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Fluch der Karibik – Lady Elaines Rachedurst – online

Updated: 7. März 2018

*Epilog neu, Geschichte beendet*

Ab 12 Jahre

Prolog

 

Man schrieb den 10. Februar des Jahres 1763. An diesem Tag wurde in Paris mit der Unterzeichnung des Friedens von Paris der Siebenjährige Krieg beendet. Großbritannien, Preußen, Frankreich, Spanien, Russland, Österreich und deren weitere Verbündete unterschrieben den Vertrag durch die Diplomaten, die die Staaten in Paris vertreten hatten.

 

Wenige Tage später erhielt König George III. von Großbritannien die erfreuliche Mitteilung, dass der Krieg beendet war – und von Großbritannien als gewonnen betrachtet werden konnte. Frankreich musste alle nordamerikanischen Kolonien in Kanada und Indien an Großbritannien abtreten, konnte aber einige karibische Inseln wie Martinique und Guadeloupe zurückerhalten, die zwischenzeitlich von den Briten besetzt worden waren. Die Kolonien in Nordamerika waren für den aufkommenden Pelzhandel jedoch ausgesprochen wichtig und deshalb wertvoller als die Karibikinseln. Die britischen Tuchmacher hatten ebenfalls großes Interesse daran, für verfeinerte Tuche eigene Pelzquellen zu haben – insbesondere für Biberfelle – und nicht den russischen Zwischenhandel teuer bezahlen zu müssen. Die Hudson Bay Company, eine britische Handelsgesellschaft, die nach einem ähnlichen Muster wie die East India Trading Company aufgebaut war, würde dafür sorgen.

König George kam bei dem Gedanken an die Hudson Bay Company auch die wenig erbauliche Erinnerung an die politisch recht unzuverlässige East India Trading Company. Er beschloss, seinem Kabinett die Anweisung zu geben, hier für Ordnung zu sorgen. Weil es sich um eine königlich privilegierte Gesellschaft handelte, empfahl der zuständige Minister, dass der König selbst den Vorstand verwarnen sollte. Oft genug waren entsprechende Weisungen des Ministers offensichtlich ignoriert worden …

Drei Wochen nach dem Friedensschluss erschienen die Vorstände Nathan Everett und Edward Jones im St.-James’s-Palast in Kensington.

„Meine Herren“, eröffnete George die Zusammenkunft. „Nach allem, was mir über Eure Gesellschaft bekannt geworden ist, bin ich der Ansicht, dass es so nicht weitergehen kann. Die East India Trading Company hinterlässt in der Welt ein ausgesprochen hässliches Bild von Briten. Eure Firmengründer sind einmal mit der Vorstellung angetreten, Großbritannien die Waren-Schätze dieser Welt zu erschließen. Was ist daraus geworden? Eine Gesellschaft, die nur den persönlichen Befindlichkeiten ihres Vorstandsvorsitzenden dient – und nicht Großbritannien. Gegen Gewinne ist beileibe nichts einzuwenden, aber wenn sie auf Kosten des Ansehens dieses Landes und seines Königshauses erwirtschaftet werden, hört der Spaß auf! Ich erwarte, dass von nun an Handel zu moralisch vertretbaren Bedingungen getrieben wird – das schließt sowohl die Eingeborenen in den Kolonien ein als auch das Personal, das für Euch in ferne Länder reist, um wertvolle Waren einzuhandeln.“

„Nichts anderes ist unsere Absicht, Euer Majestät“, erklärte Nathan Everett. König George sah den jungen Mann eine Weile an. Nathan war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte im Hause seines Vaters, Morgan Lord Everett, eine kaufmännische Lehre gemacht und gleich nach dem Tod seines Vaters den Sitz im Vorstand erhalten. Ein normaler Kaufmannslehrling, der die Lehre abschloss, hatte allenfalls die Aussicht, ganz unten in der Hierarchie einer solchen Gesellschaft seine ersten Gehversuche als Kaufmann zu machen …

„Lord Everett, da Ihr gerade das Wort ergreift: Euer Vater hat sich einiges geleistet, was mit dem, was ich wünsche, keineswegs zu vereinbaren ist. Auch sein Vorgänger, Lord Beckett, der auch mit Euch verwandt ist, war gewiss kein Muster der Loyalität zu meinem Großvater. Und deshalb wünsche ich ausdrücklich, dass Ihr den Vorstandsposten der East India Trading Company aufgebt. Ihr könnt an anderer Stelle bei der East India Trading Company bleiben, aber keinesfalls dort, wo Ihr Verantwortung für die Handelsstrategie dieses Hauses tragt! Solltet Ihr Euch weigern, werde ich der East India Trading Company sämtliche Privilegien entziehen. Habt Ihr verstanden?“

Nathan schluckte hart. Er wusste, was sein Vater und sein Onkel angerichtet hatten – und er hatte nicht vor, deren Fehler zu wiederholen.

„Majestät, ich bin mit diesen Personen verwandt, aber …“

„Nein, ich mache kein neues Experiment mit der Familie Everett, Lord Everett!“, versetzte George scharf. „Euer Vater hat dem Minister hoch und heilig versprochen, die East India Trading Company wieder zu dem Ansehen zurückzubringen, das sie einmal hatte. Und was hat er gemacht? Die Stellung seiner Gesellschaft für persönliche Bereicherung missbraucht, hat den königlichen Gouverneur von Jamaica und einen verdienten Freibeuter festsetzen lassen, die die britische Kolonie Jamaica gerade erst aus den Fängen seines Vorgängers Beckett gerettet hatten. Aus persönlicher Rache, weil Lord Beckett sein Schwager war! Wie viel Unfug soll ich der Familie Everett noch erlauben, bevor ich durchgreife? Ihr gebt den Vorstandsposten auf oder ich lasse die East India Trading Company auflösen! Ich erwarte noch heute Nachmittag eine schriftliche Erklärung, dass Eure Eintragung im Handelsregister gelöscht wird nebst einer Abschrift des Löschungsbegehrens an das Handelsregister. Habe ich die nicht bis zum Fünfuhrtee, erlasse ich augenblicklich die Auflösungsanordnung Eurer Gesellschaft!“

„Ich weiß, was mein Vater und mein Onkel angerichtet haben, Majestät. Ich werde mich aus der Geschäftsleitung zurückziehen. Ihr werdet die verlangte Erklärung bis zum gesetzten Termin erhalten“, versprach Nathan kreidebleich. „Erlaubt Ihr, dass mein bisheriger Kompagnon, Mr. Edward Jones, dann die alleinige Geschäftsführung übernimmt?“

„Das erlaube ich“, erwiderte George. „Aber ich erwarte monatliche Berichte über Euer Vorgehen in den Kolonien und die Einhaltung christlich-moralischer Wertvorstellungen, was die Behandlung der Eingeborenen und der Seeleute betrifft.“

„Ihr werdet sie erhalten, Majestät“, versprach Jones.

„Gut, dann will ich Euch nicht länger von Euren Geschäften fernhalten, Gentlemen“, komplimentierte der König die Gesellschaftsvorstände hinaus.

 

Die Männer waren kaum aus dem St.-James’s-Palast, als der König nach einem Schreiber rief und ihm einen Brief diktierte, der an alle Gouverneure der britischen Kolonien gerichtet war und sie vom Friedensschluss mit Frankreich und Spanien unterrichtete. Er wies die Gouverneure an, auch die von ihnen mit Kaperbriefen ausgestatteten Freibeuter davon in Kenntnis zu setzen, dass diese Kaperbriefe nunmehr ihre Gültigkeit verloren. Der König forderte die Gouverneure darüber hinaus auf, die Freibeuter schriftlich bestätigen zu lassen, dass sie vom Friedensschluss Kenntnis genommen hatten.

„Verzeiht, Majestät, glaubt Ihr wirklich, dass Freibeuter ihre Privilegien so bereitwillig aufgeben?“, erkundigte sich der Schreiber. George stutzte.

„Ihr habt Recht, mein Freund. Ergänzt noch: Wer von den Freibeutern den Kaperbrief nicht zurückgibt oder ungültig machen lässt, ist als Pirat zu behandeln!“

„Ja, Mylord!“, bestätigte der Schreiber mit einer Verbeugung.

 

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Kapitel 1

Gute Kunde, schlechte Kunde

 

Fern von London schien eine warme Sonne auf die Insel Jamaica in der Karibik. Es war der 26. März 1763, Elizabeth Turners 29. Geburtstag. Auf der Terrasse des schönen Hauses auf dem Hügel, der Port Royal nach Osten gegen Kingston abgrenzte, wurde fröhlich gefeiert. Zu den Gästen gehörten neben der Familie auch diverse Freunde, die Elizabeth eingeladen hatte, darunter Captain Jack Sparrow samt seiner Frau Anamaria und seinem Sohn Jack jr., Joshamee Gibbs, Marty, Pintel und Ragetti von der Black Pearl, die gesamte Crew der Aztec, John Brown und seine Frau Mabel, Commander Andrew Gillette und seine Verlobte, James Norringtons Frau Emily mit ihrem Töchterchen Rose und noch einige andere wie Captain Hawkins mit seinen Söhnen. Die Gesellschaft war nur wenig kleiner als bei Wills 30. Geburtstag im Januar, zu der auch noch sämtliche Piratenfürsten der Bruderschaft mit Teilen ihrer Crews gekommen waren. Tia Dalma alias Calypso hatte für beide Feiern eine Einladung erhalten, hatte aber abgesagt, weil sie sehr beschäftigt war, wie sie durch den ebenfalls eingeladenen Groaltek mitteilen ließ. 

Andy Hawkins, Jack Sparrow jr. und Will Turner III tobten durch den großen Garten und enterten das Baumhaus, das Bill Turner seinem Enkel in den dicken Ästen einer riesigen westindischen Zeder gebaut hatte.

„Hey, seht mal!“, rief Willy, der auf dem Dach des Baumhauses die Freibeuterflagge seines Vaters setzte. Prompt schauten zwei dunkle Wuschelköpfe aus der Dachluke des Baumhauses.

„Was gibt’s?“, fragte Jack.

„Dreimaster am Horizont! Das ist bestimmt Onkel James!“

„James Norrington?“, stieß Jack hervor.

„Aye!“, rief Willy begeistert.

„Oh, Mann! Ich muss meinen Dad wahrschauen*!“, keuchte Sparrow junior. Eilig verließ er das Baumhaus. Andy und Willy sahen ihm verdutzt hinterher. Ihre Rufe, die ihn zum Zurückkommen bewegen sollten, verhallten ungehört.

Atemlos stolperte Jack jr. auf die Terrasse von Familie Turners Haus.

„Dad! Dad! Navy im Anmarsch!“, rief der Junge aufgeregt. Jack Sparrow sen. hielt in seinem ebenso wort- wie gestenreichen Vortrag über seine Aussetzung durch Barbossa inne und drehte sich zu seinem Sohn um.

„Aye, aye, junger Mann! Und was veranlasst dich, so heftig Alarm zu schlagen, als sei Davy Jones persönlich in Sicht?“, fragte er mit einem Anflug von Gereiztheit. Jack hatte es nicht gern, wenn man ihm beim Spinnen von Seemannsgarn in Tampenstärke unterbrach.

„Piraten und Navy passen nicht zusammen, sagst du immer. Ich wollte dich wahrschauen, damit wir rechtzeitig verschwinden können. Ich will nicht, dass die dich schnappen, Dad“, rechtfertigte sich Jack jr.

„Und … welche Navy hat unser junger Ausguck gesichtet?“, fragte Jack weiter, beide Hände in die Hüften gestützt.

„Na, die britische Royal Navy, Captain! Die HMS Dauntless!“, erklärte Jack junior.

Emily Norrington sprang auf.

„James! Endlich!“, rief sie. „Elizabeth, ich hoffe, du entschuldigst Rose und mich. Er war so lange fort!“

Elizabeth umarmte ihre Freundin.

„Ja, natürlich, Emily. Soll Jenkins dich und Rose in den Hafen fahren?“, bot sie an. Elizabeth war bisher nur selten in die Verlegenheit gekommen, auf Will zu warten, aber sie hatte genug Fantasie, um sich nur zu gut vorstellen zu können, wie schwer es einer jungen Ehefrau fiel, ohne den geliebten Ehemann zu sein. Emily nickte nur, und Elizabeth ging mit ihr ins Haus hinein, um Jenkins zu beauftragen, Mrs. Norrington nach Port Royal hinunterzubringen.

 

Jack senior seufzte derweil.

„Jack, du weißt doch, dass Admiral Norrington nicht mehr unser Feind ist! Wir kämpfen mit ihm gemeinsam für England“, erklärte er.

„An Bord erzählst du immer was anderes, Dad“, platzte Jack jr. heraus. Pintel und Ragetti waren knapp davor, sich vor Lachen auszuschütten, auch alle anderen Gäste und Bewohner des East Harbour Hill No. 1 grinsten mindestens, als Jack hilflos die Zeigefinger ausfuhr und sagte:

„Hier ist nicht an Bord, Junior!“

Jack jr. legte den Kopf schief.

„Hm, dann is’ auf der Pearl was anderes wahr als an Land, Dad?“, fragte er verblüfft. Lautes Gelächter war die Folge.

„Jack, dein Vater hat immer sehr eigene Ansichten, was wahr ist und was nicht“, lachte Will Turner. Jack junior kam mit hängendem Kopf zu Will.

„Ich versteh’ das nicht, Onkel Will. Wieso ist hier was anderes richtig als auf unserem Schiff?“

„Kann es vielleicht sein, dass du deinen Dad missverstanden hast, Jack, dass er die spanische oder die französische Royal Navy gemeint hat, wenn er die Navy als Feind bezeichnet?“, fragte Will und strich dem Jungen über den dunklen Wuschelkopf. Jack juniors Blick ging zu seinem Vater. Auch Anamaria sah ihren Mann an.

„Aber sicher, Jackie“, sagte sie, mehr an ihren Sohn gewandt. „Dein Dad würde nie einen Verbündeten als Feind bezeichnen.“

Jack junior sah wieder Will an, als sein Vater keine Reaktion zeigte.

„Meinst du, Onkel Will?“

Will nickte. Dann zeigte er in Richtung Baumhaus, wo Willy und Andy gerade die imaginären Kanonen der ebenso imaginären Aztec ausrichteten.

„Deine Kumpane nehmen gerade einen Spanier aus, Junior. Wenn du von der Beute was abhaben willst, solltest du beim entern dabei sein, hm?“, empfahl Will.

„Aye, Captain Turner!“, rief Jack jr. und rannte wieder zum Baumhaus zurück.

Jack atmete hörbar aus.

„Puuh, der kann einen ganz schön in Verlegenheit bringen. ‘Tschuldigung, Commander Gillette …“, grinste er verlegen in Richtung Gillette, der aber herzlich lachte und das Geplänkel zwischen Vater und Sohn keinesfalls ernst genommen hatte. Er kannte Captain Jack Sparrow inzwischen lange genug, um nicht jedes Wort von ihm auf die sprichwörtliche Goldwaage zu legen.

 

Wenig später winkte Weatherby Swann Gillette zu sich und verabschiedete sich dann von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn.

„Ich muss Admiral Norrington empfangen, Elizabeth. Das gehört sich so für einen Gouverneur“, sagte er.

„Ja, ist gut, Vater. Sag James bitte, dass er gerne noch willkommen ist – samt Emily und Rose. Wäre er hier gewesen, hätte ich ihn natürlich mit eingeladen.“

„Das werde ich“, versprach Swann, nahm den breiten Hut mit dem Federschmuck und spazierte gemütlich den Weg zum Hafen hinunter, begleitet von Andrew Gillette.

Jack Sparrow und seine Leute verabschiedeten sich ebenfalls nur eine knappe halbe Stunde später und gingen nach Kingston hinunter, wo Jack seine Black Pearl auf Reede* liegen hatte. Elizabeth ließ sich durch den Abgang dieser Gäste allerdings nicht ihre Geburtstagsfeier verderben und feierte mit Ehemann, Kindern, Schwiegervater, der eigenen Crew und den Browns weiter.

 

Es war bereits dunkel geworden, als der Gouverneur mit Admiral James und Emily Norrington am East Harbour Hill No. 1 erschien. Emily hatte die inzwischen eingeschlafene kleine Tochter Rose in der Obhut ihrer Bediensteten gelassen. Jeremy, der Butler, der seit Anfang des Jahres beim Ehepaar Turner engagiert war, öffnete die Tür und verbeugte sich gemessen vor den Gästen.

„Willkommen, Mylady, Sirs. Ich werde Eure Ankunft umgehend Lady Turner melden. Wartet bitte einen Moment“, sagte er. Ebenso gemessenen Schrittes verließ er den großen Flur. Nur Augenblicke später kehrte er mit Elizabeth zurück.

„James, was für eine Freude!“, begrüßte sie den Freund des Hauses. „Schön, dass du wieder zu Hause bist.

Sie umarmte James, der die Umarmung seiner ehemaligen Verlobten erfreut erwiderte.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Elizabeth. Alles Gute für dein neues Lebensjahr“, beglückwünschte der Admiral die junge Frau.

„Vielen Dank, James. Es gibt wirklich nur drei Männer, die meinen Geburtstag nicht vergessen: Du, mein Vater und Will“, bedankte sie sich. „Danke, dass ihr noch mal gekommen seid“, wandte sie sich dann an ihren Vater und James’ Frau.

„Es wäre eine Schande gewesen, wenn James nicht auch mit der guten Nachricht zu dir gekommen wäre, Liz“, sagte Emily.

„Oh, was gibt es Gutes?“, fragte Elizabeth erfreut.

„Es ist Frieden, Elizabeth“, antwortete Norrington mit einem Strahlen im Gesicht.

„Oh, wundervoll! Kommt mit, das wüssten Will, Stiefelriemen und unsere anderen Gäste bestimmt auch gern.“

Elizabeth brachte ihre Gäste auf die Terrasse hinaus, wo Will, sein Vater, die Browns und die Crew der Aztec noch saßen.

„Willkommen zu Hause, Admiral!“, rief Groves fröhlich.

„Danke, Mr. Groves.“

„Admiral Norrington hat außer guten Wünschen für mich noch gute Nachrichten für uns alle. James?“

„In der Tat“, sagte James. „Am 10. Februar haben die Vertreter aller am Krieg beteiligten Nationen in Paris einen Friedensvertrag unterzeichnet. Wir haben nach sieben Jahren endlich Frieden!“

In die Freude der Anwesenden über den Friedensschluss mischte sich aber auch eine missmutige Miene – die von Angus Habershaw, der sich erst im Januar entschlossen hatte, Will Turners Angebot anzunehmen, auf der Aztec als Matrose anzuheuern und seinen kargen Nachtwächterlohn damit aufzubessern.

„Angus, was ist denn mit dir?“, fragte Charlie Hoskins.

„Toll! Da geht mein neuer Job gerade baden!“, grunzte er. Die anderen Männer der Aztec sahen ihren neuen Bordkameraden verblüfft an.

„Guckt mich nicht an wie die Lachse den Wasserfall!“, raunzte Habershaw. „Frieden bedeutet, dass Wills Kaperbrief nichtig ist! Is’ nix mehr mit Beute!“

Ärgerlich warf Habershaw seine Mütze zu Boden.

„Ich bin auch ein Unglücksrabe …“, seufzte er dann, las seine Mütze wieder auf und erhob sich. „Mein anderer Job wartet. Macht’s gut, Jungs. Wiedersehen, Elizabeth. Danke für die Einladung.“

Brummelnd verließ er das Haus und stapfte den Serpentinenweg hinunter nach Port Royal.

„Er hat Recht“, sagte Norrington. „Ich habe den Befehl des Ersten Seelords, die Freibeuter vom Friedensschluss zu unterrichten und die Kaperbriefe ungültig zu machen oder sie einzuziehen.“

„Ich habe unter dem Schutz des Kaperbriefes Beute gemacht“, sagte Will. „Du verstehst, dass ich ihn als Beweis benötige, dass die Aztec die Beute nicht als Piratenschiff gemacht hat, sondern mit königlicher Erlaubnis.“

„Ja, natürlich. Ich werde ihn aber mit Datum von heute für ungültig erklären müssen und das auf dem Kaperbrief vermerken müssen.“

Will stand auf und ging in sein Arbeitszimmer im ersten Stock, um den Kaperbrief zu holen.

 

Sein Vater realisierte erst mit einigen Augenblicken Verspätung, was sein Sohn vorhatte. Er sprang auf und eilte hinter ihm her, erwischte ihn, als er mit der Dokumententasche aus dem Arbeitszimmer kam.

„Das willst du nicht wirklich tun, oder?“, fragte Stiefelriemen.

„Doch, Vater, das will und werde ich.“

„Junge, der Kaperbrief ist die einzige Einnahmequelle deiner Männer!“

„Vater, wir haben derart gute Beute gemacht, dass keiner von uns je wieder von Arbeit abhängig sein wird. Allein der Verkauf der Diamanten von Goldbart hat jedem eine gute Million Guineas eingebracht. So viel kann keiner in seinem ganzen Leben ausgeben!“

„Ja, die, die auf San Cristobal dabei waren. Angus Habershaw nicht, Nicolas Maynard auch nicht“, wies Stiefelriemen seinen Sohn auf die neuen Crewmitglieder hin.

„Ich habe nicht vor, die Aztec abzuwracken, Vater. Aber sie wird künftig ein Reiseschiff sein, kein Freibeuterschiff mehr. Die Crew kann bei uns bleiben, gegen die übliche Bezahlung. Angus und Nicolas haben noch Anspruch auf ihren Beuteanteil, den wir vor drei Wochen von dem Spanier erbeutet haben. Wir reden morgen an Bord darüber. Ich möchte ihnen – weil sie neu sind und keine Chance mehr für weitere Beute haben – einen zusätzlichen Anteil zu geben, der ihnen ein einigermaßen sorgenfreies Leben ermöglichen wird. Aber ich werde diesen Kaperbrief von James entwerten lassen und nicht darauf warten, dass man mich zum Piraten erklärt, weil ich mich weigere, das zu tun!“

„Du bist der König der Piraten, Junge!“, warnte Bill.

„Solange kein Hoher Rat der Bruderschaft einen neuen bestimmt“, erwiderte Will. „Ich werde einen Hohen Rat einberufen und mein Amt zur Verfügung stellen.“

„Ich halte das für keine gute Idee, mein Sohn …“

„Du bist viele Jahre Pirat gewesen, Vater. Du bist auch nach Cayenne noch mit Jack als Pirat gefahren. Aber ich bin keiner und will auch keiner sein!“

Damit schob Will seinen Vater beiseite und stieg hinunter ins Erdgeschoss.

 

James Norrington erwartete ihn schon im Salon. Will hob den Kaperbrief, zog ihn aber weg, als Norrington danach greifen wollte.

„James, bevor ich dir das hier zum entwerten gebe, möchte ich eine schriftliche Garantie für die gesamte Crew der Aztec, dass wir erst mit dem heutigen Tag vom Friedensschluss unterrichtet wurden und Kaperfahrten, die seit dem 10. Februar unternommen wurden, noch unter den Schutz des Kaperbriefes fallen“, sagte er.

„Vertraust du mir nicht?“

„Dir schon; dich kenne ich und du kennst mich. Aber andere Kommandeure der Royal Navy kennen mich, meine Crew und die Aztec nicht. Ich möchte nicht am Galgen der Londoner Docks enden, wenn ein anderer Captain der Royal Navy mein Logbuch sieht und feststellt, dass die Aztec nach dem 10. Februar 1763 noch erfolgreich gekapert hat.“

„Einträglich?“, fragte James mit einem schiefen Grinsen.

„Ziemlich. Der Finanzverwalter der Kolonialregierung in Spanish Town hat leuchtende Augen bekommen, als ich vor zehn Tagen meinen Kronanteil für den Monat Februar abgerechnet habe.“

„Wie viel?“

„Dreißigtausend Guineas. Und wenn ich übermorgen wieder nach Spanish Town komme, liefere ich zehntausend für diesen Monat ab.“

James seufzte.

„Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass der Schatzkanzler** den Krieg durch Verschleppung der Friedensverhandlungen noch verlängern wollte … Du bekommst die Garantie. Komm morgen zu mir in die Kommandantur.“

„Das werde ich.“

„Was … wirst du tun? Später … meine ich.“

„Den Frieden genießen, mit unserem Schiff die Freiheit genießen, die mir der Kaperbrief eingebracht hat“, erwiderte Will mit einem Lächeln.

 

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Kapitel 2

Eine letzte Abrechnung

 

 Am Tag darauf erschien Will Turner wie verabredet in der Kommandantur der Royal Navy in Port Royal. James Norrington händigte ihm eine von ihm als Kommandeur der britischen Royal Navy in der Karibik unterschriebene und gesiegelte schriftliche Garantie aus, dass Captain und Crew der Aztec für Kaperfahrten zwischen dem 10. Februar und dem 26. März 1763 nicht belangt werden konnten, da der Kaperbrief aus dem Jahr 1756 in Unkenntnis des Friedenschlusses noch bis zum 26. März 1763 gültig war. Norrington bekam eine Liste der Crewmitglieder, die während der Freibeuterzeit auf der Aztec gefahren waren, mitsamt den genauen Daten vom Anheuern bis zum Abmustern der einzelnen Männer. Lieutenant Stevens schrieb die Liste aus dem Logbuch der Aztec ab, ebenso die abgerechneten Kronanteile der Beute, die die Crew der Aztec gemacht hatte.

„Erfolgreicher Freibeuter, Sir William. Ihr habt diese Kolonie reich gemacht“, sagte Stevens, als er Will das Logbuch zurückgab, der es mit einemKopfnicken annahm.

„Wo sind die anderen Freibeuter?“, fragte der Admiral.

„Captain Sparrow war gestern noch bei uns, ist aber mit seinen Leuten gegangen, bevor Ihr zurückgekommen seid. Er hatte die Black Pearl drüben in Kingston liegen. Wohin er gefahren ist, weiß ich nicht. Er ist in seinen Entscheidungen immer sehr spontan, das wisst Ihr, Admiral“, erwiderte Will distanziert. Das hier war ein offizieller und sehr dienstlicher Anlass, der einem Admiral Seiner Majestät keine Vertraulichkeiten erlaubte.

„Werdet Ihr die anderen Freibeuter in der nächsten Zeit treffen, Sir William?“

„Möglich, allerdings nur einen Teil der Freibeuter. Einige kenne ich persönlich, andere jedoch nicht. Ich beabsichtige, eine Versammlung der mir bekannten Piratencaptains einzuberufen und sie vom Friedensschluss in Kenntnis zu setzen. Schließlich habe ich ihnen die Kaperbriefe im Namen des Gouverneurs von New Providence ausgehändigt“, erwiderte Will.

„Ihr wisst, wo Ihr suchen müsst?“

„Ich habe eine Kontaktmöglichkeit über die Mambo** Tia Dalma. Ihr kennt sie ebenfalls, Sir.“

„Ich muss Euch darauf hinweisen, dass Ihr für die Nachrichtenübermittlung verantwortlich seid, wenn Ihr das für jene übernehmen wollt, die Euch persönlich bekannt sind, Sir William. Wenn einer der anderen Freibeuter, die noch Kaperfahrten machen, erwischt wird und sich auf den Kaperbrief beruft, werdet Ihr nachweisen müssen, dass Ihr keine Gelegenheit hattet, ihn zu unterrichten, wenn Ihr nicht neben ihm hängen wollt“, sagte James. Er wirkte nicht glücklich dabei, gegenüber einem Freund wie Will eine solche Drohung aussprechen zu müssen.

„Ihr wisst, dass ich mich um Verantwortung nicht drücke, Admiral; aber ich kann nicht die Verantwortung für alle damals auf Tortuga vergebenen Kaperbriefe übernehmen. Die Liste mit den Namen der Freibeuter habe ich damals zu Governor Bellows geschickt. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht“, entgegnete Will bestimmt. Norrington nickte.

„Sucht die Freibeuter, die Ihr kennt und unterrichtet sie. Ich werde Governor Bellows informieren, dass er nach den übrigen suchen lässt, sofern Ihr zurück seid. Etwas anderes erwarte ich von Euch auch nicht, Sir William. Ich wünsche Euch Erfolg, dass Ihr die anderen Freibeuter schnell findet. Nach Ablauf von drei Monaten muss ich sie selbst suchen.“

„Verstehe, Admiral. Ich empfehle mich.“

Dass Will sich nicht vor der Verantwortung nicht drückte, bedeutete keinesfalls, dass sie ihn nicht drückte. Er wusste nicht genau, wie lange es dauern konnte, bis alle Piratenfürsten von Tia Dalma ausgemacht werden konnten. Bis dahin konnte viel geschehen. Auf dem Weg nach Hause beschloss er, so schnell wie möglich nach Pantano auszulaufen, um sich nicht der Säumigkeit schuldig zu machen. Turner seufzte leise. Eigentlich wollte er sich endlich wieder mal um seine Schmiede kümmern. Sie war jetzt schon viel zu lange in Meister Browns Vertretung. Will hatte das dunkle Gefühl, dass er mindestens so viel Arbeit investieren musste wie damals, als er die Schmiede von Meister Brown übernommen hatte.

 

Inzwischen war es kurz vor Mittag, weil die Formalitäten doch sehr viel länger gedauert hatten, als Will angenommen hatte, als er um zehn Uhr hinuntergegangen war. Sein Blick, der noch einmal zur Kommandantur zurückging, blieb an der Uhr an der neben der Kommandantur befindlichen Verwaltung der East India Trading Company hängen. Sie zeigte wahrhaftig fünf vor zwölf! Kein normaler Mensch wäre unter normalen Umständen jetzt auf den recht steilen Hügel an der östlichen Seite des Hafens gestiegen, aber Will wollte möglichst keine Zeit verlieren. Als er völlig durchgeschwitzt sein Haus auf dem östlichen Hafenhügel erreichte, erwartete ihn bereits sein Vater an der Tür. Bill Turner schüttelte den Kopf.

„Du bist so was von ehrlich, du würdest selbst dem Teufel sein Eigentum zurückgeben, was?“, fragte er. Will war leicht außer Atem.

„Ja“, keuchte er. „Vater, ich bin kein Pirat und ich werde nie einer werden!“ 

Bill schmunzelte.

„Dann bist du der erste Nichtpirat, der ein Piratenfürst und König der Piraten geworden ist, mein Sohn. Ich werde dich bei Gelegenheit daran erinnern, dass du kein Pirat bist – und ich hoffe, dass du dann schamrot wirst, William.“

Will nickte nur.

„Du hast mich schon in Verlegenheit gebracht, als ich gegenüber Jack voller Überzeugung gesagt habe, du wärst kein Pirat gewesen. Es war der Schock meines Lebens, als er das Gegenteil behauptete und ich dann feststellen musste, dass er nichts als die lautere Wahrheit gesagt hatte. Lass mich durch!“

Bill Turner trat beiseite.

„Will … versteh’ mich nicht falsch. Ich will dich nicht zu etwas nötigen, was dir widerstrebt“, sagte Bill.

„Kommt mir im Moment so vor, Vater. Ruf die Crew zusammen. Die Aztec muss seeklar gemacht werden.“

„Was hast du vor?“

„Nach Pantano zu Tia Dalma segeln und den Hohen Rat der Bruderschaft einberufen. Ich habe die Kaperbriefe im Auftrag von Governor Bellows ausgestellt, und es obliegt mir, die Piratenfürsten vom Friedensschluss zu unterrichten und die Kaperbriefe ungültig zu machen. Wenn ich nicht innerhalb von drei Monaten nachweisen kann, das getan zu haben oder keine guten Gründe dafür vorbringen kann, weshalb das nicht geschehen ist, bin ich ebenso dran wie ein erwischter Pirat.“

„Hat James dir das gesagt?“, fragte Bill. Will nickte.

„Was geschieht, wenn sich jemand weigern sollte?“

„Dann wäre ich wohl genötigt, ihm den Kaperbrief gewaltsam abzunehmen. Ich bete, dass mich keiner dazu zwingt.“

„William, du manövrierst dich damit zwischen alle Stühle, zwischen Scylla und Charybdis!“, warnte sein Vater.

„Ich weiß, Vater.“

 

Am späten Nachmittag erklärte Will den Männern seiner Crew die neue Lage. Die Männer waren zufrieden mit dem Reichtum, den sie als königliche Freibeuter erlangt hatten.

„Wir haben noch zwei neue Crewmitglieder, die seit Januar bei uns sind. Ich möchte als Captain der Aztec nicht, dass Angus und Nicolas schlechter dastehen als alle anderen, denn wir haben keine Gelegenheit mehr, legal Beute zu machen. Deshalb möchte ich ihnen einen zusätzlichen Anteil geben. Nach unserem Kodex gehört die Verteilung der Beute zu den Dingen, über die wir gemeinsam befinden. Ich schlage also vor, dass Angus und Nicolas statt eines Anteiles von der letzten Beute, die wir heute verteilen, zwei bekommen sollen.“

„Um wie viel geht’s denn, Captain?“ fragte Eddie, der schon zu der allerersten Crew gehört hatte, die Joshamee Gibbs sieben Jahre zuvor in Tortuga für Will angeworben hatte. Will wandte sich an seinen Vater:

„Master Turner, der Erste Maat hat die Beute zu verteilen. Waltet Eures Amtes!“, sagte er. Bill zog das Logbuch hervor, in dem im Anhang die Crewanteile ermittelt waren.

„Wir haben vereinbart, dass wir die uns zustehende Beute in siebenundzwanzig Teile teilen. Davon erhält Will als Captain einen und einen dreiviertel Anteil, dazu als Schiffsunterhalt noch mal einen halben Anteil. Will ist als Captain bereit, auf einen ganzen Anteil zu verzichten und für die Aufstockung bei Angus und Nicolas zu stiften, wenn die an uns zu verteilende Beute diesmal nicht durch sieben-undzwanzig sondern durch achtundzwanzig geteilt wird. Sein gestifteter Anteil und der aus der neuen Teilung entstehende zusätzliche Anteil sollen an Nicolas und Angus gehen. Was sagt ihr dazu?“

Die Männer grübelten eine Weile, konnten mit dem Vorschlag augenscheinlich nicht wirklich etwas anfangen.

„Was kriege ich bei achtundzwanzig Teilen, was kriege ich, wenn wir durch siebenundzwanzig teilen?“ fragte Eddie schließlich. Ein leises Aufatmen der übrigen Crew zeigte Will und Stiefelriemen, dass das die Frage war, die alle beschäftigte. Bill hatte vorsorglich die entsprechenden Werte ausgerechnet.

„Bei achtundzwanzig Teilen ist jeder Anteil 3.214 Guineas**, bei siebenundzwanzig Teilen 3.333 Guineas. Der Unterschied je Anteil beträgt 119 Guineas“, erklärte Bill.

„Captain! Hundertneunzehn Guineas, das sind fünf Jahreslöhne von gut bezahlten angestellten Handwerksmeistern!“, protestierte Eddie. Grummeln erhob sich in der Crew.

„Ja, stimmt, Eddie. Und 3.214 Guineas sind die Jahreslöhne von einhundertneunzehn richtig gut bezahlten Handwerksmeistern!“, versetzte Will. „Es geht für euch um hundertneunzehn oder um hundertvierundzwanzig volle Jahreslöhne, Jungs! Oder um zwanzig oder einundzwanzig Jahreslöhne von sehr gut verdienenden Leuten in der Führungsetage der Company! Mal ganz abgesehen davon, dass jedem von uns, der schon in der Sache mit den Diamanten von San Cristobal dabei war, von der damaligen Beute etwa eine Million Guineas zugekommen sind, die kein Mensch je in seinem Leben verprassen kann, kann ich einfach nicht glauben, dass meine Crew aus Krämerseelen besteht, die noch gieriger sind als die ganze Company!“, wetterte Will.

Nicolas Maynard meldete sich.

„Will … ich bestehe nicht auf einem weiteren Anteil“, sagte er. Die Männer sahen den jungen Matrosen verblüfft an. Maynard hatte nicht viel Geld. Jeder Shilling wäre wertvoll gewesen.

„Aber ich!“, keifte Angus und kickte Nicolas grob beiseite. Jeder andere hätte vermutlich eine Schlägerei daraus gemacht, nicht so der zurückhaltende Nicolas.

„Wenn es nur um Johnny ginge, bin ich dabei. Angus ist mir etwas zu gierig, Sir!“, versetzte Eddie. Will seufzte.

„Dann rechne ich euch noch was anderes vor: Bei der normalen Teilung durch siebenundzwanzig habe ich Anspruch auf zweieinviertel Anteile. Wenn ich auf einen Anteil zugunsten von Angus und Nicolas verzichte, verzichte ich auf über dreitausend Guineas. Das ist fünfundzwanzigmal das, worum ich euch bitte zu verzichten. Für jeden von euch verzichte ich auf den gleichen Anteil und sogar noch auf ein bisschen mehr. Ich denke, ich gehe euch mit dem besten Beispiel voran, Männer! Also: Wer will Angus und Nicolas einen einmaligen Zuschlag gönnen?“

Will und Stiefelriemen hoben die Hand, Angus mit vor Gier blitzenden Augen ebenfalls, Nicolas hielt sich zurück, Stephen Groves und Charlie Hoskins stimmten ebenfalls zu. Nach und nach hoben immer mehr die Hand, letztlich dann auch Edward Finney – mit vor Beschämung hochrotem Kopf. Will lächelte.

„Gut, dann ist es beschlossen. Master Turner: Teilt die Beute in achtundzwanzig gleiche Teile. Ich verzichte auf einen Anteil, Angus Habershaw und Nicolas Maynard erhalten je einen zusätzlichen Anteil, also zwei volle Anteile“, wies Will seinen Ersten Maat an.

„Aye, Captain Turner!“, bestätigte Bill mit einem zufriedenen Lächeln.

„Gut, Männer. Nachdem das geklärt ist und diese letzte Beute abgerechnet ist, wird es keine weiteren Fahrten eines britischen Kaperschiffs mit Namen Aztec geben“, fuhr Will fort. Die Enttäuschung der Männer war unübersehbar.

„Das heißt nicht, dass ich die Aztec jetzt zu Brennholz abwracken will“, grinste Will dann. „Sie wird weiterhin mein Reiseschiff sein, für das ich auch immer noch eine Crew benötigte. Ich biete euch daher an, meine Crew zu bleiben, in den gleichen Funktionen wie bisher. Statt Beuteanteilen wird es jedoch eine feste Bezahlung geben. Ich habe noch einen letzten Auftrag von Admiral Norrington erhalten: Ich habe die Freibeuter, denen ich die Kaperbriefe ausgehändigt habe, selbst über den Friedensschluss zu informieren und deren Kaperbriefe ungültig zu machen. Der Nachweis über die Information des Friedensschlusses und die Ungültigkeit der Kaperbriefe ist das absolut Mindeste, was der Admiral verlangt. Dafür hat er mir drei Monate Zeit gegeben. Werden danach noch Captains mit von mir ausgestellten Kaperbriefen erwischt, hafte ich dafür mit meinem Kopf – es sei denn mir fällt eine gute Ausrede ein, weshalb ich sie nicht zu fassen gekriegt habe. Ich will deshalb keine Zeit verlieren und morgen nach Pantano auslaufen. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich, morgen früh hier am Kai zu sein, damit wir mit der Flut am Mittag nach Pantano auslaufen können.“

„Und an welche Heuer hast du gedacht, Will?“, fragte Eddie.

„Ich habe an fünf Shilling in der Woche als Grundlohn gedacht. Für die Sonderfunktionen gibt es Zuschläge, die denen unseres Beuteteilungsschemas entsprechen. Abgerechnet wird nach der tatsächlichen Reisedauer“, erklärte Will. Einige Männer nickten beifällig. Das war ein großzügiges Angebot.

„Und es wäre nicht dein Wunsch, Pirat zu werden?“, erkundigte sich Charlie Hoskins. Will schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich hatte nie die Absicht, Pirat zu werden. Hätte mich die East India Trading Company nicht in diese Richtung gedrängt, wäre ich nie zum Piraten und dann zum Freibeuter geworden.“

„Und … was willst du tun, wenn du nicht mehr zur See fährst?“, fragte Charlie weiter.

„In Frieden hier leben und wieder als Schmied arbeiten.“

„Will, das hast du doch überhaupt nicht nötig!“, wandte Angus ein.

„Es ist ein Unterschied, ob ich arbeite, weil ich meine Familie damit ernähren muss oder ob ich das aus Neigung mache, mein Freund. Ich betrachte es als Freizeitbeschäftigung.“

„Es ist Verschwendung deiner Fähigkeiten, William!“, protestierte Charlie.

„Charlie, es gibt keinen Kaperbrief mehr, der die Seeräuberei legitimiert. Ich bin und bleibe ein braver Bürger Britanniens. Punkt. Pirat will und werde ich nicht sein.“

„Aber du bist der König der Piraten!“

„Das ist der zweite Grund, weshalb ich nach Pantano will. Ich werde einen Hohen Rat einberufen und mein Amt niederlegen. Auf Dauer wollte ich es ohnehin nicht haben“, erklärte Will. Charlie zuckte mit den Schultern.

„Ich fürchte, du wirst es eines Tages bereuen, Will“, warnte Hoskins.

„Möglich. Jetzt halte ich die Entscheidung aber für richtig“, versetzte Will entschieden.

 

Bill teilte die Beute auf und begann dann mit der Auszahlung. Gegen acht Uhr abends war alles abgerechnet, die Männer gingen mit ihren Beuteanteilen nach Hause. Will und Stiefelriemen blieben an Bord zurück.

„Will, ich halte es für einen Fehler, wenn du dich ohne weiteres aus dem Kapergeschäft zurückziehst.“

„Wieso?“, fragte Will.

„Wieso?“, äffte Bill grantig nach. „Weil wir so viele Spanier und Franzosen ausgenommen haben, dass denen die Kehle vor Rachedurst brennt! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du lebend davonkommst, wenn wir einem von denen über den Weg fahren!“

Will sah seinen Vater eine Weile an.

„Mit anderen Worten: Du hältst es für naiv, wenn ich an Frieden glaube.“

„So was in der Art, ja! Du wirst Jamaica praktisch nicht mehr verlassen können, wenn du wenigstens mein Alter erreichen willst, Junge! Sie werden dich bis ans Ende der Welt jagen! Es wird sie nicht interessieren, dass du einen Kaperbrief hattest – so wenig, wie es sie während des Krieges interessiert hat! Erinnere dich an Cozumel! Die Navy wird dir nicht helfen! Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Du wirst eines Tages begreifen, dass wir Freibeuter nur so lange für Vater Staat interessant sind, solange wir für die feinen Herrschaften die Kastanien aus dem Feuer holen. Danach lassen sie uns fallen!“, grollte Bill.

„So was Ähnliches hat mir Jack gesagt, als ich ihm damals den Kaperbrief anbot.“

„Aber du hörst ja nicht auf das, was man dir sagt!“, rief Bill wütend. Will drehte sich ganz zu ihm um und sah seinen Vater geradeaus an.

„Vater, seit meinem dreizehnten Lebensjahr war ich auf mich allein gestellt!“, erinnerte Will ihn. „Zehn Jahre meines Lebens habe ich meine Entscheidungen allein treffen müssen und halte mich durchaus für fähig, das auch vernünftig zu tun!“

„Du hast für dich allein entschieden und hattest keinen, auf den du Rücksicht nehmen musstest. Jetzt hast du Familie!“, erinnerte Bill ihn seinerseits.

„Und für genau die treffe ich diese Entscheidung, Vater! Ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen und als Vater für sie da sein. Im Gegensatz zu anderen habe ich auf See nie meine persönliche Freiheit gesucht!“

„Danke, dass du mir meine Verfehlungen immer noch vorhältst!“, ätzte Bill.

„Ich habe nicht von dir gesprochen, Vater. Wenn du dir den Stiefel anziehst, ist es nicht mein Problem!“, entgegnete Will eisig. Stiefelriemen nickte und verließ wortlos die Aztec.  

 

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Kapitel 3

Eine Insel im Nirgendwo

 

Am nächsten Morgen war die Crew der Aztec fast vollzählig versammelt. Es fehlten nur Angus Habershaw, der mit Wills Entscheidung nicht einverstanden war, den auch ein doppelter Beuteanteil nicht versöhnen konnte, und Stiefelriemen Bill, der ebenfalls noch mit Wills Ablehnung eines künftigen Piratenlebens haderte. Bill sah eindeutig die Gefahr, dass Will sich ohne Not Spaniern und Franzosen geradezu ausliefern würde, wenn er auf den Kaperbrief verzichtete. William III und Klein Lilly waren begeistert, nach längerer Zeit wieder auf ihren Lieblingsspielplatz zu kommen, und Elizabeth zog es ebenfalls wieder auf See.

 

Die Reise nach Pantano war ohne Zwischenfälle. Tia Dalma alias Calypso empfing die Crew der Aztec herzlich.

„Ihr seid hier, das freut mich. Aber … wo ist dein Vater?“, fragte sie Will schließlich.

„Zurückgeblieben“, erwiderte Will wortkarg. Der Zwist mit seinem Vater störte ihn mehr, als er sich bisher hatte eingestehen wollen. Lange hatte er nach seinem verschollenen Vater gesucht, bis er ihn endlich gefunden hatte; sie hatten glückliche, aber auch gefährliche Jahre miteinander verbracht – und dann diese Missstimmung!

„Ihr habt Streit gehabt?“, fragte Tia nach. Will nickte schweigend.

„Das ist nicht gut“, bemerkte die Göttin des Meeres.

„Nein. Tia, kannst du die anderen Piratenfürsten erreichen?“, fragte Will.

„Aber ja, William. Ich habe sie schon gerufen – so wie dich. Sie werden wohl morgen eintreffen.“

„Wie machst du das, Tante Tia?“, erkundigte sich Willy neugierig. Calypso lächelte.

„Oh, das ist ein Geheimnis, William. Das verrate ich nicht. Aber eines Tages werde ich auch nach dir rufen, wie ich schon deinen Vater und deinen Großvater gerufen habe. Sie sind dem Ruf stets gefolgt. Du wirst es auch tun“, sagte sie sanft. Willy sah seinen Vater an.

„Wie hat sie dich denn gerufen, Papa?“, bohrte der Junge dort nach. Will lächelte seinen Sohn liebevoll an.

„Das weiß ich auch nicht, Willy. Aber ich hatte den Wunsch herzukommen. Tia Dalma weiß, wie man das macht.“

„Och, ich will das aber wissen!“, maulte Willy. Viel fehlte nicht, und er hätte mit dem Fuß gestampft.

„Wenn Tante Tia uns das sagt, ist es nicht mehr möglich, Willy“, erklärte Will sanftmütig. „Es ist ein Zauber – und das darf sie nicht verraten.“

Willys Blick fiel auf Tia Dalma, die bestätigend nickte, aber gleichzeitig überlegend aussah, wie sie dem kleinen Jungen ihre Kunst nahebringen konnte, ohne alles zu verraten.

„Willy, gibt es etwas, was du dir wünschst – außer zu wissen, wie dieser Zauber geht?“, fragte sie schließlich.

„Ja. Papa und Großpapa sollen sich wieder vertragen!“

Will und Elizabeth sahen sich verblüfft an. Wenigstens Willy hatte mitbekommen, dass zwischen Vater und Sohn Turner etwas nicht stimmte …

„Ah, mal sehen, was sich da machen lässt. Hast du etwas von deinem Großvater oder deinem Vater bei dir, Willy?“

William III kramte nachdenklich in seinen Jackentaschen und förderte schließlich eine kleine Strohpuppe zutage.

„Ja, meinen Wudi“, sagte er und reichte ihn strahlend Tia Dalma. Die kleine Strohpuppe trug Sachen, die der Seekluft seines Großvaters sehr ähnlich waren, einschließlich einer etwas löchrigen Mütze – und eine Nachbildung von William Turner seniors Ohrring in Originalgröße, mochte der Ring auch auf der Mütze befestigt sein statt im Ohrläppchen. Tia Dalma grinste.

„So, so, ein Wudi …“, sagte sie, als sie die Puppe vorsichtig annahm. Sie nahm aus einem der zahllosen Täschchen, die sie am Gürtel trug, eine Krabbenschere heraus, steckte sie der Strohpuppe in den Ohrring und murmelte eine Beschwörungsformel, die französisch klang, aber es nicht war. Dann zog sie die Krabbenschere wieder aus dem Ohrring und gab die Puppe Willy zurück.

„Dein Vater und dein Großvater werden sich vertragen, wenn ihr wieder nach Port Royal zurückkehrt“, sagte sie dazu. William III sah skeptisch auf die Puppe und die Krabbenschere, die die Mambo wieder in ihrem Beutel versenkte.

„Bestimmt?“, hakte er nach.

„Ja, ganz bestimmt!“, erklärte sie und sah Will an. „Wirklich – dein Sohn …“, grinste sie. „William, was du vorhast, ist gefährlich“, fuhr sie fort. „Aber ich teile deine Meinung, dass der Weg richtig ist. Und es wird nicht ohne weiteren Streit abgehen. Du wirst Freunde verlieren und sie dir zu Feinden machen, aber auch neue Freunde gewinnen.“

„Warum hätte es auch einfach sein sollen, einfach nur in Frieden leben zu wollen?“, seufzte er. „Weshalb hast du uns alle gerufen, Calypso?“, fragte er dann.

„Ich habe das fertig, was ich euch versprochen habe. Lass mich dazu morgen mehr sagen“, erwiderte sie. „Weshalb wolltest du, dass ich die Piratenfürsten rufe?“

Will rang sich ein Lächeln ab.

„Deine Frage verblüfft mich, wenn du mir sagst, dass mein Weg richtig ist. Es ist Frieden und ich muss die Kaperbriefe, die ich für Governor Bellows ausgestellt habe, für ungültig erklären.“

„Du wirst Schwierigkeiten damit haben, William!“, warnte Tia Dalma. Will nickte.

 

Am darauffolgenden Tag lagen zehn Schiffe vor Pantano, die Schiffe aller Piratenfürsten und des Kodex-Hüters Captain Teague, jeweils von einer massiven Bordwache geschützt. Die Piratenfürsten selbst befanden sich in einer strohgedeckten Hütte, die Tia Dalma in den Tagen zuvor von ihr ergebenen Inselbewohnern hatte herrichten lassen. Die Hütte überdeckte einen Stein, dessen Herkunft im Dunkel der Vergangenheit lag. Schwarz war der Stein, oben ersichtlich künstlich abgeplattet – und er war ein Bruchstück jenes Meteors, der Millionen Jahre zuvor das Gesicht der Karibik geformt hatte, während der Einschlag des ganzen Meteors fast alles Leben auf Erden ausgelöscht hatte. Von allen Anwesenden wusste allein die unsterbliche Göttin Calypso, was es mit diesem Stein auf sich hatte. Ihre Insel Pantano war ein Kind dieses Meteors und unterlag anderen Gesetzen als – fast – alle anderen Inseln der Karibik. Die Insel existierte nur dann für andere Menschen sichtbar, wenn Calypso es wollte …

„Ihr alle wisst, dass mir die die Macht über das Meer gegeben ist“, begann die Göttin. „Ich habe Euch nach der Zerstörung Tortugas zugesagt, dass ich eine Insel für Euch bauen werde. Jetzt ist alles bereit.“

Mit diesen Worten zog sie ein Tuch von der Platte des Meteorsteins weg. Eine farbige, unendlich genaue Karte der Karibik erschien darunter, die die Küstenverläufe des Festlandes ebenso zeigte wie alle Inseln, die sich in diesem Gewässer befanden. Die Kleinen Antillen grenzten die Karibik wie ein Halbmond in der zunehmenden Phase vom Atlantik ab, die Großen Antillen – Kuba, Hispaniola, Jamaica und Puerto Rico – bildeten einen Riegel nach Norden zum Golf von Mexiko, der seinerseits von den Bahamas nach Osten gegen den Atlantik begrenzt wurde. Vor der mittelamerikanischen Küste und der Küste Kolumbiens lagen noch einige kleinere Inseln. Aber die Karibik selbst war – abgesehen von den winzigen Resten der Swan-Islands und den ebenfalls sehr kleinen Cayman Islands südwestlich von Kuba ein riesiges, völlig leeres Wasserbecken. Eigentlich …

Mitten in diesem gewaltigen, inselleeren Wasserbecken befand sich ein roter Kreis, und in dem roten Kreis lag eine Insel, umgeben von einem riesigen Korallenring, der fast genauso groß war wie der rote Kreis und etwa hundert Seemeilen durchmaß, so dass der Ring praktisch überall etwa fünfzig Seemeilen von der Insel entfernt war.

„Das … ist die Insel, die ich für Euch gemacht habe. Niemand außer Euch wird sie finden können. Um dies sicherzustellen, bitte ich Euch, dass Ihr mir Eure Acht-Reales-Silbermünzen gebt, die Euch als Fürsten der Piraten ausweisen“, erklärte die Göttin.

„Und wozu benötigst du sie genau, Calypso?“, erkundigte sich Sao Feng.

„Ich werde ihnen die Kraft verleihen, die sie benötigen, um Eure Schlüssel zu dieser Insel zu sein“, erwiderte Calypso. Die Piratenfürsten nahmen ihre persönlichen Zeichen hervor und legten sie in eine Holzschale, die Ragetti auf ein Kopfnicken der Göttin herumtrug. Schließlich hatte er alle zusammen und reichte Calypso die Schale. Mit einiger Verblüffung sah die Göttin, dass Will nicht Ragettis Holzauge in die Schale gelegt hatte, sondern sein Aztekenmedaillon.

„Moment, das ist doch nicht dein …“

„Doch, ist es. Ich habe mir ein eigenes Zeichen gewählt, Calypso.“

Sie hielt ihm die Schale wieder hin.

„Quetzalcoatl muss erst aussteigen, bevor ich den Zauber anwende“, sagte sie. Will nahm das Medaillon zurück, rieb daran, grüner Dampf stieg aus dem Medaillon auf, als Quetzalcoatl erschien. Die Piratenfürsten, die bislang noch nicht wussten, dass der Aztekengott bei Will im goldenen Kettenanhänger wohnte, fielen vor Schreck beinahe um – bis auf Sri Sumbhajee, der wirklich auf dem Allerwertesten landete und seine sonst zur Schau getragene Würde etwas lädiert sah.

„Schade, ich habe gerade ein bisschen geschlafen“, griente der Aztekengott schelmisch. Für einen Gott war er zuweilen ausgesprochen menschlich.

„Entschuldige, aber Calypso wollte dein Heim etwas verzaubern. Das ging aber nicht mit dir drin, mein Freund“, grinste Will zurück. Quetzalcoatl verbeugte sich vor der mit ihm befreundeten Göttin, mit der er sich die Sorge um die Karibik als Ganzes teilte. Calypso hütete das Meer, Quetzalcoatl Inseln und Festland.

„Will, das Medaillon, das du mir gegossen hast, wird mir nicht verzaubert. Darauf muss ich bestehen“, erwiderte er. Will sah den Aztekengott einen Moment an, dann nickte er, griff in die Wamstasche.

„Wie nennen wir die Dinger? Acht-Reales-Silbermünzen? Dann nehme ich doch am besten eine solche dafür“, sagte er und holte aus einem Beutel eine Silbermünze im Wert von acht Reales, die er in die Schüssel fallen ließ. Tia Dalma alias Calypso zeigte ein schelmisches Lächeln, als sie mit der Schüssel zum Stein ging, aus einem Fläschchen an ihrem Gürtel etwas in die Schale goss und dann anzündete. Chevalle, Jack Sparrow, Sao Feng und Sri Sumbhajee sprangen erschrocken auf, weil ihre „Acht-Reales-Silbermünzen“ zumindest teilweise brennbar waren und sie um ihre kostbaren Zeichen unübersehbare Angst hatten. Doch sie sahen, dass die Flammen die Zeichen nicht verzehrten. Mit erkennbarem Aufatmen ließen sie sich wieder auf ihre Sitze fallen.

„Verändern oder verzaubern bedeutet nicht zerstören, ihr Kleingläubigen!“, versetzte Calypso mit gewisser Schärfe und Kopfschütteln. Dann fuhr sie beschwörend mit der rechten Hand über den „Acht-Reales-Münzen“ in Kreisen durch die Luft und murmelte leise eine Formel, die niemand der Anwesenden verstand. Die „Münzen“ schienen kurz grün aufzuglühen, dann verlosch der grüne Schimmer wieder. Mit zufriedenem Grinsen nickte die Göttin Ragetti zu, der die Schale mit den geheimen Zeichen wieder abholte und bei den Piratenfürsten herumreichte, damit jeder sich sein Zeichen zurücknehmen konnte. Will nahm als Letzter die einzige echte Acht-Reales-Silbermünze aus der Schale. Sie fühlte sich seltsam kalt an und wurde auch nicht wärmer, als er sie in der Hand behielt.

„Wenn ihr zu eurer Insel wollt, könnt ihr nun das Riff passieren. Lasst euer Zeichen am Rand des Riffs ins Wasser. Es wird sich nun für euch öffnen – oder für jeden, der um das Geheimnis weiß und eines dieser Zeichen in seinen Besitz bringt. Hütet euer Geheimnis und diese Zeichen also gut. Ohne diese Zeichen kommt ihr nicht zu eurer Insel“, erklärte Calypso.

Die Piratenfürsten verstauten ihre Zeichen.

„Danke, Calypso“, sagte Will. „Wir stehen in deiner Schuld.“

„Das Meer ist empfindlich, auch wenn man es ihm nicht ohne weiteres ansieht. So empfindlich es ist, so hart ist es auch. Behandelt das Meer als Freund; als einen, den ihr nie betrügen würdet. Sonst wird es euer Feind. Das ist die Bezahlung, die ich für die Insel verlange“, erklärte Calypso dann an alle gewandt. „Schwört ihr mir das?“

„Aye!“, kam es neunstimmig von den Piratenfürsten, die auch alle die rechte Hand zum Schwur hoben. Calypso lächelte sanft.

„Fein, ich wusste, ich kann mich auf euch verlassen. Reist bald zu eurer Insel und seht euch an, was ich euch geschaffen habe“, empfahl sie dann.

„Aye!“, bestätigten die Piratenfürsten wie aus einem Mund, dann erhob sich einer nach dem anderen.

„Einen Moment, meine verehrten Captains!“, rief Will. Die Piratenfürsten blieben stehen.

„Ich habe noch zwei Dinge, die ich gern anbringen möchte, da wir gerade alle beisammen sind.“

„Sprecht, Captain Turner, König der Piraten!“, forderte Teague ihn auf.

„Als Erstes gebe ich Euch hiermit bekannt, dass Großbritannien und seine Kriegsgegner im Februar dieses Jahres Frieden geschlossen haben. Damit sind unsere Kaperbriefe gegenstandslos“, erklärte Will. Alle Piratenfürsten sahen ihn an, als seien ihm Hörner gewachsen.

„Für den passenden Moment hattest du noch nie ein besonderes Gefühl, Will“, bemerkte Jack. „So etwas sagt man einem Piratenfürsten nicht ins Gesicht“, ergänzte Sao Feng.

„Wieso? Verliert er es dann?“, fragte Will bissig. „Ihr habt die Wahl: Ihr lasst mich die Kaperbriefe entwerten, anderenfalls bin ich gezwungen, dem König mitzuteilen, welche Captains sich ausdrücklich geweigert haben, die Kaperbriefe zurückzugeben.“

„Captain Turner: Ihr seid der König der Piraten!“, erinnerte Ammand ihn erschrocken.

„Das ist richtig …“, räumte Will ein aber Ammand ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen:

„Und als König der Piraten solltet Ihr der Erste sein, der sich einem solchen Ansinnen entgegenstellt!“, fuhr er fort, ohne Wills Einwurf zu beachten. Will sah Teague an.

„Ist das so richtig, Captain Teague?“, fragte er den Hüter des Kodexes. Teague winkte seinen Bücherträgern, die den schweren Kodex auf den Tisch wuchteten, dann pfiff er dem Schlüsselhund, der ihm brav die Schlüssel gab, öffnete das Vorhängeschloss und blätterte einen Moment in dem Gesetzeswerk der Piraten. Murmelnd ging er einige Bestimmungen durch.

„Captain Ammand hat Recht“, sagte er schließlich. Jack peilte seinem Vater über die Schulter.

„Es heißt weiter, dass der König der Piraten, der gegen seine Pflichten als König verstößt, den Titel als König der Piraten verliert“, setzte Jack hinzu.

„Ich habe damit kein Problem, Jack. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nur so lange König der Piraten sein wollte, bis der Krieg beendet ist. Der Krieg ist beendet“, erwiderte Will. „Das wäre ohnehin die zweite Sache, die euch mitteilen wollte.“

„Niemals zuvor hat ein König der Piraten sein Amt freiwillig niedergelegt“, platzte Jocard heraus. Will lächelte.

„Es hat auch nicht sehr viele Könige der Piraten gegeben, oder? Vielleicht bin ich der Erste. Na und?“

„Wenn Ihr dem englischen König mitteilt, dass wir uns weigern, die Kaperbriefe abzugeben, begeht Ihr Verrat an den Piratenfürsten“, sagte Jocard. „Ein Pirat, der einen anderen verrät, hat den Tod zu erwarten!“

„Dann gilt das auch für Euch, werte Captains“, versetzte Will. „Sorge ich nicht dafür, dass Eure Kaperbriefe ab dem Tag Eurer Kenntnis vom Friedensschluss für ungültig erklärt werden, dann hafte ich für jeden einzelnen von Euch mit meinem Kopf. Was anderes als Verrat an meiner Person wäre es dann, wenn Ihr weiterhin die Kaperbriefe benutzen wollt, obwohl ich Euch gesagt habe, dass sie mit dem Frieden erloschen sind? Glaubt Ihr ernsthaft, dass ich das mit mir machen lasse?“

„Nimm, was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück!“, bemerkte Jack Sparrow. „Ein Pirat gibt nichts wieder her, was er einmal in den Fingern hat.“

„Jack, es ist mir egal, ob du und die anderen Captains weiterhin andere Schiffe und Siedlungen ausrauben wollen. Ihr seid Piraten und habt auch ohne Kaperbriefe geplündert“, erwiderte Will. Aus der Innentasche seines Wamses holte er ein Pergament und breitete es aus.

„Wenn Ihr mir diese Erklärung unterschreibt, dass ich Euch über den Frieden und die Ungültigkeit Eurer Kaperbriefe in Kenntnis gesetzt habe, reicht mir das aus. Was Ihr danach tut, kann mir gleich sein. Ich hindere niemanden daran, dem Piratenhandwerk weiterhin nachzugehen.“

„Und die Royal Navy macht auf uns Jagd, sofern du Port Royal wieder erreichst!“, schnaubte Jack.

„Nur dann, wenn ich Admiral Norrington mitteilen müsste, dass Ihr Euch weigert. Erklärt Ihr, dass Ihr den Friedensschluss zur Kenntnis nehmt und Euch nicht weiter auf den Kaperbrief beruft, kriege ich kein Problem in Port Royal und die Navy hat keinen Grund, Euch zu jagen.“

„Nur unter der Bedingung, dass du deine Acht-Reales-Münze an Captain Teague aushändigst und hier und jetzt schwörst, dass du dich nicht an der Jagd auf einen von uns beteiligst!“, bedingte Jack. Will griff ohne zu zögern in die Wamstasche, in die er die Münze gesteckt hatte, holte sie heraus und warf sie Teague zu, der sie geschickt auffing und einsteckte.

„Mach’ die Tasche leer, William!“, forderte Jack.

„Sofern alle die Erklärung unterschreiben, Jack, krempele ich dieses Wams komplett um, damit du dich überzeugen kannst, dass ich ernst meine, was ich verspreche!“, versetzte Will.

„Sollte einer von uns von der britischen Royal Navy angegriffen werden, werden wir uns an dich halten“, warnte Jack.

„Sollte mich einer von euch angreifen, sollte er beten, dass er mein Schiff versenkt, bevor ich seines versenke!“, grollte Will. „Ich denke, dass ich in den letzten sieben Jahren jedem von euch bewiesen habe, dass ich erstens zu meinem Wort stehe und dass ich zweitens in der Lage bin, mich zu wehren. Nehmt bitte zur Kenntnis, meine verehrten Captains, dass mein Schiff weiterhin bewaffnet sein wird. Ich rate davon ab, mich zu überfallen!“

Die Piratenfürsten machten keine Anstalten, die Erklärung zu unterschreiben. Will wartete noch eine Weile, aber außer eisigem Schweigen kam nichts von den Piratenfürsten. Schließlich nickte Will und steckte die Erklärung wieder ein.

„Wie Ihr wollt. Ich habe es Euch gesagt“, seufzte er.

„Moment, William“, hielt Tia Dalma ihn zurück.

„Ihr erwartet doch nicht wirklich, dass ich Euch von dieser Insel weglasse, ohne dass Ihr Will Euren Kaperbrief entwerten lasst oder Ihr die verlangte Erklärung unterschreibt?“, wandte sie sich dann an die Captains. „Ihr wisst, dass Ihr ohne meine Gunst das Meer nicht befahren könnt. Also: Ihr unterschreibt das oder lasst Will tun, was er tun muss oder Ihr könnt bis zum Jüngsten Tag versuchen, von dieser Insel wegzukommen!“, drohte sie.

Die Piratenfürsten sahen sich betroffen an. Jeder wusste, dass die Göttin eine besondere Freundin von Will Turner war. Wenn sie sich so offen auf seine Seite stellte, war es besser, dass man nachgab … Einer nach dem anderen unterschrieb oder ließ es zu, dass Will den Kaperbrief entwertete. Will gab den Captains seinerseits eine schriftliche Erklärung, dass der Inhaber des jeweiligen Kaperbriefes erst an diesem 13. April 1763 vom Friedensschluss erfahren hatte und deshalb für Kaperfahrten vor diesem Datum nicht belangt werden konnte.

 

Weitere zwei Wochen später lag die Aztec wieder im Hafen von Port Royal. Am Hafen erwartete Bill Turner seinen Sohn und begrüßte ihn so freundlich, dass Will und Willy sich nur zuzwinkerten. Tia Dalmas Zauber hatte also gewirkt.

Will eilte von der Pier gleich zur Hafenkommandantur der Royal Navy und gab dort die unterzeichnete Erklärung ab, ließ sich aber eine beglaubigte Kopie anfertigen und bestätigen, dass er die Entwertung der Kaperbriefe von Jack Sparrow, Sao Feng, Gentleman Jocard, Mistress Ching, Capitaine Chevalle, Capitán Villanueva, Sri Sumbhajee und Ammand der Royal Navy angezeigt hatte.

 

 

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Kapitel 4

Geheime Akten

 

Ein Jahr zog ins Land. Die Schmiede in der Coal Lane war wieder regelmäßig geöffnet; wenigstens einmal in der Woche – auf jeden Fall am Markttag – war Will wieder dort, betrieb seine offene Schmiede im Hof und verkaufte mehr Klingen als je zuvor. Schon drei Monate nachdem er das Freibeuterleben aufgegeben hatte, hatte er so viele Aufträge, dass er außer dem alten Meister Brown einen weiteren Schmiedegesellen und einen Lehrling anstellte, um alle Aufträge abarbeiten zu können. Zur Jahreswende 1763/64 hatte er noch zwei Gesellen eingestellt, weil er beinahe Aufträge hätte ablehnen müssen. Der Laden lief – und das hervorragend. Will benötigte weitere Mitarbeiter. Auf Jamaica hatte er alles abgegrast. Jetzt konnten nur noch Stellenanzeigen im ganzen Empire helfen …

Viele Seeleute kamen nach Port Royal, weil sie von der erstklassigen Klingenqualität gehört hatten, die es dort zu kaufen gab. Wills Erfolg beflügelte auch andere, sich an diesem Geschäft beteiligen zu wollen. Die East India Trading Company handelte mit allem, was sich verkaufen ließ. Auf Jamaica ließ sich vieles kaufen und verkaufen; aber seitdem Will Turner seine Schmiede wieder regelmäßig geöffnet hatte, gingen Entermesser und Degen dort augenscheinlich am besten. Er konnte mit seinem geschäftlichen Erfolg zufrieden sein.

Aber was des einen Freud’, das ist des anderen Leid, mag das Leid auch auf hohem Niveau geklagt werden …

Edward Jones betrachtete die Berichte, die die Handelsagenten aus Port Royal lieferten, mit gewisser Besorgnis. Kaffee, Kakao und Rum waren die eigentlichen Handelsgüter der karibischen Insel, aber die East India Trading Company wäre nicht die Company gewesen, hätte sie nicht in jeder Gegend, in der sie Handel trieb, versucht, den gesamten Handel zu kontrollieren. Und ein Handelszweig, der sich dieser engmaschigen Kontrolle entzog, bedeutete, dass jemand anderes den Profit hatte. Auf Jamaica bissen seine Agenten sich jedoch die Zähne aus, wenn es um andere Handelsgüter ging als eben Kaffee, Kakao und Rum. Governor Swann sperrte sich vehement dagegen, der Company Handelsprivilegien für andere Güter einzuräumen.

Mit einem tiefen Seufzer räumte Jones seine Papiere zusammen, als er vom Glockenschlag einer nahe gelegenen Kirche darauf hingewiesen wurde, dass es bereits Mitternacht war. Er löschte das Licht und verließ das Kontor der East India Trading Company. Zuhause erwartete ihn seine Frau Elaine.

„Du siehst müde aus“, sagte sie.

„Ja, bin ich auch.“

„Das ist nicht alles. Was hast du?“

„Ach, es geht um den Waffenhandel auf Jamaica. Er ist hochprofitabel und wir kriegen den Fuß nicht in diese Tür!“

„Und wer beherrscht den Handel dort? Kann man den nicht kaufen?“, fragte Elaine weiter. Edward schüttelte den Kopf.

„Unwahrscheinlich. Der Hersteller selbst!“

„Und der sollte nicht käuflich sein?“, wunderte sich Elaine. Edward lächelte.

„Was ich an dir so bewundere, Elaine, ist dein geschäftlicher Scharfsinn“, sagte er. Elaine bekam ein kühles Lächeln.

„Vater war immer der Ansicht, dass ich sehr viel mehr Geschäftssinn habe als Nathan“, erwiderte sie. „Also: Wieso sollte man den Hersteller dieser Waffen nicht kaufen können.“

„Was sagt dir der Name William Turner?“, fragte Edward. Elaine sah ihren Mann verblüfft an.

„Ich kenne nur einen William Turner: Den Freibeuter, über den vor einigen Jahren so viel geschrieben wurde wie über den berüchtigten Piraten Jack Sparrow.“

„Genau den meine ich“, gab Edward zurück.

„Der ist Waffenschmied?“

„Jedenfalls betreibt er mit großem Erfolg eine Waffenschmiede in Port Royal“, seufzte Jones.

„Ist das der hier?“, fragte Elaine, verschwand kurz und kam mit dem Public Advertiser zurück, einer Tageszeitung, in der auch diverse Inserate abgedruckt waren. Eines davon war eine Stellenanzeige, aufgegeben von Sir William Turner, Port Royal, Jamaica, der dringend einen Gesellen der Schmiedezunft suchte, ausgebildet in der Waffenschmiedekunst …

„Er ist also ein ehemaliger Freibeuter …“, sinnierte Elaine.

„Und das ist noch nicht alles. Turner hat dafür gesorgt, dass die Company die Kontrolle über Jamaica hergeben musste, ist schuld am Tod von Lord Beckett und stand im Verdacht, deinen Vater umgebracht zu haben. Er wurde freigesprochen …“, gab Edward sein Wissen über Will Turner preis. Elaine sah ihn einen Moment an.

„Und gegen den unternimmst du nichts?“, fragte sie kopfschüttelnd.

„Der König sieht uns sehr genau auf die Finger. Er hat Nathan nicht umsonst gezwungen, die Geschäftsleitung niederzulegen“, erwiderte Edward. Elaine lächelte auf eine gefährlich-hinterlistige Art.

„Er hat mich vergessen, Edward. Die East India Trading Company ist noch lange nicht am Ende!“, versetzte sie eisig.

„Was hast du vor?“

Elaine sah aus dem Fenster, wo der Mond hell auf die Stadt London schien.

„Ich werde ihn fertigmachen!“, grollte sie.

„Wen? Den König?“

Sie drehte sich wieder um.

„William Turner!“

 

Elaine Jones, geborene Lady Everett, war wahrhaftig die Tochter ihres Vaters. In den folgenden Tagen suchte sie alles zusammen, was in den Archiven der East India Trading Company über William Turner bekannt war. Die Agenten der Company waren nicht nur Agenten für den Handel, also für das Knüpfen neuer Handelskontakte und Pflege derselben zuständig, sie waren auch Geheimagenten und sammelten in diesem Aufgabengebiet Informationen über alle Personen und Institutionen, die sich jemals der Company in irgendeiner Form widersetzt hatten. Sie sammelten alles, was sich gegen besagte Personen verwenden ließ …

„Oh, sieh mal einer an!“, frohlockte sie, als sie in der Dossier-Kartei unter dem Buchstaben T gleich zwei William Turners fand: William Turner senior, geboren am 13. Juni 1708 in Plymouth, von Beruf Seemann und William Turner jr., geboren am 13. Januar 1733 in Canterbury, von Beruf Waffenschmied.

Von William Turner senior wussten die Agenten zu berichten, dass er als Maat auf der Seagull der Reederei Jasper & Sons angeheuert hatte. Die Reederei war vor nicht allzu langer Zeit von der Company aufgekauft worden, nachdem die beiden Söhne des Gründers Jason Jasper sich nach dessen Tod um das Erbe gestritten hatten und dabei in Konkurs gegangen waren. Die East India Trading Company hatte als einer der Hauptgläubiger aus der Konkursmasse fünf Schiffe von Jasper & Sons erhalten – und die Handelskontakte der Reederei in der Karibik, die wesentlich mehr wert waren als die fünfzigtausend Guineas, die Lord Beckett dafür zur Auszahlung der übrigen Gläubiger investiert hatte. Von Bill Turner ergab die Personalakte der Reederei, dass er 1742 von Captain James McGriffith nach Streitigkeiten mit der Crew gefeuert worden war. McGriffith hatte der Royal Navy in Port Royal einen Tipp gegeben, die William Turner sen. wenige Tage später in der Hafenstadt hatte schanghaien* lassen. Danach verlor sich die Spur des Maats Turner für seinen früheren Arbeitgeber.

Das Dossier über William Turner sen. enthielt einen Querverweis auf das Dossier des Captains Jack Sparrow mit dem weiteren Hinweis, dass Turner aus der Navy desertiert war und bei Sparrow als Pirat angeheuert hatte. Mangels anderer Informationen nahm die Geheimdienstabteilung der Company an, dass „Stiefelriemen Bill“ Turner dort geblieben war und sich später dann mit Jack Sparrow den Freibeutern von Tortuga angeschlossen hatte, die der Company die knapp erlangte Herrschaft über Jamaica entrissen hatten.

Von William Turner jr. war über seine frühen Jahre als Querverweis aus dem Dossier William Turner sen. nur die Tatsache bekannt, dass er das einzige Kind des Maats William Turner sen. und seiner Frau Anne war, dass er während eines Besuchs seiner Mutter bei deren Cousin Charles Rosen in Canterbury/Kent dort zur Welt gekommen war und wegen der fast ständigen Abwesenheit des zur See fahrenden Vaters von der Mutter praktisch allein aufgezogen worden war. Diese Informationen ergaben sich aus der Personalakte seines Vaters, der bei seinem Arbeitgeber mit dieser Begründung erfolglos um ein Darlehen für eine größere Wohnung in Plymouth gebeten hatte. Danach hatte die Company keinerlei Informationen mehr über ihn, bis er 1754 wegen Befreiung des Captains Jack Sparrow zunächst aus dem Gefängnis und dann vom Galgen sowie der Kaperung eines Schiffes der Royal Navy ins Blickfeld der Agenten der Company geraten war. Es gab von 1754 wegen Piraterie, Widerstands gegen die Staatsgewalt und Gefangenenbefreiung einen Haftbefehl gegen William Turner jr., der aber aufgrund einer Amnestie im selben Jahr vom Gouverneur von Jamaica, Weatherby Swann, aufgehoben worden war. Hierzu gab es noch einen Querverweis auf die Akte des Weatherby Swann. Weiter war aus dem Dossier William Turner jr. zu erfahren, dass er 1756 die Durchsuchung seines Schiffes, der Aztec, gegenüber dem Captain der Borneo, einem Kriegs- und Handelsschiff der East India Trading Company, verweigert hatte. Weiter hatte er den durch Lord Beckett abgesetzten Governor Swann aus dem Gefängnis befreit – und danach unter dem Schutz eines Kaperbriefes vehement gegen die East India Trading Company gekämpft.

Elaine Jones nickte zufrieden. Das war schon eine ganze Menge. Sie nahm noch die Akte Weatherby Swann hinzu, aus der sich ergab, dass Swann seit 1746 Gouverneur der britischen Krone auf Jamaica war, in dieser Eigenschaft 1754 William Turner nach dem Haftbefehl begnadigt hatte und im selben Jahr Captain Jack Sparrow wegen einer ganzen Reihe von Verbrechen gegen die Krone Gnade gewährt hatte. Elaines Grinsen wurde noch breiter, als sie der Akte entnahm, dass William Turner jr. mit der Tochter des Gouverneurs verheiratet war. Mit der Information konnte man den Mann doch sicher beim König diskreditieren … Elaine bekam noch leuchtendere Augen, als sie in der Akte Swann entdeckte, dass dessen Großvater Seemann und sein Onkel Pirat unter dem Kommando des berüchtigten Captains Ara Goldbart gewesen war … 

Edward Jones staunte nicht schlecht, als seine Frau ihm die Dossiers aus dem Archiv brachte.

„Wirklich, sehr interessant“, brummte er zufrieden. „Sehr gut. Aber … bei allem, was wir jetzt tun, um Turner und Swann mit Dreck zu bewerfen, darf auf keinen Fall ruchbar werden, dass es die East India Trading Company ist, die diese Informationen streut.“

Elaine lächelte kalt.

„Keine Sorge. Die Presse wird anonym informiert und wenn die ersten Schreiberlinge darauf reagieren, bekommt der König anonym etwas zugespielt. Niemand wird ahnen, aus welcher Ecke die Schüsse auf diese Helden des Empire kommen!“, versprach Elaine. „Turner hat mit Lord Cutler Beckett den Bruder meiner Mutter und mit Lord Morgan Everett meinen Vater auf dem Gewissen. Meine Rache wird furchtbar sein!“, schwor sie so eisig, dass es selbst den kühlen Geschäftsmann Edward Jones fröstelte.

„Elaine, es geht nur ums Geschäft!“, warnte er. Elaines Lächeln wurde noch kälter und dann regelrecht bösartig.

„Genau das hat mein Onkel auch immer gesagt, wenn er jemanden richtig über den Tisch gezogen hat! Und ich werde es nicht anderes handhaben, mein Liebster!“

 

 

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Kapitel 5

Journaille

 

In London gab es vier Zeitungen, die wenigstens werktäglich erschienen: Den Public Advertiser, eine Zeitung, die einmal als fast reines Anzeigenblatt gegründet worden war, inzwischen aber zum Nachrichtenblatt mutiert war, den Spectator, ebenfalls ein Nachrichtenblatt, allerdings mit dem Vorsatz, Moral mit Geist zu beflügeln und den Geist mit Moral zu mildern. Das Blatt empfahl sich selbst als Beilage zum morgendlichen Teegedeck und galt als beliebte Kaffeehauslektüre. Dann war da noch die Lloyd’s List, eine Zeitung, die sich hauptsächlich mit Nachrichten über Handel und Seehandel, Finanzen und den Waren aus den Kolonien befasste. Schließlich gab es noch die London Gazette, die aber ein amtliches Bekanntmachungsblatt war.

Alle vier erhielten im April 1764 Briefe ohne Absender, in denen darauf hingewiesen wurde, dass Sir William Turner, Seeheld und Freibeuter des Königs, eigentlich ein gesuchter Verbrecher war, der eher als Pirat einzustufen war. Belegt wurde diese Behauptung mit dem Hinweis auf gewisse Haftbefehle, die zwar von dem britischen Gouverneur von Jamaica, Swann, aufgehoben worden waren – aber nur, weil Turner dessen Schwiegersohn war. Den Journalisten wurde empfohlen, sich der Wahrheit der Behauptungen doch zu versichern, indem man doch mal bei der Gerichtsbarkeit nachfragen wolle. Außerdem sei die Familie von Governor Swann auch nicht frei von Piraten – Captain Ambrose Swann, sein Großvater, sei nur vordergründig ein anständiger Seemann gewesen, in Wirklichkeit aber ein Pirat, ebenso sein Onkel Espen Swann. Es läge doch nahe, dass das Piratentum in der Familie Swann immer noch vorhanden sei. Die Begnadigung des rechtskräftig zum Tode verurteilten Piraten Jack Sparrow und seines Helfershelfers William Turner jr. mache das doch mehr als deutlich, ebenso wie die Beteiligung seiner Tochter Elizabeth, der jetzigen Lady Turner, an der gesetzeswidrigen Befreiung des Piraten Sparrow vom Galgen in Port Royal.

Redakteure und Verleger der Zeitungen saßen zunächst etwas ratlos über den anonymen Briefen. Es waren sehr viele Details genannt, die auch überprüfbar waren. Sie alle schickten Mitarbeiter los, die sich zunächst von den in London zu klärenden Fakten überzeugen sollten.

 

Aber es gab noch eine fünfte Zeitung, die noch neu im Geschäft war, die nicht an sich hielt, die Behauptungen umgehend zu drucken und unter das Volk zu bringen: Die London Commercial Post, eigentlich eine Zeitung für Handelsnachrichten, die sich aber nicht scheute, übelste Gerüchte ungeprüft zu übernehmen. Die London Commercial Post hatte sich seit ihrer Gründung im Jahr 1763 offen auf die Seite der britischen Handelskompanien wie der British East India Company, die Hudson Bay Company oder eben der East India Trading Company gestellt und gegen deren Geschäftskonkurrenten vehement gewettert. Als Chefredakteur wurde ein gewisser Henry Howard-Boleyn genannt, den aber noch niemand zu Gesicht bekommen hatte – es wäre auch schwerlich möglich gewesen, denn hinter Henry Howard-Boleyn verbarg sich eine Frau: Lady Elaine Jones, die diesen Namen aus dem Vornamen von König Henry VIII. und den Familiennamen seiner hingerichteten Ehefrauen Catherine Howard und Anne Boleyn gebildet hatte. Da es keine Ähnlichkeit mit Namen aus den Geschäftsleitungen der drei Gesellschaften gab, kam niemand auf die Idee, dass die London Commercial Post  eigentlich die firmeneigene Zeitung der East India Trading Company war …

Die London Commercial Post druckte also als Erste, was in Form von anonymen Anschuldigungen an die anderen Zeitungen gegangen war. Es geschah das, was Elaine Jones sich ausgerechnet hatte: Die anderen Blätter – abgesehen vom Amtsblatt London Gazette – prüften die Gerüchte nicht mehr, sondern druckten ebenfalls, was ihnen an Behauptungen zugespielt worden waren. Der Spectator erhob noch den mahnenden Zeigefinger der Moral und wagte es tatsächlich, zu fragen, wie der König einen Piraten in den Adelsstand erheben konnte – um die Frage gleich dahingehend zu beantworten hatte, dass Seine Majestät davon sicher nichts gewusst habe und „Sir“ William Turner der schlimmste aller Schwindler sei!

In den Londoner Kaffeehäusern und den Teestuben wurde der Spectator eifrig gelesen – und es entstanden prompt heftige Diskussionen. König George tat die Meldungen zunächst als haltlose Gerüchte ab, aber sein Premierminister Grenville tat es nicht. Grenville strebte ohnehin danach, den König möglichst auf rein repräsentative Aufgaben zu reduzieren, nur tat der König ihm nicht den Gefallen, sich reduzieren zu lassen. George Grenville ließ sich bei König George III. melden.

„Haben Eure Majestät das gelesen?“, fragte Grenville.

„Was meint Ihr, Mr. Grenville?“, fragte der König.

„Nun, die Berichte über Sir William Turner und Governor Swann von Jamaica.“

„Berichte??? Gerüchte!!!“, fuhr George den Premierminister an.

„Majestät, wir dürfen es nicht dulden, dass …“

„Wenn in diesem Land jemand etwas nicht dulden wird, dann bin ich es, der nicht duldet, dass derart üble Nachrede gegen einen vom König eingesetzten Gouverneur und einen unserer Helden in der Karibik geschwungen wird!“, grollte der König. „Ich erwarte, dass dem ein Ende gesetzt wird! Veranlasst alles Nötige, Mr. Grenville!“

Grenville verbeugte sich gemessen.

„Jawohl, Majestät“, bestätigte er den königlichen Auftrag und verließ das Arbeitskabinett des Königs im St.-James’s-Palast.

 

Als die Tür zu war, stand König George auf und begann eine unruhige Wanderung. Es war gerade ein Jahr her, dass George eine Anregung von Sir William aufgegriffen hatte und die Regierung angewiesen hatte, die unkontrollierte Ausdehnung der Westgrenze in den nordamerikanischen Kolonien zu bremsen und den Siedlern dort klare Grenzen zu setzen. Mit der königlichen Proklamation waren die Siedler gehalten, sich das Land der Indianer nicht einfach unter den Nagel zu reißen, sondern mit ihnen zu verhandeln und ihnen das Land abzukaufen. George wusste, dass es den Kolonisten nicht gefiel – Land zu rauben war einfach billiger, als es zu kaufen. Aber genau genommen waren die Indianer auch britische Untertanen, wenn sie es auch meist nicht wahrhaben wollten oder nicht einmal wussten. Und britische Untertanen hatten einen Anspruch darauf, dass der König sie schützte. Obendrein kostete es unglaublich viel Geld, die Kolonisten vor den aufgebrachten Indianern militärisch zu schützen, wenn die Siedler die Ureinwohner wieder einmal auf den Kriegspfad getrieben hatten. In diesem Punkt war König George sich mit seinem Premierminister und Will Turner durchaus einig. Umso weniger verstand der König, dass Grenville die Berichte ungeprüft glaubte, die ohne genaue Quelle verbreitet wurden. Dennoch blieb ein Körnchen Zweifelsalz, das den König zu zwicken begann … Er musste wissen, ob und eventuell was an den bösen Gerüchten dran war. Der britische König setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb an Will Turner und an Weatherby Swann.

 

Will und sein Schwiegervater ahnten nichts von den Verleumdungen, die gegen sie in die Welt gesetzt wurden. Es war der 1. Juni 1764, als die HMS Unicorn einen Boten in Port Royal an Land setzte, der eilig zur Kutschenstation lief und nach Spanish Town, dem Regierungssitz von Jamaica, fahren wollte. Angus Habershaw, der nach dem Verlust seines Freibeuterpostens Kutsche fuhr, um sein mageres Nachtwächtergehalt aufzubessern, fragte den eiligen Fahrgast nach dem genauen Ziel in Spanish Town.

„Das sage ich Euch dort! Nun fahrt schon, ich habe es eilig!“, knurrte der Fahrgast. Schulterzuckend fuhr Angus an. Drei Stunden darauf erreichte die Kutsche die Residenzstadt.

„Wohin, Mylord?“, erkundigte sich Habershaw, nachdem er an den Wagenkasten geklopft hatte und sein Fahrgast mürrisch herausschaute.

„Zum Gouverneurspalast!“, grunzte er.

„Wollt Ihr zum Gouverneur?“, fragte der Kutscher.

„Das geht Euch nichts an!“

Angus fuhr wieder an und hielt eine Viertelstunde später am Gouverneurspalast. Der Fahrgast stieg aus und wollte zur Tür, doch Sergeant Mullroy trat ihm in den Weg.

„Halt! Das Betreten dieses Hauses ist Unbefugten nicht gestattet!“

„Ich bin königlicher Bote aus London und habe dem Gouverneur eine dringende Botschaft des Königs zu übergeben! Lasst mich durch!“, fauchte der Bote.

„Der Gouverneur ist heute nicht im Hause. Er ist in Port Royal“, entgegnete Mullroy kühl.

„Und wo da?“

„In seinem Haus in Port Royal, Sir. Mr. Habershaw weiß, wo es ist“, erwiderte Mullroy und wies mit dem Doppelkinn in Richtung der Kutsche. Mit gereiztem Schnaufen kehrte der königliche Bote zur Kutsche zurück.

„Wieso sagt Ihr mir das nicht gleich?“, maulte er.

„Hättet Ihr mir auf meine Fragen gesagt, wohin Ihr wollt, wärt Ihr seit dreieinhalb Stunden am Ziel, Sir“, grinste Habershaw. Der Bote stieg in die Kutsche und Habershaw fuhr zurück, nicht ohne sich in Abständen von allenfalls zwanzig Minuten anhören zu müssen, dass sein Fahrgast es überaus eilig habe …

 

Vier Stunden später fuhr die Kutsche vor dem Privathaus des Gouverneurs in Port Royal vor. Der Bote übergab das Schreiben des Königs und bemerkte mit abweisendem Blick, dass im Hause des Gouverneurs fröhlich gefeiert wurde.

„Hier quittieren!“, grunzte er unfreundlich, als Swann ihm das Schreiben abnahm. Weatherby Swann sah den Mann indigniert an.

„Ist es in London nicht mehr üblich, ‚bitte‘ zu sagen, wenn man etwas wünscht?“, fragte er.

„Ich hab’s eilig!“, knurrte der Bote.

„Nun, die Kutsche wartet auf Euch, und die HMS Unicorn fährt erst in einer Woche nach England zurück“, versetzte Swann.

