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Das Erbe Ibelins – Teil 1 – Rückkehr ins Heilige Land – online

Updated: 4. Juli 2018

*Kapitel 48 und Epilog neu* *Geschichte beendet*

© Titelbild: Tonny, verwendet mit freundlicher Erlaubnis von Tonny

Ab 12 Jahre

Prolog

 

Man schrieb den 5. Oktober des Jahres 1187. Die Schlacht um Jerusalem war seit drei Tagen vorüber. Nach langem, hartem Kampf hatte Balian von Ibelin als Heerführer Jerusalems kapitulieren müssen. Dass der Kampf gegen die weit überlegene Streitmacht Saladins nicht zu gewinnen gewesen war, hatte er bereits nach dem ersten Tag der Belagerung der heiligen Stadt gewusst. So war es ihm und den Männern, die Jerusalem mit ihrem Leben verteidigt hatten, nur noch darum gegangen, Saladin so zuzusetzen, dass er Bedingungen für eine Übergabe der Stadt stellte – und dass die christlichen Bewohner nicht umgebracht oder versklavt wurden.

Balians geschickte Verteidigungsstrategie, seine Kreativität hinsichtlich des Einsatzes seiner Männer und der ihm zur Verfügung stehenden Waffen hatte den Sultan tief beeindruckt. Die Drohung des christlichen Heerführers in der von Saladin erbetenen Waffenstillstandsverhandlung, eher alle Heiligtümer Jerusalems zu zerstören, als die Stadt aufzugeben und dass jeder weitere christliche Verteidiger, der fiele, wenigstens zehn Sarazenen mit in den Tod nähme, hatte ein Übriges getan. So hatte der Sultan allen Christen freien Abzug in christliches Land angeboten; den Frauen, den Kindern, den Alten, allen Rittern und Soldaten, der Königin – und selbst dem seit der Schlacht um Hattin gefangenen König Guy.

Noch am selben Tag hatte Guy seine Freiheit genutzt, um den Rivalen um seine ihm seit langem entfremdete Gemahlin Sibylla anzugreifen und zu einem Duell auf Leben und Tod herauszufordern. Balian hatte ihm tiefe Wunden in den Leib geschlagen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit tödlich waren. Seit der fast totalen Vernichtung des Johanniterordens in der Schlacht um Hattin war die medizinische Versorgung der Christen im Heiligen Land äußerst beschränkt. Die einzigen Ärzte, die diesen Namen verdienten und noch zur Verfügung standen, waren Muslime – und dass die ihren erklärten Todfeind behandeln und am Leben erhalten würden, damit war nicht zu rechnen. Jeder in Jerusalem, der diesen Kampf gesehen hatte, ging davon aus, dass Guy tot war. So war es auch Königin Sibylla berichtet worden.

Balian hatte aber auch selbst einiges in diesem Kampf einstecken müssen. Imad ad-Din, Saladins rechte Hand und guter Freund Balians, hatte dafür gesorgt, dass der Baron von Ibelin die bestmögliche Behandlung seiner Wunden durch die sarazenischen Ärzte erhielt. Er hatte ihm auch ein Pferd verschafft. Es war jenes Pferd, das Balian ihm einst überlassen hatte, als sie sich nach ihrer ersten, noch feindseligen Begegnung gleich nach seiner Ankunft an der Küste des Heiligen Landes, in Jerusalem getrennt hatten.

An diesem 5. Oktober 1187 setzte sich der Treck der vertriebenen Christen als unendlich erscheinender Zug in Bewegung. Mitten in den langen Reihen ging Sibylla. Sie hatte Balian vergeblich gesucht und hatte sich schließlich ohne ihn auf den Weg gemacht. Sie hatte praktisch nichts bei sich, nur einen zusätzlichen Mantel mit Kapuze. Jeglicher anderer Luxus, der noch zwei Tage zuvor ihr Leben gewesen war, war zurückgeblieben. Am Jaffator hatte man sie zunächst aufgehalten, als ein sarazenischer Soldat überprüfen ließ, ob das Lösegeld gezahlt worden war, aber man hatte sie gehen lassen, als ein anderer davon gesprochen hatte, dass für alle Christen das Lösegeld gezahlt sei. Sibylla hatte dafür keine Erklärung, schließlich hatte sie nicht einen einzigen Besant entrichtet, aber sie hütete sich, darüber auch nur eine Silbe zu verlieren.

Während sie automatisch einen Fuß vor den anderen setzte, ritt ein Reiter im leichten Galopp an dem ganzen Zug entlang. Sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als sie Balian erkannte, der als einziger Ausgewiesener ein Pferd hatte. Im ersten Moment fluchte sie schweigend, doch dann stoppte er, ritt zurück, blieb auf ihrer Höhe stehen, saß ab und gesellte sich zu Fuß zu ihr.

„Eine Königin geht niemals zu Fuß“, sagte er, ohne sie anzusehen. „Und doch lauft Ihr“, setzte er mit sanftem Spott hinzu. Ihr blieb eine Erwiderung im Hals stecken, als sie ihn ansah und seinen zärtlichen Blick bemerkte. Völlig überwältigt von diesem sanften Blick schob sie ihre Hand wortlos in die seine, rang sich ein mühsames Lächeln ab und erntete dafür ein liebevolles Lächeln von Balian, das nicht einmal durch die lange, kaum vernarbte Wunde in seinem Gesicht getrübt wurde. In diesem Moment wusste sie, dass ihr nichts mehr geschehen konnte.

Er spürte ein Glück, das sein Herz fast platzen ließ, seit er sie in dem Flüchtlingszug entdeckt hatte, nachdem er sie in der Stadt nicht mehr gefunden hatte. Eine Weile gingen sie Hand in Hand, als Balians Blick mehr zufällig auf das blaugraue Büßergewand fiel. Sie trug es, seit sie ihre Haare abgeschnitten und sich als Krankenpflegerin in den Katakomben von Jerusalem um die Verwundeten der brutalen Schlacht gekümmert hatte. Mit der rechten Hand hatte sie das bodenlange Gewand gerafft, um nicht auf den Saum zu treten und es dabei recht eng an den Körper gezogen. Ihr Leib zeigte eine deutliche Rundung unterhalb der Stelle, an der der Bauchnabel war. Es brauchte einige Augenblicke, bis ihm klar wurde, dass sie schwanger war.

„Guy?“, fragte er und führte seine rechte Hand, die ihre linke hielt, sachte in Richtung des Schwangerschaftsbauches. Sie sah ihn an, schüttelte den Kopf, ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber sie brachte kein Wort heraus. Er überlegte einen Moment, sah sie fragend an und wies dann mit dem rechten Daumen auf sich. Sie registrierte die Bewegung und nickte.

„Was weißt du von Guy?“, fragte er.

„Ich weiß, dass ihr euch geschlagen habt und dass er tot ist“, erwiderte sie.

„Wer hat dir das gesagt?“

„Es waren eine Menge Soldaten Zeuge eures Duells. Einer davon hat es mir gesagt.“

Er lächelte noch etwas sanfter.

„Dein Bruder hat mir einmal ein Angebot gemacht. Gilt das noch und bestätigst du es?“, fragte er.

„Wie?“

„Balduin hatte mir angeboten, dich zu heiraten, sofern du von Guy befreit wärst. Nun bist du es, wenn er meine Hiebe nicht überlebt hat. Willst du meine Frau werden?“, machte er ihr einen Antrag. Sie sah ihn wieder an und nickte nur schweigend. Er zog sie sanft aus der langen Reihe.

„Komm, setz’ dich in den Sattel“, bot er an. Sie sah ihn entsetzt an. Wollte er sie etwa wieder von sich trennen? Doch er zog sie liebevoll an sich und gab ihr einen sanften Kuss.

„In deinem Zustand kann ich es nicht verantworten, dass du den ganzen langen Weg bis nach Akkon zu Fuß gehst“, präzisierte er. Sie lehnte sich an ihn an.

„Und du willst dann laufen?“, fragte sie. Seine sanfte Umarmung gab ihr wieder Kraft.

„Sobald es möglich ist, kaufe ich ein zweites Pferd und gutes Sattelzeug“, versprach er. Dann führte er sie und sein Pferd ein kleines Stück seitlich vom Zug weg, half ihr auf das Pferd und kehrte wieder in die Reihe zurück, bevor ein übereifriger Sarazene heran war, um sie wieder in die Kolonne zurückzutreiben. Saladin hatte Schutz versprochen, doch schienen sich manche der begleitenden Sarazenen eher als Wächter von Gefangenen zu betrachten …

„Tiberias ist nach Zypern gegangen. Besuchen wir ihn?“, schlug Balian vor. Sibylla nickte schweigend.

„Und wo möchtest du heiraten? Zypern oder Frankreich?“, fragte er weiter.

„Akkon?“, erwiderte sie lächelnd. Er erwiderte ihr Lächeln, schüttelte aber den Kopf.

„Wir müssen in Akkon sofort auf die Schiffe, so ist es vereinbart. Für eine Hochzeit wird es nicht reichen, fürchte ich“, gab er zu bedenken. Die junge Frau nickte.

„Balian?“

Er sah hoch.

„Hm?“

„Ich habe keine Mitgift mehr“, bekannte sie.

„Daran bin ich auch nicht interessiert“, entgegnete er. „Davon hat Balduin auch nichts erwähnt, als er mir deine Hand anbot.“

„Nun, als er dir die Ehe mit mir anbot, war ich die Prinzessin von Jerusalem“, erinnerte sie.

„Sibylla, deine Stellung als Prinzessin und später als Königin war für mich nie der Grund meines Interesses. Du allein bist, was ich will und die ich glücklich machen möchte. Einfach, weil ich dich liebe, meine Königin.“

„Das … das bin ich nicht mehr“, wehrte sie schluckend ab. „Du hast mir gesagt, du würdest mir nur folgen, wenn ich auf die Krone verzichte“, erinnerte sie.

„Du wirst es immer bleiben – meine Königin; die Königin meines Herzens. Und zwar unabhängig von unserem tatsächlichen Stand – und ganz gewiss auch ohne eine Krone.“

Sie lächelte. Er war wirklich hartnäckig mit dieser ebenso ehrenvollen wie liebevollen Titulatur.

„Und … was … was wirst du machen, wenn wir wieder in Frankreich sind?“

„Pferde beschlagen, Waffen und Rüstungen machen, Pfannen schmieden, vielleicht wieder Kriegsmaschinen bauen“, sagte er. „Es wird nicht der Luxus sein, den du gewöhnt bist, aber ich verspreche dir ein warmes Haus – und ein tägliches Bad.“

Im ersten Moment war sie geschockt. Dann dämmerte ihr langsam, dass er seine Zukunft realistisch einschätzte und in seinem erlernten Beruf immer noch eigene Gestaltungsmöglichkeiten hatte. Godfrey hatte ihm zwar Ibelin hinterlassen, aber von seinem Erbe war ihm nichts geblieben. Allein von seiner Eigenschaft als Titularbaron von Ibelin konnte er nicht leben. Sibylla schmunzelte. Sie hatte selbst noch ein paar Verbindungen, die ihrem zukünftigen Gemahl eine passable Lebensgrundlage bieten konnten …

 

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Kapitel 1

Zypern

Tiberias empfing Sibylla und Balian herzlich in seinem Haus in Larnaca auf Zypern.

„Willkommen. Ich danke Gott, Euch beide lebend wieder zu sehen“, begrüßte er sie und umarmte beide wie ein Vater, der seine lange vermissten Kinder zurückhatte. „Ich habe von Jerusalem gehört und hatte die schlimmsten Befürchtungen. Aber dann erhielt ich Nachricht von deiner geschickten Strategie, Balian. Nicht nur Saladin war beeindruckt“, lobte der alte Graf den jungen Baron.

„Einerseits bin ich glücklich, dass die meisten Bewohner Jerusalems überlebt haben und nur mit einem geringen Lösegeld davongekommen sind, aber Jerusalem ist gefallen“, wehrte Balian ab.

„Du hast es von Anfang an gewusst, dass es nicht zu halten war, mein Junge. Dein Vater kann stolz auf dich sein. Ich schätze, am meisten wird ihn freuen, dass du für jene, die das Lösegeld nicht aufbringen konnten, gezahlt hast, Balian.“

„Ich habe es für meine Pflicht als vermögender Baron dieses Reiches gehalten, Tiberias“, erwiderte Balian. Die Narbe auf seiner Wange nahm ein flammendes Rot an. Sibylla sah ihn verblüfft und tief gerührt an.

„Sagt, Tiberias, wie viel hat mein künftiger Gemahl bezahlt?“, fragte sie, ohne den Blick von ihm abzuwenden. „Mir hat er davon nämlich nichts erzählt …“

Tiberias grinste.

„Fast fünfzigtausend Besant, liebe Sibylla. Arm gemacht hat es ihn allerdings nicht, schließlich hat Saladin ihm eine jährliche Pacht für seine verlorenen Lehen in Höhe von siebzigtausend Besant zugesagt – und das gesamte Geldvermögen, das sich noch in Ibelin befand, immerhin fünf große Truhen, die randvoll Besant sind, per Schiff hierher geschickt. Ihr heiratet einen der reichsten Männer, die gegenwärtig zu haben sind“, erklärte er. Sie sah Balian geschockt an.

„Wie hast du das gemacht?“

„Gar nicht. Saladin hat es mir von sich aus angeboten. Imad bekommt meine Lehen und zahlt mir ein Viertel des Ertrags. Das sind besagte siebzigtausend Besant. Der Sultan meinte, das sei eine angemessene Entschädigung – und ich habe ihm nicht widersprochen“, erwiderte Balian sanft.

„Und … warum hast du mir davon nichts gesagt?“

„Ich wollte dich überraschen. Und … eine Weile habe ich mich gefragt, wie du überhaupt reagieren würdest. Du hättest auch glauben können, ich hätte dein Reich für meinen persönlichen Vorteil verkauft. Deshalb habe ich zunächst auch abgelehnt, aber Imad bestand darauf, mir Tribut zu zahlen, obwohl doch eher der Besiegte zahlen muss. Imad meinte, wenn ich das Geld nicht freiwillig nähme, würde er schon herausfinden, wo ich wohne – und mir das Gold vor die Tür schütten lassen. So konnte ich ihn noch davon überzeugen, mir einen Teil davon in Form von Orangen, Zitronen und Datteln zu liefern“, erklärte er mit unschuldigem Blick. Sibylla schüttelte grinsend den Kopf.

„Du bist unglaublich! Selbst deine Feinde bezeugen dir Respekt und Verehrung. Wie stellst du es eigentlich an, nicht in den Himmel zu schweben?“

„Ich weiß es nicht. Ich traue mich nicht mal, das wirklich zu genießen aus Sorge, es könnte doch nur ein Traum sein.“

„Darf ich dir einen Rat geben, mein Junge?“, fragte Tiberias. Balian nickte.

„Wenn du die Geldtruhen unten im Keller siehst – beschlag’ doch gleich mein Pferd neu. Wenn du tust, was dir vertraut ist, wirst du schnell feststellen, dass es kein Traum ist“, empfahl der alte Graf. Sibylla war immer noch völlig verblüfft.

„Jedenfalls ist mir jetzt klar, warum es dir nichts ausgemacht hat, dass ich keine Mitgift mehr habe“, sagte sie schließlich. Balian nahm sie sanft in die Arme.

„Ich finde es einfach schön, aus Liebe zu heiraten und nicht wegen Geld oder Macht“, sagte er leise.

„Jetzt habe ich verstanden, Mylord von Ibelin. Danke, Liebster.“

 

Am Tag darauf bat Sibylla den ebenfalls nach Zypern gelangten Patriarchen Heraclius von Jerusalem, sie und Balian zu trauen.

„Mylady … Ihr seid verheiratet!“, erinnerte er erschrocken.

„Ich war es, Eure Heiligkeit. Mein Gemahl hat nach der Kapitulation nichts Besseres zu tun gehabt, als den tapfersten Verteidiger Jerusalems zu einem Duell zu fordern. Er hat es nicht überlebt!“, versetzte sie eisig.

„Mylady, wenn Ihr wollt, dass ich Euch und den Baron von Ibelin traue, benötige ich einen Beweis dafür, dass Ihr Witwe seid. Ich kann und darf das nicht allein auf Euren Worten beruhend tun!“, widersprach Heraclius bestimmt.

„Und wie sollten Balian und ich das beweisen?“, fragte sie verstört. Widerworte war sie von Heraclius nicht gewohnt.

„Wenn sich ein König und sein Heerführer duellieren, wird es doch gewiss Zeugen dafür geben, Mylady“, gab er ihr einen Tipp. Aufgewühlt verließ Sibylla die Gemächer des Patriarchen und informierte Raymond von Tiberias über das Problem.

„Ich werde nachforschen lassen“, versprach Raymond und beauftragte einen seiner Männer zum Festland zu reisen, um herauszufinden, was mit Guy geschehen war.

 

Drei Wochen darauf kehrte der Mann zurück.

„Was hast du in Erfahrung bringen können?“, fragte Tiberias.

„Nun, die Reichsteile südlich von Tyrus sind vollkommen desorganisiert. Es herrscht ein heilloses Durcheinander. Ich konnte aber bei Konrad von Montferrat Audienz bekommen. Er ist neu im Heiligen Land und kam gerade an, als die Sarazenen Akkon genommen hatten. Er bemüht sich, südlich von Tyrus eine Verteidigungslinie zu errichten. Alle noch im Königreich lebenden Christen hat er aufgefordert, zu ihm nach Tyrus zu kommen. Durch ihn habe ich mit einigen Zeugen des Duells sprechen können. Alle glauben, dass Guy tot ist“, erklärte der Mann.

„Aber Beweise hast du nicht?“, hakte Tiberias nach.

„Nun, ich habe das hier“, sagte der Bote und holte aus seiner Tasche ein Pergament mit einigen Siegeln hervor.

„Einer der Zeugen sagte mir, er habe selbst gehört, dass sarazenische Soldaten, die Herrn de Lusignan leblos weggetragen haben, am Tag darauf davon sprachen, dass der König von Jerusalem tot sei. Er spricht arabisch, wie er mir glaubhaft machte. Er und drei andere Zeugen, die das ebenfalls vernommen haben, haben mir diese Erklärung schreiben lassen und mit ihren Siegeln versehen.“

Raymond sah auf die gesiegelte Erklärung. Drei der Zeugen waren ihm als Leute bekannt, die de Lusignan nahe standen, der vierte war einer seiner Sergeanten. Damit ging er zu Patriarch Heraclius.

„Einen Leichnam oder ein Grab kann ich Euch nicht präsentieren, Eure Heiligkeit. Aber ich habe keine Zweifel an dem, was diese Männer hier gemeinschaftlich bezeugen. Sibylla ist Witwe. Also kann sie Balian heiraten“, erklärte er. Der überlegte eine Weile.

„Nun gut“, sagte er schließlich. „Wenn es vier christliche Zeugen im Ritterstand gibt, die bezeugen, dass die Sarazenen vom toten König Jerusalems gesprochen haben, dann will ich das als ausreichend hinnehmen. Ich stimme einer Heirat und einer Trauung durch mich zu.“

 

Drei Tage später fand in der Privatkapelle in Tiberias’ Anwesen die Trauung des Barons von Ibelin und der Prinzessin von Anjou durch den Patriarchen von Jerusalem statt. Angesichts der Tatsache, dass Sibylla erst vor kurzem Witwe geworden war, war es nicht das rauschende Fest, das eine Hochzeit unter Adligen zu sein pflegte; es war eher eine Feier im engen Familienkreis, zu der außer dem Patriarchen, dem mit Raymond befreundeten Johanniterpater André, nur Graf Raymond von Tiberias und seine Gemahlin Yasmina zugegen waren.

„Ich wäre gern der Taufpate eures Erstgeborenen“, bat Raymond das frischgetraute Ehepaar. „Deshalb … nein, nicht deshalb … aber … der Winter steht vor der Tür. Balian, du musst erst ein neues Haus bauen, bevor du mit Sibylla zusammen wohnen kannst. Nach allem, was ich von Jean erfahren habe, ist dein altes Haus ja abgebrannt. Außerdem … die Herbststürme sind im Mittelmeer sehr gefährlich. Reist lieber erst im Frühjahr nach Frankreich weiter. Bleibt bis dahin hier bei uns auf Zypern“, bot er an. Balian musste zugeben, dass Tiberias Recht hatte. Ein Blick auf Sibylla zeigte ihm, dass sie nur zu einverstanden war, im warmen Zypern zu bleiben und noch nicht ins kalte Frankreich zu reisen.

Für Sibylla, die in Jerusalem geboren worden war, war Frankreich ein ebenso fremdes Land, wie Palästina es für Balian gewesen war. Gewiss, sie hatte dort Verwandtschaft, die sie vermutlich aufnehmen würde, aber sie wäre dort eine Fremde. Zwar war ihr Großvater, Fulko von Anjou, der über seine Gemahlin Melisende von Bouillon die Krone Jerusalems vom Haus Bouillon erworben hatte, noch in Frankreich geboren und gehörte auch zu den wenigen regierenden Grafen Frankreichs, die ihre alte Heimat verlassen hatten, um ihr Glück in der neuen Welt im Osten zu suchen, aber er hatte Frankreich nie wiedergesehen – und seine Nachkommen auch nicht. Die Grafschaft Anjou war nach Fulkos Fortgang an seinen ältesten Sohn Godfrey übergegangen, Sibyllas Onkel. Ja, sie war eine Anjou, aber zu erben gab es für sie in Frankreich nichts.

Das Ehepaar Ibelin blieb als gern gesehenes Gästepaar beim Grafen von Tiberias. Godfreys Sohn konnte nicht anders, als sich nützlich zu machen. Für das Stillsitzen war er einfach nicht geschaffen. Den Vormittag über arbeitete er als Schmied, lieferte Raymond sehr genaue Zeichnungen für Belagerungsmaschinen. Ab der heißen Mittagszeit gönnte er sich mit Sibylla dann ein Mittagsschläfchen, am späten Nachmittag sahen die Einwohner von Larnaca das junge Paar oft auf einem Spaziergang in den Olivenhainen. Seine verbliebenen Wunden aus der Schlacht um Jerusalem heilten unter der milden Sonne schneller, als er gedacht hatte – was durchaus auch mit der liebevollen Pflege seiner Angetrauten zu tun hatte.

Zuweilen allerdings wurde es ihr zwischen Frühstück und Mittagessen recht langweilig, wenn Balian für Raymond arbeitete. Anfang Dezember war er mit dem Bau einer Wasserleitung zu einem der Olivenhaine beschäftigt. Die Leitung war fast fertig, der Olivenhain aber auf der anderen Seite von Larnaca, weshalb sein Arbeitsplatz wesentlich weiter von der Burg entfernt war, als alle anderen Orte, an denen er bislang etwas für Tiberias gemacht hatte. Sibylla wollte ihm und seinen Gehilfen das Mittagessen bringen und ließ sich ihr Pferd satteln. Ein Stallknecht half der im sechsten Monat Schwangeren in den Sattel.

„Seid Ihr sicher, dass Ihr reiten wollt, Mylady?“, fragte der junge Mann besorgt.

„Mach’ dir keine Gedanken. Ich kann reiten“, versetzte sie.

„Ich meine, wegen der frohen Erwartung, in der Ihr seid, Mylady“, präzisierte der Mann.

„Lass nur, Angelos. Ich muss einfach wieder reiten“, erwiderte sie lächelnd. „Komm!“, feuerte sie ihren Schimmel an, der auch gehorsam loslief.

Schon von weitem sah sie die fleißigen Arbeiter, als sie einen schmalen Bergpfad entlang ritt. Sie winkte Balian zu, der gerade hochsah. Er winkte grüßend zurück. Was sie nicht sah, war die kleine Schlange, die auf dem sonnenbeschienenen Pfad ein ausgiebiges Sonnenbad nahm und vor sich hin döste. Als sich das Pferd näherte, schlängelte sie eilig davon – aber Sibyllas Pferd brach vor Schreck aus, verlor auf dem schmalen Weg das Gleichgewicht und stürzte den Abhang hinunter.

„Sibylla!“

Ein Schreckensschrei entrang sich Balian, der wie von den Furien gehetzt zu der Unglücksstelle rannte. Sie war vom Pferd auf den Weg gefallen und noch ein Stück den Abhang hinunter gekollert, war aber von einem jungen Zypressenbaum aufgehalten worden. Sie hatte unsägliche Schmerzen, als sie sich aus dem Gestrüpp befreien wollte.

„Warte! Warte!“, rief er. „Warte, Liebling! Beweg’ dich nicht!“

Einer der Männer, die mit ihm an der Leitung werkelten, warf dem jungen Baron das Ende eines Seiles zu, wickelte sich das andere Ende schräg um Schulter und Hüften, Balian griff das Tauende und stieg dadurch gesichert vorsichtig den Hang hinunter. Ein weiterer Arbeiter griff zu und sicherte das Seil zusätzlich. Balian arbeitete sich zu der hilflos im Gestrüpp hängenden Sibylla vor und befreite sie vorsichtig aus den kratzigen, brüchigen Ästen des Zypressenbusches. Als ihr weiter Schleier in einigen gebrochenen Zweigen hängen blieb, zerriss er ihn ohne viel Rücksicht; ihr Leben war wichtiger als alles andere.

„Euer Proviant und das Wasser – es liegt da unten“, keuchte sie.

„Ist gut. Lass es da unten liegen. Das ist nicht wichtig“, beruhigte er. „Ist dir was passiert? Bist du verletzt?“

Sie nickte nur. Sie spürte die Sicherheit seiner starken Arme und überließ sich der Ohnmacht.

„Sibylla!“, rief er verzweifelt, aber sie hörte ihn nicht.

„Athanasios, Kyrill, wenn ihr es schafft, heil hinunter zu kommen, seht nach, ob das Pferd noch lebt. Falls ja, gebt dem armen Tier den Gnadenstoß. Wenn ihr könnt, bergt den Sattel und das Zaumzeug. Sollte sonst noch etwas brauchbar sein, nehmt es mit – aber nur, wenn ihr könnt. Begebt euch nicht in unnötige Gefahr.“

„Ja, Mylord“, bestätigten die beiden Knechte und machten sich gleich daran, zu bergen, was zu bergen war. Balian baute mit dem Knecht Andracos aus Stützbalken für die Wasserleitung und Seilen rasch eine Trage, bettete Sibylla vorsichtig darauf und trug sie dann mit Andracos drei Meilen zur Burg zurück.

 

Es war Nacht geworden. Pater André hatte Sibylla gründlich untersucht, das gebrochene rechte Bein geschient und zahlreiche Schürfwunden behandelt. Nach wie vor war sie bewusstlos, und Pater André hatte schließlich alle Anwesenden aus dem Gemach gescheucht, einschließlich des höchst besorgten Balian, der seiner Frau nicht von der Seite weichen wollte. Jetzt kam der Johanniter aus dem Schlafgemach und sah nicht glücklich aus.

„Pater, was ist mit meiner Frau?“, fragte Balian.

„Sie lebt, Mylord – und sie wird leben. Aber … aber … sie … sie hat das Kind … verloren. Es … war nicht zu retten“, sagte der Johanniter tonlos. Wie von einer Keule getroffen ging Balian in die Knie und schlug die Hände vor das Gesicht.

„Nein! Nein! Nein, mein Gott! Nicht schon wieder!“, schrie er auf. Tiberias legte ihm mitfühlend eine Hand auf die Schulter. Er kannte Balians Geschichte …

„Balian …“, setzte er an. Der junge Mann sah mit leerem Blick zu dem väterlichen Freund auf.

„Du wirst dich jetzt nur noch um deine Frau kümmern“, sagte Tiberias eindringlich. „Du bist mein Gast, nicht mein Knecht. Ich schätze deine Arbeit sehr, aber vergiss bitte nicht, dass du deinen Lebensunterhalt nicht damit verdienen musst. Kümmere dich um Sibylla.“

Balian nickte schweigend. Er hatte nichts anderes vorgehabt.

Sie erwachte irgendwann in der Nacht. Im Schein einer Talglampe fand sie ihren Mann, der an ihrem Bett saß. Er beugte sich über sie und küsste sie.

„Ist es schlimm?“, fragte sie. Ein gequältes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Du hast ein gebrochenes Bein, einige Schürfungen und eine Menge blaue Flecken. Aber es ist für dich nicht lebensbedrohlich“, erwiderte er. Sie seufzte erleichtert.

„Was … was ist mit dem … Kind?“, fragte sie dann ängstlich. Er nahm sanft ihre Hand. Tränen stiegen ihm in die Augen.

„Pater André sagt, es … es war … nicht zu retten“, flüsterte er mit einem dicken Kloß im Hals. Ihr Schock war unübersehbar.

„Was … was war … es?“

„Ein Sohn.“

„Balian, ich … ich wollte dir so gern Kinder schenken“, schluchzte sie. Er streichelte sie beruhigend.

„Du hast das Kind verloren, Liebste, aber du kannst wieder Kinder bekommen“, erwiderte er mit mühsamem Lächeln. „Ich werde für dich da sein, mein Liebling“, versprach er und umarmte sie.

„Du sollst doch noch einen Erben haben!“

„Schhh, nein, das ist nicht wichtig, Sibylla. Wichtig ist für mich, dass du lebst – sonst nichts. Du wirst dich erholen, und ich werde bei dir sein. Und wenn es Gottes Wille ist, dass wir keine gemeinsamen Kinder haben sollen, dann soll es so sein. Deshalb werde ich dich nicht weniger lieben. Aber André sagt, du kannst weiter Kinder bekommen“, sagte er leise. Sie kuschelte sich in seinen Arm, fühlte sich sicher und geborgen. Schließlich strich sie ihm sanft über das Gesicht und sah ihn lange an.

„Balian, du bist ein Wunder. Jeder … jeder Adlige ist sonst nur an Erben interessiert. Noch nie hat ein Mann so geredet wie du. Ich liebe dich“, flüsterte sie und küsste ihn lange.

Das Ungeborene bekam den Namen Henri, erhielt die Sterbesakramente und wurde dann in der Familiengruft des Grafen von Tiberias in der Sankt-Lazarus-Kirche in Larnaca beigesetzt. Balian bemühte sich rührend um seine Frau, war stets für sie da. Sie stützten sich gegenseitig, um über den Tod des gemeinsamen Kindes hinwegzukommen. André blieb dabei, dass Sibylla in Zukunft Mutter werden konnte, riet dem jungen Paar aber dringend dazu, wenigstens ein Jahr vergehen zu lassen, bevor sie sich erneut um Nachwuchs bemühten.

Sie nutzte die weitere Zeit, um ihre Beziehungen in Frankreich spielen zu lassen. Sie schrieb an ihren Cousin Richard, den Grafen von Anjou und künftigen König Englands und berichtete ihm, was sich zugetragen hatte. Richard seinerseits hatte gehört, dass Hugo du Puiset, Balians Onkel, zwischenzeitlich ohne Erben verstorben war und teilte ihr mit, dass er den Lehnsherrn der Vizegrafschaft Saint-Martin-au-Bois, den Grafen von Blois, durch Bischof Guillaume gebeten habe, Balian als Nachfolger Hugos einzusetzen. Thibaud de Blois hatte zugestimmt, da Balian als Neffe ein naher Verwandter Hugos war.

„Balian?“, sagte sie eines Morgens, nachdem sie die Zusage hatte, dass Balian der neue Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois werden würde.

„Ja?“, fragte er und kraulte sie verliebt im Nacken, als sie in der Wärme des gemeinsamen Bettes nahe an ihn heran rutschte und ihren Kopf auf seine breite Brust legte.

„Was wäre, wenn Guy doch noch lebt?“, fragte sie.

„Ich wüsste nicht, wie er die drei Schlitze im Leib, die ich ihm gezogen habe, ohne ärztliche Hilfe überlebt haben sollte“, erwiderte er und küsste sie sacht aufs Haar.

„Ich … weiß … nicht. Es … es ist so … so ein seltsames Gefühl. Es wäre besser, wenn ich als tot gelte. Dann käme er gar nicht erst auf die Idee, nach mir zu suchen, falls er doch noch am Leben sein sollte“, sagte sie.

„Und wie … willst du das anstellen?“, hakte er nach.

„Deine erste Frau hat sich doch nach ihrer Fehlgeburt das Leben genommen, oder?“

Er schluckte hart. Die Erinnerung tat trotz ihrer Liebe immer noch sehr weh.

„Ja.“

„Der Sturz war übel. Ich hätte dabei sterben können“, sagte sie.

„Bist du zu meinem Glück aber nicht“, entgegnete er. Sie richtete sich halb auf.

„Stimmt, aber es hätte so kommen können. Ich … ich möchte einfach verschwinden, verstehst du? Ich möchte für Guy tot sein, um wirklich für dich leben zu können. Ich habe noch einen zweiten Namen, den Guy gar nicht kennt: Gaëlle. Wenn wir nach Frankreich zurückkehren, möchte ich dort als Gaëlle von Ibelin ankommen.“

„Raymond weiß, dass du lebst, Heraclius weiß, dass du lebst. Es waren nur wenige Gäste bei der Hochzeit, aber sie alle wissen, dass du sehr lebendig bist“, gab er zu bedenken. „Du wirst sie hoffentlich nicht morden lassen wollen!“

„Nein, natürlich nicht. Raymond und Yasmina werden ein solches Geheimnis einfach hüten. Dafür bin ich zu lange mit ihnen befreundet. Raymond ist kein Freund von Guy, das solltest du wissen. Er wird es ihm gewiss nicht verraten. Und die anderen werden nie erfahren, was aus mir geworden ist, wenn ich erst in Frankreich bin.“

„Sibylla, ich habe einmal geschworen, stets die Wahrheit zu sagen, auch wenn es meinen Tod bedeutet. Das wäre eine Lüge! Verlang‘ das nicht von mir.“

Sie lächelte sanft.

„Nein, es ist keine Lüge, denn ich heiße wirklich so. Du nennst mich einfach nur bei meinem zweiten Namen. In Frankreich muss keiner erfahren, dass ich Sibylla von Jerusalem bin. Da komme ich als Gaëlle von Ibelin an.

 

Als der Frühling heraufzog, verließen Sibylla und Balian Zypern und segelten nach Marseille, um von dort nach Saint-Martin-au-Bois zu reisen, seine Heimatort, wo er hinkünftig als Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois den Ort, sechs weitere Dörfer und die umliegenden Ländereien für den Grafen von Blois verwalten sollte.

Sibylla ließ ihre Vergangenheit mit ihrem Namen zurück. Als Gaëlle von Ibelin wollte sie nur noch für eine Zukunft mit Balian leben.

 

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Kapitel 2

Nach Wengland

 

Noch auf Zypern war ein großer Teil der Menschen wieder zu Balian gekommen, die in seinen Lehen gelebt hatten und sich keinen besseren Herrn als ihn vorstellen konnten. Und es waren nicht nur Christen gekommen, auch einige Juden und Muslime schlossen sich ihm wieder an und wurden von dem toleranten Balian auch gern wieder in seine Dienste genommen. Obendrein brachten sie auch viele Dinge aus den Häusern Balians mit, die er zurückgelassen hatte. Dass sie mit Wissen und Willen des Sultans Saladin kamen, bewies ein Fass mit Wasser aus dem Jordan – ein Geschenk Saladins, der um das christliche Ritual der Taufe wusste und auch davon gehört hatte, dass Wasser aus dem Jordan eine besondere Bedeutung für Christen hatte.

Außer jenen, die schon im Heiligen Land zu Balians Gefolgsleuten und Dienern gehört hatten, war aber auch ein junger Templer zu ihm gekommen. Sein Name war Georg von Bärenfels, er stammte aus deutschen Landen und hatte zu den von Reynald de Châtillon befehligten Templern gehört. Es war jener junge Templer, den Reynald beim Angriff Saladins auf Kerak zu Balian hinausgeschickt hatte, um den Baron von Ibelin zu überreden, in die sichere Burg zu kommen. Die mutige Attacke der Ibeliner gegen eine vielfache Übermacht hatte Georg sehr beeindruckt. Templer waren selbst tapfere Ritter und achteten auch die Tapferkeit ihrer Gegner. Als Reynald dann von König Guy beauftragt worden war, einen Krieg auszulösen, hatte Georg dies als Unrecht empfunden, hatte den Waffenrock der Templer abgelegt und war nach Jerusalem zum dortigen Stadthaus Ibelins gegangen und hatte sich Balian nach dessen Rückkehr nach Jerusalem angeschlossen.

Als Balian mit seiner Gefolgschaft nach einer langen Reise über Zypern und Messina wieder nach Saint-Martin-au-Bois zurückkehrte, setzte der Graf von Blois ihn als Vizegrafen ein. Der Name du Puiset war für Sibylla immer noch mit dem aufständischen Grafen Hugo du Puiset verbunden, der einst gegen ihren Großvater den Aufstand geprobt hatte, und so hatte sie die Idee, dass es für sie und Balian bei dem Namen von Ibelin bleiben sollte. Zudem blieb damit der grundsätzliche Anspruch auf Ibelin erhalten, dessen Titularbaron Balian immer noch war.

Die alte Burg der du Puisets hatte in den sechs Monaten, in denen Balian nun der Vizegraf war, einige Umbauten erfahren. Die Rückkehrer aus dem Orient schätzten das reinigende Bad zu sehr, um darauf wirklich verzichten zu wollen. Also bekam die Burg nicht nur in fast jedes Gemach einen Kamin, um der französischen Winterkälte zu trotzen, sondern auch einige beheizbare Baderäume in der Nähe der Schlafgemächer. Mit den Umbauten bekam die Burg auch einen Namen: Château Ibelin.

Jetzt war es Oktober. Die Weinlese hatte begonnen, als ein Bote die Burg erreichte. Der Mann war in einen Tappert gekleidet, der von grün und rot gespalten war. Im grünen und im roten Feld war je eine gelbe Lilie. Almaric, Balians Hauptmann, der Balian von Ibelin samt seiner Familie gefolgt war, hatte dieses Wappen noch nie gesehen und winkte den Boten heran.

„Wer seid Ihr, woher kommt Ihr und was wollt Ihr?“, fragte er, ganz der gestrenge Burghauptmann. Der Mann präsentierte Almaric den weißen Stab, der ihn als Herold auswies.

„Gumpert ist mein Name. Herold bin ich im Dienste des Königs Rudolf von Wengland“, erwiderte er in einem unüberhörbar von deutschem Akzent geprägten Französisch. „Ich habe eine Botschaft für Hugo du Puiset, den Vizegrafen von Saint-Martin-au-Bois, meiner Königin Vater“, setzte er dann hinzu. Almaric nickte.

„Steigt ab und folgt mir, Meister Herold“, lud der Burghauptmann ein. „Benoit!“, rief er dann einen Stallknecht herbei, der Gumpert das Pferd abnahm und in die Stallungen der Burg brachte.

Almaric führte Gumpert in den großen Saal des Burgpalas’ und eilte dann in Balians Arbeitszimmer, wo der Vizegraf gerade über den Plänen für die immer noch unvollendete neue Kirche saß.

„Mylord, ein Herold ist eingetroffen“, meldete er. Balian nickte wortlos und folgte Almaric in den Rittersaal. Der Herold verbeugte sich.

„Ich überbringe Euch, Hugo du Puiset …“, er stockte, als er bemerkte, dass er einen jungen Mann von nicht einmal dreißig Jahren vor sich hatte. „Verzeihung, seid Ihr gar der Bruder meiner Herrin?“, erkundigte sich Gumpert.

„Ich bin Balian von Ibelin, Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois. Was führt Euch zu mir?“

„Nun, eigentlich ist die Botschaft, die ich überbringen soll, für Hugo du Puiset oder seinen Sohn Nicolas bestimmt.“

„Mein Onkel Hugo ist vor kurzem verstorben, als ich noch im Heiligen Land war, und sein Sohn Nicolas ist bereits einige Jahre tot. Ich bin der Sohn Godfreys, des Bruders von Hugo. Als einziger noch lebender männlicher Verwandter habe ich nach meiner Rückkehr aus Jerusalem den Vizegrafentitel übertragen bekommen“, erklärte Balian. Der Herold zögerte noch kurz, schien zu überlegen, ob er die Botschaft weitergeben konnte, doch dann befand er, dass es seine Richtigkeit haben würde.

„Eure Cousine, die Königin Marie von Wengland, hat ihren zweiten Sohn geboren, der am 11. November, dem Geburtstag seines älteren Bruders Martin, auf den Namen Michael getauft werden soll. Mein Herr, der König Rudolf von Wengland und seine Gemahlin, laden Euch zur Taufe des kleinen Prinzen nach Steinburg im Königreich Wengland ein.“

„Ich danke für die Einladung, Herold. Wie lange wird die Reise dorthin dauern? Ich kenne Wengland nicht“, erwiderte Balian mit einem freundlichen Lächeln.

„Nun, allein habe ich vier Wochen gebraucht. Wenn Ihr mit größerem Hofstaat reist und Fuhrwerke benutzt, solltet Ihr in den nächsten Tagen aufbrechen, Mylord“, antwortete der Bote.

„Wie ich meine Gemahlin kenne, wird sie lieber reiten, als sich in eine Kutsche nötigen zu lassen“, grinste Balian. „Ich werde Euch umgehend Bescheid geben. Almaric, sorgst du bitte für eine angemessene Unterkunft des Herolds?“

„Ja, Mylord“, bestätigte Almaric und verbeugte sich leicht.

Balian eilte vom Rittersaal in die Frauengemächer, wo sich die Damen zum Sticken getroffen hatten. Gaëlle arbeitete an einem Wandteppich ähnlich jenem, den sie einmal in Bayeux gesehen hatte. Stellte der Teppich in Bayeux die Eroberung Englands durch Guillaume de Normandie dar, wollte sie eine Erinnerung an die schöne Friedenszeit in Jerusalem während der Regierungszeit ihres Bruders Balduin schaffen. Mit dieser Arbeit versuchte sie auch, die furchtbaren Erinnerungen an den Tod ihres Bruders und ihres Sohnes zu verarbeiten. Balian trat ein; ein strahlendes Lächeln seiner geliebten Frau empfing ihn, das er voller Liebe erwiderte. Er trat zu ihr und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange.

„Das ist sehr schön, mein Liebling“, sagte er und streichelte sanft über eine fast fertige Figur im blauen Jerusalem-Rock mit silberner Maske. Sie stellte Balduin IV. dar. Gaëlles Lächeln wurde breiter und sie hob die silberne Maske an, die nur am oberen Rand aufgenäht war. Darunter kam ein schönes, männliches Antlitz zum Vorschein – Balduin ohne die Lepra, die ihn so grauenhaft entstellt hatte.

„Du bist eine Künstlerin, Gaëlle“, lobte er.

„Ohne deine Ideen wäre mir das nicht gelungen“, gab sie das Lob liebevoll an ihn zurück.

„Was hältst du von einer Reise, Liebste?“, fragte er dann.

„Reise? Wohin?“

„Meine Cousine lädt uns zur Taufe ihres jüngsten Sohnes ein.“

Sie sah ihn verblüfft an.

„Ich wusste nicht, dass du eine Cousine hast“, sagte sie. Balian lächelte in seiner unnachahmlich freundlichen Art.

„Ich auch nicht“, erwiderte er und erzählte ihr von dem Herold aus dem Königreich Wengland.

Eine Woche darauf zog eine kleine Schar von Leuten unter dem Banner von Ibelin, dem dunkelroten Tatzenkreuz im hellgelben Feld, gen Osten. Gaëlle und Balian wurden von Almaric und zwanzig Soldaten im Ibelin-Rock begleitet und folgten dem begleitenden Herold Gumpert in die Alpen. Der Weg führte das Grafenpaar und ihre Begleiter zunächst in Richtung Paris, die Seine entlang bis zur Yonne, die Yonne aufwärts bis zur Mündung des Armaçon, dem sie dann bis zum Quellsee unterhalb des Mont Tasselot folgten, den Pass überschritten und nach Dijon in Burgund kamen. In Dijon machten sie einige Tage Rast. Dann überschritt die Reisegesellschaft an der Saône die Grenze des Königreichs Frankreich und gelangte in das deutsche Herzogtum Burgund, durch das auch die Sprachgrenze zwischen Französisch und Deutsch verlief und reisten weiter über Besançon und Mühlhausen an den Rhein, dem sie aufwärts zum Bodensee folgten, um sich dann in die Alpen zu wenden. Vom Rhein folgten sie einem versteckten Tal in der Grafschaft Liechtenstein, dem sie bis zu einem nur scheinbar schwer zu begehenden Pass folgten. Jenseits des Passes hielt der Herold sein Pferd an.

„Willkommen in den Verborgenen Landen“, sagte er. „Dieser Pass, den wir eben überschritten haben, ist die westlichste Grenze des Fürstentums Breitenstein. Ihr befindet Euch hier nicht mehr im Heiligen Römischen Reich, das wir durchreist haben, seit wir bei Dijon die Saône überquerten, sondern in einem davon unabhängigen Land. Wenn wir dieses Fürstentum durchquert und den Quartenpass überschritten haben, sind wir im Königreich Wengland. Wir werden dort auf Burg Palparuva übernachten und dann weiterziehen.“

Burg Palparuva war nicht das, was Gaëlle und Balian sich inzwischen unter einer Burg vorstellten. Wie ehedem die Burg von Saint-Martin-au-Bois war es ein dunkles, zugiges Gemäuer, das in den Feuerstellen keinen vernünftigen Abzug hatte und folglich fürchterlich verräuchert war, wenn der Kamin im Rittersaal angezündet wurde.

„Verzeiht, Gumpert, aber ich glaube, meine Gemahlin und ich zögen es vor, im Stall zu schlafen“, grinste Balian. Auf der Reise hatten sie allerhand erlebt, aber Burg Palparuva schlug alles, was sie bisher gesehen hatten. „Ich vermute, nach einem Badezuber oder gar warmem Wasser zu fragen, lohnt nicht wirklich.“

Gumpert wurde rot bis unter die Haarwurzeln.

„Nein, Mylord. Ich muss gestehen, dass es hier so etwas nicht gibt“, räumte er ein.

Lautes Fluchen weckte Balian am darauf folgenden Tag im Morgengrauen. Almaric, Benoit und Balian stürmten mit gezogenen Schwertern in den Hof, fanden aber nur Gumpert und sein Pferd.

„Was ist das für ein Geschrei, Gumpert?“, fragte Balian, als er bemerkte, dass keine Gefahr bestand.

„Verzeiht, wenn ich Euch geweckt habe, Mylord, aber ich habe ein Problem. Mein Pferd hat zwei Hufeisen verloren und hier gibt es im Moment keinen Schmied. Der ist nämlich gestern in das Nachbardorf gerufen worden und wird erst in zwei Tagen zurück sein. Solange sind wir hier festgenagelt“, erklärte der Herold. Balian und sein ehemaliger Lehrling Benoit grinsten sich an.

„Kein Schmied, ist das so?“, fragte Balian spöttisch in seiner Art, die Almaric sehr daran erinnerte, wie sein Herr den Patriarchen von Jerusalem ausgezählt hatte. Der Hauptmann konnte sich nur schwer beherrschen, nicht laut loszulachen.

„Aber eine Schmiede, wenn ich Euch recht verstehe“, hakte Balian nach. Gumpert nickte.

„Zeigt sie mir“, forderte Balian den Herold auf. Gumpert hatte zwar keine Idee, weshalb der französische Vizegraf das wissen wollte, aber er zeigte ihm die Schmiede.

Mit einem knappen Blick übersah der gelernte Schmiedemeister, dass vorgeformte Hufeisen und die erforderlichen Werkzeuge vorhanden waren.

„Benoit, hol schon mal Wasser. Der Kühltrog ist leer“, wies er den Schmiedegesellen an, entzündete das Feuer in der Esse und heizte es mit dem Blasebalg kräftig an. Gumpert bekam immer größere Augen.

„Aber … Mylord …“, stotterte er. Balian lächelte verbindlich.

„Ich bin Schmiedemeister, Gumpert. Viele Jahre habe ich in meinem Heimatdorf Saint-Martin-au-Bois als Schmied gearbeitet. Das war, bevor mein Vater mich als Sohn anerkannte und mich zum Erben über seine Güter einsetzte.“

„Vergebt, verstehe ich richtig, dass Ihr nicht im Hause Eures Vaters aufgewachsen seid?“

„Ihr versteht richtig“, bestätigte der Schmied.

Das Feuer hatte die richtige Temperatur, und Balian suchte aus den vorhandenen Rohlingen einige aus, die der Hufform von Gumperts Pferd in etwa entsprachen, nahm Maß, entschied sich dann für zwei und hängte die anderen wieder an ihre Plätze. Gumperts Zelter beäugte die Situation zunächst sehr skeptisch, dann panisch, als er merkte, dass es um neue Eisen ging.

„Benoit, kümmere dich um die Eisen, der geht uns gleich durch!“, warnte Balian, war mit zwei langen Sätzen bei dem immer nervöser werdenden Pferd, griff den Zügel, zog den Kopf zu sich herunter und redete leise und beruhigend auf das Tier ein. Die warme, dunkle Stimme des Herrn von Ibelin wirkte wie schon so oft schier ein Wunder. Der Zelter wurde sofort ruhig und schnaubte zufrieden in die Hand des Menschen.

Gumpert beobachtete Balian beim Beschlagen des Pferdes. Der Mann hatte nicht geschwindelt, er verstand sein Handwerk buchstäblich. Der Herold gestand sich ein, dass er nicht viele Schmiede kannte, bei denen die Pferde so ruhig standen wie bei diesem Franzosen. Zwei wahrhaft nagelneue Hufeisen zierten nach kurzer Zeit die Hufe seines Pferdes und dieser Zelter, der sonst jeden Hufschmied die schmerzhafte Bekanntschaft seiner Hufe machen ließ, stupste den Schmied vertraulich mit der weichen Nase an.

„Siehst du, war doch gar nicht so schlimm, wie du befürchtet hast, mein Großer“, sagte Balian leise und erntete ein zufriedenes Schnaufen des Zelters.

„Was habt Ihr mit meinem Gaul gemacht?“, staunte Gumpert.

„Ich mag Pferde und sie mögen mich. Schreit ein Pferd niemals an, kreischt vor allem nie. Pferde mögen es leise und schätzen eine eher dunkle Stimme. Wenn er sich so ungern aufzäumen lässt und den Kopf so hochwirft wie jetzt“, sagte Balian und fing den unruhig werdenden Zelter gerade noch mit der Linken am Kopfgeschirr ein, „dann stoßt ihm leicht in die Rippen – so etwa.“

Balian kickte dem Zelter den rechten Ellbogen in die Seite, dort, wo der Sporn zum Einsatz kam. Der gut dressierte Zelter nahm den Befehl an und senkte den Kopf sofort. Gumpert bekam große Augen.

„Gebt Acht, dass man Euch nicht einen Zauberer nennt, Mylord“, warnte er.

„Wäre das in Wengland gefährlich?“, fragte Balian und kraulte dem zutraulichen Zelter sanft die weichen Nüstern.

„Nun ja, seht, vor vielen Jahren schmiedete ein Gode, ein Zauberer einer längst untergegangenen heidnischen Religion, ein wundersames Schwert, das bei Tag wie die Sonne selbst leuchten soll und des Nachts als Fackel dienen kann“, erklärte Gumpert. „Allerdings muss ich einräumen, dass dieses Schwert seit vielen Jahren verschwunden ist und die meisten Wendländer es ins Reich der Fabel verweisen. Aber dieser Umstand führt dazu, dass wir Wendländer Zauberei nicht so negativ betrachten wie andere Christen.“

Der Weg von Palparuva war noch weit, aber schließlich erreichte die Reisegesellschaft Steinburg, wo König Rudolf residierte. Der König empfing den Vizegrafen von Saint-Martin-au-Bois und seine Gemahlin mit den gebührenden Ehren. Rudolf war selbst noch ein junger Mann von gerade dreißig Jahren und war ein wirklich gut aussehender Mann.

„Willkommen auf Burg Steinburg, lieber Vetter. Gumpert hat Eilboten voraus gesandt, die mir und meiner geliebten Königin verkündeten, dass nicht ihr Vater oder ihr Bruder kämen, sondern ihres Onkels Sohn. Euer Vater war ein bedeutender Fürst des Königreichs Jerusalem, wie ich höre“, begrüßte Rudolf Balian.

„Mein Vater war der Baron von Ibelin. Er hinterließ mir diesen Titel und brachte mich ins Heilige Land, wo ich meine Gemahlin kennen lernen durfte. Erlaubt mir, Euch Gaëlle von Anjou vorzustellen“, führte Balian Gaëlle ein. „Sie ist die Schwester des verstorbenen Königs von Jerusalem und hat es nach dessen Tod regiert, bevor es von Saladin nach der Vernichtung des christlichen Heeres bei Hattin erobert wurde.“

Gaëlle lächelte freundlich, angetan von Balians Vorstellung, der ihre Stellung hervorhob, ohne prahlerisch zu wirken – und vor allem ohne ihre wahre Identität preiszugeben.

Marie und Rudolf bekamen große Augen. Da hatten sie nicht nur einen der bekanntesten Fürsten Jerusalems zu Gast, nein, die ehemalige Regentin war es ebenfalls!

„Das ist für einen christlichen König eine große Ehre. Ich danke Euch, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid“, erwiderte Rudolf und erhob sich von seinem Thron. Er verneigte sich vor Gaëlle.

„Nein, lasst es gut sein, König Rudolf. Ich bin keine Regentin mehr, nachdem ich wie alle anderen christlichen Bewohner Jerusalems die Heilige Stadt nach dem Fall vor Saladin verlassen musste“, bremste Gaëlle.

„Werdet Ihr ins Heilige Land zurückkehren, wenn Jerusalem zurückerobert werden kann?“, fragte Rudolf interessiert. „Sollte der Papst zu einem neuen Kreuzzug rufen, werde ich das Kreuz nehmen.“

„Wir haben Sultan Saladin ein Versprechen gegeben, König Rudolf – und das schließt eine Rückkehr nach Jerusalem aus“, erwiderte Balian. „Einen Schwur zu brechen widerspräche dem Rittereid, denn es wäre Unrecht.“

„Würde Saladin einen solchen Schwur halten, den er einem Christen gegeben hat?“, hakte Rudolf nach. Balian lächelte.

„Nun, er hat sein Versprechen gehalten, alle christlichen Einwohner Jerusalems unbehelligt ziehen zu lassen. Aus diesem Grund würde ich nicht glauben, dass Saladin einen von ihm geleisteten Schwur nur deshalb bricht, weil er einem Christen gegeben wurde. Zudem kann Unrecht immer nur persönlich betrachtet werden, König Rudolf. Würde Saladin seinen Schwur brechen, wäre es Unrecht. Aber damit wäre es noch lange nicht Recht, täte ich dasselbe.“

„Ihr seid ein kluger Mann, Balian. Das führt mich zu einer Bitte. Ich habe noch einen älteren Sohn, Martin, der am Tag der Taufe unseres kleinen Michael acht Jahre alt wird. Es ist an der Zeit, dass er an einem bedeutenden Fürstenhof ausgebildet wird. Ich möchte ihn Eurer Obhut anvertrauen. Wärt Ihr bereit, meinem Sohn die nötigen Kenntnisse zu vermitteln?“

Balian warf einen kurzen Blick auf Gaëlle, deren Gesicht aufstrahlte. Nach ihrer Fehlgeburt auf Zypern ein knappes Jahr zuvor wollte sie möglichst bald wieder versuchen, Balian einen Erben zu schenken. Die Zeit, die sie damit warten sollte, um nicht ihr eigenes Leben zu gefährden, war bald um. Aber wieder einen Sohn im Haus zu haben, der nur wenig jünger war als ihr verstorbener Sohn Balduin, das ließ sie regelrechtes Glück verspüren.

„Wenn Euer Sohn einverstanden ist, werden Gaëlle und ich ihn gern auf unserer Burg begrüßen.“

Rudolf sah den französischen Vizegrafen verblüfft an.

„Ihr würdet es tatsächlich von Martins Entscheidung abhängig machen? Er ist noch zu jung, um solche weit reichenden Entscheidungen zu treffen.“

„Nun, ich habe gewisse Erfahrung damit, wie es einem Kind ergeht, das sehr früh in ungeheure Verantwortung genommen wird. Mein Sohn Balduin wurde mit sieben Jahren König von Jerusalem, nachdem mein Bruder ihn schon mit fünf Jahren zum Mitkönig bestimmt hatte. Balduin wurde nicht gefragt, ob er König sein wollte, er wurde über seinen Kopf hinweg dazu bestimmt“, erklärte Gaëlle. „Ich weiß wohl, dass dynastische Überlegungen und Gesetze Fragen an den möglichen Erben nicht kennen; aber gerade deshalb halte ich es für klug, auch einem Kind die ganz bewusste Entscheidung dazu zu ermöglichen. Schließlich wird Euer Sohn eines Tages sehr einsame Entscheidungen treffen müssen, wenn er Eure Krone erbt. Ich stamme selbst aus königlichem Haus, habe auch Regierungserfahrung und kann Eurem Erben das dazu nötige Wissen mitgeben. Balian ist meinem Bruder nicht nur Vasall gewesen, er war ihm Freund und nahe wie ein Bruder. Wenn … wenn Ihr wünscht, dass er in Saint-Martin-au-Bois erzogen wird, dann lasst ihn mitentscheiden – und seid sicher, dass wir ihn behandeln werden, als sei er unser Sohn.“

Rudolf und Marie sahen sich eine Weile an. Nach dem Willen des Königs sollte ihr Sohn in strenger Disziplin zu einem gehorsamen und tapferen Ritter erzogen werden, und was die Vizegräfin ihnen in Aussicht stellte, klang eher nach liebevollem Behütetwerden. Aber Marie dachte an ihre eigene Kindheit in Saint-Martin-au-Bois, diesem wundervollen Fleckchen Erde in Frankreich, das sie mehr vermisste, als sie zuweilen zugeben wollte. Sie selbst und ihr Bruder Nicolas waren so erzogen worden – da konnte es für ihren eigenen Sohn nicht schlechter sein, wenn er dort von seinem Onkel und seiner Tante erzogen wurde. Sie nickte. Rudolf seufzte leise.

„Nun gut, es sei. Macht einen guten Ritter aus ihm, der es würdig ist, mir eines Tages auf den Thron zu folgen – wenn Martin es wünscht“, sagte er. „Haushofmeister, lasst Prinz Martin kommen“, wies er dann an.

Wenig später stand der Junge im Thronsaal, verneigte sich ehrerbietig vor Vater und Mutter und dann vor den Gästen.

„Martin, das sind deine Verwandten aus Frankreich“, stellte Rudolf knapp vor. „Ich wünsche, dass du an Vizegraf Balians Hof erzogen wirst, damit du eines Tages den Thron Wenglands erben kannst. Graf Balian und seine Gemahlin, Gräfin Gaëlle, werden dich in allem unterrichten, was du wissen musst, um ein guter und gerechter König zu sein. Wirst du ihnen nach Frankreich folgen?“

Martin verbeugte sich vor seinem Vater.

„Wenn Ihr das wünscht, mein Vater, werde ich gehorchen“, erwiderte er. Die Unsicherheit in seiner Stimme war deutlich hörbar. Er wollte nicht, aber er wollte offenbar auch nicht ungehorsam sein.

„Er wird mit Euch nach Frankreich gehen, Vetter Balian“, entschied Rudolf dann.

„Nun, Ihr habt ihm einen väterlichen Befehl gegeben, Vetter Rudolf“, grinste Balian. „Eine eigene und freie Entscheidung war es nicht“, setzte er hinzu und hockte sich vor dem Jungen hin.

„Möchtest du denn mit uns kommen?“, fragte er sanft. Martin sah den französischen Vizegrafen eine Weile an. Die lange Narbe in Balians Gesicht erschreckte ihn, auch wenn der Schrecken durch das sanfte Lächeln gemildert wurde. Unsicherheit und Trauer, seine vertraute Umgebung zu verlassen, spiegelte sich in seinen braunen Augen, aber er fand etwas in Balians Blick, das ihn Vertrauen zu dem freundlich lächelnden Mann fassen ließ.

„Mein Vater wünscht es. Ich werde meinem Vater gehorchen“, sagte der Junge ernst.

„Aha. Und was, Martin, möchtest du selbst?“

Martin senkte den Blick.

„Hier bleiben, Mylord“, flüsterte er kaum hörbar.

„Sieh mich mal an, Martin“, bat Balian sanft. Martin sah auf. Tränen füllten unübersehbar seine Augen. Eine rollte über seine Wange, und Balian wischte sie sanft fort.

„Es ist nicht Recht, dir einfach zu befehlen, mit uns zu kommen. Aber … vielleicht können wir dich ein bisschen neugierig machen, wenn wir uns in den nächsten Tagen etwas besser kennen lernen“, sagte er leise, so dass es außer ihm und Martin keiner hören konnte. Der Junge sah die Wärme in Balians Augen, die er bei einem Adligen noch nie gesehen hatte. Etwas in ihm sagte dem Jungen, dass er bei diesem Mann und seiner Frau eher Verständnis für Fragen, Sorgen und Nöte finden würde als bei seinen Eltern, insbesondere seinem Vater, der ihn konsequent und streng zum Thronfolger erzog. Er nickte zögernd.

„Du kannst gehen, mein Sohn“, entließ Rudolf den kleinen Prinzen. Schweigend verneigte sich der Junge und verließ ebenso schweigend den Thronsaal.

„Ihr … solltet ihn nicht verwöhnen, Graf Balian“, mahnte der König. Balian lächelte ihn freundlich an.

„Meine Gemahlin und ich sind gern bereit, Euren Erben zu erziehen – zu einem würdigen Thronfolger und zu einem guten Ritter. Doch wenn Ihr das wünscht, bitte ich Euch, den Weg dorthin uns zu überlassen“, erwiderte er. König Rudolf war es nicht gewöhnt, dass ihm jemand auch nur ansatzweise widersprach.

„Ihr vergesst, mit wem Ihr redet!“, fuhr er den Vizegrafen an.

„Ihr habt mich und meine Gemahlin gebeten, die Erziehung Eures Sohnes zu übernehmen. Wenn Euch nicht genehm ist, wie wir ihn erziehen wollen, dann mag es jemand anderen geben, der Euren Sohn nach Euren Vorstellungen erzieht. Vergesst Ihr bitte nicht, dass wir nicht Eure Untertanen sind und Euch auch nicht lehenspflichtig sind“, versetzte Balian ungerührt. Rudolf wollte erst aufbrausen, doch der Mut des Vizegrafen, ihm in seinem eigenen Haus die Meinung zu sagen, beeindruckte den jungen König noch mehr, als es ihn wütend machte.

 

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Kapitel 3

Verwandtschaft

 

Am Abend ließ die Königin Balian zu sich rufen. Sie hatte so lange nichts mehr aus ihrem geliebten Heimatdorf gehört, dass sie nun endlich mehr darüber erfahren wollte.

„Bitte, Vetter, erzählt mir, was seit meinem Weggang aus Saint-Martin-au-Bois geschehen ist“, bat sie ihn. Balian lächelte sanft, aber dann erlosch sein Lächeln.

„Was habt Ihr?“

„Ich denke, das, was ich Euch zu erzählen habe, wird Euch nicht nur Freude bereiten“, erwiderte der Vizegraf. Marie bekam eine dunkle Ahnung.

„Erzählt es mir trotzdem, bitte.“

Balian berichtete ihr von dem Streit, in dem ihr Vater und seiner voneinander geschieden waren, von dem Überfall der Söldner im Wald, dem Tod ihres Bruders. Maries Augen weiteten sich vor Schreck.

„Ihr erwartet jetzt von mir Vergebung?“, fragte sie. Balian schüttelte den Kopf.

„Ich kannte Euren Bruder bis dahin nicht, ich kannte ja nicht einmal meinen Vater bis zu jenem Tag. Und ich weiß, dass es keinen Grund geben konnte, weshalb Euer Vater meinem böse sein konnte. Schließlich hatte mein Vater seine eigenen Lehen in Jerusalem und hatte nicht die Absicht, Eurem Vater seinen Titel streitig zu machen. Und dass Nicolas mich im Auftrag seines Vaters und des Erzbischofs holen sollte, hätte ich durchaus akzeptiert. Es war schließlich eine unbestreitbare Tatsache, dass ich meinen eigenen Bruder, einen Priester, umgebracht hatte. Dass Michel mich bis aufs Blut gereizt hat, meine Frau, die sich ihres Kummers nicht zu erwehren wusste, köpfen ließ, bevor sie unter einem Wegkreuz und nicht in geweihter Erde bestattet wurde, waren letztlich nur die beiden Tropfen, die ein längst übervolles Fass zum Überlaufen brachten. Er hat wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, mich zu quälen … Euer Bruder nannte mich einen Mörder und ich bestreite nicht, es zu sein – so wenig wie mein Vater, der ihm sagte, er sei es auch.“

„Und dennoch hat man Euch mit der Verteidigung Jerusalems betraut? Seltsam“, wunderte sich Marie.

„Es war kein anderer mehr da, Majestät.“

„Mit Verlaub, das glaube ich nicht, Graf Balian.“

„Nun, dann fragt des Königs Schwester Gaëlle, holde Marie.“

„Vergebt die … ungehörige Frage … wie seid Ihr mit der Prinzessin verheiratet worden?“

„Gar nicht“, grinste Balian. „Wir haben aus Liebe geheiratet.“

„Liebe? In diesen Kreisen?“, fragte Marie verblüfft. Das war einfach unerhört. Ihr selbst war es so ergangen, dass ein Ehemann für sie ausgesucht worden war und sie mit ihm verheiratet worden war, ohne dass sie Rudolf vorher überhaupt gekannt hatte. Sie hatten sich erst während ihrer Ehe verliebt, waren einander liebevolle Ehegatten geworden, was auch längst nicht die Regel war. Aber dass Adlige sich vor der Ehe ineinander verliebten, gar aus Liebe heirateten, war höchst ungewöhnlich.

„Aber es soll vorkommen“, erwiderte Balian mit sanftem Lächeln.

„Balian … werdet Ihr Martin streng erziehen?“, fragte die Königin besorgt.

„Ihr solltet dazu etwas wissen, Marie: Meine Gemahlin hat ihren Sohn sehr geliebt. Balduin wurde nicht streng erzogen, aber die eineinhalb Jahre, die er Jerusalems König war, war er ein guter König. Wenn Ihr Euren Sohn in unsere Obhut gebt, werden wir ihn behandeln, als wäre er unser eigener Sohn. Aber auch mit Liebe kann ein Kind zu einem guten Ritter und einem weisen König werden.“

„Ihr nehmt mir eine große Last vom Herzen, Balian. Rudolf möchte ihn möglichst streng erziehen und einen gehorsamen Diener aus ihm machen. Wenn er König werden soll, muss er lernen, sich durchzusetzen.“

„Es wird ihm an nichts fehlen, edle Marie. Er wird ein guter Ritter werden.“

Balians Versprechen klang so ehrlich und aufrichtig, dass Marie ihn spontan umarmte.

„Verzeih mir, Vetter, dass ich an dir gezweifelt habe.“

„Ich habe noch ein Geschenk für dich, liebe Cousine – und für deinen Sohn Michael, unser Patenkind“, sagte der junge Vizegraf, als er sich aus der Umarmung Maries löste.

„Und was?“

„Ich glaube, der Traum eines jeden christlichen Elternpaares ist es, ihr Kind mit Wasser aus dem Jordan zu taufen. Gaëlle hat von Sultan Saladin ein ganzes Fass nachgesandt bekommen, als wir das Heilige Land verließen. Davon haben wir etwas mitgebracht“, lächelte Balian.

„Das ist ein wahrhaft königliches Geschenk“, erwiderte Marie mit strahlenden Augen. „Danke, lieber Cousin.“

Nur wenige Tage später war die Taufe in der Steinburger Kirche. Der Steinburger Dom war ein prachtvoller romanischer Bau mit wuchtigen Türmen und einem herrlichen Geläute. Balian hielt den kleinen Prinzen Michael über das Taufbecken, als der Bischof von Wachtelberg das Sakrament der Taufe spendete. Michael krähte protestierend, als Bischof Eginhard das kalte Wasser des von Jesus selbst geheiligten Flusses über das Köpfchen goss. Gaëlle streichelte den Kleinen beruhigend, der auch schnell wieder ruhig wurde und seine Tante fröhlich anlachte. Balians Blick tauchte in den der geliebten Frau. Sie wünschten sich beide Kinder, der Schock der Fehlgeburt war überwunden. Das Lächeln, das sie sich schenkten, war ein zärtliches Versprechen.

Die Feier der Taufe des kleinen Prinzen Michael bestimmte den Tag, aber Prinz Martin, der seinen achten Geburtstag feierte, musste sich nicht zurückgesetzt fühlen. Dafür sorgte schon das Geburtstagsgeschenk der Gäste aus Frankreich. Balian hatte nicht nur heimlich das Pony des Jungen neu beschlagen, er hatte ihm auch ein Schwert geschmiedet, das seinem eigenen vom Griff bis zur Gestaltung der Scheide sehr ähnlich war, nur hatte Martins Schwert statt des roten Ibelin-Kreuzes im Knauf die goldene Lilie Wenglands und im Schwertgürtel statt der in das Leder punzierten Kreuze Lilien. Zwar war es ungewöhnlich, dass ein Junge vor der Schwertleite, dem Ritterschlag, ein Schwert erhielt, aber Martin war ein Königssohn und bei Königssöhnen kam es hin und wieder vor, dass die Jungen schon als Kinder ein Schwert bekamen. Schließlich sollte Martin auch bald mit der Ausbildung zum Ritter beginnen, und das ging nicht ohne Unterricht im Schwertkampf. Mit Rücksicht darauf, dass Martin erst acht Jahre alt war, hatte Balian ihm ein Schwert gemacht, das unter Erwachsenen allenfalls als Hirschfänger gelten konnte – und in genau dieser Funktion konnte Martin das Schwert später weiterbenutzen. Von Gaëlle bekam er einen Ring geschenkt, der eine fast identische Kopie des Regentenringes ihres Bruders Balduin war. Auch dieses Stück stammte aus den Händen Balians, wie auch das goldene Taufkreuz für ihr Patenkind.

„Das ist aber schön! Danke, Onkel Balian! Danke, Tante Gaëlle!“ bedankte Martin sich begeistert.

Die schönen Geschenke und die Freundlichkeit der Paten seines kleinen Bruders ermutigten den Jungen, sich der etwas unheimlich wirkenden Narbe im Gesicht seines Onkels mit vorsichtigem Forschergeist zu nähern.

„Onkel Balian?“, fragte er.

„Ja?“

„Hast du diese Narbe schon immer gehabt?“

„Nein, die habe ich mir beim Kampf um Jerusalem geholt. Als die Mauer fiel, haben wir die Bresche ganz schnell besetzt und den ganzen Tag lang mit den Sarazenen auf den Trümmern der Mauer gekämpft. Es hat auf beiden Seiten viele Tote und Verwundete gegeben, aber wir konnten sie außerhalb der Stadt halten und am nächsten Tag war der Sultan bereit, uns unter sehr ehrenhaften Bedingungen gehen zu lassen.“

„Tut die Narbe weh?“, erkundigte sich Martin besorgt. Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe kaum gemerkt, dass ich eine Verletzung dort hatte. Ich habe das erst gesehen, als ich mich nach der Kapitulation gewaschen habe.“

„Geht das wieder weg?“

Balian lächelte.

„Nein, vermutlich nicht. Ein Freund meines Vaters hat auch so eine Narbe im Gesicht. Er hat sie wie ich als junger Mann abbekommen und hat sie heute noch. Der Mann ist sechzig Jahre alt.“

Martin sah einen Moment zu Boden.

„Ich hab’ erst Angst gehabt“, sagte er dann fast flüsternd.

„Wegen der Narbe?“, hakte Balian nach. Martin nickte schweigend.

„Warum macht dir eine Narbe Angst?“, fragte er weiter. Martin sah sich scheu um. Als er seine Eltern weit weg sah, riskierte er eine Antwort:

„Weil ich gedacht hab’, dass du böse bist. In den Geschichten, die mir meine Amme erzählt, sind Menschen mit Narben im Gesicht immer die Bösen“, erklärte der Junge.

„Dann weißt du jetzt, dass Geschichten nicht immer die Wahrheit sind“, grinste Balian. Martin nickte.

„Wie ist es denn bei Euch?“, fragte er dann.

„Wir haben eine Burg, die an einem Berghang neben dem Dorf Saint-Martin-au-Bois liegt. Deine Mutter stammt von dort. Von dort kannst du bei gutem Wetter bis hinunter nach Chartres sehen. Es ist eine schöne Landschaft.“

„Saint Martin?“ wunderte sich Martin.

„Ja, der heilige Martin, dein Namenspatron, war der Bischof von Tours. Das ist gar nicht so weit von uns weg. Wenn du möchtest, werden wir sein Grab in der Basilika von Tours besuchen, wenn du bei uns bist.“

„Wie … wie lange werde ich denn bei euch sein?“, fragte Martin mit unsicherer Stimme.

„Vielleicht, bis du zum Ritter geschlagen wirst – wenn du möchtest. Wenn du zu großes Heimweh hast, werden wir sehen, ob du so lange bleiben musst. Aber ein Jahr solltest du es auf jeden Fall probieren.“

„Und was werde ich alles lernen?“

„Alles, was ein Ritter und ein künftiger König wissen muss. Aber vielleicht kannst du auch noch mehr lernen.“

„Und was?“

„Wenn du willst, kann ich dich die Schmiedekunst lehren“, bot Balian an.

„Du meinst, ich könnte lernen, Schwerter zu schmieden?“

„Schwerter, Rüstungen, Hufeisen, Geschirr, Kessel – was immer aus Metall gemacht wird.“

„Und was ist mit einem Kreuzzug?“

Balian überlegte einen Moment.

„Was weißt du über die Kreuzzüge?“, fragte er dann.

„Dass der Papst die christlichen Ritter aufgerufen hat, das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien.“

„Aha. Und was ist deine Meinung dazu?“

„Ich … ich weiß nicht, was ich davon halten soll, Onkel Balian. Sind die Sarazenen denn böse? Du warst doch dort. Was meinst du denn dazu?“

„Ja, ich war dort. Der Freund meines Vaters ging einst mit genau dieser Absicht ins Heilige Land. Aber er hat dort Menschen gefunden, die so wie wir an Gott glauben, die ihm einen anderen Namen geben und ihn auf andere Weise verehren als wir es tun – aber deren Glauben die gleiche Wurzel hat wie der unsere. Ich halte es für Unrecht, sie von dort zu vertreiben, denn es ist ihre Heimat.“

„Und dein Vater?“, hakte Martin ein. „Weshalb ist der dorthin gegangen?“

„Mein Vater war der jüngere Sohn des Vizegrafen. Er hatte nichts zu erben und wollte dort ein neues Leben beginnen“, erwiderte Balian.

„Mein Vater meint, ich müsste eines Tages unbedingt auf einen Kreuzzug gehen. Bei meiner Erstkommunion habe ich ein Gelübde dafür abgelegt.“

„Bei deiner Erstkommunion – in diesem Jahr?“, fragte Balian nach. Martin nickte.

„Wir werden sehen, Martin. Du musst mindestens Knappe sein, um dazu verpflichtet werden zu können, und du musst kämpfen können. Hattest du schon Unterricht im Schwertkampf?“

„Nein.“

„Nun, dann musst du noch nicht morgen nach Jerusalem ziehen. Ich für meinen Teil möchte es nie wieder, so sehr ich Ibelin geliebt habe.“

„Dann werde ich es dir zurückerobern“, versprach Martin. Balian bekam ein breites Grinsen.

„Oh, der, der jetzt der Herr von Ibelin ist, ist ein guter Freund von mir – ein Sarazene. Und ich möchte nicht, dass du meinem Freund das wegnimmst, was ich ihm überlassen habe, damit es jemand bekommt, der die Menschen dort anständig behandelt. Er bezahlt mir ein guten Tribut.“

„Das verstehe ich nicht.“

Balian strich Martin sanft über den Kopf.

„Das musst du jetzt noch nicht verstehen. Aber vielleicht werden wir Imad mal besuchen oder er kommt zu uns nach Saint-Martin-au-Bois. Er ist ein freundlicher Mann und wird dir bestimmt gefallen.“

Martin sah beschämt zu Boden.

„Ich glaub’ ich muss noch viel lernen“, flüsterte er bedrückt.

„Das wirst du auch. Und ich verspreche dir, dass dir das nicht schwer fallen wird. Du wirst Spaß daran haben, glaub’ mir“, erwiderte Balian.

„Ehrlich?“

„Wie lautet der Rittereid?“, fragte Balian gespielt streng. Martin dachte einen Moment nach, sah zur Decke.

„Ähm, … sei ohne Furcht im … Angesicht deiner Feinde; sei tapfer und … aufrecht … auf … dass Gott dich lieben möge; sprich immer die … die Wahrheit, auch … auch wenn es deinen Tod bedeutet; beschütze die Wehrlosen und … und … und tue kein Unrecht“, rezitierte er stockend.

„Genau“, bestätigte Balian. „Ich bin ein Ritter und habe diesen Eid geschworen. Dann kann ich doch nicht schwindeln …“

Martin grinste.

„Ich freu mich darauf“, sagte er.

Der Tag nach der Taufe war für November ein ungewöhnlich schöner Tag. Über Steinburg schien eine milde Sonne, die den Frühnebel über dem Fluss, dem Steinburger Alvedra, nach und nach auflöste und eine zauberhafte Stimmung erzeugte. Balian und Gaëlle gingen nach dem Frühstück im Rosengarten der Burg spazieren, als rasche Schritte kleiner Füße auf dem Kies knirschten. Das Grafenpaar drehte sich um und sah ihren künftigen Zögling kommen. Martin trug eine dunkelblaue Tunika mit Goldstickerei am Halsausschnitt und den Ärmelkanten, darüber hatte er sich den neuen Schwertgürtel geschnallt.

„Ein fast richtiger Ritter“, griente Balian. „Sieht so aus, als hätte ich die Maße für das Schwert ganz gut getroffen.“

Der Junge verbeugte sich mit einem leichten Lächeln vor seinen Erziehern, das Gaëlle sehr an Balian erinnerte. Eigentlich fehlte ihm nur der Bart. Martin hätte schlicht als Balians Sohn durchgehen können … Er hatte die gleichen, hübschen braunen Augen, das gleiche wellige Haar, nur war sein Haar hellbraun im Gegensatz zu Balians sehr dunklem, fast schwarzem Haar.

„Danke für die schöne Ausrüstung“, dankte er mit heller Stimme.

„Sie steht dir auch gut“, erwiderte Gaëlle. „Martin, sieh mich bitte mal an“, bat sie dann. Gehorsam sah der Junge hoch und Gaëlle sah verblüfft von Martin zu Balian. Es war wirklich eine unglaubliche Ähnlichkeit, die ihr jetzt erst richtig auffiel, weil beide sehr ähnlich gekleidet waren und in der gleichen Art leicht lächelten.

„Balian, unser Zögling ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hat deine Augen, Liebster“, sagte sie. Balian runzelte die Stirn, Gewiss, Hugo du Puiset und Godfrey von Ibelin waren Brüder gewesen, aber bei beiden waren die Augen blau gewesen. Auch Nicolas hatte blaue Augen gehabt … Auch Balian kam diese Ähnlichkeit seltsam vor.

Gerade in diesem Moment kam Königin Marie in den Rosengarten. Das Lächeln, mit dem sie ihren Sohn und ihre Gäste bedachte, ähnelte Balians Lächeln ebenfalls verblüffend.

„Ihr habt einen hübschen Sohn, Marie“, sagte Gaëlle. „Wenn ich ihn so ansehe, ist er seinem Onkel überaus ähnlich.“

Über Maries Lächeln huschte ein Schatten. Sie rang einen Moment mit sich, ob sie ihr Geheimnis teilen sollte und entschied sich dann, es einstweilen nur Balian anzuvertrauen.

„Balian, könnte ich dich einen Moment allein sprechen?“, bat sie.

„Entschuldigt mich, bitte“, bat er Gaëlle und Martin und folgte Marie in eine etwa zehn Klafter entfernte Ecke des Rosengartens.

„Balian, was weißt du über die Familie von Hugo du Puiset?“, erkundigte sie sich.

„Zugegeben, nicht sehr viel mehr, als dass der selige Hugo du Puiset der ältere Bruder meines Vaters Godfrey war und dass er zwei Kinder hatte, nämlich Nicolas und dich. Sollte ich sonst noch etwas wissen?“

„Kanntest du seine Gemahlin?“

„Nein.“

Marie lachte leise, aber auch bitter.

„Kunststück. Sie starb bei der Geburt von Nicolas. Unser Vater hat … nicht wieder geheiratet. Aber es gab eine Amme, eine Magd, die den Sohn Nicolas versorgte. Eine Magd, die du gut kennen müsstest. Sie war die Frau des Dorfschmieds. Eine wunderschöne Frau, die es den Brüdern du Puiset sehr angetan hatte – beiden. Beide verlangten sie und beiden musste sie zu Willen sein. Sie hatte keine Chance, sich gegen ihren Herrn und seinen jüngeren Bruder zu wehren“, erklärte Marie leise.

„Darf … ich das so verstehen, dass meine Mutter auch deine ist? Dass du … meine ältere … Schwester … bist, Marie?“, fragte Balian vorsichtig. Marie sah ihn scheu an, dann nickte sie.

„So, wie du es sagst, klingt es nach dem Geständnis eines Verbrechens, Marie. Für mich ist es einfach nur eine unglaubliche Freude, dass ich eine Schwester habe“, erwiderte Balian und nahm Marie in die Arme. Die Königin erwiderte die Umarmung ihres Bruders erleichtert und glücklich.

„Du glaubst nicht, wie viel Überwindung es mich gekostet hat, dir das zu sagen.“

„Warum?“

„Nun, ich bin genau genommen ein Bastard…“

Balian lächelte schief.

„Das bin ich auch. Aber es hat unsere Väter offensichtlich nicht gehindert, uns als legitime Kinder anzuerkennen. Sonst wärst du nicht in der Burg aufgewachsen, ganz offiziell als Hugos Tochter. Und ich bin auch offiziell von meinem Vater Godfrey anerkannt und als Erbe seiner Lehen eingesetzt.“

„Und außerdem könntest du mir böse sein, weil sich Hugo um dich nicht gekümmert hat.“

„Weshalb sollte ich? Erstens kannst du nichts dafür, zweitens glaube ich nicht, dass Hugo davon gewusst hat, dass ich Godfreys Sohn bin. Jean hat mir erzählt, dein Vater hätte bei dem Gastmahl geäußert, mein Vater Godfrey sei ohne Erben gekommen …“

„Rudolf … er weiß davon nichts“, sagte Marie besorgt.

„Wenn er dich liebt, wird er sich darum nicht kümmern.“

„Sag ihm bitte trotzdem nichts. Wenn, dann sollte er es von mir selbst erfahren.“

Balian nickte.

„Und Martin?“, fragte er dann.

„Sag es ihm, wenn ihr in Saint-Martin-au-Bois seid. Wenn er von dort zurückkehrt, wird er vernünftig genug sein, es nicht ganz laut herauszuschreien.“

„Das werde ich“, versprach Balian. „Komm, meine Frau wird schon eifersüchtig …“, grinste er dann, legte Marie einen Arm um die Schulter und ging mit ihr zurück zu Gaëlle und Martin.

Tatsächlich hatte Gaëlle einen eifersüchtigen Ausdruck im Gesicht, als Marie und Balian Arm in Arm zu ihr und Martin zurückkamen.

„Was hattet ihr für Geheimnisse miteinander?“, fragte sie in einem Ton, der Balian sehr an die herrische Königin Sibylla erinnerte. Er lächelte verbindlich.

„In der Tat, ein kleines, familiäres Geheimnis, mein Liebling. Ich werde dir später davon erzählen, gut?“, fragte er, löste seinen Arm von Marie und nahm Gaëlles Hand. Ihr wütender Ausdruck erlosch. Balian wollte keine Geheimnisse vor ihr haben, und das genügte ihr einstweilen als Beweis für seine Treue.

„Und ich?“, protestierte Martin.

„Ich werde es dir sagen, wenn wir zu Hause in Saint-Martin-au-Bois sind. Einverstanden?“

Noch etwas zögernd nickte der Junge. Von diesem Augenblick an konnte er es kaum erwarten, mit seinen Verwandten nach Frankreich zu reisen.

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Kapitel 4

Château Ibelin

 

Üblicherweise wurden in Adelskreisen die Jungen mit Vollendung des siebenten Lebensjahres aus der Obhut der Frauen genommen, die bis dahin allein für die Erziehung der Fürstenkinder verantwortlich waren; sie traten dann als Pagen in den Dienst bei erfahrenen adligen Waffenmeistern und erhielten eine Ausbildung auf allen Wissens- und Fähigkeitsgebieten, in denen ein Adliger kundig sein musste.

Prinz Martin war hier schon eine Ausnahme im europäischen Adel, da sich beide Eltern um seine Erziehung gekümmert hatten – und das auch noch bis zu seinem achten Geburtstag. Er hatte anderen Kindern schon dadurch etwas voraus, dass seine Mutter mit ihm französisch sprach, während Vater Rudolf deutsch mit ihm redete. Der Junge beherrschte beide Sprachen so gut, wie ein Achtjähriger sie eben beherrschen konnte.

Es war auch üblich, dass die Pagen- und Knappenzeit weit vom elterlichen Hof entfernt verbracht wurde. Einerseits förderte dies die Selbstständigkeit und Entscheidungsfähigkeit des künftigen Fürsten, andererseits lernte er auch, sich zunächst unterzuordnen – um sich später durchzusetzen.

Als Martin eine Woche nach der Taufe seines kleinen Bruders mit seinen französischen Verwandten in deren Heimat reiste, war er als Page Ibelins in einen von dunklem Rot und Beige gespaltenen Gambeson* gekleidet. Ein pelzgefütterter, dunkelroter Umhang mit Kapuze schützte den Jungen vor den Unbilden des nahenden Winters. Hin und wieder nahmen Balian oder Gaëlle ihn aber auch vor sich in den Sattel, wo er durch deren Umhänge noch einen zusätzlichen Schutz hatte. Schon in dieser einen Woche vor der Abreise hatte er mehr Zeit bei Onkel und Tante verbracht als bei seinen Eltern und war Feuer und Flamme für die neue Welt, die er sehen würde. Balians Ankündigung, dass er und Gaëlle ihn ein bisschen neugierig machen würden, hatte sich erfüllt, und der kleine Prinz wollte nichts mehr, als sein neues Zuhause kennen lernen.

Die Truppe ritt denselben Weg, den sie gekommen war und erreichte Saint-Martin-au-Bois recht genau einen Monat, nachdem sie Steinburg verlassen hatte. Der Ort lag auf einem Hügelabsatz nordwestlich von Chartres und war an dem klaren, frostigen Spätherbsttag schon von weitem gut zu erkennen.

„Ist es da oben, Onkel Balian?“, fragte Martin und zeigte auf die etwas vom Ort abgesetzte Burg.

„Ja, das ist es. Noch drei Stunden, dann sind wir zu Hause“, erwiderte sein Onkel mit sanftem Lächeln. Im Vorbeireiten rupfte er einige Tannenzweige ab, die in seiner Reichweite hingen und steckte sie sich ins Wams.

„Warum machst du das?“, fragte der Junge verblüfft.

„Die sind eine kleine Aufmerksamkeit für meine verstorbene erste Frau. Wir kommen an ihrem Grab vorbei; und immer, wenn ich dort vorbeikomme, bekommt sie Blumen von mir – ganz danach, welche gerade wachsen“, erklärte der Vizegraf.

„Dann muss sie aber sehr jung gestorben sein …“, mutmaßte sein Neffe.

„Ja, sie war gerade vierundzwanzig Jahre alt.“

„Wo … woran ist sie denn gestorben?“, erkundigte sich der Prinz. Balian rang mit sich, das sah der Junge ihm an.

„Weißt du, Martin, das Leben ist nicht immer schön. Es … es gibt Dinge, die können für einen Menschen so schlimm sein, dass … dass das Leben sinnlos erscheint“, setzte er zögernd an. „Natalie erwartete unser erstes Kind, aber es wurde tot geboren. Es war ein furchtbarer Schock für sie. Sie … sie konnte das nicht verwinden und … und hat sich … erhängt.“

Dem Jungen stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, nicht nur über die ungeheuerliche Tatsache, dass Balians Frau sich umgebracht hatte, auch über den gequälten Gesichtsausdruck seines Erziehers.

„Bischof Eginhard sagt, dass man in die Hölle kommt, wenn man das tut“, bemerkte Martin. Balian spürte den Stich im Herzen über diese Worte, die er schon einmal gehört hatte, aber er schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist sie nicht. Nicht, solange sie noch in meinem Herzen ist“, erwiderte er und griff gleich nach Gaëlles Hand, die dicht neben ihm ritt und vor Schreck bleich geworden war.

„Das ist kein Widerspruch zu der Tatsache, dass ich Tante Gaëlle liebe“, setzte er eilig hinzu. „Auch mein Vater und meine Mutter sind längst tot und immer noch in meinem Herzen; ebenso Gaëlles Sohn Balduin, der Lepra hatte und nur ein Jahr älter wurde als du, und ihr Bruder Balduin, der ebenfalls Lepra hatte und auch schon mit vierundzwanzig Jahren starb.“

Gaëlle fand ihr Lächeln wieder. Balian hatte eine sehr diplomatische Art, gewisse Klippen zu umschiffen … Wann immer sie das Gefühl hatte, in Natalie immer noch eine Rivalin zu haben, brachte Balian es fertig, mit wenigen Worten dieser Rivalität nicht nur die Spitze abzubrechen, sondern sie einfach vergehen zu lassen. Sie wusste sich von ihm geliebt und zu dieser Liebe gehörte auch, dass er es verstand, die näheren Umstände des Todes von Balduin V. gar nicht erst erwähnenswert zu machen. Er hatte mit keiner Silbe gelogen und doch längst nicht alles gesagt …

Drei Stunden später erreichten sie Château Ibelin, das von außen nicht anders aussah als andere Burgen, die Martin kannte. Aber als sie die Pferde den Stallknechten übergeben hatten und den Burgpalas betraten, das dem Burgherrn vorbehaltene Hauptgebäude der Burg, kam der Junge aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das war keins von den zugigen, kalten Gemäuern, die Burgen eigentlich waren, das war ein wohlig warmes Heim, wie es in Europa eine Einmaligkeit war – und das lag nicht nur an den orientalischen Teppichen, die in unterschiedlicher Größe in allen Wohnräumen lagen.

Von außen sah man die üblichen Natursteinmauern aus Felsquadern, aus denen sowohl die Außenmauer als auch die Mauern der einzelnen Gebäude bestanden. Die Fensteröffnungen waren mit den ebenso üblichen Butzenfenstern versehen, die aus vielen runden Glasscheibchen bestanden, die in Bleirahmen gefasst waren. Ein Butzenfenster konnte aus Dutzenden dieser Einzelteile bestehen, die oft zu farbenprächtigen Ornamenten geordnet waren. Aber dass hinter den Außenfenstern jeweils ein zweites Fenster mit Holzrahmen war, sah man von außen nicht ohne weiteres.

Auch erst im Inneren wurde sichtbar, dass praktisch alle Wohnräume eine zusätzliche Mauer aus Fachwerk – hölzernen Gerüsten, deren rechteckige Zwischenräume mit Weidenflechtwerk gefüllt waren, das dann mit einer zähen Mischung aus Lehm und Stroh abgedichtet wurde – vor der äußeren Steinmauer hatten. Zwischen den beiden Mauern war ein vielleicht handbreiter Spalt, der eine isolierende Luftschicht bildete. Yussuf, Balians Baumeister, der wie so viele andere Ibeliner seinem Herrn nach Europa gefolgt war, hatte diese orientalische Bauweise mit einer kleinen Abwandlung vorgeschlagen.

Im Orient benutzte man solche Doppelmauern, um die schlimmste Hitze zu dämpfen. Die äußeren Mauern hatten unten und oben Schlitze, durch die Luft eintreten und wieder austreten konnte. Man hatte erkannt, dass warme Luft aufstieg, kühlere Bodenluft nachzog und auf diese Weise verhinderte, dass die innere Mauer überhitzte. Zudem konnte die Verdunstung durch die vorüberstreichende Luft Kühle erzeugen. Yussuf, der auch wusste, dass kalte Luft nach unten sank, hatte in die oberen Schlitze der Mauern Klappen eingebaut, die geschlossen werden konnten. Deckte man die Schlitze zu, dann konnte die kalte Luft nicht durch die oberen Schlitze eindringen und absinken. So blieb die Luft zwischen den Mauern stehen und bildete ein Luftpolster, das ein Auskühlen der Räume hinter der inneren Mauer verhinderte.

Mit diesem Wissen des klugen Baumeisters Yussuf um die Eigenschaft der Luft waren auch die zahlreichen Kamine entstanden, die einen guten Abzug nach oben gewährleisteten und so ein Verräuchern der Räume verhinderten. Deshalb hatte man in der Burg auch alle Wohnräume und die große Küche mit Kaminen versehen können, was in keiner anderen Burg zu finden war. Dort waren lediglich der Rittersaal, die Küche und die Frauengemächer, die Kemenaten*, mit Feuerstellen versehen, während in den anderen Räumen keine andere Temperatur als draußen herrschte.

Balian und Gaëlle brachten ihren Zögling in das obere Stockwerk des Palas’, wo sich auch die persönlichen Wohnräume und das Schlafgemach des Vizegrafenpaares befanden. Balian öffnete eine Tür, hinter der sich gleich drei Räume befanden, die voneinander abgingen: Wohnraum, Schlafgemach – und ein Bad.

„Das ist dein Zuhause, solange du bei uns sein wirst“, erklärte er. Martin sah sich staunend um. So etwas hatte er noch nie gesehen.

„Ui!“, staunte er. „So schön ist die Steinburg nicht. Zuhause brauche ich immer drei Felldecken im Winter. Und hier riecht es überhaupt nicht nach Rauch, obwohl das Feuer im Kamin brennt.“ Der Junge drehte sich um.

„Kann ich immer bei euch bleiben?“, fragte er.

„Es ist schön, dass es dir bei uns gefällt, Martin. Aber ich meine, du solltest dich erst etwas einleben“, erwiderte Gaëlle mit sanftem Lächeln.

„Ich glaub’, das brauch’ ich nicht“, griente der Kleine. „Hier ist es viel schöner als Zuhause.“

„Mal sehen, ob du das noch in drei Wochen meinst, oder ob du nicht doch Heimweh bekommen wirst“, erwiderte Balian. „Simeon bringt dir gleich deine Sachen herauf. Richte dich ein, und wenn du fertig bist, komm in den Rittersaal.“

Martin sah ihn fragend an. Balian führte ihn auf den Flur und zeigte in Richtung der Treppe.

„Du gehst einfach diese Treppe hinunter und gleich gegenüber in den großen Saal“, erklärte er. Sein Neffe nickte.

Wenig später kam der kleine Prinz in den Rittersaal, wo fast die gesamte Burgbesatzung und das Personal seiner Erzieher versammelt waren. Balian winkte ihn zu sich und stellte ihn vor:

„Wir haben ein neues Mitglied auf Château Ibelin. Das ist mein Neffe Prinz Martin, der älteste Sohn König Rudolfs von Wengland und seiner Gemahlin Marie du Puiset, die aus Saint-Martin-au-Bois stammt. Prinz Martin erhält hier seine Ausbildung zum Knappen und wird uns hoffentlich erst als Ritter verlassen. Ihr, meine Ritter und Freunde, sollt mir dabei helfen, aus Martin einen guten Ritter und klugen Fürsten zu machen, der seinem Reich einmal mit ebensolcher Weisheit vorstehen wird, wie Balduin von Jerusalem“, erklärte der Vizegraf. Dann stellte er Martin jeden Einzelnen mit Namen und Funktion vor. Der Junge war sicher, dass er lange brauchen würde, um alle Namen zu behalten, aber er nickte tapfer und beschloss, sich auch über die zuweilen absonderlich klingenden Namen der meisten Männer seines Onkels erst einmal nicht zu wundern. Das hier war eben eine andere Welt als in Steinburg …

Schließlich setzten sich die Männer der Burgbesatzung, Gaëlle und Balian mit ihrem Zögling zu Tisch. Die Diener warteten mit einem Mahl auf, das für Martins Geschmack richtig exotisch war. Fremdartige Früchte wie Orangen und Datteln verbreiteten einen ungewohnten, aber angenehmen Duft, ebenso der Zimt, mit dem der Früchtetee gewürzt war. Couscous, ein rein arabisches Gericht, das außer viel Hammelfleisch auch Hirse als Nährmittel enthielt, ließ den Jungen erst einmal erschrocken zurückzucken, aber als er es probierte, fand er es dann doch ganz lecker, nahm sich als nächsten Gang allerdings lieber eine gewohnte Hühnerkeule.

Später, nach dem Essen, brachten die Diener Waschschüsseln und alle, die gegessen hatten, wuschen sich die Hände, was Martin vollends in Erstaunen versetzte.

„Im Orient lernt man schnell, dass Sauberkeit wichtig ist“, erklärte Gaëlle. „Nicht nur für einen angenehmen Duft, sondern auch für die Gesundheit. Und deshalb werden wir darauf achten, dass du dir nicht nur vor dem Essen die Hände wäschst, sondern auch danach.“

In der Tat fiel es Martin jetzt erst auf, dass der typische Schweißgeruch, den Ritter für gewöhnlich verbreiteten, auf Burg Ibelin fehlte – und zwar völlig. In der ganzen Burg roch es eher nach Blumen, und das eine Woche vor Weihnachten …

Draußen fiel leise Schnee, drinnen war es gemütlich warm von einem anheimelnden Kaminfeuer, als Martin nach dem Essen endlich Balians Arbeitszimmer fand, in das sein Onkel sich zurückgezogen hatte, um einige Dinge aufzuarbeiten, die während seiner Abwesenheit liegen geblieben waren. Die Tür stand offen, der Vizegraf saß über einigen Plänen und machte Notizen auf den Bögen. Martin räusperte sich und klopfte an die offene Tür. Der junge Vizegraf drehte sich um und winkte dem Jungen mit einem sanften Lächeln.

„Komm herein“, sagte er, als sein Neffe noch zögerte.

„Du, Onkel Balian, du … wolltest mir doch noch von dem Geheimnis erzählen, dass Maman dir mitgegeben hat …“, erinnerte er.

„Ja. Danke, dass du mich daran erinnerst. Komm, setz dich her“, erwiderte Balian und wies auf einen Stuhl an seinem Schreibtisch. Martin setzte sich und sah seinen Onkel erwartungsvoll an.

„Also, deine Mutter hat mir gesagt, dass wir beide sehr viel näher verwandt sind, als ich zunächst angenommen habe“, sagte Balian. „Dein Vater weiß noch nichts davon, das wollte deine Mutter ihm selbst sagen. Der Vater deiner Mutter, Hugo du Puiset, lebte hier in dieser Burg. Seine Frau bekam einen Sohn, den mein Onkel Nicolas nannte. Aber … bei Nicolas’ Geburt starb seine Frau. Und da gab es hier im Dorf eine sehr schöne Frau, die der Dorfschmied heiraten wollte. Er war meinem Onkel untertan und mein Onkel war der Ansicht, dass ein Fürst jede Frau seines Dorfes zuerst haben kann, also noch bevor ihr eigentlicher Ehemann sie berühren darf. Aber in diesem Fall wollte ein Onkel nicht nur die erste Nacht mit der schönen Frau des Dorfschmieds verbringen. Er sagte, sollte sie ein Kind aus dieser Nacht haben, dann wollte er dieses Kind als sein eigenes anerkennen und sie sollte es für ihn in der Burg erziehen. So ist es gekommen. Die Frau des Dorfschmieds bekam als erstes Kind eine Tochter, die mein Onkel Hugo Marie nannte – und das ist deine Mutter. Als er sie nach der Geburt der Tochter dann für ihren Ehemann freigab, hatte sein jüngerer Bruder Godfrey die schöne Frau für sich entdeckt und wollte sie auch haben. Weil er der Bruder des Herrn hier war, konnte sich die schöne Frau des Dorfschmieds nicht drücken und musste auch bei Godfrey sein. Sie wurde auch von ihm schwanger und bekam ein zweites Kind, einen Sohn. Godfrey hatte aber nichts zu erben, konnte der Frau des Schmieds nichts bieten, und so zog er bald danach ins Heilige Land nach Jerusalem, wo er Baron von Ibelin wurde. Der Sohn Godfreys und der Frau des Schmieds wuchs beim Schmied auf und wusste nichts davon, dass er der Sohn eines Ritters war – bis Godfrey im November 1184 zurückkehrte, um das Versäumnis nachzuholen. Und dieser Sohn Godfreys bin ich. Wir haben eine gemeinsame Mutter und unsere Väter waren Brüder. Deine Mutter, Martin, ist meine Schwester. Ich bin also wirklich dein Onkel.“

„Und warum hat Maman mir das noch nicht gesagt?“, fragte Martin verstört.

„Nun, meine Mutter war weder mit Hugo noch mit Godfrey verheiratet. Das heißt, dass deine Mutter und ich uneheliche Kinder sind. Unsere Väter haben uns zwar anerkannt, aber wir sind nicht ehelich, nicht legitim. Dafür können wir zwar nichts, aber es wird als sehr peinlich angesehen, wenn ein Mensch nicht ehelicher Abstammung ist. Deshalb will deine Mutter es deinem Vater schonend beibringen. Und deshalb solltest du es erst hier erfahren. Wenn du nach Hause kommst, wirst du vernünftig genug sein, es nicht laut herauszuschreien und deiner Mutter damit Ärger zu bereiten.“

„Warum ist das denn peinlich, Onkel Balian?“

„Nun, es ist so, dass eine Frau und ein Mann erst heiraten sollen und dann Kinder bekommen sollen. Begegnen sich Frau und Mann, ohne dass sie verheiratet sind, dann gilt das als Sünde. Leider wird das noch auf die Kinder übertragen, die aus einer solchen unehelichen Verbindung stammen. Ich halte das für falsch, denn die Kinder können nichts dafür – und wenn ich mir das Dilemma deiner Großmutter betrachte, die gar keine Möglichkeit hatte, sich den Wünschen ihres Herrn und seines Bruders zu widersetzen, dann halte ich es gegenüber den betroffenen Frauen schlicht für ein Verbrechen – sowohl von den Männern her, die ihre Macht ihnen gegenüber missbrauchen, als auch von den anderen Leuten, die übersehen, was eine einfache Frau tun kann und was nicht. Mein Ziehvater, der Schmied, der sah das anders. Er hat mich als seinen eigenen Sohn aufgezogen und hat mir auch die Schmiede vermacht, obwohl mein jüngerer Bruder eigentlich sein Sohn war. Aber mein jüngerer Bruder hatte auch kein Interesse, das Schmiedehandwerk zu lernen. Es war ihm zu schwere Arbeit. Er hat sich frühzeitig dafür entschieden, Priester zu werden.“

„Dann kannst du also Waffen schmieden?“

„Ja, Waffen, Rüstungen, Kessel, Hufeisen – ich kann alles machen, was aus Metall besteht.“

„Und das kann ich bei dir lernen?“

„Wenn du das möchtest, ja.“

„Du meinst, ich kann … mir das aussuchen?“

„Nun, was du als Ritter und künftiger König wissen musst, dass musst du lernen. Alles andere kannst du lernen.“

„Kann ich auch lernen, Pläne zu lesen? Ich meine, Baupläne für Burgen und so?“

„Gewiss, komm her, dann kannst du gleich anfangen“, erwiderte Balian und zeigte auf die Pläne, die er ausgebreitet auf dem Tisch hatte.

