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SOL 3 = Erde – Teil 1 – Aufnahme oder Zerstörung – das ist hier die Frage – online

Updated: 20. Februar 2019

Titelbild eingefügt

 

 

Ab 12 Jahre

 

Prolog

 

In einem abgedunkelten Raum auf einem Planeten mit Namen Megara, der friedlich seine Kreise um seine Sonne zog, deutete ein grünhäutiger, für sein Volk sehr großer Mann auf ein Hologramm, das einen blauen Planeten mit schäumenden Wolkenmeeren zeigte. Nur wenig, vielleicht dreißig Prozent der Oberfläche war mit festen Bestandteilen bedeckt. Zu erkennen waren vier große Landmassen und zahlreiche Inseln unterschiedlicher Größe. Ansonsten bestand die Oberfläche des Planeten aus blau schimmernder Flüssigkeit.

„Auf diesem Planeten, den wir SOL 3 nennen, gibt es rund einhundertfünfzig souveräne Staaten, die in drei große, einander feindlich gesinnte Bündnissysteme aufgeteilt sind. Etwa vier Milliarden intelligenzbegabter Geschöpfe humanoider Prägung und eine nicht näher bekannte Anzahl nicht intelligenter Lebewesen niederer Entwicklungsstufe bevölkern diese Welt. In unseren Dateien werden die intelligenten Lebewesen dieses Planeten als grundsätzlich feindlich eingestuft und gelten als vernichtungswürdig. Auf unserer letzten Expedition in das System haben wir einige Exemplare der unterschiedlichen Ausprägungen dieser Rasse eingesammelt und genau untersucht. Wir haben festgestellt, dass sie im Prinzip ängstliche Wesen sind, wenn sie einer fremden Macht allein gegenüberstehen. Erst in der Herde – wenn ich das so ausdrücken darf – werden sie mutig, sind dann aber leicht beeinflussbar. Ich glaube, dass wir diese Wesen für die Föderation der Galaxien gewinnen können. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass aus hundertfünfzig Einzelstaaten eine Einheit mit einer einzigen Regierung wird; so, wie das auch auf allen anderen Mitgliedsplaneten der Föderation üblich ist. Unmöglich ist es nicht, wie gerade Megara beweist. Ich glaube zudem, dass die Hinzunahme des Systems, in dem dieser Planet liegt, ein großer Gewinn für die Föderation als solche wäre. Das SOL-System liegt an einer Schlüsselposition zu den dahinter gelegenen Raumsektoren, die der Föderation bisher verschlossen waren, weil wir die Bewohner des SOL 3 vielleicht mehr gefürchtet haben, als wir zugeben möchten. Wie meine Mitabgeordneten wissen, gab es auf SOL 4 zwar einen Stützpunkt der Raummarine, der aber aufgegeben wurde, als die Bewohner von SOL 3 Raumsonden nach SOL 4 schickten. Der Stützpunkt ist bislang unentdeckt geblieben, weil die Raumfahrt der Bewohner von SOL 3 in bemannter Form zurzeit noch auf SOL 3 und seinen Mond beschränkt ist – aber das muss nicht so bleiben. Sollten diese Wesen eines Tages über ihre bislang sehr begrenzte Raumfahrt hinauskommen und besitzergreifende Ausflüge auch in den entfernten Raum machen, kann das für die Föderation gefährlich werden. Wir sollten einer möglichen Konfrontation vorbeugen und deshalb versuchen, dieses Volk für die Föderation zu gewinnen und die Feindlichkeitseinstufung aus der Zugriffsdatei der Raumflotte streichen.“

Der Redner setzte sich auf seinen Platz und berührte einen Schalter. Das Hologramm verschwand in einem kegelförmigen Projektor in der Mitte des Raumes. Gleichzeitig ging die Beleuchtung wieder an und zeigte einen halbrunden Saal mit etwa vierhundert Plätzen, auf denen die Vertreter der Planeten saßen. Ein anderer Redner stand auf. Genau wie sein Vorredner war er von grüner Hautfarbe und hatte den gleichen Körperbau. Bei einem Vergleich mit den anderen im Saal sitzenden Abgeordneten wurde schnell klar, dass beide derselben galaktischen Rasse angehörten.

„Kwiri Swin, du verlangst zu viel Verständnis für diese närrischen Lebewesen. Sie werden nie vollwertige Mitglieder der Föderation werden. Dazu reicht ihre Intelligenz einfach nicht aus. Wir beobachten sie seit langer Zeit. Ich gestehe ein, dass es eine Art Weltregierung gibt, aber die hat nicht die Macht und den Einfluss, den die Regierung der Galaktischen Föderation hat und den sie von den Regierungen auf ihren Mitgliedsplaneten erwartet“, sagte der zweite Redner.

„Im Moment hat sie das nicht; das bestreite ich auch nicht“, erwiderte Swin. „Aber bevor wir einen Planeten mit vier oder noch mehr Milliarden intelligenter Lebewesen auslöschen, sollten wir versuchen, ihnen die Notwendigkeit der Einigung und des Beitritts zur Föderation zu verdeutlichen. Wenn das fehlschlägt, können wir deinem Plan, diesen Planeten aus dem All zu schießen, folgen, Kilma Gribor – aber nicht eher!“

„Diesen Wesen auch noch zu sagen, was wir mit ihnen vorhaben, wenn sie sich uns denn nicht anschließen wollen, verdirbt das Überraschungsmoment, Kwiri! Sieh es ein: Diese Wesen sind dumm und überflüssig. Wir brauchen sie nicht – aber sie sind uns im Weg!“

„Bravo, Kilma, endlich zeigst du dein wahres Gesicht!“, rief Swin mit einer gewissen Erbitterung. „Du hast nicht einmal vor, ihnen auch nur die geringste Chance zu geben, sich uns anzuschließen. Du willst sie zu Planetenstaub zerblasen, obwohl sie uns definitiv nichts getan haben oder sich irgendwo in unsere Angelegenheiten gemischt haben. Du hast doch nur Angst vor diesen Wesen! Du hast schlicht Angst um den vorgeschobenen Posten auf SOL 4, den du recht überstürzt aufgegeben hast, als dir eine unbedeutende Raumsonde irgendwo – kilometerweit von den äußersten Vorposten auf diesem lausig kalten Wüstenplaneten – auffiel, die dich und deine Sechste Flotte nicht einmal bemerkt hat! Oder willst du in Wahrheit eine Basis auf diesem Planeten, weil er sehr viel wirtlicher ist als dein bisheriger Stützpunkt? Du weißt genau, dass man dich dort nicht dulden würde, weil die Leute dort Besuch aus dem All nicht schätzen. Also willst du sie beiseiteschaffen, damit sie dich nicht belästigen können!“, wetterte Swin erbost.

Der greise Ratspräsident, gleichfalls von der Rasse wie Gribor und Swin, hob die knochige, siebenfingrige Hand und gebot den Streithähnen Einhalt.

„Es reicht jetzt! Ihr streitet euch schon seit fünf Galaxo-Monaten darum, was mit SOL 3 geschehen soll. Es ist jetzt an der Zeit, zu einer Entscheidung im Rat zu kommen“, beendete er die Diskussion. Dann rief er die Vertreter der einzelnen Mitgliedsplaneten auf, ihre Stimme für die vorgetragenen Pläne Swins oder Gribors abzugeben. Die Abstimmung ergab eine knappe Mehrheit für den Plan Kwiri Swins, SOL 3 in die Galaktische Föderation einzugliedern. Auf Antrag der Abgeordneten von Canela und Sarona wurde Swin allerdings nur ein Zeitraum von einer zehntel Galaktischen Jahreseinheit für die Durchführung seines Planes zugestanden. Sollte Swin bis dahin keinen Erfolg mit der Aufnahme haben, würde Gribors Vernichtungsplan wirksam.

„Bittet den Gott des Alls, dass ihr nie auf meine Fürsprache im Rat angewiesen seid!“, zischte Kwiri im Hinausgehen den canelischen und saronischen Vertretern zu.

Kapitel 1

Harte Landung

 

Fern von diesem Raum auf Megara, auf jenem gewissen Planeten SOL 3 – nämlich der Erde – lebte weit abgeschieden in einem uralten Haus ein junger Mann, der seinen Nachbarn ein wenig wunderlich erschien. Sein Name war Thomas Hansen, von Beruf gelernter Versicherungskaufmann, von Hobby UFOist. Schon in frühen Kindertagen hatten Zukunftsgeschichten und Berichte über unbekannte Flugobjekte – UFOs – Hansens Leidenschaft nahezu restlos gefesselt. An dieser Leidenschaft war denn auch eine kurze Ehe zerbrochen. Er war ein Einzelgänger, der den Menschen vor allem dann aus dem Weg ging, wenn er spürte, dass sie glaubten, der Planet Erde sei der einzige bewohnte Himmelskörper in Gottes weitem Weltenraum. Thomas Hansen war neunundzwanzig Jahre alt, 1,80 Meter groß, einem Bürojob zum Trotz schlank, hatte kurzes, dunkles, leicht gelocktes Haar und kluge, braune Augen. Wenn er lächelte, bildeten sich um die Mundwinkel dekorative Grübchen. Der junge Mann war dem UFO-Fieber seit wenigstens dreiundzwanzig Jahren verfallen. Nachts saß er meist an seinem Fernrohr, beobachtete den sternenübersäten Himmel, der sich in der Abgeschiedenheit der Heide besonders gut zeigte, weil die Lichtverschmutzung der Stadt Hamburg weit genug entfernt war, um die Beobachtungen am Himmel nicht zu stören. Wenn der Himmel bedeckt war – was in Norddeutschland nun einmal häufig vorkommt – wertete er tagsüber Berichte über UFO-Sichtungen wissenschaftlich aus.

In letzter Zeit hatten sich die Nachrichten über Beobachtungen von unbekannten Flugkörpern in ganz Norddeutschland gehäuft. Jede größere Zeitung berichtete darüber, aber so richtig ernst nahm diese Beobachtungen niemand – bis auf Thomas, der sich seinem Ziel, einmal Außerirdischen zu begegnen, ein wenig näher wähnte. Auf jeden Fall waren die Meldungen Grund genug für Hansen, sich noch genauer mit den Sternen und ihren möglichen Bewohnern zu befassen.

So saß er eines Nachts im Mai 1989 wieder an seinem Fernrohr und fand in der Nähe des Jupiter eine Massenverschiebung, die ihm einen kalten Schauer über den Rücken und Tränen in die Augen trieb: Das konnte nur eine massierte Ansammlung von Raumschiffen sein! Seine Beobachtungen der letzten Tage hatten eine Wanderung von unbekannter Masse von Uranus in Richtung Jupiter ergeben. Thomas stand auf und ging zum Telefon. Was er dort entdeckt hatte, wollte er von der Sternwarte Bergedorf bestätigt haben. Bei der Hamburger Sternwarte in Bergedorf und im Planetarium im Hamburger Stadtpark war Thomas Hansen bekannt. Zwar lächelten die Professoren und Berufsastronomen über seine fixe Idee mit den UFOs, aber seine Arbeit in Sachen Astronomie und Meteorologie war geschätzt. Diese Arbeit und seine freie Tätigkeit für ein populärwissenschaftliches Magazin, das in Hamburg herausgegeben wurde, hatten ihm genügend Geld beschert, so dass er sich seinen Studien über unbekannte Flugobjekte recht sorglos widmen konnte. Diese Studien schlugen ihn normalerweise völlig in ihren Bann, aber was er jetzt entdeckt hatte, bedurfte denn doch der Bestätigung.

„Teichmann, Sternwarte Hamburg“, meldete sich der diensthabende Astronom.

„Hansen, Undeloh. Guten Morgen, Herr Teichmann“, antwortete Thomas. Ein deutliches Schnaufen kam aus dem Hörer.

„Ach, guten Morgen, Herr Hansen“, seufzte Teichmann.

„Ich kann Ihre Gedanken förmlich lesen, Herr Teichmann. Eine Frage nur: Haben sie die Masseverschiebung zwischen Uranus und Saturn in Richtung Jupiter bemerkt?“, kam Hansen gleich zur Sache. Teichmann schluckte hörbar.

„Ja, lieber Himmel, ich dachte, Sie wären Kaufmann!“, platzte Teichmann heraus. „Ja, wir haben die Verschiebung registriert. Wir halten es für einen neuen Hinweis auf Transpluto“, sagte er dann.

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, gab Thomas zurück. „Die Verschiebung trat sehr schnell auf. Ein Planet, der sich außerhalb der Plutobahn bewegt, wandert nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden vom Uranus zum Saturn – abgesehen davon, dass er weit außerhalb dieser Planetenbahnen zieht“, gab Thomas zu bedenken.

„Wofür Sie es halten, weiß ich, Herr Hansen. Ich halte es für Transpluto!“, entgegnete Teichmann kurz angebunden. Er war kurz vor dem Schäumen. Da nervte ihn dieser Irre nachts um halb drei mit seiner Behauptung, er habe mal wieder UFOs gesehen! Zwar hatte Hansen das nicht ausgesprochen, aber gemeint hatte er das. Teichmann kannte den Hobbyastronomen dafür gut genug. Sein Kopfschütteln wäre beinahe sichtbar gewesen.

„Besten Dank. Ich wollte auch nur wissen, ob meine Messungen richtig waren“, bedankte sich Hansen. Jetzt war er sich seiner Sache sicher; so sicher wie noch nie zuvor. „Wiederhören, Herr Teichmann“, verabschiedete er sich.

„Wiederhören!“, kam eine zitronensaure Stimme aus dem Telefon. Es machte klack und die Verbindung war beendet. Hansen wollte sich wieder auf seinen Beobachtungsplatz setzen, als ein heftiger Einschlag den Boden erzittern ließ. Thomas’ erste Reaktion war ein sorgenvoller Blick auf das alte Gebälk seines Hauses, das er mit einem Spezialkunststoff konserviert hatte. Doch zu seinem Glück krümelte es nicht einmal. Als er sich vom ersten Schreck erholt hatte, griff er auf das Bord neben dem Fernrohr, wo er eine ständig schussbereite Infrarot-Motor-Kamera stehen hatte, warf sich seine Windjacke über und lief hinaus in die Dunkelheit.

Nicht weit von dem alten Bauernhaus entfernt war ein schwaches Licht zwischen den auf der weiten Heidefläche stehenden Thujabäumen zu erkennen. Das schwache, flackernde Licht reichte aus, um Hansen etwas sehen zu lassen, das ihm fast den Atem verschlug: Ein bruchgelandetes Raumschiff, das alles andere als irdischen Ursprungs war! Die herbe Landung hatte augenscheinlich nicht in der Absicht des Piloten gelegen, der sich vor der beim Aufprall aufgesprungenen Luke die verlängerte Rückseite rieb und nicht besonders glücklich aussah. Mit scharrender Stimme rief der Außerirdische etwas in das Schiff hinein. Thomas schlich sich ganz leise bis in einen Graben, der nur wenige Meter von dem Raumschiff entfernt war, machte schnell und präzise einige Fotos von dem Flugobjekt und mit einem anderen Gerät eine Falsch-Farben-Thermo-Aufnahme.

Diesmal wird nicht mal mehr Teichmann zweifeln können!‘, durchzuckte es Hansen lächelnd. In seiner Freude, endlich das Objekt all seiner Wünsche wahrhaft vor sich zu sehen, hatte er aber vergessen, seiner Digitaluhr das Stundenpiepen zu verbieten. In dem Moment, in dem er sich für weitere Beobachtungen zurechtlegte, piepste es an seinem Handgelenk vernehmlich zur vollen Stunde. Der junge Forscher kam nicht mehr dazu, sich in Sicherheit zu bringen. Ein gleißendes Licht hüllte ihn ein, dann wurde es dunkel um ihn. Thomas spürte nicht mehr, dass er ins Heidekraut fiel – er hatte schon vorher das Bewusstsein verloren.

Kwiri ärgerte sich. Die Erdatmosphäre hatte sich als wesentlich dünner erwiesen, als die Instrumente im Raum angezeigt hatten. Die Folge war eine rabiate Landung auf einer weiten Fläche – und an einer ganz anderen Stelle, als eigentlich vorgesehen. Beim Aufprall war die Ausstiegsluke des nicht mehr ganz fabrikneuen Raumschiffs aufgesprungen und der direkt daneben sitzende Kwiri Swin war unsanft ins Freie befördert worden. Seine beiden Begleiter konnten sich ein Lachen über die unfreiwillige Komik ihres Kapitäns nicht verkneifen.

Nach dem ersten Schock und der für sie erfreulichen Feststellung, dass die Erdatmosphäre für sie atembar war, ließ eine befehlende Geste Swins die Kicherei im Schiffsinneren verstummen. Kwiri hatte etwas gehört und betätigte eine Taste auf dem Multifunktionsgerät, das er am Arm trug und aktivierte den Lebensanzeiger. Der Ausschlag war deutlich, gab aber keine Auskunft, in welcher Richtung sich die Erdbewohner befanden, wie viele es waren – und vor allem, in welcher Absicht sie um das Schiff strichen. Er rief das Messergebnis in das Schiff, zog vorsichtig die Laserpistole aus dem Halfter seiner Raumkombination und sah sich ebenso vorsichtig um. Die Dunkelheit um das Schiff war undurchdringlich, nur einige exotische Pflanzen waren in dem ungewissen Licht der unter Energieschwankungen leidenden Außenbeleuchtung erkennbar. Dann piepste es plötzlich laut und deutlich aus einem Graben neben dem Schiff. Er fuhr herum und schoss sofort. Der Lähmstrahl ließ einen – gemessen an Swins eigener Größe – riesengroßen Erdbewohner zu Boden gehen. Kwiri sah auf den Lebensanzeiger, der jetzt blinkte und damit anzeigte, dass das einzige Fremdwesen, das sich in der Nähe aufhielt, außer Gefecht gesetzt war. Aufatmend steckte er die Laserpistole ein, schlich vorsichtig zu dem Erdbewohner und überzeugte sich, dass das Wesen noch lebte. Zwar verstieß er gegen sämtliche Bestimmungen der Fremdwesen-Begegnungsverordnung der Galaktischen Föderation, aber seine Mission war friedlicher Natur, sollte dazu dienen, die Erde und ihre Wesen zu Mitgliedern in der Föderation zu machen, nicht, sie zu vernichten.

„Klim! Horka! Helft mir mal. Das Wesen ist ‘ne Nummer zu groß für mich allein!“, rief der Deneber. Zwei weitere grünhäutige Wesen entstiegen dem Beiboot. Zu dritt packten sie den langen, schweren Erdbewohner, der in recht unterschiedlich blau gefärbten Beinkleidern, brauner Jacke und hellblauem Hemd steckte, trugen ihn ins Schiff und legten ihn auf eine Metallpritsche. Er passte nicht ganz darauf. Die langen Beine baumelten herunter. Kwiri sah das Erdwesen an.

„Deneb helfe, dass das jetzt nicht zu viel ist“, murmelte er dann und betätigte einen Schalter.

Ein schmerzhafter Stromstoß brachte Thomas Hansen in die Realität zurück.

„Autsch!“, schrie er und fuhr auf, stieß sich den Kopf an einer metallenen Strebe. Verblüfft sah er sich um und bestaunte einige Sekunden lang das Innere des Raumschiffs. Dann sah er die drei grünhäutigen Wesen.

So richtige, kleine grüne Männchen. Hab’ ich jetzt richtig einen an der Waffel oder ist das echt? Hilft nur ausprobieren‘, dachte Thomas.

„He, Freunde, dass ihr mir in den Garten purzelt, ist in Ordnung – aber elektrische Stöße sind einfach unfair!“sagte Thomas, eigentlich nur, um irgendetwas zu sagen.

Die grünen Männchen, halb so groß wie er selbst, aber von humanoider Gestalt – also aufrecht gehend mit zwei Armen und zwei Beinen – redeten in einer für Thomas unverständlichen Sprache und nestelten an einem kleinen Kasten mit einer asymmetrisch geformten Öffnung, die mit einem Metallnetz abgedeckt war.

Richtig getippt. Translator! Was es nicht alles gibt!‘, durchzuckte es Thomas, als er in fehlerfreiem Hochdeutsch hörte:

„Guten Tag. Ich bin Kwiri Swin, Kapitän der Achten Interstellaren Flotte, links neben mir ist Kadett Horka Marza und rechts der Wissenschaftsrat Klim Hamor. Wir kommen vom vierten Planeten der Sonne Deneb, der Megara genannt wird. Wir sind Abgesandte der Galaktischen Föderation und sind auf die Erde gekommen, um den Regierungen der Erdstaaten klarzumachen, dass es für die Menschheit nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder ein Zusammenschluss aller Staaten der Erde unter einer Weltregierung und eine Aufnahme unter die friedlichen Völker der Galaktischen Föderation, oder die totale Vernichtung allen intelligenten Lebens auf der Erde. Wir mussten uns leider eines rabiaten Mittels bedienen, um Sie wieder aufzuwecken. Der Lähmstrahl hatte offensichtlich eine sehr viel stärkere Wirkung auf Sie, als üblich.“

Thomas sah den Sprecher eine Weile an. Irgendwie hatte er Ähnlichkeit mit einem Frosch – und verblüffende Ähnlichkeit mit Yoda, dieser Figur aus einem Science-Fiction-Film. Die Ähnlichkeit schloss zwei große Augen ein, die eine sehr dunkle Iris hatten, die dennoch von der eigentlichen Pupille gut zu unterscheiden war. Während Yodas Ohren aber nach oben spitz ausliefen, waren die Ohren der Deneber aber nach unten spitz. Klein genug für den entsprechenden Vergleich waren die Burschen auch. Nur steuerte hier augenscheinlich kein Puppenspieler seine Figuren. Die waren richtig lebendig!

„Danke für die Begrüßung. Mein Name ist Thomas Hansen, Erdbewohner und Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Herzlich willkommen auf einem Planeten, dessen Bevölkerung hartnäckig glaubt, die einzige Intelligenz in Gottes weitem Weltenraum zu sein. Verzeihen Sie, wenn ich noch etwas verwirrt bin. Ich habe Sie richtig verstanden: Sie kommen aus dem All, vermutlich nicht nur vom Mond, denn dort haben wir bislang kein Leben gefunden, Sie sind Angehörige einer Galaktischen Föderation und Sie möchten, dass die Erde diesem Club beitritt, ja?“, erkundigte sich Thomas.

„So ist es“, kam es aus dem Translator. „Was ist daran so ungewöhnlich?“

„Nun, ungewöhnlich ist es – jedenfalls für die weitaus meisten Menschen auf dieser Welt – dass es außerhalb dieses Planeten intelligentes Leben gibt und dass es uns erreichen kann. Ungewöhnlich werden die meisten Menschen auf diesem Planeten finden, dass sie sich unter einer Regierung zusammenfinden sollen. Das heißt, es gibt welche, die werden das nicht nur ungewöhnlich, sondern völlig unmöglich finden. Und noch ungewöhnlicher – und das gilt jetzt auch für mich – ist es, einen Planeten vor die Wahl zu stellen, einzutreten oder abzutreten. Das dürfte bei allen Menschen auf sehr wenig Gegenliebe stoßen“, erklärte Thomas. „Was wissen Sie von der Erde und von ihrer politischen Struktur?“, erkundigte er sich dann.

„Wir beobachten die Erde seit langer Zeit“, versetzte Klim Hamor.

„Schön. Dann haben Sie ja hoffentlich gesehen, dass jeder, der versucht, ein irdisches Einheitsreich zu gründen, daran bisher bitter gescheitert ist. Er wird als größenwahnsinnig und herrschsüchtig bezeichnet. Dann wissen Sie, dass die Völker der Erde nichts mehr hassen, als unter der Regierung eines anderen Volkes zu leben. Und Ihnen ist dann auch klar, dass das herrschende Volk alles tut, um die beherrschten Völker mit Freude zu knechten. Ihr Vorhaben wird, fürchte ich, bereits an dieser Voraussetzung scheitern“, erklärte Thomas.

„Wir wissen genug, um die Wahrheit Ihrer Worte zu kennen – und genug, um zu wissen, dass ein Weg zur Einheit innerhalb kürzester Frist notfalls erzwungen werden muss, wenn die Erde und ihre intelligenten Bewohner noch eine Zukunft haben wollen“, bemerkte Kwiri.

Thomas seufzte und rutschte von der Metallpritsche herunter. Gerade stehen konnte er nicht, also stand er gebückt und fühlte sich wie Gulliver zwischen den Liliputanern, da ihm die Außerirdischen bis zum Hosenbund reichten.

„Da haben Sie sich was vorgenommen, Kapitän Swin!“, sagte er. „Es wird unmöglich sein, die führenden Menschen von der Notwendigkeit einer Einigung zur Abwehr der totalen Vernichtung zu überzeugen. Möglicherweise geht der Schuss auch gleich nach hinten los, wenn die Militärs von dem Vernichtungsplan Wind bekommen und alles daransetzen, dem Schlag zuvorzukommen und Sie zu vernichten.“

Die Außerirdischen lachten, als sie die Übersetzung zu Ende gehört hatten.

„Hihihi, uns vernichten! Kann auch nur ein dummer Mensch von sich geben!“, prustete Horka Marza. Thomas setzte sich wieder auf die Pritsche und kreuzte die Arme vor der Brust.

„Jungs, ihr solltet darüber besser nicht lachen. Selbst, wenn ihr genügend Feuerkraft habt, um diesen Planeten zu atomisieren, bestünde die Möglichkeit, dass unsere famosen Militärs ein paar von euch mit ins Nirwana nehmen“, warnte Thomas.

Kwiri blieb das Lachen im Hals stecken, als er die Übersetzung hörte. Das hörte sich nicht nach unwissendem Erdling an. Das klang irgendwie nach jemandem, der von galaktischer Kriegführung etwas verstand. Im Gegensatz zu den anderen Erdlingen, die Kwiri im Laufe der vielen Jahre begegnet waren, die er schon Besuche auf der Erde gemacht hatte, blieb dieser Mensch ruhig und unterhielt sich mit ihm und seinen Begleitern wie mit jedem anderen Menschen. Er sah Thomas eine Weile an.

„Was, glauben Sie, wird notwendig sein, um die verantwortlichen Menschen zu überzeugen?“, erkundigte er sich.

„Erstens: Überhaupt ein greifbarer Beweis, dass es außerhalb dieses Planeten intelligentes Leben gibt. Denn daran glauben die meisten Menschen schon mal nicht. Zweitens: Eine Erklärung, weshalb die Menschheit gleich aus dem All gepustet werden soll, wenn sie nicht so will, wie Sie. Und wenn wir das haben, müssten wohl folgende Fragen geklärt werden: Zum einen Aufklärung, ob Ihrem Zerstörungsbefehl nicht möglicherweise ein Irrtum zugrunde liegt. Zum Zweiten: Falls ein Irrtum vorliegt wird man erwarten, dass dieser Befehl zurückgezogen wird. Falls nicht, werden sich dann hoffentlich die Vereinten Nationen mit der Bildung einer Übergangsregierung befassen, bis eine Weltverfassung vorliegt, man sich über das System als solches klar ist, nach dem die Menschheit hinkünftig leben soll. Und wenn man soweit ist, dann kann man über einen Beitritt der Erde zur Föderation verhandeln.“

„Ich wünschte, dass so viel Zeit zur Verfügung stünde. Wir haben nur eine zehntel Galaktische Jahreseinheit Zeit, um die Erde zu einen und sie in die Föderation aufzunehmen. Sonst greift der Zerstörungsplan“, seufzte Kwiri.