„Ich hab’ noch mehr zu tun!“

„Das ist kein Grund für mangelnde Höflichkeit, Sir! Also, wo soll ich bitte unterschreiben?“

„Hier!“

Der Bote hielt Swann die Quittung hin. Swann winkte Jenkins, der ihm ein Tablett mit Feder und Tinte reichte und quittierte den Empfang des königlichen Schreibens.

„Wo finde ich einen gewissen William Turner?“, fragte der Bote.

„Wenn Ihr Euch des Zauberwortes ‚bitte‘ befleißigt, überlege ich mir, ob ich das weiß, Sir!“, versetzte der Gouverneur eisig.

„Bitte!“, schnaufte der Bote. Weatherby schmunzelte.

„Brecht Euch nur nicht die Zunge! Meint Ihr William Turner sen. oder William Turner jr.?“

Der Bote sah auf das Schreiben.

„Steht hier nicht.“

Swann sah, dass der Brief an Sir William Turner adressiert war.

„Oh, Sir William meint Ihr …“, bemerkte er grinsend.

„Ja, und wo ist der?“

Swann wandte sich an den Butler:

„Mr. Jenkins, wärt Ihr wohl so freundlich, Sir William auszurichten, dass hier jemand ist, der einen Brief für ihn hat?“, bat er den Chefdiener mit ausgesuchter Höflichkeit.

„Sehr gern, Sir!“, erwiderte Jenkins mit einer tiefen Verbeugung und ging gemessenen Schrittes in den Salon.

„Sir William, ein Bote aus London für Euch!“, meldete er dort. Will stellte seine Teetasse ab und ging in den großen Flur hinaus.

„Sir William Turner?“, fragte der Bote grußlos.

„Guten Tag, Sir“, grüßte Will. „Der bin ich“, bestätigte er dann.

„Für Euch! Hier quittieren!“, erwiderte der Bote und hielt Will das Schreiben hin. Schulterzuckend und schweigend quittierte Will den Empfang. Der Bote verbeugte sich und verließ ebenso grußlos die Villa des Gouverneurs.

Während Will dem unhöflichen Boten noch nachsah, brach sein Schwiegervater das königliche Siegel auf und las den Brief des Königs.

„Meine Güte!“, entfuhr es ihm. „William, was will der König von dir?“, fragte er dann kreidebleich. Will brach ebenfalls das Siegel auf und las den Brief.

 

Mein lieber Sir William!

 

Hier in London kursieren schreckliche Gerüchte über Euch. Sämtliche Zeitungen in London behaupten, Ihr wärt ein Pirat, hättet verurteilten Personen zur Flucht verholfen, Schiffe der Flotte gekapert und sogar rechtmäßig zum Tode Verurteilte vom Galgen befreit. Zwischen den Zeilen greift die Presse sogar mich, den König, an, weil ich Euch in den Adelsstand erhob. Ich will den Gerüchten nicht glauben, aber wenn Ihr dies nicht hier in England klarstellt, werden die Wellen immer höher schlagen. Deshalb fordere ich Euch auf, nach England zu kommen und mir vor Zeugen zu schwören, dass diese Behauptungen unwahr sind. Ich werde dann solche Verleumdungen verbieten.

 

George Rex

Will ließ den Brief des Königs sinken. Er wusste, er konnte diesen Eid nicht leisten – schließlich entsprach es den Tatsachen, dass er Jack Sparrow aus dem Gefängnis gelassen hatte, mit ihm zusammen die HMS Interceptor gekapert hatte, um Elizabeth aus den Händen Barbossas zu befreien – und dass er Jack später vor der Hinrichtung gerettet hatte.

„Was schreibt der König dir, Vater?“, fragte er mit einem Kloß im Hals.

„Er fordert mich auf, in London zu beschwören, dass ich dich, meinen Schwiegersohn, nicht begnadigt habe, nachdem du Schiffe der Flotte gekapert hast, Gefangene befreit und die Hinrichtung von Verurteilten verhindert hast“, erwiderte Swann.

„Ich kann das nicht guten Gewissens beschwören …“, brummte Will.

„Ich auch nicht, weil ich dann erklären müsste, wieso du unbehelligt geblieben bist.

„Nun, als du mich deswegen begnadigt hast, war ich noch nicht dein Schwiegersohn. Nach der Heirat mit Elizabeth habe ich nichts Ungesetzliches mehr getan.“

„Sieht man davon ab, dass du mich aus dem Gefängnis geholt hast, als Beckett mich eingesperrt und verurteilt hat. Außerdem bin ich sicher, dass man mir dennoch Vetternwirtschaft vorwerfen würde, weil du Elizabeth vor meinen Ohren deine Liebe erklärt hast, bevor du den Versuch gemacht hast, Sparrow vor dem Galgen zu retten. Und ich befürchte, dass Elizabeth auch hineingezogen würde. Schließlich hat sie sich auch auf eure Seite gestellt.“

Will nickte.

„Was wirst du tun?“, fragte der Gouverneur. Will sah auf den Brief.

„Ich habe mich noch nie vor Verantwortung gedrückt. Für das, was ich getan habe, werde ich auch einstehen. Aber bevor ich jemanden anderes in Schwierigkeiten bringe, frage ich erst den Familienrat“, sagte er.

 

 

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Kapitel 6

Bekenntnisse

 

 

Mit viel Mühe gelang es Will und Weatherby, sich nach außen nichts anmerken zu lassen. Erst Stunden später, als Will und seine Familie wieder in ihrem Haus auf der anderen Seite von Port Royal waren, spürte Elizabeth, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmte. Er stand auf dem Balkon vor dem Schlafzimmer und sah nachdenklich nach Kingston hinunter.

„Was hast du?“, hörte er ihre Stimme hinter sich. Es dauerte eine Weile, bis er reagierte und sich halb umdrehte.

„Nichts“, sagte er leise.

„Für nichts bist du viel zu in dich gekehrt, Will“, erwiderte sie, kam zu ihm auf den Balkon und umarmte ihn. Er rang sich ein Lächeln ab, als er ihre Umarmung erwiderte.

„Erinnerst du dich, dass ich dir mal von einem Albtraum erzählt habe, den ich hatte?“, fragte er.

„Ja …“, sagte sie zögernd. „Hast du wieder Albträume?“

Will seufzte tief.

„Nein, sie werden Wirklichkeit …“

Elizabeth sah auf.

„Was?“

„Die Vergangenheit holt mich ein – und nicht nur mich“, sagte er, griff in seine Wamstasche und gab ihr den Brief des Königs.  

„Ich kann das nicht leugnen“, sagte er. „Dein Vater hat einen ähnlichen Brief bekommen. Ihm wirft man vor, er hätte mich nur deshalb begnadigt, weil ich sein Schwiegersohn bin.“

Sie las den Brief durch.

„Nun“, sagte sie schließlich, „als wir Jack vom Galgen geholt haben, waren wir noch nicht verheiratet, nicht einmal verlobt.“

„Mit ‚wir‘ sprichst du meine größte Sorge aus. Bis jetzt gibt es zwar keine Vorwürfe gegen dich, aber die werden schnell folgen. Es ist genauso wie in meinem Traum damals, nur, dass man jetzt von vornherein auch deinen Vater im Visier hat. Wenn ich mich dem stelle und dem König sage, dass es wahr ist, wird dein Vater entweder erklären müssen, weshalb er mich von solchen Verbrechen freigesprochen hat oder weshalb er nicht dafür gesorgt hat, dass ich an Jacks Stelle hänge. Fällt dabei dein Name, bist du genauso dran wie ich. In meinen Albträumen hat man uns an der Hochzeit gehindert, wir hatten keine Kinder, die Schmiede gehörte nicht mir. In der Realität habe ich die Verantwortung für drei angestellte Schmiede und die Leibrente meines alten Meisters. Schon in meinen Träumen war es die Vernichtung meiner – unserer – bürgerlichen Existenz, als Beckett dich und mich verhaften ließ. Jetzt würde es auf jeden Fall zwei Familien vernichten, wenn nicht sogar fünf; denn meine angestellten Schmiede sorgen jeweils für ihre Familien. Ich möchte dich und die Kinder in Sicherheit wissen.“

Elizabeth sah ihm lange in die Augen.

„Nein, Will. Ich werde dich nicht allein lassen!“, widersprach sie schließlich.

„Wir haben zwei Kinder, Elizabeth“, erinnerte er sanft. „Wir sind reich genug, dass du …“

„Soweit kommt’s noch, Master Turner!“, unterbrach sie ihn heftig. „Nein, ich gebe dich nicht her! Nicht für eine lange Trennung und schon gar nicht an den Galgen! Und meinen Vater auch nicht! Und wenn ich persönlich zum König gehe und ihm klarmache, dass es gute Gründe gab, Jack das Leben zu erhalten …“

„Wenn du dir dabei selbst einen Strick drehst, haben unsere Kinder davon nichts – nicht mal mehr Eltern. Im allerschlimmsten Fall nicht mal ihre Großväter.“

„Will, so kenne ich dich nicht!“, protestierte sie. „Wieso willst du aufgeben?“

„Weil ich weder dich noch deinen Vater hineinziehen will“, erwiderte er. Sie schüttelte den Kopf.

„Will, wenn dein Vater in so einer Situation wäre, würdest du Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihn zu retten. Glaubst du ernsthaft, ich täte das nicht für dich? Glaubst du, dein Vater täte das nicht für seinen Sohn?“

„Für mich soll keiner den Kopf hinhalten“, wehrte er vorsichtig ab.

„Aber du für jeden anderen, was?“, grinste sie und zeichnete sacht das kleine Grübchen auf seiner linken Wange nach, das sich immer zeigte, wenn er wie jetzt die Lippen zusammenpresste.

„Will, was immer auch geschieht: Ich will, dass du weißt, dass ich jederzeit für dich ebenso mein Leben riskieren würde, wie du es für mich schon oft getan hast.“

 

Auf der anderen Seite von Port Royal wanderte Weatherby Swann in seinem Salon unruhig auf und ab. Eigentlich war es egal, ob Will sich stellte und dem König erklärte, was er um seines Gewissens willen getan hatte und sich auf die Amnestie berief, oder ob er die Flucht ergriff, um nicht zu hängen: Er, Weatherby Swann, würde seinem Dienstherrn erklären müssen, weshalb er Will entweder begnadigt oder nicht verhaftet und verurteilt hatte. Er konnte nicht einmal wirklich leugnen, dass er Will um seiner Tochter willen begnadigt hatte – aber vielleicht konnte er es geschickt genug tarnen …

Swann war nicht das, was man gemeinhin einen Helden nannte, das wusste er nur zu genau. Aber für Elizabeth würde er alles tun, sogar den eigenen Kopf riskieren. Er traf seine Entscheidung. Bevor die plötzliche Courage ihn wieder verließ, nahm er entschlossen seinen Hut und seinen Spazierstock und machte sich auf den Weg zum Haus der Familie Turner auf der anderen Seite der Bucht.

Das Klopfen an der Tür war bis in das Schlafzimmer von Elizabeth und Will zu hören, mochte es auch im Obergeschoss des Hauses und von Eingang abgewandt liegen. Der Butler öffnete.

„Oh, Guten Abend, Sir“, begrüßte er Swann.

„Guten Abend. Ist meine Tochter noch auf?“, fragte der Gouverneur.

„Die Herrschaften haben sich eben zurückgezogen. Wenn Ihr erlaubt, sehe ich eben nach.“

Der Butler kam nicht weit, denn seine Herrschaft hatte den Besucher bereits gehört und war auf den Treppenkorridor hinaus getreten.

„Vater!“, rief Elizabeth verblüfft. „Was treibt dich zu dieser Tageszeit noch her?“

Weatherby schmunzelte leicht verlegen.

„Mein Gewissen, Kind.“

 

Drei Tage später segelte die Aztec unter vollen Segeln in Richtung England. Die komplette Familie Turner und Governor Weatherby Swann waren an Bord. Knapp sechs Wochen darauf lag das Schiff in Dover, Familie Turner und der Gouverneur ließen sich per Kutsche nach London bringen. Sie mieteten sich wieder in der Pension ein, in der sie schon einmal gewohnt hatten, als Will vom König so überraschend zum Ritter geschlagen worden war.

König George empfing den Captain Turner und Swann herzlicher, als beide erwartet hatten.

„Sir William, Governor Swann! Willkommen in England!“

„Euer Majestät!“, erwiderten beide mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

„Seid Ihr bereit, zu beschwören, dass die gegen Euch erhobenen Vorwürfe haltlos sind?“, fragte der König.

„Majestät mögen uns erlauben, etwas weiter auszuholen“, setzte Weatherby an. George bekam einen fragenden Ausdruck.

„Bitte, Majestät, lasst uns einige Dinge erklären, die … ungewöhnlich sind“, sagte Will. „Und, Mylord, ich habe die vorsorgliche Bitte, uns erst ganz anzuhören.“

Der König bekam eine ungute Ahnung, aber er wollte nicht urteilen, ohne die Beschuldigten anzuhören.

„Nun, was habt Ihr dazu zu sagen?“

„Dann lasst mich anfangen, Mylord. Governor Swann wird dann ergänzen.“

George nickte und bot den Besuchern Platz an. Beide setzten sich mit klopfendem Herzen.

„Nun, Mylord, Governor Swanns Tochter wurde vor zehn Jahren von Piraten entführt. Der Einzige, der wusste, wo die Piraten zu finden waren, war Captain Jack Sparrow. Ich bekenne, dass ich ihn aus dem Gefängnis befreit habe, weil mir die Bemühungen der Royal Navy zur Befreiung der Tochter unseres Gouverneurs nicht ausreichend erschienen. Dabei ist zu erwähnen, dass er nur deshalb von der Navy festgenommen werden konnte, weil er bereits am Tag zuvor Miss Swann das Leben gerettet hatte, nachdem sie ohnmächtig ins Wasser gefallen war. Ich weiß, dass sie schon unmittelbar nach ihrer Rettung um Gnade für Captain Sparrow gebeten hatte, die jedoch verweigert wurde. Sparrow half mir, die Piraten ausfindig zu machen und Miss Swann zu befreien. Dabei hat er nicht nur Miss Swann, sondern auch mich einige Male gerettet, hat die Navy auf die richtige Spur gebracht und dadurch dafür gesorgt, dass eine gefährliche Piratenbande dingfest gemacht wurde.

Eigentlich war vereinbart, dass er mit seinem bei dieser Gelegenheit wiedererlangten Schiff Black Pearl nach Ende der Aktion verschwinden können sollte. Doch seine eigene Crew ließ ihn im Stich und fuhr mit dem eben zurückeroberten Schiff weg, als er, Miss Swann und ich noch gegen die letzten Piraten des Captains Barbossa kämpften. Als wir endlich aus der Höhle kamen, war die Black Pearl weg. Captain Sparrow begab sich auf die HMS Dauntless und nahm an, dass er sie auch als freier Mann verlassen konnte, nachdem er so viel für Großbritannien getan hatte. Sein Vertrauen wurde enttäuscht, denn kaum waren wir an Bord, als die Navy ihn und mich verhaftete.

Governor Swann gewährte mir Gnade, weil ich nur zwecks Befreiung seiner Tochter zu ungesetzlichen Mitteln gegriffen habe. Jack Sparrow wurde der Prozess gemacht; er wurde für Vergehen verurteilt, die zum damaligen Zeitpunkt bereits zehn Jahre zurücklagen. Neuere, gegen Großbritannien gerichtete Verbrechen, konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Seine guten Taten wurden bei der Urteilsfindung nicht berücksichtigt.

Ich habe es als ungerecht empfunden, dass seine guten Taten, die er unter Einsatz seines eigenen Lebens getan hatte, nicht einmal zu einer Strafmilderung führten. Deshalb habe ich ihn, als er hingerichtet werden sollte, befreit.“

„Bei der geplanten Hinrichtung?“, entfuhr es dem König. „Für gewöhnlich finden Hinrichtungen unter großen Sicherheitsvorkehrungen und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. Wie habt Ihr das geschafft?“

Will lächelte leicht verlegen.

„Es hat mich zunächst selbst gewundert, dass uns die Soldaten erst recht spät angegriffen haben. Inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass viele von ihnen, auch unter den Offizieren, die beim Kampf gegen die Piraten dabei waren, auch Leute aus dem Volk, mit der Hinrichtung nicht einverstanden waren und es nur einen brauchte, um laut und deutlich ‚Nein‘ zu sagen, damit der Protest größer wurde – auch wenn kein anderer aktiv eingegriffen hat.“

„Governor, was habt Ihr dazu zu sagen?“, fragte der König.

„Sir William hat Recht, Mylord. Ja, ich habe das Urteil gegen Captain Sparrow gefällt. Als ich die Entscheidung traf, erschien sie mir richtig. Aber das Eingreifen von Sir William hat mich nachdenklich gemacht. Mir wurde klar, dass ich eine falsche Entscheidung getroffen hatte. Es war nicht richtig, Captain Sparrow zu verurteilen, ohne seine guten Taten in Betracht zu ziehen. Dabei hatte ich sie nicht berücksichtigen wollen, weil es zufällig meine Tochter betraf, der er so vorbildlich geholfen hat. Ich habe geahnt, dass man mir eines Tages vorwerfen würde, ihm nur Gnade gewährt zu haben, weil es gerade meine Tochter gewesen war, der seine Rettungstat galt. Wäre es ein fremdes Mädchen gewesen, hätte ich ohne schlechtes Gewissen diese Taten angerechnet und wäre zu dem Urteil gekommen, dass die guten Taten die längst vergangenen bösen aufwiegen. Erst Sir Williams mutiges Eingreifen hat mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, dass ich dabei war, einen ganz großen Fehler zu machen. Deshalb habe ich sowohl Captain Sparrow als auch Sir William damals Gnade gewährt. Nicht weil sie meiner Tochter geholfen hatten, sondern eher obwohl, Mylord.“

König George nickte. Er erhob sich, seine Besucher standen ebenfalls auf.

„Nein, bleibt bitte sitzen, meine Herren“, winkte er ab. „Ich fasse mal zusammen: Ein Pirat wird deshalb gefangen genommen, weil er einer britischen Bürgerin das Leben rettet. Ein anderer britischer Bürger befreit den Piraten, weil er dessen Hilfe benötigt, um die britische Bürgerin aus den Händen von anderen Piraten zu befreien – und das deshalb, weil britische Offiziere nicht in der Lage sind, auf die Entführung einer britischen Bürgerin durch Piraten angemessen zu reagieren, noch besser, sie grundsätzlich zu verhindern. Der Pirat riskiert sein Leben für britische Bürger und wird zum Dank dafür zum Tode verurteilt. Das habe ich doch so richtig verstanden, oder?“

„Ja, Mylord“, bestätigte Swann. George seufzte.

„Ich danke Sir William, dass er eingegriffen hat und Euch damit vor einer richtigen Blamage bewahrt hat. Es war Unrecht, Governor. Aber da Ihr das selbst erkannt habt und die Geschichte darüber hinaus lange her ist, soll es damit sein Bewenden haben. Captain Sparrow ist das Unrecht nicht geschehen. Ihr habt recht daran getan, Sir William und Captain Sparrow Gnade zu gewähren, Governor. Sir William, Euer Eingreifen spiegelt Euren Mut wider, der heute so selten ist. Ich bin stolz und glücklich, einen Ritter wie Euch zu haben, der zu seinen Taten steht und der bereit ist, sein Leben für andere zu riskieren. Ich werde dafür Sorge tragen, dass die Angelegenheit in der Presse richtiggestellt wird. Verleumdungen so verdienter und gewissenhafter Männer wie Ihr beide es seid, lasse ich nicht zu. Ich danke für Euer Kommen und Eure Erklärungen, Sirs.“

 

Noch am selben Nachmittag erging ein Schreiben des Königs an die betreffenden Zeitungen, in denen er die Chefredakteure aufforderte, vor ihm persönlich zu erklären, weshalb ein tapferer Verteidiger Großbritanniens derart mit Schmutz beworfen werde. Gegenüber der Aufforderung, sich dem König persönlich zu erklären, gab es keine Ausrede. Am folgenden Morgen erschienen die Redakteure des Spectators, des Public Advertisers und der Lloyd’s List beim König. Nach höflicher Begrüßung bot George den Männern Platz an und fragte dann:

„Nun, Sirs, bitte erklärt mir, was Euch bewogen hat, diese Artikel zu schreiben?“

Er entnahm einer Mappe diverse Zeitungsausschnitte, die die Artikel mit den bösen Vorwürfen enthielten.

„Nun, Mylord, wir sind darüber in Kenntnis gesetzt worden. Jeder von uns hat seine Informanten“, erkläre Stuart Campbell, der den Chefredakteur des Spectators vertrat.

„So, so. Und was für Leute sind das?“

„Gut informierte Kreise nennt man das in unserer Zunft, Mylord.“

Gut informierte Kreise …“, brummte George. „Sagt, Gentlemen, wann sollen diese Dinge passiert sein? Darüber steht hier nämlich nichts. In keinem Eurer Artikel.“

„Das müssten wir in den Redaktionen erfragen, Mylord …“, hustete Chester Mills, der stellvertretende Chefredakteur der Lloyd’s List.

„Eigentlich, Gentlemen, hatte ich erwartet, dass Ihr ein bisschen besser vorbereitet herkämet. Es war klar, um was es ging.“

Der Chefredakteur des Public Advertisers, James Millan, räusperte sich.

„Majestät, ich will für mein Blatt bekennen, dass wir eine anonyme Botschaft erhalten haben. Wir wollten die Informationen, die uns zugespielt worden waren, auch überprüfen, konnten es aber mangels konkreter Angaben nicht. Bevor ich meine Reporter auf die Suche nach der Wahrheit schicken konnte, hatte die London Commercial Post das bereits gedruckt. Ihr wisst vielleicht, wie es einer Zeitung geht, die nicht schnell genug auf Neuigkeiten reagiert…“

„Ich verstehe Euch so, dass Ihr, um im Geschäft zu bleiben, ungeprüft gedruckt habt, was Euch anonym hinterbracht wurde, ist das so richtig?“

„Ja, Mylord. Dazu kommt, dass die LCP sehr gute Quellen hat. In der Regel entspricht das, was die schreiben, den Tatsachen. Nachdem Howard-Boleyn das drucken ließ, bin ich davon ausgegangen, dass er es geprüft und als wahr bestätigt gefunden hatte“, erklärte Millan.

„Und die beiden anderen Herren? Waren Ihre gut unterrichteten Kreise etwa auch die LCP nach einem anonymen Informanten?“

Mills und Campbell bekamen hochrote Köpfe.

„Danke, das genügt mir als Bestätigung“, versetzte George. „Ich habe mit den von Ihnen so grob angegriffenen Männern gesprochen. Dabei habe ich feststellen dürfen, dass es zwar den Tatsachen entspricht, dass Sir William einem verurteilten Piraten geholfen hat, doch ich durfte auch feststellen, dass sein Eingreifen absolut korrekt und eines Ritters würdig war, denn er hat damit einen Justizirrtum verhindert. Und es war nur folgerichtig, dass der Gouverneur von Jamaica, sowohl ihn als auch den zu Unrecht verurteilten Piraten begnadigt hat. Ihr habt durch Eure vorschnelle und ungeprüfte Veröffentlichung nur der halben Wahrheit den Ruf dieser beiden verdienten Männer schwer geschädigt. Ich erwarte nicht mehr und nicht weniger, als dass Ihr – vorzugsweise noch heute, spätestens aber morgen – einen Widerruf an der gleichen Stelle druckt, wo Ihr diese Verleumdung veröffentlicht habt.“

Die Chefredakteure oder deren Stellvertreter bekamen noch rotere Köpfe. Millan fasste sich ein Herz.

„Mylord, ich bin für meine Redaktion dazu selbstverständlich bereit und werde das noch heute veranlassen. Aber …“

„Was, ‚aber‘?“, grollte der König. Millan brachte ein schüchternes Lächeln zustande.

„Ich denke, wir alle werden das tun, weil wir uns der Anweisung unseres Königs selbstverständlich nicht widersetzen, Majestät. Doch was ist mit der LCP? Howard-Boleyn ist nicht erschienen, hat keinen Vertreter gesandt. Wenn er nicht dasselbe tut, ist unser Bekenntnis für die Katz, Mylord“, gab er zu bedenken.

„Howard-Boleyn wird noch merken, was es heißt, sich dem König zu widersetzen und dessen Vorladung einfach zu ignorieren. Entweder druckt er spätestens morgen ebenfalls einen Widerruf oder das Blatt wird verboten. Er wird keine Gelegenheit dazu haben, ordentlichen Presseleuten das Leben schwer zu machen“, entgegnete der König. Die drei erschienenen Redakteure sahen sich an. Unter den Bedingungen konnten sie tun, was der König verlangte, ohne geschäftliche Nachteile zu haben.

 

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Kapitel 7

Verschlungener Pfad

 

Elaine Jones wich das Blut aus dem Gesicht, als sie die Weisung des Königs in der Hand hielt, innerhalb von vierundzwanzig Stunden einen Widerruf zu drucken oder ein Verbot des Blattes zu riskieren, weil sich herausgestellt habe, dass die Anschuldigungen, die durch die London Commercial Post und diverse andere Blätter nach anonymen Schreiben erhoben wurden, haltlos seien. Ihr war klar, dass man mit dem König oder einem seiner Minister über eine solche Weisung nicht diskutierte – ganz abgesehen davon, dass bei einer Diskussion herauskommen würde, dass es einen Henry Howard-Boleyn gar nicht gab und dass die LCP von der East India Trading Company finanziert wurde.

Missmutig machte sie sich an einen Widerruf. Er lautete:

 

Auf Weisung des Königs gibt die London Commercial Post bekannt:

Die in unserem Artikel der Ausgabe vom 30. April 1764 gegen den Gouverneur von Jamaica, den ehrenwerten Weatherby Swann, und Sir William Turner, seines Zeichens Captain des Freibeuterschiffes Aztec, erhobenen Vorwürfe bezüglich Gefangenenbefreiung und Vetternwirtschaft sind uns anonym zugetragen worden und nicht letztgültig zu beweisen. Die nämlichen Vorwürfe werden daher widerrufen.

Henry Howard-Boleyn, Chefredakteur

 

Gleichzeitig überlegte Elaine sich, wie sie Will Turner und Weatherby Swann weiterhin unmöglich machen konnte.

Ich brauche handfeste Beweise, die auch vor Gericht Bestand haben. Unser Archiv kann ich dafür nicht nutzen, sonst wird dem Dümmsten klar, dass die Company nicht so tot ist, wie die Öffentlichkeit glaubt. Die Company muss leben, sonst stirbt das Geschäft …‘, dachte sie. Ihr Blick fiel auf den Zeitungsausschnitt mit Will Turners Stellenanzeige, während sie grübelnd an ihrem Sekretär im Arbeitszimmer saß. Diese Stellenanzeige konnte vielleicht hilfreich sein. Wer Leute so dringend suchte, hatte mehr zu tun als er gegenwärtig leisten konnte. Wer nicht genug leisten konnte, verlor Kunden … Eigentlich musste sie nur dafür sorgen, dass Turner seine Aufträge nicht richtig erfüllen konnte – das würde ihn schlimmer treffen als eine Schmutzkampagne, die am König scheiterte.

„Wo finde ich einen schlechten Waffenschmied, den ich Turner unterjubeln kann?“, sinnierte sie halblaut.

„Was hast du gesagt, Liebling?“, fragte Edward aus dem Salon. Sie stand auf und trat in die Tür.

„Es geht um Turner. Er sucht Waffenschmiede. Ich will dafür sorgen, dass er seine Arbeit nicht ordentlich machen kann. Dann verliert er Kunden, die wir an uns binden könnten.“

„Seit wann verfügen wir über eine eigene Waffenschmiede, Liebste?“, erkundigte sich ihr Mann. „Selbst unsere Schiffsführer kaufen ihre Waffen und Geräte bei Turner.“

„Dann sollten wir das umgehend ändern, Edward.“

„Turner ist konkurrenzlos gut. Was glaubst du wohl, weshalb alle Welt sogar Umwege über Port Royal macht, um sich mit Waffen einzudecken?“

Elaine schüttelte den Kopf.

„Edward, ich liebe dich, aber du bist kein Kaufmann; jedenfalls hast du nicht den kaufmännischen Biss, den Vater hatte!“, versetzte sie. Edward ließ die London Gazette sinken und sah seine Frau an.

„Ich habe nicht die ungeheure Rücksichtslosigkeit, die dein Vater an den Tag gelegt hat“, entgegnete er. „Nur deshalb hat der König mich als neuen Geschäftsführer akzeptiert, nur deshalb gibt es die Company noch.“

Elaine lächelte eisig.

„Vaters Prinzip war stets: Es geht nur ums Geschäft. Wir sind nun einmal in der puritanischen Tradition erzogen, dass Gott dem, den er bevorzugt, auch entsprechenden Reichtum gibt. Da kann man sich keine Gefühlsduselei erlauben, Edward!“

„Elaine, ich möchte keinen Ehekrach. Aber wenn du so weitermachst, gefährdest du den Rest dessen, den wir behalten konnten. Du bist mit der Kampagne gegen Turner und Swann gegen die Wand gerannt, weil der König beide schützt. Lass es bleiben!“, warnte er.

„Und Turner kontrolliert den Waffenhandel in der Karibik allein? Edward, so eine Chance kommt nicht wieder!“

„Elaine, unsere einzigen Schmiede sind die in der Werft! Die können Klampen, Ösen und Beschläge machen, aber keine Waffen! Mit denen kriegen wir eine eigene Waffenschmiede nicht aufgebaut!“

Sie grinste bösartig.

„Nein, aber den Konkurrenten plattgemacht. Wenn es mir gelingt, einen davon in Turners Schmiede einzuschleusen, können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Turner wird behindert und wir kriegen seine Geschäftsgeheimnisse heraus. Du bringst mich da gerade auf eine grandiose Idee, Edward!“

 

Zwei Tage darauf staunten die Arbeiter der hauseigenen Werft der Company in Dover nicht schlecht über weiblichen Besuch. Drei Männer, die der ungewohnten Erscheinung anzüglich nachpfiffen, machten augenblicklich Bekanntschaft mit den Knüppeln der Elaine Jones begleitenden Leibwächter. Elaine drehte sich um und machte eine herrische Kopfbewegung.

„Stellt den Kerl auf die Beine!“, befahl sie. Die Wächter packten den jüngsten der drei Männer und zerrten ihn grob in die Senkrechte. Elaine sah ihn von oben bis unten an.

„Wie heißt du?“, fragte sie.

„Johnny“

„Und wie weiter?“

Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Rosen, Lady.“

„Was arbeitest du?“

„Ich bin … Schmied.

„Schmied … schau an. Nehmt den Kerl mit ins Büro“, wies sie die Leibwächter an, die Johnny grob packten und ihn in das Büro des Werftchefs zerrten.

„Lady Elaine! Ich bin entzückt über Euren Besuch!“, flötete Heath Morrison, der seinen Schrecken über den unerwarteten Besuch des Drachens, wie Elaine unter den Mitarbeitern für gewöhnlich genannt wurde, gerade noch tarnen konnte. Wenn sie auftauchte, bedeutete das meist Ärger …

„Ich bin weniger entzückt, Mr. Morrison. Weder über den Fortschritt beim Bau der neuen Endeavour noch darüber, dass Eure Arbeiter mir nachpfeifen!“, grollte sie. Morrison wurde bleich.

„Meine Männer tun, was sie können, aber …“

„Eure Ausreden interessieren mich nicht, Morrison!“, fauchte sie. „Das Schiff ist in einem Monat fertig oder Ihr könnt Euch eine andere Arbeit suchen – und ich werde dafür sorgen, dass britische Werften Euch nicht einstellen! Vielleicht könnt Ihr beim Bergbau von Nutzen sein – als Hauer unter Tage!“

„Ja, Mylady“, keuchte Morrison unterwürfig. Elaine wies mit dem Daumen auf den mitgeschleppten Arbeiter.

„Er ist einer von den Pfeifenheinis. Was macht er hier?“

„Er ist einer meiner … äh, unserer Schmiede, Mylady.“

„Und ein Flegel. Ich verlange, dass er bestraft wird.“

„Sehr wohl, Mylady. Wie soll ich ihn bestrafen?“

Elaine drehte sich um und ließ ihren Blick von oben bis unten über den abgerissenen Arbeiter gleiten.

„Er soll die Peitsche zu spüren bekommen. Vielleicht lernt er dann, dass man sich Damen gegenüber zu benehmen hat.“

„Selbstverständlich.“

Morrison nickte den Leibwächtern seiner Chefin zu, die den Schmied härter packten, nach draußen zerrten, an eine Leiter fesselten und ihm das ohnehin löchrige Hemd am Rücken aufrissen. Einer der Wächter verschwand kurz, kehrte mit einer neunschwänzigen Katze* zurück und strich das furchtbare Strafinstrument bedächtig glatt.

„Wie viele Hiebe soll er bekommen, Mylady?“, fragte er mit einem boshaften Grinsen.

„Gib ihm erst einmal fünf, Jimmy. Ich entscheide dann, ob das genug ist“, erklärte Elaine kalt. Der Wächter lachte böse und drosch auf den bloßen Rücken des jungen Schmieds ein, als wollte er ihn erschlagen. Tatsächlich riss er mit jedem Hieb ein paar Fetzen Fleisch von dessen Rücken. Der Bestrafte schrie auf, mit jedem Hieb lauter. Nach dem fünften Schlag wurde er bewusstlos. Leibwächter Jimmy sah Elaine fragend an.

„Lasst es gut sein, Master Legs. Der wird sich künftig zu benehmen wissen. Macht ihn los“, entschied sie.

„Weckt den Mistkäfer wieder auf!“, befahl sie dann. Mit einigen Eimern kaltem Wasser wurde Johnny rüde geweckt.

„Gnade!“, flüsterte er flehend. Elaine nahm ihn am Haarschopf und zog seinen Kopf hoch.

„Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst!“, grunzte sie. „Wenn du das nicht noch einmal erleben willst, meldest du dich morgen bei Mr. Morrison, hast du verstanden?“

„Ja …, Mylady.“

„Ich erwarte noch eine Entschuldigung von dir!“

„Ich … bitte … um … Verzeihung, Mylady“, flüsterte Johnny.

„Gewährt, Master Johnny. Aber wenn du so etwas je wieder tust, wird Jimmy Legs dich erschlagen. Hast du verstanden?“

„Ja, Mylady.“

„Na schön, flickt ihn provisorisch wieder zusammen!“, wies Elaine ein paar weitere Leibwächter an.

„Mylady, wir haben hier einen Arzt …“, setzte Morrison an.

„Er wird nicht ärztlich behandelt, Morrison! Solltet Ihr das gegen meine Weisung veranlassen, bekommt Ihr das gleiche ab, verstanden?“, befahl Elaine barsch.

„Jawohl, Mylady!“, bestätigte der Werftchef mit nur schlecht verhohlenem Entsetzen.

„Los, kommt mit, ich habe mit Euch wegen dieses Schmieds noch zu reden!“

Wieder im Büro, setzte Elaine sich an den Schreibtisch.

„Ich will, dass er entlassen wird“, sagte sie.

„Sehr wohl, Mylady. Aber …“

„Was aber? Habt Ihr mich nicht verstanden, Morrison?“

„Doch, selbstverständlich, Mylady. Habt Ihr noch weitere Anweisungen für mich?“

„Ja. Ich bin ja kein Unmensch. Johnny soll nicht ohne neuen Job sein. Hier, gebt ihm das“, sagte sie und reichte dem Werftchef eine ausgeschnittene Stellenanzeige aus dem Public Advertiser. „Ein William Turner auf Jamaica sucht nach Schmieden. Oh, und schreibt ihm ein gutes Zeugnis und erwähnt, dass er in der Waffenschmiedekunst ausgebildet wurde. Schreibt im Bestätigungsschreiben, dass wir uns im gegenseitigen Einvernehmen trennen, weil er gekündigt hat. Er bekommt eine Abfindung von fünf Guineas. Zum Ausgleich dafür, dass im Zeugnis und im Bestätigungsschreiben nichts von seinen Verfehlungen und von dem Rauswurf steht und er eine Abfindung erhält, soll er uns über seine neue Stelle berichten – natürlich auch über die entsprechenden Verfahren. Sollte er das nicht tun, wird sein neuer Arbeitgeber über ihn weitergehend informiert. Alles klar?“

Morrison wiederholte die Anweisungen und versprach, alles so auszurichten. Als Elaine Jones gegangen war, tat er das Verlangte, schrieb aber gleichzeitig seine eigene Kündigung, wenngleich er sie einstweilen ohne Datum in seinem Schreibtisch verschloss.

 

Als Johnny am folgenden Tag mehr auf allen vieren als aufrecht vor seinem Chef stand, zitterten ihm immer noch die Knie.

„Du hast für deine unnötigen Pfiffe gestern einiges einstecken müssen, Johnny. Gegen den Drachen bin ich machtlos, das weißt du so gut wie ich.“

„Ja, Sir“, flüsterte der junge Mann schüchtern.

„Ich muss dich entlassen, weil sie es so will; aber ich lasse dich nicht völlig im Stich. Hier hast du eine Stellenanzeige von Sir William Turner, der auf Jamaica eine bekannte Waffenschmiede betreibt. Ich habe das Bestätigungsschreiben so formuliert, dass du nicht rausgeschmissen wirst, sondern von dir aus gekündigt hast; ich habe erwähnt, dass du als Waffenschmied ausgebildet bist. Das stimmt zwar nicht, aber du bist gelehrig, das weiß ich. Du wirst schnell lernen und dich gut zurechtfinden. Und obendrein bekommst du eine Abfindung von fünf Pfund – das ist mehr, als du in den nächsten fünf Jahren verdient hättest. Aber für diese Wohltat stelle ich eine Bedingung:“

„Welche, Sir?“

„Du wirst mir regelmäßig einmal im Monat mitteilen, wie es dir geht und was du genau tust – neue Schmiedetechniken inbegriffen. Tust du das nicht, werde ich Sir William darüber unterrichten, was für ein Tunichtgut du wirklich bist. Ist das klar?“

„Ja, Sir. Danke, Sir.“

„Sehr gut, mein Junge. Und damit auch alles klappt, habe ich dir schon eine Schiffspassage auf der Bombay besorgt, die morgen nach Port Royal ausläuft. Pack deinen Kram und verschwinde nach Jamaica, bevor der Drachen mich noch dazu zwingt, dich bei der Polizei anzuzeigen!“, erklärte Morrison, händigte Johnny seine Kündigung, sein Zeugnis und die Bestätigung der Schiffspassage aus. Der junge Mann nahm die Papiere mit schüchterner Verbeugung an und verließ dann eilig die Werft der East India Trading Company.

 

Am Tag darauf stand er im Morgengrauen mit einem gepackten Seesack am Kai, an dem die Bombay gerade noch beladen wurde. 

„Ahoi! Bin ich hier richtig nach Jamaica?“, fragte er einen der Männer, die lebendige Tiere an Bord brachten, die unterwegs sowohl für frische Milch als auch für Frischfleisch sorgen sollten.

„Aye!“, seufzte der Mann und sah sich um. „Wie ’n Schiffsjunge siehst du nich’ aus …“, brummte er dann.

„Wie belieben, Sir?“

„Zeig’ mal deinen Fahrschein!“

Johnny grub das schmale Dokument, das ihm Werftchef Morrison gegeben hatte, aus einem Seitenfach des Seesacks aus und präsentierte es dem Seemann. Der sah drauf und schüttelte den Kopf.

„Captain, Sir!“ rief er dann. Oben an der Reling erschien ein rotgesichtiger Mann mit Dreispitz.

„Was ist los, Decksmann?“

„Das is’ unser neuer Moses …“, brummelte der Decksmann und wies mit dem Daumen auf Johnny.

„Raufschicken!“, wies der Captain Molesworth seinen Untergebenen an, der Johnny zunickte. Der junge Mann stieg die Gangway nach oben.

„Guten Tag, Sir. Die Company hat mir eine Passage nach Port Royal/Jamaica vermittelt.“

„Bei diesem Laden bekommt man nie, was man braucht …“, grunzte der Captain. „Ich hatte um einen neuen Schiffsjungen nachgesucht – und was kriege ich? Einen Passagier, der sich seine Passage verdienen soll … Na schön, bringt Euren Seesack unter Deck. Der Bootsmann zeigt Euch die Hängematte.“

„Captain, was kostet die Passage normalerweise?“, fragte Johnny, der keine Neigung verspürte, weiterhin für die Company zu arbeiten, die ihn für eine Nichtigkeit entlassen hatte.

„Eine volle Guinea! Das könnt Ihr Euch vermutlich nicht leisten, junger Mann.“

Johnny kramte in seiner Hosentasche und zählte Captain Molesworth einundzwanzig Shilling bar auf die Hand.

„Damit habe ich die Passage bezahlt, Captain. Bitte bestätigt mir das auf diesem Dokument.“

Molesworth grunzte, aber er bestätigte die Bezahlung der Passage auf dem Fahrschein.

„Wenn Ihr ein Problem mit Metallbeschlägen habt, kann ich Euch gern helfen, sofern ich Feuer machen kann. Einen Strick oder ein Segeltuch werde ich nicht anfassen“, stellte Johnny klar.

„Aye!“, seufzte Molesworth. „Im Normalfall. Im Notfall muss jeder, der an Bord ist, bei der Sicherung des Schiffes helfen.“

„Aye, Sir – im Notfall …“, grinste Johnny und trug sein Gepäck unter Deck. Der Bootsmann zeigte dem zahlenden Fahrgast eine bequeme Hängematte im vorderen Bereich des Mannschaftsdecks.

 

 

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Kapitel 8

Sturm zieht auf

 

Die Bombay legte ab und verließ mit der Flut den Hafen von Dover. In nur geringem Abstand folgte dem Company-Schiff die HMS Dauntless. Die Bombay war als schnelles Handelsschiff konzipiert und hatte durch einen längeren und schmaleren Rumpf eine höhere Geschwindigkeit als der mächtige Dreidecker* der Royal Navy. Admiral Norrington hatte es zwar eilig, zu Frau und Kind heimzukommen, nachdem man ihn innerhalb kurzer Zeit erneut nach London gerufen hatte, aber deshalb hätte er sich noch lange nicht eine aussichtslose Wettfahrt mit einem Handelsschiff geliefert. Stetiger achterlicher Wind trieb die beiden Segelschiffe vorwärts, wobei die Bombay die HMS Dauntless langsam immer weiter hinter sich ließ. James Norrington sah nach den Angaben, die sein wachhabender Offizier in das Logbuch eingetragen hatte. Wenn die Geschwindigkeit so gehalten werden konnte, war damit zu rechnen, dass die HMS Dauntless in einem guten Monat Jamaica erreicht hatte.

 

Drei Tage später schlug das Wetter um. Schleierwolken aus Südwesten kündigten den Wetterwechsel an.

„Ein Sturm zieht auf, Sir“, meldete der Erste Maat dem Captain des Company-Schiffes.

„Haltet den Kurs. Von uns wird Pünktlichkeit erwartet!“, versetzte Molesworth.

„Aber … Sir … es bringt Unglück, direkt in einen Sturm zu fahren!“, entfuhr es dem erschrockenen Maat.

„Unsinn!“, knurrte der Captain. „Es kommt darauf an, dass die Crew richtig reagiert. Ihr wisst doch, was passiert, wenn wir nicht pünktlich in Port Royal sind!“

Der Erste Maat nickte. Die East India Trading Company interessierte es nicht, welche Hindernisse auf einem Handelsweg waren. Sie erwartete, dass ihre Schiffsführer den knappen Fahrplan strikt einhielten, egal, was das kostete – vor allem an Menschenleben … Für die Company zählte nur, dass die Säcke, Kisten und Tonnen der Ladung samt deren Inhalt zum festgelegten Zeitpunkt am Bestimmungsort ankamen.

„Aye, Sir!“, bestätigte der Erste Maat und wies den Rudergänger an, auf Kurs zu bleiben.

 

Zwölf Seemeilen hinter dem Handelsschiff sah auch der Ausguck der HMS Dauntless die Wetterzeichen und meldete sie nach unten auf Deck. Lieutenant Jasper, frisch von der Marineschule wie ein nicht unerheblicher weiterer Anteil der Besatzung, eilte auf das Achterdeck zu Admiral Norrington.

„Sir, ich melde: Ein Sturm zieht auf. Eure Befehle, Sir?“

„Berechnet einen Ausweichkurs, der es uns ermöglicht, dem Sturm zu entgehen, Mr. Jasper!“, wies James den jungen Lieutenant an.

„Aber … Sir … wenn wir ein Piratenschiff verfolgten, dann …“

„Mr. Jasper, ich teile Eure Meinung, dass die East India Trading Company zuweilen gesetzwidriger arbeitet als gewisse Piraten, aber wir verfolgen kein Piratenschiff. Wir fahren nach Hause – und da möchte ich heil ankommen. Besser später als gar nicht. Habt Ihr verstanden?“

„Aye, Sir!“

„Nun, dann zeigt mir, was Ihr auf der Akademie gelernt habt, Mr. Jasper und berechnet einen gescheiten Ausweichkurs.“

„Aye, Sir!“, bestätigte der junge Mann und eilte unter Deck, um den befohlenen Kurs zu ermitteln. Als er fort war, erlaubte Norrington sich ein sanftes Grinsen. Es war einige Zeit her, seit er die Black Pearl von Captain Jack Sparrow mit einem Eifer gejagt hatte, der beinahe ihn selbst und seine Crew das Leben gekostet hatte. Nachdem Jack mithilfe von Elizabeth und Will Turner der Hinrichtung entkommen war, hatte die HMS Dauntless unter James’ Kommando kurz vor Tripolis in der Cyrenaika an der nordafrikanischen Küste die Black Pearl gestellt. Doch schier aus heiterem Himmel war ein Hurrikan aufgezogen und hatte Norrington zum Rückzug gezwungen. Anfangs hatte er sich dafür Vorwürfe gemacht, aber nachdem er bei seiner Rückkehr nach Port Royal erfahren hatte, dass Governor Swann Sparrow zwischenzeitlich begnadigt hatte, betrachtete James diesen Hurrikan und seinen Rückzug als Zeichen des Himmels. In der Nacht darauf hatte er geträumt, dass er Sparrow auch in den Hurrikan gefolgt war – und dabei Schiff und Crew verloren hatte. Nur er allein hatte sich retten können, war von einem zufällig vorbeikommenden anderen Schiff der Royal Navy aufgenommen und nach Gibraltar gebracht worden. Der dortige Festungskommandant hatte ihn vor die Wahl gestellt, seinen Abschied zu nehmen oder vor dem Kriegsgericht zu landen. In seinem Traum hatte James den Dienst quittiert und hatte danach den Boden unter den Füßen verloren, war zum Säufer geworden, der sich schließlich sogar Jack Sparrow angeschlossen hatte, wenngleich mit der Absicht, sich an ihm zu rächen …

Der Admiral war kein abergläubischer Mensch, aber er war sicher, dass es ihm kein Glück gebracht hätte, hätte er nicht auf den kleinen Mann im Ohr gehört, der ihm den Rückzug nahegelegt hatte. Nein, er hätte auch kein Piratenschiff in einen Sturm verfolgt – jedenfalls nicht in einen ausgewachsenen Hurrikan …

 

Wenig später bat Lieutenant Jasper ihn, den geplanten Kurs am Kartentisch zu genehmigen. James ging mit ihm in die Kapitänskajüte und ließ sich den Kurs zeigen. Jasper hatte einen Kurs weiter westlich vorgeschlagen, da dieser Kurs vermutlich auf die Rückseite des von West nach Ost ziehenden Sturmes führen würde. Dazu musste die HMS Dauntless aber zunächst nach Norden ausweichen, um den Sturm umfahren zu können.

„Ja, ist in Ordnung, Mr. Jasper. Ihr übernehmt für das Ausweichmanöver das Kommando!“

„Aye, Sir!“, strahlte Jasper.

 

Die Wolken über der Bombay wurden grauer und dunkler, der Wind schräg von vorn wurde immer stärker und zwang das Handelsschiff zum kreuzen*. Die Wellen wurden höher und höher. Nicht nur der seeungewohnte Johnny hing an der Leeseite* und fütterte die Fische, auch diverse Crewmitglieder gaben dem Drang ihrer Innereien nach, sich in der falschen Richtung zu entleeren. Ein schrecklicher Sturm peitschte die Biskaya, die die Bombay durchquerte.

„Refft die Segel!“, befahl Captain Molesworth brüllend. Mit einiger Mühe gehorchte die Crew. Der Bootsmann setzte den kreidebleichen bis seetanggrünen Johnny an den Brassen* des Großsegels ein, während etwa die Hälfte der Crew dem Sturm zum Trotz in die Rahen* ging, um die Segel zu verkürzen und damit aus dem Wind zu nehmen. Der junge Mann bewies trotz seines Unwohlseins gehörige Kraft.

 

Während die HMS Dauntless dem Sturm auswich und die Crew der Bombay mit dem Sturm in der Biskaya kämpfte, waren Will Turner und sein Schwiegervater mit der Aztec ebenfalls auf dem Weg nach Jamaica, das sie sechs Wochen nach dem Auslaufen erreichten. Meister Brown kam ihm in der Coal Lane, wo sich die Schmiede befand, schon mit einem ganzen Packen Briefe unter dem Arm entgegen.

„Was ist das denn, John?“, fragte Will.

„Aufträge, Will, Aufträge. Und zwar in Massen!“

„Ach, du ahnst es nicht!“, entfuhr es Will. John Brown hielt wenigstens hundert Schreiben mehr oder weniger bedeutender Leute in den Händen, die nach Klingen aus dem Hause Turner verlangten. Noch im Weitergehen las Will die Bestellungen quer.

„Das ist ja Arbeit bis weit ins nächste Jahr …“, brummte er, während er die Briefe knapp anlas. In der Schmiede empfingen ihn die drei angestellten Schmiedegesellen und der Lehrling. Alle vier wirkten total erschöpft.

„Sir, wir können nicht mehr!“, protestierte der Altgeselle Sean, der außer John Brown am längsten für Will arbeitete. „Wir arbeiten vertragsgemäß zehn Stunden am Tag, Sir. Wir haben schon den ganzen Samstag und auch den halben Sonntag mit dazu genommen, aber es ist einfach zu viel, Sir!“

Die anderen drei stimmten in Seans Protest ein, aber Will hob die Hände.

„Ruhig, Männer! Ganz ruhig. Setzt euch!“, sagte er. Widerstrebend setzten die Schmiede sich.

„John, wie viele Samstage und Sonntage habt ihr gearbeitet?“, fragte Will.

„Seit du weg bist, jeden. Wir kommen einfach nicht nach. Es ist zu viel, Will.“

„Gut. Ich notiere erst einmal, dass ihr alle fünf die letzten zwölf Samstage und Sonntage gearbeitet habt, richtig?“

„Ja, Sir!“, bestätigte die Belegschaft im Chor.

„Gut. Das hat ein Ende. Ihr arbeitet jetzt noch von Montag bis Freitag – und zwar allenfalls acht Stunden, Jungs. Für den gleichen Lohn. Für die Samstage und Sonntage, die ihr gearbeitet habt, gebe ich jedem von euch pro Tag eine Sonderzahlung von einem Shilling. Weitere Überstunden werden nicht mehr gemacht. Ich beute euch nicht aus“, erklärte Will.

„Und … und wie sollen wir dann all die Aufträge schaffen, Sir?“, fragte Sean verblüfft.

„Es ist nicht zu schaffen, Sean, nicht mit sechs Mann. Ich suche seit Monaten nach Waffenschmieden, habe Stellenanzeigen in sämtlichen britischen Zeitungen, es meldet sich keiner. Dann muss ich eben Aufträge ablehnen; es hilft nichts. Ich werde meine Leute nicht überstrapazieren. Ihr alle habt auch ein Recht auf Ruhe, ich bin doch nicht Davy Jones!“

„Und … was … willst du den Kunden sagen, Will?“, fragte Brown verblüfft.

„Die Wahrheit, John. Dass ich mit nur sechs Leuten, mich selber eingeschlossen, das alles nicht schaffen kann und trotz intensiver Versuche keine weiteren Mitarbeiter gefunden habe. Im schlimmsten Fall verlieren wir Kunden, aber die würden wir auch verlieren, wenn wir trotz sechseinhalb Tagen Arbeit die Klingen nicht in der gewünschten Zeit liefern können. Im besten Fall helfen uns gutwillige Kunden weiter und vermitteln Waffenschmiede aus anderen Betrieben. Wir verlieren nichts dabei – ihr verliert nichts dabei. Versprochen!“

„Aber wir könnten so viel verkaufen, Sir …“ warf Sean ein.

„Ich weiß dein Engagement zu würdigen, Sean. Ihr alle seid fleißig, dafür danke ich euch. Ich denke, ich bezahle auch gut dafür. Aber es macht keinen Sinn, wenn ihr euch zugrunde schuftet. Ich werde das nicht von euch verlangen, nur damit ich in etwas mehr Geld schwimme. Nein, wir werden es riskieren, Kunden zu verlieren.“  

 

In der Biskaya tobte ein Sturm, wie Captain Molesworth ihn noch nicht erlebt hatte. Selbst die knappen Sturmsegel konnten der Wut der Natur nicht standhalten und rissen eines nach dem anderen, während um den Großmast Elmsfeuer* wie grüne Teufel tanzten.

„Allmächtiger!“, entfuhr es dem Decksmann. „Da oben ist der Klabautermann!“, keuchte er und wies hinauf in die Takelage, wo die grünen Elmsfeuer bei entsprechender Fantasie wie die Gestalt eines tentakelbärtigen Gesichtes unter einem Dreispitz aussahen, dessen vordere Ecke wie Teufelshörner ausgeformt war.

„Nein, das ist Davy Jones persönlich!“, japste der Zahlmeister der Bombay. „Wir werden untergehen!“

Eine schreckliche Kreuzsee* baute sich an Steuerbord* der Bombay auf. Sie brach fast genau über dem Deck und spülte alles fort, was nicht festgemacht war oder sich nicht richtig festhielt – wie Johnny. Die Welle spülte ihn gnadenlos über Bord und warf ihn in die im Sturm kochende See. Panisch strampelte er gen Oberfläche und bekam etwas zu fassen, was ihn wieder nach oben zog. Erst an der Oberfläche realisierte er, dass er so etwas wie einen Baumstamm umarmte. Der Sturm hatte auch einen Reservemast weggerissen, der ihm nun als mögliches Rettungsboot dienen konnte. Seine verzweifelten Schreie gingen im Toben des Sturms unter. Die Bombay wurde fortgetrieben, Johnny blieb in diversen Trümmern, die über Bord gegangen waren, alleine mit seiner Angst zurück. Schreckliche Dinge hatte er gehört, die Schiffbrüchigen drohen konnten. Von Haien, die Menschen bei lebendigem Leibe fraßen, bis zum wortwörtlichen Auftauchen der berüchtigten Flying Dutchman unter Captain Davy Jones gab es eine Menge Seemannsgarn, das ihm während der Fahrt von den Matrosen an Bord der Bombay erzählt worden war.

Als ein zartes grünes Leuchten über den Kämmen der nach wie vor hohen Wellen erschien, wurde Johnny richtig schlecht. Hätte er nicht bereits einen komplett leeren Magen gehabt, er hätte ihn prompt in der falschen Richtung ausgeleert.

 

Admiral Norrington schüttelte nur noch den Kopf. Der Kurs, den Lieutenant Jasper berechnet hatte, hatte die HMS Dauntless nur haarscharf am Kern des Sturmes vorbeigeführt. Auch die Fregatte* der Royal Navy kämpfte mit den Wellen, aber die erfahrene Stammcrew, geführt von einem Admiral, dem das Leben seiner Männer etwas wert war, behielt eine bessere Kontrolle über das Schiff und konnte dem Sturm trotzen.

„Trümmerfeld an Backbord voraus!“, brüllte der Ausguck aus dem Vormars*. Norrington griff nach seinem Fernrohr und peilte in die angegebene Richtung. Ein Trümmerfeld bedeutete, dass ein anderes Schiff mindestens etwas verloren hatte, meist mehr als nur ein paar unwichtige Kisten … Es konnten auch gut Reste einer Havarie* sein.

„Segel aus dem Wind!“, befahl er. „Steuer nach Backbord!“

Ein vielstimmiges

„Aye!“, bestätigte den Befehl des Admirals, der auch prompt ausgeführt wurde. Die Fregatte drehte langsam nach Backbord und erreichte rasch das Trümmerfeld.

„Mann über Bord!“, schrie der Ausguck, als er an einem Mast eine Person in der See treiben sah.

„Beiboot zu Wasser lassen! Hievt ihn an Bord!“, befahl James. Seine Männer reagierten rasch.

Wenig später hatten die Matrosen der HMS Dauntless einen schon nicht mehr ansprechbaren Schiffbrüchigen geborgen. Der Mann war völlig erschöpft, unterkühlt und abgerissen, aber er lebte. James fühlte sich an den Tag erinnert, an dem Elizabeth Swann ihren späteren Ehemann William Turner auf einem geborstenen Decksteil treibend gefunden hatte. Auch bei Will war es ziemlich knapp gewesen.

„Lieutenant Jasper: Kümmert Euch um diesen Mann! Gebt mir Bescheid, sofern er wieder mitkriegt, was um ihn herum geschieht“, befahl Norrington.

„Aye, Sir!“, bestätigte der junge Lieutenant. Er nickte einigen Matrosen zu, die den Schiffbrüchigen unter Deck brachten. Die Navy-Soldaten suchten die immer noch aufgewühlte See nach weiteren Schiffbrüchigen ab, fanden aber nichts.

„Segel wieder in den Wind, gegen die Wellen kreuzen“, befahl der Admiral. Die HMS Dauntless drehte sich wieder gegen die Wellen und verließ das Trümmerfeld.

 

Eine halbe Stunde später beruhigte sich das Wetter. Mit einem stetigen Wind von schräg achtern wurde die HMS Dauntless zügig in Richtung Karibik getrieben.

 

 

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Kapitel 9

Verdächtiger Gast

 

Stunden später gab Jasper James Norrington Bescheid, dass der Schiffbrüchige nun wach sei. Der Admiral nickte, machte seine Kursberechnung fertig, gab dem Steuermann entsprechende Anweisungen und begab sich dann in die Kajüte, die Jasper für den Gast geräumt hatte.

„Willkommen im Leben, Sir“, begrüßte er den Schiffbrüchigen.

„Ich danke Euch, Sir“, erwiderte Johnny.

„Wer seid Ihr, woher kommt Ihr, wohin wollt Ihr – und was hat Euch ins Wasser getrieben?“, fragte James.

„Mein Name ist Johnny – einen Familiennamen habe ich nicht, das sage ich Euch gleich – ich komme aus England und will nach Jamaica, wo ich eine neue Stelle antreten will. Beim Sturm habe ich mich wohl nicht richtig festgehalten und wurde über Bord gespült. Ich danke dem Allmächtigen, dass Ihr rechtzeitig gekommen seid. Lange hätte ich wohl nicht mehr durchgehalten“, erklärte Johnny.

„Nach Jamaica wollen wir auch. Ich hoffe, Ihr wolltet nach Port Royal, das unser Bestimmungshafen ist, Sir.“

„Aye, Sir, das ist es.“

„Mit wem seid Ihr gereist?“

„Mit der Bombay der East India Trading Company. Sie laufen ebenfalls Port Royal an.“

„Was ist mit dem Schiff geschehen? Wir haben nur wenige Teile gefunden.“

„Es ist im Sturm verschwunden, Sir. Ich weiß nicht einmal, ob die Crew wirklich bemerkt hat, dass ich über Bord gegangen bin. Was mit dem Schiff dann geschehen ist, weiß ich nicht.“

„Wie kam es dazu, dass Ihr über Bord gingt?“

„Oh, ich war zum Segelbergen eingeteilt, aber ich bin kein Seemann, Sir, ich bin eine Landratte von Schmied. Dabei bin ich auf dem nassen Deck ausgerutscht und war schneller über Bord als ich bis drei zählen konnte.“

„Ich … verstehe Euch richtig, dass Ihr eigentlich Fahrgast wart und nicht Crewmitglied?“, hakte Norrington nach.

„Nein, Sir, ich war zahlender Fahrgast.“

„Jasper, notiert das, bitte“, sagte James.

„Aye, Sir!“, bestätigte Jasper, holte sich einen Notizblock und einen Bleistift und schrieb auf, was der Schiffbrüchige angab.

„Verzeihung, Sir, weshalb wollt Ihr das wissen?“

„Ihr seid als britischer Bürger auf See zu Schaden gekommen. Solche Unfälle werden von der Navy untersucht, sofern sie Kenntnis davon erhält, Sir. Es ist zu klären, ob der Schiffsführer dafür verantwortlich ist oder ob Ihr Euch den Unfall selbst zuzuschreiben habt“, erklärte James. „War das Schiff unterbesetzt?“, setzte er dann seine Fragen fort.

„Nun, als ich an Bord kam, erwartete man eigentlich einen neuen Schiffsjungen und war sehr enttäuscht, dass es nur ein zahlender Fahrgast war, der kam.“

„Jasper, notiert bitte, dass auf der Bombay ein Schiffsjunge fehlte und ein zahlender Fahrgast deshalb genötigt war, beim Segelbergen zu helfen.“

„Äh, Sir, das ist dem Captain der Bombay nicht anzukreiden. Er hat in meiner Gegenwart erwähnt, dass er um einen Schiffsjungen gebeten hatte“, warf Johnny ein.

„Vielleicht nicht dem Schiffsführer, aber seinem Auftraggeber, genauer, dem Schiffseigner“, versetzte James kühl. „Hat der Captain versucht, dem Sturm auszuweichen?“, fragte er dann weiter.

„Das kann ich Euch nicht sagen. Ich war unter Deck, dann spürte ich stärker werden Seegang und bin nach oben gegangen. Ob der Captain Befehle zur Richtungsänderung gegeben hat, weiß ich nicht. Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus.“

„Gut, dann könnt Ihr nichts weiter zur Aufklärung beitragen. Hoffen wir, dass die Bombay Port Royal erreicht. Ich danke für Eure Auskünfte, Sir.“

„Gern geschehen, Sir.“

„Oh, mir fällt da noch etwas ein …“, bemerkte Jasper. „Sir, wir waren gezwungen, Euch die durchnässten Sachen auszuziehen. Woher habt Ihr die frischen Spuren einer Auspeitschung?“

Norrington, der sich schon fast umgedreht hatte, blieb wie angewurzelt stehen. Hatte er hier etwa einen Deserteur aufgenommen? Er sah Johnny an, der erst bleich wurde und dann puterrot.

„Verzeihung, Sir, aber darüber möchte ich nicht sprechen“, entgegnete er mit einem dicken Kloß im Hals.

„Nein, Sir, das ist aufzuklären. Solche Strafen werden bei der britischen Royal Navy eingesetzt. Insofern ist es unsere Pflicht, auch dieses aufzuklären“, versetzte der Admiral. „Also: Woher stammen diese Spuren, die Lieutenant Jasper festgestellt hat?“

„Ich schwöre, Sir, ich bin kein Soldat der Royal Navy! Es hat mit der Navy nichts zu tun!“

„Zieht das Hemd aus!“, befahl Norrington. Widerstrebend schnürte Johnny das Hemd auf und zog es aus. James begutachtete die Striemen.

„Das sind fünf Hiebe gewesen, verpasst von jemandem, der mit großer Wucht zugeschlagen hat“, stellte er fest. „Mr. Jasper, die Wunden eitern, der Mann braucht ärztlichen Beistand.“

„Aye, Sir!“

„Die Wunden sind neu, kaum verschorft, keine sechs Tage alt. Wenn Ihr kein Seemann seid, nicht bei der Navy desertiert seid – wer hat Euch das hier beigebracht und aus welchem Grund?“

„Es betrifft Euch nicht, Sir. Es hat mit Euch nichts zu tun. Ich habe nicht die Absicht, den Schuldigen zu belangen.“

„Dann muss dieser Schuldige sehr mächtig sein, wenn Ihr sogar die Hilfe der Royal Navy in dieser Hinsicht ablehnt, Sir.“

„Das ist wahr, Sir“, bestätigte Johnny seufzend. Die Company war mächtig, sehr mächtig …

„Ihr seid Schmied, habt Ihr gesagt. Ich nehme an, Ihr wollt weiterhin als Schmied arbeiten?“, mutmaßte James.

„Ja …“, erwiderte der Schiffbrüchige zögernd.

„Wer ist Euer neuer Arbeitgeber? Sir William Turner?“

„J… ja … wie … wie kommt Ihr darauf?“

„Weil ich zufällig weiß, dass Sir William seit längerer Zeit weitere Gesellen für seine Waffenschmiede sucht. Ich gebe Euch den Rat, Euch Sir William anzuvertrauen, wenn Ihr der Navy nicht vertraut. Wenn es jemanden gibt, der für seine Leute sehr vieles bis fast alles tut, dann ist es Sir William. Aber es wäre mir nach wie vor lieber, wenn Ihr mir sagt, wer Euch das angetan hat.“

Johnny seufzte tief.

„Derjenige ist so mit den oberen Zehntausend verbandelt, gegen den richtet Ihr nichts aus, Sir. Im Gegenteil, man würde Euch wahrscheinlich befehlen, mir das Maul zu stopfen. Ich bin froh, dem entronnen zu sein, glaubt mir das. Ich will mit meiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben, bitte!“

„Manchmal holt sie einen schneller ein, als einem lieb ist, Sir. Denkt darüber nach. Wir haben noch einige Wochen Fahrt vor uns“, erwiderte Norrington. „Ihr seid von Diensten an Bord freigestellt. Unser Bordarzt wird sich um Eure Wunden kümmern.“

„Danke, Sir.“

 

Oben an Deck räusperte sich Jasper vernehmlich.

„Ja, Mr. Jasper?“

„Sir, Ihr traut Mr. Johnny nicht, oder?“, mutmaßte der junge Offizier. Norrington drehte sich um.

„Bei wem – würdet Ihr vermuten – hat dieser Schiffbrüchige bisher gearbeitet?“, fragte der Admiral ohne auf die Frage einzugehen.

„Äh, dazu hat er nichts gesagt, Sir“, erwiderte Jasper.

„Strengt Euer Gehirn ein bisschen an, Mr. Jasper. Wer könnte so mächtig sein, dass er sogar für die Royal Navy eine Gefahr darstellt?“

Jasper dachte eine Weile nach.

„Mir fiele da nur die Regierung ein, Sir – also der König selbst.“

„Und mir wäre nicht bekannt, dass der König einen Schmied beschäftigt, von dem nur der Vorname bekannt ist. Ganz abgesehen davon, dass unser König nicht dafür bekannt ist, sein Personal auspeitschen zu lassen“, versetzte Norrington. „Nein, Mr. Jasper, dieser Mann hat für eine der großen, privilegierten Handelsorganisationen gearbeitet, also British East India, Hudson Bay oder East India Trading. Was für ein Schiff fuhr vor uns aus dem Hafen?“

„Äh, eins der East India Trading Company, Sir.“

„Gut. Glaubt Ihr ernsthaft, dass ein normaler zahlender Passagier zu irgendwelchen Handlangerdiensten herangezogen wird, wenn er nicht in irgendeiner Form dem Eigner des Schiffes etwas schuldet?“, fragte Norrington weiter.

„Sir, ich weise höflich darauf hin, dass seit je her auch zahlende Passagiere in Notlagen dazu verpflichtet sind, nach ihren Fähigkeiten an Bord zu helfen“, wandte der Lieutenant ein.

„Und ein Schmied, von dem jedenfalls so nicht bekannt ist, dass er seemännische Erfahrung hat, der als Landratte reinsten Wassers gelten müsste, soll genötigt sein, beim Bergen von Segeln zu helfen?“, schnappte Norrington.

„Vielleicht hat er denen was anderes erzählt als uns, so dass der Captain davon ausging, dass er etwas davon verstünde?“, mutmaßte Jasper.

„Und welche zahlende Landratte von Fahrgast würde so etwas tun?“

„Sir, nicht jeder Schmied ist eine absolute Landratte. Denkt an Sir William, Sir.“

Einen Moment war James verblüfft, dann wurde ihm klar, dass Jasper aus Port Royal stammte und um die wundersame Geschichte von William Turner jr. wusste.

„Sir William ist eine absolute Ausnahme, Mr. Jasper. Der ist in dem Fall kein Maßstab“, schüttelte er den Kopf. „Aber Ihr bringt mich da auf etwas …“

James kehrte um und ging zurück in die Kajüte des Schiffbrüchigen.

„Eine Frage habe ich noch: Welche Seeerfahrung habt Ihr?“

„Wieso?“

„Ich frage mich, wie jemand, der augenscheinlich keine seemännische Erfahrung hat, zum Segelbergen eingesetzt wird?“

„Es war eine Notlage, Sir. Da wird wohl jede Hand an Bord gebraucht, vermute ich.“

„Das heißt: Man hat Euch nicht danach gefragt, ob Ihr mit Segeln umzugehen versteht?“

„Nein.“

„Was habt Ihr zu Eurem Beruf gesagt?“

„Ich habe dem Captain gesagt, dass ich ihm gern helfen kann, wenn er ein Problem mit Metallen hat und ich ein Feuer machen kann.“

„Ihr meint, er hätte sich denken können, dass Ihr Schmied seid und entsprechend kräftig sein müsst?“

„Das … würde ich vermuten, Sir.“

James sah den Mann eine Weile an.

„Habt Ihr für die East India Trading Company gearbeitet?“, fragte er dann direkt. Johnny schoss das Blut derart heftig ins Gesicht, dass für Norrington keine Zweifel daran blieben, ins Schwarze getroffen zu haben.

„Wie … wie kommt Ihr denn darauf?“, fragte der junge Mann mit einem hilflosen Lächeln.

„Weil es nicht viele Arbeitgeber gibt, von denen ihre Mitarbeiter meinen, dass sie selbst der Royal Navy gefährlich werden können. Ich kenne nur vier: Den König selbst und die drei großen Handelsgesellschaften, die durch ein ungeheures Maß an Privilegien auch an der Navy rütteln könnten. Den König schließe ich aus, die Hudson Bay ebenfalls, weil die mit ihren Angestellten passabel verfährt. Die British East India auch, weil die nur mit Indern und Chinesen so umgehen wie mit Euch umgegangen wurde. Aber die East India Trading Company ist nur am Geschäft interessiert – nicht an Menschen. Glaubt mir eins: Die East India Trading Company ist längst nicht mehr so mächtig wie sie einmal war. Sie ist nur knapp daran vorbeigeschlittert, aufgelöst zu werden. Wenn Ihr mit denen Ärger habt, dann sagt es mir – oder Sir William. Der König wird das erfahren, Sir.“

„Lasst … lasst mich darüber nachdenken, Sir, bitte.“

„Nun gut. Denkt nach. Ihr habt genügend Zeit dazu“, erwiderte James kühl und verließ die Kajüte.

 

Johnny ließ sich auf die Koje fallen, um seine zitternden Knie unter Kontrolle zu bringen. Meinte der Admiral das ernst oder wollte der ihn in eine Falle locken? Der junge Mann gestand sich ein, selten so viel Angst gehabt zu haben wie seit dem unglückseligen Tag, an dem er so dumm gewesen war, Lady Elaine nachzupfeifen … Seine vorsichtigen Erkundungen bei anderen Besatzungsmitgliedern der HMS Dauntless in der nächsten Zeit ergaben dazu nichts, also wagte er nicht, sich dem Admiral anzuvertrauen – und er fragte sich ernsthaft, ob er es wirklich riskieren konnte, bei einem Waffenschmied wegen einer Anstellung vorzusprechen, wenn er noch nie in seinem Berufsleben eine Klinge geschmiedet hatte … Zudem hatte er Befürchtungen, dass dieser Sir William ebenfalls mit der East India Trading Company zusammenarbeitete und seinem früheren Arbeitgeber brühwarm berichten würde, was Johnny gegen ihn – genauer: sie – vorzubringen hatte. Woher sollte Heath Morrison sonst diese Stellenanzeige hergezaubert haben? Nicht einmal gegenüber dem Bordarzt wagte er etwas zu sagen, weil er annahm, dass der Mediziner – ärztliche Schweigepflicht hin oder her – diese Information augenblicklich an den Admiral weitergeben würde.

 

Die Wochen der Überfahrt verstrichen, aber Johnny sagte nichts zu Admiral Norrington oder zu sonst jemandem an Bord, und James fragte ihn nicht mehr, weil er auf einen ersten Schritt des jungen Schmiedes wartete.

 

 

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Kapitel 10

Überraschungen

 

In Port Royal war so mancher Kunde von William Turner recht erstaunt, dass seit Wochen an der Tür der Schmiede ein Zettel hing, der darauf hinwies, dass wegen Personalmangels gegenwärtig keine neuen Aufträge angenommen werden könnten.

Sir Andrew Gebhardt, ein Kaffeeplantagenbesitzer aus den Blue Mountains, Mitglied des kolonialen Parlamentes von Jamaica und ausgesprochen reich, ließ sich dadurch nicht abwimmeln. Er ließ die abgeschlossene Tür der Schmiede durch einen seiner Diener aufbrechen. Sechs schwitzende Schmiede drehten sich ob der inzwischen ungewohnten Störung ihres Betriebsablaufes um. Will ließ seinen Hammer sinken, schob die gerade bearbeitete Klinge in die Esse zurück, wischte sich den Schweiß ab und kam zu der aufgebrochenen Tür.

„Ich nehme an, Ihr habt eine gute Erklärung dafür, weshalb Ihr diese Tür gewaltsam aufbrecht?“

„Vorsicht, Kunde droht mit Auftrag, Sir William!“, grinste Sir Andrew breit. „Seit Tagen versuchen meine Bediensteten, meine überaus eilige Bestellung bei Euch loszuwerden. Ich sehe mich genötigt, meinem Ersuchen Nachdruck zu verleihen!“

„In der Tat, das ist eine Drohung, Sir“, gab Will zurück. „Ihr seid es Lesens mächtig?“, fragte er dann.

„Selbstverständlich!“

„Dann sagt mir, was auf diesem Zettel steht, Sir!“, grollte Will, war mit zwei Schritten an der Tür und wies auf seinen Aushang.

„Eure Ausreden interessieren mich nicht! Ich will einen neuen Degen – und das umgehend!“

„Sir Andrew, nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich weder Euer Diener noch Euer Befehlsempfänger bin. Meine Männer und ich arbeiten wirklich hart, um die bereits vorliegenden Aufträge abzuarbeiten. Mehr kann ich gegenwärtig nicht annehmen! Glaubt Ihr, ich hänge aus Jux oder Faulheit diesen Hinweis aus?“

„Es wird Zeit, dass Euer Monopol hier gebrochen wird, Sir William!“

„Ich habe mich nicht danach gedrängt und habe niemanden aus dem Geschäft gejagt. Wenn Kunden zu mir gekommen sind, dann, weil sich herumgesprochen hat, dass meine Klingen etwas taugen, nicht, weil ich andere diskreditiert habe. Dass es keinen anderen Waffenschmied auf Jamaica gibt, der entsprechende Qualität liefert, dafür kann ich nichts. Von mir aus eröffnet eine Waffenschmiede. Ich suche seit einem halben Jahr nach weiteren Gesellen, Sir Andrew. Es kommen keine. Aber vielleicht findet Ihr welche. Im Moment habe ich noch für ungefähr sechs Monate Arbeit! Nur deshalb nehme ich keine Aufträge mehr an – gewiss nicht aus Faulheit! Die Tür ist dort hinten.“

„Ich werde Eure Unwilligkeit dem Gouverneur melden, Sir William! Guten Tag!“

Die lädierte Tür schlug gegen die Zarge, als Gebhardt sie zuknallte.

„Hat der was Falsches gegessen, Chef?“, fragte Sean verstört. Will schüttelte nur den Kopf, Altmeister John Brown grinste über das ganze Gesicht.

„Nee, der letzte Kaffee scheint mit schlechtem Rum gewürzt gewesen zu sein“, sagte er.

 

Gebhardt eilte in der Tat direkt zu Governor Swann und beschwerte sich über das unmögliche Geschäftsgebaren von Sir William Turner. Swann sah ihn mitleidig an.

„Sir Andrew, ich denke nicht, dass der Fleiß von Sir William und seinen Arbeitern auch nur ansatzweise in Zweifel zu ziehen ist“, entgegnete Weatherby auf die Vorwürfe, der Meister Waffenschmied und seine Leute seien wohl schlicht Faulpelze.

„So? Und wieso arbeiten die nur fünf Tage und statt zehn Stunden nur acht?“

„Weil die Männer über viele Wochen zwölf Stunden am Tag geschuftet haben, das an sechs Tagen und auch noch den halben Sonntag – und zwar freiwillig!“, versetzte Swann. „Im Übrigen betreibt Sir William sein Geschäft nicht als Leibeigener der Krone, sondern als freier Handwerksmeister. Es gibt niemanden, dem er in irgendeiner Form Rechenschaft schuldig ist, wann er und seine Leute für wie viel Geld arbeiten. Die einzige Form von Rechenschaft, die er abzugeben hat, sind seine Steuern. Und glaubt mir eines, Sir Andrew: Wenn es auf Jamaica einen Steuerzahler gibt, der nicht nur reichlich Steuern berappt, weil er entsprechende Einkünfte hat, sondern das auch noch ohne jedwedes Murren tut, dann ist es Sir William. Als Mitglied des Parlamentes solltet Ihr das eigentlich wissen! Die Krone erhält jedenfalls dadurch, dass er und seine Leute ihre Tätigkeit wieder auf ein normales Maß zurückschrauben, keinen Penny weniger an Steuern. Ich wüsste wirklich nicht, was ich als Vertreter der Krone Sir William vorzuwerfen hätte.“

„Dann werden Eure Bestellungen also weiter abgearbeitet?“

„Er arbeitet alle Bestellungen ab, die bis vor fünf Wochen abgegeben wurden. Er nimmt gegenwärtig keine neuen Aufträge an, das ist alles.“

„Der König wird davon erfahren!“, schnaubte Gebhardt.

„Und was erwartet Ihr vom König, Sir Andrew? Nehmt endlich zur Kenntnis, dass Sir William bezüglich seiner Handwerkstätigkeit niemandem untertan ist!“

 

Grußlos und wutschnaubend verließ Sir Andrew Gebhardt die Gouverneursvilla und rannte direkt zum Kontor der East India Trading Company.

„Ich brauche – sofort und auf der Stelle – einen repräsentativen Degen!“, fauchte er. Gordon Kendall, der nach wie vor amtierende Bevollmächtigte der Company auf Jamaica war, sah von seinem Schreibtisch auf.

„Guten Tag, Sir Andrew“, grüßte er, auch um den Besucher auf die Mindestform der üblichen Höflichkeit aufmerksam zu machen und stand auf. „Mit Eurem Wunsch, einen Degen zu erwerben, seid Ihr hier an der falschen Adresse. Der Waffenschmied ist Sir William Turner, Sir.“

„Der ist angeblich so beschäftigt, dass er mir keinen machen will!“, grollte Gebhardt. „Die Company handelt doch sonst mit allem, was ihr unter die Finger gerät!“

„Richtig, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir keinen Kontrakt mit einem Waffenschmied. Euch ist vermutlich bekannt, dass Sir William mit der East India Trading Company aus sehr grundsätzlichen Erwägungen keine Geschäfte macht. Und alle anderen Waffenschmieden bieten nicht die Qualität, die Sir William liefert. Das ärgert mich genauso wie Euch, aber …“

„Der Mann muss doch einen wunden Punkt haben!“, knurrte Gebhardt.

„Sir Andrew, glaubt mir eines: Wenn es eine Handelsgesellschaft gibt, die jede irgendwie erdenkliche Möglichkeit nutzt, einen Markt zu erobern und ihn zu beherrschen, dann sind wir es. Ich arbeite jetzt seit zehn Jahren für die Company, und Ihr habt nicht die leiseste Ahnung, was wir alles versucht haben, um mit Turner ins Geschäft zu kommen. Er weigert sich.“

„Er weigert sich ein bisschen viel, finde ich …“, brummte Gebhardt, der sich langsam beruhigte. „Habt Ihr auch schon versucht, ihm Leute abzuwerben?“

„Ohne einen Meister der Waffenschmiedekunst an der Hand zu haben, der eine Waffenschmiede führen könnte und entsprechende Qualität liefert, hat das Tücken, Sir Andrew“, gab Kendall zu bedenken.

„Der Mann kann also tatsächlich machen, was er will …“

Kendall nickte nur.

 

Am folgenden Tag lief die Bombay arg gerupft im Hafen von Port Royal ein. Gordon Kendall stand bereits am Kai und betrachtete den angeschlagenen Segler mit einem tiefen Seufzen. So konnte er die Bombay nicht wieder auf See schicken, ohne die komplette Ladung zu riskieren.

„Ahoi, Captain Molesworth!“, grüßte er den Captain. „Ihr seid drei Tage verspätet!“

„Wir wären fast untergegangen, weil die Company nicht in der Lage ist, mir angemessenes seemännisches Personal zur Verfügung zu stellen!“, grollte Molesworth. „Ich kriege einen Schmied als Schiffsjungen für eine Überfahrt! Was denkt Ihr Euch eigentlich?“

„Einen Schmied?“

„Einen Schmied!“, bestätigte Molesworth grollend.

„Ich will den Mann sehen!“, forderte Kendall.

„Der ist im Sturm über Bord gegangen.“

„Habt Ihr nach ihm gesucht?“, fragte der Company-Agent. Der Captain der Bombay maß den Agenten von oben bis unten.

„Nein, ich habe nicht nach ihm gesucht“, versetzte er. „Ich habe einmal nach einem Maat gesucht, der über Bord gegangen war, Sir. Nach einem guten Seemann. Weil mich das einen Tag gekostet hat, hat mir die Company die Bezahlung für die ganze Reise verweigert. Ich bin doch nicht vom Wahnsinn umrissen, mir das ein zweites Mal anzutun und auch noch nach einer Landratte zu suchen, mit der ich ohnehin nichts anfangen kann!“

Kendall nickte.

„Ihr wisst, dass ich wegen Eurer Verspätung erst die Genehmigung der Company einholen muss, um …“

„Dann soll der Drachen gefälligst selbst segeln!“, schnaubte Molesworth. „Ihr bezahlt den vereinbarten Preis oder meine Crew und ich mustern noch heute bei der Company ab!“

Kendall überlegte einen Moment.

„Gut, ich zahle, aber unter dem Vorbehalt der Rückforderung – und nur unter der Voraussetzung, dass Ihr der Company treu bleibt“, feilschte er.

„Ihr löhnt ohne jeglichen Vorbehalt, dann reden wir nochmal, ob ich weiter für die Company fahre!“

„Nein, kommt nicht in Frage …“

 

Kendall und Molesworth diskutierten noch zwei Stunden später, unter welchen Bedingungen die Bezahlung für die Reise erfolgen sollte, während das Schiff bereits gelöscht* wurde und die Masten der HMS Dauntless am Horizont sichtbar wurden. Als die Dauntless in den Hafen einlief, waren noch einmal zwei Stunden vergangen, aber Captain und Agent der Company verhandelten immer noch zäh um den Lohn für die Fahrt. Das Navy-Schiff legte an der Pier unterhalb der Festung Fort Charles an. James Norrington ließ die Crew antreten, lobte das vorbildliche Verhalten der Männer im Sturm und gewährte ihnen dann einen Landurlaub von zwei Wochen, was mit einem dreifachen Hurra beantwortet wurde. Die Segel der HMS Dauntless wurden weitgehend geborgen. Es blieben gerade noch die Toppsegel*, die notwendig waren, um das Schiff nach dem Landgang des größten Teils der Mannschaft auf den Dauerliegeplatz auf die Reede beim Zuckerhutfelsen zu bringen.

Schmied Johnny blieb zunächst etwas unschlüssig am Kai stehen. Wo er die Schmiede von Sir William finden konnte, wusste er nicht. Die Soldaten waren damit beschäftigt, ihr Schiff hafenfest zu machen und kümmerten sich nicht um den als Schiffbrüchigen an Bord gekommenen Mann. Schließlich verließ der den Navy-Kai und bummelte langsam den Weg in Richtung Stadt

„Steh’ nicht so dumm rum, Mann!“, grunzte ein schwarzer Tagelöhner, der mit einem Sack von der Handelspier kam und das Kontor der East India Trading Company ansteuerte.

„Entschuldigung“, bat der Neuankömmling und trat beiseite. „Äh … wie komme ich zur Schmiede von Sir William Turner?“, rief er dem Tagelöhner hinterher. Der blieb erneut stehen.

„Hier rechts über die Brücke, die Strandstraße entlang bis zum Platz, da halblinks rein und dann gleichwieder rechts die Gasse hinauf. Das ist die Coal Lane. Numero 3 ist die Schmiede!“, beschrieb er den Weg.        

„Danke!“, rief Johnny und machte sich auf, um zu seinem möglichen neuen Arbeitgeber zu kommen.

 

Der Tagelöhner beförderte den Sack geradewegs in das Büro von Gordon Kendall.

„Tag, Sir. Captain Molesworth schickt mich mit dem Gepäck des Fahrgastes. Wohin damit, Sir?“

„Lass den Sack hier, Kenny. Ich kümmere mich darum“, wies Kendall ihn an. Kenny ließ den Sack fallen, stellte ihn an die Wand und verschwand wieder. Der Company-Agent wartete nur, bis die Tür zu war, dann ließ er seine Papiere liegen und holte sich den Seesack. Der Passagier war vermutlich ums Leben gekommen, also betrachtete die Company dessen Eigentum als ihr Eigentum, über das entsprechend verfügt werden konnte. Kendall fand das Empfehlungsschreiben, die Kündigung und Johnnys restliche Abfindung. Dann nahm er den versiegelten Brief, den ihm Captain Molesworth ausgehändigt hatte, brach das Siegel auf und las das Schreiben.

 

 

„Verehrter Mr. Kendall!

Ich habe mit der Bombay den Schmied Johnny Rosen nach Port Royal geschickt. Er wird bei unserem Feind Turner anheuern, um dort als Waffenschmied zu arbeiten. Von Waffenschmiedekunst versteht er so viel wie ein Kraken vom Orgelspielen, aber er wird uns nützlich sein, da ich ihm über Morrison befohlen habe, uns die Geheimnisse von Turner weiterzugeben.

Ich bin allerdings ein wenig skeptisch, wie zuverlässig dieser Rüpel Rosen ist. Mit dem nächsten Schiff, der Edinburgh Trader, wird mein treuer Jimmy Legs eintreffen. Wenn Rosen sich bei Euch meldet, um Euch von Turners Schmiedetechniken zu berichten, arrangiert das Treffen so, dass Jimmy dabei ist – aber so, dass Rosen ihn nicht zu Gesicht bekommt. Jimmy wird ihn sich unauffällig ansehen und ihn überwachen, damit Turner nicht spitzbekommt, was es mit Johnny Rosen in Wahrheit auf sich hat.

Sollte Johnny in Port Royal eintreffen und sich nicht melden, was ich eher annehme, setzt Jimmy auf ihn an, um ihn zu liquidieren – am besten gleich samt Turner. Lasst Euch Rosen von Molesworth beschreiben, damit Jimmy ihn auch findet.

 

Lady Elaine Jones“

 

„Du hast Vorstellungen …!“, seufzte Kendall. „Wenn sich in Port Royal jemand an Turner vergreift, ist doch dem Dümmsten klar, dass nur wir dahinterstecken können …“

Eine Weile sah er noch auf die Habseligkeiten, dann kam ihm eine ganz andere Idee, wie man Turner ausspionieren konnte …   

 

 

 

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Kapitel 11

Wer sucht, der findet …

 

Will Turner und seine Mitarbeiter legten eine Pause ein, um wenigstens einen Happen zu essen. Sie hatten sich gerade gesetzt, als es klopfte.

„Gebhardt gibt echt nicht auf, Meister!“, seufzte Sean.

„Das war kein Spazierstock, das klang nach Hand“, brummte Will und stand seufzend auf. Analphabetentum war eine Plage, gegen die schleunigst etwas getan werden musste … Er öffnete die Tür und sah voller Verblüffung einen eher abgerissen aussehenden Mann davor stehen.

„Guten Tag, Sir. Ich suche Sir William Turner“, eröffnete der Klopfer.

„Was wollt Ihr von Sir William?“

„Ich habe eine Stellenanzeige gefunden, auf die ich mich hier bewerben möchte.“

Will riss die Tür auf.

„Was?“, fragte er und glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Johnny lächelte schief.

„Ich bin Schmied auf Arbeitssuche.“

„Rein mit Euch! Ihr habt Will Turner gefunden“, lud Will ein. Johnny trat ein und sah in fünf weitere erwartungsvolle Gesichter.

„Kommt, setzt Euch. Wer seid Ihr, woher kommt Ihr, und was habt Ihr bisher gemacht?“, erkundigte sich Will.

„Johnny ist mein Name, einen anderen habe ich nicht. Ich komme aus England.“

„Und was hast du bislang geschmiedet, Johnny?“, fragte Sean. Johnny druckste einen Moment. Das Empfehlungsschreiben hatte er nicht mehr – und ihm war klar, dass er keine Arbeitsprobe liefern konnte, weil er noch nie Waffen geschmiedet hatte.

„Na ja, bisher habe ich eher die einfachen Sachen gemacht, Beschläge und so …“, räumte er ein.

„Also keine Waffen geschmiedet?“, fragte Will mit durchaus hörbarer Enttäuschung. Johnny schüttelte schweigend den Kopf.

