Gundolfs Bibliothek

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache – Das Buch zum Film – online

Updated: 14. Februar 2019

*Kapitel 12 neu*

Cover Filmbuch Salazars Rache

Titelbild © Walt Disney 2017

Prolog

 

Der junge Henry Turner lag auf seinem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen offen, als er an die Wand vor sich starrte. Schatten, von einer einzelnen Kerze hervorgerufen, flackerten in der Brise, die durch das offene Fenster hereinwehte, tanzten durch den Raum. Der Junge wagte es nicht, mehr Licht zu machen. Er wollte nicht, dass seine Mutter hereinkam, nicht in dieser Nacht aller Nächte. Diese Nacht, dachte er, seine Stirn mit neuer Entschlossenheit kraus gezogen, war die Nacht. Die Nacht, in der er seine Zukunft ändern würde – und die seines Vaters.

Er stand auf und ging zu der hinteren Wand seines Zimmers. Jeder Quadratzoll der hölzernen Oberfläche war mit Papier bedeckt. Es waren Seiten, aus Büchern gerissen, die in obskuren Sprachen geschrieben waren. Karten und Listen wetteiferten um Platz, so übereinander gelegt, dass Ozeane mit Meeren verschmolzen und Flüsse sich auf trockenes Land wanden. Er beugte sich dichter darüber, seine langen Finger glitten über einige Zeichnungen von monströsen Meereskreaturen.

Ein riesiger Kraken, der seine Tentakel um ein sinkendes Schiff geschlungen hatte, war auf einer davon abgebildet.

Eine andere Zeichnung zeigte einen gewaltigen auftauchenden Wal, dessen Augen rot vor Zorn waren.

Meerjungfrauen und Wassermänner schwammen durch blaues Wasser, die Lippen gefletscht, die Raubtierzähne statt menschlicher Gebisse freilegten, während sie unglückselige Seeleute jagten.

Seine Finger blieben auf einer der Zeichnungen liegen. Dieses war einzigartig, weil es keine Kreatur, sondern eher einen Mann zeigte – oder, um genauer zu sein – jemand, der einmal ein Mann gewesen war. Menschliche Augen voller Kummer und Schmerz starrten unter schweren Augenbrauen hervor. Doch wo weiche Wangen oder jedenfalls ein Bart hätte sein sollen, wuchsen Tentakeln. Sie schienen sich sogar in der Zeichnung zu bewegen, schlugen Wellen um das berühmt-berüchtigte Gesicht von Davy Jones, der einst Captain der Flying Dutchman gewesen war. Dazu verdammt, die Seelen ins Jenseits zu bringen und dazu verdammt, nur einmal alle zehn Jahre an Land gehen zu können, war über das Bild in Henrys Zwölfjährigen-Handschrift über das Bild geschrieben.

Er seufzte. Davy Jones war nicht länger Captain der Dutchman. Ein anderer hatte vor mehr als einem Jahrzehnt seinen Platz eingenommen. Sein Vater, Will Turner, stand nun am Steuer des verfluchten Schiffes. Dem Jungen stockte der Atem, als er vor seinem Zimmer ein Geräusch hörte. Unter der Tür sah er, dass die Füße seiner Mutter davor angehalten hatten.

„Henry, schläfst du?“, hörte er ihr sanftes Flüstern. Er antwortete nicht. Er liebte seine Mutter, aber wenn er sie jetzt sah, könnte es ihn dazu bringen, seinen Plan zu überdenken, und er hatte zu lange auf diese Nacht gewartet, um sie zu ruinieren oder zu verschieben. Schließlich ging Elizabeth Turner weiter, zufrieden, dass ihr Sohn schlief.

Erst, als er hörte, dass die Schlafzimmertür seiner Mutter geöffnet und wieder geschlossen wurde, wagte er, auszuatmen. Seine Aufmerksamkeit kehrte zur Wand zurück, er schenkte zwei der Bilder einen langen Blick, die ihn in seinen Träumen verfolgten und sein Verlangen befeuerten, alles über die See zu lernen.

Eines war der legendäre Dreizack. Der mythische Gott Poseidon hielt ihn in den Händen. Selbst in der einfachen Zeichnung war die Macht dieses Objekts klar erkennbar.