„Wie viel Zeit wäre das auf der Erde?“, fragte Thomas.

„Zwei Monate.“

„Na dann gute Nacht! Da hat’s nicht mal Zweck, überhaupt anzufangen!“, entfuhr es Thomas erschrocken. „Das ist völlig undenkbar!“

„Warum ist das unmöglich?“, fragte Horka.

„Weil Menschen Individualisten sind. Weil wir – obwohl wir alle dieselben Wurzeln haben – uns in hunderttausenden von Jahren in Stämmen und Völkern auseinander gelebt haben. Weil es immer noch Leute gibt, die meinen, dass ein Mensch mit einer anderen Hautfarbe ein minderwertiger Mensch ist. Auf dieser Welt gibt es ungefähr hundertachtzig Staaten, einige tausend verschiedene Sprachen, hunderte von Religionen, die sich gegenseitig ausschließen. Es gibt genügend Irre, die so beredt sind, dass sie buchstäblich Völkerstämme rasend machen und mal eben einen kleinen oder großen Krieg anfangen. Es gibt ein sehr empfindliches Machtgleichgewicht zwischen zwei großen Bündnissystemen, das eifersüchtig überwacht wird. Wehe, wenn eine Seite einen kleinen Vorteil erzielt“, erklärte Thomas.

„Es müsste also ein Dritte Macht her, die in der Lage wäre, die beiden anderen Blöcke zu besiegen?“, fragte Klim. Thomas schüttelte den Kopf.

„Nein, ich glaube, das brächte nichts. Unser Problem als Menschen liegt auch in der Machtgier. Wenn es tatsächlich einen Menschen gäbe, der diese Dritte Macht führen würde, würde ihm diese Macht zu Kopf steigen, und er würde zum brutalen Diktator werden, der nur Stiefellecker in seiner Umgebung duldet. Davon abgesehen: Ihr seid keine Arkoniden und ich bin nicht Perry Rhodan. Und die Lüneburger Heide ist nicht gerade die Wüste Gobi“, gab er zurück. Kwiri grinste.

„Nein, Thomas Hansen“, krächzte der Translator, „wir sind keine Arkoniden, aber Deneber. Unsere Waffensysteme sind ausgereifter, als die der Arkoniden und unsere Schutzschirme sind sehr viel besser. Sie kennen sich aus, wie es scheint.“

Thomas war wie vom Donner gerührt.

„Moment! Wie war das? Arkoniden gibt’s tatsächlich? Verpasst mir bitte noch einen Stromstoß, damit wieder aufwache aus diesem Traum!“

„Sie träumen nicht, Sie sind hellwach. Vielleicht etwas verwirrt, aber wach“, beruhigte Klim. „Es stimmt. Ein solches galaktisches Volk gibt es wirklich.“

„Und was sich bei uns sonst noch in der utopischen Literatur tummelt?“

„Wir wollten nicht einfach so hereinplatzen und haben uns die Mühe gemacht, bestimmten Leuten, die für mentale Nachrichten empfänglich sind, recht genaue Beschreibungen der galaktischen Völker zu geben – und ihrer Verhaltensweisen. Eigentlich müsste die Erdbevölkerung vollständig informiert sein, über das, was sich im All tut.“

„Durch das, was wir Science-Fiction-Literatur oder -Filme nennen?“

„Genau!“

„Also, wenn ich damit bei den UN anrücke, lande ich gleich in ‘ner Gummizelle“, prophezeite Thomas. „Nein, ich brauche schon einen guten Beweis.“

Kwiri drehte Thomas’ Fotoapparat in seinen siebenfingrigen Händen.

„Ich nehme an, Sie können damit Abbildungen in zwei- oder dreidimensionaler Projektion machen“, sagte er.

„Ja. Zweidimensionale Projektion“, bestätigte Thomas.

„Haben Sie das schon gemacht?“

„Ja, habe ich.“

„Gut. Wenn die Aufnahmen gut sind, wird man Ihnen glauben.“

„Oh, nein. Man wird nicht“, entgegnete Thomas. „Es gibt sehr viele Menschen, die Ihre Raumschiffe beobachtet und auch fotografiert haben. Entweder werden diese Aufnahmen für Fotomontagen gehalten oder man glaubt, es sei das neueste Raumfahrzeug oder ‘ne Geheimwaffe der Russen oder der Amis.“

„Die Vorbehalte sind uns bekannt. Wir wissen auch, dass die meisten Fotos für echt gehalten werden, dass aber gerade die amerikanische und die sowjetische Regierung diese echten Fotos unter Verschluss halten, weil sie Sorge haben, es könnte zu einer Panik kommen.“

„Ist Ihr Raumschiff eigentlich flugfähig?“, fragte Thomas nach einer Weile.

„Haben Sie Zweifel?“

„Nun, so wie es hier von links nach schräge auf der Heide liegt, sieht es nicht nach einer planmäßigen Landung aus. Und bei einer unplanmäßigen Landung würde ich mal Schäden unterstellen.“

Die drei Außerirdischen sahen sich an, Klim und Horka brachen in helles Gelächter aus, während Kwiri leicht violett anlief. Die Übersetzung aus dem Translator war überflüssig. Thomas hatte auch so verstanden.

„Na ja, also, nach einer Reparatur kann ich wieder fliegen. Warum fragen Sie?“, erkundigte sich Kwiri.

„Mir ist gerade eine Idee gekommen, wie wir jemanden überzeugen, der maßgebend sein kann. Ich könnte Ihnen zeigen, wohin Sie fliegen müssen, um einen großen Zweifler zu überzeugen. Haben Sie eine Karte von der Gegend?“

Klim nickte und bat Thomas, die Pritsche freizumachen.

Thomas rutschte herunter und hockte sich hin, womit er ungefähr so groß war wie die Deneber. Klim betätigte eine Reihe von Schaltern, die Pritsche wurde eingefahren, stattdessen schob sich ein Kegel aus dem Boden bis etwa vierzig Zentimeter Höhe hoch. Oben war der Kegel offen, in der Öffnung waren kleine Linsen erkennbar. Klim betätigte weitere Schalter am Steuerpult und es erschien eine holografische dreidimensionale Projektion der nördlichen Lüneburger Heide, die augenscheinlich von der Generalkarte abgetastet worden war. Im Gegensatz zur flachen Karte waren hier aber die Geländererhebungen maßstabsgetreu mit abgebildet. Das Ganze sah aus, wie bei einem Überflug, bei dem aber die überflogenen Straßen beschriftet waren. Thomas pfiff leise.

„Sieht gut aus“, sagte er anerkennend. „Kann man sich auch drüber beugen oder ist das wegen des Laserlichts nicht zu empfehlen?“

„Das Holo ist strahlengeschützt. Sie können sogar hineingreifen, ohne sich zu verletzen“, beruhigte Klim den Menschen. „Wenn Sie etwas markieren wollen, nehmen Sie den Stab hier“, sagte er dann und gab Thomas einen etwa handgroßen, zylindrischen Stab von ungefähr zwei Zentimeter Durchmesser. „Wenn Sie auf den roten Knopf in der Mitte drücken, markiert der Handlaser den Kartenpunkt, den Sie damit anstrahlen. Der Punkt wird in den Navigationscomputer übernommen und kann als Zielpunkt automatisch angeflogen werden“, erklärte der Deneber.

„Gut“, brummte Thomas. „Ich probiere das jetzt nur mal.“

Er betätigte den Knopf. Es piepte leise und ein grüner Punkt erschien in der holografischen Karte.

„Ah, ja, danke. Sie können den Punkt wieder löschen“, sagt er dann. Klim tat es.

Thomas suchte auf der Karte, bis er die Sternwarte in Hamburg-Bergedorf gefunden hatte und markierte sie mit dem Laser.

„Also: Das ist die Sternwarte Hamburg. Dort arbeitet ein gewisser Michael Teichmann als Astronom, der mir beim besten Willen nicht glauben will, dass außerirdische Intelligenzen die Erde besuchen. Wenn Sie mit Ihrer Raumkugel dort auftauchen, wird Herr Teichmann erst vor Schreck in Ohnmacht fallen und dann bereit sein, jeden Eid zu schwören, dass es Sie doch gibt. Erzählen Sie ihm ebenfalls von der Bedrohung. Er kann Ihnen als Fachmann sicher besser weiterhelfen als ein UFO-Forscher wie ich, den ohnehin keiner ernst nimmt“, erklärte Thomas. Kwiri sah ihn verblüfft an.

„Weshalb nehmen Sie an, dass man Ihnen nicht glauben wird?“, fragte er.

„Ich habe einschlägige Erfahrungen. Nachdem ich ein paar Mal nur knapp am Irrenhaus vorbeigewischt bin, habe ich es aufgegeben, meiner Umwelt von Ihrer Existenz zu erzählen. Ich beschränke mich seither aufs reine Beobachten“, erwiderte Thomas. Dann durchzuckte ihn die Beobachtung der Nacht. „Apropos beobachten – da fällt mir etwas ein. Ich habe mit meinen Instrumenten eine Massenverschiebung zwischen Uranus und Saturn in Richtung Jupiter bemerkt. Teichmann hat es mir bestätigt. Er hält es für einen neuen Planeten. Ich halte es für eine ziemlich große Flotte von Raumschiffen. Liege ich richtig?“

Die drei Außerirdischen wurden bleich.

„Ach, du dicker Meteor!“, entfuhr es Kwiri. „Da sind die schon?“

„Das kann nur bedeuten, dass Freund Kilma Gribor sich nicht mal an die Frist des Rates halten will!“, setzte Horka schnaufend hinzu.

„Wovon reden die?“, wandte sich Thomas an Klim.

„Ja, also, … äh, Kwiri, ich denke, du solltest dem Erdling alles sagen“, sagte der mit zitternder Stimme.

Swin rang mit sich, war sich nicht ganz sicher, was er von dem Erdling halten sollte. Andererseits hatte er nicht erwartet, sich jemals mit einem Menschen so lange und normal zu reden, wie er es mit Thomas Hansen schon getan hatte. Der Erdbewohner machte einen guten Eindruck auf ihn. Schließlich gab er sich einen Ruck.

„Ja“, sagte er, „es ist die Sechste Flotte, die Sie gesehen haben. Sie ist mit der Vernichtung der Erde beauftragt, falls sich die Erde nicht in die Föderation integrieren lässt. Kilma Gribor, der Admiral, ist mein Intimfeind und möchte nichts lieber, als die Erde zu Staub zerblasen.“

„Darf man fragen, warum?“, hakte Thomas nach.

„Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Weil es ihm Spaß macht, weil er Freude am Zerstören hat. Er wünscht sich eine kompakte Kampfstation, die einen ganzen Planeten atomisieren kann, als Spielzeug. Den Sternen sei Dank, das war dem Rat bisher zu teuer. Aber Gribor ist sehr beredt, wenn es um Mittel für seine Sechste Flotte geht. Eines Tages wird er den Kampfmond bekommen und dann Gnade dem Rest des Alls.“

„Und die offizielle Meinung?“, fragte Thomas.

„Nun, offiziell wissen wir mit der Erde, die wir SOL 3 nennen, weil sie der dritte Planet dieses Systems ist, nicht viel anzufangen. Wir wissen, dass Sie über eine begrenzte Raumfahrt verfügen, die im bemannten Flug aber über das experimentelle Stadium noch nicht hinaus ist oder sich kaum über die Erdatmosphäre erhebt. Wir wissen, dass Sie Raumsonden ausgesandt haben, die ständig Daten zur Erde funken, aber offen gestanden können wir den Datenfluss nicht entschlüsseln, wissen also nicht, was die Sonden zur Erde funken. Unsere Schiffe haben jedenfalls Anweisung, den Raumsonden von der Erde möglichst weiträumig auszuweichen, weil wir auch deren Abtasterreichweite nicht kennen. Weil sich die Menschen auf der Erde untereinander nicht friedlich verhalten, müssen wir annehmen, dass sie es im Raum auch nicht tun.“

„Ihr habt also Angst vor uns“, resümierte Thomas. Horka wollte aufbegehren, aber Kwiri hinderte ihn.

„Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, wie man bei Ihnen sagen würde.“

„Und vor lauter Angst will man uns rein vorsorglich eliminieren, richtig?“

„Ich fürchte, ja. Es hat mich sehr viel Überredungskunst gekostet, es auf der Erde überhaupt mit einem Beitritt zur Föderation versuchen zu dürfen.“

Thomas überlegte kurz.

„Wie schnell ist die Flotte?“, fragte er dann.

„Och, theoretisch kann sie in zwei Erdstunden hier sein“, gab Horka zur Antwort.

„Vom Jupiter oder Saturn? In zwei Stunden?“, hustete Thomas. „Guter Gott! Unsere Sonden brauchen dafür schlappe drei Jahre!“, murmelte er. „Könnten Sie von hier feststellen, wo sie jetzt genau ist?“, fragte er dann Klim. Der nickte, sah aber Kwiri unsicher an. Swin bedeutete ihm, dem Erdling Auskunft zu geben. Hamor aktivierte das Raumortungssystem.

„Das Signal ist wegen der Erdatmosphäre nicht so deutlich, aber ich habe sie auf dem Bildschirm“, sagte er mit entschuldigender Geste. „Sie befinden sich im Bereich des vierten Planeten.“

„Nähert sich die Flotte?“, fragte Kwiri.

„Nein, sie haben gestoppt und sind in eine Umlaufbahn um den vierten Planeten gegangen. Vielleicht inspiziert Gribor seinen alten Stützpunkt.“

Thomas sah auf den Bildschirm der neben den dreieckigen Schriftzeichen deutlich den Mars und seine Monde zeigte und daneben etwa dreißig gleich große Punkte in formationsmäßiger Verteilung zeigte.

„Sind das alles Schiffe eines Typs?“, erkundigte sich Thomas.

„Nein. Es ist ein Schlachtschiff, die Megara, zehn Interstellarkreuzer, acht Sternkreuzer, zwei Korvetten und zwanzig Sternzerstörer“, gab Horka Auskunft.

„Also genügend Feuerkraft, um die Erde zu zerbröseln, richtig?“

Klim zuckte zu dem Menschen herum.

„Woher wissen Sie das?“

„Zum einen verfüge ich über ein hohes Maß an Fantasie. Zum anderen habe ich ein halbwegs brauchbares Gedächtnis. Und wenn Sie uns via Film und Literatur Tipps gegeben haben, glaube ich, Ihre Flotte in etwa einschätzen zu können. Sie sollten wirklich so schnell wie möglich zu Herrn Teichmann fliegen und ihm davon erzählen. Ich rufe ihn an und warne ihn“, erwiderte Thomas lächelnd.

„Wollen Sie nicht mitkommen?“, bot Kwiri an.

„Auf Dauer bekäme ich in dieser Sardinenbüchse Platzangst, gebe ich zu. Außerdem sehe ich hier nur drei Sitzplätze, in die ich zu allem Überfluss nicht hineinpasse. Ich fahre lieber mit dem Auto.“

„Na gut. Dann nehmen Sie bitte wenigstens dieses Sprechgerät mit. Wir bleiben dann in Verbindung“, bat Kwiri und zeigte Thomas den Gebrauch des kompakten Geräts, das nicht viel größer war als ein Salzstreuer.

„Nicht schwierig. Wo geht’s nach draußen?“

Klim öffnete die Luke, Thomas zwängte sich ins Freie und atmete erst mal tief durch.

Kwiri kam ebenfalls mit heraus. Im Osten zeigte sich das erste Morgenrot.

„Euer Planet ist so wunderschön, Thomas Hansen. Lass nicht zu, dass ein Verrückter ihn atomisiert“, bat der Deneber eindringlich. Thomas sah ihn an und bemerkte in der sonst so fremdartigen Erscheinung des kleinen Wesens ernsthafte Besorgnis. Er hockte sich wieder hin.

„Wie lange brauchst du, um dein Schiff wieder flottzumachen?“, fragte er, wie unter einer Eingebung das vertrauliche Du benutzend.

„Einen galaktischen Tag bestimmt. Zwei Landestützen sind verbogen und es könnte sein, dass der Hyperantrieb was abbekommen hat.“

„Und ohne den fliegt sich’s im Weltraum schlecht, wie ich mir vorstellen kann. Ich habe eine große Scheune, in der ihr euren Raumer verschwinden lassen könnt“, bot Thomas an und wies auf das große Nebengebäude neben seinem Haus.

„Wir haben eine Tarneinrichtung und können uns mit dem Schiff unsichtbar machen“, wehrte Swin ab.

„Was bleibt, wäre der deutlich sichtbare Eindruck im Kraut“, warnte Thomas. „Aber ich kann es euch nur anbieten.“

Kwiri überlegte noch, als Klim aus der Luke sah.

„Kwiri, wir haben ein Problem. Die Tarneinrichtung ist beschädigt.“

„Auch das noch!“, entfuhr es Kwiri. „Ich glaube, Thomas Hansen, wir nehmen dein Angebot an“, sagte er dann, die Anrede offensichtlich dankbar akzeptierend.

Thomas ging voraus zur Scheune und öffnete das Tor, die drei Deneber stiegen aus, Klim hielt einen kleinen Kasten in der Hand, aus dem ein bläulicher Kegel strahlte, der den Raumer umhüllte und anhob. Einige Zentimeter über dem Erdboden schwebend ließ sich das Raumfahrzeug mit dem Kästchen die Scheune schieben. Kwiri sah sich in der Scheune um.

„Hast du einen Lichtstromanschluss?“

„Du meinst zur Energiegewinnung aus Sonnenlicht? Nein, habe ich nicht. Aber wenn ihr ein Sonnenpaddel habt, könnt ihr es aus dem Dach halten.“

Thomas stieg auf eine Leiter und öffnete das Dachfenster, drehte sich um und wäre vor Schreck fast von der Leiter gefallen, als Kwiri frei im Raum hinter ihm schwebte.

„Hast du mich erschreckt! Aber eigentlich hätte ich mir das denken müssen. Wenn ihr schon euer Schiff mit Anti-G hier hereinbringt, ist es kein Problem für euch, selbst auch frei zu schweben“, pustete er.

„Thomas Hansen, du bist ein bemerkenswertes Wesen. Nichts von dem, was wir hier bei uns haben, gibt es so auf der Erde, aber du betrachtest es als völlig normal.“

„Kwiri, fast kein Science-Fiction-Film war vor mir sicher – außer solchen, die ohnehin nur düstere Prognosen von der Erde in der Zukunft zeigten oder die sich auf reinen Horror beschränkten. Als Kind habe ich das so ernst genommen, dass ich nächtens nach der Orion Ausschau gehalten habe. Euer Erscheinen ist für mich das Wahrwerden aller meiner Kinderträume.“

Zwei Tage später hatten Kwiri und seine Begleiter ihren Raumer repariert und einen kurzen Probeflug um Thomas’ altes Bauernhaus gemacht. Nur den Hyperantrieb hatten sie nicht testen können, da dieser in Planetennähe nicht eingesetzt werden konnte. Eine Mindestentfernung von zehn Millionstel Parsec, entsprechend etwa einem Drittel der Entfernung zwischen Erde und Mond, war dafür erforderlich. Kwiri teilte Thomas die Einsatzbereitschaft seines Raumschiffs mit.

„Gut“, sagte Thomas, „ich rufe dann Teichmann an. Wie schnell seid ihr dort?“

„Nach Erdzeit ungefähr zehn Minuten, wenn wir uns Zeit lassen. Uns wäre lieb, wenn du dabei bist.“

„Dann müsste ich hinfahren und euch von dort rufen. Ich brauche mindestens eine Stunde bis zur Sternwarte.“

Kwiri nickte, Thomas ging zum Telefon und rief die Sternwarte an.

„Nein, Herr Hansen, tut mir Leid. Herr Teichmann hat heute Vormittag Dienst im Planetarium. Der kommt frühestens gegen vier Uhr noch mal herein.“

„Schön, dann treffe ich ihn im Planetarium. Das ist für meine Zwecke ohnehin besser gelegen“, bedankte sich Thomas und rief im Planetarium an.

Teichmann ließ sich nur ungern mit dem seiner Meinung nach verrückten UFOisten verbinden.

„Was denn nun schon wieder?“, fragte er, als er Thomas hörte.

„Ich habe eine Überraschung für Sie. Sind Sie in eineinhalb Stunden noch im Planetarium?“

„Ja, sicher. Worum geht es denn?“

„Wenn ich Ihnen das jetzt erzähle, wär’s keine Überraschung mehr. Bis in eineinhalb Stunden, Herr Teichmann“, verabschiedete sich Thomas und ging zu den Außerirdischen hinaus.

„Es gibt eine kleine Programmänderung. Könnt ihr die Navigationsspeicherung noch ändern?“

„Natürlich. Was ist?“, fragte Klim.

„Teichmann ist im Planetarium. Das ist mir sogar lieber, weil davor eine riesengroße Wiese ist, wo ihr problemlos landen könnt. Bei dem Regen heute wird dort kaum ein Besucher sein, der gefährdet werden könnte.“

Klim nickte, gab Thomas den Markierungslaser und aktivierte die Hologrammkarte. Hansen markierte das Planetarium.

„Ich fahre jetzt los. Sobald ich am Stadtpark angekommen bin, rufe ich euch. Fliegt möglichst direkt von Süden über den Stadtparksee auf das Planetarium zu und bleibt dicht über den Baumkronen, sonst kollidiert ihr mit den Flugzeugen, die den Hamburger Flughafen anfliegen. Bei diesem Wetter kommen sie meist über den Stadtpark herein. Bis später.“

 

 

Kapitel 2

Unglauben und Erkenntnis

 

Michael Teichmann erwartete Thomas Hansen vor dem Eingang des Planetariums. Er sah den UFO-Forscher den Weg heraufkommen, als ihm ein großer, dunkler Ballon auffiel, der von Südosten direkt über den Stadtparksee auf das Planetarium zuhielt. Die Windverhältnisse erlaubten es jedenfalls nicht, dass sich ein nicht von selbst angetriebenes Objekt von Südosten näherte. Der Wind pfiff aus Richtung Nordwest. Aber dieses Ding hielt unbeirrbar auf das Planetarium zu.

„Guten Tag, Herr Teichmann“, begrüßte Thomas ihn.

„Tag, Herr Hansen“, erwiderte Teichmann die Begrüßung eher beiläufig. „Ich glaube, ich hab’ keine Zeit für Sie. Ich muss mir mal ein Fernglas holen. Komisches Ding.“

Thomas drehte sich um und sah Kwiris Raumkugel im Anflug auf das Planetarium.

„Sie brauchen nicht wegzulaufen. Es kommt hierher“, sagte er.

„Woher wollen Sie das wissen, Sie Amateur?“, fuhr Teichmann ihn an, ohne die Augen von dem geheimnisvollen Ballon zu lassen.

„Weil das da die Überraschung ist, von der ich am Telefon gesprochen habe, Herr Teichmann“, grinste Thomas.

„Wie bitte? Was soll das?“

„Nun warten Sie doch ab, bis die Herrschaften gelandet sind – aber fallen Sie mir nicht in Ohnmacht.“

„Sie wollen mir hoffentlich nicht weismachen, dass das da Ihre berühmt-berüchtigten Außerirdischen sind?“

„Nein, ich will Ihnen gar nichts weismachen. Weismachen heißt, Unwahres behaupten. Und das tue ich einfach nicht.“

Die graue Kugel hatte die Wiese vor dem Planetarium erreicht, sechs Landestützen wurden ausgefahren, mit denen das Raumfahrzeug sanft auf der Wiese aufsetzte. Teichmann bekam immer größere Augen, dann wurde er bleich.

„Ich … ich muss mich setzen!“, stöhnte er. Thomas nahm ihn am Arm und führte ihn zu einer Bank am Weg.

„Das … das gibt’s doch gar nicht!“

„Wenn Sie das auf die Erde beziehen, gewiss nicht“, bestätigte Hansen.

„Sie wollen damit sagen, das Ding da … ist … ist nicht irdisch?“, stotterte Teichmann.

„Nein, das ist es nicht.“

Teichmann sah den UFO-Forscher mit schreckgeweiteten Augen an, aber bevor er dazu kam, etwas zu sagen, öffnete sich die Ausstiegsluke des Raumers und Kwiri und Horka stiegen aus.

„Nein! Nein! Das ist … das muss eine … Wahnvorstellung sein!“, schrie Teichmann auf. In Panik riss er sich los und stürmte in das Gebäude. Kwiri und Horka sahen dem Erdling verblüfft nach.

„Was hat er?“, fragte Kwiri durch den Translator.

„Na, was schon? Panische Angst“, seufzte Thomas. „Zugegeben, ich habe nicht erwartet, dass er gleich Fersengeld gibt. Wartet hier“, sagte er dann und folgte Teichmann in das Planetarium. Vor der Kasse fegte ein älterer Mann.

„He, Sie! Vormittags ist keine Vorstellung!“, rief er.

„Herr Teichmann ist hier eben wie ein geölter Blitz hineingeschossen. Wo finde ich ihn?“, erkundigte sich Thomas.

„Herr Teichmann hat für Sie keine Zeit, der hat Wichtigeres zu tun, als sich mit Ihren spinnerten Ideen herumzuschlagen, Herr Hansen“, versetzte der Kassierer, der Thomas erst jetzt erkannte.

„Vor einer echt realen Ausprägung meiner so genannten spinnerten Ideen hat er eben gerade das Hasenpanier ergriffen. Also, wo steckt er?“

„Er hat keine Zeit für Sie. Und wenn Sie jetzt nicht verschwinden, rufe ich mal in Ochsenzoll an, ob die ‘ne Gummizelle für Sie freihaben“, drohte der Kassierer.

Thomas wurde es zu viel. Er schnappte sich den Kassierer, der lauthals protestierte, was aber nichts nützte. Hansen schleppte ihn vor die Tür und wies auf den Raumer.

„Wofür würden Sie das da halten?“, fragte er den erschrockenen Kassierer.

„Grundgütiger! Haben Sie Hollywood geplündert?“, entfuhr es dem Kassierer.

„Nein, das Ding da ist echt! Das ist kein Trick von David Copperfield und kein Produkt von Lucasfilm, sondern verdammt echt. Und jetzt sagen Sie mir, wo ich Herrn Teichmann finden kann!“

„Ein … ein echtes UFO?“, stotterte der Kassierer.

„Ja, zum Teufel!“

„Lassen Sie mich bitte ‘rein! Mit denen will ich nichts zu tun haben!“, schrie der Kassierer und strampelte so wild, dass Thomas ihn nicht länger halten konnte. Wie von den Furien gehetzt rannte er ins das Planetarium und schloss sofort die Tür ab, an der Thomas vergeblich rüttelte. Kwiri kam hinterher und sah den Erdling eine Weile an.

„Und nun?“, fragte er. Thomas zuckte hilflos mit den Schultern.

„Vielleicht hätte ich Teichmann sagen sollen, was ihn erwartet. Ich fürchte, es hat ihn einfach umgehauen. Und ich befürchte, dass das die Reaktion von so ziemlich allen Menschen sein wird, Kwiri.“

Michael Teichmann bekam seine zitternden Knie nur schwer unter Kontrolle, als er wieder in seine Abteilung kam.

„Man könnte meinen, dir sei ein Gespenst begegnet“, kicherte seine Kollegin Gisela Thomsen.

„J… ja, so … so ähnlich. Bitte, Gisi, schau nach, ob da draußen wirklich eine große graue Kugel auf dem Rasen vor dem Planetarium steht“, bat er kreidebleich. Sie stand auf und ging zum Flurfenster, von dem aus man auf den Rasen vor dem Gebäude sehen konnte.