„Will, in der Not frisst der Teufel Fliegen – und die fängt er sich noch selbst“, gab John Brown zu bedenken. „Als ich dich mal aufnahm, konntest du nicht mal das, was der Junge jetzt kann.“

„Ich war dreizehn Jahre alt, Master Brown“, erinnerte Will. „Aber Ihr habt Recht. Nimm, was du kriegen kannst …“, grinste er dann. „Hast du schon was gegessen, Johnny?“

„Nein, ich komme gerade vom Schiff.“

„Ist dein Gepäck noch an Bord?“, fragte Will.

„Habe ich nicht mehr, Sir. Deshalb kann ich auch keine Referenzen vorlegen. Ich habe England auf der Bombay verlassen und bin in einem Sturm über Bord gegangen. Zum Glück hat mich die Navy aus dem Meer gefischt, sonst hätte mich wohl Davy Jones geholt.“

„Auf der Bombay? Seit wann nimmt die Company Passagiere mit?“, wunderte sich Sean.

„Für wen hast du bisher gearbeitet, Johnny – und wieso tust du es nicht mehr?“, fragte Will.

„Ich könnte Euch die unmöglichsten Dinge erzählen, Sir William. Da ich weder ein Zeugnis noch irgendetwas vorlegen kann, was meine Aussagen dazu beweist, ist es ohne Belang. Prüft, ob ich Euren Anforderungen entspreche, Sir.“

„Na schön. Dann sehen wir mal, was du drauf hast, wenn du was gegessen hast …“, erwiderte Will und schob Johnny einen Teller kräftige Süßkartoffelsuppe mit Rauchfleischeinlage zu.

„Danke, Sir.“

Johnny fiel über die schmackhafte Suppe her wie ein ausgehungerter Bär. Will beobachtete ihn und fragte sich, weshalb der Mann nichts über seine bisherige Arbeit sagen wollte. Einstweilen behielt er seinen Gedanken für sich.

 

Etwas später nahmen die Männer ihre Arbeit wieder auf. Will winkte Johnny an den großen Amboss und drückte ihm den großen Vorschlaghammer in die Hand.

„Dann gib dem Teil mal den Hammerkuss**!“, forderte er den neuen Gesellen auf. Johnny hob den zehn Pounds wiegenden Hammer nur mit der rechten Hand, streckte den Arm aus und ließ das schwere Werkzeug langsam am ausgestreckten Arm herunter. Doch auf halber Strecke verließ ihn die Kraft und der Hammer krachte mit lautem Poltern herunter. Johnny ging stöhnend in die Knie. Eine Lachsalve des Altmeisters und der anderen Gesellen dröhnte durch die Schmiede.

„Und du willst Schmied sein?“, johlte Sean. Will schüttelte den Kopf und rieb sich nachdenklich den Bart.

„Kümmert euch um die Klingen!“, wies er seine Gesellen und den Altmeister in ungewohnt scharfem Ton an. „In meiner Werkstatt wird nicht über andere gespottet, solange der Grund nicht wirklich zum Lachen ist.“

Immer noch in sich hinein kichernd, aber doch auch beschämt wandten die Männer sich ihrer Arbeit zu.

„Du weißt, was ein Hammerkuss ist, Johnny. Das ist Grundwissen eines Schmieds, aber Außenstehende kennen den Begriff nicht einmal“, sagte der Meister nachdenklich. „Dass du ihn nicht ausführen kannst, schreibe ich deiner körperlichen Verfassung zu. Du bist geschwächt. Am Schiffbruch auf dem Weg hierher allein wird das nicht liegen. Was ist mit dir los?“

Der immer noch auf den Knien liegende junge Mann sah hoch. Noch immer tanzten Sterne vor seinen Augen.

„Es tut mir Leid, Sir. Es wird nicht wieder vorkommen“, versprach er und rappelte sich auf, um es ein zweites Mal zu versuchen, aber Will hinderte ihn.

„Nein, du lässt es bleiben. Wir machen das mal, wenn es dir besser geht. Du kannst mir die Rohklinge halten. Das genügt für heute“, sagte er. Johnny nickte, nahm das Schmiedestück, das sein neuer Chef ihm anzeigte, mit einer dafür geeigneten Zange aus der Esse und legte es auf den Amboss. Will nahm den mittelschweren Hammer und bearbeitete die Klinge mit kraftvollen, gleichmäßigen Schlägen, trieb sie in Länge und Breite auseinander, gab Johnny das Zeichen, sie bis zur Hälfte über den Amboss zu legen und begann, das Stück zu falten. Immer wieder wurde das Metall fast bis zur Weißglut erhitzt, immer wieder mit dem Hammer ausgewalzt und erneut in Länge und Breite gefaltet.

 

Schließlich wurde es Abend. Jeder bearbeitete sein Schmiedestück nur noch soweit, dass ein Arbeitsschritt beendet war und hängte das Stück auf einem metallenen Ständer an einen Haken mit seinem Namen. Damit würden Gesellen und Meister am folgenden Tag ihre Arbeit wieder aufnehmen.

„Könnt Ihr mir ein Quartier empfehlen, Meister?“, fragte Johnny, als alle anderen fort waren.

„Ich denke, wir beide sollten zunächst mal über deine Anstellung reden, Johnny“, erwiderte Will. Johnny wurden wieder die Knie weich, aber er setzte sich auf das Zeichen seines neuen Meisters.

„Du hast einen weiten Weg gemacht, um hier eine Anstellung zu finden. Wieso?“, fragte Will.

„Ich … ich wollte mal was anderes machen, Sir.“

„Nur um mal was anderes zu machen, reist man nicht in die Karibik ohne zu wissen, worauf man sich einlässt. Waffenschmieden gibt es auch in England – besonders in Sheffield.“

„Stimmt schon, aber … aber … nun ja, ich bin aus Canterbury, Sir. Sheffield hätte auch einen Umzug bedeutet. Da war mir die warme Karibik dann lieber. Außerdem wusste ich ja, dass Ihr jemanden sucht. In Sheffield hätte ich die Klinken putzen müssen.“

„Johnny, ich möchte von dir wissen, wo du vorher gearbeitet hast und was du dort genau gemacht hast.“

„Ihr könnt es doch nicht prüfen …“

„Du hast kein Gepäck bei dir. Aber die Bombay wird kommen, wenn sie nicht schon im Hafen liegt – es sei denn, sie wäre gesunken, was ich eher begrüßen würde …“

Johnny wurde aufmerksam.

„Kein Mensch wünscht einem anderen einen Schiffsuntergang!“, entfuhr es ihm.

„Ich habe keine guten Erfahrungen mit der Bombay und mit der Company. Es ist noch nicht lange her, da hätte ich die Bombay ohne zu fragen versenkt, wäre sie mir über den Weg gefahren“, erwiderte Will. „Und wäre meine Aztec der Bombay unvorbereitet über den Weg gefahren, hätte man versucht, mich zu versenken. Ein paar Mal hat man es schon versucht – bislang ohne Erfolg.

Aztec? Seid Ihr der Captain der Aztec???“, entfuhr es dem neuen Gesellen, dem einfiel, dass ein William Turner der Captain des bekannten Kaperschiffes war.

„Richtig. Während des Krieges bin ich als Freibeuter für die britische Krone gefahren. Aber seit dem Friedensschluss bin ich wieder an meinen Amboss zurückgekehrt und möchte nur noch in Frieden hier mit meiner Familie leben.“

Johnny dachte einen Moment nach. Wieso hatte ihm der Werftleiter der East India Trading Company eine Anstellung bei jemandem empfohlen, der einer der schärfsten Gegner der Company war?

„Darf … darf ich das so verstehen, dass Ihr mit der Company … nicht zusammenarbeitet, Sir?“, fragte er dennoch vorsichtig.

„Der Teufel soll mich holen, wenn ich das je freiwillig täte, nach allem, was die Company angerichtet hat!“, entfuhr es Will. „Gleich nach dem Krieg, noch bevor die Führung der East India ausgetauscht wurde, hat Lord Everett – Nathan, der Sohn des vormaligen Vorsitzenden Morgan – mir über Mr. Kendall, den hiesigen Bevollmächtigten, einen Vertrag als Hauslieferant der Company angeboten. Ich habe ihm erklärt, dass ich mit der East India aus grundsätzlichen Erwägungen heraus keine Geschäfte mache. Das hindert mich zwar nicht, an die Seeleute der Company Entermesser, Äxte und Takelmesser zu verkaufen, aber an diese Leute persönlich und nicht an ihren Arbeitgeber. Nein, die haben mich zu viel Nerven gekostet – und beinahe das Leben, mindestens aber die Existenz.“

Johnny ließ das einen Moment sacken. Dann kam ihm der Gedanke, dass der Drachen etwas damit zu tun hatte, dass Heath Morrison ihm die Stellenanzeige von Turner gegeben hatte …

„Sir William … ich … ich hoffe, dass ich Euch vertrauen kann, und ich möchte, dass auch Ihr mir vertraut. Deshalb … will ich Euch sagen, woher ich komme und was ich bislang getan habe“, sagte er stockend. „Ich habe als Schmied in der Hornsbury-Werft in Dover gearbeitet. Sie ist im Besitz der East India Trading Company“, setzte er an. Will wurde bleich.

„Bitte, Sir William, hört mir einfach zu“, bat Johnny. Eher zögernd nickte Will und ließ ihn reden.

„Dort habe ich Klampen, Ösen, Beschläge gemacht, was man als Grobschmied eben so macht“, fuhr Johnny fort. „Vom Waffenschmieden habe ich so viel Ahnung wie eine Kuh von einer Hornpipe*. Ich hatte nie die Absicht, mir einen anderen Job zu suchen. Ich bin zwar nicht gerade im Geld geschwommen, wie Ihr Euch vorstellen könnt; aber die Company zahlt immer noch besser als ein Schmiedemeister, der mit einem oder zwei Gesellen arbeitet. Ich habe England auch nicht freiwillig verlassen, ich bin dazu gedrängt worden. Vor etwa zwei Monaten tauchte bei uns auf der Werft überraschend Lady Elaine auf.“

„Wer ist Lady Elaine?“, fragte Will.

„Lady Elaine Jones. Sie ist die Frau des neuen Vorsitzenden der Company, Edward Jones – und die Tochter des verstorbenen Lord Morgan Everett“, erklärte Johnny. „Wie nennen sie nur den Drachen. Die Frau ist eine Hexe, sag’ ich Euch!“

„Kann sie zaubern?“, fragte Will mit einer amüsiert hochgezogenen Braue.

„Nein, sie ist so giftig wie eine Hexe. Nun, wenn sie erscheint, liegt meist Ärger in der Luft. Sie ist aber auch eine schöne Frau. Leider habe ich zu spät bemerkt, wer da auf die Werft kam, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Jedenfalls … beging ich den Fehler, hinter ihr her zu pfeifen. Es waren noch zwei andere, die auch nicht rechtzeitig spitzkriegten, was für ein Weib da herein schwebte, aber ihre Leibwächter haben mich erwischt und mit Knüppeln verprügelt. Sie ließ mich von Jimmy Legs, einem ihrer persönlichen Leibwächter, ins Büro des Werftchefs Morrison schleifen und verlangte Strafe für mein ungebührliches Verhalten. Morrison stimmte zu – was hätte er auch anderes tun können? – und Legs hat mich mit der neunschwänzigen Katze traktiert. Hier, seht Euch an, was das hinterlassen hat.“

Johnny zog sein Hemd aus und zeigte seinem Meister die Narben, die die Auspeitschung hinterlassen hatte.

„Die Wunden sind behandelt worden, aber spät“, bemerkte Will. „Wie das?“

„Lady Elaine verbot Morrison, den Werftarzt zu rufen. Am Tag darauf hat Morrison mich entlassen. Er gab mir eine Kündigung, nach der ich selbst gekündigt hatte. Ich habe sogar eine Abfindung von fünf Pfund bekommen und Eure Stellenanzeige. Morrison sagte mir, das sei ein Entgegenkommen von ihm. Dafür erwartete er aber von mir, dass ich einmal im Monat über meine neue Stelle bei Euch berichte, auch über die Verfahren in Eurer Werkstatt. Er sagte mir auch, dass er Euch, wenn ich nicht berichte, über meine Verfehlungen in England unterrichten wird. Ich bekam einen Fahrschein für die Bombay, die am darauffolgenden Tag nach Port Royal auslaufen sollte. Dort angekommen, eröffnete man mir, dass ich als Schiffsjunge meine Reise abarbeiten sollte. Daraufhin habe ich nach dem Reisepreis gefragt; mir wurde eine Guinea genannt, die ich dann auch bezahlt habe. Deshalb bin ich als zahlender Passagier mitgefahren. Einige Tage später traf uns auf See ein schwerer Sturm. Ich sollte beim Segelbergen helfen. Es soll üblich sein, dass im Notfall auch zahlende Passagiere mit anpacken müssen, wenn’s dem Schiff an den Kragen geht. Jedenfalls bin ich dabei über Bord gegangen und hatte das unglaubliche Glück, dass irgendwann die HMS Dauntless neben mir war und nicht die Flying Dutchman. Admiral Norrington sorgte dann auch dafür, dass meine Wunden behandelt wurden. Er hatte zunächst wohl den Verdacht, dass ich bei der Navy ausgekniffen bin, aber letztlich hat er mir wohl doch geglaubt, dass das nicht der Fall war.“

„Hast du ihm gesagt, woher die Wunden stammen?“

„Er hat mich danach gefragt, aber ich habe nicht gewagt, ihm davon zu erzählen. Die Company ist nahe an der Regierung. Wer weiß, wer das sonst noch erfahren hätte.“

Will kratzte sich unbewusst am Kinnbart, wie er es häufig tat, wenn er nachdachte.

„Du wirst verstehen, dass ich diese Geschichte nachprüfen möchte, Johnny. Ich glaube zwar nicht, dass mir die Company einen Spion ins Haus schickt, der sich mir als Erstes offenbart, aber wer weiß …? Was mich noch interessieren würde: Wie wollte Morrison eigentlich sicherstellen, dass du einen Job bei mir annimmst? Wenn du dich nie beim ihm gemeldet hättest, hätte er doch gar nicht gewusst, ob du überhaupt bei mir arbeitest.“

„Ich weiß es nicht, Sir William. Vielleicht hatte er jemanden an Bord unterrichtet. Aber wenn dem so ist, dann weiß derjenige jedenfalls nicht, dass ich jetzt tatsächlich hier bin. Schließlich bin ich mit der HMS Dauntless hergekommen.“

„Es sei denn, der Admiral untersucht die Umstände deines Überbordgehens näher. Dann wird er den Captain der Bombay dazu sicher befragen – und dann weiß der Captain, dass du heil in Port Royal angekommen bist.“

„Und … wie … wollt Ihr meine Geschichte überprüfen?“, fragte Johnny besorgt. Will lächelte.

„Johnny, ich möchte dir vertrauen können. Aber bevor ich dir meine Methoden dazu anvertraue, muss ich mich erst vergewissern, dass stimmt, was du mir erzählt hast. Doch ich kann dir so viel sagen, dass ich mit dem Admiral darüber sprechen werde, was du ihm gesagt hast. Ansonsten bitte ich um dein Verständnis, dass ich sehr vorsichtig sein muss, wem ich was wann sage“, erwiderte Will. „Aber zuerst werde ich dir eine Unterkunft verschaffen – wenn auch nur übergangsweise.“ 

 

Will brachte Johnny zu Nicolas Maynard, der gelegentlich Zimmer an Fremde vermietete. Maynards Haus lag schon etwas höher in den Bergen oberhalb der Straße nach Spanish Town – weit entfernt von allen Häusern, die der Company in irgendeiner Form gehörten. Auf Wills Klopfen öffnete Nicolas.

„Guten Abend, Nick. Das ist mein neuer Geselle Johnny. Er sucht für einige Zeit eine Unterkunft. Ist dein Zimmer frei?“

„Klar, kommt rein.“

Nicolas führte sie in den ersten Stock und präsentierte Will und Johnny ein kleines, aber sauberes Zimmer mit Bett, Tisch, zwei Stühlen, einem Schrank und Waschgelegenheit.

„Hier. Wasser gibt es unten am Brunnen, im Garten an der Bergseite ist das kleine Häuschen mit dem Herz in der Tür.“

„Was … verlangt Ihr dafür, Sir?“, fragte Johnny schüchtern.

„Drei Pence pro Tag, wenn der Aufenthalt nicht länger ist als einen Monat. Wenn du länger bleibst, pro Monat eine Crown**.“

„Das sind drei Guineas pro Jahr. Tut mir Leid, das kann ich mir nicht leisten. Außerdem … ist mein Geld auf der Bombay geblieben. Es steckte in meinem Seesack“, seufzte Johnny. Will klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.

„Doch, das kannst du dir leisten, Johnny. Für den ersten Monat bezahle ich die Miete. Dann sehen wir weiter.“

Johnny sah seinen künftigen Arbeitgeber mit großen Augen an.

„Sir, ich habe in England kein ganzes Pfund im Jahr verdient!“

„Das glaube ich gern. Englische Unternehmer sind meist geiziger als Schotten, wenn es um die Bezahlung ihrer Arbeiter geht. Ich habe eine andere Vorstellung, was eine gerechte Bezahlung ist. Nick ist mein Zeuge – und meine anderen Gesellen auch“, grinste Will. „Außerdem … Port Royal ist ein eher teures Pflaster, was zu einem gewissen Anteil auf mein Konto geht. Das Leben ist hier allgemein recht kostspielig, deshalb bezahle ich meine Leute sicher besser als der Meister einer vergleichbar großen Schmiede  in England.“

Er zog eine Börse aus der Tasche.

„Du hast heute fleißig gearbeitet, Johnny. Weil wir uns noch nicht ganz handelseinig sind, bekommst du deinen Lohn gleich ausgezahlt: Drei Pence.“

„Da… danke, Sir William“, stotterte Johnny. Drei Pence Lohn für einen halben Tag Arbeit – wenn das wirklich der halbe Tageslohn war, lief der Jahreslohn auf knapp vier Guineas hinaus. Johnny hatte plötzlich den Eindruck, mitten im Paradies gelandet zu sein.  

 

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Kapitel 12

Gegenspionage

 

Als Will nach Hause kam, erwartete ihn bereits James Norrington.

„Hallo, James!“, begrüßte Will ihn.

„Guten Abend, Will“, erwiderte der Admiral. „Ich komme gerade aus England zurück.“

„Ich weiß. Du hattest einen Schiffbrüchigen an Bord, oder? Ein Mann namens Johnny?“

„Ja – und genau deswegen bin ich hier. Hat er bei dir anheuern wollen?“

„Ja“

„Was hat er dir gesagt?“

Will erklärte, was Johnny ihm erzählt hatte. James nickte.

„So was hatte ich mir gedacht. Es stimmt mit dem, was er mir gesagt hat, überein – abgesehen davon, dass er mir gegenüber von der Company nichts gesagt hat“, bestätigte Norrington.

„Eines erscheint mir klar: Die Company will an meine Verfahrenstechniken heran. Ich frage mich nur, weshalb sie dafür nicht jemanden schicken, der das freiwillig und aus Überzeugung tut. Johnny wäre bei seiner Vorgeschichte wohl eher weniger geeignet“, bemerkte Will. „Mit wem hast du noch über ihn gesprochen?“, erkundigte er sich dann.

„Bislang noch mit niemandem. Aber ich wollte den Captain der Bombay auch zu ihm befragen.“

Will rieb sich nachdenklich den Kinnbart.

„Warte damit noch, James …“, sagte er schließlich.

„Wieso?“

„Johnny ist von der Company mit Schimpf und Schande entlassen worden. Deshalb glaube ich nicht, dass er denen noch einen Gefallen tun würde und freiwillig über mich und die Verfahren in der Werkstatt berichten würde. Wäre ich an Lady Elaines Stelle, hätte ich ihn durch jemanden überwachen lassen, der mir ergeben ist. Ich schätze, es gibt jemanden an Bord der Bombay, der über Johnny Bescheid weiß, der ihn erpressen kann. Dass er über Bord gegangen ist, war sicher nicht geplant. Und dass dein Schiff rechtzeitig zur Stelle war, um ihn aus der See zu fischen, damit konnten sie nicht rechnen. Ich nehme deshalb an, dass man ihn für tot hält. Wenn man ihn für tot hält, wirft das für die Company das Problem auf, dass sie erst einmal keinen haben, den sie dazu zwingen können, bei mir zu spionieren. Ich könnte mir also vorstellen, dass derjenige, der ihm auf die Finger sehen sollte, versuchen wird, seine Stelle einzunehmen“, mutmaßte der Schmiedemeister.

„Vorausgesetzt, er versteht etwas von der Schmiedekunst“, bremste Norrington Wills Spekulation.

„Johnny ist Grobschmied, er hat noch nie Waffen geschmiedet. Trotzdem wollte man ihn dazu bringen, sich bei mir zu bewerben. In Port Royal ist bekannt, dass ich Personalprobleme habe, deshalb sogar Aufträge ablehne. Wenigstens Kendall dürfte klar sein, dass ich im Moment fast jeden annehmen würde, der sich nur für einen Hammer interessiert. Eigentlich genügt Kraft und Gelehrigkeit, um in recht kurzer Zeit bestimmte Arbeiten ausführen zu können.“

„Es sei denn, jemand hätte es darauf abgesehen, deine Schmiede um ihren guten Ruf zu bringen …“, mutmaßte Elizabeth.

„Stimmt, wir sollten beide Möglichkeiten im Auge behalten“, räumte Will ein.

„Will, du denkst dran, dass du keinen Kaperbrief mehr hast, der es dir erlaubt, Gesetzesbrecher zu verfolgen?“, mahnte James.

„Jeder britische Bürger ist berechtigt, einen Gesetzesbrecher den Behörden zu übergeben, damit er entsprechend bestraft werden kann“, entgegnete Will kühl. „Dafür muss er ihn nötigenfalls festhalten können. Mehr würde ich nicht tun – es sei denn, ich müsste mein Leben oder das meiner Familie in Notwehr verteidigen.“

„Das ist mir klar, Will. Aber ich wäre gezwungen, eine Untersuchung einzuleiten, wenn eine Anzeige gegen dich wegen Freiheitsberaubung erstattet würde“, erwiderte Norrington.

„Es sei denn, du könntest gleich darauf verweisen, dass die entsprechende Person dir als Hüter des Gesetzes übergeben würde“, konterte Elizabeth.

„Sollte etwas in dieser Richtung geschehen, verlier’ um Gottes willen keine unnötige Zeit, Will! Du weißt, dass die Company keine Gelegenheit ausgelassen hat, um dir zu schaden. Sie werden es auch weiter nicht tun.“

„Nein, natürlich nicht. Aber im Gegensatz zu Privatleuten können die sich das offenbar leisten!“, entfuhr es Will.

„Es ist immer eine Frage des Beweises“, entgegnete James.

„Deshalb möchte ich dir die Beweise ja liefern, James“, grinste Will. „Nur muss ich sie dazu locken. Es ist ein Risiko, dessen bin ich mir bewusst. Aber wenn die Company mich angreift, egal wie, erwarte ich, dass mir geholfen wird.“ 

„Sofern das sichergestellt ist …“

„James, du erwartest, dass ich mich an die Gesetze halte. Kannst du auch. Ich bin ein braver britischer Bürger. Das erwarte ich aber auch von einer Handelskompanie, die im Dienste Großbritanniens steht. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn sie das nicht tut und die Gesetzeshüter mich dann nicht schützen können, sollten sie sich nicht wundern, dass ich mein Recht in die eigenen Hände nehme. Ich werde es nicht zulassen, dass die Company meinen Ruf als Bürger und Handwerker schädigt oder gar mein Leben oder das meiner Familie bedroht. Dann werde ich zum Tier!“

James Norrington grinste.

„Zum Piraten, denke ich“; entgegnete er. „Tu mir nur bitte einen persönlichen Gefallen, William: Wenn du keine andere Wahl zu haben glaubst, als denen Feuer unterm Kiel zu machen – tu es bitte genauso unauffällig wie die es tun.“

„Das werde ich“, versprach Will.

Norrington verließ das Haus und Elizabeth umarmte ihren Mann.

„Du solltest Jack alarmieren“, empfahl sie. Will schüttelte den Kopf.

„Die Freundschaft der Bruderschaft habe ich mir verscherzt, als ich die Kaperbriefe ungültig gemacht habe. Von denen wird mir keiner helfen. Vater hatte Recht.“

„Die Alternative wäre gewesen, dass du schon damals kein normales Leben mehr hättest führen können.“

„Wäre dir das so unrecht gewesen?“, fragte er mit schiefem Lächeln. „Das freie Piratenleben hat dir immer gut gefallen.“

„Ja und nein. Ich hatte mir falsche Vorstellungen davon gemacht, das gebe ich zu. Natürlich war das Leben leichter für uns, als wir uns ohne Schwierigkeiten gegen die Company wehren konnten, aber mir war doch wohler dabei, dass der Kaperbrief uns jedenfalls vor der Royal Navy schützte. Auch James Norrington hat nur einen gewissen Spielraum. Er hat ihn einige Male sehr weit strapaziert – und das ging nur, weil wir Krieg hatten und die Company sich so eindeutig auf die Seite des Feindes gestellt hatte. Jetzt wird es anders sein …“

„Es sei denn, wir können beweisen, dass die Company sich selbst außerhalb des Gesetzes bewegt.“

„Und … wie willst du das beweisen?“

„Ich brauche ein paar Informationen, die mir Kendall nie freiwillig geben wird und die ich auch nicht ohne weiteres verwenden kann. Aber wenn ich sie habe, weiß ich, was ich von Johnny zu halten habe – und von dem, der sich vielleicht für ihn ausgeben wird.“

„Was hast du vor?“

Will lächelte charmant.

„Etwas abgrundtief Ungesetzliches …“

 

Ein bleicher Mond warf scharfe Schatten, die zwei dunkel gekleidete Gestalten ausnutzten, um sich ungesehen dem Hauptkontor der East India Trading Company am Hafen von Port Royal zu nähern. Die East India Trading Company unterhielt in Port Royal in der direkten Nachbarschaft der Kommandantur der Royal Navy einen ganzen Kontorkomplex. Er bestand aus dem eigentlichen zweistöckigen Kontorgebäude, an das sich vom Wasser aus gesehen rechts ein Lagerhaus anschloss. Das Lagerhaus bestand aus einem Speicherturm, in dem auch die Treppe zum Büro des örtlichen Agenten war. Diesem Turm war ein niedrigerer Gebäudeteil vorgelagert, der an einen zweistöckigen Kontorschuppen grenzte, von dessen oberem Stockwerk die Seebrücke zum eigenen Kai der Company führte, an dem die Bombay und die Edinburgh Trader festgemacht hatten. Alle Waren, die in Port Royal von der Company angelandet wurden, wurden zuerst in diesen Schuppen gebracht, in dem ein Tallymann* die Ware zählte und vorsortieren ließ, bevor der örtliche Agent die Warenproben nahm. Im Keller des Kontors befanden sich die Rumdestillation und direkt daneben die Röstöfen für Kakao und Kaffee.

Weil Rum nur gar zu gern vor der Entrichtung der entsprechenden Steuern abgezweigt wurde, hatte die Kolonialregierung darauf bestanden, dass die Destillation rund um die Uhr bewacht wurde.

Für Will und Elizabeth Turner, die sich von Schatten zu Schatten schlichen, um den hauseigenen Wachen der Company nicht gleich in die Arme zu laufen, schied der Keller als Zugang in das Kontor deshalb aus. Sie pirschten am Kontorschuppen entlang zur Pier. Als der Posten oben auf dem Kai sich vom Schuppentor abwandte und gemessenen Schrittes wieder in Richtung Landungsbrücke wanderte, huschten die beiden als dunkle Schatten unter die Seebrücke und hangelten sich an der letzten Stütze hinauf zum schrägen Dach der Verbindung zwischen dem Hauptkontor und dem Schuppen. Im Schlagschatten des Schuppendachs arbeitete sich das Ehepaar Turner in bester Freibeutermanier zum Dachfirst des Vorgebäudes. Es war kurz vor elf Uhr abends. Will wartete, bis die Uhr der Kirche zur vollen Stunde schlug und nutzte das übertönende Geräusch der Glockenschläge, um einen Enterhaken über den Speicherkran zu werfen und sich eilig zum unverschlossenen Speicherbodenfenster hinauf zu hangeln. Noch bevor der Posten an der Seebrücke umdrehte, war Will im Speicherboden verschwunden. Der Tampen war in der Dunkelheit nicht zu sehen, also brauchte Elizabeth nur zu warten, bis der Wächter auf der Brücke wieder in Richtung See marschierte. Zu ihrem Leidwesen ließ der Mann sich Zeit, andererseits brauchte er ebenso lange, um das Hafenende des Kais zu erreichen. Geduldig wartete sie im Schatten, bis der Posten seinen Weg beendet hatte und umdrehte, dann kletterte sie an dem Tampen hoch zum Speicherbodenfenster, wo Will im Schein der eben entzündeten mitgebrachten Lampe auf sie wartete.

„Schau an: Pulverfässer …“, brummte Will. „Die planen doch schon wieder eine Teufelei.“

„Hey, der Deckel ist lose!“, flüsterte Elizabeth und hob den losen Deckel an. Die beiden sahen sich verblüfft an, als sich darin kein Schießpulver, sondern ein Seesack befand. Will zog den Sack aus dem Fass. Er enthielt Kleidungsstücke, die auf einen Besitzer mit wenig Geld hinwiesen, in einem Seitenfach fanden sich einige Papiere – ein Fahrschein der East India Trading Company über ein britisches Pfund von Dover nach Port Royal, ein Empfehlungsschreiben der Hornsbury-Werft in Dover für den „Waffenschmied“ Jonathan B. Rosen aus Canterbury, dessen eigene Kündigung und einen Reisepass, ausgestellt vom Verwaltungsamt der Grafschaft Kent in Maidstone auf Jonathan Blanchard Rosen, geboren am 13. Januar 1733. Darin war neben der Personenbeschreibung auch seine Abstammung dokumentiert. Sein Vater war Charles Rosen, seine Mutter Peggy Rosen – Bruder und Schwägerin von Will Turners Mutter Anne!

„Na, wenn das kein völlig verrückter Zufall ist!“, entfuhr es Will leise. Nicht nur, dass sie nach Johnnys Sachen nicht erst im Kontor suchen mussten, nein, sie hatten auch noch Informationen gefunden, die Johnny als Wills Cousin auswiesen.

„Wieso verstecken die das hier oben in einem Pulverfass?“, wunderte sich Elizabeth.

„Weil hier oben und da drin niemand danach suchen würde“, erwiderte Will.

„Das war mir schon klar, aber wieso soll es niemand finden?“

„Weil die Company etwas gewittert hat, vermute ich. Wäre Johnny hier aufgelaufen, um seine Sachen abzuholen, hätten sie sie nicht herausgerückt, sondern ihm vermutlich erzählt, dass sein Gepäck wohl im Sturm über Bord gegangen ist.“

„Was machen wir jetzt damit?“, fragte sie und wies auf den Seesack.

„Ich wollte damit ja eigentlich einen möglichen Spion entlarven oder den, der Johnny erpressen könnte … aber wenn sein Gepäck hier oben ist, wo es kein Mensch vermuten würde, kommen mir Zweifel, dass derjenige es tatsächlich mit Johnnys Gepäck und seinen Papieren versuchen würde. Ich vermute, es liegt an der Personenbeschreibung. Das Empfehlungsschreiben und die Kündigung können leicht neu gemacht werden. Ob in Dover oder hier: Das Siegel der Company ist das gleiche. Wir nehmen den Kram mit und übergeben ihn dem rechtmäßigen Eigentümer.“

„Moment …“, bremste sie. „Wenn wir das Johnny geben, ist klar, dass du nicht ganz legal daran gekommen bist. Vertraust du ihm so weit, dass er wissen kann, was ein Freibeuter alles anstellen kann?“

„Nein, du hast Recht. Wir nehmen es trotzdem mit und stellen es sicher, was hältst du davon?“, schlug er vor.

„Aye, Captain“, grinste sie zurück. „Und wo lassen wir das?“

„Erst einmal hier. Ich möchte noch in Kendalls Büro, um zu sehen, was uns sonst noch erwartet. Komm.“

 

Leise stiegen sie hinunter und kamen in das Stiegenhaus, das den Speicherturm über einen Quergang mit dem eigentlichen Kontor verband. Auf Zehenspitzen schlichen sie in den Flur, in dem auch ein Sekretär stand, der, wie Will und Elizabeth noch aus der Zeit der Kämpfe gegen die Company wussten, wichtige Dokumente der Geschäftsleitung aus London enthielt. Will öffnete den Sekretär mit einem seiner Dietriche, Elizabeth leuchtete mit einer weitgehend abgeblendeten Laterne, deren Licht dadurch nur nach vorne gerichtet war, in den Sekretär hinein. Er fand den Brief an Kendall, in dem auf einen Sonderbeauftragten James Legs hingewiesen wurde, der Jonathan überwachen oder töten sollte, einen weiteren, in dem Kendall angewiesen wurde, Jimmy Legs mit Papieren auszustatten, die auf den Namen Jonathan Baldwin Rosen ausgestellt waren. Nach der Personenbeschreibung war Legs ein fünfeinhalb Fuß großer, eher breit geratener, kräftiger Mann mit rotblondem Haar und blauen Augen – so ziemlich genau das, was man sich unter einem echten Cockney, einem Londoner Dockarbeiter, vorstellte.

„So was Ähnliches hatte ich mir gedacht. Anscheinend wissen sie nicht einmal, was das B in Johnnys Namen bedeutet. Den Pass scheint keiner beachtet zu haben“, brummte Will. 

In dem Schreiben war noch ein Hinweis auf eine codierte Botschaft, die ergänzende Anweisungen enthielt und ein Entschlüsselungsgitter. Etwas dergleichen fanden sie in dem Sekretär jedoch nicht.

„Das Teil muss samt der Geheimbotschaft im Schreibtisch im eigentlichen Kontor sein“, mutmaßte Elizabeth. Will nickte und legte alles, was sie im Sekretär gefunden hatten, wieder ordentlich an seinen Platz, verschloss den Büroschrank wieder.

 

Sie wandten sich vom Durchgang ab dem Kontor zu.

„Mist!“, fluchte Will leise, als er die Tür zum Kontor leise öffnete. „Alle Vorhänge offen und drei Posten auf dem Balkon. Keine Chance!“

Elizabeth nickte und stieß ihn leicht am Arm an.

„Lassen wir’s“, sagte sie leise. Er schloss die Tür, bevor die Posten etwas bemerkten, sie drehten um. Dabei stieß Elizabeth mit dem Kopf an einen mehrarmigen Kerzenleuchter im Flur – und der mittlere Arm, an den sie angestoßen war, bewegte sich. Ein leises Klacken zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Sekretär. Sie leuchtete dorthin. Ein Seitenfach war aufgesprungen. Will zog es vorsichtig weiter auf. Drei verschiedene Geheimgitter und einige Zettel mit jeweils sechzehn Buchstaben im Quadrat – je vier hoch und vier breit – befanden sich darin. Will schrieb eilig die codierten Botschaften ab, Elizabeth kopierte rasch die Gitter, vergaß auch nicht das Kreuz, das augenscheinlich den Beginn der jeweiligen Entschlüsselungssequenz bedeutete. Dann steckten sie Gitter und Botschaften wieder in das Seitenfach, Elizabeth schob es zu. Es klickte leise, aber es blieb nicht bei dem einen Klicken. Die Eheleute sahen sich verblüfft an.

„Das klingt verdächtig nach Alarm. Los, verschwinden wir hier!“, zischte Will. So einfach war es dann doch nicht. Die Tür zum Stiegenhaus war verschlossen. Sie konnten nur mutmaßen, dass die Mechanik, die in Gang gesetzt worden war, die Türen zum Flur mit dem Sekretär verschloss. Ihre Lampe zeigte jedoch eine Luke in der Decke über dem Sekretär. Kurz entschlossen klappte Will die massive Sekretärklappe wieder auf, kletterte auf den Schrank und hob die Luke an. Sie führte in einen weiteren Lagerraum im Speicherturm.

„Stell’ den Stuhl wieder hin und mach die Klappe zu!“, wies er Elizabeth an, legte sich schon eine Leine um die Schulter. Sie verschloss den Schreibschrank, damit sie möglichst keine Spuren hinterließen und ließ sich von Will an der Leine hochhieven. Leise und eilig, wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder ins Stiegenhaus, nachdem sie die Luke wieder geschlossen hatten. Als sie den Speicherboden erreicht hatten, stürmten unten offenbar Soldaten in den Kontorspeicher.

„Wir nehmen den Weg oben herum“, entschied Will.     

 

Zurück im Speicherboden, pflückte er den Entertampen vom Speicherkran ab, fädelte das freie Ende durch die Kranrolle und befestigte den Seesack am Enterhaken, so dass der Seesack als Bremse unter dem Kran die Leine hielt. Dann ließ er sich eilig daran herunter, Elizabeth folgte ihm ebenso schnell. Sie konnten sich nur deshalb so fix an der Leine herunter gleiten lassen, weil sie in weiser Voraussicht beide Hände mit Fechtledern geschützt hatten. Als sie beide wieder im Schlagschatten des Dachüberstandes waren, ließ Will den Tampen los, und die Schwerkraft beförderte den Sack samt der daran hängenden Leine wieder zu Boden. Er fing den Sack auf und rollte die Leine wieder ein. Der Posten auf der Brücke hatte gerade wieder gewendet und hatte vom Alarm offenbar nichts mitbekommen. Sie blieben im Schlagschatten des Daches, eng an die Wand gepresst und warteten, dass der Posten seine gemessenen Schritte wieder bis zum Tor des Kontorschuppens gelenkt hatte und dort erneut umdrehte. Kaum wendete er, als die Eheleute Turner sich vom Dach zur Stütze gleiten ließen und unter der Seebrücke hindurch auf die andere Seite des Schuppens und damit aus der Sicht der Posten gelangten.

 

Nicht weit von der Pier der Company war der Navy-Kai, an dem nach wie vor die Aztec vertäut war. Vorsichtig arbeiteten sie sich mit einem Boot, das unter der Pier lag, zu ihrem Schiff, wollten seeseitig an Bord steigen, um unbeobachtet ihre Beute zu untersuchen.

„Hörst du das?“, flüsterte Elizabeth atemlos und hielt ihren Mann zurück. Aus der Kapitänskajüte kamen leise Geräusche.

„Na, ist das zu fassen?“, grinste Will und zog sich an der seeseitig gelegenen Steuerbordseite zur Reling hinauf. Die Tür der Kajüte stand offen. Weil sie zwei Flügel hatte, die nach außen zu öffnen waren, konnte jemand, der von der Reling kam, nicht sofort gesehen werden, ebenso wenig jemand, der in der Tür stand – es sei denn, etwas ragte über die Türblätter hinaus. Die blanke Klinge eines Entermessers im Schultergehänge blinkte im Mondschein. Will stieg leise über die Reling, pirschte auf Zehenspitzen zur Kajütentür und warf sich dann mit Wucht dagegen, dass der, der darin gestanden hatte, glatt schräg in den Raum hineingeworfen wurde. Will riss den Türflügel wieder auf, griff sich den Unbekannten und verpasste ihm gleich einen sauberen Kinnhaken, der ihn wieder auf das Deck warf. Elizabeth sprang im selben Moment ebenfalls an Deck und griff sich einen zweiten, der aus dem Schatten hinter der Reling hochkam und beförderte ihn mit dem Griff ihres Entermessers ins Reich der Träume. Dann entzündete sie die Hafenlampe am Großmast direkt vor der Kapitänskajüte. Die Petroleumlampe beleuchtete die Gesichter zweier Männer: Zum einen das von Angus Habershaw; den zweiten hätten die Turners eigentlich nicht kennen können, doch war er augenscheinlich jener, auf den die neue Beschreibung von Jonathan Rosen passte.

Will nickte Elizabeth zu, die Jonathans Seesack samt dem sonst erbeuteten Material in der Taulast unter der Backluke verschwinden ließ. William verschnürte währenddessen die beiden Eindringlinge und sah nach, ob sich noch mehr Leute unbefugt an Bord der Aztec befanden. Er fand keinen weiteren, stellte aber fest, dass einige Schubladen im Kartentisch geöffnet worden waren. In der obersten Schublade lag normalerweise die Karte, auf der Calypso die neue Zuflucht der Piraten eingezeichnet hatte. Sie fehlte.

Will kehrte an Deck zurück und durchsuchte die beiden Eindringlinge. Im Ärmel des Rothaarigen fand sie sich. Er nahm sie heraus, gab sie Elizabeth, die sie wortlos in die Backluke beförderte. Als sie sicher verstaut war, nahm er eine Pütz*, schöpfte außenbords Wasser und schüttete es den beiden Eindringlingen ins Gesicht. Prustend und schnaufend kamen sie zu sich und fanden sich verschnürt wie die Rollbraten wieder.

„Ich hätte gern eine Erklärung, Angus!“, grollte Will.

„Oh … he, he … Will … Wo kommst du denn her?“

„Das könnte ich dich auf meinem Schiff eher fragen, Angus. Was hast du hier zu suchen?“

„Ei… eigentlich wollte ich Mr. Rosen zu dir bringen. Er ist Schmied und sucht eine neue Stelle.“

„Und uneigentlich?“

„Na ja, auf dem Weg zu dir kamen wir am Kai vorbei. Die Posten vorne kennen mich ja und haben mich durchgelassen. Ich wollte ihm deinen ganzen Stolz zeigen …“

Das klang sogar halbwegs plausibel, jedenfalls was die Tatsache betraf, dass Angus mit dem Fremden an den Navy-Posten vorbei gekommen war … obwohl … wenn Mullroy und Murtogg gerade Wache hatten, wäre auch ein blinder, einarmiger Pirat mit Holzbein ohne Schwierigkeiten auf dieses Schiff gekommen …

„Und wer bist du?“, fragte Will den anderen, der auch gerade mühsam zu sich kam.

„Jonathan Rosen ist mein Name. Ich bin Schmied aus Canterbury“, erklärte der andere. Will nickte Elizabeth zu, sie stellte beide auf die Füße.

„So, so … Rosen … aus Canterbury. Was sagt dir der Name Edmund Rosen?“

„Ich kenne nur Charles Rosen, meinen Vater“, entgegnete der angebliche Jonathan.

„Und Anne Rosen?“, fragte Will weiter.

„Nun, Peggy war meine Frau Mutter. Von Anne weiß ich nichts.“

„Elizabeth, findest du es auch so seltsam, dass jemand von seiner Verwandtschaft noch nie etwas gehört hat?“, grinste Will.

„Allerdings!“

Der angebliche Jonathan wurde blass und dann rot.

„Ich denke, Ihr seid ein Fall für die Royal Navy, Sir“, knurrte Will. „Und … Angus … wie kommst du eigentlich an diesen Schlüssel?“, fragte er dann und hielt Habershaw den Schlüssel zum Kartentisch vor die Nase.

„Woher sollte ich den denn haben?“

„Das frage ich dich. Ich habe ihn in deiner Tasche gefunden, mein Freund. Und wenn du dann auf meinem Schiff vor meinem Kartentisch stehst, zu dem du nie Zugang hattest, dann finde ich das schon weniger amüsant. Ab mit euch zur Navy!“

 

 

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Kapitel 13

Fragen

Captain Andrew Gillette, der Wachhabende, war nicht wenig erstaunt, dass das Ehepaar Turner mitten in der Nacht in die Kommandantur der Royal Navy kam, um zwei Gefangene abzuliefern.

„Guten Abend, Captain Gillette“, grüßte Will. „Ich erstatte hiermit Anzeige wegen unbefugten Eindringens in mein Schiff, die Aztec, und bitte Euch, diese beiden Männer, die meine Frau und ich auf frischer Tat ertappt haben, vorläufig festzunehmen.“

Gillette sah die Vier verwirrt an, nahm die Anzeige auf, in der Will detailliert beschrieb, wie sie die Täter erwischt hatten.

„Ist etwas gestohlen worden?“, fragte der Captain.

„Der verschlossene Kartentisch war zwar mit einem passenden Schlüssel geöffnet, aber es fehlt nichts“, erwiderte Will und verschwieg einstweilen den versuchten Diebstahl der Sonderkarte. Dass der falsche Jonathan dabei fast unmerklich lächelte, entging zwar Gillette und Will, der mit ihm sprach, aber nicht Elizabeth Turner.

„Ich protestiere!“, meldete sich Angus zu Wort. „Ich bin Mitglied von Captain Turners Crew und habe als solcher Zugang zum Schiff. Das wissen auch die Wachen am Kai!“

„Wenn Captain Turner Euch hier abliefert und Euch vorwirft, sein Schiff widerrechtlich betreten zu haben, seid Ihr wohl nicht mit seinem Einverständnis an Bord gewesen, Mr. Habershaw“, versetzte Gillette eisig. „Wann habt Ihr Mr. Habershaw ausgemustert?“

„Am Tag, nachdem ich meinen Kaperbrief zurückgegeben habe. Die Aztec ist zwar nach wie vor mein Reiseschiff, aber ich benötige nicht mehr die ganze Crew, die ich als Kaperfahrer gebraucht habe. Zu denen, die ich benachrichtige, wenn ich reisen will, gehört Mr. Habershaw nicht“, erklärte Turner.

„Bitte gebt uns bei Gelegenheit eine Liste der Leute, die Ihr noch als Crewmitglieder einsetzt, damit die Wachen entsprechend informiert werden können“, bat Gillette. Will lächelte.

„Außer in meiner Begleitung oder in der meiner Frau hat niemand etwas auf unserem Schiff zu suchen, ganz einfach“, sagte er. Gillette nahm es nickend zur Kenntnis.

„Ich werde die Wachen entsprechend in Kenntnis setzen“, versprach er und wandte sich an die Verhafteten.

„Was hattet Ihr auf der Aztec zu suchen?“, fragte er.

„Ich verlange einen Anwalt!“, versetzte Angus.

„Ich sage ebenfalls nichts ohne einen Anwalt!“, sperrte sich auch der, der sich als Jonathan Rosen ausgegeben hatte.

„Mr. Habershaw kenne ich persönlich, Euch nicht. Wie Ihr wisst, müsst Ihr Euch zu Eurer Identität äußern. Also: Wer seid Ihr, woher kommt Ihr?“

„Mein Name ist Jonathan Baldwin Rosen. Ich komme aus Canterbury in Kent.“

„Euer Geburtsdatum?“, fragte Gillette weiter.

„13. Januar 1733.“

„Ihr seid da ganz sicher?“, fragte Will den angeblichen Jonathan.

„Ja, was geht Euch das eigentlich an?“, versetzte der angebliche Jonathan herablassend.

„Captain Gillette, ich habe diesen werten Herrn vorhin danach gefragt, was ihm Edmund und Anne Rosen sagen. Er sagte, er wisse von diesen Personen nichts. Ich finde es zumindest seltsam, dass jemand seine eigene Verwandtschaft nicht kennt.“

„Und … woher kennt Ihr diese Namen, Sir William?“, erkundigte sich Andrew.

„Meine Mutter war eine geborene Rosen. Mehr sage ich jetzt bewusst nicht, Sir.“

„Wisst Ihr auch etwas zum Geburtsdatum eines Jonathan Baldwin Rosen?“

„Ich weiß etwas zu einem Jonathan B. Rosen. Auch den Mittelnamen nenne ich bewusst nicht. Das Geburtsdatum stimmt, der Mittelname jedoch nicht. Dieser Mann benutzt eine falsche Identität.“

„Kennt Ihr seine wahre Identität?“

„Nein; ich weiß nur, dass er nicht der sein kann, der er vorgibt zu sein“, erwiderte Will. Gillette nickte.

„Also, wer seid Ihr tatsächlich?“, fragte er den falschen Jonathan.

„Das werde ich Euch nicht sagen“, verweigerte der die Auskunft.

„Gut, dann sperre ich Euch einstweilen ein, bis Ihr willens seid, mir zu sagen, wer Ihr seid“, entschied Gillette. Er winkte den Posten und wies sie an, den Unbekannten in die Festung zu bringen, ermahnte Angus, sich künftig von der Aztec fernzuhalten und entließ ihn dann.

„Darf ich fragen, wie Ihr darauf gekommen seid, mitten in der Nacht Euer Schiff zu besuchen?“, wandte sich Gillette an die Turners, als sie allein waren.

„Wir haben zu Hause etwas vermisst und wollten auf dem Schiff nachschauen“, schwindelte Elizabeth.

„Habt Ihr gefunden, was Ihr gesucht habt?“

„Dazu sind wir nicht mehr gekommen, als wir diese werten Herren auf unserem Schiff erwischten.“

„Dann wollt Ihr sicher danach suchen, oder?“

„Ja, das wäre praktisch“, erwiderte Will. „Gute Nacht.“

Als sie draußen standen, sah Elizabeth Will verblüfft an.

„Wollten wir das nicht lieber unter dem Deckel halten?“, fragte sie leise außerhalb der Hörweite der Posten vor der Kommandantur.

„Lohnt nicht mehr. Gillette weiß, dass wir beim Schiff waren und dort etwas gesucht haben. Es ist eher unverdächtiger, wenn wir jetzt an Bord gehen und tun, was wir tun wollten“, erwiderte er. 

 

Etwas später waren sie wieder auf ihrem Schiff, ganz offiziell und mit Wissen der wachhabenden Posten Murtogg und Mullroy. Will durchsuchte nochmals den Kartentisch, aber seine Karten waren abgesehen von der, die Elizabeth einstweilen in der Taulast in Sicherheit gebracht hatte, vollzählig. Elizabeth holte aus der Taulast den Seesack und die Karte.

„Hey, Will! Hier ist das Ding!“, rief sie.

„Gott sei Dank!“, rief er zurück. „Ich hatte schon Befürchtungen, er wäre beim letzten Sturm doch über Bord gegangen!“

Es fehlte nicht viel und beide hätten fröhlich vor sich hin gepfiffen, als sie mit Johnnys Seesack und ihren sonstigen Errungenschaften unter den Augen der Marines ihr Schiff verließen und nach Hause gingen.

 

Die Kinder schliefen friedlich in ihren Zimmern, wie sich Elizabeth und Will überzeugten, die beiden Zofen ebenfalls. Die Eheleute brachten ihre Beute in einen Geheimraum im Keller, den nur sie beide und Stiefelriemen kannten. Will machte Licht, dann breiteten sie ihre „Mitbringsel“ aus. Jonathans Seesack ergab keine weiteren Informationen. Alle Papiere steckten in einem äußeren Seitenfach. Die Geheimbotschaften aus dem Sekretär der Company waren wesentlich interessanter. Mithilfe der kopierten Gitter entschlüsselte Elizabeth die Korrespondenz. Es waren diverse Pläne der Company, die die Suche nach verborgenen Schätzen beinhaltete, unter anderem nach dem Schwert des Hernan Cortés, dem Jungbrunnen und der Truhe des Toten Mannes, die angeblich das Herz von Davy Jones persönlich enthalten sollte. Elizabeth und Will lächelten darüber, wurden aber bleich, als ihnen aus weiteren Geheimnachrichten klar wurde, dass die Company die Vernichtung der Familie Turner beabsichtigte.

Es ergab sich, dass Lady Elaine in Jonathan eine ernste Gefahr sah und befürchtete, dass er reden würde, vor allem, wenn er tatsächlich bei Will anheuerte. Jimmy Legs sollte ihn deshalb töten – und Will samt Familie ebenfalls. Es müsse jedoch so geschehen, dass die Company damit nicht direkt in Verbindung gebracht werden könne. Kendall sollte deshalb über einen Mittelsmann Kontakt zu den Piratenfürsten aufnehmen, um einen von ihnen dazu zu bringen, Turner aus dem Weg zu räumen.

„Nachdem Turner die Kaperbriefe ungültig gemacht hat, werden sicher einige von ihnen bereit sein, ihm den Garaus zu machen. Mein Informant wäre vielleicht sogar selbst bereit dazu, aber noch ist mir sein Preis zu hoch. Aber versucht es nicht bei Sparrow! Er ist Turners Freund und nicht gegen ihn aufzubringen“, las sie vor. Er nahm das, was sie vorlas, schweigend zu Kenntnis.

„Will?“, fragte sie schließlich, als er nach geraumer Zeit noch immer kein Wort gesagt hatte.

„Ja?“

„Und? Was willst du dagegen tun?“, hakte sie nach.

„Darüber denke ich nach, Liebling. Wir können damit nicht einfach zu James Norrington oder deinem Vater gehen. Selbst, wenn sie darüber hinweggehen würden, dass wir diese Informationen durch einen Einbruch erlangt haben und eine Durchsuchung veranlassen würden, würden sie vermutlich nichts mehr finden. Der stille Alarm hat den Raum mit dem Sekretär verriegelt. Kendall wird ihn also gründlich untersuchen, schätze ich. Sollte er nur den Schatten eines Verdachtes haben, dass jemand die Geheimschublade mit den codierten Botschaften entdeckt hat, wird er sie wegschaffen und verschwinden lassen“, sagte er.

„Die wollen uns alle umbringen! Da können wir doch nicht tatenlos zusehen!“, protestierte Elizabeth.

„Das werden wir auch nicht. Jimmy Legs wollte die Karte mit der Lage der neuen Piratenzuflucht klauen. Wieso? Weil Kendall irgendwie an die Piratenfürsten herankommen muss – oder sein Mittelsmann. Angus hat ihm dabei geholfen. Also weiß Angus mehr, als gut für ihn ist – und für die Piratenfürsten.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Die Company hat einen Informanten bei der Versammlung der Piratenfürsten gehabt. Jemanden, der weiß, dass ich die Kaperbriefe ungültig gemacht habe und dass es den Piratenfürsten überhaupt nicht gepasst hat; aber auch jemand, der mindestens das Gefühl hat, Jack würde sich nie gegen mich oder meine Familie wenden. Jemanden, der auch unauffällig Kontakt zur Führung der Company aufnehmen konnte, weil er sich zu nachtschlafender Zeit in Port Royal bewegt; jemanden, der auch selbst nicht gut auf mich zu sprechen ist – Angus Habershaw.“    

„Angus? Der müsste dir mehr als dankbar sein!“, entfuhr es Elizabeth.

„Müsste er, ist er aber nicht. Er hat schon immer von Bestechung gelebt. Er ist – wenn du mich genau fragst – die wandelnde Geldgier, eigentlich der geborene Pirat. In gewissen Grenzen kann ich es ihm nicht einmal verdenken. Als Nachtwächter wird er mehr schlecht als recht bezahlt. Die Gehälter britischer Beamter, besonders kleiner Beamter wie Nachtwächter, sind einem so teuren Ort wie Port Royal nicht gewachsen. Um überhaupt leben zu können, muss er das Gehalt irgendwie aufbessern. Deshalb habe ich ihm mehrfach eine Heuer bei uns angeboten. Er hat das lange nicht angenommen, hat aber damals, nach dem Einbruch in die Werkstatt für eine Extrarunde durch die Coal Lane eine Menge Geld nebenbei verlangt. Damals habe ich darauf verzichtet, deinem Vater mitzuteilen, dass Angus sich bestechen lässt. Wie kommt Angus darauf, mitten in der Nacht jemandem angeblich unser Schiff zeigen zu wollen? Zu einer Zeit, zu der die Schmiede garantiert nicht offen ist? Nein, Angus hat den Kerl erwartet und ihn gezielt dorthin geführt, um die Karte zu klauen. Das macht aber nur Sinn, wenn er Verbindung mit Kendall hatte, der Jimmy mit ihm mitgeschickt hat und beiden auch noch gesagt hat, was er haben will“, erklärte Will. „Und ich befürchte, das, was wir gefunden haben, ist nur die halbe Wahrheit. Die Company kann mit Piraten überhaupt nichts anfangen. Schließlich stören sie die Handelswege. Nicht gut für jemanden, dem es nur ums Geschäft geht, wie Lord Everett es auszudrücken pflegte. Ob die Piratenfürsten in letzter Zeit Schiffe der Company angegriffen haben, weiß ich nicht. James hat nichts erwähnt, dein Vater auch nicht. Aber sie sind eine potenzielle Gefahr, die jederzeit und unerwartet losschlagen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass die Company nach allem, was sie angestellt hat, nicht unbedingt darauf hofft, von der Royal Navy unterstützt zu werden, wenn ihre Schiffe von Piraten angegriffen werden. Aber wenn man einem Piraten den Angriff auf einen ehemaligen Freibeuter, vom König geadelt, in die Stiefel schieben kann, dann könnte das zur Folge haben, dass die Navy wieder Jagd auf Piraten macht – und die Company hat damit überhaupt nichts zu tun, sondern freut sich nur der freien Seewege.“

„Klar soweit“, erwiderte Elizabeth, Jack Sparrow grinsend zitierend. „Und wie verhindern wir das nun?“

„Ich schlage vor, wir hängen uns an Angus. Er wird möglicherweise weiterhin versuchen, Kontakt mit einem der Piratenfürsten aufzunehmen. Das können wir nicht selbst. Angus kennt uns und alle, die für uns arbeiten – abgesehen von Jonathan. Aber bevor ich Jonathan in so eine delikate Sache einweihe, muss ich sehr viel mehr über ihn wissen, vor allem, ob ich ihm trauen kann.“

„Und wie kriegen wir Jonathans Sachen zu ihm hin, ohne laut werden zu lassen, dass die Sachen von der Company geklaut sind?“, fragte Elizabeth. Will lächelte sanft.

„Dazu brauche ich die Royal Navy. James Norrington ist morgen früh wieder in Port Royal. Er wird den Seesack ohne weiteren Kommentar vor seiner Tür vorfinden. Johnny hat ihm zwar den Familiennamen nicht gesagt, aber James wird seine Schlüsse daraus ziehen und entweder hier oder in der Schmiede nachfragen lassen, ob dies das Gepäck seines Schiffbrüchigen ist.“

„Nach der Kündigungsbestätigung hat Jonathan fünf Guineas Abfindung erhalten und davon eine Guinea für das Fahrgeld ausgegeben. Wenn er das Geld nicht bei sich hatte, wird er es hierin vermuten. Und wenn er es nicht findet, wird er entweder Anzeige erstatten oder schnurstracks zur Company laufen, um sich zu beschweren. Was dann?“

„Unproblematisch“, grinste Will. „Kendall wird sich hüten, auf den Einbruch zu verweisen und zu behaupten, das Gepäck sei dort gestohlen worden. James würde ihn dann nämlich fragen, wieso er es nicht sofort bei der Navy abgegeben hat. Und das Gepäck können viele in den Fingern gehabt haben …“

 

Währenddessen traf der inzwischen alarmierte Gordon Kendall im Kontor der East India Trading Company ein.

„Was ist passiert, Captain Greitzer?“, fragte er, als der führende Offizier ihn im Stiegenhaus zum Kontor empfing.

„Es wurde Alarm ausgelöst, Sir. Der Zugang zum Kontor ist abgeriegelt. Mit etwas Glück haben wir den Einbrecher in der Falle.“

Kendall nickte und zog den Schlüssel.

„Legt an!“, wies er die Männer an, die auch gehorsam ihre Waffen hoben und auf die Tür richteten. Der Agent schloss die Tür auf, Greitzer wies einen seiner Männer an, sie zu öffnen. Er öffnete sie und sprang im Inneren gleich beiseite, um nicht von seinen Kameraden erschossen zu werden. Der Raum war leer.

„Durchsuchen!“, befahl Greitzer, drei seiner Männer mit schussbereiten Waffen und zwei mit Laternen sprangen in den Raum hinein. Der Durchgangsraum bot keine Möglichkeiten, sich zu verbergen. Er war gerade vier Yards** lang und je zwei Yards breit und hoch. Die einzigen Einrichtungsgegenstände waren der Sekretär und der davor stehende Stuhl, die keine Möglichkeit zum Verstecken darstellten. Der Sekretär war geschlossen, aber der rechte Arm des rechts davon angebrachten dreiarmigen Kerzenleuchters war nach links verschoben. Kendalls Blick senkte sich prompt auf die rechts im Sekretär befindliche Geheimschublade. Sie war verschlossen. Er ließ sich zunächst nichts anmerken, öffnete den Schreibschrank und sah die Papiere rasch durch. Es sah ganz danach aus, dass alles an seinem Platz war.

„Alles da, wie es aussieht. Danke, Captain Greitzer, Eure Männer können gehen.“

Greitzer, der etwas größer war als Kendall, sah auf den Schreibschrank und fand dort Staubspuren. Sein Blick ging nach oben zur Decke und fand die Luke.

„Was ist das für eine Luke, Mr. Kendall?“, fragte er und wies nach oben.

„Hier drüber befindet sich ein Lagerraum“, sagte Kendall fast beiläufig.

„Wird diese Luke auch durch die Alarmmechanik blockiert?“, fragte Greitzer weiter.

„Äh … nein, ich glaube nicht.“

„Darf ich mal?“, fragte Greitzer und schob den Agenten sanft beiseite, zog den Stuhl heran und stieg darauf. Die Höhe reichte für den hochgewachsenen Captain aus, um die Luke nicht nur anzuheben, sondern auch in den oberen Lagerraum hineinzuschauen.

„Lampe!“, befahl er. Kendall reichte ihm eine Laterne hinauf. Greitzer leuchtete in den Lagerraum.

„Hier sind Stiefelspuren im Staub, zwei sind auf den ersten Blick zu unterscheiden.“

Er bückte sich.

„Sergeant! Sofort ein Stockwerk nach oben! Vorsicht aber, damit Ihr keine Spuren zerstört! Vielleicht führen uns diese Fußspuren zu den Einbrechern.“ 

 

Die Männer vor dem Durchgang eilten fort und durch das Stiegenhaus einen Stock höher. Kendall untersuchte derweil unauffällig das Geheimfach an der rechten Seite. Auch hier schien alles vollständig zu sein. Er schob das Fach wieder vorsichtig zu, um kein Geräusch zu verursachen. Dieses Geheimfach war so geheim, dass nur der jeweilige geschäftsführende Agent davon wissen durfte …

 

Die Soldaten kamen oben herum an die Luke.

„Die Spuren führen ins Stiegenhaus, Sir. Dann verliert sich die Spur“, meldete der Sergeant.

„Durchsucht den Speicherturm vom Keller bis zum Dach!“, befahl der Captain. Seine Männer teilten sich und suchten das Gebäude ab, aber sie fanden niemanden, auch keine weiteren Spuren. Kendall blieb im Kontor und stand grübelnd im Durchgang. Was, zum Teufel, hatten die Einbrecher gesucht? Es fehlte offenbar nichts, nicht einmal die Wechselkasse im Sekretär. Die Einbrecher hatten also nichts stehlen wollen, sonst wäre die Kasse das Mindeste gewesen, was sie hätten mitgehen lassen. Während er noch nachdachte, was die Unbekannten wohl gesucht hatten, kehrte Greitzer zurück.

„Niemand im Speicherturm!“, meldete er. „Nur einige leere Fässer im Kranboden!“

„Alle Fässer leer?“, fragte Kendall.

„Ja, Sir.“

„Danke, Captain Greitzer, Ihr könnt mit Euren Männern die normalen Posten aufsuchen“, entließ Kendall Greitzer und seine Leute. Dann stieg er in den Kranboden hinauf. Das Fass, in das er den Seesack des über Bord gegangenen Jonathan Rosen gesteckt hatte, war leer! Nun war die Frage: Hatte jemand danach gezielt gesucht oder hatten die Einbrecher eher zufällig das einzige gefüllte Fass bemerkt und geleert? Warum hatten sie dann aber die Kasse im Sekretär nicht angetastet? Kendall traf die Erkenntnis wie ein Schlag: Es mochte wohl sein, dass die Einbrecher den Fassinhalt eher zufällig gefunden hatten, vielleicht auf der Flucht vor den eintreffenden Soldaten – aber es war genau das, was sie gesucht hatten!

Kendall schloss daraus, dass Jonathan Rosen sehr wohl noch lebte und bei William Turner untergekommen war. Nur William Turner war in der Lage, einzubrechen und praktisch keine Spuren zu hinterlassen. Vor allem würde er es nicht nötig haben, irgendwo einzubrechen, um Reichtümer zu ergattern, dafür war er selbst reich genug. Er suchte auch keinen Nervenkitzel – er suchte Informationen gegen die Company. Turner brauchte gewisse Sachen nicht zu stehlen, ihm genügte es, wenn er bestimmte Dinge wusste.

Erst wurde Gordon Kendall blass, aber dann schlich sich ein Schmunzeln auf sein Gesicht. Mit den Informationen, die Turner möglicherweise aus dem Geheimfach gewonnen hatte, konnte er nicht hausieren gehen, ohne sich selbst dem Vorwurf des Einbruchs auszusetzen. Andererseits konnte Kendall mit dem Wissen um den Schuldigen des Einbruchs offiziell nichts anfangen, ohne selbst erklären zu müssen, weshalb er das Gepäck eines verschollenen Passagiers in einem leeren Fass auf dem Speicherboden aufbewahrte. Aber für die East India Trading Company war ein solches scheinbares Patt weniger bedrohlich als für eine Privatperson, mochte diese Privatperson auch ein erfahrener Freibeuter sein. Aber dann fiel ihm Jimmy Legs ein. Wenn Rosen noch lebte und sich unter Turners Schutz begeben hatte, würde Legs ein Problem haben, sich in den Betrieb einzuschleichen …

 

Noch bevor der erste helle Streifen über dem östlichen Horizont den neuen Tag ankündigte, huschte eine schattenhafte Gestalt um die Anlegestellen im westlichen Buchtbereich von Port Royal und schlich vorsichtig zum Büro des Admirals, das neben dem Kontor der East India Trading Company lag, im gleichen Stil erbaut war und praktisch den gleichen Grundriss hatte, aber von Kräften der Navy bewacht wurde. Weil der Kontorspeicher zwischen dem Kommandantenbüro und dem Kontor der Company lag, konnten die dortigen Wachen nicht beobachten, was sich bei der Navy tat – und umgekehrt.

Will peilte aus dem Schlagschatten unter dem Steg hervor und bemerkte Murtogg und Mullroy, die ihre letzte halbe Stunde Wache hatten. Er kannte beide gut genug, um zu wissen, dass sie jetzt alles andere als aufmerksam sein würden. Die beiden müden Krieger schlichen mit immer schwerer werdenden Schritten ihren Postenweg ab, der eine knappe Mannshöhe unten am Balkon des Kommandantenbüros auf dem Kai der Navy vorbeiführte. Der ehemalige Freibeuter wartete hinter der Hausecke, dass Murtogg, der auf die Ecke zukam, genau an der Ecke seine Kehrtwende machen würde, um dann zurückzumarschieren. Murtogg kam, bemerkte erwartungsgemäß nichts, machte eine scharfe Kehrtwende, stampfte dabei geräuschvoll auf, was Will nutzte, um den Enterhaken in das Gebälk des Bürobalkons zu werfen und sich eilig auf den Balkon zu ziehen. Hinter die Balkonbrüstung geduckt schlich er zur Bürotür des Admirals und deponierte Jonathans Seesack mit allem, was er und Elizabeth darin gefunden hatten, genau vor Norringtons Tür. Daran hatte er noch einen Zettel befestigt mit der Aufschrift: Mit freundlichen Grüßen von Davy Jones. Grinsend schlich er wieder zurück, nahm den Enterhaken ab, stieg über Balkonbrüstung und ließ sich fallen, als Mullroy den Weg bis zur Ecke vollendet hatte. Ebenso leise verschwand er wieder unter dem Anleger, pirschte bis in die nächste Gasse und ging dann offen auf die Pier. Murtogg und Mullroy stockten, als sie ihn kommen sahen.

„Halt! Stehenbleiben, Freundchen!“, befahl Mullroy.

„Guten Abend, Mr. Mullroy, Mr. Murtogg – oder sollte ich besser guten Morgen sagen?“, grinste Will.

„Oh, sorry, Sir William!“, hustete Murtogg, als er Will erkannte. „Habt Ihr noch etwas vergessen?“

„Ja, aber was man nicht im Kopf hat, das hat man in den Beinen. Ich werde eine Weile auf dem Schiff bleiben, Jungs!“

Mit erleichtertem Seufzen ließen die Marineinfanteristen Turner passieren, der harmlos zur Aztec schlenderte, an Bord ging und sich augenscheinlich an den Leinen zu schaffen machte. Vom Deck der Aztec hatte er den Bürobalkon der Kommandantur voll im Blick und konnte unter Kontrolle halten, ob jemand den Seesack wegnahm

 

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Kapitel 14

Ermittlungen

 

Will war recht übernächtigt, als er am folgenden Morgen in seine Schmiede kam und seine Leute einschließlich des neuen Gesellen Jonathan bereits arbeitend vorfand. Bis Sonnenaufgang hatte er Norringtons Bürotür von der Aztec aus bewacht, dann hatte Lieutenant Jasper das abgelegte Gepäckstück gefunden und sichergestellt.

Jonathan hatte sich des Stücks angenommen, das er am Tag zuvor zuletzt mit Will bearbeitet hatte. Die Klinge befand sich bereits in der Esse.

„Guten Morgen!“, grüßte Will. Seine Leute grüßten zurück.

„Johnny, wir beide haben etwas zu bereden, komm mit!“, sagte er zu dem Neuling. Jonathan folgte dem Wink seines Meisters in das abgeteilte Seitenbüro.

„Johnny, ein normaler britischer Bürger hat einen Vor- und einen Nachnamen. Bevor ich dich endgültig einstelle, möchte ich deinen Familiennamen wissen“, eröffnete Will.

„Wieso …?“

„Deinen Namen, Johnny!“

Der Ton klang befehlend und ließ keinen Widerspruch zu. Einen Moment druckste Jonathan noch.

„Rosen, Sir. Jonathan Blanchard Rosen“, erwiderte er dann, beinahe flüsternd.

„Und du bist aus Canterbury?“, hakte Will nach.

„Ja, Sir.“

„Was sagt dir Edmund Rosen?“, frage Will weiter.

„Edmund ist mein Onkel. Er lebt inzwischen in Oxford.“

„Aha. Und Anne Rosen?“

„Anne war meine Tante. Sie hat in Plymouth ge…“ Johnny brach ab. „Ihr wisst es, nicht wahr?“, fragte er.

„Was soll ich wissen?“, fragte Will.

„Ihr wisst, dass Ihr mein Cousin seid, nicht wahr?“, fragte Jonathan mit zitternder Stimme. Will schaltete rasch. Es war wohl besser, wenn er seinen neuen Gesellen einfach reden ließ …

„Dein Cousin …?“, fragte er harmlos.

„Will, bitte tu nicht so ahnungslos. Deine Mutter war meine Tante! Wir haben am selben Tag Geburtstag, sind auch noch derselbe Jahrgang. Wir haben unseren Geburtstag oft genug zusammen gefeiert. Mom meinte oft, dass wir eigentlich Zwillinge seien. Du … bist doch der Sohn von Anne und William Turner, geboren am 13. Januar 1733 in Canterbury, obwohl der Geburtstort eher ein Zufall ist, weil deine Mutter eigentlich mit deinem Vater in Plymouth lebte, wenn er denn zu Hause war. Oder ist es doch nur eine Namensgleichheit?“

„Was … weißt du über den William Turner, an den du gerade denkst?“, hakte Will nach.

„Dein Vater war Seemann. Er galt als verschollen, eher tot, nachdem sein Schiff 1744 als gesunken gemeldet wurde. Deine Mutter starb etwas über ein Jahr später und mein Vater Charles gab dir das Geld für die Überfahrt nach Jamaica, weil du deinen Vater suchen wolltest … sagte er damals jedenfalls. Wenn du der William Turner bist, dann weißt du, welches Wappen die Familie Rosen führte“, sagte Jonathan. Will lächelte sanft.

„Ja, ich weiß es. Sag du mir die Wappenbeschreibung, dann präsentiere ich dir etwas, was dir beweist, dass ich mütterlicherseits zur Familie Rosen gehöre“, erwiderte er. Jonathan zögerte einen Moment.

„Ein … in vier Teile geteilter Schild, im Feld oben links und unten rechts eine rote Rose auf gelbem Grund, oben rechts und unten links auf blauem Grund ein gelber Anker, der mit einem Tau umwickelt ist“, beschrieb er – zwar nicht den Regeln der Heraldiker entsprechend, aber volkstümlich verständlich. Will nickte und zog aus seiner Wamstasche das Silbermedaillon, das seine Mutter seinem Vater auf jene Reise mitgegeben hatte, von der er nicht nach England zurückgekehrt war. Jonathan sah die Randverzierung aus Rosen und unklaren Ankern und war nun endgültig überzeugt, dass sein neuer Arbeitgeber sein Cousin war.    

„Wieso hast du weder mir noch dem Admiral deinen Familiennamen gesagt, Jonathan?“ erkundigte sich Turner.

„Ich wusste nicht, ob ich euch trauen konnte. Der Name Turner ist nicht gerade selten – und William erst recht nicht. Bevor ich dich als meine Verwandtschaft betrachten wollte, wollte ich mich erst überzeugen, ob das zutraf.“

„Und was hat dich überzeugt?“

„Dieses Medaillon; aber zunächst die Tatsache, dass du mit der East India Trading Company nicht auskommst. Vater hatte mir gesagt, dass schon dein Vater den Laden nicht ausstehen konnte – wie unsere Großväter schon nicht.“

„Wie bist du tatsächlich in die Dienste der Company geraten?“, fragte Will.

„Da habe ich dir die Wahrheit gesagt. Ich habe in Canterbury bei Master Reeves Hufschmied gelernt, der mich auch gern als Gesellen behalten hätte. Er wollte mir aber nur zehn Pence im Monat bezahlen – bei sechs Tagen Arbeit in der Woche und zwölf Stunden täglich. Zum gleichen Zeitpunkt suchte die Hornsbury-Werft in Dover einen Grobschmied für Beschläge, Klampen und so und bot für zehn Stunden an sechs Tagen sechs Pence, aber pro Woche! Das is’ ‘ne andere Hausnummer! Ich bewarb mich und habe erst in Dover spitzgekriegt, dass die Werft der East India Trading Company gehört. Erst dort wurde ich dann nach meinem vollen Namen und meiner bisherigen Anschrift gefragt. Statt Blanchard nannte ich Baldwin als meinen zweiten Namen und auch die Anschrift meines Lehrmeisters als meine letzte Adresse in Canterbury.“

„Wieso?“

„Na ja, als ich wusste, für wen ich da wirklich arbeite, hielt ich es für besser, wenn sie nicht wirklich alles über mich wissen.“

„Weshalb?“

„Die Company ist bekannt dafür, ihre Mitarbeiter auch zu erpressen, wenn sie es für nötig hält. Ich wollte nicht, dass sie sich vielleicht an meiner Familie vergreifen. Ein Kollege, der mal im Hauptkontor in London war, hat mir erzählt, dass sie über jeden Akten führen, den sie für interessant halten, auch über die die, sie als Gegner betrachten. Und sie haben auch keine Skrupel, jemanden umbringen zu lassen, wenn er ihnen im Weg ist. Ich weiß von solchen Morden, aber auch von Pressekampagnen gegen Leute, die ihnen unliebsam geworden sind.“

„Woher weißt du das?“

„Morrison ließ manchmal entsprechende Bemerkungen fallen, die darauf schließen ließen.“

„Was weißt du über Nathan Everett?“, erkundigte sich Will.

„Ich würde ihn als Schaf im Wolfspelz bezeichnen, seine Familie nennt ihn eher das schwarze Schaf, weil er der Einzige ist, der Firmeninteressen nicht gewaltsam durchsetzen würde. Leider hat der König ihn gezwungen, den Vorstandssitz aufzugeben. Edward Jones ist jetzt offiziell der Vorsitzende, aber der steht unter dem Pantoffel seiner Frau, Lady Elaine. Sie ist die wahre Chefin der East India Trading Company, ein wahrer Drachen, wie er im Märchenbuch steht. Fehlt nur noch, dass sie Feuer speit. Nichts geschieht, was sie nicht will. Und was sie will, das geschieht. Siehe meine Rückenverzierung …“

„Wie lautet dein genauer Auftrag?“

„Ich soll über meine Tätigkeit berichten, auch über die Verfahren und Legierungen“, sagte Jonathan. Will nickte.

„Ich habe erfahren, dass heute Nacht jemand verhaftet wurde, der auf meinem Schiff erwischt wurde und sich Jonathan Baldwin Rosen nannte. Da der Name Rosen nicht so häufig ist wie Turner, nehme ich an, dass derjenige sich für dich ausgeben sollte und hier anfangen wollte. Er ist etwa fünfeinhalb Fuß groß, rotblond, gedrungene Figur, blaue Augen. Kennst du jemanden, auf den diese Beschreibung passen könnte?“

„Am ehesten Jimmy Legs. So ’n richtiger Schlägertyp?“

„Ja“

„Dann ist es Jimmy Legs.“

„Kennt er dich?“

„Nicht aus längerer Bekanntschaft. Er hat mich mit der neunschwänzigen Katze verdroschen. Ob er mir wirklich ins Gesicht gesehen hat, weiß ich nicht, aber das Narbenmuster auf dem Rücken könnte er erkennen. Jimmy war aber nicht an Bord der Bombay. Wenn er hier ist, kann er nur mit der Edinburgh Trader gekommen sein, die gestern Abend eingelaufen ist. Dann wird er vom hiesigen Agenten sicher eine Personenbeschreibung bekommen haben, um mich überwachen zu können“, meinte Jonathan.

 

Währenddessen brachte Lieutenant Jasper dem gerade eingetroffenen Admiral Norrington den auf dem Bürobalkon gefundenen Seesack.

„Guten Morgen, Sir. Das hier habe ich vor Eurer Bürotür gefunden, als ich um sechs Uhr meinen Dienst antrat“, meldete Jasper und präsentierte Norrington das Gepäckstück.

„Wann wurde es abgegeben?“, fragte James.

„Nicht direkt abgegeben, Sir, es lag vor der Tür“, erwiderte Jasper. „Es hing nur ein Zettel dran – Mit freundlichen Grüßen von Davy Jones …“

Norrington konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Wer immer es war, er hat jedenfalls Sinn für Humor“, sagte er. „Hat schon jemand die Sachen untersucht?“

„Nein, Sir. Ich wollte es nicht ohne Eure Weisung veranlassen.“

„Gut, Lieutenant, kümmert Euch bitte darum, dass das Stück untersucht und seinem Eigentümer übergeben wird.“

„Aye, Sir!“, bestätigte Jasper mit zackigem Salut und trollte sich mit dem Seesack.

Nicht lange darauf kehrte er zurück und berichtete von seinem Untersuchungsergebnis.

„Sieh an, da haben wir ja unseren Schiffbrüchigen …“, resümierte Norrington nach dem Bericht seines Untergebenen. „Wo hat er gearbeitet? Auf der Hornsbury-Werft???“, fragte er schließlich. Es klang richtig erschrocken.

„Aye, Sir!“

„Die Hornsbury-Werft gehört der East India Trading Company“, brummte James und stand auf. „Rosen hat für die Company gearbeitet, fährt auf einem Schiff der East India Trading Company und will ausgerechnet bei William Turner, dem erklärten Feind der Company anfangen? Jasper, da stinkt was ganz gewaltig! Sonst irgendwelche Vorkommnisse?“

„Aye, Sir. Mr. Turner hat heute Nacht auf seiner Aztec zwei Männer erwischt: Angus Habershaw und einen zweiten, der sich Jonathan Rosen nannte, allerdings Jonathan Baldwin Rosen und nicht Blanchard, wie es hier im Pass steht. Mr. Turner hat bereits gegenüber Captain Gillette erwähnt, dass der, der oben in der Festung sitzt, nicht der echte Jonathan Rosen sein kann. Mr. Turner erwähnte, dass seine Mutter eine geborene Rosen sei. Demnach wäre… “

„… der echte Rosen wohl sein Cousin“, vollendete Norrington. „Ich glaube, wir sollten mal einen Besuch in der Schmiede machen, Mr. Jasper. Ruft fünf Mann der Sicherheitswache zusammen und folgt mir zur Coal Lane.“ 

 

An der Tür zum Seitenraum der Schmiede klopfte es.

„Ja!“, rief Will. Sean öffnete die Tür.

„Meister, Admiral Norrington ist da und will dich und Johnny sprechen“, sagte er.

„Gut, lass ihn rein“, wies Will den Gesellen an. Die Soldaten betraten die Schmiede und gingen gleich in das kleine Kontor durch.

„Guten Morgen, Sir William“, grüßte Norrington dienstlich.

„Guten Morgen, Admiral Norrington“, erwiderte Will freundlich, während Johnny nach einem Mauseloch zu suchen schien, in dem er verschwinden konnte.

„Wie ich sehe, hat unser Schiffbrüchiger seinen Weg zu Euch gefunden, Master Turner“, sagte James mit einem abschätzenden Blick auf den neuen Gesellen. „Wisst Ihr, wen Ihr Euch da eingefangen habt?“

„Aye, ich denke schon. Inzwischen weiß ich auch seinen Namen.“

„So? Wer seid Ihr nun, Sir?“, fragte Norrington streng. Jonathan rutschte ob des Tons fast das Herz in die Hose.

„Mein Name ist Jonathan Blanchard Rosen, Sir.“

„Wieso wolltet Ihr mir Euren vollständigen Namen nicht nennen, als wir Euch aus der See gefischt haben?“, hakte der Admiral nach. Jonathan suchte eine Weile nach Worten, aber Will kam ihm zuvor:

„Johnny hat für die East India Trading Company gearbeitet, in deren Werft in Dover.“

„Für die Company – und du stellst ihn ein, nach allem, was die Company hier angestellt hat?“, fragte James verblüfft, auch verblüfft darüber, dass Will dies bereits wusste.

„Johnny und ich haben eben ein sehr ausführliches Gespräch geführt. Er hat mir alles gesagt, auch, dass die Company ihn eigentlich als Spion bei mir einschleusen wollte. Sie hatten nur Pech, dass sie mir ausgerechnet meinen eigenen Cousin geschickt haben …“

„Gestern wusstest du das aber noch nicht …“

„Nein, es hat sich aus dem Gespräch ergeben.“

„Könnt Ihr beweisen, was Ihr behauptet, Mr. Rosen?“

„Nein, Sir. Mein Seesack mit allen Papieren blieb auf der Bombay. Ich wollte heute in der Mittagspause oder nach Feierabend ins Kontor gehen und meine Sachen abholen.“

Norrington winkte einem der Männer, der den Seesack brachte. Jonathan bekam große Augen.

„Hey, mein Seesack!“, entfuhr es ihm.

„Sagt mir jetzt genau, was sich in diesem Sack wo befindet, Mr. Rosen“, forderte Norrington ihn auf.

„In der Seitentasche dort sind meine Papiere – Pass, Fahrschein, meine Kündigung, die Bestätigung der Kündigung, ein Empfehlungsschreiben und der Rest meines Geldes“, erklärte Johnny.

„Öffnet das Seitenfach, Mr. Kyle!“

Kyle, der den Sack hatte, öffnete es, Norrington nahm die Sachen, die darin waren, heraus und stellte fest, dass Jonathan alles korrekt angegeben hatte – abgesehen vom fehlenden Geld. Er faltete den Pass auseinander, während Kyle die restlichen Papiere wieder im Seitenfach verstaute.

„Eure Eltern?“, fragte er.

„Charles und Peggy Rosen in Canterbury.“

Norrington nickte. Auch das, was Rosen zum Inhalt der Tasche sagte, stimmte.

„Nun, der Seesack ist offensichtlich Euer Eigentum, Mr. Rosen. Ich gebe ihn deshalb an Euch zurück.“

„Danke, Sir. Scheint so, als gäbe es doch noch anständige Menschen bei der Company, wenn der Sack von denen bei Euch abgegeben wurde.“

„Nun, der Sack wurde nicht von Mr. Kendall oder einem anderen Beauftragten als an Bord befindliches Gepäck eines verschollenen Passagiers abgegeben, sondern heute Nacht vor meiner Bürotür abgelegt – mit einem Zettel dran von … ahem … Davy Jones …“, erwiderte James mit verhaltenem Grinsen. „Die Tatsache, dass kein Geld drin ist, bestätigt mir, dass Ihr das nicht selbst wart, Mr. Rosen.“

„Wieso?“

„Wärt Ihr es gewesen, hättet Ihr auch Geld darin hinterlassen, um glaubwürdig zu sein.“  

„Fasst einem nackten Mann mal in die Tasche, Sir. Wenn Sir William mir nicht gestern gleich meinen Tageslohn ausbezahlt hätte, hätte ich keinen roten, verbogenen Penny, den ich dort hätte hinterlassen können.“

„Wie viel Geld war drin?“, fragte Will.

„Meine restliche Abfindung. Ich hatte fünf Pfund Abfindung bekommen. Hier, ergibt sich aus der Kündigungsbestätigung“, sagte Jonathan und gab Norrington einen gefalteten Zettel, den er wieder aus der Seitentasche des Seesacks nahm. Es war tatsächlich die Kündigungsbestätigung der Werft – wohlgemerkt nicht der Company. Wenn es eines allerletzten Beweises bedurft hätte, dass Jonathan der Eigentümer dieses Seesacks war, war es dieses blinde Zugreifen auf das richtige Papier.

„Davon hatte ich mit einem Pfund den Fahrschein bezahlt und mir noch etwas Proviant und diese Jacke gekauft. Dafür habe ich nochmal zehn Shilling ausgegeben. Es waren noch drei Pfund und elf Shilling übrig, die ich hier in dieser Innentasche hatte, zusammen mit der Kündigungsbestätigung, dem Fahrschein, meiner angeblichen Eigenkündigung und dem Empfehlungsschreiben. Die Schreiben sind noch da, aber das Geld ist weg.“

„Wusste jemand, dass du Geld hast?“, fragte Will.

„Der Captain. Ich habe vor seinen Augen das restliche Geld in den Seesack gesteckt, nachdem ich ihm ein Pfund für die Fahrt bezahlt hatte.“ 

„Es wird schwierig sein, zu beweisen, dass der sich dran vergriffen hat. Das Gepäck kann durch viele Hände gegangen sein“, erwiderte Will und nickte, als ihm klar wurde, dass Kendall den Pass augenscheinlich nicht gefunden hatte. Da Jonathan das britische Hoheitsgebiet nicht verlassen hatte, wäre ein Pass nicht erforderlich gewesen. Also hatte der Company-Agent danach scheinbar gar nicht gesucht. Das erklärte, weshalb die Company weiterhin den falschen Mittelnamen aus der Personalakte benutzte. Dass die Personenbeschreibung nicht passte, dürfte Kendall nach dem Inhalt des Schreibens, dass Will und Elizabeth im Sekretär gefunden hatten, aus dem Vergleich der Personenbeschreibung, die er vom Captain der Bombay erhalten hatte und dem tatsächlichen Aussehen von Jimmy Legs erkannt haben.

„Die Papiere waren offenbar nicht interessant für den, der das Geld genommen hat“, sagte er. „Du bekommst es einstweilen von mir, Jonathan.“

„Danke, Sir, das ist großzügig; aber ich möchte niemanden in diese Angelegenheit hineinziehen“, erwiderte der Geselle.

„Oh, seid sicher, Euer Cousin wird wissen, wie er das Geld von der Company zurückholt, Mr. Rosen“, grinste Norrington. „Er sollte dabei nur sehr vorsichtig sein …“, warf er eine Mahnung in Richtung Will, der nur sanft lächelte.

„Noch etwas: Heute Nacht wurde jemand verhaftet, der teilweise Euren Namen benutzte. Er nannte als Mittelnamen allerdings Baldwin. Könnt Ihr etwas damit anfangen, Mr. Rosen?“, fragte Norrington. Johnny erklärte ihm seine Vorsicht, als er bemerkt hatte, für wen er tatsächlich arbeitete.

„Der Mann benutzt also Eure Identität, die Ihr bei der Company genannt habt. Ich bitte Euch, Euch diesen Mann anzusehen. Vielleicht habt Ihr eine Ahnung, wer er sein könnte. Uns will er seinen richtigen Namen nicht nennen“, sagte Norrington

„Ich vermute, Sir, es wird James Legs sein, Lady Elaines Leibwächter. Er war es, der mir die Peitschenhiebe verpasst hat.“

„Ihr könnt ihn identifizieren?“

„Ja, Sir.“

 

Gordon Kendall wanderte unruhig im Kontor auf und ab. Seine Gedanken gingen zum vergangenen Nachmittag zurück …

 

***

 

Der geschäftsführende Agent saß an seinem Schreibtisch und untersuchte den Inhalt des Seesacks, den Tagelöhner Kenny ihm gebracht hatte. Er fand nichts Bedeutsames außer einigen Münzen im Wert von drei Pfund und elf Shilling.

