seestiefel fast lautlos über eine ordentlich aufgeschossene* Taurolle, schnappte sich einen freien Belegnagel*, schlich sich an die Wache auf der Backbordseite an und verpasste dem Wächter einen Hieb über den Kopf, der ihn auf der Stelle bewusstlos niederwarf, ohne dass er auch nur „Piep“ gesagt hätte. Leise nahm Groves ihm die Waffen ab. An die eigenen Waffen heranzukommen, die in der Waffenkammer eingeschlossen waren, war ein Ding der Unmöglichkeit. Will winkte die übrige Crew zu sich. Rasch, aber leise liefen sie zu ihm und gingen hinter den Taurollen in Deckung. Groves signalisierte freie Bahn, er und Will enterten ganz leise das Achterdeck. Der einsame Wächter dort sah zwar Stephen über den Niedergang hinaufkommen, musste sich dazu aber von Will abwenden, der über den Steuerbord-Niedergang heraufkam und ihn mit einem fürchterlichen Hieb mit der Handschelle außer Gefecht setzte. Groves war schnell heran und konnte den Wächter gerade noch auffangen, bevor er geräuschvoll auf das Deck aufschlug. Will schnappte sich dessen kurzen Säbel, der gut als Entermesser durchging und die Pistole, die er zusätzlich zu seinem Gewehr trug.

Will winkte den anderen, die fix das Achterdeck enterten und schickte sie einzeln über die Schleppleine zur Aztec.

„Schaffst du das?“, fragte er Elizabeth besorgt, die mit ihm und Stephen noch auf dem Achterdeck stand. Sie lächelte schelmisch.

„Wie war das? Not lehrt Seiltanzen!“, sagte sie, schwang sich auf die Schleppleine und rutschte gekonnt darauf zur Aztec, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Will machte eine auffordernde Handbewegung zu Groves, der nickte und hinter Elizabeth auf die Leine ging. Will wartete, bis der Erste Maat signalisierte, dass alle angekommen waren, dann enterte er selbst die Leine und robbte darauf zu seinem Schiff hinüber. Aus dem Augenwinkel sah er eine eilige Bewegung auf dem Achterdeck.

Lieutenant Greitzer, der in seiner Kajüte unter der des Captains gesessen und etwas gelesen hatte, wunderte sich, dass der Glasenschlag ausblieb. Der Mann hatte ein exzellentes Zeitgefühl und das signalisierte ihm, dass der Glasenschlag überfällig war. Er legte sein Buch weg und ging an Deck, um nachzusehen, weshalb der Wachhabende so säumig war. Tatsächlich, das Stundenglas war abgelaufen, aber vom Wachhabenden keine Spur. Greitzer sprang auf das Achterdeck und fand den niedergeschlagenen Wächter.

„Alaaaarm!“, brüllte er. Sein suchender Blick, der als nächstes zu dem geschleppten Schiff der Gefangenen ging, fand den auf den letzten Yards über die Leine rutschenden Will Turner. Mit einem grantigen Knurren entriss Greitzer dem bewusstlosen Wächter dessen Muskete und visierte Will an.

Der Alarmruf hatte Will allerdings ebenfalls gewarnt. Ohne zu zögern zog er die Pistole aus dem Gürtel, zielte und durchschoss die Schleppleine. Die Leine riss und Will klatschte aus gut zehn Fuß Höhe ins Wasser und zog sich an der Schleppleine zu seinem Schiff und kletterte unterhalb der Galionsfigur an Deck.

„Feuer!“, befahl er. Hoskins hatte die kleine Drehbasse* am Bug feuerbereit und zerschoss gezielt die Steuerbordlaterne der Endeavour. Der abgesprengte Deckel der Laterne traf Greitzer am Kopf und ließ ihn einstweilen Sterne sehen.

„Los, in die Wanten! Alle Segel setzen!“, befahl Will und rannte pitschnass, wie er war, auf das Achterdeck, um die Aztec in den Wind zu bringen.

„Brasst die Rahen nach Steuerbord!“, wies er seine Crew an. Elizabeth ließ es sich nicht nehmen, beim Brassen der Rahen mitzumachen und war Groves dabei eine überaus tatkräftige Hilfe, die sich mächtig ins Zeug legte. Die Segel fielen, der Passatwind griff hinein und trieb die Aztec rasch von der Endeavour in Richtung Südwesten davon. Schnell verschwanden die Lichter der Endeavour und die Aztec trieb allein durch das sternenbeschienene Meer.

Will, der sich eilig trockengelegt und umgezogen hatte, vergewisserte sich, dass ihnen im Moment keine Gefahr mehr drohte, dann rief er die Crew auf dem Achterdeck zusammen.

„Es gibt wohl keinen Zweifel, dass wir nunmehr Geächtete sind, Kaperbrief hin oder her. Die East India Trading Company interessiert das offensichtlich nicht. Ich wollte nie Pirat sein, aber nun gelte ich als einer, wie ihr alle auch. Es tut mir Leid, dass ich euch in diese Situation gebracht habe. Ich habe euch als ehrliche Seeleute angeworben. Noch sind nicht alle unsere Namen der East India Trading Company bekannt, deshalb können auch nicht alle steckbrieflich gesucht werden. Wer möchte, den setze ich im nächsten erreichbaren Hafen ab, damit er nicht weiter in den Verdacht gerät, ein Pirat zu sein“, sagte Will. Eddie sah den jungen Captain eine Weile an.

„Ihr … erinnert Euch, wo Ihr uns angeworben habt, Captain? Das war auf Tortuga! Wer auf Tortuga eine Heuer sucht, der ist schon längst Pirat oder mindestens aus der Navy desertiert wie ich. Ihr wisst, was das bedeutet, oder?“, sagte er. Will nickte.

„Wisst Ihr, Captain, außer Euch, Eurer Frau und Lieutenant Groves sind wir alle schon Gesetzlose gewesen, bevor Ihr uns angeheuert habt. Ob wir es bleiben wollten, ist eine andere Frage. Aber ich habe Euch schon mal gesagt, dass es die so genannten Gesetzeshüter einen Dreck schert, ob sich jemand vom Weg des Unrechts abwenden will oder es schon getan hat. Einmal Pirat, immer Pirat“, ergänzte Hoskins. Will nickte erneut.

„Master Groves, habt Ihr Verbindung zu Admiral Norrington?“, wandte er sich nach einigen Momenten des Schweigens an den Ersten Maat.

„Wie meint Ihr das, Captain?“

„Ich meine, ob er Euch antworten kann oder ob er nur Eure Berichte empfängt und später darüber mit Euch reden wollte.“

„Nun, ich habe die Berichte bisher per Flaschenpost geschickt. Ob er sie tatsächlich erhalten hat, weiß ich nicht. Aber es gibt eine Gruppe von kleinen Inseln bei den Cayman-Inseln, die wie Krebsscheren aussehen. Man nennt sie deshalb die Krabbeninseln oder auch Crab Keys. Dort wollte er Nachrichten für mich hinterlegen“, erwiderte Stephen. „Nur, ob es viel nützen würde, ist fraglich. Die EITC hat weitreichende Vollmachten, wie Ihr wisst. Wenn dieser Lord Beckett Governor Swann ersetzt haben sollte, dann hat er auch Befehlsgewalt über die Royal Navy. Admiral Norrington wird sich dem nicht entziehen.“

„Vermutlich nicht. Aber ich glaube, Admiral Norrington so gut zu kennen, dass er zwischen Recht und Gerechtigkeit unterscheiden kann“, warf Elizabeth ein. „Ich weiß, dass er es nicht für korrekt hält, dass eine Privatgesellschaft wie die EITC derartige Befugnisse hat. Er hat sich darüber schon bei meinem Vater beschwert.“

„Der aber nicht an diese Vollmachten glaubt …“, grinste Will.

„Aber das kann doch alles unmöglich im Sinne des Königs sein!“, entfuhr es Elizabeth.

„Dem ist es wurscht, solange er in seinem Palast lebt und täglich seine exotischen Früchte bekommt, Mylady!“, konterte Hoskins. „Das einfache Volk interessiert ihn nicht. Wir sind nur gut dazu, der Upper Class das Leben leicht zu machen.“

„Das ist nicht richtig“, grollte Elizabeth. Hoskins wollte sie empört anfahren, aber ihre Handbewegung hinderte ihn daran.

„Nein, ich meine nicht, dass Ihr die Unwahrheit sagt, Mr. Hoskins. Ich meine, dass diese Art, mit den Menschen umzugehen, nicht richtig sein kann“, präzisierte sie. „Wir sollten uns dem in den Weg stellen!“

Die Männer sahen die junge Frau verblüfft an.

„Es geht um unsere Freiheit, Jungs!“

Abgesehen von Will, der Elizabeths Freiheitsliebe kannte, klappten sämtlichen Crewmitgliedern die Kinnladen herunter. Will schmunzelte.

„Pirat!“, sagte er. Elizabeth sah ihn mit leuchtenden Augen an. Sie war voll in ihrem Element.

„Aye!“, bestätigte sie.

„Also“, resümierte Will. „Wir brauchen Proviant, Wasser und vor allem Waffen, wenn wir diesen Perückenträgern und Pfeffersäcken erfolgreich in die Quere kommen wollen. Bei Entermessern bin ich ausgesprochen wählerisch.“

„Du willst doch nicht … Port Royal … anlaufen!“, gurgelte Elizabeth, die sich beinahe verschluckte.

„Wenn, dann klaue ich meine eigenen Säbel. Was anderes nehme ich nicht in die Hand, wenn es um Leben und Tod geht“, grinste Will. „Wir brauchen für jeden mindestens zwei und noch ein Messer, besser zwei. Axt, Macheten … nicht zu vergessen Dietriche. Ich hasse es, Ketten aufzusägen. Ich brauche drei Mann, die mit mir kommen, um die Schmiede auszuräumen. Am besten Groves, Jerôme und Jim. Elizabeth, du, Eddie und Hoskins, ihr kümmert euch um Proviant. Der Rest bewacht das Schiff und gibt nötigenfalls Alarm. Alles klar?“

„Aye, Captain!“, kam es zwölfstimmig.

Elizabeth sah sich unter der Crew um.

„Will, fällt dir was auf?“, fragte sie. Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Was sollte es sein?“

„Wir sind dreizehn Mann. Gibbs würde jetzt bestimmt sagen, dass dreizehn eine Unglückszahl ist.“

Will lachte auf.

„Dann wäre ich ein wandelndes Unglück. Immerhin habe ich an einem dreizehnten Geburtstag! Und da das dieses Jahr an einem Donnerstag war, wäre es nächstes Jahr ein gar fataler Freitag, der Dreizehnte. Nein, ich glaube nicht an solchen Hokuspokus. Aber abgesehen davon könnte man ja auch sagen, dass wir zwölf und eins sind, nämlich zwölf Männer und eine Frau.“

„Oder vierzehn insgesamt“, kam es aus Wills Medaillon. Verstört sahen zehn Augenpaare auf die Brust ihres Captains, als das Aztekenmedaillon einen grünen Schein annahm und sich – als grünlich-transparente Gestalt – Groaltek daraus löste und sich zu den Männern gesellte, die erschrocken zurückprallten.

„Ge… Ge… Gespeeensteeeer!“, brüllte Hoskins und sprang mit einem zirkusreifen Satz vom Achterdeck auf den Baum des Briggsegels*. Zitternd klammerte er sich an den Besanmast.

„Du sollst doch die Leute nicht immer so erschrecken, Groaltek!“, mahnte Will kopfschüttelnd. Der alte Azteke materialisierte vollständig und zuckte verlegen lächelnd und mit nach außen gedrehten Handflächen mit den Schultern. Es war eine Geste, die fast an Jack Sparrow erinnerte.

„Vergebung. Soll nicht wieder vorkommen.“

Wa… wa… was i…iist dddas?“, fragte Hoskins bibbernd, während es allen anderen vollständig die Sprache verschlagen hatte.

„Das ist Groaltek, ein wirklich alter Azteke“, stellte Will den Schatzhüter vor. „Er ist nicht ganz von dieser Welt, jedenfalls jetzt nicht mehr. Wenn ich euch erzähle, was seine Aufgabe ist, verweist ihr das ins Reich der Fabel. Er ist mir schon länger eine große Hilfe und mein Schutz. Groaltek, vielleicht wäre es besser, wenn du jetzt außerhalb des Medaillons bleibst und als ganz normales Besatzungsmitglied mit uns fährst.“

Der aztekische Schatzgeist grinste breit.

„Meine Absicht, Captain.“

„Wie hat Gibbs mal vor sich hin gesungen?“, fragte Elizabeth und tippte mit einem Zeigefinger auf die Lippen, dass es mächtig nach Captain Jack Sparrow aussah. Sie räusperte sich und begann:

„Vierzehn Mann auf des Toten Manns Kiste.

Yo ho ho und ’ne Buddel mit Rum!

Schnaps stand stets auf der Höllenfahrtsliste.

Yo ho ho und’ne Buddel mit Rum!

Vierzehn Mann auf des Toten Manns Kiste.

Yo ho ho und ’ne Buddel mit Rum!

Vierzehn Mann schrieb der Teufel auf die Liste.

Schnaps und Teufel brachten alle um,

Schnaps und Teufel brachten alle um!“,

sang sie. Abgesehen von Will sahen die Männer sie verstört an. Will allerdings brach in helles Gelächter aus.

„Ja, nur, dass Gibbs immer von fünfzehn Mann gesungen hat!“, lachte er und wischte sich schließlich Lachtränen aus den Augenwinkeln.

„Trinkt aus, Piraten, yo ho!“, setzte er kichernd hinzu.

 

Kapitel 14

Einbruchserfahrungen

Der Morgen fand die Aztec allein mitten in der Karibik. Weit und breit war kein Schiff zu sehen. Mithilfe der Jakobsstäbe konnte Elizabeth den Breitengrad ermitteln, auf dem sie sich befanden. Groves, der Navigation auf der Marineakademie gelernt hatte, zeigte ihr und Will, dass mit einer Uhr auch ungefähr der Längengrad zu ermitteln war, an dem das Schiff gerade war. Dazu war es erforderlich, erstens eine wirklich genau gehende Uhr zu haben, zweitens, möglichst exakt zu wissen, wo sie zuletzt nach dem Sonnenhöchststand gestellt worden war und drittens brauchte man den aktuellen Mittagspunkt, um die Abweichung der Uhrzeit vom Sonnenstand zu ermitteln.

Mit diesen Hilfsmitteln stellten sie schnell fest, vielleicht noch fünfzig Seemeilen von Port Royal entfernt zu sein. Will fuhr einen weiten Bogen um die Insel, um außerhalb der Sichtweite von Fort Charles über dem Hafen von Port Royal zu bleiben.

Erst nach Einbruch der Dunkelheit schlich die Aztec in Sichtweite der Küste bis zu dem Zuckerhutfelsen östlich der Hafeneinfahrt und ging dahinter auf Reede. Zwei Boote wurden ausgesetzt. Will, Groaltek, Jerôme und Jim fuhren in einem und Elizabeth, Eddie und Hoskins in dem anderen, um ihre „Besorgungen“ in Port Royal zu machen. Zwar waren Eddie, Jim und Hoskins nicht in Port Royal zu Hause, dafür kannten Will, Elizabeth, Jerôme und Groaltek die Hafenstadt bestens. Will und Elizabeth hatten schon als Kinder Verstecken in der Stadt gespielt. Seit Weatherby Swann seinen Posten als Gouverneur angetreten hatte, hatte sich in Port Royal wenig verändert – und die wenigen Änderungen kannten gerade Will und Elizabeth ausgesprochen gut. Ungesehen gelangten sie an ihre jeweiligen Ziele: Elizabeth mit ihrem Trupp in den Garten der Gouverneursvilla, Will und seine Männer zur Schmiede.

Während Will leise seine eigene Schmiede bestahl und für jeden erstklassige Schwerter und Messer holte und auch einige gute Beile mitgehen ließ, nahm Elizabeth ohne mit der Wimper zu zucken die Vorratskammer ihres Vaters aus. Beinahe wäre sie gegangen, ohne sich erkundigen zu wollen, was mit ihrem Vater war, aber eine recht grantige innere Stimme verpasste ihr verbale Ohrfeigen, ihrem Vater das nicht anzutun. Es war ein großes Risiko, aber sie wollte wissen, ob es ihm gut ging, und er sollte wissen, dass sie frei war und sich mit Will und ihrer Crew gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt stellen wollte.

Im Haus war es allerdings verdächtig dunkel. Mit Eddies Hilfe stieg Elizabeth in ihrem alten Zimmer ein, dessen Fenster eine Handbreit hochgeschoben war, und ging suchend durch das Haus. Nichts und niemand war hier. Das Arbeitszimmer ihres Vaters fand sie derart unordentlich vor, dass er es selbst so nicht hinterlassen haben konnte. Unübersehbar lag ein Haftbefehl für Weatherby Swann mitten auf dem Schreibtisch – unterschrieben von Lord Cutler Beckett. Der Mann hatte offensichtlich keine Zeit verloren, wie Elizabeth den unordentlich durcheinander fliegenden Papieren entnahm. Der Haftbefehl war nur einen Tag später ausgestellt, als Beckett hier angekommen war. Hier stimmte etwas nicht – ganz und gar nicht.

Sie steckte einige Papiere ein, um sie Will zu zeigen. Ihre Hand, die über die Fläche des Schreibtischs glitt, um die Papiere in der Jackentasche verschwinden zu lassen, traf auf etwas Kaltes, Metallisches … Sie sah unter ihre Hand und bemerkte zwei Siegelringe: Den Amtsring ihres Vaters und einen ihr zunächst unbekannten Ring, bis ihr klar wurde, dass das Siegel, das den Haftbefehl zierte, der Abdruck des zweiten Rings war.

„Verdammter Mistkerl!“, entfuhr es ihr leise. Ein Schauer rann ihr über den Rücken, als ihr bewusst wurde, dass Beckett offenbar das Haus des Gouverneurs beschlagnahmt hatte – und hier wohnte! Er hatte das Arbeitszimmer zwar offensichtlich sehr eilig verlassen, aber es sah nicht so aus, als würde er länger ausbleiben. Kein ordentlicher britischer Beamter oder Richter ließ seinen Arbeitsplatz in solcher Unordnung …

Dann allerdings kräuselte sich ein ebenso entschlossenes wie bissiges Grinsen um ihre Lippen. Den Mann konnte man mit den eigenen Waffen schlagen! Sie steckte auch die beiden Ringe ein, beseitigte sorgsam alle Spuren ihrer Anwesenheit und schlich durch das Haus zur Gartentür im Erdgeschoss. Erst, als sie die Tür schon offen hatte, drängte ihr sich die Frage auf, wie sie sie wieder schließen konnte. Eddie sah ihr die Sorge förmlich an.

„Moment“, sagte er, riss sich einen längeren Faden aus dem löchrigen Hemd, knüpfte einen Palstek* mit einer großen Öse und legte die Öse um den Verschlusshebel der Tür. Damit hielt er von außen den Hebel hoch, schloss die Tür und behielt die Öse draußen. Dann zog er den Hebel auf den Verschluss, löste den Palstek wieder und zog den Faden aus dem Türschlitz.

„Du bist ein begabter Einbrecher, Eddie!“, entfuhr es Elizabeth. Eddie grinste.

„Nein, Ausbrecher. Als Einbrecher gehst eher du durch, Mädchen! So geschickt habe ich noch keine Frau irgendwo einsteigen sehen.“

Sie kicherte.

„Du hast auch keinen Vater, der intensiv auf die Einhaltung der Etikette sieht, mein Freund.“

Eddie sah die junge Frau verwirrt an.

„War das … etwa … Nee, das glaub’ ich nicht!“

„Doch. Ich bin die Tochter des Gouverneurs von Jamaica – oder dem, der es mal war …“, entgegnete Elizabeth. „Los kommt, wir müssen hier verschwinden!“

Unangefochten erreichten sowohl Elizabeth und ihr Provianttrupp als auch Will und seine Waffenbeschaffer die Boote jenseits der Hafenbucht. Sie pullten zurück zum Schiff und gingen wieder an Bord.

„Voller Erfolg!“, grinste Will und präsentierte, was er und seine Männer aus der Schmiede geholt hatten. Sie waren damit allesamt exzellent bewaffnet. Elizabeth nickte und wies auf die gut gefüllten Proviantkisten und Wasserfässer.

„Zu essen und zu trinken haben wir auch genug – jedenfalls was Wasser betrifft. Rum … müssten wir wohl von Maroon Island holen“, grinste Elizabeth. Dann erlosch ihr Grinsen.

„Mein Vater … er ist … verhaftet. Sieh mal“, brachte sie stockend hervor und zeigte Will die Papiere, die sie mitgenommen hatte.

„Warum kommt jemand, der als Lordrichter, der in einer ganz bestimmten Angelegenheit nach Jamaica geschickt wird, keine vierundzwanzig Stunden nach seinem Eintreffen auf die Idee, den Gouverneur einer britischen Kolonie wegen Begünstigung der Piraterie zu verhaften?“, fragte sie. Will sah eine Weile auf die Papiere.

„Ich weiß es nicht. So gut kenne ich mich mit diesen Dingen nicht aus“, erwiderte er. „Was würdet Ihr meinen, Master Groves?“

Groves zuckte mit den Schultern.

„Genau könnte ich es auch nicht sagen. Ich habe noch nie gehört, dass ein vom König eingesetzter Gouverneur verhaftet wurde. Begünstigung der Piraterie ist bei Governor Swann ein Vorwurf, der auf Euren Vater einfach nicht passt, Mrs. Turner“, sagte er.

Will sah eine Weile nachdenklich auf den Zuckerhutfelsen, hinter dem sich ein schwacher Lichtschein abzeichnete, der von den Lichtern des Hafens von Port Royal kam.

„Er gehört nicht ins Gefängnis …“, sagte er leise. „Nicht Weatherby Swann – unabhängig von dem Umstand, dass er dein Vater und mein Schwiegervater ist.“

„Willst du ihn befreien?“, fragte Elizabeth.

„Die Frage ist: Welche Konsequenz hätte das? Er würde erst recht als Gesetzloser gelten. Ich glaube nicht, dass das eine passable Lösung wäre. Aber er sollte wenigstens wissen, dass er nicht allein und vergessen ist“, brummte Will. Seine grüblerische Seite gewann für den Moment die Oberhand, bis ihn der Geistesblitz durchzuckte.

„Groaltek!“, sagte er.

„Meister?“

„Ach, lass das!“, brummelte Will unwillig. „Groaltek, du kannst dich doch ganz dünn machen, oder?“

„Ja.“

„Dann bitte ich dich, ins Gefängnis zu gehen und dem Gouverneur zu sagen, dass …“

„Will?“, meldete sich Elizabeth.

„Hmm?“

„Und wenn wir ihn selbst besuchen?“

„Im Gefängnis? Als gesuchte Piraten?“, entfuhr es Will heftig. „Ich bin bestimmt kein Feigling und raufe für dich und auch deinen Vater mit dem Rest der Welt – aber eine gewisse Chance zum Überleben sollte noch dabei sein …“

Elizabeth lächelte ihren Mann charmant an.

„Nicht durch die Vordertür, klar soweit?“, sagte sie.

„Und wie dann?“

„Also: Fort Charles hat einen – sagen wir mal – Notausgang. Du kennst doch den ausgewaschenen Bogenfelsen auf der anderen Hafenseite.“

„Den, in dem die Piratenskelette hängen?“, fragte Will. Elizabeth nickte.

„Genau der. Dahinter befindet sich eine Höhle, die nur einen kleinen Zugang vom Meer her hat. Von dieser Höhle aus führt eine in den Fels geschlagene Treppe hinauf in die Festung – und kommt genau im Zellengang heraus. Ursprünglich diente sie als letzte Fluchtmöglichkeit, wenn die Festung belagert werden sollte und über den Hafen selbst keine Evakuierungsmöglichkeit mehr gegeben war. Henry Morgan selbst soll den Bau angeordnet haben“, erklärte Elizabeth. Groves nickte beifällig.

„Stimmt. Es gibt nur ganz wenige, die davon wissen. Der Gouverneur, der militärische Befehlshaber und einige seiner Offiziere.“

„Das heißt: Wenn James Norrington es Beckett nicht erzählt hat, hat der davon keine Ahnung?“, fragte Will. Elizabeth und Stephen nickten im Takt. Will bekam ein unternehmungslustiges Funkeln in den Augen.

„Mal sehen, wie spät es ist“, brummte er und peilte nach den Sternen. Das Sternbild des Orion war gerade erst vollständig am Himmel erschienen. Jetzt, Ende September, musste es demnach kurz nach Mitternacht sein.

„Wir haben knappe sechs Stunden, dann wird es hell. Bis dahin müssen wir tunlichst hinter dem Horizont sein … mindestens zehn Meilen entfernt … macht maximal viereinhalb Stunden, damit wir noch Zeit haben, die Aztec vor den Wind zu bringen. Wer kommt mit?“, fragte Will. Groves sah ihn verblüfft an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Will so rasch überschlagen könnte, wie viel Zeit sie zur Verfügung hatten. Seine Hochachtung vor dem Waffenschmied wuchs.

„Ich bin dabei, Captain!“, sagte er. Diesmal war die Betonung des Titels voller Respekt, wie Will heraushörte.

„Ich auch!“, sagte Elizabeth. Groaltek wollte ebenfalls mit. Eddie, Jim und Hoskins schüttelten den Kopf.

„Gut. Master Hoskins, Ihr habt das Kommando. Wenn wir bis zum Morgengrauen nicht hier sind, gilt der Kodex.“

„Aye, Captain, der Kodex!“, bestätigte der kleine Bootsmann.

Will, Elizabeth, Groves und Groaltek stiegen in eines der Beiboote, Hoskins und Eddie ließen das Dingi* zu Wasser. Will nahm die Riemen und pullte mit gleichmäßigen Schlägen von der Aztec fort. Leise steuerte er das Boot um den Hafenfelsen herum und auf die andere Seite der Bucht. Der fast volle Mond beleuchtete die See und gab so genügend Sicht, um die Einfahrt zu finden.

„Köpfe einziehen!“, kommandierte Elizabeth. Will und Stephen, die mit dem Rücken zur Fahrtrichtung saßen, duckten sich gerade noch rechtzeitig, um sich nicht gewaltige Beulen zu holen.

Die Verwirbelungen, die die Riemen im Wasser verursachten, leuchteten in der Höhle in einem sanften Grün auf.

„Meine Güte! Was ist das?“, fragte Elizabeth.

„Ein Phänomen, das in Gewässern wie diesem – und besonders in Höhlen, wo es nie Licht gibt – zuweilen vorkommt, Mrs. Turner“, sagte Stephen. „Kleine Meerestiere, die man mit dem bloßen Auge fast gar nicht sehen kann, können in ihren Körpern Licht erzeugen, damit sie von ihren Artgenossen gesehen werden. So ähnlich wie bei den Glühwürmchen“, erklärte er.

„Seid Ihr naturwissenschaftlich interessiert, Mr. Groves?“, fragte sie weiter.

„Nun ja, die Royal Navy ist an vielen wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt. Ich war bei zweien dabei. Es ist hochinteressant, was die Professoren von Oxford und Cambridge so alles herausfinden.“

„Es wird nur nicht reichen, um das Ufer zu finden. Macht die Lampe an!“, wies Will seine Begleiter an. Groaltek entzündete die Bootslaterne und hielt sie an einem Stab über die Köpfe der Bootsinsassen, damit keiner sofort geblendet wurde. Das Boot rutschte auf den Untergrund. Will sprang aus dem Dingi und nahm Groaltek die Lampe ab. Groves wollte Elizabeth ritterlich helfen, da Will in einer Hand den Tampen hatte, mit dem er das Boot hielt, und in der anderen die Laterne. Doch Elizabeth war schon aus dem Dingi ausgestiegen, bevor Stephen sich zu ihr bücken konnte.

„Hier entlang!“, rief sie und winkte den anderen. Will zog das Dingi ganz auf den felsigen Untergrund, damit es von der Ebbe nicht abgetrieben wurde.

Sie fand den Treppenabsatz, der nach oben in die Festung führte.

„Vorsicht, es könnte glitschig sein!“, warnte sie. Es war länger her, dass sie hier gewesen war, sehr lange; um genau zu sein, gut acht Jahre, aber der Geheimgang hatte etwas so Abenteuerliches an sich, dass sich der Gang tief in ihr Gedächtnis geprägt hatte. Wann immer sie von Piratenabenteuern geträumt hatte, hatte sie sich an diesen Gang im Traum erinnert …

Sie führte die Gruppe die Treppe hinauf, die in endlosen Windungen durch den Berg reichte. Tatsächlich führte sie in den Zellentrakt hinauf. Was Elizabeth nicht wusste, war der Umstand, dass der Durchgang nach oben zwischenzeitlich mit einer starken Gittertür auf halbem Weg verschlossen war. Als sie die Bescherung sah, sank ihr zunächst der Mut. Das Gitter konnte man nur noch mit einem kräftigen und vor allem langen Hebel bewegen … Ihr Blick, der entmutigt zu Will ging, fand allerdings ein entschlossenes Lächeln ihres Mannes.

„Lass mich durch“, flüsterte er. Sie quetschte sich an die Wand, um Will auf der ausgesprochen engen Treppe vorbeizulassen. Er zog seine Dietriche aus der Tasche und schloss die Tür auf. Elizabeths Aufatmen war deutlich zu hören.

„Puuuhh!“, schnaufte sie. „Schmied – ich hätte es wissen müssen“, grinste sie dann. Will grinste zurück und winkte den anderen dann, ihm zu folgen.

Zum Zellengang hin war der Gang mit einer dicken Holztür verschlossen, die allerdings ein vergittertes Fenster hatte. In der Zelle gegenüber der Gangtür lag Weatherby Swann schlafend auf der Pritsche. Will wollte gerade vorsichtig mit einem Spiegel peilen, ob sich jemand im Zellengang befand, als es auf der Treppe laut wurde. Er bedeutete seinen Begleitern, still zu sein.

„Weckt ihn!“, wies eine Stimme jemanden an. Will peilte hinaus. Vor der Tür stand ein nur etwas über fünf Fuß großer Mann mit weißgepuderter Perücke, der nach teurem Eau admirable** roch, als habe er darin ein Vollbad genommen. Es war tatsächlich ein Mann, wenn auch nicht gerade groß, aber die Stimme schien nicht recht zu einem männlichen Wesen zu passen.

Eunuch!’, durchzuckte es Will. Er sah Elizabeth an, die in einer Weise grinste, die verriet, dass sie denselben Gedanken hatte.

Der Angesprochene, ein Posten in der Uniform der East India Trading Company, schloss die Zelle auf und rüttelte Elizabeths Vater grob wach.

„Aufwachen!“, brüllte er den Gefangenen an. Verstört und verschlafen kam Weatherby Swann hoch.

„Was is’ denn?“, murmelte er völlig verschlafen. Der kleine Mann mit der weißen Perücke trat ein und baute sich mit hinter dem Rücken verschränkten Händen vor dem rüde geweckten Gefangenen auf.

„Euer Siegelring fehlt!“, fuhr er ihn an.

„Was? Aber den habt Ihr mir abgenom…“

„Wo ist Euer Siegelring?“, fauchte der Kleine unbeeindruckt weiter.

„Lord Beckett!“, wehrte sich Weatherby mühsam. „Den habt Ihr! Schließlich habt Ihr ihn mir abgenommen, als Ihr mich habt verhaften lassen!“, erinnerte er.

„Er ist in Eurem Haus zurückgeblieben …“

„… das Ihr zu beschlagnahmen geruhtet, wie ich mich erinnere. Seitdem bin ich hier eingesperrt. Meint Ihr, ich könnte durch Wände oder Gitter gehen?“, unterbrach Swann ihn. Beckett beugte sich zu ihm.

„Mäßigt Euren Ton!“, versetzte er leise, aber unüberhörbar scharf. „Ich werde ihn schon finden. Sorgt Euch nicht darum. Nur zu Eurer Information: Euer Schwiegersohn hat sich der Durchsuchung seines Schiffes widersetzt und auch noch den gesuchten Captain Sparrow gedeckt. Zwar sind er und seine Leute mit der Aztec entkommen, aber … wir werden sie bald haben, keine Sorge. Die halbe Flotte ist hinter ihnen her und die andere Hälfte hinter der Black Pearl. Ich möchte mir lieber nicht ausmalen, was geschieht, wenn unsere Schiffe die Aztec stellen. Es wäre … wenig … appetitlich“, fuhr er fort.

„Was … erwartet Ihr von mir, Lord Beckett?“, fragte Swann müde und resigniert. Beckett grinste bösartig.

„Nur, dass Ihr morgen früh nicht zu sehr zappelt, wenn der Henker Euch den Strick um den Hals legt!“, sagte er und verließ mit einer Handbewegung, die den Befehl zum Verschließen der Zelle enthielt, den Zellengang. Der Posten folgte ihm, es wurde wieder still im Zellengang. Die Fackel wurde entfernt und das Licht im Zellengang erlosch vollständig.

Elizabeth sah Will im Halbdunkel des Geheimgangs flehentlich an. Sie konnte und wollte nicht zulassen, dass ihr Vater einfach gehängt wurde. Er nickte nur und drehte schon den Dietrich im Schloss der Gangtür. Weatherby Swann fiel die Kinnlade herunter, als er den Lichtschein in dem Geheimgang bemerkte und sich im nächsten Moment die Tür öffnete.

„Elizabeth!“, entfuhr es ihm mit einer Mischung aus Erleichterung und größter Sorge.

„Pssst!“, warnte Will. „Leise! Kommt gar nicht in Frage, was der Lump da vorhat!“

„Nein!“, wehrte Weatherby ab. „Das bringt euch nur in Schwierigkeiten, Kinder!“

„Die haben wir ohnehin, Vater“, entgegnete Elizabeth. „Ich werde nicht zulassen, dass du hängst.“

Will schloss eilig die Tür auf.

„Kommt!“, sagte er. „Die werden eine böse Überraschung erleben.“

Weatherby Swann glaubte, zu träumen, als seine Tochter, sein Schwiegersohn und einer der Offiziere der Royal Navy ihn aus dem Gefängnis befreiten. Erst, als die frische Nachtluft ihm außerhalb der Höhle um die Nase wehte, wagte er, daran zu glauben, dass seine Rettung Realität war.

 

Kapitel 15

Neue Wege

Will pullte das Dingi eilig zur Aztec um den Hafenfelsen. Dass er kräftiger war, als man ihm ob seiner schlanken Gestalt gemeinhin zutraute, war Weatherby Swann durchaus klar, aber welche Kraft und Ausdauer sein Schwiegersohn tatsächlich hatte, erstaunte ihn dennoch. Auf Wills Ruf wurde das Dingi an Bord gehievt.

„Anker auf! Alle Segel setzen!“, befahl Will. Seine Leute beeilten sich, den Anweisungen des Captains nachzukommen und nur wenig später setzte sich die Aztec in Bewegung und nahm Kurs auf die Cayman-Inseln südwestlich von Jamaica. Will stand selbst am Steuer seiner Brigg.

Stephen Groves, der nach der allgemeinen Wacheinteilung Freiwache hatte, wollte schon in seine Kajüte gehen, als ihm einfiel, dass er noch eine Frage hatte.

„Äh … Captain, Ihr hattet dem Bootsmann gesagt, wenn wir bis zum Morgengrauen nicht zurück wären, gelte der Kodex. Was heißt das, bitte, Sir?“, erkundigte er sich verständnislos. Will lächelte sanft.

„Wer zurückbleibt, wird zurückgelassen …“, erwiderte er. Stephen bekam große Augen.

„Uups, und ich dachte immer, Piraten würden für einander alles tun!“

„Sagen wir, es kommt drauf an. Viele Piraten halten den Kodex für so etwas wie … Richtlinien, nicht unbedingt Regeln“, grinste Will. „Und es gibt auch unter Piraten Freundschaften, die haltbar genug sind, um einen zurückgebliebenen Freund aus der Patsche zu helfen. Aber diese Regelung hat den Zweck, den Großteil der Crew und auch der Beute zu retten und nicht um eines Einzelnen willen das Leben aller oder die Versorgung Vieler aufs Spiel zu setzen.“

„Was … würdet Ihr tun, wärt Ihr in einer solchen Situation, Captain?“, fragte Groves weiter.

„Für meine Freunde riskiere ich mein Leben, für meine Familie würde ich sterben. Doch ich verlange von niemandem, das auch für mich zu tun“, erwiderte Will mit dem ihm eigenen Ernst.

„Ich kenne nicht viele, die das sagen; noch weniger, die es einhalten. Als Offizier, der eine gewisse Erfahrung in der Führung von Soldaten hat, sage ich Euch, dass Menschen, die so denken wie Ihr und auch danach handeln, nichts weniger als Helden sind. Und einem Captain, der so denkt und handelt, folgt auch der wüsteste Pirat bis ans Ende der Welt – und darüber hinaus.“

„Ich hoffe, dass das nie nötig sein wird, Master Groves“, erwiderte Will. „Geht schlafen, Master Groves, die Nacht war anstrengend. Ich brauche Euch nachher frisch und ausgeruht am Ruder.“

„Aye, Captain!“, erwiderte Stephen mit militärischem Gruß und zog sich dann in seine Kajüte zurück.

Elizabeth kümmerte sich derweil um ihren erschöpften und immer noch verwirrten Vater.

„Hier“, sagte sie. „Trink den heißen Tee, Vater“, sagte sie und stellte ihm eine große Tasse heißen Tee mit Zucker und etwas Rum hin.

„Dem Himmel sei Dank, Kind. Ich weiß nicht, was ich sagen soll …“, flüsterte der abgesetzte Gouverneur. Dann sah er hoch.

„Du bringst dich in unnötige Gefahr, Elizabeth“, sagte er.

„Glaubst du wirklich, dass ich oder Will es zulassen würden, dass du hängst? Vater, wofür hältst du uns?“

Langsam kam wieder Leben in die bleichen Züge ihres Vaters. Ein schelmisches Lächeln kräuselte sich um seine Lippen, das Elizabeth noch nie bei ihm gesehen hatte.

„Piraten?“, grinste er. Seine Reaktion ließ Elizabeth lächeln. Bisher waren Piraten für ihren Vater eine verabscheuungswürdige Spezies gewesen. Aber dieses ‚Piraten’ klang anders … respektvoll … Er wärmte sich die klammen Hände an der heißen Tasse und sah seine Tochter über den Rand hinweg an. Er liebte es, wenn er sie in kostbaren Roben und anständigen Korsetts sah. Aber in diesem Moment stellte er zu seiner Freude fest, dass seine schöne Elizabeth in Hose, Hemd und Dreispitz auch nicht schlechter aussah, als in den festlichen Roben, die sie zwar mochte, deren einengende Korsetts sie aber verabscheute. Er nahm ihre Hand.

„Deine Mutter … wollte immer gern einen Sohn haben“, sagte er. „Irgendetwas davon muss sich auf dich übertragen haben. Du bist immer abenteuerlustiger gewesen als alle anderen Mädchen und jungen Frauen, die ich je gekannt habe. Dass ich das nicht immer mit Freude betrachtet habe, weißt du. Aber jetzt kann ich nur sagen, dass ich unendlich stolz auf dich bin, mein Kind. Auf dich und auf deine Wahl für William. Jetzt begreife ich, was Freiheit wirklich bedeutet“, sagte er leise.

„Was ist geschehen, Vater? Warum hat man dich verhaftet und verurteilt?“

Mit einem Schulterzucken stellte Weatherby die Tasse weg.

„Ich war völlig überrascht. Aber vielleicht sollte ich auch Will und Lieutenant Groves sagen, was geschehen ist. Was meinst du?“

Elizabeth nickte.

„Ich hole sie.“

„Vater möchte dich und Stephen sprechen“, sagte Elizabeth, als sie auf das Achterdeck kam. Will sah sich um und stellte fest, dass sie noch allein auf dem Meer waren.

„Eddie!“, rief er.

„Aye, Captain!“

„Übernimm das Steuer für eine Weile!“

„Aye!“, bestätigte der Matrose und kam aus dem Vormars herunter, um das Ruder zu übernehmen.

„Alles klar, die Luft ist rein. Kein fremdes Schiff zu sehen“, sagte er, als er an das Steuerrad trat.

„Danke, Eddie. Ich bin unten beim Gouverneur. Wenn was ist, gib Bescheid.“

„Aye, Captain!“

„Was ist mit Groves?“, fragte Elizabeth.

„Den habe ich schlafen geschickt“, gab Will zurück und folgte ihr in die Kapitänskajüte.

Er war recht überrascht, als sein Schwiegervater ihn einfach umarmte.

„Danke, mein Junge! Danke!“, flüsterte er. „Aber … wie seid ihr eigentlich darauf gekommen?“

„Wir wollten dir Bescheid geben, dass wir Jack gefunden haben und die East India Trading Company uns daran gehindert hat, ihn gleich mitzubringen“, erwiderte Will. Zwar entsprach das nur teilweise der Wahrheit, völlig geschwindelt war es aber auch nicht. „Was tun die überhaupt hier?“, fragte er dann. Weatherby Swann ließ seinen Schwiegersohn los und setzte sich wieder in den bequemen Sessel.

„Ich weiß selbst nicht genau, was hier eigentlich gespielt wird, mein Junge. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob Cutler Beckett wirklich der Lordrichter ist, um den ich in London ersucht habe. Er ist aber tatsächlich Lordrichter, wie seine Beglaubigung ergibt“, sagte er müde.

„Warum bist du verhaftet worden, Vater?“, fragte Elizabeth. Hilflos zuckte ihr Vater mit den Schultern.

„Es ging alles rasend schnell. Lord Beckett kam mit fünf Schiffen der East India Trading Company an, seine Truppen besetzten alle strategisch wichtigen Punkte. Er fragte mich, weshalb ich einen Lordrichter angefordert hätte, ich habe es ihm gesagt, und er nahm es zur Kenntnis. Kurz vor dem Morgengrauen des folgenden Tages bin ich dann aus dem Bett geholt und gleich in Ketten gelegt worden. Lord Beckett hat mir dann vorgeworfen, meinen Pflichten nicht ordnungsgemäß nachgekommen zu sein, sondern die Piraterie geradezu gefördert zu haben, weil ich Captain Sparrow und seine Crew begnadigt habe. Deshalb hat er mich stehenden Fußes zum Tod durch Erhängen verurteilt. Seine letzten Äußerungen lassen darauf schließen, dass er die Grundrechte wie Habeas-Corpus-Akte, Recht auf anwaltliche Beratung und Verteidigung und so weiter außer Kraft setzen will. Das ist ein Unglück, Kinder!“, erklärte Swann.

Will und Elizabeth sahen sich an.

„Wo ist Admiral Norrington?“, fragte Will.

„Er ist mit der HMS Dauntless und der HMS Invincible nach Nassau unterwegs. Der Gouverneur und viele seiner Soldaten sind bei einem spanischen Angriff ums Leben gekommen. Vizegouverneur Bellows hat die Amtsgeschäfte vorläufig übernommen. Er will mit einem größeren Geschwader Hispaniola angreifen“, sagte Weatherby. „Was habt ihr in Erfahrung gebracht?“

„Jack hat den Aztekenschatz von einem Stück abgesehen zusammengebracht. Die Spanier lassen ihm dabei nicht nur freie Hand, sie helfen ihm sogar, weil sie den Fluch fürchten, wie die arme Seele den Teufel. Wir wollten uns auf Cozumel treffen und dann Jagd auf Jamie und seine Mermaid machen, um sie nach Cozumel zu bringen und den Fluch endgültig aufzuheben, sofern wir das letzte Stück des Schatzes haben“, erklärte Will.

„Komplizierte Angelegenheit …“, murmelte Swann.

„Und das Auftauchen der East India Trading Company macht es wahrlich nicht einfacher. Glaubst du jetzt an deren weit reichende Vollmachten, Vater?“

Verblüfft sah Weatherby seine Tochter an.

„Woher …? Elizabeth – du hast doch nicht etwa …“, stotterte er. Dann begriff er endgültig und schüttelte nur noch mit strafendem Blick den Kopf.

„Verzeiht mir die dumme Frage“, warf Will ein. „East India Trading Company … was treiben die hier in der Karibik?“

„Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Eigentlich ist diese Organisation für den Pazifik und eben den Ostindienhandel zuständig“, erwiderte Weatherby.