„Ja, da ist eine graue Kugel von ungefähr vier Meter Durchmesser“, bestätigte sie.

„Mit sechs Beinen?“, kam es zitternd aus dem Büro.

„Ja.“

„Und davor steht unser lieber, völlig verrückter Amateurastronom Thomas Hansen mitsamt zweier kleiner, grüner Männchen?“

„Wenn du die in den grauen Overalls meinst, ja“, bestätigte Gisela.

„Ich hab’ also keine Halluzinationen?“

„Nein“, grinste Gisela. „Du bist mindestens genauso grün wie die Burschen unten neben Hansen. Sag mal … sind das etwa …?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber eines weiß ich: So ein Ding gibt es auf der ganzen Welt nicht! Ich hab’ es landen sehen.“

„Na, das will ich wissen!“, rief Gisela, nahm einen Regenschirm und stürzte hinunter.

„Gisi! Warte! Du weißt doch gar nicht, ob die nicht gefährlich sind!“, schrie Teichmann hinter ihr her. Aber in Gisela Thomsen war der Forscherdrang erwacht. Sie war nicht mehr zu bremsen.

Thomas wollte gerade aufgeben, vor dem Planetarium auf eine Erholung von Herrn Teichmann zu warten, als die Tür wieder aufgeschlossen wurde und Frau Thomsen herauskam.

„Tag, Herr Hansen. Hab’ ich richtig gesehen? Besuch aus dem Weltraum?“, fragte sie. Thomas wurde misstrauisch.

„Guten Tag, Frau Thomsen. Ich sag’ nichts dazu. Sehen Sie sich das besser selber an, bevor Sie die Onkels mit der weißen Jacke rufen“, bot er an.

„Wer ist das?“, schnarrte die Übersetzung aus dem Translator.

„Das ist Frau Thomsen, eine Kollegin von Herrn Teichmann und offenbar weniger schreckhaft als die männlichen Mitglieder der astronomischen Abteilung hier. Frau Thomsen, das ist Kapitän Swin von, ähem, von der Achten Interstellaren Flotte“, stellte Thomas vor.

„Aha. Sie kommen woher genau?“, wandte sich die Astronomin an den Außerirdischen.

„Vom vierten Planeten des Deneb-Systems. Wir nennen ihn Megara“, gab Kwiri Auskunft.

„Würden Sie so gut sein, mir die Raumkoordinaten zu geben?“, forschte Gisela weiter.

„Die kann ich Ihnen geben, aber sie beruhen vermutlich auf einer anderen Bezugsbasis. Auf jeden Fall sind es gute einhundert­fünfundzwanzig Parsec bis nach Megara von hier“, antwortete Swin.

„Geben Sie sie mir trotzdem“, beharrte Frau Thomsen. Kwiri nannte ihr die Koordinaten und gab vorsichtshalber die der Erde mit dazu.

„Herr Hansen, wollen Sie und Ihr außerirdischer Freund nicht mit nach oben kommen? Dann gebe ich das in den Computer ein“, bot sie dann an.

Thomas sah Kwiri an, der nur nickte und Klim zurief, er solle die Ausstiegsluke schließen und den Schutzschirm um den Raumer legen. Die Klappe schloss sich und ein gelblicher Schimmer legte sich um das Raumschiff, an dem sogar der Regen abtropfte. Gisela wollte darauf zu, aber Thomas hielt sie vorsichtig zurück.

„Sie sollten es besser nicht anfassen, Frau Thomsen“, warnte er.

„Würde ich dann merken, dass es nur aus Plastik ist?“, fragte sie spitz.

„Nein, es könnte sein, dass Sie dann einen Flicken bekommen, von dem Sie noch ein paar Jahre träumen werden“, warnte Hansen erneut.

„Elektrischer Schlag?“

„Genau.“

„Aha. Das zu untersuchen ist meine Aufgabe“, versetzte sie schnippisch und ging zu dem gelblichen Schimmer hin, streckte ihre Hand aus. Erst spürte sie einen nicht direkt greifbaren Widerstand, aber sie merkte, dass sie nicht weiterkam – und dann bekam sie einen Schlag, als ob sie an eine offene Stromleitung gefasst hätte.

„Au!“, schrie sie auf und zog die Hand eilig zurück.

„Überzeugt?“, fragte Thomas grinsend.

„Na ja, sehr irdisch fühlt sich das nicht an“, gab die Astronomin zu. „Kommen Sie, gehen wir an den Computer.“

Gisela Thomsen führte den UFO-Forscher und den Außerirdischen zum Computer im Planetarium und gab die von Kwiri genannten Koordinaten ein, bekam zunächst aber ein falsches Ergebnis.

„Hm, das stimmt schon mal nicht“, sagte sie.

„Darf ich einen Vorschlag machen?“, mischte Thomas sich ein. „Setzen Sie doch mal die Koordinaten von Deneb in Relation zu den von Kapitän Swin genannten Erdkoordinaten.“

„Ich kann’s ja mal versuchen“, sagte sie ohne Begeisterung. Nachdenklich betrachtete sie das Zahlenmaterial. „Kann es sein, dass Antares der Bezugspunkt ist?“, fragte sie dann.

„Ja, das trifft zu“, schnarrte Kwiris Translator. Sie gab die Koordinaten entsprechend ein – sie stimmten fast auf den Meter genau.

„Ich glaub’s nicht“, entfuhr es der Astronomin. „Michael! Die sind echt!“, rief sie laut. Es dauerte keine zwei Sekunden, bis ein immer noch totenbleicher Michael Teichmann um die Ecke schaute.

„Und da sitzt du so locker daneben?“, erkundigte er sich ängstlich.

„Also, gefährlich sieht Herr Swin doch nun wirklich nicht aus!“, entrüstete sie sich. Thomas und Kwiri mussten grinsen.

„Nun, Kapitän Swin ist es wohl auch nicht. Aber da gibt’s halt noch ein paar andere, die meinen, die Erde samt ihrer intelligenten Bevölkerung sei überflüssig“, sagte Thomas. „Kapitän Swin sollte es Ihnen näher erläutern“, setzte er hinzu.

Teichmann machte eine auffordernde Handbewegung und Kwiri berichtete von dem, was der Erde drohte, wenn sie sich nicht einte und der Föderation anschloss.

„Und das sollen wir glauben?“, fragten Teichmann und Thomsen wie aus einem Munde.

„Nun, Sie können es ausprobieren und zwei Monate abwarten. Empfehlen würde ich es Ihnen nicht, weil ich meinen Erzfeind Gribor zu gut kenne“, gab Kwiri zurück. „Haben Sie Messinstrumente hier, mit denen Sie eine Masse von der Größe eines kleineren Asteroiden aufspüren können?“

„Nein, zwar in Bergedorf, aber die nützen im Moment wenig, weil wir noch Tageslicht und obendrein Wolken haben. Das Fernrohr ist nur bei klarer Nacht zu gebrauchen. Jetzt könnte uns wegen des Zeitversatzes nur die Europäische Südsternwarte in den Anden helfen“, antwortete Teichmann.

„Würden Sie die Kollegen in den Anden dann um Hilfe bitten?“, bat Thomas.

„Welche Koordinaten sollen angepeilt werden?“, fragte Teichmann. Kwiri nahm sein Multifunktionsarmband und rief Klim im Raumschiff. Klim gab ihm den augenblicklichen Standort der Flotte an und Kwiri gab die empfangenen Koordinaten an die Astronomen weiter.

„Sind diese Koordinaten auch auf Antares bezogen?“, fragte Frau Thomsen.

„Nein, diese Werte sind auf Ihr Zentralgestirn abgestimmt.“

„Sieht nach dem Mars aus“, murmelte Teichmann. Er nahm das Telefon und rief die Sternwarte an.

„Hallo, Teichmann hier. Habt ihr das Fernrohr frei? Ja? Gut, seht mal nach folgenden Koordinaten, ob ihr dort was erkennen könnt.“ Dann gab er die Koordinaten durch.

„Es dauert eine Weile, bis sie das Fernrohr ausgerichtet haben“, sagte er dann, die Sprechmuschel zuhaltend. „Ja? Ja, ich höre. Wie bitte? Ernsthaft? Ja, danke. Beobachtet die Objekte bitte weiter. Es könnte sehr wichtig sein.“

Kreidebleich legte er den Hörer auf.

„Großer Gott! Es stimmt!“, entfuhr es ihm. „In Marsnähe befinden sich rund dreißig Objekte, die keine natürliche Umlaufbahn haben, die offenbar willentlich gesteuert werden, jedenfalls nicht den Gesetzen Newtons gehorchen wollen.“

Er sah Thomas verstört an.

„Und jetzt?“, fragte er.

„Wäre es vielleicht angeraten, sich mit den Vereinten Nationen in Verbindung zu setzen?“, schlug der vor. „Ihnen wird man das wahrscheinlich abkaufen – im Gegensatz zu mir.“

„Ich denke, mit einem Telegramm ist es nicht getan“, mutmaßte Gisela Thomsen. „Wir sollten drei investieren. Ich schicke eins vom Planetarium, du eins von der Sternwarte in Bergedorf und Herr Hansen eines auf seinen Namen. Ich rufe noch mal Mount Palomar an, damit wir die Objekte auf jeden Fall unter Kontrolle halten.“

„Gut, und ich ruf’ den Kaminski in Bochum an, damit der heute Abend auch dorthin sieht“, kündigte Teichmann an und rannte aus dem Büro.

Innerhalb von zwei Stunden waren sämtliche Sternwarten der Welt auf den Mars gerichtet, sofern er vom betreffenden Ort sichtbar war. Selbst die sowjetische Raumstation MIR wurde in die Beobachtung einbezogen. Thomas stand unten vor dem Planetarium im Regen und war den Tränen nahe.

„Was ist mit dir?“, fragte Kwiri.

„Ich habe mich gerade gefragt, was meine Frau dazu sagen würde, wenn sie noch lebte“, erwiderte Thomas mit versagender Stimme. „Vielleicht würde sie mich jetzt endlich verstehen. Oder sie weiß es dort, wo sie jetzt ist.“

„Sie lebt nicht mehr?“, erkundigte sich Kwiri teilnahmsvoll.

„Nein“, gab Thomas zurück. „Und wenn sie noch leben würde, wäre ich von ihr geschieden. Vermutlich wäre nicht ich in dem Haus gewesen, vor das du mit deinem Raumer gepurzelt bist, sondern irgend ein anderer, der euch eher die Bundeswehr und die britischen Panzer auf den Hals gehetzt hätte, als mit euch zur nächsten Sternwarte zu fahren. Nach der Scheidung von Gabi hätte ich mir das Haus jedenfalls nicht leisten können.“

„Darf ich fragen, woran deine Frau gestorben ist?“, erkundigte sich Kwiri.

„Es war ein Autounfall vor gut einem halben Jahr. Sie hat an einer Stelle geparkt, wo man es in Hamburg besser nicht tut, ein anderer ist auf ihr Fahrzeug drauf gefahren – und das war’s. Gabi war sofort tot. Weil wir nicht gerade in Frieden auseinander gegangen waren, habe ich das einigermaßen überstanden, aber ich frage mich ernsthaft, wie Gabi darauf reagieren würde, wenn sie nicht mehr annehmen müsste, ich sei verrückt.“

Kapitel 3

Vereinte Nationen?

 

Thomas war kurz vor elf am Vormittag am Planetarium gewesen, um ein Uhr am Mittag ratterten die Fernschreiber pausenlos. Alle eintreffenden Meldungen der anderen Sternwarten bestätigten die Sichtung. Um zwei Uhr entschloss sich Teichmann ein Fernschreiben direkt an die UN abzusetzen.

Dort, in New York, war es nun acht Uhr morgens. Teichmann war allerdings nicht der einzige Astronom, der auf diesen Gedanken gekommen war. Sämtliche beobachtenden Stationen taten es ihm gleich und alarmierten das Büro von Perez de Cuellar, des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Seine Sekretärin wurde der Flut nicht recht Herr und rief noch zwei andere Mitarbeiterinnen des Hauses zu Hilfe. Françoise Debussy und Marisa Lambrecht eilten ins Büro des Generalsekretärs.

„Hilfe! Ich ersticke!“, rief die Chefsekretärin. „Helfen Sie mir mal, das alles zu ordnen, bevor wir es dem Chef geben.“

Sie drückte den beiden Mitarbeiterinnen die Telegramme und Fernschreiben in die Hand, die auch gleich begannen, sie zu sortieren. Françoise hatte den Stapel erwischt, in dem auch das Telegramm von Thomas war. Im ersten Impuls wollte sie es sogar wegwerfen, als ihr auffiel, dass sämtliche Telegramme und Fernschreiben dieselbe Beobachtung dokumentierten.

„He, Françoise, was ist?“, fragte Marisa schließlich, als sie bemerkte, wie bleich ihre französische Kollegin plötzlich war.

„Ach, ich hab’ nur wieder diese verdammten Kopfschmerzen. Blöder Unfall!“

„Geh’ am besten ein paar Minuten nach unten in den Park und erhol’ dich“, empfahl Marisa. Françoise verließ schweigend den Raum.

„Was ist mit ihr?“, fragte die Chefsekretärin.

„Miss Debussy hatte vor etwa einem halben Jahr einen schweren Autounfall und leidet immer noch unter starken Kopfschmerzen. Ein kurzer Spaziergang unten im Park genügt meist, um sie wieder fit zu machen“, erklärte Marisa.

Françoise fuhr mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss und ging von dort aus in den kleinen Park, der direkt neben dem Hauptsitz der Vereinten Nationen war. Sollte sie das glauben, was sie in dem Telegramm gelesen hatte? Eigentlich, so dachte sie, war das viel zu verrückt, eben typisch Thomas Hansen. Aber es gab zu viele, die seine Beobachtung bestätigten. Ganz offensichtlich hatte sie sich in Thomas getäuscht – wie so viele andere auch. Nein, Thomas Hansen war ihr kein Unbekannter.

Doch zur Erklärung müssen wir ein halbes Jahr zurückblenden:

Nach einem herben Streit hatten Thomas und Gabriele Hansen Anfang Dezember 1988 die Scheidung eingereicht; eine Scheidung im gegenseitigen Einvernehmen, weil Gabriele es nicht mit verantworten wollte, dass Thomas für seine nächtliche UFO-Sucherei seinen Job, den er als Schadensachbearbeiter bei der Sperling-Assekuranz hatte, einer Versicherung in Hamburg, aufgeben wollte. Thomas war nicht abzuhalten, hatte gekündigt und zog an dem Tag, als die Scheidung eingereicht war, aus der gemeinsamen Wohnung in Hamburg-Farmsen aus und verschwand in die Heide, in ein altes Bauernhaus, in dem sie in den letzten beiden Jahren im Herbst Urlaub gemacht hatten. Er hatte sogar die Absicht, das unter Denkmalschutz stehende Haus zu kaufen.

Nachdem Gabis erster heftiger Zorn sich gelegt hatte, hatte sie gemerkt, dass ihr ohne Ehemann mit verrückten Ideen etwas fehlte. So hatte sie den gemeinsamen Anwalt angewiesen, die Scheidung nicht unbedingt zu forcieren, aber einfach zurücknehmen mochte sie sie auch nicht. Es wäre ihr als Zeichen von Schwäche erschienen. Was also tun? Gabi Hansen hatte eine gute Freundin, die im französischen Konsulat arbeitete. Schon Françoises Eltern waren im diplomatischen Dienst gewesen und hatten beide lange in Hamburg gearbeitet. Gabi und Françoise hatten sich in der Schule kennengelernt. Die Freundschaft hatte sich nach dem Schulabschluss erhalten, wobei ihnen zugutekam, dass sie nur wenige hundert Meter voneinander entfernt arbeiteten. Wann immer eine von beiden Sorgen hatte, konnte sie sicher sein, dass die andere versuchte, ihr einen Rat zu geben, oder sich doch wenigstens die Probleme anhörte.

In diesem Fall hatten sie sich für eine Mittagspause im Alsterpark verabredet, Gabi hatte Françoise von ihrer Unschlüssigkeit erzählt. Françoise konnte wenig mehr tun, als sich die Sorge ihrer Freundin anzuhören, aber Gabi hatte es gut getan, einfach mal über die Sache zu reden, wenngleich sie nach dem Gespräch auch nicht klüger war als vorher.

Die beiden jungen Frauen hatten die Gelegenheit jedenfalls noch dazu genutzt, am Abend gemeinsam essen zu gehen. Nach dem Essen brachte Gabi Françoise nach Hause, die am Beginn der Grindelallee wohnte. Weil Françoise Gabi noch auf einen Tee eingeladen hatte, benötigte Gabi aber einen Parkplatz. Ein Parkplatz war in dieser Gegend Mangelware und so riskierte Gabi es, ihren Golf einfach mitten auf dem rechten Fahrstreifen der Grindelallee parken zu wollen. Schließlich stand bereits ein uralter Ford Pinto direkt davor – ebenfalls mitten auf dem Fahrstreifen. Ein Verkehrsverstoß wird aber nicht dadurch besser, dass andere ihn bereits vorgemacht haben – im Gegenteil.

Gabi saß noch ihrem Auto, Françoise stand zwischen dem Golf und dem davor geparkten Pinto, als der Fahrer eines nachfolgenden VW Käfer die falsch geparkten Fahrzeuge zu spät erkannte und ungebremst auffuhr. Gabi wurde nach vorn in die zersplitternde Windschutzscheibe geschleudert, Françoise zwischen den Fahrzeugen eingeklemmt. Zu Gabis Glück hatte sie die Fahrertür bereits geöffnet, als der Käfer auffuhr. Mehr im Reflex als gewollt konnte sie sich aus dem totalbeschädigten Golf retten. Nur Bruchteile von Sekunden später gab es eine furchtbare Explosion und alle drei Fahrzeuge standen in hellen Flammen. Vor Schreck, Unfallschock und Verletzungsschmerz wurde Gabi ohnmächtig.

Beide Frauen hatten so gut wie alle Personalpapiere in ihren Handtaschen bei sich gehabt. Durch die Explosion waren sie allesamt vernichtet. Als Gabi im Krankenhaus aufwachte, wurde ihr bewusst, welche Chance ihr das Schicksal geschenkt hatte: Nach der schweren Verletzung war eine Gesichtsoperation nötig. Gabi konnte die Ärzte davon überzeugen, dass sie Françoise Debussy war und bekam mit Hilfe eines Fotos, das aus Françoises Wohnung geholt wurde, ein neues Gesicht und eine neue Identität. Es war auch umso leichter, da beide Frauen 170 Zentimeter groß waren, beide braune Augen und hellbraunes Haar hatten. Françoise lebte weiter, während Gabriele Hansen offiziell tot war. Die Leichen der beiden anderen Unfallopfer waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, und die Polizei hatte sich unvorsichtigerweise auf die Angaben der schwer verletzten Überlebenden verlassen. So war es Thomas erspart worden, die Leiche seiner Frau identifizieren zu müssen. Der Tag, an dem der schreckliche Unfall gemeldet wurde, war der Tag nach Thomas’ letztem Arbeitstag in der Versicherung und so erhielt er nicht einmal auf diese Weise von dem genauen Hergang Kenntnis. Seine ehemaligen Arbeitskollegen hatten Thomas niemals zuvor so aufgelöst erlebt, wie an dem Tag, als die angebliche Leiche von Gabriele Hansen beerdigt wurde. Er hatte hemmungslos geheult – und es hatte kaum jemanden gegeben, dem es an diesem Tag besser ergangen war.

Und während Thomas trauerte und sich erst recht in der Heide vergrub, beladen mit all seinen Schuldgefühlen, begann Gabriele Hansen als Françoise Debussy ein neues Leben. Was immer sie aus Françoises Leben nicht wusste, konnte sie leicht mit Amnesie erklären. Zwar schien Thomas ferner als je zuvor, aber andererseits konnte Françoise durchaus ein Techtelmechtel mit ihm anfangen, wenn er sich wieder bei seinem alten Arbeitgeber sehen ließ. Die Wahrscheinlichkeit wäre groß gewesen, da die Erfahrung lehrte, dass nahezu alle, die bei dieser Gesellschaft gekündigt hatten, es maximal ein Jahr in der Fremde aushielten und wieder zurückkamen. Das wäre auch leicht zu bewerkstelligen gewesen, denn mit Thomas’ Kündigung und Gabis angeblichem Tod waren in der Schadenabteilung zwei Stellen frei geworden, von denen mindestens eine besetzt werden musste. Und da Françoise alias Gabriele diese Materie durchaus sehr gut kannte, bewarb sie sich um eine der Stellen. Zu ihrem Unglück scheiterte sie am Einspruch des Betriebsrates, weil sich auch jemand aus dem Hause um den attraktiven Job in der Schadenabteilung bemühte. Und dann kam ihr auch noch der Wechsel zu UN dazwischen. Die echte Françoise hatte ihrer Freundin von dem geplanten Wechsel an eben jenem Abend bei einer Tasse Tee noch davon erzählen wollen, war aber wegen des Unfalles nicht mehr dazu gekommen.

In den vergangenen sechs Monaten hatte Gabriele Hansen, nun Françoise Debussy, mehr als einmal Gelegenheit gehabt, ihr Versteckspiel zu bereuen. Aber nun schien sich die Möglichkeit zu bieten, das zu tun, was sie eigentlich schon vor einem halben Jahr hatte tun wollen: Thomas zurückzugewinnen. Und eines Tages konnte sie ihm auch reinen Wein einschenken, vielleicht sogar zu ihrer alten Identität zurückkehren. Doch dafür musste sie zunächst den Generalsekretär davon überzeugen, dass es besser war, die Astronomen und den Forscher nach New York zu bitten. Bei den Finanznöten, in denen die UN chronisch steckten, würde das nicht einfach sein.

Ich muss es einfach versuchen! So schnell komme ich nicht wieder in das Chefbüro hinein! Die Gelegenheit kommt nicht wieder, wenn du sie jetzt verstreichen lässt!’, ermahnte sie sich in Gedanken und machte auf dem Absatz kehrt.

„Du bist schon wieder da?“, wunderte sich Marisa, die mit der Chefsekretärin immer noch die Papiere sortierte.

„Ja, ist wieder alles okay“, gab Françoise zurück und sortierte eifrig mit. „Was meint ihr: Ob es nicht ratsam wäre, dass der Chef mit denen mal spricht?“, fragte sie schließlich harmlos.

„Viel zu teuer!“, brummte die Chefsekretärin. „Das rückt er nicht heraus.“

„Man muss es ihm nur schmackhaft machen. Ich probiere es gern“, bot Françoise an. Die Chefsekretärin und Marisa sahen sich an.

„Na gut, Miss Debussy. Aber sagen Sie mir hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!“, seufzte die Chefsekretärin und drückte ihr den ganzen Stapel von Beobachtungen in die Hand. Françoise nahm allen Mut zusammen und ging mit den Unterlagen in das Büro von Perez de Cuellar.

„Was denn nun schon wieder?“, knurrte der viel beschäftigte Generalsekretär. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich die Akten, dass es Françoise an ihren alten Arbeitsplatz bei der Versicherung erinnerte. Die noch immer nicht abgeschlossenen Friedensverhandlungen zwischen dem Irak und dem Iran nach dem Golfkrieg, die unübersichtliche Situation in Afghanistan, die drohende Revolte in der Volksrepublik China, der eskalierende Konflikt zwischen den Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan, die wieder einmal stockenden Abrüstungsverhandlungen zwischen NATO und Warschauer Pakt und so weiter, und so weiter …

„Guten Morgen. Mr. Secretary. Heute Morgen steht der Fernschreiber nicht mehr still und es kommt ein Telegramm und Fax nach dem anderen herein. In Deutschland ist ein UFO gelandet und …“, setzte Françoise an. Perez de Cuellar fuhr kerzengerade von seinem Schreibsessel hoch.

„UFO? Ich habe genug zu tun, da kann ich mich um derlei Schwachsinn nicht auch noch kümmern!“

„Sir, es ist offensichtlich kein dummes Zeug. Zwei deutsche Astronomen bestätigen die Landung in der Lüneburger Heide. Damit nicht genug, ist das UFO weitergeflogen und ist direkt vor dem Planetarium in Hamburg gelandet. Die Landung wurde vom Flughafen Hamburg bestätigt, sämtliche Sternwarten in der Welt sind mit der Beobachtung einer Raumflotte im Bereich des Mars beschäftigt, alle geben an, dreißig Objekte nicht natürlichen Ursprungs entdeckt zu haben.“

„Ist doch typisches UFO-Fieber, wie alle Jahre. Die tauchen ebenso auf, wie das Ungeheuer von Loch Ness. Marsmenschen! Wenn ich das schon höre!“

„Bitte, Sir, lesen Sie die Faxe, Fernschreiben und Telegramme, die wir aus aller Welt bekommen haben. Niemand behauptet, dass es Marsmenschen seien; nur, dass diese fragliche Flotte sich zur Zeit beim Mars befindet. Woher sie kommt, das weiß keiner. Aber sämtliche Sternwarten sehen diese Objekte. Wenn wir also nicht von einer Massenpsychose ausgehen, dann …“

Françoise brach ab, als Perez de Cuellar die Nachrichten zu lesen begann.

„Hm, alles Wissenschaftler. Selbst Kaminski aus Bochum bestätigt den Irrsinn. Nicht zu glauben. Aber dass wir jetzt schon von Privatleuten belästigt werden …“

„Sie meinen das Telegramm von Mr. Hansen?“

„Ja. Woher will der Kerl das wissen? Und dann behauptet er auch noch, mit Außerirdischen gesprochen zu haben. Gehört doch in die Klapsmühle!“

„Das, Mr. Secretary, habe ich auch mal von ihm geglaubt“, gab Françoise lächelnd zurück.

„Kennen Sie den Irren etwa?“

„Ja. Ich kenne ihn, aber er kennt mich nicht. Genauer: Ich war mit seiner Frau seit der Schulzeit gut befreundet. Sie ist bei einem Unfall im letzten Herbst ums Leben gekommen. Er ist seit vielen Jahren UFO-Forscher, nur hat es ihm bislang niemand glauben wollen. Aber ich glaube, Mr. Hansen so gut zu kennen, dass er nicht lügt, wenn er sich an offizielle Stellen wendet. Außerdem hat er zwei renommierte Hamburger Astronomen als Zeugen, die ebenfalls mit den Außerirdischen gesprochen haben wollen.“

„Und Sie glauben den Quatsch, dass die Erde vernichtet werden soll, wenn sie nicht schnell genug dieser Föderation beitritt? Meine Güte, Steven Spielberg könnte sich das kaum besser ausdenken! Wissen Sie, wonach das klingt? Haben Sie mal von diesem Radioexperiment gehört, das Orson Welles vor dreißig oder vierzig Jahren veranstaltet hat? Es hat eine Panik ausgelöst, Miss Debussy!“, erinnerte Perez de Cuellar gereizt.

„Ich weiß. Gerade deshalb würde ich es für besser halten, wenn die UN die Angelegenheit steuern würden, um zu verhindern, dass es erneut zu einer Panik kommt, die diesmal vielleicht sogar weltweit sein könnte“, erwiderte Françoise sanft. „Wenn die Presse erst mal davon Wind bekommt, entwickelt das eine Eigendynamik, die gefährlich werden kann. Vor allem könnte ich mir vorstellen, dass die Abrüstung dann erst richtig stockt, …“

„… weil sich die atomar bewaffneten Staaten dann noch beharrlicher weigern werden, ihre Raketen einzustampfen, meinen Sie?“, vollendete der UN-Generalsekretär Françoises Satz. „Sie könnten Recht haben. Na schön, telegrafieren Sie an diese Leute, dass sie herkommen sollen und ihr Material mitbringen sollen, ohne dass die Presse informiert wird“, wies er die junge Frau an, die auch gleich davoneilte, um die Weisung auszuführen.

