Gundolfs Bibliothek

Königreich der Himmel – Spekulation – online

 

Ab 16 Jahre

 

Vorwort

 

Als der erste Trailer zu „Königreich der Himmel“ veröffentlicht wurde, und der Inhalt durch zwei spoilerlastige Inhaltsreviews bekannt geworden war, begannen mir die schreibwütigen Finger zu zucken. Ich konnte einfach nicht anders, als mich hinzusetzen und das, was ich schon gesehen und gelesen hatte, niederzuschreiben.

Das, was hier nun zu lesen ist, ist das Ergebnis aus bekanntem Spoilerinhalt und meinen eigenen historischen Nachforschungen.

Nachdem ich den Film gesehen hatte, erwies sich, dass einiges von dem, was ich schon Monate vorher geschrieben hatte, zutraf und dass einiges anders ausgefallen war. Insofern stellt meine Spekulation in gewissen Teilen gegenüber dem Film eine Veränderung dar, die nach meiner Überzeugung als Fanfiction bezeichnet werden darf.

Freut euch also auf eine erkennbare Liebe zwischen Balian und Sibylla – und auf Balduin junior, der in der Kinofassung von „Königreich der Himmel“ völlig weggefallen ist …

Disclaimer: Die Figuren, soweit sie von Drehbuchautor William Monahan eigenständig entwickelt und/oder gegenüber ihren historischen Vorbildern abgeändert wurden, gehören  selbstverständlich nicht mir. Mit dieser Story verdiene ich auch kein Geld.

***

 

 

Prolog

 

Man schrieb das Jahr 1184. Seit fast einhundert Jahren strebten christliche Fürsten danach, das Heilige Land den Muslimen zu entreißen. Zwei Kreuzzüge hatten christliche Ritter schon im Auftrag der Kirche gegen die Moslems geführt, denen sie Unglauben vorwarfen. Unglauben und Schändung der heiligen Stätten, an denen Jesus Christus, Sohn Gottes, vor fast zwölfhundert Jahren höchstselbst gewandelt war und jeden Grashalm, jedes Sandkorn, jeden Stein im Fluss mit seiner Anwesenheit geheiligt hatte.

Entzündet hatte sich der Konflikt im Jahre des Herrn 1095, als Papst Urban II. behauptet hatte, die Muslime unterdrückten die Christen im Heiligen Land, raubten die christlichen Pilger aus oder hätten sie gar getötet. Bis zu einem gewissen Grade entsprach die Behauptung der Stellvertreters Christi auf Erden sogar der Wahrheit, denn im Laufe der Zeit hatten sich islamische Fanatiker gefunden, denen alles und jeder ein Dorn im Auge war, der nicht nach den Regeln des Koran lebte – mochten dessen Glaubensgrundlagen auch ebenso den alten jüdischen Schriften entstammen wie die von Mohammed im Koran zusammengetragenen Grundsätze des Islam.

Doch längst nicht alles entsprach zu hundert Prozent der Wahrheit, was der Papst an jenem 27. November 1095 auf dem Konzil zu Clermont in Frankreich gesagt hatte. Hätte er handfeste Beweise für die zum Teil überspitzten Behauptungen vorlegen müssen, er wäre in arge Nöte geraten. Doch wer hätte zu jener Zeit gewagt, Worte des Papstes jemals in Zweifel zu ziehen? Niemand! Selbst wenn es solche Menschen gegeben hätte – sie hätten kaum die Beweise prüfen können, hätte man ihnen welche präsentiert. Die weitaus meisten Menschen – Adlige eingeschlossen – konnten weder lesen noch schreiben. Schriftliche Berichte aus dem Heiligen Land hätte also kaum jemand lesen und schon gar nicht auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen können. Die Menschen, die um die wenigen Städte auf dem Lande lebten und dem Boden mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt abnötigten, kamen zudem allenfalls bis in die nächste Stadt, um dort ihre Erzeugnisse feilzubieten oder Dinge zu kaufen, die sie selbst nicht herstellen konnten. Hinter diesen Städten begann für sie das Unbekannte, Unheimliche. Dorthin wagten sie sich nicht, wollten sie nicht Gott, den Allmächtigen, gar zu kühn auf die Probe stellen. Und das Heilige Land, der Orient, schien manchen von ihnen weiter entfernt zu sein als der Mond.

Das Leben der einfachen Landbevölkerung bestand aus harter und nicht immer von Erfolg gekrönter Arbeit. Hungersnöte waren an der Tagesordnung, wenn Hagel, Frost zur Unzeit oder Überschwemmungen die Mühe zunichtemachten. Dazu kam eine für den einfachen Menschen schier undurchschaubare und gänzlich unüberwindbare Hierarchie von Adel und Geistlichkeit, die bedingungslos Gehorsam forderte. Der einfache Landmann hatte sich seit langem angewöhnt, vor jedem das Knie zu beugen, der sich auch nur den Anschein gab, etwas Besseres zu sein.

***

 

 

Kapitel 1

Heimliche Beerdigung

 

Einem kleinen, verschlafenen Dorf irgendwo in Frankreich, nicht weit entfernt von Chartres, näherte sich ein Trupp von Reitern – dem Banner nach war es eine Lanze* Ritter, die wohl auf dem Weg nach Süden, nach Marseille, waren, um von dort ins Heilige Land zu reisen. Die verwegenen Männer wussten nicht recht, weshalb ihr Herr und Gebieter, Godfrey von Ibelin, einen Umweg in diese gottverlassene Gegend machte, doch Godfrey war ein guter Herr, der nicht mehr von ihnen verlangte, als sie konnten und der seine Untergebenen als Freunde betrachtete – und nicht als gottgegebene Untertanen. Unnötige Fragen stellten sie allerdings nicht.

Die Männer, die unter dem hellgelben Banner mit dem schwebenden blutroten Tatzenkreuz ritten, kannten die den einfachen Bauern geradezu angeborene Unterwürfigkeit. Umso verblüffter waren sie, als eine Gruppe von Leuten nicht augenblicklich alles fallen ließ, als sich der Trupp näherte.

Bei näherem Hinsehen bemerkten Godfrey und seine Männer, dass sie Zeugen einer heimlichen Bestattung weit außerhalb des Dorfes wurden. Lediglich ein dunkelhaariger, junger Mann drehte sich einmal kurz zu ihnen um. Godfrey stutzte. Aus der Entfernung betrachtet hatte der junge Mann äußerlich viel Ähnlichkeit mit der Frau, die Godfrey suchte – einer Frau, die er geliebt hatte und der er nun einen Platz an seiner Seite geben wollte.

Der junge Mann drehte sich wieder um und beugte sich zu einer am Boden liegenden Frau hinunter, die er ein letztes Mal liebevoll streichelte und dann mithilfe zweier anderer Männer in das ausgehobene Grab versenkte. Dann schaufelten die drei Männer das Grab zu, der junge Mann legte Blumen darauf nieder, bekreuzigte sich und blieb noch eine Weile an dem frischen Grab stehen, während die beiden anderen Männer im Wald hinter der offenen Fläche verschwanden.

Godfrey und seine Ritter hatten die Beerdigung aus der Distanz beobachtet und ritten dann zu dem Dorf weiter. Als sie das Dorf erreichten, sah Godfrey einen der beiden Männer, die dem jungen Mann bei der Bestattung geholfen hatten.

„Sag, mein Freund, ist es in diesem Dorf üblich, dass ein Mensch heimlich und weit außerhalb des Dorfes verscharrt wird?“, sprach Godfrey ihn an. Der Mann blieb erschrocken stehen.

„Wer seid Ihr?“, fragte er.

„Godfrey von Ibelin.“

„Und was wünscht Ihr?“

Godfrey lächelte.

„Zunächst die Auskunft, ob solche Bestattungen hier üblich sind.“

„Nein, nur bei Selbstmördern.“

Godfrey und seine Männer sahen sich betroffen an. Selbstmord war eine schwere Sünde, ja eine Todsünde.

„Du meine Güte, weshalb bringt sich jemand um?“, entfuhr es Godfrey. Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Also, bestimmt nicht, weil es in der Ehe nicht gestimmt hat. Natalie war die Frau unseres Schmieds Balian. Ich kann mir keinen Mann vorstellen, der Natalie ein besserer Ehemann gewesen wäre.

„Balian? Ein ungewöhnlicher Name …“, bemerkte Godfrey.

„Ja. Er wohnt dort drüben.“

„Danke“, sagte Godfrey und trieb sein Pferd an.

Balian stand vor seiner Esse und wusste nicht recht, wo er jetzt weitermachen sollte. Aufträge hatte er wahrlich genug, aber der plötzliche Tod seiner Frau hatte ihn schwer getroffen. Im Moment erschien ihm jede Tätigkeit sinnlos. Natalie war tot; tot durch Selbstmord – und mit ihr das ungeborene Kind, auf das sie sich beide so sehr gefreut hatten. Warum nur? fragte er sich immer wieder. Versunken in seiner Trauer bemerkte er erst nach geraumer Zeit, dass er nicht mehr allein in seiner Schmiede war. Wie aus weiter Ferne zurückkommend sah er die beiden Männer unverwandt an, die geduldig wartend in der Tür standen. Einer der beiden trug über dem Kettenhemd den schwarzen Waffenrock der Brüder des Johanniterordens, der andere Fremde einen von Dunkelrot und Beige gespaltenen Waffenrock mit sieben Tatzenkreuzen in gewechselten Tinkturen. Groß war der zweite, deutlich über sechs Fuß! Balian war selbst knapp sechs Fuß lang, aber dieser Mann überragte ihn noch um einige Zoll.

„Verzeiht, ich habe Euch nicht kommen hören“, sprach Balian ihn an. „Was führt Euch zu mir, Mylord? Braucht Euer Pferd einen neuen Beschlag?“

Der hochgewachsene Fremde lächelte freundlich und nickte dem Johanniter zu, der auf dieses stumme Zeichen die Schmiede verließ.

„Bist du Balian, der Schmied?“, fragte der Große.

„Ganz recht. Und wer seid Ihr?“

„Godfrey von Ibelin ist mein Name. Balian ist ein ungewöhnlicher Name in Frankreich.“

„Möglich. Ich kenne sonst keinen, der so heißt. Doch was interessiert Euch das?“

„Weißt du, weshalb du so genannt wurdest?“

„Ich weiß nur, dass meine Mutter mich so taufen ließ“, versetzte Balian. „Ist mein Name so ungewöhnlich, dass sich ein vornehmer Herr wie Ihr in diese Gegend verirrt?“

„Und dein Vater?“

„Mein Vater?“, fragte Balian verblüfft. „Hört, Mylord von Ibelin, es war meiner Mutter ihr ganzes Leben eine Last, dass der edle Herr, der sie mit mir beglückte, es nicht für nötig befand, sie zu ehelichen oder auch nur je wieder von sich hören zu lassen. Sie starb, ohne den Vater ihres Sohnes je wieder gesehen zu haben“, schnaubte der junge Mann.

„Gab es Gründe dafür?“

Balian drehte sich heftig um.

„Was geht Euch das an?“, fragte er scharf. „Bei Gott, ich bin nur ein einfacher Mann und verdiene mir meinen Lebensunterhalt mit meiner Hände Arbeit – aber das gibt nicht jedem Herrn von Adel das Recht, mich nach meinen persönlichen Verhältnissen auszufragen!“

„Stimmt, du hast Recht. Nicht jeder hat das Recht dich danach zu fragen. Dein Vater aber schon, oder?“, erwiderte der Fremde mit einem sanften Lächeln.

„Wie?“

„Deine Mutter hieß Marie und sie hatte ebenso dunkle Haare und braune Augen wie du, oder?“

„Ja“, sagte Balian zögernd. Der Fremde trat einen Schritt näher.

„Deine Mutter, Balian, war mir eine treue Magd. Sie hat mir gedient, bis ich in den Orient ging, weil es für mich hier nichts zu erben gab. Sie hat mir nicht nur gedient – wir haben uns geliebt.“

Balian heizte das Schmiedefeuer an.

„Aber von Eurer Seite war die Liebe wohl nicht groß genug, um sie nicht mit einem Bastard sitzen zu lassen“, sagte er. Als die Flamme fasste und das Feuer keine Luftzufuhr mehr benötigte, drehte er sich wieder um und sah Godfrey offen an.

„Habt Ihr eigentlich eine Vorstellung, wie man mit einer Frau umgeht, die ein Kind in Schande zu Welt bringen muss? Wie ein Kind behandelt wird, das keinen Vater hat?“, fragte er. Godfrey sah zu Boden. Er war hier, um die Verhältnisse gerade zu rücken – und dazu gehörte auch, dass er den berechtigten Zorn seines Sohnes hinnahm.

„Was geschehen ist, tut mir Leid, Balian“, entgegnete Godfrey. „Wirst du mich anhören oder wirst du mich hinauswerfen?“, fragte er dann.

„Nehmt Platz und sprecht Euch aus“, bot Balian an, der die Zerknirschtheit sehr wohl wahrnahm.

„Balian, ich bin aus dem Haus der Vizegrafen von Chartres. Wie du vielleicht weißt, erbt immer nur der älteste Sohn einer Familie – egal ob es Geld ist oder ein Titel. Ich bin der jüngste von drei Söhnen. Mein ältester Bruder erbte den Vizegrafentitel, der zweitältere, Balduin, erbte das Geld, und ich ging leer aus. Ich hätte deine Mutter gern geheiratet; mein Vater hatte auch nichts dagegen, denn deine Mutter war eine ebenso schöne wie fleißige und kluge Frau. Doch ich konnte ihr nichts bieten. Adel allein macht nun mal nicht satt. Als ich ins Heilige Land ging, musste ich befürchten, dass ihr dort noch größere Gefahren drohten als hier in Frankreich – auch wenn schwangere Frauen ohne dazu gehörigen Ehemann eine Menge Schwierigkeiten haben. Das ist mir geläufig. Ich hatte kaum genug Geld, um meine eigene Fahrt ins Heilige Land zu bezahlen, also konnte ich ihr nicht einmal Geld hierlassen, damit sie allein zurechtkam. Dass es so lange dauern würde, bis ich Gelegenheit haben würde, euch beide nachzuholen, habe ich so wenig geahnt, wie deine Mutter. Wenn ich jetzt auch zu spät gekommen bin, um Marie wiederzusehen und euch beide nach Ibelin mitzunehmen, so kann ich doch wenigstens noch meinen Sohn um Vergebung bitten und dir den Platz geben, der dir zusteht.“

„Wenn ich Euch recht verstehe, wollt Ihr, dass ich mit Euch komme“, erkundigte sich Balian. Er spürte, wie sein Zorn nachließ.

„Du bist mein Sohn, Balian. Mein Sohn und Erbe. Was ich im Königreich Jerusalem besitze, wird nach meinem Tod dir gehören.“

„Ich glaube, Ihr überseht, dass ich nun mal nicht in den Adelsstand geboren bin. Ich bin ein gemeiner Mann.“

„Du bist nicht das, wozu du geboren bist, sondern das, was du aus dir machst. Insbesondere, wenn du mit mir nach Jerusalem kommst“, erwiderte Godfrey. „Was hält dich noch hier? Ich habe erfahren, dass deine Frau gestorben ist.“

„Was mich hier hält? Meine Arbeit, und die Gräber meiner Mutter und meiner Frau“, sagte Balian. „Ich bin der einzige Schmied im Umkreis von vier Dörfern. Ich kann nicht einfach weggehen und die Menschen hier ohne Schmied lassen, der ihnen Radreifen, Pflugscharen und Hufeisen schmiedet. Sie brauchen mich.“

Godfrey sah seinen Sohn eine Weile an.

„Deine Gründe sind aller Ehren wert und ich respektiere sie. Mein Angebot gilt, auch wenn du meinst, jetzt noch nicht fortgehen zu können. Ich werde in Jerusalem auf dich warten, mein Sohn. Unser Weg ist noch weit. Frische Hufeisen wären gut. Wie lange brauchst du, um alle Pferde neu zu beschlagen?“

Balian wurde hellhörig. Einen solchen Auftrag bekam ein Schmied, bei Gott, nicht alle Tage.

„Wie viele Pferde sollen es sein?“

„Zwölf“, erklärte Godfrey. Balian trat vor die Tür und sah die Begleiter seines Vaters, die abgesessen waren und vor der Schmiede warteten.

„Gott zum Gruß, ihr Herren“, begrüßte er die Männer seines Vaters. Sie grüßten zurück. Der junge Schmied sah sich nach seinem Vater um, der eben hinter ihm aus der Werkstatt trat.

„Kommt darauf an, wie gut die Tiere auf Schmiede zu sprechen sind. Aber zwei bis drei Tage würde ich ansetzen, besonders, wenn Ihr ganz neue Eisen wünscht.“

„Was verlangst du dafür?“

„Drei Sous* pro Pferd, also für alle vier Hufe“, erklärte Balian. Godfrey und seine Männer sahen sich an. Der Preis war sehr moderat.

„Ist das ein lohnender Auftrag für dich?“, fragte Godfrey.

„Ja, durchaus. Welches ist Euer Pferd, Mylord von Ibelin?“

„Der Rappe hier vorn. Balian, ich bin dein Vater. Willst du mich nicht so nennen?“

„Bitte gebt mir Gelegenheit, mich an diesen Umstand zu gewöhnen“, entgegnete Balian mit einem zwar freundlichen, aber kühlen Lächeln. Er kehrte in die Schmiede zurück, suchte aus den vorhandenen Rohlingen welche aus, mit denen er Maß nahm und erhitzte schon das erste Eisen. Dann nahm er dem Tier das erste Eisen ab und raspelte den Huf zurecht. Godfreys Pferd, ein ziemlich großrahmiger Hengst, stand lammfromm da und beobachtete nur interessiert, was der Schmied da unten an seinem Bein tat. Erst, als der junge Mann das Eisen an den Huf anpasste und das glühende Metall das Horn verschmorte, wurde er unruhig.

„Haltet ihn bitte fest!“, wies Balian seinen Vater an, der auch gerade noch zugreifen konnte, bevor das Tier dem Schmied den Huf einfach wegzog.

Den ganzen Tag arbeitete Balian daran, die Pferde neu zu beschlagen. Gegen Abend gingen die Begleiter seines Vaters fort, um etwas Proviant zu beschaffen. Godfrey blieb in der Schmiede.

„Darf ich Euch zum Essen einladen, auch wenn’s nicht viel ist?“, bot sein Sohn an.

„Danke, das nehme ich gern an“, erwiderte Godfrey. Der junge Mann bat ihn ins Haus, bereitete recht schnell einen Haferbrei zu, den er in kleinen Schüsseln auftischte und servierte dazu Wasser in Eschenholzbechern. Nach dem Tischgebet aßen Vater und Sohn eine Weile schweigend.

„Warum hat deine Frau das getan?“, fragte Godfrey schließlich. Balian zuckte mit den Schultern. Verzweiflung zeigte sich auf seinen ebenmäßigen Zügen.

„Ich weiß es nicht. Aber sie sprach oft von Dunkelheit und einem Schmerz in ihr selbst“, erwiderte er. „Warum geht Ihr auf Kreuzzug?“

„Ich gehe nicht auf Kreuzzug. Ich kehre heim nach Ibelin“, entgegnete Godfrey.

„Und warum gehen andere auf Kreuzzug? Ich sehe keinen Sinn darin, Krieg zu führen, nur um anderen unseren Glauben aufzuzwingen.“

„Nun, das ist vielleicht ein Missverständnis. Es geht uns Kreuzrittern nicht darum, den christlichen Glauben mit Gewalt zu verbreiten; es geht darum, die heiligen Stätten für uns zugänglich zu halten. Ein Königreich des Gewissens, Liebe statt Hass, Friede statt Krieg – das ist es, was am Ende eines Kreuzzuges steht.“

Balian sah seinen Vater zweifelnd an.

„Aber es gibt Leute, die meinen, dass das allein nicht ausreichend ist“, fuhr Godfrey fort. „Du hast Recht, dass es welche gibt, die den Glauben mit Gewalt verbreiten wollen. Und du hast Recht, dass das nicht von dauerhaftem Bestand ist. Genau deshalb muss ich unbedingt zurück nach Jerusalem. König Balduin ist noch jung, etwas jünger als du, mein Sohn – und er ist ein guter König. Nach seinem Willen sollen alle, die Jerusalem als heilige Stadt betrachten, dort ihren Glauben unbehindert ausüben dürfen. Nicht jeder am Hofe ist seiner Meinung – und deshalb muss ich schleunigst wieder zurück, um ihm zu helfen.“

„Die Kirche sieht das nicht gern, oder?“, erkundigte sich der junge Mann. Godfrey schüttelte den Kopf.

„Nein, das tut sie nicht. Ich will dir etwas gestehen, mein Junge: Als ich nach Palästina kam, hatte auch ich die feste Absicht, das Heilige Land von denen zu säubern, die wir Heiden nennen. Doch ich habe bald feststellen müssen, dass sie ebenso gläubig sind wie wir – nur auf eine andere Art. Sie nennen Gott in ihrer Sprache Allah, sie kennen unseren Herrn Jesus Christus; zwar sehen sie in ihm nur einen Propheten Gottes und nicht seinen Sohn, aber sie erkennen an, dass er heilige Worte gesprochen hat und Gutes getan hat. Ihr heiliges Buch, der Koran, leitet sich wie unser Neues Testament von den Wahrheiten des Alten Testamentes ab. Balduin hat das erkannt und sieht deshalb keinen Grund, den Sarazenen und Juden die Ausübung ihres Glaubens in Jerusalem zu verwehren. Die Juden sollen an der Klagemauer beten dürfen, die Muslime auf dem Tempelberg in der Al Aqsa-Moschee und im Felsendom, der ebenfalls eine Moschee ist. Es ist ein wunderschönes Gotteshaus mit einer prächtigen Kuppel. Wahrlich der heiligen Stadt angemessen. Dort soll der Prophet Mohammed eine Vision gehabt haben und deshalb verehren die Muslime diesen Ort als heilig. Aber genau beim Tempelberg gibt es ein großes Problem: Er ist auch die Wohnstatt der Tempelritter – sie sind christliche Mönche mit Schwert. Einer ihr Fürsprecher ist Reynald de Châtillon, ein Lump vor dem Herrn, aber ein tapferer Ritter; er ist kein Ordensritter, aber er ist so etwas wie der Heerführer des Königs. Dazu kommt noch Guy de Lusignan, der auch in dieses Horn stößt und der auch noch viel Einfluss bei Hofe hat. Es besteht die Möglichkeit, dass Balduin ihm die Hand seiner Schwester Sibylla verspricht.“

„Der König würde seine Schwester einem Mann zur Frau geben, der nicht seiner Politik folgt?“, fragte Balian verwundert.

„Nun, er hat keine Erben und wird auch keine haben. Doch Sibylla hat einen Sohn, der den Thron erben könnte. Balduin hat ihn zu seinem Nachfolger bestimmt. Aber der Junge wird Schutz brauchen. Guy könnte mit seinen eigenen Rittern und den Ordensrittern ein solcher Schutz sein.“

„Vergebt die Frage eines Unwissenden – könnte Guy den Jungen nicht beseitigen, um selbst König zu werden?“, fragte Balian. God-frey sah seinen Sohn erstaunt an. Für jemanden, der sich mit Adel und den dazu gehörigen Intrigen nicht beschäftigte, hatte er bemerkenswerten Scharfsinn.

„Nun, der Königstitel hängt am Hause Anjou, aus dem die königlichen Geschwister sind. Guy wäre lediglich Prinzgemahl. Aber du hast Recht, wenn du ihn als gefährlich einstufst. Deshalb muss ich zurück. Und es wäre mein Wunsch, meine Versäumnisse dir gegenüber wieder gutzumachen, wenn ich dir den Platz geben kann, der dir zusteht, mein Sohn.“

Der junge Mann antwortete nicht sofort. Das Angebot war in der Tat verlockend. Er sah sich in seiner Schmiede um. Reich war er ganz sicher nicht, wenngleich sein Handwerk als ehrbar galt und gutes Geld einbrachte. Er hatte davon passabel leben können, hatte seine Mutter bis zu ihrem Tod und auch seine Frau ernähren können, es hätte auch gereicht, um Kinder durchzubringen. Zudem besaß Balian etwas Land; fruchtbares Land, auf dem gutes Getreide wuchs, das einen Zuverdienst ermöglichte und buchstäblich Brot war. Aber jetzt war er allein, Mutter und Frau waren tot. Ob er sich einen Knecht leisten konnte, der ihm bei der Landwirtschaft half, wusste er noch nicht.

Es klopfte. Balian stand auf und öffnete die Tür. Père Charles, der Priester, stand vor der Tür.

„Sie wird in der Hölle schmoren bis zum Jüngsten Tag!“, fuhr er Balian grußlos an. „Und du ebenfalls, weil du sie nicht an diesem Frevel gehindert hast!“

„Gott weiß, dass ich unglücklich genug bin, dass sie mich auf diese Weise verlassen hat. Und Er weiß, dass ich nicht …“

„Auch du wirst in der Hölle brennen!“, rief der Priester in hellem Zorn und religiösem Eifer. „Selbstmörder und ihre Helfershelfer gefährden alle in unserem Dorf!“

Damit ließ er einen tief betroffenen Balian stehen und verschwand in der Dunkelheit.

„Warum willst du dir das noch länger antun, mein Junge?“, fragte Godfrey. Balian drehte sich um.

„Ich kann doch nicht einfach weglaufen! Wer soll denn den Leuten hier ihre Geräte instand halten, wenn nicht ich? Ich kann diese Menschen nicht im Stich lassen. Nein, das kann ich nicht tun. Ich sagte Euch schon, dass ich der einzige Schmied im Umkreis von vier Dörfern bin.“

Jetzt war es Godfrey, der nicht gleich antwortete und seinen Sohn eine Weile schweigend ansah. Aus dem, was der junge Mann sagte, sprach geradezu ritterliches Pflichtgefühl. Balian hatte mehr von Godfreys persönlichen Ansichten, als dieser je zu hoffen gewagt hatte, nachdem er die Erziehung des gemeinsamen Kindes seiner Geliebten Marie allein überlassen hatte.

„Sei ohne Furcht im Angesicht deiner Feinde. Sei tapfer und aufrecht, auf dass Gott dich lieben möge. Sprich die Wahrheit. Beschütze die Hilflosen, selbst wenn es zu deinem Tod führt. Tue kein Unrecht. So lautet der Rittereid“, sagte Godfrey.

„Was meint Ihr?“, erkundigte sich Balian verblüfft. „Ich bin kein Ritter“, setzte er hinzu. Godfrey lächelte freundlich.

„Nein, aber du handelst wie ein Ritter, wenn du dich diesen wüsten Beschimpfungen von dem Pfaffen aussetzt, damit deine Nachbarn mithilfe deiner Pflugscharen ihr Auskommen finden. Das ehrt dich. Ibelin wird einmal dir gehören, denn du bist mein Sohn und Erbe, Balian. Denk’ drüber nach, ob es nicht doch besser ist, wenn du mitkommst.“

„Wenn ich jemanden gefunden habe, der meine Aufgabe hier übernimmt, will ich Euch folgen, doch eher kann ich nicht fort. Euer Angebot ist wirklich verlockend, das kann ich nicht bestreiten. Doch hier scheint der Platz zu sein, an den Gott mich gestellt hat. Gegen seinen Willen will ich mich nicht stellen.“

Godfrey nickte. Heute Abend würde er Balian nicht mehr davon überzeugen, dass es besser für ihn war, wenn er sofort mitkam.

„Es ist spät. Gute Nacht, mein Sohn.“

„Gute Nacht, Mylord von Ibelin.“

„Willst du mich nicht wenigstens Vater nennen?“, seufzte Godfrey. Balian lächelte. Es war ein wunderschönes Lächeln, das dieser junge Mann hatte – er hatte es direkt von seiner Mutter geerbt.

„Wenn Ihr das wünscht, will ich es tun … Vater.“

Godfrey und seine Ritter blieben noch den folgenden Tag, an dem Balian nichts weiter tat, als die Pferde zu beschlagen. Der junge Mann war fleißig und arbeitete sorgfältig. Ein Schmied war grundsätzlich ein angesehener Handwerker, doch weil er mit Feuer und Eisen arbeitete, konnte es auch vorkommen, dass besonders abergläubische Seelen zu große Kunst in diesem Handwerk als Pakt mit dem Teufel betrachteten. In Balians Dorf war das bisher nicht so gewesen, doch im Laufe des Tages wurden die Gesichter der vorbeikommenden Dörfler immer finsterer.

„Pierre, welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?“, fragte Balian am Nachmittag einen älteren Bauern.

„Wie viele Pferde hast du heute schon beschlagen, Balian?“, erkundigte sich der, ohne auf die Frage einzugehen.

„Vier, warum?“

„Père Charles sagt, du musst mit dem Teufel im Bunde sein, wenn du es schaffst, mehr als zwölf Hufeisen an einem Tag zu schmieden“, versetzte Pierre.

„Der versteht etwas vom Herrgott, aber nicht vom Schmieden. Woher will er wissen, wie viele Hufeisen ein Schmied am Tag machen kann?“

„Vielleicht liegt es ja an deinem Teufelspakt, dass du so schnell bist“, mutmaßte Pierre. „Oder hat Natalie für dich mit dem Teufel angebandelt?“

„Pierre!“, entfuhr es Balian ebenso erschrocken wie ärgerlich. „Natalie war nicht gesund, sonst hätte sie nicht Hand an sich gelegt. Lass’ sie aus dem Spiel!“, rief er erbittert. Pierre trollte sich wortlos. Der Schmiedemeister spürte eine Hand auf seiner Schulter und sah sich um. Hinter ihm stand sein Vater.

„Ich schätze, der Pater hat dich verleumdet“, sagte er.

„Nein, den Leuten die Wahrheit gesagt!“, knurrte er Priester, der wie ein Geist hinter dem Haus auftauchte. „Ich habe dir gesagt, du wirst für die Sünden deiner Frau in der Hölle brennen!“

Zornig drosch Balian den Nagelhammer mit dem spitzen Ende in den Hauklotz, neben dem er stand.

„Ich habe bisher geglaubt, Priester verkünden und erklären das geheiligte Wort Gottes“, fuhr er den Pater an. „Seit gestern Abend höre ich nur haltlose Anschuldigungen von Euch!“

„Es ist nichts als die Wahrheit!“

„Ach ja? Und von wem stammt die schöne Behauptung, ich sei mit dem Teufel im Bund? Pierre ist nicht klug genug, sich so was auszudenken! Der plappert nur nach, was Ihr ihm erzählt! Mag ja sein, dass meine Frau schwer gesündigt hat, wenn sie sich das Leben nahm. Dafür kann ich nicht mehr als Ihr! Aber wenn ein Priester Lügen über seine ihm anvertrauten Schäfchen erfindet, ist das ebenfalls eine schwere Sünde, die er aber obendrein selbst begeht!“, fauchte Balian.

„Du erhebst dich über einen Mann der Kirche?“

Mit zwei langen Schritten war Balian bei Père Charles, packte ihn am Gewand und schüttelte ihn einmal kräftig durch.

„Du bist ein Mensch, Charles, der unser Priester ist. Du bist nicht der Herrgott selbst! Verbreite deine Lügen woanders! Verschwinde von meinem Hof!“

Damit stieß er den Pater schwungvoll fort, dass dieser rückwärts bis jenseits der hölzernen Einfriedigung stolperte, die Balians Grundstück begrenzte. Charles verzog sich eilig.

Godfrey und seine Männer sahen sich betroffen an. Solche bösartigen Gerüchte – wie haltlos sie auch immer sein mochten – bedeuteten für den jungen Schmied eine ungeheure Gefahr. Mit dem Teufel in Verbindung gebracht zu werden, war in vielen Fällen ein geradezu verbrieftes Todesurteil.

„Balian, du bist hier nicht mehr sicher“, warnte Godfrey. „Außerdem … wenn du ins Heilige Land mitkommst, findest du nicht nur von deinen eigenen Sünden Erlösung, sondern kannst auch für Natalie Vergebung erwirken.“

Der fragende Blick seiner braunen Augen drückte den ganzen Unglauben des jungen Mannes aus. Daran hatte er denn doch seine Zweifel, mochte seine Mutter ihn auch zu einem guten, gläubigen Christen erzogen haben.

„Für mich selbst, das sehe ich ein – aber doch wohl kaum für andere …“, versetzte er mit hochgezogener linker Braue.

„Nun, Gebete können helfen, andere von ihrer Sündenlast zu befreien. Und im Heiligen Land nimmt Gott unsere Gebete sicher noch besser wahr als an jedem anderen Platz dieser Welt“, mutmaßte der Johanniter, den Godfrey seinem Sohn als Bruder Jean vorgestellt hatte.

„Die Wege des Herrn sind unergründlich“, murmelte Balian. „Lasst es gut sein. Der Pater wird wieder zur Vernunft kommen.“

Am Abend waren alle zwölf Pferde frisch beschlagen, Godfrey und seine Ritter bezahlten ordentlich und zogen dann weiter, schlugen aber in einem nahe gelegenen Wald ihr Nachtlager auf.

Balian sah ihnen nach, bis sie in der stärker werdenden Dunkelheit verschwunden waren, dann kehrte er in sein Haus zurück, löschte das Schmiedefeuer, aß etwas und zog sich dann auf den Halbboden zurück, der sich unter dem Dach der Schmiede über die halbe Fläche des Hauses zog und den gemauerten Rauchabzug umfing. Der warme Schornstein sorgte auch in kalten Nächten für angenehme Wärme. Dort oben befanden sich Strohsäcke, die dem Hausherrn als Schlafstatt dienten. Er streckte sich – müde von der anstrengenden Arbeit des Tages – aus. Dennoch fand er keine Ruhe und warf sich lange Zeit schlaflos herum. Jetzt war er endgültig allein. Balian begann sich zu fragen, ob es klug gewesen war, seinem Vater nicht zu folgen. Andererseits: Was dachte sich der Mann eigentlich? Tauchte nach gut fünfundzwanzig Jahren einfach so auf und behauptete, sein Vater zu sein. Zweifel hatte der Schmied an diesem Umstand inzwischen nicht mehr. Gewiss, es hatte Vorteile, der Sohn eines adligen Herrn zu sein – aber hätte ihm das nicht etwas früher einfallen können? Solange Balian noch nicht selbst für den Lebensunterhalt hatte sorgen können, hatten er und seine Mutter nicht selten gehungert. Sein extrem schlanker Körperbau hatte durchaus etwas mit dieser Tatsache zu tun. Erst, als er vor einigen Jahren von seinem alten Meister die Schmiede übergeben bekommen hatte, hatte sich sein Leben gebessert und er und seine Mutter hatten nicht mehr hungern müssen. Seine Ehe mit Natalie war kurz, aber sehr glücklich gewesen. Und genau diese beiden Personen – seine Mutter und Natalie – hinderten ihn noch als Tote daran, diesem kleinen Dorf bei Chartres den Rücken zu kehren. Nein, er konnte sie nicht ganz allein lassen, hier in der feuchten, kalten Erde Frankreichs.

Ein lauter werdendes Knistern riss ihn aus dem Halbschlaf. Beißender Rauch drang in seine Nase. Der junge Mann sprang auf die Füße und sah – starr vor Entsetzen – dass seine Schmiede lichterloh brannte! Noch bevor er wirklich reagieren konnte, brach der Halbboden ein und Balian stürzte mitten in das Feuer hinein. Ungeheure Hitze umwaberte ihn, doch hatte er Glück gehabt, genau auf dem Fleck zu landen, auf dem jetzt kein Feuer brannte: Auf dem Lehmboden direkt neben seiner Schmiedeesse, die jetzt kalt war und sich auch nicht so schnell entzünden konnte weil die Kohle noch nass war. Durch lodernde Flammen und Rauch sah er seine Holzaxt an der Wand. Mit einem beherzten Sprung schaffte er es, die Axt zu erreichen, die noch außerhalb der Höllenflammen hing, und mit einem gewaltigen Hieb die aus geflochtenen Weidenzweigen mit Lehmbewurf bestehende Seitenwand seiner Hütte zu durchschlagen. Die ganze Wand brach unter dem heftigen Hieb zusammen, die brennenden Balken krachten ebenfalls zusammen, brachten das ganze Haus zum Einsturz, aber Balian war im Freien. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Kleider brannten. Er warf sich zu Boden und erstickte so die Flammen.

Ein Aufschrei machte ihn aufmerksam. Im Schein der brennenden Schmiede sah er die ganze Dorfgemeinschaft. Doch die Leute löschten nicht etwa, sie hielten Fackeln in den Händen!

„Da ist er! Er lebt noch! Er muss mit dem Teufel im Bunde sein!“, schrie Père Charles und rannte mit erhobenem Kreuz auf Balian zu. Der hatte – so knapp wie er mit dem Leben davongekommen war – keine Lust, zu diskutieren. Er schwang die Axt, die dem Pater das Kreuz aus der Hand riss und ihm den Schädel spaltete.

Die Dorfbewohner blieben schreckstarr stehen. Entweder war der Teufel doch stärker als Gott oder der Père hatte eben gerade die Quittung für seine unwahren Behauptungen bekommen – und das mit Gottes Wissen und Willen.

Bevor die Dörfler noch recht ihren Schrecken überwunden hatten, zog Balian sich rückwärts in das Dunkel der Nacht zurück und verschwand eilig aus dem Dorf, das so lange seine Heimat gewesen war. Er betrachtete es als göttliche Fügung. Jetzt hielt ihn hier wirklich nichts mehr. Seine Mutter und seine Frau waren tot, die Schmiede existierte nicht mehr. Balian war frei.

***

Kapitel 2

Vater und Sohn

 

Godfrey und seine Männer wollten ihr nächtliches Lager schon abbrechen, als einer der Männer seinen Herrn aufmerksam machte.

„Mylord Godfrey – seht!“

Der Baron drehte sich um.

„Balian!“, entfuhr es ihm. Der junge Mann hatte ihn und seine Leute ebenfalls bemerkt und kam – noch etwas zögernd – durch das Blaubeerdickicht zu dem Lagerplatz. Vor seinem Vater sank er auf die Knie.

„Vergebt, dass ich Euch nicht schon gestern gefolgt bin. Doch nachdem mir meine Nachbarn heute Nacht den roten Hahn aufs Dach gesetzt haben, bleibt mir nur noch, Eurem Vorschlag zu folgen – wenn er noch gilt, Vater“, sagte er leise. Mit einem weisen Lächeln half Godfrey seinem Sohn auf und umarmte den verblüfften jungen Mann.

„Du bist mein Sohn, Balian – und ich hätte längst kommen sollen, um dich und deine Mutter zu holen. Nicht ich habe zu verzeihen, ich habe dich um Verzeihung zu bitten, dass ich jetzt erst hergefunden habe“, erwiderte er. Balian rang sich ein schwaches Lächeln ab. Der Ansatz zeigte zwar nur unvollkommen, welch strahlendes Lächeln diesem jungen Mann zu Eigen war – aber Godfreys Leute waren schon von dem schwachen Abbild sehr beeindruckt.

Da Balian kein eigenes Pferd besaß, nahm er zunächst hinter seinem Vater Platz. Der große Rappe trug sie beide ohne Schwierigkeiten. Godfrey sah sich um.

„Ich glaube wir werden spätestens in Orléans zusehen, dass du ein eigenes Pferd bekommst, mein Junge. Auf Dauer trägt mein Pferd uns beide nicht“, grinste er.

Der Weg nach Marseille war weit. Godfrey hatte angesichts der gut fünfhundert Meilen, die vor ihnen lagen, wenigstens drei volle Wochen eingeplant, bis sie die Hafenstadt erreichten. Wenn sie am Nachmittag ihr Lager aufschlugen, begann für den Sohn des Barons die tägliche Lehrzeit. Sein Vater lehrte ihn den Umgang mit dem Schwert – und Balian durfte feststellen, dass das leichter aussah, als es war. Mehrfach lag er ziemlich plötzlich am Boden, weil er seine Bewegungen noch nicht so koordinieren konnte, wie es die Männer seines Vaters seit langem beherrschten.

Doch seine Gelehrigkeit ließ ihn rasch begreifen, und nach wenigen Tagen verstand er es, den Hieben so rechtzeitig auszuweichen, dass er nicht mehr über die eigenen Füße stolperte. Godfrey und seine Männer waren beeindruckt von Balians raschen Fortschritten.

„Wenn du so weitermachst, bist du reif, des Königs Waffenmeister abzulösen, wenn wir in Jerusalem ankommen, Balian“, lobte Godfrey seinen Sohn. Der junge Mann lächelte. Jetzt war es das wunderschöne Lächeln, das er in den letzten Tagen allmählich wiedergefunden hatte. Das hier war ein neues Leben. Nach und nach konnte er die Last der Trauer abstreifen.

„Ihr habt mir gesagt, es sei die größte Ehre die einem Ritter widerfahren kann, Waffenmeister des Königs zu sein. Aber … ich bin doch nicht mal Ritter – wie sollte ich da einen solchen Dienst ausüben können?“, wehrte er ab. Godfrey und seine Leute sahen sich verblüfft an. Balians Aussage, er sei nicht einmal Ritter, war doppeldeutig. Sie konnte ebenso große Bescheidenheit wie einen heftigen Vorwurf enthalten. Der Ton sprach für ersteres, doch Godfrey brauchte Gewissheit – auch, was den Charakter seines Sohnes betraf.

„Wie meinst du das?“, erkundigte er sich.

„Vater, ich bin ein gewöhnlicher Schmied, der ein paar Tage Unterricht im Wissen um die ritterlichen Tugenden erhalten hat. Ich fange gerade erst an, mich mit dem Schwert zu üben. Nein, ich könnte eine solche Position nie ausfüllen. Und welcher König wäre so närrisch, ausgerechnet einen so grünen Burschen wie mich zum Ritter zu schlagen? Nein, nein, es werden noch viele Jahre vergehen, bis ich weiß, was ich wissen muss und es anwenden kann“, erwiderte Balian. Es war also tatsächlich die Bescheidenheit, die aus den Worten des jungen Mannes sprach, erkannte Godfrey und nickte.

„Noch bevor wir Jerusalem erreichen, wirst du Ritter sein“, prophezeite Godfrey.

„Wie soll das zugehen?“, fragte Balian verwirrt.

„Nun, Mylord Balian, der Ritterschlag kann eine Erhebung in den Adelsstand sein – aber nur bei Leuten, die noch nicht adlig sind. Dann kann in der Tat nur der König selbst diese Gabe gewähren“, meldete sich einer von Godfreys Männern zu Wort, den sein Vater ihm als Simon vorgestellt hatte. „Ihr seid durch Euren Vater aber schon von Adel. Eure Familie hat bedeutende Lehen im Königreich Jerusalem – Ibelin selbst, Gaza, Ramleh, Nablus, Samaria, Beirut. Als Herr eines Lehens kann Euer Vater jemanden, der selbst schon von Adel ist, auch zum Ritter schlagen“, erklärte Simon.

„Gut erklärt, Simon. Auf, es ist Zeit für die täglichen Übungen!“, grinste Godfrey und machte eine auffordernde Handbewegung.

Balian nahm das Schwert, das ihm Guillaume, ein anderer Gefolgsmann seines Vaters, für diese Übungen auslieh und bezog mit seinem Vater wieder Gefechtsstellung. Das Nicken seines Vaters warnte ihn. Bisher hatte er immer allein mit seinem Vater die Übungen gemacht … Das Knacken von Ästen hinter ihm bewies, dass er Recht hatte mit seiner Ahnung. Heute ging es um die Massenschlägerei … Balian hatte viel gelernt in den letzten Tagen – das intensive Training zahlte sich aus. Wendig und geschickt hielt er sich drei Mann vom Leib, nahm für einen vierten gar einen Fuß zu Hilfe, was Guillaume mit herzhaftem Applaus quittierte.

„Du machst dich, mein Sohn. Balduin wird einen guten Mann an dir haben“, lobte Godfrey.

Hufgetrappel störte die Kreuzritter und ihren jungen Lehrling auf. Noch das Schwert in der Hand drehte Godfrey sich um.

„Leute des Vogtes. Was wollen die?“, brummte er.

Eine berittene Truppe bahnte sich den Weg durch den winterlichen Wald, in dem die ersten Schneeflocken fielen.

„Wir suchen Balian, den Schmied“, sagte der Anführer.

„Weshalb sucht Ihr ihn?“, erkundigte sich Godfrey.

„Er hat Père Charles umgebracht. Wer sich an einem Priester des Herrn vergreift, gehört gerädert.“

Godfrey sah seinen Sohn an.

„Stimmt es, was man dir vorwirft?“

„Es ist wahr, dass ich Père Charles getötet habe – doch er hat mich angegriffen, nachdem ich mich mit knapper Not aus meinem brennenden Haus retten konnte, das meine Nachbarn auf seine Veranlassung hin angezündet haben.“

„Du kannst deine Unschuld ja beweisen. Los, fesselt ihn!“, befahl der Anführer. Godfrey und seine Männer traten zwischen Balian und die Männer des Vogtes.

„Das werdet Ihr hübsch bleiben lassen!“, entgegnete er.

„Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, Euch der Gerechtigkeit in den Weg zu stellen?“

„Ich bin Baron Godfrey von Ibelin. Und der, den Ihr verfolgt, ist mein Sohn, Balian von Ibelin. Ihr wollt Euch an einem Mann vergreifen, über den allein der König richten kann.“

Der Anführer sah sich um.

„Nun, das ist etwas anderes. Vergebt die Störung, edler Baron“, sagte er und winkte seinen Männern, die ihre Pferde umdrehten und verschwanden.

Balian sah den Männern des Vogtes verblüfft nach.

„Ist das immer so einfach?“, fragte er seinen Vater. Godfrey schüttelte den Kopf.

„Nein, ist es nicht. Mich wundert selbst, wie leicht das war – zu leicht. Nun, machen wir erst einmal weiter“, erwiderte er. „Simon, Guillaume: Seht nach, ob sie wirklich weg sind!“, befahl er seinen Gefolgsleuten und setzte dann den Übungskampf mit Balian fort.

Godfreys Zweifel wurden schon nach wenigen Minuten harte Gewissheit, als die Leute des Vogtes im gestreckten Galopp durch den Wald preschten und den Baron von Ibelin heftig attackierten. Balian, sein Vater und die bei ihnen gebliebenen Männer wehrten sich geschickt gegen die berittenen Angreifer, aber sie gerieten doch in Bedrängnis.

Simon und Guillaume hörten den Kampflärm von ihrem Lagerplatz, machten kehrt und jagten mit gezogenen Schwertern zurück, um ihrem Herrn beizustehen. Sie kamen gerade noch rechtzeitig, um aus dem vollen Galopp heraus einige Söldner des Vogtes niederzumachen.

Das Eingreifen der beiden Späher vertrieb die Söldner des Vogtes endgültig, die einige Gefallene zurücklassen mussten. Aber auch auf der Seite der Ibeliner hatte es Verluste gegeben: Zwei der Männer waren tot und Godfrey von Ibelin selbst hatte einen Pfeil in der Brust. Balian kniete neben seinem zu Boden gegangenen Vater nieder und untersuchte die Wunde. Als er den Pfeil herausziehen wollte, hinderte sein Vater ihn.

„Nein, lass’ es“, wehrte er ab und hielt die Hand seines Sohnes fest. „Verbinde es erst einmal – und dann hilf mir auf mein Pferd.“

„Ihr könnt nicht reiten, Vater!“, entfuhr es Balian erschrocken.

„Ich werde müssen, wenn ich hier nicht verbluten will“, erwiderte Godfrey mit einem gequälten Lächeln. „Hilf mir, mein Sohn!“

Balian half ihm auf. Der Baron spürte die verlässliche Kraft in den Armen seines Sohnes, der ihn stützte und sich bemühte, den Wundbereich nicht zu berühren. Mithilfe von Bruder Jean schob Balian seinen Vater auf dessen Pferd. Die beiden Toten verluden sie auf eines der nun ledigen Pferde.

„Nehmt das Pferd von Chevalier Jacques, Mylord Balian. Der Schimmel ist ein treuer Gefährte und Jacques’ Schwert ist gut. Es wird Euch sicher gute Dienste leisten“, empfahl Knappe Simon. Balian nickte und bestieg den Schimmel. Dann ritten sie fort in Richtung Orléans, das der Sammelpunkt vieler Kreuzritter war, die für kurze Zeit in die alte Heimat zurückgekehrt waren.

Bruder Jean lotste Godfreys Männer zum Johanniterhospital in Orléans, wo sich die Johanniterbrüder des verwundeten Barons sofort annahmen und den Pfeil fachmännisch entfernten – soweit es fachkundige Hände für solche Maßnahmen überhaupt gab. Während Godfrey dort behandelt wurde, organisierte Guillaume die Bestattung der beiden Gefallenen, die eine Grabstätte auf dem Friedhof der Johanniter erhielten.

Erst lange Stunden nach dem Eintreffen in Orléans ließen die Brüder Balian zu seinem Vater, der mit vielen anderen in einem großen Saal lag.

„Ich werde Jerusalem nicht wiedersehen, mein Sohn“, ächzte der Baron.

„Wir werden hier bleiben, bis Ihr gesund seid, Vater. Ihr kommt mit nach Jerusalem“ widersprach Balian. Godfrey schüttelte den Kopf.

„Nein, ich werde an dieser Wunde sterben, mein Junge. Daran führt kein Weg vorbei. Doch bevor ich gehe, werde ich dir meine irdischen Güter übergeben und dir den Platz geben, der dir gebührt. Noch heute Abend wirst du Ritter, mein Sohn.“

„Ihr solltet euch jetzt nicht anstrengen, Vater“, mahnte Balian. Godfrey lächelte.

„Ob ich mich jetzt anstrenge oder nicht, es ist nur eine Frage der Zeit, Balian. Vielleicht gehe ich ein paar Stunden eher zu deiner Mutter, wenn ich das tue – aber du gehst als Ritter von hier weiter.“

Alle Proteste Balians halfen nicht, sein Vater war in dieser Beziehung wirklich stur wie ein Esel. In der Kapelle des Hospitals wurde auf Godfreys Anweisung die Zeremonie vorbereitet. Balian musste baden, bekam dann ein weißes Hemd angezogen, das die Unschuld symbolisierte und wurde von zweien der Gefolgsleute seines Vaters in die Kapelle geführt. Sein Vater saß auf einem Stuhl vor dem Altar, flankiert von Jean und Guillaume.

Balian kniete auf ein Handzeichen seines Vaters vor ihm nieder.

„Sei ohne Furcht im Angesicht deiner Feinde, auf dass Gott dich lieben möge; sprich die Wahrheit – immer, selbst wenn es deinen Tod bedeutet; beschütze die Hilflosen; tu niemandem Unrecht. Das ist dein Eid“, sagte Godfrey. Seine Stimme klang schon brüchig; der Baron sprach hastig, als ob er vermeiden wollte, mitten in der Zeremonie dahingerafft zu werden. Mit einiger Mühe stand er auf und trat zu seinem Sohn, der ihn erwartungsvoll ansah. Doch was geschah, hatte der überhaupt nicht erwartet: Sein Vater verpasste ihm eine schallende Ohrfeige!

„Und diesen Schmerz – damit du dich daran erinnerst!“, keuchte Godfrey und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen. Balian brauchte in diesem Moment alle Beherrschung, um sich einen Schmerzlaut zu versagen. Nicht, dass er hätte zurückschlagen wollen – ein gemeiner Mann, der er bisher gewesen war, kam gar nicht auf diese Idee. Dennoch traf seinen Vater ein eher vorwurfsvoller Blick. Zu Balians Erstaunen lächelte sein Vater.

„Diese Ohrfeige, mein Sohn, ist der letzte Schlag, den du als Ritter unerwidert hinnehmen musst. Von nun an wird von dir erwartet, dass du dich gegen jede Beleidigung entsprechend wehrst und sie, ebenso wie dir entgegengebrachte Treue und Liebe, nicht unvergolten lässt“, erklärte er und streckte die Hand aus, in die Jean das blanke Schwert Ibelins legte. Godfrey drehte es, so dass er den Schwertgriff in der linken und die Klingenspitze in der rechten Hand hatte und küsste die Klinge. Dann überreichte er es Balian, der es mit einer ehrfürchtigen Miene entgegennahm und gleichfalls die Klinge küsste.

„Das Schwert ist dem Ritter ebenso heilig wie der Glaube, den wir verteidigen. Trenne dich außer im Palast des Königs niemals davon, benutze es nur in ehrenhaftem Kampf. Du bist mein Erbe, Balian, und dieses Schwert ist Teil deines Erbes, denn in seinem Knauf ist das Kreuz unseres Wappens. Gib es einst weiter an deinen Sohn, wenn du ihm sein Erbe übergibst, so wie ich dir deines nun übergebe“, erklärte Godfrey weiter.

Dann zog er seinen Siegelring vom Finger und schob ihn auf den kleinen Finger von Balians linker Hand. Der Ring bestand aus Gold, in einer ovalen Fassung war ein großer, roter Stein, der in der Länge etwa einen Zoll maß. In den Stein war das Wappen der Familie Ibelin eingeschnitten, ein Tatzenkreuz.

„Dies ist das Wappen derer von Ibelin: Ein dunkelrotes Tatzen-kreuz auf goldenem Grund. Mit diesem Ring besiegelst du von heute an deine Briefe und alle Urkunden, die du als Herr der mir übergebenen Lehen ausstellst, die ich hiermit an dich weitergebe, mein Sohn. Und so sieht auch dein Rock aus: Jean, Guillaume, kleidet den neuen Ritter an!“

Wie befohlen halfen die Männer dem neuen Ritter beim Anlegen des für ihn noch ungewohnten Kettenhemdes und des darüber getragenen Wappenrocks, der aber insofern vom Siegel und dem einzelnen Kreuz auf den Schilden abwich, als der Rock auf der rechten Vorderseite dunkelrot und auf der linken vorderen Seite beige war und vorn und hinten von je sieben Kreuzen geschmückt wurde. Sechs davon waren in der jeweils entgegengesetzten Farbe gehalten, ein siebentes Kreuz überlagerte im Farbwechsel unter den obersten Kreuzen die Mitte des Waffenrockes.

„Erhebe dich als Ritter, Balian von Ibelin!“

Balian stand auf und nahm die Glückwünsche der Männer seines Vaters entgegen, die ihm gleich darauf den Treueid als seine Gefolgsleute leisteten. Godfrey sackte zusammen, sein Sohn und Jean konnten ihn gerade noch auffangen, bevor er zu Boden ging.

„Du solltest dich ausruhen, Vater“, empfahl der neue Ritter sanft, seinen Vater zum ersten Mal duzend. Sein Vater lächelte. Der junge Mann erfüllte prompt seinen Eid, die Hilflosen zu beschützen.

Balian blieb mit Bruder Jean bei seinem Vater, während der Baron von Ibelin alle anderen fortgehen hieß. Dann bat er den Ordensbruder nahe zu sich und schickte auch seinen Erben außer Hörweite, um die Beichte abzulegen. Godfrey beichtete, und sein Sohn bemerkte aus der Entfernung, dass es ihm nicht leicht fiel.

Nach einiger Zeit winkte der Johanniter nach Balian, der noch zögernd näher kam.

„Euer Vater möchte Euch seinen letzten Wunsch mitteilen“, sagte der Priester leise. Balian setzte sich wieder an das Bett und nahm vorsichtig die Hand seines sterbenden Vaters.

„Balian, schwöre mir, dass du jetzt nicht umkehrst, sondern nach Jerusalem gehst!“

„Das schwöre ich, Vater“, versprach der junge Mann.

„Und schwöre mir, dass du immer auf der Seite des Königs stehst, dass du seine Politik der Verständigung zwischen den Religionen unterstützt.“

„Das will ich tun.“

„Balian, der König ist sehr krank. Er ist aussätzig. Er wird deine Hilfe benötigen. Schütze ihn, seine Schwester und ihren Sohn, der Balduins Nachfolger sein wird. Besonders Sibylla und ihr Sohn Balduin werden deines Schutzes bedürfen. Ibelin stand immer auf der Seite des Königs, seit Balian der Alte sich für königstreu erklärte. Daran darf sich nichts ändern.“

„Das wird es nicht.“

„Werde ein guter Ritter, mein Sohn.“

„Ich habe noch viel zu lernen, aber deine Männer werden mir dabei helfen, ein guter Ritter zu werden“, entgegnete Balian, eine Zuversicht vorspiegelnd, die er noch nicht wirklich hatte.

„Wenn du in Jerusalem bist, wende dich an Tiberias. Er ist der Konstabler* von Jerusalem, der Befehlshaber der königlichen Truppen. Er ist ein guter Freund von mir und wird dir helfen, dich zurechtzufinden. Richte ihm aus, dass ich … dass …“

„Das werde ich tun, Vater.“

„Und, bitte mein Sohn, verzeih’ mir, dass ich dich so lange habe auf mich warten lassen.“

Balian kämpfte heftig mit aufkommenden Tränen und nickte nur.

„Bitte, sag’ es mir, mein Sohn!“, presste der Sterbende hervor-

„Ich vergebe dir, Vater“, erwiderte Balian mit versagender Stimme. Sein Vater schloss die Augen, tat einen letzten Atemzug und war tot. In abgrundtiefer Trauer fasste Balian die Hand seines toten Vaters und weinte bittere Tränen. Schon wieder war er allein – aber diesmal noch mit einer drückenden Verantwortung für die Männer, die bisher seinem Vater gefolgt waren und für die königliche Familie in Jerusalem.

Als er mit seinen Gefolgsleuten am Tag darauf als neuer Baron von Ibelin Orléans verließ, spürte er das Gewicht des väterlichen Schwertes an seiner linken Seite und den noch ungewohnten Druck des Siegelrings über dem Handschuh der linken Hand. Er war nicht sicher, dass er den hohen Anspruch wirklich erfüllen konnte, den sein Vater ihm als schwereren Teil seines Erbes hinterlassen hatte …

***

Kapitel 3

Ins Heilige Land

 

Der weitere Weg nach Süden war ohne besondere Vorkommnisse, sah man davon ab, dass Balians Männer die Zeit nutzten, um ihrem neuen Herrn das nötige Wissen zu vermitteln, das ihm sowohl hinsichtlich seiner Familie als auch für seine neuen Aufgaben fehlte.

Balian konnte ein wenig schreiben, hatte er doch zusammen mit den Söhnen des Vogtes Unterricht erhalten, wenn sein Meister für den Vogt in dessen Burg tätig gewesen war. Aber mehr als grobe Grundzüge waren es nicht. Bruder Jean war als Johanniterritter ein Ordensritter. Ordensritter waren aber nicht nur Ritter, sie waren auch Geistliche, Kleriker – und die konnten lesen und schreiben. Jean hatte im neuen Baron von Ibelin einen eifrigen Schüler, der gern lernte und jegliches Wissen, das er vermitteln konnte, wie ein trockener Schwamm aufsog – ob es die Kunst des Schreibens und Lesens war oder die Fähigkeit mit dem Schwert umzugehen.

Zweieinhalb Wochen nach ihrem Aufbruch von Orléans erreichten sie Marseille, von wo aus sie sich abgesehen von Jean, der mit weiteren Brüdern später reisen sollte, nach Akkon einschifften. Akkon war der Haupthafen des Königreichs Jerusalem, über den nahezu der gesamte Schiffsverkehr zwischen Europa und dem Heiligen Land abgewickelt wurde. Balian durfte zwar feststellen, dass Wasser keine Balken hatte und ein sehr wackeliges Element war, doch nach drei Tagen, die er regelmäßig über der Reling gehangen hatte, beruhigten sich seine gleichgewichtsgestörten Innereien und er konnte die Seereise nun doch genießen. Das Meer war ruhig, ein stetiger achterlicher Westwind trieb das Segelschiff mit etwa sechs Knoten je Stunde vorwärts gen Osten. Bei gleich bleibender Geschwindigkeit, so hatte der Kapitän gesagt, würden sie in etwa zwölf Tagen Akkon erreichen. Doch noch war es Winter – und der kann tückisch sein. Dennoch war es eine ebenso echte wie unerfreuliche Überraschung, dass ein Wintersturm sie erst südlich von Zypern packte.

Schiff und Mannschaft wurden heftig herumgestoßen und wer sich nicht festhielt, lief Gefahr über Bord zu gehen. Balian hielt es bei dem Unwetter unter Deck nicht aus und klammerte sich lieber oben an Deck an den Wanten fest. Irgendwie hatte er das Gefühl, unter Deck nicht wirklich sicher zu sein. Seine Männer hockten samt und sonders in ihrem Deck und beteten flehentlich für eine sichere Ankunft im Hafen.

Der Sturm trieb den Segler auch noch nach Süden ab, die Brecher liefen immer höher auf. Eine furchtbare Sturzsee zerschmetterte den Großmast und spülte alles von Deck, was nicht niet- und nagelfest war oder sich nicht fest genug anklammerte. Balian halfen seine kräftigen Hände, sich an einem nassen Tampen festzuhalten – im Gegensatz zu den Matrosen, die einfach fortgespült wurden. Hilfeschreie aus dem Unterdeck alarmierten ihn. Mühevoll kämpfte er sich durch die Brecher zur Luke durch, doch er erreichte sie nicht. Alles, was er noch tun konnte, war die Pferde zu befreien, die an Deck angebunden waren. Doch auch von den Pferden konnte er nur noch den schwarzen Hengst seines Vaters losbinden. Dann spülte ihn eine neue Sturzsee selbst über Bord. In diesem Moment war der junge Mann mehr als nur dankbar, dass er schwimmen gelernt hatte – und dass bereits Land in Sicht war.

Die kochende See versuchte zwar, den ermüdenden Schwimmer hinab zu ziehen, doch Balian erreichte mit letzter Kraft den Strand. Als er sich aufrappelte, sah er wie das Schiff Bug über Heck in den tosenden Fluten unterging. Viel hatte er nicht retten können – außer dem Schwert seines Vaters, dessen Siegelring und einem kleinen Bündel war ihm nichts mehr geblieben. Erneut von Trauer überwältigt sank er auf dem Strand zusammen. Nun hatte er auch noch die Männer seines Vaters verloren, die ihm Treue geschworen hatten. Balian begann sich zu fragen, weshalb alle Menschen, die sich in seine Nähe trauten, so furchtbar gestraft wurden …

Dann hörte er etwas. Ein Wiehern. Er sah sich um und entdeckte den Rappen, den er noch hatte losbinden können, bevor er von Bord gespült worden war. Er ließ seine Sachen liegen und lief zu dem Pferd, um es einzufangen, damit er nicht auch noch zu Fuß den Weg nach Jerusalem suchen musste. Doch der verschreckte Hengst bemerkte den auf ihn zu laufenden Menschen – und riss aus. Alles rufen und locken half nichts: Das Tier war durch die Strandung völlig in Panik geraten und lief immer wieder weg. Balian konnte es nicht einholen.

Schließlich gab er resigniert auf, kehrte an den Strand zurück, las seine Sachen wieder auf und machte sich auf den Weg in das Landesinnere – in der Hoffnung, bald jemandem zu begegnen, der ihm den Weg nach Jerusalem weisen konnte.

Schon bald wich der grüne Küstenstreifen einer immer trockener werdenden Wüste. Balian hatte keine Ahnung, in welcher Richtung er Wasser finden konnte – ihm war nur klar, dass er bald welches finden musste, wollte er nicht verdursten.

In seiner Not betete er um Hilfe; darum, dass er Wasser finden konnte. Gott hatte sein Gebet offensichtlich erhört, denn als er über den nächsten staubtrockenen Hügel stieg, bemerkte er in der Ferne Palmen, die auf eine Oase hinwiesen. Dort musste es Wasser geben. Er schlug den Weg in Richtung der Palmen ein, doch er wanderte noch bis zum späten Nachmittag, um die Oase zu erreichen.

Als er sich der Oase näherte, fiel ihm auch ein Pferd auf, das sich genüsslich an den grünen Gräsern gütlich tat. Es war der schwarze Hengst, den er befreit hatte. Je näher er kam, desto mehr wurde ihm klar, dass das Tier durch den Untergang verstört gewesen war, sich nun aber beruhigt hatte. Es ließ zu, dass Balian sich ihm näherte, kam ihm sogar von selbst näher und stupste vertraulich mit der weichen Nase nach ihm. Vorsichtig nahm der junge Mann den Zügel.

„Gut so“, sagte er leise und kraulte den schwarzen Hengst sanft an der Nase. „Reiten wir nach Jerusalem, hm?“

Ein scharfer Ruf, den er nicht verstand, ließ ihn zusammenzucken und den Hengst erschrocken zurückfahren. Er hatte Glück, dass er den Zügel festhalten konnte, sonst wäre das Pferd wieder ausgerissen. Er drehte sich um und sah zwei Männer in arabischer Kleidung auf sich zukommen, von denen einer wild gestikulierte.

„Verzeiht, sprecht Ihr vielleicht auch fränkisch?“, erkundigte sich Balian. „Arabisch beherrsche ich nicht.“

Der zweite, der nicht so heftig gestikuliert hatte, entbot ihm einen Gruß, den er noch nie gesehen hatte: Er tippte sich mit der rechten Hand auf das Herz, den Mund und dann an die Stirn und verbeugte sich leicht.

„Ich spreche deine Sprache, Ungläubiger.“

„Danke. Was sagt der Mann?“, erkundigte sich der junge Franke*.

„Das ist Sidi Mohammed al-Faes, der Herr dieses Landes. Er sagt, dieses Pferd gehört ihm.“

„Das kann nicht sein, denn dieses Pferd ist mir vor einigen Tagen weggelaufen, als wir beide uns nach einem Schiffsuntergang im Sturm gerade noch an die Küste retten konnten. Es gehört mir“, widersprach Balian. Der Mann, mit dem er gesprochen hatte, übersetzte für Mohammed, der einen zornigen Wortschwall über den Übersetzer ausschüttete. Der Übersetzer verbeugte sich

„Sidi Mohammed weist dich darauf hin, dass dieses Land sein Land ist und dass alles, was sich darauf befindet ihm gehört.“

„Dann müsste er mich ja auch beanspruchen und dich, denn wir stehen ebenfalls auf seinem Land“, entgegnete Balian. Der Übersetzer grinste.

„Ich diene ihm sowieso, und was dich betrifft, Ungläubiger …“

„Ich heiße Balian“, unterbrach der Baron den Übersetzer.

„Das ist der Name eines Franken, eines Ungläubigen; also bist du ein Ungläubiger. Sidi Mohammed wird dich ebenfalls beanspruchen.“

„Dann muss er mich erst mal haben“, knurrte Balian, ließ den Zügel los und zog sein Schwert. Mohammed al-Faes war wohl auch nicht zu weiteren Diskussionen aufgelegt, denn er riss ebenfalls sein Schwert heraus, eine leicht gebogene Damaszenerklinge, und griff den Franken damit an.

Der Übersetzer sprang eilig beiseite, um nicht zwischen die Kämpfer zu geraten, die sich ein heftiges Gefecht lieferten. Sidi Mohammed war verblüfft, dass der Ungläubige so geschickt mit dem geraden Frankenschwert umgehen konnte. Noch verblüffter war er über die Kraft, mit der der Fremde die Klinge führte. Schon nach kurzer Zeit gelang es Balian, die Deckung des Arabers aufzureißen und ihm das Schwert aus der Hand zu schlagen, das in unerreichbare Entfernung flog. Wenn er gehofft hatte, die Meinungsverschiedenheit damit geklärt zu haben, sah sich der junge Franke getäuscht.

Mit einer raschen Wendung schnappte Mohammed den Speer, den er am Sattel hatte und griff den Christen erneut an. Der Araber benutzte den Speer als Kampfstock, nicht als Stoßwaffe. Balian schaltete rasch, nahm das Schwert hoch, wie sein Vater es ihm gezeigt hatte und hieb den Speer in zwei Teile. Doch während er eigentlich beabsichtigt hatte, den Mann nur zu entwaffnen, hatte dieser plötzlich eine tiefe Wunde quer von der linken Schulter bis zum rechten Oberbauch und sackte zu Tode verwundet zu Boden. Balian zuckte erschrocken zurück. Mohammed röchelte noch einmal, dann war er tot.

„Damit ist wohl geklärt, dass Sidi Mohammed auf mich keine Ansprüche hat“, sagte Balian – es klang sehr viel kälter, als er es sagen wollte. Der Übersetzer sah ihn entsetzt an und glaubte, auch sein letztes Stündlein habe geschlagen.

„Es tut mir Leid, ich wollte ihn nicht töten, aber er ließ mir keine andere Wahl“, sagte der junge Mann. „Übersetzer, weißt du den Weg nach Jerusalem?“

„Ja.“

„Dann führe mich dorthin.“

„Du … du willst mich nicht töten?“

„Nein“, erwiderte Balian, „ich bin nicht gekommen, um zu töten, Übersetzer. Ich möchte hier gern leben – in Frieden. Dein Leben will ich nicht. Führe mich. Du wirst es nicht bereuen.“

Der Übersetzer tat, wie ihm geheißen und führte Balian nach Jerusalem. Jerusalem lag mitten in den judäischen Bergen, fast zweieinhalbtausend Fuß hoch auf einem felsigen Plateau, das nach Osten recht steil abfiel, nach Westen aber eher sanft abstieg. Schon von weitem war der eigentliche Kern, die alte Burg der Könige von Juda, zu erkennen.

Balian und der Übersetzer, der sich zwischenzeitlich als Imad vorgestellt hatte, blieben vor dem Jaffator stehen, das in die heilige Stadt dreier Religionen hineinführte. Der Anblick, der sich dem Franken hinter der Stadtmauer bot, war überwältigend.

„Ich danke dir, Imad, dass du mich hergebracht hast. Wie … verabschiedet man sich in deiner Sprache?“, erkundigte sich Balian. Imad nahm diese Höflichkeit mit einem freundlichen Lächeln zur Kenntnis.

„As-Salam ‘alaykum. Das heißt in deiner Sprache so viel wie Friede sei mit dir“, erklärte Imad. „Und man berührt sich mit der rechten Hand am Herzen, an den Lippen und an der Stirn, während man dies spricht“, erklärte er weiter. Balian nahm die höfliche Geste auf, tat, wie Imad es beschrieben hatte.

„As-Salam ‘alaykum, Imad. Möge Allah dir gewogen sein.“

„U ‘alaykum as-Salam, Balian von Ibelin“, verabschiedete sich Imad. Auf Balians verblüfften Blick sagte er:

„Das ist die angemessene Antwort auf ein as-Salam ‘alaykum, mein Freund.“

Balian lächelte, verbeugte sich, Imad erwiderte die Verbeugung, kehrte sogleich wieder um und verließ den Christen, den er sicher geleitet hatte.

Balian sah ihm kurz nach, dann ritt er durch das Tor hindurch und bestaunte die Schönheit der heiligen Stadt. Jetzt war er in Jerusalem – aber wo sollte er Tiberias finden?

Ich hätte Imad danach fragen sollen. Der kennt sich hier schließlich aus‘, durchzuckte es ihnn, doch Imad war fort. Eine Weile war er eher ziellos durch die beeindruckende Stadt geritten, als er an einen Brunnen kam und die Gelegenheit nutzte, sein Pferd zu tränken und selbst etwas zu trinken. Eine Weile saß er im Schatten einer Palme, als Männer im Waffenrock des Hauses Ibelin näher kamen. Er stand auf und trat aus dem Schatten, die linke Hand auf dem Schwertknauf.

„Seid Ihr Gefolgsleute des Barons von Ibelin?“, fragte er. Die Reiter zügelten ihre Pferde. Der führende Mann sah auf Balians Hand.

„Wie kommt Ihr an das Schwert meines Herrn und an seinen Siegelring?“, fuhr er ihn an.

„Ring und Schwert sind Teil meines Erbes, das mein Vater mir übergab, bevor er in Frankreich starb.“

„Wie ist Euer Name?“

„Balian … von Ibelin, Baron Godfreys Sohn“, erwiderte der junge Mann. Der führende Reiter saß ab und ging auf Balian zu.

„Euer … Vater… hatte zwanzig Ritter bei sich. Wo sind die?“, fragte er recht scharf.

„Wir schifften uns in Marseille ein, gerieten kurz vor der Küste in einen schrecklichen Sturm, in dem das Schiff sank. Dieses Pferd und ich sind die einzigen, die mit dem Leben davon kamen. Alle anderen – auch die Ritter meines Vaters, auch Guillaume und Simon – sind dabei ertrunken. Und ich habe nur überlebt, will ich mich an Deck des Schiffes befand. Ebenso wie das Pferd meines Vaters, das ich noch losbinden konnte, bevor uns eine Welle fortspülte“, erklärte Balian.

„Wo ist Godfrey beerdigt?“

„In Orléans, wie auch Joseph und Richard, die fielen, als mein Vater und seine Männer mich gegen Verfolger verteidigten.“

„Wart Ihr schon in Eurem Haus hier?“

„Nein“, erwiderte Balian lächelnd. „Ich kenne mich in Jerusalem nicht aus. Nur die Männer meines Vaters hätten mir zeigen können, wo es ist. Er gab mir noch mit, ich solle mich an Herrn Tiberias wenden, den Konstabler von Jerusalem, der ein Freund meines Vaters war. Aber ich weiß auch nicht, wo ich Tiberias finden kann.“

„Dann seid Ihr auch noch nicht als Erbe anerkannt, oder?“, erkundigte sich der Mann.

„Nein.“

Zu Balians Verblüffung kniete der führende Reiter nieder.

„Ich gelobe Euch Treue, Mylord Balian von Ibelin.“

Auf seinen Wink saßen die anderen Männer ebenfalls ab und schwuren Balian auf die gleiche Art die Treue.

„Erhebt Euch. Wer seid Ihr?“

„Ich bin Almaric, der Verwalter der Güter von Ibelin. Das hier sind Michel, Joseph – er kommt übrigens aus Arimathäa …“, grinste Almaric. „Hugo und Ismael. Ismael ist einer Eurer islamischen Bediensteten. Euer Vater hat nicht nur Christen in seinem Dienst, sondern auch Juden und Muslime.“

„Ich weiß; mein Vater sagte mir, er wolle dazu beitragen, dass das Heilige Land wieder für alle da ist, denen es heilig ist. Also wird das so bleiben“, erklärte Balian mit einem freundlichen Lächeln.

„Willkommen in Jerusalem, Baron Balian von Ibelin!“, rief Ismael von ganz hinten.

„As-Salam ‘alaykum, Ismael!“, erwiderte Balian – samt arabischem Gruß. Ismael klappte die Kinnlade herunter.

„U ‘alaykum as-Salam“, antwortete Ismael automatisch. Dann stutzte er. „Aber … Sidi … Ihr seid Christ!“ stotterte er.

„Darf ein Christ sich dieses Grußes nicht bedienen, Ismael?“

„Do… doch, na… natürlich, Sidi. Es ist nur ungewöhnlich, dass ein Christ diesen Gruß benutzt. Nicht einmal Euer Vater tat dies.“

„Dann führe ich es hiermit ein“, erwiderte Balian und wandte sich wieder an den Verwalter:

„Almaric, könnt Ihr mich zu Tiberias bringen?“

„Gewiss, Mylord. Aber … wir sollten erst zu Euch nach Hause reiten, damit … damit Ihr …“

„… Euch angemessen kleiden könnt oder damit Ihr Euer Gepäck abgeben könnt?“, fragte Balian mit einem Grinsen.

„Vielleicht beides, Mylord?“, schlug Almaric vor.

„Nun, Gepäck habe ich keines – aber vielleicht suche ich mir was anzuziehen.“

Almaric ritt voraus und wies Balian den Weg in sein neues Heim. Der junge Mann war von der Größe des Hauses sehr beeindruckt – aber die Ausstattung verschlug ihm schlicht die Sprache:

Blankpolierte Marmorböden, auf denen persische Teppiche ein Ausrutschen verhinderten, führten durch hohe Hallen, die reich mit Steinmetzarbeiten unverkennbar orientalischer Provenienz verziert waren. Mitten im Zentrum des Hauses war ein großes Atrium, in dem ein Springbrunnen für angenehme Frische und Kühlung sorgte. Von dem Atrium gingen Schlafräume ab, deren bögenverzierte Fenster ebenfalls keinen Zweifel ließen, dass dieses Haus auf orientalischem Boden stand. Die Betten waren mit weißem Leinen bezogen, verströmten einen intensiven Lavendelduft. Alle waren mit zarten Vorhängen versehen, die aus hauchdünner Seide gewirkt waren. In jedem Schlafraum fand sich ein Kohlebecken, mit dem der Raum beleuchtet wurde und mit dem er gleichzeitig zu beheizen war – falls es nötig war. Ein großer Saal mit einer langen Tafel aus Zedernholz und ebensolchen Stühlen grenzte an eine Küche, wie Balian sie noch nie gesehen hatte. Überall in dieser Küche hingen Sträuße von getrockneten Kräutern, die einen wundervollen Duft verbreiteten und Appetit auf das Essen machten. Mehrere Kessel aus blankpoliertem Kupfer hingen in Reichweite der Köchin, die Almaric Balian als Judith vorstellte.

„Judith ist ein großartige Köchin, Mylord. Außer ihr macht nur noch Yussuf ein so vorzügliches Couscous.“

„Was ist Couscous?“, fragte Balian.

„Das ist ein Hirsegericht mit viel Hammel drin. Sehr praktisch, vor allem wenn es gilt die Speisevorschriften unserer jüdischen und muslimischen Dienstboten einzuhalten. Das gibt es hier eigentlich immer – nur für die Christen gibt’s das am Freitag nicht …“, grinste Almaric. „Wenn Ihr mir bitte nach oben folgen wollt?“

Almaric führte seinen neuen Herrn in das Obergeschoss des zweistöckigen Gebäudes, das von drei Räumen und einer großen Terrasse beherrscht wurde. Die Terrasse war teilweise mit einem Sonnensegel beschattet; der Salon, das Schlafgemach und das Badezimmer führten sowohl auf die Terrasse hinaus als auch auf den Flur. Zudem waren alle drei Räume innerlich miteinander verbunden.

„Almaric, Ihr habt mich nicht zufällig gleich in den königlichen Palast gebracht?“, fragte Balian vorsichtig.

„Nein, Mylord, das hier ist Euer Haus – genauer: Eins von Euren Häusern.“

„Wie bitte?“

„Ihr habt nicht viel Zeit mit Eurem Vater verbracht, oder?“

„Nein, leider nicht.“

„Ich … ich will Euch nicht verhehlen, dass ich misstrauisch bin – nein, war. Euer Vater reiste nach Frankreich in der Absicht, Euch und Eure Frau Mutter nachzuholen. Er … er meinte, er habe sich jetzt soweit etabliert, dass er das riskieren könne, ohne Euch und Eure Frau Mutter in unnötige Gefahr zu bringen.“

Etabliert ist wohl eher untertrieben, Almaric, hm?“, fragte Balian, als er sich mit staunenden Augen umgesehen hatte. „So einen Palast hatte ja nicht mal der Vizegraf in Chartres, geschweige denn unser Vogt.“

Almaric grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„Und nun stellt Euch mal vor, dass Euer Vater als der jüngste von drei Brüdern zu Hause in Frankreich nicht einen roten, verbogenen Denier geerbt hat, sich sogar das Geld für die Überfahrt leihen musste und bettelarm hier ankam.“

„Und wie kommt man hier im Orient zu solchen Reichtümern?“, erkundigte sich Balian.

„Die Methoden sind unterschiedlich, Mylord. Aber seid sicher, dass Euer Vater niemals jemandem etwas weggenommen hat oder auf unredliche Weise zu solchem Reichtum gekommen ist. Die Familie Ibelin ist seit gut fünfzig Jahren eine sehr angesehene Familie im Königreich Jerusalem, absolut königstreu und hat deshalb sehr reiche Lehen vom König erhalten. Dieses Haus hier hat noch Euer Großonkel Balian der Alte errichten lassen. Außer diesem Haus hier in Jerusalem gehören noch Nablus und Samaria, etwa sechzig Meilen nördlich von Jerusalem, zu den Lehen, dazu Ramleh östlich von hier sowie Gaza weiter südlich an der Küste zu Eurem Familienbesitz. Ibelin selbst, das Eurer Familie den Namen gab, wurde 1151 an die Johanniterritter gegeben, aber seit Euer Vater herkam, ist es wieder Euer Lehen. Wie viel Zeit habt Ihr mit ihm noch verbringen dürfen?“

„Zu wenig“, seufzte Balian. „Es waren nur wenige Tage.“

Almaric nickte. Es war besser, wenn er seinen jungen Herrn jetzt nicht weiter ausfragte.

„Wenn Ihr baden wollt, lasse ich Euch ein Bad richten, Mylord.“

„Ich bin noch ungeübt in den Usancen dieser Herrschaft. Ist es üblich, zu baden?“

„Hier schon. Seht, der allgegenwärtige Staub ist sehr unangenehm, vor allem, wenn man stark geschwitzt hat – und es ist hier einfach normal, dass man schwitzt. Außerdem … Ihr seid hier im Orient, Mylord. Unsere muslimischen Vorgänger als Herren von Jerusalem sind sehr eifrige Nutzer des Bades – und wir Franken haben es uns hier angewöhnt. Es ist sehr wohltuend, das kann ich Euch sagen. Und … Ihr werdet noch heute den König treffen, Mylord. Da … da geziemt sich, sauber zu erscheinen. Schließlich seid Ihr keiner von den Tempelrittern, die nur höchst selten baden“, empfahl der Verwalter.

„Gut, dann seid so freundlich, mir ein Bad richten zu lassen. Wo finde ich Kleidung?“

„Kommt, ich zeige es Euch.“

Balian folgte Almaric in das Schlafgemach, wo mehrere Truhen standen. Almaric öffnete eine davon und suchte ein Gewand heraus, das Balian nach seinem Augenmaß zu passen schien. Es war eine dünne, dunkelblaue Seidentunika, deren offener Halsausschnitt und die halblangen Ärmel mit Goldborte gesäumt waren. In gleichmäßigen Abständen waren kleine, goldene Medaillons in die Seide eingestickt. Dazu gehörte ein Gürtel, der gleichfalls mit Goldborte gesäumt war. Als weitere Ergänzung fischte Almaric noch ein dunkelblaues Leinenhemd mit langen Ärmeln sowie eine ebenfalls dunkelblaue Leinenhose aus der Truhe.

„Das Hemd mit den langen Ärmeln tragt Ihr unter der Tunika, dem Obergewand. Die Tunika fällt locker über die Hose und wird mit dem Gürtel zugeschnürt. Euer Vater trug dies zu solchen Anlässen. Es müsste Euch passen, auch wenn Ihr etwas kleiner seid als Euer Vater. Dafür seid Ihr ein ganzes Stück schmaler, Mylord.“

„Mal sehen, ob das nicht wie ein Sack aussieht“, grinste Balian. „Wo werde ich den König treffen?“

„Er wollte Euren Vater in seinem Haus besuchen, sofern er aus Frankreich zurück ist. Wenn Ihr erlaubt, werde ich Euch jetzt bei Tiberias melden. Er wird sicher herkommen wollen.“

„Ja, tut das, Almaric.“

„Mylord Balian?“

„Ja?“

„Euer Vater pflegte alle seine Leute zu duzen. Bitte, seid so gut, das ebenfalls zu tun.“

„Beruht das auf Gegenseitigkeit?“

„Nein, selbstverständlich nicht!“, wehrte Almaric erschrocken ab. „Wir sind eben nur einfache Menschen, als Diener geboren, nicht als Herren.“

„Das bin ich auch“, entgegnete Balian.

„Mylord, der Respekt vor Euch und Eurem Vater verbietet mir, Euch zu duzen.“

„Almaric, ich brauche hier Freunde; Menschen, denen ich vertrauen kann.“

„Dann – bitte – nehmt Euch etwas Zeit, Eure Gefolgsleute kennen zu lernen. Nicht jeder verdient blindes Vertrauen.“

„Du auch nicht?“

„Entscheidet das, wenn wir uns besser kennen, Mylord Balian. Ich will nicht so vermessen sein, das von mir zu behaupten.“

„Gut. Dann melde mich beim König und bei Tiberias an, Almaric.“

„Jawohl, Mylord“, erwiderte Almaric, verneigte sich und ließ Balian in seinem neuen Zuhause vorerst allein.

***

Kapitel 4

Die königliche Familie

Almaric eilte rasch zum Davidsturm, in dem Konstabler Tiberias seinen Amtssitz hatte. Die in himmelblaue Waffenröcke mit dem Wappen von Jerusalem auf der Brust gekleideten Wachen ließen den ihnen bekannten Verwalter der Güter Ibelins sofort ein. Tiberias, der im Hof noch nach einer Versammlung seiner engsten Gefolgsleute noch saß, war sehr erstaunt, Almaric zu sehen, der eben in diesen Hof kam.

„Ich grüße Euch, Mylord Tiberias“, begrüßte Almaric den Konstabler.

„Ich grüße Euch, Almaric von Gaza. Was treibt Euch her? Godfrey ist doch nicht schon zurück, oder?“, erkundigte sich der Konstabler.

„Nein, Mylord Tiberias. Godfrey von Ibelin … er … er wird auch nicht mehr kommen. Aber sein Sohn Balian ist heute eingetroffen.“

„Was ist mit Godfrey?“, fragte Tiberias erschrocken.

„Nach den Worten seines Sohnes ist er in Frankreich gestorben. Er hat seinem Sohn Balian aufgetragen, sich mit Euch zu treffen. Ich soll Euch seine Ankunft melden.“

Tiberias sah Almaric eine Weile an. Er und Godfrey von Ibelin waren gute Freunde gewesen; zwei Männer, die gegenseitig nicht nach dem Rang fragten. Godfrey hatte Tiberias vor seiner Abreise angekündigt, dass er seinen Sohn und seine Frau holen wollte – und jetzt war offenbar nur der Sohn angekommen. Der Konstabler hielt es nicht für klug, den Jungen zu früh wissen zu lassen, welche Bedeutung die Familie Ibelin im Königreich Jerusalem hatte. Als der Ältere hatte er das noble Vorrecht, sich besuchen zu lassen.

„Gut, sagt Eurem Herrn, dass ich ihn erwarte.“

„Ähem, verzeiht, Mylord Tiberias. Ich … ich habe gemäß Eurer Verabredung mit Baron Godfrey meinem neuen Herrn Balian angekündigt, Ihr würdet ihn besuchen wollen …“, erwiderte Almaric zögernd.

„Almaric, Ihr kennt die Gepflogenheiten …“, entgegnete Tiberias. Almaric verbeugte sich.

„Ich werde es meinem Herrn bestellen“, sagte er und eilte wieder zurück in das Haus der Ibelins.

Almaric hatte ernsthaft befürchtet, Balian würde ungemütlich auf Tiberias’ Einladung reagieren, doch dem neuen Baron war klar, dass er hier der Neuling war, der sich vorzustellen hatte. Dennoch bat Almaric seinen Herrn um Vergebung. Balian lächelte freundlich und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Almaric, ich weiß noch nicht viel über mein neues Leben. Kennst du dich mit den üblichen Verhaltensweisen des Adels aus?“

„Ich diene Eurem Vater schon seit vielen Jahren, Mylord.“

„Kennst du dich aus?“

„Ja.“

„Gut. Dann bitte ich dich, Almaric, dass du mir in dieser Hinsicht Unterricht gibst.“

„Gern, Mylord Balian. Erlaubt Ihr mir noch eine Empfehlung?“

„Gewiss.“

„Wenn Ihr zu Tiberias geht, wäre es vielleicht besser, bei ihm in Rüstung zu erscheinen.“

„Ist Jerusalem ein so gefährliches Pflaster, dass ein Christ sich hier nur in Rüstung auf die Straße trauen kann?“

„Nein, das nicht. Aber Tiberias ist der Befehlshaber der Ritter von Jerusalem. Außerdem will er Euch wohl als neuen Baron von Ibelin beim König vorstellen. Da präsentiert Ihr Euch besser als Kämpfer denn als verwöhnter Adliger“, schlug Almaric vor. Balian nickte, ließ sich von Almaric die Rüstkammer zeigen und verließ sein Haus in Kettenhemd und Wappenrock der Familie Ibelin, nachdem Almaric ihm den Weg beschrieben hatte.

Wenig später betrat Balian den Davidsturm. Der Siegelring der Familie Ibelin war Legitimation genug. Ein Diener lief voran und kündigte den jungen Herrn von Ibelin bei Tiberias an.

„Mylord Tiberias erwartet Euch, Baron von Ibelin.“

Balian nickte dankend und betrat dann den großen Saal. Tiberias erhob sich und trat auf den jungen Mann zu.

„Willkommen in Jerusalem, Balian, Baron von Ibelin. Du bist der Sohn deines Vaters. Er war mein Freund – und ich bin der deine“, begrüßte der Konstabler ihn. Balian verbeugte sich leicht.

„Ich danke Euch für den freundlichen Gruß, Mylord Tiberias. Grüße bringe ich Euch von meinem Vater Godfrey – leider die letzten, die er Euch noch senden konnte.“

„Was ist geschehen?“

Balian berichtete Tiberias kurz über die Geschehnisse in Frankreich und auf der Überfahrt.

„Nach allem, was du heil überstanden hast, scheint Gott Großes mit dir vorzuhaben“, mutmaßte der Konstabler. „Dein Vater hat dir mit deiner Aufgabe eine große Herausforderung hinterlassen. Der König braucht dich“, setzte er hinzu. Balian zuckte verlegen mit den Schultern.

„Ich bin mir nicht sicher, Mylord Tiberias. Kann der König einen Mann wie mich überhaupt gebrauchen?“

Tiberias schüttelte lächelnd den Kopf und ging ein kleines Stück zurück.

„Was sagte dein Vater dir über … deine Verpflichtungen?“

„Dass ich ein guter Ritter werden soll.“

„Der König braucht keinen perfekten Ritter. Was er braucht, ist ein aufrichtiger Freund, mein Freund. Er braucht einen Mann, der seine Politik befürwortet und sie unterstützt. Willst du das tun?“

„Das ist meine Absicht“, erwiderte Balian.

„Dann ist es wohl an der Zeit, dich dem König vorzustellen. Komm, gehen wir in den Palast.“

Der Weg zum Palast war nicht weit, aber Tiberias nutzte die Zeit, um Balian einen groben Überblick über den Hofstaat und die maßgeblichen Personen zu geben:

„Balduin ist unser König. Er ist der vierte Träger dieses Namens und stammt aus dem Hause Anjou. Er hat zwei Schwestern, Sibylla und Isabella. Sibylla, die ältere von beiden, hat einen kleinen Sohn, der ebenfalls Balduin heißt, aber meist bei seinem zweiten Namen Raymond gerufen wird. Balduin-Raymond wird Balduin IV. auf den Thron folgen. Dann sind da die bedeutenden Höflinge wie Guy de Lusignan, der mit der Prinzessin Sibylla verlobt ist. Er ist nicht sehr beliebt, weil er recht arrogant ist. Zudem hält er nicht viel von der Politik des Königs, allen religiösen Gruppen ihre Rechte zuzugestehen. Er ist ein Intrigant erster Ordnung, der nach meiner Überzeugung keinen Winkelzug auslässt. Guy hat einen guten Freund mit Namen Reynald de Châtillon – ein Lump vor dem Herrn, ehemaliger Fürst von Antiochia mit einem mehr als nur abenteuerlichen Leben. Wo er Streit wittert, heizt er ihn kräftig an. Gib Acht auf ihn, er könnte dir sehr gefährlich werden. Der Templergroßmeister de Ridefort ist ebenso ein Gegner der königlichen Politik“, erklärte er. Balian nahm es zur Kenntnis.

„Und wer ist für den König?“, fragte er.

„Ich, dein Vater war es – wie die ganze Familie Ibelin, einschließlich des Herrn Reinhold von Sidon, ein entfernter Cousin von dir. Die Johanniter ebenfalls, die Courtenays, die Grafen von Edessa, wenn auch mit Einschränkungen. Ich hoffe, du auch.“

Balian lächelte.

„Vater nahm mir das Versprechen ab, dem König zu dienen. Also ist seine Politik auch meine, vor allem, wenn sie mir so vernünftig erscheint, wie das, was Ihr mir vorstellt, Mylord Tiberias. Und Intrigen – das ist nicht meine Welt …“, sagte er. Tiberias lächelte in sich hinein. Der junge Mann war Godfreys Sohn – daran konnte es nicht den geringsten Zweifel geben, mochte Balian seinem Vater äußerlich auch nicht sehr ähneln.

Unmittelbar vor dem Palast blieb Tiberias noch einmal stehen und hielt ihn am Arm fest.

„Eins solltest du noch wissen, bevor wir hineingehen: Der König leidet an Lepra – und er wird über kurz oder lang daran sterben. Weil sein Gesicht durch diese Krankheit entstellt ist, trägt er eine silberne Maske. Du tust gut daran, sie einfach zu übersehen.“

Balian sah den väterlichen Freund einen Moment an.

„Mein Vater sagte mir schon, dass König Balduin an Lepra leidet. Reagiert er sehr empfindlich, wenn man ihn darauf anspricht?“

„Balduin ist ein junger Mann, der etwa so alt ist wie du, Balian. Er würde es sicher vorziehen, so ein makelloses Gesicht zu haben wie du. Er leidet nicht nur an der Krankheit, sondern auch an seiner Entstellung. Du solltest das respektieren.“

„Ich bin hier, um dem König von Jerusalem zu dienen, Mylord Tiberias, nicht, um ihn zu beleidigen“, erwiderte Balian ernsthaft. Der Konstabler nickte und ging dann voran in den Palast.

Balian kam aus dem Staunen kaum mehr heraus. Dieser Palast war einfach überwältigend. Die Gänge schienen unendlich, waren mit kostbaren Materialien geschmückt. Vor einem großen Saal ließ Tiberias ihn kurz warten, holte ihn dann herein.

„Mein König, das ist Balian, Godfreys Sohn, der neue Baron von Ibelin“, erklärte Tiberias. Der Vorgestellte verbeugte sich höflich.

„Kommt näher, Baron von Ibelin“, sagte Balduin und winkte Balian näher heran. Gehorsam kam Balian näher.

„Ich sehe durch meine Krankheit inzwischen schon sehr schlecht. Verzeiht, wenn ich Euch mein Gesicht nicht zeige, doch ist es von der Lepra so entstellt, dass ich es nicht einmal meinen engsten Vertrauten mehr zeigen mag. Willkommen in Jerusalem, Baron Balian.“

„Ich danke für die freundliche Aufnahme, mein König“, erwiderte Balian mit einem freundlichen Lächeln.

„Euer Vater kehrte heim, um Euch ins Heilige Land zu holen. Wo ist Euer Vater?“

„Er … er ist in Frankreich geblieben, mein König. Nicht aus freiem Willen, sondern weil er fiel, als er mich gegen Feinde verteidigte. Sein letzter Wunsch war, dass ich herkomme und Euch an seiner Stelle diene.“

„Wie seid Ihr hergekommen?“, erkundigte sich der König.

Balian erzählte ihm in kurzen Worten von der Reise, dem Untergang seines Schiffes und den weiteren Ereignissen, seit er an Land gegangen war.

„Dann wart Ihr noch nicht in Ibelin?“, hakte der König nach.

„Nein“, bestätigte der junge Ritter.

„Ibelin, Balian, ist ein Dorf mit einer Burg an der Straße nach Jerusalem. Es ist Eure Aufgabe, diese Pilgerstraße nach Jerusalem offen zu halten und zu schützen“, Der König beugte sich leicht nach vorn. „Alle sind in Jerusalem willkommen. Nicht, weil es nützlich ist, sondern weil es richtig ist. Jeder soll Gott auf seine Weise ehren, gleich, ob Jude, Moslem oder Christ.“

„Das will ich beherzigen.“

„Wenn Ihr das so hinnehmt, seid Ihr wahrlich Eures Vaters Sohn. Er teilte meine Ansicht, dass Jerusalem eine für alle drei Religionen heilige Stadt ist, die allen offen stehen soll, die sie als heilig ansehen. Leider denken nicht alle so wie Ihr, Euer Vater oder Tiberias. Deshalb brauche ich Männer, auf die ich mich verlassen kann. Wollt Ihr so ein Mann sein, auf den sich der König von Jerusalem verlassen kann?“

„Was immer Ihr verlangt. Ich diene Euch“, erwiderte Balian.

„Gut. Dann sollt Ihr noch meine Schwester Sibylla und ihren Sohn Balduin kennen lernen. Balduin wird mir auf den Thron folgen, denn wirklich lange habe ich nicht mehr zu leben. Die Lepra wird mich über kurz oder lang dahinraffen“, kündigte Balduin an. „Tiberias, seid bitte so gut, die Prinzessin und ihren Sohn herkommen zu lassen“, forderte er den Marschall dann auf. Tiberias verbeugte sich und beeilte sich, dem Wunsch des Königs nachzukommen.

Im Thronsaal war einen Moment Schweigen, als Tiberias fort gegangen war.

„Mein Königreich ist bedroht, Balian. Saladin hat die Muslime geeint und wartet nur darauf, dass von unserer Seite ein Fehler gemacht wird“, brach der König schließlich das Schweigen. „Er ist ein edler Mann, ritterlich durch und durch – aber ebenso wie ich hat er religiöse Fanatiker in seinen Reihen, die uns Christen lieber heute als morgen in die Hölle befördern möchten.“

„Wer steht zu Euch, mein König und wer ist gegen Euch?“, fragte Balian.

„Ihr seid direkt, mein Freund. Ich schätze das. Euer Vater war für mich, Graf Tiberias ist es, der Großmeister der Johanniterritter ist es auch. Gegen meine Politik sind die Templer, der Patriarch von Jerusalem, dann Guy de Lusignan, der Verlobte meiner Schwester und sein steter Begleiter Reynald de Châtillon, um die wichtigsten zu nennen.“

„Der Verlobte Eurer Schwester teilt nicht Eure Ansicht der nötigen Politik?“, wunderte sich der junge Ritter.

„Nein“, seufzte Balduin, „nur habe ich das zu spät bemerkt, als die Verlobung schon beschlossene Sache war und ich das Heiratsversprechen nicht mehr zurückziehen konnte. Es wäre mir lieber gewesen, Euer Vater hätte sich Eurer eher besonnen.“

Balian lächelte.

„Mein König, Ihr habt mich heute zum ersten Mal gesehen. Ihr wisst noch nicht viel von mir.“

Die silberne Maske verbarg das Lächeln des Königs, aber es leuchtete durch seine Worte hindurch.

„Ich sehe schlecht, und ich kenne Euch erst seit eben. Dennoch bin ich der Ansicht, dass Ihr wenigstens meiner Schwester die Entscheidung erleichtert hättet.“

„Vergebt, aber Eure Schwester kennt mich noch gar nicht. Weshalb sollte sie mich einem bedeutenden Fürsten Eures Reiches vorziehen?“

„Wenn Ihr bei Gelegenheit an einem Spiegel vorbeikommt, nehmt Euch die Zeit, hineinzusehen. Dann werdet Ihr wissen, was ich meine, Mylord Balian.“

Balian kamen Zweifel, ob das Äußere für die Entscheidung eine Rolle spielen sollte.

„Außerdem“, fuhr der König fort, „ ist Eure Familie eine bedeutende Familie hier im Königreich Jerusalem. Euer Vater war einer meiner treuesten Lehnsmänner. Aber nun muss ich zu meinem Wort stehen.“

Zu weiteren Erklärungen kam Balduin nicht, weil Tiberias mit Sibylla und ihrem Sohn erschien. Balduin winkte sie heran. Sibylla war eine dunkelhaarige Schönheit. Eine junge Frau, die Anfang oder allenfalls Mitte zwanzig sein mochte. Offenbar war sie sehr jung Mutter geworden, denn ihr Sohn war sieben oder acht Jahre alt, wie Balian schätzte. Sein Blick kreuzte den der Prinzessin. Es waren sanfte, blaugrüne Augen, die ihn interessiert musterten.

„Sibylla, Balduin – ich möchte euch Balian, den neuen Baron von Ibelin, vorstellen. Balian, meine Schwester Sibylla und Balduin, ihr Sohn.“

Balian verbeugte sich vor dem Prinzen und seiner Mutter.

„Mein Prinz, meine Prinzessin.“

Sibylla spürte eine Welle Wärme durch ihren Körper fluten, die mit der Lufttemperatur im Palast nichts zu tun hatte. Dieses warme, sanfte Lächeln des jungen Ritters faszinierte sie – ebenso wie seine warmen Augen, die die Farbe dunklen, transparenten Bernsteins hatten. Noch nie, das hätte sie geschworen, hatte sie so warme Augen gesehen. Sie waren wärmer als ein gemütliches Kaminfeuer.

„Willkommen in Jerusalem, Mylord Balian. Seid Ihr nun in Jerusalem oder werdet Ihr wie Euer Vater mehr den Pilgerpfad von Ibelin aus bewachen?“, fragte sie.

„Ich werde bald dorthin reisen, um mir mein Erbe anzusehen und mich um die Sicherheit der Pilgerstraße kümmern. Doch ich nehme an, dass ich sehr bald wieder zurück in Jerusalem sein werde.“

„Dann solltet Ihr bald reisen, denn ich brauche Euch zur nächsten Versammlung der Barone in einem Monat hier in Jerusalem. Ich möchte Euch auch den Großmeistern der Ritterorden, Herrn de Lusignan und Herrn de Châtillon vorstellen. Sie sind allerdings heute nicht hier. Ich lade Euch für morgen zu einem gemeinsamen Essen zur Mittagsstunde ein“, sagte Balduin.

„Ich danke für die großzügige Einladung, mein König. Ich werde kommen. Erlaubt Ihr, dass ich mich zurückziehe?“

„Geht, mein Freund, seht Euch Jerusalem an.“

Balian verbeugte sich und verließ den Thronsaal.

Draußen erwartete ihn Tiberias.

„Wir sollten noch zum Kämmerer gehen, damit du als Erbe endgültig aufgenommen bist“, empfahl er.

„Gern. Danke, dass Ihr …“

Balian stockte, als er Tiberias’ Hand auf seinem Arm spürte.

„Balian, dein Vater und ich waren sehr gute Freunde. Ich will auch deiner sein. Freunde sind nicht so förmlich zueinander. Sag du, das ist völlig ausreichend – und mein Vorname ist Raymond.“

„Ich werde mich hoffentlich bald daran gewöhnen, Raymond.“

***

Kapitel 5

Alle sind in Jerusalem willkommen

Tiberias’ Freundschaft war für Balian ein wirkliches Geschenk. Der Marschall kannte Jerusalem bis in den letzten Winkel, aber Balian wollte seine neue Heimat gern auch selbst erkunden. Tiberias hatte ihn kaum in sein Haus gebracht, als der junge Mann einen Rundgang in der näheren Umgebung unternehmen wollte.

„Geht nicht allein, Sidi“, beschwor Ismael seinen jungen Herrn.

„Warum nicht?“, fragte Balian verblüfft.