Das andere Bild war eines von seinem Vater. Es war eine einfache Kohlezeichnung, verblichen und gerissen. Er war größer und seine Schultern waren breiter, aber die Augen, die aus dem Bild schauten, waren dieselben wie Henrys, die Wangenknochen ähnelten seinen. Es war das einzige Bild, das er von seinem Vater hatte.

Der Junge griff danach und schnappte sich beide Bilder. Er bückte sich und nahm er einen kleinen Sack, der auf dem Ende seines Bettes gestanden hatte. Er warf ihn über die Schulter, blies die Kerze aus und ging zum offenen Fenster.

Er stockte, sah ein letztes Mal auf das Schlafzimmer seiner Kindheit. Er wusste, dass die Möglichkeit bestand, dass er es nie wiedersah. Ein leichter Schmerz stach in sein Herz, als er realisierte, dass er seine Mutter vielleicht auch nie wiedersah. Doch er schüttelte den Kopf. Es tat ihm nicht gut, so zu denken.

Erneut sah er durch das offene Fenster. In einiger Entfernung sah er die Küstenlinie und die Wellen, die im Mondlicht glitzerten. Er streckte erst einen Fuß und dann den anderen durch das Fenster. Die Zeit für Gedanken, Wünsche und Hoffnung war vorüber. Es war Zeit zum Handeln.

1

Henry pullte sein kleines Boot durch karibische Gewässer. Ein voller Mond hing am wolkenlosen Himmel, und warmer Wind, der einen leichten Hauch von Salz herantrug, wehte über das Wasser. Das Meer schien leer, abgesehen von einer Schule Delfine, die in den sanften Wellen sprangen und spielten.

Seine Schultern krümmten sich, als er sich abmühte, das Boot durch das Wasser zu bewegen. Sein Haar hing ihm im Gesicht, feucht von der Seeluft und der Anstrengung des Ruderns. Trotz der späten Stunde hatte er ein Leuchten in den Augen – und eine Absicht.

Plötzlich, als ob er eine Art Zeichen erkannt hatte, hörte er auf zu pullen. Er saß für einen Moment still, die Wellen schwappten gegen die hölzernen Seiten des Bootes. Stille senkte sich und zum ersten Mal, seit er sich auf diese Mission begeben hatte, spürte der Junge einen leichten Anflug von Zweifeln.

‚Was mache ich hier?‘, dachte er.

Dann schüttelte er den Kopf. Er wusste ganz genau, was er tat. Er hatte es seit Monaten geplant. Eigentlich seit Jahren.

Er wollte seinen Vater sehen.

Aber zunächst musste er ihn finden. Und das zu tun erforderte sehr viel mehr Stärke und Mut, als ein Boot zu stehlen und es mitten in die Karibik zu rudern – selbst, wenn dieses Meer voller Piraten, Haie und schier unvorstellbarer Kreaturen war.

Als er aufstand, holte er tief Luft. Er hatte lange genug gewartet. Er trat an den Bug des Bootes und blieb an einem großen Jutesack stehen. Das dicke, raue Material vermochte nicht, die Umrisse der Steine zu verbergen, die den Sack füllten. Ein Stück Leine war an dem Sack festgebunden.

Das andere Ende war an seinem Bein befestigt.

Bevor er Angst vor der eigenen Courage bekommen konnte, hob er den Sack hoch und warf ihn ungezwungen über Bord. Für einen Moment schien der Sack auf der Oberfläche zu treiben, als ob er nicht versinken wollte. Doch es war kaum mehr als eine Illusion. Der Sack begann, ins Wasser zu sinken, und als er das tat, rauschte die Leine mit wüster Geschwindigkeit hinterher.

Zehn Fuß waren noch übrig. Dann sieben. Dann fünfeinhalb.

Als nur noch ein paar Fuß blieben, verschwand die Leine immer schneller. Henry trat an das Ende des Bootes. Seine Augen waren ruhig, seine Hände fest, er holte tief Luft und sprang ins Wasser. Augenblicklich verschwand er unter der dunklen Oberfläche.