Als Thomas das Telegramm aus New York bekam, glaubte er zunächst an Halluzinationen und rief vorsichtshalber in der Sternwarte Bergedorf an. Teichmann und Kollegin Thomsen hatten ähnlich lautende Telegramme bekommen. Es stimmte also! Die UN waren offenbar gewillt, der Sache Glauben zu schenken. Nach den Telegrammen waren alle drei Personen für den PanAm-Flug PA 47 ab London gebucht – und das für den folgenden Tag. Die Flugkarten sollten in London hinterlegt sein. Thomas schätzte sich glücklich, ein unbefristetes Visum für die USA zu haben.

Die Maschine aus London landete gegen 18.00 Uhr Ortszeit in New York. Generalsekretär Perez de Cuellar hatte Françoise beauftragt, die Astronomen und den UFO-Forscher zu betreuen und gleichzeitig ein wenig unter Kontrolle zu halten, zu prüfen, ob die wirklich normal waren. Françoise erkannte Thomas am Zoll und gestand sich ein, dass sie am liebsten zu ihm hingelaufen wäre, um ihn zu begrüßen, wie es sich für eine Ehefrau gehörte. Nur – Thomas würde das kaum begreifen können! Also hielt sich die junge Frau mühsam zurück. Als die Zollformalitäten erledigt waren, stellte Françoise sich als UN-Mitarbeiterin vor und glaubte, ein kurzes Zucken bei Thomas zu erkennen. Tatsächlich hatte ihn ihre Stimme in beinahe unheimlicher Weise an seine tote Frau erinnert. Da aber das Äußere – jedenfalls das Gesicht – keine Ähnlichkeit mit Gabriele aufwies, blieb es bei dem kurzen Zusammenzucken. Françoise brachte die Gäste in ein einigermaßen preiswertes Hotel in der East 47th Street, fast direkt an der Ecke zur United Nations Plaza.

Am folgenden Morgen empfing Françoise die Astronomen und Thomas in der Halle des UN-Gebäudes und brachte sie dann zu Perez de Cuellar, der sich die Darstellung geduldig anhörte.

„Ich bin durchaus geneigt, mir fast jeden Blödsinn anzuhören, aber das geht zu weit, meine Herrschaften!“, sagte der Generalsekretär schließlich. Thomas sah auf seine Armbanduhr, die noch die Ortszeit Hamburg zeigte. Dort war es jetzt drei Uhr am Nachmittag. Kwiri musste mit seinem Raumer nach der Verabredung vor drei Stunden gestartet sein. Wie der Deneber ihm gesagt hatte, würden sie etwas mehr als drei Stunden bis nach New York brauchen. Thomas hatte in einer Hologrammkarte aus Klims Navigationsrechner das UN-Hauptquartier markiert. Sie würden es also nicht verfehlen können.

„Bevor Sie lostoben, Mr. Secretary, bitte ich Sie, noch eine Viertel- bis eine halbe Stunde zu warten. Ich habe mit unseren außerirdischen Freunden vereinbart, dass sie um zwölf Uhr Ortszeit Hamburg starten. Sie müssten in den nächsten dreißig Minuten hier auftauchen“, sagte er ruhig.

„Sie … Sie meinen, … die kommen hierher?“

„Mr. Secretary, ich kann mir aus früheren Erfahrungen denken, was Leute in einer Position wie der Ihren von der Geschichte halten. Deshalb hat es wenig Wert, wenn Sie es nur von Menschen hören. Es ist einfach überzeugender, wenn Sie mit den Abgesandten direkt sprechen“, erklärte Thomas.

„Und in welcher Sprache werde ich mich mit ihnen verständigen müssen?“

„Sie benutzen einen Translator, der in jede beliebige Sprache übersetzt. Mit Deutsch hat es jedenfalls hervorragend funktioniert, wie Ihnen Mrs. Thomsen und Mr. Teichmann bestätigen können. Ob die südamerikanischen Eigenheiten der spanischen Sprache im Translator miterfasst sind, kann ich nicht hundertprozentig sagen, aber Spanisch dürfte jedenfalls in der Castellan-Hochsprache kein Problem sein. Doch es könnte angeraten sein, dass wir uns auf eine Sprache einigen, die wir Menschen alle gemeinsam möglichst gut sprechen, weil ich nicht genau weiß, ob der Translator in mehrere Sprachen gleichzeitig übersetzen kann“, empfahl Thomas.

Im gleichen Moment klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch des Generalsekretärs.

„Augenblick bitte … Hallo?“, nahm der Generalsekretär das Gespräch entgegen. „Ich hatte doch ausdrücklich gesagt, ich wolle nicht ge… wie bitte? Ja, stellen Sie den General durch. Guten Morgen, General Powell, Perez de Cuellar am Apparat. Unbekanntes Flugobjekt im Anflug auf New York? Nein, schießen Sie es bitte nicht ab. Ja, ich übernehme die Verantwortung dafür, gewiss. Es wird hier am Hauptquartier landen, wie mir gesagt wurde. Nein, bitte unternehmen Sie nichts, was irgendwie feindselig wirken könnte. Ja, danke, General, das wünsche ich Ihnen auch“, sagte er und legte auf.

Mit ungläubigem Erstaunen sah er Thomas an.

„General Powell, der Chef des amerikanischen Generalstabes, teilt mir mit, dass ein kugelförmiges, nicht identifiziertes Flugobjekt jetzt gerade Staten Island passiert hat und in etwa tausend Fuß Höhe in die Mündung des Hudson River eingeschwenkt ist und auf Manhattan zuhält. Er wollte es abschießen lassen, aber ich habe ihn gebeten, das zu unterlassen. Wo werden diese Wesen landen?“

„Haben Sie ein Hubschrauberflugdeck auf dem Gebäude?“, erkundigte sich Thomas. Françoise nickte. Thomas nahm das Sprechgerät aus der Tasche und schaltete es ein.

„Kwiri, hier ist Thomas. Melde dich!“, fragte er auf Deutsch.

„Guten Tag. Hier Kapitän Swin.“

„Wo seid ihr jetzt genau?“

„Wir haben eben die Küste erreicht und fliegen jetzt über einer Flussmündung direkt auf eine lang gestreckte Insel zu. Die Markierung im Computer blinkt weiterhin. Auf dem Schirm habe ich jetzt eine Ansammlung von sehr hohen Gebäuden und dazwischen einen langen, grünen, ja, Wald würde ich es nennen. Die Markierung blinkt rechts ein wenig darunter versetzt.“

„Geh mit der Geschwindigkeit ‘runter und schalte deine Holokarte auf Sichtflug um. Du siehst auf der rechten Seite der großen Insel einen Flussarm, das ist der East River, darin eine lange und südlich davon eine kleine Insel. Direkt westlich dieser kleinen Insel ist ein lang gestrecktes, leicht gebogenes Gebäude. Hast du’s?“

„Ja, ganz deutlich.“

„Auf dem Gebäude zwei senkrechte weiße Balken, verbunden mit einem Querbalken in einem weißen Kreis. Siehst du das?“

„Ja. Kann ich erkennen.“

„Das ist der Hubschrauberlandeplatz. Setz dort auf. Wir kommen ‘rauf. Bis gleich.“

Thomas schaltete das Gerät ab und sah in völlig verblüffte Gesichter. Perez de Cuellar, der kein Wort Deutsch verstand, sah Françoise hilflos an.

„Mr. Hansen hat die neuen Gäste eben eingewiesen, Mr. Secretary“, erklärte sie. Dann sah sie Thomas an.

„Sie haben bemerkenswert schnell mit diesen Wesen Freundschaft geschlossen“, sagte sie.

„Ich denke, das werden Sie auch, wenn Sie sie richtig kennen gelernt haben. Es sind liebenswerte kleine Burschen“, grinste Thomas. „Wir sollten nur zum Hubschrauberdeck gehen, denn sie sind fast unten. Kommen Sie.“

Noch immer völlig verwirrt folgten die beiden UN-Mitarbeiter dem UFO-Forscher und den Astronomen, fuhren bis zum Dach hinauf. Als sie die Tür zum Landeplatz öffneten, fuhr die Raumkugel gerade die Landestützen aus und setzte sanft auf. Kwiri klappte die Ausstiegsluke auf, Thomas ging ohne jedes Zögern hin und schaute hinein.

„Hallo, Freunde“, begrüßte er die Außerirdischen. „Guten Flug gehabt?“

„Ja, aber vor der Küste waren plötzlich Fluggeräte da, die wir als Kampfmaschinen identifiziert hatten. Wir haben schon fast an eine Falle geglaubt.“

„Der Generalsekretär hat sie zurückgehalten. Steigt aus, dann stelle ich euch vor. Ach, kann euer Translator mehrere Sprachen gleichzeitig übersetzen?“

„Nein, das gibt Wellensalat“, grinste Horka.

„Gut, dann müssen wir uns tatsächlich auf eine Sprache einigen. Kommt.“

Thomas ging zurück zu den übrigen Menschen.

„Gut, dass Powell bei Ihnen angerufen hat und seine Leute rechtzeitig zurückpfeifen konnte“, sagte er. „Also, auf welche Sprache einigen wir uns? Englisch?“, fragte er dann. Da alle Englisch sprachen, waren sie sich schnell einig. Auf Thomas’ Bitte hin schaltete Kwiri seinen Translator auf Englisch um, womit die Unterhaltung für alle verständlich war. Françoise und Perez de Cuellar sahen die knapp einen Meter großen Wesen mit großen Augen an. Nein, für einen Trick waren sie einfach zu lebendig. Thomas stellte sie vor, worauf sich die Außerirdischen gemessen verbeugten.

Nach einer genaueren Unterrichtung des UN-Generalsekretärs wurde Perez de Cuellar blass.

„Oh, mein Gott!“, entfuhr es ihm. „Ich sehe es ein, die Sache ist ernst. Ich werde sofort den Sicherheitsrat einberufen.“

„Ich denke, es wäre angeraten, eine außerordentliche UN-Vollversammlung einzuberufen“, schlug Thomas vor.

„Nein, ich warte zunächst die Reaktion des Sicherheitsrates ab“, widersprach Perez de Cuellar.

 

Kapitel 4

Ablehnung und vorsichtige Annäherung

 

Perez de Cuellar griff zum Telefon und rief die Mitglieder des Sicherheitsrates an, gab als Gesprächstermin ein Uhr mittags an. Kwiri machte einen ungeduldigen Eindruck.

„Was ist mit dir?“, fragte Thomas, als er mit Kwiri wieder vor dem Raumer stand.

„Klim hat vorhin noch mal die Position der Sechsten Flotte gecheckt. Sie sind am Erdmond. Mir ist nicht wohl dabei, dass sie es so eilig haben, zur Erde zu kommen. Gribor plant eine Teufelei, fürchte ich.“

„Kann er dich entdecken? Ich meine dein Schiff?“

„Wird für ihn nicht zu übersehen gewesen sein“, seufzte Kwiri. „Wir werden uns vorsichtshalber mit Schutzschirmen bewaffnen, falls dem Kerl einfällt, aus dem Raum auf uns zu schießen. Und du solltest besser auch einen nehmen. Ich gebe dir auch eine Waffe. Man kann nie wissen.“

Kwiri stieg in das Schiff, holte ein kleines Kästchen heraus.

„Hier, steck dir das in die Tasche. Wenn du den roten Schalter berührst, baut sich ein Schutzfeld um dich auf, sehr ähnlich wie das, was wir für das Schiff haben. Es kann von Strahlen nicht durchdrungen werden, und wer mit der Hand hineingreift, bekommt eine elektrische Entladung.“

„Hmm, was hält der Schirm von Bleikugeln?“, brummte Thomas. „Das wäre in New York die wahrscheinlichste Gefahr.“

„Feste Gegenstände werden so stark verlangsamt, dass sie dir nicht viel tun.“

„Kugelsichere Weste für den ganzen Körper. Nicht schlecht. Könnte ein Verkaufsschlager auf der Erde werden.“

Kwiri sah seinen menschlichen Freund eine Weile an.

„In der Föderation ist so ein Schutzschirm nicht für jedermann zugänglich. Ebenso wie Waffen dürfen diese Schirme nur ganz vertrauenswürdige Personen tragen. Ist das bei euch anders?“

„Das kommt darauf an, in welchem Staat auf dieser Welt du dich befindest. Hier bist du in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier ist das Waffentragen keinem Menschen zu verbieten – leider auch nicht das Benutzen. Insofern ist es mir sehr lieb, wenn ich hier so einen kleinen Schutz bei mir habe. Danke, Kwiri.“

Den ganzen Nachmittag über tagte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Aber die Abgeordneten waren nicht zu überzeugen, dass eine schnelle, eine sehr schnelle Entscheidung getroffen werden musste. Auch nicht mit den von den Sternwarten und der Raumstation MIR kommenden Warnungen, dass die Flotte der Außerirdischen bereits am Mond war. Die Ständigen Mitglieder stoppten die Entscheidung mit einem kollektiven Veto – seltene Einmütigkeit unter den sonst verfeindeten Staaten. Thomas, der mit Michael Teichmann und Gisela Thomsen im Zuhörerraum saß, war kurz davor, vor Wut zu platzen.

„Das darf einfach nicht wahr sein!“, knurrte er. „Da steht der leibhaftige Beweis außerirdischen Lebens vor diesen Idioten und die glauben es noch immer nicht.“

„Nehmen Sie es ihnen nicht übel, Herr Hansen“, beruhigte Teichmann ihn. „Die haben andere Probleme damit als Sie. Für Sie ist der Umgang mit Extraterristen eher die Normalität als das politische Tagesgeschäft der UN. Sehen Sie es ihnen nach.“

„Würde ich auch, wenn es nicht um die Existenz, das nackte Leben von fast fünf Milliarden Menschen und noch mehr Viechern ginge“, seufzte Thomas.

Die Diskussion zog sich weiter zäh hin. Gegen acht Uhr abends lehnte der Sicherheitsrat es mit den Stimmen aller fünf Ständigen Mitglieder und der meisten Nichtständigen Mitglieder ab, eine außerordentliche Vollversammlung einzuberufen, um darüber zu entscheiden, welche Kompetenzen die Nationalstaaten an die UN abtreten sollten, um eine Aufnahme in die Galaktische Föderation möglich zu machen. Selbst eine weitere Diskussion über einen Beitritt wurde rundweg abgelehnt.

Um halb neun löste sich die Versammlung auf, ein ratloser Generalsekretär und nicht weniger ratlose Mitarbeiter der UN, ein nur mühsam verhalten zorniger Forscher und zwei ein wenig gleichgültige Astronomen blieben zurück mit drei achselzuckenden Außerirdischen.

„Es ist Ihr Planet“, seufzte Kwiri. „Ich warte den morgigen Tag noch ab, dann sehe ich keine greifbare Chance mehr, um das zu verhindern, was da kommen soll.“

Damit gingen die Deneber zurück auf das Dach, wo ihr Raumer noch immer geparkt war. Kwiri hatte ihn versetzt, um das Landedeck für eventuell einfliegende Hubschrauber freizumachen.

„Miss Debussy, ich habe noch zu tun. Würden Sie mit den Herrschaften allein essen gehen?“

„Ja, natürlich. Ich hatte sowieso nichts vor. Auf UN-Rechnung?“

„Ja.“

Der Generalsekretär verabschiedete sich von den Deutschen und verschwand wieder in seinem Büro.

„Ja, also – mögen Sie’s italienisch?“, fragte Françoise auf Deutsch. Die drei Deutschen nickten.

„Prima. Ich rufe eben bei Marconi’s an und frage, ob er noch vier Plätze hat.“

Sie ging in eines der Büros, telefonierte zweimal und kam wieder.

Marconi’s erwartet uns und das Cab ist auch bestellt. Kommen Sie.“

Unten wartete bereits das Yellow Cab. Auf Françoises Anweisung fuhr der Taxifahrer die Gruppe nach Little Italy. Dort, wo der Broadway das italienische Viertel durchzieht, war ein feines italienisches Restaurant, das aber neben den erlesenen Genüssen Italiens auch Pizza bot. Während die Astronomen nur die edelsten Speisen bestellten, orderte Thomas sich eine ganz gewöhnliche Pizza Napoli und einen Frascati dazu. Françoise nahm ebenfalls eine Pizza und einen Weißwein.

Gleich nach dem Essen wollten die beiden Astronomen ins Hotel. Françoise sah Thomas einen Moment an.

„Wollen Sie auch schon gehen?“, fragte sie. In ihrem Blick war etwas schwer deutbares, das Thomas neugierig machte und ihn seine Absicht vergessen ließ, ebenfalls zu fahren.

„Ich würde jedenfalls noch auf einen Espresso bleiben“, erwiderte er lächelnd.

„Ich kann nicht behaupten, dass Sie ausverschämt wären, Herr Hansen“, bemerkte sie, als Teichmann und Frau Thomsen gegangen waren.

„Es sind auch meine Steuergelder, die wir heute Abend verspeisen. Ich käme nicht auf die Idee, mir mehr zu bestellen, nur weil es ein anderer bezahlt oder in diesem Falle eine andere. Salute, Signora“, erwiderte Thomas und hob sein Weinglas.

„No, Signorina“, berichtigte sie mit einem Lächeln, das getrost als verführerisch bezeichnet werden konnte.

„Gut, Signorina“, sagte er.

„Was machen Sie, wenn Sie nicht die Welt retten wollen?“, fragte sie. Thomas’ Lächeln erlosch.

„Meistens bei Nacht in den Himmel sehen, nach UFOs suchen, mich bemühen, nicht in der Klapsmühle zu landen. Ich schreibe Artikel für eine populärwissenschaftliche Zeitschrift, was einigermaßen einträglich ist. Und wenn ich noch Zeit finde, lese ich gern oder bilde mich historisch ein bisschen fort. Außerdem bemühe ich mich, rein zur Vorsicht, mit meinem früheren Beruf Schritt zu halten.“

„Klingt nach völlig ausgefülltem Tag.“

„Ja“, lachte er auf, „und ausgefüllten Nächten.“

„Was sagt Ihre Frau dazu?“

„Meine Frau?“, fragte Thomas leise und bitter. Seine Hand umkrampfte das Weinglas.

„Meine Frau hat das nicht ausgehalten. Sie wollte sich scheiden lassen. Gekommen ist es dazu nicht, weil sie bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie hat meine Leidenschaft nie verstehen können. In den letzten Monaten habe ich langsam begriffen, wie es ihr gegangen ist, denn sie hatte eigentlich nie jemanden, mit dem sie reden konnte. Ich hatte ja keine Zeit für sie. Vor ein paar Tagen habe ich mich noch gefragt, was sie wohl dazu sagen würde, wenn sie das erleben könnte – oder müsste. Vielleicht hat sie es besser, wo sie jetzt ist. Sie braucht jedenfalls keine Angst mehr um diese Welt zu haben.“

„Wenn Ihre Frau auferstehen würde und vor Ihnen stünde – meinen Sie, sie würde Sie heute besser verstehen?“, fragte sie. Thomas zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Es ist auch eine rein akademische Frage – am heutigen Tage jedenfalls. Aber wenn diese Schwachköpfe bei der UN – ‘tschuldigung, Sie sind natürlich nicht gemeint! – sich nicht darüber klar werden, dass die Existenz der Erde ganz allein von ihnen abhängt, dann könnte ich Gabi schneller wiedersehen, als mir lieb ist. Nicht, dass ich das nicht möchte. Ich habe meine Frau sehr geliebt. Wie sehr, das habe ich erst gemerkt, als sie tot war. Nur, dann bin ich eben auch tot. Und eigentlich ist es mir mit neun-undzwanzig noch ein bisschen früh dafür.“

„Sie glauben, dass die Außerirdischen die Erde vernichten werden, wenn wir nicht spuren?“

„Wissen Sie was? Sie haben einen Ausdruck in den Augen, den meine Frau auch hatte, wenn sie der Meinung war, ich spinne mal wieder. Ja, ich glaube es. Im Gegensatz zu anderen hatte ich die Möglichkeit, die Flotte in etwas besserer Qualität zu sehen. Klim hat es mir auf seinem Ortungsschirm gezeigt. Nach den Handbüchern meiner kleinen Freunde haben sie eine Feuerkraft, die nur noch mit dem Atomwaffenarsenal sämtlicher Atommächte zusammen vergleichbar ist. Wenn wir heute alle Atomwaffen auf einen Schlag sprengen würden, bliebe von diesem Planeten nicht genug übrig, um noch Spuren davon als kosmische Wolke zu entdecken. Mir behagt die Vorstellung überhaupt nicht, dass diese dreißig Schiffe bereits den Mond passiert haben und dass hier nur einer husten muss, um da oben jemanden auf den falschen Knopf drücken zu lassen.“

Françoise lächelte sanft.

„Ich bin mir absolut sicher, dass Ihre Frau ihre Meinung über Sie ändern würde, säße sie an meiner Stelle. Wenn sie Sie für einen Spinner gehalten hat, müsste sie spätestens nach dem heutigen Tag diese Ansicht revidieren“, sagte sie und legte vorsichtig ihre Hand auf die seine. Thomas war versucht, sie ihr zu entziehen. Andererseits war es ein lange vermisstes, sehr schönes Gefühl, das die leichte Berührung auslöste. Er lächelte.

„Sie machen es mir schwer, zu widerstehen, wissen Sie das? Ich komme mir vor wie ein Ehebrecher.“

„Sagten Sie nicht, Sie wären Witwer?“, erkundigte sich Françoise mit schelmischem Grinsen.

„Was würden Sie sich davon versprechen, wenn ich Ihrem beharrlichen Werben nachgebe?“, fragte er leise und sehr warm.

„Nun, einen schönen Abend, vielleicht …“, erwiderte sie mit einem Augenaufschlag, der Thomas sehr viel mehr versprach, als er sich für diesen Abend vorgenommen hatte.

„Erwarten Sie mehr als das?“, hakte er nach.

„Hätte es bei den von Ihnen geschilderten Aussichten, was die Zukunft dieses Planeten betrifft, viel Zweck, über den einen oder anderen Abend hinaus zu planen?“, konterte sie mit einer Gegenfrage. „Nein“, sagte sie dann, „erwarten sicher nicht.“

„Soll ich ein Cab rufen?“, fragte Thomas.

„Ich sollte wohl erst mal bezahlen“, gab Françoise lachend zurück und winkte dem Kellner. Sie bezahlte, Thomas bat den Kellner ein Taxi zu rufen und zehn Minuten später beobachtete der Taxifahrer ein offensichtlich sehr verliebtes Paar mit einem scheelen Blick in den Rückspiegel.

„Nach Yonkers“, orderte Françoise.

„Und wo da, Miss?“

„Sag’ ich Ihnen dann dort.“

Françoise hatte kaum die Haustür aufgeschlossen, als sie ihr Telefon hörte. Sie eilte an den Apparat.

„Hallo? Ja, Mr. Secretary? Nein, ich bin eben erst in der Tür. Nein, der wollte sich noch anderweitig amüsieren, Sir. Ja, gut, ich rufe ihn morgen früh gleich an und sag’ es ihm. Ja, danke. Gute Nacht, Sir.“

„Eine Lady genießt und schweigt, hm?“, fragte Thomas, der leise die Haustür abgeschlossen hatte.

„Sagen wir es so: Mein Arbeitgeber kann alles essen, aber er braucht längst nicht alles zu wissen, Thomas.“

„Irgendwie kommt mir der Spruch bekannt vor“, grinste er und strich ihr sanft durch das Haar. „Und was sollst du mir von deinem Chef bestellen?“

„Dass er eben einen Anruf vom britischen Botschafter bekommen hat. Der Sicherheitsrat weist darauf hin, dass er mit dem Quatsch – wörtliches Zitat – nicht noch mal belämmert werden will. Sie werden sich auf keinen Fall noch mal mit der Frage eines Beitritts zu einer fragwürdigen Galaktischen Föderation befassen. Tut mir Leid, Thomas.“

„Also alles umsonst!“, schnaufte Thomas. „Aber was soll’s! Selig die Bekloppten, denn sie brauchen keinen Hammer mehr!“

„Du kennst doch die Welt!“, rief Françoise aus dem Flur. „Es muss immer erst eine Katastrophe passieren, bevor Politiker aufwachen“, setzte sie hinzu, als sie ins Wohnzimmer kam. Thomas nickte und zog sie schweigend an sich.

Am Morgen erwachte Thomas ungewöhnlich früh. Ein wenig verstört bemerkte er, dass er nicht in seinem Hotelzimmer war. Dann fiel sein Blick auf Françoise und er begriff allmählich, wo er war. Einige Zeit sah er sie an und strich ihr sanft durch das halblange Haar. Sie regte sich im Schlaf und flüsterte zärtlich seinen Namen.

Seltsam – sie ist wie Gabi in ihrer Hingabe. Lieber Himmel! Alles an ihr erinnert mich so sehr an Gabi. Das ist mir jetzt bald unheimlich. Bevor ich noch völlig verrückt werde, fahre ich besser ins Hotel zurück und sehe zu, dass ich einen Flug nach Frankfurt oder Hamburg bekomme. Hier verschwende ich ohnehin nur noch Zeit’, dachte Thomas. Nein, er war noch nicht so weit, dass er eine neue Bindung eingehen konnte. Es würde ein Schock für Françoise sein, aber besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Leise stieg er aus dem Bett, zog sich an und hinterließ ihr einen kurzen Brief:

Ma chère, ich muss weg. Nicht, weil mich irgendwelche Pflichten rufen, denn ich habe keine. Ich möchte einfach vermeiden, dass Du Dich wirklich verliebst. Ich fürchte, ich bin kein Mann zum liebhaben oder gar zum Heiraten. Die Katastrophe mit meiner Frau ist mir Warnung genug, dass ich nicht noch eine Frau unglücklich machen sollte. Vorerst danke ich Dir für die wundervolle Nacht. Du hast mich sehr glücklich gemacht.

Danke,

Thomas.

Als Françoise allein aufwachte und nach dem ersten Schock den Brief fand, war sie zunächst überzeugt, Thomas nun endgültig verloren zu haben. Aber zum ersten Mal war sie in der Lage, ihre gescheiterte Ehe gleichsam von außen zu betrachten. Gewiss, die Ehe war nicht gut gegangen – aber im Wesentlichen deshalb, weil Gabriele nicht an die Richtigkeit von Thomas’ Beobachtungen geglaubt hatte, weil sie – wie so viele andere auch – angenommen hatte, die Erde sei der einzig bewohnte Planet im All. Für Françoise galt das nicht mehr. Sie hatte die Außerirdischen mit eigenen Augen gesehen, hatte mit ihnen gesprochen. Nein, Françoise brauchte die Hoffnung nicht aufzugeben, Thomas eines Tages doch mehr als nur eine Nacht abzuringen. Auf alle Fälle wollte sie nicht mehr zu weit von Thomas entfernt sein. Er hatte ihr gefehlt, sehr gefehlt. Nichts wünschte sich Françoise mehr, als Thomas die Wahrheit sagen zu können. Aber im Augenblick, das war ihr klar, würde sie Thomas damit vermutlich eher ans andere Ende der Galaxis treiben als ihn zurückzugewinnen. Sie beschloss, ihm Zeit zu lassen, alle Zeit, die er wollte und brauchte – aber sie würde in seiner Nähe sein, um den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen!