Sidi, es gibt Diebe und Räuber in Jerusalem. Besonders an der Klagemauer und in der Nähe des Tempelberges. Die Leute von Sidi Tiberias können nicht überall sein.“

„Na schön, dann komm mit mir. Kennst du dich aus?“

„Ja, Sidi, ich wurde in Jerusalem geboren.“

Balian wollte mehr in Zivil in Jerusalem unterwegs sein und auf den Wappenrock verzichten. Nur mit einem dunklen Wams über dem weinroten Leinenhemd und einem Wanderstab in der Hand erinnerte nichts mehr an den neuen Baron von Ibelin. Er wusste aus eigener Erfahrung als gemeiner Mann, dass die Menschen sich vor den Wappenröcken der Ritter fürchteten – zumindest in dem Dorf, in dem er fünfundzwanzig Jahre seines Lebens verbracht hatte. Ismael zeigte seinem jungen Herrn die reichen Basare Jerusalems, in denen Balian schier die Augen übergingen vor exotischen Gewürzen, kostbaren Stoffen und so unterschiedlichen Metall- und Keramikarbeiten, wie der junge Mann aus Frankreich sie seinen Lebtag noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Doch Ismael führte ihn auch in die weniger ansehnlichen Teile der Heiligen Stadt – die Teile, in denen Moslems und Juden lebten. Balian war von der Armut der Menschen ebenso erschüttert, wie ihn der Reichtum der Wohlhabenden gleichermaßen faszinierte und abstieß. Als Schmied war er selbst nicht reich gewesen, aber zu den Armen hatte er auch nicht gezählt. Geld hatte der junge Mann nicht bei sich. Wie sich ein prall gefüllter Geldbeutel anfühlte, wusste er immer noch nicht, aber er hatte in seinem Haus schon eine Truhe entdeckt, in der sich gewisse Barmittel befanden. Almosen konnte er deshalb nicht geben, aber er schwor sich, demnächst zurückzukehren und den Ärmsten dieser Armen wenigstens etwas unter die Arme zu greifen.

„Ismael, sind nur Juden und Moslems so arm oder gibt es auch so arme Christen?“, fragte Balian.

„Das ist unterschiedlich, Sidi. Zu den christlichen Vierteln haben wir Moslems oder die Juden keinen Zutritt. Selbst hier werden wir oft von den Templern verjagt.“

„Und niemand unternimmt etwas dagegen?“

„Nein, Sidi. Nur Euer Vater, der hat es versucht. Aber so viel Leid kann ein einzelner – und sei er so reich wie der Baron von Ibelin – nicht lindern.“

„Seit wann arbeitest du für meinen Vater?“

„Ich habe die Monate nicht gezählt, Sidi. Ich habe ihm Treue geschworen, nachdem er mein Leben rettete.“

„Entschuldigung – was heißt Sidi?“

„Oh, Verzeihung. Das ist die arabische Bezeichnung für Herr. Ich wollte Euch nicht mit unverständlicher Anrede beleidigen.“

„Das tust du nicht, Ismael. Das ist doch eine sehr schöne Anrede. Es klingt schön.“

„Danke … Sidi.“

An einem öffentlichen Brunnen machten sie eine Pause. Balian schöpfte Wasser und gab Ismael den ersten Becher.

„Aber … Sidi …“

„Trink schon. Ich bin vielleicht anders als andere Männer aus meinem Land. Ich bin als Diener geboren, nicht als Herr“, lächelte der junge Franke. Ismael trank durstig und gab Balian den Becher zurück, der sich selbst noch Wasser schöpfte.

„He, ihr Maurenpack! Schert euch weg! Der Brunnen ist nur für Christen!“, fuhr sie ein Templerritter an. Der Mann war in voller Rüstung, samt Topfhelm und Schild. Ismael wollte weglaufen, aber Balian bekam ihn noch am Ärmel zu fassen.

„Wer seid Ihr, dass Ihr Euch so aufplustert?“, erkundigte sich der inkognito anwesende Baron ungerührt.

„Ich bin Ignaz von Bethanien, Ritter des Templerordens. Aber wer ich bin, geht einen dreckigen Sarazenen eigentlich einen Dreck an!“

„Und einen dreckigen Templer geht es einen Dreck an, aus welchem Brunnen wir trinken!“, fuhr Balian ihn an.

„Dich werd’ ich Mores lehren, Bürschchen!“, grollte der Templer und schwang seinen Morgenstern. Balian unterlief einige Hiebe, dann bekam er seinen langen Wanderstab zu fassen und lieferte dem Templer ein Stockgefecht, mit dem der sicher nicht gerechnet hatte. Der Morgenstern flog weg, ein fürchterlicher Hieb traf den Topfhelm des Templers, der bewusstlos zu Boden ging. Balian bedeutete Ismael, Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen und nahm dem Templer den Helm ab. Ein Eimer kalten Wassers brachte den Mann wieder zu sich, aber aufstehen konnte er nicht, weil Balian ihm einen Fuß auf die Brust gestellt hatte.

„So, Ignaz von Bethanien, wenn ich dich noch einmal erwische, dass du ohne Not einen Moslem oder einen Juden angreifst, dann wirst du wissen, was du von Balian von Ibelin zu erwarten hast. Das nächste Mal werde ich sicher nicht unbewaffnet sein, wenn ich durch Jerusalem gehe. Verschwinde!“

„Von … Ibelin?“, stotterte der Templer. „Warum sagt Ihr das nicht gleich?“

Balian packte den Templer am Waffenrock und zog ihn hoch.

„Ich habe heute einen Besuch beim König gemacht. Und der hat mir gesagt, dass in Jerusalem jeder willkommen ist – Christ, Jude oder Moslem. Aber wie ich sehe, werden seine Befehle von manchen Christen nicht beachtet! Der König wird davon erfahren.“

„Der König ist krank. Wartet’s nur ab, hier wird sich bald einiges ändern“, grinste der Templer, sammelte seinen Helm auf und trollte sich. Balian sah sich um und sah in das entsetzte Gesicht seines Dieners.

Sidi, der meint es ernst …“, warnte Ismael.

Am folgenden Tag erschien Balian in der kostbaren Tunika zum gemeinsamen Mittagsmahl beim König, die Almaric ihm zunächst gegeben hatte. Sibylla, die nicht weit von ihm entfernt an der Tafel saß, war von der noblen Erscheinung des jungen Ritters völlig hingerissen. Balduin-Raymond, bei Hofe zur Unterscheidung von seinem Onkel in der Regel nur Raymond genannt, folgte dem interessierten Blick seiner Mutter.

„Magst du ihn, Maman?“, fragte er.

„Ich kenne ihn kaum, Raymond. Aber er scheint sehr nett zu sein“, erwiderte Sibylla, ohne ihren Sohn anzusehen. Ihr Blick hing wie festgeklebt an dem neuen Baron. Es gab nicht viele Männer, die so unverschämt gut aussahen wie Balian von Ibelin. In Sibyllas Umgebung war er ganz sicher der Einzige, dessen war sie gewiss. Sofern er aufsah, nickte sie ihm freundlich zu.

Ihm war ihr Interesse unangenehm. So, wie sie ihn ansah, konnte er glauben, sie wolle mehr von ihm als nur die Loyalität eines Vasallen. Dem jungen Mann war das geradezu peinlich, dennoch bemühte er sich, freundlich zurück zu lächeln. Doch meist war sein Gesicht ernst und nachdenklich. Sibylla schien es, als sei er weit fort.

Tatsächlich war er mit seinen Gedanken weit entfernt – bei seinem in Orléans verstorbenen Vater, bei seiner Familie, soweit sie in seinem kleinen Dorf begraben war, besonders bei Natalie. Unbewusst nahm er ein Kruzifix aus der Hosentasche und betrachtete es. Es war Natalies Kruzifix, das sie stets getragen hatte.

Sibylla bemerkte den traurigen Blick, der auf das Kruzifix fiel. Alles in ihr schrie danach, ihn zu trösten, aber Raymond sprach es aus.

„Ihr seid so traurig, Mylord Balian. Was habt Ihr?“, fragte der Junge. Balian war so weit weg, dass er nicht gleich realisierte, dass die Frage ihm galt.

„Mylord Balian?“

Verstört sah er auf; die Anrede war noch so ungewohnt, dass er sie zunächst nicht auf sich bezogen hatte.

„Verzeihung, Prinz Balduin, sprecht Ihr mit mir?“, erkundigte er sich. Der Junge lächelte so freundlich, wie nur ein Kind lächeln kann.

„Ihr seid traurig. Denkt Ihr an Euren Vater?“

Balian rang sich ein Lächeln ab.

„Nein, mein Prinz, an meine Frau.“

„Aber … Eure Frau … wo ist sie denn? Hat mein Onkel sie denn nicht mit eingeladen?“

„Das ginge schlecht, mein Prinz, denn meine Frau lebt nicht mehr“, erwiderte Balian mit mühsamer Beherrschung.

„Oh, das tut mir Leid. Ist sie im Himmel?“

„Das … das weiß ich nicht“, entgegnete der junge Ritter.

„Natürlich ist sie das“, widersprach Sibylla, die spürte, wie nahe dem neuen Baron dies Thema ging. „Balduin – es ist gut.“

Sein dankbarer Blick traf die Prinzessin wie ein Blitzstrahl. Es stimmte – noch niemals hatte sie so warme Augen gesehen!

Auch Raymond fand den jungen Ritter sehr sympathisch, der ihn zwar höflich mit seinem Titel anredete, aber sonst so gar nichts von Unterwürfigkeit oder auch adliger Überheblichkeit hatte. Sein freundliches Lächeln erinnerte Raymond sehr an Godfrey, den er so gern gehabt hatte, dass er ihn einfach Onkel genannt hatte, obwohl kein verwandtschaftliches Verhältnis bestanden hatte. Der Junge spürte instinktiv, dass Balian Kinder gern hatte – auch ohne zu wissen, wie sehr er sich auf das Kind gefreut hatte, das seine Frau mit in den Tod genommen hatte.

König Balduin saß am Kopfende der Tafel, aß jedoch nicht selbst mit, da seine silberne Maske dies verhinderte. Der König pflegte allein zu speisen, um seinen Gefolgsleuten den grauenhaften Anblick seines von Lepra entstellten Gesichtes zu ersparen. Nun erhob er sich und alle Anwesenden sahen den König erwartungsvoll an.

„Meine Herren Barone, Tiberias, Guy – wir haben einen Freund verloren, denn Godfrey von Ibelin weilt nicht mehr unter uns. Gott sei seiner guten Seele gnädig. Doch wir haben auch einen neuen Freund in unserer Mitte, denn Godfrey hat seinen Sohn Balian finden können und mit der Fortführung seiner Aufgabe hier im Heiligen Land betrauen können. Ich verkünde hiermit, dass alle Lehen, mit denen Godfrey von Ibelin belehnt war, auf seinen Sohn Balian übertragen werden. Alle Verpflichtungen, die gegenüber Godfrey von meiner Seite und von Euch geschuldet waren, gehen ebenfalls auf Balian über. Balian wird seinerseits die Verpflichtungen seines Vaters übernehmen. Dazu gehört die Überwachung der Pilgerstraße nach Jerusalem. Ich sage es noch einmal in aller Deutlichkeit – und das gilt für alle, die hier anwesend sind: Alle sind in Jerusalem willkommen. Alle! Auch Juden und Moslems. Das ist mein Befehl an meine Vasallen!“, mahnte Balduin. „Und dieser Befehl gilt auch für die Templer, Mylord de Ridefort!“, setzte der König mit scharfem Ton hinzu, direkt an den Großmeister des Templerordens gerichtet.

De Ridefort sah den König offen an.

„Mein König, der Orden der Tempelritter untersteht nicht dem König von Jerusalem, sondern ausschließlich der Mutter Kirche. Unsere Aufgabe ist …“

„Schweigt, de Ridefort!“, fuhr Balduin den Großmeister an. „Ihr werdet Euch an meine königlichen Befehle halten oder Ihr verlasst samt Euren Rittern das Königreich Jerusalem! Habt Ihr verstanden?“

„Balduin, es wäre ein großer Verlust, wenn du die Templer aus deinem Reich verbannst!“, warnte Guy de Lusignan.

„Guy, ich weiß, wie nahe dir die Templer stehen, schließlich trägst du selbst den Rock der tapferen Templer. Doch eines muss klar sein: Im Königreich Jerusalem haben die Ritter nur einen Herrn – und das ist der König.“

„Jawohl, mein König“, bestätigte de Lusignan.

„Mylord de Ridefort?“, wandte sich Balduin an den Großmeister.

„Der Großmeister hat völlig Recht. Die Moslems sind überflüssig. Sie bedrohen unsere Sicherheit“, schaltete sich Reynald de Châtillon ein. „Deshalb werde ich alles tun, um diese Heiden daran zu hindern, sich hier breit zu machen.“

„Die Moslems bedrohen Eure Sicherheit?“, fragte Balian ruhig. „Eher bedrohen christliche Ritter ohne Not friedliche Moslems“, versetzte er. Reynald und Guy sahen den jungen Mann scharf an.

„Was geht Euch das an?“, zischte Reynald.

„Ebenso viel oder wenig wie Euch, Reynald. Nur, dass der ehrenwerte Tempelritter Ignaz von Bethanien gestern Nachmittag meinte, zwei Moslems daran hindern zu müssen, aus einem Brunnen zu trinken, den er für Christen reservieren wollte. Leider hatte er sich verschätzt, denn zum einen hielt er einen Christen für einen Moslem, zum anderen meinte er, leichtes Spiel zu haben, denn die beiden angeblichen Moslems waren, abgesehen von einem Wanderstab, unbewaffnet.“

„Unsinn! Ein Tempelritter greift keine unbewaffneten Leute an“, widersprach Guy.

„Dann sagt Ignaz die Unwahrheit“, entgegnete Balian. „Denn einer von denen, die er angriff, war ich.“

Schlagartig verstummten alle Geräusche in dem Saal. Gérard de Ridefort, Guy und Reynald wurden bleich.

„Ihr lügt!“, fauchte Guy.

„Dann sagt mir, wer diesen Morgenstern trägt“, erwiderte Balian und nahm ein Bündel unter dem Tisch hervor, wickelte es aus und präsentierte Ignaz’ Morgenstern, in dessen Griff Name und Wappen des Eigentümers eingraviert waren.

„Wie kommt Ihr an diese Waffe?“, keuchte de Ridefort.

„Ignaz hat ihn bei dem fraglichen Brunnen liegen lassen, nachdem er ihn mir um die Ohren schlagen wollte, aber an meinem Wanderstab nicht vorbeikam.“

„Ignaz hätte Euch damit kurz und klein geschlagen, Ibelin!“

„Wie Ihr seht, sitze ich noch hier – und ich habe nur eine kleine Schramme an der linken Hand. Ignaz hat sicher ziemliche Kopfschmerzen, weil ein Wanderstab aus französischer Eiche ein recht harter Gegenstand ist, der auch Beulen in einem Helm hinterlässt. Ich habe ihm meinen Namen genannt. Wenn er seinen Rittereid ernst nimmt, wird er nicht leugnen.“

„Ihr macht einen Fehler, Balian!“, knurrte Guy. „Ihr seid Eurer selbst zu sicher.“

„Ich habe keine Angst vor Euch, falls Ihr das meint. Und auch nicht vor den Templern, Mylord de Lusignan“, entgegnete Balian kühl.

De Lusignan sprang auf und verließ wutschnaubend den Saal. De Châtillon und de Ridefort folgten ihm. Die verbliebenen Vasallen des Königs von Jerusalem sahen Balian verblüfft an.

„Ihr … Ihr habt Euch gerade schlimme Feinde gemacht, Baron von Ibelin“, warnte Reinhold von Sidon.

„Wer ist der schlimmere Feind? Der, der die Wahrheit sagt oder der, der gegen die gerechte Politik des Königs ist?“, fragte Balian. „Mein Vater lehrte mich, vor meinen Feinden keine Furcht zu haben. Meine Fähigkeiten stelle ich in den Dienst des Königs von Jerusalem. Soweit ich es vermag, werde ich dem König von Jerusalem helfen, seine Vorstellung von einem für alle Religionen offenen Jerusalem zu verwirklichen, so wahr mir Gott helfe. Ich bin nicht hier, um mich persönlich zu bereichern oder weil ich nach Macht strebe“, versetzte Balian entschlossen. Es kam nicht oft vor, dass ein Vasall ungefordert in dieser Öffentlichkeit einen Treueid auf den König ablegte – aber es war in diesem Augenblick geschehen.

Etwas später löste sich die Gesellschaft auf. Balian ging allein durch die verwirrenden Gänge des gewaltigen Palastes. Er musste wohl einen Umweg gemacht haben, denn aus einem der Nebengänge trat Prinzessin Sibylla ihm in den Weg. Er blieb stehen und verbeugte sich höflich. Die schöne Frau lächelte ihn an.

„Ich habe Euch heute beobachtet“, sagte sie. Er sah sie nur fragend an.

„Ihr redet nicht viel, Mylord von Ibelin, aber wenn Ihr etwas sagt, verdient das Aufmerksamkeit. Ich bin in diesem Land geboren und habe schon manchen Höfling kommen und gehen sehen, aber jemand wie Ihr ist mir noch nicht begegnet.“

„Was meint Ihr, meine Prinzessin?“, erkundigte sich der junge Mann. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Wie gut kennt Ihr die Verhältnisse hier?“

„Gar nicht, um ehrlich zu sein. Ich bin erst wenige Tage im Heiligen Land und war heute zum ersten Mal hier.“

„Ihr wisst also nicht, wer Guy de Lusignan ist?“

Balians Lächeln verstärkte sich.

„Mein Vater hat mir gesagt, der König habe ihm seine Schwester zur Frau versprochen. Also ist er Euer Verlobter oder bereits Euer Ehemann.“

„Noch mein Verlobter“, erwiderte Sibylla. „Kennt Ihr wirklich keine Furcht oder habt Ihr aus blanker Unwissenheit eine andere Position als Guy eingenommen?“

„Ich weiß nicht, welchen Einfluss Mylord de Lusignan hat. Aber ich weiß, dass er die Politik Eures Bruders nicht unterstützt, dass er dagegen ist – die Gründe dafür interessieren mich wenig, denn ich finde keinen Grund, der gerechten Politik des Königs nicht zu folgen. Ich habe geschworen, Eurem Bruder zu helfen. Und das werde ich tun – egal, wen oder was ich mir damit zum Feind mache.“

„Dann seid Ihr genau der Mann, den mein Bruder braucht, Balian. Seid Ihr noch länger in Jerusalem?“

„Ich wollte morgen nach Ibelin reisen, um mir das Gut anzusehen, das mein Vater mir hinterlassen hat.“

„Dann werdet Ihr nicht erfreut sein“, warnte Sibylla.

„Weshalb?“

„Es gibt nicht viel her“, sagte sie.

„War mein Vater dem König ein schlechter Diener, dass er ihm schlechtes Land gegeben hat?“

„Euer Land liegt an der Pilgerstraße nach Jerusalem. Godfreys Aufgabe war die Bewachung dieser wichtigen Straße, weniger die Landwirtschaft.“

„Wie gesagt: Es ist mein Wunsch dem König dort zu dienen, wohin er mich stellt. Wenn meine Aufgabe die Bewachung dieser Straße ist, werde ich sie ausführen“, erwiderte Balian mit einem freundlichen Lächeln, wie Sibylla es noch nie gesehen hatte. Dieser Mann hatte etwas Besonderes an sich, das Sibylla geradezu magisch anzog. Sie musste ihn bald wiedersehen …

***

Kapitel 6

Ibelin

Wie er beabsichtigt hatte, reiste Balian am folgenden Morgen mit Almaric und einigen seiner Männer zu Pferd nach Ibelin, das einige Meilen westlich von Jerusalem an der von Jaffa her kommenden Pilgerstraße lag. Ihm fiel auf, dass die Gegend sehr trocken war, dass die Menschen, die hier lebten, nicht gerade vom Leben verwöhnt waren.

„Almaric, ist es normal, dass die Gegend hier so trocken ist?“, erkundigte sich der junge Baron.

„In diesem Jahr hat es noch keinen Tropfen Regen gegeben, Mylord Balian“, erklärte der Verwalter. „Wenn der Herr es nicht bald regnen lässt, wird die Ernte auf den Feldern verdorren. Dann gibt es eine Hungersnot.“

„Das klingt nicht gut. Gibt es Grundwasser?“

„Wie bitte?“

„Gibt es Wasser im Boden?“

„Das … das weiß ich nicht.“

„Schon mal nach Wasser gegraben?“, fragte Balian, dem dieses mangelnde Wissen ungewöhnlich vorkam. Sicher, auch in Frankreich verließ man sich lieber auf natürliche Quellen, aber man kannte durchaus die Möglichkeit, im Boden nach Wasser zu graben. Almaric sah seinen jungen Herrn verwirrt an.

„Nein“, sagte er entwaffnend ehrlich.

„Dann wird es Zeit, dass du das lernst“, grinste Balian.

Almaric führte den neuen Baron zunächst in das Anwesen von Ibelin, einer kleinen Burg, die hoch auf einem Hügel lag und die die beiden Straßen beherrschte, die am Fuße des Berges zusammentrafen. Die nach Osten führende Straße war die Pilgerstraße, deren Offenhaltung dem Baron von Ibelin oblag. Die von Süden her kommende und nach Norden weiterführende Straße verband Gaza und den Haupthafen Akkon, über den praktisch der gesamte Schiffsverkehr mit Europa abgewickelt wurde.

Wie das Haus in Jerusalem war das Anwesen in Ibelin ein prächtig ausgestattetes Haus, in dem nichts fehlte, was auf orientalische Provenienz hinwies – armenische Steinschnitzereien, polierte Marmorböden, kostbare Stoffe, ein zentraler Springbrunnen im Atrium, verschwiegene Zimmer mit bequemen Möbeln – und fließendes Wasser.

„Almaric, woher kommt das Wasser?“, fragte Balian.

„Es gibt eine Zisterne in diesem Fels, die schon von den Römern angelegt wurde. Ibelin wurde auf den Resten einer römischen Siedlung errichtet. Dabei hat man vorhandene Wasserleitungen neu befestigt und nutzbar gemacht.“

„Und die Leute, die vor der Burg im Dorf wohnen, haben nichts davon? Almaric, das geht nicht.“

„Wir können es dort nicht hinbringen, Mylord.“

„Wo verläuft die Leitung genau?“

„Yussuf wird es Euch genau sagen können.“

„Dann bitte ihn her.“

Balian hatte sich kaum umgezogen und Wappenrock und Kettenhemd wieder mit einem einfachen Leinenhemd vertauscht, als Yussuf erschien.

As-Salam ‘alaykum, Yussuf“, begrüßte Balian den Araber.

U ‘alaykum as-Salam, Sidi. Ihr habt mich rufen lassen?“

„Du bist der Baumeister hier?“

„So was in der Art, ja.“

„Gibt es Pläne von der Burg und ihren Einrichtungen?“

„Ja.“

„Wo sind sie?“

„Ich habe sie von Eurem Vater zur Verwahrung erhalten, Sidi.“

„Dann hole sie her. Ich möchte sie mir ansehen.“

Yussuf verschwand kurz, kehrte dann mit den Plänen zurück, die offensichtlich noch von den römischen Bauherren des vorher bestehenden Ortes stammten und die mit den neuen Mauerarbeiten überzeichnet waren. Mit einiger Mühe konnte Balian den Verlauf der Wasserleitung erkennen.

„Wenn man an diesem Knie hier eine Abzweigung baut und dadurch Wasser in den Brunnen unten im Ort leitet, müsste noch genügend Wasser für die Burg verbleiben“, schloss Balian aus dem Plan und tippte auf einen Winkel der Leitung.

„Ja, Sidi, aber was ist, wenn die Burg belagert wird?“

„Wir setzen hier einen Schieber ein. Mit dem kann der Abfluss nach unten gesperrt werden und das Wasser bleibt in der Burg“, erklärte Balian.

„Aber, Sidi, solche Schieber muss man aus Stahl machen. So etwas haben wir hier nicht in Ibelin.“

„Warum nicht?“

„Es gibt hier keinen Schmied, der Stahl schmieden könnte.“

„Gibt es eine Schmiede?“, fragte Balian interessiert.

„Ja, Sidi. Aber Mosche macht nur Pfannen und Hufeisen.“

„Ich kenne jemanden, der einen solchen Schieber schmieden kann“, lächelte Balian. „Vorausgesetzt, er hat eine Schmiede und anständiges Werkzeug.“

„Wen meint Ihr, Sidi?“

„Mich.“

Am Morgen darauf suchte Balian in dem Dorf den Schmied auf.

„Guten Morgen. Bist du Mosche, der Schmied?“

„Der bin ich. Und wer bist du?“

„Ich bin Balian, Godfreys Sohn.“

„Oh, Verzeihung, Mylord. Schalom.“

Balian lächelte gewinnend.

„Hab’ keine Angst, Mosche. Oh, was heißt Schalom?“

„Es ist hebräisch und heißt in Eurer Sprache so viel wie Friede.“

Schalom“, erwiderte Balian und verbeugte sich vor dem jüdischen Schmied. „Ich bin selbst Schmiedemeister und würde gern deine Werkzeuge benutzen, wenn du es mir erlaubst.“

„Wie bitte? Ihr seid doch Baron von Ibelins Sohn, oder habe ich Euch falsch verstanden?“

„Nein, hast du nicht. Aber ich bin nicht als Baron aufgewachsen, sondern in einem kleinen Dorf wie diesem hier, habe das ehrbare Handwerk eines Schmiedes erlernt und habe meine eigene Schmiede gehabt.“

„Dann heiße ich Euch nicht nur als den Sohn meines Herrn sondern auch als Zunftbruder willkommen. Wann kommt denn Mylord Godfrey?“

„Er wird leider nie wieder kommen, Mosche. Er ist auf der Reise hierher gestorben.“

„Friede sei mit ihm. Ich habe ihn sehr gemocht, denn er war ein guter Herr. Und was habt Ihr nun vor?“

Balian erklärte dem Schmied sein Vorhaben.

„Könnt Ihr denn solchen Stahl schmieden?“, fragte Mosche verblüfft.

„Ja.“

„Dann bedient Euch, Mylord Balian.“

Der französische Schmied suchte sich die erforderlichen Werkzeuge zusammen und erhitzte in der Esse die ersten Eisenplatten. Schon bald nahm die Schieberplatte schimmernde Gestalt an, wie Mosche erstaunt registrierte. Immer wieder maß der fränkische Zunftbruder sein Werkstück nach, erhitzte es erneut, gab ihm Form.

Nach einigen Stunden harter Arbeit war er mit dem selbstkonstruierten Schieber zufrieden.

„So, damit kann die Ableitung im Notfall gesperrt werden“, sagte er. Mosche sah das Schmiedestück staunend an.

„Und das soll funktionieren?“

„Ich denke schon. Aber das wird sich zeigen, wenn wir die Leitung fertig gebaut haben“, erwiderte Balian.

In den folgenden drei Tagen gruben er und seine Männer und die Dorfbewohner an einer knapp unter der Erdoberfläche verlegten Wasserleitung, die den ausgetrockneten Brunnen wieder mit Wasser versorgen sollte. Die Leitung selber bestand aus sorgfältig behauenem Fels, damit das Wasser nicht aus der Leitung im Boden versickerte. Schließlich öffnete der junge Baron den Schieber und ein Teil des Zisternenwassers rann in den Brunnen. Die Dorfbewohner jubelten.

Sidi Ibelin, Ihr seid ein Geschenk Allahs!“, entfuhr es dem moslemischen Dorfältesten.

Der neue Baron war mit dem Erreichten noch nicht ganz zufrieden. Noch immer waren die Felder, die jenseits des Dorfes lagen, ohne Wasser. Doch bevor er sich der Suche nach Wasser dort widmen konnte, musste er zunächst die Sicherung der Straße organisieren. Almaric half ihm, die erforderlichen Leute auszusuchen, die regelmäßig die Straße entlang patrouillierten und für Sicherheit sorgten. Als er das soweit gesichert hatte, konnte er sich wieder um den Lebensunterhalt seiner Dörfler kümmern.

Schon Godfrey hatte die Wasserversorgung auf der Tagesordnung gehabt, wie Balian bald feststellte, nur war seinem Vater der Auftrag des Königs dazwischengekommen, nach neuen Männern zu suchen, die die Armee des Königs verstärken konnten. Offenbar hatte Godfrey den Auftrag nicht ganz ausgeführt, sondern die Gelegenheit genutzt, nach ihm, seinem Sohn, zu suchen, von dessen Existenz Godfrey wohl gewusst hatte, dessen Aufenthaltsort er aber nicht genau gekannt hatte. Möglicherweise hatte sein Vater die Anwerbung von Männern fortsetzen wollen, nachdem er seinen Sohn gefunden hatte. Doch seine tödliche Verwundung hatte ihm keine Zeit mehr gelassen. Balian fühlte sich schuldig an dieser Situation. Seinetwegen war sein Vater tot, weil er ihn gegen Feinde verteidigt hatte. Seinetwegen hatte sein Vater nicht mehr die benötigten Männer auftreiben können. Er schloss das Buch mit den persönlichen Aufzeichnungen seines Vaters und sah hinaus. Es war später Nachmittag, die heißeste Zeit war vorüber. Es wurde Zeit, sich wieder um den neuen Brunnen zu kümmern.

Kurz nach Sonnenuntergang beendeten Balian und die Dörfler ihre Arbeit. Der Brunnen war schon zu tief, um ihn mit Fackeln noch ausleuchten zu können. Es war Zeit für einige Stunden Ruhe. Als Balian in die Burg zurückkehrte, sah er einige fremde Pferde im Hof.

„Yussuf, zu wem gehören die Pferde?“, fragte er den Baumeister, der ihn begleitet hatte.

„Dem Zaumzeug nach ist das ein Pferd aus dem königlichen Marstall in Jerusalem, Mylord Balian“, erwiderte der Araber. Gleich darauf bekam er große Augen. „Bei Allah – das ist Prinzessin Sibylla!“, entfuhr es dem Baumeister. Der Baron sah zum Tor, in dem Sibylla stand.

„Du meine Güte!“, keuchte er. „Wie kommt Ihr nach Ibelin?“

„Guten Abend, Mylord Balian“, begrüßte Sibylla ihn mit freundlichem Lächeln.

„Verzeihung, meine Prinzessin. Guten Abend“, erwiderte er ebenso freundlich.

„Wie ich hergekommen bin? Mit dem Pferd bin ich geritten, ganz einfach“, setzte sie hinzu.

„Ohne Leibwache?“, fragte er verwundert nach. Sibylla lächelte ihn süß an.

„Oh, die ist auf dem Weg nach Tyrus. Meine Dienerin und ich sind in der Tat allein gekommen. Die Pilgerstraße ist ja gut durch Euch geschützt. Da brauche ich keine Angst zu haben“, erwiderte sie. Er runzelte die Stirn.

„Vergebung, ich bin noch nicht recht vertraut mit höfischer Sprache. Meint Ihr das ernst oder war das ein Vorwurf, Hoheit?“, fragte er.

„Nein, das war ein Kompliment, Mylord Balian. Ich habe Euch vermisst in den letzten Tagen. Wolltet Ihr nicht bald wieder zurück sein in Jerusalem?“

Ihre Frage und ihr Augenaufschlag rührten tief in ihm eine Saite an, deren Klang er lange nicht mehr gehört hatte – und den er so kurz nach Natalies Tod auch noch nicht recht zulassen mochte.

„Kommt doch herein, meine Prinzessin. Es wird kühl werden“, lud er mit freundlichem Lächeln ein und öffnete ihr die Tür, ließ sie eintreten. „Habt Ihr schon etwas gegessen?“

„Nein, Sophie und ich sind gerade erst angekommen. Sie wollte Euch suchen gehen, nachdem Ihr nicht hier wart.“

„Yussuf, such’ die Dienerin der Prinzessin! Sie kann noch nicht weit fort sein“, wies Balian den Baumeister an.

„Ja, Sidi!“, bestätigte der und eilte den Weg hinunter.

„Habt Ihr Euch schon eingewöhnt?“

„Jedenfalls schon einiges getan, was mein Vater zwar noch vorhatte, aber nicht mehr erledigen konnte“, erwiderte Balian sanft und führte Sibylla in einen Empfangsraum neben dem Atrium. „Bitte, nehmt Platz. Ich lasse Euch einen Imbiss bringen und bin wieder bei Euch, sofern ich mich gewaschen und umgezogen habe.“

„Wollt Ihr denn nichts essen?“

„Oh doch, schließlich habe ich mir meine Datteln heute hart verdient. Aber Almaric hat mir eingeschärft, mich mit Mitgliedern der Königsfamilie nur gebadet zu Tisch zu setzen. Diese Regel kann ich nicht ausgerechnet bei Euch brechen“, entgegnete er.

„Ich kann aber nicht essen, wenn der Hausherr abwesend ist und selbst noch Hunger hat. Das wäre sehr unhöflich, Mylord Balian“, lockte Sibylla. Sie wollte nicht, dass er jetzt fortging.

„Dann lasst mich wenigstens die Hände waschen. Ich habe im Boden gewühlt und bin scheußlich schmutzig.“

„Gewährt. Aber seid bitte gleich wieder hier. Ich bin kurz vorm Verhungern.“

Er verbeugte sich mit einem schelmischen Lächeln und verließ den Empfangsraum.

Als er nur kurze Zeit später zurückkehrte, trug er zwar immer noch die verschmutzte Kleidung, hatte aber saubere Hände und nahm Sibylla gegenüber auf einem anderen Diwan Platz.

„Bitte, greift zu“, forderte er die Prinzessin auf, die vor einer großen Schale mit frischen Früchten saß, die sichtbar unberührt war.

„Betet Ihr nicht vor dem Essen?“, fragte sie verblüfft. Ein Schatten verdunkelte sein ansprechendes Gesicht.

„Ich bin hier zwar im Heiligen Land, aber ich … ich …“

„Ja?“, fragte sie interessiert. Balian wusste nicht wohin mit seinen Händen und seinen Blicken, die einerseits der Prinzessin ausweichen wollten und andererseits von ihrer schönen Erscheinung geradezu magisch angezogen wurden.

„Ich bin bemüht, meinen verlorenen Glauben wieder zu finden, meine Prinzessin.“

„Ohne Gebet werdet Ihr ihn nicht finden“, gab sie leise zurück.

„Wollt Ihr das Tischgebet sprechen, Mylady?“, bot er an. Sibylla sah in seinen braunen Augen abgrundtiefe Trauer. Sie nickte, bekreuzigte sich und sprach ein kurzes Dankgebet für Früchte, Wasser und ihr entgegengebrachte Gastfreundschaft. Balian bekreuzigte sich ebenfalls, schwieg aber.

„Ihr seid doch Christ, oder?“, fragte sie dann, als sie sich mit einem Zweig Weintrauben zurücklehnte, den sie Stück für Stück plünderte.

„Ja, so bin ich getauft und erzogen. Aber ich habe in den letzten Monaten so viel Schläge einstecken müssen, dass ich meinen Glauben an einen liebenden Gott verloren habe“, erwiderte der junge Mann.

„Was ist geschehen, einen Menschen wie Euch des Glaubens zu berauben?“, fragte sie besorgt. er seufzte.

„Was würdet Ihr von einem Gott halten, der es zulässt, dass eine junge Frau in Eurem Alter sich samt ihrem ungeborenen Kind umbringt und ihren Ehemann völlig unvorbereitet in ein solches Unglück stürzt? Was würdet Ihr von einem Priester dieses Gottes halten, der den auf diese Weise verlassenen Ehemann auch noch dafür beschimpft, ihn bei der Dorfgemeinschaft so verleumdet, dass sie ihm das Dach über dem Kopf anzünden? Von einem Gott, der besagten Mann um seinen gerade gefundenen Vater bringt und auch noch sämtliche Leute im Sturm untergehen lässt, die ihm helfen könnten, sich in seinem neuen Leben zurecht zu finden?“

Sibylla stockte, als sie die ganze Tragweite seines persönlichen Unglücks begriff. Eine Weile suchte sie nach Worten. Schließlich stand sie auf und setzte sich neben ihn.

„Euer Unglück ist groß, das steht außer Zweifel. Aber … manchmal prüft Gott uns schwer, um zu sehen, welche Fähigkeiten wirklich in uns stecken. Mein Bruder, zum Beispiel, leidet seit vielen Jahren an der Lepra. Ich weiß, dass sie ihn umbringen wird – und er weiß es auch. Dennoch gibt er nicht auf und baut an einem Jerusalem, in dem alle religiösen Gruppen Gott auf ihre Weise verehren können“, sagte sie leise. Balian sah sie einen Moment an.

„Und Euch zwingt er in eine Ehe, die Ihr nicht wollt“, bemerkte er. Sie sah ihn betroffen an. Er hatte mitten ins Schwarze getroffen.

„Ja, so kann man es nennen. Aber für eine Frau in meiner Stellung spielt Liebe bei der Ehe keine Rolle.“

„Spielt nicht oder hat nicht zu spielen?“, fragte er sanft. Sie senkte den Blick. Er verstand es, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

„Hat nicht zu spielen“, bekannte sie. „Wie Ihr seht, bin ich auch recht gebeutelt von den Zwängen, in denen ich stecke. Aber ich gebe auch nicht auf und verzweifle nicht an Gott.“

„Nein, Ihr reißt lieber gleich aus“, erwiderte er mit einem leichten Lächeln. Sie konnte nicht anders. Sie musste grinsen.

„Dafür, dass Ihr selbst solche Lasten tragt, könnt Ihr andere gut aufmuntern, Mylord Balian. Ja, ich bin ausgerissen.“

„Und warum?“

„Weil ich Euch sehen wollte“, erwiderte sie und nahm seine Hand.

„Haltet Ihr das nicht für gefährlich?“

„Doch, aber hin und wieder spiele ich gern mal mit dem Feuer.“

„Dann gebt Acht, dass Ihr Euch nicht daran verbrennt, meine Prinzessin“, mahnte er leise, als sie ihm näher kam. Ganz vorsichtig hinderte er sie daran, ihn zu küssen.

„Bitte, meine Prinzessin, tut das nicht.“

„Warum nicht?“

„Ihr … Ihr seid de Lusignans Verlobte.“

„Ja, sicher, aber nicht sein Eigentum“, erwiderte sie. Balian sah in ihren Augen etwas höchst Gefährliches – jedenfalls gefährlich für eine verplante Frau: Sehnsucht; Sehnsucht nach einer wirklich erfüllten Liebe.

„Bitte, denkt an Euren Sohn!“, mahnte er weiter.

„Eben an den denke ich“, erwiderte Sibylla. „Raymond mag Euch sehr. Ich denke, ich verrate Euch damit kein Geheimnis. Er mochte schon Euren Vater, aber Euch noch sehr viel lieber. Guy dagegen mag er gar nicht – und es beruht auf Gegenseitigkeit. Was glaubt Ihr, wie lange Raymond noch lebt, wenn ich Guys Frau werde?“

„Warum hat Euer Bruder ihm nicht den Schwur abgenommen, Raymond zu schützen?“, erkundigte sich der Hausherr, dem bei der sanften Berührung ihrer Hände heiß und kalt wurde.

„Weil er genau weiß, dass Guy sich daran nicht halten würde“, flüsterte sie nah an seiner Schulter.

„Und Guy kann sich eine solche Treulosigkeit so einfach leisten?“, wunderte sich Balian.

„Guy ist der Arm meines kranken Bruders. Balduin ist zu krank, um sich gegen Guy und Reynald wirklich zu wehren. Ihr seid der Einzige, der dazu in der Lage wäre. Mein Bruder hat das erkannt. Er wünscht sich, Euer Vater hätte Euch eher hergebracht. Balduin weiß, dass Guy mir einfach zuwider ist. Ich habe auch Raymonds Vater nicht geliebt, doch ich habe Guillaume respektieren können und er mich. Aber es gibt jemanden, den ich lieben könnte – und das seid Ihr.“

Nur mit viel Mühe konnte Balian die Prinzessin erneut an einem Kuss hindern und sich davor zusammennehmen, sie selbst zu küssen. Ihre Hand, die sich nahezu unbemerkt unter sein lose über der Hose hängendes Hemd gestohlen hatte, löste eine Reaktion bei ihm aus, die er im Moment nicht zulassen wollte.

„Ich bitte Euch: Vergesst das! Bitte, meine Prinzessin, versucht mich nicht“, flehte er leise.

„Warum wollt Ihr nicht genießen, was ich Euch aus freiem Willen und aus vollem Herzen geben will?“, fragte sie verblüfft. Balian nahm ihre Hände und spürte ihr Zittern.

„Im Gegensatz zu Euch habe ich schon einmal geliebt – anders als die Liebe zu Mutter oder Vater, meine ich“, sagte er leise. „Und deshalb weiß ich, wie furchtbar die Leere ist, wenn es diese Liebe nicht mehr gibt. Wenn ich Eurem Wunsch nachgebe, dann werde nicht nur ich erneut darunter leiden, diese Liebe wieder hergeben zu müssen – Ihr auch. Und das will ich nicht. Ich will Euch nicht noch unglücklicher machen, als Ihr es durch die erzwungenen Ehen ohnehin schon seid.“

„Und warum nicht?“, fragte sie und kam ihm wieder näher. Er hob sanft ihr Kinn an. In ihren blaugrünen Augen konnte er ebenso sicher ertrinken wie in einem gleichfarbigen Bergsee, dessen war er sicher.

„Weil es Sünde wäre, Euch diesem Schmerz auszusetzen. Ich bin hergekommen, um Erlösung von meinen Sünden zu finden, um Vergebung für die schreckliche Sünde meine Frau zu bitten, die sich selbst und unser ungeborenes Kind tötete. Ich kam nicht, um neue Sünden zu begehen“, erwiderte er leise. Der samtweiche Ton seiner Stimme ließ Sibylla leise seufzen. Nein, sie war ganz genau da, wo sie sein wollte – keine ganze Armlänge von diesem jungen Ritter entfernt, der ihr schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf ging.

„Bitte, halt mich fest“, bat sie leise und lehnte sich schutzsuchend an ihn.

„Wenn ich das tue, kann ich nicht mehr widerstehen. Bitte, führ’ mich nicht in diese furchtbare Versuchung“, entgegnete er mit einem gequälten Seufzen. „Ich habe deinem Bruder Treue geschworen. Ich verspreche auch dir, dich und deinen Sohn so zu schützen, als wärst du meine Frau und Raymond mein eigener Sohn. Aber … weil ich deinem Bruder Treue geschworen habe, kann ich nicht gegen seinen Willen handeln. Und er hat andere Pläne mit dir. Gehorche ihm.“

„Weißt du, wie es ist, immer nur zu gehorchen?“, fragte sie mit leisem Schluchzen.

„Ja, ich weiß es nur zu gut. Du bist eine Prinzessin, und ich bin als Knecht geboren. Ich weiß erst seit wenigen Wochen, dass mein Vater ein Baron war. Bis dahin war ich ein einfacher Mann, der einem ehrbaren Handwerk nachging. Stell’ dich nicht gegen deinen Bruder. Wir würden es beide nur bereuen.“

„Und wenn mein Bru…“

Balian verschloss ihr mit einem zarten Streicheln die Lippen, schüttelte den Kopf.

„Und Guy? Er wird es nicht hinnehmen, wenn dein Bruder sein Versprechen bricht. Eine solche Treulosigkeit würde zu einem Krieg unter den Christen führen. Können wir Saladin einen größeren Gefallen tun?“

Die Leidenschaft in Sibyllas Blick erlosch. Er hatte Recht. Leider.

„Nein, das können wir nicht“, seufzte sie resigniert. „Ich spüre diese Leere bereits, von der du gesprochen hast. Was hast du dagegen getan?“

„Ich leide noch immer daran“, erwiderte er.

„Und welchen Trost gibt es dafür?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich keinen Trost in einer verbotenen Liebe finden kann. Dadurch wird es nur schlimmer“, sagte er. Vorsichtig machte er sich aus ihren Armen frei. „Ich gehe jetzt lieber, sonst begehe ich doch noch eine neue Sünde.“

Balian musste sich zwingen, zu gehen, aber er tat es – ungeachtet der Tatsache, dass er noch immer nichts gegessen hatte. Sibylla sah ihm wehmütig nach.

 

***

 

Kapitel 7

Nacht der Wahrheit

Sibylla hatte gespürt, wie unglaublich schwer es Balian gefallen war, seinem klugen Verstand zu folgen und nicht das zu tun, wonach sein Herz verlangte. Sie wollte nichts mehr, als ihn trösten und für ihn da sein. Schon bei dem königlichen Mahl in Jerusalem hatte sie seinen inneren Schmerz gesehen und hatte das dringende Verlangen gehabt, ihm über seine Trauer hinwegzuhelfen.

Gewiss, auch eine Prinzessin konnte nicht immer das tun, was sie wollte – sie hatte das längst begriffen – aber im Fall Balian von Ibelin gab es auch für eine sonst so gehorsame Prinzessin keine Zurückhaltung. Er war nicht nur ein unglaublich gut aussehender Mann, er war auch ein kluger Mann, er hatte einen guten Charakter. Der Entschluss der Prinzessin stand fest: Der oder keiner! Balian würde Raymond als Sohn akzeptieren – im Gegensatz zu Guy, der in dem Jungen allenfalls ein Instrument sah, mit dem er an die tatsächliche Macht im Königreich Jerusalem gelangen konnte. Sibylla fürchtete Guy wirklich. Sie fürchtete um das Leben ihres Sohnes. Diese Furcht hatte sie nach Ibelin geführt, zu dem einzigen Mann, dem sie außer ihrem Bruder wirklich vertrauen wollte.

 

Balian war nach draußen gegangen. Nur der Mond erhellte die kühler werdende Nacht. Er musste sich dringend abkühlen. Außer dem eigentlichen Bad in der Nähe seiner persönlichen Räume in der Burg gab es im Hof einen Stand mit diversen Waschschüsseln beim Brunnen. Er zog den Eimer hoch, goss Wasser in eine Schüssel, zog sein durchgeschwitztes, schmutziges Hemd aus und wusch sich gründlich mit dem kalten Wasser. Aufatmend stellte er fest, dass das kalte Wasser die kaum noch zu beherrschende Erregung vertrieb. Er trocknete sich nur oberflächlich ab und wollte zurückgehen, als er Simeon bemerkte, einen seiner Diener, der sich um die Kleidung seines jungen Herrn kümmerte. Simeon hielt ihm wortlos ein frisches, weißes Hemd hin, das Balian ihm mit einem dankbaren Nicken abnahm.

„Du scheinst Gedanken lesen zu können, Simeon“, bemerkte Balian freundlich.

„So, wie Euer Hemd aussieht, Mylord Balian, wolltet Ihr gewiss nicht damit schlafen gehen. Ich habe mich nur gewundert, weshalb Ihr nicht das Bad in Anspruch nehmt, das ich Euch oben in Eurem Schlafzimmer bereitet habe.“

„Wahrscheinlich, weil es warm ist und ich mich heute Abend dringend abkühlen musste. Aber vielleicht kannst du es der Prinzessin oder ihrer Dienerin anbieten. Die werden doch gewiss auch baden wollen.“

„In Eurem Schlafzimmer, Mylord?“

Balian legte dem treuen Diener freundlich eine Hand auf die Schulter.

„Entschuldige bitte, dass ich dir unnötige Arbeit gemacht habe, Simeon. Ich hoffe, das passiert mir nie wieder. Wo hast du die Prinzessin untergebracht?“

Simeon sah ihn unschuldig an.

„Neben Eurem Schlafzimmer, Mylord Balian.“

„Dann war meine kalte Wäsche umsonst, fürchte ich …“, seufzte der junge Mann, nahm sein Handtuch und verließ den Burghof.

 

Als er auf seinen Flur kam, stand die Prinzessin im fahlen Mondlicht dort. Einen langen Augenblick sahen sich die jungen Leute nur an. Sibylla war für Balian wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt – unendlich schön, zerbrechlich und dennoch stark.

„Was tust du uns beiden nur an?“, fragte er leise.

„Balian, es kann nichts geschehen, was dich oder mich in Gefahr bringen könnte. Ich bin bereits Mutter, also gewiss keine Jungfrau mehr. Guy kann keine Jungfrau mehr erwarten.“

Er lächelte schelmisch.

„Nun, ich bin durchaus zeugungsfähig“, erwiderte er. „Also könnte es geschehen, dass wir ein gemeinsames Kind zeugen, wenn wir tun, wonach es uns verlangt. Nimm mal an, das Kind hätte braune Augen … Guy müsste seinen Weinbecher mit der Streusandbüchse verwechselt haben, um nicht zu bemerken, von welchem Berg der Wind pfeift.“

„Und wer sagt ihm, dass die braunen Augen nicht ein oder zwei Generationen übersprungen haben?“, erwiderte sie und strich ihm sanft durch das dunkle, schulterlange Haar.

Er schloss die Augen. Diese zärtliche Berührung war zu schön und viel zu lange vermisst, um nicht ersehnt zu sein. Er gab auf. Es hatte keinen Sinn, vor einer neuen Liebe davonzulaufen. Mit einem schnellen Griff zog er sie heftig in seine Arme und küsste sie wild, leidenschaftlich und verlangend. Sibylla seufzte beglückt, überließ sich völlig seinen starken Armen, erwiderte seinen Kuss mit ebensolcher Leidenschaft.

Er hob sie auf seine Arme und trug sie in sein Schlafzimmer, ließ sie vor seinem Bett wieder auf den Boden. Wieder berührten sich ihre Lippen, doch diesmal sanft und zärtlich. Sie ließ sich auf das bequeme Bett sinken und zog ihn mit sich. Er wehrte sich nicht länger, sondern kam ihr entgegen. Ihre Hände schälten ihn zielsicher aus dem frischen Hemd, machten sich an seiner Hose zu schaffen, während er sie vorsichtig von ihrer Robe befreite.

Sie genoss es seufzend, seine warmen Hände auf ihrer Haut zu spüren, erkundete ihrerseits den muskulösen Körper des jungen Ritters. Starke Arme umfingen sie, zogen sie ganz nah an ihn, dass sie die pulsierende Hitze seiner ausgehungerten Männlichkeit direkt an ihrer ebenso vor Sehnsucht bebenden Weiblichkeit spürte.

„Dein Bruder lässt mich vierteilen, wenn er das erfährt“, mutmaßte er, als sich ihre Weiblichkeit begehrend und glühend heiß um ihn schloss und sie sanft ineinander glitten. Sie schloss erneut verzückt die Augen.

„Balian“, hauchte sie, als sie ihn genau dort spürte, wo sie es seit Tagen erhofft hatte – seit sie ihn bei ihrem Bruder gesehen hatte. Ohne es zu wollen hatte er ihr Herz erobert – mit seinem warmen Blick und seiner sanften Stimme. Er drehte sie ohne sichtbare Mühe auf den Rücken.

„Was erwartest du jetzt genau, meine Prinzessin?“, fragte er flüsternd. Die leise Frage direkt an ihrem Ohr löste einen Wonneschauer aus, der Sibylla beben ließ. Der geflüsterten Frage folgte eine zarte Liebkosung seiner Lippen, die sich sachte den Weg von ihrem Ohrläppchen zu ihrer Halsbeuge suchten und dabei dem Pulsschlag an ihrem Hals folgten. Hingerissen flüsterte sie erneut seinen Namen.

„Was erwartest du?“, fragte er abermals und küsste sich zu den sanften Hügeln ihrer Brust weiter. Sibylla keuchte, als seine Lippen ganz zart die schwellende Knospe berührten. Unwillkürlich hob sie sich ihm entgegen und vollendete die Vereinigung.

„Lieb mich, bitte!“, flehte sie. „Bitte tu es, Liebster!“

Sie spürte tief in sich ein wundervolles Gleiten, als er einen sanften, langsamen Rhythmus aufnahm. Niemals hatte die junge Frau so empfunden, wie in diesem Augenblick. Selbst ihr verstorbener Mann Guillaume war grob gewesen, wenn er mit ihr geschlafen hatte. Diese Zärtlichkeit hatte sie noch nie erlebt. Immer wieder flüsterte sie verzückt seinen Namen, hörte den ihren ebenso lustvoll gehaucht. Sie gaben sich einander vollkommen hin, liebten sich voller Zärtlichkeit und Lust, schenkten sich alles, was sie zu geben vermochten.

Der Höhepunkt riss die Liebenden fort in einen Strudel aus vollkommener Liebeslust. Er ergoss sich tief in ihr, gab ihr alles, was seine Lenden hergaben. Völlig erschöpft kamen die jungen Leute zur Ruhe. Noch eine ganze Weile lagen sie atemlos da, viel zu schwach, um noch die Kraft aufzubringen, sich voneinander zu trennen. Noch ineinander verschlungen, trug sie der Schlaf fort und gab die benötigte Ruhe.

 

Irgendwann hatte das Unterbewusstsein dann doch ausgereicht, zwei liebesmatte Körper zu trennen, denn Sibylla erwachte mit dem beginnenden Vogelgezwitscher vor dem Fenster aus den wunderbaren Träumen einer zauberhaften Liebesnacht neben dem geliebten Mann. Balians Wärme war ihr ganz nahe. Sie schmiegte sich dicht an ihn.

„Guten Morgen, meine Prinzessin“, hörte sie die sanfte Stimme ihres Ritters.

„Guten Morgen, mein Ritter“, flüsterte sie mit geschlossenen Augen und kraulte sanft seine muskulöse Brust.

„Ab wann wird man dich vermissen, Liebste?“, fragte er.

„Es ist mir egal. Ich will hier nicht mehr fort“, seufzte sie.

„Das glaube ich dir. Ich möchte dich auch nicht wieder aus meinen Armen lassen. Aber da gibt es noch ein paar Leute, die auf uns beide ein gestrenges Auge haben werden: Dein Bruder, Tiberias, der Patriarch Heraclius, der solch wüstes Treiben gewiss nicht gern sehen wird, dein künftiger Gemahl, der mich mindestens entmannen wird, wenn er je erfährt, was heute Nacht hier geschehen ist.“

Sibylla richtete sich halb auf und streichelte Balians männlich-schöne Züge, der sie zärtlich anlächelte.

„Würdest du mir Zuflucht gewähren?“, fragte sie.

„Dir und Raymond. Das verspreche ich dir“, bekräftigte er. „Nur über eins müssen wir uns beide im Klaren sein: Das Versprechen gegenüber Guy kann dein Bruder nicht zurückziehen, ohne die Einheit der Christen im Königreich Jerusalem ernsthaft zu gefährden.“

„Und wie willst du Raymond und mich schützen?“

„Mein Haus steht dir offen – ob hier oder in Jerusalem. Ich werde deine Gemächer im Palast in Jerusalem bewachen. Wenn dein Bruder mir andere Aufträge gibt, die mich aus Jerusalem wegführen, habe ich vertrauenswürdige Männer, die an meiner statt diese Aufgabe übernehmen können“, erklärte er.

„Guy wird dich nicht an mich heranlassen, wenn wir erst einmal verheiratet sind“, warnte Sibylla.

„Ich werde mit deinem Bruder beraten, wie ich dich und Raymond auch nach einer Heirat mit de Lusignan angemessen schützen kann“, erwiderte er und erlaubte sich, ihr sanftes Streicheln an seiner bärtigen Wange einfach zu genießen.

„Wo solltest du jetzt sein?“, erkundigte er sich dann.

„Auf dem Weg nach Tyrus.“

„Und du meinst, dass man dich noch nicht sucht?“

„Oh, ich werde ihnen erzählen, dass ich mich verirrt habe und zum Glück nach Ibelin gefunden habe, wo ich dank der Gastfreundschaft des edlen Barons Balian übernachten konnte. Das ist noch nicht mal gelogen“, erklärte Sibylla, beugte sich zu ihm und küsste ihn.

„Ich stehe jetzt besser auf, sonst erliege ich dir gleich wieder“, flüsterte Balian, als ihn erneut die Wonne zu packen drohte. Er gab sich einen Ruck und schwang die langen Beine aus dem Bett. Sie seufzte leise.

„Es fällt mir schwer, diese Wonne schon herzugeben“, sagte sie. Er setzte sich an ihre Seite des breiten Bettes und nahm sie bei der Hand.

„Das glaube ich. Mir fällt es ebenso schwer. Aber wenn du möchtest, dass unsere Liebe vorerst unentdeckt bleibt, solltest du dich losreißen, meine Liebste. Möchtest du ein Bad?“

Sie nickte nur.

 

Wenig später saß sie mit ihm auf einer mit einem Sonnensegel beschatteten Terrasse bei einem ausgiebigen Früchtefrühstück.

„Was hast du heute vor?“, fragte sie interessiert. Er wies auf die trockenen Felder.

„Eigentlich wollte ich weiter an dem neuen Brunnen graben. Wir müssen dringend Wasser haben, um die Felder bewässern zu können. Die Zisterne der Burg teilt bereits das aufgefangene Wasser von Tau und Regen mit dem zentralen Brunnen des Dorfes. Aber noch haben wir keine Möglichkeit, das Wasser auf die Felder zu bringen. Deshalb graben wir an einem Feldbrunnen, mit dem die Äcker bewässert werden können. Sonst vertrocknet uns die Ernte“, erklärte er und nahm sich noch eine frische Feige.

„Verstehst du etwas von Landwirtschaft?“, erkundigte sich die Prinzessin.

„Ich hatte in Frankreich selbst ein kleines Stück Land, dem ich ganz gute Ernten abgerungen habe. Es war nicht viel, aber für meine Familie hat es immer gereicht.“

„Und wie hast du das hier angestellt?“, fragte sie weiter. Er erklärte es ihr kurz. Sie sah ihn offen an.

„Balian, so ein Mann wie du, der hat hier wirklich gefehlt.“

„Was meinst du?“

„Nun, du hast Ideen und auch noch die Fähigkeit, sie praktisch umzusetzen. Ich kenne zwar viele Adlige, die Ideen haben, aber sie können sie nicht selbst ausführen – oder wollen es nicht, weil sie sich dafür zu fein sind.“

„Dafür sind die wohl die perfekten Kämpfer, während ich das noch lernen muss“, mutmaßte er. Sie schüttelte den Kopf.

„Ich habe von deinen Fähigkeiten im Umgang mit dem Schwert gehört.“

„Und wer hat dir darüber berichtet, meine Prinzessin? Ich habe hier noch nicht mit dem Schwert gekämpft.“

Sie lächelte.

„Ich habe meine Quellen“, erwiderte sie geheimnisvoll.

„Und wer ist das?“, bohrte er weiter und biss genüsslich von seiner dritten Feige ab.

„Einmal ist da Ismael, einer deiner muslimischen Knechte, der in höchsten Tönen von der Gerechtigkeit des neuen Herrn von Ibelin schwärmt, weil der ihn vor einem Tempelritter gerettet hat. Und dann ist da Jean, der Johanniter, Baron Godfreys Beichtvater.“

Balian hätte sich beinahe verschluckt.

„Jean von Chartres?“, entfuhr es ihm.

„Genau der“, bestätigte Sibylla mit sanftem Lächeln.

„Jean lebt? Das ist ein Wunder!“

„Jeans Schiff ist im Gegensatz zu deinem nicht gesunken. Sie konnten sich in den Hafen von Larnaca auf Zypern retten und haben dort den Sturm abgewartet. Er war bei uns in Jerusalem und er war ebenso froh, dass du durchgekommen bist. Im Moment ist er im Johanniterkloster nördlich von Jerusalem. Aber er wollte dich bald hier aufsuchen.“

„Dann muss ich wohl hier auf ihn warten. Ich hätte dich lieber sicher nach Tyrus gebracht.“

„Kennst du den Weg dorthin?“, fragte Sibylla verblüfft. Balian lächelte gewinnend.

„Nein, ich nicht, aber Almaric. Vergib mir die Frage: Was wolltest du in Tyrus? Es ist eine weite Reise dorthin.“

„Ich wollte mit Guillaume von Tyrus reden, ob er nicht wieder nach Jerusalem kommt. Guillaume ist einer der besten Chronisten, die mir bekannt sind.“

„Steht es so schlimm um Balduin?“

Sie sah ihn verstört an.

„Wie kommst du darauf?“

„Nach dem, was ich so gehört habe, werden Chronisten immer dann beauftragt, wenn es gilt, möglichst umgehend und umfassend über die Regierungszeit eines Königs zu schreiben, um dessen Platz in der Geschichte angemessen zu würdigen. Dein Bruder ist noch so jung, dass es eigentlich noch zu früh dafür wäre – außer sein Leben ist bedroht.“

Sibylla wurde bleich.

„Bitte, sprich nicht darüber!“, flehte sie ihn an. Er schüttelte den Kopf.

„Ich werde nichts tun, was deinem Bruder schadet“, versprach er. „Weiß Balduin, was du vorhast?“

„Nein.“

„Ist dir die Chronik wichtig?“

„Warum?“

„Sibylla … dein Bruder ist sehr krank. Er braucht für Jerusalem alle Kraft und er muss Balduin-Raymond auf die Übernahme der Regierung vorbereiten. Ich denke, er braucht dich, seine Schwester, jetzt an seiner Seite. Hilf ihm bei seinen Aufgaben.“

„Balian, du bist ein kluger Mann. Ich danke dir für deinen Rat. Wirst … wirst du mit mir kommen und Balduin helfen?“

Er antwortete nicht gleich.

„Ich werde ihm helfen, das habe ich geschworen. Ich habe hier noch zwei Tage zu tun, damit die Ernte nicht verdorrt. Eine Missernte können wir uns nicht leisten. Das wäre ebenso schlimm wie ein König in der Krise“, sagte er schließlich. Sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. Er überließ sie ihr und genoss das sanfte Streicheln ihrer schlanken Finger.

„Ich möchte bei dir bleiben und mit dir zusammen nach Jerusalem zurückkehren“, sagte sie leise.

„Das wäre auch mein Wunsch …“, setzte er an. Ihr Gesicht strahlte auf. „Aber bedenke folgendes:“, bremste er ihre Zuversicht. Das Strahlen erlosch schlagartig. „Ich habe keine Ausrede, dich eine weitere Nacht hier zu behalten. Wenn du hier bleibst, wird man sich auf jeden Fall den Mund darüber zerreißen. Mein Ruf ist unwichtig, aber deiner nicht. Du bist die Schwester des Königs und du bist mit einem anderen Mann verlobt.“

„Balian, du bist so schrecklich vernünftig!“, schalt sie.

„Ich liebe dich, meine Prinzessin. Und die Nacht mit dir war wunderschön. So schön, dass ich das gleich heute Nacht wiederholen möchte – das ist meine ganz und gar unvernünftige Seite. Aber meine vernünftige Seite rät mir, es nicht zu übertreiben, wenn unsere Liebe auch nur den Hauch einer Chance haben soll.“

Sie lehnte sich an ihn, er legte sanft den Arm um sie und zog sie nahe an sich.

„Du bist ein so wunderbarer Mann, Balian“, flüsterte sie.

„Hast du noch Hunger?“

„Nach Feigen oder nach dir?“, fragte sie anzüglich.

„Nach Feigen“, präzisierte er mit schelmischem Grinsen. Sie schüttelte nur schweigend den Kopf und küsste ihn. Er löste sich nur mit großer Mühe aus dem Kuss, der schon wieder heftiges Begehren auslöste.

„Sibylla!“, mahnte er sanft, aber bestimmt. „Komm, Liebling, du musst dich auf den Weg machen.“

„Das will ich aber gar nicht“, protestierte sie.

„Bitte, sei vernünftig“, widersprach er, hob sie einfach auf seine Arme und trug sie in das Schlafzimmer zurück, holte ihre Leibdienerin, damit sie ihrer Herrin beim Ankleiden behilflich war und ließ den Stallmeister die beiden Pferde der Frauen satteln. Dann rief er nach Almaric und beauftragte ihn, Sibylla und ihre Leibdienerin mit einer angemessenen Eskorte nach Jerusalem zurück zu bringen.

Schließlich verabschiedete er Sibylla am Tor der Burg. Sie beugte sich hinunter und griff nach dem silbernen Kreuz, das er an einem Lederband um den Hals trug.

„Was wird aus uns werden?“, fragte sie voller Wehmut. Er blinzelte sie an.

„Das wird die Welt entscheiden. Die Welt entscheidet es immer“, erwiderte er. Es klang fatalistisch, geradezu resigniert.

„Ich komme nach Jerusalem, sofern ich hier alles gesichert habe. Das verspreche ich dir“, setzte er dann hinzu, was schon zuversichtlicher klang.

„Grüß bitte Raymond von mir“, bat er dann. Sibylla lächelte, beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn zum Abschied.

„Almaric, gib gut auf die Prinzessin und Sophie Acht.“

„Ja, Mylord Balian“, bestätigte der treue Gefolgsmann.

 

Almaric und seine Männer umgaben die Prinzessin schützend und ritten dann mit ihr fort. Balian stand noch einige Zeit im Tor und sah der geliebten Frau sehnsüchtig nach.

 

***

Kapitel 8

Der König und der Baron

 

Balian fand nur schwer in seine Arbeit zurück. Die Nacht mit Sibylla hatte tiefere Spuren in ihm hinterlassen, als er angenommen hatte. Er war von Natur aus ein treuer Mann. Nie hatte er nach anderen Frauen gesehen als nach seiner eigenen. Doch Natalie war tot, ein ihr gegebenes Treueversprechen war damit auch nach Auffassung der Kirche hinfällig. Sibylla war eine faszinierende, schöne und sehr leidenschaftliche Frau. Was er bei ihr gefunden hatte, hatte er nie zuvor gesucht. Und gleichzeitig fragte er sich, ob das, was er getan hatte, nicht erneut eine schwere Sünde war. Zwar war Sibylla noch nicht verheiratet, aber immerhin bestand bereits ein Eheversprechen, das einem anderen galt. Diese Liebe war verboten …

Zwei weitere Tage arbeiteten der junge Ritter und die Dorfbewohner an der Bewässerung der Felder, dann endlich lief Wasser in die Gräben und tränkte die ausgedörrte Erde. Die Freude der Dörfler machte auch Balian wieder glücklich. Was immer auch geschehen würde: Hier hatte er eine Aufgabe, die ihm Freude bereitete.

Am dritten Tag bemerkte einer der Dörfler einen einsamen Reiter im schwarzen Waffenrock der Johanniterbrüder.

„Bruder Jean kommt!“, jubelte der Mann. Tatsächlich war es Jean von Chartres, Baron Godfreys Beichtvater und Ratgeber. Balian stieg aus dem Graben und winkte Jean zu, der in der Nähe des Barons absaß.

„Gott zum Gruße, Bruder Jean!“, begrüßte er ihn und umarmte ihn.

„Gott zum Gruße, Balian. Ich hatte dich in Jerusalem vermutet.“

„Dort war ich auch kurz, konnte als Erbe von Ibelin bestätigt werden und habe dann zunächst Ibelin besucht. Wie du siehst, ist die Ernte gesichert“, erklärte Balian, nicht ohne Stolz.

„Du bist immer noch mehr Bauer als Ritter, hm?“, erkundigte sich der Johanniter.

„Keiner kann wohl ganz aus seiner Haut“, räumte Balian ein. „Ich kann es einfach nicht sehen, wenn das Land dürstet“, sagte er dann und sammelte seinen Schwertgürtel auf, den er zur Feldarbeit abgelegt hatte.

„Dann werde ich jetzt beten gehen“, versetzte der Johanniter. Balian sah ihn verwirrt an.

„Wofür das?“, fragte er verblüfft.

„Um die Kraft, das zu ertragen, was nun kommt.“

Der Baron verstand nicht, worauf der Ordensritter hinauswollte. Jean bemerkte den fragenden Blick des jungen Mannes.

„Balian, dein Vater hat dir seine Aufgaben hier übertragen – und die bestehen nicht nur aus der Aufrechterhaltung der Landwirtschaft. Der König braucht dich. Und er braucht dich in Jerusalem.“

„Ich habe nicht die Absicht, meine Aufgaben in Jerusalem zu vernachlässigen, Jean. Aber ich habe auch die Verantwortung für die Menschen hier in Ibelin, das immerhin mein Lehen ist. Ohne Wasser verdorrt die Ernte. Ich würde den Menschen hier Unrecht tun, wenn ich ihnen nicht dabei helfe, diesen Mangel zu beseitigen. Das widerspräche meinem Eid als Ritter.“

Jean lächelte.

„Du machst dir Gedanken, was dein Eid von dir verlangt. Das ist gut so. Doch du musst entscheiden, was wirklich wichtig ist. Die Dorfbewohner können sich auch selbst um die Bewässerung ihrer Felder kümmern“, erwiderte er.

„Der König hat in Jerusalem zuverlässige Ritter, die ihm bei seinen Aufgaben dort helfen. Aber diese Menschen hier wussten nicht, wie sie an Wasser kommen konnten. Also habe ich es ihnen gezeigt, denn ich weiß, wie man es aus dem Boden und auf die Felder bekommt. Wenn ich diese Fähigkeit habe, die hier sonst nicht vorhanden ist, ist es meine Pflicht, sie hier einzusetzen. Also habe ich entschieden, dass dies hier für den Augenblick wichtiger ist. Aber jetzt ist die Arbeit soweit beendet, dass ich wieder nach Jerusalem kann.“

Jean nahm das zur Kenntnis und machte ihm keine weiteren Vorwürfe. Dem Johanniter war durchaus klar, dass niemand Godfreys Sohn tatsächlich auf das vorbereitet hatte, was von ihm erwartet wurde – auch er selbst nicht.

Am folgenden Morgen verließen Jean und Balian Ibelin und ritten nach Jerusalem.

„Was hast du jetzt weiter vor, Balian?“

„Ich suche immer noch meinen persönlichen Frieden, Jean“, erwiderte der junge Mann.

„Vergräbst du dich deshalb in Arbeit?“

„Bisher war Arbeit für mich ein recht gutes Mittel, …“

„… deinen Problemen aus dem Weg zu gehen“, vollendete Jean den Satz. „Junge, der König braucht deinen Rat.“

Balian sah den Johanniter offen an.

„Braucht der König einen Mann wie mich?“

„Ja“, sagte Jean knapp. Als er sah, dass Balian mit dieser kurzen Feststellung nicht zufrieden war, setzte er hinzu:

„Gerade weil du aus einfachen Verhältnissen bist, denkst du nicht so intrigant um die Ecke wie die meisten Höflinge. Ich kenne nur zwei Männer, die ebenso geradeaus denken wie du: deinen Vater und Tiberias. Aber während diese beiden das erst mühsam gelernt haben, ist es bei dir offenbar angeboren. Hör einfach auf Gott, mein Junge“, empfahl der Johanniter.

Sie erreichten eine Karawanserei an der Straße und stiegen ab, um dort Rast zu machen.

„Gott spricht nicht zu mir, Jean. Ich bin kein Priester und kein Ordensritter. Ich weiß im Moment nicht einmal mehr, woran ich wirklich glauben soll. Was kann Gott schon von mir wollen?“ versetzte Balian bitter. Jean blieb unvermittelt stehen und drehte sich um.

„Was Gott sucht, ist hier …“, er wies auf Balians Kopf. „… und hier.“ Er zeigte auf das Herz des jungen Mannes. „Gott sucht Herz und Verstand eines Menschen. Du brauchst nicht auf Knien zu rutschen, zu fasten oder dich anderweitig zu kasteien. Tu, was du für richtig hältst, nachdem du deine Absichten geprüft hast und sie mit deinem Gewissen vereinbaren kannst. Sei aufrecht und sprich die Wahrheit.“

„Jean, ich bitte dich um einen Rat. Ich liebe Sibylla und sie erwidert meine Liebe. Aber sie ist von ihrem Bruder Guy de Lusignan versprochen. Was wäre das Richtige, das ich tun muss?“

„Was glaubst du, was das Richtige ist?“, fragte Jean. Balian seufzte tief.

„Wenn es mir gelingen sollte, Sibylla mit Einverständnis des Königs zu heiraten, wird de Lusignan das nicht ohne weiteres hinnehmen. Ich befürchte, er wird dem König die Gefolgschaft aufkündigen. Zieht der König das Versprechen an de Lusignan zurück, gefährdet das die Einheit der Christen und nützt nur Saladin.“

„Was also wäre das Richtige?“, hakte der Johanniter nach.

„Auf Sibylla zu verzichten.“

Jean nickte.

„Und was ist mit Balduin-Raymond?“, fragte Balian. „Wird de Lusignan den Jungen am Leben lassen?“

„Nun, wer ist Träger der Königswürde?“, fragte Jean.

„Balduin.“

„Welcher?“

„Beide – der jetzige König und sein Neffe.“

„Meinst du, dass es Guy nützen würde, den Jungen zu beseitigen, wenn der Träger der Königswürde ist?“

Balian lächelte leicht.

„Das kommt darauf an, wie die übrigen Fürsten reagieren. Balduin-Raymond ist nach Balduin IV. der letzte mögliche König aus dem Haus Anjou, wie Vater mir sagte – jedenfalls, solange er nicht selbst einen Sohn hat, und das wird noch Jahre dauern. Isabella, Balduins zweite Schwester, hat wohl keine Kinder und Sibylla nur diesen einen Sohn, der das Blut der Anjou hat. Wenn die Königslinie ausstirbt, könnte es doch sein, dass die Fürsten einen König aus einem anderen Haus erwählen. Warum also nicht den, der ohnehin mit der Königin verheiratet ist und der das Reich im Namen des unmündigen Königs regiert hat?“, spekulierte Balian.

„Ist Guy der Regent, der Bailli*?“

„Wer außer ihm sollte es sein?“

„Tiberias zum Beispiel. Er hat schon mehrfach für Balduin die Regierungsgeschäfte geführt“, mutmaßte Jean. Sein Gegenüber war nicht wirklich überzeugt, dass Guy sich so übertölpeln lassen würde.

„Jean, ich bin vor ein paar Tagen mit einem Templer namens Ignaz von Bethanien zusammengestoßen …“

„… was, bei Gott, keine Kunst ist. Ignaz ist ein Raufbold ersten Ranges“, warf der Johanniter ein.

„… der meinte, es würde sich bald vieles ändern – und er bezog das auf die Juden und Moslems, deren religiöse Rechte in Jerusalem“, vollendete Balian ungerührt.

„Weiß der König davon?“

„Nicht in allen Einzelheiten, aber im Groben.“

„Du solltest mit dem König reden“, schlug Jean vor.

Als sie am darauf folgenden Tag Jerusalem erreichten, nahm Balian sich nicht mehr die Zeit, noch zu seinem Haus zu reiten, um sich umzuziehen; er hätte auch keine Gelegenheit mehr gehabt, denn Wachen in Jerusalemrüstung wiesen ihn an, sich umgehend beim König zu melden.

„Wo habt Ihr denn gesteckt?“, rief jemand hinter ihnen her, als sie den Innenhof des Palastes erreichten. Balian sah sich um und entdeckte Reynald de Châtillon.

„Sprecht Ihr mit mir, Mylord Reynald?“, erkundigte er sich.

„Allerdings.“

„Dann gewöhnt Euch besser an, mich beim Namen zu nennen, Mylord Reynald. Im Übrigen wünsche ich einen guten Tag“, versetzte Balian und stieg vom Pferd, das ihm auch gleich einer der Stallknechte ebenso wie Jean abnahm. Reynald nutzte aus, dass der Neue nicht einfach im Palast verschwinden konnte und stellte sich ihm in den Weg.

„Wo haben sie dich eigentlich gefunden? Ich habe nie davon gehört, dass der alte Godfrey einen Sohn hat“, knurrte de Châtillon angriffslustig.

„Ob du davon gehört hast oder nicht, ist ohne Belang. Sein Siegel wirst du wohl kennen, Reynald“, grollte Balian und hielt Reynald die geballte linke Faust mit dem Siegelring der Ibelins vor die Nase – ungeachtet der Tatsache, dass de Châtillon einen halben Kopf größer und etwa doppelt so breit war wie er selbst. Er hatte keine Angst vor Reynald – und das wollte er ihm deutlich zeigen.

„Für dich Würstchen Mylord de Châtillon!“, grunzte Reynald.

„Für dich Trampeltier Mylord von Ibelin!“, konterte Balian finster und wich keinen Schritt zurück.

„Du hast lange keine Prügel mehr bezogen, was?“, rief de Châtillon und zog blank. Der helle Ton aufeinander treffender Metalle bewies, dass Balian ebenfalls sein Schwert gezogen und Reynalds Hieb pariert hatte.

„Reynald! Balian! Was ist in Euch gefahren?“, fuhr Tiberias dazwischen. „Ihr seid wohl von allen guten Geistern verlassen!“, wetterte der Marschall. „Uneinigkeit können wir uns nicht leisten! Besonders jetzt! Kommt mit zum König!“

Balian trat einen Schritt zurück und versenkte sein Schwert in der Scheide, ohne Reynald aus den Augen zu lassen. Dann folgte er Tiberias. Reynald zögerte noch einen Moment, steckte aber ebenfalls das Schwert ein und folgte Tiberias und Balian in den Thronsaal, beugte wie sie beide vor dem König das Knie.

Außer dem König waren noch Guy de Lusignan und die Großmeister der Templer- und der Johanniterorden sowie ein gewisser Teil von deren Gefolgsleuten anwesend.

„Es ist noch früh am Tag, doch ich habe bereits eine Botschaft von Sultan Saladin erhalten“, eröffnete der König. „Saladin beschwert sich, dass immer wieder Moslems daran gehindert werden, die heiligen Stätten ihrer Verehrung aufzusuchen – insbesondere den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg. Guy, du bist für die Templer verantwortlich. Was hast du dazu zu sagen? Großmeister de Ridefort, was habt Ihr dazu zu sagen?“

„Ihr glaubt doch nicht den Lügen dieser Heiden?“, empörte sich de Ridefort.

„Deshalb frage ich Euch“, versetzte Balduin. „Also antwortet mir!“

„Ihr habt befohlen, dass …“

„Was ich befohlen habe, weiß ich!“, unterbrach Balduin de Ridefort scharf. „Ich will wissen, ob es wahr ist, was Saladin behauptet.“

„Es ist nicht wahr“, entgegnete Guy.

„Und was ist mit Ignaz von Bethanien, der meinen arabischen Diener und mich attackierte?“, warf Balian ein.

„Was hat denn das mit dem zu tun, was der Heiden-Sultan behauptet?“, erwiderte de Ridefort mit einer wegwerfenden Handbewegung.

„Viel. Und meine Frage habt Ihr nicht beantwortet.“

„Wie kann sich ein christlicher Adliger überhaupt mit Heiden als Diener umgeben?“, knurrte de Ridefort in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit eher auf die seiner Ansicht nach unmögliche Dienerschaft des jungen Herrn von Ibelin zu lenken. Bei Balian war er damit falsch.

„Ist das Eure Antwort auf meine Frage?“, bohrte der junge Mann nach.

„Ja.“

„Mein König, Saladin beschwert sich zu Recht“, erklärte der Baron.

„Ach – und woher wisst Ihr das?“, erkundigte sich de Lusignan süffisant.

„Wenn ein Tempelritter ohne jeden Grund arabisch aussehende Leute irgendwo in der Stadt angreift, weit weg von jedem Heiligtum, haben wirkliche Moslems keine Chance, überhaupt auf den Tempelberg zu kommen, um dort zu beten, Mylord de Lusignan“, versetzte Balian.

„Ist es wirklich nötig, dass wir darüber überhaupt reden, ob Heiden und Juden die heilige Stadt des Herrn betreten dürfen? Es versteht sich doch wohl von selbst, dass hier niemand etwas zu suchen hat, der die Heiligkeit dieser Stadt nicht angemessen zu würdigen weiß. Und diese Heiden wissen es nicht! Sie treten das geheiligte Andenken des Herrn mit Füßen!“, knurrte der Templergroßmeister.

„Nein, es ist nicht nötig, Mylord de Ridefort!“, schaltete sich wieder Balduin ein. „Ich habe eine völlig eindeutige Weisung gegeben, dass Jerusalem für alle offen ist, für die es eine heilige Stadt ist. Nicht weil es nützlich ist, sondern weil es richtig ist. Das gilt für Juden, für Christen und selbstverständlich auch für Moslems!“, erklärte der König. „Saladin hat um ein Treffen ersucht. Ich werde mich mit ihm treffen und ihm garantieren, dass Jerusalem für Moslems zugänglich ist und dass kein Moslem daran gehindert wird, an den für ihn heiligen Stätten zu beten.“

„Dann nehmt eine starke Begleitung mit, mein König“, riet Reynald vorlaut. „Diesen Heiden ist nicht zu trauen. Saladin wird nicht alleine kommen.“

„Nein, natürlich nicht, denn er traut uns auch nicht – und das zu Recht, Mylord de Châtillon!“, erwiderte Balduin gereizt. „Tiberias, Guy, Balian, Reynald: Ihr werdet mich mit je zwanzig Eurer Männer begleiten“, entschied der König dann.

„Sind achtzig Ritter nicht etwas wenig, mein König?“, gab Tiberias zu bedenken.

„Es geht um Diplomatie, nicht um einen Kampf, mein lieber Tiberias.“

„Und um die Tatsache, dass Saladin danach trachtet, Jerusalem zu einer rein moslemischen Stadt zu machen“, knurrte Guy.

„Wir sollten nicht von uns auf andere schließen, Guy. Sende einen Boten zu Saladin und teile ihm mit, dass ich seinem Wunsch nach einem Treffen entspreche. Ich schlage ein Treffen am Jordan vor.“

Guy verneigte sich und zog sich zurück.

„Das wäre alles. Ihr könnt gehen“, entließ der König seine Vasallen. Die Männer verneigten sich und verließen ebenfalls den Thronsaal.

„Balian, Ihr bleibt!“, rief Balduin den neuen Baron von Ibelin zurück, der als letzter durch die Tür wollte. Er blieb stehen und drehte sich um.

„Mein König?“

Balduin winkte ihm.

„Du warst in Ibelin?“, fragte der König.

„Ja.“

„Du warst fleißig, habe ich gehört. Du hast eine neue Wasserleitung gebaut.“ Die immer mehr erblindenden Augen des Königs musterten Godfreys Sohn durchdringend.

„Stimmt.“

„Und du bist gastfreundlich.“

„Ich gebe mir Mühe, mein König.“

„Meine … Schwester … ist über Nacht bei dir geblieben?“

„Ja.“

„Was hast du dazu zu sagen?“

„Es war spät, und ich konnte sie nicht fortschicken. In dieser Wüstengegend wäre das nicht besonders freundlich. Ich selbst war müde und wollte sie nicht ohne angemessene Begleitung lassen. Zudem kann ich wohl kaum Besuch der königlichen Familie einfach vor der Tür stehen lassen, oder?“

Balduin schüttelte den Kopf.

„Nein, das wäre nicht Recht“, bestätigte er. „Sibylla hat sich über deine Gastfreundschaft sehr lobend geäußert. Ich wünschte, dein Vater hätte dich früher nach Jerusalem kommen lassen. Ich hätte einen gravierenden Fehler weniger gemacht.“

„Was meint Ihr, mein König?“

„Das Heiratsversprechen an Guy de Lusignan. Er liebt meine Schwester nicht, sie liebt ihn nicht – sie verabscheut ihn, um es deutlich zu sagen. Aber sie hat mir anvertraut, dass sie dich sehr mag – und ich kann sie verstehen.“

„Eure Schwester ist eine wundervolle Frau, mein König. Ich schätze sie ebenfalls sehr. Und für Euren Neffen würde ich mein Leben geben.“

„Nur für Balduin-Raymond? Nicht auch für Sibylla?“, hakte der kranke König nach. Balian lächelte. Es war dieses unwiderstehlich freundliche Lächeln, das außer Balian niemand hatte.

„Ich verspreche Euch, Mutter und Sohn zu schützen. Das schließt ein, dass ich für beide mein Leben geben würde.“

„Balian, ganz offen: Liebst du sie?“

„Ihr habt sie einem anderen versprochen, mein König. Ob ich sie liebe oder nicht, ist dann nicht von Bedeutung“, sagte der junge Ritter leise. Balduin seufzte.

„Doch, das ist es. Und ich will eine ehrliche Antwort, mein Freund.“

Balian richtete sich auf. Hier gab es keine Ausflüchte. Sein Rittereid verlangte Ehrlichkeit – unabhängig von den Folgen, die es für ihn selbst haben konnte.

„Ja, mein König. Ich liebe sie. Aber das Wohl Eures Reiches fordert von mir Verzicht“, erklärte er. Balduin seufzte erneut.

„Es war eine Rieseneselei, Sibylla ausgerechnet Guy zu versprechen.“

„Wenn Ihr das Versprechen gegenüber Guy zurückzieht, wird er sich gegen Euch stellen, mein König. Das ist zu gefährlich. Es würde Saladin in die Hände spielen.“

„Sibylla ist unglücklich mit meinem Fehler, du bist es auch …“

„Balduin – ich habe dir Treue geschworen. Und das meine ich so. Ich will dir helfen, dein Königreich zu bewahren und mit Juden und Moslems in Frieden zu leben. Darum bin ich hier“, erwiderte Balian ebenso eindringlich wie vertraulich. Einen Moment war er über seine allzu vertrauliche Wortwahl erschrocken, doch er hörte ein leises Lachen des Königs.

„Verzeiht diese Wortwahl, mein König“, bat Balian und verbeugte sich. Der König richtete ihn wieder auf.

„Nein, es ist gut so. Du bist mir ein Freund und als Freund darfst du mich gern so nennen, Balian“, sagte er. „Guy nutzt meine Krankheit aus, um seinen eigenen Einfluss zu vergrößern. Der Einzige, der ihm die Stirn bieten kann, bist du, Balian von Ibelin“, setzte er dann ernst hinzu.

„Für wann ist sie Guy versprochen?“

„Ich habe nicht mehr lange zu leben, Balian. Die Lepra wird mich dahinraffen, soviel ist sicher. Sibylla wird Guy heiraten, wenn ich sterbe. Balduin-Raymond soll dann den Thron erben“, erklärte der König.

„Wenn Ihr mir einen Rat erlaubt?“

„Sprich!“

„Die Araber haben gute Ärzte. Vielleicht kennen sie ein Mittel gegen den Aussatz“, schlug Balian vor. Balduin schüttelte den Kopf.

„Ich habe mich schon an Saladin gewandt. Seine Ärzte haben mir die ihnen bekannten Mittel gegeben. Aber sie heilen den Aussatz nicht, sie können ihn allenfalls aufhalten. Ich leide zwar nicht an Schmerzen, aber ich erblinde zunehmend und die Lähmungen nehmen ebenfalls zu. Ein schneller Tod wäre mir lieber als noch lange dahinzusiechen und immer schwächer zu werden.“

Wie zur Bestätigung sank der junge König in sich zusammen. Unwillkürlich griff Balian zu und stützte Balduin. Der König spürte die verlässliche Kraft in den Händen seines Vasallen.

„Es wäre besser, wenn du mich nicht berührst, mein Freund.“

„Ich bitte um Vergebung, mein König. Ich bin noch ungeübt im Umgang mit hochgestellten Persönlichkeiten“, bat der Baron um Verzeihung.

„Das wäre mir noch nicht aufgefallen. Ich meinte eher, dass du dich der Lepra besser nicht zu sehr nähern solltest.“

***

Kapitel 9

Verrat im Palast

Wie Balduin ihm befohlen hatte, fertigte Guy de Lusignan die Botschaft an Saladin. Guy wusste um die zunehmende Schwäche des Königs. Seinen Abgang zu beschleunigen brächte ihn, Guy de Lusignan, in greifbare Nähe des Thrones. Balduin-Raymond würde den Thron zwar erben – aber was kümmerte das ihn? Seit wann fütterte ein Löwe die Nachkommen seines Vorgängers? Bislang hatte Godfrey von Ibelin Guys hochfliegenden Plänen im Weg gestanden, aber Godfrey war nicht mehr. Und sein Sohn, dieser Welpe namens Balian, war zu unerfahren, um ein ernsthaftes Hindernis darzustellen.

„Dennoch … er muss aus dem Weg“, murmelte Guy.

„Überlass’ den Welpen mir“, bot Reynald an

„Nein, deine Methoden fruchten bei dem nichts“, wehrte Guy ab. „Nein, Saladin wird ihn uns abnehmen. Reynald, du bist ein Genie darin, Zwischenfälle zu provozieren. Ibelin wird sicher seine Leute in Waffenröcke mit seinem Wappen stecken – wie wir es alle tun. Das Wappen der Ibelins ist einfach. Dir wird schon was einfallen. Ich werde Saladin mitteilen, dass Balduin mit dem Patriarchen Heraclius und Tiberias allein kommt. Saladin wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die beiden weltlichen Oberen und das geistliche Oberhaupt des Königreichs Jerusalem gefangen zu nehmen. Und Saladin wird eine Falle wittern, wenn er die große Begleitung des Königs sieht“, grinste Guy kalt.

Reynald brauchte nicht wirklich lange auf die passende Gelegenheit zu warten. Nachdem Balian die neue Wasserleitung konstruiert hatte, beauftragte er Almaric, den er als Verwalter nach Ibelin zurück geschickt hatte, ihm regelmäßig Bericht über die Fortschritte zu erstatten. Zu diesem Zweck sandte Almaric jede Woche einen Boten nach Jerusalem, der den Rock mit dem Wappen der Ibelins trug – wie jeder, der in offiziellem Auftrag des jungen Barons unterwegs war. Reynald hatte das bald herausgefunden, steckte fünf seiner Männer in arabische Kleidung und ließ den Boten aus Ibelin abfangen, womit er und Guy einen originalen Waffenrock des Hauses Ibelin in Händen hatten.

Gleichzeitig erhielt Saladin, der sich in Damaskus aufhielt, die Antwort des Königs von Jerusalem.

As-Salam ‘alaykum, Beherrscher aller Gläubigen“, begrüßte der Bote den Sultan.

U ‘alaykum as-Salam, Mahmud. Was teilt der König der Ungläubigen mir mit?“, fragte Saladin. Mahmud überreichte ihm die Botschaft, die Guy im Namen des Königs geschrieben und gesiegelt hatte, weil Balduin nicht mehr in der Lage war, sein Siegel unter die Botschaft zu setzen. Saladin las die Botschaft durch.

„Holt mir General Imad her – sofort!“, befahl er. Imad ad-Din erschien auch umgehend vor dem Sultan.

As-Salam ‘alaykum, Imad. Balduin von Jerusalem ist auf meine Vorwürfe eingegangen und will sich mit mir alleine am Jordan treffen. Was hältst du davon?“

„Nichts“, erwiderte Imad knapp. „Den ungläubigen Hunden darf man nicht trauen. Eure Soldaten werden nicht weit sein, Beherrscher aller Gläubigen“, versprach der treue Heerführer.

Während Guy sich bemühte, mit dem Verschwinden des Boten nicht in Verbindung gebracht zu werden, machten sich sowohl Balian als auch Almaric Sorgen um den verschwundenen Boten. Almaric packte die Unruhe. Wenn er keine Bestätigung erhielt, dass Balian die Botschaft bekommen hatte, konnte nur etwas passiert sein. Schon Baron Godfrey hatte – eingedenk der ständigen Intrigen innerhalb des christlichen Adels – verfügt, dass im Falle einer ausbleibenden Botschaftsbestätigung eine ausreichend große Truppe nach Jerusalem kam, um ihm im Notfall beizustehen. Die Bedeutung der Familie Ibelin beruhte nicht nur auf ihren rund um Jerusalem verteilten und gut geführten Lehensgütern, sondern auch auf diesem Alarmsystem.

Als Almaric mit den Soldaten unter dem Wappen der Ibelins in Jerusalem auftauchte, war kaum jemand erstaunter als Balian von Ibelin selbst.

„Almaric, was hat das zu bedeuten?“, fragte er verblüfft, als sein Verwalter mit wenigstens fünfzig seiner Männer im großzügigen Hof des Hauses der Ibelins in Jerusalem stand.

„Von meinem letzten Boten an Euch habe ich keine Bestätigung erhalten, dass er die Botschaft abgegeben hat, Mylord Balian. Ich wähnte Euch in Gefahr.“

„Ich habe mich schon über das Ausbleiben des so regelmäßigen Boten gewundert, aber deshalb bin ich noch nicht in Gefahr.“

„Also ist er tatsächlich gar nicht angekommen …“, brummte Almaric. „Ich fürchte, Ihr seid doch in Gefahr, Mylord Balian.“

„Und wer sollte mir deiner Meinung nach schaden wollen, mein Freund?“

„Vielleicht eine Intrige?“, mutmaßte Almaric.

„Steigt ab, bringt eure Pferde in den Stall und lasst euch etwas zu essen und zu trinken geben. Renaud – sorge für die Unterbringung der Männer!“, wies der Baron seine Bediensteten an, die auch gleich reagierten. „Du kommst mit mir, Almaric!“, winkte er dem Verwalter, der seinem Herrn folgte.

„Wozu fängt jemand einen Boten ab, wenn er keine maßgeblichen Nachrichten hat, die dem Empfänger schaden können?“, fragte Balian sich selbst. Im Atrium blieb er so unvermittelt stehen, dass Almaric gerade noch stoppen konnte, um seinen jungen Herrn nicht umzurennen. „Eine Intrige …“, murmelte der. Er dachte angestrengt nach. Die Männer und auch Almaric trugen alle Waffenröcke mit seinen Farben.

„War dein Bote auch mit einem Waffenrock gekennzeichnet?“, fragte er.

„Ja.“

„Wenn die Botschaft selbst keine Gefahr darstellt, wollte jemand den Waffenrock haben. Wenn jemand einen Waffenrock raubt, braucht er ihn, um den Eigentümer des Waffenrocks in Misskredit zu bringen“, überlegte Balian weiter. „Almaric, was genau symbolisiert das Wappen der Ibelins?“

„Wie, das wisst Ihr nicht?“

„Almaric – du kennst meine Geschichte. Ich bin hinsichtlich meiner Familie hier im Orient unwissend wie ein Baumstamm.“

„Wenigstens sagt Ihr nicht Stammbaum …“, kicherte Almaric. Balian erwiderte das Grinsen. Almaric stellte zufrieden fest, dass der junge Mann durchaus über sich selbst lachen konnte – eine seltene Eigenschaft unter Adligen.

„Nun, Mylord, Euer Vater war der jüngste von drei Brüdern. Das Gold in Eurem Wappen stellt eigentlich den Wüstensand dar, das dunkle Rot das Blut der Ibelins, das sie als treue und tapfere Vasallen schon oft für den König vergossen haben. Daher das dunkelrote Tatzenkreuz auf dem goldenen Wappenschild.“

„Gut. Der König wird uns zum Treffen mit Saladin am Jordan mitnehmen. Ich vermute, dass der Dieb bei diesem Treffen einen Zwischenfall provozieren will, um dem König – vielleicht auch Saladin – weiszumachen, ich würde Verrat üben. Wir werden das Wappen geringfügig abändern, wenn wir mit dem König reiten.“

„Und wie?“

„Ich habe bei unserem Vogt mal ein leicht verändertes Wappen gesehen, das einen Balken mit drei Lätzen über dem eigentlichen Wappenbild hatte.“

„Ihr meint einen Turnierkragen?“

„Kann sein, dass das so heißt. Einer der Diener sagte mir jedenfalls, das sei das Wappen des ältesten Sohnes, das zur Unterscheidung vom väterlichen Wappen eben leicht verändert sei. Damit könnte man das begründen, schließlich gibt es ja noch andere Ibelins hier, oder?“

„Schon, aber die führen ein ganz anderes Wappen“, bemerkte Almaric.

„Gut, aber das lassen wir jetzt mal beiseite“, entgegnete Balian. „Mir geht es darum, denjenigen zu entlarven, der das getan hat – oder wenigstens zu verhindern, dass wir mit den möglichen Provokationen in Verbindung gebracht werden können. Nur ein ganz begrenzter Kreis wird von der Wappenänderung erfahren: Wir beide, der König und de Lusignan. Wird das Wappen des Provokateurs ebenfalls geändert, gehört er zu diesem engen Kreis. Den König, dich und mich schließe ich dabei aus …“

„Ihr habt de Lusignan im Verdacht?“

„Ich weiß, dass er mich nicht leiden kann. Das macht ihn zunächst mal verdächtig. Vielleicht irre ich mich aber auch. Wir werden sehen.“

Einige Tage später kehrte der zu Saladin gesandte Bote zurück und überbrachte eine Bestätigung zu einem Treffen am Jordan. Saladin bot in seinem Schreiben einen Termin vier Tagespäter an. Das reichte, um den Termin per Boten zu bestätigen und die eigenen Vorbereitungen zu treffen. Balduin wollte so bald wie möglich mit Saladin reden, insofern war ihm dieser Termin sehr recht. Der Bote ritt also am darauf folgenden Tag wieder gen Damaskus und Balduin rief seine Vasallen, seine Schwester und seinen Neffen zusammen.

„Sibylla, du bleibst mit Raymond hier. Sollte doch etwas geschehen, übernimmst du für Raymond die Regierungsgeschäfte“, wies er seine Schwester an.

„Ja, mein König“, bestätigte sie den königlichen Auftrag. Ein Blick ging in Richtung Balian. Sie hoffte, Balduin würde ihn zu ihrem Schutz in Jerusalem lassen. Doch ihr Bruder enttäuschte sie.

„Balian, du kommst mit allen deinen Männern mit. Reinhold, du übernimmst mit deinen Männern den Schutz von Sibylla und Raymond.“

„Ja, mein König“, bestätigten auch Balian und Reinhold und verneigten sich ehrerbietig. Tiberias schreckte hoch.

„Aber – mein König – es stehen genügend Jerusalem-Ritter zur Verfügung!“

„Deine Jerusalem-Ritter brauche ich, Tiberias. Ich möchte, dass auch sie vollzählig mitkommen und du selbst auch. Ihr haltet euch im Hintergrund zur Verfügung, falls die Muselmanen die Absprache nicht einhalten sollten“, erwiderte der König beruhigend. „Balian – du bleibst mit deinen Männern in meiner Nähe; Guy deckt mit den Tempelrittern die Flanken ab und Reynald sichert nach hinten“, fuhr er dann in der Aufgabenverteilung fort. „Wir reiten morgen im Vormittag ab.“

Alle Angesprochenen bestätigten ihre Aufträge. Guy und Reynald sahen sich viel sagend an. Sollte Balian die Gunst des Königs gerne eine Weile genießen; nach diesem Treffen würde die Welt anders aussehen und Ibelins Welpe schmachtete im Kerker – entweder in Jerusalem oder, noch besser, in Damaskus. Sibylla bemerkte den Blicktausch ihres Verlobten und seines allzu willigen Helfers. Sie spürte die Gefahr, die ihrem Geliebten von dieser Seite drohte. Sie musste ihn unbedingt warnen.

Spät in der Nacht schlich sie sich durch einen geheimen Gang aus dem Palast zu Balians Haus. Da schon Baron Godfrey ein sehr vertrauter Freund der königlichen Familie gewesen war, kannten die meisten Diener auch die Prinzessin und ihren Sohn, die Balduin häufig bei Besuchen im Haus der Ibelins begleitet hatten. Achmed, einer der moslemischen Diener, hatte daher keine Bedenken, die Prinzessin Sibylla zu so nächtlicher Stunde einzulassen.

As-Salam ‘alaykum, Königliche Hoheit“, begrüßte der Diener die schöne Frau.

U ‘alaykum as-Salam, Achmed. Ist Mylord Balian zu Hause?“

„Ja, meine Prinzessin. Er wollte allerdings eben gerade schlafen gehen. Soll ich ihn holen?“

„Nein, sag’ mir einfach, wo er seine persönlichen Gemächer hat“, bat Sibylla mit einem sanften Lächeln.

„Seht Ihr das Atrium, Mylady? Auf der anderen Seite, hinter dem Garten, ist Mylord Balians Schlafgemach“, wies Achmed ihr den Weg.

„Danke, Achmed, du bist ein Freund“, sagte sei, drückte dem erstaunten Diener einen ganzen Besant* in die Hand und eilte zum Hausgarten, der nachts durch zahlreiche Fackeln erhellt wurde, bis alle im Hause schlafen gegangen waren.

Balian schlenderte über den Innenhof. Er hatte zu Abend gegessen, gebadet und hatte nur noch die Absicht, nach einem anstrengenden Tag schlafen zu gehen.

„Balian!“

Sibyllas Ruf ließ ihn seine Absicht vergessen. Er blieb verblüfft stehen.

„Meine Prinzessin!“, wunderte er sich. Sie trat mit einem ebenso freundlichen wie verführerischen Lächeln näher.

„Fürchtest du dich, mit mir allein zu sein?“, fragte sie, als sie seinen erschrockenen Gesichtsausdruck sah. Er drehte sich ganz um und erwiderte ihr Lächeln in der ihm eigenen, wundervollen Art.

„Nein“, sagte er, „… und ja.“

Er war von ihrer Nähe ebenso angetan wie er fürchtete, sich wiederum nicht beherrschen zu können. In Ibelin, weit weg von allen Schatten, die der Prinzessin folgen mochten, war das ohne Gefahr – aber hier in Jerusalem …? Sie schälte sich aus ihren dünnen Schleiern.

„Eine Frau in meiner Stellung hat zwei Gesichter: Eines das sie der Welt zeigt und eines, das sie vor der Welt verbirgt. Bei dir bin ich nur Sibylla.“

Sie sah sich vorsichtig um, er folgte ihrem Blick ebenso besorgt, doch verschwand am anderen Ende des Gartens nur Achmed, der sich diskret zurückzog und die jungen Leute allein ließ.

„Tiberias hält mich für unberechenbar …“, flüsterte sie im Verschwörerton. „Ich bin unberechenbar …“, sagte sie dann mit Verführermiene und umarmte Balian einfach. Er konnte nicht anders, als ihre Umarmung zu erwidern und sie nah an sich zu ziehen. Der Kuss, den sie tauschten, war ebenso zärtlich wie stürmisch.

„Hältst du es nicht für gefährlich, ausgerechnet unter der Nase deines Verlobten zu mir zu kommen?“, fragte er, als sie sich aus dem Kuss lösten. „Du hättest nicht kommen sollen.“

Sie lächelte.

„Und warum nicht?“

„Ich vergesse meine Pflicht gegenüber unserem König“, erwiderte er. Sein liebevolles Streicheln bewies ihr, dass ihr Geliebter nicht die Absicht hatte, sich ausgerechnet jetzt an seine Pflichten zu erinnern.

„Niemand weiß, dass ich bei dir bin. Aber ich muss dich warnen, Liebster.“

„Und wovor?“

„Guy plant etwas mit Reynald“, stieß die Prinzessin hervor. Balians besorgte Züge entspannten sich wieder zu einem zärtlichen Lächeln.

„Ich weiß“, flüsterte er. Verblüfft machte sie sich aus seinen Armen frei.

„Wie? Du weißt es schon?“

Er nickte nur.

„Und … und was willst du tun?“

„Sei mir bitte nicht böse, wenn ich es dir nicht sage, Liebste. Es ist kein Misstrauen gegen dich, bitte glaub’ mir das. Ich möchte nur sicher gehen, dass nur ein ganz begrenzter Kreis erfährt, was ich gegen eine geplante Teufelei tun will. Nur dann kann ich beweisen, dass es Guy ist, der mir schaden will.“

„Balian, ich habe Angst.“

Seine warme Hand streichelte zärtlich ihr Gesicht.