Allzu schnell verblasste das Mondlicht über ihm. Dunkelheit verschluckte ihn vollständig. Das Wasser wurde kälter. Als er tiefer und tiefer fiel, begannen seine Lungen zu protestieren, seine Augen quollen in Ermangelung von Sauerstoff hervor. Seine Hände verkrampften sich an seinen Seiten. Er blieb immer noch ruhig. Er kämpfte nicht. Er versuchte nicht, sich an die Oberfläche zurückzuarbeiten.

Und dann – so schnell wie sein Abtauchen begonnen hatte – hörte es auf, als sein Fuß an etwas Hartes stieß.

Wäre er in der Lage gewesen, hätte er einen Triumphschrei ausgestoßen. Doch so, wie es war, konnte er nur lächeln, als er sah, worauf er gelandet war: auf dem hölzernen Deck eines Schiffes – eines Schiffes, das nun rasch auftauchte und ihn mit sich trug.

Einen Moment später tauchte das Schiff mit einem mächtigen Schwall auf, der es über Wasser beförderte. Mit einem donnernden Klatschen krachte der Rumpf auf die Oberfläche. Als es auf der See aufsetzte, floss das Wasser vom Deck und aus den Luken. Im Mondlicht sahen die verschrammten Planken wie die Knochen einer gigantischen Bestie aus. Dicke Algen und Seegras bedeckten die Oberfläche. Zerrissene, löchrige Segel flatterten, bis der Wind hineingriff und sie prall wurden. Der Bug, der die Form eines wilden Raubtiergebisses hatte, zeigte in die Dunkelheit.

Dies war die Flying Dutchman.

Henry lag auf dem Deck, saugte gierig Luft in seine Lungen, bis sie beinahe platzten. Er blieb dort für einen langen Moment. Dann erhob er sich wankend auf die Knie. Er war noch immer auf allen Vieren, ließ keuchend den Kopf hängen, als er Schritte auf dem brüchigen Deck in seine Richtung kommen hörte. Er arbeitete sich auf die Füße und wandte sich dem Geräusch zu, dann sagte er zu dem Mann, der aus dem Schatten kam:

„Vater?“

Will Turner, der verfluchte Captain der Flying Dutchman, stoppte seinen langsamen Gang zu Henry. Sein Gesicht blieb im Schatten verborgen, als er zu seinem Sohn hinuntersah.

„Henry“, sagte er schließlich mit heiserer Stimme, „was hast du getan?“

„Ich hab’ doch gesagt, dass ich dich finde“, antwortete der Junge schlicht. Er machte einen Schritt auf seinen Vater zu, den er unbedingt umarmen wollte, den er bisher nur ein einziges Mal getroffen hatte.

Doch Will wich seiner Umarmung aus, wobei er sorgfältig darauf achtete, das sein Gesicht in der Dunkelheit verborgen blieb. Eine Mischung aus Unglauben, Ärger und Stolz wallte in ihm auf.

„Bleib’ weg von mir!“, bellte er. „Ich bin verflucht! An dieses Schiff gefesselt.“

Sein Tonfall, harsch und kalt, schien durch den kleinen Jungen zu schneiden, und Will spürte prompt eine Welle des Zweifels. Es war nicht Henrys Schuld, dass Will zum Captain eines verfluchten Schiffes und einer ebenso verfluchten Crew geworden war. Und es war auch nicht Henrys Schuld, dass Will seit mehr als einem Jahrzehnt von dessen Mutter getrennt war. Es war eine grausame Wendung des Schicksals gewesen, der ihn an Deck der Flying Dutchman hatte landen lassen. Schicksal, Liebe und ein ordentlicher Schuss Dickköpfigkeit – dieselbe Dickköpfigkeit, die sich in den Augen seines Sohnes spiegelte.

Er machte einen kleinen Schritt nach vorn und zeigte sich dem Jungen.

„Sieh mich an, mein Sohn …“, sagte er mit sanfterer Stimme.

Die Jahre hatten ihren Tribut von William Turner jr. gefordert. Seine einst makellose Haut und seine männlich-schönen Züge waren nun von Muscheln verunziert, die an seinen Wangen und seinem Hals hingen. Sein langes Haar war verfilzt, seine Augen umgeben von der Last des Fluches. Seine Schultern waren stärker gekrümmt als sie einst gewesen waren und die Mundwinkel, die sich so oft in einem sanften, unbeschwerten Lächeln gehoben hatten, hingen herunter. Er war das Sinnbild der Niederlage.