Kapitel 5

Grobe Beeinflussung

 

Thomas hatte sich nicht die Zeit genommen, von Françoise aus ein Taxi zu rufen. Er war einfach losgegangen und hatte gehofft, ein Cab zu stoppen. Aber in dem vergleichsweise beschaulichen Vorort Yonkers verkehrten Taxen nicht in der Dichte wie in Downtown Manhattan. Er war schon ein oder zwei Kilometer gelaufen, als ihm klar wurde, dass es zu Fuß erstens noch wenigstens weitere zwanzig Kilometer sein würden und zweitens, dass der Weg mitten durch die Bronx führen würde, ein nicht unbedingt empfehlenswertes Viertel, wenn man Wert darauf legt, lebend und gesund zu bleiben.

Thomas sah sich um und entdeckte ein Schnellrestaurant. Er ging hinein, um sich vom dortigen Telefon ein Cab zu rufen. Im Raum waren nur zehn oder zwölf Frühstücksgäste, aber keiner saß auf einem Platz, alle drängten um ein Fernsehgerät beim Tresen. Nach dem, was Thomas bruchstückhaft hörte, war es offenbar eine Live-Nachrichtensendung. Er ging näher, erkannte das CNN-Logo und sah Bilder, die an den Persischen Golf erinnerten.

„Morgen. Ich hätte gern einen Kaffee“, bestellte er.

„Später, Mann, das hier ist wichtiger!“, knurrte der Wirt.

„So? Haben die New York Yankees die Baseballmeisterschaft gewonnen?“, erkundigte Thomas sich belustigt. Der Wirt und zwei oder drei andere sahen ihn verdutzt an.

„Sehen Sie keine Nachrichten, Mann?“, fragte einer.

„Nein, heute Morgen noch nicht. Irgendwas passiert?“

„Irgendwas? Mann, Sie sind gut! Über Persien sind angeblich UFOs aufgetaucht. Gestern Abend ging’s ja durch die Nachrichten, dass Saddam Hussein am Persischen Golf wieder Streit sucht und seine Soldaten wohl versucht haben, nach Khorramshahr am Golf durchzukommen. Sagen wir’s kurz: Loch im Globus! Iran und Irak sind nur noch Lavafelder! Es soll Millionen Tote gegeben haben“, erklärte einer der Gäste. Thomas wurde leichenblass.

„Großer Gott! Vergessen Sie den Kaffee! Ich brauche ein Cab!“, stieß er hervor.

„Wohl Journalist, was? Ich würd’ Ihnen nicht raten, dahin zu fahren, Mann!“, versetzte der Wirt.

„Wo ist das Telefon?“

Achselzuckend zeigte ihm der Wirt die Telefonzelle. Thomas telefonierte eilig und hatte Glück, schnell ein Yellow Cab zu bekommen.

„Zum UN-Hauptquartier, schnell!“

„Ja, Sir!“, rief der Taxifahrer, schob die Mütze ins Genick und fuhr mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Innenstadt, rote Ampeln wie Stoppzeichen gebende Cops ignorierend. Thomas bezahlte, hetzte ins Gebäude.

„Tagt der Sicherheitsrat?“, fragte er eine verstört wirkende junge Frau am Empfang.

„Ja, aber …“

„Danke!“, rief Hansen schon im Weiterrennen.

„Sir, da können Sie nicht …“

Aber Thomas ließ sich nicht aufhalten, auch nicht von den Gebäudewachen, die ihn noch vor dem Ratssaal abfangen wollten. Ein Türflügel krachte geräuschvoll an die Wand – und der lautstark über die Waffengattung des Angriffs auf die Golfkriegskontrahenten diskutierende Sicherheitsrat schwieg erschrocken. Es war eine Stille, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

„Bitte, da haben Sie’s!“, sagte Thomas in die unheimliche Stille hinein. „Iran, Irak, Afghanistan – das war Ihnen wichtiger als eine Bedrohung durch außerirdische Intelligenzen. Wir haben nur die Wahl, uns zu einigen und beizutreten oder abgetreten zu werden. Was dabei herauskommt, wenn man diese Drohung nicht ernst nimmt, und lieber die zweite Alternative in Kauf nimmt, das sehen Sie an den Verwüstungen am Golf. Wollen Sie andere chronische Hitzköpfe wie Israel, Syrien, Jordanien, den Libanon, Libyen, Vietnam, Kambodscha und sonst noch welche Staaten auf allen Kontinenten demselben Schicksal überlassen?“

„Aber … waren das Außerirdische?“, warf der britische Botschafter ein.

„Es waren Außerirdische, so wahr, wie ich hier stehe, Sir!“, entgegnete Thomas. „Auf der Erde hätten wohl nur Atomwaffen eine solch entsetzliche Zerstörungskraft, die ausreicht, um ein derart großes Gebiet in eine brodelnde Lavawüste zu verwandeln. Der Einsatz von Atomwaffen in diesem Umfang wäre aber geeignet, die Geigerzähler noch hier zum Überschlagen zu bringen. Strahlung ist aber nicht festgestellt worden, wie ich den Nachrichten entnehme. Kein Becquerel Strahlung, nichts! Diese Zerstörung beruht auf einer Laserwaffe, wie wir sie in dieser Stärke auf der Erde nicht herstellen können, weil wir die Energiezellen gar nicht haben. Selbst für SDI werden nicht solche Laserkanonen konstruiert, wie jedenfalls die amerikanischen Vertreter wissen werden. Sehen Sie das hier.“

Thomas nahm aus der Jackentasche den Handlaser, den Kwiri ihm gegeben hatte. Er hatte ihn nur lose auf der Hand liegen, damit niemand meinte, Thomas wolle die Ratsversammlung bedrohen.

„Was ist das?“, fragte der Vertreter Chinas.

„Das ist eine Laserpistole. Ich habe sie von den Außerirdischen, die gestern ebenso verzweifelt wie erfolglos versucht haben, Sie von der Notwendigkeit einer Einigung zu überzeugen. Ich kann sie Ihnen gern vorführen, damit sie eine Vorstellung haben, was eine großkalibrige Waffe dieses Typs anrichten kann. Ich denke, es ist an der Zeit, sich zu entscheiden, meine Damen und Herren!“

„Sagen Sie, Mr. Hansen – bevor wir uns weiter mit Ihren Hirngespinsten auseinandersetzen: In welcher Vollmacht reden Sie eigentlich vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen?“, kam eine Frage von irgendwo aus dem Saal.

„Sämtliche kriegerisch veranlagten Staaten dieser Welt stehen im Begriff, beim nächsten lauten Husten zusammengeschmolzen zu werden und Sie fragen mich, in welcher Vollmacht ich hier stehe? Das schlägt dem Fass den Boden aus!“, rief Thomas wütend. „Ich vertrete, wenn Sie so wollen – Geschäftsführung ohne Auftrag, falls Ihnen dieser Rechtsbegriff etwa sagt – die gesamte Menschheit, verdammt noch mal! Mrs. Thomsen, Mr. Teichmann, die Deneber und ich haben gestern den lieben langen Tag lang versucht, Ihre Holzköpfe der Erkenntnis zu öffnen, dass es nicht nur Extraterristen gibt, nein, dass es auch noch zwei Sorten von Arten gibt. Nämlich solche, die uns Terraner in eine Galaktische Föderation integrieren wollen und solche, die uns Erdlinge für schlichtweg überflüssig halten und die Erde deshalb leblos wie den Mond machen wollen. Aber das begreift offensichtlich keiner!“

„Nun gut, wenn es Außerirdische sind, dann werden wir uns eben wehren!“, versetzte der britische Vertreter.

„Aha! Und womit? Mit vier Raumgleitern und einer Ariane-Rakete, die eine Startvorbereitung von mindestens vier Wochen brauchen?“, fragte Thomas ätzend. „Das ist ungefähr so, als wenn Sie mit einem Tretroller gegen einen Tomcat F-16-Jäger antreten wollen! Da draußen sind zwischen Erde und Mond ungefähr dreißig Großkampfschiffe, die jeden Überschalljäger lächelnd stehen lassen, die eine Manövrierfähigkeit haben, die sie auf der Fläche eines Frühstückstellers wenden lassen und die eine Feuerkraft haben, dass von diesem Planeten nicht genug übrig bleibt, um noch als Mahnmal im Weltall zu schweben. Ich in gewiss ein fantasiebegabter Mensch, aber es übersteigt meine Vorstellungskraft, wie wir uns gegen diese Streitmacht zur Wehr setzen wollen. Sollten Sie an die Interkontinentalraketen denken – vergessen Sie bitte nicht, dass es Boden-Boden-Raketen sind. Sorry, Sir, aber wenn Sie nicht wenigstens Q und James Bonds Wunderwaffen auffahren, räume ich Ihnen da keine Chancen ein.“

„Aber da ist doch noch der Kugelraumer Ihrer Außerirdischen“, gab der französische Botschafter zu bedenken.

„Wir können Kapitän Swin fragen, aber ich habe ernsthafte Zweifel, dass er Laserwaffen an Bord hat, die geeignet wären, die Schutzschirme der Flotte zu durchdringen.“

„Schutzschirme?“, erkundigte sich die amerikanische Botschafterin verblüfft. Thomas aktivierte den Schild, den Kwiri ihm gegeben hatte. Eine gelbliche Aura hüllte ihn ein. Ein in seiner Nähe stehender Diplomat berührte ihn kurz und zuckte erschrocken zurück, als er einen Schlag bekam. Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen.

„Mit solchen Anlagen sind die Kampfraumer ausgerüstet und es bedarf einer ähnlichen Feuerkonzentration wie im Golf, um nur diesen Schirm zu durchdringen“, erklärte Thomas übertreibend.

„Nun, es gibt da noch die amerikanischen Satelliten, die für das SDI-Projekt gestartet wurden“, gab der sowjetische Botschafter zu bedenken. Madeline Albright, die amerikanische Botschafterin, blitzte den Russen wütend an, aber sie dementierte nicht.

„Das mag sein, Herr Botschafter“, räumte Thomas ein und schaltete den Schutzschirm wieder aus. „Die Sache hat nur einen Haken: Diese Satelliten können – eventuell – kleine Ein-Mann-Jäger mit ins Nirwana nehmen, aber sie werden den großen Schlag nur provozieren. Wenn wir uns dann in der Ewigkeit treffen, können Sie zwar sagen, wir hätten uns nicht kampflos ergeben, doch halte ich diese Aussicht im Interesse von fünf Milliarden Menschen für nicht sehr verlockend“, versetzte er dann. „Es gibt nur die Alternativen Einigung oder Untergang. Wenn wir berücksichtigen, dass Ersteres eigentlich seit langem Ziel und Aufgabe der UN ist, weiß ich nicht, warum Sie noch zögern, Ihre Regierungen anzurufen, die Sachlage deutlich machen, eine außerordentliche Vollversammlung zusammentrommeln und Nägel mit Köpfen machen.“

Die UN-Diplomaten sahen sich mit einer Mischung aus Beschämung und Verblüffung an. Musste tatsächlich erst irgendein verrückter UFO-Forscher kommen, um sie auf ihren Auftrag aufmerksam zu machen? Die Vertreter der Ständigen Mitglieder nickten wie auf Kommando, steckten die Köpfe zusammen, dann gingen sie auseinander, sprachen mit Vertretern der Nichtständigen Mitglieder des Sicherheitsrates. Der französische Botschafter trat zu Thomas.

„Sie haben uns überzeugt, Monsieur Hansen. Wir werden eine Resolution vorbereiten“, sagte er. Thomas seufzte tief.

„Monsieur l’ambassadeur, es ist keine Sekunde zu verlieren! Iran und Irak haben schon dran glauben müssen“, erinnerte er.

„Oui, das ist nicht zu bestreiten, Monsieur Hansen. Aber vielleicht können Sie mit Hilfe Ihrer Kontaktleute weitere Angriffe verhindern“, schlug der Franzose vor.

„Ich kann nichts versprechen, was andere halten müssen, Monsieur. Ich werde mit Capitaine Swin sprechen. Aber wenn woanders auf der Welt wieder ein kleiner Bürgerkrieg ausbricht oder wieder aufflammt – ich denke da an Nagorny-Karabach, zum Beispiel – dann hüte ich mich vor irgendwelchen Garantien.“

„Wir tun das unsere, um alle an einen Tisch zu bringen. Bitte, nutzen auch Sie Ihre Kontakte, um der Erde zu helfen“, appellierte der Franzose erneut.

„Das will ich gern tun“, versprach Thomas und verließ den Sitzungssaal.

„He, Moment! Warten Sie mal!“, kam der britische Botschafter ihm nach.

„Ja?“

„Kommen Sie bald wieder und helfen Sie uns bei der Abfassung der Resolution“, sagte der Botschafter. „Hier, nehmen Sie den Ausweis. Damit kommen Sie hier überall durch“, setzte er hinzu und gab Thomas einen Hausausweis, der ihn als zeitweiliges Mitglied der britischen UN-Gesandtschaft auswies.

„Danke. Ich komme zurück, sobald ich kann.“

Thomas stürmte auf das Dach des Gebäudes und fand Kwiris Raumkugel mit verschlossener Ausstiegsluke und aktiviertem Schutzschild vor. Er rief Kwiri über den Kommunikator.

„Guten Morgen, Kwiri. Hier ist Thomas. Schalt’ bitte den Schirm ab und mach’ auf.“

„Guten Morgen. Bist du allein?“

„Ja.“

Der gelbliche Schimmer erlosch, die Klappe öffnete sich. Thomas zwängte sich in das Innere des Raumers.

„Ich habe dich schon mehrfach gerufen, aber du hast nicht geantwortet. Was war los?“, erkundigte sich der Deneber besorgt. Thomas lächelte freundlich.

„Ich hatte den Kommunikator versehentlich abgeschaltet. Tut mir Leid. Kwiri, was ist da im Irak passiert?“

„Du meinst den Angriff heute Nacht, oder?“

„Was sonst?“

„Es ist eingetreten, was ich befürchtet habe: Gribor hat gegen den Befehl des Präsidenten gehandelt und Schiedsrichter gespielt. Nach unserer Ortung hat er drei Beiboote ausgesetzt, die mit Laserwaffen angegriffen haben, als sich in dem Flussdelta Truppen sammelten. Ich muss den Präsidenten informieren. Wir haben schon versucht, von hier aus zu funken, aber das Signal kommt nicht durch. Entweder stört Gribor den Funk oder es gibt auf der Erde andere Störeinflüsse. Wir müssen starten und vom Raum aus senden“, erklärte Kwiri.

„Könnte gefährlich werden, oder?“, mutmaßte Thomas. Der Deneber zuckte mit den Schultern.

„Wir werden es riskieren, um ein neues Mitglied zu gewinnen.“

„Kwiri, ihr drei seid bisher die Einzigen, die diesen Planeten nicht von vornherein in tausend Stücke sprengen wollen. Wenn dein Lieblingsfeind Gribor dir einen bösen Streich spielt und dich mit deinem Raumerchen aus dem All pustet, dann hatte die Erde mal einen Freund im All“, warnte der Terraner. Kwiri grinste verschmitzt.

„Du solltest nicht denken, dass wir drei allein sind. Es gibt nicht nur die Sechste Flotte, es gibt auch die Achte Interstellare Flotte, zu der wir drei gehören. Ich hatte gestern Abend Funkkontakt mit Admiral Luk-Sun. Sie nähern sich unter Tarnschild. Luk-Sun schickt uns Unterstützung, weil man bereits auf Megara argwöhnt, dass Gribor seine eigene Suppe kochen will. Wir gehen kein allzu großes Risiko ein, glaub’ mir.“

„Na gut. Informiere du euren Präsidenten. Immerhin ist der Sicherheitsrat soweit, dass sie sich einigen wollen. Sie wollen, dass ich am Vertrag mitarbeite. Kommt ihr zurück?“

„Ja.“

Thomas stieg aus und verließ den Startbereich. Lautlos hob der Raumer vom Landedeck des UN-Gebäudes ab und verschwand dann mit hoher Geschwindigkeit in den blauen Himmel. Thomas fuhr herum, als die Treppenhaustür geräuschvoll an die Wand krachte. UN-Generalsekretär Perez de Cuellar und Françoise stürzten auf das Dach.

„Was? Wo sind sie hin?“, rief der erschrockene Generalsekretär. Thomas wies mit dem Daumen gen Himmel

„In diese Richtung, um den Föderationspräsidenten zu informieren“, sagte er. Perez de Cuellar schnaufte vernehmlich.

„Ich habe gerade einen Anruf von der Sternwarte Palo Alto bekommen. Über unseren Köpfen tummeln sich nicht nur dreißig, sondern inzwischen achtzig Raumschiffe fremder Intelligenzen! Sämtliche Generalstäbler und Regierungschefs dieser Welt liegen mir in den Ohren, sofort einen massierten Schlag gegen die Extraterristen führen zu wollen.“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Nicht zu fassen. Gestern Abend noch gab es fünfzehntausend andere Probleme als Außerirdische! Kaum glauben sie dran, wollen sie alle gleich losballern! Womit eigentlich? Der NASA stehen vier Raumtransporter zur Verfügung, die, … ach, das hab’ ich dem Sicherheitsrat gerade in Einzelheiten erzählt. Was soll’s?“

Er wollte gehen, aber der Generalsekretär hielt ihn vorsichtig am Arm fest.

„Nein, bleiben Sie, Mr. Hansen. Ich habe die Regierungs- und die Armeechefs hergebeten. Sie werden vermutlich alle noch heute Abend hier in New York eintreffen. Wenn es einen Menschen auf dieser Welt gibt, der es fertig bringt, zwischen den Terranern und den Extraterristen zu vermitteln, dann sind Sie das. Bitte, sprechen Sie zu den Verantwortlichen. Sie wissen, was auf dem Spiel steht und welche Alternativen es gibt“, bat er. Thomas sah ihn eine Weile an.

„Und Sie glauben, dass diese Leute ausgerechnet auf mich hören? Vielleicht sollte ich Ihnen vorher noch sagen, Mr. Secretary, dass ich in Deutschland einige Male nur knapp ums Irrenhaus herumgekommen bin. Die nehmen mich nicht für voll!“, gab er zu bedenken. Der Generalsekretär lächelte.

„Schon richtig. Sie werden Sie nicht für voll nehmen, wenn Sie nicht an sich selbst glauben. Wenn Sie das nicht täten, wären Sie nicht mit Mrs. Thomsen und Mr. Teichmann hergekommen“, sagte er.

Ab dem Nachmittag erschien ein bedeutsamer Politiker nach dem anderen. Thomas sah die Limousinen von Françoises Büro aus vorfahren. Er hatte für den Abend eine Rede vorbereitet, die Françoise ihm in Reinschrift abtippte und die sie gleich ins Französische und Englische übersetzte.

„Wenn Gaddafi oder Arafat die Finger jucken sollten, bräuchten sie jetzt nur eine anständig große Bombe zu zünden – und die Welt müsste sich einen ganzen Satz neuer Regierungschefs suchen“, spöttelte er.

„Die sind zwar zu fast allem fähig, aber Selbstmord – nein, das traue ich den Knaben nicht zu“, erwiderte Françoise, ohne vom Konzept aufzusehen. „Beide sind schon im Hause.“

Thomas hatte aus dem Fenster gesehen und spürte eine Gänsehaut. Er hätte schwören können, dass das hundertprozentig Gabis Tonfall war! Langsam drehte er sich um. Nein, dort an dem Schreibtisch saß Françoise Debussy, nicht seine Frau. Gabi hätte ihn längst wegen des herzlosen Briefchens zur Rede gestellt, dessen war er sich sicher. Françoise war mit dem Manuskript fertig und nahm das Blatt aus der Maschine.

„Hier, es ist fertig. Lies es dir noch mal durch“, sagte sie und kam zum Fenster.

„Danke fürs Schreiben“, bedankte er sich lächelnd.

„Ist mein Job hier“, wehrte sie ab. „Du hast eine gute Art, zu diktieren. Es lässt sich gut schreiben.“

Wieder packte Thomas diese Gänsehaut. Diesen Satz, genau in diesem Wortlaut, hatte er schon einmal gehört. Einmal? Nein, sehr oft. Jedes Mal, wenn Gabi ihm früher einen Geschäftsbrief geschrieben hatte. Bis ihr gemeinsamer Arbeitgeber Computer in der Schadenabteilung eingeführt hatte, hatte Gabi im Schreibzimmer gearbeitet und meistens für Thomas geschrieben. Nach Einführung der Computer hatte sie sich in die Schadenabteilung beworben und hatte sich dank Thomas’ guter Nachhilfe schnell in ihrem neuen Aufgabengebiet zurechtgefunden. Die Tatsache, dass sie beide in einem Zimmer gearbeitet hatten, hatte aus ihrer bereits länger bestehenden Freundschaft sehr viel mehr gemacht.

Thomas war verwirrt. War er ein Schürzenjäger? Er selbst hatte sich so nicht eingeschätzt, aber er erwischte sich dabei, dass er mit der Französin gern richtig angebandelt hätte – über die vergangene Nacht hinaus, ohne über die mögliche Zukunft der Erde in die eine oder die andere Richtung auch nur nachzudenken.

Pfui, schäm’ dich! Gabi ist kaum ein halbes Jahr unter der Erde, du hast sie im Streit verlassen, hast sie nicht mal um Verzeihung gebeten, obwohl sie nicht ganz unrecht hatte – und du guckst schon wieder hinter anderen Frauen her!’, schalt er sich in Gedanken. Er nickte.

„Sehr schön. Danke“, sagte er. Nach einer Pause setzte er hinzu: „Hoffentlich gehen die Herren Politiker nicht gleich durch die Decke.“

Eine Stunde später eröffnete Perez de Cuellar die eilig zusammengerufene Vollversammlung der Vereinten Nationen und erteilte dann Thomas Hansen das Wort. Er trat an das Rednerpult, hatte das Gefühl, dass ihm das Herz unter der Hirnschale klopfte, so nervös war er. Seine Hände, die die Seiten des Pults umkrampften, waren schweißnass. Genau genommen hielt er sich am Pult fest. Er räusperte sich.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, die sie Ihre Nationen in der UN-Vollversammlung vertreten“, begann er dann. „Zunächst darf ich mich bei Herrn Perez de Cuellar herzlich bedanken, dass ich zu Ihnen sprechen darf. Soviel ich mich erinnere, ist dies wohl das erste Mal, dass hier ein Mensch das Wort ergreifen darf, der weder Politiker noch Diplomat ist. Doch lassen Sie mich gleich zur Sache kommen: Sie alle haben – vermutlich mit demselben Entsetzen wie alle Menschen auf dieser Welt – die Bilder und Berichte gesehen, die uns aus dem Persischen Golf erreichen. Was dort geschehen ist, ist eine Katastrophe, wie sie dieser Planet noch nicht erlebt hat – und sie ist keine Naturkatastrophe, die für sich schon entsetzlich genug wäre. Nein, meine Damen und Herren, wir wissen, dass diese Zerstörungen absichtlich herbeigeführt wurden. Wir wissen auch, dass nicht Menschen das getan haben, denn abgesehen von Atombomben gibt es keine irdische Waffe, die so etwas anrichten könnte. Da aber über dem Katastrophengebiet keinerlei Gammastrahlung gemessen wurde, kann der gigantische Lichtblitz, der dort beobachtet wurde und der eine brodelnde Lavafläche hinterlassen hat, nicht von einer Atomexplosion herrühren. Dies nur als Hintergrundinformation, damit nicht etwa eine Nation der anderen die Verantwortung für die unendlich vielen Toten geben will, die wir im Euphrat-Delta zu beklagen haben.

Sie haben sicher auch davon gehört, dass kurz vor der Katastrophe über dem fraglichen Gebiet unidentifizierte Flugobjekte gesichtet wurden. Bis vor vierundzwanzig Stunden, da bin ich mir völlig sicher, haben mindestens neunzig Prozent der hier im Saal anwesenden Personen nicht geglaubt, dass es so etwas wie UFOs gibt. Nun aber können Sie von jeder Sternwarte auf dieser Welt und auch von der Besatzung der Raumstation MIR ohne Wenn und Aber hören, dass sich im erdnahen Raum etwa achtzig Schiffe nichtirdischen Ursprungs befinden. Damit nicht genug, hatten der Herr Generalsekretär, Frau Thomsen und Herr Teichmann – zwei beamtete Astronomen aus Hamburg – Frau Debussy vom UN-Sekretariat und ich die Gelegenheit, mit Vertretern der außerirdischen Intelligenzen zu sprechen. Lassen Sie mich jetzt nicht die technischen Einzelheiten erklären, denn das würde doch zu weit führen.

Umstand ist jedenfalls, dass wir von den Vertretern einer Rasse, die sich selbst als Deneber bezeichnet, aufgefordert wurden, eine Einigung der Völker dieser Welt herbeizuführen und als geeinter Planet in eine Galaktischen Föderation einzutreten.“

Bevor Thomas weitersprechen konnte, erhoben sich lautstarke Proteste im Saal. Der junge Mann wartete, einen Moment, bis sich die Unruhe wieder gelegt hatte.

„Es war mir klar, dass das, was ich hier zu sagen habe, nicht jeder Nation oder Volksgruppe passt, meine Damen und Herren. Dafür sind die Völker der Erde einfach zu zerstritten, zu individualistisch und viel zu machtorientiert, als dass eine Volksgruppe freiwillig die Kontrolle über eine andere abgegeben würde“, sagte er dann mit einer Ruhe, die ihn selbst wunderte. Seine anfängliche Nervosität war einer Sicherheit gewichen, die er an sich nicht kannte. Der wieder aufflammende Protest im Saal ließ ihn seltsam kalt.

„Seit gestern müsste aber auch dem verbohrtesten, kriegslüsternsten Diktator dieser Welt klar sein, dass Kriege und Streit auf diesem Planeten nicht zu einer weiteren Konzentration von Macht in seinen Händen führt, sondern nur zur Vernichtung dessen, was er sich aufgebaut hat – wobei ich die Methoden jetzt bewusst nicht bewerte, meine Damen und Herren“, fuhr er dann frei fort und machte eine Pause, um den Simultanübersetzern genügend Zeit zu geben, den nicht geschriebenen Text zu dolmetschen. Er sah in sein Konzept, warf einen unauffälligen Blick nach oben zu den Kabinen der Dolmetscher. Einige gaben ihm ein Zeichen, dass sie fertig waren.

„Für die Erde, meine Damen und Herren, gibt es seit gestern nur noch zwei Alternativen: Einigung und Eintritt in die Föderation oder Zerstörung dieses Planeten. Was geschieht, wenn wir uns für die zweite Möglichkeit entscheiden, das dürfte das Geschehen von gestern deutlich belegen. Nun ist es sicher keine angenehme Art und Weise, wie die Föderation sich hier vorgestellt hat; nein, es ist ein Verbrechen, das muss auch in aller Deutlichkeit gesagt werden. Würde so etwas unter irdischen Staaten geschehen, käme nach unseren bisherigen Maßstäben kaum etwas anderes in Frage, als dem Angreifer den Krieg zu erklären.“

Wieder wurde Hansen unterbrochen, diesmal aber von tosendem Beifall. Er hob die Hände.

„Moment“, sagte er, „ich bin noch nicht fertig.“

Der Beifall verstummte, aber die anwesenden Militärs setzten sich in eine Positur, die auf gespannte Aufmerksamkeit schließen ließ.