„Oh, was ist das denn?“

„Das wird unsere neue Kirche. Ich habe daran schon mitgearbeitet, als ich noch der Dorfschmied war. Von mir sind alle Eisengewerke für die Mauereisen, die die Streben an den hohen Fenstern hier verstärken. Und später werde ich die Eisenträger für die Dachkonstruktion machen. Siehst du diese dicken Striche hier?“

Martin nickte.

„Das sind die Eisenträger, die ich geschmiedet habe. Davon brauchen wir noch ein paar Dutzend. Als ich fort war, konnte der Bischof nicht weiterbauen, weil es hier keinen anderen Schmied gab“, erklärte Balian weiter. Martin sah ihn groß an.

„Sag mal, willst du denn jetzt wieder Schmied sein? Du bist doch der Vizegraf hier. Hast du denn dafür keine Diener?“, fragte Martin verblüfft.

„Oh, ich habe sehr gern geschmiedet – und habe das auch nie aufgegeben. Nur kann ich es jetzt eben aus Freude daran machen, nicht weil ich muss.“

„Was ist das denn?“, fragte der Junge und zeigte auf ein filigranes Fenster, das in drei Spitzbögen endete, die mit Rosetten versehen waren. In den Rosetten waren bunte Butzenscheiben vorgesehen. Die mittlere Rosette zeigte einen weißen Schild mit einem schwebenden gelben Kruckenkreuz, das in allen vier Ecken mit kleinen, gelben, einfachen Kreuzen versehen war, die linke einen gelben Schild mit einem schwebenden, dunkelroten Tatzenkreuz und die rechte einen ovalen roten Schild mit einer Art schwebenden gelben achtstrahligen Radnabe, deren Strahlen in stilisierten Lilien endeten – eine so genannte Lilienhaspel.

„Das sind unsere Wappen. In der Mitte Jerusalem, auf dem Papier links daneben Ibelin und rechts Anjou. Das wird das zentrale Fenster im linken Kirchenschiff, das Stifterfenster.“

„Es wird bestimmt eine schöne Kirche.“

„Das hoffe ich doch. Ich gehe morgen früh zur Baustelle, um mir anzusehen, was alles geschehen ist, seit ich mit Tante Gaëlle nach Steinburg gereist bin. Möchtest du mitkommen?“

Martin nickte eifrig.

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Kapitel 5

Lehrzeit

 

Wie versprochen ging Balian am folgenden Tag mit Martin zur Baustelle. Beide trugen einfache Kleidung unter den Gugeln, wollenen Umhängen, die hinten bis zu den halben Oberschenkeln herabhingen, vorn aber nur bis zum halben Oberarm reichten, um den Armen Bewegungsfreiheit zu lassen. Dazu war die Gugel mit einer eng am Hals anliegenden Kapuze versehen. Es war die typische Winteroberbekleidung einfacher Menschen. Balian benutzte diese Art von Kleidung immer dann, wenn er wieder handwerklich tätig wurde.

Die Baustelle war ein faszinierendes Durcheinander, das Martin zunächst als völlig unübersichtliches Gewimmel erschien. Mit den Bauplänen in der Hand betraten der Vizegraf und sein Neffe den Rohbau, der etwa die halbe Höhe der späteren Wände erreicht hatte. Deutlich zeichneten sich schon die Fenster ab. Die Arbeiter standen auf hölzernen Gerüsten und setzten Steine, die wie Kleeblätter geformt waren und filigrane Säulen ergaben. Der Boden war noch roh, nur grob gerichtet und nur unter den Fundamenten von Wänden und Säulen schon fertig geglättet. Er würde erst dann sorgfältig planiert und mit Steinplatten belegt werden, wenn das Kreuzgewölbe fertig war.

Auf einem Säulenstumpf im späteren Mittelgang legte Balian den Plan ab und drehte ihn so, dass die Zeichnung in der gleichen Achse lag wie der Mittelgang.

„Siehst du? Die Zeichnung hier ist der Grundriss der Kirche. Ein Zoll auf dem Plan entspricht 288 Zoll in dem richtigen Bauwerk. Das ist ein Maßstab von 1 zu 2 Gros*“, erklärte er. Martin sah sich um.

„Und wie misst man das aus?“, fragte er.

„Hier, damit“, erwiderte Balian und nahm einen mannshohen, etwa sechs Fuß langen Stab, den Kerben in regelmäßigen Abständen teilten. „Das ist ein Zollstock. Zwölf Zoll* sind ein Fuß, zwölf Fuß eine Rute. Dieser Zollstock ist eine halbe Rute oder sechs Fuß lang. Damit kann man alles ausmessen. Für kleinere Abstände und Winkel hat man diese Dreizehn-Knoten-Schnur. Die Knoten sind in Abständen von einem Zoll eingeknüpft, so kannst du kürzere Maße auch um Ecken herum messen. Und dann kannst du diese Schnur immer zu einem Dreieck formen. Einen Knoten behältst du in der Hand und hast dann immer vier Knoten auf jeder Seite des Dreiecks. Bei einem Dreieck ergeben alle drei Winkel zusammengezählt immer einhundert achtzig Grad. Weißt du einen Winkel, kannst du die anderen leicht errechnen. Oder man benutzt so ein Winkeleisen, das einen rechten Winkel hat. Rechter Winkel bedeutet neunzig Grad. Damit alles gerade steht, benutzt man ein solches Lot. Es hängt immer senkrecht, und so bekommt man gerade Wände hin. Für Kreise oder runde Abschlüsse benutzt man so einen Maurerzirkel, bei dem zwei Holzstücke an einem Ende so verbunden sind, dass man sie drehen kann und eines mit einem Nagel versehen ist. Wenn du das auf einem Stein drehst, ergibt das eine bogenförmige Linie. Siehst du?“, erklärte er die Messgeräte der Baumeister. Martin nickte.

„Und wo sind deine Eisen?“, fragte der Junge dann. Sein Onkel wies auf ein fertiges Mauerstück, aus dem ein Metallstück herausschaute.

„Dort ist eins von den Eisen eingemauert. Es ist hier nach oben gebogen, auf der Außenseite ist es nach unten gebogen. So kann das Wasser davon ablaufen und bleibt nicht daran hängen. Das vermeidet für längere Zeit Rost. Aber zusätzlich habe ich die Eisen eingefettet, damit kein Wasser darauf hängen bleiben kann und Rost verursacht.“

„Du, bist du jetzt als Schmied hier oder als Vizegraf?“, erkundigte sich Martin.

„Beides“, grinste Balian.

Wie zur Bestätigung grüßte einer der Baumeister den jungen Vizegrafen:

„Guten Morgen, Meister Balian.“

„Guten Morgen, Meister Philippe. Martin, das ist Meister Philippe, der im Moment die Dombauhütte hier leitet. Philippe, das ist mein Neffe Martin.“

„Grüß dich, Kleiner. Trittst du in deines Onkels Fußstapfen?“

Verlegen zuckte der kleine Prinz mit den Schultern.

„Ich … ich weiß nicht …“

Philippe grinste.

„Wenn der nicht schmieden lernt, fresse ich mein Lot!“, kicherte er. „Meister, ich brauche wieder welche von Euren hervorragenden Mauereisen. Der nächste Mauerabschnitt wird bald fertig sein. Wir brauchen dann wenigstens ein Schock* Mauereisen.“

„Ich habe noch anderweitig zu tun. Reicht es nach Weihnachten?“, fragte Balian.

„Ja, absolut. Ich schätze, ab Dreikönig werden wir die erste Reihe setzen können, in die die Eisen eingesetzt werden“, erwiderte Philippe. Dann wurde sein Lächeln noch breiter. „Ich glaube nicht, dass es viele Baumeister auf dieser Welt gibt, die mit ihrem Grundherrn so buchstäblich zusammenarbeiten wie ich mit Euch, Mylord.“

„Ich glaube auch nicht, dass es viele Schmiedemeister gibt, denen sich eines Tages ein Baron aus dem Heiligen Land als Vater präsentiert …“, grinste Balian.

Martin und er sahen sich noch weiter um. Der Bau machte gute Fortschritte, auch wenn es noch Jahre dauern würde, bis die Kirche fertig sein würde. Martin fielen einige Steinmetze auf, die anders aussahen als die meisten. Dunkelhäutig waren sie, und sie unterhielten sich in einer Sprache, die Martin nicht verstand.

„Was sind das für Leute, Onkel Balian?“, fragte er und wies auf die Männer. Sein Onkel bekam den ausgestreckten Finger des Jungen zu fassen und versenkte ihn in seiner Faust.

„Regel Nummer eins im guten Benehmen: Zeige niemals mit dem ausgestreckten Finger auf andere Leute. Das ist sehr unhöflich“, sagte er sanft. Martin sah ihn erstaunt an.

„Warum?“

Balian hockte sich zu ihm hin und fuhr selbst seinen Zeigefinger in Richtung seines Zöglings aus.

„Überleg’ mal. Wie empfindest du das?“, fragte er. Martin sah eine Weile auf den schlanken Finger seines Onkels, der sich ihm entgegenstreckte.

„Hm, sieht aus, als würdest du stechen“, sagte er schließlich.

„Genau. Das mag niemand haben. Du nicht, ich nicht, keiner. Und deshalb solltest du dir das schnell abgewöhnen, mein Junge. Wenn du auf etwas hinweisen willst, besonders einen Menschen, dann am besten mit der ganzen Hand. So etwa“, sagte er und präsentierte seine ganze Hand in Martins Richtung.

„Das sieht wie ein Segen aus“, bemerkte Martin.

„Gut erkannt. Und das ist doch viel angenehmer, oder?“

Sein Neffe nickte.

„Ja. Und wer sind diese Männer?“, hakte er dann beharrlich nach.

„Das sind arabische Steinmetze. Sie sind einmal in Ägypten zuhause gewesen. Dann hat mein Vater sie beauftragt, ihm sein Gut Ibelin zu verschönern, und als ich das Heilige Land verlassen musste, sind sie mir gefolgt. Jetzt arbeiten sie an der Inneneinrichtung einer besonderen Kapelle für Château Ibelin, nein, sogar zwei.“

„Ist Ibelin schön, Onkel Balian?“

„Welches meinst du: das Château hier oder das Gut in Palästina?“

„Das Gut.“

„Ja, es war schön dort; vor allem, nachdem wir Wasser gefunden und zu einer Quelle gefasst hatten. Bis dahin war es ein armseliger und staubiger Ort, wie Almaric zu sagen pflegt. Aber seitdem grünt und blüht es. Die Orangen und die Datteln, die du gestern gegessen hast, die sind von dort.“

„Wirst du dorthin einmal zurückgehen?“

Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, das kann ich nicht. Ich habe Sultan Saladin versprochen, Palästina nicht wieder zu betreten. Und meine Versprechen halte ich.“

„Und warum wollte er, dass du da weggehst?“

„Das ist eine lange Geschichte. Ich glaube, das ist noch nichts für dich. Aber weil es dabei auch um Macht und Politik geht, wirst du es erfahren, wenn du soweit bist. Ich denke, du kannst aus den Fehlern lernen, die wir im Orient gemacht haben, und es besser machen, wenn du einmal König sein wirst. Tante Gaëlle und ich werden dir alles mitgeben, was wir wissen, damit du ein guter und gerechter König wirst. Aber zuallererst wirst du lernen, was ein Ritter alles wissen muss. Und dazu gehört, dass du mit dem Schwert umgehen kannst. Wir gehen jetzt zurück in die Burg. Almaric gibt seinem Sohn heute Schwertkampfunterricht, und ich möchte, dass du daran teilnimmst.“

Martin nickte ergeben. Eigentlich war sein Wissensdurst in Sachen Handwerk noch längst nicht gestillt, aber er andererseits war der Unterricht, den sein Onkel ihm bot, sehr abwechslungsreich.

Zurück in der Burg wies Balian seinen Neffen an, das kleine Kettenhemd anzuziehen, das in der Rüstkammer für ihn bereit lag. Eine Weile zupfte der Vizegraf daran herum, bis es richtig saß.

„Gut, für heute geht das so. Aber ich muss es noch ein bisschen ändern. Du bist größer als Balduin.“

„War das sein Kettenhemd?“

„Ja, ich hatte es für ihn gemacht. Aber er hat es nie getragen, weil er schon mit sieben Jahren König wurde und dann keinen Unterricht mehr im Schwertkampf bekam und dann auch noch an Lepra erkrankte.“

„War er ein guter König?“, fragte Martin.

„Er hatte nicht viel Gelegenheit, einen eigenen Regierungsstil zu entwickeln. Er war nicht mündig und musste das Regieren seinem Vormund überlassen, der nichts unversucht gelassen hat, Balduins Reich zu zerstören. Und eineinhalb Jahre, nachdem er gekrönt wurde, starb er an den Folgen der Lepra“, erwiderte Balian sanft. „Würde er noch leben, wäre er jetzt elf Jahre alt. Ich glaube, ihr zwei hättet euch gut verstanden.“

Er schnürte den kleinen Jerusalemer Wappenrock zu.

„Übrigens … das ist auch sein Wappenrock. Ich werde Almarics Frau bitten, dass sie dir einen Ibeliner Wappenrock näht.“

„Kann ich den hier nicht behalten? Er ist sehr schön“, fragte Martin und strich über das aus silbrigem Brokatstoff und Goldstickerei bestehende Jerusalemer Wappen auf der Brust des Wappenrocks.

„Nein, als mein Page und irgendwann mal Knappe wirst du schön brav meinen Wappenrock tragen“, grinste Balian. „Komm, schnall’ dir dieses Schwert um“, wies er den kleinen Prinzen an und gab ihm ein kleines Schwert, das seinem eigenen wiederum verblüffend ähnelte, aber statt der hellbraunen eine schwarze Scheide hatte. Er zog das Schwert aus der Scheide und zeigte es dem Jungen.

„Das hier ist ein Übungsschwert, das in Größe und Gewicht dem entspricht, das ich dir zum Geburtstag geschenkt habe. Aber wie du siehst, hat es eine abgerundete Spitze und ist nicht scharf. In Handhabung und Gewicht entspricht es aber deinem Schwert“, erklärte er, schlüpfte in seinen eigenen Wappenrock mit den Ibeliner Kreuzen, schnürte ihn zu und legte seinen Schwertgürtel um. Dann nahm er noch den Kinderschild mit dem Jerusalemer Wappen von der Wand und schob Martin sanft, aber unnachgiebig aus der Rüstkammer und führte ihn in einen großen Raum im Keller der Burg, wo Almaric und sein Sohn Mathieu noch das Rechteck absteckten, in dem die Kampfübung stattfinden sollte.

Martin nahm mit einigem Erstaunen zur Kenntnis, dass Almaric sich nicht vor Balian verbeugte, während sein Sohn zunächst einen höflichen Diener machte und den Vizegrafen dann einfach umarmte.

„Na, Mathieu, schon aufgeregt?“, erkundigte sich der. Der Junge nickte mit hochroten Wangen. Balian strich ihm beruhigend über den dunklen Haarschopf.

„Das ist nicht nötig, auch wenn dein Übungsgefährte ein Prinz ist. Aber ihr bekommt heute beide die erste Schwertstunde. Martin ist dir also nichts voraus, Mathieu. Martin, komm her!“

Gehorsam kam sein Neffe zu Balian, der die beiden Jungen an den Schultern nahm.

„Erste Regel für den gemeinsamen Übungskampf: Ihr wohnt hier beide, und ihr seid keine Feinde. So wichtig es für mich als Vizegrafen hier ist, gute Kämpfer zu haben, die sich gegen jeden Feind verteidigen können, so darf dabei nie in Vergessenheit geraten, dass ihr außerhalb dieser Burg Seite an Seite kämpfen werdet – und nicht gegeneinander. Darum werde ich euch nicht gegeneinander kämpfen lassen, wenn es darum geht, das wirklich harte Zuschlagen zu lernen. Almaric und ich sind uns einig, dass wir euch weder verlieren wollen noch schlimm verletzt sehen möchten. Ihr benutzt deshalb keine scharfen Schwerter, sondern die stumpfen Übungsschwerter, die euren scharfen Schwertern in Größe und Gewicht nichts nachstehen“, erklärte er. „So, und weil ich möchte, dass ihr euch freundschaftlich begegnet, gebt ihr euch die Hand und stellt euch zuerst einander vor.“

Die Jungen gaben sich die Hand.

„Ich bin Mathieu“, stellte sich Almarics Sohn vor.

„Ich bin Martin“, erwiderte Martin.

„Gut, Jungs, dann geht ihr jetzt in die Ausgangsposition“, schaltete sich Almaric ein und dirigierte die beiden Jungen je in ein auf den Boden gezeichnetes Quadrat. Dann zog er sein eigenes Schwert und nahm den Schild in die linke Hand.

„Ihr haltet den Schild so, dass er die linke Schulter, die Brust etwa zur Hälfte und den Leib bis zur rechten Hüfte bedeckt“, sagte er und führte die Schildhaltung vor. Martin und Mathieu sahen sich das interessiert an und machten die Bewegung dann nach.

„Ja, gut so. Martin, etwas höher den Schild. Gut. Ihr seht, dass euer rechter Arm jetzt Bewegungsfreiheit nach vorne hat und ihr sogar quer über den Schild reichen könnt“, fuhr er fort. Die Jungen vollzogen die Bewegung nach und nickten.

„Macht ein paar Probehiebe“, wies er sie dann an. Die Bewegungen mit dem Schwert sahen noch unkoordiniert und sehr verspielt aus. Almaric nickte. Bei Jungen in diesem Alter war das normal.

„Ja, das ist schon gut. Hebt jetzt das Schwert nach oben, über den Kopf, ja gut. Mathieu, noch etwas höher.“

„Das zieht aber im Arm, Papa“, beschwerte sich Mathieu. Almaric grinste.

„Es wird gleich noch woanders ziehen …“, kicherte er. „Drück’ die Knie durch“, wies er seinen Sohn dann an. Mathieu tat, wie ihm geheißen und verzog das Gesicht.

„Au“, maulte er und kratzte sich mit der Schildhand am Allerwertesten.

„Schild nach vorn, wo er hingehört!“, kommandierte Almaric. „Ja, gut so. Noch etwas mehr durchdrücken.“

„Guck mal, so ist das ganz leicht“, gab Martin Mathieu einen Tipp und nahm seinen Schild beiseite, damit Mathieu sehen konnte, was er ihm vorführte. Mathieu schaute, nickte und machte es nach.

„Danke, Martin“, sagte er erleichtert, als es sich so einfacher stand. Almaric und Balian sahen sich viel sagend an. Genau das wollten sie erreichen …

„Gut, dann stellt euch jetzt einander gegenüber und versucht, den Schild des anderen zu treffen.“

Es schepperte metallisch, als die Schwerter auf die Schilde krachten. Die Jungen kicherten vergnügt. Das machte Spaß. Almaric und Balian ließen sie eine Weile auf die Schilde schlagen, dann griff der Vizegraf ein.

„Gut, das reicht erst einmal. Jetzt sollt ihr verhindern, dass der andere euren Schild trifft. Ihr müsst also mit eurem Schwert das andere abwehren. Probiert es mal“, wies er sie an. Die Jungen nickten und probierten es – aber es schepperte wieder heftig, als sie beide wieder den Schild trafen.

„Wir zeigen euch das mal“, kündigte Almaric an. Er und Balian zogen die Schwerter, gingen in die gleiche Ausgangsposition wie die beiden Jungen, nickten sich zu – und es klirrte metallisch, als die Klingen aufeinander prallten. Die Jungen bekamen erst große Augen, als die beiden Männer sich einen rasanten Schwertkampf lieferten, der bewies, dass sie beide mit Schwert und Schild umgehen konnten.

„Äh, Onkel Balian – geht das auch langsamer?“, fragte Martin. „So schnell komm’ ich da nicht mit.“

Lachend stoppten die beiden Männer das Gefecht.

„Gut, also noch mal langsam zum Erkennen“, grinste Almaric. Er und Balian begannen noch einmal neu und langsam, damit die Lehrlinge erkennen konnten, wann welche Bewegung gefordert war.

„Das kapier’ ich nie …“, seufzte Mathieu.

„Doch, bestimmt. Ich helf’ dir“, versprach Martin. „Guck mal, so geht das …“, sagte er dann und griff Mathieu an, der mehr instinktiv reagierte, aber die Klinge in die richtige Position bekam.

Balian und Almaric hörten mit ihrer Vorführung auf und sahen den beiden Jungen zu. Martin hatte offenbar eine schnelle Auffassungsgabe, denn er wiederholte die Bewegungen genau, die die Erwachsenen ihm vorgemacht hatten. Mathieu geriet in Bedrängnis, so dass Balian eingriff.

„Stopp, das reicht!“ bremste er den Eifer. „Martin, du hast ein gutes Auge. Sehr schön gemacht. Mathieu, du machst das auch schon gut. Aber achte mal genau auf Martins Klinge. Wenn er sie von oben herab schlägt, dann musst du sie auf dem halben Weg treffen. Ich nehm mal deine Hand“, sagte er und stellte sich hinter Mathieu, seine Rechte umschloss die des Jungen und führte sie.

„He, zwei gegen einen, das gilt nicht!“, protestierte Martin.

„Das ist nicht zwei gegen einen“, erwiderte Balian. „Du hast das schon sehr gut begriffen, Martin. Mathieu braucht etwas Hilfe. Komm, greif an.“

Martin schlug zu und Mathieu konnte mit Balians Hilfe den Schlag parieren.

„Oh ja, danke. Jetzt hab’ ich’s.“

„Gut, dann noch mal ihr beide allein“, sagte der Vizegraf.

Aus der einen geplanten Schwertstunde wurden volle drei.

„So, genug für heute. Ihr habt noch viel Zeit, das alles zu lernen, Jungs“, bremste Balian schließlich. Müde ließen die Jungen die Schwerter sinken.

„Dürfen wir morgen weitermachen, Onkel Balian? Bitte!“

„Ihr werdet morgen dazu vermutlich gar keine Lust haben, aber ich sage euch schon jetzt, dass ihr morgen weitermachen werdet.“

„Und warum?“

„Du wirst schon sehen“, grinste Balian. „Aber jetzt wird erst einmal gebadet, ihr kleinen Dachse“, sagte er dann und schob die beiden kräftig müffelnden Jungpagen in Richtung Waffenkammer.

Am nächsten Morgen wachte Martin vom lauten Hahnenschrei direkt vor seinem Fenster auf, stand vor Schreck zunächst fast senkrecht im Bett, fiel dann aber mit einem fürchterlichen Schmerz in Beinen und Armen wieder zurück.

„Auaaa!“, schrie er auf. Es dauerte nur Augenblicke, bis Balian die Tür aufriss, um nachzusehen, wer oder was seinem Schützling Schmerzen zufügte. Das besorgte Gesicht des jungen Vizegrafen hellte sich schnell auf, als ihm klar wurde, dass bei seinem Neffen der Muskelkater besonders laut schnurrte.

„Guten Morgen, Martin. Weißt du jetzt, was ich gestern meinte?“, grinste er. Der Junge nickte mit wehleidigem Blick.

„Ja, Onkel. Das tut ganz furchtbar weh“, klagte er. Sein Onkel setzte sich an Martins Bett und strich ihm liebevoll über das Gesicht.

„Auch wenn es dir wehtut, du wirst heute wieder Schwertkampf üben.“

„Muss das sein?“, maulte Martin.

„Ja, denn Muskelkater bekämpfst du am besten damit, dass du weitermachst – nicht so heftig wie gestern, aber du musst weitermachen. Mathieu geht es ebenso wie dir, glaub mir. Und weil es euch beiden so geht, wird sich zunächst Ramses eurer annehmen.“

„Wer ist denn Ramses, Onkel Balian?“

„Ramses ist einer unserer ägyptischen Steinmetze, die du gestern auf der Kirchenbaustelle gesehen hast. Aber er kann mehr als Steine behauen. Er ist auch ein Heilbademeister und hat ganz weit weg, in einem Land, das man Cathay* nennt, die Kunst erlernt, Muskeln durch massieren wieder zu lockern“, erklärte Balian. „Also wirst du zuerst baden, dich von Ramses massieren lassen und dann kommst du zum Frühstück.“

Martin nickte und quälte sich mühsam aus den Federn.

Wenig später lagen die beiden Jungen im großen Bad im Burgkeller auf den Massagebänken und ließen sich von Ramses durchkneten. Martin schnurrte behaglich. Das tat einfach gut. Als Ramses dazu einen Singsang anstimmte, der in den Massagerhythmus passte, fragte der Junge:

„Was singst du da, Ramses?“

„Ein Lied aus meiner Heimat Nubien, junger Herr.“

„Sag einfach Martin, das reicht, Ramses. Nubien? Onkel Balian sagte, du wärst Ägypter.“

Ramses grinste über das ebenholzfarbene Gesicht.

„Ja und nein, Martin. Nubien ist ein Teil Ägyptens, aber die Ägypter und die Nubier sind zwei sehr unterschiedliche Völker. Ich bin, wie du siehst, ganz schwarz. Achmed und Mussa, die auch Steinmetze sind und Yussuf, der Baron Balians Baumeister ist, sind auch Ägypter. Aber dir wird bestimmt schon aufgefallen sein, dass sie hellere Haut haben als ich. Ich bin Christ, sie sind Muslime. Du siehst, junger Herr, in einem Land können ganz verschiedene Menschen leben. An anderen Orten ist das ein Problem, aber an einem Ort, der Ibelin heißt, niemals“, lächelte Ramses.

„Und warum ist das woanders ein Problem, Ramses?“, fragte Martin neugierig. Das Lächeln des dunkelhäutigen Bademeisters schwand.

„Weißt du, viele Menschen mit heller Haut glauben, dass Menschen mit dunkler Haut … minderwertig seien“, erklärte der Schwarze. Martin schüttelte den Kopf.

„Dann sind die aber dumm“, sagte er und fragte sich, wie Menschen nur so dumm sein konnten, sich nicht für andere zu interessieren. Auf Château Ibelin mochte vieles anders sein, als woanders, aber das war gut. Martin schwor sich, das für Wengland zu übernehmen …

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Kapitel 6

Die Offenbarung des Bischofs

 

Martin und Mathieu machten dank Balians und Almarics Unterricht und der Massagekunst Ramses’ rasche Fortschritte. Die Zeit verging wie im Flug und ehe sie sich versahen, war es schon wieder Frühling.

Der Schnee schmolz im Frühjahr 1189 nur zögernd im nördlichen Frankreich. Mochte dieser Umstand anderenorts Sorgen auslösen, in Saint-Martin-au-Bois tat er es nicht. Weder im Dorf noch in der Burg. Dank Balians Vorratshaltung und neuen Techniken zur Konservierung von Fleisch und Feldfrüchten, die er aus dem Orient mitgebracht hatte, litt hier niemand Not. Lediglich die Bauarbeiten an der neuen Kirche ruhten. In seinem Lehen herrschte Frieden, die Menschen begegneten einander freundlich und selbst die zuweilen exotisch wirkende Gefolgsleute des Vizegrafen waren akzeptierte Mitglieder der Dorfgemeinschaft. Die Tatsache, dass er für seine Gefolgsleute, die muslimischen oder jüdischen Glaubens waren, Gebetsräume in der Burg hatte einrichten lassen, hatte der greise Bischof Guillaume verstanden und nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert.

Doch in diesem Frühjahr fühlte der alte Bischof sein Ende nahen. Er war achtzig Jahre alt, weit älter, als die allgemeine Lebenserwartung zuließ. Er ließ Balian und Gaëlle rufen, um sich vorsorglich von dem Vizegrafenpaar zu verabschieden. Besorgt kamen sie dem Ruf des Bischofs eilig nach. Guillaume lächelte versonnen, als die jungen Leute eintraten.

„Ihr seid die Sonne meines Alters, mein Sohn. Ihr und Eure Gemahlin. Ich bedaure es, dass Ihr erst so spät von Eurer Herkunft erfahren durftet. Vergebt mir, dass ich Euch verschwiegen habe, was ich darüber wusste“, bat er. Balian setzte sich an das Lager des alten Mannes und nahm dessen Hand.

„Ich habe Euch nichts zu vergeben, Exzellenz“, erwiderte Balian leise. Guillaume schüttelte heftig den Kopf.

„Doch, denn was ich wusste, war kein Beichtgeheimnis, mein Junge.“

„Ihr habt mich sehr gefördert, Exzellenz. Ohne Eure Fürsprache hätte ich wohl nicht den Auftrag für die Eisengewerke an der Kirche bekommen.“

„Ach was! In der ganzen Gegend gibt es keinen besseren Schmied als Euch“, wehrte der Bischof ab.

„Nun, genau genommen gab es außer mir gar keinen …“, grinste Balian. Der Bischof erwiderte das Grinsen.

„Drum gibt es auch keinen besseren“, kicherte er. Ein Hustenanfall unterbrach sein Lachen. Der Vizegraf stützte ihn.

„Du bist ein guter Junge, Balian. Danke. Deine Mutter hatte einen guten Charakter, wie kein Kirchenmann ihn einer Frau jemals zutrauen würde. Sie hat ihn an dich weitervererbt. Dein Charakter, mein Junge, der kommt von deiner Mutter, ganz gewiss nicht von deinem Vater, diesem Filou. Ich hoffe, du kannst Godfrey, diesem Tunichtgut, verzeihen.“

„Das habe ich längst, Exzellenz.“

„Dann hat der Lausebengel dir bestimmt nicht alles erzählt“, mutmaßte Guillaume.

„Mag sein. Aber was immer er auch angestellt hat, ich habe ihm vergeben.“

„Sag mir, hat er seine Sünden bereut?“

„Alle bis auf eine“, gab Balian zurück. „Er hat mich dabei angesehen und er hatte mir gesagt, dass Maman ihm nicht freiwillig zu Diensten war.“

„Nun, für das ansehnliche Ergebnis musste er sich sicher nicht schämen, aber für das, was er deiner Mutter angetan hat.“

„Lasst es gut sein, Exzellenz. Es ist Vergangenheit. Vater hat mich vieles gelehrt und mir beigebracht, das Katzbuckeln bleiben zu lassen.“

„Er hat gut daran getan, denn seit du wieder hier bist, geht es Saint-Martin-au-Bois gut. Doch ich will dich warnen, mein Sohn. Es droht Krieg, und ich fürchte, du und Gaëlle, ihr werdet hineingezogen werden“, warnte Guillaume. Gaëlle und Balian sahen sich besorgt an.

„Was meint Ihr, Exzellenz?“, erkundigte sich Gaëlle.

„Ihr seid doch die Cousine von Richard von Anjou, dem Kronprinzen Englands, oder?“

„Ja“, erwiderte Gaëlle.

„Komm, Tochter, setz’ dich her“, winkte der Bischof sie auf die andere Seite des Bettes. Gaëlle setzte sich.

„Gott segne dich, mein Kind. Du hast in Balian den besten Gemahl, den eine Frau haben kann. Ich wünsche dir, dass du Kinder von diesem wunderbaren Menschen haben wirst.“

„Das … wünsche ich mir auch, Exzellenz. Darf ich Euch ein kleines Geheimnis verraten? Ich bin guter Hoffnung“, lächelte sie dann. Balian sah sie verblüfft an. Davon wusste er noch nichts. Gaëlle lächelte ihn liebevoll an, was ihm bewies, dass sie ihm spätestens an diesem Abend davon erzählt hätte. Er erwiderte ihr sanftes Lächeln.

„Wenn ich euch beide so sehe, ist es mir unverständlich, weshalb der Adel darauf besteht, aus rein dynastischen Gründen Ehen zu schließen. Gibt es ein größeres Geschenk als die Liebe?“, fragte Guillaume leise.

„Für mich nicht Exzellenz“, sagte Gaëlle. „Ich bin zweimal gegen meinen Willen verheiratet worden. Während meiner zweiten Ehe lernte ich Balian kennen, und es fiel uns beiden schwer, uns zu beherrschen und die Ehe nicht zu brechen. Es ist uns nicht immer gelungen.“

„Nun“, lächelte Guillaume, „jener, der euch füreinander bestimmt hat, hat offensichtlich Mittel und Wege gefunden, euch zusammenzubringen. Aber … es geht mir jetzt um etwas anderes. Euer Cousin, Gaëlle, hat mit seinem Vater Henry Krieg um die Thronfolge begonnen. Es hat schon Kämpfe gegeben. Richard ist nach Paris zu König Philippe* von Frankreich geflohen. Philippe hat ihn aufgenommen, aber ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Anjou ist ein Kronlehen Frankreichs. Was wird geschehen, wenn Richard oder einer seiner noch lebenden Brüder Henry von England beerbt und gleichzeitig Lehensmann des französischen Königs ist? Wenn Philippe dann auch Anspruch auf die Krone Englands erhebt, gibt es eine Katastrophe“, erklärte der alte Bischof. „Es wird schwierig werden, wenn der König von Frankreich oder Richard eure Loyalität fordern werden. Seid auf der Hut, meine Kinder. Ihr würdet zwischen den Fronten zerrieben. Gebt Acht, dass eure kluge Wirtschaft und eure Freundlichkeit gegen andere Menschen euch nicht ein Bein stellt. Euer Wohlstand weckt Begehrlichkeiten, sowohl von Seiten des französischen Königs als auch von anderen Adligen Frankreichs. Der Graf von Blois, dein Lehnsherr, Balian, ist zuweilen unberechenbar, mein Junge. Sieh dich vor ihm vor! Er hat auch schon mit dem König Händel angefangen, wenn es seinen Zielen gedient hat.“

„Wer ist im Recht, Exzellenz?“, fragte Balian.

„Eine kluge Frage, die in der Tat nur von dir kommen kann. Die Verhältnisse sind verwickelt. Vielleicht kann Gaëlle deine Frage beantworten, denn sie sollte die Familie Anjou gut kennen. Noch etwas, was ich loswerden muss, bevor der Herr mich zu sich ruft: Du hast dich für meine Fürsprache bedankt, mein Junge. Doch ich habe nicht mehr getan, als ein Enkel von seinem Großvater erwarten darf, eher sehr viel weniger.“

„Wie bitte?“, erkundigte sich Balian verblüfft.

„Nun, nicht nur dein Vater und dein Onkel hatten einen Vater, deine Mutter auch. Ich hatte nicht immer vor, Priester und dann Bischof zu werden. Als ich mich in deine Großmutter verliebte, war ich noch nicht Priester, aber der jüngere Sohn eines Landadligen, der nichts zu erben hatte. Deine Großmutter Madeleine, Balian, war eine wundervolle Frau, die mir nicht von der Seite wich. Noch bevor mein älterer Bruder Land und Titel erbte, steckte mein Vater mich ins Kloster, damit ich nicht auf dumme Gedanken kam. Ich war aber bereits auf dumme Gedanken gekommen und hatte deine Großmutter geschwängert. Schon bald, nachdem ich ins Kloster eingetreten war, starb mein Bruder, aber das Kloster entließ mich nicht mehr aus dem Gelübde, um mein nun frei gewordenes Erbe anzutreten. So gab der Graf von Blois die Vizegrafschaft von Saint-Martin-au-Bois ebenfalls an die Familie du Puiset, an deinen Onkel. Aber ich hatte Glück und wurde wenig später Bischof von Chartres. Deine Großmutter wurde meine Haushälterin, aber ich durfte mich nie zu meiner Tochter Julie, deiner Mutter, bekennen. Sie galt als unehelich und war Freiwild für die Brüder du Puiset, die sie ebenfalls mit unehelichen Kindern beglückten. Lumpen! Dein Onkel hatte wenigstens die Courage, sich zu Marie zu bekennen und sie von eurer Mutter in seinem Haus erziehen zu lassen. Aber dein Vater, der Lümmel, der hat sich einfach aus dem Staub gemacht, verschwand ins Heilige Land und überließ deine Mutter der Gnade ihres Ehemannes Balian. Balian senior war trotz seines Berufes als Schmied ein guter Mensch. Er hat mich um Rat gefragt, wie er mit dir verfahren soll. Er wusste, dass du nicht sein Sohn warst, aber er hätte dich nie im Stich gelassen. Ich habe ihm geraten, dich wie seinen eigenen Sohn zu behandeln, und er war so klug, dem Rat zu folgen. Balian, du bist durch und durch adlig, denn deine Mutter war ebenso von Adel wie dein Vater – nur dass der Lümmel davon keine Ahnung hatte. Es tut mir Leid, dass ich mich dir nicht längst offenbart habe, mein Junge. Ich hätte verhindern können, dass Michel dir das Leben so zur Hölle gemacht hat.“

Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, Großvater, du hättest es nicht verhindert. Michel hätte immer Mittel und Wege gefunden, mich spüren zu lassen, dass er mich nicht leiden konnte – zu Recht, wenn ich es so bedenke. Schließlich musste er nur deshalb ins Kloster, weil sein Vater mich wie seinen eigenen Sohn behandelte und Michel deshalb nichts zu erben hatte. Dass er nie Schmied werden wollte, ist eine andere Sache“, sagte Balian. Guillaume winkte ab.

„Michel war nicht einmal ein anständiger Priester. Er hat gelogen und betrogen, wo immer es seinem eigenen Wohl gedient hat. Sag mir, hat er dir nach deiner Haftentlassung Geld gegeben?“

„Nein“, erwiderte Balian. Guillaume nickte.

„Dachte ich’s mir. Ich hatte ihm Geld für dich gegeben, als Anzahlung für die nächsten Mauereisen. Was hat er dir von Natalie gesagt?“

„Er hat … angedeutet, dass sie ohne Kopf in der Hölle sei. Als ich dann ihr Kreuz um seinen Hals gesehen habe, sind mir die Pferde durchgegangen. Leider hatte ich gerade eine glühende Klinge in der Hand. Das Ergebnis kennst du, nehme ich an, denn Nicolas sagte, er sei von dir und Onkel Hugo beauftragt, mich zurückzubringen, weil ich Michel umgebracht habe.“

„Nein, ich habe keine Anweisung dazu gegeben. Mir kamen nach einer Weile Zweifel, ob Michel mir bezüglich Natalies die Wahrheit gesagt hatte, denn ich hatte ihm verboten, sie zu verstümmeln. Ich konnte es aber nicht prüfen, weil ich nicht wusste, wo Michel Natalie hatte verscharren lassen. François, der Totengräber, folgte dir ins Heilige Land, bevor meine Zweifel so stark waren, dass ich nachschauen lassen wollte, und sein Gehilfe starb noch im selben Winter an einer Erkältung.“

„Ich weiß ungefähr, wo sie liegt. Erlaubst du mir, sie auf dem Friedhof begraben zu lassen?“, bat Balian. Guillaume schüttelte den Kopf.

„Nein, das erlaube ich nicht“, erwiderte der Bischof bestimmt.

Balian seufzte, er wollte keinen Konflikt mit dem alten Mann, der sich ihm vor wenigen Augenblicken als sein Großvater erklärt hatte, aber für Natalie würde er mit der halben Welt raufen, wenn es sein musste.

„Ja, sie hat Selbstmord be…“, setzte er an, stockte aber, als die Hand seines Großvaters die seine mit ungewohnter Kraft umschloss.

„Ich erlaube nicht, dass sie auf den Friedhof kommt, weil ich will, dass sie in der Familiengruft unter der neuen Kirche bestattet wird“, stellte der alte Bischof klar. „Dort will ich auch beigesetzt werden, und wage es nicht, mich woanders unter die Erde zu bringen, mein Junge!“

„Ich werde deiner Bitte folgen, Großvater“, versprach Balian.

„Jetzt hoffe ich nur noch, dass Gott mir noch so viel Zeit lässt, dass ich euer erstes Kind noch sehen kann.“

„Als Natalie starb, wäre ich an Gott fast verzweifelt und wollte auch nicht die Worte eines guten Freundes annehmen, der mir in anderem Zusammenhang sagte, alles sei so, wie Gott es wolle; aber nach allem, was in den letzten vier Jahren geschehen ist, komme ich zu dem Schluss, dass Imad damit ohne weiteres Recht hatte“, lächelte Balian.

„Deine jüdischen und moslemischen Knechte werden bald in Gefahr sein“, warnte Guillaume. „Du hast gute Gründe, weshalb du ihren Glauben respektierst, und ich teile diese Gründe, mein Junge. Aber ich fürchte, der neue Bischof wird darüber anders denken, und der Graf von Blois ist auch kein Freund Andersgläubiger.“

„Ich habe ihnen zugesagt, dass sie in meinem Dienst vor Verfolgung sicher sind. Ich werde sie nicht zu Heuchlern verkommen lassen. Der Graf von Blois hat mir als Lehnsherr ebenfalls zugesagt, die Religion meiner Diener zu respektieren, sofern sie nicht andere vom christlichen Glauben abbringen wollen. Er war so freundlich, mir das schriftlich zu geben“, erklärte Balian.

„Dann hüte dieses Dokument gut, mein Sohn. Ist es verloren, sind deine fremden Diener verloren“, mahnte Bischof Guillaume. Balian nickte.

„Das werde ich“, versprach er.

„Wie geht es meinem Urenkel Martin?“, erkundigte sich Guillaume dann.

„Es geht ihm gut, er macht gute Fortschritte“, erwiderte Gaëlle sanft. Guillaume tätschelte ihre schmale Hand.

„Holt ihn her. Ich möchte ihn segnen“, bat der alte Bischof. Balian verließ kurz den Raum und bat Georg, der das Grafenpaar begleitet hatte und vor der Tür auf sie wartete, Martin zu holen.

Wenig später kam Georg mit dem kleinen Prinzen zurück.

„Euer Neffe, Mylord“, sagte er, als er Martin brachte. Noch etwas scheu betrat der Junge den Raum, doch hellte sich seine Miene sofort auf, als er Balian und Gaëlle erkannte.

„Komm näher, Martin“, sagte Guillaume und winkte. „Du bist ein hübscher Junge, mein Sohn. Unverkennbar deine Mutter Marie. Ich bin Bischof Guillaume, das Oberhaupt der Kirche in Saint-Martin-au-Bois.“

„Euer Exzellenz“, grüßte Martin und verbeugte sich leicht.

„Andere sprechen mich so an, mein Junge, und das ist auch richtig so. Aber du, dein Onkel, deine Tante und deine Mutter, ihr braucht das nicht zu tun. Du darfst mich Urgroßvater nennen.“

„Urgroßvater?“, wunderte sich Martin. Guillaume nickte und erklärte es ihm kurz. Martin bekam große Augen.

„Aber Bischöfe dürfen doch nicht heiraten…“

„Nein, dürfen sie nicht. Deine Großmutter hat sehr darunter leiden müssen, dass ich mich nicht zu ihr bekennen durfte“, lächelte Guillaume. „Martin, du wirst einmal König sein. Als König kannst du viele Dinge ändern. Ich bin ein Mann der Kirche und nichts hat mir in meinem Leben mehr zu schaffen gemacht, als der Umstand, dass ich nicht legal der Vater meiner Tochter sein durfte. Das hat viel Unglück nach sich gezogen, weil deine Großmutter und ihre Kinder als sündenbeladen angesehen wurden – ohne selbst etwas Sündiges getan zu haben. Das kann nicht richtig sein. Wirst du eingedenk deiner Mutter und deines Onkels eine Regel aufstellen, dass uneheliche Kinder mit der Sünde ihrer Eltern nichts zu tun haben?“

„Kann ich das als König?“, fragte der Junge. Guillaume nickte mit einem weisen Lächeln.

„Du wirst immerhin König von Gottes Gnaden genannt werden, mein Sohn. Wer mit Gottes Gnade gesegnet ist, kann die Welt verändern. Und dann gibt es einen klugen Wahlspruch deines Onkels: Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht die Welt verbessert? Mache ihn dir zu Eigen, diesen klugen Wahlspruch, denn er beinhaltet alles, was ein König tun kann und soll. Verändere die Welt – zum Besseren, mein Sohn. Gott segne dich, wie ich es tue.“

Guillaume legte dem Jungen beide Hände auf, zog ihn dann an sich und küsste ihn liebevoll auf die Stirn. Ebenso segnete er Gaëlle und Balian.

„Ich werde Hassan bitten, dich zu untersuchen, Großvater. Er ist ein guter Arzt. Vielleicht hat er Medizin für dich“, bot der junge Vizegraf an. Guillaume schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, dass es im Orient bedeutende Heiler gibt. Aber gegen Gottes Willen kann auch er nichts ausrichten.“

„Gewiss, aber er könnte wenigstens prüfen, ob es Gottes Wille ist oder eine Krankheit, gegen die er ein Mittel weiß“, entgegnete Balian mit sanftem Grinsen.

„Gut, es sei. Ich will ihm vertrauen.“

Noch am selben Tag untersuchte Hassan den alten Bischof.

„Es ist das Herz, Sidi“, sagte er schließlich.

„Kennt Ihr ein Heilmittel?“, fragte Balian.

„Ja, es ist allerdings sehr giftig, wenn die Dosis zu groß ist – wie bei allen Arzneien.“

„Gibt es das Heilmittel hier?“

„Ja, sogar im Schlossgarten. Es ist jene Pflanze, die Ihr Fingerhut nennt, lateinisch digitalis.“

Balian und Guillaume sahen sich an.

„Willst du es versuchen?“, fragte Balian.

„Ohne die Arznei werde ich sterben“, erwiderte Guillaume. „Also kann ich die Arznei auch ausprobieren. Im schlimmsten Fall sterbe ich – was ich ohne in jedem Fall in Kürze tun würde.“

„Bereitet die Arznei, Hassan.“

„Ja, Sidi.“

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Kapitel 7

Unfrieden droht

 

Hassans Bemühungen hatten Erfolg. Bischof Guillaume ging es bald wieder besser. Während die Menschen in Saint-Martin-au-Bois in Frieden lebten, herrschte in anderen Teilen Frankreichs offener Aufruhr, wo Richard von Anjou mithilfe des Königs von Frankreich gegen seinen Vater kämpfte. Es war Mai, als ein Bote des Grafen von Blois nach Saint-Martin-au-Bois kam.

„Guiscard ist mein Name, Herold des Grafen Thibaut de Blois bin ich“, stellte sich der Mann im Tappert des Grafen vor. Der Tappert war der Wappenrock der Herolde, ein Amtszeichen wie der weiße Stab. Die Farbgebung Wappenröcke bestand nur aus dem Wappenbild, wie es auf den Schild gemalt war. In diesem Fall war der Rock blau und mit einem von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte reichenden silbernen Schrägbalken versehen, in einem kleinen Abstand zum Schrägbalken zierte in den blauen Feldern noch ein goldener Faden, der wechselweise mit kleinen, blauen Krucken* besetzt war, den Schild. Im Unterschied zu den Wappenröcken der Ritter hatte der Tappert kleine Ärmelansätze, die ebenfalls das vollständige Wappenbild zeigten und wurde als loser Überwurf getragen, also nicht vom Schwertgürtel gehalten. Herolde waren schließlich unbewaffnet, genossen aber absoluten Schutz, durften weder gefangen genommen noch getötet werden. Das galt sogar auf dem Schlachtfeld. Gegen verirrte Pfeile trugen Herolde in der Schlacht allerdings ein Kettenhemd.

„Willkommen, Guiscard. Was führt Euch zu mir?“, fragte Balian.

„Der Graf von Blois, Euer Lehnsherr, ruft Euch zur Heerfolge, Vizegraf Balian. Er erwartet Euch und Eure Männer in sieben Tagen zur königlichen Heerschau in Orléans.“

„Wer führt gegen wen warum Krieg?“, fragte Balian.

„Weshalb fragt Ihr danach? Euer Herr ruft Euch“, gab Guiscard zu bedenken. Balian setzte sich in seinen Arbeitssessel und bot dem Herold ebenfalls Platz an, was dieser recht verstört zur Kenntnis nahm. Üblicherweise sprach ein Herold mit dem, dem die Botschaft galt, im Stehen.

„Richtet dem Grafen von Blois bitte aus, dass ich selbstverständlich meiner Vasallenpflicht nachkomme, wenn er mir erklärt, gegen wen er aus welchem Grund Krieg führen will und dieser Grund plausibel ist. Für mich gilt der Grundsatz, kein Unrecht zu tun. Deshalb richtet ihm bitte aus, dass ich meine Männer nicht für pure Eroberungsgelüste hergebe. Wenn er sich gegen jemand verteidigen muss, der ihm unrechtmäßig etwas streitig macht, bin ich der Erste, der an seiner Seite steht. Sagt ihm bitte, dass ich einmal gezwungen war, in einen Krieg zu ziehen, dessen Gründe ich nicht kannte und daher eher halbherzig und ungern gekämpft habe. Und sagt ihm, dass ich dem König von Jerusalem mit Freuden gefolgt bin, der kämpfte, um den Frieden zu erhalten“, erklärte Balian.

„Ich schätze, es wird ihm nicht gefallen, dass Ihr Fragen stellt, Vizegraf.“

„Das mag sein. Ich stelle aber Fragen, daran wird er sich gewöhnen müssen. Ich bin Ritter und habe geschworen, tapfer zu sein, die Hilflosen zu beschützen, die Wahrheit zu sprechen und kein Unrecht zu tun. Wir leben in einer gewalttätigen Zeit, das ist mir klar. Aber das rechtfertigt gewiss nicht alles. Geht also und unterrichtet den Grafen entsprechend.“

„Das werde ich“, sagte Guiscard, erhob sich und verließ Saint-Martin-au-Bois.

Ein sehr nachdenklicher Balian ging langsam zu den Kemenaten, wo Gaëlle und diverse andere Damen an ihren schönen Wandteppichen arbeiteten. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er eintrat, direkt auf Gaëlles Stickrahmen sah und erkannte, dass sie dabei war, Ibelin bildliche Gestalt zu geben. Sein geliebtes Ibelin, das für viel zu kurze Zeit sein Zuhause gewesen war. Andererseits wollte er mit dem Schicksal nicht hadern. Saint-Martin-au-Bois und die renovierte und umgebaute Burg, mit deren Ausstattung keine andere Burg in weitem Umkreis konkurrieren konnte, erfüllte ihn mit ebenso viel Freude wie Ibelin. Zuweilen vermisste er allerdings die warmen Nächte, in denen er gern draußen auf seiner Terrasse gesessen und den Sternenhimmel beobachtet hatte. Gaëlle sah ihn über den Stickrahmen und winkte ihn mit einem strahlenden Lächeln heran.

„Schau es dir an – Ibelin“, sagte sie. Er trat näher zu ihr. Als er genauer hinsah, bemerkte er, dass sie eine Szene stickte, die es real nie gegeben hatte: Ein Gastmahl auf seiner Terrasse, bei dem außer Gaëlle auch ihr Bruder und ihr Sohn anwesend waren. Es war eine Wunschvorstellung, wie auch die Figur ihres Bruders Balduin als Erwachsener ohne jede Spur von Lepra eine Wunschvorstellung war. Aber wo stand geschrieben, dass sie die Realität abbilden wollte und nicht etwas, was sie sich gewünscht hatte? Wenn Balian ehrlich war, dann hatte er diesen Wunsch auch gehabt – ein Mahl zusammen mit Gaëlle, ihrem Sohn und ihrem Bruder … Er sah noch genauer hin und fand an den Figuren, die Gaëlle und ihn selbst darstellten, Eheringe an den Händen.

„Ich weiß, es ist nicht wahr, aber davon habe ich immer geträumt: als deine Gemahlin meinen Bruder in Ibelin zu empfangen“, sagte Gaëlle leise, als sie bemerkte, was seine Aufmerksamkeit fesselte.

„Und wer außer uns beiden und Gott, dem Allmächtigen, weiß das?“, fragte er leise. „Du verstehst deinen Träumen bildhafte Gestalt zu geben. Das ist eine große Kunst, Liebste.“

„Danke für das Kompliment“, lächelte sie. „Du siehst nachdenklich aus. Was hast du?“, erkundigte sich Gaëlle dann.

„Thibaut de Blois’ Herold war hier, um mich zur Heerfolge zu rufen. Ich habe nach den Gründen gefragt und erst einmal keine Antwort erhalten. Kannst du mich aus deiner Kenntnis des französischen Adels aufklären, wer wie zu wem steht?“

„Ja, sowohl für Anjou-Plantagenet als auch Blois“, erwiderte Gaëlle.

„Würdest du mir deine Familiengeschichte dann bitte erklären?“

„Ja, komm“, sagte Gaëlle und begleitete Balian in die Bibliothek. Dort entrollte sie ein Pergament, das den Stammbaum der Anjou zeigte.

„Hier, das sind Balduin, Isabella und ich, darunter ist nur noch mein Sohn Balduin. Unser Vater war Amaury d’Anjou, dessen Vater Fulko d’Anjou war. Großvater Fulko war selbst Graf von Anjou und übergab sein Lehen an seinen ältesten Sohn Godfrey, als er 1129 mit seinen jüngeren Söhnen Balduin und Amaury ins Heilige Land ging. Dort erhielt er nach dem Tod Balduins III., der aus dem Hause Bouillon war, die Krone von Jerusalem, da er mit Melisende, der ältesten Tochter Balduins II. von Jerusalem, verheiratet war. Balduin III. von Jerusalem hatte zwar drei Töchter, aber keine Söhne. So erbte Melisende die Krone und krönte ihren Gemahl zum König.

Godfrey von Anjou, der älteste der Söhne Fulkos, führte die Linie in Frankreich weiter und hatte zwei Söhne: Henry, der als Henry II. König von England wurde, und Godfrey II., mit dem Henry sich um die Herzogswürde der Bretagne stritt. Henry II. hatte fünf Söhne: William, der als Kind schon Herzog der Normandie war, aber schon 1156 starb, Henry den Jüngeren, der als dann ältester Sohn die Krone und die Normandie erben sollte; Godfrey III., der Herzog der Bretagne wurde, als der Streit zwischen Vater und Onkel um die Herzogswürde beendet war; Richard, der Herzog von Aquitanien und Graf von Anjou ist und den jüngsten John, der ohne Titel ist und daher halb scherzhaft ohne Land genannt wird. Henry der Jüngere und Godfrey sind wie William frühzeitig verstorben. Seitdem ist Richard der Thronanwärter und auch Herzog der Normandie.

Ich … habe gehört, dass schon Henry der Jüngere gegen den Vater einen Aufstand angezettelt hat. Wenn zutreffend ist, was man mir zugetragen hat, dann kämpfen die Prinzen von Anjou-Plantagenet seit wenigstens 1182 mit dem Vater darum, bereits die tatsächliche Herrschaft über England übertragen zu erhalten“, erklärte Gaëlle.

„Richard ist dein Großcousin, sein Vater dein Cousin, sehe ich das richtig?“

„Ja.“

„Wie kann der König von England gleichzeitig ein Lehnsmann des Königs von Frankreich sein?“

„Nun, im Jahr 1066 hatte der damalige englische König, Edward der Bekenner, keine eigenen Kinder und musste daher die Krone an einen Adligen weitergeben, der ihm geeignet erschien. Es gibt Hinweise, dass er Guillaume de Normandie, der mit ihm weitläufig verwandt war, die Thronfolge von England versprochen hatte. Edward hatte die Thronfolge aber angeblich auch Harold versprochen, der ebenfalls nur weitläufig mit ihm verwandt war und schließlich gekrönt wurde, vielleicht auch deshalb, weil er sich im Lande befand, während Guillaume als Herzog der Normandie eben außer Landes war. Guillaume wandte sich an den Papst, der dessen Anspruch bestätigte und Guillaume ein geweihtes Banner gab. Mit normannischen Truppen und päpstlichem Segen eroberte Guillaume England und wurde dort als William I. König. Das Herzogshaus der Normandie war dem französischen König lehenspflichtig und blieb es auch als Träger der englischen Krone. Dennoch ist die englische Krone von der französischen unabhängig.

Die Grafschaft Anjou wurde mit dem englischen Königshaus verbunden, als Fulkos Sohn Godfrey Mathilde heiratete, die Enkelin Williams I. von England. Die Familie Anjou hat die Bretagne, die Normandie, Anjou selbst, die Touraine mit Tours, Poitou, und Aquitanien einschließlich der Gascogne als französischen Kronlehen erhalten. Als Herzog der Normandie ist Richard auch einer der neun Pairs von Frankreich, der bedeutendsten Vasallen der französischen Krone.“

„Auf wessen Seite steht Philippe von Frankreich?“, fragte Balian.

„Philippe hat Angst um sein Reich, denn der ganze Westen Frankreichs ist dem englischen Königshaus schon untertan, mehr als das halbe französische Königreich, wenn auch als französisches Lehen. Diese Größe bedeutet Macht, und Macht bedeutet Gefahr für einen anderen Mächtigen. Das war der Grund, weshalb er nicht auf den Kreuzzug gehen wollte. Henry hätte seine Abwesenheit nutzen können, um sich Frankreich vollständig untertan zu machen. Aber Henry hatte gleichartige Befürchtungen. Er fürchtete, Philippe könnte seine Abwesenheit nutzen, um sich das angevinische Reich, die zu England gehörenden Kronlehen Frankreichs, einzuverleiben. Philippe hat Henry dem Jüngeren, seinen Brüdern und der Mutter, Eleonore von Aquitanien, Zuflucht gewährt und kämpft auf Seiten der Prinzen. Philippe will sicher kein starkes England und kann seine Unterstützung für Richard damit begründen, dass Richard sein Lehnsmann ist, dem er Schutz gewähren muss“, erklärte Gaëlle.

„Der Graf von Blois ist Lehnsmann des französischen Königs, der sicher auch kein Interesse daran haben kann, dass England zu stark wird. Aber seine Lehen liegen in direkter Nachbarschaft zu denen von Richard“, sinnierte Balian. „Frage ist: Will Thibaut de Blois sich ein Stück vom Braten abschneiden oder will er Richard helfen, seine Ansprüche zu sichern?“

„Nein, bestimmt nicht. Und auch das liegt in der Familiengeschichte“, erwiderte Gaëlle und nahm ein zweites Pergament aus der Truhe, das den Stammbaum der Blois’ zeigte.

„Schau her: Thibaut III. de Blois hatte den Sohn Stephan, der Adele von England heiratete, die Tochter von William I. von England. Auf diese Art ist die Familie de Blois mit dem englischen Königshaus und damit auch mit Anjou verbunden. Zudem unterstützt der französische Adel Richard auch wegen dieser Verwandtschaft. Thibaut de Blois könnte sich auch kein Lehen ohne Wissen und Willen des Königs aneignen. Er müsste damit belehnt werden. Insofern wird sich der Graf von Blois gewiss nicht gegen Richard stellen. Richard hat obendrein als Herzog der Normandie und Aquitaniens sowie als Graf von Anjou Philippe den Lehnseid geleistet, also muss Philippe ihn als einen seiner bedeutendsten Lehnsmänner schützen. Er kann es sich nicht leisten, einen seiner Pairs im Stich zu lassen.“

Balian nickte.

„Wenn das so zutreffend ist, kann ich die Heeresfolge leisten.“

„Du würdest Richard unterstützen, obwohl er eigentlich noch kein Anrecht auf den Thron hat?“, fragte Gaëlle verblüfft. Balian lächelte sanft.

„Es ist sein Anspruch, daran habe ich keinen Zweifel, wenn er der Thronfolger ist. Es ist doch nur die Frage, ob er den Thron jetzt oder später besteigt. Nimm mal an, Richard und sein jüngerer Bruder John würden ohne Nachkommen im Kampf um ihre Thronansprüche fallen. Dann fiele die Krone Englands an eine andere Familie. Helfe ich also Richard, helfe ich, dass die Krone Englands in deiner Familie bleibt.“

Gaëlle sah ihren Mann einen Moment an.

„Balian … wenn … wenn Richard und John sterben sollten, dann … dann gibt es noch mich …“, setzte sie vorsichtig an. Er umarmte sie.

„Stimmt, daran hatte ich jetzt nicht gedacht, mein Liebling. Aber ich halte es für meine Pflicht als Ritter, dem rechtmäßigen Erben eines Throns zu helfen. Sollte es Gottes Wille sein, beide vor dir stehenden Erben des Throns abzuberufen, werde ich ebenso vehement dafür kämpfen, dass dir das Erbe zukommt, aber ich werde die Vorerben nicht aus dem Weg räumen. Das fällt für mich unter Unrecht“, sagte er leise und küsste sie liebevoll. Gaëlle war im ersten Moment enttäuscht, dass er diese Gelegenheit nicht beim Schopf ergriff und für ein großartiges Erbe eines Sohnes sorgen wollte, andererseits hatte sie von ihrem Gemahl nichts anderes erwartet als das, was er tun wollte.

„Der perfekte Ritter“, grinste sie und erwiderte seinen Kuss. Wenn Balian nicht einmal die Möglichkeit in Versuchung führte, Englands Thron für seinen Sohn sichern zu wollen, dann war er wirklich der vollkommene Ritter, der den legendären König Artus noch in den Schatten stellte.

Einige Tage später näherte sich eine berittene Truppe unter dem Banner des Grafen von Blois. Vor dem Haupttor ließ der führende Hauptmann halten und rief nach Balian, der auch rasch auf dem Wehrgang erschien.

„Mein Herr, der Graf von Blois, befiehlt Euch, Balian, Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois, nach Orléans. Ihr habt uns zu begleiten. Ihr allein und unbewaffnet“, rief der Hauptmann hinauf.

„Warum?“, fragte Balian.

„Weil Euer Herr es so befiehlt“, ersetzte der Hauptmann.

„Ich folge keinem Befehl, dessen Grund ich nicht kenne. Das gilt für Eure völlig unbegründete Order wie auch für den Aufruf zur Heeresfolge. Bringt mir Antworten, Hauptmann, sonst wartet Ihr bis zum Jüngsten Tag“, entgegnete Balian ruhig.

„Gut, Ihr werdet sehen, was Ihr davon habt“, grollte der Hauptmann und winkte seinen Leuten, ihm zu folgen.

Es dauerte keine vollen zwei Stunden, bis ein deutlich größerer Trupp die Straße von Chartres heraufkam, unübersehbar angeführt von Thibaut de Blois persönlich.

„Öffnet das Tor!“, forderte Thibaut, als er den Helm abgenommen hatte. Balian ließ das Tor öffnen und empfing den Grafen am Tor. Thibaut sah ihn eine Weile an und grinste dann.

„Ich sehe, die Gerüchte über Euch sind wahr, Vizegraf.“

„Welche Gerüchte, Mylord?“

„Dass Ihr nicht einzuschüchtern seid und Fragen stellt. Ihr habt die Probe bestanden, auf die ich Euch gestellt habe. Darf ich eintreten?“

„Es ist Eure Burg, Mylord, mit der Ihr mich belehnt habt“, erwiderte Balian und hielt Thibauts Pferd am Zaumzeug, damit der Graf absteigen konnte.

„Willkommen, Mylord“, grüßte Balian den Grafen mit einem Kopfnicken und winkte einen Stallknecht herbei, der das Pferd des Grafen in die Stallungen brachte.

„Jeder andere wäre einer Aufforderung zur Heeresfolge ohne zu zögern gefolgt, Balian. Ihr seid tatsächlich der Einzige, der es wagt, Fragen zu stellen. Was wisst Ihr von Richard von Anjou?“

„Dass er der künftige König von England ist und der Großcousin meiner Gemahlin ist“, erwiderte Balian lächelnd und lud den Grafen mit einer Handbewegung ein, ihm in den Palas zu folgen.

„Was wisst Ihr noch?“

„Dass er mit Unterstützung des Königs von Frankreich gegen seinen Vater streitet, der ihm den Thron erst als Toter vermachen will.“

„Was haltet Ihr davon?“

„Ich sage, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Richard König ist. Warum sollte er es nicht noch zu Lebzeiten seines Vaters werden? Selbst Balduin von Jerusalem hat seinen Thronfolger noch zu Lebzeiten zum Mitkönig bestimmt und damit Sorge dafür getragen, dass ein reibungsloser Übergang möglich war. Zwar hatte er dafür ganz bestimmte Gründe, die hier wohl nicht zutreffen, aber ich halte es gleichwohl für richtig, rechtzeitig für einen guten Übergang zu sorgen. Zudem muss unser König Philippe Richard als seinen Lehnsmann schützen.“

„Ihr würdet also Richard unterstützen wollen?“

„Ja.“

„Das will ich auch. Was hindert Euch, die Heeresfolge zu leisten?“

„Jetzt nichts mehr, Mylord“, lächelte Balian verbindlich.

Obwohl Balian dem Ruf zur Heeresfolge nicht hatte folgen wollen, ohne dass ihm gescheite Gründe für den Kriegszug genannt wurden, hatte er den Abzug seiner Leute längst vorbereitet. Nur wenige Stunden, nachdem der Graf von Blois persönlich in Saint-Martin-au-Bois erschienen war, waren die Ibeliner marschbereit. Schon in Kettenhemd und Wappenrock verabschiedete Balian sich von Gaëlle und seinem Zögling.

„Gott schütze dich“, sagte Gaëlle und umarmte ihn.

„Ich werde ihn lieber nicht versuchen. Er hat vermutlich Besseres zu tun, als sich um Thronstreitigkeiten zu kümmern, die sich durch die Erfüllung der Zeit von selbst erledigen würden“, seufzte Balian. Gaëlle lächelte schelmisch, obwohl ihr eher zum Weinen war, dass sie ihn für unbestimmt lange Zeit hergeben musste und nicht wusste wann, ja, ob er überhaupt zurückkehren würde. Doch dies war eine der Situationen, für die sie ihr öffentliches Gesicht gelernt und bewahrt hatte.

„Dennoch werde ich Gott bitten, dich zu beschützen“, sagte sie. Er drückte sie sanft an sich.

„Das ist etwas anderes, als wenn ich selbst diesen Wunsch an ihn richte, mein Herz“, erwiderte er und umarmte Martin.

„Gib auf Tante Gaëlle Acht“, sagte er und küsste den Jungen. Martin nickte mit Tränen in den Augen.

„Das werde ich“, versprach der kleine Prinz tapfer, aber mit halberstickter Stimme. „Kommst du zurück?“

Ein Schatten huschte über Balians Gesicht.

„Wenn Gott will, ja“, sagte er leise und kämpfte hart mit einem dicken Kloß im Hals. Ein scheeler Seitenblick auf Almaric, der sich ebenfalls von seiner Frau und seinen Kindern verabschiedete, bewies ihm, dass es seinen Männern mindestens ebenso ging. Martin umarmte den Onkel.

„Ich hab’ dich lieb, Onkel Balian. Bitte, komm bald nach Hause“, flüsterte er. Balian drückte ihn fest an sich.

„Ich dich auch, Martin“, flüsterte er. Mit Mühe riss er sich los.

„Gaëlle, ich habe eine Bitte an dich: Wenn ich zurückkehre, lehre mich deine unglaubliche Beherrschung“, bat er seine Frau. Sie schüttelte nur den Kopf, und er sah, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Er nickte, strich ihr ein letztes Mal über das Gesicht und stieg auf sein Pferd.

„Nach Orléans! Für König Philippe!“, rief er.

„Für den König!“, antworteten seine Männer im Chor. Dann setzte sich die Truppe, etwa hundert Mann unter Waffen, in Bewegung und ritt aus dem Burgtor, den Frauen und Kindern winkend, solange sie zu sehen waren. Als sie die Kurve der Dorfstraße erreichten und vom Tor des Château Ibelin nicht mehr zu sehen waren, rannten die Kinder eilig auf die Wehrgänge der unteren Burg, um den Vätern, Brüdern und Onkeln nachzuwinken.

 

 

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Kapitel 8

Königliche Prüfung

 

Das Heereskontingent des Grafen von Blois war das letzte, das zur Heerschau in Orléans eintraf.

„Ich hoffe, Ihr habt gute Gründe für Euer spätes Erscheinen, Thibaut de Blois“, grollte Philippe II., seines Zeichens König von Frankreich. Thibaut de Blois wies auf Balians Ibeliner, die unter dem Banner des Vizegrafen von Saint-Martin-au-Bois die Nachhut des Aufgebots der Champagne und des Hauses Blois bildeten.

„Ich wollte nicht ohne meinen Vizegrafen Balian du Puiset kommen“, erklärte er. Philippe zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Wer ist er, dass Euch seine Gefolgschaft so wichtig ist, dass Ihr einen vollen Tag verspätet erscheint?“, fragte er streng.

„Nun, er hat es immerhin fertig gebracht, praktisch ohne ausgebildete Ritter und Soldaten Jerusalem zehn Tage lang gegen eine ungeheure Übermacht sarazenischer Horden zu halten. Mit viel Geschick, wie ich weiß“, erwiderte Thibaut de Blois, die Informationen wiedergebend, die Gaëlle ihm über den Bischof zugespielt hatte.

„Aha“, brummte Philippe. „Ich will den Mann sehen!“

„Mylord Balian, der König von Frankreich lässt Euch rufen“, meldete sich ein Herold im Tappert Frankreichs, als die Ibeliner noch ihre Zelte aufbauten. Der Vizegraf nickte, bat Almaric, für die Herrichtung seines Zeltes zu sorgen und folgte dem Herold.

„Balian du Puiset, Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois, mein König“, meldete der Herold, als er das Zelt des Königs betrat. Einen Moment betrachtete Philippe II. Balian von oben bis unten, der schweigend vor ihm stand, angetan mit dem Wappenrock Ibelins, den Nasalhelm unter dem Arm.

„Ihr … seid also der berühmte Verteidiger Jerusalems …“, bemerkte Philipp langsam. Balian verbeugte sich knapp.

„Ja, mein König“, erwiderte er wortkarg.

„Wie habt Ihr es geschafft, Saladins Horden standzuhalten?“, erkundigte sich der König.

„Mit dem Mut der Männer Jerusalems“, erwiderte Balian zurückhaltend. Philippe sah ihn verwundert an.

„Interessant“, murmelte er. „Und was habt Ihr selbst dazu beigetragen?“, fragte er weiter.

„Mein Wissen um Kriegsmaschinen und meine eigene Kampfkraft“, antwortete Balian. Der König lächelte hintergründig.

„Scheint, als wäre Euch das peinlich.“

„Ich muss mich sicher nicht schämen, für das, was ich für die Freiheit der Menschen Jerusalems getan habe, mein König“, versetzte der Vizegraf.

„Warum seid Ihr dann so einsilbig, mein Freund?“

„Ich rede nicht gern darüber, denn ich habe zu viele gute Männer auf beiden Seiten sterben sehen, die Jerusalem lebend sicher mehr genutzt hätten.“

„So, so, Ihr behaltet Eure Geheimnisse wohl gern für Euch, was?“, mutmaßte Philippe.

„Wenn Ihr das so nennen wollt …“, erwiderte Balian und zuckte leicht mit den Schultern. Philippe winkte ihm und entrollte eine Karte.

„Was ist das?“, fragte er.

„Eine Schlachtordnung, mein König“, sagte Balian, als er sich kurz mit der Skizze vertraut gemacht hatte.

„Monsieur du Puiset, Ihr lasst Euch die Würmer wirklich einzeln aus der Nase ziehen!“, schalt der König.

„Mein König, sagt mir, was Ihr von mir wollt, dann weiß ich, worum es geht. Ich lasse mich nicht gern auf die Probe stellen“, entgegnete Balian.

„Ich möchte wissen, welche Fähigkeiten Ihr habt, denn ich habe wundersame Dinge von Euch gehört. Es heißt, Ihr seid ein guter Stratege.“

„Wer behauptet so etwas von mir, mein König?“

„Euer Lehnsherr, der Graf von Blois zum Beispiel. Und Richard von England, zum Beispiel“, antwortete der König. Balian seufzte. Er schätzte diese Art von Aufmerksamkeit nicht.

„Ich habe getan, was in meiner Macht stand, mein König.“

„Schön, mehr will ich von Euch auch nicht“, entgegnete Philippe. „Zurück zu dieser Schlachtordnung. Was haltet Ihr davon?“

Balian machte sich mit den Einzelheiten vertraut. Er hatte ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen und erkannte rasch, dass die blauen Rechtecke die Truppen Frankreichs symbolisierten und die roten jene des Königs von England.

„Blau sind Eure Truppen, rot die Henrys?“, fragte er dennoch.

„Ja.“

„Sind die Rechtecke mit den Pfeilen Bogenschützen?“

„Ja, weshalb fragt Ihr?“

„Weil ich sichergehen möchte, mit den richtigen Voraussetzungen zu arbeiten“, erwiderte Balian mit einem sanften Lächeln. „Die Symbole für die einzelnen Truppen sind nicht einheitlich, mein König. Jeder Kartenzeichner hat eigene Zeichen oder benutzt bekannte Zeichen anders. Dies ist auch nicht die Gegend, in der wir uns befinden. Es ist also ein Plan, der erst noch verwirklicht werden muss.“

„Gut erkannt. Und was sagt Ihr dazu?“

„Die Bogenschützen Henrys sind hier an unserer linken Flanke eingezeichnet. Wenn er klug ist, wird er versuchen, sie an unserer rechten Flanke zu platzieren“, erklärte Balian.

„Aha. Warum wäre das klüger?“

„Weil Ritter und Soldaten die Schilde für gewöhnlich in der linken Hand halten, die rechte Körperseite damit also schlechter geschützt ist. Wäre ich Henry, würde ich zusehen, die Bogenschützen nach rechts zu manövrieren. So, wie sie hier eingezeichnet sind, sind sie auch nahezu unbeweglich – hinter sich und vor sich einen Morast. Durch den Morast könnten wir sie zu Pferd zwar nicht attackieren, weil die Pferde im Sumpf stecken bleiben würden, aber Bogenschützen leben von ihrer Beweglichkeit und der Möglichkeit, sich ungesehen im Wald zu bewegen.“

„Es sei denn, man wollte einen konzentrierten Pfeilhagel auf den Gegner schießen, oder?“, hakte Philippe nach.

„Wenn das sein taktisches Konzept ist, ja. Ich würde Beweglichkeit vorziehen, mein König“, erwiderte Balian.

„Nehmen wir mal an, die Aufstellung wäre so, wie sie hier eingezeichnet ist. Wie würdet Ihr darauf reagieren?“

„Die Bogenschützen sind dort praktisch festgenagelt. Es würde reichen, ihnen durch Rauch die Sicht auf unsere Reiter zu nehmen. Insofern würde ich den Sumpfrand hier in Brand stecken lassen. Es hat geregnet, die Gefahr eines großflächigen Brandes, der uns auch bedrohen könnte, besteht also nicht. Wenn die gegnerische Reiterei tatsächlich so aufgestellt wäre, würde ich einen Angriff mit drei Spitzen empfehlen, um die Front zu spalten und die Gegner einzuschließen. Sie wären dann jeweils in Unterzahl und durch die Einkesselung unbeweglich. Das wäre unsere Chance, sie mit möglichst wenig Aufwand zur Kapitulation zu bewegen. Um die Bogenschützen unschädlich zu machen, würde ich unsere eigenen Bogenschützen in einer Umgehung von hinten an den Sumpf heranführen wollen, um die dort festsitzenden englischen Schützen zu bekämpfen, bevor der Rauch sich verzieht und die linke Flanke ihnen ausgesetzt ist“, erklärte Balian.

„Was macht Ihr mit den Belagerungstürmen an der rechten Flanke?“

„Rechts liegen lassen“, grinste Balian. „Die taugen in diesem Fall allenfalls dafür, dass sich Fußsoldaten dorthinein zurückziehen, um sich den Reitern zu entziehen. Aber wenn die Gefahr besteht, dass ich dort auch Bogenschützen befinden könnten, die uns dann von oben beschießen könnten, rate ich dazu, sie umzuwerfen.“

„Und wie?“

„Haben wir Riesenarmbrüste?“

„Ja.“

„Gut, wir haben hier zwar keine Mauer, über die das Gegengewicht fallen kann, aber wir haben frei bewegliche Pferde. Wir schießen je zwei Riesenpfeile in kurzem Abstand möglichst weit oben in die Türme. An einen gefällten Baum von etwa vier Klafter Länge werden nebeneinander zehn Pferde gespannt, je zwei davor. Jeweils beide Riesenpfeile in einem Turm werden mit diesen dreißig Pferden gezogen. Wenn sie sitzen, ziehen die Pferde an und reißen so die Türme um.“

„Die Türme sind schwer. Glaubt Ihr, das geht so einfach?“, fragte der König. Balian sah sich um Zeit um und fand schließlich einen hohen Becher.

„Seht her, mein König, so kann ich es Euch verdeutlichen“, sagte Balian und nahm den Becher.

„Ziehe ich hier unten am Becher, kann ich ihn zwar wegziehen, aber nicht umwerfen. Ziehe ich aber oben am Becher, dann fällt er.“

„Warum erfahre ich eigentlich nichts davon, dass es in meinem Reich einen so genialen Strategen gibt?“, grollte Philippe.

„Mein König, vor einigen Jahren habe ich für den damaligen Vizegrafen von Saint-Martin-au-Bois als berittener Soldat gekämpft. Er stand vor einer ähnlichen Situation, aber er hatte kein Interesse, auf einen einfachen Soldaten einfacher Herkunft wie mich zu hören.“

„Aber … Ihr seid doch von Adel …“, wunderte sich Philippe.

„Mein König, ich bin nicht ehelicher Geburt. Mein Vater hat mich erst vor fünf Jahren als seinen Sohn anerkannt.“

„Ihr bekennt Euch offen dazu …“

„Ich habe geschworen, stets die Wahrheit zu sagen, koste es auch mein Leben.“

„Ihr nehmt den Rittereid ernst, wie es scheint.“

„Das tue ich“, bestätigte Balian. Philippe II. nickte.

„Ich kann die Führung meiner Armee nicht einem Mann überlassen, der erst seit so kurzer Zeit um seinen Status weiß“, versetzte der König eisig. „Ihr könnt gehen“, entließ er Balian. Der junge Vizegraf schluckte nur mit Mühe eine harsche Erwiderung herunter. Aber es war unverkennbar, dass er von der Art des Königs, so mit Menschen umzugehen, wenig erbaut war.

„Die Entscheidung gefällt Euch nicht“, sagte Philippe. „Warum äußert Ihr Euren Unmut nicht?“

„Es ist Eure Entscheidung, mein König“, erwiderte Balian mühsam beherrscht. „Wenn Euch eines Mannes Wissen um seine adlige Herkunft wichtiger ist als seine Talente, mag es so sein. Ich bin mir dessen bewusst, nicht mehr im Orient zu sein, wo dieses Wissen weniger bedeutsam war. König Balduin von Jerusalem kannte allerdings meinen Vater und wusste, was er an ihm hatte. Möglicherweise hatte er es deshalb leichter, meinen Fähigkeiten zu vertrauen. Hier habe ich bisher weder meine Eignung als Ritter noch als Taktiker unter Beweis gestellt. Ich dränge mich nicht vor. Ihr habt gewiss andere Männer mit taktischem Geschick, deren Urteil Ihr leichter annehmen könnt.“

„Ihr seid beleidigt und doch sehr diplomatisch. Ich kenne andere, die längst den Dolch gezogen hätten“, bemerkte Philippe mit einem Grinsen.

„Ich bin nicht beleidigt, nur ernüchtert“, entgegnete Balian ruhig. „Ich halte es für bedauerlich, dass militärisches Geschick mit dem Wissen um eine adlige Herkunft gleichgesetzt wird. Es war mir vergönnt zu erleben, wie jemand, dessen Familie seit langem im Adelsstand ist und dieses Wissen geradezu zum Dünkel erhoben hat, aus purer Ruhmsucht in den Krieg zog, dabei eine ganze Armee und damit die Existenz des Königreichs Jerusalem verspielt hat. Damit will ich nicht sagen, dass Eure Ratgeber nicht besser sind als die, auf die der letzte König von Jerusalem hören wollte; ich kenne sie nicht und werde mir kein Urteil über sie erlauben“, versetzte Balian. „Ihr wisst, was Ihr an ihnen habt; meine Vorschläge müssen ihre Tauglichkeit erst noch beweisen – abgesehen davon, dass die Schlachtordnung, die Ihr mir gezeigt habt, nicht unbedingt die ist, mit der wir es tatsächlich zu tun haben werden.“

„Versteht Ihr Spaß?“

„Nicht, wenn es um das Leben meiner Männer geht, mein König. Sie alle sind mir treu ergeben und mir zu Freunden geworden. Und ich schätze es nicht, als Gegenstand von Possen missbraucht zu werden.“

„Meint Ihr, ich treibe Possen mit Euch?“

„Das habt Ihr gesagt, nicht ich. Ihr wolltet wissen, ob ich Spaß verstehe und ich habe Euch meine Grenzen davon genannt.“

„Was geschieht, wenn diese Grenzen überschritten werden?“

„Es kann tödlich enden …“, warnte Balian. Seine Augen wurden eine Schattierung dunkler. „Egal für wen“, setzte er hinzu.

„Ihr könnt gehen“, winkte Philippe Balian hinaus. Der verließ ohne weitere Worte das Zelt des Königs. Philippe sah ihm nach und stufte den aus dem Heiligen Land zurückgekehrten Mann als einfach gefährlich ein, mochte er auch sehr zurückhaltend sein … Auf Balian du Puiset musste er Acht geben, wenn er sein Königtum erhalten wollte, sagte sich Philippe.

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Kapitel 9

Ein englischer Lümmel

 

Am darauf folgenden Tag zog das französische Heer, etwa zwanzigtausend Mann stark, von Orléans ab, um sich mit der Streitmacht Richards zu vereinigen, die im Wesentlichen aus den englischen Adligen und ihren Gefolgsleuten bestand. Richard selbst hatte etwa ebenfalls fünfzehntausend Mann zur Verfügung, sein Vater Henry hatte nach diversen Kämpfen mit seinen Söhnen von den ursprünglichen zwanzigtausend Mann noch rund fünfzehntausend verfügbare Söldner.

Zwei Wochen nach dem Aufbruch lagerten die vereinigten Heere in der zu Richards Lehen gehörenden Touraine, nicht weit entfernt von Tours. Späher berichteten Richard und Philippe, dass das Heer des englischen Königs in der Nähe von Azay-le-Rideau lagerte, einem nicht wirklich weit entfernten Dorf. Philippe und Richard ließen die Führer der Grafschaften und ihrer Gefolgsleute zum Kriegsrat zusammenrufen und suchten nach Freiwilligen, die das englische Söldnerheer unter Beobachtung hielten und rasch Meldung an das Adelsheer gaben, sofern sich wesentliche Veränderungen ergaben. Zwei junge Männer traten aus den Reihen der englischen Fürsten vor.

„Wir stehen zu Eurer Verfügung, mein König“, rief der eine von ihnen.

„Robin! Komm sofort zurück!“, röhrte eine tiefe Stimme von der englischen Seite.

„Lasst Euren Sohn gewähren, Lord Locksley. Englands König wird tapfere Männer wie Euren Robin brauchen“, wehrte Richard ab. „Tretet näher, Robin von Locksley. Wer ist der andere tapfere Späher?“

„Sir Peter Dubois, Mylord“, antwortete der zweite Mann.

„Mein König, beide sind tapfere junge Ritter, aber ortsunkundig. Gibt es unter Euren Rittern jemand, der diese beiden Männer begleiten könnte?“, erkundigte sich Richard. Philippe sah sich um, sein Blick blieb an dem halb hinter Thibaut de Blois stehenden Balian hängen.

„Vizegraf du Puiset – wollt Ihr diese tapferen englischen Ritter begleiten?“

„Wenn mein König das wünscht, gern“, erwiderte Balian. Thibaut de Blois sah ihn erschrocken an.

„Mein König, Vizegraf Balian ist kaum ein Jahr wieder in Frankreich!“, warnte er. Philippe grinste.

„Oh, wer schon den Weg von Marseille nach Chartres gefunden hat, findet auch Henrys Armee, mein Freund. Ihr begleitet Sir Robin und Sir Peter, Vizegraf.“

„Ja, mein König“, bestätigte Balian. Thibaut de Blois hielt Balian am Arm fest, als dieser sich abwenden wollte.

„Seid vorsichtig, Balian“, mahnte er.

„Das werde ich“, erwiderte der junge Mann und verließ mit den beiden Engländern das Beratungszelt.

Die drei Männer bestiegen ihre Pferde, die Reitknechte draußen bereithielten.

„Und Ihr wisst, wo wir suchen müssen?“, erkundigte sich Peter unsicher. Balian nickte.

„Der König hat Recht, wenn er meint, dass jemand, der erst vor kurzem durch diese Gegend gekommen ist, wieder zurückfindet“, lächelte er. „Kommt“, winkte er den beiden Engländern dann.

Eine Weile waren sie in Richtung Süden geritten, als Peter, der vorausritt, Signal zum Halten gab.

„Da sind sie“, flüsterte er, als Balian und Robin aufgeschlossen hatten. Balian sah in das Tal hinunter, zückte Papier und Schreibkohle und machte sich Notizen.

„Was macht Ihr da?“, fragte Robin interessiert.

„Ich notiere mir, welche Truppen hier sind, welche Waffen sie haben und wie viele es ungefähr sind.“

„Und wozu braucht Ihr das?“

„Um darüber nachzudenken, wie man sie am besten besiegen kann“, gab Balian zurück. Robin schüttelte spöttisch den Kopf.

„Ich verlasse mich lieber auf das hier“, grinste Robin und nahm seinen Bogen vom Rücken.

„Habt Ihr schon in einer Schlacht gekämpft, mein Freund?“, fragte Balian.

„Ja. König Richard schätzt meine Bogenkunst sehr.“

„Also kämpft Ihr als Bogenschütze, egal wohin man Euch stellt“, mutmaßte Balian.

„Ja“, sagte Robin mit einem verwunderten Ausdruck.

„Was würdet Ihr Richard berichten, Robin?“

„Für Euch Lord Locksley“, grunzte Robin unfreundlich.

„Was würdet Ihr Richard berichten, Lord Locksley?“, fragte Balian erneut mit sanftem Grinsen.

„Dass wir Henrys Heer gefunden haben.“

„Was noch?“

„Wieso ‚was noch’? Das genügt doch wohl.“

„Und mit welchen Erkenntnissen soll Richard sein Heer aufstellen und Euch und Eure Bogenschützen richtig einsetzen?“, fragte Balian. Robin wurde rot; doch nicht aus Beschämung, was angebracht gewesen wäre, nein, er wurde zornig.

„Ich muss mir doch von einem Franzosen nicht sagen lassen, wie ich spähen soll!“, fauchte er. Seine Hand griff zum Bogen, aber Peter ging dazwischen.

„Halt ein, du Dummkopf!“, schalt er. „Der Vizegraf hat Recht!“ An Balian gewandt fuhr er fort: „Verzeiht, Mylord, Robin ist manchmal … hitzköpfig. Er ist ein guter Bogenschütze, aber kein Stratege.“

„Ich bin der beste Bogenschütze!“, grollte Robin.

„Ja, du bist der Beste“, seufzte Peter, sah Balian an und zuckte mit den Schultern. Balian nickte und machte seine Notizen.

„Als herausragender Bogenschütze seht Ihr sicher gut in die Ferne, Lord Locksley“, setzte der Vizegraf an.

„Bezweifelst du das, Franzose?“, fuhr Robin ihn an und packte Balian hart am Wappenrock. Aber bevor er ihn halb zu sich herüberziehen konnte, saß seine Hand wie in einem Schraubstock fest, als Balians harte Schmiedefaust die Pfeilhand des jungen Engländers quetschte. Mit einem Schmerzlaut ließ er los, Balian gab die Hand frei und konnte knapp einen Schlag von Robin abfangen.

„Au!“, brüllte Robin, als seine Hand wieder in dem kraftvollen Griff seines Kontrahenten festsaß.

„Lass die Dummheiten und konzentriere dich darauf, deinem König verlässliche Informationen zu bringen. Deshalb sind wir hier, du Narr!“

Stöhnend presste Robin die Pfeilhand unter die linke Achsel.

„Das wirst du mir büßen!“

„Gar nichts wirst du, Robin!“, grollte Peter und verpasste Robin eine schallende Ohrfeige. „Er ist einfach ein dummer Junge, der keine Gelegenheit auslässt, andere gegen sich aufzubringen. Meiner Schwester Marian hat er schon die Haare angezündet, der Lausebengel. Aber eine Ohrfeige bringt ihn meist wieder zu sich“, setzte er grinsend hinzu.

„Wenn Ihr wieder Vernunft angenommen habt, dann sagt mir doch bitte, was für ein Zeichen Ihr in der Fahne ganz hinten seht. Ich meine, es wäre ein von schwarz und weiß geteiltes Banner. Erkennt Ihr das auch, Lord Locksley, oder täusche ich mich?“, fragte Balian. Robin schwieg eisern.

„Könnt Ihr Eurem Freund klarmachen, dass ich weder an seinen Fähigkeiten als Bogenschütze zweifle, noch an seinem Scharfblick und einfach nur wissen möchte, ob ich richtig sehe, Sir Peter?“, wandte Balian sich an Peter. Dubois schüttelte den Kopf.

„Nein, Mylord. Wenn Robin sich missverstanden fühlt, ist er nicht mehr ansprechbar. Aber ich kann Euch bestätigen, was Ihr seht.“

„Gut, dann haben wir dahinten also ein paar Tempelritter. Erstaunlich, die hatte ich hier nicht vermutet“, sagte Balian und machte seine Notizen.

„Das sind noch Armbrustschützen, Vizegraf“, sagte Peter und wies auf eine ziemlich große Truppe, die ganz links lagerte. Balian notierte die Truppe und machte eine Skizze von den lagernden Truppen Henrys.

„Feiglinge, die vor den ungläubigen Sarazenen geflohen sind“, grunzte Robin.

„Ich mag die Tempelritter nicht, aber als Feiglinge würde ich sie gewiss nicht bezeichnen, Lord Locksley. Sie waren im Heiligen Land die Ersten beim Angriff und die Letzten beim Rückzug“ sagte Balian, ohne Robin anzusehen.

„Warum mögt Ihr sie nicht? Waren sie Euch ein Bespiel an Tapferkeit, dem Ihr nicht entsprochen habt?“, giftete Robin.

„Nein, sie waren viel zu fanatisch um zu erkennen, dass es sich besser mit den Muslimen lebte, als sie ausrotten zu wollen“, versetzte Balian. „Als Ergebnis haben die Muslime uns Christen im Heiligen Land ausgerottet. Nur Saladins Gnade und einem gewissen Verhandlungsgeschick ist es zu verdanken, dass die Überlebenden von Jerusalem nicht abgeschlachtet wurden, wie die Christen einst ganz Jerusalem entvölkert haben, als die Stadt von ihnen erobert wurde“, erklärte Balian ruhig.

„So, Ihr nennt das fanatisch. Ich sage, wer verhandelt, ist feige. Den Ungläubigen kann man nur mit Gewalt beikommen.“

„Und ich sage, wer kämpfen will bis zum letzten Blutstropfen und genau weiß, dass er keine Chance hat, ist ein Schwachkopf“, versetzte Balian. „Ihr wart nicht dort, ich ja. Also redet nicht wie ein Blinder von der Farbe der Sonne!“, wies er ihn scharf zurecht.

„Für Eure Unverschämtheiten verlange ich Genugtuung!“, fauchte Robin.

„Von mir aus“, seufzte Balian. „Wenn wir im Lager zurück sind, stehe ich zu Eurer Verfügung, Lord Locksley. Können wir uns auf Schwerter einigen?“

„Ja.“

„Robin, bist du verrückt? Du kannst ihn doch nicht zum Duell fordern!“, keuchte Peter. „Mylord, Robin hat mit dem Schwert keine Erfahrung“, bat er um Milde.

„Er hat zugestimmt, Sir Peter. Nun mag er die Suppe auslöffeln, die er sich gerade eingebrockt hat“, versetzte Balian. „Es braucht lange, um mich wütend zu machen, aber Lord Locksley hat es gerade geschafft.“

Er wusste genug und wendete sein Pferd, um ins Lager zurückzukehren. Peter und Robin folgten ihm, Robin schmollte schweigend, Peter schwieg ebenfalls bitter, aber mehr deshalb, weil er Robin wieder einmal nicht von den Dummheiten abhalten konnte, für die Robin von Locksley immer gut war.

Als sie das Lager erreichten, erstattete Balian König Philippe Bericht und übergab ihm eine detaillierte Skizze des gegnerischen Lagers.

„Seid Ihr sicher, dass Templer dabei sind?“, fragte Philippe.

„Ja. Sir Peter hat mir bestätigt, dass an dieser Stelle ein Templerbanner war.“

„Eure Skizze entspricht dem, was ich Euch gezeigt habe. Haltet Ihr an dem taktischen Rat fest, den Ihr mir gegeben habt?“, fragte Philippe.

„Ja, mein König.“

„Was … haltet Ihr von den Engländern?“

„Ich kann es nur auf die beiden beziehen, mit denen ich unterwegs war. Sir Peter ist ein junger, aber vernünftiger Ritter, der bei der Sache ist. Lord Locksleys Sohn scheint mir ein eingebildeter Pfau zu sein, der schnell mit Worten ist, aber nicht darüber nachdenkt, was er sagt. Ich halte ihn für einen unerfahrenen Lümmel.“

„Wollt Ihr Euch deshalb mit ihm einen Zweikampf liefern?“

Balian lachte leise.

„Nicht ich will mit ihm kämpfen, er mit mir. Er hat mich herausgefordert, mein König.“

„Zeigt einem englischen Lümmel, was ein französischer Ritter wert ist, Graf Balian. Ich werde auf Euch wetten“, sagte Philippe und schlug Balian jovial auf die Schulter.

„Mein König, ich bin nicht streitsüchtig und lege auf derartige Zweikämpfe keinen großen Wert. Ich denke, wir haben anderes zu tun, als uns gegenseitig zu zerfleischen.“

„Ihr seid … immer sehr ernst. Warum sieht man Euch so selten lachen?“

„Ich betrachte Krieg und Kampf nicht als Spiel, mein König. Wenn ich kämpfe, dann nicht aus Freude am Kampf, sondern aus Notwendigkeit. Ich … habe oft erlebt, dass Ritter, deren Aufgabe der Schutz von Wehrlosen sein sollte, Waffenlose aus purem Übermut angegriffen und traktiert haben. Und ich habe erlebt, dass einfache Menschen, die es wagten, sich dagegen zur Wehr zu setzen, im Kerker endeten – im Kerker des Lehnsherrn jener Ritter. Ich habe mir deshalb geschworen, anders zu sein als jene, die einfache Bauern ärgern, weil es ihnen Spaß macht, die aber zu feige sind, sich einem Kampf mit wirklich gleichen Waffen stellen zu wollen. Das schließt für mich aus, mich am Kampf zu erfreuen, schon gar nicht an einem Zweikampf, den einer nur deshalb haben will, weil er zu dumm ist, seinen Kopf zu benutzen – oder weil er meint, der andere könne ihm nichts entgegensetzen.“

„Ihr haltet nichts von Turnieren?“

„Nein.“

„Sie sind nicht pure Unterhaltung, Graf Balian. Ihr missversteht das offenbar. Sie dienen auch der Übung in den Waffen; das ist der Hauptzweck von Turnieren. Dass sie auch Unterhaltungswert haben, ist eine angenehme Nebensache“, erklärte Philippe.

„Ich danke für Eure mahnenden Worte, mein König, und werde sie beherzigen“, erwiderte Balian mit einem leichten Kopfnicken. Der König lächelte leicht.

„Ich will Euch gewinnen sehen …“

Wenig später erschienen Balian und Robin auf dem großen Platz des Lagers, beide mit Schwert und Schild bewaffnet. George von Locksley, Robins Vater, ein großer, breiter Mann mit dunklem Haar, trat auf Balian zu.

„Besteht Ihr auf dem Kampf, wenn ich Euch die Bitte um Entschuldigung im Namen meines Sohnes überbringe?“

„Ich bestehe nicht auf einem Kampf, wenn Euer Sohn mich für sein ungezogenes Verhalten um Entschuldigung bittet – aber er persönlich, Lord Locksley. Hier und jetzt. Im Übrigen hat Euer Sohn mich herausgefordert und nicht ich ihn“, entgegnete Balian kühl. Locksley nickte und kehrte um, sprach leise mit seinem Sohn, der ihn aber zornig beiseiteschob.

„Was? Ich soll mich entschuldigen? Doch nicht bei einem Franzosen! Dir spalte ich den Schädel!“, brüllte er und sprang auf Balian los, ehe der Herold den Kampf freigegeben hatte. Balian blockte den Hieb mit dem Schild, schlug seinerseits zu und warf Robin zwei Schritte rückwärts. Noch im Fallen riss Robin einen Dolch aus der Scheide und warf ihn nach Balian, der ihn aber mit dem Schild abfing. Der Dolch steckte tief im Schild und behinderte den französischen Vizegrafen, der den Schild rasch Almaric zuwarf und sein Schwert beidhändig in die Falkenwacht hob. Robin entlockte das ein spöttisches Lachen, doch verging ihm das Lachen, als Balian das Schwert mit voller Wucht durchzog und ihm den Schild aus der Hand hieb. Robin stolperte wieder einige Schritte rückwärts und stürzte über einen losen Stein. Balian blieb stehen und machte keine Anstalten, den gefallenen Gegner anzugreifen. Bei den Engländern löste seine faire Haltung ein Raunen aus.

„Was ist jetzt, Franzose? Hast du Angst?“, stieß Robin hervor.

„Nein, aber du offenbar, wenn du da liegen bleibst. Steh auf und kämpf weiter oder gib auf“, entgegnete Balian. Mit einem zornigen Knurren sprang Robin wieder auf. Den Schild hatte er verloren, sein Schwert hatte für eine beidhändige Benutzung einen zu kurzen Griff. So versuchte er, Balians beidhändig geführte Streiche mit einer Hand abzuwehren, was ihm nicht gelingen wollte. Robin stolperte rückwärts, nur hinhaltend den Schwerthieben des Franzosen ausweichend.

„Vater, hilf mir“, rief er schließlich.

„Es ist ein Zweikampf, Junge!“, grollte George von Locksley. „Reiß dich zusammen und benimm dich wie ein englischer Ritter!“

„Ja, Vater“, rief Robin und sprang Balian wie eine Wildkatze an, doch der blockte den Sprung mit beidhändig quer gehaltenem Schwert. Robin prallte mit dem Kinn auf die Parierstange und sah nur noch Sterne. Ein wuchtiger Fausthieb Balians mit der Rechten, der die Schwerthand gewechselt hatte und das Schwert nun in der Linken hielt, beendete den Kampf. Robin ging zu Boden und blieb bewusstlos liegen. Balian senkte das Schwert und zog sich zurück. Er machte keine Anstalten, den Engländer zu töten, was er hätte tun können, da Kampf bis zum Tod nicht ausdrücklich ausgeschlossen worden war.

Der Herold des französischen Königs erklärte mit lauter Stimme Balian zum Sieger im Zweikampf. George von Locksley schob die vor ihm stehende Reihe der Soldaten kraftvoll auseinander und kniete sich zu seinem Sohn.

„Robin! Was habt Ihr mit ihm gemacht? Er ist tot!“, schrie George, riss sein Schwert heraus und griff Balian an, scheiterte aber an einer knochenharten Parade Balians. Ein zweiter Hieb blieb ebenfalls auf halber Strecke stecken, dafür hatte er Balians Faust im Gesicht und flog ein paar Schritte zurück. Mit blutender Nase blieb er stehen.

„Na warte, Bürschchen“, keuchte er und wollte Balian erneut angreifen, aber Peter Dubois sprang dazwischen.

„Halt, Mylord! Ihr wisst genau, dass Robin in ehrlichem Kampf verloren hat, ja, dass Graf Balian das Recht gehabt hätte, Euren Sohn zu töten. Wenn er es aus Großmut nicht tut, gibt es Euch nicht das Recht, ihn anzugreifen“, sagte er. George von Locksley kämpfte mit sich, das war ihm anzusehen. Langsam kam er zur Ruhe.

„Was ist mit meinem Sohn?“, fragte er dann.

„Es würde mich wundern, wenn er wirklich tot wäre, Mylord“, sagte Balian. „Meine Fausthiebe sind hart, aber nicht tödlich.“

„Ihr hättet ihn töten können. Warum habt Ihr es dann nicht getan?“

„Mylord, dieses Heer ist unterwegs, um Richard von England die Krone Englands zu sichern“, erwiderte Balian kühl. „Es nützt nur Henry, wenn wir uns gegenseitig umbringen. Prinz Richard braucht Euren Sohn, insbesondere wenn er der herausragende Bogenschütze ist, von dem ich gehört habe.“

„Verzeiht mir meine unbedachten Worte, Graf Balian“, bat George um Vergebung.

„Ich verzeihe Euch, Lord Locksley, und ich biete Euch Freundschaft“, erwiderte Balian mit einem leichten Lächeln und hielt Locksley die rechte Hand hin. Noch etwas zögernd nahm George von Locksley das Freundschaftsangebot Balians an und erwiderte den Händedruck.

„Mir sind noch nicht viele wie Ihr begegnet, Vizegraf. Ihr verdient meine Hochachtung. Ich danke dem Herrn, dass es mir vergönnt war, Euch kennen zu lernen.“

 

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Kapitel 10

Kampf um die Krone Englands

 

Die Hochrufe auf ihn empfand Balian als unnötig. Er schätzte diese Aufmerksamkeit nicht und hätte sich am liebsten zurückgezogen, doch Philippe II. ließ es nicht zu. Almaric, der die Sorgen seines Herrn bemerkte, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.

„Balian, du bist etwas Besonderes, nimm es bitte endlich zur Kenntnis. Du überragst hier jeden, was Benehmen und ritterliches Verhalten betrifft, die Könige eingeschlossen“, sagte er.

„Das ist es, was mir Sorgen macht, mein Freund“, seufzte Balian. „Sie sind neidisch, wie schon Guy de Lusignan es war. Das birgt Gefahren, wie ich weiß. Sie sehen nur sich und ihre eigene Bedeutung, aber sie verlieren ihr eigentliches Ziel aus den Augen. Warum tun sie nicht, wozu sie hier sind? Richard die Krone zu sichern und sonst nichts? Wir haben wertvolle Zeit verloren mit diesem dummen Zweikampf. Henrys Armee kann längst woanders sein oder sich umgestellt haben.“

„Wenn du erlaubst, werde ich mit Georg und Pierre nachsehen“, bot Almaric an. Balian nickte.

„Tu das, aber nimm ein paar Leute mehr mit. Ihr könnt dann mit Henrys Truppen Fühlung halten und uns Nachricht geben.“

„Das werde ich“, versprach Almaric mit einem breiten Grinsen.

Der treue Hauptmann war kaum fort, als der Herold des Königs Balian die Aufforderung des Königs zum Kriegsrat brachte. Balian folgte ihm und blieb möglichst weit hinten stehen.

„Wo ist der Vizegraf du Puiset? Ich hatte dir doch befohlen, ihn zu holen!“, grollte Philippe.

„Er ist hier, mein König“, entgegnete der Herold.

„Kommt her, Ihr Ritter ohne Fehl und Tadel!“, forderte der König Balian mit einem herrischen Winken auf. „Offenbart uns Eure Taktik, mein Freund.“

„Wie Ihr wünscht, mein König. Vorsichtshalber lasse ich durch meine Männer gerade nochmals prüfen, ob Henrys Truppen sich verändert haben“, sagte er und erklärte dann den Anwesenden den Plan, den er König Philippe bereits vorgestellt hatte.

„Eure Taktik ist… ungewöhnlich“, bemerkte der Graf de Longchamps, Richards designierter Kanzler.

„Ist sie das? Wenn Ihr einen besseren Vorschlag habt, Mylord, dann äußert ihn“, erwiderte Balian ruhig.

„Wir sollten Henrys Truppen in einem massierten Reiterangriff in der Mitte spalten und alles niedermachen, was sich uns in den Weg stellt“, empfahl de Longchamps.

„Und wie deckt Ihr die Flanken?“, fragte Balian. „Was macht Ihr mit den Bogenschützen, die durch den Morast für uns im Reiterangriff nicht erreichbar sind, ihn aber mühelos überschießen können?“

Longchamps wurde rot. Das Detail hatte er übersehen.