Henry wich nicht zurück.

„Das ist mir egal“, sagte er und versuchte nochmals, die Distanz zu seinem Vater zu überwinden. „Wir sind jetzt zusammen. Ich bleibe bei dir …“

Will schüttelte den Kopf. Die Hoffnung in der Stimme seines Sohnes brach ihm das Herz. Er erinnerte sich, dass er einst dieselbe Sehnsucht gehabt hatte, bei seinem Vater zu sein; damals, als „Stiefelriemen Bill“ Turner ein verfluchtes Mitglied der Crew der Flying Dutchman gewesen war und Will selbst noch ein naiver junger Mann gewesen war, der an die wahre Liebe, an ein glückliches Ende und den Triumph des Guten über das Böse geglaubt hatte.

Doch diese Tage waren längst vorüber. Nun sah er seinen Sohn mit den Augen eines Mannes an, der wirklich und vollkommen zerstört war. Er wollte, dass sein Sohn nichts, aber auch absolut gar nichts mit diesem Leben zu tun haben sollte. Er sollte frei sein. Etwas, das er selbst nicht sein würde – für fast hundert Jahre.

„Die Dutchman ist kein Ort für dich“, sagte er schließlich, um seinen Standpunkt klarzumachen. „Kehr’ heim zu deiner Mutter.“

„Nein!“

Henry wollte nicht nachgeben. Er hatte so lange auf diesen Augenblick gewartet. Er hatte alle Möglichkeiten durchdacht – gute wie schlechte. Bei seinem Vater zu bleiben, bedeutete das Ende seines Lebens, wie er es gekannt hatte. Aber was für ein Leben lebte er jetzt? Ein Leben ohne einen Vater? Davon abgesehen … wenn er einmal einen Weg gefunden hatte, den Fluch zu brechen, konnten sie zu seiner Mutter an Land zurückkehren, als eine wiedervereinigte Familie.

Unter Deck wurden plötzlich dumpfe Geräusche laut. Henry konnte schwaches Stöhnen, Grunzen und das Geräusch schlurfender Schritte ausmachen. Will seufzte und wandte sich dem Heck seines Schiffes zu.

„Sie wissen, dass du hier bist“, warnte er seinen Sohn vor der verfluchten Crew. Er schnappte ihn am Kragen und schob ihn zur Reling. Darunter dümpelte dessen kleines Boot.

„Geh, bevor es zu spät ist.“

Der Junge rangelte sich frei.

„Ist mir egal!“, widersprach er starrköpfig. „Und wenn du mich über Bord wirfst, komme ich gleich wieder zurück!“

„Siehst du nicht, dass ich verflucht bin?“, erwiderte Will traurig. „Ich bin an dieses Schiff gefesselt!“

„Das ist der Grund, weshalb ich hier bin!“, konterte Henry mit versagender Stimme. „Ich glaube, ich kenne einen Weg, um deinen Fluch zu brechen.“

Als er die Trauer in der Stimme seines Sohnes hörte, spürte Will, dass sein verfluchtes Herz nochmals brach.

„Henry … nein!“

Der Junge ignorierte seinen Vater.

„Ich habe von einem Schatz gelesen – einem Schatz, der alle Macht der Meere enthält. Der Dreizack des Poseidon kann deinen Fluch brechen!“

Er griff in seine Jackentasche und zog die triefend nasse Zeichnung heraus, die er aus seinem Zimmer mitgenommen hatte. Verzweiflung füllte seine Augen und überflutete sein Gesicht.

Will vergaß sich für einen Moment, zog seinen Sohn an sich und umarmte ihn.

„Henry, der Dreizack kann nie gefunden werden. Es ist nicht möglich … Das ist nur eine Geschichte.“

„So wie die Geschichten von dir und Captain Jack Sparrow?“, fragte Henry mit tränenerstickter Stimme. Er erinnerte sich schlagartig an den Steckbrief, der an seiner Schlafzimmerwand hing. Er zeigte einen Piraten, dessen Augen mit Kajal umrahmt waren, mit einem mokanten Ausdruck im Gesicht. Er war jahrelang mit diesem Gesicht in seinen Gedanken eingeschlafen. Er kannte Geschichten über diesen Piraten, wusste um dessen Ruf als einer der größten Piraten, die jemals in der Karibik gesegelt waren.