Braucht Rosen ohnehin nicht mehr‘, dachte er. Aber vielleicht ließ sich damit der immer noch grantige Captain Molesworth davon abhalten, der Navy zu melden, dass er ohne ausreichendes Personal segeln musste. Die elf Shilling steckte Kendall in seinen eigenen Beutel, die drei Pfund verschwanden in der Rocktasche, damit er sie später Molesworth geben konnte. Sein Blick glitt hoch und wurde gewahr, dass noch ein dreimastiger Segler Port Royal anlief. Kendall stand auf, nahm ein Fernrohr, ging auf den umlaufenden Balkon des Kontors und glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können: Der Segler lief unter der Flagge der East India Trading Company! Sein ebenso interessierter wie verwunderter Blick durch das Spektiv zeigte ihm, dass die von Lady Elaine angekündigte Edinburgh Trader nur wenige Stunden nach der Bombay eintraf. Gordon Kendall war mehr als nur verblüfft. Wenn die EITC für etwas bekannt war, dann dafür, nicht unnötig Geld zu verschwenden – und die Entsendung zweier Dreimaster vom selben Verschiffungshafen zum selben Zielort machte nur dann einen wirtschaftlichen Sinn, wenn so viel Ladung an einem der beiden Umschlagplätze für den anderen war, dass sie nur mit zwei Schiffen transportiert werden konnte. In Port Royal war gerade genug Ladung für Liverpool, Plymouth und London zusammen, um damit ein Schiff zu füllen – und es lagen für britische Fertigwaren kaum halb so viele Bestellungen vor. Ladung im Überfluss konnte also nicht der Grund sein, weshalb die Edinburgh Trader jetzt schon kam … 

Etwas später lag die Edinburgh Trader vertäut am Kai der Company, die Seeleute löschten das Schiff selbst. Es waren nur ein paar Tuchballen, wenige Kisten Tee, sonst schien der Segler nur Luft geladen zu haben. Kendall kratzte sich unbehaglich unter der Perücke. Das sah richtig nach Alibi-Ladung aus, um der Ankunft einen halbwegs glaubwürdigen Anstrich zu geben. Dass es genau das war, wurde ihm klar, als nur eine halbe Stunde, nachdem das Schiff vertäut war, ein kräftiger, gedrungener Mann von etwa dreißig Jahren mit fast würfelförmigem, rothaarigem Kopf in seinem Kontor stand und sich als James Legs, Sonderbeauftragter von Lady Elaine Jones, vorstellte.

„Ich habe Euch erwartet, Mr. Legs, allerdings nicht so schnell. Die Bombay ist erst vor wenigen Stunden angekommen“, sagte Kendall.

„Die Edinburgh Trader hat Plymouth drei Tage nach der Bombay verlassen. Das ist ein einigermaßen passabler Zeitraum. Wieso ist Molesworth zu spät gewesen?“

„Er ist in einen Sturm geraten und hat es nur knapp geschafft, dem zu entwischen. Er ist ziemlich aufgebracht, dass er mit unzureichendem Personal fahren musste“, erwiderte Kendall.

„Ihr wisst sicher schon, dass ich diesen Tunichtgut Rosen überwachen soll – oder ihm das Licht auspusten soll, wenn er nicht spurt“, sagte Legs.

„Ich weiß, aber daraus wird nichts werden. Der bei Molesworth angekündigte Schiffsjunge Rosen entpuppte sich als Landratte und ist auch noch beim Sturm über Bord gegangen. Er dürfte wohl bei Davy Jones angeheuert haben, schätze ich. Aber da er nicht mehr da ist und hier auch nicht mehr ankommen kann, müsst Ihr ihn auch nicht mehr überwachen. Ich habe eine bessere Idee: Ihr werdet an seiner Statt bei Turner anheuern und ihm die Geschäftsgeheimnisse entlocken. So, wie Ihr ausseht, könnt Ihr mindestens einen Schmied spielen, Mr. Legs. Ich werde Eure Papiere vorbereiten lassen, damit Ihr eine passable Legende habt.“

„Lady Elaine ist an Turners Tod interessiert, Sir.“

„Das weiß ich, Mr. Legs. Aber dagegen sprechen zwei Dinge: Erstens: Ohne sein Wissen um meisterhafte Klingen werden wir keine eigene Schmiede aufbauen können. Er ist erst frei zum Abschuss, wenn wir alles wissen, was er weiß. Also stellt Euch gelehrig an. Zweitens: Wenn Ihr den Mann hier in Port Royal oder in Reichweite von Admiral Norrington erledigt, hängt Ihr schneller als Ihr bis drei zählen könnt. Turner hat großes Ansehen in dieser Gegend – hauptsächlich deshalb, weil er Lord Beckett um die Herrschaft über Jamaica gebracht hat, aber auch, weil er ein erfolgreicher Freibeuter war, der der Kolonialverwaltung viel Geld eingebracht hat. Wenn ihm hier etwas zustößt und auch nur der Anschein eines Verdachtes besteht, dass die Company damit auch nur das Geringste zu tun hat, hängt Ihr, hänge ich, wird die Company endgültig aufgelöst. Wenn ihn überhaupt jemand um die Ecke bringt, dann jemand, den man mit uns nie und nimmer in Verbindung bringen könnte. Am besten ein Pirat. Hätte auch den charmanten Vorteil, dass die Navy wieder einen Grund hätte, Piraten zu jagen und uns nicht mehr so genau auf die Finger sieht. Ich werde Euch mit einem früheren Vertrauten von Turner zusammenbringen, der auf ihn nicht mehr gut zu sprechen ist, seit er seinen Kaperbrief abgegeben und seine Crew entlassen hat. Vielleicht könnt Ihr schon heute Nacht mit dessen Hilfe Informationen bekommen, die uns auf die Spur der Piratenfürsten bringen. Seit dem Friedensschluss sind sie wie vom Erdboden verschluckt, wahrhaftig untergetaucht, einfach weg. Ich wette, Turner weiß auch darüber etwas. Aber er ist verschwiegen. Vielleicht findet sich auf seinem Schiff etwas, womit wir was anfangen können. Angus Habershaw wird Euch dabei eine große Hilfe sein.“

„Gut. Wie lautet meine Legende?“

„Ihr seid Jonathan Baldwin Rosen, stammt aus Canterbury in Kent und seid am 13. Januar 1733 dortselbst geboren. Eure Eltern sind Charles und Peggy Rosen. Bislang habt Ihr für die Hornsbury-Werft in Dover als Feinschmied gearbeitet, habt dort wegen der interessanteren Stelle als Waffenschmied bei Turner gekündigt und seid hergefahren. Das sind alle Informationen, die wir über Rosen haben“, erklärte Kendall, klingelte und wies den Laufburschen des Kontors an, den Nachtwächter Angus Habershaw zu holen.

 

Kaum waren beide fort, ließ Kendall für Legs passende Papiere mit einer exakten, auf Legs passenden Personenbeschreibung ausstellen. Weil die East India Trading Company in vielen Fällen die einzige Kolonialverwaltung war, hatte sie das Privileg, Pässe ausstellen zu dürfen. Für die Niederlassung Port Royal galt das eigentlich nicht, weil Jamaica eine funktionierende königliche Verwaltung hatte, aber von solchen Nebensächlichkeiten ließ die East India Trading Company sich nach wie vor nicht beeindrucken. Die Londoner Zentrale hatte die Vertretung in Port Royal selbstverständlich mit allem ausgestattet, was die Kontore in den von ihr selbst verwalteten Kolonien zur Verfügung hatten. In der Kanzlei war für die Passangelegenheiten ein Mitarbeiter zuständig, der von Natur aus verschwiegen war – er war stumm, weil ihm irgendwer irgendwann die Zunge herausgeschnitten hatte. Kendall gab dem stummen Schreiber Somerset den Originalpass und beauftragte ihn, die Personenbeschreibung auf die abzuändern, die auf dem gesonderten Zettel stand und wies ihn an, das schleunigst zu erledigen. Wenig später brachte der Kanzleiangestellte die Papiere für Jimmy. Kendall schaute sie nochmals durch und stutzte, als er als Mittelnamen „Blanchard“ im Pass fand.

„Hey, Mr. Somerset! Habt Ihr Tomaten auf den Augen? Baldwin ist der richtige Name! Korrigiert das umgehend!“, schnauzte er den Schreiber an. Erschrocken gestikulierte der Schreiber, nahm den richtigen Pass und wies auf den Namen. Aber Kendall blieb hart. Somerset musste den neuen Pass auch um den Mittelnamen ändern, was er letztlich schulterzuckend tat.

Der nunmehr überflüssige Seesack musste einstweilen verschwinden, vor allem mussten die echten Papiere verschwinden. Das Gepäckstück konnte er nicht einfach wegwerfen. Zu groß war die Gefahr, dass es jemand fand. Kendall brachte den Sack schließlich in das Dachgeschoss des Speichers, wo einige leere Pulverfässer standen, deren eventueller Gebrauch ohnehin mit dem geschäftsführenden Agenten abgestimmt werden musste. In einem davon ließ er den Seesack verschwinden. Nein, an den kam keiner mehr ohne sein Wissen heran. Selbst, wenn der echte Jonathan Rosen auftauchen sollte, würde er nichts mehr beweisen können, wenn sein Gepäck nicht mehr greifbar war … 

 

***

 

Kendall kam in die Gegenwart zurück. Im Moment schien alles schiefgegangen zu sein. Der Seesack war weg, mit großer Wahrscheinlichkeit von Turner entwendet, nur konnte Kendall das nicht mal bei den eigenen Hauswachen zur Anzeige bringen, nachdem er am Abend zuvor gesagt hatte, es sei nichts gestohlen worden. Vermutlich lebte Rosen noch, war ebenso vermutlich bei Turner untergeschlüpft – und Jimmy Legs war weg. Nach allem, was er über die Informationskanäle der Company wusste, war Legs ein grundzuverlässiger Mann, aber jetzt wartete er vergeblich auf ihn, der eigentlich gleich morgens um acht ins Kontor hatte kommen wollen, um mitzuteilen, ob und was er vielleicht auf der Aztec gefunden hatte. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens ließ Kendall schließlich Angus holen. Ein sichtlich verschlafener Nachtwächter erschien durch den Hintereingang des Kontors.

„Habt Ihr eine Ahnung, wo mit Jimmy Legs steckt?“, fragte Kendall.

„Allerdings. Wir wurden heute Nacht auf der Aztec von den Turners erwischt. Sie haben uns bei der Navy abgeliefert. Jimmy ist noch in Haft, weil er sich geweigert hat, seinen Namen zu nennen – den richtigen, meine ich. Turner hat ihn beschuldigt, eine falsche Identität zu benutzen.“

„Woher will der das wissen?“, fragte Kendall erschrocken. Angus zuckte mit den Schultern.

„Behauptet, seine Mutter wäre eine geborene Rosen gewesen.“

„Hat Turner den vollen Namen genannt?“

„Nein, Sir. Er hat gesagt, dass er den bewusst nicht nennt.“

„Habt Ihr auf der Aztec noch was gefunden?“

„Ja. Im Kartentisch war eine Karte, die das neue Versteck der Piratenfürsten zeigen könnte. Ich hatte sie Jimmy gegeben. Bei der Durchsuchung nach der Festnahme haben die Jungs von der Navy aber nichts gefunden. Ich vermute, Turner hat die Karte gefunden, als wir beide noch außer Gefecht waren.“

Kendall nickte müde. Dann hatte Turner die Karte auch wieder verschwinden lassen – und zwar ganz gewiss nicht auf dem Schiff. Es war zum Auswachsen!

„Dann müssen wir sehen, wie wir Jimmy aus dem Gefängnis kriegen …“ 

Angus Habershaw verschwand und Gordon Kendall setzte seine unruhige Wanderung fort, als er wieder allein war. Es war der Gipfel des Missgeschicks, dass Jimmy mit dem falschen Namen unterwegs gewesen war und ausgerechnet Turner in die Arme gelaufen war, der offensichtlich bereits wusste, wie der Name richtig lautete. Jetzt konnte er nur noch hoffen, Legs rechtzeitig aus dem Gefängnis zu bekommen, bevor der sein Inkognito aufgab. Noch besser: Man brachte ihn zum Schweigen bevor er anfing zu reden … Aber wer würde sich da finden?

 

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Kapitel 15

Gemeinheiten

 

Als Norrington mit seinen Soldaten, Will und Jonathan in die Festung kam, staunte er nicht schlecht, dass Lieutenant Stevens ihm die Mitteilung machen musste, dass der Gefangene unter dem Namen Rosen ausgerissen war.

„Was? Wie konnte das passieren, Lieutenant?“

„Darüber rätseln wir noch, Sir …“, gab der junge Lieutenant zu. Norrington ließ sich den Zellentrakt zeigen. Alle Zellen waren verschlossen und leer.

„Rosen war der einzige Insasse gestern Nacht, Sir. Heute Morgen um neun Uhr hat Sergeant Lester ihn laut Wachbuch noch vorgefunden, hat ihn geweckt und ihm das Frühstück gegeben. Als er eine halbe Stunde später wiederkam, um ihm das Geschirr abzuholen, war die Zelle leer.“

„Macht bitte mal auf, Lieutenant“, bat Will. Stevens schloss auf, und Will ging gleich an das vergitterte Fenster. Die Zelle gehörte zu denen, die seinerzeit beim Angriff der Black Pearl beschädigt worden waren. Die Reparatur der Außenmauer war mit einem Mörtel gemacht worden, der nicht zur besten Qualität gehört hatte.

„Was gab es zum Frühstück? Hirsebrei?“ fragte er.

„Aye. Wieso?“

Will winkte dem Lieutenant.

„Seht mal: Diese Gitterstrebe ist mit Hirsebrei eingekleistert worden. Wenn er heute Nacht allein war, hatte er genügend Zeit, mit dem immer in der Zelle verbleibenden Löffel den morschen Mörtel zu entfernen. Die Strebe hat er freigelegt, aus- und wieder eingebaut. Als er heute Morgen den Brei bekommen hat, ist er ausgestiegen, hat das Ding wieder eingesetzt, die Löcher zugeschmiert und ist von hinnen. Es ist recht einfach, an diesen Felsen entlang zu klettern.“

„Wie … seid Ihr darauf gekommen, Sir William?“

„Ich bin selber mal so aus einem spanischen Gefängnis geflüchtet, Lieutenant. Den Trick hat mir Captain Sparrow beigebracht …“, grinste Will.

„Er ist seit zwei Stunden weg. Weiter als bis Kingston kann er noch nicht sein. Alle Mann mobilisieren und Port Royal durchsuchen, Stevens!“, befahl James.

„Aye, Sir!“, bestätigte Stevens und rannte davon.

 

Wenig später durchkämmten die Soldaten Port Royal, Will und Jonathan schlugen den Weg in Richtung Schmiede ein. Die Schweigsamkeit des Schmiedemeisters und sein nachdenklicher Blick machten Rosen stutzig.

„Was ist mit dir?“, fragte Jonathan nach einer Weile. Will blieb stehen.

„Ich habe nachgedacht. Legs habe ich hier noch nie gesehen. Ich vermute, er war hier noch nie. Wenn er aus dem Knast ausgebrochen ist, wohin wird er sich wenden? Doch an einen Ort, den er irgendwie schon mal gesehen hat. Er ist wahrscheinlich mit dem Schiff gekommen. Also wird er vielleicht in den Hafen gehen. Er benutzt die Identität, die du der Company genannt hast. Gordon Kendall ist der hiesige Agent der Company und hat eine Menge Möglichkeiten, Leute verschwinden zu lassen. Die Schiffe liegen direkt vor der Haustür. Es wäre ihm ein Leichtes, ihn auf eines der Schiffe zu schicken und es ablegen zu lassen. Zwei Stunden – das reicht völlig, um zu Fuß von der Festung herunter zum Kontor der East India Trading Company zu gelangen.“

„Der Admiral scheint mir ein kluger Mann zu sein, Will. Ich schätze, auf die Idee ist er auch schon gekommen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, seufzte Will. „James Norrington ist ein guter Freund von mir, er vertritt hier das Gesetz und ist ein kluger Kopf. Aber es gibt Situationen, in denen ich lieber selbst sicherstelle, dass jemand, der mir oder mir nahe stehenden Leuten an den Kragen will, dingfest gemacht wird.“

 

Gordon Kendall fuhr auf, als es am hinteren Fenster des Kontors klopfte und erkannte Jimmy Legs, der mit gehetztem Blick vor der Tür stand. Kendall sprang auf und riss die Tür auf.

„Guter Gott! Wo habt Ihr gesteckt?“

„Hinter schwedischen Gardinen. Turner hat Angus und mich auf seinem Kahn erwischt. Unseren Plan, dass ich unter dem Namen Rosen bei ihm die Betriebsgeheimnisse ausspioniere, können wir vergessen. Er weiß, dass ich nicht Jonathan Rosen sein kann. Ich muss irgendwie untertauchen“, keuchte Jimmy.

„Es braucht eine Weile, um eines der Schiffe zum Auslaufen klarzumachen. Wenn die Soldaten Euren Ausbruch bemerken, wird innerhalb von Minuten ganz Port Royal von Navy überschwemmt sein.“

Legs’ Blick fiel auf die am Navy-Kai vertäute Aztec.

„Ich bin ziemlich sicher, dass Häuser, die Turner gehören, oder sein Schiff nicht durchsucht werden, weil die Rotröcke nie auf die Idee kommen würden, dass ich mich in der Höhle des Löwen verstecken könnte. Wenn Ihr mich ungesehen auf eines Eurer Schiffe schaffen könnt, leihe ich mir da ein Boot, pulle* zur Aztec und warte, bis die Wogen sich wieder glätten“, versetzte Legs.

„In Ordnung. Kommt.“

Kendall brachte Legs in den Destillationskeller des Kontors, neben dem sich außer der Rösterei für Kaffee und Kakao auch das Zeughaus der EITC-Soldaten befand. Der Agent suchte für Legs selbst eine passende Uniform zusammen; der zog sich eilig um und war schon auf der Bombay, als Captain Gillette mit einem Trupp königlicher Soldaten im Kontor der Company erschien.

„Heute Morgen ist ein gefährlicher Hochstapler aus dem Gefängnis ausgebrochen. Wir müssen alles durchsuchen, Mr. Kendall.“

„Aber natürlich, Sir. Tut Eure Pflicht. Äh … wenn Ihr mir eine Personenbeschreibung gebt, werden unsere Truppen natürlich dabei gern helfen, Captain“, bot der Agent an.

„Danke, einstweilen nicht. Aber ich werde Euch gern unterrichten, wenn der Admiral dem zustimmt“, erwiderte Gillette und bedeutete seinem Sergeant, die Männer ausschwärmen zu lassen. Die Navy-Soldaten verteilten sich jeweils zu viert auf das Gebäude. Gillette blieb auf dem Balkon des Kontors und ließ seinen Blick schweifen, weil man vom Balkon der Company aus einen fast noch besseren Blick hatte als vom Balkon der Navy-Kommandantur.

 

Will hatte mit Johnny zwar den Weg zur Schmiede eingeschlagen, aber er hatte nicht vor, dorthin zu gehen, wie Jonathan schnell feststellte, als Will nicht nach links die Coal Lane hinaufging, sondern den Weg geradeaus um die Bucht nahm.

„He, wo willst du hin?“, fragte er, als er ihm nur mit Mühe folgen konnte. Will blieb stehen.

„Nimm mal an, du würdest in einer dir weitgehend unbekannten Gegend ausreißen und vor dem Problem stehen, wo du ein einigermaßen sicheres Versteck findest. Was würdest du tun?“, fragte er. Jonathan sah ihn verwirrt an.

„Versteh’ nich’“, erwiderte er und kratzte sich am Hinterkopf.

„Wie gesagt: Die Company hat eine Menge Möglichkeiten, Leute verschwinden zu lassen. Von der anderen Buchtseite sind die Piers gut und vor allem unauffällig zu beobachten“, grinste Will. Sie gingen weiter um die Bucht herum, vorbei an den Lagerschuppen bis zu einer Taverne, die am anderen Ende der Bucht lag. Von dort hatte man einen guten Blick auf die Seeseite der Piers, die Festung und den Weg um die Bucht. Sie waren gerade so weit gekommen, dass sie den kleinen Steg vor der Taverne erreicht hatten, als auf der Wasserseite der Bombay ein Boot ausgesetzt wurde, in dem ein Mann in der Uniform der East India Trading Company saß. Er löste die Tampen und pullte eilig zum benachbarten Navy-Kai, vorbei an der HMS Unicorn zur Aztec. Dort machte er das Boot fest und stieg vorsichtig um sich peilend an Bord. Will sah Jonathan an und nickte schweigend. Johnny begriff und folgte seinem Cousin wieder in der anderen Richtung. Er bog jedoch zur Schmiede ab, von wo er zur Verblüffung seiner übrigen Mitarbeiter wortlos zwei Entermesser mitnahm. Eines davon drückte er Jonathan draußen in die Hand.

„Ich hoffe, du kannst damit umgehen“, sagte er.

„Nein, aber vielleicht kann ich ein bisschen Eindruck schinden und Jimmy erschrecken“, grinste Jonathan.

Eilig liefen sie zu den Piers. Die Marineinfanteristen Kyle und McMillan standen Posten auf dem Navy-Kai.

„Sir William! Wohin so eilig?“, fragte Kyle, der sich ihnen in den Weg stellen wollte.

„Da ist mal wieder jemand auf mein Schiff gestiegen“, erklärte Will im Vorbeilaufen.

„Aber …“

„Von See, Mr. Kyle!“, stellte Will klar. Er bremste rechtzeitig, um Legs nicht zu warnen und stieg leise an Bord, bedeutete Jonathan, ebenfalls leise zu sein und hinter ihm zu bleiben. Leise schlichen sie zur Backluke, die Will vorsichtig öffnete und sich in den Bugraum hinunter ließ. Jonathan folgte ihm mit klopfendem Herzen. Vor Jimmy Legs hatte er eine Heidenangst, erhoffte sich aber im Verein mit seinem Cousin genügend Mut, um nicht gleich in die Hose zu machen.

Kaum waren sie unter Deck, als die beiden Posten etwas übereifrig ihrer Wachpflicht nachkommen wollten und mit Schwung und viel Krach an Bord sprangen.

 

Dieser Umstand entging Kendall nicht, der gerade die Navy-Soldaten auf dem Balkon verabschiedete, nachdem sie im Kontor die gesuchte Person nicht gefunden hatten. Gordon Kendall hatte plötzlich einen Gedanken: Er konnte eigene Truppen einfach zur Aztec schicken. Möglicherweise war das der beste Weg, Jimmy Legs zu schützen, wenn er in der Truppe untertauchen konnte.

Und wenn Turner an Bord ist?‘, meldete sich ein aufdringlicher Gedanke. ‚Es könnte ja einen kleinen Unfall geben …‘, setzte er den Gedanken fort und schnippte unbewusst mit den Fingern. Das war die Idee! Er drehte sich zu einem der Posten um, die auf dem Balkon standen.

„Holt mir Captain Greitzer her!“, wies er den Mann an.

 

Die an Bord springenden Marineinfanteristen alarmierten Legs prompt. Einen Augenblick überlegte er, fliehen zu wollen, dann sagte er sich, dass Frechheit siegte. Er zog das Kurzschwert und sprang aus dem Niedergang zum Kanonendeck.

„Hab’ ich dich!“, brüllte er. Die beiden Rotröcke bremsten heftig.

„Hä?“, fragte Kyle.

„Oh, ‘tschuldigung, Kam’raden. Ich dachte doch, das wär’ der Lump, der heute früh aus dem Knast getürmt ist“, griente er. Während Kyle und McMillan sich noch verstört ansahen, rumpelte es vernehmlich unter Deck, als Will und Jonathan durch das Kanonendeck zum Niedergang hetzten. Mit zwei Sätzen war Will an Deck.

„Hallo, Mr. Legs!“, rief er. Jimmy reagierte blitzartig und blockte den Hieb mit dem Entermesser geschickter ab, als Will es erwartet hatte. Legs erwies sich als kundiger und zäher Fechter, dem es gelang, sich das Entermesser des Schiffseigners vom Hals zu halten. Das rasante Gefecht, das sich Will und Jimmy lieferten, ließ weder den Marines noch Jonathan eine Chance einzugreifen. Jimmy turnte rückwärts mit traumwandlerischer Sicherheit über Taurollen und Lüftungsgitter des Kanonendecks in Richtung Back, Will folgte ihm ebenso sicher. Seine Füße kannten auf diesem Deck jede noch so kleine Unebenheit und umgingen sie, ohne dass der Captain hinuntersehen musste. Jonathan und die Rotröcke waren so fasziniert, dass sie nicht mitbekamen, dass zwei Boote mit Soldaten der EITC besetzt an der Seeseite längsseits gingen und weitere Männer in EITC-Uniform über die Gangway an Bord stürmten.

„Ergreift sie!“, kommandierte Greitzer. Seine Männer griffen die erschrockenen Rotröcke und Jonathan Rosen an, ein recht großer Teil der Männer stürmte gleich in Richtung Back, um in den Kampf dort einzugreifen

Es war ein ebenso kurzer wie heftiger Kampf, den die Company-Truppe schnell für sich entscheiden konnte. Ein Hieb mit dem Gewehrkolben schickte Will Turner ins Reich der Träume, die anderen drei lagen schon ein paar Augenblicke vorher lang. Der Mann, der ihn niedergestreckt hatte, ging ohne Feindeinwirkung ebenfalls zu Boden, doch Greitzer nahm diese Tatsache nicht wahr.

„Schafft sie in die Brigs unter Deck. Und verknotet mir Turner gut!“, wies er seine Soldaten an. Ihm war gerade eine Idee gekommen, wie er dieses lästige Subjekt Sir William Turner endlich aus dem Weg räumen konnte. Mit etwas Glück fand sich an Bord etwas, womit er und seine Männer sich tarnen konnten, damit nicht jeder sah, dass Leute der Company das Schiff aus dem Hafen steuerten.

„Aye, Sir!“, bestätigte sein Sergeant. Der Captain sah die offene Tür der Kapitänskajüte und peilte hinein. Ein Schapp an der Steuerbordseite zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Er öffnete es und fand Kleidung darin.

„Mr. Giles!“, rief er.

„Aye!“

„Geht zu Kendall. Sagt ihm, wir haben die Aztec. Ich werde diesem Spuk jetzt ein Ende bereiten und diesen verdammten Kahn samt seinem Captain versenken. Der kommt uns nicht nochmal in die Quere. Die Bombay soll uns folgen und uns draußen aufnehmen. Sie sollen sich beeilen. Die Aztec ist schnell. Ich will sie außerhalb der Sichtweite der Insel in Davy Jones’ Locker manövrieren.“

„Aye!“

Der Bote rannte davon. Eilig tarnten sich einige der EITC-Männer mit der Zivilkleidung aus der Eignerkajüte, Greitzer – getarnt mit einem weißen Hemd, Kapitänsschärpe und Kopftuch – stand am Steuer und gab die Kommandos zum Auslaufen.

 

Gordon Kendall glaubte seinen Augen nicht trauen zu können, als auf der Aztec die Leinen losgemacht und die Segel gesetzt wurden. Was, zum Teufel, hatte Turner jetzt wieder vor? Doch nur Minuten später sprang Private Giles die Stufen zum Kontor hinauf.

„Mr. Kendall, ich melde im Auftrag von Captain Greitzer, dass wir die Aztec haben. Der Captain fährt sie hinaus, um sie auf offener See samt Turner zu versenken.“

„Ist der von allen guten Geistern verlassen?“, schnaufte der Agent. „Das muss doch der Dümmste merken, dass wir unsere Finger drin haben!“

Es war zu spät, Greitzer noch an dem zu hindern, was er vorhatte, das war Kendall aber ebenso klar. Die Aztec war ein schnelles Schiff, das im Moment der Meldung gerade den Zuckerhutfelsen am Ende der Bucht passierte. Eilig ließ er an Captain Kimball die Weisung geben, sofort mit der Bombay auszulaufen und Greitzer und seine Männer aufzunehmen. Einen seiner Sekretäre, der keine Ahnung davon hatte, was gerade geschah, schickte er mit der Meldung zu Admiral Norrington, dass die Aztec von Unbekannten gekapert worden war und er die Bombay hinterherschicke, um zu Hilfe zu eilen.

 

James Norrington sah den Sekretär bestürzt an, als der ihm die aufgetragenen Informationen gab. Von der Bombay sah er auch nur noch gerade das Heck um den Zuckerhutfelsen verschwinden und wusste, dass die HMS Dauntless oder die HMS Unicorn keine Chance mehr hatten, die Aztec früher zu erreichen als die Bombay. Mit schweren Schritten machte er sich auf, um Will zu informieren, dass die Royal Navy die Kaperung seines Schiffes nicht hatte verhindern können.

„Master Turner ist nicht hier“, sagte John Brown, als Norrington in die Schmiede kam und Will suchte.

„Was?“

„Er kam vorhin kurz mit dem Neuen ‘rein, hat sich zwei Entermesser geschnappt und ist wieder weg. Keine Ahnung, wo er hin is’“, schaltete sich Sean ein. James wurde blass. Er rannte hinaus und lief eilig zum East Harbour Hill.

„James! Du bist ja ganz abgehetzt!“, wunderte sich Elizabeth, als er dort hechelnd ankam.

„Ist Will zu Hause?“, fragte der Admiral atemlos.

„Nein, der ist jetzt in der Schmiede“, erwiderte sie.

„Dort war er nicht. Da habe ich ihn ja zuerst gesucht.“

„Wieso?“

„Weil jemand gerade euer Schiff klaut!“

„Aber … wie …?“, presste sie heraus und war im nächsten Moment wie von den Furien gehetzt auf dem Weg zum Ausguck auf dem Dach. James folgte ihr, holte sie aber erst auf dem Dach ein, wo sie schon mit einem Fernrohr hinter der Aztec und der ihr folgenden Bombay her peilte. Es war deutlich erkennbar, dass die schlanke und schnelle Aztec der Bombay glatt davonfuhr.

„Verdammt!“, entfuhr es Elizabeth wenig damenhaft. „Wieso ist die Bombay hinter denen her?“

„Kendall hat mir seinen Sekretär geschickt. Seine Leute verfolgen die Kaperer.“

Elizabeth drehte sich um.

„Und das soll ich glauben? Die East India Trading Company will unser Schiff zurückholen?“

„Vielleicht sind sie ja endlich zur Vernunft gekommen“, mutmaßte Norrington.

„Nein, sind sie nicht“, erwiderte sie. „Dass du Will nicht in der Schmiede angetroffen hast, beunruhigt mich.“ 

„Wieso?“

„James, die Company will uns ans Leben – allen.“

„Woher weißt du das?“

„Ehrlich, das führt jetzt zu weit“, bremste Elizabeth. „Ich sag’s dir, wenn Will wieder gesund hier ist.“

„Such’ ihn lieber nochmal“, empfahl James. „Sollte er nicht in Port Royal sein, nehmen wir dich auf die Suche mit. Bring die Kinder zu deinem Vater. Ich lasse eine Extrawache dort.“

„Aye!“

 

Die Aztec erreichte rasch die offene See. Captain Greitzer sah sich doch etwas besorgt um, weil die Bombay der schnellen Brigg nicht so rasch folgte, wie er erwartet hatte.

„Versenkung vorbereiten!“, wies er gleichwohl seinen Sergeant an. Er wollte keine weitere Zeit verlieren, wenn die Bombay längsseits ging.

Die Bombay war eine Galeone, wirkte aber schwerfälliger, als sie tatsächlich war. Dennoch brauchte sie eine gute Stunde länger, um die Aztec einzuholen, was aber auch nur deshalb gelang, weil die Männer auf der Brigg die Segel bargen und damit dem kleineren Schiff den Vortrieb nahmen.

 

Im Hafen von Port Royal beeilte sich die Royal Navy, die HMS Dauntless klarzumachen. Dennoch brauchten die Männer erheblich länger als normal, weil die Fregatte für einen Werftaufenthalt schon fast komplett abgetakelt war und die Segel erst wieder angeschlagen werden mussten. Admiral Norrington wollte es aber nicht riskieren, mit der zwar schnelleren, aber gegenüber der Bombay deutlich schwächer bewaffneten HMS Unicorn den Versuch zu machen, Wills Schiff aus den Händen der Kaperer zu retten. Es war ihm überaus peinlich, dass die Brigg trotz Bewachung durch Soldaten der Navy hatte gekapert werden können. Um zu wissen, wo die Suche beginnen sollte, beorderte der Admiral einen Mann auf den Glockenturm der Festung, um die Bombay im Blickfeld zu behalten. Von dort hatte man bei guter Sicht eine Sicht von knapp vierzehn Seemeilen – wenn die Luft entsprechend klar war. An diesem Tag war es aber leicht dunstig, so dass die Sicht allenfalls zehn Meilen weit reichte. Der Posten auf der Festung verlor die Bombay schon eine gute Stunde, nachdem er mit Beobachtung begonnen hatte, aus den Augen. Immerhin konnte er Admiral Norrington melden lassen, das Company-Schiff sei Kurs Südsüdost gefahren.

 

Währenddessen hatte die Bombay die ohne Vortrieb liegende Aztec erreicht und ging längsseits.

„Bodenventile öffnen!“, befahl Greitzer. Drei seiner Männer stiegen in die Bilge, um die dort befindlichen Bodenventile aufzumachen, die eigentlich dazu da waren, um in einer Werft auf dem Trockenen das Bilgewasser abzulassen. Jetzt aber strömte durch diese Öffnungen rasch Wasser in das Schiff hinein. Greitzer räumte inzwischen den Kartentisch leer. Was William Turner an Kartenmaterial besaß, war unendlich wertvoll; vor allem zu wertvoll, um auf dem Grund der Karibik zu landen. Seit die East India Trading Company ihren Kartografen Avenarius Pentacosta an die Piraten verloren hatte, suchten die Verantwortlichen verzweifelt nach einer ähnlichen Kapazität aus dieser Zunft, aber gute Kartografen waren ebenso dünn gesät wie herausragende Waffenschmiede. Der Inhalt des Kartentisches der Aztec war ein Geschenk …

 

Elizabeth machte sich derweil immer größere Sorgen um Will, der in Port Royal einfach nicht aufzufinden war. Als Stephen Groves ihr auch noch sagte, dass auch die zur Wache bei der Aztec eingeteilten Marineinfanteristen Kyle und McMillan vermisst wurden, schwante ihr ganz Böses. Eilig brachte sie ihre Kinder zu ihrem Vater, der nicht schlecht staunte, seine Tochter wieder in piratenmäßiger Kleidung mit Dreispitz und Entermesser im Schultergehänge zu sehen.

„Eigentlich sehe ich dich lieber in den schönen Roben, die dir so gut stehen, mein Kind“, sagte er.

„Auf einem Schiff sind die nur äußerst unpraktisch, Vater. Bitte, gib auf die Kinder Acht. Admiral Norrington wird dir eine Sonderwache ans Haus schicken. Ich suche mit James nach Will und der Aztec.“

Damit war sie schon wieder verschwunden, bevor Governor Swann auch nur reagieren konnte. 

 

Erst drei Stunden nach der Bombay passierte auch die HMS Dauntless den Zuckerhutfelsen, um die Bombay und mit ihr die Aztec zu suchen. Allen an Bord war klar, dass sie jetzt nur auf gut Glück nach Südsüdosten fahren konnten und nur hoffen konnten, auf die Bombay oder die Aztec zu stoßen.

 

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Kapitel 16

Irrwege

 

Will Turner erwachte davon, dass ihn jemand heftig schüttelte – und dass er ein nasses Heck hatte …

„Wiiiill! Zum Teufel, wach auf!“, drang es wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Nur langsam wurde er wieder Herr seiner Sinne. Er schüttelte sich und bemerkte, dass seine Hände auf den Rücken gefesselt waren.

„Guter Gott! Wo bin ich?“, fragte er.

„Auf deinem Schiff – und in Schwierigkeiten“, erwiderte Jonathan. Will sah zu ihm und stellte fest, dass sein Vetter ebenfalls wie ein Rollbraten verschnürt neben ihm in der Brig der Aztec lag. In dem Käfig gegenüber waren die beiden Rotröcke, die das Schiff eigentlich hatten bewachen sollen – auch verknotet.

„Wo kommt das Wasser her?“, fragte Will verstört, als er bemerkte, dass im Takt der Dünung Wasser durch das Unterdeck schwappte.

„Ich hab’ das nur mit halbem Ohr mitgekriegt. Vorhin war jemand hier unten und sagte was von Bodenventile öffnen“, erwiderte Jonathan. Will zuckte zu ihm herum.

„Was?“, entfuhr es ihm erschrocken.

„Bodenventile öffnen“, wiederholte Johnny.

„Hilf mir mal, die Fesseln loszuwerden!“

„Was?“

„Ich brauche freie Hände, um hier rauszukommen, klar soweit?“

Er robbte zu Johnny, der auch versuchte, die Fesseln ohne hinzusehen zu öffnen, aber es gelang ihm nicht.

„Wart mal, ich binde dich los. Dann kannst du besser arbeiten“, bremste Will die erfolglosen Versuche des Knotenpulens seines Cousins.

„Oh, Gott, mach zu! Wir saufen ab!“, quengelte Jonathan, der spürte, wie das Wasser höher stieg. Will Turner hatte im Laufe der Jahre so viele gefahrvolle Situationen überstanden, dass er sich von höher steigendem Wasser unter Deck eines Schiffes aber nicht mehr aus der Ruhe bringen ließ. Greitzers Männer hatten, wie Will erwartet hatte, Seemannsknoten zum Verschnüren ihrer Gefangenen verwendet. Diese Knoten waren fest, ließen sich aber leicht lösen, wenn man mit ihnen vertraut war – und William war mit ihnen vertraut. Es dauerte auch nicht lange, bis er Jonathans Fesseln offen hatte. Jonathan bekam nun auch die Tampen auf, die seinen Cousin banden.

„Jetzt haben wir die Hände frei, aber wir sitzen immer noch hinter Gittern“, brummte Johnny.

„Nicht mehr lange“, grinste Will und trat auf eine Bodenplanke an der Bordwand. Zu Johnnys grenzenlosem Erstaunen war sie nicht wirklich befestigt, sondern hatte lediglich Ziernägel an den vier Ecken, die sich leicht aus den Spanten lösen ließen. Obendrein ließ sie sich an einer Nut teilen. Eines der Plankenteile gab Will Jonathan und schüttelte aus einem eingefrästen Loch in dem anderen einen Schlüssel.  

„Mich auf meinem eigenen Schiff einzusperren, ist einfach unmöglich“, sagte er. Johnny sah ihn verstört an, als Will die Tür einfach aufschloss.

„Lass die Jungs drüben raus!“, wies er Jonathan an und war mit drei Sätzen an der Luke zur Bilge, holte tief Luft und sprang hinunter in den tiefsten Raum seines Schiffes. Die Aztec hatte drei Bodenventile, das größte gleich im Bereich der Luke, das Will auch zuerst erreichte. Es widersetzte sich zwar zunächst, ließ sich dann aber doch zuschrauben. Er kam wieder hoch, schnappte erneut nach Luft und tauchte zu dem zweiten, das auf halbem Weg zur Back war. In Gedanken bat er Calypso um Hilfe.

Ich bin bei dir‘, drang ihre Stimme an sein inneres Ohr. Mit ihrer Hilfe erreichte er auch dieses weiter entfernte Ventil und konnte es schließen. Japsend kam er wieder an der Luke hoch.

„Ich muss oben herum. Das achtere Ventil erreiche nicht mal mit Calypsos Unterstützung“, sagte er und stemmte sich pitschnass aus der Luke hoch und rannte zum Heck. Dort war eine zweite Bilgenluke, in deren Nähe auch das dritte Bodenventil war. Wieder tauchte er unter die Decksplanken und schloss auch das dritte Ventil.

„So, das hätten wir. Weiteres Wasser ist erst einmal ausgesperrt“, keuchte er, als er an der Luke wieder hochkam, und Jonathan ihn schon erwartete, während die beiden immer noch eingesperrten und verschnürten Soldaten nur verblüfft zur achteren Bilgeluke schauten.

„Hör mal, das sind zu viele! Übrigens: Der Schlüssel passt nicht“, warnte Jonathan. Will schüttelte den Kopf.

„Verflixt! Ich dachte doch, ich hatte ihn für beide passend gemacht! Neben unserer Brig ist ein Schlüsselkasten. Da ist auch der richtige drin. Von der Company ist bestimmt keiner mehr an Bord. Die wollten uns versenken, aber nicht selber dabei draufgehen. Ich muss nochmal runter, Ersatzwaffen holen. Lass du schon mal die anderen aus der Zelle.“

„Mach ich“, bestätigte Jonathan, suchte im Schlüsselkasten nach dem passenden Zellenschlüssel und öffnete auch die zweite Brig, während Will erneut in der überfluteten Bilge untertauchte, um aus der Kiellast* Ersatzwaffen zu holen. Dieser Bestand an Ersatzsäbeln wurde immer wieder von ihm aufgefüllt. Er mochte nicht daran denken, wie oft er schon genötigt gewesen war, dieses Depot anzugehen. Der Krieg und sein Dasein als Freibeuter der britischen Krone hatte ihn einige Entermesser und Säbel gekostet … Aber es hatte den unbedingten Vorteil, dass dort unten niemand Waffen erwartete.

Während Jonathan die beiden Soldaten befreite, sah Will mit der gleichwohl gebotenen Vorsicht nach, ob die EITC von Bord war. Tatsächlich, außer ihm selbst, Jonathan und den beiden Soldaten war niemand an Bord. In einiger Entfernung schwamm eine Fregatte unter der Flagge der East India Trading Company, die Will bald als Bombay identifizieren konnte. Sie schien sich zu entfernen und verschwand langsam im Dunst. Will ging in die Kajüte, um sich etwas Trockenes anzuziehen und fand sein Kleiderschapp* ausgeräumt, die Sachen auf dem Boden verstreut. Aus dem Augenwinkel sah er die Laden des Kartentisches offen stehen und trat mit unguter Ahnung dorthin. Tatsächlich, der Kartentisch war ratzeputz leer. Mit einem Seufzen ging er zum Wandschapp, aber auch dieses Schapp war restlos geleert, einschließlich der Notkarte, die dort gewesen war. Will war wie vom Donner gerührt. Ohne Seekarten würde es ohne Landsicht problematisch werden, nach Port Royal zurückzukehren. Immerhin, Chronometer und Sextant waren vorhanden; mithilfe dieser Geräte und des Kompasses würde er Port Royal schon wieder finden können. Er stieg auf das Achterdeck und stellte zu seinem blanken Entsetzen fest, dass der Standkompass am Steuerrad demontiert und verschwunden war. Und obendrein bewegte sich das Ruder nur wenige Inches nach links und rechts, was dafür sprach, dass die Ruderkette blockiert war.

„Tolle Nummer!“, entfuhr es ihm. Er sah sich nach der Bombay um, die sich stetig weiter entfernte. Er hatte zwar die leise Hoffnung, dass das Company-Schiff nach Port Royal zurückkehren würde, doch es war keine Gewissheit. Es hätte ihm auch nichts genützt. Mit der jetzigen Menge Wasser in Bilge und Brigdeck und einem blockierten Ruder konnte die Aztec der Bombay nicht folgen. Die Brigg lag so tief im Wasser, dass es fast bis zu den unteren Geschützpforten reichte. Will stieg in den Großmast, aber auch aus fast neunzig Fuß Höhe war kein Land mehr in Sicht. Ob es am Dunst lag oder an der tatsächlichen Entfernung zur Insel, konnte er im Moment nicht abschätzen. Tatsache war, er sah nichts …

 

Auf der Bombay war Jimmy Legs dazu eingeteilt, die Aztec zu beobachten. Er stand im Besanmars* und peilte nach achtern. Die Brigg sank bedingt durch den zunächst eher geringen Zustrom von Wasser aus den Bodenventilen langsam. Das würde sich ändern, wenn die Geschützpforten des Kanonendecks die Wasseroberfläche erreichten. Jimmy betrachtete seine Aufgabe als erfüllt, als die Konturen der Brigg im Dunst schwächer wurden, und stieg vom Besanmast wieder herunter.

„Und?“, fragte Captain Kimball.

„Sie sinkt. Schön langsam. Turner wird richtig was davon haben“, grinste Legs.

„Markiert die letzte bekannte Position. Im Zweifel schauen wir nochmal nach“, sagte der Captain an den Steuermann gewandt.

„Aye, Sir!“, bestätigte der. „Kurs Port Royal, Sir?“, fragte er dann.

„Nein. Falls wir der Navy über den Weg fahren, sollen sie glauben, dass wir nach der Aztec suchen. Kurs West, Steuermann!“ 

 

Auf der Aztec kamen Kyle und McMillan mit Jonathan an Deck.

„Folgen wir ihnen?“, fragte Kyle.

„Das würde ich gern, Mr. Kyle, zumal ich keine Ahnung habe, wo wir uns befinden. Aber wir haben immer noch eine Menge Wasser im Schiff. Das muss raus, und zwar schnell. Noch ist die See ruhig. Und außerdem muss ich erst das Ruder wieder in Gang setzen.“

„Aye, Captain Turner!“, bestätigten die beiden Soldaten. Sie hatten keine andere Wahl, als das Wasser Eimer für Eimer aus dem Schiff zu befördern – eine ebenso kraftraubende wie langwierige Angelegenheit, die zunächst die beiden Soldaten übernahmen, während Will sich am Heck herunterließ, um nachzusehen, wo die Blockade genau war. Jonathan sicherte den Tampen, der Will hielt. Die Ruderkette war dort, wo sie hingehörte, aber das Ruderblatt schien verklemmt – und ziemlich weit unter Wasser. Will blieb nichts anderes übrig, als hinter dem Heck zu tauchen und nachzusehen, was das Ruder in der jetzigen Position hielt. Er ließ sich fallen, platschte vernehmlich ins Wasser und schwamm zum Ruder. Zwischen Ruderblatt und Rumpf klemmte einer der kleinen Ersatzblöcke der Takelage. Will konnte ihn erreichen, aber nicht herausbekommen. Er schwamm hinter dem Heck heraus.

„Jonathan! Ich brauche einen Hammer!“, rief er.

„Wo hast du so was?“

„In der Taulast, ganz vorne!“

Jonathan eilte zum Bug und hatte tatsächlich bald einen Hammer gefunden, band ihn in einen Tampen und ließ ihn hinunter. Will bekam ihn zu fassen, tauchte wieder und schlug den Block heraus. Mit Block und Hammer arbeitete er sich wieder zum Heck.

Wahrschau! Hammer!“, rief er und schleuderte zuerst den Hammer nach oben, dann mit einem weiteren Warnruf den Block. Jonathan ging in Deckung, die beiden Wurfgeschosse donnerten irgendwo aufs Deck. Am Tampen zog der Captain sich wieder hoch und kam triefend über die achtere Reling* zurück aufs Schiff.

„Also, sehen wir zu, dass wir das Schiff lenzen*“, brummte er und machte sich mit Jonathan daran, Kyle und McMillan beim Leeren der unteren Räume zu helfen.

 

Im Vormars der HMS Dauntless peilte Elizabeth Turner nach voraus befindlichen Schiffen. Der Dunst war relativ stark. Erst gegen Abend wurde es etwas weniger. Aus dem Dunst schälte sich ein Dreimaster, der in Richtung Osten fuhr und sich bereits an Backbord der HMS Dauntless befand.

„Dreimaster Backbord voraus!“, schrie sie. James Norrington griff nach seinem Spektiv und peilte in die angegebene Richtung.

„Das ist die Bombay!“, rief er. „Rudergänger, Kursänderung zwanzig Grad Backbord!“

„Zwanzig Grad Backbord! Aye, Sir!“, bestätigte der Mann am Steuerrad und drehte es, bis die Dauntless in Richtung der Bombay fuhr. Nicht lange darauf hatte das Navy-Schiff die Fregatte der Company eingeholt und ging längsseits.

„Ahoi, Captain Kimball!“, rief James. „Habt Ihr etwas finden können?“

„Nein! Weiter westlich haben wir alles abgegrast, Admiral. Keine Spur von der Aztec! Wir versuchen es jetzt weiter östlich!“, brüllte Greitzer zurück.

„Danke! Viel Erfolg!“, wünschte Norrington und drehte sich um. „Rudergänger: Kurs Süd!“, befahl er.

„Kurs Süd! Aye, Sir!“

Elizabeth kam eilig aus dem Vormars herunter.

„James, die lügen!“

„Woher willst du das wissen?“

„Kann … ich dich allein sprechen?“, fragte sie.

„Natürlich. Groves, übernehmt, bitte!“

„Aye, Sir!“

Norrington zog sich mit Elizabeth in eine ruhige Ecke zurück, wo sie ihm ein volles Geständnis dessen ablegte, was sie mit Will zusammen unternommen hatte, um Informationen über Jonathan zu bekommen – und darüber, was sie nebenbei entdeckt hatten.

„Davy Jones …“, grinste Norrington. „Dein Mann hat wirklich Sinn für Humor, das muss ich ihm lassen. Das erklärt mir auch, wieso ihr beide mitten in der Nacht auf der Aztec wart und diesen Legs erwischen konntet. Ich muss dir nicht sagen, dass Einbruch strafbar ist, oder?“

Elizabeth lächelte süß.

„Oh, wir haben überhaupt nichts aufgebrochen. Die Tür im Kontorspeicher war nicht verschlossen. Also sind wir wohl eingestiegen, aber nicht eingebrochen.“

„Irgendwie höre ich gerade Jack Sparrow reden. Jetzt mal ernsthaft, Elizabeth …“

„James, was wir gefunden und entschlüsselt haben, beweist, dass die Company die gesamte Familie Turner vernichten will. Die wollen uns schlicht und einfach tot sehen!“, grollte sie. „Ich weiß, dass wir uns dazu nicht ganz legaler Methoden bedient haben, aber wir hatten keine andere Wahl. Ohne jeglichen Verdacht hättest du niemals die Räume der Company durchsuchen können. Wieso haben die wohl das Gepäck nicht abgegeben? Wieso wollten sie jemand unter falschem Namen bei uns einschleusen?“

„Du hast Recht, das räume ich ein. Aber Spionage in eurer Schmiede bedeutet nicht, dass sie euch töten wollen.“

„Ich werde dir zeigen, was wir gefunden haben, wenn wir zurück sind. Aber jetzt habe ich die Bitte an dich, nach Westen zu fahren. Wenn die Aztec noch schwimmt, muss sie dort irgendwo sein.“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich habe Greitzer gesehen. Er hat auf der Bombay normalerweise nichts zu suchen, weil er seit einiger Zeit die Landtruppen der Company in Port Royal befehligt. Wenn er auf der Bombay ist, war er es, der die Aztec hinausgefahren hat. Sie wollen uns von der Aztec weglocken.“

„Ich hoffe, du siehst Gespenster … Aber gut, wir segeln nach Westen.“

„Danke, James.“

 

Die Aztec dümpelte immer noch vor sich hin. Aber allmählich kam sie wieder höher. Die stundenlange Schufterei hatte sich gelohnt. Selbst bei höheren Wellen würde sie jetzt nicht mehr wieder volllaufen. Will und Kyle stiegen in die Masten und lösten die Segel. Vier Mann waren zwar eine knappe Besatzung, aber sie reichte. Eine Brigg wie diese benötigte eine Mindestbesatzung von zwei Mann, wie Will noch von seiner ersten Reise mit Jack nach Tortuga wusste. Problematisch war jetzt nur, dass sie keine Ahnung hatten, wo sie sich befanden. Das Meer um Jamaica wurde schnell so tief, dass eine Messung von einem Schiff aus kaum noch möglich war. Loten mit dem Senkblei, um anhand der Struktur des Meeresgrundes die Position festzustellen, war schon wenige Meilen von der Küste entfernt völlig unmöglich. Will prüfte die Breite mit dem Sextanten, bemerkte aber rasch, dass das Gerät leicht klemmte.

„Verdammt!“, entfuhr es ihm. Er sah genauer auf den Sextanten und stellte fest, dass er beschädigt war. Ein Sextant war ein empfindsames Gerät. Es genügte, ihn einmal auf etwas Hartes fallenzulassen – und schon stimmte die gemessene Position nicht mehr. Er konnte ihn reparieren, keine Frage, doch benötigte er dafür sowohl einen Fixpunkt als auch entsprechendes Werkzeug. Beides hatte er jetzt nicht. Der durch den Dunst nur schwach erkennbare Horizont machte eine Messung ebenfalls unmöglich. Er zeichnete sich nicht ausreichend im Horizontspiegel ab.

„Versuchen wir es in Richtung Norden …“, brummte er.

„Was habt Ihr vor, Captain Turner?“, fragte Kyle.

„Wir sind nicht lange vor Mittag aus Port Royal ausgelaufen. Der Sonne nach dürfte es jetzt etwa fünf Uhr sein. Die Aztec macht mit vollem Zeug etwa zehn bis zwölf Knoten, wir dümpeln aber schon seit Stunden ohne Segel. Ich schätze, wir sind vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig Meilen von Port Royal entfernt. Wahrscheinlich verhindert nur der Dunst, dass wir die Insel sehen. Ich will deshalb nach Norden fahren, die Sonne also möglichst an Backbord haben. Irgendwann müssen wir in die Nähe der Insel kommen, auch wenn ich gegen den Nordostpassat kreuzen muss. Klar zur Halse*!“

Er stieg auf das Achterdeck und drehte das Steuerrad, die beiden Marineinfanteristen sprangen an die Brassen, um die Rahen in den Wind zu drehen, damit das Schiff mit Ruder und Vortrieb in die beabsichtigte Richtung drehen konnte. Langsam drehte die Brigg, bis die im Dunst gerade erkennbare Sonne an Backbord stand, wo sie langsam dem Horizont entgegen sank. Doch kaum hatte die Aztec Fahrt aufgenommen, als aus dem Dunst Backbord voraus die Steuerbordseite eines Schiffes auftauchte – ein Dreimaster unter der Flagge der East India Trading Company! Will war klar, dass er mit zwei Mann an Bord, die mit Kanonen umgehen konnten, gegen eine Fregatte mit etwa fünfzig Kanonen pro Breitseite absolut keine Chance hatte. Ihm blieb nur die Möglichkeit, nach Backbord in den Nordostpassat auszuweichen und zu beten, dass der Ausguck der Bombay die Aztec noch nicht gesehen hatte.

„Hart Backbord!“, kommandierte er. Kyle und McMillan rannten wieder an die Brassen, um mit den Segeln die nötige Hilfe zu geben. Die Aztec wendete so scharf nach links, wie es möglich war und nahm langsam Fahrt auf, als der Nordostpassat mit einer Eigengeschwindigkeit von zwanzig Knoten in die Segel griff und die schlanke Brigg vorantrieb.

 

Auf der Bombay waren die Aztec und ihr Ausweichmanöver keinesfalls unbemerkt geblieben.

„Teufel auch! Der verdammte Kahn schwimmt nicht nur noch, Turner hat sich auch noch befreit!“, fluchte Greitzer. „Captain Kimball! Der darf nicht nach Port Royal zurückkommen!“, rief er zum Achterdeck hinauf. Kimball nickte nur.

„Hart Steuerbord! Macht die Kanonen klar!“, brüllte der Captain. Mit Ruder- und Segelhilfe drehte sich die Bombay nach Süden und weiter bis in südwestliche Richtung, um die Aztec zu verfolgen.

Will sah sich um und bemerkte das Wendemanöver der Bombay. Es würde hoffentlich noch reichen, um außerhalb der Reichweite der Bugkanonen der Fregatte zu bleiben. Tatsächlich wurde der Abstand größer, die Fregatte verschwand wieder im Dunst. Eine Weile noch lenkte er die Brigg auf dem Kurs, der dem aktuellen Sonnenstand nach in Richtung Südwesten führte. Nach etwa einer Stunde, als die Fregatte endgültig abgehängt schien, wechselte Will erneut den Kurs nach Norden. Wiederum eine Stunde später – die Sonne ging gerade unter – tauchte wiederum aus dem Dunst der Bug einer Fregatte auf, die einen Elefantenkopf als Galionsfigur hatte – die Bombay. Sie lief mit voller Fahrt auf die Aztec zu. Will übersah schnell, dass es entweder eine böse Kollision mittschiffs geben würde oder dass die Bugkanonen seine Brigg vom Meer fegen würden. Wieder blieb ihm nur die Flucht nach Backbord. Die Sonne versank, als die Bombay bedrohlich nahe kam. Die Kanoniere auf der Bombay hatten die Aztec bereits im Visier. Es war unübersehbar, dass an beiden Bugkanonen Kanoniere mit brennenden Lunten standen.

„Jonathan! Schnell! Ans Steuer!“, befahl Will. Jonathan sprang an das Steuerrad, Will an die Drehbasse auf der Heckreling, die er vorsorglich geladen hatte, während die drei anderen noch das Schiff gelenzt hatten. Er richtete sie auf die Mündung der Backbord-Bugkanone der Bombay.

„Feuer!“, kommandierte Greitzer. Das Kommando war bis auf die Aztec zu hören. Der Schuss aus der Drehbasse löste sich im selben Moment, die Kugel flog direkt in die Rohrmündung und brachte das schwere Geschütz zur Explosion, als die Kugeln im Lauf aufeinander trafen und die Mündung verstopften. Greitzer und die Bedienung des Backbordgeschützes wurden von der Explosion von den Füßen gerissen. Die Männer an der Steuerbordkanone vergaßen ihre Absicht, ihr Geschütz abzufeuern und standen wie erstarrt, völlig verwirrt, wie die sorgsam gepflegte Kanone einfach explodieren konnte. Diese Schreckstarre genügte Captain William Turner, um aus der Reichweite der Company-Artillerie zu kommen.

 

Nur Momente später war die kurze tropische Dämmerung in schwarze Nacht umgeschlagen. Die Tatsache, dass Will vor kurzem eher spaßeshalber seinem Schiff schwarze Segel verpasst hatte, half der Brigg, in der fallenden Dunkelheit zu verschwinden. Vorsichtshalber verzichtete er darauf, die Lampen zu entzünden. Zu groß war die Gefahr, dass die Aztec wieder von der Besatzung des Company-Schiffes gesichtet wurde. Bei Dunkelheit die Küste anzusteuern war schon unter normalen Umständen hochriskant, wenn man keinen mit Positionslichtern gesicherten Hafen anlief – aber jetzt wussten die Männer auf der Aztec nicht wirklich, wo sie genau auf die Küste treffen würden. In der Bucht vor Port Royal waren gefährliche Riffe, die man bei Dunkelheit besser nicht zu umschiffen versuchte … 

 

Während Will Turner, Jonathan Rosen und Irwin Kyle und Jason McMillan mit der Aztec nicht wussten, wo sie genau waren und ohne funktionierende Navigationsgeräte auch nur geringe Chancen hatten, ihren Standort festzustellen, brach Admiral James Norrington die Suche nach der Aztec nach Einbruch der Dunkelheit ab. Er ließ Anker werfen und Positionslichter setzen. Ratlosigkeit machte sich an Bord der HMS Dauntless breit.

„Wir suchen morgen in östlicher Richtung weiter“, sagte Norrington, nachdem er ergebnislos gegrübelt hatte, wo, beim Bart von Davy Jones, die Aztec geblieben sein konnte. Elizabeth konnte sich nur fügen. Ihr Gefühl sagte ihr etwas anderes, aber um James davon zu überzeugen, hätte sie Jacks Spezialkompass benötigt – jenen Kompass, der auf das zeigte, was man am meisten begehrte. Und für Elizabeth Turner war das eindeutig William Turner jr., ihr geliebter Ehemann. 

 

 

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Kapitel 17

Götter und Piraten

 

Weit von Port Royal entfernt plagte Tia Dalma eine ungute Ahnung. Irgendetwas stimmte nicht. Sie suchte nach ihren Wahrsage-Krebsscheren und warf sie in das auf den Tisch gemalte Rad der Erkenntnis. Das Ergebnis war klar: William Turner jr. drohte – wieder einmal – Gefahr. Die Warnung kam eindeutig von Quetzalcoatl, der nach wie vor in Wills Medaillon wohnte.

Das Dumme war, dass sie beide von höheren Instanzen der Götterwelt dazu vergattert worden waren, sich aus den Angelegenheiten der Sterblichen herauszuhalten. Weil sie sich auch danach beide gar zu intensiv um die Familie Turner und die Piraten gesorgt hatten, hatte eine Versammlung der Götter bestimmt, dass beiden regelrechte Fesseln angelegt wurden. Quetzalcoatl war für zehn Jahre in das Medaillon gebannt und Tia Dalma alias Calypso für dieselbe Zeit in den menschlichen Körper, den sie eigentlich nur zeitweilig und nach eigener Wahl nutzte. Die göttlichen Fähigkeiten waren ihnen auch nur eingeschränkt geblieben, aber die beiden Rebellen der Götterwelt nutzten sie weiterhin, um ihre sterblichen Freunde zu beschützen. Quetzalcoatl war durch die Bannung in das Medaillon zwar noch schlechter dran, als die in menschlicher Gestalt auf Pantano festsitzende Calypso, aber er war dafür näher an den sterblichen Freunden als sie.

Calypso verstand den Ruf des göttlichen Freundes und suchte ihre Spiegelschüssel heraus, füllte sie mit Wasser aus dem Bayou. Es dauerte einen Moment, bis sich das trübe Wasser auf geheimnisvolle Weise klärte, die Oberfläche dunkler wurde und schließlich zu einem tiefschwarzen Sternenhimmel mutierte, in dessen Zentrum das Sternbild des Adlers besonders intensiv leuchtete. Vom zentralen Stern wurde ein grünes Leuchten stärker, das wie ein Nordlicht waberte, diffuser wurde und schließlich zu den grünlich leuchtenden Gesichtszügen Quetzalcoatls wurde.

„Ich grüße dich, göttlicher Bruder“, lächelte Calypso sanft.

„Ich grüße dich, göttliche Schwester“, erwiderte der aztekische Gott mit ebenso sanftem Lächeln. „Du kannst dir denken, weshalb ich dich gerufen habe?“

„Ich vermute, es ist etwas mit William oder seiner Familie.“

„Richtig. Ein Schiffbrüchiger ist bei Will angekommen. Er ist sein Cousin, der sich die East India Trading Company ebenso zum Feind gemacht hat wie unser William. Unser junger Freund ist mit Elizabeth bei der Company eingestiegen und hat nach Informationen gesucht. Sie wissen, dass die Company ihnen – mal wieder – ans Leben will. Als wir dort waren, habe ich meine Gedanken mal spazieren gehen lassen und habe ein paar Gedankenfetzen von Gordon Kendall, dem örtlichen Agenten, einfangen können. Er will wohl einen der Piratenfürsten dazu bringen, Will und seine Familie zu töten – natürlich so, dass auf die Company kein Verdacht fällt. Die Navy können die Turners nicht alarmieren, weil ihre eigenen Erkenntnisse aus dem Einbruch stammen. Ich kann nicht so handeln, wie ich will, das weißt du. Kannst du etwas tun?“

„Ich bin an den menschlichen Körper gebunden, wie du weißt. Ich brauche ein Transportmittel, um nach Port Royal zu gelangen. Ich will sehen, ob ich Jack Sparrow und „Stiefelriemen Bill“ Turner erreiche, damit sie mich hinbringen.“

 

Dichter Nebel verhüllte die See. Durch den Schiffsfriedhof in der Passage vor der Isla de Muerta schob sich langsam der Bug eines Schiffes. Unter dem Bugspriet zeigte sich eine fischschwänzige Frauengestalt in smaragdgrünen Kleidern. Das Steuerrad bewegte sich in gezielten Drehungen, doch auf dem ganzen Deck befand sich niemand. Weder der Schatten eines Menschen noch eines Tieres zeigte sich dort. Das anscheinend leere Schiff steuerte geradewegs auf den Ankerplatz vor der Schatzhöhle zu. Wie von Geisterhand wurde der Anker ausgelöst, zwei Boote wurden ebenso von Geisterhand ausgesetzt, unsichtbare Hände griffen in die Riemen, pullten die Boote zu der Grotte. Als die Boote die Grotte erreichten, hob sich auf jedem Boot wie von selbst ein Stab mit einer Blendlaterne daran, die Lampen wurden entzündet, deren Licht von unzähligen Gold- und Silbermünzen im Wasser und auf dem schmalen Felssims neben dem Kanal tausendfach gebrochen und verstärkt wurde. Sie wiesen den Unsichtbaren den Weg zum Landeplatz in der Schatzhöhle. Die beiden Boote erreichten den Landeplatz, unsichtbare Füße traten auf den stets feuchten Lehm und hinterließen ebenso Spuren von Stiefeln wie von nackten Füßen. Die Spuren führten in den großen Höhlenraum hinein.

„Verdammt! Wo ist die Steintruhe?“, fauchte eine Stimme aus dem Nichts.

 

Jack Sparrow schreckte aus dem Traum hoch. Um ihn herum war es dunkel. Nur durch das Heckfenster der Kapitänskajüte fiel bleiches Mondlicht auf den Plankenboden. Ein leichtes Schaukeln seines Schiffes holte Jack endgültig aus der Höhle auf der Isla de Muerta an Bord der Black Pearl zurück, die von Nassau auf den Bahamas auf südwestlichem Kurs in Richtung Tortuga segelte. Verschlafen entwirrte er die dünne Decke, in die er sich offensichtlich eingedreht hatte und stand auf. Seine nackten Füße spürten das blankgehobelte Holz der Kajütenplanken, von denen er Hemd und Hose auflas, die er einfach neben seiner Koje hatte fallen lassen, als er sich schlafen gelegt hatte.

Seit drei Tagen verfolgte ihn dieser Traum. Erst hatte er diesen immer wiederkehrenden Albtraum auf seine allzu große Liebe zum Rum geschoben. Doch am Abend zuvor hatte er nur Kokosmilch und mit Saft von Passionsfrüchten geschmacklich verbessertes Wasser getrunken. Dennoch hatte er sowohl in dieser als auch in der Nacht davor wieder diesen Traum gehabt. Am Alkohol lag der seltsame Traum also offensichtlich nicht.

Er schlüpfte gähnend in die Hose und rieb sich gedankenverloren den perlengeschmückten Kinnbart. In der Regel rasselte er wie eine Rumbakugel, so war er mit Perlen, Ketten und Ringen dekoriert – doch wenn er wollte, konnte er auch mehr als nur leise sein.

Der schlanke Captain der Black Pearl trat aus der Kajütentür in das bleiche Mondlicht, in dem sich zahlreiche Narben auf seinem nackten Oberkörper abzeichneten, die von seinem gefährlichen Leben als Pirat zeugten, und sah nach dem Stand des Himmelskörpers. Danach hatte er keine vier Stunden geschlafen – und das nach drei Tagen, in der er wegen dieses immer wiederkehrenden Albtraums keinen wirklichen Schlaf gefunden hatte. Erneut gähnend kehrte Sparrow an den großen Tisch in der Kajüte zurück, setzte sich und entzündete eine Petroleumlampe. Auf dem Tisch lag eine Seekarte, darauf ein Zirkel und ein Kursdreieck, ein kostbares Stück aus Glas, und neben dem von Tia Dalma veränderten Kompass ein ganz normaler Bruder dieses Messgerätes. Jack lehnte sich zurück, peilte aus dem Fenster zu dem Sternbild des Orion, das gerade am westlichen Horizont unterging. Nach der an diesem Tag gültigen Sterntafel war es eine gute Stunde vor Sonnenaufgang. Bald würde sich im Osten ein heller Streifen zeigen, der einen neuen Tag ankündigte. 

Jack löschte die Lampe wieder und trat in die warme Tropennacht hinaus – barfuß und nur mit seiner Hose bekleidet. Die See hob und senkte sich in einer sanften Dünung, ein stetiger Nordostpassat ließ die schwarzen Segel sich blähen. Die Black Pearl machte gute Fahrt, wie er zufrieden feststellte. Er drehte sich um und sah zum Achterdeck hoch. Im Mondlicht zeichnete sich dort am Ruder eine sehr schlanke Gestalt ab, die das Ruder fest in kräftigen Händen hielt. Jack musste zweimal hinsehen, bevor ihm klar wurde, dass dort am Ruder der ältere der beiden Turners stand. Wirklich, es gab nicht viele Väter und Söhne, die sich so extrem ähnlich sahen wie William Turner senior und junior. Der Mond beschien den wieder auf die Black Pearl zurückgekehrten Stiefelriemen Bill von hinten, dennoch konnte Jack sein Lächeln wahrnehmen. Dazu kannte er William Turner senior zu lange und zu gut.

„Kannst du wieder nicht schlafen, Captain?“, hörte Jack Bills Frage. Jack stieg zum Achterdeck hinauf.

„Du offenbar auch nicht“, bemerkte er. „Du solltest ebenso wenig wie ich jetzt an Deck sein, mein Guter.“

„Stimmt“, bestätigte Bill.

„Was hat dich aus der Koje geworfen?“, fragte Jack.

„Das glaubst du mir doch nicht“, erwiderte Turner sen.

„Los, spuck’s aus!“

„Schätze, mich plagt was Ähnliches wie dich. Seit etwa drei Tagen habe ich immer denselben Albtraum. Erst hab’ ich gedacht, ich vertrag’ deinen Rum nicht, aber daran scheint’s nicht zu liegen“, erklärte Bill. Jack lächelte so breit, dass seine Goldzähne im Mondlicht blitzten.

„Dann plagt uns tatsächlich was Ähnliches. Auch ich habe immer denselben Traum: Die Esmeralda läuft die Isla de Muerta an, Unsichtbare hinterlassen ihre Fußabdrücke im Schlamm am Landeplatz und eine Stimme ruft: Verdammt, wo ist die Steintruhe? Und diese Stimme klingt verdächtig nach Ara Goldbart. Er ist seit Jahren definitiv tot – und das beunruhigt mich. Da braut sich was zusammen“, erwiderte Jack.

„Ist zwar nicht exakt mein Traum, aber du hast auch keinen erwachsenen Sohn, der an deiner Stelle hängen soll“, seufzte Stiefelriemen. Jack peilte auf den hellen Vollmond.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir in Port Royal mal nach dem Rechten sehen sollten … Nimm Kurs auf Pantano!“   

„Was, zur Hölle, willst du auf Pantano, wenn Will in Port Royal in Gefahr ist?“, entfuhr es Bill.

„Bill, unsere Träume sind ein Hinweis von unserer alten Freundin Tia Dalma. Sie möchte, dass wir ihr helfen“, erklärte Jack den ungewöhnlichen Kurs.

„Ich befürchte, wir werden zu spät kommen, wenn wir noch einen Umweg über Pantano machen“, warnte Bill.

„Dein Junior weiß sich gut zu helfen. Tia hat sicher noch ein paar Informationen für uns, die uns nützlich sein könnten.“

„Du weißt aber auch, dass sie Bezahlung verlangt – und dass wir im Moment nicht viel haben, was wir ihr geben können.“

„Aye, ist mir bekannt. Los, schmeiß das Ruder ‘rum!“

Seufzend nickte Bill und drehte das Steuerrad, bis die Lilie auf Jacks Kompassrose mit der Längsachse der Black Pearl identisch war.

„Wirklich praktisch, die kleine Veränderung“, schmunzelte Turner.

 

Wenige Tage später erreichte die Black Pearl Pantano.

„Du hast uns gerufen, Tia Dalma?“, fragte Jack.

„Ja. Will Turner ist in Schwierigkeiten. Ich muss nach Port Royal. Bitte, bring’ mich hin“, bat Calypso.

„Um Will zu helfen?“, fragte Jack.

„Das ist meine Absicht.“

„Wieso sollte ich jemandem helfen wollen, der meine Kaperlizenz vernichtet hat?“, erkundigte sich Jack harmlos.

„Du weißt, dass er keine andere Wahl hatte. Weder du noch einer der anderen Piratenfürsten hatte einen Nachteil dadurch. Ihr plündert nach Herzenslust und könnt Euch immer rechtzeitig in eure neue Zuflucht absetzen – auch deshalb, weil ich euch trotz meiner Einschränkungen Verfolger mit allen möglichen Mitteln vom Hals halte; von Monsterwellen über Stürme bis Strudel. Findest du nicht, dass das Ausgleich genug ist?“

„Jein. Findest du nicht, dass in dem Fall eine kleine Bezahlung angebracht wäre?“, fragte Jack.

„Und? Was stellst du dir vor?“, fragte sie und streichelte verführerisch um seinen Bart.

„Vor langer Zeit habe ich dir mal das Schwert des Cortés besorgt. Das hätte ich gern“, erwiderte Jack.

„Viele sind hinter diesem Schwert her, auch die Company. Dort, wo es jetzt ist, ist es am sichersten aufgehoben und richtet kein Unheil an. Es gehört nicht in die Hände von Menschen, Jack. Du solltest es am besten wissen“, warnte sie. Jack wollte etwas einwenden, aber ein unüberhörbares Räuspern ließ ihn sich zu Bill Turner umdrehen.

„Du weißt, dass ich für meinen Jungen fast alles tue, Jack. So, wie er für dich und für mich fast alles tun würde!“

Der Captain zögerte immer noch.

„Ich meine … ich kann auch jemand anderen bitten, mir behilflich zu sein, Jack. Davy Jones, zum Beispiel“, ließ die Göttin fallen. Sparrow wurde bleich.

„Du weißt, was ich dem Hund verdanke!“, stieß er hervor.

„Allerdings! Ich weiß, dass er es war, der in Becketts Auftrag dein Schiff in Brand setzen ließ, dir das Brandzeichen verpasst hat und dich zum Piraten erklärt hat, als du noch keiner sein wolltest“, erwiderte sie.

„Davy Jones?“, fragte Bill verblüfft. „Also … für mich ist das der Captain der Flying Dutchman, eines Geisterschiffes.“

Tia Dalma lachte hell.  

„Sagen wir es so: Es gibt Davy Jones und die Flying Dutchman zweimal. Das Original ist ein Geisterschiff, jedenfalls für Menschen. Sein Captain ist Davy Jones. Er ist mein Fährmann und hat seinen schlechten Ruf zu Unrecht, denn er tut nichts weiter, als die Seelen der auf See Verstorbenen auf die andere Seite zu bringen. Der andere Davy Jones ist ein lebendiger Mensch – und auf ihn passt der miese Ruf absolut, samt seinem Schiff, das er gemeinerweise ebenfalls Flying Dutchman genannt hat. Eigentlich müsste ich ihn wegen Plagiats verklagen … Seine Flying Dutchman ist ein echtes Schiff, eine Galeone, schon älter, aber immer noch eines der besten Schiffe der East India Trading Company. Nur die Black Pearl ist schneller. Deshalb wollte Beckett sie versenken lassen, als Jack nicht mehr für die Company arbeiten wollte.“

„Was? Du … bist für …? Das glaub’ ich nicht!“, entfuhr es Bill.

„Glaub’ es. Es ist die Wahrheit“, grinste Sparrow. „Na schön, um der alten Zeiten willen … und bevor du dich an den Davy Jones wendest, fahre ich dich, wohin du willst – wenn’s sein muss, bis ans Ende der Welt“, seufzte Jack.

„Oh, so weit will ich nicht. Port Royal reicht fürs Erste“, grinste Tia-Calypso.

 

Wenig später fuhr die Black Pearl mit vollem Zeug in Richtung Jamaica.

„Irgendwie weiß ich nach all den Jahren noch immer nicht alles über dich, Jack Sparrow“, bemerkte „Stiefelriemen Bill“ Turner. „Du bist für die East India Trading Company gefahren?“

„Ja“, erwiderte Jack einsilbig.

„Willst du mir darüber nicht mehr erzählen?“

„Nein“

Bill Turner kannte Jack gut genug, um zu wissen, dass er darüber freiwillig kein Sterbenswörtchen mehr verlieren würde.

 

Als er Freiwache hatte, sprach er Tia Dalma darauf an.

„Er hat es dir nicht sagen wollen, oder?“, mutmaßte sie.

„Nein“

„Dieses Schiff … es hieß nicht immer Black Pearl. Gebaut wurde es als Wicked Wench auf der Hornsbury-Werft der East India Trading Company in Dover. Jack Sparrow hat bei der Company Kartograf und Navigator gelernt. Unter Captain David Jones senior fuhr er als Segelmeister*. Er war so gut, dass er nur zwei Jahre später, als Jones in den Ruhestand ging, zum Captain ernannt wurde und dessen Schiff als eigenes Kommando bekam. Die Wicked Wench von Captain Jones war zwar schon fast dreißig Jahre alt, aber ein überaus gut gepflegtes Schiff, wendig und schnell, mit viel Laderaum. Captain Jones hatte einen etwa gleichaltrigen Sohn, der ebenfalls David hieß und einen jüngeren namens Edward. Beide arbeiteten ebenfalls bei der Company, David als Seemann, Edward als Kaufmann. David war auch Segelmeister und war neidisch, dass Jack das Schiff seines Vaters bekam, auf das er selbst spekuliert hatte. Davy ist ein vergleichbar guter Seemann wie Jack, aber er hat im Gegensatz zu unserem klugen Jack ein Herz aus Stein. Als Jack Captain wurde, sagte er dem Disponenten Cutler Beckett, er werde alles fahren – bis auf Sklaven. Der sagte ihm natürlich, dass es seine Aufgabe sei, Ladung zu transportieren, egal, was es sei. Jack wandte sich an Lord Ewan McDonald, den damaligen Vorsitzenden der Company, drohte mit Kündigung. McDonald wollte ihn nicht verlieren, vereinbarte mit Jack vertraglich, dass er keine Sklaven zu transportieren hatte und wies Beckett an, die Wicked Wench bei Transporten von Sklaven nicht einzusetzen. Beckett hielt sich daran, weil es ihn sonst den Job gekostet hätte. Aber insgeheim plante er mit Davy, Jack einen Denkzettel zu verpassen.

Lord McDonald starb unerwartet und Beckett wurde sein Nachfolger. Er gab Jones und Jack den Auftrag, eine nicht näher bezeichnete Ware aus Westafrika abzuholen. Jones bekam die Information, dass es sich um je eine Schiffsladung Elfenbein für London und eine Ladung Sklaven für Westindien handle. Jack erfuhr nichts. Jones legte mit Becketts Wissen drei Tage früher ab, um das Elfenbein für sich zu sichern; Jack hatte keine Ahnung, was er verfrachten sollte. Wie Beckett und Jones erwartet hatten weigerte Jack sich, die Sklaven zu transportieren. Aber er ging noch einen Schritt weiter und ließ die Schwarzen frei. Er und seine Crew sorgten dafür, dass sie fliehen konnten. Der entsetzte örtliche Agent benachrichtigte Beckett – mit einem Brief, den Jack unter der normalen Post auch noch selbst nach England transportierte. Als er wieder zurück war, beschwerte Jack sich über den Sklaventransport und verwies auf seinen Vertrag, der das ausschloss. Beckett hielt ihm seinerseits vor, dass er Eigentum der East India Trading Company unterschlagen hätte – eben jene Sklaven und belegte das auch mit dem Brief des Agenten. Jack hatte dazu nichts gesagt, bestritt es aber auch nicht und sagte Beckett, er solle ihn doch anzeigen. Der sagte dazu nichts weiter und wies Jack an, aus der Karibik eine Ladung Rum zu holen.

Kurz zuvor hatte die East India Trading Company vom König das Privileg eigener Rechtsprechung auch in Strafsachen erhalten – aber nur außerhalb von England und nur in Kolonien, die sie selbst verwalteten. Saint Vincent war damals eine solche von der Company verwaltete Kolonie, und von dort sollte Jack auch die Rumladung abholen. Dort wartete der sterbliche Davy Jones auf ihn. In einem Schauprozess wurde Jack der Piraterie für schuldig befunden, er und seine ganze Crew wurden gebrandmarkt. Jack musste darüber hinaus noch mit ansehen, wie sein Schiff in der dortigen Werft von der Mastspitze bis zum Kiel mit Teer bestrichen wurde, zu Wasser gelassen und angezündet wurde. Davy schleppte das brennende Schiff mit seiner Flying Dutchman ins tiefere Wasser. Dort sollte sie verbrennen und sinken. Doch das tat sie nicht.

Zwar verbrannte die Oberfläche, aber sie wurde dadurch eher gehärtet als zerstört. Obendrein bewirkte der Teeranstrich unter Wasser, dass Muscheln und Bohrwürmer darauf keinen Appetit mehr hatten. Und dann trieb die Strömung die schwarz versengte Wicked Wench in der unbewohnten Bucht von Wallilabou an Land. Jack und seine Männer konnten sich befreien, nach Wallilabou fliehen, dort die Wicked Wench entern und sich davon machen. Weil sie jetzt komplett schwarz war und auch die Segel einschließlich der Reservesegel schwarz versengt waren, taufte Jack das Schiff in Black Pearl um“, erklärte Tia Dalma. Bill sah sie skeptisch an.

„Und wieso redet er nicht darüber?“, fragte er.

„Du kennst Jack. Er liebt die aufgebauschten Geschichten. Am liebsten würde er behaupten, Davy Jones habe die versenkte Black Pearl für ihn vom Meeresgrund gehoben. Aber dann müsste er auch den Preis dafür einkalkulieren. Meinem Fährmann wird gern nachgesagt, er mache ein Geschäft: Einen Gefallen gegen hundert Jahre Dienst vor seinem Mast. Das ist natürlich nicht wahr, hält sich aber hartnäckig. Jack müsste ihm also seine Seele verpfändet haben – und das ist ein Geschäft, das unser schlauer Jack nie machen würde. Deshalb umschifft er diese Klippe, indem er darüber lieber gar nicht redet.“

Bill Turners Blick wurde immer skeptischer.

„Ein mit Teer getränktes Holzschiff, das angezündet wird, verbrennt ohne Chance zur Rettung. Die Strömung vor Wallilabou Bay hätte das Schiff aufs offene Meer getrieben. Gib’s zu: Du hast das Schiff für ihn gerettet und wieder an Land gebracht“, mutmaßte er dann mit leichtem Grinsen. Tia erwiderte sein Lächeln.

„Du bist eben ein wahrer Turner, Bill. Ja, das stimmt“, räumte sie ein.

„Ich nehme an, er hat dir seine Seele verpfändet.“

„Auch richtig“, grinste sie breit. „Und du, Bill Turner, wirst morgen früh meinen, du hast das alles nur geträumt.“

Ein harter Schlag traf Bill Turner aus dem Nichts und es wurde dunkel um ihn.

 

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Kapitel 18

Neue Gefahr

 

Lady Elaine Jones hatte das ungute Gefühl, dass alles nicht so lief, wie sie es sich vorstellte. Sie hatte keine Nachricht von Gordon Kendall, dass Johnny Rosen ihm schon irgendetwas mitgeteilt hatte. Andererseits war die Karibik mindestens vier Wochenreisen von Großbritannien entfernt, die Bombay erst zwei Wochen zuvor und die Edinburgh Trader drei Tage danach ausgelaufen. Weder konnte Rosen schon bei Turner angestellt sein und Informationen geliefert haben, noch konnte Kendall darüber irgendetwas berichtet haben. Doch Elaine fühlte sich unbehaglich, wenn sie die Dinge nicht selbst unter Kontrolle hatte. Sie musste einfach näher an Jamaica heran, um gegebenenfalls schnell reagieren zu können. Wenn Intrigen, Spionage und Behinderung nichts fruchteten, half wohl doch nur noch die frontale Attacke, solange dabei kein schräger Schatten auf ihre Gesellschaft fiel. Kurz entschlossen benachrichtigte sie ihren Schwager David Jones, er solle seine Flying Dutchman klarmachen, aber der Bote war keine zwei Stunden fort, als David Jones persönlich bei ihr erschien.

„Kannst du hellsehen, David?“, fragte sie, als er eintrat. Jones lächelte.

„Vielleicht. Es wird dich freuen zu hören, dass jetzt endlich alles einsatzbereit ist.“

„Was? Ernsthaft? Das ist die beste Nachricht, die ich seit Monaten gehört habe. Ist es dir wirklich gelungen, das Viech zu dressieren?“

„Aye!“, grinste er in seinen angegrauten Bart, der zu so vielen Zöpfen geflochten war, dass es mindestens bei Nacht und Nebel wie Tentakeln aussah.

„Du und dein Schiff, ihr habt uns in den letzten Jahren sehr gefehlt. Mit euch hätten wir den Krieg vielleicht für uns entscheiden können.“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, erwiderte David schulterzuckend.

Die Company hatte nach wie vor eigenes Militär, hatte mit ihren schwer bewaffneten Handelsschiffen sogar eine eigene Kriegsflotte, aber Elaine wollte auf keinen Fall, dass die East India Trading Company irgendwie mit der Vernichtung von ehemaligen Freibeutern in Verbindung gebracht werden konnte. Mit der Flying Dutchman ging sie praktisch kein Risiko ein. Nach der Strafaktion gegen Jack Sparrow hatte David die ersten Ideen entwickelt, um der East India Trading Company mit einem so genannten Geisterschiff ein Bestrafungsinstrument an die Hand zu geben, das seinesgleichen suchte.

Zur Verwirklichung seiner Ideen hatte es eines geheimen Ankerplatzes bedurft, an dem die Galeone entsprechend verändert werden konnte, ohne aufzufallen. Ein solcher Platz lag in Wales, in der Nähe von Holyhead. Dass die Bucht geheim blieb, lag daran, dass die Company das Land auf der einen Seite der Bucht in einem Umkreis von zwanzig Meilen aufgekauft hatte und niemandem mehr erlaubte, dort zu leben. Das Gebiet durfte nicht einmal mehr betreten werden. Die eine Seite der Bucht hatte ohnehin in einem Umkreis von zwanzig Meilen zum Besitz von Lord Ewan McDonald gehört, der bis 1740 der Vorsitzende der Company gewesen war, der es – mangels eigener Erben – der Company vermacht hatte. So jedenfalls lautete das offizielle Testament. Für die Company hatte es sich als recht praktisch erwiesen, dass Lord McDonald und Cutler Beckett sehr ähnliche Handschriften hatten …

Den Rest auf der anderen Seite der Bucht hatte Beckett rasch zusammenbekommen. Die meisten Kleinbauern und Fischer, die auf der anderen Seite gelebt hatten, waren von Lord McDonald abhängig gewesen oder hatten Schulden bei ihm gehabt. Gegen Streichung dieser Schulden und mit ein paar Guineas extra, um woanders neu anzufangen – vorzugsweise in den Kolonien – waren Bauern und Fischer zum Umzug bewegt worden. 

Die ersten Umbauten der Flying Dutchman hatten einfach nur in der Umgestaltung der äußeren Erscheinung bestanden – Planken und Segel waren mit künstlichen Ranken überzogen worden, die wie Tang aussahen und insbesondere im Nebel eine gespenstische Erscheinung garantierten. Mit dieser neuen Erscheinung hatte Jones es geschafft, die Legende der Flying Dutchman und ihres geisterhaften Captains neu zu beleben. Die in der Regel abergläubischen Seeleute mieden die Bucht wie der Teufel das Weihwasser, den landlebenden Menschen wurden schaurige Geschichten von Gespenstern und Banshees, klagenden Totenfrauen, erzählt, deren Erscheinen den Tod von Familienmitgliedern ankündigen sollten – und die entgegen den sonstigen Sagen um jene Totenfrauen selbst Neugierige töteten, die es wagten, die Grenze zum McDonald-Land zu überschreiten. Die Menschen waren abergläubisch genug, um die Geschichten zu glauben und sich fernzuhalten.

Doch eine geisterhafte Erscheinung des Schiffes nützte auch bei aller realen Feuerkraft nichts, wenn man es mit Gegnern wie Piraten und Freibeutern zu tun hatte, die meist weniger abergläubisch waren als normale Seeleute – insbesondere jemand wie Jack Sparrow. Jones hatte lange überlegt, wie man der Legende noch mehr Schub geben konnte. Kurz vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges hatte Jones einen ausgewachsenen Kalmar, einen Riesentintenfisch, gesichtet. Solche Begegnungen waren extrem selten, weil diese Tiere meist in großen Tiefen lebten und, wenn überhaupt, nur bei Nacht in die Nähe der Oberfläche kamen. Da Jones’ Crew unmittelbar vor der Begegnung einen Fischtrawler aufgebracht hatten, der sich mit reichem Fang ihrer Bucht nähern wollte, hatte Jones einfach probiert, den Kalmar zu füttern – und siehe da: Der Kalmar hatte sich als sehr zutraulich erwiesen und bewachte nun gegen entsprechendes Futter zusätzlich die Bucht. Wer immer sich der Bucht näherte, bekam es mit dem Kraken zu tun – und der nahm auch größere Schiffe als Fischerboote auseinander und suchte sich so sein Futter auch selbst.

Als die technischen Möglichkeiten zur Tarnung der Flying Dutchman ausgeschöpft waren, war Jones auf die Idee gekommen, den Kraken zu zähmen und als Zugtier anzustellen. Beckett war mit der Idee einverstanden gewesen und hatte Jones alle Zeit der Welt gegeben, um den Kraken zu dressieren. Die Flying Dutchman war ohnehin von der Liste der Company-Schiffe gestrichen, ebenso die Crew. Die Heuer wurde aber weiterbezahlt – aus Becketts Privatschatulle, die durch eine geradezu fürstliche Gehaltserhöhung in seinem Vertrag aber entsprechend nachgefüllt wurde. So blieb die Flying Dutchman samt ihrem Captain und seiner Crew der Company erhalten, ohne dass dies in irgendeiner Weise aus den Büchern nachvollziehbar war. Die Arbeit hatte sich hingezogen. So war die Flying Dutchman während des ganzen Krieges nicht einsatzbereit gewesen.

Lord Everett hatte nach Becketts Tod eine entsprechende Geheimanweisung vorgefunden und die Bezahlung der Crew stillschweigend aus seinem ebenfalls zu diesem Zweck überaus gut bedachten Gehaltskonto weitergeführt, hatte Jones aber auch gesagt, dass er irgendwann einmal Ergebnisse sehen wollte. Zu dem Zeitpunkt hatte Jones schon kurz vor dem vollen Erfolg gestanden und nun – ein gutes Jahr nach Friedensschluss – war er endlich soweit, dass er auch die Experimentierphase als abgeschlossen betrachten konnte. Der Kraken folgte der Flying Dutchman wie ein treuer Hund, sofern sie die Bucht verließ und griff alles an, was es wagte, sich ihr in den Weg zu stellen. Er gehorchte aber auch aufs Wort, wenn Jones befahl, ein Schiff in Ruhe zu lassen – oder eines anzugreifen, das sich noch außerhalb der Zone befand, die der Kraken als sein Revier betrachtete – und diese erstreckte sich in einem Umkreis von etwa einer guten Seemeile rund um die Flying Dutchman.