„Sofern sich die Situation nicht verändert und Henrys Truppen in der ausgespähten Ordnung antreten, sollten wir Balians Vorschlag folgen“, griff Richard ein. „Was soll … mit Gefangenen … geschehen, Vizegraf?“, wandte er sich dann an Balian.

„Ist das eine ernst gemeinte Frage, Prinz Richard?“, wunderte sich Balian.

„Ja.“

„Es ist Euer Vater, Mylord, gegen den wir kämpfen. Ihr werdet Euren Vater doch nicht tot sehen wollen.“

„Ihr habt dazu keine … Vorschläge?“

„Ich sehe keinen Sinn darin, Gefangene in einen Kerker zu stecken oder sie zu töten. Wenn diese Schlacht Euer Ziel erreichen sollte, empfehle ich Euch, Gefangene gehen zu lassen, Mylord.“

„Und in drei Monaten macht mein Vater mir meinen Thronanspruch wieder streitig? Gefangene, Graf Balian, kann man nur töten, damit sie die Ergebnisse einer Schlacht nicht später wieder in Frage stellen können“, versetzte Richard.

„Wäre Euer Vater dieser Vorstellung gefolgt, Mylord, hätte er keine Erben mehr“, gab Balian zu bedenken. „Im Übrigen würde ein solches Vorgehen gegen die Gebote Gottes und den Rittereid verstoßen.“

„Wollt Ihr mir Vorschriften machen, wie ich Krieg zu führen habe?“

„Ihr habt mich um einen Vorschlag gebeten, ich habe ihn gegeben und ich habe Euch gesagt, was ich von Eurer Idee halte. Was Ihr daraus macht, ist Eure Entscheidung. Doch ich sage ganz deutlich, dass meine Männer und ich uns an einem solchen Mord nicht beteiligen werden. Solange gekämpft wird, werden wir kämpfen – auf Leben und Tod. Aber sollte der Sieg unserer sein und Eure Gegner besiegt am Boden liegen, werden wir weder auf sie einprügeln noch sie töten. Ich berufe mich in diesem Fall auf die Pflicht des Ritters, Wehrlose zu beschützen.“

„Ihr würdet mich daran hindern wollen?“

„Ja.“

„Ihr solltet Euch ein Beispiel an den Kreuzfahrern nehmen, die in Jerusalem aufgeräumt haben, nachdem die Stadt 1099 erobert wurde“, wies Richard Balian zurecht.

„Ganz gewiss nicht. Ich nehme mir eher ein Beispiel an Sultan Saladin, der nach seinem Sieg über Jerusalem den Christen großmütig freien Abzug gewährte“, versetzte Balian scharf.

„Saladin hatte einen großen Gegner, Balian von Ibelin, der die Stadt heldenhaft verteidigte. Euer Namensvetter hätte keinen Muslim lebend aus der Stadt gelassen, hätte Saladin sich nicht seinen Bedingungen gebeugt“, versetzte Richard, dem entfallen war, dass Balian von Ibelin mit Balian du Puiset identisch war. Da Gaëlle nur einmal diesen Namen in ihren Briefen erwähnt hatte, hatte Richard ihn sich nicht gemerkt.

„Ist das so?“, fragte Balian spöttisch. „Drohungen und Ausführung sind zweierlei. Soweit ich mich erinnere, war die Drohung, die muslimischen heiligen Stätten zu zerstören, nicht Muslime in der Stadt umzubringen. Saladin hat einen hohen Blutzoll zahlen müssen, um Jerusalem zu erobern. Die Bresche war klein und seine Kriegsmaschinen weitgehend zerstört. Saladin hat um die Verhandlungen gebeten, nicht die Verteidiger Jerusalems.“

„Ihr wisst Bescheid, wie es scheint“, sagte Richard. „Wie auch immer: Hindert mich daran, Gefangene zu töten und Ihr seid selbst tot.“

„Mein König“, wandte sich Balian an Philippe, „einen Krieg unter diesen Voraussetzungen zu führen, entspricht nicht dem Eid des Ritters. Ich bitte Euch, mich von der Heeresfolge zu entbinden.“

„Ihr bleibt, Balian! Und Gefangene werden nicht umgebracht, habt Ihr verstanden, Richard?“

„Ja, … mein König“, erwiderte Richard mit gesenktem Kopf.

Almaric kehrte zurück und berichtete, dass sich die Ordnung bei Henrys Truppen nicht verändert hatte. Im Morgengrauen des 5. Juli 1189 setzte sich das Heer Philippes und Richards in Marsch und griff Henrys Truppen an deren Lagerplatz in der Nähe von Azay-le-Rideau bei Tours an. Zwar konnte Henry seine Söldner noch in Stellung bringen, doch Balians Taktik, den links befindlichen Bogenschützen mit Rauch die Sicht zu nehmen, sie durch eigene Bogenschützen zu bekämpfen und die Reserven auf der rechten Seite durch Umwerfen ihrer Deckungstürme auszuschalten, ging auf. Bis Mittag war das Söldnerheer in zwei Teile gespalten.

Richard, ein tapferer, aber ungestümer Mann, übersah die Lage von einem erhöhten Punkt aus und fand seinen Vater und dessen unmittelbare Heerführer im Zentrum ihrer Männer. Er winkte seinen Leuten, die unter dem Löwenbanner, dem Banner der Normandie, das Richard zu seinem königlichen Banner erklären wollte, dieses Zentrum mit einem wuchtigen Reiterangriff attackierten. De Longchamps, der sich links neben Richards Trupp befand, aber nicht rechtzeitig seine Leute zusammenrufen konnte, um Richard Flankendeckung zu geben, sah sich um, wer seinem künftigen König helfen konnte und fand in der Nähe Richards die entschlossen kämpfenden Ibeliner.

„Sir Peter, gebt dem Vizegrafen du Puiset auf, er möge Prinz Richards Flanke schützen. Unser ungestümer Thronfolger läuft sonst in sein Verderben“, wies er Peter Dubois an. Peter nickte, gab seinem Ross die Sporen und drängte sich zu Balian durch.

„Mylord! Mylord Balian!“, brüllte er, das Kampfgetümmel übertönend. Balian sah sich um.

„Was ist?“, fragte er, ebenfalls brüllend.

„Prinz Richard – er hat sich in Gefahr gebracht. Bitte, Mylord, deckt seine Flanke. De Longchamps ist zu weit entfernt.“

Balian nickte.

„Almaric, Georg: Richard braucht Hilfe. Folgt mir! Michel, Pierre: Ihr macht hier weiter!“, schrie er und winkte mit der Schwerthand. Die Angesprochenen bestätigten durch Handzeichen und schrien nach ihren Leuten, die sich vom Kampfgeschehen lösten und Balian folgten.

Die Ibeliner kamen gerade noch rechtzeitig, um einen Angriff gegen Richard aus der linken Flanke zu verhindern und die Söldner Henrys zu stoppen. Richard brach fast bis zu seinem Vater durch, der sich aber noch knapp absetzen konnte und den Sieg seines Sohnes durch seinen Tod damit eben noch abwenden konnte.

Doch nur wenig später liefen bei Henry immer bedrückendere Nachrichten ein: An allen Punkten wurden seine Männer zurückgedrängt, teilweise eingeschlossen. Seine Bogenschützen hatten gegen Richards Bogenschützen unter der Führung von Robin von Locksley einen schweren Stand. Henry sah ein, dass er verloren hatte und konnte nur noch aufgeben. Er sandte am Nachmittag seinen Herold zu Richard, um seine Kapitulation anzubieten. Der Herold im königlich-englischen Tappert hob seinen weißen Stab und ritt unbehelligt durch das dichteste Kampfgewühl zu Prinz Richard.

„Mylord, Euer Vater, König Henry von England, bietet Euch Kapitulation gegen Verschonung seines und seiner Männer Leben.“

Richard senkte sein Schwert.

„Sagt meinem Vater, dass ich meine Männer zurückziehe und dass er und seine Männer ihre Waffen niederlegen mögen. Wer sich ergibt, wird verschont.“

Der Herold kehrte mit erhobenem Stab wieder zurück und überbrachte Henry die Bedingungen des Sohnes. Henry ließ das Hifthorn blasen, das seine Männer zurückrief. Müde und enttäuscht ließen die Söldner ihre Waffen vor sich fallen. Nicht wenige fielen auf die Knie und beteten, dass Prinz Richard Wort halten würde.

Richards eigene Gefolgsleute trieben die Gefangenen zusammen, zwangen sie vor Richard auf die Knie. Einer der Männer griff König Henry von hinten beim Kinn und setzte ihm ein Messer an die Kehle. Dem alten König kamen Zweifel, dass sein Sohn seine Zusage halten würde.

„Nun, Vater, besteht Ihr immer noch darauf, den Thron bis zu Eurem Tod innezuhaben?“, fragte Richard mit beißender Ironie.

„Wenn ich jetzt ‚ja’ sage, mein Sohn, wird dein Hofhund, der seinen Dolch an meiner Kehle hat, sie kurzerhand durchschneiden. Dann habe ich den Thron bis zu meinem Tod innegehabt und du hast mein Blut an deinen Händen kleben, mag mich auch dein Stiefellecker gemeuchelt haben. Wenn du mich am Leben lässt, bin ich bereit, dir den Thron hier und jetzt zu übergeben. Ich will Englands neuen König nicht in der Hölle schmoren sehen“, entgegnete der besiegte König von England gepresst.

„So sei es“, lächelte Richard. „Ich habe einen Vertrag vorbereitet. Unterschreibt und verzichtet für alle Zukunft auf Englands Krone und Ihr werdet leben, Vater.“

Henry wagte nicht zu nicken, aber er brummte zustimmend. Auf Richards Wink ließ der Mann den alten König los und half ihm auf.

„Ich unterschreibe“, keuchte der alte König müde. Richard hatte die Unterstützung des gesamten englischen und französischen Adels. Henry konnte nicht einmal sagen, weshalb der Adel ihm die Gefolgschaft entzogen hatte; es war so und das genügte. Dieser Feldzug war sein letzter Versuch gewesen, die Krone für sich zu erhalten und sie nicht seinem rebellischen Sohn zu übergeben.

Der ganze Zug aus dem vereinigten Heer der Engländer und Franzosen und der besiegten Söldner Henrys wälzte sich in den kleinen Ort, wo Henry im Haus des Vogtes den von Richard vorbereiteten Vertrag unterzeichnete und damit als König abdankte.

„Was wirst du jetzt tun, mein Sohn?“, fragte Henry dann.

„Nach England reisen und mich in Westminster krönen lassen – und dann mein Gelübde erfüllen, auf den Kreuzzug zu gehen. Philippe wird mit mir kommen; so ist gesichert, dass wir uns unsere Ländereien nicht gegenseitig streitig machen“, erwiderte Richard.

„Ich habe mich geweigert, auf den Kreuzzug zu gehen, weil ich Philippe nicht getraut habe, das weißt du. Du hast jetzt mit seiner Unterstützung Englands Krone erreicht. Aber was wird er tun, wenn ihr zurück seid?“, warnte Henry. „Was geschieht, wenn du den Kreuzzug nicht überlebst? Du bist ein tapferer Ritter, mein Sohn, du bist ein großer Kämpfer – aber stelle sicher, dass du lebend heimkommst, sonst geht dein Reich unter, ehe du es richtig wahrgenommen hast.“

Richard nickte abwesend.

„Wenn ich dir noch einen Rat geben darf: Sichere dir die Unterstützung erfahrener Leute, die schon im Heiligen Land waren. Raymond von Tiberias zum Beispiel, der der Ratgeber Balduins IV. war, oder Balian von Ibelin, der Jerusalem verteidigte.“

Wieder nickte Richard.

„Balian von Ibelin würde sicher sehr viel mehr nach meinem Geschmack sein als dieser Vizegraf du Puiset, der zwar auch Balian heißt, dem Namensvetter aber das Wasser nicht reichen kann. Er ist ein guter Taktiker, aber kein Kämpfer.“

„So? Meinst du?“, schmunzelte Henry. „Du meinst doch den Mann im von dunklem Rot und Beige gespaltenen Wappenrock mit den Kreuzen in gewechselten Tinkturen, oder?“

Richard nickte.

„Ohne den persönlichen Einsatz des Vizegrafen und seiner Männer hättest du heute verloren, mein Sohn. Er und seine Männer waren es, die dich geschützt haben, als meine Ritter dich angriffen. Hast du das etwa nicht bemerkt?“, fragte Henry. Richard schüttelte ehrlich den Kopf. Nein, das war ihm nicht aufgefallen …

„Richard, ich gebe dir den guten Rat, die Menschen in deiner Umgebung wahrzunehmen und sie nicht zu verprellen. Ich habe es getan und damit Reich und Krone verloren. Mach nicht die Fehler deines Vaters weiter, mein Sohn“, sagte Henry. Plötzlich wurde dem alten Mann schwindlig, die Knie knickten ihm weg. Richard und de Longchamps, die bei ihm waren, fingen ihn gerade noch auf.

„Mir ist nicht gut“, ächzte der alte König und fasste sich ans Herz.

In aller Eile ließ Richard ein Zelt für seinen Vater herrichten, damit er sich ausruhen konnte. Eine Weile saß er bei ihm, dann kam Philippes Herold und fragte nach dem Befinden des alten Königs.

„Sagt dem König, es geht ihm nicht gut“, erwiderte Richard.

„Der König von Frankreich will sein Heer jetzt auflösen, nachdem er Euch die Krone gesichert hat. Seid Ihr einverstanden, König Richard?“, fragte der Herold.

„Ja, und sagt ihm, ich danke für seine Unterstützung.“

Bei Anbruch des folgenden Tages löste sich Philippes Heer auf, die einzelnen Gefolgsleute zogen zurück in ihre Grafschaften. Am eiligsten hatten es Balian und seine Männer, die es nach Saint-Martin-au-Bois zog, wo ihre Frauen und Kinder auf sie warteten. Balian hatte es schon deshalb eilig, weil der erwartete Geburtszeitpunkt seines Kindes nahe war und er Gaëlle dabei nicht allein lassen wollte.

Die von Henry angeworbenen Söldner wurden entlassen, die englischen Großen blieben bei Richard, um mit ihm gemeinsam nach England zu reisen, wo er zum König gekrönt werden sollte. Am 7. Juli 1189, zwei Tage nach seiner Niederlage, starb Henry von England; manche sagen, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, dass seine Söhne ihn mit Gewalt von Thron stießen, weil sie die Erfüllung der Zeit nicht abwarten konnten.

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Kapitel 11

Heimkehr

 

Drei Wochen nachdem Philippe II. sein Heer aufgelöst hatte, ritten Balian und seine Männer durch Chartres, bejubelt von der Bevölkerung, der bereits bekannt war, dass ihr Vizegraf einen gewissen Anteil daran hatte, dass der Krieg in Frankreich um die Krone Englands beendet war. Balian und seine Leute grüßten freundlich zurück, bekamen nicht selten Blumen überreicht, die sie sich in die Armriemen ihrer Kettenhemden steckten oder am Schwert befestigten.

Martin und Mathieu waren an dem schönen Sommertag draußen im Burghof. Die beiden Jungen hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, um die Mittagszeit auf die äußere Wehrmauer zu gehen und nachzuschauen, ob Balian und seine Mannen zurückkehrten. Der Tag war klar wie selten im Juli, und so ging der Blick weit in das Tal hinein bis nach Chartres.

„Da, siehst du das auch, Martin? Das ist doch ein großer Reiterzug!“, rief Mathieu plötzlich, nachdem sie bereits fast eine halbe Stunde auf der Mauer gewartet hatten und schon beinahe fortgehen wollten. Martin sah angestrengt in die Richtung, die Mathieu ihm wies und erkannte mit seinen scharfen Augen auf halbem Weg von Chartres herauf das Banner seines Onkels. Die Reiter ritten schnell und würden bei diesem Tempo Saint-Martin-au-Bois in einer knappen Stunde erreicht haben.

„Ja!“, rief er. „Juchhu! Onkel Balian kommt!“, jubelte er und rannte eilig in den Palas, um seine Tante aufzusuchen.

„Tante Gaëlle! Tante Gaëlle!“, schrie er schon von ganz unten. „Onkel Balian kommt! Komm schnell!“

Jubelnd hüpfte er zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben in die persönlichen Gemächer seiner Erzieher. Gaëlle kam aus einem der Zimmer und legte den Finger an die Lippen.

„Leise, mein Schatz, er schläft gerade“, mahnte sie, aber sie lächelte und umarmte den Jungen, der sie strahlend ansah.

„Aber Onkel Balian kommt doch!“, protestierte er. Sie drückte den Jungen sanft an sich.

„Das freut mich auch, und ich danke dir, dass du mir so fröhlich Bescheid gibst, Martin, aber dein Cousin ist gerade eingeschlafen. Weck ihn bitte nicht auf, sonst schreit er wieder nach Milch“, sagte sie mit einem überglücklichen Lächeln.

„Freust du dich denn nicht?“, fragte er enttäuscht.

„Oh, doch!“, gab sie zurück. „Aber deshalb müssen wir doch nicht alles zusammenbrüllen, hm? Komm, Schatz.“

Sie nahm ihn an der Hand und ging mit ihm zur Wehrmauer, wo schon die halbe Burggemeinschaft versammelt war. Die Reiter waren deutlich näher gekommen und ritten bereits auf der Straße, die zum Dorf hinaufführte.

„Martin, bist du bitte so lieb, zu Urgroßvater zu laufen und ihm zu sagen, dass Balian zurückkommt?“, bat sie, als sie sah, dass Balian die Truppe anführte. Er nickte und rannte eilig zum Haus des Bischofs.

Sie winkte hinunter und spürte ein ungeheures Glück, dass Balian seinen Männern vorausritt. Auch wenn er von Symbolik nicht viel hielt, war dies ein sicheres Zeichen, dass alles gut ausgegangen war. Vor allem freute sie sich auf Balians Reaktion …

Er sah hinauf zur Burg und bemerkte, dass die Wehrmauer von winkenden Menschen besetzt war. Er winkte zurück und wandte sich dann um.

„Wir werden erwartet!“, rief er. Seine Männer sahen hoch und winkten ebenfalls, als sie sahen, dass dort ihre Lieben auf sie warteten.

„Meine Frau erwartet unser drittes Kind, Mylord. Darf ich vorreiten?“, erkundigte sich Michel.

„Ja, reitet nur, Michel. Jazira wartet gewiss auf Euch“, lächelte Balian und winkte seinem zweiten Mann, der seinem Streitross mit einem Jubelruf die Sporen gab und die steile Straße hinauf jagte.

„Und was ist mit dir? Du wirst zum ersten Mal Vater“, grinste Almaric.

„Ja und nein, mein Freund. Für mich ist es auch der dritte Versuch, aber mein erster Sohn wurde tot geboren, den zweiten hat Gaëlle nach einem Reitunfall verloren. Nein, ich möchte nicht wieder in zu große Freude verfallen, bevor ich nicht weiß, dass das Kind gesund auf der Welt ist“, erwiderte Balian ernst. Almaric sah seinem Herrn an, wie sehr ihn die Ungewissheit quälte, ob das Kind schon geboren war und diesmal alles in Ordnung war oder ob er ein drittes Kind zu Grabe tragen musste, das das Leben nie kennen gelernt hatte.

Gaëlle war regelrecht enttäuscht, als sie sah, dass es nicht Balian war, der sich von der Truppe löste, sondern offenbar Michel, den sie rasch an seinem breitrandigen Eisenhut* erkannte. Doch sie sah auch, dass Balian ihr winkte und winkte zurück.

Eine gute halbe Stunde später war dann die ganze Truppe im Dorf und wurde von den Menschen begeistert begrüßt. So sehr Balian sich darüber freute, wieder daheim zu sein, so sehr traf ihn auch die Tatsache, dass fünf seiner Männer nicht zurückgekehrt waren und nun zwei junge Frauen im Dorf Witwen waren und drei alte Frauen die Unterstützung durch ihre noch ledigen Söhne verloren hatten. Er spürte einen Stich im Herzen, als er sah, wie sich die Frauen, die ihre Männer oder Söhne verloren hatten, in bitterer Trauer abwandten und die frohe Gesellschaft verließen.

‚Ich darf sie nicht im Stich lassen!’, mahnte er sich in Gedanken und winkte Georg.

„Mylord?“, fragte der junge Ritter.

„Fünf Männer sind tot, fünf Frauen ohne Männer oder Söhne. Finde heraus, wer es genau ist, mein Freund. Ich werde diese Frauen nicht in ihrem Unglück allein lassen“, sagte der Vizegraf.

„Ja, Mylord“, bestätigte Georg den Auftrag und winkte Pierre. Balian sah den beiden unverheirateten jungen Rittern einen Moment nach. Was aus den jungen Witwen werden würde, war ihm schon fast klar … Aber auch die alten Frauen würde Hilfe von ihm erwarten können.

„Onkel Balian!“, hörte er einen Jubelschrei, der ihn daran erinnerte, dass er selbst auch Familie hatte – ein Umstand, an den er sich immer noch nicht wirklich gewöhnt hatte. Er nahm den Helm ab und zog die Kettenkapuze ab und umarmte Martin, der über den Burghof gestürmt kam.

„Martin!“, freute sich Balian. „Geht’s dir gut, mein Spatz?“

„Ja, und jetzt erst richtig, weil du wieder zu Hause bist. Komm, Tante Gaëlle wartet auf dich“, erwiderte der Junge und zog ihn unnachgiebig an der Hand zum Garten des Palas’, vor dessen Hecke Gaëlle mit einem geradezu königlichen Lächeln stand. Er verneigte sich leicht vor ihr, ebenfalls leicht lächelnd. Ihr mühsam aufrecht erhaltenes öffentliches Gesicht erlosch, sie umarmte den geliebten Mann unter Freudentränen. Er nahm sie fest in die Arme.

„Meine geliebte Gaëlle“, flüsterte er glücklich.

„Mein geliebter Balian“, erwiderte sie. „Kann es wirklich sein, dass ich dich zum ersten Mal so begrüße?“, fragte sie dann.

„Ja“, erwiderte er und tupfte noch einen Kuss auf ihre Nase. Dann stockte er.

„Mir fehlt was an dir …“, grübelte er laut. Sie bekam ein schelmisches Grinsen und führte seine Hand zu ihrem wieder flachen Bauch.

„Ja, Papa“, grinste sie.

„Was? Ist es wahr?“, jauchzte er. Sie nickte nur und fühlte sich von ihm herumgewirbelt.

„Geht es euch beiden gut?“, fragte er.

„Wie du siehst, mein Liebling. Komm, sieh deinen Sohn!“, sagte sie und zog ihn mit sich. Er wäre fast über die eigenen Füße gestolpert, als er realisierte, dass seine Frau ihm einen Sohn geboren hatte. Sie führte ihn in das Gemach, in dem der kleine Junge schlief, hob ihn aus der Wiege und legte ihn seinem Vater in die Arme. Balian hatte Tränen des Glücks in den Augen, als er seinen Sohn sanft auf die Stirn küsste. Erschrocken schlug der Kleine die Augen auf und krähte gleich herzhaft.

„Er hat deine Augen – und deine Stimme“, kicherte sie.

„Ich wusste gar nicht, dass ich so schreien kann“, grinste er und legte das schreiende Bündel wieder in ihre Arme, die ihren Sohn sanft wiegte und ihm leise ein Lied vorsang, so dass er sich schnell wieder beruhigte.

„Hast du ihm schon einen Namen gegeben?“, fragte er leise und hielt dem Baby einen Finger hin, das auch prompt zugriff, den Finger felsenfest packte und fröhlich gluckste. Große, braune Augen strahlten den Vater an.

„Jean soll er heißen, Jean Raymond“, schlug sie vor. Balian sah sie an und nickte.

„Jean Raymond … das klingt gut. Ich schätze, unser guter Jean – Gott hab ihn selig – und Raymond von Tiberias wären gewiss einverstanden. Und wann ist unser Sohn geboren?“

„Am elften, also vor gut zwei Wochen. Martin war ganz aus dem Häuschen.“

„Und weshalb?“

„Nun, er betrachtet Jean als seinen kleinen Bruder – und außerdem ist der 11. Juli in Wengland wohl ein großer Feiertag“, sagte Gaëlle und wiegte den Jungen sanft.

„Vergib mir, dass ich nicht bei dir war, als du ihn geboren hast“, bat Balian leise und strich ihr sanft über den Rücken.

„Ich habe dir nichts zu vergeben; schließlich warst du nicht aus freiem Willen abwesend“, erwiderte sie. „Ich … habe von Euren Heldentaten gehört, mein Gemahl“, sagte sie dann und sah ihn interessiert an. Doch er schüttelte den Kopf.

„Ich bin kein Held, nur ein einfacher Schmied, der gelernt hat, mit dem Schwert umzugehen.“

Sie küsste ihr wieder eingeschlafenes Söhnchen sanft und legte es in die Wiege zurück, nahm Balian bei der Hand und zog ihn vorsichtig, aber bestimmt aus dem Gemach und schloss leise die Tür.

„Was muss eigentlich geschehen, damit du erkennst, was für ein Mensch du bist, Balian?“, fragte sie.

„Was meinst du?“, erkundigte er sich verwirrt. Sie nahm seine Hände und zog ihn an sich.

„Balian von Ibelin, mein geliebter Gemahl: Du bist ein Ritter, einer, der es wirklich verdient, so genannt zu werden; du bist ein Fürst, der von seinem Volk geliebt wird; du bist ein treuer Gefolgsmann deines Lehnsherrn; du hast dir große Achtung erworben, weil du dich nicht scheust, auch Königen den Kopf zurechtzusetzen; deine Männer sind dir treu ergeben und würden für dich mit dem Leibhaftigen selbst raufen; du hast einen Neffen, der völlig vernarrt in dich ist. Martin liebt dich wie einen Vater, obwohl du sein Erzieher bist, eine Person, vor der andere Adelskinder eigentlich mehr Angst als Respekt haben. Balduin habe ich selbst erzogen und keinem anderen diese Arbeit überlassen. Wann nimmst du das endlich zur Kenntnis und freust dich darüber?“

Er lächelte sanft und erwiderte ihre Umarmung.

„Wer sagt denn, dass ich mich nicht freue, nur weil ich keine Freudentänze aufführe?“, fragte er leise und küsste sie. „Wann habe ich dir eigentlich zuletzt gesagt, dass ich dich liebe, mein Herz?“

Sie erwiderte sein Lächeln mit schelmischem Augenaufschlag.

„Vor knapp zwei Monaten. Aber du hast mir zwischenzeitlich auch geschrieben und es mir schriftlich gesagt, mein Liebster. Was … hältst du von einem richtig schönen Willkommensfest für dich und deine Männer – und deinen Erben?“

„Und wann soll das Fest stattfinden?“

„Sobald du dich aus der Rüstung geschält, gebadet und ausgeruht hast, Balian.“

Er nickte.

„Gut. Aber bei aller Freude über unsere glückliche Rückkehr will ich nicht vergessen, dass fünf Männer für Richards Interessen gestorben sind. Zwei waren verheiratet, ihre Frauen erwarten Kinder und drei alte Frauen hier aus dem Dorf sind durch den Tod ihrer Söhne ohne Versorgung.“

Sie strich ihm sanft über das Gesicht.

„Wenn du meinst, ich wäre nur am Vergnügen interessiert, liegst du falsch, mein Liebling. Ich habe durchaus daran gedacht, der Gefallenen zu gedenken. Nur wusste ich nicht wie viele es sein würden und um wen es sich handelt. Lass dich überraschen.“

„Gaëlle … was … hättest du gemacht, wäre ich unter den Gefallenen gewesen?“, fragte er mit belegter Stimme. Sie schlug die Augen nieder.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie erstickt. „Ich hätte keinen klaren Gedanken fassen können, wärst du tot. Ich weiß nicht, ob ich es überlebt hätte.“

Er nickte.

„Dann denken wir beide ähnlich. Und ich kann mir denken, was in den armen Frauen vor sich geht, die ihre Männer und Söhne verloren haben. Aber besonders bedrückt es mich, dass sie nicht einmal gestorben sind, um unsere Dörfer zu verteidigen, sondern wegen eines unnützen Erbstreits, der uns eigentlich nichts angeht. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich es lieber gesehen, Richard und sein Vater hätten sich einen Zweikampf geliefert, als für ihre Interessen Hunderte in den Tod zu schicken. Das … ist etwas anderes, als eine Stadt wie Jerusalem mit dem eigenen Leben zu verteidigen oder fliehende Bauern zu beschützen. Ich bin dort, wo ich nie sein wollte – mitten in den Adelsintrigen.“

„Du weißt, dass die Adligen im Heiligen Land nicht besser waren als jene hier“, erinnerte sie, als sie Arm in Arm langsam zu ihren persönlichen Gemächern hinübergingen.

„Nein, das ist wahr. Aber dort hatte der Streit für mich noch etwas Greifbares, einen Grund. Dort haben wir uns darum gestritten, ob wir mit den Muslimen leben wollten oder das Land ohne sie haben wollten. Dort habe ich dafür gekämpft, jedem Menschen das gleiche Recht auf Leben zu garantieren. Einen ähnlichen Grund sehe ich hier nicht. Ja, auch dort war Machtgier ein gewichtiger Grund sich zu schlagen, aber hier scheint es mir der einzige Grund zu sein. Und ich sehe hier noch weniger Gnade gegenüber Geschlagenen als es im Heiligen Land der Fall war. König Philippe hat Richard regelrecht befehlen müssen, Gefangene nicht zu töten“, sagte Balian und öffnete die Tür zum Bad. Sie winkte den Dienerinnen, die rasch das vorbereitete warme Wasser in einen Badezuber füllten.

„Ihr könnt gehen, ich brauche euch im Augenblick nicht“, wies sie die Dienerinnen dann an, die freundlich nickten und das Bad verließen.

Als sie fort waren, half sie ihm aus Rüstung und Leinenzeug.

„Warum tust du das, meine Königin?“, fragte er, als er in die Wanne mit warmem Wasser stieg und genüsslich seufzte.

„Weil ich es will, mein König“, grinste sie und goss ihm noch einen weiteren Eimer warmes Wasser über den Kopf, als er gerade eine abwehrende Erwiderung machen wollte. Er hustete erschrocken und spuckte Wasser aus.

„Du nennst mich Königin, was ich nicht bin, also kann ich dich auch König nennen, mein Liebling“, schmunzelte sie, als er sich ein Handtuch griff und sich erst einmal im Gesicht trockenlegte.

„Überzeugendes Argument“, grinste er zurück und überließ sich ihren Händen, die ihn liebevoll wuschen. Er schnurrte genussvoll und spürte Begehren aufsteigen.

„Wie verträgt sich dein Tun mit der Absicht, nach dem Bad zum Fest zu gehen? Mir schwebt inzwischen etwas anderes vor“, sagte er leise und stupste ihr den nassen Finger auf die Nase. Sie erwiderte den Scherz mit der Badebürste, was einen weißen Schaumfleck auf seiner Nase hinterließ.

„Es ist gerade Mittag durch und das Willkommensfest ist für heute Abend geplant. Ich schwöre dir, jede Frau, die ihren Mann heute zurückbekommen hat, hat mit ihm nichts anderes vor als ich mit dir …“, grinste sie und küsste ihn. „Ich möchte doch nicht, dass es nur bei einem Erben bleibt…“

„Dann sind wir wieder einer Meinung, mein Schatz“, seufzte er genüsslich und ließ sie tun, was sie tun wollte.

Es war ein wundervoller Nachmittag voller Liebe, als Balian und Gaëlle nach dem reinigenden Bad einander genossen, zwischendurch einen Happen speisten und sich dann wieder einander widmeten.

 

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Kapitel 12

Einführung in die Gesellschaft

 

Balian lud zur Taufe von Jean-Raymond seine Schwester und ihren Gatten König Rudolf nach Saint-Martin-au-Bois ein – auch diese Taufe sollte zeitgleich mit Martins Geburtstag am 11. November 1189 stattfinden. Marie und Rudolf sagten zu und teilten mit, dass sie mit einem stattlichen Gefolge nach Saint-Martin-au-Bois ziehen würden, um ihrem Neffen die Ehre der Patenschaft zu erweisen. Martins Brüderchen Michael würden sie mitbringen, der nun etwas über ein Jahr alt war.

Martin sollte seinen Eltern bei ihrem Besuch als Page aufwarten; deshalb gab Gaëlle ihm eine zusätzliche Ausbildung in den Förmlichkeiten der Bedienung, zu Anrede und Benehmen, die der Junge aufsog wie ein trockener Schwamm. Er betrachtete es als lustiges Spiel, bei dem er sich über die ihm steif erscheinenden Sitten köstlich amüsierte. Als sie ihn wegen seines chronischen Grinsens im Unterricht zurechtwies, machte er ein unschuldiges Gesicht.

„Ich find’ das einfach nur lustig, Tante Gaëlle. Aber ich verspreche dir, dass keiner etwas merken wird“, sagte er mit strahlenden Augen.

„Bestimmt?“, hakte sie nach. Er nickte ernsthaft.

„Na schön, dann proben wir das mal. Du machst jetzt den Mundschenk. Was hat der Mundschenk zu tun?“

„Mundschenk sein ist eine besondere Vertrauensstellung, denn er schenkt die Getränke ein“, wiederholte er auswendig die Lektion, die seine Tante ihm gerade gegeben hatte. „Darum ist er dafür verantwortlich, dass den Gästen kein Gift …“, er stockte, weil ihm beinahe ‚untergejubelt’ herausgerutscht wäre, „äh … gegeben wird“, vollendete er korrekt, aber mit einem so ironischen Unterton, dass Gaëlle in Gelächter ausbrach. Martin sah seine Tante streng an.

„Bei Tisch wird doch nicht gelacht“, sagte er so ernst und mit so überstrenger Miene, dass sich der Lachkrampf bei Gaëlle nur noch verstärkte, weil sie genau wusste, dass Martin Scherze machte. Aber nach außen hin … nein, das würde keiner merken, der die Vorgeschichte nicht kannte.

„Darf ich Euch den Wein servieren, hohe Frau?“, erkundigte sich der kleine Prinz dann mit einem tiefen Diener, der das fröhliche Blitzen in seinen braunen Augen verbarg. Die Vizegräfin nickte mit einem nur mühsam zurückgehaltenen Schmunzeln.

„Ihr dürft servieren“, erwiderte sie hoheitsvoll. Martin dienerte nochmals, legte die linke Hand auf den Rücken, wie Gaëlle es ihm gezeigt hatte und hob den Krug zunächst an die Probierschale, aus der er selbst einen kleinen Schluck nahm; erst dann füllte er den Becher haarscharf bis zu der Marke, die Balian in allen von ihm selbst gefertigten Bechern angebracht hatte. Einerseits war das sein Markenzeichen, weil der Markierungsstrich an sich nur den in seiner Handwerkermarke vorhandenen Mittelstrich fortsetzte, andererseits erleichterte es ihm die Buchführung über die vorhandenen und ausgeschenkten Getränkevorräte. Mit einem angedeuteten, freundlichen Lächeln, das höflich, aber noch lange nicht aufdringlich war, setzte Martin den Kelch in Griffweite von Gaëlles rechter Hand hin, dienerte nochmals, sagte:

„Zum Wohle, hohe Frau“, und blieb dann mit dem Krug in der Rechten erwartungsvoll so stocksteif stehen, als habe er den Stummen Diener für Kettenhemden im Kreuz. Sie nippte von dem Kelch und nickte zufrieden.

„Ja, sehr gut.“

„Es freut mich, dass Euch unsere kostbaren Weine munden, hohe Frau. Welchen Wunsch darf ich Euch noch erfüllen?“

„Den Krug absetzen und dich rühren, Martin. Sehr gut gemacht, mein Schatz“, lobte Gaëlle ehrlich und strich dem Jungen sanft durchs Haar. Er freute sich, setzte den Krug ab und umarmte seine Tante.

„Hihihi, und du hast nicht gemerkt, wie ich innerlich gelacht hab’!“, freute er sich dann jauchzend.

„Nein, Martin, du bist ein großartiger Gaukler. Weißt du was, wir probieren das mal mit Urgroßvater. Was meinst du?“

Martin nickte begeistert und freute sich schon auf den Streich. Um sein Amüsement vollkommen zu machen, zeigte Gaëlle ihm noch, wie er richtig Besteck auflegte und Stühle zurechtrückte.

Dass andere nicht merkten, wie sehr Martin sich innerlich vor Lachen kugelte, bewies die Probe bei einem gemeinsamen Essen mit Bischof Guillaume, bei dem Martin seinen Urgroßvater formvollendet bediente. Der alte Herr war einfach nur begeistert von seinem Urenkel und lachte selbst herzhaft, als Martin ihm ins Ohr flüsterte, wie königlich er sich über die steifen Sitten amüsierte. Balian, der in die kleine Teufelei bislang ebenfalls nicht eingeweiht war, wunderte sich, weshalb sein Großvater, der noch nie in seiner Gegenwart laut aufgelacht hatte, so heftig vor Lachen prustete und fragte ihn nach dem Grund.

„Junge, dein Neffe ist ein Gaukler erster Klasse!“, jubelte Guillaume und erzählte von Martins Streich, der als solcher nicht erkennbar war. Balian lächelte unsicher. Ob er seiner Schwester und ihrem Mann das bieten konnte? Martin bemerkte, dass sein Onkel nicht überzeugt war und versprach ihm hoch und heilig, dass er seine Eltern zwar aufziehen wollte, dass sie davon aber ganz gewiss nichts merken würden – und dass er ihn und Gaëlle als seine Erzieher nicht bloßstellen würde.

„Ich möchte doch bei euch bleiben dürfen“, setzte er schließlich hinzu.

„Dann … bist du also gern bei uns?“, hakte Balian nach. Martin nickte eifrig und umarmte seinen Onkel.

„Ich hab’ hier kein Heimweh, Onkel Balian. Aber in Steinburg würde ich welches nach Saint-Martin-au-Bois bekommen.“

Mit einem glücklichen Lächeln erwiderte Balian die Umarmung seines Neffen und gab ihm einen väterlichen Kuss.

Als Martins Eltern eintrafen, wechselte der sonst fröhlich lachende Junge von einem Augenblick zum anderen in die steife Hofpose, die keinerlei Emotionen mehr durchließ. Er hatte auch Gaëlles Hinweise zum öffentlichen Gesicht verinnerlicht – allerdings als Scherz, den wiederum keiner als solchen erkannte.

„Willkommen in Château Ibelin, meine geehrten Eltern“, begrüßte er sie mit einem tiefen Diener. König Rudolf stieg vom Pferd, das ihm einer der Stallknechte auch sogleich abnahm und in den vorbereiteten Stall führte.

„Guten Tag, mein Sohn. Geht es dir gut?“

„Ja, Herr Vater“, erwiderte Martin, erneut einen Diener machend. „Willkommen, Frau Mutter“, wandte Martin sich dann ebenfalls mit einem Diener an Königin Marie, die einen entsetzten Ausdruck bekam, sich aber gerade noch rechtzeitig beherrschte und ihr eigenes öffentliches Gesicht aufsetzte.

‚Wohin ist Martin hier geraten?’, fragte sie sich in Gedanken erschrocken. ‚Balian machte doch nicht den Eindruck, dass er Martin so verbiegen wollte … Ich muss mit ihm reden’, durchzuckte es sie.

„Ich habe die Ehre, Euch während Eures Aufenthaltes auf Château Ibelin als Page zu dienen. Darf ich Euch in Eure Gemächer führen, Majestäten?“

„Ja, gern, mein Sohn“, lächelte Rudolf angetan, nahm die Hand seiner Gattin und ließ sich von seinem Sohn und Thronfolger in die Gästegemächer geleiten. Während Marie einfach nur erschrocken war, es aber nicht auszusprechen wagte, war Rudolf stolz auf die Dienstbereitschaft seines älteren Sohnes.

Marie wartete nur, dass sie für einige Momente allein war, dann suchte sie eilig Balian auf und stellte ihn zur Rede. Balian hörte sich geduldig den Ausbruch seiner Schwester an.

„Bist du fertig?“, fragte er schließlich mit einem schelmischen Grinsen.

„Ja, wieso? Balian, du …“, weiter kam sie nicht, weil Balian ihr sanft, aber bestimmt den Mund mit der Hand verschloss.

„Mach’ dir keine Gedanken. Weder Gaëlle noch ich werden deinen Sohn verbiegen, geliebte Schwester. Du ahnst gar nicht, welchen Spaß dein Sohn dabei hat!“

„Was?“, fragte sie verblüfft. Balian erklärte ihr, dass Martin die steifen Hofposen eher als Scherz denn als ernst gemeint betrachtete und auch so handelte.

„Und Rudolf und ich haben gedacht, ihr …“, kicherte sie vergnügt.

„Wenn Rudolf dies schätzt, lass ihn lieber in dem Glauben, dass Martin es ernst meint. Sonst nimmt er ihn wieder mit. Und Martin ist gern hier.“

„Das glaube ich wohl. Nur … ich vermisse meinen Jungen sehr. Weißt du eigentlich, dass er dir immer ähnlicher wird?“

„Ich glaube dir, dass du ihn vermisst. Ich würde ihn auch vermissen, diesen kleinen Wirbelwind, der ebenso klug wie kühn ist. Und was die Ähnlichkeit betrifft … er ist ganz die Mama.“

„Süßholzraspler“, schalt Marie ihren Bruder fröhlich.

„Ich wusste gar nicht, dass du das kennst …“, grinste Balian. „Komm, die Tafel wartet, liebste Schwester.“

Seine formvollendeten Diener, die Gaëlle ihm beigebracht hatte und seine frühe Schwertkunst, die er von Balian und Almaric hatte, ließ seinen Vater in Lobeshymnen verfallen.

„Ich war im Zweifel, ob es klug war, Euch und Eure Gemahlin zu Erziehern unseres Sohnes Martin zu bestellen, Graf Balian, das will ich nicht verschweigen. Doch ich gebe gern zu, mich getäuscht zu haben. Ich wollte meinen Sohn in Strenge erziehen, da ich selbst streng erzogen wurde; aber ich sehe, dass auch Liebe einen Menschen formen kann“, sagte er. „Martin, komm her!“, rief er dann nach seinem Sohn. Der kleine Prinz, im Ibeliner Knappengewand, das nur die Hausfarben enthielt, nicht aber die Ibeliner Kreuze, trat einen Schritt auf seinen Vater zu und verbeugte sich gemessen.

„Herr Vater?“

„Willst du mit uns nach Steinburg zurückkehren oder möchtest du deine Ausbildung bei den Vizegrafen hier in Saint-Martin-au-Bois fortsetzen?“, erkundigte sich Rudolf.

„Wenn es Euer Wille ist, kehre ich mit Euch zurück, Herr Vater. Doch wenn ich wählen darf, dann möchte ich gern hier weiter lernen, was Graf Balian und Gräfin Gaëlle mich lehren können.“

Angetan von dem förmlichen Benehmen seines Sohnes und den ebenso klug wie diplomatisch vorgetragenen Wünschen seines Älteren nickte Rudolf hoheitsvoll.

„Es sei, mein Sohn. Du wirst deine Ausbildung hier fortsetzen, solange du es selbst willst. Ich bin stolz auf dich, mein Sohn, dass du kein Heimweh hast“, sagte er.

Dann sah er Balian an.

„Der Papst hat erneut zum Kreuzzug gerufen. Kaiser Friedrich wird sich mit einem großen Heer aus den deutschen Landen daran beteiligen. Was sagt der französische König dazu?“

„Soviel ich weiß, wird er zusammen mit König Richard von England und einem großen Kontingent englischer und französischer Ritter aufbrechen.“

„Und Ihr? Werdet Ihr dabei sein?“

„Nein, sicher nicht. Jemand muss in der Abwesenheit des Königs das Land hier schützen. Außerdem habe ich für Euren Erben Sorge zu tragen. Zudem … ist die Idee der Kreuzzüge nicht meine Auffassung.“

„Bisher hielt ich Euch für einen guten Christen. Ihr habt doch Land im Orient verloren. Wollt Ihr Euren Besitz nicht zurückerobern?“

„Seht, darin liegt ja schon der Widerspruch zwischen religiösem Eifer und dem Verlangen nach Wohlstand und Macht. Ja, ich hatte dort Güter, die ich durch den Untergang Jerusalems als christliches Königreich verloren habe. Aber ich habe dort auch Freunde, die diese Güter nun verwalten und mir einen guten Zehnt leisten. Ihr esst gerade von diesem appetitlichen Zehnt, mein Freund. Die Orangen, die Ihr so genussvoll speist, stammen aus Ibelin. Meine Freunde wären Euch sicher keine Gesprächspartner, da sie sich zum Islam bekennen. Doch ich hatte die Gelegenheit, sie nicht nur aus dem rein religiösen Blickwinkel zu sehen, sondern sie als Menschen kennen zu lernen. Imad ad-Din, der meine Güter übertragen bekam, ist durch und durch Muslim, aber mir ein guter Freund, mit dem ich nach wie vor korrespondiere.“

„Werdet Ihr Eurem Freund vom neuen Kreuzzug Nachricht geben?“, fragte Rudolf, dem die Orange vor Schreck glatt aus der Hand fiel.

„Das brauche ich nicht, denn ich habe das, was ich Euch gerade erzählt habe, von Imad mitgeteilt bekommen. Kaiser Friedrich hat es sich nicht nehmen lassen, Saladin aufzufordern, Jerusalem schleunigst zu räumen oder anderenfalls Krieg zu riskieren. Und Friedrich hat ihm auch mitgeteilt, dass Philippe und Richard sich mit ihren Männern beteiligen werden“, grinste Balian. Rudolf wurde bleich.

„Wir werden in eine Falle ziehen.“

„Ich gebe zu, dass das nicht ausgeschlossen ist. Saladin wird alles daran setzen, ein Kreuzfahrerheer nicht auf den Boden Palästinas kommen zu lassen. Doch nun wisst Ihr auch, dass Ihr erwartet werdet. Bereitet Euch also vor, wenn Ihr dem Kreuzzug folgen wollt“, empfahl Balian und schälte sich die nächste Orange.

„Was hält Euch nun genau davon ab, mitzukommen?“, bohrte Rudolf unnachgiebig.

„Mylord, die Rückeroberung Jerusalems aus religiösen Gründen ist ein Vorwand – nichts weiter“, sagte Balian. „Das war es schon zu Zeiten des Kreuzzugs, zu dem der Papst Anno 1095 aufrief, wenn Ihr Euch klarmacht, wer damals ins Heilige Land ging: jüngere Söhne von Adligen, die hier nichts zu erwarten hatten und dort ihr Glück machen konnten. Mein Vater gehörte auch dazu, aber er hat zu dieser Version wenigstens gestanden und nicht vorgeschoben, er ginge dorthin, um Gott zu dienen. Wir dienen Gott nicht damit, dass wir morden, Mylord. Der Gott, den die Muslime verehren, ist derselbe, den wir verehren, nur geben sie ihm in ihrer Sprache einen anderen Namen, und sie wenden andere Verehrungsmethoden an. Doch ihnen ist auch Jesus Christus ein Begriff; sie erkennen ihn nicht als Gottes Sohn, wie wir es tun, aber sie nennen ihn einen der großen Propheten Gottes. Sie verehren ihn als jemanden, der weise Worte gesprochen und Gutes getan hat. Dass sie ihn nicht als gottgleich erkennen, kann man ihnen nicht als Verbrechen vorwerfen.“

„Balian!“, rief Guillaume vorwurfsvoll. „Das ist Blasphemie!“

„Nein, hochwürdigster Bischof, ist es nicht“, widersprach Balian kühl. Alle im Raum sahen ihn entsetzt an, Gaëlle eingeschlossen. Der Kirche widersprach man nicht.

„Und dass es das nicht ist, haben mich zwei Männer gelehrt, deren Integrität im christlichen Glauben wohl niemand in Zweifel ziehen wird: König Balduin IV. von Jerusalem und Bruder Jean, Johanniterritter und der Beichtvater meines Vaters. Balduin sagte wörtlich, dass Jerusalem jeder aufsuchen dürfe, der es als heilig ansieht – nicht, weil es nützlich sei, sondern weil es richtig sei. Und Bruder Jean sagte, das, was man jeden Tag zu tun entscheidet, macht einen Menschen zu einem guten Menschen – oder auch nicht. Aber wie man Gott in seiner eigenen Sprache nennt, welche Verehrungsform man für angebracht hält, ist keine Frage von richtig oder falsch. Wer, liebe Freunde und Verwandte hier in diesem Raum, hat jemals Gottes Stimme gehört, die ihm gesagt hat, genau so und nicht anders will ich verehrt werden?“

Als die Ersten schon ansetzten, etwas zu erwidern, hob Balian leicht die Hand.

„Vorsicht, mit dem, was Ihr sagt!“, warnte er. „Sprecht die Wahrheit, auch wenn es Euren Tod bedeutet – bedenkt das, die Ihr den Rittereid geschworen habt. Und für die anderen gilt: Du sollst nicht lügen. Nun sagt mir, ob er zu Euch gesprochen hat und was er Euch gesagt hat …“

Alle schwiegen betreten. Niemand konnte von sich behaupten, jemals Gottes Stimme gehört zu haben, und Balians Ermahnung zur Wahrheit zeigte Wirkung.

„Onkel Balian – wenn Gott nicht zu uns spricht … woher wissen wir dann, dass es ihn gibt?“, erkundigte sich Martin mit einem Forschungseifer, der seinen Urgroßvater an den Rand eines Herzanfalls brachte. Rudolf wollte seinen Sohn scharf zurechtweisen, aber Balian schüttelte leicht den Kopf.

„Nun, dass er nicht zu uns direkt spricht, bedeutet keinesfalls, dass es ihn nicht gibt“, erwiderte Balian, Bruder Jean liebevoll zitierend. „Er hat sich in vielfältiger Weise offenbart und das ist uns von Augenzeugen hinterlassen worden – hauptsächlich in der Bibel und in den Schriften der Juden, die wir als das Alte Testament kennen“, erklärte Balian sanft. Guillaume entspannte sich wieder.

„Ihr … sprecht von der Bibel und dem Alten Testament, mein Freund“, warf Rudolf ein. „Aber nicht von den Lügenbüchern der Muslime. Warum nicht?“

„Ich habe nicht den Vorzug, den Koran gelesen zu haben“, gab Balian zu. „Soweit reicht mein Arabisch nicht, und ich hatte mit meinem Freund Imad andere Themen, über die wir uns unterhalten haben. Aber im Grundsatz basiert der Koran auf den Erkenntnissen der Bibel, wie ich in Gesprächen mit Imamen, Geistlichen der Muslime, erfahren konnte.“

„Ihr glaubt diesen Lügnern?“

„Warum nehmt Ihr an, dass sie lügen?“, fragte Balian den König.

„Weil das jeder christliche Kirchenmann sagt“, gab Rudolf zurück.

„Jeder … ist das so?“, fragte der Vizegraf. Sein Schwager nickte überzeugt.

„Ich kannte auch andere, König Rudolf, die das nicht gesagt haben. Ich möchte Euch noch etwas darstellen: Die christlichen Kirchen in Jerusalem lagen über dem jüdischen Tempel, den die Römer zerstörten. Die muslimischen Heiligtümer liegen über den heiligen Stätten der Christen. Nun sagt mir, was davon heiliger ist: Die Klagemauer? Das Heilige Grab? Die Moschee? Wer hat Anspruch darauf?“

Rudolf wurde rot. Diese Frage konnte er nicht beantworten.

„Was nehmt Ihr an, Balian?“, fragte Bischof Guillaume.

„Ich sage, dass alle darauf Anspruch haben – Juden, Christen und Muslime, aber keiner mehr oder weniger als der andere“, antwortete Balian.

„Also haben wir den gleichen Anspruch wie die Muslime, wenn ich Euch recht verstehe“, hakte Guillaume nach. Balian nickte.

„Aber die Muslime verweigern uns den Zugang nach Jerusalem“, warf der Bischof dann ein. Balian lächelte.

„Ja, im Moment ist das so. Das bestreite ich nicht. Aber aus gutem Grund, denn wir Christen haben uns schuldig gemacht, indem wir von uns aus den Waffenstillstand gebrochen haben und durch unüberlegtes Handeln unsere Armee vernichtet haben. Ich betrachte den Untergang des christlichen Reiches von Jerusalem als den Willen Gottes, der uns damit deutlich macht, dass wir uns falsch verhalten haben. Denn so lange Balduin IV. allen Konfessionen den Zugang nach Jerusalem erlaubte, hatte das Königreich Jerusalem Bestand. Da sich an unserer Auffassung nichts geändert hat – wir wollen Jerusalem immer noch für uns allein – wird sich auch nichts an Gottes Ablehnung eines neuen christlichen Reiches Jerusalem ändern.“

Gaëlle sah Balian verblüfft an. Eine solche Begründung hatte sie von ihrem sonst so weltlich veranlagten Ehemann nicht erwartet. Aber Guillaume nickte befriedigt über die religiös schlüssige Darlegung, und auch Rudolf konnte diese Begründung akzeptieren. Der wenglische König lächelte hintergründig.

„Nun, da Gott sich nicht direkt äußert, werden wir seinen tatsächlichen Willen nur ergründen, wenn wir versuchen, Jerusalem zu erobern“, sagte er Balian zuckte mit den Schultern.

„Tut das, aber ohne mich und meine Ritter.“

„Dann werde ich den Ruhm haben“, grinste Rudolf. Balian hätte sich über diese Worte beinahe an seinem Wein verschluckt. Es waren präzise Guy de Lusignans Worte, bevor er mit seinem Heer in den Untergang von Hattin gezogen war. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder in der Gewalt hatte.

„Vielleicht“, räumte er ein. „Doch bedenkt, dass Ihr nicht der Führer des Kreuzzuges seid. Kaiser Friedrich wird den Ruhm für sich beanspruchen, danach kämen immer noch König Philippe und König Richard, die eigene, wirklich große Kontingente führen.“

Rudolf nickte. Balian hatte Recht.

 

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Kapitel 13

Der König und der Schmied

 

Richard war nach England zurückgekehrt, das er sehr lange nicht mehr betreten hatte, weil er in Anjou gelebt hatte. Am 3. September 1189, fünf Tage vor seinem 32. Geburtstag, wurde er in der Westminster Abbey mit ungeheurem Pomp zum König von England gekrönt. So viele bedeutende Gäste er auch geladen hatte, seine französische Verwandtschaft – also Gaëlle von Anjou und ihr Ehemann – zählte nicht dazu. Richard hatte ausschließlich englische Adlige zur Krönung gebeten, was dem Selbstverständnis des zu krönenden Königs als ranghöchster Person entsprach.

Doch lange hielt es ihn nicht in seinem neuen Reich, das sich seinem neuen König von seiner schlechtesten Seite zeigte – mit einem nasskalten Herbst und Winter, der Richard seine neue, alte Heimat gründlich vermieste. Richard wollte so schnell wie möglich wieder in die Wärme – und die hoffte er im Heiligen Land zu finden … So rüstete er im Frühjahr 1190 sein Heer, um sich zunächst mit König Philippe II. in Burgund zu treffen, das neutraler Boden war, da hier keiner der beiden Könige Rechte hatte.

Während Richard sich bereits wieder auf französischem Boden befand und von der Küste nach Süden zog, stellte Balian fest, dass die Schmiede in der Burg für seine neuen Vorhaben nicht ausreichend war. Bischof Guillaume hatte ihn um Altargeschirr für die neue Kirche gebeten und das erforderte Zeit und Ruhe. In der Burg kam doch immer wieder jemand zu ihm, der etwas von ihm wollte. Unterbrechungen bei Schmiedearbeiten waren aber nicht günstig für den Erfolg des Schmiedestücks, insbesondere, wenn er mit hochwertigen Materialien wie Silber oder Gold arbeitete.

Eines Sonntags kurz vor Ostern schlüpfte er nach dem Kirchgang in seine einfache Kleidung, in dunkle Hose, Hemd und Gugel, und ging alleine zur alten Schmiede hinüber. Zunächst wollte er sehen, in welchem Zustand sein ehemaliger Arbeitsort war. Seit er zwei Jahre zuvor heimgekommen war, hatte er sich um alles Mögliche kümmern müssen und hatte keine Zeit gehabt, nach seinem alten Haus und der abgebrannten Schmiede zu schauen.

Schweigend ging er durch sein altes Haus. Nichts war verändert, seit er es fluchtartig verlassen hatte. Selbst sein Strohbett, von dem er an seinem letzten Tag in Saint-Martin-au-Bois aufgestanden war, war im selben Zustand wie am Tag seiner Flucht. Mit einem Lächeln ordnete er die Strohsäcke, hängte liegen gelassene Sachen an ihre vorgesehenen Haken – jeder einzelne von ihm selbst gefertigt. Ihm schien es dennoch wie aus einer anderen Welt. Als Schmiedemeister war er für die Verhältnisse des Dorfes immer ein reicher Mann gewesen; reich, angesehen, glücklich. Ein Künstler, ein Erfinder, gebildet und begabt. Und doch hatten nur sein Großvater und sein Onkel seine Arbeiten wirklich zu schätzen gewusst und ihm entsprechend gute Aufträge zukommen lassen. Für Bischof Guillaume hatte er Winkeleisen für die Kirche gemacht, hatte den grundsätzlichen Auftrag, auch die Dachbleche zu machen, wenn es soweit war. Guillaume hatte damit auch dem Umstand Rechnung getragen, dass Balian sein Enkel war, zu dem er sich nicht offen bekennen durfte. Für seinen Onkel hatte er Kelche und Besteck gemacht, Waffen und Rüstungen geschmiedet. In diesem Fall hatte die familiäre Bindung keine Rolle gespielt, da Hugo du Puiset keine Ahnung gehabt hatte, dass Balian sein Neffe war. Für alle anderen Dorfbewohner war er derjenige gewesen, der ihnen Pflugscharen und Radreifen machte, der im Notfall auch aufs Feld kam, um eine Sense oder eine Sichel zu reparieren. Dass er im Ort war, hatten sie alle als selbstverständlich betrachtet. Wie es ihm nach Natalies Tod gegangen war, hatte außer seinem Großvater niemanden interessiert …

Balian ging langsam hinüber in die Schmiede. Zunächst war er überrascht, dass das Feuer wohl nicht lange gewütet hatte, das entstanden war, als er Michel mit der glühenden Klinge durchbohrt, ihn in die Esse gedrückt und wieder herausgerissen hatte, als er Natalies Kreuz bergen wollte. Michel war als lebende Fackel durch die Schmiede gestolpert und schließlich in einem Strohhaufen tot zusammengebrochen – aber gebrannt hatte er weiterhin und mit ihm ein Teil der Schmiede. Der Leichnam war nicht mehr dort – das war nach genauerem Überlegen schon weniger verwunderlich, denn schließlich hatte Nicolas Balian wegen des Mordes an Michel verfolgt. Wenn bekannt war, wer dort umgekommen war, musste Michels Leiche noch erkennbar gewesen sein. Balian schloss daraus, dass die Schmiede schon kurz nach seiner Flucht gelöscht und die Leiche noch in erkennbarem Zustand abtransportiert worden war. Daraus erklärte sich für ihn, dass nur ein kleiner Teil der Schmiede durch das Feuer beschädigt war. Es würde einfach sein, sie wieder in funktionsfähigen Zustand zu versetzen.

Das Getrappel vieler Hufe störte ihn aus seinen Betrachtungen auf. Er trat an die dem Weg zugewandte Seite der Schmiede und schaute, wer dort in großer Zahl in das Dorf einritt. Es waren Ritter, die unter einem roten Banner mit drei goldenen, schreitenden Löwen ritten. Einer von ihnen – Balian erkannte ihn als Sir Peter Dubois – ritt auf ihn zu.

„Wir sind auf dem Kreuzzug, um Jerusalem zurückzuerobern“, sagte Peter. Balian bemerkte, dass Peter ihn in seiner einfachen Kleidung nicht erkannte und machte auch keine Anstalten, sich zu erkennen zu geben.

„Geht dorthin, wo man italienisch spricht – und dann geht weiter, bis man etwas anderes spricht“, zitierte er mit einem sanften Lächeln die unglaubliche Wegbeschreibung seines Vaters. Der englische Ritter sah sich verstört zu seinem König um, der nach vorn geritten kam. Richard trug einen roten Wappenrock, auf dem sich zwei erhobene goldene Löwen gegenseitig die Pranken zeigten.

„Wir wählten diesen Weg auf der Suche nach Balian. Er war der Verteidiger von Jerusalem“, sagte Richard. Auch Richard hatte ihn offensichtlich nicht erkannt, bemerkte Balian – und er war nicht gewillt, sich zu erkennen zu geben. Um nichts in der Welt wollte er sich an einem Kreuzzug beteiligen, den er als Unrecht gegenüber den Muslimen ansah. Die Christen hatten Jerusalem durch ihre Fehler verspielt.

„Ich bin ein Hufschmied“, sagte er mit einem leichten Kopfnicken, das gut als typisch unterwürfige Haltung des einfachen Mannes durchgehen konnte.

„Und ich bin der König von England“, sagte Richard mit einem Grinsen. Balian blieb bei seiner Aussage, die keinesfalls falsch war, auch wenn sie nur die halbe Wahrheit darstellte.

„Ich bin ein Hufschmied“, stellte er klar. Richard nickte und drehte ab. Balian schloss daraus, dass Richard ihm glaubte und meinte, sich im Dorf geirrt zu haben. Er und seine Männer machten jedenfalls kehrt und verließen das Dorf in Richtung der Kreuzung.

Beinahe hätte Balian fröhlich vor sich hin gepfiffen, dass es ihm gelungen war, Richard so elegant zu narren ohne lügen zu müssen. Er beherrschte sich knapp. Dann fiel sein Blick auf den Baum, den Natalie gepflanzt hatte, als sie ihr Kind erwartete. Langsam ging er hinunter zu dem kräftigen Bäumchen, das voller schon halb erblühter Knospen war und bald in voller Blüte stehen würde. Er lächelte leicht, seine Hand glitt sanft über die Knospen – es war wie ein Gruß an seine verstorbene Frau. Eine Bewegung oben in der Schmiede ließ ihn hochsehen. Gaëlle stand dort, dick eingepackt in ihren Wintermantel mit der Fellkapuze, und lächelte ihn an. Er erwiderte ihr Lächeln. Aus dem Blick seiner Frau erkannte er, dass sie Richard zu ihm in die Schmiede geschickt hatte, nachdem er den berühmten Balian von Ibelin nicht in der Burg angetroffen hatte. Aber ihr Lächeln schien ihm auch zu bedeuten, dass es ihr recht war, wenn er Richard nicht folgen wollte.

Er ging zurück nach oben zur Schmiede, wo sie auf ihn wartete.

„Er ist also ohne den ersehnten orienterfahrenen Ritter abgezogen“, bemerkte sie. „Was hast du ihm erzählt?“

„Dass ich ein Hufschmied bin – und das ist mit keiner Silbe gelogen, schließlich beschlage ich die Hufe unserer Pferde immer selbst; es ist nur halt nicht die ganze Wahrheit …“, grinste er.

„Reiten wir aus, oder hast du hier noch zu tun?“

„Nein, wir können gern einen Ausritt machen, Liebste, komm“, erwiderte Balian, legte ihr einen Arm um die Schulter und kehrte mit ihr auf den Weg zurück, wo sie ihre beiden Pferde angebunden hatte. Sie stiegen in die Sättel und ritten in scharfem Galopp, den Gaëlle so liebte, zur Kreuzung. An der Kreuzung machte er noch kurz am Wegkreuz halt, um seine erste Frau zu grüßen, dann folgte er Gaëlle, die schon weitergeritten war.

„Du strafst mich Lügen“, bemerkte sie, als er sie wieder eingeholt hatte.

„Wieso?“

„Ich hatte Richard gesagt, dass du in der Schmiede bist.“

„Das konnte ich nicht wissen. Er hat nichts dazu gesagt, wer ihm gesagt hat, wo er suchen muss.“

„Hättest … hättest du zugestimmt, wenn ich dich hätte in die Burg holen lassen?“

„Nein.“

„Auch nicht, wenn ich dich darum gebeten hätte?“, fragte sie. Er sah einen Moment in die hügelige Ferne, dann kehrte sein Blick zu der geliebten Frau zurück.

„Du weißt, weshalb wir das Heilige Land verlassen haben. Und du weißt, was ich von einem Kreuzzug halte. Ich hätte nichts dagegen, Imad zu besuchen, Ibelin wieder zu sehen, Jerusalem zu sehen, ehrlich nicht – aber in Frieden und Freundschaft, nicht mit dem Vorsatz, es den jetzigen Herren mit Gewalt wieder abzunehmen, und das ist nun einmal Richards Absicht.“

Sie hielt ihr Pferd an, er tat es ebenfalls.

„Balian, ich habe Heimweh“, sagte sie mit bittendem Blick. Er streichelte sanft ihr trauriges Gesicht.

„Das ist mir klar, Liebling. Ich sehne mich auch nach Ibelin, nach der Wärme – besonders jetzt, nachdem wir einen kalten Winter hinter uns haben und der Frühling noch nicht recht kommen will. Ich versuche, dein Heimweh erträglich zu machen, indem ich alles, was wir dort an Bequemlichkeit hatten, auch in Château Ibelin eingebaut habe. Ich kann dir keine Orangenhaine bieten, das gebe ich zu, aber vielleicht fällt mir dazu noch etwas ein“, sagte er leise und küsste sie. Sie senkte den Blick. Es ging ihr nicht um Orangenhaine …

„Wir haben die Verantwortung für unseren Neffen und seine Ausbildung“, sagte er leise. „Martin ist für einen Feldzug noch viel zu jung. Er fängt gerade erst an, sich in den Waffen zu üben.“

„Das ist eine Ausrede, Balian, und das weißt du genau“, erwiderte sie schroff.

„Eine Ausrede“, echote er ebenso schroff. „Gaëlle, wir haben beide geschworen, Palästina nie wieder zu betreten. Und nicht nur wir, sondern alle christlichen Überlebenden des Kampfes um Jerusalem. Das war die Bedingung, die Saladin stellte. Ich halte meine Versprechen“, stellte er klar. „Wenn du diesen Umstand nicht akzeptieren kannst, dann kann ich dich nur an die Verantwortung gegenüber Martin erinnern. Sein Vater ist auf den Kreuzzug gegangen, seine Mutter vier Wochenreisen entfernt. Wer sollte sich um ihn kümmern, wenn nicht wir, die wir zu seinen Erziehern bestellt sind?“

„Du weißt, dass ich alles tun würde, um wieder in Jerusalem zu sein“, erinnerte sie. Er seufzte.

„Wenn du Richard folgen willst, dann werde ich dich nicht daran hindern. Ob du wieder Königin von Jerusalem sein kannst, weiß ich nicht; ich habe aber Zweifel daran. Kaiser Friedrich wird die Krone beanspruchen, falls eine Eroberung gelingen sollte. Diese Leute, die jetzt auf dem Kreuzzug sind, werden – wenn Jerusalem fallen sollte – nicht so großmütig mit den Bewohnern verfahren, wie Saladin es tat. Du hast mir einmal gesagt, deine Vorfahren hätten Jerusalem mit Blut erobert. Ich glaube nicht, dass Richard anders verfahren wird, wenn ihm Philippe nicht in dem Arm fällt. Es wird ein Blutbad geben. Ich halte das für falsch, weil es Unrecht ist.“

„War es nicht auch Unrecht, jenen die Heimat zu nehmen, die dort geboren sind?“, konterte sie.

„Ja, es war Unrecht, jene zu vertreiben, die im Heiligen Land geboren wurden, denn sie hatten das Unrecht an den Muslimen nicht begangen – die Ursache dafür haben jene gesetzt, die Jerusalem gewaltsam erobert haben. Niemand, der auf christlicher Seite um Jerusalem gekämpft hat, war an der Eroberung im Jahr 1099 beteiligt, wie auch kein Muslim, der 1187 um Jerusalem gekämpft hat, geboren war, als Jerusalem für den Islam verloren ging. Wenn wir Gewalt immer nur erneut mit Gewalt beantworten, wird es nie Frieden geben. Und Unrecht mit weiterem Unrecht zu sühnen, bringt niemandem einen Vorteil, am allerwenigsten vor Gott.“

„Du wirst also nicht ins Heilige Land gehen?“

„Nein, es sei denn, dass Saladin ausdrücklich zustimmt.“

Sie nickte bedrückt.

„Ist es so schwer, mich zu verstehen?“, fragte sie dann.

„Nein, ich verstehe dich. Ich verstehe, dass du dich nach dem Land sehnst, in dem du geboren wurdest. Aber bitte, versteh’ du mich auch, dass ich nicht Unrecht tun will.“

Gaëlle sah ein, dass er seine Ideale, nach denen er konsequent lebte und die er glaubwürdig an seinen Zögling weitergab, nie verraten würde. Der Umstand, dass Balian so war, wie er war, hatte Saint-Martin-au-Bois zu einem Ort gemacht, an dem es sich gut leben ließ – ob als einfacher Mensch oder als Adliger. Sie begann sich zu fragen, ob sie wirklich Heimweh hatte oder ob es ihr nicht doch einfach um Macht und Rache ging.

„Verzeih mir, bitte“, bat sie mit verzweifeltem Augenaufschlag. Er lächelte liebevoll und streichelte ihr Gesicht.

„Es ist nichts zu verzeihen. Ich liebe dich – und das schließt ein, dass wir auch unterschiedlicher Meinung sein können. Sollte sich die Gelegenheit bieten, das Heilige Land in friedlicher Absicht aufzusuchen, bin ich als Erster dabei und so gut wie alle, die Ibelin einst ihr Zuhause nannten. Du wirst es wieder sehen, bestimmt.“

Gaëlle sah Balian eine Weile an und hoffte, dass er neben seinen sonstigen guten Gaben auch jene der Prophetie hatte …

 

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Kapitel 14

Barbarossa

 

Während Richard und Philippe sich in Burgund trafen, um die Modalitäten des Kreuzzuges aus Sicht der westeuropäischen Reiche zu besprechen, war Kaiser Friedrich Barbarossa mit dem Heer der deutschen Fürsten bereits auf dem Weg nach Süden. Friedrich war im Mai 1189 bereits in Regensburg aufgebrochen, wählte aber den erheblich mühsameren und längeren Landweg an der Donau entlang zum Schwarzen Meer, lagerte in Belgrad und gelangte noch im selben Jahr an die Grenze des byzantinischen Reiches. Kaiser Isaak II. von Konstantinopel hatte Friedrich und seinem Heer die Durchreise durch byzantinisches Territorium zugesagt, doch Saladin hatte davon erfahren und mit Isaak Frieden geschlossen. Damit konnte Kaiser Isaak seine Zusage an Friedrich nicht mehr einhalten. Der Umstand, dass Friedrich mit gut hunderttausend Rittern und Soldaten vor seiner Haustür stand und die üblen Erfahrungen, die die orthodoxen Byzantiner schon mit den katholischen Kreuzrittern gemacht hatten, war gewiss auch dazu angetan, dass der Kaiser von Konstantinopel seine Meinung gegenüber dem deutschen Kreuzfahrerheer änderte.

Friedrich hatte keine andere Wahl, als den Kaiser Isaak zur Einhaltung seines Versprechens zu nötigen. Der Umweg nördlich um das Schwarze Meer herum und durch das Gebiet der Kumanen war zum einen so viel länger, dass Friedrich befürchten musste, dass Richard und Philippe, die ihm folgen wollten und über See reisen wollten, Jerusalem bereits erobert hatten, bevor er dort eintraf; zum anderen bestand auf diesem Weg sehr viel größere Gefahr, dass das christliche Heer sich in Kämpfen mit den Sarazenen aufrieb. Daran war Friedrich überhaupt nicht gelegen.

Die Tatsache, dass das riesige Heer Friedrichs nur langsam marschieren konnte, ermöglichte Rudolf von Wengland, das Kreuzfahrerheer mit seinen Rittern noch zu erreichen. Rudolf war erst Anfang Dezember wieder in Steinburg gewesen, hatte nur eilig seine Rüstung gewechselt und war ebenso eilig zum Kreuzzug aufgebrochen. Möglich war ihm das auch dadurch, dass sein Kanzler, der Fürstbischof von Wachtelberg, für eine Heerschau gesorgt hatte, so dass die Truppen der zwölf Grafschaften Wenglands schon marschbereit auf die Rückkehr ihres Königs warteten.

Die Wengländer folgten dem kaiserlichen Heer in Eilmärschen rheinaufwärts über Bludenz und den Arlbergpass zum Inn hinunter, den Inn entlang, über den Brennerpass, machten Station in Klausen in Tirol und folgten dem Fluss Eisack bis zur Etsch. In Überetsch, südwestlich von Bozen, fanden sie gastliche Aufnahme in Eppan, zogen von dort weiter zur Salurner Klause, jener Schmalstelle des Etschtales, die bis heute die Sprachgrenze zwischen Italienisch und Deutsch bildet. Bei Trient zogen sie durch das Suganatal hinunter in die Poebene und erreichten schließlich Venedig. Schnelle venezianische Schiffe brachten die Wengländer gegen recht happiges Fahrgeld nach Korfu, wo man ihnen den Rat gab, den Winter dort abzuwarten.

Doch Rudolf wollte den Anschluss nicht verpassen und ließ sich und seine Männer – immerhin gut tausend Ritter und Soldaten – auf das Festland übersetzen. Sie durchquerten den Norden Griechenlands und erreichten schließlich das noch an der Grenze zum byzantinischen Reich lagernde Heer Kaiser Friedrichs.

Friedrich grollte noch mit den byzantinischen Gesandten, die ihm gerade zum wiederholten Mal hinhaltende Zusagen Kaiser Isaaks von Konstantinopel brachten.

„Jetzt ist es genug!“, donnerte Friedrich, als der Gesandte knapp zu Ende gesprochen hatte. „Es reicht! Seit Monaten hält Euer Herr mich zum Narren und die Sarazenen krallen sich immer tiefer in das Heilige Land! Was ist Euer Herr eigentlich für ein Christ, dass er andere Christen daran hindert, Christi Reich von den Heiden zu befreien?!“, wetterte er. Die Gesandten gingen vor dem kaiserlichen Wortgewitter in Deckung. Mit einem Schnaufen setzte Friedrich sich wieder in seinen Stuhl. Mit vorsichtigem Aufatmen kamen die Gesandten Konstantinopel wieder hoch, in der Meinung, der Kaiser würde sich jetzt beruhigen. Sie hatten sich geirrt.

„Packt sie und sperrt sie ein!“, befahl Friedrich Barbarossa zornig. „Und sendet eine Botschaft an Kaiser Isaak, dass seine Gesandten freigelassen werden, wenn er uns ohne weitere Umstände den Durchzug durch seine Lande erlaubt und uns Schiffe gibt, um über den Bosporus zu setzen!“

Die zu Tode erschrockenen Gesandten des byzantinischen Kaisers fanden sich schneller hinter massiven Gittern wieder als sie bis drei zählen konnten …

Doch Kaiser Isaak war davon allein nicht zu beeindrucken und ließ seinerseits die Boten des Kaisers festsetzen. Friedrich wartete nicht länger und ließ die Grenzstadt Adrianopel belagern. Erst, als sich Adrianopel dem deutschen Kaiser ergab und auch Pelopolis von den Truppen Kaiser Friedrichs eingenommen wurde, gab Isaak auf. Friedrichs Heer bekam die ersehnte Genehmigung, byzantinisches Territorium zu durchqueren, Schiffe brachten die Massen über den Bosporus.

Dass König Rudolf von Wengland sich mit seinem vergleichsweise kleinen Heer dem kaiserlichen Aufgebot angeschlossen hatte, war insofern etwas Besonderes, als Wengland ein souveränes Königreich war, das nicht Teil des Römischen Reiches war. Seit der Gründung des Königreichs Wengland im Jahr 887 war es stets ein unabhängiges Reich gewesen, dessen Selbstständigkeit einst durch den deutschen König Arnulf bestätigt worden war, wobei er diese Unabhängigkeit an den Bestand der Dynastie des Hauses Steinburg gebunden hatte. Es hatte häufiger Bestrebungen seitens des Römischen Reiches gegeben, Wengland zu integrieren, doch die Wengländer hatten stets widerstanden – und waren doch dem Reich immer gewogen geblieben.

Obwohl das Land deutlich kleiner war als das riesige Römische Reich, sprach der König Wenglands mit dem deutschen König auf Augenhöhe. Dabei erhoben die Könige Wenglands nicht einmal deutlich diesen Anspruch. Während der König von Frankreich eifersüchtig darauf achtete, ja keine Geste zu machen, die auch nur den Anschein der Untertänigkeit gegenüber dem Kaiser hatte, hatten die Herrscher Wenglands kein Problem damit, dem Kaiser auch schon mal einen vergessenen Mantel persönlich hinterher zu tragen, ohne sich gleich zum Vasallen erniedrigt zu fühlen. Was dem französischen König die Schamröte ins Gesicht getrieben hätte, war für den König Wenglands ein reiner Freundschaftsdienst an einem befreundeten Fürsten.

Die Wengländer galten gemeinhin als gastfreundlich, und einige deutsche Könige hatten auf dem Weg nach Italien dort schon Station gemacht – besonders dann, wenn in anderen Teilen des Reiches Raufereien mit rebellischen Herzögen oder Grafen zu befürchten waren, war der Weg über Steinburg eine beliebte Ausweichroute. Kaiser Friedrich Barbarossa war ein spezieller Freund des unabhängigen Wengland und dem jungen König Rudolf eher ein väterlicher Freund, als dass er sich ihm gegenüber als mächtiger Kaiser gab. Rudolf hatte seine eigene Pagen- und später Knappenzeit auf Friedrichs Hausbesitz im oberschwäbischen Ravensburg verbracht, wo Kaiser Friedrich nach dem wenig erfolgreichen Italienzug seit 1167 viel Zeit verbracht hatte. Ravensburg lag nicht weit von Wengland entfernt, so dass Rudolf oft Besuche bei seinen Eltern daheim in Steinburg machen konnte. Es gab Diener in der Steinburg, die gesehen haben wollten, dass Friedrich bei einem Besuch in Steinburg Rudolf gar den Stuhl zurechtgerückt hatte …

Kaiser Friedrich war jedenfalls beglückt, den jungen König Wenglands und seine Mannen bei sich zu wissen. Die Wengländer hatten das Privileg, bei den eigenen Truppen des Kaisers unter dem Kommando seines Sohnes Friedrich von Schwaben im Heerzug mitzugehen. Friedrich von Schwaben war der drittälteste Sohn des Kaisers und würde demnächst seinen 23. Geburtstag begehen. Er war damit neun Jahre jünger als Rudolf von Wengland, den der junge Prinz als einen seiner älteren Brüder betrachtete und mit dem er sich erheblich besser verstand als mit seinem tatsächlichen Bruder Heinrich. Mochte Friedrich von Schwaben auch den Truppen vorstehen, so fragte er doch Rudolf gern um Rat.

Der Weg war beschwerlich, denn er führte quer durch Kleinasien in Richtung Fürstentum Antiochia und Armenien. Nahezu täglich wurde das große Heer des Kaisers angegriffen und befand sich schier ständig im Kampf.

Das Sultanat Iconium, dessen Hauptstadt etwa dreihundert Meilen östlich von Smyrna lag, bildete einen Puffer zwischen den Gebieten, die Sultan Saladin untertan waren und war – ähnlich wie Wengland in den christlichen Gebieten – ein unabhängiges Reich der Seldschuken. Die Seldschuken stammten aus dem Gebiet um den Aral-See und waren seit 1038 in Kleinasien ansässig, hatten 1071 mit der Schlacht von Manzikert praktisch die Hälfte des damaligen byzantinischen Reiches erobert und das seldschukische Rum-Reich gegründet. Die Rum-Seldschuken in Kleinasien hatten den Eingliederungsbestrebungen Saladins widerstanden und hatten sich nicht von ihm vereinnahmen lassen – im Gegensatz zu den Seldschuken Syriens, deren Uneinigkeit 1099 zur Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer maßgeblich beigetragen hatte.

Gleichwohl verstand sich der Sultan von Iconium, Kiliç Arslan II., als Teil der muslimischen Welt und stellte sich den Kreuzfahrern mit seinen Soldaten in den Weg. Am 18. Mai 1190 kam es vor Iconium zur Schlacht – und Kiliç Arslan II. wurde trotz zahlenmäßiger Überlegenheit vernichtend geschlagen, verlor von seinen rund sechzigtausend Mann fünfundvierzigtausend schon in der Schlacht selbst, fünftausend weitere starben später noch an ihren Verwundungen. Zähneknirschend stellte der Sultan Geiseln und musste Friedrich Lasttiere, Pferde und Proviant zur Verfügung stellen.

Auch das Kreuzfahrerheer war stark dezimiert worden. Von den ehedem hunderttausend Mann waren noch dreißigtausend verblieben, die nun weiter nach Süden zogen, um an der Küste entlang das Fürstentum Antiochia zu erreichen, den westlichsten der christlichen Kreuzfahrerstaaten.

 

 

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Kapitel 15

Tod im Saleph

 

Es wurde brütend heiß, die Ritter hatten das Gefühl, als glühe ihnen das Kettenhemd auf dem Körper. Gut drei Wochen nach der Schlacht bei Iconium, am 10. Juni 1190, lagerte Friedrichs Heer am Saleph, einem klaren Fluss in Anatolikon*. Friedrich Barbarossa war durstig, ihm war heiß und das klare Wasser versprach Erleichterung.

„Hilf mir, Rudolf, ich muss mich dringend abkühlen!“, forderte Friedrich den jungen König Wenglands auf.

„Lasst Euch warnen, Friedrich, das Wasser ist sehr kühl“, warnte Rudolf, half aber dem väterlichen Freund aus der Rüstung.

„Was meinst du?“, fragte der Kaiser.

„Trinkt vorsichtig, bitte. Ihr seid überhitzt, Herr.“

„Ach was, mein Junge. Beim heiligen Kaiser Karl, ich habe Durst!“, rief Barbarossa und eilte zu den kühlen Fluten des Saleph, warf sich auf die Knie und schöpfte mit den bloßen Händen Wasser, trank es in tiefen Zügen.

„Aaah, tut das gut!“, seufzte er. „Friedrich, Rudolf, kommt, erfrischt euch!“, rief er dann. Sein Sohn und König Rudolf sahen sich zweifelnd an, dann stieß Friedrich von Schwaben seinen Freund Rudolf an.

„Los, komm! Was meinem Vater nicht schadet, schadet uns erst recht nichts“, sagte er. Ungeduldig, weil sie selbst durstig und überhitzt waren, entledigten sich die jungen Ritter gegenseitig ihrer Rüstungen und traten im Leinenzeug an das Flussufer. Das klare, kühle Wasser war wundervoll.

„Seht euch das an: Solch blauen Himmel habe ich noch nicht einmal im Schwarzwald gesehen. Und wie er sich in dem Wasser spiegelt!“, schwärmte Prinz Friedrich, als er den ersten Durst gelöscht hatte und Zeit fand, die Umgebung näher zu betrachten. Tiefblauer Himmel wölbte sich über dem Fluss. Nach Norden zu, Richtung Iconium, zeichnete sich scharf und klar das Taurusgebirge ab, nach Osten hin, in Richtung Tarsos, versperrten noch einige Berge den Blick auf das Mittelmeer. Im Flusstal war das Land grün und fruchtbar, doch schon ein paar Meilen rechts und links neben dem Fluss war die Dürre ständiger Gast.

„Was für ein Wetter jetzt wohl daheim sein mag?“, fragte Rudolf versonnen. Prinz Friedrich winkte ab.

„Vermutlich wird es regnen. Die deutschen Lande sind von der Sonne nicht verwöhnt. Armer Graf Schauenburg!“

„Wieso?“

„Nun, kurz bevor wir im Mai letzten Jahres von Regensburg aufgebrochen sind, war er zum Reichstag erschienen und hat Vater die Reichsfreiheit für seine kleine Siedlung unten an der Elbe abgehandelt. Hammenburg oder so ähnlich heißt das Kaff. Dort muss wirklich ewig Regen oder Nebel sein, wenn ich ihn recht verstanden habe. Graf Adolf war jedenfalls nicht wirklich begeistert, dorthin zurückkehren zu müssen.“

„Aber wenn er doch jetzt eine reichsfreie Stadt hat …?“, wunderte sich Rudolf.

„Das war ja auch einer der Gründe, weshalb mein Vater ihm Reichsfreiheit gewährt hat. Der Ort ist wichtig, auch wenn er recht weit im Landesinneren liegt. Aber … – ah, jetzt weiß ich’s wieder – Hamburg liegt an der Mündung einiger Nebenflüsse der Elbe und ist strategisch wichtig. Die Normannen oder die Wikinger haben immer wieder versucht, den Ort zu erobern, haben ihn ein paar Mal gebrandschatzt, aber die Hamburger sind zäh. Die haben ihr Dorf immer wieder aufgebaut. Erst der Bischof und jetzt der Graf von Schauenburg und Holstein. Aber ein weiterer gewichtiger Grund ist, dass die Hamburger Bürger eher Kaufleute als Krieger sind, und mit dem Handel richtig Geld verdienen. Sie haben mit ihrem Geld erheblich zur Ermöglichung dieses Kreuzzugs beigetragen. Dafür müssen sie nun auch nicht mehr selbst kämpfen. Vater hat ihnen sehr weit reichende Freiheit gegeben. Zehn Meilen um ihre Stadt darf keine andere Burg gebaut werden, die Hamburger müssen sich nur um die Verteidigung ihrer eigenen Mauern kümmern, zahlen bis zur Mündung der Elbe keine Zölle, sie haben volle Freiheit bei Landwirtschaft und Fischerei. Ich schätze, ohne diese Freiheiten gäbe es Hamburg nicht mehr lange. Graf Adolf sprach in seiner norddeutschen Art von Hamburger Schietwetter. Ich verstehe diese niederdeutsche Mundart zwar nicht ganz, aber es klingt nicht wirklich freundlich …“, grinste Prinz Friedrich. „Aber wenn du es ganz genau wissen willst, solltest du Vater fragen“, ergänzte der Prinz und sah sich um.

„Wo ist er eigentlich?“, fragte Rudolf, der dem Blick des Prinzen folgte und den Kaiser nicht fand.

„Vater?“, rief Friedrich. „Vater?“

Keine Antwort.

„Ob er zu Herzog Leopold zurückgekehrt ist? Wir waren so vertieft, dass wir das vielleicht nicht gemerkt haben“, gab Rudolf zu bedenken. Friedrich nickte und winkte ihm.

„Komm!“

Sie standen auf und wollten das Ufer hinauf zum Lager zurückkehren, als Rudolf Friedrich am Arm festhielt.

„Friedrich!“, sagte er so erschrocken, dass der Prinz augenblicklich dem ausgestreckten Arm Rudolfs mit dem Blick folgte. Im Saleph trieb ein in Leinenzeug gekleideter Mensch!

Wie von den Furien gehetzt stürzten Rudolf und Friedrich zu dem leblos dahin treibenden Körper. Es war Kaiser Friedrich. Das gegenüber der Luft eisige Wasser nahm den jungen Männern schier den Atem, aber sie erreichten den Kaiser.

„Er ist ganz kalt!“, schnaufte Rudolf. „Los, ans Ufer mit ihm!“

Sie zerrten Kaiser Friedrich eilig ans Ufer. Sein Sohn kniete neben ihm nieder und klopfte seinem Vater hektisch die Wangen. Er regte sich nicht.

„Vater! Wach auf!“, rief er ein ums andere Mal, aber Friedrich Barbarossa rührte sich nicht.

Die Rufe des Schwabenherzogs und des wenglischen Königs hatten auch andere im Lager alarmiert, auch Herzog Leopold von Österreich und bei ihm befindliche vornehme seldschukische Geiseln. Einer von ihnen, ein Hadschi Dawuhd, Verwandter des Sultans Kiliç Arslan II., sprang hinzu und schob Friedrich von Schwaben und Rudolf von Wengland beiseite, horchte den Kaiser ab und begann, ihm rhythmisch die verschränkten Hände hart auf die Brust zu pressen, bis Soldaten ihn grob von Kaiser Friedrich fortrissen.

„Ich will ihm nur helfen!“, rief Dawuhd erschrocken, aber die Soldaten hatten ihn fest im Griff.

„Du willst ihn töten!“, warf Friedrich ihm vor. Dawuhd schüttelte den Kopf.

„Nein, ich …“

„Schweig, Heide!“, herrschte der Herzog von Österreich ihn an. Rudolf legte dem Babenberger begütigend eine Hand auf den Arm.

„Wartet, Herzog, lasst ihn sprechen“, sagte er. „Was wolltet Ihr sagen, Hadschi Dawuhd?“, wandte er sich an den Seldschuken.

„Das Herz Eures Kaisers hat ausgesetzt. Ich wollte es wieder in Gang bringen. Sonst stirbt er.“

„Aber Ihr brecht ihm alle Knochen!“, warf der Kaisersohn ihm vor. Dawuhd nickte.

„Ja, bei einer Herzmassage kann es passieren, dass Rippen gebrochen werden. Aber besser ein oder zwei Rippen gehen zu Bruch, als dass das Herz nicht wieder schlägt“, erwiderte der Seldschuke.

„Lasst es Hadschi Dawuhd probieren“, schlug Rudolf vor. Zögernd nickte Friedrich von Schwaben und der Seldschuke ließ sich wieder neben dem Kaiser nieder, doch dann schüttelte er den Kopf.

„Es ist zu spät“, sagte er leise. „Er hat zu lange nicht mehr geatmet.“

„Bitte, probiert es noch einmal“, bat Friedrich. Dawuhd nickte und setzte die Herzmassage erneut an. Kaiser Friedrich wurde durchgeschüttelt, aber er holte keine Luft. Dawuhd öffnete dem Kaiser den Mund und setzte nochmals an. Erneut wurde Barbarossa heftig geschüttelt. Aus seinem Mund schwappte Wasser, aber weder begann das Herz erneut zu schlagen, noch hustete der Kaiser oder holte gar Luft.

„Er ist tot – ertrunken …“, flüsterte Leopold. „Gott sei seiner Seele gnädig.“

Hadschi Dawuhd gab auf.

„Ich kann Eurem Vater nicht mehr helfen, Herzog Friedrich. Es tut mir Leid. Allah sei ihm gnädig.“

Friedrich von Schwaben blitzte den Seldschuken böse an.

„Lasst Euren Allah aus dem Spiel! Mein Vater war Christ und verehrte keine heidnischen Götter!“

Dawuhd lächelte sanft.

„Ich weiß, das ist der Grund, weshalb Ihr uns bekämpft und wir Euch, denn wir halten Euren Gott für den Götzen der Ungläubigen und Allah für den einzig wahren Gott. Doch der Christenkönig von al-Quds*, Balduin IV., war der Ansicht, dass wir – Muslime und Christen – demselben Gott huldigen und ihn nur anders nennen. Auch sein tapferer Vasall, der Baron von Ibelin, dachte so.“

Friedrich sah einen Moment zu Boden, dann blickte er den Seldschuken geradeheraus an.

„Das hat den Sultan von Ägypten offensichtlich nicht gehindert, Jerusalem zu erobern und alle Christen zu vertreiben. Deshalb sind wir hier. Jerusalem ist christlich – oder wird es wieder werden!“

Er stapfte zornig davon, Rudolf folgte ihm, besorgt um den Prinzen des Heiligen Römischen Reiches.

„Warte!“, rief er. Friedrich drehte sich um.

„Lass mich allein!“, fauchte der Schwabenherzog.

„Der Tod deines Vaters trifft dich hart, Friedrich, das weiß ich. Ich habe ihn wie einen Vater verehrt, das weißt du. Es geht mir nicht besser als dir, glaub mir. Aber bevor wir uns der Trauer hingeben, müssen wir entscheiden, wo dein Vater bestattet wird.“

„In Jerusalem, wo denn sonst?“, erwiderte Friedrich verblüfft.

„Nun, es ist noch ein weiter Weg bis dort, wir haben erhebliche Verluste – und es ist heiß“, gab Rudolf zu bedenken. „Wir sollten ihn in der ersten christlichen Stadt beerdigen, in die wir kommen. Das dürfte Tarsos sein – das ist nicht mehr weit. Außerdem ist Tarsos ein bedeutender Ort der Christenheit, schließlich stammt der heilige Paulus von dort.“

Friedrich dachte einen Moment nach.

„Nein, Jerusalem. Mein Vater hat gesagt, dass er dort bestattet sein will, wenn er auf dem Kreuzzug sterben sollte. Diesen letzten Wunsch meines Vaters werde ich respektieren“, erwiderte er.

„Wünsche sind nicht immer erfüllbar, mein Freund. Wie sollen wir ihn einigermaßen unverwest dorthin bringen?“, entgegnete Rudolf.

Friedrich dachte erneut nach.

„Essiggurken“, sagte er plötzlich. „Wo ist der Koch?“, stieß er hervor und rannte zum Lager zurück. Rudolf lief eilig hinter ihm her, konnte ihn aber erst am Küchenzelt erreichen.

„Wie bitte?“, fragte er erschrocken. „Was hast du vor?“

„Den Koch was fragen, Rudolf“, erklärte Friedrich.

Antonius, der Koch des jungen Herzogs, verbeugte sich tief, als sein Herr eintrat.

„Herr?“

„Antonius, ist es möglich, Fleisch mit Essig haltbar zu machen?“

„Ja, Herr. Ihr kennt doch gewiss Sauerfleisch. Das wird in Essig eingelegt und ist dann für Monate haltbar.“

„Wir legen ihn in Essig ein. Wenn man damit Fleisch haltbar machen kann, können wir Vater in Jerusalem beerdigen“, entschied Friedrich.

Gesagt, getan: Kaiser Friedrich Barbarossa wurde in Essig eingelegt und sein Leichnam im Essigfass weitertransportiert. Die Bedrohung durch Seldschuken war zwar bis zur Grenze des Fürstentums Antiochia dank der Geiseln nicht mehr gegeben, aber der Weg war auch so beschwerlich genug.

In Tarsos, dem Geburtsort des Apostels Paulus, hielt der dortige Bischof die Totenmesse für den verstorbenen Kaiser. Friedrich von Schwaben und Rudolf von Wengland, die bis jetzt mit der Organisation des Weitertransports beschäftigt gewesen waren, ließen in der Messe ihren Tränen freien Lauf. Leopold von Österreich übernahm die kaiserlichen Truppen und drängte dann zum Weiterzug.

Die Vorbereitungen waren fast abgeschlossen, da bemerkte Koch Antonius, dass es aus dem kaiserlichen Konservenfass wenig appetitlich roch. Vorsichtig hob er den Deckel des Fasses an. Widerlicher Verwesungsgestank schlug ihm entgegen. Entsetzt schlug er das Fass wieder zu und rannte eilig zu Friedrich von Schwaben.

„Herr, ein Unglück!“

„Was ist denn?“

„Euer Vater, er …“

Weiter kam der Koch nicht, da war der Herzog schon aufgesprungen und zum Sargfass geeilt.

„Oh je, was jetzt?“, seufzte Friedrich.

„Vergebt, wenn ich mich einmische, Sidi“, ließ sich Hadschi Dawuhd vernehmen.

„Ja?“

„Euer Vater ist samt seinen Eingeweiden in Essig gelegt worden. Der Inhalt des Darms wirkt zersetzend“, erklärte der Seldschuke.

„Was sollten wir tun?“, fragte Friedrich.

„Ich weiß, es widerstrebt Euch, einen Toten aufzuschneiden. Doch es wäre besser, wenn Ihr die Eingeweide herausnehmen lassen würdet. Ihr hättet dann eher die Möglichkeit, Euren Vater seinen Wünschen entsprechend bestatten zu lassen.“

Abwesend nickte Friedrich.

„Wollt Ihr das für mich tun, Hadschi Dawuhd?“

„Wäre Euch dieses Tun wert, dass Ihr mich freilasst?“

„Ja.“

Hadschi Dawuhd ließ den toten Kaiser aus dem Essigfass holen, entnahm dem Toten die Eingeweide und das Herz, die Friedrich in Tarsos bestatten ließ. Da nun keine Geiseln für einen sicheren Weiterzug mehr nötig waren, ließ Friedrich nicht nur den Hadschi Dawuhd frei, sondern auch die anderen seldschukischen Geiseln. Doch auch die Entnahme der Eingeweide nützte nichts mehr, dafür hatten sich die zersetzenden Substanzen schon zu stark im Körper Friedrich Barbarossas ausgebreitet. In der Peterskirche zu Antiochia fand das verbliebene Fleisch des Kaisers die letzte Ruhe. In Antiochia löste sich das kaiserliche Kreuzfahrerheer auch weitgehend auf. Von den Wengländern, den Österreichern und den Schwaben abgesehen, bestiegen alle anderen Schiffe, die sie nach Venedig oder Messina zurückbrachten. Friedrich von Schwaben zog mit dem mageren Rest der Kreuzfahrer weiter, um wenigstens die Knochen seines Vaters in Jerusalem bestatten zu können, doch weiter als bis Tyrus kamen sie dann zunächst nicht. Südlich von Tyrus begann bereits das von Saladin eroberte Gebiet, und Friedrich hatte keine Chance, mit den wenigen verbliebenen Männern den Durchzug nach Jerusalem zu erzwingen. Er entschloss sich, die Gebeine seines Vaters in der Kathedrale von Tyrus beizusetzen und sie nach Jerusalem zu holen, sofern es gelingen sollte, die von Saladin eingenommenen Gebiete vollständig zurückzuerobern.

Der Kreuzzug drohte zu scheitern. Aber noch bestand die Hoffnung, dass die Engländer und Franzosen das Blatt zugunsten der Kreuzfahrer wenden konnten.

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Kapitel 16

Aufbruch in Westeuropa

 

Thibaud de Blois, Balians Lehnsherr, wollte seinen Neffen Philippe auf dem Kreuzzug unterstützen und wollte seine Grafschaft durch einen vertrauenswürdigen Vertreter regieren lassen. Dafür kamen der Vizegraf von Chartres oder der Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois in Frage. Der Vizegraf von Chartres, wie Balian aus der Familie du Puiset, wollte gleichfalls auf den Kreuzzug; also suchte Thibaut den Vizegrafen von Saint-Martin-au-Bois auf.

„Ihr habt aus dieser Burg wirklich etwas gemacht, Balian. Ich gratuliere Euch“, sagte Thibaut, als Balian ihn in den Rittersaal führte.

„Danke, Mylord. Aber ich will zugeben, dass ich auf diese Ideen vermutlich nicht gekommen wäre, hätte ich nicht die Annehmlichkeiten im Heiligen Land erfahren“, erwiderte Balian mit sanftem Lächeln.

„Da wir gerade beim Thema Heiliges Land sind“, sagte Thibaut und setzte sich auf Balians einladende Handbewegung. „Euch haben dort große Ländereien gehört. Wollt Ihr sie nicht zurück haben?“

Balian schüttelte den Kopf.

„Nein. Durch die Dummheit des letzten Königs von Jerusalem wurden auch meine Ländereien verspielt. Ich bin froh, dass ich hier endlich meine Ruhe habe und mich um das Wohlergehen von Saint-Martin-au-Bois kümmern kann. Außerdem verwaltet ein guter Freund von mir die Ibelin-Lehen und bringt mir einen guten Zehnt, auch in Form hier recht exotisch wirkender Früchte. Ich will meinem Freund Imad nicht wegnehmen, was ich ihm zu treuen Händen überließ.“

„Imad – das klingt heidnisch“, bemerkte Thibaut.

„Stimmt. Imad ist Sarazene und Muslim.“

„Kann es sein, dass Ihr gegen Muslime nicht gern Krieg führen wollt?“, mutmaßte der Graf von Blois.

„Richtig. Ich habe Sarazenen kennen gelernt, die mir in ihren Ansichten sehr viel näher waren als manche Christen“, erwiderte Balian.

„Dann … werdet Ihr nicht auf den Kreuzzug gehen?“, fragte Thibaut. „Obwohl Eure Gemahlin mit dem Königshaus von Jerusalem verwandt ist?“

„Ginge es nach meiner Gemahlin, würde ich mitziehen und sie gleich mitkommen. Sie sehnt sich nach Jerusalem, schließlich ist sie dort geboren. Aber ich will nicht. Außerdem ist da noch mein junger Neffe, den zu erziehen seine Eltern uns gebeten haben. Sein Vater, mein Schwager König Rudolf von Wengland, ist auf den Kreuzzug gegangen. Meine Schwester hat keine Nachricht von ihm, seit er im Dezember aufgebrochen ist. Ihr wäre es gewiss nicht recht, wenn ich mich auch auf den Kreuzzug begebe, solange Martin noch ohne gescheite Ausbildung ist. Der Junge wird im November erst zehn Jahre alt. Und dann ist da noch mein eigener Sohn, der noch nicht einmal ein Jahr alt ist. Jean-Raymond ist für so eine Reise viel zu klein, und Gaëlle würde nie zulassen, dass ich ins Heilige Land gehe und sie hier bleiben muss“, erklärte der Vizegraf. Thibaut nickte.

„Ich werde meinen Neffen, den König Philippe, mit dem größten Teil meiner Ritter begleiten. Auch Euer Cousin, der Vizegraf von Chartres, wird mitkommen. Da Ihr hier bleiben wollt und Ihr Euch als vertrauenswürdiger Ritter erwiesen habt, biete ich Euch die Stellung des Bailli* der Grafschaft Blois an. Wollt Ihr Blois für mich verwalten, Vizegraf Balian?“, bot er an. Balian lächelte freundlich.

„Ja, das will ich für Euch als meinen Lehnsherrn tun. Seid sicher, dass Ihr Blois bei Eurer Rückkehr unversehrt zurück erhaltet, Mylord“, versprach Balian. Thibaut de Blois sah Balian eine Weile an.

„Seltsam, auch wenn Ihr das nicht so ausdrücklich erklärt hättet, Balian, ich wäre mir sicher gewesen, von Euch alles zurück zu erhalten, was immer ich Euch in Verwahrung gegeben hätte. Bei Eurem Onkel Hugo wäre ich da nicht so sicher gewesen …“

„Mylord, nach meiner Einschätzung gibt es zwei Sorten von Adligen: Jene, die Adel für sich selbst für selbstverständlich halten und alles, was nicht adlig ist, für minderwertig erachten. Und jene, die Adel eher als Verpflichtung gegenüber dem Volk betrachten. Mein Onkel Hugo gehörte zu ersterer Sorte, mein Vater zur zweiten – und mein Vater hat mir das weitergegeben. Diese Vizegrafenstelle hier in Saint-Martin-au-Bois ist bereits eine Stellvertretung für Euch und mein Besitz buchstäblich geliehen. Auch mein Besitz im Heiligen Land war nur eine Leihgabe des Königs und nicht mein Eigentum.“

„Und doch tragt ihr den Titel des Barons von Ibelin noch immer, oder?“, grinste Thibaut.

„Ja und nein. Ich bin Titularbaron von Ibelin; im Wesentlichen betrachte ich die Bezeichnung aber als meinen Familiennamen“, lächelte Balian.

„Was, wenn es mir gelänge, Ibelin zurückzuerobern?“, lockte Thibaut. Balian zuckte mit den Schultern.