„Wenn ihr mich fragt: Mir kommt das spanisch vor – und das fast im wahrsten Sinne des Wortes“, sagte Elizabeth. „Gab es nicht zu Sir Francis Drakes Zeiten schon mal einen Verräter in spanischen Diensten unter den englischen Lords?“

Swann lächelte.

„Ich denke, das ist dein Fachgebiet, Elizabeth. Wenn sich jemand mit der Geschichte der Piraten auskennt, bis du es“, sagte er.

„Hier stimmt was nicht …“, grübelte sie laut. „Aber der gute Beckett wird ein Problem haben, wenn er den nächsten Haftbefehl unterschreiben will.

„Wieso?“, fragten Will und Weatherby wie aus einem Munde. Elizabeth griff in ihre Jackentasche und holte die beiden Siegelringe hervor. Ehemann und Vater sahen mit offenem Mund auf die beiden Ringe. Während es Swann senior noch die Sprache verschlagen hatte, grinste Will.

„Pirat!“, sagte er. Elizabeth zuckte mit einem gespielt verlegenen Lächeln die Schultern. Ihr Vater fand seine Worte langsam wieder.

„Das … kann dich Kopf und Kragen kosten!“, warnte er. Elizabeth hielt ihm die Ringe fast direkt unter die Nase.

„Solange wir die hier haben, ist er machtlos. Ohne Siegel keine Todesurteile oder sonstige Schikanen – jedenfalls keine gültigen. Denn das hier …“, sie griff nochmals in die Tasche und förderte eine kleine Holzkiste zutage, „habe ich auch.“

Ihr Vater nahm ihr die Kiste ab und öffnete sie.

„Das große Amtssiegel!“, entfuhr es ihm. Ohne das große Siegel, das Urteile jeglicher Art erst gültig machte, waren Lord Beckett in der Tat die Hände gebunden.

„Warum hast du es mitgenommen?“, fragte er dann. Elizabeth drehte sich um und entnahm dem Sekretär an der Backbordseite diverse Papiere und Pergamente, die sie ihrem Vater zeigte.

„Deshalb“, sagte sie. Swann sah die Dokumente näher an. Sie waren französisch geschrieben.

„Mein Französisch reicht dafür nicht …“, murmelte er. „Habt ihr nicht den französischen Arzt mit?“

Elizabeth nickte.

„Dann bitte ihn, das zu übersetzen. Vielleicht sind es unverfängliche Dinge wie gewöhnliche Geschäftsbriefe. Wir wollten es nicht allein an der Sprache festmachen“, sagte ihr Vater.

Elizabeth verschwand kurz und kam dann mit Jerôme zurück und erklärte ihm die Sachlage. Der Franzose nahm die Briefe zur Hand und bekam gleich einen erschrockenen Ausdruck.

Merde!“, entfuhr ihm ein höchst unfeiner Fluch. „Mon Dieu! Das ist ein Angebot des Königs von Frankreich!“

Er übersetzte im Lesen, dass der König von Frankreich Lord Beckett als Nachkommen der Grafen von Poitou anerkannt hatte und ihm anbot, ihm eine Karibikinsel seiner Wahl, die derzeit noch unter britischer Kolonialherrschaft stehe, als französisches Lehen zu übergeben und ihm den erblichen Titel eines Grafen dieser Insel zu verleihen, wenn es ihm gelänge, die britische Kontrolle der zentralen Karibik zu brechen. Dann schnupperte Savigny an dem Briefpapier.

Eau admirable!“, entfuhr es ihm. „Der Mann muss seit längerem in Frankreich gelebt haben.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Elizabeth.

„Das Parfum, das ich hier rieche, gibt es in England nicht. In Frankreich ist es aber verbreitet. Hergestellt wird es von einem Franzosen, der jetzt in Köln lebt und mit der französischen Armee gute Kontakte hat.“

„Klar, kommt ja auch aus Frankreich, der Brief“, schmunzelte Will. Elizabeth nahm Jerôme den Brief ab und roch daran.

„Nein, er hat Recht. Genauso hat Lord Beckett gerochen, ich schwör’s!“

Alle sahen sich betroffen an. Die East India Trading Company als Werkzeug der Franzosen, die Verbündete der Spanier waren?

„Wenn das keine Fälschung ist, dann spielt Lord Beckett falsch. Ich würde das gern Seiner Majestät zeigen und fragen, ob er ihn bevollmächtigt hat, mich abzulösen. Würde es dir etwas ausmachen, William, mich nach Nassau zu bringen?“

„Nein, wir haben Kurs auf die Caymans genommen, weil wir Kontakt mit Admiral Norrington aufnehmen wollten. Wenn er in Nassau ist, können wir auch dorthin fahren. Jack wird vor Cozumel nicht warten, bis sich die East India Trading Company seiner annimmt. Notfalls wird er sich rechtzeitig dünn machen“, erwiderte Will.

Weatherby Swann sah eine Weile nachdenklich auf das große Siegel, das seine Tochter Beckett entwendet hatte.

„Ich glaube, ich habe es schon mal gesagt, aber es trifft hin und wieder zu: Vielleicht erfordert bei seltenen Gelegenheiten das Halten des richtigen Kurses einen Akt der Piraterie. Könnte die Piraterie selbst der richtige Kurs sein?“, schmunzelte er. „Robin Hood wäre stolz auf euch, Kinder!“

 

Kapitel 16

Tia Dalma

Während die Aztec wieder Kurs auf Nassau nahm und sorgsam jedem Schiff aus dem Weg ging, segelte die Black Pearl gen Cozumel. Doch weder Jack Sparrow noch „Stiefelriemen Bill“ Turner hatten ein gutes Gefühl. Die Endeavour war zu lange neben der Aztec geblieben, als dass dies etwas Gutes verhieß. Jack beschloss auf halbem Weg, umzukehren und sich zu überzeugen, dass für den Welpen, wie er Will zuweilen noch scherzhaft nannte, keine Gefahr bestand. Als die Aztec ihnen nicht begegnete, obwohl sie auf dem gleichen Kurs liefen, den Will nach Cozumel hätte einschlagen müssen, wurde Stiefelriemen nervös.

„Jack, dem Jungen ist was passiert!“, schnaufte er. Jack nickte.

„Die Meinung teile ich“, erwiderte der Captain der Black Pearl.

Eine Weile dachte er angestrengt nach, wie sie nun weiter verfahren sollten. Die Gefahr war groß, dass Will, Elizabeth und ihre Leute nach Port Royal gebracht worden waren, wo man ihnen den Prozess machen würde – wenn sie nicht schon baumelten … Aber auf gut Glück mitten in die Höhle des Löwen zu gehen ohne zu wissen, ob dessen Beute tatsächlich dort und noch am Leben war, das widersprach nicht nur jeglicher Vernunft, sondern insbesondere dem Verhalten von Piraten allgemein. Bill Turner gehörte wie sein Sohn zwar zu jener Spezies von Menschen, die für Freunde und Verwandte mit dem Teufel persönlich raufen würden, doch hier widerstand sogar seine übliche Spontaneität, was solche Aktionen betraf.

„Was willst du tun?“, fragte Bill. Jack rieb sich den zu Zöpfen geflochtenen Bart.

„Wir werden flussaufwärts fahren!“, entschied er.

„Zu ihr?“, fragte Bill verblüfft.

„Zu ihr!“, bestätigte Jack und warf das Ruder herum. „Brasst die Rahen! Wir nehmen Kurs auf Pantano!“

Der Nordostpassat war für den Weg nach Pantano eine große Hilfe. Zudem verstand Jack Sparrow es, den letzten Windhauch zu nutzen und auch die Strömung des Äquatorialstroms mit einzubeziehen, der um den nordöstlichen Ausläufer der südamerikanischen Küste in die Karibik kam und Schiffen, die damit liefen, immerhin einen vollen Knoten zusätzliche Geschwindigkeit gab. Ein Seitenarm des Stroms verlief praktisch mitten durch die Karibik und vereinigte sich erst nördlich von Yucatan mit dem Küstenstrom zum Golfstrom, als der die warme Strömung den Golf von Mexiko dann wieder verließ.

Pantano war eine Insel, die nicht weit nördlich von Cozumel lag, zum größten Teil aus Sümpfen bestand und von Mangrovendickicht schier überwuchert war. Mit Jacks geschickter Steuerung, Wind und Wellen benötigte die Black Pearl nur wenige Tage bis nach Pantano. In einer versteckten Bucht vor der Mündung des Pantano River ging die Black Pearl vor Anker, ein Dingi wurde ausgesetzt.

Vorsichtig stakte Cotton das Boot, in dem außer Jack noch Marty und William senior saßen, den trägen Fluss hinauf. Der Mangrovendschungel wurde dichter, die Sicht immer schlechter, aber als der Weg schon fast zu enden schien, tauchte aus den Nebelschwaden eine hoch über der Hochwassermarke liegende Baumhütte auf, um die Scharen von Glühwürmchen wuselten. Warmes Licht fiel auf das trübe Wasser herunter.

„Meinst du wirklich, dass sie uns helfen kann, Will zu finden?“, fragte Bill zum wiederholten Mal.

„Wenn überhaupt jemand, dann Tia Dalma“, seufzte Jack. Er nahm nicht gern fremde Hilfe in Anspruch, weil das meist eine Gegenleistung bedeutete, die ihn zu oft zu teuer zu stehen gekommen war … Aber es gab Fälle, in denen nur noch schiere Magie weiterzuhelfen vermochte. Das hier schien so einer zu sein.

Das Dingi erreichte den Zugang zu Tia Dalmas Hütte. Es war eine klapprig wirkende Leiter, die ins Wasser reichte und im unteren Teil mit Schlamm und Algen derart überzogen war, dass es ein Abenteuer für sich darstellte, die Leiter besteigen zu wollen. Jack merkte schnell, dass er mit spitzen Fingern hier nicht weiterkam. Mochte er sonst auch nicht die Reinlichkeit in Person sein, aber schmutzige und vor allem glitschige Finger hasste er wie die Pest. Mit sichtbarem Widerwillen fasste er das Holz der Leiter an und arbeitete sich zum eigentlichen Hütteneingang nach oben. Bill folgte ihm, als Jack die Veranda erreicht hatte und nicht mehr abrutschen konnte.

Jack hatte die Tür gerade offen, als ihn ein pelziges Etwas ansprang und ohrenbetäubend kreischte. Erschrocken prallte Jack zunächst zurück, bis er bemerkte, um was es sich handelte und Jack, den Affen, beim Schlafittchen packte, dass der kleine untote Kapuzineraffe hilflos in seinen Kleidern hing und vergeblich nach dem Hosenbein des Menschen angelte.

Tia Dalma war von dunkler Hautfarbe und hatte um die Augen noch dunklere Punkte, wobei schwer zu sagen war, ob es sich um Schmucknarben handelte oder ob es Tätowierungen waren. Das Haar trug sie zu zahllosen Dreadlocks verdreht, die wild vom Kopf abstanden oder im Bogen nach unten hingen. Sie saß an einem Tisch, der mit diversen geheimnisvollen Utensilien überbelegt war. Sie schien etwas reparieren zu wollen, da sie mit kleinen Werkzeugen an einer Art Medaillon arbeitete. Das Geräusch ließ sie aufsehen und Jack erkennen. Ihr dunkles Gesicht leuchtete auf.

„Jack Sparrow! Ich habe dich eigentlich schon früher erwartet!“, entfuhr es ihr. Zu Jacks Erleichterung klang die Begrüßung freundlich. Deutlich hörbar atmete er aus.

„Hallo, Tia Dalma!“ erwiderte er mit einer ausladenden Bewegung. Hinter ihm rat Bill Turner ein und Tia erstarrte fast, als sie ihn sah.

„Dich … habe ich gesehen, William Turner!“, sagte sie und wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Stiefelriemen. Sowohl Bill als auch Jack waren verblüfft. Bei seinem letzten Besuch war Jack allein hier gewesen und in den Jahren zuvor war Bill noch nicht wieder bei ihm gewesen. Stiefelriemen lächelte etwas unsicher.

„Wie sollte das zugehen? Ich war noch nie hier“, erwiderte er.

„Ich kenne dich“, beharrte die Farbige. „Aus meinen Träumen.“

„Ah, ja“, brummte Bill. Auf diese Art von ‚kennen’ ging er nicht näher ein … Tia wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Jack zu.

„Was möchtest du?“, fragte sie.

„Einen Rat.“

„Du weißt, dass ich normalerweise dafür Bezahlung verlange, aber der kleine Affe, den du mir letztes Mal mitgebracht hast, ist es wert, dass ich dir noch einen zweiten Gefallen dafür tue.“

Jack bemühte sich, nicht nochmals laut aufzuatmen. Er hatte tagelang krampfhaft überlegt, was er ihr anbieten konnte, ohne etwas wirklich Wertvolles wegzugeben …

„Schön“, sagte er. „Wir suchen seinen Sohn“, fügte er hinzu und wies auf Bill Turner.

Tia Dalma nickte und ging zu ihrem Tisch zurück. Aus einem Lederbeutel nahm sie etwas heraus, das sie in beiden Händen schüttelte und dann auf den Tisch warf. Es waren Krabbenscheren, die sich um sich selbst drehten und schließlich liegen blieben. Erst bei näherem Hinsehen erkannte Stiefelriemen, dass die Scheren in einen Kreis gefallen waren, der in acht gleichmäßige Abschnitte unterteilt war, die wie Tortenstücke aussahen und je einem mit ihm unverständlichen Zeichen dekoriert waren. Die Farbige murmelte leise Worte, die französisch klangen und es doch nicht waren. Bill erinnerte sich, dass Jerôme Savigny ihm von einem geheimnisvollen Kult erzählt hatte, der von den Schwarzen in der Karibik und an der südamerikanischen Küste praktiziert wurde und eine Mischung aus christlichem Ritual und afrikanischer Schamanenzauberei war. Voodoo nannten die Schwarzen diesen Kult, mit dem sie angeblich sogar Menschen töten konnten – oder auch zum Leben erwecken … Aber es gab noch viele andere Möglichkeiten in diesem Kult. Hellsehen zum Beispiel. Und so etwas tat die Voodoopriesterin offenbar. Sie nickte schließlich.

„Du brauchst in der Tat etwas Außergewöhnliches, Jack Sparrow, aber ich kann es dir bieten. Du hast einen Kompass, der eine besondere Eigenschaft hat. Gib mir diesen Kompass!“

„Äh, ohne Kompass bin ich …“

„… aufgeschmissen, ich weiß“, grinste Tia Dalma. „Ich will ihn nicht haben, sondern ihn verbessern. Gib ihn mir!“

Zögernd rückte Jack Bills Geschenk heraus, das ihm so viele Jahre gute Dienste geleitet hatte. Tia Dalma nahm ihn entgegen und verschwand damit in einem winzigen Raum, der durch unzählige von der Decke herabhängende Dinge, Gläser mit mehr oder weniger appetitlichem Inhalt, Kräuterbüscheln und einer sich träge windenden Riesenschlange wirksam gegen neugierige Blicke abgeschirmt wurde. Dort nahm sie irgendwelche Beschwörungen vor, selbst Blitz und Donner schienen aus dem Kämmerchen zu kommen.

Schweigend und staunend warteten die Piraten im Hauptraum der Hütte, der keine zwanzig Quadratfuß maß. Es war schier unglaublich, was die Zauberin auf diesem engen Raum alles untergebracht hatte. Schließlich kam Tia Dalma mit dem Kompass in der Hand wieder zurück und überreichte ihn Jack.

„Ah!“, sagte er erfreut. „Und jetzt?“, fragte er dann, als sie kein Wort sagte. Tia bekam ein geheimnisvolles Lächeln.

„Sieh ihn dir an!“, forderte sie ihn auf. Jack klappte den Kompass auf und sah die Zauberin verwirrt an.

„Tolle Nummer!“, beschwerte er sich. „Jetzt ist er hin!“

Tias Lächeln wurde zu einem schelmischen Grinsen.

„Nein, ist er nicht“, behauptete sie. Jack drückte den kleinen Steuermagneten, aber die Nadel bewegte sich keinen Zoll.

„Ist er doch!“, grollte er.

„Jack Sparrow, wenn ich dir sage, dass er das nicht ist, ist er das nicht! Verstanden?“, fauchte sie. „Also, was wünschst du dir am allermeisten auf dieser Welt?“

Jack verstand nicht recht, aber er hatte zwischenzeitlich das dringende Bedürfnis, eine Flasche Rum auf Ex zu leeren. Er wünschte sich Rum, sonst gar nichts. Plötzlich bewegte sich die Nadel – und blieb schließlich so stehen, dass sie direkt auf die Black Pearl wies, die vor der Flussmündung vor Anker lag.

„Hmm, was soll das?“, fragte er verständnislos.

„Jack, der Kompass zeigt von nun an auf das, was du am meisten willst – oder der, der diesen Kompass in den Händen hält. Gib ihn William!“, sagte sie. Jack gab den Kompass an Bill weiter. Prompt schlug die Nadel in eine ganz andere Richtung aus.

„Is’ ja ’n Ding!“, entfuhr es Bill.

„Dort, wohin die Nadel weist, William Turner, dort ist dein Sohn, wenn du dir am meisten auf dieser Welt wünschst, ihn zu finden“, erklärte die Voodoo-Priesterin.

„Ich danke dir“, sagte er in ehrlicher Dankbarkeit und schenkte ihr ein Lächeln.

„Danke mir nicht. Auf dich und deinen Sohn warten noch große Gefahren“, warnte sie.

„Da wir gerade dabei sind …“, warf Jack ein. „Wir haben noch einen Fluch aufzuheben. Dafür brauchen wir den Affen samt seinem Medaillon.“

„Du hast ihn mir für erbrachte Leistungen gegeben Jack Sparrow“, erinnerte sie ihn.

„Dessen bin ich mir bewusst. Ich will ihn dir auch nicht wegnehmen. Ich will ihn mir nur borgen. Du bekommst ihn zurück – untot und samt Medaillon.“

„Ich weiß, um welchen Fluch es geht – und ich sage dir, dass du mich belügst, wenn du sagst, ich bekäme ihn untot zurück. Wenn ihr diesen Fluch aufhebt, dann müssen die Medaillons vernichtet werden, sonst stirbt sein Sohn. Spiele nie mit dem Leben eines Menschen, der dir nahe steht, Jack Sparrow, sonst spielst du mit deinem eigenen!“, warnte Tia Dalma eindringlich.

„Wenn du das alles weißt“, warf Bill ein, „weißt du auch, dass der Schutz, den Will durch den Segen der aztekischen Götter hat, nur begrenzt ist. Nicht nur er, wir alle haben dem aztekischen Schatzgeist unser Wort gegeben, den Schatz wieder zusammenzubringen und zu vernichten. Dass der Affe sich eins der Medaillons gekrallt hat, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht.“

„Das ist wahr“, räumte die Zauberin ein. „Gut, ich überlasse euch den Affen und sein Medaillon, wenn ihr ihn mir zurückgebt, sofern ihr alles erledigt habt. Doch ich stelle die Bedingung, dass ihr mich mitnehmt.“

Jack zögerte noch einen Moment, dann nickte er.

„Abgemacht.“

 

Kapitel 17

Kriegsrat

Während Jack Sparrow sich guten Rat bei Tia Dalma holte, erreichte die Aztec wieder Nassau. Im Hafen der Stadt lagen diverse Schiffe, die ohne jeden Zweifel Freibeutern zuzuordnen waren, aber auch zwei Schiffe der Royal Navy: Die HMS Dauntless und die HMS Invincible unter dem Kommando von Admiral James Norrington und Lieutenant-Commander Gillette. Die britischen Soldaten hielten sich offenbar bewusst von den Freibeuterschiffen fern, wie es aussah.

Der Hafenmeister winkte der Aztec und bedeutete Will, sein Schiff zwischen der HMS Dauntless und der Bloodhound an den Kai zu manövrieren. Der Platz war nicht üppig. Zwischen dem Klüverbaum der Aztec und dem Spiegel* der Bloodhound sowie der achtern liegenden HMS Dauntless blieben jeweils gerade zehn Fuß Zwischenraum. Stephen Groves wollte Will schon anbieten, das Anlegemanöver zu fahren, als der schon die Kommandos für das Anlegen gab und dazu

Wahrschau* am Kai!“, rief, damit sich die dort stehenden Seeleute ein paar Yards zurückzogen. Schließlich wollte er die Männer nicht mit dem Klüverbaum abräumen …

„Eddie: Klar bei Achterspring*! Jim: Vorderspring ’raus!“, rief Will dann, als die Aztec mit dem Bug schon am Kai lag. Ein Festmacher dort nahm die Leine und legte sie um einen der massiven Metallpoller am Kai, hielt die Brigg damit fest. Auf Wills Befehl warf Eddie auch die Achterspring aus, die von einem zweiten Festmacher gegriffen und festgemacht wurde. Damit lag die Aztec sauber eingeparkt zwischen den beiden Fregatten.

Sergeant Murtogg kam an Bord der Aztec, salutierte und sagte:

„Ähem, Governor Bellows erbittet Eure Anwesenheit, Captain Turner.“

„Danke, Sergeant. Ich komme gleich und bringe noch Governor Swann, meinen Navigator und den Ersten Maat mit“, erwiderte Will, übergab Hoskins das Kommando und ging dann in die Kajüte, um Elizabeth, ihren Vater und Groves zu holen.

Wenig später waren die Turners samt Gouverneur und Erstem Maat in den Amtsräumen des Gouverneurs von Nassau.

„Ah, Captain Turner! Schön, dass Ihr auch da seid“, begrüßte Bellows ihn. Dann schwand das Lächeln des Gouverneurs von Nassau, als er einen etwas derangierten Governor Swann eintreten sah.

„Governor Swann!“, entfuhr es ihm. „Mein Gott, was ist mit Euch geschehen? Seid Ihr Piraten in die Hände gefallen?“

„Wenn es Piraten gewesen wären, Governor Bellows, wäre mein Zustand sicher angemessen. In diesem Fall haben mich aber Freibeuter aus den Klauen des angeblichen Gesetzes befreit“, versetzte Swann.

„Wie bitte?“, fragte Bellows, der meinte, sich verhört zu haben. Weatherby Swann nahm seinen Hut ab, den er mit einer wütenden Geste vor sich auf den Tisch warf. Statt der sonst üblichen, wallenden Perücke trug er nur sein kurz geschnittenes eigenes Haar und fühlte sich regelrecht nackt. Er klärte Bellows über seine Gefangensetzung und Verurteilung durch den Lordrichter Lord Cutler Beckett auf und die faktische Machtübernahme auf Jamaica durch die East India Trading Company. Bellows setzte sich, weil ihm die Knie weich wurden.

„Mit Verlaub, Governor Bellows, ich meine, ich hätte schon früher davor gewarnt, Privatleuten oder privaten Organisationen hoheitliche Befugnisse zu übertragen“, meldete sich Admiral Norrington zu Wort und verbeugte sich in Richtung Governor Swann. Weatherby erwiderte die höfliche Geste des Admirals.

„Als ob wir nicht schon genug Ärger mit den Spaniern und den Franzosen am Hals hätten!“, schnaufte der Gouverneur von Nassau. „Captain Turner, was habt Ihr bezüglich Captain Sparrow erreicht?“

„Wir hatten ihn gefunden, Exzellenz. Wäre uns nicht die Borneo, eine Fregatte der East India Trading Company, dazwischengekommen und hätte die Black Pearl vertrieben, hätten wir ihn sicher überreden können, sich zu stellen. Ob das allerdings für ihn von wirklichem Vorteil gewesen wäre, wage ich angesichts der Verhaftung des Gouverneurs von Jamaica zu bezweifeln. Beinahe hätte ich einen guten Mann ans Messer geliefert. Ich kann Captain Sparrow unter den gegebenen Umständen nicht mehr dazu raten, sich zu stellen“, erwiderte Will. Bellows nickte.

„Dafür habt Ihr mein volles Verständnis. Wo treibt er sich herum?“

„Er ist in spanischen Gewässern unterwegs, nachdem er von einem dort befindlichen Schatz erfahren hat. Er hat mir glaubhaft versichert, nur noch spanische Schiffe auszunehmen.“

„Was sagt er zu einem Kaperbrief?“

„Er sagte uns, Ihr hättet ihm bereits einen angeboten, den er jedoch abgelehnt habe. Er ist nach wie vor nicht daran interessiert. Seine … Aktivitäten richten sich ausschließlich gegen spanische Schiffe und eine Piratenbande, die für die Überfälle auf einige Häfen, darunter auch Port Royal, verantwortlich ist“, schaltete sich Elizabeth ein. Bellows schüttelte den Kopf.

„Meine Güte, wie kann man nur so stur sein? Er könnte mit offizieller Genehmigung gegen diese Lumpen vorgehen, wenn er den Kaperbrief annimmt! So kann ihm das doch nur als Selbstjustiz ausgelegt werden!“

„Sagen wir mal, es hat – außer Jacks ungeheurem Freiheitswillen – noch einen zweiten Grund“, sagte Elizabeth.

„Und welchen?“

„Als Freibeuter müsste er Euch zehn Prozent seiner Beute abtreten.“

„Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, Elizabeth!“, ereiferte sich ihr Vater.

„Es geht dabei nicht um zu viel oder zu wenig, Vater“, wandte sie sich an ihren Vater. „Das Problem besteht darin, dass es der Aztekenschatz ist. Der von der Isla de Muerta. Wir haben allesamt versprochen, den Schatz nach Cozumel zurückzubringen und dort zu vernichten. Du weißt, was er bewirkt hat.“

Bellows sah verständnislos zwischen Elizabeth und ihrem Vater hin und her.

„Admiral Norrington: Versteht Ihr, worum es hier geht?“

„Ja, Exzellenz. Ihr mögt es glauben oder nicht, aber dieser Schatz ist mit einem Fluch belegt. Was er anrichten kann, habe ich selbst erleben dürfen – oder müssen, ganz wie Ihr wollt. Ihr wisst, dass ich kein Freund von Selbstjustiz bin, aber in diesem Fall …“

James brach ab. Es war noch nicht lange her, dass er selbst wegen dieser Geschichte heftige Vorwürfe gegen Jack Sparrow geäußert hatte. Beinahe hätte er genau dem aber das Wort geredet …

„Wenn Ihr einen Vorschlag erlaubt, Governor Bellows?“, warf Weatherby Swann ein. Bellows nickte ihm zu.

„Was … würdet Ihr davon halten, wenn Ihr Captain Sparrow … sagen wir … von einer Verfolgung durch die Royal Navy und die übrigen Freibeuter … nun ja … ausnehmt, ohne ihm einen ausdrücklichen Kaperbrief zu geben, der ihn bei der Erfüllung seiner Aufgabe … äh … behindern würde?“

„Und die East India Trading Company?“, hakte Bellows nach.

„Die hat unser Kaperbrief einen Dreck geschert, um es drastisch auszudrücken, Euer Exzellenz“, erwiderte Elizabeth. „Captain Turner hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dennoch hat man uns verhaftet.“

„Und Ihr seid denen entwischt? Wie habt Ihr das angestellt?“

„Schildkröten!“, entrutschte es Will mit einem Grinsen. Sämtliche Blicke wandten sich ihm verstört zu. Er lachte schelmisch und sagte dann:

„Kleiner Scherz, Mylord. Nein, ich bin eigentlich Schmiedemeister. Schlösser … nun, die sind kein Problem für jemand, der sich mit so etwas auskennt …“

„Pirat!“, grinste Bellows.

Freibeuter“, widersprach Will mit freundlichem Lächeln und wedelte mit dem von Bellows ausgestellten Kaperbrief. „Und was die Company betrifft: Lest das hier, Exzellenz. Wir sind nicht sicher, ob diese Papiere das bedeuten, was sie auszudrücken scheinen, aber es gibt einige Indizien, die darauf hinweisen“, setzte er hinzu und übergab dem Gouverneur von Nassau die Papiere, die Elizabeth sichergestellt hatte.

Bellows nahm die Papiere entgegen und las sie mit zunehmend größer werdenden Augen.

„Ich … bin mir nicht sicher, ob mein Französisch ausreicht, um Euch zuzustimmen, aber ich gebe Euch Recht, wenn Ihr meint, dass Papiere in französischer Sprache nicht eben für die Loyalität einer gewissen Handelsorganisation sprechen. Welche Indizien habt Ihr noch, Captain Turner?“

Will nickte Elizabeth zu.

„Nun, Exzellenz, kennt Ihr Eau admirable?“, fragte sie. Bellows schüttelte den Kopf.

„Nein, das sagt mir nichts, Klärt mich bitte auf.“

„Unser Schiffsarzt ist selbst Franzose, ist aber auf seinen König gar nicht gut zu sprechen“, erklärte Elizabeth und gab Bellows weiter, was Jerôme ihnen zu Eau admirable und Handelsverbindungen des Kölner Parfümeurs gesagt hatte.

„Kaufleute kommen viel herum, aber dass die East India Trading Company, deren Feld hauptsächlich der Asienhandel ist oder bisher war, sich mit Importen aus Köln befasst, wäre neu“, setzte sie noch hinzu.

„Aha. Und was hat das mit der East India Trading Company sonst noch zu tun?“, fragte der Gouverneur.

„Ich würde es zumindest für seltsam halten, dass ein männlicher Brite in Eau admirable schier badet“, erklärte Elizabeth. „Und Lord Beckett ist darin ziemlich tief eingetaucht. Die Duftspur müsste immer noch im Gefängnis von Port Royal haften.“

„Sehe ich das richtig, dass Ihr Lord Beckett im Verdacht hättet, für die Franzosen zu spionieren oder gar Sabotage zu treiben?“

„Nun, wenn ich den Inhalt dieser Papiere berücksichtige, die unser Schiffsarzt mündlich dahingehend übersetzt hat, dass Lord Beckett als Nachkomme eines normannischen Adelsgeschlechtes vom König von Frankreich angesprochen wurde und ihm eine Insel nach seiner Wahl als französisches Lehen versprochen wurde, wenn er es fertig bringt, die britische Herrschaft in der Karibik zu brechen, und seine Vorliebe für in Frankreich bevorzugtes Parfum mit hinzuzähle, kommt mir dieser Verdacht, Euer Exzellenz“, sagte Elizabeth.

„Trotzdem bleibt die Frage, was mit der Company selbst ist“, beharrte Bellows. „Was hat Beckett mit denen zu tun?“

James Norrington räusperte sich vernehmlich.

„Admiral Norrington?“, fragte Bellows.

„Wenn es keine rein zufällige Namensgleichheit ist, dann ist Lord Beckett der derzeitige Vorsitzende der East India Trading Company. Ich meine, den Namen Beckett bei den Schiffsmeldungen gesehen zu haben – in eben dieser Eigenschaft, Exzellenz.“

Bellows stand auf und begann eine unruhige Wanderung durch den Raum.

„Wenn ich es richtig sehe, haben wir hier mehrere Gegner: Frankreich und Spanien sowieso. Die Piraten um Jamie Einauge – und die noch durch den Aztekenfluch unsterblich und damit unbesiegbar. Und dann noch einen Feind im eigenen Haus, die East India Trading Company; jedenfalls müssen wir das annehmen …“, brummelte er, dann versank er in Schweigen. Erwartungsvoll sahen die Anwesenden den wandernden Gouverneur an, als er stehen blieb.

„Captain Turner, könnt Ihr Captain Sparrow erreichen?“

„Wir hatten einen Treffpunkt vereinbart, allerdings kann es sein, dass Jack von dort längst wieder weggefahren ist, weil wir nicht gekommen sind. In dem Fall kann ich ihn nicht erreichen“, erwiderte Will.

„Mist!“, fluchte Bellows. „Na schön, dann muss es anders gehen“, schnaufte er und hielt sich an seinem Kartentisch fest.

„Captain Turner, ich bitte Euch, dass Ihr nach Tortuga segelt und allen dort befindlichen englischen Piraten anbietet, einen Kaperbrief von mir anzunehmen und sich in die Dienste König Georges zu stellen. Für die Dauer des Kriegszustandes zwischen Großbritannien und seinen Gegnern Frankreich und Spanien verzichte ich ausdrücklich auf die übliche Beutebeteiligung. Sollte Euch jemand daran hindern wollen, setzt ihn auf Grund, egal, wie tief es ist.“

„Aye, Governor!“, bestätigte Will.

„Bitte Nummer zwei: Leiht mir Euren Schiffsarzt als Dolmetscher aus. Ich möchte, dass er die Briefe schriftlich übersetzt und bei der Einvernahme von Gefangenen zur Verfügung steht.“

„Wenn Mr. Savigny einverstanden ist, gern, Mylord“, lächelte Will. Bellows klopfte ihm auf die Schulter.

„Ihr werdet ihn schon überreden, mein Freund“, sagte er.

„Admiral Norrington: Eure Schiffe nehmen sich der Herrschaften von der East India Trading Company an. Bringt sie auf und liefert sie vorläufig hier ab. Ich möchte, dass die Captains von den Crews getrennt werden und mir hier Rede und Antwort stehen, was ihnen einfällt, britische Schiffe zu überfallen“, wandte er sich dann an James.

„Aye, Governor!“, bestätigte der Admiral.

„Lieutenant-Commander Gillette: Kraft meines Amtes befördere ich Euch hiermit zum Captain. Die HMS Invincible ist von nun an Euer Schiff. Segelt nach England und übergebt Seiner Majestät diese Schreiben, sofern Mr. Savigny sie übersetzt hat und unser Notar dies beglaubigt hat. Erbittet Verstärkung vom Ersten Seelord. Unser Geschwader ist erheblich zu klein, um mit allen Gegnern fertig zu werden. Solltet … Ihr nicht durchkommen, sind die Kolonien hier in der Karibik in erheblicher Gefahr. Ich weiß, dass auch in den Kolonien weiter nördlich auf dem Festland gekämpft wird. Brecht nicht mit Gewalt durch, sondern versucht zunächst, Euch nach Charleston, Norfolk, New York oder Boston durchzuschlagen. Vielleicht bekommen wir von dort schneller Verstärkung.“

„Aye, Governor!“, bestätigte auch Gillette.

„Gott schütze König George – und uns auch!“, murmelte Governor Swann halblaut.

 

Kapitel 18

Überredungskunst

Mit der Flut am folgenden Morgen strömten die Schiffe der von Governor Bellows zusammengebrachten Allianz aus dem Hafen von Nassau, um die ihnen zugewiesenen Aufgaben zu erledigen. Weatherby Swann blieb in Nassau, um anhand der „sichergestellten“ Korrespondenz mit Jerôme Savigny weitere Nachforschungen über Lord Beckett anzustellen.

Die Aztec nahm Kurs auf Tortuga. Der stetige Passatwind trieb die nun ordnungsgemäß im Schiffsregister von Nassau eingetragene Brigg gen Südosten, was zwar kein idealer Kurs war, aber mit einigem Geschick ihrer Steuerleute lief die Brigg doch fast zehn Knoten. Allen an Bord war bewusst, dass die Fahrt nach Tortuga mit Risiko behaftet war, zumal der Kurs selten weiter als sechzig Seemeilen von der Küste der spanischen Kolonie Kuba entfernt war. Obendrein lag die Insel der Piraten kaum vier Seemeilen vom französischen Teil Hispaniolas entfernt. Es grenzte ohnehin an ein Wunder, dass Tortuga nach wie vor frei von jeglicher Kolonialherrschaft war. Bisher hatte die Insel niemanden so recht interessiert, weil es sich wirtschaftlich nicht lohnte. Aber Kriegszeiten veränderten die Prioritäten der Kolonialmächte. Die strategische Bedeutung Tortugas war jedenfalls nicht zu unterschätzen … Bisher aber schien es, als sei der bunt zusammengewürfelte Piratenhaufen von den Krieg führenden Nationen noch nicht als Gefahrenquelle ausgemacht worden.

Die Fahrt verlief trotz der Gefahr durch die spanischen Schiffe ruhig. Die einzeln fahrende Brigg unter dänischer Flagge, die Will zur Tarnung weiterhin führte, traf auf keinerlei Interesse. Will und Elizabeth hatten deshalb genug Gelegenheit, sich schon Argumente zu überlegen, mit denen sie diese Ansammlung hoffnungsloser Einzelgänger zusammenbringen wollten. Will wollte mit Einigkeit und der damit verbundenen Stärke ködern, Elizabeth eher mit dem angeborenen Freiheitswillen der Piraten.

Auf Tortuga wirkte alles so wie sonst – sah man davon ab, dass deutlich mehr Schiffe im Hafen lagen, die zum Teil richtig exotisch wirkten, wie zum Beispiel die große Dschunke, die sich von den anderen Schiffen hier außer durch ihre Bauweise auch durch die augenscheinlich überaus prächtige Ausstattung unterschied. In den Straßen herrschte das übliche Chaos. Es gab nichts und niemanden, der als zentrale Autorität dieses Chaos auch nur ansatzweise beherrschen konnte. Piraten waren Individualisten, die eben nur sich selbst gehorchten.

„Wir wenden uns an Gibbs“, schlug Will vor, als sie die Aztec am Kai vertäuten. „Er kennt alles und jeden auf Tortuga.“

Elizabeth nickte.

„Falls wir da nichts erreichen, gibt’s noch Anamaria. Die weiß auch, wo der Teufel Junge hat“, setzte sie hinzu. Wills Nicken bestätigte ihre Einschätzung.

„Groaltek, fällt dir noch was ein?“, wandte Will sich an den aztekischen Schatzhüter.

„Nein, diese Insel ist für mich unbekannt.“

Die Aztec lag piratenmäßig festgemacht, was bedeutete, dass die Leinen mit jeweils einem Handgriff losgemacht werden konnten. Will, Elizabeth und Groves verließen das Schiff und steuerten zielsicher die Faithful Bride an. So wild es auf Tortuga auch zuging, niemand wagte es, sich dem gekonnt finster dreinblickenden Will und seinen beiden Maaten in den Weg zu stellen. Stephen Groves hatte sich in den Wochen, die er nun mit den Turners segelte, einen gepflegten Bart an Oberlippe und Kinn sowie lange Koteletten stehen lassen. Bei ihm erinnerte nichts mehr an den ehemals peinlich genau glattrasierten Lieutenant der britischen Royal Navy. Elizabeths Tarnung als Matrose war ihr inzwischen eine zweite Haut geworden, die sie mit solcher Selbstverständlichkeit und Lässigkeit trug, dass wahrhaft niemand auf den Gedanken gekommen wäre, sie sei ein weibliches Wesen. Wills olivgrüner Lederüberrock verlieh ihm zusammen mit dem ersichtlich hervorragend gearbeiteten Schwert, der Pistole im Leibgürtel und der nur mit Mühe durch ein dunkelbraunes Kopftuch gebändigten dunklen, welligen Mähne den Eindruck einer brisanten Mischung aus Alligator und Löwe. Jeder, der ihnen begegnete, wechselte unaufgefordert den Kurs und ging dem grimmigen Trifolium vorsichtshalber aus dem Weg. Sie erreichten die Faithful Bride ohne Zwischenfälle.

Als sie eintraten und Elizabeth und Stephen gleich in eine abwehrbereite Position hinter ihrem Captain gingen, der breitbeinig, die linke Hand auf dem Griffkorb seines Schwertes, die rechte am Daumen in den Gürtel gehakt, zwei Yards von der Tür entfernt mitten im Raum stehen blieb, wurde es still in der Faithful Bride. Der Erste, der sich nach einem Moment völliger Erstarrung überhaupt wieder bewegte, war der Wirt, der eilig seine Rumflaschen unter dem Tresen in Sicherheit brachte. Seiner rundlichen Bedienung bedeutete er schweigend, die Krüge verschwinden zu lassen. Joshamee Gibbs, der an seinem Heuertisch in der Ecke saß und auf Kundschaft wartete, war unsicher, was dieser Auftritt zu bedeuten hatte. Eine solche Pose kannte er nicht von William Turner jr.

„Falls jemand nicht weiß, wer ich bin: Ich bin Captain William Turner. Mein Schiff ist die Aztec. Ich suche Piraten, die als Freibeuter ihre Einigkeit und Unabhängigkeit sichern wollen!“, verkündete er. Gibbs sah ihn verblüfft an. Eine so tragfähige und reife Stimme hatte er dem knapp vierundzwanzigjährigen Waffenschmied nicht zugetraut.

Es war, als ob ein Aufatmen durch den Raum ging, obwohl noch immer niemand etwas sagte, so spürbar war die Entspannung, als damit klar wurde, dass der junge Captain keinen Streit suchte.

„Freibeuterei im Dienste irgendeines gekrönten Schwachkopfs und Unabhängigkeit sind ein Widerspruch in sich, Captain Turner!“, knurrte eine finstere Stimme aus dem dunklen Hintergrund der Kneipe unter der Empore. Alle Augen zuckten in die Richtung, doch es war zu dunkel, um jemanden zu erkennen.

„Das sehe ich anders, Master Unbekannt!“, erwiderte Will. „Die Unabhängigkeit jedes anständigen Piraten ist durch den Krieg, den Frankreich und Spanien gegen England führen, bedroht. Wenn wir nicht alle an einem Strang ziehen, könnt Ihr es vergessen, in Zukunft noch als freie Piraten Beute zu machen!“

Der Mann, der Will widersprochen hatte, kam unter dem Empore hervor. Er hatte ein recht exotisches Aussehen, sah fast wie ein Araber aus. Das Alter schätzte Will aus dem angegrauten Haar, das unter dem Turban herausschaute, zwischen fünfzig und sechzig Jahre. Der Araber maß den jungen Mann mit einem spöttischen Grinsen, das die asketischen Falten neben den Mundwinkeln noch verstärkte.

„Wisst Ihr, wer ich bin?“, fragte er listig mit hochgezogener linker Augenbraue.

„Ich kenne die Piraten hier aus der Gegend. Das seid Ihr offensichtlich nicht. Wer also seid Ihr?“, erkundigte sich Will.

„Wenn Ihr nicht einmal Ammand, den Korsaren, kennt, den Piratenfürsten des Schwarzen Meeres und der Berberküste, dann seid Ihr ein armseliger Wicht, dessen Meinung mich nicht interessiert!“, schnaubte Ammand.

„Wenn Ihr meint, dass Euch außerhalb Eures Herrschaftsgebietes – oder wie immer Ihr das auch nennen mögt – jeder kennen muss, seid Ihr ein eingebildeter Tunichtgut, Ammand“, konterte Will kühl. Mit schnellen Schritten ging Ammand auf Will zu, der aber unbeeindruckt stehen blieb. Allenfalls daran, dass seine linke Hand den Schwertgriff fester packte, war erkennbar, dass der Araber ihm bedrohlich erschien. Er wich keinen Zoll zurück und hielt dem grimmigen Blick Ammands stand. Einen langen Moment lieferten sie sich ein Duell mit Blicken, bis Ammands Gesicht sich plötzlich zu einem spöttisch-freundlichen Lächeln entspannte.

„Ihr seid nicht leicht einzuschüchtern, Captain Turner“, sagte er in einem völlig anderen Ton. „Ich mag das.“

Will überlegte einen Moment, ob er dem Araber trauen konnte. Sein Verstand sagte nein, sein Bauch riet ihm, es zu versuchen. Er erlaubte sich ebenfalls ein leichtes Lächeln, das gewinnend genug war, um noch einigen anderen in der Nähe ein Lächeln zu entlocken.

„Danke, Ammand. Nun, ist mein Angebot immer noch völlig unmöglich?“, fragte Will.

„Ihr habt bisher nichts angeboten“, erinnerte Ammand grinsend.

„Ich sprach von Freibeuterei, wie Ihr Euch vielleicht erinnert. Das setzt einen Kaperbrief voraus“, erwiderte Will und trat einen Schritt zurück.

„Ich biete Euch – Euch allen! – einen Kaperbrief des englischen Königs, wenn Ihr ihm im Kampf gegen Franzosen und Spanier beisteht!“, rief er laut. „Der Gouverneur der Bahamas, Bellows, verzichtet in diesem Fall sogar auf die übliche Beteiligung der Krone an der Beute!“

„Das is’ ’n faires Angebot. Ich bin dabei!“, meldete sich jemand von ganz hinten aus dem Raum hinter dem Schanktresen.

„Ich auch!“, tönte es direkt daneben. Neben dem Schanktresen erschienen Pintel und Ragetti, die einzigen Überlebenden von Hector Barbossas Crew, die es irgendwie geschafft hatten, aus dem Kerker von Port Royal zu entwischen. Elizabeth und Will wechselten einen raschen Blick. Ob der Bedrohung durch Franzosen, Spanier und East India Trading Company konnte man nicht besonders wählerisch sein …

„Klare Sache! Ich auch!“, meldete sich Gibbs.