 

Lady Elaine hatte vor Davids Besuch schon die leise Hoffnung gehabt, ihr Schwager könnte mit seinen Bemühungen Erfolg gehabt haben, denn seine Experimente hatten sich schon als Sichtungen des Geisterschiffs in den Zeitungen niedergeschlagen, natürlich auch unterstützt von schaurigen Berichten in der London Commercial Post, aber sein direkter Bericht dazu eröffnete ihr nun die Möglichkeit, ihre Feinde mit dem Geisterschiff zu jagen und zu vernichten, ohne dass die Company damit auch nur ansatzweise in Verbindung gebracht werden konnte.     

„Sehr schön. Wann ist das Schiff auslaufbereit?“, fragte sie.

„Wir sind klar. Wenn du willst, können wir übermorgen auslaufen.“

Eineinhalb Wochen, nachdem die Edinburgh Trader ausgelaufen war, folgte ihr die reale Flying Dutchman, jede Nebelbank ausnutzend, Gegenwind durch die Zugkraft des Kraken neutralisierend. Wo kein natürlicher Nebel war, verwendete Captain Jones eine Flüssigkeit, die bei Luftkontakt zu einer Art Nebel wurde und sein Schiff damit tarnte.

 

In der Karibik war seit der Kaperung der Aztec fast eine volle Woche vergangen. Die Royal Navy hatte ihre Suche inzwischen abgebrochen, weil es letztlich keine Anhaltspunkte gab, wo sie noch suchen konnten – und Captain Kimball gab zur Antwort, dass er und seine Crew die Aztec nicht gefunden hatten. Die Verwundeten, die die kurze Schießerei mit der Aztec verursacht hatte, waren in aller Heimlichkeit vom Schiff gebracht worden und in einer betriebseigenen Arztpraxis der Company vom Rest Port Royals isoliert worden, damit sie nicht unnötig redeten.

 

Es wurde erneut Abend. Elizabeth war durch den lichten Wald von ihrem Haus bis zur Spitze des Zuckerhutfelsens am Ende der Bucht von Port Royal gegangen und sah die Sonne versinken. Der orangerote Ball schien im Westen in den Fluten der Karibik zu versinken. Schließlich verschwand auch der letzte Rest des Sonnenbogens hinter dem Horizont – in leuchtendem Grün! Es blieb noch einige Augenblicke ein grüner Schein über dem Horizont. Als er verblasste, meinte Elizabeth, an genau dieser Stelle ein Segelschiff zu sehen. Im ersten Augenblick tat ihr Herz einen Sprung, doch dann sah sie, dass es ein Dreimaster war und nicht die erhofften beiden Masten der Aztec. Sie seufzte tief, machte sich auf den kurzen Rückweg und kam sich schrecklich hilflos vor. Will war seit beinahe einer Woche verschwunden, die Aztec ebenso. Bis jetzt hatte sie sich gewunden wie ein Aal, wenn die Kinder sie nach ihrem Vater gefragt hatten, hatte möglichst das Thema gewechselt. Beide wussten schließlich genau, dass ihr Vater im Moment nicht segelte – außerdem hätte er sie dann alle drei mitgenommen. Aber jetzt blieb Willy hartnäckig.

„Mummy, wo ist Papa?“, fragte er. „Er ist weg, die Aztec ist weg – aber alle, die mit uns gefahren sind, sind zu Hause! Du hast Angst um Papa“, stellte er fest. Elizabeth sah den Siebenjährigen eine Weile an. Ja, genauso musste Will als kleiner Junge ausgesehen haben. Willy hatte die gleichen wachen, braunen Augen, die auch sein Vater hatte. Er war ein kluger Junge, dem man nur schwer etwas vormachen konnte. Sie nahm ihren Sohn liebevoll in den Arm.

„Ja, mein Schatz. Ich habe Angst. Dein Vater hätte längst zurück sein sollen.“

„Wo ist er?“

Elizabeth überlegte, ob sie Willy vorschwindeln sollte, dass sein geliebter Vater mit einem geheimen Auftrag unterwegs war und befand, dass es das Beste war, wenn sie genau das tat.

„Papa hat einen ganz geheimen Auftrag, mein Liebling. Nicht mal ich weiß, wohin er gefahren ist und weshalb“, log sie, wobei der letzte Satz nichts als die lautere Wahrheit war.

„Vertraut Papa dir denn nicht, Mama?“

„Doch, mein Schatz, aber er durfte es mir nicht sagen. Ich habe schon Onkel James danach gefragt, aber der darf mir auch nichts erzählen.“

Willy legte den Kopf schief.

„Und wieso bist du dann neulich mit Onkel James weggefahren und hast Lilly und mich bei Großvater gelassen?“, hakte er nach. Elizabeth spürte aufsteigende Röte. Ihr kleiner Will hatte ein ausgesprochen gutes Gedächtnis.

Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis‘, durchzuckte sie ein aufdringlicher Gedanke. Sie schwor sich, das, was sie ihrem kleinen Piraten jetzt erzählte, besser aufzuschreiben, um sich nicht eines Tages im intellektuellen Gestrüpp zu verfangen …

„Das war auch ganz geheim. Sieh mal, Papa und ich haben im Krieg oft für die Royal Navy gearbeitet. Onkel James, weiß, was er an uns beiden hat. Ich darf es dir nicht erzählen.“

„Und wenn ich verspreche, bestimmt nichts weiterzusagen?“, bettelte Willy. Elizabeth überlegte noch einen Moment. Sie konnte auch die ganz große Räuberpistole auspacken und ein richtiges Märchen erzählen. Sie dachte gerade an die Legende von Davy Jones …

„Na schön, mein kleiner Pirat. Aber habe ich dein Piratenehrenwort, dass du ganz bestimmt nichts erzählst?“

„Aye, Mummy!“, schwor der Kleine und hob die linke Hand, zwei Finger um Schwur ausgestreckt.

„Spatz, schwören tut man aber mit der rechten Hand!“, mahnte seine Mutter. Seufzend wechselte Willy die Hand.

„Schon besser. Also, du erinnerst dich doch bestimmt an den Besuch bei Tia Dalma.“

„Ja“

„Tia Dalma hat eine gute Freundin, die Meeresgöttin Calypso …“

„Mummy, Reverend Pym sagt aber, es gibt nur einen Gott, den lieben Gott!“, protestierte Willy mit Hinweis auf den anglikanischen Geistlichen, der mit Governor Swann eng befreundet war. Pym gab an der kleinen Armenschule von Port Royal, die die Eheleute Turner und Norrington sowie Captain Hawkins finanziell unterstützten, Unterricht in Lesen und Schreiben, aber auch in Religion. Elizabeth lächelte sanft und strich ihrem Sohn liebevoll durch das dunkle Haar.

„Ich denke, Reverend Pym würde Calypso vielleicht als Heilige bezeichnen oder als Engel des Meeres. Es hat schon vor unserem Herrn Jesus Wesen im Himmel gegeben. Manche davon hat der liebe Gott auf die Erde geschickt, um den Menschen zu helfen – so wie unseren Freund Groaltek oder eben Tia Dalma und Calypso.“

„Gut, Mom“, nickte Willy. „Und was hat Calypso so Geheimes gewollt?“, fragte er dann.

„Nun, Calypso liebt den größten aller Seefahrer, Captain Davy Jones. Er ist ihr Fährmann, der die Seelen der auf See Verstorbenen ins Jenseits bringt.“

„Andy Hawkins sagt, das ist nur eine Legende!“, protestierte Willy erneut.

„Nein, das ist es nicht. Aber viele glauben, dass es eine Legende ist“, entgegnete Elizabeth. „Davys größter Schatz ist sein Herz. Vor hunderten von Jahren hat er es sich aus dem Leib geschnitten, weil er glaubte, Calypso habe ihn verlassen. Er tat es in eine Kiste und vergrub sie auf einer unbekannten Insel. Doch sie hatte ihn nicht verlassen und hat ihn beschützt. Nun ist Davy Jones ein sehr mächtiges und unsterbliches Wesen. Er kann Stürme entfesseln oder sie beruhigen, er kann sich Meereswesen wie Kraken oder Seeschlangen dienstbar machen. Aber wenn jemand einmal sein Herz finden sollte, dann könnte der, der es hat, Davy Jones damit bedrohen, ihn möglicherweise zwingen, seine Fähigkeiten nicht länger in Calypsos Dienste zu stellen, sondern vielleicht in die Dienste von jemand, der das Meer aus Habgier beherrschen will …“

„So wie die East India Trading Company?“, fragte der Kleine.

„Vielleicht sogar noch schlimmer“, erwiderte Elizabeth geheimnisvoll. „Und so etwas ist wohl passiert, denn als Davy Jones die Insel aufsuchte, auf der er sein Herz vergraben hat, da war die Kiste weg. Und da hat Tia Dalma Onkel James, mich und Papa um Hilfe gebeten, für ihre Freunde diese Kiste zu finden. Aber das muss natürlich geheim bleiben, damit die Company das gar nicht erst erfährt, verstehst du?“

„Ist die Kiste denn hier in unserer Nähe?“, fragte Willy atemlos.

„Hier haben wir sie nicht gefunden, deshalb ist Papa auch mit der Aztec unterwegs. Und neulich habe ich mit Onkel James noch einmal Stellen hier in der Nähe abgesucht, die wir vorher noch nicht untersucht hatten.“

„Sucht Onkel Jack denn auch mit? Onkel Gibbs weiß doch bestimmt alles darüber, oder?“, mutmaßte ihr Sohn.

„Na ja, Tia Dalma ist auch mit Onkel Jack sehr gut befreundet. Kann schon sein, dass sie auch ihn, Großvater und Onkel Gibbs um Hilfe gebeten hat. Aber das weiß ich nicht genau“, lächelte Elizabeth. Willy rückte noch etwas näher zu ihr.

„Mummy, du sagst doch immer, dass ich nicht die Unwahrheit sagen darf“, bemerkte er.

„Ja, das ist richtig.“

„Vorhin hast du gesagt, du weißt nicht, wohin Papa gefahren ist. Du weißt doch aber, dass er nach Davys Kiste sucht.“

Elizabeth erschrak. Ihr kleiner Pirat hatte wirklich ein verteufelt gutes Gedächtnis …

„Ja, das weiß ich, aber nicht, wohin er genau gefahren ist“, erwiderte sie schnell, um die Situation zu retten. Willy sah sie einen Moment zweifelnd an und beschloss dann, seiner Mutter zu glauben.

„Darf ich die Kiste mal sehen, wenn ihr sie gefunden habt?“, fragte er.

„Das kann ich dir nicht versprechen, Willy. Er soll damit sehr eigen sein, habe ich von Tante Tia gehört.“

Willy gähnte herzhaft. Seine normale Schlafenszeit war lange überschritten.

„Ich glaube, du solltest langsam ins Bett gehen, mein kleiner Pirat“, empfahl Elizabeth sanft.    

„Ja, ist gut, Mummy.“

Er rutschte vom Schoß seiner Mutter und rannte hinauf ins obere Stockwerk. Elizabeth atmete tief durch. Das hatte sie gerade noch mal geschafft!

 

Will Turner und seine Gefährten irrten mit der Aztec nach wie vor verloren und ohne Kurs in der Karibik umher. Zwar konnte er in der Nacht anhand der Sterne feststellen, dass sie immer weiter nach Süden abdrifteten, aber sofern es wieder hell wurde, lag wieder ein solcher Dunstschleier um die Brigg, dass keine Navigation nach der Sonne möglich war.

„Sir William, normal ist dieser ewige Dunst aber nicht!“, bemerkte Irwin Kyle schließlich. Es war der sechste Morgen, nachdem sich die vier Männer gefesselt in den Brigs der Aztec wiedergefunden hatten. Missmutig nickte Will.

„Nein, ist es nicht. Aber wir haben noch ganz andere Probleme, Mr. Kyle“, sagte er. Kyle wusste, was der Captain meinte. Die Notration der Notration, die er in einem absolut versteckten Seitenfach in der Eignerkajüte hatte, bestehend aus getrockneten Bohnen und dünnen Streifen von Bukan**, ging dem Ende entgegen. Wasser wurde auch allmählich knapp. Wenn sie nicht bald nach Jamaica zurückfanden oder per Zufall eine Insel fanden, auf der sie ihre Vorräte ergänzen konnten, oder ihnen ein Schiff begegnete, dessen Besatzung ihnen weiterhelfen würde, würde Greitzer am Ende doch noch Erfolg haben.

„Der Nebel, Will, wieso ist der hier nicht normal?“, fragte Jonathan, der die Wetterverhältnisse in der Karibik noch nicht kannte. Um Großbritannien herum war Nebel dagegen die absolute Normalität.

„Hier ist es dafür viel zu warm. Nebel bildet sich nur dann, wenn kalte Luft auf wärmeres Wasser trifft. Die Luft hier ist alles andere als kalt“, erklärte Will. Jonathan nickte.

„Hast du mal was von Kunstnebel gehört, Will?“, fragte er weiter. Ungläubige Blicke der anderen drei folgten der Frage.

„Nein. Der einzige unnatürliche Nebel, der mir je begegnet ist, war ein Dunst, den der Fluch der Aztekengötter erzeugt hat. Aber ich bin mir sicher, dass mein Freund Quetzalcoatl mir das nicht antun würde“, erwiderte Will.

„Weißt du, als ich auf der Werft an der neuen Endeavour mitgearbeitet habe, hatte ich den Auftrag, in der Nähe des Ruderblattes einen besonderen Kasten anzubringen. Morrison wollte dafür unbedingt einen rostfreien Stahl haben, den ich ihm geschmiedet habe. Zwei Tage, bevor Lady Elaine mich rausschmeißen ließ, war ein Mann dort, der aus Bristol Zink und Salz brachte. Noch am selben Tag kam Spezialist aus London, der von künstlichem Nebel sprach, der aus diesen Zutaten gemacht werden sollte. Die Behälter dafür sollten in dem rostfreien Stahlkasten am Schiff angebracht werden. Wär’ es nicht möglich, dass Greitzer uns so ein faules Ei ans Schiff geklebt hat?“

Will sah seinen Cousin ungläubig an.

„Sag mal, kann es sein, dass Lady Elaine der Meinung ist, dass du zu viel über diesen Laden weißt und man dich deshalb irgendwie beseitigen will?“, fragte er. Jonathan zuckte mit den Schultern.

„Und wie sollten die das gemacht haben? Das mit dem Kasten, meine ich“, wunderte sich McMillan.

„Ich glaube, das haben die schon angebracht, bevor die mit uns aus dem Hafen geschippert sind. Wir saßen schon im Dunst, als wir uns befreien konnten“, erwiderte Jonathan.

„Kannst du schwimmen?“, fragte Will. Jonathan schüttelte den Kopf. Turner nickte.

„Haltet den Sicherungstampen, Mr. Kyle!“, wies er den einen Marineinfanteristen an.

„Aye, Captain!“

Will sicherte sich selbst mit der Leine, die verhindern sollte, dass er zu weit vom Schiff weggetrieben wurde, zog sich Hemd und Stiefel aus und sprang mit elegantem Schwung über Bord, um sein Schiff einmal zu umkreisen und näher zu untersuchen. Hinter dem Heck fiel ihm auf, dass es an der Backbordseite beim Ruder leise blubberte – und dass die Blasen Nebel aufsteigen ließen. Er holte tief Luft und tauchte unter die normale Wasserlinie des Schiffes. Noch immer lag die Aztec etwas tiefer als normal. Direkt an der Verstrebung des Ruders war ein hölzerner Kasten festgebunden, aus dem die Blasen aufstiegen. Will erreichte ihn, knotete ihn los und tauchte damit wieder auf.

„Ich hab’s!“, rief er hinauf. Ein zweiter Tampen kam herunter. Will befestigte den Kasten daran, arbeitete sich dann zum Fallreep* zurück und stieg wieder an Bord. Noch triefend nass hievte er den Kasten hoch. Er hatte eine Anzahl Löcher im Deckel, aus denen es weiterhin blubberte, bis das Wasser aus dem Kasten heraus gelaufen war.

Mit wenigen Handgriffen hatte Jonathan ihn geöffnet und brachte daraus drei durchsichtige Glasflaschen zum Vorschein, die mit unterschiedlichen Substanzen gefüllt waren. Er schöpfte Wasser mit einer Pütz aus dem Meer und schüttete etwas von allen drei Substanzen hinein. Als die Flüssigkeit alle drei Proben aufgelöst hatte, begann es zu blubbern, die Blasen produzierten Dunst. Mit Schwung kippte er das nebelnde Meerwasser wieder über Bord.

„Das ist das Zeug, von dem der Mann aus London gesprochen hat. Wir müssen die Flaschen verschließen und sie trocken halten. Dann sollte sich das Nebelproblem erledigen“, sagte er. Will sah die Flaschen nachdenklich an.

„Ich denke, ich werde sie behalten. Wer weiß, wozu es gut sein kann, dass man sich mal unsichtbar macht“, bemerkte er.

 

In der Tat dauerte es nicht lange, bis der Wind die letzten Nebelschwaden vertrieben hatte. Die Aztec schwamm in einer unendlichen Weite von Wasser – nichts als Wasser …

„Und jetzt?“, fragte McMillan, als er vom Großmast wieder herunter war. Will hatte sich inzwischen trockengelegt und die ansehnlichen Muskelpakete seines von Schmiedearbeit und Freibeutertätigkeit gestählten Körpers wieder unter einem weiten weißen Hemd, einer zwar relativ eng anliegenden, aber sehr bequemen Kniehose und Stulpenstiefeln verschwinden lassen. Um die offenen, nassen Haare hatte er sich ein grünes Kopftuch gebunden. Jonathan sah ihn von oben bis unten an.

„Ganz ehrlich: So habe ich mir immer einen Piraten vorgestellt“, sagte er. Will grinste schelmisch.

„Nun ja, manche verwechseln einen Freibeuter schon mal mit einem Piraten.“

„Was machen wir jetzt, Sir William? Kein Land in Sicht!“, erinnerte McMillan. Im selben Moment knirschte es vernehmlich.

„Verdammt! Wir müssen auf ein Riff aufgelaufen sein!“, fluchte Kyle.         

 

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Kapitel 19

Glückliche Begegnung

 

Will rannte zum Bug. Tatsächlich, die Aztec saß auf einem Riff auf! Das hatte noch gefehlt! Er war schneller ins Mannschaftsdeck verschwunden, als seine Gefährten es mitbekamen, und weiter in die Bilge, um nachzusehen, ob es ein Leck gab. Mit einem tiefen Aufatmen stellte er fest, dass der Rumpf der Aztec gehalten hatte. Eilig kehrte er an Deck zurück.

„Klar bei Bootshaken! Wir schieben sie wieder runter!“, kommandierte er. Kyle und Jonathan schnappten sich jeweils eine der im Bugbereich am Schanzkleid* befestigten Stangen mit Haken und Spitze und drückten das Schiff wieder vom Riff weg, aber der Wind trieb es wieder auf die Felsen.    

„Segel aus dem Wind, sonst kommen wir hier nicht runter!“, befahl Will. Kyle und McMillan waren im nächsten Moment an den Brassen, um die Rahen aus dem Wind zu nehmen. Dann drückten Will und Jonathan die Aztec erneut vom Riff weg. Nach einiger Kraftanstrengung schwamm sie wieder frei.

„Das wär’ ja beinahe schiefgegangen, Sir William!“, schnaufte Jason McMillan.

„Ja, aber es hat den Vorteil, dass ich wieder einen Anhaltspunkt habe, wo wir sind.“

„Wie jetzt? Durch das Riff etwa?“

„Ja. Dieses Riff liegt ziemlich genau südlich von Jamaica, etwa einhundertvierzig Seemeilen. Wenn wir wenden und direkt nach Norden fahren, kommen wir nach Hause“, erklärte Will. Ihm war rasch klar geworden, dass es sich bei dem Riff um den Schutzwall der neuen Insel handelte, die Calypso als Zuflucht für die Piratenfürsten gemacht hatte.

„Die Company wird schon auf uns lauern, Sir!“, warnte Kyle.

„Das ist möglich. Aber wir haben auch die Royal Navy auf unserer Seite. Ich bin sicher, die suchen uns längst.“

„Was habt Ihr vor, Sir William?“

„Nach Hause zu segeln. Aber sollte mir die Bombay jemals wieder über den Weg schwimmen, können die nach den Booten suchen, die versenke ich mit Mann und Maus! Und sollte Greitzer mir an Land über den Weg laufen, spieße ich ihn auf!“, knurrte Will. „Mr. Kyle, ladet die Kanonen am Bug. Sollte die Bombay auftauchen und auch nur ansatzweise in unsere Richtung drehen, gedenke ich, ohne Warnung zu schießen.“

„Sir William, ich muss Euch darauf hinweisen, dass …“

„Es ist mir im Moment völlig egal, ob ich noch einen Kaperbrief habe, Mr. Kyle!“, unterbrach Will den Soldaten ungewohnt harsch. „Captain Greitzer und die Crew der Bombay haben – das dürfte auch Euch nicht entgangen sein – mehrfach versucht, dieses Schiff zu versenken. Durch das Öffnen der Bodenventile, durch direkte Angriffe. Sie werden es wieder versuchen, wenn wir ihnen in die Nähe kommen. Aber diesmal gedenke ich, ihnen zuvorzukommen und ihnen die Pulverkammer hochzujagen! Das, mein Freund, ist schlicht und einfach Notwehr!“

„Aye, Sir William!“, bestätigte Kyle hastig und salutierte diensteifrig.

„Brasst die Rahen in den Wind!“, befahl Will. Mithilfe der Segel und des Ruders wendete die Aztec.

„Traust du dir zu, im Mast Ausguck zu sein, Johnny?“, fragte er seinen Cousin. Jonathan lächelte scheu.

„Ich kann’s ja mal versuchen.“

„Dann ab mit dir in den Vormars!“

Jonathan sah Will verstört an. Er hatte zwar an Schiffen gebaut, lebte jetzt mehr schlecht als recht seit einer Woche auf einem Schiff, hatte reichlich seemännische Ausdrücke gehört, aber dieser war bislang nicht dabei gewesen.

„Das ist die Plattform im vordersten Mast“, lächelte Will, als ihm klar wurde, dass Jonathan mit dem Fachbegriff nicht viel anfangen konnte.

„Aye, Captain Turner!“, bestätigte Jonathan, eilte zum Fockmast und erklomm über die Webeleinen* die Wanten bis zur Saling* des Fockmastes. Der Wind drehte fast gleichzeitig mit der Wende leicht, kam nun fast direkt querab, so dass die Stagsegel* den Wind aufnahmen und für den Vortrieb gen Norden sorgen konnten.

Die Sonne wanderte von Ost nach West, während die Aztec ihrem Kurs in Richtung Jamaica folgte. Sie versank im Westen. Will sah etwas verträumt auf die untergehende Sonne und hatte ein leichtes Lächeln im Gesicht, als nach dem Verschwinden des letzten Sonnenstrahls für einige Augenblicke ein grüner Schein über dem Horizont stand.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, ließ sich Jonathan hören, der aus den letzten Resten der Notration von Bukan, Bohnen und Wasser so etwas wie ein Abendessen hergerichtet hatte. Will legte zwei Tampen um die Griffe des Steuerrades – einen von Steuerbord, einen von Backbord – um das Steuer auch über Nacht in der jetzigen Position zu halten und nahm Jonathan die kleine Schüssel mit einem dankbaren Kopfnicken ab.

„Was meinst du?“, fragte er.

„Dieses grüne Leuchten“, präzisierte Jonathan. Das leichte Lächeln erschien wieder auf Wills Gesicht.

„Es heißt, wenn bei Sonnenuntergang ein grüner Schein den Himmel erleuchtet, kehrt eine Seele aus dem Reich der Toten zurück“, sagte er. „Oder jemand ist dem Tod von der Schippe gesprungen – so wie wir“, setzte er mit einem schelmischen Augenzwinkern hinzu.

„Du meinst …“

„Nun, mein Freund Joshamee Gibbs würde es wohl so ausdrücken, denke ich.“

 

Bill Turner wachte mit brummendem Schädel in seiner Koje auf.

„Bei allen Teufeln der See! Wo sind die Trümmer von dem Riemen, der mich getroffen hat?“, fragte er.

„Du bist ein bisschen fix unter Deck gehuscht, mein Freund. Da wird dir wohl der Deckspant am Niedergang im Weg gewesen sein. Zieh besser den Kopf ein, wenn du unter Deck gehst, mein Guter“, grinste Jack, den Stiefelriemen neben seiner Koje sitzen sah.

„Aye!“, schnaufte er. Mit einiger Mühe gelang es ihm, die Beine aus der Koje zu bekommen, aber die Welt drehte sich gleich wieder wie die Rose von Jacks Kompass, wenn der nicht wusste, wohin er fahren wollte. Bill sackte wieder auf die Koje zurück.

„Junge, Junge! Der sieht ja immer noch Sterne, Jack. Bist du sicher, dass er nicht den Rumvorrat gelenzt hat?“, fragte Gibbs. Es klang recht besorgt um die Vorräte an dem braunen Schnaps.

„Aye, absolut!“, erwiderte Jack und nahm sich vor, Tia Dalma zu bitten, ihren Vergessenszauber künftig etwas geringer zu dosieren … Er verließ die Kajüte und kehrte an Deck zurück. Im selben Moment versank die Sonne hinter der Black Pearl und ein intensiv grünes Leuchten zuckte für einen Moment über den Himmel. Jack sah auf dem Achterdeck Tia Dalma stehen, die ein breites Grinsen im Gesicht hatte.

„Was ist?“, fragte er.

„Sie sind einstweilen in Sicherheit“, erwiderte die Göttin in menschlicher Gestalt.

 

Die Nacht wurde zu einem neuen Tag. Will Turner stand wieder am Steuer seines Schiffes, nachdem er vielleicht zwei oder drei Stunden geschlafen hatte. Mehr als diese zwei oder drei Stunden waren es in keiner Nacht gewesen, seit die Aztec gekapert worden war und eigentlich im Nebel hatte sinken sollen. Er war am Ende seiner Kräfte wie die anderen drei auch. Sie waren hungrig, durstig und müde. Genau genommen hielt sie alle nur noch der Wille aufrecht, irgendwie nach Port Royal zurückzukehren. Die Brigg musste zeitweise gegen den Wind kreuzen, die Strömung versetzte sie auch nach Osten; doch Will gab nicht auf und hielt eisern den Kurs direkt nach Norden. Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schrie Kyle aus dem Vormars:

„Dreimaster Backbord voraus!“

Allen an Bord fuhr ein eisiger Schreck durch die Glieder. War das schon wieder die Bombay?

„Macht die Kanonen klar!“, befahl Will grimmig.

 

An Bord der Black Pearl saß Jack Sparrow jr. auf seinem Stammplatz im Vormars, den er sich mit dem Affen Jack teilte. Der stets zu dummen Scherzen aufgelegte Affe hatte inzwischen Vertrauen zu dem Jungen gefasst und folgte ihm inzwischen in ähnlicher Art und Weise wie früher Hector Barbossa.

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang teilten der Affe und der Junge im Ausguck noch ein paar Erdnüsse, die vom Frühstück übriggeblieben waren und in Jacks Hosentasche steckten. Abwechselnd griffen beide in die Tasche und bedienten sich. Affe Jack klammerte sich mit einem Arm an Jack Sparrow juniors Hosenbund, mit einem Fuß hatte er sich in die Takelage eingehakt, ebenso wie Jack jr. eine Leine an seinem Leibgurt befestigt hatte, die er am anderen Ende in einer eisernen Krampe am Mast eingehakt hatte. Die Krampe hatte Will Turner einige Jahre zuvor mit zahlreichen anderen auf Bitte von Anamaria Sparrow gefertigt und in unterschiedlichen Höhen in die Masten der Black Pearl eingeschlagen, weil Anamaria um das Leben ihres Sohnes fürchtete, der nicht auf dem Deck zu halten war und ständig mit dem Affen durch die Wanten turnte. Fast den ganzen Tag verbrachte der Junge als Ausguck irgendwo oben in den Masten und schien sich dort erheblich wohler zu fühlen als mit den Füßen auf dem Deck.

Am Horizont wurden zwei Masten sichtbar. Jack junior sprang auf, was dem Affen Jack ein erschrockenes Quietschen entlockte, der gerade noch die Takelage loslassen konnte und sich nun mit zwei Händen und zwei Füßen am Sohn des Captains festhielt. Der Junge griff nach dem Fernrohr und peilte voraus. Langsam kamen die Masten höher über die Kimm*, schwarze Segel wurden sichtbar – und eine schwarze Flagge mit gekreuzten gelben Säbeln vor einer stilisierten Sanduhr; die Flagge des Freibeuters Captain William Turner.

Aztec Steuerbord voraus, Dad!“, brüllte Jack junior. Jack senior, der Cotton am Steuer seiner Geliebten aus Holz und Leinwand abgelöst hatte, bekam ein breites Grinsen. Der Welpe – wie er Will Turner trotz seiner inzwischen einunddreißig Jahre immer noch scherzhaft zu nennen pflegte – fuhr also immer noch unter seiner Freibeuterflagge, obwohl er keinen Kaperbrief mehr hatte und dem Piratentum angeblich abgeschworen hatte. So froh er war, dass Calypso und „Stiefelriemen Bill“ Turner offenbar zu schwarz gesehen hatten, so sehr packte ihn die Lust, seinen Freund ein bisschen zu necken.

„Setz’ die neue Flagge, Junior!“, wies er seinen Sohn an.

„Aye, Dad!“, bestätigte der Junge und kam eilig aus dem Vormars herunter, um die neue Flagge seines Vaters aus dem Schapp zu holen. Damit bewaffnet flitzte er über die Webeleinen in den Großtopp* und setzte dort Captain Jack Sparrows neue Flagge. Sie war – wie für Piratenflaggen üblich – schwarz und zeigte einen zur Flugseite** sehenden weißen Totenkopf mit schmaler weißer Bandana**, in der ein mehrgliedriger Ohrring eingehängt war. Darunter waren zwei gekreuzte Knochen, in der Flugseite war ein roter Sperling, der in Richtung des Schädels flog.

 

Auf der Aztec peilte Will durch sein Fernrohr nach dem von Backbord aufkommenden Dreimaster und lächelte, als er die schwarzen Segel sah. Er kannte außer seinem eigenen nur ein Schiff, das unter schwarzen Segeln fuhr: die Black Pearl. Sein Lächeln erlosch schlagartig wieder, als im Großtopp nicht die gewohnte schwarze Flagge mit dem weißen Totenkopf über gekreuzten weißen Säbeln wehte, sondern eine ihm unbekannte Piratenflagge. Es dauerte einen Moment, bis das Lächeln wieder da war, als er den fliegenden roten Sperling in der Flugseite erkannte. Sollte Jack sich etwa zu einer neuen Flagge entschlossen haben? Oder hatte ihm mal wieder jemand seine geliebte Black Pearl abgeknöpft? Wenn ja, würde derjenige sehen, was er davon hatte, in dem Fall ausgerechnet William Turner jr. über den Weg zu segeln … Im Augenblick dachte Will nicht daran, dass sich gerade mal vier Mann auf seinem Schiff befanden, ihn selbst eingeschlossen – und die nicht wirklich in bestem, kampffähigem Zustand.

Dass er mit seiner ersten Vermutung Recht gehabt hatte, zeigte sich nur wenige Momente später, als er im Vormars einen leicht dunkelhäutigen Jungen von allenfalls sieben oder acht Jahren bemerkte, der ihm fröhlich zuwinkte und einen kleinen Affen auf dem Arm hatte.

„Ahoi, Onkel Will!“, brüllte Jack junior und beendete damit endgültig die Absicht seines Vaters, Will Turner mit der neuen Flagge zu verwirren.

„Es ist tatsächlich die Black Pearl!“, entfuhr es dem Captain der Aztec mit hörbarer Erleichterung. Dann aber packte ihn wieder ein Zweifel. Was würde Jack für eine Hilfeleistung verlangen? Er gab normalerweise nichts umsonst …

„Nein, so ein Zufall!“, flötete Jack mit ausgefahrenen Zeigefingern. „Was machst du denn hier? Und dann noch unter Freibeuterflagge! Ich habe irgendwie im Ohr, dass du es mit Piraten nicht so hast“, grinste er.

„Och, das ist meine persönliche Flagge wie deine neue, mein Freund. Ganz nett geraten, das neue Teil. Deine Idee oder Anamarias?“, erwiderte Will. Bevor Jack antworten konnte, erschien Bill Turner an der Reling.

„Will, mein Junge! Bist du in Ordnung? Ist alles im Lot?“, fragte er besorgt. Sein Sohn zögerte, das war nicht zu übersehen. Er sah seine Gefährten an, denen Durst und Erschöpfung mindestens ebenso deutlich aus den Augen guckten wie ihm selbst. Wäre es nur um ihn selbst gegangen, hätte er sich jetzt eher die Zunge abgebissen als zuzugeben, dass sie Hilfe brauchten, und sei es nur etwas Wasser. Nein, um derentwillen würde er nicht lügen können, um sich vor unabsehbaren Forderungen zu schützen.

„Nein, ist es nicht, Vater. Wir brauchen dringend Wasser“, sagte er schließlich. Jack schubste Bill beiseite.

„Wieso brauchst du Wasser? Du bist keine sechzig Meilen von Jamaica entfernt und hast kein Wasser? Wie gehst du denn in See?“, platzte er heraus.

„Es ist eine längere Geschichte, die jetzt ein bisschen weit führen würde. Bekommen wir Wasser oder verweigerst du es?“, fragte Will.

„Nun, ohne Fragen kostet es ein bisschen mehr …“, grinste Jack, doch er spürte die Spitze eines Dolches an seiner Seite. Zwar war der noch in der Scheide, aber die Drohung war überdeutlich.

„Jack Sparrow, du wirst meinem Jungen geben, was er benötigt!“, grollte Bill Turner. Jack sah ihn verblüfft an, sah auch die verfinsterten Gesichter seiner Frau und Tia Dalmas, die nun ebenfalls an die Reling gekommen waren. Jack junior verständigte sich mit seiner Mutter ohne Worte und warf einen Ledersack Wasser auf die Aztec hinüber, den Jonathan gerade noch zu fassen bekam.

„Danke, Jack. Ich wusste, dass auf dich Verlass ist!“, rief Will. „Du erfährst alles in Port Royal, einverstanden?“

„Aye!“, bestätigte Jack mit leichtem Zögern in der Stimme und wandte sich dann schier fassungslos zu seiner Familie und seinem sonst so treuen Maat um. „Was ist denn mit euch los?“, fragte er.

„Du wolltest gerade etwas nur gegen einen verdammt hohen Preis geben, Jack. Nach allem, was Will für dich getan hat, kommt das nicht in Frage“, erwiderte Bill. „Es wird gute Gründe geben, weshalb mein Sohn mit ganzen drei Leuten und ohne Wasser sechzig Meilen von Jamaica entfernt auf See ist. Ich weiß, dass es dir nicht passt, dass er das Piratenleben aufgegeben hat“, versetzte Bill.

„Es passt mir nicht, dass ich keinen Kaperbrief mehr habe!“, entgegnete Jack.

„Ich erinnere mich, dass Will dir den Kaperbrief praktisch aufgezwungen hat. Den wolltest du seinerzeit um nichts in der Welt haben, Jack. Tu jetzt nicht so, als wäre dir das Herz aus dem Leib gerissen worden, als Will gezwungen war, die Kaperbriefe nach Ende des Krieges ungültig zu machen. Es hat dir keinen Schaden zugefügt, dass du ihn nicht mehr hast!“, erinnerte Bill scharf. Jack nickte zögernd.

„Na schön, überzeugt. Also, ab nach Port Royal!“

Beide Schiffe liefen fast parallel nach Jamaica, wobei Will sich größte Mühe gab, Jack nicht ahnen zu lassen, dass er die Black Pearl gerade als Navigationshilfe benutzte, weil er das dumme Gefühl hatte, in der Nacht doch weiter vom Kurs abgekommen zu sein, als es wieder einmal den Anschein hatte. Wie Recht er hatte, merkte er, als die Black Pearl stärker nach Backbord steuerte, als er eigentlich angenommen hatte.

„Geht in den Vormars, Mr. McMillan!“, wies Will den Marineinfanteristen an, der sich schneller erholt hatte als sein Kamerad Kyle.

„Aye, Captain Turner!“, bestätigte der und stieg eilig in den Vormars auf.

„Laaaand!!“, brüllte McMillan zwei Stunden später aus dem Vormars. „Das muss Jamaica sein!“

Ein müdes Lächeln schlich sich auf Wills Gesicht. Es war tatsächlich die Insel, auf der seit seinem zwölften Lebensjahr wohnte – und es war fast direkt die Hafeneinfahrt von Port Royal, die sich über dem Klüverbaum* zeigte.

Fünf weitere Stunden später hatten die Brigg und die Galeone auch die Riffe vor Port Royal umschifft und bogen in den Hafen ein. Dort hatten schon Laufburschen verbreitet, dass die Aztec zurückkehrte und von der Black Pearl begleitet wurde. Elizabeth, ihre Kinder, der Gouverneur und James Norrington standen mit vielen anderen, die vom Verschwinden der Brigg gehört hatten, an der Navy-Pier, wohin Will seinen Segler steuerte. Leinen wurden ausgebracht, und mit dem einsetzenden Abendrot lag die Aztec gut vertäut am Kai, während die Black Pearl eben der HMS Dauntless auf Reede ging. Überglücklich schloss Elizabeth Will in die Arme, als er als letzter sein Schiff verließ.

„Ich hatte entsetzliche Angst“, flüsterte sie, als sie sich aus dem Kuss löste, der von den Umstehenden lauthals bejubelt wurde.

„Ich auch“, räumte Will ein. „Und wir haben alle vier schrecklichen Hunger, weil wir gestern Abend die letzten Happen unserer Notration verspeist haben. Ich wollte Jack nicht auch noch um etwas zu essen angehen, nachdem er schon beinahe kein Wasser heraus gerückt hätte.“

James Norrington glaubte, nicht recht zu hören.

„Was?“, fragte er. Will winkte ab.

„Ist nicht so wichtig. Wir sind wieder hier und wir leben noch. Bitte, lass Jack deshalb in Ruhe, James.“

„Nun gut. Aber ich möchte gern sehr genau wissen, was euch eigentlich widerfahren ist“, erwiderte er.

„Das möchte Jack auch. Und Elizabeth hat ebenfalls ein Recht darauf.“

 

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Kapitel 20

Erkenntnisse

 

Obwohl die vier Männer kaum geschlafen hatten, wollten sie doch von sich aus Norrington Rede und Antwort stehen über das, was geschehen war. James nahm wenig später die Aussagen in seinem Büro auf und war sichtlich entsetzt, dass Soldaten der Company versucht hatten, Will Turner und seine drei Gefährten auf derart hinterhältige Weise umzubringen. Jack Sparrow, Bill und Elizabeth Turner waren mitsamt den Kindern gleichfalls anwesend. Von Jack abgesehen packte alle das blanke Entsetzen, dass die Beauftragten einer Handelsorganisation zu so etwas fähig waren.

„Es hätte mich gewundert, wenn die Company zur Vernunft zu bringen wäre“, bemerkte er. Norrington sah ihn eine Weile an.

„Ihr habt damit gerechnet?“, fragte er.

„Aye“, erwiderte Sparrow, „ich kenne die Company lange genug, um zu wissen, dass sie jemanden, den sie als Feind erkannt hat, sein Leben lang verfolgen wird – egal, was die Köpfe der Company dem König irgendwann mal versprochen haben. Es geht nur ums Geschäft, dem Profit wird alles untergeordnet. Was dem Profit schaden könnte, wird rücksichtslos aus dem Weg geräumt. Gesetze sind da eher Richtlinien als Regeln – und die macht die Company sich auch noch selbst. Die Company ist nicht besser als ein Haufen Piraten. Mit dem Unterschied, dass die Company bei ihren Raubzügen auch noch vom König unterstützt wird.“

Alle sahen Jack an, als seien ihm Hörner gewachsen. Nichts mehr erinnerte an den alle Tricks und Kniffe nutzenden Piraten, der nur seinen eigenen Vorteil sah, dafür nötigenfalls auch gute Freunde im Ungewissen über seine Absichten ließ und sie im Extremfall auch verraten hätte.

„Haltet Ihr Eure Wortwahl nicht für etwas übertrieben, Captain Sparrow?“, erkundigte sich Norrington spitz.

„Nein, denn es ist lediglich die Wahrheit, Admiral. Ich weiß, Ihr seid nicht gewohnt, von mir unverblümt die Wahrheit zu hören, aber hier bedarf es keiner umständlichen Umschreibung: Die East India Trading Company ist eine Piratengesellschaft! Sie war es, sie ist es, sie wird es bleiben. Die Tatsache, dass die Company ihre Soldaten verdeckt gegen Captain Turner vorgehen lässt, beweist, dass ihnen klar ist, gegen die geltenden Gesetze zu verstoßen. Das ist schlimmer als Piraterie, denn Piraten stehen wenigstens zu dem, was sie anstellen.“

„Ihr kennt die Company gut?“, hakte James nach.

„Aye“

„Woher?“, bohrte Norrington. Jack schob seinen rechten Hemdärmel hoch und zeigte das eingebrannte „P“, das der Admiral bei ihrer ersten Begegnung vor etlichen Jahren in Port Royal entdeckt hatte.

„Ihr habt mal gemutmaßt, ich hätte eine Begegnung mit der East India Trading Company gehabt, Sir. Ich hatte nicht nur eine Begegnung, ich bin für sie als Handelskapitän gefahren und von Lord Beckett zum Piraten gestempelt worden, als ich Sklaven freiließ.“

„Wem gehörten die Sklaven?“, fragte der Admiral. Jack lächelte schief.

„Die Company betrachtete sie als ihr Eigentum, weil ihre Jäger diese Menschen gefangen hatten. Ihr mögt in mir einen widerborstigen Piraten sehen, Sir, aber für mich ist ein Mensch ein Mensch und keine Ware. Lord Beckett hat nicht riskiert, mir deswegen in England den Prozess zu machen; er hat mich in eine von der Company verwaltete Kolonie gelockt, wo die Company Recht sprach. Ich denke, er wusste genau, dass ein englisches Geschworenengericht deshalb keinen Schuldspruch gefällt hätte. Ich wurde zum Piraten, obwohl ich damals ein ehrlicher Seemann mit Gewissen sein wollte.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich wurde – genau genommen – wegen eines funktionierenden Gewissens zum Piraten. Nachdem Beckett mich und meine Crew wortwörtlich zu Piraten gestempelt hatte, hatte ich keine andere Wahl, als dieses Leben zu leben. Im Laufe der Zeit bin ich ihm sogar dafür dankbar gewesen, mich aus der so genannten Gesellschaft ausgestoßen zu haben; denn danach konnte ich mein Leben so gestalten, wie ich es wollte, nicht, wie andere es von mir wollten. Ihr habt mir viel vorwerfen können, als Ihr mich seinerzeit zum Tode verurteilt habt – aber weder Mord noch Totschlag. Die Company macht sich dieser Verbrechen täglich schuldig, wenn sie Menschen ihrer Hautfarbe wegen der Freiheit beraubt oder sie umbringen lässt, um Ländereien oder Kunden zu bekommen. Was ist es anderes als hundsgemeine Piraterie, wenn ein angesehener Bürger dieser Kolonie samt seinem Schiff auf offene See entführt wird, um ihn samt diesem Schiff in Davy Jones’ Locker zu schicken? Wenn Ihr mir einen Rat erlaubt: Gebt Captain Turner wieder einen Kaperbrief“, plädierte Jack mit einer Ernsthaftigkeit, die niemand von ihm kannte.

„Was?“

Norringtons Schreck war echt.

„Es wird nicht bei diesem Versuch bleiben. Die Company will Captain Turner tot sehen. Im Zweifel wird sie eine Belohnung aussetzen, die selbst den bravsten Bürger in Versuchung führen würde. Gegenwärtig wird aber jeder Versuch von Captain Turner, sich auch nur seiner Haut zu wehren, als Verbrechen seinerseits angesehen.“

„Captain Sparrow, ich muss Euch daran erinnern, dass Gewalt allein vom Staat ausgehen darf!“, versetzte Norrington

„Und das äußert sich dann wohl darin, dass der brave Bürger dieser Gewalt schutzlos ausgeliefert ist – siehe Captain Turner. Er hat darauf vertraut, dass Ihr sein Schiff bewacht. Das hat offensichtlich überhaupt nichts genützt!“, grollte „Stiefelriemen Bill“ Turner. James sprang auf, aber Will stellte sich dazwischen.

„Vater, es ist gut!“, bremste er. „Dass eine ganze Kompanie der EITC-Truppen verkleidet mein Schiff kapern würde, konnte der Admiral so wenig ahnen wie ich selbst.“

Bill sah seinen Sohn an.

„Ihr wolltet es beide nicht wahrhaben, Will. Das ist es!“, knurrte er. „Du hast ohne Not deine Freunde aufgegeben, hast auf einen Schutz vertraut, der dir nicht gewährt wurde. Will: Die Company, die Franzosen und die Spanier interessiert es nicht, dass du als Freibeuter mit höchster Billigung gegen sie gekämpft hast! Sie werden dich so lange jagen, bis sie dich haben. Sie scheren sich einen Dreck um Gesetze, während du darauf festgenagelt bist und dich nicht einmal ungestraft wehren darfst, wenn du nicht selbst mit des Seilers Tochter tanzen willst!“

„Er hat Recht, Will“, warf Jack ein. „Hättest du die Leute, die dein Schiff gekapert haben, mit Gewalt von deinem Schiff geworfen, hättest du Ärger am Hals.“

„Möglicherweise“, räumte Will ein. „Ich bin aber sicher, dass die Staatsgewalt sich jetzt um die Company etwas näher kümmern wird, oder, Admiral?“

„Worauf du dein Entermesser quer schlucken kannst!“, bestätigte Norrington grimmig.

 

Gordon Kendall war wie vom Donner gerührt, als James mit so vielen seiner Männer im Kontor erschien, dass er jeden einzelnen Company-Soldaten hätte festnehmen können.

„Mr. Kendall, Ihr habt mir offenbar eine nicht ganz zutreffende Information bezüglich des Verbleibs der Aztec gegeben!“, grollte er.

„Ich weiß nicht, was …“

Weiter kam der Agent nicht, weil Norrington ihn am Schlafittchen quer über den Tisch zog.

„Captain Turner ist wieder da – samt seiner Aztec, die Captain Greitzer mit Euren Soldaten gekapert hatte und auf See versenken wollte. Und deshalb, werter Sir, weiß ich auch, dass Mr. Legs nach seiner Flucht aus dem Gefängnis hier gewesen ist, eine Uniform Eurer Truppen bekam und sich damit verkleidet auf Turners Schiff geschlichen hat. Eure Leute haben die Wachen an der Aztec überwältigt, haben sich mit dem Inhalt von Turners Kajüte verkleidet und sind hinausgefahren. Die Crew der Bombay hat die Aztec nicht gesucht, um die Leute darauf zu retten; sie hat mehrfach versucht, sie zu versenken! Ich möchte wissen, Mr. Kendall, welches Spiel die East India Trading Company eigentlich in Port Royal spielt!“

Der Agent war kreideweiß geworden, brachte kein Wort heraus. Plötzlich wurde er schlaff wie ein verwelktes Palmblatt und sackte kraftlos zusammen. Nur die eisenharte Hand des Admirals hielt ihn noch halbwegs aufrecht.

„Sir!“, gab Mullroy mit erschrockenem Ton einen Hinweis. James sah genauer auf den Rücken des Agenten, aus dem ein kleiner Pfeil ragte. Er ließ Kendall los und ging um den Tisch herum, um sich das von der anderen Seite her anzusehen. Im selben Moment, als er den ersten Schritt zur Seite getan hatte, sauste ein zweiter Pfeil herein – und hätte ihn getroffen, hätte er nicht diesen Schritt zur Seite getan. Wirkungslos fuhr das Geschoss in den Holzboden und blieb zitternd stecken.

„Mullroy! Fenster zu!“, befahl er gerade noch. Der Marineinfanterist reagierte ungewöhnlich schnell und zog an dem Hebel, der das offene Oberlicht schloss. Ein dritter Pfeil knallte gegen die Scheibe und fiel draußen zu Boden.

„Er ist tot, Sir“, sagte der beleibte Soldat tonlos, als er Kendall kurz abgetastet hatte. Norrington nickte.

„Gift, vermute ich. Stellt die Pfeile sicher, Mr. Mullroy!“, wies er den Soldaten an und peilte vom Einschlagpunkt des zweiten Pfeils nach draußen.

„Dort oben am Hang, da wo die wilden Bananen wachsen, da muss er sich verkrochen haben. Mr. Murtogg, Ihr nehmt zwanzig Mann und dreht dort oben jeden Stein um!“

„Aye, Sir!“

„Es ist heiß, aber legt Euch mindestens drei Decken über, damit Euch die Pfeile nicht erwischen. Wer weiß, wie viele er noch hat.“

„Aye, Sir!“

Murtogg und zwanzig Mann eilten hinaus, um den Hang abzusuchen, Norrington machte sich mit den anderen Soldaten daran, das Kontor zu durchsuchen.

„Mr. Stevens, holt mir einen anderen Mitarbeiter der Company her. Ich möchte, dass es einen Zeugen dieses Hauses gibt, wenn ich hier Dinge beschlagnahme!“

„Aye, Sir!“ 

Stevens rannte davon und war wenig später mit dem zitternden Sekretär Somerset zurück.

„Euer Name?“, fragte Norrington. Somerset öffnete weit den Mund und präsentierte den Zungenstummel, der ihm zwar noch erlaubte, irgendwie zu schlucken, aber Sprache nicht zuließ.

„Toll!“, seufzte der Admiral. „Na schön. Wir werden dieses Kontor jetzt durchsuchen. Ich möchte, dass Ihr dabei anwesend seid und mir hinterher bescheinigt, dass die Durchsuchung ordnungsgemäß erfolgt ist.“

Somerset nickte schüchtern. Norrington winkte Mullroy, der sich sein Gewehr umhängte und zackig an die Seite des Admirals trat, der den im Durchgang stehenden Schrank näher in Augenschein nehmen wollte. Dabei stieß das aufgepflanzte Bajonett an den äußersten rechten Arm des dreiarmigen Kerzenhalters rechts neben dem Schrank. Das geheime Seitenfach sprang auf. Norrington war schon recht erstaunt – aber beinahe mehr über das völlig verblüffte Gesicht des stummen Sekretärs, als über die Existenz des Geheimfachs selbst. Es war kein Schrecken, der Somerset ins Gesicht geschrieben stand, sondern völlige Ahnungslosigkeit über dieses Geheimnis.

„Schau an …“, brummte James und entnahm dem Geheimfach die darin befindlichen Papiere und die seltsamen Pappdeckel mit den quadratischen Löchern. „Staat im Staat ist wohl nicht übertrieben, nehme ich an“, seufzte er. „Mr. Mullroy, es wird alles mitgenommen, was sich hier an Papieren befindet!“, befahl er.

„Aye, Sir!“, bestätigte Mullroy. Er nickte drei anderen Soldaten zu, die ebenfalls im Durchgang standen. Alle vier machten sich umgehend daran, den Schrank auszuräumen. James selbst nahm die quadratischen Zettel und die Pappgitter und setzte sich an den Schreibtisch und sichtete schon mal, was er aus der Schublade geholt hatte. Die Zettel schienen völlig unverständlich bekritzelt zu sein, aber er hatte gleich den Verdacht, dass die seltsamen Pappgitter den Schlüssel dazu darstellten. Was er dabei entdeckte, ließ ihn schaudern: Die Company wollte die Familie Turner auslöschen – und möglichst alle, die jemals als Freibeuter gegen die Company agiert hatten. Norrington sah auf das, was er da entschlüsselt hatte, mit einer Mischung aus Entsetzen und Befriedigung. Entsetzen, weil er die Bedrohung der mit ihm eng befreundeten Familie erkannte; Befriedigung, weil er dies aufgedeckt hatte und eine Handhabe hatte, um die Familie zu schützen. Immer wieder fand James den Namen Lady Elaine, mit dem er allerdings nichts anfangen konnte. Der stumme Sekretär würde ihm wohl keine Hilfe sein, vermutete er und nahm sich vor, Jimmy Legs wie eine Zitrone auszuquetschen, sollte er seiner habhaft werden. 

Bei der Durchsuchung tauchten auch noch die Seekarten und der Kompass auf, die Greitzers Männer von der Aztec mitgenommen hatten. Norrington wies zwei seiner Männer an, Captain Turner sein Eigentum zurückzugeben.

 

Währenddessen hatten Will, Jonathan, Kyle und McMillan sich im Hause Turner gründlich sattgegessen.

„Uff, da passt wirklich nichts mehr rein. Danke, Liebling“, pustete er, als Elizabeth ihm noch einen Nachschlag anbot. Die anderen drei waren ebenfalls bis zur Halskrause vollgefuttert und lehnten schnaufend den angebotenen Nachschlag ab. Lächelnd wandte sich Elizabeth an die Kinder:

„So, jetzt ist es wirklich spät genug für euch beide. Ab in die Heia!“, sagte sie. Lilly hüpfte vom Stuhl, aber Willy blieb sitzen und machte eine verdrießliche Miene.

„Du hast mich angelogen, Mom!“, maulte er. „Papa ist gar nicht wegen dem Herz weg gewesen!“

Elisabeth wich das Blut aus dem Gesicht.

„Willy …!“, setzte sie an, aber Will nahm sie sanft an der Hand.

„Was hat Mummy dir denn gesagt?“, fragte er völlig harmlos und hoffte, dass Willy zu ihm genügend Vertrauen hatte und mit dem herausrücken würde, was seine Mutter ihm offenbar als Märchen aufgetischt hatte.

„Dass du das Herz von Davy Jones suchen wolltest, weil er es verloren hat. Aber das kann ja nicht wahr sein, denn du fährst doch nicht mit Onkel Jonathan und den beiden Soldaten allein los!“, versetzte der Kleine.

„Wenn Mummy dir das gesagt hat, dann ist das völlig richtig“, beschwichtigte Will seinen grollenden Sohn. „Ich wollte das Auslaufen vorbereiten und wir wären auch deshalb losgefahren. Aber die Leute von der Company waren schneller. Ich konnte nicht mal mehr meine Crew zusammenrufen. Mummy hat also geglaubt, dass wir deswegen weggefahren sind. Sie wusste es nicht besser, Willy.“

Der Junge schaute seinen Vater eine Weile skeptisch an, schien zu überlegen, ob er seinem Vater jetzt vorbehaltlos glauben sollte, nachdem seine Mutter ihn augenscheinlich belogen hatte. Willy beschloss, dass sein Vater ihm nichts als die lautere Wahrheit erzählte. Nein, dem traute er eine dreiste Lüge einfach nicht zu.

„Gut, Papa. Entschuldige bitte, Mummy. Erzählst du mir mal die ganze Geschichte, Papa?“

„Ja, das werde ich. Aber jetzt gehst du schlafen, mein Schatz.“

„Ja, Papa.“

Willy rutschte vom Stuhl herunter, ging um den Tisch zu seinem Vater und umarmte ihn ganz fest.

„Ich hab dich lieb, Papa. Und ich hab’ Angst gehabt“, bekannte er.

„Ja, ich auch, Willy“, gab Will zu und streichelte seinem Sohn über den dunklen Schopf. „Aber jetzt brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Onkel James wird das schon machen. Komm, ab ins Bett!“ Will stand auf und nahm seinen Sohn auf den Arm, der sich dicht an ihn kuschelte und ihm fast auf dem Arm einschlief.

 

Wenig später schliefen beide Kinder ruhig und tief in ihren Zimmern. Will kam zurück ins Wohnzimmer.

„Danke, Will. Ich bin froh, dass unser kleiner Pirat noch kein richtiger Verhörspezialist ist“, seufzte Elizabeth und umarmte Will fest. Er erwiderte die Umarmung und tupfte ihr einen Kuss auf die kecke Nasenspitze.

„Du solltest mir möglichst genau sagen, was du Willy erzählt hast, damit ich dir nicht unabsichtlich ein Bein stelle“, sagte er. Elizabeth setzte sich neben ihn auf das Sofa und erzählte ihm und den drei anderen, was sie Willy gesagt hatte. Will sah eine Weile nachdenklich auf das Modell der Aztec, das auf dem Kaminsims stand.

„Wir waren schon lange nicht mehr gemeinsam auf See. Ich finde, nach der ganzen Aufregung haben wir uns etwas Abstand verdient.“

„Und was ist mit den offenen Aufträgen in der Schmiede?“, fragte Elizabeth erschrocken. „Was ist mit Legs?“

„Was mit den Aufträgen ist? Ehrlich: Ich bin ein Opfer meines eigenen Erfolgs. Seit einem vollen Jahr habe ich die Nase nur aus der Schmiede gesteckt, wenn ich nach Hause gegangen bin. Dass ich da drin beinahe einen Koller bekommen hätte, habe ich erst gemerkt, als ich wieder Seeluft um die Nase hatte. Nein, die Kunden, die noch offene Aufträge haben, bekommen ein freundliches Schreiben, dass sich die Fertigstellung ihrer Aufträge wegen völliger Überlastung weiter verzögern wird und ich Verständnis hätte, wenn sie ihre Aufträge zurückziehen und sich einen anderen Lieferanten suchen. Bereits geleistete Anzahlungen werden in dem Fall natürlich erstattet. Vielleicht schließe ich die Schmiede ganz oder verkaufe sie. Ich weiß es noch nicht. Was mit Legs ist? Ich nehme an, James wird sich um den kümmern und ihn dingfest machen. Jacks Idee mit dem neuen Kaperbrief ist nicht übel, aber weder dein Vater noch der König werden das wollen. Freibeuter werden nur in Kriegszeiten angeheuert.“

„Das heißt … du willst die Schmiede aufgeben?“, fragte Jonathan mit belegter Stimme.

„Ja, wahrscheinlich“, bestätigte Will.

„Und deine Gesellen und Meister Brown? Was wird aus denen?“

„Meister Brown hat mir die Schmiede vor fast zehn Jahren gegen eine Leibrente übergeben. Mit dem werde ich über eine Abfindung sicher zu einer Einigung kommen. Sean ist ein wirklich guter Schmied und könnte Meister werden. Vielleicht hat er Interesse, die Schmiede zu übernehmen. Ich nehme auch an, dass er die anderen Gesellen, dich eingeschlossen, dann unter seinem Namen weiterbeschäftigt. Das werde ich mit ihm klären. Aber erst einmal werden wir eine Weile Pause machen. Die Geschichte, die Elizabeth unserem Sohn erzählt hat, ist ein wunderbarer Aufhänger, eine lange Reise kreuz und quer durch die Karibik zu machen und dabei die Truhe des Toten Mannes zu suchen.“

„Aber die gibt es doch gar nicht!“, protestierte Jonathan. Will schmunzelte.

„Och, wir haben schon so manche seltsamen Dinge als wahr hinnehmen müssen, von denen jeder seriöse Forscher sagen würde, dass sie pure Hirngespinste sind.“

„Du … meinst, die Kiste könnte es tatsächlich geben?“

„Es gibt Calypso, Jonathan. Sie ist eine gute Freundin von uns. Ich habe von dieser Sage gehört, dass sie mit Davy Jones liiert war oder ist. Gibbs hat davon mal erzählt. Meistens ist ein Körnchen Wahrheit dran. Und Jack Sparrow hat schon immer nach seltsamen Schätzen gesucht.“

 

 

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Kapitel 21

Jagdfieber

 

Am folgenden Morgen sichtete Will die noch offenen Aufträge der Schmiede. Es waren viele, aber der Großteil waren Bestellungen der Royal Navy, Privatkunden machten einen deutlich geringeren Anteil aus. Der Schmiedemeister entwarf einen Musterbrief, den er an alle Kunden mit offenen Aufträgen verschicken wollte. Die stets im Hafen auf Arbeit wartenden Tagelöhner würden die Briefe verteilen.

 

Gleichzeitig suchten Norringtons Marineinfanteristen immer noch den westlichen Hafenhügel nach dem Attentäter ab, der Kendall auf dem Gewissen hatte und versucht hatte, den Admiral ebenfalls zu töten. Der Admiral hatte den dringenden Verdacht, dass es sich bei dem Meuchelmörder um Jimmy Legs handeln könnte. Immerhin wusste er aus den aufgefundenen Unterlagen in Kendalls Büro, dass Legs den Auftrag hatte, Turners neuen Gesellen zu überwachen oder zu töten. Da lag der Verdacht nahe, dass er Kendall umgebracht hatte, um ihn am reden zu hindern. Als die Männer mittags noch nicht zurück waren, wurde James unruhig.

„Der Mann ist gefährlich. Auch wenn er nicht derjenige sein sollte, der den Agenten ermordet hat, ist er immer noch hinter Rosen und Turner her. Mr. Stevens, gebt einen Steckbrief mit einer möglichst genauen Beschreibung von Legs heraus.“

„Aye, Sir. Belohnung?“

„Setzt einstweilen einhundert Pfund aus. Ich rede mit dem Gouverneur, ob die Belohnung auch höher ausfallen kann.“

„Aye, Sir!“

Stevens war fort, als Norrington Jacks Empfehlung vom Vorabend einfiel. War es wirklich so abwegig, einem hochgradig gefährdeten Bürger eine ausdrückliche Erlaubnis zu geben, sich seiner Haut zu wehren, wenn er angegriffen wurde oder um seine Familie zu beschützen? Norrington wusste nur zu gut, dass er und seine Soldaten nicht überall sein konnten. Ebenso wenig konnte er von den Turners verlangen, sich in ihrem Haus zu verbarrikadieren – ganz abgesehen davon, dass es zu William und Elizabeth Turner nicht passte, sich zu verstecken.

Stehenden Fußes eilte er zu Governor Swann, der sich gerade bei einem Arbeitsfrühstück genannten Gelage mit einigen Mitgliedern der Kolonialregierung angeregt unterhielt. Als Butler Jenkins ihm die Ankunft des Admirals meldete, ließ er James auch gleich hereinbitten und beauftragte den Diener, für den Admiral ein Gedeck dazu zu legen. Norrington nahm dankend an, legte den Dreispitz ab und setzte sich an den Tisch.

„Was führt unseren tapferen Admiral zu dieser Stunde zum Repräsentanten Seiner Majestät?“, erkundigte sich Sir Andrew Gebhardt süffisant. Norrington nippte von dem heißen Tee.

„Diese Kolonie, Sir Andrew, bedarf besserer Verteidigungsmöglichkeiten …“, setzte er an, aber Gebhardt unterbrach ihn:

„Mir war so, als hätten wir inzwischen Frieden, Admiral.“

James rang sich ein höfliches Lächeln ab, während er am liebsten über den Tisch gesprungen wäre, um dem ebenso reichen wie arroganten Kaffeepflanzer ein paar Ohrfeigen zu verpassen.

„Das ist richtig, Sir Andrew …“

„Na also!“, grollte der Pflanzer. „Kostet doch alles nur unnötig Geld!“

„Ich wäre Euch verbunden, wenn Ihr mich ausreden ließet, Sir Andrew!“, knurrte Norrington. Gebhardt sah ihn verblüfft an und wollte gerade explodieren, als Swann ihn bremste:

„Sir Andrew, in diesem Haus ist es Sitte, dass Gäste andere Gäste nicht in ihren Äußerungen behindern. Und jetzt sprecht Euch aus, Admiral.“

„Danke, Sir. Wir haben das Problem, dass die Soldaten der Company uns nicht mehr zur Verfügung stehen. Ohne diese Truppen könnten wir einem Überfall – sei es durch Piraten oder ausländische Mächte – nicht angemessen begegnen. Ich möchte Verstärkungen aus Großbritannien anfordern. Bis sie eintreffen, schlage ich vor, dass wir die ehemaligen Freibeuter reaktivieren – samt Kaperbriefen. Das kostet uns keinen Penny, Sir Andrew, denn Freibeuter finanzieren sich selbst und bringen obendrein noch Geld ein, wenn sie Beute machen. Insbesondere Sir William hat durch seine Kaperreisen massiv zum Wohlstand unserer Kolonie beigetragen. Und selbst, wenn gegenwärtig keine Notwendigkeit besteht, dass die Freibeuter auf der Stelle Segel setzen und auf Kaperfahrt gehen, kosten sie uns, wie gesagt, nicht einen roten, verbogenen Penny. Nur ein Stück Pergament und ein paar Tropfen Siegellack.“  

„Und … wieso stehen uns die Truppen der Company nicht mehr zur Verfügung? Mr. Kendall befehligt hier immerhin eine ganze Kompanie!“, wunderte sich Gebhardt vorlaut.

„Drei Kompanien, Sir Andrew“, berichtigte Norrington das Regierungsmitglied. „Vielleicht hat es sich bis in die Blue Mountains noch nicht herumgesprochen, aber Sir William wurde samt seiner Aztec eine ganze Woche lang vermisst. Er ist erst vorgestern zurückgekehrt. Nach seinen Angaben, die mir von Zeugen bestätigt wurden, haben Soldaten der Company unter dem Kommando von Captain Greitzer ihn auf seinem Schiff überfallen, das Schiff auf See gebracht und wollten es versenken“, erklärte James so unbeteiligt wie möglich. „Ich habe mich …“

„Und was für Zeugen waren das, Admiral? Turners Besatzung? Denen glaubt Ihr doch hoffentlich kein Wort! Es ist bekannt, dass Turner die Company nicht ausstehen kann. Er verweigert ihnen ja sogar die Mitarbeit als Waffenhersteller!“

„Mr. Kyle und Mr. McMillan, zwei meiner Männer, sind die Zeugen, Sir Andrew. Ich unterstelle, dass Ihr Angehörige der Royal Navy als neutrale Zeugen akzeptieren werdet“, versetzte der Admiral. „Ich kann Euch auch schriftliche Beweise aus dem Hause der Company selbst liefern, denn ich habe mich nach Sir Williams Anzeige veranlasst gesehen, der Company einen Besuch abzustatten. Ich habe guten Grund zu dem Verdacht, dass die Company sämtliche ehemaligen Freibeuter dieser und anderer Kolonien verfolgt und sie töten lassen will – durch ihre eigenen Truppen, aber auch durch … sagen wir … Spezialagenten außerhalb des Militärs wie einen gewissen James Legs. Es finden sich schriftliche Anweisungen an besagten Mr. Legs, Sir Williams neuen Gesellen Rosen zu überwachen, um Sir Williams Produktionsverfahren auszuspionieren oder den Gesellen zu töten, wenn er diese Informationen nicht liefert. Es finden sich weiter Anweisungen an Mr. Legs, Sir William und seine Familie – einschließlich der Kinder! – umzubringen oder durch Dritte für deren Ableben Sorge zu tragen. Die Truppen der Company, Sir Andrew, leisten ihren Treueschwur auf die East India Trading Company, nicht auf den König oder auf Großbritannien. Und nach allem, was ich bei der Hausdurchsuchung gefunden habe, ist die East India Trading Company nicht nur weiterhin als Staat im Staate zu bezeichnen, sondern schlicht und einfach als feindliche Macht in den eigenen Reihen. Es hat sich nichts geändert, seit Lord Beckett sich von den Franzosen anheuern ließ und die Company auf die Seite unserer Feinde stellte, seit Lord Everett mit dem ihm zur Verfügung stehenden Machtapparat aus rein persönlichen Rachegelüsten Sir William ebenso persönlich verfolgte. Was immer auch die Führung der Company dem König im Mutterland zugesagt haben mag: Die vorliegenden schriftlichen Befehle aus London beweisen, dass sie weiter gegen die ehemaligen Freibeuter agiert, insbesondere gegen Sir William und Lady Elizabeth.“

„Und … wie kommt Ihr ohne Beschluss der Kolonialregierung dazu, die Räume der East India Trading Company zu durchsuchen?“, fragte Gebhardt spitz.

„Die Angaben von Sir William, bestätigt durch besagte Zeugen, ergaben einen dringenden Tatverdacht gegen die Company und den ebenso dringenden Verdacht, dass jede Zeitverzögerung das Verwischen von Spuren zur Folge hätte. Deshalb konnte ich auf einen Beschluss der Kolonialregierung nicht warten, Sir Andrew“, erwiderte Norrington.

„Was hat die schnelle Durchsuchung bei der EITC mit dem Umstand zu tun, dass Ihr persönlich mit Sir William befreundet seid, Admiral?“, hakte Gebhardt nach.

„Vermutlich nicht mehr und nicht weniger als Eure Zweifel an der Erforderlichkeit der umgehenden Durchsuchung mit der Tatsache, dass Ihr ein ausgesprochen guter Kunde der Company seid, Sir Andrew. Eure gesamte Kaffeeproduktion verschifft Ihr mit der Company, Ihr kauft Eure Sklaven grundsätzlich bei der Company, Eure Schecks sind Papiere der hauseigenen Bank der Company, wie jeder einzelne Händler hier in Port Royal weiß“, entgegnete Norrington mit mühsamer Beherrschung.

„Werft Ihr mir etwa Parteinahme vor?“, keifte Sir Andrew.

„Zwischen den Zeilen Eurer Fragen glaube ich herauszuhören, dass Ihr mir Parteinahme für Sir William vorhaltet. Ich werfe Euch im selben Maß Parteinahme für die Company vor wie Ihr mir bezüglich Captain Turners. Das hängt ganz von Eurer Annahme ab, Sir Andrew.“

 

Während Admiral Norrington sich ein Wortgefecht mit Sir Andrew Gebhardt lieferte, kämpften die Männer des Admirals gegen den Heckenschützen, der Kendall umgebracht hatte. Zwanzig Mann unter Führung von Murtogg durchkämmten den Hügel hinter der Faktorei der Company. Immer wieder zischten Pfeile durch das schier undurchdringliche Dickicht und verfingen sich in den Schutzdecken der Soldaten. Im Laufe von drei Stunden hatten sich die Soldaten nach oben gearbeitet. Der Bewuchs wurde allmählich dünner, weil auf dem Plateau Bäume dominierten, nicht mehr buschiges Unterholz. Plötzlich sah einer der Männer eine in ein grünes Tarnkleid aus Blättern gehüllte Gestalt über einen freieren Platz hetzen. Er legte an und schoss, die Gestalt knickte kurz ein, rannte aber weiter über den Hügelkamm in Richtung Steilküste südlich des Forts. Murtogg schätzte die Entfernung auf gut zweihundert Yards, was in dem schwierigen Gelände ein nur schwer einzuholender Vorsprung war. Dennoch gaben die Soldaten alles, um den Fliehenden zu stellen. Bis zur Steilküste war es noch eine knappe halbe Meile. Sie rannten, als liefen sie um ihr Leben. Wenig später hatten sie den Ort erreicht, an dem ihr Kamerad den Gesuchten angeschossen hatte. Tatsächlich fanden sich Blutspuren, die als Fährte zur Steilküste führten.

„Er ist getroffen“, bemerkte Murtogg. „Vielleicht kriegen wir ihn doch noch vor den Felsen. Los, weiter!“

 

Der getarnte Flüchtling – niemand anderes als Jimmy Legs höchstselbst – hinkte nach dem Treffer des britischen Soldaten zwar, aber es war nur ein Streifschuss an der Hüfte. Legs war zäh genug, diese Verletzung soweit zu ignorieren, dass er nicht wesentlich an Geschwindigkeit verlor. Dennoch sah er sich immer wieder besorgt nach seinen Verfolgern um. Seinen Vorrat an Blasrohrpfeilen hatte er verschossen. Auf einen Nahkampf mit den deutlich in der Überzahl befindlichen königlichen Soldaten konnte er es nicht ankommen lassen. Der Umstand, dass er sich immer wieder umsah, hatte aber auch den bedeutenden Nachteil, dass er nicht ständig dorthin sah, wohin er trat – bei unwegsamem Gelände nie wirklich empfehlenswert …

Auf einmal trat er ins Leere. Ein entsetzter Schrei entrang sich seiner Kehle als er durch einen stockdunklen Schacht ins Nichts fiel. Doch er schlug nicht etwa auf hartem Fels auf, sondern platschte am Fuß des Schachtes in tiefes Wasser. Zu seinem Glück wasserte er in der Höhle hinter dem Felsbogen, in dem die Piratenskelette baumelten. Die Höhle hatte einen wenigstens zwanzig Faden* tiefen See, der Schacht war knapp fünfundsiebzig Fuß hoch – eine Fallhöhe, die bei entsprechend tiefem Wasser gut zu überleben war. Prustend kam Jimmy hoch, schnappte erschöpft nach Luft und sah sich erst einmal um. Von oben fiel Licht in den Schacht, von einer Seite drang ebenfalls Licht in die Höhle. Nach kurzer Zeit hatte er sich an die Dunkelheit gewöhnt; das wenige Licht von oben und von der Seite reichte aus, um ihm ein Plateau zu zeigen, von dem aus ein weiterer Schacht wegführte. Jimmy entledigte sich der Reste seiner Blättertarnung, die ihm im Wald oben gute Dienste geleistet hatte, schwamm zu dem Plateau und bemerkte rasch, dass hier gelegentlich Boote landeten. Diverse Spuren von Bootskielen und Stiefeln bewiesen ihm, dass es möglich war, ihn hier rasch zu entdecken. Der seitliche Schacht, das fiel ihm bei näherem Hinsehen auf, führte zu einer Treppe. Legs stemmte sich aus dem Wasser und peilte in die Dunkelheit. Instinktiv entschloss er sich, diesem Schacht nicht zu folgen, sondern lieber in Richtung Tageslicht der Grotte zu schwimmen. Zum einen bestand die Möglichkeit, dass die Grotte bei Flut voll lief und ihm damit jegliche Fluchtmöglichkeit abgeschnitten war; zum anderen führte die Treppe mit einiger Wahrscheinlichkeit an die Oberfläche, vielleicht sogar in die Festung. Es bestand also die Gefahr, dass die Soldaten ihn bald hier unten suchen würden. Er sprang wieder ins Wasser und nahm Kurs auf die Grotte.  

 

Währenddessen wurde auf der Black Pearl der Anker gelichtet und die schwarzen Segel gesetzt. Die Galeone nahm Kurs auf die offene See, um in Richtung Nassau zu segeln. Zwischen Jamaica und den Bahamas gab es tausende von nach wie vor unbekannten Inseln und Inselchen, auf denen gut und gern einige Schätze versteckt sein konnten.

Als die Galeone den „Piratenbogen“ passierte, kam Jimmy gerade hinter dem Felsbogen hervor, sah die schwarze Piratenflagge im Großtopp des schwarzen Seglers und schaltete schnell. Selbst wenn der Captain dieses Schiffes ein Freund von Captain Turner war, selbst wenn er ahnte, dass ein Mensch mit Namen Legs Turner töten wollte, war es nicht sehr wahrscheinlich, dass eine Personenschreibung von ihm unter Piraten kursierte. Er winkte heftig.

Gibbs, der an Steuerbord die Sicherung der Brassen kontrollierte, sah den verzweifelt mit den Armen wedelnden Schwimmer.

„Mann über Bord!“, brüllte er. „Werft ihm einen Tampen zu!“      

Zwei Taue flogen in Richtung des anscheinend Schiffbrüchigen, der eines davon griff und schnell an Bord gehievt war. Triefend nass landete er auf dem Deck der Black Pearl.

„Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen“, grinste er.

„Aye, willkommen an Bord. Wer seid Ihr?“, fragte Gibbs, der ihn in Empfang nahm.

„Smith ist mein Name, Jacob Smith.“

„Was ist mit Euch passiert?“

„Die Company ist hinter mir her“, schwindelte Legs. „Danke, dass Ihr mich gerettet habt, Sir. Ihr seid der Captain?“, erkundigte er sich dann.

„Nein, der Captain bin ich. Captain Jack Sparrow“, stellte Jack sich vor, der die Aktion zunächst vom Achterdeck beobachtet hatte.

„Der berühmte Captain Jack Sparrow??“, entfuhr es Jimmy, der den Titel besonders betonte, was Jack durchaus schmeichelte. „Wow, hab’ ich ein Glück! Wohin fahrt Ihr, Captain Sparrow?“

„Ich habe derzeit kein besonderes Ziel, aber wenn Ihr mir ein lohnendes Ziel, sprich Beute, nennen könntet, wären ich und meine Crew bereit, Euch einstweilen als Bordkameraden zu akzeptieren, Mister … wie war doch gleich Euer Name?“

„Smith, Captain, Sir. Jacob Smith.“

„Seid Ihr mit Aaron Smith verwandt?“, fragte Jack. Jimmy lächelte verlegen.

„Äh … nein, Sir, der Name sagt mir nichts. Aber Smith ist nun wahrhaft kein seltener Name.“

„Schade. Nun gut, Mr. Gibbs, sorgt für trockene Kleidung für Mr. Smith und beschafft ihm eine freie Hängematte im Mannschaftsquartier. Und denkt darüber nach, was Ihr zum Ausgleich für die Aufnahme in die Crew für uns tun könnt, Mr. Smith.“

„Aye, Captain!“, antworteten Gibbs und Legs wie aus einem Munde.

 

Oben, in den Felsen hinter der Festung konnten die königlichen Soldaten gerade noch stoppen, bevor einer von ihnen selbst in das Loch gefallen wäre.

„Teufel auch!“ japste Murtogg, den seine Kameraden gerade noch halten konnten. „Wenn er da hineingefallen ist, ist nicht genug übrig, um die Reste vom Fels zu kratzen!“, seufzte er, als er die schiere Bodenlosigkeit des Schachtes bemerkte. Ein anderer Soldat warf einen Stein hinunter. Es dauerte einen Moment, dann platschte es leise.

„Da unten ist Wasser …“, brummte er. „Ob es da unten eine Höhle gibt?“

Allgemeines Schulterzucken seiner Kameraden war die Antwort. Dass es dort unten tatsächlich eine Höhle gab, die auch noch einen Zugang zur Festung hatte, war in Port Royal nur dem Gouverneur, seinem militärischen Befehlshaber und dem Ehepaar Turner bekannt – nun auch Jimmy Legs, wenngleich Jimmy nicht wirklich wusste, dass die Treppe in die Festung führte. Die Soldaten suchten gleichwohl hinter dem Loch weiter, aber es gab keine Blutspuren mehr, die vom Loch weiterführten. Demnach war der unbekannte Flüchtling also tatsächlich in das Loch gefallen.

„Gehen wir zur Festung, Männer. Mal sehen, ob jemand eine Ahnung hat, ob man in die Höhle da unten absteigen kann“, entschied Murtogg. Ohne besondere Ordnung strebten die Rotröcke der Festung zu.

Der ständige Beobachtungsposten auf der Festung hatte die Black Pearl den Hafen verlassen sehen, hatte auch bemerkt, dass die Crew von Captain Sparrow einen Mann aus dem Wasser gefischt hatte, machte sich darüber aber keine weiteren Gedanken. Der Posten hatte zwar Gibbs’ Alarm gehört und das Rettungsmanöver beobachtet, war aber der Meinung, einer der Männer von Captain Sparrow sei wohl betrunken über Bord gegangen und von seinen Kameraden gerettet worden.

 

Jimmy Legs hatte sich inzwischen trockengelegt, die ausgeliehene trockene Kleidung angezogen und hängte seine durchnässten Sachen in der Nähe einer Geschützpforte zum Trocknen auf. Captain Sparrow war Lady Elaine ebenso verhasst wie Captain Turner. Mit Sparrow hatte er schon den ersten dicken Fisch an der Angel. Jimmy wusste, dass Lady Elaine in die Karibik nachkommen wollte. Bevor er England verlassen hatte, hatte sie ihm gesagt, sie werde ihn auf den Caicos-Inseln zum Bericht erwarten, genauer: auf der Insel Providenciales. Wenn er bei dem Treffen gleich Captain Jack Sparrow samt der Black Pearl lieferte, konnte er sich der Wertschätzung von Lady Elaine sicher sein. Die einzige Frage war, wie lange er Sparrow dort festhalten konnte, denn er erwartete sie erst vier Wochen nach seiner eigenen Ankunft in der Karibik. Bis nach Providenciales war es von Jamaica aus eine Entfernung von knapp dreihundertfünfzig Seemeilen. Die Black Pearl lief mindestens zehn Meilen die Stunde, mit Captain Sparrow am Steuer konnten es durchaus auch mal zwölf sein. Unter günstigen Windbedingungen und bei gleicher Fahrt auch während der Nacht hatte die Black Pearl ein Etmal* von zweihundertvierzig Seemeilen. Providenciales wäre also innerhalb von eineinhalb bis zwei Tagen zu erreichen. Aber in diesem Fall musste gegen den Nordost-Passat gekreuzt werden. Das würde die Reisezeit deutlich verlängern, dessen war Legs sich sicher.

Er stieg an Deck und meldete sich bei Jack auf dem Achterdeck dienstbereit.

„Seemann Smith meldet sich dienstbereit, Sir!“

Jack nickte.

„Übernehmt das Steuer, Mr. Cotton!“, wies er den stummen Rudergänger an, der freudig nickte und den Platz am Ruder einnahm.

„Nun, Mr. … Smith … ist Euch etwas eingefallen, was Ihr uns als Beute anbieten könnt?“, fragte er den Neuen.

„Aye, Sir. Ihr könnt die Company so wenig ausstehen wie ich, stimmt’s?“

„Welche Company meint Ihr, Mr. Smith?“

„Die East India Trading Company, Sir.“

„Wieso mögt Ihr diese Company nicht?“, fragte Jack.

„Hatte das Pech, von denen mal geschanghait zu werden. Die gehen nicht sehr nett mit ihren Leuten um. Als wir in Port Royal ankamen, bin ich von Bord. Die jagen mich schon seit Tagen.“

„Mit welchem Schiff seid Ihr gekommen?“

„Mit der Edinburgh Trader“, erwiderte Legs wahrheitsgemäß. Jack nickte.

„Gut. Was habt Ihr mir zu bieten?“

„Ich weiß, dass eines der großen Schiffe der East India Trading Company auf dem Weg zu den Caicos- Inseln ist. Den Namen kenne ich zwar nicht, aber auf der Edinburgh Trader war von einem der großen Schiffe die Rede. Es soll mit einem Haufen Geld unterwegs sein, um hier richtig Rum einzukaufen. Die Handelsspanne ist mit hundert Prozent nur knapp angesetzt. Ich gehe von mehr aus. Frage ist also, kapern wir den Kahn vor dem Einkauf oder erst hinterher, Captain?“

„Die Versuchung, erst nach dem Einkauf zu kapern ist groß. Unser Rumvorrat hat gelitten. Andererseits kostet Rum nur in der Alten Welt richtiges Geld. Hier ist er billiger zu bekommen – vor allem für Piraten. Also nehmen wir die Glanzstücke, was meint Ihr, Mr. Gibbs?“

„Aye!“, strahlte Gibbs über die Aussicht, ordentlich Bargeld abzuräumen und vielleicht auch noch die Destillerie auszunehmen, die das Ziel der Einkäufer der Company sein sollte.

„Gut, dann Kurs Caicos-Inseln!“ wies Jack Gibbs an.

„Aye, aye, Captain!“, frohlockte der.   

 

 

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Kapitel 22

Pläne

 

Die Soldaten des Suchtrupps kehrten abgekämpft in die Festung zurück und berichteten Captain Gillette von Norringtons Auftrag und der Tatsache, dass der Flüchtling in eine wasserführende Höhle unter dem Festungsfelsen gestürzt war. Gillette hatte ebenso wenig wie die Soldaten eine Ahnung, dass der Geheimgang in der Festung unten in dieser Höhle endete.

„Wir suchen außen herum!“, entschied er und sprang auf. Murtogg und die übrigen Marineinfanteristen folgten dem Captain den langen Weg außen herum in den Hafen. Gillette ließ zwei Schaluppen klarmachen und dann zum „Piratenbogen“ pullen. Die Höhle hatten die Männer bald gefunden und fuhren vorsichtig in die Dunkelheit hinein, die sie mit Laternen erhellten.

„Bei Poseidons Dreizack!“, entfuhr es dem Captain, als sie feststellten, was für ein riesiger Hohlraum unter dem Festungsfelsen war. Bald hatten sie auch den Schacht oben in der Decke gefunden, durch den Kendalls Mörder abgestürzt war. Dass der Flüchtling hier gewesen war, bewiesen Palmblätter, an denen noch Reste von Bastbändern waren – die abgeworfene Tarnung des Pfeilmörders. Doch so intensiv sie die Höhle auch absuchten: Es war außer ihnen selbst niemand darin. Einer der Männer fand den Tunnel, in dem die Treppe nach oben war.

„Sir! Seht mal! Hier führt eine Treppe nach oben! Wo endet die?“, fragte er. Gillette bekam langsam eine Ahnung. Er erinnerte sich, dass Turners Freibeuter durch einen Geheimgang in die Festung eingedrungen waren, als Lord Everett Captain Turner und Governor Swann hatte verhaften lassen.

„Ich weiß es nicht, aber ich habe einen Verdacht. Gehen wir hinauf“, entschied er. Je weiter sie nach oben kamen, desto klarer wurde ihm, dass dies der geheime Zugang in die Festung war – oder eben eine Möglichkeit, das Fort unbemerkt zu verlassen. An einer Gittertür kamen sie nicht weiter, aber Gillette war jetzt sicher, das andere Ende des Ganges gefunden zu haben, dessen oberer Zugang im Zellentrakt von Fort Charles war. Er nickte nur.

„Hier ist der Flüchtling jedenfalls nicht. Das Gitter hätte ihn gestoppt“, brummte er.

„Und wo soll er dann geblieben sein?“, fragte Murtogg.

„Entweder er ist doch nach dem Absturz ertrunken und liegt auf dem Boden des Höhlensees oder er ist aus der Höhle hinausgeschwommen“, mutmaßte Gillette.

„Aber dann hätten wir ihn doch finden müssen!“, protestierte Murtogg. Der Captain schüttelte den Kopf.

„Ihr habt ihn vor Stunden an dem Loch oben verloren, Mr. Murtogg. Wenn er hinausgeschwommen ist, könnte ihn ein vorbeifahrendes Schiff mitgenommen haben. Kann das mal jemand aufmachen?“

„Äh, sollten wir Schlüssel dazu haben, Sir?“, fragte Murtogg verblüfft.

„Wo ist Captain Turner, wenn man ihn braucht?“, seufzte Gillette.

„Wieso?“

„Der ist nie ohne Dietrich …“

Da sich kein Dietrich fand, mussten Gillette und seine Leute den langen Weg außen herum mit den Schaluppen nach Port Royal zurück nehmen.

 

In der Villa von Governor Swann hatte Norrington den verbalen Kampf mit Sir Andrew inzwischen für sich entscheiden können. Die Mitglieder der Regierung – abgesehen von Sir Andrew – hatten zugestimmt, Captain William Turner, Captain Eric Hawkins und Captain Jack Sparrow erneut Kaperbriefe auszustellen, um die Sicherheit der Kolonie zu gewährleisten. Gebhardt hatte als Einziger dagegen gestimmt und nahm sich vor, den König zu unterrichten, dass der Gouverneur von Jamaica ohne königliche Erlaubnis mitten im Frieden Kaperbriefe ausstellen wollte. Er hatte den dringenden Verdacht, dass Turner als Schwiegersohn des Gouverneurs, Hawkins als persönlicher Freund Swanns und Sparrow als Freund Turners diese Spezialgenehmigungen bekamen. Dem Kaffeepflanzer war allerdings auch klar, dass er einen Brief an den König nicht mit einem offiziellen Kurierschiff schicken konnte. Dazu brauchte er die Dienste der East India Trading Company …

Vom Arbeitsfrühstück beim Gouverneur eilte er augenblicklich zum Kontor der Company. Gebhardt fand einen völlig aufgelösten Sekretär Somerset vor, der ihm schriftlich zu erklären versuchte, dass der örtliche Agent Kendall tot war, der Admiral sämtliche Geschäftsunterlagen der Company und die Waffen der Haustruppen beschlagnahmt hatte. Es fand sich auch eine Verfügung Norringtons, die den Angehörigen dieser Truppen jegliche Ausübung hoheitlicher Aufgaben vorläufig verbot. Nicht einmal ihre Uniformen durften sie mehr tragen. Gebhardt schwoll die Zornesader bis kurz vor dem Schlaganfall.

„Jetzt ist er entschieden zu weit gegangen!“, grollte er. „Auf dieser Insel regiert nicht mehr der König, sondern ein Piratenhaufen! Mr. Somerset, wer kann umgehend nach England fahren, um dem König einen dringenden Brief zu übermitteln?“

Somerset bedeutete dem Pflanzer, er werde jemanden finden und umgehend zu ihm in die Blue Mountains senden, damit die Sache geheim blieb.

 

Will war unterdessen mit seinem Päckchen Briefe bei den Tagelöhnern im Hafen und lobte für den Brieftransport einen halben Shilling pro Brief aus. Im Handumdrehen hatte er seine Boten gefunden, die mit den Schreiben davoneilten. Sobald sie mit der Empfangsbestätigung der Kunden zurückkehrten, würden sie den Lohn erhalten. Auf dem Weg zu seiner Schmiede lief ihm Samuel hinterher.

„Sir William! Sir William!“, rief er. Will blieb stehen. Der lang aufgeschossene Junge erreichte ihn hechelnd.

„Der … der Admiral möchte Euch sprechen, Sir William“, keuchte er.

„Danke, Samuel. Hier, für deine Lauferei“, sagte Will und steckte ihm einen Shilling zu.