„Hab’ keine Angst, mein Liebling. Ich werde deinem Bruder beweisen, dass ein Ibelin ihn niemals verraten wird.“

„Du weißt, was sie vorhaben?“

„Was weißt du, mein Herz?“, fragte er sanft. Sibylla zuckte verlegen mit den Schultern.

„Um ehrlich zu sein, nur dass sie etwas planen. Aber nicht, was genau“, gestand sie. Balians Lächeln verbreiterte sich.

„Dann danke ich dir für die Warnung, meine Prinzessin“, flüsterte er, küsste sie und hob sie auf seine Arme, trug sie in sein Schlafgemach, schloss die Tür mit einem eleganten Fußtritt und setzte sie vor seinem Bett wieder ab.

Sibylla schloss die Augen und hauchte verzückt seinen Namen. Er hielt ihr zart den Mund zu. Sie sah ihn verstört an.

„Wie hieß dein erster Mann, Liebste?“, fragte er leise.

„Warum fragst du?“

„Nun, wenn unsere Liebe wirklich geheim gehalten werden soll, solltest du meinen Namen nicht so leidenschaftlich flüstern. Nimm mal an, Guy ist entgegen deiner Erwartung vielleicht doch ein ganz passabler Liebhaber und kein grober Klotz. Wenn du dir zu sehr angewöhnst, meinen Namen so liebevoll zu hauchen, könnte es für uns beide irgendwann schlimme Folgen haben.“

„Und deshalb willst du dich verleugnen?“, fragte sie, zog ihm den Kaftan aus und ließ sich auf das bequeme Lager sinken.

„Nein, mein Herz“, erwiderte er flüsternd und ließ sich nur zu gern von ihr hinab ziehen. „Du solltest dir nur einfach angewöhnen, mich mit dem Namen deines ersten Mannes zu belegen“, flüsterte er. „Wie hieß er?“, fragte er erneut und küsste sachte ihre Halsbeuge und öffnete vorsichtig ihr Gewand.

„Guillaume“, sagte sie – ohne jegliche Leidenschaft. „Balian – ich kann dich nicht mit diesem Grobian in Zusammenhang bringen“, wehrte sie ab.

„Sibylla, ich liebe dich. Aber im Moment gibt es für unsere Liebe keine Zukunft, denn du wirst im Interesse aller Christen im Königreich Jerusalem Guy de Lusignan heiraten. Wenn du es willst, Liebste, bin ich nicht nur dein Beschützer, sondern auch dein Geliebter. Ich stelle keine Ansprüche an dich – weder jetzt noch in Zukunft. Wenn es dich glücklich macht, bei mir zu sein, bin ich für dich da – ein treuer Diener meiner Prinzessin“, flüsterte er und schob seine Hand in ihr Gewand hinein, liebkoste ihre warme Haut. „Aber sollte Guy jemals davon erfahren, ist mein Leben kein Sandkorn mehr wert. Mein Leben ist unbedeutend, aber Raymond braucht dich. Du weißt, was mit Ehebrecherinnen geschieht, oder?“

„Noch bin ich nicht verheiratet“, erinnerte sie und nestelte an seinem Hosenverschluss.

„Nein, aber verlobt. Und nur der Umstand, dass du bereits Mutter bist, gibt dir die Möglichkeit für unser Tun. Wärst du bisher unverheiratet gewesen und unberührt – was meinst du, welchen Ärger du nach der Eheschließung hättest, wenn Guy feststellen muss, dass sein kostbarer Schatz schon angeknabbert ist? In deinem Interesse: Nenn’ mich im Schafzimmer lieber Guillaume. Und ich werde mir angewöhnen, dich Natalie zu nennen, auch wenn deine Zärtlichkeiten noch viel schöner sind als die meiner verstorbenen Frau.“

Sibylla schloss verzückt die Augen, als sie Balians warme Lippen von ihrem Hals abwärts zu ihrer Brust wandern spürte. Zunächst noch zögernd und heiser presste sie einen gänzlich ungeliebten Namen heraus. Doch nachdem er seine Zärtlichkeiten intensivierte und ihre Erregung höher stieg, brachte sie auch das geliebte Nussbraun seiner Augen und die Wärme seiner sanften Hände mit diesem Namen in Verbindung. Als sie zusammenglitten und sich zärtlich und leidenschaftlich liebten, war der alte Guillaume vergessen – aufgelöst in ihrer Liebe zueinander.

Es kostete die Prinzessin unendlich viel Überwindung, den Geliebten nach dem ebenso zärtlichen wie leidenschaftlichen Akt der Liebe wieder zu verlassen, doch sie musste unbedingt vor Tagesanbruch wieder im Palast sein. Den Rest dieser Nacht schliefen die Liebenden sehr schlecht. Zu sehr vermissten sie die gemeinsame Ruhephase nach der glühenden Leidenschaft.

***

Kapitel 10

Verhandlung am Jordan

„Mylord, Ihr solltet Euch das nicht antun“, empfahl Almaric, als Balian unausgeschlafen zum Frühstück erschien. „Heiratet die Maid!“

„Ist schon verkauft“, murmelte der junge Mann müde.

„Verkauft? Ihr liebt eine Sklavin, Mylord?“

„Nein, das ist sie nicht“, brummte Balian. „Oh, Almaric, bitte! Ich bin heute Morgen nicht wirklich wach! Lass’ mich in Frieden!“, knurrte er dann schlecht gelaunt. Almaric drehte sich grinsend um.

„Achmed, den Kaffee*, schnell!“, befahl er. „Mylord Balian hat schlecht geschlafen und braucht dringend etwas, um wieder wach zu werden.“

Achmed drehte sich ebenfalls grinsend um und eilte davon. Wenig später kam er mit einer Schale wieder, in der eine heiße, tiefschwarze Flüssigkeit schwappte. Balian betrachtete misstrauisch das undurchsichtige Gebräu. Er kostete vorsichtig davon und spuckte das bittere Zeug prompt wieder aus.

„Bah!“, fluchte er. „Willst du mich vergiften, Almaric???“

„Nein, keineswegs, Mylord. Seht her, ich trinke es ebenfalls – aus der gleichen Schale. Es ist zwar bitter, aber es ist ein Wundermittel gegen Müdigkeit“, erwiderte Almaric und trank. Balian beobachtete ihn noch einen Moment. Nun, wenn es dem Verwalter nicht schadete, würde es ihn auch nicht umbringen, sagte er sich und zwang sich, den schwarzen Kaffee zu trinken. Und tatsächlich – der Kaffee weckte schon bald seine noch immer tief schlummernden Lebensgeister.

Lange vor Mittag brach der König mit seinem Gefolge zum Treffpunkt am Jordan auf. Der Weg führte durch steinige, trockene Täler, über schwer begehbare Pässe. Guy de Lusignan beobachtete mit zunehmendem Missfallen, dass König Balduin den beinahe gleichaltrigen Balian von Ibelin ihm, dem künftigen Gemahl der Prinzessin Sibylla, eindeutig vorzog. Ibelins Leute ersetzten immer deutlicher die Gefolgsleute de Lusignans. Dabei war der junge Ibelin so zurückhaltend, wie ein Mann nur sein konnte. Balian hatte kein Interesse an Macht und zeigte das sehr deutlich. Doch Guy traute der Bescheidenheit des jungen Ritters nicht. Er wollte jeglicher Bestrebung des Neuankömmlings in dieser Richtung rechtzeitig einen Riegel vorschieben … abgesehen von der kleinen Vorbereitung, die er zusammen mit Reynald getroffen hatte, kaum dass Balian mit dem leicht veränderten Wappen aufgetaucht war.

„Darf ich mich zu Euch setzen, Mylord Balian?“, fragte Guy am zweiten Tag der Reise, als Balian, Tiberias und der König mittags in einer großen, schattigen Höhlung allein an einem der Feuer saßen. Balian machte eine einladende Handbewegung.

„Gern. Nehmt Platz, Mylord Guy.“

„Sagt, Mylord Balian, wann habt Ihr zuletzt im Tjost* gesiegt?“, fragte Guy.

„Bisher noch nicht, denn ich habe noch an keinem teilgenommen“, erklärte Balian wahrheitsgemäß. Tiberias und Balduin sahen sich betroffen an; Reynald und der Templergroßmeister de Ridefort, die am Nachbarfeuer saßen, grinsten vor sich hin.

„Was? Noch nie?“, platzte Reynald heraus. „Angst, Ibelin?“

„Vor wem? Vor Euch? Gewiss nicht“, entgegnete Balian ruhig. „Mein Vater hielt nicht viel von einer adligen Erziehung. Ich bin unter einfachen Menschen aufgewachsen, nicht auf einer Burg“, antwortete er dann. Das war mit keinem Wort geschwindelt.

„Und wie lebt es sich unter … einfachen Leuten?“, fragte Reynald. Es klang schon beinahe interessiert.

„Es geht, wenn man das Glück hat, ein Handwerk zu erlernen. Ich habe den ehrbaren Beruf des Schmiedens erlernt. Da mein Lehrmeister auch auf der Burg unseres Vogtes arbeitete, habe ich mit den Söhnen des Vogtes Zeit verbracht, die mir Grundzüge im Schwertfechten beibrachten. Dadurch, dass ich in recht einfachen Verhältnissen aufwuchs habe ich aber gelernt, einfache Menschen als menschliche Wesen zu begreifen, mit Nahrungsmitteln sehr sorgsam umzugehen, sauberes Wasser nicht zu verschwenden“, erklärte Balian. Auch das war nicht gelogen, hatte er doch mit den Söhnen des Vogtes einige, wenn auch eher spielerische, Kampfübungen gemacht.

„Ich hab’ Euch noch nie kämpfen sehen“, hakte Guy de Lusignan ein.

„Ja, wird Zeit, dass Ihr zeigt, was Ihr könnt“, setzte de Châtillon nach.

„Ich suche den Streit nicht von mir aus, aber ich gehe ihm auch nicht aus dem Weg“, erwiderte Balian kühl. „Wer von euch beiden will es probieren?“

Guy und Reynald verständigten sich mit einem Blick.

„Ihr werdet sehen, was Ihr von einer solchen Herausforderung habt“, sagte Reynald und stand auf. Balian und Tiberias erhoben sich ebenfalls.

„Erlaube, dass ich dir sekundiere, Balian.“

„Danke, Raymond“, nickte Balian und ging hinaus vor die Höhle zu seinem Pferd, um Schild und Helm zu holen. Tiberias folgte ihm.

„Gib auf Reynalds Ausfallschritt Acht. Er schlägt gern nach unten, um den Schild zu umgehen“, warnte der Marschall den jungen Mann leise.

„Danke“, sagte Balian, streifte die Handschuhe über, zog die Kettenkapuze hoch und setzte den konischen Helm mit dem langen Nasenschutz auf.

„Er will dich hereinlegen“, warnte Tiberias erneut.

„Das weiß ich, Tiberias“, raunte Balian. „Aber Mylord Reynald kann mich nicht einschätzen. Das ist mein Vorteil“, setzte er hinzu.

„Gott helfe dir.“

„Danke für den frommen Wunsch, Tiberias, aber ich achte den Allmächtigen zu sehr, um ihn in meiner eigenen Sündhaftigkeit mit den Kindereien des Reynald de Châtillon zu belästigen. Aber wenn du für mich beten willst, bin ich dir dankbar.“

„Sieh dir den grünen Bengel an!“, spottete Reynald. „Fehlt nur noch, dass er sich vorsorglich die letzte Ölung geben lässt!“

Guy, der seinem Mann fürs Grobe sekundierte, sah ihn strafend an.

„Unterschätze ihn nicht“, warnte er. „Balian von Ibelin ist im Gegensatz zu dir innerlich ruhig. Nimm ihn so ernst wie jeden anderen Turniergegner, dessen Fähigkeiten du kennst.“

Reynald nickte grimmig und stellte sich bereit.

König Balduin trat mit den übrigen Männern ebenfalls vor die Höhle.

„Damit eines klar ist, ihr Herren: Es wird weder bis zum Tod noch mit den üblichen kleinen Tricks gekämpft. Ich brauche Euch beide lebend und gesund, verstanden?“, mahnte er.

Balian und Reynald bezogen Stellung und nickten bestätigend. Dann grüßten sie einander mit dem blanken Schwert, indem sie es in Höhe der Parierstange an die Lippen führten. Reynald meinte, dass der anscheinend nur locker gehaltene Schild seines Kontrahenten ihn geradezu einlud, dort zuzuschlagen. Den Irrtum erkannte er, als seine Klinge den Schild nicht einmal erreichte, sondern von einem ebenso geschickten wie harten Hieb pariert wurde. Balian ging direkt zum Gegenangriff über und traf Reynalds Schild hart am Rand, dass die Umbördelung aus silberfarbenem Metall eine deutliche Beule bekam. Noch ehe Reynald darauf reagieren konnte, prallte Balians Klinge schon auf die seine und warf ihn zurück. Reynald konnte knapp den Schild in die richtige Position bringen; beinahe hätte der junge Ritter schon mit dem dritten Hieb Reynalds Deckung so aufreißen können, dass ein tödlicher Hieb möglich gewesen wäre. Nur mit Mühe konnte Reynald den nächsten Hieb Balians parieren, der sich nun zurückzog. Reynald witterte seine Chance und attackierte Balian mit einem heftigen Sprung, der aber geschickt auswich. Reynalds Hieb traf nur die leere Luft. De Châtillon drang weiter gegen Balian vor, traf aber einige weitere Male nur die Luft, weil Balian – beweglich wie er war – geschickt auswich und Reynald sich müde toben ließ. Dann führte er aus der Drehung heraus einen wuchtigen Hieb gegen Reynald, dass diesem beinahe das Schwert entglitten wäre. Der mit dem ausgestreckten Arm halb von unten geführte Hieb – den sein Vater bei ihm nie sehen wollte, weil er ihn für bäurisch hielt – warf Reynalds Schwertarm so hoch, dass Balian ihm die Schwertspitze auf die Brust setzen konnte. Reynald sah verstört auf die scharfe Spitze, die in einem ernsthaften Kampf sein Leben im nächsten Augenblick beendet hätte. Er hob die Hände, ließ Schwert und Schild fallen.

„Ihr habt gewonnen, Mylord von Ibelin“, erklärte er. Balian nahm das Schwert zurück, schob es in die Scheide und verbeugte sich.

„Danke, Mylord de Châtillon“, erwiderte er knapp, drehte sich um und ging zu seinem Pferd, um Schwert und Helm dort wieder anzubringen. Tiberias folgte ihm.

„Du hast dem größten Raufbold des Königreichs Jerusalem eine Lektion in Sachen Schwertkampf erteilt“, lobte der leise. Balian sah sich kurz nach Reynald um.

„Danke, doch es war kein Ernst, Raymond. Hätte der König nicht ausdrücklich zur Zurückhaltung gemahnt, hätte er wohl anders zugeschlagen. Ich hatte den Eindruck, er wollte nicht, wie er gekonnt hätte“, erwiderte Balian ernsthaft. Tiberias war verblüfft über die kluge Feststellung. Dennoch war er der Meinung, dass Balian sich selbst eher unterschätzte. Er lächelte.

„Ich schätze, du hast auch nicht so hart geschlagen, wie du gekonnt hättest, oder?“

Balian lächelte freundlich.

„Nein“, gab er offen zu. Tiberias nickte. Jetzt war er sicher, dass es für das Leben des Königs keinen besseren Schutz geben konnte, als Balian von Ibelin.

Der eher spielerische Kampf hatte noch mehr Zeugen, die in respektvoller Entfernung im Schutz einiger Felsen saßen: Sarazenen, die in Saladins Auftrag die christlichen Ritter beschatteten. Einer von ihnen beobachtete die Christen mit einem einfachen Fernrohr, zusammengefügt aus zwei konvex geschliffenen Linsen und einem faltbaren Lederrohr.

„Beim Barte des Propheten!“, entfuhr es dem Beobachter. „Hassan, der Mann, der die Farben des ungläubigen Herrn von Ibelin trägt! Auf den müssen wir aufpassen! Sieh!“

Hassan nahm das Fernrohr und betrachtete Balian eingehend.

„Er hat dunkles Haar und die dunklen Augen eines Sarazenen. Er kämpft auch wie einer – ruhig, aber wachsam. Osman, du hast Recht“, brummte Hassan.

Und die beiden Späher sahen noch mehr: dass die Christen ihr Wort nicht hielten und mit vielen Kriegern zum Jordan zogen. Osman und Hassan schwangen sich in die Sättel und gaben ihren edlen Arabern die Sporen. Mit hochgestelltem Schweif – typisch für Araberpferde – jagten sie im gestreckten Galopp nach Osten, um Imad, Saladins General, zu warnen.

Balian hatte Reynald mehr Respekt abgenötigt, als der zuzugeben bereit war. Aber im Moment schwiegen sowohl Reynald als auch Guy über den unerwarteten Ausgang des Kampfes, und Balian lehnte lobende Worte des Königs und der Ordensgroßmeister bescheiden ab.

Der folgende Tag brachte die Christen an den Jordan. Balian blieb etwas zurück, was Tiberias auffiel. Er lenkte sein Pferd neben Balians Rappen.

„Warum zögerst du?“, fragte er.

„Wir sind am Jordan, oder?“, erkundigte sich der junge Mann.

„Ja, gewiss.“

„Ich bin es nicht wert, in jenen Fluss zu reiten, den unser Herr Jesus durch seine Taufe in diesen Wassern geheiligt hat. Ich bin ein sündiger Mensch, Raymond.“

„Wir sind alle sündige Menschen, Balian. Wenn es aber einen Ort auf dieser Welt gibt, an dem Sünden schon durch unsere schiere Anwesenheit vergeben werden, dann ist er hier“, meldete sich Jean zu Wort, der ebenfalls neben Balian geritten war.

„Vergib mir, Jean, aber zur Vergebung der Sünden gehört auch Reue und Umkehr. So heilig dieser Fluss ist, er allein kann mich nicht von meinen Sünden reinigen“, widersprach Balian.

„Dann bitte den Herrn um die Vergebung deiner Sünden. Wenn du lauteren Herzens bereust, dann wird er dir vergeben“, empfahl der Johanniter. Balian nickte zögernd und trieb den Rappen vorwärts.

Vergib mir, o Herr, was ich angestellt habe. Vergib meiner Frau Natalie, dass sie es nicht erwarten konnte, bis du sie rufen wolltest. Vergib mir, dass ich Hand an den Père Charles gelegt habe und – bitte, Herr – vergib mir, dass ich mich auf eine Liebe eingelassen habe, die keine Zukunft haben darf, weil sie das dir geweihte Reich bedroht. Hilf mir zu widerstehen, Herr. Hilf meiner Schwäche‘; betete er in Gedanken. Jean sah die Tränen, die in Balians Augen standen.

„Willst du beichten?“, fragte er. Godfreys Sohn sah ihn an.

„Wenn wir nach Jerusalem zurückkehren, Jean. Ich habe die dunkle Ahnung, dass meine Sünden heute noch um einige bereichert werden.“

„Was meinst du?“, fragte Jean verblüfft.

„Wofür würdet ihr das da halten?“, fragte Balian und wies auf Spuren von Hufen, die geradewegs in den Fluss führten. „Ich würde es für einige Stunden alte Spuren eiliger Pferde halten. Vor uns war jemand, der weniger Gewissensbisse hatte, diesen Fluss ohne anzuhalten zu durchqueren, vermutlich also Araber“, sagte er dann.

„Woher verstehst du, Spuren zu lesen?“, fragte Tiberias.

„Ich habe den Jagdaufseher unseres Vogtes häufig begleiten dürfen. Er hat es mich gelehrt“, erwiderte Balian.

„Aber von Sarazenen hat er nichts gewusst, oder?“, hakte Tiberias nach.

„Nein, das ist ein Schluss, den ich aus dem Verhalten dieser christlichen Reiter ziehe. Alle haben erst angehalten, haben einen Moment andächtig innegehalten und sind dann erst in das Wasser geritten. Die, die vor uns hier waren, sind einfach hindurch geritten ohne anzuhalten. Für jene hat der Jordan offenbar keine spirituelle Bedeutung, also können es wohl weder Christen noch Juden gewesen sein. Daraus schließe ich, dass es Muslime waren“, erklärte er dann. Tiberias und Jean schluckten ob der logischen Schlussfolgerung.

Fast im selben Moment erschienen auf der anderen Seite des Jordan auf einer Anhöhe zahlreiche Reiter – berittene Araber. Die christlichen Ritter bezogen Stellung um ihren König, doch als sich ein einzelner Reiter aus den Reihen der Sarazenen löste, bedeutete Balduin auch seinen Männern, zurückzubleiben und trieb sein Pferd allein zwischen die Fronten. Saladin erwartete ihn bereits.

„So hältst du also deine Versprechen, Ungläubiger!“, fuhr Saladin den christlichen König an. Balduin streckte sich im Sattel, soweit seine zunehmende Lähmung durch die Lepra es zuließ.

„Ich habe dir ankündigen lassen, dass ich hundert meiner Ritter mitnehme. Deshalb war ich schon erstaunt, deine Botschaft zu vernehmen, du kämest mit deinem Heerführer Imad ad-Din allein an den Jordan“, entgegnete Balduin. „Du kannst dir denken, dass ich auch recht überrascht bin, so viele Krieger bei dir zu sehen, großer Saladin.“

Saladin war im Moment nicht nach Höflichkeitsfloskeln dieser Art.

„Euch ungläubigen Hunden, die ihr euch Christen nennt, kann man eben nicht trauen. Dein Wortbruch beweist es doch!“, schnaubte der Sultan verächtlich.

„Ich habe mein Wort nicht gebrochen!“, widersprach Balduin scharf.

„Ach ja?“, fragte Saladin süffisant und winkte. Einer seiner Unterführer kam herbei und brachte die schriftliche Botschaft Balduins – jene, die Guy de Lusignan im Namen des Königs verfasst hatte. Balduin las die Botschaft. Die silberne Maske verbarg es, aber Saladin bemerkte durch die Versteifung des gesamten Körpers, dass der König unter der Maske erbleichte.

„Ist das dein Siegel?“, hakte Saladin in hartem Ton nach. Balduin nickte.

„Ich kann es nicht bestreiten. Und du wirst mir vermutlich nicht glauben, dass ich einen anderen beauftragt habe, dir eine Botschaft in meinem Namen zu schreiben – jedoch mit einem anderen Inhalt. Meine Krankheit nötigt mich, solche Dinge abzugeben, Saladin“, erwiderte der junge König. Saladin hörte Ehrlichkeit aus seinen Worten. Er hatte auch nie angenommen, dass Balduin, ein wirklicher Ehrenmann, ihn so hintergehen würde.

„Doch“, sagte der Sultan, „ich glaube dir. Du bist bisher immer zuverlässig gewesen und hast treu zu deinem Wort gestanden. Doch erlaube mir den Rat, dass du dir das, was du schreiben lässt, noch mal durchliest, bevor du es vor deinen Augen siegeln lässt. Es gibt mindestens einen in deiner Nähe, dem du nicht trauen darfst, Balduin von Jerusalem. Doch zu dem, was mich zu diesem Treffen veranlasste: Ich höre, dass Muslime daran gehindert werden, die heiligen Stätten in Jerusalem zu betreten und ihre Moscheen gesperrt werden. Ist das wahr, Balduin?“

„Es ist wahr – leider. Aber ich bin auch deshalb hergekommen, um dir zu garantieren, dass das nicht wieder geschehen wird, solange ich noch König von Jerusalem bin. Es ist derselbe, der auch meinen Brief verfälscht hat“, erklärte Balduin.

„Balduin – ich weiß um deine Krankheit; auch, dass sie zum Tode führen wird, nachdem dir auch meine Ärzte nicht helfen konnten, was ich sehr bedaure. Regle deine Nachfolge so, dass unsere Vereinbarungen eingehalten werden. Sonst kann ich die Fanatiker in meinen Reihen nicht mehr lange zurückhalten, und es wird Krieg geben. Ich will ihn so wenig wie du, aber wenn das nicht aufhört, kann ich sie nicht mehr halten“, erwiderte Saladin.

„Ich werde es ändern, Saladin. Habe ich dein Wort, dass du von dir aus keinen Krieg gegen uns beginnst?“

„Du hast mein Wort, wenn du deines hältst, Balduin. Allah ist mein Zeuge, wenn ich dir verspreche, dass ich von mir aus keinen Krieg beginnen werde, solange du dein Wort hältst“, versprach der Sultan und hob die Hand zum Schwur.

„Ich verspreche dir, Saladin, Sultan von Ägypten, dass deine Glaubensbrüder die heiligen Stätten ihrer Verehrung in Jerusalem aufsuchen und dort auf ihre Weise beten dürfen. Wer sie daran hindern will, ist auch der Strafe meines Reiches verfallen. Gott ist mein Zeuge“, gelobte Balduin.

Im selben Moment stürmten Männer in der Gewandung des Barons von Ibelin mit Turnierkragen über einen Hügel und wollten die in der Nähe stehenden Männer des Sultans angreifen. Auf Balians Zeichen rissen seine Männer die Turnierkragen ab und griffen die Störer sofort an, hatten sie schnell unter Kontrolle. Saladin und Balduin beobachteten den Eklat verstört.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Saladin. „Godfrey von Ibelin war doch immer ein vertrauenswürdiger Mann“, entfuhr es dem Sarazenenführer erschrocken. Während Balduin noch sprachlos in die Richtung des Tumults sah, nahm Balian den Helm vom Kopf, zog auch die Kettenkapuze ab und ritt zu Saladin und Balduin.

„Verzeiht den Tumult, mein König, großer Saladin. Es ist eingetreten, was ich befürchtet habe. Jemand, der meinen Boten abgefangen hat, hat meinen Rock für diesen Zwischenfall missbraucht. Die, die diesen Tumult verursacht haben, sind keine Männer, die mir dienen, mein König“, erklärte der junge Mann. Balduin lächelte unter der Maske.

„Erlaube mir, Herrscher der Sarazenen, dass ich dir meinen ebenso jungen wie getreuen und klugen Gefolgsmann Balian von Ibelin vorstelle, Godfreys Sohn“, präsentierte Balduin nicht ohne Stolz. Saladin begrüßte den jungen Christen mit dem arabischen Gruß und staunte nicht schlecht, als der Ritter diesen Gruß wie selbstverständlich erwiderte.

As-Salam ‘alaykum“, grüßte Balian arabisch, was nun sowohl Saladin als auch Balduin in größtes Erstaunen versetzte.

„Balian, das ist Saladin, der Herr über die Sarazenen in diesem Land, der Sultan von Ägypten“, erklärte der junge König.

„Balduin, du hast nicht nur einen überaus treuen Gefolgsmann, er ist auch klug und listenreich. Die Ibelins hatten auch immer moslemische Diener. Ist das noch so, Balian ibn Godfrey?“

„Es ist so, edler Saladin und es wird so bleiben, denn mein Vater lehrte mich, dass dieses Land nicht nur uns Christen heilig ist, sondern auch den Menschen, die der Botschaft des Propheten Mohammed zugetan sind und jenen, die mosaischen Glaubens sind, der die Wurzel des christlichen und des moslemischen Glaubens ist. Es war der letzte Wunsch meines Vaters, dass ich diese Menschen respektiere. Diesen Wunsch werde ich erfüllen – nicht nur weil es der Wunsch meines Vaters war, sondern weil ich es auch für richtig erkannt habe“, erwiderte Balian. Saladin wandte sich an den König:

„Du solltest diesen Mann in Ehren halten, Balduin von Jerusalem, mein Freund.“

Damit drehte er sich um und ritt davon. Die Sarazenen auf den Hügeln zogen sich ebenfalls zurück.

Balduin und Balian blieben noch stehen.

„Ich bitte um Vergebung, mein König. Dieser Eklat entsprang nicht meiner Geltungssucht. Es tut mir Leid, dass ich es nicht verhindern konnte“, bat Balian leise mit gesenktem Kopf.

„Was soll ich dir verzeihen, Balian? Dass du mir sehr deutlich gezeigt hast, auf wen sich der König von Jerusalem verlassen kann und auf wen nicht?“, fragte Balduin.

„Ich will mich nicht vordrängen, mein König.“

„Das tust du nicht, Balian, ganz und gar nicht. Komm, mein Freund.“

Der König und sein Gefolgsmann ritten zurück zu den wartenden Rittern. Guy und Reynald hatten sich verblüfft angesehen, als die Ibeliner so fix die Turnierkragen abgerissen hatten und damit die gestohlenen oder gefälschten Waffenröcke entlarvt hatten. Jetzt waren sie vollends verstört. Wie, zum Teufel, hatte der Welpe das nur gemerkt und obendrein eine so wirksame Gegenmaßnahme ergreifen können? Beiden war klar, dass es mit ihrer Herrlichkeit am Hofe des Königs von Jerusalem vorbei war, wenn der herausbekam, wer hinter diesem Anschlag steckte. Reynald reagierte. Seine Männer griffen zu und töteten die wenigen Überlebenden des Überfalls. Die lästigen Zeugen waren beseitigt.

***

Kapitel 11

Eine Frage des Gewissens

Zwei Tage später waren der König und seine Begleiter wieder zurück in Jerusalem. Nach einer kurzen Gelegenheit zur Unterbringung der Pferde riefen Trompetenstöße die Begleiter des Königs zur Versammlung in den großen Hof. Reynald hatte sich schon umgezogen und seine Rüstung mit einem leuchtend orangefarbenen Gewand vertauscht. Als der König den Hof des Palastes betrat, gingen alle Höflinge ehrerbietig in die ritterliche Kniebeuge.

„Es ist etwas Ungeheuerliches geschehen!“, rief Balduin. „Nicht nur, dass meine Botschaft an Saladin nicht den Inhalt hatte, den sie haben sollte“, erklärte er und sah Guy strafend an. „Nein, es wurde auch der Versuch unternommen, einem treuen Gefolgsmann der Krone Verrat zu unterstellen“, setzte er hinzu. „Mylord Balian von Ibelin, Euer Rock wurde missbräuchlich benutzt. Welche Erkenntnisse habt Ihr dazu?“, forderte Balduin Balian zur Klage auf. Der Gerufene trat einen Schritt vor.

„Mein König, einem meiner Diener wurde von Unbekannten zwischen Ibelin und Jerusalem aufgelauert. Seither ist mein treuer Diener Armand samt seinem Waffenrock verschwunden. Heute habe ich diesen Waffenrock wieder gefunden, doch trug nicht mein Diener Armand diesen Rock, sondern ein Mann, den ich schon im Gefolge des Herrn de Châtillon gesehen habe. Dies allein ist gewiss kein Beweis, dass Mylord de Châtillon etwas mit dem Verschwinden meines Dieners zu tun hat. Aber die kleine Änderung des Wappens, unter dem ich mit meinen Männern mit dem König geritten bin, kannten nur vier Männer: Unser König Balduin, Mylord Tiberias, Mylord Guy de Lusignan und Mylord Reynald de Châtillon. Wer konnte von diesen vieren ein Interesse daran haben, mich gerade bei einer Verhandlung mit Sultan Saladin in Verruf zu bringen? Nur jemand, der die Politik des Königs nicht für richtig hält. Es ist die Politik unseres Königs, also hat er kein Interesse daran, jemandem, der ihr folgt, zu schaden. Mylord Tiberias unterstützt wie mein verstorbener Vater diese Politik. In meiner Gegenwart haben nur drei hier Anwesende sich gegen die Politik des Königs ausgesprochen: Mylord de Lusignan, Mylord de Ridefort, der Großmeister der Tempelritter, und Mylord de Châtillon. Außer dem König und Mylord Tiberias waren aber nur Mylord de Châtillon und Mylord de Lusignan über die Wappenänderung informiert. Sie waren die Einzigen, die eine gleichartige Änderung des gestohlenen Waffenrocks veranlassen konnten. Wenn dann noch ein Gefolgsmann des Herrn de Châtillon in dem fraglichen Rock steckte, scheint mir dies ein deutlicher Hinweis auf eine Beteiligung des Herrn de Châtillon am Verschwinden meines Dieners zu sein. Ich fordere Euch zur Stellungnahme auf, Mylord Reynald de Châtillon!“

„Das sind doch Hirngespinste eines Mannes, der noch vor wenigen Wochen ohne jede Ahnung seiner Verwandtschaft mit Godfrey von Ibelin an seinem Amboss stand und als gemeiner Mann Hufeisen schmiedete!“, ereiferte sich Guy.

„Ihr bezweifelt Balians Anspruch auf den Titel des Barons von Ibelin?“, fragte Tiberias scharf.

„Ja!“, versetzte Guy.

„Balian hat seine Abstammung und den Erbfall ordnungsgemäß beim Kämmerer nachgewiesen. Was veranlasst Euch zu diesen haltlosen Zweifeln, Mylord de Lusignan?“, fuhr Balduin dazwischen.

„Dann bitte ich um Vergebung für meine Zweifel“, erwiderte Guy reumütig.

„Ich möchte, dass etwas ein für allemal klar ist: Grundsätzlich ist Adel zwar erblich, aber der wahre Adel entsteht aus Taten. Nicht, das, was Ihr glaubt zu sein, seid Ihr, sondern das, was Eure Taten aus Euch machen!“, rief Balduin. „Einen Diener abzufangen, um einen Rock zu erlangen, um mit diesem gestohlenen Rock den rechtmäßigen Eigentümer in Verruf zu bringen, ist ganz sicher keine edle Tat und eines Ritters nicht würdig. Mylord Balian hat sehr überzeugende Verdachtsmomente präsentiert. Könnt Ihr, Mylord de Châtillon und Ihr, Mylord de Lusignan, diese entkräften? Dann sprecht!“

Guy und Reynald verständigten sich mit Blicken. Reynald war kein Feigling; er stand zu dem, was er tat, auch wenn er anderweitig dazu angestiftet worden war. Es entsprach Reynalds persönlichem Ehrenkodex, dass er einen anderen nicht beschuldigte. Es war seine persönliche Auffassung vom Schutz der Wehrlosen.

„Ich war es, mein König. Ich habe Armand abfangen lassen, um ihn durch meinen Mann zu ersetzen. Ich habe auch die Veränderung der Botschaft vorgenommen. Mylord de Lusignan konnte es nicht sehen, so wie ich ihm die geschriebene Botschaft zur Siegelung hingehalten habe“, gestand er. Balduin ging mit schnellen Schritten auf ihn zu, holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.

„Für dein Ränkespiel, das beinahe eine Katastrophe ausgelöst hätte!“, zischte er. „Wo ist Balians Diener?“

„Er ist tot, mein König. Meine Männer haben ihn bei dem Überfall getötet“, räumte Reynald tapfer ein. Balduin zog den dünnen Handschuh aus und hielt die bloße Hand Reynald hin.

„Küsse meine Hand, du Wurm!“

Zögernd, sehr zögernd, küsste Reynald die von Lepra entstellte Hand des Königs.

„In den Kerker mit ihm!“, befahl Balduin zornig. „Über die Länge der Strafe entscheide ich später!“

Jerusalem-Ritter griffen zu, packten Reynald und beförderten ihn umgehend in den Kerker in der Königsburg. Dann verließ der König eilig den Hof. Der Haushofmeister forderte die Anwesenden auf, sich zu entfernen, worauf alle den Hof verließen.

Als alle fort waren, bat Balian Jean, ihm in einem abgeschiedenen Bereich des königlichen Palastes die Beichte abzunehmen. Der junge Mann erleichterte sein Gewissen gründlich: Er beichtete den Selbstmord seiner Frau, den Tod des Père Charles durch seine, Balians, eigene Hand, die seiner Meinung nach verwerfliche Liebe zu Prinzessin Sibylla, den Umstand, dass er nach seiner eigenen Meinung eigentlich nicht in diesen adligen Zirkel gehörte, hatte er doch erst wenige Wochen vor seinem Eintreffen in Jerusalem überhaupt erst von seiner adligen Herkunft erfahren. Dann bat er um Absolution. Jean sprach ihn los, ohne ihm auch nur ein einziges Vaterunser als Sühne aufzugeben. Balian erhob sich von dem kühlen Marmorboden, auf dem er gekniet hatte.

„Der König hat keinen besseren Diener als dich, Balian von Ibelin“, sagte Jean und umarmte ihn einfach.

„Du bleibst bei diesem Titel, Jean?“

„Balian, dein Vater Godfrey, der Baron von Ibelin, hat dich anerkannt und dir sein Erbe vor meinen Augen übergeben. Du bist der Herr von Ibelin, ob du es willst und dich dafür würdig erachtest oder nicht“, erklärte der Johanniter und klopfte Balian aufmunternd auf die Schulter. Auf dem Flur begegnete ihnen Tiberias.

„Hier seid ihr! Ich habe euch beide schon gesucht. Balian, der König verlangt nach dir. Er ist im Thronsaal“, sagte Tiberias. „Folge mir!“

Im Thronsaal beugte der junge Ritter nochmals das Knie vor dem König.

„Kannst du dir denken, weshalb ich dich habe rufen lassen?“, fragte Balduin.

„Nein, mein König“, erwiderte Balian.

„Balian, durch deine Klugheit, dein besonnenes Handeln und deinen Scharfsinn hast du das Königreich Jerusalem vor einem schlimmen Krieg gegen Saladins Scharen gerettet. Ich danke dir dafür. Mein Dank an dich ist die Hand meiner Schwester Sibylla. Ich weiß, dass sie dich liebt und ich weiß auch, dass Raymond dich liebt, als wärst du sein Vater.“

Balian hob vorsichtig den Blick.

„Aber Ihr habt Sibylla bereits Guy de Lusignan versprochen, mein König“, gab er zu bedenken.

„Du hast mich überzeugt, dass Guy und Reynald gemeinsame Sache gemacht haben. Reynald hat zwar die ganze Schuld auf sich genommen, aber das entspricht seinem etwas seltsamen Verständnis des Rittereides. Ich bin sicher, dass er Guy deckt. Guy hatte von mir den Auftrag, die Botschaft an Saladin zu schreiben. Ich habe ihm nicht gesagt, dass er das mit Reynald zusammen machen soll. Wenn also Reynald dabei war, hat Guy mich schon insoweit hintergangen, als er einem Unbefugten Zugang zu königlichen Urkunden gewährt. Das ist ebenfalls Verrat. Und deshalb ziehe ich mein Versprechen an ihn zurück“, entgegnete der König. Balian erhob sich auf die Handbewegung des Königs aus der ehrfürchtigen Kniebeuge.

„Mein König, wenn Ihr das Versprechen an Guy zurückzieht, es brecht, dann wird es Euer Reich zerreißen“, warnte er. „Guy hat viel mehr Einfluss, als Ihr ahnt. Die Templer stehen hinter ihm, der Patriarch, Reynalds Leute, seine eigenen Männer. Sie befürworten wie er ein rein christliches Königreich Jerusalem – und erst recht eine rein christliche Stadt Jerusalem. Ibelin steht treu zu Euch, die Jerusalem-Ritter von Mylord Tiberias und die Johanniter auch, aber das ist letztlich die Gefahr. Wenn zwischen diesen Gruppen die Trennlinie verläuft, wird das zur Spaltung Eures Reiches, wenn Ihr das Versprechen an Guy widerruft.“

Balduin dachte einen Moment nach. Balians Warnung war nicht aus der Luft gegriffen, hatte Hand und Fuß, war an Scharfsinn kaum zu übertreffen.

„Dann schaff’ ihn aus dem Weg, Balian. Bring’ Guy um, heirate meine Schwester und werde nach meinem Tod Regent von Jerusalem“, versetzte Balduin.

„Mein König, ich bin Euch ein treuer Diener, aber diesen Befehl muss und werde ich verweigern!“, widersprach Balian. „Mord ist Sünde. Ich bin ins Heilige Land gekommen, um Erlösung von meinen Sünden und den Sünden meiner Frau zu finden – nicht um neue zu begehen. Guy einfach töten – nein, niemals.“

Balduin sah Balian betroffen an.

„Ich dachte, du bist mein Freund und liebst meine Schwester“, erwiderte Balduin ernüchtert.

„Ich bin Euer Freund, Balduin, mein König. Ja. ich liebe Eure Schwester. Nichts wünsche ich mir mehr, als mein bescheidenes Leben mit ihr und Balduin-Raymond teilen zu dürfen. Aber eine Ehe, die auf Eidbruch und Mord gründet, kann Gott, der Allmächtige, nicht hinnehmen“, wehrte Balian ab. „Ich werde immer für Euch da sein, für Sibylla und Raymond. Ich gebe mein Leben für Euch, Eure Schwester und Euren Erben – aber ich nehme es nicht einem anderen.“

„Balian, wenn ich sterbe, wird Sibylla Guys Frau. Ich befürchte, er wird Balduin-Raymond beseitigen, um dann selbst König von Jerusalem zu werden. Du weißt, dass er die Sarazenen durch seine Politik in den Krieg treiben wird. Es kostet Hunderte und Tausende das Leben. Willst du das?“, fragte der König erschrocken nach.

„Raymond und Sibylla werde ich mit meinem eigenen Leben verteidigen, mein König. Alles andere liegt in Gottes Hand. Einen Mord werde ich nicht begehen.“

Das war endgültig. Balduin sah ein, dass er einen prinzipientreuen Vasallen hatte, der den Satz des Rittereides, niemandem Unrecht zu tun, ebenso ernst nahm wie die Verpflichtung des Schutzes Hilfloser.

„Gut“, sagte er. „Dann sei es. Du kannst gehen, Balian.“

Balian verbeugte sich und verließ den Thronsaal.

Tiberias hatte draußen vor der Tür gewartet. Zwar hatte er den Wortwechsel zwischen Balian und dem König nicht gehört, aber er wusste, was der König von Balian wollte – und er sah dem Gesicht des neuen Barons an, dass er den Befehl des Königs nicht befolgen wollte. Er folgte ihm und stellte sich ihm in den Weg.

„Was hindert dich, Guy zu beseitigen und Sibylla zu heiraten. Sie liebt dich, Balduin-Raymond liebt dich. Jerusalem wäre dir unendlich dankbar, mein Freund.

„Mord ist nicht ritterlich“, lehnte Balian ab.

„Jerusalem ist kein Platz für einen echten Ritter. Du musst lernen, mit den Intrigen umzugehen.“

Balians Gesicht verhärtete sich.

„Jerusalem ist ein Königreich des Gewissens, sagte mein Vater, bevor er starb. Aber wenn ein Gewissen hier nichts gilt, dann ist Jerusalem nichts wert!“, fuhr er Tiberias an, umging ihn und ließ ihn stehen. Er ließ ihn gehen. Balian würde merken, dass es Grenzen des ritterlichen Gewissens gab.

Almaric, der in der Jerusalemer Residenz der Ibelins noch auf neue Anweisungen seines Herrn wartete, sah dem jungen Mann an, dass ihn eine Last plagte, als der heimkam.

„Was habt Ihr, Mylord Balian?“, erkundigte er sich.

„König Balduin hat mich eben gerade vor die Wahl gestellt, Jerusalem leiden zu lassen oder mein Seelenheil aufs Spiel zu setzen“, seufzte Balian. „Bist du bitte so gut, mir ein Bad richten zu lassen, Almaric?“

„Sofort, Mylord“, bestätigte der Verwalter den Auftrag. „Und was habt Ihr ihm gesagt?“, hakte er dann nach.

„Dass ich die Hölle nicht von innen sehen will – jedenfalls nicht freiwillig“, erwiderte Balian.

„Und was wollte er genau von Euch?“, bohrte Almaric weiter. Balian lächelte verbindlich.

„Der König hat mit mir unter vier Augen gesprochen, Almaric. Ich werde dieses Geheimnis bewahren“, entgegnete er abwehrend.

So sehr Almaric sich auch mühte, er bekam aus seinem Herrn nicht heraus, was der König von ihm gewollt hatte. Noch lange nach Einbruch der Dunkelheit warf der junge Ritter sich ruhelos auf seinem Lager herum. War seine Entscheidung richtig gewesen? Was war wichtiger: Das Seelenheil eines Einzelnen oder das weltliche Wohl Tausender Christen, Juden und Muslime? Balian war sich nicht wirklich sicher, ob seine harsche Ablehnung klug gewesen war.

Andererseits: Menschen waren auf Erden nur Gäste für eine gewisse Zeit, die Gott allein bestimmte. Himmel oder Hölle – sie hingegen währten ewig. Wie lang war die Ewigkeit? Balian erinnerte sich eines Vergleichs, den der Hauslehrer der Vögtesöhne einmal gebraucht hatte:

Alle zehntausend Jahre fliegt ein sperlinggroßer Vogel auf die Spitze des Mont Blanc und wetzt das Schnäbelchen einmal hin und einmal her. Und wenn er den ganzen Berg mit seinem Schnabelwetzen abgeschabt hat, dann ist ein Augenblick der Ewigkeit vergangen!“, hatte er gesagt. Die Ewigkeit war sehr lang, folgte daraus …

Wie lange lebte ein Mensch? Die Bibel erzählte von höchstens siebzig Jahren, die den Menschen seit der Sintflut noch auf Erden vergönnt waren. Aber Balian kannte keinen Menschen, der dieses buchstäblich biblische Alter je erreicht hatte. Wenn er für einen Mord an Guy de Lusignan für den Rest einer unzählbar langen Ewigkeit in der Hölle schmorte, statt im Paradies seine Frau Natalie, sein Kind, seine Mutter und seinen Vater wiederzusehen, dann kam ein Mord aus Staatsräson wirklich nicht in Frage. Zudem kamen ihm Zweifel, ob er mit einer solchen Untat nicht auch noch Natalies Seelenheil riskierte. Immerhin war er auch ihretwegen ins Heilige Land gegangen. Auch sie sollte Erlösung von ihrer Sünde finden. Nein, das konnte er schon ihretwegen nicht tun. Er konnte nicht auch noch seine geliebte Frau verraten …

Während der Hausherr sich schlaflos herumwarf, ließ Achmed Prinzessin Sibylla ein. Sie eilte direkt in Balians Schlafgemach und fand den Geliebten unruhig, ja fast fiebernd vor Unruhe vor. Sie setzte sich zu ihm und streichelte ihn sanft. Er fuhr hoch, als habe ihn eine Schlange gebissen.

„Natalie?“, fragte er verwirrt. Eine zärtliche Umarmung der Geliebten holte ihn nach Jerusalem zurück.

„Sibylla“, flüsterte sie. Er legte ihr zart einen Finger an die weichen Lippen.

„Zu deiner Sicherheit Natalie“, korrigierte er leise.

„Du kennst den möglichen Ausweg aus dem Versteckspiel. Mein Bruder wäre mit dir als Schwager sehr einverstanden und Raymond hätte viel lieber dich als Stiefvater als Guy. Und das weißt du“, erwiderte sie.

„Ja, ich weiß. Aber der Weg würde nach dem Wunsch deines Bruders über Guy de Lusignans Leiche führen. Wenn ihn einfach der Blitz träfe, wär’s keine Schwierigkeit. Aber Balduin will, dass ich Guy umbringe. Nein, ich begehe keinen Mord“, widersprach Balian. Sibylla hörte auf, ihn zu streicheln.

„Wenn Guy weitermachen kann, wird er Tausende von Leben fordern. Balian, das ist nicht dein Ernst! Und ich habe geglaubt, du liebst mich!“, entfuhr es ihr. Sie sprang auf und stürmte davon.

Balian sprang eilig aus dem Bett, zog sich rasch etwas an und rannte hinter ihr her. Im Stall holte er sie ein.

„Sibylla!“, rief er – und es klang scharf. Sie drehte sich um und kam zu ihm.

„Ich kann dir nur bieten, was ich bin – und das biete ich dir. Ich biete dir meine Welt, Balian“, flüsterte sie, hob die Hände zu seinem Gesicht und zog ihn an sich, um ihn zu küssen. Er umarmte sie, entzog sich aber vorsichtig ihrem Kuss.

„Sibylla, täte ich, was Balduin von mir verlangt, verkaufte ich meine Seele“, sagte er leise. Sibylla löste sich aus seiner Umarmung und ging wieder in den Stall hinein. Dann drehte sie sich noch einmal um.

„Der Tag wird kommen, an dem du dir wünschen wirst, du hättest dieses kleine Böse getan, um ein sehr viel größeres Übel zu verhindern“, sagte sie. Die ganze Enttäuschung, die sie über seine Weigerung empfand, schwang in ihrer Stimme mit.

„Und ich denke, dass der Tag kommen wird, an dem du mich verstehen wirst. Für das, was ich tun soll, würde ich die Ewigkeit in der Hölle verbringen, denn es wäre eine Todsünde. Willst du das? Verlangst du das von mir? Ich gebe als dein treuer Diener jederzeit mein irdisches Leben; aber verlange nicht, dass ich mein jenseitiges Leben wegwerfe, statt irgendwann dort mit dir vereint zu sein“, erwiderte er. Er wandte sich ab, um ins Haus zurückzukehren.

„Balian?“, hörte er sie. Es klang leise, bittend – nein, flehend. Er drehte sich wieder um.

„Balian, liebst du mich?“, fragte sie mit zitternder Stimme. Er lächelte sanft.

„Sibylla, ich liebe dich; ich liebe deinen Sohn wie meinen eigenen. Ich würde für euch sterben. Aber für alle Ewigkeit leiden für einige Jahre irdischen Glücks? Nein“, erwiderte er leise.

„Wie kommst du darauf? Man würde dich einen Helden nennen.“

„Die mögliche Anerkennung wäre rein diesseitig. Vor Gott gelten andere Maßstäbe. Und was Heldentum betrifft: Ist es heldenhaft, einen Mann zu ermorden? Es geht um Mord, nicht um einen vielleicht tödlichen Zweikampf, den ich ebenso verlieren könnte wie Guy. Sicher, ich muss mir die Ehre, Ritter zu sein, erst noch verdienen; denn als mein Vater mich zum Ritter schlug, hatte ich noch nichts getan, was diese Ehre rechtfertigte. Aber ich verdiene sie mir gewiss nicht durch einen Mord, denn Mord hat nichts Ehrenhaftes an sich.“

Sibylla spürte, dass er Recht hatte. Sie sah ihn eine Weile an. Balian von Ibelin hatte eine sehr klare Vorstellung von den Grenzen der Ehre, war ein durch und durch ehrenhafter und edler Mann. Er erfüllte alles, was sie sich je unter einem echten Ritter vorgestellt hatte: Er war aufrichtig, bewies Tapferkeit und funktionierendes Gewissen, wenn er sich weigerte, einen solchen Befehl auszuführen, er wollte kein Unrecht tun. Sie konnte nicht von ihm verlangen, dass er seinen Eid brach, den er sehr ernst nahm – sehr viel ernster, als viele andere, die sich als perfekte Ritter betrachteten. Sie kam zu ihm zurück.

„Wirst du mich jetzt fortschicken?“, fragte sie. Er schüttelte den Kopf.

„Bitte, halt’ mich fest!“, bat sie. Er erfüllte ihren Wunsch und strich ihr zärtlich durch das Haar.

„Ich liebe dich, Sibylla. Ich werde immer für dich da sein, wenn du Liebe und Wärme suchst, meine Prinzessin“, versprach er leise.

„Darf … darf ich heute Nacht bei dir bleiben?“, fragte sie dann vertraulich, beinahe scheu. Er nickte schweigend, hob sie auf seine Arme. Sie lehnte sich an ihn und ließ sich von ihm hinauf in sein Schlafgemach tragen, aus dem sie so überstürzt weggelaufen war.

„Ich nehme an, heute Nacht wird dich keiner vermissen, oder?“, fragte er, als er sie auf seinem Bett absetzte, das ihr schon so vertraut war. Sie schüttelte den Kopf und öffnete ihr Gewand.

„Balian!“, hauchte sie, als er sie sanft von ihren Kleidern befreite und sie ihn ebenfalls gezielt aus dem hastig übergeworfenen Gewand schälte.

„Guillaume!“, korrigierte er leise mahnend an ihrem Ohr und liebkoste dann zart ihren vor Erregung rasenden Puls. Warme Lippen, umgeben von einem weichen Bart, entlockten der Prinzessin ein lustvolles Keuchen.

„Guillaume!“, stieß sie heiser hervor und führte ihn zu sich.

„Natalie!“ schnaufte er, als er sich zwang, langsam in sie einzudringen, um sie vorsichtig und langsam zu lieben. Sie keuchte heftig, so riss seine sanfte Art sie fort.

Ein unglaublich schöner, gemeinsamer Höhepunkt ließ die Prinzessin in Tränen hemmungsloser Verzweiflung ausbrechen. Hier war sie sicher, aber sofern sie dieses vertraute Nest verließ, musste sie Guy wieder fürchten. Balian zog sie tröstend an sich und gewährte ihr den ersehnten Schutz, trocknete schweigend ihre heißen Tränen mit seinen Küssen. Langsam beruhigte sie sich wieder und widmete sich wieder wundervollen Zärtlichkeiten, die bald intensiver wurden und in neuerlicher Vereinigung gipfelten. Sie durfte diese Nacht einfach genießen. Und sie wollte genießen, wollte seine unglaubliche Zärtlichkeit tief auskosten, wohl wissend, dass es eine Wiederholung nicht mehr oft geben würde. Nach einem dritten Akt glühender Leidenschaft schliefen sie schließlich völlig erschöpft einander in den Armen liegend ein.

Balian erwachte erst gegen Mittag aus dem tiefen Schlaf liebesseliger Ermattung. Neben sich spürte er die noch immer schlafende Prinzessin. Zarte Küsse brachten sie allmählich aus den Träumen einer leidenschaftlichen Liebesnacht zurück in sein Schlafzimmer.

„Guten Morgen, Liebster“, murmelte sie und kuschelte sich dicht an ihn, jeden Zoll seines schlanken, muskulösen Körpers genießend.

„Es ist schon fast Mittag“, flüsterte er vertraulich und küsste zart ihr Ohr.

„Warum hast du mich gestern Nacht nicht fortgeschickt?“, fragte sie. So, wie sie ihn angefahren hatte, hatte sie nicht erwartet, dass er sie je wieder so nahe zu sich kommen lassen würde.

„Weil ich dich liebe und weil ich dich begehre. Dir meine Liebe zu schenken, die deine genießen zu dürfen, ist zu schön, um es missen zu wollen“, wisperte er.

„Aber warum …?“

Sie fühlte einen sanft an ihre Lippen gelegten Finger.

„Du hast meine Liebe – und meine Antwort“, sagte er leise. Sein Augenaufschlag – sanft, warm und völlig unschuldig – sagte mehr als alle weiteren Worte. Sie begriff, wie sehr ihr Geliebter selbst unter der schrecklichen Wahl litt, vor die ihr Bruder sie gestellt hatte. Es schmerzte ihn, sie zwar kosten zu dürfen, sie aber nur um den Preis ewiger Höllenstrafe zu seiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau machen zu können.

„Du bist für mich da?“, fragte sie.

„Wann immer du es willst und Guy es nicht bemerkt. Ich bin dein“, versprach er – und es war nicht leichthin gesagt. Viel zu großer Ernst leuchtete aus seinen tiefen, braunen Augen. Sibylla wusste: Wann immer sie aus ihrer ungewollten Ehe würde fliehen wollen: Hier, hier in Balians Schlafgemach, würde sie die Erfüllung jeglicher körperlicher und seelischer Sehnsucht finden. Ihre Liebe würde fortbestehen, bis einer von ihnen beiden starb. Und selbst dann würden sie beide die Hoffnung nicht verlieren, sich einst im Jenseits wiederzusehen …

 

***

Kapitel 12

Pläne

 

Die Zeit verging. Balduin IV. wusste um die tiefe Liebe zwischen Sibylla und Balian, die er nicht nur duldete, sondern nach Kräften förderte in der Hoffnung, sein Vasall würde sich eines Besseren besinnen. Doch nach wie vor verweigerte er sich Balduins Wunsch, Guy zu töten.

In diesen Monaten verbrachte der junge Baron viel Zeit im königlichen Palast, war Balduin-Raymond bald nicht nur ein vertrauenswürdiger Beschützer, sondern auch Spielkamerad und wirklich guter Freund. Er brachte ihm Reiten bei, machte auch schon die ersten Fechtübungen, die aber noch ausschließlich spielerisch waren. Der kleine Prinz war nicht von grober Statur, sondern wie seine Mutter sehr feingliedrig und schmal. Sein Lehrer konnte ihm daher keine harten Schläge zumuten. War der Junge anfangs sehr schüchtern gewesen und hatte nur vorsichtig durch einen Türspalt geblinzelt, wenn Balian sich im Palast aufhielt, stürmte er mit zunehmender Zeit jubelnd auf seinen Beschützer zu, wenn der in den Palast zurückkehrte.

„Juhu! Onkel Balian!“, rief Balduin-Raymond, als Balian nach einem mehrtägigen Inspektionsritt wieder in Jerusalem eintraf. Balian sprang vom Pferd und fing den kleinen Prinzen auf.

„Ich grüße dich, mein Prinz“, erwiderte er und gab dem Jungen einen väterlichen Kuss.

„Hast du mir was mitgebracht?“

„Und was sollte ich dir mitgebracht haben, mein Prinz?“, fragte Balian gespielt ahnungslos.

„Ein Pferdchen, vielleicht?“, mutmaßte Balduin junior. Kleine, handgroße Holzpferde waren Balduins große Leidenschaft, und Balian war ein begabter Schnitzer. So, wie er Metallen kunstvolle Gestalt geben konnte, verstand er das auch bei Hölzern. Der Baron blinzelte ihm schelmisch zu.

„Mal sehen, was sich da in meinen Taschen finden lässt. Aber zuerst muss ich zu Onkel Balduin und ihm Bericht erstatten.“

„Aber dann kommst du zu Maman und mir, ja?“

„Ja, versprochen“, lächelte Balian und setzte den Jungen wieder ab, der jauchzend in den Palast stürmte.

„Mylord Balian!“, rief eine herrische Stimme. Balian seufzte. Das konnte der Tonlage nach nur Guy de Lusignan sein.

„Mylord Guy?“, drehte er sich um.

„Ich habe mit Euch zu reden! Folgt mir!“, befahl de Lusignan. Balian nahm Helm und Kapuze ab, zog die Handschuhe aus und folgte dem künftigen Prinzgemahl eher unwillig.

„Ihr könnt Euch denken, weshalb ich Euch sprechen will?“, eröffnete de Lusignan.

„Nein“, erwiderte Balian kühl.

„Mylord Balian, ich möchte Euch daran erinnern, dass Prinz Balduin bald König sein wird. Ihr behandelt ihn wie einen normalen Jungen.“

„Mylord Guy – Prinz Balduin ist ein normaler Junge, nur, dass er bald eine Königskrone tragen wird“, entgegnete Balian.

„Mir ist klar, dass jemand wie Ihr, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammt, dies gerne auf seine Umgebung übertragen möchte, aber Ihr vergesst dabei Euren Platz!“, raunzte Guy.

„Mylord Guy, uns beide unterscheidet im Rang hier bei Hofe lediglich der Umstand, dass Ihr der künftige Stiefvater des Prinzen seid und ich sein Leibwächter. Noch seid Ihr nicht in der Stellung, die Euch versprochen wurde, vergesst das nicht. Sowohl der König als auch die Mutter des Prinzen sind mit meiner Art, mit dem Prinzen umzugehen, einverstanden.“

„Da wir gerade beim Thema Mutter des Prinzen sind!“, zischte Guy und kam nahe zu Balian, der aber keinen Schritt zurückwich und dem harten Blick standhielt.

„Sibylla ist meine Verlobte, Ibelin! Wenn Ihr sie auch nur noch einmal so anseht, als würdet Ihr sie begehren, drehe ich Euch den Hals um! Verstanden?“

„Wenn Ihr mir noch einmal droht, Lusignan, drehe ich Euch den Hals um! Verstanden?“, grollte Balian. Damit ließ er de Lusignan einfach stehen und eilte zum König, um seinen Bericht abzugeben.

„Lusignan hat dich abgefangen. Was wollte er von dir, Balian?“, fragte Balduin nach dessen ausführlichem Bericht.

„Mir klarmachen, dass ich den Prinzen mit mehr Respekt behandeln soll und seiner Verlobten keine schönen Augen machen soll“, erwiderte er mit einem leisen Seufzen.

„Er ist ein Lump. Du weißt es, Balian“, erinnerte Balduin.

„Ja, ich weiß es. Du hast … mir die Alternative aufgezeigt, Balduin. Aber ich kann nicht. Ich kann nicht alles verraten, woran ich glaube und wozu mein Vater mich ermahnt hat.“

„Du bist ein ehrenwerter Mann, Balian. Ich liebe dich wie einen Bruder. Und darum wäre mir immer noch die liebste Regelung, du würdest Sibylla heiraten. Sie verzehrt sich nach dir und du dich nach ihr. Ich weiß, dass ihr wenigstens einmal in der Woche die Nacht miteinander verbringt. Du weißt, wie recht mir das ist, mein Freund; Sibylla noch viel mehr, sonst würde sie nicht so oft zu dir gehen. Und wenn ich Balduin-Raymond sehe, wie er dich begrüßt, bin ich sicher, dass er den Vater gefunden hat, der ihm immer versagt war. Guillaume hat nie die Liebe meiner Schwester gehabt. Es hat gerade ausgereicht, um Balduin-Raymond zu zeugen. Du bist wirklich wie ein Vater zu meinem Neffen. Ehrlich, ich beneide dich.“

„Warum, mein König?“

„Immer noch keinen Spiegel gefunden?“, grinste Balduin. Zwar verbarg die Maske das schelmische Lächeln, aber es war zu hören. „Balian, du genießt die Liebe einer Frau, von der manche sagen, sie sei die schönste Blume meines Reiches. Du hast die Liebe des künftigen Königs. Was muss man dir noch bieten, um glücklich zu sein?“

„Nichts, mein König. Ich bin glücklich“, erwiderte Balian mit einem leichten und sehr sympathischen Lächeln.

„Möchtest du nicht auch, dass Sibylla glücklich ist?“

„Balduin, das ist eine ungerechte Frage“, sagte Balian. In den letzten Monaten waren König und Baron wirklich gute Freunde geworden. Balian konnte es sich sehr viel eher als alle anderen Männer am Hofe leisten, dem König einen solchen Vorhalt zu machen.

„Natürlich möchte ich nichts mehr, als dass Sibylla glücklich ist. Sie ist es, wenn sie bei mir ist, falls dich das beruhigt. Aber ich glaube nicht, dass sie wirklich glücklich wäre, wenn ein Eidbruch gegenüber de Lusignan dein Reich zerfetzt. Saladin ist ein großherziger Mann; einer, der zu seinem Wort steht. Aber was geschieht, wenn de Lusignan, die Templer und de Châtillon dir den Gehorsam aufkündigen und sich mit dem Südosten deines Reiches selbstständig machen? Ihr Reich hätte keine großen Überlebenschancen, gewiss nicht; aber was wird dann aus deinem geschwächten Reich? Würde Saladin – beflügelt durch einen Erfolg gegen die Abtrünnigen – nicht doch versuchen, nach Jerusalem zu greifen?“, stellte Balian seine Befürchtungen dar. Balduin seufzte.

„Du bist ein noch schlimmerer Schwarzmaler als dein Vater, Balian!“, keuchte der König erschrocken.

„Woraus ich schließe, dass schon mein Vater dich davor gewarnt hat“, grinste der Baron. Er drehte sich um und rief nach dem Haushofmeister und bat um eine Karte, die der auch eilig brachte.

Balian breitete sie aus.

„Sieh, mein König: Ganz Transjordanien würde vermutlich verloren gehen, wegen der dortigen Templerburgen möglicherweise auch Südjudäa bis fast nach Jerusalem. Wenn es ganz schlimm kommt, könnte das Reich auch von Südwesten nach Nordosten zerschnitten werden, denn die Templerburgen sind rund um Jerusalem verteilt und bilden eine Linie von Gaza bis nach Safita – und das ist noch nördlich von Akkon! Abgesehen davon, dass …“

„Hör auf, du hast ja Recht!“, bremste Balduin. „Mein Gott, so deutlich habe ich das noch gar nicht gesehen! Du bist ein guter Stratege, wie mir scheint, Balian von Ibelin. Raymond von Tiberias ist ein alter Mann. Er wird sich bald zurückziehen. Sollte er dies noch zu meinen Lebzeiten tun, bist du der nächste Konstabler von Jerusalem. Dein Rat ist klug. Verzeih mir, dass ich wegen meiner Schwester nicht locker gelassen habe.“

„Ich verstehe dich, Balduin. Wäre sie meine Schwester, würde ich nicht anders handeln, als du. Sibylla ist eine wundervolle Frau. Ich liebe sie mehr als mein Leben. Aber die Situation fordert von uns beiden, auf unser persönliches Glück zu verzichten.“

Balduin klopfte Balian vertraulich auf die Schulter.

„Seit dein Großonkel Balian der Alte sich auf die Seite meines Vorfahren Fulko stellte und dem Grafen von Jaffa eine Absage erteilte, konnte sich der König von Jerusalem stets auf das Haus Ibelin blind verlassen. Ich stelle zu meiner großen Freude fest, dass du wahrlich der Sohn deines Vaters Godfrey bist, der mir ebenso treu ergeben war, wie du es bist, Balian. Danke, dass du mich manchmal auf den Boden der Tatsachen zurückholst.“

Von seinem Bericht beim König ging Balian zunächst nach Hause, um sich für ein Gastmahl beim König umzukleiden, dann eilte er zurück zum Palast. In der Tasche seines Festtagskaftans hatte er ein kleines Holzpferd, das er in den letzten Tagen vor seinem Inspektionsritt für Raymond geschnitzt hatte. Schwarz war es, wie Balians eigenes Pferd, das inzwischen auf den Namen Olin hörte. Von der Schwanzspitze bis zum Maul war an Olin nicht ein einziges weißes Haar. Er war einfach nur schwarz. Und genau diesem Olin hatte Balian sein Mitbringsel für den kleinen Prinzen nachgebildet. Wohl wissend, dass Balduin schon auf ihn wartete, ließ Balian sich im Flur vor den Gemächern des kleinen Prinzen auf einem Knie nieder und zog das kleine Holzpferd aus der Tasche und spielte damit, tat so, als würde das Pferdchen zum Zimmer des Prinzen galoppieren. Balduin-Raymond lugte aus der spaltbreit geöffneten Zimmertür und erspähte seinen Onkel Balian mit dem gewünschten Pferdchen. Die Augen des kleinen Prinzen wurden immer größer.

„Ooh, ist das für mich?“, fragte er mit leuchtenden Augen. Balian sah sich um.

„Nun, ich sehe jedenfalls keinen anderen Jungen hier, der damit was anfangen könnte, mein Prinz“, grinste er. Jubelnd rannte Balduin-Raymond aus dem Zimmer zu Balian auf den Flur. Der übergab ihm das Holzpferdchen mit einer eleganten Verbeugung.

„Es gehört dir, Raymond.“

„Danke, Onkel Balian!“, jauchzte der Junge und gab ihm einen Kuss. Dann stürmte er wieder in seine Gemächer, um gleich mit seiner größer werdenden Holzpferde-Herde zu spielen. Der Baron sah ihm lächelnd nach. Dann bemerkte er ein Stück weiter auf dem Flur die Mutter des Jungen, die ihn nachdenklich ansah. Er verneigte sich.

„Guten Tag, meine Prinzessin“, begrüßte er sie. Ihre nachdenkliche Miene erhellte sich leicht.

„Guten Tag, Mylord Balian. Ihr seid heute nicht in Rüstung?“

„Nicht mehr, Mylady“, erwiderte er mit einem freundlichen Lächeln.

„Ihr … Ihr solltet mich nicht so strahlend anlächeln, Mylord Balian“, warnte sie. Er verneigte sich erneut.

„Verzeiht, wenn ich das tue, doch gleicht Euer Erscheinen dem Aufgang der Sonne, meine Prinzessin“, erwiderte er ernsthaft.

„Eure Aufgabe ist es, diese Gemächer zu beschützen. Wie wollt Ihr das ohne Waffen tun?“, fragte sie weiter. Er wurde stutzig.

„Nun, bisher hat meine Anwesenheit ausgereicht, um Spitzbuben von Euren Gemächern fernzuhalten“, erwiderte er. „Zudem bin ich für diese Stunde zu einem Gastmahl bei Eurem Bruder geladen. Da geziemt es sich nicht, im Schmuck der Waffen aufzutreten. Doch wenn Ihr es ausdrücklich wünscht, werde ich …“

„Nein, lasst es gut sein, Mylord Balian. Wollt Ihr mich zum Mahl geleiten?“

„Ich … habe angenommen, Euer Verlobter würde das tun, meine Prinzessin.“

„Mylord Guy wird nicht zu dem Mahl kommen. Er … hat … wegen … anderer Verpflichtungen abgesagt“, erwiderte sie zögernd. Balian hob zweifelnd die Augenbrauen.

„Bitte, tretet ein. Ich werde gleich fertig sein“, bat Sibylla ihn in ihre persönlichen Gemächer. Er folgte ihr, schloss leise die Tür.

Sibylla rief nach ihrer Leibdienerin und begab sich mit ihr hinter einen Sichtschirm, wo Sophie ihrer Herrin beim Umkleiden half.

„Raymond ist überglücklich, dass du wieder hier bist, Balian. Bleibst du länger?“, fragte sie hinter dem Paravent.

„Ich habe gegenwärtig keine anderen Aufträge, als auf dich und Raymond aufzupassen“, erwiderte er und setzte sich.

„Was macht Ibelin?“, fragte sie weiter.

„Es wächst. Die Ernte wird gut werden. Almaric kümmert sich um die Pilgerstraße und hält sie offen, wie dein Bruder es erwartet.“

Sibylla spähte um den Paravent.

„Hatte er nicht dir diesen Auftrag gegeben?“, fragte sie.

„Ja. Aber er hat mich auch beauftragt, dich und Raymond hier im Palast in Jerusalem zu beschützen. Leider bin ich nicht in der Lage, an beiden Orten gleichzeitig zu sein“, antwortete er und sah sie offen an. „Hat Guy dir gedroht, weil ich dir schöne Augen mache, meine Prinzessin?“, erkundigte er sich dann. Sibylla sah ihn erschrocken an.

„Woher weißt du das?“

„Dein Verlobter hat mich ermahnt, dich nicht anzusehen als würde ich dich begehren. Er hat mir angedroht, mir den Hals umzudrehen, wenn ich das nicht unterlasse.“

„Und was hast du dazu gesagt?“

„Dass ich ihm meinerseits den Hals umdrehe, wenn er mich nochmals bedrohen sollte“, versetzte er. Sie lächelte. Balian war offensichtlich nicht leicht einzuschüchtern. Mit diesem Mann in ihrer Nähe brauchte sie keine Angst zu haben.

„Was hast du Raymond gegeben?“, fragte sie weiter.

„Ein kleines, handgeschnitztes Holzpferd – rabenschwarz von der Schwanzspitze bis zu den Nüstern“, lächelte er. Sie liebte dieses Lächeln – freundlich, sanftmütig, verführerisch war es. Sie liebte es, wie sie den ganzen Mann liebte, zu dem es untrennbar gehörte.

„Du verwöhnst ihn“, sagte sie.

„Es ist eine der wenigen Freuden, die er hat“, erwiderte er. „Er ist als Prinz geboren und wächst so auf. Ich habe noch nie andere Kinder bei ihm gesehen. Ist das so gewollt?“

„Nun, er wird meinem Bruder in nicht allzu ferner Zeit auf den Thron folgen. Er muss auf diese Bürde vorbereitet werden“, entgegnete Sibylla. „Aber er ist so glücklich, wenn du hier bist und mit ihm spielst. Er blüht richtig auf. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mit dir nach Ibelin gehen – wenigstens für ein paar Wochen, damit Balduin-Raymond mal unter andere Leute kommt. Ich weiß, dass er diesen abgeschotteten Palast hasst.“

„So wie du?“

Ihr Blick traf den seinen und wurde weich.

„Wie machst du das eigentlich, Balian von Ibelin? Du triffst mit wenigen Bemerkungen immer ins Ziel“, erkundigte sie sich und kam hinter dem Paravent hervor. Ihre Robe war die pure Verführung, gleichzeitig verhüllend und durchsichtig.

„Das ist ein wunderschönes Gewand, meine Prinzessin“, sagte er anerkennend. „Fast so schön wie die Frau, die es schmückt“, setzte er dann hinzu und nahm sie bei der Hand. Sophie zog sich diskret zurück.

Sibylla wartete nur gerade so lange wie Sophie noch etwas erspähen konnte, dann umarmte sie Balian, zog ihn zärtlich an sich und küsste ihn. Er erwiderte ihre Umarmung, gab sich der Süße des Kusses völlig hin.

„Guy … wird heute noch nach … Kerak … reiten. Mit einem Großteil der Templer. Er wird mindestens zwei Wochen fort sein“, flüsterte sie und tupfte noch einen verführerischen Kuss auf seinen kurz geschnittenen Bart.

„Ist das eine Einladung, meine Prinzessin?“, fragte er leise.

„Nein, ein Befehl, mein Ritter. Ich befehle dich für heute Nacht zu mir. Ich brauche dich heute Nacht. Du warst lange fort“, hauchte sie. Seine warme Hand liebkoste sanft ihren schlanken Hals.

„Ist eine Woche zu lang für dich?“, fragte er. Ihre Liebkosungen machten es ihm allmählich schwer, nicht sofort mit ihr in den weichen Kissen liegen zu wollen.

„Viel zu lang, wenn sie ohne dich ist. Mit dir ist sie viel zu kurz“, sagte sie und drückte ihn fest an sich.

„Weißt du eigentlich, was du mit mir anstellst, Sibylla?“

„Ja, ganz genau“, flüsterte sie. Ihre Hände schmuggelten sich in sein Gewand bis zur Haut durch.

„Und was ist mit dem Gastmahl?“, erkundigte er sich. Sibylla hob die Augen zu ihm.

„Das bin ich“, sagte sie.

„Mir war so, als hätte dein Bruder mich eingeladen …“, schmunzelte Balian.

„Gewiss – auf meine Bitte. Es ist ein Gastmahl für uns beide allein. Für einen ganz bestimmten Hunger, der mit einem hungrigen Magen wenig zu tun hat …“, seufzte sie.

„Sibylla, bitte –ganz offen: Ist es zutreffend, dass dein Bruder mich hergerufen hat, um den Liebeshunger seiner Schwester zu stillen?“

„Ja, das ist es“, flüsterte sie.

Ein Trompetenstoß aus einem der Burghöfe machte die Liebenden aufmerksam. Sibylla trat in die Nähe des Fensters, Balian blieb im Hintergrund, so dass er zwar sehen, aber nicht gesehen werden konnte. Unten im Hof rückte die Templertruppe unter Guys Führung ab. Aber der Blick, den de Lusignan zu Sibyllas Fenstern warf, war vernichtend. Er hatte wenigstens den dringenden Verdacht, dass sie Balian bei sich hatte – und dass es nicht bei bloßer Bewachung der Prinzessin durch den schmucken Ritter bleiben würde. Bis jetzt hatte Guy keinen Erfolg gehabt, ihn aus Sibyllas Umgebung zu entfernen, ihn am besten ganz loszuwerden. Aber sofern er aus Kerak zurück war, würde ihm etwas einfallen, was den jungen Ibelin möglichst weit von Jerusalem fortbringen würde – notfalls im Weg der Verbannung …

Sibylla verfolgte den Abzug der Tempelritter. Erst, als das große Tor hinter ihnen geschlossen wurde, drehte sie sich wieder um. Wie sie erwartet hatte, war Balian ihr ganz nahe, aber außerhalb des Blickfeldes von unten. Er zog sie sanft in seine Arme und küsste sie erneut, diesmal aber mit wachsendem Begehren, dem er nur zu gerne nachgeben wollte. Sie ließ sich auf ihr Bett sinken.

„Raymond hätte gern einen Bruder …“, flüsterte sie. Er stockte.

„Das meinst du nicht ernst, oder?“

„Wenn ich je wieder ein Kind bekomme, Balian, dann soll es von dir sein“, entgegnete sie und ließ ihre Hand in seine Hose gleiten.

„Guy wird mich umbringen …“, murmelte er schicksalsergeben, als ihre Hand unwiderstehliches Verlangen auslöste.

„Nicht, wenn du ihn vorher tötest.“

„Nein, nicht wieder dieses Thema …“, bremste er. „Sibylla, ich werde das nicht tun.“

„Dann wird er dich eines Tages töten“, warnte Sibylla. „Er hasst dich, Balian. Er hasst dich, weil mein Bruder dich wie einen Bruder liebt; weil Tiberias dein Freund ist. Er hasst dich, weil du der Ritter bist, der er gern wäre, für den er aber seinen ganzen Fanatismus opfern müsste – und weil er mich im Verdacht hat, dir näher zu sein als ihm.“

„Womit er wohl auch Recht hat …“, murmelte Balian, als Sibylla wieder seine Frau wurde. Ein wunderschöner Akt der Liebe und Zärtlichkeit vereinigte zwei junge Menschen, die gleichzeitig zusammengehörten und dennoch nicht zusammen sein durften.

Guy wanderte in Kerak unruhig auf und ab.

„Was ist mit dir?“, fragte Ignaz von Bethanien, der Kerak während Reynalds Haft verwaltete. Wie Reynald war er ein guter Freund de Lusignans. „So unruhig kenne ich dich nicht, mein Freund. Du lässt dein künftiges Weib doch nicht zum ersten Mal allein.“

„Nein“, brummte Guy nervös, „aber Balian ist in Jerusalem.“

„Glaubst du, deine Verlobte hat was mit ihm?“

„Ich bin mir dessen fast sicher. Er ist zu oft um sie herum und sie ist längst nicht so kalt, wenn er in der Nähe ist. Aber er ist Balduins Günstling. Ich werde ihn nicht los.“

„Wie lange gibst du Balduin noch?“

Guy zuckte mit den Schultern.

„Er ist wieder stärker geworden, nachdem Godfreys Sohn aufgetaucht ist. Es scheint ihm wieder besser zu gehen“, sagte er.

„Balduin hält also viel von dem grünen Bengel, ja?“

„Ja, allerdings.“

„Und wenn wir Balduin veranlassen, Balian aus Jerusalem fortzuschicken? Und ihn gleichzeitig in einen Kampf mit Sarazenen verwickeln? Das könnte seinen ritterlichen Edelmut etwas dämpfen…“, grinste Ignaz.

„Klingt gut, ist aber schon mal misslungen. Was stellst du dir genau vor?“

„Nun, wenn wir diese verdammten Heiden nur genug reizen, werden sie uns angreifen – aber wohl auch die Dörfer hier in der Gegend. Machen wir das weiter nördlich, könnten sie sich an Balians Lehen Nablus vergreifen. Das wird ihn nicht ruhen lassen, dafür ist er viel zu gut zu seinen gewöhnlichen Untertanen – und du bist ihn aus Jerusalem los …“

„Worauf warten wir dann noch?“, grinste Guy.

***

Kapitel 13

Freund oder Feind?

Guy, Ignaz von Bethanien und ihre Templer machten sich nach Norden auf und fanden bald eine Karawane, die auf der Karawanenroute in Richtung Damaskus unterwegs war. Ohne Vorwarnung griffen die Templer die waffenlose Karawane an – mit den Kriegsrufen „Jerusalem!“, und „Gott will es!“

Nur kurze Zeit später lagen die Männer, Frauen und Kinder, die mit der Karawane im Vertrauen auf das Friedensgelöbnis des Königs von Jerusalem gereist waren, in ihrem Blut. Es gab keine Überlebenden. Die Wappenröcke der Templer waren ebenso blutverschmiert wie die Schwerter und Gesichter der Ritter. Ignaz sah befriedigt auf die Walstatt.

„Wenn das die Sarazenen nicht zur Rache treibt, hilft nur noch ein Angriff auf Saladin persönlich.“

Ein Templer, der als Posten auf dem östlich gelegenen Hügel stand, winkte hektisch.

„Sarazenen!“, rief er.

„Es klappt!“, freute sich Ignaz. „Los, wir reiten Richtung Nablus!“

Auf seinen Wink ritt die ganze Templertruppe nach Westen, Richtung Nablus.

Auf der Karawanenroute zwischen Damaskus und Alexandria war relativ viel Verkehr, seit König Balduin von Jerusalem und Sultan Saladin vereinbart hatten, dass diese Route von jedem benutzt werden durfte, der in friedlicher Absicht reiste. Damit friedliche Reisen möglich waren, schützten sowohl christliche Ritter als auch sarazenische Soldaten die Karawanenstraße. Ignaz hatte für den Überfall auf die Karawane eine Gegend ausgesucht, in der hauptsächlich Sarazenen patrouillierten. Die sarazenische Truppe, die an diesem Tag auf der Straße unterwegs war, bemerkte eine ungewöhnlich starke Staubentwicklung hinter einem Hügel, der südlich gelegen war – und einen christlichen Ritter, der auf einem Hügel postiert war.

Jallah!“, kommandierte der führende Soldat.

Seine Reiter gaben ihren Pferden die Sporen, preschten über den Hügel. Ein entsetzlicher Anblick bot sich den Männern – eine ganze Karawane ausgelöscht! So, wie die Leichen zerhackt waren, brauchten sie nicht nach Überlebenden zu suchen – es konnte sie einfach nicht geben …

„Ungläubige Hunde!“, knurrte der Anführer. „Allahs Strafe wird sie treffen – sofort! Auf die Pferde! Ihnen nach!“

„Sie sind Richtung Nablus verschwunden, Sidi!“, meldete einer der Männer. Der Anführer nickte, zog sein Schwert und befahl seinen Männern, den christlichen Raubrittern im Mönchsgewand den Garaus zu machen.

Ignaz, Guy und die Templer hatten schnelle Araber, die es gewohnt waren, die gerüsteten Männer zu tragen. Obwohl die Sarazenen bedeutend leichter gerüstet waren, gelang es den christlichen Rittern, vor ihnen den Ort Nablus zu erreichen. Ignaz befahl seinen Männern in der Nähe des Tores zu bleiben und suchte eilig Dominique von Gaza auf, Almarics Bruder, der Nablus für Balian von Ibelin verwaltete.

„Gott zum Gruße, Mylord Dominique. Sarazenen verfolgen uns. Wir konnten ihnen nur knapp entwischen.“

„Warum verfolgen sie Euch, Mylord Ignaz? Habt Ihr wieder eine Karawane überfallen?“, erkundigte sich Dominique.

„Ja, wir haben eine bewaffnete Karawane bekämpft – ein Heer, das sich verbotenerweise auf der Straße friedlicher Reisender befand.“

Dominique glaubte Ignaz’ Worten ohne Vorbehalt – dachte er doch an den Schwur eines Ritters, stets die Wahrheit zu sagen. Dass Ignaz es damit nicht wirklich genau nahm, auf diese Idee kam Dominique gar nicht. Also schützten seine Männer die Templer vor den Sarazenen, was Verluste auf beiden Seiten bedeutete.

Es blieb nicht bei diesem einen Überfall mit anschließender Flucht der Templer in eines der Lehen Ibelins. Die Sarazenen, die sie verfolgten, trafen jedes Mal auf den entschlossenen Widerstand der Gefolgsleute Ibelins, die ihre christlichen Waffenbrüder ebenso selbstverständlich verteidigten wie jeden anderen Christen, der von Sarazenen angegriffen wurde. Doch nach dem vierten oder fünften Mal, das Templer sich nach Kämpfen mit Sarazenen in Ibelin-Lehen abgesetzt hatten, kam Dominique ein erster Verdacht. Er sandte einen Boten nach Jerusalem.

Für Sibylla und Balian waren die Wochen, seit Guy Jerusalem verlassen hatte, die schönste Zeit, seit sie sich kennen gelernt hatten. Es verging kein Tag, den sie nicht gemeinsam verbrachten – und schon gar keine Nacht. Balduin-Raymond genoss es, endlich einen Vater zu haben, denn nichts anderes sah er mehr in dem vertrauten Freund seiner Mutter und seines Onkels Balduin. Für ihn hätte es für immer so bleiben können.

Doch eines Morgens, vier Wochen, nachdem Guy nach Kerak gezogen war, erschien Tiberias, als die Familie und Balian beim Frühstück saßen.

„Guten Morgen, Raymond“, begrüßte Balian ihn.

„Danke, aber von einem guten Morgen wirst du gleich nicht mehr sprechen …“, seufzte Tiberias.

„Was ist geschehen?“, erkundigte sich Balian.

„Etwas, was bisher noch nicht da war. In der Nähe von Nablus sind zum wiederholten Mal Templer aufgetaucht, die behaupten, von Sarazenen angegriffen worden zu sein. Deine Leute haben sie geschützt …“

Die Pause, die Tiberias machte, ließ Balian ihn verblüfft ansehen.

„Und?“, fragte er.

„Balian – Ignaz von Bethanien hat schon immer geplündert, dass es den Teufel selbst graust. Die Sarazenen werden sehr gute Gründe gehabt haben, ihn zu verfolgen.“

„Warum sprecht Ihr Eure Bedenken nicht laut aus?“, fragte Sibylla. Jetzt war es Tiberias, der sie verwirrt ansah.

„Wie bitte?“

„Ihr meint doch, Mylord Tiberias, dass Balian eingreifen sollte, oder?“

„Ja, allerdings. Denn sonst könnte er sich selbst die Feindschaft Saladins zuziehen“, erwiderte Tiberias. Balian begriff.

„Ich komme sofort, Raymond.“

Keine halbe Stunde später war Balian mit seinen Leuten eilig auf dem Weg nach Nablus, wo die Templer zuletzt wieder aufgetaucht waren. Als er und seine Männer Nablus am darauf folgenden Tag erreichten, stürmte gerade wieder eine Templertruppe gen Nablus, verfolgt von einer wirklich großen Anzahl Sarazenen – doch nicht nur Templer flüchteten in Richtung Nablus; es waren auch Bauern, die in Todesangst nach Nablus strebten.

Balian und Almaric sahen sich verstehend an. Den Templern würden sie nicht ohne weiteres erneut Schutz gewähren – wohl aber den Bauern, die Balian anvertraut waren. Der Baron zog sein Schwert.

„Steht ihr mir bei?“, fragte er seine Männer. Almaric und Michel, die ihm am nächsten waren, nickten nur. Andere zogen ihr Visier herunter.

„Vorwärts!“, kommandierte Balian. Seine Männer setzten ihre Pferde in Angriffsgalopp, bildeten auf Balians Zeichen einen Bogen aus der langen Angriffslinie.

Der Anführer der Sarazenen sah die christlichen Ritter unter dem Banner Ibelins heranstürmen und befahl gleichfalls Angriffsgalopp. Die Truppen trafen aufeinander, Schwerter krachten auf Schilde, Helme und Rüstungen. Binnen Augenblicken war aus den einander entgegenkommenden Linien ein wüstes Getümmel geworden, in dem jeder in Bruchteilen von Augenblicken entscheiden musste, ob er zuschlug oder sein Schwert zurückzog, um nicht einen Kampfgenossen zu töten.

Die Truppe der Sarazenen war so groß, dass sie Balians Männern etwa um das drei- bis vierfache übertraf. Die christlichen Ritter wurden eingeschlossen und von allen Seiten hart bedrängt. Balian und seine Männer wehrten sich entschlossen und schlugen hart zu, die Sarazenen ebenfalls. Ein Axthieb warf Balian aus dem Sattel. Er verlor den Helm, konnte aber Schild und Schwert in den Händen behalten, als sein Pferd unter ihm zusammenbrach. Wenn Balian bedrängt wurde, erinnerte er sich instinktiv an die Lehre seines Vaters, dass die Klinge nicht der einzige Teil des Schwertes war und stieß auch mit dem Heft zu, benutzte den Schild als Hiebwaffe, was diverse Gegner sehr überraschte, die er mit dem Schild in der Linken niederschlug, während er fast gleichzeitig rechts mit dem Schwert austeilte und auch noch einen Fuß zur Abwehr benutzte.

Doch die Übermacht war einfach zu groß. Immer enger wurde der Raum, den Balian und seine Leute noch hatten. Einer nach dem anderen ging zu Boden. Balian, dem es unter der Kettenkapuze einfach zu heiß wurde, streifte sie ab, als er mit drei oder vier Sarazenen im Nahkampf rang. Ein harter Schlag traf ihn am Kopf, es wurde dunkel um ihn, er kippte um wie ein gefällter Baum und blieb reglos liegen.

Der junge Baron war fast der Letzte, der noch Widerstand leistete. Als er stürzte, gaben auch Almaric und Michel auf. Die Sarazenen trugen die zusammen, die nicht mehr auf eigenen Beinen standen, sonderten die Verwundeten von den Gefallenen und hießen die Gefangenen, sich zu setzen. Michel und Almaric saßen erschöpft auf dem harten Wüstenboden und sahen voller Trauer, dass vier der Sarazenen ihren leblos scheinenden jungen Herrn herbeitrugen und ihn vor den Füßen des prächtig gerüsteten Führers der Sarazenen fallen ließen. Der Sarazenenführer orderte Wasser und wies einen seiner Männer an, Balian das Blut vom Gesicht zu waschen.

Das kühle Wasser brachte ihn zur Verblüffung seiner Männer wieder zu sich. Mühsam schlug er die Augen auf. Er blinzelte in die schon tief stehende Sonne, vor die sich eine Gestalt in sarazenischer Rüstung schob. Mit einiger Mühe erkannte Balian das Gesicht seines Gegenübers.

„Imad???“, entfuhr es ihm. Der Mann in der Rüstung eines sarazenischen Generals lächelte ihn an.

As-Salam ‘alaykum, Balian ibn Godfrey, Hakim Ibelin.“

U ‘alaykum as-Salam“, presste Balian heraus. „Du … du warst nicht sein Diener …“, erkannte er. Imads Lächeln wurde breiter.

„Nein, er war der meine. Aber Christen müssen nicht unbedingt alles wissen. Du warst großzügig und gütig, Balian. Darum werde ich weder dich noch deine Männer töten, auch wenn ihr es verdient hättet.“

Mit brummendem Schädel richtete sich der christliche Baron auf.

„Warum sollten wir den Tod verdient haben? Weil wir Menschen, die vor Euch fliehen, schützen wollen?“

Imad hockte sich zu ihm.

„Das kommt auf die Menschen an, Balian von Ibelin. Wen wolltet ihr genau schützen?“, erkundigte sich der Sarazene.

„Nicht die Templer, falls Ihr das denkt. Uns ging es um die Bauern, die voller Angst flohen und die wir von Euch bedroht glaubten. Was … was werdet Ihr mit uns tun?“

Imads Lächeln war Güte und Freundlichkeit pur.

„Deine Antwort hat dich und deine Männer gerettet. Ich konnte nicht glauben, dass ausgerechnet du diese Hunde schützen würdest. Doch ich musste es prüfen, denn es gab böse Gerüchte. Wirst du mir die Templer ausliefern?“

Balian hatte üble Kopfschmerzen. Klares Denken fiel ihm noch schwer.

„Vergib mir, Imad, wenn ich nicht sofort ja dazu sage. Wenn ich bestätigt finde, was man mir in Jerusalem zugetragen hat, werde ich dir die Schuldigen ausliefern. Können wir uns darauf einigen?“

„Und was hat man dir zugetragen, mein Freund?“

„Dass sie grundlos Karawanen plündern“, erwiderte Balian. Allmählich ging es ihm besser. Mit einiger Mühe stand er auf, lehnte aber Hilfe ab.

„Darf ich dich in mein Haus nach Nablus einladen, Imad? Als meinen Gast? Deine Männer sollen uns ebenso willkommen sein, wenn sie in Nablus Frieden halten. Ich verspreche euch freies Geleit.“

Wenig später trafen die Ibeliner und die Sarazenen Seite an Seite in Nablus ein. Die Templer, angeführt von Ignaz von Bethanien, wollten zu den Waffen greifen, doch Dominiques Männer griffen rasch zu und entwaffneten die Templer.

„Ich erkläre Euch alle für verhaftet!“, rief Balian. „Bis der Vorwurf geklärt ist, ob Ihr Karawanen angreift, die unter dem Schutz des Königs von Jerusalem reisen oder ob der Vorwurf unzutreffend ist, werdet Ihr in der Karawanserei bleiben.“

„Ihr habt nicht das Recht, uns festzuhalten!“, schnauzte Ignaz.

„Aha. Und wer sagt das?“, fragte Balian kühl.

„Ich bin Ignaz von Bethanien, ein Ritter des Templerordens!“

„Und ich bin Balian von Ibelin, Baron des Königs von Jerusalem und Herr dieses Lehens!“, fuhr Balian ihn an. „Durch königliche Vollmacht habe ich das Recht, zu richten, Mylord Ignaz. Ihr untersteht nicht allein dem König, vergesst das nicht!“

„Ihr macht gemeinsame Sache mit Ungläubigen, mit Heiden! Wenn der Patriarch das erfährt, hängt Ihr!“, drohte Ignaz.

„Im Gegensatz zu Euch unterstehe ich allein dem König“, erwiderte Balian. „Ihr könntet früher hängen als ich“, setzte er mit einem leichten Lächeln hinzu. „Und sollte es so sein, trete ich mit reinem Gewissen vor den Allmächtigen; denn das, was Ihr hier zu treiben scheint, hat mit Gottes Willen höchst wenig zu tun …“

Am folgenden Morgen zog eine Truppe Sarazenen, Ibeliner und die angeklagten Templer zum Ort eines Überfalls, den Dominique und seine Leute ausgemacht hatten. Die Spuren der Angreifer waren in dem harten Boden erhalten. Der Wind hatte sie nicht verwehen können. Sie kamen aus einer Richtung, in der eine Templerburg lag. Balian ließ die Toten exhumieren. Es gab keinen Zweifel, dass die Toten weder Rüstungen noch Waffen gehabt hatten.

„Ignaz, was habt Ihr dazu zu sagen?“, fragte Balian. Der Templer straffte sich im Sattel.

„Ich werde nicht leugnen, diese Ungläubigen getötet zu haben. Ich berufe mich nicht auf höheren Befehl. Aber mit meinem Gewissen kann ich es vereinbaren“, sagte er. „Wenn Ihr uns an die Sarazenen ausliefert, werden wir als Märtyrer für den Herrn sterben.“

„Was könnte einem Templer Besseres passieren als das?“, fragte Balian. „Imad, ich bin von ihrer Schuld überzeugt und ich bin bereit, sie dem Gericht des Sultans auszuliefern. Doch ich fürchte, Ignaz hat Recht, wenn er darauf verweist, dass die Templer dann zu Märtyrern werden. Diese Ehre sollte ihnen nicht zuteilwerden. Ich werde sie beim König in Jerusalem anklagen, wenn du einverstanden bist.“

Imad sah an der Reihe der Templer entlang. Balian würde sein Wort halten, daran zweifelte er keinen Augenblick. Aber was war mit dem König von Jerusalem? Balduin ging es nicht gut, wie Imads Kundschafter ihm berichtet hatten. Imads Blick ging zurück zu Balian.

„Ich vertraue dir, mein Freund. Aber … kann ich auch dem König von Jerusalem trauen?“

„Balduin wird sie strafen. Er duldet keine Übertretung des von ihm gegebenen Versprechens“, erwiderte Balian.

„Ich weiß, dass dein König sehr krank ist – und dass er nicht mehr lange zu leben hat“, sagte Imad. „Ob sein Nachfolger zu dem von Balduin gegebenen Wort steht, kann ich nicht ermessen. Deshalb werde ich auf einer Auslieferung bestehen.“

Balian nickte.

„Dann sei es. Dominique, die Templer werden Imad übergeben!“

„Ja, Sidi!“, bestätigte Dominique.

„Ihr werdet es bereuen, Ibelin. Eines Tages …“, grollte Ignaz. Balian lenkte sein Pferd zu Ignaz.

„Gott sei Euch gnädig, Ignaz. Möge er Euch vergeben, was Ihr angerichtet habt. Aber geht in Euch und überdenkt, was Ihr getan habt“, mahnte Balian.

„Es gibt nichts zu überdenken!“

„Dann steht dem Allmächtigen Rede und Antwort, Ignaz“, erwiderte Ibelin kühl und winkte seinen Männern. „Zurück nach Nablus!“, befahl er. „Imad, übermittle dem Sultan meine Grüße und sage ihm, dass ich treu zum Friedensgelöbnis des Königs stehe.“

„Das werde ich. As-Salam ‘alaykum.“

„Und Friede sei mit dir, mein Freund.“

Die Sarazenen nahmen die gefangenen Templer mit, die Ibeliner blieben zurück.

„Guy und Ignaz werden Euch hassen, mein Mylord Balian“, warnte Dominique. Der Baron nickte.

„Ich weiß. Aber ich kann nicht gegen mein Gewissen handeln. Sie haben den Frieden vorsätzlich gebrochen, Dominique. Und ich verstehe die Zweifel Imads, denn Balduin wird nicht mehr lange König sein.“

„Steht es so schlecht um ihn?“

„Ja“, erwiderte Balian.

In Jerusalem brach die Nacht herein. Balduin fühlte sich erschöpft, nachdem er den größten Teil des Tages mit der Verhandlung einer Streitigkeit zwischen Templern und Johannitern zugebracht hatte. Sein Kammerdiener half ihm, sich zu entkleiden, der Arzt behandelte die von der Lepra verursachten Nekrosen* mit einer Kräutertinktur und verband dann den Körper des Königs frisch.

„Hol’ meine Schwester und meinen Neffen, Roger!“, befahl der junge König. Roger, der Kammerdiener, verneigte sich.

„Wie Ihr wünscht, mein König“, bestätigte er und kehrte wenig später mit Sibylla und Balduin-Raymond zurück.

Die Prinzessin war entsetzt, als sie den deutlich geschwächten Zustand ihres Bruders sah.

„Balduin!“, entfuhr es ihr. Mit viel Mühe drehte er ihr den Kopf zu.

„Sibylla …“, hauchte er. „Ist Balian auch in Jerusalem?“

„Nein, er ist in Nablus, um dort wieder für Ordnung zu sorgen“, erwiderte sie und legte beruhigend eine Hand auf die von Verbänden verdeckte Hand ihres Bruders.

„Rufe ihn her. Es ist Zeit, dass ich meinen Nachlass regle. Balian soll Jerusalem schützen. Ich kann außer ihm oder Tiberias niemandem diese Aufgabe anvertrauen“, bat er. Sibylla nickte.

„Das werde ich tun“, versprach sie.

„Gut“, seufzte Balduin. Er schloss die Augen und war bald eingeschlafen.

Balian sah einen Reiter kommen, der schon von weitem wild gestikulierte. Er trat hinaus auf die Terrasse.

„Das ist doch Achmed …“, murmelte er. Dominique von Gaza neben ihm sah ihn erschrocken an.

„Achmed kommt eigentlich nur hierher, wenn er von der Prinzessin geschickt wurde …“

Balian bekam eine böse Ahnung, die Achmed prompt bestätigte, als er das Herrenhaus erreichte.

As-Salam ‘alaykum, Mylord Balian. Prinzessin Sibylla verlangt Eure Anwesenheit in Jerusalem! König Balduin geht es sehr schlecht.“

Nur wenige Minuten später eilte Balian mit seinem Jerusalemer Diener im gestreckten Galopp nach Jerusalem.

***

Kapitel 14

Der König ist tot, es lebe der König!

Balian erreichte Jerusalem gerade noch rechtzeitig. Balduin lag im Sterben, war aber noch so weit bei sich, dass er die Ankunft seines treuen Vasallen Balian von Ibelin noch mitbekam.

„Du bist hier …“, murmelte der sterbende König. Balian kniete neben dem Lager des Königs nieder.

„Ja, Achmed hat mich noch rechtzeitig erreicht, mein König.“

„Dann kann ich in Frieden gehen. Ich … werde deinem Vater sagen, dass er seinen Sohn wirklich gefunden hat, Balian. Wirst du … Sibylla und Balduin-Raymond schützen?“

„Mit meinem Leben, mein König“, versprach Balian.

„Auch mit deiner Liebe?“, vergewisserte sich Balduin. Balian nickte. Der Kloß in seinem Hals war zu groß, um ihn reden zu lassen.

„Gut. Gott segne dich, Balian. Balduin, komm’ her.“

Der Junge kam nach vorn. Balduin IV. zog seinen Siegelring vom Finger und übergab ihn dem Jungen.

„Das … ist das Siegel … der Könige Jerusalems … Von jetzt an ist es dein Siegel, Raymond. Sei ein guter König, höre auf deine Mutter und auf Balian. Gott segne dich, Raymond. Und dich auch, Sibylla …“

Die Hand, die Sibyllas eben noch umkrampft hatte, ließ plötzlich los. Balduin IV. von Jerusalem war tot.

„Er ist tot“, sagte Tiberias, der ebenfalls bei dem sterbenden König war. „Der König ist tot!“, verkündete er dann laut. „Es lebe König Balduin V. von Jerusalem!“

„Lang lebe der König!“, riefen die sonst versammelten Höflinge als Antwort auf den Ruf des Statthalters.

Balian, der nahe bei Mutter und Sohn stand, huldigte dem Kindkönig als Erster. Er kniete nieder, nahm Balduin-Raymonds Hand, hob die Rechte zu Schwur.

„Euch, König Balduin von Jerusalem, gelobe ich Treue bis in den Tod“, schwor er. Der Junge sah ihn einen langen Augenblick an.

„Dank Euch, Baron Balian von Ibelin“, erwiderte der Kleine mit heller Stimme. Dann umarmte er Balian wie ein Kind den Vater.

„Und du kannst Maman wirklich nicht heiraten, Onkel Balian?“, fragte er dann, wieder ganz der Siebenjährige, der die Welt noch lange nicht verstand.

„Nein, Raymond, das geht leider nicht“, flüsterte Balian, der hart mit den Tränen kämpfte. Raymond sah zu seiner Mutter auf.

„Meine erste Entscheidung als König ist, dass Mylord Balian den Befehl über die Jerusalem-Ritter erhält und mein persönlicher Leibwächter wird.“

Sibylla sah Balian und den heftig erschrockenen Tiberias an.

„Erlaubt Ihr mir einen Rat, mein König?“, fragte Balian, der noch immer vor Balduin-Raymond kniete.

„Sprich!“, forderte der kleine König ihn auf.

„Die Jerusalem-Ritter führt Mylord Tiberias. Er hat es immer gut getan und Euer verstorbener Onkel konnte ihm stets so vertrauen wie meinem Vater Godfrey oder mir. Ich bitte Euch, das zu bedenken, mein König.“

Raymond sah Balian eine Weile an, dann zupfte er ihn am Gewand.

„Du, Onkel Balian …“, sprach er ihn vertraulich an, „… willst du denn nicht mein Leibwächter sein?“, fragte er enttäuscht. Balian lächelte.

„Doch, natürlich. Aber das kann ich auch ohne den Rock der Jerusalem-Ritter. Onkel Tiberias verdient dein Vertrauen, Raymond“, sagte er leise. Balduin-Raymond umarmte den jungen Ritter erneut.