„Dann kann ich nur darauf hoffen, dass Ihr mir erlauben würdet, den Namen weiterzuführen; denn du Puiset wäre ein Graus für meine Gemahlin.“

„Weshalb?“

„Seht, meine Gemahlin ist eine Anjou und der Name du Puiset ist für sie immer noch mit dem Aufstand von Hugo du Puiset, einem Onkel meines Vaters, gegen ihren Großvater Fulko verbunden. Fulko erbte die Krone Jerusalems durch Eheschließung, aber Hugo du Puiset wollte das nicht akzeptieren. Sein eigener Bruder, Barisan, stellte sich gegen ihn und erklärte sich für königstreu. Da die Armee der Grafschaft Jaffa hinter Barisan stand, brach der Aufstand zusammen, und Barisan wurde mit der neuerbauten Burg Ibelin und dem Titel des Barons von Ibelin belohnt. Seitdem war die Familie Ibelin dem Königshaus von Jerusalem immer sehr nahe. Mein Vater Godfrey hat die Kinder von König Amaury erzogen und war ihnen Vaterersatz. Ibelin war für meine Gemahlin Gaëlle, ihre Schwester Isabella und den Bruder Balduin immer ein Ort, an dem sie geborgen waren, an dem sie frei hatten von den Zwängen des Hofes in Jerusalem und schlicht und einfach Menschen waren. Ich trage diesen Namen, seit mein Vater mich als seinen Sohn anerkannt hat und habe ihn schon in Erinnerung an meinen Vater behalten, aber auch meiner Gemahlin zuliebe und ihrer guten Erinnerungen an Ibelin.“

„Ihr mögt Ibelin, ist es so?“

„Ja. Ich habe mich dort zu Hause gefühlt, die Menschen mochten mich und ich sie. Denkt nicht, dass es mir leicht gefallen wäre, dort wegzugehen. Aber … der Abschied wurde mir dadurch erleichtert, dass die meisten Menschen, die dort lebten, mir zunächst nach Zypern gefolgt sind und nun hier leben. Durch Imad ad-Din habe ich immer noch Verbindung nach Ibelin. Er war es auch, der mich ausdrücklich gebeten hat, den Titel des Barons von Ibelin nicht abzulegen“, erklärte Balian.

„Erstaunlich, das hätte ich von einem Heiden nicht erwartet“, bemerkte Thibaut de Blois. Er reichte Balian die Hand.

„Ich überlasse Euch meine Grafschaft leichten Herzens, mein Freund“, sagte er. „Sollte Ibelin wieder christlich werden, werdet Ihr es von mir zurückerhalten.“

„Und wer verwaltet dann Blois für Euch?“, grinste Balian und drückte die Hand seines Lehnsherrn mit dem kräftigen Griff des gelernten Schmieds.

„Dafür muss ich dann wohl einen anderen Vizegrafen finden…“, erwiderte Thibaut. „Obwohl … so eine treue Seele wie Euch werde ich kaum nochmals damit betrauen können. Ich kann jedenfalls beruhigt zum Kreuzzug aufbrechen. Lebt wohl, Balian.“

„Lebt wohl, Graf Thibaut. Grüßt mir Ibelin, falls Ihr dort hinkommt.“

„Das werde ich“, versprach Thibaut und verließ dann Château Ibelin in Saint-Martin-au-Bois, um sich König Philippes Kontingent anzuschließen.

Balian und seine Familie winkten dem Grafen vom Söller des Château Ibelin noch lange nach. Balian sah die Sehnsucht in Gaëlles Augen und schwor sich, dass er mit ihr ins Heilige Land reisen würde, wenn sich nur die geringste Möglichkeit ergab, dies friedlich zu tun …

„Du wirst Jerusalem wiedersehen“, sagte er leise und küsste sie zärtlich. „Ich verspreche es dir.“

Gaëlle sah ihn einen Moment an und bemerkte, dass ihr Gemahl selbst wieder Sehnsucht nach Ibelin bekommen hatte. Und sie wusste, dass er sein Versprechen halten würde. Verliebt lehnte sie sich an ihn, fühlte sich sanft von ihm mit dem linken Arm umarmt. Auf dem rechten Arm hatte Balian ihren gemeinsamen Sohn, der fröhlich glucksend an seines Vaters Gewand zupfte. Martin stand vor Onkel und Tante und sah sich um, als Balian von Jerusalem sprach.

„Willst du doch nach Jerusalem reisen, Onkel Balian?“, fragte er.

„Ja, aber nur in Frieden“, gab sein Onkel zurück.

„Darf ich dann mitkommen?“

Gaëlle sah den Jungen an, fand das Leuchten in seinen Augen, das einen wissbegierigen Charakter offenbarte und wusste, dass Martin der beste Verbündete sein konnte, wenn es darum ging, Balian zu einer Reise nach Jerusalem zu überreden …

Richard von England und Philippe von Frankreich brachen am 4. Juli 1190 mit ihren Truppen von Frankreich aus zum Kreuzzug auf und marschierten den für Kreuzfahrer aus Frankreich üblichen Weg nach Süden in die Seealpen und gingen weiter bis nach Messina, da sie Marseille zu spät erreichten, um noch gefahrlos von dort aus mit Schiffen nach Akkon weiterzureisen. Allerdings war fraglich, ob sie in Akkon landen konnten, denn Saladins Truppen hatten Akkon 1187 nach der Eroberung Jerusalems ebenfalls eingenommen und würden gewiss keine christliche Landung dulden.

Die Eroberung durch die Sarazenen war jedoch nicht so vollständig gewesen, wie Saladin es sich gewünscht hatte und wie es im Abendland den Anschein hatte. Der Sultan hatte 1187 das eigentliche Königreich Jerusalem erobert und dort die Christen ausgewiesen, doch die Grafschaft Tripolis und das Fürstentum Antiochia waren christlich geblieben. Konrad von Montferrat, Gaëlles Schwager aus erster Ehe, hatte mit Tyrus den äußersten Norden des Königreiches halten können und hatte dieses kleine Territorium südlich der Grafschaft Tripolis nach dem Fall Akkons zum eigenständigen Fürstentum machen können. Konrad von Montferrat stand Isabella, Gaëlles Schwester, auch sehr nahe und ließ nichts unversucht, die seiner Ansicht nach zu Unrecht bestehende Ehe Isabellas mit Humfried von Toron auflösen zu lassen. Seine Argumentation, Isabella sei zum Zeitpunkt ihrer Heirat noch nicht im heiratsfähigen Alter gewesen war, zeigte schließlich Wirkung: Isabella wurde von Humfried zwangsweise geschieden. Konrad heiratete sie – und hatte damit die Krone Jerusalems in greifbarer Nähe.

Doch es gab ein Problem, und dieses Problem trug den Namen Guy de Lusignan …

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Kapitel 17

Streit der Kreuzfahrer

Guy war keineswegs tot, wie man lange Zeit vermutet hatte. Konrad hatte sich gerade mit Isabella in Tyrus eingerichtet, als Guy mitten in der Nacht an das Tor klopfte.

„Wer da?“, rief der Wächter von der Zinne.

„Guy de Lusignan, König von Jerusalem!“

„Du lügst! König Guy ist tot!“

„Ich bin sehr lebendig, du Wurm! Lass mich ein oder die Templer werden mir das Tor öffnen!“

„Auf keinen Fall vor Tagesanbruch und ohne Erlaubnis des Grafen von Montferrat!“, versetzte der Wächter und reagierte nicht mehr auf die Rufe vor dem Tor. Guy, der allein gekommen war, musste unverrichteter Dinge wieder abziehen und fand in einem nahen Dorf gastliche Aufnahme für die Nacht.

Am folgenden Tag forderte er wiederum Einlass nach Tyrus. Konrad, inzwischen informiert, war zunächst zu Tode erschrocken, dass Guy lebte und nun offenbar die Krone Jerusalems wieder beanspruchte.

„Nein“, entschied er dann. „Der kommt mir hier nicht herein!“

Der Graf begab sich mit dem Bischof und genügend Begleitern vor die Stadt, wo Guy ihn in Begleitung zahlreicher Tempelritter erwartete.

„Was soll das?“, fragte Guy. „Wieso lässt man mich nicht ein?“

„Wer seid Ihr?“, fragte Konrad. Guy kam näher und maß den Grafen von Montferrat von oben bis unten.

„Ich … bin Jerusalem!“, zischte er.

„Das sagen für gewöhnlich die Könige Jerusalems von sich“, bemerkte der Bischof.

„Ganz recht, der bin ich.“

Der Bischof schüttelte den Kopf.

„Nein, das seid Ihr nicht. Der letzte König von Jerusalem war Guy de Lusignan, der an den Hörnern von Hattin seine Krone und sein Reich verspielte. Guy ist tot.“

„Mein Herr spricht die Wahrheit, wie es einem Ritter geziemt“, schaltete sich ein Tempelritter ein. „Unser Großmeister, Gerard de Ridefort, hat den König zweifelsfrei erkannt.“

„Selbst, wenn das so sein sollte“, sagte Konrad, „König Guy wurde für tot erklärt, nachdem er sich nach der Übergabe Jerusalems mit Balian von Ibelin duelliert hat und danach von drei Zeugen gesehen wurde, wie sein Leichnam von Sarazenen fortgetragen wurde. Gemäß dem Testament von Balduin IV. sollen die Könige Frankreichs, Englands, der Papst und der deutsche Kaiser entscheiden, wer die Krone Jerusalems tragen soll – wenn sie einen neuen König einsetzen. Ich betrachte mich als Verwalter dieser Herren und werde die Stadt nur an einen von ihnen übergeben. Ich habe Tyrus vor den Heiden gerettet. Ich überlasse es keinem, der Jerusalem schon einmal verspielt hat!“

„Die Königin von Jerusalem ist mein Weib!“, keifte Guy. „Kein anderer als ich hat das Recht auf Jerusalems Krone!“

„Das, Mylord Guy, stimmt so nicht mehr“, konterte der Bischof. „Nachdem mein Vorgänger Euch aufgrund der Zeugenaussagen nach bestem Wissen und Gewissen für tot erklärte, galt Eure Gemahlin als Witwe und hat auf Zypern aus freiem Willen den Baron von Ibelin geehelicht. Sie hat Zypern mit ihrem neuen Gemahl verlassen und lebt nun wieder in Frankreich.“

„Ibelin! Dieser Bastard!“, schnaufte Guy.

Immer wieder war Balian von Ibelin der Stolperstein für ihn. Nach dem Duell hatten Sarazenen den schwer verwundeten Guy gefunden und zu Saladins Bruder Al-Adil gebracht. Guy war infolge der Wunden, die Balian ihm geschlagen hatte, dem Tode deutlich näher gewesen als dem Leben. Viele Wochen hatte er mit dem Tod gerungen und schließlich dank der fortgeschrittenen Medizin der von ihm so verachteten Sarazenen überlebt. Als Al-Adil dann erfahren hatte, wem er durch seine Ärzte das Leben hatte retten lassen, war er nahe daran gewesen, Guy selbst zu töten. Saladin hatte ihn letztlich persönlich daran gehindert. Den Tod der gemeinsamen Schwester hatte Saladin bereits nach der Schlacht von Hattin höchstselbst gerächt, als er den Mörder, Reynald de Châtillon, mit eigener Hand enthauptet hatte. Getreu seinem Motto ein König tötet keinen König hatte er Guy mehr pro forma als Geisel behalten und schließlich gegen Übergabe der Stadt Askalon wieder zu den Christen zurückgeschickt. Konrad lächelte maliziös.

„Wie es scheint, habt Ihr keinerlei Anrecht mehr auf die Krone, wenn Ihr nicht mit der Erbin des Thrones verheiratet seid … Nun packt Euch fort! Tyrus geht an die Könige Europas, die vom Papst zum Kreuzzug gerufen wurden!“, fauchte er dann. Doch ihm war auch klar, dass Guy den größeren Anspruch auf den Thron hatte, wenn er beweisen konnte, dass er der angeblich tote Gemahl der Königin von Jerusalem war. Wenn ja, war er am Leben – und damit der rechtmäßige Ehemann der Königin.

Im Falle Jerusalems und Balians hatte Saladin aus Respekt vor der Tapferkeit der Verteidiger und ihres Anführers alle Christen gehen lassen. Guys Austausch gegen Askalon hatte eher strategischen Wert für den Sultan. Er rechnete damit, dass de Lusignan die Krone Jerusalems wieder beanspruchen würde – und damit, dass der Rest der christlichen Fürsten Jerusalems eher auf die Rückkehr Christi nach Jerusalem warten würde, als diesem unfähigen Mann Jerusalem nochmals anzuvertrauen …

Die Tore von Tyrus blieben für Guy de Lusignan verschlossen. Er sah ein, dass nur ein respektabler Erfolg sein Ansehen wieder verbessern konnte. So wandte er sich nach Süden und begann, mit seinen Getreuen Akkon zu belagern. Dagegen konnte auch Konrad nichts einwenden und sah sich genötigt, Guy dort zu unterstützen. Schon seit nahezu einem Jahr belagerten sie nun das an die Sarazenen gefallene Akkon – nur wussten Richard und Philippe davon nichts.

Fern davon, in Frankreich, kehrte Ruhe im Land ein, nachdem die Kreuzfahrer Frankreich verlassen hatten. Die Leute gingen ihrer Arbeit nach, bebauten die Felder und hofften auf eine gute Ernte. In Saint-Martin-au-Bois war dieser Sommer ein Sommer der großen Freude, denn Georg und Pierre hatten an den ihnen von Balian anvertrauten jungen Witwen Gefallen gefunden, sie freundlich umworben und deren Herz gewonnen. Jeanne, die ältere der beiden jungen Frauen war eine dunkelhaarige Schönheit, die es dem etwa gleichaltrigen Georg angetan hatte. Aline, die jüngere, war strohblond und Pierres Augenstern. Beide jungen Frauen waren schwanger gewesen, als ihre ersten Männer gefallen waren und hatten drei und vier Monate nach dem Tod ihrer Männer Kinder geboren. Jeanne hatte eine Tochter von ihrem verstorbenen Gemahl, Aline ein Söhnchen. Georg und Pierre waren mit den gefallenen Männern befreundet gewesen, und der Umstand, dass die Kinder die Nachkommen ihrer Freunde waren, machte es den jungen Männern noch leichter, die Kinder wie ihre eigenen zu lieben. Nun war das offizielle Trauerjahr um und Jeanne und Aline konnten wieder heiraten. Balian richtete seinen Freunden eine Hochzeit aus, zu der das ganze Dorf eingeladen war. Er selbst war Trauzeuge bei beiden, und sein bischöflicher Großvater ließ es sich nicht nehmen, die jungen Paare zu trauen. Es war ein traumhaft schönes Hochzeitsfest, das Saint-Martin-au-Bois in diesem August erlebte.

Balian genoss den Frieden in seinem Heimatdorf und nahm sich auch viel Zeit für seine Familie. Er strahlte ein Glück und eine Zufriedenheit aus, wie Gaëlle es zuletzt in Ibelin bei ihm gesehen hatte. Die neue Kirche wuchs weiter und nahm schon erkennbare Formen an. Zweimal in der Woche war er deshalb den ganzen Tag in der Schmiede, um Winkeleisen zu schmieden. Martin und Mathieu waren dann immer bei ihm, halfen ihm und lernten nebenbei das Schmiedehandwerk. Die beiden Jungen waren schon begabte Schwertfechter, aber selbst zu wissen, wie man ein Schwert macht, fanden sie fast noch besser. Wenn der Vizegraf mit den Winkeleisen fertig war, brachte er ihnen bei, wie man aus einzelnen, unterschiedlich harten Eisensorten Damaszenerklingen schmiedete. Diese hohe Kunst beherrschte in Europa kaum ein Schmied – und Balians Klingen dieser Machart waren begehrte Stücke. Er hätte damit ein Vermögen verdienen können, dennoch machte er diese Klingen nur aus Freude daran, nicht als eigentlichen Broterwerb.

Zu Martins Geburtstag im November kam seine Mutter mit einem größeren Gefolge zu Besuch und blieb gleich bis weit nach Weihnachten bei ihrem Bruder, wo sie und ihr jüngerer Sohn Michael sich nicht so allein fühlten, wie daheim in Steinburg. Die Krönung des Weihnachtsfestes war aber ein großes Krippendiorama, das Balian und Almaric mit allen Kindern des Dorfes seit Anfang November gebaut hatten. Es hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Dorf Ibelin und bildete am Heiligen Abend in der alten Kirche den Hintergrund für die Christmette.

Die Zeit verging, das Lehen blühte und wuchs und irgendwie hatte es den Anschein, als ob in Saint-Martin-au-Bois und den anderen sechs Dörfern, die zu dieser Vizegrafschaft gehörten, die Sonne ein bisschen heller und wärmer schien als anderswo. Es gab keinen Ort, an dem auch nur einer der Bewohner lieber gewesen wäre als hier – Gaëlle von Ibelin eingeschlossen.

Während in Frankreich das Leben friedlich verlief und kriegerische Auseinandersetzungen der Adligen untereinander, die sonst an der Tagesordnung waren, schon aus Mangel an kriegerischen Adligen ausfielen, verlagerten sich diese üblichen Streitereien der christlichen Adligen in die Kreuzfahrerheere.

Das vereinigte Heer der Könige von Frankreich und England überwinterte auf Sizilien, ausgenommen ein Vorhutkontingent unter dem Kommando von Thibaut de Blois und seinem Neffen Henri de Champagne, das von Messina gleich nach Akkon per Schiff weiterreiste, um die Bedingungen dort zu erkunden und möglicherweise zu verbessern.

Philippe, der hinsichtlich der französischen Lehen Richards dessen Lehnsherr war, kehrte auf Sizilien seine Herrenstellung gegenüber dem englischen König zuweilen etwas zu sehr heraus, was Richard missfiel. Sie waren nach Richards Überzeugung als gleichrangige Könige auf dem Kreuzzug, und Richard sah nicht ein, weshalb er sich gegenüber Philippe unterwürfig geben sollte – ganz abgesehen von dem Umstand, dass Richard immerhin acht Jahre älter war als Philippe und nicht gerade dazu neigte, sich von einem Jüngeren etwas vorschreiben zu lassen. Je länger die Truppen auf Sizilien verweilen mussten, weil das Wetter eine Seereise nach Akkon einfach nicht zuließ, desto schlechter wurde das Verhältnis zwischen Richard und Philippe.

Auch die Verhältnisse in England trugen nicht zur Verbesserung der Laune des englischen Königs bei. Er erfuhr durch Boten aus England, dass sein Bruder John, den er als Regenten während seiner Abwesenheit eingesetzt hatte, gegen ihn zu intrigieren begann und sich schon fast selbst als König aufspielte.

Diese Tatsache machte besonders Robin von Locksley zu schaffen. Er hatte sich im Zorn von seinem Vater getrennt, der von Kreuzzügen gar nichts hielt, und machte sich nun große Sorgen um seinen Vater, dessen Ländereien gar zu nah an Nottinghamshire lagen, mit dessen Grafen George von Locksley gar nicht gut auskam. Und ausgerechnet Earl Cedric von Nottingham, Sheriff von Nottingham, und dessen Cousin Guy von Gisborne waren gute Freunde von Prinz John, der seinem Bruder Richard den Thron streitig machen wollte … Robin war die personifizierte Ungeduld, wollte er doch so schnell es ging ins Heilige Land und wieder zurück, um seinem Vater beizustehen. Es verging kein Tag, an dem Robin von Locksley nicht in eine Schlägerei verwickelt war …

Während Philippe und Richard sich auf Sizilien zankten und Uneinigkeit in die Kreuzfahrer brachten, kämpfte vor Akkon unter dem Befehl von Guy de Lusignan und Konrad von Montferrat eine wahrhaft gesamteuropäische Streitmacht aus Franzosen, Engländern, Deutschen, Wengländern, Griechen, Normannen und verbliebenen Christen aus Antiochia, Tripolis und Jerusalem gegen Saladins Armee und die Besatzung von Akkon. Es war seit Oktober 1189 eine doppelte Belagerung, bei der Akkon selbst den inneren Ring bildete, dann folgte der Belagerungsring der Christen, der wiederum von außen her von Saladins Armee praktisch eingeschlossen war, sah man von der freien Seeseite ab.

Während des Sommers 1190 war die französische Vorhut aus der Champagne und Blois gelandet, Friedrich von Schwaben und die Reste seiner Armee, die ihn in Antiochia nicht verlassen hatten, waren am 10. Oktober 1190 vor Akkon erschienen. Beide Kontingente konnten die Christen zwar gut verstärken, aber die Situation war dennoch nicht rosig. Die Enge im zweiten Belagerungsring sorgte für unhaltbare hygienische Zustände und den raschen Ausbruch von Seuchen, auch wenn dieser Ring nicht undurchdringlich war, immer wieder Verstärkungen von Tyrus her herangebracht werden konnten und andererseits Truppen nach Tyrus zur Erholung abgezogen werden konnten.

Die sarazenische Armee war Anfang 1191 schließlich so groß, dass Akkon auf dem Landweg nicht mehr erreicht werden konnte. Die Winterstürme verhinderten eine Versorgung der belagerten Belagerer von See aus und so rafften die sich immer heftiger ausbreitenden Seuchen die christlichen Ritter und Soldaten dahin. Friedrich von Schwaben, Thibaut de Blois und sein Bruder Etienne de Sancerre starben an der heftig grassierenden Malaria und mit ihnen viele andere. Henri de Champagne rang wochenlang mit dem Tod, genas aber zum Glück des schmelzenden französischen Vorhutkontingents. Guy de Lusignan hatte zuweilen das fatale Gefühl, dass diese Belagerung ebenso in einem Desaster enden würde wie die Schlacht von Hattin. Aber immer, wenn dieses Gefühl aufkam, unterdrückte er es schier gewaltsam.

In dieser Situation sah Saladin seine Chance, den Belagerungsring der Christen zu durchbrechen, Akkon zu entsetzen* und vielleicht die Belagerung zu beenden. Am 13. Februar gelang es den Sarazenen, nach Akkon durchzubrechen und die kurz vor dem totalen Zusammenbruch stehende Besatzung entscheidend zu verstärken. Den Christen aber eine solche Niederlage beizubringen, dass sie die Belagerung aufgaben, war Saladin nicht möglich. So entschied er sich, die Seuchen als Verbündeten zu gewinnen und die Christen diesem Feind zu überlassen, gegen den sie praktisch keine Waffe hatten.

Henri de Champagne sandte verzweifelte Botschaften nach Messina, sobald das Wetter es wieder zuließ und die Winterstürme die Schiffe nicht mehr gefährdeten. Eine der Botschaften, die Henri verschickte, war im Namen Thibauts de Blois an Balian von Ibelin gerichtet. Es war Thibauts Testament, in dem ihn beauftragte, seinen Sohn Louis von seinem Tod zu unterrichten, ihm als neuen Grafen von Blois Treue zu schwören – und Balian bat, mit seinen Rittern nach Akkon zu kommen, um dem christlichen Heer mit seiner Erfahrung im Kampf gegen Saladin zu helfen.

Die Differenzen zwischen Richard und Philippe waren zwischenzeitlich so groß, dass die eigentlich der besseren Zusammenarbeit beider Heere dienende gemeinsame Reise auf Sizilien endete. Das französische Heer verließ die Insel im April 1191 getrennt vom englischen in eigenen Schiffen. Die beiden Flotten fuhren auf unterschiedlichen Seewegen. Philippes Flotte kam ohne Zwischenfälle durch und erreichte den Landeplatz bei Akkon am 20. April 1191, eine knappe Woche nach Ostern.

Richard war nicht so viel Glück beschieden. Seine Flotte geriet in einen fürchterlichen Sturm. Einige der Schiffe, darunter auch das Schiff des Königs, konnten Rhodos erreichen, wo sie Zuflucht fanden. Andere Schiffe hatten versucht, dem Sturm davonzufahren, wurden aber bei Zypern von dem Orkan eingeholt; unter diesen Schiffen war auch jenes, mit dem Richards Mutter Eleonore von Aquitanien und seine Verlobte Berengaria von Navarra reisten, die Richard begleiteten. Mit letzter Anstrengung gelang es den Seeleuten, den Hafen von Lemesos* anzulaufen, um dort das Abflauen des Sturms abzuwarten.

Doch das, was geschah, als die Schiffe im Hafen ankerten und die Kapitäne an Land gingen, um Aufenthalt zu erbitten, hatte niemand erwartet: Statt gastliche Aufnahme in einem christlichen Land zu erhalten, wurden die Kapitäne sofort gefangen gesetzt, kaum dass sie ausgesprochen hatten, katholische Kreuzfahrer zu transportieren.

Zypern war viele Jahre lang als Teil des byzantinischen Reiches ein Stützpunkt oder eine Zuflucht für die Kreuzfahrer gewesen, weshalb keiner der Kapitäne auf die Idee gekommen wäre, auf Zypern könnte Gefahr lauern. Doch im Zuge von Thronstreitigkeiten im byzantinischen Reich hatte der noch von Kaiser Andronikus von Byzanz als Statthalter eingesetzte Isaak Komnenos Zypern für unabhängig erklärt, weil er ernsthaft befürchten musste, dass der neue Kaiser Isaak Angelos ihm als mächtigen Verwandten des gestürzten Kaisers nach dem Leben trachten würde.

Isaak Komnenos war mit einer Unabhängigkeit Zyperns nicht bei allen Einwohnern auf Gegenliebe gestoßen, hatte die Insel mit harter Hand regiert und auch die wenigen Katholiken zunehmend unterdrückt, darunter auch Raymond von Tiberias, der lange vor seiner Flucht nach Zypern dort schon Land besessen hatte und deshalb 1187 unmittelbar vor dem Fall Jerusalems endgültig dorthin übersiedelt war.

Dass Isaak Komnenos die katholischen Kreuzfahrer hasste, hatte Gründe. Im Laufe eines Krieges zwischen Armenien und Byzanz war er 1180 samt seiner Familie in armenische Gefangenschaft geraten. Bevor man sich über die Zahlung eines Lösegeldes einigen konnte, starb Kaiser Manuel von Byzanz. Dessen Nachfolger Alexios war minderjährig, und sein Vormund hatte andere Sorgen, als sich um die Gefangenen aus dem byzantinisch-armenischen Krieg zu kümmern. So wurden die in armenischer Gefangenschaft schmachtenden Komnenen schlicht vergessen.

Als Fürst Rubenos III. von Armenien 1182 bei einer der zahlreichen Fehden, die die katholischen Kreuzfahrerstaaten untereinander führten, selbst in Gefangenschaft von Fürst Bohemund III. von Antiochia geriet und angesichts stets knapper Kasse die Familie der Komnenen als Teil des Lösegeldes anbot, kam Isaak Komnenos vom Regen in die Traufe. Bohemund verlangte noch mehr Lösegeld als die Armenier. Isaak selbst wurde 1184 nach Zahlung der Hälfte des Lösegeldes freigelassen, musste aber seine beiden Kinder als Pfand bei Bohemund hinterlassen. Zwar konnte er das restliche Geld auf Zypern zusammenbekommen, doch wurde es unterwegs von Piraten geraubt, und die Kinder des Isaak Komnenos blieben bis 1186 von ihrem Vater getrennt. Isaak hatte dies den katholischen Kreuzfahrern nie verziehen und sah jetzt die Zeit für seine Rache an den Kreuzfahrern gekommen.

Unter den Gefangenen, die Isaak nun machen ließ, waren außer Richards Mutter und seiner Verlobten auch Peter Dubois und Robin von Locksley. Peter war ein entfernter Cousin des Königs, dem Richard besonders vertraute und den jungen Ritter deshalb mit dem persönlichen Schutz der beiden Frauen beauftragt hatte. Wo Peter war, war Robin nicht weit. Mochte Lord Locksleys Sohn auch ein ausgemachter Flegel sein, er war Peter ein treuer Freund – und wenn jemand seinem Freund Peter zu nahe trat, wurde Robin zum Berserker.

Wie die Löwen kämpften die jungen Ritter mit Schwert und Schild um ihr eigenes Leben und die Freiheit der ihnen anvertrauten Frauen, aber Robin hatte eine Schwäche: Er war wohl einer der besten Bogenschützen Englands, doch mit dem Schwert haperte es bei ihm. Nur sein unbändiger Zorn auf die Zyprioten ließ ihn einige Zeit die Oberhand behalten. Die Zyprioten waren zu zahlreich und schließlich lagen die Engländer tot, verwundet oder vom Kampf gegen die Übermacht völlig erschöpft am Boden.

Man schleppte Peter und Robin, die sich als besonders widerspenstig erwiesen hatten, in den tiefsten Kerker von Lemesos.

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Kapitel 18

Wende auf Zypern

Raymond von Tiberias schmachtete als Katholik schon länger in diesem Verlies, als die schwere Tür hinter den beiden Engländern ins Schloss krachte.

„Willkommen, Mylords“, begrüßte Raymond sie. Peter und Robin waren viel zu erschöpft, um die Ironie aus Tiberias’ Worten anzunehmen. Sie ließen sich müde in das schmutzige Kerkerstroh fallen. Raymond schob ihnen den Wasserkrug zu, aus dem die beiden jungen Ritter durstig schlürften.

„Danke, Sir“, keuchte Robin. „Wer seid Ihr?“

„Ich bin Raymond von Tiberias, Titulargraf von Tiberias. Einst war ich Konstabler von Jerusalem, zeitweise auch Bailli von Jerusalem. Seit dem Fall Jerusalems lebe ich hier auf Zypern, aber seit einiger Zeit sind Katholiken hier nicht mehr gelitten. Weil ich mich gegen die Enteignung meines Landes gewehrt habe, sitze ich hier. Und wer seid Ihr?“

Die jungen Ritter erklärten ihm, wer sie waren und wie sie hierhergekommen waren. Sie erzählten ihm auch, dass Richard Unterstützung beim letzten Verteidiger Jerusalems, Balian von Ibelin, gesucht hatte.

„König Richard wollte ihn in Frankreich mitnehmen, aber in dem Dorf, in dem er leben sollte, fanden wir nur einen Mann, der von sich behauptete, er sei nur ein Hufschmied. Richard ist weitergezogen ohne den Mann mitzunehmen“, schloss Peter.

„Wo war das?“, fragte Raymond interessiert.

„Wie heißt das Kaff noch mal? Saint Martin, oder so ähnlich“, warf Robin ein.

„Saint-Martin-au-Bois?“, hakte Tiberias nach.

„Ja, das war der Name.“

Raymond lachte schallend.

„Warum lacht Ihr so fröhlich?“, erkundigte sich Robin. Die Situation hier im tiefsten Kerker war wirklich nicht zu Lachen.

„Der gute Balian hat Euren König ganz schön genasführt!“, jubelte Raymond. „Er hat mit keinem Wort geschwindelt und doch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Grandios!“

„Was meint Ihr, Mylord?“

Raymond wischte sich die Lachtränen ab.

„Nun, ihr Herren, Balian von Ibelin ist ein Hufschmied – aber eben auch der Titularbaron von Ibelin und der Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois“, erklärte er.

„Aber warum …?“

„Nun, ich kenne meinen Freund Balian und weiß, dass er von einem Kreuzzug nichts hält. Er hat Jerusalem geschickt und tapfer verteidigt. Aber er würde nicht für alle Perlen Jerusalems die Heilige Stadt wieder gewaltsam einnehmen wollen. Er war nicht lange hier, aber in dieser Zeit hat er gelernt, dass nicht alle Moslems böse sind und längst nicht alle Christen gut sind. Er ist Güte und Gerechtigkeit in Person; das hat ihm Saladins Achtung eingetragen und ihn neben seiner persönlichen Tapferkeit auch als Verhandlungspartner glaubwürdig gemacht. Saladin war von dem Jungen so angetan, dass er ihm sein komplettes Vermögen, ein Fass Jordanwasser und alle seine Diener nachgesandt hat. Kein anderer Christ hat so ein Ansehen beim Sultan. Für seine jungen Jahre – er ist gerade einunddreißig – ist er ungewöhnlich ruhig, ja weise.“

„Ist er ein guter Ritter?“, fragte Robin. Ein Mann, der Saladin beeindruckte und sich König Richard widersetzte, war interessant.

„Er ist der vollkommene Ritter, ein Mann, der den Rittereid absolut ernst nimmt – im Gegensatz zu vielen anderen Rittern, die Adel und Ritterlichkeit als Geburtsrecht missverstehen, sich aber nicht so verhalten, wie ein Ritter es tun sollte.“

„Ihr sprecht ähnlich wie mein Vater, Mylord. Er meinte, ich sei wohl der Sohn eines Lords, aber damit noch lange kein Ritter. Sagt mir: Was muss ich tun, um ein wirklicher Ritter zu werden?“

„Seid einfach einer, Mylord. Was sagt Euch der Rittereid?“

„Sei ohne Furcht im Angesicht deiner Feinde. Sei tapfer und aufrecht, auf das Gott dich lieben möge. Sprich immer die Wahrheit, auch wenn es deinen Tod bedeutet. Beschütze die Wehrlosen und tue kein Unrecht“, zitierte Robin den Eid des Ritters.

„Und? Haltet Ihr Euch daran?“

„Nun ja … Ich bin für meine Königinmutter und deren künftige Schwiegertochter eingetreten und dafür sitze ich jetzt hier … Insofern behaupte ich schon, tapfer und aufrecht zu sein und die Absicht zu haben, Wehrlose zu beschützen. Mit der Wahrheit nimmt es ja offenbar nicht einmal der vollkommene Ritter ernst …“

Tiberias grinste.

„Oh, nur die halbe Wahrheit zu sagen, ist was anderes als handfest die Unwahrheit zu sagen“, konterte er. „Und was ist mit Unrecht? Wie haltet Ihr es damit?“

„Verzeiht: Was nennt Ihr Unrecht?“, fragte Robin, der es jetzt genau wissen wollte.

„Anderen Leid zuzufügen, Waffenlose anzugreifen, aber auch um des eigenen Vorteils willen einem anderen Nachteile zuzufügen. Balian ist so weit gegangen, dass er das Angebot des Königs ausschlug, dessen Schwester zu heiraten, weil besagte Schwester bereits verheiratet war und deren Ehemann – ein Lump vor dem Herrn, der nichts unversucht ließ, den Frieden des Königs zu hintertreiben – dem Henker zu überantworten.“

„Und? Hat der Kerl es ihm wenigstens gedankt?“

„Nein, er hat versucht, Balian zu vernichten. Aber erst, als er Balian direkt mit dem Schwert angriff, hat der zurückgeschlagen – und auch nur, weil Guy ihm keine andere Wahl ließ.“

Robin sah den alten Grafen mit offenem Mund an, bis er einen Rippenstoß von Peter bekam.

„Mach den Mund wieder zu, sonst erkältest du dir den Allerwertesten“, grinste Peter. Robins Zähne klappten vernehmlich aufeinander.

„Vielleicht erscheint Euch die Frage unverschämt, aber … haltet Ihr für richtig, was Balian gemacht hat?“, hakte Robin nach. Tiberias lächelte versonnen.

„Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment auch nicht verstehen konnte, warum er einen Mann schützen wollte, der ihm nur Steine in den Weg gelegt hat. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass Balian mit seiner Ansicht dem Königreich der Himmel näher war als jeder andere, der mir je über den Weg gelaufen ist. Wenn es einen Ritter im Abendland gibt, von dem jeder noch etwas lernen kann, dann ist es Balian von Ibelin“, sagte Tiberias.

Während Peter und Robin in langen Unterhaltungen mit Tiberias erfuhren, was sie im Heiligen Land erwarten konnte, erhielt Richard von England die Nachricht, was auf Zypern geschehen war. Unverzüglich ließ er seine Schiffe wieder bemannen und Kurs auf Zypern nehmen. Am 6. Mai 1191 landete die englische Flotte in Lemesos, die zornigen Kreuzfahrer eroberten schnell die Hafenstadt und befreiten die Gefangenen.

Königinmutter Eleonore und Berengaria lobten vor König Richard den Mut und die Opferbereitschaft Peters und Robins. Robin, der in letzter Zeit eher Kritik wegen seiner Flegelhaftigkeit hatte einstecken müssen, bekam ob des ungewohnten Lobes rote Ohren.

„Sir Robin, das sind ungewohnte Nachrichten über Euch“, schmunzelte Richard amüsiert, als er Robins Verlegenheit bemerkte. „Ich danke Gott, dass ich es noch erleben darf, dass jemand gut von Euch spricht und nicht nur Eurer gedenkt, weil Ihr ihm auf die Füße getreten seid. Und ich hoffe zuversichtlich, dass dies nicht das letzte Mal war.“

„Ich auch, mein König“, erwiderte Robin. Er hatte ein leises Lächeln im Gesicht, das Raymond von Tiberias sehr an Balian erinnerte. Nach allem, was er in den vergangenen Tagen über Robin von Locksley erfahren hatte, schien die Erfahrung der Gefangenschaft das Tor geöffnet zu haben, an dem bisher alle Erziehungsversuche abgeprallt waren.

„Und Ihr seid also Graf Raymond von Tiberias, der Konstabler Jerusalems bis zu seinem Fall?“, wandte sich Richard an Tiberias.

„Ja und nein, Mylord. Ich war Konstabler bis König Guy mich vor der Schlacht von Hattin absetzte. Königin Sibylla hat nach der Vernichtung des christlichen Heeres bei Hattin dann Balian dieses Amt übertragen. Er war dann bis zur Kapitulation der Statthalter“, erklärte Raymond.

„Der Baron von Ibelin … Er scheint Jerusalem nicht besonders zu vermissen“, bemerkte Richard.

„Nun, für ihn war Jerusalem nicht nur eine Ansammlung von Steinen, sondern eine Idee, Mylord, ein Königreich der Himmel. Und das war für ihn nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern an die Herzen derer, die die Vision Balduins IV. teilten. Konsequenterweise hat er die Menschen von Jerusalem mit seinem Leben verteidigt, nicht die Bauwerke. Nachdem Saladin sie alle gehen ließ, hat er Palästina verlassen und ist nach Frankreich zurückgekehrt“, erwiderte Tiberias.

„Wer könnte diesen Mann überreden, herzukommen und zu helfen, Jerusalem zurückzuerobern?“, fragte Richard. Tiberias konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Saladin, Mylord.“

„Ich habe recht verstanden: Saladin?“, entfuhr es Richard. „Wie kommt Ihr darauf?“

„Weil Balian Saladin geschworen hat, Palästina zu verlassen und nur zurückzukehren, wenn er selbst ihm die Erlaubnis gibt. Balian wird einen Eid niemals brechen.“

Jetzt war es Richard, der grinste.

„Nun, das erklärt mir, weshalb er sich verleugnet hat, der Baron Hufschmied“, lachte der König. Peter und Robin sahen sich betroffen an. Richard hatte Balian also sehr wohl erkannt, ihn aber im Glauben gelassen, er habe sein Spiel nicht durchschaut … Die Achtung, die Richard vor dem Verteidiger Jerusalems hatte, war größer gewesen als sein Verlangen, dass er ihm helfen sollte.

Kaiser Isaak, der mit einem Angriff der Engländer nicht gerechnet hatte, obwohl er von seinen Gefangenen wusste, dass sie nur ein Teil des englischen Kontingentes waren, kam zu spät und mit zu wenigen Truppen, um die Engländer vertreiben oder besiegen zu können. Er musste sich nach Kantara zurückziehen, der Hauptstadt Zyperns. Richard und seine Truppen nahmen rasch die ganze Insel ein und belagerten auch Kantara, unterstützt von den Katholiken der Insel, die Isaak zu lange und zu grob unterdrückt hatte. Anfang Juni sah Isaak ein, dass er gegen die übermächtigen Engländer samt den Inselkatholiken keine Chance hatte und bot die Kapitulation an, unter der Voraussetzung, dass Richard ihn und seine Familie nicht in Eisen legen sollte. Richard akzeptierte die Bedingung – und ließ Isaak samt Familie in Ketten aus purem Silber* legen…

Anfang Juni verließ Richard Zypern, nachdem er sich zum König von Zypern erklärt hatte und ließ Richard von Camville als Statthalter des nunmehr lateinischen Königreichs Zypern mit einer ausreichenden Besatzung zurück.

 

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Kapitel 19

Ein Unglück kommt selten allein

 

Nach Richards Ankunft in Akkon wendete sich dort das Blatt zugunsten der Christen. Schon Philippes Armee hatte einen entscheidenden Impuls geben können, aber das Erscheinen der Engländer verschob das Kräfteverhältnis noch einmal kräftig zugunsten der Kreuzritter. König Philippe hatte Baumaterial für Kriegsmaschinen mitgebracht und hatte die Zeit bis zu Richards Ankunft genutzt, sie bauen zu lassen und damit die Mauern von Akkon berennen zu lassen. Sofern die Belagerungsmaschinen aber Breschen in die Mauern schlugen, bekamen die Christen von beiden Seiten Angriffe – aus der Stadt heraus und Entlastungsangriffe Saladins von außen. Saladin hatte sich die Taktik von Balian von Ibelin gut gemerkt und wandte sie mit ähnlicher Kreativität an wie sein ehemaliger christlicher Kontrahent. Akkon hielt schon lange stand, inzwischen zu lange. Den Kreuzrittern gelang es, die Wasserversorgung abzugraben, sie hatten die Seeherrschaft, womit Akkon von keiner Seite mehr zugänglich war.

Anfang Juli 1191 schien den Sarazenen das Glück noch einmal hold, als Philippe d’Alsace starb. Philippe d’Alsace führte die Kontingente von Flandern und Vermandois, war deshalb ein überaus bedeutender Vasall Philippes von Frankreich, doch er hatte keinen Erben, weshalb eine Neubesetzung dieser Grafschaften erforderlich wurde. Für König Philippe von Frankreich war damit ein Erbfall eingetreten, den er unbedingt in Frankreich selbst regeln musste. Er geriet in zunehmende Zeitnot, was Saladin nicht entging. Der Sultan hoffte und betete inständig, Philippe möge samt seiner Armee verschwinden, doch einstweilen harrte der französische König noch aus, mochte er auch wie auf glühenden Kohlen sitzen.

Nach einem ersten Kapitulationsangebot Akkons am 3. Juli, das von den Kreuzrittern wegen unzureichender Bedingungen abgelehnt wurde, konnte Saladin nicht genügend Truppen für einen massiven Entlastungsangriff sammeln. In einer letzten Nachricht, die am 7. Juli aus der Stadt gebracht werden konnte, kündigte Akkon die Kapitulation an, wenn nicht Hilfe von außen kam. Saladin wusste, dass er nicht helfen konnte, gab den Verteidigern von Akkon die Erlaubnis, zu kapitulieren und musste die Rettung der Stadt aufgeben. Nach einem letzten Ausfall der Verteidiger am 11. Juli nahmen die Belagerer das erneute Kapitulationsangebot am 12. Juli 1191 an. Akkon war gefallen, womit ein geregelter Zugang vom Meer her für die Kreuzfahrer gesichert war.

 

Weit davon entfernt, in Saint-Martin-au-Bois, war der glückliche Stern, unter dem das Jahr 1190 gestanden hatte, offenbar untergegangen. Gaëlle von Ibelin war Ende Januar 1191 schwer krank geworden und auch im März war noch keine Besserung in Sicht. Damit nicht genug, erkrankte auch Jean-Raymond. Die Ärzte, die Balian aus Ibelin und Jerusalem gefolgt waren, taten, was sie konnten, aber Gaëlles und Jean-Raymonds schlimmer Husten widersetzte sich allem, was die Ärzte anwenden konnten.

Sidi, es ist eine schwere Erkältung bei Eurer Gemahlin und Eurem Sohn. Sie sollten reichlich von den Zitrusfrüchten aus Ibelin essen. Ihr wisst, wie gesund sie sind“, empfahl Hassan. Balian nickte bedrückt.

„Was wir nicht haben – sind Zitrusfrüchte“, erwiderte er mit bitterem Ton. In den vergangenen beiden Jahren hatte sich nicht nur die Familie des Vizegrafen in den Wintermonaten täglich mit vier bis fünf Orangen und vielen Datteln versorgen können, nein das ganze Dorf hatte etwas von der exotischen Gesundheit gehabt – und es hatte trotz bitterer Kälte und unangenehmer Nässe keinen Fall von Erkältung gegeben. Dass es einen Zusammenhang zwischen den Zitrusfrüchten und dem Ausbleiben von Erkältungen gab, war ihm klar. Gaëlle hatte ihr ganzes Leben lang Orangen, Zitronen und Datteln im Überfluss gehabt, hatte Erkältung nicht gekannt – was einerseits an dem warmen Temperaturen ihrer Heimat lag, aber auch an dem Genuss dieser gesunden Früchte. Doch die Lieferungen aus Ibelin waren seit einem Jahr nicht mehr gekommen. Balian hatte gleich die Ahnung gehabt, dass es nicht Imads Schuld war, sondern der Kreuzzug dafür verantwortlich war.

Hassan konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, hatte er diesen Satz von Balian doch schon in Ibelin gehört, wenn auch auf Wasser bezogen. Und das Ergebnis kannte er … Balian rieb sich müde die Augen. Seit Tagen hatte er kaum geschlafen, weil Gaëlle meist in der Nacht schlimme Hustenanfälle hatte. Aus dem gemeinsamen Schlafzimmer mochte er aber nicht ausziehen, weil seine Frau ihn einfach brauchte. Die Anfälle erschöpften sie täglich mehr. Seine Nähe gab ihr dann aber immer wieder genügend Kraft, um die Nacht zu überstehen. Und gemeinsam versuchten sie dann, ihr eineinhalbjähriges Söhnchen zu trösten, der gar nicht wusste, wie ihm geschah.

„Wieso nicht, Sidi? Imad ad-Din schuldet Euch doch einen Großteil seines Zehnts in Form von Früchten“, wunderte sich Hassan.

„An Imad liegt es nicht, mein Freund, eher am Kreuzzug meiner Glaubensbrüder. Hier, lies“, erwiderte Balian und zeigte Hassan einen Brief von Imad, in dem er Balian mitteilte, dass seine Karawane nun zum dritten Mal vor Akkon gescheitert war und er ohne einen Waffenstillstand keine Möglichkeit sehe, die geschuldeten Früchte per Schiff nach Marseille oder per Karawane nach Konstantinopel bringen zu lassen. Alle denkbaren Handelswege waren durch die Kreuzfahrer blockiert.

Ich wünschte, Du wärst hier, Shadiq. Selbst wenn Du als Feind herkämest, wäre das Leben in Akkon nicht so unerträglich, wie ich es von dort vernommen habe. Du und Saladin, Ihr würdet hier schnell Frieden schaffen. Balian, mein Freund, ich flehe Dich an: Komm nach Akkon und rede mit dem Sultan und dem Ungläubigen de Lusignan. Nur Du bist in der Lage, hier wieder einen für beide Seiten annehmbaren Frieden auszuhandeln.

Dein sarazenischer Bruder Imad

So schloss das Schreiben des Freundes, der das Gut Ibelin erhalten hatte.

„Was wollt Ihr tun, Sidi? Ihr habt geschworen, nie in den Orient zurückzukehren.“

„Stimmt. Ohne Saladins Erlaubnis können Gaëlle und ich nicht nach Palästina. So krank, wie sie und Jean-Raymond sind, bin ich mir auch nicht sicher, dass sie die Reise überleben würden. Wir müssten jetzt mindestens bis nach Messina auf dem Landweg reisen. Es ist gefährlich, weit und kann zwei Menschen, die ich über alles liebe, das Leben kosten. Ich weiß auch nicht, welchen de Lusignan Imad meint. Guy hatte noch einen Bruder. Ich hoffe, dass er es ist, den Imad meint und dass Guy nicht doch noch lebt. Es würde bedeuten, dass Gaëlle nicht mehr meine Gemahlin ist, dass unser Sohn sogar ein Bastard ist wie ich selbst einer bin. Aber ich kann mir dieses Elend meiner Frau und meines Sohnes auch nicht mehr wirklich lange ansehen. Ich werde Imad schreiben und ihn bitten, beim Sultan eine Reiseerlaubnis zu erwirken, um beide zu retten.“

„Es ist Krieg, Sidi. Als Christ werdet Ihr in al-Quds nicht willkommen sein – oder Eure Glaubensbrüder werden Euch als Verräter betrachten. Besonders de Lusignan, egal welcher“, warnte Hassan.

„Kann sein, aber meine Familie ist mir wichtiger als alles andere, mein Freund. Ich will Gaëlle und Jean-Raymond nicht verlieren, weil ich nicht den Mut hatte, eine solche Reise zu unternehmen. Sei ohne Furcht im Angesicht deiner Feinde, beschütze die Wehrlosen – es ist mein Eid als Ritter, der mich dorthin treibt, wo es Hilfe für meine Familie gibt. Und außerdem … bei Gaëlle bin ich mir auch recht sicher, dass Heimweh dazu beiträgt, dass sie nicht auf die Beine kommt“, erwiderte Balian.

„Wird Eure Botschaft rechtzeitig ankommen?“, fragte Hassan zweifelnd.

„Hassan, manchmal kommen mir Zweifel, dass du aus al-Quds bist …“, grinste Balian. „Imad hat seinem Boten eine Brieftaube mitgegeben. Ich weiß, dass Thibaut de Blois ebenfalls Brieftauben mitgenommen hat. Ich werde dem gefiederten Boten einen kleinen Ausweis mitgeben, mit dem Imads Bote ungeschoren zu Thibaut de Blois kommen kann, damit er mir die Antwort des Sultans schicken kann.“

An der Tür klopfte es. Balian drehte sich um und sah einen Herold im Tappert des Grafen der Champagne in der Tür stehen.

„Willkommen, Herold. Welche Nachrichten bringt Ihr?“, fragte er.

„Zunächst wenig schöne Nachrichten. Heute ist eine Brieftaube meines Herrn Henri de Champagne angekommen. Er sendet Euch die traurige Botschaft, dass sein Bruder, Graf Thibaut de Blois, im Feldlager vor Akkon an der Malaria verstorben ist. Und ich habe das hier für Euch, von Graf Thibaut de Blois an Euch persönlich, Mylord“, sagte der Herold und händigte dem Vizegrafen ein kleines Schreiben aus, dass offenbar von einer Brieftaube befördert worden war.

„Danke“, sagte Balian, nahm dem Boten das Schreiben ab und faltete es auseinander.

 

Mein lieber Balian, mit mir geht es zu Ende. Die Malaria rafft mich dahin. Wenn Ihr dieses Schreiben erhaltet, bin ich bereits tot. Behaltet mich in Erinnerung als einen Herrn, der Euch als Vasallen geliebt hat. Wenn ich Euch Ungemach bereitet habe, bitte ich Euch um Vergebung. Mein Sohn Louis ist der Erbe meiner Grafschaft, und ich fordere Euch auf, ihm als neuem Grafen Treue zu schwören. Wenn Ihr das getan habt, dann kommt her und rettet dieses Land. Es ist Euer Land, Balian! Vergesst das nicht! Ich habe Euer Wappen hier gesehen, und es gehört einfach hierher, wie Ihr auch. Ibelin schreit nach Euch, mein Freund – schon wegen dieses elenden de Lusignan. Thibaut“

 

Unbewusst knüllte Balian das Schreiben Thibauts zusammen, als sich alles in ihm zusammenkrampfte. Ibelin … Sein geliebtes Ibelin. Er sehnte sich danach, nach dem gemütlichen Herrenhaus, in dem stets die Türen offen gewesen waren, nach dem Arbeitszimmer mit Ruhebereich, nach der Terrasse und dem Ruf des Muezzins am frühen Morgen … nach Palmen und den Orangen, die er einfach nur vom Baum pflücken musste, noch warm von der Sonne … Ihm lief das Wasser im Mund zusammen, wenn er daran nur dachte.

„Wartet eine Stunde, Herold, ich werde Euch Antwort mitgeben“, sagte er und verließ den Rittersaal. 

 

Balian war eigentlich ein leiser Mensch, aber jetzt sprang er zwei Stufen auf einmal nehmend in das obere Geschoss, wo die Gemächer der Grafenfamilie lagen. Gegen seine Gewohnheit riss er die Tür zu Gaëlles Kemenate auf, dass sie erschrocken von ihrem Diwan hochfuhr.

„Oh, du bist es, Liebster“, keuchte sie erschrocken.

„Verzeih mir, Liebling“, bat er um Entschuldigung und setzte sich zu der arg geschwächten Gaëlle. Er nahm sanft ihre Hand, die trotz der Wärme, die das Kaminfeuer verbreitete, kalt war.

„Wie geht es dir?“

„Ich fühle mich schrecklich. Aber Jean-Raymond geht es etwas besser.“

Er nickte und küsste sie zärtlich.

„Gaëlle … fühlst du dich gut genug, um ins Heilige Land zu reisen?“, fragte er leise. Sie sah ihn verblüfft an.

„Wohin? Ich habe mich verhört, oder?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, hast du nicht. Ich möchte dich und Jean-Raymond nach Ibelin bringen. Hassan ist der Ansicht, dass du und Jean-Raymond reichlich Zitrusfrüchte essen solltet. Imad konnte aber keine schicken, weil der Krieg die Handelswege blockiert. Unsere Vorräte sind erschöpft. Und … außerdem …“

Sie strich ihm sanft über das Gesicht.

„… hast du doch nicht etwa selber Heimweh nach Ibelin?“, fragte sie mit einem mühsamen, aber verschmitzten Lächeln. Er lächelte schief und nickte.

„Du wirst doch nicht etwa aus Eigensucht deinen Eid brechen?“, spöttelte sie. Von jedem anderen wäre das Wort „Eigensucht“ eine üble Beleidigung für Balian gewesen, aber bei Gaëlle wusste er genau, dass sie ihn nur necken wollte. Wenn sie schon wieder dabei war, ihn necken zu wollen, konnte es ihr nicht mehr ganz so schlecht gehen wie in der letzten Zeit. 

„Imad bettelt geradezu, dass ich komme. Graf Thibaut ist verstorben und hat mir als seinen letzten Willen aufgegeben, nach Palästina zu kommen. Imad und Thibaut schreiben etwas von einem de Lusignan. Ich weiß nicht, ob es Guy ist oder sein Bruder“, sagte er leise. „Aber … davon abgesehen … du weißt, dass ich für dich und unseren Sohn mit dem Teufel persönlich raufen würde.“

„Ja“, flüsterte sie und streichelte sanft sein bärtiges Gesicht. „Das weiß ich. Ich habe es gesehen, mein Liebster – vor Kerak und in Jerusalem. Wenn du bei mir bist, brauche ich vor Guy keine Angst zu haben, sollte er noch leben. Es … es wäre ein Geschenk, Jerusalem noch einmal sehen zu können.“

„Dann werden wir aufbrechen, sofern ich Nachricht habe, dass wir passieren können. Ich sende eine Brieftaube an Imad.“

 

Henris Herold zog mit der Botschaft Balians an den neuen Grafen Louis de Blois ab, dass er ihn als seinen neuen Herrn anerkenne und den Treueschwur, den er Thibaut geleistet hatte, auf ihn als Erben übertrage. Gleichzeitig bat er Louis um Erlaubnis, ebenfalls ins Heilige Land reisen zu dürfen.

Dann präparierte der Vizegraf Imads Brieftaube mit einem kurzen Brief an den fernen Freund, dem er einen Passierschein mit seinem Siegel beifügte, damit ein Bote Imads ungefährdet den Grafen de Champagne aufsuchen konnte. Balian ließ die Taube vom Söller der Burg fliegen und sah ihr lange nach. Sollte es möglich sein, dass er samt seiner Familie Ibelin einen Besuch abstatten konnte, ohne in die Kämpfe und Intrigen verwickelt zu werden?

 

 

 

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Kapitel 20

Geh dorthin, wo man italienisch spricht …

 

Wochen vergingen, ohne dass Balian Nachricht bekam, dass er ungefährdet reisen konnte. Unter diesen Umständen konnte er weder seiner Frau noch seinem Sohn die Reise nach Jerusalem oder wenigstens Ibelin zumuten. Hassan hatte es aber mit viel Mühe und hoher ärztlicher Kunst geschafft, die hartnäckige Erkältung Gaëlles und Jean-Raymonds so in den Griff zu bekommen, dass ihr Leben nicht mehr bedroht war. Jetzt war es kurz vor Ostern, und Gaëlle befürchtete, dass Balian mit der Besserung in ihrem und Jean-Raymonds Befinden und dem Nahen der warmen Jahreszeit seine Reisepläne aufgegeben hatte.

„Balian?“, fragte sie an diesem Morgen.

„Hmm?“, brummte er und kraulte seine Frau verliebt im Nacken.

„Jean und mir geht es besser. Was wird jetzt aus Ibelin?“

„Wir reisen, sofern die Möglichkeit besteht“, erwiderte Balian mit geschlossenen Augen. „Das habe ich dir versprochen.“

„Obwohl es nicht mehr nötig wäre?“

„Wer sagt das?“, erwiderte er. „Nein, du bist noch lange nicht gesund, mein Liebling. Und wir müssen sicherstellen, dass wir den nächsten Winter besser überstehen. Wenn Imad keine Früchte schicken kann, dann werden wir welche holen.“

„Und außerdem Ibelin wieder sehen?“

„Und außerdem Ibelin wieder sehen“, bestätigte er lächelnd, zog seine Frau an sich und küsste sie.

 

Wenige Tage später, es war Ostersonntag, der 14. April 1191, flog Balian eine Brieftaube im Burghof entgegen und landete direkt vor seinen Füßen.

„Grüß dich, kleiner Federbote. Was hast du mir mitgebracht?“, murmelte der Vizegraf und hob die Taube vorsichtig hoch. In einer kleinen Büchse am linken Fuß war eine Nachricht, die er herausnahm und aufrollte. Fast hätte er die Nachricht erschrocken fallen gelassen, erkannte er doch das Siegel des Sultans Saladin höchstpersönlich. Er brachte die Taube zum Schlag und rief Mathieu, der gerade im Hof war.

„Mylord?“, meldete sich Almarics Sohn mit einer leichten Verbeugung.

„Mathieu, bist du bitte so gut, diesem Täubchen Wasser und Futter zu geben?“

„Ja, Sidi“, bestätigte der Junge und beeilte sich, die Bitte seines Herrn zu erfüllen.

 

Balian eilte mit der Nachricht aus Palästina in sein Arbeitszimmer und las sie dort aufmerksam durch. Sie war in arabischer Schrift und lateinischen Buchstaben geschrieben.

 

Saladin, Beherrscher aller Gläubigen, grüßt Balian ibn Godfrey, Hakim Ibelin. Ihr habt gewiss vernommen, dass Eure Brüder erneut gegen den Islam zu Felde ziehen und niemanden ungeschoren lassen, der auch nur den Anschein erweckt, sich zu Allah und seinem Propheten Mohammed zu bekennen. Euer Banner habe ich unter den Kreuzrittern nicht entdeckt und sehe mit Freude, dass Ihr Euren Schwur haltet, Palästina nicht mehr zu betreten. Doch ich habe von Imad ad-Din erfahren, dass Ihr darum gebeten habt, Jerusalem als friedlicher Pilger aufzusuchen. In Frieden seid Ihr jederzeit willkommen, Hakim Ibelin, wenn Ihr das Land wieder verlasst, nachdem Ihr Eure Pilgerpflicht erfüllt habt. Es ist Euch gestattet, bewaffnet zu reisen, da die Reise viele Gefahren birgt. Im Übrigen vertraue ich auf Euren Schwur, nie wieder gegen die Gläubigen Allahs das Schwert zu erheben. Das beiliegende Siegel ist Euer Schutz, wenn Ihr das Gebiet erreicht, das zu meinem Reich gehört. Allah sei mit Euch.

Saladin

P.S.: Was hältst du von einem Besuch in Ibelin, Shadiq? Imad

 

Balian konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er wusste nur zu gut, dass Imad beide Schriftarten beherrschte, wie er auch fließend Überseefranzösisch sprach. Nicht, dass Saladin nicht in der Lage gewesen wäre, zu schreiben, aber ein Mann in seiner Position ließ schreiben und tat es nicht selbst. Diese Botschaft war ein echtes Ostergeschenk. Balian rief gleich alle Ritter Ibelins und seine Familie zusammen.

„Meine Freunde“, eröffnete er, „ich weiß, wie schwer es euch allen gefallen ist, Jerusalem zu verlassen. Umso dankbarer bin ich euch allen, dass ihr Gaëlle und mir hierher gefolgt seid. Nachdem Gaëlle und Jean-Raymond so krank waren, habe ich an Imad ad-Din geschrieben und um Erlaubnis gebeten, Jerusalem als friedlicher Pilger aufsuchen zu dürfen. Trotz des Krieges hat Saladin uns die Erlaubnis gegeben. Wer von euch in Frieden und für einen Besuch mitkommen möchte, kann mitkommen. Ich brauche nur zwanzig Bewaffnete, die hier in Saint-Martin-au-Bois für Ordnung sorgen, solange wir fort sind. Wer möchte mit, wer bleibt hier?“

Die Männer sahen sich verblüfft an.

„Ihr … Ihr meint, dass wir nach Jerusalem reisen, vielleicht nach Ibelin, Mylord?“, fragte Georg vorsichtig.

„Ja, richtig“, bestätigte Balian.

„Gott weiß, wie gern ich dort war, aber ich kann jetzt nicht weg. Jeanne wird im Sommer unser erstes gemeinsames Kind zur Welt bringen. Sie kann nicht reisen. Und ohne meine Gemahlin gehe ich nicht nach Jerusalem. Ich werde für Euch hier wachen, Balian“, erklärte der junge Ritter.

„Ich bin dort geboren, wie du weißt; aber auch Aline erwartet ihr zweites Kind im Sommer. Ich lasse sie nicht allein. Georg braucht noch jemanden, der ihm hier hilft. Grüß mir Samaria, wenn du dorthin kommst“, meldete sich Pierre. Balian nickte.

„Ich komme mit dir und Michel auch – samt Familie“, grinste Almaric.

„Obwohl es so ein trockener und staubiger Ort ist?“ neckte Balian seinen Hauptmann.

„Deswegen“, lachte Michel.

„Ist das wahr? Wir dürfen nach Jerusalem reisen, Onkel Balian?“, fragte Martin mit leuchtenden Augen. Balian nickte nur. Martin und Mathieu sahen sich an und begannen einen Freudentanz. Martin, weil er Jerusalem unbedingt kennen lernen wollte, Mathieu, weil er gerade im Winter schreckliches Heimweh nach Ibelin hatte und der Sommer in Frankreich auch nicht das war, was der in Palästina geborene Junge für Sommer hielt.

 

Schon drei Tage später waren die Vorbereitungen für die weite Reise abgeschlossen. Fünfzig von Balians hundert Männern ritten als langer Zug aus der Burg, der zehn Wagen begleitete, in denen die Familien der Ritter und Soldaten reisten, die mitkommen wollten. Bischof Guillaume winkte seinem Enkel und dessen Begleitern noch lange nach.

Gaëlle und Jean-Raymond reisten im ersten Wagen. Zwar wäre sie am liebsten geritten, aber soweit waren ihre Kräfte noch nicht wieder. Doch ihr Pferd lief angebunden an ihrem Wagen, damit sie reiten konnte, wenn sie sich kräftig genug fühlte.

Der Weg führte die Ibeliner bis Lyon den gleichen Weg, den Balian sieben Jahre zuvor mit den Männern seines Vaters gezogen war. Jetzt allerdings wollte er von Marseille aus segeln, was eine lange Landreise ersparte, weshalb sie von Lyon aus dem Rhônetal folgend nach Süden zogen. Sie erreichten die Hafenstadt vier Wochen nach ihrem Aufbruch. Doch in Marseille erfuhren sie, dass sie wenigstens zwei Monate warten mussten, bevor wieder Schiffe von dort aus in das östliche Mittelmeer fahren würden. Ein Kaufmann, der mit dem Orient Handel trieb, wenn nicht wie jetzt gerade Krieg den Handel unmöglich machte, gab Balian den Rat, nach Genua weiterzuziehen, das an der Küste entlang in knapp zehn Tagen erreichbar war.

Nach zwei Tagen Pause, die sie nutzten, um ihre Vorräte zu ergänzen und auch schon die ersten Zitrusfrüchte zu beschaffen, brachen die Ibeliner am 17. Mai 1191 gen Genua auf. Der Weg dorthin führte durch die Markgrafschaft Montferrat, deren Markgraf Gaëlles erster Gemahl Guillaume gewesen war. Gaëlle hielt es für eine Höflichkeit, dass sie ihre ehemaligen Schwiegereltern besuchte, wenn sie schon in der Gegend war. Zudem bot eine Rast in Casale Monferrato Gaëlle und Jean-Raymond die Möglichkeit für eine Erholung von den Strapazen der langen Reise. .

Judith und Guillaume von Montferrat empfingen die ehemalige Schwiegertochter und ihren jetzigen Gemahl freundlich.

„Seid willkommen, edle Sibylla!“, begrüßte Guillaume sie und umarmte sie. „Wir haben von Eurem Unglück gehört. Wir trauern noch immer um unseren Sohn.“

Gaëlle zuckte zusammen, als ihr ehemaliger Schwiegervater sie mit ihrem ersten Namen ansprach, den sie abgelegt hatte, um vor einem eventuell noch lebenden Guy de Lusignan sicher zu sein.

„Euer Sohn war mir ein guter Gemahl, der mir das kostbarste hinterließ, was ein Mann seiner Gemahlin hinterlassen kann: Seinen Sohn. Aber …“

Der alte Markgraf sah seine frühere Schwiegertochter voll Mitleid an.

„Auch das wissen wir, Sibylla. Wir leiden mit Euch. Ich hätte meinen Enkel gern gesehen, aber die Zeiten sind nicht so. Und die entsetzliche Krankheit, die schon Euren Bruder dahinraffte und auch unseren Enkel tötete, verbreitet sich schneller und erbarmungsloser als die Heiden“, sagte er. „Was führt Euch von Frankreich hierher?“, fragte er dann.

„Wir sind auf dem Weg ins Heilige Land“, antwortete Balian.

„Ihr … seid auf dem Kreuzzug?“, fragte Judith Balian. Der Baron schüttelte den Kopf.

„Nein. Als ich Jerusalem gegen Saladin aufgeben musste, haben Gaëlle und ich geschworen, nie wieder ins Heilige Land zurückzukehren, es sei denn, der Sultan erlaubt es uns. Weil sie und unser Sohn sehr krank waren, haben wir von Sultan Saladin die Erlaubnis zu einer friedlichen Pilgerreise erhalten“, antwortete er.

„Gaëlle?“, wunderte sich Guillaume.

„Ja, ich habe aus ganz bestimmten Gründen meinen zweiten Namen als Rufnamen angenommen. Solltet Ihr meine Anwesenheit hier jemanden gegenüber erwähnen, wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr mich als Gaëlle erwähnen würdet“, erwiderte sie. Guillaume nickte. Hofintrigen waren im Heiligen Land eher Normalität als Ausnahme. Sie würde ihre Gründe haben, weshalb sie ihren zweiten Namen nun bevorzugte.

„Das werden wir“, versprach er. „Aber … wenn Ihr nicht auf dem Kreuzzug seid, weshalb reist Ihr bewaffnet?“, wunderte er sich dann. Balian lächelte verbindlich.

„Reisen ist gefährlich. Der Sultan weiß das und hat uns erlaubt, bewaffnet zu reisen.“

„Ich hoffe, Ihr schließt Euch wie mein Sohn Konrad den Kreuzrittern an“, sagte der Markgraf. „Er ist kurz nach Eurer Niederlage nach Tyrus gereist. Er hat die Stadt halten können. Wieso konntet Ihr Jerusalem nicht halten?“

„Weil es keine Armee mehr gab, die das hätte tun können. König Guy hat die Blüte der Ritter Jerusalems in der Schlacht bei Hattin verloren. Es gab nur noch die Einwohner Jerusalems, hauptsächlich Frauen, Kindern, halbwüchsige Knaben und Greise. Die Stadt war nicht zu halten. Wir konnten nur hoffen, lange genug standzuhalten und den Sarazenen solche Verluste beizubringen, dass sie uns gehen ließen. Das ist uns gelungen. Saladin hat dabei fast die Hälfte seiner Truppen verloren. Das könnte Eurem Sohn geholfen haben, Tyrus zu halten“, erwiderte Balian. Guillaume lächelte.

„Ihr versteht es, noch aus einer Niederlage einen Sieg zu machen, Baron Balian. Wenn Ihr ins Heilige Land kommt, solltet Ihr mit Konrad reden. Ihr könntet ihm manch guten Rat geben, denke ich. Kommt, ruht Euch aus.“

 

Die Reisenden blieben drei Tage bei Gaëlles früheren Schwiegereltern, dann reisten sie weiter. Beim Abschied erbat Judith von Montferrat eine kleine Erinnerung an ihren verstorbenen Enkel. Gaëlle dachte einen Moment nach. Sie hatte noch immer Balduins kleinen Bleiritter. Nach Balduins Tod hatte sie sich bis zur Kapitulation Jerusalems buchstäblich daran festgehalten. Sie hatte den kleinen Ritter nicht gleich mitgenommen. Saladin hatte ihn ihr mit einigen anderen persönlichen Dingen nach Zypern nachgesandt – mit einem freundlichen Brief, dass er das Andenken an ihren Bruder und ihren Sohn in Ehren halten werde. Eigentlich hatte sie den kleinen Bleiritter an Jean-Raymond weitergeben wollen, aber sie spürte, dass ihre früheren Schwiegereltern das Spielzeug ihres Enkels höher schätzen würden, als Jean-Raymond, der von seinem verstorbenen Halbbruder nichts wusste. Die Großeltern Balduins nahmen den kleinen Ritter, in den Balduins Name eingraviert war, tief gerührt entgegen und wünschten Gaëlle, Balian und ihren Begleitern Gottes Segen für die weitere Reise.

 

Am 31. Mai erreichten die Ibeliner dann Genua. Doch auch von hier gab es noch immer keine Passage ins Heilige Land. Kaufleute rieten dazu, über Messina zu reisen, von wo jetzt wieder verstärkt Schiffe fuhren, waren doch gerade einen guten Monat zuvor die Kreuzfahrer unter König Philippe von Frankreich nach Akkon aufgebrochen.

Die Ibeliner verbrachten Pfingsten, den 2. Juni 1191, noch in Genua, dann brachen sie wieder auf. Balian kannte den Weg an der Küste des Ligurischen und Tyrrhenischen Meeres entlang über Rom und Neapel, dem sie zunächst bis Pisa folgten, das sie fünf Tage später erreichten. Müde ruhten sie in Pisa aus, verpflegten sich neu. Almaric und Michel erfuhren von einem Kaufmann, dass Burggraf Paolo d’Arezzo selbst eine Expedition nach dem Heiligen Land plante und bekamen den Tipp, sich doch dem Grafen d’Arezzo anzuschließen.

„Wie kommen wir zu dem Grafen?“ fragte Almaric.

„Zieht den Arno aufwärts nach Florenz, folgt dann dem Fluss weiter aufwärts. Ihr kommt an eine Flussmündung, dort biegt Ihr rechts ab und folgt weiter dem Arno flussaufwärts. Dann kommt Ihr nach Arezzo selbst, das Ihr schon vom Tal aus sehen könnt. Vier oder fünf Tage solltet Ihr für den Weg rechnen“, erklärte der Kaufmann.

„Sollten wir nicht in Livorno auf ihn warten?“, warf Michel ein.

„Nein, er will von der Adriaküste aus fahren. Seht, er braucht mindestens fünf Tage hier hinunter und nach Livorno, ebenso lang nach Ancona, von wo aus er reisen will. Aber von hier aus braucht das Schiff fast zwei Tage länger nach Akkon. Da lohnt sich der Aufwand, über die Apenninen nach Ancona zu ziehen.“

Die beiden führenden Soldaten Ibelins dankten dem Kaufmann und brachten eilig die Nachricht zu Balian.

„Nach Messina sind wir noch mindestens vier Wochen unterwegs, wenn nichts dazwischen kommt. Mitten in der heißesten Zeit vier Wochen durch Italien nach Süden oder noch mal zehn Tage quer über die Apenninen – da fällt die Wahl wohl nicht schwer“, sagte Balian. „Wir ziehen nach Arezzo und hoffen, dass Graf Paolo uns mitnimmt“, entschied der junge Vizegraf.

 

Sie brachen am Morgen des 7. Juni auf und erreichten Florenz am Nachmittag des 8. Juni, wo sie die Sonntagsmesse besuchten. Dann zogen sie am Montagmorgen weiter und kamen in Arezzo am Nachmittag des 12. Juni an. In der Stadt schien große Aufregung zu sein. Ein Soldat, der wie so viele Christen das ehemalige Königreich Jerusalem nach dem Fall der Stadt Jerusalem hatte verlassen müssen, erkannte das Kreuzwappen Ibelins und rannte eilig zur Burg, um den Burggrafen zu alarmieren.

„Herr, Ihr glaubt es nicht: Der Baron von Ibelin ist in Arezzo!“, keuchte er.

„Was? Der berühmte Balian von Ibelin? Ich will ihn begrüßen, wie es sich für einen so bedeutenden Herrn gehört!“, erwiderte Paolo und eilte hinaus.

Auf dem Hauptplatz von Arezzo standen die Ibeliner, neugierig beäugt von den Bürgern und den Stadtoberen, als der Burggraf kam. Respektvoll machte man ihm Platz.

„Seid Ihr tatsächlich Balian von Ibelin, der berühmte Verteidiger Jerusalems?“, platzte Paolo heraus. Balian lächelte.

„Ich bin Balian von Ibelin, Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois. Es ist zutreffend, dass Jerusalem unter meinem Kommando stand, als es gegen die Übermacht Saladins aufgegeben werden musste“, bestätigte er.

„Es ist mir eine Ehre, Euch in dieser Stadt empfangen zu dürfen“, erwiderte Paolo und verneigte sich.

„Danke. Wer seid Ihr?“

„Paolo d’Arezzo, Burggraf von Arezzo im Dienste der Konsuln von Arezzo“, stellte sich der Burggraf vor. Balian stieg vom Pferd und nahm den Helm ab.

„Meine Gemahlin, meine Männer und ich sowie unsere Familien sind auf dem Weg ins Heilige Land“, stellte er seine Begleiter vor..

„Habt ihr es gehört? Der Baron von Ibelin kehrt nach Jerusalem zurück!“, schrie Paolo begeistert. „Ein Hoch auf den Baron von Ibelin!“

Balian versuchte die Hochrufe zu ignorieren, aber er hatte nicht mit Gaëlle gerechnet, die die Menge geradezu ermunterte, ihrem geliebten Gemahl zuzujubeln. Er hob die Hände, um die Leute wieder zu beruhigen.

„Graf Paolo, wir sind nicht auf dem Kreuzzug!“, bremste er, als er sich Gehör verschaffen konnte. Paolo sah ihn mit offenem Mund an.

„Was? Die halbe Christenheit ist unterwegs, um Jerusalem aus der Hand der Heiden zu befreien – und ausgerechnet Ihr nicht?“

„Ich bin ein Ritter und habe geschworen, kein Unrecht zu tun. Einen Eid zu brechen, wäre Unrecht. Als ich das Heilige Land nach der Kapitulation verlassen musste, habe ich den Eid geleistet, nie wieder zurückzukehren – es sei denn mit ausdrücklicher Erlaubnis des Sultans. Eine solche Erlaubnis habe ich, jedoch nur für eine friedliche Pilgerfahrt. Und deshalb gehen wir nicht als Kreuzfahrer ins Heilige Land, sondern als wirkliche Pilger“, entgegnete Balian mit einem freundlichen Lächeln.

„Ein Kreuzzug ist eine Pilgerfahrt!“, schaltete sich ein kirchlicher Würdenträger ein. „Es erstaunt mich, dass ich gerade Euch daran erinnern muss.“

Balian sah den Kirchenmann geradeheraus an.

„Ist das so?“, fragte er bissig. „Hochwürden, gerade in Jerusalem sind mir Vertreter Eures Standes begegnet, für die alles heilig war, was ihnen selbst diente und die alles als Willen Gottes bezeichneten, was ihnen gerade passte. Dafür werden auch schon mal Begriffe verdreht, wie es gerade hinkommt. Pilgerfahrt ist eine Reise an heilige Stätten mit friedlichen und frommen Absichten. Ein Kreuzzug ist ein Kriegszug und damit alles andere als friedlich, mag es auch darum gehen, Christen wieder Zugang zu heiligen Orten in Palästina zu verschaffen“, versetzte er. „Wenn Ihr und Eure Männer nach Palästina reist, in der Absicht, es zurückzuerobern, mag das so sein, und ich wünsche Euch Erfolg. Gott schütze Euch. Wir haben Frieden beschworen und werden ihn halten. Gewährt Ihr uns eine Mitfahrgelegenheit auf Euren Schiffen?“, wandte er sich dann wieder an Graf Paolo.

„Ja, doch werden meine Schiffe Kreuzfahrer bevorzugt transportieren. Es könnte Verzögerung für Euch bedeuten. Erklärt Ihr Euch bereit, uns als Kreuzfahrer zu begleiten, fahrt Ihr mit dem ersten Schiff“, erwiderte der Burggraf. „Überlegt es Euch. Wir ziehen nach der Messe am Sonntag nach Ancona.“

 

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Kapitel 21

… dann geh weiter, bis man etwas anderes spricht

 

Balian und die Ibeliner bekamen einen guten Lagerplatz außerhalb der Stadt zugewiesen, wo auch die meisten anderen Ritter samt Gefolgen lagerten, die sich d’Arezzos Expedition anschließen wollten. Nachdem sie ihre Zelte aufgebaut hatten, rief Balian die Männer zu sich und Gaëlle ans Feuer.

„Freunde, ihr habt es gehört: Wer als Kreuzfahrer reisen will, fährt zuerst; wer in Frieden kommen will, wird auf die lange Bank geschoben. Wir alle haben einmal versprochen, nicht als Feinde nach Jerusalem zurückzukehren. Ich bin Ritter und bin an den Eid gebunden, den ich geleistet habe. Ich stelle allen frei, die keinen solchen Eid geleistet haben, sich Paolo d’Arezzo anzuschließen und früher im Heiligen Land anzukommen“, sagte er.

„Balian, wir alle vermissen unsere Heimat, die Jerusalem nun einmal war. Außer dir und deinem Sohn Jean-Raymond sind wir alle dort geboren. Aber deshalb werden wir nicht wortbrüchig werden. Außerdem – ich bin ebenso ein Ritter, denn du hast mich in Jerusalem zum Ritter gemacht, und ich diene dem Ritter, der allen anderen ein Vorbild sein sollte“, sagte Michel. Almaric nickte beifällig.

„Gaëlle?“, fragte Balian.

„Natürlich möchte ich lieber heute als morgen dort sein, das will ich nicht verhehlen. Aber so wie du habe ich ein Versprechen gegeben. Als ich es gab, war ich Königin von Jerusalem – und eine Königin ist an ihren Eid ebenso gebunden wie ein Ritter“, sagte sie und legte ihm vertraulich eine Hand auf dem Arm. Balian nickte mit einem scheuen Lächeln. Es war geklärt, Ibelin würde sich nicht an einem Kreuzzug beteiligen.

 

Wie von Paolo d’Arezzo geplant, brach das Heer mit Gefolge und friedlichen Mitreisenden am Sonntag, dem 16. Juni 1191 von Arezzo aus auf und machte sich auf den Weg über den Apennin, vorbei am Lago di Trasimeno, über Perugia nach Ancona. Der Weg war zum Teil steil und trotz guter Saumtiere sehr gefährlich. Der Burggraf von Arezzo reiste praktisch mit seinem gesamten Haushalt, nachdem die Konsuln von Arezzo der Übertragung der Burggrafenrechte auf einen Vetter von Paolo zugestimmt hatten.

„Es scheint, als wolltet Ihr nicht zurückkehren“, mutmaßte Balian. Paolo lächelte.

„Ihr habt es erfasst, Vizegraf Balian. Seht, der Adel hat in der Toskana nicht mehr viel zu sagen. Die Bürger übernehmen zunehmend die Herrschaft – Arezzo mit seinen Konsuln ist kein Einzelfall. Ich bin nur noch ein Knecht der Stadtregierung gewesen. Als Adliger will ich allenfalls einem König dienen, aber keinem gemeinen Bürger“, brummte Paolo.

„Der Rittereid verlangt, die Wehrlosen zu schützen. Wer anders als Bürger und Bauern ist das?“, fragte Balian mit leichtem Lächeln.

„Ritter und Adel ist noch zweierlei, Vizegraf“, gab Paolo zu bedenken.

„Ist das so?“, fragte Balian mit schelmischem Grinsen. „Adlig kann man durch Geburt werden oder durch den Ritterschlag. Ich halte eine adlige Geburt für ebenso verpflichtend wie den erworbenen Ritterschlag. Denn irgendwann wurde mal einer Eurer Vorfahren in den Adelsstand erhoben – um die Wehrlosen zu beschützen. Denkt daran“, warnte er.

„Und Ihr – wollt Ihr etwa wieder nach Frankreich zurückkehren?“ fragte Paolo, ohne auf Balians Worte einzugehen.

„In der Tat. Mir geht es nur um die endgültige Genesung meiner Gemahlin und unseres Sohnes. Wie gesagt: Wir sind nicht auf dem Kreuzzug“, entgegnete Balian.

„Eure Gemahlin ist doch von dort, oder nicht?“

Balian nickte.

„Dann frage ich mich, wie Ihr sie dazu überreden wollt, ihre Heimat wieder zu verlassen“, grinste der Italiener.

„Wir halten uns an unsere Versprechen, Graf Paolo“, versetzte Balian. Paolo nickte.

„Ihr seid nie in Hofintrigen verstrickt gewesen, oder?“, fragte der Burggraf.

„Kommt darauf an, was Ihr als solche bezeichnet. Am Hof König Balduins traf ich Guy de Lusignan und Reynald de Châtillon. Beide waren Musterbeispiele, wie ein Ritter sich nicht verhalten soll.“

„Ihr missversteht mich, Vizegraf Balian. Ich meine nicht Ritter, die dem Rittereid zuwiderhandeln. Ich meine die richtigen Hofschranzen, die nie als Kämpfer in Erscheinung treten, die im Hintergrund die Fäden ziehen – Berater, Kanzler, Baillis, Grafen und was weiß ich für Titelträger und natürlich Prinzessinnen. Jene, die versuchen, andere durch Winkelzüge um ihren Lohn zu bringen; die falsche Anschuldigungen erheben. Dafür, mein Freund, sind Frauen am Hofe immer gut. Und glaubt mir: Böte sich für Eure Gemahlin die Möglichkeit, in Jerusalem zu bleiben, sie würde es tun, ohne mit der Wimper zu zucken. Müsste sie Euch dafür aufgeben, sie täte es sofort.“

„Graf Paolo, Ihr sprecht von meiner Gemahlin!“, grollte Balian. Seine braunen Augen wurden eine Schattierung dunkler.

„Ihr glaubt mir nicht, und das ist begreiflich, denn Ihr liebt Eure Frau, was kaum die Regel ist. Ihr wisst Euch von ihr geliebt, was noch viel weniger die Regel ist. Aber ich traue Frauen nicht über den Weg. Manche spielen die liebende Gattin überzeugend, bis sie ihr wahres Gesicht zeigen.“

„Mag sein. Vielleicht habt Ihr entsprechende Erfahrungen gemacht. Aber wagt es nie wieder, das in meiner Gegenwart von meiner Gemahlin anzunehmen“, versetzte Balian eisig.

„Vielleicht habt Ihr Recht, denn Ihr kennt sie gut. Ich biete Euch eine Wette an: Wenn Eure Gemahlin Euch ohne zu zögern wieder nach Frankreich folgt, zahle ich Euch tausend Livres**. Findet sie Ausreden und will bleiben, bekomme ich tausend von Euch. Topp?“

„Sagen wir hundert Livres in beiden Fällen, und ich wette mit Euch“, erwiderte Balian.

„Abgemacht“, grinste Paolo und gab seinem Pferd die Sporen, um an die Spitze des Zuges zu reiten.

„Onkel Balian?“

„Ja, Martin?“

„Glaubst du das, was der Graf von Tante Gaëlle sagt?“, fragte der Junge mit großen Augen.

„Nein, wie könnte ich?“, lächelte Balian.

„Ob … ob wir meinen Vater treffen?“, fragte Martin.

„Das weiß ich nicht. Aber wenn wir in Akkon sind, können wir nach ihm fragen.“

„Wann werden wir denn da sein?“

„Das hängt davon ab, wann wir in Ancona sind, wann die Schiffe für uns bereit sind. Die Fahrt selbst wird dann noch eine gute Woche dauern.“

„Und wie lange brauchen wir dann noch bis Ibelin?“

„Von Akkon etwa vier Tage, wenn nichts dazwischen kommt; nach Jerusalem fünf bis sechs Tage, wenn wir die Erlaubnis bekommen“, erklärte Balian.

„Und du willst wirklich wieder zurück nach Frankreich?“

„Ja, natürlich. Erstens habe ich es versprochen und zweitens lebe ich gern in Saint-Martin-au-Bois.“

„Duuuu, Onkel Balian?“

„Hmm?“

„Und wenn ich dir sage, dass sie alle lieber dort bleiben würden? Almaric und Mathieu, Michel und Jazira und ihre Kinder?“, plauderte Martin. Balian wurde bleich.

„Woher weißt du das?“, fragte er erschrocken. Er hatte es für selbstverständlich gehalten, dass seine Leute ihm die Wahrheit gesagt hatten, als sie einmütig erklärt hatten, natürlich wieder nach Frankreich zurückzukehren.

„Mathieu hat es mir gesagt. Er freut sich schon mächtig auf Zuhause.“

Balian konnte den Riesenschreck, den ihm Martins Worte versetzten, nur schlecht verbergen. Im nächsten Moment schalt er sich einen Esel, dass er auch nur einen Augenblick angenommen hatte, die im Orient geborenen Männer und Frauen würden nicht jede Gelegenheit nutzen, in ihre Heimat zurückzukehren – und dafür auch zu lügen, dass die Balken sich bogen. Er hatte von sich auf andere geschlossen … Für Balian war es eine Selbstverständlichkeit, ein gegebenes Wort nicht zu brechen – und nicht erst, seit sein Vater ihn zum Ritter geschlagen hatte. Aufrichtigkeit und Treue zum gegebenen Wort hatten ihn schon seine Mutter und sein Ziehvater gelehrt.    

„Und du? Wie denkst du darüber, Martin?“, fragte der Vizegraf schließlich.

„Weißt du, Mathieu hat mir so viel von Ibelin und Jerusalem erzählt, wie schön es dort ist und wie schön das Leben in Ibelin war, als du dort warst. Er meinte, ganz genau so muss das Paradies sein. Aber er meinte, dass du dafür wieder der Baron von Ibelin sein musst, denn ohne dich wäre Ibelin nicht halb so schön. Er sagte, am tollsten war es, als Tante Gaëlle dich da besucht hat und ihr euch verliebt habt.“

„Ist das so?“ schmunzelte Balian. Martin nickte ernsthaft. Balian lächelte in sich hinein. Wenn das so war, hatte er ein gutes Gegenmittel gegen allzu starkes Heimweh …

 

Eine Woche nach dem Aufbruch von Arezzo trafen Kreuzfahrer und Pilger am 23. Juni in Ancona ein. Vor dem Küstenort lag eine große Flotte auf Reede. Graf Paolo hatte Beziehungen nach Venedig spielen lassen und hatte von den Venezianern zwanzig großräumige Segler gestellt bekommen, die die Kreuzfahrer befördern sollten. Wie angekündigt wurden zunächst die Kreuzfahrer verladen. Allerdings war die Transportkapazität der venezianischen Schiffe so groß, dass auch die friedlichen Pilger gleich mitgenommen werden konnten.

Da das Beladen der Schiffe aber mehrere Tage in Anspruch nahm, und die Ibeliner in jedem Fall die Letzten waren, die verladen wurden, blieb den Reisenden noch etwas Zeit, an der Adriaküste etwas zu verweilen. Sie schlugen südlich des Hafens am Strand ihre Zelte auf. Alle fühlten sich unter der warmen Sonne Italiens wohl und genossen das schöne Wetter. Bis hierher war die Reise zum Teil hart und sehr anstrengend gewesen. Zum ersten Mal seit längerer Zeit kehrte Ruhe bei den Pilgern ein. Der weiche Sandstrand lud dazu ein, sich hier eine Weile auszuruhen. Der feine Sand, die warme Sonne, die reine Seeluft und die mediterrane Küche taten nicht nur Gaëlle und ihrem Sohn gut.

Mathieu war der Erste im Wasser. Jauchzend planschte er durch das blaue Wasser, bis sein Vater sein Tun bemerkte und mit langen Sätzen in das flache Wasser rannte.

„Bist du noch gescheit?“, schnauzte er seinen Sohn an und zog ihn am Ohr aus dem Wasser.

„Aua!“, schrie der Junge, dem das ernsthaft wehtat. Balian wurde aufmerksam.

„Almaric! Was ist los?“, rief er vom Strand.

„Oh, dieser Bengel!“, grollte Almaric. „Kann nicht schwimmen und springt im Wasser herum!“

Halblaut vor sich hin fluchend schleppte er seinen Sohn an Land. Er wollte gerade ansetzen, ihm das Hinterteil zu versohlen, als Balian ihn stoppte.

„Warum willst du ihn schlagen?“, fragte der Vizegraf.

„Weil er nicht gehorcht. Hundertmal schon habe ich ihm gesagt, dass er im Wasser nichts zu suchen hat. In Saint-Martin-au-Bois ist das auch nicht weiter schlimm, weil wir da nicht mal einen Fluss haben, aber hier …“

„Und warum bringst du ihm nicht schwimmen bei?“, fragte Balian. Almaric sah den jungen Vizegrafen einen Moment verblüfft an.

„Ähm, ich kann ihn nichts lehren, was ich selber nicht kann“, sagte er dann mit hochrotem Kopf.

„Ist das so?“, fragte Balian mit schiefem Grinsen. Almaric schüttelte den Kopf.

„Bitte, lass Mathieu gehen, Almaric. Ich möchte mit dir reden, mein Freund – und bitte, drohe ihm keine Prügel an.“

„Ja, Mylord“, sagte Almaric leise. „Geh schon, Mathieu – aber tu das nie wieder.“

„Nein, Papa.“

Mathieu schlich mit hängendem Kopf fort.

„Wir haben eine mehrtägige Seereise vor uns“, gab Balian zu bedenken, als er mit Almaric allein war.

„Ich weiß, und das schlägt mir auf den Magen. Balian – ich habe Angst davor“, gab Almaric zu.

„Wir haben etwas Zeit, denn es braucht sicher noch ein paar Tage, bis wir eingeschifft werden. Soll ich dir schwimmen beibringen?“

„Ka… kannst du das?“

„Ja“

„Aber so was dauert doch …“

Balian schüttelte den Kopf.

„Heute Abend kannst du schwimmen – versprochen“, sagte er.

„Hier, vor allen?“

„Ah, das ist dein Problem … Angst, den Respekt der Männer zu verlieren.“

Balian sah sich um und bemerkte eine Bucht, die nicht weit entfernt im Süden lag.

„Komm, schnapp dir dein Pferd. Wir machen einen Erkundungsritt in die Bucht da hinten. Und nimm dir eine trockene Hose mit …“

 

Wenig später jagten die beiden Männer im gestreckten Galopp am Strand entlang und kamen in die einsame Bucht. Sie banden ihre Pferde an Pflöcken im Sand fest, die Fischer sonst wohl zum Festmachen ihrer Boote benutzten. Balian legte seine Kleidung ab, von einem um die Hüften fest verknoteten Tuch abgesehen, Almaric tat es ihm noch etwas zögernd gleich. Dann gingen sie ins Wasser, bis es ihnen etwas über die Oberschenkel reichte. Der Hauptmann fröstelte leicht, nur hatte das weniger mit der Wassertemperatur zu tun als mit seinem Unwohlsein.

„Leg dich ins Wasser“, sagte Balian.

„Was? Das hat keine Balken!“, protestierte Almaric erschrocken.

„Dir passiert nichts. Ich bin hier. Versprochen“, beruhigte Balian seinen ersten Mann, der ihm noch nie so ängstlich erschienen war. Almaric wollte, aber seine Knie nicht. Balian nickte und legte sich selbst ins Wasser, streckte alle viere von sich und trieb knapp unter der Wasseroberfläche. Der Kopf blieb über Wasser, wo er hingehörte.

„Das Wasser trägt dich. Vertrau mir. Komm“, lockte er den Hauptmann erneut. Mit einem nervösen Seufzer tat Almaric wie ihm geheißen – und tatsächlich, er ging nicht unter.

„Ist das nass!“, klapperte er mit den Zähnen. „Na gut, ich gehe nicht unter … wie jetzt weiter?“

„Lass dich jetzt einfach eine Weile treiben und spüre, wie du getragen wirst.“

Almaric merkte rasch, dass er an der Oberfläche blieb und ihm keine Gefahr vom Wasser drohte.

„Gut, aber wie komme ich jetzt vorwärts?“, fragte Almaric schließlich. Balian stand auf und zeigte ihm zunächst „trocken“ die Schwimmbewegungen der Arme, dann legte er sich wieder ins Wasser und machte es ihm vor. Verstehend nickte der Hauptmann und tat es seinem Herrn nach.

„Ist ja wirklich einfach …“

„Jetzt die Beine. Stell dich mal hin und sieh mir auf die Beine“, sagte Balian. Almaric stand auf und beobachtete genau die Bewegungen, die Balian machte.

„Jetzt du“, sagte der Vizegraf. Gehorsam vollführte Almaric die Bewegungen nach und spürte, wie er vorwärts kam.

 

Die Sonne war schon weit über den Mittagsstand über Land gezogen, als Balian und Almaric aus dem Wasser gingen, sich abtrockneten und sich wieder von der Sonne aufwärmen ließen. Dann schwangen sie sich wieder in die Sättel und ritten zurück zu ihrem Lagerplatz am Strand.

„Wo wart ihr so lange?“, fragte Gaëlle besorgt.

„Schwimmen“, erwiderte Balian wahrheitsgemäß.

„Warum geht ihr nicht vor dem Lager baden?“, fragte Gaëlle verblüfft. Balian beugte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr, dass er Almaric gerade Schwimmunterricht gegeben hatte. Sie grinste schelmisch.

„Keinen Spott über Almaric, mein Schatz!“, warnte Balian leise.

„Nein, nicht doch. Aber das hätte ich gern gesehen“, erwiderte sie. Der Schalk tanzte in ihren sanften, grünen Augen geradezu Ringelreihen …

 

Am Morgen darauf, als die Sonne schon einige Handbreit über den Horizont gestiegen war und die blaugrünen Fluten wieder wärmte, stieg der Duft von gegrillten Sardinen und Fladenbrot von den Lagerfeuern der Pilger auf.

„Ich könnte für immer hier bleiben“, sagte Gaëlle, als sie aus dem Zelt schaute und die Sonne über dem Meer sah.

„Ich dachte, du wolltest nach Jerusalem oder Ibelin“, neckte Balian sie lächelnd.

„Das will ich auch noch immer. Aber hier ist es schön.“

Noch wackelig auf den Beinen tapste Jean-Raymond an seinen morgendlich turtelnden Eltern vorbei – direkt in Richtung Wasser. Glucksend vor Freude setzte er sich an den Wassersaum und versuchte, das Wasser festzuhalten. Balian sah ihn am Wasser.

„Ich kümmere mich um unseren Sohn. Mach du dich fertig, Liebling“, sagte er und ging die wenigen Schritte zum Wasser hinunter.

„Na, willst du schwimmen, kleiner Mann?“, fragte er. Jean-Raymond sah seinen Vater begeistert an.

„Mit Papa ’wimmen geh’n …“

 

Als Gaëlle aus dem Zelt trat, waren Mann und Sohn schon beim Planschen. Jean-Raymond quiekte vor Freude. Im ersten Moment erschrak sie, doch löste sich ihre Anspannung schnell, als sie bemerkte, dass es ihren Männern gut ging.

„He, ihr Zwei! Kommt ihr frühstücken?“, rief Gaëlle. Lachend hob Balian seinen Sohn aus dem Wasser, und kam mit ihm auf Arm zurück an den Strand. Samira, Gaëlles Leibdienerin, reichte Balian ein Handtuch und wollte ihm Jean-Raymond abnehmen, aber er wehrte ab.

„Nein, lass nur. Ich hab’ ihn nass gemacht, dann lege ich ihn auch wieder trocken.“

„Danke, Herr“, sagte die Zofe und schlug züchtig die Augen nieder, um ihren Herrn nicht zu neugierig zu betrachten, der nur mit einem Lendentuch bekleidet war.

„Du wirst nie ein Edelmann werden“, neckte Gaëlle lachend.

„Jedenfalls nicht so einer wie dein zweiter Gemahl, mein Herz“, konterte Balian und trocknete sich selbst ab, nachdem er den kleinen Jungen trocken hatte.

„War das schön, mein Spatz?“, fragte er und küsste ihn liebevoll. Jean-Raymond nickte und zog fröhlich an den nassen Haaren seines Vaters.

„He, nicht so grob, kleiner Mann!“, stoppte Balian. Gaëlle nahm ihm ihren Sohn ab, damit Balian sich etwas anziehen konnte.

 

Wenig später hatten alle Ibeliner gefrühstückt und das Lager aufgeräumt. Balian rief seine Männer zusammen.

„Freunde, ihr wisst, dass wir die nächsten Tage auf See verbringen werden“, eröffnete er. „Nicht alle können schwimmen, weil viele von euch nie am Wasser gewesen sind, jedenfalls nicht am Meer. Als mein Vater starb und ich mit seinen Männern nach Jerusalem reiste, geriet unser Schiff vor der Küste in einen schweren Sturm und sank. Ich allein habe überlebt, weil ich schwimmen konnte und keine schweren Sachen am Leib hatte. Deshalb möchte ich, dass ihr eure Kettenhemden auf der Schiffsreise auf keinen Fall tragt. Steckt sie bitte ins Gepäck. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich möchte, dass diejenigen unter euch, die nicht schwimmen können, es ehrlich sagen. Wir haben noch ein paar Tage und die reichen völlig aus, um schwimmen zu lernen. Es ist keine Schande, etwas nicht zu können, aber es wäre eine Schande, es nicht lernen zu wollen. Alle, die schwimmen können, bringen es denen bei, die es nicht können“, sagte er. Die Männer sahen sich an. Die diplomatische Art Balians, mit möglichen Mängeln seiner Leute umzugehen, erstaunte sie jedes Mal aufs Neue. Almaric bekam ein breites Grinsen. Wer sich einen solchen Herrn nicht von Herzen wünschte, war aus Stein.

 

Es dauerte nicht lange und sämtliche Ibeliner – Frauen und Kinder eingeschlossen – tummelten sich in den warmen Fluten der Adria, um schwimmen zu lernen oder zu lehren.

 

Als sie vier Tage später an Bord ihrer Schiffe gingen, gab es keinen Ibeliner mehr, der nicht schwimmen konnte. Das Wetter war gut, ein guter Wind trieb die Flotte stetig vorwärts gen Süden. Zwar erschienen manchem Balians Vorsichtsmaßnahmen in Sachen Rüstung und Schwimmunterricht etwas übertrieben, aber wer konnte schon wissen, ob das Wetter so bleiben würde, vor allem eine gute Wochenreise entfernt? In jedem Fall war es eine Beruhigung für alle, dass es Überlebenschancen gab, falls doch jemand über Bord ging. So konnten die Kinder ungezwungen auf den Schiffen herumtoben, sofern sie die Mannschaften nicht bei ihren Arbeiten störten.

Es blieb eine ruhige und entspannte Fahrt, auch wenn die meisten nach zwei Tagen an Bord einen bösen Sonnenbrand hatten. Italiens Sonne, vom Himmel scheinend und vom Meer gespiegelt, hatte mächtig Kraft …

 

 

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Kapitel 22

Besuch auf Zypern

 

Während Balian und die Seinen zu Schiff unterwegs waren, spitzte sich die Situation vor Akkon immer mehr zu. Ausfälle der Sarazenen und Sturmangriffe der Kreuzritter gegen die Mauern wechselten sich ab. Eigentlich war die Stadt nicht mehr zu halten, doch noch mochten die Verteidiger es nicht einsehen. Auch Sultan Saladin versuchte verbissen, mit seinen Truppen den eisenharten Belagerungsring aufzubrechen. Es war eine Situation, in der sich die Kreuzritter nicht auch noch um friedliche Pilger kümmern konnten. Die Führer der Kreuzfahrer waren sich deshalb einig, dass einstweilen nur Verstärkungen an Rittern und Soldaten landen sollten.

Die Seeherrschaft der Kreuzfahrer vor der Küste Palästinas war so weit gefestigt, dass es möglich war, einige Schiffe für entferntere Patrouillenfahrten zu entbehren. So kam es, dass Schiffe, die von Italien aus Akkon anlaufen wollten, schon auf dem Meer weit vor der Küste abgefangen und kontrolliert wurden. Nur bewaffnete Kreuzfahrer wurden nach Akkon durchgelassen, alle anderen wurden nach Lemesos, Smyrna oder Tarsos umgeleitet.

Die Flotte des Burggrafen von Arezzo lief den Wachschiffen zwanzig Seemeilen südlich von Zypern über den Weg und wurde gestoppt. Die drei Schiffe, auf denen die Ibeliner waren, wurden nach Lemesos geleitet, ebenso die Schiffe, auf denen sich die Familien der italienischen Kreuzfahrer befanden.

 

Gaëlle von Ibelin war sichtlich enttäuscht, so kurz vor dem Ziel aufgehalten zu werden, aber Balian hatte die Idee, Raymond von Tiberias zu besuchen, wenn sie schon auf Zypern waren. Zwar waren knapp hundert Personen eine ganze Menge Volk, aber Tiberias hatte einen großen Palast in Larnaca. Der Bote, den Balian ausgesandt hatte, kam am Tag darauf zurück mit der Nachricht, Graf Raymond sei vor Akkon, um König Richard dort zu unterstützen, aber Yasmina von Tiberias erwarte den Baron von Ibelin und alle seine Begleiter in Larnaca.

Es war nun Anfang Juli, und es war brütend heiß. Gräfin Yasmina empfing Gaëlle, Balian und deren Begleiter zuvorkommend und mit großer Wiedersehensfreude.

„Gott sei Dank, Ihr seid zurück!“, rief die Gräfin, als sie die jungen Leute wie verlorene Kinder umarmte.

„As-Salam ’alaykum, Gräfin Yasmina. Ich hatte nicht erwartet, dass Euer Gemahl noch einmal zu den Waffen greifen würde“, sagte Gaëlle.

„Raymond kann einfach nicht aus seiner Haut. Er ist und bleibt ein Kämpfer, auch wenn er sich nach dem Tod Eures Sohnes einfach nur noch geschämt hat, für ein Jerusalem gekämpft zu haben, das auf Wohlstand und Land aus war und nicht auf den Glauben. Er konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, als Richard ihm anbot, einer seiner Heerführer zu werden. Kommt herein, drinnen ist es kühler“, lud die Gräfin ein.

 

Das Vizegrafenpaar, Almaric und Michel wurden samt ihren Familien Herrensaal gebeten, alle anderen Ibeliner bekamen im Gesindehaus ein gutes Mahl.

„Euer Sohn ist ja schon groß, Sibylla – aber ehrlich, ganz der Papa“, schmunzelte Yasmina, als sie Martin sah, der einen formvollendeten Diener machte und sich schlicht als Martin vorstellte.

„Gaëlle, edle Yasmina. Ich habe meinen früheren Vornamen abgelegt und meinen zweiten Namen angenommen – für den Fall, dass Guy doch noch lebt und nach mir suchen sollte“, entgegnete Gaëlle. Yasmina nickte.

„Ja, es ist besser so“, sagte sie.

„Und Martin ist unser Neffe, nicht unser Sohn“, ergänzte Gaëlle. „Den hat Balian auf dem Arm“, erwiderte Gaëlle mit einem sanften Lächeln und strich Martin liebevoll über den hellbraunen Schopf. Jean-Raymond blinzelte die würdige, ältere Dame recht scheu an. Für Yasmina war der Junge schlicht Balian in Kleinformat.