„Danke, Sir William. Ihr seid sehr großzügig.“

Will lächelte sanft und machte kehrt, um zur Hafenkommandantur zu gehen.

Norrington empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln.

„Ich habe etwas für dich, Will. Der Gouverneur hat zugestimmt, dir, Jack und Captain Hawkins neue Kaperbriefe auszustellen. Dein Exemplar, bitte sehr.“

Damit reichte er Will den neuen Kaperbrief über den Schreibtisch.

„Danke. Ich gebe zu, dass ich damit nicht gerechnet habe, nachdem Jack es dir empfohlen hatte.“

Der Admiral stand auf.

„Will, was ich bei der Company gefunden habe, hat mir die Haare kerzengerade durch die Perücke getrieben. Sie wollen euch vernichten, dich, Elizabeth, die Kinder, sämtliche ehemaligen Freibeuter. Ich habe die Truppen der EITC entwaffnen lassen, die Waffen ebenso beschlagnahmt wie die Geschäftsunterlagen. Dieser Legs ist offensichtlich von der Company beauftragt, dich, deine Familie und deinen neuen Gesellen zu töten. Ich muss bekennen, dass er entkommen ist. Kendall ist tot. Er wurde von einem Giftpfeil getötet. Ein zweiter hat mich nur knapp verfehlt. Ich vermute, es ist Legs, aber beweisen könnte ich das nur, wenn ich ihn samt restlichen Pfeilen erwische. Ich hoffe, dass meine Männer ihn zu fassen bekommen, bevor er noch mehr Unheil anrichtet. Will, ich muss dich und Elisabeth um Entschuldigung bitten.“

„Wieso?“

„Als wir nach dir gesucht haben, hat Elizabeth mir vertraulich erzählt, dass ihr beide bei der Company eingestiegen seid. Sie hat mir nach der Rückkehr in den Hafen ebenso vertraulich die Unterlagen gezeigt, die ihr gefunden und kopiert habt. Ganz ehrlich: Ich habe es nicht glauben können, bis ihr zurückgekehrt seid und Kyle und McMillan deine Angaben bestätigten. Obwohl ihr das Geheimfach gefunden habt, hat Kendall keine Veranlassung gesehen, die Geheimanweisungen daraus verschwinden zu lassen. Er muss sich völlig sicher gewesen sein, dass ihr darüber nicht geredet habt.“

Es klopfte.

„Ja?“, rief Norrington. Gillette trat ein und salutierte.

„Sir, der von Euch ausgesandte Suchtrupp hat den Verdächtigen an einem Felsloch in Richtung südliche Steilküste verloren. Er ist hineingestürzt. Wir haben die Höhle untersucht, aber nichts gefunden – bis auf eine offenbar sehr geheime Treppe. Hätten die Männer oder ich eine Ahnung von dieser Treppe gehabt, die, wie ich meine, in das Fort führt, hätten wir ihn vielleicht stellen können …“ 

„Geheime Treppe?“, tat Norrington nichtsahnend.

„Ja, Sir. Ich vermute, Sir William kennt sie genau“, erwiderte Gillette mit einem Unterton, der nichts Gutes verhieß.

„Höre ich da einen leisen Vorwurf, Captain Gillette?“, erkundigte sich der Admiral.

„Sir William: Euch ist diese Treppe doch bekannt, oder?“, sprach Gillette Will direkt an, ohne auf den Vorhalt des Admirals einzugehen.

„Ja, Captain, ich kenne sie“, bekannte der ohne Umschweife. „Und ich habe sie benutzt, um Port Royal vor Feinden zu schützen.“

„Und wer weiß sonst noch davon? Captain Sparrow? Andere Piraten?“, fuhr Gillette Turner an.

„Von mir hat davon niemand etwas erfahren. Geheimnisse, die Geheimnisse bleiben sollen, plaudere ich nicht aus.“

„Und von wem wusstet Ihr davon? Was ist so geheim daran, dass nicht einmal die Royal Navy von Port Royal etwas davon weiß?“

„Ich weiß von meiner Frau davon …“

„Und woher weiß sie etwas davon???“

„Gillette!“, fuhr Norrington dazwischen. „Was soll das?“

„Ich habe langsam das Gefühl, dass Port Royal aus dem Untergrund beherrscht wird, Sir!“

James seufzte tief.

„Captain Gillette! Es ist zutreffend, dass Sir William diese geheime Treppe kennt. Ihr habt vermutlich Recht, dass Ihr den Mörder von Kendall hättet erwischen können, wenn Euch diese Treppe bekannt gewesen wäre. Dass Ihr und die Männer dieser Garnison keine Kenntnis von dieser Existenz haben, liegt daran, dass Sir Henry Morgan verfügt hat, dass ausschließlich der Gouverneur und der militärische Befehlshaber von Port Royal um dieses Geheimnis wissen und nicht berechtigt sind, es mit Untergebenen zu teilen.“

„Und wieso weiß es dann Sir William???“

„Weil meine Frau als Kind in der Festung gespielt hat und dabei zufällig den Geheimgang in die Höhle unten entdeckt hat. Sie hat es mir aber erst verraten, als ihr Vater von Beckett verhaftet und in der Festung eingekerkert worden war und wir ihn daraus befreit haben. Außer uns beiden wissen es noch die Männer meiner ersten Crew, die später den Gouverneur und mich aus der Festung befreit haben, als die Company in Port Royal geputscht hat und Euch und Eure Männer im Gefängnistrakt ebenfalls eingesperrt hatte. Meine Frau, meine Crew und ich haben uns zur Geheimhaltung verpflichtet“, erklärte Will kühl.

„Dass Ihr darüber nicht informiert seid, Captain Gillette, liegt in der Verantwortung des Gouverneurs“, sagte Norrington. „Ich verstehe Euren Unmut, aber ich durfte es Euch nicht sagen. In diesem Fall hat dieses Geheimnis negative Folgen gehabt, weil Ihr dadurch den Flüchtigen nicht stellen konntet. Das ist nicht Euer Fehler und erst recht nicht Sir Williams Fehler. Aber wenn der Flüchtige in die Höhle gestürzt ist, und Ihr ihn auch nicht im Geheimgang gefunden habt, dann kann er nur hinaus geschwommen sein. Stellt fest, welche Schiffe den Hafen zu der Zeit verlassen haben!“, wies er den Captain dann an.

„Es war nur eins: die Black Pearl!“, erwiderte Gillette. „Der Beobachtungsposten auf dem Fort hat gesehen, dass die Black Pearl einen Mann aus dem Wasser gefischt hat. Vermutlich ist es der Flüchtige.“

„Jack hat keine Ahnung, wen er sich da an Bord geholt hat. Wenn es wirklich Legs ist, hat er es auch auf Jack abgesehen“, sagte Will.

„Wohin will er fahren?“, fragte Norrington. Turner zuckte mit den Schultern.

„Er hat kein Ziel. Er fährt meist auf gut Glück los.“

„Das heißt, Legs ist entkommen!“, schnaufte Norrington.

„Die Black Pearl ist auffällig wie ein bunter Hund. Wenn sie irgendwo anlegt, spricht sich das im Hafen schnell herum. Ich will ohnehin eine längere Reise machen und könnte ihn suchen“, bot Will an.

„Längere Reise? Wieso?“, erkundigte sich Norrington.

„Ich brauche wieder frische Luft. Außerdem muss ich dringend das Vertrauen unseres Sohnes in seine Mutter wiederherstellen.“

„Wieso das?“, schmunzelte James.

„Elizabeth hat ihm eine fürchterliche Räuberpistole von Davy Jones und der Truhe des Toten Mannes erzählt, in der Davy angeblich sein Herz aufbewahren soll, hinter der die Company her ist. Sie hat behauptet, ich wäre in geheimem Auftrag unterwegs gewesen, um diese Kiste vor der Company zu retten, damit er sich nicht zu sehr ängstigt. Und dann kam heraus, dass unser Schiff von der Company gekapert wurde, um es samt uns vieren an Bord zu versenken. Das hat Willy gar nicht gut gefunden. Nun möchte ich das Märchen ein wenig fortsetzen, um Elizabeths Geschichte etwas … Substanz … zu verleihen.“

„Äh … hast du nicht einen Haufen Aufträge abzuarbeiten?“, fragte der Admiral verblüfft.

„Aye. Aber abgesehen von dem unfreiwilligen Ausflug mit der Aztec habe ich seit wenigstens einem Jahr die Sonne nur gesehen, wenn ich meinen Lunch im Hof der Schmiede gegessen habe. Ich habe eben gerade Briefe an meine Kunden aufgegeben, dass sich die Fertigstellung der Aufträge noch weiter verzögern wird. Ehrlich gesagt, spiele ich mit dem Gedanken, die Schmiede zu verkaufen“, erwiderte Will mit einem Seufzen.

„William, du bist der Waffenschmied auf dieser Seite der Welt! Das kannst du nicht tun!“, keuchte James.

„Mag sein. Ich werde von meinem Erfolg glatt überrollt. Dieses Mal hat die Company Pech gehabt, dass sie meinen eigenen Cousin bei mir als Spion einschleusen wollten. Sie werden es wieder versuchen. Im Moment habe ich weniger als gar keine Lust, mich damit herumzuschlagen.“

Norrington sah ihn eine Weile forschend an.

„Oder willst du den Stier gleich bei den Hörnern packen und die Company gründlich an derartigen Aktionen hindern?“, fragte er. Will lächelte leicht.

„Bisher war das nicht meine Absicht. Aber du bringst mich auf eine Idee …“, erwiderte er.

„Will, du …“

„Ja, ich denke dran, dass ich auch als Freibeuter keine Strafkompetenz habe. Keine Sorge, James“, wehrte Will mit einem amüsierten Grinsen ab. Norrington fand sein Lächeln wieder. Wann immer Will Gesetze übertreten hatte, hatte er dies nie zum eigenen Vorteil getan, sondern stets nur, um anderen aus Notsituationen zu helfen.

 

Drei Tage später legte die Aztec ab, um in See zu gehen. An Bord war Wills komplette alte Crew, abgesehen von Angus Habershaw und Bill Turner, der als Zweiter Maat auf der Black Pearl war. Will hatte von der Wache der Navy die Information, dass Jacks schwarze Liebe nach Osten gefahren war. Er wusste sehr wohl, dass Jack plante, in Richtung Nassau zu fahren. Zuweilen konnte ein Admiral alles essen, aber brauchte nicht alles zu wissen. Mit Legs würden sie schon fertig werden. Dass ein Feind auf sie wartete, dem eine Galeone und eine Brigg nur bedingt etwas entgegenzusetzen hatten, ahnten weder Jack noch Will – wobei Jack Sparrow bei allem Scharfsinn überhaupt keine Ahnung hatte, dass er geradewegs in eine liebevoll vorbereitete Falle fuhr …

 

In London liefen die Geschäfte der East India Trading Company wie gewohnt weiter. Zwar war Lady Elaine das skrupellose Herz und Hirn der Firma, aber ihre Aktivitäten liefen im Geheimen ab, so dass ihre Abwesenheit nach außen hin nicht auffiel. Edward Jones, der offizielle Vorsitzende, machte sich gleichwohl Sorgen, kaum dass sie mit der Flying Dutchman abgefahren war. Sein Bruder David war eigentlich die passendere Partie für die völlig gewissenlose Elaine. Unter den Männern, die auf der Flying Dutchman fuhren, galt der Captain als wahrhaft herzlos. Es gab nur wenige, die jemals freiwillig unter seinem Kommando hatten fahren wollen. Kielholen war bei ihm nicht nur eine Bezeichnung für die gründliche Reinigung des Schiffsrumpfes auf dem Trockenen. Wer seinen Pflichten nicht in dem Maß nachkam, in dem David Jones es erwartete, der fand sich schon mal an Händen und Füßen gefesselt wieder und wurde unter dem Schiff durchgezogen. Es hatte dabei schon Tote gegeben. Kaum weniger schlimm waren die noch häufiger vorkommenden Auspeitschungen. Die neunschwänzige Katze saß beim Bootsmann auf der Flying Dutchman ausgesprochen locker – im Einverständnis mit dem Captain wohlgemerkt. David Jones erfüllte als Captain seines Schiffes den schrecklichen Ruf, den man dem sagenhaften Fährmann der Seelen, Davy Jones, absolut zutraute.

Edward machte sich keine Sorgen um seine Frau. Elaine war aus dem gleichen Holz geschnitzt, das wusste er nur zu gut. Er machte sich Sorgen um seine Handelsfirma. Wenn Elaine so weitermachte, würde sich das nicht mehr lange geheim halten lassen. Und wenn erst herauskam, was sie bereits angestellt hatte, würde der König keine Nachsicht mehr üben. Er selber war zu schwach, um sich gegen Elaines Ränke durchzusetzen, er war praktisch das Gegenteil seines Bruders. Der Einzige, dem er zutraute, Elaine Zügel anzulegen, war Nathan Everett, den der König nicht an der Spitze der East India Trading Company hatte haben wollen, weil er den Everetts nicht mehr traute. Es fiel Edward nicht leicht, mit seinem ehemaligen Kompagnon Kontakt zu suchen. Er hatte Nathan auf Elaines Betreiben gefeuert, nachdem er auf den Vorsitz der Company verzichtet hatte … Edward sandte nur zwei Stunden, nachdem Elaine abgereist war, eine Nachricht an seinen ehemaligen Kompagnon.

Nathan bekam den Brief seines Schwagers und war nur mäßig begeistert, dass Edward ihn um ein heimliches Treffen in der Hafenspelunke Captain’s Daughter bat. Diese Kneipe im finstersten Hafenviertel wurde eigentlich nur von Seeleuten mit äußerst zweifelhaftem Leumund aufgesucht. Feine Gentlemen wie Edward und Nathan machten normalerweise schon um die Gegend als solche einen Bogen in der Größe eines Breitengrades. Andererseits eignete sich eine Spelunke, in der niemand Geschäftsleute erwartet hätte, am allerbesten, wenn man eventuellen Spionen aus dem Weg gehen wollte. Nathan war jedoch zu interessiert, was Edward von ihm wollte. Er bestätigte Edward das Treffen, warf sich in seine älteste und abgetragenste Kleidung, die er finden konnte, um dort nicht als reicher Geschäftsmann aufzufallen.

Als er eintrat, sah er Edward bereits an einem Tisch in der hintersten Ecke des dunklen, von nur wenigen Kerzen erhellten Gastraumes, wo niemand in seinem Rücken sein konnte. Auch er steckte in uralter Seemannskleidung, hatte einen Steingutbecher vor sich und sah so finster drein, dass sogar kräftig aussehende Seebären einen Bogen um diesen Tisch machten. Am Nachbartisch in der anderen Ecke saß ein zerfurchter Mann mit schwarzem Dreispitz mit Fasanenfeder, schwarzen Dreadlocks, in die alle möglichen kleinen Dinge eingeflochten waren und derart auffälliger Kleidung, dass der Pirat auf Meilen zu erkennen war. Das verwitterte Gesicht sah so alt aus, dass man ihm nur wünschen konnte, eines Tages so alt zu werden, wie er jetzt schon aussah … Nathan versuchte, ihn zu ignorieren, was einfacher erschien, als es tatsächlich war. Lord Everett bekam angesichts des alten Piraten noch weichere Knie, als er ob des gewählten Treffpunktes ohnehin schon hatte. Irgendwie gelang es ihm aber, den gefährlich wirkenden Piraten nicht auf sich aufmerksam zu machen – glaubte er.

Nathan setzte sich auf einen freien Stuhl an Jones’ Tisch, der ebenfalls den Schutz der Wand hinter sich hatte.

„Was willst du?“, fragte er leise, als Edward dem Wirt bedeutet hatte, dass er sein Getränk auch für Nathan bringen sollte.

„Ich mache mir Sorgen, mein Freund. David war da. Er hat die Dutchman einsatzbereit – mit der neuen Waffe“, erwiderte Edward.

„Und wieso macht es dir Sorgen, wenn er auf die Art und Weise für Erfolge sorgen kann? Ihr seid doch sonst nicht zimperlich, was Gegner betrifft“, bemerkte Nathan.

„Elaine ist mit ihm los. Wenn die beiden zusammen sind, ist das eine hochexplosive Mischung.“

„Du hast Sorge, dass meine Schwester mit deinem Bruder durchbrennen könnte?“

„Nein. Aber selbst wenn es so wäre: David würde ohnehin besser zu ihr passen. Sie sind beide auf ihre Art Piraten. Das habe ich nur zu spät erkannt. Sie ist auf dem besten Weg, uns den König auf den Hals zu hetzen.“

„Edward, ich habe damit nichts mehr zu tun. Du hast mich vor die Tür gesetzt“, erinnerte Nathan mit unüberhörbarer Bitterkeit.

„Ich weiß – und ich bereue, mich gegen Elaines Willen nicht gewehrt zu haben.“

„Also: Was willst du?“

„Sie irgendwie aufhalten. Wenn Elaine Turner und Sparrow mit der Dutchman angeht und irgendwie ruchbar wird, dass ich auch nur in Verbindung mit ihr stehe …“

„… was bei einer Ehe denkbar wäre …“, bemerkte Nathan spöttisch und grinste in seinen Becher.

„… dann macht der König mir den Laden platt. Turner ist geadelter Freibeuter, der bei Seiner Majestät einen fetten Stein im Brett hat“, vollendete Jones. „Wir hatten andere Pläne, als du noch der Captain warst. Wir wollten es auf andere Art versuchen, als euer Vater. Ich will es immer noch. Aber ich komme an Elaine nicht vorbei. Bitte, Nathan, Hilf mir!“

„Der König wollte mich nicht mehr als Captain, wie du weißt“, erinnerte Nathan. „Ich kann ihm nicht mal verdenken, dass er es nicht nochmal mit einem aus unserer Familie versuchen wollte, nachdem, was Vater und Onkel angerichtet haben.“

„Vielleicht können wir ihn überzeugen, dass er mit dir besser bedient ist. Frage ist: Gehst du gegen deine Schwester vor?“

„Gehst du gegen deinen Bruder vor?“, erkundigte sich Everett. „David ist doch der geborene Pirat.“

„Ebenso wie Elaine“, seufzte Edward. „Ja, das habe ich im Interesse des Geschäfts vor.“

„Elaines Art ist mir zuwider, das weißt du. Aber ich stelle eine Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Dass wir eine neue Gesellschaft gründen. Die Company ist mir zu sehr mit den Verbrechen meiner Vorfahren verknüpft. Wenn wir einen anderen Weg gehen wollen, müssen wir den da oben erst einmal überzeugen, dass wir es ehrlich meinen mit dem ehrbaren Kaufmann.“

Wortlos reichte Edward Nathan die Hand. Ein kräftiger Händedruck bestätigte die Vereinbarung.

 

Jones und Everett verließen die Spelunke getrennt und gingen auch auf unterschiedlichen Wegen aus dem Hafenviertel weg. Sie hatten die Kneipe kaum verlassen, als der alte Pirat am Nachbartisch dem Wirt mit gekonntem Schwung eine Münze zuwarf und sich erhob.

„Was macht’n die Company hier?“, fragte er den Wirt.

„Keine Ahnung, Captain Teague. Die waren noch nie hier. Äh … woher wisst Ihr, dass die Jungs von der Company waren?“

Edward Teague grinste, dass die Furchen in seinem zerklüfteten Gesicht noch tiefer wurden.

„Man sollte seine Feinde kennen, wenn einem das Leben lieb ist. Jackie und ich sind mit den feinen Herren der Company zu oft aneinandergeraten“, erwiderte er und verließ schwankend die Kneipe.

 

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Kapitel 23

Riskanter Einkauf

 

Die Black Pearl erreichte wegen der äußerst ungünstigen Winde zehn Tage nach dem Ablegen in Port Royal die Insel Providenciales im Archipel der Caicos-Inseln. Jack peilte mit dem Fernrohr, aber der Hafen war leer.

„Mr. Smith!“, rief er. Diensteifrig eilte Jimmy Legs auf das Achterdeck.

„Matrose Smith zur Stelle, Captain!“

„Wir haben Providenciales erreicht, aber das Schiff, von dem Ihr gesprochen habt, ist nicht da“, sagte Jack nicht ohne Vorwurf. Jimmy lächelte leicht.

„Der Weg von Europa ist lang, Captain. Verspätungen kommen schon mal vor.“

Jack grinste golden.

„Bei der Reaktion der Company auf Verspätungen wird die Crew sich noch freuen, von Piraten ausgenommen zu werden“, mutmaßte er. „Kümmern wir uns erst einmal um den Rum.“

 

Das schwarze Schiff war unübersehbar, ebenso die schwarze Flagge mit dem weißen Totenkopf und dem roten Spatzen. Die Hafenarbeiter, die mangels Beschäftigung an den Kais herum lümmelten, bekamen einen eisigen Schrecken, als die komplett schwarze Galeone in den Hafen einlief. Doch Jack Sparrow hielt nichts von Überfällen mit lautem Hallo. Man konnte schließlich Pirat sein und sich trotzdem zivilisiert bereichern …

Die Black Pearl steuerte geradewegs auf den Kai zu, an dem Kisten und Tonnen mit dem Zeichen der East India Trading Company lagen. Der örtliche Agent der Company bekam immer größere Augen, als das Piratenschiff an der hauseigenen Pier seiner Gesellschaft anlegte.

„He, he, he, so geht das nicht!“, rief er erschrocken und entschlossen zugleich. „Das hier ist der Kai der …“

„… East India Trading Company, ist mir bekannt, Sir. Macht Euch nicht in die Hose, wir wollen auch nur einkaufen“, grinste Jack. „Oder ist das hier nicht die beste Rumdestillerie in der ganzen Karibik?“

Der Agent, der vom selbst produzierten Rum dieser Niederlassung mehr als nur angetan war, fühlte sich geschmeichelt.

„Aber gewiss doch, Sir! Aber das hier ist kein Kundenkai!“

„Oh, Ihr werdet doch nicht etwa potenzielle Kunden vergraulen, indem Ihr ihnen die Landung verweigert. Das ist aber gar nicht kundenfreundlich! Lasst uns hier anlegen und wir nehmen dafür ein Extrafass Rum.“

„Nun gut. Der Kunde ist König“, verbeugte sich der Agent und winkte seinen Festmachern, das Schiff zu vertäuen.

Nur Minuten später war der Großteil von Jacks Crew schon im Lagerhaus, wo Dutzende von Fässern auf den Abtransport warteten.

„Wollt Ihr probieren, Sir?“, bot der Agent beflissen an.

„Gerne doch“, grinste Jack und ließ sich und Gibbs tüchtig einschenken.

„Feines Aroma“, lobte er. „Ist das alles der gleiche Rum?“, fragte er.

„Ja, Sir. Hier findet Ihr nur solch wunderbares Aroma.“

„Dann nehmen wir alles. Los Jungs, packt an!“

Mit einem breiten Grinsen griffen die Männer zu.

„Da wir Euch den ganzen Vorrat auf einmal abnehmen, könnte doch bestimmt ein schöner Rabatt drin sein, oder?“, schmunzelte Jack.

„Aber gewiss, Sir. Das Fass kostet normalerweise zwanzig Guineas. Ich lasse es euch für fünfzehn.“

„Ich hatte eher gedacht, dass Ihr mir zehn dazugebt, damit ich Euch von der Last der Fässer befreie, mein Freund“, lächelte Jack verbindlich und schenkte dem Agenten ein, der auch artig trank.

„Dolles Zeug, was, Sir?“, sagte der Agent hustend. Der Rum in den Fässern hatte fast fünfundsiebzig Volumenprozent Alkohol – das tranken allenfalls Piraten pur, aber nicht normale Menschen. Der Agent der East India Trading Company war unter die Kategorie „Normalmensch“ einzuordnen – und war nach dem zweiten Becher, den Jack ihm mit dem ihm eigenen goldenen Grinsen einhalf, absolut stockbesoffen, fiel um wie ein gefällter Baum.

„Räumt ab, Männer!“, wies Jack seine Crew an. Fass für Fass rollten die Piraten der Black Pearl aus dem Lagerhaus direkt auf die Gangway, auf das Schiff hinauf, wo die Ersten, die wieder an Bord gekommen waren, die Fässer in das Frachtraumnetz packten und mithilfe der Ankerwinsch zwei Decks tiefer beförderten. Es war ein endlos erscheinender Strom einiger Dutzend Fässer, die die Männer der Black Pearl bunkerten. Nicht nur Jack Sparrow hatte ein sonniges Strahlen im Gesicht. So schnell würden diese Vorräte nicht einmal bei seinem Konsum ausgehen!

Mit dem letzten Fass kam Captain Sparrow selbst aus dem Lagerhaus; das Fass rollte er mit dem rechten Fuß vorwärts, unter dem linken Arm hatte er eine Truhe, der anzusehen war, welches Gewicht sie hatte. Der wohlgefüllten Kasse hatte der notorische Langfinger einfach nicht widerstehen können.

„Über Durst werden wir uns demnächst sicher nicht beschweren können, Jack“, strahlte Gibbs. Nach und nach waren alle wieder an Bord und verstauten die kostbare Beute. Es mochte eine gute Stunde dauern, dann war alles ordentlich und sturmsicher verpackt. Jacks Blick wanderte nochmals zum Lagerhaus. Konnte man noch billiger einkaufen als für umsonst?

„Stiefelriemen, welche Proviantvorräte haben wir noch?“, rief er hinunter in den Frachtraum. Bill Turner kam in den Schacht.

„Also, nimm, was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück, Jack. Hier ist genug Platz für alles, was ess- oder trinkbar ist!“, antwortete er.

„Leech, LeJon, Pintel, Ragetti: Nehmt euch noch ein paar Leute und dann schnappt ihr euch aus dem Lagerhaus, was auch nur den Anschein erweckt, genießbar zu sein!“, wies Jack die Männer an. Alle vier grinsten von einem Ohr zum anderen und machten sich mit noch einem weiteren Dutzend Männer daran, auch den letzten Krümel essbarer Handelsware aus dem Lagerhaus zu stibitzen. Nach weiteren drei Stunden war in dem Lagerhaus gähnende Leere – abgesehen von dem immer noch sturzbetrunkenen Agenten, der auf liebevoll geleerten Kaffeesäcken seinen Rausch ausschlief.

 

Die Sonne hatte ihren Weg nach Westen fast vollendet, als Jack junior den Fockmast enterte, um sich mit seinem haarigen Namensvetter wieder ins Krähennest zu setzen. Drei Masten schoben sich nordwestlich der Insel über den Horizont.

„Ahoi, wir kriegen Besuch!“, rief er hinunter. Sein Vater griff nach dem Fernrohr und peilte zu dem fremden Schiff.

„Wenn es nicht so völlig absurd wäre, würde ich meinen, dass sich da wieder jemand den Aztekenfluch gefangen hat“, brummte er.

„Wieso?“, fragte Gibbs.

„Wenn der Dunst um den Kahn natürlich ist, bin ich Davy Jones persönlich!“, murmelte Jack und gab Joshamee das Fernglas. „Von einem Schiff in unnatürlichem Dunst lasse ich mich nicht gern in einen Hafen sperren. Leinen los, aber etwas plötzlich!“, rief der Captain. Augenblicklich sprangen die Männer an Leinen und Brassen, um abzulegen und den Hafen schleunigst zu verlassen. Die Black Pearl war ein schnelles Schiff, aber zuweilen zeigte sich, dass sie ursprünglich als Handelsgaleone konzipiert worden war. Beim Ablegen dauerte es gelegentlich recht lange, bis sie Geschwindigkeit aufnahm und sich ohne Schwierigkeiten manövrieren ließ. Jacks im Wortsinne kohlenschwarze Liebe schaffte es trotz aller Kunst ihres Captains nur knapp, aus dem Hafen zu kommen und in der fallenden Dunkelheit zu verschwinden.

Jimmy Legs konnte sich nur mit Mühe beherrschen, nicht laut zu fluchen, als ihm klar wurde, dass die Black Pearl sich gerade noch mit der Tarnkappe der Nacht unsichtbar gemacht hatte. Dann fiel ihm etwas ein. Er hatte im Proviantlager im untersten Laderaum ganz vorn im Schiff eine Leuchtquelle entdeckt, die ihm passend erschien, um die Anwesenheit dieses Schiffes zu verraten. Unauffällig zog er sich in den Lagerraum zurück. Dort hingen mehrere Glaskolben, in denen Glühwürmchen lebten. Sie stammten aus Tia Dalmas Sumpf auf Pantano. Sie hatte Jack darauf gebracht, in diesem recht feuergefährlichen Bereich besser kein offenes Feuer in Form von Waltranlampen zu benutzen. Seit Tia Dalma alias Calypso regelmäßig mit der Black Pearl unterwegs war, waren diese natürlichen Leuchtkolben die Beleuchtung des Fasslagers. Man musste sie nur schütteln …

Legs hakte den hintersten Kolben aus der Aufhängung. Über dem Proviantlager befand sich das durchgehende Kanonen- und Mannschaftsdeck, darüber im Vorderkastell* die Kombüse, und dorthin gab es über das Mannschaftdeck einen Zugang aus dem Lager. Jimmy bekam ein breites Grinsen, als ihm einfiel, dass die Kombüse einen Ausgang zum Galion* hatte, das obendrein auf beiden Seiten zwei Klüsen* unmittelbar vor der Kastellwand hatte. Und weil diese Klüsen auf der Steuerbordseite sehr nahe bei dem mächtigen Hauptanker waren, waren sie von der Back* aus schlecht einsehbar. Dennoch peilte Jimmy vorsichtig zur Back hinauf; schließlich sollte keiner von der Crew der Black Pearl mitbekommen, dass das Schiff Leuchtsignale in die Dunkelheit sandte und damit die Tarnung in der Dunkelheit zunichtemachte.

 

Die Dunkelheit fiel in den tropischen Breiten der Karibik rasch. Auf dem Schiff, das sich von Nordwesten näherte, peilte eine Frau auf der Back mit dem Fernrohr zu der Insel, sah die ersten Lichter aufleuchten. Es war Lady Elaine Jones an Bord der realen Flying Dutchman. Sie hatte gerade noch einen dunklen Schatten aus der Hafeneinfahrt von Providenciales kommen sehen. Ein böses Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Es gab nur ein Schiff, das in der Dunkelheit als schwarzer Schemen verschwinden konnte: die Black Pearl. Der erste ihrer Feinde war also in greifbarer Nähe. Zwar war ihr bewusst, dass es unmöglich war, bei Nacht die Black Pearl aufzuspüren, aber Jack Sparrow würde mit größter Wahrscheinlichkeit keine Ahnung haben, wie nahe die East India Trading Company daran war, ihm und seinen Spießgesellen den Garaus zu machen. Ihr bösartiges Lächeln wurde noch breiter, als sie einen schwachen Lichtpunkt ausmachte, der dort war, wo eben noch der dunkle Schemen gewesen war.

„Jimmy gibt uns ein Zeichen, David!“, rief sie. Auch auf David Jones’ Gesicht breitete sich ein bösartiges Grinsen aus.

„Fahrt den Turm hoch!“, wies er die Männer seiner Crew an. Als die Leute nur müde nickten, den Befehl aber nicht laut bestätigten, winkte Jones seinem Bootsmann, der nur an seine Seite griff, wo die neunschwänzige Katze in seinem Gürtel hing.

„Aye, aye, Captain!“, pressten die entsetzten Männer heraus. „Den Turm hochfahren!“

Voller Angst sprangen sie an ein Spill* vor dem Achterdeck, das sich von seinem Pendant auf der Back nur dadurch unterschied, dass den bronzenen Kopf ein erhabenes Relief in Gestalt eines Kraken schmückte. Die Hebel – acht Stück an der Zahl – nahmen sie hastig aus Halterungen am Großmast und steckten sie in die Aussparungen unter dem Spillkopf. Das Spill wurde mit viel Körperkraft im Uhrzeigersinn gedreht. Langsam hob sich der Kern der Winde. Je höher er sich hob, desto schwerer wurde es für die Männer an den Hebeln. Der Bootsmann half mit der neunschwänzigen Katze nach, als die ersten Männer an den Hebeln schwächelten. Der Kern wuchs etwa um die gleiche Größe wie die Winde, dann hakte das Schneckenwerk aus der Sperre, und der Turm krachte geräuschvoll herunter. Das ganze Schiff erzitterte, der Impuls setzte sich kreisförmig im Wasser fort.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis das Wasser hinter dem Heck sanft blubberte, ein gewaltiger Tentakel sich langsam nach oben schob und die Spitze sich sachte auf die Reling legte. Etwa fünfzig Yards hinter dem Schiff tauchte etwas auf, das im verblassenden Tageslicht wie ein gekentertes Boot aussah – ein Boot mit leuchtenden Augen. Die bernsteinfarbenen Augen des Kalmars fingen das wenige Licht auf und spiegelten es über die Netzhaut wieder hinaus. David Jones trat an die Reling und tätschelte sanft die Tentakelspitze.

„Da bist du ja, Squiddie“, begrüßte der Captain sein „Schoßtier“. Der Kalmar schloss blinzelnd die Augen, die Tentakelspitze zuckte kurz, als das Tier den Menschen begrüßte.

„Such das grüne Licht, Squiddie! Such! Und lass es nicht aus den Augen!“, befahl er dem Kalmar. Die laut gesprochenen Worte wären nicht nötig gewesen, denn Jones verständigte sich mit seinem Kraken durch den Druck seiner Finger auf den empfindsamen Tentakel, den das Tier auf die Reling legte, wenn sein Herr rief. Es hatte langer Übung bedurft, praktisch jeden gesprochenen Befehl in Tastsignale umzusetzen, die der Kraken verstand. Aber jetzt war er soweit, dass er sich mit seinem Kraken praktisch ohne Worte verstand.

Die Tentakelspitze zog sich von der Reling zurück, die leuchtenden Augen verschwanden wieder unter Wasser, dann schob sich ein mächtiger Schwell an der Flying Dutchman vorbei, als Kalmar Squiddie sich auf die Suche nach dem grünlichen Licht machte, das die Glühwürmchen ausstrahlten. Er setzte sich vor die Flying Dutchman, auf der der Captain gar nicht erst Licht machen ließ. Die beiden mächtigen verlängerten Arme griffen den Rumpf der Flying Dutchman und zogen sie hinter sich her. Dabei folgte er stur dem schwachen Leuchten das von dem einzelnen Glaskolben ausging, den Jimmy Legs außenbords an der Black Pearl befestigt hatte. Die Dunkelheit verschluckte beide Schiffe komplett.

 

„Wo ist Jacob eigentlich?“, fragte Marty, als er mit Pintel, Ragetti und Leech abbackte*. Der Neue war nicht mal zum Abendessen erschienen, obwohl er einiges verdrücken konnte und sonst keine Mahlzeit ausließ. Die anderen drei zuckten mit den Schultern. Der Zwerg nahm es zur Kenntnis, verstaute die Bank, die er gerade trug, an ihrem Platz über seiner Hängematte, stieg von der Leiter wieder herunter und beschloss, nachzusehen, wo der Neue geblieben war, der sich als Jacob Smith vorgestellt hatte. Marty ging zur Kombüse vorn im Schiff, die unter der Back und über dem durchgehenden Kanonendeck war, um dort mit seiner Suche zu beginnen. An diesem Abend war die Kombüse nicht benutzt worden, weil es nur kalten Räucherfisch und Schiffszwieback gegeben hatte. Captain Sparrow wollte alles vermeiden, was andere Schiffe auf seine Fährte locken konnte. Den Fisch und den Zwieback hatten die Piraten aus den gerade geplünderten Vorräten aus dem Warenhaus der East India Trading Company.

Obwohl die Kombüse im Wortsinne kalt geblieben war, suchte Marty hier zuerst, weil er den Neuen in allen anderen Räumen im vorderen Bereich des Schiffes den Nachmittag und Abend über nicht gesehen hatte. Der Zwerg war zu systematisch veranlagt, um planlos zu suchen. Die Schiffsküche war der einzige Raum, den er an diesem Abend noch nicht betreten hatte. Ein erster Blick nach unten in den unter dem durchgehenden Kanonendeck gelegenen Lagerraum zeigte dem kleinwüchsigen Marty, dass dort kein Mensch war, aber die Glühwürmchen in den Leuchtkolben gleich am Niedergang* leuchteten. Er peilte vom halben Niedergang nach oben in die Kombüse. Sie war leer, aber die Tür zum Galion war offen.

„Jacob?“, rief der Zwerg. Es dauerte einen Moment, bis Jimmy Legs vom Galion in die Kombüse kam.

„Oh, Marty …“, brummte er mit einem etwas verlegenen Lächeln.

„Wir haben dich vermisst, Kumpel. Wieso warst du nicht beim Abendessen?“

„Keinen Hunger – und ein dringendes Bedürfnis. Bin wohl leicht seekrank.“

„Blass genug bist du jedenfalls“, bemerkte Marty grinsend. „Wenn du heute Nacht nochmal hier raus musst, mach bitte die Tür hinter dir zu.“

„Wieso?“

Marty sah den Neupiraten mitleidig an.

„Weil die Kombüse beleuchtet ist, aber kein Licht von außen erkennbar sein soll, klar soweit?“

„Aye“, erwiderte Jimmy, schloss die Tür zum Galion und folgte dem Zwerg ins Mannschaftsdeck.

 

Auf dem Achterdeck stand Captain Jack Sparrow und sah in das Dunkel hinter dem Heck seines Schiffes, während Cotton am Steuer stand. Es war eine mondlose Nacht, nur die Sterne gaben Licht und halfen bei der Navigation. Doch da hinten war etwas; Jack hätte schwören können, einen schwachen rötlichen Schein knapp über dem Wasser gesehen zu haben. Hatte er Halluzinationen? Er griff nach seinem Fernrohr und peilte in die Dunkelheit. Jetzt sah er es deutlicher: Gegen das Sternenlicht der Milchstraße zeichnete sich der Rumpf eines unbeleuchteten Schiffes mit drei Masten ab. Jack wurde das fatale Gefühl nicht los, dass es dasselbe Schiff war, das er schon in Providenciales gesehen hatte – aber ohne den Dunst, der es bei Tageslicht noch umgeben hatte. Die Tatsache, dass das andere Schiff größer geworden war, also näher herangekommen war, bereitete ihm Sorge. Wieso, bei allen Teufeln der See, war dieses Schiff schneller als die Black Pearl? Zwar musste Jacks schwarze, dickbauchige Geliebte wieder mit ungünstigem Wind kämpfen, aber das musste der Kahn hinter ihm schließlich auch – oder etwa nicht? Sein suchender Blick durch das Fernrohr traf einen Punkt in der sanften Dünung zwischen dem anderen Schiff und seinem. Das war es wieder! Zwei bernsteinfarbene Lichter tauchten aus dem Wasser auf. Waren das etwa Augen?

 

 

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Kapitel 24

Gefahr aus der Tiefe

 

Jack Sparrow spürte einen unangenehmen Schauer, der ihm über den Rücken lief. Das sah verdächtig nach dem legendären Kraken von Calypsos geisterhaftem Liebhaber Davy Jones aus. Wenn das Schiff da achtern auch noch die Flying Dutchman war, dann war wohl der Tag der Abrechnung gekommen. Das war eindeutig zu nahe, um dem sagenhaften Leviathan zu entkommen! Oder etwa doch nicht? Jack sah sich zu Cotton um.

„Hart Backbord, Mr. Cotton!“, befahl er dem stummen Rudergänger.

„Wind in deinen Segeln!“, krächzte der Papagei wie zur Bestätigung. Cotton warf das Ruder nach Backbord, beide duckten sich, um dem herum schwingenden Baum* des Besansegels* aus dem Weg zu gehen. Jack kam wieder hoch und peilte mit dem Fernrohr achteraus*. Es dauerte eine Weile, dann schimmerte hinter der Black Pearl wieder paarweise das bernsteinfarbene Licht knapp über dem Wasser. Was immer es war, es hatte sich offensichtlich nicht narren lassen.

 

Soweit es der Wind zuließ, steuerten Jack und Cotton abwechselnd einen Zickzackkurs, den sich die Black Pearl auch nur leisten konnte, weil Jack Sparrow diese Ecke der Karibik wie seine Hosentasche kannte und ihm die wenigen Riffe südlich und östlich der Turks- und Caicosinseln gut bekannt waren. Vom Hafen von Providenciales zur acht Seemeilen breiten Riffdurchfahrt südlich von East Caicos waren es etwa fünfundvierzig Seemeilen – für ein Schiff, das in der Regel mindestens zehn Knoten fuhr, eine Strecke, die in vier bis fünf Stunden zu bewältigen war. Der Zickzackkurs führte zwar dazu, dass die Passage erst nach fast zwölf Stunden erreicht wurde, doch hatte dies zweierlei Vorteile: Erstens musste der geheimnisvolle Verfolger ebenfalls immer wieder den Kurs wechseln – wobei Jack nach einiger Zeit auffiel, dass es dem Verfolger offenbar schwerer fiel, die Black Pearl wiederzufinden, wenn sie nach Backbord abdrehte, während beim Kurswechsel nach Steuerbord die Augen stur am gleichen Fleck blieben. Zweitens würde es dann an der Passage wieder hell sein, mochte das auch den Nachteil haben, dass die Black Pearl dann gewiss nicht mehr getarnt war. Aber der Verfolger war es dann auch nicht mehr …      

„Zweimaster Steuerbord voraus!“, meldete LeJon aus dem Vormars, als es langsam dämmerte. Jack löste sich mit etwas Mühe aus seinen Überlegungen, was der Black Pearl folgte und peilte in die von LeJon angegebene Richtung. Ja, das waren zwei Masten mit hellen Segeln die sich im Fernrohr zeigten. Jack konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er im schwachen Morgenlicht und in der noch vorhandenen eigenen Beleuchtung des aufkommenden Schiffs dieses als Aztec identifizierte. Will Turner hatte also wieder weiße Segel an den Rahen seiner Brigg angeschlagen*.

 

„Grünes Licht backbord voraus!“, meldete Nicholas Maynard aus dem Vormars der Aztec.

„Grünes Licht? Was, zum Teufel, ist denn das?“, entfuhr es Will. Er griff zum Fernrohr und peilte in die angegebene Richtung, wo es noch finster war. Das qualitativ wirklich hervorragende Fernrohr hatte eine wesentlich bessere Vergrößerung als die üblichen Peilhilfen und zeigte dem Captain der Aztec einen Glaskolben mit leuchtenden Glühwürmchen, der einen dunklen Rumpf schwach beleuchtete.

„Das muss die Black Pearl sein“, sagte er und setzte das Glas ab. „Aber seit wann hängt ein Leuchtkolben außerhalb des Lagerraums?“

„Gelbliches Licht, fast Backbord querab*!“, rief Maynard, bevor jemand auf dem Achterdeck auf Wills eher rhetorische Frage antworten konnte. Der Captain schwenkte das Fernrohr herum.

„Wenn es nicht so absurd wäre, würde ich meinen, dass das ein Auge ist …“, sagte er. Elizabeth nahm ihm das Fernrohr aus der Hand und peilte in die angegebene Richtung.

„Das ist ein Auge!“, keuchte sie. „Und zwar ein ziemlich großes!“

Die Eheleute sahen sich verblüfft an.

„Der Kraken!“, entfuhr es Will mit unüberhörbarem Schrecken. „Alles sichern! Alles Gepäck wasserdicht verpacken, Proviant in die Seekisten, Boote mit Segeltuch und Hängematten sichern! Alle Mann an Deck – auch die Kinder!“, befahl er.

„Aye, Captain!“, bestätigte Groves und sprang zum Hauptdeck hinunter, um alles zu veranlassen.

„Dein Albtraum?“, fragte Elizabeth besorgt. Will nickte nur.

„Und jetzt bete ich, dass das, was ich geträumt habe, nur teilweise zutrifft“, sagte er.

„Keine Sorge, ich werde Jack nicht an den Mast fesseln – und küssen werde ich ihn erst recht nicht“, versprach sie mit einem schiefen Lächeln. „Weiß Jack eigentlich von deinem Albtraum?“

„Nein, ich habe mit ihm darüber nie gesprochen“, erwiderte er leise. „Elizabeth, wenn wir angegriffen werden, möchte ich, dass du mit den Kindern in das erste Boot gehst …“

„Aye!“, bestätigte sie. Will war völlig verblüfft, dass sie es einfach so akzeptierte.

„Keine Widerworte?“, fragte er mit schiefem Lächeln.

„Nein“, sagte sie leise. „Zu vieles von dem, was du geträumt hast, ist eingetroffen. Etwas anders manchmal, aber irgendwie traf es im Großen und Ganzen zu. Vielleicht … können wir dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, wenn wir das als Warnung ernst nehmen.“

  

Gleichzeitig packte Tia Dalma alias Calypso auf der Black Pearl eine für sie unerklärliche Unruhe. Die Krebsscheren, die sie gerade geworfen hatte, wie sie es jeden Morgen um diese Zeit tat, hatten ein Muster ergeben, das sie noch nie gesehen hatte und für das sie trotz ihrer göttlichen Fast-Allwissenheit im Moment keine rechte Erklärung hatte. Die Scheren deuteten auf die Verfolgung durch ein natürliches Schiff hin, aber da waren Anzeichen für eine Magie, die nicht zu diesem Schiff gehörte – und für Verrat in den eigenen Reihen … Calypso eilte auf das Achterdeck.

„Jack!“, rief sie. „Jack Sparrow!“

Jack kam wie aus weiter Ferne zurück in die Realität seines Achterdecks. Er hatte gerade einen ganz scheußlichen Beinahe-Tagtraum gehabt: Durch sein Fernrohr hatte er die Vision gehabt, dass ein Monsterkraken sein Schiff mit den Tentakeln umschlang und es in die Tiefe zog. Und irgendwie hatte er das ungute Gefühl gehabt, dass er selbst bei dieser Aktion auch noch an Bord gewesen war.

„Du siehst aus, als wäre dir ein Gespenst begegnet“, sagte er, als Tia Dalma neben ihm stand und ihn am Arm fasste.

„Du auch. Was hast du gesehen?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht, was in dem Rum gestern Abend war, aber ich meine, ich hätte dort achteraus etwas gesehen, das wie Augen aussah“, erwiderte er. „Allen Kursänderungen ist das seltsame Licht gefolgt.“

„Du hast Augen gesehen!“, keuchte sie. „Und es muss jemanden an Bord geben, der es auf unsere Spur führt! Lass das Schiff gründlich untersuchen, speziell von außen.“

In Tia Dalmas Blick war etwas, das von Panik nicht weit entfernt war. Jack nickte.

„Wem kann ich vertrauen?“, fragte er mit belegter Stimme.

„Traue zuerst dir“, erwiderte sie. „Und traue Will.“

Jack nickte und wies Cotton an, auf die Aztec zuzusteuern.

 

Auf der realen Flying Dutchman hätte Elaine zunächst beinahe laut geflucht, als sich außer der Black Pearl auch ein zweites Schiff scharf und klar vom östlichen Horizont abhob, aber dann erkannte sie im Widerschein der Lampen auf dem zweiten Schiff die Freibeuterflagge von Captain Turner, die schwarze Flagge mit gekreuzten gelben Säbeln vor einer stilisierten Sanduhr.

„Nein, so ein Zufall!“, entfuhr es ihr mit einem bösartigen Grinsen. „Da haben wir sie ja gleich beide! Die machen wir fertig, sofern es hell wird!“

„Squiddie kann nur einen nach dem anderen zerstören“, warnte David. Elaine wandte sich um.

„Den anderen befördern wir mit Kanonen in Davy Jones’ Locker!“, versetzte sie.

„Das haben schon andere vor uns versucht. Wie du siehst, schwimmen beide Schiffe noch, die anderen aber nicht mehr.“

„Davy, die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Wir haben nur diese eine Chance.“

„Deshalb würde ich gern Squiddie die Angelegenheit überlassen. Wir sollten einen von beiden weglocken und Squiddie den anderen versenken lassen. Wenn er mit einem fertig ist, holen wir ihn mit dem Turm zurück, und er zerlegt den anderen.“ 

Elaine war nicht restlos überzeugt, aber sie konnte immer noch eingreifen, wenn sich die Dinge in eine Richtung entwickelten, die ihr nicht recht war.

 

Die Black Pearl erreichte die Aztec.

„Ahoi!“, rief Jack hinüber. „Wo kommt ihr denn her?“

„Ahoi, Jack!“, antwortete Will. „Jack, der Kraken ist hinter dir her!“, warnte er. Im selben Moment stoppte die Black Pearl, als ob sie einen Felsen gerammt hatte, obwohl die Riffe der Passage erst in einer Stunde zu erwarten waren.

„Verdammt! Wir müssen auf ein Riff aufgelaufen sein!“, fluchte Jack.

„Elizabeth, ich gehe rüber zu Jack. Lampen löschen und dann bringt ihr Abstand zwischen die Aztec und der Black Pearl!“

„Aye, Captain!“, bestätigte sie. Will schnappte sich einen Enterhaken, ließ ihn in die Takelage der Black Pearl fliegen und schwang daran auf die schwarze Galeone.

„Das ist kein Riff, Jack!“, schrie er, als er auf dem Hauptdeck gelandet war. „Weg von der Reling!“

Er hatte es kaum ausgesprochen, als wie aus dem Nichts ein ungeheuer großer Fangarm auf das Deck schlug und die Reling zerbrach. Jack konnte sich gerade noch mit einem beherzten Sprung vor dem Hieb retten, der ihn zermalmt hätte, aber der letzte Saugnapf traf den Captain der Black Pearl noch am Kopf und setzte ihn außer Gefecht. Will fing ihn auf, bevor er von der Brücke fiel.

„Woher weißt du von dem Kraken?“, entfuhr es Gibbs.

„Ich habe davon geträumt, mein Guter. Vertraust du mir? Dann kann ich euch helfen, dem Mistvieh die Arme zu demontieren.“

„Aye!“, erwiderte Gibbs eingedenk der der Tatsache, dass der Kraken Jack einstweilen ins Reich der Träume befördert hatte. „Captain Turner hat das Kommando für die Abwehr!“, rief er laut.

„Aye, aye, Captain!“, kam es vielstimmig.

„Alle Geschütze laden!“, wies Will die Crew an. Die Bootsleute gaben die Anweisung weiter. „Geh du ans Steuer“, sagte er zu Joshamee. „Wenn wir den Burschen kurz haben, solltest du so schnell es geht, in den Wind drehen.“

„Aye, Captain Turner“, grinste Gibbs. Während die Crew hastig die Kanonen lud, stieg Will in das Kanonendeck hinunter.

„Ruhig, Männer!“, wies er die Crew an, von denen einige doch deutliches Zittern zeigten. Ragetti stieß Pintel hektisch an und wies auf die außen an den Kanonen nach oben gleitenden Saugnäpfe. Nass wie sie waren, hatte er langsam das dumme Gefühl, dass die Pulverladung nicht zünden würde, wenn nicht bald der Feuerbefehl kam. Pintel verstand ohne Worte.

„Haben wir nicht lange genug gewartet?“, beschwerte er sich bei Will.

„Nein, wartet noch“, erwiderte der, hob und senkte wie zählend die ausgestreckte Hand. Weitere fünf Hebungen schrie er:

„FEUER!!!“

Zwei konzentrierte Breitseiten wurden synchron abgefeuert und schleuderten die Arme des Kalmars weit vom Schiff fort. Squiddie hatte vorläufig genug und suchte das Weite. Acht seiner zehn Arme waren verletzt, er hatte zum ersten Mal massive Gegenwehr erlebt, und das verschreckte ihn mächtig. In der Fluchtbewegung verpasste er der Black Pearl mit dem Schwanz einen wuchtigen Schlag unter den Kiel, der alle an Deck von den Füßen riss und Jack junior, der in diesem Moment gerade seine Sicherungsleine ausgehakt hatte, weil er den Vormars verlassen wollte, im hohen Bogen aus der Takelage warf. Affe Jack klammerte sich panisch an den Jungen und platschte mit ihm zusammen weit von der Black Pearl entfernt ins Wasser.

„Mann über Bord!“, schrie Elizabeth. „Hart Steuerbord!“, kommandierte sie. Die Aztec, die gerade Fahrt gewonnen hatte, war rasch bei Jack junior. Nick Maynard warf dem Jungen einen Tampen zu, den die beiden kleinen Jacks automatisch griffen und sich an Bord hieven ließen.

„Danke, Sir“, keuchte der Junge, während der kleine Affe verstört über das Deck raste.

 

Auf der Black Pearl rappelten sich die Leute wieder auf.

„Also … tot ist der nicht“, bemerkte Marty.

„Nein“, brummte Gibbs. „Wir haben ihn nur wütend gemacht. Captain! Befehle?“, rief er. Will peilte gerade über die Reling. Dem Schiff näherte sich eine unnatürlich schnelle Dünung.

„Er kommt zurück!“, warnte er. „Decksgeschütze laden und ausrichten!“

Die Kanoniere sprangen wieder an ihre Geschütze, luden eilig neu.

„Auf die Wasseroberfläche ausrichten, auf drei rollende Salve!“, befahl Will. Die Kanoniere verstanden und zielten auf die heran rollende Dünung. Eine Kanone nach der anderen feuerte, nachdem der jeweilige Kanonier nach dem Schuss des vorherigen Geschützes bis drei gezählt hatte. Die Dünung wurde schwächer, als die vierte Kanonenkugel im Wasser einschlug.

„An die Speere! Klar bei Entermesser!“, befahl Will, der annahm, der Kraken werde nun von unten angreifen und möglicherweise mit allen Armen gleichzeitig durch die Stückpforten im Kanonendeck eindringen. Wieder erschütterte ein gewaltiger Stoß das Schiff, dass wieder alle von den Füßen gerissen wurden. Zwei unendlich lang erscheinende Tentakel schlangen sich unterhalb der Takelage des Fockmastes um den Bug, der Kraken begann, das Schiff am Bug nach unten zu ziehen.

„Nach vorn! Schlagt ihm die Tentakel ab!“, befahl Will. Wenigstens zwanzig Mann der Crew gehorchten augenblicklich und droschen mit Entermessern und Speeren auf die Krakenarme ein. Als ob der Kraken genau darauf gewartet hatte, schlängelten sich vier verletzte, aber immer noch einsatzfähige Arme geradezu vorsichtig von hinten an die Männer heran, die auf die extra langen Zentraltentakel einschlugen und sie zunehmend zu riesigen Calamari-Ringen verarbeiteten. Der Kraken schlug in seinem Schmerz mit kurzen, aber umso härteren Schlägen wütend auf die Männer ein, die einer nach dem anderen bewusstlos zu Boden gingen. Auf dem Achterdeck kam Jack dafür langsam wieder zu sich. Er brauchte eine Weile, um zu sortieren, was geschehen war. Dann sah er, dass seine Crew unter Wills Kommando verbissen und sogar mit gewissem Erfolg gegen den Kraken kämpfte

„Gewehre klarmachen!“, befahl er, als er die Lage übersehen hatte. Marty, Cotton, Gibbs, Stiefelriemen und Jack selbst luden eilig die Musketen, zielten und trafen die Tentakel tatsächlich, aber die Einschläge erwiesen sich eher als Nadelstiche. Dennoch reichten sie aus, um den Angreifer von der Abwehrcrew vorn abzulenken.

 

„Sollen wir eine Breitseite auf den Kraken feuern?“, fragte Groves an Elizabeth gewandt.

„Das ist zu gefährlich. Wir könnten die Pearl treffen“, erwiderte sie.

„Verdammt! Was ist das für ein Kahn?“, entfuhr es Eddie Finney, der eben in den Ausguck aufgeentert der Aztec war. „Dreimaster zehn Strich Backbord!“, brüllte er nach unten. Elizabeth sah in die angegebene Richtung und nahm die Flagge der East India Trading Company wahr.

„East … India … Trading … Company! Ich hätte es wissen müssen!“, grollte sie. „Alle Mann auf ihre Posten! Macht die Kanonen klar!“

 

Auf der Flying Dutchman lachte Elaine Jones böse. Squiddie beschäftigte und dezimierte die gut bewaffnete Black Pearl, die Aztec als das kleinere Schiff erschien ihr der leichtere Gegner zu sein.

„Verpasst ihnen eine Breitseite!“, befahl sie, ohne die Weisung des Captains einzuholen. Die Geschützpforten öffneten sich, aber bevor die Kanonen richtig ausgefahren waren, feuerte die Aztec bereits eine wohl gezielte Breitseite, die prompt die unteren Geschütze außer Gefecht setzte – aber die Flying Dutchman hatte auch weitreichende Deckgeschütze. Die obere Batterie** spie Feuer und Vernichtung und riss den Fockmast der Aztec weg und beschädigte die Backbordwand erheblich, die Brigg verlor vier der Backbordkanonen. Die Salve war über die Geschützbedienungen der Steuerbordartillerie hinweggegangen. Die Kanoniere auf dem Freibeuterschiff hatten ihre Kanonen schon wieder geladen und feuerten eine Salve Sprenggeschosse auf die Flying Dutchman ab, die die obere Steuerbordbatterie vor dem Achterdeck samt Bordwand in grobe Späne zerlegte. Elaine hatte sich gerade noch hinter einem der Beiboote in Deckung werfen können, die an Deck auf den Gittern des zweiten Decks lagen. Vier der Kanoniere ihres Schwagers lagen blutüberströmt und tot neben ihren zerstörten Geschützen. Die anderen drei Geschütze der oberen Geschützgruppe feuerten ohne Befehl, zwei davon explodierten und töteten die komplette Bedienmannschaft, das Vollgeschoss der dritten Deckskanone durchschlug die Achterkajüte der Aztec und sauste auf der Backbordseite der Brigg wieder hinaus. Elaine peilte vorsichtig über den Bootsrand, als die Kanonen der Aztec erneut aufbrüllten und auch das letzte Decksgeschütz so schwer beschädigten, dass es als Totalschaden gelten musste.

 

David Jones war starr vor Entsetzen. Er hatte von der gefürchteten Artillerie der Aztec gehört, aber bisher nicht persönlich gesehen, was eine Breitseite der Brigg anrichten konnte. Seine Steuerbordartillerie war komplett ausgefallen, und die Aztec war zwar böse beschädigt, aber immer noch schussfähig. Jones drehte in Richtung der Aztec ab, um ihr möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und um die Brigg vor die Bugkanonen zu bekommen. Die Galeone drehte langsam nach Steuerbord, aber Elizabeth Turner wendete ebenfalls nach Steuerbord, um die Flying Dutchman in der Schusslinie zu behalten. Immerhin gelang es Jones, die Flanke in so einem Winkel zu den Geschützen der Aztec zu halten, dass auch Sprenggeschosse nicht mehr die gravierende Wirkung erzielen konnten wie bisher. Zu einer regelrechten Umkreisung kam es nicht, weil beide Schiffe den Wind aus den Rahsegeln verloren und der insgesamt eher schwache Morgenwind nicht ausreichte, um das verbliebene Briggsegel* der Aztec und die Stagsegel der Flying Dutchman mit genügendem Vortrieb zu versorgen.

 

Die Schiffe lagen zu weit auseinander, um Enterhaken zu werfen und das jeweils andere Schiff zu entern. Beide Crews griffen nach den Musketen und beschossen sich, was das Zeug hielt. Die Crew der Aztec war wegen des niedrigeren Hauptdecks eigentlich im Nachteil, aber durch die weggeschossene Bordwand fand die Mannschaft der Flying Dutchman nicht die richtige Deckung. Elaine Jones arbeitete sich im toten Winkel des Schussfeldes der Aztec-Crew zum Achterdeck.

„Gegen die Freibeuter kommen wir nur mit Handfeuerwaffen nicht an“, sagte David. „Wir holen Squiddie.“

 

 

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Kapitel 25

Tödliches Ringen

 

Während die Crew der Flying Dutchman den achteren Turm hochfuhr, um den Kraken zu alarmieren, zog der sich gerade zum zweiten Mal von der Black Pearl zurück. Ein erneuter Schlag mit dem Schwanz hätte die schon arg ramponierte Galeone beinahe zum Kentern gebracht. Anamaria und Tia Dalma rutschten auf dem vom Schleim und dem Blut des Kraken und der vielen Verwundeten glitschigen Deck aus und wären über Bord gegangen, hätten nicht Will und Jack ihnen gerade noch Tampen zuwerfen können. Die beiden Frauen klammerten sich an die Leinen und wurden von den Männern wieder an Deck gezogen.

„Danke, Will“, keuchte Tia Dalma, die an der von Captain Turner gehaltenen Leine wieder auf das Schiff zurückkehrte. „Deine Taktik ist gut, aber damit werden wir den Kraken nicht los, Will“, sagte sie. 

„Was hast du vor?“

„Wir brauchen die richtige Verstärkung. Ich muss ins Wasser. Halt mich bitte fest“, erwiderte sie. Will nickte und ließ Tia Dalma alias Calypso wieder an der Bordwand hinunter ins Wasser. Ein seltsam langgezogener Ruf, wie von einem Muschelhorn, brachte die Wasseroberfläche in Schwingungen. Die Schwingungen setzten sich unter Wasser sehr viel schneller fort als in der Luft.

Squiddie nahm den Ruf ebenso wahr wie andere Meeresbewohner. Der Ruf forderte ihn auf, sich in Calypsos Dienst zu stellen. Der Kraken wendete und nahm dann wahr, dass Calypso ihn aufforderte, sich gegen seinen Herrn zu stellen. Er sah jedoch nur eine menschliche Gestalt im Wasser und sandte dieser Gestalt Signale entgegen, dass er sie für eine Lügnerin hielt, die den Namen der Göttin des Meeres missbrauchte. Er fühlte sich im Befehl seines Herrn nun erst recht bestärkt, dass auf diesem schwarzen Schiff nur böse Menschen waren, die er um jeden Preis vernichten musste. Squiddie nahm Geschwindigkeit auf, um das schwarze Schiff mit seiner ganzen Masse zu rammen

Eingesperrt in den menschlichen Körper, den sie im Moment nicht verlassen konnte, um den Kraken davon zu überzeugen, dass sie die Wahrheit sprach, rief Calypso ihre Meerjungfrauen zu Hilfe. Whitecap Bay, der Ort, an dem sie sich um diese Jahreszeit meist aufhielten, war nicht weit entfernt. Die Turks- und Caicosinseln befanden sich am Rand eines Gebiets, das zweihundert Jahre später für seine seltsamen Phänomene wie weißes Wasser und verschwundene Schiffe berüchtigt sein würde – am Rand des Bermudadreiecks … Ein weiterer Ruf galt einem besonderen Freund, der in ihrem Auftrag seit hunderten von Jahren in den Meeren aufräumte: dem wahren Davy Jones.

Einstweilen konnte sich die in menschliche Gestalt gezwängte Göttin aber nur mit einem verzweifelten Sprung nach oben retten, um dem Angriff des Kraken zu entgehen. Will zog sie eilig an Deck, dann erschütterte eine neue Attacke des Kraken die schon schwer beschädigte Galeone. Der wuchtige Rammstoß brachte die Black Pearl erneut fast zum Kentern. Der Kalmar glitt unter der Galeone durch, verpasste ihr noch einen weiteren Hieb mit dem gewaltigen Schwanz, der den Rest der irgendwie beweglichen Teile an Bord durcheinander warf. Auf der Backbordseite machte Squiddie kehrt und fuhr alle zehn Tentakel nach oben aus dem Wasser aus, um das schwarze Schiff mit einem ungeheuren Hieb seiner schwergewichtigen Arme endgültig zu zerschmettern, als er den Ruf seines Herrn vernahm. Augenblicklich zog er die Tentakel unter Wasser zurück und schwamm außen herum zur Backbordseite der Flying Dutchman. Dort tastete er nach der Reling und bekam von seinem Herrn die Anweisung, das kleinere Schiff zu zerstören, das eine halbe Kabellänge* von der Flying Dutchman entfernt lag. Squiddie bestätigte den Befehl und tauchte unter der Flying Dutchman hindurch, um die ebenfalls bereits schwer angeschlagene Brigg anzugreifen.

 

Auf der Black Pearl war es nicht unbemerkt geblieben, dass der Kraken von einer endgültigen Vernichtung der Galeone einstweilen Abstand genommen hatte, doch Will, sein Vater und Jack hatten gleich den Verdacht, der Kraken könne jetzt gegen die Aztec vorgehen, die der Flying Dutchman schwere Schäden zugefügt hatte, aber außerhalb der Enterreichweite lag. Die Black Pearl war zwar übel zugerichtet, aber immer noch manövrierfähig.

„Holt dicht, Männer!“ befahl Jack. „Hart Steuerbord!“.

Die Black Pearl nahm Kurs auf die Flying Dutchman und die in deren Nähe befindliche Aztec.

Jimmy Legs, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, erkannte die Gefahr, die von der Black Pearl für Lady Elaine ausging. Jimmy war ihr so ergeben, dass er ohne zu zögern für sie gestorben wäre. In diesem Punkt hatte er mit William Turner durchaus etwas gemeinsam, der jederzeit sein Leben für Elizabeth gegeben hätte. Jimmy hatte die Hoffnung, dass es genügen würde, die Seelen des Widerstandes, Jack Sparrow und Will Turner, auszuschalten, um einen Angriff auf die Flying Dutchman zu verhindern. An Deck lagen noch die Musketen, mit denen die Crew der Black Pearl den Kraken attackiert hatte. Jimmy schnappte sich eine davon, prüfte sie und fand sie geladen. Um nicht gleich von den nächsten Piraten niedergemacht zu werden, wenn er die Captains der Black Pearl und der Aztec aufs Korn nahm, stahl er sich damit, mit einem Pulverhorn und vorgefertigten Kugeln auf die Marsplattform des Großmastes. Dort angekommen, nahm er den am Steuer stehenden Captain Sparrow ins Visier.

 

Die Aztec bekam einen fürchterlichen Stoß, der die Brigg in Richtung Flying Dutchman warf. Elizabeth und ihre Crew wurden von den Füßen gerissen. Die Besatzung der Flying Dutchman nutzte den Moment der Überraschung erbarmungslos aus und schoss auf die überrumpelten Leute auf der Aztec. Nur mit sehr viel Glück entgingen die Leute auf der Aztec dem Kugelhagel. Der Stoß bewirkte auch, dass die Aztec erheblich näher an die Flying Dutchman geriet. Elizabeth sah sich um und bemerkte zwei riesige Tentakel, die zwar verletzt waren, aber die Brigg ohne Schwierigkeiten zermalmen konnten. Mitten in der Abwärtsbewegung stoppten die Tentakel aber mit einem Mal. Um den Kraken herum schäumte das Wasser wie toll, die Tentakel entfernten sich. Bevor sie sich fragen konnte, was den Kraken von der Aztec fortzog, krachte die nächste Salve von der Flying Dutchman herunter und riss nur einen Fingerbreit von ihr entfernt weitere Splitter aus den Decksaufbauten und forderte ihre Aufmerksamkeit.

„Jetzt reicht’s!“, grollte sie. „Jack, du gehst mit Lilly und Willy in die Kajüte!“

„Aber Tante Lizzy …!“, setzte Jack junior an, wurde aber barsch unterbrochen:

„Keine Widerrede! Ab in die Kajüte!“, befahl Elizabeth. Der Ton duldete keinerlei Widerspruch. Sogar ihre kleinen Piraten wussten, wann es besser war, zu gehorchen und verschwanden in der zerschossenen Achterkajüte, wo sie aber vor verirrten Kugeln einigermaßen sicher waren.

„Klar bei Entertampen! Wir entern den Kahn!“, befahl sie dann.

„Aye!“, kam die lautstarke Antwort der Crew. Ein Dutzend Enterhaken wurde geschwungen und geworfen, krallte sich in Takelage und an den Resten der Reling der Flying Dutchman fest. Elizabeth und ihre Crew waren schneller auf dem Deck der Flying Dutchman als die Crew dort es recht mitbekam. Im nächsten Moment klirrten die Klingen, als die verbliebenen Soldaten der East India Trading Company den Kampf gegen die Crew der Aztec aufnahmen.

 

Aus dem Großmars der Black Pearl krachte ein Schuss, der Jack Sparrows Kopf nur um Haaresbreite verfehlte. Im ersten Moment waren die Männer und Frauen auf dem Achterdeck noch der Meinung, der Schuss sei von der Flying Dutchman gekommen, auf die die Black Pearl zuhielt, aber dann fiel Wills suchender Blick nach dem Schützen auf den Großmars der schwarzen Galeone, wo Jimmy gerade die Muskete nachlud. Will zog seine Axt aus dem Gürtel, nahm Maß, warf die Waffe mit der ihm eigenen Präzision und spaltete Jimmy Legs glatt den Schädel. Wie ein nasser Sack fiel der Attentäter tot aus dem Großmars und landete in arg verrenkter Position ungebremst auf dem Deck. Jack sah Will ungläubig an.

„Er hat auf dich geschossen, Jack“, erklärte der Jüngere.

„Aye!“, bestätigte „Stiefelriemen Bill“, der eilig hinuntergesprungen war. „Der Lauf ist noch heiß und schon wieder halb geladen. Er wollte dich töten, Jack.“

„Hey, da drüben geht’s heftig zur Sache, Leute!“, ließ sich Ragetti vernehmen, der weiter vorn stand und die Vorgänge auf der Flying Dutchman und der Aztec beobachtete.

„Macht die Backbordkanonen klar!“, befahl Jack. Er steuerte seine Black Pearl etwas weiter nach Steuerbord, bekam den Wind fast querab in die Stagsegel und driftete mit diesem Vortrieb in Richtung der Flying Dutchman. Als die schwarze Galeone die East-India-Galeone vor der Backbordbreitseite hatte, gab Jack den Feuerbefehl. Fünfzehn Geschütze spien Feuer und Vernichtung, die die Backbordseite der Flying Dutchman zerfetzten.

 

An Deck der Flying Dutchman gerieten Elizabeth und ihre Männer in Bedrängnis, weil sie der Crew der Galeone zahlenmäßig unterlegen war. Bisher hatten sie ihre Unterzahl mit der Erfahrung vieler Kaperreisen und einiger Wut im Bauch kompensieren können. Die Salve der Black Pearl brachte die Soldaten und die Führungscrew der Flying Dutchman aber aus dem Konzept, was den Freibeutern wiederum einen leichten Vorteil verschaffte. Jack ließ die Kanonen zwar erneut laden, verzichtete aber auf eine zweite Salve, um nicht Elizabeth und ihre Männer zu gefährden, die sich zur Backbordseite durchgekämpft hatten und drauf und dran waren, das Achterdeck zu stürmen. Die Führungscrew dort oben hatte inzwischen keine Munition mehr und konnte die Freibeuter nur noch mit der Fechtwaffe abwehren.

Die Black Pearl war nahe genug heran, um die Flying Dutchman entern zu können. Will Turner schwang als einer der Ersten auf die Galeone hinüber. Ihm folgten direkt sein Vater und Jack Sparrow. Es dauerte nur Augenblicke, bis auch die Crew der Black Pearl voll in den harten Kampf an Deck der Flying Dutchman eingegriffen hatte und die Soldaten und Führungskräfte zurückdrängte. Die schon fast siegessicheren Freibeuter waren einigermaßen überrascht, als aus dem Vorderkastell der Flying Dutchman plötzlich eine große Anzahl Soldaten stürmte und die kämpfenden Knäuel mit einer Macht attackierte, die die Crews von Aztec und Black Pearl nicht mehr erwartet hatten. David Jones wartete nur, bis sich der Kampf wieder etwas vom Achterkastell entfernt hatte. Er gab ein Glockensignal und weitere Soldaten stürmten aus dem Achterkastell. Er und Elaine lachten sich ins Fäustchen. Ihre List, die Freibeuter an Bord zu locken und sie dann mit einer Übermacht zu bekämpfen hatte augenscheinlich Erfolg. Beide sahen sich an, zogen ihre Schwerter, griffen sich einen Entertampen und sprangen ebenfalls in das Kampfgewühl auf dem Hauptdeck.

Will bemerkte aus dem Augenwinkel, dass der, den er als Captain des Schiffes identifiziert hatte, ohne Schwierigkeiten mehrere Männer aus Jacks Crew fällte, von denen er wusste, dass sie großartige Fechter waren. Der nächste Hieb des Captains zielte auf Elizabeths Rücken. Will konnte gerade noch seine eigene Klinge dazwischen bringen und den Hieb ablenken.

„Ha! Du kommst mir gerade recht!“, schnappte Jones und verwickelte Will in ein hartes Gefecht. Der Freibeutercaptain, der in seinem Leben bisher nur dann beim Fechten unterlegen war, wenn sein Gegner sich allzu unfairer Mittel bedient hatte, war über die Geschicklichkeit seines Gegenübers und dessen Kraft verblüfft. David Jones forderte ihm nicht nur seine ganze Fechtkunst ab, sondern brachte ihm einige kleinere Verletzungen bei. Nicht weit von ihm entfernt focht Elizabeth mit der einzigen Frau des EITC-Schiffes einen ebenso wütenden wie rasanten Kampf aus, ohne einen Vorteil erzielen zu können. Ihre Gegnerin – Lady Elaine – focht mit einer traumwandlerischen Sicherheit und Kühnheit, die sie sonst nur von ihrem Ehemann kannte.

Tia Dalma, die als eine der wenigen Reisenden der Black Pearl auf der schwarzen Galeone zurückgeblieben war und sich nicht am Kampf auf der Flying Dutchman beteiligte, glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie ein grünes Leuchten um zwei Fechtwaffen auf der hart umkämpften Galeone bemerkte. Sie wusste, dieses Leuchten – das nur ein Wesen mit göttlicher Natur wahrnehmen konnte – konnte nur von zwei Schwertern ausgehen, die sie wohl verborgen auf der Isla de Muerta gewähnt hatte. Schließlich hatte sie höchstpersönlich diese beiden Waffen dort deponiert, als sie noch im Vollbesitz ihrer göttlichen Kräfte gewesen war: das Schwert des Hernan Cortés und das des Juan Ponce de Léon! Soweit sie es erkennen konnte, trugen der Captain der realen Flying Dutchman und eine ihm nahestehende Frau diese Schwerter, gegen die normale Sterbliche praktisch keine Chance hatten. Tia Dalma war zwar verwirrt darüber, dass sich diese Schwerter nicht mehr in ihrem Versteck befanden, aber im Moment war es wichtiger, dass Will und Elizabeth, die mit den Trägern dieser Schwerter kämpften, keine ersthaften Verletzungen davontrugen. Die in den menschlichen Körper gesperrte Göttin wusste nur zu gut, dass gegen die Macht dieser beiden Waffen nicht einmal Quetzalcoatl etwas ausrichten konnte. Cortés hatte ihn mit eben dieser Waffe um seinen menschlichen Körper gebracht, Ponce de Léon damit die Quelle der ewigen Jugend in eine andere Dimension versetzt …

 

In dem Moment, als David und Elaine Jones Elizabeth und Will Turner soweit vor sich hergetrieben hatten, dass die Eheleute Rücken an Rücken fochten, schoss direkt vor dem Bug der Flying Dutchman ein mit Seetang und marinem Leben überwuchertes Schiff aus dem Wasser wie ein Schwertwal auf der Jagd – die echte Flying Dutchman, eine Fleute. Völlig verwirrt sahen alle am Kampf Beteiligten zum Bug der Galeone namens Flying Dutchman. Will hatte den Nachteil, dass er sich fast umdrehen musste – und das wurde ihm zum Verhängnis. Zwar fasste er sich kaum weniger schnell als sein Gegner, aber der nur minimal längere Augenblick, den er sich umgedreht hatte, genügte David Jones, um Will sein Schwert in die Brust zu stoßen. Er sackte zusammen und rutschte geradezu hilflos am Großmast herunter.

„Fürchtest du den Tod, William Turner?“, fragte Jones höhnisch.

Mit einem bösartigen Grinsen im Gesicht nahm er Maß, um Will Turner den Rest zu geben.

Elizabeth Turner focht einen wilden Kampf mit Elaine Jones, die von der im Wortsinne auftauchenden Flying Dutchman ebenso überrascht war wie alle anderen. Auch Elizabeth wollte die kurze Unaufmerksamkeit ihrer Gegnerin ausnutzen, aber deren Schwert kämpfte ohne Zutun weiter und stoppte den Angriff der Freibeuterin. Nur dem beherzten Zupacken Anamarias verdankte sie ihr Leben, als der Stoß von Elaine ins Leere ging.

„Danke!“, japste sie.

„Gern geschehen!“, erwiderte Anamaria. Elaine konnte sich einstweilen hinter dem Großmast in Sicherheit bringen.

 

Calypso zuckte zusammen, als wäre sie selbst von der Klinge des Cortés getroffen worden. Neben sich spürte sie die Anwesenheit ihres Fährmanns.

„Davy, rette ihn!“, flehte sie ihn an. Der eher sagenhafte Davy Jones schmunzelte amüsiert in seinen Tentakelbart.

„Dein Liebhaber?“, fragte er mit unüberhörbarer Bissigkeit.

„Nein, nur ein guter Freund. Stell’ jetzt bitte keine unnötigen Fragen!“

Davy „Tentakelbart“ Jones winkte seiner Crew, die Mischwesen aus Seegetier und Menschen waren. Die komplette Besatzung der Fleute Flying Dutchman wechselte teleportierend auf die Galeone Flying Dutchman und griff in den für die Freibeuter immer gefährlicher werdenden Kampf ein. Der tentaklige Davy und seine Männer hatten ein überaus feines Gespür dafür, wer auf Calypsos Seite stand und wer nicht. Sie erkannten diejenigen, die ihren Namen in den Schmutz gezogen hatten und deren Soldaten ohne Schwierigkeiten.

 

Gerade in dem Moment, als der lebendige David Jones zustoßen wollte, sprang ihn jemand wie ein Panther an. Bill Turner setzte seine ganze Masse von über sechs Fuß Größe und knapp hundertachtzig Pounds ein, um zu verhindern, dass Jones seinem Sohn endgültig das Lebenslicht ausblies. Jones verlor das Schwert, als er hart auf dem Deck aufschlug. Bill stieß es weg und rang verbissen mit dem sterblichen Jones. Elaine bemerkte die Bedrängnis ihres Schwagers und schwang ihr Schwert, um Bill damit zu treffen, aber die Klinge glitt an einer anderen ab, die wie schräg abgeschnitten wirkte. Wie aus dem Nichts war eine breite Gestalt mit hornförmig gebogenem Dreispitz, tintenfischartigem Gesicht, Klauenhand und Krabbenbein zwischen ihr und dem gut beschäftigten Bill Turner erschienen.

„Unwürdiges Frauenzimmer!“, grollte eine tiefe Stimme mit unüberhörbarem schottischem Akzent. „Spanische Hexenkunst hat in den Händen einer Frau nichts zu suchen!“

Die linke Klauenhand des Fährmanns der Seelen schnappte zu und blockierte die Klinge Ponce de Leóns. Während Elaine noch starr vor Entsetzen war, dem unsterblichen Jones ins Gesicht zu sehen, nutzte Elizabeth deren Schreckstarre gnadenlos aus und rammte Elaine ein ausgesprochen irdisches, aber überaus wirkungsvolles Entermesser aus der Produktion ihres Ehemannes zwischen die Rippen und nagelte sie damit buchstäblich an den Großmast. Elaine japste noch einmal, dann war sie tot.

Jetzt erst bemerkte Elizabeth den reglos auf der anderen Seite unten am Großmast sitzenden Will und vergaß, das Schwert wieder aus ihrer an den Mast genagelten Gegnerin herauszuziehen.

„Will! Nein!“, stieß sie hervor, ließ sich neben ihm fallen. Er hatte die Augen geschlossen, sein Hemd troff vor Blut, was ihr zunächst nicht aufgefallen war, weil er ein dunkelrotes Hemd unter einem schwarzen Rock trug.

„Will! Will! Wach auf!“

Sie schüttelte ihn verzweifelt, aber er zeigte keine Reaktion. Elizabeth schossen die Tränen in die Augen.

„Nein! Nein! Nein!“, schrie sie. Er hörte sie nicht.

 

 

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Kapitel 26

Das Geschenk des Fährmanns

 

Bill Turner hatte den sterblichen David Jones inzwischen außer Gefecht gesetzt. Der Kampf erstarb rasch, nachdem die unsterbliche Crew des legendären Davy Jones eingegriffen und ziemlich gründlich unter den Soldaten der East India Trading Company aufgeräumt hatte. Jack Sparrow kam hinzu und sah, dass Elizabeth weinend Will in ihren Armen wiegte, immer wieder verzweifelt seinen Namen rufend. Der unsterbliche Davy Jones trat ebenfalls an den Großmast, sein Blick fiel auf den leblosen Will.

„Maccus!“, rief er dröhnend. Nur Augenblicke später war sein Erster Maat zur Stelle.

„Habe ich William Turner auf der Passagierliste?“, fragte der Fährmann.

„Nein, Sir, keinen von beiden“, erwiderte Maccus wie aus der Pistole geschossen. „Aber einen gewissen David Jones und eine gewisse Elaine Jones, Sir.“

Maccus nickte mit dem Hammerhaikopf in Richtung des ebenfalls leblos wirkenden sterblichen David Jones und dann zur anderen Seite, wo Elaine noch immer mit Elizabeths Entermesser an den Mast genagelt war.

„Aha …“, brummte Davy Jones. Die Tentakel in seinem Bart kringelten sich, eine strich wie nachdenklich über den lippenlosen Mund. „Steht Will Turner nicht unter einem besonderen Schutz, mein Liebling?“, erkundigte er sich bei Calypso, die nun auch auf der Galeone Flying Dutchman war.

„Ja, aber Quetzalcoatl ist wie ich im Moment in seinen Fähigkeiten sehr eingeschränkt. Außerdem ist er von der Klinge des Cortés niedergestochen worden. Du weißt, dass sie selbst göttlichen Schutz überwindet“, erwiderte sie. Davy Jones nickte schweigend. Er bückte sich, berührte mit dem rechten Zeigefinger die Stichwunde in Wills Brust. Der Finger war um einen besonderen Tentakel verlängert. Der Tentakel legt sich über die Wunde und schmiegte sich wie ein Egel um den deutlich abgezeichneten linken Brustmuskel. Nach einigen Momenten zog der Fährmann den Tentakel zurück. Es blieb eine doppelreihige Spur aus Abdrücken von versetzten Saugnäpfen, die sich um den Brustmuskel zog, die Wunde selbst war aber augenblicklich geschlossen. Der unsterbliche Jones gab sein Schwert in Wills schlaffe linke Hand und zog mit der linken Klaue den sterblichen David Jones heran, platzierte das Schwert so, dass die Spitze den Bereich über dem Herzen seines planmäßigen Fahrgastes berührte.

„Ich nehme nur Passagiere mit, die auf meiner Liste stehen – aber von denen lasse ich keinen zurück. Triton, tu dein Werk!“

Was nun geschah, hatte noch kein Sterblicher jemals zuvor zu sehen bekommen: Ohne dass die Brust des sterblichen David Jones durchstochen war, bildete sich eine Wunde, die jener glich, die der unsterbliche Jones kurz zuvor bei Will Turner verschlossen hatte. Davids Blut wurde von der Klinge regelrecht angesogen, lief über die Rinnen der Klinge zum Griff, suchte sich den Weg durch runde Öffnungen im Griffkorb und strömte auf Wills Hand, suchte sich den Weg über den Daumen zum Handrücken, wo normalerweise Adern deutlich abgezeichnet waren. Genau im Treffpunkt der Handrückenadern öffnete sich die Haut, das Blut fand den Weg in Wills Körper und füllte die fehlende Menge nach.

Es dauerte eine Weile, dann regte Will sich wieder. Er schlug noch eher zögernd die Augen auf. Das Erste, was er sah, waren Elizabeths verweinte Augen, die ihn immer noch in den Armen hielt. Er wollte ihr mit der linken Hand über das Gesicht streicheln, aber eine andere Hand hielt die seine fest.

„Lass ja nicht den Griff los!“, warnte Jack, der Wills Hand gerade noch zu fassen bekommen hatte, bevor sie sich von dem Schwertgriff hatte lösen können. Wills Blick ließ sich nur schwer von seiner Frau abwenden, aber er brachte es fertig, Jack anzusehen. Hinter Jack nahm er schemenhaft eine Gestalt seiner Albträume wahr: Davy Jones, den unsterblichen Davy Jones.

„So werden meine Träume am Ende also doch noch wahr …“, flüsterte er. Die schemenhafte Gestalt beugte sich weiter herunter, so dass Will ihn besser erkennen konnte.

„Davy … Jones?“, ächzte er leise.

„Aye“, erwiderte Calypsos Fährmann mit einem etwas verschmitzten Lächeln.

„Habe … habe ich Euer Herz …?“

„Nein, mein Junge, seines …“, grinste der tentaklige Captain der Fleute Flying Dutchman und wies auf den zweiten Mann, der am Boden lag. Mit einiger Mühe sah Will zu seinem Gegner hin, der buchstäblich totenbleich neben ihm auf den Planken des Decks lag.

„In einem Punkt hast du allerdings Recht: Um zu überleben, musstest du Davy Jones töten. Davy, mein Junge, ist die Kurzform von David und dieser hier hieß David Jones“, erklärte der Fährmann der Seelen.

„Wieso …?“, setzte Will erneut an, aber Jack und Elizabeth schüttelten im Takt den Kopf, bedeuteten ihm, jetzt nicht mehr zu reden.

„Ich ahne deine Frage, William. Dieser David Jones hat dich mit dem Schwert des Hernan Cortés niedergestochen. Cortés hat es vor über zweihundert Jahren verhexen lassen, ebenso wie Juan Ponce de León das seine verzaubern ließ. Der Babalawo**, der es für sie tat, ahnte nicht, was er damit angerichtet hat, denn Ponce de León hat mithilfe dieses Schwertes eine zweite Quelle der ewigen Jugend in eine andere Dimension versetzt, damit sie nicht mehr zugänglich ist.“

„Eine zweite Quelle?“, wunderte sich Will.

„Nun, eine haben Calypso und Quetzalcoatl schon für Sterbliche verstopfen müssen, weil zu viele davon wussten. Und Cortés hat mit seinem verhexten Schwert deinen Freund Quetzalcoatl um seinen menschlichen Körper gebracht und in eines der Aztekenmedaillons gebannt, obendrein die Isla de Muerta verschwinden lassen und damit Quetzalcoatl für lange Zeit zur Untätigkeit verdammt. Nur dadurch war es ihm möglich, die Azteken nahezu auszurotten“, erklärte der unsterbliche Jones.

Tia Dalma hockte sich neben Will hin. Der Blutstrom vom sterblichen Jones war versiegt, die Öffnung in Wills linker Hand hatte sich wieder geschlossen. Nichts wies auf die eben gerade erfolgte Transfusion hin.

„Du kannst das Schwert jetzt loslassen, aber solltest im Moment nicht viel reden und insbesondere nicht übermütig werden und wieder kämpfen, Will. Trotz Davys Hilfe und der Macht des Schwertes wirst du einige Zeit brauchen, um dich vom Tod zu erholen“, empfahl sie. Will nahm die Hand von Jones’ Schwert, Jones winkte der Waffe mit der Krabbenklaue, das Schwert hob vom Deck ab und senkte sich von allein in die muschelverkrustete Scheide an seiner linken Seite.

„Davy, was meinst du: Ist die Brigg zu retten?“, wandte Tia Dalma sich an ihren Fährmann. Jones peilte auf die schwer beschädigte Brigg, die neben den beiden Flying Dutchmans dümpelte.

„Nun ja, sie kann bis in den nächsten Hafen geschleppt werden. Aber es sollte besser keiner an Bord sein. Ich habe im Moment wenig Platz für zusätzliche Fahrgäste, falls sie unterwegs doch noch absäuft. Ein Schiff, das Flying Dutchman heißt, kann ich mit einem Streich reparieren, andere nicht. Holt lieber eure Kinder da runter, bevor ihr sie in Schlepp nehmt.“

Jack und Anamaria sahen sich verblüfft an.

„Kinder? Habt ihr etwa …“, presste Anamaria heraus. Es war mindestens ungewöhnlich, dass das Ehepaar Turner ihre Kinder mit auf eine Kaperreise nahmen.

„Ja, Willy und Lilly sind auf der Aztec, Jack haben wir vorhin aufgefischt. Ich habe sie in die Achterkajüte geschickt, bevor wir diese Flying Dutchman geentert haben“, erwiderte Elizabeth. Jack nickte seiner Frau zu, die Nick Maynard und Stephen Groves winkte und sich auf die Aztec hinunter ließ, um die Kinder von der Brigg zu holen.

 

Nur Minuten später waren auch die drei Kinder auf der Flying Dutchman. Willy und Lilly wollten gleich zu ihrem Vater und ihrer Mutter stürzen, waren heftig erschrocken, dass ihr Vater am Boden lag.

„Nein, Kinder“, hielt Gibbs die beiden auf. „Eurem Vater geht es im Moment nicht gut genug. Bleibt hier bei mir.“

„Was ist denn mit ihm, Onkel Gibbs?“, fragte Willy.

„Dein Vater wäre beinahe tot gewesen, Willy. Warte einen Moment, bis es ihm besser geht. Davy Jones hilft ihm gerade.“

„Davy Jones hilft?“, fragte Willy verblüfft. „Aber der ist doch der Teufel der See, sagst du immer!“, protestierte er. Davy Jones sah sich um und bemerkte den Jungen hinter sich, der sich offenbar nicht scheute, die Wahrheit zu sagen – oder das, was ihm andere bisher als Wahrheit beigebracht hatten. Das sanfte Lächeln in dem Tentakelgesicht erstaunte den Siebenjährigen mächtig. Er riss sich von Gibbs los und ging ohne Scheu auf den Fährmann der Seelen zu.