„Er wird mir helfen, den Dreizack zu finden!“, fügte er stur hinzu.

Will prallte kopfschüttelnd zurück.

„Halte dich fern von Jack!“ sagte er mit ernster Stimme. „Verlasse die See für immer. Hör’ auf dich zu benehmen, wie …“

„Ein Pirat?“, fiel Henry ihm ins Wort. „Ich werde nicht aufhören! Du bist mein Vater! Ich will, dass du nach Hause kommst!“

Der Ältere seufzte. Es klang laut in der Stille, die das verfluchte Schiff plötzlich ergriffen hatte. Die Zeit lief davon – für Vater und Sohn. Die Dutchman würde nicht mehr lange an der Oberfläche bleiben.

„Henry“, sagte Will, der weiterhin versuchte, zu seinem Sohn durchzudringen, „es tut mir Leid. Mein Fluch wird niemals gebrochen werden. Das ist mein Schicksal.“

Er nahm das vierteilige Amulett ab, das er um den Hals trug und legte es sanft in die Hand seines Sohnes.

„Du musst mich gehen lassen, aber ich werde immer in deinem Herzen sein. Ich liebe dich, mein Sohn.“

Mit diesen Abschiedsworten durchtrennte er mit seinem Entermesser die Leine, die den Fuß des Jungen an den Jutesack band. Die Flying Dutchman sank abermals unter die Oberfläche, Henry schwamm zurück nach oben in die Sicherheit seines kleinen Bootes. Als er sich hineingezogen hatte, brannte sich ein einziger Gedanke in sein Gehirn: Captain Jack Sparrow.

Entgegen der Warnung seines Vaters wusste er, dass der Pirat der Schlüssel zur Lösung seines Problems war. Er würde diesen Mann finden, den Dreizack erlangen und dann – endlich – seinen Vater ein für alle Mal retten.

 

2   2   2

 

Kapitel 1

Neun Jahre später

 

Neun[1] Jahre waren vergangen, seit Henry Turner seinen Vater zuletzt gesehen hatte. Neun Jahre waren vergangen, seit er geschworen hatte, Jack Sparrow und den Dreizack des Poseidon zu finden. Es waren neun Jahre gewesen, die er endlose Tage lang damit verbracht hatte, sich rund um die Karibik zu arbeiten und endlose Nächte lang zu suchen. Neun Jahre Qual und Frustration.

Und noch immer konnte er nichts vorweisen. Alles, was er hatte, war seine Besessenheit – und ein Job als unerfahrene Landratte auf dem britischen Kriegsschiff HMS Monarch, der – zu diesem Schluss kam er nicht zum ersten Mal, wenn er auf den Dreck zu seinen Füßen sah – vielleicht noch schlimmer war, als alle anderen Unannehmlichkeiten war, denen er in den einundzwanzig Jahren seines Lebens bisher ausgesetzt gewesen war.

„Schneller, ihr elenden Kielschweine!“

Die Stimme von Bootsmann Maddox schoss ihm den Rücken hinunter. Seit Tagen hatten er und die anderen jungen Matrosen in dem heißen, beengten Raum im Unterdeck gearbeitet, hatten die Bilgepumpe bemannt. Es war eine undankbare Aufgabe. Vornübergebeugt, geschwächt von Hitze und Gestank, arbeiteten die Soldaten daran, das Wasser aus dem Schiff zu bekommen. Schwarz vom Dreck, den es aus dem Holz und der See selbst löste, hörte das Wasser nie auf, einzudringen. Es war brutale Arbeit, die nie zu enden schien.