„Ich hab’ dich lieb, Onkel Balian“, schluchzte er. Balian erwiderte die Umarmung gerührt – dann kamen ihm Zweifel, dass Guy ihn lange in dieser Position belassen würde, wenn er nur erst Raymonds Stiefvater und damit dessen Vormund wäre …

Balian behielt Recht mit seinen Zweifeln. Guys süffisantes Grinsen hatte schon bei der Bestattung des verstorbenen Königs in der Jerusalemer Grabeskirche nicht viel Gutes verheißen, aber als er forderte, die Hochzeit mit der Prinzessin Sibylla auf jeden Fall vor der Krönung und Inthronisation zu veranstalten, sah Tiberias, Chef der Verwaltung Jerusalems, de Lusignan verstört an.

„Mylord Guy – es ist Trauerzeit!“, mahnte er. Guy setzte sein hochmütigstes Lächeln auf.

„Kennt Ihr das Gesetz nicht, Mylord Tiberias?“, fragte er. „Ein unmündiger König darf keine Entscheidung ohne seinen männlichen Vormund treffen“, setzte er dann hinzu. Raymond von Tiberias schüttelte verständnislos den Kopf.

„Dafür ist doch ein Bailli da …“, wunderte er sich. Ein nachsichtig dreinblickender Patriarch Heraclius faltete die Hände und nahm Tiberias bei der Hand.

„Nun, es ist möglich, dass der Graf von Tiberias das Gesetz tatsächlich noch nicht kennt, mein Mylord Guy. König Balduin hat es erst kurz vor seinem Tod unterzeichnet.“

Heraclius präsentierte dem sichtlich verblüfften Raymond ein Dokument, gesiegelt mit dem königlichen Siegel Jerusalems und unterschrieben von der schon ungelenken, nahezu vollständig gelähmten Hand Balduins IV. Tiberias hatte keine Zweifel – es war Balduins Unterschrift. Doch ihm war auch ebenso schnell klar, dass de Lusignan dieses Gesetz initiiert hatte und es nur den Zweck hatte, Balian von Balduin-Raymond fernzuhalten und Sibylla um ihren einzigen wirklichen Vertrauten zu bringen. Das gar zu vertraute Verhältnis des jungen Ritters und der Prinzessin war bei Hofe kein Geheimnis, auch wenn wohl nur Raymond und Jean von Chartres ganz genau wussten, wie intim dieses Verhältnis der jungen Leute war. Es gab Tage, an denen Tiberias seinen guten Freund Godfrey für dessen Zögern, Balian und seine Mutter in den Orient nachzuholen, gehörig verfluchte. Balduin hätte seine Schwester niemals mit Guy de Lusignan verbunden, hätte er Balian nur rechtzeitig gekannt.

Heraclius zelebrierte also zunächst die Vermählung von Guy und Sibylla, dann folgte unmittelbar darauf die Krönung und Inthronisation Balduins V. Die Höflinge wurden aufgefordert, König Balduin V. und seinem Vormund Guy de Lusignan den Treueid zu leisten. Alle folgten – bis auf Balian von Ibelin, der den Eid ausschließlich dem König leistete.

„Ich hätte es mir denken können. Wer christliche Ritter an die Heiden ausliefert, verweigert auch den fälligen Treueid!“, schnaubte de Lusignan. „Wachen!“

Doch die Palastwachen blieben wie angewurzelt stehen. Keiner griff Balian an.

„Wollt ihr wohl gehorchen, oder muss ich euch erst exkommunizieren?“, fauchte Heraclius. Die Männer standen immer noch wie die Salzsäulen und rührten sich nicht vom Fleck.

„Leiste den Eid, Balian!“, mahnte Tiberias.

„Nein!“, beharrte Balian. „Der Eid des Lehnsmannes gilt nur dem König allein.“

„Balian von Ibelin – ist es zutreffend, dass Ihr Templerritter an die Heiden ausgeliefert habt?“, fragte Gerard de Ridefort anklagend nach.

„Ja, das ist wahr“, bestätigte Balian in ritterlicher Ehrlichkeit. „Denn Eure Templer haben gegen alle Friedensgelöbnisse Balduins IV. friedliche Karawanen auf der Straße zwischen Damaskus und Alexandria angegriffen und niedergemacht. General Imad ad-Din vertraute nicht darauf, dass der todkranke Balduin IV. diese Männer noch angemessen bestrafen würde und hat zu Recht deren Auslieferung verlangt“, erklärte Balian.

„Ich verlange die Verurteilung des Barons von Ibelin, seine umgehende Hinrichtung und den Einzug des Lehens!“, ereiferte sich de Ridefort. Die anwesenden Templer wollten auf Balian losgehen, doch die Männer im Rock Ibelins, die Johanniter und die Jerusalem-Ritter stellten sich schützend dazwischen.

„Balian hat Recht getan, denn Balduin V. hätte nie eine Verurteilung der Verbrechen der Templer durchsetzen können“, stellte sich auch Tiberias auf Balians Seite.

„Dennoch ist es unentschuldbar, Christen an deren Todfeinde, die Heiden, auszuliefern!“, beharrte der Templergroßmeister.

Guy erhob sich, nachdem er sich zwischenzeitlich auf den Thron gesetzt hatte.

„Die Einheit der Christen im Königreich Jerusalem steht auf dem Spiel. Balians Verhalten ist nicht zu dulden, aber ich glaube nicht, dass der König einer Verurteilung zustimmen wird. Ich bin nur sein Vormund und nicht der Bailli. Als sein Vormund sind meine Rechte beschränkt – aber sie erlauben eine Verbannung des geständigen Beschuldigten. Balian von Ibelin: Ihr habt Jerusalem auf der Stelle zu verlassen. Ihr mögt es erst wieder betreten, wenn Ihr Euch der Loyalität zum königlichen Vormund erinnert! Hinfort mit Euch!“

Balian verbeugte sich vor Balduin V. und seiner Mutter und verließ wortlos den Thronsaal:

„Wohin gehen wir jetzt, mein Mylord Balian?“, erkundigte sich Almaric, als Balian und seine Ibeliner die Mauern Jerusalems hinter sich gelassen hatten.

„Was ist näher, Almaric? Ibelin oder Nablus?“

„Nun, Ibelin ist wegen der gut ausgebauten Pilgerstraße vielleicht schneller erreichbar, aber Nablus ist näher. Vor allem werden wir dort viel zu tun haben, denn Guy und Reynald werden nichts unversucht lassen, die Muslime zu provozieren“, erklärte der Verwalter.

„Dann auf nach Nablus!“, kommandierte Balian. Er und seine Männer ritten gen Nablus, um dort über den Frieden zu wachen, den Balduin IV. verkündet hatte. Balian hatte eine Ahnung, dass es nicht einfach sein würde. Vor allem würde er Sibylla und Balduin-Raymond schmerzlich vermissen, doch er sagte sich immer wieder, dass er keinerlei Anrecht hatte, Sibylla überhaupt zu sehen. Nur dadurch, dass er sich wie eine liturgische Litanei immer wieder ins Gedächtnis rief, dass sie die rechtmäßige Frau eines anderen war, war es ihm möglich, sich der Notwendigkeit des Verzichtes bewusst zu werden – leichter war es damit aber keinesfalls …

Währenddessen arbeitete Guy daran, die Muslime zum Erstschlag zu reizen, was auch den zögerlichsten Vasallen zur Bündnistreue verpflichtet hätte – denn Balian von Ibelin war beileibe nicht der Einzige, der auf Distanz zum königlichen Vormund ging. Eine von Guys ersten Maßnahmen als Vormund des Königs war die Freilassung Reynalds de Châtillon, der noch immer im Kerker saß. Guy brachte dem treuen Freund selbst den Schwertgürtel.

„Gib mir einen Krieg!“, forderte er ihn auf. Reynald grinste über das breite, bärtige Gesicht, dass sich die unregelmäßig karottenrot und weiß gefärbte Manneszier sträubte.

„Das ist es, was ich tue“, versetzte er. Er ließ sich nicht einmal die Zeit, noch zu baden. Wie für Templer üblich, stieg Reynald ungewaschen in die Rüstung. Guy, obwohl selbst mit dem Rock der Templer angetan, rümpfte über den wenig angenehmen Geruch, den Reynald verbreitete, die empfindsame Nase. Er selbst hielt zwar nicht viel von Muslimen und Juden, aber deren hygienische Vorstellungen hatte er bereits verinnerlicht.

Reynald begab sich ohne langen Aufenthalt nach Transjordanien, in seine Burg Kerak, von wo aus er mit seinen Templern wieder Raubzüge entlang der Karawanenstraße unternahm. Seine Männer plünderten auch Dörfer im Land westlich des Jordans – aber es gab eine Ecke nördlich von Jerusalem, die ihn besonders zum Plündern reizte: das Lehen Nablus/Samaria. Balians Ländereien zu terrorisieren, war ihm die größte Lust, nachdem alles andere nicht gefruchtet hatte, Balian vom König zu trennen und ihm zu beweisen, dass alles andere außer grobschlächtiger Vertreibung der nichtchristlichen Bevölkerung des Heiligen Landes pure Gotteslästerung war …

***

Kapitel 15

Nablus

Das Doppellehen Nablus/Samaria war erheblich größer als Ibelin, war etwas fruchtbarer als die völlig wüste Gegend um Ibelin und hatte wesentlich mehr Einwohner als das Dorf um die Burg Ibelin. Nablus war eine echte Belohnung für einen treuen Lehnsmann gewesen, während Ibelin eher eine bittere Notwendigkeit zum Schutz der Pilgerstraße war. Die reichen Zitrushaine, die alten Zypressen und Aloepflanzen, die das herrschaftliche Haus umgaben, und die Dattelpalmen zeugten von Fleiß und landwirtschaftlichem Erfolg der Bauern, die dieses Lehen bewohnten. Dennoch hatten sie den Reichtum der kargen Landschaft mühsam abgetrotzt.

Als die Bewohner des Lehens die neuerliche Ankunft ihres Barons und seiner Begleiter bemerkten, winkten sie ihnen freundlich zu, die Kinder rannten hinter ihnen her, riefen ihnen arabische Grüße und Kosewörter zu. Balian winkte ihnen ebenso freundlich zu wie seine Männer, was ein noch größeres Strahlen bei den Kindern auslöste, die – glücklich, dass der Baron sie bemerkt und ihren Gruß erwidert hatte – ebenso laut jubelnd heimliefen.

Dominique, sein Verwalter und Almarics jüngerer Bruder, empfing Balian und seine Männer mit der komplett vor dem Haus angetretenen Dienerschaft.

As-Salam ‘alaykum, Sidi!“, schallte es dem Baron vielstimmig entgegen.

U ‘alaykum as-Salam“, grüßte Balian zurück und stieg vom Pferd. Stallknechte nahmen ihm und seinen Männern gleich die Pferde ab und brachten sie in die kühlen Stallungen. Dominique stellte dem Baron die in Nablus und Samaria tätigen Diener vor, die Balian bei seinem letzten Besuch noch nicht gesehen hatte, und bat dann, ihm die Lage darstellen zu dürfen.

„Am besten bei einem nicht so heißen Pfefferminztee, Dominique“, lächelte Balian. „Und an einem etwas kühleren Ort, wenn’s geht.“

„Gern, Sidi. Kommt“, lud er dann ein und führte Balian gleich auf die von einem großen Sonnensegel beschattete Terrasse.

Balian nahm Umhang und Kettenkapuze ab und ließ sich auf einem der bequemen Diwane nieder, Almaric, Michel und Dominique nahmen auf den anderen Ruhebänken Platz, die rund um einen mit kostbaren Intarsienarbeiten verzierten, niedrigen Tisch verteilt waren.

„Was habt Ihr zu berichten, Dominique?“

„Templer fallen immer wieder in unserer Gegend über Dörfer her, die mehrheitlich von Muslimen oder Juden bewohnt werden. Sie brandschatzen und rauben, dass man meint, es wären keine Ritter, sondern Räuber“, erklärte Dominique.

„Was habt Ihr bisher dagegen unternommen?“

„Meistens kommen wir zu spät. Wir sehen die Überfälle ja erst, wenn die Rauchwolken aufsteigen. Wir können nur noch die Reste zusammenkehren. Aber die Leute merken, dass es zwei Arten von Christen gibt: die, die sie ausplündern und jene, die versuchen, ihnen zu helfen.“

„Wo waren sie bisher?“

„Mehr östlich – in Hamara, Nahal Mekhorn und oben in Bardala“, erwiderte Dominique.

„Gibt es hier gute Aussichtspunkte?“, fragte Balian weiter.

„Ja, den Berg Gerazim und den Berg Eval“, erklärte der Verwalter. „Aber der höhere, der Berg Gerazim, ist den Samaritern heilig. Es ist eine jüdische Sekte. Sie werden Christen nicht in ihr Heiligtum lassen“, setzte er hinzu.

„Wie groß ist die Gemeinde der Samariter?“, erkundigte sich Balian und nahm einem Diener mit dankbarem Kopfnicken den Pfefferminztee ab. Während seines ersten Aufenthaltes in Nablus hatte er keine Gelegenheit gehabt, auch Samaria zu sehen.

„Fünfhundert Leute etwa.“

„Wer führt sie?“

„Ihr. Ihr seid deren Herr, Mylord Balian.“

„Wer ist der, der in der Gemeinde selbst das größte Ansehen hat?“, präzisierte der Baron.

„Der alte Aaron.“

„Wo finde ich ihn?“

„In Samaria – aber ich könnte ihn rufen lassen“, bot Dominique an. Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, ich will etwas von ihm. Also werde ich zu ihm gehen“, entgegnete er.

Wenig später verließ Balian sein Haus in Nablus in einfacher Kleidung. Lediglich sein Schwert wies darauf hin, dass er kein Bauer dieser Gegend war. Dominique begleitete seinen jungen Herrn in das nahe gelegene Nachbardorf Samaria. Die Frankenschwerter wiesen die beiden Reiter als Christen aus, was ihnen misstrauische Blicke der jüdisch orientierten Bewohner Samarias eintrug. Samariter waren weder bei Juden noch bei Muslimen oder Christen wirklich gut angesehen, wie Balian unterwegs von Dominique erfahren hatte. Die Juden nahmen sie nicht für vollwertige Juden (ein Umstand, der noch aus biblischer Zeit stammte), für Muslime und Christen hatten sie einfach nicht den richtigen Glauben. Godfrey, so hatte Balian erfahren, hatte sich hauptsächlich um die Pilgerstraße kümmern müssen und hatte für seine übrigen Lehen eher wenig Zeit gehabt.

Vor einem zwar großen, dennoch bescheiden wirkenden Haus saßen die beiden jungen Männer ab, Balian klopfte an. Nach einiger Zeit, gerade, als er wieder gehen wollte, wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Balian entsann sich rechtzeitig, dass dies das Haus eines Juden war.

Schalom“, wünschte er. „Ich möchte Aaron sprechen, den Herrn dieses Hauses.“

„Wer seid Ihr?“

„Balian von Ibelin, der neue Baron und Herr dieses Lehens“, antwortete der junge Mann.

„Fordert Ihr Unterwerfung?“, kam es von innen. Balian lächelte in seiner unnachahmlichen Freundlichkeit.

„Nein, ich möchte mich vorstellen und hören, ob ich etwas für die Leute hier in Samaria tun kann“, erwiderte er. Die Tür wurde ganz geöffnet. Ein alter Mann mit langem, weißem Bart stand dort.

„So ist hier noch keiner aufgetreten. Ich habe von Eurer Freundlichkeit gehört, doch mochte ich es nicht glauben. Schalom, Baron von Ibelin. Ich bin der, den Ihr sucht. Tretet ein.“

Balian verbeugte sich höflich und trat dann in ein sehr einfaches Haus ein – vieles erinnerte ihn an sein eigenes Haus in dem kleinen Dorf bei Chartres. Das alles schien jetzt schon Ewigkeiten hinter ihm zu liegen, dabei war es gerade ein gutes Jahr her …

Aaron bat seinen Gast in einen kühlen, zentralen Raum und bot ihm frisches Wasser an, das Balian auch dankend entgegennahm.

„Ihr fragt, was Ihr für uns tun könnt … nun, da wäre zum Beispiel eine Anerkennung als eigene religiöse Gemeinschaft“, sagte Aaron, als er sich Balian gegenüber hinsetzte.

„Ist das nicht so?“, fragte Balian. Aaron schüttelte den Kopf.

„Wir sind Juden, aber wenn Ihr jenes Buch kennt, das Ihr Christen das Alte Testament nennt, wisst Ihr, dass wir Samariter von den Juden nicht als Juden akzeptiert werden. Wir erwarten nicht mehr und nicht weniger als eine Anerkennung unserer Existenz und eine Erlaubnis, unsere religiösen Feste so zu feiern, wie wir es für richtig halten.“

„Was beinhaltet das?“

„Nun, zum Passahfest schlachten wir – entsprechend der Opfervorschriften des Mose – sieben Lämmer auf dem heiligen Berg Gerazim, braten sie an Ort und Stelle und verzehren sie, wie Mose es gebot. Was übrig bleibt, wird verbrannt.“

„Widerspricht denn Eure Art, das Passahfest zu begehen, den Riten der übrigen Juden?“

„Jedenfalls darin, dass diese es ausschließlich in der Familie tun, während wir in der ganzen Gemeinschaft auf dem Berg unser Fest feiern“, entgegnete Aaron.

„Dieses Land, Aaron, ist vielen Menschen heilig. Wir Christen betrachten es als das Land, in dem unser Herr Jesus lebte und wirkte, in dem er die Botschaft Gottes den Menschen persönlich erklärte. Ihr betrachtet es als heilig, weil Gott euch dieses Land einst zum Eigentum versprach und sich hier vielfältig offenbarte. Die Muslime sehen es als heilig an, weil hier ihr Prophet Mohammed dem Herrn begegnete, den sie in ihrer Sprache Allah nennen. Ich bin Christ, Aaron, und ich halte die Art und Weise, in der ich Gott verehre, für richtig. Aber ich respektiere, dass Ihr, die anderen Juden und die Muslime Gott auf eigene Art verehren. Wer kennt schon Gottes Gedanken? Kein Mensch, der auf dieser Welt wandelt. Er ist für uns nicht fassbar. Vielleicht können wir Menschen uns deshalb nicht vorstellen, dass Gottes Vorstellungen von der Art, in der er von uns als Schöpfer und Erhalter dieser Welt verehrt werden möchte, gänzlich anders und vielleicht sehr viel vielfältiger sind, als unser beschränkter Menschenverstand es uns vorgaukeln mag. Deshalb werde ich in meinem Lehen niemand verbieten, Gott auf seine Art zu ehren. Feiert also Euer Passahfest, wie es Euch beliebt und es Euch überliefert ist. Aber ich brauche auch Eure Hilfe.“

„Was können wir schon für Euch tun?“, fragte Aaron abwertend. Balian lächelte.

„Viel, sehr viel. Und auch dabei geht es um Euren heiligen Berg.“

Aaron wurde blass.

„Mylord, wir können keinem Andersgläubigen den Zutritt zu unserem heiligen Berg erlauben!“, keuchte er.

„Genau deshalb brauche ich ja Eure Hilfe“, grinste Balian. „Euer heiliger Berg ist ein Punkt, von dem aus ein weiter Blick über mein ganzes Lehen möglich ist – so jedenfalls sieht er von unten aus. Ich habe Berichte, dass immer wieder Dörfer überfallen werden – von Templern. Meine Männer kommen stets zu spät, weil erst die von den Templern gelegten Brände sie aufmerksam machen. Wenn einer von Euch stets von Eurem heiligen Berg Wache hält und Zeichen meldet, die wir mit den Dorfältesten aller Dörfer meines Lehens als Warnzeichen besprechen, dann können meine Männer andere Menschen hier retten und die Templer an ihrem frevelhaften Tun hindern – oder wenigstens den Schaden begrenzen.“

„Eure Hilfe gilt allen Menschen hier, oder?“

„Die Religion interessiert mich nicht, Aaron. Für mich ist ein Jude ebenso viel wert wie ein Moslem oder ein Christ. Jeder, der hier lebt, hat Anspruch auf den Schutz durch den Baron von Ibelin. Aber ich erwarte von den Leuten, die hier leben, dass sie sich gegenseitig ebenso respektieren wie ich sie respektiere. Und ich erwarte, dass sie sich gegenseitig helfen“, erklärte Balian.

„Ist das Eure Bedingung für die Respektierung unserer Gemeinschaft?“

„Wäre das eine so unannehmbare Bedingung? Seit dem Gleichnis, das unser Herr Jesus vom barmherzigen Samariter erzählte, gelten die Samariter unter uns Christen als menschenfreundliche Leute.“

„Ihr wisst, dass wir Juden den, den Ihr Christus nennt, als Gotteslästerer betrachten und dass Eure Gemeinschaft für uns ein Haufen Sünder ist?“

„Aaron, Ihr macht es mir nicht leicht. Einerseits erwartet Ihr, dass Eure Gemeinschaft als religiöse Gemeinschaft mit allen Rechten akzeptiert wird. Andererseits seid Ihr nicht bereit, das selbst zu tun. Was soll ich davon halten? Ich verlange nicht, dass Ihr Christen werdet, aber ich erwarte nicht mehr und nicht weniger, als ich selber gebe. Und von Euch erwarte ich, dass Ihr mir helft, mein Versprechen an alle Menschen hier erfüllen zu können. Dieses Versprechen heißt Schutz – und er gilt allen, die im Lehen Nablus/Samaria wohnen. Weil ich Euch respektiere, respektiere ich auch Euren heiligen Berg – und niemand wird ihn betreten, dem Ihr nicht die Erlaubnis dazu gebt. Eben deshalb müsst Ihr mein Auge auf diesem Berg sein.“

„Und … wenn wir es nicht tun?“

„Dann werdet Ihr eines Tages vor Gott darüber Rechenschaft ablegen müssen. Gott hat Euch hier einen Aussichtspunkt gegeben, den es im Lehen Nablus kein zweites Mal gibt – aber wem er eine solche Sache gibt, dem gibt er auch die Verantwortung, dies weise zu nutzen. Erweist Euch als die barmherzigen Samariter, von denen ich in der Bibel gelesen habe. Ihr werdet Euch nicht nur unter den Christen damit Freunde machen, auch unter den Muslimen. Und den Juden könnt ihr beweisen, dass ihr Gottes Gebote befolgt, wie sie es tun.“

Aaron sah den jungen Baron eine Weile an. Kein anderer christlicher Fürst wäre zu einem seiner Rais* gekommen. Selbst Baron Godfrey hatte die Dorfältesten in Nablus antreten lassen, wenn er sie nicht gar nach Ibelin befohlen hatte. Es zeugte von großer Achtung, die Baron Balian seinen Untertanen entgegenbrachte, dass er zu ihnen kam und sie nicht zu sich zitierte. Aaron konnte diese Achtung nicht unbeantwortet lassen.

„Die Samariter werden nicht undankbar sein, Mylord Balian. Wir werden tun, worum Ihr uns gebeten habt“, sagte er schließlich.

„Sehr gut. Sagt, Aaron, gibt es irgendwo in dieser Gegend einen neutralen Ort, der von keinem als heilig bezeichnet wird und den jeder betreten dürfte?“

„Warum fragt Ihr?“

„Ich möchte eine Versammlung aller Rais einberufen – und keiner soll eine Ausrede haben, nicht zu kommen oder einen anderen daran hindern wollen, diese Versammlung zu besuchen.“

„Der Jakobsbrunnen in Sichem – äh, Nablus – wäre so ein Ort.“

Balian seufzte.

„Ich hatte gehofft, ich müsste die Rais nicht nach Nablus bestellen. Es widerstrebt mir, anderen das Gefühl zu geben, ich würde sie zu mir zitieren. Aber dann geht es wohl nicht anders. Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft, Aaron“, sagte er und erhob sich. Aaron sprang gleichfalls auf.

„Mylord Balian!“

„Ja?“

Aaron ging unaufgefordert vor Balian in die Knie.

„Niemals zuvor hat Nablus einen besseren Herrn gehabt als Euch. Im Namen unserer Gemeinschaft gelobe ich Euch Treue, Mylord Balian“, schwor er mit erhobener rechter Hand.

„Steht auf, Aaron. Ich bin nicht der König, der es beanspruchen könnte, dass vor ihm gekniet wird.“

„Dann seid Ihr sehr bescheiden, Mylord Balian. Aber genau deshalb wird Euch jeder in Eurem Lehen diese Ehre erweisen.“

Balian nahm den Alten am Arm und half ihm auf.

„Nicht um zu herrschen bin ich hier, sondern um zu dienen. Bitte, erhebt Euch.“

Aaron stand mithilfe seines Barons auf und lächelte weise.

„Der Letzte, der das sagte, endete in Jerusalem am Kreuz …“

Balian grinste.

„Ich sage dazu jetzt nichts, sonst meint Ihr, ich wollte Euch bekehren …“

„Wollt Ihr das nicht?“

„Nein. Ich respektiere Euren Glauben und lasse ihn Euch – sofern Ihr auch den meinen respektiert.“

„Ich danke Gott, dass er Euch zu uns gesandt hat. Seid sicher, wenn Ihr zu allen Euren Untertanen so gut seid, werden in Nablus selbst die Muslime für Euch gegen Saladin kämpfen.“

„Hört auf, Aaron, sonst glaube ich das noch selbst …“, lächelte Balian.

Nur wenige Tage später trafen sich alle Rais der Dörfer, die zum Lehen Nablus/Samaria gehörten. Am Ende dieser Versammlung war es beschlossen, dass in jedem Dorf ein Signalturm errichtet wurde, der ständig besetzt war. Sollte das Dorf angegriffen werden – egal von wem – zündete der Wächter das naphthagetränkte Reisig mit einer dort befindlichen, ebenfalls ständig brennenden Öllampe. Das präparierte Reisig brannte mit tiefschwarzem Qualm, den der Wächter auf dem Gerazim nur übersehen konnte, wenn er selig schlief.

Dass das System funktionierte, zeigte sich schon wenige Tage später, als Reynalds Templer Huwara attackierten – und sich zu ihrem blanken Entsetzen von Rittern im Ibelin-Rock heftig attackiert sahen. Die Templer konnten sich nur knapp vor den entschlossenen Ibelinern in Sicherheit bringen. Der Rais von Huwara war ein überzeugter Moslem sunnitischer Prägung; einer, der der christlichen Herrschaft über al-Quds*, wie die Mohammedaner Jerusalem nannten, gar nichts abgewinnen konnte – aber für Balian ibn Godfrey, den Hakim Ibelin, den Baron von Ibelin, hätte er mit dem Sheitan* persönlich gerauft.

Wo immer die Templer im Lehen Nablus/Samaria auftauchten, um Streit zu suchen – sie trafen auf den entschlossenen Widerstand Balians und seiner Männer. Balian führte die Patrouillen häufig selbst – und wehe dem Templer, der nicht rechtzeitig das Weite suchte, wenn der Baron von Ibelin mit ihm die Klingen kreuzte … Balian war ein freundlicher Mann, aber wenn ihn jemand reizte, wurde er zum Berserker, der alles in Grund und Boden focht, was sich ihm in den Weg stellte.

Balian blieb in Nablus und richtete sich dort so ein, dass er jederzeit auf Sibyllas oder Balduin-Raymonds Ruf reagieren konnte. Doch alle Nachrichten, die er aus Jerusalem erhielt, trugen zusätzlich zum königlichen Siegel das persönliche Siegel de Lusignans. Guy hatte also die völlige Kontrolle über den Kindkönig und seine Mutter. Nur über den Grafen von Tiberias war noch eine indirekte Kommunikation möglich …

***

Kapitel 16

Feindliche Freunde

Die Überfälle auf muslimische Karawanen nahmen zu, ebenso wie überwiegend muslimische Dörfer heimgesucht wurden. Balians Leute konnten nicht überall sein, aber wo die Männer in den dunkelrot und beige gespaltenen Waffenröcken auftauchten, atmeten die Dorfbewohner auf, fassten neuen Mut und wehrten sich auch selbst gegen die Angreifer. Ibelins Männer hatten strikte Anweisung, allen Bedrohten zu helfen und nicht erst nach dem religiösen Bekenntnis zu fragen.

„Beschützt die Wehrlosen!“, hatte Balian ihnen befohlen. „Wie sie Gott in ihrer Sprache nennen, ist ohne Bedeutung.“

Der Ruf des gerechten Herrn von Nablus drang auch nach Jerusalem. Guy de Lusignan schäumte. Er hatte tatsächlich gehofft, Balian mit der Verbannung aus Jerusalem loszuwerden und mundtot zu machen. Stattdessen wurde dessen Ruhm als gerechter Beschützer aller Hilfsbedürftigen immer größer. Reynalds Bemühungen, die Moslems zum Aufstand anzustacheln, waren angesichts der christlichen Schutzpatrone der Dörfer westlich des Jordan nicht wirklich von Erfolg gekrönt – jedenfalls entzündete er damit keine Intifada, keinen allgemeinen Aufstand gegen die Christen.

Doch in Damaskus hatten Reynalds Aktionen einen ähnlichen Effekt auf die Muslime wie einst die halbwahren Berichte über Überfälle der Seldschuken auf friedliche Pilger knapp hundert Jahre zuvor auf die Christen: Geistliche und weltliche Fürsten der islamischen Welt bestürmten Saladin, endlich zum Dschihad, zum heiligen Krieg gegen Jerusalem, zu rüsten. Saladin hatte Zweifel, dass es alle Christen waren, die Krieg gegen die Muslime wollten. Die größten Zweifel aber hatte Imad ad-Din. Zudem war er mit Balian viel zu gut befreundet, als dass er sich diesen Mann zum Feind gewünscht hätte. Imad bat Saladin um Erlaubnis, nach Nablus zu reisen, um mit Balian zu reden.

Balian empfing den Freund mit einer Herzlichkeit, mit der Imad beinahe nicht gerechnet hatte.

As-Salam ‘alaykum! Willkommen in Ibelin, mein Freund“, sagte Balian und umarmte den jungen Sarazenen.

U ‘alaykum as-Salam“, erwiderte Imad erfreut Umarmung und Gruß. Doch dann erlosch sein Lächeln.

„Was ist?“, fragte Balian besorgt.

„Es geht um die Überfälle auf muslimische Karawanen.“

Balian nickte.

„Komm herein, mein Freund. Möchtest du Wasser, Tee?“, lud er ein und geleitete Imad auf die Terrasse. „Das Mahl wird bald fertig sein, denke ich“, fuhr er fort, drehte sich um und sprach leise mit Yussuf, den er bat, ein weiteres Gedeck für den Herrn Imad ad-Din aufzulegen.

„Ja, Sidi“, bestätigte der Diener und eilte fort.

„Hast du vielleicht Kaffee?“, fragte Imad. Balian grinste.

„Wenn du das Gebräu von Achmed trinken willst, so sei es. Ich vertrage ihn jedenfalls nicht …“

Imad schloss aus den Worten zutreffend auf ziemlich starken Kaffee und nickte begeistert. Balian rief Achmed, bat ihn, für Imad Kaffee zu machen und setzte sich dann mit dem Sarazenen unter das große Sonnensegel auf die Terrasse.

„Wir können nicht überall sein, Imad. Ich versuche alles, um die Überfälle in meinem Bereich soweit es geht zu verhindern …“

„Das weiß ich, das weiß auch Saladin. Aber es gibt bei uns ebensolche … Glaubensfanatiker … wie bei euch. Ich weiß nicht, welche schlimmer sind. Balian, ich komme, um dich zu warnen und um dich um Hilfe zu bitten. Wenn diese Überfälle nicht aufhören, wird es Krieg geben! Noch kann Saladin die Mullahs einigermaßen ruhig halten, aber ich weiß nicht, wie lange noch.“

Balian nickte.

„Sie rufen zum Kreuzzug mit dem Halbmond, sehe ich das richtig?“

„Ja.“

„Was erwartet Saladin?“

„Er hält große Stücke auf dich. Er kannte deinen Vater, hat ihn als Gegner respektiert und als verlässlichen Verhandlungspartner geschätzt. Er hofft, dass du … dass du den König von diesen Überfällen abhalten kannst.“

„Wäre noch Balduin IV. König von Jerusalem, der alleine entscheiden konnte, gäbe es das Problem nicht. Balduin hätte es nie geduldet und schon gar nicht angeordnet. Sein Nachfolger, Balduin V., ist noch ein Kind. Sein Vormund, Guy de Lusignan, ist mit der Königinmutter Sibylla verheiratet. Balduin kann ohne Guy keine Entscheidung treffen. Und Guy ist ein Vertrauter von Reynald de Châtillon, der diese Überfälle mit den Templern durchführt, wie ich weiß. Hier, in Nablus und Samaria, habe ich jetzt ein funktionierendes Warnsystem, das sie davon abhält, die arabische Bevölkerung westlich des Jordan zum Aufstand gegen die christliche Herrschaft aufzustacheln. Aber östlich des Jordan habe ich keinen Einfluss. Das ist Reynalds Territorium“, erklärte Balian.

Ein Diener kam und brachte Imad den Kaffee. Genüsslich trank der Araber den starken Trank – und hustete.

„Ich glaube, damit könnte man sogar Balduin aus dem Grab holen!“, keuchte er. Balian machte eine hilflose Handbewegung.

„Ich wünschte, es wäre möglich.“

„Man sagt, du wärst mit dem jungen König und seiner Mutter gut Freund …“, setzte Imad an.

„Wenn du damit andeuten willst, ich solle doch den König zum Friedenhalten überreden, rennst du ein offenes Burgtor ein, mein Freund. Balduin brauche ich nicht zu überreden, der will Krieg so wenig wie ich. Ich muss auch nicht Sibylla überreden – das Problem ist Guy, der als Vormund des Königs praktisch die volle Macht in Jerusalem hat. Hätte er nur ein klein wenig mehr Macht – die eines echten Bailli – lebte ich nicht mehr“, erwiderte Balian.

„Wie bitte?“, entfuhr es Imad.

„Der Umstand, dass ich dir Ignaz von Bethanien und seine vorgeblichen Gotteskrieger ausgeliefert habe, hätte mich beinahe den Kopf gekostet. So konnte er mich nur aus Jerusalem verbannen. Aber ich darf die Stadt nicht mehr betreten. Zu Balduin und seiner Mutter habe ich deshalb keine direkte Verbindung mehr.“

Imad senkte den Kopf. Der redliche Balian war seine letzte Hoffnung gewesen, den drohenden Dschihad* noch zu verhindern.

Während Imad noch mit seiner Enttäuschung kämpfte, dass Balian zur Vermeidung des großen Blutvergießens wohl doch nichts beitragen konnte, hatte der junge Franke eine Idee.

„Imad …“, sagte er und legte dem Freund eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, mir ist gerade ein Gedanke gekommen, wie ich Guy dazu nötigen kann, Reynald aufzuhalten.“

„Und was willst du tun?“

„Ich werde ihn einfach vor die Wahl stellen, Reynald Einhalt zu gebieten oder ihn mir zu überlassen.“

„Und du meinst, er könnte darauf eingehen?“, zweifelte der Sarazene. Balian lächelte in seiner gewinnenden Art.

„Wenn du mir auch hilfst, könnte es sein.“

„Wie kann ich dir helfen?“

„Ich brauche freie Hand. Wenn ich mich gegen Reynald und Guy stelle, kann ich keinen Ärger mit Sarazenen brauchen. Ich brauche die Zusicherung des Sultans, dass wir – wenn wir Christen selbst gegen die Unruhestifter vorgehen – nicht zusätzlich von euch angegriffen werden. Die Gelegenheit wäre günstig, wenn die Christen uneins sind …“

Imad hob die Hand zum Schwur.

„Bei Allah: Ich schwöre, dass das nicht geschehen wird.“

Balian schmunzelte; so wörtlich wollte er es gar nicht hören, aber beruhigend war es doch. Imad galt als Ehrenmann, der einen solchen Schwur nicht, wie sonst bei Muslimen üblich, von der religiösen Zugehörigkeit zum Islam abhängig machte.

„Dann werde ich heute noch nach Jerusalem schreiben“, versprach Balian. „Komm, lass uns speisen, mein Freund.“

Am Abend schrieb Balian zwei Briefe. Einen an den König Balduin-Raymond, vertreten durch seinen Vormund, den Herrn Guy de Lusignan in dem er ihn aufforderte, Reynald de Châtillon samt den Templern von Überfällen auf harmlose Karawanen abzuhalten oder ihn der Strafe durch den Baron von Ibelin als dem Schutzherrn von Nablus und Samaria zu überlassen. Einen zweiten richtete er über Tiberias an Sibylla und bat sie um Hilfe, dass der Brief den jungen König auch erreichte. Vorsichtshalber schrieb er den ersten Brief nochmals ab und fügte die Abschrift der Post an Sibylla bei, falls Guy den Brief vernichtete.

Tiberias erhielt den Brief von Balian, weil er nicht unter der direkten Kontrolle des königlichen Vormunds stand. Tiberias hatte um sich nur Männer, denen er selbst vertraute – und dazu gehörten weder Templer noch Leute aus dem Umkreis von de Lusignan. Eilig sprach er bei Prinzessin Sibylla vor und übergab ihr die beiden Schreiben. Sie las sie mit ebenso großer Freude wie Besorgnis. War Balian denn nicht klar, dass er ausgerechnet den Urheber allen Übels um Hilfe bat? Sie sah Tiberias verwirrt an.

„Balian weiß doch, wie Guy denkt. Warum verlangt er vom Meister aller Ränkespiele, den Handlanger zu strafen?“

„Balian von Ibelin ist jung, meine Prinzessin, aber er ist klüger, als ich oder jeder andere hier bei Hofe jemals angenommen hätte. Ja, es ist auf den ersten Blick ein Widerspruch, den Teufel gerade mit Beelzebub austreiben zu wollen – aber im Grunde ist es die einzige Chance“, erklärte der Ratgeber.

„Vergebt, aber ich verstehe nicht, Mylord Tiberias.“

„Balian hat unter allen Einwohnern Palästinas einen sehr guten Ruf, meine Prinzessin. Es ist in der ganzen Herrschaft Nablus und unter deren Nachbarn bekannt, dass Balian gerecht ist und niemanden, der der Hilfe bedarf, ohne Schutz lässt. Wenn ein Baron im Heiligen Land keine Schwierigkeiten hat, Leute zu bekommen, dann Balian von Ibelin. Und wenn es einen Christen gibt, dessen Wort auch bei Juden und Muslimen Gewicht hat, dann ist er es. Seit er die Karawanenrouten westlich des Jordan schützt, halten die ewig zu Händeln neigenden Araber dort Ruhe. Er hat es tatsächlich geschafft, Ruhe ins Land zu bringen – aber keine Friedhofsruhe, sondern wirklichen Frieden. Ich habe ihn in Nablus besucht, meine Prinzessin. Es gibt nicht viele Häuser, in denen es so ruhig und angenehm zugeht wie bei ihm. Er hat christliche, jüdische und moslemische Diener, die einen gerechten Lohn bekommen, die einen freundlichen Herrn haben, für den sie mit dem Teufel selber raufen würden. Wer an seine Tür klopft, dem wird aufgetan …“

Tiberias hielt in seiner begeisterten Beschreibung inne, als er Sibyllas Handbewegung bemerkte. Sie lächelte den Berater und Statthalter an.

„Wenn Ihr mir damit verdeutlichen wollt, dass es keinen liebenswerteren Menschen im Heiligen Land gibt, Tiberias, versucht Ihr, ein offenes Tor einzurennen. Das weiß ich nur zu gut. Worauf wollt Ihr hinaus?“, fragte sie. Tiberias setzte sich auf eine weitere Handbewegung der Prinzessin ihr gegenüber auf den Diwan.

„Prinzessin, wenn ein solcher Mann wie Balian von Ibelin dem König – besser dessen Vormund – deutlich macht, dass er entweder etwas gegen diese Mordbrenner unternimmt oder den Abfall der Herrschaft Ibelin riskiert, dann hat das die Sprengkraft berstenden Eises“, stellte er klar.

Sibylla sah nochmals in den Brief.

„Er droht mit keinem Wort mit Abspaltung. Woraus entnehmt Ihr das, Tiberias?“

Tiberias nahm den Brief, den Sibylla auf den Tisch gelegt hatte.

„Balian schreibt: Tragt Sorge dafür, dass diesen Räubern und Banditen Einhalt geboten wird. Solltet Ihr Euch dazu nicht in der Lage sehen, dies zu tun, mein König, werde ich es für Euch tun, denn ich kann es nicht mit meinem Eid als Ritter und Vasall des Königreichs Jerusalem vereinbaren, hilflose Menschen ohne Schutz zu lassen. Ich habe geschworen, die Hilflosen zu schützen, mein König, und diesen Eid, den ich Euch und Gott selbst leistete, den werde ich nicht brechen. Sibylla, meine Prinzessin, unser tapferer Balian erklärt recht unverblümt: Entweder hältst du, Guy de Lusignan, Reynald und seine Spitzbuben auf – oder ich tue es ohne deine gnädige Erlaubnis. Das ist eine halbe Kriegserklärung, denn Reynald handelt im Auftrag und im Einvernehmen mit Eurem Gemahl. Wenn Balian Reynald angreift und ihn vielleicht noch nach Kerak zurückjagt, bricht das Königreich auseinander!“

„Was erwartet Ihr von mir, Tiberias?“

„Ich flehe Euch an, Prinzessin: Bringt Guy dazu, Reynald zu stoppen. Was Balian vorhat, ist nicht nur sein gutes Recht als Baron, es ist auch seine verdammte Pflicht als Ritter – denn er nimmt den Rittereid ernst.“

Sibylla seufzte tief auf. Ihre warmen, grünen Augen füllten sich mit Tränen der Verzweiflung.

„Das Einzige, was diesen Missstand hätte verhindern können, wäre, dass nicht Guy Balduins Vormund wäre, sondern Balian von Ibelin. Aber da ich bereits mit Guy verlobt war und Balian nicht die Spaltung des Königreichs riskieren wollte, ist es anders gekommen.“

„Er wollte Euch heiraten?“, fragte Tiberias verblüfft.

„Nein, nicht er wollte das; es war der Wunsch meines Bruders. Balian sollte Guy umbringen und mich dann heiraten. Balduin-Raymond liebt Balian, als wäre er sein Vater. Ihr habt es ja gesehen. Und ich, Tiberias, ich liebe ihn auch. Er erwidert meine Liebe, aber er wollte keinen Krieg unter den Christen. Insofern kann ich nicht glauben, dass ausgerechnet Balian mit der Spaltung des Reiches droht“, erwiderte die Prinzessin.

„Ich weiß“, sagte Tiberias, „aber inzwischen ist ihm wohl klar geworden, dass es einen schrecklichen Krieg mit Saladin geben wird, wenn Reynald nicht aufgehalten wird. Ich bin nicht sicher, dass wir einen Krieg gegen Saladin gewinnen können. Es könnten sich ganz eigenartige Konstellationen bilden: Saladin ist zwar Moslem, aber ein Ehrenmann, Balian ebenfalls; Reinhold von Sidon und Balduin von Ibelin, Balians Vettern, würden Balians Partei ergreifen, da bin ich ganz sicher. Ibelin war immer eine große Macht, auf die sich der König von Jerusalem stützen konnte, seit Balian der Alte sich auf König Fulkos Seite schlug. Aber wenn der Regent Balian samt seinen Freunden und Verwandten ins andere Lager treibt – und momentan tut er das – dann gibt es eine Katastrophe“, warnte Tiberias. Sibylla nickte.

„Wohl wahr, Tiberias. Die Sache hat nur einen Haken: Ich bin mit Guy verheiratet. Er lässt sich von mir nichts sagen, und Balduin-Raymond muss ihm als sein Mündel gehorchen, mag er selbst auch der König sein. Wenn es überhaupt jemanden gibt, auf den er noch hören würde, dann seid Ihr es.“

Tiberias nahm den an den König gerichteten Brief und suchte de Lusignan auf.

„Was wollt Ihr, Tiberias?“, fragte der Vormund des Königs.

„Mylord de Lusignan, es geht um die Überfälle christlicher Ritter auf Karawanen und Dörfer der Muslime.“

„Und?“, fragte Guy uninteressiert.

„Reynald muss damit aufhören! Ihr seid der Einzige, der ihn aufhalten kann“, erklärte der Statthalter. De Lusignan stand von seinem Schreibtisch gemessen auf und begann eine langsame Wanderung durch den Raum, die in ihrer Haltung seine ganze Arroganz ausdrückte. Der Tonfall unterstrich es nur.

„Tiberias, es ist meine Aufgabe, das Heilige Land von diesem Schmutz zu befreien. Die Sarazenen treten das Erbe, das der Herr Jesus Christus uns hier hinterlassen hat, mit Füßen. Das dulde ich nicht“, versetzte er.

„Mylord de Lusignan, es war der ausdrückliche Befehl des verstorbenen Königs Balduin IV., dass im Königreich Muslime und Juden ebenso ein Lebensrecht haben wie Christen.“

„Papperlapapp!“, entfuhr es Guy. „Der König ist tot und sein Erbe ist unmündig. Faktisch bin ich als sein Vormund der König. Ich habe meine Aufgabe nicht von Balduin, sondern von den ersten Kreuzrittern übernommen. Dass Balduin IV. in seiner Krankheit nicht mehr wusste, was er tat, ist eine andere Sache. Reynald handelt mit meinem Einverständnis.“

„Dann muss ich Euch sagen, dass es unter den Lehensmännern des Reichs heftige Opposition gegen Reynalds Vorgehen gibt. Und es ist nicht nur Balian von Ibelin, der damit nicht einverstanden ist“, warnte Tiberias eindringlich.

„Balian?“, fragte Guy süffisant. „Dieser grüne Junge, der bis vor kurzem noch nicht mal wusste, dass er angeblich von Adel ist? Tiberias, bleibt mir mit dem vom Hals!“

„Nun, es ist einfach Tatsache, dass die Familie Ibelin in Palästina sehr einflussreich ist. Reinhold von Sidon und Balduin von Ibelin, Balians Vettern, stoßen ins gleiche Horn. Wenn die Ibelins ihrem Rittereid folgen und die überfallenen Muslime schützen, zerbricht das Reich. Das könnt Ihr nicht wollen“, erklärte der Statthalter. Guy schoss nach vorn an den Tisch und stützte sich mit beiden Händen wutschnaubend darauf ab.

„Wie bitte? Ibelin maßt sich an, Heiden vor Reynald zu schützen? Der Kerl gehört in den Kerker!“

„Balian folgt nur seinem Eid als Ritter und als Schutzherr der überfallenen Dörfer. Wenn Ihr ihn dafür bestrafen wollt, geht der Pfeil nach hinten los. Balian gilt als gerecht, ehrlich und zuverlässig. Wenn Ihr ihn in den Kerker werft, fallen Euch sämtliche mit dem Hause Ibelin befreundeten Vasallen ab. Und das sind die meisten“, warnte Tiberias.

„Was will er?“, schnaufte Guy.

„Er fordert Euch auf, Reynald Einhalt zu gebieten – oder er tut es selbst.“

„So, so“, grinste Guy, „Balian will Reynald aufhalten … Nur zu. Er mag sein Glück versuchen, wenn es ihm Spaß macht.“

Tiberias versteifte sich.

„Ich höre aus Euren Worten, dass Ihr nicht die Absicht habt, etwas gegen Reynalds Taten zu unternehmen“, fasste er zusammen. Guy nickte.

„Ihr habt es erfasst“, bestätigte der königliche Vormund.

„Ich werde Herrn von Ibelin entsprechend benachrichtigen“, erwiderte Tiberias und verließ den Thronsaal.

***

Kapitel 17

Verbanntenbesuch

Der Brief, den Balian einige Tage später in den Händen hielt, trieb dem jungen Mann Zornesfalten auf die Stirn. Almaric, der seinem Herrn den Brief überbrachte, hätte Stein und Bein geschworen, dass die sonst so warmen, braunen Augen des jungen Herrn von Ibelin schwarz waren. Schwarz wie das brennbare Öl, das an manchen Orten aus dem Wüstenboden quoll und fürchterlich stank – ein wahrhaft höllisch gefährliches Zeug; und genauso gefährlich sah Balian von Ibelin in seinem Zorn aus.

„Almaric“, sagte er. Seine Stimme stand in völligem Gegensatz zu dem rabenschwarzen Gesichtsausdruck. „Almaric, bitte gib mir einen Rat. Was soll ich tun?“

„Was wollt Ihr tun, mein Mylord?“, erkundigte sich Almaric. Balian seufzte und lehnte sich an eine Säule des Arkadenganges im Atrium. Langsam ließ er sich auf die schmale Bank sinken, die die Säule umgab.

„Ich habe angekündigt, dass ich Reynald selbst das Handwerk legen werde, wenn de Lusignan es nicht tut. Tiberias hat mir geschrieben, dass er zwar ein mündliches Einverständnis des königlichen Vormunds hat, dass de Lusignan sich aber weigert, das schriftlich zu erteilen.“

Balian hob den Blick zu Almaric, der das Gefühl hatte, ein ebenso treuer wie trauriger Hund sehe ihn an.

„Ich befürchte, ich habe den Mund etwas zu voll genommen, mein Freund. Komm, setz dich her“, forderte Balian den Hauptmann auf. Zögernd setzte sich Almaric neben den jungen Baron. Balian war einfach anders als die Fürsten Jerusalems, die dem erfahrenen Hauptmann sonst bekannt waren. Er hatte nichts von adligem Hochmut an sich, war für einen Mann in seiner Position geradezu erschreckend normal.

„Mylord, wenn Ihr jetzt Euer Vorhaben ausführt, das ich von ganzem Herzen unterstütze, lauft Ihr Gefahr, wegen Selbstjustiz angeklagt zu werden. In Palästina ist manches anders als in Frankreich, wo jeder Adlige sein Recht in die eigenen Hände nehmen darf. Hier kann das – dank König Balduin IV., der diese Art von Justiz für ungesetzlich erklärt hat und die belehnten Fürsten allein seinem Urteil unterstellte –, im Kerker enden. Aber wenn Ihr Guy de Lusignan nochmals schreibt und ihm mitteilt, dass Ihr es als Einverständnis nehmt und handeln werdet, wenn er sich innerhalb einer gewissen Frist nicht äußert, kann man Euch keinen Strick daraus drehen. Lasst nur sicherstellen, dass er die Botschaft erhalten hat. Lasst Euch bestätigen, dass er die Botschaft entgegengenommen hat“, empfahl Almaric. Balian dankte seinem treuen Hauptmann mit einem freundlichen Kopfnicken für den klugen Rat.

Dennoch schrieb er ohne viel Hoffnung auf eine Empfangsbestätigung erneut einen Brief an den König, in dem er sinngemäß mitteilte, dass er innerhalb von zehn Tagen eine definitive Antwort auf seinen Vorschlag erwarte und ein Ausbleiben einer Antwort als Zustimmung zu seinem Vorhaben nehmen würde.

Bei aller Schlauheit in den eigenen Intrigen witterte Guy die Falle nicht sofort, als er dem Boten Balians den Empfang quittierte. Erst am Abend, als er Gelegenheit hatte, das Schreiben zu lesen, wurde ihm klar, dass er Reynald de Châtillon praktisch Balians Gnade ausgeliefert hatte. Er konnte den Baron von Ibelin nicht ausdrücklich daran hindern, sonst hätte er zugegeben, Reynalds Kriegstreiberei zu stützen. Da Balian inzwischen handfeste Beweise hatte, dass Reynald unbewaffnete Karawanen überfiel und es dafür nicht nur Moslems als Zeugen gab, sondern auch Christen, war mit einer Unterstützung der anderen christlichen Fürsten Jerusalems nicht zu rechnen. Aber dann kam Guy ein Gedanke, der ihn wieder lächeln ließ – und er beinhaltete die Möglichkeit, nicht nur die christlichen Fürsten bei der Stange zu halten, sondern vielleicht sogar König zu werden …

Er ließ Sibylla rufen, die auch bald erschien.

„Ihr habt mich rufen lassen, mein Gemahl?“

„Sibylla, ich brauche Eure Hilfe“, eröffnete er.

„Wobei könnte ich Euch behilflich sein?“, wunderte sie sich. Es war das erste Mal, dass er sie um Hilfe bat, seit ihre Mutter die Verlobung mit Guy arrangiert hatte.

„Unser guter Balian von Ibelin sagt, er habe Beweise gegen Reynald, dass er sich an die Friedensvereinbarung nicht hält“, erklärte er. „De Châtillon ist ein belehnter Ritter, der nur vom König selbst gerichtet werden kann. Wenn ich Reynald vor das Gericht in Jerusalem lade und er erfährt, dass Balians Beweise ihm den Garaus machen könnten, weiß ich nicht, was geschieht. Es könnte geschehen, dass er mit den ihm treuen Templern Balian von Ibelin angreift, schließlich hält er sich wohl gerade nicht in Kerak auf, sondern ist in einer der Templerburgen nördlich von Nablus.“

„Ich verstehe nicht recht, worauf Ihr hinauswollt, mein Gemahl“, erwiderte sie verständnislos.

„Nun, ich habe Balian aus Jerusalem verbannt, nachdem er Ignaz von Bethanien an Saladin ausgeliefert hat. Damit habe ich Balian auch die Unterstützung durch andere christliche Fürsten entzogen. Er ist auf sich allein gestellt. Mit den Heiden hat er kein Problem, dafür ist er mit ihnen zu gut Freund. Aber wenn die Templer Nablus angreifen, hat er keine Chance. Ich selber kann auch nicht nach Nablus – ich würde das Gesicht verlieren, wenn ich zu einem Verbannten ginge. Aber … Ihr … könnt dorthin. Es würde weder Reynald alarmieren, noch vergebt Ihr Euch etwas dabei. Ich bitte Euch, mir die Beweise, die Balian hat, herzubringen, damit gegen Reynald Anklage erhoben werden kann.“

„Und Ihr wollt gegen Reynald vorgehen? Bisher habe ich angenommen, er handelt in Eurem Einverständnis“, bemerkte sie. Er rang sich ein Lächeln ab.

„Nun, meine Stellung hat sich verändert. Ich trage die Verantwortung für den Bestand des Königreichs, solange Euer Sohn noch nicht mündig ist. Raymond soll das Reich so übernehmen, wie Euer Bruder es ihm hinterließ. Insofern stelle ich die Interessen der Templer einstweilen zurück und sorge für Frieden – auch wenn ich die kirchliche Meinung teile, dass Heiden hier nichts zu suchen haben.“

Sibylla kämpfte ihr Misstrauen gegen Guys Worte gewaltsam nieder. Sie wollte ihm vertrauen, auch wenn ihr Verstand sie eindringlich warnte.

„Was … würdet Ihr davon halten, wenn ich Raymond mitnähme?“

Er lächelte so charmant, wie sie es noch nie gesehen hatte.

„Das halte ich für eine ausgesprochen gute Idee. Raymond vertraut Balian und muss als König letztlich das Urteil unterschreiben. Da ich Balian nicht als Zeugen nach Jerusalem laden kann, könnte Raymond ihn dort direkt befragen – und Ihr könnt ihm dabei helfen.“

Seine Worte zerstreuten ihre Zweifel wieder.

„Dann werde ich umgehend mit Raymond nach Nablus reisen“, erwiderte sie.

„Gut. Ich würde Euch empfehlen, Tiberias und einige seiner Ritter als Eskorte mitzunehmen. Die Sarazenen sind in letzter Zeit recht … nun ja, recht … aggressiv geworden“, sagte er. Sie lächelte. Jetzt war sie sicher, dass er ernst meinte, was er sagte.

Eilig verließ sie die Räume, die Guy zu seinen Amtsräumen als königlicher Vormund bestimmt hatte, um die Reise vorzubereiten. Hätte sie seinen Gesichtsausdruck gesehen, als sie die Tür geschlossen hatte, wäre sie nicht so sicher gewesen …

Kaum, dass die Tür zu war, setzte Guy de Lusignan sich an seinen Schreibtisch und schrieb eine Botschaft in geheimen Zeichen, die nur den Templern bekannt waren und machte Reynald einen Vorschlag …

Der Weg nach Nablus war von Jerusalem aus beschwerlich, auch wenn der Herbst in Palästina noch nicht die zuweilen schon winterliche Kühle eines europäischen Herbstes hatte und der chronische Wassermangel des brütend heißen Sommers schon vergangen war. Tiberias war besorgt um die Prinzessin und den jungen König. Balduin-Raymond war noch sechs Jahre jünger als sein Onkel, der mit dreizehn Jahren den Thron bestiegen hatte. Doch der Junge hatte unter Balians Anleitung gute reiterliche Qualitäten entwickelt, und seine Mutter liebte weite und schnelle Ausritte ohnehin.

Die Jerusalem-Ritter unter Tiberias’ Kommando deckten die Reisenden sicher und aufmerksam. Dennoch gerieten sie in einem schmal eingeschnitten Tal einen halben Tagesritt vor Nablus in einen Hinterhalt überreizter Araber, die die christlichen Reiter mit einem tödlichen Pfeilhagel eindeckten. Die Männer, die König und Königinmutter dicht umringten, deckten mit ihren Schilden und ihren Körpern Mutter und Kind. Vier der opfermutigen Soldaten wurden mit Pfeilen gespickt wie die Igel und fielen tot oder sterbend aus dem Sattel unter die Hufe der im wilden Galopp dahin jagenden Pferde.

„Hört Ihr das, Mylord Balian?“, fragte Almaric. Balian hob die Hand und bedeutete seinen Männern, mit denen er auf Patrouille war, ihre Pferde anzuhalten. Almaric und er nahmen den Helm und die Kettenkapuze ab, um besser lauschen zu können.

„Kampflärm!“, sagte Balian. „Es kommt aus dem Wadi vor uns! Vorwärts!“

Sie setzten Kapuze und Helm wieder auf, die Ibeliner zogen ihre Schwerter und jagten im gestreckten Galopp zu dem nur wenige hundert Klafter entfernten Wadi, das in trockenen Zeiten als gut passierbare Straße nach Nablus genutzt wurde.

Das Wadi war ein in Jahrtausenden ausgewaschenes, tiefes Flussbett, das nur in der Regenzeit Wasser führte – dann aber umso mehr. Jetzt, im noch trockenen Herbst, bestand das Tal aus mehreren Stufen, die breit genug für ganze Reiterkolonnen waren. Die Angreifer hatten sich auf der ersten Stufe unter dem Rand verschanzt, als einer die Ibeliner Ritter kommen sah.

„Ibeliner!“, brüllte er. Die Angreifer sprangen auf, wollten fliehen, aber die Männer unter Balians Kommando waren schon heran, übersahen kurz, dass Araber christliche Ritter unter dem Banner Jerusalems attackierten und schlugen hart und präzise zu. Ein Angreifer nach dem anderen fiel unter ihren tödlichen Streichen.

„Macht Gefangene!“, befahl Balian, was seine Leute davon abhielt, zu gnadenlos auf die Araber einzuschlagen. Die Araber brauchten einen Moment, um sich zu fangen und gegen die Ibeliner Widerstand zu leisten, dann wehrten sie sich mit Streitäxten gegen die Ritter, so gut sie konnten. Ein Axthieb traf Balians Schild und zerbeulte ihn so, dass er schlicht unbrauchbar war. Die Wucht warf Balian aus dem Sattel, aber er behielt das Schwert in der Hand und wütete mit dem beidhändig geschwungenen Schwert fürchterlich unter den Angreifern. Innerhalb kürzester Zeit lagen um ihn herum nur noch Tote und Verwundete.

„Ich ergebe mich! Gnade!“, flehte einer der letzten, die in Balians Nähe noch halbwegs auf den Beinen standen. Der junge Baron stutzte. Der Mann hatte akzentfrei fränkisch gesprochen, auch wenn er äußerlich einem Reiter aus Imads Truppe glich wie ein Ei dem anderen. Der Baron setzte ihm die scharfe Spitze seines Schwertes an die Kehle, und das überzeugte auch die restlichen Sarazenen, aufzugeben.

„Und jetzt wüsste ich gern, was für Tröpfe ich eigentlich vor mir habe!“, schnaufte Balian keuchend. „‘Runter mit den Turbanen!“

Zögernd nahmen die Gefangenen die verhüllenden Tücher und Turbane ab. Darunter kamen recht europäische wirkende Leute zum Vorschein.

„Wenn ihr Sarazenen seid, bin ich der Kalif von Bagdad!“, entfuhr es Balian mit nur noch mühsam verhaltenem Zorn.

Wie auf Kommando warfen sich die Gefangenen zu Boden, als Tiberias mit seinen Rittern, dem König und Prinzessin Sibylla erschien. Balian sah sie kommen, nahm den Helm ab und kniete ehrerbietig vor dem König nieder. Seine Männer taten es ebenfalls.

„Heil, König Balduin!“, grüßten Balian und seine Ibeliner den kleinen König.

„Erhebt Euch, Mylord Balian! Und Ihr auch, treue Ibeliner!“, rief der Junge mit heller Stimme. Balian stand auf und war mit schnellen Schritten neben dem Pferd Balduin-Raymonds.

„Meine Güte! Was macht Ihr hier draußen?“, fragte er. Besorgnis und Schreck waren in den ebenmäßigen Zügen des jungen Herrn von Ibelin nicht zu übersehen.

„Ich muss Euch in einer dringenden Angelegenheit sprechen, Mylord von Ibelin“, erwiderte Sibylla. Balian verneigte sich vor der Prinzessin.

„Dann kommt. Hier können schneller wütende Sarazenen sein, als ein Christenmensch bis drei zählen kann, Mylady“, er die Prinzessin und ihr Gefolge auf und winkte Almarics Bruder Dominique.

„Dominique: Du übernimmst die Nachhut und die Gefangenen. Charles, nach vorne mit deinen Leuten!“, wies er seine Männer ein.

„Erlaubt Ihr, dass ich in Eurer Nähe bleibe, mein König, meine Prinzessin?“

Balduin-Raymond sah seine Mutter fragend an, die Balian hoheitsvoll anlächelte und sich größte Mühe gab, ihr öffentliches Gesicht bei seinem Anblick zu wahren.

„Gewiss, Mylord Balian. Ich habe Euch noch gar nicht für Euer Eingreifen gedankt.“

Er erlaubte sich ein charmantes Lächeln, das aber gegenüber einer Prinzessin noch angemessen war.

„Mein Vater hieß mich, die Wehrlosen zu schützen. Das haben wir getan, meine Prinzessin. Es war selbstverständlich“, wehrte er ab. „Vorwärts nach Nablus!“

Es war dunkel geworden, als Sibylla, Balduin-Raymond und ihre starke Eskorte von Jerusalem-Rittern und Balian und seinen Männern den Lehenssitz erreichten. Im Hof half der Baron dem jungen König und der Prinzessin vom Pferd. Diener eilten herbei und übernahmen die Pferde. Balduin-Raymond vergaß alle höfische Erziehung und drückte den Ritter einfach ganz fest an sich. Nur höchst ungern ließ er ihn wieder los, als Balian seine Mutter gebührend begrüßen wollte und Sibylla einen ehrerbietigen Handkuss auf die schmale Hand hauchte.

„Willkommen in Nablus, meine Prinzessin, mein König. Mylord Tiberias, es ist mir eine Ehre, Euch und Eure Ritter hier begrüßen zu dürfen“, hieß er die Gäste willkommen. „Yussuf, Achmed!“, rief er dann.

Sidi?“, fragte beide wie aus einem Munde.

„Richtet für unsere Gäste bitte ein Bad und die Zimmer“, wies Balian die Diener an.

„Sofort, Sidi!“

Tiberias lächelte.

„Ihr habt Euch den Sitten des Landes angepasst, wie ich feststelle“, schmunzelte er. „Euer Vater legte nicht so großen Wert auf ein Bad.“

„Ist das so? Jean hat mir anderes berichtet“, grinste der Baron. „Erfrischt Euch. Sofern Ihr Euch ausgeruht habt, sollten wir etwas essen. Wenn es Euch beliebt, können wir beim Essen über das reden, was Euch herführte“, bot er an.

Etwa eine Stunde später nahmen Sibylla, Balduin-Raymond und Tiberias an einer mit Früchten, Honig und Fladenbrot reich gedeckten Tafel Platz. Die beiden muslimischen Diener warteten den Gästen bereits mit verdünntem Wein und Tee auf, als auch Balian wieder erschien. Seine Rüstung hatte er mit einer dunkelblauen kurzärmeligen Tunika vertauscht, die an den Ärmeln und dem Brustschlitz mit Goldborte gesäumt war. Kleine goldene, gestickte Medaillons verzierten den dünnen Stoff der Tunika, dem ein Gürtel aus dem gleichen Material Halt gab und Balians schlanke Gestalt vorteilhaft betonte. Unter der Tunika trug er ein dunkelblaues Leinenhemd mit langen Ärmeln. So, wie er in den Raum trat, frisch gebadet, umgeben von einem sanften und dennoch sehr männlichen Duft, war er wie eine Erscheinung aus Tausendundeiner Nacht.

As-Salam ‘alaykum“, wünschte er. Tiberias sah ihn lächelnd an.

„Du würdest so und mit diesem Gruß schlicht für einen Sarazenen durchgehen, Balian.“

Balian erwiderte das Lächeln des Statthalters. Im Haus war es nicht mehr nötig, an Förmlichkeiten wie einem distanzierten „Ihr“ festzuhalten.

„Der Verdacht würde dir noch eher kommen, wenn du mich bei der Arbeit hier im Lehen erwischst. In Nablus hört man kaum fränkische Töne, wir sprechen fast alle arabisch und sehen wie die Wüstensöhne aus“, grinste der Baron und nahm an der Tafel Platz. „Wollen wir beten?“, fragte er dann. Seine Gäste nickten zustimmend, und Balian sprach ein kurzes Tischgebet, das alle am Tisch mit

„Amen“, beendeten.

„Du sprichst inzwischen arabisch?“, hakte Sibylla nach und beobachtete ihn einen Moment, als er genussvoll eine Dattel kaute.

„Ja“, erwiderte er, nachdem er den Bissen heruntergeschluckt hatte. „Aber … du wolltest mich in einer dringenden Angelegenheit sprechen, meine Prinzessin. Was ist geschehen, dass es dich nach Nablus treibt?“

„Guy de Lusignan will gegen Reynald Anklage erheben. Er sagte mir, du hättest Beweise dafür gesammelt und for… bittet dich, diese mir zu übergeben oder sie doch dem König vorzulegen, der letztlich die Entscheidung als Richter treffen muss“, erwiderte sie.

Seine erste Reaktion war bittere Enttäuschung, hatte er doch die leise Hoffnung gehegt, Sibylla und Raymond könnten die wichtigen Gründe nur vorgeschoben haben, um ihn einfach zu besuchen. Doch als er die nur mühsam verdeckte Sehnsucht in Sibyllas tief in ihren Augen sah, löste sich die Enttäuschung wieder auf.

„Ja, das habe ich. Und ich werde sie euch selbstverständlich präsentieren. Aber ich glaube nicht, dass er wirklich etwas unternehmen wird“, erwiderte er.

„Und warum nicht?“, erkundigte sich Tiberias.

„Es waren keine Sarazenen, die euch überfallen haben. Es sind eindeutig Franken. Ich meine, schon welche davon bei Reynald gesehen zu haben“, erklärte Balian.

„Nun, das wäre kein Beweis, dass Guy mit ihm unter einer Decke steckt“, gab Tiberias zu bedenken.

„Nicht?“, fragte Balian. „Wer in Jerusalem wusste, dass ihr mich wegen der Beweise gegen Reynald besuchen wollt?“

Tiberias sah Sibylla an. Die junge Frau schüttelte den Kopf.

„Außer Guy, Balduin-Raymond, Tiberias und mir selbst nur die Ritter, die Tiberias zu unserem Schutz mitgenommen hat. Aber er hat ihnen das Ziel erst gesagt, als wir Jerusalem verließen“, erklärte Sibylla.

„Keiner meiner Ritter verkehrt mit Templern“, setzte Tiberias hinzu. „Selbst, wenn ich es ihnen früher gesagt hätte – Reynald hätte von meinen Leuten nichts erfahren. Schon gar nicht den Grund, weshalb wir zu dir wollten!“

Balian nickte.

„Das würde ich auch nicht annehmen, Tiberias. Aber wenn außer euch selbst und deinen Rittern nur Guy wusste, wohin ihr weswegen wollt, liegt es auf der Hand, dass er weiterhin mit Reynald zusammenarbeitet.“

„Und … weshalb?“, fragte Sibylla stockend nach. Balian sah sie eine Weile an und fragte sich, ob er ihr seinen ungeheuren Verdacht wirklich preisgeben sollte.

„Guy …“, setzte er langsam an, „ist der Vormund des Königs. Er ist dein Gemahl, aber er könnte nicht König werden …, es sei denn, Balduin-Raymond würde … ebenfalls erbenlos versterben … wie dein Bruder. Dein Bruder hat ein Testament hinterlassen, nach dem in diesem Fall die Könige von Frankreich und England, der Kaiser und der Papst über die Nachfolge im Königreich Jerusalem entscheiden sollten. Bis zu deren Entscheidung würde Guy vermutlich als Bailli die Regierungsgeschäfte führen. Da diese Männer aber kaum wissen, was sich im Heiligen Land wirklich tut, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Guy von ihnen sogar zum König erhoben werden könnte – zumal er mit dir, einer Blutsverwandten des Königs, verheiratet ist. Folglich besteht die Möglichkeit, dass es doch noch Erben aus dem Haus Anjou geben wird“,

„Balian, du willst doch nicht etwa behaupten, dass die Prinzess… Nein, das nimmst du nicht an, oder?“, keuchte Tiberias erschrocken. Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, dann wäre es einfacher, nur eine Person zu beseitigen, wenn du mir folgen kannst. Der Überfall galt euch allen dreien“, stellte Balian klar.

„Sprich jetzt bitte nicht in Rätseln, Junge!“, mahnte Tiberias. Balian lächelte.

„Tue ich das?“, fragte er. „Raymond, wenn Balduin, Sibylla und du bei einem solchen Überfall ums Leben kommen, dann gibt es keinen Erben mehr aus dem Hause Anjou! Dann würde der Königstitel an eine andere Adelsfamilie gehen. Wenn Guy de Lusignan zu dem Zeitpunkt der Regent ist, würde er aller Wahrscheinlichkeit nach der nächste König sein – und eine neue Dynastie begründen. Nach allem, was mir Balduin IV. noch erzählt hat, ist es Guys erklärtes Ziel selbst König zu werden – und Krieg gegen die Sarazenen zu führen.“

„Du erhebst schwere Anschuldigungen, Balian“, mahnte der Statthalter. „Kannst du sie beweisen?“

„Nein, beweisen kann ich sie nicht“, räumte Balian ein. „Bis jetzt nicht, soweit es den Überfall auf euch betrifft. Aber vielleicht sind die falschen Sarazenen redseliger als wir uns das im Moment vorstellen können.“

„Es heißt, du wärst mit Imad ad-Din gut befreundet. Stimmt das?“, erkundigte sich Tiberias.

„Ja, das stimmt.“

„Deine Familie hat großen Einfluss im Königreich Jerusalem. Die bedeutendsten Lehen gehören zum Hause Ibelin. Du genießt durch die Freundschaft zu Imad und durch dein bisheriges Handeln hohes Ansehen bei Saladin. Und nach allem was ich höre, herrscht in deinen eigenen Lehen nicht nur Waffenstillstand wie woanders, hier ist Frieden zwischen Juden, Moslems und Christen. Glaubst du, dass diese Tatsache von den Baronen hier, den Königen, dem Kaiser und dem Papst ignoriert werden würde?“, fragte Tiberias.

„Äh, Raymond – unser König sitzt hier am Tisch, falls du damit andeuten willst, dass ich … nein, das kann ich nicht mal aussprechen“, wehrte Balian ab. „Balduin-Raymond ist unser König und mein Schwert gehört ihm“, setzte er dann bestimmt hinzu. Tiberias wollte etwas sagen, aber eine knappe Handbewegung des Gastgebers hinderte ihn.

„Damit du mich nicht missverstehst: Hier im Lehen Nablus gibt es einen sehr einfachen Grund für diesen – sagen wir mal – Burgfrieden zwischen den Religionen Palästinas. Und dieser Grund heißt Reynald de Châtillon. Nur die Bedrohung durch Reynald und seine Templer hat die Moslems an die Seite eines christlichen Grundherrn getrieben. Die Rais hier sind vernünftige Leute, aber wenn hier richtig fanatische Imame oder Priester auftauchen, sehe ich schwarz. Religiösen Fanatikern habe ich, ehrlich gesagt, nichts entgegenzusetzen“, erklärte der junge Baron. Tiberias schüttelte den Kopf.

„Du hast ein seltenes Talent, Balian. Du bist Kämpfer und Diplomat“, lockte der Statthalter weiter. Der so Gelobte lächelte ihn auf seine unnachahmlich schöne Art an, dass Sibylla glaubte, ihr Herz würde stehen bleiben.

„Lass es gut sein, Raymond. Mein Vater gab mir auf, ein guter Ritter zu werden. Das, denke ich, bin ich. Aber mehr? Nein“, bremste er den Grafen von Tiberias.

„Balian“, meldete sich Balduin-Raymond zu Wort.

„Mein König?“, wandte Balian sich ihm zu.

„Ich möchte, dass du wieder nach Jerusalem kommst. Kommst du mit uns?“

Der junge Ritter seufzte tief.

„Das würde ich gerne, aber Euer Vormund hat mich aus Jerusalem verbannt. Ich darf nicht dorthin.“

„Ich erlaube es dir“, sagte der Junge. Ein kurzer Blickwechsel mit Sibylla und Tiberias bestätigte Balian, dass er die höfische Etikette auch gegenüber dem König nicht einhalten musste.

„Raymond, du bist der König von Jerusalem, aber um diese Entscheidung zu treffen, brauchst du das Einverständnis deines Vormunds Guy. Du bist nicht mündig“, erklärte er sanftmütig. Balduin-Raymond rutschte von dem Stuhl herunter, lief zu Balian und umarmte ihn einfach.

„Ich vermisse dich aber – und Maman vermisst dich auch.“

Balian erwiderte die Umarmung des Jungen und drückte ihn an sich. Auch wenn er es nicht aussprach, es war deutlich, dass auch er Sibyllas Sohn vermisst hatte. Schließlich löste er sich vorsichtig aus der Umarmung und hielt den Jungen noch an den Oberarmen.

„Raymond, du vergisst bitte, dass deine Mutter mich vermisst. Sie ist Guy de Lusignans Frau“, mahnte er.

„Pöh, der hat doch keine Ahnung!“

„Eben darum solltest du dir solche Äußerungen verkneifen. Wenn Guy auch nur ahnt, was ich dir oder deiner Mutter bedeute, dann habe ich nicht mal mehr Gelegenheit, euch auch nur in Nablus zu sehen.“

„Warum?“

„Weil ich dann ganz schnell meinem Vater folgen werde, verstehst du?“

„Nein. Dein Vater ist doch im Himmel“, wunderte sich der Kleine.

„Eben – und ich würde gern noch eine Weile leben“, lächelte Balian schief. Balduin-Raymond begriff, sah den Baron mit schreckgeweiteten Augen an und umarmte ihn erneut heftig, als ob er Angst hatte, seinen Wunschstiefvater sofort zu verlieren.

„Ich will dich nicht verlieren. Ich hab’ dich doch lieb, Onkel Balian“, schniefte er. Balian strich ihm liebevoll über das Haar.

„Dann solltest du lieber schweigen, hm?“

Raymond nickte.

„Ich bin müde, Onkel Balian. Zeigst du mir, wo ich schlafen kann?“, sagte er dann, ein Gähnen nur mühsam unterdrückend.

„Dann komm, mein König“, erwiderte Balian und stand auf, Raymond auf dem Arm.

„Es war ein langer Tag“, sagte Tiberias, „ich bin auch sehr müde. Zeig mir bitte auch mein Bett.“

Der Hausherr führte seine Gäste auf die andere Seite des Gartens und zeigte ihnen Schlafgemächer, deren ebenso prachtvolle wie bequeme Einrichtung die Gäste schon staunen ließ. Es war bekannt, dass die Familie Ibelin prächtige und luxuriöse Häuser hatte. Zwar erreichte das Haus in Nablus nicht die ungeheure Pracht des Palastes der Ibelins von Beirut, aber zu wünschen ließ es wahrlich nichts übrig. Tiberias zog sich diskret in das Zimmer zurück, das Balian ihm zeigte und ließ Sibylla und Balian ihr heimliches Familienleben genießen.

***

Kapitel 18

Verbotene Liebe

Balduin-Raymond war Balian auf dem Arm schon eingeschlafen. Er wachte nicht mal auf, als Balian ihn in sein Bett legte und Sibylla ihm ein Nachthemd anzog und ihm einen Gute-Nacht-Kuss gab. Leise verließen sie das Zimmer und gingen weiter zu dem Gemach, das Balian für Sibylla vorgesehen hatte. Er kämpfte mit sich, ob er bleiben oder gehen sollte. Alles in ihm schrie nach ihr, aber er machte sich den Umstand bewusst, dass die Frau, die er liebte, die Ehefrau eines anderen war. Als er sich schweigend verbeugte und gehen wollte, hielt sie ihn sanft zurück.

„Bitte, Balian, bleib bei mir. Lass mich heute Nacht nicht allein“, bat sie. „Du hast mir ein Versprechen gegeben“, erinnerte sie ihn. Er drehte sich zu ihr um und lächelte sie warm an.

„Als treuer Diener meiner Prinzessin bin ich für dich da. Das habe ich durchaus nicht vergessen. Was wünscht meine Prinzessin?“, fragte er leise. Sie umarmte ihn und sah sehnsüchtig zu ihm auf.

„Nicht mehr und nicht weniger als dich, Balian von Ibelin“, flüsterte sie und küsste ihn. Er erwiderte ihren Kuss mit einer Zärtlichkeit, die Sibylla völlig überwältigte.

„Bist du deshalb nach Nablus gekommen?“, fragte er, als er ihre Lippen wieder freigab.

„Ja“, hauchte sie. „Guy konnte mir keinen größeren Gefallen tun, als mich herzuschicken.“

„Er hat dich tatsächlich geschickt? Wegen der Beweise?“, fragte er ungläubig. Sie nickte schweigend und küsste ihn erneut voller Hingabe.

„Weiß er von uns?“, erkundigte er sich, nur knapp im Kuss innehaltend. Sie schüttelte den Kopf und zog ihn noch näher an sich.

„Die Pflicht ist morgen, Liebster. Jetzt will ich nur bei dir sein und dir alles schenken, was ich seit Monaten für dich aufhebe“, flüsterte sie und zog ihn sanft, aber bestimmt zum Bett.

Er folgte ihr und ließ es geschehen, dass sie ihm die Tunika auszog, während er vorsichtig ihre Robe öffnete und sachte ihre Haut liebkoste. Sie seufzte sehnsüchtig. Sie wollte ihn und konnte es kaum erwarten, dass er weitermachte.

„Bitte, lass mich nicht warten“, flehte sie. „Mach mich glücklich.“

Er nickte schweigend und ließ sich dennoch viel Zeit, sie sanft zu entkleiden und ihr zu helfen, ihn auszuziehen. Sie zog ihn bebend vor Erwartung in die Kissen und überließ sich völlig seiner zärtlichen Vorbereitung, die keine Hast kannte und ihr einen Wonneschauer nach dem anderen durch den Körper trieb. Zarte Küsse von der Halsbeuge bis knapp unter dem Bauchnabel erhitzten sie. Ihre Hände suchten nach ihm und zogen ihn zu sich. Im ersten Impuls wollte er widerstehen, doch ihr Streicheln an seiner empfindsamsten Stelle zwischen den Beinen nahm ihm die Entscheidung ab. Wie schon in der ersten gemeinsamen Nacht in Ibelin siegte Heißhunger über Appetit und Genuss. Jegliche Beherrschung zerriss wie ein viel zu schwaches Band, verbrannte in der Glut der aufgestauten Leidenschaft, als sie ineinander sanken und sich mit heftigen, unkontrolliert wirkenden Bewegungen körperlichen Frieden holten, um dann gemeinsam erschöpft in den tiefen Schlaf liebesseliger Mattigkeit zu fallen.

Der anbrechende Morgen fand die Prinzessin in den Armen ihres geliebten Ritters. Ein Sonnenstrahl, der die einzige Spalte in den zugezogenen Vorhängen ausnutzte, um schamlos in die Verschwiegenheit des Schlafgemachs zu schlüpfen, fiel direkt auf das Gesicht der Prinzessin. Blinzelnd schlug sie die Augen auf. Die wunderbare Wärme des geliebten Mannes teilte sich ihr buchstäblich hautnah mit, als sie sich noch einmal bei ihm zurecht kuschelte. Sie sah auf und bemerkte, dass Balian die Augen noch geschlossen hatte. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, das einfach ansteckend war. Sibylla richtete sich halb auf und hauchte einen zarten Kuss auf seine warmen Lippen.

Balian träumte. Er träumte von der Liebe mit Sibylla; davon, Balduin-Raymond als seinen Stief- nein, Adoptivsohn heranwachsen zu sehen; er träumte von dem, was sein Vater ihm vorgeschwärmt hatte: Von Liebe statt Hass, Frieden statt Krieg, einem Königreich des Gewissens; von einem Hochzeitsjubiläum, bei dem der König von Jerusalem als stattlicher junger Mann mit seiner Frau und seinen Kindern ebenso Gast seiner Mutter und seines Adoptivvaters war wie sein Halbbruder und seine Halbschwester mit Ehegatten und Kindern – und alles unter einem Wappen von Gold mit dem schwebenden, dunkelroten Tatzenkreuz Ibelins in wogenden, grünen Feldern. Er träumte von einem Kuss, den Sibylla ihm gab – aber so realistisch war ihm ein geträumter Kuss noch nie erschienen. Noch vom Halbschlaf umfangen umarmte er sie und erwiderte ihren Kuss.

„Guten Morgen“, murmelte er verschlafen.

„Guten Morgen, Liebster“, hörte er ihren leisen Gruß direkt an seinem Ohr. „Schläfst du noch?“

„Halb – und gleich wieder ganz.“

Doch entgegen seinen Worten schlug er die Augen auf. Im strahlenden Licht des neuen Morgens leuchteten seine warmen, braunen Augen wie transparente Bernsteine. Sibylla sah ihm lange in die Augen.

„Weißt du eigentlich, was für schöne Augen du hast, Balian?“

„Wenn du es sagt, meine Prinzessin …“, lächelte er und strich ihr sanft durch das offene Haar, das wie ein langer, dunkler Vorhang zwischen ihnen beiden und dem Fenster hing. Er spürte ihre Hand, die sanft seinen Bart erkundete und schloss die Augen wieder genießerisch.

„Woran denkst du?“, fragte sie lächelnd.

„An etwas, an das ich besser nicht denken sollte.“

„Und was ist das?“, bohrte sie. Er schlug die Augen wieder auf und streichelte liebevoll ihr Gesicht.

„An eine Zukunft mit dir – aber das ist unmöglich“, erwiderte er. „Ich habe dir versprochen, keine Ansprüche an dich zu stellen, und dabei bleibe ich auch.“

Sibyllas Zeigefinger zeichnete sanft den Umriss eines deutlich unter der Haut ihres Geliebten abgezeichneten Bauchmuskels nach. An diesem Mann war kein Lot Fett zu viel – eher zu wenig. Die Berührung machte beiden Lust auf mehr und entlockte Balian ein genüssliches Seufzen. Sie fuhr fort, ihn zart zu reizen und ließ die Hand weiter abwärts wandern, während ihre Lippen jeden einzelnen Bauchmuskel zart liebkosten. Er schloss die Augen und wagte kaum zu atmen, als sie die Haut unterhalb des Nabels küsste und ihre Hand sanft seine Männlichkeit umschloss. Sie übte keinen Druck aus, hielt ihn einfach nur sacht in der Hand und hörte den Geliebten seufzen.

„Schön so?“, fragte sie.

„Ja“, hauchte er. Zarte Fingerkuppen strichen ganz sacht über die schwellende Quelle des Lebens, bis sie aufrecht stand. Sie führte ihn zu ihrer Pforte und lud ihn ein. Sie glitten leicht ineinander, liebten sich langsam und genussvoll, trugen sich gegenseitig zu einem glückseligen Höhepunkt und kamen atemlos zur Ruhe.

Eine Weile schwiegen sie und genossen die Nähe des geliebten Menschen. Nie zuvor hatte sie sich so geborgen gefühlt wie an diesem Morgen in seinen Armen. Es hätte ewig so bleiben können.

„Balian?“

„Hmm“, brummte er bestätigend und zog sie noch etwas näher an sich.

„Ich bin glücklich bei dir. Bitte, schick uns nicht wieder fort“, bat sie. Er schüttelte leicht den Kopf und küsste sie zart auf die Stirn.

„Wie käme ich dazu? Außerdem muss ich annehmen, dass Guy dir und Balduin nach dem Leben trachtet. Bleibt, solange ihr mögt. Nablus ist für dich und deinen Sohn offen, mein Liebling“, erwiderte er leise.

„Bist du dir sicher, was Guy betrifft?“

„Guy will keinen Frieden mit den Sarazenen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Er hängt der Ansicht der Templer an, dass Moslems und Christen nicht am gleichen Fleck leben können. Allein kann er keinen Krieg anzetteln, jedenfalls nicht durch eine direkte Kriegserklärung an Saladin. Die Befugnis hat er nicht, und Balduin wird einem Krieg nicht zustimmen. Dazu haben dein Bruder und du ihn nicht erzogen. Balduin ist noch ein Kind, aber er ist der König und ohne dessen Unterschrift kann Guy keine eigenen Entscheidungen treffen, die so weitreichend sind. Reynald hat versucht, hier in der Gegend Unfrieden zu stiften und die Moslems zur Intifada aufzustacheln. Das ist ihm nicht gelungen, weil es hier ein gut funktionierendes Signalsystem gibt, durch das rechtzeitig Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Im Gegenteil: Moslems, Christen und Juden haben sich hier gegen Reynald und seine Templer geradezu verbündet. Da es nicht geklappt hat, die Moslems gegen die Christen aufzuhetzen, versucht er es jetzt anders herum und versucht, die Christen gegen die Moslems zu treiben. Glaube mir, es war kein Zufall, dass ihr angegriffen worden seid“, erklärte Balian.

„Aber einen wirklichen Beweis gibt es nicht, oder?“

„Nein, aber die Anzeichen scheinen mir doch überdeutlich zu sein. Warum ich das annehme, habe ich gestern gesagt“, entgegnete er sanft.

„Ich habe Angst um meinen Sohn, Balian.“

„Hier seid ihr sicher. In Nablus droht euch keine Gefahr, auch nicht von Moslems.“

Seine warme Stimme wirkte beruhigend auf die Prinzessin. Sie schmiegte sich an ihn und spürte seine starken Arme, die sie zärtlich umfingen.

„Zum ersten Mal, seit ich erwachsen bin, fühle ich mich geborgen“, flüsterte sie. „Niemand konnte oder wollte mir das bisher geben.“

Sie spürte, dass er seine Nase in ihrem Haar vergrub und schnurrte zufrieden.

„Und deshalb möchte ich gern von einer gemeinsamen Zukunft mir dir träumen, Balian von Ibelin“, setzte sie hinzu.

„Auch wenn ich dich jetzt sehr enttäusche, aber ich muss langsam aufstehen“, sagte er leise. Sie sah ihn an und nickte zögernd.

„Almaric, Dominique und ich wollen heute mit einem größeren Trupp Richtung Jordan reiten und nachsehen, ob Reynald nicht wieder Unfug macht. Ich hoffe, heute Abend zurück zu sein, um den Wünschen meiner Prinzessin nachkommen zu können und dir zu Diensten zu sein.“

„Du … betrachtest eine solche Nacht als Dienst?“

Sibyllas Frage klang geradezu erschrocken. Balian lächelte sanft.

„Als einen sehr angenehmen Dienst, der mir eine Freude ist. Vor allem, wenn die Mutter meines Königs so ruhig und zufrieden schläft, nachdem ich diesen angenehmen Dienst getan habe.“

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass du dich als männliche Mätresse betrachtest?“, fragte sie mit einem schelmischen Lächeln.

„Weil ich genau das bin. Du bist eine unglücklich verheiratete Frau und ich bin dein treuer Diener, der dir gibt, was du brauchst. Das ist für mich nicht erniedrigend, versteh’ mich bitte nicht falsch. Ich liebe dich und ich genieße es sehr, wenn du in meinen Armen liegst, wenn wir uns lieben. Es ist wunderschön“, entgegnete er.

„Du fühlst dich also nicht verlassen, wenn ich nicht hier bin?“, hakte sie nach. Er grinste.

„Was immer ich jetzt sage, du wirst es falsch verstehen.“

„Fühlst du dich einsam?“, fragte sie nochmals und streichelte sanft über sein Gesicht.

„Du verlangst Ehrlichkeit. Ja, ich bin einsam, wenn du nicht bei mir bist. Die letzten Monate waren nicht schön. Aber du bist nicht meine Frau, du bist die eines anderen. Andererseits kommt gegenwärtig aber auch keine allzu lange Muße auf. Reynald hält mich und meine Männer gut auf Trab. Ich falle am Abend öfter ins Bett, als ich freiwillig hineingehe. Ich weiß, ich hätte es anders haben können, wäre ich dem Wunsch deines Bruders gefolgt – doch ich wollte nicht an einem Krieg der Christen untereinander schuldig sein.“

Sibylla seufzte. Tränen traten in ihre Augen.

„Es … tut mir so Leid, Balian“, schluchzte sie.

„Schhh“, flüsterte er und legte ihr zart einen Finger an die Lippen. „Dir muss nichts leidtun. Es ist alles gut. Alles gut“, flüsterte er tröstend, umarmte sie und ließ sie die Sicherheit seiner Nähe spüren. Sibyllas nagende Angst löste sich wieder auf. Sie spürte wieder den tiefen Frieden, in dem sie in dieser Nacht geschlafen hatte. Balian war ein Wunder für sie.

„Ich … ich möchte nicht wieder zurück nach Jerusalem. Ich ertrage diesen goldenen Käfig nicht mehr“, flüsterte die Prinzessin.

„Ihr könnt bleiben, solange ihr wollt. Ich kann meinen König wohl schlecht aus dem Haus werfen …“, grinste er. Sie sah sein Grinsen nicht, weil sie den Kopf auf seine breite Brust gelegt hatte, aber sie hörte es an seinem amüsierten Ton im letzten Satz.

„Du machst es von Balduins Entscheidung abhängig? Dann ist der königliche Palast in Zukunft in Nablus“, erwiderte sie, die ebenfalls lächeln musste. Sie wussten beide nur zu gut, wie gern Balduin bei diesem Vasallen war und dass er – wenn er die Entscheidung treffen konnte – nirgendwo anders hätte sein wollen, wenn Balian schon nicht nach Jerusalem konnte, weil Guy den jungen Baron aus der Stadt verbannt hatte.

„Mir soll es recht sein. Ich brauche dann jedenfalls nicht nach Ausreden zu suchen, warum ihr bei mir seid“, sagte Balian. „Andererseits …“

Er zögerte.

„Was andererseits?“

„Andererseits weiß ich nicht, wie lange Guy dann stillhält und in Jerusalem bleibt. Wir müssen damit rechnen, dass er dir als seiner Ehefrau und Balduin als seinem Mündel folgt. Und ich könnte ihn nicht daran hindern. Ich habe nicht das Recht, dem Vormund meines Königs den Aufenthalt in Nablus zu verweigern“, erklärte der junge Ritter.

„Du kennst deine Rechte und Pflichten genau, wie es scheint“, bemerkte sie mit einem Lächeln. Er nickte.

„Mein Vater war fleißig in der kurzen Zeit, die wir noch miteinander verbringen durften. Und sonst ist Almaric mein wandelndes Verzeichnis der Rechte und Pflichten.“

„Ich sehe, du nutzt es“, erwiderte die Prinzessin, richtete sich halb auf und küsste den geliebten Ritter erneut. Er genoss den Kuss und erwiderte ihn mit liebevoller Leidenschaft, die erneut Begehren auslöste.

„Ich sollte dich jetzt nicht weiter aufhalten“, flüsterte sie, als auch bei ihr das Begehren höher stieg, als sie eigentlich beabsichtigt hatte.

„Eine angenehme Art, die Pflicht zu vergessen …“, murmelte er und setzte den Kuss dann fort, die Pflicht einfach vergessend, ließ seine Hand sanft in ihren Schoß gleiten, um seine Prinzessin aufs Neue zu verwöhnen und sie glücklich zu machen … Ein neuer Akt zärtlicher Leidenschaft riss sie beide von neuem in einen wirbelnden Strudel von Wonne und überschäumender Lust.

***

Kapitel 19

Der Wesir von Urfa

Einige Stunden später war Balian dann mit Almaric und einem Teil seiner Männer im Land westlich des Jordan unterwegs. Dominique, Almarics Bruder, war mit zwei der Soldaten als Späher unterwegs und kam jetzt zu Balian und den übrigen Ibelinern zurück.

„Templer, Mylord Balian! Sie haben eine Sarazenenkarawane angegriffen!“

„Wo?“, fragte der Baron.

„Unten in dem Wadi, das zur Straße nach Damaskus führt!“

„Hoffentlich können wir noch was retten! Vorwärts!“

Balian zog sein Schwert und gab seinem Pferd die Sporen, seine Männer folgten ihm im rasenden Galopp.

Die Templer unter Reynald de Châtillons Führung griffen die hauptsächlich aus Kamelreitern bestehende Karawane von allen Seiten an. Sie benahmen sich keinen Deut anders als normale Räuber – nur waren sie Mönche und trugen den weißen Rock mit dem roten Kreuz der Tempelritter. Als einer von ihnen die Ibeliner über den Kamm des Wadis kommen sah, rief er Reynald zu, dass Verstärkung käme, dann erst sah er, dass die Neuankömmlinge Ibeliner Wappenröcke und Lanzenbanner hatten.

„Ibelin!“, alarmierte er den Anführer. Reynald sah zu seinem Schrecken, dass die Ibeliner bereits die Schwerter gezogen hatten. Den Templern war klar, dass Balian und seine Leute alles daran setzen würden, sie hier zu vertreiben. Reynald ließ zum Rückzug blasen. Zwar galten die Templer gemeinhin als die ersten beim Angriff und die letzten beim Rückzug – doch schlugen sie sich letztlich selten mit anderen Christen. Nicht aus Feigheit, dieses Wort existierte im Wortschatz eines Tempelritters einfach nicht, aber sie sahen ihre Aufgabe darin, die christlichen Pilger zu beschützen und den Heiden die Hölle heiß zu machen. Unter diesem Aspekt war der Kampf gegen die Heiden eine geradezu gottesfürchtige Handlung, auch wenn es durchaus Kirchenvertreter gab, die das anders sahen. Aber gegen christliche Ritter zu kämpfen, war eine andere Sache. Hier setzte wohl die Skrupellosigkeit eines Reynald de Châtillon an, doch sein Ziel war, die Moslems gegen Christen aufzustacheln. Es nützte seinen Zielen nichts, wenn er durch Kämpfe mit den Ibelinern Leute verlor oder gar selbst dabei Balian in die Hände geriet. Sollte der sich mit seinen Männern doch müde toben …

Die Templer verschwanden eilig, einige Tote zurücklassend, die den inzwischen kampferprobten Ibelinern und ihrem Baron zum Opfer gefallen waren. Reynald wusste nur zu gut, dass Balian und seine Leute sich vorrangig um die Verwundeten der überfallenen Karawane kümmern würden. Nach de Châtillons Überzeugung war der Junge einfach ein romantischer Träumer, der irgendwann an der harten Realität Palästinas scheitern würde …

Tatsächlich verfolgten nur drei Ibeliner die Templer, mehr um sicherzugehen, dass sie wirklich verschwanden, als um sie zu stellen. Balian hatte inzwischen akzeptieren müssen, dass er zu wenige kampftüchtige Männer hatte, um den stets von großem Aufgebot umgebenen Reynald zu stellen oder die Templerplage, wie er es nannte, ein für allemal abzustellen. Dafür war der Templerorden zu groß, zu gut organisiert und die einzelnen Stützpunkte zu stark befestigt – von Reynalds Burg Kerak ganz zu schweigen.

Die anderen Gefolgsleute des Barons von Ibelin untersuchten rasch die hingemetzelte Karawane und fanden außer zehn Toten noch fünf mehr oder weniger schwer verwundete Sarazenen. Einer der Überlebenden war so kostbar gekleidet, dass dem Baron schnell klar war, einen bedeutenden Vertreter der moslemischen Bewohner Palästinas vor sich zu haben.

As-Salam ‘alaykum“, grüßte Balian freundlich, als der graubärtige Mann wieder zu sich kam, nachdem Almaric ihm eine blutende Platzwunde am Kopf mit sauberem Wasser ausgewaschen und einen Verband angelegt hatte. Statt des grünen Turbans, den ihm die Templer von Kopf geschlagen hatten, trug er nun einen weißen. Der ältere Mann sah den jungen Ritter eine Weile an.

U ‘alaykum as-Salam“, erwiderte der Sarazene schließlich mit einem unterdrückten Ächzen. „Ihr könnt nur der Hakim Ibelin sein.“

Balian lächelte verbindlich.

„Der bin ich. Aber wie seid Ihr darauf gekommen?“

„Euer Rock, Sidi – und Euer Schwert. Beide sind berühmt unter den Moslems. Wer außer Euch und Euren Gefolgsleuten würde von den Ungläubigen einem Moslem helfen? Allah sei mit Euch, Hakim Ibelin“, erwiderte der ältere Sarazene.

„Und mit Euch, mein Freund“, antwortete Balian. „Wer seid Ihr?“

„Ali ibn Omar, Wesir des Emirs von Urfa“, stellte der überfallene Reisende sich vor.

„Ihr seid auf dem Weg nach Ägypten? Zu Sultan Saladin?“

„Das waren wir, ja. Sagt mir, Hakim Ibelin: Wird der König von al-Quds diese Ungläubigen bestrafen?“

„Ich werde sie jedenfalls der Räuberei anklagen“, versprach Balian. „Eure Karawane ist ausgeraubt und Eure Kamele sind tot. Wollt Ihr Euch erst einige Tage in Nablus erholen, Ali ibn Omar? Ihr und Eure Gefährten?“, schlug er dann mit einem Lächeln vor.

„Ich danke für Eure Gastfreundschaft, Hakim Ibelin. Allah hat einen gerechten Sidi in Nablus.“

Balian half dem Wesir auf. Für die drei Verwundeten, die nicht mehr reiten konnten, bauten Balian und seine Männer aus Kamelsattelteilen Schleppbahren. Zwei herrenlose Pferde gefallener Templer fanden sich noch. Balian überließ die Tiere den beiden anderen Sarazenen quasi als Anzahlung für den fälligen Schadenersatz.

Da der Tag nun doch weit fortgeschritten war, kehrten die Ibeliner und ihre Gäste nach Nablus zurück. Doch so wachsam sie auch waren, den im Wüstenkleinkrieg durchaus erfahrenen Templern gelang es doch, den ungeliebten Ibelinern einen Hinterhalt zu stellen. Reynald wollte Balian einen gehörigen Denkzettel für seine Störung des Überfalls auf die Karawane des Wesirs von Urfa verpassen. Die Templer saßen gut verborgen zwischen Felsen über einem zweiten Wadi, das die Ibeliner mit den geretteten Sarazenen auf dem Rückweg nach Nablus durchqueren mussten. Der ehemalige Fürst von Antiochia hob seinen Bogen, zielte sorgsam auf das dunkelrote Kreuz auf Balians linker Brust.

Du bist doch ein Schwachkopf, Ibelin! Wie kann man sein Herz nur so überdeutlich markieren?’, dachte er. ‚Warum bin ich nicht schon längst darauf gekommen? Ist doch wirklich die einfachste Lösung des Problems Balian von Ibelin’, durchzuckte es ihn dann. Er ließ den Pfeil von der Sehne schnellen.

Sidi! Vorsicht!“, schrie ein Reiter hinter Balian, der Reynalds Helm in der Sonne hatte blitzen sehen. Erschrocken drehte der Angerufene sich um – und das rettete ihm das Leben. Statt des anvisierten Kreuzes traf der Pfeil ihn ein Stück höher in der Schulter, weil er sich beim Umdrehen leicht gebückt hatte. Mit einem Schmerzlaut sackte er noch weiter zusammen, hielt sich aber im Sattel. Almaric gab Alarm, die Ibeliner hoben ihre Schilde und die Pfeilattacken der Templer blieben wirkungslos. Doch sie hatten keine Chance, das Wadi im Galopp hinter sich zu lassen, ohne die drei Schwerverwundeten gravierend zu gefährden, die sie auf Schleppbahren mit sich führten.

Sie zogen sich außerhalb der Bogenreichweite zurück und zehn von ihnen stürmten die Felsen letztlich zu Fuß, gedeckt mit den Schilden, weil die Felsen mit den Pferden nicht begehbar waren – aber die hinterhältigen Wüstenkleinkrieger im Mönchsgewand waren verschwunden. Resigniert und unverrichteter Dinge kehrten sie zu den anderen zurück. Für die Ibeliner war es kein wirklich guter Tag gewesen – und Balian war obendrein verwundet.

Sibylla hatte sorgenvoll gewartet und ihre Sorgen waren größer geworden, nachdem es dunkel wurde und Balian mit seinen Männern noch nicht zurückgekehrt war. Achmed hatte ihr gesagt, dass Balian seine Patrouillen für gewöhnlich vor Einbruch der Dunkelheit beendete. Erst eine gute Stunde nach Sonnenuntergang erfüllte lärmende Geschäftigkeit den Hof des Lehenssitzes. Die Prinzessin kam heraus und sah im Schein der Fackeln zu ihrem blanken Entsetzen, dass Balians Waffenrock einen großen, dunklen Fleck im Bereich der linken Schulter hatte, der fast bis zum Wappenkreuz auf der linken Brustseite reichte.

„Balian!“, entfuhr ihr ein Schreckensruf. Der Angesprochene sah recht mühsam hoch. Die Pfeilwunde verursachte stechende Schmerzen. Im nächsten Moment verließen ihn die letzten Kräfte, und er rutschte bewusstlos aus dem Sattel. Almaric und Hassan, einer der von ihnen geretteten Sarazenen, konnten ihn gerade noch auffangen, bevor er auf dem Boden aufschlug.

„Bringt ihn in sein Schlafgemach!“, wies die Prinzessin die Männer an, die der Aufforderung nachkamen und den Hausherrn in seine persönlichen Gemächer trugen. Ali ibn Omar folgte ihnen ebenso wie Sibylla.

Almaric und Hassan befreiten Balian von Wappenrock, Rüstung und Unterzeug, dann wollte der Hauptmann einen gerade zu Besuch weilenden Johanniterbruder holen, damit er Balians Wunde versorgte. Ali ibn Omar trat ihm in den Weg.