„Auf der Erde würde ein solches Verhalten diese Reaktion herausfordern. Hier geht es aber um Verbrecher, die nicht von dieser Welt sind“, fuhr Thomas fort. „Auch unter den Voraussetzungen, unter denen sich die Föderation – oder gewisse Elemente in dieser Föderation – sich hier eingeführt hat, bleibt uns nur die Wahl, beizutreten – oder endgültig als galaktische Rasse abzutreten, denn nichts anderes wäre die Folge. Das heißt nicht, dass das Geschehen im Persischen Golf auf alle Zeit ungesühnt bleiben soll. Im Gegenteil: Sollte die Erde in die Föderation eintreten, sollten wir beharrlich darauf dringen, dass die Verbrecher für ihre Untat bestraft werden. Doch eines, das kann ich Ihnen garantieren: Wenn wir unser Recht, uns zu verteidigen, in diesem Augenblick in die eigene Hand nehmen, dann werden wir verlieren!“

Erneut laute Proteste, diesmal im Wesentlichen von den Soldaten.

„Wir werden verlieren, weil wir überhaupt nicht über geeignete Waffen verfügen, die eine Auseinandersetzung mit diesen Außerirdischen irgendwie Erfolg versprechend erscheinen lassen. Vielleicht würde es uns gelingen, mit Überschalljägern innerhalb der Atmosphäre einige ihrer Kleinmaschinen abzuschießen, was aber zwangsläufig voraussetzt, dass sie in die Atmosphäre überhaupt eindringen.

Wie ich durch die Gespräche mit jenen Denebern, die der Erdmenschheit freundlich gegenüberstehen, erfahren habe, würde der Vernichtungsschlag nicht in der Atmosphäre erfolgen, sondern ungefähr in der halben Entfernung zum Mond, was nun einmal eindeutig weit außerhalb der Atmosphäre und damit der Reichweite von Militärjets ist. Für einen Kampf außerhalb der Erdatmosphäre würden uns allenfalls die Raumtransporter der NASA – die Columbia, die Atlantis, die Endeavour und die Discovery, also vier Stück an der Zahl – zur Verfügung. Abgesehen davon, dass die Startvorbereitungen mindestens vier Wochen dauern, sind diese Transporter unbewaffnet und keinesfalls in der gebotenen Eile als Kampfschiffe herzurichten. Dazu kommt die geringe Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit, die sich mit den Antrieben der Deneber nicht messen kann.

Wenn Sie so wollen, können Sie dies mit der Konfrontation eines altrömischen Streitwagens mit einem modernen Kampfjet vergleichen. Die Raketen vom Typ Ariane oder die sowjetischen Energija-Raketen helfen uns auch dann nicht weiter, wenn wir sie mit Sprengstoff statt mit Satelliten beladen in den Raum schießen. Auch ihre Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit halten keinen Vergleich mit den Kampfschiffen aus, die zwischen Erde und Mond kreuzen.

Wir müssen also einsehen, dass wir allein einen Kampf mit den Außerirdischen nicht führen können. Unser Recht können wir nicht außerhalb der Föderation bekommen, wir können es nur als Mitglied der Föderation geltend machen, mit Hilfe der Deneber, die unsere Freunde sind.

Und so bleibt uns nur die andere Alternative: Einigung und Beitritt, meine Damen und Herren. Im Interesse aller Völker dieser Welt rufe ich Sie daher auf, hier und jetzt die Vereinten Nationen zu dem zu machen, was sie seit nunmehr fünfundvierzig Jahren eigentlich sein sollten: Eine Vereinigung aller Völker dieser Welt, zum Wohle aller Bewohner dieses Planeten, nicht zum Machterhalt der Reichen und technisch Mächtigen; eine Weltregierung, die diesen Namen verdient, weil alle Völker und Rassen daran gleichberechtigt beteiligt sind.

Unterdrückung von Menschen ihrer Rasse, ihrer Religion, ihres Geschlechtes oder ihrer Gedanken wegen muss ebenso unserer dunklen Vergangenheit angehören wie Verträge zwischen Völkern, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. Kleinliche Lokalpolitik ist hier nicht mehr am Platze. Es geht nicht mehr um Kapitalismus, Kommunismus, Imperialismus oder was für Theorien wir uns sonst noch gegenseitig als allein selig machend verkaufen wollen. Es kann und darf auch nicht mehr um die Kontrolle von Ressourcen durch einzelne Nationen oder gar bestimmte Wirtschaftsführer gehen, es geht nur noch um das Leben.

Das Leben der Menschen auf diesem Planeten sollte Ihnen allen so viel wert sein, dass kleinkarierte Parteipolitik beiseitegelassen wird und dass endlich wirklich das Wohl derer im Vordergrund steht, die Ihnen mehr oder weniger freiwillig ihr Schicksal anvertraut haben.

Wenn Sie das endlich über sich bringen, meine Damen und Herren Staats- und Regierungschefs, dann – und nur dann – wird dieser Planet noch eine Zukunft haben, die Sie beeinflussen können. Tun Sie es nicht, wird in spätestens zwei Monaten das Jüngste Gericht über diese Welt hereinbrechen – oder wie immer der Weltuntergang in anderen religiösen Philosophien genannt werden mag. Doch so ein gläubiger Christ ich auch bin, nehme ich nicht an, dass mit diesem Weltuntergang die Wiederkunft Christi gemeint ist, wie er in der Heiligen Schrift meiner Religion geschrieben steht. Dieser Weltuntergang wird unnachsichtig schlicht und einfach die Vernichtung der Menschheit sein und wir könnten nur auf die Allmacht Gottes hoffen, dass er aus den mikroskopisch kleinen Stäubchen, in denen wir und unser Planet dann durchs All segeln werden, wieder eine Erde, Tiere und Menschen machen kann. Wir sollten Gott, dem Allmächtigen, diese unnötige Arbeit ersparen und ihn nicht auf die Probe stellen, ob er so viel von uns hält, dass er es noch mal mit uns versuchen will.

Noch liegt das Schicksal Aller in Ihren Händen. Alles andere ist ein unkalkulierbares Risiko, das Sie im eigenen Interesse und im Interesse der Menschheit allgemein nicht eingehen sollten. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass Sie das einzig Richtige tun: Die Völker der Erde zu vereinen und der Föderation beizutreten“, schloss Thomas seine Rede.

Über dem Sitzungssaal der UN-Vollversammlung lag einige Augenblicke eine Stille, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Dann begann ein Abgeordneter zu klatschen und binnen Sekunden brach frenetischer Beifall aus, der in stehende Ovationen mündete.

Schließlich trat nochmals der Generalsekretär der Vereinten Nationen an das Mikrofon und teilte mit, dass der Sicherheitsrat eine Vereinigungsresolution entworfen habe, die allen Nationen als Drucksache ausgehändigt worden sei. Er verkündete eine Pause, damit alle Beteiligten Zeit hatten, die Drucksache zu lesen. Dann sollte in einer weiteren Sitzung darüber debattiert und schließlich abgestimmt werden. Doch niemand verließ den Saal. Alle blieben sitzen und begannen zu lesen.

Thomas hatte ein übriggebliebenes Exemplar vom Saaldiener bekommen und wollte es ebenfalls lesen, aber es gelang ihm nicht. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen; er verstand nicht, was er las, doch hatte er das Gefühl, dass er dem, was er in der Hand hielt, unbedingt zustimmen musste. Er wollte es darauf schieben, dass er den Inhalt ohnehin kannte und er schließlich den Vertretern der Nationalregierungen mehr als nur dringend empfohlen hatte, einer Vereinigung zuzustimmen. Dann legte er das Druckstück weg und sah sich um. Wo immer er auch hinsah, sah er nickende Köpfe, allgemeine Zustimmung. Dennoch wollte er nicht annehmen, dass diese Reaktion allein auf seiner Rede beruhte.

Es läutete zum Pausenende und die ersten Regierungsvertreter kamen zum Podium, um ihren Diskussionsbeitrag zu leisten. Und einer nach dem anderen schlug vor, nicht mehr lange zu diskutieren, es sei eigentlich alles Wesentliche gesagt. Man solle gleich abstimmen. Selbst Vertreter von Nationen, denen die Ideologie oder religiöse Vorstellungen sonst heilig waren und die sie für unvereinbar mit einer Einheitsregierung der Welt hielten, brachen mit ihrer Landespolitik und stimmten der Vereinigungsresolution wie dem Beitrittsgesuch zur Föderation zu.

Als beides unterschrieben war, konnte der zurückgekehrte Kwiri Swin – vom Föderationspräsidenten bevollmächtigt – die Erde als unter der Bezeichnung SOL 3 für in die Föderation aufgenommen erklären. Erst, als es darum ging, zwei Abgeordnete und zwei Vertreter – je eine weibliche und einen männlichen – zu finden, die die Erde künftig im Galaktischen Rat vertreten sollten, brachen wieder kurzfristig heftige Diskussionen auf. Generalsekretär Perez de Cuellar trat nochmals ans Mikrofon und bat um Ruhe. Als sie endlich eingetreten war, sagte er:

„Señores! Wir haben uns doch gerade darauf geeinigt, dass wir parteipolitische, nationale, weltanschauliche und religiöse Kleinlichkeiten beiseitelassen wollten!“, erinnerte er. „Für unsere Vertreter habe ich einen Vorschlag, der Sie alle überzeugen müsste, weil er einfach auf der Hand liegt. Wenn wir ehrlich sind, gibt es nur vier Personen, denen die Erhaltung der Erde und deren Aufnahme in die Föderation zu verdanken sind: Da ist einmal Señor Thomas Hansen, ohne den wir wohl kaum an Außerirdische geglaubt hätten, selbst, wenn sie diese Welt zerstört hätten. Doch Señor Hansen wäre kaum zu den Vereinten Nationen gekommen, hätte er nicht zunächst Señora Thomsen und Señor Teichmann, zwei Astronomen, von der Existenz der Außerirdischen überzeugen können. Doch auch das hätte allein nichts genützt, hätte mich nicht Señorita Debussy davon überzeugen können, dass es wichtig war, nicht nur die Astronomen, sondern auch Señor Hansen anzuhören. Zudem sind diese vier Personen über die Verhältnisse auf dieser Welt bestens informiert, Señor Hansen verfügt bereits über gute Kontakte zu den Vertretern der Föderation und Kenntnisse über diese galaktische Vereinigung. Wir sollten deshalb diese vier Personen entsenden.“

Verblüfftes Schweigen der Regierungsvertreter war zunächst die Folge. Es dauerte eine Weile, bis den Leuten klar wurde, dass die Zeit der Ämterschacherei ein für allemal vorbei war, dass nicht mehr Partei-, Nationen- oder Rassenproporz und -protegierung zählte, sondern nur noch die Fähigkeit, eine Arbeit zu tun; dass nur wichtig war, dass Menschen im Galaktischen Rat saßen. Sie sahen die Richtigkeit ein – und stimmten dem Vorschlag einstimmig zu.

Kapitel 6

Abflug

Wenige Tage später landete ein gewaltiger Kugelraumer auf dem John-F.-Kennedy-Airport, der ohne Schwierigkeiten die Mündung des Hudson-River wie ein Badewannenpfropfen verschlossen hätte. Der gesamte Flugplan des Tages war gestrichen worden, da außer dem Raumer kein anderes Fluggerät mehr Platz gefunden hätte. Die Flüge wurden zu anderen in der Nähe befindlichen Flughäfen umgeleitet. Die für irdische Ausmaße riesigen Flughafengebäude wirkten wie die Häuser auf einer Modelleisenbahn neben dem Fluggerät.

Der Raumer hatte aber nicht auf dem Flugfeld aufgesetzt, sondern verharrte in einem Schwebezustand wenige Zentimeter über dem Boden. Genau wie Kwiris kleines Beiboot hatte der Kugelraumer um den Äquator einen Wulst, an dem deutlich Austrittsöffnungen erkennbar waren. Das gesamte Towerpersonal hätte allerdings Stein und Bein geschworen, dass aus diesen seltsamen Öffnungen nichts, aber auch rein gar nichts ausgetreten war. Die übliche Anfrage des Towerpersonals nach Treibstoff war höflich abgelehnt worden. Es wäre auch sehr unwahrscheinlich gewesen, dass irgendwo auf der Erde der nötige Treibstoff in der erforderlichen Konsistenz vorhanden gewesen wäre.

„Wer um alles in der Welt soll bloß mit dem Ding da fliegen?“, platzte ein Fluglotse heraus.

„Soviel ich weiß, holt dieses Monster die Vertreter der Erde ab“, entgegnete der Flughafenchef.

„Mich brächte man nicht für Geld und gute Worte in das Ding“, schauderte der Fluglotse.

„Deshalb hat man Sie wohl auch nicht dazu ausersehen“, lachte der Flughafenchef.

Vom Raumer löste sich ein Fahrzeug – soweit es als solches zu bezeichnen war: Es hatte keine Räder, sondern schwebte anscheinend auf einem Luftkissen. Das Fahrzeug näherte sich dem Abfertigungsgebäude. Drei Personen stiegen zu: Zwei Erdmenschen und ein halb so großes, grünhäutiges Wesen. Das Fahrzeug fuhr zum Raumer zurück, eine Klappe öffnete sich, verschluckte den Schwebewagen, schloss sich. Dann fragte der Kapitän des Raumschiffes nach der Starterlaubnis, die ihm ohne zu zögern erteilt wurde. Ohne sichtbar etwas auszustoßen, ohne Lärmentwicklung, beinahe wie ein riesiger Ballon, schwebte der Raumer in den wolkigen Himmel hinauf. Eine Wolke, die das Schiff streifte, prallte an etwas Unsichtbarem ab. Dann hatte die Bläue des Himmels die Raumkugel verschluckt.

Kwiri hatte Thomas und Françoise bei den UN abgeholt und war mit ihnen zum Flughafen gefahren. Es war diffizil gewesen, einen Taxifahrer zu bekommen, der bereit gewesen war, mit dem Deneber allein im Auto zu sitzen. Selbst jetzt, auf der Fahrt zum Flughafen, bei der noch zwei Menschen dabei waren, sah der Fahrer immer wieder vorsichtig zu dem Außerirdischen hin. Der Mann konnte sich nur wundern, dass die beiden Erdmenschen sich angeregt mit diesem Alien unterhielten.

„Womit fliegen wir?“, fragte Thomas.

„Es ist mir geradezu peinlich, aber der Rat hatte momentan nur einen Mittelklasseraumer zur Verfügung“, erwiderte Swin.

„Was ist daran so peinlich?“, fragte Françoise nach.

„Weil Ratsmitgliedern eigentlich ein Großraumer zur Verfügung steht. Ich hoffe, ihr könnt diesmal darüber hinwegsehen.“

Kwiri machte ein Gesicht, das an einen Frosch erinnerte, der im Schnabel eines Storchs saß.

„Hauptsache, wir müssen nicht zu Fuß gehen und kommen in diesem Leben noch auf Megara an. Ich hoffe bloß, dass ich nicht raumkrank werde“, bemerkte Thomas.

„Raumkrank? Gibt’s so was?“, erkundigte Kwiri sich.

„Nicht jeder verträgt Schwerelosigkeit. Ich kann nicht mal Achterbahn fahren“, antwortete Hansen.

„Heißt das, ihr habt in euren Raumschiffen keine künstliche Schwerkraft?“

Kwiri war völlig verblüfft. Die irdische Raumfahrt war grundlegend überschätzt worden!

„Nein, haben wir nicht“, bestätigte Thomas. „Es hat zwar ein paar Versuche gegeben, aber man hat die künstliche Schwerkraft zum jetzigen Zeitpunkt für nicht nutzbar und unwirtschaftlich gehalten“, erklärte er. Kwiri nahm die Erklärung ohne weitere sichtbare Reaktion zur Kenntnis.

„Kwiri, hast du Mittelklasseraumer gesagt?“, fragte Françoise. Sie hatte den Raumer entdeckt und war recht blass geworden. „Wenn das ein Mittelklasseraumer ist, wie sehen dann die ausgewachsenen Ratsschiffe aus?“

„Ach, das ist doch wirklich keine Größe, Françoise!“, lachte der Deneber auf. „Die Großraumer landen nicht mehr auf Planeten, dafür sind sie zu groß. Das dort ist übrigens die Megara, einer unserer denebischen Kugelraumer. Sie ist nicht mehr die Jüngste, aber sie ist zuverlässig.“

„Hoffentlich ist das ein Traum und kein Albtraum“, wisperte Françoise.

Das Cab erreichte den Flughafen. Kwiri bezahlte und stieg aus. Er konnte gerade noch beobachten, dass der Fahrer die Geldscheine genau nachprüfte und sich schließlich bekreuzigte.

„Thomas, was macht der da?“, fragte er.

„Ich würde sagen, er bekreuzigt sich“, grinste Thomas.

„Und warum?“

„Nun, bei uns gibt es eine Religion, die nennt sich Christentum. Wenn ein Christ vor etwas Angst hat, oder froh ist, einer Gefahr entronnen zu sein, macht er das Kreuzzeichen. Er bedeutet Gott damit, dass er ihm helfen möge oder er zeigt seine Dankbarkeit“, erklärte Thomas.

„Hm, und was, meinst du, könnte es in diesem Fall sein?“

„Der ist froh, dass er uns los ist.“

„Du meinst, er hatte Angst vor uns?“

„Genauer: Vor dir.“

„Habe ich ihm etwas getan?“

„Nein, aber deine Erscheinung ist für die meisten Menschen sehr fremdartig. Seit Urzeiten haben die Menschen Angst vor dem, was ihnen fremd ist. Leute aus dem Weltall gehören besonders zu den fremdartigen, möglicherweise gefährlichen Dingen, die dem Menschen Angst machen.“

„Verstehe ich nicht“, sagte Kwiri mit entwaffnender Ehrlichkeit.

„Denk’ mal an unseren Freund Gribor und an das, was er mit dem Persischen Golf gemacht hat“, erinnerte Thomas. „Ihr seid uns einfach unheimlich, mit eurer Technik, euren Waffen, euren Gestalten.“

„Aber du und Françoise – ihr seht das doch nicht so, oder?“, fragte Kwiri besorgt.

„Nein, aber das liegt mehr an meiner chronischen Neugier“, erwiderte Thomas lachend.

„Außerdem bist du ein charmanter Plauderer, Kwiri. Da übersehe ich einfach, dass du klein und grün bist“, ergänzte Françoise. „Wenn aus dem Weltraum jemals etwas Nettes gekommen ist, dann bist du das.“

Eigentlich hätten Gisela Thomsen und Michael Teichmann am Flughafen mit Thomas und Françoise zusammentreffen sollen. Im Gegensatz zu Letzteren hatten Teichmann und Frau Thomsen aber Familie und anderweitige Verpflichtungen, die es ihnen unmöglich machten, die Erde innerhalb von nur drei Tagen für einen Zeitraum von mindestens vier Erdjahren zu verlassen. Sie hatten deshalb die Wahl zum stellvertretenden Ratsmitglied noch nicht angenommen und um zwei Monate Zeit gebeten, um die persönlichen Angelegenheiten zu regeln und dann nachzukommen. Da die Erde in der Rekordzeit von kaum drei Erdtagen in die Föderation aufgenommen worden war – sonst dauerte dieser Vorgang oft mehrere Galaktische Jahreseinheiten! – war den Vertretern der Erde im Galaktischen Rat genehmigt worden, ihr Amt später anzutreten, als die Aufnahme des Planeten wirksam wurde. Nach den Gesetzen der Föderation konnte ein Planet eigentlich erst aufgenommen werden, wenn seine vollständige Vertretung einschließlich der Stellvertreter auf Megara anwesend war und die Beitrittsurkunde dort im Ratscomputer unterzeichnet wurde.

Der Flugwagen vom Schiff wartete schon an einem der zahlreichen Ausgänge. Obwohl von einem Deneberschiff kommend, bot der Flugwagen reichlich Platz für die Fahrgäste.

„Ich denke, du wirst uns einiges erklären müssen“, forderte Françoise Kwiri auf.

„Gern“, lächelte der Deneber freundlich. „Dieses Fahrzeug ist ein Flugwagen oder Gleiter. Gesteuert wird er mit einem kleinen Handknüppel. Ich glaube, ihr nennt das einen Joystick. Angetrieben wird der Wagen mit Anti-Schwerkraft, auch Anti-G genannt. Anti-G beruht auf der gezielten Neutralisierung der planetarischen Anziehungskraft in einem bestimmten Bereich. Die Anti-G-Einrichtung misst per Sensor die Anziehung, die das Magnetfeld des Planeten, Mondes oder Asteroiden auf den Flugwagen ausübt. Unterhalb des Fahrzeuges wird ein gleichgerichtetes Magnetfeld aufgebaut, das das Fahrzeug schweben lässt. Oberhalb wird ein Gegendruck erzeugt, der ein vollständiges Abheben verhindert. Das garantiert eine ständig gleichbleibende Entfernung zum Boden und ist überaus praktisch bei unebenen Oberflächen. Ähnlich erzeugt der Gleiter den Vortrieb. Der Computer visiert einen Gegenstand – oder ein bestimmtes Oberflächenfeld – an, berechnet die Entfernung und die notwendige Anziehungskraft und baut ein entsprechendes Magnetfeld auf. So zieht sich der Flugwagen von einem Punkt zum nächsten vorwärts.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass es da ab und zu heftige Karambolagen gibt“, meinte Thomas. Seine lebhafte Fantasie gaukelte ihm seinen erlernten Beruf als Schadensachbearbeiter in der Kraftfahrtversicherung mit Aktenbergen von gecrashten Magnetflugwagen vor.

„Überhaupt nicht“, entgegnete Kwiri. „Um das Fahrzeug herum baut sich ein Prallfeld auf, so dass sich Fahrzeuge in Fahrt nicht mehr als zwei Meter nähern können. Das Feld ist nicht direkt begrenzt, sondern wird vom Wagen weg immer schwächer. Kommen also zwei Gleiter frontal aufeinander zu, bremsen sie sich gegenseitig langsam ab. Dabei kommt weder ein Blechschaden noch ein Körperschaden heraus.“

„Wäre ich noch in meinem alten Job tätig, hättest du mich brotlos gemacht“, grinste Thomas. „Aber wie parkt ihr die Dinger dann? Eure Parkplätze müssen ja riesig sein.“

„Nein, sind sie nicht. Dieses Prallfeld ist geschwindigkeitsabhängig gesteuert. Je geringer die Geschwindigkeit, desto kleiner das Prallfeld. Auf Abstellflächen ist dazu eine Abstellautomatik in die Gleitbahn eingelassen, die bei Durchfahren der Flächengrenze die Steuerung des Gleiters automatisch übernimmt und den Gleiter zum nächsten freien Abstellplatz führt. Diese Plätze sind gerade so groß, dass zwei Centauren – die körperlich größten Raumfahrer des uns bekannten Raumes – nebeneinander aussteigen können“, erklärte Kwiri.

Der Gleiter erreichte den Raumer. Automatisch öffnete sich eine Hangarklappe.

„Der Gleiter ist mit einem automatischen Kennungssystem ausgerüstet, das die Entfernung zum Mutterschiff misst und bei einer Annäherung von minimal fünfzig Metern ein Signal abstrahlt. Die Hangarklappe ist hat eine entsprechenden Empfänger, der das Signal identifiziert und öffnen oder schließen des Tores veranlasst“, erklärte Swin den Vorgang.

„Ultraschall oder Infrarot?“, fragte Thomas.

„Weder noch. Elektromagnetisch“, antwortete Kwiri.

Als sich das Hangartor hinter ihnen schloss, war Françoise nicht besonders wohl. Ohne sich dessen bewusst zu sein, tastete ihre Hand nach Thomas, der neben ihr saß. Zunächst war er verblüfft, aber dann wurde ihm klar, dass der Raumer zwar für ihn nichts Ungewöhnliches war, wohl aber für Françoise. Schließlich hatte sie bisher nichts mit diesen Dingen zu tun gehabt. Kwiri sprang aus dem Gleiter, Thomas stieg gleichfalls aus und half Françoise mit einer geradezu ritterlichen Geste aus dem Fahrzeug. Der Deneber beobachtete den Erdenbürger aufmerksam.

„Warum tust du das?“, fragte er.

„Weil ich höflich sein möchte. Dort, wo ich herkomme, sollte ein Herr einer Dame behilflich sein.“

„Löbliche Ausnahme“, seufzte Kwiri.

„Bitte?“, fragte Françoise.

„Ich habe im Laufe meiner Forschungen festgestellt, dass die Erdlinge nicht immer so handeln, wie sie reden, zumal, wenn es sich um das Element eurer Rasse handelt, das ihr als Mann bezeichnet. Die reden viel, wenn der Tag lang ist – und nach eurer Zählung sind das vierundzwanzig Stunden.“

Vom Gleiter bis zum Antigrav-Aufzug stand eine Abteilung Deneber in Uniform Spalier.

„Diese Ehrenabteilung besteht aus Eliteraumsoldaten“, erläuterte Kwiri. Thomas sah den Außerirdischen an.

„Frieden pur scheint es bei euch auch nicht zu geben“, sprach Françoise Thomas’ Gedanken aus. Kwiri schüttelte den Kopf.

„Nein, leider. Zwar lebt die Föderation selbst in einem inneren Frieden, den wir als Symbiose bezeichnen – wobei das nicht mit dem Begriff Symbiose zu verwechseln ist, wie ihr ihn auf der Erde verwendet. Symbiose bedeutet nicht lebensnotwendige Abhängigkeit voneinander, nicht, dass ein System nicht ohne das andere existieren könnte“, erklärte Kwiri. Er berührte einen Sensor, die Fahrstuhltür schloss sich und der Aufzug glitt hinauf.

„Aber das bedeutet nicht, dass wir keine äußeren Feinde hätten. Das Lukanische Imperium zum Beispiel. Bis zur Aufnahme der Erde als SOL 3 galt die Erdbevölkerung auch als äußerer Feind“, setzte Kwiri hinzu.

„Dieses Lukanische Imperium, ist das in unserer Nähe?“, fragte Françoise vorsichtig.

„Nähe ist etwas Relatives, Françoise. Es hängt immer von der Geschwindigkeit ab, mit der man sich bewegen kann. Das Lukanische Imperium grenzt direkt an die Föderation. Von hier aus gesehen sind das fünfhundert Lichtjahre – oder noch ein bisschen mehr. Für euch wäre das unerreichbar gewesen, weil ihr noch nicht mal mit Lichtgeschwindigkeit gereist seid. Die Föderation als solche umfasst an ihrer größten Weite gut tausend Lichtjahre, aber wenn die Megara mit voller Kraft fliegt, und zudem das Zeitsprungaggregat einsetzt, und alle Raumkrümmungen geschickt ausnutzt, bräuchte sie von einem Winkel der Föderation zum anderen nicht mehr als einen Erdenmonat. Hyperraumantrieb ist schon was Feines.“

„Die Frage ist bestimmt dumm: Wie werden die Grenzen eigentlich kontrolliert?“, wollte Françoise wissen.

„Das ist überhaupt keine dumme Frage, liebe Françoise. Wir haben uns lange damit herumgeschlagen“, grinste Kwiri. „Diese Grenzen können fließend sein, weil sich durch Raumkrümmungen die seltsamsten Erscheinungen bilden können. Eines unserer Grenzsysteme gelangt durch solche Krümmungen in gewissen Zeitabständen auf das Gebiet der Lukaner. Zweimal ist es bislang passiert – und jedes Mal hat es einen verheerenden Raumkrieg gegeben, weil die Lukaner umgehend eigene Truppen schicken, um Galoba, den Grenzplaneten, zu besetzen. Nach dem letzten Galaktischen Krieg wurde dann vereinbart, Galoba zu neutralisieren. Wenn ich die Berechnungen richtig im Kopf habe, müsste die Raumkrümmung in etwa fünf Galaktischen Jahreseinheiten wieder auftreten. Bin gespannt, was dann geschieht.“

„Dritter Galaktischer Krieg?“, fragte Thomas.