„Was ist mit Euch, Ammand?“, hakte Will bei dem Araber nach, der noch immer mitten im Raum stand. Der drehte sich um und wollte wieder unter die Empore gehen.

„Ein Krieg hier geht mich nichts an“, versetzte er mit einer wegwerfenden Handbewegung.

„Ihr seid einer der neun Piratenfürsten, Ammand!“, meldete sich Elizabeth energisch zu Wort. Der Korsar fuhr herum und maß den augenscheinlich sehr jungen Matrosen neben dem seiner Meinung nach ebenfalls zu jungen Captain mit einem misstrauischen Blick.

„Wer seid Ihr?“, fragte er und kam wieder drei Schritte zurück.

„Bedauerlich, dass Ihr mich nicht kennt, aber Ihr könnt mich gern kennen lernen!“, versetzte Elizabeth mit funkelnden Augen, die Rechte schon am Schwertgriff. „Nur ein Idiot hält sich heraus, wenn es letztlich auch um seine Freiheit geht!“, knurrte sie. „Sollte England keine Unterstützung durch die Piraten der Karibik bekommen, werden Spanien und Frankreich die englische Flotte hier kurz und klein schlagen. Das mag Euch vielleicht noch passabel erscheinen, weil damit hier ein Gegner hier fehlt, der Euch ohnehin nicht interessiert. Aber wenn Spanier und Franzosen hier fertig sind, werden sie sich mit Vergnügen und ohne weitere Bedrohung durch England Eure Jagdgebiete vornehmen. Bedenkt, dass Euer Hauptjagdrevier, die Berberküste, direkt von Spaniens Haustür liegt. Das könnt Ihr unmöglich wollen, Ammand, Fürst der Cyrenaika!“, hielt sie ihm vor.

„Richtig!“, meldete sich Anamaria zu Wort, die bisher schweigend im Hintergrund geblieben war. Ein kurzer Blickwechsel mit Elizabeth hatte ihr gesagt, dass Elizabeth keinen Wert darauf legte, ihr männliches Inkognito aufzugeben.

„Wir sitzen hier auf dem Präsentierteller, wenn es um Franzosen und Spanier geht. Aber noch viel schlimmer ist das, was im Moment auf Jamaica passiert. Was dieser Beckett dort anrichtet, lässt sich kaum in Worte fassen. Dabei frage ich mich allerdings, warum wir Piraten dem englischen König helfen sollten, wenn er uns diese Ratte hierher schickt?“, hakte sie dann ein. „Wie passt das in Euer Angebot, Captain Turner?“

„Aye, Beckett ist ein Problem“, räumte Will ein. „Aber er arbeitet ebenfalls für die Franzosen. Er hat die Herrschaft auf Jamaica unter dem Deckmantel der East India Trading Company an sich gerissen und den rechtmäßigen Gouverneur abgesetzt. Wir konnten ihn retten und nach Nassau bringen“, erklärte er dann. Ein Raunen ging durch den Raum.

„Is’ ja ’n Ding!“, platzte Pintel heraus.

„Das nennt man Wolf im Schafspelz“, belehrte Ragetti seinen Kumpan.

„Das sind Gegner, mit denen Piraten nicht fertig werden“, schüttelte Ammand den Kopf.

„Ich habe Piraten bis jetzt für Leute gehalten, die für ihre Freiheit und Lebensweise mit dem Teufel persönlich raufen würden“, giftete Elizabeth.

„Beckett ist der Teufel in Person!“, fuhr Ammand sie an. „Habt Ihr nicht gehört, was sich auf Jamaica tut? Wer auch nur den gleichen Familiennamen wie ein Pirat hat, wird ohne Anhörung gehängt. Auf Jamaica gibt es bald mehr Leichen als Lebende! Nicht einmal vor Kindern macht dieser Sheitan** Halt!“

„Ein umso besserer Grund, ihn aufzuhalten!“, versetzte Will. „Natürlich besteht die Gefahr, dass wir verlieren. Wer kämpft, der kann verlieren – aber wer gar nicht erst anfängt zu kämpfen, hat von vornherein verloren!“

„Wohl gesprochen!“, pflichtete Gibbs Will bei.

Das Gemurmel im Raum wurde lauter, insbesondere unter der Empore, wo sich englische Piraten heftige Diskussionen mit anderen Seeleuten lieferten, die ersichtlich anderer Hautfarbe waren. Die Gästeschar war ziemlich international, selbst Asiaten waren offensichtlich dabei. Plötzlich flogen Fäuste. Anamaria kämpfte sich gekonnt zu Will durch.

„Ich komme mit, Will. Lass mich nur ein paar Sachen packen und Jack junior holen. Ich lasse ihn auf keinen Fall hier“, sagte sie.

„Empfehlenswert“, erwiderte Will und fing gerade noch einen durch den Raum fliegenden Stuhl vor Elizabeth ab.

„Piraten!“, seufzte sie.

„Am besten, du hilfst Anamaria beim Packen“, empfahl Will – auch mit dem Hintergedanken, Elizabeth aus einer solchen Keilerei fernzuhalten.

„Gleich“, entgegnete sie und feuerte einem Angreifer einen Stuhl über den Kopf. Will musste grinsen und erinnerte sich dann seines ersten Besuchs in der Faithful Bride.

„Gibbs, deine Unterlagen und die Lampe! Weg damit, sofort!“, wies Will den Heuermakler an.

„Aye!“, keuchte Gibbs, räumte seinen Kram ab, drückte Groves die Lampe in die Hand, um selbst noch seinen Rumkrug zu sichern. Mit einem zornigen Fauchen riss Will sein Schwert aus der Scheide und stieß den schweren Tisch, an dem Gibbs gesessen hatte mit einem herzhaften Tritt um. Die aufblitzende Klinge und der wie ein Hammerschlag wirkende Aufprall des massiven Tisches ließ die sich prügelnden Piraten wie eingefroren in der jeweiligen Haltung erstarren. Unsicher sahen sie auf Will.

„Wenn Ihr nichts Besseres zu tun habt, als Euch gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, seid Ihr die längste Zeit freie Piraten gewesen!“, donnerte er sie an.

Langsam entwirrten sich die Knäule. Ein Pirat mit asiatischem Äußeren klopfte sich den Staub von den Kleidern.

„England ist es nicht wert, dafür zu sterben!“, grollte er. Das Gemurmel wurde wieder lauter, schwoll an und drohte wieder in eine Schlägerei auszuarten, bis Elizabeth auf einen stehen gebliebenen Tisch sprang und in die Decke schoss. Augenblicklich wurde es wieder mucksmäuschenstill.

„Ihr werdet mir jetzt zuhören! Hört mir zu!“, rief sie laut. „Ihr habt Recht, wenn Ihr meint, dass es sich nicht lohnt, für England zu sterben. Wofür lohnt es sich dann?“, fragte sie. „Da draußen kämpft die Royal Navy gegen die Spanier und die Franzosen. Und Ihr? Was ist mit Euch? Was ist mir Eurer Freiheit? Egal, was dort geschieht, egal, wer gewinnt: Wenn sie sehen, dass Ihr Euch wie verängstigte Kielratten verkriecht, dann hat Eure Freiheit die längste Zeit gedauert! Dann werden sie wissen, dass Ihr keine ernst zu nehmenden Gegner seid! Wenn Ihr kämpft und ihnen zeigt, dass Ihr Eure Freiheit verteidigt, werden sie es sich überlegen, ob sie sich mit Euch anlegen! Lasst sie sehen, wozu wir in der Lage sind – mit Mut in Euren Herzen und Euren Flaggen im Wind! Hisst die Flaggen!“

Die flammende Rede zeigte Wirkung: Mit einem donnernden

„Aye!“

signalisierten die Anwesenden ihre Zustimmung, die sich geradezu in Jubel auswuchs.

„Macht Eure Schiffe klar!“, rief Will. „Mit der Flut laufen wir aus!“

 

Kapitel 19

Gefangen

1„Alarm! Franzosen!“, platzte ein alter Pirat in die Faithful Bride.

„Los! Zu den Schiffen!“, kommandierte Will. „Elizabeth, ich brauche dich und Anamaria. Hilf ihr, ihren Kram zu packen. Wir holen euch ab, sofern wir die Franzosen erst einmal auf Distanz haben.“

Elizabeth sah ihn durchdringend an.

„Du willst mich vom Kampf fernhalten“, stellte sie fest.

„Ja, für dieses Mal ja“, gab er zu. Er wollte sie nicht belügen.

„Ich kann kämpfen …“

„Das weiß ich. Ich hab’s dir ja schließlich beigebracht. Bitte …“

Sie nickte mit einem melancholischen Lächeln.

„Du kommst zurück“, sagte sie.

„Das werde ich. Versprochen“, erwiderte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie ging mit Anamaria fort. Will sah ihr einen Moment nach, dann drehte er sich um und bemerkte Ammands Blick, der auf ihm ruhte.

„Eure Frau?“, fragte der Araber. Will nickte schweigend.

„Heißt es nicht, eine Frau an Bord bringt Unglück?“, schmunzelte Ammand.

„Ich kenne den Aberglauben, aber ich halte davon weniger als nichts. Kommt, außer meinem müssen die Schiffe noch klar gemacht werden“, erwiderte Will.

„Warum versteckt sie sich dann in Männerkleidern?“, fragte Ammand weiter.

„Ein Grund ist, dass Hosen einfach praktischer sind auf einem Schiff. Ein anderer, dass Frauen meist nicht ernst genommen werden, wenn sie Männern die Meinung sagen – es sei denn, sie haben sich bereits als Piraten bewährt.“

„Aber das versagt Ihr ihr gerade“, erinnerte Ammand.

„Nein, in diesem Fall will ich sie nur schützen. Mein Schiff ist das einzige, das seeklar ist. Ich werde auslaufen, um die Franzosen so lange aufzuhalten, wie es geht, um Euch Zeit zu geben, Eure Schiffe klarzumachen“, entgegnete Will und winkte Groves, rief nach Gibbs, Pintel und Ragetti, die sich ihm auch gleich anschlossen.

„Ein mutiger Mann“, sagte Ammand anerkennend zu einem Chinesen mit kahlem, narbigen Schädel, der neben ihn getreten war.

„Zu mutig für einen Piraten“, erwiderte der Chinese. Ammand schüttelte den Kopf.

„Nein, einer dem man folgen kann. Einer mit dem Herzen eines Löwen – und Engländer ist er auch …“

Nachdenklich sah der Araber dem jungen Briten nach und dachte an eine Geschichte, die in seiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sie war sehr alt, stammte noch aus der Zeit, als sich Christen und Muslime um Jerusalem gestritten hatten und betraf Ammands Vorfahren, der seinerzeit um Jerusalem gekämpft hatte. Er hatte sowohl mit dem englischen König Richard Löwenherz als auch mit einem französischen Baron verhandelt. Das gewinnende Wesen hatte Will Turner mit dem Franzosen gemein, der nicht nur ein geschickter Verhandlungspartner gewesen sein sollte, sondern auch ein ausgesprochen mutiger und kämpferischer Ritter, das wirkliche Kämpferherz aber eher mit Richard …

Will und seine Begleiter erreichten im Laufschritt die Aztec, sprangen an Bord und lösten nebenbei die Leinen am Kai.

„Los, Toppsegel setzen!“, befahl er und ging ans Steuer. Wie in einer glücklichen Fügung drehte der Wind und ermöglichte der Aztec, schneller vom Kai wegzukommen, als Will es selbst erwartet hatte. Die Franzosen nahmen jetzt direkten Kurs auf die Hafeneinfahrt, doch der drehende Wind verhinderte, dass sie die Schmalstelle passieren konnten.

Die Brigg nahm Fahrt auf, Pintel setzte den Jolly Roger.

„Master Gibbs, nehmt Euch der Segel an!“ rief Will. Gibbs bestätigte.

„Master Groves, macht die Kanonen klar! Master Pintel und Ragetti: Am Bug befindet sich eine zusätzliche Stückpforte*. Macht den vorderen Neunpfünder** klar!“

„Aye, Captain!“, bestätigten die Angesprochenen.

„Eddie, die Handfeuerwaffen!“

„Aye, Captain!“

Will nahm Kurs auf die Hafeneinfahrt, fuhr hindurch und hielt auf eine Brigg zu, die an der Spitze des französischen Verbandes fuhr.

„Master Pintel und Ragetti: Nehmt ihnen den Wind aus den Segeln!“, befahl er dann.

„Aye!“, kam es von vorn. Eilig richteten die beiden erfahrenen Kanoniere ihr Geschütz, das Will erst in Nassau bekommen hatte, auf den Fockmast der französischen Brigg. Der Captain steuerte die Aztec in einem spitzen Winkel von vorn auf den Franzosen zu, der lediglich eine kleine Drehbasse auf der vorderen Reling montiert hatte, die allenfalls zum Zerlöchern von Segeltuch oder für Warnschüsse geeignet war, aber nicht für massiven, weittragenden Beschuss. Der französische Kommandant überlegte offenbar fieberhaft, wie er dem Piratenschiff begegnen konnte und entschied sich schließlich doch, ihm die Breitseite zu präsentieren.

Will überließ den richtigen Zeitpunkt für das Abfeuern der Kanone den damit versierten Geschützführern. Mochten die beiden auch nicht die Hellsten sein, was sie mit Kanonen anrichten konnten, wusste er nur zu genau. Die Bugkanone krachte und der Fockmast der französischen Brigg knickte um wie Strohhalm. Im selben Moment riss Will das Steuerrad nach Backbord, die Breitseite der wendigen Brigg erschien etwas schneller als die des französischen Schiffes. Groves gab das Kommando zum Feuern und zwölf Kanonen spien Vernichtung.

Die französische Brigg kam nicht zum Feuern, weil die meisten Kugeln der Aztec im Kanonendeck einschlugen und Geschütze und Bedienmannschaften mit ungeheurer Wucht zurückwarfen. Stephen hatte zudem zwei der Geschütze mit Sprenggranaten laden lassen – und eine davon traf das Pulvermagazin der französischen Brigg. Eine Stichflamme schoss in den Himmel und zerriss das französische Schiff.

Will warf das Ruder wieder herum und nahm nun Kurs auf das augenscheinlich stärkste Schiff, eine Fregatte, die von zwei weiteren Briggs flankiert wurde.

Der Capitaine der Fregatte sah den einzelnen, kühnen Angreifer kommen.

„Beidrehen! Eine volle Breitseite auf diese Hunde!“, befahl er.

Mon Capitaine“, meldete sich sein Erster Offizier vorsichtig. „Der Korsar bietet kein ausreichendes Ziel!“, warnte er.

„Ich sagte: eine volle Breitseite! Habt Ihr mich nicht verstanden, Lieutenant?“, beharrte der Capitaine.

Oui, mon Capitaine!“, bestätigte der Lieutenant und gab den Geschützmannschaften den entsprechenden Befehl, obwohl er gesehen hatte, dass das Piratenschiff noch im toten Winkel der eigenen Geschütze war.

Auf der Aztec grinsten Pintel und Ragetti sich eins. Sie hatten ihr Buggeschütz wieder mit einem Kettenkugelpaar geladen und feuerten es mit unglaublicher Präzision ab. Die Kettenkugeln rissen die Beplankung der Fregatte direkt hinter dem Speigatt auf, unter dem sich das Pulvermagazin befand. Fast gleichzeitig brüllten die Kanonen der Fregatte auf, Funken flogen in das aufgerissene Deck und entzündeten einen Teil des dort offen liegenden Pulvers. Eine Explosion war die Folge, die ein Riesenloch in den Bug riss und die Fregatte aus dem Kurs warf.

„Rückzug!“, kommandierte der französische Capitaine. Sein Rudergänger warf das Steuer herum, das Schiff gehorchte erst nur widerwillig, dann aber mit umso größerem Schwung – und krachte in die an Steuerbord fahrende Brigg.

Die Brigg an Backbord der Fregatte nahm Fahrt auf, aber nicht, um anzugreifen. Will hatte die Aztec bereits auf Kurs gegen diese Brigg gebracht, und der französischen Kommandant zog es vor, sich französisch zu verabschieden … Die gerammte Brigg und die Fregatte sanken und strandeten knapp neben der Fahrrinne in den Hafen auf dem relativ flachen Grund.

„Fischt aus dem Wasser, was ihr könnt!“, wies Will seine Leute an. Tampen flogen über Bord, die von den Franzosen nur zu gerne ergriffen wurden. Sie wurden einzeln an Bord gehievt und vorsichtshalber entwaffnet.

„Wohin mit denen, Captain?“, fragte Gibbs.

„Sperrt sie vorläufig in die Brig. Wir bringen sie an Land.“

Das Geschehen vor der Hafeneinfahrt wurde nicht nur von den verblüfften Piraten am Hafen beobachtet, die darüber glatt vergaßen, ihre Schiffe seeklar zu machen, sondern auch von Anamaria und Elizabeth, die auf dem Weg zu Anamarias Haus waren. Eigentlich hatten sie es beide eilig. Anamaria wollte verdammt sein, wenn sie es sich entgehen ließ, Jack Sparrow auf ihre Art zu demonstrieren, dass sie auch als Mutter eine vollwertige Piratin war – und das schien ihr nur bei Will an Bord gegeben zu sein, der völlig selbstverständlich seine Frau auf Reisen mitnahm. Jack junior war jetzt handfest genug, um sich an ein Leben auf einem Schiff zu gewöhnen. Jack hatte ja immer von sich behauptet, von Geburt an den größten Teil seines Lebens auf einem Schiff verbracht zu haben – sah man von gelegentlichen und stets recht kurzen Aufenthalten auf Tortuga ab. Warum, beim Barte Davy Jones’, sollte es denn bei seinem Sohn anders sein …?

Der Weg zu ihrem Haus führte teilweise direkt an der Küste entlang. Als sie beide aus dem Palmenwald traten, flog gerade die erste französische Brigg in die Luft. Wie angewurzelt blieben die beiden Frauen stehen und sahen, wie Will seine Aztec kühn dem größten Gegner entgegensteuerte.

„Dein Will ist unter Piraten eine Ausnahmeerscheinung“, sagte Anamaria. „Der ist mindestens so verrückt wie Jack, sich mit einer solchen Übermacht anzulegen. Ich kenne keinen außer den beiden, der so was machen würde.“

Elizabeth spürte, wie sich ihr das Herz zusammenschnürte. Will begab sich da in große Gefahr. Noch schlimmer war für sie, dass sie nicht bei ihm sein konnte, um ihm zu helfen, da wieder heil herauszukommen.

„Warum machen Männer so was?“, fragte Elizabeth, die bedrückt schien.

„Hast du Angst um deinen Schatz?“, fragte Anamaria. Elizabeth nickte nur. Anamaria legte ihr mitfühlend eine Hand auf die Schulter.

„Es gibt zwei Sorten von Männern: solche, die imponieren wollen und solche, die das tun, was sie tun, um Menschen zu schützen, die sie lieben. Wäre Jack da am Steuer, würde ich von der ersten Variante ausgehen. Bei Will bin ich mir sicher, dass er aus dem zweiten Grund da draußen ist. Du hast einen wunderbaren Mann, Elizabeth. Ich beneide dich. Er ist immer für dich da, er würde bis ans Ende der Welt segeln, wenn du in Schwierigkeiten wärst. Bei Jack bin ich mir da nicht so sicher.“

Das Schauspiel auf See war zu beeindruckend, als dass die beiden jungen Frauen ihre Blicke davon wenden konnten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Elizabeth stand Heidenängste um Will aus. Diese Ängste bekam sie nur in den Griff, wenn sie selbst mitten im Getümmel steckte. Anamaria sah mit einiger Bewunderung und durchaus auch sportlichem Interesse, dass Will mit seinem Kahn und seinen Kanonen umgehen konnte. Als die Fregatte abdrehte und in die Brigg krachte, amüsierten sich die beiden Zuschauerinnen königlich. So sehr, dass Elizabeths Angst um ihren Mann sich wieder löste. Als dann die Franzosen Fersengeld gaben, konnten sie beide nicht anders, als lauthals zu jubeln und dem siegreichen Piratenschiff zuzuwinken.

„Los, komm“, winkte Anamaria dann Elizabeth. „Packen wir schnell meine Sachen. Dann sind wir auch ganz fix wieder am Hafen.“

Sie überwanden den Rest des Weges in eiligem Laufschritt und erreichten doch recht außer Atem das weiße Haus außerhalb der Piratenstadt. Jack und Anamaria hatten mit Bedacht so weit außerhalb von Tortuga gebaut. Für ein Haus von Piraten war es eigentlich schon eine Nummer zu prächtig ausgefallen, hatte schon etwas von einer Villa der Reichen, die Piraten so abgrundtief verachteten, mochte das auch nicht für den Reichtum als solchen gelten. Aber Jack hatte doch so viel zusammengeplündert, dass er sich einen gut ausgestatteten Familiensitz geleistet hatte – einschließlich wirklich bezahlter Extras aus dem Hause Turner, die Will außer den Hochzeitsgeschenken eingebaut hatte. Dazu gehörten auch gute, stabile Schlösser, die allerdings in der Regel unbenutzt blieben, weil es niemand gewagt hätte, ausgerechnet Captain Jack Sparrow und dessen Frau zu berauben. Anamaria brauchte deshalb keinen Schlüssel.

Sie öffnete die wie üblich nur angelehnte Tür und registrierte gleichzeitig verblüfft, dass weder Jack junior ihr gleich entgegen krabbelte noch, dass Helen ihr entgegenkam. Helen war eine der älteren Prostituierten von Tortuga, die ihre besten Tage längst hinter sich hatte und sich ein paar Dublonen dazuverdiente, wenn sie auf Kinder aufpasste. Sie gehörte auch zu den wenigen Frauen, die mit Jack Sparrow ausschließlich geschäftliche Kontakte hatten – anders als Giselle oder Scarlett, die sich von Jack mehr versprochen hatten als einige Dublonen oder auch wertvollere Gaben, wenn er besser bei Kasse war, für Dienste in der Horizontalen. Helen war eine der guten Seelen, die in Tortuga mit etwas Mühe zu finden waren …

Anamaria blieb in der Tür stehen. Dass keiner erschien, war so ungewöhnlich, dass es sie vor einer Gefahr warnte.

„Jack! Helen! Hey, wo steckt ihr?“, rief sie. Keine Antwort. Vorsichtig, gespannt wie ein Panther, ging sie weiter. Elizabeth zog vorsichtshalber das Entermesser und folgte Anamaria.

Als sie das erste Geräusch hörten, war es bereits zu spät. Jeweils vier kräftige Hände packten blitzschnell zu. Elizabeth verlor bei dem Gerangel das Entermesser, das ihr jemand mit einem beherzten Griff entwand. So sehr sie sich auch wehrten, wie die Aale wanden und die Fingernägel wie Krallen benutzten – gegen die kräftigen Kerle hatten sie letztlich keine Chance.

Anamaria erstarrte plötzlich zur Salzsäule, was auch Elizabeth den Widerstand soweit einstellen ließ, dass sie sehen konnte, weshalb Anamaria sich nicht mehr zu bewegen wagte: Ein scharf geschliffener Haken, Ersatz für eine verlorene Hand, bedrohte die Kehle des kleinen Jungen! Aus dem Schatten schob sich mit hässlichem Grinsen Jamie Einauge.

„Wenn du oder du noch einen Mucks machst, wird Jack Sparrow erst mal wieder beweisen müssen, dass er wirklich ein Mann ist, Schätzchen!“, keckerte er bösartig.

„Jamie!“, keuchte Anamaria entsetzt. „Wie …?“

„Klappe halten!“, fauchte Jamie. „Du, dein Balg und deine Freundin, ihr werdet uns begleiten. Ihr drei seid die besten Druckmittel, wenn es um eure Galane geht. Keine Sorge, meine Süßen, ich werde Jack und Mr. Turner junior mitteilen, wo sie euch und Jacks Balg abholen können. Los, Jungs, verschnürt sie, aber macht anständige Knoten! Die haben beide Piratenblut!“

Jamies Männer verschnürten Elizabeth und Anamaria wie die Rollbraten. Der einäugige Nachrichtenhöker übergab den kleinen Jungen seinem Ersten Maat Manuel Cozo, hielt mit dem Haken einen Brief fest, den er noch um Elizabeths Namen erweiterte und nagelte ihn dann mit seinem Ersatzhaken an die Haustür.

„Will und Jack werden dir bis ans Ende der Welt folgen, Jamie!“, drohte Elizabeth mit zornblitzenden Augen. Jamie griente sie böse an und fasste mit der verbliebenen rechten Hand unter ihr Kinn.

„Das werden sie, Schätzchen – und ich werde sie beide persönlich von der Kante schubsen!“

Als Elizabeth wieder zum reden ansetzen wollte, gab Jamie seinem Maat einen Wink, der den beiden Frauen einen Knebel verpasste.

„Bringt sie aufs Schiff!“, befahl Jamie.

Als sie auf der Mermaid ankamen, wurden alle drei nach unten in die Brig gebracht, aber sowohl Anamaria als auch Elizabeth hatten etwas gesehen, was sich gerade um das östlich gelegene Kap schob: Eine Galeone, schwarz wie die Nacht, einschließlich der Segel – die Black Pearl!

 

Kapitel 20

Druckmittel

Im Hafen von Tortuga wurden Will und seine Crew mit Beifall empfangen. Die Tatsache, dass Frankreich die Piraten von Tortuga entweder als Feinde betrachtete oder den Konflikt mit Großbritannien wenigstens als günstige Gelegenheit betrachtete, sich der Piratenplage zu entledigen, überzeugte auch den letzten noch unentschlossenen Piraten, sich in diesem Falle doch lieber England anzuschließen.

Ammand und der Chinese sahen den jungen Captain mit einer Mischung aus Anerkennung, Wohlgefallen und Verblüffung an. Sie nickten sich kaum merklich zu. Ammand verbeugte sich gemessen vor Will.

„Ich bin jetzt fast sechzig Jahre alt, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen – jedenfalls nicht von einem Piraten. Das muss in der Familie liegen.“

„Ihr … kennt meinen Vater, „Stiefelriemen Bill“ Turner?“, fragte Will. Ammand schüttelte den Kopf.

„Nein, ich denke, das ist eine weiter zurückliegende Verwandtschaft … Sollte es Euch einmal in das östliche Mittelmeer verschlagen, würde ich Euch dort etwas zeigen“, erwiderte Ammand. Dann streckte er die Hand aus und wies präsentierend auf den Chinesen.

„Das ist Sao Feng, Piratenfürst des südchinesischen Meeres. Die … Angelegenheit, die Ihr vorgetragen habt, betrifft in der Tat alle Piraten. Es trifft sich gut, dass recht zufällig die meisten Piratenfürsten gerade in der Karibik sind. Wir sollten uns an einem ruhigen Ort treffen.“

„Wann und wo, Ammand?“, fragte Will.

„Es gibt hier ein etwas abseits liegendes … wie sagt man? Etablissement? Nun, ein etwas abseits gelegenes Haus, das einen großen Raum hat, in dem sich alle neun Piratenfürsten und ihre besten Crewmitglieder treffen können. Vielleicht habt Ihr davon gehört. Es wird Schiffbruch-Bar genannt“, erklärte Sao Feng. Will sah Gibbs an, der verstehend nickte.

„Gut. Wann?“

„Am besten gleich. Je eher wir uns verständigen, desto besser ist es“, erwiderte Ammand.

„Ich habe den Captains, die einen Kaperbrief annehmen wollen, die Faithful Bride als Treffpunkt genannt. Sie sind jetzt alle verstreut in Tortuga. Einen anderen Treffpunkt kann ich denen jetzt nicht angeben. Ich schlage vor, dass wir uns im kleineren Kreis in der Schiffbruch-Bar treffen, wenn das erledigt ist“, erwiderte Will.

„In Ordnung“, bestätigte Ammand.

„Gut. Ich warte nur noch auf meine Frau. Ist sie schon zurück?“

„Nein“, erwiderte Ammand. „Aber macht Euch darum keine Sorgen. Bei Frauen dauert es meist lange, bis sie alles gepackt haben.“

„Is’ bei Püppchen immer so“, kommentierte Pintel grinsend.

„Wenn jemand ganz gewiss kein Püppchen ist, dann ist es Anamaria, Master Pintel!“, grollte Will. „Um deren Sachen ging’s.“

„Die werden bestimmt gleich hier sein. Da kommt jemand, auf den sie schon länger wartet“, beruhigte Gibbs. Will drehte sich um und sah die Black Pearl auf die Hafeneinfahrt zukommen.

Wenig später machte die Black Pearl am Kai fest, ganz in der Nähe der Aztec. Jack Sparrow und Stiefelriemen Bill Turner stürmten von Bord. Aber während Turner senior seinen Sohn schon nach wenigen Schritten erreicht hatte und ihn in die Arme schließen konnte, suchte Jack vergeblich nach seiner Frau.

„Wo ist Anamaria?“, fragte er schließlich Gibbs. Der zuckte mit den Schultern.

„Sie wollte ihren Kram packen, um mit Jack junior auf die Aztec zu gehen, weil wir mit dir wirklich nicht gerechnet haben. Elizabeth wollte ihr dabei helfen. Aber bislang sind sie noch nicht zurück“, sagte er.

„Lasst uns in der Faithful Bride was trinken gehen. Sie werden schon kommen“, entschied Jack. Lachend und scherzend zogen er, seine Crew, Will und seine Crew samt Gibbs, Pintel und Ragetti zur Faithful Bride.

Sie waren kaum in der Kneipe angekommen und suchten noch nach freien Plätzen, als die Tür mit Wucht aufgestoßen wurde und Ragetti im Rücken traf, der als letzter hereingekommen war. Sein Holzauge flog in hohem Bogen durch den Raum.

„Waah! Mein Auge!“, jammerte er und warf sich auf die Knie, um das kostbare Ersatzteil zu suchen.

„Schnell! Überfall!“, hechelte die ältere Frau, die die Tür aufgestoßen hatte. Jack fing sie gerade noch auf, bevor sie zu Boden stürzte.

„Helen! Was ist los?“, fragte er erschrocken.

„Anamaria und Elizabeth! Sie haben sie entführt!“

„Wer?“, stießen Will und Jack wie aus einem Munde hervor.

„Jamie Einauge! Er kam, als die Franzosen euch abgelenkt haben.“

Die beiden Freunde sahen sich an und begriffen auch ohne Worte, was der andere dachte. Gemeinsam liefen sie in Richtung Jacks Haus los, Ragetti, der sein Holzauge rasch wieder gefunden hatte, folgte ihnen in kurzem Abstand. Gibbs und Pintel hechelten kurzatmig hinterher.

Den besorgten Ehemännern verlieh die Angst um ihre Frauen schier Flügel – und doch kamen sie zu spät. Die offene Haustür sah Jack schon von weitem und auch die in der Haustür steckende Hakenprothese, die ein Stück Papier festnagelte. Mit einem Knurren, das dem Wutbrüllen eines ausgewachsenen Seebärenbullen glich, rupfte Jack den Haken aus dem Türholz.

„Jamie!“, presste er heraus. „Wenn ich dich zu fassen kriege, hänge ich dich an den Eingeweiden an die Bramrah!“

Jack Sparrow neigte nicht dazu, andere Menschen umzubringen. Aber wenn jemand sich an Dingen vergriff, die ihm gehörten oder ihm nahe stehende Personen bedrohte, konnte er auch anders … Will schwieg, aber dass seine Wut auf Jamie Einauge nicht geringer war, ließ sich zwanglos daran ablesen, dass er die Fäuste ballte, bis die Knöchel weiß wurden. Es kostete ihn unendliche Beherrschung, seine Absichten nicht laut herauszuschreien.

Gibbs und Pintel fanden Will und Jack mit zornroten Gesichtern und vor Wut schwarzen Augen, als sie japsend das außerhalb stehende Haus erreichten.

„Was ist passiert?“, schnaufte Gibbs. Will gab ihm den Brief, den Jamie an die Haustür genagelt hatte.

Jack, dank der Hilfe meiner französischen Freunde haben wir deine Frau Anamaria und deinen Sohn. Schließ dich uns an oder verlier deine Familie. Wir erwarten dich auf Cozumel, falls du den Weg dahin kennst. Beeil’ dich. Bald ist Springflut! P.S.: Elizabeth Turner haben wir auch. Für dich gilt das gleiche, William. Gruß Jamie“, las Gibbs vor. „Der verdammte Drecksack hat sie entführt!“

„Will, ich hab’ dir schon mal geholfen, Elizabeth aus den Klauen eines Entführers zu befreien. Ich tu ’s noch mal, wenn du es willst. Wirst du mir helfen, Anamaria zu retten?“, fragte Jack. Als er sich umdrehte, war deutlich, dass er Tränen in den Augen hatte.

„Aye, Elizabeth und ich, wir schulden dir noch was“, erwiderte Will, dem es nicht besser ging. „Aber …“

„Was ‚aber’?“, fragte Jack erschrocken. Das listige Lächeln, was er zu sehen bekam, hatte er noch nie bei Will bemerkt – und in dieser Situation ganz gewiss nicht erwartet.

„Du hast auf der Isla de Muerta versucht, mich zu linken, Jack. Deshalb stelle ich eine kleine Bedingung.“

„Und die wäre?“

Will zog den vorbereiteten Kaperbrief aus der Tasche.

„Du nimmst das hier an.“

„Einen Kaperbrief? Ich?“

Jack wich vor dem Kaperbrief zurück, als sei es der Teufel persönlich. Es fehlte nicht viel und er hätte die Zeigefinger gekreuzt …

„Aye, einen Kaperbrief! Er schützt dich und kostet dich keinen Penny, Captain Sparrow“, sagte Will. Jack fuhr die Zeigefinger aus, als ob er drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.

„Aber meine Ehre als freier Pirat, klar soweit? Das würdest du mir nicht antun. Deine Frau steckt in derselben Klemme, mein Guter.“

„Jack, ich möchte nicht, dass gleich drei Gerichtsbarkeiten auf dich losgehen, wenn das hier vorbei ist. Das hast du nicht verdient“, erwiderte Will eindringlich. Jack schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist eine persönliche Angelegenheit. Dafür brauche ich keine gnädige Erlaubnis von niemandem – und du auch nicht. Ich habe auch nicht vor, mich an den Machtspielchen gekrönter Häupter zu beteiligen. Schlag dir das aus dem Kopf.“

„Du bist ein Sturkopf, das weiß ich. Aber es geht hier nicht nur um persönliche Angelegenheiten und Könige, die ihre Macht für gottgegeben halten. Sieh mal, das kennst du, nicht wahr?“, entgegnete Will und präsentierte Jack den Haftbefehl für Gouverneur Swann. Er trug das Siegel der East India Trading Company. Sparrow zuckte noch ein Stück zurück, als habe er ein böses Omen gesehen.

„Woher sollte ich es kennen?“, fragte Jack harmlos.

Weil dein Schiff mal ein Handelssegler der East India Trading Company war. Ich habe in der Gästekajüte der Black Pearl ein hochinteressantes Logbuch, gefunden, das von Captain Jack Sparrow auf der Wicked Wench geführt wurde. Ich habe mich immer gewundert, warum dein Kahn zwischen Klüverbaum und Spiegel rabenschwarz ist. Nachdem ich das gelesen hatte, wusste ich es. Du weißt, was für ein Lump der neue und wenig rechtmäßige Gouverneur von Jamaica ist.“

„Warum sagst du mir das?“, erkundigte sich Jack. Er war es von Will überhaupt nicht gewohnt, dass er Bedingungen stellte. Jack hatte damit gerechnet, dass der Schmied ihn sogar anbetteln würde, ihm zu helfen, seine Frau aus den Schwierigkeiten zu retten, die sie anscheinend anzog wie ein Magnet die Eisenspäne.

„Weil du um die Schwächen der East India Trading Company weißt und deshalb auch weißt, wie sie zu packen ist.“, erwiderte Will.

„Das eben ist das Problem, mein Guter“, versetzte Jack und fuhr die Zeigefinger aus, um das Gleichgewicht zu halten, das er ob Wills unerwartetem Verhalten zu verlieren drohte.

„Schwäche? Ich wüsste nicht, dass ein Eisberg Schwächen hat – außer, es wird ihm zu warm um die Ränder. Und was anderes ist die East India Trading Company nicht und Lord Cutler Beckett erst recht nicht! Er hat keine Leidenschaften. Er kennt nur Zahlen und die müssen stimmen, so wie er meint, dass sie stimmen müssen. Leute wie er bestehen aus Pergament und Bücherpappe, haben das Pfundzeichen in den Augen, und in ihren Adern fließt Tinte statt Blut. Und sie sind kalt. Kalt wie Eis. So kalt, dass sie das Karibische Meer in Eiswasser verwandeln, wenn ihre Schiffe darauf fahren. Um die Company zu erwärmen, müsste das Wasser schon brennen – und selbst dann ist es fraglich. Diese lackierten Puderdosen auf zwei Beinen sind noch gieriger als jeder anständige unehrliche Pirat, ehrlich. Aber während unsereinem von allgemeiner Gesetzlosigkeit bis Plünderung alles vorgeworfen wird, dass es mehr ist, als ein menschliches Gehirn durchschnittlicher Güte in drei Leben verarbeiten kann und jeder Richter – oder wie man diese bleichen Gestalten nennt, deren größte Kraftleistung es ist, eine Schreibfeder eine Handbreit in die Höhe stemmen zu können ohne sich einen Bruch zu heben – nimmt das für bare Münze. In jeder Währung. Dublonen, Reales, Shilling, Guineas, Livres, egal. Die East India Trading Company tut nichts anderes, nur tut sie es mit königlich erlauchter Erlaubnis. Und deshalb ist bei denen das, was bei anderen ein Verbrechen ist, eine ehrenhafte Tat. Ich hab’s dir schon immer gesagt: Die Ehrlichen, vor denen musst du dich in Acht nehmen, weil du nie weißt, wann sie was unglaublich Blödes tun!“, hielt Jack einen Vortrag.

„Eben drum, mein Guter. Ein Kaperbrief ist jene königlich erlauchte Erlaubnis zum Plündern. Wo ist das Problem?“, grinste Will. „Jack, Anamaria bedeutet dir ebenso viel wie mir Elizabeth. Du würdest für Anamaria ebenso sterben wie ich für Elizabeth. Wir beide und unsere Crews können Jamie und seine verfluchte Mannschaft zwar überwältigen, aber dir und deinen Leuten würde jeder Uniformträger in der Karibik Selbstjustiz vorwerfen. Ich möchte nicht erst Anamaria und Elizabeth retten und anschließend wieder dich vom Galgen schneiden müssen. Deshalb erwarte ich von dir dass du diesen Kaperbrief annimmst und gegen die Spanier und Franzosen kämpfst. Was hier geschehen ist, konnte nur geschehen. weil die Franzosen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Wir wissen, dass die East India Trading Company hinter dir her ist. Jamie paktiert mit den Franzosen. Sie, die Spanier und die Company stecken allesamt unter einer Decke!“, erklärte Will. Jack schüttelte den Kopf.

„Will, du wirst noch merken, dass wir Piraten für die, die sich für das Gesetz halten, nur so lange von Nutzen sind, wie wir ihnen die Kohlen aus dem Feuer holen. Dann, wenn du das getan hast, lassen sie dich fallen wie eine Bombe mit zu kurzer Lunte, die schon brennt.“

„Das werden sie sich überlegen, wenn sie merken, was eine einige Piratenflotte anrichten kann“, entgegnete Will. „Kämpf’ – und lauf nicht davon. Vor allem nicht in dein und Anamarias Verderben!“

Jack spürte, dass Will es ebenso gut meinte wie er es auch ernst meinte.

„Also … um das alles mal zusammenzufassen: Ich nehme diesen entzückenden Kaperbrief, bin dadurch Freibeuter und muss auch noch was von meiner Beute abgeben. Dafür bist du dann so gütig, mich gegen Jamie zu unterstützen, damit wir Anamaria, meinen Sohn – und nicht zu vergessen – deine eigene Frau aus der Klemme zu holen. Und wenn wir damit durch sind, gehen wir auf Franzosen, Spanier und Beckett los! Du nimmst wirklich an, ich hätte zu lange in der Sonne gestanden – oder du hast es. Solche Vorschläge kenne ich nicht vorn dir!“

„Erste Korrektur: Von deiner Beute musst du nichts abgeben. Bellows verzichtet darauf ausdrücklich. Letzter Satz im Kaperbrief. Zweite Korrektur: Ob du dich gegen Beckett und Co. wendest oder ob du den Schwanz einziehst: Sie werden hinter dir her sein, wenn sie nur die geringste Chance wittern, dich dingfest zu machen. Verzichtest du auf den Kaperbrief, hast du auch noch deinen besten Feind in Gestalt von James Norrington auf dem Hals. Mit dem Kaperbrief hast du einen Feind weniger und einen Verbündeten mehr“, erklärte Will eindringlich.

Es brauchte noch eine Weile schweigenden Nachdenkens, aber dann nickte Jack. Verdammt, der Welpe hatte gelernt … und leider auch Recht …

„Abgemacht“, sagte Jack. Ein kräftiger Händedruck besiegelte die Vereinbarung zwischen ihm und Will.

 

Kapitel 21

Der Hohe Rat

Nicht lange darauf waren alle Captains, die sich für die Annahme der Kaperbriefe entschieden hatten, in der Faithful Bride versammelt. Es war eine bunt gemischte Schar, wahrhaft international, wie sich zeigte, als die Captains Will ihre Namen nannten, die er in die Kaperbriefe eintrug.

Sao Feng war Chinese, ebenso eine blinde Piratin, die sich als Mistress Ching vorstellte.

Gentleman Jocard ein dunkelhäutiger Pirat, der aus Afrika stammte, aber seinen Stützpunkt in La Nouvelle-Orléans** an der nördlichen Küste des Golfes von Mexiko hatte.

Ein massiger Inder, der sich durch Dolmetscher verständigte, mit denen er nur flüsterte, wurde von seinem Leibübersetzer als Sri Sumbhajee bezeichnet.

Dann folgte eine Reihe von Captains, die englische Namen trugen und direkt aus England, Schottland, Wales, Irland oder den britischen Kolonien in der Neuen Welt stammten.

Zwei Captains hielten sich deutlich voneinander getrennt stehend weit und recht lange zurück, aber als die englischsprachigen Captains durch waren, trat einer von den beiden an den Tisch. Er war ein lang aufgeschossener, bleicher Mann mit seltsam roten Wangen, der mit einem recht kostbar wirkenden Überrock, Brokatweste und spitzenbesetztem Rüschenhemd bekleidet war. Erst jetzt bemerkte Will, dass die bleiche Hautfarbe heller Puder war und die roten Wangen mit Rouge geschminkt waren. Neben dem durchdringenden Duft von Eau admirable drangen aber auch weniger passable Gerüche an Wills Nase, die verrieten, dass dieser Mann eher von Duftwässern als von Seife Gebrauch machte.

„Isch bin Capitaine Chevalle, Monsieur, der mittellose Fransose“, stellte er sich vor. Will sah ihn verblüfft an.

„Ihr habt mitbekommen, weshalb ich im Namen des Gouverneurs von Nassau Freibeuter anwerbe?“, erkundigte sich Will.

Oui, des’alb bin isch ’ier. Isch frage nur, ob Ihr auch einen Fransosen agsepdiert, Monsieur?“

„Wenn Ihr willens seid, gegen französische Schiffe zu kämpfen, ja.“

„Monsieur, der Roi de France, der Könisch von Frankreische, hat auf meine Kopf ausgesetzt eine ’ohe Preis. Er ist mein ennemi … wie sagt man …? Mein Feind?“

Will nickte und trug den Namen in den Kaperbrief ein, unterschrieb und siegelte ihn.

„Willkommen in der Karibik, Capitaine Chevalle“, sagte er lächelnd, als er Chevalle den Brief übergab.

Auch der zweite, bisher zurückhaltende Captain, ein untersetzter Mann, der vermutlich die gleiche Masse wie Chevalle auf geringerer Länge, dafür in größerer Breite auf die Planken brachte, trat nach vorn.

„Gilt das auch für ein espanischen Pirata?“, fragte er.

„Wenn Ihr gegen Eure Landsleute kämpfen wollt, ja“, erwiderte Will.

Si, das will ich. Ich bin Capitán Eduardo Villanueva.“

Will setzte den Namen in den Kaperbrief, unterschrieb und siegelte ihn. Jack Sparrow war der Letzte, der an den Tisch trat.