„Nein“, sagte er, „Allah hat diesen Mann mit Euch und Euren Soldaten gesandt, um meine Begleiter und mich vor den ungläubigen Hunden des schurkischen Herrn von Kerak zu schützen. Lasst mich Eurem Herrn als Dank dafür helfen“, bot er an.

„Könnt Ihr das?“, fragte Almaric mit sichtbaren Zweifeln im Gesicht wie in einem offenen Buch.

„Ich bin der Wesir des Emirs von Urfa, aber ich bin auch einer seiner Leibärzte. Jene Eurer Brüder im schwarzen Gewand mit dem weißen Kreuz sind zwar recht fortgeschritten in der Heilkunst, doch Eure zuweilen etwas … groben … Methoden könnten Hakim Ibelin den Arm kosten. Bitte, lasst mich Eurem Herrn helfen“, sagte Ali. Der Hauptmann sah Sibylla unsicher an. Die junge Frau nickte.

„Gut, dann sei es, Sidi“, antwortete er.

Ali ibn Omar ließ Wasser abkochen und reinigte mit dem abgekochten und abgekühlten Wasser die Wunde vom getrockneten Blut, während ein scharfer Krummdolch in der Feuerpfanne erhitzte. Sibylla betrachtete den Krummdolch mit ängstlichem Blick und betete, dass Balian noch so lange ohne Bewusstsein bleiben würde, bis der Arzt mit der Operation fertig war.

„Was habt Ihr vor, o Wesir?“, fragte sie dennoch.

„Die Pfeilspitze steckt noch in der Wunde. Ich muss sie herausschneiden. Dafür muss die Klinge sehr scharf und fast glühend sein. Die Hitze wird die Wundränder schließen und so eine raschere Heilung ermöglichen“, sagte er in einem beruhigenden Ton. Die Klinge war heiß genug, der Arzt arbeitete schnell und schnitt geschickt die in der Muskulatur steckende Pfeilspitze heraus. Die heiße Klinge brannte die Wundränder nebenbei aus und verschloss sie.

Gott, der Allmächtige, hatte Sibyllas stummes Gebet erhört, denn Balian wachte nicht auf. Ali war fertig und winkte Hassan herbei, damit der die Wunde verband, aber die Prinzessin wehrte ab.

„Wollt Ihr mir zeigen, wie man das richtig macht, weiser Wesir?“, fragte sie. Ali nickte und zeigte ihr, wie sie den Verband um die Schulter richtig anlegte.

„Denkt bitte daran, die Wunde immer sauber zu halten“, mahnte er freundlich. „Und nehmt dafür nur sauberes Brunnenwasser, das vorher abgekocht wurde. Es muss eine Weile richtig sprudelnd sieden. Wenn es abgekühlt ist, könnt Ihr die Wunde damit auswaschen“, fuhr er fort und gab ihr ein kleines Seidensäckchen. „Noch besser ist es, wenn Ihr aus diesen Kräutern einen Aufguss mit kochendem Wasser bereitet und die Wunde mit dem abgekühlten Aufguss behandelt. Die Kräuter unterstützen die Heilung zusätzlich“, erklärte er dazu. Die Prinzessin nickte. Der Arzt sah sie eine Weile an.

„Seid Ihr seine Gemahlin?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein“, erwiderte sie wahrheitsgemäß. „Wie Ihr verdanke ich Baron Balian das Leben und möchte meine Schuld so abtragen.“

Ali sah sie weiterhin forschend an.

„Allah tut nichts ohne Grund. Glaubt mir, schöne Frau, dass Ihr für ihn bestimmt seid“, lächelte er. Dem klugen Arzt war nicht entgangen, dass sie die ganze Zeit Balians rechte Hand gehalten und zärtlich gestreichelt hatte. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie das getan hatte, hatte ihm gezeigt, dass diese junge Frau den jungen Baron aus tiefstem Herzen liebte. Er erhob sich leise und verließ das Gemach mit einem wissenden Lächeln, während Sibylla bei Balian sitzen blieb und ihn weiterhin liebevoll streichelte.

Balians Bewusstlosigkeit ging bald in tiefen Schlaf über, aber Sibylla mochte ihn noch nicht allein lassen. Ein leises Geräusch machte sie aufmerksam. Sie sah zur Tür und fand dort ihren Sohn im Nachthemd stehend. Der Kleine rieb sich müde die Augen.

„Maman, erzählst du mir noch eine Geschichte?“, fragte er.

„Raymond, du solltest längst schlafen. Es ist schon spät, mein Schatz“, sagte sie mit einem mühsamen Lächeln.

„Ich kann aber nicht schlafen, Maman“, erwiderte er. Dann fiel sein Blick auf Balian und dessen verbundene linke Schulter.

„Was ist denn mit Onkel Balian, Maman?“

Neugierig kam der junge König näher. Sibylla konnte ihn gerade noch stoppen, bevor er auf das Bett krabbelte.

„Onkel Balian hat eine Wunde in der Schulter und er schläft jetzt, Spatz“, sagte sie und strich Raymond sanft über den Kopf, umarmte ihren Sohn.

„Und warum hat er die Wunde?“, fragte der Junge besorgt.

„Wesir Ali ibn Omar hat mir gesagt, dass Onkel Balian und seine Leute von Templern angegriffen wurden, wie die Muslime, die sie vorher vor ihnen gerettet hatten. Dabei ist Balian wohl verwundet worden“, sagte sie leise.

„Tut das weh?“, fragte Raymond.

„Ja, sicher. Eine Pfeilspitze steckte in Onkel Balians Schulter. Der Arzt hat sie herausschneiden müssen. Aber davon hat er nichts gemerkt, weil er schläft.

„Wird … wird er denn wieder gesund?“, erkundigte sich Raymond mit sichtlicher Angst. Sibylla nickte.

„Ja, bestimmt, mein Schatz“, erwiderte sie zuversichtlich. Raymond kuschelte sich an seine Mutter.

„Warum haben die Templer das getan, Maman? Onkel Balian ist doch ein christlicher Ritter – und er ist mein Freund. Das dürfen die doch nicht!“

„Weißt du, manches ist in unserer Welt sehr kompliziert. Ganz bestimmt dürfen die Templer keinen treuen Ritter des Königs von Jerusalem angreifen – und ich kenne keinen Ritter, der dir treuer ist, als gerade Balian von Ibelin, der dich lieb hat, als wäre er dein richtiger Vater. Aber … Recht haben und sein Recht durchsetzen, das sind zwei ganz unterschiedliche Sachen, verstehst du?“

„Maman, ich bin doch der König. Wie kann ich denn mein Recht durchsetzen – und das meines treuen Vasallen, damit die das nicht wieder tun?“

„Das ist eine schwere Aufgabe, mein Sohn“ seufzte Sibylla. „Deine … Macht … als König stützt sich auf die dir treuen Ritter wie Balian oder Tiberias. Aber es wird immer welche geben, die meinen, sie müssen dir nicht gehorchen, weil sie größer sind als du, oder älter oder einfach stärker. Die, die meinen, dass sie stärker sind als du, die werden immer so böse sein, wie die, die Balian wehgetan haben. Denen kannst du nur Grenzen setzen, wenn du noch stärkere Männer als sie hast und sie damit besiegen kannst.“

„Aber das heißt doch, dass Christen gegen Christen kämpfen. Wir sollen uns doch aber vertragen!“, protestierte Balduin-Raymond.

„Ja, stimmt. Nur wollen manche eben, dass sie ihre Interessen durchsetzen, egal, was das für andere bedeutet. Dafür tun sie anderen weh. Das hat schon Onkel Balduin erleben müssen, und dein Großvater und Urgroßvater auch.“

„Aber was haben die denn dagegen getan?“, fragte Raymond verzweifelt. Sibylla umarmte ihren Sohn und wiegte ihn tröstend.

„Sie hatten ihre treuen Vasallen, die ihnen geholfen haben, Recht und Ordnung herzustellen. Dein Urahn, König Fulko, der hatte einen großen Teil des Adels gegen sich. Aber Balians Großonkel Balian der Alte, der hat zu ihm gehalten und dafür mit seinem eigenen Bruder gebrochen, der den Aufstand anführte. Mit Balians Hilfe konnte Fulko den Aufstand beenden und seitdem sind die Barone von Ibelin ganz besondere Freunde unserer Familie.“

„Hast du die auch so lieb gehabt, wie Onkel Balian, Maman?“

„Auf eine andere Art. Baron Godfrey, Balians Vater, der war für Onkel Balduin und mich wie ein Vater. Wir beide haben ihn wie einen Vater geliebt, so wie du Balian wie einen Vater lieb hast“, erklärte Sibylla sanft. Balduin-Raymond setzte sich auf den Schoß seiner Mutter, kuschelte sich noch dichter an sie und sah den schlafenden Baron eine Weile an.

„Und wer beschützt Onkel Balian?“ fragte er schließlich und sah zu seiner Mutter hoch. Sie umarmte ihren Sohn beinahe verzweifelt.

„Niemand, der auf Erden ist, mein Sohn. Er kann sich nur selbst vor seinen Feinden schützen und auf Gottes Hilfe hoffen“, seufzte sie und drückte ihm einen sanften Kuss auf das blonde Haar, das er von seinem Vater geerbt hatte.

„Das ist nicht gerecht“, maulte er. Sibylla musste lächeln.

„Nein, mein Schatz, das ist es nicht“, bestätigte sie.

„Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, dass ich als König meinen treuen Vasallen Gerechtigkeit zukommen lasse. Sonst ist doch ein König nichts wert. Wozu gibt es mich denn dann?“

„Das ist eine kluge Frage, Raymond. Du solltest deine Vasallen zu einer Versammlung nach Jerusalem rufen und sie ihnen stellen“, empfahl sie und küsste ihren Sohn voller Liebe. „Dann wird sich zeigen, wer wirklich zu dir hält und wer dir als König nicht treu ist.“

Raymond sah seine Mutter direkt an.

„Was Onkel Balian dann sagen wird, das weiß ich schon. Den muss ich nicht fragen“, griente er. „Maman, bleiben wir denn noch in Nablus, bis Onkel Balian wieder gesund ist?“, fragte er dann.

„Nun, du bist der König, Raymond. Balian überlässt es allein dir, wie lange du bleiben möchtest“, sagte Sibylla.

„Dann bleib’ ich“, gähnte er, kuschelte sich in Sibyllas Arm – und war im nächsten Moment eingeschlafen. Sie wartete noch eine Weile und trug dann den fest schlafenden Jungen in sein Schlafgemach hinüber und legte ihn in sein Bett. Er würde noch lange Zeit den verlässlichen Schutz durch Balian brauchen. Wenn Balduin-Raymond diesen Schutz nicht hatte, dann würde er nicht mehr lange leben, sagte sich Sibylla – und die Vorstellung ließ sie zittern. Balian musste ganz schnell wieder nach Jerusalem kommen und ihrem Sohn im Königspalast zur Seite stehen, sonst war die Königsfamilie der Anjou in ihrem Bestand ernsthaft bedroht …

***

Kapitel 20

Glückliche Zeit

Sibylla kehrte wieder zu Balian zurück und setzte sich wieder an sein Bett. Er schlief so ruhig und tief, dass die Prinzessin bald selbst einnickte und schlafend neben ihren Geliebten sank.

Er erwachte am nächsten Morgen davon, dass er eine falsche Bewegung gemacht hatte. Die Pfeilwunde verursachte prompt starke Schmerzen, die ihn aus dem Schlaf rissen. Sein schmerzvolles Stöhnen ließ auch sie hochfahren, die immer noch neben ihm lag – angezogen, wie sie in der Nacht zuvor in den Schlaf gefallen war.

„Nein, bleib liegen!“, mahnte sie und hielt ihn an der gesunden Schulter fest.

„Sibylla …“, murmelte er. „Hast du die ganze Nacht hier gesessen, meine Prinzessin?“, fragte er dann.

„Balian, wie oft soll ich dich noch bitten, mich nicht Prinzessin zu nennen?“ seufzte sie. Er lächelte verschmitzt.

„Wenigstens einmal noch – wie immer“, grinste er und nahm sanft ihre Hand. Das Grinsen wich einem zärtlichen Lächeln, als sie enttäuscht eine Schnute zog.

„Sibylla, du wirst immer meine Prinzessin bleiben – unabhängig von der Tatsache, dass du die Schwester meines verstorbenen und die Mutter meines jetzigen Königs bist. Wäre ich immer noch ein Hufschmied in Frankreich ohne jeden Titel und du meine Frau, wärst du auch meine Prinzessin – meine ganz persönliche Prinzessin“, sagte er leise, zog ihre schmale Hand zu sich heran und drückte einen zärtlichen Kuss darauf.

„Danke“, flüsterte er. Sie war tief berührt von dieser Liebeserklärung. Sie beugte sich über ihn und küsste ihn lange und liebevoll. Seine Hand, die ihr Gesicht gestreichelt hatte und sich nun den Weg über ihren Hals zu empfindsameren Zonen suchen wollte, hielt sie aber auf.

„Nein“, widersprach sie kopfschüttelnd, „das wäre nicht sehr vernünftig.“

„Wirklich?“, fragte er spöttisch, zog sie wieder zu sich herunter, tupfte einen Kuss auf ihre Lippen und gab sie dann frei. Sie blieb über ihm.

„Was machst du eigentlich mit mir, Balian von Ibelin?“

„Wieso?“

„Du bist wirklich nicht der erste Mann in meinem Leben, aber bisher hat es noch keiner so verstanden, mir den Kopf zu verdrehen“, lächelte sie.

„Vermutlich hat dich auch noch kein Mann wirklich geliebt“, mutmaßte er. „Deine erste Ehe war eine Vernunftehe, deine jetzige ist eine Zwangsehe. Guillaume war grob zu dir, wie du mir gesagt hast, und Guy … nun ja … ich glaube nicht, dass er zärtlich zu dir ist. Würde er dich lieben und in dir und deinem Sohn nicht nur einen Weg zur Macht sehen, wärst du nicht hier. Ich liebe dich und möchte dich glücklich machen, dir und deinem Sohn ein Zuhause geben, das es wert ist, so genannt zu werden – und sei es nur auf Zeit. Ich möchte für dich da sein, für euch da sein, euch beschützen vor allen Gefahren, die euch beiden drohen können. Wenn dir diese Wünsche den Kopf verdrehen, soll es mir recht sein.“

„Und was wünschst du dir für dich selbst?“ fragte sie leise. Er sah sie lange an.

„Das ist unerfüllbar. Darum spreche ich es nicht aus“, erwiderte er mit dicker werdendem Kloß im Hals.

„Bis jetzt, Balian, hast du nur gegeben“ flüsterte Sibylla. „Warum verlangst du nicht endlich etwas für dich selbst?“

„Was kann ich noch verlangen, nachdem mir so viel gegeben wurde?“, fragte er zurück. „Ich, ein sündiger, einfacher Hufschmied, bekomme einen Vater samt Adelstitel und reichen Ländereien geschenkt, bewohnt von Menschen, die mir wohlgesonnen sind, die mir schier jeden Wunsch von den Augen ablesen. Ich habe mehr Geld, als ich in meinem Leben jemals ausgeben kann, selbst wenn ich mir den Fußboden mit Besantmünzen auslegen würde. Die schönste Frau des Königreiches Jerusalem liebt mich; der König dieses Landes liebt mich, als wäre ich sein Vater; der Statthalter dieses Reiches war schon der beste Freund meines Vaters und hat diese Freundschaft auf mich übertragen. Ich habe Männer, die mir treu ergeben sind und meinetwegen mit dem Leibhaftigen raufen würden. Nein, mir noch mehr zu wünschen, wäre mehr als nur unverschämt“, sagte er.

„Und doch hast du mindestens einen unerfüllten Wunsch …“, lächelte Sibylla.

„Ja, doch den habe ich mir selbst abgeschnitten, weil ich um mein Seelenheil fürchtete.“

„Jener, den du damit geschützt hast, dankt es dir nicht. Er wird es auch weiter nicht tun, sondern versuchen, dich zu vernichten“, warnte sie. „Wer hat dir diese Wunde zugefügt?“, fragte sie dann und strich sanft über den Verband.

„Reynald oder einer seiner Templer“, erwiderte er. Sie wollte etwas sagen, aber seine rechte Hand legte sich auf ihre, die den Verband liebevoll streichelte.

„Ich weiß, dass Reynald im Einverständnis mit Guy handelt. Mir ist klar, dass Guy mich aus dem Weg haben will. Vielleicht nicht, weil ich dir näher stehe, als es ihm lieb sein kann; allein schon, dass ich Frieden mit den Moslems will, ist für ihn Grund genug, mich tot sehen zu wollen. Aber es ist für mich kein Grund, mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Ihn einfach zu töten, wäre Mord. Damit gefährde ich die Seele meiner toten Frau. Das kann ich ihr nicht antun. Ich kam her, um für sie Vergebung zu erlangen. Dann sollte ich keine solche Todsünde begehen“, sagte er leise.

Sie schwieg. Seine verstorbene Frau war ein Thema, über das sie nicht gern sprach, verdeutlichte es ihr doch, wie sehr er noch immer an ihr hing. Selbst wenn es irgendwann möglich war, dass sie und Balian wirklich ein Paar wurden, würde ihr Schatten immer noch zwischen ihnen sein.

„Sibylla …“, riss Balians sanfte Stimme sie aus ihren trüben Gedanken. Sie sah ihn an und fand die Wärme in seinen Augen, die sie so sehr liebte.

„Mach’ dir wegen Natalie keine Gedanken, Liebste. Sie ist tot, damit bin ich für dich und Balduin-Raymond frei. Dass ich sie geliebt habe und immer noch liebe, hindert mich nicht, dich ebenso zu lieben. Sie ist in meinem Herzen, aber du auch. Du lebst, und ich kann dich in meinen Armen halten. Sie braucht diese Umarmung nicht mehr, wenn sie jetzt in Abrahams Schoß liegt“, sagte er. Nachdenklich kaute die junge Frau auf der Unterlippe.

„Wenn sie in Abrahams Schoß ist, wie du vermutest, was kann ihr dann noch gefährlich werden? Wenn sie im Paradies ist, wird sie doch nicht deinetwegen daraus verstoßen werden“, gab sie schließlich zu bedenken. Das Argument war stichhaltig, sagte sich Balian.

„Nun, du hast Recht, wenn du das sagst. Natalie wäre wohl nicht in Gefahr. Aber da ist noch mein eigenes Seelenheil, das ich mit einem Mord an Guy wegwerfen würde. Ich … würde dich wenigstens gern im Jenseits an meiner Seite wissen und dich nicht nur aus den Tiefen der Hölle wiedersehen wollen.“

„Ich werde nicht von dir verlangen, dein ewiges Leben aufs Spiel zu setzen. Das verspreche ich dir“, flüsterte sie und küsste ihn voller Zärtlichkeit. „Hast du Schmerzen?“, fragte sie dann. Er schüttelte den Kopf.

„Nein, nicht mehr. Konnte die Spitze entfernt werden?“

„Ja, Ali ibn Omar hat sie herausgeschnitten. Er scheint ein guter Arzt zu sein.“

„Wir können von den Sarazenen so viel lernen, wenn wir es nur wollen. Ich wünschte, der Waffenstillstand könnte zu einem wirklichen Frieden werden“, sagte Balian. Sibylla seufzte tief.

„Der wird unmöglich sein, solange die Tempelritter sich daran nicht halten.“

„Ich weiß. Leider ist Ibelin nicht stark genug, um Reynald Einhalt zu gebieten. Ich fürchte, ich habe den Mund zu voll genommen, als ich …“, erwiderte er ebenfalls seufzend. Ihr liebevolles Streicheln unterbrach ihn.

„Nein, du musst dich nicht schämen. Du bist der Erste, der es überhaupt gewagt hat, den Templern die Stirn zu bieten. Du hast mehr erreicht, als du dir vorstellen kannst“, erwiderte sie. Balian sah sie zweifelnd an, dann gab er sich einen Ruck, um aufzustehen.

„Willst du etwa aufstehen?“, fragte die Prinzessin besorgt.

„Ja, ich habe keine Schmerzen, mir geht es nicht wirklich schlecht. Dann kann ich auch aufstehen“, gab er zurück.

„Schön, du musst es wissen.“

Er schwang die langen Beine aus dem Bett und blieb dann doch noch auf der Kante sitzen, weil die Welt sich drehen wollte. Es dauerte einige Momente, bis er den Schwindel unter Kontrolle hatte.

„Bist du sicher, dass du das willst?“, fragte sie besorgt. Er nickte.

„Ja, ich befolge einen Rat meines Ziehvaters, der mir nach einer schwereren Verletzung die Empfehlung gab, möglichst ganz schnell wieder auf die Beine zu kommen. Bisher hat es immer geklappt.“

Sie kam um das Bett herum und hielt ihn an seinem gesunden Arm fest, als er wieder schwankte.

„Du hast jetzt Leute, die für dich sorgen“, gab sie zu bedenken. Er schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht dafür geschaffen, mich bedienen zu lassen“, widersprach er. Sie lächelte sanft und sah zu ihm auf, seine einseitige Umarmung genießend.

„Du solltest es dir angewöhnen“, empfahl sie. Wieder Kopfschütteln, verbunden mit dem sanften Lächeln, das sie so liebte.

„Nein, ich fühle mich mit beiden Beinen auf der Erde doch wohler“, sagte er leise. Über die Doppeldeutigkeit dieser Worte musste die Prinzessin schmunzeln.

Er befreite sich vorsichtig aus ihrer Umarmung und zog sich sein Hemd an, das über der Truhe neben seinem Bett lag. Mit einer Hand bereitete das Schwierigkeiten, und sie griff helfend ein, zog den Ärmel über den linken Arm, der durch die Schulterwunde nur unter Schmerzen zu bewegen war. Dann legte sie den linken Arm vorsichtig in eine stützende Schlinge, die sie im Nacken zusammenknotete.

„Warum tust du das?“, fragte er flüsternd ganz nah an ihrem Ohr. Sibylla löste sich nur zögernd von ihm. Dieser weiche, leise Ton seiner warmen Stimme verzauberte sie.

„Was?“, fragte sie.

„Mir beim Ankleiden wie eine Dienerin behilflich zu sein, meine Prinzessin?“, präzisierte er.

„Bitte …“, flehte sie, „nenn mich nicht so.“

„Ich habe dir gesagt, weshalb ich das tue, Liebste“, flüsterte er und legte seine Stirn vertraulich an ihre. Sie spürte aufsteigendes Verlangen nach ihm und bewahrte mit Mühe die Beherrschung, weil sie Sorge um seine verwundete Schulter hatte.

„Du nennst dich oft meinen Diener, Balian. Ich … ich möchte für dich keine Herrin sein. Ich wünschte, ich könnte einfach nur deine Frau sein und dir Kinder schenken.“

„Bitte verzeih mir, wenn ich dich daran erinnere, dass du das nicht bist, Liebste“, flüsterte er.

„Das weiß ich wohl, mein Liebster. Aber wenn Gott will, werde ich eines Tages für dich wirklich frei sein. Wirst … wirst du … auf mich warten, Balian?“

Er lächelte sanft.

„Ich habe von einer Frucht gekostet, die so süß ist, dass jegliche andere Leckerei dagegen bitter ist wie Galle. Wer sollte deine Liebe ersetzen können, meine Prinzessin?“

Sibylla, Balian, einfach Sibylla. Bitte, nenn’ mich nicht Prinzessin, Hoheit, Mylady oder so ähnlich, wenn wir allein sind.

„Auch nicht Mutter meines Königs?“, schmunzelte Balian amüsiert.

„Oh, du …!“, erwiderte sie gespielt zornig und küsste ihn erneut. „Bitte, einfach Sibylla. Bitte, betrachte mich nur als die Frau, die dich liebt. Wenigstens hier bei dir zu Hause.“

Sein Lächeln wurde breiter; er zog sie nahe an sich und küsste sie lange und zärtlich. Sie gab sich der Süße des Augenblicks völlig hin.

„Diesen Wunsch erfülle ich dir nur zu gern, Liebste. Komm, Nablus wartet auf dich.“

Als sie aus dem Gemach traten, stürmte Balduin-Raymond mit einem Freudenschrei auf Balian zu. Der Baron fing den Jungen mit dem gesunden Arm auf und drückte ihn an sich. Ganz fest umarmte der kleine König seinen Wunschstiefvater.

„Guten Morgen, mein König“, grüßte der junge Mann und gab Raymond einen väterlichen Kuss.

„Guten Morgen, Pa… Onkel Balian. Ich freu mich so, dass es dir wieder gut geht“, erwiderte der Junge und drückte den geliebten Vasallen nochmals ganz fest. Balian stöhnte unterdrückt, weil die Schulterwunde erneut schmerzte und Balduin-Raymond ließ ihn erschrocken los.

„Tut dir das weh?“, fragte er besorgt. Balian nickte nur, während er versuchte, den Schmerz unter Kontrolle zu bekommen.

„Das tut mir Leid, das wollte ich nicht“, bat Raymond um Verzeihung. Balian zog ihn wieder an sich.

„Das weiß ich, Raymond. Ist schon gut. Hast du schon gefrühstückt?“

„Ja, mit Tiberias und Almaric“, erwiderte der Junge. „Aber es schmeckt mir besser, wenn du beim Frühstück dabei bist.“

Balian zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

„Ist das so?“, fragte er. Raymond nickte eifrig.

„Würdest du denn mit Maman und mir noch ein Häppchen essen wollen?“

Wieder eifriges Nicken, dann drehte der Junge um und stürmte wie ein kleiner Wirbelwind quer durch den Garten zurück zum Speiseraum. Sibylla und Balian folgten ihm langsam. Sie lehnte verträumt an seiner gesunden Schulter und fühlte sich in Nablus einfach zu Hause.

Sibylla und Balduin-Raymond verlebten mit Balian glückliche Tage in Nablus. Die verwundete Schulter des jungen Barons heilte unter ihrer sorgsamen und liebevollen Pflege zusehends, doch bis er wieder kampffähig war, würde noch einige Zeit vergehen. Schweren Herzens überließ er Almaric die Aufgabe, Reynald in Schach zu halten.

Tiberias sah ein nahezu vollkommenes Familienglück, denn Balduin-Raymond liebte keinen seiner Vasallen so sehr wie Balian von Ibelin. Der Junge betrachtete ihn einfach als sehr nahe Verwandtschaft, mochte man ihm dazu sagen, was man wollte. Balian seinerseits gab sich größte Mühe, dem Jungen den Vater zu ersetzen, den er nie gekannt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Balduin-Raymond, wie väterliche Liebe sein konnte und wünschte sich nichts mehr, als in Nablus bleiben zu können. Balian bekam ein schlechtes Gewissen: Er hätte Balduins Vormund sein können, er hätte Sibyllas Ehemann sein können, er hätte der Regent von Jerusalem sein können. Er begann sich zu fragen, ob seine Entscheidung, das Angebot ihres königlichen Bruders auszuschlagen, wirklich richtig gewesen war …

Etwa zwei Wochen nach seiner Verwundung war die Wunde schon so weit verheilt, dass er auf die stützende Schlinge verzichten konnte. Eines Morgens, als er sich kurz nach Sonnenaufgang an einem Waschtisch im Garten gewaschen hatte und gerade dabei war, sich den Bart zu stutzen, tapsten nackte Füße über die Terrasse. Er sah sich um und sah einen noch etwas verschlafen wirkenden Balduin-Raymond zum Waschtisch kommen.

„Guten Morgen, Raymond“, begrüßte er ihn. „Du bist früh auf.“

Balduin kam nahe zu ihm, zupfte ihn vorsichtig an der Hand. Balian hockte sich hin und Balduin umarmte ihn, gab ihm einen Guten-Morgen-Kuss.

„Morgen, Onkel Balian. Ich konnt’ nicht mehr schlafen.“

„Du siehst aber noch nicht wirklich wach aus, mein König“, erwiderte der junge Mann und strich ihm über den Kopf.

„Duuuuu?“

„Hm?“

„Musst du mich immer König nennen, Onkel Balian?“

„Na ja, du bist der König“, gab der Baron zu bedenken. Balduin zupfte nervös an seiner Tunika herum.

„Aber Maman nennst du doch bei ihrem Namen oder sagst Liebste zu ihr und nicht Prinzessin“, erinnerte Balduin-Raymond mit großen Augen. Balian lächelte.

„Ja, weil sie mir regelrecht verboten hat, sie hier bei mir zu Hause Prinzessin zu nennen – und weil ich deine Mutter sehr liebe.“

„Und mich hast nicht lieb?“

„Aber sicher habe ich dich lieb. Ich liebe dich, als wärst du mein Sohn – was du leider nicht bist“, entgegnete Balian sanft.

„Ich wär’ gern dein Sohn. Du wärst bestimmt ein viel besserer Stiefvater als Guy. Den mag ich nicht. Und du wärst Maman bestimmt ein viel besserer Mann als Guy“, sagte Raymond. „Ist es wahr, dass Onkel Balduin dich gebeten hat, Maman zu heiraten?“, fragte er dann.

„Ja, das stimmt.“

„Und warum hast du das nicht getan?“, bohrte Raymond weiter.

„Weil deine Mutter schon mit Guy verheiratet war, Raymond“, antwortete Balian. „Sie kann nun mal nicht mit zwei Männern verheiratet sein.“

„Und wie hat Onkel Balduin dir das denn vorschlagen können?“, wunderte sich Raymond.

„Das habe ich mich auch gefragt – und die Antwort war gar nicht schön. Ich hätte Guy dafür töten müssen. Aber das ist Sünde und das wollte ich nicht tun.“

Balduin-Raymond seufzte tief.

„Du, findest du das gerecht, dass Maman immer mit Leuten verheiratet wird, die sie nicht mag?“, fragte er. Balian grinste.

„Dann mag sie mich ja auch nicht, oder?“, erkundigte er sich. Balduin sah ihn verstört an.

„Versteh’ ich nicht …“

„Na, ja, wenn ich Maman geheiratet hätte, nachdem dein Onkel Balduin mir das vorgeschlagen hat, dann wäre sie doch wieder mit jemandem verheiratet worden“, erklärte Balian mit schelmischem Grinsen. Raymond schüttelte ernsthaft den Kopf.

„Nein, das wär’ sie bestimmt nicht. War doch ihre eigene Idee.“

„So ist das also … Schau an“, schmunzelte Balian. Raymond hatte das Gefühl, dass das, was er eben gesagt hatte, nicht unbedingt im Interesse seiner Mutter war. Er wurde feuerrot.

„Wusstest du das nicht, Onkel Balian?“, fragte er vorsichtig nach.

„Nein. Aber ich weiß ein kleines Geheimnis durchaus zu wahren, mein Sohn“, sagte Balian leise. Balduin sah ihn an und strahlte.

„Darf ich dich Papa nennen?“

„Was hältst du von einer kleinen Vereinbarung? Hier bei mir zu Hause kannst du mich Papa nennen, wenn du das möchtest; und ich betrachte dich hier bei mir zu Hause als meinen Sohn, wie ich deine Mutter auch als meine Frau betrachte, hm?“, schlug Balian vor.

„Wirklich?“, strahlte Balduin. Balian nickte und Balduin fiel ihm wieder um den Hals.

„Danke, Papa, das ist so lieb!“

„Komm, Spatz, wasch dich“, sagte Balian, „dann können wir bald frühstücken.“

Eifrig machte Balduin sich daran, sich zu waschen.

„Du kennst dich doch mit Schwertern aus, oder?“, fragte Balduin, während er sich abseifte.

„Ja.“

„Maman sagt, du bist Schmied. Stimmt das?“,

„Du wirst doch nicht an Mamans Worten zweifeln, Balduin!“

„Nö, aber du weißt das bestimmt besser … Wie macht man eigentlich Damaszenerklingen?“

Erwartungsvoll sah er seinen Wunschstiefvater an. Der schmunzelte.

„Das … wüsste ich auch gern.“

„Weißt du das nicht?“

Balduins Frage klang geradezu erschrocken. Balian blinzelte ihm zu.

„Ich nicht. Aber ich kenne jemand, der es uns beiden zeigen kann“, erwiderte er.

„Au ja! Gehen wir hin?“

„Klar, sobald wir gefrühstückt haben“, versprach Balian und half Balduin, sich abzutrocknen.

„Juchhu!“, jubelte der Junge und stürmte aus dem Garten in Richtung Speisezimmer.

Erst jetzt sah Balian Sibylla, die lächelnd im Türrahmen stand und offenbar die ganze Zeit still zugehört hatte.

„Guten Morgen“, begrüßte er die Prinzessin, die lächelnd zu ihm kam, ihn umarmte und küsste.

„Guten Morgen. Ich glaube, so fröhlich habe ich Balduin-Raymond schon lange nicht mehr gesehen. Du verwöhnst ihn“, schmunzelte sie und lehnte sich vertraulich an ihn an, der ihre Umarmung zärtlich erwiderte.

„Er fühlt sich hier wohl. Lass es ihn einfach genießen.“

„Balian, er ist – zufällig – der König“, erinnerte Sibylla erschrocken. Das sanfte Lächeln ihres Geliebten bewies Sibylla zweierlei: Erstens, wie sehr er sie und Raymond liebte und zweitens, dass er sich in der Rolle des Quasistiefvaters des Jungen ausgesprochen wohl fühlte.

„Danke, dass du mich daran erinnerst, meine Prinzessin“, grinste er.

„Balian!“

„Ihr sollt beide den Aufenthalt hier in Nablus genießen“, hörte sie seine sanfte, warme Stimme. Sein Augenaufschlag ließ ihr Herz stocken. In diesen klaren, warmen, braunen Augen ihres Ritters waren neben seiner Lebensfreude absoluter Ernst, durchtriebener Schalk und zärtliche Liebe wie in einem offenen Buch. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt, als sie an die vergangene Nacht dachte, als er sie ebenso angesehen hatte. Sie erinnerte sich an die Spiegelung des Feuers der Kohlebecken in seinen Augen, als er sich über sie gebeugt hatte. Wie schon in der Nacht berührten seine warmen Lippen sacht die ihren, die sich wie unter eigenem Willen öffneten und ihm den Weg freimachten. Hingerissen gab sie sich dem zärtlichen, intensiven Kuss hin, der zu mehr verleitete als zum Frühstück …

Sie erwartete geradezu, dass Balian sie jetzt hochheben und ins Schlafgemach zurücktragen würde, um dieser zärtlichen Vorspeise einen lustvollen Hauptgang folgen zu lassen. Nur zu sehr wäre sie damit einverstanden gewesen, doch er beendete die liebevolle Zärtlichkeit vorsichtig und nahm ihre Hände, die unter sein Hemd geschlüpft waren, sanft in die seinen.

„Was machst du nur mit mir?“, fragte sie und sah ihn sehnsüchtig an, mit Blicken um den ersehnten Hauptgang des Liebesgenusses flehend.

„Was meinst du?“, erkundigte er sich besorgt.

„Seit ich hier bin, glaube ich zu träumen. Du liebst mich, wir verbringen wundervolle Stunden miteinander; die Tage hier sind beinahe so schön wie im Himmel. Mein Sohn hat endlich einen Vater gefunden. Du bist für Raymond kein Vasall, kein Diener, mein Liebster – er betrachtet dich einfach als seinen Vater. Er liebt dich von Herzen, und ich wünschte, du wärst wirklich sein Vater und mein Gemahl. Wenn ich dich nur ansehe, bekomme ich weiche Knie, fange an zu zittern – vor lauter Glück.“

„Es ist mein Wunsch, dir und deinem Sohn das zu geben, was ihr woanders nicht findet. Deine Anwesenheit und die von Balduin-Raymond hier in Nablus ist für mich – für einen Mann, der als Knecht geboren wurde – mehr als ein Geschenk“, erwiderte Balian leise.

„Du bist kein Diener …!“, widersprach sie, aber er legte ihr zart einen Finger an die Lippen.

„Doch, das bin ich“, flüsterte er. „Aber nicht, weil ich dazu geboren bin, sondern weil ich es will. Ich will dir und deinem Sohn dienen. Ich will für euch da sein – weil es mir Freude macht, dich durch meinen Dienst an dir glücklich zu machen. Und wenn ich dabei bleibe, dich meine Prinzessin zu nennen, Sibylla, dann nicht, weil du die Schwester meines verstorbenen Königs und Mutter meines jetzigen Königs bist, sondern weil du meine ganz persönliche Prinzessin bist; die Frau, die ich von Herzen liebe und mit der ich gern zusammen alt werden möchte, mit der ich gern eine Familie hätte, die aus mehr Kindern als nur einem solchen wunderbaren Sohn besteht. Ich wäre sehr gern dein Gemahl, würde sehr gern mit dir das Leben vor Gott und dem Gesetz teilen dürfen. Du bist meine Prinzessin, die Königin meines Herzens, geliebte Sibylla.“

Wieder versanken sie in einem zärtlichen Kuss, der aber von einem Protestruf von der Terrasse des Speisezimmers unterbrochen wurde:

„Kommt ihr endlich frühstücken!?“, maulte Balduin.

„Ja, mein König!“, rief Balian. „Komm“, sagte er dann leise, legte Sibylla den rechten Arm um die Schulter und ging mit ihr zur Terrasse hinauf.

***

Kapitel 21

Der Schmied von Nablus

Nach einem ausgedehnten Frühstück spazierten Balian und Balduin durch den Basar von Nablus. Der Baron hatte sich einen Burnus übergeworfen, mit dem er ohne weiteres als Araber durchgegangen wäre, der kleine König trug ähnliche Kleidung einschließlich des üblichen Kopftuchs. Die Händler im Basar schrien auf Arabisch, Aramäisch, einige auch Französisch und Italienisch. Balduin, der nur selten die Gelegenheit hatte, so inkognito durch die Gassen von Jerusalem zu gehen, genoss den Spaziergang mit Balian sichtlich.

Abba!“, rief er ihn an und zupfte ihn am Ärmel. Balian lächelte über die Selbstverständlichkeit, mit der Balduin ihn auf Arabisch Vater nannte.

Ibn?“, fragte er zurück – Sohn.

„Ist das die Schmiede?“, fragte der Junge und wies zu einer abgedunkelten Werkstatt, von der Rauch aufstieg.

„Ja“, erwiderte der junge Baron. Balduin nahm vorsichtshalber die Hand seines Vasallen, als sie die dunkle Schmiede betraten.

As-Salam ‘alaykum, Mohammed“, grüßte Balian, tippte sich mit der rechten Hand auf Herz, Mund und Stirn und verbeugte sich leicht.

U ‘alaykum as-Salam, Sidi Balian ibn Godfrey“, erwiderte der Schmied und grüßte in gleicher Weise. „Und wer ist der junge Sidi?“, erkundigte er sich dann.

„Balduin ibn Guillaume, mein Freund“, antwortete Balian freundlich. Balduin sah ihn etwas enttäuscht an, hatte er ihn doch nicht als seinen Sohn vorgestellt, aber der Junge verstand seinen warnenden Blick. Der Schmied wusste offenbar, dass Balian keine Kinder hatte.

„Was führt dich zu mir, Sidi?“

„Balduin hat von deinen Künsten gehört, Damaszenerklingen zu schmieden. Bist du so gut, es uns vorzuführen?“

„Für dich tue ich fast alles, Sidi. Außerdem habe ich gerade eine solche Klinge in Arbeit. Seht her!“

Mohammed zog eine rotglühende Klinge aus dem heißen Schmiedefeuer.

„Das Feuer ist besonders heiß, Balduin“, erklärte Balian. „Du erkennst es an den blauen Flammen direkt über der Glut. Für gutes Schmiedeeisen braucht man so heißes Feuer.“

„Oh ja, junger Sidi. Willst du denn auch Schmied werden?“

„Ja, ich denke schon“, erwiderte er, leicht unsicher.

„Dann schau her, junger Sidi: Hier ist die Klinge. Sie besteht aus vielen Schichten harten und weichen Eisens, die zusammengeschmiedet werden. Hier, probier’s mal“, sagte Mohammed und hielt Balduin den Schmiedehammer hin. Balduin sah unsicher zu Balian hoch, der nickte. Er nahm Mohammed den schweren Hammer ab und zeigte Balduin, wie er den Hammer halten musste.

„Ui, ist der schwer!“, entfuhr es Balduin. „Hast du deshalb so starke Arme, Onkel Balian?“

„Ja. Und ich habe auch schon mit sieben Jahren angefangen.“

Balian nahm Balduins Hand und führte mit ihm die Hammerschläge, ließ langsam in der Führung nach, bis Balduin den Hammer allein führte. Der Junge bearbeitete die glühende Klinge mit Eifer. Aber der Hammer war schwer und Balduin bald erschöpft. Mohammed schob die Klinge wieder in die Esse, damit sie wieder die richtige Temperatur bekam.

„Puh, das ist aber schwer!“, keuchte er.

„Das ist mir auch so gegangen, als ich den Hammer zum ersten Mal in der Hand hatte. Aber wenn du ein bisschen übst, dann kannst du dem Amboss bald den Hammerkuss geben“, erwiderte Balian mit sanftem Lächeln.

„Was ist das?“

Statt einer Antwort nahm Balian einen anderen Hammer, der gut zwanzig Pfund wog, am äußersten Ende des Stieles, dass seine Hand genau am Ende des Stiels anlag, trat einen großen Schritt zurück und hielt ihn am ausgestreckten Arm gerade nach oben und senkte ihn dann langsam mit immer noch gestrecktem Arm auf den Amboss und berührte den Amboss nur ganz leicht mit der Spitze und hob ihn auf die gleiche Weise wieder hoch. Balduin riss die Augen auf. Das hatte er noch nie gesehen.

„Das ist eigentlich die Eingangsprüfung für Schmiedelehrlinge, Balduin. Damit prüft der Lehrmeister, ob der Bewerber genügend Kraft hat“, erklärte Balian dem staunenden Jungen. „Aber das machen wir Meister nur mit Bewerbern die älter als vierzehn Jahre sind. Darunter hat noch kein Junge so viel Kraft. Wenn du schon ganz früh anfängst, so wie ich, dann kommt die nötige Kraft von ganz allein“, setzte er hinzu, als er die Enttäuschung sah, die aus Balduins Blick sprach.

„Kannst … kannst du denn auch solche Schwerter schmieden?“, erkundigte sich Balduin und wies auf die Klinge im Feuer.

„Ich kann Schwerter schmieden, aber Damaszenerklingen sind etwas Besonderes, das ich selbst noch lerne, Balduin“, erwiderte Balian.

„Ihr solltet dazu sagen, dass Ihr ein gelehriger Schüler seid, Meister Balian“, warf Mohammed ein.

Balduins Blick fiel auf einen wunderschönen Säbel mit leichter Krümmung, der unter den fertigen Stücken hing.

„Oh, was ist das denn?“, fragte er und strich bewundernd über die schwarzsamtene, fein mit Gold bestickte Scheide und den Griff aus Elfenbein, der mit feinem Golddraht gewickelt war. „So was Schönes hat ja nicht mal Saladin!“

„Der junge Mann kennt sich aus, wie’s scheint“, entfuhr es Mohammed. Balian sah mit einem Blick, dass dieses Schwert eine Auftragsarbeit war. Derart kostbare Materialien wurden nur auf Bestellung verwendet.

„Für wen ist das Schwert?“, fragte er. Mohammed suchte ein Mauseloch, in dem er verschwinden konnte, das sah Balian ihm deutlich an.

Sidi …“, setzte Mohammed zögernd an.

„Saladin?“, fragte Balian direkt. Der muslimische Schmied nickte zögernd.

„Darf ich mal?“, fragte der junge Ritter. Mohammed nickte und Balian nahm das Schwert aus dem Ständer und zog es aus der Scheide. Die Klinge war absolut blank poliert, arabische Schrift in Goldintarsien zierte die Fehlschärfe. Der Elfenbeingriff war leicht in der Gegenrichtung der Klinge geschwungen und hatte den für arabische Schwerter typischen Knauf und die kurze Parierstange, die ebenfalls leicht gegenläufig geschwungen war. Das Schwert fühlte sich leicht und gleichzeitig teufelsgefährlich an, war absolut ausgewogen.

„Das ist ein Meisterstück, Mohammed“, lobte er. „Du bist der beste Klingenschmied, den ich kenne.“

„Danke, Sidi – das sagt Sultan Saladin auch.“

Balian seufzte.

„Du bist ein Meister deines Fachs. Du bist Muslim und du weißt, dass ich weder gegen dich persönlich noch gegen deinen Glauben etwas habe. Aber ich werde das fatale Gefühl nicht los, dass ich diese Klinge entweder bald am Hals oder zwischen den Rippen habe“, sagte er. „Warum tust du das?“

„Die Emire der islamischen Länder und die Sultane von Bagdad und Ägypten sind seit vielen Jahrzehnten meine Kunden, davor die meines Vaters und meines Großvaters. Saladin würde dich niemals von hier vertreiben wollen, Sidi. Du weißt, wie sehr er dich und deine Ehrenhaftigkeit schätzt. Du bist ein guter Mensch, Sidi. Seit ich dich und deinen Vater kenne, sehe ich Christen mit anderen Augen. Aber leider sind nicht alle so wie du und dein Vater oder der verstorbene König Balduin. Es gibt zu viele de Lusignans und zu viele de Châtillons; zu viele Kreuzritter, die von einem Muslim nur das Blut sehen wollen“, erklärte Mohammed.

„Macht ihr es uns einfacher?“, fraget Balian. Zögernd schüttelte der muslimische Schmied den Kopf.

„Auch auf unserer Seite gibt es Fanatiker, besonders unter den Mullahs. Aber Sultan Saladin ist nicht so, Sidi. Und sein General Imad ad-Din auch nicht.“

Balian schob das Schwert zurück in die Scheide und hängte es wieder in den Ständer.

„Saladin und Imad wollen nicht mehr und nicht weniger als Jerusalem, Mohammed. Sobald sich die Gelegenheit bietet und Guy als Vormund des Königs einen schweren politischen oder religiösen Fehler macht, wird Saladin angreifen. Spätestens dann wird dieses Schwert nicht nur mein Leben bedrohen.“

„Hindere den König daran, solche Fehler zu machen, Sidi. Wenn …“

„Guy ist nicht der König, Mohammed. Den König muss ich nicht daran hindern, mein Freund. Er denkt nicht so wie de Lusignan“, unterbrach Balian.

„Der Sheitan hole ihn, wenn er diesen … oh, mir fällt kein passendes Schimpfwort auf Fränkisch ein, um de Lusignan zu benennen – wenn er seinen Vasallen nicht hindert, Moslems nur zu töten, weil sie Moslems sind.“

Balians Seitenblick fiel auf Balduin Raymond, der dem Gespräch mit großen, erschrockenen Augen gefolgt war.

„Mohammed, kundiger Schmied, gib mir einen Rat, wie ich meinen Vormund an diesen Dingen hindern kann, wenn er meint, mir nicht gehorchen zu müssen“, schaltete sich der Junge ein.

Jetzt bekam Mohammed große Augen.

„Du … Ihr …“, stotterte er. Balian lächelte.

„Du sprichst mit dem König von Jerusalem, Meister Mohammed“, sagte er.

Inschallah*!“, entfuhr es dem Schmied. „Sidi, bis du, junger König, wirklich das Schicksal Jerusalems bestimmen kannst, versickert noch viel Jordanwasser im Toten Meer … Ich sehe, dass du gern anders möchtest. In Hakim Ibelin hast du einen treuen und tapferen Fürsten, der so denkt wie du. Aber ich muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass dein Vormund dein Königreich vernichten wird, denn es gibt niemanden, der ihn wirksam an seinem frevelhaften Tun hindern kann“, erklärte er. „Hakim Ibelin“, wandte er sich an Balian, „töte de Lusignan und de Châtillon – und jeder Muslim von Bagdad bis Alexandria wird dich als christlichen Sultan von Jerusalem anerkennen und lieben, Sultan Saladin eingeschlossen. Allah wird dich segnen, nicht verfluchen!“, beschwor er Balian.

„Ich bin kein König, Mohammed, und ich will es nicht sein. Ich diene König Balduin“, entgegnete Balian bestimmt.

„Du bist ein bescheidener Mann, Sidi. Wenn du de Lusignans Ehrgeiz hättest, wärst du längst …“

Balians knappe Handbewegung ließ den Muslim stocken. Er bemerkte, dass sich Balians bernsteinbraune Augen bedrohlich zu obsidianschwarz verfinsterten. Mohammed erkannte die Gefahr. Er hatte nur noch die Wahl zwischen der Loyalität zu König Balduin und Balian, oder Sultan Saladin, dem Beherrscher der Gläubigen des Islams. Mohammed schätzte Balians persönliche Integrität zu sehr, als dass er sich offen gegen den jungen Baron stellen wollte, der Nablus und Samaria ein guter Herr war und von allen Menschen in seinen Lehen für seine Güte und Gerechtigkeit geliebt wurde. Er nahm das kostbare Schwert und präsentierte es Balian mit einer unterwürfigen Verbeugung.

„Bitte, Sidi, nehmt dieses Schwert als Geschenk an“, flehte er.

„Und was willst du Saladin erzählen?“, fragte Balian. Mohammed wurde feuerrot.

„Das kann ich nicht annehmen, mein Freund. Saladin wird sein Schwert bekommen“, entschied Balian.

„Aber wenn ich Euch damit in Gefahr bringe …“

Sei ohne Furcht im Angesicht deiner Feinde – so lautet ein Teil des Rittereides, den ich einst schwor. Tue kein Unrecht ein anderer. Es wäre Unrecht, dem Sultan auf diese Weise eines so kostbaren Stücks zu berauben, das er bei dir bestellt hat“, erwiderte Balian mit einem freundlichen Lächeln. „Aber du könntest mir auch so ein Schwert machen – doch gegen Bezahlung. Was verlangst du für ein solches Schwert?“

„Zweihundert Besant, Sidi“, erwiderte Mohammed ungerührt.

„Nun, das ist sehr viel Geld, auch wenn es ein wahres Meisterstück ist. Hundert“, feilschte Balian.

„Oh, sieh dir die Materialien an – Gold, Elfenbein, bestes Damaszenerschmiedeeisen, bestickter Samt. Einhundertsiebzig.“

„Mohammed, du hast deine Verbindungen, sonst könntest du so was gar nicht herstellen – Hundertzwanzig.“

Sidi, du ruinierst mich – hundertfünfzig.“

„Du bist ein reicher Mann – hundertfünfundzwanzig.

„Ah, ich habe zwei Frauen und fünf Kinder zu versorgen – hundertvierzig.“

„Bis jetzt habe ich nur deine Frau Laila bei dir gesehen – und zwei Kinder. Hundertdreißig.“

Sidi, du bist ein Meister im Feilschen – weil du es bist hundertdreißig, abgemacht.“

Der Handel wurde per Handschlag besiegelt.

„Vergiss nicht, Mohammed, es gibt einen Zeugen für den Handel …“, grinste Balian.

„Das werde ich nicht. Welche Inschrift soll auf das Schwert, Sidi?“

„Was steht auf dem von Saladin? Ich hab’ nicht so genau hingeschaut.“

„Sein Name und sein Titel“, gab Mohammed an.

„Schreib’ drauf: Diener des Königs“, gab Balian seine Bestellung auf.

„Sehr wohl, Sidi. Äh, ich habe ein Schwert in der Art gerade in Arbeit. Wenn du morgen wiederkommst, kannst du es haben. Ich muss nur den Namen än… darauf schreiben.“

„Mit anderen Worten: Imad hatte auch eins bestellt“, grinste der Baron.

„Er hat viel zu gute Ohren!“, kicherte Mohammed an Balduin gewandt. Der Junge sah bewundernd zu Balian hoch.

„Wenn er sie nicht hätte, Meister Mohammed, könnte er mich und Maman nicht so gut beschützen“, sagte der kleine König mit strahlenden Augen.

„Man sagt, du wärst der Prinzessin sehr nahe, Sidi“, bemerkte Mohammed.

„Ich bin in Jerusalem ihr Leibwächter. Das bedingt Nähe, mein Freund. Bis morgen“, verabschiedete sich Balian.

„Hast du denn Angst, dass Saladin Mohammed bestrafen würde, wenn du das Geschenk angenommen hättest, Papa?“, fragte Balduin, als sie den Basar wieder verlassen hatten und allein auf der Straße waren.

„Mohammed wollte mir das Schwert aus Furcht vor meiner Strafe schenken und hätte lieber Ärger mit dem Sultan in Kauf genommen“, erwiderte Balian sanft. „Die Menschen in Nablus, in Samaria oder auch in Ibelin sollen aber keine Angst vor mir haben. Ich möchte ihnen nicht Herr sein; nicht jemand, der sie unterdrückt und vor dem sie sich fürchten müssen. Meine Aufgabe ist es, sie zu beschützen – und dabei ist es mir gleich, wie sie Gott in ihrer Sprache nennen, Raymond. Nein, es wäre Unrecht gewesen, ein Geschenk anzunehmen, das aus Furcht gemacht wird“, erklärte er.

„Ich möchte so gern, dass du wieder nach Jerusalem kommst, Papa. Ich muss noch so viel lernen – und von dir kann ich so viel lernen“, sagte Balduin und sah hoch.

„Du weißt, dass ich nicht nach Jerusalem darf. Guy hat es mir verboten.“

Balduin blieb stehen und hielt Balian an der Hand fest.

„Aber ich hab dich lieb und Maman auch, und wir wollen beide, dass du wieder bei uns bist“, protestierte der Kleine. Balian ging in die Hocke.

„Das weiß ich, Spatz“, sagte er und strich ihm über das Kopftuch. „Ich möchte auch gern bei euch sein, aber in Jerusalem ginge das nicht so wie hier in Nablus. Dort gehört deine Mutter nun mal zu Guy.“

Mit einem tiefen Seufzer umarmte Balduin Balian.

„Dann möchte ich hier bleiben, wo du mit Maman glücklich bist. Sie hat dich so lieb.“

Gerührt erwiderte Balian die Umarmung seines jungen Königs.

„Das weiß ich. Aber auf Dauer … nun ja …“

„Und ich möchte noch ein Brüderchen und Schwesterchen haben“, fuhr Balduin fort.

„Oh, je …“, seufzte Balian. „Ich glaube, das wird ein Problem …“

„Warum? Maman hat mir gesagt, wenn sie mit dir zusammen ist und dich ganz lieb hat, dann …“

„Genau das ist das Problem. Ich bin nicht ihr Gemahl“, erwiderte Balian.

„Aber du wärst es doch gern, hat sie mir gesagt.“

„Ja“, sagte Balian. „Aber ich bin es nicht und deshalb darf ich nicht einmal daran denken. Schon gar nicht, dass sie dir Brüderchen oder Schwesterchen schenkt, an denen ich beteiligt war.“

Balduin nagte unschlüssig an der Lippe.

„Aber … Maman möchte es doch auch – und der dumme Guy muss es doch nicht wissen.“

„Königlicher Befehl?“

„Nein. Ich will nur, dass ihr beide glücklich seid. Und ich möchte dich wieder bei mir haben. Maman weint so oft, wenn wir in Jerusalem sind. Sie hat große Angst um dich. Und sie vermisst dich sehr. Immer ist sie so alleine.“

„Dann ist Guy nicht bei ihr?“

„Nö, der ist doch so oft weg. Und wenn er da ist, dann … dann gehen sie sich aus dem Weg, ehrlich. Er hat sie nicht lieb, überhaupt nicht.“

„Seit wann ist das so?“, fragte Balian.

„Bestimmt, seit du das erste Mal bei uns im Palast warst. Maman hat mir gleich gesagt, wie sehr sie dich mag. Wenn ich wirklich zu bestimmen hätte, würde ich bestimmen, dass du Mamans Gemahl bist – und nicht der dumme Guy.“

„Ich glaube, da hat der liebe Gott noch ein Wörtchen mitzureden, mein Sohn. Schließlich sind Maman und Guy vor Gott ein Paar.“

Bedrückt sah Balduin zu Boden. Balian hob sein Kinn sanft an.

„Aber ich verspreche dir: Wenn deine Mutter einmal frei ist, dann werde ich sie heiraten.“

„Ehrenwort?“

Balian hob die Hand zu Schwur.

„Das schwöre ich dir – als meinem König und als dem Sohn, dem ich gern ein guter Vater wäre“, versprach er. Balduin umarmte ihn von neuem. Balian hob ihn auf seine Arme und trug ihn nach Hause.

Am Tag darauf waren sie wieder in der Schmiede und Meister Mohammed präsentierte das bestellte Schwert.

„Es ist wunderschön“, flüsterte Balduin ehrfürchtig.

„Ja, das ist es – und es gehört dir, Balduin“, lächelte Balian.

„Was?“

Wie bitte, heißt das …“, korrigierte der Baron grinsend. „Es ist deins, Balduin.“ Damit überreichte er Balduin das kostbare Schwert, wie er selbst einst das Schwert von seinem Vater übergeben bekommen hatte.

„Es ist eines Königs würdig, Sidi. Du erweist mir große Ehre“, sagte Mohammed. Balduin nahm das Schwert mit leuchtenden Augen entgegen.

„Es ist deins, doch vergiss nie, wer es gemacht hat“, mahnte Balian freundlich.

„Danke, Meister Mohammed, danke, Onkel Balian. Meister Mohammed, ich verspreche dir, dass ich dieses Schwert niemals gegen einen deiner Glaubensbrüder erheben werde.“

„Ich wünschte, es gäbe mehr Christen wie euch. As-Salam ‘alaykum“, wünschte Mohammed.

U ‘alaykum as-Salam“, verabschiedeten sich auch Balduin und Balian und verließen den Basar von Nablus.

 

***

Kapitel 22

Rückkehr nach Jerusalem

 

Etwa ein Vierteljahr, nachdem Balduin-Raymond aus Nablus zurückgekehrt war, hatte er endlich erreicht, dass Balians Verbannung aufgehoben wurde. Was er nicht erreichen konnte, war, dass ein Gerichtsverfahren gegen Reynald eröffnet wurde. Guy betrachtete es nach außen als ausreichend, dass die Ibeliner Reynald so erfolgreich in Schach hielten. Dass Guy sich dem Vorschlag seines Stiefsohnes geneigt zeigte, Balian zum Konstabler zu ernennen, hatte durchaus auch etwas damit zu tun, dass Balian und seine Leute die Kreise von Reynald wirksam genug störten, um die meisten Überfälle zu verhindern. Zwar gelang es ihnen nicht, Reynald selbst auszuschalten, aber die Überfälle zu verringern war schon ein sehr großer Erfolg für die Friedenspartei – und genau das wollte Guy auf keinen Fall.

Zu Ostern 1186 stimmte er nach Drängen des amtsmüden Tiberias und mit tatkräftiger Unterstützung des kleinen Königs und auch auf ausdrücklichen Wunsch des Großmeisters der Templer der Berufung Balians als Nachfolger des in den Ruhestand tretenden Tiberias zum Konstabler von Jerusalem zu. Zwar hatte Balduin-Raymond sich schon verplappert, aber Balian hatte den Wunsch des kleinen Königs nicht wirklich ernst genommen und war über diese Berufung höchst überrascht. Mit seinem neuen Amt legte er den Ibelin-Waffenrock ab und schlüpfte in den kornblumenblauen Waffenrock der Jerusalem-Ritter mit dem kostbar gestickten Jerusalemer Wappen auf der Brust.

Als Konstabler Jerusalems oblag ihm sowohl der persönliche Schutz des jungen Königs und seiner Mutter als auch die unmittelbare Verteidigung der Stadt Jerusalem selbst. Raymond von Tiberias war zwar in den Ruhestand getreten, ließ es sich aber nicht nehmen, Balian in sein neues Aufgabengebiet einzuführen und auch weiterhin zu beraten, wobei er angenehm überrascht war, dass Balian ihn von sich aus um Rat fragte. Doch Balians neue Aufgabe beschäftigte ihn so intensiv, dass sie ihn davon abhielt, Reynald und seine Spießgesellen unter Kontrolle zu halten, die unter den wachsamen Augen der Ibeliner und ihres Barons wenig Gelegenheit gehabt hatten, ihre Provokationen gegen die muslimische Bevölkerung fortzusetzen.

In Nablus hielt gleichwohl Dominique von Gaza, Almarics jüngerer Bruder, für seinen Herrn Wacht und achtete in dessen Auftrag und Namen auf ein friedliches Zusammenleben aller Religionsgruppen in Nablus und Samaria. Aber die Tatsache, dass Balian nicht mehr selbst in Nablus war und die Patrouillen führte, ermutigte die Kriegspartei um die Templer, auch die Männer im Ibelin-Rock direkt anzugreifen, wenn sie Muslime schützten. Balian, der damit nicht wirklich gerechnet hatte, war schockiert, als er aus Nablus die Nachricht erhielt, dass Dominique und viele seiner Männer gefallen waren, als sie eine muslimische Karawane auf dem Weg nach Alexandria hatten schützen wollen. Doch so schlimm der Verlust des treuen Freundes Dominique auch war, noch schlimmer war die Tatsache, dass in dieser Karawane die Schwester Saladins gereist war – und sie nun Reynalds Gefangene war.

Sibylla bemerkte, dass Balian völlig verstört war.

„Was hast du?“, fragte sie besorgt. Balian zeigte ihr die Nachricht, die er erhalten hatte.

„Du meine Güte!“, entfuhr es ihr. „Wenn Reynald sie nicht unbeschadet freilässt, bedeutet das Krieg!“, keuchte sie. Balian nickte bedrückt.

„Kannst du Guy dazu bewegen, Reynald zu veranlassen, Jazira freizulassen?“, fragte er. Sibylla sah zu ihm hoch und schüttelte dann den Kopf.

„Nein“, sagte sie, „das steht nicht in meiner Macht.“

Balian seufzte tief und nahm Sibyllas Hand.

„Du … hast mir einmal gesagt, der Tag … würde kommen, an dem ich mir … wünschen würde, … das kleine Übel getan zu haben, um ein größeres zu verhindern“, sagte er leise und zögernd. „Heute ist dieser Tag.“

Sie strich ihm sanft über das Gesicht.

„Ich weiß – und ich hätte mich gern geirrt“, erwiderte sie und spürte die sachte Berührung seiner Lippen an ihrer Handfläche.

„Na schön, wenn Guy nicht auf dich hört, muss ich es selbst versuchen.“

Guy de Lusignan sah verblüfft auf, als Balian von Ibelin in seine Gemächer stürmte.

„Was wollt Ihr, Ibelin?“, fragte er erschrocken.

„Dass Jazira augenblicklich freigelassen wird und dem Sultan von Ägypten eine angemessene Entschädigung angeboten wird – vorzugsweise in Form von Reynald de Châtillons Kopf!“, fauchte Balian.

„Habt Ihr den Verstand verloren, Ibelin?“

„Nein, aber Reynald offensichtlich! Wenn er Saladins Schwester …“

„Wie war das? Saladins Schwester?“, tat de Lusignan überrascht. „Ist ja interessant!“

„Tut nicht so, als wüsstet Ihr nicht, dass Reynald de Châtillon mit dem Regelmaß des Nilhochwassers arabische Karawanen überfällt!“, fuhr Balian ihn an.

„Mäßigt Euren Ton, Ibelin!“, versetzte Guy scharf. „Faucht Ihr den König auch so an?“

„Bei dem ist es nicht nötig. Könnte Balduin, wie er wollte, gäbe es das Problem Reynald de Châtillon nicht.“

„Meint Ihr, wenn es mich nicht gäbe, könntet Ihr Reynald selbst außer Gefecht setzen? Ihr hattet bereits die Erlaubnis dazu, Ibelin. Und Ihr habt nichts unternommen, um Reynald zu hindern“, entgegnete Guy kühl und arrogant.

„Solange ich die Karawanenrouten selbst schützen konnte, hat Reynald jedenfalls keine christlichen Ritter angegriffen. Das hat sich geändert, denn Reynald hat nicht nur Muslime auf dem Gewissen, er hat auch meine Männer niedergemacht, die in meinem Auftrag jene Karawane begleitet haben.“

„Ihr leidet unter Verfolgungswahn, Ibelin!“, tat Guy den harten Vorwurf ab. „Es gibt keinen Beweis dafür, dass es de Châtillons Männer waren. Es könnten ebenso gut rivalisierende Heiden gewesen sein.“

„Nein, denn es gibt Überlebende, werter Vormund des Königs. Überlebende Christen!“, wetterte Balian. „Zudem würden Muslime, die von meinen Leuten geschützte Karawanenrouten benutzen, niemals meine Männer angreifen. Sultan Saladin kennt die Männer, die in meinem Auftrag die Routen schützen – und sie kennen ihre arabischen Verbindungsleute, die im Auftrag des Sultans dort sind.“

„Ibelin, Ihr solltet Euch mit dieser unbedachten Handlungsweise nicht noch Feinde unter den Christen machen. Viele begreifen Eure seltsame Anhänglichkeit an diesen Heidenfürsten nicht. Der Patriarch hat Euch im Verdacht, selbst zum Heiden zu werden. Man sieht Euch selten in der Messe …“, streute Guy ätzend aus.

„Wie bitte?“, explodierte Balian. „Sofern meine Pflichten als Konstabler es erlauben, besuche ich selbstverständlich am Sonntagmorgen die Heilige Messe! Dass Ihr und der Patriarch das Hochamt der Frühmesse vorzieht, ist eine andere Sache, de Lusignan! Und wenn meine Pflichten mir den Besuch der sonntäglichen Frühmesse unmöglich machen, gehe ich zu einem anderen Zeitpunkt ins Johanniterkloster in eine der vierzehn Messen, die dort innerhalb einer Woche gelesen werden! Für diese Unverschämtheit verlange ich eine Entschuldigung, de Lusignan!“

„Oh, das tut mir Leid“, flötete Guy. Sein Ton verriet, dass er absolut nicht ernst meinte, was er sagte. „Verzeiht, dass ich diese Anschuldigungen einfach geglaubt habe. Aber … weshalb sollte ich Euren Beschuldigungen bezüglich Herrn de Châtillon glauben? Ich habe dafür einstweilen nur Eure Behauptung, Ibelin.“

„Welche Zeugen akzeptiert Ihr?“, fragte Balian, der sich mühsam zur Ruhe zwang.

„Niemanden, der Euch nahe steht. Das werdet Ihr sicher verstehen.“

„Aber de Châtillon selbst, ja?“

„Wenn er das einräumt, ja“, erwiderte de Lusignan.

Balian warf ein Pergament auf den Tisch. Es war ein Schreiben, das Reynald an König Balduin V. gerichtet hatte, in dem er von der Gefangennahme Jaziras berichtete und vorschlug, mit deren Enthauptung zu drohen, wenn der Sultan nicht alle gefangenen Christen freiließe.

„Das ist ein löblicher Vorschlag. Wo ist das Problem?“, fragte Guy, als er den Brief gelesen hatte.

„Löblich??? Habt Ihr eine schwache Vorstellung, was Saladin tun wird, wenn er erfährt, dass seine Schwester in Reynalds Kerker schmachtet?“ ereiferte sich Balian.

„Ihr solltet lieber Pläne entwerfen, wie wir ein paar hundert oder tausend christliche Gefangene freibekommen, die zum Teil seit Jahren in heidnischer Gefangenschaft schmachten“, versetzte Guy. „De Châtillon hat dazu einen ganz konkreten Vorschlag gemacht – und ich sehe keinen Grund, diesem Vorschlag nicht zu folgen. Ein solch wertvolles Pfand haben wir noch niemals in unserer Hand gehabt, während die Sarazenen seit der Befreiung Jerusalems durch die ersten Kreuzritter immer wieder Christen gefangen nehmen und ungeheure Lösegelder damit erpressen. Warum sollten wir den Spieß nicht umdrehen?“, fragte Guy. Balian wusste darauf nicht sofort eine passende Antwort.

„Besinnt Euch, wer und was Ihr seid, Ibelin! Ihr seid ein christlicher Ritter, aber Ihr tut nichts, um christliche Gefangene aus den Verliesen Saladins zu befreien!“, beschuldigte Guy Balian, als der nicht gleich zustimmte.

„Ich sorge lieber dafür, dass es dazu nicht kommt oder ich löse sie aus. Im Gegensatz zu anderen mache ich nur kein Aufheben davon, dass ich seit der Übernahme der Lehen meines Vaters einige hundert Christen aus sarazenischer Gefangenschaft auslösen konnte“, entgegnete Balian kühl.

„Ihr verhandelt hinter dem Rücken des Königs über Freilassungen von Christen?“, fauchte de Lusignan. „Habt Ihr Euren Platz vergessen, Ibelin???“

„Ich bin ein Baron des Königreichs Jerusalem, de Lusignan. Das überträgt mir gewisse Vollmachten. Die habe ich genutzt – nicht mehr und nicht weniger. Und versucht nicht ständig, alles, was ich tue, ins Gegenteil zu verdrehen!“, donnerte Balian. „Sorgt dafür, dass de Châtillon endlich dem König gehorcht, sonst nehme ich mir Kerak mit den Jerusalem-Rittern vor. Balduins Einverständnis habe ich, ein Prozess gegen de Châtillon unterblieb nach Euren eigenen Aussagen nur, weil meine Leute ihn wirksam in seinem frevelhaften Tun störten. Denn genau das, was er gegen diese Karawane getan hat, war ihm ausdrücklich und unter Strafandrohung verboten, de Lusignan! Da er selbst zugibt, das Verbot des Königs übertreten zu haben, ist er fällig!“

Guy de Lusignan stützte sich mit beiden Händen auf dem Schreibtisch ab und schnaufte einmal kräftig durch.

„Wenn Ihr je wieder versucht, mir Befehle zu erteilen, Ibelin, setze ich Euch als Konstabler ab und befördere Euch persönlich in den Kerker! Habt Ihr verstanden?“, knurrte er. Balian kam ihm entgegen und stützte sich in gleicher Weise auf dem Tisch auf. Sie waren nur eine Handbreit auseinander und wirkten wie französische Kampfhähne vor dem Angriff.

„Ich habe keine Angst vor Euch, de Lusignan. Ihr seid des Königs Vormund, aber ohne Balduins Zustimmung könnt Ihr das nicht. Und Balduin wird dazu nie seine Genehmigung geben“, erwiderte Balian, gefährlich leise.

„Seht Euch vor, Ibelin!“, warnte Guy, ebenso leise. „Ihr seid der Günstling unseres Königs, aber ganz bestimmt nicht meiner! Und ich werde dafür sorgen, dass Ihr möglichst wenig Kontakt mit ihm habt“, drohte er dann. Balian packte Guy mit einer Hand grob am Waffenrock und zog ihn halb über den Tisch.

„Hört mir gut zu, denn ich sage das jetzt nur einmal: Ihr kommt von Eurem hohen Ross ganz schnell herunter und sorgt endlich dafür, dass im Königreich Jerusalem wieder solche Zustände herrschen, wie Balduin IV. sie wollte und Balduin V. sie will oder Ihr lernt mich kennen!“, grollte Balian zornig. Guy packte seinerseits zu und erwischte Balian am Untergewand.

„Und Ihr hört mir gut zu, denn ich sage es auch nur einmal: Ihr sortiert Euch dort ein, wohin Ihr gehört, oder ich sorge dafür, dass Euer Bastarddasein bekannt wird.“

„Damit erschreckt Ihr mich nicht, de Lusignan. Es ist bekannt, denn genau so bin ich hier als Baron von Ibelin eingeschrieben: Als nicht ehelicher, aber anerkannter Sohn Godfreys von Ibelin“, versetzte Balian eisig. „Ihr habt in dieser Hinsicht nichts in der Hand, womit Ihr mir schaden könnt. Also lasst die leeren Drohungen. Haltet de Châtillon auf, sonst gibt es Krieg!“

„Oh ja, Ibelin, es wird Krieg geben!“, grinste Guy. „Und das mit meiner vollen Unterstützung. Balduin hat nicht gewagt, Saladin die Stirn zu bieten. Ich habe da weniger Angst. Und jetzt geht mir aus den Augen!“

Balian ließ ihn los.

„Ihr seid noch schlimmer, als ich bisher angenommen habe“, sagte er ernüchtert. „Wenn es jemanden gibt, der sich nach seinem Tod ohne Umschweife in Teufels Küche wieder findet, dann seid Ihr das – samt de Châtillon. Ich weiß jetzt, dass es Zeitverschwendung war, mit Euch über Frieden zu reden.“

„Es hat lange gedauert, bis Ihr versehentlich emporgekommener Bauernlümmel das endlich erkannt habt. Und jetzt ‘raus mit Euch!“

Als Balian unverrichteter Dinge wieder draußen auf dem sonnenbeschienenen Platz vor dem Palast war, fiel sein Blick auf die Mauern der Stadt.

Jazira kannst du nicht retten. Und bei Jerusalem kannst du es angesichts der Umstände nur versuchen. Noch hast du Zeit, es vorzubereiten. Los!’, dachte er und eilte zum Davidsturm, seinem Amtssitz.

„Joffrey, ich brauche die Pläne der Stadtmauer – umgehend!“, wies er seinen Stellvertreter an. „Und rüste einen berittenen Boten!“, fügte er hinzu.

„Bitte?“

„Hast du nicht verstanden?“, fragte Balian mit einem Anflug von Ungeduld.

„Schon, aber Ihr verwirrt mich, Mylord Balian“, erwiderte der treue Joffrey. Balian lächelte.

„Ich habe nicht vor, Saladin etwas über unsere mögliche Verteidigung zu berichten. Beruhigt dich das?“

„Ja.“

„Dann mach!“

Balian bekam die Pläne. Als Joffrey sie ihm brachte, übergab er ihm ein gesiegeltes Schreiben an Sultan Saladin. Joffrey sah einen Moment auf die Botschaft.

„Mylord Balian, wollt Ihr mir sagen, was Ihr dem Sultan mitteilen wollt?“

„Ich unterrichte ihn darüber, dass seine Schwester Jazira Gefangene des Herrn de Châtillon ist und es mir leider nicht gelungen ist, ihre Freilassung zu erwirken“, erklärte Balian seufzend.

„Du meine Güte!“, entfuhr es Joffrey. „Ich fürchte, es wird Krieg geben.“

Balian nickte bedrückt.

„Ja, das wird nicht zu vermeiden sein. Beten wir, dass Guy de Lusignan sich noch besinnt …“

***

Kapitel 23

Missgeschick mit Folgen

Ab dem folgenden Mittag gönnte Balian sich eine kleine Auszeit, lud Freunde und Bekannte zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Sibylla und ihr Sohn Balduin-Raymond gehörten ebenfalls dazu. Raymond freute sich besonders darauf, hatte Balian ihm doch versprochen, dass sie das Lamm zusammen zubereiten wollten. Ein ganzes Lamm am Spieß zu braten dauerte über normalem Holzfeuer etwa sechs Stunden, aber Balian wollte das Lamm über der Holzkohle in seiner Schmiede grillen, was wegen der deutlich heißeren Glut etwa vier Stunden dauern würde. Da blieb nebenbei immer noch Zeit, Sibyllas Pferd neu zu beschlagen, das sich bei einem der von der Prinzessin so geliebten Jagdausritte ein Hufeisen zerbrochen hatte.

Der Umstand, dass Balian von Adel war und als Konstabler Jerusalems eines der höchsten Ämter des Reiches bekleidete, bedeutete keineswegs, dass er seine Wurzeln vergessen hatte und er sein erlerntes Handwerk nicht mehr ausüben wollte. Dazu hatte ihm die Bearbeitung von Metall viel zu viel Freude gemacht. Sein ehemaliger Broterwerb war zur geliebten Freizeitbeschäftigung geworden. Auf diese Weise hatte er den Bratspieß und das dazugehörige Gestell selbst angefertigt. Balduin-Raymond, der auch gern mal Ferien vom Thron machte, hatte ihm dabei geholfen und unter Balians Anleitung sogar selbst kleine Stücke der Anlage gemacht.

Balduin war ganz aus dem Häuschen, seinen geliebten Beinahe-stiefvater besuchen zu können und mit ihm gemeinsam etwas zu tun. Sibylla war ebenfalls von einem gemeinsamen Nachmittag und Abend mit Balian höchst angetan und bestätigte die Einladung des jungen Ritters nur zu gern. König und Prinzessin kamen ohne große Begleitung und in einfacher Kleidung, nur eskortiert von drei Jerusalem-Rittern, die Balian persönlich ausgesucht hatte. Der kleine König und seine Mutter waren wegen der geplanten gemeinsamen Aktivität schon lange vor allen anderen Gästen im Stadtanwesen des jungen Barons.

„Willkommen, meine Prinzessin, willkommen, mein König“, begrüßte Balian sie beide am Tor.

„Hallo, Onkel Balian!“, strahlte Balduin-Raymond und ließ sich von Balian auf den Arm nehmen, der ihm einen väterlich-liebevollen Kuss gab und dann Sibylla ebenso liebevoll begrüßte.

„Danke, dass du uns eingeladen hast, Papa“, sagte Balduin, als er aus dem Augenwinkel wahrnahm, dass das Tor geschlossen wurde.

„Sonst sehe ich dich ja nur noch auf dem Thron, du Racker“, grinste Balian. „Was meinst du: Schürze an und ‘ran an den Hammer?“

Raymond nickte eifrig.

„Na, dann kommt mit.“

Balian führte Mutter und Sohn in die Schmiede, wo schon zwei heiße Holzkohlefeuer brannten. Neben dem größeren der beiden Feuer stand der Bratspieß schon bereit, das Lamm war bereits aufgespießt und harrte nur noch der Würzung. Das machten Balian und Balduin zuerst, nachdem sie sich ordentlich die Hände gewaschen hatten. Nach erneuter Reinigung der Hände hob Balian den Bratspieß auf die Vorrichtung über dem Feuer und legte ein Seil über zwei senkrechte, mit Nuten versehene Eisenreifen mit dicken Speichen. An dem größeren Eisenreifen war rechts außen eine gezackte Nabe, ein Zahnrad*, das bei der Reparatur einer Wurfmaschine übrig geblieben war. Ein zweites Zahnrad steckte mit drei Nägeln befestigt auf der Spitze eines dünneren Rundholzes, das senkrecht nach unten führte und auf einer waagerechten Scheibe endete. Diese Tretscheibe glich dem Antrieb einer Töpferscheibe.

„Darf ich dich bitten, die Tretscheibe einfach nur locker anzutreiben, Liebste?“, bat Balian die Prinzessin.

„Was ist das?“, fragte sie und setzte sich auf einen bequemen Schemel.

„So etwas ähnliches wie ein Spinnrad, mein Liebling. Du ziehst den Fuß einfach zu dir heran und das ganze beginnt, sich zu drehen und so dreht sich auch der Spieß mit dem Lamm drauf.“

Sibylla probierte es – und der Spieß mit dem Lamm drehte sich tatsächlich!

„Das ist genial!“, rief die Prinzessin erfreut. „Du bist einfach ein genialer Erfinder, Balian!“

„Nur ein einfacher Dorfschmied …“, grinste er. Sibylla sah ihn an und erwiderte sein Grinsen. Es stimmte einfach: Schmiede waren auch immer Erfinder …

Während Sibylla den Bratspieß auf diese Weise langsam rotieren ließ, waren „ihre“ Männer dabei, ein Hufeisen für ihr Pferd auszusuchen und es dann dem Huf ihres Zelters anzupassen.

„Bitte, übertreib es nicht, Liebling. Balduin ist nicht von großer Kraft“, mahnte sie sanft, als Balian Balduin den Hammer in die Hand gab und ihm zeigte, wie er das Eisen bearbeiten sollte.

„Nein, das tue ich nicht. Ich führe ihn langsam heran. Keine Sorge“, beruhigte Balian. Balduin bearbeitete das Eisen eifrig. Nachdem er schon mehrmals bei Balian in der Schmiede gewesen war, hatte er schon mehr Kraft entwickelt als bei seinem ersten Versuch in der Schmiede von Meister Mohammed in Nablus.

„So, jetzt nehmen wir das alte Hufeisen ab“, sagte Balian, nahm die Nagelzange und wollte ansetzen, aber Sibyllas Pferd mochte es nicht, wenn ihm jemand an die Hufe ging. Balian beruhigte das nervöse Tier mit sanftem Zureden.

„Balduin, ich denke, es ist besser, wenn du eine Weile den Bratspieß treibst und Maman ihr Pferd festhält, hm?“, sagte er schließlich.

„Ja“, erwiderte der Junge und löste Sibylla am Bratspieß ab, die zu Balian trat und ihr Pferd festhielt, damit er das alte Hufeisen abnehmen und das neue anpassen konnte.

Balduin sah interessiert auf das rotierende Lamm, dass ganz allmählich Farbe bekam.

„Papa, das Feuer wird schwächer“, rief er.

„Dann schieb’ die Kohlen etwas zusammen und betätige den Blasebalg – aber Vorsicht!“, erwiderte Balian ohne sich umzudrehen. Balduin kam mangels Größe nicht ganz an den Hebel des Blasebalgs, stieg auf den Schemel und hängte sich einfach an den Hebel. Der Erfolg war ein mächtiger Zug des Blasebalgs – und ein kleiner Vulkanausbruch, als das Feuer heftig aufloderte, Funken sprühten und sogar größere, glühende Brocken herausgeschleudert wurden. Einige Funken und Brocken trafen auch Balduin, und hätten ihn auch im Gesicht getroffen, hätte er nicht instinktiv die Hände gehoben, um die Funken abzuwehren. Er sah weder, dass ihn ein glühender Kohlebrocken in der Innenfläche seiner linken Hand traf, noch dass die glühende Kohle sich tief in seine Hand brannte und dann herunterfiel. Erst, als er an sich heruntersah, stellte er eine Brandstelle in seiner Tunika fest und sah sich vorsichtig um. Seine Mutter und Balian hatten offensichtlich nichts bemerkt. Balduin atmete auf und drehte den Spieß weiter. Dann sah er eine verbrannte Stelle in seiner Handfläche und rieb daran, aber die Stelle ging nicht weg. Vielmehr kam nach einer Weile sogar Blut, aber Balduin spürte dort keinen Schmerz. Er sah sich um und fand einen sauberen Lappen, den er fest in seine linke Hand knüllte, damit er sich nicht noch mit dem Blut schmutzig machte.

Nach einer Weile, als Balian auch mit dem Hufbeschlag fertig war, alle drei zufrieden in der offenen Schmiede saßen und den Nachmittag einfach genossen, während sie abwechselnd den Bratspieß drehten, fiel Balduin ein, dass er Balian um Rat fragen wollte.

„Papa?“, fragte er und setzte sich nah zu Balian, der gerade den Bratspieß trieb. Balian legte ihm sanft den Arm um die Schulter und zog den Jungen zu sich.

„Ja?“

„Ich vermisse dich oft“, sagte Balduin.

„Ich dich auch – und Maman“, erwiderte Balian sanft. „Aber für heute sind wir wieder zusammen“, setzte er hinzu und strich Balduin liebevoll über den blonden Kopf. Balduin lehnte sich wie schutzsuchend an ihn an.

„Ich hab’ Angst, Papa“, sagte er leise. Balian sah den kleinen König verblüfft an.

„Was fürchtest du, Spatz?“

„Ich … ich weiß nicht genau. Aber … ich träume so komische Sachen.“

„Und was träumst du?“

„Dass … dass Jerusalem brennt und du und Maman gerade noch aus der Grabeskirche weglaufen können, bevor … sie einstürzt … von meinem Grab.“

Balian und Sibylla sahen sich betroffen an.

„Von deinem … Grab?“, hakte Sibylla erbleichend nach. Balduin nickte bestätigend.

„Ja, und da steht die Zahl von diesem Jahr drauf“, erklärte er. „Ich will aber noch nicht sterben. Ich möchte euch beide doch noch glücklich sehen, ich meine … so richtig … verheiratet.“

Balian schüttelte den Kopf.

„Die Zukunft kennt niemand außer Gott selbst, Spatz. Und er will nicht, dass wir unsere Zukunft kennen, weil wir sonst das Denken verlernen“, sagte er sanft.

„Aber … aber Onkel Balduin hat er doch auch schon sein Grab gezeigt. Und der hat mir erzählt, dass er das auch geträumt hat – genau das gleiche. Ein paar Monate, bevor er gestorben ist“, beharrte Balduin-Raymond.

„Onkel Balduin war sehr krank und wusste, dass er bald sterben musste, mein Schatz“, widersprach Sibylla. „Wann … hat er dir denn das erzählt?“, fragte sie, mehr um dem Wahrheitsgehalt dieser unglaublichen Geschichte nachzuspüren.

„Heute Nacht, als ich aus diesem komischen Traum aufgewacht und dann wieder eingeschlafen bin. Aber diesen Traum von der einstürzenden Kirche, den hatte ich schon mal.“

„Glaubst du das, Balian?“, fragte Sibylla mit schreckgeweiteten Augen. Er nickte und streichelte den offensichtlich sehr beunruhigten Jungen liebevoll und beruhigend.

„Balduin schwindelt nicht. Nicht bei dir, Liebling“, erwiderte er. Dann sah er Balduin-Raymond an.

„Du hast schlimm geträumt, Spatz. Das passiert uns allen mal. Ich hatte das auch, als meine Frau gestorben ist, als mein Vater gestorben ist. Ehrlich, es hat keine Bedeutung, mein Schatz“, sagte er. Balduin sah ihn mit großen Augen an.

„Bestimmt?“

„Ja, ganz bestimmt“, erwiderte Balian. „Komm, du bist wieder dran, mein Sohn“, sagte er dann, stand auf und setzte Balduin auf den Schemel. „Denk nicht mehr dran. Was meinst du, spielen wir nach dem Essen noch eine Partie Schach?“, versuchte er dann, Balduin auf andere Gedanken zu bringen. Erst zögernd, doch dann von Eifer gepackt, nickte Raymond. Seit Balian ihm das Schachspiel beigebracht hatte, versuchte er, wenigstens einmal in der Woche mit seinem erhofften Stiefvater Schach zu spielen.

Stunden später konnte das Lamm von den Dienern aufgetragen werden. Eine nette Gesellschaft befreundeter oder verwandter Menschen genoss den Lammbraten zu gutem Wein in entspannter Atmosphäre. Balian sah zufrieden über die fröhlich schwatzende und lachende Freundesschar, die in seinem Haus im großen Atrium versammelt war.

„Du siehst so zufrieden aus, mein Liebling“, weckte Sibylla den Geliebten aus seinen Gedanken. Balian lächelte sie glücklich an. Hier, vor seinen Freunden, musste er seine Zuneigung zu Sibylla nicht verbergen.

„Ich … hatte gerade eine wundervolle Vorstellung, mein Herz“, flüsterte er vertraulich nahe an ihrem Ohr.

„Und welche?“

„Stell’ dir mal vor, diese Menschen wären jetzt nicht zu einem gewöhnlichen Abendessen hier, sondern zu einem Hochzeitsjubiläum …“, lächelte er.

Unserem Hochzeitsjubiläum?“, fragte sie mit schelmischem Lächeln. Balian nickte nur und küsste sanft und ehrerbietig ihre Hand. Sibylla genoss die sachte Berührung seiner warmen Lippen, die schon wieder Lust auf mehr machten. Auch Balian spürt brennendes Verlangen nach der geliebten Prinzessin, aber Guy war in der Stadt und würde es gewiss nicht dulden, wenn seine Gemahlin die Nacht außerhalb des Palastes verbrachte.

„Hmm“, brummte er bestätigend. „Und dann stell’ dir mal deinen Sohn als erwachsenen, strahlenden König von Jerusalem vor, mit Frau und Kindern …“

Sibylla hatte das Gefühl, als könne sie diese Vorstellung direkt in Balians warmen, braunen Augen sehen. Sie lächelte ihn liebevoll an.

„Dann wären wir beide wohl schon angegraut“, flüsterte sie vertraulich. Er nickte.

„Ja – alt und grau. Und genau das möchte ich mit dir auch werden, wenn Gott es nur will.“

Sibylla stockte der Atem. Das war ein Heiratsantrag!

„Oh, Balian!“, flüsterte sie. Er küsste erneut sanft ihre Hand.

„Ich liebe dich, meine Prinzessin“, flüsterte er. Sibylla sah ihn einen Moment verblüfft an.

„In der Öffentlichkeit hast du das noch nie zu mir gesagt.“

„Nein, das … ist wahr. Ich wünschte, ich könnte es laut über die Mauer schreien, wie sehr ich dich liebe und mir wünsche, dein Mann und Raymonds Vater zu sein“, erwiderte er.

„Balian, mein Liebling – wie viel Wein hast du getrunken?“, fragte Sibylla mit schelmischem Lächeln.

„Den einen Becher bei Tisch, sonst halte ich mich an Wasser oder Tee – auch heute Abend.“

Jean und Raymond, die ebenfalls anwesend waren, bemerkten die Vertrautheit der Prinzessin und des jungen Ritters mit einem amüsierten Lächeln. So, ganz genau so, sahen restlos verliebte Menschen aus, die um sich herum nichts anderes mehr wahrnahmen. Den beiden Älteren war klar, dass die Liebe dieser beiden jungen Menschen durchaus in Jerusalems Interesse war und dass die hier Anwesenden alle Freunde des Paares waren; aber inzwischen war eine solche selbstverständliche Vertrautheit zwischen ihnen gewachsen, dass die Gefahr bestand, sie würden auch in der Öffentlichkeit einander so nah sein. Jean erhob sich von der Tafel und ging an das Kopfende der Tafel, wo Sibylla und Balian nebeneinander saßen, während Balduin-Raymond den Ehrenplatz am Kopf der Tafel hatte und seiner Mutter und ihrem geliebten Ritter interessiert zusah.

„Vergebt die Störung, Mylord“, sagte Jean sanft. Balian sah zu ihm hoch.

„Ihr wollt doch nicht schon gehen, mein Freund?“, fragte er besorgt.

„Nein“, erwiderte Jean lächelnd. „Ich … wollte Euch beide nur ganz vorsichtig darauf hinweisen, dass Ihr …“

Er kam nicht weiter, Balian hatte ihm freundschaftlich die Hand auf den Arm gelegt.

„Jean, mein Freund, hier bin ich zuhause, und ich lade mir nur Gäste ein, die Sibylla und mich nicht an Guy verraten würden. Wir wissen beide um die Gefahr. Schließlich ist unsere … Freundschaft … glatter Ehebruch“, sagte er. Jeans Lächeln wurde breiter.

„Tiberias hatte schon Befürchtungen, Ihr …“

Balian schüttelte nur lächelnd den Kopf.

„Nein, macht Euch darum keine Sorgen, Jean.“

Das Mahl dauerte noch eine gute Stunde, dann verließen die meisten Gäste nach und nach Balians gastliches Haus. Schließlich waren nur noch Sibylla, Balduin, Jean und Tiberias anwesend.

„Du hattest mir doch versprochen, dass wir noch eine Partie Schach spielen, Papa“, erinnerte Balduin.

„Das habe ich auch nicht vergessen, Raymond. Aber es ist sehr unhöflich, andere Gäste sitzen zu lassen“, erwiderte Balian sanft. Balduin-Raymond nickte, aber er setzte sich auf Balians Schoß und lehnte sich an ihn an. Balian umarmte ihn liebevoll und drückte einen sanften Kuss auf die Stirn des kleinen Königs. Raymond von Tiberias sah das Bild versonnen an, das sich ihm bot. Er selbst betrachtete sich als väterlichen Freund Balians – und jetzt schon fast als zufriedenen Großvater, der Sohn und Enkel beobachtete. Dann fiel sein Blick auf das Brandloch unten in Balduins Tunika, das Balduin mit der linken Hand nicht ganz verdecken konnte – jedenfalls nicht, wenn jemand links von ihm stand, wie Tiberias es gerade tat.

„Kleines Unglück?“, fragte Raymond grinsend. Balduin bekam einen unglücklichen Gesichtsausdruck. Er hatte gehofft, das Loch verbergen zu können und im Palast Diener mit der Reparatur beauftragen zu können. Bisher war ihm das auch gelungen, aber Tiberias’ scharfem Blick entging nicht viel.

„Heute Nachmittag in der Schmiede sind ein paar Funken geflogen“, bekannte er. Sibylla sah erschrocken auf das Brandloch, aber bevor sie etwas sagen konnte, griff Balian ein.

„Ach, das kann man wieder flicken. Ich werde Jaira, die Frau von Michel fragen, ob sie das stopfen kann. Sie ist sehr geschickt mit Nadel und Faden.“

„Ist das das einzige Loch, Raymond?“, fragte Sibylla. Balduin wurde hochrot, als er an die verbrannte Stelle in seiner Hand dachte. Er kämpfte einen Moment mit sich, das war ihm anzusehen.

„Nein“, flüsterte er und drehte seine linke Hand um, in der immer noch der Lappen verknüllt war. Balian nahm den Lappen ganz vorsichtig aus der Hand des Jungen, um ihm nicht wehzutun.

„Tut dir das nicht weh?“, fragte Jean, als er die schlimme Verbrennung sah und der Junge keine Reaktion zeigte, als Balian den verklebten Lappen entfernte. Balduin schüttelte den Kopf.

„Bestimmt nicht?“, hakte Jean prüfend nach. Als Balduin abermals den Kopf schüttelte, wurde der Johanniter kreidebleich. Seine Reaktion ließ Tiberias, Sibylla und Balian ebenfalls erbleichen.

„Meint Ihr …?“, fragte Balian betroffen. Jean nickte langsam. Entsetzen stand ihm im Gesicht wie in einem offenen Buch.

„Bevor ich es ausspreche, möchte ich es genauer untersuchen und auch den Hospitalmeister des Johanniterhospitals zu Rate ziehen“, sagte er mit belegter Stimme.

„Sagt mir bitte, dass Ihr nicht Lepra meint“, keuchte Sibylla.

„Er … spürt keinen Schmerz, meine Prinzessin. Ihr … wisst, dass Euer Bruder … auch keinen Schmerz empfand … Ich mag es nicht aussprechen, aber ich befürchte es.“

Sibylla schloss entsetzt die Augen.

„Nein, nein, bitte nicht!“, flehte sie. Bittere Tränen rannen über ihr Gesicht. Balian, der neben ihr saß, zog sie an sich und umarmte Mutter und Sohn tröstend, aber er hatte selbst Tränen in den Augen.

***

Kapitel 24

Schreckliche Gewissheit

 

Es war eine schlimme Nacht für alle, die von Balduins Verletzung und seinem mangelnden Schmerzempfinden wussten. Nicht nur Sibylla schlief sehr schlecht, auch Balduin-Raymond selbst, Tiberias und Jean.

Balian, der weder Mutter noch Sohn allein lassen wollte, hatte beide in den Palast begleitet und hatte eigentlich bleiben wollen, doch hatte Guy ihn schlichtweg hinausgeworfen. Aus dessen Sicht war es verständlich, dass er keinen fremden Mann an Sibyllas Seite dulden wollte. Zudem hatte er mehr als nur deutlich erklärt, dass er einen zu engen Kontakt zwischen Balduin und Balian zu verhindern gedachte. Der Konstabler konnte gegen die Entscheidung Guys, dass er den Palast zur Nachtzeit verlassen sollte, nicht einmal etwas sagen, ohne den fortdauernden Ehebruch der Königinmutter öffentlich zu machen. Ihm lag nichts daran, die geliebte Frau zu kompromittieren, also steckte er zähneknirschend zurück und wehrte sich nicht gegen den beschämenden Hinauswurf.

Als die Sonne am folgenden Tag aufging, hatte Balian von Ibelin keinen Augenblick geschlafen. Unruhig war er die ganze Nacht durch sein Haus gestreift, ohne Ablenkung von der furchtbaren Ungewissheit finden zu können. Die Vorstellung, Balduin-Raymond könnte an der gleichen grauenhaften und unheilbaren Krankheit leiden wie sein Onkel, ließ Balian weder Ruhe noch Trost finden. Als die Sonne sich über den Horizont erhob, verließ er sein Haus und begab sich zu seinem Amtssitz im Davidsturm, aber es gelang ihm nicht, sich auf seine dort auf ihn wartende Aufgabe zu konzentrieren. Er durchmaß sein Arbeitszimmer wie ein Löwe den beengenden Käfig, als ihn der zweite Schock innerhalb weniger Stunden ereilte.

Dieser Schock traf ihn, als ihm die Folgen einer möglichen Regierungsunfähigkeit Balduins einfielen: Wäre Balduin durch seine Krankheit irgendwann an der Regierung gehindert, wäre sein Vormund mit größter Wahrscheinlichkeit der Bailli, der Regent, der sehr weit reichende Vollmachten hatte. Guy in der Position des Bailli war eine Vorstellung, die Balian die Haare zu Berge stehen ließ, denn es würde ohne jeden Zweifel Krieg mit den Sarazenen bedeuten. Wenn Balduin tatsächlich Lepra hatte, konnten ihm nur noch Saladins Ärzte helfen, von denen es hieß, sie hätten ein Heilmittel gegen die Lepra gefunden. Für Balian stand fest, dass er Saladin aufsuchen würde, um ihn um Hilfe für den Kindkönig anzuflehen, erforderlichenfalls auf Knien …

Früh am Morgen kam Jean mit dem Hospitalmeister der Johanniter in den Palast. Beide untersuchten den kleinen König. Der Hospitalmeister schüttelte nach eingehender Untersuchung bedrückt den Kopf.

„Ihr habt Recht, Bruder Jean. Es ist Lepra“, sagte er. Sibylla hatte das Gefühl, ihr fahre ein glühendes Eisen durch den Leib.

„Nein“, flüsterte sie entsetzt. „Nein! Nein! Nein!“, schrie sie dann verzweifelt. Tiberias, der Mutter und Sohn nicht von der Seite gewichen war, nahm sie tröstend in die Arme, als ihr Gemahl es nicht tat.

„Schickt nach Balian“, wies er einen Diener an. „Der Statthalter muss von dieser Entwicklung unterrichtet sein“, setzte er hinzu, als er Guys ebenso strafenden wie verblüfften Blick sah.

Der Diener hetzte zum Davidsturm.

„Dringende Botschaft für Mylord Balian!“, keuchte er, als ihn die Wachen aufhielten. Joffrey brachte den Diener zu Balian.

„Mylord Balian, Ihr sollt sofort in den königlichen Palast kommen“, stieß der Bote atemlos hervor, als er in das Amtszimmer kam. „Der König hat Lepra!“

Der Konstabler ließ augenblicklich alles stehen und liegen und rannte mit dem Boten wie von den Furien gehetzt in den Palast. Er fand eine in Tränen aufgelöste Sibylla und einen gleichzeitig betroffenen und schon halb triumphierenden Guy de Lusignan vor. Ein großer Teil der Barone des Reichs war anwesend, soweit sie in Jerusalem waren, auch Reynald war darunter. Tiberias und der Patriarch Heraclius waren ebenfalls anwesend.

„Ihr habt mich rufen lassen, meine Prinzessin?“, meldete Balian sich mit ehrerbietiger Verbeugung vor Sibylla, die auf dem Thron ihres Sohnes saß. Sie antwortete nicht, schien unendlich weit fort zu sein. Er erkannte die sonst so beherrschte Prinzessin kaum wieder, doch konnte er ihre Reaktion nur zu gut verstehen. Es konnte für eine Mutter nichts Schrecklicheres geben, als zu wissen, dass ihr Kind unheilbar krank war und vielleicht nicht mehr lange zu leben hatte – oder langsam dahinsiechen würde wie der selige Balduin IV.

„Die Königinmutter ist kaum in der Lage zu sprechen, Statthalter“, sagte Guy, als Sibylla keine Reaktion zeigte. Seit der Diagnose des Hospitalmeisters hatte sie kein Wort mehr gesprochen und nur noch geweint.

„Die Untersuchung des Königs durch die Ärzte vom Johanniterhospital hat ergeben, dass er an Lepra leidet“, erklärte ihr Gemahl.

„Mein Gott!“, stieß Balian hervor, dem das blanke Entsetzen im Gesicht stand. Im Stillen hatte er immer noch gehofft, dass er sich verhört hatte, als der Diener bereits von Aussatz gesprochen hatte. „Wollt Ihr Saladin um Hilfe bitten, meine Prinzessin? Die Sarazenen haben gute Ärzte. Es heißt, sie hätten ein Mittel gegen die Lepra gefunden. Nach den Worten Eures Bruders hatte Saladin ihm schon angeboten, ihm seine Ärzte zu senden“, schlug er an Sibylla gewandt vor. Sie zeigte noch immer keine Reaktion.

„Heidnische Ärzte!“, platzte de Lusignan geringschätzig heraus. „Die konnten schon Balduin IV. nicht helfen!“

„Vielleicht war es bei ihm einfach zu spät“, mutmaßte Balian. „Als Saladin seine Ärzte sandte, hatte Balduin IV. schon weit über zehn Jahre Lepra. Bei Balduin V. ist die Krankheit gerade erst ausgebrochen“, gab er zu bedenken.

„Was versteht Ihr denn von Heilkunst?“, spottete Guy. „Ich habe Euch rufen lassen, um Euch mitzuteilen, dass ich die Regierungsgeschäfte für König Balduin V. einstweilen übernehme.“

Tiberias sah den Vormund des Königs verblüfft an. Das war nicht der Grund, weshalb er veranlasst hatte, Balian zu rufen – und das wusste Guy genau.

„Für den Fall von Balduins Regierungsunfähigkeit gibt es meines Wissens nach eine klare testamentarische Regelung Balduins IV.“, erwiderte Balian mit erzwungener Beherrschung. „Im Übrigen ist der König zwar krank, aber Lepra macht nicht regierungsunfähig, jedenfalls nicht zu diesem frühen Zeitpunkt, wie mir schon Balduin IV. sagte. Auch er hat als kranker Mann regiert und war Jerusalem ein guter und kluger König.“

„Balian hat Recht“, schaltete sich Tiberias ein.

„Ihr habt es abgelehnt, Bailli für den unmündigen König zu sein, Tiberias“, erinnerte Guy süffisant.

„Ja, ich bin ein alter Mann, Mylord de Lusignan. Bailli sollte in Jüngerer sein. Aber … falls der König seiner Krankheit erliegt und erbenlos verstirbt, hat Balduin IV. völlig unmissverständlich in seinem Testament bestimmt, dass der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, der Papst und die Könige von Frankreich und England die Nachfolge auf dem Thron Jerusalems regeln sollen“, widersprach Tiberias.

„Du meine Güte!“, prustete Reynald. „Bis die überhaupt unterrichtet sind, ist der Jüngste Tag angebrochen!“

„Reynald! Das ist Blasphemie!“, empörte sich der Patriarch.

„Ich stimme Herrn Reynald nicht häufig zu, aber in gewissen Grenzen hat er Recht, Eure Heiligkeit“, bemerkte Balian. „Es dauert wirklich viel zu lange, bis diese Männer die Nachricht erhalten haben. Vor Ablauf eines vollen Jahres werden wir keine Entscheidung dieser Leute vorliegen haben. Bis dahin muss Jerusalem aber regiert werden. Doch ich bleibe dabei, dass die Lepra als solche kein Grund ist, Balduin V. für regierungsunfähig zu erklären. Abgesehen davon: Wo steht eigentlich geschrieben, dass Jerusalem nicht von einer Königin regiert werden darf? Selbst wenn Balduin regierungsunfähig sein oder werden sollte, so hat er immer noch eine Mutter!“

„Balian!“, keuchte der Patriarch. „Prinzessin Sibylla ist eine Frau!“

„Na und?“, konterte Balian. „Sie ist König Balduins Schwester, sie ist aus dem Hause Anjou und sie kennt die Verhältnisse hier“, beharrte der Baron. Der Patriarch lächelte milde.