Dennoch war ihm klar, dass seine Möglichkeiten begrenzt waren. In der Karibik war das Hauptziel der britischen Royal Navy das Aufspüren von Piraten. Henrys Hauptziel war, einen einzigen Piraten zu finden – Captain Jack Sparrow, um genau zu sein. Also hatte er sich ausgerechnet, dass der beste und schnellste Weg, sein Ziel zu erreichen, darin bestand, mit der Navy zusammenzuarbeiten, damit sie ihr Ziel erreichte. Unglücklicherweise hatte er in seine Rechnung nicht einbezogen, dass er mit geringer Erfahrung und ohne Referenzen – seinen verfluchten Piratenvater zu erwähnen, hätte ihm gewiss nicht weitergeholfen – ganz unten auf der Karriereleiter der Seefahrt anfangen musste. Genau deshalb fand er sich als Matrosenrekrut angeworben und zu Maddox gesteckt, um dessen pathetischem Gerede von der Kontrolle der See zuzuhören.

Als Maddox seine Befehle bellte, drehte Henry sich um und peilte aus einem kleinen Fenster. Es ließ nur wenig Licht herein, doch es gewährte ihm einen Blick in die Außenwelt. Dadurch konnte er das Opfer der HMS Monarch ausmachen. Ein kleines Schiff war ein paar Kabellängen[2] steuerbord querab. An seinem Mast wehte das unverkennbare Zeichen eines Piratenschiffes – der Jolly Roger. Doch aus seinem Blickwinkel konnte er weder den Namen des Schiffes ausmachen, noch erkennen, wessen Jolly Roger es war. Er schaute rasch über die Schulter. Maddox war abgelenkt.

Er zog ein kleines Fernglas aus einer verborgenen Tasche seiner Hose und richtete es auf das Fenster. Mit geübter Leichtigkeit stellte er die Linse scharf, bis das Piratenschiff sichtbar wurde. Dann nickte er. Er kannte diesen Jolly Roger wie nahezu alle anderen Piratenflaggen, die in der Karibik zu finden waren. Dieser gehörte zur Ruddy Rose, nicht zu Jack Sparrows Schiff.

„Henry, komm zurück!“, rief ein anderer junger Soldat, der seine Abgelenktheit bemerkte. In der Bilge war die Bestrafung eines Einzelnen die Bestrafung aller.

„Du willst doch nicht auch noch von diesem Schiff geschmissen werden“, ergänzte der andere nervös in seiner Besorgnis, dass Maddox seinen Kameraden bei diesem Akt der Insubordination erwischen könnte. Henry ignorierte ihn.

„Es ist eine holländische Bark, möglicherweise von dem Piraten Bonnet gestohlen“, bemerkte er.

„Wann hörst du endlich auf, nach Jack Sparrow zu suchen?“, fragte der andere Soldat. Henrys Besessenheit für diesen Piraten war sprichwörtlich unter den anderen Rekruten. Sie bot reichlich Gelegenheit für rechtzeitigen und gutgemeinten Spott.

Henrys Antwort erstarb auf seinen Lippen, als er durch die Luke erspähte, dass ihr eigenes Schiff, die HMS Monarch, zu drehen begann. Der Rauch, den das Kanonenfeuer verursacht hatte, versperrte ihm zunächst die Sicht. Dann verzog sich der Rauch.

Und Henrys Herz setzte kurz aus.

Geradewegs vor dem Schiff war eine riesige Felsenformation, die wie ein großes Tor mitten im Ozean aufragte. Schwarzes Gestein formte einen gewaltigen Bogen, der so hoch in den Himmel ragte, dass er die Sonne verdeckte. Vor Henrys Augen wechselte das kleine Piratenschiff den Kurs und strebte dem Bogen zu, offensichtlich in der Hoffnung, dahinter Schutz zu finden.

Doch der junge Mann wusste, dass es dort keine Rettung gab. Alles, was jenseits des Bogens war, war Zerstörung. Oder schlimmer. Und er wusste auch, dass die HMS Monarch verpflichtet war, dem Piratenschiff direkt dort hinein zu folgen.

Er zögerte nicht. Er raste zur Treppe. Er musste an Deck gelangen.

Unglücklicherweise dachte Bootsmann Maddox anders.

„Ich habe dich gewarnt, deinen Posten zu verlassen“, sagte er und trat Henry in den Weg. „Soll ich dir die Peitsche zeigen?“

„Sir“, erwiderte Henry und versuchte, den wütenden Bootsmann beiseite zu schieben, „Ich muss den Captain sprechen.“

„Was hast du gesagt?“, fragte Maddox ungläubig. Sein Gesicht lief rot an, als ob er ein wildes Tier war, das die Beute geifernd fixierte.