„Bloß nicht!“, wehrte Kwiri ab. „Gegen die Lukaner ist es kein Honigschlecken. Das solltest du dir lieber nicht wünschen“, beschwor er den Terraner.

„Oh, dass ich danach frage, heißt nicht, dass ich wild auf Krieg wäre“, bemerkte Thomas lächelnd. „Erzähl’ uns ein bisschen über die Föderation“, bat er dann.

„Oh, die Galaktische Föderation gibt es seit dem Ende des Ersten Galaktischen Krieges vor gut fünfzig Galaxo-Jahren in ihrer heutigen Form. Davor gehörte es zur Raumunion, die rund eintausendvierhundert Jahre früher gegründet worden war und noch davor war es eine Ansammlung von Planetenfürsten und Planeten, auf denen es viele Staaten gab – wie früher auf SOL 3“,erklärte Kwiri.

„Fünfzig Galaxo-Jahre – ist das viel oder wenig?“, fragte Thomas.

„Gemessen an unserer Lebenserwartung nein. Wir Deneber haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von neunzig Galaxo-Jahren. Ein Galaxo-Jahr entspricht ziemlich genau zwei Erdjahren. Ich bin jetzt dreiunddreißig Galaxo-Jahre alt, also nach euren Maßstäben sechsundsechzig Jahre alt.“

„Nach irdischen Maßstäben wärst du pensionsreif“, grinste Thomas. „Wir Küken können da nicht mithalten.“

„Das solltest du nicht so sehen. Ich habe ein Drittel meiner Lebenserwartung hinter mir, ihr fast die Hälfte. Ihr seid sechs Galaxo-Jahre zur Schule gegangen, ich beinahe zwanzig. Wir leben länger, aber wir lernen auch länger. Die Centauren zum Beispiel haben eine Erwartung von bestenfalls dreißig Jahren, von denen sie etwa fünf Jahre lernen. Das heißt aber nicht, dass sie weniger wüssten als ein Deneber. Centauren sind unglaublich intelligent und sehr schnell in ihrer Auffassungsgabe. Sie gelten als die besten Raumfahrer im All – jedenfalls soweit wir es kennen. Erfahrung und Weisheit ist nicht zwangsläufig eine Frage der absoluten Anzahl von Lebensjahren, sondern eher des Verhältnisses von Lebensjahren zu Lernjahren und der Intelligenz.“

Im selben Moment stoppte der Lift kaum merklich und die Tür glitt geräuschlos auf. Thomas und Françoise präsentierte sich die Brücke des Raumers. Der runde Raum hatte einen Durchmesser von knapp fünfzig Metern, die aber für die Vielzahl von Datenbanken und Instrumenten gebraucht wurden. Ein Viertel des Umfangs wurde von einem unterteilbaren Hauptbildschirm eingenommen, auf dem sich eben der Mond in beängstigender Geschwindigkeit näherte. In der Mitte der Brücke befand sich eine runde Erhöhung, auf der sich einige Plätze befanden, die von Denebern eingenommen waren. Einer von ihnen steckte in einer geradezu überladen kostbaren Robe. Mit schnarrender Stimme bellte er Befehle. Kwiri wurde merklich heller grün.

„Kilma Gribor!“, seufzte er. „Das musste ja nicht sein!“

Gribor konnte Kwiris leise Worte nicht gehört haben, aber er schien die beiden Menschen schon im Lift bemerkt zu haben. Er drehte seinen Kommandantensessel zur Tür und sah seine Passagiere in einer Weise an, die keinen Zweifel daran ließ, dass es ihm nicht passte, mit Menschen reisen zu müssen.

„Sie sollten nicht denken, dass ich mich darum gerissen habe, Sie abzuholen. Der Rat hat mir den Befehl gegeben, dem ich als Admiral der Flotte gehorchen muss“, grunzte er unfreundlich. Seine dunklen Augen funkelten böse. „Leider hat sich die Föderation entschlossen, Ihren primitiven Planeten aufzunehmen, deshalb muss ich Sie an Bord der Megara dulden. Aber das heißt nicht, dass ich Sie auf der Brücke dulde.“

Françoise wurde blass vor Wut.

„Kwiri, sag: Ist das nicht euer Admiral, der den Persischen Golf verwüstet hat?“, fragte sie, mühsam um Beherrschung ringend.

„Stimmt“, knurrte Swin.

Françoise sah den Kommandanten verächtlich an.

„Ich bin zwar gezwungen, mit Ihnen in einem Schiff zu fliegen, aber mich wird nichts zwingen, mich hier auf der Brücke aufzuhalten, solange ein Verbrecher hier ist!“, schnaubte sie. „Kwiri, zeigst du mir bitte meine Kabine?“

Kwiri und Françoise waren schon fast am Lift, aber Thomas war stehen geblieben und maß den kleinen Kommandanten mit einem recht eisigen Blick.

„Angriff ist die beste Verteidigung, was?“, spottete er. „Wären Sie so intelligent, wie Sie zu sein glauben, wüssten Sie Ihre Abneigung besser zu tarnen. Wer unprovoziert angreift, Herr Admiral, hat schon manch böse Niederlage einstecken müssen. Ich habe durchaus vor, Sie wegen der abscheulichen Verbrechen auf der Erde zur Verantwortung zu ziehen, soweit das nach den Gesetzen der Föderation möglich sein kann. Wir werden sehen, was daraus wird. Im Übrigen wäre es mir lieb, wenn wir heil auf Megara ankämen – also fliegen Sie nicht ins nächstbeste Schwarze Loch!“

Damit drehte Thomas sich um und ging zum Lift, ohne auf die Schimpfkanonade zu achten, die Gribor hinter ihm her sandte.

Erst als sie im Lift waren, merkte Hansen, dass er am ganzen Leib zitterte.

„Warum zitterst du?“, fragte Françoise.

„Weil ich den Frosch beinahe gewürgt hätte!“, presste Thomas mühsam vor.

„Bravo, Thomas, du hat denselben Feind wie ich“, hörte er Kwiri sagen. Er sah den Deneber an.

„Entschuldige bitte. Der Frosch richtet sich nicht gegen dich oder Deneber allgemein“, sagte er.

„Das sehe ich auch nicht so“, entgegnete der Deneber mit einem freundlichen Lächeln.

„Gribor ist ein Musterstück von dem, was man auf der Erde einen Schweinehund nennt. Er ist machtgierig, verschlagen, falsch und bösartig. Ich frage mich oft, ob es solch eine Ansammlung von negativen Eigenschaften noch einmal in der Galaxis gibt.“

Thomas sah den kleinen Deneber einen Moment an.

„So eine Type ist mir schon mal begegnet – nicht persönlich, aber im Film.“

Der Lift stoppte wieder sanft und die Tür glitt ebenso sanft auf. Sie befanden sich nun auf einer Ebene, auf der die Kabinen der Passagiere lagen.

„Das hier ist das Passagierdeck. Wundert euch nicht über die Ausmaße der Kabinen. Sie sind so gearbeitet, dass auch die körperlich Größten unter uns Raumfahrern, die Centauren, Platz finden. Wir wohnen hier alle drei. Ich zeige euch eure Kabinen“, erklärte Swin. Er bog vom Lift rechts ab und führte seine Passagiere in einen Gang, der offenbar rund um das Schiff führte. Sie folgten dem Gang im Uhrzeigersinn. Nach einem Marsch von gefühlten fünf Minuten blieb Kwiri vor einer Tür stehen und berührte einen Sensor rechts neben der Tür. Nahezu geräuschlos glitt die Tür auf und versenkte sich völlig glatt abschließend in der Wand.

Hinter der Tür zeigte sich eine regelrechte Suite, die mehrere Räume hatte. Das Mobiliar war groß, sehr groß. Allein das Bett hatte ein Ausmaß von gut vier mal vier Metern. Immerhin sollte ein Centaur Platz darin finden.

„Du liebe Zeit! In dem Bett verlaufe ich mich ja!“, entfuhr es Françoise.

„Nun“, erklärte Kwiri, „ich habe euch ja gewarnt. Diese kleineren Schiffe werden von allen im Rat vertretenen Rassen benutzt. Das Mobiliar muss also auch dem Größten Platz bieten. Auf den Ratsschiffen gibt es für jedes Ratsmitglied eine eigene Kabine, die nach dessen Maßen angefertigt wird. Aber hier sind nur Kabinen in Einheitsgröße. Nur die Bedienelemente von Brücke, Maschine und Kampfstand sind auf eine bestimmte Rassengröße zugeschnitten. Die Megara ist ein Deneberschiff, wird also nur von Denebern geflogen. Die Saltania ist ein Schiff der Macromanier, die noch um einiges kleiner sind als ich. Die Centauria ist ein Centaurerschiff. Allein im Kommandantensessel hätten vier von meiner Sorte Platz. Die Instrumente könnte kein Deneber bedienen.“

„Auf jeden Fall können wir uns nicht über Platzmangel beschweren“, sagte Thomas und schaute sich um. „Vermute ich richtig, dass ihr eine sehr ähnliche Gasmischung atmet wie wir?“

„Stimmt. Unsere Atemluft besteht aus Sauerstoff und Stickstoff, wobei der Sauerstoffanteil etwas höher ist als in der irdischen Luft. Außerdem ist Megara fast genauso groß wie die Erde. Ihr werdet etwa fünfundneunzig Prozent eures irdischen Gewichts haben. Natürlich gibt es auch Planeten in der Föderation, die eine deutlich andere Gravitation haben. Dafür gibt es inzwischen Geräte, die einen zu großen Unterschied ausgleichen können. Auf Planeten, auf denen eine andere Atmosphäre herrscht, als für uns atembar ist, benutzen wir halt Raumanzüge – wie ihr das auch tut.

Sein grüner Arm beschrieb einen großen Bogen.

„Madame la sénateure Debussy – voilà, votre cabine!“, sagte der Deneber.

„Merci beaucoup, monsieur le sénateur Swin“, flötete Françoise.

„Kwiri, du Süßholzraspler!“, spottete Thomas. Kwiri grinste.

„Oh, meine Rasse ist – wie die Menschen – bipolar, also in männlich und weiblich unterteilt. Ich bin übrigens ein männlicher Deneber“, sagte er.

„Françoise, ich glaube, ich muss dich vor diesem Schwerenöter schützen“, frotzelte Thomas.

„Na du hast’s gerade nötig!“, gab Françoise zurück. „Wir beide haben noch einen Hahn zu rupfen, Monsieur Hansen“, verkündete sie mit gewisser Düsterkeit.

„Schon Differenzen unter neuen Ratsmitgliedern?“, fragte Kwiri verblüfft.

„Ich denke, die sind auszuräumen“, antwortete Thomas, obwohl er wusste, dass es nicht so einfach sein würde, wie er tat. Da war etwas in Françoises Blick, der nichts Gutes verhieß und ihn wieder geradezu unheimlich an Gabi erinnerte. Er mochte Françoise zu sehr, um den gleichen Fehler wie bei seiner Frau zu machen. Differenzen mussten geklärt, nicht totgeschwiegen werden.

„Ich lasse mir von Kwiri nur meine Kabine zeigen. Wenn es nicht um das halbe Schiff herum ist, komme ich in zwanzig irdischen Minuten wieder. Einverstanden?“

„Gut“, erwiderte Françoise. „In zwanzig Minuten.“

Thomas und Kwiri verließen die Kabine und gingen den Gang weiter.

„Ist sie dir böse?“, fragte Swin.

„Das weiß ich noch nicht. Aber ich möchte vermeiden, dass sie mir böse wird. Wir sind als Vertreter der Erde aufeinander angewiesen. Wenn wir Differenzen haben, geht es nicht gut.“

Kwiri sah den Menschen lange an.

„Ist es nur das?“, fragte er.

„Was meinst du?“, erkundigte sich Thomas, als er den prüfenden Blick des kleinen Denebers bemerkte.

„Thomas, die Deneber und die Menschen auf der Erde weisen in ihrem biologischen Aufbau keine allzu gravierenden Unterschiede auf. Ich glaube zu erkennen, mein Freund, dass Françoise Debussy dir sehr viel mehr bedeutet, als eine normale Kollegin dir bedeuten könnte“, gab Kwiri seine Beobachtungen preis.

„Gesetzt den Fall es wäre so: Welche Konsequenzen hätte das für unsere Arbeit?“

„Wie meinst du das?“

„Nun, wenn Françoise und ich heiraten würden – könnten wir dann weiterhin gemeinsam die Erde vertreten?“

„Das wäre nur wünschenswert“, erwiderte Kwiri. Er blieb vor einer Tür stehen und öffnete sie. Dahinter zeigte sich die gleiche Einrichtung wie in Françoises Kabine.

„Kwiri, ich kenne mich mit euren Gesetzen noch nicht aus. Wie kann ich mir das Wichtigste in Kürze zugänglich machen?“, fragte Hansen.

„Wie haben Schnelllernprogramme. Du findest über deinem Bett einen Computer. Mit dem Ohrhörer kannst du die Programme abhören. Du wirst staunen, wie viel du in ein paar Tagen weißt. Der Translator übersetzt in sämtliche galaktischen Sprachen einschließlich Deutsch und Französisch“, erklärte Kwiri.

„Sehr gut.“

„Deine Sachen sind übrigens im Schrank“, erlaubte sich der Deneber einen Hinweis. Er betätigte einen Sensor an der Kabinenwand, ein Teil der Wand glitt beiseite und gab den Blick auf einen geräumigen Schrank frei, in dem etwa zehn Oberbekleidungsteile hingen. Zwei davon waren Overalls, ein weißer mit roten Besätzen und ein hellblauer, der an der Schulternaht eine Verzierung aus blauer, grüner, roter und gelber Paspel hatte. Auf dem linken Ärmel war ein Dreieck mit abgerundeten Ecken aufgenäht, das gleichfalls eine Umrandung in blau, grün, rot und gelb hatte. Im Dreieck befand sich ein dreidimensional wirkender, vierzackiger Stern, dessen unterer Zacken perspektivisch auf den Betrachter gerichtet war. An den Enden der anderen Zacken befand sich je ein Kreis, der einen Planeten darstellte. Kwiri bemerkte, dass Thomas das Abzeichen interessiert betrachtete.

„Das ist das Föderationswappen“, erklärte er. „Es zeigt die drei Hauptplaneten Megara, Andara und Suluk. Nur der Galaktische Rat trägt diese Farbkombination. Der hellblaue Overall ist der Bordanzug, der weiße der Ratsanzug.“

Thomas nickte.

„Gut, dann werde ich mich umziehen und meine Sachen auspacken.“

„Falls du mich suchst: Ich habe meine Kabine zwei Räume weiter nach links“, sagte Kwiri und verließ die Kabine.

Thomas zog sich um und war nicht wenig erstaunt, dass ihm der Overall tatsächlich passte. Dann ging er zurück zu Françoises Kabine. Auf sein Klopfen öffnete sich die Tür. Françoise sah ihn verblüfft an.

„Ich habe nicht erwartet, dass du kommen würdest“, sagte sie und machte eine einladende Handbewegung.

„Warum nicht?“, fragte Thomas und trat ein. Die Tür schloss sich leise hinter ihm.

„Nachdem du mir in Yonkers nur ein Zettelchen hinterlassen hattest, war ich skeptisch“, erwiderte die Französin.

„Deshalb bin ich gekommen. Ich möchte Missverständnisse vermeiden.“

Françoise sah Thomas fragend an.

„Françoise, wir haben eine Nacht miteinander verbracht – und sie war wunderbar. Aber ich habe Zweifel, dass ich auf Dauer der richtige Mann für dich bin.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte sie nach. Ein leichtes Zögern in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Ich habe einmal zu schnell ja gesagt“, erwiderte Thomas. „Es war weder für die Frau noch für mich gut. Wenn du mehr wünschst als eine gute Freundschaft, dann bitte: Lern’ mich erst kennen. Ich will nicht noch jemanden enttäuschen.“

„Die Frage ist nur, wie ich dich gut kennen lernen soll, wenn du dich verschließt, Thomas? Wann immer ich mehr Nähe suche, klappst du zu wie eine Muschelschale, gehst mir aus dem Weg. Nachdem wir nun irgendwo im Weltraum schweben, Lichtjahre von Mutter Erde entfernt, bist du mir zwar recht nahe, aber trotzdem habe ich das Gefühl, nicht an dich heranzukommen!“

„Es ist auch anderen so gegangen, selbst meiner Frau. Freunde habe ich praktisch keine, weil meine UFO-Leidenschaft jeden abgeschreckt hat. Ich bin ausgesprochen vorsichtig geworden, wem ich mich noch anvertraue, mit wem ich mein Leben noch teilen will, weil alle, die mir begegnet sind, mich für bekloppt gehalten haben. Das macht einsam. Bitte, lass mir Zeit, mich an deine Nähe zu gewöhnen“, sagte er. Françoise sah ihn geradeheraus an.

„Wenn es Leute gibt, die dich kennen und dich abgelehnt haben, werden sie sich jetzt an dich erinnern. Und wenn sie irgendwann geglaubt haben, du hättest nicht alle Tassen im Schrank, werden sie ihre Meinung wohl revidieren müssen. Ich kann mir vorstellen, dass dich sämtliche Bekannten früher für bekloppt gehalten haben. Vermutlich wäre es mir nicht anders gegangen – aber ich befinde mich gerade im Beweis der Richtigkeit deiner Forschungen. Wenn es dein Interesse für Außerirdische war, das andere Leute verschreckt hat, kann das auf mich sicher nicht zutreffen, Thomas“, entgegnete Françoise. Thomas nickte.

„Stimmt, das war der Hauptgrund. Aber ich bin – wie du schon festgestellt hast – recht in mich gekehrt. In deinem Interesse: Nimm dir die Zeit, mich kennen zu lernen. Ich fürchte, ich bin kein guter Ehemann“, warnte Thomas.

„Du hast eine ziemlich schlechte Meinung von dir, findest du nicht?“

„Wohl nicht unbegründet“, sagte Thomas. „Aber ich kann dir nicht mehr entwischen. Und mit einer anderen durchzubrennen, fiele mir auch schwer, wenn du außer mir das einzige menschliche Wesen auf Megara bist.“

„Nun, vorläufig, bis Frau Thomsen nachkommt“, gab Françoise zu bedenken. Thomas schüttelt den Kopf.

„Ich denke, in der Hinsicht kann ich dich beruhigen. Die ist einfach nicht mein Typ. Die passt eher zu Teichmann. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist zwischen denen mehr als nur Kollegialität.“

Françoise seufzte tief.

„Ich habe mich gerade gefragt, ob der Herrgott Adam eigentlich sehr bitten musste, Eva zur Frau zu nehmen“, sagte sie.

„Françoise – gib uns etwas Zeit“, bat Thomas mit sanftem Lächeln. Es war ein wunderbar warmes Lächeln.

„Also: Aufgeschoben, aber nicht aufgehoben?“

„Ich bin so ehrlich, dir zu sagen, dass die Nacht in Yonkers nicht mehr als ein Abenteuer sein sollte. Aber ich bin auch so ehrlich, einzugestehen, dass sie auch bei mir letztlich mehr war als das. Ich will dich einfach nicht auch noch enttäuschen.“

Einen Moment war Schweigen.

„Bist du eigentlich mutig?“, fragte Françoise dann.

„Wie kommst du darauf?“, erkundigte Thomas sich, beinahe erleichtert, dass sie das Thema wechselte.

„Wenn ich richtig verstanden habe, ist dieser Gribor nicht eben ein Freund der menschlichen Rasse. Meinst du, dass es klug war, sich mit so einem anzulegen?“, präzisierte sie ihre Besorgnis.

„Nein, klug nicht. Aber ich bin manchmal impulsiv – besonders, wenn mir jemand überhaupt nicht zusagt, wie dieser Bursche.“

„Könnte das gefährlich werden?“

Thomas zuckte mit den Schultern.

„Schwer zu sagen. Ich weiß noch nicht, welche Machtvollkommenheiten Gribor hat. Aber ich muss es schnell herausfinden – bevor es gefährlich wird.“

Thomas sah auf die Uhr.

„Nach irdischer Zeit ist jetzt fast elf Uhr. Ich werde schlafen gehen und mir im Schlaf Informationen geben lassen.“

Françoise sah ihn fragend an. Thomas winkte ihr und zeigte ihr den Computer über dem Bett.

„Hier ist die Wunderkiste. Kwiri hat mir das schon gezeigt. Die Programme scheinen gut zu sein und der Translator übersetzt auch ins Französische.“

Als er das ausgesprochen hatte, stockte er. Sie hatten die ganze Zeit – seit sie sich das erste Mal im UN-Gebäude begegnet waren – Deutsch gesprochen. Er sah Françoise einige Zeit mit einem gewissen Misstrauen an.

„Apropos Französisch: Woher sprichst du fließend, ja akzentfrei, Deutsch?“

Françoise sah ihn vorwurfsvoll an.

„Du sprichst doch auch fließend Französisch!“, gab sie zurück. „Ich habe Freude an Sprachen. Vielleicht weißt du es nicht, aber bevor ich zur UNO ging, habe ich sechs Jahre am französischen Konsulat in Hamburg gearbeitet. Die französische Regierung beschäftigt im Ausland nur Mitarbeiter, die die Landessprache fließend beherrschen. Und obendrein bin ich Simultanübersetzerin für Deutsch und Französisch. Erklärung genug?“

„Ja, vollkommen“, erwiderte Thomas sanft. „Ich gehe jetzt besser, sonst setzt es noch Backpfeifen.“

„Geh’ nur“, seufzte Françoise. „Ich werde mich in Geduld fassen.“

Als sich die Tür hinter Thomas geschlossen hatte, biss Françoise sich auf die Lippe. Beinahe hatte sie sich verraten. Aber Thomas war noch nicht reif für die Wahrheit …

Hansen stand vor der Tür von Françoises Kabine und schüttelte sich, als ob er ein Trugbild loswerden wollte. Es war wie verhext: Françoise hatte Gabis Stimme, ihren Tonfall, ihre Figur, ihre Haarfarbe, ihre Größe. Aber Gesicht und Frisur waren anders.

Wenn du dich in sie verliebt hast, dann, weil sie so viel Ähnlichkeit mit Gabi hat’, dachte er.

Nach kurzem Fußmarsch hatte er seine Kabine erreicht und lag wenig später in dem riesigen Bett, den Computer eingeschaltet, die Kopfhörer auf den Ohren.

Kapitel 7

Gribors Hinterlist

 

Thomas und Françoise lernten mit den Computerprogrammen schnell Sprache und Gesetze der Föderation kennen. Es dauerte nur wenige Tage, bis die Translatoren überflüssig waren. Als die Erdvertreter auf Megara landeten, waren sie in diversen Raumsprachen perfekt, beherrschten einen guten Teil der gesetzlichen Grundlagen.

Schon am Tag nach ihrer Ankunft traten sie offiziell ihr Amt im Galaktischen Rat, der wichtigsten der drei Kammern des Föderationsparlamentes an. Im Rat wurden die Gesetzesvorlagen eingebracht, diskutiert und beschlossen. Jeder Mitgliedsplanet hatte im Rat unabhängig von einer Parteizugehörigkeit eine Stimme, die die jeweilige Delegation abgeben konnte. Die Delegationsgröße war unterschiedlich. Mindestens bestand sie aus ein bis drei Vertretern, je nachdem, aus wie vielen Geschlechtern die intelligenten Rassen auf dem betreffenden Planeten bestanden. Es konnten aber bis zu zehn Personen sein, die einen Planeten repräsentierten, die Anzahl der vertretenen Geschlechtern konnte unterschiedlich sein, sofern jedes wenigstens einmal vorhanden war – doch die Stimme zählte auch dann immer nur einmal. Sofern sich die Delegierten eines Planeten nicht einig wurden, galt dies als Stimmenthaltung.

Die zweite Kammer war der Galaktische Senat, in dem nicht einzelne Planeten, sondern Sternsysteme Mitglieder waren. Die bewohnten Planeten eines Systems wählten für den Senat zwei Personen als Abgeordnete, wobei Rassenzugehörigkeit oder Geschlecht keinerlei Rolle spielten. Da im System SOL nur die Erde bewohnt war, waren Thomas und Françoise gleichzeitig Senatoren. Weil es noch diverse andere Systeme gab, in denen es ebenfalls nur eine bewohnte Welt gab, tagte der Senat nur dann, wenn der Rat keine Sitzung hatte.

Die dritte Kammer schließlich war der Sachverständigenrat, der eine Vertretung der Institutionen der Föderation darstellte. Hier waren die Leute zu finden, die auf der Erde Lobbyisten genannt wurden – Handel, Industrie, Dienstleister, Landwirtschaft, Gewerkschaften, Militär. Auf diese Weise hatte man den Einfluss dieser Personengruppen kanalisiert und kontrollierbar gemacht. Sofern im Rat Beschlüsse gefasst wurden, die die Interessen der Mitglieder dieser Kammer berührten oder bei denen sie beratend tätig werden konnten, waren sie zur Ratssitzung hinzuzuziehen.

Thomas hatte vor, als eine der ersten Amtshandlungen in seiner Funktion als Vertreter der Erde die Bestrafung desjenigen zu fordern, der die Zerstörung des Persischen Golfes zu verantworten hatte. Doch fragte er vor dem Antrag an den Rat vorsichtshalber Kwiri, an wen eine entsprechende Anzeige zu richten sei.

„Wieso Bestrafung?“, fragte Kwiri harmlos.

„Na, du machst mir Spaß!“, entfuhr es Thomas. „Der Lump lässt eine ganze Region der Erde in eine Lavawüste verwandeln und du fragst, ob man ihn dafür bestrafen sollte!“

„Thomas, Gribor ist bereits bestraft worden“, antwortete Kwiri verständnislos.

„Aha – und zu was hat man ihn verurteilt?“, erkundigte sich Hansen.

„Euch nach Megara zu bringen“, erklärte der Deneber.

„Da frag’ ich mich aber, wer damit wirklich gestraft worden ist – Gribor oder wir“, seufzte Thomas. „Ob das diejenigen, die dem Beitritt der Erde zur Föderation zugestimmt haben, so akzeptieren werden, wage ich mal anzuzweifeln. Das wird auf wenig Verständnis stoßen.“

„So ist leider unser Gesetz, tut mir Leid“, erwiderte Swin achselzuckend.

„Kwiri, eins verstehe ich nicht, das musst du mir bitte erklären: Der Rat der Galaktischen Föderation hat die Erde vor die Wahl gestellt, beizutreten oder zerstört zu werden. Sag’ mir bitte, auf welcher Rechtsgrundlage die Föderation eigentlich einem Planeten die Zerstörung androhen darf, der weder in das Rechtsgefüge der Föderation eingebunden ist noch der Föderation in irgendeiner Form Schaden zugefügt hat“, bat Thomas.

„Ich gebe zu, das ist schwierig zu erklären. Genau genommen beruhte die Zerstörungsandrohung auf dem § 400 des II. Planetenbeziehungsgesetzes. Danach kann, nein, muss ein Planet, der gegen die Gesetze der Föderation verstößt, vernichtet werden.“

„Das mag auf Mitglieder der Föderation zutreffen, die dem Gesetz unterliegen. Die Erde war aber kein Mitglied, konnte also nicht gegen eure Gesetze verstoßen haben“, gab Thomas zu bedenken.