„Eine Frau kann nicht regieren. Wo denkt Ihr hin?“, wehrte er ab.

„Meine Herren – Ihr redet, als wäre mein Stiefsohn schon tot“, bremste Guy die Diskussion. „Aber … wenn Balduin V. tatsächlich ohne Erben verstirbt und dann die Suche nach einem neuen König beginnt und sich jeder hier im Saal ausrechnet, er könne der nächste König von Jerusalem sein, spielt das nur jenen in die Hände, die eine christliche Regierung für Jerusalem ablehnen. Wir können Saladin keinen größeren Gefallen tun, als in Uneinigkeit zu verfallen“, warnte er. „Sibylla von Jerusalem ist meine Gemahlin. Ich erhebe keinen Anspruch auf den Thron, könnte ich doch allenfalls ihr Prinzgemahl sein. Aber als Vormund des unmündigen Königs erhebe ich Anspruch auf die Stellung des Bailli. Dass ich die Regierung im Sinne Balduins fortführe, das will ich gern beschwören“, sagte er feierlich.

„Wenn Ihr das tun wollt, dann veranlasst Reynald, die Schwester Saladins unbeschadet ihrem Bruder zurückzugeben“, forderte Balian. „Weder Balduin IV. noch der V. hätten diese Frau als Gefangene gehalten.“

„Der König hat ihre Freilassung nicht veranlasst. Weshalb sollte der Bailli es tun?“, versetzte Reynald.

„Das ist schlichtweg die Unwahrheit, Reynald. Balduin bekam nur keine Unterschrift von seinem Vormund“, entgegnete Balian.

„Mein Mündel hat mich darum nie ersucht“, behauptete Guy.

„Das, Mylord de Lusignan, ist eine Lüge. Ich weiß, dass Balduin Euch mehrfach ausdrücklich darum gebeten hat. Ich habe es auch getan. Ihr habt Euch geweigert“, grollte Balian. „Ich werde Euch als Bailli nicht zustimmen, Mylord de Lusignan.“

Doch abgesehen von Balian und Tiberias waren alle anderen anwesenden Barone Jerusalems bereit, Guy de Lusignan als Bailli zu akzeptieren. Guy nahm die Wahl dankend an und forderte den Treueid. Balian blieb auch diesmal standhaft.

„Meine Treue gilt dem König. Ich werde Euch keinen gesonderten Treueid leisten!“, weigerte er sich. Abgesehen von Tiberias und Sibylla sahen die Anwesenden Balian verstört an.

„Da Ihr den Eid verweigert, enthebe ich Euch der Verantwortung als Statthalter von Jerusalem. Diesen Posten übertrage ich hiermit Amaury de Lusignan“, verkündete Guy. „Ihr habt den Rock der Jerusalem-Ritter abzulegen und Jerusalem zu verlassen, Balian von Ibelin!“, befahl er dann.

Wortlos schnürte Balian den Wappenrock auf, nahm den Schwertgürtel ab, den er Tiberias zum Halten gab, entledigte sich des Wappenrocks, warf ihn de Lusignan vor die Füße und schnallte sich den Schwertgürtel wieder über dem blanken Kettenhemd um. Schweigend wandte er sich zum Gehen, als Sibylla sich erhob.

„Moment!“, rief sie. Alle Augen wandten sich der bleichen Prinzessin zu, Balian blieb stehen und drehte sich wieder um.

„Wie Ihr richtig bemerkt, mein Gemahl, seid Ihr – für den Fall, dass mein Sohn der Lepra erliegt – der Prinzgemahl. Die Wahl oder die Zustimmung der Reichsfürsten allein reicht für Euch als Bestätigung als Bailli nicht aus. Ohne meine Zustimmung werdet Ihr nicht Bailli“, versetzte sie eisig. So, wie sie dastand, war sie ganz die königliche Prinzessin, die sich jetzt wieder in der Gewalt hatte und ihr öffentliches Gesicht aufgesetzt hatte, das keine Emotion durchließ und keinen Widerspruch duldete. Die Höflinge verbeugten sich ehrerbietig vor ihr, als sie die Stufen vom Thron zu Balian herunterkam.

„Balian von Ibelin!“, sprach sie ihn an.

„Meine Prinzessin?“, erwiderte er und senkte den Kopf.

„Seht mich an!“, forderte sie. Gehorsam hob der junge Ritter den Kopf.

„Seid Ihr bereit, mir Treue zu schwören?“, fragt sie mit königlicher Strenge. Er hob die rechte Hand zum Schwur.

„Mein Schwert gehört Euch, edle Prinzessin. Ich gelobe Euch und Eurem Sohn Balduin Treue, bis Ihr oder Euer Sohn mich davon entbindet oder Gott der Allmächtige mich von dieser Welt abberuft. So wahr mir Gott helfe“, schwor er.

„Mylord de Lusignan, mein Gemahl – ich fordere Euch auf, den Bannspruch über Herrn von Ibelin aufzuheben und ihn wieder in sein Amt einzusetzen oder ich werde Euch die Anerkennung als Bailli versagen!“, stellte die Prinzessin dann zur Wahl. Die Augen der Anwesenden richteten sich auf Guy. Er zögerte.

„Die Prinzessin hat Recht“, sagte Tiberias. „Nehmt den Bannspruch zurück, de Lusignan. Balian von Ibelin hat sich nichts zuschulden kommen lassen, außer Euch – Euch ganz persönlich – den Eid zu verweigern. Vergesst nicht, dass Ihr als Bailli lediglich der Stellvertreter des Königs seid und nicht der König selbst.“

Guy sah Hilfe suchend zu Reynald und dem Patriarchen. Reynald taxierte die Barone, dann nickte er leicht. Es bestand die Gefahr, dass auch andere Barone von Guy abrückten.

„Es sei“, sagte Guy. „Ich … ich hebe den Bannspruch auf und … setze Herrn von Ibelin wieder in das Amt des Statthalters von Jerusalem ein – mit allen Rechten und Pflichten.“

Balian verbeugte sich knapp und las den Wappenrock wieder auf. Dann ging er zu Sibylla, kniete vor ihr nieder und küsste dankbar ihre rechte Hand.

„Ich danke Euch für Eure Fürsprache, meine Prinzessin.“

„Erhebt Euch, Baron von Ibelin!“, wies sie ihn an. „Dankt mir nicht zu früh“, setzte sie dann hinzu und nahm wieder auf dem Thron Platz. „Balian von Ibelin, ich beauftrage Euch hiermit, den Sultan von Ägypten in meinem Namen um ärztliche Hilfe für König Balduin V. zu ersuchen.“

„Getreu meinem Eid werde ich nach Damaskus reisen und den Sultan aufsuchen, um ihm Eure Bitte zu unterbreiten“, versprach Balian und erhob sich. „Welche Zusagen darf ich in Eurem Namen machen?“

„Saladin wird gewiss die Freilassung seiner Schwester fordern. Teilt ihm mit, dass ich nicht die Macht habe, einem ungetreuen Fürsten meines Sohnes dies zu befehlen oder ihn mit der Acht zu strafen. Teilt ihm dennoch mit, dass ich mich um die Freilassung der edlen Jazira bemühen werde, wenn er ärztliche Hilfe gewährt.“

„Ich werde es ihm sagen.“

„Ihr begebt Euch in große Gefahr, das will ich Euch nicht verschweigen. Nicht jeder Sarazene achtet den Schutz des Reisenden – wie es manche christlichen Ritter auch nicht tun“, gab sie zu bedenken. Ein strafender Blick traf Reynald, den das aber nicht zu berühren schien. Balian verneigte sich leicht.

„Ich habe geschworen, die Hilflosen zu beschützen, vor Feinden keine Furcht zu haben, tapfer und aufrecht zu sein und kein Unrecht zu tun“, sagte er, ohne sich um das amüsierte Grinsen in den Gesichtern Reynalds und Guys zu kümmern, die diesen Eid einfach nur töricht fanden.

„Der König ist hilflos, der mögliche Arzt bei unseren Feinden. Dorthin zu gehen, um Hilfe für unseren König zu erbitten, entspricht dem Eid, den ich leistete.“

„Dann geht mit Gott, Balian von Ibelin. Möge er Euch beschützen“, verabschiedete Sibylla ihren Ritter. Die Tränen in ihren Augen waren unübersehbar.

„Grüßt den König bitte von mir und sagt ihm, dass ich versuche, Hilfe für ihn zu holen“, bat er mit belegter Stimme.

„Das werde ich“, versprach sie.

Der junge Ritter verneigte sich und verließ eilig den Palast.

***

Kapitel 25

Gefährliche Hilfesuche

Balians Vorbereitungen waren kurz. Er kehrte umgehend in sein Haus in Jerusalem zurück, zog mithilfe des treuen Ismael das Kettenhemd aus und deponierte es samt Jerusalemer Wappenrock in der Waffenkammer neben der Schmiede.

„Sei bitte so gut, Olin zu satteln, Ismael. Ich muss nach Damaskus und will mir noch ein paar Sachen zusammenpacken“, bat er.

„Nach Damaskus? Was wollt Ihr dort, Sidi?“

„Ich habe Auftrag von der Prinzessin Sibylla, einen Arzt für den kranken König Balduin zu holen – von Saladin.“

„Sidi, ich würde Euch nicht raten, jetzt nach Damaskus zu reisen, nicht als Christ“, warnte Ismael.

„Ich habe es ihr und dem König versprochen, Ismael“, erwiderte Balian sanft.

„Lasst mich mit Euch gehen, Sidi“, bat Ismael. Balian sah den treuen Diener einen Moment an.

„Du weißt, in welche Gefahr du dich begibst, mein Freund? Muslime, die Christen dienen, werden von fanatischen Mullahs als todeswürdig betrachtet“, warnte Balian. Ismael lächelte versonnen.

Sidi, als Ihr neu in Jerusalem wart und ich Euch die Stadt gezeigt habe, da habt Ihr mir das Leben gerettet, als Ignaz von Bethanien uns angriff. Dafür habe ich Euch noch nichts geben können, denn Ihr bezahlt meine bescheidenen Dienste gut. Ich schulde Euch mein unwürdiges Leben.“

Balian schüttelte den Kopf.

„Was ich getan habe, war mein Pflicht als Ritter. Du schuldest mir nichts, Ismael. Und dein Leben ist alles andere als unwürdig. Sag’ so etwas nie wieder“, wehrte er ab.

„Ihr betrachtet Eure Diener nicht als Sklaven, Sidi, wie es viele andere tun. Selbst Euer Vater, Allah sei ihm gnädig, ging streng mit seinen Dienern um und ließ keine Fehler durchgehen. Für Euch zu arbeiten ist eine große Ehre, die auch noch gut bezahlt wird. Ihr habt Euch große Achtung erworben, nicht nur unter den Christen. Wenn Ihr mich schon nicht deshalb mitnehmen wollt, weil ich Euch etwas schulde, dann lasst mich mit Euch gehen, um vor dem großen Saladin zu bezeugen, dass Ihr ein Gerechter unter dem Himmel seid, der es nicht verdient, Ungläubiger genannt zu werden. Es könnte Euch retten, Sidi. Außerdem … ich will Euch nicht verlieren, denn dann müsste ich einem anderen Herrn dienen, der nicht so freundlich zu mir ist“, bettelte Ismael.

„Gut, wenn du darauf bestehst, dann komm mit mir“, lächelte Balian.

Im Palast hatte sich die Versammlung aufgelöst. Guy und Reynald zogen sich in das Arbeitskabinett in den persönlichen Räumen der königlichen Familie zurück.

„Guy, du kannst nicht zulassen, dass der grüne Bengel tatsächlich einen Arzt holt, der die Lepra wirklich heilen kann“, beschwor Reynald Guy. De Lusignan grinste niederträchtig.

„Wer sagt, dass ich das tue? Der Weg nach Damaskus ist weit und mit Gefahren gespickt“, erwiderte er. „Du hast Erfahrung mit solchen Dingen, Reynald. Nur sorg’ diesmal dafür, dass Balian nicht wieder auftaucht.“

„Also soll er sterben?“, hakte Reynald nach.

„Ja“, bekräftigte Guy. De Châtillon dachte einen Moment nach.

„Er glaubt sich sicher. Er wird sicher auf dem direkten Weg nach Damaskus reiten. Wir werden ihm an der Hauptstraße auflauern“, sagte er dann. Guy nickte und Reynald verließ eilig den Palast, um Balian mit den Templern eine Falle zu stellen.

Hätte Guy gesehen, dass sein Stiefsohn hinter der nur angelehnten Tür zu seinem Schlafraum lauschte, hätte er nicht so laut gesprochen und auch Reynald leiser sein lassen. Balduin-Raymond bekam einen heftigen Schrecken. Sein Stiefvater und Reynald wollten Balian ans Leben! Das konnte er nicht zulassen! Weder als König noch als Kind, das den Bedrohten wie seinen eigenen Vater liebte. Aber Balduin war auch klar, dass er Guy nicht wissen lassen durfte, was er mitgehört hatte. Als schwere Schritte in Richtung seiner Tür kamen, die verdächtig nach dem Verhassten klangen, verließ er das Zimmer eilig, aber dennoch auf leisen Sohlen, zur anderen Tür hinaus und schloss ganz leise die Tür. Dann rannte er durch die langen Flure davon, um Tiberias aufzusuchen.

Guy, der in das Schlafgemach des Jungen kam, sah nur die geschlossene Tür des anderen Zimmerzugangs und hatte keine Ahnung, dass sein finsterer Plan an Ohren gedrungen war, denen er ihn niemals hätte zukommen lassen.

„Tiberias! Tiberias!“, hechelte Balduin-Raymond, als er den Grafen bei seiner Mutter fand.

„Balduin, es ist keine Art, so hereinzuplatzen!“, wies Sibylla ihren Sohn sanft zurecht. Balduin beachtete sie nicht – ausnahmsweise.

„Bitte, Tiberias, rettet Balian! Guy und Reynald wollen …“, weiter kam er nicht. Erschöpft von seiner Panik sank er zu Boden. Tiberias konnte ihn gerade noch auffangen.

„Raymond, was ist mir dir?“, fragte er erschrocken. Sibylla sah nicht weniger entsetzt aus.

„Was hast du, mein Schatz?“, fragte sie besorgt und streichelte ihn beruhigend. Es dauerte einen Moment, bis Raymond wieder sprechen konnte.

„Sie wollen Balian umbringen. Bitte, sende deine Jerusalem-Ritter, um meinen Papa zu beschützen, Tiberias“, keuchte Raymond. Tiberias nickte.

„Das werde ich, mein König“, versprach er und hinkte eilig aus dem Palast. Balduin-Raymond sank in die Arme seiner Mutter.

„Ich habe Angst, Maman“, flüsterte er. Sibylla nickte nur. Auch ihr schnürte sich das Herz vor Angst um den geliebten Mann zusammen. Sie zog Balduin-Raymond an sich und umarmte ihn fest.

„Es wird alles gut, mein Schatz. Es wird alles gut“, flüsterte sie, ohne wirklich zu wissen, ob es stimmte, was sie sagte.

Balian und Ismael ritten eilig gen Norden Richtung Damaskus. Sie hatten nur leichtes Gepäck, um die Pferde nicht unnötig zu belasten. Selbst auf Kettenhemden und Wappenröcke hatten sie verzichtet und trugen leichte, luftige Kleidung, wie sie im Orient üblich war und auch von manchen Christen getragen wurde. Die heiße Augustsonne hatte Ismael bewogen, seinem Herrn auch einen Turban zu empfehlen. Zu groß war die Gefahr, dass Balian sich auf der etwa zwei Wochen dauernden Reise trotz seines dichten, dunklen Haars einen Sonnenstich einfing. Balian hatte die Empfehlung angenommen. Schwert und Schild hatten sie am Sattel hängen, weil es so einfach beim Reiten bequemer war. Es war ein Risiko, aber der Weg war weit und sie würden keine Möglichkeit haben, die Pferde zu wechseln. Der Schild mit dem dunkelroten Ibelin-Kreuz auf blassgelbem Grund war der einzige Hinweis, dass sie zum christlichen Königreich Jerusalem gehörten.

Reynald, der Jerusalem wenigstens eine Stunde vor Balian und Ismael verlassen hatte, grinste hämisch in seinem Versteck, als er die beiden Reiter kommen sah und das Ibeliner Wappen auf dem Schild erkannte. Sie brauchten sich nicht mal die Mühe zu machen, sich zu verkleiden. Die zwei Reiter sahen aus wie Muslime, also würden sie behandelt wie Muslime … Reynald gab das Zeichen, und er und seine Männer preschten aus dem Hinterhalt hervor, den sie gelegt hatten. Gegen die Übermacht von zwanzig Tempelrittern hatten Balian und Ismael keine Chance, dennoch kämpften sie trotz ihrer Überraschung wie die Löwen. Aber der Kampf war kurz. Ismael wurde von einer Lanze durchbohrt und sank tot zu Boden. Balian rang mit drei Templern, aber ein Hieb mit dem Morgenstern traf ihn am Kopf und beendete den ungleichen Kampf. Er fiel vom Pferd und blieb bewusstlos liegen.

De Châtillon sprang vom Pferd und drehte Balian grob mit dem Fuß auf den Rücken. Er regte sich nicht, obwohl eine offene Wunde nicht erkennbar war. Einen Moment hatte der Templergönner Zweifel, ob der junge Ritter wirklich tot war und wollte mit dem Dolch sicherstellen, dass dieser Träumer garantiert nicht mehr in Jerusalem auftauchte. Aber dann beschloss er, ihn doch einfach liegen zu lassen. Es war August, die Sonne brannte erbarmungslos von einem seit Wochen völlig wolkenlosen Himmel … Ohne Wasser war es ohnehin nur eine Frage von Stunden, bis Balian von Ibelin bestimmt gestorben war, wenn er jetzt noch lebte. Die beiden Pferde waren in Panik geflohen und jagten schnurstracks gen Jerusalem zurück. Die Templer machten sich nicht die Mühe, sie zu verfolgen. Die Tiere würden nicht freiwillig zurückkehren – und das war ebenso sicher, wie sie zu töten. Ohne Pferde bestand keine Chance, der Wüste zu entkommen, falls Balian doch noch leben sollte.

„Zurück nach Kerak!“, kommandierte Reynald, schwang sich wieder in den Sattel und ritt mit seinen Männern nach Osten fort.

Reynald war mit seinen Leuten kaum außer Sicht, als eine Karawane aus Jerusalem kam. Es waren muslimische Pilger, die auf dem Rückweg nach Damaskus waren. Der Führer der Karawane übersah den Kampfplatz, auf dem zwei Männer lagen. Vorsichtig sah er sich um und gab dann Anweisung zum Anhalten. Beide Männer, die da am Boden lagen, sahen äußerlich nach Muslimen aus, nur die geraden Frankenschwerter und die beiden Schilde mit dem Kreuz darauf ließen den Karawanenführer zweifeln. Als Balian sich bewegte, ließ er sein Kamel sich setzen, nahm einen Lederschlauch mit Wasser und sprang eilig zu ihm, stützte seinen Kopf und flößte ihm vorsichtig Wasser ein, während zwei andere schon ein Grab für Ismael aushoben.

„Danke“, flüsterte Balian erschöpft. Der Turban hatte zwar eine offene Wunde verhindert, aber er hatte die Wucht des Morgensterns nur mildern und nicht völlig abwehren können. Er hatte eine üble Gehirnerschütterung, die ihn immer noch Sterne sehen ließ.

„Was ist geschehen, Shadiq*?“, fragte der Karawanenführer.

„Mein Diener und ich wurden von Templern überfallen“, erwiderte Balian leise. „Was ist mit Ismael?“

„Ist Ismael dein Diener, Shadiq?“

„Ja.“

„Er ist tot, Shadiq. Der Sheitan hole die Templer und sämtliche ungläubigen Hunde!“, fluchte der Karawanenführer. Er und ein weiterer Karawanenreisender halfen Balian auf.

„Wer bist du, Shadiq?“, erkundigte sich der Karawanenführer. Balian rang sich ein mühsames Lächeln ab.

„Balian von Ibelin – und ich bin als Bote des Königs von Jerusalem auf dem Weg nach Damaskus“, erklärte er. Der Karawanenführer prallte erschrocken zurück.

„Du … du bist …“

„… ein Ungläubiger nach deiner Auffassung, Shadiq“, erwiderte Balian arabisch. „Ich bitte dich um deine Hilfe“, setzte er hinzu. Die Beine knickten ihm weg, als ihn ein neuerlicher Schwindelanfall packte; er wäre wieder hingefallen, hätten ihn die beiden Araber nicht aufrecht gehalten.

„Was … willst du in Damaskus?“, hakte der Karawanenführer ein.

„Meinen … kleinen König retten, der sehr krank ist. Wenn er stirbt, hat ein anderer die Macht in Jerusalem, der nicht mehr zulassen wird, dass ihr dort eure heiligen Stätten aufsuchen könnt. Hilf mir, bitte.“

„Wir sollten ihm helfen, Yassir“, schlug der zweite Araber vor. Noch zweifelnd sah Yassir dem jungen Christen ins Gesicht.

„Es … es wird dein Schaden nicht sein, wenn du mich mitnimmst, Yassir“, flüsterte Balian, dem wieder die Sinne zu schwinden drohten. Yassir nickte.

„Gut. Halef, nimm den Hakim Ibelin auf dein Kamel!“, wies Yassir den zweiten Mann an.

„Ja, Sidi“, erwiderte der. „Beeilen wir uns, Shadiq, der zunehmende Wind schmeckt nach einem Sandsturm.“

Trotz seiner Kopfschmerzen sah Balian sich um.

„Woran erkennst du das? Ich sehe nichts“, sagte er. Halef lächelte.

„Ich reise schon viele Jahre durch die Wüsten Arabiens. Glaub’ mir, Shadiq, ich kenne die Wetterzeichen“, erwiderte er. Er half Balian auf den bequemen Kamelsattel, setzte sich dahinter und hielt ihn vorsichtig fest. Die Karawane formierte sich und zog dann auf Yassirs Zeichen weiter.

Tiberias hetzte mit einer fünfzig Mann starken Truppe Jerusalemer und Ibeliner Soldaten auf der Straße nach Damaskus, immer hoffend, Balian irgendwann vor sich zu sehen. Doch vor ihnen war nichts als leere Wüste und trügerische Luftspiegelungen. Hinter jedem Hügel hoffte der Graf, etwas zu sehen, aber dann trabten zwei ledige Pferde auf sie zu.

„Das ist doch Herrn Balians Pferd!“, rief Joffrey, gab seinem Pferd die Sporen und fing Olin ein, der sich nur höchst ungern festhalten ließ. Olin war ein anhängliches Pferd, das Balian nicht vom Fuß wich, wenn sie beide auf der Koppel in Nablus oder Ibelin waren – aber diese Zutraulichkeit war auf Balian beschränkt. Die Pferde von Ibelin waren in ihren sanften Herrn ziemlich vernarrt. Wenn er auf die Weide kam, dauerte es nur Momente, bis die ganze Herde um ihn herumstand und mit ihm schmusen wollte. Aber jetzt zog der Rappe wild in die Gegenrichtung.

„Wartet, Joffrey, reißt nicht so“, bremste Almaric, der mit Olin auch noch recht gut zurechtkam. Er nahm Joffrey den Zügel ab und beruhigte das nervöse Tier.

„Kann es sein, dass er uns was zeigen will?“, mutmaßte Michel. Almaric sah den schwarzen Zelter an.

„Mal sehen“, murmelte er und ließ den Zügel los. Olin drängte in die Richtung, aus der er gekommen war. Almaric und Michel sahen sich verstehend an, stiegen wieder in die Sättel und folgten Olin. Die ganze Truppe folgte ihnen zu dem Platz, wo Balian und Ismael überfallen worden waren. Sie fanden nur das frische Grab, eine Menge Spuren im Sand – und Blutspuren. Almaric, Michel und Tiberias saßen ab, Michel untersuchte das Grab.

„Das ist Ismael. Allah sei seiner treuen Seele gnädig“, flüsterte er und schob das Grab wieder zu. Almaric sah etwas in der Sonne glitzern und sank auf die Knie. Er hob eine silberne Kette hoch – und einen Goldring mit einem rechteckigen, roten Stein.

„Herrn … Balians … Ringkette“, flüsterte er entsetzt. Es war jene Kette mit dem Ringanhänger, die Sibylla ihm geschenkt hatte, als sie Ibelin nach ihrem ersten Besuch verlassen hatte.

„Wer war es?“, fragte Tiberias mit belegter Stimme.

„Das sind Pferdespuren. Diese Spuren führen nach Osten“, meldete Michel, der die Hufspuren untersucht hatte. „Hier, das sind Kamelspuren – und sie führen nach Norden, gen Damaskus. Die Kamelspuren sind über den Hufspuren. Es muss eine Karawane nach dem Kampf hier gewesen sein. Aber wer hat Herrn Balian mitgenommen? Die Reiter auf den Pferden oder die Kamelreiter?“

„Es kommt ein Sandsturm auf, Mylord!“, warnte einer der Ritter. Tiberias sah sich um. Wie eine gelbgraue Mauer kam der Sandsturm näher, wurde innerhalb von Augenblicken größer und begann, die Sonne zu verdunkeln.

„Vorwärts, da vorn sind Felsen, hinter denen wir in Deckung gehen können!“, rief er. Er und seine Soldaten schafften es gerade noch, sich hinter den Felsen in Sicherheit zu bringen, bevor der Sandsturm losbrach – und jede Spur verwehte.

Die Kamelkarawane, die vor den Soldaten aus Jerusalem noch eine gute halbe Stunde Vorsprung hatte, hatte einen niedrigen Gebirgszug erreicht und vor dem Sandsturm Schutz in einer Höhle gesucht. Draußen tobte der Sandsturm, drinnen rastete die Karawane. Halef bemühte sich um Balian, der wieder bewusstlos war. In der Höhle gab es frisches Wasser, mit der Halef ihm den brummenden Schädel kühlte. Das kühle Wasser brachte den jungen Christen wieder zu sich.

„Trink, Shadiq“, sagte Halef leise und flößte Balian Wasser ein.

Shukran*“, flüsterte er und trank durstig.

„Langsam, langsam, Shadiq“, mahnte Halef freundlich. „Es ist gefährlich, hastig zu trinken, wenn man kurz vor dem Verdursten ist. Langsam, du bekommst so viel du willst.“

Balian nickte und zwang sich, langsam zu trinken.

„Willst du wirklich zu Sultan Saladin, Balian?“, fragte Halef schließlich. „Er ist auf euch Christen im Moment nicht gut zu sprechen“, warnte er.

„Ich muss, sonst gibt es Krieg. Ich will ihn nicht, König Balduin ebenfalls nicht. Aber er ist sehr krank und ohne die Hilfe des Sultans wird er sterben“, flüsterte Balian. Halef sah ihn eine Weile schweigend an.

Shadiq, es gibt Söhne Allahs, die wollen auch Krieg. Yassir und ich gehören nicht dazu, aber die Mullahs predigen Krieg, besonders, seit die Schwester unseres Sultans von einem deiner Glaubensbrüder gefangen genommen wurde. Saladin hat geschworen, Jerusalem zu erobern. Wir werden dich sicher nach Damaskus bringen, aber was dort mit dir geschieht, weiß Allah allein“, sagte Halef mit einem traurigen Unterton.

„Ich muss es riskieren, Halef. Inschallah …“, erwiderte Balian. Halef nickte.

„Schlaf jetzt. Wir werden den Sandsturm abwarten und erst weiterziehen, wenn du dich etwas erholt hast“, empfahl er.

Shukran“, sagte Balian leise und überließ sich dem Schlaf.

Der Sandsturm dauerte Stunden. Als er endlich nachließ und die Jerusalem-Ritter unter Tiberias’ Führung sich wieder aus der Deckung wagen konnten, war Ismaels Grab völlig unter dem heran gewehten Sand verschwunden, von den Spuren war nichts mehr zu sehen. Resigniert befahl Tiberias, nach Jerusalem zurückzukehren. Sie hatten Balians Spur verloren und konnten nur beten, dass er helfende Hände gefunden hatte und nicht von Reynald nach Kerak verschleppt worden war.

***

Kapitel 26

Entscheidungen

Tiberias und seine Männer kehrten nach Jerusalem zurück und hatten keine Ahnung, was mit Balian geschehen war. Es fiel dem Grafen sichtlich schwer, Sibylla und Balduin diese Nachricht zu bringen, aber es musste sein. Mutter und Sohn waren über die Ungewissheit bestürzt. In diesem Fall durften sie es sogar zeigen, schließlich war Balian in offizieller Mission des Hofes unterwegs. Guy zeigte sich nach außen ebenfalls betroffen, innerlich triumphierte er. Die Chancen standen gut, dass Reynald diesen lästigen Nebenbuhler endlich aus dem Weg geräumt hatte.

Während Sibylla Messen für Balian lesen ließ und inbrünstig betete, dass er lebte und ihrem Sohn Hilfe bringen konnte, während seine Freunde und Bekannten um ihn bangten und Balduin fürchtete, seinen geliebten Nennonkel nie wieder zu sehen, feierten seine Feinde den Erfolg – auch wenn sie sich nicht sicher sein konnten, dass Balian wirklich tot war, schließlich war er einfach verschwunden. Sie setzten auf die aufgeheizte Stimmung bei den Sarazenen, die Christen grundsätzlich bedrohte, mochten sie bisher auch friedlich mit Sarazenen zusammengelebt haben.

Yassir und Halef waren friedliebende Leute, die Handel trieben und dafür weite Reisen unternahmen. Handel funktionierte nur in Friedenszeiten, also hatten sie kein Interesse an Krieg. Halef hatte schon mit einer Karawane in Ibelin gerastet und die Freundlichkeit des Hakim Ibelin kennen gelernt, ein Umstand, der ihn bewogen hatte, Yassir zum Einhalten seines Wortes zu ermahnen, der von Christen nicht viel hielt. Yassir hatte durchaus in Erwägung gezogen, Balian auf dem nächsten erreichbaren Sklavenmarkt zu verkaufen, aber Halef hatte es ihm ausgeredet.

Die Karawane zog gen Norden und blieb von weiteren Attacken unbehelligt. Damaskus war für Balian ein ebensolches Wunder wie Jerusalem, als er es zum ersten Mal gesehen hatte. Halef nahm sich des christlichen Boten an, um ihm eine Audienz bei Saladin zu verschaffen. Der Händler hatte gute Verbindungen zum Hof des Sultans. Er nahm den Konstabler als Gast in seinem Hause auf und sandte einen seiner Diener zum Palast des Sultans, versehen mit einem guten Bakschisch von hundert Denar, das nach Halefs Meinung ausreichte, um an den äußeren Palastwachen vorbeizukommen und den Hofwesir um ein Treffen zu bitten.

Zu Halefs und Balians Überraschung kam der Diener in Begleitung von Imad ad-Din wieder und brachte auch das Bakschisch wieder mit.

As-Salam ‘alaykum, Balian, Hakim Ibelin“, grüßte Imad.

U ‘alaykum as-Salam, Imad“, erwiderte Balian. Die Freunde umarmten sich.

„Was tust du in Damaskus?“, erkundigte sich der General.

„Ich bin als Bote der Königinmutter von Jerusalem hier und möchte in ihrem Auftrag mit Saladin sprechen.“

„Du … kommst hoffentlich mit guten Nachrichten“, sagte Imad. „Saladin ist voller Zorn. Die Gefangennahme seiner Schwester hat ihn erzürnt.“

„Ich kann es mir denken. Wäre es mir möglich gewesen, hätte ich sie gleich mitgebracht.“

„Wenn du etwas von ihm willst, wirst du einen schweren Stand haben, mein Freund“, warnte Imad. Balian nickte.

„Ich weiß.“

„Ich werde Saladin deine Bitte um eine Audienz vortragen. Halte dich bereit. Wenn du zu ihm kommst, erwartet er eine tiefe Verbeugung. Und warte, bis du von ihm angesprochen wirst.“

„Ich werde die Gebräuche beachten, wenn du mir dabei hilfst“, versprach Balian. Imad lächelte.

„Wer, wenn nicht du, Shadiq?“

Am folgenden Tag kam Imad wieder und holte Balian zur Audienz bei Saladin ab. Der Palast des Sultans übertraf den des Königs von Jerusalem noch deutlich an Pracht, obwohl auch der Jerusalemer Palast ein maurisches Gebäude war. Imad führte Balian durch die unendlich erscheinenden Flure bis in einen riesigen Thronsaal mit hohen Fenstern aus kunstvollen Steinmetzarbeiten armenischer Kunsthandwerker. Saladin saß in einem königlich-prächtigen Ornat aus goldgewirkter Seide auf einem vergoldeten Thronsessel. Ein Turban aus dem gleichen Stoff, verziert mit Perlen und goldgefassten Smaragden, bedeckte den Kopf des Sultans. Anscheinend hunderte von Höflingen und Soldaten umgaben den König der Sarazenen.

Balian blieb auf Imads Zeichen zunächst an der hohen Tür des Thronsaals stehen. Imad ging bis etwa zur Mitte des Thronsaals und verneigte sich tief vor seinem Herrn.

„Ein Bote aus Jerusalem, Beherrscher aller Gläubigen“, sagte er.

„Er möge näher treten“, forderte Saladin und winkte. Balian sah das als direkte Aufforderung und wollte dem Wink folgen, doch packten zwei Wachen sofort zu und hielten ihn grob fest. Verwirrt sah er Imad an.

„Dein Schwert, mein Freund“, sagte er mit sanftem Lächeln und gab den Wachen einen Wink, die Balian auch gleich losließen. Der junge Baron zögerte nicht und schnallte seinen Schwertgürtel ab, den er Imad übergab. Ein Raunen ging durch die Menge der Höflinge. Sie waren es nicht gewohnt, dass ein Christ, ein für sie Ungläubiger, seine Waffe einem Muslim in die Hand drückte. Imad nahm das Schwert mit einem leichten Kopfnicken an und gab Balian den Weg frei, der in Richtung Thron ging und sich mitten im Thronsaal tief vor dem Sultan verneigte.

„Welche Nachrichten bringst du?“, fragte Saladin.

„Die Prinzessin Sibylla von Jerusalem bittet Euch, Sultan Saladin, um ärztliche Hilfe für ihren Sohn, den König Balduin V. von Jerusalem“, sagte Balian. Wütende Proteststürme unter den anwesenden Höflingen erhoben sich, als sie realisierten, dass der Bote aus Jerusalem sich der fränkischen Sprache bediente. Auch Saladins Miene verfinsterte sich, als ihm klar wurde, dass er sich von der arabischen Kleidung hatte täuschen lassen. Zwar hatte Imad ihm einen Boten des Königshofes angekündigt, doch hatte der Sultan diesen im Jerusalemer Rock erwartet – und nicht in ziviler Kleidung, wie sie im Orient üblich war.

„Ihr wagt es, herzukommen und dieses Ansinnen zu stellen, während meine Schwester im Kerker in Jerusalem schmachtet!?“, fuhr er Balian zornig an.

„Sie ist nicht …“

„Lüg’ mich nicht an, Ungläubiger!“, fauchte der Sultan, Balian harsch unterbrechend.

„Ich lüge nicht!“, widersprach Balian laut. Alle Anwesenden sahen den Christen verblüfft an. Zum einen hatten sie dem jungen Mann diese laute, tragfähige Stimme nicht zugetraut, zum anderen war es unerhört, dem Sultan so laut zu widersprechen, ja, ihm überhaupt zu widersprechen. Es war still geworden, sehr still.

„Ich bitte um Vergebung, dass ich so laut werde, doch ich lasse mich nicht ungestraft einen Lügner nennen“, fuhr Balian leiser in fließendem Arabisch fort. „Ich habe einmal geschworen, stets die Wahrheit zusagen, selbst wenn es mein Leben kosten sollte. Vielleicht bin ich in Euren Augen ungläubig, weil ich Allah in meiner Sprache anders nenne, aber ich bin deshalb nicht unzuverlässig und nehme diesen Schwur ernst“, stellte er klar. „Eure Schwester, großer Saladin, befindet sich nicht in Jerusalem, sondern in Kerak – und damit außerhalb des Einflussbereiches meines kleinen Königs. Ich habe Euch dazu eine Nachricht zukommen lassen und hoffe, Ihr habt sie erhalten.“

Saladin sah den jungen Christen eine Weile an. Der Mann hatte Mut, wenn er in dieser Situation nach Damaskus kam und eine solche Bitte vortrug …

„Wer seid Ihr?“, fragte Saladin, dem der Bote zwar bekannt vorkam, den er aber noch nicht einordnen konnte.

„Balian von Ibelin“, antwortete Balian. Saladin nickte. Ein feines Lächeln kräuselte sich um die Lippen des Sultans.

„Der Sohn Godfreys?“, hakte er nach.

„Ja.“

„Ich kannte Euren Vater. Es hat nicht viel gefehlt und er hätte mich im Libanon getötet. Aber er war außer einem großen Kämpfer auch ein Mann, dessen Wort etwas galt. Er hat sein Wort nie gebrochen. Könnt Ihr das ebenso von Euch behaupten?“

„Ja“, erklärte Balian bestimmt.

„Warum kann der König von Jerusalem sich erdreisten, Karawanen überfallen zu lassen, meine Schwester gefangen nehmen zu lassen und Euch her zu senden und ein solches Ansinnen zu stellen? Erklärt mir das!“, forderte Saladin.

„Der König von Jerusalem, Sultan Saladin, ist ein Kind von acht Jahren. Er hat weder veranlasst, dass arabische Karawanen überfallen werden, noch kann er es wirksam verhindern. Der junge König kann alleine nicht entscheiden, und sein Vormund ist ein Feind der Sarazenen. Eure Schwester, großer Saladin, befindet sich in den Händen Reynalds de Châtillon, der nur sich selbst gehorcht. Er hat sich geweigert, Eure Schwester freizulassen, und es gibt niemanden in Jerusalem, der in der Lage wäre, Reynald dazu zu bringen, Euch Eure Schwester zurückzugeben“, erklärte Balian. „Ich weiß, dass ich mit leeren Händen vor Euch stehe, denn ich kann Euch nichts als Sühne für diese Untat anbieten“ fuhr er fort. „Ich kann Euch nicht einmal eine wirkliche Gegenleistung für die verzweifelte Bitte der Mutter meines Königs anbieten, nur ihre Zusage, dass sie sich um die Freilassung Eurer Schwester bemühen wird, wenn Ihr bereit seid, ihrem Sohn ärztliche Hilfe zu geben.“

„Das ist wenig“, bemerkte Saladin.

„Ich weiß“, erwiderte Balian. „Ja, es ist bitter wenig. Ich gebe Euch zu bedenken, dass der junge König ein Garant dafür sein kann, dass Jerusalem ein Ort bleibt, an dem alle beten können, die Jerusalem als heilige Stadt ansehen. Wenn Balduin ohne Erben stirbt, besteht die Gefahr, dass Guy de Lusignan, ein erklärter Feind der Sarazenen, König wird. Dann ist der Krieg sicher. Überlebt Balduin dank Eurer Hilfe, wird er Euch umso dankbarer sein und Ihr habt einen Freund in Jerusalem. Balduin will keinen Krieg.“

„Wie kannst du es wagen, dem Sultan, dem Beherrscher aller Gläubigen, in Aussicht zu stellen, Jerusalem werde weiterhin von ungläubigen Hunden beherrscht?“, fuhr ein junger Mullah Balian an. „Mach’ diesem ungläubigen Hund ein Ende!“, forderte der Mullah.

Ermutigt durch den Vorstoß des Mullahs und Saladins Schweigen sprang ein prächtig gekleideter Höfling Balian an und schlug ihm voller Wut ins Gesicht.

„Ich werde dich töten, wie du meinen Bruder getötet hast! Allah ist mein Zeuge, dass ich Rache nehme für Mohammed al-Faes!“, schrie er und holte erneut aus, aber der Moment der Überraschung war vorbei und Balian fing die Faust des Mannes ab, drehte ihm den Arm mit dem eigenen Schwung des erneuten Hiebs auf den Rücken und schleuderte ihn von sich, dass er auf dem glatten Marmorboden einen Klafter weit rutschte. Saladin sprang auf.

„Aufhören!“, befahl er scharf. „Dieser Mann ist ein Bote, und das Leben eines Boten ist heilig!“

Grollend zogen sich der Mullah und Mohammeds Bruder von Balian zurück.

„Nicht alle Muslime sind damit einverstanden, dass ich ein von Ungläubigen beherrschtes Jerusalem überhaupt dulde, oder sagen wir: geduldet habe, Hakim Ibelin. Ich betrachte es als meine Aufgabe, Jerusalem für den Islam zurückzugewinnen und diese Stadt wieder zu einer Stadt des Propheten zu machen“, sagte Saladin.

„Jerusalem, Beherrscher der Gläubigen des Islam, ist eine Stadt, die nicht nur dem Islam heilig ist. Ich bin nicht hier, um einen Disput über den rechten Glauben zu führen, doch frage ich: Was ist Jerusalem? Wem gehört es? Der höchste Punkt Jerusalems ist gekrönt vom Tempelberg, wo einst der jüdische Tempel stand, den die Römer zerstörten. Über dem zerstörten Tempel wurde eine christliche Kirche gebaut, die von den Muslimen mit dem Felsendom überbaut wurde. Jetzt ist der Felsendom wieder christlich. Was von allem ist heiliger? Was zuerst da war? Was dann folgte? Was daraus gemacht wurde? Was zuletzt daraus wurde? Wer hat Anspruch darauf? Niemand allein hat Anspruch darauf, sage ich! Alle haben Anspruch darauf, die Jerusalem als heilig ansehen – Juden, Muslime und Christen auch!“ versetzte Balian. Wieder erhob sich wütendes Protestgeschrei, dem Saladin mit erhobener Hand Einhalt gebot.

„Ihr stellt den Anspruch des Islam auf Jerusalem in Frage?“, fragte er Balian.

„Ich stelle den alleinigen Anspruch jeder Religion in Frage, großer Saladin“, entgegnete Balian. „Ich halte es für falsch, wenn jeder, dem Jerusalem heilig ist, es für sich allein haben will. Es sollte jedem zugänglich sein, der dort seine heiligen Stätten hat.“

„Nun, Ihr sagt, Ihr seid nicht gekommen, um über Religion zu diskutieren und Ihr habt als Hakim von Ibelin nicht die Macht, Eure durchaus tolerante Vorstellung durchzusetzen“, sagte Saladin mit einem Schmunzeln. „Ihr wollt Hilfe für Euren König. Ihr habt für Eure Bitte nichts zu bieten außer dem Versprechen, dass die Prinzessin Sibylla sich um die Freilassung meiner Schwester bemühen will. Geht zurück nach Jerusalem und sagt ihr, dass mir das zu wenig ist. Ich werde darüber nachdenken, ihrer Bitte nachzukommen, wenn meine Schwester wohlbehalten wieder in Damaskus ist“, entschied er dann.

Balian senkte den Kopf. Er wollte nicht mit noch leereren Händen nach Jerusalem zurückkehren als er nach Damaskus gekommen war. Er sank auf die Knie.

„Saladin, ich flehe Euch um Hilfe für den jungen Balduin an. Ich liebe diesen Jungen, als wäre er mein eigener Sohn. Er hat Euch nichts getan, er verehrt Euch als großen König – und er hat weder die Macht, zu tun, was Ihr verlangt, noch den Willen, Euch zu schaden. Wäre er mein Sohn und nicht der König von Jerusalem, wäre ich auch zu Euch gekommen und hätte Euch ebenso um Hilfe gebeten. Bitte, seid barmherzig!“

Saladin war beeindruckt. Dass ein Bote, zudem ein bedeutender Fürst eines anderen Landes, demütig auf die Knie sank, um Hilfe für einen anderen Menschen zu erflehen, war ein außergewöhnliches Ereignis. Saladin sah die Verzweiflung in Balians Augen. Nichts konnte die Wahrheit seiner Worte besser bestätigen. Doch Saladin wusste auch, dass er dem Ansinnen des Barons von Ibelin nicht jetzt zustimmen konnte – er hätte das Gesicht verloren, im Orient das Schlimmste, was einem Mann von einiger Bedeutung geschehen konnte. Andererseits war Barmherzigkeit ein Grundpfeiler des islamischen Glaubens. Balian hatte Saladin mit seinem Appell an diese islamische Glaubenspflicht ein Hintertürchen geöffnet …

„Erhebt Euch, Hakim Ibelin!“, befahl Saladin. „Ihr seid mir nicht untertan. Geht! Verlasst diesen Palast! Ich werde Euch morgen meine endgültige Entscheidung wissen lassen.“

Balian erhob sich, verbeugte sich noch einmal und verließ dann schweigend den Thronsaal.

An der Tür gab Imad ihm seinen Schwertgürtel, den Balian ihm mit einem knappen Kopfnicken abnahm. Selten hatte der sarazenische Heerführer so viel Bitterkeit und Trauer im Blick eines Menschen gesehen wie in diesem Moment, als Balians Blick den seinen traf. Imad war sicher: Hätte Balian um Hilfe für seinen eigenen Sohn gebeten, Saladin hätte sie gewährt. Dafür hätte der christliche Baron sich nicht einmal so demütigen müssen, wie er es getan hatte.

Einsam ging Balian durch die Straßen von Damaskus zurück zum Haus von Halef, wo er die endgültige Entscheidung des Sultans abwarten wollte. Was immer er dann auch zu hören bekam, er würde darüber nicht einmal mehr mit Saladin reden können … Balian tastete nach der Kette, die Sibylla ihm geschenkt hatte. Ein eisiger Schreck durchfuhr ihn, als er merkte, dass er die Kette mit dem Ring seiner Geliebten verloren hatte. Aber seine Hand ertastete noch eine zweite Kette; eine mit einem einfachen Kreuz – es war jene, die Sibylla ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Balian fasste das Kreuz fest.

Oh, Gott in deiner Güte: Steh’ dem kleinen Balduin bei und gib Saladin die Kraft, den Zorn über die Verschleppung seiner Schwester zu überwinden. Vielleicht kannst du ihm klarmachen, dass es nicht Balduins Schuld ist und es Unrecht ist, ihn für die Grausamkeiten anderer leiden zu lassen. Gott, wenn dies dein eigenes Königreich ist, kannst nur du allein es retten. Menschen vermögen deine Pläne nicht zu erkennen. Hilf mir, Vater im Himmel – hilf mir helfen’, betete er still.

***

Kapitel 27

Prüfungen

Ein Monat war vergangen, seit Tiberias von Balian nur noch die Kette mit dem Ring gefunden hatte. Sibylla nahm die Kette ihres Geliebten jeden Tag in die Hand und betete für seine sichere und baldige Rückkehr.

Guy beobachtete es mit wachsendem Unmut. Ihm war es nur recht, dass der Rivale verschwunden war. Und während Sibylla flehentlich um Balians Leben betete, betete Guy seinerseits für die baldige Nachricht, dass der Nebenbuhler wirklich tot war – oder es wohl bald sein würde. Reynald hatte ihm jedenfalls mitgeteilt, dass die Templer die Grenze nach Syrien genau beobachteten …

Der Umstand, dass Balian verschollen war, hatte Balduin schwer getroffen. Er war völlig durcheinander und verstört. Die Sorge um Balian ließ ihn schneller verfallen als seinen Onkel, der über zehn Jahre gegen die Lepra gekämpft hatte. Aber die Hoffnung, dass Balian doch noch zurückkehren könnte, war ein Strohhalm, an dem der Junge sich verzweifelt festklammerte. Mochte das Schicksal seines liebsten Vasallen auch ungeklärt sein – Balduin wollte nichts davon wissen, dass Balian tot war.

Bei Balduin war die schreckliche Krankheit erheblich früher ausgebrochen als bei seinem Onkel. Bei ihm schritt die Krankheit auch schneller fort als bei Sibyllas Bruder. Um weiteren Verfall seiner Gliedmaßen aufzuhalten, empfahl der Hospitalmeister der Johanniter, den besonders schlimm betroffenen linken Unterarm des Jungen zu amputieren. Sibylla stimmte schweren Herzens zu. Die Ärzte gaben sich alle Mühe, dem kleinen König die Operation so weit wie möglich zu erleichtern, aber sie konnten ihm nicht so viel Opium* geben wie einem Erwachsenen – er hätte es nicht überlebt. Die Folge war, dass die Betäubung nur unvollkommen war und Balduin vor Schmerzen schrie, als der Arm abgenommen wurde. Sibylla wurde ob der Schmerzensschreie ihres Kindes fast verrückt, bekam einen Nervenzusammenbruch. Ihr Weinkrampf war so heftig, dass es selbst den sonst so kaltherzigen Guy rührte und er seine Frau zum ersten Mal tröstend in den Arm nahm. Jean, der ebenfalls bei ihr war, sah keine andere Möglichkeit mehr, als die halb im Wahnsinn schreiende Mutter ebenfalls mit Opium zu beruhigen.

Als sie wieder zu sich kam, galt ihr erster Gedanke ihrem kranken Kind.

„Wie geht es Raymond?“, fragte sie Guy, der mit sichtbarer Besorgnis an ihrem Bett saß.

„Er schläft“, sagte er leise. „Es war schlimm für ihn, aber jetzt geht es ihm besser, wie mir der Hospitalmeister gesagt hat.“

„Ich will zu ihm“, flüsterte Sibylla. Guy nickte und winkte ihrer Leibdienerin, damit sie ihrer Herrin beim Ankleiden half. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, aber er stützte sie. Verblüfft sah sie ihren Gemahl an. Sibylla hatte nie gedacht, dass er sich so präsentieren konnte, dass er beinahe liebevoll um sie warb.

Leise betraten sie die Gemächer des kleinen Königs. Jean saß bei ihm und hielt beruhigend die Hand des unruhig Schlafenden, der im Traum immer wieder nach seiner Mutter oder Balian rief … Die geradezu liebevolle Ansprache des Kindes an den verhassten Rivalen versetzte Guy einen tiefen Stich – und ließ ihn erkennen, was er lange nicht hatte glauben wollen: Dass Balian von Ibelin Sibylla und ihrem Sohn erheblich näher war, als es gut war. Sie setzte sich auf Jeans Platz, der für sie aufstand.

„Wie geht es ihm?“, fragte sie Jean.

„Es hat ihn sehr viel Kraft gekostet, meine Prinzessin – und Vertrauen in die Ärzte.“

„Was … meint Ihr? Wie …wie lange …“

Jean schüttelte den Kopf.

„Ich muss gestehen, dass ich Euch dazu nichts sagen kann. Lepra ist bei Kindern in diesem Alter eher selten. Wir … wissen nicht wirklich viel über den Krankheitsverlauf bei Kindern. Aber … es … geht bei ihm offenbar … schneller als … bei Eurem Bruder“, erklärte der Johanniter zögernd. Sibylla nickte.

„Danke, Bruder Jean.“

Jean zog sich schweigend mit einer leichten Verbeugung zurück und ließ Sibylla und ihren Gemahl am Bett des jungen Königs allein.

„Wenn nicht ein Wunder geschieht und Balian mit den Ärzten Saladins zurückkehrt, dann wird er nicht mehr lange leben“, flüsterte Sibylla entsetzt. „Aber ich werde nicht zulassen, dass ihm nochmals so schrecklich wehgetan wird. Nein, das werde ich nicht zulassen!“

Sie beugte sich über ihren schlafenden Sohn, küsste ihn zärtlich auf die Stirn und flüsterte:

„Das werde ich nicht zulassen, mein Kind, mein geliebter Sohn. Du wirst nie wieder Schmerzen haben. Das verspreche ich dir.“

Wieder überkamen nicht versiegen wollende Tränen die Prinzessin.

Balian erwachte davon, dass Halef ihn am Arm schüttelte. Verschlafen kam er hoch. Mehr als die halbe Nacht hatte er sich schlaflos herumgeworfen und war erst im Morgengrauen völlig erschöpft eingeschlafen.

„Hm, was ist?“, fragte er müde.

„Du hast hohen Besuch, Shadiq“, schmunzelte der Karawanenführer. Balian schüttelte sich, wie um einen Albtraum zu vertreiben, und stand mühsam auf. Noch recht zerknittert trat er aus dem kleinen Raum und stand Saladin gegenüber. Der Sultan musterte den zerzausten Christen einen Moment.

„Guten Morgen, Hakim Ibelin“, wünschte er schließlich. Balian rang sich ein mühsames Lächeln ab.

„Guten Morgen, Beherrscher der Gläubigen des Islam“, erwiderte Balian mit einer knappen Verbeugung.

„Ihr seht nicht aus, als hättet Ihr gut geschlafen, mein Freund“, sagt Saladin auf Fränkisch.

„Nein, das habe ich nicht“, bestätigte Balian mit einem unterdrückten Gähnen.

„Ich auch nicht, wenn Euch das beruhigt“, fuhr der Sultan fort. „Lasst uns allein!“, wies Saladin dann Imad und Halef an, die sich auch gehorsam außerhalb der Hörweite zurückzogen.

„Ihr habt für den jungen König Balduin gebeten, Balian von Ibelin. Ist es der, von dem ich diese Botschaft erhalten habe?“, fragte Saladin und zeigte Balian eine Botschaft, mit der Balduin zum Ramadan des Vorjahres sarazenische Feldzeichen und andere Beutestücke zurückgesandt hatte, die von der Kreuzrittern in der Schlacht von Mont Gisgard erbeutet worden waren.

„Ja“, bestätigte Balian. Saladin zeigte Balian ein kostbar geschmücktes Sarazenenschwert.

„Dieses Schwert hier war mein eigenes Schwert, bis ich es im Kampf gegen Euren Vater verlor. Es wurde mir mit den anderen Beutestücken zurückgegeben. Nur Ihr könnt dieses Schwert herausgegeben haben. Ihr seid gestern vor mir auf die Knie gefallen – was, bei Allah, kein Kreuzritter sonst tun würde. Warum tut Ihr das?“

Balian sah den Sultan eine Weile an.

„Ich will Frieden, großer Saladin – nicht nur einen Waffenstillstand, ich will Frieden. In meinen Lehen leben Muslime, Juden und Christen in Frieden unter einem Dach. Mein junger König will ebenfalls Frieden, deshalb hat er Euch – auch auf meine Anregung – diese Beutestücke zurückgegeben. Für das, was geschehen ist, kann er nichts. Er konnte es weder verhindern noch ändern. Bitte, habt Gnade und rettet das Leben dieses unschuldigen Kindes“, flehte Balian. Saladin hielt ihn fest, bevor er wieder auf die Knie gehen konnte.

„Ihr, Baron Balian, kniet vor niemandem, auch nicht vor mir. Um Euretwillen und um Eures tapferen Vaters willen, der ein gefährlicher, aber stets großmütiger Gegner war, will ich meine Ärzte senden. Ich will Euch und der Mutter des Kindes vertrauen, dass Ihr Euch um die Freiheit meiner Schwester bemühen wollt“, versprach Saladin mit einem Lächeln. Balian verbeugte sich.

„Ich danke Euch, großer Saladin“, erwiderte er.

„Ich stelle jedoch die Bedingung, dass der König oder seine Mutter mir eine schriftliche Zusage zukommen lässt, dass meine Ärzte unter dem Schutz des Königs reisen und dass sie sich um die Freilassung Jaziras bemühen. Reist bald nach Jerusalem zurück. Noch kann ich die Fanatiker, die es auch unter meinen Untertanen gibt, im Zaum halten. Ich will den Krieg so wenig wie Ihr oder der junge König. Richtet ihm bitte Grüße von mir aus und meine Genesungswünsche.“

„Das werde ich“, versprach Balian mit einem sanften Lächeln und verbeugte sich leicht. „Ich … hätte eine Bitte, großer Saladin.“

„Sprecht.“

„Die Männer, die mich überfielen, nahmen mein Pferd mit. Ich … bitte Euch, mir eines auszuleihen“, bat der junge Franke. „Ich werde es mit der schriftlichen Botschaft zurücksenden.“

Saladin lächelte.

„Eine bescheidene Bitte, mein Freund. Ihr sollt ein Pferd bester arabischer Zucht erhalten. Möge es Euch sicher nach Jerusalem tragen.“

„Ich danke Euch.“

Gegen Mittag erhielt Balian das erbetene Pferd, sattelte es eilig und verabschiedete sich dann von Halef und Imad.

„Sei vorsichtig, Balian“, mahnte Imad. „Nicht alle sind mit Saladins Entscheidung einverstanden. Besonders Osama al-Faes nicht.“

„Du sagtest mir einmal, Mohammed al-Faes sei dein Diener gewesen. Ist Osama es auch?“

„Nein, er ist der ältere der Brüder und hat das Emirat geerbt. Er dient nur Saladin. Gib Acht, denn du musst sein Gebiet an der Grenze durchqueren.“

Balian nickte.

„Saladin erwartet eine schriftliche Botschaft von mir. Wenn sie ausbleibt, dann ist etwas geschehen“, sagte er. Imad reichte ihm die Hand.

„Ich werde warten. Wenn die Botschaft nicht kommen sollte, werde ich nach dir suchen, mein Freund“, versprach er. „Und ich werde wissen, wo ich anfangen muss.“

„Danke, Shadiq“, erwiderte Balian, schwang sich in den Sattel des Schimmels und ritt aus dem Tor, Halef und Imad zum Abschied winkend. Saladins General spürte eine schwere Last auf dem Herzen. Balian würde fast zwei Wochen nach Jerusalem brauchen, der Bote mit der Rückantwort mindestens noch einmal so lang – wenn nichts dazwischen kam.

Der junge Baron ließ sich nicht viel Zeit und eilte so rasch wie möglich nach Südwesten. Weil er allein unterwegs war und nicht die Zeit opfern mochte, sich einer erheblich langsameren Karawane anzuschließen, versuchte er, Ruhepausen nur in guten Verstecken zu machen und möglichst wenig zu schlafen. Dennoch gelang es ihm, das Gebiet des Emirs al-Faes unangefochten zu durchqueren und den Jordan zu überqueren. Jenseits des Jordan, schon auf dem Territorium des Grafen von Tiberias, fand Balian eine alte, vor langer Zeit zerstörte Ansiedlung, die noch aus einem Brunnen und ein paar niedrigen Trockenmauern bestand. Es war Mittag, und Balian beschloss, hier zu rasten und die heißeste Zeit im Schatten einer der halbvertrockneten Palmen abzuwarten. Nachdem er und sein Pferd sich sattgetrunken hatten, setzte er sich in den Schatten einer Palme, um die brütende Hitze der Mittagszeit zu verdösen. Sein Pferd, ein hitzegewohnter Araber, hatte sich langsam in die Nähe der etwa drei Ellen hohen restlichen Trockenmauer entfernt. Balian, der halb schlief, hatte es nicht bemerkt.

Das Geräusch von Hufen, von Hufen eines scharf gezügelten Pferdes, störte den jungen Mann aus seiner Siesta auf. Er fuhr hoch und sah einen voll gerüsteten Ritter im weißen Wappenrock mit einem schwarzen Nagelkreuz* als Wappenbild auf Schild und Brust – einer von de Lusignans eigenen Rittern, über die er außer den Templern verfügte – an einem der drei Zugänge in der Mauer. Der Mann trug einen Topfhelm – das Gesicht war nicht erkennbar, aber das höhnische Lachen verbarg der Helm nicht, als Balian sich nach seinem Pferd umsah, an dessen Sattel er Schwert und Schild hängen hatte. Das Tier stand wenigstens vier Klafter entfernt – unerreichbar! Ein zweiter Nagelkreuzler erschien an einem zweiten Zugang zu dem Brunnenbereich, ein dritter war im Anmarsch.

Balian reagierte schnell und in einer für den ersten Angreifer sehr unerwarteten Weise: Er griff sich einen etwas über faustgroßen Stein, der neben ihm am Boden lag und stürmte damit auf den ersten Nagelkreuzler zu, schlug so heftig mit der steinbewehrten Faust in die Metallmaske seines Kontrahenten, dass der nicht nur gestoppt, sondern aus dem Lauf zurückgeworfen wurde. Balian schlug weiter mit dem Stein zu – und zwar im Vorwärtsgang, drängte den verwirrten Nagelkreuzler bis an den Brunnenrand, wo der Stein unter den heftigen Schlägen mit einer kräftigen Schmiedefaust an dessen Helm zerbrach. Balian, nun waffenlos, bekam einen Schlag mit der gepanzerten Faust, ging kurz zu Boden, schnappte sich dort aber einen samt Henkel abgebrochenen Teil eines Krugs und drosch weiter auf den Nagelkreuzler ein.

Der Zweite bemerkte die Bedrängnis seines Kameraden und griff Balian mit dem Morgenstern an. Doch der junge Baron bemerkte den Angreifer rechtzeitig, drehte den von den Steinschlägen ziemlich benommenen Nagelkreuzler in die Schlagbahn des Morgensterns. Der aus dem vollen Galopp geschwungene Morgenstern traf den unglücklichen ersten Nagelkreuzler mit voller Wucht und tötete ihn auf der Stelle. Den zweiten Angreifer riss Balian mit einem beherzten Griff vom Pferd, dass er bewusstlos zu Boden ging und liegenblieb.

Der Dritte ging zum Angriff über, Balian riss dem zweiten Mordbuben das Schwert aus der Scheide, trat ihm so heftig auf den Kehlkopf, dass der Mann sofort tot war und wehrte sich mit dem Beuteschwert gegen den dritten Angreifer.

„Seid Ihr deshalb ins Heilige Land gekommen?“, schrie Balian voller Zorn. „Los, macht schon!“

Der dritte Nagelkreuzler griff an, versuchte es zunächst auch mit dem Morgenstern vom Pferd aus, sprang aber nach einem erfolglosen Angriff vom Pferd und griff Balian zu Fuß an. Den Angriff mit dem Morgenstern wehrte Balian mit dem als Kampfstock gehaltenen Schwert ab, entriss dem Nagelkreuzler die Waffe, der darauf zum Schwert griff, mit dem er offenbar sehr viel besser umgehen konnte. Er erwies sich als geschickter Schwertkämpfer. Balian – schon erschöpft vom Kampf mit den beiden anderen Nagelkreuzlern – konnte die Hiebe seines Kontrahenten nicht ganz abwehren und konnte auch dessen geschickte Schilddeckung nicht durchbrechen. Nach einem harten Hieb des Nagelkreuzlers gegen seinen Kopf ging Balian zu Boden. Der Nagelkreuzler warf Schwert und Schild beiseite, wollte Balian erwürgen, doch schnappte Balian sich dessen Dolch, riss ihn heraus und rammte ihn dem Angreifer in die Augen. Auch der dritte Angreifer brach tot zusammen, aber der heftige Kampf und die Hiebe, die er hatte einstecken müssen, forderten ihren Tribut von Balian: Er fiel zurück und blieb bewusstlos liegen. Blut lief ihm aus einer Platzwunde an der linken Stirnseite und aus dem Ohr, wo ihn der streifende Hieb des Morgensterns noch getroffen hatte. Ein kleiner See aus Blut bildete sich im heißen Sand.

Die verlassene Ansiedlung war nicht weit von der Grenze entfernt. Nicht nur Nagelkreuzler und Templer fahndeten nach Balian von Ibelin, Osama al-Faes tat es auch. Seine Leute durchstreiften die Grenzregion und machten vor der Grenze des Königreichs Jerusalem ebenso wenig Halt wie die Nagelkreuzler und Templer vor der Grenze Syriens. Eine Truppe des Emirs al-Faes hatte den Kampf am alten Brunnen aus sicherer Entfernung beobachtet. Die Sarazenen beglückwünschten sich, dass die Nagelkreuzler ihnen die Arbeit abgenommen hatten, Balian außer Gefecht zu setzen. Allein hätten sie vermutlich erhebliche Verluste erlitten, hätten sie ihn angegriffen. Jetzt brauchten sie nur noch einzusammeln …

Einer überzeugte sich, dass Balian noch lebte, verband seine Wunden, damit er nicht noch mehr Blut verlor und am Blutverlust starb. Sein Herr wollte den Baron lebend haben. Dann verluden sie den Bewusstlosen auf ein Pferd und zogen wieder nach Osten.

Was die Sarazenen nicht sahen, war ein einzelner Reiter, der ihnen in einem Abstand folgte, in dem er erkennen konnte, wohin die Sarazenen ihren Gefangenen brachten. Der Reiter war ein Tempelritter …

***

Kapitel 28

Gadara

Ein Eimer kaltes Wasser brachte Balian rüde wieder zu sich. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, dann spürte er unsägliche Kopfschmerzen. Innerhalb kurzer Zeit hatte er zum zweiten Mal an der gleichen Stelle eine mächtige Beule. Stöhnend sank er zurück und schlug mühsam die Augen auf und fand sich auf dem harten Boden eines vermutlich finsteren Kerkers wieder, der jetzt aber von zahlreichen Fackeln erhellt wurde. Im Licht der Fackeln sah er einen prächtig gekleideten Sarazenen, der ihn höhnisch angrinste.

„Wo … bin ich?“, fragte Balian und kniff die Augen zusammen, als die Fackeln ihn blendeten.

„In Gadara, Ungläubiger – wo dich gewiss niemand suchen wird“, höhnte der Sarazene. Gadara, das wusste Balian von Tiberias, war eine Ruinenstadt östlich der Grenze des Königreichs Jerusalem – und Gadara gehörte nicht zum Emirat des Osama al-Faes. Balian ließ sich auf den harten, kalten Felsboden sinken. Imad würde ihn hier kaum finden …

„Was willst du von mir?“, fragte Balian. Der Sarazene kam näher.

„Am liebsten würde ich dich töten, wie du meinen Bruder getötet hast. Aber da du ein Bote bist und unter dem Schutz des Sultans stehst, ist mir ist noch etwas Besseres eingefallen. Man sagt, du bist reich, Ungläubiger, sehr reich – und ich werde diesen Reichtum, den du und deinesgleichen uns einst raubten, zurückfordern. Ich werde dich bluten lassen, bis du wieder so ein unbedeutender Christenhund bist, als der du hier angekommen bist“, zischte Osama al-Faes. „Los, bringt ihn zu dem anderen Ungläubigen!“, wies er dann seine Männer an, die Balian hart packten und zu einem Loch im Boden zerrten und ihn hinunter stießen. Einer legte gleich eine Leiter an, drei sprangen in das Kerkerloch und hielten den vom Sturz benommenen Balian fest, während ein vierter die Leiter herunterstieg und den rechten Fuß des Barons in eine massive Kettenschelle schloss. Dann überließen sie ihn der Dunkelheit des Kerkers.

Erschöpft sank Balian gegen die Felswand und versuchte zunächst, seinen Brummschädel unter Kontrolle zu bekommen. Sein Wams war völlig durchnässt von dem Eimer Wasser, mit dem man ihn geweckt hatte. Er zog es aus und benutzte es, um seinen Kopf zu kühlen. Irgendwann musste er eingeschlafen sein, denn als er die Augen wieder öffnete, war das ungewisse Licht der letzten Fackel noch schwächer geworden. In diesem schwachen Licht untersuchte der kundige Schmied zunächst die Kette, die ihn an die Wand fesselte – und stellte zu seiner Enttäuschung fest, dass er dieses massive Schmiedeeisen nicht ohne fachtechnisches Werkzeug knacken konnte. Vergeblich zerrte er an der dicken Öse.

„Gib dir keine Mühe, Freund. Die Öse ist mit einem Eisenschaft im Fels befestigt, der ist so dick und so lang wie dein Arm“, mahnte eine Stimme aus dem Dunkel. Balian kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen.

„Wer bist du – und wo bist du?“, fragte er, als er beim besten Willen nur undurchdringliche Schwärze fand.

„Setz dich und warte einfach, bis deine Augen sich an die Dunkelheit hier gewöhnt haben“, antwortete sein Gegenüber. Balian ließ sich wieder an der Wand herunter rutschen. Schritte näherten sich.

„Hier ist Wasser, Freund. Sie behandeln einen nicht übel, weil sie noch ein paar Mäuse erwarten. Aber bis jemand für mich die zehn Besant bezahlt, die der Emir für mich verlangt, ist das Tote Meer ein Gartenteich mit Seerosen drauf.“

„Danke“, sagte Balian und trank durstig von dem Wasser, das sein Mitgefangener ihm gab. „Wer bist du?“, fragte er dann.

„Ach, ich bin ein Niemand. Ein einfacher Hirtenbursche bin ich.“

„Niemand ist niemand“, erwiderte Balian mit einem Lächeln, auch wenn er nicht annahm, sein Gegenüber könne es sehen. „Wie ist dein Name?“

„Ich bin Pierre, der Hirtenbub.“

„Und woher kommst du, Pierre?“

„Aus Samaria. Ich habe Schafe gehütet, als mich die Leute des Emirs schnappten.“

„Samaria?“, fragte Balian interessiert. „Bisher dachte ich, dort leben nur Samariter.“

„Stimmt eigentlich auch. Ich gehöre zu den wenigen Christen, die dort leben. Und wer bist du?“

„Balian ist mein Name.“

„Balian? So heißt mein Herr auch“, erwiderte Pierre amüsiert. Häufig war der Name nicht …

„Dein Herr?“, tat Balian ahnungslos.

„Ja, Balian von Ibelin ist mein Herr. Samaria ist sein Lehen. Er ist sehr freundlich. Leider ist er nur selten bei uns draußen, besonders, seit er Statthalter von Jerusalem ist.“

„Vernachlässigt er denn Samaria?“, erkundigte sich Balian und dachte beschämt daran, wann er zuletzt in Samaria gewesen war.

„Och, nö, das tut er nicht. Er hat viel zu tun.“

„Und was?“

„Na ja, ich weiß nicht genau, was ein Statthalter in Jerusalem alles zu tun hat, aber mein Vater sagt, das sei eine große Ehre und eine schwere Aufgabe. Er muss die Prinzessin Sibylla und den König beschützen. Manche bei uns meinen, sie hätte ein Auge auf ihn geworfen. Jedenfalls war sie lange bei ihm in Nablus, unserem Nachbardorf. Mein Vater behauptet, sie wären ein Paar, aber das kann ja nicht sein, weil die Prinzessin doch mit dem de Lusignan verheiratet ist. Eigentlich ist sie schön blöd. Unser Herr Balian ist ein so guter Mann. Sieht gut aus, ist ein edler Herr, hat schöne Häuser und behandelt uns wie Menschen. Wir haben es viel besser als die Leute in Transjordanien, die von dem treulosen Reynald de Châtillon gebeutelt werden. Ehrlich: In Samaria lebt sich’s gut“, schwärmte Pierre.

„Aber dein Herr bringt nicht mal die zehn Besant für dich auf?“, fragte Balian.

„Ach, der weiß nicht mal, dass es mich überhaupt gibt“, seufzte Pierre. „Geschweige denn, dass ich hier festsitze.“

„Wie lange bist du hier?“

„Lange. Aber frag’ mich nicht, wie lange genau. Gibt ja kein Tageslicht hier unten. Und wie bist du hier hergekommen?“

„Ich wurde von christlichen Rittern überfallen“, erwiderte Balian.

„Waren es Templer? Ich wollte es ja nicht glauben, dass die auch Christen überfallen, bis ich selbst mal in einen solchen Überfall geraten bin. Der galt wohl eigentlich dem samaritischen Eigentümer der Herde, die ich gehütet habe, aber ich hab’ auch meinen Teil abbekommen. Haben die dich etwa hilflos liegenlassen?“

Balian lachte kurz auf.

„Nein, die konnten nichts mehr tun“, sagte er. „Ob es Templer waren, weiß ich nicht mal genau. Es sah eher nach dem Nagelkreuz aus, das de Lusignans eigene Ritter benutzen. Beschwören könnte ich es nicht … Sie waren zu dritt, aber wenn mich die Wut packt, werde ich zum Berserker. Steine können eine recht wirkungsvolle Waffe sein … Aber ich habe selbst einiges einstecken müssen und nachdem die Ritter am Boden lagen, war’s dann auch mit meiner Kraft vorbei. Osama al-Faes’ Leute mussten mich wohl nur noch mitnehmen.“

„Es heißt, die Templer wären die besten Kämpfer im Heiligen Land“, bemerkte Pierre.

„Ist das so?“, fragte Balian spöttisch.

„Na ja, heißt es …“, räumte Pierre ein. „Und du, wo kommst du her?“, fragte er dann.

„Von weit her. Aus Frankreich“, antwortete Balian.

„Bist du schon lange hier?“

„Ich kam Anfang 1185 her. Und du?“

„Na ja, ich bin in Samaria geboren und lebe jetzt seit fünfzehn Jahren hier“, sagte Pierre. „Wie bist du von Frankreich hergekommen?“, fragte er weiter.

„Mein Vater war als junger Mann nach Jerusalem gegangen und ließ meine Mutter und mich in Frankreich. Vor knapp zwei Jahren kam er zurück, um uns beide nachzuholen, aber da konnte er nur noch mich allein mitnehmen.“

„Aha. Hast du einen Beruf?“

„Ja, ich bin Schmied“, erwiderte Balian.

„Schöner Beruf. Machst du auch Schwerter?“

„Ja.“

„Damaszenerklingen?“

„Ja, hab’ ich hier gelernt.“

„Wo … wohnst du, wenn du nicht in diesem Loch sitzt?“

„Jetzt in Jerusalem, aber zeitweilig auch schon mal in Ibelin oder in Nablus“, grinste Balian.

„Bist du so was wie ein wandernder Handwerker?“

„Ja, so ähnlich.“

Balians Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, aber dennoch gab die einsame Fackel nicht so viel Licht, dass er Einzelheiten genau erkennen konnte. Das Kerkerloch, in dem er und Pierre saßen, mochte zwei Klafter breit sein und war in gewachsenen Fels gehauen. So rund wie der Raum war, war es vielleicht mal ein eher flacher Hausbrunnen gewesen, bevor die Gegend so vertrocknet war. An der Wand gegenüber saß sein Mitgefangener, ein magerer Junge. So, wie er sich im Halbdunkel abzeichnete, hätte Balian ihm fünfzehn Jahre nur mit Mühe zugetraut.

„Bist du verheiratet, Balian?“, fragte Pierre.

„Nein, verwitwet. Meine Frau und mein kleiner Sohn sind gestorben. Danach bin ich hergekommen.“

„Und noch keine neue Frau gefunden?“, fragte Pierre interessiert. Balian schwieg einen Moment. Sicher gab es eine Frau in seinem Leben – nur durfte das niemand wissen … Wenn er jetzt nicht lügen wollte – und der Lüge hatte er abgeschworen – war es besser, das Thema in eine etwas andere Richtung zu lenken.

„Als ich in deinem Alter war, war ich nicht hinter Mädchen her“, grinste er. Es war mit keiner Silbe geschwindelt, denn nicht er hatte sich um Natalie bemüht, Natalie hatte sich für ihn interessiert …

„Ach, du kennst die kleine Sarah nicht“, seufzte Pierre versonnen. „Manche sagen, sie wär’ schöner als die Prinzessin Sibylla selbst – und die gilt als schönste Frau des ganzen Königreichs Jerusalem.“

„Und? Was sagt deine persönliche Prinzessin zu dir?“

„Ach, Milchbubi nennt sie mich, weil ich noch keinen Bartwuchs habe. Aber wenn ich mal so einen Bart habe wie du, dann könnte was draus werden. Nur sollte ich bis dahin einen besseren Beruf haben.“

„Warum? Sind Hirten denn nicht angesehen?“

„Kommt drauf an, wen du fragst. Der alte Aaron, Sarahs Vater, der hält nichts von solchen Habenichtsen. Bruder Jean, unser Pastor, meint, Hirte zu sein, wäre im Heiligen Land der Beruf überhaupt – außer Ritter zu sein. Aber in die Verlegenheit komme ich sowieso nicht“, erklärte Pierre.

„Und warum nicht?“, bohrte Balian.

„Zum Ritter muss man geboren sein, sagt mein Vater. Wir einfachen Menschen taugen nicht dazu.“

„Das habe ich auch mal geglaubt“, lächelte Balian. „Aber was tut ein Hirte denn so viel anderes als ein Ritter? Der Ritter schwört, vor Feinden keine Furcht zu haben, tapfer und aufrecht zu sein, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn es sein Leben kostet und die Wehrlosen zu beschützen. Du beschützt deine Schafe vor menschlichen oder tierischen Räubern. Dafür musst du tapfer sein und ihnen mit deinem Hirtenstab oder deiner Schleuder die Räuber von der Wolle halten. Ein Hirte riskiert mitunter sein Leben für die ihm anvertrauten Tiere. Du musst dem Eigentümer der Schafe Rechenschaft ablegen. Du siehst, auch ein Hirte ist genau genommen ein Ritter – auch wenn er kein Schwert und kein Kettenhemd trägt“, erklärte Balian. Pierre sah ihn verblüfft an.

„Das hat noch keiner gesagt“, entfuhr es ihm.

„Doch, mein Vater. Als er kam, um mich mitzunehmen, sagte ich ihm, ich könne nicht fort, weil ich der einzige Schmied im Umkreis von vier Dörfern sei. Mein Vater nannte das schier ritterliches Pflichtgefühl. Du siehst, auch ein Schmied kann so etwas wie ein Ritter sein“, sagte Balian.

Oben wurde es laut, als viele Füße den massiven Steinboden betraten.

„Nun, wie geht es dir, Ungläubiger?“, fragte eine scharfe Stimme.

„Osama al-Faes, bist du das?“, rief Balian.

„Schau an, du kennst die Stimme deines Herrn schon“, spottete al-Faes.

„Mein Herr ist der König von Jerusalem und darüber Gott der Allmächtige, den du in deiner Sprache Allah nennst!“, entgegnete Balian. Er konnte sich nur knapp vor einem Eimer Unrat in Sicherheit bringen.

„Das dürfte deinen Übermut etwas abkühlen, Ungläubiger“, grollte Emir Osama.

„Wirklich mutig von dir, einem Wehrlosen einen Eimer Dreck zu schicken“, erwiderte Balian den Spott. „Bist du auch so mutig, wenn du mir im Zweikampf mit gleichen Waffen gegenüberstehst?“

„Jetzt wirst du aufmüpfig.“

„Osama al-Faes, du bist ein feiger Hund, wenn du dich nur an Wehrlosen vergreifen kannst! Dein Bruder hatte wenigstens den Mut, einen Bewaffneten zu attackieren. Es war ein fairer Kampf!“, wetterte Balian.

„Du wirst mich nicht provozieren, Bürschchen. Du bleibst hübsch dort unten, es sei denn du bist deinen Freunden zweihunderttausend Besant wert. Oder du zahlst das Lösegeld selbst. Reich genug bist du, Hakim Ibelin“, kicherte der Emir. Die Schritte entfernten sich, eine metallene Gittertür krachte ins Schloss, dann war wieder Stille.

„Mistkerl!“, fluchte Balian und hieb ebenso wütend wie erfolglos auf die massive Felswand ein.

Pierre glaubte, nicht recht gehört zu haben. Wie hatte der Emir den Mitgefangenen genannt? Hakim Ibelin?

„Wie bitte?“, fragte er erschrocken. „Bist du … äh … seid Ihr etwa der Hakim Ibelin, der Herr von Ibelin?“

Balian nickte und ließ sich wieder an der Kerkerwand herunterrutschen.

„Ja, der bin ich“, bestätigte er. „Ich bin Balian von Ibelin, God-freys Sohn.“

„Verzeiht mir“, flüsterte Pierre entgeistert.

„Pierre, lass diese Katzbuckelei!“, grinste Balian. „Ich bin ein Gefangener wie du – und ich kann es gut vertragen, wieder als normaler Mensch betrachtet zu werden und nicht als … als … beinahe unwirkliches Wesen!“, entfuhr es ihm dann.

„Aber … Ihr seid von Adel, Mylord!“, erinnerte Pierre.

„Trotzdem bin und bleibe ich ein Mensch, Pierre. Gott wird mich nicht nach meinem Titel beurteilen, den ich von meinem Vater geerbt habe, sondern nach dem, was ich tue. Falls ich hier herauskomme, muss ich dringend etwas in meinen Lehen ändern: Diese grausige Ehrfurcht mir gegenüber, nur weil ich der Erbe dieser Lehen bin“, wehrte Balian ab.

„Kein … kein anderer Adliger würde es dulden, wenn ein gemeiner Mensch wie ich mit ihm redet wie mit seinesgleichen“, wandte Pierre ein. Balian lächelte.

„Falsch! Du bist meinesgleichen! Ich bin nichts Besseres als du, nur weil ich diesen Titel trage. Es gibt Tage, da wünsche ich mich an meinen Amboss zurück – ohne Titel, ohne das Wissen, dass mein Vater ein Ritter und Baron war. Ich betrachte das, was mir gegeben wurde, nicht als Recht, schon gar nicht als Privileg und erst recht nicht als selbstverständlich. Eher als schwere Verantwortung“, erwiderte er sanft.

„Du … würdest deinen prächtigen Palast mit all den Annehmlichkeiten einfach aufgeben?“

Balian lachte leise.

„Nun, ich gebe zu, dass man sich an solche Annehmlichkeiten gewöhnen kann – aber das macht keinen besseren Menschen aus mir als jene, die bei mir arbeiten. Aber was die Bedeutung meiner Person betrifft: Ich war glücklich als Schmied. Ich hatte immer genug, um meiner Familie ein Leben ohne Not zu ermöglichen. Nein, ich habe nicht nach Titeln, Reichtum und Verantwortung gestrebt.“

„Dann ist es für dich nur Pflicht und kein Privileg? Eigentlich kenne ich keinen, der nicht auf ein besseres Leben aus wäre“, wunderte sich Pierre.

„Vielleicht bist du ärmer, als ich es je war, Pierre. Wenn nicht einmal zehn Besant für dich aufgebracht werden können, kann deine Familie nicht wirklich wohlhabend sein. Ich glaube, ich habe eine Pflicht mindestens noch versäumt.“

„Und welche?“

„Dafür zu sorgen, dass die Menschen in den mir anvertrauten Lehen nicht hungern müssen, dass sie genug zum Leben haben und sich etwas darüber hinaus sparen können. Da habe ich noch was zu tun, mein Freund.“

„Sag mal: Zweihunderttausend Besant – wie sieht das aus?“, fragte Pierre. Es war eine für ihn schier unvorstellbare Summe.

„Läge das hier in diesem Raum herum, säßen wir nicht auf Stein“, grinste Balian.

„Und … könn… könntest du dir das leisten?“, erkundigte sich der Hirtenjunge vorsichtig. Balian nickte.

„Ja, aber ich weiß nicht, ob ich das diesem gierigen Emir in den Hals werfen möchte …“, erwiderte er. „Es kostet viel Arbeit von vielen Menschen, um so viel Geld zu verdienen. Und die Kraft der Menschen in meinen Lehen wäre mir zu schade, um diesem unverschämten Patron damit einen goldenen Teppich zu knüpfen.“

 

***

Kapitel 29

Unverschämtheiten

 

Ein sarazenischer Bote trabte stolz in das Dorf Ibelin.

„Wer ist hier ein halbwegs lesekundiger Ungläubiger?“, rief er in überheblichem Ton mitten auf dem Hauptplatz. Mustafa, der Dorfälteste und Imam der muslimischen Gemeinde von Ibelin, trat aus dem kleinen Korbladen, in dem er gerade eingekauft hatte.

„Du befindest dich hier in Ibelin. Hier gibt es Muslime, Christen und Juden, die friedlich miteinander leben. Was willst du?“, fragte er. Der Bote warf ihm eine Schriftrolle hin.

„Das ist für die ungläubigen Hunde, die euch hier unterdrücken. Tod den Ungläubigen!“

„Hier leben weder Unterdrückte noch Ungläubige!“, fuhr Mustafa ihn an. „Verschwinde!“, wies er ihn aus dem Dorf. Mit einem höhnischen Lachen, das die umstehenden Muslime noch nie von ihresgleichen gehört hatten und das sehr viel eher nach einem Templer klang, ritt er wieder davon. Mustafa hob die Schriftrolle auf, trug sie zum Haus des Barons und übergab sie seinem Schwager Latif. Latif, in Abwesenheit von Balian und Almaric derjenige, an den alle Anliegen gerichtet wurden, brach das Siegel auf und las die Botschaft mit bleich werdendem Gesicht.

Sidi Balian ist Gefangener des Emirs al-Faes!“, stieß er hervor. „Das muss sofort nach Jerusalem!“

Während einer von Balians Dienern eilig nach Jerusalem jagte, um Almaric die Botschaft zu überbringen, pochte es an der Tür eines großen Herrenhauses in Tiberias. Ein Diener im jerusalemblauen Gewand öffnete die Tür und prallte erschrocken zurück, als ein Tempelritter davor stand.

„Ist dies das Haus des Grafen Tiberias?“, fragte der Tempelritter vorsichtig. Er war ein sehr junger Mann und sah nicht bedrohlich aus, fand der Diener.

„Ja“, gab er zurück. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“

„Mein Name ist Georg, Ritter des Templerordens. Ich möchte Herrn Tiberias sprechen oder jemand, der ihn vertritt.“

„Wartet hier“, wies der Diener den Templer an und schloss die Tür wieder. Wenig später wurde die Tür wieder geöffnet. Eine würdige, ältere Dame stand in der Tür.

„Mir ist neu, dass die Templer meinen Gemahl jetzt schon in seinem Haus heimsuchen!“, fuhr sie den Templer an. Georg verbeugte sich höflich.

„Ich weiß, dass Euer Gemahl den Templern mindestens skeptisch begegnet, Mylady. Aber ich bin nicht im Auftrag des Templerordens hier. Es geht um den Baron Balian von Ibelin. Ich weiß, wo er gefangen gehalten wird“, erklärte Georg.

„Das setzt Euren Besuch in ein anderes Licht. Kommt herein.“

Ein staubbedeckter Bote überbrachte die Botschaft aus Gadara an Sibylla. Sie las sie, wurde kreidebleich und nur Augenblicke später hetzten Diener in alle Richtungen aus dem Palast, um die wichtigsten Ratgeber zusammenzurufen. Sibylla ging mit der Botschaft zu ihrem Sohn, der sich seit der schmerzhaften Amputation völlig in sich zurückgezogen hatte. Er saß teilnahmslos in seinen Gemächern. Die verbliebene rechte Hand umkrampfte eines der hölzernen Pferdchen, die Balian ihm geschnitzt hatte.

„Raymond?“, sprach sie ihn leise an. Er sah auf und wusste instinktiv, dass es schlimme Nachrichten gab.

„Wo ist Papa?“, fragte er bedrückt. Sibylla umarmte ihn liebevoll.

„Ich … ich habe schlimme Nachrichten, Raymond“, sagte sie leise mit einem dicken Kloß im Hals. „Papa … er ist …“

Raymonds große, blaue Augen füllten sich mit Tränen.

„Nein, Maman! Nein, er ist nicht tot! Das glaube ich nicht!“

Sibylla drückte ihren Sohn an sich.

„Nein, mein Schatz, er ist nicht tot. Aber … der … Emir al-Faes hält ihn gefangen und … und … er will Lösegeld haben.“

„Muss Guy auch darüber entscheiden, Maman?“, fragte Raymond voller Traurigkeit. Sie nickte nur. Raymond begann zu weinen.

„Maman, bitte … tu was. Das Lösegeld muss gezahlt werden, Bitte, bitte!“, flehte er unter bitteren Tränen.

„Raymond, wenn … wenn wir das tun …“

„Aber es ist doch üblich, Maman“, widersprach Raymond. Es geschah beinahe täglich, dass Christen verschleppt und gegen Lösegeld freigelassen wurden. Andersherum war es ebenso gängige Praxis …

„Ja, mein Schatz, das ist es, aber der Emir will zweihunderttausend Besant für Balian haben.“

Raymond erschrak. Das war ein wahrhaft monumentales Lösegeld. Eine solche Forderung war noch nie erhoben worden.

„Wäre ich wirklich ein König, Maman, dann würde ich meine Soldaten schicken“, schluchzte der Junge. Sibylla schüttelte traurig den Kopf.

„Nein, mein König, das wäre keine Lösung. Es würde Balian erst richtig in Gefahr bringen, mein Schatz.“

„Aber, was können wir denn tun?“, fragte Raymond verzweifelt. „Ich möchte Papa bald wieder bei mir haben.“

„Ich auch, Raymond, ich auch“, flüsterte Sibylla. „Komm, der Rat wartet.“

Im Thronsaal waren die Großen des Reiches versammelt. Sibylla trug die Lösegeldforderung dem Rat vor.

„Meine Güte!“, entfuhr es Balians Cousin Reinhold von Sidon. „Das ist ungeheuer. Niemals wurde so viel gefordert, nicht einmal für einen souveränen Grafen! Ich bezweifle, dass Balian so reich ist, trotz des bekannten Reichtums der Familie Ibelin.“

„Dann wird er im Kerker verschimmeln, denn ich werde keinen einzigen Besant für ihn geben! Wer mit dem Feuer spielt, der verbrennt sich eben die Finger. Er hat sich selbst in diese Situation gebracht. Ich werde nichts unternehmen“, stellte Guy klar.

„Euch frage ich auch gar nicht, mein Gemahl!“, fuhr Sibylla ihren Gatten an. „Tiberias, was sagt Ihr dazu?“

„Balian hat das Geld, soviel ist sicher – aber auf eine so unmäßige Forderung einzugehen, halte ich dennoch nicht für klug“, erwiderte Tiberias. „Wir sollten verhandeln und die Forderung auf ein normales Maß bringen.“

„Was sollten wir anbieten, Tiberias?“, fragte Sibylla.

„Nun, Reynald hält nach wie vor die Schwester Saladins fest. Ich würde zu einem direkten Austausch raten.“

„Einen christlichen Baron – gegen eine Frau?!“, ereiferte sich der Templergroßmeister. „Das ist doch wohl etwas übertrieben – zumal sich der Baron von Ibelin ja nicht in Saladins Händen befindet.“

„Wenn Balian nicht in Saladins Gefangenschaft ist – ist dann etwa Uneinigkeit unter den Sarazenen?“, fragte Reinhold.

„Falls ja, sollten wir das sofort nutzen und zuschlagen“, schlug Reynald vor.

„Es sind eben ruchlose Heiden, die nichts Besseres verdient haben, als den Tod!“, fauchte der Templergroßmeister. „Wir sehen doch, dass wir ihnen nicht trauen können, wenn sie selbst einen ausgewiesenen Heidenfreund wie den Baron von Ibelin gefangen nehmen!“

„Ach was!“, entgegnete Tiberias. „Der Emir Osama al-Faes ist der Bruder von Mohammed al-Faes, der mit Balian nach dessen Landung in Jerusalem aneinander geriet und es nicht überlebte. Wenn der Bruder des Getöteten Rache nehmen will, bedeutet das weder, dass Uneinigkeit unter den Muslimen herrscht, noch dass jeder Christ in dieser Gefahr wäre. Das hier sieht nach persönlicher Rache aus.“

„So, wie Eure Ritter gegen alle königlichen Befehle sarazenische Karawanen angreifen, Großmeister de Ridefort, wäre es im Übrigen auch kein Wunder, wenn jeder Christ in Gefahr wäre. Wenn das so sein sollte, dann ist es ausschließlich Euer Werk!“, schalt Reinhold den Templergroßmeister.

Die anwesenden Templer murrten lautstark und waren nahe daran, Reinhold anzugreifen, aber die Johanniter und Jerusalem-Ritter stellten sich dazwischen.

„Friede!“, rief der neue Großmeister der Johanniter, Werner von Naplusa. Er war erst seit Mai im Amt, nachdem sein Vorgänger Roger de Moulins auf recht ungeklärte Art ums Leben gekommen war.

„Es hat keinen Sinn, dass wir uns gegenseitig zerfleischen“, fuhr er fort. „Es geht um das Leben unseres Königs und das seines Vasallen. Balian hat sein Leben riskiert, um den König zu retten. Wenn er nicht Gefangener von Saladin ist, ist der Sultan möglicherweise nicht damit einverstanden, dass er festgehalten wird. Aber Saladin wird uns nicht helfen, Balian freizubekommen, wenn wir ihm dafür nichts geben können. Das Einzige, was ihn interessieren wird, ist die Freilassung seiner Schwester. Reynald, in Gottes Namen: Lasst Jazira frei!“

„Und was dann?“, fragte Guy. „Sie ist das einzige Druckmittel, das wir in der Hand haben. Saladin wird sie willkommen heißen – und nichts weiter tun“, mutmaßte er.

„Ich glaube, Ihr unterschätzt das Ansehen, das Balian bei den Sarazenen hat, Mylord“, bemerkte Tiberias. „Aber die Frage ist, welchen Einfluss Saladin auf den Emir al-Faes in dieser Sache hat. Immerhin geht es um eine familiäre Angelegenheit.“

Sibylla brauchte ihre ganze Beherrschung, als sie fragte:

„Dann … meint Ihr, dass es für Balian keine Hilfe gibt, Tiberias?“

„Ich weiß es nicht.“

Tiberias’ Antwort klang beinahe verzweifelt.

„Aber wir sollten ihn nicht einfach verloren geben, mit dem Emir al-Faes verhandeln und Saladin Nachricht geben“, sagte er dann. Sibylla nickte. Ihr Blick fiel auf ihren Sohn, der schreckliche Angst um Balian hatte, das sah sie ihm an.

„Und was wollt Ihr ihm anbieten, Tiberias?“, fragte Reynald spöttisch.

„Vielleicht Euren Kopf“, grunzte Tiberias.

„Tiberias!“, empörte sich Guy. „Der Einzige, der über Tiberias befinden kann, ist der König!“

Eine Bewegung entstand am Thron, als Balduin vom Thron rutschte und sich hinstellte. Alle Augen wandten sich dem jungen König zu.

„Ich will jetzt nicht länger zuschauen, wie mein Reich von Leuten vernichtet wird, denen es nichts bedeutet!“, grollte er. Er hatte allen Mut zusammengenommen und baute darauf, dass es genügend Männer im Saal gab, die ihn schützen würden.

„Ihr seid nicht mündig …“, setzte Guy an, aber ein scharfes

„Nein!“

unterbrach ihn.

„Ich weiß nur zu gut, dass Ihr den Umstand ausnutzen wollt, dass ich nichts zu sagen habe!“, rief Balduin erbittert. Es reichte ihm wirklich. „Es gibt in diesem Raum nur einen Mann, der mich je beraten hat, ohne dabei seinen eigenen Vorteil im Auge zu haben, und das ist Tiberias! Der andere, der es sonst auch tut, ist jetzt Gefangener des Emirs al-Faes. Es ist mir völlig gleich, ob er meinen Vasallen Balian gefangen hält, weil er ein Christ ist oder weil er gegen seinen Bruder gekämpft hat. Aber eines ist gewiss: Mein Vormund Guy de Lusignan und Reynald sind schuld daran, dass es dazu gekommen ist. Ich habe es selbst gehört, dass Reynald ihm mit seinen Templern auflauern wollte! Und Ihr, mein Vormund, wart damit einverstanden!“, klagte er laut an. „Balian sollte nach dem niederträchtigen Plan sterben!“

Wenn ein Blitz in den Thronsaal gefahren wäre, die Anwesenden hätten nicht erschrockener sein können.

„Wenn Ihr es als den unwürdigen Wunsch eines unmündigen Kindes betrachtet, dass diese Verschwörer bestraft werden sollen, dann lege ich die Krone nieder und fordere den Papst auf, mit den Königen von England und Frankreich und dem Kaiser des Römischen Reiches einen neuen König von Jerusalem zu bestimmen, der wirklich sein eigener Herr ist und nicht abhängig von falschen Ratgebern ist. Und ich werde ihm mitteilen, dass das auf keinen Fall Herr de Lusignan oder Herr de Châtillon dieser neue König sein soll!“, drohte der Junge, der sich richtig in Rage geredet hatte. Die Höflinge sahen gebannt auf den Jungen, der in wenigen Tagen neun Jahre alt wurde.

„Ich verlange, dass Ihr Jazira, die Schwester des Saladin, als Zeichen unseres guten Willens augenblicklich freilasst, Reynald. Und ich verlange, dass sie sicher nach Damaskus gebracht wird.“

„Saladin wird die Männer töten lassen, die sie zu ihm bringen“, warnte der Patriarch.

„Einer von Euch wäre dazu fähig, Boten des Friedens zu töten, das glaube ich wohl! Aber von Saladin würde ich das nur annehmen, wenn der Schuldige dort persönlich erscheint“, wetterte der kleine König. „Wenn ich sicher wäre, Damaskus lebend zu erreichen, würde ich selbst dorthin reisen, um Saladin davon zu überzeugen, dass dies das Werk eines einzelnen Ritters ist, der nur seinen eigenen Gesetzen gehorcht. Aber ich weiß, wie es meinem Onkel Balduin ging, als er nach Kerak ging, um den Frieden zu retten.“

„Mein König, es ist Gottes Wille …“, setzte Heraclius an.

„Hört mir auf mit Gottes Willen, Heiligkeit!“, fuhr Balduin den Patriarchen an. „Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt, auch über Religion und ich sage Euch: Das ist nicht wahr! Gott will, dass wir Frieden in seinem Reich halten.“

„Er ist besessen …“, keuchte der Patriarch, aber der wütende Balduin war damit nicht zu stoppen.

„Ja, sicher, wenn ich nicht vor Angst die Augen niederschlage, bin ich besessen oder frech! Ich habe jetzt wirklich genug, immer nur betteln zu können und mir ständig über den Mund fahren zu lassen. Ihr tut jetzt, was ich als Euer König von Euch verlange oder es gibt eine neue Königsfamilie in Jerusalem. Dann habe ich an diesem Thron kein Interesse!“

Im Thronsaal herrschte Stille, völlige Stille. Der Ausbruch des kleinen Königs hatte Wirkung gezeigt. Selbst die sonst so wortgewaltigen Templer schwiegen betreten.

„Tiberias, ich möchte, dass Ihr einstweilen als Bailli die Regierungsgeschäfte führt. Meinem Vormund kann ich nicht vertrauen.“

„Ich danke für Euer Vertrauen, mein König. Doch die Wahrheitsliebe nötigt mich, Euch darauf hinzuweisen, dass Ihr als unmündiger König diese Entscheidung allein nicht treffen könnt“, erwiderte Tiberias mit traurigem Unterton. Er hasste es, dem kleinen König diese Hoffnung rauben zu müssen, aber in gewissen Grenzen musste sich selbst der König von Jerusalem dem Gesetz unterwerfen …

Balduin sah ihn mit großen Augen an, sie füllten sich mit Tränen und der Junge brach weinend zusammen. Er hatte seine Kräfte in dem heftigen Wutausbruch, der ihm endlich Respekt verschafft hatte, aufgezehrt. Und Tiberias’ Antwort warf ihn wieder zurück in die Stellung einer bloßen Schachfigur, die von Anderen bewegt wurde. Tiberias fing den hemmungslos weinenden Jungen auf und drückte ihn tröstend an sich.

„Warum tust gerade du das, Onkel Tiberias?“, schluchzte er leise.

„Es tut mir Leid, Raymond, ich habe das nicht gern getan, aber …“

Zornig riss Balduin sich von Tiberias wieder los und stürmte wie von Sinnen aus dem Thronsaal.

„Damit ist wohl geklärt, dass ich weiterhin Bailli bin und mir diese Stellung niemand streitig macht“, erklärte Guy süffisant.

„Doch! Ich stelle Euch in Frage!“, grollte Reinhold. „Es kann und darf nicht angehen, dass der Bailli die Regierung nicht im Sinne des Königs führt. Dass Ihr das nicht tut, hat die Anklage unseres Königs nun mehr als deutlich gezeigt.“

„Ach was!“, hielt Templer-Großmeister de Ridefort dagegen. „Der König ist krank und weiß nicht, was er sagt!“

„Mir ist neu, dass Lepra auf die Fähigkeit gesunden Urteils schlägt“, konterte Johanniter-Großmeister von Naplusa. „Ich entziehe hiermit für den Johanniterorden dem Bailli das Vertrauen.“

„Ich auch – stellvertretend für die Familie Ibelin“, rief Reinhold. Tiberias und noch einige Barone taten es ebenfalls, doch sie waren zu wenige, um Guy wirklich absetzen zu können.

„Ihr schürt Uneinigkeit!“, grollte Guy. „Das ist genau das, was den Heiden in die Hände spielt. Uneinigkeit können wir uns nicht leisten, nicht jetzt! Ihr seid verhaftet!“

Auf seinen Wink packten die Templer zu und die Opposition fand sich hinter Gittern wieder.

Sibylla senkte den Blick. Nie zuvor hatte sie so deutlich gespürt, wie sehr Jerusalem den Launen ihres Gemahls und der ihm nahe stehenden Adligen und Ordensritter ausgeliefert war. Der Blick, mit dem Guy sie bedachte, verhieß nichts Gutes. Sibylla wurde klar, dass sie und ihr Sohn sich jetzt nur noch auf seine Seite stellen konnten, wenn die Familie Anjou überleben sollte. Sie erhob sich und verließ niedergeschlagen den Thronsaal.

Auf dem Flur trat Guy ihr in den Weg.

„Sibylla!“, sprach er sie mahnend an.

„Wenn … ich Eure Ritter habe … werdet Ihr Eure Gemahlin haben“, versprach sie, auch wenn diese Worte sie würgten. Sie war gerade dabei, Jerusalem endgültig an Guy auszuliefern … Er nickte mit einem milden Lächeln. Er war am Ziel seiner Wünsche – fast, denn noch lebte Balduin …

***

Kapitel 30

Bekenntnisse

Der Bote, den Tiberias’ Gemahlin nach Jerusalem gesandt hatte, um ihren Gatten vom Aufenthaltsort Balians zu unterrichten, kam abgehetzt nach Tiberias zurück.

„Euer Gemahl ist verhaftet worden – wegen Unruhestiftung, Mylady“, erklärte er. Yasmina von Tiberias dachte eine Weile nach.

„Benoit, bittet Mahmut al-Bakr zu mir“, wies sie den Boten dann an, der sich schweigend verbeugte und eilig das Haus wieder verließ. Tempelritter Georg hatte gehört, wen der Diener holen sollte und erbleichte.

„Mahmut al-Bakr? Einen der schlimmsten Feinde der Christenheit?“

Yasmina von Tiberias lächelte sanft.

„Bleibt sitzen, Georg. Ihr habt von ihm nichts zu befürchten und mein Gemahl erst recht nicht. Habt Ihr Euch je gefragt, weshalb Eure Ordensoberen meinem Gatten so feindlich gesinnt sind?“

„Nein, Mylady“, bekannte der junge Ritter.