„Aber du siehst nicht böse aus“, sagte er, als er den eher ungeheuerlich wirkenden Captain der Flying Dutchman näher betrachtet hatte. Davys Lächeln verbreiterte sich.

„Viele glauben das, mein Kleiner. Aber schuld daran ist der hier“, sagte er und wies auf den toten David Jones. „Der hier hat auch noch den Namen meines Schiffes gestohlen. Aber dafür ist der jetzt tot und dein Vater lebt wieder. Komm her.“

Willy ließ sich das nicht zweimal sagen und war mit einem Riesensatz bei seinen Eltern. Lilly war auch nicht mehr zu halten und sprang ebenfalls zu Mutter und Vater hin. Will umarmte seine Kinder in tiefer Dankbarkeit für das geschenkte Leben, das es ihm ermöglichte, sie aufwachsen zu sehen. Elizabeth sprach aus, was alle vier Turners dachten:

„Captain Jones, wie können wir Euch nur danken?“, wandte Elizabeth sich an den legendären Davy Jones. Der zeigte ein sanftes Lächeln.

„Ihr könntet etwas für mich tun, du und dein geliebter Will, Elizabeth: Übernehmt dieses Schiff und gebt dem Namen Flying Dutchman wieder einen guten Klang unter den Sterblichen. Gebt weiter, dass Davy Jones, der Captain der Flying Dutchman, Calypsos guter Fährmann ist, der die auf See Verstorbenen ins Jenseits bringt; gebt weiter, dass es kein Unglück bedeutet, mir zu begegnen, sondern Glück“, sagte er. „Äh, das gilt auch für Euch, Master Gibbs …“, griente Davy in Joshamees Richtung. „Helft denen, die Hilfe brauchen – und, bei Poseidons Dreizack, versöhnt euch mit den Piratenfürsten! Das hier wird dir dabei helfen, Will.“

Jones griff in die muschelüberwucherte Tasche seines Rocks und zog daraus einen silbernen Ring mit einem hellblauen, in Fassetten geschliffenen Stein heraus.

„Dieser Stein ist ein Aquamarin, William; in diesem Ring aus atlantischem Silber öffnet er dir jedes Riff, die Ohren und die Herzen der Piratenfürsten und kann auch andere zur Vernunft bringen. Er kann dir auch dabei behilflich sein, die Insel, die euch übertragen wurde, zu vergrößern. Im Moment ist sie … nun ja, etwas … knapp geraten. Zieht euch dorthin zurück und erholt euch von dem, was in der letzten Zeit über euch hereingebrochen ist.“   

„Aye“, bestätigte Will. „Eigentlich wollten wir eine längere Reise machen …“

„… um die Truhe des Toten Mannes zu finden, ich weiß, mein Sohn, ich weiß. Fahrt dorthin. Auch dabei kann der Ring dir helfen. Aber bleibt noch einige Tage hier auf Providenciales. Erstens brauchst du jetzt ein paar Tage Ruhe und zweitens wird jemand hierher kommen, der dir einen interessanten Vorschlag machen wird. Du solltest ihn auf keinen Fall ablehnen, sondern den, der dir den Vorschlag macht, im Gegenteil dabei tatkräftig unterstützen. Es wird euch beiden nützen. Aber zuerst werde ich dieses Wrack hier in Ordnung bringen. Bringt den jungen Herrn bitte beiseite und nehmt dieses widerliche Frauenzimmer vom Mast ab!“

Elizabeth und Bill halfen William auf und brachten ihn zum Niedergang, wo er sich auf eine Stufe setzen konnte, Pintel und Ragetti nahmen die tote Elaine Jones vom Mast ab und legten sie neben ihren ebenfalls toten Schwager. Davy Jones zog sein Schwert und schwang es einmal im Kreis. Die Taue und Tampen schienen sich selbstständig zu machen, ordneten sich aber sauber zurecht, refften die Segel in die Ruheposition und umschlangen die Belegnägel*. Rasch waren die unabsichtlichen Stolperfallen an Deck beseitigt. Die weitere Arbeit des Fährmanns bestand darin, die Späne, die die Geschosse der Aztec und der Black Pearl hinterlassen hatten, wieder zu Balken, Planken und Mastteilen zusammenzusetzen. Vor den staunenden Augen der Überlebenden des harten Kampfes wurde die Galeone wie von Geisterhand repariert und erstrahlte innerhalb weniger Stunden wieder wie neu.

 

„Was ist das für ein Schwert, Calypso?“, fragte Will, dem es langsam wieder so gut ging, dass er ohne fremde Hilfe aufstehen konnte. Calypso lächelte sanft.

„Das ist das Schwert Tritons. Es wurde in Atlantis geschmiedet. Ich habe es für meinen Fährmann machen lassen. Mithilfe dieses Schwertes kann er das laufende Gut* seines Schiffes kontrollieren und deshalb sein Schiff nötigenfalls auch ganz allein fahren. Er kann damit auch sein Schiff reparieren, wenn es erforderlich ist. Während die Kontrolle über die Taue für alle Schiffe gilt, ist die Reparaturmöglichkeit allerdings auf ein Schiff gleichen Namens beschränkt. Deshalb kann er dieses Schiff damit instandsetzen. Und dieses Schwert kann fehlerhaft beendetes Leben zurückgeben“, erklärte die Meeresgöttin.

„Fehlerhaft beendet?“, fragte Elizabeth verblüfft.

„Was das bedeutet, Elizabeth? Nun, Gott hat jedem seiner Geschöpfe eine bestimmte Lebenszeit auf Erden vorbestimmt. Das ist die, sagen wir, natürliche Lebenszeit. Gewiss kann die natürliche Lebenszeit gewaltsam beendet werden, so, wie es heute bei William der Fall war. Er war aber noch nicht dazu bestimmt, zu sterben; dafür war David Jones’ Zeit abgelaufen. Deshalb konnte mein geliebter Davy Will das Leben von David übertragen und ihn wiedererwecken“, erklärte sie. „Es kommt aber nur sehr selten vor, dass ein Leben fehlerhaft beendet wird. Eigentlich hätte Will David aufspießen sollen und nicht umgekehrt. David konnte dich nur überwinden, Will, weil er sich eines magischen Schwertes bemächtigt hatte.“

„Wie viele von diesen magischen Schwertern gibt es eigentlich?“, fragte Will.

„Mir sind drei bekannt. Eines trägt Davy, die anderen beiden sind die des Hernan Cortés und des Juan Ponce de León. Alle drei befinden sich auf diesem Schiff. Die beiden von Cortés und Ponce de León sollten eigentlich auf der Isla de Muerta sein. Ihr könntet mir eigentlich gleich helfen und mich dorthin bringen, damit sie wieder an ihren Bestimmungsort kommen.“

„Das werden wir, Calypso“, versprach Will.

„Aber erst, wenn du dich ein paar Tage erholt hast …“, bremste sie mit süßem Lächeln.

„Papa, was wird denn mit unserer Aztec?“, fragte Willy und zog seinen Vater zur Reling. Der Zustand der Brigg versetzte Will einen erneuten Stich in die Brust. Der gebrochene Fockmast und die zahlreichen Schäden an der Steuerbordseite, die zerschossene Kajüte und zerfetzten Segel – das sah fast nach Totalschaden aus …

„Au weia, wer hat sie denn so zugerichtet?“, fragte er, an Elizabeth gewandt. Sie machte eine auslandende Handbewegung.

„Dieses hier“, seufzte sie. Will spürte eine große Hand auf seiner Schulter, bereichert um einen erheblich verlängerten Zeigefinger.

„Nun, mein Junge, willst du diese Flying Dutchman übernehmen? Willst du der Captain einer realen Flying Dutchman sein?“

Will sah den Fährmann der Seelen an, der ihn so freundlich anblickte, wie er sich dies nicht in seinen allerbesten Träumen jemals vorgestellt hatte.

„Aye, das will ich“, sagte er. Davy schlug ihm mit einem dröhnenden Lachen auf die Schulter.

„Siehst du, deine Träume erfüllen sich, William Turner, wenn auch etwas anders, als du gedacht hast. Du bist der Captain der Flying Dutchman, auferstanden von den Toten, ein Freund Calypsos, wie es sich für den Captain der Flying Dutchman gehört, gesegnet mit einer treuen Ehefrau. Und mit wunderbaren Kindern, das sollte dabei nicht vergessen sein.“

Davy bückte sich und hob die beiden Kinder auf seine Arme, gab beiden einen Kuss und kitzelte Lilly mit einem Barttentakel hinter dem Ohr, was dem kleinen Mädchen ein Kichern entlockte.

„Seht euch mal in der Kapitänskajüte um. Die Logbücher sind recht interessant“, empfahl Davy Jones und reichte den Eltern ihre Kinder zurück.

„Sag mal, wieso siehst du so … tentaklig … aus, Davy Jones?“, fragte Willy.

„Was meinst du, wie alt ich bin, mein Kleiner?“, stellte Jones eine Gegenfrage.

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Willy.

„Dann rate mal.“

Willy legte den Kopf schief.

„Tausend Jahre?“, fragte er, nachdem er eine Weile überlegt hatte.

„Du bist nahe dran, mein Kleiner. Ich bin sehr, sehr alt – und die meisten meiner Crew auch. Und die meiste Zeit davon verbringen wir unter Wasser …“

„Aber da kann man doch gar nicht atmen!“, erwiderte Willy erschrocken.

„Das müssen wir auch nicht. Wir sind Geschöpfe des Meeres, den Herrschern des Meeres, Poseidon, Triton und Calypso, untertan. Ich wohne mit meinen Leuten in Atlantis, das ist gar nicht so weit weg von hier. Von dort gehen wir auf Fahrt, um die Seelen der auf See Verstorbenen auf die andere Seite zu bringen.“

„Und wohin bringst du sie?“, bohrte Willy weiter.

„Dorthin, wohin sie gehören: In den Himmel, in die Hölle oder ins Fegefeuer. Wer wohin gehört, das entscheidet allein der Herr dieser Welt. Das weiß nicht einmal ich als Captain meines Schiffes. Es sucht sich seinen Kurs allein, wenn ich Fahrgäste hinüber bringe. Wo ich David Jones und Elaine Jones abzugeben habe, werde ich also noch sehen. Aber von euch vieren steht noch keiner auf meiner Passagierliste.“

Der Fährmann drehte sich um.

„Gleich geht die Sonne unter. Alle Mann auf die Fähre!“, befahl er. „Wir haben zu tun!“

Die Crew der legendären Flying Dutchman und alle Toten dieses Tages wechselten auf die Totenfähre. Die dicht mit mariner Flora bewachsenen Segel fielen, die sagenhafte Flying Dutchman nahm gegen den Wind Fahrt auf und fuhr gen Westen direkt in den Sonnenuntergang hinein. In dem Moment, als der Dreimaster genau vor der versinkenden Sonne war, verschwand sie hinter dem Horizont, ein grüner Schein erleuchtete den Himmel, und die Flying Dutchman verschwand. Calypsos Lächeln verbreiterte sich noch einmal.

„Ein grüner Schein – eine Seele ist aus dem Totenreich zurückgekehrt … Diesmal bist wirklich du gemeint, William.“

 

 

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Kapitel 27

Aussprachen

 

Als Will Turner am folgenden Morgen erwachte, fand er sich in einer ihm fremd vorkommenden Kajüte wieder, die ausgesprochen großzügig gebaut war. Es erinnerte ihn an die Kapitänskajüte der Black Pearl, war aber doch deutlich anders eingerichtet. Neben ihm schlief Elizabeth noch den Schlaf der Gerechten, zwischen den beiden Backbordfenstern stand eine Etagenkoje, die der von der Aztec glich, in der die beiden Kinder schliefen.

Mit einiger Mühe erinnerte Will sich an den vergangenen Tag. Besonders die Ereignisse nach dem Kampf um die reale Flying Dutchman erschienen ihm so seltsam, dass er sie ins Reich der Träume verwies. Er stand auf, um sich näher umzusehen, wo er eigentlich war und bemerkte einen Spiegel an der Steuerbordwand der Kajüte. Weil es ohnehin fällig war, dass er seinen Bart stutzte und die Stoppeln ausrasierte, zog er sich seine Hose an, die neben der Koje lag, trat an den Spiegel heran und sah die Tentakelspuren auf seiner linken Brustseite nebst der sauber verschlossenen Wunde. Im Spiegel sah er auch auf dem Schränkchen neben der Koje, die er eben verlassen hatte, einen silbernen Ring mit einem hellblauen Stein liegen. Dennoch glitt seine Hand in eher ungläubigem Erstaunen über die Narbe und die Saugnapfspuren an seinem linken Brustmuskel. Konnte das wirklich sein? Hatte er das etwa nicht nur geträumt? Eine Bewegung hinter ihm ließ ihn sich umdrehen. Elizabeth war ebenfalls aufgewacht und hatte sich aufgesetzt.

„Guten Morgen“, wünschte sie. Will kehrte zu der großen Doppelkoje zurück und setzte sich auf die Kante von Elizabeths Seite.

„Guten Morgen“, erwiderte er und küsste sie. Sie zeichnete sanft ein kleines Grübchen an seiner linken Wange nach.

„Gestern hatte ich entsetzliche Angst, dich verloren zu haben …“, flüsterte sie.

„Erst habe ich gedacht, es wäre ein weiterer Traum, aber dann habe ich das hier gesehen“, sagte er und führte ihre Hand zu der Saugnapfspur. Elizabeth liebkoste sanft die deutlichen Spuren der Ereignisse des vergangenen Tages und küsste ihn erneut.

Die leichte Berührung ihrer streichelnden Finger an seiner Brust, die sachte Liebkosung ihrer weichen Lippen und das weiche Anschmiegen ihrer Zunge an die seine löste unwiderstehliches Begehren bei ihnen beiden aus. Er schlüpfte noch im Kuss unter ihre Decke, sie half ihm beim Ausziehen der Hose, dann liebten sie sich ebenso zärtlich wie leidenschaftlich – und sehr leise, um die Kinder nicht zu stören. Zuhause in Port Royal, wo die Kinder in eigenen Zimmern über dem Schlafzimmer ihrer Eltern nächtigten, konnten sie es sich leisten, ihrer gegenseitigen Zuneigung und der geteilten Leidenschaft durchaus lauten Ausdruck zu geben; an Bord eines Schiffes mieden sie es grundsätzlich.

„Ich weiß nicht, wie ich ohne dich hätte leben sollen“, flüsterte sie atemlos, als sie nach einem unglaublich hinreißenden, gemeinsam genossenen Höhepunkt zur Ruhe kamen. „Das war wundervoll“, setzte sie hinzu. Will zog sie nahe an sich, sie folgte dem sanften Zug seines kräftigen Arms nur zu gerne wieder ganz dicht zu ihm.

„Was habe ich dir durch meine Unaufmerksamkeit nur angetan, mein Liebling?“, wisperte er schuldbewusst. „Dir und unseren Kindern …“

„Wieso?“

„Ich war einen Augenblick durch das Auftauchen der Flying Dutchman abgelenkt. Und diesen Augenblick hat Jones genutzt, wie ich es sicher auch getan hätte, wäre er so abgelenkt gewesen, wie ich es war. Es wird nie wieder vorkommen, das verspreche ich dir.“

„Will, wir alle waren kurzfristig abgelenkt. Wer rechnet denn auch damit, dass es tatsächlich ein Schiff gibt, das plötzlich aus dem Meer auftaucht? Nein, mach dir keinen Vorwurf. Elaine war noch viel abgelenkter als du; die hat nur die Tatsache einstweilen gerettet, dass ihr Schwert ohne ihr Zutun weiterfocht. Wir, mein Schatz, haben nur ganz normale Entermesser aus den Händen des besten irdischen Schmieds, den ich kenne. Die sind zwar hervorragend gearbeitet, aber eben nicht selbstkämpfend. Nein, gegen Magie bist du einfach machtlos“, beruhigte sie ihn. „Ich frage mich nur, was treibt eigentlich eine Frau in offensichtlich führender Position auf einem Schiff der East India Trading Company?“

„Jonathan erwähnte mal, dass es bei der Company eine Lady Elaine gebe, die der eigentliche Chef sei. Ich nehme an, das war dieses Weib. Davy meinte ja, die Logbücher hier an Bord wären sehr interessant. Jetzt bin ich wirklich neugierig“, erwiderte er, stand wieder auf und zog sich mehr provisorisch an, was hieß, dass er nur die Hose anzog und das Hemd lose über den Hosenbund hängen ließ.

Barfuß und mit offenem Haar ging er zu einem Sekretär an der Backbordseite der Kajüte. Elizabeth stand ebenfalls auf, warf sich einen dünnen Morgenmantel über und folgte ihm.

In dem Sekretär befanden sich nicht nur Logbücher, sondern darüber hinaus eine Menge offensichtlich geheimen Schriftwechsels, der in den Elizabeth und Will schon bekannten Sechzehnerquadraten geführt war. Drei Schlüsselschablonen befanden sich ebenfalls in einem der Fächer des Sekretärs. Bevor sie sich über die Korrespondenz aber hermachen konnten, klopfte es vernehmlich an der Kajütentür.

„Herein!“, rief Will und wandte sich zur Tür um, die sich auftat und den Blick auf Captain Jack Sparrow freigab.

„Guten Morgen!“, wünschte Jack mit goldenem Grinsen.

„Guten Morgen“, erwiderten Elizabeth und Will wie aus einem Munde.

„Captain Turner, die Crew erwartet Eure Anweisungen“, grinste Jack.

 

Will stand auf und ging an Deck. Die kompletten Crews der Black Pearl und der Aztec waren auf dem Hauptdeck der realen Flying Dutchman. Als Will die Kajüte verließ, jubelten sie lauthals. Bill Turner umarmte seinen Sohn.

„Willkommen im Leben, mein Sohn!“

„Danke, Vater.“

„Eure Befehle, Captain Turner?“, fragte Bill mit schiefem Grinsen.

„Ich denke, du bist Jacks Zweiter Maat, Vater …“, wunderte sich Will.

„Ich … Es war ein Fehler, Junge. Ich hätte dich nicht … Es tut mir Leid. Irgendwie … habe ich das Gefühl … ich habe noch eine Schuld abzutragen. Wenn du mich haben willst …“

Will peilte augenzwinkernd auf das Steuerrad oben auf dem Achterdeck.

„Nun, dann ans Steuer, Master Turner!“, wies er seinen Vater mit sanftem Lächeln an.

„Aye, Captain Turner“, erwiderte „Stiefelriemen Bill“ Turner und stieg eilig auf das Achterdeck, um das Steuer zu übernehmen.

„Was ist mit der Aztec, Sir?“, fragte Groves.

„Wir nehmen sie in Schlepp! Jack, kannst du die Aztec sichern, damit wir sie nach Providenciales schleppen können?“

„Aye, das werden wir. Los, Jungs! Zurück auf die Pearl!“

„Oh, Jack, bevor du dich rüber schwingst: Sammle doch noch den Leuchtkolben an der Steuerbordseite ein. Vielleicht bekommt den Glühwürmchen die Dunkelheit unter Deck besser …“, lächelte Will.

„Was?“

Will winkte ihm und zeigte ihm von der Reling aus den an der Steuerbordseite außenbords hängenden Leuchtkolben. Jack bekam große Augen.

„Teufel noch eins!“ entfuhr es ihm. „Wie ist der dahin geraten?“

„Der Mann, den ich gestern mit der Axt abgeschossen habe – unter welchem Namen kanntest du ihn?“, fragte Will. Jack war zunächst verblüfft, ahnte aber schnell einen Zusammenhang.

„Jacob Smith“, sagte er. „Wir haben ihn bei der Ausfahrt aus dem Hafen von Port Royal aufgefischt. Er winkte uns in der Nähe des Piratentors zu. Gibbs hat ihn entdeckt.“

Will nickte.

„Hatte er dir empfohlen, hierher zu fahren, weil es hier was zu holen gibt?“, fragte er weiter.

„Aye – und wir haben ganz nett abgeräumt. Rum ohne Ende, von lagerfähigem Proviant ganz zu schweigen“, grinste Jack.

„Dachte ich mir. Er hat dir was geboten, aber dich auch geradewegs in die Falle gelockt. Sein richtiger Name war James Legs, Sonderbeauftragter der East India Trading Company, geschickt, um mich und meinen Cousin Jonathan umzubringen. Er könnte die Chance gewittert haben, mit dir noch einen erklärten Gegner der EITC aus dem Weg zu räumen.“

„Er sprach von einem der großen Schiffe der Company …“, sagte Jack. Erneut nickte Will.

„Ich schätze, er wollte dich samt deinem Schiff an die East India Trading Company ausliefern – oder euch dem Kraken zum Fraß vorwerfen. Ich nehme an, er hat den Leuchtkolben außenbords deponiert, damit die Nacht deine Pearl nicht tarnen konnte.“

„Seit wann weißt du das?“, hakte Jack nach.

„Jack, wir haben uns auf die Socken gemacht, um dich zu wahrschauen oder dir zu helfen, falls Legs schon Erfolg gehabt haben sollte. Elizabeth und ich hatten Legs schon gesehen, du nicht. Als du mich, Jonathan und die beiden Marineinfanteristen nach Port Royal gebracht hattest, war Legs schon aus dem Gefängnis ausgebrochen und war auf der Flucht. Deine Pearl war nach Legs’ Verschwinden das einzige Schiff, das ihn aufgenommen haben konnte. Deshalb sind wir dir gefolgt, um dich zu warnen.“

Jack rang mit sich, das war ihm anzusehen. Er scheute sich, jemandem zu danken – vor allem jemandem zu danken, der Hilfe gegeben hatte, ohne vorher nach einer Gegenleistung zu fragen.

„Was verlangst du von mir?“, fragte er schließlich, als er merkte, dass die beiden Crews nicht unbedingt in Hörweite waren. Will sah ihn eine Weile an.

„Ich weiß, dass du normalerweise für jeden Gefallen einen Preis verlangst, Jack. Hätten dich Vater, Anamaria und Tia Dalma nicht in die Zange genommen, hätte ich für den Wassersack, den Jack junior uns zuwarf, einen verdammt hohen Preis bezahlen müssen. Ich tue es normalerweise nicht, das solltest du in den Jahren, die wir uns jetzt kennen, begriffen haben. In diesem Fall mache ich eine kleine Ausnahme. Wir haben uns vor einiger Zeit nicht wirklich in Frieden getrennt, als ich gezwungen war, die Kaperbriefe ungültig zu machen. Du hast es mir übel genommen und verlangt, dass ich meine Acht-Reales-Silbermünze zurückgebe. Ich möchte, dass du weißt, dass ich dein Freund bin – und Freunde sollten einander nicht nur Zug um Zug helfen. Elizabeth und ich sind für dich und deine Crew da – egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit, das weißt du. Ich bitte dich nur äußerst selten um etwas. In diesem Fall bitte ich dich, dass du zwischen mir und den Piratenfürsten vermittelst und ihnen klarmachst, dass ich nicht deren Feind bin.“

„Willst du ein Pirat sein oder nicht?“, fragte Jack direkt.

„Ich bin kein Pirat, ich war es nie. Zeitweise bin ich Freibeuter, aber nie Pirat.“

Jack konnte sich ein goldenes Grinsen nicht verkneifen.

„Und was bist du jetzt?“

Freibeuter

„Es ist kein Krieg“, erinnerte Jack mit einfrierendem Grinsen. „Wie kannst du Freibeuter sein?“

„Governor Swann hat mir erneut einen Kaperbrief ausgestellt, nachdem die Truppen der EITC ihre Waffen nicht mehr tragen dürfen. Auch Captain Hawkins hat einen erhalten. Ich habe auch einen für dich dabei, wenn …“

„Nein, ich nehme nicht erneut einen Kaperbrief an“, wehrte Jack ab.

„Wieso nicht?“

„Ich werde dich nicht noch einmal in die Verlegenheit bringen, ihn mir wegnehmen zu müssen, Will. Ich möchte mich nie wieder in Unfrieden von dir trennen müssen, weil dich jemand dazu zwingt, Dinge tun zu müssen, die dir selbst widerstreben. Will … es … es tut mir Leid.“

„Was?“

„Dass ich … dass ich dich … für einen Verräter gehalten habe. Ich bitte dich um Verzeihung.“

Will sah Jack für einen Moment verblüfft an. Wenn er etwas niemals erwartet hätte, dann diese Worte aus dem Munde von Captain Jack Sparrow.

„Vergeben, Jack“, erwiderte Will mit dem ihm eigenen schönen Lächeln. Die Freunde umarmten sich.

„Dann wollen wir mal deine Aztec sichern“, grinste Jack. Er winkte seinen Leuten

„Ab nach drüben!“, befahl er. Die Crew der Black Pearl wechselte auf die schwarze Galeone.

 

Weitere Leinen flogen zur Aztec, die von der Flying Dutchman und der Black Pearl gesichert einstweilen davor geschützt war, doch noch zu sinken. Will und Jack wiesen ihre Crews an, die Segel zu setzen. Eddie Finney, Wills Bootsmann, holte eilig die Flagge der East India Trading Company nieder und ersetzte sie durch Captain Turners Freibeuterflagge. Mit günstigem Wind segelten die beiden Galeonen nach Providenciales. Als die Schiffe auf Kurs waren, übergab Will seinem Vater das Kommando und untersuchte zusammen mit Elizabeth die Logbücher und sonstigen Unterlagen, die sich in dem Sekretär der Flying Dutchman fanden.

„Er hat einen Kraken!“, entfuhr es Elizabeth.

„Das muss der gewesen sein, der uns angegriffen hat“, erkannte Will. „Wieso ist der eigentlich so plötzlich verschwunden?“, fragte er dann. Elizabeth zuckte mit den Schultern.

„Wer weiß? Vielleicht hat Tia Dalma ihn ja verjagt“, mutmaßte sie.

„Hier ist ein Hinweis auf das Firmenarchiv und auf Dossiers, die sich dort befinden müssen“, meldete Will, der ein anderes Buch durchforstete. „Oh, verdammt, jetzt verstehe ich!“

„Was meinst du?“

„Ich habe hier ein persönliches Tagebuch von Elaine. Sie hat dem König über eine Pressekampagne gesteckt, dass wir Jack damals zur Flucht verholfen haben und dass dein Vater Jack und mir Amnestie gewährt hat. Elaine ist nicht offiziell in der Geschäftsführung der East India Trading Company, Vorsitzender ist ihr Ehemann, Edward Jones, der Bruder. Oh, beim Klabautermann! Sie ist Everetts Tochter gewesen! Jetzt wird mir klar, weshalb sie mich – uns alle – vernichten wollte.“

„Findest du nicht, dass es allmählich überhandnimmt, dass die East India Trading Company uns ans Fell will? Und jedes Mal deshalb, weil ein Mitglied der führenden Familie so eine Art Blutrache gegen uns führt? Wieso hat der König diese Gesellschaft nicht längst aufgelöst?“, grollte Elizabeth. Will zuckte mit den Schultern.

„Letzteres kann ich dir nicht erklären“, erwiderte er. „Aber ich habe die Nase ebenso voll wie du, was das betrifft, glaub’ mir. Die Frage ist: Würde sich die Familie Everett durch eine Auflösung der East India Trading Company davon abhalten lassen, uns die Hölle heiß zu machen?“

„Ohne die Privilegien der Company hätten sie jedenfalls nicht mehr die Möglichkeiten dazu wie bislang“, erinnerte sie.

„Kommt drauf an. Solange sie dieses wundersame Archiv haben, in dem es offenbar Informationen über jeden zu geben scheint, der sie mal schräge angeguckt hat, werden sie es jedenfalls immer wieder versuchen. Es juckt mich allmählich, dieses Archiv zu kapern, damit es nicht noch Leuten in die Finger gerät, die jede Abweichung vom Gesetz als todeswürdiges Verbrechen betrachten.“

„Du schließt den König ein?“, fragte sie. Erneutes Schulterzucken bei ihm.

„Jedenfalls mindestens seine Minister und gewiss einen guten Teil der Royal Navy. James ist auch als Admiral nur ein Rädchen in dem ganzen Uhrwerk. Wir haben keine Ahnung, über wen dieses Archiv noch gefährliche Geheimnisse enthält. Schon aus purem Eigennutz sollten wir es untersuchen und verschwinden lassen, was uns oder uns nahestehenden Leuten gefährlich werden kann. Ich möchte irgendwann einmal wirklich ruhig schlafen können und mich auf See begeben können, ohne ständig Leute an geladenen Kanonen stehen haben zu müssen.“

„Das heißt: Du möchtest nach England segeln und dir das Archiv der East India Trading Company vorknöpfen“, stellte sie fest. Er nickte.

„Aye“, bestätigte er.

„Und wie kommen wir da heran, ohne dass die falschen Leute das erfahren?“

„Das weiß ich noch nicht. Aber dazu wird mir noch etwas einfallen.“       

 

 

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Kapitel 28

Tarnen und Täuschen

 

Die Flying Dutchman war vollständig repariert, aber die beiden anderen Schiffe, die gen Providenciales fuhren, waren keinesfalls in ihrem besten Zustand. Die Aztec war kaum noch schwimmfähig, was die beiden besser fahrfähigen Galeonen, die Black Pearl und die Flying Dutchman, dazu nötigte, fast im Schwimmertempo nach Nordosten zu segeln. Der Passatwind tat sein Übriges, um den Schleppverband gründlich zu behindern. Black Pearl und Aztec benötigten eine grundlegende Instandsetzung, die Aztec möglicherweise sogar einen neuen Kiel. Die einzige für Briten zugängliche Werft, die es in dieser Gegend im Umkreis von dreihundert Seemeilen gab, war die Werft der East India Trading Company in Five Cays auf Providenciales. Auf Kuba oder Hispaniola befanden sich zwar Werften, die eine Grundüberholung hätten vornehmen können – aber beide Inseln waren in spanischer oder französischer Hand. Auf keiner dieser Inseln hätte trotz des inzwischen stabilen Friedens ein britischer Eigner sein Schiff reparieren lassen können. Bis nach Jamaica würde es wenigstens die Aztec nicht schaffen, aber auch bei der Black Pearl war es keinesfalls sicher, dass sie bis dorthin durchhalten würde, das war sowohl Will als auch Jack klar.       

Beiden war auch klar, dass der Agent der East India Trading Company in Providenciales Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, um den von der EITC so gehassten Captains samt ihren Schiffen den Garaus zu machen. Es blieb nur die List, um eine Reparatur in der EITC-eigenen Werft der Insel zu erreichen. Auf halbem Weg nach Providenciales trafen sich die Führungscrews des kleinen Verbandes in der wirklich unglaublich großen Kapitänskajüte der Flying Dutchman.

„Die Aztec und die Black Pearl benötigen dringend gründliche Reparaturen – alle beide“, begann Will. „Bis Jamaica werden wir es nicht schaffen, auch wenn die Flying Dutchman tadellos in Ordnung ist. Die anderen Werften auf den Nachbarinseln sind für uns nicht zugänglich. Bleibt nur die EITC-Werft auf Providenciales.“

„Der örtliche Agent dort wird inzwischen wieder zu sich gekommen sein und die Haustruppen alarmiert haben“, warnte „Stiefelriemen Bill“ Turner. „Der Hafen von Five Cays ist zudem eine Mausefalle, die allzu leicht abzuriegeln ist.“ 

Will schüttelte leicht den Kopf.

„Die früheren Herren dieses Schiffes haben einige interessante Informationen hinterlassen. Zum einen haben Elizabeth und ich aus den hier vorhandenen Büchern, Notizen und Aufzeichnungen erfahren können, dass sich die EITC nur oberflächlich gewandelt hat.“

„Als ob das jemand von uns jemals bezweifelt hätte!“, warf Gibbs spöttisch ein. Eine Lachsalve dröhnte durch die Kajüte.

„Stimmt, Master Gibbs“, bestätigte Will grinsend. „Interessant finde ich daran, dass die Company sich verzweifelt bemüht, diese Tatsache den König nicht wissen zu lassen. Die Aufzeichnungen ergeben, dass dieses Schiff offiziell gar nicht in der Liste der Company-Schiffe existiert, ebenso wenig seine Besatzung. Die Company wird also nie behaupten können, dass ihr dieses Schiff gehört.“

Erneutes Lachen, dieses Mal eher schadenfroh gegen die Company, weil Elizabeth und Will damit davor sicher waren, dass jemand ihnen die Galeone wieder abnehmen würde.

„Noch interessanter ist, dass dieses Schiff und alle, die darauf gefahren sind, noch nie in den karibischen Niederlassungen der Company waren. Folglich kennt hier niemand die Gesichter der tatsächlichen Besatzung“, ergänzte er. „Ich schlage deshalb folgendes vor: Wir tun so, als hätte die Flying Dutchman als Company-Schiff die Aztec und die Black Pearl aufgebracht. Wir haben hier an Bord noch eine zweite Company-Flagge gefunden. Damit kann die Black Pearl ebenfalls unter dieser Flagge laufen. Die Aztec bleibt einstweilen unbeflaggte Prise*. Elizabeth und ich geben vor, Captain David Jones und Lady Elaine Jones zu sein und in geheimem Auftrag der East India Trading Company unterwegs zu sein. Hier an Bord befindet sich ein gut gefülltes Magazin mit Uniformen der Company und mit entsprechenden Waffen. Es dürfte für fast alle reichen. Die verbleibenden spielen entweder normale Seeleute der EITC oder ein paar Gefangene.“ 

„Was hast du genau vor?“, fragte Jack.

„Nach Five Cays zu segeln und die Schiffe dort auf Kosten der Company reparieren zu lassen“, erwiderte Will.

„Und du meinst, das funktioniert?“, fragte Jack mit listigem Lächeln.

„Nun, wenn ich diesen Anweisungen hier trauen darf“, sagte Will und holte zielsicher einen Band mit Arbeitsanweisungen der Company aus dem Bücherregal, „dann werden die Schiffe der Company grundsätzlich nur in eigenen Werften instandgesetzt. Der Captain bezahlt nicht, sondern legt eine Reparaturanweisung der Geschäftsführung vor, die dann später die Reparatur mit der Werft abrechnet. Es sind einige Blankoanweisungen vorhanden, die vom eigentlichen Vorsitzenden, Edward Jones, unterschrieben und gesiegelt sind.“

Jacks listiges Lächeln wich einem von der anerkennenden Sorte.

„Punkt für dich, Junior. Weißt du, wer Elaine Jones ist?“

„Nach den hier vorhandenen Tagebucheinträgen ist sie die Frau von Edward Jones“, erklärte Elizabeth. Jack nickte.

„Und die Schwester von Nathan Everett, der die Company nach dem Willen des verstorbenen Lord Everett übernehmen sollte. Ein richtiges Miststück, die eine gute Piratin abgegeben hätte.“

„Bedauerst du, dass sie tot ist?“, fragte Anamaria spitz.

„Nein, ich hätte sie nur gern selbst in Davy Jones’ Locker befördert“, grinste Jack zurück.

„Also, was meint ihr: Machen wir es so?“, fragte Will.

„Aye, Captain Turner!“, kam es vielstimmig von den versammelten Piraten und Freibeutern.

„Einen Rat gebe ich euch beiden noch“, warf Jack ein. „Die obere Etage der Company tritt gegenüber ihren Untergebenen herrisch und grob auf. Für diese lackierten Puderdosen auf zwei Beinen sind alle anderen Menschen nur dazu da, ihre Wünsche zu erfüllen, und das vorzugsweise vorgestern. Die Wörter bitte und danke existieren in ihrem Wortschatz nicht, denkt daran.“

„Danke, Jack“, erwiderte Will. Seine Dankbarkeit für diesen Rat war echt. Will war dazu erzogen worden, stets höflich aufzutreten, um etwas zu bitten und dafür zu danken, wenn er es erhalten hatte. Selbst in seiner Schmiede gab er nur äußerst selten Anweisungen. Meist gab er seinen Leuten Hinweise oder einen Rat, aber nur in wirklichen Ausnahmefällen einen direkten Befehl. An Bord seines Schiffes herrschte keineswegs der an sich übliche grobe Befehlston, der sich nur wenig von dem bei der Royal Navy unterschied; er belegte seine Männer nie mit den sonst gebräuchlichen Schimpfbezeichnungen, die sich nicht einmal abwählbare Piratenkapitäne verkniffen. Will Turner war einfach ein höflicher, freundlicher Mann, ein wahrer Gentleman, bei dem Herz, Seele und Verstand die gleiche Qualität hatten wie das dem Auge schmeichelnde Äußere. Dass er auch anders konnte, bewies er allenfalls im Kampf. Ein Auftreten als Captain eines geheimen Company-Schiffes, ausgesandt, die verhasstesten Feinde der EITC zu jagen bis ans Ende der Welt, würde schauspielerische Fähigkeiten von ihm fordern, dessen war Jack Sparrow sicher. Er wollte auf ihn aufpassen …

 

Gegen Mittag des folgenden Tages erreichte der langsame Schleppverband endlich den Hafen von Five Cays auf Providenciales. Jack war mehr als nur verblüfft, dass Will und Elizabeth Turner die Rollen der grantigen, giftspritzenden Führungskräfte der Company so überzeugend spielten, dass nicht nur der Agent, der sich als Emerson Palmer vorgestellt hatte, ängstlich kuschte und beiden nur mit Angstschweiß auf der Stirn und ungezählten Verbeugungen über den Weg lief. William hatte sich in feinste Schale geworfen, um überzeugend den ebenso eleganten wie für die Crew schwierigen Captain geben zu können. Mit der an den Oberschenkeln gebauschten Hose, einem sorgsam gestärkten, übergroßen Kragen und einem Ohrring mit Perlenbehang, den er in Elaines Schmuckschatulle gefunden hatte, hätte er einem der reichsten und exzentrischsten Engländer des vergangenen Jahrhunderts – dem Herzog von Buckingham – ohne weiteres Konkurrenz machen können. Das Haar trug er offen, aber vollständig nach hinten gekämmt, auftoupiert und mit Zuckerwasser in Form gehalten. Groves hatte sich die Uniform eines Lieutenants der EITC-Truppen übergezogen und hatte sich wieder in den steifen Marineoffizier verwandelt, der er gewesen war, bis er von James Norrington zunächst als Spion auf der Aztec eingeschleust worden war, aber als Freund geblieben war. Der Erste, der sich über Wills Aufzug als angeblicher David Jones richtig amüsiert hatte, war Eddie Finney gewesen. Finney hatte den ganzen gespielten Zorn des falschen Company-Captains zu spüren bekommen. Groves und Charlie Hoskins hatten sich Eddie gegriffen und ihn festgehalten, damit Will ihm persönlich eine Abreibung mit der neunschwänzigen Katze verpassen konnte. Sie hatten nur so getan, als ob Eddie schreckliche Hiebe abbekam, aber das Theater, das Eddie mit seinem Lachanfall möglich gemacht hatte, war sehr überzeugend gewesen. 

„Irgendwann kniet Palmer noch vor dem Welpen“, kicherte Jack, der sich über die Sondervorstellung königlich amüsierte. Es dauerte jedenfalls keine zwei Stunden, bis ein anderes Schiff, das gerade in die Werft gekommen war, mühsam wieder zu Wasser gelassen wurde, um die Aztec bevorzugt zu reparieren.

 

Etwa fünfzig Seemeilen vor Providenciales lief eine nagelneue Fregatte mit drei Geschützdecks in Richtung der Turks- und Caicos-inseln. Endeavour stand mit goldenen Lettern am Heck der Fregatte, an der Flaggleine des Besanmastes wehte die Hausflagge der East India Trading Company. Die Company war immer noch stolz genug, statt der britischen Handelsflagge die eigene Hausflagge zu führen. Die königlichen Privilegien der Gesellschaft erlaubten es. Es war die Jungfernfahrt der neuen Endeavour, die Edward Jones in Dienst gestellt hatte, um seine Frau in die Schranken zu weisen. Die Fregatte hatte besten Wind von achtern und durchschnitt mit wenigstens zwölf Knoten die Fluten des Atlantiks.

„Ich verstehe es nicht. Die Endeavour ist schneller als die Flying Dutchman. Wieso haben wir sie noch nicht eingeholt?“, wunderte sich Edward, der immer wieder den Horizont nach einem Dreimaster mit den bekannten Merkmalen der Flying Dutchman absuchte.

„Sie sind drei Tage vor uns gefahren – aber David hatte auch die Hilfe seines Haustiers, vergiss das nicht. Wir können allein mit dem Wind bestenfalls ebenso schnell sein, aber niemals schneller“, erinnerte Nathan und nahm das Besteck, die täglich um zwölf Uhr mittags erfolgende Peilung mit dem Sextanten, mit der der genaue Standort des Schiffes ermittelt wurde.

„Wir sind noch knapp fünfzig Meilen von den Turks- und Cai-cosinseln entfernt. In ein paar Stunden können wir Wasser und Proviant aufnehmen. Palmer wird uns hoffentlich sagen können, ob die Flying Dutchman dort gewesen ist“, sagte er.

„Und wenn nicht?“

„Dann werden wir sie suchen müssen“, erwiderte Everett schulterzuckend.

„Und wo?“

„Wenn Elaine und David Turner und Sparrow an den Kragen wollen, dürften sie bei Jamaica oder bei Tortuga kreuzen*.“

 

Drei Stunden später meldete der Ausguck, dass Land in Sicht sei.

„Wir laufen Five Cays von Westen her an. Ruder nach Steuerbord!“, befahl Edward. Die Endeavour wendete nach rechts und fuhr in respektvollem Abstand an der Nordküste von Providenciales entlang, folgte der Kontur der Insel schließlich nach Süden. Die Insel war weitgehend flach, die höchste Erhebung war knapp hundertzwanzig Fuß hoch. Nach Westen hin fiel die Insel noch weiter ab.

„Masten in Five Cays!“, meldete der Ausguck, als sie die Westseite der Insel passierten. Im Vormars stand er etwa in der Höhe, von der aus die Insel recht gut zu überblicken war.

„Es sind zwei unserer Schiffe, Sir!“, brüllte der Ausguck nach unten.

„Zwei???“, entfuhr es Nathan.

„Das kann doch nicht sein!“, widersprach Edward und kletterte eilig in den Vormars hinauf. Der Ausguck gab ihm auf einen recht herrischen Wink das Fernrohr. Edward peilte hindurch und hätte sich beinahe verschluckt, als er die schwarzen Masten und Segel des einen Schiffes erkannte. Der Rumpf war noch hinter der Kimm verborgen.

„Guter Gott! Das ist die Black Pearl!“

„Sie fährt unter unserer Flagge, Sir“, setzte der Ausguck hinzu.

„Danke, Matrose!“, erwiderte Edward und verließ das Krähennest wieder. Mit wackeligen Knien kam er auf das Achterdeck.

„Das glaubst du mir nicht: In Five Cays liegt die Black Pearl unter unserer Flagge!“, keuchte er. Nathan rieb sich nachdenklich den Kinnbart.

„Sparrow ist gewitzt. Ich traue ihm zu, dass er unsere Flagge irgendwo abgestaubt hat und sich damit bei Palmer eingeschlichen hat. Hast du das andere Schiff auch erkennen können?“

„Nein. Aber es könnte eine Galeone von der Größe der Flying Dutchman sein. Das zweite Schiff liegt hinter der Black Pearl.“

„Wenn Sparrow noch Herr seines Schiffes ist, müssen wir damit rechnen, mit einem Granatenhagel empfangen zu werden. Wir sollten uns möglichst vorsichtig der Bucht nähern.“

„Traust du ihm zu, gegen den Kraken und gegen David und Elaine bestanden zu haben?“, hakte Edward nach.

„Wenn überhaupt jemandem, dann Jack Sparrow; vielleicht noch William Turner. Sie haben vor Jamaica zusammen ein Schiff dieser Größe und Bewaffnung versenkt – die Namensvorgängerin dieses Schiffes“, erinnerte Everett.

„Nathan, hast du vergessen, dass diese beiden deinen Vater und deinen Onkel umgebracht haben?“

„Verzeihung, wenn ich dich korrigiere: Mein Vater wurde von Ara Goldbart ermordet, mein Onkel nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren gehängt“, versetzte Nathan. „Und wenn sie überhaupt gegen die Company vorgegangen sind, dann deshalb, weil wir ihnen zuerst auf die Füße getreten sind. Du weißt, dass ich vieles ändern wollte, Eddie. Eines ganz gewiss: das Verhältnis zu so genannten Piraten! Wir sollten endlich wieder ehrbaren Handel treiben und uns nicht mit privater Rache aufhalten!“

„Dann bete, dass sie nicht auch private Rache suchen“, seufzte Edward.

 

Die Endeavour blieb in Five Cays nicht unbemerkt. Im Großmast der Black Pearl hatte Ragetti Posten bezogen.

„Hey, wir kriegen Besuch!“, schrie er nach unten. Jack schnappte sich das Fernrohr und peilte in die von Ragetti angegebene Richtung.

„Wenn ich nicht wüsste, dass die Endeavour vor Jamaica explodiert ist, würde ich annehmen, sie fährt dort hinten im Westen“, brummte er. „Segel setzen, Anker lichten und raus hier!“, befahl er.

„Was ist mit Will und seiner Flying Dutchman, Captain?“, fragte Gibbs.

„Signalisiere ihm, dass wir auslaufen, um den Hafen zu schützen“, erwiderte Jack. „Er sollte besser mitkommen, wenn ihm seine Aztec lieb ist. Sie liegt im Dock und ist nicht kampffähig.“

Joshamee sah Jack verwirrt an. Dass Jack sich freiwillig für einen anderen einer Gefahr aussetzte, kannte er nicht.

„Wär’s nicht besser, wenn wir uns der ältesten und besten Piratentradition erinnern würden, Captain?“, fragte er. Jack sah auf die im Dock liegende Aztec. Er erinnerte sich an die vielen Male, die Will mit seiner Aztec gerade noch zur Stelle gewesen war, um ihm zu helfen – zu helfen, ohne nach Lohn oder Gegenleistung zu fragen … Nein, er wusste, dass Elizabeth und Will an ihrer Aztec ebenso hingen wie er an seiner geliebten Pearl.

„Ich war noch nie ein Freund von Traditionen. Außerdem …Wir schulden ihm etwas, Master Gibbs.“

Gibbs’ Gesicht hellte sich auf.

„Aye“, sagte er. „Na, hopp, ihr Kielratten! Setzt die Segel!“, scheuchte er dann die Crew auf.

„Sir!“, meldete Groves und salutierte militärisch vor Will. „Die Black Pearl signalisiert, dass sie ausläuft!“

Will winkte nach dem Fernrohr, das Hoskins ihm gespielt diensteifrig brachte und peilte mit blasiertem Lächeln und hochgezogener linker Braue nach der schwarzen Galeone. Er drehte sich um und sah ein fremdes Schiff – einen gewaltigen Dreidecker vom Format der von ihm selbst und Jack zusammen mit seinem Vater vor Jamaica versenkten Endeavour – das die Westseite der Insel umfuhr. Es fuhr unter der Flagge der East India Trading Company.

„Setzt die Segel, aber etwas plötzlich!“, befahl er mit schneidender Stimme. Gespielt angstvoll sprangen seine Leute an die Wanten, rannten die Webeleinen hinauf, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her. Die Flying Dutchman setzte sich ebenfalls in Bewegung und folgte der Black Pearl vor den Hafen. Beide Galeonen setzten sich nebeneinander und blockierten die Hafeneinfahrt.

 

Der Zeitraum, den die Crews der beiden Galeonen zum Setzen der Segel und zum Auslaufen aus dem Hafen benötigten, entsprach in etwa der Zeit, den die neue Endeavour benötigte, um die Insel zu umrunden und in die Bucht von Five Cays einzulaufen.  

„Das ist tatsächlich die Flying Dutchman!“, entfuhr es Edward. Er nahm erneut das Fernrohr und peilte auf das Achterdeck der Galeone. „Aber wenn das mein Bruder David ist, bin ich der Klabautermann!“, setzte er hinzu. Nathan nahm ihm das Fernrohr ab und sah zur Flying Dutchman.

„Turner!“, entfuhr es ihm. „Hat sich ganz nett verkleidet, der Gute …“

Everetts Blick schweifte auf die Black Pearl hinüber.

„Und Sparrow … Ich wusste doch, dass nur diese beiden gegen Elaine, David und den Kraken ankommen würden. Palmer ist auf sie hereingefallen. Das Schiff, was da im Dock liegt, sieht nach der Aztec aus.“

„Wir kommen nicht an ihnen vorbei. Was wollen wir tun?“

„Wenn wir ernsthaft einen Neuanfang wollen, Edward, sollten wir gar nicht erst auf den Gedanken kommen, sie anzugreifen.“

„Und wenn sie uns angreifen?“

„Mal sehen, wie weit die Spielfreude geht …“, lächelte Nathan.

 

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Kapitel 29

Interessanter Kontakt

 

1„Wenn wir auf sie schießen, weiß Palmer, von wo der Wind pfeift“, warnte Stiefelriemen leise.

„Das wird er spätestens dann wissen, wenn dieses Schiff den Hafen erreicht. Ich sehe Nathan Everett auf dem Achterdeck. Er kennt mich.“

„Woher?“

„Er hat mich noch während des Krieges aufgesucht, um mir ein Geschäft vorzuschlagen; damals, als er die Leitung der East India Trading Company übernahm. Ich habe ihn schneller aus meiner Schmiede geschmissen, als er drin war.“

„Also, was hast du vor?“

„Nach allem, was ich in Elaines Tagebüchern und Geschäftskorrespondenz gelesen habe, ist Nathan Everett etwas anders gestrickt als der Rest der Familie. Es könnte sein, dass ich damals einen Fehler gemacht habe, als ich ihn hinausgeworfen habe. Ich werde mit ihm reden.“

„Sollen wir die Kanonen klarmachen, Captain?“, fragte Groves.

„Aye, aber nicht schießen. Ein Company-Schiff wird kaum ein Company-Schiff angreifen“, entgegnete Will. „Wir warten ab, was die Crew da drüben anstellt. Setzt das Willkommenssignal!“

„Aye, Captain!“

Ein Blick zur Black Pearl zeigte Will, dass auch Jack zwar das Klarmachen der Kanonen befohlen hatte, aber ebenfalls keine Anstalten zum Abfeuern machte.

 

Nathan Everett beobachtete die Vorbereitungen der vor dem Hafen liegenden Segler.

„Sie wollen ihre Tarnung nicht aufgeben“, schmunzelte er. Dann stieg auf der Flying Dutchman eine Signalflaggenkombination hoch, die im internen Code der Company ein Willkommenssignal war.

„Und sie spielen ihre Rollen gut“, grinste Nathan. „Na schön, tun wir ihnen den Gefallen und folgen der Einladung. Antwortsignal setzen!“

 

„Schau an, sie fallen darauf herein“, frohlockte Gibbs. „Schicken wir sie auf den Meeresgrund, Sir?“

Jack schüttelte den Kopf.

„Nein. Sieht so aus, als wollten sie an der Flying Dutchman längsseits gehen. Steuerbordgeschütze besetzt halten, Kurs Flying Dutchman. Wir gehen näher ran.“

Die Endeavour näherte sich langsam der Flying Dutchman. Will ließ seine Leute an Deck bewaffnet antreten. Sollte Everett den Fehler begehen, das Schiff gewaltsam in seine Hand bringen zu wollen, sollte er merken, dass die Crew das nicht ohne Gegenwehr über sich ergehen lassen würde. Die Fregatte erreichte die große Galeone, eine Brücke wurde herüber gelegt. Everett trat auf die Brücke und ging bis zur Reling der Flying Dutchman vor.

„Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen“, sprach er die ebenso höfliche wie übliche Formel, die im Regelfall eher eine Floskel war, hier aber in der Tat eine wirkliche Bitte beinhaltete. Groves sah kurz zu Will, der nickte.

„Erlaubnis erteilt, Sir. Guten Morgen, Sir.“

Nathan und Edward Jones betraten allein das Deck der Flying Dutchman. Will verließ das Achterdeck und kam den Besuchern entgegen.

„Guten Morgen, Captain Turner“, begrüßte Everett ihn.

„Guten Morgen, Lord Everett“, erwiderte Will mit einem freundlichen Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung. Nathan musterte ihn von oben bis unten.

„Netter Aufzug. Ich wette, Palmer ist darauf hereingefallen. Wie … kommt Ihr zu diesem Schiff?“

„Wie kommt die Company dazu, mir und meinem neuen Gesellen einen Mörder auf den Hals zu hetzen? Wie kommt die Company dazu, mich samt meinem Schiff versenken zu wollen? Wie kommt die Company dazu, Captain Sparrow einen ausgewachsenen Kraken auf den Hals zu hetzen?“, fragte Will mit unüberhörbarer Schärfe. Sein freundliches Lächeln war erloschen wie eine ausgepustete Tranlampe. „Ich betrachte dieses Schiff einstweilen als Schadensersatz für die Nerven, die mich die Company schon gekostet hat!“, setze er hinzu.

Everett und Jones sahen betreten zu Boden. Sie wussten nur zu gut, was ihre Väter und ihre Geschwister angerichtet hatten.

„Was … was ist mit der ursprünglichen Crew?“, fragte Jones mit belegter Stimme. Bevor Will etwas sagen konnte, trat ein Mann in Company-Uniform vor.

„Die Überlebenden der Crew von Captain Jones haben sich Captain Turner und Captain Sparrow angeschlossen, Mister Jones!“

„Und … die, die nicht …“

„… die hat der wahre Davy Jones dorthin mitgenommen, wohin sie gehören“, erwiderte Will.

„Also in die Hölle“, seufzte Edward.

Will konnte sich ein erneutes Lächeln nicht verkneifen.

„Das wusste der Fährmann der Seelen selbst nicht genau. Er erfährt es auch erst dann, wenn sein Schiff den Kurs wechselt, wie er mir sagte.“    

Jones und Everett sahen sich verblüfft an.

„Ihr … habt mit ihm gesprochen?“

„Ohne ihn stünde ich nicht mehr hier, nachdem ein realer David Jones mich mit einer Waffe aufgespießt hatte, die er eigentlich nicht hätte besitzen dürfen.“

„So, wie Ihr dieses Schiff nicht haben dürftet?“, fragte Jones leicht ätzend.

„Ich denke nicht, dass Waffen von Leuten, die seit zweihundert Jahren tot sind, Schadensersatz für zugefügtes Unrecht sein können, so wie ich die Flying Dutchman als Schadensersatz betrachte. Wie Euer Captain an das Schwert des Hernan Cortés und seine Begleiterin an das des Juan Ponce de Léon gekommen sind, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass das Schwert des Cortés und das des Ponce de Léon Eigentum meiner guten Freundin Tia Dalma sind, die sie auf der Isla de Muerta verborgen hatte. Von dort sind sie verschwunden. Und von Tia Dalma weiß ich, dass sie nie persönlich gegen die Company etwas unternommen hat“, versetzte Will kalt. „Nach den Aufzeichnungen, die ich hier an Bord gefunden habe, war es beiden klar, dass es keine gewöhnlichen Waffen sind. Selbst ein so profitgieriges Unternehmen die die East India Trading Company vergreift sich normalerweise nicht an historisch wertvollen Gegenständen, sondern gibt sie einem Museum.“

„Ihr habt Recht, Captain Turner“, erwiderte Everett. „Es war Unrecht, dass meine Schwester Elaine und Edwards Bruder David sich an Dingen vergriffen haben, die ihnen nicht gehörten.“

„Ich gebe zu, ich höre zum ersten Mal in meinem Leben aus dem Munde einer Führungskraft der Company solche Worte …“, sagte Will. Everett lächelte leicht.

„Ich gehöre nicht zur Company – nicht mehr, seit der König mich zwang, die Geschäftsleitung aufzugeben und seit meine Schwester dafür gesorgt hat, dass Edward mich entließ.“

„Und … wieso seid Ihr jetzt auf einem Schiff der Company und in Begleitung dessen, der Euch entlassen hat?“, hakte Will ein.

„Edward hat mich nicht freiwillig hinausgeworfen, Elaine hat ihn dazu genötigt. Das ändert nichts daran, dass wir seit langem gute Freunde sind, Captain Turner. Werdet Ihr anhören, was wir Euch vorzuschlagen haben oder werdet Ihr uns versenken?“

„Mit der East India Trading Company mache ich keine Geschäfte. Ich glaube, das hatte ich Euch deutlich gesagt“, grollte Will. Everetts Lächeln verbreiterte sich.

„Nein, mit der East India Trading Company gewiss nicht, das erwarten wir auch nicht, Captain Turner. Wenn der König erfährt, was Elaine und David angestellt haben, wird er diese Gesellschaft ohne weitere Verzögerung auflösen.“

„Und? Soll ich für Euch um gut Wetter bitten?“

Everett atmete tief durch.

„Sir William, ich bin mir bewusst, dass Mitglieder meiner Familie Euch mehr als genug auf die Füße getreten sind. Dass ich von einem anderen Schlag bin, werde ich Euch beweisen müssen, auch das ist mir bewusst. Aber ich möchte es Euch beweisen – mit einer neuen Gesellschaft, die sich anders benehmen wird. Werdet Ihr mir die Chance geben?“

„Der König wollte Euch nicht an der Spitze der East India Trading Company. Meint Ihr wirklich, er wird es mit einem anderen Namen dennoch mit Euch versuchen?“, fragte Will zweifelnd.

„Ich weiß es nicht – aber ich habe nicht die Absicht, gleich wieder eine derart große Gesellschaft zu gründen, strebe auch nicht nach königlichen Sonderprivilegien. Mir ist durchaus klar, dass ich mir das Vertrauen des Königs ebenso erst verdienen muss wie Eures.“

„Und … was habt Ihr nun vor?“

„Die East India Trading Company wird aufgelöst. Edward wird entsprechende Schritte in die Wege leiten. Wir beide werden eine neue Handelsgesellschaft gründen und ganz klein anfangen, wie es sich für einen ehrbaren Kaufmann gehört. Wenn … wenn Ihr bereit wärt, euch daran zu beteiligen, könnten wir Euch aus den Archiven der East India Trading Company Informationen zukommen lassen, die Euch sicher von Nutzen sein werden.“

„Was für Informationen?“, hakte Will ein.

Edward seufzte tief.

„Die Company hat brisante Informationen über alles und jeden, der ihr jemals in die Quere gekommen ist“, sagte er. „Wir möchten das ungern der Regierung anvertrauen, weil es auch unangenehme und gefährliche Geheimnisse über Euch und Eure Freunde enthält. Bei Euch wäre es besser aufgehoben, als bei Leuten, die Euch und Euren Freunden umgehend mit dem Strick drohen würden.“

„Nehmen wir mal an, ich würde mich Eurer Gesellschaft nicht anschließen – wem würdet Ihr diese Informationen dann weitergeben?“, fragte Will mit unüberhörbarem Misstrauen.

„Missversteht den Vorschlag bitte nicht als den Versuch, Euch zu erpressen, Sir William“, beschwichtigte Nathan ihn. „Wir würden das Archiv dann vernichten. Außerhalb der East India Trading Company seid Ihr und die Männer, die diesem Gespräch folgen, die einzigen, die überhaupt um dessen Existenz wissen. Andererseits gehören die menschenverachtenden Geschäftspraktiken der Company lauthals angeprangert. Es kann so nicht weitergehen. Ihr scheint uns der einzige Garant dafür zu sein, dass die negativen Aspekte einer großen, privilegierten Handelsgesellschaft zur Anklage gelangen, ohne dass andere, die sich auch für England in die Bresche geworfen haben, dadurch in Gefahr geraten. Ihr zum Beispiel oder Captain Sparrow oder andere Piraten, die England als Freibeuter treu gedient haben. Wir sind sicher, dass Ihr einen Platz kennt, den außer Euch keiner aufsuchen kann.“

„Ich gebe zu, dass ich nach einem Pferdefuß in Eurem Vorschlag suche und ihn bislang nicht finden kann. Es wäre mir lieb, wenn ich darüber nachdenken könnte und mich mit meiner Frau und meinem Freund Sparrow beraten könnte“, erwiderte Will.

„Tut das. Ehrbare Kaufleute lassen einem gewünschten Partner genügend Zeit, um über ein Geschäft nachzudenken. Um unseren guten Willen zu beweisen, werden wir Euer Theater gegenüber dem Agenten Palmer decken“, bot Jones an. Will war versucht, dieses Angebot abzulehnen, als ihm gerade noch einfiel, dass Jack mit seiner Crew hier geplündert hatte, dass die Schwarte krachte. Er nickte.

„Hier, das ist unser vollständiges Angebot in schriftlicher Form“, sagte Everett und übergab Will einen mehrseitigen Vertrag.

 

Everett und Jones kehrten auf die Endeavour zurück, die Flying Dutchman geleitete die Fregatte in den Hafen, die Black Pearl blieb außerhalb des Hafens. Die Galeone und die Fregatte legten am Kai der Company an. Edward Jones eilte umgehend ins Büro des Agenten, um sich nach dem Stand der Reparaturarbeiten an der Aztec zu erkundigen.

„Wir arbeiten so schnell wir können, Sir. Das Schiff ist schwer beschädigt …“, brachte Palmer mühsam heraus. Der Agent wusste nur zu genau, dass nichts den Vorständen der Gesellschaft schnell genug ging. Umso verblüffter war er, als Jones ihm bedeutete, nicht so aufgeregt zu sein.

„Ist gut. Es ist ein Beuteschiff …“

„Sie ist ein sehr gutes Schiff, Sir. Sie wäre eine Zierde unter unseren Schiffen, besonders für kleinere Häfen“, warf Palmer ein.

„Mag sein. Sie wird kein Transportschiff werden, sondern weiterhin als Kaperschiff fahren. Insofern werden daran keine Umbauten zum Frachtschiff vorgenommen, verstanden?“, wies Jones den Agenten an.

„Ja, Sir. Wie Ihr wünscht.“

 

Unterdessen hatte Will Turner Gelegenheit, sich das Angebot von Everett und Jones durchzulesen. Geplant war eine Handelsgesellschaft mit zwei Kompagnons – Everett und Jones – die jeweils ein Grundkapital von eintausend Guineas gaben und einem stillen Teilhaber, der einhundert Guineas einsetzte. Ziel der Gesellschaft war Gewinnerwirtschaftung durch An- und Verkauf von Kolonialwaren, also Kaffee, Kakao, Zucker, Melasse, Rum, Gewürze und tropische Früchte, mit einer Gewinnspanne von maximal zehn Prozent. Dazu kamen Waren des täglichen Bedarfs – je nach Nachfrage – die ebenfalls mit maximal zehn Prozent Gewinnspanne verkauft werden sollten. Als wünschenswert war die Aufnahme von Metallwaren angedacht, wobei hier noch keine Gewinnspanne berechnet war. Hierüber sollte verhandelt werden. Als weitere Planung – falls das Unternehmen wachsen sollte und weitere Filialen gegründet wurden – war ein jährliches Salär für den jeweiligen örtlichen Geschäftsführer von fünf Pfund angedacht, für Handelsgehilfen zwei Pfund sowie eine Gewinnbeteiligung, die naturgemäß vom Gewinn abhängig war. Der Gewinn sollte zum Vorteil aller Beteiligten erworben werden, also auch zum Vorteil der Lieferanten, die die Waren über die Gesellschaft vertrieben und zum Vorteil der Kunden, die die Waren günstig erwerben konnten. Um Handelsprivilegien wollte man sich nicht bewerben, sondern sich der Konkurrenz anderer Handelsgesellschaften stellen und mit günstigen Preisen, zuverlässiger Lieferung, großzügiger Gewährleistung, fairer Behandlung von Lieferanten, Kunden und Angestellten kaufmännisches Ansehen erwerben. Vorteilserzielung durch Ausspähung von Konkurrenten, Verleumdung, direkte Angriffe auf Mitbewerber wurden ausdrücklich als eines ehrbaren britischen Kaufmannes unwürdig ausgeschlossen. Ebenfalls ausgeschlossen wurde die Einrichtung einer eigenen militärischen Abteilung. Eigene Schiffe sollten erst dann eingesetzt werden, wenn das Handelsvolumen der Gründungsniederlassung einen solchen Umfang erreicht hatte, dass der Transport auf einem oder mehreren eigenen Schiffen durch den Kauf eigener Schiffe kostengünstiger war, als auf fremden Schiffen. Sollten eigene Schiffe eingesetzt werden, sollten diese zum Schutz gegen Räuber bewaffnet werden und mit Personal besetzt werden, das seemännisch erfahren war und nach Möglichkeit auch Erfahrung in der Abwehr von Piraten hatte. Grundsätzlich wollte man Überfälle aber dadurch vermeiden, dass man Reichtum nicht zur Schau stellte und nach Möglichkeit so günstige Preise machte, dass sich das Risiko eines Raubes nicht lohnte. Keinesfalls sollte durch den Handel irgendjemand Nachteile erleiden. Der Handel mit Sklaven wurde kategorisch ausgeschlossen, ebenso die Begünstigung des Sklavenhandels und der Verkauf von Waren, die unter Sklaveneinsatz produziert worden waren. Der Gründungssitz der Gesellschaft sollte London sein, in Port Royal sollte ein Ladengeschäft eröffnet werden, in dem die zu handelnden Waren feilgeboten wurden – vorausgesetzt, der Gouverneur genehmigte die Eröffnung.

Erst im letzten Teil des Gesellschaftsvertrages fand Will zwei Bedingungen, die ihn davon abhielten, mindestens als stiller Teilhaber beizutreten: Kein Gesellschafter sollte einen Kaperbrief haben. Wer bei Eintritt als Gesellschafter bereits über eine solche Plünderlizenz verfügte, musste sie zurückgeben. Die zweite Bedingung war die Ankündigung, dass Gesellschafter oder Mitarbeiter, die gegen britische Gesetze verstießen, ohne Ansehen der Person den britischen Behörden zwecks Bestrafung übergeben werden sollten. Will besaß einen Kaperbrief. Er betrachtete ihn weniger als Lizenz zum Plündern, sondern eher als Lebensversicherung. Selbst wenn die East India Trading Company aufgelöst werden sollte, gab es immer noch die Menschen, die sie ausgemacht hatten. Manche davon betrachteten Captain William Turner als sehr persönlichen Feind. Zwar waren Lady Elaine, David Jones und Jimmy Legs tot, aber ob Captain Greitzer wirklich endgültig aus dem Verkehr gezogen war, bezweifelte Will. Und was Gesetzesverstöße betraf, war er sich bewusst, dass er nicht immer in dem engen Rahmen blieb, den die Gesetze dem normalen britischen Bürger ließen. Zwar hatte er Gesetze immer nur dann übertreten, wenn es darum gegangen war, sich selbst oder andere vor Schaden oder Ungerechtigkeit zu bewahren – aber von derartigen Einschränkungen stand nichts im Gesellschaftervertrag. Ob ein Richter in London in entsprechenden Fällen Gnade walten ließ, wollte Will lieber nicht ausprobieren.

Im Großen und Ganzen war der Gesellschaftervertrag aber so sehr von Demut, Bescheidenheit, sozialem Gewissen und kaufmännischer Ehre geprägt, dass Will für die neue Gesellschaft – wie immer sie heißen sollte – beim König als Fürsprecher eintreten wollte. Jones und Everett verdienten die Chance, dem König zu beweisen, dass sie ehrbare Kaufleute waren, die nicht nur den eigenen Gewinn sahen, sondern auch die Verpflichtung gegenüber ihren Lieferanten, Mitarbeitern und Kunden.  

 

 

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Kapitel 30

Verhandlungen

 

Am Abend hatte Will Gelegenheit, Elizabeth, seinen Vater und Jack Sparrow über den Vorschlag von Jones und Everett zu informieren. Alle drei bekamen zweifelnde Mienen.

„Glaubst du das ernsthaft?“, erkundigte sich Jack. „Die haben doch nur Angst, ihre Handelsprivilegien zu verlieren!“

„Wenn sie das ernst meinen, was in diesem Vertrag steht, dann sind sie darauf nicht aus. Im Gegenteil, sie wollen gar keine Privilegien. Aber das Angebot eröffnet uns den legalen Weg, den Teil des EITC-Archivs zu bekommen, der den Piraten dieser Welt gefährlich werden könnte.“

„Und dafür willst du deinen Kaperbrief abgeben?“, fragte Elizabeth. „Ganz ehrlich: Das Ding ist deine einzige Chance, dich auf See verteidigen zu können.“

„Wenn die East India Trading Company tatsächlich aufgelöst wird und diejenigen, die die Befehle von Lady Elaine allzu willig befolgt haben, den Behörden übergeben werden, brauche ich mich auf See vielleicht nicht mehr zu verteidigen“, wandte Will ein, auch wenn speziell die Personen, die treu zur EITC standen, ihm noch Sorge bereiteten.

„Sehen wir mal von Franzosen und Spaniern ab“, warf „Stiefelriemen Bill“ Turner ein. „Denen solltest du nicht über den Weg fahren“, warnte er.

„Ich gedenke, das auszuprobieren, Vater. Noch habe ich den Kaperbrief und damit das Recht, mich auf See gegen Angreifer zu verteidigen. Sofern die Aztec wieder seeklar ist, werden wir eine Reise einmal durch die Karibik machen. Jones und Everett werden inzwischen die East India Trading Company auflösen …“

„Ich wäre gern dabei, wenn das Archiv auseinandergenommen wird. Es ist mir zu riskant, dass davon Abschriften erstellt werden, die dann eines Tages gegen uns verwendet werden“, sagte Elizabeth. Will nickte.

„Sehen wir erst einmal, dass die Aztec und die Black Pearl komplett repariert werden. Ich werde mit Jones und Everett reden, wie ich mich beteiligen kann, ohne den Kaperbrief abzugeben.“

 

Am folgenden Tag traf Will sich erneut mit Jones und Everett.

„Nun, was sagt Ihr, Captain Turner?“, fragte Everett.

„Abgesehen von dem Umstand, dass ich meinen Kaperbrief abgeben müsste und dem Hinweis darauf, dass Gesetzesübertretungen unnachsichtig den Behörden angezeigt werden, habe ich nichts gefunden, was mir unannehmbar erscheint“, erwiderte Turner. Everett sah ihn verblüfft an.

„Das mit dem Kaperbrief könnte ich noch verstehen, das mit den Gesetzesverstößen absolut nicht. Erklärt uns das, bitte.“

Will lächelte auf seine ebenso charmante wie unnachahmliche Art.

„Ihr solltet dazu wissen, dass ich gelegentlich dazu neige, Gesetze anzuzweifeln, wenn sie dem Bürger ein gar zu enges Korsett verpassen. Mein Gerechtigkeitsgefühl hat schon so manchen Stoß bekommen, wenn jemand streng nach dem Gesetz verfahren wollte. Ich habe es einmal als ungerecht empfunden, dass ein Pirat für elend lange zurückliegende Taten zum Tode verurteilt wurde, dass seine neueren guten Taten aber nicht berücksichtigt wurden. Ich habe – gegen das geltende Gesetz – den Gouverneur von Jamaica aus dem Gefängnis befreit und mich so manches Mal nicht darauf verlassen, dass die britische Justiz Leute verfolgen würde, die mir ans Leben wollten. Deshalb kann ich auch für die Zukunft nicht garantieren, dass ich mich immer in dem engen Rahmen bewege, den mir die Gesetze lassen. Dafür bin ich wahrscheinlich zu impulsiv. Vielleicht bin ich inzwischen auch zu lange Freibeuter gewesen, um mich ungerechten Gesetzen zu unterwerfen. Insofern komme ich als stiller Teilhaber sicher nicht in Frage. Ich bin aber gerne bereit, für Euch beim König Fürsprecher zu sein. Das, was Ihr in diesem Vertrag festschreibt, lässt mich an eine Handelsgesellschaft glauben, die meinen eigenen Geschäftspraktiken entspricht“, erklärte Will.

„Ihr könnt Euch denken, weshalb wir diesen Passus eingefügt haben, oder?“, hakte Jones nach.

„Ja, das kann ich. Besser könnt Ihr dem König nicht demonstrieren, dass Ihr eine wirklich andere Gesellschaft gründen wollt und bedingungslose Gesetzestreue beschwört. Er wird das sogar von Euch erwarten, bevor er Euch vertraut. Die East India Trading Company hat keine Gelegenheit ausgelassen, sich über vom König erlassene Weisungen hinwegzusetzen und sich eigene Gesetze zu geben, um hemmungslos Profit zu machen. Eure Absicht ist absolut ehrenhaft, das kann ich nur unterstützen. Aber wenn, dann als ganz stiller Teilhaber, der eher Mitwisser als Mitbestimmer ist. Betrachtet mich als Freund, der Euch jederzeit helfen wird, wenn Ihr Eure Geschäfte auf die Art macht, wie Ihr es hierin ankündigt.“

„Dann werden wir Euch als ganz stillen Teilhaber ohne Kapitaleinlage und ohne jede Pflicht gegenüber der Gesellschaft betrachten. Dürfen wir Euch als … eine Art … Berater … ansehen?“, fragte Everett.

„Lasst mir meine Lebensversicherung Kaperbrief, fragt nicht danach, was ich außerhalb der Gesellschaft tue, und ich bin dabei. Ich möchte Euch unterstützen“, versprach Will.

„Ihr bekommt das Archiv. Sichert es, damit es nicht in falsche Hände gerät.“

„Das werde ich.“

„Wann werdet Ihr nach England reisen?“, fragte Jones.

„Sobald ich mich einigermaßen erholt habe und die Aztec instandgesetzt ist.“

„Erholt?“

„Davy Jones hat mich ins Leben zurückgeholt, nachdem ich schon tot war, Gentlemen“, erwiderte Will.

„Es war mein Bruder, der Euch niederstach, wie Ihr gesagt habt. Ich frage mich gerade, weshalb Ihr mit uns über das verhandelt, was wir Euch anbieten.“

„Ein guter Freund hat mir einmal im Traum geflüstert, dass der Tod die seltsame Eigenschaft habe, die Prioritäten neu zu setzen. Ihr bietet mir die Chance, den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt, der sich seit Jahren zwischen mir, meinen Freunden und einer gewissen britischen Handelsgesellschaft dreht, zu durchbrechen. Ihr habt den ersten Schritt getan, jetzt komme ich Euch entgegen“, lächelte Will verbindlich.

„Sir William, mir wäre daran gelegen, ein für allemal die Feindschaft zu beenden, die zwischen meiner Familie und der Euren entstanden ist“, sagte Everett.

„Ist es eine Familienfehde?“, fragte Will verblüfft. „Bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass die East India Trading Company einfach nur Piraten aus dem Weg haben will, weil sie den Handel stören. Und ich habe angenommen, dass für die Company jeder ein Pirat ist, der sich ihr nicht bedingungslos unterwirft. Bin ich da im Irrtum?“

„Nein, Sir William“, bestätigte Jones. „Ihr habt durchaus Recht mit Eurer Einschätzung. Seit der Gründung der Company im Jahr 1600 sind Piraten das wesentliche Feindbild der Gesellschaft. Wir – Nathan und ich – haben aber festgestellt, dass es Piraten gibt, die aus Habgier rauben und solche, die zwar stehlen wie die Raben, aber ein Freiheitsideal leben, das England einmal viel bedeutet hat, aber im verkrusteten Standesbewusstsein besonders des Adels verlorengegangen ist. Und dann gibt es noch welche, die wie Ihr auf den Weg der Piraterie getrieben wurden, ohne es gewollt zu haben“, sagte er. Als Wills Augen dunkler wurden, interpretierte Jones korrekt wurde, dass dieser Mann – ein königlicher Freibeuter – sich nicht Pirat nennen lassen wollte. Er hob beschwichtigend die Hände.

„Verzeiht, wenn ich in diesem Zusammenhang das Wort Piraterie benutze. Mir ist durchaus klar, dass Ihr niemals ein Pirat wart, sondern Freibeuter des Königs“, bremste er den befürchteten Wutanfall erfolgreich und atmete innerlich auf, als sich die ebenmäßigen Gesichtszüge seines Gegenübers wieder entspannten. „Mir ist auch bewusst, dass Ihr ohne den gesetzwidrigen Durchsuchungsversuch Eures Schiffes und die Beteiligung meines Schwiegervaters am Angriff auf Jamaica einschließlich der Gefangennahme des Gouverneurs niemals auf diesen Weg gezwungen worden wärt.“

„Dass eine Familienfehde vorliegt, wurde uns beiden auch erst vor kurzem klar, Sir William. Dazu ist es – sagen wir – eher zufällig gekommen. Gerade, weil die Company Euch dazu gezwungen hat, Euch selbst gesetzwidriger Methoden zu bedienen, seid Ihr zum Freibeuter geworden. Erst danach seid Ihr so richtig ins Blickfeld meiner Frau geraten, und sie begann, Informationen über Euch zu sammeln. Sie konnte Euren Stammbaum sehr weit zurückverfolgen und stellte fest, dass Eure Familie und die unsere schon vor fast sechshundert Jahren aneinander geraten sind.“

„Ich wusste gar nicht, dass einfache Leute wie meine Familie lange Stammbäume haben können. Ich selber kenne gerade noch meine Großmutter mütterlicherseits und weiß, dass mein Großvater väterlicherseits Drechsler war, was gut zum Namen passte – aber damit endet mein familiäres Wissen. Woher …“

Will stockte, als Jones die Hand hob.

„Seht es Euch an, wenn Ihr in London seid, Sir William. Ihr werdet wirklich verblüfft sein, glaubt mir. Deshalb … deshalb möchten wir Euch auch dieses Archiv anvertrauen.“ 

Will Turner hatte sich stets für jemanden gehalten, an dem Lockangebote abprallten. Aber in diesem Fall hatte Everett ihn derart neugierig gemacht, dass er unbedingt nach England reisen wollte, um seiner eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen. Schon die Bemerkung des königlichen Hofmarschalls, der einen Ibelin als einen seiner Vorfahren erwähnt hatte, hatte das grundsätzliche Interesse Turners geweckt; aber der Umstand, dass jemand die Geschichte seiner Familie aus eigenem Interesse erforscht und festgehalten hatte, bot die Möglichkeit, ohne Mühe einen ziemlich langen Stammbaum nachweisen zu können. Man konnte nie genau wissen, wozu das eines Tages gut sein mochte. Will war Feuer und Flamme und hatte kaum einen dringenderen Wunsch, als nun endlich nach England segeln zu können.

 

Doch bevor er dorthin fuhr, um das Archiv zu sichern, wollte er geklärt haben, wohin es am besten verlegt wurde. Während des Gesprächs mit den Kaufleuten war ihm ein Ort eingefallen, zu dem niemand außer den Piratenfürsten Zugang hatte – Schiffbruch-Bay, wie die von Calypso extra für die Piraten hergestellte Zuflucht in der Mitte der Karibik von ihren Besitzern genannt wurde. Doch als er den Titel des Königs der Piraten niedergelegt hatte, hatten die Piratenfürsten – allen voran Jack Sparrow – gefordert, dass er seinen Schlüssel zu dieser Festung abzugeben hatte. Irgendwie musste er also einen Schlüssel bekommen, denn erst auf Jack zu warten, der ihn einlassen würde, schien Will Turner zu unsicher. Jack Sparrow war überall und nirgends in der Karibik unterwegs. Er wollte ihn nicht erst Monate suchen müssen, wenn er mit dem Archiv in die Karibik zurückkehrte. Von dem Treffen mit den Kaufleuten steuerte Will schnurstracks die inzwischen im zweiten Dock von Five Cays zur Reparatur liegende Black Pearl an.

 

Captain Sparrow beaufsichtigte die Instandsetzung seines geliebten Schiffes höchstpersönlich. Keinesfalls sollte auch nur ein Stück an seiner schwarzen Liebe eine andere Farbe haben als der Rest. Im Laufe der Jahre, die er dieses Schiff nach seinem Brand kommandiert hatte, hatte er selbst Methoden entwickelt, um Hölzer zu schwärzen und gleichzeitig zu härten. Jack hätte es niemals freiwillig zugegeben, aber ein gewisser und gewiss nicht unerheblicher Teil der dazu notwendigen Forschungsarbeit war von Hector Barbossa geleistet worden, während er zehn Jahre lang Captain der Black Pearl gewesen war. Es war wirklich eine Kunst, Masten mit einem ganz speziellen Teer zu präparieren und so abzubrennen, dass sich lediglich ein zäher Schutzfilm bildete, der jeglichen holzfressenden Lebewesen, gleich ob über oder unter Wasser, den Appetit verdarb, gegen Salzwasser resistent war und flexibel genug war, um bei Sturm nicht einzureißen.

Als Will an Bord kam, wies Jack gerade einen der Werftarbeiter in diese hohe Kunst ein. Zu Wills Glück begriff der Mann schnell, wie er den neuen Mast auf diese Art präparieren musste.

„Ich werde dich nicht lange von der Heilung der schwarzen Geliebten aus Holz und Leinwand fernhalten“, versprach er, als Jack dennoch etwas unwillig auf seine Ansprache reagierte. Jack nickte und winkte Will in die Kapitänskajüte.

„Was willst du?“, fragte er mit unüberhörbarer Reizung.

„Ich habe die Leute soweit, dass ich das Archiv bekommen kann, ohne den Kaperbrief abgeben zu müssen. Jetzt benötige ich nur noch einen Schlüssel für das Riff, um es nach Schiffbruch-Bay bringen zu können“, erklärte Will.

„Du hast doch wie alle Piratenfürsten eine Acht-Reales-Silbermünze von Tia Dalma erhalten“, wunderte sich Jack.

„Hatte ich“, bestätigte Will mit schiefem Lächeln. „Und nachdem ich als König der Piraten zurückgetreten bin, hast du darauf bestanden, dass ich sie wieder abgebe. Ich habe sie damals Captain Teague gegeben“, erinnerte er.

„Hältst du es wirklich für klug, ein solch brisantes Archiv nach Schiffbruch-Bay zu bringen? Wo jeder Piratenfürst Zugang hat?“, fragte Captain Sparrow.

„Lieber die Piratenfürsten, die ohnehin Gegenstand dieser Sammlung von Informationen sind, als die britische Regierung, die ihnen allen an den Hals wollen würde. Wenn dein Vater es ebenso verwahrt wie den Kodex, droht diesem Archiv dort keine Gefahr.“

„Du würdest meinen Vater Teague dieses Zeug anvertrauen?“

„Wem, wenn nicht ihm? Er würde niemanden an den Kodex lassen, der ihn nicht kennen dürfte. Er wird dieses Archiv ebenso mit seinem Leben verteidigen. Wer denn sonst? Gib mir einen Tipp.“

„Du besitzt doch selbst eine Insel, oder nicht?“

„Ja, aber die Lage ist dem König bekannt, Jack. Ich will nicht, dass Informationen über dich oder andere Piraten irgendwie in die Hände von Leuten gelangen, die euch den Hals langziehen wollen. Schiffbruch-Bay kennen nur die Piratenfürsten und ich. Und dass ich es weiß, ist außer euch Piratenfürsten nur noch unserer Freundin Tia Dalma bekannt.“

„Bist du ein Pirat, Will Turner?“

„Nein, ich bin Freibeuter.“

„Ich gebe dir den Schlüssel – unter der Bedingung, dass du wieder König der Piraten wirst.“

„Ich habe dich gebeten, zwischen den Piratenfürsten und mir zu vermitteln. Solange zwischen ihnen und mir nicht wieder uneingeschränktes Vertrauen herrscht, werden sie mich nicht wieder zum König der Piraten wählen, das weißt du.“

Jack lächelte golden.

„Eben, du brauchst was, um sie zu ködern. Beschaff’ das Archiv und kauf’ dich damit wieder ein.“

„Ich würde das Archiv, wenn ich es gesichert habe, lieber gleich und ohne Verzögerung nach Schiffbruch-Bay bringen, statt mit dem Zeug an Bord erst um eine Wiederaufnahme unter die Piratenfürsten zu verhandeln. Einen Schlüssel hätte ich dann nämlich immer noch nicht, wenn du mir den erst geben willst, nachdem ich wieder König der Piraten bin.“

„Wieso sollte es gefährlich sein, das Archiv an Bord zu haben? Traust du deinen neuen Freunden doch nicht so sehr?“, fragte Jack listig.

„Du hast mich Vorsicht gelehrt, Captain Sparrow. Es sind vielleicht weniger Nathan Everett und Edward Jones, denen ich nicht recht traue, sondern andere Figuren von der East India Trading Company. Wenn Everett und Jones die EITC auflösen, verlieren eine Menge kampfkundiger Leute ihren Job. Die werden hinter mir her sein, wie der Teufel hinter der armen Seele.“

Jack rieb sich die Bartzöpfe und grinste breit.

„Dann weiß ich was viel Besseres. Etwas, das sehr viel piratiger ist, als deine viel zu geraden Gedanken, mein Freund.“

„Und was?“, fragte Will.

„Denke wie ich, dann fällt dir bestimmt was ein“, grinste Jack. Einen Moment sah Will Jack ratlos an, dann fiel der Penny. Wills besorgtes Gesicht hellte sich zu einem breiten Lächeln auf.

„Stehlen lassen …“ grinste er.

Kapern, Kumpel, kapern. Nautischer Begriff!“, strahlte Jack.

„Tortuga?“

„Nein, Kapverdische Inseln. Abgemacht?“

„Abgemacht!“               

 

Einstweilen hinderten aber die notwendigen Reparaturarbeiten an der Aztec die Turners, augenblicklich Segel zu setzen. Will erwischte sich am Abend dieses Tages dabei, ungeduldig zu werden, was den Fortgang der Instandsetzung betraf. Zwar wollte er die Flying Dutchman für diese Unternehmung nutzen, weil sie einfach mehr Platz bot, aber die Aztec war kleiner, unauffälliger und vor allem vertrauter. Er kannte diese Brigg jetzt acht Jahre, hatte mit ihr viel erlebt – und sie hatte ihn nie im Stich gelassen. Ein verschmitztes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als ihm klar wurde, dass er seine Aztec wohl kaum weniger liebte als Jack seine Black Pearl … Und er wollte sie jetzt auf keinen Fall allein in fremden Händen lassen. Es wäre ihm vorgekommen, als ob er seine Frau oder seine Kinder allein zurückgelassen hätte – so, wie er es geträumt hatte in jenem Traum, in dem er Calypsos Fährmann hatte ersetzen müssen. So, wie sie dort in der Werft lag, abgetakelt und ramponiert, tat es ihm richtig weh. Andererseits waren die ersten Erfolge der Reparaturen schon zu sehen. Die beiden Masten waren bereits ersetzt, ebenso die zerschossenen Planken der Backbordseite. Es war, als ob Wunden zu heilen begannen. Der Umstand, dass die hässlichen Wunden langsam geschlossen wurden, ließ den Schmerz bei Will wieder vergehen und linderte auch die aufgekommene Ungeduld. Ein Gefühl von Frieden breitete sich in ihm aus, das von dem warmen Abendlicht noch verstärkt wurde, das die Aztec beschien.

„Was ist?“, fragte Elizabeth, als sie das Lächeln ihres Mannes bemerkte, der aus dem großen Fenster der Achterkajüte der Flying Dutchman auf die immer noch in der Werft befindliche Aztec schaute. Sie kam aus dem Waschraum neben der Kajüte, trat zu ihm und legte ihm vertraulich eine Hand auf den Rücken. Sein linker Arm erwiderte die sanfte Berührung und legte sich wie von selbst um sie. Er sah sie an, sein Lächeln verbreiterte sich noch, nahm aber einen so unglaublich warmen Zug an, dass Elizabeth beinahe weiche Knie bekommen hätte.

„Mir ist gerade aufgefallen, dass ich in drei weibliche Wesen ziemlich vernarrt bin“, sagte er und umarmte sie ganz.

„Drei?“, fragte sie verblüfft. „Müsste ich etwas wissen, Captain Turner?“

„Nun ja – in dich, unser Töchterchen Lilly und in unsere hübsche, handliche Brigg namens Aztec“, schmunzelte er und küsste seine Frau. „Ich fürchte, mir geht’s da ähnlich wie Jack.“

Jetzt war es Elizabeth, die ein schelmisches Grinsen bekam.

„Nein, so verrückt nach einem Schiff kann nur Jack sein. Aber du hast Recht. Ich bin auch ziemlich vernarrt in unsere hübsche Zweimasterin“, sagte sie. Ihr Lächeln erlosch. „Sie haben es recht übel zugerichtet, unser hölzernes Töchterlein. Ob sie je wieder so werden wird, wie sie war?“

Will zuckte mit den Schultern und spürte mit einigem Behagen, dass sie sich dicht an ihn schmiegte, den Kopf an seine Halsbeuge legte. Er schloss kurz die Augen, so überwältigte ihn Elizabeths zarte Geste. Er spürte, wie ihn Begehren beschlich.  

„Ich hoffe es, denn die Dutchman ist mir eigentlich eine Nummer zu groß“, sagte er

„Du … denkst an den Auftrag, den … uns … dir … Davy Jones gegeben hat?“, fragte Elizabeth leise. Ihr rechter Zeigefinger ging auf eine zärtliche Reise von seinem Hals in Richtung Brust. Sein dunkelrotes Hemd – inzwischen eines seiner liebsten Kleidungsstücke – war bis zum Oberbauch offen und hing lose über der Kniehose. Stiefel und Strümpfe hatte er schon ausgezogen. Der Wind fuhr durch das geöffnete Kajütenfenster hinein und legte die Saugnapfspur frei, die sich um seinen linken Brustmuskel zog. Elizabeths schmaler Zeigerfinger ging auf eine liebevolle Wanderschaft und folgte mit einem sachten Streicheln den versetzten roten Flecken auf Wills bloßer Brust. Die andere Hand schlich sich hinten unter das weit geschnittene Hemd und blieb gerade über dem Rand der Hose auf seiner Haut liegen. Ein sehnsüchtiges Seufzen entrang sich ihm. Alles in ihm schrie nach ihr.