„Sag ‚Guten Tag’ zu Tante Yasmina“, sagte Balian leise zu seinem Sohn, der sich aber schüchtern abwandte und dann erst ganz vorsichtig wieder zu Yasmina sah.

„’Uten Tag, Ante Ya’mina“, murmelte er und versteckte sich wieder bei seinem Vater, lugte aber wieder scheu unter dem Arm hervor.

„Meine Güte, ist der süß!“, lachte Yasmina und streichelte Jean-Raymond über den dunklen Wuschelkopf. „Aber auch ganz der Papa, wie immer bei den Ibelins“, setzte sie dann hinzu. Gaëlle bekam einen beleidigten Ausdruck, auch wenn ihr klar war, dass Balduin-Raymond auch seinem Vater Guillaume ähnlicher gewesen war als ihr. Balians sanfter Händedruck löste ihre Anspannung wieder.

„Dann habt Ihr meinen Vater nicht oft gesehen, edle Yasmina. Äußerlich habe ich mit ihm nicht viel Ähnlichkeit, auch wenn jeder, der mich damals zum ersten Mal sah, auf der Stelle sagte, ich sei Godfreys Sohn. Meine Schwester, Martins Mutter, und ich kommen eher nach unserer Mutter. Und das Haar hat unser Sohn eindeutig von Gaëlle.“

„Ihr seid ein Schmeichler, Balian. Ihr habt doch auch dunkles Haar.“

„Schon, aber nicht so lockiges wie Gaëlle und Jean-Raymond. Nein, das ist eindeutig Anjou“, lächelte Balian.

„So?“, fragte Yasmina und nahm eine gelockte Haarsträhne Balians in die Hand. „Dann habt Ihr die wohl aufgedreht, was?“, lachte sie. Balian grinste.

„Oh, wenn ich zu lange in der Sonne war und vorher nasse Haare hatte, kann das mal passieren“, erwiderte er.

„Wie war das mit christlichen Rittern und Lügen?“, mahnte Yasmina und drohte Balian scherzhaft mit dem Finger. Dann umarmte sie die junge Familie froh.

„Kinder, was bin ich froh, dass ihr wieder hier seid! Werdet ihr wieder in Ibelin wohnen, wenn Richard das Land weit genug erobert?“, fragte sie. Jetzt war es Balian, der einen eher abweisenden Ausdruck bekam.

„Wenn Imad uns Aufenthalt gewährt, werden wir für die Dauer unserer Reise dort wohnen; aber wir haben nicht die Absicht, dauerhaft zu bleiben. Ihr wisst, dass ich von einem Krieg des Glaubens wegen nichts halte und erst recht niemandem seinen Besitz streitig mache“, entgegnete er.

„Gewiss; das hat sich schneller herumgesprochen, als Euch lieb sein kann, Balian. Aber gerade deshalb hat man Euch hier schmerzlich vermisst. Jeder hier und drüben in Palästina sagt, dass Jerusalem längst wieder ein Ort wäre, an dem jeder beten kann, wie er es für richtig hält, wärt Ihr hier geblieben. Imad war ganz verzweifelt, dass er Euch den schuldigen Tribut nicht senden konnte. Er hat Raymond um Vermittlung gebeten, aber es wurden keine Schiffe mit Ladung aus Palästina durchgelassen und Karawanen wurden gnadenlos niedergemetzelt. De Lusignans Templer haben niemanden geschont, der auch nur den Anschein erweckte, Muslim oder Jude zu sein. Eure ausgleichende Art hat hier wirklich gefehlt, Balian“, sagte Yasmina und winkte den Dienern, das Mahl aufzutragen. „Kommt, nehmt Platz.“

Sie setzten sich zu Tisch.

„Oh Gott, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast“, betete Yasmina.

„Amen“, bestätigten alle Gäste am Tisch. Die Gäste griffen zu und füllten sich die Teller.

„Ausgleichende Art hin oder her: Ich habe nicht verhindern können, dass Jerusalem angegriffen und erobert wurde“, gab Balian zu bedenken.

„Nein, aber dank Eurer Anwesenheit und Eurem Ansehen bei Saladin hat es kein Blutbad nach der Eroberung gegeben.“

„Hmm, ich hatte das eher Saladins Großmut zugerechnet, Yasmina. Als ich ihn genau darauf ansprach, dass die Christen nach der Eroberung Jerusalems ein furchtbares Gemetzel angerichtet hatten, meinte er nur, er sei keiner von diesen Männern, er sei Salahudin, was er besonders betonte“, sagte Balian kauend.

„Nun, das kann man auch so verstehen, dass Saladin von sich meinte, die Tapferkeit eines Gegners anzuerkennen und ihn zu respektieren“, erwiderte Yasmina. „Wisst Ihr, in den Jahren, bevor Ihr herkamt, war der Ton zwischen Muslimen und Christen nicht nur rau geworden, er war geradezu hasserfüllt. Begegnungen zwischen Muslimen und Christen gingen in der Regel tödlich aus. Das änderte sich erst, als Ihr Imad und seinem übereifrigen Mohammed al-Faes begegnet seid – und zwar, weil Ihr diese Spirale der Gewalt durchbrochen habt. Imads Vertrauter Mahmut, der auch ein Freund Raymonds war, war für Saladin immer ein guter Verbindungsmann zum Hof in Jerusalem. Ihn sandte Saladin mit der Nachricht, dass Euer Kampf den Frieden nicht stören würde. Wisst Ihr eigentlich, was Imad Saladin gesagt hat?“

Balian schüttelte den Kopf. Alle anderen sahen die Gräfin interessiert an.

„Er meinte, ihm sei ein Engel Allahs begegnet, aber in Gestalt eines christlichen Ritters, des neuen Barons von Ibelin. Er schäme sich, dass Mohammed und er es gewagt hätten, diesen Engel herauszufordern. Sie hätten ihn für einen gewöhnlichen Ungläubigen gehalten, aber es sei so deutlich gewesen, dass Allah mit ihm war, denn er habe Mohammed al-Faes, den von den Ungläubigen am meisten gefürchteten Fürsten Syriens, in einem Schwertkampf besiegt. Imad konnte es noch immer nicht glauben, dass Ihr ihn hattet leben lassen und wähnte sich deshalb und weil Ihr ihm auch noch die Freiheit geschenkt hattet, in einer Lebensschuld. Er bat um Entlassung aus Saladins Diensten, um zu Euch zurückzukehren und Euch zu dienen und so seine Schuld abzutragen. Es brauchte drei geistliche Gutachten von verschiedenen Imamen, Imad davon zu überzeugen, dass eine solche Lebensschuld einem Christen gegenüber nicht gilt. Aber auch das hat er nur halb angenommen, wie Ihr wisst. Sonst hätte keiner Eurer Männer Kerak überlebt“, erklärte Yasmina.

„Würde es Euch wundern, wenn ich sagte, dass ich noch nachträglich weiche Knie bekomme?“, fragte Balian.

„Nein, ganz und gar nicht. Aber dieses Beispiel mag Euch zeigen, welchen Eindruck Ihr bei Imad hinterlassen habt. Er wollte danach nicht mehr gegen Euch kämpfen, wollte viel lieber, dass Ihr an den Hof des Sultans kommt, um mit ihm zu reden. Es gab andere, die das verhindert haben – aber nur, weil sie Euch nicht kannten. Ich schwöre, sie wären Eurem Charme und Eurer Güte ebenso erlegen, wie jeder, der das Glück hatte, Euch zu begegnen. Eigentlich sind mir nur drei Menschen bekannt, auf die Ihr diese Wirkung nicht hattet: Mohammed al-Faes, Reynald de Châtillon und Guy de Lusignan. Selbst einen Tempelritter habt Ihr kuriert. Ist Georg nicht mit Euch gekommen?“

„Nein, er blieb in Saint-Martin-au-Bois, um es während unserer Abwesenheit zu verwalten. Er ist gerade Vater geworden“, erwiderte Balian.

„Seht Ihr – dadurch ist noch jemand glücklich geworden …“, kicherte Yasmina. „Balian, Saladin bereut es inzwischen, Euch ausgewiesen zu haben“, sagte sie dann.

„Ich gehöre nicht hierher, Yasmina“, widersprach er leise.

„Sagen wir, Ihr wart vor dem Fall Jerusalems nicht lange genug hier, um zu erkennen, wie wichtig Ihr für dieses Land seid. Ich kannte Euren Vater, Balian. Er hat einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass das Heilige Land nur leben kann, wenn alle, die es als heilig ansehen, dort friedlich nebeneinander leben“, gab sie zu bedenken.

„Ibelin war ein solcher idealer Ort, Yasmina. Genützt hat es nichts“, versetzte er.

„Doch, mein Junge, das hat es. Ohne Ibelin und seine musterhafte Bevölkerung wäre das Königreich Jerusalem schon vor über zwanzig Jahren untergegangen. Balduin konnte sein Reich nur im Einverständnis mit Saladin erhalten. Aber mit Saladin konnte er nur deshalb eine Übereinkunft erreichen, weil die mühsam erworbenen Erkenntnisse Eures Vaters seine Politik wurden. Wie seht Ihr das, Gaëlle?“

„Sie hat Recht, Balian. Es war dein Vater, der Balduin Politik gelehrt hat“, sagte sie.

Balian fühlte sich bedrängt, das sah Gaëlle an seinem zunehmend unglücklicher werdenden Gesicht. Er hatte es nicht gern, wenn man ihn zu etwas überreden wollte, das er für falsch hielt.

„Eure Mühe ist vergeblich, Yasmina. Ich danke für Eure Gastfreundschaft; aber bitte versucht nicht, mich zum Wortbruch zu überreden. Ich bin mit dem Einverständnis des Sultans hier, aber nur, weil es Gaëlle und Jean-Raymond sehr schlecht ging. Wir werden bleiben, bis eine Rückkehr nach Frankreich möglich ist, ohne ihre Gesundheit zu gefährden. Länger kann, darf und werde ich nicht bleiben“, stellte Balian klar. Yasmina wollte etwas einwenden, aber Gaëlles Kopfschütteln hinderte sie.

„Bitte, entschuldigt mich“, sagte er, erhob sich und verließ den Rittersaal.

„Was hat Onkel Balian?“, fragte Martin.

„Er liebt es nicht, wenn man ihn zu etwas drängen will, Martin. Und es ist besser, ihn jetzt in Ruhe zu lassen, sonst wird er ganz unwillig“, erwiderte Gaëlle.

„Darf ich gehen?“, fragte der Junge. Gaëlle nickte.

„Aber du lässt Onkel Balian in Frieden, verstanden?“

„Ja, Tante“, versprach Martin und verließ ebenfalls den Saal. Yasmina sah dem Jungen nach.

„Und du bist sicher, dass er nicht Balians Sohn ist? Er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten“, wunderte sich Yasmina.

„Nein, das ist er nicht. Ich habe meine Erkundigungen eingezogen. Martin wird jetzt elf Jahre alt. Es ist ganz sicher, dass Balian zu dem Zeitpunkt Saint-Martin-au-Bois nicht verlassen hat und seine Schwester in der Zeit auch nicht dort war. Aber er ist ganz vernarrt in Balian – und Balian ist ihm wie ein Vater.“

„Sowie du ihm Mutter bist, oder?“

„Ja“, lächelte Gaëlle.

 

Martin suchte nach Balian. Er fand ihn in der Abendsonne auf dem Söller der Burg. Gedankenverloren sah sein Onkel nach Osten, wo Palästina lag.

„Was hast du, Onkel Balian?“, fragte Martin besorgt.

„Ich wäre gern eine Weile allein, Martin“, wehrte der Vizegraf ab. Es klang so schroff, wie Martin es von seinem geliebten Onkel nicht gewohnt war. Bedrückt schlich der Junge wieder fort, doch dann blieb er stehen und ging wieder auf den Söller.

„Du hast mir mal gesagt, ich könnte aus den Fehlern, die ihr im Orient gemacht habt, lernen, Onkel Balian. Damals war ich noch zu klein dazu. Meinst du, ich bin jetzt gescheit genug, es zu begreifen?“, fragte er.

„Ja, sonst hätte ich dich in Frankreich gelassen.“

„Dann sag mir, was ich anders machen muss. Ich will einmal ein guter König werden.“

„Solltest du je die Absicht haben, auf Gottes Stimme hören zu wollen, Martin, dann erwarte nicht, dass sie deine Ohren erreicht“, sagte Balian. Es schien Martin nicht zu dem zu passen, was er gerade gefragt hatte.

„Ich war so blind, Martin! So dumm!“, seufzte Balian. „Deine Tante wollte mir ein ganzes Königreich schenken, aber ich habe nur eine unmögliche Bedingung gesehen und mich beharrlich geweigert. Ich habe Tante Gaëlle nicht zugetraut, dass sie den Frieden bewahren würde, den ihr Bruder geschworen hatte. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, hätte ich daran gedacht, dass mein Vater der Lehrer König Balduins war.“

„Wusstest du das denn?“, fragte Martin. Balian stutzte.

„Was meinst du? Dass mein Vater der Lehrer war?“, fragte er.

„Na, dass dein Vater den König Frieden gelehrt hat?“, präzisierte Martin. Balian sah ihn verblüfft an. Das war der Punkt! Er hatte zwar gewusst, dass sein Vater einer der Lehrer des Königs war, aber was er ihn gelehrt hatte, das hatte Balduin ihm nicht erzählt.

„Nein. Aber das wird mir jetzt erst klar. Danke, Martin“, erwiderte Balian.

„Bitte“, lächelte der Junge. „Und was war das mit Gottes Stimme?“, fragte Martin weiter. Balian musste lächeln. Der Junge war nicht nur wissbegierig, er hatte auch ein gutes Gedächtnis und war beharrlich.

„Was Gott will, ist hier“, er zeigte auf Martins Kopf, „und hier“, er zeigte auf das Herz des Jungen, wie Jean es einst bei ihm getan hatte. „Das, was du entscheidest zu tun – jeden Tag – macht dich zu einem guten Menschen“, erklärte er. „Oder auch nicht“, setzte er mit schelmischem Grinsen hinzu. „Aber bei dir ist das längst angekommen. Du wirst einmal ein guter König sein, Martin.“

„Wo guckst du dahin?“, fragte Martin und peilte über die Zinne.

„Dort drüben, jenseits des Meeres, da ist Palästina“, erklärte Balian.

„Wann fahren wir da hin?“

„Gute Frage“, seufzte Balian. „Ich weiß es nicht. Noch kämpfen die Kreuzfahrer um Akkon. Das ist unser Hafen. Erst, wenn der erobert ist, können Schiffe mit Pilgern anlegen.“

„Onkel Balian?“

„Ja?“

„Hast du manchmal Heimweh nach Ibelin?“

„Kannst du ein kleines Geheimnis bewahren, Martin?“

Der Junge nickte ernsthaft.

„Ja, sogar sehr großes Heimweh“, lächelte Balian.

 

 

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Kapitel 23

Gefährlicher Bruch

 

Während die Ibeliner auf Zypern gern gesehene Gäste waren, gingen die Kämpfe um Akkon mit unverminderter Härte weiter. Am 12. Juli 1191 gaben die Verteidiger von Akkon auf – fast zwei Jahre nach dem Beginn der Belagerung. Der letzte Ausfall und der nachfolgende Sturmangriff der Kreuzritter hatten dazu geführt, dass sich christliche Ritter auf den Außenmauern hatten festsetzen können. Neben Richard von England, der sich dadurch seinen Beinamen Löwenherz verdiente, waren in vorderster Linie die Österreicher unter ihrem Herzog Leopold dabei. Seine Männer waren unter den ersten, die die Mauern erreichten – und sie hatten ihr rot-weiß-rot geteiltes Banner aufgepflanzt. Leopold wollte Akkon für sich beanspruchen, mindestens aber die Anerkennung als Eroberer von Akkon.

Richard Löwenherz, Philippe von Frankreich, Leopold von Österreich, Rudolf von Wengland, Guy de Lusignan und Konrad von Montferrat trafen sich in der eroberten Stadt im übel zugerichteten Statthalterpalast. Leopold, der zusammen mit Rudolf erschien, nahm schon mal in den Fluren Maß für die Wiederinstandsetzung.

„Und hier will ich ein Standbild von mir haben – Leopold von Österreich, Eroberer und Befreier Akkons“, sagte er und präsentierte mit beiden Händen einen zentralen Platz im Hof des Palastes. Er drehte sich um und sah Rudolfs zweifelnde Miene.

„Was ist? Gönnt Ihr mir das etwa nicht?“, fuhr er Rudolf an. „Es waren meine Männer, die die Mauern stürmten!“, erinnerte er grollend.

„Mäßigt Euren Ton, Herzog!“, versetzte Rudolf. „Ich bin weder Euer Diener noch Euer Vasall!“

Leopold wollte zu einer grantigen Erwiderung ansetzen, aber der Wengländer legte ihm begütigend eine Hand auf den Arm.

„Versteht mich nicht falsch, Leopold. Ich weiß wohl, dass es Eure Leute waren und dass Ihr mit ihnen gemeinsam die Mauer genommen habt. Aber es war gegen die Absprache mit Richard und Philippe. Und – bitte – bedenkt, dass Ihr ein Herzog seid, Richard und Philippe aber Könige. Kaiser Friedrich, der Euren Anspruch ohne weiteres anerkennen würde, lebt nicht mehr. Ihr habt es mit harten Brocken zu tun, die Euch immer vorhalten werden, dass Ihr nicht den gleichen Rang wie sie habt“, warnte er.

„Ihr seid selbst ein König, Rudolf. Ihr habt die Führung des deutschen Kontingentes mir überlassen. Warum sollten nicht auch andere Könige mich als gleichrangig anerkennen?“

„Leo, das hat Gründe. Ich bin zwar ein König, aber mein Reich ist nicht Teil des Römischen Reiches. Ihr hingegen seid ein Lehnsmann des deutschen Kaisers, noch dazu der Ranghöchste, der noch lebt. Wer außer Euch könnte beanspruchen, das deutsche Kontingent zu führen?“, erwiderte Rudolf.

„Werdet Ihr mich unterstützen, wenn es darum geht, den gleichen Rang wie die Könige einzunehmen?“

„Das will ich tun“, versprach Rudolf und bot Leopold die Hand, die der österreichische Herzog ergriff und kräftig drückte.

 

Sie gingen weiter und kamen in den Innenhof, in dem die anderen Führer des Kreuzzugs und die im Lande gebliebenen Kreuzfahrer bereits versammelt waren. Richard sah sie kommen und sprang auf.

„Was sollte das heute Mittag?“, fuhr er Leopold grußlos an.

„Was meint Ihr?“, fragte Leopold harmlos.

„Dass Eure Männer ohne Erlaubnis Euer Banner auf der Mauer aufpflanzen?“, knurrte Richard.

„Besinnt Euch, mit wem Ihr redet, Richard!“, schnauzte Leopold zurück. „Ich bin Euch nicht untertan und unterstehe auch nicht Eurem Befehl! Ich habe Euch nicht um Erlaubnis zu bitten, wenn ich etwas tue, was im Krieg normal ist: kundzutun, dass ich etwas erreicht habe!“

„Dennoch hat Richard Recht, dass wir uns alle geeinigt hatten, keine Fahnen aufzupflanzen“, erinnerte Guy de Lusignan.

„Nun, die Situation erfordert zuweilen eine andere Handlungsweise, als man vorher vereinbaren kann“, schaltete sich Rudolf ein. „Der Mauerabschnitt war bedroht. Leopold hat richtig gehandelt, zu demonstrieren, dass sich dort Christen festgesetzt hatten. Es hatte eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Heiden.“

„Schön, aber das Erfordernis ist nicht mehr gegeben“, entgegnete Richard. „Morgen früh ist das Banner entfernt, sonst pflücke ich es persönlich von der Mauer!“

„Mit welchem Recht fordert Ihr das, Richard?“

„Mit dem Recht eines Königs!“, fauchte Richard.

„Moment!“, bremste Rudolf. „Herzog Leopold ist zwar kein freier König, aber er ist der Führer der deutschen Kreuzfahrer. Damit hat er die gleichen Rechte und Pflichten wir Ihr oder Philippe.“

„Was? Seit wann hat ein Herzog die gleichen Rechte wie ein König?“, schnauzte Richard. „Kann ja sein, dass Ihr nicht Manns genug gewesen seid, die Führung des deutschen Kontingentes zu beanspruchen, aber das heißt nicht, dass Philippe und ich das eben so sehen!“

„Richard, haltet Euch zurück! Ihr redet mit einem König und nicht mit Eurem Lakaien!“, fuhr Rudolf den Engländer an. „Ich bin Euch keine Erklärung schuldig, aber ich vergebe mir nichts damit, sie Euch zu geben: Nur ein Fürst des Heiligen Römischen Reiches kann beanspruchen, Ritter und Soldaten dieses Reiches zu führen. Wengland ist ein eigenständiges Königreich wie England oder Frankreich und nicht Teil des Heiligen Römischen Reiches. Ihr würdet Eure Soldaten doch auch nicht von Philippe führen lassen. Also kann ich auch nicht die deutschen Ritter führen. Leopold ist der ranghöchste Fürst der Deutschen, folglich gebührt ihm auch die entsprechende Anerkennung unter den Heerführern.“

„Er hat Recht“, warf Konrad ein.

Richard maß Konrad von oben bis unten.

„Wer seid Ihr, dass Ihr Euch darüber ein Urteil erlaubt?“

Konrad schnaubte heftig.

„Kann es Euch entgangen sein, dass ich König von Jerusalem bin?“, fragte er bissig.

„Seid Ihr das? Wer hat Euch dazu erhoben?“, erkundigte sich Richard süffisant.

„Die Barone des Reiches, Mylord“, erwiderte Guy de Lusignan.

„So! Waren sie dazu befugt?“, fragte Richard weiter.

„Nein, Mylord. Es gab ein Testament König Balduins IV., der im Falle eines erbenlosen Versterbens seines Neffen Balduin, den er zum Nachfolger eingesetzt hatte, die Könige Frankreichs, Englands, den deutschen Kaiser und den Papst dazu berechtigte, den neuen König Jerusalems einzusetzen. Als ich als früherer Inhaber der Königswürde die Anerkennung als König forderte, wurde sie mir mit dem Hinweis auf jenes Testament Balduins schlicht verweigert“, erklärte Guy.

„Und wie seid Ihr an die Krone gekommen? Ihr seid doch mit Balduin nicht verwandt“, fragte Philippe Guy.

„Ich bin mit Sibylla, der Schwester Balduins IV. und Mutter von Balduin V. verheiratet“, antwortete Guy.

War“, korrigierte Konrad eisig. „Die Ehe besteht nicht mehr.“

„Und wieso nicht?“, hakte Richard nach.

„Nun, Tatsache ist, dass Guy de Lusignan sich nach dem Fall Jerusalems mit Balian von Ibelin geschlagen hat und dabei so schwer verwundet wurde, dass er mit den Möglichkeiten unserer Medizin keinerlei Überlebenschance hatte. Drei Zeugen haben gesehen, dass Sarazenen ihn leblos abtransportiert haben. Da Guy den Sarazenen verhasst war, konnte angenommen werden, sie hätten ihn getötet, wenn er die Wunden, die Balian ihm beigebracht hatte, zufällig überlebt hätte“, erklärte Konrad. „Das ist doch so, Guy, oder?“, hakte er dann nach. Guy bekam sein selbstgefälliges Lächeln, das seine Überheblichkeit noch unterstrich.

„Ja, aber es gibt auch unter den Heiden solche Träumer wie den Bastard von Ibelin. Ich gestehe es ja ungern ein, aber die sarazenische Medizin und so ein heidnischer Träumer haben mich gerettet“, erklärte Guy süffisant. „Und da ich lebe, Konrad, ist Sibylla nach wie vor meine Gemahlin. Und deshalb beanspruche ich auch den Thron.“

„Und wo ist Eure Gemahlin, Guy?“, fragte Philippe.

„Nun, sie … sie ist nicht im Lande …“, räumte Guy stockend ein.

„Ihr wisst also nicht, was aus ihr geworden ist?“, hakte der französische König nach.

„Nein. Es gibt verschiedene Gerüchte. Nach einem soll sie nach Frankreich gegangen sein, nach anderen soll sie nach einem schweren Reitunfall verstorben sein.“ 

„Nun, so lange Ihr nicht nachweisen könnt, dass Eure Gemahlin am Leben ist, sehe ich keinen Anspruch für Euch, was die Krone Jerusalems betrifft“, entgegnete Philippe. „Konrad, wie konnten die Barone Euch zum König bestimmen?“

„Ich bin mit Isabella, der zweiten Schwester Balduins vermählt“, rechtfertigte Konrad sich.

„Konrad von Montferrat …“, sinnierte Richard halblaut. „Täusche ich mich, oder seid Ihr nicht auch mit Theodora, der Schwester Kaiser Isaaks von Byzanz, vermählt?“

Konrad wurde feuerrot.

„Ja, das ist wahr. Doch Ihr wisst sicher auch, dass ich als Lateiner in Byzanz nicht länger gelitten war. Meine Gemahlin blieb zurück, weil sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollte. Kaiser Isaak hat großen Einfluss auf den Patriarchen. Zwar habe ich es nicht schriftlich, doch wollte man die Ehe auflösen. Das jedenfalls hat man mir nachgerufen, als ich das byzantinische Reich fluchtartig verlassen musste“, erwiderte Konrad. „Aber … selbst wenn es nicht so wäre: Möglicherweise anfechtbare Ehen wie Heiraten unter Cousins oder Ehen aus Staatsräson hat es in Jerusalem immer gegeben. Das wäre kein Umstand, um meine Rechte anzuzweifeln.“

„Nun, Guy ist keineswegs so tot, wie Jerusalem geglaubt hat“, warf Richard ein. „Demnach besteht seine Ehe also weiter.“

„Und wie ist Sibylla Königin von Jerusalem geworden?“, fragte Rudolf.

„Der eigentliche Thronerbe, ihr Sohn Balduin, starb im Kindesalter an der Lepra. Da kein anderer Kandidat in der erforderlichen Kürze der Zeit gefunden werden konnte, krönte der Patriarch Sibylla zur Königin und sie erwählte mich zum König“, erwiderte Guy kühl.

„Sehen wir es doch mal nüchtern: Tatsache ist, Balduin V. hatte als Kindkönig keinen Erben. Insofern ist es schon fraglich, ob seine Mutter Sibylla ein Anrecht auf den Thron hatte. Dem Testament ihres Bruders entsprach es jedenfalls nicht, dass sie selbst zur Königin gekrönt wurde. Sowohl Ihr, Konrad, als auch Ihr, Guy, habt nach den geltenden Erbgesetzen keinen eigenen Anspruch auf den Thron Jerusalems. Konrad hat vielleicht noch den größeren Anspruch, da er mit einer unmittelbaren Verwandten des letzen im direkten Mannesstamm erbenden Königs verheiratet ist und diese auch im Heiligen Land anwesend ist. Doch diese Ehe ist fraglich. Ihr, Guy, erhieltet die die Krone nur durch Eure Gemahlin. Doch Eure Gemahlin ist verschwunden. Mal gilt sie als tot, wie Ihr auch für tot gehalten wurdet, mal ist sie in einem fernen Land und nicht greifbar. Also sehe ich für Euch jedenfalls keinen größeren Anspruch auf die Krone, als Konrad ihn hat. Ich betrachte es so, dass es streng genommen derzeit keinen rechtmäßigen Anwärter auf die Krone Jerusalems gibt“, schloss Rudolf.

„Nun, ein Geschlecht stirbt nach meiner Überzeugung nicht aus, nur weil es keine männlichen Erben mehr gibt“, versetzte Konrad. „Ich weiß, im Heiligen Römischen Reich sieht man das anders, das zeigt schon Euer von den Saliern übernommenes Erbrecht, das nur einem männlichen Nachkommen überhaupt ein Erbe zubilligt. In Frankreich ist das nicht so streng. Zwar erben auch in Frankreich zunächst männliche Nachkommen, aber weibliche können es eben auch, wenn es keine männlichen Nachkommen gibt. Diese Regelung ist für Jerusalem übernommen worden, hat hundert Jahre lang für die Weiterführung der Dynastie gesorgt. Ich sehe keinen Grund, das nun zu ändern, weil es Euch gerade passt.“

„Konrad, Ihr habt mich missverstanden. Ich bin kein strenger Anhänger des salischen Erbrechtes. Wengland ist kein Teil des Reiches und kann sich ein eigenes Erbrecht erlauben. Bei uns gehen jüngere Söhne auch nicht völlig leer aus wie in Frankreich. Das heißt nicht, dass wir unsere Ländereien zersplittern, aber es findet sich in der Regel immer noch etwas, was auch ein jüngerer Sohn oder eine Tochter erben könnte. Aber es ist doch unstreitig, dass weder Ihr noch Guy ein eigenes Recht auf den Thron habt. Ob das Testament Balduins gültig war, ist nicht klar. Gesehen habe ich es nicht, insofern kann ich das nicht beurteilen. Unter der Voraussetzung, dass Eure Ehe mit Isabella gültig ist, sehe ich in Euch am ehesten den, der die Krone haben sollte. Und da Ihr sie schon habt, unterstütze ich Euren Anspruch darauf“, erklärte Rudolf mit gewinnendem Lächeln.

„Ich betrachte mich als Vertreter des Kaisers, da ich dessen Lehnsmann bin. Ich habe seine Interessen zu wahren, also auch die der Königswahl in Jerusalem. Und ich stimme Rudolf in seiner Betrachtung zu“, erklärte Leopold.

„Philippe, was sagt Ihr?“, wandte sich Rudolf an den französischen König.

„Nun, der König Jerusalems war bislang stets aus Frankreich – angefangen bei Godfrey de Bouillon über Fulko von Anjou. Rudolfs rechtliche Bewertung der möglichen Thronanwärter ist nachvollziehbar. Als wahlberechtigter König von Frankreich stimme ich Konrad als König von Jerusalem zu“, sagte Philippe. Richard bekam ein kühles Lächeln.

„Nun, wenn man das weiterführt, was Rudolf gerade so treffend herausgearbeitet hat, dann habe ich selbst sogar einen direkten Anspruch auf die Krone“, sagte er. Alle sahen ihn verblüfft an.

„Wie bitte?“, fragte Rudolf.

„Nun, wie Ihr so treffend darstellt, ist das Haus Anjou Inhaber des Thronanspruchs, Rudolf. Nach französischem Erbrecht konnte in der Familie Balduins IV. der Thronanspruch vererbt werden – vom König auf seinen Neffen via Testament, von seinem Neffen auf dessen Mutter zurück. Ich kann bezeugen, dass Sibylla von Jerusalem noch lebt. Ich habe sie in Saint-Martin-au-Bois bei ihrem jetzigen Gemahl Balian von Ibelin besucht. Sie hat mir gesagt, dass sie nach dem Fall Jerusalems auf die Krone zwar verzichtet hat, aber der grundsätzliche Anspruch in der Familie blieb erhalten. Sibylla könnte die Krone noch immer beanspruchen, auch nach der Heirat mit Balian von Ibelin. Sie lebt – unwissentlich – in Bigamie, denn das, was die Zeugen ausgesagt haben, hat dem damaligen Patriarchen von Jerusalem, Heraclius, ausgereicht, ihr und Balian den Segen der Kirche zu einer Ehe zu geben. Ihr Anspruch wäre noch immer der gleiche, den sie auch in ihrer Ehe mit Guy de Lusignan hatte.

Ich weiß allerdings, dass sie nicht hierher zurückkehren wird und damit auch den Thron nicht beanspruchen wird. Ihr habt Recht, dass zunächst ein männlicher Nachkomme erbt. Sibylla und Isabella konnten den Anspruch nur erben, weil es hier keine weiteren männlichen Nachkommen gab. Nun ist das Erbe nicht an einen bestimmten Familienzweig gebunden. Ich bin – außer meinem Bruder John – der einzige mögliche männliche Erbe aus dem Hause Anjou, kann also den Thron selbst beanspruchen, zumal ich der ältere der möglichen männlichen Erben bin“, erklärte Richard.

Wäre griechisches Feuer in diesen Innenhof geplatzt, die Teilnehmer an dieser Verhandlung hätten kaum entsetzter sein können.

„Richard!“, platzte Philippe heraus. „Ihr seid wahlberechtigter König, aber die Ehre sollte es Euch gebieten, den Anspruch nicht für Euch selbst zu reklamieren! So etwas gehört sich nicht!“

Richard lächelte kühl.

„Seht, Philippe, deshalb tue ich es auch nicht. Doch ich sehe mich in der Position, eine stärkere Stimme für die Wahl zu beanspruchen. Leopold zählt nicht, da er nicht der Kaiser ist. Der Papst kann sich nicht äußern, weil er nicht hier ist. Rudolf hat ganz sicher kein Mitspracherecht bei der Königswahl. Also bleiben nur Ihr, Philippe, und ich, die über den künftigen König von Jerusalem zu entscheiden haben. Wenn Ihr nicht wollt, dass ich die Krone aus dem Erbe heraus beanspruche, verlange ich, dass Guy König wird.“

Philippe sah Rudolf an.

„Lasst Ihr das auf Euch sitzen?“

„Nun, unterstellt, dass das Testament Balduins gültig ist, ist es Tatsache, dass ich hier allenfalls Schlichter zwischen Euch sein kann, wenn Ihr mich als solchen akzeptiert. Wenn Ihr, Philippe, Leopold als Führer des deutschen Kontingentes und rechtmäßigen Vertreter des Kaisers akzeptiert, habt ihr eine weitere Stimme für Konrad. Richard wäre dann in der Minderheit und könnte seine Wahl dann nur noch mit Gewalt durchsetzen – doch ob das dem Gesamtinteresse, der Rückeroberung Jerusalems, dient, wage ich zu bezweifeln. Ihr habt es in der Hand, Philippe“, sagte Rudolf.

„Ich kann einen Herzog nicht als ebenbürtig anerkennen“, versetzte Philippe. Leopold wurde zornrot, beherrschte sich aber nur, weil Rudolf ihn beruhigend festhielt.

„Ich erkenne ihn als Führer der Deutschen und Vertreter des Kaisers an – als freier König von Wengland“, erklärte Rudolf bestimmt.

„Ob Ihr das tut oder die Palmen rauschen – das tut nichts zur Sache, Rudolf. Ihr seid ein freier König, aber Euer Wort bindet weder Philippe noch mich“, versetzte Richard kalt. „Philippe, Ihr kennt die Alternativen: Ihr erkennt Guy an – oder ich beanspruche die Krone für mich.“

„Moment“, warf Rudolf ein. „Wie wäre es mit einer Kompromisslösung: Konrad ist König von Jerusalem, Guy erhebt den Anspruch darauf. Beide Ansprüche können zweifelhaft sein. Ich schlage vor, dass einer den anderen beerbt. Konrad bleibt König. Sollte er sterben, was im Krieg ja immer möglich ist, erbt Guy den Anspruch.“

„Dreht die Reihenfolge um und ich bin einverstanden“, sagte Richard.

„Guy ist aus Poitiers und er ist Euer Lehnsmann, oder?“, fragte Rudolf.

„Ja“, erklärte Richard.

„Und Ihr seid als Graf von Anjou der meine“, erinnerte Philippe.

„Ja, aber nicht in meiner Eigenschaft als König von England. Und als der spreche ich hier.“

„Dann soll Guy Euch als König von Jerusalem auch nicht untertan sein?“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte Richard empört.

 

Philippe begann, unruhig auf und ab zu gehen, wog Vor- und Nachteile des Kompromisses ab. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Er musste jetzt wirklich dringend nach Frankreich zurück, um das flandrische Erbe endlich zu regeln. Auf lange Verhandlungen über die Person des Königs von Jerusalem konnte und wollte er sich nicht einlassen. Die Franzosen und Engländer waren in etwa gleich stark im Kreuzfahrerheer vertreten. Sollte es zu Auseinandersetzungen um die Krone Jerusalems kommen, diente das nur Saladin – und das wollte Philippe am allerwenigsten. Solange Richard nicht selbst König von Jerusalem sein wollte, sollte es ihm recht sein, auch wenn es ihn wurmte, dass er Konrad nicht durchsetzen konnte.

„Nun gut, um des christlichen Friedens willen, mag es so sein, dass Guy König wird und Konrad ihn beerbt“, sagte Philippe schließlich. Als er sich umdrehte, sahen Rudolf und Leopold, dass Philippe keinesfalls zufrieden war mit diesem Kompromiss – aber wenn er sich beharrlich weigerte, Leopold als Wahlberechtigten anzuerkennen, dann musste er sehen, wie er damit fertig wurde, dass er seine Interessen nicht durchsetzen konnte. Kopfschüttelnd über so viel Sturheit verließen Rudolf und Leopold den Innenhof.

„Es wird ihnen beiden noch Leid tun“, grollte Leopold im Hinausgehen.

 

Ein neuer Morgen brach nach einer Nacht der Plünderung an. Das rot-weiß-rote babenbergische Banner Leopolds wehte im ersten Sonnenlicht noch immer auf der Mauer. Leopold sah trotzig hinauf und dachte nicht im Traum daran, sein Banner zu entfernen. Während er noch stolz zu seiner Fahne hochsah, erschien Richard in seinem roten Waffenrock mit den beiden Löwen auf der Brust, denen er im Kampf um Akkon und mit seiner Beharrlichkeit um die Nachfolge in Jerusalem alle Ehre gemacht hatte.

„Ich habe es Euch gesagt – und jetzt ist Schluss!“, rief Richard, riss die Fahnenstange aus der Verankerung in der Mauer und schleuderte sie wie einen Speer fort. Sie landete mit einem schmatzenden Geräusch tief in einem Graben, in dem die Belagerer nur allzu oft ihre Notdurft verrichtet hatten.

Leopold wurde bleich vor Wut. Nur Rudolfs beherztes Zugreifen verhinderte, dass Leopold Richard mit einer Armbrust von der Mauer holte.

„Das wirst du bereuen, du Hund!“, schrie Leopold voller Zorn.

„Ihr seid kein Diplomat, Richard“, vernahm der englische König eine Stimme hinter sich. Es war Guy.

„Für Euch Mylord!“, schnauzte er. „Geht mir aus den Augen!“

„Seid vorsichtig, Mylord“, mahnte Guy und verschwand. Richard blieb allein zurück.

 

Es vergingen keine drei Tage, bis Österreicher und Wengländer ihre Sachen gepackt, ihre Schiffe klargemacht hatten und absegelten. Philippe von Frankreich, der die Niederlage in der Frage um den Thron von Jerusalem gegen Richard nur schwer ertragen konnte, hatte kein Interesse mehr am Heiligen Land. Dass sein übertriebener Stolz eine Lösung zu seinen Gunsten verhindert hatte, wollte er nicht zur Kenntnis nehmen. Am 31. Juli 1191 segelte er nach Frankreich ab. Richard war damit der alleinige Inhaber der Kommandogewalt über das Kreuzfahrerheer.

 

 

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Kapitel 24

Eheprobleme

 

Wenige Tage später traf Raymond von Tiberias in Akkon ein. Er war in den Monaten vor der Rückeroberung Akkons hauptsächlich in Tyrus gewesen, hatte von dort aus die Organisation von König Richards Heer beaufsichtigt und für Kontakte der englischen Heerführer zu den örtlichen Adligen gesorgt. Als er nun in Akkon eintraf, hatte er die Absicht, sich wieder in den Dienst des Königs von Jerusalem zu begeben – und das war nach seinem Kenntnisstand Konrad von Montferrat. Der alte Graf musste er sich mit einiger Gewalt beherrschen, sein Entsetzen zu verbergen, als er hörte, dass Guy de Lusignan nicht nur lebte, sondern auch wieder König von Jerusalem war. Während er sich umsah, wen er um nähere Auskunft dazu bitten konnte, bemerkte er einen Mann im Waffenrock derer von Montferrat. Raymond von Tiberias nahm die Gerüchte, dass Guy wieder König war, nicht für bare Münze und beschloss, diesen Mann als König anzusprechen.

„Mein König!“, rief er. Konrad von Montferrat drehte sich um.

„Wer ruft mich?“, fragte er.

„Ich bin Raymond von Tiberias, ehemaliger Graf von Tiberias“, stellte Raymond sich vor.

„Ihr wart Konstabler von Jerusalem, oder?“, fragte Konrad nach.

„Ja, das ist richtig. Allerdings habe ich mich nach der Schlacht von Hattin nach Zypern zurückgezogen. König Richard war so gütig, mich in seine Dienste zu nehmen.“

Konrads Züge verfinsterten sich.

„Geht mir weg mit diesem Möchtegernschiedsrichter!“, grollte Konrad.

„Oh, was habt Ihr gegen den König von England?“, erkundigte sich Raymond. Konrad schnaufte und überlegte, ob dieser Mann wirklich keine Ahnung hatte, was Richard ihm gerade eingebrockt hatte.

„Seit wann seid Ihr in Akkon?“, fragte er.

„Ich bin heute angekommen“, erwiderte Tiberias.

„Nun gut, dann könnt Ihr es nicht wissen. Euer gerühmter König hat dafür gesorgt, dass Guy de Lusignan wieder König von Jerusalem wurde. Guy beruft sich darauf, mit der rechtmäßigen Königin von Jerusalem verheiratet zu sein. Sie ist seit dem Fall Jerusalems und der nachfolgenden Vertreibung der Christen aus Jerusalem spurlos verschwunden. Aber Richard behauptet, dass er sie in Frankreich lebend gesehen hat. Er und Guy behaupten eine bestehende Ehe mit Sibylla. Richard reicht das aus, Guy zum König zu bestimmen und nicht mich, der ich mit ihrer anwesenden Schwester Isabella verehelicht bin. Ich bin der Ansicht, dass ich das größere Recht auf den Thron Jerusalems habe“, erklärte Konrad. Tiberias wurde kreidebleich.

„Dann … ist es kein Gerücht, dass de Lusignan lebt und obendrein auch wieder König von Jerusalem ist?“, fragte er.

„Nein, leider“, bestätigte Konrad. „Die Barone Jerusalems sind wenig erbaut, ihn, der das Reich verspielte, wieder als König zu haben. Wusstet Ihr das nicht?“

„Nein; es gab glaubhafte Aussagen verschiedener Leute, die bezeugten, dass Guy tot sei.“

„Er ist sehr lebendig, das könnt Ihr mir glauben!“, entfuhr es Konrad. „Sagt, habt Ihr Richard einen Eid geleistet?“, fragte er dann.

„Nein, aber ich bin ihm zu Dank verpflichtet, weil er mich in Zypern aus dem Kerker geholt hat. Er hat mich gebeten, ihm als Berater behilflich zu sein. Weshalb fragt Ihr?“

„Euer bleiches Gesicht zeigt mir, dass Ihr kein Freund de Lusignans seid. Würdet Ihr für mich arbeiten wollen?“, fragte Konrad.

„Es war meine Absicht, mich wieder in den Dienst des Königs von Jerusalem zu stellen, aber Guy de Lusignan werde ich auf keinen Fall dienen. Im Augenblick wäre es aber ein Affront gegen Richard, wenn ich in Eure Dienste trete, kaum dass er Euch um den Thron gebracht hat. Nehmt es mir bitte nicht übel, wenn ich nicht sofort Ja sage“, wehrte Raymond ab.

„Ihr geltet als loyaler Mann, Graf Tiberias“, sagte Konrad. „Richard hat durchgesetzt, dass ich Guy beerbe, falls er stirbt. Wärt Ihr bereit, mir dann wieder als Konstabler zu dienen?“, fragte Konrad.

„Ich … habe Jerusalem im Stich gelassen, Mylord“, wehrte Tiberias vorsichtig ab. „Balian von Ibelin, der Sohn eines guten Freundes von mir, hat Jerusalem verteidigt, so gut es ohne Männer möglich war.“

„Ich habe von dieser Heldentat gehört. Wo ist er jetzt?“

„Er ist nach Frankreich zurückgekehrt“, erwiderte Raymond. „Und er hat geschworen, nie wieder ins Heilige Land zurückzukehren. Das war die Bedingung, unter der Saladin ihn und die anderen Christen aus der Stadt abziehen ließ.“

„Dann wird er auch nicht kommen. Ich biete Euch weiterhin das Amt des Konstablers von Jerusalem, falls ich König werden sollte. Seid Ihr einverstanden?“, bot Konrad an.

„Danke, Mylord.“

 

Die Tatsache, dass Guy noch lebte, ließ Raymond von Tiberias keine Ruhe. In dem Fall bestand die Ehe mit Sibylla weiter, die unter dem Namen Gaëlle nach Frankreich gezogen war, während ihre später geschlossene Ehe mit Balian dann ungültig war – und der aus dieser Ehe geborene Jean-Raymond war dann ein Bastard. Es spielte letztlich keine Rolle, dass es glaubwürdige Zeugen für Guys Tod gegeben hatte, dass sie Balian nicht einmal besonders nahe standen, dass der Patriarch von Jerusalem höchstselbst die Ehe geschlossen hatte; Guy lebte, die Zeugen hatten sich mindestens geirrt und damit gab es ein ernsthaftes Problem für Gaëlle und Balian. Da Raymond wusste, dass Gaëlle entgegen gewisser Annahmen des Jerusalemer Adels noch lebte, hätte er genau genommen Guy sogar bestätigen müssen, dass er der rechtmäßige König war. Nichts widerstrebte Raymond von Tiberias mehr als das. Er schüttelte sich. Das konnte Gott doch nicht zulassen! Hatte er denn gar kein Erbarmen mit den Menschen Jerusalems? Aber so lange außer ihm selbst keiner in Palästina wusste, dass ihm bekannt war, dass Gaëlle lebte, konnte er wenigstens schweigen …

 

Er schrieb voller Bestürzung an seine Frau Yasmina. Er hatte keine Ahnung, dass Gaëlle und Balian nicht nur auf dem Weg ins Heilige Land waren, sondern auch bereits in Zypern eingetroffen waren. Er musste es aber einfach loswerden, was ihm auf der Seele brannte. Die Gräfin traf die Nachricht ebenfalls wie ein Keulenschlag. Sie eilte augenblicklich zu Gaëlle und Balian, die um diese Zeit für gewöhnlich im Garten saßen. Yasmina bot sich ein romantisches Bild: Die beiden jungen Leute saßen auf der Bank, hatten einander verliebt im Arm; vor ihnen spielten Martin und Jean-Raymond im Sand. Der Ältere gab auf den Kleinen Acht, beschützte ganz wie ein großer Bruder den jüngeren.

Gaëlle hörte Schritte auf dem Kies und sah sich überrascht um.

„Yasmina! Was habt Ihr denn?“, fragte sie, als sie sah, wie blass die Gräfin war.

„Ein Unglück, Kinder, ein Unglück!“, presste Yasmina heraus. Balian sprang auf und konnte die ältere Dame gerade noch stützen.

„Was ist geschehen? Ist Raymond etwas zugestoßen?“, fragte er besorgt und half ihr auf die Bank.

„Nein, etwas viel Schlimmeres: Guy de Lusignan lebt!“, keuchte Yasmina.

„Um Himmels Willen!“, entfuhr es Gaëlle. „Das … das ist nicht wahr! Drei Männer, die selbst für den Patriarchen glaubwürdig waren, haben bezeugt, ihn tot gesehen zu haben!“

„Er lebt!“, beharrte Yasmina. „Raymond hat davon in Akkon erfahren, Konrad von Montferrat hat es ihm bestätigt. König Richard von England hat nach dem Fall Akkons durchgesetzt, dass Guy wieder König von Jerusalem ist.“

Gaëlles Blick zuckte zu Balian herum.

„Warum hast du ihm nicht den Kopf abgeschlagen?“, fuhr sie ihn an. Balian versteifte sich.

„Weil ich kein Mörder bin“, entgegnete er scharf.

„Glaubst du, er hätte dich so großherzig geschont und am Leben gelassen?“, grollte Gaëlle.

„Nein, vermutlich nicht.“

Vermutlich nicht???“, giftete sie. „Der Länge nach aufgeschlitzt hätte er dich!“, schrie Gaëlle zornig.

„Gaëlle!“, mahnte Yasmina. „Es nützt nichts, wenn du Balian für sein Unterlassen Vorwürfe machst! Das ändert nichts an der Situation!“

Doch Gaëlles Groll blieb.

„Du hast immer noch nicht begriffen, dass Jerusalem keinen vollkommenen Ritter braucht!“, fauchte sie, weiter an Balian gewandt, Yasmina einfach ignorierend.

„Ich hatte gehofft …“, setzte er an, doch sie unterbrach ihn barsch:

„Was? Dass er tot ist? Guy de Lusignan hat wie eine Katze sieben Leben! Du hättest dich überzeugen müssen, dass …“

„Und wieso?“, donnerte er zurück, dass Gaëlle und Yasmina ob der Lautstärke zurückprallten. „Kurz bevor Guy mich in Jerusalem angriff, hatte ich dir ein Angebot gemacht. Du hast geschwiegen; ich habe das als Ablehnung angesehen“, grollte er weiter. „Soll ich dir sagen, weshalb ich ihn nicht bewusst getötet habe? Ich wollte euch nicht im Weg stehen. Er war dein Mann! Nachdem du meine Art zu leben augenscheinlich nicht akzeptieren wolltest, war ich der Meinung, ich sei nur ein kurzes Abenteuer gewesen, ohne jede Bedeutung für dich. Der Ansicht war ich erst recht, als ich von Rittern mit Nagelkreuzen auf den Waffenröcken angegriffen wurde. Ich war wirklich der Meinung, du hättest dafür gesorgt, dass die versuchen, mir den Hals umzudrehen. Als Jean mich danach verletzt nach Nablus brachte, wollte ich eigentlich schon weg. Was mich noch im Heiligen Land hielt, war Ibelin, das ich diesen Aasgeiern nicht überlassen wollte. Nur deshalb bin ich nach dem Überfall überhaupt noch geblieben. Als Guy Krieg wollte, er nicht auf mich hören wollte, aber du mich batest, Jerusalem zu retten, tat ich das für Jerusalem – hauptsächlich aber für dich. Und nachdem du scheinbar trotzdem kein Interesse an einem Leben mit mir hattest, wollte ich nur noch weg, zurück nach Frankreich, wo ich hätte bleiben sollen. Ich hatte mein Leben riskiert, aber das schien dich nicht zu interessieren! Ich habe erst Tage später erfahren, dass ich im Irrtum war. Deshalb habe ich es dir nie gesagt, wollte das nicht zerstören, was uns verband. Woher hätte ich eigentlich wissen sollen, was du willst, wenn du nur vor dich hin schweigst? Kann ich Gedanken lesen?“, wetterte er.

 

Yasmina stand auf und stellte sich zwischen Gaëlle und Balian, die einander gegenüber standen wie französische Kampfhähne.

„Genug jetzt!“, rief sie beide zur Ordnung. „Was geschehen ist, ist geschehen! Ihr könnt es nicht rückgängig machen, wenn ihr euch gegenseitig Vorwürfe macht! Ihr seid im Irrtum über eure Absichten gewesen! Bedenkt: Ihr hattet eine tagelange Schlacht hinter euch, tagelange Todesangst! Ihr könnt doch voneinander nicht erwarten, dass ihr in einer solchen Situation wie nach dem sonntäglichen Kirchgang reagiert! Lasst uns lieber überlegen, wie wir die Situation retten – wie wir eure Ehe retten!“

„Es gab drei Zeugen, die Guys Tod bestätigt haben!“, gab Gaëlle zu bedenken. „Balian und ich haben in gutem Glauben geheiratet! Uns hat der Patriarch getraut!“

„Wir werden geistlichen Rat dazu einholen“, entschied Yasmina. „Martin, bitte hol’ doch Bruder Roger von Tours in den Saal.“

„Ja, Tante Yasmina!“, bestätigte der Junge und lief auch gleich zum Palast zurück.

Yasmina nahm den völlig verschreckten Jean-Raymond auf den Arm und streichelte den Zweijährigen beruhigend.

„Tut mir und euren Kindern bitte einen Gefallen: Streitet euch nie vor den Kindern. Haltet euch im Zaum, bis ihr allein seid – und dann denkt bitte erst nach, bevor ihr euch Vorwürfe macht, die ihr später bereut. Jeder Mensch macht Fehler, und auch ihr beide seid nicht frei davon. Gaëlle: Du kennst deinen Balian. Wäre er nicht der vollkommene Ritter, der er ist, würdest du ihn nicht so lieben, wie du es tust. Balian: Du weißt, wie impulsiv Gaëlle ist; dass sie manchmal schneller spricht als sie denkt. Ihr solltet einander um Verzeihung bitten und euch für die Ausbrüche vergeben. Ich gehe mit Jean-Raymond ins Haus und ihr kommt erst nach, wenn ihr euch wirklich vertragen habt!“, sagte sie streng und ließ die jungen Leute stehen.

 

Eine Weile war bitteres Schweigen vor einem zauberhaften Sonnenuntergang.

„Ich … ich habe einige Male die Gelegenheit gehabt, mich deiner Worte zu erinnern, dass ich eines Tages bereuen würde, das kleine Übel nicht getan zu haben, um etwas wirklich Gutes zu bewirken“, brach Balian schließlich das Schweigen. „Dennoch: In beiden Fällen wäre es einfach Mord gewesen. Warum hat dein Bruder Guy nicht den Prozess gemacht und ihn für das, was er angestellt hatte, zum Tode verurteilt?“

Gaëlle seufzte tief.

„Zu Zeiten meines Vaters wäre es wohl auch so geschehen. Mein Bruder hat unser Rechtssystem völlig umgekrempelt. Er legte Wert darauf, dass ein Beschuldigter seine Verbrechen gestand. Er verließ sich völlig auf den Rittereid; darauf, dass er von denen, die ihn geschworen hatten, auch eingehalten wurde. Für ihn galt, wie für dich auch, dass Wahrheit nicht nur bedeutet, anderen unangenehme Dinge ins Gesicht zu sagen, sondern auch zuzugeben, wenn man etwas falsch gemacht hatte. Die weitaus meisten nannten das naiv, auch Raymond“, sagte Gaëlle mit einem deutlichen Seufzen. „Guy hätte sich zu seinen Untaten oder seinen Anstiftungen dazu vor Balduin bekennen müssen. Das hat er, wie du dir vorstellen kannst, nie getan. Folter hat Balduin als Mittel der Wahrheitsfindung abgelehnt, also wurde auch niemand gezwungen, gegen sich selbst auszusagen. Es reichte Balduin aber auch nicht für eine Verurteilung, wenn Zeugen ein Verbrechen gesehen hatten und es vor ihm bezeugten. Du kannst dir vorstellen, dass es wenig strafende Urteile meines Bruders gab“, erklärte sie.

„Aber Reynald hat er persönlich mit der Reitgerte verdroschen. Und als ich in Jerusalem ankam und Jean mich zu Raymond führte, wurden einige Templer gehängt, weil sie Araber getötet hatten. Wie passt das zusammen?“, fragte Balian verblüfft.

„Die Templer haben nie geleugnet, Araber zu töten; jedenfalls jene, die im niedrigen Ritterrang waren. Sie brüsteten sich sogar damit, waren stolz darauf, betrachteten dies als Erfüllung ihrer Christenpflicht“, erklärte sie. „Die hochrangigen Templer wie der Großmeister de Ridefort und die Gönner des Ordens wie Reynald, Guy und so weiter, die waren schlauer und ließen meinen Bruder zappeln. Sie hätten niemals zugegeben, Araber getötet zu haben, weil sie wussten, dass ein solches Eingeständnis ihren Tod bedeutet hätte. Bei Reynald hatten die Hinweise aber ein solch erdrückendes Maß angenommen, dass selbst mein Bruder nicht mehr darauf warten konnte, dass Reynald seine Verbrechen gestand. Er musste handeln, sonst hätte Saladin Reynald den Garaus gemacht. Ein Angriff Saladins gegen einen belehnten Ritter wie Reynald hätte zwangsläufig zum Krieg geführt, und Balduin wusste, dass wir ihn nicht gewinnen konnten.“

Gaëlle sah Balian eine Weile an.

„Balduin sah in dir eine Möglichkeit, eine andere Richtung einzuschlagen und seine Politik langsam zu verändern, auch Zeugenbeweise zu akzeptieren, wie Raymond und ich es ihm schon länger dringend empfahlen. Er meinte, es sei besser, wenn sich erst mit dem neuen König etwas grundlegend ändern würde. Dafür wollte er dich gern als Balduins Stiefvater sehen. Ich hatte ihm sehr von dir vorgeschwärmt. Ich bin bis heute sicher, dass du meinem Sohn den Vater ersetzt hättest, den er nie hatte“, sagte sie dann leise.

„Warum hat er mir das nicht gesagt? Nach seinem und Graf Tiberias’ Vorschlag sollte Guy hingerichtet werden, weil er mir den Treueid nicht schwören wollte … Was wäre geschehen, wenn er den Eid geleistet hätte, der bis dahin ja gar nicht abgefordert war? Warum hast du mir nichts gesagt?“, fragte Balian.

„Balduin hat zu seiner Prozessführung nichts gesagt, weil sie für ihn einfach selbstverständlich war. Was den Eid betrifft: Guy hätte ihn gewiss nicht geschworen, weil du ein Bastard bist. Dass dein Vater dich offiziell anerkannt hat und dich ausdrücklich zu seinem Erben eingesetzt hat, hat ihn nie gehindert, dich weiterhin Bastard zu nennen und stets zu betonen, dass Bastarde kein Erbrecht haben. Er hat dich immer als ein gefährliches Nichts betrachtet; als einen, der in seine Gehege eingebrochen war, und den er vernichten musste, um zu behalten, was er zu besitzen glaubte. Er hätte dich als Heerführer Jerusalems nicht anerkannt. Nach dem Rechtsverständnis meines Bruders wäre die Eidverweigerung vor ihm selbst als Zeugen die einzige Möglichkeit gewesen, Guy zu verurteilen. Warum ich dir nichts gesagt habe? Einerseits, weil ich der Meinung war, Raymond und Balduin hätten dir alles gesagt oder du wüsstest es bereits von deinem Vater und Jean, wie hier Recht gesprochen wird; andererseits, weil ich nach meinem Aufenthalt in Ibelin erst mit Balduin reden musste und dich bei ihm als Alternative zu Guy empfehlen musste. Ich wollte dir keine Hoffnungen machen, falls Balduin anders entscheiden sollte. Als ich von Raymond erfuhr, dass du keine Ahnung hattest, war es zu spät. Da hattest du Balduins Angebot schon ausgeschlagen und warst bereits wieder in Ibelin. Ich habe dir geschrieben, aber der Brief hat dich nicht erreicht, weil du von Guys Mordbuben überfallen wurdest und Guy mir erzählte, du seist tot. Vielleicht hat er den Brief sogar abgefangen und danach erst seine Mordritter auf dich angesetzt. Als du dann wieder da warst, war ich nach Balduins Tod so verzweifelt, dass mit die Worte fehlten. Ich war unendlich froh und glücklich, dass du zurück warst und ohne zu zögern die Verteidigung Jerusalems organisiert hast, dass du dich selbst nicht geschont hast, wie Guy es sicher getan hätte. Ich war stolz, einen Mann zu lieben, der mit seinem ganzen Dasein für mich und das Volk von Jerusalem da war. Aber ich war einfach sprachlos, wenn du in meiner Nähe warst. Ich habe mich einfach nur noch geschämt, dass wir dich so verbiegen wollten. Bitte verzeih mir.“

Balian nickte.

„Ich war völlig fertig, als Guy mich nach der Aufgabe Jerusalems angriff. Eine Weile wollte ich ihn töten, aber als ich ihn am Boden hatte, da hatte er drei tiefe Wunden im Bauch, die er eigentlich nicht überleben konnte. Ich habe ihm gesagt, wenn er sich erhebe – falls er sich erhebe – solle er sich als Ritter erheben. Ich hätte nicht mehr die Kraft gehabt, ihm den Kopf abzuschlagen, wozu er mich sogar selbst aufforderte. In dem Moment biss mich mein Gewissen. Er war schwer verletzt, er war waffenlos, er war wehrlos und kampfunfähig. Ich konnte ihn einfach nicht mehr töten, weder vom Gewissen her noch von meiner Kraft her. Und dann war da noch das Missverständnis mit dir …“, erklärte Balian. „Kannst du mir das vergeben?“, fragte er dann.

Gaëlle sah ihn lange an. Er hatte demnach gewusst, dass Guy nicht tot war, aber er hatte annehmen dürfen, dass er nicht mehr lange leben würde. Dass Guy ausgerechnet Hilfe bei einem Sarazenen finden würde, hatte Balian nicht ahnen können. Ihr eigenes Verhalten nach der Ausweisung der Christen aus Jerusalem und die späteren Aussagen der Zeugen hatten ihn in seiner Meinung bestärkt, dass Guy die Wunden, die er ihm beigebracht hatte, nicht überlebt hatte. Die Zeugenaussagen waren so plausibel gewesen, dass selbst der Patriarch Heraclius felsenfest vom Tod Guy de Lusignans überzeugt gewesen war. Wollte sie eigentlich etwas anderes, als täglich in Balians sanfte, braune Augen zu sehen, in denen sie so viel Verständnis und Liebe fand? Er war ihr ein liebender Ehemann, ein zärtlicher Liebhaber, er war Jean-Raymond ein liebevoller Vater; Martin war ein Erzieher, der keine Strenge benötigte, weil er seinem Zögling mit gutem Beispiel voranging – meistens jedenfalls. Dass Balian so laut und ungehalten wurde wie heute, das hatte sie an diesem Tag zum ersten Mal erlebt.

Sie umarmte ihn und zog ihn an sich. Er ließ es geschehen, drückte sie ebenfalls sanft an sich und küsste sie.

„Weißt du, wie schrecklich es für mich ist, dass du nicht mein rechtmäßiger Ehemann bist, dass Jean-Raymond trotz einer ordentlichen kirchlichen Heirat ein Bastard ist?“, fragte sie, als sie sich aus dem Kuss löste. Balian lächelte.

„So schrecklich wie für mich. Aber kann das wirklich sein? Wir haben doch in gutem Glauben geheiratet! Was kann der arme Jean dafür?“, fragte er.

„Jean kann nichts dafür, dass er nicht ehelich ist; so wenig wie du dafür konntest, dass du nicht ehelich geboren bist“, erwiderte Gaëlle. „Aber das interessiert die Kirche und die Anderen nicht. Uneheliche Geburt gilt als Erbsünde, so einfach ist das. Balduin teilte diese Meinung nicht. Er vertrat immer die Ansicht, dass man für das vor Gott verantwortlich ist, was man selbst tut, was man tun oder lassen kann – aber nicht für Sünden der Eltern, auf die man keinen Einfluss hatte. Das war einer der Gründe, weshalb er dich auch ohne die ausdrückliche Anerkennung durch deinen Vater als Baron von Ibelin akzeptiert hätte. Für ihn war das Testament deines Vaters nur soweit von Interesse, als darin ausgeschlossen wurde, dass es noch andere mögliche Erben gab. Und was die Ehe mit Guy betrifft: Es ist Tatsache, dass er lebt. Damit bin ich weiterhin mit ihm verheiratet. Und das Schlimmste ist: Er ist damit tatsächlich der rechtmäßige König Jerusalems. Von meinem Thronverzicht weiß er schließlich nichts. Deshalb bin ich ja so wütend geworden.“

„Welche Möglichkeiten gibt es, die Situation zu bereinigen?“, erkundigte sich Balian. Gaëlle seufzte tief.

„Ich sage es ungern, aber am liebsten wäre ich jetzt in Frankreich und wüsste nichts davon, dass Guy noch lebt …“, erwiderte sie.

„Das änderte einstweilen nichts an der Tatsache, dass Guy lebt und dich samt Krone beanspruchen kann“, erwiderte er. Gaëlle nickte.

„Lass uns zu Yasmina gehen. Bruder Roger weiß vielleicht eine Lösung.“

 

Wenig später waren sie im Palast. Yasmina von Tiberias überzeugte sich zunächst, dass der Streit beigelegt war, dann erst ließ sie das junge Paar zu Roger in den kleinen Saal. Roger war ein Ritterbruder vom Orden der Johanniter.

„Seid gegrüßt, Bruder Roger. Hat Gräfin Yasmina Euch bereits unterrichtet?“, fragte Gaëlle. Der Johanniterbruder nickte.

„Ja, das hat sie. Und ich muss Euch beide leider auffordern, jeglichen Verkehr vertraulicher Art von Stund an zu unterlassen. Wenn es zutreffend ist, dass Euer zweiter Gemahl noch lebt, edle Gaëlle, ist Eure Ehe ungültig und müsste gegebenenfalls als Bigamie bestraft werden. Euer Sohn ist als Frucht einer ungültigen Ehe dann unehelich und hat keinerlei Erbrecht, es sei denn, Vizegraf Balian, Ihr erkennt ihn ausdrücklich an und setzt ihn zu Eurem Erben ein“, erklärte Roger die gegenwärtige Situation.

„Jean-Raymond ist mein Sohn“, entgegnete Balian. „Dazu stehe ich und werde ihn selbstverständlich zu meinem Erben einsetzen“, versetzte er. „Ich stehe auch zu dem Treueversprechen, das ich Gaëlle gab.“

Bruder Roger nickte.

„Dennoch dürft Ihr das Gemach mit ihr nicht mehr teilen, geschweige denn das Bett, um es deutlich zu sagen! Tut Ihr es, begeht Ihr Ehebruch!“, warnte der Johanniter.

„Ich sage dazu jetzt nichts, bitte Euch aber, uns zu sagen, wie dieses Dilemma zu lösen ist.“, erwiderte Balian.

„Es gibt zwei Wege. Erstens: Ihr verzichtet auf das sündhafte Tun und Eure Ge… äh, Gaëlle kehrt heim zu ihrem rechtmäßigen Gemahl …“, setzte Roger an. Gaëlle unterbrach ihn:

„Eher wird Guy de Lusignan Imam des Islam!“, fauchte sie. Roger sah sie verwirrt an.

„Mir … wäre neu, dass … der König von Jerusalem … den christlichen Glauben derart schandhaft verraten würde! Das ist doch völlig ausgeschlossen!“, bemerkte er. Gaëlle grinste freudlos.

„Genauso unmöglich und unwahrscheinlich ist es, dass ich zu ihm zurückkehre!“, versetzte sie. „Und die zweite Möglichkeit?“, hakte sie dann nach.

„Bevor ich die zweite Möglichkeit näher erläutere, habe ich ein paar Fragen an Euch: Weshalb wollt Ihr zu Eurem Gemahl nicht zurückkehren?“

„Weil ich ihn – im Gegensatz zu Balian – ganz gewiss nicht liebe!“, grollte Gaëlle.

„Aber … Liebe ist doch oftmals nicht der Grund, weshalb geheiratet wird …“, warf er ein.

„Nein, das ist wohl wahr!“, zischte sie. „Meine Mutter hat mich dazu geradezu gezwungen!“

„Gezwungen …“, murmelte Roger. „Ist das so zu verstehen, dass Ihr bei der Hochzeit nicht frei und ungezwungen vor den Altar getreten seid?“

„Ihr habt es erfasst!“

„Aber Ihr habt die damaligen entsprechenden Fragen des Priesters jeweils mit ja beantwortet?“

„Ja, das habe ich, aber jedes einzelne ja war eine glatte Lüge!“

Roger nickte und legte nachdenklich einen Finger ans Kinn.

„Weshalb habt ihr ihn geheiratet?“

„Sagte ich doch: Meine Mutter hat mich gezwungen.“

„Auf welche Weise?“

„Sie drohte, mit meinen Sohn wegzunehmen.“

„Ihr wart davor auch schon verheiratet?“

„Ja, und ebenso unfreiwillig. In dem Fall erwies sich mein erster Gemahl aber als guter Gemahl. Nachdem er starb, gab es mehrere Bewerber. Einer davon wäre meine Wahl gewesen“, erklärte Gaëlle.

„Es ist sicher besser, wenn Ihr mir alles sagt, was sich zu Euren Ehen sagen lässt“, bat Roger.

„Was hat das mit dem jetzigen Problem zu tun?“, fragte Balian verblüfft.

„Ich möchte ergründen, ob die zweite Ehe eine gültige Ehe ist. Vielleicht ist sie es ja nicht, dann gibt es kein Problem mit Eurer jetzigen Ehe“, erwiderte Roger. Gaëlle nickte.

„Gut, dann werde ich es Euch sagen: Ich bin die älteste Tochter des Königs Amaury I. von Jerusalem. Den Thron erbte mein jüngerer Bruder Balduin, dazu gibt es noch die jüngste Schwester Isabella, unsere Halbschwester. Sie stammt aus einer zweiten Ehe meines Vaters, nachdem er sich von unserer Mutter scheiden lassen musste, die die Barone von Jerusalem nicht als Königin akzeptieren wollten. Unser Vater starb 1174, Balduin erbte den Thron und wurde als Balduin IV. König von Jerusalem. Er war gerade dreizehn Jahre alt. Wenig später zeigte sich, dass mein Bruder an Lepra erkrankt war. Eine Lepraerkrankung schloss eine Heirat und eigene Kinder aus. Also musste eine von uns beiden Schwestern für entsprechenden Nachwuchs sorgen. Isabella ist zehn Jahre jünger als ich, sie war erst fünf, als die Lepra bei Balduin ausbrach. Ich war fünfzehn und damit in einem heiratsfähigen Alter. Es fand sich mit Guillaume de Montferrat ein zwar älterer, aber meiner Mutter durchaus genehmer Heiratskandidat. Kurz, nachdem ich Guillaume versprochen worden war, warb jemand bei meiner Mutter für Guy de Lusignan, der gerade im Heiligen Land angekommen war. Guy war jung, sah gut aus, hatte aber noch nichts getan, was ihn für einen künftigen König empfehlen konnte und hatte wohl auch kein Geld. Er wurde mit Hinweis auf die bestehende Verlobung abgewiesen.

Ich heiratete als gehorsame Tochter den wesentlich älteren Guillaume. Das war 1176, nach Ablauf der Verlobungszeit. Schon bald wurde ich schwanger. Mein Gemahl vertrat jedoch Ansichten, die sich mit denen meiner Mutter nicht deckten. Gleichzeitig erwarb sich Guy als großer Gönner der Tempelritter und Befürworter von deren Zielen eine gewisse Anerkennung. Er hatte plötzlich auch Geld, viel Geld. Woher es kam, wusste keiner so recht. Ich vermute, er hat es damals bei Sarazenen zusammengeraubt. Allerdings könnte ich das nicht beweisen. Er erwog auch, in den Orden einzutreten, tat es dann aber nicht. Schon damals stand er Reynald de Châtillon sehr nahe. Meine Mutter ärgerte sich, dass sie ihn als Bewerber um meine Hand abgelehnt hatte und versuchte, ihn mir schmackhaft zu machen. Ich wies sie darauf hin, dass ich verheiratet sei und außerdem von meinem Gemahl schwanger sei. Sie meinte sinngemäß, Guillaume sei ja nicht mehr der Jüngste und in dem Fall stünde Guy dann ja als nächster Kandidat zur Verfügung. Ich wollte davon nichts wissen.

Mit Guillaume mied sie jeden Kontakt, wollte mich gegen meinen Gemahl aufbringen. Ich ließ es nicht zu. Dann erhielt Guillaume einen königlichen Auftrag und musste fort. Während der Reise erkrankte er an Malaria und starb, bevor unser Sohn geboren wurde. Reynald de Châtillon brachte die Nachricht, dass er der Krankheit erlegen war.

Prompt präsentierte meine Mutter wieder Guy de Lusignan als nächsten Heiratskandidaten. Ich weigerte mich mit Hinweis auf das offizielle Trauerjahr und den kleinen Sohn, den ich inzwischen geboren hatte. Balduin war mein ein und alles. Ich hatte ihn nach meinem Bruder genannt, den ich ebenfalls sehr geliebt habe. Nach Ablauf des Trauerjahres erklärten mir meine Mutter, der Patriarch Heraclius und Reynald, ich müsse unbedingt wieder heiraten. Ich wollte nicht.

Dann warb Balduin von Ibelin um mich. Sein Bruder, Balian von Ibelin, hatte nach dem Tod meines Vaters dessen zweite Frau geheiratet und kümmerte sich sehr liebevoll um meine kleine Schwester Isabella. Balduin war zwar auch wesentlich älter als ich – er war fast fünfzig – aber er hatte etwas an sich, was ich typisch Ibelin nennen würde: Er war einfach ein liebenswürdiger Mensch. Dass er auch reich war, spielte für mich keine Rolle. Meine Familie war selbst sehr reich. Meine Mutter favorisierte zusammen mit dem Patriarchen und de Châtillon weiterhin Guy de Lusignan. Das ging so weit, dass sie von Balduin von Ibelin den dreifachen Brautpreis verlangte – mit Blick auf den Reichtum der Ibelins. Balduin war bereit, das zu bezahlen. Wenige Tage später geriet er in Gefangenschaft der Sarazenen. Die Sarazenen verlangten das ungeheure Lösegeld von zweihunderttausend Besant**. Als das bekannt wurde, hatte ich zugegebenermaßen keine allzu große Hoffnung, dass Balian … äh, Balduin überhaupt zurückkehren würde.

Nach zwei Jahren war Bal… duin immer noch nicht wieder frei, meine Mutter ließ nicht locker, der Patriarch und Reynald drängten mich ebenfalls, Guy zu akzeptieren. Ich wollte immer noch nicht. Meine Mutter drohte schließlich damit, mir meinen Sohn wegzunehmen, weil ich ihm einen Vater vorenthielt. Das wirkte. Ich erklärte mich einverstanden, aber nur äußerlich. Innerlich wollte ich es nicht.

Es kam also zur Hochzeit mit Guy. Ich hatte aber nur unter der Bedingung zugestimmt, dass es keinen Ehevollzug unter Zeugen geben würde. So konnte ich mich Guy verweigern. Ich habe nie mit ihm … nun, Ihr wisst schon …“, erzählte Gaëlle und brach dann mit einer Scheu ab, die Balian von ihr nicht kannte. Er behielt sich aber in der Gewalt und ließ von seiner Verwunderung nichts nach außen dringen.

Bruder Roger lächelte sanft.

„Nein, ich weiß nicht, was Ihr meint“, erwiderte er.

„Die Ehe wurde nie vollzogen. Ist Euch das deutlich genug?“, hakte Gaëlle nach.

„Ja“, erwiderte der Rittermönch. „Also, Ihr seid nicht freiwillig vor den Altar getreten, sondern weil man Euch androhte, Euch Euren Sohn wegzunehmen und die Ehe ist nie vollzogen worden. Habe ich das so richtig verstanden?“, fragte er nach.

„Ja“, erwiderte Gaëlle. Roger nickte.

„Eine unfreiwillige und nicht vollzogene Ehe kann aufgelöst werden. Aber … Ihr habt doch Guy als Euren Gemahl zum König gekrönt und habt offenbar lange Jahre mit ihm verbracht. Wieso?“, fragte er dann.

„Es war die Angst um meinen Sohn“, erwiderte Gaëlle. „Balduin von Ibelin ist inzwischen verstorben. Erst als Balian herkam, der aus einer anderen Linie der Ibelins stammt, die noch in Frankreich verblieben war, bot sich eine Alternative. Aber es ist dann anders gekommen. Mir war klar, dass Guy sich möglicherweise an meinem Sohn Balduin rächen würde, wenn die Ehe aufgelöst würde. Er hatte genug auf dem Kerbholz, um ihn zum Tode zu verurteilen. Aber mein Bruder Balduin verurteilte nur diejenigen, die sich zu ihren Verbrechen bekannten. Guy tat dies nicht. Ich gebe zu, dass der Plan, den Raymond von Tiberias und ich entwarfen, einen Justizmord beinhaltete. Wir wollten, dass Guy wegen eines verweigerten Eides gegenüber Balian als neuem Heerführer Jerusalems hingerichtet würde. Balduin war einverstanden, aber Balian nicht. Er wollte sich dafür nicht hergeben, sah es als Unrecht an und brachte Raymond und mich damit zur Vernunft. Ich habe es zunächst nicht eingesehen, habe mich mit Balian sogar überworfen. Dann starb mein Bruder an der Lepra, und ich musste mich mit Guy arrangieren. Nachdem er mich dann nach dem Tod meines Sohnes belog, dass er Balian getötet hatte, hatte ich keine andere Wahl, als ihn zum König zu krönen.“

„Woran starb Euer Sohn?“

„Er hatte ebenfalls Lepra.“

„Nochmal zur Frage der nicht vollzogenen Ehe: Es wird wohl nicht ohne die Befragung aller Beteiligten abgehen. Wer waren Eure Trauzeugen?“, fragte Roger.

„Reynald de Châtillon und Bertrand de Cormier. Leider leben beide nicht mehr, so dass eine direkte Befragung nicht mehr möglich ist“, erwiderte Gaëlle. Balian meinte, einen leicht triumphierenden Unterton herauszuhören; aber wenn Roger den auch wahrgenommen haben sollte, ging er darüber hinweg … Der Johanniterbruder nickte.

„Üblicherweise bestätigen die Trauzeugen den Vollzug der Ehe in der Heiratsurkunde. Wo befindet sich Eure Heiratsurkunde?“, fragte er.

„In den königlichen Archiven Jerusalems. Aber als ich nach dem Fall der Stadt durch das Archiv hinausgeführt wurde, sah ich, dass die Sarazenen die Archive vernichteten. Ich weiß nicht, ob sie noch vorhanden ist“, erklärte Gaëlle.

„Ich werde die Angelegenheit dem Bischof vortragen“, sagte Roger.

 

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Kapitel 25

Kirchliche Ermittlungen

 

Roger reiste nach Nikosia, der Hauptstadt Zyperns, wo sich auch der Bischofssitz befand und trug dem Bischof Bartholomäus den Fall vor.

„Seltsam“, sagte der Bischof. „Nach zwölf Jahren Ehe ist mir eine Auflösung der Ehe wegen Zwangsverheiratung noch nicht vorgetragen worden. Aber gut, die Umstände sind auch besonders. Reist nach Tyrus und stellt fest, ob das, was die frühere Königin von Jerusalem Euch angegeben hat, wahr ist. Wenn Ihr das bestätigt findet, sollte einer Auflösung nichts im Wege stehen. Aber … sagt zu niemandem etwas, nennt insbesondere keine Namen. Der König ist mächtig genug, Euch schon an den Nachforschungen zu hindern.“

„Ja, Mylord Bischof“, bestätigte Roger und verließ den Bischofssitz.

 

Eine gute Woche darauf traf er in Akkon ein. Die Truppen der Kreuzritter waren noch mit dem Aufräumen nach der Eroberung der Stadt beschäftigt, Richard verhandelte als formeller Führer des Kreuzzuges über die Freilassung der Gefangenen. Von Roger und seinem Auftrag nahm kaum jemand Notiz. Ungehindert gelangte der Johanniterbruder nach Tyrus und fragte bei Thomas, dem Kämmerer, nach dem Archiv des Königreichs Jerusalem.

„Ihr wisst, dass der größte Teil davon vernichtet wurde?“, erkundigte sich der Kämmerer.

„Nun, ich habe gehört, dass etwas davon vernichtet sein soll. Aber vielleicht befindet sich die Urkunde, die ich suche, in dem Teil, der noch existiert.“

„Worum geht es Euch?“

„Eine Adlige, die früher in Jerusalem lebte, macht geltend, dass ihre Ehe ungültig ist, weil sie zwangsweise verheiratet wurde und die Ehe nie vollzogen wurde. Das soll ich prüfen“, erklärte Roger. Der Kämmerer seufzte.

„Ich hatte gehofft, dass diese Unart mit dem Untergang des alten Königreichs ebenfalls untergegangen ist. Sieht wohl nicht so aus …“

„Verzeiht. Ist das früher öfter vorgekommen?“, erkundigte sich Roger.

„Ihr seid noch nicht lange im Orient, oder?“, fragte Thomas schmunzelnd.

„Nein, ich bin vor zwei Monaten auf Zypern angekommen.“

„Um wen handelt es sich?“

„Bedaure, das ist Beichtgeheimnis, Mylord“

Der Kämmerer nickte. Geistliche hatten es zuweilen wirklich leichter als andere Menschen. Sie konnten sich bequem hinter dem Beichtgeheimnis verstecken, wenn sie über gewisse Dinge nicht reden wollten …

„Folgt mir“, sagte er und führte den Johanniter in einen muffigen Raum in den Kellern des provisorischen Regierungssitzes.

„Hier, das ist alles, was wir retten konnten“, sagte er und wies auf ein Regal, das ersichtlich aus Trümmerholz bestand. Die Papiere und Pergamente, die sich darin stapelten, sahen aus, als ob sie eilig zusammengerafft und hier einfach hinein geworfen worden waren. Roger spürte, dass sich seine Nackenhaare aufstellten. Das, was hier war, war zwar nur ein Bruchteil des früheren Archivs, aber immer noch eine ganze Menge. Er würde wohl Wochen, wenn nicht Monate brauchen, das zu sichten, wenn es nicht irgendwie sortiert war. Und ob er das, was er suchen sollte, hier wirklich finden würde, war eine völlig andere Frage. Er hatte das Gefühl, eine Nadel in einem Heuhaufen suchen zu müssen, wobei er vom ursprünglichen Heuhaufen nur einen Bruchteil zur Verfügung hatte, die besagte Nadel aber auch gut im nicht vorhandenen großen Rest sein konnte … Er nickte und Kämmerer Thomas ließ ihn mit einer Lampe allein in dem Archiv.

Roger begann zu suchen und stellte schnell fest, dass die Unterlagen sehr wohl geordnet waren, wenngleich es eher nach Stichproben aussah, die jemand aus dem eigentlichen Archiv genommen hatte. Er fand geordnete Unterlagen der Buchstaben C, I, L und T. Alles andere fehlte. Unter I suchte Roger eher unter dem Aspekt, dass man Jerusalem mit einiger Fantasie auch mit I schreiben konnte. Dort fand er nicht, was er suchte, wohl aber Dokumente der Familie Ibelin. Darin fand er bestätigt, dass Isabella von Jerusalem, Tochter der Maria Komnena und des Amaury von Jerusalem, als Stieftochter des Barons Balian von Ibelin in Nablus aufgewachsen war. Soweit stimmten die Angaben von Gaëlle schon einmal. Es fand sich dort auch das Testament des Godfrey von Ibelin, geschrieben zu Messina im Januar Anno Domini 1185, in dem Godfrey seinen unehelichen Sohn Balian als seinen Sohn anerkannte und zu seinem alleinigen Erben erklärte. Roger fand hier auch die von König Balduin IV. unterschriebene Urkunde, die Balian als Herrn und Baron von Ibelin bestätigte – und die vorbereitete, aber nie fertig gestellte Urkunde, in der die von Balduin, Raymond von Tiberias und Sibylla von Jerusalem geplante Heirat zwischen ihr und Balian dokumentiert werden sollte.

Unter dem Buchstaben L entdeckte Roger die Heiratsurkunde der Ehe von Sibylla und Guy de Lusignan. Roger fand bestätigt, dass die Trauzeugen die Heirat als solche bezeugten, aber nicht den Vollzug der Ehe. Ein Brief des Templergroßmeisters Arnaud de Toroge, der in einer Art privater Mappe mit dem Wappen der de Lusignans steckte, enthüllte, dass Bertrand de Cormier ein gutes Jahr nach der von ihm bestätigten Hochzeit in einem Kampf gegen Sarazenen gefallen war. In der gleichen Mappe befand sich auch ein Schreiben der Gräfin Agnes de Courtenay, die Guy de Lusignan die Hand ihrer Tochter Sibylla versprach, sofern deren Gemahl Guillaume de Montferrat ‘nicht mehr am Leben sei’. Der Johanniter sah auf das Datum des Schreibens. Es lautete auf den 28. Januar 1177. Er nahm sich vor, Gaëlle nach dem genauen Todestag ihres ersten Mannes und die erste bekannte Information zu seiner Krankheit zu fragen.

Der übernächste Brief in der Mappe beantwortete die geplante Frage: Es war die Antwort von Reynald de Châtillon auf Guys Auftrag, Guillaume zu beseitigen …

Roger sah sich vorsichtig um. Was er hier fand, war geeignet, Guy de Lusignan noch nachträglich zum Tode zu verurteilen … Er hatte ziemlich offensichtlich in ein Wespennest aus Verrat und Intrigen gestochen und war nun ernsthaft besorgt, dass man ihn beim Spionieren in privaten Unterlagen ertappen würde. Nein, er war allein, alles um ihn herum war dunkel. Und dann entdeckte er noch die Anweisung von Guy, Balduin von Ibelin in eine Falle zu locken und eine spätere Weisung an die Templer, Balian von Ibelin umzubringen, aber auf keinen Fall den Rock der Templer bei einem Überfall auf ihn zu tragen …

Der Johanniterbruder war entsetzt. Hier taten sich Abgründe auf, die ihn zu der Erkenntnis kommen ließen, Gott habe den Sündenpfuhl Jerusalem gründlich trockenlegen wollen, als er zuließ, dass Jerusalems Heer eine vernichtende Niederlage bei Hattin erlitt. Roger beschloss, mehr nicht wissen zu wollen. Was er gesucht hatte, hatte er gefunden. Mithilfe dieser Dokumente konnte die Ehe von Guy und Sibylla alias Gaëlle aufgelöst werden – vorausgesetzt, sie schwor bei Gott, die Ehe nicht vollzogen zu haben. Roger hatte an einem solchen Schwur keine Zweifel. Nach allem, was er hier vorgefunden hatte, hatte er jedoch das Gefühl, dass Guy sich nicht einfach wegschubsen lassen würde. Zu viel stand für ihn auf dem Spiel. König war er nur durch die Ehe mit Gaëlle. Nach dem, was dafür getan hatte, diese Ehe zu realisieren und jede Gefahr dafür zu beseitigen, würde er wohl Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um diese Ehe zu erhalten, mochte sie auch nur auf dem Pergament bestehen. Ob die Edlen des Reiches die Ergebnisse seiner Nachforschungen akzeptiert würden, war fraglich. Immerhin war er praktisch in Gaëlles Auftrag hier … Was er gefunden hatte, notierte er auf einem mehrfach gefalteten Blatt Pergament und steckte es sorgfältig ein. Dann legte alles wieder an seinen Platz, verließ das Archiv und teilte dem Kämmerer mit, dass er seine Arbeit beendet habe.

„Habt Ihr gefunden, was Ihr gesucht habt?“, erkundigte sich der.

„Verzeiht, darüber kann ich keine Auskunft geben. Das Archiv ist recht klein geraten. Sagte ich Euch, dass ich das, was ich gesucht habe, gefunden habe, wäre es Euch ein Leichtes, zu erforschen, was ich gesucht habe. Das widerspräche dem Beichtgeheimnis“, entgegnete Roger. Der Kämmerer nickte.

„Nun gut, ich frage nicht weiter nach. Reist Ihr gleich wieder zurück?“

„Das werde ich.“

„Dann sei Gott mit Euch. Gute Reise.“

 

Eine Woche darauf war Roger von Tours wieder auf Zypern und trug dem Bischof von Nikosia vor, was er im Archiv festgestellt hatte. Der hörte sich das an und ging nervös auf und ab.

„Das sind gefährliche Geheimnisse, mein Freund“, sagte er schließlich. „Sie gefährden die Stellung des jetzigen Königs von Jerusalem. Gäbe es einen, der den Thron nach ihm beanspruchen könnte?“, fragte Bartholomäus.

„Ja, Balian – durch Gaëlle.“

Der Bischof nickte.

„Holt ihn her – ohne Gaëlle. Ich möchte mit ihm reden. Sagt ihm nur das, sonst nichts.“

 

Der Johanniter kehrte nach Larnaca zurück und eröffnete Balian und Gaëlle, dass zunächst nur Balian vom Bischof vorgeladen war.

„Wieso?“, fragte Balian verwirrt.

„Ich kann Euch dazu nicht mehr sagen. Bitte kommt ohne weitere Fragen mit mir“, sagte Roger.

„Wenn das, was Gaëlle Euch gesagt hat, zur falschen Zeit an die Ohren von Guy de Lusignan dringt, muss ich um die Sicherheit meiner Familie fürchten, auch wenn Ihr Gaëlle gegenwärtig nicht als meine Frau ansehen wollt“, warnte Balian.

„Ich kann mir denken, worum es Euch geht. Seid unbesorgt. Ich habe keine Namen genannt. Nach allem, was ich beim Studium des Archivs erfahren habe, sind solche Ehestreitigkeiten im Heiligen Land wohl eher der Normalzustand gewesen, als eine ohne Widerspruch bestehende Ehe“, erwiderte Roger. „Kommt, es geht um Eure Ehe und Eure Familie.“

 

Mit ungutem Gefühl verließ Balian mit Roger allein Larnaca und ritt mit ihm nach Nikosia. Der Bischof lud den jungen Mann vor, schickte Roger hinaus und sagte dann:

„Verzeiht, wenn ich Euch etwas im Ungewissen lassen musste, weshalb ich Euch allein sprechen wollte. Eine Eheannullierung ist eine delikate Angelegenheit, die ich mir als Vertreter der Kirche nicht leicht machen darf. Ich frage Euch auch nicht zu den Umständen der möglicherweise aufzulösenden Ehe, weil ich annehme, dass Ihr dazu nicht viel sagen könnt. Mir geht es um andere Dinge.“

Balian nickte.

„Gut. Guy de Lusignan ist König von Jerusalem. Warum ist er das?“, fragte der Bischof.

„Er ist es, weil er mit Gaëlle verheiratet war – oder noch ist, weil er lebt“, antwortete Balian.

„Ihr habt angenommen, dass er tot ist. Woher wusstet Ihr, dass er tot sein sollte?“

„Weil ich mich mit ihm nach dem Fall Jerusalems geschlagen habe und er danach so schwer verwundet war, dass ich nicht geglaubt habe, er würde es überleben.“

„Wieso … habt Ihr Euch mit ihm geschlagen?“

Balian erzählte Bischof Bartholomäus von der bereits lange vor dem Fall Jerusalems bestehenden Liebe zwischen ihm und Gaëlle, davon dass Gaëlle ihn nach der Niederlage und Vernichtung der christlichen Armee bei Hattin zum Konstabler von Jerusalem eingesetzt hatte, dass Guy ihn nach der Aufgabe der Stadt angegriffen hatte.

„Was wäre geschehen, wenn Guy Euch nicht angegriffen hätte, sondern Euch befohlen hätte, seine Gemahlin in Ruhe zu lassen?“

„Den Befehl hätte er eher Gaëlle geben müssen, nicht mir. Sie hat das Verhältnis mit mir angefangen, nicht ich mit ihr“, entgegnete Balian. „Hätte sie zum damaligen Zeitpunkt darauf bestanden, die Ehe mit Guy fortzusetzen, hätte ich mich dem Wunsch gebeugt und ihr Verlangen nach mir als Spiel ihrerseits betrachtet. Als wenig schönes Spiel …“

„Welche Absichten habt Ihr, wenn Ihr nach Akkon kommt?“

„Wir sind auf einer Pilgerreise, einer friedlichen Pilgerreise, für die ich vom Sultan eine ausdrückliche Erlaubnis habe. Wir beabsichtigen nicht, uns am Kreuzzug zu beteiligen.“

„Ein Kreuzzug ist eine Pilgerreise!“, versetzte der Bischof.

„Diese Ansicht teile ich nicht. Aber das hat mit der Frage der Ehe nichts zu tun, oder?“, entgegnete Balian kühl.

„Was ist mit dem Thron?“, fragte Bartholomäus.

„Welchem Thron?“

„Dem von Jerusalem.“

„Ich denke, Ihr wollt prüfen, ob ich auf die Krone Anspruch erhebe“, stellte Balian fest. Der Bischof sah erst völlig verblüfft drein, dann nickte er.

„Nein, das tue ich nicht. Ich habe Gaëlle unter der Voraussetzung geheiratet, dass sie auf die Krone verzichtet. Hätte sie darauf bestanden, sie weiterhin zu haben oder auch nur den grundsätzlichen Anspruch darauf, dann hätte ich sie nicht geheiratet“, erwiderte Balian entschieden. Bartholomäus nickte erneut.

„Wie lautet Euer Titel genau?“, fragte er.

„Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois.“

„Aber Ihr nennt Euch von Ibelin. Wieso?“

„Ich betrachte das als meinen Familiennamen, den mein Vater mir hinterließ. Es ist auch ein Zugeständnis an Gaëlle, denn meine Familie heißt eigentlich du Puiset. Bei den Anjou im Heiligen Land hat der Name keinen guten Klang, denn ein du Puiset hat einen Aufstand gegen den König angezettelt. Sein Bruder hat sich daraufhin von ihm losgesagt und sich auf die Seite des Königs gestellt. Zum Lohn erhielt er Ibelin. Auch wenn Ibelin mir seit dem Fall Jerusalems nicht mehr gehört, so habe ich doch sehr gute Erinnerungen daran – und Gaëlle auch. Es war ihr Wunsch, dass es auch in Frankreich bei diesem Namen bleibt.“

„Ihr beugt Euch oft den Wünschen Eurer … Gemahlin…! Was ist, wenn sie den Thron erneut beansprucht?“

„Ich liebe Gaëlle, Mylord Bischof. Ein Mann, der seine Frau liebt, sollte ihre Wünsche erfüllen, soweit es möglich und nicht sündhaft ist. Aber was den Thron betrifft, werde ich sie nötigenfalls an unsere Vereinbarung erinnern: Dass ich sie nur ohne Krone als meine Gemahlin akzeptiere.“

„Und wenn sie darauf beharrt?“

„Dann hat sie die Wahl zwischen mir und Guy. Wenn sie darauf besteht, gebe ich sie frei. Nach Lesart der Kirche besteht die Ehe ja noch. Dann mag sie sie erfüllen.“

„Und Euer Sohn?“, fragte der Bischof listig.

„Das, Mylord, wäre eine reine Vereinbarung zwischen Gaëlle und mir. Aber ich würde ihr ausreden, Jean-Raymond zum Thronfolger zu erziehen. Ganz abgesehen davon, dass Guy das niemals zulassen würde.“

„So? Er hat doch schon einmal einen Sohn Gaëlles aufgezogen, der nicht von ihm war …“, erinnerte der Bischof.

„Vielleicht ist er ein besserer Mensch, als ich ihm zutraue; aber wenn es um meinen Sohn geht, glaube ich nicht, dass er so gnädig wäre. Er hat mehrfach versucht, mich zu töten, nachdem Beleidigungen nichts fruchteten. Er würde meinen Sohn schon deshalb töten, um sich zu rächen.“

„Besteht Ihr deshalb auf einer Annullierung der Ehe?“

„Gaëlle und ich waren bis vor kurzem der Ansicht, dass die Ehe mit Guy durch dessen Tod beendet wurde und dass wir vor Gottes Angesicht Eheleute sind. Ich weiß, dass sie eine Ehe mit Guy de Lusignan nicht mehr wünscht. Inzwischen weiß ich auch, dass sie unter falschen Voraussetzungen geschlossen wurde, Gaëlle damit nicht einverstanden war und dass sie nicht vollzogen wurde – im Gegensatz zu unserer Ehe, aus der ein Sohn stammt.“

„Schwört Ihr, dass Ihr den Thron nicht beansprucht?“

„Mylord Bischof, das Leben im Orient und die Verhandlungen mit Saladin haben mich gelehrt, dass es besser ist, noch Dinge zu haben, über die man verhandeln kann. Lasst es dabei. Ich habe Euch gesagt, dass ich den Thron nicht will. Das muss einstweilen reichen.“

„Was versprecht Ihr Euch, wenn Ihr dem Thron jetzt nicht abschwört“?

„Verhandlungsmasse, Mylord.“

„Hier geht es um eine kirchliche Frage!“

„Ist das so?“, fragte Balian. „Ihr habt wenig zu kirchlichen Dingen gefragt. Ihr fragt mich beständig nach dem Thron. Aber jetzt frage ich Euch: Was ist mit unserem Sohn?“

„Er ist ein … Bastard!“

„Ist er das? Wieso?“

„Er ist in einer ungültigen Ehe geboren“, erwiderte der Bischof.

„Wenn die Ehe mit Guy aufgelöst wird, weil sie nie bestanden hat, war Gaëlle zu dem Zeitpunkt frei, als wir geheiratet haben; dann ist doch die Ehe zwischen Gaëlle und mir gültig, oder?“

„Das ist schwierig …“, setzte Bartholomäus an.

„Mylord, mein Sohn ist ein unschuldiges Kind. Er kann dafür, dass die Ehe seiner Eltern möglicherweise ungültig ist, gar nichts. Ich konnte auch nichts dafür, dass mein Vater seine Stellung als Sohn des Fürsten gegenüber meiner Mutter ausnutzte. Gleichwohl schimpft man mich einen Bastard und will auch meinen Sohn mit dieser Demütigung bedenken – obwohl nicht einmal sicher ist, dass er tatsächlich einer ist. Schließlich haben seine Mutter und ich mit kirchlichem Segen des Patriarchen von Jerusalem geheiratet. Wieso sollte dieser kirchliche Segen weniger wert sein als jener, der ihr gegen ihren Willen zuteilwurde?“

„Das ist zu prüfen …“

„Nach Euren bisherigen Worten ist es gleich, ob die Ehe mit Guy aufgelöst wird oder nicht – mein Sohn soll als Bastard gelten. Das kann ich nicht gerecht nennen. Wenn die Ehe mit Guy ungültig ist, ist sie von Anfang an ungültig, weil sie nie vollzogen wurde. Dann muss folglich meine Ehe mit Gaëlle gültig sein und unser Sohn ehelich. Das Kirchenrecht, Mylord Bischof, ist immer gut dafür, furchtbares Unrecht zu tun …“

„Baron Balian!“, empörte sich der Bischof.

„Vizegraf“, korrigierte Balian lächelnd. „Ich bin allenfalls Titularbaron von Ibelin, Mylord Bischof. Aber das ist Haarspalterei. Was meine Ansicht zum Kirchenrecht betrifft: Ich habe genug böse Erfahrungen mit diesem von Menschen gemachten Recht gemacht, dass ich mir erlaube, diese Meinung dazu zu haben. Ich möchte von Euch eine Lösung dazu hören, wie mein Sohn, ein unschuldiges Kind, den Makel des unehelichen Kindes loswird. Ihr sagt, es sei schwierig. Nun, was sind die Voraussetzungen?“

Der Bischof stand aus seinem Sessel auf und begann eine unruhige Wanderung.

„Nehmen wir mal an, die Ehe mit de Lusignan wird aufgelöst. Dann ist sie es erst von dem Zeitpunkt an, an dem die Auflösung verkündet wird. Euer Sohn ist vorher geboren. Eure Ehe war und ist gegenwärtig nicht gültig. Er kann nur als Bastard angesehen werden“, sagte er.

„Nun nehmt mal an, Ihr hättet uns in Frankreich besucht und wüsstet nichts von einem lebendigen Guy de Lusignan. Es existiert eine Heiratsurkunde, unterschrieben von Heraclius von Cäsarea, dem Patriarchen von Jerusalem, dass Gaëlle von Anjou mit dem Segen der katholischen Kirche meine rechtmäßig angetraute Gemahlin ist. Wie würdet Ihr meinen Sohn dann bezeichnen?“

„Als Euren Sohn und rechtmäßigen Erben“, erwiderte der Bischof.

„Der Bastard hängt also nur an dem Wissen, dass es einen anderen Ehemann meiner Gemahlin gibt“, stellte Balian fest.

„Ja.“

„Gut. Gaëlle sagt, sie sei zur Ehe mit de Lusignan gezwungen worden und habe sie nie vollzogen. Bruder Roger sagte mir, das sei ein Ehehindernis, die Ehe würde vor Gott gar nicht geschlossen sein. Ist das so?“

„Ja.“

„Wenn diese Ehe gar nicht existiert, wie kann dann unsere Ehe, vor Gottes Angesicht geschlossen, vollzogen und mit einem Sohn beschenkt, ungültig sein, so dass das Kind ein Bastard sein soll?“

„Nein, ganz so einfach ist es nicht. Der Patriarch hätte Euch und Gaëlle gar nicht trauen dürfen“, entgegnete der Bischof.

„Wieso nicht?“

Bartholomäus setzte sich wieder in seinen Sessel und nestelte an seinem Bischofsring.

„Eure Ehe hätte aus zweierlei Gründen gar nicht geschlossen werden dürfen. Erstens: Es bestand ein eheliches Band. Es mag Euch seltsam vorkommen, aber das gilt auch, wenn die Ehe nichtig ist, dies aber den Personen, die das Sakrament der Ehe spenden, nicht bekannt ist und sie nicht einmal vollzogen war. Ich verweise auf die entsprechende Bestimmung im kanonischen* Recht. Zweitens: Ihr sagt selbst, dass Ihr Euch mit dem rechtmäßigen Ehegatten von Gaëlle geschlagen habt, dass Ihr annehmen konntet oder musstet, dass er durch Eure Hand zu Tode kam. Nach der entsprechenden Bestimmung des kanonischen Rechtes schließt eine ungültige Ehe, der den Ehegatten tötet, um die Ehegattin zu heiraten“, erklärte der Bischof.

„Nun, Eure Einwände scheinen stichhaltig“, räumte Balian ein. „Doch ein Eheband setzt voraus, dass die Ehe noch besteht, also nicht durch den Tod beendet ist. Letzteres war aber nach allen bekannten Tatsachen der Fall. Und zum zweiten Einwand: Das setzt voraus, dass ich Guy in der Absicht getötet hätte, Gaëlle zu heiraten. Als wir uns schlugen, hatte ich diese Absicht aber gar nicht, weil …“

„Ihr redet Euch da nicht heraus!“, unterbrach Bartholomäus Balian. „Gott weiß, was Ihr wirklich …“

„Dann weiß er auch, dass die Ehe von Guy und Gaëlle nichtig war!“, versetzte Balian scharf. „Kommt mir jetzt nicht mit menschlichem Wissen in dieser Sache, wenn an anderer Stelle wieder göttliches Wissen zählen sollte!“  

„Nun, es muss Menschen kundgetan werden …“, setzte der Bischof an, aber Balian bremste ihn erneut aus:

„Das mag so sein, aber maßgeblich ist doch wohl das, was vor Gott gültig ist, oder?“

Ein tiefes Seufzen entrang sich dem Bischof.

„Ja, da stimmt“, räumte er nach einer Pause ein. „Aber … wie will Eure Gemahlin beweisen, dass die Ehe nie vollzogen wurde, wenn de Lusignan etwas anderes behauptet?“

„Und wie will er seine Behauptung beweisen?“, fragte Balian. „Gilt das Wort eines Mannes mehr als das einer Frau?“

„Paulus sagt: ‚Das Weib schweige in der Kirche‘“

„Dann müsste Gott wohl selbst sprechen, um die Aussage eines Mannes zu widerlegen“, versetzte Balian leicht spöttisch. „Ihr habt sicher Recht, dass de Lusignan der Aussage Gaëlles widersprechen würde. In dem Fall bin ich bereit, die Wahrheit ihrer Aussage durch einen gerichtlichen Zweikampf unter Beweis zu stellen“, setzte er dann hinzu. „Auch wenn ich annehme, dass dieser Kampf schon vor fünf Jahren stattgefunden hat und Guy ihn verloren hat. Aber es gab keine geistlichen Zeugen.“

„Ihr wisst, dass ein Vertreter beim gerichtlichen Zweikampf die Strafe des Vertretenen teilen muss, falls er verliert?“, erkundigte sich der Bischof.

„Dessen bin ich mir bewusst.“

„Gut, dann werde ich nach Akkon schreiben und das Verfahren zur Annullierung der Ehe eröffnen.“

„Für mich ist immer noch offen, was mit meinem Sohn ist. Ich werde nicht akzeptieren, dass dieses unschuldige Kind nur deshalb ein Bastard sein soll, weil …“

„Euer Sohn ist dann legitimiert, wenn Ihr Gaëlle gültig heiratet, sofern die Ehe mit Guy wirksam aufgelöst ist“, unterbrach Bartholomäus Balian ungeduldig.