„Raymond von Tiberias, mein Freund, ist ein Mann, der durch und durch Christ ist, der aber im Gegensatz zu Euren fanatischen Herren darüber nachgedacht hat, welche Gründe Gott wohl dafür haben könnte, Judentum, Christentum und Islam in der gleichen Gegend entstehen zu lassen. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Gott die Vielfalt liebt – sowohl in Dingen der Glaubensausübung als auch auf dem Gebiet der unterschiedlichen Hautfarben. Er unterhält deshalb sehr gute Beziehungen zu bedeutenden Muslimen, auch wenn sie durch unangenehme Erfahrungen entstanden sind“, erklärte die Gräfin. Georg sah sie eine Weile an. Er spürte, dass er einem Geheimnis des ehemaligen Statthalters sehr nahe war – und er war nicht sicher, dass er es als Templer erfahren würde.

„Wollt … wollt Ihr mir das näher erklären, Mylady?“, bat er. Yasmina lächelte. Es war ein charmantes Lächeln, das über ihre fast sechzig Jahre hinwegtäuschte.

„Kann ein Templer ein Geheimnis bewahren, das meinem Gemahl in der gegenwärtigen Situation gefährlich werden könnte?“

„Wenn Ihr mein kleines Geheimnis wahren könnt, will ich auch das Eure wahren“, erwiderte Georg und hob die Hand zum Schwur.

„Und welches Geheimnis soll ich Für Euch wahren?“

„Dass ich den Templerorden verlassen will und mich Herrn Balian anschließen möchte, wenn er mich unter seine Ritter aufnimmt“, erwiderte Georg.

„Nun, dann ist das kleine Geheimnis bei Euch in guten Händen“, lächelte Yasmina. „Vor vielen Jahren geriet mein Gemahl in sarazenische Gefangenschaft – in die des Emirs al-Bakr. Obwohl er Christ und Gefangener war, der zudem vor seiner Gefangennahme viele seiner Männer getötet hatte, behandelte al-Bakr ihn mit Respekt, denn er wusste tapfere Krieger zu schätzen. Raymond hatte tapfer gekämpft, aber bei einer Übermacht von zwanzig gegen einen hatte er keine Chance. Mein Vater wusste das zu schätzen …“

Georg bekam große Augen, als er erkannte, dass die Gemahlin des Grafen von Tiberias die Tochter des Emirs al-Bakr war.

„… er wusste es so zu schätzen, dass er mich beauftragte, den verwundeten Christen zu pflegen. Raymond war ein gut aussehender Mann und wir verliebten uns: Der König von Jerusalem hat damals ein hohes Lösegeld für Raymond bezahlt. Er wurde freigelassen, aber er ging nicht als Feind. Als mein Vater seinerseits in christliche Gefangenschaft geriet, hat Raymond für seine Freilassung gesorgt – ohne Lösegeld. Mein Vater war ihm so dankbar, dass er Raymond die Hälfte seines eigenen Lösegeldes zurückgab und ihm meine Hand anbot. Raymond hat nicht nein gesagt und ich erst recht nicht. Durch diese familiäre Verbindung konnte Raymond viel dazu beitragen, dass der Waffenstillstand zustande kam und auch von beiden Seiten respektiert wurde – abgesehen vom Templerorden und Reynald de Châtillon.“

„Vergebt die Frage, edle Gräfin: Seid … seid Ihr Muslima?“

„Ja, das bin ich. Raymond hat mir meinen Glauben gelassen und ich ihm den seinen. Für uns war das selbstverständlich. Wer für uns arbeitet, ist in seinem Glauben frei. Raymond hat diese Idee auch an Godfrey von Ibelin weitergegeben – und der an seinen Sohn Balian.“

„Kennt Ihr den Baron persönlich?“

„Meint Ihr Balian? Ja, den kenne ich. Und deshalb bin ich sicher, dass er nicht mehr lange Gefangener sein wird …“

„Was … was habt Ihr vor?“

„Ich werde meinen Bruder, den jetzigen Emir al-Bakr, informieren. Er hat gute Verbindungen zum Hof Saladins. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Saladin den Baron von Ibelin im Kerker verschmachten lässt.“

Nur wenig später war der Bote mit Mahmut al-Bakr zurück, dessen Gebiet nur wenige Meilen entfernt an das Königreich Jerusalem grenzte. Zunächst war er gegenüber dem Tempelritter äußerst misstrauisch, hörte ihn auf Bitten seiner Schwester aber an.

„Ich informiere den Sultan selbst“, sagte er schließlich. „Was wisst Ihr über die Schwester des Sultans?“, fragte er dann.

„Leider nichts; nur, dass Reynald sie gefangen hält.“

„In Kerak?“

„Vermutlich.“

„Bitte, versichert Euch dessen. Ich schwöre Euch, dass Kerak ungeschoren bleibt, wenn Saladin seine Schwester wieder zurück bekommt und ihr nichts geschehen ist. Ihr handelt damit zwar gegen Eure Herren, aber denen wollt Ihr ohnehin den Rücken kehren, wie Yasmina mir sagte. Und Hakim Ibelin könntet Ihr damit helfen.“

„Das werde ich“, versprach Georg und verbeugte sich. Eilig verließ er das Haus des Grafen von Tiberias und ritt bald darauf gen Kerak.

In Jerusalem beschloss Guy zusammen mit dem Großmeister der Templer und dem Patriarchen, der Zurückhaltung Jerusalems im Streit mit den Sarazenen um das Heilige Land ein Ende zu machen. Wenn die Sarazenen nicht von sich aus reagierten und alle Anstrengungen Reynalds gescheitert waren, Christen und Muslime gegeneinander auszuspielen und aufeinander zu hetzen, dann bedurfte es eines drastischeren Mittels – auch eines Mordes …

Reynald kehrte nach Kerak zurück, um mit Wissen und Willen de Lusignans und des Großmeisters der Templer die einzige passable Geisel zu töten, die Saladin noch von Jerusalem fernhielt: seine Schwester Jazira. Nebenbei, so hofften die Verschwörer, könnte der Zorn der Muslime groß genug sein, auch den wegen seiner Gerechtigkeit und Güte geachteten christlichen Baron Balian von Ibelin umzubringen – wenn er überhaupt noch lebte …

Georg erreichte Kerak eine gute Woche nach seinem Aufbruch von Tiberias. Die Templer, die dort waren, waren einerseits geradezu euphorisch gestimmt, hatten aber auch eine gewisse Besorgnis in den Mienen.

„Was ist geschehen?“, fragte Georg interessiert.

„Reynald hat die Heidenmetze endlich in die Hölle geschickt!“, jubelte einer der Ritter.

„Jazira?“, fragte Georg nach und konnte seine Betroffenheit nur knapp verbergen. Freudig erregt nickten seine Kameraden. Im ersten Moment wusste Georg nicht, wie er diese Nachricht verdauen sollte.

„Reynald sucht nach jemandem, der es wagt, diese Nachricht nach Damaskus zu bringen“, bemerkte einer der Templer mit unbehaglichem Schlucken. Allen war klar, dass ein Bote, der mit dieser Nachricht nach Damaskus kam, ein toter Mann war. Da man ihn vermutlich einfach hinrichten würde und ihm wohl kaum die Gelegenheit geben würde, im Kampf zu sterben, würde es allerdings kein Märtyrertod sein, den die Templer durchaus schätzten und auch suchten … Nein, einfach hängen oder köpfen lassen, ohne ehrenhaft gekämpft zu haben, das war nicht der Pfad zum Himmel – jedenfalls nicht der direkte, den die Templer beschreiten wollten.

Die Überraschung seiner Ordensbrüder war kaum zu beschreiben, als Georg sich freiwillig bereit erklärte, die Nachricht weiterzugeben. Es gab keine bessere Gelegenheit, aus dem Orden zu entfliehen, der Georg immer mehr widerstrebte … Er ließ sich nur ein frisches Pferd geben und machte sich wieder auf den Weg nach Tiberias, um Mahmut al-Bakr zu unterrichten.

In Damaskus wartete Saladin seit fast einem vollen Monat auf den bestätigenden Boten aus Jerusalem, doch er blieb aus. Während einige seiner Berater ihm einflüstern wollten, dass dem Hakim Ibelin nicht zu trauen sei, weil er ein Ungläubiger war, bestärkte Imad ad-Din Saladin darin, in Balian einen vertrauenswürdigen Mittler zu sehen. Aber auch Imad machte sich zunehmend Sorgen. Wenn kein Bote kam, dann war Balian vermutlich doch abgefangen worden. Imad war auf dem Weg zu Saladin, als Mahmut al-Bakr eilig in die Stadt galoppierte.

As-Salam ‘alaykum!“, grüßte Imad den eiligen Emir.

U ‘alaykum as-Salam!“, erwiderte Mahmut.

„Du siehst besorgt aus, Shadiq“, bemerkte Imad.

„Sollte ich es nicht sein, wenn ich dem Sultan die Nachricht überbringen muss, dass diese ungläubigen Hunde seine Schwester getötet haben?“

Imad wurde bleich.

Inschallah!“, entfuhr es ihm. „Das bedeutet Krieg!“, keuchte Imad.

„Und ich habe erfahren, dass Osama al-Faes Balian von Ibelin abgefangen hat und ihn in Gadara gefangen hält. Wie können wir verhindern, dass der Sultan seinen Zorn an Balian auslässt?“

Imad sah ihn überrascht an. Mahmut lächelte freundlich.

„Nicht nur du schätzt den Hakim Ibelin, Shadiq …“, grinste er.

„Ich gehe zum Palast und unterrichte Saladin über Balian. Folge du einige Stunden später und berichte ihm von Jazira, wenn er mich nicht mehr zurückholen kann“, sagte Imad. Zuweilen war es eine Frage der Reihenfolge der Nachrichten …

Imad musste nicht lange betteln. Saladin gab ihm zweihundert Reiter, mit denen er den Boten aus Jerusalem befreien sollte. Imad war etwa drei Stunden aus Damaskus fort, als Mahmut al-Bakr Saladin die Nachricht überbrachte, dass seine Schwester von den Templern ermordet worden war. Die Reaktion des Sultans war vorhersehbar gewesen. Voller Zorn zerriss er seine Kleider und schnitt sich mit dem Dolch in die Hand, schwor blutige Rache, wenn Jerusalem sich nicht freiwillig ergab und ihm die Schuldigen ausgeliefert wurden. Saladin sandte Mahmut al-Bakr in Begleitung zweier Soldaten nach Jerusalem, um dem König seine Forderung vorzutragen.

„Und was ist mit dem ungläubigen Hakim Ibelin?“, fragte der junge Mullah, der Balian schon im Palast beschimpft hatte. „Ihr wollt ihn doch nicht etwa wirklich befreien lassen!“

„Und warum sollte ich das nicht?“, fragte Saladin.

„Er ist ein Ungläubiger, der den Tod verdient!“

Saladin erhob sich von seinem Thron und hob die Hand. Es war die Rechte, in die sich er in Trauer und Zorn geschnitten hatte.

„Nein!“, widersprach der Beherrscher der Muslime. „Ich bin kein wortbrüchiger Lügner. Ich bin Salahudin, und ich halte mein Wort – ob andere es tun oder nicht! Balian von Ibelin steht als Bote unter meinem Schutz. Wer ihn angreift, ihm Leid zufügt, ist des Todes. Und wenn es wahr ist, dass der Emir al-Faes den Hakim Ibelin in Gadara gefangen hält, weil er meine Gebote missachtet hat, dann wird er geköpft!“

In Jerusalem erhielt Guy die Nachricht vom Tod der Sarazenenprinzessin. Er rieb er sich die Hände. Er war fast am Ziel seiner Wünsche. Wenn Balian bis jetzt noch gelebt hatte – er war so gut wie tot, wenn Saladin dies erfuhr. Er suchte Sibylla und ihren Sohn auf und berichtete ihnen von Jaziras Tod.

„Wenn Saladin das erfährt, wird es ihm völlig egal sein, dass Balian ein Heidenfreund ist. Wenn der Sultan auch nur die geringste Möglichkeit hat, auf ihn zuzugreifen, wird er ihn töten lassen. Und ganz sicher wird er keine Ärzte schicken“, stellte er kalt in Aussicht und verließ die Gemächer, bevor Sibylla und Balduin sich von dem furchtbaren Schock erholt hatten. Der Schrecken auf ihrem Gesicht, als er Mutmaßungen über Balian anstellte, war für Guy der letzte Beweis, dass Sibylla ihn mit dem Baron von Ibelin betrogen hatte – er würde sie dafür büßen lassen …

Mutter und Sohn saßen eine Weile wie erstarrt. Balduin konnte nicht begreifen, dass christliche Ritter zu einer solchen Untat fähig waren. Guy und die Templer hatten ihn ignoriert; ihn, den König, mochte er auch unmündig sein. Sie taten ganz bewusst Dinge, die Unrecht waren. Das waren keine Ritter, das waren einfach Mörder! Wenn Gott gerecht war, musste es dafür eine schreckliche Strafe geben, das war Balduin nur zu bewusst.

Sibylla sah keine Möglichkeit mehr, ihren Sohn zu retten. Er würde dahinsiechen wie sein Onkel – oder stückweise unter Qualen von ihr gehen. Seit der Amputation war noch nicht viel Zeit vergangen. Die Wunde heilte nicht, doch er fühlte dort keinen Schmerz. Die Lepra war weitergezogen und hatte auch neue Teile seines Körpers befallen. Es war umsonst gewesen, dass man ihn so gequält hatte. Die Vorstellung, man würde ihm schon bald und wieder unter furchtbaren Schmerzen ein Bein abnehmen, ließ Sibylla fast verrückt werden.

„Ich lasse nicht zu, dass sie dir wieder wehtun, mein Kind! Ich lasse es nicht zu!“, schluchzte sie und drückte ihr krankes Kind weinend an sich.

„Wie … willst du das machen, Maman?“, schluchzte Balduin.

„Du wirst nie wieder Schmerzen haben, nie wieder. Ich verspreche es dir“, flüsterte sie. „Leg dich hin, mein Schatz, und schlaf’ jetzt. Gute Nacht.“

Balduin legte sich müde nieder.

„Werd’ ich denn meinen Papa Balian nie wieder sehen?“

„Doch mein Schatz, bestimmt. Vielleicht schon bald. Mach die Augen zu“, wisperte sie, drückte ihrem Sohn liebevoll die Augen zu, küsste ihn zart auf die Stirn und streichelte ihn in den Schlaf. Leise sang sie ein Schlaflied und wiegte den Jungen wie ein neugeborenes Baby. Als er eingeschlafen war, stand sie leise auf, verließ kurz die Gemächer und kehrte ebenso leise mit einer Phiole zurück, die sie leise entkorkte und dann ihrem schlafenden Sohn einträufelte. Das Gift wirkte schnell, Balduin regte sich nur noch einmal, dann stand sein Herz still und er war tot.

Sibylla brach in einem Weinkrampf über ihrem toten Sohn zusammen und flehte ihn um Verzeihung an. Sie erhielt keine Antwort …

 

***

Kapitel 31

Abrechnungen

 

Über den Ruinen von Gadara zeigte sich das erste Morgenlicht, als Imad und seine zweihundert Reiter die seit langem verlassene und verfallene Stadt erreichten. Der Feldherr bedeutete den Männern, außerhalb der Ruinen in den Felsen des Ergs* zu warten und schlich mit seinem Hauptmann Harun näher. Mitten in der Ruinenstadt befand sich eine uralte Villa, die noch aus römischer Zeit stammte. Sie war noch das am besten erhaltene Gebäude und nach Haruns Überzeugung der einzige Platz in ganz Gadara, in dem ein Gefangener festgehalten werden konnte.

„Ich glaube, es gibt dort unten einen alten Brunnenschacht oder eine trockene Zisterne“, flüsterte Harun. Imad nickte. Sie arbeiteten sich schweigend und ganz leise zu der ruinierten Villa vor. Stimmen aus der Ruine bestätigten Haruns Vermutung.

„Gibt es einen Zugang von außen in die Zisterne?“, fragte Imad flüsternd.

„Ich weiß es nicht genau. Aber Raschid könnte es wissen. Er kennt diese alten Gemäuer sehr gut“, erwiderte Harun. Der Feldherr nickte und winkte Harun. Sie zogen sich leise aus den Ruinen zurück. Die Reiter warteten hinter den Felsen auf das Zeichen ihres Anführers.

Imad winkte Raschid. Er war Baumeister und kannte fast sämtliche Festungsanlagen im Heiligen Land, sofern sie unter sarazenischer Herrschaft errichtet waren. Die später von den Kreuzrittern gebauten Burgen und Festungen waren nicht sein Metier, dafür aber die zahlreichen Ruinenstädte, die vor dem Einfall der Christen gebaut waren. Er bestätigte, dass es einen Zugang von außen in die Zisterne der alten Villa gab.

„Der Zugang ist aber mit einem schweren Stein abgedeckt, Sidi“, gab er zu bedenken.

„Können Pferde den Stein wegziehen, wenn die Seile stark genug sind?“, fragte Imad. Raschid nickte.

„Raschid, du kümmerst dich mit deinen Leuten um den Stein. Harun und ich greifen die Ruine von der anderen Seite an. Der Sultan will Osama al-Faes lebend haben!“

Balian und Pierre erwachten in ihrem dunklen Gefängnis von lautem Rumpeln und heftigem Geschrei in arabischer Sprache, Waffenklirren und Gepolter von zerspringendem Geschirr. Dann wurde es plötzlich sehr hell, als die Decke weit über dem Gitterrost weggezogen wurde. Mehr instinktiv warfen sich die beiden Gefangenen an die Wand und deckten sich mit den Armen gegen herabfallende Felsbrocken und Wüstenstaub. Durch das Loch in der Decke ließen sich mehrere Männer herab – Sarazenen, die Rüstungen mit dem Zeichen des Feldherrn Imad ad-Din trugen. Raschid und seine Leute rissen das Gitter fort und stiegen in die alte Zisterne hinunter.

As-Salam ‘alaykum, Hakim Ibelin. Grüße bringe ich Euch von Imad ad-Din“, grinste der Baumeister.

U ‘alaykum as-Salam“, erwiderte Balian. „Mit was öffnet Ihr die Ketten?“, fragte er dann und hielt Raschid seinen angeketteten Fuß hin. Der Baumeister zog grinsend einen Stichel aus dem Gürtel und stocherte kurz im Schloss, das schnell aufsprang. Raschid wollte Balian mitziehen, aber Balian hielt ihn zurück.

„Und mein Freund Pierre?“, fragte er. Raschid zögerte nur kurz, dann öffnete er auch Pierres Kettenschelle.

Shukran, Shadiq“, bedankten sich die beiden Christen. Raschid ließ sie nach oben hieven.

Im Kellerkorridor zur Zisterne wurde heftig gekämpft. Die Männer des Emirs al-Faes wehrten sich verzweifelt gegen die Übermacht der Reiter Imads. Raschid und seine Leute bekamen von Imad die Anweisung, die beiden Christen aus der Ruine zu bringen und sie zu schützen. Irgendwer warf Raschid Balians Schwertgürtel zu, aber Balian fing ihn selbst auf und wollte das Schwert ziehen, um mitzukämpfen, doch Raschid hielt ihn zurück.

„Nein, Shadiq, das ist eine Frage der Ehre, die unter Muslimen geregelt wird. Komm“, sagte er und zog Balian am Ärmel weiter.

Wenig später war der Kampf um Gadara vorüber. Imads Leute trieben die Überlebenden des Emirs aus den Ruinen. Doch der Emir selbst und einige seiner Leute fehlten.

„Wo, beim Barte des Propheten, steckt Osama al-Faes?“, schnaubte Imad. Einer der Gefangenen warf sich vor dem Feldherrn zu Boden.

„Der Emir und seine engsten Vertrauten sind durch den Geheimgang geflohen, Sidi. Wir einfachen Krieger kennen den Zugang nicht“, erklärte er zitternd.

„Steh auf!“, sagte Imad. „Wohin wird er sich wenden?“

„Ich weiß es nicht, Sidi. Vielleicht in seine Felsenburg auf dem Berg Ammon“, mutmaßte der Gefangene.

Imad wandte sich an Balian, als die Männer außer Hörweite waren.

„Welche Bedeutung die Untreue des Emir al-Faes hat, weiß ich noch nicht. Beeile dich lieber, nach Jerusalem zurückzukehren und rette, was zu retten ist, mein Freund! Die Templer haben Jazira umgebracht. Auf meine Bitte hat Mahmut al-Bakr Saladin die Nachricht vom Tod seiner Schwester erst überbracht, als ich weit genug weg war. Aber du musst jetzt rasch diese Gefilde verlassen, sonst kann ich für deine Sicherheit nicht bürgen. Ich bete zu Allah, dass wir uns nie wieder im Kampf begegnen, mein Freund“, sagte Imad und umarmte Balian. Balian erwiderte die Umarmung.

„Was … immer auch geschehen wird, Imad ad-Din: Du bist nicht mein Feind, selbst wenn wir uns auf den Mauern Jerusalems bekämpfen müssten“, sagte er. „As-Salam ‘alaykum, Shadiq.“

„Und Friede sei mit dir, mein Freund. Geh, bevor es zu spät ist!“

Balian schwang sich in den Sattel, machte den Steigbügel wieder frei und winkte Pierre, hinter ihm aufzusteigen, was der Junge auch tat. Eilig trieb er das Pferd vorwärts und winkte dem sarazenischen Feldherrn zum Abschied.

„Werdet ihr euch wieder treffen?“, fragte Pierre. Balian nickte schweigend.

„Als Freunde?“

„Nein, Pierre, er wird als Feind vor unserer Tür stehen – nicht aus eigenem Willen, sondern weil sein König es so will“, sagte Balian leise und bedrückt. „Gott schütze ihn.“

Sibylla fühlte sich wachgerüttelt. Noch immer benommen sah sie auf und erschrak, als Guy sich über sie beugte. Er half ihr auf. Ihr Blick fiel auf ihren buchstäblich totenbleichen Sohn. Wieder drohten ihr die Knie den Dienst zu versagen. Guy hielt in der anderen Hand die Phiole, die Sibylla am Abend entfallen war.

„Ihr … habt Euren Sohn vergiftet?“

Es war mehr Feststellung als Frage. Sie nickte mit ausdruckslosem Gesicht. Nur langsam hob sie den Blick wieder zu Guy.

„Ich wollte nicht, dass er wie mein Bruder dahinsiechen würde …“, flüsterte sie tonlos. Guy zog sie sanft an sich.

„Niemand wird davon erfahren“, versprach er. Verblüfft sah Sibylla auf. Sie sah in ein höhnisches Lächeln ihres Gemahls, das absolut nicht zu der sanften Geste passte.

„Wenn Ihr mich zum König krönt“, setzte er hinzu. Sibylla zögerte kurz, dann nickte sie.

„Das werde ich. Lasst bitte Tiberias und die anderen Männer frei. Wir werden sie brauchen.“

Er nickte.

Guy hielt seine Zusage. Alle Verhafteten wurden freigelassen. Der tote Kindkönig wurde noch am selben Tag mit allen Ehren in der Grabeskirche bestattet. Nur einen Tag später folgte die Krönung Sibyllas. Mit den Worten:

„Seht Eure rechtmäßige Königin, die Erbin des Throns von Jerusalem“, senkte der Bischof die Krone der Königin auf Sibyllas Haupt. Sie hob die Krone des Königs vom verwaisten Thron und hielt sie hoch.

„Zu meinem König erwähle ich … Guy de Lusignan, den Mann, der mein Gemahl ist“, sagte sie. Guy nahm auf dem Königsthron Platz und sah seine Gemahlin erwartungsvoll an. Sibylla krönte ihn ohne sichtbare Regung. Guy zeigte sich stolz den versammelten Baronen des Reiches. Er war am Ziel.

„Lang lebe der König! Möge es ihm wohl ergehen!“, rief der Patriarch. In seinen Ruf stimmten die Barone und Edlen pflichtschuldigst ein.

Währenddessen berichtete Imad in Damaskus Saladin von der Untreue Osama al-Faes’. Der Sultan, der mit Imad und Mahmut al-Bakr allein war, wurde kreidebleich.

„Wohin hat er sich zurückgezogen, meinst du?“, hakte er nach.

„Sein Diener meinte, dass er möglicherweise seine Festung auf dem Berg Ammon bezieht“, erwiderte Imad.

Sidi, diese Festung einzunehmen wird fast unmöglich sein“, gab Mahmut zu bedenken. Saladin stand auf und begann eine langsame, nachdenkliche Wanderung durch den kostbar eingerichteten Raum.

„Die Festung auf dem Berg Ammon beherrscht die Ebene von Basan, die das Heer durchqueren muss, um die Armee Jerusalems vor dem See Tiberias zu stellen. Wenn Osama al-Faes abtrünnig ist, bedroht er unsere linke Flanke. Aber auch ohne eine direkte Bedrohung durch ihn ist unser Heer nicht stark genug, um Jerusalem zu besiegen. Osama al-Faes stellt allein fast fünftausend Soldaten. Ohne sie ist die Eroberung Jerusalems nicht möglich. Ich muss Zeit gewinnen, um Osama zur Vernunft zu bringen oder ihn aus seiner Festung zu holen. Einen Streit um Jerusalem kann ich jetzt nicht gewinnen. Die Ritter Jerusalems sind wegen ihrer schweren Panzerung nur mit großer Übermacht zu schlagen“, dachte er laut. „Mahmut, reise nach Jerusalem und verlange vom König Jerusalems Schadensersatz für den Überfall auf Jaziras Karawane und für den Tod meiner Schwester. Der kleine König wird die Entscheidung allein nicht treffen können, und ich glaube nicht, dass sein Vormund auch nur einen Besant bezahlen wird. Sollen sie sich über unseren Langmut gern amüsieren und uns für schwächlich oder feige halten, aber es wird sie davon abhalten, uns selbst massiv anzugreifen, solange wir nicht zuschlagen können. Sie werden weiter Karawanen plündern, das ist nicht zu vermeiden, aber jede überfallene Karawane wird gerächt, sofern ich mit Osama al-Faes fertig bin – hundertfach!“

„Saladin, Beherrscher aller Gläubigen, was veranlasst Euch zu der Annahme, die Ungläubigen würden uns nicht angreifen, wenn sie uns für schwächlich oder feige halten?“, fragte Mahmut. Saladin lächelte sanft.

„Ihre Ritterlichkeit wird sie davon abhalten, Shadiq. Ihr Ehrenkodex verlangt von ihnen, dass sie sich nur mit gleichwertigen Gegnern messen. Dieser Ehrenkodex mag uns lächerlich erscheinen, er wird auch längst nicht von allen Rittern Jerusalems eingehalten, insbesondere nicht von Reynald de Châtillon und den Templern, aber es sind gerade die Tapfersten und Besten unter ihnen, die sich danach richten und damit erfolgreich sind. Sie sind die wirklich gefährlichen Gegner. Männer wie Godfrey von Ibelin, sein Sohn Balian oder Raymond von Tiberias. Jene werden einen Krieg zu verhindern wissen, wenn wir uns feige geben“, erklärte Saladin. Sein Lächeln erlosch. „Aber es ist bedauerlich, dass ich gerade sie hintergehen muss. Ich achte Godfreys Sohn als einen tapferen und ehrenhaften Mann, der zu seinem Wort steht. Wäre er der König von Jerusalem, brächten mich nicht neuntausend Mullahs dazu, Jerusalem erobern zu wollen …“

„Es ist Gottes Wille …“, bemerkte Mahmut. Saladin zuckte zu ihm herum.

„Gott ist Barmherzigkeit, Mahmut!“, wies er ihn zurecht. „Und dieser junge Christ begreift das besser als ein gläubiger Muslim. Lass dir von Imad sagen, wie friedlich es in seinen Ländereien zugeht. Dort verstehen sich die Menschen. Ich frage mich oft, was Allah damit bezweckt hat, einen Mann wie ihn nach Jerusalem zu führen … Was will der Allmächtige mir damit sagen?“, sinnierte der Sultan. „Geh nach Jerusalem, Mahmut, und richte dem König meine Forderung aus.“

„Ja, Sidi“, erwiderte Mahmut mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

Keine volle Woche später traf Mahmut al-Bakr ein und verlangte, vom König empfangen zu werden. Im Innenhof des Palastes waren die Barone noch zu den weiteren Feierlichkeiten der Krönung versammelt, als die Boten des Sultans vorgelassen wurden. Mahmut al-Bakr verbeugte sich gemessen und sah seinen Schwager mit recht bedrückter Miene in respektvollem Abstand zum Thron sitzen. Der König, der in Jerusalemer Rüstung vor den Thron trat, war erwachsen. Mahmut war verblüfft. Er hatte einen kleinen Jungen erwartet.

„Sprich!“, forderte Guy Mahmut auf. Mahmut sah sich unbehaglich um, bemerkte, dass sein Schwager Raymond von Tiberias recht neutral dreinschaute. Der Emir al-Bakr wusste, dass Tiberias sich zwar offen zu seiner muslimischen Frau bekannt hatte, was ihm die Feindschaft der christlichen Fanatiker eingetragen hatte, aber er wusste auch, dass Tiberias ihn hier nicht schützen konnte, wenn ihm trotz seiner Eigenschaft als Bote Gefahr drohen sollte. Er packte seinen Schwertgriff und trat vor.

„Der Sultan verlangt Entschädigung für den Überfall auf die Karawane seiner Schwester“, erklärte Mahmut.

„Tut er das?“, fragte Guy spöttisch, während der halbe Hofstaat in schallendes Gelächter ausbrach.

„Welche Antwort wollt Ihr dem Sultan übermitteln?“, erkundigte sich Mahmut.

„Teilt dem Sultan mit, dass Jerusalem nicht für die Taten eines einzelnen Ritters verantwortlich ist. Der Sultan mag sehen, ob er seine Forderung von Reynald de Châtillon erfüllt bekommt, Doch gebt ihm auch bekannt, dass er sich nicht erdreisten soll, Reynald in seiner Burg anzugreifen. Jerusalem wird jeden seiner Ritter schützen“, erwiderte Guy. Mahmut verbeugte sich gemessen.

„Ich werde es dem Sultan ausrichten“, sagte er und verließ mit seinen Begleitern den Thronsaal unter dem schallenden Hohngelächter der christlichen Adligen und Soldaten. Obwohl der Spott an seinen Nerven zerrte, war er innerlich zufrieden. Die Vorhersage des Sultans war eingetroffen. Sollten die Ungläubigen spotten, die Folgen würden sie eines Tages bereuen …

Balian trieb den Schimmel aus arabischer Zucht eilig gen Samaria, um Pierre nach Hause zu bringen. Ob er dann in Nablus blieb, würde davon abhängen, ob Khaled, sein ausgeliehener Schimmel, dann eine Erholungspause brauchte. Khaled rannte wie der Wind und schien schier unermüdlich. Dank seiner Ausdauer und Schnelligkeit erreichten sie Samaria schon drei Tage nach ihrem Abschied von Imad in Gadara. Die Bewohner Samarias sahen staunend und ungläubig, dass ihr Baron in eiligem Galopp in ihr Dorf ritt – und auch noch einen seit Monaten vermissten Hirtenjungen bei sich hatte. Die Bauern auf den Feldern rund um Samaria unterbrachen ihre Arbeit und jubelten Balian zu. Aaron, der Führer der Samariter in Samaria, der seine Herden außerhalb besucht hatte, lächelte milde und grüßte Balian mit einem Winken.

„Warte, da sind meine Eltern!“, rief Pierre und tippte Balian auf die Schulter. Balian verstand und ließ Khaled anhalten. Pierre rutschte vom Pferd und umarmte seine glücklichen Eltern. Balian stieg ebenfalls ab, blieb aber etwas auf Distanz, um das Wiedersehen nicht zu stören. Joseph, Pierres Vater, sah zu dem bescheiden im Hintergrund gebliebenen Balian. Voller Dankbarkeit wollte er sich dem Baron zu Füßen werfen, doch Balian hinderte ihn daran.

„Nein“, wehrte er ab, „vor mir wird nicht im Staub gelegen, mein Freund.“

„Mylord, wie kann ich Euch nur danken?“, brachte Joseph mit Mühe heraus.

„Es ist nichts zu danken. Du beschämst mich“, erwiderte Balian freundlich. Der Mann brach in heiße Tränen aus, fiel trotz allem vor Balian auf die Knie. Er konnte den Vater seines Mitgefangenen nur knapp davor zurückhalten, ihm die Füße zu küssen.

„Komm, steh’ auf, mein Freund“, sagte er und half dem Bauern auf.

„Ihr seid ein Geschenk Gottes, Mylord. Doch warum beschäme ich Euch, meinen Herrn?“

„Ich habe erst von Pierre erfahren, wie schlimm ich die mir anvertrauten Menschen vernachlässige, mein Freund. Ich bitte dich um Vergebung“, bat Balian mit gesenktem Kopf um Verzeihung. Joseph schüttelte den Kopf.

„Ihr, mein Herr Balian, Ihr seid ein Geschenk des Himmels. Es ist keine Last, in Samaria zu leben, es ist eine Ehre. Ihr bringt mir meinen Sohn wieder, der mir vor so vielen Monaten entrissen wurde, dass ich gar nicht mehr weiß, wie lange es wirklich her ist.“

Balian sah ihn betroffen an.

„Wenn du jemals wieder etwas oder jemanden vermisst, möchte ich das umgehend erfahren. Ich werde nie wieder zulassen, dass jemand, der in einem meiner Lehen lebt, so lange ohne Hilfe bleibt. Wenn ich nicht hier bin, wende dich an Almaric oder Yussuf.“

„Ich danke Euch, Mylord Balian, ich danke Euch“, flüsterte Joseph. „Bitte, bleibt bei uns. Seid unser Gast. Das ist das Mindeste, was ich für Euch tun kann, auch … auch wenn ich Euch nicht …“

„Lass es gut sein. Ich danke für die Einladung. Bitte, sag mir deinen Namen, mein Freund.“

„Joseph heiße ich, Mylord.“

Balian folgte der Einladung von Joseph, der den Baron in eine bescheidene Hütte am Rande des Dorfes führte. Rasch versammelte sich die halbe Dorfgemeinschaft bei Josephs Hütte. Balian übersah kurz, dass das Fest, das Joseph spontan ausrichten wollte, die Möglichkeiten des armen Bauern bei weitem überspannte. Er zog ihn diskret auf die Seite.

„Joseph, ich weiß deine Gastfreundschaft zu schätzen“, sagte er leise, so dass es außer Joseph und seiner Frau Anna keiner hören konnte. „Aber du stürzt dich in Armut. Bitte, mein Freund, lass mich dir etwas zurückgeben.“

„Ihr seid mein Herr“, sagte Joseph ergeben.

„Joseph, sieh mich bitte an“, bat Balian sanft. Scheu hob der arme Bauer den Blick.

„Ich bin auch nur ein Mensch, dazu komme ich selbst aus einfachen Verhältnissen. Ich kann es mir nicht auf das Gewissen laden, dich so zu schröpfen, auch wenn du aus Gastfreundschaft und Dankbarkeit handelst. Pierre ist mir in der Gefangenschaft Freund geworden …“

Joseph schüttelte den Kopf.

„Nein“, lächelte er. „Ihr seid hier im Orient, Mylord. Die Wüste kennt keine Gnade. Auch wenn Nablus und Samaria fruchtbar sind und wir genug Wasser haben, um zwei Ernten im Jahr einzufahren, so ist es hier eine selbstverständliche Pflicht, einem Reisenden Obdach, Trank und Speise zu geben. Bitte, Mylord, beschämt Ihr mich nicht, indem Ihr diese Selbstverständlichkeit ablehnt. Ruht Euch bei uns aus und genießt, was wir Euch geben können.“

Balian gab sich geschlagen.

„Gut, ich werde dich nicht weiter bedrängen, Joseph. Ich werde morgen nach Jerusalem weiterreiten.“

Als Joseph Balian von Jerusalem reden hörte, wurde er bleich.

„In Jerusalem seid Ihr in großer Gefahr, Mylord“, warnte er.

„Warum?“

„Es … ist bekannt … dass … dass Ihr mit dem König nicht gut Freund seid …“, stotterte Joseph.

„Was? Balduin liebe ich, als wäre er mein Sohn!“, begehrte Balian auf. „Wer verbreitet solche Lügen?“

„Verzeiht, ich hätte daran denken sollen, dass Ihr es nicht wissen könnt, Mylord. König Balduin ist tot und seine Mutter wurde Königin. Sie hat Guy de Lusignan zum König gekrönt.“

Balian war starr vor Entsetzen.

„Sagt mir, dass das nicht wahr ist!“, keuchte er.

„Es ist wahr, Mylord“, beharrte Joseph.

„Wo… woran ist der kleine König gestorben?“, fragt Balian, alle Beherrschung aufbringend.

„Es heißt, die Lepra habe ihn dahingerafft“, erklärte Joseph.

„Ich muss sofort nach Jerusalem!“, stieß Balian hervor.

„Mylord!“, rief Joseph. „Geht nicht! Es ist zu gefährlich!“, flehte er ihn an. Balian drehte sich um. Trauer, Bitterkeit und Wut spiegelten sich in seinen ebenmäßigen Gesichtszügen.

„Glaubst du, ich könnte jetzt ruhig schlafen?“, fragte er. Joseph sah die lodernde Wut in Balians Augen und schüttelte den Kopf.

„Nein, Ihr habt Recht. Verzeiht.“

Balians Blick wurde wieder sanft. Er umarmte den Bauern.

„Es ist nichts zu verzeihen, Joseph. Vergib mir, dass ich dich so angefahren habe. Du kannst schließlich nichts für die schlechte Nachricht“, bat er um Verzeihung.

„Bitte, Mylord, seid vorsichtig. Einen solchen Herrn wie Euch bekommt Samaria nie wieder, wenn Ihr Euren Feinden zum Opfer fallt.“

„Nun, ich bin gewarnt …“, lächelte Balian.

„Mylord …“, setzte Joseph erneut an. „Bitte, reitet erst morgen früh weiter, bitte! Der Weg nach Jerusalem ist noch weit. Auch Euer Pferd braucht eine Verschnaufpause“, bettelte er. Balian sah ihn einen Moment an und wusste, dass Joseph schlicht Recht hatte. Er war dem Mann dankbar, dass er ihn vor seinem eigenen Ungestüm rettete.

„Nicht ich sollte der Herr sein, sondern du, Joseph“, sagte er leise. „Ich muss immer noch viel lernen, mein Freund.“

Joseph lächelte verschmitzt.

„Nun, Ihr seid klug genug, dass zu begreifen, Mylord. Das macht Euch zu einem besonderen Herrn dieses Lehens. Kommt.“

Trotz seiner Unruhe über das, was in Jerusalem geschehen war, blieb Balian über Nacht in Samaria und ritt am folgenden Tag weiter, freundlich und besorgt verabschiedet von den Menschen, die in Samaria lebten – von Samaritern und Christen. Wenn Gott ihm die Zeit noch ließ, dann wollte er zügig dafür sorgen, dass es den Leuten in seinen Lehen bald besser ging – das war er diesen treuen Seelen schuldig …

***

Kapitel 32

Wiedersehen in Trauer

Khaled hatte sich ausgeruht, satt gefressen und genug gesoffen, um bis Jerusalem ohne Probleme durchzuhalten. Balian erreichte Jerusalem unangefochten. Die Straßen und Gassen waren so leer, wie Balian sie noch nie gesehen hatte. Bisher war Jerusalem stets ein geschäftiger Ort gewesen, jetzt wirkte die Stadt wüst, ja aufgegeben. Nur der Wind trieb Staub durch die Gassen, als Balian einsam zur Grabeskirche ging. Er wählte den Weg nicht einmal bewusst, aber als er merkte, wohin er seine Schritte lenkte, war er seinem Unterbewusstsein direkt dankbar. Es war seine Pflicht als Lehnsmann Balduins, sich wenigstens von ihm zu verabschieden. Die Grabeskirche war still, am Tabernakel brannte das Ewige Licht. Vor einer Grabplatte, die Balian noch nicht kannte, leuchtete ein ganzes Meer von Kerzen. Vorsichtig trat der junge Baron näher und sah das Unfassbare: Es war tatsächlich das Grab des Balduin von Montferrat, Balduins V. von Jerusalem! Zutiefst erschüttert sank Balian vor dem Grab auf die Knie.

„Balduin, ich bitte dich um Vergebung. Bitte, verzeih mir, dass ich meinen Eid, dich zu beschützen, gebrochen habe. Du weißt, es geschah nicht absichtlich, aber ich habe versagt, dir die Hilfe nicht geben können, die ich dir versprochen habe. Es tut mir so Leid, mein König – mein Sohn.“

Er sank in sich zusammen und weinte bitterlich.

Das heillose Schluchzen alarmierte einen Geistlichen, der aus der Sakristei kam, um zu sehen, wer so heftig in Gottes tröstender Gegenwart weinte. Er sah einen Mann in dunklem Wams und dunkler Hose mit weinrotem Hemd vor dem Grab Balduins V. knien. Im Licht der vielen Kerzen erkannte er das rote Tatzenkreuz im Knauf des Schwertes und den roten Stein im Ring am kleinen Finger der linken Hand des Mannes – und identifizierte den verschollenen Baron von Ibelin.

„Mylord Balian!“, rief der Mönch erfreut. Balian, der ihn in seiner abgrundtiefen Trauer nicht hatte kommen hören, fuhr erschrocken hoch und zog noch im Aufstehen das Schwert. Der Priester zuckte erschrocken zurück.

„Verzeiht, ich wollte Euch nicht erschrecken, Mylord“, rief er und hob abwehrend die Hände. Balian ließ das erhobene Schwert sinken, als er den Johanniterbruder Anselm erkannte, einen Freund von Jean.

„Vergebt, Bruder Anselm. Ich habe Euch nicht kommen hören“, sagte er leise und steckte das Schwert in die Scheide.

„Ich kann mir denken, dass Euch der Tod König Balduins schwer getroffen hat. Euer familiäres Verhältnis zu dem kleinen König war bekannt. Er hat Euch wie einen Vater geliebt.“

„Ja, und ich ihn wie einen Sohn. Ich … ich kann es noch immer nicht glauben“, erwiderte Balian mit brüchiger Stimme. Tränen liefen ihm über das Gesicht und hinterließen deutliche Spuren in seinem verschwitzten und vom Staub verschmutzten Gesicht.

„Es …es war die Lepra, Mylord.“

Verzweifelt wischte Balian die Tränen fort, deren er kaum Herr werden konnte.

„Aber wieso ging es so schnell bei ihm?“, fragte er schluchzend. „Bei Balduin IV. hat es über zehn Jahre vom Ausbruch der Krankheit bis zu seinem Tod gedauert – und er war nur sechs Jahre älter als sein Neffe, als die Krankheit ausbrach.“

„Soviel ich weiß, haben Königin Sibylla und ihr Gemahl alles versucht, um ihm zu helfen. Es sollen sogar arabische Ärzte im Palast gewesen sein, die durch einen Boten von Saladin geholt wurden“, erklärte Anselm.

„Von wem wisst Ihr das?“

„Was?“

„Dass Saladins Ärzte hier waren?“, präzisierte Balian. Der Johanniterbruder wurde rot.

„Nun, ich … gebe zu, es sind eher … Gerüchte“, räumte er stockend ein.

„Ja, und leider nicht wahr“, seufzte Balian. „Ich war der Bote und ich weiß, dass Balian seine Ärzte erst senden wollte, wenn seine Schwester wieder heil in Damaskus wäre. Da sie aber tot ist, wie ich erfahren habe, wird Saladin eher ein ganzes Heer schicken – und das wird nicht gerade klein ausfallen“, mutmaßte er dann.

„Ihr wisst, dass König Guy nicht in der Stadt ist?“, fragte Anselm.

„Nein, das weiß ich nicht. Allerdings ist auffällig, wie leer die Stadt ist.“

„Bitte, Mylord, bleibt in Jerusalem. Ich flehe Euch an: Geht zur Königin und steht ihr bei. Rettet sie vor sich selbst, Mylord“, flehte der Pater.

„Was meint Ihr?“, erkundigte er sich erschrocken. Anselm mache eine verlegene Handbewegung.

„Nun, seit dem … Tod ihres Sohnes reagiert sie … etwas … seltsam, Mylord.“

Balian fuhr ein eisiger Schreck in die Glieder, als er eine gewisse Parallele zwischen Natalie und Sibylla aus den Worten des Priesters erkannte.

„Danke“, keuchte er und eilte zum Palast.

Der Erste, der ihm im scheinbar völlig verlassenen Palast begegnete, war ein junger Soldat im Jerusalem-Rock, der sich ihm zunächst drohend in den Weg stellte, die drohende Haltung aber sofort aufgab, als er Balian erkannte.

„Mylord Balian! Ihr seid zurück! Das ist ein Wunder!“, freute er sich ehrlich.

„Wo ist die Königin?“, fragte Balian drängend.

„Folgt mir, Mylord“, winkte der junge Soldat dem Baron und ging schnellen Schrittes voran. Er führte Balian in einen Flügel, in dem er Sibylla nie gesucht hätte, weil sie die Räume ihres Bruders seit dessen Tod praktisch nicht mehr betreten hatte. Vor der Tür von Balduins persönlichem Gemach blieb der junge Soldat stehen.

„Hierhin hat sie sich zurückgezogen, seit ihr Sohn tot ist. Sie lässt niemanden zu sich“, sagte er mit hilflosem Schulterzucken. Balian nickte. Auch das kam ihm nur allzu bekannt vor.

„Danke, Simon“, erwiderte er, drückte die Klinke nieder und öffnete die Tür, hinter der sich Dunkelheit zeigte, aber auch helles Kerzenlicht.

Haltloses Schluchzen führte Balian durch die weite, anscheinend verlassene Zimmerflucht des verstorbenen Königs. Vorsichtig ging er den Geräuschen der Verzweiflung nach und fand Sibylla auf dem blanken Fußboden sitzend, die Haare wirr im Gesicht hängend, die Augen rotgeweint und verschwollen.

„Balian?“, hörte er ihre ängstliche Frage. „Balian, bist du es?“

„Ja“, antwortete er betroffen. „Sibylla, was ist geschehen?“, fragte er dann. Erneut brach sie in heiße Tränen aus. Er schob den dünnen Schleier vorsichtig beiseite, damit er nicht in das Meer von brennenden Kerzen geriet, in dem Sibylla saß und trat über die Kerzen hinweg zu ihr.

„Bitte verzeiht, dass ich zu spät komme, meine Königin“, bat er leise.

„Du … du weißt es, nicht wahr?“, schluchzte sie. Er nickte.

„Ja, ich weiß, dass Euer Sohn tot ist. Es tut mir Leid, dass ich…“

Sibyllas Handbewegung, kaum merklich, aber die letzte Energie mobilisierend, ließ ihn stocken.

„Wo warst du?“, fragte sie verzweifelt. „Warum bist du nicht gekommen?“

„Ich bin auf dem Rückweg von Damaskus Osama al-Faes in die Hände gefallen, nachdem Guys Nagelkreuzritter mich überfallen hatten. Imad hat einige Zeit gebraucht, mich aufzuspüren, weil Osama al-Faes mich außerhalb seiner Ländereien eingekerkert hatte. In Samaria habe ich dann erfahren, dass Balduin gestorben ist“, erklärte Balian und hoffte, dass Sibylla ihm glaubte. Ihr verzweifelter Blick war für ihn eine laute Anklage seiner Unzuverlässigkeit.

„Was … was weißt du noch?“, fragte sie, und sie schien immer verzweifelter zu werden.

„Dass er in der Grabeskirche ruht – und dass er mit seiner düsteren Prophezeiung Recht hatte. Auf der Grabplatte steht das Datum dieses Jahres – 1186“, erwiderte er. Sibylla wurde erst rot, dann bleich und dann wieder von einem Weinkrampf gepackt.

Balian räumte die Kerzen beiseite, die ihm im Weg standen, kniete sich zu der völlig aufgelösten Königin und umarmte sie tröstend.

„Balian“, schluchzte sie. „Ich weiß, wie sehr du Balduin-Raymond geliebt hast. Du … du warst ihm immer der Vater, den er nie hatte, und … und Balduin hat dich geliebt wie ein Sohn den Vater. Bitte, verzeih mir“, flehte sie unter bitteren Tränen. Er war verwirrt.

„Was sollte ich dir zu verzeihen haben, Liebste? Ich bin zu spät gekommen, in jeder Hinsicht. Ich habe dich um Vergebung zu bitten.“

„Nein, nein!“, schluchzte sie. „Nach Jaziras Tod war es nicht mehr zu verhindern. Ich bin schuld, an allem. Ich allein.“

„Schhh, nein“, flüsterte er. „Das darfst du nicht sagen“, setzte er hinzu und wiegte sie tröstend.

„Doch!“, beharrte sie. „Ich … ich wollte nicht, dass Raymond so endete wie Balduin, dass er sich hinter einer Maske würde verbergen müssen. Balian, es war grauenhaft, das Gesicht meines Bruders.“

Er barg ihren Kopf zärtlich an seiner Brust und streichelte die geliebte Frau sanft. Liebevolle Küsse bewiesen seine unendliche Liebe. Sie spürte die Geborgenheit in seinen starken Armen und hatte gleichzeitig schreckliche Angst vor seiner Reaktion, wenn er die furchtbare Wahrheit erfuhr. Aber sie wollte ihn nicht belügen; nicht ihn. Seine eigene Aufrichtigkeit hatte sie verändert. Hatte sie früher, bevor sie ihn gekannt hatte, die Machtspielchen und Intrigen am Hof geradezu geliebt, hatte seine Wahrheitsliebe und Geradlinigkeit sie aufgerüttelt.

„Ich wollte nicht, dass mein Sohn auch als leprazerfressenes Monster sein Leben fristen muss, dass er nicht mehr mit anderen speisen kann, sich nicht mehr öffentlich zeigen kann. Ich wollte das nicht“, schluchzte sie.

„Das verstehe ich“, flüsterte er beruhigend. Seine Hand wischte sanft ihre heißen Tränen ab und küsste sie.

„Nein, du verstehst nicht“, widersprach sie heftig. „Ich … ich … ich habe … habe meinen Sohn umgebracht!“, schrie sie voller Verzweiflung. Balian war wie vom Blitz getroffen. Das Entsetzen in seinem Gesicht war echt.

„Ich habe Balduin vergiftet“, flüsterte sie, von ihrer Tat ebenso entsetzt. Sie hob mühsam den Kopf und sah, wie er mit sich kämpfte. Der Kampf, den er mit sich selbst austrug war viel weit greifender, als sie ahnen konnte. So verzweifelt, wie sie war, hatte sie ihren Sohn nicht getötet, um die Krone zu erlangen. Er wusste um ihre Fähigkeiten, mit den Intrigen des Hofes umzugehen und damit auch zu ihrem Vorteil zu spielen, aber das hier war kein Spiel – auch nicht, was sie ihm präsentierte. Es war so absolut ehrlich, dass er überhaupt keine Zweifel an der Wahrheit ihrer Worte hatte. Das, worum er kämpfte, war die Kraft, Sibylla vor Natalies Schicksal zu bewahren. Einmal hatte er dabei versagt, der geliebten Frau eine Stütze in ihrer Not zu sein. Es würde nie wieder vorkommen, schwor er sich …

„Balian, ich kann dir nicht in die Augen sehen. Ich … ich weiß, wie sehr du an Balduin gehangen hast und er an dir. Ich … ich wusste nicht, was ich tun sollte. Du warst nicht hier, ich wusste nicht einmal, ob du überhaupt noch lebst, nachdem Tiberias Ismaels Grab und von dir nur noch die Kette gefunden hatte, die ich dir geschenkt hatte. Ich wusste nicht, ob du je zurückkehren würdest. Ich war so allein. Es … es … es tut mir so Leid“, weinte sie und senkte wieder den Blick.

Sie erwartete in sich verkrampft, dass er sie zurückstoßen würde, doch sie irrte sich. Er zog sie nahe an sich – und küsste sie; unendlich zärtlich und voller Liebe.

„Schhh“, flüsterte er. „Wie war Guy daran beteiligt?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Er hat mich nicht dazu gedrängt, falls du eine Entschuldigung für mich suchst. Es gibt keine“, erwiderte sie schuldbewusst.

„Wann hast du zuletzt etwas gegessen und geschlafen?“, fragte er sanft.

„Ich weiß es nicht. Es gibt keine Entschuldigung, Balian. Ich verdiene den Tod!“

„Nein, das darfst du nicht einmal denken!“, widersprach er heftig.

„Nicht? Ich habe meinen Sohn umgebracht. Ich bin eine Mörderin!“, klagte sie sich an.

„Du bist die Königin von Jerusalem!“, wies er sie zurecht. „Du darfst dich nicht aufgeben, wenn dieses Volk überleben soll! Und ich werde für dich da sein, meine Königin. Meine Frau konnte ich nicht vor ihren Schuldgefühlen nicht retten, aber ich lasse nicht zu, dass du ihren Weg gehst. Sibylla, ich liebe dich, und ich werde dich nicht verlassen.“

„Wie willst du mir noch helfen? Ich verdiene die ewige Höllenstrafe.“

„Nein, das tust du nicht. Niemand verdient das, der aus purer Verzweiflung handelt“, erwiderte er. Er nahm ihr Kinn und zog sie sanft, aber bestimmt zu sich herum. „Ich bin bei dir, Sibylla. Hab’ keine Angst“, versprach er leise. Sie sah seine warmen Augen und begriff immer weniger, wie er sie so sanft ansehen konnte, nachdem was sie angerichtet hatte.

„Warum kannst du mir das vergeben?“, fragte sie verwirrt. Er schüttelte den Kopf.

„Ich habe dir nichts zu vergeben“, erwiderte er. „Das heißt nicht, dass mich Balduins Tod nicht berührt, versteh das bitte nicht falsch“, setzte er hinzu. „Es hat mich wie ein Hieb mit dem Morgenstern getroffen. Wenn dir jemand etwas zu vergeben hat, dann sind es dein Sohn und der, der ihn dir geschenkt hat. Aber sie beide werden auch wissen, warum du so gehandelt hast“, flüsterte er. Er hob sie aus dem Kerzenkreis und stand mit ihr auf den Armen auf. Sibylla wusste um die verlässliche Kraft seiner Arme, doch überraschte es sie jedes Mal aufs Neue.

Balian trug die Königin in ihre eigenen Gemächer. Als er mit ihr auf den Armen auf den lichtdurchfluteten Arkadengang trat, bemerkte sie, dass er Reste von getrocknetem Blut im verschwitzten Gesicht hatte. Die Spur zog sich von seiner linken Schläfe bis zum Hals hinunter. In seinem schwarzen Wams war ein noch dunklerer Fleck, die Spuren seines Blutes, das dort getrocknet war. Wie von selbst glitt ihre Hand über die Blutspur.

„Was ist mit dir?“, fragte sie besorgt.

„Guy lässt nichts unversucht, mich zu beseitigen. Er hat mir offenbar seine Nagelkreuzler auf den Hals gehetzt. Sie haben mich überrascht, als ich von Damaskus kommend in einer verlassenen und zerstörten Ansiedlung in der Grafschaft Tiberias gerastet habe. Es erschien mir zu weit, in der Mittagshitze noch bis nach Tiberias zu reiten – und das hat sich gerächt“, erklärte er.

„Wie viele waren es?“

„Drei.“

„Drei Nagelkreuzler?“, entfuhr es ihr erschrocken. „Wer hat dir geholfen?“

„Ein faustgroßer Stein und eine Scherbe mit Henkel. Mein Schwert hatte ich samt Schild am Sattel“, entgegnete er.

„Ich glaube, es gibt in diesem Reich keinen außer dir, der es fertig bringt, auf diese Art drei von Guys rabiatesten Rittern zu verjagen.“

„Ich habe sie nicht verjagt“, sagte er. Seine Augen wurden eine Schattierung dunkler. „Sie sind tot. Wenn mir einer an den Hals will, werde ich zum Berserker.“

Sibylla glaubte ihm aufs Wort.

***

Kapitel 33

Liebe verzeiht alle Sünden

„Wo ist Guy?“, fragte Balian, als er mit Sibylla auf den Armen ihre weite Zimmerflucht betrat.

„Er ist mit den Templern wieder einmal nach Kerak unterwegs. Ich erwarte ihn frühestens in zwei Wochen zurück.“

Balian runzelte die Stirn.

„Es ist unverantwortlich von ihm, die Stadt jetzt für so lange Zeit zu verlassen. Ist ihm nicht klar, dass Saladin jederzeit angreifen kann?“

Sibylla schüttelte den Kopf.

„Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte sie.

„Warum?“

Sibylla nestelte sanft an seinem Hemd und genoss es, von ihm buchstäblich auf Händen getragen zu werden.

„Ich glaube nicht, dass Saladin kriegsbereit ist, sonst hätte er schärfere Forderungen gestellt. Aber er hat nur Schadensersatz gefordert“, sagte sie. Balian nickte.

„Es könnte damit zusammenhängen, dass Osama al-Faes sich gegen Saladin gestellt hat. Er ist in Ungnade gefallen, konnte aber Imad und seinen Leuten entkommen“, mutmaßte der junge Baron und schubste die Tür ihres Schlafgemachs auf.

„Bitte, geh nicht fort“, bat sie und hielt ihn zurück, als er sie auf ihrem eigenen Bett absetzte und gehen wollte, um Diener zu holen, die ihr helfen sollten. Er setzte sich auf die Bettkante.

„Ich bleibe bei dir. Das habe ich dir versprochen“, erinnerte er sanft. „Hab keine Angst, mein Herz.“

„Heißt das, du … du würdest auch … über Nacht bleiben?“, fragte sie zögernd. Sie mochte ihn nicht direkt dazu auffordern.

„Wenn meine Königin das wünscht …“, lächelte er, aber sie legte ihm die Hand an die Lippen.

„Nein, für dich nur Sibylla. Nur Sibylla – und sonst nichts.“

Er bedachte ihre Finger mit einem liebevollen Kuss.

„Hier im Palast wirst du immer die Königin Sibylla sein – und sonst nichts“, erwiderte er mit einem zärtlichen Flüstern. Sie schüttelte heftig den Kopf.

„Ich will für dich nicht Königin sein. Nirgendwo.“

„Du bist es aber“, erinnerte er sanft mit einem neckenden Lächeln.

„Für jeden anderen, aber nicht für dich, Balian von Ibelin. Nicht für dich“, flüsterte sie und strich ihm sacht über das zerschundene Gesicht. „Ich liebe dich, Balian. Sei nichts weiter als mein Mann.“

Sein Lächeln war der Ansatz einer Erwiderung, aber sie ließ es nicht zu.

„Wenn Guy nicht hier ist, gibt es nur dich für mich. Ich wäre gern deine Frau – und ich beneide jene, die das Glück hatte, dein Leben teilen zu können.“

Er kam nahe zu ihr und legte seine Stirn vertraulich an ihre.

„Ich wäre gern dein Mann, Sibylla. Ich wäre gern der, der legitim mit dir das Leben teilt, aber dieses Recht hat ein anderer. Inzwischen weiß ich, dass Guy mich aus dem Weg räumen will, aber ich werde ihm nicht den Gefallen tun, mich einfach umbringen zu lassen. Nie wieder werde ich mein Schwert am Sattel lassen. Das schwöre ich.“

„Dein Vater hatte Recht, als er meinte, er könne seine Lehen nur seinem eigenen Fleisch und Blut überlassen – und niemand anderem die Sorge um dieses Reich anvertrauen. Jerusalem hat keinen besseren und treueren Ritter als dich, Balian.“

„Ist das so?“, fragte er mit leisem Spott.

„Ja“, hauchte sie und küsste ihn. Er zog sie nahe an sich und erwiderte ihren Kuss zärtlich und verlangend. Er sehnte sich nach ihr.

„Ich glaube, ich sollte lieber baden gehen, bevor ich wieder ganz dein werde“, flüsterte er. Sie schüttelte den Kopf. Nein, er sollte jetzt auf keinen Fall fortgehen.

„Das bin ich dir schuldig. Du badest hier, bei mir.“

„Was hältst du von einem Bad und einem kleinen Imbiss?“, schlug er vor. Sie nickte nur und ließ es zu, dass er sich kurz entfernte, um Dienerinnen zu holen, die ein Bad richteten. Er hielt sich im Hintergrund, solange die Dienerinnen das Bad herrichteten und Fleisch, Brot, Früchte, Wasser und Wein auftrugen. Sibylla entließ die Bediensteten und trug ihnen auf, sie nicht zu stören, bis sie sich selbst meldete.

Die Dienerinnen waren kaum fort, als sie sich ein Tuch nahm und ihm das Gesicht wusch. Er wollte sie hindern, aber sie ließ sich nicht aufhalten.

„Nein, lass mich das für dich tun. Lass mich dir auf meine Weise danken und dich verwöhnen“, wehrte sie ab. Er gab auf und überließ sich den zarten Händen seiner geliebten Königin. Sie wusch ihm Blut, Schweiß und Dreck aus dem Gesicht. Nachdem er den Schwertgürtel abgelegt hatte, zog sie ihm Wams und Hemd aus, registrierte, dass er die Waffe in Reichweite seiner rechten Hand behielt. Er war vorsichtig geworden. Er ließ es zu, dass sie ihm den Oberkörper sorgsam abwusch. Sie machte keinen Hehl daraus, dass ihr Tun der Vorbereitung einer Liebesnacht galt. Aber daneben bedurften die zahlreichen blauen Flecke, die er sich beim Kampf mit Guys Gefolgsleuten und in Osama al-Faes’ Kerker zugezogen hatte, auch liebevoller Pflege und großer Vorsicht, was Sibylla zu noch sanfteren Berührungen veranlasste, als sie ohnehin wollte. Balian rann ein Wonneschauer nach dem anderen durch den Körper. Er spürte, wie sich die wohligen Schauer in den Lenden konzentrierten und dort den einzigen Ausgang anschwellen ließen.

„Du weißt, was du da anrichtest?“, fragte er mit einem genießerischen Seufzer.

„Ja“, flüsterte sie und küsste zart seine nackte Brust, liebkoste mit der Zungenspitze die sich verhärtende Knospe, während ihre Hände jeden der deutlich abgezeichneten Bauchmuskeln ihres Geliebten einzeln wuschen und dann wieder sanft trockneten. Zarte Küsse bedachten die Prellungen mit Liebe und ließe weitere Wonnewellen in seine Lenden schwappen. Der schon heftig die Wellen aufschaukelnde Wind drohte zum unkontrollierbaren Sturm zu werden, als sie ihm die Hose aufschnürte. Er bekam ihre Hände gerade noch zu fassen, bevor sie seine edelsten Teile erreichten.

„Nein“, wehrte er leise ab. „Wenn unser Tun jetzt nicht in einer Katastrophe enden soll, lässt du die Finger lieber davon weg.“

Sie sah ihn fragend an. Brennendes Verlangen stand in ihren Augen wie in einer offenen Schriftrolle.

„Geh nicht weiter, sonst kann ich mich nicht mehr beherrschen und tue dir Gewalt an. Das will ich nicht.“

„Und das Wichtigste soll schmutzig bleiben?“, fragte sie spöttisch und verführerisch gleichzeitig. Er schmunzelte. Das war Sibylla, wie er sie kannte.

„Nein, natürlich nicht. Aber das mache ich in diesem Fall lieber selbst. Du bekommst es sauber zum Spielen, versprochen“, grinste er, entledigte sich der Hose, stieg in die vorbereitete Wanne und wusch die interessanten Teile sorgfältig und gründlich, während sie sich dem vermeintlich ungefährlich Rücken widmete. Doch sie wusste nur zu gut, wo er empfindsam und reizbar war – und nutzte dieses Wissen schamlos aus, um ihn weiter zu stimulieren und sein Verlangen zu steigern.

Balian war gründlich gereinigt, saß aber noch in der großen Wanne, als Sibylla sich kurzerhand eigenhändig entkleidete – was er ihr beinahe nicht zugetraut hatte – und zu ihm in die Badewanne stieg, die ohne Probleme ihnen beiden genug Platz bot. Sie ließ es zu, dass er sie nun liebevoll und sorgsam wusch, überließ sich völlig seinen sanften Händen. In diesem Augenblick hätte sie nicht geglaubt, zu welcher Härte und Kraft diese Hände fähig waren, hätte sie es nicht gewusst.

„Weißt du, was du jetzt anstellst?“, hauchte sie hingerissen, als seine Hände jede Brust mit ausgesuchter Langsamkeit wuschen und dann wieder bedächtig vom Schaum befreiten.

„Ja“, gab er ebenso leise zurück und küsste die frisch gewaschene, nasse Brust, die er sanft in beide Hände nahm und dabei zart mit den Daumen streichelte. Seine Lippen spielten sacht mit der erblühenden Knospe, dann widmete er sich in gleicher Weise der anderen Brust. Sie seufzte mit vor Wonne geschlossenen Augen, wartete nicht länger auf eine Erlaubnis seinerseits, suchte im Wasser nach ihm, fand ihn und liebkoste zärtlich die Quelle des Lebens.

„Gleich hier?“, wisperte er, folgte ihrem sachten Zug und legte sich zwischen ihre Beine.

„Ja“, hauchte sie und führte ihn zu sich.

Sie glitten leicht zusammen. Die gründliche Vorbereitung des Liebesgenusses zeigte Wirkung. Sibylla zog ihn zu sich und vollendete die Vereinigung mit einem wonnigen Seufzer, der die erste Ahnung eines Höhepunktes brachte. Seine starken Arme umfingen sie, zogen sie ganz nah an ihn, als er einen langsamen, sanften Rhythmus aufnahm und ihr Verlangen bis ins Unendliche steigerte. Der gleichmäßige Rhythmus versetzte das Badewasser in schwappende Wellen, weshalb Balian sich bremsen wollte, um das Wasser wieder zu beruhigen.

„Hör nicht auf“, flehte sie und schob sich ihm entgegen.

„Es gibt gleich Überschwemmung“, warnte er, aber sie übernahm das Kommando, machte von ihrem königlichen Recht Gebrauch und nahm ihren treuesten Diener einfach gefangen, entließ ihn nicht aus seiner Pflicht, ihr das zu geben, was sie jetzt wollte – und das war er selbst.

„Hör nicht auf!“, wiederholte sie, hielt ihn mit beiden Händen an der verlängerten Rückseite fest und fuhr in dem gleichmäßigen Rhythmus fort, der sie beide höher trieb. Sie schienen im Wasser geradezu zu schweben. In diesem Augenblick gab es nur sie beide und ihre Liebe zueinander. Erschöpft kamen sie zur Ruhe und lagen einander befriedigt in den Armen.

Die Wärme des gemeinsamen Bades ließ sie beide eine Weile vor sich hin dösen, dann wuschen sie sich nochmals schweigend gegenseitig ab und stiegen schließlich aus der Wanne, trockneten sich gegenseitig ab. Eingewickelt in ein großes, weiches Leinentuch trug Balian seine Geliebte zu ihrem Bett, legte den Boden um die Wanne eilig trocken und brachte dann den Speisenteller zu Sibyllas Bett. Sie zog ihm das Handtuch, das er sich um die Hüften gewickelt hatte, einfach weg und lud ihn zu sich ein.

„Komm.“

Er folgte ihrer Aufforderung und legte sich zu ihr. Sie hatte ganz offensichtlich nur Appetit auf ihn, denn die Speisenteller blieben unberührt, während ihre Hände auf eine zärtliche Entdeckungsreise gingen und ihn erneut gezielt reizten. Er hatte ebenfalls nichts gegen eine zweite Vorspeise in Form körperlicher Vereinigung und verwöhnte die geliebte Frau mit einem erneuten, ausführlichen Liebesspiel, bei dem sie sich beide viel Zeit ließen, um dem jeweils anderen unendlichen Genuss zu bereiten. Sie genoss es, dass er ihre Brüste mit zarten Küssen bedachte, während sie ihn ebenso zart streichelte und ihn schließlich zu ihrer Pforte führte, die er sorgfältig und liebevoll vorbereitet hatte. Sie liebten sich langsam und genussvoll. Sie öffnete sich völlig für ihren geliebten Ritter, und er nahm die Einladung in die Burg der Wonne an.

Nach langer Zeit und einem genüsslichen Imbiss nebenbei, bei dem sie sich gegenseitig mit den kleinen, mundgerechten Häppchen fütterten und einem erneuten Akt zärtlicher Liebe fielen die Liebenden in tiefen, ruhigen Schlaf.

Obwohl er erst spät und sehr erschöpft eingeschlafen war, erwachte Balian noch vor Sonnenaufgang. Leise beseitigte er die Spuren der Leidenschaft des Vorabends, verwühlte gezielt ein zweites Bett in einem Nebengemach, auch wenn sein Gewissen ihn an die beschworene Wahrheitsliebe gemahnte. Ihm war klar, dass er in diesem Punkt den geschworenen Eid mit dem Regelmaß des Sonnenaufgangs brach. Er suchte dafür keine Entschuldigung und keine Ausrede. Es war und blieb Ehebruch, was sie taten, mochte Sibylla die Ehe auch nicht wirklich freiwillig eingegangen sein und sie nur auf dem Papier bestehen. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Guy davon erfuhr. Vielleicht wusste er es längst und der Versuch, Balian durch die Nagelkreuzler töten zu lassen, war seine Art, auf den Ehebruch zu reagieren. Sibylla konnte und würde er schon deshalb nichts antun, weil seine Krone zwingend mit der ihren verbunden war – jedenfalls solange die Gefahr bestand, dass die eigentlich zur Königswahl berechtigten Könige von Frankreich und England, der Papst und der deutsche Kaiser den Thron Jerusalems an einen anderen gaben. Schon deshalb würde der machtbesessene Guy seinen ganzen Zorn an Balian auslassen. Doch Balian wollte einem Konflikt nicht aus dem Weg gehen, wenn Guy ihn anklagen sollte. Zunächst aber wollte er möglichst genau wissen, wie es dazu gekommen war, dass sie ihren geliebten Sohn getötet hatte …

Sibylla erwachte von zärtlichem Streicheln. Sie schlug die Augen auf und sah in sein warmes Lächeln.

„Guten Morgen“, wünschte er und küsste sie. Sie nahm den Duft eines kostbaren Waschöls wahr, von dem sie wusste, dass er diesen Duft besonders schätzte. Sie hatte ihm einmal eine Alabasteramphore davon geschenkt, hatte aber selbst davon nichts im Haus. Wenn er damit gebadet hatte, musste er in seinem Haus gewesen sein, denn für gewöhnlich führte er derartige Kostbarkeiten nicht im Sattelgepäck mit sich. Sie sah ihn einen Moment an, dann war ihr klar, dass er sein Haus aufgesucht haben musste, denn er trug die dunkelblaue Tunika mit dem dunkelroten Seidengürtel, die er als häusliche Kleidung bevorzugte. Sie hob die schmale Hand und stellte fest, dass er sich den Bart nachgeschnitten und sorgsam ausrasiert hatte. An ihrem Bett saß ein leibhaftiger Prinz, der edelste Ritter ihres Reiches. Von diesem Mann geliebt zu werden, war ein Geschenk Gottes. Sie streichelte sein Gesicht und spürte seine warmen Lippen in ihrer Handfläche, als er sie sanft küsste.

„Guten Morgen, mein Ritter“, flüsterte sie.

„Hat meine Königin gut geschlafen?“, fragte er weich. Sie nickte.

„Dank des Schutzes und der Treue meines besten Ritters und edelsten Barons, ja.“

Er beugte sich über sie, sie versanken in einem unendlich zärtlichen Kuss.

„Willst du denn schon aufstehen?“, erkundigte sie sich. Im nächsten Moment schalt sie sich eine Närrin, es war offensichtlich, dass er nicht wieder ins Bett wollte.

„Ich bin schon seit Sonnenaufgang auf. Es ist fast Mittag, geliebte Königin“, erwiderte er mit sanftem Lächeln. Sie erbleichte. So lange hatte er sie schlafen lassen?

„Wa… warum hast du mich nicht geweckt?“, fragte sie verblüfft.

„Weil du Ruhe nötig hattest“, sagte er sanft. „Wie lange hast du nicht mehr richtig geschlafen?“

Sie sah ihn an, und die Ängste, die seine Zärtlichkeit in der Nacht zum Schweigen gebracht hatte, waren wieder da.

„Ich … ich weiß nicht …“, erwiderte sie zögernd.

„Sibylla, ich möchte dir helfen, deine Angst zu besiegen“, sagte er leise und nahm ihre Hand, als ihr Blick dem seinen ängstlich auswich. „Ich habe nicht zu urteilen und schon gar nicht zu verurteilen. Hab’ keine Angst. Aber ich möchte genau wissen, was dich dazu bewogen hat, Balduins Leben zu beenden.“

Sie sah scheu zu ihm, fand die Herzenswärme, die aus seinen braunen Augen leuchtete, aber sie sah auch die Entschlossenheit zur Aufklärung in seinem Blick. Dennoch sah er sie auf eine ganz andere Art an, als Guy es am Morgen nach Balduins Tod getan hatte.

„Bitte, sag es mir“, bat er. Sie wandte sich zunächst von ihm ab und stand aus dem Bett auf. Er trat hinter sie und half ihr in ein Morgengewand, das er bereit gelegt hatte. Die junge Frau spürte seine warmen Hände an ihren Schultern. Jedem gegenüber konnte sie ihr öffentliches Gesicht und ihre Stellung als Königin von Jerusalem ohne Rücksicht auf die Gefühle des Anderen hervorkehren – mit der Ausnahme Balian von Ibelin. Und das lag nicht an seinen unbestreitbaren Qualitäten als Liebhaber; es war seine gerade Art, die keinen Konflikt suchte, ihn aber auch keinesfalls scheute. Außer Guy, der ihn einfach nicht leiden konnte, weil er in ihm nur den Bastard sah, respektierte jeder christliche Fürst im Heiligen Land den idealen Ritter Balian von Ibelin – auch wegen seiner Geradlinigkeit, der Unterwürfigkeit ebenso unbekannt war wie herrisches Gehabe. Er war gerecht gegen Jedermann, beurteilte die Tat, nicht die Person und schon gar nicht die Stellung eines Menschen, von Religion ganz zu schweigen. Nein, sie konnte gerade ihn nicht mit dem Hinweis loswerden, er möge sich auf seine Stellung besinnen … Genau das tat er nämlich …

Er ließ ihr die Zeit, die sie brauchte, drängte sie nicht, machte aber durch sein geduldiges Schweigen und Streicheln aber auch deutlich, dass er nicht ohne eine Antwort gehen würde. Sie lehnte sich beinahe unbewusst an ihn, spürte seine Umarmung und wusste plötzlich, dass sie keine Vorwürfe fürchten musste. Er würde sie weder verurteilen noch bloßstellen. Sie hatte keinen treueren Freund als ihn. Seine Wärme war ihr nahe, seine warmen Hände umschlossen die ihren sanft – ohne jeden Zwang, ohne Aufdringlichkeit. Es war der pure Schutz. Sie schloss die Augen und fand das Vertrauen, das sie zur Beichte brauchte und erzählte ihm alles, ohne etwas zu verschweigen – von der entsetzlichen Entstellung ihres Bruders nach seinem Tod, von dem Schock, den sowohl sie als auch Balduin-Raymond bekommen hatten, als die Diagnose unumstößlich Lepra gelautet hatte, von der furchtbaren Ungewissheit, ob er, Balian, nach seinem Verschwinden überhaupt noch lebte, von der ungeheuren Lösegeldforderung, von Reynalds Mord an Jazira, von Balduins Qualen bei der Amputation und ihrem Versprechen, dass er niemals wieder Schmerzen haben würde.

„Es tut gut, dass du bei mir bist“, flüsterte sie, als sie mit dem Rücken an ihn gelehnt am Fenster stand und hinunter auf die Stadt sah, für die sie nun die Verantwortung trug. Sie nahm seine Hände und legte sie auf ihren Leib, Wärme und Sanftheit seines Streichelns einfach genießend. Sie spürte, wie schlank seine Finger waren. Eigentlich passten diese Hände nicht zu einem Schmied, dennoch gehörten sie zu einem Schmied – und waren doch sanft wie die eines Engels. Sibylla bewunderte seine unendliche Geduld, sich die ganze, lange Geschichte schweigend anzuhören. Nicht ein einziges Mal hatte er sie unterbrochen, aber sie hatte gespürt, dass er hin und wieder genickt hatte und sie zärtlich auf das offene Haar geküsst hatte, wenn es für sie zu schlimm wurde. Sie schmiegte sich dicht an ihn, wollte ihn spüren – am liebsten ohne störenden Stoff … Doch einstweilen liebkosten seine sanften Hände nur den empfindsamen Bereich um ihren Bauchnabel. Ein tiefer, lustvoller Seufzer entrang sich ihr, als sie außer der unglaublich zärtlichen Liebkosung ihres Körpers auch einen zarten Kuss im Nacken spürte.

„Raymonds letzter Gedanke galt dir“, sagte sie schließlich. „Er wollte dich gern bald wieder sehen. Ich … ich soll dir sagen, dass er dich lieb hat“, flüsterte sie tränenerstickt, als ein neuer Weinkrampf sie packte, aber auch mit Balians Beherrschung war es vorbei. In tiefer Trauer weinten sie um den Jungen, aber bei Balian brach sich die inzwischen überwunden geglaubte Trauer um seine erste Familie wieder Bahn. Damals hatte er in seinem Schock über den Selbstmord seiner Frau nach der Totgeburt des Sohnes nicht weinen können. Die Liebe, die Sibylla und auch Balduin-Raymond ihm geschenkt hatten, hatte ihn wieder ins Lot kommen lassen – doch diese Familie gab es nach Raymonds Tod auch nicht mehr. Er hatte wieder Gefühle für sich zugelassen und jetzt schlug die mit viel Vorsicht wieder entdeckte Gefühlswelt mit aller Macht auf ihn ein.

Lange Zeit standen sie in enger Umarmung, hielten sich aneinander fest, weinten um Raymond. Balians Nähe und sein geduldiges Zuhören gaben ihr irgendwann die Kraft, um sich nicht mehr anlehnen zu müssen. Im Gegenteil, jetzt hielt sie den bitterlich weinenden Balian tröstend im Arm.

„Ich … hatte gehofft, dass sich die Situation eines Tages irgendwie lösen würde“, schluchzte er. „Doch nun habe ich zum zweiten Mal meine Familie verloren – und ich werde vermutlich wieder alles andere auch verlieren.“

Sie zuckte zusammen.

„Was meinst du?“, fragte sie erschrocken. Zornig wischte er sich die Tränen ab.

„Sibylla, Guy konnte bislang nicht an meine Lehen, weil Raymond als König dazwischen stand. Raymond hätte nie seine Zustimmung gegeben, dass meine Lehen eingezogen werden und ich wegen der Auslieferung der Templer doch noch im Kerker lande oder gar hingerichtet werde“, erklärte er. „Und die Familie, die auf die ich geduldig warten wollte, bis du eines Tages frei bist, die gibt es nicht mehr.“

Sie nahm seine Hände.

„Guy ist König, ja. Ich weiß, dass es ein Fehler war, ihn zum König zu krönen. Ich hätte warten sollen, bis Gewissheit über dein Schicksal bestand. Du wärst ein weit besserer König“, sagte sie sanft. Er schüttelte den Kopf.

„Es geht mir nicht um die Krone. Ich bin kein König, ich bin kaum ein Ritter …“

Er brach ab, als sie ihm die Hand an die Lippen legte und ihm voller Liebe verbot, so zu reden.

„Balian von Ibelin, im ganzen Königreich Jerusalem gibt es keinen Ritter, der diesen Titel mit mehr Recht beanspruchen kann als du. Du wärst schon deshalb der beste König, den Jerusalem haben könnte, weil Macht dir nichts bedeutet. Guy wird einen Krieg vom Zaun brechen.“

Er hatte sich langsam wieder in der Gewalt.

„Wenn Guy zurückkehrt – wirst du ihn davon abhalten können, mich einen Kopf kürzer zu machen, wenn die Templer es verlangen?“

„Seine Krone ist an meine gebunden. Er ist nur so lange König, wie ich Königin bin. Balian, ich brauche dich! Du bist der Einzige, auf den ich mich wirklich verlassen kann. Guy kann ohne mich gegen dich nichts tun. Vertrau mir.“

„Ich möchte dir vertrauen, Liebste, aber ich weiß nicht, wie weit deine tatsächliche Macht reicht. Warum hast du Guy gekrönt?“

„Weil eine Königin Jerusalem nicht alleine regieren darf. Ein König braucht keine Königin, aber eine Königin allein darf nicht sein.“

„Und du glaubst, dass er sich von dir abhalten lassen wird, mich zu verurteilen? Wie willst du ihn daran hindern?“, fragte er leise. Sibylla sah ihn an und war sich plötzlich der Gefahr bewusst, in die sie Balian mit Raymonds Tod und der Krönung Guys gebracht hatte …

***

Kapitel 34

Risse im Reich

Wie groß die Gefahr tatsächlich war, zeigte sich zwei Wochen später. Sibylla und Balian hatten zwei Wochen ungestörten Glücks genossen, doch verbrachten sie die gemeinsamen Nächte meist in Balians Haus. Tagsüber ging sie den Regierungsgeschäften nach, und er kümmerte sich als Statthalter um das Wohl der Stadt und den Zustand der Mauern und Kriegsgeräte. Den Umstand, dass Guy nur zeitweilig abwesend war, verdrängten sie, so gut es ging. Es ging fast zu gut …

Balian erwachte eines Morgens am Ende dieser zwei Wochen von Sibyllas zärtlichem Streicheln. Verschlafen schlug er die Augen auf und sah die Geliebte schon fertig angekleidet an seinem Bett sitzen.

„Ich muss gehen“, sagte sie leise und mit Tränen in den Augen.

„Ist Guy zurück?“, fragte er überrascht.

„Nein, aber voraussichtlich wird er heute eintreffen.“

Er nickte.

„Geh, mein Liebling. Almaric und ich werden das letzte Teilstück der Mauer inspizieren. Ich werde dir später im Palast berichten.“

„Gut, mein Statthalter“, flüsterte sie lächelnd und streichelte sanft über seine ebenmäßigen Züge. „Kein König hat je zuvor einen so tüchtigen Statthalter gehabt, der ihn in wirklich jeder Lage vertritt.“

Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch. Die Doppeldeutigkeit in ihren Worten ließ ihn schmunzeln.

„Ich frage mich, wie lange er eine gewisse Stellvertretung noch dulden wird …“, sagte er. Ihr Lächeln erlosch wieder. Die glückliche Zeit war wieder vorüber, der goldene Käfig harrte ihrer erneut. Sie würde es kaum ertragen können, wieder von Balian getrennt zu sein, nicht mehr seine unmittelbare Nähe zu spüren, die sie sich so sicher und geborgen fühlen ließ.

„Ich werde es vermissen, mein Liebster.“

Er nickte nur und spürte einen dicken Kloß im Hals. Es war deutlich, dass es ihm nicht weniger schwer fiel, die geliebte Frau wieder an ihren Gatten abtreten zu müssen, der keinerlei Liebe für sie empfand.

War Balian seit seiner Rückkehr nach Jerusalem zunächst von der Trauer um Balduin-Raymond erschüttert gewesen, hatte er sich bald wieder gelöst gezeigt, war es für Almaric an diesem Tag nicht zu übersehen, dass sein junger Herr wieder so schweigsam und in sich gekehrt war wie in jenen Tagen, als er aus Frankreich nach Jerusalem gekommen war – besonders, nachdem die Templer unter Führung Guys durch eben dieses Tor in Jerusalem einritten. Der Blick, mit dem de Lusignan Balian bedachte, war der pure Hass. Almaric und Balian untersuchten das letzte Teilstück der Jerusalemer Stadtmauer am Damaskustor auf Schäden. Der Baron machte sich Notizen, wo etwas auszubessern war, gab hin und wieder einsilbige Antworten, wenn Almaric ihn etwas fragte. Es war ein heißer Tag, und er hatte es angesichts der für den ganzen Tag geplanten Arbeit vorgezogen, einen schwarzen Turban als Sonnenschutz zu verwenden. Er sah aus wie ein Araber.

„Was ist los mit dir?“, fragte Almaric. Sie waren allein und deshalb erlaubte der Hauptmann sich die vertrauliche Anrede, wohl wissend, dass sein Herr es gern gesehen hätte, häufiger so von ihm angesprochen zu werden. Balian sah von seinen Notizen auf uns Almaric hatte den Eindruck, einem traurigen Hund in die Augen zu sehen.

„Ich hadere mal wieder mit meinem selbst gewählten Schicksal, mein Freund“, erwiderte er leise.

„Balian, wenn du es nur wolltest, dann …“

Eine knappe Handbewegung des jungen Barons ließ Almaric stocken.

„Nein, es ist meine Entscheidung gewesen, Almaric. Sie gehört zu einem anderen.“

„Warum???“, keuchte Almaric. „Als du herkamst, war sie verlobt, aber nicht verheiratet.“

„Hätte ich sie geheiratet, was ihr Bruder gern wollte, wäre ich verantwortlich für die Spaltung dieses Reiches. Ich wollte das nicht. Jerusalem soll leben. Dem wollte ich nicht im Weg stehen.“

„Wer weiß schon, ob es dazu gekommen wäre?“, mutmaßte Almaric. Balian zuckte mit den Schultern.

„Ich bin kein großer Stratege, Almaric, nicht so wie Tiberias oder der selige Balduin. Aber mein Verstand sagte mir trotzdem, dass das Risiko für Jerusalem zu groß war. Die Sarazenen sind zu stark, um ihnen uneinig entgegenzutreten“, sagte er. Almaric sah ihn zweifelnd an.

„Was muss man ihnen noch antun, wenn sie uns bis jetzt nicht angegriffen haben, nachdem Reynald Jazira umgebracht hat?“

Balian legte seine Notizen beiseite.

„Im Moment haben die Sarazenen ein ähnliches Problem, mein Freund. Osama al-Faes hat sich mit Saladin zerstritten und sich gegen ihn gestellt. Ich weiß nicht, wie groß sein Anteil an den Truppen des Sultans ist, aber sie scheint bedeutend zu sein, wenn er sich erst lieber um den abtrünnigen Emir kümmert, als den Tod seiner Schwester zu rächen. Aber glaub mir, dass die Verschnaufpause kurz genug sein wird“, warnte er dann. Almaric grinste.

„Sag nie wieder, dass du kein Stratege bist, Balian!“

Almarics freundschaftlicher Spott ließ auch den Herrn von Ibelin wieder lachen, aber dann war es Almaric, der ernst wurde.

„Balian, sei sicher, dass die Soldaten Ibelins treu zu dir stehen, egal, was geschieht“, sagte er.

„Danke, Almaric. Aber wenn König Guy mich meiner Lehen enthebt, wirst du einen neuen Herrn bekommen.“

„Er kann dich doch nicht einfach absetzen!“, empörte sich Almaric.

„Kann er nicht?“, fragte Balian spöttisch. „Da wäre ich mir nicht so sicher …“

Es dauerte nicht lange, bis Soldaten im Rock der königlichen Leibwache auf der Bastion erschienen, die Balian und Almaric gerade untersuchten.

„Balian von Ibelin?“, fragte der führende Soldat. Wirklich glücklich sah der junge Soldat nicht aus, fand Balian.

„Der bin ich“, bestätigte er.

„König Guy will Euch im Hof des Palastes sehen“, richtete der Anführer aus. „Folgt uns, bitte.“

Das war die Vorladung vor das Gericht, das war dem jungen Baron klar. Er sah Almaric an und nickte ihm zu.

„Geh zu Jean“, wies er den Hauptmann an und folgte den Jerusalemsoldaten. Der Anführer der Leibwache erkannte Almaric wegen dessen einfacher Kleidung nicht als den, der er war und ließ ihn unbehelligt.

Im Hof des Palastes hatten sich bereits die Templer und jene Barone Jerusalems versammelt, die treu zu Guy standen. Viele waren es nicht, aber es waren genug, um die Leibwachen des Königs davon zu überzeugen, jetzt keine Fehler zu machen. Auf dem Thron hinten in der Mitte des Hofes saß Guy im Rock der Jerusalem-Ritter, der Thron der Königin neben seinem war leer, von Königin Sibylla war weit und breit nichts zu sehen.

„Tod dem Verräter am Christentum!“, schrien die Barone, als Balian in Begleitung der Leibwächter den Hof betrat.

„Templermörder!“, brüllten die Templer, die ihren üblichen Platz eingenommen hatten, der vom Hof aus gesehen rechts vom Thron war. Großmeister de Ridefort sprang von seinem Sitz ganz vorn am Thron auf.

„Ich beschuldige Balian von Ibelin, Ritter vom Orden des Tempels zu Jerusalem an die Heiden ausgeliefert zu haben, die sie ermordeten!“, klagte er den Baron an.

„Und wie viele Menschen haben die Templer ermordet?“, konterte Balian. „Menschen, deren einziges Vergehen es war, Gott einen anderen Namen zu geben?“

„Ihr bestreitet nicht, das getan zu haben?“, fragte Guy, ganz der königliche Richter.

„Nein, das bestreite ich nicht. Doch ich hatte gute Gründe es zu tun. Im Übrigen war dies bereits Thema eines Gerichts über mich. Ich habe es nicht bestritten, ich tue es auch weiterhin nicht. Ihr, mein König, habt mich deshalb für eine Zeit aus Jerusalem verbannt und auf Verlangen des damaligen Königs Balduin V. die Strafe für beendet erklärt. Will der König von Jerusalem seine eigene Rechtsprechung in Zweifel ziehen?“, fragte Balian, direkt an den König gewandt. Guy erbleichte. Er konnte Balian wegen der Auslieferung der Templer nicht erneut verurteilen und ein zweites Mal bestrafen. Das verbot die Reichsverfassung, die der König nicht nach eigenem Gutdünken ändern konnte.

„Ihr wollt dieses Verbrechen an den treuen Soldaten des Templerordens ungesühnt lassen? Ihr, der Ihr selbst den Rock der ruhmreichen Tempelritter tragt?“, fauchte de Ridefort.

„Großmeister de Ridefort, der König ist nicht die Marionette des Templerordens!“, fuhr Balian den Ordensoberen an.

„Schweigt! Wenn ich Eure Loyalität brauche, dann frage ich Euch danach!“, wies Guy ihn zurecht. „Da wir gerade bei Loyalität sind … Baron von Ibelin …“, fuhr er mit süffisantem Grinsen fort, „ich kann mich nicht daran erinnern, dass Ihr mir den Treueid geleistet habt.“

„Ihr werdet Euch hoffentlich erinnern, dass ich zu dem Zeitpunkt, als Ihr zum König gekrönt wurdet, Gefangener der Sarazenen war. Als ich endlich freikam und nach Jerusalem zurückkehrte, wart Ihr nicht hier. Den Treueid habe ich der Königin geleistet, die die rechtmäßige Erbin des Throns ist und die Euch zum König erwählt und gekrönt hat. Der Kämmerer hat die Eidesleistung entsprechend verzeichnet“, erklärte Balian ruhig. Guy sah ihn eine Weile an, Balian hielt seinem Blick stand.

„Schließt Euer Treueid zur Königin ein, dass Ihr die Nächte mit ihr verbringt?“, fragte er dann scharf. Balian spürte, dass ihm das Blut erst aus dem Gesicht wich und dann mit voller Macht wieder hineinschoss. Er war ertappt, und der Rittereid verbot ihm, zu lügen.

„Ja!“, bekannte Balian ohne Umschweife. Ein Raunen ging durch die Menge der versammelten Ritter. Guy sprang auf, war mit einem Satz bei Balian und schlug ihm voller Zorn ins Gesicht.

„Du elender Bastard! Ich werde dich aufschlitzen wie deine verdammten Heidenfreunde!“, schrie er und riss den Dolch aus der Scheide, aber Balian packte hart zu und entwand dem Rivalen den Dolch.

„Verurteile mich, zu was du willst, Guy. Ich werde mich dagegen nicht wehren, denn ich habe Schuld auf mich geladen. Aber wenn du Sibylla etwas antust, werde ich dir noch als Geist den Garaus machen. Bedenke, dass deine Krone an ihrer allein hängt“, warnte er eindringlich.

„Du wirst dir noch wünschen, deinen Vater nie kennen gelernt zu haben, Bastard!“, knurrte Guy, riss sich aus Balians hartem Griff los und kehrte zum Thron zurück.

„Der Hufschmied Balian, Bastard des in Sünde gefallenen Barons Godfrey von Ibelin, ist aller Titel ledig, die ihm von seinem sündigen Erzeuger vererbt wurden. Die Lehen werden eingezogen. Die Lehen Ibelin, Ramleh, Gaza, Nablus, Samaria, Beisan und Beirut gehen hiermit an Amaury de Lusignan, ebenso der Titel des Statthalters von Jerusalem. Amaury de Lusignan, tretet vor!“

Amaury de Lusignan, Guys jüngerer Bruder, trat vor, fiel vor dem König auf die Knie und hob die Hand zum Schwur.

„Euch, Guy, König des Heiligen Jerusalem, schwöre ich Treue bis in den Tod“, schwor er.

„Erhebt Euch als Baron von Ibelin, Amaury de Lusignan! Ihr dürft mir den Friedenskuss geben“, forderte Guy seinen Bruder auf. Amaury erhob sich und küsste den Siegelring des Königs.

„Und was wird mit dem hier?“, fragte einer der Templer.

„Mein Urteil über den Hufschmied Balian lautet, dass er vier Tagesritte weit in die Wüste gebracht wird und dort ohne Wasser ausgesetzt wird, nachdem ihm die Füße gebrochen wurden! Möge er auf ewig in der Hölle sein!“, entschied Guy eisig. „Sollte er es dennoch schaffen, die Wüste lebend zu verlassen, ist er vogelfrei. Jedermann kann ihn straflos töten. Schafft ihn weg!“

Die Templer packten zu und zerrten Balian hinaus.

Sibylla sah vom Fenster oben im Palast, was dort unten geschah. Guy hatte ihr nach seiner Rückkehr nur eine Stunde zuvor seinen Verdacht an den Kopf geworfen, ihn mit Balian betrogen zu haben. Sie hatte es zugegeben, ihn aber darauf hingewiesen, dass sie von ihm ebenfalls wusste, sie betrogen zu haben. Er hatte es nicht geleugnet, aber behauptet, das Verhältnis erst angefangen zu haben, als er von ihrer Untreue erfahren habe. Sie hatte ihm gesagt, dass sie länger von seiner Untreue wisse, als sie Balian überhaupt kannte, hatte ihn um Verzeihung gebeten und ihm versprochen, dass er seine Gemahlin haben werde, sie ihrerseits über seine Untreue schweigen werde, wenn sie seine Ritter habe. Guy hatte eine entsprechende Zusage gemacht. Die Jerusalemsoldaten konnten ihr jetzt helfen, ihren Geliebten vor Guys grausamem Urteil zu retten. Sie eilte zur Tür ihrer Kemenate*.

„Rasch, sendet Nachricht zu Tiberias, dass Balian von Ibelin von den Templern verhaftet wurde.“

Der davor postierte Leibwächter drehte sich zögernd zu ihr um.

„Der König hat befohlen, dass die Jerusalemsoldaten allein ihm gehorchen“, entgegnete der Mann mit unglücklichem Gesichtsausdruck. Sibylla wurde blass. Guy hatte die mit ihr getroffene Abmachung also gebrochen.

„Ich bin die Königin! Gehorche!“, befahl sie.

„Ich gehorche nur dem König!“, entgegnete der Soldat entschieden.

Geschockt zog sie sich zurück – und in diesem Augenblick brach sie endgültig mit Guy. Er hielt sich nicht an seine Zusagen. Warum sollte sie dann ihre erfüllen? Ja, sie hatte die Ehe gebrochen, doch zu dieser Ehe war es nur gekommen, weil Balian aus Sorge um die Einheit der Christen im Heiligen Land auf sie verzichtet hatte – und seinetwegen war Sibylla bereit, die Spaltung des Reiches in Kauf zu nehmen. Zudem hatte sie den dringenden Verdacht, dass Guy sein Urteil über sie bereits gesprochen hatte und die Vollstreckung nur noch so lange ausgesetzt hatte, bis die Barone und Templer ihn als den rechtmäßigen König anerkannten. Mit dem ihrem eigenen und Balians Geständnis des Ehebruchs war sie so gut wie tot, wenn schon ihr Geliebter zu diesem grausamen Tod in der Wüste verurteilt war. Wenn alle Barone des Reiches versammelt waren, würde die Mehrheit Guy wegen ihres Ehebruchs die Anerkennung geben, danach würde man sie steinigen. Sie sandte ihre Leibdienerin durch einen seitlichen Geheimgang zu Tiberias. Er war der Einzige, der jetzt noch helfen konnte …

Diese Idee hatte auch Almaric gehabt, der seinem Herrn unerkannt gefolgt war. Er hatte die Konfrontation gesehen, das Urteil gehört und hatte für sich entschieden, eher den Dienst für Ibelin aufzukündigen als sich einem neuen Baron von de Lusignans Gnaden zu beugen. Balian war der rechtmäßige Baron von Ibelin, davon war Almaric zutiefst überzeugt. Und wenn das Gesetz es nicht hergab, dann die Person Balians. Almaric war zum Haus des Barons geeilt. Die dort anwesenden Männer hatte er nicht überzeugen müssen, sie hatten sich sofort dafür entschieden, ihren Herrn aus der misslichen Situation zu helfen und sich samt den Ibelin-Lehen eher vom Königreich Jerusalem loszusagen, als sich dem Willen dieses Königs zu beugen. Zusammen waren sie zu Tiberias geeilt.

Raymond von Tiberias durchmaß nach Almarics Bericht sein Atrium wie ein Löwe den Käfig, als Sibyllas Leibdienerin bei ihm eintraf und auch im Namen ihrer Herrin für Balian Hilfe erbat. Tiberias blieb stehen und hörte die junge Frau an.

Ein noch sehr junger Mann, eher ein großer Knabe, trat vor. Es war Pierre, der Hirtenjunge.

„Mylord Tiberias, mein Herr Balian ist ein gütiger Herr. Er verdient diese schreckliche Strafe nicht, wenn er unserer Königin die Liebe gibt, die ihr Gemahl ihr verweigert. Nach allem, was ich weiß, will König Guy nur Krieg mit den Muslimen. Ich habe gute Freunde unter den Muslimen. Der Einzige, der Frieden zwischen den Religionen stiften kann, ist Baron Balian!“

Tiberias sah den aufgeschossenen Jungen eine Weile an.

„Wer bist du?“

„Pierre aus Samaria. Ich war Hirte und war zusammen mit Herrn Balian beim Emir al-Faes Gefangener. Balian hat dafür gesorgt, dass auch ich freikam“

„Und jetzt bist du ein Soldat Ibelins?“, fragte Tiberias weiter.

„Noch nicht. Aber für Herrn Balian würde ich sterben.“

„Sei vorsichtig mit solchen leichtfertigen Versprechen, Pierre“, grinste Tiberias. „Sie können schneller eingefordert werden, als dir lieb ist.“

„Ich war bisher Hirte, und es war mein Herr Balian, der die Aufgabe eines Hirten mit der eines Ritters verglichen hat. Für die Schafe und Ziegen, die ich gehütet habe, habe ich auch schon das Leben riskiert. Wie viel mehr verdient ein so guter Herr wie Balian es, das Leben für ihn einzusetzen?“, erwiderte Pierre. Raymond beobachtete den Jungen und wusste, dass er einen der treuesten Gefolgsleute Balians vor sich hatte. Dieser Junge war ihm unendlich dankbar und hatte sich die klugen Ansichten seines Herrn zu eigen gemacht.

„Ein Templer!“

Der erschrockene Aufschrei der Leibdienerin Sibyllas ließ alle Anwesenden herum zucken. Die Ibeliner zogen die Schwerter, aber der junge Templer, der eingetreten war, hob die Hände zum Zeichen, dass er keinen Streit suchte.

„Ich bin nicht hier, um Euch zu verraten. Dafür bin ich Baron Balian viel zu dankbar. Bitte, helft mir, ihn aus der Gewalt der Templer zu befreien. Sie bringen ihn nach Kerak, um dort den ersten Teil des Urteils zu vollstrecken. Alleine schaffe ich es nicht.“

„Wer seid Ihr, und warum sollten wir Euch vertrauen, wenn Ihr selbst ein Templer seid?“, knurrte Almaric. Der junge Ritter nahm den Schwertgürtel ab, schnürte den weißen Templerrock auf und zog ihn aus.

„Vergebt, ich hatte vergessen, dass ich diesen Rock der Unwürdigen immer noch trage. Ja, ich war ein Templer, aber ich habe mich vom Orden losgesagt – und nicht erst, als Balian verurteilt wurde. Georg ist mein Name. Ich habe Eurer Gemahlin, Mylord Tiberias, die Nachricht gebracht, wo Herr Balian von Osama al-Faes festgesetzt wurde. Durch ihren Bruder Mahmut al-Bakr erhielt Saladin die Nachricht vom Verbleib Herrn Balians und hat für seine Freilassung gesorgt. Seitdem möchte ich in Herrn Balians Dienste treten.“

„Er sagt die Wahrheit“, bestätigte Pierre. „Er war bei uns in Samaria. Yussuf, der Verwalter von Herrn Balian, hat das schon dem alten Aaron bestätigt.“

Tiberias nickte.

„Meine Frau hat mir davon geschrieben. Ihr wisst, dass Ihr Euch jemandem anschließen wollt, der vom König für vogelfrei erklärt wurde?“

„Ja“, erwiderte Georg.

„Damit ist das eingetreten, was Balian immer verhindern wollte: Die Spaltung der Christenheit im Königreich Jerusalem. Es wird nur Saladin in die Hände spielen“, prophezeite der ehemalige Statthalter seufzend. „Ihr kennt den Weg, den die Templer mit Balian nehmen?“, fuhr er fort.

„Ja.“

„Dann führt uns“, bat Tiberias.

„Nehmt mich auch mit, Mylord Tiberias!“, bettelte Pierre. Der alte Statthalter sah ihn zweifelnd an.

„Welche Waffe beherrschst du?“

„Nun, ich kann mit der Steinschleuder umgehen. Ich könnte die unmittelbaren Bewacher damit außer Gefecht setzen“, schlug der Hirtenjunge vor.

„Und treffen kannst du auch?“, schmunzelte Michel spöttisch.

„Georg, bist du bitte so gut?“, fragte Pierre, nahm aus einer Obstschale eine Orange, die er dem jungen Ritter in die Hand drückte und bat ihn mit einer Handbewegung, ans Ende des Atriums zu gehen. Georg tat wie ihm geheißen, hielt am Ende des Raums die Orange auf der ausgestreckten Hand, Pierre nahm sich eine zweite Apfelsine, legte sie in seine Schleuder, ließ sie kurz kreisen und pfefferte sie exakt auf die in Georgs Hand. Die Anwesenden waren beeindruckt.

„Du kommst mit!“, entschied Almaric.