„Captain Jack Sparrow“, sagte er. Will stellte den Kaperbrief aus, Jack nahm ihn und stellte sich zu der internationalen Mischung von Piraten, was Will mit Staunen zur Kenntnis nahm.

„Noch jemand?“, fragte er.

„Alle anwesenden Captains haben ihre königliche Plünderlizenz“, grinste Jack. „Und wie geht es jetzt weiter?“

„Wir müssen noch entscheiden, ob und wer die Freibeuter gegen Spanier, Franzosen, Jamie Einauge und die East India Trading Company führt“, erklärte Will und stand von dem Tisch auf. Bei der Erwähnung von Jamie Einauge zuckten fast alle merklich zusammen.

„Was? Diese Plage der Ozeane steht auch gegen uns?“, entfuhr es Ammand. „Davon habt Ihr bisher nichts erwähnt, Captain Turner!“

„Stimmt. Bisher waren Captain Sparrow und ich auch der Meinung, dass Jamie und seine Crew gegen die Spanier kämpfen, wenn auch nicht als Freibeuter für England. Wir wissen erst seit einer guten Stunde, dass Jamie Einauge mit den Franzosen paktiert“, erwiderte Will.

„Woher?“, fragte Ammand.

„Als die Franzosen vor dem Hafen erschienen, hat Jamie Captain Sparrows Haus angegriffen, hat Jacks Frau, seinen Sohn und meine Frau in seine Gewalt gebracht und uns einen Brief hinterlassen, in dem er mitteilt, dass er mit den Franzosen gemeinsame Sache macht.“

„Ihr wisst … dass Jamie unbesiegbar ist?“, hakte Sao Feng nach. „Es heißt, er sei unsterblich – und seine Crew auch.“

„Das stimmt“, bestätigte Will.

„Was haben wir ihm dann entgegenzusetzen? Nichts!“, stieß Sao Feng hervor und machte Anstalten, den Kaperbrief zu zerreißen, doch eine dunkle Hand legte sich sacht auf seinen Arm.

„Ihr habt ihm nichts entgegenzusetzen, Sao Feng?“, fragte Tia Dalma mit rauer Stimme und dem unüberhörbaren Akzent, den fast alle Schwarzen hatten, die am Golf von Mexiko lebten.

„Er hat die Mermaid, das schnellste Schiff außer der Black Pearl. Ihr wisst, man sagt diesem Schiff nach, es könne sogar gegen den Wind segeln!“, fuhr Sao sie an. Tia Dalma lächelte sanft.

„Nein“, sagte sie gedehnt. „Gegen den Wind kann nur die Flying Dutchman von Davy Jones segeln. Aber Davy Jones kann niemand dazu bringen, sich auf die eine oder die andere Seite zu stellen. Auf Jamie Einauge liegt ein Fluch, Sao Feng. Ein Fluch, den nur Jack Sparrow und William Turner brechen können, weil sie die Mittel dazu in der Hand haben. Überlasst Jamie Jack und William. Sie halten Jamie auf und Ihr könnt gegen Eure Feinde kämpfen.“

Die Voodoopriesterin wandte sich von Sao Feng ab und ging einige Schritte zurück, blieb dann aber mitten im Raum stehen und sah die internationale Piratenschar mit einem hintergründigen Lächeln an.

„Doch ein solcher Kampf aller Piraten gegen einen gemeinsamen Feind kann nach Eurem Kodex nur vom König der Piraten ausgerufen werden. Es sind alle Piratenfürsten hier – bis auf Barbossa“, sagte sie und zeigte ungeniert mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Ammand.

„Ihr, Ammand, seid der Piratenfürst des Schwarzen Meeres und der Barbarenküste; Ihr, Capitaine Chevalle, der Piratenfürst des Mittelmeeres; Ihr, Gentleman Jocard, der des Atlantischen Ozeans; Ihr, Capitán Villanueva, beansprucht die Adria als Euer Territorium“, sagte sie. Ihr Blick wandte sich Sao Feng zu und wurde richtig verführerisch.

„Ihr, Sao Feng, der so wundervolle Gedichte zum Lobe Calypsos kennt, seid der Piratenfürst des südchinesischen Meeres; Mistress Ching ist die Fürstin des Pazifischen Ozeans. Sri Sumbhajee ist der Herr des Indischen Ozeans, Jack Sparrow Piratenfürst der Karibik. Barbossa ist zwar tot und konnte keinen Nachfolger bestimmen, aber seine Acht-Reales-Münze befindet sich hier in diesem Raum. Nicht wahr, Master Ragetti?“

Ragetti nickte bedrückt.

„Aye“, murmelte er. „Ich hab’s aufbewahrt.“

„Gut, Master Ragetti. Ich rate Euch, einen neuen Piratenfürsten zu Barbossas Nachfolger in Eurem Kreis zu bestimmen, damit Ihr den König der Piraten wählen könnt. Doch ich rate Euch auch, Ihr Fürsten der Piraten, die Ihr den Hohen Rat der Bruderschaft bildet, bei dieser Gelegenheit eine Änderung im Kodex vorzunehmen und zu bestimmen, dass niemand sich selbst wählen darf. Allzu lange hat diese Tatsache verhindert, dass der Hohe Rat einen König der Piraten wählen konnte.“

Alle sahen verstört auf die Priesterin, bis Stiefelriemen das Wort ergriff:

„Ihr … kennt Euch mit dem Kodex aus, wie es scheint. Woher wisst Ihr das? Und wie könnt Ihr als Außenstehende solche Vorschläge machen? Ihr seid kein Pirat!“

Tia Dalma lächelte Bill süß an.

„William Turner senior, du hast dich schon mal gewundert, weshalb ich dich kenne. Erinnere dich: Als du von Barbossa über Bord geworfen wurdest und in der Passage vor der Isla de Muerta lagst, da schwamm eine ganze Schule Hammerhaie um dich herum. Sie haben dich nicht angegriffen, obwohl du eine offene Wunde hattest. Sie haben dich in Ruhe gelassen, weil ich es so wollte. William junior: Du hast den Untergang der Dragonfly und der Interceptor überlebt. Kein Mensch könnte auf einer schmalen Planke liegend überleben, wenn nicht ein anderes Schiff zufällig vorbeikommt – es sei denn ich helfe diesem Zufall nach und halte die Planke lange genug über Wasser. Kein Mensch könnte die Explosion eines Schiffes überleben, es sei denn ich will es. Ich habe die Macht über das Meer und die Winde. Ich habe den Wind drehen lassen, der es dir ermöglichte, die Franzosen erfolgreich anzugreifen.“

„Diese Macht hätte nur … Calypso selbst!“, keuchte Sao Feng.

„Du sprichst wahr, Sao Feng. Ich weiß, dass du mein großer Verehrer bist.“

Ehrerbietig ging der chinesische Piratenfürst in die Knie.

„Was verlangst du, Göttin des Meeres?“, fragte er.

„Ich habe Euch das Meer gegeben, weil Ihr es nicht schädigt. Doch jene, die Euch diese Herrschaft entwinden wollen, weil sie die Interessen ihrer Länder über alles andere stellen, haben keine Augen für die Schönheit und die Verletzlichkeit der Meere. Sie wollen es nur ausnutzen und für ihre Zwecke missbrauchen. Ich erwarte von Euch, denen ich das Meer als Heimat gegeben habe, dass Ihr Eure Heimat gegen jene Heuchler verteidigt!“, erwiderte Tia Dalma alias Calypso. „Was sagt Ihr?“, fragte sie dann, als alle schwiegen, weil sie es erst verdauen mussten, dass sich die Göttin der Meere in menschlicher Gestalt persönlich an sie wandte.

„Wenn du alles über uns weißt, Calypso, dann hast du auch jemanden im Auge, den du uns als Anführer empfehlen würdest …“, brach Will das Schweigen. Tia Dalma lächelte gewinnend.

„Würde ich mir mit dir so viel Mühe gemacht haben, wenn ich nicht wollte, dass ein Mann mit klugem Verstand und tapferem Herzen wie du, der zu seinem Wort steht, die Herren der Meere anführt?“, fragte sie mit verführerischem Unterton.

„Ich bin noch neu in diesem Geschäft und ich will es nicht auf Dauer ausüben. Ich bin nur ein Schmied …“

Tia Dalma lachte hell.

„Die Ausrede habe ich aus deiner Familie schon mal gehört. Der Anlass war ein anderer, doch auch jener Ahn war zu höheren Aufgaben berufen, er wollte es nur nicht wahrhaben. Du erfüllst die Voraussetzungen des Kodexes: Du bist Pirat, wenn auch nicht aus freiem Willen; du bist Captain eines Schiffes und du hast getötet – auch das nicht aus dem Willen heraus, Menschen umzubringen, sondern weil du dazu gezwungen warst.“

„Um König der Piraten zu sein, muss er ein Piratenfürst sein“, gab Ammand zu bedenken. Tia-Calypsos Lächeln verstärkte sich noch.

„Die Nachfolge eines Piratenfürsten bedingt nicht, dass er das gleiche Seegebiet beansprucht, nicht einmal, dass er dort seine Raubzüge unternimmt. Seht Jocard: Er lebt im Golf von Mexiko, ist aber Fürst des Atlantischen Ozeans. Oder Villanueva: Er ist Fürst der Adria, durchstreift aber hauptsächlich die See um die Philippinen und an der Westküste Südamerikas. Captain Teague, Jack Sparrows Vater, war der Piratenfürst von Madagaskar. Sein Sohn ist der Fürst der Karibik. Durch Barbossas Tod ist das Kaspische Meer frei, aber auch der Golf von Mexiko, und die Nord- und die Ostsee beansprucht seit Störtebekers Hinrichtung keiner mehr. Wenn Ihr anerkennt, dass William Turner jr. Piratenfürst des Golfes von Mexiko ist, könnt Ihr ihn zum König der Piraten wählen.“

Die Piratenfürsten wechselten verblüffte Blicke. Will sah recht skeptisch aus der Wäsche. Er war gerade ein paar Tage nicht wirklich freiwilliger weise Freibeuter, hatte außer dem – wenn auch recht verwegenen – Kampf gegen die französische Flottille bisher nichts getan, was von einem Piraten zu erwarten gewesen wäre und die Göttin der Meere selbst schlug ihn als einen Piratenfürsten vor! Fürsten der Piraten waren doch gewiss jene unter den Piraten, die am meisten auf dem Kerbholz hatten … Doch so skeptisch schienen die wahren Piratenfürsten nicht zu sein, nicht einmal Jack. Will kam der leise Verdacht, dass Calypso die Gedanken der Piratenfürsten gerade zu seinen Gunsten beeinflusste. Ihr ebenso freundliches wie wissendes Lächeln, das sie ihm schenkte, bestätigte seine Annahme – und den Umstand, dass sie seinen Gedanken erfasst hatte.

Du bist klug, William’, hörte er einen aufdringlichen Gedanken in seinem Inneren. ‚Du weißt sehr wohl, dass ich die Piraten gerade beeinflusst habe. Deine rasche Auffassungsgabe ist ein Grund, weshalb ich dich vorgeschlagen habe.

„Ist es dein Wunsch, Calypso, dass William Turner Hector Barbossas Nachfolger in unserem Kreis und unser König sein soll, dann stimme ich für ihn“, erklärte Sao Feng. „Doch ich fordere die anderen Fürsten auf, zum Beweis ihrer Zugehörigkeit zum Hohen Rat die Acht-Reales-Münzen vorzuweisen.“

„Aye!“, rief Jack und winkte mit großer Geste nach Pintel und Ragetti. Von irgendwoher kam eine hölzerne Schüssel, und die Piratenfürsten legten ihre Acht-Reales-Münzen zusammen: Sao Feng gab seinen Halsschmuck – einen Kapitänsknoten, eine Affenfaust, in die ein Stück Jade eingeknotet war – in die Schüssel, Ammand einen kleinen Zinnbecher, Mrs. Ching ihre nutzlose Brille, Jack den Kopftuchschmuck – eine ins Haar geknotete Kette aus einer siamesischen Münze und Perlen aus Jade, Koralle und einer Art milchigem Bergkristall, Jocard eine Stimmgabel, Villanueva einen abgebrochenen Flaschenhals, Chevalle eine gezinkte Spielkarte, Sri Sumbhajee einen krallenartigen Anhänger.

Will sah die „Acht-Reales-Münzen“, die keine Münzen waren, verstört an.

„Münzen stelle ich mir irgendwie anders vor …“, brummte er und war schon versucht, sein Aztekenmedaillon als sein eigenes Zeichen dazuzulegen, aber Tia-Calypso winkte Ragetti zu sich.

„Du gehörst gegenwärtig zu Williams Crew. Bleibe Hüter seiner Acht-Reales-Münze, bis er selbst sein eigenes Zeichen bestimmt. Aber jetzt gib sie heraus!“, befahl sie ihm.

„Aye!“, seufzte Ragetti – und nahm sein Holzauge heraus, das er in die Schale legte.

„Die Acht-Reales-Münzen aller neun Piratenfürsten sind zusammengetragen. Eurer Wahl steht nichts mehr im Weg“, bemerkte Tia Dalma. Kollektives Nicken folgte.

„Ammand, dein Vorfahr und Williams Vorfahr haben sich schon vor Hunderten von Jahren in Verhandlungen über eine Stadt geeinigt. Sie haben sich geschätzt und geachtet. William verdient, dass du ihm die gleiche Achtung entgegenbringst wie dein Ahn dem seinen – und umgekehrt“, sagte Tia Dalma und streckte die Hand gegen Ammand aus. Der Araber hatte plötzlich eine Vision, sah Will in einer vom Kampf beschädigten Rüstung, verdreckt und blutverschmiert, aber genauso aufrecht wie sein reales Gegenüber, als die Vision wieder verblasste. Unhörbar murmelte Ammand einen Namen und verneigte sich vor William, der die Höflichkeit erwiderte.

„Überzeugt“, brummte der Araber. „Hat jemand etwas gegen Captain Turner als neuen Piratenfürsten und König der Piraten?“, fragte er dann.

„Nein, ich stimme auch für ihn. Villanueva, was sagt Ihr?“, schaltete sich Jack ein.

„Ich stehe auf Seiten Sao Fengs. Das ist aber bekannt, Sparrow.“

„Wollt Ihr das bitte in eine zu zählende Stimme umwandeln – oder besser gesagt, umformulieren, mein Freund?“, bat Jack mit ausgesuchter Höflichkeit.

„Ich bin für Captain Turner“, präzisierte Eduardo Villanueva.

„Gentleman Jocard?“, fragte Jack weiter, der einfach die Rolle des Wahlleiters annahm, ohne dass ihn jemand darum gebeten hatte.

„Ich bin für Ammand“, erwiderte der dunkelhäutige Piratenfürst.

„Captain Turner, für wen seid Ihr?“

„Captain Jack Sparrow“, erwiderte Will.

„Capitaine Chevalle?“, fragte Jack weiter.

„Captain Turner“, antwortete der Franzose.

„Sri Sumbhajee?“, sprach Jack den nächsten an. Der Dolmetscher schüttelte den Kopf.

„Sri Sumbhajee sagt, dass seine Stimme bedeutungslos geworden ist, weil Captain Turner bereits die Mehrheit des Rates hinter sich hat.“

„Keiner ist ohne Bedeutung, Sri Sumbhajee“, erwiderte Will.

„Sri Sumbhajee wäre für Euch oder für Ammand“, erklärte dessen Dolmetscher. „Aber da Ihr die Mehrheit des Rates bereits habt, gibt er seine Stimme Euch, Captain Turner.“

Der massige Inder mit dem gepflegten, wallenden Bart nickte Will mit stoischer Miene zu.

„Mistress Ching?“, fragte Jack.

„Ammand“

„Captain Turner hat die Mehrheit“, entschied Jack. „Hat jemand etwas dagegen zu sagen?“

Allgemeines Kopfschütteln war die Folge der Frage.

„Nehmt Ihr an, Captain Turner?“, fragte Chevalle.

„Ich nehme an – für die Dauer dieser Auseinandersetzung. Danach gebe ich mein Amt zurück“, erklärte Will.

„Welpe!“, schnaufte Jack. Villanueva grinste.

No! Capitán Turner hat begriffen, dass Piraten Obrigkeiten hassen wie die Pest. Und genau deshalb ist er der beste König, den wir haben könnten“, erwiderte er. „Capitán Turner, König des Hohen Rates – was ist Euer Plan?“

Will zögerte noch einen Moment, was auch daran lag, dass er wieder einmal ein Déja-vu-Erlebnis hatte: Diese Königswahl hatte er in seinem zweiten Albtraum geträumt, nur war Elizabeth dabei zur Königin der Piraten gewählt worden.

„Ihr werdet mich auf der Stelle verfluchen, auch wenn es Calypsos Empfehlung ist, der ich folgen will. Ein König sollte seine Truppen selbst anführen, aber in diesem Fall …“

„Sprecht, Captain Turner. Was habt Ihr vor?“, fragte Ammand.

„Wir teilen uns. Alle Freibeuterschiffe laufen mit der Flut aus. Abgesehen von der Black Pearl und Aztec kümmern sich alle um die spanischen, die französischen Schiffe und die der East India Trading Company“, erklärte Will. „Ist die Flagge der East India Trading Company bekannt?“, hakte er nach. Alle Anwesenden nickten.

„Gut. Ammand, Ihr führt die Freibeuterflotte gegen diese Feinde. Kämpft Euch nach Jamaica vor. Captain Sparrow und ich werden mit unseren Schiffen der Mermaid folgen und den Fluch über Jamie und seine Crew brechen. Sofern das geschehen ist, kommen wir nach Jamaica nach.“

„Weshalb ist es wichtig, dass Ihr, der König der Piraten, einem einzelnen Schiff folgt?“

„Es gibt mehrere Gründe. Zum einen ist von der Aufhebung des Fluchs über Jamie und seine Crew mein eigenes Leben abhängig. Zum anderen muss dieser Fluch aufgehoben werden, um Jamies Unbesiegbarkeit zu brechen. Captain Sparrow und ich wissen, wie es geht und wir haben die notwendigen Dinge dazu bei uns. Das können wir keinem anderen überlassen“

„Es hat nicht zufällig etwas damit zu tun, dass Jamie Eure und Captain Sparrows Frau entführt hat?“, hakte Jocard nach.

„Das ist ein zusätzlicher Grund, ihm bis ans Ende der Welt und notfalls darüber hinaus zu folgen“, erwiderte Will. „Aber auch ohne dies hätten wir die Verfolgung der Mermaid keinem anderen überlassen können“, stellte er klar. „Wir werden nachkommen. Das verspreche ich Euch. Und meine Versprechen pflege ich zu halten, wenn mich nicht höhere Gewalt daran hindert.“

Ammand nickte.

„Ihr seid Eures Ahns wahrer Nachkomme, Captain Turner. As-salam ’alaykum“, sagte er mit einer Verbeugung.

„Und Friede sei mit Euch“, erwiderte Will, ebenfalls mit einer leichten Verbeugung. Ammand sah ihn verblüfft an.

„Ihr hattet vorhin eine Vision, Ammand. Ich eben auch …“, sagte Will mit einem Seitenblick auf die lächelnde Tia Dalma.

„Wir erwarten Euch vor Jamaica“, erklärte Ammand. Will atmete tief durch. Die Verantwortung als König der Piraten drückte ihn schon jetzt, aber er hatte akzeptiert. Nun musste er da durch.

„Gentlemen: Hisst die Flaggen!“, sagte er laut.

„Aye!!!“, ertönte eine vielstimmige Bestätigung.

 

Kapitel 22

 Verfolgung

Die Schiffe wurden seeklar gemacht und liefen aus, sobald alles bereit war. Die Black Pearl und die Aztec benötigten den geringsten Vorlauf und verließen Tortuga am folgenden Morgen mit unbekanntem Ziel für den Rest der Freibeuter.

Während die beiden Schiffe zunächst Maroon Island anliefen, damit Will die dort gesicherten Aztekenmedaillons holen konnte, segelte weit davon entfernt mitten im Atlantik ein einsames britisches Schiff, die HMS Invincible unter dem Kommando von Captain Gillette auf dem Weg nach England.

„Masten voraus!“, brüllte der Ausguck aus dem Vormars.

„Welche Flagge?“, schrie Gillette von der Brücke zurück.

„Noch nicht zu sehen!“, rief der Ausguck zurück und peilte wieder in östliche Richtung. Dann sah er den Wimpel im Großtopp des ersten Schiffes.

„Britisch!“, brüllte er. „Es sind Schiffe der Royal Navy!“

Auf Deck brach Jubel aus, als sichtbar wurde, dass es nicht nur ein Schiff, sondern immerhin fünf waren, die der HMS Invincible entgegenkamen. Andrew Gillette hatte ein glückliches Strahlen im Gesicht. Entweder fuhr das entgegenkommende Geschwader ohnehin in die Karibik oder er konnte sein Anliegen um Verstärkung gleich loswerden.

Wenig später waren die von Osten kommenden Schiffe auf Signalweite. Von der führenden Fregatte, der HMS Bellerophon, die im Großtopp den Wimpel eines Rear-Admirals** führte, erging die Anweisung an die HMS Invincible, zu stoppen und längsseits zu kommen.

„Brasst die Rahen aus dem Wind!“, befahl Gillette. Die Crew beeilte sich, dem Befehl nachzukommen, die Rahen drehten sich aus dem Wind und die HMS Invincible wurde merklich langsamer. Auch die entgegenkommenden Schiffe stoppten auf die gleiche Weise. Die HMS Invincible ging bei der HMS Bellerophon längsseits und Gillette und sein Erster Offizier, Lieutenant Chamberlain, stiegen auf die Fregatte über und wurden von Rear-Admiral Sir Reginald Higgins empfangen.

„Captain Andrew Gillette zum Rapport, Sir!“, meldete sich der Captain korrekt.

„Danke, Captain. Was treibt Ihr hier draußen – mutterseelenallein?“, fragte der Admiral.

„Die karibischen Kolonien stehen im Kampf gegen französische und spanische Einheiten, Sir. Nachdem sich zumindest die auf Jamaica befindliche Vertretung der East India Trading Company mit den Franzosen gemein gemacht hat und unser dortiger Gouverneur von einem Vertreter der East India Trading Company abgesetzt wurde, hat mich Governor Bellows von Nassau nach England entsandt, um von dort Verstärkung anzufordern, Sir“, berichtete Gillette. Admiral Higgins raufte sich unbehaglich die Perücke.

„Dann ist es also wahr!“, schnaufte er.

„Was, Sir?“, erkundigte sich Chamberlain.

„Die East India Trading Company ist auf dem besten Weg, bei Seiner Majestät in Ungnade zu fallen. Es gab Gerüchte, nach denen Geschäftsgeheimnisse an die Franzosen verraten worden sind. Ihr wisst, welche Bedeutung die East India Trading Company für den Haushalt der Krone hat und welche militärischen Befugnisse ihr ob dieser Bedeutung übertragen wurden – gegen den Rat und den Widerstand zahlreicher Militärs und von Parlamentariern des Ober- und Unterhauses mit gesundem Menschenverstand. Aber wenn die Wirtschaft hustet, bekommt die Nation eine Erkältung, so ist das nun mal. Der Erste Seelord hat mein Geschwader entsandt, um die Vorwürfe zu prüfen. Da Ihr mir das ohne entsprechende Vorinformation sagt, nehme ich es als Tatsache zur Kenntnis. Wo sitzen diese Pfeffersäcke?“

„Auf Jamaica, Sir“, erwiderte Gillette.

„Dann macht mit Eurer Schaluppe kehrt und führt uns, Captain Gillette!“, wies Higgins den jungen Captain jovial an. Zwar war die Bezeichnung Schaluppe für eine ausgewachsene und gut bewaffnete Brigg eigentlich eine üble Beleidigung, aber das Lächeln des Admirals entschärfte die Verbalinjurie zu einem lockeren Scherz.

„Aye, Sir!“, bestätigte Gillette ebenfalls mit einem Lächeln.

Die Karibik war eine weite Wasserfläche. Abgesehen von der Kette der großen Antillen – Kuba, Santo Domingo, Jamaica und Puerto Rico – den Bahamas im Norden, südöstlich der großen Antil-len und den die Karibik nach Osten halbkreisförmig begrenzenden Inseln über und unter dem Wind bis in den Süden nach Trinidad, den kleinen Antillen, bestand diese Welt hauptsächlich aus ganz viel Wasser: Weit und zum Teil sehr, sehr tief …

In diesem nassen Heuhaufen eine Nadel in Form eines einzigen Schiffes aufzuspüren, grenzte an ein Wunder, wenn man nicht eine ungefähre Ahnung hatte, wo es zu suchen war – oder man einen Spezialkompass wie Captain Jack Sparrow besaß und obendrein die Unterstützung der Göttin  der Meere persönlich hatte.

Doch auch wenn Jack nur seinem Kompass folgen musste, um seine entführte Familie – das, was er sich am meisten wünschte – zu finden, machte es doch Sinn, auch zu überprüfen, ob Jamie wirklich nach Cozumel segelte, wie er in dem Erpresserbrief geschrieben hatte. Zwei Tage waren die Black Pearl und die Aztec dem Kurs gefolgt, den Jacks Kompass ihnen anzeigte. Als Jack Will signalisierte, dass er ihn auf der Aztec besuchen wollte, hatte das zwei Gründe: Erstens um zu besprechen, wie sie weiter vorgehen wollten und zweitens ob William wirklich wusste, was er am Steuer tat.

Auf Jacks Signal steuerte Will seine Aztec neben die Black Pearl, bis beide Schiffe Seite an Seite fuhren. Jack und Stiefelriemen schwangen mithilfe von Entertampen auf die kleinere Brigg hinüber. Beide nahmen mit gewissem Erstaunen den Platz und die gute Ausstattung zur Kenntnis, die Will und Elizabeth sich für ihr Schiff gegönnt hatten.

„Warum beneide ich diese Crew, Jack?“, brummte Bill. Jack grinste.

„Och, dieses hübsche Spielzeug deines Welpen wird schon noch seine Kratzer abbekommen, keine Sorge.“

„Aus dir spricht ebenfalls Neid, Captain“, grinste Bill zurück.

Will war nach der Begrüßung vorausgegangen und lotste sie in die geräumige Kapitänskajüte. Bill konnte einen leisen Pfiff nicht unterdrücken. Solides und dennoch schönes und bequemes Mobiliar präsentierte sich ihm, das auch noch zweckmäßig war und durch geschickt genutzten Stauraum mindestens ein Fünftel mehr Platz bot, als die flächenmäßig größere Kapitänskajüte der Black Pearl. Die Aztec war ein wahres Schmuckstück.

„Was verschafft mir die Ehre eures Besuchs?“, fragte Will.

„Die Frage nach der genauen Position“, erwiderte Jack.

„Moment“, sagte Will und winkte Jack zum Kartentisch, wo er auf die aktuell benutzte Seekarte wies, die den gegenwärtigen Kurs und den des vergangenen Tages als immer wieder verlängerte Bleistiftlinie zeigte.

„Hier sind wir“, sagte er und wies auf das Ende der Bleistiftlinie, auf einen Punkt, der etwa fünfzig Meilen südlich von Cayman Brac lag, der östlichsten der drei Cayman-Inseln. Jack sah ungläubig darauf.

„Und das stimmt?“, hakte er nach.

„Aye, es stimmt. Warum bezweifelst du das?“

„Weil er dich und deine Leute für Süßwassermatrosen hält“, antwortete Bill grinsend und erntete einen vernichtenden Blick von Jack. Bills treuherziges Grinsen ließ den Captain schließlich seufzen.

„Womit habe ich so einen Ersten Maat verdient?“, schüttelte Jack den Kopf, dass die schwarzen Dreadlocks flogen.

„Mit deiner Art, jeden für unfähig zum Segeln zu halten, der nicht so wie du hundert Prozent Salzwasser in den Adern hat“, versetzte Bill.

„Na schön, du König der Piraten …“, setzte Jack an, stockte aber, als er Wills Hand auf dem Arm spürte.

„Spar dir deine Bissigkeiten“, entgegnete Will. „Ich war nicht scharf darauf. Wenn ich den Titel akzeptiert habe, dann deshalb, weil es augenscheinlich der einzige Weg ist, eine bitter notwendige Einigkeit unter den Piraten herzustellen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass Piraten eigentlich Einzelgänger sind, die sich nur dann notgedrungen zusammentun, wenn es was zu holen gibt. Und im Moment habe ich bei Gott andere Sorgen, als mir dafür Spott anzuhören.“

Jack sah ihn eine Weile an.

„Ich stelle fest, es gibt immer noch Leute, die mich überraschen können – und das sind du und dein Vater“, sagte Jack. „Bei dir ist immer noch nicht angekommen, dass Piraten auch gute Leute sein können.“

„Das ist angekommen, Jack. Aber dieser Kreis ist sehr begrenzt. Du bist aber sicher nicht gekommen, um mich aufzuziehen oder um mein Schiff zu besichtigen. Also, was möchtest du?“, kam Will zur Sache.

„Aye! Ich kann Jamie zwar mit meinem Kompass orten und ihm folgen, aber ich weiß nicht, ob er wirklich nach Cozumel will, klar soweit?“

Will nickte.

„Wenn wir die Position auf euren Seekarten verfolgen können, lässt sich planen, was wir genau tun wollen, wenn er tatsächlich Cozumel anläuft, auch klar soweit?“, fuhr Jack fort. Erneut nickte Will.

„Was sagt dein Kompass über die momentane Position der Mermaid?“, fragte er. Jack hielt den Kompass in der Hand, der etwas abweichend von der Schiffsachse einige Grad nach Steuerbord wies. Will verglich die Richtung mit seinem genordeten Kompass.

„Jamie befindet sich in Richtung Westnordwest“, sagte er und verlängerte die Linie auf der Seekarte weiter in Richtung Westnordwesten.

„Bisher hält er weiter Kurs Cozumel“, konstatierte Will, als die Linie auf die östliche Küste der Insel vor Yucatan traf. „Es sind noch gut vierhundertfünfzig Seemeilen. Bleibt der Wind so und wir können die Geschwindigkeit halten, haben wir Cozumel in zwei Tagen erreicht. Groaltek kennt die Insel gut. Wir sollten ihn dazu holen“, schlug Will vor. Jack nickte nur.

Will rief Groaltek, der eilig aus dem Krähennest stieg und in die Kapitänskajüte kam. Will erklärte ihm kurz die Sachlage. Der alte Azteke nickte.

„Ihr wisst vielleicht, dass es auf Yucatan die Xenotes gibt – tiefe Wasserlöcher, die schon von den Mayas als heilige Plätze verehrt wurden, die auch Opferstätten waren. Wir Azteken haben sie teilweise von den Maya übernommen, als wir Teile des früheren Maya-Reiches nach deren Aussterben besiedelten. Auf Cozumel, das früher auch Maya-Territorium war, gibt es so etwas Ähnliches. Dort ist die Höhle allerdings ein Hohlraum, in den nur bei Flut Wasser eindringt. Bei Springflut läuft diese Höhle bis fast unter die Decke voll“, erklärte der Azteke.

Jack rieb sich nachdenklich den zu Zöpfen geflochtenen Kinnbart, dass die eingebundenen Perlen und Steine klimperten.

„Springflut ist bei Neu- oder Vollmond …“, brummte er und fingerte eine Sterntafel aus der Rocktasche.

„Den wievielten haben wir heute?“, fragte er.

„Heute ist der 11. Oktober“, erwiderte Will.

„Und du sagst, wir brauchen noch zwei Tage bis Cozumel?“, hakte Jack nach.

„Aye“, bestätigte Will. Jack wurde blass.

„Am 13. ist Neumond!“, stieß er hervor. „Jetzt ist mir klar, was dieses Kielschwein plant!“, keuchte er. „Wo kriegen wir eine einigermaßen präzise Karte von Cozumel her?“, fragte er dann. Mit sanftem Lächeln griff Groaltek in seine Jacke und zog ein Stück dünnes aufgerolltes Leder heraus und breitete es auf dem Kartentisch aus.

„Ich habe mir erlaubt, das schon vorsorglich zu tun, weil ich euch gebeten hatte, den Schatz auf Cozumel zu vernichten“, sagte er. Die Augen der Europäer glitten ratlos über die fremden Hieroglyphen, mit denen der Azteke einzelne Punkte beschriftet hatte.

„Ich spreche ’ne Menge Sprachen einschließlich Pelegosto – aber nicht Aztekisch …“, seufzte Jack.

„Nahuatl, Captain Sparrow, Nahuatl“, korrigierte der Schatzgeist sanft. „Ja, das sind Symbole der aztekischen Schrift. Ich werde sie euch übersetzen. Eure Schrift kann ich zwar lesen, aber nicht selbst schreiben.“

„Sag an!“, bat Will und machte sich nach Groalteks Angaben Notizen.

Bill sah Jack von der Seite her an und bemerkte, dass sein Captain im Geiste die Möglichkeiten durchspielte, die sich nach der Karte und den zusätzlichen Informationen des Schatzwächters boten. Ein Blick auf seinen Sohn zeigte ihm, dass dessen Verstand ebenso heftig arbeitete. Die Augen konnte Bill nicht sehen, weil Will nach unten auf die Karte sah, aber Zuckungen der Kinnbacken bewiesen, dass er angestrengt nachdachte.

„Wie viele seid ihr?“, fragte Jack.

„Fünfzehn, da Gibbs wieder auf der Pearl ist“, gab Will zurück. „Aber wenn es um Elizabeth geht, gehe ich für zwei durch.“

„Erfahrene Leute?“, bohrte Jack weiter.

„Gibbs hat die meisten auf Tortuga angeworben. Beim letzten Aufenthalt dort haben wir noch Pintel und Ragetti an Bord genommen. Stephen Groves, Ex-Lieutenant der Royal Navy, ist mein Erster Maat; dann noch Groaltek und ich.“

„Nicht viel für ein Freibeuterschiff dieser Größe, aber ich habe im Moment auch nur elf Mann; Gibbs, Bill und mich eingeschlossen. Wenn jeweils einer als Bordwache bleibt, also vierundzwanzig Mann.“

„Es gibt noch Calypso, mein Freund“, wies Groaltek auf die Göttin der Meere hin.

„Die fährt mit Ammand und wird gut damit beschäftigt sein, dem guten Wind zu verschaffen. Außerdem haben wir keine Verbindung zu ihr“, schüttelte Jack den Kopf.

„Beleidige mich nicht. Ich bin schließlich ein Schatzgeist – und ich habe Verbindung zu ihr“, entgegnete der Azteke.

„Danke für das Angebot, Groaltek. Aber dennoch – nein, danke“, wehrte Jack ab.

„Wieso nicht?“

„Hector Barbossa war – bei Davy Jones’ Tentakelbart! – nicht gerade mein bester Freund, doch er setzte auf seine eigene Kraft und die Muskeln seiner Crew. Ich habe die göttlichen Mächte einmal in Anspruch genommen – davon lasse ich künftig die Finger. So einem Fluch, wie deine Götter ihn über den Schatz der Isla de Muerta ausgesprochen haben, möchte ich nicht noch mal begegnen.“

„Zu spät, du hast dich mit den Göttern schon wieder eingelassen, mein Freund“, grinste Groaltek. „Aber diesmal hast du die Götter nicht gegen dich, sondern auf deiner Seite.“

„In unserem Glauben heißt es: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, erklärte Will. „Damit soll gesagt sein, dass göttliche Mächte am ehesten den unterstützen, der selbst etwas für seinen Erfolg tut und nicht allein auf die Hilfe von oben wartet.“

„Bisher habt ihr genau das getan – und genau deshalb ist Calypso euch auch gewogen. Auch noch jemand anderes, aber darüber darf ich jetzt noch nichts sagen“, erwiderte Groaltek.

„Na schön, wir planen die göttliche Hilfe nicht ein, aber wir sind dankbar für jede Hilfe, die wir bekommen können“, stimmte Will zu, bevor Jack protestieren konnte.

Mit einem Seufzer wandte Jack sich der Karte zu.

„Nach deiner Karte gibt es zwei Möglichkeiten zu landen: Hier im Osten und an der Nordspitze. Die Pyramide und die Höhle liegen nur ein paar hundert Yards voneinander entfernt, sind aber von beiden Landeplätzen gut zu Fuß zu erreichen. Der im Osten ist näher dran. Wir müssen die Mermaid kapern und möglichst unbeschädigt samt Kanonen erhalten. Wir brauchen sie vielleicht noch. Dafür müssen wir sie überraschen, wenn das Schiff nur von der Bordwache besetzt ist. Du hast mehr Leute, Will. Ich schlage vor, ihr geht an der Nordspitze an Land, wo Jamie euch nicht sehen kann und entert die Höhle. Ihr seid genug, um euch Jamie und seine Missgeburten vom Hals zu halten und Anamaria, Elizabeth und Jack zu befreien. Wir gehen im Osten an Land, wo Jamie vermutlich landen wird, weil der Weg zur Pyramide und zur Höhle erheblich kürzer ist. Wir kapern zunächst die Mermaid und sichern den Kahn für uns. Dann kommen wir nach um euch zu unterstützen und die ganze Bande dingfest zu machen. Klar soweit?“, erklärte Jack. Will nickte zwar, aber er wirkte leicht abwesend.

„Groaltek: Diese Höhle … wie sieht die genau aus?“, erkundigte er sich nachdenklich.

„Es ist eine Tropfsteinhöhle, die ziemlich hoch ist. Ich schätze vier Mannslängen etwa, wenn es reicht. Am tiefsten Punkt ist eine dicke Säule, die wohl einst bei einem Erdbeben abgebrochen ist. Sie ist gut eineinhalb Mannslängen hoch und ebenso dick. Diese Säule wurde schon von den Maya und später von uns Azteken als Opferstein benutzt. Das Opfer wurde bei niedrigstem Wasserstand angekettet. Je nachdem, wie lang die Kette war und ob und wie gut das Opfer schwimmen konnte, dauerte der Todeskampf. Es soll Fälle gegeben haben, in denen die Opfer überlebt haben, wenn sie sich lange genug über Wasser halten konnten, weil die Kette lang genug war, dass sie trotz Flutspitze den Kopf über Wasser halten konnten. Bei Springflut war der Tod unausweichlich, weil die Höhle dann fast vollständig geflutet wird“, erklärte der Aztekengeist.

„Wenn deine Schätzung mit vierundzwanzig Fuß Höhe der Höhle stimmt, die Säule acht bis neun Fuß hoch ist und die Höhle bei Ebbe fast vollständig entwässert wird, bleibt uns im schlechtesten Fall nur etwa eine Stunde, wenn Jamie Elizabeth, Anamaria und Klein Jack liegend auf den Felsen kettet“, schloss Will, aber Groaltek schüttelte den Kopf.

„Nein, so lange habt ihr nicht. Die Höhle hat zwar zwei Zugänge, aber beide sind selbst im besten Fall nur eine Stunde lang passierbar – und der Weg in die Höhle hinein ist recht lang.“

Alle in der Kajüte sahen sich entsetzt an.

„Das ist nicht ohne Kampf zu schaffen …“, bemerkte Jack. Die Sorge um seine Familie stand in seinem Gesicht wie in einem offenen Buch. Auch Will krampften sich die Innereien zusammen angesichts der Gefahr, in der seine Frau schwebte …

 

 

Kapitel 23

Wirrnisse

Am darauf folgenden Morgen weckte heftiges Klopfen Will aus dem Schlaf nervöser Erschöpfung. Die halbe Nacht hatte er sich schlaflos von einer Seite auf die andere geworfen, ohne Ruhe zu finden.

Immer wieder hatte ihn ein Albtraum gequält, der eine direkte Fortsetzung seines Fiebertraums vor der viel zu kurzen Erholung in Montego Bay war und den er seither er mehrere Male gehabt hatte – zumindest in ähnlicher Form … Dennoch wusste Will jetzt nicht mehr in Einzelheiten, was er eigentlich geträumt hatte, obwohl er sich bruchstückhaft erinnerte, dass ihm die Piratenfürsten auch im Traum begegnet waren, doch hatten sie in seinem Traum Elizabeth zur Piratenkönigin gewählt.

Die Begegnung mit Sao Feng war wesentlich unangenehmer gewesen als in Wirklichkeit, hatten dessen Leute Will doch erwischt, als er Seekarten von ihm stehlen wollte. Dunkel erinnerte Will sich, dass Jack von Davy Jones’ Kraken gefressen worden war und samt seiner Black Pearl in einer Hölle der Seefahrer gelandet war, die eine absolut einsame Salzwüste ohne Wind war.

Die Hochzeit, die in der Realität ein wundervolles friedliches Fest im warmen Sonnenschein Jamaicas gewesen war, war in seinem Traum eine hastige Angelegenheit mitten in einer fürchterlichen Seeschlacht zwischen der Flying Dutchman und der Black Pearl gewesen, die in einem von Calypso entfesselten Hurrikan stattgefunden hatte. Will war hochgeschreckt, als Davy Jones ihn in seinem Traum mit seinem eigenen Meisterwerk – Admiral Norringtons Marinedegen – auf das Deck genagelt hatte …

Nur schwer hatte er überhaupt Ruhe gefunden, aber nach diesem Albtraum hatte er vor Herzrasen lange Zeit gar nicht mehr geschlafen. Während er noch versucht hatte, sein Herz wieder unter Kontrolle zu bringen, hatte ihn wieder ein kurzer Dämmerschlaf erwischt – und er hatte geträumt, dass er Davy Jones als Captain der Flying Dutchman ersetzt hatte und sein Herz in der Truhe des Todes hatte auslagern müssen. Als er dann wieder hochgeschreckt war, hatte er ob seines kurz vor dem Kollaps stehenden Herzens sein Traum-Ich um das ausgelagerte Herz schon fast beneidet …

Irgendwann hatte die Übermüdung ihn dann doch noch übermannt – und genau aus diesem endlich gefundenen Schlaf riss ihn jetzt das hartnäckige Geklopfe an seiner Kajütentür.

„Aye, verdammt!“, grollte er laut.

„Reise, Reise* aufsteh’n, Sir!“, hörte Will die Stimme seines Ersten Maats vor der Tür.

„Groves!“, grollte Will mit geschlossenen Augen und geballten Fäusten. Er hasste es, so aus dem Bett geworfen zu werden. Mit grantigem Knurren schwang er die Beine aus der Koje, zog sich seine Hose an, warf sich sein Hemd über und ging barfuß an Deck.

„Guten Morgen, Sir!“, begrüßte ihn Groves grinsend, als er seinen etwas derangierten Captain sah.

„Morgen, Master Groves“, knurrte Will verschlafen. „Was gibt’s?“

„Masten an der Kimm, Sir. Sieht aus, als wäre es die Mermaid“, meldete Stephen. Will sprang auf das Achterdeck und nahm das Fernrohr, das Hoskins ihm gab, und peilte nach Westen.

„Nein, das ist sie nicht. Der Nebel um sie fehlt“, brummte Will. Fast im selben Moment schoben sich weitere Masten über den Horizont. Es waren insgesamt drei Schiffe, eine ziemlich altersschwache Karavelle und zwei auch nicht gerade neue Galeonen unter spanischer Flagge.

„Steuert uns an die Black Pearl, Master Groves!“, befahl Will

„Aye, Captain!“, bestätigte Groves und drehte das große Steuerrad nach Backbord, wo die Black Pearl zwei Kabellängen querab* der Aztec fuhr. Auf diese Weise konnten beide Schiffe den guten Wind von achtern voll ausnutzen, ohne sich gegenseitig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Groves steuerte die Brigg so nahe an die Black Pearl heran, dass eine Unterhaltung ohne zu lautes Gebrüll möglich war.

„Jack!“, rief Will. Sparrow signalisierte mit Handzeichen, dass er gehört hatte. Er vertraute Cotton das Steuer an und trat an die Reling.

„Was ist?“

„Spanier voraus!“ erklärte Will. Jack nickte.

„Aye, keine Gefahr“, erwiderte Jack mit goldenem Grinsen und winkte. Will zögerte einen Moment, dann nickte er Groves zu, der die Aztec wieder auf die Dwarsposition* zurücklenkte.