„Weißt du, was du da tust?“, fragte er. Seine Stimme klang heiser. Elizabeth hob den Blick zu seinen braunen Augen, in denen die schiere Begierde stand.

„Ja“, flüsterte sie und küsste ihn erneut. Es war ein warmer, zärtlicher Kuss, ein unglaublich liebevolles gegenseitiges Streicheln ihrer Zungen. Auch ihre zweite Hand schmuggelte sich unter sein Hemd und kraulte ihn verliebt am Rücken. Sie spürte, dass seine Hände es eilig hatten, den Weg unter ihr ebenfalls lose über der Hose hängendes Hemd zu finden. Er zog sie ganz nah an sich, schien sie nie wieder hergeben zu wollen. Seit achtzehn Jahren kannten sie sich, seit neun Jahren waren sie verheiratet, seit sieben Jahren waren sie Eltern, aber an ihrer Liebe und ihrem gegenseitigen Begehren hatte sich nichts geändert. Im Gegenteil: Ihre Liebe war noch gewachsen, sie verstanden sich blind und ohne Worte. Sie waren nicht nur eine eingespielte Crew, sie gehörten zusammen. Einer war ohne den anderen einfach undenkbar.

„Captain Turner, ich habe Sehnsucht nach Euch“, flüsterte sie, nun kaum weniger heiser als er, als sie die deutliche Schwellung in seiner Körpermitte spürte. Er nickte nur, hob sie noch im Kuss hoch und trug sie zur Koje. Sie entkleideten sich gerade noch so weit, wie es unbedingt erforderlich war, glitten zusammen und liebten sich mit einer Leidenschaft wie sonst nur zu Hause in ihrem Schlafzimmer außerhalb der Hörweite ihrer Kinder. Erst jetzt, als sie ihrem unbändigen Verlangen lustvoll nachgaben und ihre Hingabe aneinander sie beinahe zerriss, wurde ihnen bewusst, wie sehr die letzten Tage sie voneinander ferngehalten hatten. 

 

Als Elizabeth aus dem Rausch dieser Wonne erwachte, war es heller Vormittag. Neben sich spürte sie Wills Wärme. Verschlafen blinzelte sie zu ihm hinüber. Es war ihnen irgendwann in der Nacht offensichtlich doch noch gelungen, sich komplett auszuziehen, denn unter dem dünnen Laken, in das er sich ab der Hüfte eingedreht hatte, zeichnete sich nichts mehr ab, was als Hose hätte tituliert werden können. Ein verliebtes Seufzen schlich sich aus ihrer Kehle, als sie ihrem Ehemann in das entspannte Gesicht sah. Das Seufzen hatte aber auch etwas von einem Aufatmen. Dieses weitere zufriedene Seufzen galt der Tatsache, dass Will und sein Vater sich gleich nach der Ankunft in Five Cays daran gemacht hatten, die unglaublich große Eignerkajüte der Flying Dutchman etwas umzubauen. Eigentlich hatten sie nur zwei Zwischenwände eingezogen und die große Doppelkoje unter dem Heckfenster mit einem Vorhang großzügig vom Rest des Raumes getrennt. Das Ergebnis waren der Waschraum an der Steuerbordseite, das Kinderzimmer an der Backbordseite und ein nicht gleich sichtbares Ehebett zur See gewesen.

 

Ihre linke Hand ging auf eine vorsichtige Reise zu ihm und berührte sachte seine rechte Schulter. Er schnurrte zufrieden und drehte sich zu ihr um.

„Guten Morgen, Captain Turner“, flüsterte sie. Er lächelte und schlug die Augen auf. Es war offensichtlich, dass er schon länger wach war und sich nur noch schlafend gestellt hatte.

„Guten Morgen, Lady Turner“, erwiderte er, streckte beide Arme nach ihr aus und zog sie zu sich heran. Sie ließ es nur zu gerne geschehen.

„Was hast du vor?“, fragte sie.

„Meinst du, was ich jetzt im Moment vorhabe, oder was ich mir für heute im Allgemeinen vorgenommen habe?“, erkundigte er sich mit einem so spitzbübischen Lächeln, wie sie es noch nie an ihm gesehen hatte. Seine braunen Augen versprühten unbändige Lebensfreude.

„Eigentlich, was du heute überhaupt vorhast, aber wir können auch gern mit dem augenblicklichen Plan beginnen“, erwiderte sie, ebenfalls spitzbübisch grinsend. Sein wohliges Seufzen, als sie ihn berührt hatte, war ihr keinesfalls entgangen.

„Im Moment hätte ich dich gern zum Frühstück, Lady – mit Haut und Haaren und dem gleichen Spaß wie gestern Abend. Es ist einfach wunderschön, mit dir ganz eins zu sein, deine Liebe zu genießen und dir meine zu schenken“, flüsterte er. Sie rückte noch näher, zupfte den letzten Zipfel Bettlaken weg, der sie beide noch trennte, um ihn gleich zu sich einzuladen.

„Du weißt, dass ich dich zum Fressen gern habe – und dich ebenso gleich jetzt anbeißen will, Sir William. Komm, frag nicht länger.“

Sie glitten zusammen und liebten sich mit so heftiger Leidenschaft, als wäre es das letzte Mal, dass es ihnen erlaubt wäre. Mit ungeheurem Herzrasen kamen sie schließlich zur Ruhe.

„Tut das gut!“, seufzte Will. Elizabeth spürte unter ihrer rechten Hand, die sacht auf seiner breiten Brust lag, den heftigen Schlag seines Herzens.

„Was tut gut?“, fragte sie.

„Erstens das, was wir gerade gemacht haben, zweitens, dass ich einen Weg gefunden habe, das Company-Archiv so zu sichern, wenn wir es haben, dass keiner auf die Idee kommen wird, wir wüssten am Ende, was damit geschehen ist.“

„Und was?“

„Das werde ich in Hörweite der Company nicht laut aussprechen. Außerdem muss die Aztec erst einmal fertig repariert sein. Sobald wir auf See allein sind, reden wir drüber.“

 

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Kapitel 31

Der Rätsel Lösung

 

Etwa sechs Wochen, nachdem die Aztec, die Black Pearl und die Endeavour Five Cays verlassen hatten, erreichten die Brigg und die Fregatte die Londoner Docks. Themseaufwärts waren beide Schiffe von Treidelgespannen gezogen worden. Solche Gespanne bestanden aus einer Anzahl von Zugpferden, oft auch aus Ochsen, die auf extra dafür angelegten Pfaden neben einem Fluss Schiffe gegen die Strömung zogen. Da die Themse von Ost nach West floss und in Großbritannien zudem meist Westwind vorherrschte, schleppten die Zugtiere die flussaufwärts fahrenden Schiffe sowohl gegen den Strom als auch gegen den Wind. Konsequenterweise holten Schiffer mit Ziel London die Segel ein, bevor die Zugtiere ihre Arbeit aufnahmen.

Das Ehepaar Turner hatte seine Kinder vorsorglich in Großvater Bills Obhut auf der Flying Dutchman gelassen. Allen, die davon wussten, dass Will und Elizabeth das Sonderarchiv der East India Trading Company aus London holen wollten, war klar gewesen, dass die Kinder in zu großer Gefahr gewesen wären, falls sich die Befürchtungen von Jack, Bill und Will bewahrheiten sollten, dass es Leute in der vor der Auflösung stehenden Company gab, die eine Verlagerung dieses Spezialarchivs nach Schiffbruch-Bay zu verhindern trachteten.

Will und Elizabeth nahmen wieder Quartier im St. James’s Inn, der Pension in der Nähe des königlichen Palastes, in der sie bereits gewohnt hatten, als Will so überraschend zum Ritter geschlagen worden war. Curtis Hood, der Inhaber, verbeugte sich tief, als das elegant gekleidete Ehepaar eintrat.

„Sir William! Lady Elizabeth! Welche Freude, dass Ihr mein bescheidenes Haus erneut beehrt!“, freute er sich. Die Turners sahen sich verblüfft an.

„Ihr erinnert Euch an uns?“, fragte Will.

„Oh, Sir, einen während seines Aufenthaltes in meinem Haus geadelten Seehelden Englands hat man nicht alle Tage zu Gast; noch dazu einen von solch nobler Erscheinung wie Euch – und natürlich Eure holde Gemahlin. Außerdem wisst Ihr ja, dass Admiral Norrington mein Stammgast ist. Er steigt bei seinen Aufenthalten immer bei mir ab.“

„Verzeiht, dass wir das vergaßen, Mr. Hood. Welches Zimmer habt Ihr denn für uns frei?“

„Die Suite ist zwar belegt, aber das Zimmer, das der Admiral immer nimmt, wenn er hier ist, ist frei. Nummer drei in der Beletage.“

Das Zimmer war großzügig, die Fenster waren zum St. James’s Park gerichtet – trotz der Londoner Geschäftigkeit war das St. James’s Inn auf der Parkseite ein ruhig gelegenes Hotel. Will und Elizabeth akzeptierten das Zimmer gern, machten sich frisch und ließen dann eine Kutsche kommen, die sie ins Handelsviertel brachte.

 

Erwartungsgemäß war die Londoner Zentrale der East India Trading Company ein ebenso prächtiges wie großes Gebäude, das drei Stockwerke zählte. Ein eindrucksvolles Portal aus einer doppelt mannshohen Bronzetür wandte sich der Straße zu, deren Flügel jeweils in erhabenem Relief mit der Hausmarke der Company verziert waren, einem dreizackigen Stern mit schmalen, gleichbleibenden Strahlen, die kurz vor dem Ende einen kurzen Querbalken hatten, der sowohl als Kreuzende als auch als T mit leicht durchgezogenem Senkrechtstrich identifiziert werden konnte. In den Feldern, die der Stern bildete, stand oben links vom Betrachter ein großes „E“, rechts in gleicher Höhe ein großes „I“, im unteren Feld „Co.“. Das halbrunde Oberlicht – in seiner Größe, Glätte und Transparenz ein Meisterstück des Glasmacherhandwerks – schmückte das große Wappen der Company in Gold. Die Wappenbilder waren aus der Beschichtung des Glases fein heraus geritzt. Allein dieses Portal war ein Vermögen wert. Ein livrierter Hausbote öffnete den beiden Besuchern die Tür.

„Ihr wünscht, Sir?“, fragte der Mann dienstbeflissen.

„Mein Name ist Turner“, stellte Will sich vor. „Ich habe mit meiner Gemahlin einen Termin bei Direktor Jones.“

„Sehr wohl, Sir, Mylady. Wenn Sie hier bitte einen Moment warten wollen, werde ich den Herrn Direktor informieren.“

„Danke“

Der Hausdiener entfernte sich auf leisen Sohlen. Will und Elizabeth erlaubten sich, die Räumlichkeiten näher zu betrachten. Ein Beobachter hätte sie wohl als staunende Landeier betrachtet, die zum ersten Mal in der großen Stadt waren.

„Was für eine Pracht …“, murmelte sie. „Und alles auf dem Rücken von geknechteten Indern, Sklaven, gescheuchten Matrosen und betrogenen Kunden erwirtschaftet …“

Will musste lächeln.

„Woraus schließt du, dass die Company ihre Kunden hintergeht?“, fragte er.

„Bevor mein Vater Gouverneur in Port Royal wurde, hatte er häufiger mit den Leuten von der Company zu tun. Schon damals war dieses Haus prächtig geschmückt – aber das war kein Vergleich mit dem jetzigen Zustand. Das alles hier ist gut und teuer. Das kann man sich nur leisten, wenn man traumhafte Gewinne erzielt – und das heißt, dass sie ihren Kunden mehr Geld abgeknöpft haben, als nötig war“, erklärte sie. Er lächelte.

„Ich verkaufe meine Klingen auch mit Gewinn, Liebling“, erinnerte er.

„Ja, aber nicht mit zweihundert Prozent Aufschlag, Will“, entgegnete sie.

„Nein, Ihr nehmt allenfalls zehn. Deshalb wollen wir uns mit der neu zu gründenden Gesellschaft ja auch an Eurem Modell orientieren, Sir William“, kam eine Stimme von der Tür. Will und Elizabeth drehten sich um. In der Tür stand Edward Jones.

„Guten Tag, Lady Turner“, begrüßte Jones die junge Frau mit einem formvollendeten Handkuss.

„Guten Tag, Sir William“, wandte er sich dann an Will und reichte ihm die Hand, die der Schmiedemeister kräftig drückte.

„Guten Tag, Mr. Jones“, erwiderten die Turners.

„Wenn Ihr mir ins Kontor folgen wollt?“, bot Jones an. Die Eheleute folgten ihm die geschwungene Treppe hinauf in den ersten Stock, die Beletage, in der die Räume der hochrangigen Vertreter der Company waren. Nach vorn, zur Straße und direkt über dem Haupteingang mit dem Bronzeportal lag das Büro des Vorsitzenden, das etwa ein Drittel der knapp hundert Fuß Länge der Straßenfront des Gebäudes einnahm. Vier weitere Büros, jeweils zwei auf jeder Seite des Vorstandskontors, waren für die Direktoren der Hauptniederlassungen in Bombay, Singapur und Kalkutta sowie den Leitenden Agenten der Zweigniederlassung Port Royal gedacht, wenn sie in London berichteten. Um das zentrale Treppenhaus waren daran anschließend wenigstens zwanzig deutlich kleinere Schreibstuben, in denen fleißige Angestellte mit Ärmelschonern die Bücher führten, Transporte organisierten und vorbereiteten, Aufträge schrieben und von Hausboten entgegennahmen.

Jones führte die Eheleute Turner in das große Vorstandsbüro. Dort zeigte er ihnen das mehrseitige Auflösungsgesuch an den König.

„Dieses Gesuch werden wir an den König geben, sofern Ihr mit dem Sonderarchiv auf See seid“, erklärte er dazu.

„Wissen Eure Leute, dass sie ihren Job bald verlieren werden?“, fragte Will. Jones schüttelte den Kopf.

„Nein; aber sie werden nicht über Nacht arbeitslos werden. Das Gesuch an den König beinhaltet eine stufenweise Auflösung, die sich über einen längeren Zeitraum hinziehen wird, beginnend mit dem Verzicht auf das Privileg, eigenes Militär zu beschäftigen und Verwaltungsrechte – besonders in Indien – wahrzunehmen. Wir werden sehen, wie der König darauf reagiert. Wenn er es angenommen hat, werden die Soldaten als Erste entlassen werden. In dem Gesuch bitte ich den König darum, die Soldaten in den königlichen Dienst zu übernehmen.“

„Glaubt Ihr, dass der König darauf eingehen wird?“, fragte Elizabeth. Jones zuckte mit den Schultern.

„Ich hoffe es, Lady Elizabeth. Nur so können wir – Nathan und ich – dafür Sorge tragen, dass die Leute sich eine andere Arbeit suchen können, bevor sie hier keine mehr haben. Sollte der König nicht darauf eingehen und die Gesellschaft sofort auflösen, gibt es ein Chaos. Deshalb möchte ich, dass das Sonderarchiv dann nicht mehr greifbar ist. Das darin gesammelte Wissen ist einfach zu gefährlich, um es in die falschen Hände geraten zu lassen.“

„Wie groß ist das Sonderarchiv eigentlich?“, fragte Will. Jones erhob sich.

„Kommt mit, ich zeige es Euch.“

Sie verließen das Vorstandsbüro und stiegen in den Keller hinunter. Das Gebäude war komplett unterkellert. Ein kleinerer Teil diente als Zwischenlager für Warenproben, ein weiterer war das Londoner Zeughaus der East India Trading Company, in dem Uniformen und Waffen lagerten; wenigstens die Hälfte des Kellers war jedoch mit Regalen bestückt, in denen Geschäftsbücher, Kisten mit Korrespondenz und Verwaltungsakten der Kolonien der Company lagerten.

In diesem Bereich war eine Tür, auf der ein Schild darauf hinwies, dass hier nur der Vorstand oder von ihm autorisierte Personen Zutritt hatten. Jones öffnete die Tür mit einem Schlüssel, den er unter seiner Kleidung direkt am Körper trug. Der Raum dahinter war dunkel, bis Jones zwei Lampen entzündete, von denen er eine Will in die Hand gab.

„Das hier, Sir William, ist das schreckliche Geheimnis der East India Trading Company. Ein zwar unermesslich wertvoller Schatz an Informationen, aber einer, der geradezu verflucht ist. Mit diesem Wissen kann jemand, der es darauf anlegt, menschliche Existenzen oder gleich ganze Reiche zerstören“, sagte Edward. Will sah sich um.

Der Raum maß sicher zwölf mal zwölf Yard, vielleicht sogar etwas mehr. In diesem Raum standen sechs Reihen von Regalen, von denen jede einzelne aus zehn Regalen von je einem Yard Länge, sieben Fuß Höhe und etwas mehr als einen Fuß Tiefe bestand. Jedes Regal hatte sechs Ebenen, auf denen je zwölf drei Inch dicke Dossierkassetten – vier Stück übereinander, drei Stück nebeneinander – lagen. Machte zweiundsiebzig Dossierkassetten je Regal. Zehn Regale je Reihe ergaben siebenhundertzwanzig Kassetten. Sechs Reihen Regale machten insgesamt 4320 Kassetten. Jede Kassette enthielten je vier einzelne Dossiers, die unterschiedlichen Umfang haben konnten – je nachdem, was man über die betreffende Person, Familie oder Gruppe herausgefunden hatte. Unter dem Strich lagen in diesem Archiv über siebzehntausend Akten, die detaillierte und brisante Informationen über einzelne Personen, Familien oder Gruppierungen enthielten. Die Akten waren laufend nummeriert, jedoch mit einem zusätzlichen Zahlencode, der auf die Einordnung in eine bestimmte Gruppierung verwies. Dazu gehörte ein Karteischrank, in dem die zu jeder Akte gehörigen Karteikarten alphabetisch geordnet waren. Registerkarten mit dem jeweiligen Buchstaben erleichterten das Auffinden.

Jones öffnete den Karteischrank, blätterte kurz im Buchstaben „T“, griff in die Kartei und zog zielsicher die Karte für William Turner jr. heraus. Es war eine gelbe Karte, auf der ganz oben in großer Druckschrift Turner, William jr. stand. Unter dem Namen war ein roter Strich, der sich über die ganze Karte zog. Gleich unter dem Namen waren das Geburtsdatum 13. Januar 1733 und der Geburtsort Canterbury/Kent nebst dem erlernten Beruf Waffenschmied notiert. Rechtsbündig neben dem Namen war die Aktennummer angegeben: 005-776039. In der nächsten Zeile waren die Namen der Eltern angegeben: William sen. und Anne. Hinter William sen. fand sich ein nach oben gerichteter Pfeil. Unter dieser Zeile fand sich der Name Elizabeth Turner, geb. Swann, ebenfalls mit einem nach oben gerichteten Pfeil; darunter die Namen der beiden Kinder William III und Elizabeth mit deren Geburtsdaten. In der unteren rechten Ecke der Karte war ein Quadrat, in dem ein stilisierter Baum war.

„Was bedeutet das?“, fragte Will.

„Diese Nummer hier ist unterteilt in die laufende Nummer – hinten – und die Codierung der Gruppierung, der Ihr zugeordnet wurdet. 005 steht für Piraten. Die Pfeile hinter den anderen Namen auf der Karte verweisen auf Akten zu diesen Personen, der Baum unten rechts auf einen Stammbaum zu Eurer Familie“, erklärte Jones. Er ging zu einem der Regale, nahm eine der Dossierkassetten heraus und öffnete sie. Es war die Akte, die Will Turner jr. betraf – gut kleinfingerdick.

Will nahm ihm die Akte ab und schlug sie auf. Es war eine nach Ereignisdaten sortierte Lose-Blatt-Sammlung mit Informationen über ihn, die ihn richtig erschreckten. Es war wirklich beängstigend, was die Agenten der East India Trading Company alles über ihn herausgefunden hatten. Selbst seine Schulzeugnisse waren ihnen irgendwie in die Finger geraten. Die Company wusste von seinen Nebentätigkeiten während seiner Schulzeit wie Milchaustragen, von der viel zu klein geratenen Wohnung und der Tatsache, dass seine Mutter irgendwie genügend Geld hatte, um ihrem Sohn eine für ihre Verhältnisse geradezu hochgradige Bildung zu ermöglichen. Einer der Forschungsaufträge an die Spitzel lautete, nachzuforschen, ob nachzuweisen sei, dass die Zielperson unehelich sei. Es war ein eher später Auftrag, nachdem Will bereits geadelt worden war, der offensichtlich dazu dienen sollte, ihn bei Hofe zu diskreditieren. Der Agent hatte sich mit einem ungeheuren Eifer in die Forschungsarbeit gestürzt und hatte dabei Dinge in Erfahrung gebracht, die einen gesonderten Vermerk von Lady Elaine trugen:

Schon wieder ein Ibelin!!! Kein Wunder, dass er uns so viele Schwierigkeiten macht! Der muss endlich unter die Erde! Siehe Stammbaum Ibelin, 001-130177

Will und Elizabeth sahen sich verstört an, aber noch verstörter auf die weitere Akte, die Jones ihnen im selben Moment auf den Archivtisch legte. Stammbaum Ibelin – englischer Zweig stand darauf. Elizabeth nahm die Akte und öffnete sie. Es war ein mehrfach gefaltetes Blatt, bestehend aus diversen Einzelblättern, die zusammengeklebt waren. Vorsichtig entfaltete sie das Blatt. Es war schier kaum zu fassen, wie weit zurück der eifrige Agent geforscht hatte – bis ins 13. Jahrhundert! Als einstweilen letzte Eintragung fand sie ihre beiden Kinder, sie selbst und Will stellten als Eltern dieser Kinder die nächsthöhere Ebene dar – allein, denn William senior und Anne Turner hatten nur William junior als Kind gehabt. William senior und seine Schwester Linda fanden sich über William, darüber der Großvater Edmund Turner, der ebenfalls ein Einzelkind gewesen war, der nächstältere war Wills Urgroßvater Simon …

Acht Generationen weit reichte der Name Turner zurück bis zu dem 1492 geborenen Martin Turner, der jedoch als Martin Maidenfield jr. geboren worden war. Er hatte als Letzter den Titel des Lords Maidenfield getragen, übernommen von seinem Bruder Sean.

Es waren unruhige Zeiten gewesen, als König Henry VIII. mit der katholischen Kirche gebrochen hatte, die Anglikanische Kirche gegründet und sich zum Oberhaupt derselben ernannt hatte, um sich von seiner Gemahlin Katharina von Aragon scheiden zu lassen und Anne Boleyn ehelichen zu können. Nach einer ausführlichen Fußnote im Stammbaum hatten sich Sean Maidenfield, der Lord Maidenfield, und seine Frau Lady Edith Maidenfield, als papsttreu erklärt und sich geweigert, dem König auch als Oberhaupt der Kirche zu huldigen. Henry hatte Lord und Lady Maidenfield eine eher kurze Frist gesetzt, nach deren Ablauf sie als ungehorsame Untertanen und Ketzer betrachtet und entsprechend bestraft werden sollten. Sie blieben hartnäckige Katholiken, wurden verhaftet und durch das Beil des Henkers von Leben zum Tode befördert. Martin Maidenfield war mit einer gläubigen Katholikin irischer Herkunft, Susan O’Leary, verheiratet, hatte die Hinrichtung seines Bruders und seiner Schwägerin mit ansehen müssen und war vom König auf den Stufen des Schafotts gefragt worden, ob er ihm als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche huldige und ihm Treue schwöre. Die kirchlichen Riten waren zu diesem Zeitpunkt mit denen der katholischen Kirche praktisch identisch, nur das Oberhaupt war ein anderes. Der Papst war weit weg, und Martin entschied sich, dem König Treue als Untertan und als Angehöriger seiner Kirche zu schwören. Auch Lady Maidenfield folgte dem Beispiel ihres Gatten und schwor der katholischen Kirche ab. Martin erhielt den Titel des Lord Maidenfield übertragen. Doch nur ein Jahr später verleumdeten ihn Neider, die ihm seinen Reichtum und sein Ansehen beim König neideten. Henry hatte den Verleumdern geglaubt; der Umstand, dass Martin eine Irin geheiratet hatte, machte ihn in den Augen des Königs verdächtig. Zwar wurden er und seine Frau nicht hingerichtet, weil der König nicht vergessen hatte, dass Martin ihm einst das Leben gerettet hatte und dabei selbst beinahe getötet worden wäre. Aber Martin wurde nicht nur der Titel aberkannt, ihm wurde die Anerkennung als Adliger entzogen, er durfte nicht einmal mehr den Namen seiner Baronie Maidenfield tragen. Selbst die Baronie wurde aufgelöst und unter den benachbarten Baronien aufgeteilt. Vor die Wahl gestellt nur den Vornamen tragen zu dürfen oder sich einen berufsgebundenen Namen zu erwählen, fiel Martins Wahl auf die englische Bezeichnung seiner Freizeitbeschäftigung: Er hatte schon immer gern gedrechselt. So nahm der den Namen Turner** an.

Die Baronie Maidenfield mit dem Titel Lord Maidenfield war weitere sieben Generationen zuvor an John von Ibelin vergeben worden, der der Urururenkel des Barons Balian von Ibelin gewesen war, des Mannes, der im Jahr 1187 Jerusalem gegen Sultan Saladin verteidigt hatte. Während des Hundertjährigen Krieges, in dem England versucht hatte, seine 1202 verlorenen französischen Lehen zurückzuerobern, war Johns Sohn, der nach seinem Ahn Balian getauft worden war, war, in den Verdacht geraten, auf der Seite des französischen Königs zu stehen. Um dem Verdacht entgegenzutreten, hatte er den Namen Ibelin abgelegt und den Namen seiner Baronie Maidenfield in Kent angenommen.

„Nach allem, was in diesem Archiv über Euch und Eure Vorfahren zusammengetragen wurde, seid Ihr Eurem Ahn Balian, der Jerusalem gegen Saladin verteidigte, so ähnlich, als wärt Ihr dessen unmittelbarer Sohn, Sir William“, sagte Edward Jones. „Zwanzig Generationen trennen Euch von Eurem großen Ahn, aber sein Mut, seine Aufrichtigkeit und seine Fähigkeit, andere zu verstehen, spiegeln sich in Euch.“

Will und Elizabeth sahen Jones auf eine Art an, dass diesem klar wurde, wie wenig Will an solchen augenscheinlichen Schmeicheleien lag.

„Ihr haltet das für pure Schmeichelei“, bemerkte Edward. „Nein, das ist es nicht. Das ist eine einfache Feststellung, die sich aus dem ergibt, was ich über Euch weiß und was ich aus diesen Akten über Baron Balian weiß. Nicht jeder, dessen Akten in diesem Archiv vorhanden sind, hat so schmeichelhaft über Euch gedacht. Am wenigsten meine Frau Elaine – aber auch das ist in ihrer Familiengeschichte begründet.“

Jones legte seinen Gästen einen anderen Stammbaum vor, den der Familie de Lusignan. Das Ehepaar Turner bekam große Augen, als sie aus der Stammtafel erkannten, dass die Elaine und Nathan Everett über die gleiche Anzahl von Generationen Guy de Lusignan als Vorfahren hatten – jenen Guy de Lusignan, der mit Sibylla von Jerusalem verheiratet gewesen war, bevor sie sich von ihm hatte scheiden lassen und Balian von Ibelin geheiratet hatte.

„Es war nicht einfach Eifersucht auf den Mann, der ihm die Frau ausgespannt hatte“, kommentierte Jones. „Sie hatten sehr unterschiedliche Auffassungen, was das Verhältnis zu den Muslimen betraf. Guy war ein fanatischer Christ, der jeden Andersgläubigen in die Hölle wünschte und durchaus auch nachhalf, wenn die Natur ihm diese Arbeit nicht freiwillig abnahm. Auch bei den de Lusignans, die auf die gleiche Art zu Everetts wurden wie die Ibelins zu Maidenfields, hat sich die Art, mit anderen Menschen umzugehen, ebenso erhalten wie bei den Ibelins. Ihr seid ein echter Ibelin, Sir William – so wie Elaine eine echte de Lusignan war.“

„Wenn ich es recht verstehe, sind Elaine und Nathan Geschwister. Nathan scheint mir anders zu sein, Mr. Jones“, bemerkte Will. Edward nickte.

„Ja, das ist richtig. Er ist auch kein ganz echter de Lusignan …“

„Sondern?“, fragte Elizabeth.

„Nathan ist … äh …“

„Unehelich“, meldete sich eine Stimme von der Tür zu Wort, die Elizabeth und Will heftig herumfahren ließ. Nathan Everett stand an der Archivtür, die er ebenso leise hinter sich geschlossen hatte wie er sie geöffnet hatte.

„Edward, zeig ihnen den Stammbaum der Locksleys von Nottingham“, grinste er. Edward wedelte mit einem gefalteten Blatt, dass er bereits in der Hand hielt. Schon aus der Stammtafel der Ibelins hatte sich ergeben, dass William von Ibelin seine beiden Adelstitel testamentarisch auf seine Söhne Edward und John aufgeteilt hatte. Edward hatte den Titel des Lord Locksley geerbt und war in Nottingham ansässig geworden, während John als Lord Maidenfield in Maidenfield in Kent geblieben war. Der Zweig von Edward hatte etwas später auch die Baronie Cullenham in der Nähe von Nottingham übernommen, die ebenfalls auf zwei Söhne aufgeteilt worden war. Die Locksley-Linie war kurz darauf ausgestorben, die Cullenham-Linie, die Anfang des 18. Jahrhunderts den Namen McDonald angenommen hatte, war erst 1740 offiziell erloschen. Lord Ewan McDonald war mit Lady Heather McDonald, geborene Beckett, verheiratet gewesen, die aber bei der Geburt des einzigen Kindes gestorben war. Das Kind war bei der Geburt ebenfalls gestorben. Ewan McDonald hatte nie wieder geheiratet und war 1740 erbenlos verstorben.

Will und Elizabeth verstanden zunächst nicht, was das mit der Familie Everett zu tun haben sollte, aber dann hielt Nathan die Stammtafel vor eine der beiden Lampen. Die Wärme der Lampe gab eine mit Zitronensaft geschriebene Notiz frei, die von Cutler Beckett stammte und so geheim gehalten werden sollte, dass sie nicht einmal in diesem geheimsten aller geheimen Archive offen lesbar war: Nathan war nicht der Sohn von Morgan Everett, sondern von Ewan McDonald, dem letzten Lord McDonald, der keine legitimen Kinder hatte, weil seine Frau im Kindbett gestorben war und er nie wieder geheiratet hatte. Ewan hatte wenige Jahre vor seinem Tod mit Margaret, der Frau seines Geschäftspartners Morgan Everett, ein Verhältnis gehabt, dessen Ergebnis 1738 Nathan gewesen war. Lady Margaret, ebenfalls geborene Beckett, hatte zu verbergen gewusst, dass ihr Sohn nicht Morgans Kind gewesen war. Morgan war sein Leben lang überzeugt gewesen, dass Nathan sein Sohn war, hatte ihn zu seinem Erben eingesetzt. Das entsprechende Testament war in der geheimen Personalakte von Lord Ewan McDonald abgelegt.

Cutler Beckett, neben McDonald und Everett drittes Vorstandsmitglied der East India Trading Company, hatte nach dem Tod McDonalds Briefe von Lady Margaret und Lord McDonald entdeckt, die Nathans wahre Herkunft offenbart hatten. Ewan hatte in einem dieser Briefe mitgeteilt, dass er Nathan als Alleinerben seines Vermögens eingesetzt hatte und hatte seiner Geliebten Margaret auch den Aufbewahrungsort seines Testaments mitgeteilt. Beckett hatte das Testament von Lord McDonald gefunden, das Original verschwinden lassen und eine gefälschte Version dem Notar übergeben, um das Erbe – wie er es ausdrückte – in die richtigen Hände zu legen, in die der East India Trading Company, die nach Ewans Tod von Beckett selbst beherrscht worden war. Gleichwohl hatte er die Beweise, dass Nathan der uneheliche Sohn von Lord McDonald war, und das Originaltestament aufbewahrt, um seinen Partner Morgan und vielleicht später seinen Neffen damit erpressen zu können, falls einer von ihnen Entscheidungen traf, die ihm missfielen. Später, als Everetts Kinder größer geworden waren, hatte Beckett erkannt, dass Elaine aus dem gleichen Holz geschnitzt war wie er selbst, mochte sie auch die Tochter seines Partners Everett sein. Er hatte sie in diese Geheimnisse eingeweiht, um sie rechtzeitig darauf vorzubereiten, Nathan als Morgans Nachfolger zu verhindern. Gleichzeitig war das der Beginn der beispiellosen Informationssammlung gewesen, die zum Aufbau dieses Archivs geführt hatte. Elaine war Becketts beste Spionin gewesen, die sehr viel zum Aufbau dieses Archivs beigetragen hatte. Sie war es auch gewesen, die bei ihren Forschungen herausgefunden hatte, dass die Becketts und die Everetts Nachkommen der de Lusignans waren – und damit möglicherweise Ansprüche auf die Grafschaft Poitou in Frankreich hatten.

Beckett war daran mehr als nur interessiert, doch bedeutete das, die Company mit ihren militärischen Möglichkeiten in den Dienst Frankreichs zu stellen. Davon hatte Morgan Everett nichts wissen wollen, weil er sich als treuen Briten betrachtete. Beckett war es gelungen, Everett einstweilen kaltzustellen. Erst, nachdem Beckett wegen seines Verrats verurteilt und hingerichtet worden war, war Everett in die Leitung der Company zurückgekehrt und hatte sie zunächst auch im Sinne des Königs geführt, bis er den ersten Zusammenstoß mit Will Turner gehabt hatte und sich danach von seinen Rachegelüsten hatte leiten lassen. Becketts Aufzeichnungen im Archiv über die familiären Verhältnisse der Everetts waren nur Elaine Everett bekannt gewesen, die ihr Wissen geheim hielt.

Nachdem Morgan dann im September 1762 auf Jamaica von Goldbart umgebracht worden war, hatte der damals vierundzwanzigjährige Nathan die Führung der Company als alleiniger Vorsitzender übernommen. Es war Elaine gewesen, die den König anonym unterrichtet hatte, dass Nathan nicht zu trauen sei und er eher jemand wie Beckett war, der Großbritannien nicht treu sein werde. Um zu verhindern, dass Nathan auch nach seinem vom König erzwungenen Rücktritt als Entscheidungen traf, die denen von Lord Beckett oder Morgan Everett zuwiderliefen, hatte Elaine ihren Mann dazu gebracht, Nathan ganz aus der Firma auszuschließen. Dass sie damit auch verhinderte, dass er als hochrangiger Vertreter der Company mit Zugang zum Archiv irgendwann entdeckte, dass er eigentlich Lord McDonalds Sohn war und sein Erbe geltend machte, war ein eher angenehmer Nebeneffekt für sie gewesen.

„Ihr seht, ich bin ebenso ein Opfer dieser Firma, wie Ihr es auch geworden seid, Sir William“, schloss Nathan Everett seinen Bericht, den er mit den Akten aus dem Archiv belegt hatte. „Beinahe hätte Elaine es auch geschafft, nicht nur Euch, sonder auch Euren Schwiegervater beim König zu verleumden.“

„Hat sie den König anonym darüber informiert, dass ich Jack Sparrow vor dem Galgen gerettet habe und mein Schwiegervater Jack und mich nur deshalb amnestiert hat, weil ich sein Schwiegersohn werden sollte?“, fragte Will. Nathan lächelte.

„Nein, das wäre für meine Schwester zu plump gewesen. Was sagt Euch die Zeitung London Commercial Post?“

„Zugegeben nichts, aber ich habe sie in Port Royal auch noch nie gesehen.“

„Es ist eine der großen Tageszeitungen hier in London. Elaine hat mit dem hier gesammelten Material den anderen Zeitungen hier einen anonymen Tipp gegeben, dass es über Euch negative Dinge zu berichten gibt. Schlechte Nachrichten sind für die Zeitung die besten Nachrichten, denn so etwas verkauft sich gut. Aber bevor die anderen Zeitungen ihre Reporter auf Eure Spur setzen konnten, hat Elaine einen Artikel verfasst, den alle anderen mehr oder weniger ungeprüft übernommen haben. Der König war nicht amüsiert und hat Euch und Euren Schwiegervater nach London zitiert. Weil Ihr ihn überzeugen konntet, dass Ihr korrekt gehandelt habt, hat er die Chefredakteure zum Rapport antreten lassen. Allein Elaine erschien nicht, um ihr männliches Pseudonym Henry Howard-Boleyn nicht aufgeben zu müssen. Könnt Ihr Euch denken, weshalb sie dieses Pseudonym wählte?“

„Um nicht als Frau unglaubwürdig zu sein?“, mutmaßte Elizabeth.

„Das war der Grund, überhaupt ein männliches Pseudonym anzunehmen. Aber sie spielte damit auch auf Henry VIII. und seine beiden geköpften Ehefrauen an. Henry VIII. erkannte dem Haus Maidenfield den Adel ab, weil er einem Verleumder aus dem Haus Everett mehr glaubte als Martin Maidenfield, der sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Elaine erschien dieser elende Neidhammel mit Namen Henry Everett als leuchtendes Vorbild. Insofern ist Henry ein doppelter Bezug zu dem Mann, der Eure Linie der Ibelins um ihren Adelstitel brachte“, erklärte Nathan. „Auch Howard ist so ein doppelter Bezug – einmal auf die hingerichtete Königin Catherine Howard, aber auch zu Howard Seymour, der meinen Vorfahren James Cullenham ebenfalls beim König verleumdete und dazu zwang, nach Schottland auszuweichen, wo er sich Verdienste erwarb, die den König später dazu veranlassten, ihn wieder zum Lord zu erheben – zu Lord McDonald. Als es ihr nicht gelang, mit ähnlichen falschen Behauptungen Euch um Euren neuen Adelstitel zu bringen, hatte sie Euch gefressen wie einen Klumpen Teer und wollte Euch mit allen Mitteln vernichten. Edward konnte sie nicht stoppen. Er wandte sich schließlich an mich, um gemeinsam dafür zu sorgen, dass Elaine und sein Bruder David nicht noch mehr Unheil anrichteten, als sie schon verursacht hatten. In dem Moment haben wir beschlossen, diese Gesellschaft aufzulösen und dieses Archiv – komplett, so, wie es ist – aus der Reichweite jeglicher Person zu schaffen, die damit Schindluder treiben kann.“

Will nickte.

„Es wird eine Weile dauern, dieses ganze Material in die Aztec zu schaffen“, sagte er. „Meine Männer …“

„Keine Sorge, Sir William, unsere Lagerarbeiter werden dieses Archiv – getarnt als Teekisten – auf Euer Schiff bringen und es auch noch ordentlich verstauen“, versprach Jones.

 

 

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Kapitel 32

Falsche Gewichte

 

In den folgenden Tagen bereiteten Edward Jones, Nathan Everett und das Ehepaar Turner die Teekisten vor, in denen die Geheimakten verschifft werden sollten. Jede Teekiste enthielt letztlich eine der Dossierkassetten, darüber kam eine Lage von fünf Unzen** feinem China-Tee, um den tatsächlichen Inhalt zu kaschieren. Sofern die Kassetten nicht randvoll Papier und Pappe waren, wurden sie mit kleinen Sandsäcken austariert, damit alle Kisten möglichst das gleiche Gewicht hatten. Bei fast viereinhalbtausend Kassetten – die Kartei musste schließlich auch ausgeräumt und verpackt werden – war es zu viert eine recht mühsame Arbeit, aber Jones und Everett wollten keine weiteren Mitarbeiter der Company in die Existenz dieses Archivs einweihen. Zu gefährlich erschienen ihnen die Geheimnisse, die hier verborgen waren. Drei Tage werkelten sie von morgens um sechs bis abends um sechs, dann waren die Schmuggelkisten fertig.

Jones ließ einen offiziellen Teeversandauftrag über eine entsprechende Anzahl von Teekisten mit jeweils drei Pounds** Tee – zum Teil lose, zum Teil gepresst – nach Jamaica schreiben und gab dem Disponenten den Transportauftrag vom Hauptkontor zum Hafen auf die Aztec.

„Verzeihung, Sir – seit wann transportiert Captain Turner Ware für uns?“, fragte der Disponent verblüfft. Jones lächelte.

„Ihr werdet es kaum glauben, aber ich konnte Captain Turner dafür gewinnen. Es ist im Übrigen vom Gouverneur persönlich bestellter Tee. Den möchte er wohl gern von seinem Schwiegersohn sicher nach Port Royal gebracht wissen“, erwiderte er. Der Disponent zuckte mit den Schultern.

„Ganz schöner Teedurst, den Seine Ehren da hat …“, brummte er und machte sich daran, den Transport zu organisieren.

Zwei Stunden später fuhren sechs Fuhrwerke vor, die jeweils zweihundert dieser Kisten aufnehmen konnten, wurden von den Lagerarbeitern beladen und fuhren zum Kai, an dem die Aztec vertäut war. In einem schier endlosen Strom trugen Hafenarbeiter die Kisten in die Lagerräume der Aztec. Die Brigg war nicht als Frachtschiff konstruiert worden, also musste sich Edward Jones etwas einfallen lassen, um die Ladung gleichmäßig im Rumpf zu verteilen. Der Großteil wurde in den verschließbaren Brigs im Zwischendeck eingelagert, ein weiterer Teil fand in den Seitenräumen der Kapitänskajüte Platz. In jeder Kajüte waren schließlich Kisten untergebracht und gegen Verrutschen gesichert.

Sieben Tage nach ihrer Ankunft in London war die Aztec auslaufbereit. Will erhielt von Edward Jones einen Lieferschein über sechs britische Tonnen chinesischen Tee im Wert von glatten viertausend Guineas – deklariert als Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht, eine Art Schmerzensgeld dafür, dass sowohl Lord Beckett als auch Lord Everett Governor Swann jeweils ungerechtfertigt seines Amtes enthoben hatten. Auf diese Art würde die Buchhaltung der Company keinen Zahlungseingang für den angeblich gelieferten Tee erwarten, auch wenn in den Kisten tatsächlich Tee für etwa vierhundert Guineas steckte.

Die Aztec legte mit der Ebbe am Morgen ab und segelte mit Westwind und der Hilfe der Strömung in Richtung Nordsee. Will Turner rechnete mit etwa zwölf Stunden, die die Aztec von London bis nach Dover benötigen würde. Ab dort mussten sie kreuzen, weil der stetige Westwind ab dann zum Gegenwind wurde und keinen direkten Kurs nach Südwesten in Richtung Nordwestspitze Frankreichs zuließ. Gegen neun Uhr am Abend hatte die Aztec Dover steuerbord querab. Will überließ Stephen Groves das Steuer mit der Anweisung, zunächst weiter nach Süden zu steuern und in Höhe Dieppe nach Nordwesten zum Kreuzen abzudrehen. Mit kreuzendem Kurs – also immer wieder nach Südsüdwesten und dann nach Nordnordwesten, um den Westwind wenigstens mit den Stagsegeln nutzen zu können – arbeiteten Will, Elizabeth und ihre Männer sich durch den Ärmelkanal. Der Umstand, dass sie nur mit den Stagsegeln kreuzen konnten, verringerte die durchschnittliche Geschwindigkeit der eigentlich sehr schnellen Aztec auf gerade mal sieben Knoten. Durch das beständige Kreuzen gegen den Wind verlängerte sich auch die Strecke auf über fünfhundert Seemeilen, wofür die Aztec mit dem geringeren Geschwindigkeitsschnitt etwa siebenundsiebzig Stunden benötigte – mehr als drei volle Tage. 

 

Jones und Everett hatten trotz der Windverhältnisse zwei Tage kalkuliert, bis die Aztec den offenen Atlantik erreicht hatte. Jones wollte achtundvierzig Stunden, nachdem die Brigg London verlassen hatte, das Auflösungsgesuch beim König einreichen.

Gegen Mittag des folgenden Tages traf Direktor Joseph Norman ein, der die Niederlassung Singapur leitete. Er kam zum jährlichen Rapport, was bedeutete, dass er Bericht über die erzeugten und gelieferten Waren sowie über Einnahmen und Ausgaben erstattete. Jefferson Guards, ein junger Mann von achtzehn Jahren, der im zweiten Lehrjahr Kaufmann lernte, bekam von Norman die Bücher, aus denen er den Bericht zusammenstellen sollte. Jefferson war der Sohn von Captain Henry Guards, einem guten Freund von Joseph Norman, der seit vielen Jahren als Captain einer Kriegsfregatte für die East India Trading Company fuhr.

„Hier, Jefferson, die Bücher für meinen jährlichen Geschäftsbericht. Hast du so etwas schon einmal für den Vorstand aufbereitet?“, fragte Norman.

„Nein, Sir“, erwiderte der Lehrling.

„Mr. Kells!“, rief Norman. „Mr. Guards soll den Geschäftsbericht Singapur vorbereiten. Zeigt ihm, wie man das macht!“, wies er den Hauptkassierer an.

„Ja, Sir“, erwiderte Kells mit mäßiger Begeisterung in der Stimme. Ausbildung war nicht sein Geschäft – schon gar nicht, wenn es um Protegés wie Jefferson Guards ging.

„Komm, Jeff, machen wir das gleich“, seufzte er. Guards gesellte sich mit den Büchern in den Händen brav zu ihm. Kells wies auf die Bücher, die der Junge trug.

„Das ist das Hauptbuch“, Kells wies auf das Buch unter Jeffersons rechtem Arm, „das andere ist das Warenbuch“, erklärte er das unter dem linken Arm. „Im Hauptbuch sind die Einnahmen und Ausgaben verzeichnet, von Kassenbeständen und –bewegungen bis zur Abschlussbilanz des letzten Quartals, klar?“

„Ja, Sir.“

„Gut. Im Warenbuch sind die produzierten und gelieferten Waren verzeichnet, von Akazienhonig über Gewürze, Seide, Tee und Zucker bis Zypressenholz. Du schreibst hier auf den Zettel die Anfangs- und Endbestände der Waren und errechnest die Differenzen. Schreib’ ordentlich und verschwende weder Papier noch Tinte. Verschriebene Zettel setze ich dir auf die Lehrgeldrechnung**, klar?“

„Ja, Sir.“

„Gut. Das gleiche bei den Einnahmen und Ausgaben; am Ende den Gewinn errechnen. Und mach’ es gleich richtig. Ich will das nicht alles nachrechnen müssen!“

„Ja, Sir. Eine Frage habe ich noch, Sir.“

„Was denn noch?“, schnaufte Kells gereizt. Fragende Lehrlinge waren für ihn noch schlimmer als solche, die nach der ersten knappen Erklärung nicht alles kapiert hatten und dann Fehler machten.

„Wozu benötigt Mr. Norman das, wenn das alles in den Büchern drinsteht?“

„Weil es sich nicht gut macht, wenn ein Vorstandsmitglied erst in den Büchern blättern muss, um die Zahlen präsentieren zu können. Das sieht so uninformiert aus. Nichts ist schlimmer als ein nicht gut informierter Direktor“, versetzte Kells. „Und jetzt beeil’ dich. Norman will das bestimmt in spätestens zwei Stunden haben!“

Damit ließ er Guards mit den Büchern stehen und widmete sich wieder seinen Abrechnungen. Der Lehrling seufzte tief. Cosmo Kells meinte das mit den Zetteln ernst. Schon einmal hatte er Jefferson fünfzig Blatt Papier auf die Monatsrechnung gesetzt. Seither kaufte der junge Mann sich sein Notizpapier lieber gleich freiwillig beim Buchhändler. Er finanzierte das von den wenigen Shilling, die er sich als Aushilfe am Samstagnachmittag im Ladengeschäft der East India Trading Company in der Carnaby Street dazuverdiente. Aus seinem Büroschrank holte er sich einige Blätter des privat erworbenen Papiers und begann seine Notizen.

 

Nach etwa einer Stunde war er bei den über Singapur aus China importierten Tees. Die Werte, die er aus den Büchern zusammenstellte, ließen ihn stutzen. Auch nach mehrfachem Nachrechnen kam er immer wieder auf etwas über zwei britische Tonnen chinesischen Tee, die noch im Lager in London sein sollten. Kopfschüttelnd holte er den Lieferschein vom Vortag heraus, nach dem sechs britische Tonnen chinesischer roter Tee** in viereinhalbtausend handlichen Teekisten an Governor Swann nach Jamaica geliefert wurden – ohne Berechnung, als Schadensersatz für erlittenes Unrecht.

„Mr. Kells!“, rief Guards.

„Was ist denn schon wieder? Ich bin beschäftigt!“, grollte es aus dem Raum der Hauptkasse. Der Raum war mit einer abgeschlossenen Tür, einer überbreiten Türfüllung und einer doppelten Verglasung zum Flur gesondert gesichert. Luft bekam der Hauptkassierer eigentlich nur durch ein rundum in dem gefangenen Raum eingesetztes Gitter direkt unter der Decke und das massive Türgitter.

„Entschuldigung, Sir, aber das solltet Ihr Euch ansehen.“

„Himmel, was denn?“ fauchte Kells und schloss die Tür auf, um sich anzusehen, was den Lehrjungen so aufregte.

„Seht, Sir, ich komme immer wieder auf einen Lagerbestand von zwei Tonnen chinesischen Tee. Das ist nach den Büchern von Direktor Norman der aktuelle Bestand ohne die Verkäufe der letzten Woche. Da haben wir die letzte Lieferung mit der Aceh aus Singapur bekommen. Nach diesem Lieferschein haben wir aber gestern sechs Tonnen chinesischen Tee nach Jamaica verschifft. Wie geht das denn?“, fragte Jefferson verblüfft.

„Du bist wahrscheinlich zu blöde, um es richtig zu machen“, mutmaßte Kells gehässig. „Und was ist das überhaupt für ein Geschmiere? Das setze ich dir auf die Rechnung!“

„Sir, das ist mein eigenes Papier …“

„Lüg’ mich nicht an!“, brüllte Kells und verpasste Guards eine Ohrfeige, dass es nur so klatschte.

„Au! Das ist keine Lüge!“, wehrte sich Jefferson.

„Werd’ nicht auch noch frech, du Früchtchen. Kommst nur als Protegé zu ‘ner Lehrstelle und riskierst auch noch ‘ne dicke Lippe!“, donnerte der Hauptkassierer und holte erneut aus, aber seine Hand saß plötzlich fest. Erschrocken drehte er sich um. Norman stand hinter ihm.

„Was ist hier los? Was soll das?“, fuhr der Direktor Kells an.

„Ach, dieser Tunichtgut verschmiert das Papier und erzählt mir, es sei sein eigenes! Will sich nur vor dem Bezahlen drücken, der Lauser!“, grollte der Kassierer.

„Jefferson, was ist das für Papier?“, fragte Norman streng. Jefferson verschwand kurz in dem kleinen Büro neben der Hauptkasse und kehrte mit einem in Einschlagpapier eingewickelten Stoß Papier zurück.

„Hier, Sir, das ist das Papier, das ich mir für Notizen selbst gekauft habe, damit ich es nicht immer auf die Lehrgeldrechnung gesetzt bekomme. Ich habe es bei Mr. Moody in der Carnaby Street gekauft“, erklärte Guards und nahm auch noch den Bleistift hinter dem Ohr hervor, zeigte ihn dem Direktor. „Den Bleistift hier habe ich übrigens auch dort gekauft“, ergänzte er. Norman drehte das Päckchen um. Es war Einschlagpapier der Buchhandlung Moody in der Carnaby Street. Er nickte und reichte Jefferson das Papier und den Bleistift zurück.

„Damit wäre das wohl geklärt, Mr. Kells“, knurrte der Direktor. „Wie wäre es mit tut mir Leid?“

„Ich soll mich entschuldigen?“, fragte Kells verblüfft.

„Das würde ich nach dem falschen Verdacht für angebracht halten, Mr. Kells.“

„Na gut. Tschulligung …“, murmelte Kells. „Macht nichts richtig und kriegt noch Zucker hinten rein geblasen …“, brummte er missmutig.

„Was hat er falsch gemacht, Mr. Kells?“, hakte Norman ein.

„Ach, die Aufbereitung des Geschäftsberichtes. Los, erzähl’ dem Direktor von dem Bockmist, den du gebaut hast!“

„Das ist kein Bockmist!“, wehrte sich Guards.

„Widersprich mir nicht!“, donnerte Kells. „Los, raus damit!“

„Sir, ich komme auf gute zwei Tonnen chinesischen Tee, der am Lager in London sein müsste“, erklärte Jefferson.

„Und was soll daran falsch sein, Mr. Kells? Das ist nach meinem Kenntnisstand der Bücher völlig korrekt“, wunderte sich Norman. Kells’ Gesicht nahm die Farbe einer reifen Tomate an.    

„Das ist aber nicht der Grund, weshalb ich mich wundere, Sir“, sagte Jefferson, von der offensichtlichen Deckung durch den Direktor ermutigt. „Ich habe hier einen Lieferschein, nach dem wir gestern sechs Tonnen chinesischen Tee nach Jamaica geschickt haben.“

Er gab Norman den Beleg, der mit wachsendem Erstaunen darauf sah.

„Und wo soll die Menge herkommen?“, fragte er. Guards zuckte mit den Schultern.

„Das ist es ja, was mich wundert, Sir.“

„Wer hat das veranlasst?“, fragte der Direktor weiter.

„Der Chef, Sir. Mr. Jones hat mir den Beleg gestern zum Eintragen gegeben.“

„Danke, Jefferson. Wie weit bist du mit dem Geschäftsbericht?“

„Ich war beim Tee, Sir. Da bin ich über diese Menge gestolpert.“

„Gut, gut. Mach weiter, mein Junge. Mr. Kells, Ihr lasst den Jungen in Ruhe, klar?“

„Ja, Sir“, erwiderte Kells und verschwand eilig in seinem Kassenraum, während Guards wieder an den Schreibtisch im Büro zurückkehrte.

Norman stand einen Moment unschlüssig im großen Flur der Company-Zentrale. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber bevor er Edward Jones damit konfrontierte, brauchte er mehr Informationen. Er verließ die Zentrale und winkte eine Mietkutsche herbei, die gerade vorbeifuhr.

„Zum Lagerschuppen der East India Trading Company im Hafen!“, wies er den Kutscher an, der bestätigte und dann seine Pferde antrieb.

 

Wenig später stand Direktor Norman im Lagerschuppen.

„Mr. Banks, was haben wir an chinesischem Tee hier?“, fragte er den Oberlageristen.

„Da ist gestern ‘ne Menge weggegangen. Kleinen Moment, Sir“, sagte Banks, holte die Lagerliste heraus und rechnete kurz nach.

„Etwas mehr als eine Tonne, Sir“, sagte er dann. „Mr. Jones hat etwas mehr als eine halbe Tonne holen lassen.“

„Geht’s etwas genauer?“, knurrte der Direktor.

„Ganz genau sind es eintausendvierhundertsechs Pounds und vier Unzen, Sir, die der Vorstand gestern hat holen lassen.“

„Irgendeine Ahnung, was er damit vorhatte?“, fragte Norman. Banks zuckte mit den Schultern.

„Verkaufen, nehme ich mal an. Könnte eine Großkundenbestellung gewesen sein. Vielleicht für den König. Solche Mengen kann sich doch sonst keiner leisten, Sir.“

„Danke, Mr. Banks“, sagte Norman und verließ den Lagerschuppen. Draußen sah er nochmal auf den Lieferschein.

„Sechs Tonnen Tee an Governor Swann … und dann noch auf dem Schiff seines Schwiegersohns? Ich will doch Davy Jones persönlich sein, wenn ich das glaube!“, brummte er – und meinte damit nicht den Bruder des Company-Vorsitzenden.

Sein nächster Weg führte ihn zu den Schauerleuten* an den Kai der Company, an dem fremde Schiffe anlegen konnten. Der Tallymann und der Stauervize* bestätigten dem Direktor, dass die Schauerleute viereinhalbtausend Teekisten von je drei Pounds Gewicht auf der Aztec verstaut hatten.  

Mit wachsendem Unwohlsein ließ er sich zum Quartier der Haustruppen der EITC bringen, wo sein Freund Captain Henry Guards abgestiegen war. Norman ließ den Captain holen, der auch wenige Minuten später im Offizierskasino erschien.

„Joseph, wie siehst du denn aus?“, erkundigte sich Guards, als er den bleichen Norman sah.

„Wie man eben aussieht, wenn man dabei ist, den eigenen Chef beim Mogeln zu erwischen. Wie schnell kannst du eine Brigg einholen, die London gestern mit Ziel Jamaica verlassen hat?“

„Mit meiner Singapore, meinst du?“, hakte Guards nach.

„Aye“

„Gar nicht, denn die Brigg hat London wahrscheinlich mit der Morgenebbe verlassen und dürfte jetzt schon weit hinter Dieppe sein. Der Einzige, der sie noch erwischen könnte, wäre Kimball mit der Bombay – wenn er die Nachricht noch rechtzeitig bekommt. Er hat gerade eine Ladung Sklaven nach Bristol gebracht. In den Häfen im Süden ist im Moment keins unserer Schiffe. Um wen geht es?“

„Captain William Turner und seine Aztec.“

„Turner? Aztec? Joe, du weißt, dass es keiner einzelnen Fregatte je gelungen ist, die Aztec zu stoppen? Kimball schon gar nicht. Er hat es tagelang versucht und ist beinahe von Turner versenkt worden!“, übertrieb Guards ein schon länger zurückliegendes Ereignis aus dem Siebenjährigen Krieg. Dass Kimball erst vor kurzer Zeit erneut damit gescheitert war, die Aztec zu versenken, wusste Captain Guards noch nicht.

„Auch in Cove** drüben in Irland keiner da?“

Cove im südirischen Cork war einer der bedeutenden Häfen für den Transatlantikhandel, der auch von Schiffen der Company stark frequentiert wurde.

„Nur die Edinburgh Trader, aber die ist mit ihren vier Kanonen für Turner ohnehin kein ernstzunehmender Gegner. Die Borneo wäre stark genug, ist aber oben in Glasgow und kann die Aztec erst recht nicht mehr einholen. Mit ganz viel Glück ist die Calcutta schon auf dem Rückweg von New York, aber ihr Kurs würde den der Aztec nicht mal streifen, wenn Turner nach Jamaica will“, erklärte der Captain. Norman nickte.

„Dann gib Kimball auf dem schnellsten Weg Bescheid, dass er Turner irgendwie aufhalten soll. Es genügt, wenn er ihn erst einmal verlangsamt. Gib an Greitzer auf der Borneo Nachricht, dass er auslaufen und in Richtung französische Atlantikküste nach der Aztec suchen soll. Du läufst aus, sofern dein Schiff klar ist und hängst dich ebenfalls an seine Fersen. Wenn ihr Turner nicht versenken könnt, dann drängt ihn auf den Kurs der Calcutta und macht ihn zu dritt platt!“     

„Joseph, wieso sollen wir die Aztec versenken? Turner ist Brite. Was meinst du, was passiert, wenn das herauskommt?“, warnte Guards.

„Henry, was würdest du davon halten, wenn es einen Lieferschein gibt, nach dem sechs britische Tonnen chinesischer Tee als – sagen wir – Schadensersatz an den Gouverneur von Jamaica expediert werden – vor allem, wenn es vor diesem Auftrag ganze zwei Tonnen Tee im hiesigen Lager gab und davon nur ein Tick mehr als ein Viertel fehlt?“

„Ich würde zuerst unterstellen, dass wir den Gouverneur von Jamaica leimen wollen“, mutmaßte Guards.

„Nein, ich befürchte, wir sollen geleimt werden – von unserem eigenen Vorstandsvorsitzenden! Ich weiß, dass Jones schon länger das Verhältnis zum Gouverneur von Jamaica verbessern wollte. Ich weiß nicht, was er ihm geschickt hat – aber es ist gerade mal eine halbe Tonne Tee, die im Lager fehlt, und unser Stauervize bestätigt mir, dass tatsächlich sechs Tonnen verladen wurden. Da stimmt doch was nicht!“

Henry Guards musste zugeben, dass Joseph berechtigterweise an ihrem Vorsitzenden zweifelte.

„Gibst du nicht deinen Geschäftsbericht ab?“, fragte Guards.

„Ja“

„Wenn sich daraus ergibt, dass hier allenfalls zwei Tonnen Tee sein konnten und du einen vernünftigen Grund hast, über die angebliche Lieferung Bescheid zu wissen, kannst du doch einfach fragen“, schlug der Captain vor.

„Das werde ich, verlass dich drauf. Aber gib Nachricht an Kimball, dass er Turner irgendwie aufhält, benachrichtige Greitzer und mach’ dich selber auf die Socken, um die Ladung bei Turner zu kontrollieren.“

„Also besser nicht versenken?“

„Nein, du hast Recht, dass es zu riskant wäre. Außerdem wüsste ich dann immer noch nicht, was da verschifft wird. Danke für den Rat, mein Freund.“

Guards lächelte verbindlich.

„Dafür sind Freunde da, Joseph.“

 

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Kapitel 33

Widerstand regt sich

 

Am selben Nachmittag erschien Joseph Norman beim Vorstand, um seinen Geschäftsbericht wie die anderen Direktoren aus Bombay und Kalkutta der Niederlassungen vorzutragen. Lediglich Gordon Kendall, der Leitende Agent der Zweigniederlassung Port Royal, fehlte.

„Wo ist Kendall eigentlich?“, fragte Norman, nachdem Edward Jones die Berichtskonferenz eröffnet hatte.

„Er hat sich abgemeldet, den Bericht habe ich mir bereits mitgebracht“, erklärte Jones fast beiläufig. Nein, es schien ihm nicht angebracht, den anderen mitzuteilen, dass Kendall auf Anweisung seiner verstorbenen Frau Elaine von einem Mitarbeiter der Company umgebracht worden war. Norman nickte und erteilte dann seinen Geschäftsbericht, der überaus positiv war. Der Anteil der Niederlassung Singapur hatte sich inzwischen auf ein gutes Viertel des Gesamtertrages gesteigert.

„Sehr gute Ergebnisse, Mr. Norman“, lobte Jones den Bericht.

„Da wir grade bei Ergebnissen sind, Sir: Verratet Ihr mir den Trick, wie man aus einer halben Tonne chinesischem Tee auf einem Lieferschein an den Gouverneur von Jamaica sechs Tonnen macht?“, fragte der Singapurer Direktor maliziös. Jones zuckte zusammen, was Norman und den anderen Direktoren nicht entging.

„Wieso sechs?“, fragte Jones erschrocken. Norman schob Jones die Abschrift des Lieferscheins hinüber.

„Hier, das ist die Abschrift des Lieferscheins, den mir Lehrling Guards gegeben hat, der mir die Buchergebnisse in den Bericht umgesetzt hat. Er hat sich einfach nur gewundert, wie wir sechs Tonnen Tee verschiffen können, wenn nur zwei Tonnen hier am Lager sind. Und ich wundere mich auch, ehrlich gesagt.“

Jones überlegte fieberhaft, wie er das am besten erklären konnte.

„Oh“, sagte er mit einem zunehmend unsicherer werdenden Lächeln. „Das ist der verschriebene Beleg. Hier sind versehentlich sechs Tonnen aufgeführt. Eine halbe Tonne ist natürlich richtig“, redete er sich heraus und betete, dass Norman das schlucken würde. Doch dessen maliziöses Lächeln verhieß nichts Gutes.

„Und was haben wir dann noch an Governor Swann geliefert?“

„Wieso?“

„Mr. Jones, der Tallymann und der Stauervize vom Gästekai haben mir bestätigt, dass die Aztec mit viereinhalbtausend Teekisten à drei Pounds beladen wurde. Das sind sechs Tonnen – aber ganz gewiss keine sechs Tonnen Tee!“, hielt er dem schwitzenden Vorsitzenden vor. „Was also haben wir Swann noch geschickt?“, bohrte er.

 

Zur selben Zeit befand sich die Aztec etwa fünfundzwanzig Seemeilen nordnordwestlich von Le Havre und rund fünfundfünfzig Seemeilen südsüdwestlich von Brighton. Der widrige Westwind zwang die Crew der Brigg immer wieder zum Kreuzen, was die Strecke zum einen verlängerte, zum anderen reichten die Stagsegel keinesfalls aus, um volle Geschwindigkeit zu erreichen.

„Dreißig Stunden sind wir jetzt unterwegs!“, seufzte Will. „Uns läuft die Zeit weg! Jones geht davon aus, dass wir in spätestens zwei Tagen im Atlantik sind. Irgendwie kommen wir kaum vom Fleck, habe ich den Eindruck.“

„Die Company und ihre Fahrpläne!“, seufzte Groves. „Was soll denn passieren?“

„Jones will achtundvierzig Stunden, nachdem wir London verlassen haben, beim König die Auflösung der East India Trading Company einreichen. Glaubst du ernsthaft, dass sich da nicht einige Leute gegen den Verlust ihres Arbeitsplatzes wehren werden? Als Erste sollen die Soldaten außer Dienst gestellt werden. Wenn wir Pech haben, springen die schneller auf ihre Schiffe und jagen uns bis ans Ende der Welt, als wir bis drei zählen können“, gab Will zu bedenken.

„Und wieso sollten sie nach uns suchen?“, wunderte sich Groves.

„Weil die Ladung, die wir aus London mitgenommen haben, nicht nur Tee ist, mein Freund, sondern erheblich wertvoller. Das werden sie zurückhaben wollen, auf Biegen und Brechen“, erklärte Elizabeth.

„Verdammt!“, entfuhr es Groves. „Hört das mit den verfluchten Schätzen denn nie auf?“

„Hart Steuerbord!“ kommandierte Will das nächste Segelmanöver. Die Männer holten die Brassen an Steuerbord dicht, gaben an Backbord nach, Groves warf das Ruder nach Steuerbord und die Aztec drehte wieder in nördliche Richtung, auf die englische Kanalküste zu.    

 

Ebenfalls zur selben Zeit landete eine Brieftaube am Nachrichtenschlag der East India Trading Company in Bristol, in der Nachrichtenbüchse die Weisung an Captain Kimball, dass er die aus dem Ärmelkanal kommende Aztec mit Ziel Jamaica irgendwie aufhalten sollte. Es sei wichtig, sie zu entern und die Ladung zu inspizieren. Der für die Tauben zuständige Mitarbeiter brachte die Büchse zu Kenneth Chester, dem örtlichen Agenten. Der las die Nachricht und zog die Stirn kraus.

„Ich hoffe, Direktor Norman hat das mit dem Vorstand Jones abgesprochen … Holt mir Captain Kimball her!“

Kimball war wenige Minuten später zur Stelle und erhielt die Weisung von Chester.

„Die Aztec aufhalten? Wie stellt Norman sich das vor? Das hat ja nicht mal geklappt, als Turner mit drei Landratten an Bord allein war. Wie soll das gehen, wenn er seine eingespielte Crew an Bord hat?“, keuchte der Captain, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben war. Chester schüttelte den Kopf.

„Kimball, Ihr habt eine ausgewachsene Fregatte mit hundert Mann an Bord!“, grollte er. „Ihr werdet doch mit einer kleinen Brigg mit zwanzig Mann Besatzung fertig werden!“

Kimball salutierte.

„Aye, Sir“, bestätigte er. „Wir werden es versuchen.“

Chester sah ihn durchdringend an.

„Versagt nicht noch einmal, Captain Kimball. Sonst könnt Ihr Euch eine andere Stelle suchen!“

Keine zwei Stunden später verließ die Bombay den Hafen von Bristol, um die Aztec abzufangen.

 

Die Aztec hatte bei günstigem Wind ein Etmal von zweihundertvierzig Seemeilen. Bis zur Nordwestspitze Frankreichs, dem Kap Finisterre, waren es von den Londoner Docks bei Nordostwind etwa fünfhundert Seemeilen. Einschließlich der zusätzlichen Strecken, die durch das Kreuzen gegen den Wind notwendig waren, wurden jedoch fast sechshundertvierzig Seemeilen daraus, dazu verlängerte sich die Reisezeit entsprechend. Der Crew der Aztec wurde klar, dass sie bei allenfalls sieben Knoten Geschwindigkeit und häufigem Richtungswechsel mindestens vier Tage bis in den Atlantik benötigen würden. Je länger sie brauchten, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand versuchen würde, sie aufzuhalten.

Es gab Schiffe, auf denen der Captain in solchen Fällen Rumpelstilzchen alle Ehre gemacht hätte, doch Will Turner gehörte nicht zu dieser Kategorie. Es ging unter diesen Verhältnissen nicht schneller, also bestand keine Notwendigkeit, seine Leute weiter anzutreiben. Geduldig fuhren sie eine Wende nach der anderen, näherten sich langsam, aber stetig dem Ende des Ärmelkanals bei Kap Finisterre.

 

Die beiden anderen Direktoren wurden allerdings ungeduldig, als Edward Jones nicht umgehend antwortete. Die Störung durch Lehrling Guards, der dem Vorsitzenden die Ankunft von Nathan Everett meldete, kam Jones äußerst gelegen, den anderen weniger. Norman wollte den Jungen gerade anherrschen, dass jetzt nicht der passende Zeitpunkt für Störungen der Sitzung sei, aber Jones ergriff die Gelegenheit beim Schopf und ließ Everett eintreten.

„Meine Herren, Ihr kennt Mr. Everett. Er ist ab heute wieder in der Firma. Setz dich, Nathan. Direktor Norman fragt mich gerade, was wir eigentlich noch an Governor Swann geliefert haben – außer Tee.“

Nathan schaltete schnell.

„Geld, meine Herren“, antwortete er. Die drei Direktoren sahen ihn verblüfft an.

„Wie bitte?“ hakte Norman nach.

„Meine Herren, Euch ist doch bekannt, welches Unrecht dem Gouverneur von Jamaica, seiner Tochter und seinem Schwiegersohn von der East India Trading Company angetan wurde. Die Hauptschuldigen daran sind mein Vater und mein Onkel. Also habe ich Entschädigung angeboten. Edward war so freundlich, mir dabei behilflich zu sein, es einigermaßen unauffällig an Bord der Aztec zu bringen.“

„In welcher Form befindet sich das Geld auf der Aztec?“, fragte Norman misstrauisch nach.

„Silber, Gold, auch Banknoten der Bank von England“, erwiderte Everett.

„Die Kisten haben ein Gewicht von jeweils drei Pounds, macht unter dem Strich sechs britische Tonnen, aber davon ist allenfalls eine halbe Tonne Tee. Wollt Ihr uns weismachen, dass Ihr fünfeinhalb Tonnen Gold, Silber und Papiergeld bezahlt?“

„Mr. Norman, Eure Bedenken verstehe ich. Es ist zutreffend, dass die Kisten jeweils ein Gewicht von drei Pounds haben. Aber der Inhalt der Kisten besteht keineswegs nur aus Tee und Geld. Es sind auch Sandsäckchen darin, damit alle Kisten in etwa das übliche Teekistengewicht haben. Über die Höhe der von mir gezahlten Entschädigung mache ich keine Angaben. Die ist meine Privatsache“, versetzte Everett kühl.

„Und wieso sind wir bei einer privaten Entschädigung so großzügig, eine halbe Tonne Tee zur Verfügung zu stellen?“, hakte Norman nach. Jones atmete tief durch. Ihm schien der Augenblick der Wahrheit gekommen zu sein.

„Weil auch die East India Trading Company Swann und seiner Familie Unrecht getan hat, Mr. Norman“, entgegnete Jones. „Den letzten Streich haben mein Bruder und meine Frau geführt – mit einem auf private Initiative meines Bruders gebauten und finanzierten Schiff. Als ich das entdeckt habe, habe ich mit Nathan gesprochen, und wir haben beschlossen, dem ein Ende zu setzen. Meine Herren, ich werde noch heute dem König mitteilen, dass die East India Trading Company aufgelöst wird.“

Die drei Direktoren sahen sich verstört an.

„Das ist ein Scherz, oder?“, fragte Norman.

„Nein, Mr. Norman, das ist kein Scherz“, stellte Jones klar. „Die East India Trading Company wird aufgelöst, die Soldaten außer Dienst gestellt und die Mitarbeiter entlassen – nicht sofort, aber Ende des Jahres wird es die East India Trading Company nicht mehr geben. Nathan und ich werden eine neue Gesellschaft gründen – und zwar ganz klein. Es bleibt Euch unbenommen, selbst aktiv zu werden und eigene Gesellschaften zu gründen.“

Die Direktoren sahen sich nochmals an. Und dann brach ihr Zorn los … Drei Männer, die eigentlich Schreibtischtäter waren, wurden zu wild kämpfenden Furien, die Jones und Everett handgreiflich angingen. Im Vorstandsbüro der East India Trading Company blieb kein Möbelstück ganz.

 

Unten auf der Straße blieb der handfeste Streit im ersten Stock der Company-Zentrale nicht unbemerkt. Zehn recht finster aussehende Gestalten in farbenfrohen, aber löchrigen und schmutzigen Röcken mit mehr als nur faltigen Gesichtern, grinsten breit. Es waren Captain Edward Teague und neun seiner Männer.

„Nicht schlecht, was die Jungs da abziehen“, schmunzelte Teague amüsiert. „Na los, Jungs, gehen wir ihnen ein bisschen zur Hand!“

Teague und seine Piraten zogen die Entermesser und stürmten die Zentrale der Company.

 

Stunden später erhielt König George III. ein Schreiben von Edward Jones, der ihm erklärte, dass die East India Trading Company mit dem heutigen Tage aufgelöst sei. Zu diesem Zeitpunkt war die Zentrale der Company nur noch ein Trümmerhaufen, den die meisten Angestellten lange vor dem Zusammenbruch fluchtartig verlassen hatten. Die drei Direktoren und einige Mitarbeiter, die sich am Kampf beteiligt hatten, lagen tot in den Trümmern, Nathan Everett und Edward Jones waren mit Teague und seinen Piraten zum Hafen geflohen und befanden sich auf dessen Galeone, die der Nordsee zustrebte.

 

Während Teague seine Misty Lady nach Osten steuerte, kämpften sich Elizabeth und Will Turner mit ihren Leuten weiter in Richtung Atlantik, hetzte ein völlig verstörter Jefferson Guards mit einem gestohlenen Pferd nach Glasgow, um die dort liegende Borneo zu erreichen. In seiner Tasche hatte er den letzten Befehl von Direktor Norman, die Aztec unter allen Umständen zu stellen und zu versenken. Es waren gute vierhundert Meilen nach Nordwesten, eine Strecke, für die man normalerweise mehr als zwei Wochen benötigte, aber Jefferson nahm sich vor, auf den unterwegs befindlichen Poststationen das Pferd zu wechseln. In dem Fall rechnete er sich aus, eine Woche bis nach Glasgow zu brauchen.

 

Zwei Tage später war die Aztec nur noch wenige Meilen vom Kap Finisterre und der dazu vorgelagerten Île d’Ouessant entfernt. Nick Maynard stieg mit dem Wachwechsel um acht Uhr morgens ins Krähennest hinauf und suchte als Ausguck den Horizont nach anderen Schiffen ab. Es dauerte keine volle Stunde, bis ziemlich genau mittschiffs Steuerbord querab die Masten eines dreimastigen Seglers sichtbar wurden.

„Dreimaster Steuerbord querab!“, meldete Nick nach unten. Will, der wieder am Steuer stand, griff nach seinem Fernrohr und peilte in die angegebene Richtung.

„Sie fahren unter EITC-Flagge!“, schrie Nicolas. Will hatte das Schiff inzwischen im Fokus des Fernrohrs.

„Ich glaub’s nicht! Das ist doch schon wieder die Bombay!“, entfuhr es ihm, als er die weiteren Merkmale des Schiffes erkennen konnte. „Charlie! Eddie! Macht die Kanonen klar!“, befahl er. Charlie Hoskins reagierte nicht sofort.

„Wäre es nicht besser, der ältesten und besten Piratentradition zu folgen, Will?“, erkundigte er sich vorsichtig.

„Was meinst du?“, fragte Will verständnislos.

„Na ja, Fersengeld geben“, sagte der kleine Bootsmann. „Will, das da ist eine Kriegsfregatte!“, erinnerte er.

„Das ist mir bekannt, Charlie. Aber die haben mich zum letzten Mal geärgert. Vier Tage sind sie uns wie ein Schatten gefolgt und haben wohl ein halbes Dutzend Mal versucht, uns zu versenken. Sie hatten nur Glück, dass wir nur zu viert waren. Sonst hätte ich ihnen schon vor Monaten die Pulverkammer hochgejagt!“, versetzte Will. „Ladet die Kanonen mit Sprenggeschossen!“

Die Schiffe näherten sich in eher spitzem Winkel. Beide Captains konnten sich ausrechnen, dass die Kurse sich in spätestens drei Stunden kreuzen würden – und zwar auf Kollisionskurs. Will peilte nach Backbord, dann auf die Karte, die er auf dem Tisch am Steuerrad festgeklemmt hatte. Sein jetziger Kurs führte ihn gerade fünf Seemeilen nördlich der Île d’Ouessant entlang. Zwischen der Insel und der bretonischen Küste lagen noch diverse kleine Felsinseln in flachem Wasser, so dass es unmöglich war, zwischen den Inseln hindurch zu fahren. Er musste nördlich um die Insel herum. Eine Kurskorrektur weiter nach Süden hätte die Aztec so dicht vor die Küste der Insel gebracht, dass ein kleiner Fehler schon die Gefahr der Strandung barg. Entgegenfahren konnte er der Bombay nicht, weil der Wind dafür nicht günstig war. Nein, er musste auf diesem Kurs bleiben.

Auf der Bombay blieb beim Näherkommen nicht unentdeckt, dass die Aztec bereits die Stückpforten öffnete.

„Der Klabautermann steh’ uns bei!“, murmelte der wachhabende Bootsmann. „Die haben uns ja schon zu viert eingeheizt, dass uns das Wasser im Allerwertesten gekocht hat. Mit voller Besatzung machen die uns platt!“

„Keine defätistischen Reden, Mr. Todd!“, wies Captain Kimball ihn zurecht. „Macht die Kanonen klar und feuert einen Warnschuss vor den Bug!“

„Aye, Sir!“, bestätigte Bootsmann Todd, wenn auch ohne Begeisterung. Er eilte an den Bug, ließ einen der dort befindlichen Neunpfünder laden und feuerte die Kanone ab. Das Geschoss heulte im hohen Bogen auf den Kurs der Aztec zu und platschte gut zwanzig Yards davor ins Wasser.

„Sie wollen tatsächlich Krieg“, brummte Will. „Den können sie haben.“

Er wartete noch zwei Minuten, dann war die Aztec soweit zur Bombay aufgekommen, dass mit einer kurzen Wende nach Backbord die Steuerbordbreitseite der Brigg abgefeuert werden konnte. Elizabeth stand vorn am Bug und beobachtete die Manöver. Die Aztec drehte nach Backbord.

„Feuer!“, befahl sie. Die Kanonen der Steuerbordseite wurden zeitgleich gezündet und zehn Sprenggeschosse flogen zur Bombay hinüber. Sie explodierten knapp über dem Deck der Fregatte und rissen eine Menge Leute von den Füßen. Die oberen Kanonen waren ohne Bedienung. Captain Kimball befahl, nach Steuerbord zu wenden, um der Aztec wenigstens eine Breitseite der großkalibrigen Geschütze im Kanonendeck zu verpassen, doch als die Geschütze feuern konnten, hatte Will Turner seine Brigg schon nach Steuerbord gewendet, so dass nur die schmale Seite des Rumpfes zur Bombay zeigte. Konsequenterweise gingen die Geschosse der Fregatte rechts und links an der Aztec vorbei und verursachten lediglich grüne Wasserfontänen.

Die Kanoniere auf der Aztec luden erneut ihre Geschütze, Charlie zeigte seinem Captain die Bereitschaft der Geschütze an, Will drehte wieder nach Backbord und die zweite Breitseite Sprenggeschosse rauschte auf die Bombay zu. Die Fregatte war nicht ganz so wendig wie die kleinere Brigg. Captain Kimball gelang es nicht, ebenfalls so zu wenden, dass er dem Gegner nur die Schmalseite zudrehte. Wieder explodierten die Granaten über dem Deck, zerstörten den Fockmast und einen Teil der Takelage des Großmastes, aber zwei durchschlugen den Rumpf in Höhe der vorderen Pulverkammer und explodierten im Inneren der Fregatte. Eine ungeheure Explosion zerriss das Vorschiff. Die Bombay zerbrach in zwei Teile, die relativ schnell zu sinken begannen. Ohne besondere Befehle wurden die wenigen Boote zu Wasser gelassen, die Männer sprangen in Todesangst in die Boote oder ins Wasser. Die meisten, die die Boote anvisierten, verfehlten sie und klatschten ins Wasser. Die wenigen, die es in die Boote geschafft hatten, verteidigten sie gegen jene, die im Wasser um ihr Leben strampelten und es schier zum Kochen brachten. Sie schlugen mit den Riemen auf ihre Kameraden ein, um sie daran zu hindern die Boote in ihrer Panik zum Kentern zu bringen. Captain Kimball stand wie versteinert auf dem Achterdeck seines sinkenden Schiffes und hatte augenscheinlich vor, mit seinem Schiff unterzugehen.

„Setzt die Boote aus und holt raus, wen ihr könnt!“, wies Will Turner seine Crew an.

„Aye, Captain!“, bestätigten die Männer. Die Aztec hatte drei Boote mit jeweils acht Plätzen, die rasch zu Wasser gelassen wurden. Je drei Männer sollten die Überlebenden aus dem Meer fischen, aber die verzweifelten Schiffbrüchigen kamen ihnen zuvor und krallten sich panisch an die Rümpfe, schlugen auf ihre Kameraden ein, um selbst einen Platz zu ergattern. Die Retter in den Booten hatten alle Hände voll zu tun, um zunächst Ruhe ins Geschehen zu bringen. Es gelang erst, als Elizabeth, Will und Stephen Groves sich mit Musketen bewaffneten und Will einen Warnschuss in die Luft abgab.

„Ruhe!“, brüllte er. „Wir retten alle, die noch am Leben sind. Aber der Erste, der jetzt wieder um sich schlägt, bekommt eine zusätzliche Last Blei verpasst und kann bei Davy Jones anheuern! Verstanden?“

„Aye!“, keuchte es im Chor – und das Wasser beruhigte sich wieder.

„Also – zuerst die, die nicht schwimmen können. Und wer schwimmen kann, der hilft zunächst. Es bleibt keiner im Wasser!“, wies er die Überlebenden an, die sich auf einmal sehr diszipliniert verhalten konnten.

Einer nach dem anderen wurde aus dem Wasser gehievt. Es waren noch knapp dreißig Überlebende, die die Männer der Aztec aus dem Atlantik bargen. Alle anderen waren entweder bei den Explosionen ums Leben gekommen, ertrunken oder beim Kampf um die Rettungsboote erschlagen worden.

Noch immer hielt sich das Heck der Bombay über Wasser, während der Bug schon auf dem Weg zum Grunde des Atlantiks war. Der Besanmast stand unbeschädigt und mit wehender Flagge der East India Trading Company, dahinter hielt sich Captain Kimball am Steuerrad fest und machte keine Anstalten, sein sinkendes Schiff zu verlassen.

„Captain, kommt an Bord!“, rief Will auf das keine ganze Kabellänge mehr entfernte Wrack hinüber „Ihr habt es nicht nötig, mit Eurem Schiff unterzugehen.“

„Bringt meine Männer in Sicherheit, Captain Turner, und teilt Direktor Joseph Norman mit, dass Captain Abraham Kimball mit seiner Bombay untergegangen ist“, wehrte Kimball stolz ab.       

„Redet keinen Blödsinn. Es ist nicht schön, zu ertrinken“, warnte Will. Doch Kimball schüttelte den Kopf und zog unter seinem Rock eine Pistole hervor, hielt sie sich an den Kopf und drückte ab. Der Einschlag der Kugel riss ihn um und ließ ihn hinter dem Heck ins Wasser stürzen, wo einstweilen keiner erkennen konnte, wie schrecklich der Schuss den Captain entstellt hatte. Noch immer schwamm das Heck der Bombay, doch es sackte nach vorn, der Achtersteven ragte steil nach oben. Langsam ging auch dieser Teil unter.

„Möge Gott seiner Seele gnädig sein“, flüsterte Elizabeth. Will zog sie sanft an sich und gab ihr einen Kuss.

„Retten wir, was zu retten ist“, sagte er leise. Elizabeth nickte. Sie verließen das Achterdeck, um auf dem Hauptdeck mit anzupacken. Mann für Mann kam an Bord der Aztec. Will ließ das Backdeck räumen, damit die Schiffbrüchigen dort vorläufig Platz fanden. Die beiden Drehbassen neben dem Klüverbaum wurden abgenommen und unter Deck gebracht, damit die Geretteten nicht auf dumme Gedanken kamen.

Als alle an Bord waren und auch die Boote wieder aus dem Wasser waren, steuerte Will die Brigg zur Île d’Ouessant.

„Was habt Ihr vor, Captain Turner?“, fragte Bootsmann Todd zitternd vor Kälte und Angst.

„Mein Schiff ist nicht für über fünfzig Leute geeignet. Wir setzen Euch und Eure Kameraden auf der Insel dort an Land“, erklärte Will.

„Aber … aber das ist Frankreich, Sir William!“

„Ja – und es ist Frieden, auch wenn die Company das zuweilen nicht wahrhaben will. Die Franzosen werden Euch nicht gleich umbringen“, versetzte Will eisig.      

 

Eine gute Stunde später lag die Aztec in dem kleinen Hafen der Île d’Ouessant, die Schiffbrüchigen gingen von Bord und wurden von den Fischern der Insel aufgenommen. Will gab dem königlichen Inselvogt für jeden Schiffbrüchigen Geld im Wert von fünf Shilling, damit die Leute für einige Tage mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt werden konnten und bat darum, sie dem nächsten britischen Schiff in Richtung England zu übergeben. Der Inselvogt versprach, dies zu veranlassen.

Weitere zwei Stunden später verließ die Aztec die Baie de Lampaul, die Bucht, in der der Hafen von Ouessant war, und nahm Kurs auf die Kapverdischen Inseln. Inzwischen war die Sonne nur noch knapp über dem Horizont. Dann versank sie als glutroter Feuerball. Der letzte Zipfel verschwand, dann strahlte ein gleißender grüner Blitz über den Horizont. Als er vergangen war, war an der Stelle, an der eben noch die Sonne gewesen war, ein großer Dreimaster – die Flying Dutchman.

 

 

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Kapitel 34

Tarnen und Täuschen – Runde zwei

 

Während die Crew der Flying Dutchman die Toten aus dem Meer barg, um sie ins Jenseits zu bringen, setzte die Aztec ihren Weg nach Süden fort. Die Begegnung mit der Bombay war Warnung genug gewesen, die Will Turner veranlasste, den Ausguck ständig besetzt zu halten. Dass tatsächlich drei Schiffe der East India Trading Company hinter der Aztec her waren, konnte Will bestenfalls ahnen. Aber er hatte ein ungutes Gefühl in der Magengrube, das keineswegs falsch war.

Das eine Schiff war die Singapore, unter Captain Henry Guards, der die Spur der Aztec von London aus verfolgte. Guards’ Loyalität galt Direktor Joseph Norman‚ der bei den Auseinandersetzungen im Hauptkontor der East India Trading Company ums Leben gekommen war. Captain Guards und sein Sohn Jefferson hatten sich dabei auf die Seite von Norman gestellt. Beide hatten sich gerade noch rechtzeitig absetzen können, als Jones und Everett von Teague und seinen Piraten Unterstützung bekommen und das Hauptkontor regelrecht aufgemischt hatten. Der Captain hatte nicht verhindern können, dass Jones die Auflösungserklärung an den König auf den Weg brachte, aber er hatte sich vorgenommen, wie bisher weiterzumachen und Normans Tod sowie den der beiden anderen Direktoren von Kalkutta und Bombay zu rächen. Jefferson hatte er nach Glasgow geschickt, um die Borneo unter dem Kommando von Captain Greitzer zu alarmieren. Greitzer hatte nach Auflösung der Company-Truppen von Port Royal und seiner Genesung sein altes Kommando auf der Borneo zurückerhalten.

Anhand des Fahrplans hatte Guards mit seiner Singapore die Calcutta südlich von Irland abgepasst die, von New York kommend, eigentlich London als Ziel hatte. Kommandant Captain Calvin Morrison gehörte wie Guards zu der Truppe, die seinerzeit von Joseph Norman in Singapur eingestellt worden war. Norman hatte es stets verstanden, seine von ihm selbst engagierten Leute so zu behandeln, dass sie für ihn mit dem Teufel persönlich gerauft hätten.

 

Der Weg in die Karibik war weit. Der übliche Weg war ein traditioneller Kurs, der schon von Kolumbus genutzt worden war. Dieser Kurs führte mit dem vorherrschenden Westwind bis in die tropischen Breiten bei den Kanarischen und Kapverdischen Inseln zunächst in Richtung Süden, von dort aus mit dem Nordost-Passat nach Westen zu den Westindischen Inseln – eine geografische Fehlbezeichnung, die sich gleichwohl hartnäckig hielt und auch zweihundertfünfzig Jahre später noch in Gebrauch sein sollte.

Die stetigen Winde gewisser Breiten hatten zum so genannten Dreieckshandel geführt: Europäer fuhren nach Süden, nahmen in Afrika Waren auf – meist waren es schwarze Sklaven, aber auch kostbare Dinge wie Gold, Elfenbein und Diamanten. Guinea in Afrika war für seine Goldvorkommen berühmt, was der britischen Goldmünze, die aus guineischem Gold geprägt wurde, den Namen