„Nun gut, ich nehme das so hin, auch wenn Ihr mich nicht völlig überzeugt habt“, seufzte Balian.

„Ihr könnt gehen“, entließ ihn der Bischof mit einem Handwedeln, das ihm zusätzlich bedeutete, er möge sich entfernen. 

 

 

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Kapitel 26

Geld oder Leben

 

Die Tatsache, dass Richard Guy de Lusignan als König von Jerusalem zwar verlangt und anerkannt hatte, bedeutete keinesfalls, dass er sich von Guy auch nur Vorschläge zur weiteren Kriegführung machen ließ. Im Gegensatz zu der Zusage gegenüber Philippe betrachtete er Guy selbstverständlich als seinen Vasallen und das auch in dessen Eigenschaft als König von Jerusalem. Richard Löwenherz waltete nach eigenem Gutdünken.

Akkon hatte sich unter ganz bestimmten Bedingungen ergeben. Dazu gehörte, dass für die Gefangenen Lösegeld gezahlt werden sollte und dass christliche Gefangene freigelassen werden sollten. Beide Bedingungen waren keinesfalls ungewöhnlich, weder für Konflikte in Europa und schon gar nicht für den Orient. Es war an der Zeit, die Bedingungen erfüllen zu lassen.

 

Richard ließ einen der männlichen Gefangenen vorführen. Die Wächter brachten einen jungen Mann mit kurzem, schwarzem Bart vor den König.

„Wer bist du?“, fragte Richard.

„Imad ad-Din, durch Saladins Gnade Statthalter von Akkon“, antwortete der Gefangene, geflissentlich verschweigend, dass er auch General der Reiterei Saladins war.

„Gut, Imad ad-Din. Geh zu Saladin und sag’ ihm, dass ich für jeden gefangenen Sarazenen, der gekämpft hat, tausend Besant Lösegeld verlange, hundert für die Greise und Kinder und fünfhundert für die Frauen. Außerdem will ich diese gefangenen christlichen Fürsten freigelassen wissen“, sagte Richard und wedelte mit einer Schriftrolle. „Weigert sich dein Sultan, werden die nicht ausgelösten gefangenen Männer enthauptet, die Frauen überlasse ich meinen Männern als Sklavinnen. Geh!“

Er warf Imad die Schriftrolle zu. Saladins General verneigte sich.

„Erlaubt, dass ich noch einen Begleiter mitnehme, denn der Weg nach Damaskus ist weit“, bat er.

„Gut, es sei. Wähle dir deinen Gefährten und geh.“

 

Wenig später hatte Imad ad-Din den dunkelhäutigen Asim Edin Bashir al-Bakir als seinen Begleiter bestimmt, einen Mauren aus Nubien, der dem Reitergeneral schon seit langem ein ebenso treuer wie tapferer Begleiter war. Sie verließen am 31. Juli 1191 Akkon und ritten eilig gen Damaskus, das gute 140 Meilen entfernt war. Sie erreichten die Stadt fünf Tage später mit völlig erschöpften, abgehetzten Pferden und trugen Saladin die Lösegeldforderung des englischen Königs vor. Saladin erbleichte. Richard hatte insgesamt dreitausend Gefangene gemacht, davon wohl fünfhundert Kinder und Greise, zweitausend Krieger und etwa fünfhundert Frauen, machte insgesamt über zwei Millionen Besant! Das war richtiges Geld, was Richard da verlangte – nicht berücksichtigt, dass für die verlangten christlichen Gefangenen das Lösegeld schlicht ausfiel. Es waren hohe Adlige darunter, für die pro Person um die zehntausend Besant verlangt werden konnten …

„Was… wird er tun, wenn das Lösegeld nicht bezahlt wird?“, fragte Saladin mit belegter Stimme.

„Die männlichen Geiseln werden enthauptet“, erklärte Imad, dem sich der Hals zuschnürte, als er seinen Sultan ansah. Er hatte es zu verantworten, dass Akkon gefallen war … Doch Saladin machte keine Anstalten, ihm Vorwürfe zu machen.

„Lasst die Ungläubigen nicht mit solch maßlosen Forderungen durchkommen!“, rief ein älterer Mullah zornig. Lautes Protestgeschrei erhob sich, bis Saladin die rechte Hand hob und Ruhe gebot. Augenblicklich war es mucksmäuschenstill im Saal.

„Was habt Ihr eigentlich von den Ungläubigen erwartet?“, fuhr Saladin die Schreihälse an. „Habt Ihr wirklich geglaubt, dass sie tatenlos zusehen, wie wir Jerusalem in Besitz nehmen, ihnen das Land wegnehmen, das sie einst erobert haben?“

„Aber Gott war mit uns!“, rief ein jüngerer Mullah.

„Ihr seid zu nachsichtig gewesen!“, rief ein sarazenischer Adliger. „Akkon konnten wir nicht halten. Was muss noch geschehen, bevor wir richtig zurückschlagen?“

„Nun scheint es Gottes Wille zu sein, dass wir Akkon verloren haben und viele Gläubige Gefangene der Ungläubigen sind“, erwiderte Saladin mit erzwungener Ruhe.

Es war ihm zuwider, Gott für kriegerische Unternehmungen einzuspannen. Gerade Jerusalem hatte ihm gezeigt, dass Gott sich eher neutral verhielt … Er dachte an den jungen Balian, der ihm, Saladin, mit so viel Geschick und Kreativität die Stirn geboten hatte, ihn so viele Opfer hatte bringen lassen, dass Saladins Armee an diesem Sieg fast verblutet wäre. Wie hatten die alten Römer so einen fatalen Sieg genannt? Pyrrhussieg … Saladin sah sich in einer ähnlichen Situation wie der griechische König vor so vielen hundert Jahren.

„Der Kampf um Jerusalem hat mehr Opfer gefordert, als wir so schnell ersetzen konnten. Wir brauchen Zeit, um unsere Truppen zu verstärken – viel Zeit“, sagte er dann. „Wir müssen sie ruhig stellen, hinhalten, bis wir stark genug sind, um sie so zu schlagen, dass im Abendland nie wieder ein König auf die Idee kommt, Jerusalem christlich machen zu wollen. Dafür ist mir alles recht!“, stellte der Sultan klar. „Imad, du sorgst dafür, dass das Geld zusammenkommt und mit den verlangten Gefangenen Richard übergeben wird. Richard will Jerusalem. Ich biete ihm dazu Verhandlungen an – wenn Balian von Ibelin für ihn die Verhandlungen führt.“

Imad sah seinen Herrn verblüfft an.

„Beherrscher aller Gläubigen, Balian hat um Reiseerlaubnis gebeten und ich habe sie in Eurem Namen erteilt. Das war vor drei Monaten. Er wird vielleicht schon eingetroffen sein. Wäre das ein so entscheidender Zeitgewinn?“, fragte er vorsichtig.

„Jedenfalls dann, wenn durch Verhandlungen keine weiteren Kämpfe stattfinden können. Sende Richard diese Botschaft“, wies Saladin den treuen Imad an. Er verbeugte sich gemessen, um dann die Weisung seines Herrn auszuführen.

 

Imad hatte noch am selben Tag Boten ausgesandt, um die Forderungen erfüllen zu können. Wegen der recht großen Entfernungen sollten einzelne christliche Gefangene direkt nach Akkon gebracht werden. Doch die Ablieferung des Geldes kam nicht so schnell voran, wie er sich das vorgestellt hatte. Viel Zeit hatte er nicht. Imad und Asim brachen schon am Tag nach Stellung der Forderung auf, um schon einen Teil der Forderung zu erfüllen und um Verlängerung der Frist zu bitten, die Richard auf drei Wochen festgesetzt hatte. Die mit höchster Eile reisende Karawane erreichte Akkon am 11. August. Richard und seine Gefolgsleute konnten nicht umhin, die beiden Sarazenen zu bewundern und zu achten, die in die Gefangenschaft zurückkehrten, statt in Damaskus in Sicherheit zu bleiben. Imad teilte Richard mit, dass er dreiviertel der geforderten Summe mitgebracht habe und ihm auch schon einen Teil der geforderten Gefangenen übergeben könne. Um den Rest noch zusammenzubekommen und auch die restlichen Gefangenen holen zu können, bat er um mehr Zeit und um Garantien dafür, dass die Boten des Sultans bei dieser Aufgabe nicht durch Christen behindert würden.

„Ihr habt etwas missverstanden, Imad. Ich schließe keinen Waffenstillstand, damit das Lösegeld aufgebracht werden kann und die Gefangenen hergebracht werden können – Lösegeld und Gefangenenaustausch sind Voraussetzung für einen Waffenstillstand. Und wenn nicht bis zum 20. August alles hier ist, werden die Geiseln hingerichtet – alle!“, drohte Richard.

„Eure Forderung ist unmäßig. Kein Sara…“

„Schweig!“, donnerte Richard. „Mir ist bekannt, dass Saladin selbst für einen einzelnen Gefangenen allein, Balduin von Ibelin, zweihunderttausend Besant gefordert hat. Dann ist meine Forderung von tausend Besant je gefangenem Mann geradezu lächerlich!“

„Wenn Ihr Euch darüber ereifert, dann bedenkt dass jener ein Einzelner war, der auch große Bedeutung hatte und sehr reich war. Jetzt geht es um Krieger, die selbst nicht reich sind, die keinen Einfluss haben, es geht um deren Frauen und Kinder“, mahnte Imad laut. Richard sprang auf.

„Hüte deine Zunge, Heide!“, fuhr er ihn an.

„Ich fürchte Euren Zorn nicht. Ich fürchte nur Gott“, versetzte der Sarazene ruhig.

„Ich bin Ritter, Heide, so handle ich auch und achte den Schutz des Boten. Aber wage es nicht, mich maßregeln zu wollen!“

„Ihr missversteht mich, aber das bin ich von Ungläubigen gewohnt. Natürlich werden wir tun, was wir können, um die Forderung zu erfüllen, auch wenn wir sie für völlig unmäßig halten. Salahadin hat Euch Verhandlungen über Jerusalem angeboten, wenn Balian von Ibelin Euer Unterhändler ist. Habt Ihr ihn benachrichtigt?“, erkundigte sich Imad. Richard klopfte sich nervös und zornig mit der Schriftrolle in die Hand, die Imad ihm ausgehändigt hatte.

„Oh, ja, ich habe dieses unglaubliche Angebot vernommen … Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte den Boten dafür köpfen lassen … Zum Glück habe ich mich rechtzeitig besonnen, dass er nur der Überbringer der Nachricht war und nicht der Urheber. Es ist eine Ungeheuerlichkeit, denn Euer Sultan hat den Verteidiger Jerusalems des Landes verwiesen. Balian lebt in Frankreich und hat deutlich gemacht, dass er sein Versprechen nicht brechen wird. Was also soll ein solches Angebot, von dem der Sultan wissen muss, dass es völlig unmöglich ist? Ich muss annehmen, dass er mich hinhalten will.“

Imad zuckte kaum merklich zusammen. Richard hatte Saladins Absicht offenbar durchschaut. Doch dann lächelte er gewinnend.

„Nun, Balian hat den Sultan um Reiseerlaubnis als friedlicher Pilger gebeten, weil es seiner Gemahlin und seinem kleinen Sohn sehr schlecht ging. Er erhofft sich Heilung für seine Familie hier – durch sarazenische Ärzte, durch Heilmittel, die hier vorhanden sind. Der Sultan war so gütig, ihm die Erlaubnis zu geben. Das war vor drei Monaten. Balian und sein Gefolge dürfte inzwischen eingetroffen sein“, sagte Imad mit gewisser Süffisanz. Im Stillen dankte er Allah, dass er dieses Argument vorbringen konnte. Irgendwie schien Balian eine ganz besondere Verbindung nach oben zu haben … Richard musste sich an seinem Thronsessel festhalten, so erschütterte ihn das Wissen des Sarazenen. Er konnte nicht wissen, dass sein Gegenüber und Balian von Ibelin ausgesprochen gute Freunde waren…

„Erstaunlich … Mir gegenüber hat er abgelehnt“, brummte Richard. „Nun gut, dann werde ich prüfen, ob er angekommen ist. Ob ich ihn zum Unterhändler bestimme, entscheide ich dann.“

„Der Sultan wird nur mit Balian von Ibelin verhandeln, auf dessen Wort Verlass ist. Ihr tätet gut daran, ihm die Vollmachten zu geben.“

„Ich brauche keine ungebetenen Ratschläge von Heiden! Bringt ihn wieder in den Kerker, bevor ich mich vergesse!“

Imad verbeugte sich gemessen, bevor die Wächter ihn packten und erlaubte sich ein zufriedenes Grinsen, als er sich im finsteren Kerker unbeobachtet wusste. 

 

Richard grinste gleichfalls vor sich hin, als er allein war. Das passte doch wirklich wie die Faust aufs Auge: Balian war wirklich dumm genug, ins Heilige Land zurückzukehren und seine Ehe aufs Spiel zu setzen! Er ließ Peter Dubois und Robin von Locksley kommen.

„Prüft nach, ob der Baron von Ibelin angekommen ist oder ob jemand um seinen Aufenthalt weiß. Ich will den Mann hier haben!“, beauftragte er die jungen Männer. Peter und Robin verneigten sich und begannen ihre Nachforschungen.

Kaum hatten die jungen Ritter den Raum verlassen, als Guy hereinplatzte.

„Mylord! Der Bischof von Nikosia hat mir geschrieben. Gaëlle will unsere Ehe annullieren lassen!“

„Was?“, entfuhr es Richard. „Kann sie das?“

Guy ließ sich schwer in einen Sessel fallen, ohne dass Richard ihn dazu aufgefordert hatte.

„Es ist im Heiligen Land nichts Ungewöhnliches, Mylord. Es hat hier immer Zwangsheiraten und auch Zwangsscheidungen gegeben. Zuletzt hat sich Konrad dieser Methode bedient, um Isabella heiraten zu können“, erwiderte er.

„Das meine ich nicht, Guy. Hat sie etwas gegen Euch in der Hand?“, präzisierte Richard.

„Es lässt sich nicht bestreiten, dass ich keine Kinder mit ihr habe. Sie hat sich mir verweigert.“

„Immer?“

„Nein, die Ehe ist natürlich vollzogen. Doch es gab keine Zeugen“, räumte Guy ein. Richard schüttelte den Kopf.

„Ihr seid noch dümmer als ich dachte!“, knurrte er.

 

„Wer könnte uns etwas über ihn sagen?“, fragte Peter, als sie draußen vor dem Statthalterpalast standen.

„Er ist ein Freund von Graf Tiberias. Komm, den fragen wir!“, schlug Robin vor. Sie suchten eilig Raymond von Tiberias auf.

„Mylord, Ihr kennt doch Balian, den Baron von Ibelin“, setzte Robin an.

„Ja.“

„Wenn er nach Jerusalem reisen wollte – auf welchem Wege würde Eurer Meinung nach kommen?“, erkundigte sich Peter.

„Ich weiß, dass er 1184 zu Land bis Messina gereist ist und von dort segelte. So ist er auch 1188 von Zypern zurückgereist. Aber er hat …“

„Wissen wir“, unterbrach Robin den Grafen. „Wir wissen aber auch, dass er eine Reiseerlaubnis hat und unterwegs sein muss. Gerüchteweise soll er schon angekommen sein.“

„Nun, dann sucht ihn am Hafen“, empfahl Tiberias mit leichtem Grollen und verbarg nur knapp seinen Schrecken, dass Balian und Sibylla ins Heilige Land zurückkehren wollten und augenscheinlich keine Ahnung hatten, dass ihrer Ehe ernsthafte Gefahr drohte – genau genommen waren sie nicht verheiratet! Die beiden Engländer verließen Tiberias, der sogleich zu seinem Taubenschlag eilte, um seiner Frau eine Nachricht per Brieftaube zu schicken. Wenn Richard nach Balian suchte, wollte er möglicherweise an Sibylla kommen, um seiner Marionette Guy die Legitimation als König zu verschaffen. Falls die junge Familie tatsächlich schon in Larnaca eingetroffen war, musste Yasmina sie unbedingt warnen!

 

Robin und Peter suchten zunächst nach Schiffen, die direkt aus Frankreich gekommen waren, doch von diesen Kapitänen wusste niemand etwas über den Baron von Ibelin. Einen ganzen Tag lang klapperten sie die Schiffe ab, dann bekamen sie von einem italienischen Kapitän den Hinweis auf den Grafen d’Arezzo, der den Baron von Ibelin erwähnt hatte. Sie machten sich auf die Suche nach Paolo d’Arezzo, fanden ihn aber erst zwei Tage später in einem der vielen Feldlager um Akkon.

„Man sagt, Ihr wisst etwas über den Aufenthalt des Barons von Ibelin“, sagte Peter, als sie sich dem Grafen vorgestellt hatten.

„Ja. Der Baron von Ibelin ist mit mir zusammen von Ancona abgesegelt. Aber weil er als friedlicher Pilger und nicht als Kreuzfahrer unterwegs ist, wurden seine Schiffe nach Lemesos umgeleitet. Bisher ist keines der Schiffe hier angekommen. Ich nehme an, er ist noch auf Zypern“, erklärte Paolo d’Arezzo. Die beiden jungen Engländer atmeten tief durch. Sie hatten eine Spur …

 

 

 

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Kapitel 27

Lüge oder Wahrheit

 

Die Brieftaube, die Raymond von Tiberias nach Zypern gesandt hatte, landete fast direkt vor Almarics Füßen, der das Tier samt Nachricht gleich zu Gräfin Yasmina brachte. Yasmina las die Botschaft ihres Mannes und ließ Balian rufen, der auch gleich zu ihr kam.

„Balian, König Richard sucht nach Euch, berichtet Raymond, aber was er von Euch will, weiß er nicht“, sagte sie.

„Ich nehme an, der Bischof hat an Guy wegen der Eheannullierung geschrieben. Eigentlich kann es nur darum gehen“, mutmaßte er.

„Ich weiß es nicht. Raymond schreibt davon nichts. Aber … wenn es so sein sollte: Noch ist Guys Ehe nicht annulliert. Ich befürchte, er wird Gaëlle augenblicklich beanspruchen, wenn ihr in Akkon an Land geht“, warnte Yasmina.

„Bischof Bartholomäus und Bruder Roger haben deutlich gemacht, dass es nicht ohne eine Befragung aller Beteiligten gehen wird. Gaëlle und ich müssen uns dem stellen, Yasmina“, erwiderte Balian ernst.

 

Vier Tage später lief ein Schiff in den Hafen von Lemesos ein, und Peter Dubois und Robin von Locksley gingen von Bord. Eilig ritten sie nach Larnaca zum Palast des Grafen von Tiberias.

„Wir kommen im Auftrag des Königs von England und möchten zu Balian von Ibelin“, erklärte Peter. Yasmina von Tiberias ließ Balian rufen, der die jungen Engländer im Rittersaal traf. Die beiden sahen sich viel sagend an, als sie Balian erkannten. Das war doch der Schmied …

„Balian von Ibelin?“, fragte Robin sicherheitshalber. Balian nickte.

„Der bin ich.“

„Ähem, der … König von England bedarf Eurer Hilfe, Mylord“, sagte Peter. „Sultan Saladin hat Verhandlungen angeboten, aber ausdrücklich Euch als Unterhändler verlangt. Werdet Ihr dem Ruf des Königs folgen?“

Balian nickte.

„Und alle, die mit mir unterwegs sind, dürfen ebenfalls ins Heilige Land übersetzen?“, fragte er nach.

„Ja, Mylord“, bestätigte Peter.

„Dann werden wir umgehend reisen“, versprach Balian.

 

Eilig packten die Ibeliner ihre Sachen und verabschiedeten sich von der gastlichen Gräfin, die sie fast zwei Monate beherbergt hatte. Die Schiffe wurden klargemacht, verließen Zypern und trafen am 18. August in Akkon ein. Richard empfing Gaëlle und Balian im Palast.

„So, so … Ihr seid also Balian von Ibelin, der berühmte Verteidiger Jerusalems“, schmunzelte Richard und ging einmal um den Vizegrafen herum. „Ihr … habt mich … angelogen. Hufschmied habt Ihr Euch genannt. Ihr habt gegen den Rittereid verstoßen … Das verlangt nach Strafe.“

Richards Gesicht verzog sich zu einem geradezu niederträchtigen Grinsen. Den Mann hatte er in der Hand!

„Ich habe nicht gelogen“, widersprach Balian ruhig. „Ich bin Hufschmied – und der Sohn Godfreys von Ibelin.“

„So? Seid Ihr das? Ich glaube Euch kein Wort! Ein Baron ist doch kein Hufschmied!“, grollte Richard.

„Nun, gewiss ist nicht jeder Baron ein Handwerker, aber ich war bereits Hufschmied, bevor ich Baron von Ibelin wurde. Und ich beschlage meine Pferde immer noch selbst“, konterte Balian ungerührt.

„Ihr lügt!“

„Ich lüge nicht!“, fauchte Balian. „Und ich beweise es Euch, indem ich Euer Pferd beschlage.“

„Nur zu“, grinste Richard. „Wenn Ihr das nicht könnt, werdet Ihr aus dem Ritterstand ausgestoßen!“, drohte er.

„Mal abgesehen davon, dass mir Ritter bekannt sind, die chronisch die Unwahrheit gesagt haben und unbehelligt Ritter blieben – wer soll dann die Verhandlungen für Euch mit Saladin führen?“, fragte Balian maliziös.

„Ihr, aber nicht als Ritter, sondern als mein Knecht“, erwiderte Richard.

„König Richard, ich bin Euch nicht untertan, ich habe Euch keinen Eid geschworen, ich unterstehe nicht Eurer Gerichtsbarkeit. Mein Herr ist der Graf von Blois. Also, droht mir nicht Dinge an, die nicht in Eurer Macht stehen, wenn Ihr nicht selbst gegen den Rittereid verstoßen wollt, indem Ihr Unrecht tut“, warnte Balian.

„Ihr seid doch … Titularbaron … von Ibelin, ja?“

„Ja.“

„Der König von Jerusalem ist in dieser Eigenschaft Euer Herr. Und der König von Jerusalem, Guy de Lusignan, ist mein Vasall in Frankreich. Als Herr dieses Vasallen habe ich auch Macht über Euch, Mylord“, flötete Richard.

„Nein, habt Ihr nicht. Ich könnte Ibelin beanspruchen, aber wenn ich dafür Guy de Lusignan den Lehenseid schwören müsste, verzichte ich darauf“, entgegnete Balian kühl. „Ich bleibe lieber unabhängig.“

„Und außerdem schätzt Ihr die Bigamie!“, grollte Richard weiter.

„Dass Guy lebt, haben wir erst erfahren, als wir nach Zypern kamen. Bis dahin waren wir davon überzeugt, dass er tot ist“, schaltete sich Gaëlle ein. „Der Patriarch von Jerusalem selbst hat uns getraut. Wenn selbst er davon überzeugt war,…“

„Ich bin aber sehr lebendig, Sibylla!“, kam eine Stimme aus einer mit einem Vorhang verdeckten Ecke des Raumes. Gaëlle und Balian sahen dorthin, der Vorhang wurde zur Seite geschoben und Guy trat im Waffenrock der Jerusalemritter hervor. In der linken Hand hielt er den Brief des Bischofs von Nikosia.

„Das hier“, er hielt Gaëlle vorwurfsvoll den Brief hin, „dient doch nur dazu, mich um den Thron zu bringen.“

„Nein, es dient dazu, eine Lüge zu beenden!“, versetzte sie scharf.

„Mit einer neuen Lüge?“, fragte Guy süffisant. „Ihr wisst genau, dass unsere Ehe vollzogen ist!“

Gaëlles eisiges Lächeln verriet eine Spur von Unsicherheit.

„Beweist es!“, zischte sie. „Unsere Trauzeugen sind tot – und das wisst Ihr!“, fuhr sie fort. „Ich war schon Mutter. Ihr könnt also auch keinen Beweis der Entjungferung präsentieren.“

Guy stockte. Dann breitete sich ein gemeines Grinsen auf seinem Gesicht aus.

„Ihr seht an mir, dass Totgesagte länger leben“, entgegnete er. „Und das gilt auch für Bertrand de Cormier!“

Triumphierend streckte er den rechten Arm aus und präsentierte einen Mann im Templerrock, der ebenfalls hinter dem Vorhang hervorkam, hinter dem sich schon Guy verborgen hatte.

„Ihr seid Bertrand de Cormier?“, fragte Balian und maß den Templer von oben bis unten.

„Allerdings! Was hast du daran zu zweifeln, Bastard?“, knurrte der. Balian zog eine Augenbraue hoch.

„Oh, Herr de Lusignan hat Euch über mich informiert, wie es scheint“, erwiderte er beherrscht. „Wie geht es Eurem Bruder Paul?“, erkundigte er sich dann. De Cormier sah Balian verwirrt an.

„Was geht es dich an, wie es Paul geht?“

„Ich habe ihn seit meiner ersten Reise hierher nicht mehr gesehen. Ihr seid der Erste, der mir etwas über ihn sagen könnte. Und? Wie geht es ihm?“   

„Dem geht es gut!“, knurrte Bertrand. „Er war gestern erst bei mir.“

„Ist das so?“, lächelte Balian maliziös. „Ich frage mich allerdings, wie ein Mann, der im November 1184 in Frankreich vor meinen Augen mit einem Rabenschnabel erschlagen wurde, gestern bei Euch im Heiligen Land gewesen sein kann, Bertrand“, versetzte Balian eisig. „Ihr redet von einem Mann, den es nicht mehr gibt. Vielleicht redet Ihr auch von Ereignissen, die es nicht gibt!“

„Das wirst du mir büßen, Bastard!“, schrie de Cormier auf und riss sein Schwert aus der Scheide, krümmte sich aber im nächsten Moment unter fürchterlichen Schmerzen und hielt sich die ramponierte Männlichkeit, die Balian mit einem saftigen Tritt bedacht hatte.

„Packt ihn!“, befahl Richard den im Raum anwesenden Posten. Vier Ritter in englischen Waffenröcken griffen zu, bekamen aber nur die leere Luft zu fassen, als Balian wegtauchte. Im Aufstehen zog er sein Schwert blank und entwaffnete mit einem Kreisschlag zwei davon, einen dritten packte er und warf ihn mit solchem Schwung in Richtung des angeblichen Bertrand de Cormier, dass er über den zu Boden gegangenen Mann stolperte und gegen Guy prallte, der auch der Länge nach hinflog.

Die Tür wurde aufgestoßen und Roger von Tours platzte mit wenigstens zehn Johanniterrittern herein.

„Glaubt Ihr wirklich, ich ließe es zu, dass meinem Vasallen von einem Bastard Hörner aufgesetzt werden?“, griente Richard. „Nehmt ihn fest!“, befahl er dann mit einer Handbewegung zu Balian. Roger drehte sich um.

„Tretet ein, Mylord Bischof!“, rief er, winkte seinen Leuten, die Guy, Bertrand und die Ritter des Königs gleich entwaffneten.

„Was?“, entfuhr es Richard. „Was geht hier vor?“

Bischof Bartholomäus kam herein.

„Die Frage zu klären, ob die Ehe zwischen Guy de Lusignan und Sibylla von Jerusalem zu Recht besteht oder nicht, Mylord Richard, ist Aufgabe der Kirche, nicht die Eure!“, versetzte der Bischof herrisch. „Dass Ihr ein Interesse daran habt, Euren Vasallen als König zu legitimieren, kann ich mir vorstellen – und deshalb haltet Ihr Euch heraus!“

Er setzte sich auf den erhöhten Thronsitz, ohne Richard auch nur zu fragen.

„Roger, Ihr habt im verbliebenen Archiv von Jerusalem die Heiratsurkunde dieser fraglichen Ehe gefunden. Gebt sie mir!“

Roger von Tours, der im Auftrag des Bischofs inzwischen das gesamte verbliebene Archiv Jerusalems aus Tyrus geholt hatte, präsentierte dem Bischof die Urkunde.

„Die eigentliche Trauung wird von Reynald de Châtillon und Bertrand de Cormier bezeugt, jedoch nicht der Vollzug der Ehe. Wo sind die Trauzeugen?“

Schweigen. Weder Guy noch Richard machten Anstalten, den fehlenden Zeugen zu präsentieren, und der angebliche Bertrand hielt sich zurück.

„Keine Zeugen?“, fragte der Bischof nochmals. „Guy, Ihr sagtet mir, Ihr hättet den Zeugen finden können. Wo ist er?“

„Er … er ist …“

„Er ist tot, Mylord Bischof“, erklärte Gaëlle. „Dieser Mann hier behauptete noch kurz vor Eurem Eintreffen, Bertrand de Cormier zu sein“, sagte sie und zeigte auf den immer noch bleichen Mann im Johanniterrock. „Dumm nur, dass Bertrand schon seit elf Jahren tot ist!“

„Welchen Beweis bietet Ihr dafür, Gaëlle?“, fragte der Bischof.

„Es gab einen Brief des Templergroßmeisters, der – ich meine ungefähr ein Jahr nach der Vermählung – Guy mitteilte, dass sein Freund Bertrand im Kampf gegen Sarazenen gefallen war.“

„Roger, Ihr habt das gesamte Archiv mitgebracht?“, erkundigte sich der Bischof.

„Alles, was noch vorhanden war, Mylord Bischof“, bestätigte Roger und winkte zweien der Brüder, die eine große Truhe hereinbrachten.

„Wie lange soll das dauern?“, grollte Richard. „Bertrand ist bereits als Lügner entlarvt“, knurrte er weiter. „Aus den Akten wird nichts zu beweisen sein, die Trauzeugen sind tot. Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, bleibt nur noch der gerichtliche Zweikampf.“

„Eure Zeit interessiert mich nicht, Richard. Aber ich greife Euren Hinweis gerne auf“, entgegnete Bartholomäus. „Seid Ihr Bertrand de Cormier oder nicht?“, fragte er den Mann, der so vorgestellt worden war. Der schüttelte schweigend den Kopf.

„Bist du ein Templer?“

Wiederum schweigendes Kopfschütteln.

„Guy de Lusignan, seid Ihr bereit, die Behauptung, Eure Ehe sei vollzogen, mittels gerichtlichen Zweikampfs zu beweisen?“

„Ja.“

„Sibylla von Jerusalem, bekannt als Gaëlle von Ibelin, seid Ihr bereit, Eure Behauptung, die Ehe sei nicht vollzogen, auf diese Weise zu beweisen?“

„Ja, Mylord Bischof, doch ich selbst kann nicht kämpfen. Balian von Ibelin wird mich und meine Ehre verteidigen.“

„Seid Ihr dazu bereit, Balian von Ibelin?“

„Ja, Mylord Bischof.“

„Gut. Heute ist Sonntag. Am Tag des Herrn wird nicht gekämpft. Dann wird der Zweikampf morgen Mittag auf dem Platz der Festung ausgetragen!“, entschied der Bischof. „Bis geklärt ist, ob Gaëlle von Ibelin Guy de Lusignan gehört oder nicht, wird sie in die Obhut des Johanniterordens gegeben. Weder Guy de Lusignan noch Balian von Ibelin dürfen sie bis dahin sehen.“

 

Ergeben verneigten sich die Männer vor der Autorität des Bischofs. Bartholomäus erhob sich.

„Da Ihr ohne Eure Gemahlin nichts zu tun habt, werdet Ihr mir Eure Wahrhaftigkeit in Sachen Schmiedekunst beweisen!“, befahl Richard Balian.

„Ganz gewiss nicht, Mylord“, widersprach Balian. „Darüber können wir gern nach dem morgigen Zweikampf reden, davor nicht!“

„Was will er von Euch?“, fragte Bartholomäus Balian.

„König Richard glaubt mir nicht, dass ein Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois auch ein Schmiedemeister sein kann. Er verlangt eine Arbeitsprobe von mir“, erklärte Balian.

„Am Sonntag wird keinerlei knechtliche Arbeit verrichtet!“, fuhr Bartholomäus den englischen König an. „Erst recht nicht, wenn diese Arbeit geeignet wäre, den morgigen Zweikampf zugunsten Eures Vasallen zu beeinflussen. Roger: Vizegraf Balian bekommt Quartier im Johanniterhospital!“

„Ja, Mylord Bischof!“, bestätigte der Johanniter. 

 

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Kapitel 28

Die Nacht der langen Messer

 

Das Tor der Festung schloss sich hinter Gaëlle und den Johannitern, die sie begleiteten. Der fallende Torbalken verursachte dabei ein Geräusch fataler Endgültigkeit. Unwillkürlich blieb Gaëlle stehen und sah zum Tor. Bruder Roger nahm sie sanft am Arm.

„Kommt“, sagte er. „Es ist nur bis morgen.“

„Bruder Roger, selbst, wenn Balian morgen gewinnt, wird Guy keine Ruhe geben. Wenn unsere Ehe geschieden wird und ich Balian endlich wirklich heiraten kann, hat Guy keinen Anspruch mehr auf den Thron Jerusalems. Er wird alles tun, um das zu verhindern.“

„Er wird sich nicht über die Entscheidung des Bischofs hinwegsetzen“, beruhigte Roger Gaëlle.

„Ihr kennt ihn nicht. Er wird sich darüber hinwegsetzen!“, entgegnete sie. „Er hat die Befehle meines Bruders missachtet, hat immer nur getan, was er selbst für richtig hielt – oder der Templerorden.“

„Sollte er Balian vorzeitig töten, gewinnt er damit nichts“, bemerkte Roger. Gaëlle lachte hysterisch auf.

„Oh, doch! Er würde mir damit alles rauben, was mir etwas bedeutet. Roger, habt Ihr es nicht begriffen? Balian ist der Mann, den ich liebe! Guy würde damit mehr erreichen, als mir lieb sein kann! Er würde mich zerstören.“

Roger lächelte freundlich.

„Das habe ich begriffen, Mylady. Seid dennoch ohne Sorge. Euer … Freund … ist im Johanniterhospital und damit für den König von Jerusalem nicht greifbar. So wenig wie Ihr.“

Gaëlle seufzte, aber sie ließ sich von den Johannitern in den Palas der Festung führen.

 

Balian war nicht nur mit Gaëlle nach Akkon gekommen. Außer ihr waren alle Ibeliner, die die Reise mitmachten, samt Frauen und Kindern mit ihm in Akkon eingetroffen – natürlich auch Martin und Jean-Raymond. Einerseits war Balian froh, dass die Jungen und seine Männer bei ihm waren, andererseits waren die Ibeliner damit ein großer Haufen Volk, der irgendwo unterkommen musste. Das Johanniterhospital war groß, aber auch gut belegt. Fast hundert Leute konnten dort nicht untergebracht werden. Raymond von Tiberias half ihm aus der Verlegenheit und lud Balian und die Seinen in den ehemaligen Palast des Hafenkommandanten, in dem auch die Ritter Jerusalems ihre Wohnstatt hatten.

„Wie konnte das nur passieren?“, wunderte sich Raymond. „Ich habe nie viel von Heraclius von Cäsarea gehalten, das weißt du Balian; aber dass er …“

„Ich gebe ihm keine Schuld, Raymond“, erwiderte Balian. „Heraclius war kein Hellseher und konnte so wenig wie die Zeugen ahnen, dass Guy ausgerechnet von seinen Erzfeinden gerettet würde. Ich hatte es selbst in der Hand, Guy zu töten. Ich habe es nicht getan.“

„Ärgert es dich?“

„Nein … und ja.“

Raymond nickte.

„Meinst du immer noch, dass der vollkommene Ritter keine Sünde auf sich laden darf?“

„Kein Christenmensch darf das“, entgegnete Balian.

„Das wird Guy nicht interessieren. Es hat ihn früher nicht interessiert und es wird ihn heute nicht interessieren. Er war und ist nur auf seinen Vorteil bedacht“, warnte Graf Tiberias. Balian nickte.

„Wahrscheinlich hast du Recht. Ich habe ihm genug Gelegenheit geboten, sich anders zu besinnen. Andererseits … ich bin in seine Gehege eingebrochen, habe ihm seine Gemahlin streitig gemacht …“

Raymond schüttelte den Kopf.

„Du suchst die Schuld beim Falschen. Nicht du bist in Guys Gehege eingebrochen, Gaëlle ist aus dem Gehege ausgebrochen“, korrigierte er.

„Raymond, ist es wahr, was sie sagt? Ist es wahr, dass sie zu der Ehe gezwungen wurde und ihre Ehe nicht vollzogen ist?“, fragte Balian direkt.

„Dass sie gezwungen wurde, ist wahr. Ob die Ehe vollzogen wurde, weiß niemand außer Guy und Gaëlle“, antwortete Raymond.

„Wieso kommt sie jetzt darauf? Nach zwölf Jahren? Warum seid ihr, du, Gaëlle und Balduin, nicht schon damals auf diese Idee gekommen, als ihr Guy aus dem Weg schaffen wolltet, damit ich Gaëlle heiraten konnte?“

Raymond sah eine Weile zu Boden, dann Balian direkt in die Augen.

„Weil Balduin, Gaëlle und mir klar war, dass Guy nicht aufgeben würde, solange er lebt. Er wird auch dann nicht aufgeben, wenn du ihn morgen besiegst. Wenn du ihn nicht töten kannst, wirst du dich damit abfinden müssen, niemals vor ihm Ruhe zu finden. Er wird immer eine Gefahr für dich und deine Familie darstellen, wenn er am Leben bleibt. Als ich dich damals vor ihm warnte, hattest du Beleidigungen erfahren, aber nichts Schlimmeres. Ich hoffe, du bist inzwischen klüger geworden und weißt, was du von ihm zu erwarten hast. Er ist machtgierig, selbstherrlich und hochmütig. Fehler sucht er – im Gegensatz zu dir – immer nur bei anderen.“

„Raymond, ich kann ebenso wenig über meinen Schatten springen und alles verraten, was mein Vater mir als gut und richtig mitgegeben hat“, widersprach Balian bestimmt.

„Du hast zu wenig Zeit mit deinem Vater verbracht, um die Grenzen seiner Großmut kennen zu lernen. Das, was Guy dir schon geboten hat, hätte er deinem Vater nicht bieten müssen, um das nächste Gefecht als Toter zu beenden. Wäre dein Vater nach dem Fall Jerusalems in deiner Situation gewesen, hätte er Guy einen Kopf kürzer gemacht“, entgegnete Raymond. „Du weißt, dass er es verdient hat – schon lange. Und wenn nicht für das, was er dir schon angetan hat, dann für das, was er seit seiner Ankunft hier angestellt hat.“

Balian nickte. Er wirkte abwesend.

„Denk darüber nach. Gute Nacht“, sagte Tiberias. Balian nickte erneut.

„Ja, gute Nacht, Raymond.“

In dem Gebäudekomplex erloschen nach und nach die Lichter. Nur in dem Raum, in dem Balian schlafen wollte, wurde es wieder hell, als Martin und Jean-Raymond barfuß, im Schlafhemd und mit einer Laterne bewaffnet aufkreuzten. Balian fuhr hoch, als ihm das Licht ins Gesicht schien.

„Hmm, was is‘ denn?“, brummte er verschlafen.

„Wir können nicht schlafen, Onkel Balian. Jean vermisst seine Maman. Wo ist denn Tante Gaëlle?“, fragte Martin. Der Kleine sah richtig verheult aus, wie Balian zu seinem Schrecken feststellte. Er richtete sich auf und zog seinen Sohn tröstend an sich, der sich auch schutzsuchend bei seinem Vater ankuschelte. 

„Maman, Papa?“, fragte er schniefend. Balian angelte unter seinem Kopfkissen ein Sacktuch heraus und putzte seinem Sohn die Nase.

„Sie wird bestimmt morgen wieder bei uns sein, mein Spatz“, sagte Balian leise und streichelte dem Kleinen beruhigend über den schmalen Rücken.

„Wo ist sie denn?“, fragte Martin neugierig. Balian seufzte.

„Das ist recht kompliziert, Martin. Ich fürchte, das verstehst du noch nicht“, sagte er.

„Dann hat es was mit Politik zu tun“, mutmaßte der Junge.

„Weniger mit Politik als mit dem Kirchenrecht. Es gehört zu den wenigen Dingen, die du nicht mal ändern kannst, wenn du eines Tages König bist“, seufzte Balian.

„Almaric und Michel haben von einem Guy gesprochen. Sie haben gesagt, Tante Gaëlle sei mal seine Frau gewesen. Stimmt das, Onkel Balian?“

„Ja, das stimmt. Lass es im Moment dabei, Martin. Ich werde morgen mit Guy um Tante Gaëlle kämpfen.“

„Kannst du ihn besiegen?“

„Das habe ich schon mal. Und ich habe genug Wut im Bauch, es morgen noch einmal zu tun“, erwiderte Balian. „Martin, ich möchte nicht, dass ihr beide morgen dabei seid“, sagte er dann nach einer Pause.

„Wieso nicht?“

„Weil du erst einmal lernen sollst, regelgerecht zu kämpfen. Wenn du alt genug bist, werde ich dir auch zeigen, wie man wirklich um sein Leben kämpft – und dass es dabei keine Regeln mehr gibt, außer den Gegner möglichst schnell kampfunfähig zu machen. Aber mit knapp elf Jahren bist du mir zu jung, um gewisse Gemeinheiten zu sehen. Und jetzt ab mit euch beiden!“

Balian stand auf, zog sich Hose und Hemd an, nahm Jean-Raymond auf den Arm und schob mit der anderen Hand Martin sanft, aber unnachgiebig aus dem Zimmer. Er brachte die beiden Jungen ein Stockwerk tiefer und in den benachbarten Gebäudeflügel, wo die Kinder sämtlicher Ibeliner in einem großen Schlafsaal untergebracht waren. Martin schlüpfte in sein Bett, Balian legte Jean-Raymond in dessen Bett neben Martins.

„Wo i‘t Maman?“, fragte der Kleine.

„Sie ist bei den Johannitern, mein Spatz; aber morgen ist sie bestimmt wieder bei dir.“

„Be’tümmt?“, lispelte Jean-Raymond. Balian lächelte sanft.

„Ich werde alles tun, damit sie morgen wieder hier ist. Das verspreche ich dir, Jean. Und jetzt schläfst du schön. Martin ist bei dir.“

„B’eib tu bei mir, Pappa?“

„Bis du eingeschlafen bist. Jetzt mach‘ die Augen zu“, sagte Balian leise und streichelte seinem Sohn liebevoll über den Kopf. Es dauerte dennoch eine Weile, bis Jean-Raymond sich beruhigen ließ und er endlich eingeschlafen war. Mit der Laterne in der Hand schlich Balian wieder aus dem Schlafsaal, um nicht andere Kinder oder die Kinderfrauen aufzuwecken.

Ein schwacher, unregelmäßig bewegter Lichtschein, der aus Richtung Treppenhaus in den langen Flur drang, alarmierte ihn. Dann sah er durch ein Flurfenster, dass wenigstens zehn Männer in hellen Waffenröcken im Querflügel in das obere Geschoss strebten, wo sein Gemach war. Er realisierte, dass er sein Schwert dort oben hatte, weil er sich seit dem heimtückischen Überfall von Guys Templern davon nicht mehr getrennt hatte. Jetzt wurde genau diese Vorsichtsmaßnahme zum Nachteil …

„Templer, Mylord“, kam hörte Balian eine Stimme hinter sich und fuhr herum. Hinter ihm stand Almaric, ebenfalls nur in Hemd und Hose, aber mit seinem blanken Schwert bewaffnet. In der linken Hand hielt er Michels Schwert.

„Hier!“, sagte er und warf Balian die Waffe zu.

„Danke. Wie hast du …? Egal, komm!“

„Es sind fünfzehn, Balian. Ich habe sie kommen sehen. Michel holt unsere Männer“, sagte der Hauptmann und eilte zur Treppe auf der anderen Seite. Balian folgte ihm. An der Treppe trafen sie Michel und etwa dreißig weitere Männer Ibelins, die sich bereits komplett bewaffnet hatten.

Balian und seine Männer eilten in das nächsthöhere Geschoss, wo Balians Schlafgemach war. Aus dem Raum drang lautes Fluchen:

„Aargh! Der Bastard ist nicht hier!“

„Nein, der ist hier!“, versetzte Balian. Der erste Templer kam aus dem Zimmer und wurde bleich.

„Ibelin!“, stieß er hervor und griff Balian sofort an, scheiterte aber an einer gekonnten Parade des Barons und sah Sterne, als Balian ihm den Knauf des Schwertes an den ungeschützten Kopf schlug. Auch die anderen Templer kamen aus dem Gemach, bemerkten, dass Balian nicht allein war und griffen mit lautem Geschrei die Ibeliner an. Eine wüste Schlägerei war die Folge, bei der die Templer recht schnell feststellen mussten, dass es keinen Sinn hatte, gegen den Baron von Ibelin und eine Überzahl seiner Männer zu kämpfen. Es dauerte nicht lange, bis fünf Templer tot am Boden lagen und die übrigen entwaffnet und verschnürt waren.

Verknotet wie die Rollbraten brachten die Ibeliner die Templer zu Raymond von Tiberias. Der nickte nur.

„Ich hatte mir so etwas gedacht …“, sagte er mit kaltem Lächeln. „Wir sollten zur Festung gehen.“

Balian nickte. Die Templer wurden im Verlies der Kommandantur eingelocht, die Ibeliner und Raymonds Männer machten sich auf den Weg zur Festung, die nicht weit von der Hafenkommandantur entfernt war.

 

Dort wurde ebenfalls heftig gekämpft – Templer gegen Johanniter, die die Festung verbissen verteidigten.

„Ich hole den Bischof!“, rief Michel, nahm fünf Mann und eilte zu dem Haus, das der Bischof in Akkon bewohnte. Balian, Raymond und ihre Männer griffen die zahlreichen Templer, die die Johanniterfestung stürmen wollten, von hinten an. Es dauerte nicht lange und die Templer waren auch hier dingfest gemacht.

Fast gleichzeitig erschien der Bischof am Ort des Geschehens.

„Was ist los?“, fragte er.

„Templer sind in die Hafenkommandantur eingedrungen, wollten mich töten und haben die Johanniterfestung angegriffen“, erklärte Balian.

„Wieso?“, fragte der Bischof verblüfft.

„Um den morgigen Zweikampf unnötig zu machen, Mylord Bischof“, erwiderte Balian. Bartholomäus sah den führenden Templer streng an.

„Was sagt Ihr dazu?“

„Er sagt die Wahrheit, Mylord“, bekannte der Mann. Der Bischof nickte.

„Es gibt also doch noch Templer, die den Rittereid befolgen …“, brummte er. „Ich erwarte Euch, Balian, Eure Gemahlin und Guy de Lusignan augenblicklich im Palast!“

 

Wenig später waren die verlangten Personen beim Bischof aufmarschiert.

„Die Ereignisse dieser Nacht sprechen für sich“, sagte Bartholomäus. „Mit dem Überfall der Tempelritter auf den Baron von Ibelin und dem Versuch, Gaëlle von Jerusalem aus dem Schutz der Johanniter zu entführen, habt Ihr eindrucksvoll bewiesen, Mylord de Lusignan, dass Eure Gemahlin im Recht ist. Sie sagt die Wahrheit. Ich erkläre die Ehe, die Euch mit Gaëlle von Jerusalem verband, für endgültig aufgelöst! Balian von Ibelin, grundsätzlich müsstet Ihr Gaëlle nochmals heiraten, da ein bestehendes Eheband auch in Unkenntnis ein Ehehindernis ist. Seid Ihr dazu bereit?“

„Ja, Mylord Bischof. Und … was ist mit unserem Sohn?“

„Ich habe darüber nachgedacht. Er kann nichts dafür, dass seine Eltern unwissend eine ungültige Ehe eingegangen sind. Daher akzeptiere ich im Namen der Kirche, dass Euer Sohn durch eine Heirat zum jetzigen Zeitpunkt nachträglich legitimiert wird. Niemand darf ihn einen Bastard nennen!“

„Das werde ich nicht akzeptieren!“, grollte Guy. Gaëlle und Balian sahen sich an.

„Euch – oder Richard – geht es um den Thron!“, fuhr Gaëlle ihn an. „Es war immer nur die Aussicht auf den Thron!“

Guy schnappte nach Luft, wollte etwas erwidern, aber Gaëlle ließ ihn nicht zu Wort kommen:

„Nein, ich bin noch nicht fertig. Ihr habt mir einmal gesagt, wir müssten zu einer Übereinkunft kommen. Gut, können wir. Ich biete Euch mein Thronfolgerecht, solange die Barone Jerusalems mit Euch als König einverstanden sind, wenn Ihr Balian und mich endlich in Frieden leben lasst. Ich bin nicht mehr auf diesen Thron und diese Krone versessen, an der so viel Blut und Dreck klebt.“

„Und als nächstes bringt Ihr die Barone dazu, mich nicht mehr zu akzeptieren. Wie käme ich dazu, mir die Ehe dafür abkaufen zu lassen?“, giftete Guy.

„Ihr habt etwas falsch verstanden, Guy: Ich habe die Ehe aufgelöst. Es gibt nichts mehr abzukaufen, wie Ihr es auszudrücken beliebt“, schaltete sich der Bischof ein. „Ich rate Euch, die freiwillige Gabe anzunehmen und die Bedingungen zu akzeptieren, denn sonst steht Ihr wirklich mit leeren Händen da. Wenn Gaëlle Euch den Thronanspruch unter diesen Bedingungen abtritt, habt Ihr ihn. Ansonsten gibt es keine Legitimation für Euch als König von Jerusalem!“

„Guy, ich mache Euch einen Vorschlag …“, setzte Balian an

„Vorschläge eines Bastards interessieren mich nicht!“, fauchte Guy. Balian zuckte mit den Schultern.

„Dann eben nicht“, sagte er. „Mylord Bischof, wollt Ihr die Trauung gleich hier vornehmen?“

„Nein, so etwas geschieht im Rahmen einer heiligen Messe. Morgen Vormittag. Und wenn Ihr, Guy, auch nur den Versuch macht, das zu verhindern, exkommuniziere ich Euch. Das dürfte Euch als christlichen König disqualifizieren!“

 

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Kapitel 29

Hochzeit in Akkon

 

Grummelnd und knurrend nahm Guy am folgenden Tag zur Kenntnis, dass Balian und Gaëlle im Rahmen einer gut besuchten heiligen Messe von Bischof Bartholomäus zum zweiten Mal getraut wurden.

„Gedenkt Ihr, Eure Hochzeit nun zu feiern?“, fragte der Bischof nach der Messe. Gaëlle lächelte.

„Eigentlich schon. Das letzte Mal hatte ich noch offiziell Trauer. Deshalb fiel ein wirkliches Fest aus. Aber …“

Der Bischof legte ihr sanft eine Hand auf den Arm.

„Ihr meint, es wüsste niemand außer den Kirchenbesuchern, dass die Schwester von Jerusalems großem König Balduin IV. nun endlich den König ihres Herzens geehelicht hat?“, fragte er. „Täuscht Euch nicht, edle Gaëlle. Ich habe mir erlaubt, einige Gäste in Eurem Namen einzuladen und meine hiesige Residenz von meinen Dienern bereits für eine Hochzeitsfeier schmücken lassen.“ 

„Wie konntet Ihr das tun? Ihr musstet doch erst prüfen, ob die Ehe zwischen Gaëlle und Guy tatsächlich nicht vollzogen war …“, wandte Balian ein. Bartholomäus lächelte.

„Ja, das ist wahr. Doch ich will Euch gestehen, dass ich durch die Dokumente, die Bruder Roger mir aus dem Archiv von Tyrus mitgebracht hat, bereits davon überzeugt war, dass Gaëlles Ehe nicht mit den Absichten des Kirchenrechtes über eine wahre christliche Ehe zusammenpasste.“

„Wieso habt Ihr dann noch einen gerichtlichen Zweikampf angesetzt?“, fragte Balian.

„Es war Richards Idee, wenn Ihr Euch recht erinnert. Ich wollte den angeblichen Trauzeugen mit dem Brief von Guy konfrontieren. Wenn jemand schon einen falschen Zeugen aufbietet, stimmt an dessen Aussage etwas nicht. Dass ich dem Zweikampf zugestimmt habe, hatte andere Gründe.“

„Und welche?“

Bartholomäus grinste breit.

„Ich wollte Guy dazu bringen, sich als Lügner zu verraten. Er ist mir auf den Leim gegangen, als er seine Templer dazu anstiftete, Euch zu töten und Gaëlle aus der Johanniterfestung zu entführen“, sagte er. Bevor Balian nach Luft schnappen konnte, um dem Bischof seine Meinung zu dessen Vorgehen zu sagen, bremste Bartholomäus den jungen Vizegrafen sanft.

„Eure Leute waren gewarnt und die Johanniter auch. Raymond von Tiberias steht mir sehr nahe, müsst Ihr wissen.“

Gaëlle und Balian sahen den Bischof eine Weile an.

„Ist das so?“, fragte Balian. Bartholomäus nickte.

„Er ist mein Bruder. Ich kannte auch Euren Vater gut, Balian.“

 

Bischof Bartholomäus hatte in seiner Residenz in Akkon ein Fest vorbereiten lassen, das der Hochzeitsfeier einer Königin von Jerusalem würdig war. Es war ein wahrhaft rauschendes Fest, das bis in die späte Nacht hinein gefeiert wurde und Gaëlle und Balian für alles entschädigte, was ihnen an Hindernissen in den Weg gelegt worden war. Aber als Bartholomäus und Raymond das junge Paar zum Ehevollzug vor den Trauzeugen aufforderten, war es Balian, der diesen Beweis der vollzogenen Ehe ablehnte.

„Balian“, sagte Gaëlle langsam, „es gehört sich für die Ehe eines Adligen so. Lass mich vor den Augen unserer Trauzeugen beweisen, dass ich ganz dein bin. Niemand soll jemals in Zweifel ziehen können, dass du mein rechtmäßiger Ehemann bist. Die Ehe mit Guy habe ich nicht gewollt. Mit dir will ich sie. Und ich bestehe darauf, dies nicht nur dir, sondern auch Raymond und Yasmina zu beweisen.“

Balian atmete tief durch. Bisher war das Geschehen im gemeinsamen Schlafgemach stets ihre Privatsache gewesen, zuweilen sogar ein sehr heimliches Geschehen, ob es damals in Ibelin oder in seinem Stadthaus in Jerusalem gewesen war, ob in Saint-Martin-au-Bois oder in Larnaca – immer hatten sie beide darauf geachtet, wirklich allein zu sein, wenn sie sich geliebt hatten.

„Wenn es dein unbedingter Wunsch ist …“, sagte er zögernd. Gaëlle fiel ihm regelrecht um den Hals. Balian fing sie auf, nahm sie auf den Arm und trug sie von der Tafel zu dem Himmelbett am Ende des großen Saales. Im Schutz einiger dünner Vorhänge entledigten sie sich der Kleidung und schlüpften unter ein Laken, das allerdings so dünn war, dass für die Zeugen, die den Vorhang dann wieder öffneten, keine Fragen offen blieben, als sich das zum zweiten Mal frisch getraute Ehepaar dem Vollzug der Ehe widmete …

Schließlich ließ Gaëlle Wasser zum Waschen kommen, sie und Balian wuschen sich im erneuten Schutz der dünnen Vorhänge, kleideten sich wieder an und kehrten zur Hochzeitsgesellschaft zurück, die weiter fröhlich feierte.

 

Richard von England war von Bischof Bartholomäus ebenso eingeladen worden wie Guy de Lusignan. De Lusignan hatte harsch abgesagt und darauf hingewiesen, dass wohl kaum vom ihm zu verlangen war, mit anzusehen, wie seine zwangsweise vom ihm geschiedene Frau die Gemahlin eines anderen wurde. Richard war damit zufrieden, dass Guy König von Jerusalem bleiben konnte, dass seine Cousine Gaëlle auf den Thron verzichtet hatte und sich dazu noch in eine Ehe mit einem Bastard begab, was im Extremfall gut dazu genutzt werden konnte, ihr den Thron zu verweigern, falls sie es sich anders überlegte. Richard hatte deshalb anders als Guy die Einladung angenommen. Zwischen ihm und Balian war noch eine Sache offen …

Der englische König erhob sich und klatschte Beifall für das neue Paar. Die anderen Gäste stimmten in den Beifall ein, bis Richard mit einem freundlichen Lächeln Einhalt gebot.

„Mylord Balian, ich habe gehört, Ihr wäret in der Schmiedekunst bewandert. Ihr habt mir das auch schon bestätigt, doch ich habe weiterhin Zweifel daran, dass ein französischer Baron mit einem Schmiedehammer umgehen kann. Ich glaube den Gerüchten nicht. Wollt Ihr mir beweisen, dass Ihr das könnt?“

„Braucht Euer Pferd neue Hufeisen, Mylord und hofft Ihr, auf diese Weise kostenlos zu einem neuen Hufbeschlag zu kommen?“, fragte Raymond belustigt.

„Es soll mir eine Ehre sein, dem König von England zu beweisen, dass ich ihn nicht belogen habe. Wenn Ihr mir in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde erlaubt, vorgeformte Hufeisen zu schmieden, dann habe ich kein Problem damit, es sofort zu tun, Mylord Richard“, sagte Balian.

„Sagt nur, Ihr könntet das tatsächlich gleich?“, zweifelte Richard listig. Balian nickte Benoit zu.

„Hol bitte meinen Reiseamboss, Benoit. Und holt Ihr Euer Pferd, König Richard.“

Richard verbeugte sich leicht und erlaubte sich ein zufriedenes Grinsen, als es keiner sehen konnte. Dann winkte er seinem Heerführer und befahl ihm, sein Pferd zu holen.

 

Benoit und Michel waren rasch mit Balians Reisewerkzeug, seinem Amboss und der kleinen Esse zurück, die auf Reisen auch als Kochherd diente. Balian entfachte in respektvoller Entfernung zur Tafel auf der Terrasse des Festsaales in der Reiseesse ein heißes Feuer, legte seine Festtagstunika ab und zog ein Arbeitshemd, das Benoit ebenfalls mitgebracht hatte, und seine Lederschürze dafür an. Das kleine, aber heiße Feuer war schnell so weit, dass es geeignet war, Metall zum Glühen zu bringen. Benoit hatte vier Hufeisenrohlinge mitgebracht, die Balian zunächst mit der Hufform des königlichen Streitrosses verglich und dann in der Esse zum Glühen brachte. Dann schmiedete er das erste Eisen in die passende Form, nahm am Huf selbst immer wieder Maß, bis es richtig war und nagelte es dann auf. Auch die anderen drei Hufeisen ersetzte er auf diese Weise. Die ganze Gesellschaft sah dem Schmiedemeister neugierig zu. Manch einer hatte noch nie gesehen, wie sich glühendes Metall unter Hammerschlägen verformte, um dann zu einem haltbaren Schuh für ein Reitpferd zu werden. Schließlich hatte Balian alle vier Hufe neu beschlagen.

„Nun, König Richard – bin ich ein Hufschmied oder nicht?“, fragte er schließlich und stützte sich schweißgebadet auf den Hammer.

„Ihr seid ein Schmiedemeister – kein Zweifel“, staunte Richard. „Ich bitte Euch für meine Zweifel um Vergebung, mein Freund – und ich wette, diese Eisen halten länger als jeder andere Beschlag.“

„Die Wette würdet Ihr verlieren“, grinste Balian schwach. „Sie halten acht Wochen, wie jeder gute Beschlag.“

„Aber dann sind diese Eisen doch noch nicht am Ende oder?“

„Nein, das ist kein Hufeisen. Jeder Schmied schmilzt abgenommene Eisen wieder ein und macht neue daraus – manchmal auch was anderes.“

„Verzeiht, wenn ich Euch zu so umfangreicher Arbeit genötigt habe. Die Eisen, die Ihr meinem Pferd abgenommen habt, gehören natürlich Euch“, bat Richard erneut und verbeugte sich. „Gaëlle, liebste Cousine, wo findet man so ein Schmuckstück von Gemahl?“

Gaëlle lächelte Richard an.

„Es war Gottes Wille, Richard“, sagte sie. Der englische König nickte.

„Ihr seid mein Unterhändler bei Sultan Saladin. Ich gebe Euch eine Liste mit Forderungen, die ich erfüllt haben will“, erklärte Richard und ließ sein Pferd wieder fortbringen. Balian wischte sich müde den Schweiß von der Stirn.

„Puuhh! Eine Alma* Früchtetee bitte – und ein Bad!“, schnaufte er erschöpft. „Ich bin etwas aus der Übung …“

 

 

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Kapitel 30

… beschütze die Wehrlosen

Es war inzwischen lange nach Mitternacht. Die Hochzeitsgesellschaft löste sich nach der handwerklichen Vorführung Balians bald auf, und das Ehepaar von Ibelin begab sich mit Sohn und Schutzbefohlenem zu den Gastgemächern des Bischofs Bartholomäus.
Balian von Ibelin war ein kräftiger Mann, auch wenn seine schlanke Gestalt über seine tatsächliche Kraft hinwegtäuschte, sofern er seine wohlproportionierten Muskeln unter Kleidung verbarg. Gaëlle gehörte zu den wenigen Menschen, die seinen ansehnlichen Körper aus eigener Anschauung kannten und um die fast unerschütterliche Kraft seiner Muskeln wussten. Aber auch er hatte seine Grenzen, und inzwischen hatte er sie überschritten, rechnete man alles zusammen, was er seit seiner Ankunft in Akkon schon geleistet hatte, ohne dass er viel Schlaf bekommen hatte. Als er und Gaëlle die Räumlichkeiten erreichten, die Bischof Bartholomäus ihnen zur Verfügung gestellt hatte, war Balian nahe daran, zusammenzubrechen.
Gaëlle ließ ihm für den ersten Durst Wasser geben und dann den erbetenen Tee zubereiten, während sie die beiden Jungen ins Bett brachte. Wie sehr er seine Muskulatur überanstrengt hatte, merkte er erst jetzt, als er sich mit einem Seufzen in das warme Badewasser gleiten ließ.
„Ich … glaube, ich könnte … au … eine Massage vertragen“, stöhnte er. „Bist du so gut, Ramses kommen zu lassen, Liebste?“, bat er.
„Balian, Ramses ist in Saint-Martin-au-Bois geblieben, weil er als Steinmetz unentbehrlich für deinen Großvater war“, erinnerte sie ihn liebevoll. Er senkte den Kopf.
„Dann bin ich die nächsten drei Tage nicht zu gebrauchen“, seufzte er. Er hatte eine ungefähre Vorstellung, wie laut sein Muskelkater am nächsten Tag schnurren würde … Sie setzte sich auf den Wannenrand und wusch ihm das verschwitzte Gesicht ab. Er ließ es nur zu gern geschehen.
„Nein, bist du nicht. Ramses hat es mir gezeigt“, sagte sie leise. Er sah sie verblüfft an.
„Wie bitte?“
Gaëlle lächelte schelmisch.
„Balian, mein Liebster, die letzten drei Massagen habe ich dir unter Ramses’ Anleitung gegeben. Nur hast das offenbar nicht bemerkt, weil du dabei süß und selig eingeschlafen bist …“
„Und ich habe mich gewundert, wie der Knabe so lange Fingernägel hat …“, grinste er. Er überließ sich völlig den sanften Händen seiner Frau, die es ebenso wie er genoss, ihn zu baden.
„Gaëlle?“
„Ja?“
„Was wäre eigentlich geschehen, wenn ich es zugelassen hätte, dass du mich bei deinem ersten Besuch in Ibelin gewaschen hättest?“
„Das gleiche, was heute geschehen wird“, erwiderte sie geheimnisvoll. „Lass dich überraschen.“
„Erwarte bitte heute nicht mehr zu viel von mir. Ich bin fix und fertig“, warnte er.
„Das sehe ich, mein Schatz. Das warst du an dem Abend auch“, erwiderte sie lächelnd. Balian sah sie lange an. Manchmal war sie ihm immer noch so rätselhaft wie damals, als sie ihn in Ibelin besucht hatte … Er nickte, entspannte sich mit einem zufriedenen Seufzen und ließ sie tun, was immer sie tun wollte. Gaëlle ließ sich Zeit, ihn gründlich zu waschen und ihn zu verwöhnen.
Schließlich stieg er gereinigt aus der Wanne und trocknete sich ab. Sie lotste ihn auf die Massagebank, ölte sich die Hände mit einem wohlriechenden Massageöl und begann eine kundige Massage der überstrapazierten Muskulatur.
„Oh, ist das gut“, schnurrte er. Er spürte, wie die Verspannungen wichen und Entspannung sich tief in seine Muskeln schlich. Kurz bevor er einschlief, schüttelte sie ihn liebevoll.
„Schlaf lieber im Bett“, flüsterte sie. Wie in Trance erhob er sich, ließ sich von ihr zu dem breiten Bett führen, fiel hinein und war im nächsten Moment in tiefen Schlaf gefallen. Sie drückte einen zärtlichen Kuss auf seine Stirn und ließ ihn ruhen. Leise verließ sie die Gastgemächer, um die warme Nacht ihrer Heimat zu genießen. Sie war endlich wieder dort, wo sie hingehörte …

Es dauerte vielleicht drei Stunden, die Gaëlle die Sterne ihrer Heimat betrachtet und von dem Jerusalem geträumt hatte, das ihr Bruder einst regiert hatte, bis kleine Füße auf die Terrasse tapsten. Sie sah sich um und bemerkte ihren Sohn, der im Schlafhemd und mit seinem Schmusetier bewaffnet aus dem Haus kam.
„Wir sind zu Hause, Jean“, flüsterte sie ihrem Söhnchen glücklich zu, nahm den kleinen Jungen auf den Arm und strich ihm eine vorwitzige dunkle Strähne aus dem Gesicht. Sanfte, braune Augen strahlten sie an. Erst in diesem Moment realisierte sie, dass Yasmina Recht hatte: Jean-Raymond hatte eine unglaubliche Ähnlichkeit mit seinem Vater. Wenn sie die kindlichen Pausbacken wegdachte und den sorgsam gestutzten Bart hinzudachte, dann war Jean das Ebenbild seines Vaters. Ohne es bewusst zu wollen, streichelte sie Jean über das Gesicht und vermisste plötzlich den weichen Bart seines Vaters. Diese Nacht war zum Schlafen eigentlich viel zu schade …
Sie kehrte um und ging zurück in die Gastgemächer, legte Jean-Raymond in sein Bettchen, und wartete, dass er einschlief. Dann schlich sie in das Schlafgemach, kleidete sich aus und schlüpfte zu Balian unter die dünne Decke. Sie spürte, wie er sich regte.
„Wo warst du?“, fragte er leise.
„Ich war mit Jean noch draußen. Wir wollten dich nicht stören“, flüsterte sie und küsste ihn.
„Ich habe dich vermisst“, wisperte er.
„Wirklich?“, fragte sie. Er konnte das schelmische Grinsen nicht sehen, aber er hörte es.
„Du weißt wirklich ganz genau, was du tust, das muss ich dir lassen. Ich habe wirklich gedacht, ich würde wie erschlagen schlafen…“
„Das hast du auch …“, hauchte sie.
„Und warum habe ich dann jetzt schon Sehnsucht nach dir?“
„Wir … sind im Heiligen Land, mein Herz … die Nacht ist warm …“
„Oh ja …“
Hände gingen auf eine liebevolle Wanderschaft, lösten unwiderstehliches Begehren aus. Nach zärtlicher Vorbereitung liebten sie sich voller Wonne und Glück. Gaëlle war hingerissen über seine kontrollierte Kraft, die der zwar kurze, aber sehr tiefe Schlaf zurückgebracht hatte. Ramses hatte offensichtlich nicht geschwindelt, als er ihr gesagt hatte, dass diese tief entspannende und beruhigende Massage schon von den alten Ägyptern genutzt worden war, um den Kindersegen zu vergrößern …
Es war kurz vor Anbruch der Dämmerung, als Gaëlle und Balian im Schein der Sterne und der schmalen Sichel des fast vergangenen Mondes beglückt von Liebe und Wonne einschliefen. Die junge Frau war schon fast sicher, dass sie hier in Akkon ihr zweites Kind gezeugt hatten und hegte die zarte Hoffnung, es vielleicht noch hier zur Welt bringen zu können.

Gaëlle erwachte erst gegen Mittag, geweckt von lautem Geschrei und Sturmglocken, neben dem anscheinend immer noch fest schlafenden Balian. In ihrer Ruhe gestört, wickelte sie sich in ihr Betttuch und sah aus dem Fenster. Was sie sah, ließ sie einen erschrockenen Schrei ausstoßen. Balian zuckte hoch. Gaëlles Schreckensruf war ein Alarm, der ihn unfehlbar weckte, egal wie tief er schlief. Verschlafen blinzelte er, sah sie in die Bettdecke gewickelt am Fenster stehen, die linke Hand vor Entsetzen vor den Mund geschlagen.
„Was ist?“, fragte er. „Belagert Saladin Akkon?“
„Nein“, erwiderte sie. „Aber wenn er das erfährt, gibt es ein Blutbad. Sieh!“
Balian schälte sich aus dem Bett, legte sich ein Tuch um die Hüften und schlurfte verschlafen, gähnend und sich noch kratzend zum Fenster. Was er sah, verschlug ihm im ersten Moment die Sprache.
Das Haus, in dem sie die Nacht verbracht hatten, lag nahe einem großen Platz in der Nähe der Hafenmole. Auf dem Platz waren mehrere Schafotte errichtet, auf denen die Henker eine Massenhinrichtung vornahmen. Hunderte von kopflosen Leichen lagen um die Schafotte und darunter. Die Henker arbeiteten abwechselnd mit riesigen Henkersäxten oder Richtschwertern und Hunderte warteten ergeben auf ihre Hinrichtung. Zu seinem blanken Entsetzen sah Balian in diesem Moment, dass einer der Henker ein Kind köpfte, ein anderer Scharfrichter eine Frau*.
„Mein Gott, was geht hier vor!?“, stieß Balian hervor. Er rief nur in wirklich seltenen Fällen Gott laut an … Binnen Augenblicken war er in Hemd und Hose geschlüpft, hatte sich sein Schwert geschnappt und ließ Alarm schlagen.

Es dauerte nicht lange, bis sämtliche Ibeliner bewaffnet zum Hafenplatz stürmten. Balian traf auf Robin von Locksley, der ebenso entsetzt aussah, wie er selbst.
„Robin, was geht hier vor?“, fragte Balian hastig.
„Richard hat angeordnet, die Geiseln zu enthaupten, weil das Lösegeld nicht vollständig gezahlt wurde und noch einige christliche Gefangene fehlen sollen“, keuchte Robin.
„Und Ihr seid mit diesem Frevel einverstanden? Dass auch Frauen und Kinder geköpft werden?“, fragte Balian. Robin schüttelte den Kopf. Das war ganz sicher nicht das, was er sich unter einem Kreuzzug vorgestellt hatte …
„Niemals!“
„Steht Ihr mir bei?“
„Was habt Ihr vor?“
„Die Wehrlosen zu beschützen, wie es der Rittereid verlangt“, erwiderte Balian. Robin nickte.
„Ich bin bei Euch.“
„Habt Ihr Euren Bogen?“
„Ja“
„Schießt dem Henker die Axt aus der Hand“, bat Balian.
Robin lächelte.
„Ja, Mylord.“
Er zog einen Pfeil aus dem Köcher, nahm Maß – und dem Henker flog ob des Einschlags die Axt aus den Händen. Verstört sah der Mann auf seine leeren Hände, als Balian und seine Ibeliner mit blankgezogenen Schwertern auf die Plattformen sprangen und die Henker in Schach hielten.
„Was geht hier vor?“, donnerte Balian.
„Befehl des Königs: Alle Geiseln werden hingerichtet“, keuchte der erschrockene Henker.
„Warum?“
„Das Lösegeld wurde nicht vollständig gezahlt“, erwiderte eine herrische Stimme von oben. „Und wenn Ihr meine Männer weiter behindert, seid Ihr der nächste, Ibelin!“
„Wie viel Lösegeld fehlt noch?“, fragte der Vizegraf.
„Was?“
„Wie viel fehlt? Nennt mir die Summe!“
„Gut sechshunderttausend Besant“, antwortete Richard. „Aber auch noch drei christliche Gefangene.“
„Drei Gefangene – und dafür lasst Ihr Hunderte richten? Auch Greise, Frauen und Kinder? Man kann das Unrecht nennen, König Richard!“, fauchte Balian. „Unrecht verstößt gegen den Rittereid!“
„Ihr habt mich nicht zu maßregeln!“
„Ich bin ein Ritter, Ihr seid ein Ritter. In dieser Hinsicht sind wir gleich, Richard. Und unter Gleichen kann man sich die Meinung sagen. Was Ihr tut, ist Unrecht!“, donnerte Balian. „Was verlangt Ihr für jede Geisel?“
„Tausend Besant für die wehrfähigen Männer, für Kinder und Greise hundert und fünfhundert für die Frauen.“
„Wie viele leben hier noch? Zählt nach!“, wies Balian die Henker an, die rasch nachzählen ließen. Es waren insgesamt noch etwa dreihundert Personen, rund hundert Männer, hundert Frauen, je fünfzig Greise und Kinder. Balian rechnete kurz nach.
„Macht hundertsechzigtausend. Ich biete Euch einhundert fünfundsiebzigtausend für das Leben aller hier noch lebenden Geiseln und den Ausgleich für die noch nicht freigelassenen Christen!“, rief er zu Richard hinauf. Der englische König wollte schon scharf ablehnen, als er Guys Hand auf dem Arm spürte.
„Erlaubt mir einen Rat, Mylord: Wenn Ihr dem zustimmt, fehlt Balian ein tüchtiger Batzen Geld in seiner Kasse – und er hat beim Sultan einen Stein im Brett, der ihm bei den Verhandlungen helfen wird. Er könnte sicher mehr erreichen und schneller. Je schneller wir Jerusalem haben, mit je weniger Aufwand, umso größer wird Euer Ruhm sein“, raunte de Lusignan Richard zu.
„Danke“, gab er leise zurück. „Es sei! Von mir aus verkauft sie weiter oder macht mit ihnen, was immer Ihr wollt!“, knurrte er dann nach unten und gab den Henkern einen Wink.

Wächter lösten die Fesseln der Geiseln und wiesen den verblüfften Menschen den Weg zu Balian.
„Mylord – woher wollt Ihr so viel Geld nehmen?“, fragte Robin verwirrt. Sein Vater war gewiss kein armer Mann, aber das überstieg Robins Vorstellungsvermögen.
„Das Geld habe ich, macht Euch darum keine Gedanken, Lord Locksley“, erwiderte Balian mit einem freundlichen Lächeln.
„Wer seid Ihr?“, fragte Robin kopfschüttelnd.
„Der Baron von Ibelin“, antwortete Balian, zog seinen Dolch und zerschnitt die Fesseln des Mannes, der vor dem Hinrichtungsblock kniete.
„Allah hat meine Gebete erhört! Du bist zurück, Balian ibn Barzin! Allah sei Dank!“
„Imad?“, fragte Balian erstaunt und half dem Freund auf. Imad nickte.
„Ich danke Gott, dass er mich rechtzeitig geweckt hat“, keuchte Balian und umarmte den Sarazenen.
„Ihr kennt ihn?“, fragte Robin.
„Allerdings! Imad und ich sind Freunde – obwohl wir uns schon heftig bekämpft haben.“

Balian kehrte in das Haus zurück und ließ seine Geldtruhen prüfen.
„Womit willst du das bezahlen, Balian? Wir haben nur die Löhnungen für unsere Männer mit“, gab Gaëlle zu bedenken.
„Ich weiß“, erwiderte er. „Ich kann jetzt nur beten, dass das kleine Gelddepot in Ibelin unangetastet ist, sonst kann ich unsere Soldaten nicht pünktlich bezahlen.“
„Mylord, Eure Soldaten sind Euch treu ergeben – und nicht wegen des guten Solds, den Ihr zahlt, sondern hauptsächlich, weil Ihr das seid, was Euer Vater auch war: Ein Ritter, der es wirklich würdig ist, so genannt zu werden“, warf Almaric ein.
„Ich danke Euch für diese Worte, Almaric. Dennoch widerstrebt es mir, mein Versprechen an meine Männer nur mit Verzögerung erfüllen zu können“, erwiderte Balian, der dem treuen Almaric für sein Treuebekenntnis viel zu dankbar war, als dass er ihn wegen seiner viel zu langen Ohren zur Rechenschaft gezogen hätte.

Wenig später übergab er Richard eine Truhe mit Geld.
„Zählt nach, Mylord“, sagte er. Richard schüttelte den Kopf.
„Nein, ich vertraue Euch. Greift Ihr immer so ein?“
„Der Rittereid mag für manchen, der ihn geschworen hat, dummes Geschwätz sein. Für mich ist er das nicht“, entgegnete Balian.
„Was bedeutet Euch Ruhm?“
„Nichts. Ich bin einmal hergekommen, um Erlösung von meinen Sünden zu erlangen, nicht um Ruhm zu suchen. Und jetzt bin ich hier, um für die Genesung meiner Frau und meines Kindes zu sorgen.“
Richard nickte.
„Vielleicht läuft Euch der Ruhm gerade deshalb hinterher, weil Ihr ihn nicht sucht. Ihr habt Euch Freunde gemacht, Balian – hoffentlich die richtigen“, sagte er. „Ihr seid mein Bevollmächtigter für die Verhandlungen mit Saladin. Ich will mindestens einen freien Zugang für Christen nach Jerusalem. Alles, was Ihr darüber hinaus aushandelt, soll mir recht sein“, erklärte Richard und gab Balian eine Schriftrolle, in der er ihn als Bevollmächtigten bestätigte. „Gott sei mit Euch.“
Balian neigte schweigend den Kopf und verließ den Palast.

Draußen wartete eine schweigende Menge Sarazenen – Männer, Frauen und Kinder. Als Balian hinaustrat, warfen sie sich wie auf Kommando vor ihm nieder.
„Bitte, lasst das. Ich bin nur ein Mensch. Erhebt Euch, bitte“, rief er. Doch die Leute blieben auf den Knien. Nur einer hob überhaupt den Kopf. Es war Imad.
„Wir verdanken dir unser Leben, Balian. Wie können wir dir nur danken?“, fragte er. Balian trat zu ihm und half ihm auf.
„Du … könntest mir einen kleinen Gefallen tun, Imad. Bitte, reise zu Saladin und teile ihm mit, dass Richard von England mich zu seinem Unterhändler bestellt hat. Er möge einen Ort nennen, an dem er verhandeln will und mir und meinen Begleitern freies Geleit dorthin zusagen“, bat Balian.
„Willst … willst du denn keinen nennen?“
„Ich habe hier keinen Platz, über den ich verfügen kann – im Gegensatz zum Sultan“, lächelte Balian.
„Darf ich dir einen Vorschlag machen?“
„Und der wäre?“
„Ibelin wäre ein guter Ort für Verhandlungen. Außerdem wäre ich geehrt, dich und die Deinen dort begrüßen zu können“, erwiderte Imad. Balian bemerkte, wie sich die Mienen seiner Männer erhellten. Mochten sie einst auch über das dreckige Staubloch Ibelin geflucht haben, es war ihre Heimat gewesen …
„Die Einladung nehme ich gern an, Shadiq*“, freute sich Balian.
„Was darf ich dem Sultan in deinem Namen sagen, Balian?“, fragte Imad.
„Gib ihm gern weiter, dass Balian du Puiset, ehemaliger Baron von Ibelin, ihn zu Verhandlungen nach Ibelin einlädt.“

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Kapitel 31

Ibelin

 

Akkon war als praktisch einziger Hafen südlich von Tyrus ein bedeutender Stützpunkt an der Küste, aber der christliche Einfluss reichte nicht sehr weit in das Landesinnere hinein. Ibelin, das sich etwas östlich von Jaffa gut achtzig Meilen südlich von Akkon befand, lag weit im sarazenischen Einflussgebiet.

Durch den Fall Akkons war diese Herrschaft jedoch ganz konkret bedroht, das wusste auch Saladin. Das Hinterland der Küste war nur schwer zu halten, und wenn Allah nicht ein Wunder geschehen ließ, war der Küstenstreifen bis an die judäischen Berge verloren. Jerusalem selbst lag in den Bergen von Judäa und war schier uneinnehmbar, zumal Saladin die Mauern nach Plänen hatte verbessern lassen, die sein Baumeister Raschid im Palast gefunden hatte. Es war jene Zeichnung, die Balian für König Balduin IV. gemacht hatte …

Saladin nahm es als höfliche Geste Balians zur Kenntnis, dass er sich nicht als Baron von Ibelin bezeichnete. So handelte nur einer, dessen Wort etwas galt. Saladin hatte schon Godfrey als tapferen, gefährlichen, aber ehrenhaften Gegner zu schätzen gewusst. Doch dessen Sohn hatte ihm noch größeren Respekt abgenötigt. Der Sultan war nach dem Mord an den Gefangenen allerdings hin und her gerissen, wollte von Verhandlungen überhaupt nichts mehr wissen. Dennoch erklärte er sich mit Ibelin als Verhandlungsort einverstanden, falls es noch zu Verhandlungen kommen sollte. Den Ibelinern erteilte er die Erlaubnis, sich friedlich nach Ibelin zu begeben, doch erklärte er gleichzeitig, dass er die Kreuzritter vernichten werde – und zwar sofort. Er gab den friedlichen Pilgern zwei Tage Zeit, die Linien seiner Truppen in Frieden zu passieren.

 

Balian, seine Familie und seine Ibeliner zogen nach Ibelin – unter Ibeliner Banner, in Ibeliner Waffenröcken, begleitet von Imad ad-Din und seinen Reitern. Es gab Sarazenen auf dem Weg, die diese Tatsache in Erstaunen versetzte, doch die Ibeliner blieben auf Befehl des Sultans unbehelligt. Es war lange her, dass Mohammedaner und Christen einträchtig nebeneinander her geritten waren. Doch je weiter sie nach Süden kamen, in jene Gebiete, die einmal Lehen Ibelins gewesen waren, desto größer wurde der Anteil von Menschen, die die Ibeliner nicht nur staunend zur Kenntnis nahmen, sondern ihnen sogar zujubelten. Am zweiten Tag ihrer Reise kamen sie nach Nablus, wo sie Station machten. Nablus hatte ebenfalls zu den Ibelin-Ländereien gehört, war aber nicht Eigentum von Godfrey von Ibelin gewesen, sondern Sitz eines sehr viel länger im Heiligen Land ansässigen Zweiges der Familie Ibelin gewesen. Balian, Godfreys Sohn, war nur ein Mal hier gewesen. Damals hatte er Tiberias am See Genezareth besucht und war auf dem Rückweg nach Ibelin von Guys Templern überfallen worden. Bruder Jean hatte ihn halbtot gefunden und nach Nablus gebracht, wo Balian sich im Hause seines Onkels zweiten Grades hatte erholen können.

Balian wäre vor Schreck fast aus dem Sattel gefallen, als er sah, dass am Herrenhaus von Nablus nicht nur immer noch die Wappentafel Ibelins mit dem dunkelroten Tatzenkreuz auf goldgelbem Grund war; nein es befand sich auch eine Tafel in arabischer Sprache und einer Übersetzung ins Überseefranzösische daran, die an Balian von Ibelin, den Sohn Godfreys, einen Gerechten Gottes, erinnerte.

„Wie du siehst, bin ich deiner schriftlichen Empfehlung gefolgt, mein Freund, die du in Jerusalem hinterlassen hast“, hörte er Imad, der hinter ihm ins Haus gekommen war. „Ich habe den Rais* im Amt gelassen und dieses Gut ebenso wie Ibelin selbst im Sinne deiner Familie weitergeführt.“

Als Balian sich umdrehte, bemerkte Imad, dass er Tränen in den Augen hatte.

„Ich … habe nie zu hoffen gewagt, je wieder eines der Häuser der Familie Ibelin zu sehen“, flüsterte er. „Imad … bitte sag’ mir, warum wir uns dieses Land nicht einfach teilen konnten, so wie Balduin es wollte“, setzte er mit belegter Stimme hinzu.

„Weil es zu viele de Lusignans, de Châtillons, zu viele al-Faes, fanatische Mullahs und Priester gab und zu wenige Ibelins und Saladins“, erwiderte Imad ebenso leise. „Ich habe niemals gegen dich kämpfen wollen. Der Kampf um Jerusalem hat mir wehgetan – nicht nur, weil wir so ungeheure Verluste hatten. Es war so schlimm, weil wir gerade gegen die Christen kämpften, die gerecht waren. Deshalb wollte Gott auch nicht, dass wir euch alle umbrachten. Aber ich glaube, er wollte auch nicht, dass du hier fortgehen solltest.“

„Hast du mir deshalb die Reiseerlaubnis gegeben?“

„Ja, aber nicht nur deshalb“, erwiderte Imad ernst. Sein sonst stets vorhandenes schelmisches Lächeln war erloschen.

„Was meinst du?“

„Du erfährst es in Ibelin.“

Balian wollte nachhaken, aber in dem Moment betrat Martin den Raum.

„Onkel Balian, war das mal dein Haus?“, fragte er. Balian schüttelte den Kopf.

„Nein, dieses Haus hier hat meinem Onkel Balian gehört, einem Cousin meines Vaters“, sagte er.

Martin sah sich bewundernd um.

„Das ist aber schön“, sagte er ehrfürchtig. Imad sah den Jungen einen Moment an.

„Ich dachte, er wäre dein Sohn“, sagte er.

„Nein, der Sohn meiner Schwester, den Gaëlle und ich erziehen. Martin, das ist Imad ad-Din, von dem ich dir schon erzählt habe“, stellte Balian den Freund vor. Martin verbeugte sich höflich.

As-Salam ’alaykum“, wünschte er. Imad bekam große Augen.

U ’alaykum as-Salam, Martin“, erwiderte er ebenfalls mit höflicher Verbeugung. „Ich wusste nicht, dass bei euch zuhause auch arabisch gesprochen wird“, grinste er dann Balian an.

„Nein, tun wir nicht. Aber Martin ist ein kluger Junge, der sich für alles interessiert, auch für Sprachen. Er wollte unbedingt wissen, wie man sich hier ‚Guten Tag’ sagt“, sagte Balian und strich Martin über den Kopf.

„Nun, etwas mehr als ‚Guten Tag’ ist das schon …“, grinste der Araber.

Aus dem eigentlich geplanten Weiterritt am folgenden Tag wurde nichts, weil die in Nablus verbliebenen Leute erst alle Balian als Verwandten ihres früheren Herrn begrüßen wollten, von dem sie viel gehört hatten. Gaëlle schüttelte nur noch den Kopf. Warum war Balian überhaupt aus dem Heiligen Land fort gegangen? Hätte er nicht ebenso gut Saladin um Aufenthalt bitten können? Erst zwei Tage später ließen die Bauern von Nablus den Neffen ihres früheren Herrn wieder gehen, aber nicht ohne ihm das Versprechen abzunehmen, wiederzukommen.

 

Vier Tage nach ihrem Aufbruch von Nablus, am 29. August 1191, erreichten sie Ibelin. Waren die Menschen in Nablus und Samaria schon angetan gewesen, Balian wieder im Lande zu haben, in Ibelin waren sie begeistert und jubelten ihm lauthals zu, riefen seinen Namen. Balian war durchaus geschmeichelt, doch fiel ein zweifelnder Blick auf Imad, der schließlich hier jetzt der Herr war und den der Jubel gegenüber dem ehemaligen Herrn gut stören konnte. Aber Balian sah zu seiner Verblüffung, dass sein Freund Imad die Menschen sogar ausdrücklich ermunterte, ihn mit dieser Freude zu begrüßen. Der Großteil seiner Männer stammte aus Ibelin, und sie wurden ebenso freudig begrüßt. Gaëlle und Martin staunten nur noch. Das war kein Besuch – das war die Heimkehr eines geliebten Fürsten …

Imad ritt neben Balian und legte ihm lächelnd eine Hand auf die Schulter.

„Was hier ist, ist dein, mein Freund – und das bleibt es.“

Balian war sprachlos. Wie konnte es sein, dass sein Andenken so in Ehren gehalten wurde? Imad schien seine Gedanken zu lesen.

„Die Familie Ibelin war diesen Menschen nie wirklich Herr. Es gibt hier wirklich welche, die meinen, du wärst ein Engel Gottes. Es gibt hier niemanden, der sich gewünscht hätte, dass hier sich etwas ändert. Mustafa, der Schwager deines Haushofmeisters, hat mich auf Knien angefleht, ich möge dafür sorgen, dass du zurückkommst. Sie … sie vermissen dich“, sagte er.

Martin trieb sein Pferd ebenfalls neben das seines Onkels und wies auf ein Hüttendorf jenseits der sattgrünen Felder, neben dem sich auch eine Burganlage befand, die mit der ursprünglichen Herrenhausanlage nahezu identisch war, wenngleich die innere Burg fehlte.

„Werden wir dort wohnen, Onkel Balian?“, fragte er. Bevor Balian etwas sagen konnte, schaltete sich Imad ein.

„Nein, junger Freund. Ihr wohnt natürlich in Ibelin selbst und du bestimmt bei deinem Onkel und deiner Tante im Herrenhaus“, sagte er, an Martin gewandt. Zu Balian sagte er:

„Alle, die nach euch herkamen, werden für die Zeit eures Aufenthaltes dort in dem Hüttendorf wohnen, damit alle, die hier früher gelebt haben, in ihren alten Häusern bleiben können. Am Herrenhaus habe ich auch nichts verändert.“

„Wohnst du denn nicht dort?“, fragte Balian erstaunt.

„Nein, ich habe neu gebaut, wie du siehst. Nicht, dass mir das Herrenhaus nicht gefallen hätte, so wie du es verlassen hast, aber ich wollte dein geliebtes Heim nicht unnötigerweise verändern“, erklärte Imad und wies auf die neue Herrenhausanlage jenseits der Felder beim Hüttendorf.

„Ich glaube es nicht. Das träume ich doch alles nur“, flüsterte Balian. „Gaëlle, bitte kneif’ mich.“

Sie tat ihm den Gefallen, aber das Bild von einem sattgrünen Ibelin, von prallen Orangenbäumen, wuchernden Melonenfeldern und prächtigen Dattelpalmen blieb und wich keineswegs der Halbwüste, die Balian bei seiner Ankunft Anno 1185 vorgefunden hatte.

„Du hast ein Paradies daraus gemacht, Imad“, sagte Balian, als sie über die von der Pilgerstraße abzweigenden Dorfstraße durch die saftigen Felder ritten.

„Sagen wir, du hast den Grundstein gelegt, als du mit den Dörflern die erste Quelle gegraben hast. Es brauchte einfach Zeit, um das zu werden, was es jetzt ist. Jenseits des Hüttendorfes habe ich zwei weitere Quellen fassen lassen, die auch die weiter entfernten Felder bewässern. Einen Teil deiner Leitungen konnten wir deshalb abbauen“, erwiderte Imad. „Aber das hier vorne ist nur durch die von dir gefundene Quelle entstanden. Ich habe sie Baliansbrunnen genannt.“

„Dann benenne sie bitte in Michelsbrunnen um, denn mein Freund Michel hat so lange gegraben, bis endlich Wasser kam“, lächelte Balian.

„Nein, Mylord. Es war Eure Idee – und Ihr habt da zuerst gegraben …“, wehrte der treue Michel ab. Balian schüttelte nur noch den Kopf. 

 

Sie erreichten den Hof der Herrenhausanlage und Mustafa, Latifs Schwager, kam aus dem Herrenhaus links neben dem Torturm.

„Willkommen daheim, Sidi!“, grüßte er.

„Danke, Mustafa. Ich bringe dir Grüße von Latif. Er ist leider nicht mitgekommen, weil er sich für eine so weite Reise doch schon zu alt fühlte. Bist du jetzt der Haushofmeister?“

„Ja, Sidi. Sidi Imad war so gütig, mir diese Aufgabe zu übertragen und das Haus für Euch zu erhalten. Kommt und seht, Sidi!“

Balian stieg vom Pferd, das von den Stallburschen gleich mitgenommen wurde und ging durch sein Haus. Nein, es war wirklich nichts verändert, seit er Ibelin hatte verlassen müssen. Ein Huhn mit geperlten Federn saß auf dem Esstisch im Speisebereich neben dem Wohnraum und sah Balian neugierig an.

„Schau an, du bist auch noch da“, grinste er und nahm das Huhn vorsichtig unter den Arm. Nablus war immer das feinere Landhaus des feineren Familienzweiges gewesen. Hier in Ibelin ging es immer noch so bäuerlich-bodenständig zu wie damals, als er hergekommen war – einschließlich Hühnern auf Tischen im Haus.

„Das ist ja noch schöner als in Nablus, Onkel Balian!“, freute sich Martin.

„Ist das so?“, fragte Balian und zog zweifelnd die Brauen hoch. Ibelin war rustikal, Nablus spiegelte den Reichtum der Ibelins sehr viel deutlicher.

„Klar, hier sieht das alles viel stabiler aus. So wie zuhause in Saint-Martin-au-Bois“, sagte er. Dann wies er nach oben über die Fenster im Speiseraum.

„Was … was ist das denn?“, fragte er erschrocken.

„Lies mal“, sagte Balian.

Quod sumushoc eritis“, las Martin vor.

„Und was heißt das?“, fragte Balian nach.

„So … wie wir … sind … so … wirst du sein“, übersetzte Martin. „Aber was ist das denn?“

„Das ist ein Totentanz, Martin. Er soll uns daran erinnern, dass wir alle sterblich sind und der Tod niemanden ausnimmt – Männer nicht, Frauen nicht, Adlige und einfache Menschen, Christen, Juden und Moslems. Was das betrifft, sind alle Menschen vor Gott gleich“, erklärte Balian.

„Hast du das gemalt?“

„Nein, das hat noch mein Vater anbringen lassen.“

Martin nahm das nickend zur Kenntnis. Dann fuhr er sich unbehaglich unter den Kragen seines Gambesons.

„Sag mal, ist das hier immer so heiß?“, erkundigte er sich dann.

„Meistens“, erwiderte Balian. „Nur im November, Dezember und Januar ist es etwas kühler, ungefähr wie bei uns im April. Palmen und Orangenbäume wachsen nur, wenn es so warm ist. Darum tragen wir hier diese dicken Sachen wie Gambesons, Kettenhemden und Waffenröcke auch nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Du wirst in der nächsten Zeit darauf verzichten können, Spatz.“

Martin ging auf die Terrasse durch und ließ seinen Blick über die grünen Felder und die gegenüberliegende Burg gleiten. Alles sah fremdartig aus – und doch vertraut. Erst dann fiel Martin auf, dass es an der Sprache lag, in der sich die Menschen verständigten. Es klang nach zuhause (und das war Saint-Martin-au-Bois für ihn), wo die meisten Leute seines Onkels untereinander arabisch sprachen. So, wie er an der steinernen Brüstung stand, erinnerte er Almaric, der hereinkam, an Balian an seinem ersten Tag in Ibelin. Der Hauptmann riss sich nur schwer von diesem kleinen Déja-vu-Erlebnis los und klopfte an den Raumteiler, um Balians Aufmerksamkeit zu bekommen. Der junge Vizegraf sah seinen ersten Mann mit einem so strahlenden Ausdruck im Gesicht an, dass Almaric wusste, wie wohl er sich hier wieder fühlte.

„Es ist kein armseliger und staubiger Ort mehr, Mylord“, sagte Almaric.

„Nein, Almaric, das ist es nicht mehr.“

„Und … du … willst es wirklich nicht zurück?“, wunderte sich der Hauptmann.

„Führe mich nicht in Versuchung, mein Freund“, erwiderte Balian sanft. „Richtet euch ein, meine Freunde“, sagte er dann. Seine Männer verstanden und zogen sich aus dem Herrenhaus zurück.

„Mustafa, bist du bitte so gut, für uns Bäder richten zu lassen?“, rief Balian dann nach dem Haushofmeister. Mustafa erschien nahezu lautlos auf den weichen Sohlen seiner Sandalen.

„Ich lasse sie sofort herrichten, Sidi. Ich habe Euch und Eurer Familie auch schon Kleidung bereitlegen lassen. Was Ihr hier gelassen habt, ist alles gereinigt und repariert, sofern es nötig war. Alles steht zu Eurer Verfügung, Sidi“, sagte er mit einem breiten Grinsen.

 

Eilig ließ Mustafa das Speisezimmer zum Baderaum umfunktionieren, damit die Gäste sich vom Reisestaub bereinigen konnten. Balian bestand darauf, dass zuerst die Kinder versorgt wurden. Martin bekam sein Bad von Gaëlles Zofe Samira, ihre Herrin badete ihren Sohn selbst. Der Zweijährige jauchzte begeistert. Rosenblätter im Wasser kannte er noch nicht – trotz eines wunderschönen Rosengartens auf Château Ibelin … Dort allerdings hatte der findige Hausherr eine Methode entwickelt, den intensiven Duft von Rosenblüten in Öl zu verwandeln. Auf diese Art konnte Blütenduft in diversen Varianten auch im kältesten Winter noch das Badewasser parfümieren.

Als Balian dann selbst in der Wanne saß, fragte er sich, ob das alles wahr war oder ob er nur mehr als deutlich und greifbar träumte. Er war wieder in seinem geliebten Ibelin, die Menschen, die hier lebten, wollten ihn als Herrn zurückhaben. Gaëlle wollte sowieso im Heiligen Land bleiben, das brauchte sie nicht einmal auszusprechen, das sah er ihr an der Nasenspitze an. Martin war offensichtlich begeistert und Jean-Raymond war auch so glücklich, dass es eine Schande gewesen wäre, die Kinder hier wieder wegzuholen. Imad hatte schon eine seltsame Andeutung gemacht, Yasmina von Tiberias ebenfalls. Was wurde hier gespielt? Wollte man ihn prüfen, ob er wortbrüchig wurde?

„Was hast du?“, riss Gaëlles sanfte Frage ihn aus seinen Gedanken.

„Ich bin verwirrt“, bekannte er ohne Umschweife. „Ich weiß im Moment nicht, was ich von all dem halten soll.“

Sie streichelte sacht durch sein frischgewaschenes Haar.

„Warum genießt du es nicht einfach?“, fragte sie.

„Sollte ich?“

„Ja. Fühl’ dich einfach wohl hier. Die Menschen hier lieben dich. Dieses Land liebt dich. Ich habe dich bei meinem Besuch damals beobachtet und dich gefragt, ob du aus dieser Handvoll Staub ein neues Jerusalem bauen willst und du hast mir gesagt, wer du denn wärst, wenn du dein Land nicht verbessern wolltest. Oh, du hast mit deinen Talenten gewuchert, mein Liebster. Jetzt ernte die Früchte deiner Mühen und genieße, was dir an Liebe entgegengebracht wird. Du bist zuhause“, sagte sie lächelnd.

„Ist das so?“

„Sechs Fuß personifizierte Zweifel!“, schalt sie gespielt. „Ja, es ist so. Keine Widerrede!“

„Ja, meine Königin“, bestätigte Balian uns stupste sie sanft auf die Nase. Sein glückliches Lächeln war um nichts anders als bei dem entspannten Mahl auf der Terrasse, als sie sich so unsterblich in ihren Ritter verliebt hatte.

„Balian von Ibelin – ich liebe dich“, flüsterte sie.

„Gaëlle von Jerusalem – ich liebe dich“, gab er ebenso leise zurück.

„Nein, nicht von Jerusalemvon Ibelin, bitte“, korrigierte sie sanft.

„Gut, von Ibelin“, erwiderte er, zog sie an sich und küsste sie.

 

 

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Kapitel 32

Ein Ort des Friedens

 

Wochen vergingen, in denen Balian sich wieder ganz zu Hause fühlen durfte. Ibelin war immer ein Ort gewesen, in dem das friedliche Zusammenleben von Christen, Juden und Moslems eine Selbstverständlichkeit war. Balian der Alte, Balians Großonkel, hatte Ibelin wie alle seine Lehen einst für seine Treue zu König Fulko erhalten – allerdings nicht wegen des Reichtums dieses Landes, sondern zum Schutz der Pilgerstraße. Nablus und Samaria waren die wirkliche Belohnung gewesen. Schon Balian der Alte war überzeugt gewesen, dass das Heilige Land nur leben konnte, wenn sich alle religiösen Gruppen dort vertrugen. Er hatte eine entsprechende Bestimmung in seinem Testament gemacht.

Nach dem Tod Balians des Alten war Ibelin selbst zunächst an den Johanniterorden gegeben worden. Als Godfrey dann ins Heilige Land gekommen war, hatte er auf Fürsprache von Raymond von Tiberias und Balduin von Ibelin die Burg Ibelin samt Dorf an der Pilgerstraße als Lehen erhalten und war Baron von Ibelin geworden. Godfrey hatte für das Dorf Ibelin selbst eher wenig Zeit gehabt; war er nicht mit der Pilgerstraße beschäftigt, hatte er sich um die Erziehung der Königskinder gekümmert. Er, der nicht aus religiösen Gründen nach Jerusalem gekommen war, sondern nach einer eigenständigen Existenz gestrebt hatte, hatte die Bestimmung im Testament seines Onkels eher schulterzuckend zur Kenntnis genommen und Ibelin so gelassen, wie es war. Das so selbstverständliche Zusammenleben in Ibelin hatte ihn bald völlig vergessen lassen, dass Angehörige von drei Religionen, die sich sonst gegenseitig ausschlossen, am gleichen Fleck friedlich miteinander lebten. Zusammentreffen von Mitgliedern dieser Religionsgemeinschaften führten außerhalb Ibelins mindestens zu Raufereien, in der Regel aber zu ernsthaften Kriegshandlungen. Godfrey, der Streitigkeiten unter seinen Dörflern pragmatisch und unabhängig vom Glauben löste, hatte aber schließlich in dem Modell Ibelin eine Lösung für das ganze Heilige Land gesehen und hatte seine Erkenntnisse an Balduin, Sibylla und Isabella, die Kinder Amaurys I., weitergegeben.

So, wie Ibelin seit 1131 funktionierte, funktionierte es auch nach über fünfzig Jahren noch reibungslos und unproblematisch – weil die jeweiligen Herren das kluge Modell Balians des Alten unverändert übernahmen. Aber Imad hielt sich als gegenwärtiger Herr Ibelins so auffällig zurück, dass es Balian wirklich seltsam vorkam. Wann immer einer der Bauern etwas zu besprechen hatte, wandte er sich an Balian, als sei der nicht nur zu Besuch, sondern habe seinen Besitz zurückerhalten. Obendrein hatte Balian nicht nur das geheime Gelddepot im Keller des Herrenhauses unangetastet vorgefunden. Imad hatte auch das noch fehlende Lösegeld – die vollen sechshunderttausend Besant, die er nicht rechtzeitig hatte abliefern können – inzwischen erhalten und hatte es Balian geben wollen. Doch der lehnte es ab, die komplette Summe anzunehmen und ließ sich lediglich seine Auslagen erstatten. Den Rest schickte er mit freundlicher Empfehlung an Saladin zurück.

Dass außerhalb Ibelins der Krieg unvermindert weitertobte, dass Richard Saladin bei Arsuf nördlich von Jaffa schwer geschlagen hatte und am 10. September 1191 Jaffa eingenommen hatte, war hier, an diesem Ort des Friedens, nicht zu spüren.

 

Gaëlle, die es sichtlich genoss, wieder im Land ihrer Geburt zu sein, genoss es ebenso, als Balians Gemahlin nicht mehr ihr öffentliches Gesicht wahren zu müssen. Sie lud die Damen der Ibeliner Ritter und aus Imads Gefolge zu einem Teeabend ein, Ibelins Ritter und Soldaten waren von ihren sarazenischen Nachbarn zu einem gemeinsamen Essen eingeladen – und der alte und der neue Herr Ibelins wollten eigentlich gemeinsam Schach spielen. Doch Balians nachdenkliche Miene verwirrte Imad.