Die Spanier an der Kimm schienen die beiden Schiffe unter schwarzer Flagge ebenfalls gesehen zu haben, denn sie drehten nach Westen ab. Weder Will noch Jack hatten im Moment Interesse daran, die Spanier aufzubringen. Sie hatten alle Medaillons zusammen und sie hatten es einfach eilig, um ihre Frauen aus Jamies Gewalt zu befreien … Sie folgten ihrem eigenen Kurs, der Cozumel als Ziel hatte. Von den Spaniern sah Will bald nur noch die Hecks und das machte ihn misstrauisch. Warum fuhren die Spanier ebenfalls in Richtung Cozumel?

„Vielleicht wollen sie nach Havanna?“, mutmaßte Groves, der die laut gedachte Frage seines Captains gehört hatte. „Das liegt auch auf diesem Kurs.“

Will nickte zwar ob der fachmännischen Einschätzung seines Ersten Maats, aber er hatte angesichts der drei spanischen Schiffe, die stur vor ihnen blieben, kein gutes Gefühl, auch wenn er wusste, dass Jack ein eigenes Abkommen mit den Spaniern getroffen hatte.

„Behaltet sie im Auge, Master Groves. Ich frühstücke kurz, dann löse ich Euch ab“, wies er Groves an.

„Aye, Captain, lasst Euch Zeit. Ihr habt noch ein Glas Zeit bis zum Wachwechsel“, grinste Stephen. Will drehte sich auf dem halben Niedergang zum Hauptdeck um und kam wieder nach oben.

„Wann seid Ihr das letzte Mal kielgeholt worden, Master Groves?“, fragte er. Groves schluckte unbehaglich. Sein Zeigefinger, der den zu eng gefühlten Kragen weiten wollte, fand keinen, weil er das Hemd weit offen trug wie alle anderen an Bord. Mit einer linkischen Bewegung nahm er die Hand wieder herunter und hinter den Rücken.

„Öhm, soll ich Euch den Tee schon aufsetzen, Sir?“, bot er hastig an. Will lächelte schelmisch und schlug Groves kräftig auf die Schulter, dass der leicht einknickte. Diese Kraft hatte er seinem Captain nicht zugetraut, obwohl er wusste, dass Turner als gelernter Waffenschmied kräftig sein musste.

„Schon gut. Ein Glas, sagt Ihr?“

„Aye, ein Glas, Sir.“

Pünktlich mit dem Glasenschlag eine halbe Stunde später übernahm Will das Steuer von Groves.

„Was Neues von den Spaniern?“, fragte e.

„Aye“, erwiderte der Erste Maat. „Der Abstand wird kleiner. Wir holen sie ein.“

Auf der Black Pearl übernahm zeitgleich Bill Turner das Ruder und winkte seinem Sohn zu, während Jack an den Bug ging und nach den Spaniern peilte. Plötzlich ging ein Ruck durch die Aztec, die aber ebenso wenig an Geschwindigkeit verlor wie die Black Pearl, die ebenfalls von einem leichten Ruck erschüttert wurde.

„Was war das?“, fragte Pintel verstört, der gerade an Deck kam und beinahe den Niedergang zum Unterdeck wieder heruntergefallen wäre.

„Offenbar kein Riff, sonst säßen wir fest“, erwiderte Will. Groaltek ließ sich aus dem Ausguck des Besanmastes herunter.

„Das war sie“, sagte er.

„Calypso?“, mutmaßte Will. Der Azteke nickte.

„Sie schiebt ein bisschen an …“, grinste er.

Kurz vor Sonnenuntergang hatten die beiden Freibeuterschiffe so weit auf die spanischen Galeonen und die Karavelle aufgeholt, dass sie zum Überholen ansetzten. Weder Will noch Jack wollten sich um die für sie nicht interessanten Spanier kümmern. Umso verblüffter waren beide samt ihren Mannschaften, als die ihnen am nächsten fahrende Galeone aus zwei kleinen Drehbassen das Feuer auf sie eröffnete. Jack schnappte sich ein Megaphon.

„He, was soll das?“, rief er mithilfe des Verstärkers zu den Spaniern hinüber. „Ich bin Captain Jack Sparrow! Es gilt ein Abkommen zwischen mir und dem Vizekönig von Mexiko!“

Als ob das dies ein Kommando zum feuern gewesen wäre, schoss die außen fahrende Galeone eine volle Breitseite von neun Geschützen ab, die zwar die Aztec komplett eindeckte, aber dennoch nichts traf, weil die Kugeln vor oder hinter der Brigg ins Wasser klatschten.

Will gab Kommando, etwas zurückzufallen, Jack fuhr mit der Black Pearl vor, bis die beiden Freibeuterschiffe in einer Linie hintereinander fuhren, dann donnerten die Steuerbordgeschütze der Black Pearl und der Aztec. Die spanische Galeone wurde schwer getroffen und fiel zurück. Die in der Mitte fahrende Galeone machte es nicht besser, auch wenn sie einige Treffer auf den beiden Freibeuterschiffen landen konnte. Die Geschütze der Freibeuter zerrissen sie förmlich. Der Teniente auf der Karavelle gab Befehl zum Abdrehen und gelangte mit seinem Schiff rasch aus der Reichweite der beiden Freibeuter.

Will und Jack folgten ihr nicht. Sie hatten andere Sorgen, als sich jetzt weiter mit den abgewehrten Spaniern zu befassen, mochte es auch beiden buchstäblich spanisch vorkommen, dass sie angegriffen worden waren. Sie folgten dem eingeschlagenen Kurs nach Cozumel unbeirrt weiter. Im Fernrohr sah Will noch, dass die Karavelle die Überlebenden der beiden Galeonen aus dem Wasser fischte, dann verschwand sie in der rasch zunehmenden Dunkelheit.

Am Morgen darauf sichtete Marty vom Ausguck im Vormars der Black Pearl die Mastspitzen der Mermaid, die aus dem Nebel des Fluchs herausragten.

Mermaid voraus!“, schrie er. Jack bestätigte mit einem Winken, dass er verstanden hatte. Auch Will signalisierte, dass er Martys Ruf gehört hatte. Die beiden Verfolger hielten sich zurück, wollten sie Jamie doch nicht warnen. Am Mittag trennte sich die Aztec von der Black Pearl und fuhr nach Norden, um Cozumel wie abgesprochen zu umfahren.

Elizabeth und Anamaria waren Kämpferinnen, das hatten Jamie und seine Crew schon bei deren Gefangennahme zu spüren bekommen. Er hatte die beiden jungen Frauen deshalb schon in getrennten Brigs unter Deck einsperren lassen, aber das bedeutete keineswegs, dass sie aufgaben. Elizabeth kannte die Mermaid von Bauplänen, die James Norrington einmal ihrem Vater vorgelegt hatte, als die HMS Interceptor das britische Geschwader in der Karibik verstärken sollte. Die Mermaid war ein baugleiches Schwesterschiff der HMS Interceptor und war einst als HMS Intrepid für die Royal Navy vom Stapel gelaufen. Die Tochter des Gouverneurs wusste deshalb um die kleine Besonderheit dieser beiden Schiffe, die einen direkten Zugang von der Back* ins Brigdeck hatten …

Dass Jamie sie alle drei nach Cozumel bringen wollte, wussten sie. Er hatte es nicht nur laut und deutlich ausgesprochen, er hatte es auch in dem Brief an Jack und Will mitgeteilt. Anamaria und Elizabeth hatten beide genug seemännische Kenntnisse, um sich ausrechnen zu können, dass die Mermaid etwa vier Tage nach Cozumel benötigen würde.

Elizabeth, die durch Bücher über fast alle Legenden und Schauermärchen in der Karibik unterrichtet war, hatte auch Gibbs aufmerksam zugehört, als sie als Kind mit ihrem Vater von England nach Jamaica gesegelt war. Zwar hatte sie vieles von Gibbs’ unglaublichen Erzählungen als „Geistergeschichten“ abgetan, nicht wirklich daran geglaubt und sie teilweise wieder vergessen, aber die Sache mit dem Aztekengold hatte sie eines Besseren belehrt und die verschütteten Kenntnisse wieder an die Oberfläche gebracht. Sie wusste von den aztekischen Opferstätten auf Cozumel und hatte nicht die Absicht, sich einfach ersäufen zu lassen.

Anamaria war ohnehin eine Kämpfernatur, und dass Jamie ihren Sohn bedrohte, wollte sie ihm weder verzeihen noch darauf warten, dass Jamie sich tatsächlich an dem Kleinen vergriff.

Elizabeth hatte von Will nicht nur Fechten gelernt, sie hatte ihm auch abgeschaut, wie man aus einem geschlossenen Käfig ausbrechen konnte. Eine lose Planke diente der jungen Frau als geeigneter Hebel, um die Gittertüren aus den Angeln zu heben. Die Tür ihrer eigenen Zelle konnte sie halten und leise anlehnen. Problematisch war nur, dass die Tür zu Anamarias Zelle schwerer als erwartet war und mit lautem Scheppern auf die Planken krachte, bevor sie beide sie festhalten konnten. Während sie noch mit bis zum Hals schlagenden Herzen die Luke zum Backdeck öffnen wollten, standen Jamies Erster Maat und fünf weitere vierschrötige Kerle wie aus den Planken gewachsen hinter ihnen.

„Das war’s dann, Ladies!“, grinste Manuel Cozo hämisch. „Schnappt sie euch, Jungs!“

Anamaria und Elizabeth wehrten sich aus Leibeskräften, setzten auch die Fingernägel als wirkungsvolle Waffen ein – aber es nützte nichts. Der Kampf dauerte nur Minuten, dann waren sie wieder hinter Schloss und Riegel. Mit einem bösen Grinsen sicherte Cozo die Gittertüren zusätzlich mit Ketten, damit sie sich nicht wieder einfach aus den Angeln heben ließen.

Alles war dann doch so schnell gegangen, dass Anamaria erst realisierte, dass Manuel ihr Jack junior weggenommen hatte, als die Tür wieder felsenfest verschlossen war.

„Jack!“, entfuhr es ihr entsetzt, als sie ihren Sohn unter dem Arm des Ersten Maats der Mermaid sah.

„Wir werden ihn schon gut unterbringen. Aber er bleibt von dir weg, damit ihr nicht wieder auf dumme Gedanken kommt.“

Anamaria zwang ihre Verzweiflung nieder.

„Er wird verhungern, wenn ihr ihn nicht bei mir lasst!“, grollte sie schrill.

„Das hättest du dir besser überlegt, bevor du den Aufstand probst, Mädchen!“, versetzte Cozo höhnisch. „Aber wir sind ja nicht so. Du bekommst ihn, wenn er schreit. Aber bilde dir nicht ein, dass ihr hier unten alleine bleibt!“

Den Ausbruchsversuch hatten Elizabeth und Anamaria am Tag nach ihrer Gefangennahme unternommen. Nun waren dreieinhalb weitere Tage vergangen. Jack junior war nur noch dann bei Anamaria gewesen, wenn er Hunger gehabt hatte und schon das halbe Schiff zusammengebrüllt hatte. Durch die Gitter der Lukenabdeckung hörten die jungen Frauen den Ruf des Ausgucks aus dem Vormars:

„Land in Sicht! Cozumel an Steuerbord voraus!“

Es verging kein voller Glasenschlag, bis es unter dem Schiff vernehmlich knirschte.

„Verdammt! Wir sind aufgelaufen!“, hörten sie Jamie lauthals fluchen. Doch es folgten keine Befehle, das Schiff wieder flottzumachen. Im Gegenteil: Jamie kam herunter und ließ die Brigs aufsperren.

„Es ist soweit Ladies, wir sind gelandet.“

 

Kapitel 24

Gefahr auf Cozumel

Jamie Einauge und seine Crew hatten einen passenden Landeplatz vor der küstennahen Pyramide von Cozumel gefunden. Die Mermaid ankerte in der Bucht davor, nachdem sie kurz vor dem Fluthöchststand zunächst auf einer Sandbank festgesessen hatte und erst mit der Flutspitze in die Bucht einlaufen konnte. Die Nebelbank, die ständiger Begleiter des Schiffes voller Verfluchter war, breitete sich an der Küste aus und reichte auch bis an den nahen Regenwald. Augenblicklich wurde es totenstill. Alles, was lebte, suchte eilig das Weite – Leguane eingeschlossen.

Ohne viel Feingefühl trieben Jamies Leute Anamaria und Elizabeth einige Stunden nach der Ankunft bei Ebbe vom Schiff. Damit sie keinen Ausbruchsversuch riskierten, hatte Jamie den kleinen Jungen Manuel Cozo übergeben, der als Letzter dem Trupp an Land folgte. Die Bedrohung gegenüber Jack junior wirkte, die jungen Frauen ließen sich widerstandslos an Land bringen.

Nicht weit von der großen, schon recht verfallen wirkenden Pyramide hob sich die Küste zu einem felsigen Steilufer, das gut hundert Fuß hoch sein mochte. Seeseitig war in Höhe des Strandes ein Loch erkennbar, das unter die Steilküste führte; der Dunkelheit nach zu urteilen, offenbar recht weit. Die Hochwassermarken an dem weißen Kalkstein zeugten unübersehbar davon, dass dieser Zugang nur bei Ebbe passierbar war, die Flut ziemlich hoch auflief und den Zugang in jedem Falle komplett überspülte.

Anamaria sah weiter an dem Felsen hinauf und entdeckte in etwa vierzig Fuß Höhe die maximale Hochwassermarke, die aber nur schwach ausgeprägt war und offensichtlich den Höchststand bei Springflut markierte.

Die Ebbe hatte den tiefsten Stand gerade erreicht, denn es floss kein Wasser mehr aus dem Hohlraum heraus. Elizabeth folgte Anamarias Blick, kurz bevor Jamies Männer sie in die Dunkelheit des Tunnels trieben. Auch sie sah die extreme Hochwassermarke und hatte nur noch den Gedanken, dass nicht gerade heute Neumond sein möge …

Einer von Jamies Männern stieß Anamaria und Elizabeth grob voran in einen Gang, der sich wie eine Schlange wand. Fackeln wurden entzündet und in Löcher in der Kalksteinwand gesteckt. Der Gang war zum Teil so niedrig, dass die Größten aus Jamies Crew sich bücken mussten, um sich nicht die Köpfe zu stoßen. Nach einem kleinen Fußmarsch durch den biegungsreichen Gang erreichte sie eine gewaltige Halle, die himmelhoch zu sein schien und sogar so etwas wie leuchtende Sterne an der Decke zu haben schien. Bei genauerem Hinsehen wurde deutlich, dass es kleine Löcher in der Hallendecke waren, die Sonnenlicht hereinließen.

„Da staunt ihr, was, Mädchen?“, griente Jamie. „Tja, eure Herzallerliebsten scheinen es nicht rechtzeitig zu schaffen. Nun werden sie nur noch eure Leichen vorfinden.“

Ein meckerndes, böses Lachen folgte, das sowohl Elizabeth als auch Anamaria dazu anstachelte, sich gegen ihr Schicksal massiv zu wehren. Doch gegen die Überzahl kräftiger Männer kamen sie nicht an. Zudem erstarrte Anamaria fast zur Salzsäule, als sie Jamies Hakenprothese wieder am Hals ihres Sohnes sah.

„Hopp, auf den Block mit ihnen!“, befahl Jamie. Jeweils vier Männer zerrten die jungen Frauen zu einem übermannshohen Sinterblock, nachdem sie beiden Kettenschellen an den Füßen angebracht hatten. Die anderen Enden der Ketten schlossen sie an vorhandene Schlösser an der Seite des Blocks an, die etwa in halber Höhe der Säule angebracht waren – zu weit von der Säulenplattform entfernt, als dass die Opfer selbst an die Schlösser herankommen konnten. Jamie ließ sich von dem fast sieben Fuß langen Manuel Cozo hochheben und überreichte Anamaria ihren Sohn.

„Da hast du ihn wieder. Bis zu eurem Tod werdet ihr euch nicht mehr trennen, nur wird das bald sein … Heute ist Neumond … Wünsche fröhliches Absaufen. Im Zweifel sehen wir uns in Davy Jones’ Locker wieder – oder auf seiner verfluchten Flying Dutchman“, setzte er hinzu und winkte dann seinen Leuten. „Los, weg hier! Die Flut kommt!“

Jack Sparrow stand auf dem Achterdeck seines Schiffes und peilte mit dem Fernrohr zu dem Streifen Land, der sich gut drei Meilen vor der Black Pearl befand.

„Und?“, fragte Gibbs. „Ist sie da?“

Jacks triumphierendes Grinsen bewies, dass er etwas Erfreuliches sah.

„Was siehst du?“, hakte auch Stiefelriemen ein. Jack schob sein Spektiv zusammen.

„Mastspitzen in einer wundervollen Nebelbank. Sie werden uns nicht mal bemerken“, grinste er. „Bill, geh ans Steuer. Wir fahren einen Bogen nach Norden, um die Sandbank vor der Küste zu umgehen.“

„Aye, Captain!“

Die Black Pearl gehorchte dem Steuerbefehl des erfahrenen Steuermanns und wich leicht nach Norden aus. Nicht einmal einen Glasenschlag später schlich die Galeone nur mit den Toppsegeln langsam in die Bucht und ging ganz leise an der vom Nebel umwaberten Mermaid längsseits. Ebenso leise enterten Jack und seine Männer abgesehen von LeJon die Brigg. Die beiden Männer, die als Bordwache zurückgeblieben waren, hatten keine Chance – unsterblich hin oder her. Bill und Gibbs verschnürten sie kunstvoll und hängten sie an den massiven Fesseln an die Großrah.

Gibbs und Cotton blieben als Ersatzwache auf der Mermaid, die anderen sieben Männer folgten ihrem Captain an Land. Mit eiligen Schritten liefen sie zu dem etwa zweihundert Yards entfernten Steilküstenloch. Es wurde langsam knapp, die Flut begann zu steigen.

Will und seine Männer hatten ihre Position nordwestlich des nördlichsten Ausläufers von Cozumel erreicht. Hoskins, der von langen Wanderungen nichts hielt, war freiwillig als Bordwache auf der Aztec geblieben, alle anderen waren Will an Land gefolgt.

Von dem Landeplatz bis zur Pyramide waren es etwa vier Landmeilen. Die Spitze war schon zu sehen, als sie die Stranddünen erreichten. Zu ihrem Glück war der Weg zwar steinig, aber gut zu begehen und ohne gravierende Höhenunterschiede, sah man davon ab, dass das Gelände kontinuierlich anstieg. Groaltek übernahm die Führung und leitete Will und dessen Männer schon nach zwei Meilen wieder zur Küste.

Dort stießen sie nach einer weiteren Meile auf einen Höhlenzugang, der drei Yards über dem Strand lag. Fackeln erleuchteten den engen Gang, in dem ein Mensch zwar bequem gehen konnte, aber kein zweiter daran vorbeikonnte, ohne dass beide sich wie die Flundern an die Wand quetschten. Groaltek bedeutete ihnen, still zu sein und möglichst keine Geräusche zu verursachen, was ihnen auch weitgehend gelang. Nach etwa fünfhundert Yards erreichten sie eine gewaltige Halle. Ein metallisches Klicken dröhnte, vervielfacht von der Wölbung und den Stalagmiten, die den Schall umlenkten, dann hörten sie Jamie hässlich lachen.

„Da hast du ihn wieder. Bis zu eurem Tod werdet ihr euch nicht mehr trennen, nur wird das bald sein … Heute ist Neumond … Wünsche fröhliches Absaufen. Im Zweifel sehen wir uns in Davy Jones’ Locker wieder – oder auf seiner verfluchten Flying Dutchman. Los, weg hier! Die Flut kommt!“, hörten sie Jamie sagen.

Die Männer folgten ihm den Gang hinaus.

Davy Jones’ Locker, sagst du? Bitte, gute Reise dorthin!“, grollte eine wütende Stimme, kaum dass er den einen Yard in den Gang getreten war, die Jamie Einauge nur einem zuordnen konnte: Jack Sparrow! Ein fürchterlicher Hieb mit einem Riemen aus massivem Teakholz traf ihn auf den Kopf und es wurde buchstäblich schlagartig dunkel um ihn. Wie aus dem Nichts erschienen in fast jeder Nische Jacks Männer, bewaffnet mit den Riemen ihrer Dingis und schlugen von Jamies Crew nieder, wen sie erwischen konnten.

In der Höhle selbst sprangen Will und seine Männer eilig mit hinzu und griffen die noch in der Höhle befindlichen Matrosen aus Jamies Crew an und rangen sie mithilfe von Belegnägeln, die sie als Keulen benutzten, nieder.

„Hallo, Elizabeth, hallo, Anamaria!“, grüßte Will fast nebenbei, aber mit deutlich hörbarem Seufzen der Erleichterung, sie lebend vorzufinden.

„Will!“, entfuhr es Elizabeth. „Wo kommst du denn mit unserer Crew her?“

„Gleich!“, erwiderte er und beförderte mit elegantem Schwung einen von Jamies Männern über sich hinweg, dass der mit dem Kopf voran an die Sintersäule knallte und nur noch Sterne sah. Es dauerte nur Minuten, dann lagen Jamie und seine Leute am Boden.

„Was jetzt?“, fragte Marty.

„Verschnüren wie die Rollbraten und ab nach oben in die Pyramide mit ihnen. Marty, Cotton: Holt die Medaillons und bringt sie dann auch in die Pyramide“, wies Jack seine Leute an. „Will, hast du deinen Anteil dabei?“

„Aye!“, erwiderte Will.

„Das Wasser … Jack, es läuft schon auf!“, wies Gibbs Jack auf die drohende Gefahr hin.

„Ich kümmere mich um Elizabeth und Anamaria“, sagte Will und öffnete schon seine Werkzeugtasche. Er winkte Ragetti herbei, der Anamaria Jack abnahm und den kleinen Jungen geradezu fürsorglich in den Armen wiegte.

„Bring ihn ’raus zu Jack!“, rief Anamaria. Ragetti nickte nur und eilte mit dem Jungen auf dem Arm hinter den anderen her, die Jamies Crew gerade abschleppten.

Will probierte einen Dietrich nach dem anderen. Keiner wollte passen.

„Womit haben die euch hier angeschlossen?“, fragte er mit einem hilflosen Seufzen.

„Die Schlösser waren offen. Sie brauchten nur einzurasten“, erwiderte Anamaria.

„Gib mir mal deinen Fuß“, forderte Will und winkte Elizabeth.

„Vergiss es, wenn du keinen Hammer dabei hast. Das sind Stifte, die saugend-schmatzend in die Bohrungen passen“, erwiderte sie.

„Ein Schmied ist nie ohne Hammer!“, grinste er. „Die Rückseite der Axt tut’s auch.“

Er winkte Groaltek herbei.

„Halt mal“, bat er. Der Azteke hielt die Kettenschelle, Will nahm eine schmale Ahle aus seiner Werkzeugtasche, setzte an und schlug mit der Rückseite der Axt zu, aber die Kettenschelle stieß gegen die Sinterwand.

„Raffinierte Bande!“, entfuhr es ihm mit einer Mischung aus Anerkennung und Verzweiflung.

„Der Stift lässt sich ’reinschlagen, aber nicht auf diese Weise ’rausholen! Also noch mal das Schloss …“

„He, Will! Beeil’ dich, die Flut kommt!“, mahnte Jack vom Ausgang.

„Bin dabei!“, gab Will mit einem Anflug von Ungeduld zurück. „Geht schon vor!“

„Aber …“

„Geh!“, grollte Will gereizt. „Ich kann nicht arbeiten, wenn mir einer auf die Finger sieht!“

Jack verließ nur äußerst zögernd die Halle, Will blieb mit den angeketteten Frauen allein zurück.

„Was willst du jetzt tun?“, fragte Elizabeth.

„Euch hier ’rausholen, was sonst?“

„Aber …“, meldete sich Anamaria zu Wort, aber Will unterbrach sie gereizt:

„Lass mich bitte überlegen, ja?“

Er zerrte verzweifelt an dem Schließmechanismus. Es rührte sich nichts.

„Scheiß Schloss!“, fluchte er laut. „Warum passt keiner von den verdammten Dietrichen?“

„Vielleicht, weil das Schloss älter ist, als jedes Schloss, zu dem Dietriche passen?“, mutmaßte Anamaria.

„Ja, könnte sein“, räumte Will ein. Erneut durchsuchte er seine Werkzeugtasche, aber von der handlichen Metallsäge, die er sonst immer in dieser Tasche hatte, fehlte jede Spur.

Das Wasser lief weiter in die Höhle. Will stand schon bis zu den Knien im Wasser.

„Wenn dir nicht bald was einfällt, brauchst du keine Einfälle mehr, Will!“, keuchte Elizabeth, die sich eingestand, noch nie in ihrem Leben so viel Angst gehabt zu haben wie in diesem Moment, als das Wasser unerbittlich höher und höher stieg.

„Wart’ mal … diese Form … seltsam …“, brummte er, als er das Schloss näher untersuchte.

„Wihill!“, flehte Elizabeth.

„Aye! Bitte, Elizabeth – jetzt nicht!“, wehrte er ab. „Ob das hinhaut?“, fragte er sich halblaut selbst, nahm sein Medaillon ab und steckte es in den langen Schlitz, in dem keiner seiner Dietriche Halt fand. Es passte genau und verschwand bis knapp zur breitesten Stelle. Das leise Klicken wäre durch das Rauschen des immer stärker eindringenden Wassers fast übertönt worden, doch allen dreien schien es wie ein Donnerschlag. Das Schloss sprang auf.

„Treffer!“, strahlte Will und öffnete auch das zweite Schloss mit seinem Medaillon.

„Verdammt!“, fluchte Anamaria. „Der Ausgang ist dicht!“, schrie sie und wies auf den schon völlig überspülten vorderen Zugang, der einen halben Yard niedriger lag als die Stufe unterhalb der Sintersäule, auf der Will stand.

„Los, hinten ’raus!“, rief Will und half den beiden Frauen zunächst von der Säule herunter.

Vor der Höhle wurden alle zunehmend nervös, weil die Flut rasch auflief und Will mit Anamaria und Elizabeth noch immer nicht draußen war.

„Verdammt!“, fluchte Jack. „Wieso kommen sie nicht?“

Er watete zum Zugang zurück, der schon zur Hälfte überspült war.

„Anamaria! Will! Elizabeth!“, brüllte er. Keine Antwort. In einem plötzlichen Entschluss wollte er hinein waten, aber Bill Turner und Gibbs bekamen ihn gerade noch zu fassen.

„Du ersäufst, bis du in die Halle kommst!“, warnte Bill. „Los komm, ich hab’ ’ne andere Idee!“

„Was?“

„Von oben ein Loch ’reinschlagen und sie hochziehen“, erwiderte Stiefelriemen.

„Wenn’s denn noch geht …“, zweifelte Jack. Eilig holten sie sich vom Schiff noch ein langes Tau, dann rannten Jack, Bill, Gibbs und Groaltek über einen etwas anderen Weg am Rande des Dschungels die Anhöhe hinauf, die die Steilküste bildete.

„Vorsicht!“, schrie Groaltek. „Das Gestein ist porös wie alte Knochen!“

Groaltek löste sich – abgesehen von den Füßen – lieber in seine grünlich-transparente Gestalt auf.

„Halt! Bleibt, wo ihr seid!“, rief er mahnend, als er sah, dass der Rettungstrupp beinahe die Hügelkuppe erreicht hatte. „Keinen Schritt weiter oder ihr findet euch unten wieder!“

Halbschwebend erreichte er vor den anderen die Kuppe.

„Lasst mich durch das Gestein gehen Ich sehe nach, ob sie noch in der Höhle sind“, sagte er. Bill maß ihn abschätzend.

„Fällst du nicht gleich durch?“, fragte er verblüfft. „Auch in deiner transparenten Gestalt bist du schwerer als Luft!“, warnte er.

„Du kennst noch nicht alle Möglichkeiten einer Geisterexistenz“, grinste Groaltek. Er materialisierte bis zur Hälfte seines Körpers und steckte den transparenten Oberkörper durch das Gestein. Die Decke war erwartungsgemäß kaum einen Fuß dick. Rasch war Groaltek wieder zurück im Tageslicht.

„Die Halle ist überflutet, aber leer. Das Wasser ist völlig klar. Wenn sie am Sinterblock ertrunken wären, hätte ich sie sehen müssen“, sagte er.

„Aber wo können sie dann sein?“, fragte Bill. Jack wurde bleich, als er daran dachte, dass Will es offenbar geschafft hatte, die beiden Frauen zu befreien, sie dann aber möglicherweise im Gang ertrunken sein konnten …

 

Kapitel 25

Pyramide der Verwandlung

2„Da kommen sie!“, rief Groaltek und wies in Richtung Nordspitze der Insel. Wie auf Kommando zuckten alle Köpfe in die Richtung, in die der alte Azteke zeigte. Der weite Ausblick von der Hügelkuppe machte es möglich, in etwa zwei Meilen Entfernung drei Gestalten zu sehen, die die Anhöhe hinaufstiegen.

„Anamaria!“, entfuhr es Jack mit erleichtertem Unterton.

„Mein Sohn!“, seufzte Bill, der sich eingestand, eine Heidenangst um seinen Sohn gehabt zu haben. Vor dem geistigen Auge von William Turner sen. erschien eine höchst freundliche familiäre Situation: Er sah sich in einem Sessel am Kamin sitzen, seinen älteren Enkel auf dem Schoß, dem er haarsträubende Geschichten aus purem Seemannsgarn erzählte, im Sessel gegenüber sein fröhlich feixender Sohn, der sich königlich über die unglaublichen Geschichten amüsierte, dazwischen seine Schwiegertochter, die die eingeschlafene jüngere Enkelin im Arm hatte … Was wäre, wenn er bei seinem Sohn und seiner Schwiegertochter bliebe? Bills Blick traf einen wissend aussehenden Groaltek.

„Du solltest das tun …“, bemerkte der Schatzgeist und Bill nickte.

Jack war den dreien entgegengeeilt und umarmte Anamaria, drückte sie fest an sich.

„Ich hab’ dich wieder!“, flüsterte er überwältigt. Einen Moment war Stille, nur der Wind pfiff über den Hügel.

„Wie seid ihr da ’rausgekommen?“, fragte Jack schließlich. Will grinste breit.

„Schildkröten, mein Freund!“, sagte er und drückte Elizabeth fest an sich. Jack blieb im ersten Moment wieder die Sprache weg. Solche Geschichten traute er Will nicht zu … Dann fing er sich, aber sein Lachen fiel etwas gequält aus.

„Gar nicht so einfach, wie?“

„Nein, vor allem nicht zu dritt. Die Biester sind recht glitschig“, kicherte Will. Anamaria sah ihn strafend an.

„Ich dachte, so einen Aufschneider wie Jack gibt’s nur einmal auf der Welt. Wie man sich doch irren kann …“

„Wir sind hinten ’raus“, gab Will grinsend zu. „Der hintere Zugang liegt gut drei Fuß höher als der vordere. Aber es war ziemlich knapp.“

„Du solltest das überzeugende Schwindeln noch besser üben“, grinste nun Jack. „Sonst wird aus dir nie ein richtiger Pirat.“

„Ich habe nicht vor, das zu werden“, wehrte Will ab. Jack machte eine ausladende Handbewegung, die bewies, dass er sein Fahrwasser wieder gefunden hatte.

„William Turner jr., du bist ein Pirat, sogar einer mit Brief und Siegel, mein Guter! Du kannst vor deinem Blut nicht davonlaufen!“, versetzte er.

Sie erreichten die Hügelkuppe, wo Groaltek und Bill auf sie warteten. Bill umarmte glücklich seinen Sohn und seine Schwiegertochter.

„Ahem … verzeiht, ich will nicht drängen, aber ihr tätet mir einen persönlichen Gefallen, wenn ihr den Fluch über die Crew der Mermaid noch heute vor Sonnenuntergang aufheben würdet“, bat Groaltek. Will nickte.

„Danke für die Erinnerung, mein Freund“, sagte er. „Bringen wir das hinter uns, dann können wir uns endlich um Jamaica kümmern.“

Jack schüttelte den Kopf.

„Was willst du bloß auf Jamaica, Junge? Da ist es eng und heiß. Bleib lieber auf dem Meer. Nur dort hast du wirklich Freiheit“, schlug er vor. Das Ergebnis war eine saftige Ohrfeige, die Anamaria ihm verpasste.

„Aber Anamaria, Liebes …“, stotterte er und hielt sich die schmerzende Wange. Gleichzeitig prüfte er vorsichtig, ob er eventuell einen neuen Goldzahn anfertigen lassen musste …

„Die hat er nicht verdient“, protestierte Will.

„Oh, doch, das hat er!“, grollte Anamaria mit funkelnden Augen. „Und wenn er noch ein Wort über Freiheit verliert, kriegt er gleich noch eine!“, drohte sie. „Los jetzt, damit wir diesen verdammten Fluch endlich aus der Welt schaffen!“

„Aye, wie Ihr befehlt, Eure Sturheit!“, grinste Jack, nahm Anamaria am Arm und lief mit ihr wie ein verliebter Hase in Richtung Pyramide. Bill und Groaltek konnten kaum mit ihnen Schritt halten.

Elizabeth und Will folgten den anderen in normalem Tempo, hatten aber auch verliebt einander einen Arm um die Schultern gelegt.

„Ich habe schreckliche Angst gehabt“, gestand Elizabeth, als sie nun endlich mit Will allein war.

„Ich auch“, räumte Will ein. „Vor allem, wenn ich daran denke, dass der hintere Zugang sogar etwas tiefer liegt als der vordere.“

Elizabeth sah ihn erschrocken an.

„Aber du hast doch …“

Er nickte.

„Ja, ich habe euch beide schlicht belogen“, gestand er. Bevor die dunklen Gewitterwolken, die sich rasch in Elizabeths braunen Augen bildeten, zu einem Blitz in Form einer Ohrfeige führen konnten, nahm er sanft ihre freie Hand und hielt sie vorsichtig fest.

„Ihr wärt mir beide hysterisch geworden, hätte ich euch die Wahrheit gesagt“, erwiderte er. „Und der Ausgang war tatsächlich weniger hoch überspült, als es eigentlich möglich gewesen wäre“, sagte er dann mit sanftem Lächeln. Elizabeths aufkommende Wut verlor sich augenblicklich wieder, als sie Wills zärtliches Lächeln sah. Nicht alle Lügen waren von Übel …

„Ein … Wunder?“, fragte sie.

„Ein Wunder namens Calypso, schätze ich“, sagte Will. „Sie hat mich zum dritten Mal gerettet. Langsam frage ich mich, was sie dafür verlangen wird …“

Wenig später waren alle am Strand und trafen die letzten Vorbereitungen, um den Fluch in der nahen Pyramide aufzuheben. Sicherheitshalber zählten sie die Medaillons nochmals durch. Einschließlich der beiden Medaillons, die Will und Jack, der Affe, bei sich trugen, waren alle 882 Stück vollzählig beieinander. Groaltek schob sich nahe zu Will.

„In einer Nische auf der rechten Seite der Pyramide befindet sich das, wovon ich dir erzählt habe. Nimm es an dich. Es ist klein genug, in deiner Wamstasche zu verschwinden“, flüsterte der Schatzgeist ihm zu, ohne dass die anderen es mitbekamen. Dann stand er auf und räusperte sich so vernehmlich, dass die übrigen Männer und Frauen auf ihn aufmerksam wurden.

„Seid vorsichtig, wenn ihr die Pyramide betretet“, mahnte er. „Die Maya, die die Pyramide gebaut haben, schätzten ungebetene Besucher nicht. Es sind allerhand Fallen eingebaut, die man aber ohne Mühe umgehen kann, wenn man sie kennt. Folgt mir einzeln und tretet nur auf die Bodenplatten, auf die ich trete.“

Groaltek ging vor, den Affen Jack auf der Schulter, der zu dem Schatzgeist offenbar größeres Vertrauen hatte als zu sterblichen Menschen. Will folgte Groaltek direkt nach, unter dem linken Arm eine ziemlich schwere Truhe, in der die eine Hälfte der übrigen Medaillons war, die andere Hälfte hatte Jack in einer Truhe, der als Letzter die Pyramide betrat, nachdem die übrigen Crewmitglieder der Black Pearl und der Aztec Jamie samt seiner Bande verschnürt in die Pyramide transportiert hatten. Jack fiel auf, dass die Platten, auf die Groaltek trat, mit bestimmten eingravierten Zeichen versehen waren. Ein ungutes Gefühl plagte ihn angesichts der recht baufällig wirkenden Pyramide, deren Außenquader teilweise bedrohlich schief hingen. Der Captain war zu oft in Situationen geraten, aus denen er sich nur mithilfe seines scharfen Verstandes hatte retten können. Und in eine solche Pyramide – noch dazu eine, die mit Fallen gespickt sein sollte – ging man nicht ohne eine kleine Rückversicherung. Jack steckte sich am Strand eine Handvoll weißen Sand in die Tasche und ließ auf jeder Platte, die er betrat, etwas davon fallen.

Will, der Groaltek folgte, fand die kleine Nische, von der der Schatzhüter gesprochen hatte. Die von Groaltek betretenen Fliesen führten direkt daran vorbei. Im Schein der Fackeln sah er etwas in der Nische liegen, tat, als ob er das Gleichgewicht verlor, langte in die Nische und ließ den kleinen Inhalt in seinem weiten Ärmel verschwinden, packte die Truhe unter dem linken Arm dann mit beiden Händen, um sie zurechtzurücken und ließ dabei den Ärmelinhalt in seine linke Wamstasche fallen, ohne dass es jemand mitbekam.

Groaltek führte die Piraten mit ihren Gefangenen in eine riesenhafte Halle.

„Dies ist die Halle der Verwandlung!“, sagte Groaltek laut, damit es alle hörten. „Wer unerlaubt Medaillons an sich genommen hat, muss etwas von seinem Blut opfern, um die Blutschuld gegenüber den aztekischen Göttern zu begleichen. Will, du trägst das Medaillon mit Erlaubnis. Deshalb musst du dein Blut nicht hergeben, aber wenn du es tust, kannst du mich damit retten. Ich kann es nicht von dir verlangen, ich kann dich nur bitten, es zu tun.“

„Groaltek, gäbe es den Segen deiner Götter nicht, wäre ich längst tot“, erwiderte Will. „Es ist nur ein geringer Preis, den ich dafür zahle, wenn ich auch ein paar Tropfen Blut aus Dankbarkeit dafür hergebe.“

Groaltek lächelte sanft.

„Du bist ein wahrer Freund. Noch etwas: Wills Leben ist davon abhängig, dass der Fluch aufgehoben wird und kein weiteres Blut außer dem unbedingt nötigen Opferblut vergossen wird. Ich weiß, was diese Piraten euch angetan haben, aber wenn ihr sie tötet, sofern der Fluch aufgehoben ist, bedeutet das Wills Tod.“

Jack sah nicht glücklich aus, das fiel selbst Groaltek auf. Captain Jack Sparrow war nicht dafür bekannt, seine Probleme mit Gewalt zu lösen und Menschen umzubringen, aber was Jamie ihm geboten hatte, hatte selbst bei ihm den Wunsch nach blutiger Rache ausgelöst. Aber deshalb Wills Leben aufs Spiel zu setzen, kam für ihn nicht in Frage. Jamie allerdings hatte ein zufriedenes Glitzern in den Augen, nachdem bisher die nackte Angst seinen Blick beherrscht hatte.

Will sah sich in der Pyramide um. Wie Groaltek gesagt hatte, waren an einer Wand anscheinend ungezählte runde Vertiefungen, in die jeweils eines der Medaillons hineinpasste. Einige der Vertiefungen waren so hoch angebracht, dass auch der hochgewachsene Stiefelriemen Bill Turner nicht mehr herankam. Der sah Marty an, der nur verstehend nickte.

Will und Jack nickten sich zu und öffneten die Truhen mit den Medaillons. Da schon wenig Blut genügte, um die Blutschuld zu bezahlen, reichte ein kurzer Stich in einen Finger, um genügend Opferblut zu bekommen. Jeweils ein Medaillon wurde mit dem Blut eines Verfluchten benetzt, auch von Jack, dem Affen, der das wenig lustig fand und Groaltek zur Strafe biss, aber der Schatzgeist lächelte nur und kraulte den Kapuzineraffen unter dem Kinn. Als Gespenst spürte er keinen Schmerz. Die benetzten Medaillons waren die ersten, die in die Vertiefungen eingesetzt wurden, wobei sich in wortlosem Verstehen Bill und Gibbs daran machten, die Stücke einzusetzen, Will und Jack sie aus den Truhen gaben und die übrigen für den Transport sorgten.

Die Prozedur nahm Zeit in Anspruch und Groaltek wurde immer nervöser, ob bis zum Sonnenuntergang alles erledigt war. Immer wieder lief er hinaus, um nach dem Sonnenstand zu sehen.

„Viel Zeit bleibt nicht mehr“, trieb er die Menschen an, die ihm Freunde geworden waren.

„Es sind 882 Stück, mein Freund“, erinnerte Will freundlich. „Wir sind dabei. Aber sag mal … Du verlierst deine Geisterexistenz, wenn der Schatz hier vernichtet wird. Das wolltest du doch eigentlich nicht“, gab er zu bedenken, während er akkordverdächtig Medaillons herausgab.

„Zu jedem anderen Zeitpunkt ja. Aber heute ist Neumond. Heute helft ihr mir damit mehr, als ihr ahnen könnt. Bitte, beeil dich.“

Schließlich waren alle Verfluchten um ein paar Tropfen Blut erleichtert und die benetzten Medaillons eingesetzt. Jetzt nahmen Will und Jack ihre Truhen und traten selbst mit an die Schatzwand. Es ging dann erheblich schneller, die restlichen Medaillons zu verteilen. Die oberen Reihen, die auch für den langen Stiefelriemen Bill nicht mehr zu erreichen waren, stopfte Marty auf Bills Schultern aus.

„Das ist zirkusreif!“, kicherte Ragetti

Endlich waren alle Nischen gefüllt, aber zwei Medaillons waren immer noch draußen.

„Verdammt, die werd’ ich nicht los!“, rief Will.

„In der Mitte des Raumes, Will!“, rief Groaltek und wies auf zwei Vertiefungen im Boden neben einer kleinen Basaltsäule. Will sprang zu der bezeichneten Stelle, versenkte das Medaillon, das er noch in der Hand hatte und nahm schließlich sein eigenes ab und legte es in die letzte Vertiefung.

Eine leichte Erschütterung ließ den Boden vibrieren.

„Ein Erdbeben hat jetzt grad’ noch gefehlt!“ murmelte Elizabeth.

„Verlasst die Pyramide! Sofort!“, befahl Groaltek. Sein Ton duldete keinen Widerspruch.

„Los, ’raus hier!“, schrie Jack, der dem Eingang am nächsten war und sah, dass sich die ersten Brocken aus der Innenwand lösten. Er und Gibbs lotsten alle hinaus und wiesen auf die Sandflecken, die Jack in weiser Voraussicht hinterlassen hatte. Die immer noch verschnürten Männer um Jamie wurden huckepack aus der Pyramide getragen, der Raum leerte sich. Die Erdstöße wurden stärker. Will sah besorgt in die Nischen. Er befürchtete, dass das Beben die Medaillons aus den Nischen werfen würde, aber sie blieben darin.

„Komm, Groaltek, es wird Zeit zu gehen“, winkte er dem Schatzgeist. Doch Groaltek schüttelte den Kopf.

„Nein, ich bleibe. Meine Bestimmung ist hier“, entgegnete er. „’Raus mit dir!“

Im selben Moment warf ein heftiger Erdstoß Jack und Will, die als Letzte noch in der Halle waren, von den Füßen. Gleichzeitig fielen die Medaillons in den Nischen nach hinten weg, die beiden im Boden begannen grün zu leuchten. Grüner Dampf erhob sich und schlängelte sich um den ruhig dastehenden Groaltek, der ein seliges Lächeln im Gesicht hatte und zog nach oben zur Decke.

„Los, weg hier!“, rief Will und bekam Jack am Arm zu fassen, zog ihn mit sich. Sie waren gerade im Gang verschwunden, als ein mächtiger Brocken aus der Decke brach und den Zugang zur Halle verschüttete. Mehr im Reflex als bewusst sprangen sie von Sandfleck zu Sandfleck, um keine der Fallen auszulösen, von denen Groaltek gesprochen hatte. Hinter ihnen brach der Gang zusammen. Über ihnen wurde das Gestein auch locker, einige Brocken verfehlten sie nur um Haaresbreite. Hustend und Staub spuckend stolperten sie ins Freie.