„Ja, das stimmt. Die Bestimmung ist auch nur analog angewendet worden. Du hattest vollkommen Recht, als du angenommen hast, wir hätten Angst vor euch. Wir wussten, dass ihr Exkursionen in andere Teile des Alls unternehmen wolltet. Die Qualität eurer Raumfahrt ist aber – gelinde gesagt – völlig überschätzt worden. Hätten wir eine wirkliche Vorstellung gehabt, dass ihr noch so weit von wirklicher Raumfahrt entfernt seid, wie ihr seid, wäre es vermutlich nicht passiert. Ehrlich gesagt, hat uns das Vorhandensein von Lebewesen in diesem Sektor des Alls zunächst erschreckt. Wir waren der festen Überzeugung, SOL 3 sei – wie das ganze System – unbewohnt. Und als wir dann feststellen mussten, dass das System doch bewohnt ist und ihr jedenfalls begrenzt in der Lage seid, Raumfahrt zu unternehmen, haben es maßgebende Wesen im Rat mit der Angst bekommen. Du weißt ich habe dir das schon mal erklärt.“

„Also nach dem Motto: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns, richtig?“

„Ja, so ungefähr ist es zu sehen.“

„Danke, das genügt mir“, seufzte Thomas.

Zwar hatte Thomas nach Kwiris Ausführungen auf eine Anzeige gegen Gribor verzichtet, er versuchte, die richterliche Entscheidung zu akzeptieren, aber seine Wut über die ungerechte Verteilung von Schuld und Sühne blieb. Zudem gehörte Gribor seinerseits nicht zu den Wesen, die aus bestehenden Abneigungen einen Hehl machten. Er hasste die Menschen mit jeder Faser seines Daseins. Was immer auch die terranische Vertretung im Rat beantragte, Thomas und Françoise konnten sicher sein, dass wenigstens Kilma Gribor dagegen war. Mit der Zeit gewöhnten sie sich an die ständige Opposition und ließen sich davon nicht mehr aus der Ruhe bringen. Die übrige Deneberdelegation stand ihnen sehr freundlich und aufgeschlossen gegenüber, hatten sie doch feststellen müssen, dass Menschen nicht so aggressiv und streitsüchtig waren, wie sie vor der Aufnahme der Erde angenommen hatten. Aber Gribors Feindschaft blieb. Kwiri, Klim und diverse andere Mitarbeiter denebischer Herkunft beobachteten Gribors beständige Ablehnung der Terraner mit wachsender Sorge.

In den ersten zwei Galaktischen Monatseinheiten hatte Gribor sich noch mit rein parlamentarischer Widerrede begnügt, dann wurde er persönlicher, griff Thomas oder Françoise direkt an. Als sie sich davon nicht einschüchtern ließen, sondern weiter ihre Arbeit taten, Gribors Angriffe aber auch nicht erwiderten, stach Gribor der Hafer: Er wollte wissen, wie weit er gehen konnte, bis die Menschen sich endlich zu einem Angriff provozieren ließen, der es möglich gemacht hätte, die Erde aus der Föderation auszuschließen und den Planeten zu zerstören.

Er machte sich ein Gesetz zunutze, um die Erdvertretung zu sprengen: Es gab ein fast vergessenes Gesetz, nach dem die Hälfte einer Planetendelegation für eine Galaktische Jahreseinheit zum Dienst bei der Raumflotte verpflichtet werden konnte, wenn die einfache Mehrheit des anwesenden Rates dies verlangte. Problematisch war dabei, dass dafür nicht wie üblich ein beschlussfähiger Rat zusammentreten musste, sondern, dass auch wenige Mitglieder ausreichten, sofern die Sitzung mindestens eine Galaktische Tageseinheit vorher einberufen war.

Das Gesetz war einmal als Notverordnung während des Zweiten Galaktischen Krieges geschaffen worden, wo es der Zeitumstände wegen eine praktische Bedeutung gehabt hatte. Doch der Zweite Galaktische Krieg war lange vorbei und die meisten Notgesetze der damaligen Zeit wieder aufgehoben. Das Raumflottenergänzungsgesetz – Sonderbestimmung für den Galaktischen Rat hatte aber versehentlich überlebt.

In einem günstigen Moment, als Ratspräsident Sulukum und fast die Hälfte des Rates zu einer Feier auf dem Planeten Macros eingeladen waren und ein weiteres Drittel der Ratsdelegierten auf ihren Heimatplaneten waren, berief Gribor in der gesetzlichen Mindestfrist eine Sitzung ein, bei der fast nur noch Anhänger seiner Politik im Ratssaal erschienen. Einziger Tagesordnungspunkt war die Verpflichtung der terranischen Delegation zum Flottendienst. Kwiri, Françoise und Thomas hatten keine Chance, die Verpflichtung abzuwenden. Zwar konnte Kwiri in der denebischen Delegation dagegen stimmen, doch war Gribor selbstverständlich dafür, was zu einer Stimmenthaltung Megaras führte. Außer dieser Enthaltung gab es nur die Gegenstimme der terranischen Vertretung. Die anderen zehn anwesenden Vertretungen, darunter auch Caneler und Saroner, hatten für die Verpflichtung gestimmt. Hämisch grinsend verkündete Gribor das Abstimmungsergebnis, mit dem klar war, dass einer der Terraner Raumsoldat werden musste.

„Solltest du glauben, Kilma Gribor, dass du mich damit ärgern kannst, hast du dich getäuscht. Ich habe auch meinen Wehrdienst auf SOL 3 überlebt“, sagte Thomas und stellte damit klar, dass er die Verpflichtung übernehmen wollte.

„Ich hatte eigentlich mehr an deine Artgenossin gedacht, Erdling Hansen“, griente Gribor.

„Deneber Gribor, das Raumflottenergänzungsgesetz gibt dir das Recht, die Verpflichtung einer Hälfte der Delegation zu beantragen, aber im Gesetz ist nicht definiert, dass du auch die Personen bestimmen kannst“, erwiderte Thomas mit kaltem Lächeln, der eilig eine Rechtsprechungsübersicht auf sein Computerterminal geholt hatte. „Es gibt bislang nur zwei Entscheidungen des Galaktischen Obersten Gerichtshofes zu diesem Gesetz, in denen jeweils der betroffenen Delegation die Auswahl des Dienstverpflichteten zugestanden wurde und dem Rat eindeutig abgesprochen wurde. Außerdem kann der verpflichtete Teil wählen, wo der Dienst abgeleistet wird. Das ergibt sich sogar wörtlich aus dem Gesetzestext. Und du kannst dir gewiss vorstellen, dass ich um die Sechste Flotte einen Bogen in der Größe einer Planetenumlaufbahn schlagen werde“, versetzte er.

„Dich miesen Erdenwurm hätte ich da auch nur ungern gesehen“, knirschte Gribor, vor Wut über das Wissen des Terraners dunkelgrün anlaufend.

„Schön, dann sind wir uns ausnahmsweise mal einig. Ich werde mich umgehend erkundigen, in welchem Flottenteil du deine grünen Griffel am wenigsten drin hast. Dort werde ich meinen Dienst ableisten“, verkündete Thomas. „In der Zwischenzeit wünsche ich dir viel Vergnügen mit meinem Vertreter im Rat, Michael Teichmann.“

Gribor grinste wieder über das ganze Gesicht, dass die nach unten spitzen Ohren fast Besuch bekamen.

„Oh, das weißt du noch nicht? Eure gewählten Stellvertreter haben die Wahl nicht angenommen, weil ihnen der Galaktische Rat eine sehr viel bessere Position bieten konnte. Sie sind beide ins Ministerium für Astronomie nach Suluk gewechselt. Schade auch, Erdling“, sagte er hohntriefend. „Leider war eure unfähige Regierung bislang nicht in der Lage, Ersatzleute zu benennen.“

Françoise wollte eine wütende Erwiderung geben, aber Thomas hielt sie zurück.

„Verschwende nicht kostbaren Atem auf diesen Frosch“, sagte er leise. „Wir werden es auch so schaffen.“

Kwiri grinste breit, als er zu den Sitzen der Terraner kam.

„Die Achte Flotte heißt dich herzlich willkommen“, kicherte er. „Da hat Admiral Gribor nämlich überhaupt nichts zu sagen.“

Gribor wurde blassgrün, als er Kwiri von der Achten Flotte reden hörte und stürmte, schnaubend vor Wut, aus dem Ratssaal. Seine Anhänger folgten ihm. Aus seiner Provokation war wieder nichts geworden. Die Erdlinge fügten sich brav den Gesetzen. Nicht einmal Feiglinge konnte er sie nennen, ohne seine wahre Absicht zu entschleiern.

Die Terraner und ihr denebischer Freund blieben zurück.

„Schön und gut“, seufzte Thomas. „Aber die Achte Flotte hat ihren Hauptstützpunkt auf Palavor. Das ist verdammt weit weg von Megara, von der Erde rede ich lieber gar nicht.“

„Sieh an. Du hast dich damit schon befasst?“

„Ich bin nun einmal chronisch neugierig“, antwortete Thomas. Françoise stupste ihn an.

„Für jemanden, der alles daran gesetzt hat, auf der Erde Frieden zu schaffen, interessierst du dich aber verdächtig stark fürs Militär“, bemerkte sie mit spitzem Unterton. Thomas lächelte sie freundlich an.

„Einer der vielen Widersprüche, aus denen ich bestehe“, gab er zurück. „Außerdem wollte ich ohnehin den Raumpilotenschein machen.“

„Die Begründung verstehe nicht ganz. Das wäre so, als wolle einer zur französischen Fremdenlegion, weil er den Autoführerschein machen will.“

„Sicher, da hast du Recht. Aber ich bin unheilbar neugierig. Gribor ärgert mich mit der Verpflichtung nicht.“

„Wie auch immer, danke, dass du es mir ersparst“, sagte sie achselzuckend. „Soldat spielen wäre wahrhaftig nichts für mich“, setzte sie noch hinzu. Thomas lachte auf.

„Wer weiß? Vielleicht verdonnert Gribor dich noch zum Sozialjahr!“, amüsierte er sich.

„Kwiri“, wandte sich Françoise an den Deneber, „kann Thomas eigentlich seiner Militärverpflichtung und seinem Arbeit im Rat nachkommen?“

„Nein“, erwiderte Swin bedauernd, „für die Zeit seiner Dienstverpflichtung ruht sein Mandat, genauer, seine Anwesenheitspflicht und Mitwirkungspflicht hier auf Megara.“

„Also, ich habe das richtig verstanden: Du verschwindest für eine volle Galaktische Jahreseinheit nach Palavor?“, hakte sie an Thomas gewandt nach.

„Sieht so aus“, räumte er ein.

„Glaubst du, dass mir das passt?“

„Dir genauso wenig wie mir“, sagte Thomas mit einem deutlichen Seufzen. „Ich lasse meine Arbeit nur äußerst ungern liegen. Kwiri, gibt es irgendeine Möglichkeit, dass ich meine Arbeit weiterführe?“

„Schlecht – schon wegen der Entfernung nach Palavor. Wir sollten mit Admiral Luk-Sun darüber reden. Er ist der Chef der Achten Flotte. Soviel ich weiß, ist er im Augenblick auf Megara. Am besten fahren wir gleich zu ihm“, schlug Kwiri vor.

Françoise blieb mit nagenden Zweifeln zurück, als Thomas und Kwiri zum Admiral fuhren. Parlamentarische Arbeit oder Dienstverpflichtung, das erschien Françoise relativ gleichgültig, wenn sie auch anderes gesagt hatte. Von ihr aus hätte Thomas auch zehn Jahre Dienst ableisten können, wenn er nur auf Megara blieb. Aber Palavor war so unendlich weit weg! Es bedeutete auch mit Überlichtgeschwindigkeit einen Flug von fast einer ganzen Woche bis dorthin. Wenn Thomas seinen Dienstort in dieser entlegenen Ecke der Galaxis hatte, warf das ihre Pläne über den Haufen, Thomas näher zu kommen. In den letzten zwei Galaktischen Monatseinheiten waren sie und Thomas zu wirklich guten Freunden geworden; Freunden, die sich blind verstanden, aber es war lange noch nicht das, was Françoise sich vorgestellt hatte. Thomas ließ einfach nicht mehr zu als eine schöne Freundschaft. Er vermied – manchmal mühsam, wie es Françoise schien – alles, was auf eine echte Liebesbeziehung hätte hinauslaufen können. Wenn er jetzt nach Palavor ging, war die von Françoise angestrebte Entwicklung in weite Ferne gerückt.

Kapitel 8

Erfüllung eines heimlichen Wunsches

Kwiri und Thomas hatten bei Admiral Luk-Sun nicht lange warten müssen. Der Flottenchef ließ sie gleich in sein Arbeitszimmer in der Raumbehörde bitten.

Luk-Sun war Centaure und hatte eine Gestalt, die auf der Erde sagenhaft bekannt war: Humanoider Oberkörper mit dem Unterkörper eines Pferdes. Der muskulöse menschliche Oberkörper hätte jedem terranischen Bodybuilder neidvolle Blässe ins Gesicht getrieben, auf dem Hinterteil, das jedem Kaltblutpferd zur Ehre gereicht hätte, hätte bequem eine ganze Hausbar Platz gehabt. Der ganze Körper steckte in einer maßgeschneiderten, dunkelblauen Uniform, die farblich mit der hellblauen Haut des Centauren ideal harmonierte und über die fremdartige Erscheinung hinwegsehen ließ.

„Ach ja, mein spezieller Freund Gribor wollte mal wieder eine Ratsdelegation ärgern“, brummte Luk-Sun in den dunkelblauen Bart. Dann musterte er den Terraner.

„Waren Sie schon mal Soldat?“, fragte er mit einer volltönenden Stimme, die einen sehr angenehmen Klang hatte.

„Fünfzehn Erdenmonate“, gab Thomas Auskunft.

„Wie viel ist das in Galaktischen Monatseinheiten?“, hakte der Centaure nach.

„Siebeneinhalb GME; Herr Admiral“, erwiderte Thomas ungerührt.

„Ihr letzter Dienstgrad?“

Thomas hustete verlegen.

„Obergefreiter, Herr Admiral.“

Luk-Sun seufzte.

Obergefreiter! Wenn ich Sie so einstufe, verstoße ich gegen das Gesetz. Sie sind Ratsmitglied. Deshalb gilt für Sie die Sonderbestimmung des Raumflottenergänzungsgesetzes. Folglich muss ich Sie als Offizier einstufen. Andererseits werden Sie begreifen, dass die Raumflotte es sich auch in Friedenszeiten nicht leisten kann, Offiziere zu haben, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Wir werden Sie also testen und Sie nach der Ausbildung dann angemessen einstufen“, erklärte der Admiral.

„Hoffentlich müssen Sie für mich keinen Rang erfinden. Admiral“, schmunzelte Thomas.

„Kommen Sie“, sagte der Centaure, ohne auf Thomas’ Bemerkung einzugehen.

Nach einer schier endlosen Reihe von Tests saßen Thomas und Kwiri wieder im Büro von Luk-Sun, der Admiral hatte die Testergebnisse gerade auf seinen Computerterminal eingespielt bekommen und prüfte sie, wobei er sich den blauen Bart zwirbelte.

„So, so. Obergefreiter waren Sie also“, sagte er bedächtig. „Also, mit Ihnen hätten wir den Ersten Galaktischen Krieg schneller gewonnen!“, brummte er dann. Thomas und Kwiri sahen sich verblüfft an.

„Wie ist das zu verstehen?“, erkundigte sich Thomas.

„Nun, für jemanden, der von einer nicht eben sehr raumtüchtigen Welt stammt, haben Sie eine Menge Fantasie, wenn es um Kriegführung im Raum geht, Gaul.“

„Äh, Thomas …“, warf Kwiri ein, „Gaul ist keine Beleidigung, sondern eine ausgesprochen höfliche Anrede. Wohl vergleichbar mit dem Sir in der Erdsprache, die ihr Englisch nennt.“

„Ich hab’ doch gar nichts gesagt“, wunderte sich Thomas.

„Mein lieber Freund, ich weiß, dass das Wort Gaul in deiner Sprache keine besonders nette Bezeichnung für ein Pferd ist. Deshalb sah ich mich genötigt, dir das zu sagen.“

Luk-Sun lachte dröhnend auf.

„Lieber Kwiri, ich denke unser terranischer Freund hat mehr Verständnis für galaktische Eigenheiten als jeder andere Bewohner dieser Föderation. Gribor ahnt gar nicht, dass sein Schuss nach hinten losgegangen ist. So ein Mann wie Sie, Gaul, so einer hat mir noch gefehlt. Die Achte Interstellare Flotte betrachtet es als eine Ehre, Sie in ihren Reihen zu wissen. Ich stelle mir vor, dass Sie zunächst als Raumkadett auf der Solterra eingeführt werden. Nach drei oder vier Galaktischen Monatseinheiten sehen wir weiter, ob Sie dann ein eigenes Kommando übernehmen können.“

„Herr Admiral, haben Sie bestimmt nicht die Testergebnisse vertauscht?“, fragte Thomas vorsichtig nach. Luk-Sun lehnte sich genüsslich zurück.

„Nein, die sind nicht vertauscht. Das sind Ihre – überzeugen Sie sich“, grinste er und schob Thomas den Testbogen zu, der ihn auch wieder erkannte. „Sie werden also als Raumkadett morgen Ihre Ausbildung hier im Flottenzentrum beginnen.“

Thomas hatte – in Erinnerung an seine irdische Bundeswehrzeit – erwartet, nunmehr drei Monate lang fürchterlich geschliffen zu werden – doch gefehlt. Die täglichen Trainingseinheiten im Ausbildungszentrum hatten eher etwas von vorsichtigem Aufbau eines Rehabilitationspatienten als von militärischem Härtetraining. Keine gebellten Befehle, nicht einmal ein unfreundliches Wort war zu hören. Der theoretische Unterricht war so interessant gemacht, dass auch der Schläfrigste aufmerksam wurde. Es gab auch in der Grundausbildung keinen Kasernenzwang, nur ein Gerät zur Rufbereitschaft, das aber auch schon mal nachts losgehen konnte. Das jedoch war der einzige Negativpunkt, den Hansen seiner Dienstverpflichtung gab.

„Eins kapiere ich nicht, Kwiri:“, sagte er kurz vor Beendigung seiner Ausbildung, als Kwiri ihn abends zu Hause besuchte. „Gribor wollte Françoise und mir eins auswischen. Mir wenigstens hat er bisher nicht geschadet.“

Kwiri grinste in sein Glas hinein.

„Oh, er hat euch beiden durchaus eine saftige Ohrfeige verpasst“, entgegnete er. „Dein Soldatendasein als solches ist es auch gar nicht der Haken, auch nicht, dass die Erde nur noch durch die Hälfte der Delegation vertreten ist, weil eure Stimme immer noch vorhanden ist, sondern der Umstand, dass du nicht mehr zusammen mit Françoise im Rat arbeiten kannst. Jeder, der euch beide zusammen arbeiten sieht, muss wissen, dass er gegen eine Wand laufen würde, wenn er etwas gegen die Interessen Terras unternehmen würde. Jetzt bist du außerdem noch auf Megara, kannst Françoise täglich sehen und mit ihr reden, sie beraten – ohne dass euch jemand hört. Wenn du erst auf Palavor bist, wird sich das ändern. Du kannst mit ihr nur noch über Visioverbindung kommunizieren – und die ist nicht abhörsicher. Eure Gegner im Rat werden eure Gespräche verfolgen und können, sich auf euer Vorgehen vorbereiten. Da das Abhören von Gesprächen zur reinen Wissenserlangung nicht strafbar ist, kann man sie nicht mal belangen. Gribor hat nicht umsonst alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Chef der Sechsten Flotte zu werden. Sie ist die einzige Raumflotte, die eine ständige Basis im System Deneb unterhält. Alle anderen Raumflotten sind weit weg stationiert. Wenn er also jemanden zum Dienst verpflichtet, will er den Verpflichteten weit forthaben, damit er zur Kommunikation auf den abhörbaren Funkverkehr angewiesen ist. Mit Gribor hast du den gefährlichsten Feind, den man sich im Universum machen kann. Gib Acht auf dich, mein Freund. Auf Françoise werden wir von hier aus aufpassen.“

„Du hast mir in New York gesagt, du wärst selbst bei der Achten Flotte. Warum bist du hier und nicht auf Palavor?“, erkundigte sich Thomas.

„Weil ich mich ins Ministerium habe versetzen lassen. Das kannst du aber erst nach Ablauf deiner Pflichtzeit. Ich bin bei der Flotte geblieben, wurde ins Ministerium versetzt und bin dort beurlaubt. Du hast mit der Achten Flotte nach meiner Überzeugung die beste Einheit erwischt, die die Föderation im Raum vertritt. Aber ich will dir einen Nachteil nicht verschweigen: Palavor ist nicht die angenehmste Welt – auch dafür hat Freund Gribor gesorgt, weil er die Achte Flotte fast genauso hasst wie euch Terraner. Es ist ein unwirtlicher Wüstenplanet, der nur in einer Zwielichtzone überhaupt bewohnbar ist. Er dreht sich so langsam um seine Achse, dass er seinem Zentralstern immer dieselbe Seite zukehrt. Die Sonnen- und die Nachtseite sind nur mit Hilfe von Robots zu kontrollieren. Aber bei den extremen Temperaturen reagieren sie nicht immer so, wie sie sollten.“

„Sind das die S 5-Robots?“, fragte Thomas interessiert.

„Ja, S 5 Kampfroboter. Unsere neuesten Kampfroboter. Hochmodern, empfindlich und für diesen Planeten überhaupt nicht geeignet“, bestätigte Kwiri. „Du warst doch noch gar nicht dort. Woher kennst du die eigentlich?“, wunderte er sich dann.

„Nein, aber ich habe gehört, dass Teile davon auf der Erde bei der Firma Harkort & Sons in Aberdeen produziert werden. Was stimmt nicht mit den Dingern?“

Kwiri zuckte mit den Schultern.

„Wenn wir das wüssten, wäre uns allen wohler!“, sagte er dann. „Wir haben die Biester schon bis zur letzten Schraube prüfen lassen – nichts gefunden. Sie sind in eurer planetaren Wüste, in der Sahara, getestet worden, wir haben sie auch auf den terranischen Polen testen lassen. Nichts. Keine Aussetzer.“

„Worin bestehen die Aussetzer?“

„Nun, die Freund-Feind-Erkennung hat Macken, die sich einfach nicht beheben lassen. Gerade auf Palavor sind schon einige eigene Leute von S 5 zerstrahlt worden.“

„Eigene Leute?“, hakte Thomas nach. „Heißt das, dass dort gelegentlich mal Fremde auftauchen?“

„Jaaa“, gab Kwiri gedehnt zu. „Weißt du, Palavor befindet sich in einem Grenzsystem, das an das Lukanische Imperium angrenzt. Sind nicht unsere besten Freunde. Deshalb sind die Raumpatrouillen um Palavor nicht immer ungefährlich. Es ist nicht schwer, mit den Lukanern Streit zu bekommen. Ich bin mit meinem Kreuzer einem ihrer Sternzerstörer einmal nur knapp entwischt, weil ich eine gute Tarnanlage an Bord hatte. Sie haben schon einige Male versucht, auf Palavor zu landen, bisher haben die Robots sie immer wieder ins All befördert. Aber – wie gesagt – sieh dich vor den S 5 vor, sie können wirklich gefährlich sein“, warnte Kwiri seinen terranischen Freund. „Es wäre schade, wenn dir was passieren würde. Françoise würde das sehr treffen – mal abgesehen davon, dass ich einen sehr guten Freund verlieren würde und dass SOL 3 seinen fantasievollsten Vertreter einbüßen würde.“

Als Kwiri von der hübschen Französin sprach, stockte er.

„Hattest du nicht mal angedeutet, sie heiraten zu wollen?“, fragte er dann. Thomas nickte.

„Ja, aber …“

„Benehmen tust du dich nicht so. Nach dem, was ich von euch Terranern weiß, sind Verliebte am liebsten zu zweit und möglichst ungestört. Du machst nicht mal den Versuch, mit ihr allein zu sein, gehst nicht in ihr Haus, wenn du sie auf dem Heimweg mitnimmst. Ihr verbringt eure Nächte nicht miteinander, oder?“

„Kwiri, du bist indiskret!“, wies Thomas ihn zurecht, bekam einen Anflug von Röte.

„Flüchtest du deshalb ans Ende der Galaxis?“, hakte Kwiri unnachgiebig nach.

„Nein. Ich habe nur schon eine gescheiterte Ehe hinter mir und will nicht noch eine zweite Frau enttäuschen.“

„Thomas, ich bin nicht blind. Ich bin selbst ein männliches Wesen. Und ich merke, dass du dich manchmal schon gern mit ihr zurückziehen willst. Aber jedes Mal zuckst du richtig zusammen, als ob du dich innerlich selbst berufst. Warum tust du dir das an?“

„Ich will sie nicht unglücklich machen. Denn dafür mag ich sie zu sehr.“

Kwiri sah Thomas eine Weile an.

„Du lügst dir selbst in die Tasche“, stellte er fest.

„Nein. Ich weiß, was ich tue, glaub’ mir. Françoise ist eine Frau, von der ich mir sehr gut vorstellen kann, mit ihr mein Leben zu teilen. Aber eine in die Brüche gegangene Ehe ist ein schwerer Schock – für mich jedenfalls. Vor allem, weil ich mich von Gabi im Streit getrennt habe, sie nicht mehr lebend gesehen habe und ihr nicht sagen konnte, dass mir der Streit Leid tat, dass es mir Leid tat, dass ich Hals über Kopf abgehauen bin und mich verkrochen habe – weil ich ganz einfach zu feige war, nach anderen Möglichkeiten zu suchen, sie von eurer Existenz zu überzeugen und damit von der Richtigkeit meiner Arbeit. Meine Sternguckerei war mir wichtiger als meine Ehe – und das war mein Fehler, den ich zwar heftig, aber leider zu spät bereut habe. Ich brauche noch eine Weile, um das alles zu verarbeiten, auch wenn es fast ein Erdenjahr her ist. Vielleicht hast du nicht unrecht, dass ich flüchte. Ich brauche wohl ein bisschen Abstand.“

Kwiri schüttelte den Kopf.

„Nein, du brauchst jemanden, der dich die Geschichte vergessen lässt!“, erwiderte er heftig. „Und dafür wäre niemand geeigneter als Françoise Debussy. Die Achte Flotte ist wirklich ein prima Haufen, aber du bist mir etwas zu weit von der einzigen Person weg, die dir über den Tod deiner Frau hinweghelfen könnte.“

„In mancher Hinsicht ist Françoise meiner Gabi so ähnlich, dass ich mich oft erschrecke und mir sage, dass das nicht wahr sein kann. Nein, es ist besser, wenn ich ein paar Parsec Zwischenraum habe, um über Françoise und mich nachzudenken.“

„Ich fürchte, du wirst nicht viel zum Nachdenken kommen. Dafür geschieht dort zu viel“, seufzte Kwiri. Thomas sah Kwiri an und war sich nicht im Klaren, ob die Worte seines denebischen Freundes Prophetie oder Unkenrufe waren. Er würde es bald genug erfahren …

Ende des 1. Abschnitts

 

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