***

Kapitel 35

Sühne

Almaric und seine Leute preschten in vollem Galopp auf einem Weg, der nur wenigen bekannt war. Georg kannte den geheimen Pfad, der neben der eigentlichen Straße ins Jordantal Richtung Jericho hinunterführte. Almaric und seine Ibeliner erreichten über den geheimen Pfad einen Hohlweg, an dem der geheime Pfad in die normale Straße einmündete und geradeaus als gut sichtbarer Weg nach Jericho weiterführte. Pierre sprang vom Pferd und lauschte am Boden.

„Sie kommen!“, flüsterte er und winkte hektisch und schlüpfte mit den anderen in Deckung, wo er sich ein paar glatte Steine suchte und dann eine Position einnahm, die ihm freies Schussfeld ermöglichte.

Die Templer und Nagelkreuzritter, die mit dem verurteilten Balian in Richtung Kerak unterwegs waren, fühlten sich sicher und durch das Urteil des Königs gedeckt. Sie hatten keinen Grund, einen anderen Weg nach Kerak zu nehmen als die normale Straße. Sie hatten auch keine besondere Eile und ritten im Schritt.

Als die Truppe von zehn Nagelkreuzlern und Rittern des Templerordens mit ihrem Gefangenen in den Hohlweg einritten, kam Pierre aus der Deckung hoch und schleuderte den ersten Stein gezielt auf einen Templer mit Topfhelm, der links von Balian ritt. Der Mann kippte bewusstlos aus dem Sattel. Er hatte wohl etwas an der Dämpfung seines Helms gespart … Dem rechts neben dem Verurteilten reitenden Mann ging es nicht besser, dann war der Überraschungsmoment vorbei und die kampferprobten Templer und Nagelkreuzritter wehrten sich gegen die von allen Seiten angreifenden Ibeliner. Pierre sprang auf die Kruppe von Balians Schimmel und zerschnitt die Fesseln, die dem Baron die Hände auf den Rücken banden. Mit einem schnellen Griff entwand Balian einem Nagelkreuzler das Schwert und hieb drei Templer in seiner unmittelbaren Umgebung aus dem Sattel.

Der Kampf war kurz, dann lagen Templer und Nagelkreuzler tot am Boden.

„Ich danke euch“, sagte Balian. „Ihr habt mir ein furchtbares Schicksal erspart, aber ich bin vogelfrei und nicht länger der Baron von Ibelin.“

„Willst du nicht um deinen Titel und deine Lehen kämpfen?“, wunderte sich Almaric. Balian schüttelte mit bedrückter Miene den Kopf.

„Als ich mich mit Sibylla eingelassen habe, habe ich etwas getan, was ich nicht tun wollte. Sie war de Lusignan versprochen. Schon sie zu begehren war Sünde, Almaric. Ich kam her, um Vergebung für meine Sünden zu erlangen, aber ich habe neue Sünden begangen. Geschieht mir recht, dass ich alles verloren habe. Ihr seid nicht länger an euren Eid gebunden. Geht, wohin es euch beliebt“, sagte Balian, wendete sein Pferd.

„Wohin wirst du gehen, Balian?“

„Ich weiß es noch nicht. Vielleicht zurück nach Frankreich.“

„Würdest du dem Sultan deine Dienste anbieten?“, fragte Pierre.

„Und eines wirklich nicht fernen Tages gegen Christen kämpfen? Gegen Sibylla? Wenn du das von mir annimmst, musst du mich wirklich für einen Verräter halten.“

„Entschuldige, so habe ich das nicht gemeint.“

Balian nickte und ritt, der Straße nach Jericho folgend, davon.

Unschlüssig standen die Männer in den Ibelin-Röcken da.

„Was jetzt?“, fragte Michel.

„Wir können so wenig zurück wie Balian. Guy wird uns ebenso für vogelfrei erklären“, erwiderte Almaric. „Balians Lehen hat er auf seinen Bruder Amaury übertragen. Ich gehe mit Balian, egal wohin er geht.“

Damit stieg er wieder in den Sattel und trabte hinter Balian her. Es dauerte nur Augenblicke, bis die ganze Truppe ihm folgte und zu Balian aufschloss.

„Und du glaubst wirklich, dass wir dich einfach im Stich lassen?“, fragte Almaric grinsend. Balian lächelte verlegen.

„Ihr macht euch unglücklich“, warnte er.

„Das haben wir in dem Moment getan, in dem wir dich befreit haben. Wir können genauso wenig zurück wie du. Wenn wir dir nicht als unserem Herrn folgen, dann als deine Freunde, Balian.“

„Ich kann euch nichts bieten, nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf.“

„Der Graf von Tiberias ist doch Euer Freund, Mylord“, warf Georg ein.

„Ich würde ihn in unnötige Gefahr bringen, wenn ich dort als Geächteter auftauche“, wehrte Balian ab.

„Verzeiht, wenn ich neugierig frage, aber weshalb hat man Euch zu dieser schrecklichen Strafe verurteilt?“, fragte Georg. Er hatte nur mitbekommen, dass Balian verurteilt und verhaftet worden war, aber nicht weshalb.

„Ich habe mit der Königin die Ehe gebrochen. Der König ist im Recht, mein Freund“, erwiderte Balian schuldbewusst.

„Ihr wisst aber, dass er selbst ein Ehebrecher ist, oder?“, hakte Georg nach.

„Das macht meine Sünde nicht geringer. Dass Guy seine Frau nicht liebt, dass diese Ehe für Guy nur eine Zweckgemeinschaft zur Erlangung der Macht ist, dass er vielleicht selbst die Ehe gebrochen hat, bevor er vom Ehebruch seiner Frau erfuhr, mindert meine eigene Schuld nicht im Geringsten. Ich habe Unrecht getan, etwas, das nie zu tun ich geschworen habe. Ich habe meinen Eid gebrochen, zwar aus Liebe, aber ich habe ihn gebrochen. Und deshalb werde ich Buße tun“, erklärte Balian mit melancholischem Blick.

„Am Berg Tabor südlich vom See Tiberias gibt es ein Johanniterkloster“, warf Almaric ein. „Dort wird sich doch ein Beichtvater finden, der dir die Absolution erteilt.“

„Wo ist das genau?“

„Nur etwa fünfzehn Meilen südwestlich des See Tiberias, knapp zehn Meilen südwestlich der Hörner von Hattin. Wollen wir dorthin gehen?“

Balian nickte und die ganze Truppe, es mochten etwa zwanzig Männer sein, schlug den Weg zu den Hörnern von Hattin ein.

Almaric, der die Gegend gut kannte, führte sie auf einem eher verschlungenen Pfad durch die trockene Gegend. Von Jericho wandten sie sich in das Jordantal, das die einfachste Strecke entlang des Jordan darstellte.

„Wäre es dort oben nicht näher?“, fragte Balian, als sie die auf einige Meilen geradeaus führende Straße nach rechts in Richtung Jordantal verlassen hatten und immer tiefer unter die Berge kamen.

„Dort oben entlang, über Nablus und Nazareth, sind es gut drei Tagereisen zu Pferd oder sechs Tagesmärsche, hier entlang, über Beisan und die Johanniterburg Belvoir, vier Tagesritte oder sieben Tagesmärsche zu Fuß. Aber dort oben gibt es kaum Wasser, während wir hier am Jordan entlang reiten und stets genug Wasser haben werden. Alles Wasser, was es dort oben durch den seltenen Regen gibt, fließt hier zum Jordan hinunter. Morgen Nachmittag werden wir Beisan erreichen“, erwiderte Almaric.

Wie von Almaric gesagt, erreichten sie am Nachmittag des folgenden Tages Beisan. Die Menschen dort begrüßten ihren ehemaligen Baron freundlich. Zwar hatte Balian Beisan nur ein einziges Mal besuchen können, solange er Baron von Ibelin gewesen war, aber dort hatte sein Name wie in allen Ibelin-Lehen einen ausgesprochen guten Ruf. Umso bestürzter war der Rais von Beisan, dass Balian nicht länger der Baron war. Amaury de Lusignan hatte hier noch nichts von sich hören lassen, was angesichts des Umstandes, dass er noch keine vollen zwei Tage Herr dieses Lehens war, auch nicht verwunderlich war. So erfuhren die Menschen von Beisan von Balian selbst, dass er nicht länger ihr Baron war. Obwohl sie ihn kaum kannten, weinten selbst gestandene Männer über den Verlust dieses sanftmütigen Herrn, der ihnen keine Last gewesen war. Dass Balian sie noch um Vergebung bat, sich so selten sehen gelassen zu haben, verstärkte ihre Trauer nur noch. Als sie am folgenden Tage weiterritten, hatte sich praktisch die gesamte Bevölkerung des Ortes versammelt, um Balian zu verabschieden.

„Willst du das wirklich alles einfach aufgeben, Balian?“, fragte Almaric.

Balian seufzte tief.

„Versuche mich nicht, Almaric. Der König hat das Recht, mir meine Lehen zu nehmen.“

Almaric grinste.

„Es ist nicht die Frage, ob er das Recht dazu hat, Balian. Es ist die Art, wie er es dir wegnimmt“, sagte er. Balian sah den Hauptmann verblüfft an. Das war fast exakt die Wortwahl seines Vaters, als der ihm erklärt hatte, weshalb er und seine Männer ihn, Balian, vor den Söldnern des Bischofs bewahrt hatten. Doch er schüttelte den Kopf.

„Er hat das Recht dazu“, beharrte er.

„Und du hast das Recht, dich dagegen zu wehren“ versetzte Almaric. „Balian, zum Ehebruch gehören zwei!“

„Natürlich!“, schnappte Balian. „Almaric, du hältst mich hoffentlich nicht für so leichtsinnig, dass ich von mir aus ein Verhältnis mit einer Verlobten angefangen hätte! Sibylla ist auf mich zugekommen und nicht ich auf sie. Aber ich liebe sie und werde alles tun, um sie zu schützen; nötigenfalls würde ich für sie sterben. Sibylla kann und wird er nichts tun. Seine Krone ist an ihre gebunden. Er ist nur so lange König, wie Sibylla Königin ist.“

„Ist das so?“, fragte Almaric, Balians zuweilen spöttische Nachfrage zitierend.

„Ja.“

„Vergib mir, was ich dir jetzt sage: Das glaube ich nicht“, erwiderte Almaric.

„Und warum nicht?“

„Ich kenne das Testament Balduins IV. und ich kenne deine eigene Einschätzung dazu. Guy kann immer noch König einer eigenen Dynastie werden, vor allem, wenn er sich als König Ruhm verschafft.“

„Du meinst, er wird Saladin jetzt angreifen, solange der noch nicht alle Kräfte beisammen hat? Wenn er das wirklich tut, dann begeht er einen großen Fehler. Saladin ist zwar ohne Osama al-Faes nicht stark genug, um Jerusalem direkt anzugreifen, aber in einer offenen Feldschlacht stehen seine Chancen jetzt schon besser. Nein, so dumm kann nicht einmal Guy de Lusignan sein“, erwiderte Balian, obwohl sich ganz hinten in seinem Kopf ein leiser Zweifel meldete, ob Guy wirklich klug genug war, dies zu erkennen.

Wie von Almaric gesagt, erreichten sie am vierten Tag nach ihrem Aufbruch das Kloster am Berg Tabor. Balian und seine Männer fanden freundliche Aufnahme bei den Johannitern. Das Haus Ibelin war dem Orden immer sehr verbunden gewesen. Balian der Alte, der Begründer der Familie Ibelin, hatte den Orden stets mindestens ebenso gefördert wie Guy es mit den Templern tat. Ibelin war eine Zeitlang sogar von den Johannitern verwaltet worden – und die Johanniter standen in großem Gegensatz zu den Templern. Schon deshalb hatte der geächtete Baron hier am ehesten Hilfe zu erwarten.

Balian beichtete dem Prior, der im geschlossenen Beichtstuhl saß, den begangenen Ehebruch.

„Es war der Wunsch des Königs Balduin, dass Ihr seine Schwester ehelichen solltet“, gab der Prior flüsternd zu bedenken.

„Es war auch der Wunsch des Königs, dass ich Guy dafür töten sollte“, entgegnete Balian. „Und es waren die Worte des Königs, dass die Seele einem selbst gehört und man nur selbst verantwortlich ist für seine Seele. Nein, ich habe Unrecht getan, Pater Prior.“

„Liebst du sie?“, fragte der Prior.

„Ja“, bekannte Balian.

„Liebe ist niemals Unrecht. Tu das Richtige. Das, was du jeden Tag zu tun entscheidest, macht dich zu einem guten Menschen – oder auch nicht. Aber einen Menschen zu lieben, ist kein Unrecht. Es war Unrecht, Sibylla mit Guy zu verheiraten“, sagte der Priester im Beichtstuhl, dann erteilte er Balian die Absolution.

„Ihr … gebt mir keine Buße auf?“, fragte Balian verwirrt. Statt einer Antwort wurde die Tür des Beichtstuhls geöffnet und Jean trat heraus.

„Ich glaube, dich gut genug zu kennen, dass du dich selbst am härtesten bestrafst, mein Junge. Aber … was immer du dir als Buße selbst auferlegen willst – übertreibe es nicht“, sagte er mit dem ihm eigenen, schelmischen Lächeln. Balian neigte mit einem sanften Lächeln den Kopf.

Wie Jean vermutet hatte, strafte Balian sich mit schweigender Einsamkeit, die am Berg Tabor auch recht einfach zu finden war. Oft ritt er allein fort, meist in Richtung der Wüste bei den Hörnern von Hattin. Jean oder Almaric folgten ihm stets, um Acht zu geben, dass er nicht wieder angegriffen wurde, doch blieben sie in so respektvollem Abstand, dass er sie nicht zu bemerken schien. Als die Sehnsucht nach Sibylla größer wurde, suchte er sich körperliche Arbeit und besserte die Wehrmauern des Klosters aus.

Während Balian Buße durch harte Arbeit tat, bekam Guy de Lusignan zu spüren, welches Ansehen sein Rivale hatte. Weit mehr als die Hälfte der Barone Jerusalems weigerte sich, die Absetzung Balians als Baron von Ibelin und ein Todesurteil gegen ihn wegen des Ehebruchs mit der Königin Sibylla zu akzeptieren. Reinhold von Sidon, Balians Vetter, erhob sich.

„Mein König, Ihr habt ohne Zweifel Recht, dass Ehebruch Sünde ist. Aber hier schimpft ein Esel den anderen Langohr! Erstens: Das halbe Königreich Jerusalem zerreißt sich den Mund darüber, dass Ihr Euch regelmäßig über Nacht fremde Frauen kommen lasst oder zu ihnen geht. Gerade Ihr habt keinen Anlass, einen anderen des Ehebruchs zu bezichtigen, wenn Ihr Euch der gleichen Sünde schuldig macht – und zwar völlig unabhängig davon, ob Ihr das aus Rache gegenüber Eurer Gemahlin und ihrem Liebhaber tut. Zweitens: Seht Euch hier um, mein König. Kaum ein Edler dieses Reiches beschränkt sein Interesse an der holden Weiblichkeit auf die eigene Frau“, erklärte er, was bei vielen Baronen und Rittern, ja sogar bei einigen Priestern zu hochroten Köpfen führte.

„Die meisten hier sind doch der Meinung, dass die Gebote für andere da sind, nur nicht für sie selbst“, fuhr er fort. „Ich kenne hier diverse Grundherren, die meinen, jede Küchenmagd müsse zuerst ihnen zu Willen sein, bevor ihr angetrauter Ehemann sie berühren dürfte. Nein, unter diesen Umständen kann ich einer Absetzung Balians als Baron von Ibelin keinesfalls zustimmen – und erst recht nicht einem Todesurteil. Ich lehne auch die Ächtung Balians und seiner Männer ab. Seine Männer haben nicht mehr getan, als das, wozu ihr Eid gegenüber Balian sie verpflichtete.“

Zorniges Gemurmel erhob sich, dann erhob sich Joscelin von Courtenay, der Titulargraf* von Edessa.

„Ich rate Euch, Guy, lasst diese Anklage gegen den Baron von Ibelin und gegen meine Nichte fallen, sonst seid Ihr die längste Zeit König gewesen. Eure Krone hängt allein an der Sibyllas. Hütet Euch, Euch das Wohlwollen der Barone durch derartige Anklagen zu verscherzen. Es gibt noch andere Thronprätendenten!“, warnte er eindringlich. Guy war wie vom Donner gerührt. Mit derartiger Opposition hatte er nicht gerechnet. Er hatte darauf gebaut, mit der Unterstützung der Templer die wenigen Gegner, an die er geglaubt hatte, mundtot machen zu können. Er hatte sich geirrt. Zögernd, sehr zögernd, widerrief er sein Urteil. Sibylla und Balian waren rehabilitiert, Balian auch wieder in seine alten Rechte eingesetzt – nur konnte ihm das niemand mitteilen, weil niemand wusste, wo er und seine Männer sich vor Guys Urteil verborgen hielten. Es gab durchaus Befürchtungen, dass der König ihn mit seiner Rachsucht sogar an Saladins Seite getrieben hatte …

Nach einem halben Jahr, in dem Balian jeden Tag von früh bis spät selbst Steine geschlagen und eingesetzt hatte, war die Mauer des Klosters in erheblich besserem Zustand als bei ihrem Bau. Dabei hatte er Ideen entwickelt und umgesetzt, die selbst den Baumeister des Klosters in Erstaunen versetzte. Die einzige wirklich angreifbare Mauer war sternförmig gesetzt und bot so wenig Angriffsfläche für Geschosse, dass sie uneinnehmbar erschien.

Mit Vollendung dieser Aufgabe suchte Balian wieder die Einsamkeit bei den Hörnern von Hattin. Es war ein heißer Tag Ende Juni 1187, als er wieder dort war und in Gedanken versunken Steine auf einen dornigen Busch warf. Jean machte sich Sorgen um den immer noch schweigsamen und in sich gekehrten Balian, der wieder so verzweifelt schien wie damals in Frankreich, als er Frau und Kind verloren hatte. Der Johanniter wollte mit ihm reden.

„Woran denkst du?“, fragte er.

„An das, weswegen ich hergekommen bin. Ich habe Vergebung gesucht und gehofft, meinen verlorenen Glauben wieder zu finden“, sagte er leise.

„Und was hast du gefunden?“, erkundigte sich Jean. Der Stein, den Balian warf, schlug einen Funken und binnen Augenblicken stand der ganze Busch in Flammen.

„Das dort“, erwiderte Balian. „Da ist der Moses, die Religion. Ein kleiner Funken, der einen Kreosotebusch entflammen lässt. Eine einfache und natürliche Erklärung. Das hat nichts mit Gott zu tun.“

„Was nicht bedeutet, dass es Gott nicht gibt“, entgegnete der Johanniter mit sanftem Lächeln. „Gott ist im richtigen Handeln. Du hast Verpflichtungen gegenüber der Stadt Jerusalem“, mahnte er dann.

„Habe ich das?“, fragte Balian spöttisch. „Bis auf eine einzige Forderung des Königs habe ich jeden Auftrag erfüllt, den Balduin mir gab. Der Dank seines Nachfolgers, dessen Leben ich nicht um meines Vorteils willen ausgelöscht sehen wollte, bestand in einem Todesurteil. Ich strebe weder nach Macht, noch habe ich jemals etwas für mich verlangt. Welche Pflichten sollte ich noch haben, wenn mir meine Rechte genommen werden?“, versetzte Balian bitter. Jean sah ihn einen Moment an.

„Gegenüber dem König hast du keine Pflichten, nicht gegenüber dem, der es jetzt ist. Doch was ist mit dem Volk, was mit Sibylla? Erinnere dich an den letzten Auftrag, den dein Vater dir gab: Beschütze den König. Wenn der König tot ist, beschütze das Volk“, sagte er schließlich. „Nötigenfalls vor der Dummheit seines neuen Königs“, setzte er hinzu. „Balian, Guys Urteil über dich hat das Reich gespalten und maßgebliche Barone in die Opposition getrieben. Ich weiß, dass du auf Sibylla verzichtet hast, um genau das zu verhindern. Aber jetzt hat Guy selbst dafür gesorgt, dass das Reich geschwächt ist. Bis jetzt hatte auch Saladin noch ein Problem, doch er scheint es gelöst zu haben. Sieh!“

Von den Spitzen der Hörner von Hattin reichte der Blick bei klarer Sicht bis zum Berg Ammon – und dort schien eine Entscheidung gefallen zu sein. Sie sahen Rauch vom Berg Ammon aufsteigen. Saladin war mit dem Feind in den eigenen Reihen fertig geworden.

„Ich gehe beten“, sagte Jean.

„Wofür?“, fragte Balian.

„Um die Kraft, das zu ertragen, was nun kommen wird.“

„Und was?“

Jean nickte in Richtung Berg Ammon.

„Die Sarazenen werden uns die Rechnung für das präsentieren, was vor hundert Jahren geschah.“

„Er will Jerusalem, nicht wahr?“

Jean nickte schweigend. Balian rang noch einen Moment mit sich. Nein, er konnte Jerusalem nicht im Stich lassen, er konnte seine Königin nicht im Stich lassen. Er nickte ergeben.

„Ich werde sie warnen“, sagte er.

***

Kapitel 36

Verblendung und Vergebung

Saladin wartete nur die Nachricht ab, dass Osama al-Faes sich unterworfen hatte, dann sandte er Mahmut al-Bakr erneut nach Jerusalem, aber diesmal mit harten Forderungen. Was Balian und Jean von den Hörnern von Hattin gesehen hatten, war nicht die Eroberung der Felsenburg von Ammon, es war ihre endgültige Zerstörung – Tage, nachdem Osama al-Faes für seinen Verrat enthauptet worden war.

Als Balian seinem Schimmel Khaled am Berg Tabor die Sporen gab, um Guy auch um den Preis seines eigenen Lebens vor Saladin zu warnen, traf Mahmut al-Bakr ein und verlangte, vom König empfangen zu werden. Im Innenhof des Palastes waren viele Ritter und Soldaten der Ritterorden versammelt, als die Boten des Sultans vorgelassen wurden. Mahmut al-Bakr verbeugte sich gemessen.

As-Salam ‘alaykum“, begrüßte Guy ihn. Der höhnische Unterton war nicht zu überhören.

U ‘alaykum as-Salam“, erwiderte Mahmut höflich und verbeugte sich leicht.

„Sprich!“, forderte Guy den Boten des Sultans auf. Mahmut sah sich unbehaglich um. Diesmal war wirklich niemand anwesend, der ihn möglicherweise retten konnte. Er beschloss, sich auf die sprichwörtliche Ritterlichkeit der christlichen Herren Jerusalems zu verlassen, packte seinen Schwertgriff und trat vor.

„Der Sultan verlangt die Herausgabe des Leichnams seiner Schwester, die Köpfe der Verantwortlichen – und die Kapitulation Jerusalems“, erklärte Mahmut. Ein zorniges Raunen erhob sich. Die Leiche herauszugeben war für keinen hier das Problem, die Verantwortlichen auszuliefern oder gleich deren Köpfe abzuliefern, wäre durchaus nach dem Geschmack der Johanniter, der Jerusalemritter und Tiberias’ sowie der Freunde Balians gewesen – aber die Kapitulation der Stadt oder gleich des ganzen Königreich, das ging zu weit. Die Ritter sprangen zornig auf, riefen wütend durcheinander.

„Tut er das?“, fragte Guy spöttisch.

„Welche Antwort wollt Ihr dem Sultan übermitteln?“, erkundigte sich Mahmut. Guy drückte einem Diener den Weinkelch in die Hand trat die drei Stufen zu Mahmut al-Bakr hinunter und sah ihn einen Moment überheblich an.

„Diese?“

Es war mehr Feststellung als Frage, wenngleich der Tonfall eindeutig Frage war. Mit einer fließenden Bewegung zog er den Dolch, den er Mahmut von unten durch die Halsschlagader bis fast ins Gehirn stieß. Ein Blutstrahl schoss aus der Wunde und verfehlte den König nur knapp. Die beiden Soldaten, die Mahmut al-Bakr begleitet hatten, wollten ihrem Herrn zu Hilfe kommen, doch blieben sie in einem Wald aus augenblicklich gesenkten Lanzen stecken. Guy warf den Dolch weg, riss das Schwert aus der Scheide und schlug Mahmut den Kopf ab. Das blutige Schwert noch in der rechten Hand wedelte er mit der Linken, als ob er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte.

„Bringt den Kopf nach Damaskus!“, befahl er den entsetzten Soldaten Mahmuts, während zwei seiner Männer den enthaupteten Körper wegschleppten und eine blutige Spur auf dem weißen Marmor hinterließen.

Die Sarazenen waren kaum aus dem Thronsaal, als Guy das Schwert gen Himmel stieß.

„Versammelt die Truppen!“, befahl er und vielstimmiger Jubel antwortete ihm.

Ich … bin Jerusalem“, flüsterte er dann halblaut. Es waren präzise die Worte Balduins IV., die jener vor noch gar nicht so langer Zeit gesprochen hatte, doch bei Guy klangen sie anders … bedrohlich …

Bis die Truppen versammelt waren, dauerte es ein paar Tage. Balian sah schon von weitem, dass er für eine Warnung vor Saladin wohl zu spät kam. Offenbar wusste man in Jerusalem bereits von Saladins Aufmarsch vor Tiberias. Guy machte also ernst … Khaled, der aus der königlichen Zucht in Damaskus stammte, war für große Erscheinungen dressiert worden. Ohne dass Balian ihm ein besonderes Kommando gegeben hätte, wechselte der Araber in eine stolze Haltung, die den ganzen Adel dieses schönen Tieres zur Geltung kommen ließ – und nur unterstrich, welch edler Reitersmann im Sattel saß.

Fußtruppen, die am weitesten außen postiert waren, bemerkten Balian zuerst. Seit Kerak war sein Name unter den Soldaten bekannt. Es hatte sich herumgesprochen, dass er erst verurteilt und dann wieder rehabilitiert worden war. Zwar wusste niemand, wie er davon erfahren haben konnte, aber er war wieder da – und jetzt bejubelten sie seine Rückkehr.

Mitten unter den versammelten Truppen stand ein Beratungszelt, unter dem König Guy und seine Barone, die Großmeister der Ritterorden und der Patriarch versammelt waren.

„Nun ist diese Versammlung aller Barone Jerusalems vollständig“, eröffnete Guy die Versammlung. Tiberias bekam einen grantigen Ausdruck im Gesicht. Sie war nicht vollständig, schließlich fehlte Balian von Ibelin …

„Ich weiß, dass einige unter Euch mit meiner Nachfolge nicht einverstanden sind, aber … es ist Krieg und ich bin der König“, sagte de Lusignan, als der Jubel bei den Fußtruppen aufbrandete. Verblüfft und gestört in seiner Rede sah er nach draußen und erkannte den verhassten Rivalen, den er tot gehofft hatte. Sein Blick verfinsterte sich.

Der verdammte Emporkömmling hat nicht sieben Leben, das müssen noch mehr sein …’, grollte er in Gedanken. Nach außen hin gelang es ihm aber, seine Bestürzung zu verbergen, dass Balian erstens noch lebte und zweitens wieder in Jerusalem auftauchte, obwohl er von der Aufhebung des Todesurteils nichts wissen konnte. Dass er in dieser Situation herkam, in der er damit rechnen musste, sofort verhaftet und auf der Stelle hingerichtet zu werden, sprach für seinen Mut und seine unbedingte Treue zu Jerusalem. Guy hätte sich allerdings eher die Zunge abgebissen, als das zuzugeben …

„Und ich sage: Wir sollten uns den Feinden Gottes in den Weg stellen!“

Ein vielstimmiges

„Ja!“, begleitete den Aufruf des Königs.

In diesem Moment erreichte Balian das Beratungszelt, stieg ein Stück außerhalb davon vom Pferd, das er einem der Reitknechte übergab und marschierte schnurstracks unter das Zeltdach. Guys Aufruf zum Krieg hatte er nur allzu deutlich gehört.

„Nein!“, sagte er entschieden, als er unter das Dach trat. Alle Köpfe zuckten zu ihm herum, wenn die Anwesenden ihn nicht schon vorher gesehen hatten.

„Wenn Ihr den Krieg wollt, dann bleibt in Jerusalem und lasst sie kommen. In der Stadt habt Ihr die Chance, standzuhalten. Verlasst Ihr sie, wird dieses Heer vernichtet und Jerusalem bleibt ohne Schutz“, warnte er eindringlich. Guy sah ihn spöttisch an.

„Wenn ich wünsche, von einem Hufschmied beraten zu werden, sage ich es ihm“, giftete er. „Wir brechen unverzüglich auf und ziehen auf direktem Weg gen Tiberias“, entschied er dann.

„Wenn dieses Heer gegen Saladin zieht, darf es sich nicht vom Wasser entfernen. Saladin kennt seinen Gegner. Er wartet nur darauf, dass Ihr diesen Fehler macht. Geht durch das wasserreiche Jordantal, wenn Ihr ihm schon außerhalb der Stadt entgegentreten wollt“, warnte Balian. Doch die anderen Barone und die Großmeister zuckten nur mit den Schultern.

„Ich sage: Es muss Krieg geben! Gott will es! Wir müssen die Feinde Gottes vernichten!“, hetzte de Ridefort.

„Und das werden wir“, bekräftigte Guy.

„Dann tut das. Aber ohne meine Ritter“, erklärte Tiberias. Guy zuckte verächtlich die Schultern.

„Ihr hattet Euren Ruhm – vor langer Zeit, Tiberias. Es ist Zeit für meinen“, versetzte er und verließ das Zelt. Die anderen Edlen folgten ihm. Nur Balian und Tiberias blieben zurück. Anerkennend klopfte der alte Graf dem jungen Baron auf die Schultern. Langsam folgten sie den anderen Edlen, aber nicht um mit ihnen zu reiten, sondern um ihnen nachzusehen. Die Truppen waren versammelt und abmarschbereit. Genau genommen war die Versammlung der Barone eine Formsache gewesen. Nun setzten sich die Truppenkontingente in Marsch.

„Wer hat dir gesagt, dass Guy das Urteil aufgehoben hat?“, fragte Tiberias nach einer Weile. Balian drehte sich überrascht um.

„Niemand“, erwiderte er.

„Und dennoch bist du gekommen?“, wunderte sich Tiberias.

„Ich wäre in den Bergen geblieben, hätten Jean und ich nicht gesehen, dass die Festung auf dem Berg Ammon brannte. Ich wollte Guy warnen“, erklärte er. Tiberias sah den jungen Mann mit unverhohlener Bewunderung an.

„Du bist der vollkommene Ritter. Kein anderer hätte den Mut und vor allem nicht die Loyalität gehabt, Jerusalem nach diesem harten Urteil warnen zu wollen“, sagte er.

„Guy läuft in sein Verderben, denn Saladins Armee war bereits am Berg Ammon. Sie wird den See Tiberias vor Guy erreichen und ohne den See Tiberias kann Guy seine Armee nicht mit Wasser versorgen auf dem Weg, den er einschlägt. Wenn Saladin Guys Heer vernichtet hat, ist Jerusalem nicht zu halten. Wir müssen eine Verteidigung errichten“, schlug Balian vor. Tiberias nickte abwesend.

„Der König ist tot – und Jerusalem ist mit ihm gestorben“, sagte er resigniert. Nein, das war nicht mehr das Jerusalem, für das er einst gekämpft hatte. Er wandte sich ab und verschwand in der Menge. Balian blieb allein zurück.

Als er sich schließlich abwandte, um Sibylla aufzusuchen und ihr zu sagen, dass er zurückgekehrt war, sah er seine Männer und Jean kommen, die ihm nur in kurzem Abstand gefolgt waren. Doch während seine Männer bei ihm absaßen, blieb Jean im Sattel und machte Anstalten, sich zu den übrigen Johannitern zu gesellen, die mit dem Heer ritten.

„Ihr zieht mit dem Heer?“, fragte Balian verstört.

„Der Platz meines Ordens ist beim Heer“, erwiderte Jean sanftmütig.

„Ihr zieht in den sicheren Tod!“, warnte Balian.

„Der Tod ist immer sicher“, versetzte Jean mit leisem Spott. „Ich werde Eurem Vater sagen, was aus Euch geworden ist, wenn ich ihn treffe“, setzte er hinzu und folgte dann den bereits etwas entfernten Johannitern im leichten Galopp. Balian sah ihm bedrückt nach. Er hatte das dunkle Gefühl, den weisen Berater zum letzten Mal lebend gesehen zu haben.

„Aber wir sind noch hier“, hörte er die vertraute Stimme Almarics hinter sich, und ein Lächeln erschien wieder auf Balians Gesicht. Seine treuen Ibeliner!

„Kommt mit“, sagte er.

Vor den entschlossenen Ibelinern und ihrem Anführer wichen die von Amaury de Lusignan eingesetzten Wächter im Palast zurück. Als sie durch die Arkaden unten im Palast gingen, tauchten vor ihnen plötzlich aber ein Dutzend Templer unter Führung des Großmeisters und des Patriarchen auf.

„Halt!“, rief Heraclius und hob die rechte Hand. „Ihr habt im Palast nichts zu suchen, Ibelin!“

Balian trat ihm entschlossen entgegen.

„Aus dem Weg! Mein Besuch gilt unserer Königin, der ich Treue geschworen habe, Eure Heiligkeit. Wenn Ihr mich daran hindern wollt, werde ich Euch töten!“, warnte Balian. Heraclius drehte sich um.

„Tut es!“, befahl er. Templer und Ibeliner rissen die Schwerter heraus und griffen einander an. Heraclius konnte sich gerade noch absetzen, um nicht in Gefahr zu geraten, aber Großmeister de Ridefort geriet an Balian – an Balian von Ibelin in seiner Wut. Drei ebenso kurze wie harte Hiebe mit dem Langschwert Ibelins schlitzten ihn regelrecht auf. Der Kampf war kurz und heftig, dann standen die Ibeliner und ihr Baron als Sieger in den Arkaden des Palastes, lagen die Templer tot am Boden, und Heraclius nahm die Beine in die Hand, um rechtzeitig zu verschwinden.

Ungehindert drangen Balian und seine Männer weiter in den verlassen wirkenden Palast ein. Am zentralen Brunnen blieben die Soldaten unter Almarics Kommando zurück, während Balian nach der Königin suchte und sie erneut in Tränen aufgelöst in ihren Gemächern fand.

Sibylla horchte auf. Das waren nicht Guys Schritte, das klang sehr viel eher nach Balian. Sie sah hoch und fand ihn vor dem dünnen Vorhang, den er beiseiteschob.

„Wenn Salahadin kommt, können wir uns nicht verteidigen“, schluchzte sie. „Rette die Menschen vor dem, was ich tat.“

„Das werde ich“, versprach er leise. „Wenn Saladin Guys Heer vernichtet hat, wird er kommen. Ich muss die Verteidigung der Stadt vorbereiten.“

„Tu das. Ich vertraue dir“, flüsterte sie. Statt sofort zu gehen, kniete er sich zu ihr und hob sie auf seine Arme.

„Ich werde dich nicht enttäuschen, meine Königin“, flüsterte er vertraulich. „Aber ich möchte, dass du wirklich in Sicherheit bist. Und dieser Teil des Palastes ist vor Geschossen von außerhalb nicht sicher. Komm.“

„Du wirst draußen sein und kämpfen, nicht wahr?“

„Das werde ich.“

„Es kann dein Leben kosten“, warnte sie.

„Das ist möglich“, räumte er ein.

„Ich will dich nicht verlieren“, schluchzte sie und schmiegte sich schutzsuchend an ihn.

„Im Ratssaal werde ich dir die Pläne offen legen und dir sagen, was ich vorhabe. Wenn du dem zustimmst, werde ich so handeln, wie ich es mir überlegt habe.“

„Und wenn ich dem nicht zustimme?“

„Dann werde ich dir eine andere Möglichkeit vorstellen, wie das Volk von Jerusalem zu retten sein könnte – auch wenn ich von der zweiten Möglichkeit nicht wirklich viel halte“, erwiderte er. Sibylla schloss die verweinten Augen und legte den Kopf vertrauensvoll an seine Schulter.

„Bleib bei mir, bitte“, flehte sie leise. Er blieb stehen und lehnte sich für einen Moment an eine Säule an und erlaubte sich, ihr zärtliches Streicheln an seiner Wange einfach zu genießen. Es war zu schön, sie wieder in den Armen zu halten, ihr Vertrauen zu spüren, ihre Liebe. Balian war überwältigt von seinen eigenen Gefühlen. Konnte es wirklich Unrecht sein, wenn er sie liebte, wenn er bereit war, sein Leben für ihres zu opfern? Nein, entschied er.

„Ich bin für dich da, geliebte Königin.“

Sie sah hoch und sah in seinen warmen Augen ein Versprechen, das über ritterliche Pflichterfüllung weit hinausging …

Wenig später befanden sich Sibylla und Tiberias mit Balian im Ratssaal des Palastes.

„Nun, was habt Ihr vor, Mylord Balian?“, fragte die Königin hoheitsvoll. Er hatte Pläne der Mauern ausgebreitet.

„Nun, es ist zutreffend, dass die Stadt auf Dauer nicht zu halten ist. Ich hatte Eurem Bruder seinerzeit vorgeschlagen, die Mauern in sternförmige Bastionen umzuwandeln. Aber dafür werden wir keine Zeit mehr haben, fürchte ich. Allein der Ausbau einer einzigen Mauer von ganzen zehn Klaftern Länge auf Tabor hat sechs Monate gedauert. Deshalb ist es mein Ziel, das Volk zu retten – so viele wie nur möglich, nicht die Steine hier“, erklärte der junge Mann. „Ich habe vor, Saladin möglichst große Verluste beizubringen, ihm seine Belagerungsgeräte zu nehmen und die Moral seiner Truppen zu schwächen. Sie glauben, alles was geschieht, sei Gottes Wille. Wenn sie große Verluste haben, die Stadt aber nicht einnehmen können, werden sie Zweifel bekommen, dass Gott ihnen die Stadt zurückgeben will.“

„Du gehst also nicht davon aus, Jerusalem wirklich verteidigen zu können?“, hakte Tiberias nach. Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, es ist nur eine Frage der Zeit. Die Vorräte reichen gegenwärtig allenfalls für drei Wochen. Es ist Ende Juni, es ist sehr trocken, eine Ernte ist jetzt nicht in Sicht. Wir werden jetzt also auch nichts aufstocken können. Frühestens Anfang bis Mitte September könnten Früchte herbeigeschafft werden – wenn wir bis dahin überhaupt Zeit haben. Es wird sicher davon abhängen, wie Saladin vorgehen wird, wenn er mit Guy fertig ist“, fuhr er fort.

„Warum … nehmt Ihr an, das Heer könnte vernichtet werden?“, erkundigte sich Sibylla.

„Weil Euer Gemahl sagte, er wolle mit der Armee auf direktem Weg gen Tiberias ziehen und keinesfalls durch das Jordantal. Auf dem direkten Weg gibt es nicht ausreichend Wasser, um die Armee zu versorgen. Die Folge wird sein, dass die Armee völlig erschöpft sein wird, wenn sie den See Tiberias erreicht – wenn sie ihn noch erreichen kann! Als ich vom Berg Tabor fort ritt, war die Armee Saladins vermutlich schon am Berg Ammon. Wenn das zutrifft, ist ihr Weg nach Tiberias ist kürzer als der Guys. Sie werden den See früher erreichen. Und wenn es ihnen gelingt, Guys Armee vom Wasser fernzuhalten, ist das der Untergang des christlichen Heeres. Zudem hat Guy etwa hunderttausend Mann bei sich. Saladin verfügt über mindestens zweihunderttausend. In Unterzahl und ohne ausreichend Wasser wird die Armee eine leichte Beute sein. Deshalb gehen Tiberias und ich davon aus, dass Saladins Armee keine wirklich großen Verluste erleiden wird“, erklärte Balian. „Unsere Chance liegt darin, dass er nicht damit rechnet, in Jerusalem auf ernsthaften Widerstand zu stoßen. Wenn wir standhalten, wenn es uns gelingt, den Sarazenen große Verluste beizubringen, können wir Saladin dazu zwingen, Bedingungen zu stellen. Dann haben wir die Möglichkeit zu verhandeln.“

„Die Stadt zu verteidigen wird auch unter den Verteidigern Verluste bedeuten“, gab Sibylla zu bedenken. „Welche andere Möglichkeit seht Ihr?“

„Mit einer geschickten Verteidigung und mit Verlusten auf Seiten der Sarazenen können wir Saladin beeindrucken und uns seinen Respekt erwerben. Die andere Möglichkeit wäre, die Stadt sofort zu räumen und in die Städte am Meer abzuziehen. Dann allerdings könnte das Vertrauen der Menschen zu Euch, meine Königin, und in Tiberias und mich als Verteidiger der Stadt verloren gehen. Es wäre dann auch nur aufgeschoben und nicht endgültig verhindert, denn keine der Städte an der Küste hat eine ausreichende Verteidigung, wenn wir jetzt Jerusalem räumen. Obendrein haben wir nicht genügend Transportmittel, um die gesamte Bevölkerung Jerusalems rasch in die Küstenstädte zu bringen und nicht genügend Soldaten, um einen solchen Flüchtlingszug zu schützen – abgesehen von dem Umstand, dass Akkon, Askalon, Tyrus, Gaza, Beirut und Jaffa auch kaum so viele Menschen aufnehmen, ernähren und schützen können. Ich würde diese Möglichkeit nur äußerst ungern wählen, denn sie liefert uns völlig der Gnade einer ungeschwächten Armee Saladins aus. Saladin würde uns für feige halten, wir hätten das Gesicht vor ihm verloren. Dann wird er keine Gnade kennen und keinen am Leben lassen; er würde es als Willen Gottes interpretieren“, stellte Balian dar.

Sibylla schloss die Augen. Die Stadt zu verteidigen bedeutete Gefahr für den Mann, den sie liebte. Aber sie spürte, dass die andere Möglichkeit noch schlechter war, weil sie das Vertrauen in die Führung untergrub. Sie sah Balian an, der geduldig auf ihre Entscheidung wartete. Die Wärme in seinem Blick zeugte von seiner Liebe zu ihr – und zum Volk von Jerusalem.

„Ich vertraue Euch, Balian, Baron von Ibelin. Tut, was Ihr für richtig haltet. Ich gebe Euch die Vollmacht, alles Euch sinnvoll Erscheinende zu tun, um die Menschen von Jerusalem zu retten. Ich bestätige Euch als Baron von Ibelin und als Konstabler von Jerusalem. Die Stadt steht unter Eurem Kommando“, sagte sie.

***

Kapitel 37

Die Geier warten schon …

Tage vergingen, ohne dass es Nachrichten vom christlichen Heer gab. Tiberias wusste, dass Guys Weg direkt nach Nordosten führte. Der König hatte den Plan, die Grenze Jerusalems etwa beim See Tiberias zu erreichen, wo auch genügend Wasser für die ganze riesige Armee vorhanden war. Dass Saladin, von Damaskus kommend, den See Tiberias schneller erreichen konnte und bei den Hörnern von Hattin eine Falle vorbereiten könnte, auf diese Idee war im christlichen Heer niemand gekommen – von Tiberias und Balian abgesehen, die die Gegend kannten und Guy davon abgeraten hatten, den direkten Weg über Hattin zu nehmen. Doch der König hatte den Rat in den Wind geschlagen und den beabsichtigten Weg genommen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Balian war schon früh auf und stand auf der Mauer über dem Damaskustor. Es war still an diesem Morgen, zu still. Der junge Mann sah nach Osten, wo in wenigen Augenblicken die Sonne aufgehen würde. Die Berge zeichneten sich scharf und klar gegen den rötlichen Morgenhimmel ab. Er spürte Tiberias’ Nähe, der zum Wehrgang hinaufkam.

„Kannst du es spüren?“, fragte er und sah weiter hinaus.

„Es wurde kein Bote gesandt“, bemerkte Raymond. Sie sahen sich an und fassten in wortlosem Einverständnis den Entschluss, nachzusehen, was wirklich geschehen war.

Begleitet von Soldaten in Jerusalemer Röcken machten sie sich auf den Weg. Die Spuren, die das gewaltige Heer hinterlassen hatte, waren so deutlich, dass sie ihnen mühelos folgen konnten. Da sie sich mit ausreichend Wasser versorgt hatten, waren sie schnell vorangekommen ohne ihre Kräfte zu verausgaben und erreichten die Hörner von Hattin wenige Tage nach dem schrecklichen Gemetzel.

Schon von weitem mussten sie nicht mehr auf die breite Spur des christlichen Heeres schauen, eine riesige Wolke kreisender Geier zeigte den Ort der Schlacht aus meilenweiter Entfernung. Sie fanden nur christliche Tote, die Sarazenen hatten ihre eigenen Gefallenen ihren Riten entsprechend sofort nach der Schlacht bestattet. Das Heilige Kreuz stand verbrannt mitten auf dem Schlachtfeld, umgeben von den abgeschlagenen Köpfen der nach der Schlacht gefangen genommenen und hingerichteten Ordensritter. Die enthaupteten Körper lagen nicht weit entfernt in langen Reihen, wo die Sarazenen die Gefangenen auf die Knie gezwungen und dann getötet hatten; sie steckten noch immer in den Rüstungen und Waffenröcken. Aufgespießt auf einer Lanze steckte weithin sichtbar der abgeschlagene Kopf Reynalds …

Die Männer aus Jerusalem sahen sich erschüttert an. Hier gab es keine Überlebenden mehr … Sie suchten dennoch das Schlachtfeld ab, doch mehr auf der Suche nach weiteren bekannten Personen. Es fehlten einige, darunter Guy de Lusignan. Offenbar hatten die Sarazenen doch Gefangene gemacht. Ob sie lange überleben würden, war allerdings eine andere Frage … Was für die Christen aus Jerusalem unbekannt blieb, war, wie groß das Heer Saladins nach dieser Schlacht noch war. Sie hatten weder eine Ahnung, wie groß es ursprünglich gewesen war, noch wie hoch die Verluste waren. Es war unmöglich, dass Saladin keine Toten zu beklagen hatte, aber wie viele es waren und welchen Einfluss dies auf die Kampfkraft seines verbliebenen Heeres hatte, das konnten sie nicht ermessen.

Tiberias war in diesem Augenblick klar, dass Jerusalem verloren war. Das Heer war vernichtet, eine Chance, ernsthaften Widerstand zu leisten, gab es nicht mehr. Hier gab es für ihn nichts mehr zu tun, meinte er.

„Anfangs habe ich geglaubt, es wäre für Gott. Dann habe ich gemerkt, dass wir für Land und Wohlstand kämpften. Ich habe mich geschämt“, bekannte er reumütig. „Ich werde nach Zypern gehen. Kommst du mit mir?“, fragte er Balian. Der war entsetzt. Wie konnte er so etwas sagen? Und was war mit den Leuten in Jerusalem?

Beschütze die Wehrlosen!’ hallte der Rittereid in seinem Kopf nach. Nein, das konnte er nicht tun. Er schüttelte den Kopf.

„Nein“, erwiderte er. Tiberias nickte. Etwas anderes hatte er von Balian nicht erwartet. Er schlug ihm kräftig auf die Schulter.

„Du bist deines Vaters Sohn!“, sagte er und wendete sein Pferd.

„Tiberias!“, rief Balian hinterher. Der alte Graf kam nochmals zurück.

„Saladin muss sein Heer über die großen Wasserstellen führen. Das verschafft dir Zeit. Nutze sie!“ trieb er Balian an.

„Raymond, ich kann nicht glauben, dass du Jerusalem im Stich lässt. Die Menschen dort haben nur noch uns, die sie schützen können!“, mahnte Balian.

„Wir können sie nicht schützen!“, widersprach Tiberias. „Die Stadt ist nicht zu halten, wenn Saladin erst davor steht. Alles, was du noch tun kannst, ist Jerusalem aufzugeben. Geh, so lange noch Zeit ist!“

Damit gab er seinem Ross die Sporen und ritt in Richtung Tiberias davon, um seine Gemahlin zu holen und seinen Haushalt nach Zypern zu verlegen. Die meisten Männer in den Jerusalemer Röcken folgten ihm.

Balian blieb mit wenigen Männern zurück, deren Familien noch in Jerusalem waren. Er sah ihnen nach und machte keinen weiteren Versuch, Tiberias und seine Leute aufzuhalten. Aber er wollte wirklich in der Hölle schmoren, wenn er die Menschen Jerusalems einfach so im Stich ließ. Das konnte niemand von ihm verlangen …

Dann sah er den abgeschlagenen Kopf Jeans, der unter den vielen anderen am Heiligen Kreuz lag. Trotz der Gewalt, mit der man ihm das Leben genommen hatte, wirkte Jeans Gesicht ruhig und friedlich.

Bist du jetzt bei Vater und redest mit ihm?’, fragte Balian in Gedanken. ‚Friede sei mit dir, alter Freund.

Mit Tränen in den Augen winkte er den wenigen verbliebenen Männern. Hier gab es nichts mehr zu tun und zu retten. Jetzt zählten nur noch die Menschen Jerusalems, die auf seine Rückkehr warteten und sich Schutz von ihm erhofften. Er konnte sie einfach nicht enttäuschen. Mochte Tiberias seine Leute auch mitgenommen haben, Balian war auf sie nicht angewiesen. Er hatte seine eigenen Reserven …

Eilig strebte er mit der Handvoll Männer, die Tiberias nicht gefolgt waren, in Richtung Nablus. Als er den Ort erreichte, herrschte dort bereits Alarmstimmung.

„Gut, dass Ihr da seid, Mylord!“, begrüßte Almaric ihn. „Saladin ist im Anmarsch. Wir müssen …“

„… unsere Sachen packen und nach Jerusalem ziehen – und zwar sofort! Und alle!“, befahl Balian, ganz gegen seine Gewohnheit seinem Hauptmann ins Wort fallend.

„Wie bitte?“, fragte Almaric verblüfft.

„Nablus und Samaria sind zu klein, um sie gegen die Übermacht zu verteidigen“, erklärte Balian. „Nur in Jerusalem haben wir eine kleine Chance, wenn wir rechtzeitig dort sind. Viel Zeit haben wir vermutlich nicht, also sollten wir noch heute Abend weiterziehen. Sende einen Reiter nach Samaria. Wer von dort mitkommen will, komme mit. Ruf die Leute hier auf dem Platz zusammen, Almaric!“

Almaric nickte und beeilte sich, die Weisung auszuführen. Balian selbst ging in sein Haus, wies die Diener an, alle Vorräte zusammenzupacken, so viel Wasser wie möglich mitzunehmen und alles innerhalb von drei Stunden bereit zu haben. Er stand in seinen persönlichen Gemächern und war plötzlich wie gelähmt. Er war hier mit nichts angekommen, hatte alles, was er hier besaß, von seinem Vater geerbt – einschließlich der Kleidung, die er hier, in Samaria und Ibelin vorgefunden hatte. Was davon war so wichtig, dass er es später brauchen würde? Er entschied sich für einige Kleidungsstücke zum Wechseln, wenige persönliche Dinge seines Vaters, die speziell mit Nablus und Samaria verbunden waren und für einige Samen, die er vielleicht an einem anderen Ort zu neuen Pflanzen züchten konnte. Alles andere ließ er zurück, doch nicht ohne dem künftigen Besitzer eine schriftliche Empfehlung zu geben – auf Französisch und Arabisch. Dann verließ er sein Haus und wusste, dass er es nie wiedersehen würde …

Als er aus dem Haus trat, strömten die Leute bereits auf dem Platz zusammen. Aber es waren ausschließlich Christen, die kamen. Die Samariter vertrauten zwar Balian, aber nicht Jerusalem und wollten sich lieber mit dem Sarazenen arrangieren, unter deren Herrschaft sie einigermaßen unbehelligt gelebt hatten. Doch ihren christlichen Nachbarn hatten sie mitgegeben, was sie entbehren konnten.

Balian schwang sich in den Sattel. Alle sahen ihn schweigend und erwartungsvoll an.

„Wir gehen nach Jerusalem!“, rief er. „Der Weg ist weit und beschwerlich. Was immer als Transportmittel genutzt werden kann, wird genutzt. Nehmt mit, was ihr braucht, um dort leben zu können. Wie lange die Stadt gehalten werden kann, wenn Saladin kommt, weiß ich nicht, aber wir werden alles tun, um sie so lange wie möglich zu verteidigen. Dafür brauche ich jeden Mann, der fähig ist, eine Waffe zu führen und euer aller Hilfe. Das christliche Heer ist vernichtet. Es gibt nur noch uns, aber wir können dem Volk von Jerusalem helfen zu überleben. Wir haben eine Chance! Kommt!“, rief er.

„In Jerusalem sitzen wir in der Falle, Mylord!“, rief jemand von ganz hinten. „Lasst uns besser gleich an die Küste gehen!“

„Das halte ich für keine gute Idee, mein Freund“, rief Balian. „Erstens ist es an die Küste sehr viel weiter. Wir haben Frauen und Kinder dabei. Sie können es nicht in einem Zug an die Küste schaffen. Zweitens wäre Jerusalem damit nicht in geringerer Gefahr als jetzt. Aber ohne uns haben sie viel weniger Chancen, sich gegen die Sarazenen zu behaupten. Drittens kann Saladin Jerusalem nicht direkt vom Jordantal her erreichen. Er muss es umgehen, um seine Belagerungsmaschinen heranführen zu können. Wir könnten auf direktem Weg an die Küste den Sarazenen gleich in die Arme laufen. Auf freier Ebene sind wir leichte Beute für sie. Viertens wird Saladin uns für feige Hunde halten, wenn wir einfach davonlaufen. Das wäre keine gute Basis für Verhandlungen“, erklärte er.

„Wir vertrauen Euch, Mylord“, sagte Yussuf, der mit seiner Familie ebenfalls unter den Christen stand.

„Wollt ihr euch uns anschließen?“, fragte Balian verblüfft. „Ihr seid Muslime.“

Yussuf bekam einen bekümmerten Ausdruck.

„Ich habe Euch immer treu gedient, Mylord. Ich kann nicht glauben, dass Ihr nur Christen retten wollt!“, entfuhr es ihm entsetzt. Balian drehte Khaled ganz um.

„Wer zöge deine Treue in Zweifel, mein Freund?“, lächelte er verbindlich und sehr dankbar. „Ich hätte nur angenommen, dass ihr lieber unter muslimischer Herrschaft leben wollt, die ebenso ohne Zweifel im Kommen ist.“

„Mylord, Vergebung kennt nur das Christentum. Barmherzigkeit im Islam bezieht sich eher auf die Unterstützung von Armen, aber nicht auf Verzeihung gegenüber seinen Feinden. Nachdem wir Euch und vor Euch Eurem Vater gedient haben, gelten wir unter den fanatischen Mullahs als Verräter am Islam. Es würde unseren Tod bedeuten, wenn wir hier blieben“, erklärte Yussuf. Balian spürte einen Stich im Herzen, als er Yussuf so reden hörte. Er wusste, dass Jerusalem nicht dauerhaft zu halten war. Vielleicht würde Saladin die Christen gehen lassen, aber was war dann mit den Muslimen, die bei ihren christlichen Herren oder Freunden geblieben waren?

„Gebe Gott, dass Saladin euch dann am Leben lässt, wenn er Jerusalem erobert hat“, seufzte Balian.

„Ihr kämpft um Jerusalem, weil Ihr Saladin Respekt abnötigen wollt, Mylord Balian. Und genau das werden wir auch tun. Allahu akbar!“

Balian lächelte auf seine unnachahmliche Art.

As-Salam ‘alaykum“, sagte er mit einer leichten Verbeugung.

U ‘alaykum as-Salam“, erwiderte Yussuf und verbeugte sich ebenfalls leicht.

„Gilt Euer Angebot auch für uns Samariter?“, rief Aaron, der mit den meisten Samaritern eigentlich nur den christlichen Bewohnern von Samaria hatte helfen wollen, ihr ganzes Gepäck nach Nablus zum Weitertransport nach Jerusalem zu bringen. Nach Yussufs Erklärung schienen auch die samaritischen Juden nicht sicher zu sein.

„Es gilt für jeden, der mit uns kommen will und willens ist Jerusalem mit seinem Leben zu verteidigen. Ich kann Euch nicht versprechen, was geschehen wird, wenn die Stadt von Saladin erobert wird. Aber sollte ich dann noch am Leben sein und mit Saladin verhandeln können, werde ich für Euch ebenso bitten wie für Christen. Der Schutz von Wehrlosen endet für mich nicht bei der Frage, zu welchem Glauben sich ein Wehrloser bekennt.“

„Dann bitte ich Euch, noch etwas zu warten, bis auch wir unsere Sachen gepackt haben, Mylord Balian“, bat Aaron.

„Ich helfe Euch, Rais Aaron!“, rief Pierre. Georg, der mit dem Hirtenjungen in der Zeit des Exils auf Tabor Freundschaft geschlossen hatte, ritt prompt an dessen Seite.

„Ich auch!“

Kurz entschlossen folgte die ganze Truppe Ibeliner den beiden jungen Männern und den Samaritern um Samaria komplett zu räumen.

Im Morgengrauen des folgenden Tages waren die kompletten Dorfgemeinschaften mit Sack und Pack am Jakobsbrunnen in Nablus versammelt.

„Auf, nach Jerusalem!“, rief Balian und winkte den Menschen, die ihm zujubelten und sich dann mit ihm und seinen verbliebenen Männern auf den Weg nach Jerusalem zu machen. Almaric und Balian flankierten den Zug mit etwas Abstand auf der einen Seite, Pierre und Georg auf der anderen Seite, die Nachhut bildete Michel mit seinen Männern.

„Du siehst zufrieden aus, Balian“, bemerkte Almaric nach einer Weile.

„Wir haben eine Chance, Almaric. Wir haben eine Chance, sie zu retten“, erwiderte Balian. Und sein Gesichtsausdruck war ebenso zufrieden und glücklich wie an jenem Tag, als Ibelin durch den Fleiß seiner Bürger und die Kreativität seines Barons die eigene Quelle geschaffen hatte …

***

Zwischenbemerkung

Bis zur Veröffentlichung der Kinoversion des Films Königreich der Himmel hatte ich erst relativ wenige Kapitel der Spekulation fertiggestellt. Nachdem ich im Film dann die Schlacht um Jerusalem gesehen hatte, entschloss ich mich, dies nicht aufzunehmen, sondern eher im „Off“ spielen zu lassen und dafür Dinge zu erzählen, die filmisch im Hintergrund geschehen könnten. Der Kampf um Jerusalem war zu gut geworden, als dass ich dies hätte verändern wollen, was bei einer Fanfiction ja gerade den Reiz ausmacht.

Offen war nach der Kinoversion noch, was mit König Guy geschieht. Zuletzt

taucht er darin unmittelbar vor dem ersten Tagesangriff der Sarazenen nur mit Lendenschurz und Narrenmütze bekleidet auf einem Esel auf, danach weiß man in der Kinoversion nichts mehr von ihm. Der Director’s Cut, der am 23.05.2006 in den USA erschien und in Deutschland am 04.09.2006 herauskam, lieferte eine bestimmte Version, die aber vom Drehbuch etwas abwich.

Nachdem ich den DC gesehen hatte, habe ich mich gefragt, ob die Lösung, die im Drehbuch geboten wird, nicht auch zu einem anderen Zeitpunkt während der Schlacht um Jerusalem möglich gewesen wäre. Ich denke schon …

Man versetze sich in die Lage Saladins. Er hat sich ausgerechnet, dass Jerusalem ohne Armee eigentlich keinen Widerstand leisten kann – aber gefehlt; Jerusalem wehrt sich und das mit einer taktischen Raffinesse, die Saladin nicht erwartet hat. Durch Balians kreative Verwendung von Belagerungsgeräten hat er fast keine Türme mehr, seine Armee erleidet fürchterliche Verluste. Er würde doch gewiss alle Register ziehen, um sich der Stadt zu bemächtigen. Verrat war schon immer ein gutes Mittel – oder Schwächung durch Uneinigkeit …

Aber lest selbst …

Kapitel 38

Kannst du den Feind nicht besiegen, …

 

„Wer führt sie an?“

Saladins Frage zeugte von Sorge. Hatte er jemanden übersehen, der solche militärischen Fähigkeiten hatte? Der Patriarch konnte es wohl kaum sein und der Königin Sibylla traute er solche taktischen Raffinessen ebenfalls nicht zu. Auch der reine Zeitablauf von zweieinhalb Monaten, die zwischen der Schlacht von Hattin und dem Beginn der Belagerung von Jerusalem lagen*, konnte nicht ausgereicht haben, um Verstärkungen der Christen von außerhalb Palästinas heranzuführen.

„Balian von Ibelin“, erwiderte Imad. Saladin drehte sich verblüfft um. Stimmt! Den hatte er schlicht vergessen! Aber wieso war der überhaupt hier …? Und mit welchen Rittern und Soldaten konnte Ibelin noch die Verteidigung aufrechterhalten?

„Er war nicht bei Hattin?“, fragte der Sultan verwundert. Imad schüttelte den Kopf.

„Nein, er war nicht unter den Gefallenen“, erklärte er. Dass Balian nicht unter den wenigen Gefangenen gewesen war, das wusste Saladin selbst. „Und niemand ist entkommen, der als christlicher Ritter oder Soldat bei Hattin gekämpft hat.“

„Weißt du es genau?“

„Ja, ich habe ihn gesehen – auf der Mauer.“

Saladin dachte einen Moment nach.

„Warum war er nicht bei Hattin? Ich hätte Godfreys Sohn dort erwartet …“

„Warum fragt Ihr nicht den König der Ungläubigen, Beherrscher aller Gläubigen?“, schlug der Mullah vor.

Saladin nickte zustimmend und winkte einem der Posten, der auch bald mit dem gefangenen König erschien. Guy hatte seine Kleider wiederbekommen, nachdem es offensichtlich nichts genützt hatte, die Moral der Verteidiger dadurch zu schwächen, dass ihr König der Lächerlichkeit preisgegeben wurde.

„Wer hat das Kommando über die Stadt?“, fragte Saladin direkt.

„Das weiß ich nicht. Ich habe keinen Konstabler eingesetzt, bevor ich gegen Euch gezogen bin, Saladin“, erwiderte Guy.

„Was … wisst Ihr von Balian von Ibelin?“

De Lusignan war wie vom Blitz getroffen. Er erbleichte.

„Der Bastard …“, keuchte er. ‚Ich hätte es wissen müssen, dass Sibylla ihren Galan bei sich hat …’, dachte er.

„Ist das alles, was Ihr dazu zu sagen habt?“, hakte Saladin nach.

„Ja“, erklärte Guy. Ihm war wirklich nicht danach, ausgerechnet über Balian zu reden.

„Gut, das genügt mir. Ihr könnt gehen“, erwiderte Saladin und winkte den Wachen, die den König wieder fortbrachten.

Der Sultan begann eine Wanderung durch sein Zelt. Es war offensichtlich, dass dieser Mann kein Freund Balians war. Seine Reaktion allein auf den Namen war überdeutlich. Er war der König, er würde die Führung der Verteidiger beanspruchen, wenn er nach Jerusalem zurückkäme – nur hatte er nicht halb so viel taktisches Geschick wie der kluge Feldherr, der Saladins Truppen mit seiner geschickten Kampfführung so grausam dezimiert hatte.

„Imad, sende einen Boten vor die Mauern von Jerusalem. Ich schlage einen Gefangenenaustausch vor“, sagte er schließlich.

„Was?“, fragte Imad erschrocken. Saladin drehte sich zu ihm um.

„Der König von Jerusalem hat kein Geschick in der Kriegsführung. Und er hat keine Ritter mehr. Er wird den Anführer Jerusalems absetzen und selbst die Verteidigung bestimmen wollen – auch wenn er davon so viel Ahnung hat wie von der Wahrheit des Propheten“, erklärte der Sultan.

„Ihr hofft auf die Unfähigkeit Guys. Und wenn Balian sich nicht einfach absetzen lässt?“, mutmaßte Imad zweifelnd.

„Wird er sich gegen seinen König stellen? Das glaube ich nicht. Aber selbst, wenn es so sein sollte, wird es immer noch unser Vorteil sein. Wenn sie sich uneinig sind, wie sie die Stadt verteidigen wollen, haben wir bessere Möglichkeiten, die Mauern zu erreichen“, erklärte Saladin. Imad verbeugte sich leicht und eilte, um den Befehl des Sultans auszuführen.

Noch am Abend klopfte ein sarazenischer Gesandter an das verriegelte Damaskustor. Ein dort befindlicher Wächter wurde aufmerksam.

„Wer da?“, fragte er ins Dunkel.

„Ein Bote Saladins“, gab der Bote zurück.

„Was ist dein Begehr?“

„Der Beherrscher aller Gläubigen schlägt einen Gefangenenaustausch vor. Den gefangenen König Jerusalems und zehn weitere Ungläubige gegen alle bisherigen gefangenen Kämpfer der Gläubigen.“

„Warte, bis du Antwort erhältst, Sarazene!“, rief der Wächter hinunter. Er informierte Almaric, der die Wachen inspizierte. Der Hauptmann eilte zu Balian, der nach einem abendlichen Bad schlafen gehen wollte.

„Saladin schlägt einen Gefangenenaustausch vor: Guy und zehn seiner Leute gegen alle Sarazenen. Sollen wir darauf eingehen, Mylord?“

Balian dachte nicht lange nach.

„Jeder, der uns zur Seite stehen kann, ist ein Gewinn und vergrößert unsere Chancen, die Stadt halten zu können, bis Saladin zu Verhandlungen bereit ist. Wenn der König wieder hier ist, wird das die Männer vielleicht noch mehr zum Aushalten ermuntern. Wie viele Gefangene haben wir gemacht?

„Zwanzig, Mylord.“

„Bei der Überzahl der Sarazenen spielen zwanzig mehr oder weniger auf der anderen Seite keine Rolle. Wir gehen auf den Vorschlag ein“, entschied Balian. „Ich komme gleich mit dir, mein Freund.“

Er zog sich den Wappenrock über das Leinenhemd und folgte Almaric zum Damaskustor.

As-Salam ‘alaykum!“, grüßte er den Boten höflich vom Wehrgang aus.

„Den Gruß kann ich unter den jetzigen Umständen nicht erwidern, Ungläubiger“, fuhr der Bote Balian an.

„Auch wenn du als Feind vor diesem Tor stehst, so achte ich doch den Schutz des Gesandten und entbiete dir den Gruß des Friedens, Bote“, gab Balian zurück. „Berichte dem Sultan, dass ich mit dem Vorschlag einverstanden bin. Die zwanzig Sarazenen, die gestern und heute von uns gefangen genommen wurden, tauschen wir gegen den König und seine Begleiter aus. Wir werden ihnen die Waffen zurückgeben, wenn der König und seine Begleiter ebenfalls bewaffnet zurückkehren.“

„Der König wird bewaffnet sein, seine ungläubigen Gefolgsleute nicht.“

„Dann wird auch nur der ranghöchste Sarazene seine Waffen zurückerhalten“, erwiderte Balian.

„Wenn nicht alle Gläubigen bewaffnet sind, wird kein Ungläubiger frei sein.“

„Bestelle dem Sultan einen Gruß von Balian von Ibelin. Sag ihm, dass der Vorschlag für einen Gefangenenaustausch von ihm kommt und nicht von mir. Er mag es tun oder es bleiben lassen“, erwiderte Balian kühl.

„Der Sheitan hole dich, Ungläubiger“, grollte der Bote und verschwand.

„Das sind ja nette Worte“, seufzte Almaric.

„Es gibt dort eben solche Fanatiker wie auf unserer Seite, Almaric. Dummheit, Missachtung und Herabwürdigung anderer ist nicht auf die Templer beschränkt“, sagte Balian.

Es dauerte nicht lange, bis eine Abordnung der Sarazenen mit Fackeln vor dem Tor erschien. In ihrer Mitte hatten sie Guy und seine Gefolgsleute. Balian gab den Torposten ein Zeichen und die zwanzig Sarazenen, der ranghöchste von ihnen bewaffnet, gingen hinaus. Im Gegenzug kamen die gefangenen Kreuzritter durch das Tor zurück – alle bewaffnet. Balian ließ sich die Waffen der anderen Sarazenen geben und trat hinaus.

„Was willst du, Ungläubiger?“, fauchte ein Sarazene.

„Ich würde es begrüßen, wenn du deinem Feind den gleichen Respekt entgegenbrächtest, den auch ich ihm zolle. Hier sind die Waffen der freigelassenen Gefangenen. Ich gebe sie zurück, da auch unser König und alle seine Männer in Waffen waren“, sagte Balian. Als der Mann vor ihm ausspuckte, ließ Balian die Waffen achtlos fallen und kehrte wortlos nach Jerusalem zurück.

„Wollt Ihr uns nicht angemessen willkommen heißen?“, fragte Guy in dem ihm eigenen hochnäsigen Ton, als Balian das Tor schließen ließ.

„Erwartet Ihr ausgelegte Palmwedel und jubelnde Kinder?“, fragte der Konstabler kühl. „Seid froh, dass Saladin Euch und Eure Gefährten am Leben ließ“, versetzte er. „Ich habe Euch gewarnt, aber Ihr wolltet ja nicht auf mich hören.“

„Warum seid Ihr auf den Austausch eingegangen?“, erkundigte sich Guy.

„Zwanzig Sarazenen mehr oder weniger sind bei der Übermacht, die gegen uns steht, ohne Bedeutung. Ich hätte das für jeden freigelassenen Christen getan. Das ist nicht von Eurer Person abhängig.“

„Ihr sprecht mit dem König!“, knurrte Guy. „Wer hat Euch die Vollmacht gegeben, das zu tun?“

„Die Königin hat mir die Befehlsgewalt übertragen und mir Vollmacht gegeben, in ihrem Namen Entscheidungen zu treffen“, entgegnete Balian ruhig.

„Ich werde mir überlegen, ob ich Euch in dieser Stellung belasse.“

„Nachdem Ihr schon ein ganzes Heer durch Euren Unverstand verloren habt, solltet Ihr Euch gut überlegen, was Ihr tut. Aber ich will Euch gern erläutern, was ich vorhabe. Nur sollte das nicht auf offener Straße und in Hörweite von Saladins Posten geschehen.“

Guy ließ sich von Balian in den Palast begleiten. Sibylla empfing den Gemahl äußerst kühl und wies seine Umarmung zurück.

„Die Situation, die wir jetzt haben, habt Ihr heraufbeschworen. Durch den Tod von Saladins Schwester, durch Euer unüberlegtes Handeln beim Kriegszug gegen Saladin. Ich stelle fest, dass Ihr Jerusalem ohne jeden Schutz gelassen habt …“

„Ich habe viele Soldaten gesehen“, warf Guy ein.

„Ihr habt nicht Soldaten gesehen, Ihr habt Ritter gesehen, weil Balian die geniale Idee hatte, alle, die kampfeswillig und –fähig waren, zu Rittern zu schlagen. Seht mich nicht so entsetzt an, er hat das Recht, das zu tun. Im Übrigen bin ich mit seiner bisherigen Führung der Verteidigung sehr einverstanden. Er hat die Menschen hier zu heldenhaftem Verhalten gebracht, durch sein eigenes Beispiel. Wenn die Stadt bisher standgehalten hat, dann ist es ausschließlich Balian von Ibelin zu verdanken. Und wagt es nie wieder, ihn einen Bastard zu nennen, mein Gemahl“, fauchte Sibylla. Guy drehte sich zu Balian um.

„Oh, Ihr seid ein Held … Verzeihung, das wusste ich nicht“, bemerkte er mit beißendem Spott. Balian überging die Beleidigung, die in den Worten des Königs steckte.

„Nun, Ihr wolltet mir mitteilen, was Ihr zu tun gedenkt, um Saladin und seine Heidenbande abzuwehren“, setzte der König mit wiedererwachter Süffisanz hinzu.

„Jerusalem ist auf Dauer nicht zu halten, das ist klar. Alle kampffähigen Männer kämpfen bereits, Reserven gibt es nicht. Alles, was wir tun können, ist, so lange wie möglich stand zu halten, damit Saladin Bedingungen für einen Abzug stellt“, erklärte Balian.

„Ihr wollt … Jerusalem … das heilige Jerusalem also aufgeben?“, erkundigte sich Guy. Es war mehr Feststellung als Frage.

„Ja, alles andere ist unmöglich“, erwiderte Balian ruhig. Guy trat mit erhobener Nase auf ihn zu.

„Ihr seid ein Feigling, Bastard. Was könnte man anderes auch von einem Bastard erwarten?“

Balian wich nicht zurück und hielt dem Blick des Königs stand.

„Dass Ihr keine besseren Fähigkeiten aufzuweisen habt, habt Ihr mit Eurem Fehlschlag von Hattin recht eindrucksvoll unter Beweis gestellt, Mylord. Ihr hattet die Blüte des christlichen Adels und die besten Soldaten bei Euch, und Euer Heer ist durch Euer Unvermögen und Eure Dummheit vernichtet“, grollte er. „Die Leute dort unten sind erst seit zwei Tagen im Ritterstand, aber sie kämpfen wie die Löwen um jede Handbreit Boden und Mauer. Saladins Angriffsmaschinen sind zwar weitgehend zerstört, wir können sie aber nicht mehr auf Distanz halten; morgen werden sie die Mauern erreichen und stürmen. Nur die Tapferkeit und Kampfbereitschaft von viel zu wenigen Männern und halbwüchsigen Knaben kann sie für eine gewisse Zeit aufhalten; die unbedingte Tapferkeit von Männern, die verzweifelt für das Leben ihrer Familien kämpfen – nicht für irgendwelche heiligen Stätten oder für einen König, der sie um des vermeintlichen Ruhmes willen im Stich gelassen und sie Saladins Armee ausgeliefert hat. Ja, diese Männer sind erst seit zwei Tagen Ritter, aber sie kämpfen für etwas Greifbares: Für die Menschen, die sie lieben, nicht für haltlose Ideen!“, wetterte der Baron. Guy prallte zurück. Das hatte ihm noch keiner geboten.

„Irgendwann, Mylord de Lusignan, ist einer Eurer Vorfahren mal in den Adelsstand erhoben worden. Davor war er ein gemeiner Mann, wie jene dort unten auf den Mauern und in den Straßen bis vor zwei Tagen auch. Irgendwann ist auch einer meiner Vorfahren geadelt worden“, fuhr Balian fort. „Im Gegensatz zu Euch hat mein Vater aber nie vergessen, dass unsere Familie nicht schon seit der Erschaffung der Erde adlig war – und das hat er mir weitergegeben. Man ist nicht das, wozu man geboren wird, sondern das, was man aus sich macht. Und das gilt für Euch, der im Adelsstand geboren wurde, ebenso wie für die ehedem gemeinen Männer, die Jerusalem mit ihrem Leben verteidigen!“

Das saß. Guys hochnäsige Pose fiel endgültig in sich zusammen.

„Balian behält den Oberbefehl über die Verteidiger Jerusalems. Es bleibt auch bei der Vollmacht, Entscheidungen zu treffen und Verhandlungen zu führen“, entschied Sibylla. „Euch vertraue ich nicht noch einmal.“

Sie wandte sich an Balian:

„Geht und ruht Euch aus, Mylord“, sagte sie. Er verneigte sich leicht.

„Danke, meine Königin. Ich wünsche Euch und Eurem Gemahl eine gute Nacht“, erwiderte er und ging fort, auch wenn er Sibylla nur ungern mit ihrem unberechenbaren Ehemann allein ließ.

Balian hatte kaum die Tür geschlossen, als Guy seine Frau ansprach:

„Sibylla!“

Es klang herrisch wie immer.

„Es war ein Fehler, Euch zum König zu krönen“, versetzte sie kalt. „Ich bereue, dass ich es getan habe.“

„Ganz recht. Ihr habt es getan. Und der König steht über der Königin“, entgegnete er.

„Nein, mein Gemahl, das tut er nicht; denn Eure Krone ist zwingend an meine gebunden.“

„Du bist mein Weib und du wirst mir gehorchen!“, brüllte er und packte sie hart. Sibylla schrie um Hilfe.

„Schrei nur, es hört dich sowieso keiner!“, grinste er und verstärkte seinen harten Griff noch.

„BALIAN!“

Sibyllas schreckensvoller Hilferuf und der verzweifelte Schrei seines Namens ließen den Feldherrn noch ein Stockwerk tiefer auf der Stelle umkehren. Er rannte wie von den Furien gehetzt zurück in die Gemächer der Königin. Guy bekam nicht mit, dass die Tür aufgestoßen wurde, als er die rechte Hand zum Schlag erhob. Aber plötzlich steckte sie wie in einem Schraubstock fest, als eine kräftige Schmiedhand sein Handgelenk packte, ihn herumriss und eine ebenso massive Schmiedefaust ihm einen mächtigen Kinnhaken versetzte, der ihn zurückriss, dass er der Länge nach zu Boden flog und bewusstlos liegen blieb.

„Hat er Euch etwas getan, meine Königin?“, fragte Balian besorgt. Sibylla sah verblüfft und entsetzt von einem zum anderen.

„Balian? Aber … wie …?“

„Euren Hilfeschrei hätte nur ein Tauber nicht gehört. Ich habe einmal versprochen, die Hilflosen zu beschützen – und das tue ich, meine Königin“, sagte er leise. Sibylla umarmte ihn und er ließ es geschehen.

„Danke“, flüsterte sie. Er erwiderte ihre Umarmung und hielt sie einen Moment tröstend im Arm.

„Ich denke, es ist besser, wenn er sich im Kerker abkühlt, sonst tut er Euch noch Gewalt an, wenn ich nicht im Palast bin. Seid Ihr einverstanden?“, schlug er vor. Sibylla nickte nur.

Guy fand sich noch in der Nacht im Gefängnis wieder – und der Wächter ließ sich nicht erweichen, ihn freizulassen, auch nicht, als Guy ihn darauf hinwies, dass er es mit dem König persönlich zu tun hatte …

***

Kapitel 39

Um Leben und Tod

Am folgenden Tag entbrannte ein schrecklicher Kampf Mann gegen Mann auf den Mauern. Sibylla fühlte sich schuldig an der gesamten Situation, fand keinen Ausweg zwischen der bereits gebrochenen Ehe mit Guy und ihrer Liebe zu Balian, der im Moment jeden Hinweis darauf mied wie der Teufel das Weihwasser. Das furchtbare Gemetzel auf den Mauern ließ die junge Königin völlig verzweifeln. Als sie auch noch sah, dass ihr Geliebter wie ein Berserker mitten im schlimmsten Getümmel focht, war es mit ihrer Beherrschung endgültig vorbei. Wie in Trance legte sie die königlichen Gewänder ab und schlüpfte in ein einfaches, blaugraues Büßergewand. Dann setzte sie sich vor ihren Spiegel und schnitt sich die Haare Strähne für Strähne als weiteres Zeichen der Buße ab. Während sie schnitt, verschob sich ihr ebenmäßiges Gesicht in dem welligen Spiegelmetall zu dem von Lepra zerfressenen Gesicht ihres Bruders, der sie anklagend anzusehen schien. Sie sah dies als Zeichen, dass es nicht ausreichte, die Haare zu scheren und Bußkleider anzulegen. Balduin erwartete ein größeres Opfer von ihr. Sie begab sich in die Katakomben, um dort den Verwundeten zu helfen.

Während die Königin dort unerkannt die Verwundeten pflegte, bemerkte Balian, dass eine Gruppe Sarazenen einen Turm erobert hatte und die Fahne des Propheten dort aufpflanzte. Der Baron konnte diesen Zwischenerfolg nicht zulassen, wollte er die Kampfmoral der Verteidiger Jerusalems erhalten. Almaric und Michel, in deren Bereich der Turm lag, steckten zu tief im Kampfgetümmel und hatten keine Chance, den Turm noch zu erreichen. Der Feldherr entschied sich, es allein zu versuchen. Entschlossen stieg er eilig zu dem Turm hinauf, einem Toten nahm er unterwegs das Schwert ab und stürmte, in jeder Hand ein Schwert, alles vor sich niederhauend mutterseelenallein den Turm. Die Sarazenen wehrten sich tapfer, aber gegen Balian und seine Berserkerwut, verstärkt durch zwei Schwerter und harte Fußtritte, hatten sie keine Chance. Einer nach dem anderen fiel den tödlichen Hieben des Barons von Ibelin zum Opfer, doch einem von ihnen gelang es noch, Balians linkem Unterarm einen so harten Hieb mit dem Schwert zu verpassen, dass das Kettenhemd dort riss und eine klaffende Wunde zurückblieb. Balian schrie vor Schmerz auf, verlor das Beuteschwert, behielt sich aber soweit in der Gewalt, dass er das Schwert Ibelins in der rechten Hand behielt und den Kampf damit fortsetzte. Der Mann, der ihn verwundet hatte, hatte nicht lange etwas von seinem Triumph, als ein wuchtiger Hieb mit dem Schwert Ibelins sein Leben beendete. Trotz der schmerzhaften Verwundung gelang es Balian, den Turm zurückzuerobern. Er ließ sein Schwert fallen, riss die Fahne aus der Verankerung und schleuderte sie mit einem wütenden Fauchen wie einen Speer weit von der Mauer fort.

Saladin sah Balians Tun und nickte anerkennend. Der Mann war ein Löwe! Nicht nur, dass er sich entweder gegenüber dem freigelassenen König in seiner taktischen Handlungsweise durchgesetzt hatte oder den König anderweitig kaltgestellt hatte; er war seinen Männern ein leuchtendes Vorbild an Mut und Entschlossenheit und damit riss er sie mit. Der Alleingang an diesem Turm war an Verwegenheit kaum noch zu überbieten.

Balian fand seinerseits den Sultan und sah trotzig zu ihm hinüber. Fast im selben Moment spürte er den Schmerz in seinem linken Arm, den er bis jetzt fast völlig ignoriert hatte. Unwillkürlich griff seine Rechte nach dem schmerzenden linken Unterarm und zog ihn entlastend an den Körper. Dann hob er die Rechte wieder hoch.

„Los!“, befahl er. Die Schützen an den Riesenarmbrüsten reagierten augenblicklich, feuerten ihre gewaltigen, mit dicken Seilen versehenen Bolzen ab, die in die letzten, verbliebenen Angriffstürme fuhren. Dann wurden die Gegengewichte am anderen Ende der Seile freigegeben – und die getroffenen Türme wurden mit Mann und Maus umgerissen. Saladin war geschockt, aber ebenso angetan von der raffinierten Kreativität dieses jungen Feldherrn, der seine Waffen geradezu genial nutzte.

‚Warum nur müssen wir Feinde sein?‘, fragte sich der Sarazenenherrscher. Er gestand sich ein, dass er diesen Mann gern zum Freund gehabt hätte. Sein Blick kreuzte den Imads, und der Sultan spürte, dass sein Schüler ebenso von widersprüchlichen Gefühlen übermannt wurde wie er selbst. Beide wünschten sich einen Sieg ihrer Truppen, aber beide wollten sie diesen Mann nicht besiegt wissen – und schon gar nicht in Ketten und gedemütigt. Es musste doch eine andere Lösung geben …

Die Nacht senkte sich, auf beiden Seiten wurden die Toten und Verwundeten zusammengetragen.

In Jerusalem fand Balian endlich Zeit, die tiefe Wunde in seinem linken Unterarm behandeln zu lassen. Erschöpft und müde kam er in die Katakomben von Jerusalem. Sibylla saß immer noch im Büßerkleid in den Katakomben und half, die Verwundeten zu versorgen. Sie wollte so nicht von ihrem Geliebten gesehen werden und wandte sich ab, als er an ihrem Tisch vorüberging. François, der Totengräber aus Saint-Martin-sur-Eure, der Godfrey gefolgt und in den Dienst Ibelins getreten war, wurde gerade von ihr behandelt, als er bemerkte, dass sie sich demonstrativ abwandte und erst mit dem Verband bei seiner Wunde fortfuhr, als Balian vorüber war.

François hatte in den Tagen, seit er hier war, mitbekommen, dass es kaum ein weibliches Wesen in Jerusalem gab, das dem selbst in völlig verdrecktem, abgerissenem Zustand immer noch gut aussehenden Balian nicht mit schmachtendem Blick nachsah. Konnte es wirklich sein, dass es eine Frau in Jerusalem gab, die nicht so dachte? Aber als sie sich ihm wieder zuwandte, sah er etwas anderes in ihrem Blick: Die pure Verzweiflung, dass dieser Mann, der mit jeder Faser seines Daseins für die Menschen Jerusalems stritt, verwundet war. Sie renkte sich förmlich den Hals aus, um zu sehen, was mit ihm genau geschehen war, aber sie konnte nur entdecken, dass der Medicus den linken Arm behandelte – und dass ihr Liebster selbst wegsah. François spürte, dass die Frau, die vor ihm saß, von der Verwundung des Heerführers tief getroffen war. So sahen Verliebte aus … Der ehemalige Totengräber wies sie mit Blicken und Gesten geradezu auf Balian hin, aber sie wich aus. Schließlich erhob er sich, als sie ihn fertig verbunden hatte. Der Umstand, dass an ihrem Tisch viele weitere Verwundete Schlange standen, hinderte sie daran, Balian sofort zu folgen, als er die Katakomben wieder verließ.

Später schlich sie zu seinem Haus, um sich zu überzeugen, dass es ihm gut ging. Er schlief erschöpft und hörte nicht, dass die Königin in sein Schlafgemach schlüpfte. Lange sah sie ihn im matten Sternenlicht an, das durch ein Fenster auf sein verschwitztes, schmutzverklebtes Gesicht fiel. Offenbar war er selbst zum Waschen viel zu müde gewesen.

„Verzeih mir, was ich dir angetan habe, Liebster“, flüsterte sie und küsste ihn sanft auf die Stirn, dann bedachte sie seinen verwundeten Arm mit einem liebevollen Streicheln und einem zärtlichen Kuss. Schließlich stand sie auf, holte leise Wasser und ein sauberes Tuch und begann, ihn zu waschen. Er schreckte hoch, als das nasse Tuch sein Gesicht berührte.

„Was? Wer seid Ihr?“, keuchte er.

„Eine Sünderin“, flüsterte sie so leise, dass er ihre Stimme nicht erkannte. „Ich tue Buße, indem ich dem tapferen Verteidiger Jerusalems einen niederen Dienst erweise“, wisperte sie und reinigte dabei mit sanften Bewegungen sein Gesicht. Er spürte, wie viel liebevolle Besorgnis in dem Tun der Frau lag, die an seinem Bett saß – und er spürte aufkommendes Begehren … Nein, das konnte er nicht tun …

„Das ist unnötig, Frau“, wehrte er ab und hielt vorsichtig ihre Hand fest. „Außerdem … weckt Euer Tun sündige Gedanken bei mir. Bitte, lasst es.“

„Wird Jerusalem fallen, Mylord?“, fragte sie besorgt. Er gab ihre Hand frei und ließ sich in die Kissen zurücksinken.

„Keine Buße kann das verhindern“, erwiderte er leise. „Und falls Ihr meint, Euren Körper opfern zu müssen, sage ich Euch, dass Gott solche Opfer nicht will. Geht heim und schlaft, wohin Ihr gehört.“

„Gibt die Zuwendung einer Frau einem Mann nicht Kraft, Mylord?“, flüsterte sie verführerisch und liebkoste mit dem kühlen Tuch seine breite Brust.

„Würde ich tun, was Ihr mir gerade durch die Blume anbietet, beleidigte ich die Frau, die mich liebt und verriete ihre Liebe. Tut das nicht, führt mich nicht in diese Versuchung“, bat er. „Bitte, geht heim.“

„Ich habe kein Heim, in dem ich willkommen wäre. Der Mann, den ich liebe, ist nicht mein Gemahl und mein Gemahl hat schon versucht, mir Gewalt anzutun. Bitte, Mylord, beschützt mich“, flehte sie flüsternd.

„Wenn Ihr hier bleibt, bin ich nicht sicher, dass ich Euren Verführungskünsten widerstehen könnte. Auch wenn ich nicht verheiratet bin, so bin ich doch vergeben und werde die Frau, der mein Herz gehört, nicht um einer Nacht willen betrügen“, erwiderte er und wehrte erneut ihre Versuche ab, ihn zu reinigen.

„Wer ist für Euch so bedeutend, dass Ihr sie so verehrt, obwohl sie nicht bei Euch ist? Ist sie Euch vielleicht nicht treu?“, lockte sie weiter. Er richtete sich auf und schob sie von sich.

„Es geht Euch nichts an, wer die Frau ist, mit der ich gern mein Leben teilen würde; und die Gründe, weshalb sie nicht bei mir ist, haben Euch ebenfalls nicht zu interessieren. Ich bin ihr jedenfalls treu“, versetzte er scharf. „Wenn Ihr des Schutzes gegen Euren Ehemann bedürft, bringe ich Euch gern zum Johanniterhospital. Es ist sicher vor den Kriegsmaschinen der Sarazenen.“

„Werdet Ihr die Frau Eures Herzens wiedersehen?“, fragte sie. Sie spürte, wie Tränen in ihren Augen hochstiegen.

„Das weiß Gott allein“, seufzte er. „Aber sollte es mein Schicksal sein, diesen Kampf um Jerusalem nicht zu überleben, möchte ich nicht auch noch für Untreue gegen sie gerichtet werden. Und dann würde ich gern noch etwas schlafen“, versetzte er. „Der neue Tag wird nicht einfach sein.“

„Werden die Sarazenen die Mauern durchbrechen?“

„Ja“, sagte er, stand auf, nahm Feuerstein und Zunder, schlug Licht und entzündete eine Kerze. Dann zog er sich Hemd und Hose an und drehte sich zu seiner geheimnisvollen Besucherin um. Zu seinem blanken Schrecken erkannte er Sibylla – kurzgeschoren und im Büßergewand.

„Sibylla!?“, fragte er verblüfft. Sie schlug die Augen nieder, konnte ihn nicht ansehen.

„Warum vertraust du mir nicht?“, fragte er voller Enttäuschung.

„Bitte, vergib mir“, flüsterte sie tränenerstickt. „Es tut mir Leid.“

„Welchen Anlass habe ich dir gegeben, mir nicht zu vertrauen, dass du so tust, als wärst du eine Andere? Bitte, sag es mir.“

„Keinen, Balian. Niemand verdient mehr Vertrauen als du. Ich… ich bin so durcheinander …“, hauchte sie. Er bemerkte, dass sie am ganzen Leib zitterte. Sie schien ihm noch schmaler als sonst, sie war offensichtlich völlig verängstigt. Durch das kurzgeschorene Haar wirkten ihre Augen noch größer und flehender als er sie kannte. Vor ihm stand nicht die stolze, herrische Königin Jerusalems, vor ihm stand ein gebeugtes Häufchen Elend. Der Anblick der verängstigten Frau im Büßergewand ließ seinen Groll verfliegen.

„Du hast wieder kaum geschlafen, oder?“, fragte er und nahm sie sanft in die Arme. Sie schüttelte schweigend den Kopf und schmiegte sich schutzsuchend an ihn.

„Komm, Liebste, ruh’ dich bei mir aus“, bot er leise an und streichelte sie beruhigend.

„Was … was ist mit deinem Arm?“

„Er ist behandelt. Ist alles gut, mein Liebling“, beruhigte er flüsternd die weinende Königin und zog sie nahe an sich. Sie schämte sich für das unwürdige Spiel, das sie mit ihm getrieben hatte. Es war falsch gewesen, ihn glauben zu lassen, eine Fremde wolle ihn verführen.

„Kannst du mir verzeihen, Balian?“, fragte sie und sah scheu zu ihm hoch. Er nickte schweigend und küsste sie – lange und zärtlich. Es war einfach zu schön, sie wieder in den Armen zu halten, zu spüren, dass sie ihn begehrte. Ihre Hände schlüpften unter sein lose über der Hose hängendes Hemd und gingen auf eine verführerische Wanderschaft, gegen die er sich jetzt nicht mehr wehren wollte. Der Gedanke, sich von ihr pflegen zu lassen und sie dann zärtlich zu lieben, ließ die Anspannung und die Erschöpfung dieses schlimmen Tages langsam vergehen.

„Ich glaube, du hattest mir etwas angeboten …“, flüsterte er dann und zog sein Hemd wieder aus. Sie fand ihr Lächeln wieder und tat, was sie tun wollte: ihren Geliebten waschen, um dann wieder mit ihm eins zu werden …

Als der Mond aufging und durch das Fenster in das Schlafgemach im Haus Ibelin fiel, liebten sich zwei junge Menschen voller Hingabe und Glück.

Sibylla erwachte am folgenden Morgen erst, als Balian schon fort war. Verstört trat sie auf die Arkaden hinaus. Sein Haus lag zwar mitten in Jerusalem, aber von der Anhöhe, auf der es gebaut war, konnte sie bis zu einer Bresche in der Mauer sehen. Sie war dort, wo vorher das zugemauerte Christophorustor gewesen war. An sich bestand die Stadtmauer aus zwei hintereinander errichteten Steinwänden, deren Zwischenraum schließlich mit Sand und Bauschutt aufgefüllt worden war. Solche Mauern konnten durch Steingeschosse nicht durchbrochen werden, weil sie durch den weichen Inhalt gleichsam federnd gelagert waren. Das Christophorustor jedoch war nur einfach zugemauert worden. Eine Federung wie in der übrigen Stadtmauer fehlte deshalb – und das hatte den Durchbruch durch massiven Steinbeschuss ermöglicht. Balian hatte die Schwachstelle der Mauer ebenso wie Raschid, Saladins Festungsbaumeister, erkannt und dort alle verfügbaren Männer konzentriert. Jetzt rangen Christen und Muslime mit unerbittlicher Härte um den relativ schmalen Durchbruch. Es war ein entsetzliches Gemetzel – und Balian steckte mittendrin.

Gegen Mittag fischte Almaric seinen jungen Heerführer aus dem Getümmel. Er wollte sich wehren, aber der Hauptmann blieb hart.

„Wenn Ihr fallt, fällt Jerusalem!“, fuhr er ihn an. „Erkennt das endlich, Mylord!“

„Ich bin unwichtig“, widersprach Balian und wollte wieder zurück, aber Almaric hielt ihn fest.

„Seid Ihr das? Kommt, Mylord“, beharrte er und nutzte seine überlegene Größe, um Balian von der Bresche fortzuziehen.

„Es tut mir Leid, dass ich dir jetzt den Kopf gerade rücken muss, aber es muss sein: Du bist Jerusalem!“

„Ich bin kein König, der das von sich behaupten könnte, ich bin nur …“

„Nein!“, schnauzte Almaric. „Du bist die Seele dieser Männer, Balian! Ohne dich sind sie hilflos.“

„Ist das so?“, fragte Balian mit schiefem Lächeln und legte Almaric begütigend eine Hand auf den Arm. „Wenn ich die Seele dieser Männer bin, dann deshalb weil ich Seite an Seite mit ihnen kämpfe und mich eben nicht nach hinten verziehe. Nein, Almaric, sie würden Jerusalem nicht so verzweifelt verteidigen, säße ich hübsch in meinem Davidsturm“, sagte er dann. Almaric senkte den Kopf. Sein Herr hatte Recht.

„Verzeiht, Mylord.“

„Es ist gut, Almaric. Es gibt nichts zu verzeihen“, lächelte Balian.

„Dann mach’ aber bitte wenigstens eine Pause“, flehte Almaric ihn an. Balian nickte.

„Wenn wir genügend Leute heranschaffen können, die die jetzigen Kämpfer an der Bresche ablösen können, ja“, sagte er.

„Es … sind noch welche im Kerker. Sollen sie freigelassen werden?“

„Jeder, der eine Waffe führen kann und willens ist, für Jerusalem zu kämpfen, mein Freund“, erwiderte Balian.

„Ja, Mylord“, bestätigte Almaric und senkte ergeben den Kopf. Balian hielt ihn auf, als er gehen wollte.

„Almaric – bitte, auch du bist ein Ritter Jerusalems. Ich erinnere dich an deine eigenen Worte: Beuge dich nie vor einem Gleichgestellten“, lächelte der junge Baron verbindlich und hielt Almaric die Hand hin.

„Das … das war … kein …“, stotterte Almaric.

„Nein, das war kein Scherz“, erwiderte der Feldherr. Almaric zögerte noch kurz, dann ergriff er die Rechte, die sich ihm einladend entgegenstreckte und drückte sie kräftig.

„Hol aus dem Gefängnis, wer willens und bereit ist“, sagte Balian. Almaric nickte, und Balian stürzte sich von neuem ins Kampfgewühl.

Wenig später trafen etwa fünfzig frische, gut bewaffnete Männer an der Bresche ein, ebenso viele der im Kampf stehenden Christen konnten einstweilen abgezogen werden, um sich zu erholen.

„Iss, trink, ruh dich eine Weile aus“, empfahl Almaric, dem nicht entging, dass Balian wirklich erschöpft war. Er nickte müde und stolperte in Begleitung der ebenso müden und erschöpften Ritter Pierre und Georg in den Innenhof seines Hauses, wo sie sich gegenseitig aus den Rüstungen halfen. In völlig durchgeschwitzten Leinenhemden, die lose über die einfachen Hosen hingen, ließen sie sich unter den schattigen Arkaden nieder.

Sie saßen kaum, als Sibylla in den Hof kam und ihnen mit einem traurigen Lächeln Speise und Trank brachte. In ihrem Büßergewand und mit den kurzgeschorenen Haaren erkannten die Begleiter des Hausherrn sie nicht als die Königin Jerusalems. Balian erwiderte ihr Lächeln voller Liebe und Dankbarkeit, als sie die klaffende Wunde in seiner linken Wange sah, die vom Jochbein bis knapp zwei Finger breit in den Bart reichte und ihr Lächeln Bestürzung wich.

„Bleib bitte hier, bis ich die Wunde behandelt habe“, bat sie und verschwand eilig im Haus.

„Ihr habt eine schöne Frau, Mylord“, sagte Pierre voller Bewunderung.

„Sie … ist nicht meine Frau, Pierre – leider. Und nenn mich nicht Mylord. Du bist ein Ritter Jerusalems, mein Freund.“

Pierre nickte.

„Ist sie Eu… deine Dienerin?“, fragte der Junge weiter. Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist sie nicht.“

Sie kehrte zurück, wusch die Wunde vorsichtig mit sauberem Wasser aus und trug dann eine heilende Salbe auf.

„Bleib hier und ruh’ dich eine Weile aus, Balian“, bat sie. Er nahm sie sanft an der Hand.

„Ich kann nicht lange bleiben. Es waren gerade fünfzig Männer, die ersetzt werden konnten. Wir müssen bald zurück“, sagte er leise.

„Es ist schon Nachmittag. Ihr drei seid seit Sonnenaufgang dort“, erinnerte sie liebevoll. Er schüttelte lächelnd den Kopf.

„Almaric behauptet, ich sei die Seele unserer Ritter. Ich kann nicht lange bleiben.“

Sie strich ihm zärtlich durch das verschwitzte Haar und zog seinen Kopf an ihren Leib.

„Ich will dich nicht verlieren, Balian.“

Er schloss erschöpft die Augen und lehnte sich eine Weile an sie an. Pierre und Georg hatte er schon fast vergessen, doch wandten die beiden jungen Ritter sich diskret ab, um die zärtliche Vertrautheit ihres Heerführers mit der Frau, die ihn so offensichtlich liebte, nicht zu stören.

„Hörst du es?“, fragte sie flüsternd und streichelte ihn verliebt. Balian lauschte – und bekam einen Heidenschreck. Entsetzt sah er zu ihr auf. Er hatte ganz deutlich zwei schlagende Herzen gehört!

„Sibylla …!“, keuchte er. Sie beugte sich lächelnd zu ihm und küsste ihn.

„Ja, es ist unser Kind“, flüsterte sie.

„Hier steckst du also, du verdammte Hure! Bei dem Bastard!“, fluchte eine herrische Stimme vom Tor und störte den zarten Augenblick. Vier Augenpaare zuckten erschrocken zum Tor und sahen dort einen zornroten Guy de Lusignan stehen. Er war mit den anderen Kerkerinsassen zur Verteidigung Jerusalems entlassen worden, hatte aber nur sein Schwert aus der Rüstkammer geholt, um seine angekratzte Ehre zu rächen. So trug er zwar nur Leinenzeug, aber er war bewaffnet und hatte das Schwert blank in beiden Händen.

„Ich werde dich lehren, was es heißt, die Ehe zu brechen!“ brüllte er und stürmte mit hocherhobenem Schwert in den Hof.

„Bringt die Königin in Sicherheit!“, befahl Balian scharf und sprang auf, sein Schwert im letzten Moment in die Falkenwacht hebend.

Pierre und Georg zogen Sibylla in Deckung, als die Klingen Balians und Guys aufeinander trafen. Guy – ausgeruht und satt – wähnte sich gegenüber dem vom Kampf gezeichneten und verwundeten Balian im Vorteil.

„Ich werde dich der Länge nach aufschlitzen, Bastard – und deine Hure zerlege ich gleich danach. Guy de Lusignan hintergeht man nicht ungestraft!“, fauchte der König und attackierte den Konstabler heftig. Doch der wich geschickt aus und ließ de Lusignan immer wieder die leere Luft treffen. Georg wollte seinem Feldherrn zu Hilfe kommen, doch Balian hob abwehrend die linke Hand, während er mit der schwertführenden Rechten einen Hieb de Lusignans parierte.

„Das betrifft nur Guy und mich! Beschütze die Königin!“, rief er.

„Ja, Mylord!“, bestätigte der ehemalige Templer den Befehl.

Balian wich langsam zurück. Seine Wunden schmerzten, und er hatte nicht wirklich die Kraft, dem gehörnten Ehemann etwas entgegenzusetzen. Guy lachte höhnisch, als er spürte, dass er die Oberhand gewinnen konnte.

„Der vollkommene Ritter!“, höhnte er. „Wie kann man nur so dumm sein, diesem närrischen Eid zu folgen? Und du hast es auch noch tatsächlich geglaubt …“, kicherte er boshaft. „Auseinandernehmen werde ich dich, die Ehebrecherin werde ich an ihren Eingeweiden aufhängen und euren Bastard in Stücke reißen“, kündigte er an. Balian wich wortlos weiter zurück, eher hinhaltend die Hiebe seines Gegners abwehrend, Guy folgte ihm siegessicher. Immer fürchterlichere Szenarien spie er aus.

„Du wirst mir die Füße küssen, Bastard!“, schwor er und holte zum vermeintlich tödlichen Hieb aus, doch Balian schlug mit fürchterlicher Wucht mit der linken Faust zu, traf Guy mitten im Gesicht, dass ihm die Nase brach und er vor Schmerz zu Boden ging. Schwankend, aber mit hocherhobenem Schwert stand Balian vor ihm. Blut lief ihm über das Gesicht und aus der Wunde am linken Unterarm, die wieder aufgerissen war.

„Zwing mich nicht, dich zu töten, Guy!“, keuchte er. „Wäre es nach Balduin und Tiberias gegangen, wärst du längst tot. Du lebst nur, weil ich mich geweigert habe, dich zu töten. Gib Sibylla frei. Du liebst sie nicht, und das Königreich Jerusalem hat keine Zukunft. Die Krone nützt dir nichts mehr.“

„Ich bin der König von Jerusalem!“, jaulte Guy und rappelte sich mühsam auf.