„Vorsicht!“, schrie Anamaria. Im Reflex warfen sich beide mit einem mächtigen Satz nach vorn und landeten mehr oder weniger auf allen Vieren vor den Füßen ihrer Frauen. Hinter ihnen donnerte ein massiver Quader der Außenmauer genau auf den Fleck, an dem sie Augenblicke zuvor noch gewesen waren.

Im gleichen Moment versank der letzte Rest der Sonne hinter dem Horizont. Ein grüner Schein erhellte wie ein zu weit südlich geratenes Nordlicht den Himmel.

„Was war das?“, fragte Will, als er sich aufrappelte.

„Eine sehr seltene Erscheinung, Will“, erwiderte Gibbs. „Man sagt, wenn beim letzten Strahl der Sonne ein grüner Schein entsteht, kehrt eine Seele aus dem Reich der Toten zurück.“

„Oder sie wird befreit, Master Gibbs!“, tönte eine laute Stimme von der Pyramide – oder dem, was nach dem Erdbeben davon nun noch übrig war. Alle drehten sich zur Pyramide um.

Ein gewaltiger Adler, der zwanzig Fuß hoch sein mochte, hockte umgeben von einem leichten grünen Schimmer auf der schief stehenden Spitze der Pyramide. Um seine Klauen wand sich eine Schlange.

„Ich bin Quetzalcoatl, die Gefiederte Schlange. Dank eurer Hilfe bin ich wieder das, was ich ungezählte Zeitalter war, bis ein böser Zauber, den die Mondgöttin Ix-Chel über mich sprach, mich in eine menschenähnliche Geistergestalt zwang. Nur bei Neumond vor Sonnenuntergang konnte ihr Zauber gebrochen werden. Wie Calypso werde ich für euch da sein, doch nur im Geiste. Aber wenn es euch gelingt, ein Medaillon wie jene, die ihr heute vernichtet habt, nachzumachen, werde ich auch körperlich zurückkehren. Bis dahin – lebt wohl!“

Der Adler erhob sich und flog hinauf bis er von der zunehmenden Dunkelheit verschluckt wurde. Dort, wo der Adler außer Sicht geraten war, stand das Sternbild des Adlers …

„Außer Spesen nichts gewesen, was?“, brummte Pintel missmutig.

„Hier ja“, räumte Will ein und klopfte dem älteren Piraten aufmunternd auf die Schulter. „Gehen wir wieder an Bord. Teil eins haben wir erledigt und die Spanier und Franzosen um einen unsterblichen Verbündeten gebracht. Aber wir haben noch einiges zu tun. Da dürfte noch die eine oder andere Dublone für euch abfallen.“

Ragetti wies auf das Meer. Die Black Pearl lag buchstäblich auf dem Trockenen.

„Is’ grade wieder Ebbe“, sagte er. „Is’ nix mit gleich losfahren. Is’ genauso Ebbe wie in mei’m Beutel“, setzte er traurig hinzu und kehrte seine leeren Taschen aus.

„Wenn wir jetzt ohnehin nicht abfahren können, können wir auch richtig feiern!“, schlug Jack vor.

„Und was?“, fragte Anamaria.

„Dass du wieder da bist, samt unserem Kleinen, dass Elizabeth wieder da ist und wir uns nun keine Sorgen mehr um euch machen müssen. Dass wir heute einem Gott die Freiheit geschenkt haben und er uns gewogen bleiben will.“

„Deine Auffassung von Freiheit kenne ich, Jack Sparrow!“, grollte Anamaria.

Captain Jack Sparrow, wenn ich bitten darf“, erwiderte er mit stolzgeschwellter Brust. Als Anamaria ihn mittels Ohrfeige auf den Boden der Tatsachen zurückholen wollte, bremste Will ihre Hand aus, indem er sie festhielt.

„Nein, lass das; das hat er wirklich nicht verdient“, sagte er. „Jack hat keine ruhige Minute gehabt, seit Jamie und seine faule Bande euch entführt haben. Ich sollte dir sagen, dass er nach Tortuga kam, weil er Sehnsucht nach dir und eurem Sohn hatte, Anamaria. Du tust ihm Unrecht, wenn du meinst, dass ihr ihm nichts bedeutet. Jack hat nur eine … ungewöhnliche … Art, seine Liebe zu zeigen, aber er liebt dich nicht weniger als ich Elizabeth liebe. Für sie würde ich sterben – und Jack für dich.“

Anamaria wollte Will wütend anblitzen, aber als sie ihm in die Augen sah, konnte sie weder ihm noch Jack böse sein. Sie hatten ihr Leben riskiert, um sie, ihren Sohn und Elizabeth zu retten. Mehr konnte sie wahrhaftig nicht verlangen …

„Ist das so?“, fragte sie dennoch.

„Aye, das ist so“, bekräftigte Will mit einem sanften Lächeln.

„Na schön, Captain Sparrow …“, sagte Anamaria und umschlich Jack wie ein Panther seine Beute. „Dann zeig mal, was du in Sachen feiern drauf hast …“

Es war ein fröhliches Fest am Strand, wie es nur Piraten feiern können, die das Leben zu genießen verstehen. Es gab reichlich gegrillten Fisch – und der Rum floss in Strömen …

 

Kapitel 26

Schlimmes Erwachen

Die wenig schöne Überraschung folgte am nächsten Morgen, als die rumselig am Strand schlafenden Freibeuter von groben Fäusten unsanft geweckt wurden. Verschlafen und verkatert kamen die Männer und zwei Frauen hoch – und sahen in die Läufe viel zu zahlreicher Musketen, die auf sie gerichtet waren.

„Buenos dias, Señoras y Señores!“, grüßte ein Mann in spanischer Marineuniform mit maliziösem Grinsen. „Los, aufstehen!“, befahl er dann. Als die Gefangenen nicht sofort reagierten, wurden die Spanier ruppig. Mit Kolbenstößen ihrer Gewehre trieben sie die Piraten hoch.

„Legt sie in Ketten – alle!“, befahl der Offizier.

„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, ergriff Will das Wort, als er einigermaßen klar war.

„Ich bin Capitán Juan Alvarez y Mendoza, Señor. Was wir wollen? Euch verfluchte englische Piraten der Gerechtigkeit zuführen – und das ist ein Strick um den Hals, an dem Ihr zappeln werdet wie ein abgehängter Fasan!“, grollte der Spanier.

„Wir sind keine Piraten!“, widersprach Will bestimmt.

„Ach – und was seid Ihr dann?“

„Wir sind Freibeuter im Dienste Seiner Majestät des Königs von Großbritannien“, erklärte Will.

„Was Ihr nicht sagt!“, spottete der Spanier.

„Aye, wir haben Kaperbriefe, die unsere Kaperungen legitimieren!“

„Wer seid Ihr? Ich will dann wenigstens die Kugeln für das Erschießungskommando richtig beschriften“, fuhr Alvarez y Mendoza ihn an.

„Captain William Turner“, entgegnete Will. Handschellen schlossen sich um seine Handgelenke. Capitán Alvarez sah ihn fast mitleidig an.

„Capitán Turner, Ihr seid hier in der Karibik. Der König von England ist weit weg und der König von Spanien auch. Ich werde mir nicht die Mühe machen, Euch erst nach Madrid zu bringen, damit Euch die Heilige Inquisition als Galeerensklaven wieder hierher zurückschickt. Wir werden Euch nach Havanna bringen. Und dort werdet Ihr hängen, ganz einfach.“

„Moment mal!“, schaltete sich Jack ein. „Ich bin Captain Jack Sparrow, und ich habe mit dem Vizekönig von Mexiko eine Vereinbarung, die mir die Unterstützung der spanischen Flotte bei der Suche und der Vernichtung der verfluchten Medaillons zusicherte. Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt und den Fluch gebrochen, wie der Vizekönig es verlangt hat. Jetzt verlange ich, dass er seinen Teil der Abmachung ebenfalls einhält und uns in Frieden lässt.“

„Capitán Sparrow, Ihr seid doch Engländer. Noch nie Shakespeares Othello gelesen? „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“, deklamierte Alvarez y Mendoza. „Mohr kann man in diesem Fall durch Pirat ersetzen! Abführen!“

Ein herrischer Wink des spanischen Capitán sollte die Unterredung beenden, aber Jack war noch nicht fertig. Seine Bewacher brachten ihn nicht von der Stelle.

„Ach so!“, platzte er heraus. „Der Vizekönig gibt ein Versprechen, das er nicht einhält. Warum sollte ich dann mein Versprechen einhalten, wenn sich nicht einmal ein Vizekönig an seine Versprechen hält? Wenn er es als dumm betrachtet, ein Versprechen zu halten, müsste ich ja schön dumm sein, meines zu halten – oder was meint Ihr? Ihr habt doch auch was versprochen, als Ihr den Eid auf den Vizekönig geleistet habt. Was meint Ihr, wie er sein Versprechen an Euch kleines Licht hält, wenn er sich nicht einmal an geschäftliche Vereinbarungen hält? Warum also wollt Ihr Euer Versprechen an ihn halten und uns ausliefern? Ihr habt nichts davon, ehrlich.“

„Hä?“, fragte der Spanier nach, der Jacks Wortschwall kaum folgen konnte. „Papperlapapp!“, schnauzte er dann. „Abführen!“

Alle Gegenwehr half nichts, die Spanier schleppten sie unterstützt von Jamies wieder freier Bande ab. Manuel Cozo verdrehte Will den rechten Arm, dass es Elizabeth schon vom Zusehen schmerzte. Aber bevor sie protestieren konnte, ließ Manuel Will plötzlich wieder los und stöhnte unterdrückt auf, als ihm sein eigener rechter Arm wehtat, als würde er verdreht.

Die Gefangenen wurden auf drei spanische Schiffe verteilt, die in der Bucht lagen, drei weitere warteten weiter nördlich und hatten die Aztec schon im Schlepp. Auch die Mermaid und die Black Pearl wurden in Schlepp genommen, worüber Jamie Einauge nicht gerade glücklich war. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit bei Capitán Alvarez y Mendoza zu protestieren, schließlich handelte er im Auftrag von Spaniens Verbündetem Frankreich.

Der spanische Capitán gewährte seinen weiblichen Gefangenen aber einen Gefallen: Sie konnten bei ihren Ehemännern bleiben, auch Jack Junior blieb bei seinen Eltern. Dazu hatten die fünf das zweifelhafte Privileg auf dem spanischen Flaggschiff, der Santa Eulalia, eingesperrt zu werden, während alle anderen entweder auf der Santa Esmeralda oder der Reina Isabella eingekerkert wurden.

***

Weit davon entfernt, vor der Südspitze der Bahamas, trafen die Freibeuterschiffe unter dem Kommando von Ammand, dem Korsaren, auf die Schiffe der Royal Navy unter Admiral Higgins’ Kommando und die beiden Schiffe aus Nassau, die HMS Dauntless und die Bloodhound. Ammand ließ Zeichen geben, dass man gut Freund sei. Auf einer Sandbank vor Exuma trafen sich die Offiziere der Navy und die beiden Gouverneure mit Ammand, Sao Feng und Tia Dalma alias Calypso. Ammand wies seinen von Will Turner unterzeichneten Kaperbrief vor. James Norrington begutachtete den Kaperbrief und sah dann zweifelnd Gouverneur Bellows an.

„Hat das seine Richtigkeit, Governor?“, fragte er.

„Ja, das ist korrekt. Captain Turner hat die Kaperbriefe in meinem Auftrag ausgestellt“, erwiderte Bellows. Norrington nickte.

„Gut, das kann ich als Admiral Seiner Majestät akzeptieren.“

„Zu freundlich“, knurrte Ammand. „Also, wir sind hier, wie es mit Captain Turner vereinbart wurde.“

„Aha. Und wo ist Captain Turner?“, hakte Norrington nach.

„Er und Captain Sparrow sind auf dem Weg nach Cozumel, um dort den Fluch über Jamie Einauge und seine Crew aufzuheben und Frankreich damit um einen unsterblichen Verbündeten zu bringen“, erklärte Ammand. Captain Gillette hob die Augen gen Himmel. Hörte es denn nie auf, dass nur von diesem unseligen Fluch gesprochen wurde?

„Was habt Ihr, Captain Gillette?“, fragte Norrington.

„Es geht einem normalen Christenmenschen wirklich gegen den Strich, dass hier immer noch diese heidnischen Rituale gepflegt werden und solcher Aberglauben in den Köpfen der Menschen spukt.“

„Der Fluch war sehr real, Captain Gillette. Habt Ihr das vergessen?“, fragte Norrington streng.

„Nein, Sir, aber dieser Fluch wurde gebrochen – wer immer ihn aus ausgesprochen haben mag. Ihr wisst, dass es mir zuwider ist, über heidnische Rituale auch nur zu reden, Sir. Es wäre wirklich angebracht, wenn wir Briten hier nicht nur Zivilisation verbreiteten, sondern auch den richtigen Glauben“, entgegnete Gillette.

„Dann solltet Ihr den Beruf wechseln und Missionar werden, Gillette. Aber einstweilen – solange Ihr noch die Uniform der Royal Navy tragt – haltet Euch bitte mit diesen Bemerkungen zurück!“, wies Norrington den Captain zurecht. Gillette salutierte.

„Aye, Sir.“

„Gut. Kommen wir zum Plan. Habt Ihr Vorschläge, Ammand?“, wandte James sich an den Araber.

„Aye, das habe ich. Ich weise aber darauf hin, dass ich Muslim bin und erwarte, dass meine Religion respektiert wird, wenn man mich als Verbündeten haben will.“

Norrington warf einen fragenden Blick auf Gillette, der aber betont neutral dreinschaute.

„Das gewährleisten wir“, versprach James.

„Gut. Ich stelle Euch Sao Feng aus Singapur vor“, sagte Ammand und wies präsentierend auf den kahlköpfigen Asiaten neben sich, der sich höflich leicht verbeugte.

„Er ist wie ich ein Piratenfürst. Dies hier ist Tia Dalma, die uns mit ihren Künsten den richtigen Wind verschaffen wird“, fuhr er fort und wies auf die andere Seite neben sich.

„Wie soll das zugehen?“, fragte Gillette.

„Was sagt Euch … Calypso?“, fragte Sao Feng. Gillette dachte eine Weile nach.

„Eine Gestalt der griechischen Sagen“, antwortete er schließlich.

Sao Feng lächelte mit asiatischer Höflichkeit.

„Nicht nur eine Sagengestalt, Captain Gillette, sondern die Göttin der Meere, die sich hin und wieder menschlicher Gestalt bedient, um uns behilflich zu sein“, erklärte er. Gillette schnaufte gereizt.

„Provoziert mich nicht, Sao Feng!“, fuhr er den Asiaten an. Doch der lächelte nur hintergründig.

„Wenn hier jemand provoziert, seid Ihr das, Captain Gillette!“, fauchte Tia Dalma. „Ich biete Euch meine Hilfe, aber wenn Ihr an mir zweifelt, werdet Ihr erfahren, dass es mehr im Himmel gibt, als Ihr Euch auch nur vorzustellen wagt. Und nicht jeder Gott ist so sanftmütig, wie Ihr meint!“

„Ich glaube allein an Gott. Alles andere ist Blasphemie!“, fuhr Gillette sie an. „Als Sohn eines anglikanischen Geistlichen kann ich da nicht schweigen!“

„Captain Gillette!“, entfuhr es Admiral Norrington. „Es reicht jetzt!“

Doch Gillette, von religiösem Eifer gepackt, dachte gar nicht daran, jetzt den Mund zu halten.

„Gott muss der gläubige Mensch mehr gehorchen als menschlichen Vorgesetzten!“, wies Gillette den Admiral zurecht. „Mit diesem blasphemischen Weib gebe ich mich nicht ab!“

Sao Feng sah Ammand an, der seinen verstörten Blick erwiderte. Ammand teilte die Vorstellung eines einzigen Gottes, war gläubiger Muslim, aber auch er hatte Calypso schon um Hilfe gebeten und sie bekommen. Für Ammand war die Existenz einer Göttin Calypso kein Widerspruch zu seinem Glauben, wenn er sie im Geiste eine Stufe unter Allah stellte. Der Blick der beiden Freibeuter traf Tia Dalma, die ein zorniges Funkeln in den Augen hatte.

„Ihr habt gewählt!“, erwiderte sie gefährlich leise. Sie trat einige Schritte zurück – und löste sich in ungezählte Krabben auf, die eilig im Wasser verschwanden.

„Jetzt habt Ihr mit Eurem Glaubenseifer dafür gesorgt, dass sie gegen uns sein wird“, wandte sich Ammand an Gillette, der wie erstarrt dastand. Die Verwandlung, die er gerade mit seinen eigenen Augen gesehen hatte, ließ ihm fast das Blut in den Adern stocken.

„Aber … das … ist … unmöglich!“, keuchte er.

„Es ist möglich, Captain Gillette!“, knurrte Norrington. „Geht mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse!“, setzte er dann mit mühsamer Beherrschung hinzu. Gillette salutierte mit bleichem Gesicht und kehrte allein zu seinem Schiff zurück.

„Was jetzt?“, fragte Governor Swann.

„Wir müssen ohne Calypso auskommen und beten, dass Gillette sie nicht so verärgert hat, dass sie uns ungünstige Winde schickt“, erwiderte James.

„Admiral, habt Ihr … Erfahrungen … mit …“, fragte Swann stockend.

„Ich bin bekennender Christ, falls Ihr das meint, Governor. Aber der Aztekenfluch hat mich in der Tat gelehrt, dass es mehr gibt, als unsere Schulweisheit glauben macht“, sagte der Admiral.

Die Stimmung bei der Flotte aus Freibeutern und Royal Navy war gedrückt. Zwar hätte kein christlicher Seemann offen ausgesprochen, dass es auf See eben auch andere Kräfte gab, als die Pastoren an Land und zur See wahrhaben wollten, aber eine gewisse Portion dessen, was Landratten als seemännischen Aberglauben bezeichneten, hätte kein wirklich seeerfahrener Mann je bestritten…

Ob es denn wirklich die mangelnde Unterstützung der Meeresgöttin war oder lähmender Aberglaube, blieb unklar, aber das Ergebnis war das gleiche: Die Kampfgemeinschaft aus Freibeutern und Royal Navy lief mit ungünstigem Wind vor Santo Domingo in eine Falle der französisch-spanischen Allianz mit der East India Trading Company und wurde böse dezimiert. Die HMS Dauntless war schwer beschädigt und musste sich nach Nassau zurückziehen, die HMS Bellerophon, die HMS Agamemnon und die HMS Artemis wurden mit Mann und Maus versenkt. Doch viel schlimmer wog, dass die Bloodhound gekapert wurde, die beiden Gouverneure samt ihrer Leibwache im Dingi abgefangen wurden und auch die HMS Kent und die HMS Wessex den Gegnern in die Hände fielen.

Während Captain Gillette versuchte, mit seiner angeschlagenen HMS Invincible nach Westen zu entkommen, um Will Turner und Jack Sparrow zu alarmieren, setzte sich Gillettes Erster Offizier Lieutenant Chamberlain mit der Washington, einer von der Handelsmarine beschlagnahmten Brigg, nach Norden ab, um Verstärkung aus den amerikanischen Kolonien zu holen. Die Freibeuter, die recht wenig abbekommen hatten, zogen sich in das Wasserlabyrinth der Bahamas zurück, das für die spanischen und französischen Schiffe meist zu flach war. Doch sie saßen dort fest, weil die Spanier und Franzosen um die Bahamas patrouillierten. Und obendrein hatten die französisch-spanischen Alliierten genügend Schiffe, um die Washington und die HMS Invincible  verfolgen zu lassen …

 

 

Kapitel 27

Hilf dir selbst …

Unter Deck der Santa Eulalia wurde es dunkel, als die Posten die Luke zum Zellendeck schlossen. Nur zwei relativ kleine Petroleumlampen gaben etwas Licht. Die fünf „privilegierten“ Gefangenen der französisch-spanischen Allianz fanden sich in recht geräumigen Zellen wieder. Mit gewisser Verblüffung nahmen sie zur Kenntnis, dass es hier nicht nur kleine Brigs wie auf anderen Schiffen gab, sondern einen ganzen Zellentrakt, der das halbe Deck einzunehmen schien.

Die Luke war kaum geschlossen, als Will sich schon an die Untersuchung der Sicherung machte. Jack streckte sich bequem auf der Pritsche aus, nachdem er sich überzeugt hatte, dass Anamaria es mit ihrem Sohn auch bequem hatte. Sein Blick ging interessiert in die gegenüberliegende Brig, die Will schon nach Schwachstellen untersuchte.

„Ich hab’s dir doch gesagt: Du bist ein Pirat, ob du es willst oder nicht. Sieh es ein! Diese Perückenträger faseln immer was von gewissen Privilegien, nur halten sie sich nicht daran, wenn sie uns unsere Rechte einräumen müssen. Was glaubst du wohl, weshalb ich den Wisch nicht haben wollte? Ich werde lieber als ehrlicher Pirat gehängt, denn als verschaukelter Freibeuter.“

„Na schön, dann kneifen wir wieder aus“, bemerkte Will eher beiläufig und suchte weiter.

„Hallo!“, rief Jack, als ob er ihn wecken wollte. „Wir sind hier zu viert!“, erinnerte er Will an die Anzahl der Erwachsenen.

„Dreieinhalb, denn Anamaria hat noch euren Sohn“, grinste der.

„Und wie willst du das anstellen? Deine Werkzeugtasche haben sie dir weggenommen und die Türen zusätzlich mit Ketten gesichert“, wies Jack auf die offensichtliche Massivsicherung hin.

„Ich weiß“, erwiderte Will und fingerte auch schon in seinem Stiefelschaft, aus dem er einen Dietrich förderte, mit dem er das Kettenschloss und das eigentliche Türschloss öffnete. Jack schüttelte nur noch den Kopf. Will Turner hinter Schloss und Riegel festzuhalten funktionierte offenbar nur dann, wenn er nicht ausbrechen wollte.

„Bewach’ die Luke!“, wies er Elizabeth leise an, die sich mit einem Schemel bewaffnete und an der Luke Schmiere stand, während Will Jack und Anamaria aus der Zelle ließ.

„Und wie kommen wir an Waffen?“, zischte Jack. Will nickte nur und winkte ihn an eine andere Luke an der Schmalseite des Zellengangs.

„Das ist der Kettenkasten!“, wies Jack ihn auf die Funktion des kleinen Raumes hin.

„Weiß ich. Ich habe aber mitbekommen, dass die Spanier unsere Waffen dort ’rein geschmissen haben“, flüsterte Will und öffnete die Luke. Jacks Gesicht strahlte auf, als Will ihm seine Waffen gab und auch die Entermesser und Pistolen der beiden Frauen und sein eigenes Entermesser, sein Messer, seine Axt und seine Werkzeugtasche samt allem Werkzeug dort fand.

Jack bedeutete ihnen plötzlich, leise zu sein und schlich an die andere Schmalseite des Brigdecks, legte ein Ohr an das Schott*.

„Sag mal, das klingt wie knarrende Riemen …“, murmelte er. Will horchte gleichfalls an der Wand und nickte.

„Wie heißt der Kahn noch mal?“, fragte Jack.

Santa Eulalia“, erwiderte Will leise.

„Sie ist eine als Fregatte getakelte Galeere, die auch zur Galeerenstrafe verurteilte Häftlinge an Bord hat“, flüsterte Jack und lauschte angestrengt. „Der Trommler sitzt genau vor uns am Schott.“

Er und Will wechselten noch einen schnellen Blick, dann setzte Will schon sein Messer an, um die Planke aus dem Schott zu lösen.

Im selben Moment jedoch öffnete sich die Tür zum oberen Deck und zwei spanische Soldaten kamen den Niedergang herunter. Die vier Ausreißer waren im Schatten des Niedergangs verborgen, weil das trübe Licht der beiden kleinen Lampen dort praktisch nicht hinkam. Im Gegensatz zu den an die relative Dunkelheit gewöhnten Gefangenen kamen die beiden Posten aus dem deutlich heller erleuchteten Kanonendeck und sahen erst einmal sehr wenig – zu wenig. Bevor sie auch nur einen Laut von sich geben konnten, hatten Elizabeth und Anamaria sie bereits mit den als Keule geschwungenen Schemeln niedergeschlagen. Elizabeth peilte vorsichtig aus der geöffneten Luke ins obere Deck.

„Es ist ein Zwischendeck!“, flüsterte sie.

„Wachen?“, fragte Will flüsternd. Seine Frau schüttelte den Kopf. Als sie wieder nach unten sah, zogen Will und Jack sich schon die Uniformröcke der beiden Spanier an, die sie gefesselt und geknebelt in die Zellen gesteckt hatten. Mit vergnügtem Grinsen verschloss Will liebevoll die Türen und Ketten.

Adios!“, grinste er.

Eilig, aber leise stiegen alle vier – Anamaria mit Klein Jack im Arm – in das Zwischendeck, wo die Freiwache in ihren Hängematten schlief. Leise und schnell verschnürten die anderen drei die schlafenden Männer in den Hängematten. Jack verknotete gerade einen, der das Pech hatte, dabei aufzuwachen. Ein goldenes Grinsen des Piratencaptains begrüßte den Spanier – und eine Socke in der Hand des Piraten, die der Soldat als sein eigenes kurz zuvor abgelegtes Fußkleid identifizierte. Jacks Grinsen wurde breiter.

„Wir wollen ja nicht, dass Ihr bei starkem Seegang den Abgang macht, nich’“, grinste er. Bevor der Spanier nur mucksen konnte, stopfte Jack ihm die verdächtig nach würzigem Käse duftende Socke in den Mund.

„Nicht gerade Cheddar, eher Uralt-Gouda, aber vielleicht doch leckerer als eine Klinge, mein Freund. Guten Appetit“, wünschte er. Anamaria und Elizabeth hatten inzwischen ebenfalls passende Uniformen gefunden und zogen sie eilig an, die eigenen Sachen verschwanden in einem Seesack, den sie mitgehen ließen.

Jack, der weiter geschlichen war, entdeckte den Zugang zum Galeerendeck, hob die Luke und winkte Will.

„Indios! Azteken!“, flüsterte Jack, als er sah, wer auf den Ruderbänken schuftete. Will nickte und wollte sich schon auf den Trommler stürzen, als Jack ihn vorsichtig zurückhielt.

„Gib Acht! Auf Weiße sind sie oft nicht gut zu sprechen“, warnte er.

„Wenn wir ihnen hier ’raushelfen, wird sich das ändern“, erwiderte Will. „Ich nehme mir den Trommler vor, du den Peitschenschwinger, wenn er Richtung Heck geht“, flüsterte Will. Jack nickte. Er rückte die Uniform zurecht und stieg dann nonchalant den Niedergang hinunter.

Buenos tardes, amigos“, grüßte Jack mit ausladender Handbewegung. Der Trommler sah ihn schon skeptisch an, passte sein Bewegungsablauf doch so gar nicht zu einem spanischen Soldaten. Auch die Indios und diverse Schwarze beäugten Jack misstrauisch. Doch der Aufseher mit der neunschwänzigen Katze, drehte sich plötzlich um und erkannte Jack Sparrow auch in der Verkleidung. Aber bevor er zum Alarmruf ansetzen konnte, hatte er schon einen Hieb mit einem Belegnagel abbekommen, den Jack sich auf dem Deck darüber unerlaubt geborgt hatte.

Will landete direkt vor den Füßen des Trommlers und setzte ihn mit einem gezielten Fausthieb außer Gefecht. Die Sklavenschinder wurden gefesselt und geknebelt, während Anamaria und Elizabeth schon mithilfe von Wills Dietrichen die Ketten der Galeerensklaven öffneten, mit denen sie an die Ruderbänke gefesselt waren. Sie bedeuteten den Gefangenen, leise zu sein, als die ihre Ketten aus den Ösen zogen und einen Ausdruck im Gesicht hatten, der geeignet war, Wasser zu Eis erstarren zu lassen. Einer der Indios verbeugte sich eifrig und bedankte sich. Will lächelte ihn warm an.

„Schon gut“, sagte er leise und klopfte dem Indio sanft auf die Schulter.

„Hey, was redet ihr da?“, fragte Anamaria verblüfft.

„Er hat ‚danke’ gesagt“, erwiderte Will.

„Du … sprichst ihre … Sprache?“, wunderte sich Anamaria. Will sah sie erstaunt an. Er war sich nicht bewusst, eine andere Sprache benutzt zu haben. Dann dämmerte es ihm, dass Quetzalcoatl sie wohl in der Absicht auf dieses Schiff geführt hatte, sie könnten die hier gefangenen Azteken befreien. Doch ihm kam noch eine andere Erkenntnis …

Jack war inzwischen weitergepirscht und horchte an einer Tür am achteren Ende des Ruderdecks, zu der ein wesentlich längerer Niedergang hinaufführte als zu dem Zwischendeck, von dem sie in den Ruderraum gekommen waren. Er kannte die spanischen Galeeren und wusste, dass es eine direkte Verbindung zwischen der Kajüte des Capitán und dem Ruderdeck gab. Er winkte Will heran.

„Hör mal: Die Stimme kenne ich …“, flüsterte Jack. Auch Elizabeth kam dazu. zu dritt lauschten sie an der Tür.

„Cutler Beckett!“, entfuhr es beiden. Jack nickte bestätigend. Sie lauschten weiter.

„Ihr habt Recht daran getan, die Kaperbriefe zu ignorieren, Capitán Alvarez“, hörten sie Beckett mit seiner unverkennbar hohen Stimme sagen.

„… y Mendoza“, vervollständigte der Spanier seinen Namen. Der indignierte Unterton war selbst durch die Tür zu hören.

„Auch gut“, erwiderte Beckett gleichmütig. „Es ist wichtig, dass diese Piraten umgehend gehängt werden – auch die beiden Frauen. Die ganz besonders. Eine davon ist die Tochter des … ehemaligen… Gouverneurs von Jamaica.“

Elizabeth ballte die Fäuste. Das klang ganz danach, als fürchtete Beckett ihre Rache.

Señor, Spanien hängt keine Frauen!“, entgegnete Alvarez y Mendoza.

„Oh, für so weichherzig hätte ich Euch nicht gehalten. Oder wollt Ihr sie gleich verbrennen? Die Heilige Inquisition geht mit Frauen ja nicht so … rücksichtsvoll … um, oder?“

„Was meint Ihr, Señor?“

„Nun ja, es heißt, dass die Heilige Inquisition sei in Spanien besonders eifrig, was die Jagd nach Hexen betrifft“, präzisierte Beckett.

Señor Beckett – verwechselt bitte nicht Hexerei mit Piraterie!“, wies Alvarez y Mendoza ihn zurecht.“

„Von mir aus. Dann überlasst sie mir und nennt mir Euren Preis“, erwiderte der abtrünnige Lord.

„Spanien wäre an einer Vertretung Eurer Handelsorganisation in den Kolonien interessiert. Ihr führt auf Euren Schiffen Zucker nach Spanien ein und beschafft uns die Samen des Kakaobaumes. Dafür könnt Ihr spanische Häfen benutzen. Vielleicht könnte sogar über eine exterritoriale Niederlassung verhandelt werden – eventuell Gibraltar, aber das liegt in der Entscheidung Seiner Majestät. Dann könnte man über die beiden Frauen wohl reden“, bot der Capitán an.

„Abgemacht. Es geht doch nur ums Geschäft Capitán Alvarez …“

„Es sei denn, jemand hat bei dem Geschäft noch ein Wörtchen mitzureden, Lord Beckett!“, fauchte Elizabeth, als sie die Tür aufstieß, dass sie geräuschvoller als geplant an die Wand krachte.

„Ihr kommt nicht weit!“, erwiderte Beckett, der den Schrecken der plötzlichen Störung besser zu tarnen verstand als der spanische Capitán, der ganz blass geworden war und erst recht erstarrte, als außer Elizabeth noch Jack und Will in spanischen Überröcken eindrangen und gleich die beiden Posten mit deren eigenen Strumpfbändern verschnürten.

„Kann sein, aber Euch nehme ich dorthin, wohin Eure Leute mich schicken könnten, auf jeden Fall mit!“, versetzte Elizabeth und hielt den spanischen Capitán und Beckett mit der Pistole in Schach.

„Und jetzt wüsste ich gern, wo unsere Leute sind!“, wandte Will sich an Alvarez y Mendoza, als er mit dem Posten fertig war. Er hielt dem Spanier ein Bajonett unter die Nase, das er einem der beiden Posten aus dem Gehänge gezogen hatte.

„Verteilt“, erwiderte der Capitán.

„Wo?“, fuhr Will ihn an und kam mit dem Bajonett etwas näher an die Kehle des Spaniers, so dass Alvarez y Mendoza schon schielen musste, um die Spitze im Auge behalten zu können.

„Auf der Santa Esmeralda und der Reina Isabella. Sie fahren direkt neben uns. Aber wenn die Comandantes* mitbekommen, dass Ihr geflohen seid, werden Eure Spießgesellen sterben.“

Will grinste freudlos.

Señor Capitán, mein Land befindet sich mit dem Euren im Krieg. Aber selbst ein Krieg setzt nicht jedes Recht außer Kraft. Ich warne Euch: Sollte nur einem unserer Männer ein Barthaar fehlen, werde ich mir überlegen, ob ich Euch Euer niederträchtiges Verhalten nicht in den eigenen Rachen stopfe!“, grollte Will finster. „Ihr, Capitán Alvarez y Mendoza und Ihr, Lord Beckett, werdet uns begleiten und dürft Euch auf eine ordentliche britische Gerichtsverhandlung freuen.“

„Wer seid Ihr?“, fragte Cutler Beckett.

„Captain William Turner. Captain Jack Sparrow kennt Ihr sicher, Lord Beckett“, erwiderte Will und wies auf Jack, der breit grinsend einen übertriebenen Kratzfuß machte.

„Ich bin Graf Cutler Beckett von Poitou. Ich habe Anspruch darauf, als Adliger ausgetauscht zu werden. Ich bin auch für Lösegeld gut, Captain Turner“, lockte Beckett.

„Ihr betrachtet uns als Piraten, Sir. Eure Leute haben mein Schiff überfallen, als ich im Auftrag von Governor Swann nach Captain Sparrow gesucht habe. Eure Leute haben meinen Auftrag zunichte gemacht, indem sie Captain Sparrow vertrieben haben. Meinen Kaperbrief haben sie ebenfalls geflissentlich ignoriert, was ja Euren Wünschen entspricht, Lord Beckett. Eure spanischen Freunde hat es ebenfalls nicht interessiert, dass wir Kaperbriefe hatten. Wenn Ihr Euch nicht an die Gepflogenheiten des Krieges haltet, habt Ihr – o Unglück – keinen Anspruch darauf, dass sie Captain Sparrow oder mich interessieren. Euer ergaunerter Status als französischer Graf interessiert mich so wenig wie Euer Geld. Ihr geltet als Verräter – und so behandle ich Euch“, versetzte Will eisig. Beckett bekam ein siegessicheres Grinsen.

„Ihr seid Euch zu sicher, Captain Turner! Los, greift ihn!“, befahl er, aber Will reagierte schnell, schlug Beckett nieder und verpasste dem Posten, der ihn von hinten ansprang, einen gut gezielten Stoß mit dem Ellenbogen, duckte sich fast gleichzeitig vor einem Gewehrkolben, der den zuerst angreifenden Posten traf.

„Welpe!“, zischte Jack, der sich ebenfalls geschickt gegen zwei weitere Angreifer wehrte.

„Du hattest genug Gelegenheit, die Tür sichern, Captain Jack!“, gab Will zurück und schlug einen Soldaten nieder, der sich von hinten an Elizabeth heranmachen wollte.

In der Kapitänskajüte blieb nichts heil, so heftig, wie dort gekämpft wurde. Dennoch dauerte es nicht lange, bis Elizabeth, Will und Jack mithilfe der befreiten Indios und Schwarzen die endgültige Kontrolle über die Santa Eulalia hatten. Als sie mit ihren Gefangenen aus der Kajüte kamen, wurde deutlich, dass auf den anderen Schiffen, die Alvarez y Mendoza ihnen genannt hatte, die dort eingesperrten Männer auch nicht untätig geblieben waren und sich ebenfalls befreit und die Kontrolle über die spanischen Schiffe übernommen hatten. Die Santa Esmeralda nahm schon das erste piratenfreie spanische Schiff unter Beschuss, die Black Pearl war schon wieder besetzt und machte eifrig dabei mit.

Will griff sich Capitán Alvarez y Mendoza.

„Capitán, sind auf den anderen Schiffen noch Galeerensklaven?“, fragte er. Der Capitán nickte.

„Dann werdet Ihr diesen Schiffen das Signal geben, sich augenblicklich zu ergeben!“, befahl Will.

„Und wenn nicht?“

Will zog ihn noch etwas näher am Kragen zu sich heran, Jack tippte ihm von der anderen Seite auf die Schulter. Der Spanier sah ihn ängstlich an.

„Muss ich Euch das wirklich sagen, Señor Capitán?“, fragte Jack mit maliziösem Grinsen. Alvarez y Mendoza schüttelte zögernd den Kopf. Wills zornschwarze Augen verhießen wahrlich nichts Gutes – und die von Captain Sparrow erst recht nicht …

„Ich tue, was Ihr verlangt, Señores“, versprach er und gab seinem Bootsmann einen Wink. Der spanische Bootsmann hisste die weiße Flagge, die Kapitulation signalisierte. Auch die anderen spanischen Schiffe gaben auf.

Nur die Mermaid setzte sich eilig nach Norden ab, zwar verfolgt von Salven der Black Pearl – aber schon aus deren Reichweite …

 

Kapitel 28

Kurs Jamaica

Von den insgesamt neun Schiffen, die Cozumel mit Kurs Kuba verlassen hatten – die sechs spanischen Schiffe und die drei aufgebrachten Piratenschiffe – segelten sieben Schiffe unter teilweise improvisierter schwarzer Flagge in Richtung Jamaica. Viele der spanischen Matrosen hatten sich für das Piratenleben entschieden und ihre Uniform abgelegt.

Die beiden fehlenden Schiffe waren die Mermaid und eine der spanischen Galeeren, besetzt mit ehemaligen Sklaven, die sich aber den Freibeutern nicht anschließen wollten.

Jamie war mit seiner Mermaid nach Norden geflohen und die befreiten Sklaven nach Süden. Die ehemaligen Sklaven hofften, dort irgendwo eine Insel zu entdecken, die noch niemand vor ihnen gefunden hatte, um dort in Freiheit zu leben. Dass Jamie mit seinen Leuten auf der Mermaid entkommen war, war unglücklich, aber im Moment einfach eine Tatsache. Allerdings waren sie nicht mehr unsterblich und damit keinesfalls mehr die in einer Seeschlacht unbezwingbaren Gegner, die sie bis zur endgültigen Aufhebung des Fluchs gewesen waren.

Auf halbem Weg nach Jamaica kam ihnen ein britisches Schiff entgegen, gejagt von einer französischen Fregatte. Die britische Brigg war offenbar böse angeschlagen, denn sie hatte Schlagseite und verlor an Geschwindigkeit, wie Jack durch sein Fernrohr schnell feststellte. Auch Will, der mit seiner Aztec vorne im Freibeuterverband fuhr, bemerkte die Brigg, die zu sinken drohte. Offensichtlich hatte die beschädigte kleine Brigg keine Chance gegen die französische Fregatte, die immer näher kam. Doch plötzlich drehte die Fregatte ab und überließ die sinkende Brigg ihrem Schicksal. Es machte den Eindruck, als hätte der Ausguck der Fregatte den Freibeuterverband gesehen und die Schiffsführung sich entschieden, gegen sieben Freibeuterschiffe lieber Fersengeld zu geben.

Wills Aztec kam gerade noch rechtzeitig, um festzustellen, dass es die HMS Invincible war, die gerade versank, und die Überlebenden aufzufischen, darunter Captain Gillette.

„Euch schickt der Himmel, Captain Turner!“, japste Andrew Gillette, der als Letzter aus dem Wasser gezogen wurde.

„Was ist passiert?“, fragte Will, als Gillette mit umgelegter Decke einen heißen Tee schlürfte.

„Wir sind vor Santo Domingo in einen Hinterhalt geraten. Die Spanier und Franzosen, verstärkt durch die East India Trading Company, haben uns fast vom Meer gefegt. Die HMS Dauntless ist schwer beschädigt, musste sich nach Nassau zurückziehen; die HMS Bellerophon und die HMS Artemis wurden versenkt, die Bloodhound, Kent und Wessex gekapert und nach Port Royal gebracht. Es ist ein Desaster. Ich konnte mich mit der HMS Invincible auf Admiral Norringtons Befehl zwar absetzen, aber die Franzosen haben uns erwischt, wie Ihr seht. Unsere letzte Hoffnung ist die Washington, die nach Norden durchzukommen versucht, um Verstärkung aus den Kolonien in Nordamerika zu holen“, sagte Gillette erschöpft.

„Was habt Ihr den Gegnern an Verlusten beibringen können?“, fragte Will weiter.

„Die Trinidad, die Santa Barbara und die Saint Louis haben wir versenken können. Alle drei sind gut bestückte Fregatten. Aber sie haben eine ungeheure Armada; bestimmt dreißig Schiffe, meist Karavellen und Galeonen bei den Spaniern, Fregatten und Briggs bei den Franzosen. Aber nichts kommt an die Endeavour heran, eine Fregatte der East India Trading Company, fünfzig Kanonen – pro Seite, versteht sich! Unbezwingbar!“

„Was ist mit den Freibeutern?“

„Sind auf unserer Seite, Sir. Aber sie haben ebenfalls Verluste. Villanuevas und Chevalles Schiffe sind kampfunfähig nach Nassau geflohen, was mit Sao Feng und seiner Empress ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, er konnte sich in das Insellabyrinth der Bahamas retten. Das Schlimmste aber ist …“

Gillette brach ab, als Elizabeth hereinkam.

„Was?“, hakte Will nach.

„Weil die HMS Dauntless so böse beschädigt war, hat Admiral Norrington die beiden Gouverneure und eine Leibwache für sie in ein Dingi gesetzt, damit sie zu einem der Freibeuterschiffe durchkommen können. Aber die Franzosen waren schneller. Sie haben sie gefangen genommen“, erklärte Gillette. Elizabeths Gesicht verriet ihr Entsetzen. Erst Wills sanfter Händedruck beruhigte sie wieder etwas.

„Was ist mit dem Admiral?“, fragte Elizabeth.

„Er hat sich zum Austausch angeboten. Er fuhr in einem Dingi zu den Franzosen, ging an Bord. Unmittelbar danach haben die Franzosen uns erneut angegriffen. Wir konnten uns knapp absetzen, um Euch zu suchen, aber wir wurden verfolgt und gestellt. Wir hatten einen Wassereinbruch im Vorschiff, den wir nicht stoppen konnten.“

„Wer hat jetzt das Kommando über die Flotte?“, erkundigte sich Will.

„Der Admiral hat Ammand das Kommando übergeben. Er wollte sich notfalls in die Bahamas zurückziehen und einen neuen Angriff starten, sofern Ihr und Captain Sparrow wieder dabei seid.“

„Wie viele Schiffe haben wir noch?“, fragte Will weiter.

„Es waren noch dreizehn, als ich wegfuhr und die Washington schon unterwegs war.“

„Ist noch Verstärkung aus England zu erwarten? Ist der König informiert?“, bohrte Will. Gillette schüttelte den Kopf.

„Nein, ich traf den Verband von Rear-Admiral Higgins auf halbem Weg nach England. Er war im Auftrag des Königs unterwegs in die Karibik, um Vorwürfe gegen die East India Trading Company zu prüfen.“

„Es ist also auch keine Verstärkung in Sicht, wenn nicht die Washington etwas erreicht, sehe ich das richtig?“, hakte Turner nach. Andrew nickte betrübt.

„Das ist ein unmögliches Verhältnis, Will!“, warf Elizabeth ein. William nickte.

„Meint Ihr, dass die Piraten … äh, Freibeuter … trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit weiter an Englands Seite kämpfen werden?“, erkundigte sich Gillette.

„Wenn ich ehrlich bin, kann ich das nicht garantieren“, seufzte Will. Elizabeth sah ihm an, dass ihm dieser Gedanken gar nicht behagte. Er war nicht der Mann, der andere im Stich ließ.

„Wir müssen uns mit den anderen beraten“, sagte er schließlich.

Wenig später waren alle Captains der kleinen Freibeuterflotte in der Kapitänskajüte der Aztec. Gillette berichtete, was er schon Will und Elizabeth mitgeteilt hatte.