„Was ist mir dir?“, fragte der Sarazene. „Du bist nicht so … wie soll ich sagen … so entspannt wie in der letzten Zeit, mein Freund.“

Balian nahm den weißen Läufer, setzte ihn aber nicht auf ein neues Feld, sondern sah ihn nachdenklich an.

„Imad … du bist der Hausherr hier. Aber du hast ein neues Haus gebaut, hast absolut nichts verändert, hast Mustafa geradezu angewiesen, Ibelin auf meine Art weiterzuführen. Warum?“, fragte er und sah seinen Freund direkt an.

„Wie … genau willst du es wissen?“

„Ganz genau“, lächelte Balian.

„Dachte ich mir … Balian, dass du anders warst als jeder Christ, der mir bis dahin begegnet war, wusste ich zwar, seitdem du mir Leben und Freiheit geschenkt hattest. Aber wie anders du warst, dämmerte mir, als du diesen unglaublichen Angriff gegen meine Reiter geführt hast. Nie zuvor hatte ich erlebt, dass ein Kreuzritter sein Leben und das seiner Männer für einfache Bauern riskiert hat – und auch danach geschah das nur, wenn es Balian von Ibelin war, der die Männer führte. Ibelin hatte schon immer einen guten Ruf am Hof des Sultans, durch die Tapferkeit und Aufrichtigkeit deines Vaters. Aber du hast dir wirklich Ehre verdient, als du nicht nur für Christen eingetreten bist, sondern auch für Moslems und Juden. Du hast Saladin mit deiner Verteidigung Jerusalems sehr viel Respekt abgenötigt – und ihm überhaupt erst die Möglichkeit eröffnet, zu verhandeln. Selbst die blutdurstigsten Fanatiker waren zu Verhandlungen bereit, die sonst Saladin dafür hätten ermorden lassen. Saladin wollte dich nicht verjagen. Er hätte es lieber gesehen, wenn du geblieben wärst und Ibelin als Baron von Ibelin weitergeführt hättest – als Muster für ganz Palästina. Er war sehr erschrocken, dass du deiner Königin ins Exil gefolgt bist. Saladin hat mir Ibelin nicht übertragen, ich verwalte es für dich, ebenso wie Nablus und Samaria. Dafür bekomme ich von Saladin Lohn und du erhältst, was wir hier nicht in Felder, Früchtesamen und Bewässerung stecken müssen. Ibelin ist dein und bleibt dein – egal, wo du dich auch aufhältst. Balian, ich möchte, dass du zurückkehrst und Ibelin wieder selbst führst.

„Das kann ich nicht“, lächelte Balian.

„Wieso nicht?“, fragte Imad verblüfft.

„Saladin hat alle Christen in Jerusalem verpflichtet, das Land zu verlassen. Das war seine Bedingung, unter der er den Abzug aus der Stadt zuließ.“

„Ich weiß, aber diese Bedingung galt nicht für dich.“

„Davon weiß ich nichts. Ich wäre aber auch nur geblieben, wenn die Frau, die ich liebe, auch hätte bleiben können. Saladin hat mich nicht ausdrücklich erwähnt, aber Sibylla, die Königin Jerusalems. Da sie hier nicht leben darf, will ich es auch nicht“, entgegnete Balian.

„Wäre das deine Bedingung?“

„Saladin wird darauf niemals eingehen, glaub’ mir. Außerdem habe ich in Frankreich Verpflichtungen. Ich habe diesmal nicht alles dort aufgegeben. Wir sind nur hergekommen, weil Gaëlle und Jean-Raymond ohne die Ibeliner Orangen krank wurden. Meine Vizegrafschaft wartet auf mich.“

Imad schmunzelte.

„Ist doch der beste Grund für dich, hier zu bleiben. Deine Frau kann ohne dieses Land nicht leben – und dein Sohn offenbar auch nicht“, sagte er. Balian schüttelte den Kopf.

„Meine Frau ist die ehemalige Königin von Jerusalem“, erinnerte er. „Eure Fanatiker werden es zu verhindern wissen, dass ein christlicher Baron sein Land hier behält. Und der ehemaligen christlichen Königin ein Bleiberecht hier einzuräumen, wäre eine Herausforderung an die religiösen Eiferer. Imad, du bist mein Freund, aber es gibt auch solche Leute wie Mohammed al-Faes. Durch den Erfolg von Jerusalem dürften sie mehr geworden sein.“

„Ja – und nein. Der Verlust von Akkon und Jaffa war schwer“, sagte Imad nachdenklich. Balian nickte.

„Akkon und Jaffa können Saladin in seinem Ansehen bei den Fanatikern des Islam ebenso geschwächt haben, wie Hattin das Ansehen des christlichen Königs böse beschädigte. Wenn ich ehrlich bin, mache ich mir fast größere Sorgen um Saladin als um Richard. König Richard kann mit der Eroberung Akkons und Jaffas einen beachtlichen Erfolg vorweisen, während Saladin einen schlimmen Verlust hatte.“

Imad sah Balian betroffen an.

„Wirst du dieses Wissen nutzen?“, fragte er erschrocken.

„Ich bin Richards Unterhändler. Er würde mich vierteilen, wenn ich die Verhandlungen nicht in seinem Sinne führe, sollte es noch zu Verhandlungen kommen“, erwiderte Balian. „Aber es nutzt Richard nichts, wenn ich Saladin größere Zugeständnisse abringe, als er sich leisten kann. Außerdem … nehme ich an, dass der Sultan ebenso gewisse Mindestvorstellungen hat. Es wird meine Aufgabe sein, einen für beide Seiten annehmbaren Kompromiss auszuhandeln. Beide dürfen nicht zu viel aufgeben, um nicht das Gesicht zu verlieren.“

„Was ich an dir so bewundere, mein Freund, ist, dass du die Dinge von beiden Seiten betrachten kannst“, sagte Imad. „Äh, bei der Verhandlung um die Übergabe Jerusalems hast du gedroht, sie völlig zu zerstören. Das war nur eine Finte, oder?“

Balian grinste. Wenn Imad ihn aushorchen wollte, lag er falsch.

„Angesichts dessen, was danach passierte, bereue ich zuweilen, nicht auf Saladins Rat eingegangen zu sein. Er empfahl mir, es zu tun. Ohne ein existierendes Jerusalem hätten wir den jetzigen Krieg nicht. Dieser Ort treibt die Menschen noch immer in den Wahnsinn“, sagte er. „Doch, ich hätte es getan, hätte Saladin nicht in gutes Angebot gemacht.“

Jetzt lächelte Imad. Balian war klug genug, die kleine Falle zu erkennen. Imad war Sarazene und gläubiger Moslem. Aber Freundschaft stand für ihn ebenso hoch …

 

Die Lage außerhalb Ibelins hatte sich beruhigt, nachdem Saladin seine Truppen weit von Arsuf und Jaffa hatte zurückziehen müssen und Richard ihnen zunächst nicht nachsetzte. Doch obwohl Ibelin nur gerade dreißig Meilen südöstlich von Jaffa lag, befand es sich nach wie vor in sarazenisch beherrschtem Gebiet. Der September verging, ohne dass es zu neuen Kampfhandlungen kam. Es schien, als ob Saladin nun überlegte, was zu tun war.

Am 4. Oktober 1191 traf Saladin in Ibelin ein. Balian hatte ein großes Gefolge erwartet, doch der Sultan kam mit Imad allein. Der junge Baron schloss daraus, dass Saladin nun doch zu Verhandlungen bereit war und entschied sich, nichts zu den Kämpfen um Arsuf und Jaffa zu sagen, sondern Saladin einfach als seinen Gast willkommen zu heißen.

As-Salam ’alaykum“, grüßte Balian und hielt das Zaumzeug von Saladins Pferd, damit der Sultan absteigen konnte. Gaëlle wurde bleich, als sie das sah. Balian durfte sich nicht vor dem Sultan erniedrigen, wollte er als Verhandlungspartner ernst genommen werden. Doch als Saladin abgestiegen war, verneigte er sich vor dem jungen Vizegrafen.

U ’alaykum as-Salam“, erwiderte er den Friedensgruß.

„Willkommen in Ibelin, Saladin, Beherrscher der Gläubigen des Islam“, sagte Balian und reichte ihm einen Becher Wasser.

„Danke, mein Freund. Ihr wisst, was sich im Orient gehört“, erwiderte er und trank das dargebotene Wasser. Balian machte eine einladende Handbewegung.

„Kommt, Saladin, seid mein Gast“, lud er ein. Saladin folgte ihm in den Empfangsflur des Herrenhauses.

Mustafa eilte herbei und nahm dem Sultan den Burnus ab, das vor Staub und Sand schützende Übergewand. Der Sultan war in eine knielange, schwarze Seidentunika gekleidet, deren Vorderteil bis zur Hüfte mit Arabeskenmustern aus kostbaren Goldfäden bestickt war. Das lange, krause, grau durchsetzte Haar Saladins fiel unter dem schwarzen, goldverbrämten Seidenturban an den Schläfen und im Nacken gezielt über seine Schultern. Im Gürtel, der aus dem gleichen Material bestand wie die Tunika, steckte ein ebenso kostbarer Krummdolch, den der Sultan demonstrativ samt Scheide herauszog und ihn Imad gab. Balian trug zu seiner dunkelblauen Seidentunika mit dem dunkelroten Seidengürtel eigentlich keine Waffe, doch diesmal hatte er sich einen Dolch in den Gürtel gesteckt, den er nun ebenso demonstrativ ablegte und Mustafa gab. Es gehörte sich für die Beteiligten an friedlichen Verhandlungen, die nicht auf einem Schlachtfeld erfolgten, deutlich zu machen, dass man unbewaffnet war.

Saladin sah Gaëlle, die neben Balian stand und verbeugte sich höflich vor der schönen Frau. Gaëlle wahrte ihr jahrelang eingeübtes öffentliches Gesicht und erwiderte huldvoll den Gruß des Sultans.

As-Salam ’alaykum“, wünschte er.

U ’alaykum as-Salam, edler Salahadin“, erwiderte Gaëlle.

„Wer … seid Ihr?“

„Gaëlle von … Ibelin“, gab sie zur Antwort.

„Nicht Sibylla von Jerusalem?“, hakte Saladin nach.

„Den Titel der Königin Jerusalems legte ich nieder, als ich den Baron von Ibelin heiratete und den Namen änderte ich, als ich ihm nach Frankreich folgte“, erwiderte sie.

„Habt… Ihr den Titel auf den jetzigen König Guy von Jerusalem übertragen?“, fragte Saladin weiter.

„Nein. Nachdem ich ihn nach der Kapitulation meines jetzigen Gemahls abgelegt hatte, war er vakant. Der jetzige König wurde von jenen erwählt, die mein Bruder in seinem Testament dazu bestimmt hatte.“

„Ich habe Euren Bruder sehr geschätzt, edle Gaëlle“, sagte Saladin sanft, sie bei ihrem erwählten Vornamen nennend. „Er war ein Mann, der zu seinem Wort stand. Er hätte den Frieden bewahrt, den er geschworen hatte. Es erfüllt mich noch immer mit Trauer, dass er so früh sterben musste.“

„Auch ich trauere noch immer um ihn und meinen Sohn. Auch mein Sohn hätte den Frieden bewahrt, doch er war gezwungen, sich von Männern unterstützen zu lassen, die das nicht taten. Balian allein konnte sie nicht aufhalten.

„Es ist furchtbar für eine Mutter, ihr Kind an diese schreckliche Krankheit zu verlieren, nachdem sie schon den Bruder nach langem Leiden hergeben musste.“

Saladins Worte waren gütig. Dennoch spürte Gaëlle einen dicker werdenden Kloß im Hals. Der Sultan würde vielleicht von seinen Ärzten wissen, dass die Lepra bei Balduin junior erst ganz kurz vor seinem Tod ausgebrochen war und er noch keine äußeren Anzeichen der Lepra gehabt hatte.

„Ja, das ist es. Aber Balian war mir eine große Stütze in meiner Trauer – als mein Statthalter und dann, nach dem angeblichen Tod Guys als mein neuer Gemahl.“

Saladin wandte sich an Balian, sah dessen liebevollen Blick, mit dem er Gaëlle umfing.

Hakim Ibelin, ich betrachte es als Ehre und große Erleichterung, dass Richard Euch zu seinem Unterhändler bestimmt hat. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wäre ich ihm begegnet, nachdem er so viele Gefangene ermorden ließ“, sagte er. Balian lächelte leicht.

„Vielleicht wäre ein Zweikampf unter Königen die beste Lösung eines Krieges“, sagte er. Imad und Gaëlle zuckten sichtlich zusammen. Saladin erwiderte das Lächeln Balians.

„Den hatte mir schon Kaiser Friedrich angeboten. Aber Allah hat es nicht zugelassen“, sagte er. „Ihr seid direkt, Hakim Ibelin. Das schätze ich an Euch.“

Balian machte eine Handbewegung zur Terrasse.

„Ich habe ein Mahl vorbereiten lassen, edler Saladin. Kommt“, lud er ein. Saladin ging voran, Balian folgte ihm. Auf der Terrasse fanden sich zwei bequeme Sitze, die mit zahlreichen Kissen gepolstert waren. Auf niedrigen, zu den Sitzen passenden Tischen waren bereits diverse Platten mit appetitlichen Häppchen angerichtet. Mustafa brachte noch Wasser und Handtücher, damit Balian und sein Gast sich die Hände waschen konnten, bevor sie aßen.

„Speist Eure Gemahlin nicht mit uns?“, fragte Saladin.

„Auf Anraten von Imad habe ich nur für uns beide das Mahl richten lassen. Er sagte mir, dass Ihr es nicht schätzt, in Gegenwart einer Frau zu speisen“, erklärte Balian. „Aber wenn Ihr es wünscht, lasse ich gern auch für Gaëlle und Imad Sitze und Speise dazustellen.“

Saladin sah den jungen Mann einen Moment an.

„Ihr seid vorsichtig und nehmt Rat an. Das unterscheidet Euch von manchem Eurer Glaubensbrüder“, sagte er. „In diesem Fall hat mein guter Imad aber nicht daran gedacht, dass Eure Gemahlin Jerusalems Königin war und ich schon lange den Wunsch hatte, sie persönlich kennen zu lernen.“

„Wie Ihr wünscht. Mustafa, bist du bitte so gut, die Tafel zu erweitern?“

„Ja, Sidi!“

Mustafa eilte fort, um Diener zu holen, die die Terrassenmöbel umbauen sollten.

„Was wünscht Ihr zu trinken, edler Saladin? Tee, Kaffee oder Wasser? Wein wage ich Euch nicht anzubieten“, fragte Balian.

„Ich habe von dem berühmten Ibeliner Orangentee gehört. Wenn es keine Umstände macht, davon, bitte.“

„Josua – Orangentee für alle, bitte!“, rief Balian. Josua, einer der jüdischen Diener, bestätigte Balians Auftrag und eilte Richtung Küche.

Saladin trat an die steinerne Brüstung und sah über die grünen Felder Ibelins.

„Ich habe einmal gehört, Ibelin sei das minderwertigste Lehen, das Jerusalem zu vergeben hatte, weil es ein wüstes Staubloch sei. Aber ich sehe eine Oase, die grünt und blüht wie die Gärten des Propheten. Wieso dieser Widerspruch?“, fragte er.

„Als ich vor sieben Jahren herkam, war es ein armseliges und staubiges Nest, edler Saladin. Mein Vater war zu sehr mit dem Schutz der Pilgerstraße und des Königs beschäftigt, um sich um die Verbesserung der Landwirtschaft zu kümmern. Als ich dann herkam, habe ich mit den Menschen hier nach Wasser gesucht. Wir haben es gefunden und in eine Quelle gefasst. Imad hat später noch zwei weitere Quellen erschließen können, die es insgesamt ermöglichten, aus dem Wüstendorf einen Oasengarten zu machen“, erklärte Balian.

„Ich … kannte Euren Vater gut, mein Freund; doch von Euch wusste ich nichts. Erklärt mir das bitte näher.“

„Was wisst Ihr von meinem Vater?“

„Nun, er war einer der Berater König Balduins, einer seiner Lehrer und zusammen mit Raymond von Tiberias einer seiner bedeutendsten Vasallen. Er war ein großer Kämpfer, der eine fast verlorene Schlacht noch umdrehen konnte und es zu meinen Ungunsten auch ein paar Mal getan hat. Er war ein gefährlicher Gegner und hätte mich im Libanon beinahe getötet. Doch er war auch ein Mann, der seinem Gegner Achtung entgegenbrachte und nie von sich aus einen Streit begonnen hätte. Nach allem, was ich von Euch weiß, seid Ihr wahrhaftig sein Sohn. Eigentlich hätte ich es schon wissen müssen, als ich hörte, dass Ihr Mohammed al-Faes besiegt habt und Imad Leben und Freiheit geschenkt habt. Was Imad berichtete, sprach für Godfrey. Ihr … habt Euch nicht als seinen Sohn bezeichnet, sondern nur als den neuen Baron von Ibelin. Wieso eigentlich?“

„Einerseits, weil ich es für angeraten hielt, zuerst den König vom Tod meines Vaters zu unterrichten“, antwortete Balian.

„Und andererseits?“

„Weil ich mich selbst noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt hatte, der Sohn von Godfrey von Ibelin zu sein. Mein Vater war … nicht der Gemahl meiner Mutter.“

„Jetzt verstehe ich – auch, weshalb König Guy Euch so hasst.“

Balian lächelte freundlich.

„Oh, das hat zweierlei Gründe. Erstens meine Geburt und zweitens, dass Gaëlle mir mehr zugetan war und ist als ihm.“

„Ich bedaure, dass Euer Vater sich Eurer so spät erinnerte. Mit Euch und Eurem Vater zusammen wäre viel Unheil verhindert worden“, sagte Saladin mit einem Lächeln.

 

 

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Kapitel 33

Tischgespräche

 

Mustafa machte Balian aufmerksam, dass das Mobiliar umgeräumt und genügend Speise aufgetragen war.

„Danke, Mustafa“, erwiderte der Baron, bat Saladin, Imad und Gaëlle zu Tisch und entließ die Diener, um seine Gäste selbst mit Getränken und Speise zu bedienen. Dann hob er sein Teeglas.

„Möge es uns beschieden sein, ein friedliches Zusammenleben aller zu bewirken, die dieses Land als heilig ansehen“, brachte er einen Trinkspruch aus.

„Möge Allah mehr Menschen wie Euch in dieses Land senden, Hakim Balian von Ibelin“, erwiderte Saladin. Sie tranken von dem wohlschmeckenden Tee, dann reichte Balian Saladin eine Platte mit Hühnchenfleisch an und nahm auch selbst ein Stück von dieser Platte, ganz bewusst ohne hinzuschauen. Saladin nickte anerkennend. Dass der Gastgeber von derselben Platte wie sein Gast aß und davon etwas nahm, ohne genau hinzuschauen, war für den Sultan Beweis genug, dass die Speise nicht vergiftet war.

„Jetzt weiß ich, weshalb es heißt, dass in Eurem Hause ein Vorkoster ein unnötiger Luxus sei“, sagte er. Balian nickte mit einem sanften Lächeln.

„Balian, warum kommen Christen in dieses Land?“, fragte Saladin.

„Nun, es gibt zwei Antworten darauf. Die Erste: Christen waren hier, bevor Muslime kamen. Christen sind in Palästina nicht weniger zuhause als Menschen islamischen Glaubens. Die Zweite: Palästina ist für uns ein heiliges Land, weil hier Jesus von Nazareth lebte, den wir Christen Gottes Sohn nennen. Durch die Wunder, die er wirkte, hat er den Menschen Gottes Nähe zu den Menschen gezeigt“, erwiderte Balian. „Gott ist dabei unabhängig von sprachlichen Eigenbezeichnungen wie Jahwe, Sabaoth oder Allah“, setzte er hinzu. „Und weshalb kommen Muslime hierher?“, fragte er dann und nahm sich noch ein Stück Huhn.

„Auch für uns ist dieses Land heilig, denn vom Tempelberg in Jerusalem ritt Mohammed, der Prophet Allahs, in den Himmel, wo Allah ihm sein ganzes Reich zeigte“, erwiderte Imad.

„Dann ist es für beide Religionen heilig“, bemerkte Balian.

„Und … was ist Eure persönliche Meinung?“, erkundigte sich Saladin.

„Ich will Euch sagen, was ich den Männern von Jerusalem gesagt habe, als ich sie auf den Kampf gegen Euch vorbereiten musste: Die heiligen Stätten der Christen liegen über dem jüdischen Tempel, den die Römer zerstörten. Die heiligen Stätten der Muslime liegen über denen der Christenheit. Was sagt diese Reihenfolge aus? Ist das heiliger, was zuerst da war, was dann folgte oder das, was zuletzt kam? Ich bin der Ansicht, dass kein Platz für sich in Anspruch nehmen kann, heiliger zu sein als ein anderer. Ich bin der Meinung, dass wir alle denselben Gott meinen, egal, wie wir ihn nennen und mit welchen Methoden wir ihn verehren“, erklärte Balian.

„Aber … Ihr verehrt doch drei Götter: Vater, Sohn und Heiligen Geist“, warf Imad ein. Balian schüttelte den Kopf.

„Es scheint so – oberflächlich betrachtet. Für mich ist es auch schier unmöglich, Euch das genau zu erklären. Ich bin nur ein einfacher Mann und kein Priester, der diese Frage in langen Studien beantworten lernt. Für einen so speziellen religiösen Disput bin ich nicht der rechte Gesprächspartner“, wehrte Balian ab.

„Dennoch bitte ich Euch, es mir mit dem Verständnis eines einfachen Mannes zu erklären, Balian“, bat Saladin und nahm noch von dem Huhn.

„Gott helfe mir …“, murmelte Balian. Für alle hörbar fuhr er fort: „Ich sage es mal so: Das kann man nur glauben, denn mit dem Verstand ist es nicht zu erfassen, dass Gott in drei Personen geehrt wird, aber Vater, Sohn und Heiliger Geist wirklich zur gleichen Zeit sein kann.“

„Zugegeben, verstanden habe ich das nicht“, lächelte Saladin. Balian zuckte mit den Schultern.

„Begreifen und Erklären sind zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe. Und das ist eine Sache, die ich selbst nicht wirklich begriffen habe – mit dem Verstand ist es für mich nicht fassbar. Also kann ich es nur glauben. Und Glauben und Wissen sind auch zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe. Diese Art Philosophie ist nicht meine Welt. Ich kann Euch nur sagen, dass wir Christen nur einen Gott verehren, diesen aber in drei Gestalten. Ist das begreifbarer?“

Saladin nickte.

„Euer Koch versteht sein Handwerk. Ich habe selten so gut gespeist“, lobte er die Kochkunst, nachdem eine Weile in schweigendem Genuss des guten Mahles vergangen war.

„Danke, ich werde es ihm gern weitergeben“, sagte Balian.

„Ihr … habt vorhin gesagt, Christen wären schon vor den Muslimen hier gewesen. Meint Ihr das rein religiös oder wie?“, kam er dann wieder auf das Thema zurück, das ihm am Herzen zu liegen schien.

„Nun, es ist doch Tatsache, dass hier ein christliches Reich bestand, das von islamischen Kriegern angegriffen wurde“, warf Gaëlle ein.

„Welches Reich meint Ihr?“, fragte Saladin.

„Zunächst das Kaiserreich Byzanz. Es ist christlich und besteht weit über zweihundert Jahre länger als es den Islam gibt“, erklärte Gaëlle.

„Haltet Ihr es für ungerecht, dass der Islam sich hier ausbreitete? Wir sehen es so, dass wir den richtigen Glauben gebracht haben“, warf Saladin ein.  

„Die Frage ist: Was will Gott genau von uns?“, sagte Balian.

„Und was meint Ihr, will er?“, fragte der Sultan.

„Als ich herkam, habe ich ihm diese Frage gestellt. Geantwortet hat er mir nicht. Weder auf dem Hügel in Jerusalem, auf dem Christus starb, noch in der Wüste, wo Christus sich oft Rat im Gebet holte“, gab Balian zurück. Saladin schmunzelte und trank von dem guten Tee.

„Dann scheint es mir deutlich, dass Euer Glaube nicht der richtige ist und wir Muslime auf dem richtigen Weg sind“, versetzte er.

„Aha. Und zu Euch hat er gesprochen?“, erkundigte sich Balian. Saladin lächelte hintergründig.

„Vielleicht“

„Was hat er Euch gesagt? Dass Jerusalem Euer ist oder gleich das ganze Land hier?“, fragte Balian weiter.

„Ich gestehe, dass er es mir nicht direkt gesagt hat. Aber viele unserer Imame sagen, dass Allah ihnen dies gesagt hat und dass sie es mir so weitergeben sollen“, erwiderte Saladin. Balian nickte und nagte den Knochen eines Lammkoteletts ab. Er wusch sich sorgsam die Hände, bevor er sein Teeglas nahm und einen Schluck Tee trank.

„Die Juden behaupten, Gott habe ihnen einst dieses Land versprochen. So steht es auch in der Heiligen Schrift geschrieben“, sagte er mit sanftem Lächeln.

„Glaubt Ihr das?“, fragte Saladin und wählte ein Stück Lammbraten aus.

„Was?“

„Dass Gott dieses Land den Juden einmal versprochen hat?“, präzisierte der Sultan und nahm sich ob der leckeren Zubereitung gleich noch eins.

„Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir nicht recht vorstellen, dass Gott – egal, wie wir ihn nennen – das Volk, das vor den Israeliten hier wohnte, so sehr hasste, dass er deren Land einem anderen Volk geben wollte. Immerhin waren auch die Philister seine eigenen Geschöpfe, wenn wir daran glauben, dass alle Menschen auf dieser Welt Gottes Geschöpfe sind.“

„Du stellst die Heilige Schrift in Frage?“, fragte Gaëlle erschrocken. „Balian, das ist Blasphemie!“

Er lächelte breit.

„Ich höre den Patriarchen reden, mein Herz …“, grinste er. „Um eines ganz deutlich zu machen: Ja, ich glaube an Gott, den Allmächtigen, der diese Welt geschaffen hat. Alles andere wäre für mich unmöglich. Ja, ich bezeichne mich als Christ. Aber … mir ist etwas aufgefallen.“

„Und was?“

„Sieh dich schon mal hier um. Sultan Saladin und Imad haben deutliche dunklere Haut als wir beide. Ramses, unser nubischer Steinmetz, ist ganz schwarz. Und von Ramses weiß ich, dass die Menschen in Cathay, wo er die Heilmassage gelernt hat, eher gelbliche Hautfarbe haben. Du, mein Liebling, hast blaugrüne Augen, ich habe braune, unsere Gäste hier noch viel dunklere und die von Samira sind richtig schwarz.“

„Und was … meinst du, bedeutet das?“

„Wenn wir glauben, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen, sind also alle Menschen auf dieser Welt aus der gleichen Familie. Schon das wäre ein Grund, dass wir uns diese Welt einfach nur in Frieden teilen. Auch wenn wir annehmen, dass Gott noch mehr Menschen geschaffen hat, also nach Adam und Eva noch andere Menschen gemacht hat, die er vielleicht woanders auf dieser Welt hat wohnen lassen, änderte das für mich auch nichts, weil sie aus der gleichen Hand kommen. Verfolgen wir diese zweite Spur etwas weiter, kommen wir dazu, dass Gott die Vielfalt liebt, was Hautfarbe und Größe von Menschen betrifft. Aber es ist nicht nur die Vielfalt der Geschöpfe. Als wir jetzt herkamen, ist mir auch aufgefallen, welche unterschiedlichen Landschaften es zwischen Chartres und Jerusalem gibt: Flache, fruchtbare Flussebenen; schroffe, schneebedeckte Berge; liebliche Hügellandschaften, ein unendlich weites Meer; wunderschöne Inseln, staubige Wüsten. Und wenn er schon bei der Gestaltung seiner Geschöpfe und der Landschaften eine so große Vielfalt liebt, was wir Menschen weder begreifen noch nachmachen können – wie kommen wir dann dazu, zu behaupten, dass Gott auf eine einzige, ganz bestimmte Weise verehrt werden will?“

Balians Worte ließen die anderen drei auf der Terrasse fast erstarren. Imad schluckte mühsam.

„Du …du meinst, er könnte alle Formen von Religion als richtig bezeichnen?“, fragte er vorsichtig. Balian nickte.

„Ja“, bestätigte er. „Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Ich sage, dass die Frage der Religion bei Besitzstreitigkeiten gerade in diesem Land nur ein Vorwand ist.“

Gaëlle erbleichte, aber auch Imad wich das Blut aus dem Gesicht. Nur Saladin lächelte sanft und geheimnisvoll. Er nahm sich eine Traube Weinbeeren und plünderte sie genüsslich.

„Wie kommt Ihr darauf?“, fragte er.

„Ein guter Freund von mir – ein Johanniterritter übrigens – sagte mir einmal, er sei kein Freund von Religionen, denn er habe zu viel Religion in den Augen von zu vielen Mördern gesehen. Seiner Ansicht nach besteht Heiligkeit in der gerechten Handlung und in Güte. Und das, was man zu tun entscheidet, macht einen Menschen zu einem guten Menschen oder eben nicht. Ihr kanntet meinen Vater gut, Saladin; Ihr kennt auch den Grafen von Tiberias. Beide kamen aus sehr unterschiedlichen Gründen hierher. Raymond von Tiberias war der Meinung, dass er hier für Gott kämpfen wollte. Mein Vater kam her, weil er daheim in Frankreich als jüngerer Sohn nichts zu erben hatte und hier die Möglichkeit sah, Land zu bekommen und als Herr dieses Landes zu leben. Raymond von Tiberias hat sich geschämt, als er feststellen musste, dass es jedenfalls zu seiner Zeit nicht mehr um Gott, sondern nur um Land und Wohlstand ging. Mein Vater, der eben wegen Land und Wohlstand gekommen war, hat nie ein Problem mit der Religion seiner Untertanen gehabt. Gerade deshalb konnte Ibelin immer ein Muster für das friedliche Zusammenleben aller Religionen hier sein.“

„Ich weiß aber immer noch nicht, weshalb Religion in Euren Augen ein Vorwand ist, dieses Land zu erobern“, bohrte Saladin weiter.

„Seht, jene, die des Glaubens wegen herkamen und immer noch herkommen, wollen ihre Sünden tilgen, indem sie Jerusalem und andere Stätten besuchen, an denen Jesus wirkte. Nach der Eroberung durch Muslime verbreitete sich die Behauptung, Christen würden im Heiligen Land verfolgt. Deshalb sollte dieses Land zurückerobert werden. Doch im Christentum ist es Sünde, den Besitz eines anderen Menschen zu begehren oder gar wegzunehmen. Es ist völlig unerheblich, ob das eine einzige Ziege, ein Laib Brot oder ein ganzes Land ist. Deshalb ist es Sünde, aus Habgier Land für sich selbst erobern zu wollen. Aber den eigenen Glauben, der ja richtig ist, verbreiten zu wollen und dafür auch heilige Stätten für seinen richtigen Glauben sichern zu wollen, das erscheint nicht als Sünde, weil man das ja nicht für sich persönlich tut, sondern für Gott. Dass dabei Land für diejenigen abfällt, die es erobert haben, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Der Mensch als solcher ist aber habgierig, will immer mehr besitzen, als sein Nachbar. Deshalb ist meiner Meinung nach die Religion für die ersten Kreuzritter nur eine Ausrede gewesen. Die meisten waren, wie mein Vater, jüngere Söhne, die daheim in Europa nichts zu erwarten hatten. Sie wollten – von wenigen Ausnahmen wie Raymond von Tiberias abgesehen – Land und Wohlstand, nicht Gott dienen.

Ich will es noch an einem praktischen Beispiel erläutern: Das Volk Israel ist nach dem Auszug aus Ägypten lange Zeit in der Wüste umhergewandert. Sie erreichten das Land Kanaan von Osten her, vom Jordan. Ihr kennt die Gegend dort. Sie ist wüst und bietet nicht viele Weidegründe für Vieh. Die Berge rund um Jerusalem sind auch nicht von üppiger Fruchtbarkeit – aber das Land hier an der Küste … Man hat sich mit den Philistern um Weidegründe bekriegt, nicht um die richtige Religion. Das ist mir erst richtig klar geworden, als ich herkam und das Land mit eigenen Augen sah. Und deshalb, edler Saladin, ist Religion nach meiner Überzeugung nur ein Vorwand, dieses Land erobern zu wollen. Das gilt für Christen ebenso wie für Moslems“, erklärte Balian.

Saladin lächelte, als er an den Disput mit Mullah Khaled dachte, an seine eigene Begründung, dass die Schlachten des Islam gegen die Christen nur unzureichend vorbereitet waren und deshalb nicht zum Erfolg geführt hatten – weniger der Umstand, dass auch Moslems gesündigt hatten.

„Ihr seid ein kluger Mann, Balian von Ibelin“, erwiderte Saladin anerkennend. „Euer Werdegang ist mir nicht unbekannt. Ich habe um Eure illegitime Herkunft gewusst. Aber Ihr verschweigt diesen Umstand nicht. Ich will nicht verhehlen, dass bei jedem anderen dieses Wissen für Verhandlungen sehr wertvoll sein kann. Bei Euch ist es nicht einmal eine stumpfe Waffe – ob ich es weiß, spielt für unsere Verhandlung keine Rolle, denn ich kann Euch damit nicht packen. Ich sehe mich einem Mann gegenüber, der vor mir nichts verbirgt, und das ist es, was Euch zu einem vertrauenswürdigen Mann macht. Deshalb will ich auch vor Euch keine Geheimnisse haben. Ja, Ihr habt Recht. Religion ist auch für uns nur ein Vorwand“, bekannte der Sultan. Imad sah seinen Herrn erschrocken an. Dass Saladin, ein gläubiger Muslim, jemals zugeben würde, Jerusalem nicht aus religiösen Gründen erobert zu haben, hatte er nie erwartet.

„Schön, dann können wir die religiösen Fragen eigentlich als Nebensache betrachten und sehen, wie wir ansonsten zu einer Einigung kommen“, lächelte Balian und hob sein Teeglas. Saladin erwiderte seinen Gruß.

„Eure direkte Art ist der von König Balduin sehr ähnlich, mein Freund. Auch er nannte die Dinge beim Namen und schätzte Wortspielereien nicht. Gut. Was will Richard?“

„Jerusalem, um es deutlich zu sagen. Das Königreich Jerusalem, so wie es zu Zeiten König Balduins bestand“, erwiderte Balian. Gaëlle sah ihn verblüfft an, dass das eigentlich unverbindliche Tischgespräch schon in konkrete Verhandlungen überging.

„Oh, dann will er viel“, schmunzelte Saladin.

„Und was wollt Ihr?“, fragte Balian.

„Alles zurück, was er erobert hat.“

„Dachte ich mir“, grinste Balian. „Ist auch sehr viel.“

Saladin musste herzlich lachen.

„Sagt, wie lange wart Ihr vor der Kapitulation im Land? Zwei Jahre? Ihr versteht die Orientalen besser als sie selbst.“

„Richard wird keinen Schritt zurückweichen, von dort, wo er jetzt ist“, gab Balian zu bedenken. „Der Blutzoll war zu hoch. Er kann es sich nicht leisten, das wieder herzugeben.“

„Nun, Ihr wisst gut, welchen Blutzoll ich für Jerusalem entrichtet habe. Ich kann es mir so wenig wie Richard leisten, diesen Ort, der mit so viel Blut erkauft wurde, wieder zu verlieren“, konterte Saladin.

„Die Frage ist also, wie viel Blut könnt Ihr Euch noch leisten, wenn Ihr Euch vergeblich abmüht, Jerusalem in seiner jetzigen Form zu halten?“, sagte er. Der Sultan schmunzelte.

„Und wie viel kann Richard sich leisten, um weitere Eroberungen zu machen? Seine Verbündeten laufen ihm davon“, versetzte er.

„Ja, es sind welche abgereist. Aber es kommen auch welche nach“, sagte Balian. „Und Ihr habt damit auch Eure Probleme.“

Für den Moment war Saladin sprachlos. Was Balian sagte, stimmte. Ob es bloße Mutmaßung war oder tatsächliches Wissen, konnte er nicht erkennen.

„Ihr … habt Eure Quellen, nehme ich an“, wagte er einen Vorstoß.

„So, wie Ihr auch, großer Saladin“, entgegnete Balian mit einem kühlen Lächeln. Der Sultan nickte.

„Und … was erwartet Ihr für Euch selbst, Hakim Ibelin?“, fragte er.

„Für mich selbst? Nichts. Ich kehre wieder nach Frankreich zurück.“

„Ihr verhandelt mit mir für nichts?“, stieß Saladin verblüfft hervor. „Für so dumm hätte ich Euch nicht gehalten!“

Ihr wolltet mich als Unterhändler. Es war nicht Richards Idee, und ich war zufällig hier“, erwiderte Balian. „Und seid mit dem Gebrauch des Wortes dumm bitte etwas vorsichtiger. Es kann beleidigend sein.“

Saladin spürte einen Schreck wie schon bei der Übergabeverhandlung vor Jerusalem. Balian hatte eine bestimmte Vorstellung von dem, was er unbedingt erreichen wollte. Damals hatte er praktisch das erste Angebot angenommen – weil es das war, was er wollte. Was wollte er jetzt?

„Ibelin war nicht Euer einziger Besitz. Was ist mit den Ländereien nördlich von Jerusalem?“, wunderte sich Saladin.

„Ich habe Euch einmal zugesagt, dieses Land nicht wieder zu betreten und meine Besitzungen als Gegenleistung für mein Leben aufzugeben. Ich bin nicht gekommen, um wortbrüchig zu werden. Außerdem sind Nablus und Samaria nicht meine Lehen gewesen, sondern diemeines Onkels Balian“, entgegnete Balian.

„Dass Ihr nicht wortbrüchig seid, war mir klar, als ich unter all den Kreuzritterbannern Eures nicht sah und eine höfliche Bitte um eine Besuchserlaubnis für eine friedliche Pilgerfahrt von Euch bekam. Ich … biete Euch an, Euch alle Lehen der Familie Ibelin zurückzugeben, die in meinem Einflussbereich liegen – Euch als Baron von Ibelin, der nur mir, dem Sultan, als Vasall untergeben ist, mit allen Rechten und Pflichten, die Ihr gegenüber König Balduin hattet“, bot Saladin an.

„Und was wollt Ihr Richard überlassen?“, fragte Balian.

„Er ist nicht der, der mit mir verhandelt. Das seid Ihr.“

Balian lächelte freundlich.

„Ich verhandle im Namen König Richards mit Euch – nicht zu meinem eigenen Nutzen“, versetzte Balian. „Bedaure, ich bin nicht käuflich.“

Wäre der Blitz in den Terrassenboden gefahren, Saladin hätte kaum erschrockener sein können.

„Ihr … werdet also wirklich wieder gehen?“, fragte er sichtlich enttäuscht nach. „Und wer garantiert mir, dass Zusagen, die Ihr mir macht, von Richard eingehalten werden?“

„König Richard, in dessen Vollmacht ich verhandle. Das, worauf wir uns einigen, wird schriftlich in französischer und arabischer Sprache und Schrift festgehalten. Ich setze als Bevollmächtigter von Richard mein Siegel darauf, Ihr das Eure. Ich werde ein Exemplar davon von König Richard ebenfalls siegeln lassen – und das bekommt Ihr“, versprach Balian.

„Pergament und Papier sind geduldig, mein Freund. Ich werde einer Vereinbarung nur zustimmen, wenn der, der sie ausgehandelt hat, als Wächter über die Einhaltung hier bleibt. Richard traue ich nicht, wenn er bei der ersten Gelegenheit wieder Gefangene mordet.“

„Und ich kann und werde nur hier bleiben, wenn mein Lehnsherr, der Graf von Blois, es mir erlaubt – und wenn meine Gemahlin hier ebenfalls willkommen ist, ebenso meine Männer.“

„Dann fordert Ihr einen hohen Preis“, seufzte Saladin.

„Keinen höheren, als Ihr selbst angeboten habt – oder habt Ihr angenommen, ich würde meine Gemahlin, die hier geboren ist wie schon ihr Vater vor ihr, alleine mit unserem Sohn nach Frankreich zurück schicken? Nein, Saladin. Erstens liebe ich meine Frau, zweitens hat ihr das Heimweh nach Jerusalem schon fast das Herz gebrochen – würdet Ihr verlangen, dass sie nach Frankreich zurückkehrt, während ich hier bleiben soll, wäre das uns beiden gegenüber grausam. Das habe ich Euch eigentlich nicht zugetraut“, versetzte Balian.

„Macht mir ein Angebot, das ich akzeptieren kann“, forderte Saladin ihn auf. Der Franke zuckte mit den Schultern.

„Bisher weiß ich nur, dass Ihr alles zurückhaben wollt, was die Kreuzfahrer erobert haben – und dass Ihr mich mit der Rückgabe meiner Lehen ködern wollt“, sagte er.

„Ihr hört gut zu“, lobte Saladin. „Ich biete Euch … den gesamten Küstenstreifen bis an die Berge von Judäa. Darüber hinaus freien Zugang für friedliche Pilger nach Jerusalem.

Gaëlle sah Balian besorgt an und nickte. Das Angebot war großzügig.

„Was ist mit Nazareth und Bethlehem?“, fragte Balian. „Beide Orte liegen in den Bergen Judäas und sind für uns Christen heilige Orte.“

„Ihr missbraucht meine Großzügigkeit“, konterte der Sultan. Balian lächelte und schenkte ihm noch Orangentee nach.

„Och, der Küstenstreifen ist für Euch nicht zu halten. Das Land ist allenfalls etwas hügelig und nicht zu halten, weil es keine Verteidigungspositionen gibt. Es ist keine Schwierigkeit für Richard, dieses Gebiet auch ohne Eure Zustimmung einzunehmen. Die voraussichtlichen Verluste sind eher gering, zudem ist die Panzerung unserer Ritter und Pferde verbessert worden. Der friedliche Zugang nach Jerusalem ist sicher ein gutes Angebot, aber wir waren uns ja darüber klar, dass Religion nur bedingt ein Grund für diesen Krieg ist“, bemerkte Balian.

„Was wollt Ihr?“

„Das alte Reich bis an den Jordan.“

„Ihr wollt nur auf das wüste Gebiet jenseits des Jordan verzichten? Nein, das ist mir zu wenig. Jerusalem ist nicht verhandelbar – und denkt nicht, Ihr könntet es erobern. Wir haben die Mauern instand gesetzt“, erwiderte Saladin.

„Ich kenne die Mauern von Jerusalem“, gab Balian zu bedenken. Saladins Lächeln verbreiterte sich.

„Dann wisst Ihr, wie schwer sie zu brechen sind. Im Übrigen haben meine Baumeister sie etwas anders hergerichtet, als Ihr sie kanntet. Euer König hat leider vergessen, die Pläne zur Verbesserung der Mauern zu vernichten, bevor er in Hattin in die Falle ging.“

„Oh, das wusste ich nicht“, lächelte Balian sanft. Gaëlle stutzte. Er musste doch wissen, dass es seine eigenen Verbesserungsvorschläge waren, dass Guy keine eigenen Pläne entworfen hatte. Sie warf ihm einen warnenden Blick zu, den er mit einem leichten Zwinkern quittierte.

„Vielleicht … brauchen wir jetzt beide etwas Bedenkzeit, edler Saladin. Ihr kennt jetzt meine Forderung, ich Euer Angebot. Lasst uns eine Nacht darüber schlafen und sehen, ob wir uns näher kommen müssten oder ob einer das Angebot des anderen doch akzeptieren kann“, schlug er dann vor. Saladin lächelte gewinnend.

„Ihr werdet sehen, dass ich nicht weiter nachgebe. Aber wie Ihr wünscht“, sagte Saladin und erhob sich. Gaëlle, Balian und Imad erhoben sich ebenfalls.

„Treffen wir uns zum Frühstück im Hause von Imad“, lud der Sultan ein.

„Gern, großer Saladin“, bestätigte Balian nickend.

 

 

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Kapitel 34

Überlegungen

 

Saladin und Imad hatten das Herrenhaus verlassen, als Gaëlle Balian umarmte.

„Ist es ein so hoher Preis für dich, wieder hier zu leben?“, fragte sie unter Tränen. Balian erwiderte ihre Umarmung und küsste zärtlich ihre Tränen fort.

„Nein, das ist es nicht. Aber du weißt, wie ich reagiere, wenn ich merke, dass mich jemand kaufen will. Ich liebe Ibelin, Gaëlle. Welches Heimweh ich danach hatte, habe ich erst gemerkt, als ich am ersten Morgen hier im Haus in meinem Bett aufgewacht bin und mir auffiel, dass ich nur kurze Zeit hier sein darf. Ibelin zu verlassen ist mir nicht leicht gefallen, das darfst du mir glauben“, sagte er leise.

„Ich habe mich so sehr danach gesehnt, Liebster. Bitte, tu es mir nicht an, dass wir wieder fortgehen!“, flehte sie. Er drückte sie sanft an sich und streichelte sie beruhigend und liebevoll. Nein, er würde sie freiwillig nie wieder hergeben. Es war wunderschön, sie im Arm zu halten und ihr weiches Anschmiegen zu spüren.

„Das Mindeste für mich ist, dass du bei mir bleiben kannst, wenn Saladin mich hier behalten will. Jean-Raymond ist ohnehin ein halber Orientale und Martin tobt seit unserer Ankunft so durch Ibelin, als wäre er nie irgendwo anders gewesen. Ich werde nicht ohne euch bleiben. Wenn Saladin das unbedingt will, soll er gefälligst etwas dafür herausrücken.“

„Und … was ist mit Saint-Martin-au-Bois?“

Balians Lächeln verstärkte sich.

„Thibaut de Blois wollte, dass ich herkomme. Ich habe eine Brieftaube dabei, die ich zu Louis de Blois schicken kann, um ihn um Erlaubnis zu bitten. Ich schätze, er wird nichts dagegen haben“, flüsterte er und küsste sie sanft.

Sie erwiderte den Kuss mit zunehmender Leidenschaft. Beide spürten aufkommendes Verlangen, dem sie nur zu gern nachgeben wollten. Fast wie von selbst wollten ihre Hände sein Obergewand abstreifen, aber es war nicht sein offener Hauskaftan, sondern seine geschlossene Tunika. Sie machte sich an dem Seidengürtel zu schaffen und löste ihn, spürte, wie er langsam die Verschnürungen ihrer Robe öffnete. Ihre Hände schmuggelten sich unter die Tunika, als sie den Gürtel abgenommen hatte und liebkosten seinen warmen, muskulösen Leib. Er seufzte entzückt, hob sie hoch und trug sie zu dem breiten Diwan im Speisezimmer hinüber, auf dem sie ihre allerersten Liebesstunden verbracht hatten. Noch im Niederlegen kleideten sie sich gerade so weit aus, wie es nötig war und liebten sich heftig und leidenschaftlich wie bei jenem ersten Mal. Verzückt seufzte Gaëlle seinen Namen, als sie ihn in sich spürte, gab sich ihm vollkommen hin, flüsterte ihm zu, wie sehr sie sich weitere Kinder von ihm wünschte.

„Das erfülle ich dir nur zu gern“, keuchte er und ließ seinem brennenden Verlangen nach ihr freien Lauf.

Zwei Diener, die die Speisenteller abräumen wollten, zuckten erschrocken zurück, als sie Herrn und Herrin in heftiger Leidenschaft hinter dem Raumteiler auf dem Diwan bemerkten und schlichen auf Zehenspitzen davon, um die lustvolle Hingabe der beiden Liebenden aneinander nicht zu stören.

Es blieb nicht bei dem ersten Akt ungezügelten Verlangens. Wie an jenem ersten Nachmittag gönnten sie sich nur eine kurze Pause, dann liebten sie sich erneut, diesmal langsam und mit unendlicher Zärtlichkeit.

„Wie ertrage ich die Stunden nur, in denen ich dich nicht in mir spüre?“, fragte sie flüsternd und ließ ihre Finger durch sein dichtes, fast schulterlanges Haar gleiten.

„Vermutlich so schwer wie ich jene, die ich nicht in dir sein kann“, gab er ebenso leise zurück und liebkoste mit den Lippen sacht ihre Haut vom Hals bis zur rechten Schulter. Ein lustvolles Seufzen entrang sich der geliebten Frau. Sie nahm einen sanften Rhythmus auf, er kam ihr entgegen.

„Balian!“, hauchte sie. „Mein geliebter Ritter!“

„Gaëlle, meine geliebte Königin!“, seufzte er, als er sich erneut tief in ihr ergoss. Ermattet schliefen sie ineinander verschlungen ein.

 

Balian blinzelte verschlafen, als ein nagendes Geräusch in sein Bewusstsein drang. Er fand sich mit nacktem Oberkörper und offener Hose auf dem Diwan wieder, Gaëlle mit hochgeschobenem Unterkleid dicht neben sich. Im ersten Moment fragte er sich, ob er all jene Erlebnisse seit jener ersten Liebesstunde, an die er sich so gut erinnerte, als sei es diese gewesen, nur geträumt hatte. Erst, als er sich verschlafen über das Gesicht fuhr und seine Hand auf die Narbe in seiner linken Gesichtshälfte traf, wurde ihm klar, dass die letzten sechs Jahre kein Traum gewesen waren.

Das nagende Geräusch kam vom Speisentisch vor der offenen Terrassentür, auf dem ein Korb mit Fladenbroten stand. Eine kleine Maus hatte irgendwie den Tisch geentert und knabberte an einem hart gewordenen Fladenbrotstück. Balian schmunzelte. An jenem Abend hatte eine Maus seine Schuhe besucht …

Es war inzwischen lange nach Mitternacht, der Mond schien auf die verlassene Terrasse. Er sah zur Seite. Sie lag dicht an ihn geschmiegt und schlief mit einem glückseligen Lächeln. Er mochte sie in ihren glücklichen Träumen nicht stören und traute sich kaum, sich zu bewegen.

Er dachte über das Gespräch mit Saladin nach, das sich gänzlich anders entwickelt hatte, als er selbst für diese erste Begegnung gedacht hatte. Das Mahl hatte nach den harten Kämpfen und Gefangenenmorden Richards für neues Vertrauen und eine angenehme Stimmung sorgen sollen. Augenscheinlich war das gar zu gut gelungen – oder Saladin hatte es eilig. Hatte ein Mann wie Saladin, unbestrittener Alleinherrscher der Sarazenen, es nötig, sich zu beeilen? Wenn ja, gab es einflussreiche Leute, die er vor vollendete Tatsachen stellen wollte, vielleicht sogar musste? Sollte das zutreffen, waren alle Vereinbarungen, die er, Balian, dem Sultan abringen konnte, möglicherweise nichts mehr wert, wenn Saladin nicht mehr war, gleich aus welchem Grund. Saladin mochte etwa in Godfreys Alter sein, der nun sechzig Jahre alt gewesen wäre, wäre er nicht schon sieben Jahre tot gewesen. Gewiss, es gab noch Ältere, wie Ali ibn Omar, einen Verwandten von Imad, den Balian auf deutlich über siebzig Jahre schätzte, aber die Regel war ein solches Alter auch bei den Sarazenen nicht. Unter den Christen gab es keine Hinweise, wer Saladin nachfolgen konnte. Fanatiker gab es auch unter seinen Gefolgsleuten mehr als genug. Ob ein Nachfolger eine ähnliche Einigkeit unter den Sarazenen erhalten konnte, war zumindest fraglich.

Balian spürte, dass seine Gedanken sich immer mehr überschlugen. Vorsichtig löste er sich aus Gaëlles Armen, stand auf, schloss die Hose, streifte sein helles Leinenhemd wieder über und trat auf die mondbeschienene Terrasse hinaus. Ibelin war dunkel, nur der volle Mond beleuchtete das Dorf. Sein Blick, der durch das schlafende Dorf schweifte, blieb schließlich an dem schräg gegenüber liegenden Haus Imads hängen. Dort brannte im Erdgeschoss noch Licht. Da Imad den Grundriss des alten Herrenhauses praktisch übernommen und nur sehr wenig verändert hatte, wusste Balian, dass das Licht im Wohnbereich des Herrenhauses leuchtete. Der wandernde Schatten verriet, dass dort jemand auf und ab ging, als ob er angestrengt nachdachte. Auf den jungen Baron wirkte dieser Umstand geradezu beruhigend, ging es seinem Verhandlungspartner offenbar auch nicht besser, als ihm selbst.

 

Doch im Licht des Mondes sah er noch etwas anderes: Drei schattenhafte Gestalten schlichen auf Imads Haus zu. Sehr heimlich und wohl nicht in bester Absicht, denn das Mondlicht spiegelte sich in einer blanken Klinge. Balian überlegte nicht lange. Über dem Kamin im Wohnbereich hing ein Ibeliner Schild mit zwei dahinter gekreuzten Ritterschwertern. Es war die einzige Veränderung, die nach seinem Fortgang aus Ibelin vorgenommen worden war, denn er hatte Ibelin so nicht vorgefunden und den Schild auch nicht angebracht, aber jetzt war diese kleine Veränderung geradezu Gold wert. Der kleine Tisch trug sein Gewicht problemlos, so dass Balian gut an den Schild kam und sich eines der beiden Schwerter abnehmen konnte. Mochte es auch nicht die gleiche Qualität haben wie das Schwert Ibelins, würde es doch seinen Zweck erfüllen. Mit zwei langen Sätzen war er wieder auf der Terrasse.

 

Die heimlichen Schleicher bei Imads Haus hatten die dortige Hauswand erreicht. Balian wusste, dass er nicht einfach von der Terrasse springen konnte. Dafür war sie mit gut fünf Klaftern über dem Erdboden viel zu hoch. Er suchte nach einer Möglichkeit, sich abzuseilen, fand eines der Seile, die die Sonnensegel über der Terrasse steuerten, nahm es eilig ab, band es an der steinernen Terrassenbrüstung fest und seilte sich ab. Als er hinüber laufen wollte, sprang ihn jemand von hinten an. Im Reflex rammte Balian dem Mann den linken Ellbogen in die Magengrube, der mit einem Stöhnen zu Boden ging. Eilig lief er weiter, als ihn einer der Schleicher bemerkte und ebenfalls im Reflex einen Wurfdolch schleuderte. Balian sah die Klinge im Mondlicht blitzen und konnte sie mit dem Schwert zur Seite hin abwehren. Dann hatte er die Männer erreicht und hieb aus der Falkenwacht auf sie ein, ohne Fragen zu stellen.

Der erste Mann sank entseelt zu Boden, der zweite konnte die ersten Hiebe noch parieren, aber dann traf ihn Balians Klinge aus der Drehung heraus und schlitzte ihn regelrecht auf. Der dritte konnte noch einen Alarmruf ausstoßen, doch hatte der Ruf auch Saladin alarmiert, der auf die Terrasse sprang, kurz übersah, dass unten gekämpft wurde und über die hier nur wenige Ellen über dem Boden liegende Brüstung dazu sprang. Sein Hieb traf den dritten Schleicher und trennte ihm den Kopf von den Schultern.

„Ihr!“, rief Saladin verblüfft, als er Balian erkannte.

„Beschütze die Wehrlosen, so lautet ein Teil des Rittereides, Mylord. Das gilt auch für Gäste. Ich lasse es nicht zu, dass jemandem ein Leid geschieht, der sich mir als Gast anvertraut“, erwiderte Balian. Saladin nickte mit einem Lächeln.

„Assassinen“, sagte er, als er einen der drei Schleicher mit einem Fußtritt auf den Rücken rollte. „Ihr seht, auch ich habe Feinde. Es ist, Allah ist mein Zeuge, nicht das erste Mal, dass mir jemand Assassinen auf den Hals hetzt. Aber es ist das erste Mal, dass mir ein Christ bei der Abwehr dieses Abschaums hilft.“

„Verzeiht meine Unwissenheit. Wer oder was sind Assassinen, Saladin?“

„Man sagt, es seien religiöse Fanatiker, manche nennen sie bezahlte Mörder. Sicher ist, dass sie Anhänger von Raschid al-Din sind, dem so genannten Alten vom Berge, der auf Burg Masyaf in Syrien seinen Sitz hat. Es ist eine schiitische Sekte, die sich gegen die weltliche Herrschaft der Sunniten wehrt und einen reinen Gottesstaat will“, erklärte Saladin. „Schiiten und Sunniten sind islamische Konfessionen wie bei den Christen Katholiken und Orthodoxe. Ich bin Sunnit und damit ein Feind der Schiiten“, setzte er hinzu, als er den verständnislosen Blick seines Gegenübers sah. Balian nickte.

„Syrien … das ist nicht weit entfernt, nicht wahr?“

„Nein.“

„Dieser Überfall auf Euch … Er erweckt für mich den Eindruck, dass auch Ihr Feinde habt, die mindestens nicht mit allem einverstanden sind, was Ihr tut. Und wenigstens einer dieser Feinde scheint in Eurer Nähe zu sein und hat die Möglichkeit, Assassinen in der Nähe zu rufen“, gab Balian zu bedenken.

„Nein“, wehrte Saladin ab.

„Saladin, wir sind beide allein. Niemand kann uns hören oder stören. Wir sollten uns jetzt reinen Wein einschenken – oder reines Wasser, wenn Euch als gläubigem Muslim Wein bei dieser Redensart stören sollte. Ihr habt ein Problem, ich habe ein Problem. Wie kriegen wir das Kamel aus dem Treibsand?“

„Was … meint Ihr mit Problem?“, fragte Saladin harmlos. Balian lächelte.

„Ich sehe, Ihr könnt ebenso wenig schlafen wie ich. Daraus schließe ich, dass Ihr ebenso wie ich versucht, ein Problem zu lösen. Wollt Ihr … mit mir allein reden?“

Saladin sah Balian einen Moment an. Es erstaunte ihn erneut, mit welcher Zielsicherheit dieser junge Mann den Kern der Sache erkannte.

„Wenn überhaupt mit jemandem, dann mit Euch. Lasst uns zum Brunnen gehen. Dort können wir auf recht weite Entfernung sehen, ob jemand kommt. Nehmt Euer Schwert mit. Wer weiß, ob wir es nicht doch noch brauchen.“

 

 

 

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Kapitel 35

Nächtliche Verhandlung

 

Sie gingen zum Brunnen, der mitten im gleißenden Licht des nahezu vollen Mondes lag.

„Ich frage mich, was eine Vereinbarung mit Euch wert ist, wenn Ihr nicht mehr seid“, begann Balian. „Auch für einen Sarazenen seid Ihr nicht mehr jung. Wird Euer Nachfolger eine Zusage halten, die Ihr macht?“

„Nun, ich stelle mir eine ähnliche Frage: Wird Richard eine Zusage halten, die Ihr mir in seinem Namen macht? Ich vertraue Euch, Balian, aber nur Euch. Richard erscheint mir nicht vertrauenswürdig. Es war ausgemacht, dass wir hier in Ibelin verhandeln wollten. Dafür sollten die Kämpfe aufhören. Doch kaum hattet Ihr Akkon verlassen, zog Richard weiter nach Süden und belagerte Jaffa. Es ist gefallen, wie Ihr vermutlich schon wisst. Seine Truppen stehen nicht mehr wirklich weit von Ibelin“, erwiderte Saladin.

„Ich kenne eine andere Version. Mir hat man zugetragen, Ihr hättet Akkon trotz des vereinbarten Waffenstillstandes angegriffen. Darauf fühlte sich Richard auch nicht mehr an die Vereinbarung gebunden und griff bei Arsuf an. Wem soll ich glauben?“

„Wem würdet Ihr glauben?“, erkundigte sich Saladin.

„Ich weiß es nicht, denn beides scheint mir möglich. Ich kann mir denken, dass Ihr nach dem Mord an den Gefangenen zornig geworden seid und den Mörder attackiert habt. Andererseits halte ich es nach allen Erfahrungen, die ich mit christlichen Rittern vor dem Fall Jerusalems gemacht habe, für möglich, dass ein Waffenstillstand auch von christlicher Seite genutzt wird, um etwas mehr Boden zu gewinnen. Für mich selbst ist der Rittereid bindend, der mich nötigt, stets die Wahrheit zu sagen, mag sie auch unangenehm für mich selber sein. Ich weiß aber, dass andere das nicht so sehen und diese ritterliche Wahrheitsliebe für geradezu naiv halten. Deshalb frage ich mich: Wer sagt in diesem Fall die Wahrheit? Was ist eine Vereinbarung mit Euch wert? Welchen Sinn hat es, dass wir beide miteinander verhandeln, wenn das, was wir vereinbaren, von anderen hintertrieben wird? Von Richard oder Euren Gegnern?“, fragte Balian.

„Es ist ein Risiko, das wir beide eingehen, Balian. Für Euch ebenso wie für mich. Gerade deshalb möchte ich, dass Ihr wisst, dass ich einen Friedensbruch von christlicher Seite nicht Euch persönlich anlasten würde. Ich … habe mich über mich selbst geärgert. Darüber, dass ich mich selbst habe benutzen lassen.“

„Wieso?“

Saladin seufzte.

„Es war Eure Gemahlin, die mir einen feinen Stachel ins Fleisch bohrte, der mich heute noch zwickt. Seht, ich habe Menschen aus diesem Land verjagt, die hier geboren waren, denen Palästina mehr Heimat war als manchem meiner Männer. Auf Euch trifft das zwar nicht zu, weil Ihr erst spät aus Frankreich gekommen seid. Auch Euer Vater war hier nicht geboren. Aber dennoch habe ich es mehr als einmal bereut, Euch des Landes verwiesen zu haben, denn ich hätte in Euch einen verlässlichen Mann auf Seiten der Christen gehabt, dessen Wort etwas galt. Insbesondere, weil Ihr der Königin von Jerusalem so nahe wart und sie sicher auf Euren Rat gehört hätte, habe ich mir das Leben selbst schwer gemacht, indem ich Euch beide zum Verlassen dieses Landes gezwungen habe. Ich … möchte Euch Ibelin zurückgeben – mit allen Rechten und Pflichten, die damit verbunden sind.“

„Und Ihr stellt Euch vor, dass ich Ibelin in Eurem Namen verwalte?“, hakte Balian nach. Saladin schüttelte den Kopf.

„Nein, ich möchte Ibelin zu einem eigenständigen Fürstentum erklären – neutral und unabhängig von allen anderen. Ihr sollt niemandem unterstellt sein, weder mir noch Richard. Dafür stelle ich nur die Bedingung, dass Ibelin ein Ort ist, an dem ich jederzeit mit dem christlichen König verhandeln kann“, erklärte Saladin.

„Das kann ich nicht annehmen, Mylord. Richard wird glauben, dass ich mich von Euch habe kaufen lassen und um meines eigenen Vorteils willen mehr aufgegeben habe, als möglich gewesen wäre. So sehr ich Ibelin vermisst habe, so gern ich wieder hier bin – das kann ich nicht akzeptieren“, widersprach Balian. Saladin nickte mit einem leisen Lächeln.

„Ich sehe, Ihr kennt die Gefahren, die mit dem Verlust des Gesichtes einhergehen. Auch ich kann das Gesicht nicht verlieren.“

„Lassen wir diesen Punkt Ibelin mal beiseite. Was könnt Ihr ohne Gesichtsverlust aufgeben, was auch Eure Brüder hinnehmen würden?“

„Ginge es nach manchen von denen, wäre das Einzige, was ich akzeptieren darf, die völlige Vernichtung der Christen – nicht nur hier in Palästina, sondern auf der ganzen Welt. Und bei Euch gibt es ebensolche Fanatiker.“

„Was wird ein Nachfolger akzeptieren, das Ihr ausgehandelt habt?“, fragte Balian.

„Ich will ehrlich zu Euch sein, weil auch Ihr es zu mir seid. Meine Nachfolge ist ein ernsthaftes Problem, das habt Ihr richtig erkannt. Ich habe zwei Söhne, doch beide werden nicht in der Lage sein, das Reich, was ich geschaffen habe, zusammenzuhalten. Einigkeit ist unter den Sarazenen ebenso lebenswichtig wie unter den Franken. Die … Uneinigkeit unter den Christen nach dem Tod Balduins IV. hat mir die Möglichkeit gegeben, Jerusalem zu erobern. Balduin hätte ich nicht angegriffen, dafür habe ich ihn zu sehr geschätzt. Ich sage Euch offen, dass es nach meinem Tod Uneinigkeit unter den Sarazenen geben wird – und das wird Euch nutzen. Es ist kein Geheimnis, Ihr würdet es schnell herausbekommen. Schlimmer noch ist, dass mein Sohn al-Efdal, der dieses Land hier erben soll, Verträge nur einhält, wenn sie mit Muslimen geschlossen wurden. Christen zählen nicht für ihn. Am liebsten würde ich Imad ad-Din das ganze Reich übergeben, aber er hat nicht den Rückhalt in meinem Volk und er ist nicht rücksichtslos genug, um sich als Alleinherrscher durchzusetzen. Er ist Euch in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Uns beiden – Euch und mir – wird nur helfen, wenn ich jetzt frühzeitig solche Tatsachen schaffe, dass al-Efdal nicht mehr die Möglichkeit hat, das rückgängig zu machen“, sagte der Sultan. „Aber ich muss auch solche Tatsachen schaffen, die es Euch – besser: Richard – unmöglich oder doch sehr schwer machen, das Land meinen Nachfolgern wegzunehmen. Ich muss deshalb sichere Grenzen haben, die von beiden Seiten nur schwer zu überschreiten sind. Jerusalem selbst ist deshalb für mich nicht verhandelbar. Gebe ich es her, bin ich tot.“

„Was könnt Ihr ohne Gesichtsverlust hergeben?“, fragte Balian direkt.

„Ihr habt es selbst gesagt: Der Küstenstreifen ist nicht zu halten. Ihn kann ich hergeben. Und ich kann freien Zugang nach Jerusalem für friedliche Pilger garantieren.“

„Gebt mir noch den freien Zugang für friedliche Pilger nach Bethlehem und Nazareth mit, dann kann ich es Richard verkaufen. Dafür verzichte ich auf den südlichen Teil der Küste bis Askalon. Wenn Ihr alle Handelshäfen aufgebt, ist das für Euch auch nicht von Vorteil.“

Saladin musste herzlich lachen und schlug Balian freundlich auf die Schulter.

„Was war ich nur für ein Esel, Euch aus dem Land zu jagen! Balian, mein Freund, Ihr seid ein besserer Basarhändler als mancher Muslim – jedenfalls, was das Feilschen betrifft. Aber ich warne Euch: Richard wird Euch Verrat vorwerfen – und Ihr dürft nicht lügen. Bedenkt das, wenn Ihr mir ein solches Angebot macht. Nein, ich bin bereit, die Küste komplett aufzugeben – aber keinen freien Zugang nach Bethlehem und Nazareth. Sagt ihm … sagt ihm, dass Ihr versucht habt, mich damit zu ködern und ich mich strikt geweigert habe, Euch ungläubiges Pack in die judäischen Berge zu lassen, weil Ihr mir da viel zu nahe an Jerusalem seid.“

„Nun, dann habe ich Euch nicht viel abgehandelt, nur das, was wir ohnehin erreichen können“, gab Balian zu bedenken.

„Schon“, räumte Saladin ein. „Andererseits geht es ohne weiteres Blutvergießen.“

„Bei mir rennt Ihr mit der Begründung ein offenes Burgtor ein. Das Problem auf unserer Seite sind die christlichen Fanatiker, die meinen, sie wanderten direkt ins Paradies, wenn sie im Kampf gegen Euch so genannte Heiden fallen. Denen ist es egal, ob sie leben oder sterben“, erwiderte Balian.

„Ordensritter?“

„Ja, sicher. Mein Freund Jean, der Johanniter, war ein vernünftiger Mensch, von dem ich viel gelernt habe. Er war keiner von diesen Fanatikern und lehnte diesen Irrsinn ab. Er war Ritter, Arzt und Priester in einem. Gewiss, er hat auch Männer getötet, aber nicht wegen, sondern eher trotz seines Glaubens. Aber es gibt auch unter den Johannitern genügend Verrückte, die ähnlich wie die Templer denken.“

Saladin nickte.

„Dennoch, ich bleibe dabei. Das ist mein Angebot. Richtet es Richard aus. Und sagt ihm, dass ich ein persönliches Gespräch wegen eines Gesandten und eines neutralen Verhandlungsortes mit ihm führen möchte“, sagte er.

„Saladin – wenn Ihr Richard ein neutrales Ibelin abhandelt und mich als Garanten für den Waffenstillstand hier behalten wollt: Was ist mit Gaëlle?“

„Erhebt sie Ansprüche auf Jerusalem?“

„Sie ist dort geboren, sie war die Königin und könnte die Krone heute mit mehr Recht beanspruchen, als der, der sie jetzt trägt“, gab Balian zu bedenken. „Aber sie hat mir zuliebe auf den Thron verzichtet. Doch vielleicht solltet Ihr mit ihr selbst darüber reden. Ich kann für sie keine Zusagen machen.“

„Ihr liebt sie sehr, nicht wahr?“

„Ja. Ohne sie und unseren Sohn werde ich nicht bleiben. Und ich brauche meine Männer.“

„Ist das Eure Bedingung?“

„Ja“

Saladin nickte.

„Ibelin soll Euer sein – mit allen, die zu Eurer Familie gehören und mit allen Euren Männern, samt deren Familien. Es soll ein eigenständiges Fürstentum sein. Welche Bezeichnung Ihr dem geben wollt, überlasse ich Euch. So will ich es Richard von England abhandeln. Werdet Ihr unter diesen Bedingungen bleiben?“

„Ich bin einverstanden. Meinem Lehnsherrn in Frankreich werde ich eine Brieftaube senden und um seine Erlaubnis bitten, als Friedensgarant hier zu bleiben.“

„Wie lange wird es dauern, bis Ihr eine Antwort habt?“

„Schwer zu sagen. Brieftaubenbotschaften gehen nur in eine Richtung. Wenn ich Glück habe, hat Louis de Blois in seinem Schlag eine Taube seines Onkels Henri de Champagne, der hier in Akkon ist. Ich werde Graf Louis bitten, eine Bestätigung an Henri zu senden und Henri zu bitten, mir die Bestätigung weiterzugeben. In dem Fall kann ich in zwei bis drei Wochen mit Antwort rechnen. Sonst wird es Monate dauern, bis ein Bote hier ist“, erwiderte Balian.

„Habt Ihr … Ibelin … vermisst, Balian?“

„Ja, und ich bin glücklich, wieder hier sein zu dürfen. Es wäre mir schwer gefallen, wieder zu gehen, doch ich hätte es getan. Ich breche meine Versprechen nicht.“

„Ich weiß. Deshalb habe ich mich entschlossen, Euch Euren Besitz zurückzugeben und Euch hier willkommen zu heißen“, sagte Saladin mit einem sanften Lächeln und reichte Balian die Hand. Balian erwiderte den Händedruck mit festem Griff und freundlichem Lächeln.

 

 

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Kapitel 36

Wortbruch

 

Am übernächsten Morgen ritt Balian eilig nach Jaffa, um Richard von dem Verhandlungsergebnis mit Saladin zu unterrichten. Richard ließ den erwarteten Unterhändler auch gleich vor und hörte ihm zu.

„Und dem habt Ihr zugestimmt?“, fragte der englische König schließlich, als Balian seinen Vortrag beendet hatte.

„Ja, Mylord“, erklärte Balian.

„Seid Ihr von allen guten Geistern verlassen, Ibelin? Bis Jaffa habe ich das Land schon erobert. Was Ihr da ausgehandelt habt, ist wahrlich keine Leistung. Das kann ich in drei Wochen auch ohne Eure Hilfe erobern. Was ist mit Nazareth und Bethlehem? Warum habt Ihr das nicht gefordert?“

„Ich habe es gefordert, aber der Sultan war dazu nicht bereit, nicht einmal gegen einen Teil der südlichen Küste. Doch ich habe erheblich mehr erreicht, als Eure Mindestforderung war. Warum also regt Ihr Euch auf? Schätzt Euch glücklich, dass Saladin nach dem Bruch des Waffenstillstands überhaupt noch zu Verhandlungen bereit war“, gab Balian ruhig zurück.

„Ihr wagt es, mich zu maßregeln?“, fauchte Richard.

„Ich sage Euch meine Meinung, denn die Pflicht, die Wahrheit zu sagen, schließt es aus, damit hinter dem Berg zu halten“, erwiderte der Baron. „Ich …“

„Schweigt!“, brüllte Richard.

„Mäßigt Euren Ton!“, donnerte Balian zurück. Er wurde nur höchst selten laut, doch hatte er eine ausgesprochen tragfähige Stimme, wie Richard zu seinem Erstaunen feststellte. Verblüfft plumpste der König auf den Thronsitz zurück.

„Ich bin bereit, für Euch Verhandlungen zu führen, aber behandelt mich nicht wie einen Sklaven! Noch mal: Eure Mindestforderung war freier Zugang nach Jerusalem. Das habe ich erreicht. Darüber hinaus konnte ich den gesamten Küstenstreifen bis zur ägyptischen Grenze erhalten. Natürlich könnt Ihr das Land erobern, aber es kostet das Leben von Rittern und Soldaten und – bei Gott – nicht nur die Sarazenen! Sind Euch die Männer, die Euch folgen, so wenig wert, dass Ihr sie unbedingt tot sehen wollt, obwohl Euch das, was sie leisten könnten, wie ein Stück Kuchen auf dem Silbertablett serviert wird?“, versetzte Balian. Richard sah ihn ungläubig an. Es gab nicht viele, die es wagten, ihm zu widersprechen. Er kniff die Augen zusammen.

„Was hat Euch dieser Heide geboten, damit Ihr nachgebt?“, grollte er.

„Ich habe es abgelehnt, über Dinge zu verhandeln, die mir selbst zugutekommen“, entgegnete der Baron.

„Und was ist das hier?“, fauchte Richard und warf Balian ein Stück Papier hin, auf dem unschwer Saladins Siegel erkennbar war.

„Ihr habt die heiligen Stätten der Christenheit für Eure Eigensucht verkauft!“, hielt Richard ihm vor. Balian bückte sich und hob die Botschaft des Sultans auf. Es war der Vorschlag Saladins, Balian Ibelin als neutralen Verhandlungsort zurückzugeben.

„Das ist ein Vorschlag des Sultans an Euch, nicht an mich“, erwiderte Balian kühl. „Ich habe es abgelehnt, über die Rückgabe Ibelins zu verhandeln – gerade weil es mir zugutekommt und ich mir Eure Reaktion darauf nur zu gut vorstellen konnte. Für den Küstenstreifen habe ihm nicht mehr angeboten als ich Euch gesagt habe.“

„Er hat Euch also nicht angeboten, Euch Ibelin zurückzugeben?“, forschte Richard nach.

„Doch, das hat er. Aber ich habe es abgelehnt, darüber zu reden, weil ich nicht für mich selbst verhandelte, sondern in Eurem Auftrag.“

„Ihr … wollt mir also weismachen, dass Ihr diese Verhandlungen für nichts geführt habt?“

„Wählt die Worte mit Bedacht, Richard. Weismachen heißt, die Unwahrheit sagen. Ich lüge nicht!“, grollte Balian. „Ich habe für Euch und in Eurem Namen verhandelt, nicht für mich und meine Interessen.“

„Warum seid Ihr eigentlich hier?“, fragte Richard.

„Wie meint Ihr das?“

„Saladin hatte Euch und Eure Familie nach dem Fall Jerusalems ausgewiesen. Ihr habt doch schon Euer Wort ihm gegenüber gebrochen!“

„Ich bin mit meiner Familie hier, weil meine Frau und mein Sohn krank waren und ich mir von dem Klima und den Früchten hier Genesung für sie erhofft habe, was auch eingetreten ist. Ich bin mit dem Einverständnis des Sultans hier, der uns als friedlichen Pilgern Zutritt gewährt hat.“

„Mit anderen Worten: Ihr habt bereits heimlich mit ihm verhandelt!“, klagte Richard an.

„Die Bitte um einen Besuch als friedlicher Pilger ist wohl nicht als Verhandlung zu bezeichnen!“, konterte Balian.

„Es ist Christen verboten, mit Ungläubigen zu verkehren!“

„Seit wann?“, fragte Balian.

„Es war noch nie erlaubt!“

„Nun, dann hätte ich nicht für Euch verhandeln dürfen und Ihr hättet ebenfalls nicht über einen Waffenstillstand verhandeln dürfen. Wenn es so ist – was ich bezweifle – schimpft ein Esel den anderen Langohr.“

„Ihr werft einem König von Gottes Gnaden vor, zu lügen. Das genügt! Ihr seid verhaftet! Wachen!“

Zwei Wächter packten hart zu, um jeden Widerstandswillen von vornherein zu brechen.

„Balian von Ibelin, Ihr seid der Majestätsbeleidigung schuldig. Doch ich gewähre Euch Gnade und verweise Euch lediglich des Landes. Was Ihr ausgehandelt habt, kann ich nicht akzeptieren. Ihr habt ein schlechteres Ergebnis angenommen, als möglich gewesen wäre. Euch kann ich nicht vertrauen. Ihr habt mit Eurer Familie umgehend nach Frankreich zurückzukehren!“, urteilte Richard.

„Ihr wollt mich missverstehen“, erwiderte Balian. „Aber, bitte, wenn Ihr wollt, gehe ich. Hier habe ich nichts verloren. Es ist nicht mehr das Heilige Land, das ich einmal vorgefunden habe, nicht einmal das, was ich verlassen musste. Ich kehre nach Ibelin zurück und hole meine Familie und meine Männer. Wir fahren zurück nach Frankreich.“

„Nein, Ihr bleibt hübsch hier. Guy: Lasst Eure Soldaten die Ibeliner holen und sorgt für einen Abtransport dieser Verräter!“, fuhr Richard hoch.

„Ja, Mylord“, bestätigte Guy de Lusignan. Balian sah ihn von oben bis unten an.

„Interessant, dass sich der König von Jerusalem Befehle geben lässt“, grinste er.

„Schweig, Bastard!“, fauchte Guy und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, dass Balian nur noch Sterne sah.

„In den Kerker mit ihm!“, befahl er wütend.

 

In Ibelin ging das Leben seinen gewohnten, friedlichen Gang. Christen arbeiteten neben Juden und Moslems, lachten miteinander oder trauerten gemeinsam, wenn Angehörige verstarben. Gaëlle hatte bei ihrem ersten Besuch in Ibelin 1185 viel Zeit im Herrenhaus verbracht, jetzt war sie häufig im Dorf unterwegs und genoss es sichtlich, wieder zu Hause zu sein. Martin und Mathieu waren meist mit den anderen Kindern des Dorfes auf den üppigen Feldern, was nicht hieß, dass sie keinen Spaß hatten. Im Gegenteil, das einfache Leben der Bauern war für sie mit wesentlich weniger Zwang verbunden als das Leben im Herrenhaus. Gar zu oft musste Almaric nach den beiden Jungknappen suchen, weil sie ihren Schwertunterricht mal wieder schwänzen wollten …

Balian hatte angenommen, zwei bis drei Tage in Jaffa zu bleiben, so dass er in Ibelin noch nicht als überfällig galt. Am zweiten Abend, nachdem er fortgeritten war, war Almaric auf dem Dach des Torturmes und suchte wieder einmal seinen Sohn und den Neffen seines Herrn, weil die beiden Racker schon wieder den Versuch machten, den Pflichten eines Knappen zu entgehen. Der Hauptmann hielt Ausschau – und glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er auf dem Hügel zwischen der großen Burg und dem letzten Haus, wo der Abzweig der Pilgerstraße nach Ibelin hinunterführte, eine große Reiterschar sah, die unter Jerusalemer Banner ritt. Jerusalemer Soldaten hatten hier nichts zu suchen. Almaric konnte nur annehmen, dass sie Streit mit Imad suchten. Als Gäste waren sie neutral – und damit verpflichtet, den Gastgeber zu warnen.

„Das gibt’s doch nicht!“, keuchte er. „Michel! Imads Männer sollen sich sofort in Sicherheit bringen! Jerusalem ist da!“

 

Guy de Lusignan erschrak, als er die Heerhörner Ibelins hörte.

„Diese Verräter!“, fauchte er. „Vorwärts! Wer sich wehrt, wird niedergemacht! Jerusalem!“, schrie er. Die Ritter im Jerusalem-Rock nahmen seinen Kampfschrei auf, zogen die Schwerter und jagten die Straße hinunter. Menschen, die eben noch friedlich am Wasserrad oder in den Feldern arbeiteten, flohen voller Panik zur Herrenhausanlage. Michel ließ die Fliehenden ein, schlug es aber den Jerusalem-Rittern buchstäblich vor der Nase zu.

„Was hat das zu bedeuten!“, schrie de Lusignan zum Torturm hinauf. „Öffnet das Tor! Sofort!“

„Mylord, es ist Waffenstillstand!“, rief Almaric hinunter. „Wenn Ihr harmlose Bauern mit dem Schwert bedroht, werden wir sie beschützen!“

„Es gibt keinen Waffenstillstand! Richard hat das Verhandlungsergebnis zwischen dem Bastard von Ibelin und dem Heidensultan nicht akzeptiert. Balian ist als Verhandlungsführer entlassen und wegen Majestätsbeleidigung zum Verlassen des Landes verurteilt. Er wartet in Jaffa darauf, dass Ihr, Eure Männer und seine Familie dorthin zurückgebracht werden, damit Ihr mit ihm nach Frankreich zurückgeschickt werdet!“

„Warum kommt er nicht selbst her?“, fragte Almaric verwundert. Guy grinste niederträchtig.

„Wer den König beleidigt, kommt in den Kerker. Ich persönlich hätte es begrüßt, wenn Richard ihn zum Tode verurteilt hätte, diesen Verräter!“

Almaric hätte kaum erschrockener sein können, wären ihm brennende Pfeile um die Ohren geflogen.

„Richard spielt falsch, Michel. Imad muss gewarnt werden“, sagte er, in der Annahme, dass die Schritte, die er hinter sich hörte, seinem Stellvertreter zuzuordnen waren.

„Hauptmann Almaric?“, hörte er dann jedoch Martins Stimme hinter sich. Mit einem Aufatmen erkannte er, dass der Neffe seines Herrn im Hause war und drehte sich um.

„Ja?“

„Lasst mich zu Herrn Imad gehen. Ich kann mich gut zwischen den Feldern verstecken“, bat Martin.

„Das habe ich gemerkt, du Racker“, seufzte der Hauptmann. „Balian reißt mir den Kopf ab, wenn dir was passiert, Martin.“

„Wenn Tante Gaëlle es erlaubt, darf ich dann?“

„Die wird dir was erzählen!“, mutmaßte Almaric. „Aber frag’ sie meinetwegen. Mach schnell!“

Martin sprang die Treppe zur Herrenwohnung hinunter, um Gaëlle zu alarmieren.

„Tante Gaëlle! Tante Gaëlle!“, rief er.

„Ja, mein Schatz, was ist?“

„Tante, Jerusalemer Ritter stehen vor dem Tor. Ihr Anführer sagt, dass Onkel Balian nach Frankreich zurückkehren soll – mit uns allen. Richard hat ihn einsperren lassen und will nicht annehmen, was er für ihn verhandelt hat. Die Leute sind ganz verängstigt in die Burg gelaufen. Almaric hat gesagt, dass jemand Imad warnen soll, weil die Jerusalemer den Waffenstillstand nicht einhalten wollen. Darf ich zu ihm gehen und ihn warnen? Bitte!“

Gaëlle war geschockt.

„Was war das? Balian eingesperrt? Moment! Komm!“

Eilig rannte Gaëlle auf den Torturm, gefolgt von Martin.

„Was geht hier vor?“, rief sie herrisch hinunter. „Wer wagt es, den Waffenstillstand zu brechen?“

„Es gibt keinen, denn König Richard akzeptiert das Verhandlungsergebnis nicht“, gab Guy zurück.

„Balian hat mehr erreicht, als Richard ihm als seine Mindestforderung mitgegeben hat. Wie kommt er dazu, das nicht anzuerkennen und Balian obendrein einkerkern zu lassen? Was ist sein Problem?“

„Er akzeptiert es nicht, weil er mehr hätte erreichen können.“

„Und Ihr, der König von Jerusalem, lasst Euch da hineinreden?“, versuchte Gaëlle ihren Ex-Mann bei der Ehre zu packen.

„Wäre es nach mir gegangen, hätte es überhaupt keine Verhandlungen mit den Heiden gegeben. Schätzt Euch also glücklich, dass ich mich von Richard dazu habe überreden lassen – sowohl was Verhandlungen betrifft als auch den Umstand, dass der Henker Euren verräterischen Gemahl noch nicht von seinem Strohkopf befreit hat.“

„Balian von Ibelin ein Verräter? Guy, Euch hätte ich das zugetraut; Ihr habt keine Gelegenheit ausgelassen, die Friedensbemühungen meines Bruders zu hintertreiben. Balian hat nichts für sich angenommen und hat ein weit besseres Ergebnis erzielt, als Richard es sich hatte träumen lassen! Wie kommt er, wie kommt Ihr dazu, ihn einen Verräter zu nennen?“

Guy hatte keine Lust zu diskutieren.

„Werdet Ihr freiwillig mitkommen oder müssen wir Gewalt anwenden?“, wechselte er das Thema.

„Ihr seid ein feiger Schuft, der sich immer nur an Schwächeren vergriffen hat und es weiterhin tun will! Aber, was Gewalt betrifft: Es kommt darauf an, was Ihr vorhabt“, versetzte Gaëlle eisig.

„Ihr, Euer Sohn, Euer Neffe und Eure Männer samt Familien kommen mit uns und steigt in Jaffa auf ein Schiff nach Frankreich. Ibelin wird mir übergeben, die Moslems und Juden haben diesen Ort zu verlassen. Anderenfalls werden alle niedergemacht, die Widerstand leisten. Euer Gemahl befiehlt Euch, der Aufforderung Folge zu leisten“, erklärte Guy.

„Dann hat Balian das schriftlich getan, weil er genau weiß, dass ich insbesondere Euch nicht über den Weg traue – so wenig wie er es tut, nachdem Ihr schon mehrfach versucht habt, ihn umzubringen, wenn Ihr nicht andere die Schmutzarbeit habt verrichten lassen wollen. Gebt mir seine Botschaft und eine Stunde Bedenkzeit“, erwiderte Gaëlle.

„Wozu noch Bedenkzeit?“

„Ich will wenigstens Balians Botschaft prüfen. Das werde ich wohl noch dürfen, oder?“, fauchte Gaëlle wütend. Guy ließ die schriftliche Botschaft einem Bogenschützen geben, der sie auf seine Anweisung in die Herrenhausanlage schoss.

„Wartet, bis wir wieder auf der Zinne sind!“, rief Almaric.

„Wir warten eine Stunde. Dann brechen wir das Tor auf!“, grollte de Lusignan.

Eilig verließen die Ibeliner die Zinne.

„Martin, lauf’ zu Imad und warne ihn. Er soll die Jerusalemer einkreisen. Ich traue Guy nicht; er hält sein Wort nicht. Hast du verstanden?“, wies sie den Jungen an.

„Ja, Tante Gaëlle“, erwiderte Martin und wiederholte den Auftrag.

 

Während Michel dem Jungen über die Mauer an der Südseite half, las Gaëlle die Botschaft Balians durch. Was er geschrieben hatte, zeigte deutlich, dass er von Richards Wortbruch so angewidert war, dass ihm die Lust auf weiteren Aufenthalt im Heiligen Land gründlich vergangen war. Er wies Gaëlle knapp an, keinen Widerstand zu leisten, die Sachen zu packen und mit allen ihren Begleitern nach Jaffa zu kommen.

„Was werdet Ihr tun, Mylady?“, erkundigte sich Almaric.

„Wir warten“, sagte sie. „Guy will Ibelin einnehmen. Ich kenne Guy de Lusignan. Er hasst alles, was sich nicht fanatisch zum Christentum bekennt. Es wäre nicht im Sinne meines Gemahls, diesen Hunden ausgerechnet sein geliebtes Ibelin zum Fraß vorzuwerfen.“

„Vergebt, aber was erhofft Ihr Euch, wenn Ihr warten wollt?“, fragte Almaric. „Er wird das Tor aufbrechen lassen und vielleicht niemanden am Leben lassen“, warnte der treue Hauptmann.

„Ich zähle auf Imad ad-Din, Almaric. Er führt Ibelin in Balians Sinn weiter. Er mag Moslem sein, aber er ist Balians Freund und wird nicht zulassen, dass dieser Ort vom Paradies aller, die hier leben, zu deren Hölle wird“, erwiderte Gaëlle.

 

Imad war recht verblüfft, dass der Neffe seines Freundes ihn so kurz vor Sonnenuntergang noch besuchte.

As-Salam ’alaykum, Martin“, begrüßte er den Jungen freundlich.

U ’alaykum as-Salam, Shadiq“, erwiderte der Junge den Gruß mit einem Lächeln und einer höflichen Verbeugung. „Bitte, komm schnell mit deinen Soldaten! Ritter aus Jerusalem stehen vor Onkel Balians Haus und wollen uns nach Jaffa mitnehmen und nach Frankreich schicken. Sie verlangen die Übergabe Ibelins. Tante Gaëlle bittet dich, die Soldaten aus Jerusalem einzukreisen.“

„So, tun sie das?“, grinste Imad listig. „Dann werden wir ihnen die passende Antwort geben. Was ist mit deinem Onkel?“

„Er ist in Jaffa eingesperrt, sagt der de Lusignan.“

„Der Sheitan hole diesen ungläubigen Hund!“, grollte Imad. Als er den erschrockenen Ausdruck des Jungen sah, lächelte er verbindlich.

„Ich meine nicht deinen Onkel, kleiner Shadiq“, setzte er hinzu.

 

Es dauerte nicht lange, bis die Männer Imads – immerhin hundert Mann – bereit waren. Imad legte Martin eine Hand auf die Schulter.

„Vertraust du mir?“, fragte er.

„Ja, Onkel Balian tut es doch auch.“

„Gut. Ich bitte dich, für mich die Geisel zu spielen. Wir werden so tun, als würden wir dich bedrohen, damit die Lumpen das Tor räumen. Ich möchte dich hier nicht allein lassen, weil sonst die Gefahr besteht, dass du denen in die Hände fällst. Dann wäre deine Tante wirklich erpressbar“, erklärte Imad.

„Hm, Onkel Balian sagt, man darf nicht lügen. Das verstößt gegen den Rittereid“, protestierte Martin.

„Du bist doch noch kein Ritter, oder?“

„Nein, aber ich will einer werden.“

„Nun, dann bist du es jetzt noch nicht und musst dich noch nicht an den Eid halten. Und ich bin ein Sarazene. Ich darf Listen anwenden“, erwiderte Imad lächelnd. Oh, dieser junge Bursche war wahrhaftig Balians Verwandtschaft! Er sah ihm nicht nur unglaublich ähnlich, er vertrat auch die gleichen Ansichten.

„Machst du mit?“, hakte er nach. Martin grinste breit.

„Klar!“

 

Die Sonne war eben untergegangen, als Guys Hauptmann Hufgetrappel vernahm.

„Mylord! Sarazenen!“, keuchte er, als er sich umdrehte und oben auf dem Abzweig von der Pilgerstraße eine große, gut bewaffnete Truppe Sarazenen erschien.

„Jesus! Sie haben einen Jungen als Geisel!“, entfuhr es einem anderen. De Lusignan bekam ein hässliches Grinsen, als er die ‚Geisel’ als Martin von Wengland erkannte, Balians Neffen. Er und seine Männer saßen vor dem Tor des Herrenhauses zwar praktisch in der Falle, aber unter seinen Jerusalem-Rittern waren viele Templer, die dem Massaker bei Hattin nur deshalb entgangen waren, weil Guy sie rechtzeitig fortgeschickt hatte. Und obendrein kamen durch die Felder wütende Bauern, die mit allerlei lebensgefährlichem Gerät wie Dreschflegeln oder Sensen bewaffnet waren und Haus und Hof gegen die Eindringlinge zu verteidigen gedachten …

„Ihr ungläubigen Hunde!“, schallte es vom Hügel herunter. „Ihr seid hier nicht eingeladen! Verschwindet oder wir spießen euch auf!“

De Lusignan zog sein Schwert. Wenn er den Bengel in die Hände bekam, würde Gaëlle alles tun, um dessen Leben zu retten …

„Du wirst diesem unschuldigen Christenkind kein Haar krümmen, du Heidenunhold! Lass ihn frei!“, forderte Guy barsch.

„Macht, dass ihr von diesem Tor wegkommt und zieht euch dorthin zurück, von wo ihr gekommen seid. Ibelin gehört zum Sultanat Saladins – und das wird es auch bleiben! Zieht ab und wir geben den Jungen frei!“, rief Imad.

„Er ist zu weit entfernt, Mylord“, sagte einer der Bogenschützen.

„Gebt nach, Mylord!“, beschwor der Hauptmann de Lusignan. „Er wird den Jungen töten. Bedenkt, er ist ein Königssohn!“

„Das ist eine Finte!“, erwiderte Guy. „Dieser verdammte Bastard ist ein Heidenfreund. Die spielen uns Theater vor“, erwiderte er. „Vorwärts!“, brüllte er dann. „Schnappt Euch diese Geisel!“

Er und seine Männer griffen mit lautem Gebrüll an, mussten dafür aber das Tor räumen.

 

„Zum Sheitan mit ihm! Er fällt nicht darauf herein!“, fluchte Imad. „Ismael: Du bist für den Neffen des Barons von Ibelin verantwortlich. Verteidige ihn mit deinem Leben!“, wies Imad einen seiner Männer an.

„Ja!“, bestätigte Ismael und nahm Imad den Jungen ab.

„Lass mich deinem Herrn helfen, Ismael!“, quengelte Martin, als Ismael und zehn von Imads Männern zurückblieben, um Martin zu schützen.

„Nein, junger Shadiq. Dieser ungläubige Hund hat es auf dich abgesehen. Er hasst deinen Onkel und will dich benutzen, um ihm zu schaden“, erwiderte Ismael.

Imads übrige Männer griffen die Kreuzritter ebenfalls an, bevor sie richtig auf Geschwindigkeit kamen. Zu gut erinnerte sich der Sarazene an die gewaltige Durchschlagskraft, die eine so schwer gepanzerte Truppe wie die Kreuzritter hatte, wenn ihre Pferde in den Angriffsgalopp übergingen. Die leichten Araberpferde, die auch noch schlecht gepanzert waren, konnten dem massiven Aufprall der europäischen Kaltblüter nicht stand halten. Doch trotz der kurzen Distanz kamen die schweren Kaltblüter gar zu schnell auf die richtige Angriffsgeschwindigkeit. Im letzten Moment wies Imad seine Männer an, sich aufzuteilen. Die Sarazenen teilten sich auf wie ein Vorhang und die Jerusalem-Ritter brachen durch eine offene Mitte hindurch. Die Sarazenen wendeten eilig ihre Pferde und jagten nun hinterher, denn die Kreuzritter hatten mit ihren Kaltblütern längst nicht so wendige Reittiere wie die Araber.

Mit einem solchen Manöver hatte Guy nicht gerechnet. Er und seine Männer hatten ihre liebe Not, sich gegen die Sarazenen zur Wehr zu setzen, etliche sanken schwer getroffen aus den Sätteln; aber auch Imad hatte Verluste. Plötzlich sah er sich Guy gegenüber, der mit seinem Schwert beidhändig ausholte. Imad bekam seinen Rundschild nur knapp in die richtige Position und konnte den fürchterlichen Hieb gerade noch parieren, aber sein Schild zersplitterte in tausend Teile.

„Du hast noch was gut bei mir!“, grollte Guy. „Ich habe Hattin nicht vergessen, du Heidenhund!“

Er holte erneut aus, aber ein Wurfgeschoss traf ihn unvorhergesehen am Helm und warf ihn aus dem Sattel. Guy blieb bewusstlos liegen, seine Männer waren wie erstarrt, dass ihr König anscheinend gefallen war. Fast augenblicklich erstarb der heftige Kampf. Imad sah sich verblüfft um und sah Martin neben Ismaels Pferd stehen, in der Hand eine Steinschleuder, die er locker im Kreis drehte. Ein Lächeln breitete sich auf Imads Gesicht aus. Dieser Junge war wahrhaftig Balians Neffe!

 

 

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Kapitel 37

Geständnis

 

Guy kam langsam wieder zu sich, spürte aber, dass er sich nicht frei bewegen konnte. Zu seinem Entsetzen fand er sich stramm gefesselt, eine scharfe Lanzenspitze in bedrohlicher Nähe seiner Kehle. Imad sah ihn wütend an.

„Wenn ich Euch am Leben lasse, König von Jerusalem, dann nur deshalb, weil Saladin mich lehrte, dass ein König nur von einem König gerichtet werden darf. Aber Ihr werdet bei mir bleiben, bis alle, die hier Gastrecht genießen, wohlbehalten in Jaffa angekommen sind.“

„Du wagst es, einen König als Geisel zu nehmen?“, fauchte Guy, seine gefährliche Situation einstweilen nicht erkennend. Imad senkte die Spitze der Lanze direkt auf Guys Brust und schob die Spitze sachte durch einen Kettenring.

„Sei vorsichtig, du ungläubiger Hund!“, zischte er leise. „Im Gegensatz zu Balian von Ibelin hast du bei mir nichts gut. Er hat mir das Leben geschenkt, nachdem er Mohammed al-Faes besiegt hatte und ich hilflos am Boden lag. Du hättest es gewiss nicht getan – und wärst du bei Kerak in Gefangenschaft geraten, wie es mit Balian geschehen ist, hätte ich dich getötet. Vielleicht sollte ich das nachholen, was ich bei Hattin leider versäumt habe!“

Imad drückte stärker zu, Guy spürte den heftiger werdenden Schmerz, als die schmale Spitze der Lanze sich durch Kettenhemd und Gambeson in seine Haut bohrte und stöhnte laut auf.

„Imad! Das darfst du nicht!“, schrie Martin laut. Imad sah den Jungen an, ohne die Lanze zu lockern.

„Junger Shadiq, dieser Mensch ist dafür verantwortlich, dass es in diesem Land noch immer keinen Frieden gibt, wie dein Onkel Balduin von Jerusalem es wollte, den Balian immer unterstützt hat.“

„Aber er ist wehrlos!“ erinnerte Martin.

„Ich werde dir sagen, was er ist: Er ist der Sheitan in menschlicher Gestalt, kleiner Shadiq! Er wird nicht nachlassen, bis er deinen Onkel Balian vernichtet hat und bis er deine Tante Gaëlle wieder in ihre Ehe mit ihm zwingen kann. Er wird nicht nachlassen, bis er dem Frieden in diesem Land endgültig den Todesstoß versetzt hat“, versetzte Imad.

„Ich … bitte dich … um des Friedens willen: Lass ihn am Leben!“, flehte Martin. Imad sah den Jungen eine Weile an.

„Du bist deines Onkels Neffe!“, sagte er anerkennend. „Ich weiß nur nicht, ob dieser Lump hier zu schätzen weiß, dass du für ihn bittest.“

„Töte ihn, Imad!“, rief Gaëlle. „Du hast völlig Recht, dass Guy die erste Gelegenheit nutzen wird, den Frieden zu hintertreiben! Er hat jeden Befehl meines Bruders missachtet, der den Frieden bewahren sollte. Er wollte, dass wir Ibelin an ihn übergeben, obwohl er genau weiß, dass es nicht mehr Balian gehört und wir hier nur zu Gast sind.“  

Sie drängte sich durch die Sarazenen hindurch, die die Kreuzritter entwaffnet hatten und sie in Schach hielten. Guy bekam Angst. Gaëlle hatte allen Grund, seinen Tod zu fordern – oder nötigenfalls selbst herbeizuführen … Bislang hatte sie sich als Prinzessin und später als Königin stets der Hofintrige bedient, um unliebsame Zeitgenossen loszuwerden, aber er wusste auch, dass sie in der Lage war, jemanden umzubringen, schließlich hatte sie ihren eigenen Sohn vergiftet …

„Wollt Ihr jetzt selbst erledigen, zu was Euer Bastard-Liebhaber nicht manns genug war? Wollt Ihr mich vergiften, wie Ihr Euren Sohn vergiftet habt?“, spottete er dennoch, als ihm bewusst wurde, dass er mit diesem Wissen etwas gegen sie in der Hand hatte. Gaëlle kam nahe zu ihm. Wäre ihr Blick das schnellwirkende Gift gewesen, das einst ihren Sohn getötet hatte, Guy wäre auf der Stelle tot gewesen.

„Ihr bringt mich auf eine Idee, Guy …“, lächelte sie so eisig, dass nicht nur Guy ein kalter Schauer überlief.

„Ihr hattet Recht, ich habe den Falschen vergiftet. Aber der Irrtum lässt sich beheben!“, versetzte sie.

Martin und Imad packte ein eisiger Schreck, ebenso wie alle anderen, die Zeuge dieses Geständnisses nach Guys kühner Behauptung wurden. Imad zog den Speer zurück.

„Ist das wahr?“, fragte er entsetzt.

„Was?“, fragte Gaëlle.

„Dass du … deinen Sohn …?“

Gaëlle wich das Blut aus dem Gesicht. Sie hatte ihr düsteres Geheimnis verraten, das sie so lange hatte wahren können. Guy spürte Oberwasser.

„Sie hat ihren Sohn umgebracht, weil sie selbst die Krone haben wollte!“, rief er.

„Das ist eine Lüge!“, schrie Gaëlle und wollte mit bloßen Händen auf Guy losgehen, doch die Sarazenen hinderten sie.

„Tante Gaëlle: Ist es wahr, dass du deinen Sohn Balduin …?“, fragte Martin, ohne die ganze Bitternis auszusprechen. Gaëlle sah sich um wie ein panisches Tier, zog sich dann rückwärts von den Männern zurück.

„Balian!“, schrie sie. „Balian! Hilf mir! Du weißt, dass das eine Lüge ist!“

„Er ist nicht hier, Gaëlle!“, rief Guy hinter ihr her. „Dein Liebhaber ist nicht hier, hahaha!“

Ein fürchterlicher Fausthieb von Almaric brachte Guy zum Schweigen. Er fiel um wie ein gefällter Baum und blieb reglos liegen. Dann setzten Almaric, Michel und Imad hinter der wie von Sinnen in Richtung Wüste fliehenden Gaëlle her. Sie hatten sie bald eingeholt, während Martin immer noch wie unter Schock bei Ismael stand. Sie wand sich wie ein Aal, aber gegen die ihr körperlich deutlich überlegenen Männer hatte sie keine Chance.

„Verzeiht, Mylady!“, bat Michel um Vergebung, als Gaëlle schluchzend zusammenbrach und ohnmächtig wurde.

„Ismael, was ist das?“, fragte Martin besorgt den Stellvertreter Imads.

„Ich weiß es nicht, junger Shadiq …“, erwiderte der Sarazene mit hilflosem Schulterzucken. „Manche sagen, dass ein Mensch, der so reagiert wie deine Tante, vom Sheitan besessen ist. Andere sagen, dass solche Menschen den Verstand verlieren. Was wahr ist, weiß ich nicht.“

 

Almaric nahm die ohnmächtige Gaëlle auf die Arme und trug sie zurück zum Herrenhaus.

„Almaric – ist es wahr, was dieser Guy behauptet?“, fragte Martin ihn.

„Weiß ich nicht“, versetzte Almaric in grobem Ton, den Martin von Balians Stellvertreter nicht gewohnt war. „Du vergisst das ganz schnell wieder, verstanden?“

„Nein!“, versetzte Martin bestimmt. Aber bevor er hinter Almaric herlaufen konnte, hatte Ismael ihn eingefangen. Imad kam zu ihm und schüttelte den Kopf.