„Gentlemen, wir haben nur eine Chance“, sagte Jack, als er Gillettes Bericht gehört hatte. „Wir müssen davonlaufen!“

„Ich nehme mal an, dass das der Abschluss sein soll“, mutmaßte Bill Turner, der inzwischen die Santa Esmeralda kommandierte.

„Nein, das meine ich absolut ernst, mein lieber Freund“, versetzte Jack.

„Erklär’ uns das näher, Jack“, bat Elizabeth.

„Da gibt’s nicht viel zu erklären. Ich hab’s gesagt, was ich meine.“

„Dann schlage ich als Alternative vor, dass wir kämpfen!“, entgegnete die junge Frau.

„Und womit?“, fragte Gibbs.

„Mit allem!“, antwortete Will. „Mit allem, was wir noch haben!“

Jack schüttelte den Kopf.

„Welpe!“, entrutschte es ihm.

„Sag mir, was daran so falsch ist!“, forderte Will ihn auf. Jack trat an die Seekarte, auf der Gillette die wahrscheinlichen Positionen der gegnerischen Schiffe vor Jamaica eingezeichnet hatte. Es war praktisch eine dreifache Phalanx, die die Bucht mit dem Hafen von Port Royal umschloss.

„Da ist kein Durchkommen, es sei denn, du bringst es fertig, wie die Flying Dutchman unter Wasser zu fahren – was ich zu bezweifeln wage!“, versetzte Jack.

Will sah eine Weile auf die Schiffspositionen.

„Davonlaufen, sagst du?“, fragte er.

„Aye, davonlaufen. Die älteste und beste Piratentradition!“, bestätigte Jack.

„Meinst du eventuell, dem Feind zu zeigen, dass wir davonlaufen?“, hakte er nach. Jack nickte nur und Will begriff.

„Aye, so machen wir es!“, sagte er. Abgesehen von Jack Sparrow sahen ihn alle verwirrt an.

„Äh, ich komm da jetz’ nich’ ganz mit“, beschwerte sich Ragetti und rieb nervös an seinem Holzauge.

„Tust du doch nie!“, grunzte Pintel und kratzte sich am zotteligen Haarkranz. Elizabeth sah fragend zwischen Will und Jack hin und her. Dann bemerkte sie den verstehenden Blick, den sie beide tauschten, sah nochmals auf die Karte – und der Penny fiel.

„Aye, klar!“, sagte sie.

„Äh, könnte mir das bitte mal einer erklären?“, bat Gibbs, als er an Bill Turners Gesicht sah, dass auch dort der Funke der Erkenntnis zündete.

„Jack ist ein Genie!“, grinste Will, was Jack mit einer Geste quittierte, die milde Verzeihung gegenüber der Begriffsstutzigkeit seiner Umgebung signalisierte.

Will drehte die Karte um, dass alle die eingetragenen Schiffspositionen sehen konnten.

„Die feindlichen Schiffe liegen uns im Weg wie ein Verhau von Fischernetzen. Wir segeln an ihrer Front vorbei – so dicht, wie es geht und uns noch Platz lässt, um schnell abdrehen zu können. Wir präsentieren ihnen Lord Beckett als unseren Gefangenen. Das werden sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie werden ihn also holen wollen, aber dazu müssen sie Port Royal verlassen und ihre Phalanx aufgeben. Sie werden uns nicht einzeln folgen, aber auch nicht mit der ganzen Flotte, wohl aber mit einem kleineren Verband. Wir locken sie aufs Meer und geben ihnen Saures“, erklärte Will.

„Willst du das ohne die anderen machen, William?“, erkundigte sich Gibbs.

„Nein, wir brauchen dazu die ganze Flotte von Freibeutern und Navy. Wir segeln also zu den Bahamas und sehen, dass wir sie wieder zusammensuchen. Ich hoffe, dass die Spanier und Franzosen wenigstens dem Austausch zugestimmt haben.“

„Und wenn nicht?“, fragte Bill. Will stützte sich auf dem Kartentisch ab.

„Dann werden wir sie ohne Erlaubnis ’rausholen!“, erwiderte er.

Wills Geschwader segelte weiter in Richtung Bahamas. Die Überlebenden von Gillettes Schiff waren auf die Cartagena gewechselt, die einzige Brigg aus dem spanischen Verband, die von Stephen Groves kommandiert wurde und nun eine komplette Navy-Crew an Bord hatte. Schon zwei Tage später trafen die sieben Schiffe aus dem Westen auf fünf der anderen Freibeuterschiffe, die sich vor den Feinden nach Westen hatten absetzen können. Darunter waren auch die Empress von Sao Feng und Chevalles nur knapp reparierte St. Malo. Von ihnen erfuhren Will und die anderen Freibeutercaptains, dass sich die restliche Flotte nach Tortuga hatte retten können – und dass Admiral Norrington Gefangener der französisch-spanischen Allianz war, aber die beiden Gouverneure nicht freigelassen worden waren.

„Im Notfall holen wir sie ’raus“, sagte Will entschlossen.

„Wer zurückbleibt, wird zurückgelassen – Piratenkodex“, entgegnete Chevalle.

„Vielleicht war es bisher nicht üblich, dass Piraten den Mut zeigen, über ihren Schatten zu springen. Ich verlange auch nicht, dass jemand mitkommt, aber ich werde nötigenfalls alleine versuchen, die Männer zu befreien“, stellte Will klar.

„Euer Mut ehrt Eusch, Capitaine Türneer“, erwiderte Chevalle. „Aber sie werden es Eusch nischt danken, glaubt mir, mon ami. Amiral Norrington ’ält nischts von uns Corsaires und die Gouverneurs … nein, die für gewöhnlisch auch nischt. Ihr ’abt nischt einmal eine Ahnung, wo man sie eingesperrt ’at.“

„In Port Royal gibt’s nicht sehr viele Möglichkeiten, Capitaine Chevalle. Fort Charles ist das einzige Gefängnis.“

„Will, er hat Recht“, schaltete sich Jack ein. Will sah ihn verblüfft an. Diesen ernsten Ton hatte von Jack Sparrow noch nie gehört. Jacks Gesicht verriet absolute Ernsthaftigkeit, nichts erinnerte mehr an den scheinbar ständig betrunkenen Tunichtgut, der jeden ausnutzte, der das Pech hatte, ihm über den Kurs zu fahren.

„Dass du den Mut hast, für deine Familie und deine Freunde mit dem Teufel persönlich zu raufen, steht außer Frage. Du hast es oft genug bewiesen. Aber wenn es zur Schlacht kommt, darfst du nicht fehlen. Du bist unser Anführer, William. Dazu haben wir dich gewählt“, fuhr Jack fort.

„Jack, die Gouverneure und der Admiral sind …“

„Druckmittel?“, unterbrach Jack ihn. „Ja, stimmt – unter den so ehrenhaften und gar ritterlichen Marinesoldaten …“, erwiderte Jack spöttisch. „Aber sie haben es mit Piraten zu tun. Piraten sind mit Geiseln nicht zu erpressen, das wissen sie genau; deshalb werden sie es gar nicht erst versuchen. Und selbst wenn: Wir haben auch welche. Vielleicht sogar wertvollere, denn Lord Cutler Beckett ist Herz und Hirn dieser Geschichte“, entgegnete er. „Es passt nicht zu dir, Geiseln zu nehmen, das weiß ich, aber in diesem Fall solltest du deinem Piratenblut nachgeben.“

„Danke für den Rat, Jack“, sagte Will. „Was schlägst du vor?“

„Wir werden das tun, was du aus meinem Vorschlag unterwegs bereits erkannt hast: Wir werden sie narren – einen nach dem anderen. Das erfordert schnelle Schiffe, also deins und meins und mutige Leute an Bord. Wenn die Perückenträger ihre Herren und Meister aus der gesiebten Luft holen wollen, werden wir ihnen die Gelegenheit dazu verschaffen“, erklärte Jack. Er sah von der Karte hoch und in Wills amüsiertes Lächeln.

„Was?“, fragte er.

„Du hast mir gerade die Frage beantwortet, was eigentlich geschehen muss, damit du nicht mehr in Rätseln sprichst, Captain Sparrow.“

 

Kapitel 29

Gegen die Phalanx

Zwei Tage darauf kam Jamaica in Sicht. Elf der zwölf Schiffe behielten den Kurs und steuerten eine vorgelagerte Insel einige Meilen südöstlich der Hafenbucht von Port Royal an. Die Cartagena hatte den Verband schon in der Nacht verlassen, um Jamaica von Norden her zu umfahren. Stephen Groves und Captain Gillette wollten nach einer Möglichkeit suchen, die Gefangenen aus dem Gefängnis von Fort Charles zu holen. Dass das nicht einfach war, war allen Beteiligten klar.

Im Schutz der Nacht erreichten die Schiffe das südlichste Kap des Bezirks Clarendon, das den südlichsten Punkt Jamaicas darstellte. Das Kap wurde beherrscht von einem unbewohnten Wald, was den Freibeutern entgegenkam, die sich hier auf die Lauer legen wollten. Die Aztec und die Black Pearl behielten Kurs auf Port Royal, das vom Kap Mahoe noch gut vierundzwanzig Seemeilen nordöstlich dieses Kaps lag. Noch in der Nacht gingen die beiden Lockvögel in der Wreck Bay auf halbem Wege nach Port Royal vor Anker und warteten den Morgen ab.

Als die Sonne aufging, ließ Will Capitán Alvarez y Mendoza und Lord Beckett an Deck holen und sie an den Fockmast binden.

„Ihr macht einen Fehler, Captain Turner. Die vereinigte Flotte wird Euch auf den Grund des Meeres schicken. Vielleicht überlegt Ihr Euch einen Austausch“, lockte Beckett.

„Vielleicht“, brummte Will.

„Wir kommen sicher ins Geschäft …“

„Nein!“, versetzte Will.

„Ich solltet es Euch überlegen“, beharrte Beckett.

„Noch ein Wort und Ihr bekommt einen Knebel, verstanden? “, fuhr Will ihn grantig an.

„Aber … mmmmhhhmmmm!“

Grob und unnachsichtig stopfte Will Beckett den Mund mit sauberem Putzleinen und verknotete den Knebel sorgsam.

„Klappe halten!“, grollte er finster. Der Blick, mit dem Beckett ihn bedachte, verhieß nichts Gutes.

Die Black Pearl und die Aztec lichteten die Anker und nahmen Fahrt auf. Sie nutzten dabei die Tatsache aus, dass der Passatwind, der in den tropischen Breiten sehr regelmäßig wehte, erst im Laufe des Tages seine volle Ausprägung erreichte. Nun, am Morgen, reichte der ablandige Wind, der vom in der Nacht ausgekühlten Land auf das Meer hinaus wehte, noch aus, um die beiden schnellen Schiffe zügig nordostwärts zu treiben. Nach einer knappen Stunde hatten sie die Hafeneinfahrt von Port Royal erreicht. Sie passierten die Hafeneinfahrt in einem Abstand, der außerhalb der Reichweite der Artillerie von Fort Charles war, aber deutlich machte, dass man bedeutende Gefangene hatte.

Wie Will und Jack spekuliert hatten, folgten den abdrehenden Freibeuterschiffen prompt sechs der vor der Hafeneinfahrt bereit liegenden französischen Fregatten. Die Black Pearl galt ohnehin als das schnellste Schiff in der Karibik, was außer ihrer Bauweise auch der Tatsache zu verdanken war, dass Jack Sparrow den letzten Windhauch zu nutzen verstand. Will Turner hatte ein sehr neues Schiff, das noch ohne Muschelbewuchs am Kiel war, das einen schmalen Rumpf und wenig Tiefgang hatte. Zudem hatte er sein Schiff in den Monaten seit dem Stapellauf gut kennen gelernt und schien ähnlich mit dem Steuerrad verwachsen wie sein Freund Jack Sparrow auf der deutlich größeren Galeone.

Die schweren französischen Fregatten waren zwar besser bewaffnet als die beiden Freibeuterschiffe, die Kanonen und die Munition ihrer besseren Waffen wogen aber auch bedeutend mehr, so dass die französischen Segler die Freibeuter nicht einholen konnten. Will erwischte sich sogar einige Male dabei, ungeduldig nach hinten zu sehen, ob die Franzosen ihnen auch wirklich folgten und nicht kehrt gemacht hatten.

„Brasst die Rahen aus dem Wind. Wir laufen ihnen weg!“, befahl Will, als er merkte, dass die Fregatten zurückfielen. Die Männer trimmten eilig die Brassen, bis die Aztec leicht an Geschwindigkeit verlor und den Abstand zu den Franzosen hielt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass wir mal trödeln müssten, um einen Kampf zu gewinnen“, lachte Elizabeth, als sie sah, dass die Fregatten kaum hinterher kamen.

Jack nahm auf die gleiche Art Geschwindigkeit weg und peilte achteraus. Im Fernrohr sah er, dass sich weitere sechs Schiffe in Bewegung setzten. Ein triumphierendes Grinsen, das die Goldzähne blitzen ließ, zeigte sich auf seinem Gesicht.

„Gibbs, gib Signal an Will, das er näher kommen soll.“

„Aye“, bestätigte Gibbs.

Will sah das Signal und steuerte näher an die Black Pearl.

„Ahoi, Will! Es kommen noch mehr!“, rief Jack hinüber. Will winkte bestätigend. Im schlimmsten Fall bedeutete das zwölf Franzosen und eventuell Spanier gegen elf Freibeuter. Das war das Risiko, das sie mit dieser Taktik eingegangen waren.

Der Weg bis zum Kap Mahoe schien immer länger zu werden. Statt etwa zweieinhalb Stunden benötigten sie wegen der langsameren Fregatten fast vier Stunden. Erst zwei Meilen vor dem Kap nahmen die Fregatten Geschwindigkeit auf. Will und Jack warteten lange, bis sie selbst die Geschwindigkeit erhöhten, um sich nicht einholen zu lassen. Die Franzosen achteten nur auf die beiden Freibeuterschiffe vor sich, nahmen aber die hinter dem Kap wartenden anderen Freibeuterschiffe kaum wahr, deren Großmasten erst bei der Kapumrundung sichtbar wurden. Erst jetzt bemerkten die Schiffsführer der Franzosen ihren Fehler, aber die Falle schnappte zu. Sao Feng kommandierte die wartende Flotte, die die französischen Schiffe kurz und klein schoss.

Die beiden Lockvögel waren schon wieder auf dem Weg in Richtung Port Royal, von wo sich die nächsten Schiffe der vereinigten Flotte Kap Mahoe näherten. Sie mussten den Spaniern und Franzosen nicht lange entgegenfahren und dieses Mal auch nicht herumtrödeln, um die Usurpatoren vor die Breitseiten der lauernden Freibeuterschiffe zu bekommen.

Kaum waren diese sechs Schiffe versenkt, als Will und Jack sich wieder auf den Weg nach Port Royal machten. Dieses Mal folgten ihnen drei Schiffe, die sie nach Kap Mahoe in die Falle lockten. Fünfzehn Schiffe hatte die vereinigte Flotte damit verloren, die Freibeuter hatten zwei von den Spaniern eroberten Galeonen eingebüßt, dafür aber eine wenn auch altersschwache Karavelle der Spanier sogar entern und kapern können. Die Fahrten der Aztec und der Black Pearl hatten zudem ergeben, dass es vor und im Hafen von Port Royal insgesamt dreißig Schiffe gegeben hatte. Jetzt waren es noch fünfzehn.

Will wollte noch eine vierte Fahrt unternehmen, aber da es bereits dunkel wurde, wollte er sie auf den nächsten Tag verschieben. Erst, als die Aztec neben der Black Pearl und der Empress westlich des Kap Mahoe vor Anker lag, spürten alle an Bord der beiden Lockvögel, wie müde sie waren. Will hatte die Wache an Hoskins übergeben und fühlte sich unendlich müde und ausgelaugt. Zwar hatte die Aztec nicht selbst im Kampf gestanden, aber den Lockvogel zu spielen, war doch anstrengender, als er sich zunächst hatte eingestehen wollen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er zwölf Stunden ohne Pause am Steuer seines Schiffes gewesen war.

Elizabeth folgte ihm in die Kajüte und spürte aufkommende Sorge um ihren Mann. Obwohl er in den letzten Monaten eine unübersehbare, sehr dekorative Bräune bekommen hatte, wirkte er wieder bleich und matt – es schienen die gleichen Symptome zu sein wie bei seinem letzten Zusammenbruch. Dabei hatte sich die alte Wunde seit Monaten nicht mehr bemerkbar gemacht. Als er das Hemd auszog und sich wusch, verzog er das Gesicht.

„Will?“, fragte Elizabeth. Er nickte nur schweigend, als er sich im Spiegel mit ihr verständigte.

„Was hast du? Du bist schweigsam wie lange nicht.“, bemerkte sie weiter. Will antwortete nicht, trocknete sich ab und ließ sich in die breite Koje fallen. Elizabeth legte sich neben ihn und streichelte sacht über sein Gesicht.

„Sag mir, was du hast. Hast du wieder Schmerzen?“, bat sie. Er schlug die Augen wieder auf und sah sie eine Weile an.

„Nein, habe ich nicht“, erwiderte er. „Es ist nichts, ich bin einfach nur müde.“

Sie wollte erneut ansetzen, aber er schüttelte den Kopf.

„Nein, lass nur. Ich bitte dich um Verzeihung, wenn ich dich zu lange nur als einen ausgesprochen wertvollen Teil dieser Crew betrachtet habe. Es tut mir Leid, wenn ich dich vernachlässigt habe“, bat er leise um Vergebung. Elizabeth lächelte und streichelte mit einem Finger sanft seinen Kinnbart, der sich so wunderbar weich anfühlte.

„Kein Grund, um Entschuldigung zu bitten, mein Pirat“, erwiderte sie und küsste ihn. Will umarmte sie und zog sie nahe zu sich. Sie küssten sich lange und genießerisch, schmusten eine Weile verliebt, dann liebten sie sich zärtlich und voller Wonne.

„Eigentlich sollte man solche Freuden erst genießen, wenn die Gefahr vorüber ist“, flüsterte Will keuchend, als sie nach der heftigen Leidenschaft atemlos zur Ruhe kamen.

„Nein“, entgegnete Elizabeth, die ebenfalls außer Atem war. „In manchen Fällen gibt Liebe erst die richtige Kraft, um jede Gefahr zu bestehen. Dir hat die Liebe schon mal Flügel verliehen“, erinnerte sie und schmiegte sich dicht an ihn. Er lächelte und streichelte sanft ihre Schulter.

„Schon, aber entweder ging es um dich oder um meinen Vater. Jetzt geht es zwar um unsere Insel, um ihre Existenz als britische Kolonie, aber das ist nicht das, wofür ich bisher gekämpft habe.“

„Auch dafür brauchst du deine ganze Kraft und deinen Einfallsreichtum, Will. Und außerdem …“

„Außerdem?“

„… kannst du als Freibeuter mit nichts überzeugender beweisen, dass du ein treuer Brite bist. Das sollte selbst einen Admiral Norrington überzeugen, dass Piraten nicht unbedingt Unholde sind.“

„Jamie gehört ohne Zweifel in diese Kategorie – und den haben wir immer noch nicht“, seufzte Will.

„Ärgert dich das?“

„Ich würde lügen, wenn ich ‚nein’ sage.“

Er zog sie noch etwas näher an sich, seine kräftige Hand, die dennoch so unvergleichlich sanft sein konnte, kraulte sie sacht im Nacken.

„Ich liebe dich“, flüsterte er und küsste sie sanft auf die Stirn.

„Sag mir, was du morgen vorhast“, bat sie leise.

„Das gleiche wie heute.“

„Meinst du, dass sie noch ein viertes Mal darauf hereinfallen? So bescheuert können doch nicht mal die sein.“

„Es ist riskant, das ist mir klar, aber es wird kaum anders gehen, sie aus Port Royal herauszulocken.“

„Verstehe“, sagte Elizabeth leise. „Aber … was würdest du davon halten, wenn wir uns morgen früh noch mal mit den anderen abstimmen?“

Sie richtete sich halb auf und beugte sich über ihn. Will lächelte sanft.

„Aye“, bestätigte er mit geschlossenen Augen. Sein entspanntes Gesicht reizte sie zu einem liebevollen Streich. Sie kitzelte ihn in der Seite, dass er erschrocken hochkam. Er brauchte eine Weile, um ihre Hände unter Kontrolle zu bekommen und sie festzuhalten. Er beugte sich seinerseits über sie und tupfte einen Kuss auf ihre Lippen.

„Pirat!“, grinste er und nahm sie wieder in die Arme, spürte, wie sie ihm entgegenkam und ihn ganz nahe zu sich zog. In wortlosem Einverständnis liebten sie sich erneut – zärtlich, langsam und genießerisch.

Elizabeth hatte das Gefühl zu schweben. Will hatte sich seit dem Beginn ihrer Ehe als zärtlicher und aufmerksamer Liebhaber erwiesen, war mit seinem unglaublich guten Aussehen, seiner charmanten Art, seinem Mut, seinem klugen Verstand und seinem Können als Schmied und als Freibeuter ein Mann, von dem eine Frau sonst nur träumen konnte. Es hatte schon immer Tage gegeben, an denen Elizabeth sich hatte kneifen müssen, um sicher zu sein, dass er keine Vision, sondern ein lebendiger Mensch war. Aber seit sie von Cozumel verlassen hatten, waren die wenigen Momente, die sie für sich gehabt hatten, von besonderer Qualität gewesen. Seitdem hatte Elizabeth den Eindruck, dass sie jede Zärtlichkeit, die sie ihrem Mann erwies, doppelt zurückbekam. Es war ihr ein oder zweimal sogar schon so erschienen, dass sie sein liebevolles Streicheln spürte, obwohl er sie noch gar nicht berührt hatte. Aber jetzt … jetzt meinte sie, vier Hände zu spüren, die sie zärtlich liebkosten … Ein leises, wonniges Seufzen entrang sich ihr.

„Schön so?“, hörte sie seine geflüsterte Frage nah an ihrem Ohr und spürte eine sachte Berührung seiner weichen Lippen an ihrem Ohrläppchen, dann an ihrem Hals, genau da, wo der Puls war. Hingerissen nickte sie nur, unfähig, jetzt ein Wort herauszubringen. Als er lächelte, sträubte sich sein weicher Bart leicht und verursachte bei ihr eine zusätzliche, höchst angenehme Gänsehaut. Sie seufzte erneut voller Wonne und zog ihn noch etwas enger an sich – und spürte einen leichten Stich im Rücken. Wills Hände waren allerdings nicht an dieser Stelle … Er zuckte leicht zusammen.

„Hmm, du solltest dir bei Gelegenheit die Krallen etwas stutzen, mein Liebling“, flüsterte er und küsste sie.

„Entschuldige, habe ich dir wehgetan?“, fragte sie verblüfft und ließ ihn los. Er schüttelte lächelnd den Kopf.

„Noch nicht, aber länger sollten die Fingernägel besser nicht werden, sonst sind sie ein Fall für einen Hufschmied“, grinste er.

„Würdest du das auch übernehmen, Meister Waffenschmied?“, fragte sie mit verliebtem Lächeln und zeichnete sanft die leichte, nach innen gerichtete Wölbung seiner Wange nach. Er nickte und erwiderte ihr Lächeln. Dann sah er Elizabeths nachdenkliche Miene.

„Was ist?“, fragte er.

„Ich … weiß nicht, bin … mir nicht ganz sicher …“, erwiderte sie zögernd und strich ihm nochmals über die Wange. Nein, sie hatte sich nicht geirrt, sie spürte tatsächlich ihr eigenes Streicheln …

„Will?“

„Aye?“

„Was spürst du, wenn ich dich streichle?“

Will sah sie verwirrt an.

„Was meinst du?“

„Was ich gefragt habe. Spürst du es, wenn ich dich streichle?“

„Ja, natürlich“, gab er zurück. „Und es ist wunderschön, was du tust. Aber … wieso fragst du?“

„Weil ich es selbst spüre. Und das ist ungewöhnlich.“

„Das ist es – aber wenn es nach mir ginge, könntest du gern noch mehr davon bekommen. Ich kann dich leider gar nicht so viel streicheln, wie ich gerne möchte.“

„So wundervoll das ist … warum spüre ich mein eigenes Streicheln?“, fragte sie. Will seufzte leise. Elizabeths Forschungseifer war bemerkenswert, aber im Moment interessierte ihn das Warum nicht. Er wollte jetzt die gemeinsame Freude nur genießen. Morgen konnte alles schon vorbei sein, wenn sie es nicht schafften, die vereinigte Flotte gründlich zu narren und zu dezimieren. Wenn es schief ging, wartete auf alle, die unter Freibeuterflagge fuhren, der Henker – Kaperbriefe hin oder her. Dass sich die East India Trading Company und die mit ihr verbündeten Franzosen und Spanier einen Dreck um die Lizenz zum Kapern scherten, hatte Beckett mehr als nur deutlich gemacht.

„Lass es uns heute einfach so hinnehmen“, flüsterte er. „Zum Grübeln ist jetzt nicht der richtige Augenblick.“

Elizabeth erwiderte sein Lächeln.

„Du hast Recht. Wir sollten die Zeit, die uns vielleicht noch bleibt, noch genießen. Wer weiß, was morgen sein wird?“, flüsterte sie. Auch ihr war klar, dass der morgige Tag entscheidend sein würde.

„Was immer auch geschieht, Will: Ich möchte, dass du weißt, wie sehr ich dich liebe“, sagte sie. Er nickte.

„Für dich würde ich sterben“, erwiderte er und küsste sie erneut. Die Leidenschaft riss die Liebenden fort und schenkte ihnen schließlich erholsamen Schlaf.

 

 

Kapitel 30

Parlay

Der nächste Morgen kam viel zu schnell. Dennoch erwachten Will und Elizabeth, ohne dass ein grober Weckruf notwendig war. Durch das Heckfenster sah Will, dass es ein trüber Tag war. Es sah sogar nach so etwas wie Nebel aus … Nebel war ungewöhnlich in der Karibik, aber nicht völlig unmöglich. Die genauen Zusammenhänge des Wettergeschehens waren noch unerforscht, aber alte Seebären wie Gibbs wussten zu berichten, dass Nebel vor allem dann vorkommen konnte, wenn es im Norden frühzeitig kalt wurde und der Wind von Norden kam – dann war es gerade der warme Südäquatorialstrom, der von der südamerikanischen Küste her in die Karibik floss, um in den Golf von Mexiko weiterzuströmen und dann als Golfstrom in den Atlantik zu ziehen, der den Nebel auslösen konnte. Es war inzwischen Ende Oktober, eine Zeit, in der es im Norden durchaus kalt genug werden konnte, dass unter ungünstigen Umständen die Karibik davon auch etwas abbekam.

Will kam an Deck, um Charles Hoskins abzulösen. Der gedrungene, kleine Seemann, der inzwischen Zweiter Maat auf der Aztec war, sah sorgenvoll zum Kap Mahoe.

„Morgen, Charlie. Was machst du für ein Gesicht?“, fragte Will.

„Morgen, Sir. Sieh dir das an, Will: Der Nebel wird dichter. Wir sollten das ausnutzen und die Armada angreifen, wenn du mich fragst“, empfahl Hoskins. Will folgte dem Blick seines Zweiten Maats.

„Ist schon jemand ausgelaufen?“

„Nein – und ich glaube auch nicht, dass es jetzt noch möglich ist“, erwiderte Charlie und wies zum Kap. Will nahm sein Fernrohr und peilte hindurch. Schemenhaft sah er Segel, die sich aus dem Nebel schälten.

„Verdammt!“, entfuhr es Will. „Gib Alarm!“, wies er den Zweiten Maat an, der auch prompt vom Achterdeck sprang, an die Schiffsglocke auf dem Hauptdeck rannte und Alarm läutete. Sein Alarm wurde gehört und von den anderen Piratenschiffen aufgenommen.

„Macht die Geschütze klar!“, rief Will seinen Männern zu, die seinem Befehl eilig nachkamen.

„Ein Schiff unter Parlamentärflagge!“, brüllte es via Megaphon vom vordersten Schiff der Freibeuterflotte. Will sah noch einmal genauer hin. Tatsächlich: Das Schiff, das an der Spitze der Gegner fuhr, führte eine rein weiße Flagge, Zeichen für Verhandlungsbereitschaft. Noch ein Stück außerhalb der Bucht ließ der Gegner den Anker fallen, die anderen gegnerischen Schiffe taten es ebenfalls.

Wenig später hatten sich alle Captains und Piratenfürsten auf Sao Fengs Empress, die die größte Kajüte hatte, zusammengefunden.

„Sie bieten Verhandlungen an“, sagte Will.

„Als König der Piraten könnt Ihr Feinden das Parlay-Recht gewähren, Captain Turner“, meldete sich ein wettergegerbter Pirat zu Wort, dem man nur wünschen konnte, dass er eines Tages wirklich so alt werden würde, wie er jetzt schon aussah.

„Verzeiht, wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Mit wem habe ich das Vergnügen?“, erkundigte sich Will und nickte dem alten Piraten zu.

„Das ist Captain Teague, Captain Turner“, erklärte Sao Feng. „Er ist der Hüter des Kodexes und weiß auf jede Frage dazu eine Antwort.“

„Ich unterstelle, dass er auch die richtige Antwort weiß“, lächelte Will und sah prompt in die Mündung von Teagues gespannter Pistole.

„Zweifelst du das an, Bursche?“, grollte er lauernd.

„Nein“, erwiderte Will ruhig, während alle anderen heftig zusammenzuckten.

„Denn is’ ja gut“, brummte Teague, sicherte die Waffe wieder und schob sie bedächtig in die breite Schärpe unter dem Gürtel. „Der Kodex is’ Gesetz!“, brummelte er drohend.

„Es … ist gefährlich … ihn zu reizen, Captain Turner“, warnte Ammand Will leise.

„Und er ist sehr leicht zu reizen“, setzte Sao Feng hinzu. „Sri Sumbhajee hat er schon einen von dessen Dolmetschern erschossen, weil er die Gültigkeit des Kodexes in Zweifel zog“, flüsterte er, um sicher zu gehen, dass der Hüter des Piratengesetzes seine Worte hörte.

„Captain Teague!“, rief Will. Alle im Raum zuckten nochmals heftig zusammen und wurden kreidebleich.

„Aye, Bursche!“

„Ich hätte eine Bitte an Euch.“

„Was?“

„Ich hätte gern einen Experten für den Kodex bei mir, wenn wir mit den Gegnern verhandeln“, bat Will. Teague sah ihn grimmig an.

„Is’ keine gute Idee, mit denen zu verhandeln. Kannst nur dabei verlieren, Bursche“, erwiderte der Hüter des Kodexes.

„Mag sein, aber wir gewinnen etwas Zeit“, erwiderte Will.

„Wir brauchen nicht Zeit, wir brauchen Platz, Will“, warnte Jack. Will nickte.

„Wie viel Pulver haben wir?“, fragte Will.

„Genug, um halb Jamaica einzuäschern“, antwortete Tai Huang, Sao Fengs Erster Maat.

„Pech und Teer?“, fragte Will weiter.

„Auf dem gekaperten Spanier war mehr als genug“, antwortete Bill Turner.

„Wir werden sehen, was sie wollen. Sollte es schief gehen, gilt der Kodex. Wegen drei Leuten, die zur Verhandlung gehen, soll nicht alles gefährdet werden. Wenn sie also falsch spielen, präpariert ihr die drei altersschwächsten Beuteschiffe mit Sprengstoff, Pech und Teer und schickt sie der Armada entgegen. Sprengt euch den Weg frei und tut, was ihr könnt, um diese Insel wieder freizubekommen. Jack, du hast das am besten bewaffnete Schiff. Es … wäre mir lieb, wenn du das Kommando übernimmst, falls sie uns in die Falle locken.“

„Das Kommando hatte bisher ich“, fuhr Sao Feng dazwischen.

„Nein, ich!“, grollte Ammand. Der Araber und der Chinese sahen sich zornig an. Deren Crews gingen schon in Angriffsposition, als ein Schuss krachte und alles wie erstarrt stehen blieb. Vorsichtig gingen die Augen zu Will Turner herum, der seine Pistole wieder in den Gürtel schob. Sao Feng sah noch an die Decke seiner kostbaren Kajüte, aber es gab kein Loch. Will hatte lediglich Pulver in der Pistole gehabt …

„Captain Teague, steht dem König der Piraten das Recht zu, einen Stellvertreter zu bestimmen?“

„Aye!“, grunzte Teague.

„Danke, Captain Teague“, lächelte Will verbindlich. „Captain Sparrow übernimmt das Kommando, solange ich weg bin. Captain Teague, wollt Ihr mich zur Verhandlung begleiten?“

„Aye!“

„Kommt noch jemand freiwillig mit?“, fragte Will dann.

„Aye, ich!“, meldete sich Elizabeth.

Die Insel war ein schmaler, weißer Sandstreifen eine gute Meile vor Kap Mahoe, der nur bei Ebbe trocken fiel. Will, Elizabeth und Teague erwarteten die Unterhändler der Gegner. Zwei fein herausgeputzte Soldaten und ein unscheinbar wirkender Mann, der eher wie ein Sekretär aussah, landeten ebenfalls mit einem Boot. Der mittlere Parlamentär, seiner blauen Uniform und der weißen Kokarde am Hut nach wohl ein Franzose, zog den mit goldenen Tressen und weißen Federn geschmückten Dreispitz und verbeugte sich höflich. Will und Teague erwiderten die Höflichkeit.

Bon jour, Messieurs. Ich bin Admiral de Lassalle von der Königlichen Marine Frankreichs. Zu meiner Rechten Monsieur Mercer von der East India Trading Company, zu meiner Linken der Herzog von Veracruz, Admiral Seiner Majestät des Königs von Spanien“, stellte der französische Admiral vor. „Und wer seid Ihr, Piratenpack?“

„Ich bin Captain William Turner, Freibeuter im Dienste Seiner Majestät des Königs von Großbritannien, zu meiner Rechten Captain Teague, ebenfalls Vertreter der Freibeuter, zu meiner Linken meine Frau Elizabeth Turner, die in diesem Fall als Tochter des Gouverneurs Weatherby Swann stellvertretend für den König von Großbritannien hier steht.“

„Madame“, machte de Lassalle einen Sonderkratzfuß.

„Ihr wünscht, Admiral de Lassalle?“, fragte Will.

„Ihr habt den Grafen von Poitou als Gefangenen“, stellte de Lassalle fest.

„Lord Beckett“, präzisierte die graue Maus Mercer mit der trockenen Nüchternheit eines Buchhalters.

„Stimmt“, bestätigte Will.

„Und Capitán Alvarez y Mendoza“, setzte der Spanier hinzu.

„Aye“, bestätigte Will.

„Wir verlangen ihre augenblickliche Freilassung!“, sagte de Lassalle bestimmt.

„Was bietet Ihr dafür?“, fragte Will.

„Euer Leben“

„Etwas dünn“, grinste Will. „Ihr habt die Gouverneure von Jamaica und den Bahamas sowie Admiral Norrington in Eurer Gewalt.“

„Aye!“, gab der Spanier zu.

„Gebt sie frei und Ihr könnt Beckett und Capitán Alvarez y Mendoza haben“, stellte Will die Gegenforderung.

„Ihr missversteht uns, mon Capitaine. Wir akzeptieren keine Forderungen von Piraten“, widersprach de Lassalle.

„Warum wollt Ihr dann verhandeln?“, erkundigte sich Elizabeth.

„Wir wollten unsere Forderung übermitteln.“

„Dann wird nichts aus dem Geschäft. Bietet eine wirkliche Gegenleistung!“, versetzte Will.

„Oder?“, grinste de Lassalle spöttisch. „Wollt Ihr etwa kämpfen? Eure Bucht ist abgeriegelt. Wenn Ihr kämpft, werdet Ihr alle sterben.“

„Wir haben gestern fünfzehn Eurer Schiffe versenkt oder gekapert. Wenn Ihr glaubt, ohne Verluste davonzukommen, seid Ihr so dumm wie Ihr lang seid“, entgegnete Will. De Lassalle kam drei schnelle Schritte auf ihn zu, aber Will blieb ungerührt stehen. Teagues Hand legte sich auf den Pistolengriff.

„Hüte deine Zunge, Pirat!“, fauchte der Franzose ihn an. Will hielt dem Blick stand.

„Soll ich jetzt Angst kriegen?“, grinste Will ihn frech an.

„Du vergisst deinen Platz, Pirat!“

Will hakte beide Daumen in den Gürtel.

„Ich habe ihn jedenfalls nicht verlassen – im Gegensatz zu dir, Franzmann“, grinste er. De Lassalle holte aus und wollte ihn schlagen, aber seine linke Hand saß plötzlich wie in einem Schraubstock fest, als Will blitzschnell zugriff und dem Franzosen das Handgelenk schmerzhaft verdrehte. Vor Schmerz ging der Mann in die Knie.

„Mach das ja nicht noch mal, sonst ist das Handgelenk ab, verstanden?“, warnte Will. De Lassalle taumelte zurück und steckte das schmerzende Gelenk unter den anderen Arm.

„Er hat mich angegriffen!“, japste er.

„Ihr seid unbeherrscht, Admiral. Unbeherrscht, hochnäsig und offenbar unfähig zu verhandeln!“, fuhr Will ihn an. „Ihr wolltet verhandeln, wir haben nicht darum gebeten. Ohne eine greifbare Gegenleistung wird nichts aus dem Geschäft. Also?“

Als die Gegner keine Anstalten machten, eine Zusage zum Austausch zu machen, zuckte Will mit den Schultern und drehte sich um.

„Mercer!“, befahl de Lassalle. Die graue Maus zog eine Pistole, aber Teague war schneller und schoss ihm die Pistole aus der Hand. Will fuhr herum und zog sein Schwert.

„Es geht auch anders“, grollte er. De Lassalle grinste höhnisch.

„Ihr wollt Euch doch nicht etwa mit einem französischen Ritter messen?“

„Wenn Ihr es darauf anlegt, habe ich damit kein Problem, Mister!“

„Ihr Piraten habt doch keine Ahnung, wie man damit umgeht“, spottete de Lassalle.

„Wollt Ihr es wissen? Dann spielt nicht den Maulhelden, sondern zieht Euren Degen, wenn der zum Kämpfen geeignet ist und nicht nur ein Hofspielzeug ist!“, versetzte Will und ging unbeeindruckt auf den Franzosen zu, der sich langsam rückwärts zurückzog. Elizabeth zog ebenfalls ihr Schwert und hielt den Spanier in Schach, während Teague seine Pistole liebevoll nachlud und dann auf Mercer anlegte.

„Ihr seid ein Feigling, de Lassalle!“, grollte Will. „Wenn Euch wirklich jemand versehentlich zum Ritter geschlagen hat, wisst Ihr, was Feigheit für einen Ritter bedeutet!“

Das wirkte. De Lassalle zog den Degen. Will sah mit einem Blick, dass dieses Teil allenfalls als Kaminzier taugte, aber keine Waffe war.

En garde!“, zischte er wütend. Der französische Admiral hatte keine Wahl und kreuzte mit Will die Klingen. Es dauerte drei gut gezielte Hiebe bis die Klinge des Franzosen mit scharfem Misston direkt unter dem Korb abbrach, wo sie lediglich mit zwei Nieten befestigt war. Ungläubig starrte er auf den Korb ohne Klinge, dann auf die Spitze der Klinge, die sich ihm vor dem Hintergrund beeindruckend wutschwarzer Augen entgegen reckte.

„Letzte Chance, de Lassalle: Austausch von Admiral Norrington, Governor Swann und Governor Bellows gegen Lord Beckett, Capitán Alvarez y Mendoza und die Räumung der Bucht oder Ihr könnt in einer Gitterzelle darüber nachdenken, ob man sich auf Verhandlungen mit Piraten einlassen sollte“, grollte Will. Der Franzose schielte noch eine Weile unentschlossen auf die Spitze der erstklassigen Klinge, die in gefährlicher Nähe seines Herzens war, dann nickte er zögernd.

„Ein… einverstanden“, würgte er. Will zog die Klinge zurück.

„Gut. Damit Ihr nicht auf dumme Gedanken verfallt, werdet Ihr und Mr. Mercer hier bei uns warten, während der Herzog von Veracruz alles Nötige veranlasst“, sagte er. De Lassalle erwischte sich beim Aufatmen.

Auf Wills Bitte pullte Captain Teague zu der Freibeuterflotte, der Herzog von Veracruz zur Flotte aus Franzosen, Spaniern und Company. Wenig später kamen die Boote mit den Gefangenen zurück. Elizabeth umarmte ihren Vater überglücklich, der ihr und Will einen väterlich-stolzen Blick schenkte. Will erwiderte den Blick seines Schwiegervaters mit einer höflichen Verbeugung.

Lord Beckett stiefelte auf Will zu und blieb nur eine knappe Armlänge vor ihm stehen.

„Ihr seht, ich komme dorthin zurück, wohin ich gehöre“, grinste er. Will bedachte den um einen guten halben Kopf kleineren Lord mit einem kühlen Lächeln.

„Nein, ganz seid Ihr noch nicht dort, wohin Ihr gehört. Für Verräter wie Euch, Beckett, ist der tiefste Kreis der Hölle reserviert. Und dorthin werden wir Euch schicken“, versetzte er.

„Ihr droht mir?“

„Nein, das ist eine Feststellung, Lord Beckett.“

„Heute Abend seid Ihr armseliges zerstrittenes Piratenpack Fischfutter.“

„Mag sein. Aber Ihr seid es auch, Beckett“, entgegnete Will. Beckett bekam ein eisiges Grinsen.

„Ich mache Euch einen Vorschlag: Wir fechten die Sache nach der uralten Regel des Zweikampfs aus. Euer bestes Schiff gegen unser bestes Schiff. Verliert Ihr, hängt Ihr samt Euren Freunden und diese Insel wird französisch. Verlieren wir, ziehen wir uns zurück.“

„Gegenvorschlag: Wenn Ihr verliert, hängt Ihr samt Euren Kumpanen“, grinste Will. Becketts Grinsen erlosch.

„Wir sind Soldaten!“, ereiferte sich de Lassalle.

„Euch interessiert es nicht, dass wir als Freibeuter den gleichen Status haben wie Soldaten. Und uns interessiert es dann nicht, dass Ihr Soldaten seid“, konterte Elizabeth. „Wir können aber auch vereinbaren, dass der Verlierer kapituliert und alle Gefangenen als Kriegsgefangene behandelt werden, also nicht getötet werden und auch nicht vor Gericht gestellt werden. Abgemacht?“

Beckett dachte eine Weile nach.

„Abgemacht“, sagte er dann.

 

Kapitel 31

Die Schlacht um Jamaica

Die Beiboote kehrten zu den Flotten zurück.

„Und Ihr glaubt wirklich, dass Beckett seine Zusage einhält?“, fragte James Norrington.

„Wenn er als Ehrenmann gelten will, sollte er das tun“, erwiderte Will.

„Werdet Ihr die Zusage einhalten?“

„Selbstverständlich. Entweder, weil ich ein ordentlicher Brite und ein Gentleman bin oder weil ich ein Freibeuter und ein guter Mann bin“, grinste Will.

„Ihr müsst noch viel lernen!“, spottete Norrington. „Wer führt diese armselige Flotte eigentlich?“

„Ich“, grinste Will. Norrington sah den jungen Mann an, als habe Will den Verstand verloren.

Das Boot erreichte die Black Pearl, wurde an Bord gehievt. Will ging auf die Brücke und berichtete Jack von den Verhandlungen.

„Wir sollten uns der ältesten und besten Piratentradition bedienen, Will: Ganz schnell weg hier!“, sagte Jack.

„Ich weiß, ich habe dich damit …“

„Will, die Endeavour hat über hundert Kanonen!“, versetzte Jack. „Das konnte auch nur einem Welpen wie dir einfallen! Kein Schiff dieser Flotte ist stark genug, es allein mit ihr aufzunehmen!“

„Na schön, dann mache ich es alleine. Erinnere dich, was ich dir empfohlen habe, bevor ich zum Parlay ging“, sagte Will und kehrte eilig in das Beiboot zurück.

„Was hast du vor, Will?“, fragte Elizabeth.

„Charlie, fahr zur Santa Eulalia!“, wies Will seinen Zweiten Maat an, ohne auf Elizabeths Frage einzugehen.

„Aye, Captain!“

Auf der Santa Eulalia sprang Will auf die Brücke und berichtete seinem Vater kurz über die Verhandlung.

„Die Karavelle, Junge!“, strahlte Bill. „Sie hat genügend, aber verdammt alte Kanonen; die helfen uns ohnehin nicht lange genug. Ich bin dabei.“

„Will, was immer du auch vorhast: Ich lasse dich jetzt nicht allein!“, knurrte Elizabeth.

„Es ist gefährlich“, erwiderte er.

„Piratenleben ist gefährlich!“, versetzte sie. „Aber lass mich selbst um meine Freiheit kämpfen.“

Er lächelte warm.

„Aye“

Lord Beckett saß an einem Tisch auf dem Hauptdeck der Endeavour und genoss eine Tasse heißen Tee, den er mit Zucker süßte.

„Das Piratenschiff kommt!“, meldete Lieutenant Greitzer. Beckett sah eher gelangweilt hoch. Dann grinste er über das ganze Gesicht.

„Eine Karavelle? Das soll ihr bestes Schiff sein? Ah, vermutlich ist Jack mal wieder zu feige …“, spottete er. „Gut, wir haben guten Wind. Signalisiert der Victoria, dass sie die Karavelle angreift! Sollte dieses Pack versehentlich doch Erfolg haben, soll die Mermaid ihr gleich folgen.“

„Aye, Lord Beckett!“

„Legt euch ins Zeug, Jungs! Wir müssen das gegnerische Schiff erreichen, bevor es zu weit von der Flotte weg ist!“, wies Will seine Freiwilligen an.

„Das wird mit dem alten Eimer schwierig sein, Captain!“, rief Hoskins. Doch die kleine und alte Karavelle machte erstaunlich gute Fahrt.

Danke, Calypso!’, durchzuckte Will ein Gedanke. Seine alte Dame näherte sich der großen Fregatte unter der Flagge der East India Trading Company schneller, als diese den Bereich der Flotte vor der Bucht verlassen konnte.

„Diese Wahnsinnigen!“, knurrte der Captain. „Die machen wir zu Hackfleisch! Ladet die Kanonen!“

Auf der anderen Seite stand Captain Teague bei Jack Sparrow auf der Brücke.

„Ich glaube nicht, dass mein eigener Sohn gegen den Kodex verstoßen will, Jackie!“, grollte Teague. Jack grinste in sich hinein.

„Wer sagt, dass ich das tue?“, erwiderte er. „Ich kenne nur Beckett und weiß, dass er sich an seine Zusagen nicht hält.“

„Du hättest Turner wenigstens warnen können.“

Jack schüttelte den Kopf.

„Manche Dinge muss er selbst erfahren. Er ist schon ganz gut, der Welpe.“

„Ganz gut?“, fragte Teague. „Weißt du eigentlich, was der da gerade macht?“

Jack sah seinen Vater einen Moment an.

„Oh, ja. Ich weiß es ganz genau!“, grinste er zurück.

Die Karavelle kam rasch näher an die Victoria. Zur Verblüffung der Besatzung der Victoria war an Deck niemand zu sehen, abgesehen von Will Turner, der am Ruder stand und sein Schiff fast genau frontal auf die Victoria zusteuerte.

„Feuer!“, befahl der Captain der Victoria. Zwei Bugkanonen und die Drehbasse auf der Back krachten, doch die Kugeln klatschten links und rechts neben der Karavelle ins Wasser, die immer näher kam. Nur das Brandgeschoss der Drehbasse traf einen recht frischen Teerfleck auf der Back der Karavelle und setzte sie in Brand. Will biss die Zähne zusammen. Wenn er Erfolg haben wollte, musste er noch Geduld haben. Dann sah er, dass sich auch eine Brigg aus der Flotte löste, die der Victoria direkt folgte – die Mermaid! Sie war also wieder da und hatte sich der Flotte angeschlossen.

Auch gut’, sagte sich Will, ‚dann brauchen wir wenigstens nicht mehr nach ihr zu suchen.’

Das Feuer auf der Back breitete sich rasch aus und ergriff Klüver und Fock, Will hielt stur seinen Kurs.

Jamie bekam ein böses Grinsen.

„Manuel: Alle Mann nach vorn. Schießt Turner ab!“

„Aye, Captain!“, frohlockte Cozo und befahl, die Waffen zu verteilen. Von der Victoria ging eine neue Salve los, die den Fockmast der Karavelle fällte. Er fiel nach hinten, wurde vom Großmast noch gehalten, das Feuer sprang auf den Großmast über. Will hustete, als der Wind den Rauch auch nach achtern transportierte. Die Mermaid kam ebenfalls schnell auf, sie und die Victoria nahmen die brennende Karavelle in die Mitte. Wills Grinsen konnten Manuel Cozo und seine Männer nicht sehen, die vergeblich versuchten, den jungen Captain im immer stärker werdenden Rauch auszumachen.

„Feuer!“, schrie Will. Das war das Signal für seine Leute. Unter Deck wurden die Lunten gezündet, Will setzte einen ganzen Strang von schnell brennenden Lunten ebenfalls in Brand, dann klatschte es an der achteren Steuerbordseite vernehmlich, wo sein Sprengkommando aus dem Fenster der Kapitänskajüte über Bord ging und das nachgeschleppte Beiboot enterte. Will wartete, bis alle im Boot waren, dann sprang er mit einem eleganten Satz am Spiegel über Bord und tauchte nur wenige Yards neben dem Boot in das glasklare Wasser. Fast im selben Moment flog die Karavelle mit einer gewaltigen Explosion in die Luft, zerriss die Victoria und die Mermaid gleich mit und setzte noch zwei weitere Schiffe in Brand.

„Los, zurück!“, befahl Will, als er sich mit Elizabeths Hilfe ins Boot zog. Die sechs Mann legten sich in die Riemen und pullten eilig zurück.

Lord Beckett sah zu seiner Verblüffung, dass der Zweikampf zugunsten der Piraten ausgegangen war und noch weitere Schiffe davon betroffen waren. Dann grinste er maliziös, als er sah, dass die Freibeuterschiffe weiter still lagen. Das Dingi war längst außer Reichweite.

„Vorwärts!“, befahl er.

„Worauf warten die wohl?“, fragte Greitzer, dem ebenfalls auffiel, dass sich bei den Freibeutern nichts bewegte.

„Darauf, dass wir die Abmachung einhalten“, grinste Beckett.

„Ah ja, er kommt!“, lächelte Jack. Teague peilte in die Richtung, in die sein Sohn wies und sah das Dingi, aber auch die Endeavour, die sich in Bewegung setzte.

„Gibbs! Signal an Stiefelriemen!“

„Aye, Captain!“

„An die Brassen! Holt dicht und voll halten, Männer!“, befahl Jack.

„Äh, Captain, meint Ihr nicht, es wäre an der Zeit, der ältesten und besten Piratentradi…“, wandte Gibbs vorsichtig ein.

„Ich war nie ein Freund von Tradition – und da ist noch was offen, mein Freund.“

Die Santa Eulalia und die Black Pearl setzten sich in Bewegung, aber auch die Empress und die Hai Peng.

Will und seine Leute erreichten die Aztec und gingen an Bord.

„Bemerkenswert, Captain Turner“, lächelte James Norrington und übergab Will das Steuer seiner Brigg. „Das habe ich zuletzt von Sir Francis Drake gehört – und das ist fast zweihundert Jahre her.“

Will lächelte sanft.

„Danke, Sir“, erwiderte er. „Macht die Kanonen klar. Wir haben es noch nicht hinter uns!“, rief er dann, was von einem vielstimmigen

„Aye!“, beantwortet wurde.

„Euch war klar, dass Beckett sich nicht an seine Zusage halten würde?“, fragte Norrington.

„Aye, der hat nur sein Ziel vor Augen, Graf von Jamaica zu werden. Aber dazu muss er erst an uns allen vorbei. Und ich gedenke nicht, ihm diese Insel zu überlassen!“

Lord Becketts Endeavour fuhr schneller als die anderen Schiffe der vereinigten Flotte. Beckett vertraute auf die ungeheure Feuerkraft seiner Geschütze, die jedes andere Schiff, das sich hier vor Clarendon befand, in den Schatten stellte. Doch die Black Pearl und die Santa Eulalia hatten selbst eine Menge Geschütze. Und was die Santa Eulalia nicht aufbieten konnte, machte die schnelle Aztec wett, die die Santa Eulalia noch überholte und sich davor setzte.

Die vier Schiffe fuhren frontal aufeinander zu, die Black Pearl hielt etwa fünfzig Yards seitlichen Abstand zu den Schiffen von Vater und Sohn Turner. Die Endeavour fuhr in den Zwischenraum hinein. Bevor die Kanoniere der Endeavour dazu kamen, zu feuern, gaben die Freibeuter bereits den Feuerbefehl. Drei fürchterliche Breitseiten hüllten die Endeavour in ein vernichtendes Inferno von Feuer und Explosionen.

Mit blankem Entsetzen sahen die französischen und spanischen Capitaines und Capitáns, dass das Flaggschiff der East India Trading Company vor ihren Augen von den Geschützen der Freibeuter buchstäblich zerrissen wurde und mit Mann und Maus unterging. Während die Black Pearl und die Aztec gleich weiter auf die restliche Flotte zufuhren, fischten Stiefelriemen und seine Leute ein paar Überlebende der Endeavour aus dem Wasser, darunter Lord Beckett und seinen Sekretär Mercer.

Die verbliebenen Schiffe der Flotte wandten sich zur Flucht, doch sie kamen nicht weit. Von Port Royal her näherten sich Schiffe unter britischer Flagge, aus der Gegenrichtung ebenfalls – und an der Spitze der Verstärkung aus Richtung Westen segelte die Washington. Chamberlain hatte es geschafft!

Die Reste der einst großen Flotte der Spanier und Franzosen strichen* die Flagge. Auf den Freibeuterschiffen brach tosender Jubel aus.

„Meinen Glückwunsch, Captain Turner“, sagte James Norrington und reichte Will die Hand, die der junge Captain ergriff und kräftig drückte. „Sir Francis Drake hat einen würdigen Nachfolger gefunden.“

Die Tür der Kapitänskajüte öffnete sich und die beiden Gouverneure kamen heraus, stimmten in das jubelnde

„Hurra! Hurra! Hurra!“ der Crews ein.

„Dem Himmel sei Dank! Es ist vorbei!“, seufzte Weatherby Swann. Glücklich umarmte er seine Tochter, reichte dann seinem Schwiegersohn die Hand.

„William … ich… ich weiß nicht was ich sagen soll“, sagte er.

„Ich bin es nicht allein, Vater. Alle hier – Navy und Freibeuter – haben dazu beigetragen“, erwiderte Will mit einem Anflug von Röte, als er den Händedruck seines Schwiegervaters erwiderte.

Wahrschau!“, schrie Stiefelriemen. Wills Kopf zuckte nach oben, er sah Mercer, sah ein fliegendes Messer, das in Richtung seines Schwiegervaters flog und riss Elizabeths Vater mit Schwung zu Boden. Das Messer traf Will in den Rücken und drang tief in seinen Körper ein. Mit einem nur mühsam unterdrückten Stöhnen ging er ganz zu Boden.

„Will!“, schrie Elizabeth. Sie sprang hinzu und hielt ihn fest.

„Das Messer …“, ächzte er. „Zieh es raus, bitte!“

„Es steckt tief“, warnte sie.

„Ich weiß. Zieh es bitte raus, bitte!“

Als Elizabeth nicht gleich reagierte, weil sie vor Schreck und Schmerz wie gelähmt war, kam James Norrington ihr zu Hilfe und zog das Messer aus der Wunde. Er spürte einen scharfen Schmerz an der gleichen Stelle im Rücken, der aber rasch verging. Dann ging sein Blick nach oben an die Reling der Santa Eulalia. Dort wand sich Mercer schreiend vor Schmerz, griff sich an den Rücken und schrie immer lauter. Alles wich von dem vor Pein brüllenden Mann zurück.

Während Mercer immer schwächer wurde, ging es Will wieder besser. Mit Elizabeths Hilfe stand er auf und atmete tief durch.

„Was ist das?“, fragte sie.

„Quetzalcoatl, mein Schatz“, erwiderte Will mit einem leisen Stöhnen.

„Is’ ja ’n Ding!“, platzte Pintel heraus. „Der sticht unsern Captain ab und stirbt selber dran!“

„Was?“, fragte Elizabeth.

„Ja, hab’ ich genau geseh’n: Das Messer hat den Captain getroffen, da is’ ’er selber zu Boden gegangen. Hat keiner auf ihn geschossen, schwör’ ich!“, sagte Ragetti. Mercer starb nach einigen letzten Zuckungen.

„Was … was hat das … zu bedeuten?“, fragte Weatherby Swann erschrocken.

„Mr. Mercer hat ein Messer auf Euch geworfen, Governor“, erklärte James. „Euer Schwiegersohn hat es abgefangen. Eigentlich müsste er tot sein, aber gestorben ist der Messerwerfer selbst.“

„Danke, Will. Ich verdanke dir mein Leben, mein Junge.“

Will nickte und ging wieder in die Knie.

„Quetzalcoatl, ich danke dir“, sagte er. „Dein Segen hat mich erneut gerettet.“

Eine einzelne Wolke verdunkelte die Sonne und nahm die Form eines indianischen Gesichtes an – Groaltek, der Will und den Seinen ein freundliches Lächeln schenkte.

„Jetzt weißt du, was geschieht, wenn dir jemand ans Leben will: Es trifft ihn selbst, wie auch alle Gute, was dir getan wird, zu deinen Freunden zurückkehrt. Diese Gabe konnte ich nur einem Menschen geben, der sie nicht missbraucht. Denn Missbrauch verkehrt sie ins Gegenteil.“

Damit löste sich die Wolke wieder auf und hinterließ einen strahlend blauen Himmel.

Erneut brandete unbeschreiblicher Jubel auf, der diesmal auch Quetzalcoatl galt.

„Kehren wir nach Port Royal zurück. Der Schrecken hat ein Ende!“

 

Kapitel 32

Bring mich an den Horizont

Port Royal bot ein Bild der Verwüstung. Die Truppen der East India Trading Company hatten schlimm gehaust. Es würde lange dauern, die Stadt wieder so aufzubauen, wie sie einmal gewesen war.

„Wir werden das schaffen“, sagte Will überzeugt.

„Und wovon?“, fragte Swann. Will lächelte sanft.

„Wenn … ich mich recht erinnere, bedingt mein Kaperbrief, dass ich zehn Prozent meiner Beute abgebe. Was wir aus den aufgebrachten Franzosen und Spaniern und denen der East India Trading Company gesichert haben, ist viel Geld wert. Wenn Ihr einverstanden seid, Governor Bellows, dass ich meinen Kronanteil ausnahmsweise an Jamaica gebe und nicht an Nassau …?“

Bellows grinste.

„Ach, Ihr habt Euren Kaperbrief noch nicht ganz gelesen, Captain Turner?“, fragte er.

„Wie bitte?“

„Dürfte ich mal …?“, bat Bellows. Will zog den Kaperbrief aus der Tasche und gab ihn Bellows. Der grinste breit.

„Ich find’ da kein Wort von Kronanteil. Ich hatte doch für alle Freibeuter auf den Kronanteil ausdrücklich verzichtet. Das gilt natürlich auch für Euch.“

„Hmm, meiner ist aber älter als die, die ich in Eurem Namen ausgestellt habe“, erinnerte Will. Bellows grinste breit.

„Jetzt haltet endlich die Klappe, Mann!“, zischte er durch die Zähne. „In keinem der Kaperbriefe ist ein Kronanteil enthalten. Auch in Eurem nicht!“

„Pirat!“, grinste Will zurück.

„Reicher Pirat!“, erwiderte Bellows und stieß Will freundlich an.

„Dann stifte ich freiwillig zehn Prozent meines Beuteanteils zum Wiederaufbau der Stadt. Ich wünschte nur, wir könnten all diese Toten wieder lebendig machen“, sagte er dann und wies auf die unendlichen Reihen von Kreuzen, die auf einem Hügel hinter der Stadt zu sehen waren. Betroffen sahen alle dorthin.

„Mein Gott!“, entfuhr es Swann. „Was ist hier geschehen?“

„Schätze, die Frage wird dieser Herr hier beantworten können“, sagte Norrington und zog Beckett am Schlafittchen nach vorn.

„Also?“, fragte Swann. Beckett sah ihn kühl an.

„Ich bin Lord …“

Weiter kam er nicht, weil er sich eine saftige Ohrfeige von Gouverneur Swann eingefangen hatte.

„Lord oder nicht: Ich will wissen, was hier passiert ist!“

„Diese Leute wurden der Piraterie für schuldig befunden und gehängt“, erklärte Beckett.

„Ich glaube, Lord Beckett, Euer Sündenregister dürfte alles in allem das eines gewissen Captain Sparrow um einiges übertreffen. Landesverrat scheint mir darunter inzwischen fast das geringste Verbrechen zu sein“, schnaubte Swann. „Ehrlich gesagt, fände ich es angebracht, wenn Ihr hinkünftig unsere Hafeneinfahrt zieren würdet. Abführen!“

Soldaten der Navy, Freibeuter und verbliebene Einwohner arbeiteten Seite an Seite, um Port Royal wieder zu dem zu machen, was es einst gewesen war. Die ersten Aufräumarbeiten dauerten einen guten Monat, dann war der Hafen wieder benutzbar. In dem knapp wieder hergerichteten Büro der Hafenkommandantur zog ein Gerichtshof ein, der über Lord Beckett zu befinden hatte. Beckett wurde des Verrats für schuldig befunden und gehängt.

Währenddessen wandelte sich das Gesicht des arg gerupften Port Royal weiter. Es würde noch lange dauern, bis alles wieder in neuem Glanz erstrahlte, aber es wuchs, und der fertige Hafen war eine Zäsur, die zu einem kleinen Fest Anlass genug war.

Trommler und Pfeifer der Royal Marines spielten ebenso auf wie Seeleute fröhliche Hornpipes spielten, die zum Tanzen geradezu nötigten. An vielen Plätzen wurde denn auch munter getanzt und gesungen, es gab aber auch stille Ecken.

In einer der stillen Ecken – es war der Hügel, der den Hafen nach Osten begrenzte und in den Zuckerhutfelsen an der Einfahrt mündete – saßen zwei Ehepaare: Elizabeth und Will, Jack und Anamaria. Jack junior war bei seinem Großvater, der etwas entfernt unter den Bäumen saß und auf der Laute so sanfte Melodien spielte, dass es keiner dem als recht wilden Piraten verschrienen Teague zugetraut hätte. Jack junior gluckste ab und zu vor Vergnügen, was Teagues Falten noch tiefer werden ließ, als sie ohnehin waren, wenn er dann lächelte.

„Was wirst du jetzt weiter tun, Will?“, fragte Jack. „Du weißt, dass ich jemanden wie dich gut brauchen kann. Jetzt bist du Captain, hast ein eigenes Schiff. Deine Aztec ist schnell. Komm mit! Du hast es einfach im Blut, Junge!“

Will sah über die langsam im Schatten versinkende Stadt und schüttelte den Kopf.

„Port Royal braucht mich jetzt, Jack. Ich bin Schmied und werde meine Handwerkskunst erst einmal dazu nutzen, diese Stadt wieder aufzubauen.“

„Das wird nicht ewig dauern“, erinnerte Jack grinsend.

„Nein, sicher nicht. Aber Elizabeth und ich werden bauen – und zwar hier, auf diesem Fleck, wo wir jetzt grillen. Ich habe das Gelände schon gekauft. Sofern die Zuwegung möglich ist, fangen wir an.“

„Du willst dich wirklich niederlassen …“, sinnierte Jack und biss von dem Brot ab.

„Ich hatte nie etwas anderes im Sinn, Jack. Jetzt bin ich frei – wirklich frei, denn ich kann meine Einkünfte aus unseren Abenteuern benutzen, weil ich einen Kaperbrief habe. Damit habe ich genug, dass ich bis an mein Lebensende sicher nicht mehr arbeiten müsste. Aber ich habe immer gern geschmiedet und werde das auch in Zukunft tun. Und wenn uns beide die Sehnsucht nach dem Meer packt, dann können wir losfahren, wohin immer wir wollen.“

„Dann hast du deine Crew nicht entlassen?“

„Ich habe sie ausbezahlt, wenn du das meinst. Vor Wochen noch hätte ich nie geglaubt, einmal zehntausend Guineas ausgeben zu können, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber sie haben mir gesagt, dass sie gern weiter für mich arbeiten würden.“

„Kunststück, bei der Heuer, die du zahlen kannst“, seufzte Jack. „Will, du bist König der Piraten! Da kann man sich nicht einfach zur Ruhe setzen!“

Will grinste.

„Ich habe immer gesagt, dass ich diesen Titel nur so lange führen werde, bis diese Geschichte abgeschlossen ist. Sie ist beendet und damit lege ich den Titel nieder.“

„Kannste nich’, Söhnchen!“, kam es von hinten. Will drehte sich um.

„Und warum nicht, Captain Teague?“, fragte er.

„Steht im Kodex“, kam es aus dem Hintergrund zurück. Jack grinste und zuckte mit den Schultern.

„Ich nehm’ Euch beim Wort und werde es mir bei Gelegenheit von Euch zeigen lassen, Captain Teague“, erwiderte Will. „Nichtsdestoweniger werde ich hier bleiben, bauen und weiter schöne Schwerter machen“, wandte er sich wieder an Jack. „Außerdem … ich möchte einen anderen guten Freund nicht überstrapazieren. Er hatte genug mit mir zu tun in der letzten Zeit. Und wenn Jerôme nicht eine Fehldiagnose gestellt hat, sind wir bald zu dritt“, setzte er hinzu und schenkte Elizabeth einen verliebten Blick, den sie ebenso verliebt erwiderte.

„Dafür, dass du vor ein paar Wochen eigentlich zum zweiten Mal tot warst, haust du mit dem Hammer schon wieder ganz nett zu“, grinste Jack in Wills Richtung. Will lächelte. Die untergehende Sonne ließ die Bräune in seinem Gesicht noch tiefer erscheinen.

„Ich bin Quetzalcoatl mehr als nur dankbar, dass er mich mit seinem Segen bedacht hat. Aber … du erinnerst mich an was. Beinahe hätte ich es wieder vergessen“, sagte Will, machte sich aus Elizabeths Arm frei und ging zu der Vorratskiste, in der sie ihren Proviant mit auf den Hügel gebracht hatten. Der Kiste entnahm er einige kleine Schachteln, die er mit ans Feuer nahm.

„Ihr erinnert Euch vielleicht noch, dass Quetzalcoatl gesagt hatte, er werde körperlich zurückkehren, wenn es uns gelänge eines der Medaillons zu kopieren?“

Jack nickte zögernd.

„Das ist für dich, Anamaria; das ist für dich, Jack“, sagte Will und gab seinen Freunden je eine kleine Schachtel. Jack öffnete sie und fand ein Aztekenmedaillon samt Kette. Anamaria hatte ebenfalls eines in ihrer Schachtel.

„Woher hast du die?“, fragte Jack verblüfft.

„Kopiert!“, grinste Will. „Mit Quetzalcoatls ausdrücklicher Erlaubnis aus purem Gold gegossen. Die Gussform habe ich auf sein Anraten aus der Pyramide mitgenommen.“

Jack grinste, als ihm klar wurde, dass Will ein ziemlich geschickter Dieb sein konnte. Er erinnerte sich, dass Will die Hand kurz in einer Nische hatte verschwinden lassen. Dabei hatte er die Gussform offenbar mitgehen lassen.

„Pirat!“, grinste Jack. Will erwiderte schelmisch Jacks Grinsen.

„Und …der Fluch?“, fragte Jack.

„Es gibt keinen. Das sind einfach schöne Schmuckstücke. Ich weiß, dass du so etwas nur schwer widerstehen kannst, Captain Sparrow.“

Jack sah seinen jungen Freund eine Weile an.

„Und … Groaltek?“

Wills Lächeln verstärkte sich, als er seine Hemdverschnürung ein Stück öffnete und an das Medaillon klopfte, das er um den Hals trug. Es leuchtete grün auf und Groaltek erschien und grüßte höflich.

„Nicht zu fassen! Du hältst dir sogar Götter warm!“, entfuhr es Jack.

„Wohl wahr“, kam es aus der Richtung eines Baumes. Dort erschien Calypso und nahm ihre körperliche Gestalt als Tia Dalma an.

„Es war mehr als nur ein Hauch von Schicksal, der euch alle zusammenführte, als Jack damals mit deiner Jolly Mon hier im Hafen ankam, Anamaria“, sagte sie.

„Was für eine irre Geschichte!“, seufzte Anamaria. „Hätte ich es nicht selbst erlebt, ich würd’s ins Reich der Fabel verweisen.“

„Das tun alle, die solche Dinge erleben“, sagte Groaltek und setzte sich voll materialisiert ans Feuer. Tia Dalma setzte sich neben ihn und griff auf Wills Einladung wie Groaltek gleich bei den gegrillten Leckereien zu.

Es war ein wundervoller Abend in Frieden und Freude. Als die Sonne endgültig versank, leuchtete ein grüner Schein auf, gleichzeitig verschwanden Calypso und Groaltek wieder.

„Eine Seele kehrt zurück“, sagte Teague leise.

„Oder zwei“, flüsterte Elizabeth und lehnte sich an Will an. Jack zog seinen Kompass.

„Was hast du schon wieder vor?“, fragte Anamaria mit drohendem Unterton. Jack hielt ihr den Kompass hin.

„Mit dir und unserem Sohn an den Horizont segeln … Trinkt aus, Piraten, yo ho!“

Damit klappte er den Kompass zu.

Ende

 

Glossar

Wie schon bei „Der Gefangene von Cayenne “ gebe ich auch hier wieder als kleinen Service für die armen Landratten eine Übersicht über die verwendeten Seemannsbegriffe, die nun mal nicht jeder kennt.

In diesem Fall habe ich aber gleich zwei Glossare in einem produziert, eben eines für das Seemannsgarn und eines für sonstige möglicherweise erklärungsbedürftige Begriffe. Die seetechnischen Ausdrücke sind mit * gekennzeichnet, die übrigen mit **. Ich hoffe, ihr findet euch zurecht.

* Seelexikon

abblenden: Lichter und Laternen löschen, bzw. Luken vor erleuchteten Schiffsräumen schließen, um ein Schiff in der Dunkelheit zu tarnen.

abschlagen: losmachen, insbesondere ein an einem Baum befestigtes Segel. Gegenteil von: anschlagen↑.

achtern: hinten

Affenfaust: Seemannsknoten in Form einer faustähnlichen Kugel. Solche Knoten dienen als Beschwerung für Tampen, die gezielt über Bord geworfen werden, zum Beispiel, um eine armdicke Festmachertrosse sicher an Land zu bringen.

Ankerspill: Siehe Spill

anschlagen: befestigen, insbes. ein Segel an einem Rundholz. Gegenteil von: abschlagen↑.

aufschießen:

  • mit einem Schiff in den Wind gehen und es dadurch zum Stehen bringen.
  • eine Leine in etwa gleichen „Buchten“ (Kreisen) geordnet an Deck aufrollen.
  • Öffnung eines Steckschotts ohne Schlüssel, aber mit Waffengewalt.

Back: die, erhöhter vorderster Teil des Vorschiffes.

Baum: allgemein: starke Spiere, z.B. Ladebaum, insbesondere: Rundholz, das die Unterkante (das „Unterliek“) eines Gaffel- oder eines Hochsegels hält.

Belegnagel: hölzerner oder eiserner Bolzen mit Griff, der durch ein Loch in der „Nagelbank“ gesteckt wird und an dem Leinen „belegt“ werden können.

Besan: der, auf mehrmastigen Schiffen außer Schoner der achterste Mast, und zwar mit Gaffel- oder Hochtakelung (auch Name des dazugehörenden Segels).

Brigg: Segelschiff mit zwei Masten, die beide mit Rahen↑ getakelt sind.

Briggsegel: Das zusätzliche Gaffelsegel des Besanmastes bei einer Brigg↑.

Brücke: Der erhöhte Steuerstand auf einem Schiff wird auch als Brücke bezeichnet. Bei Großseglern befindet sie sich in der Regelauf dem Achterdeck, von wo aus das gesamte Schiff zu übersehen ist. Diese erhöhte Warte ist vergleichbar mit einer Brücke.

Bugspriet: der, die Verstärkung des vorderen Stevens↑, des Vorstevens von Segelschiffen als Unterlage für den Klüverbaum

Dingi: das, die kleinste Art eines Bootes (Beibootes), durch einen einzelnen Mann zu bedienen.

dippen: Flaggengruß durch langsames Niederholen der Nationalflagge auf halbe Höhe und Wiedervorheißen.

Drehbasse: die, kleine Handkanone, die mithilfe eines Dorns auf der Reling oder der Nagelbank fixiert werden kann und fast um 360° drehbar ist. In der Regel sind Drehbassen von relativ kleinem Kaliber und dienten als Warnschusskanone oder für gezielte Schüsse auf kleinere, aber für die Manövrierfähigkeit wichtige Ziele.

dümpeln: unregelmäßiges Schaukeln eines Bootes.

dwars: seitlich, auch querab

Eigner: Eigentümer eines Schiffes

Fallreep: das, Treppe zum An- und Vonbordgehen in Schiffsrichtung. „Seefallreep“, eine über die Bordwand ausgebrachte Leiter mit Holztritten.

fieren: herunterlassen (wegfieren), der Kraft auf einer Leine nachgeben. Gegenteil von: heißen.

Fock: die, auf Yachten das achterste↑ Vorsegel, auch „Stagfock“ genannt. Das Segel davor nennt man „Klüver↑“, noch weiter vorne: „Außenklüver“.

Fockmast: Vorderster Mast eines mit mehreren Masten bestückten Schiffes.

Gaffel: die, Rundholz, an dem das Oberliek↑ eines Gaffelsegels befestigt („angereiht“) wird.

Galionsfigur: eine unter dem Bugspriet↑ angebrachte Skulptur.

Gatt: das,

  • Heck eines Schiffes, z.B. Spitzgatt, Rundgatt.
  • Speigatt: Wasserablauf nach außenbords.
  • Hellegatt: Vorratsraum.
  • Enge Durchfahrt in Küstengewässern

Glasen: Ausläuten der Schiffszeit. Siehe Stundenglas

Großmast: Höchster Mast eines Schiffes, bei einem Dreimaster der mittlere Mast.

hissen, heißen: hochziehen, hochholen. Gegenteil von: fieren↑.

Jakobsleiter: Strickleiter, meist mit Rundhölzern als Sprossen. Siehe dazu auch Fallreep↑.

Jakobsstab: Vorläufer des Sextanten ab ca. 1500, Instrument zur Messung von Winkeln und Höhen. In der Seefahrt (Nautik) benutzt, um den Standort eines Schiffes zu ermitteln.

Kabellänge: Entfernungsmaß in der Seefahrt, 1/10 Seemeile↑ = 185,2 m.

Kimm: die,

  • die stärkste Krümmung auf jeder Seite des Schiffsquerschnitts.
  • der sichtbare Horizont auf See, die scheinbare Berührungslinie von Himmel und Wasser.

Klüver: der, ein Stagsegel, das vor der Fock↑ gefahren wird

Klüverbaum: über den Vorsteven hinausragendes Rundholz zum Befestigen von Vorsegeln.

Liek: das (Mehrzahl Lieken), verstärkte Kante eines Segels wie: Vor-, Achter-, Ober-, Unterliek.

Mars: Plattform auf der Saling↑ eines Untermastes.

neunschwänzige Katze: Peitsche mit neun, aus Leder oder Pferdehaar bestehenden Peitschenschnüren, in deren Enden Knoten eingeflochten sind – oder auch Metallstücke. Ein grausames Strafinstrument, das noch bis ins 19. Jh. in der Seefahrt benutzt wurde.

Palstek: Seemannsknoten, der besonders für Leinen benutzt wird, die um einen Pfahl gelegt werden.

pullen: seemännisch richtig für die an Land irrtümlich verwendete Bezeichnung „rudern“. Siehe auch unter Riemen↑.

querab: seitlich, auch dwars

Rah: die, in ihrer Mitte waagerecht am Mast aufgehängt; Rundholz, an das die Oberkante des Rahsegels angeschlagen ist.

Reede: Legt ein Schiff in einem Hafen nicht am Kai an, sondern bleibt abseits der Kais oder auch vor dem Hafen vor Anker liegen, nennt man dies „auf Reede liegen“.

Reise, Reise: Weckruf bei der Marine, entstanden aus dem englischen Weckruf „arise!“

Riemen: binnenländisch – falsch – „Ruder“, Rundholz mit Blatt und Handgriff zum Fortbewegen eines Ruderbootes. Siehe auch unter pullen

Ruder:

  • Einrichtung am Heck zum Steuern des Schiffes durch das im Wasser befindliche »Ruderblatt«. »Aus dem Ruder laufen« dem Ruder nicht mehr folgen.
  • Steuerrad, mit dem das Ruder von der Brücke↑ aus gesteuert wird.

Saling: querschiffs am Mast beiderseits angebrachte kurze Stange, die die vom Topp herabführenden Wanten abspreizt und dadurch dem Mast besseren Halt gibt.

Schaluppe: ein kleines, einem Kutter ähnelndes Segelboot mit einem Mast und wird meist als größeres Beiboot verwendet

Schoner: Segelfahrzeug mit mindestens 2 Masten, die Gaffel↑- oder Hochtakelung tragen. Der achtere Mast (Großmast) ist ebenso groß, meist aber größer als der vordere Mast (Schonermast).

Schott: das (Mehrzahl Schotte), der Festigkeit und wasserdichten Unterteilung eines Schiffes dienende Querwand.

Seemeile: Entfernungsmaß in der Seefahrt. 1 sm = 1.852 m

Speigatt: siehe unter Gatt

Spiegel: querschiffs stehender Abschluss am Heck, bei alten Seglern oft mit kunstvollen Verzierungen und großen Fenstern versehen.

Spill: das, Winde mit senkrechter Achse zum Handhaben von Ankerkette (Ankerspill) und Leinen (Verholspill); auch „Winsch“ genannt.

Spring: die, Leine zum Festmachen, die von vorn schräg nach achtern („vordere Spring“) oder von achtern schräg nach vorn („achtere Spring“) ausgebracht wird, die beide sich beim Festhalten des Schiffes in ihrer Wirkung ergänzen.

Steven: Vor-, Achtersteven, Verlängerung des Kiels nach oben und Begrenzung des Schiffes vorn und achtern.

streichen, die Flagge: Niederholen der Flagge, ohne sie wieder zu setzen. Bedeutet die Kapitulation eines Schiffes im Kampf.

Stückpforte: durch Klappe in der Beplankung eines Schiffes geschützte Schießscharte. Die Klappe wird geschlossen, wenn die Kanone nicht benutzt wird, um sowohl die Kanone selbst als auch das Schiff vor eindringendem Seewasser zu schützen.

Stundenglas: Mittel, um in der Seefahrt die Wacheinteilung zu organisieren. Es handelt sich um eine Sanduhr, die in 30 Minuten durchläuft. Das dann folgende Läuten zur Mitteilung der Zeit an die Crew wird „Glasen↑“ genannt. 8 Glasen = 4 Stunden. Die Zeit beginnt um 12.00 Uhr mittags, der einzigen natürlich festzulegenden Zeit am Tage, da die Sonne den höchsten Stand erreicht. 8 Glasen danach ist es folglich 16.00 Uhr. Weitere Wachwechsel sind danach um 20.00 Uhr, 0.00 Uhr, 04.00 Uhr und 08.00 Uhr. Insgesamt kommen so innerhalb von 24 Stunden 6 Wachwechsel zustande.

Tamp(en): die beiden Endstücke einer Leine („eines Endes“).

Topp: der, das obere Ende, zumal eines Mastes oder einer Stenge.

Vormars: Die Marsrah des Fockmastes↑

Wahrschau: Warnruf: Vorsicht!

Yacht: Der Begriff taucht erstmalig im 17. Jh. auf und bezeichnet ein schnelles, eher kleines Schiff ab einer Rumpflänge von 30 – 40 Fuß (10 – 15 Metern). Ursprünglich wurden solche Yachten als Geschenke der Königshäuser untereinander gebaut und gefahren und konnten überaus kostbar ausgestattet sein. Der Begriff der Yacht als Freizeitschiff erscheint erstmals Ende des 19. Jh. Davor wurde Schifffahrt nur für Handel, Fischerei oder Kriegsführung betrieben, aber nicht zum reinen Vergnügen. Die Aztec ist zwar eine Brigg entspricht aber mit 112 Fuß Länge über alles [zwischen der Spitze des Bugspriets und dem Spiegel am Heck] (rd. 37 Meter) und 72 Fuß (rd. 24 Meter) reiner Rumpflänge noch dem, was man heute gemeinhin als Yacht bezeichnet; zudem nutzen Elizabeth und Will sie weder als Fracht- noch Kriegsschiff und auch nicht als Fischereifahrzeug, sondern ausschließlich als Reisegefährt. Im Prinzip kann man die Aztec daher als Yacht im Sinne von Freizeitschiff bezeichnen …

Vorbild für das hier beschriebene Schiff ist die Lady Washington, die in Fluch 7 Karibik die HMS Interceptor darstellte. Von der Lady Washington habe ich auch den üblichen Kaufpreis für derartige Schiffe erfahren. Beim Bau des Originals wurden 2.800 £ Sterling fällig. 1 £ Sterling entspricht 1 Guinea. Da Will hier nur ein gutes Drittel bezahlt, hat er wirklich preiswert eingekauft …

** Allgemeines Lexikon

Comandante: span. für Kommandant

deckend (Salve): Fachbegriff aus der Militärsprache. Eine Salve ist deckend, wenn das gesamte Ziel darin eingeschlossen wird, also Geschosse sowohl unmittelbar davor als auch dahinter einschlagen. Eine deckende Salve ist die Erfüllung der Aufgabe der Artillerie (Kanonen). In der Regel fallen dabei nämlich auch Treffer im Ziel selbst an… Verdammt gefährlich also für jene, die das Ziel dieses Angriffs sind.

Eau admirable: Ursprüngliche Bezeichnung für das Eau de Cologne, das von der Fa. Farina seit 1708 in Köln produziert wurde. Die Fa. Farina hatte Geschäftsverbindungen im gesamten Deutschen Reich, belieferte während des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) auch die Offiziere der französischen Rheinarmeen. Geschäftsverbindungen sind vor dem Siebenjährigen Krieg nach Preußen nachzuweisen, das während des Siebenjährigen Krieges mit Großbritannien verbündet war – für die Zeit, in der diese Geschichte spielt, waren aber vor allem französische Offiziere an Duftwässern interessiert …

Freibeuter: Im Gegensatz zum Piraten, der ausschließlich auf eigene Rechnung arbeitet, ist ein Freibeuter ein Pirat mit „Lizenz zum Seeraub“. Bedingung dafür ist, dass er einen gewissen Anteil an seiner Beute dem ausstellenden Staat abgibt.

Bis ins 19. Jh. stellten die Regierungen der meisten Staaten Kaperbriefe aus, die die Inhaber berechtigten, auf See die Schiffe verfeindeter Nationen aufzubringen und auszurauben. Inhaber von Kaperbriefen wurden im Falle der Gefangennahme nicht als Piraten behandelt – in der Regel also gehängt – sondern als Kriegsgefangene. Welches Schicksal den gefangenen Freibeuter erwartete, kam darauf an, zu welcher Zeit er in Gefangenschaft geriet – oder wem er in die Hände fiel. Im Mittelalter oder im arabischen Raum und in Asien wurden Gefangene schon mal als Sklaven verkauft. Bei Gefangennahme durch eine europäische Macht im 18. Jh. konnten Kriegsgefangene damit rechnen, ausgetauscht zu werden, gegen Lösegeld freizukommen oder nach Beendigung der Feindseligkeiten einfach entlassen zu werden.

Gallone: engl. Hohlmaß, ca. 4,5 Liter

Grad Fahrenheit: In angloamerikanischen Ländern gebräuchliche Temperaturskala, 1714 von dem Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit (* 24.05.1686 in Danzig, † 16.09.1736 in Den Haag) entwickelt. Fixpunkte: Gefrierpunkt des Wassers 32° F, Siedepunkt 212 ° F. Umrechnung °C in °F: Mit 9 multiplizieren, durch 5 dividieren, 32 addieren. Umrechung ° F in ° C: 32 subtrahieren, mit 5 multiplizieren, durch 9 teilen. 70° F = 21,1° C. 65° F = 18,3° C.

Groves, Stephen: In Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten wird bekannt, dass Lieutenant Groves Theodore mit Vornamen heißt. Für die Geschichten der Cayenne-Linie bleibe ich aber bei dem schon 2008 eingeführten Vornamen Stephen.

Guinea: lt. wikipedia (Stand 25.10.2007) engl. Goldmünze, ab 1663 geprägt, zwischen 20 und 27 Shilling im Wert. Ab 1717 betrug der Wert 21 Shilling. Die Bezeichnung Guinea beruht danach auf der afrikanischen Region Guinea, dem Fundort des Goldes für diese Münzen. Andere Quellen behaupten, es habe keine Münzen dieses Wertes gegeben, die Guinea sei lediglich eine Recheneinheit für eine Summe von 21 Shilling gewesen.

La Nouvelle-Orléans: Französischer Gründungsname von New Orleans. Die Stadt wurde von den Franzosen 1718 gegründet und kam mit dem „Louisiana-Purchase“, dem Verkauf der französischen Kolonien im zentralen Nordamerika durch Napoléon, 1803 an die USA.

Maroon Island: Für alle, die Der Gefangene von Cayenne nicht gelesen haben oder sich nicht mehr daran erinnern: Es handelt sich dabei um die Insel, auf der Jack gleich zweimal ausgesetzt wurde (to maroon = engl.: jmd. aussetzen), die Elizabeth und Will als „Tresor“ für ihren Beuteanteil benutzen.

Neu-Dänemark: Es ist Tatsache, dass sich auch Dänemark bei der Kolonisierung der Neuen Welt ein Stückchen vom Kuchen sicherte. St. Thomas, St. John und St. Croix, die heutigen Amerikanischen Jungferninseln waren zwischen 1666 und 1917 dänische Kolonie. 1917 verkaufte Dänemark die Inseln an die USA. Mithilfe von schwarzen Sklaven wurde dort Zuckerrohr angebaut, das teilweise noch auf den Inseln zu Rum verarbeitet wurde und dann nach Flensburg verschifft wurde, wo es in den bekannten Rum-Destillerien weiterverarbeitet und verschnitten wurde. Flensburg gilt noch heute als der Hauptimportplatz von Überseerum … Jack hätte sicher seine Freude in Flensburg  …

Apropos Rum … Der Rum, der aus der Karibik stammte, war erheblich stärker als das, was man heute kaufen kann. Es heißt in dem Buch Piraten von John Matthews, ein halber Liter Rum aus der Piratenzeit sei etwa so stark wie zwei Buddeln heutigen Rums …

Neunpfünder: Das Kaliber von Kanonen wird entweder in Pfund oder in Zoll↑ angegeben. Neun Pfund bedeutet, dass die abgeschossene Kugel 9 Pfund (ganz genau: 9 pounds/ca. 4,5 kg) wiegt.

Bei der Angabe in Zoll ist der innere Laufdurchmesser für die Größe des Geschosses maßgebend. Die Kugeln, die damit verschossen werden, haben einen nur geringfügig geringeren Umfang als der Durchmesser des Laufes. Was die Dinger wiegen, kann man errechnen, wenn man berücksichtigt, dass die Formel für den Kugelinhalt 4/3 π ∙ r3 ist und das spezifische Gewicht des Materials von der verwendeten Metalllegierung abhängt … Auf jeden Fall verdammt schwer und mit einer Durchschlagskraft, die man besser nicht am eigenen Leibe ausprobiert haben möchte.

Oberecke: Das obere Viertel einer Flagge am Mast.

Rear-Admiral: Militärischer Dienstgrad bei der Royal Navy, nächsthöherer Rang nach dem Commodore. Bei allen Dienstgraden, die den Admiralstitel enthalten, wird der Zusatz bei der Ansprache oft weggelassen. Ein Rear-Admiral wird also üblicherweise als Admiral angesprochen.

Sheitan: arabisch für Teufel

Teniente: spanisch für Leutnant

Yard: engl. Längenmaß, ca. 1 m

Zoll: altes Längenmaß, ca. 2,5 cm

 

 

 

 

 

 

 

 

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