„Martin, hör mir zu!“, sagte er scharf. Erschrocken sah Martin den Freund seines Onkels an.

„Es ist nicht deine Aufgabe, das zu klären. Deine Tante hat einen schweren Schock – und sie kann bohrende Fragen von jungen Rittern im Moment nicht gebrauchen.“

„Ich will doch nur die Wahrheit wissen, Imad!“, entgegnete Martin. Imad hockte sich zu ihm.

„Das will ich auch, aber das erfordert jetzt ganz viel Fingerspitzengefühl. Ich wünschte, dein Onkel wäre hier. Deine Tante braucht ihn jetzt nötiger als je zuvor. Ich fürchte, sie … hat … den Verstand verloren, Martin.“

„Glaubst du das, was dieser Guy behauptet?“, fragte Martin. Imad sah zu dem immer noch bewusstlosen Guy hin.

„Er ist ein Lügner, nicht wert, ein christlicher Ritter zu sein. Aber wenn er … ausnahmsweise … die Wahrheit gesagt haben sollte, dann …“

„… dann müsste Tante Gaëlle sterben, nicht wahr?“, vollendete Martin. Imad nickte bedrückt.

„Wir müssen wissen, ob es wahr ist, was er behauptet. Ich glaube es nicht, aber ich bin kein Kadi.“

„Was ist ein Kadi?“, erkundigte sich Martin.

„So nennen wir Richter. Bei uns richtet nicht der Sultan, sondern ein von ihm unabhängiger Kadi, der nur der Kenntnis des Korans unterworfen ist“, erklärte Imad.

„Ist es besser, wenn ein unabhängiger Richter ein Urteil fällt?“, fragte Martin.

„Ja, denn der Kadi richtet sich nur nach dem Gesetz, nicht nach eigenen Interessen, die ein König vielleicht haben könnte.“

„Fragt ein Kadi auch danach, wieso jemand etwas getan hat?“

„Wieso sollte er das tun?“, fragte Imad verblüfft. „Es genügt, dass jemand etwas getan hat.“

„Vielleicht bin ich noch zu jung, um das zu verstehen, aber … aber ich glaube, dass der liebe Gott auch beurteilt, weshalb jemand in einer bestimmten Art handelt. Meinst du denn, dass es für Gott das gleiche ist, wenn ein Räuber einen Reisenden überfällt und den Reisenden umbringt oder wenn der Reisende sich wehren kann und den Räuber tötet?“

„Und was – meinst du – könnte es rechtfertigen, dass eine Mutter ihr eigenes Kind umbringt?“, fragte Imad.

„Vielleicht … wenn es sowieso gestorben wäre und der natürliche Tod viel grausamer gewesen wäre …“, mutmaßte Martin ohne zu ahnen, dass er der Wahrheit auf der Spur war.

„Kein Mensch darf Allah ins Handwerk pfuschen, das musst du verstehen, Martin“, erwiderte Imad streng.

„Weißt du, Imad, wenn ich eines Tages König von Wengland bin, dann werde ich bestimmen, dass ein unabhängiger Richter nach den Gründen für eine Tat fragt. Und wenn ich eines Tages vor Gott stehe, wird er mich bestimmt auch nach den Gründen für meine Entscheidung fragen – und ich werde ihm antworten. Dann werde ich wissen, ob meine Entscheidung richtig oder falsch war“, entgegnete Martin ebenso bestimmt. Imad war zunächst über die Antwort verblüfft, dann ärgerlich, dass ihm ein knapp Elfjähriger widersprach – und dann zu seiner eigenen Überraschung angetan von einem künftigen christlichen König, der so wie sein Freund Balian dachte. Er nickte.

„Du bist deines Onkels Neffe!“, sagte er schließlich. „Deine Worte spiegeln die seinen, kleiner Shadiq.“

 

Imad folgte mit Martin Almaric in das Gutshaus und fand Balians Stellvertreter in nervösem Auf- und Abgehen.

„Was ist mit dir, mein Freund?“, fragte der Sarazene.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, Imad. Es erscheint mir sehr gefährlich, wenn ich mit Gaëlle nach Jaffa zurückkehre. Balian würde mir nie verzeihen, wenn seiner geliebten Frau etwas angehängt würde, das sie vielleicht nicht getan hat. Guy war noch nie ein Freund der Wahrheit, wenn sie nicht seinen Interessen diente.“

„Nehmen wir mal an, es ist wahr. Er würde Gaëlle damit in den Tod treiben – weil sie hingerichtet wird oder weil sie die Schande vielleicht nicht erleben will. Damit hätte er genau das erreicht, was er will: Balian und Gaëlle zu trennen, wenn er sie selbst schon nicht haben kann. Er hasst Balian abgrundtief“, sagte Imad.

„Und wenn es nicht wahr ist?“, fragte Almaric. „Ich kann das nicht glauben!“ 

„Ich … könnte mir einen Grund vorstellen, Almaric. Aber das werde ich Gaëlle selbst fragen.“

Imad wollte an Almaric vorbei in den großen Herrenraum Ibelins gehen, aber Almaric trat ihm in den Weg.

„Gaëlle ist meine Herrin, Imad, der ich ebenso freiwillig diene wie meinem Herrn Balian. Ich werde nicht zulassen, dass ihr Unrecht angetan wird!“

„Das weiß ich, mein Freund. Betrachte mich als neutralen … Zuhörer. Ich habe keine Macht über dich oder Gaëlle.“

„Ibelin ist dir übergeben worden, Imad. Du bist jetzt hier der Herr“, erinnerte Almaric.

„Ihr seid meine Gäste, nicht meine Knechte. Das Gastrecht ist im Islam heilig, mein Freund“, entgegnete Imad.

„Kannst du sie wirklich gehen lassen, wenn sie einräumt, dass Guys Beschuldigung wahr ist?“

„Das werde ich. Ich schwöre es bei Allah!“

Almaric dachte noch einen Moment nach, dann trat er beiseite und ließ Imad zu Gaëlle.

 

Sie lag auf dem Diwan im Speiseraum und sah starr zur Decke. Imad setzte sich leise in einen Scherenstuhl, der am Raumteiler stand.

„Ich glaube nicht, was dieser Lügner sagt“, sagte er nach einer ganzen Weile des Schweigens. Gaëlle drehte den Kopf langsam zu ihm.

„Bist du als Kadi hier?“

„Nein, als Freund deines Mannes. Mir wäre lieber, Balian wäre hier und könnte dir den Trost geben, den diese Verleumdung bei dir verursacht hat. Wie kann er nur so etwas sagen?“

„Guy ist ein Meister darin, andere in ein schlechtes Licht zu rücken, Imad. Doch ich kann es nicht bestreiten. Er sagt die Wahrheit. Ich verdiene den Tod. Gott hat mich verlassen, Imad“

„Wenn das so wäre, hättest du die Belagerung von Jerusalem nicht überlebt“, erwiderte Imad. „Gott liebt dich, Gaëlle. Er liebt dich ebenso wie deinen geliebten Balian. Sonst hätte er nicht zugelassen, dass ihr heiratet und Kinder habt. Du bist deinem Sohn eine liebevolle Mutter, du ersetzt Martin die Mutter. Du hattest bestimmt Gründe, wenn das wahr ist, was dieser Ungläubige Hund behauptet.“

Gaëlle setzte sich mit einiger Mühe auf. Die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht.

„Ja“, sagte sie. „Ich denke, du kennst sie.“

Imad schüttelte den Kopf.

„Nicht?“, fragte Gaëlle bitter. „Dein Sultan Salahadin hatte Ärzte gesandt, die meinem Bruder nicht mehr helfen konnten.“

„Ich weiß. Aber was hat das mit deinem …“

„Er hatte ebenfalls Lepra!“, rief sie verzweifelt. „Ich kenne… eure Auffassung von Gottes Willen!“, schrie sie. „Aber Balduin war ein unschuldiges Kind! Er regierte doch nicht einmal selbst! Er hatte nichts mit einem eitlen Königreich zu tun! Das ist doch alles Lüge!“, ereiferte sie sich. Imad nickte nur. Gaëlle sprang auf und ließ sich dann wieder auf den Diwan fallen, barg das Gesicht in den Händen, als sie ein neuerlicher Weinkrampf packte.

„Du ahnst nicht, was ich durchgemacht habe, als eure Ärzte mir die schreckliche Gewissheit gaben, dass Balduin ebenfalls Lepra hatte“, weinte sie. „Ich … ich wollte nicht, dass er eines Tages wie mein Bruder gezwungen sein würde, sein entstelltes Gesicht hinter einer Maske zu verstecken. Ich wollte ihm Frieden geben …“

„Guy ist König; er steht den Templern nahe. Er wird deinen Tod verlangen“, sagte Imad nach einer Weile. „Dein Neffe hat mir ins Gewissen geredet, nicht nur die Tat zu sehen, sondern auch die Umstände. Er meint, dass Gott das auch tut. Gaëlle, ich möchte dir helfen – als Balians und dein Freund, aber auch als ein Bewunderer deines Bruders. Nicht nur Salahadin hat ihn sehr geschätzt, ich auch. Weiß Balian davon?“

„Ja“

„Würde er für dich kämpfen, um zu beweisen, dass deine Gründe gut genug waren, um vor Gott zu bestehen?“

„Balian würde für mich kämpfen. Ob er Gott dabei einbezieht, weiß ich nicht. Er ist sehr weltlich veranlagt.“

Imad musste schmunzeln.

„Das pflanzt er auch eurem Neffen ein. Martin hat eine sehr … diesseitige … Sicht der Dinge. Und er benutzt seinen Kopf zum Denken wie ein arabischer Forscher der alten Kalifen Bagdads. Weder dein Balian noch Martin würden andere um des Glaubens willen angreifen. Mit solchen Leuten wird es das Abendland noch weit bringen.“

„Nicht, solange es Leute wie Guy gibt, die ihren fanatischen Ideen nachlaufen.“

„Ich hatte eigentlich vor, deinen früheren Gemahl hierzubehalten, bis ihr alle heil in Jaffa angekommen seid. Aber ich denke, ich tue allen einen größeren Gefallen, wenn ich ihn nicht zum Märtyrer mache und er sich mit Balian um deine Ehre schlagen muss. Gibt es etwas, worauf der Lump nicht verzichten will, für das er fast alles tun würde?“

Gaëlle rang sich ein gequältes Lächeln ab.

„Ja, mich. Er betrachtet mich nach wie vor als sein Eigentum, obwohl wir geschieden sind.“

„Sonst nichts? Keinen Schmuck oder sein Schwert?“, wunderte sich Imad.

„Er ist den Templern nahe. Die haben kein Eigentum, hängen nicht am Leben. Das Schlimmste, was du ihm antun kannst, ist ihn täglich zu baden.

„Dann bleibt er hier – als nominelle Geisel. Ich werde einige meiner Männer mitschicken, die mir berichten sollen, ob ihr nach Jaffa gekommen seid. Dann werde ich ihn nachschicken. Ich werde auch eine Nachricht mitgeben, dass dein Fall auch vor dem Sultan untersucht werden müsste, weil er im Reich des Sultans Salahadin offenbar wurde, ich aber im Namen des Sultans mit einem Gottesurteil in Form eines Zweikampfs zwischen dem Ankläger und einem von dir benannten Vertreter einverstanden bin. Das sollte dich vor einer vorschnellen Reaktion deiner Glaubensbrüder schützen“, erklärte Imad mit listigem Grinsen. „Vertraue dich aber deinem Neffen an. Er sollte wissen, dass die Welt nicht nur aus Zuckerwerk besteht. Er ist klug und wird dich besser verstehen als mancher Erwachsene, nur sag ihm die Wahrheit!“

Gaëlle nickte.

„Das werde ich“, versprach sie.

 

Gaëlle erklärte Martin, weshalb sie Balduin in den Himmel geschickt hatte, wie sie es doch beschönigend nannte. Eine Weile war Martin geschockt, dann stand er auf und umarmte seine Tante einfach.

„Ich hätte deinen Sohn Balduin gern kennen gelernt, Tante Gaëlle. Wir wären bestimmt gute Freunde geworden. Aber ich kann verstehen, weshalb du das nicht zulassen konntest – das mit seiner Krankheit, meine ich. Der liebe Gott wird das bestimmt auch verstehen und Onkel Balian helfen“, sagte er. Martins Worte und seine liebevolle Geste waren für Gaëlle ein unendlicher Trost. Sie wagte die leise Hoffnung, dass Balian mit Gottes Hilfe gewinnen konnte.

 

Guy wurde als Geisel behalten, während die anderen Kreuzritter fortgeschickt wurden, um in sicherer Entfernung zu Ibelin zu warten. Die Sarazenen blieben schützend in der Nähe des Tores, während die Ibeliner ihre Sachen packten, die Pferde sattelten und sich abreisebereit machten. Ibelins Ritter und Soldaten bewaffneten sich, um deutlich zu machen, dass sie keinen noch so geringen Angriff gegen ihre Herrin und deren Sohn und Neffen dulden würden. Der Mond gab helles Licht, als die Ibeliner das Herrenhaus verließen, um nach Jaffa zu reiten.

„Werden wir jemals wieder herkommen, Tante Gaëlle?“, fragte Martin traurig. Gaëlle schüttelte den Kopf.

„Nein, Martin, ich glaube nicht. Merke es dir gut und behalte es in Erinnerung als das, was es ist: das Paradies auf Erden“, sagte sie. Im Mondlicht sah Martin eine Träne über das Gesicht seiner Tante rollen. Dann gab sie ihrem Pferd die Sporen und folgte den Ibelinern.

 

 

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Kapitel 38

Königliches Gericht

 

Wenige Meilen westlich von Ibelin umringten die Kreuzritter de Lusignans die Ibeliner.

„Was soll das?“, fragte Gaëlle herrisch. „Ihr seht doch, dass wir der Aufforderung des Königs von England Folge leisten!“

„Es ist jetzt nicht die Frage, dass Ihr der Aufforderung des Königs nachkommt, sondern die Frage, ob Ihr Euch dem Gericht des Königs wegen des Kindsmords stellen wollt“, stellte Guys Hauptmann de la Tour klar. Gaëlle wurde erneut bleich. Sie hatte gehofft, die Angelegenheit verschweigen zu können, wenn sie Almaric und Imads Boten Ismael auf ihre Seite zog. Bei einem Tempelritter war das unmöglich … Mit einiger Mühe gelang es ihr, ihr öffentliches Gesicht aufzusetzen, das jegliche Emotion verbarg.

„Selbstverständlich!“, versetzte sie. De la Tour winkte einem der Männer und befahl ihm, Gaëlle zu fesseln.

„Das … werdet Ihr hübsch bleiben lassen, wenn Ihr Jaffa lebend erreichen wollt!“, grollte Almaric. Die Jerusalemer Ritter unter de la Tours Befehl sahen zu ihrem Schrecken auf die gezogenen Schwerter der Ibeliner, eins davon in bedrohlicher Nähe des Halses ihres Hauptmanns.

„Ihr bedroht den Hauptmann des Königs von Jerusalem?“, fuhr de la Tour Almaric an. Doch Almaric blieb davon unbeeindruckt.

„Ich bin dem König von Jerusalem nicht untertan, und mein Herr, dem ich Treue schwor, ebenfalls nicht. Wenn Ihr meine Herrin bedroht, bin ich da, um sie zu schützen und nötigenfalls für sie zu kämpfen“, stellte der Hauptmann Ibelins klar.

Schmollend trabte de la Tour in Richtung Jaffa an, seine Männer ebenfalls. Die Ibeliner ritten mit ihnen und erreichten bewaffnet und keinesfalls als Gefangene die Stadt am Meer.

 

König Richard nahm diesen Umstand erstaunt zur Kenntnis.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er dennoch.

„König Guy überbrachte uns die Botschaft, dass Ihr Balian befohlen habt, samt den Seinen das Heilige Land zu verlassen, und er übergab mir Balians Nachricht, dass dies zutreffend ist und er sich als friedlicher Pilger dem Befehl des Kriegsherrn der christlichen Ritter nicht widersetzt. Also sind wir gekommen, um Eurer Weisung gemäß das Kriegsgebiet zu verlassen“, erklärte Gaëlle. „Oder regt Ihr Euch darüber auf, dass König Guy nebenbei versuchte, Ibelin wieder unter christliche Herrschaft zu bringen und von uns verlangte, das Gastrecht zu missbrauchen? Wenn Euch das ärgern sollte, habt Ihr meine volle Zustimmung, Richard“, setzte sie hinzu.

„Ihr … wollt also tatsächlich gehorchen?“, fragte Richard verwundert. „Ihr, die Königin von Jerusalem wart?“

„Mit der Vergangenheit habt Ihr Recht. Ich bin es nicht mehr. Auf diese Krone habe ich verzichtet. Nach allem, was ich seit meiner Ankunft an christlicher Handlungsweise gesehen habe, möchte ich diese Krone auch nicht mehr haben. Blut und Ungerechtigkeit kleben daran. Und nun lasst meinen Gemahl holen, damit wir Eurer Weisung gemäß endlich aus Euren Augen verschwinden können“, knurrte sie. Richard trat von seinem Thron herunter auf sie zu und fasste sie grob am Kinn, doch augenblicklich nahmen die Ibeliner eine bedrohliche Haltung ein, um ihre Herrin zu schützen. Richard zog sich zurück und setzte sich wieder auf den Thron.

„Mylord, der König von Jerusalem ist Gefangener der Heiden in Ibelin!“, meldete Hauptmann de la Tour. Richard zuckte hoch.

„Was?“

„Er ist als Geisel geblieben, damit wir sicher nach Jaffa gelangen konnten“, erklärte Almaric. „Nachdem der König von Jerusalem Ibelin angegriffen hat, von den Sarazenen geschlagen wurde und auch noch versuchte, den Neffen meines Herrn in seine Gewalt zu bringen, sah sich der Verwalter Ibelins genötigt, für unsere Sicherheit zu sorgen und den König in Gewahrsam zu nehmen.“

„Die Männer Ibelins haben den Sarazenen geholfen, den Ort gegen uns zu verteidigen!“, klagte de la Tour die Ibeliner an.

„Das ist nicht wahr!“, fauchte Almaric. „Wir haben uns an dem Kampf überhaupt nicht beteiligt. Als Gäste mussten wir uns neutral verhalten!“

Richard hob die Hand. Die aufkommenden Unmutsbekundungen verstummten.

„Sprichst du unsere Sprache?“, fragte er Ismael, der abwartend hinten im Raum stand.

„Ja“

„Komm her!“, rief Richard und winkte den Sarazenen näher. „Was ist in Ibelin geschehen?“

„Der König Jerusalems kam mit einer großen Zahl Bewaffneter von der Pilgerstraße. Sie forderten die Übergabe von Ibelin. Wie es sich für Gäste gehört, hat Gaëlle du Puiset Imad ad-Din davon in Kenntnis gesetzt. Sie und ihre Gefolgsleute haben alle Bauern, die sich vor den Mauern des alten Herrenhauses aufhielten, im Herrenhaus in Sicherheit gebracht und das Tor verschlossen. Sie haben sich am eigentlichen Kampf nicht beteiligt, wie es neutralen Gästen zukommt“, erklärte Ismael.

„Sie haben sich dadurch am Kampf beteiligt, indem sie Feinde vor unserem Zugriff geschützt haben!“, ereiferte sich de la Tour.

„Feinde???“, stieß Gaëlle hervor. „Friedliche Bauern sind für Euch Feinde??? Die Menschen, die meine Männer vor Euch geschützt haben, haben nichts weiter getan, als friedlich ihre Äcker zu bestellen! Ihr habt sie ohne jeden Grund während eines bestehenden Waffenstillstandes angegriffen, de la Tour! Ihr wart gesandt, um uns Ibeliner abzuholen, nicht, um Ibelin nebenbei zu erobern!“, wetterte sie.

„Die Verteidigungsversuche einer Kindsmörderin interessieren mich nicht!“, fauchte de la Tour – und hätte sich einen fürchterlichen Schwinger von Almaric eingefangen, hätten ihn seine Männer nicht gewaltsam gehindert.

„Einen Moment, Hauptmann de la Tour“, bremste Richard den Templer aus. „Zunächst geht es um den Angriff auf die Bauern, dann um andere Dinge. Ist es wahr, dass der König von Jerusalem den Angriff auf Ibelin befohlen hat, obwohl ein Waffenstillstand besteht?“

„Wir waren ja kaum von der Pilgerstraße herunter, als wir schon die Heerhörner Ibelins hörten!“, versetzte de la Tour.

„Also … wollt Ihr es ein Missverständnis nennen?“, hakte Richard nach. De la Tour bemerkte nicht, dass der englische König ihm gerade eine goldene Brücke baute.

„Der König von Jerusalem war und ist dem Templerorden wohlgesonnen, das wisst Ihr. Die gegenwärtigen Bewohner Ibelins sind Heiden. Es ist die Aufgabe des Templerordens, diese Geschwüre zu vernichten!“, entgegnete er. Richard schüttelte den Kopf.

„Euch ist nicht zu helfen!“, stieß er hervor. „Mann, Ihr redet Euch um Kopf und Kragen!“

De la Tour schwieg erschrocken, dann wurde ihm bewusst, dass er einen tödlichen Fehler gemacht hatte.

„Sarazene …“

„Ismael ist mein Name, Christ!“, versetzte Ismael stolz. Richard zögerte einen Moment, dann fuhr er fort:

„Du bist als Bote Imads gekommen. Wenn ich recht unterrichtet bin, ist dein Herr die rechte Hand Saladins?“

„So ist es.“

„Berichte deinem Herrn, dass der Überfall auf die Bauern Ibelins bestraft werden wird. Berichte ihm ferner, dass seine Gäste wohlbehalten nach Jaffa gelangt sind und es nicht mehr notwendig ist, den König als Geisel festzuhalten. Sollte er ihn nicht freilassen und ihm die Verantwortung für den Überfall geben, werde ich den König befreien – notfalls mit Gewalt. Wirst du ihm dies weitergeben?“

„Das werde ich“, versprach Ismael. Richard nickte und winkte ihm.

„Du kannst gehen!“, entließ er Ismael. Imads Bote war unsicher – da war doch noch die Sache mit dem Kindsmord … Auf Almarics Nicken ging er schließlich doch.

„Gut“, sagte Richard. „Und was war das nun mit einem Kindsmord?“

„Der König von Jerusalem hat der ehemaligen Königin von Jerusalem vorgeworfen, ihren Sohn getötet zu haben. Sie hat dies nicht geleugnet und muss dafür bestraft werden!“, erklärte Hauptmann de la Tour.

„So, so, tut er das?“, fragte Richard eher spöttisch. Gaëlle glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. Sie erkannte ihren Cousin Richard kaum wieder …

„Gaëlle, ist das wahr?“, wandte er sich dann an die junge Frau.

„Ja, das ist wahr, König Richard. Ich kann es nicht leugnen.“

Richard sah sie lange an.

„Wann ist das geschehen?“, fragte der englische König weiter.

„Im September 1186. Mein Sohn war König – doch auch, wenn ich dadurch Königin geworden bin, bestreite ich nachdrücklich, meinen Sohn um des Thrones willen getötet zu haben!“

„Weshalb dann?“, fragte Richard.

„Balduin litt unter Lepra. Ich wollte nicht, dass er eines Tages wie mein Bruder entstellt war. Ihr wisst, dass Lepra nicht heilbar ist – nicht einmal mit den Mitteln der Sarazenen.“ 

„Ich kann nicht über Euch richten, denn der Einzige, der es als Mensch gekonnt hätte, starb durch Euch. Euer ehemaliger Gemahl klagt Euch an. Durch Euch ist er König geworden. Was mich jetzt wirklich wundert ist, dass er Euch nicht gleich beschuldigte, als Ihr ins Heilige Land zurückgekehrt seid, sondern sogar eine Zwangsscheidung über sich ergehen ließ, ohne Euch anzuklagen. Ich gestehe, das kommt mir seltsam vor“, brummte Richard. Er erhob sich und trat auf Gaëlle zu.

„Der einzige Richter über Euch kann nur noch Gott sein. Gott wird auch wissen, ob Euer Tun richtig war oder nicht. Guy müsste im gerichtlichen Zweikampf beweisen, dass seine Anschuldigung wahr ist. Würde Balian für Euch kämpfen?“

„Ja“

„Ihr sagt das so bestimmt. Weiß er von dem, dessen Guy Euch anklagt?“

„Ja“

Richard nickte und gab den Wachen einen Wink.

 

Wenig später kamen sie mit Balian zurück, schlossen die Ketten, die seine Hände fesselten, erst im Thronsaal auf.

„Eure Familie und Eure Leute sind in Jaffa. Ein Schiff liegt im Hafen und wird Euch nach Frankreich zurückbringen. Doch bevor Ihr geht, ist noch etwas zu regeln“, sagte Richard.

„Und was?“, fragte Balian und rieb sich die von den Kettenschellen befreiten Handgelenke.

„Guy de Lusignan beschuldigt Eure Gemahlin, ihr Kind getötet zu haben. Ihr seid Ritter, das nötigt Euch, die Wahrheit zu sagen. Was wisst Ihr davon, Baron von Ibelin?“

Balian schloss die Augen und schluckte hart. Wenn er die Wahrheit sagte, lieferte er Gaëlle einem schrecklichen Tod aus, denn Kindsmörderinnen erwartete nicht das Henkersbeil! Balian suchte verzweifelt nach Worten, wohl wissend, dass es keine Worte gab, die Balduins Tod gegenüber einem irdischen Richter zu entschuldigen konnten. Für irdische Richter zählte nur die Tat, Gründe interessierten nicht … Jeder konnte sehen, welche Gewissensqual ihm die Frage des englischen Königs bereitete.

„Balian!“, rief Gaëlle. Er sah sie an. Nie zuvor hatte sie solche Qual in seinem Gesicht gesehen. Sie sah ihm an, dass es ihm im Moment nicht besser erging als an jenem Tag, als er seine erste Frau erhängt am Firstbalken seines Hauses gefunden hatte.

„Du kannst Richard sagen, was du weißt“, sagte sie. „Ich habe es bereits gestanden.“

Balians Aufatmen war unübersehbar. Richard nickte anerkennend.

„Ich habe es von Graf Tiberias erfahren“, sagte Balian schließlich. „Ich hatte zunächst Guy im Verdacht, als Raymond mir sagte, König Balduin V. sei tot. Doch er sagte mir, Gaëlle habe ihrem Sohn Frieden geschenkt. Er sagte mir weiter, der Junge habe ebenso an Lepra gelitten wie sein Onkel“, erklärte Balian mit sichtlicher Erleichterung.

„Was hättet Ihr gemacht, wenn Gaëlle Euch nicht in Kenntnis gesetzt hätte, dass ich bereits weiß, was ich von Euch erfragte?“, erkundigte sich Richard interessiert.

„Ich bin Ritter und ich bin wahrhaftig, Mylord. Doch ich sage Euch auch, dass ich meiner Gemahlin eher selbst einen gnädigen und schnellen Tod bereiten werde, als den, der ihr wegen dieses … droht, solltet Ihr sie dafür verurteilen“, erwiderte Balian und schluckte das Wort Verbrechen ganz bewusst herunter.

„Es gibt Leute, die Euch naiv nennen würden, wenn Ihr stets so wahrhaftig seid.“

„Wenn es Ritter sind, dann sind jene nicht wert, Ritter genannt zu werden, Mylord“, versetzte Balian. „Doch wenn Ihr wisst, was Ihr wissen wollt, weshalb fragt Ihr dann?“

„Vielleicht auch, um zu wissen, ob Ihr es wert seid, Ritter genannt zu werden“, entgegnete Richard. „Ihr seid es“, setzte er hinzu. „Es heißt auch: Beschütze die Wehrlosen. Dass Ihr das tut, habt Ihr mir schon einmal bewiesen. Beweist es nochmals und kämpft für Eure Gemahlin gegen den Ankläger, um zu klären, ob Gott die Beweggründe Eurer Gemahlin akzeptiert.“

„Das werde ich“, versprach Balian und streckte die Hand aus.

„Was wollt Ihr?“, fragte Richard.

„Mein Schwert, sonst wird aus dem Zweikampf wohl nichts.“

Richard lächelte kühl.

„Beruhigt Euch, Mylord Balian. Guy ist noch Geisel der Heiden, die sicherstellen wollten, dass Eure Familie und Eure Männer hier sicher ankommen“, sagte er.

 

Robin von Locksley und Peter Dubois brachten als Beauftragte des englischen Königs die Ibeliner samt deren Baron und seiner Gemahlin in ein nahe gelegenes Haus, in dem die ganze Schar untergebracht werden konnte. Als alle sich eingerichtet hatten, spürte Gaëlle nagende Angst vor dem Duell. Sie kannte Guy gut genug, um zu wissen, dass ritterliche Tugenden wie Fairness und die Ablehnung von Unrecht Fremdwörter für ihn waren. Sie zitterte am ganzen Leib, als Balian eintrat, um sich nach dem Einräumen des Proviants vom Kerkerdreck zu bereinigen. Er sah sie am Fenster stehen, schmal und gebeugt wie damals, als er nach dem Fall Jerusalems zu ihr gekommen war.

„Was hast du?“ fragte er. Gaëlle drehte sich um. Sie war ebenso bleich wie damals, die Wangen eingefallen, unter den Augen tiefe Ringe. In ihren Augen spiegelte sich panische Angst.

„Balian: Guy wird nicht fair sein!“, warnte sie. „Er hat es schon einmal versucht!“

„Richard hat …“, setzte Balian an, aber Gaëlle schnitt ihm das Wort ab:

„Richard!“, fauchte sie. „Richard lässt nichts unversucht, uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen!“

„Du hast mich gebeten, für deine Ehre zu kämpfen, Gaëlle. Das werde ich“, sagte Balian, ohne auf ihren giftigen Vorwurf gegen ihren Verwandten einzugehen. „Aber ich wüsste gern, ob das, was ich zu tun bereit bin, richtig ist.“

Gaëlle sah ihn an, als ob ihm Hörner gewachsen wären.

„Wie kannst du an mir zweifeln?“, schrie sie ihn an.

„Ich schlage vor, du kommst erst einmal wieder zu dir, Gaëlle“, versetzte Balian. „Und wenn du dich wieder beruhigt hast, dann reden wir normal miteinander.“

Damit verließ er den Raum. Gaëlle sah ihm starr vor Schreck nach.

 

Balian ging mit schnellen Schritten in den Hof, zog sich aus dem Brunnen einen Eimer Wasser hoch, goss es in eine Schüssel und wusch sich mit dem kalten Wasser ab. Es hatte nicht viel gefehlt und er hätte Gaëlle eine Ohrfeige verpasst … Die meisten Menschen, die ihr Leben ganz oder wenigstens teilweise im Heiligen Land verbrachten, die brachte der Gedanke an Jerusalem um den Verstand – bei Balian war es Gaëlle. Er liebte sie, wäre für sie gestorben. Aber zuweilen brachte sie ihn an den Rand seiner Kräfte. Ihre jetzigen Ausfälle waren gut dazu geeignet, ihm nicht nur den Schlaf zu rauben.

Worauf lasse ich mich eigentlich ein?‘, fragte er sich in Gedanken. ‚Was hat mich nur geritten, Saint-Martin-au-Bois überhaupt wieder zu verlassen?

Gaëlle und Jean-Raymond waren krank. Hast du das schon vergessen?‘, erinnerte andere Stimme in sich.

Jean ja – aber Gaëlle? Hat sie nicht nur so getan?‘, zwickte ihn die erste Stimme wieder ins Gewissen. Balian sah sehr unauffällig auf seine Schultern, ob dort tatsächlich ein Engel und ein Teufel saßen, die ihn mit ihren Einflüsterungen verrückt machten. Nein, da war niemand. Aber eine Bewegung im Mondlicht ließ ihn herumfahren. Sein rasender Herzschlag beruhigte sich nur langsam, als er Almaric erkannte.

„Hast du mich erschreckt, Almaric!“, keuchte er.

„Verzeihung, Mylord. Ich habe die Brunnenkette quietschen hören und wollte mich nur vergewissern, dass hier nicht wieder Templer herumstreichen“, erwiderte Almaric. Balian nickte und setzte sich auf den Brunnenrand.

„Da du gerade hier bist, mein Freund: Wie ist Guy darauf gekommen, Gaëlle gerade jetzt wegen Balduin zu beschuldigen?“, fragte er den treuen Hauptmann. Almaric setzte sich auf Balians einladende Handbewegung neben den Baron.

„Imad wollte ihn töten, Martin hat ihn davon abgehalten. Gaëlle wollte ihn am liebsten tot sehen. Ich würde es Flucht nach vorn nennen“, sagte er. „Was weißt du darüber?“, fragte er dann Balian.

„Das, was ich Richard gesagt habe – und ich hoffe, dass es wahr ist“, erwiderte Balian.

„Aber du weißt es nicht sicher?“, fragte Almaric. Balian schüttelte langsam den Kopf.

„Nein. Ich war nicht dabei. Was ich weiß, weiß ich von Raymond von Tiberias und Gaëlle.“

„Glaubst du deiner Frau oder glaubst du ihr nicht?“, hakte Almaric nach. Balian seufzte.

„Ich liebe sie, Almaric. Deshalb will ich ihr glauben.“

Er sah hoch zu seinem Hauptmann, der ihn fast um Haupteslänge überragte.

„Almaric, mein Freund, ich habe eine Bitte an dich.“

„Ja?“

„Halte bei dem Duell einen Bogenschützen bereit. Gaëlle sollte etwas von dem Gift bei sich haben, das sie Balduin gegeben hat. Sollte ich gegen Guy verlieren, soll der Bogenschütze mich töten, Gaëlle das Gift nehmen. Kümmere du dich dann bitte um Jean-Raymond und Martin“, sagte Balian. Almaric zuckte wie von der Schlange gebissen zu seinem Herrn herum.

„Was?“, entfuhr es ihm

„Hast du mich nicht verstanden?“

„Doch, aber …“

„Dann tu, was ich dir sage!“, versetzte Balian.

„Balian, als dein Freund wüsste ich gern, wieso du Sorge hast, zu verlieren.“

„Guy hat mich nach der Niederlage in Jerusalem angegriffen. Er meinte wohl, ich sei ihm nach vier Tagen Belagerung und harten Kämpfen Mann gegen Mann nicht gewachsen. Er hat mit allen möglichen Tricks versucht, mich umzubringen. Er wird es auch bei diesem Duell versuchen. Dieses Duell wird nicht bis zum Tod gekämpft. Wenn ich verliere, steht für Gaëlle und mich ein Scheiterhaufen bereit. Ich will, dass du verhinderst, dass wir bei lebendigem Leibe verbrennen“, erklärte Balian. Almaric schüttelte den Kopf.

„Eher töte ich Guy als dich“, knurrte der Hauptmann. „Er hat all das Unglück über uns gebracht.“

„Das würde an Gaëlles und meinem Tod nichts ändern. Ich kämpfe für die Wahrheit ihrer Aussage. Ist sie falsch, muss ich ihre Strafe teilen – und Kindsmörderinnen werden lebendig verbrannt.“

„Nach dem Fall Jerusalems warst du ebenso erschöpft wie wir alle. Dennoch hast du ihn geschlagen. Wieso hast du Zweifel, dass es bei diesem Duell anders sein wird, wenn du jetzt ausgeruht und im Vollbesitz deiner Kräfte bist? Komm zu dir, Balian!“, wunderte sich Almaric.

„Ich sehe es durchaus realistisch, Almaric“, entgegnete Balian. „Vielleicht hatte Tiberias Recht, dass Jerusalem keinen Platz für einen vollkommenen Ritter hat. Ich hätte nicht zurückkehren sollen.“

„Das ist Unsinn – und das weißt du auch!“, versetzte Almaric. „Und komm jetzt nicht wieder auf die Idee, mir Ibelin oder womöglich Saint-Martin-au-Bois zu übertragen! Wenn du Guy, in dem Zustand, in dem du nach dem Fall Jerusalems warst, mit dem Schwert so zugerichtet hast, dass jeder davon überzeugt war, dass er das nicht überleben konnte, dann frage ich mich, wieso du auch nur den leisesten Zweifel hast, dass du ihn bei dem jetzigen Duell wieder auseinandernimmst?“

„Almaric, seit sich mein Vater mir offenbarte, habe ich stets nur um mein Leben gekämpft, wenn ich gekämpft habe. Ich habe nie gelernt, nach ritterlichen Regeln zu kämpfen, fair zu kämpfen – auch als Sergeant meines Onkels nicht“, erwiderte Balian. Almaric nickte.

„Verstehe. Dafür, dass du das deiner Meinung nach nicht kannst, bringst du es Martin und Mathieu bemerkenswert gut bei“, grinste er. „Halte dich einfach an das, was du den Jungen selbst beibringst. Wenn Guy sich nicht an die Regeln hält, musst du es auch nicht länger. Halte nur dein Schwert fest und lass es um nichts in der Welt los! Ich werde dafür sorgen, dass unser unglaublicher König keine unerlaubten Mittel bei sich hat“, erklärte er. Balian nickte.

„Willst du nicht schlafen gehen?“, fragte Almaric dann. Schweigend schüttelte Balian den Kopf.

„Krach?“, fragte der Hauptmann. Wieder ein schweigendes Nicken. Almaric seufzte.

„Ich werde dich nie wirklich verstehen, Balian. Gute Nacht.

„Gute Nacht“

 

Almaric kehrte ins Haus zurück, Balian blieb allein am Brunnen sitzen. Nach einer Weile, die er dort schweigend gesessen hatte, griff seine Hand nach dem Kreuzanhänger, den Gaëlle ihm geschenkt hatte. Langsam nahm er das Band ab, an dem das Kreuz hing und betrachtete es im Mondlicht. Es war dem Kreuz, das er einst Natalie geschenkt hatte und das er auf Golgatha in Jerusalem begraben hatte, ausgesprochen ähnlich, aber ebenmäßiger gearbeitet; von jemandem, der etwas davon verstand. Als Balian das Kreuz für Natalie gemacht hatte, hatte er gerade erst angefangen, Schmied zu lernen. Entsprechend unbeholfen war das Kreuz ausgefallen. Aber Natalie hatte es als Schmuckstück ebenso geliebt, wie sie Balian geliebt hatte. Balian seinerseits liebte dieses Kreuz ebenso wie er Gaëlle liebte. Er würde bei dem Duell alles tun, um sie zu retten. Alles … nur nicht unfair sein. Er hängte sich das Kreuz wieder um.

Eine erneute Bewegung im Mondlicht ließ ihn wieder aufsehen. Gaëlle kam zum Brunnen, setzte sich neben ihn und tastete vorsichtig nach seiner Hand. Balian sah sie an; sie suchte nach Worten.

„Es … es … es tut mir Leid, Balian“, flüsterte sie.

„Was?“, fragte er leise.

„Dass ich so … ausfallend geworden bin.“

Er nickte schweigend.

„Kannst du mir verzeihen?“, fragte sie.

„Soll ich dir verzeihen, dass du Angst hast?“, erkundigte er sich. Sie sah ihn verblüfft an.

„Nein, dass ich dich angeschrien habe.“

Balian legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie sanft an sich.

„Ja, das verzeihe ich dir“, sagte er lächelnd. „Hast du … Angst … wegen des Duells?“

„Jetzt nicht mehr“, erwiderte sie.

„Wieso nicht?“

„Weil du für mich kämpfen wirst.“

Balian nickte.

„Und? Tue ich das Richtige?“, fragte er.

„Ja, ich schwöre es.“

„Dann bitte ich dich um Verzeihung.“

„Wofür?“

„Dass ich Zweifel hatte.“

Gaëlle lehnte sich an ihn.

„Das verzeihe ich dir. Halt mich bitte fest, Balian. Du bist mein einziger Halt.“

Er zog sie noch etwas näher an sich und küsste sie sanft auf das offene Haar.

„Ich liebe dich“, flüsterte er. „Sollte … Guy … unfair sein und Richard ihn nicht hindern, dann …“

„Ich habe meine Vorkehrungen getroffen“, sagte sie und zog aus der Tasche ihrer Robe eine kleine Phiole. Balian verstand.

„Gut“, sagte er. „Ich habe auch meine Vorkehrungen getroffen. Sollte ich verlieren, wird ein Bogenschütze bereit stehen und mich erschießen. Aber … was für Vorkehrungen wir beide auch getroffen haben: Nur, wenn es wirklich unumgänglich ist.“

„Das verspreche ich.“

„Wir sollten schlafen gehen, komm.“

 

 

 

 

 

Kapitel 39

Zweikampf

 

Einige Tage später war Guy aus Ibelin nachgekommen. Richard ließ Balian und Guy samt deren Männern kommen.

„Ihr erhebt gegen Eure von Euch geschiedene Frau die Anschuldigung, dass sie ihr Kind getötet hat, weil sie selbst Königin werden wollte. Gaëlle bestreitet nicht, dass sie ihren Sohn getötet hat. Sie sagt jedoch, dass dies aus Mitleid geschah, nicht um der Krone willen. Bleibt Ihr bei dieser Beschuldigung, Guy?“, fragte Richard.

„Ja, Mylord, dabei bleibe ich“, bestätigte Guy fest. Richard nickte.

„Ihr seid weiterhin bereit, die Wahrheit von Gaëlles Behauptung durch ein Gottesurteil im Wege eines Zweikampfes zu bestätigen?“, fragte er dann Balian.

„Ja, Mylord“, bekräftigte auch der Baron von Ibelin.

„Ihr … wisst, dass Ihr die Strafe teilt, wenn Ihr unterliegt?“, hakte Richard nach.

„Ja“

„Und auch, dass nicht das Beil des Henkers Euch und Eure Gemahlin treffen würde?“

„Ja“

„Nach allem, was ich von Euch gehört habe, Balian, habt Ihr einer Gemeinschaft in Ibelin vorgestanden, die Christen, Juden und Moslems umfasste, von der es heißt, sie sei friedlich gewesen. Wie könnt Ihr Euch auf Gottes Hilfe verlassen, wenn Ihr Gott nicht unterstützt?“, bohrte Richard weiter.

„Wenn Gott diese friedliche Gemeinschaft nicht gewollt hätte, hätte sie nicht funktioniert, Mylord. Sie hat funktioniert“, versetzte Balian kühl.

„Ihr wisst, worauf Ihr Euch einlasst?“

„Ich hoffe, Guy de Lusignan weiß, worauf er sich einlässt, Mylord“, entgegnete Balian. Richard sah Balian einen Moment an. Keinerlei Unsicherheit war bei dem jungen Baron zu erkennen. Der englische König nickte.

„Gut. Damit eines klar ist: Es wird kein Kampf bis zum Tod sein. Es gelten die Regeln des ritterlichen Duells. Das heißt, Ihr kämpft mit Schwert und Schild – mit einem Schwert! Der Verlust des Schildes beendet den Kampf noch nicht, aber der Verlust des Schwertes oder dessen Bruch. Ich will weder, dass einer von Euch den anderen verwundet, noch, dass er ihn tötet. Habt Ihr verstanden?“

Balian und Guy bestätigten Richards Turnierregel.

„Noch eines: Guy, Ihr habt beim letzten angesetzten Duell Eure Templer auf Balian und Gaëlle gehetzt. Ihr habt mich damals in eine unmögliche Situation gebracht. Wenn das wieder geschieht, sorge ich dafür, dass Konrad König wird. Ich hoffe, Ihr haltet Euch diesmal im Zaum!“, warnte Richard. „Meine Männer werden dafür sorgen, dass Ihr beide nicht unnütz bedroht werdet. Eure Häuser werden daher von ihnen bewacht werden. Geht jetzt und bereitet Euch vor, so gut Ihr es vermögt. Morgen bei Sonnenaufgang findet das Duell statt. Sonst wird es zu heiß.“

 

Die Ibeliner und ihr Baron verließen den Palast. Guy und seine Männer blieben noch.

„Was wollt Ihr noch, Guy?“, fragte Richard, als Guy keine Anstalten machte, zu gehen.

„Eure … Reaktion … wundert mich, Richard“, bemerkte Guy süffisant. Richard sah ihn an.

„Die Tür ist dort hinten, de Lusignan!“, zischte Richard. „Allmählich frage ich mich ernsthaft, was mich eigentlich dazu bewogen hat, Euch zum König zu machen.“

„Die Tatsache, dass Gott es will, Mylord“, versetzte Guy. Richards Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Ihr ruft mir ein bisschen zu viel nach Gott. Und Ihr handelt mir ein bisschen zu wenig nach dem, was Gott geboten hat. Ich bin ein gläubiger Mann, Guy. Ich bin hergekommen, um Jerusalem wieder für die Christenheit zurückzuerobern, nachdem Ihr es verspielt habt. Wenn Gott wirklich mit Euch als König einverstanden wäre, hätte er Euch nicht der Gnade der Ungläubigen ausgeliefert und es ermöglicht, Jerusalem für die Christenheit zu halten. Ihr seid ein König von meinen Gnaden, nicht von Gottes Gnaden. Verschwindet!“  

 

Der folgende Morgen fand Gaëlle im Büßerkleid betend vor dem Altar der Hauskapelle. Sie zitterte am ganzen Leib. Sie gestand sich ein, nicht einmal während der Schlacht um Jerusalem derartige Angst gehabt zu haben.

Balian machte sich kurz vor Sonnenaufgang mit Gaëlle, Almaric, Michel und seinen Männern zum vorgesehenen Kampfplatz auf. Von der anderen Seite kamen Guy und seine Männer. Die Duellanten und ihre Männer waren voll gerüstet, mit Schwert und Schild bewaffnet. Richard erschien mit seinen Rittern ebenfalls in vollem Rüstzeug, um nötigenfalls ein Urteil durchsetzen zu können.

Richard begrüßte die Streiter mit einem Kopfnicken und zog sein Schwert.

„Wer von Euch die Wahrheit vertritt, wird Gott entscheiden“, sagte er. „Solltet Ihr unterliegen, Balian von Ibelin, werdet Ihr die Strafe Eurer Gemahlin teilen. Mein Urteil lautet dann Tod durch Verbrennen. Es wird nach einer Niederlage Eurerseits sofort vollstreckt. Eure Leute mögen dann gehen, wohin es ihnen beliebt. Solltet Ihr siegen, dürft Ihr mit Eurer Gemahlin und allen Euren Begleitern das Heilige Land verlassen und nach Hause zurückkehren.“

„Ich habe verstanden, Mylord“, erwiderte Balian beherrscht. Er hatte seine Vorkehrungen für den Fall einer Niederlage getroffen. Vielleicht würde man ihn gemeinsam mit Gaëlle verbrennen, aber sicher nicht mehr in lebendigem Zustand … Robin von Locksley würde dafür sorgen. Balian hatte ihn am Abend zuvor dafür gewonnen, im Fall seiner Niederlage den tödlichen Pfeil auf ihn abzuschießen.

„Begebt Euch auf die Plätze!“, wies Richard die beiden Männer an. Dann erhob er sein blankes Schwert.

„Allmächtiger Gott! Sieh diese beiden Männer, die für die Gerechtigkeit streiten! Schenke dem den Sieg, dem er gebührt! Amen!“, rief er laut aus. Dann senkte er das Schwert und gab den Kampf frei.

 

Guy griff Balian mit einem Ausfall an, scheiterte aber an dessen geschickter Schilddeckung. Balian wich ihm federnd aus und ließ Guy im zweiten Anlauf ins Leere laufen. Stolpernd fing sich der König ab. Balian blieb abwartend stehen, ohne Guy anzugreifen. Guy ging erneut auf ihn los und bekam diesmal einen harten Schlag auf den Schild, der ihn nicht nur bremste, sondern ihn fast aus dem Gleichgewicht brachte. Ein zweiter Hieb kostete den königlichen Wappenschild eine ziemlich große Ecke. Guy stolperte rückwärts, aber Balian folgte ihm nicht konsequent. Richard beobachtete das mit nachdenklichen Stirnfalten. Doch als Guy erneut angriff, blockte Balian dessen Hieb nicht nur, sondern ging zu einem scharfen Gegenangriff über, der den König erneut massiv ins Wanken brachte und aus dessen Schild Kleinholz machte. Guy war ohne Schild und wehrte sich mit dem beidhändig geführten Schwert aus der Falkenwacht, was nun wiederum Balian in Bedrängnis brachte. Die beidhändig geführten Hiebe des Königs hatten wesentlich stärkere Wirkung als wenn er nur mit einer Hand das große Schwert hielt. Kurz entschlossen warf Balian den Schild Almaric zu, der ihn geschickt auffing, und ging Guy seinerseits in der Falkenwacht an.

„Was ist, Bastard? Traust du dich nicht?“, spottete Guy, als Balians Hieb nur die leere Luft traf, während er den Rivalen – wenn auch eher unabsichtlich – mit der flachen Klinge am Oberarm traf. Balian schwieg, aber seine nächste Parade saß und trieb Guys Schwert nach oben. Balian behielt das Schwert in der Linken und verpasste Guy einen fürchterlichen Schlag auf die Nase, dass das Blut nur so spritzte.

„Du hast mir das letzte Mal Steine in den Weg geworfen, Guy. Lass Gaëlle und mich endlich in Frieden!“, zischte der Baron, als Guy sich etwas mühsam aufrappelte.

„Du stiehlst mir meine Frau, trittst meine Ehre mit Füßen und erwartest, dass ich tatenlos zusehe?“, versetzte Guy scharf und schlug aus der Falkenwacht erneut zu, aber nur, um an einer knochenharten Parade Balians zu scheitern. Aus der Parade heraus bekam er einen Hagel von Hieben zurück, gegen die er sich nicht so schnell decken konnte, wie er gern wollte.

„Du verwechselst Ursache und Wirkung, Guy“, erwiderte Balian und schlug erneut zu, dass er Guy einige Schritte von sich wegtrieb. Doch er setzte unnachgiebig nach und erwischte den König im Rückwärtsgang, dass er stürzte. Mit einem schnellen Schritt war Balian bei ihm und setzte ihm den Fuß auf den Unterarm der Schwerthand.

„Gibst du auf?“, fragte er.

„Niemals!“, schrie Guy, machte eine Kerze und trat Balian mit beiden Füßen so heftig in den Rücken, dass er nach vorn stolperte. Gleichzeitig hob Guy wieder die Schwerthand, über die Balian zu Boden stürzte und bäuchlings landete. Guy sprang auf und stellte Balian seinerseits einen Fuß auf den Rücken.

„Gib auf, Bastard!“, knurrte er. Balian hatte beide Hände samt dem Schwert unter sich eingeklemmt, schien bewegungsunfähig zu sein. Ein erschrockenes Raunen ging durch die Reihen seiner Männer. Gaëlle, die neben Michel stand, sackte ohnmächtig zusammen. Michel und Bruder Roger, der als geistlicher Beistand mitgekommen war, konnten sie gerade noch auffangen, bevor sie zu Boden ging. Vorsichtig setzten sie die junge Frau auf eine Bank. Roger bemerkte, dass sie eine kleine Flasche in der Hand hatte und wollte ihr helfen, daraus zu trinken, aber Michel konnte ihn knapp davor zurückhalten und gab Gaëlle etwas Wasser aus seiner Feldflasche.

„Wieso nicht aus dem Fläschchen hier?“, fragte Roger verblüfft.

„Stellt bitte keine Fragen, auf die ich Euch keine Antwort geben kann, Vater“, bat Michel, nahm der ohnmächtigen Gaëlle die Flasche aus der Hand und ließ sie in seiner Gürteltasche verschwinden. Dann fächelte er seiner Herrin Luft zu, bis sie wieder zu sich kam.

Guy verstärkte den Druck des Fußes, Balian gab einen ächzenden Laut von sich, als er langsam die linke Hand unter dem Körper herauszog. Robin hatte die rechte Hand schon am Pfeil im Köcher auf dem Rücken …

„Soweit kommt’s noch“, grollte Balian und packte den behindernden Fuß mit der freien linken Hand, riss ihn dem überraschten Guy unter dem Körper weg, der sich glatt auf das Hinterviertel setzte. Er rollte herum und trat Guy mit dem Absatz der Stiefels unter das Kinn. Der König fiel nach hinten und blieb reglos liegen.

Balian schubste ihn ganz von sich herunter und stand auf, das Schwert nach wie vor fest in der Hand.

„Nun, König Richard? Wer ist der Sieger?“, fragte er. Bevor Richard antworten konnte, schlug Guy die Augen auf, übersah, dass Balian ihm den Rücken zukehrte, sprang mit einem Satz auf die Füße und drosch Balian das Schwert mit voller Wucht flach über den Helm. Der Hieb war massiv, drückte Balian auch leicht in die Knie, aber die konische Form des Helms lenkte die Klinge auf die linke Schulter um, ohne allzu viel Druck auf den Kopf weiterzugeben. Noch im Aufrichten drehte Balian sich um, hob die Klinge, lenkte den Schlag von sich weg und verpasste Guy mit dem Helm einen saftigen Nasenstüber. Dann griff er den zurückweichenden König mit einem solchen Hagel von Hieben an, dass der kaum noch wusste, wie er die Hiebe parieren sollte. Der Rückwärtsgang führte Guy in die am Rand stehenden Templer, die aber zurückwichen und den Kämpfern Platz machten. Balian drang weiter unnachgiebig auf Guy ein, bis er ihn an die Hauswand am Rand des Platzes getrieben hatte.

„Du hinterhältiger Mistkerl!“, fauchte er und schlug hart zu, aber die Klinge traf nur die Steinwand, Funken sprühten.

Guy war im letzen Augenblick weggetaucht und dem tödlichen Hieb ausgewichen. Im Abtauchen rammte er Balian den Helm in die Weichteile, doch hatte er nicht damit gerechnet, dass unter Balians Kettenhemd nicht nur ein Gambeson war, sondern noch ein recht dicker Lendenschutz, der die empfindsamen Körperteile des Unterleibs gegen den Druck des Kettengewebes schützte. Balian hob mehr im Reflex das Knie und verpasste Guy damit einen Pferdekuss mitten ins Gesicht, der den König endgültig außer Gefecht setzte. Guy sackte zusammen. Balian riss ihm das Schwert aus der Hand, packte den besinnungslosen König beim Schlafittchen und schleppte ihn zu König Richard, vor dessen Füßen er den schlappen Guy einfach fallen ließ.

„Nun?“, fragte Balian. Richard nickte.

„Ihr habt gewonnen. Ihr habt damit bewiesen, dass Eure Gemahlin unschuldig ist. Ihr seid frei und dürft das Heilige Land unbehindert verlassen, Balian von Ibelin“, antwortete er.

 

Balian übergab Richard Guys Schwert, steckte sein eigenes in die Scheide, womit er deutlich machte, als freier Ritter freiwillig zu gehen und nicht als geprügelter Hund davonzuschleichen.

„Kommt“, sagte er an seine Leute gewandt, obwohl sein Blick den König von England fixierte. „Das ist nicht mehr das Heilige Land, nach dem wir uns gesehnt haben. Hier haben wir nichts mehr verloren.“

„Mylord, Eure Gemahlin!“, rief Michel von ganz hinten. Alle sahen zu ihm, dann packte Balian ein eisiger Schreck, als er Gaëlle auf der Bank liegen sah. Er drängte sich zu ihr durch.

„Hat sie …?“, fragte er atemlos.

„Nein“, erwiderte Michel und gab Balian das Fläschchen, das er Gaëlle vorsichtshalber abgenommen hatte. „Aber Bruder Roger hätte unwissend beinahe … nun, Ihr wisst schon, Mylord.“

Roger sah verblüfft zwischen Balian und Michel hin und her.

„Moment! Ist das so zu verstehen, dass sie sich im Falle Eures Unterliegens etwa …?“, stotterte er. Balian nickte. Robin tippte dem Johanniterbruder auf die Schulter.

„Fragt jetzt bitte nicht weiter, Bruder. Es ist nichts geschehen, was Sünde wäre. Es wäre vielmehr Sünde gewesen, diese beiden Menschen lebendig dem Feuer zu überantworten. Reimt Euch den Rest zusammen“, warnte er. Robin konzentrierte sich darauf, dass der Priester keine Dummheiten machte und merkte nicht, dass Richard von England immer größere Augen machte. Die Wandlung Robin von Locksleys vom rüpelhaften Lümmel zum Ritter mit Gewissen war für einen König wie ihn zweierlei: Erstens äußerst erstrebenswert und zweitens unendlich gefährlich …

„Es ist gut, Sir Robin. Ihr werdet hier nicht mehr benötigt!“, wies Richard den jungen Bogenmeister an.

„Ja, Mylord. Graf Balian, es war mir eine Ehre.“

„Ganz meinerseits, Sir Robin“, lächelte Balian. Robin verbeugte sich und ging fort.

 

Es dauerte noch eine Weile, bis Gaëlle wieder zu sich kam. Sie sah Balian über sich gebeugt, hob die Hand, wie um sich zu vergewissern, dass sie keine Halluzinationen hatte.

„Es ist alles gut, mein Liebling!“, flüsterte er und küsste sie. Weinend zog sie ihn an sich.

„Ich hatte solche Angst!“, presste sie heraus. Balian hob sie auf seine Arme und stand mit ihr auf. Die Ibeliner Ritter jubelten ihrem Baron zu, die englischen Ritter taten es zu Richards Überraschung ebenfalls. Nur die Templer hielten sich merklich zurück.

„Mylady, was ist mit Euch?“, fragte Almaric, der noch nie erlebt hatte, dass Gaëlle einen solchen Zusammenbruch gehabt hatte. Gaëlle rang sich ein schwaches Lächeln ab.

„Ich glaube, wir werden bald zu viert sein …“

Balian sah sie verblüfft an.

„Du meinst, du bist … guter Hoffnung?“, fragte er. Sie nickte nur. Balian drückte sie fest an sich.

„Dann beeilen wir uns, dass wir nach Hause kommen.“

 

 

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Kapitel 40

Ein guter Rat

 

Am Hafen trafen Balian und seine Begleiter auf einen recht konsternierten Robin von Locksley.

„Wieso wollt Ihr das Heilige Land verlassen, Mylord?“, erkundigte sich der junge Engländer verwirrt.

„Richard hat uns hinausgeworfen, um es deutlich zu sagen“, erwiderte Balian. „Und – ehrlich – ich habe keine Lust, mich ständig mit ihm zu streiten, ob meine Verhandlungsführung bei Saladin richtig ist oder nicht. In Frankreich habe ich meine Ruhe und kümmere mich um das Wohlergehen meiner Vizegrafschaft. Gebt Acht auf Euch, Robin.“

Robin nickte.

„Kommt gut heim. Ich bedaure, dass Ihr hier nicht für Frieden sorgen könnt. Ich will auch bald heim. Mein Vater hatte Recht.“

„Womit?“

„Dass die Kreuzzüge nicht im Sinne Gottes sind“, erwiderte Robin. „Ihr habt versucht, es mir zu sagen, aber …“

Robin stockte, als er Balians Hand auf seinem Arm spürte. Er sah auf und blickte in dessen warmes Lächeln.

„Ihr habt es noch rechtzeitig erkannt, Robin. Ich danke Euch, dass Ihr bereit wart, mich zu töten, wenn es notwendig gewesen wäre.“

Robin lächelte schief.

„Beinahe hätte ich Euch unnötig getötet, als Guy Euch am Boden hatte“, sagte er.

„Dann danke ich Euch auch für Eure Geduld mit mir“, lächelte Balian.

„Warum beneide ich langsam Eure Männer, Graf Balian? Mit Euch als Führer dieses Kreuzzuges wäre er längst friedlich beendet.“

Balian zuckte mit den Schultern.

„Fanatiker gibt es auf beiden Seiten. Ich sorge mich um Saladin. Wenn er seinen Feinden zum Opfer fällt, wird es ein entsetzliches Blutbad geben. Ich möchte Euch ungern dazwischen wissen. Sollte Richard Euch aus dem Eid entlassen, seid Ihr bei mir jederzeit willkommen“, sagte er. Robin lächelte verlegen.

„Ich … werde darüber nachdenken“, sagte er. Balian sah ihm an, dass er mit sich kämpfte, vielleicht darüber nachdachte, wem er eigentlich genau die Treue geschworen hatte.

 

Balian und die Seinen gingen an Bord des Schiffes, das ihnen zugewiesen worden war und unter englischer Flagge segelte. Ein Ritter in einem weiß und rot gerauteten Waffenrock trat auf sie zu.

„Seid Ihr Balian von Ibelin, Vizegraf von Saint-Martin-au-Bois?“, fragte er.

„Der bin ich“, bestätigte Balian. Der Ritter im Rautenrock winkte einigen Begleitern, die Körbe und Kisten trugen.

„Mein Herr, der Graf von Tiberias, sendet Euch auf Bitte des Sultans frische Früchte für die Reise und dieses Schreiben. Er bittet Euch, es erst zu lesen, wenn das Schiff den Hafen verlassen hat.“

Balian nahm das Schreiben mit einem Kopfnicken an.

„Das werde ich. Übermittelt dem Grafen bitte meinen Dank und grüßt ihn von mir und den Meinen.“

„Das werde ich, Mylord Balian“, versprach der Bote und verließ das Schiff, nachdem seine Männer die Körbe und Kisten verstaut hatten.

 

Das Schiff legte ab und ließ im stetigen Ostwind Jaffa bald hinter sich. Balian stand am Heck und sah auf das sich entfernende Ufer.

„Bist du traurig, Onkel Balian?“, hörte er Martins Frage.

„Ja, das bin ich. Aber hauptsächlich darüber, dass den Rittern aus Europa Macht immer noch wichtiger ist als die Erfüllung des Rittereides“, erwiderte Balian mit einem Seufzen.

„Und Ibelin?“, fragte Martin weiter.

„Ich vermisse es, wenn du das meinst. Aber ich habe ohnehin nicht damit rechnen können, es wirklich zurückzuerhalten, auch wenn ich einige Tage davon geträumt habe. Ich hätte es wissen müssen, dass Richard jedes Entgegenkommen Saladins, das mir persönlich zugutegekommen wäre, als Verrat meinerseits betrachten würde, selbst, wenn der Sultan es ihm direkt anbietet.“

„Aber warum denn?“, fragte Martin erstaunt.

„Es zeigt ihm, dass Saladin mich sehr schätzt, mehr als ihm lieb sein kann. Wenn ich zum Sultan ein besseres Verhältnis habe als er, meint er, dass er Sorge haben muss, ich könnte ihm die Macht im Heiligen Land streitig machen“, erklärte Balian. Martin schüttelte ernsthaft den Kopf.

„Aber das willst du doch gar nicht!“, empörte sich der Junge. Es war ihm ein Rätsel, wie jemand Balian, seinem Onkel Balian, so etwas zutrauen konnte. Balian lächelte ob des unendlichen Vertrauens, das sein Neffe ihm entgegenbrachte.

Kinder sind ein Geschenk’, dachte er. ‚Sie sollten jedem ein Vorbild sein, was das Gespür für Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit betrifft.’

„Nein, will ich nicht. Aber dass jemand an Macht nicht interessiert sein könnte, ist für jemanden, dem Macht alles bedeutet, nicht zu begreifen. Meistens jedenfalls.“

„Onkel Balian, warum ist Macht denn so wichtig?“, fragte der kleine Prinz.

„Nun“, sagte Balian und setzte sich auf eine große Rolle Taue, „wer selbst Macht hat, kann viele Dinge tun oder sie in eine Richtung lenken, die ihm richtig erscheint, ohne dass er andere fragen muss, ob er das darf. Jemand, der keine Macht hat, kann oftmals nicht einmal selbst darüber entscheiden, was er wann essen kann und ob und wann er sich schlafen legt und wann er aufsteht.“

„Und woher kommt Macht?“, fragte Martin weiter.

„Es gibt Macht, die man von sich aus hat. Die größte Macht hat Gott. Er kann alles bewirken. Durch seine Macht und seinen Willen existieren wir überhaupt. Es gibt Macht, die man sich durch Taten erwirbt. Und es gibt Macht, die von noch Mächtigeren vergeben wird. Ich zum Beispiel bin ein Lehensmann des Grafen von Blois. Er hat mir mein Land und meinen Titel gegeben, dafür verwalte ich meine Vizegrafschaft für ihn. Das heißt, ich leiste ihm Dienste und bestimmte Abgaben. Er seinerseits muss mich dafür vor anderen schützen, die mehr Macht haben als ich. Die Menschen in Saint-Martin-au-Bois sind mir untertan und müssen tun, was ich ihnen sage. Sie leisten mir Abgaben und Dienste, damit ich meinerseits meinen Pflichten gegenüber Graf Louis nachkommen kann. Dafür setze ich Vögte und Hauptleute wie Almaric ein, die mir bei diesen Aufgaben helfen. Über die Menschen, die mir untertan sind, über die habe ich Macht“, erklärte der Baron.

„Und was ist dann so falsch daran, Macht haben zu wollen?“, fragte Martin, der nicht verstand, worauf sein Onkel hinauswollte.

„Es kommt immer darauf an, wie du Macht benutzt: Zum Wohl anderer oder nur zu deinem eigenen Wohl“, erklärte Balian. „Dazu musst du dich fragen, wozu du Macht bekommen hast.“

„Und wozu habe ich – oder du – sie?“, fragte Martin wissbegierig weiter.

„Überleg’ mal, was ein Bauer tut“, erwiderte Balian. Martin sah ihn verstört an. Das schien ihm überhaupt nicht zu der Frage zu passen, die er geklärt haben wollte.

„Hä?“, fragte er.

Wie bitte?, heißt das!“, grinste Balian. „Das hat durchaus was damit zu tun. Also: Was tut ein Bauer?“

„Das Land bestellen“, gab Martin zur Antwort.

„Womit bestellt er sein Land?“

„Mit allen möglichen Feldfrüchten, Getreide zum Beispiel oder Obst und Gemüse.“

„Gut. Und wozu dienen die Feldfrüchte?“

„Zum essen, oder?“, gab Martin zögernd zurück. Balian nickte.

„Genau. Der Bauer sorgt dafür, dass die Leute was zu essen haben. Dafür steht er morgens sehr früh auf, ist den ganzen Tag auf den Beinen, hackt und rodet, erntet, wenn die Früchte reif sind, kümmert sich um seine Tiere, die ihm bei der Feldarbeit helfen. Und wann, meinst du, hat ein Bauer, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang damit beschäftigt ist, Feldfrüchte anzubauen, dann Zeit, kämpfen zu lernen und Kampfübungen zu machen?“, fragte Balian weiter. Martin sah seinen Onkel eine Weile an. Ihm dämmerte etwas.

„Gar nicht?“, fragte er vorsichtig.

„Genau das!“, bestätigte Balian. „Es gibt aber viele, die von der harten Arbeit eines Bauern profitieren wollen – möglichst ohne was dafür zu tun oder auch nur zu bezahlen. Räuber zum Beispiel. Ein Bauer, der keine Zeit hat, um zu kämpfen, um Kämpfen überhaupt zu lernen, kann sich gegen Räuber nicht wehren. Was schließt du daraus?“

„Dass der Bauer jemanden braucht, der ihn beschützt“, gab Martin prompt zur Antwort.

„Stimmt. Und wer könnte das tun?“

„Ein Ritter vielleicht?“

„Ja, ein Ritter“, bestätigte Balian. „Und damit sind wir bei der Aufgabe des Ritters: Die Menschen zu beschützen, die sich eben nicht wehren können.“

„Also beschützen die Ritter die Bauern?“

„So sollte es sein: Die Ritter beschützen Bauern, Händler, Geistliche, Greise, Frauen und Kinder – alle, die sich nicht wehren können.“

Martin ließ die Worte seines Onkels sacken, dann sah er ihn zweifelnd an.

„Hm, das klingt alles so logisch, Onkel Balian, aber …“

„Aber?“, fragte Balian mit einem verschmitzten Grinsen.

„Weißt du, wenn du mir so viele Fragen stellst, dann ist das, was ich daraus lerne, zwar völlig logisch, aber die Wirklichkeit sieht anders aus“, erkannt der Junge. Balian nickte.

„Ja, das ist wahr, Martin. Aber du hast die Möglichkeit, das, was du als richtig erkannt hast, auch durchzusetzen. Du wirst einmal ein König sein. Ein König ist nur dem Herrgott selbst verantwortlich. Du wirst wegen deiner Stellung einmal sehr viel Macht haben; und deshalb möchte ich dich nachdenklich machen für die Dinge, die das Wohl der Menschen bedeuten. Es geht nicht darum, dass es einzelnen Personen oder kleinen Teilen des Volkes gut geht – es sollte dem ganzen Volk gut gehen.“

„Sollte ein König das denn nicht wollen – dass es seinem ganzen Volk gut geht?“

„Doch, genau das sollte er wollen.“

„Und warum tun das dann welche nicht?“

„Weil es unter ihnen welche gibt, die meinen, dass sie sich nehmen können, was sie haben wollen, dass es ihnen gut gehen muss, einfach, weil gerade sie es sind. Sie meinen, es sei Gottes Wille, dass sie bedient werden und stets alles zu ihrer persönlichen Verfügung stehen muss – ob es Nahrung oder Land ist, Gold oder Edelsteine. Aber das ist falsch. Sie haben vergessen, woher sie kommen. Auch die ältesten Adelsfamilien waren nicht von der Erschaffung der Welt an adlig. Irgendwann wurden sie adlig; aber sie wurden adlig, weil es ihre Aufgabe sein sollte, die Menschen zu beschützen und nicht die Aufgabe der Menschen, ihnen zu dienen. In der Bibel wirst du zwar Könige finden, doch diese Könige wurden von ihrem Volk dazu bestimmt, Könige zu sein und fielen nicht als von Gott gesandte Könige vom Himmel. Von Grafen, Herzögen und Baronen wirst du in der Bibel nichts finden. Als der Herrgott Adam und Eva geschaffen hat, hat er Menschen geschaffen, nicht Adel und Nichtadel. Ein Ritter zu sein, ist kein Privileg, kein Geburtsrecht. Es bedeutet, eine Verpflichtung gegenüber den Menschen zu haben und nicht, sich Rechte herausnehmen zu können.“

„Dann sind die, die das meinen, also keine richtigen Adligen?“

„Sie sind Adlige, aber sie haben ihren Ursprung vergessen. Du, Martin, solltest das nie vergessen.“

„Das werde ich nicht. Das verspreche ich dir“, erwiderte Martin und umarmte Balian einfach – wie ein Sohn den geliebten und liebevollen Vater.

„Du, Onkel Balian?“

„Hm?“, brummte Balian und erwiderte die vertrauensvolle Umarmung seines Neffen.

„Du bist so klug und weise – mindestens so wie der alte Daniel von Doberheim. Daniel ist schon sehr alt und wird mich wohl nicht mehr beraten können, wenn ich mal König bin. Kannst du mich dann beraten?“, fragte Martin.

„Na ja, ich wohne ein bisschen weit weg. Wengland ist vier Wochenreisen von Saint-Martin-au-Bois entfernt. Aber das ist noch etwas hin. Du wirst erst elf, dein Vater ist noch jung und wird sicher noch viele Jahre Wenglands König sein. Und du wirst ihm seinen Thron sicher nicht vorzeitig streitig machen wollen, wie Richard von England es mit seinem Vater gemacht hat.

„Nein, bestimmt nicht. Das verspreche ich dir, dass ich mich nicht so benehmen werde wie der!“, bekräftigte der Junge und hob die rechte Hand zum Schwur.

„Du wirst einmal ein guter König sein, Martin. Soweit ich kann, werde ich dir dabei helfen. Das verspreche ich dir“, sagte Balian und gab dem Jungen einen väterlichen Kuss. Dass seine Schwester und ihr Gemahl ausgerechnet ihm und Gaëlle die Erziehung ihres ältesten Sohnes und Thronerben anvertraut hatten, bot eine unglaubliche Chance, die wahre Bestimmung eines Königs aus der Sicht des einfachen Menschen sichtbar werden zu lassen. Balian geriet beinahe ins Schwanken, als ihm bewusst wurde, welche Macht ihm damit gegeben war – und welch ungeheure Verantwortung. Das, was er und Gaëlle Martin beibrachten und als Werte mitgaben, konnte für lange Zeit über das Schicksal eines ganzen Volkes entscheiden …

„Ich glaube, ich sollte jetzt mal lesen, was mir Raymond von Tiberias schreibt“, sagte Balian und strich Martin sanft über den Kopf. Dann zog er ein gesiegeltes Schreiben aus dem Wams und brach das Siegel auf. Martin setzte sich neben ihn, lugte in das Schreiben und war sichtlich erstaunt, dass er die Zeichen nicht lesen konnte, in denen es verfasst war.

„Was sind denn das für komische Buchstaben, Onkel Balian?“, erkundigte er sich.

„Das ist arabische Schrift, Martin. Sie wird nicht wie unsere lateinische Schrift von links nach rechts, sondern von rechts nach links geschrieben“, erklärte der Baron.

„Hm, aber da erkenne ich überhaupt keine richtigen Buchstaben!“, protestierte Martin. „Das sieht aus, als hätte eine Maus erst ihren Schwanz ins Tintenfass getaucht und wär’ dann über das Papier gelaufen!“

Balian musste über den treffenden Vergleich herzlich lachen.

„Ja, stimmt, aber das ist ja gerade der Trick. Raymond und ich benutzen arabische Schrift, wenn es außer uns nur ganz bestimmte Leute lesen können sollen. Tante Gaëlle oder Almaric zum Beispiel. Der Text ist in französischer Sprache geschrieben, aber eben in arabischen Schriftzeichen, die nicht jeder lesen kann.“

„Und was schreibt Onkel Tiberias?“, fragte Martin, die vertrauliche Bezeichnung auch für den mit ihm nicht verwandten Raymond von Tiberias benutzend.

„Lesen wir mal …“, sagte er langsam und las seinem Zögling Raymonds Brief vor:

 

Lieber Balian!

Ich weiß, dass Du eigentlich nach Frankreich zurückkehren willst, doch ich bitte Dich, nach Zypern zu fahren und einstweilen dort zu bleiben. Yasmina weiß Bescheid und wartet auf Euch. Der Kapitän wird Dich noch heute Abend fragen, ob er in Lemesos Proviant und Wasser aufnehmen soll. Bleibt bei uns, allesamt.

Richard ist ein Hitzkopf, und er wird gegen Saladin keinen Erfolg haben. Der Sultan ist ein kluger Mann und ein gewitzter Taktiker, der von Dir gelernt hat. Richard wird Dich bald brauchen, und Du solltest ihm helfen, wenn er einverstanden ist, dass Ibelin wieder Dein ist. Ich weiß, dass Du nie selbst darum bitten würdest, weil Du viel zu bescheiden dafür bist und für Dich selbst nichts erwartest, denn Du meinst, es sei eben Deine Pflicht als Ritter, zu tun, was in Deinen Kräften steht.

Doch ich sage Dir mit Nachdruck: Du hast nicht nur Pflichten, Du hast auch Rechte, mein Junge!

Du schuldest Richard nichts; keinen Gehorsam und keinen Dienst. Für das, was Du für ihn tust, kannst Du auch Lohn erwarten. Von dem, was Dein Vater Dir hinterließ, sind Dir nur sein Ring, sein Schwert und das Wappen geblieben. Für das, was Du hier getan hast und für die Bedeutung, die die Familie Ibelin im Heiligen Land hat, ist das viel zu wenig, Junge! Dein Vater wollte, dass Du ein guter Ritter wirst; so sagtest Du, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Du bist der vollkommene Ritter geworden, daran gibt es keinen Zweifel. Aber auch ein guter Ritter, selbst der vollkommene Ritter, darf erwarten, dass seine Dienste entlohnt werden. Ibelin ist Dein. Saladin wäre es nur recht, wenn Du bleibst und durch Deine Anwesenheit gegenseitiges Vertrauen aller Beteiligten schaffst, und sei es, dass Du ausschließlich als vertrauenswürdiger Verhandlungspartner da bist.

Ich flehe dich an, Balian, Godfreys Sohn: Rette dieses Land!

Dein Freund

Raymond von Tiberias.

 

P.S.: Gaëlle hat damit nichts zu tun!  

 

 

Martin hörte aufmerksam zu und bekam große Augen.

„Warum sagt er dir das nicht selbst, Onkel Balian?“, fragte er.

„Richard hätte ihn kaum in meine Nähe gelassen. Und ich hätte ihm vermutlich das Wort abgeschnitten, wenn er es versucht hätte“, seufzte Balian.

„Und wieso?“, hakte Martin nach.

„Ich wollte nie ein bedeutender Mann sein. Ich wollte gern ein guter Ritter sein, wie mein Vater es mir als seinen letzten Wunsch mitgab, aber niemals jemand, von dem das Wohl oder Wehe ganzer Völker abhängt. Die Gefahr ist groß, schlimme Fehler zu machen – oder eigensüchtig zu werden“, erwiderte Balian. „Als ich ins Heilige Land kam, hatte ich keine Ahnung, wer mein Vater wirklich gewesen war. Die wenigen Wochen, die ich von Saint-Martin-au-Bois bis nach Messina mit ihm verbringen durfte, hatten dafür nicht gereicht. Er und seine Männer haben sie genutzt, um mir beizubringen, wie ich mit einem großen Schwert umgehe und wie ich mich anderen gegenüber verhalten sollte“, fuhr er fort. „Ich wusste, dass er der Baron von Ibelin war, dass ich diesen Titel von ihm geerbt hatte, als er in Messina gestorben war, dass er in Jerusalem und Ibelin Grundbesitz hatte und dass er kurz vor seinem Tod Briefe nach Jerusalem geschrieben hatte, um den König von seinem Erben zu unterrichten. Das erste Mal, dass ich bemerkte, was für ein bedeutender Mann mein Vater gewesen war, war, als ich meinem späteren Freund Imad und Mohammed al-Faes begegnete. Mohammed forderte mich zum Zweikampf heraus und die Erwähnung, dass ich der Baron von Ibelin sei, brachte ihn dazu, fair mit mir zu kämpfen.“

„Warum hat er das getan? Dich herausgefordert, meine ich“, fragte Martin.

„Einfach, weil er es wollte und weil er meinte, der Stärkere zu sein. Islamische Ritter sind da nicht anders als christliche. Von Imad erfuhr ich, dass sie meinen Vater kannten und ihn offenbar respektierten. Dann empfing mich König Balduin und erklärte mir, mein Vater sei einer seiner besten Lehrer gewesen. Und von Almaric erfuhr ich, dass mein Vater ein bedeutender Fürst Jerusalems gewesen war. Ich hatte das Gefühl, viel zu große Schuhe angezogen zu haben, als das auf mich einprasselte. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen und mich lieber nur bescheiden um die Pilgerstraße kümmern und ansonsten mein Land verbessern, damit die Menschen es dort leichter hatten. Nach Ruhm habe ich mich nie gesehnt. Aber er heftete sich an meine Fersen wie ein Wolf an waidwundes Wild.“

„Und warum?“, bohrte Martin weiter. Balian lachte leise.

„Vielleicht gerade deshalb, weil ihn nicht gesucht habe. Als ich mit Tante Gaëlle nach Kerak ritt und Almaric mir sagte, die uns in eiliger Flucht entgegenkommenden Bauern seien außerhalb der Mauren Keraks in Gefahr vor den Reitern Saladins, wollte ich nur diese Menschen beschützen. Aber ich habe damit mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als mir lieb war. Der König wollte mir sein ganzes Heer anvertrauen und mir seine Schwester Gaëlle zur Frau geben. Ich gebe zu, das war sehr schmeichelhaft für mich, zumal ich deine Tante da schon sehr geliebt habe. Aber sie war verheiratet. Damit ich sie heiraten konnte, wollte man ihren Ehemann sogar hinrichten lassen. Aber ich habe mich geweigert.“

„Hat sie dich denn auch schon lieb gehabt?“, fragte der Junge interessiert.

„Oh ja, das tat sie. Aber ihren Ehemann auf diese Weise aus dem Weg zu räumen, wäre eine schwere Sünde gewesen. Nein, nicht nur eine. Wäre ich damit einverstanden gewesen, wäre es ein Verstoß gegen ein ganze Menge Gebote gewesen: Du sollst nicht töten; du sollst nicht deines Nächsten Weib begehren; du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht lügen; du sollst nichts Falsches von deinem Nächsten behaupten. Ich hätte gegen sieben von zehn Geboten gesündigt!“, erklärte Balian. „Sieh mal, ich war ins Heilige Land gekommen, um Erlösung von meinen Sünden zu finden und nicht, um noch mehr Schuld auf mich zu laden. Die Ehe hatten wir miteinander schon gebrochen. Es war nur eine gerechte Sühne, dass ich auf sie und alle Privilegien verzichtete, die mit ihr verbunden sein konnten.“

„War der König dir böse, weil du abgelehnt hast?“

„Nein, er hat meine Entscheidung akzeptiert. Schließlich hatte er erst ein paar Wochen zuvor darauf hingewiesen, dass man für das, was man tut, vor Gott selbst verantwortlich ist und sich nicht hinter Befehlen verstecken kann. Er sagte, dass die Seele einem selbst gehört und man dafür ganz allein verantwortlich ist. An diese Worte habe ich ihn erinnert. Raymond von Tiberias war entsetzt und Tante Gaëlle auch. Sie fanden es beide unerhört, dass ein Mann, der unter dem König stand, sich dessen Wunsch widersetzte. Aber irgendwann haben sie es akzeptiert.“

„War Tante Gaëlle dir denn böse?“

„Ja, das war sie. Sie war richtig wütend und enttäuscht“, grinste Balian. Martin runzelte verwirrt die Stirn.

„Aber du hast sie doch geheiratet!“, protestierte er dann.

„Ja, aber erst sehr viel später. Und das nicht einmal richtig. Ich habe sie hier in Akkon noch mal geheiratet, bevor wir nach Ibelin gezogen sind.“

„Ja, es war eine schöne Feier. Aber wieso eigentlich?“

„Nun, ich habe damals, nach der Übergabe von Jerusalem an Saladin schon mit Guy gekämpft, habe ihn so schwer verwundet, dass ich nicht geglaubt habe, er könne es überleben. Es gab auch Zeugen, die gesehen und gehört haben wollten, dass der ehemalige König von Jerusalem von den Sarazenen tot weggebracht worden war. Aber er hat überlebt …“

„Ist das der, der uns aus Ibelin holen sollte? Der, mit dem du um Tante Gaëlle gekämpft hast?“, fragte Martin, Balian unterbrechend. Balian lächelte.

„Ja, der ist es“, sagte er.

„Imad und Tante Gaëlle haben gesagt, dass er böse ist. Stimmt das?“

„Ja“

„Warum hast du denn Tante Gaëlle nicht richtig geheiratet?“

„Weil sie eben noch mit de Lusignan verheiratet war – und mit zwei Männern gleichzeitig kann sie nun mal nicht verheiratet sein.“

„Und wieso hast du sie dann doch noch mal heiraten können?“

„Nun, es haben sich Umstände ergeben, nach denen ihre Ehe mit de Lusignan nichtig war. Dann konnte ich sie noch einmal heiraten – und diesmal auch wirklich.“

Martin brauchte eine Weile, um die ganze Tragweite dessen zu verstehen, was sein Onkel ihm erzählt hatte.

„Du, Onkel Balian?“

„Ja?“

„Was würdest du tun, wenn du noch mal in der gleichen Situation wärst?“, fragte der Junge dann.

„Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, Martin“, lächelte Balian. „Kein Mensch kann in die Zukunft sehen. Stünde ich noch mal vor der gleichen Frage und hätte das gleiche Wissen wie damals, wüsste ich ja nicht, wie es weiter geht. Ich habe damals gehofft, Guy bemerkt, dass er so nicht weitermachen konnte. Aber das war zu kurz gedacht. Guy hatte offenbar keine Ahnung, wie knapp er am Galgen vorbeigekommen war. Vielleicht hätte ich es ihm sagen sollen. Die Frage ist nur, was er dann getan hätte. Ich befürchte fast, er hätte Mittel und Wege gefunden, alle aus dem Weg zu räumen, die ihm gefährlich werden konnten – Onkel Tiberias, mich, den kleinen Balduin, vielleicht sogar den König Balduin IV. Guy hatte sehr viel weniger Skrupel, anderen ans Leben zu gehen.“

 

 

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Kapitel 41

Lehren

 

Yasmina von Tiberias empfing die Familie Ibelin, deren Zögling und Begleiter wie verlorene Kinder. Balian war für Raymonds Rat dankbarer gewesen, als er es zunächst selbst zugeben mochte. Vielleicht war es doch ganz gut, wenn ihm hin und wieder jemand sagte, dass er kein nutzloser Wurm war, für den er sich angesichts seines späten Wissens um seine Herkunft zuweilen immer noch hielt.

Der Aufenthalt auf Zypern bot für Martin die Gelegenheit, sein Arabisch zu verbessern. Nach drei Wochen, die er wieder dort war, sprach er mit Mathieu fast nur noch arabisch. Gaëlle und Balian waren von der sprachlichen Aufnahmefähigkeit des knapp Elfjährigen höchst angetan. Yasmina von Tiberias hielt den Jungen dazu an, an seine Mutter zu schreiben – und plötzlich zeigte sich ein Problem: Martin sprach seit seiner Ankunft in Saint-Martin-au-Bois fast ausschließlich französisch oder arabisch. Sein Deutsch hatte böse gelitten.

„Es geht nicht, dass du Französisch und Arabisch fließend beherrschst, jetzt auch noch Griechisch lernen willst und dabei deine Muttersprache verlernst“, sagte die ältere Gräfin eines Tages zu ihm, als er mit einem Brief an seine Mutter kämpfte, den er auf Deutsch schreiben sollte und der wieder französisch geraten war.

„Aber meine Mutter ist doch aus Frankreich, Tante Yasmina!“, beschwerte er sich.

„Schon, mein kleiner Prinz. Aber eines Tages wirst du über ein Land herrschen, in dem Deutsch gesprochen wird. Also musst du die Sprache beherrschen, wenn du nicht durch Dolmetscher mit deinem eigenen Volk und deinen Grafen reden willst. Nach allem, was ich durch deinen Onkel und deine Tante von dir weiß, möchtest du ein Fürst wie sie beide sein und für dein Volk da sein. Also musst du die Sprache können. Wir werden also dafür sorgen, dass du auch Deutsch lernst, wie es sich für einen jungen Mann von elf Jahren gehört. Griechisch ist gewiss interessant, aber erst einmal gestrichen, bis du deine eigene Sprache wieder beherrschst“, entschied Yasmina.

„Aber hier redet doch keiner Deutsch!“, beschwerte sich Martin.

„Oh, mein Schatz, das können wir ganz schnell ändern …“, lächelte Gräfin Yasmina.

 

Einige Tage hoffte Martin, Yasmina von Tiberias werde keinen Deutschlehrer finden, doch seine Hoffnung zerschlug sich bald. Yasmina hatte bei den Rittern des Johanniterordens nachgefragt, die auch in deutschen Landen zu finden waren. Der Großmeister des Ordens hatte rasch Bruder Wenzel aus Löwenstein in Wenglands Nachbarland Scharfenburg gefunden. Dort wurde ein deutscher Dialekt gesprochen, der dem Wenglischen sehr ähnlich war. Der sonst so folgsame Martin zeigte sich zunächst störrisch, aber Bruder Wenzel griff zu einem geschickten Trick: Er fragte Martins Freund Mathieu, ob er an Deutsch interessiert sei. Mathieu, der gern mehr über das Land erfahren wollte, aus dem sein bester Freund kam, war prompt Feuer und Flamme. Und es gab noch einen Sprachbegabten, der an Deutsch interessiert war: Balian von Ibelin. Bruder Wenzel hatte also drei Schüler, von denen zwei den Dritten glatt mitrissen. Es trat ein, was Wenzel beabsichtigt hatte: Der stets hilfsbereite Martin half den völligen Neulingen in dieser Sprache mit seinem noch vorhandenen Wissen aus und lernte die fast verloren gegangene Muttersprache auf diese Weise fast nebenbei. Voller Begeisterung schrieb er seiner Mutter davon – auf Deutsch.

 

Währenddessen erholte Gaëlle sich von dem Zusammenbruch, den sie bei dem Zweikampf erlitten hatte. Eine nähere Untersuchung von Raymonds Leibarzt ergab, dass sie tatsächlich schwanger war – vermutlich im zweiten Monat.

„Ibelin!“, seufzte sie, als Balian sie wenige Tage später auf einer Bank im Garten bei Sonnenuntergang liebevoll im Arm hielt.

„Was meinst du jetzt? Dass du Sehnsucht danach hast?“, fragte er leise und küsste sie sacht auf das offene Haar.

„Das auch. Ich dachte daran, dass unser zweites Kind dort gezeugt wurde. Es wäre schön gewesen, wenn ich es dort auch hätte zur Welt bringen können.“

„Wir werden sehen. Raymond hat mich ausdrücklich gebeten, zunächst hier auf Zypern zu bleiben. Wir werden abwarten, was sich weiter tut und erst dann nach Frankreich weiterreisen, wenn Raymond mir mitteilt, dass es eine Verhandlungslösung völlig ausgeschlossen ist“, sagte er sanft. Gaëlle schluckte eine Erwiderung nur knapp herunter. Beinahe hätte sie laut gesagt, dass sie weitere Verhandlungen von ihrem Cousin Richard nicht erwartete. Aber wenn Balian darauf warten wollte, sollte es ihr nur recht sein. Sie spürte, dass auch er Sehnsucht nach Ibelin hatte. Er hatte erneut von dieser verführerischen Frucht des Orients gekostet … Gaëlle wusste nur zu gut, wie süchtig diese Frucht machte. Einmal davon geschmeckt, war man dem Zauber des Orients rettungslos verfallen …

 

Während Gaëlle und Balian auf Zypern das Leben genossen, versuchte König Richard von England, unterstützt von Guy de Lusignan und Konrad von Montferrat, nach Jerusalem vorzudringen. Richard hatte nach den bisherigen Erfolgen damit gerechnet, das Land bis an die Berge Judäas rasch zu erobern, doch es wollte ihm nicht gelingen. Zwar hatte sein Heer die Küste bis nach Askalon erobert und die Stadtmauer von Askalon wieder errichtet, aber der Streifen Landes ließ sich nur bis knapp hinter Jaffa dauerhaft beherrschen. Mit ungeheurer Anstrengung gelang es ihm und seinen Truppen, bis in das Hebrontal kurz vor Jerusalem zu kommen. Die Pilgerstraße zwischen Jaffa und Jerusalem konnten die Christen nicht unter Kontrolle bringen. Diese Straße wurde von der Burg Ibelin beherrscht – und Ibelin gehörte unter Imad ad-Dins Herrschaft zu Saladins Reich. Guy de Lusignan hatte sich daran schier die Zähne ausgebissen. Imad hatte ebenfalls von Balian gelernt und verteidigte Ibelin geschickt und zäh. Die Kreuzritter mussten auf Distanz bleiben. Ohne die Beherrschung der alten Pilgerstraße war die Versorgung von der Küste über Jaffa gefährdet, und das wirkte sich auf die Kampfkraft der Kreuzrittertruppen aus.

Seit Richard Balian von Ibelin des Landes verwiesen hatte, dessen Verhandlungsergebnisse ihm nicht weit genug gegangen waren, war nun fast ein halbes Jahr vergangen, man schrieb den März des Jahres 1192. Er hatte noch lange nicht das erobert, was er durch Balians Verhandlungen längst hätte haben können.

Die Franzosen, deren Führer Henri de Champagne und Konrad von Montferrat waren, nahmen es Richard übel, dass seine Gier nach gewaltsamer Eroberung von noch mehr Land viele tausend Ritter und Soldaten das Leben gekostet hatte, die vielleicht später von besseren Ausgangspositionen leichter das ganze Land hätten erobern können – und dass er mit Balian einen Franzosen verjagt hatte. Konrad, der mit Isabella von Anjou verheiratet war, der Schwester Gaëlles, hatte sich nur zähneknirschend gefügt, dass er Guy de Lusignan beerben sollte, wenn dieser sterben sollte. Guy war ein Mann im besten Alter. Allenfalls dessen Tod im Kampf konnte dazu führen, dass die Krone für Konrad in greifbare Nähe rückte. Dass seine Schwäger Balian und Gaëlle nicht mehr anwesend waren, war für Konrad eine zusätzliche Schwierigkeit, denn er meinte, mit ihrer Unterstützung gegen ein Königtum de Lusignans rechnen zu können.

 

König Richard durchmaß unruhig sein Zelt, als Konrad, Raymond von Tiberias und Guy de Lusignan eintraten.

„Welche Nachrichten bringt Ihr?“, fragte der Engländer.

„Wir sind bis auf wenige Meilen an Jerusalem heran, König Richard. Vom Hügel aus ist die Stadt schon am Horizont zu sehen“, erklärte Guy de Lusignan. Richard zuckte hoch, was Guy annehmen ließ, er wollte sehen, was er ihm gerade gesagt hat.

„Wann können wir die Stadt einschließen?“, fragte er.

„Das können wir nicht“, entgegnete Raymond. „Wir müssten zu viele Männer für die Überwachung der alten Pilgerstraße abstellen, um die Versorgung aus Jaffa zu sichern. Imads Truppen in Ibelin und südlich der Pilgerstraße schneiden uns sonst ab. Die Folge wäre, dass dieses Heer ebenso vernichtet wird wie das Heer Jerusalems an den Hörnern von Hattin.“

„Dann räuchert dieses Widerstandsnest aus.“, grollte Richard.

„Mylord, was wisst Ihr über Ibelin?“, fragte Raymond.

„Was sollte ich wissen?“, erkundigte sich Richard.

„Ibelin hat zwei ausgesprochen gut befestigte Burgen. Es liegt eher unzugänglich in einem Talkessel, in den nur eine einzige Straße hineinführt, die von wenigen Männern bewacht und abgeriegelt werden kann. Diese Burg wurde 1131 gebaut und ist nie erobert worden. Auch König Guy hat sich daran schon die Zähne ausgebissen, Mylord“, erklärte der Graf von Tiberias.

„Mir sind die Leute des Bastards von Ibelin auch in den Rücken gefallen!“, beschwerte sich Guy. „Ohne solche Verräter hätte ich es geschafft!“

„Das war vor mehr als einem halben Jahr, Mylord!“, konterte Raymond von Tiberias. „Ihr habt es seither mindestens fünfmal versucht und Ibelin ist immer noch in den Händen der Sarazenen. Das liegt bestimmt nicht an Balian von Ibelin oder seinen Männern!“

Er sah Richard von England an.

„Es wäre besser gewesen, wenn Ihr auf den Vorschlag Saladins eingegangen wärt, Balian Ibelin zurückzugeben …“, sagte er-

„Was?“, fuhr Richard Raymond an. „Wollt Ihr damit sagen, dass es ein Fehler war, Ibelin zu entlassen?“

„Ja, Mylord“, erwiderte Tiberias. „Hätte Saladin Balian Ibelin zurückgegeben, wäre Ibelin nach Saladins eigenem Wunsch neutral gewesen. Imad hätte seine Truppen dort nicht einquartieren können, und unsere Versorgungswege wären nicht bedroht gewesen. Selbst, wenn wir annehmen, dass Balian uns die Benutzung der Pilgerstraße verweigert hätte, weil er durch Neutralität dazu verpflichtet gewesen wäre, hätten wir unbehelligt etwas weiter nördlich durchziehen können“, erklärte er.

„Ihr ratet mir also, ihn zurückzuholen?“, hakte Richard nach, immer noch unruhig herumwandernd.

„Um Ibelin zu neutralisieren, ist es zu spät. Ich kenne Saladin gut genug, um zu wissen, dass er dieses Angebot nicht wiederholen wird“, entgegnete Tiberias.

„Also: Was ratet Ihr mir, Graf Tiberias?“, fragte der englische König nochmals.

„Holt ihn zurück, wenn Ihr auf dem Verhandlungsweg noch einen Zugang nach Jerusalem erreichen wollt. Erobern können wir es nicht. Nicht unter diesen Gegebenheiten.“

„Warum habt Ihr mir das nicht früher gesagt?“, maulte Richard.

„Ich habe es Euch gesagt, doch es hat Euch nicht interessiert“, antwortete Raymond kühl.

„Seht Ihr das auch so, Graf Montferrat?“, fragte Richard Konrad.

„Ja“, erwiderte der knapp.

„Guy?“

„Ich rate ab, König Richard“, erwiderte der König von Jerusalem. „Wir sind nur wenige Meilen von Jerusalem entfernt. Wenn wir durchhalten, können wir es bald einschließen. Wir können jetzt mehr erreichen, als dieser Bastard durch seine verräterischen Verhandlungen“

„Und Saladin schneidet uns ab!“, versetzte Konrad. „Es reicht, dass Ihr in Eurem Unverstand Jerusalems Heer vernichtet habt. Erst das hat dazu geführt, dass Jerusalem überhaupt erobert werden konnte!“

„Kommt und seht“, sagte Guy zu Richard, statt auf Konrads Vorwurf einzugehen, doch Richard schüttelte den Kopf.

„Nein, wenn ich es nicht erobern kann, dann will ich es auch nicht sehen“, entgegnete Richard scharf und resigniert zugleich.

„Wie kommt Ihr eigentlich dazu, den Baron von Ibelin als Verräter zu bezeichnen, Guy?“, fragte Konrad den König von Jerusalem.

„Persönlicher Hass, Mylord Konrad. Balian hat ihm die Frau ausgespannt“, antwortete Tiberias mit breitem Grinsen an Guys Stelle. „Oder seid Ihr gegen Balian, weil Ihr nichts unversucht gelassen habt, Balduins Idee von friedlichem Zusammenleben aller Religionen zu hintertreiben, die auch Balians Idee war, weil sein Vater ihre Richtigkeit erkannt hatte und sie an Balian weitergab?“, spöttelte Tiberias, an Guy gewandt. Der Angesprochene wurde rot.

„Guy, Ihr seid König von Jerusalem, weil Richard Euch gegen Philippes Willen durchgesetzt hat. Würde Gaëlle von Ibelin darauf beharren, den Thron für ihren Sohn zu beanspruchen, gäbe es inzwischen genügend Grafen und Barone Jerusalems, die das unterstützen würden – und damit wäre Balian von Ibelin König von Jerusalem!“, schlug Konrad in die gleiche Kerbe.

„Nur über meine Leiche!“, fauchte Richard.

„Ihr könnt es drehen und wenden, wie Ihr wollt, Richard: Ihr seid zwar auch aus dem Hause Anjou, aber nicht aus dem gleichen Zweig“, versetzte Konrad giftig. „Gaëlles Sohn war bereits König von Jerusalem. Sie hat in der Ehe mit Balian einen Nacherben des Throns geboren, der durch ihre Inhaberschaft des Thrones sehr viel mehr Rechte auf den Thron hat als Guy. Guy de Lusignan konnte nur durch die Ehe mit ihr überhaupt an die Krone kommen. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass Guy auf den Thron von Jerusalem keinerlei Ansprüche hat, weil diese in der Familie Anjou weitergegeben werden. Balian wäre als Gaëlles Gemahl derjenige, der am ehesten der Prinzgemahl sein könnte.“ 

„Das Thema hatten wir bereits und es ist entschieden, nachdem Philippe sich ebenfalls für Guy ausgesprochen hat. Als König von Frankreich war er berechtigt, darüber zu entscheiden“, entgegnete Richard gereizt.

„Falsch!“, konterte Konrad. „Philippe wollte, dass ich König von Jerusalem bleibe. Er scheiterte nur an seiner Eitelkeit, Leopold von Österreich nicht als Vertreter des toten Kaisers zu akzeptieren. Leopold hat auch für mich gestimmt, wie Ihr Euch dunkel erinnert.“

Eine Hand, die sich begütigend auf seinen Arm legte, ließ Konrad stocken.

„Lasst es gut sein, Mylord. Rühreier könnt Ihr nicht wieder zu Eiern machen“, sagte Tiberias. Sein warnendes Zwinkern konnte nur Konrad sehen. Konrad war dabei, sich Richard zum ernsthaften Feind zu machen … Montferrat bemerkte seinen Fehler und war Raymond durchaus dankbar für sein Eingreifen.

„Nun, Ihr habt Recht, Tiberias. Es ist derzeit nicht zu ändern“, sagte er. Richard sah ihn strafend an.

„Beherrscht Euch künftig besser, Konrad“, knurrte er.

„Ich bedaure, dass Ihr Euch damit ermutigt fühlt, ich zu maßregeln, Richard. Ich bin Euch nicht untertan. Also mäßigt Euren Ton!“, zischte Konrad.

Richard zog eine Braue hoch, verzichtete aber darauf, erneut eine Diskussion darüber anzufangen, wer gegenwärtig das Sagen hatte. Es wurde Zeit, wieder zum Kern der Sache zu kommen.

„Na schön, Tiberias. Holt Balian zurück. Er soll mit Saladin verhandeln“, sagte er.

„Das werde ich“, bestätigte Raymond. „Was bietet Ihr ihm als Lohn an?“

„Was?“, fuhr Richard hoch.

„Mylord, Balian ist Euch nicht untertan, weder hier noch in Frankreich. Ihr habt wirksam verhindert, dass er seinen Besitz zurückerhält. Wenn Ihr ihn wieder als Euren Bevollmächtigten einsetzen wollt, wird er dafür etwas verlangen können“, versetzte Tiberias. Bei Richard schwoll die Zornesader erneut.

„Treibt es nicht zu weit, Tiberias!“, warnte er.

„König Richard, ich muss Euch daran erinnern, dass ich Euch ebenfalls nicht untertan bin und Euch keinen Gehorsam schulde. Was ich für Euch bisher getan habe, geschah aus Dankbarkeit für meine Freiheit. Doch treibt es Eurerseits nicht zu weit, sonst steht Ihr bald allein vor Jerusalem. Kommt endlich auf den Boden zurück und mäßigt Euren Ton! Ihr seid nicht König von Jerusalem!“, grollte Raymond von Tiberias.

Im ersten Moment wollte Richard explodieren, entschied sich dann aber für Spott.

„Guy, lasst Ihr Euch solche Reden gefallen?“, spottete er mit stur auf Tiberias gerichtetem Blick. Doch auch Guy nahm nun eine abwehrende Haltung ein.

„Richard, ich sehe mich genötigt, Euch daran zu erinnern, dass ich hier als König von Jerusalem stehe und nicht als Euer Lehnsmann. In Poitou könnt Ihr mir befehlen, was Euch beliebt, solange es nicht gegen Gottes Gebote verstößt und mich auch verspotten; aber nicht hier, mag Jerusalem selbst auch noch von den Heiden beherrscht sein. Wenn ich Euch den Oberbefehl überlassen habe, den Ihr Euch einfach angeeignet habt, dann, weil Ihr in guter Feldherr seid; nicht, weil ich Euch als meinen Herrn anerkenne. Ich ermahne Euch, mir den schuldigen Respekt zu erweisen!“, grollte Guy. Richard blieb zunächst die Sprache weg, dass seine Marionette sich erdreistete, selbstständig werden zu wollen. Dann holte er tief Luft.

„Ohne mich wärt Ihr nicht …“, setzte er donnernd an, aber Guy unterbrach ihn ebenso kalt wie laut:

„Schweigt!“

Tatsächlich klappte Richard den Mund wieder zu.

„Richard, wenn Ihr mich auf den Thron gehievt habt, um Konrad zu demütigen und um Philippe eins auszuwischen, mag das so sein. Solltet Ihr mich deshalb zum König gemacht haben, damit ich Euch willfährig diene, weil ich in Frankreich Euer Lehnsmann bin, seid Ihr im Irrtum. Ihr wisst, dass ich Balian auf den Tod nicht ausstehen und Ihr wisst auch genau, weshalb. Ich werde es ihm nie verzeihen, dass er mir Gaëlle weggenommen hat und ich werde auch nie auf sie verzichten. Meine Ehe mit ihr war gültig. Deshalb b