Henry bemühte sich nicht einmal, zu antworten. Maddox konnte nichts für ihn tun. Der Einzige, der überhaupt die Chance hatte, ihm – und der gesamten Crew – zu helfen, war der Captain. Und je länger er dort stand, desto geringer wurden die Überlebenschancen. Ungeachtet der Konsequenzen schob er den Bootsmann zur Seite und rannte die Treppe hinauf.

Er hörte, dass Maddox hinter ihm seinen Namen brüllte, doch selbst das Gebrüll des Bootsmanns ging im Kanonendonner unter, als Henry das Deck erreichte. In Unkenntnis der drohenden Gefahr feuerte das große Kriegsschiff sämtliche Waffen auf das Piratenschiff ab in der Hoffnung, es zu versenken.

Captain Toms stand auf seinem Posten, bellte mit kalter und geübter Präzision seine Befehle. Als er ihn bemerkte, rannte Henry in seine Richtung. Er schlängelte sich durch die Reihen der Soldaten hindurch, bis er direkt unter dem Steuerrad stand.

„Sie streicht die Flagge zur Kapitulation, Sir“, hörte er den Offizier sagen, der neben Captain Toms stand. Toms nickte knapp, offensichtlich erfreut über die Nachricht.

„Bringt sie zur Strecke! Die Royal Navy akzeptiert keine Kapitulation von Piraten.“

Als der Captain seine Befehle gab, sah Henry, dass er die Felsen bemerkte. Besorgnis huschte für einen kurzen Moment über sein Gesicht. Turner spürte einen Hoffnungsschimmer. Doch so schnell, wie sie gekommen war, verschwand die Besorgnis wieder.

„Folgt ihr!“, befahl der Captain.

Nein! Tut das nicht!“

Die Worte hatten Henrys Mund verlassen, bevor er sich daran hindern konnte. Das Echo hallte über das Deck. Augenblicklich schwiegen die Kanonen, alle Augen richteten sich auf das Steuer – und den Captain.

In dem kurzen Moment der Stille schluckte Henry nervös. Den Captain ohne ausdrückliche Aufforderung anzusprechen war ein strafwürdiges Vergehen. Das hatte er nicht bedacht. Allerdings würde Strafe bedeutungslos sein, wenn sie alle tot waren. Er nutzte seine Chance, ignorierte den kalten, wütenden Blick des Ersten Offiziers Cole, einem der engsten Vertrauten des Captains. Erneut sprach er Captain Toms an:

„Seht auf Eure Karten“, sagte er und wies auf eine Wand, an der eine Sammlung von Karten befestigt war. „Wir sind zwischen drei Landmarken, die in perfekter Symmetrie zum Zentrum stehen.“

Er machte eine Pause in der Hoffnung, dass der Captain begriff.

„Es ist ein Dreieck“, ergänzte er.

Bleib’ unten!“, rief Cole, als Henry einen Schritt näher kam.

Er zog sich zurück, doch er hörte nicht auf.

„Captain, ich glaube, Ihr steuert uns ins Teufelsdreieck“, setzte er nach.

Coles Fäuste öffneten sich – ein wenig. Der Captain sah nicht mehr so missmutig drein. Für einen Moment glaubte Henry, dass er erfolgreich zu ihnen durchgedrungen war.

Und dann begann der Captain zu lachen. Es begann als leises Kichern und wuchs zu schallendem Gelächter.

„Habt Ihr das gehört, Männer?“, sagte er, als er wieder Luft bekam. „Diese Landratte glaubt an das alte Seemannsgarn!“

Henry schüttelte den Kopf. Er mochte eine Landratte sein, aber wusste, wovon er sprach. Er hatte sein ganzes Leben damit verbracht, die Mythen der See zu studieren. Er hatte epische Erzählungen von Meerjungfrauen auf Latein gelesen. Er konnte Geschichten von Männern wiedergeben, die auf See verloren geglaubt waren, nur um aus den Tiefen zurückzukehren. Er kannte alle Mythen und Legenden der See – einschließlich der seines Vaters. Er wusste um so gut wie jeden Fleck auf See, von dem es hieß, er sei verflucht.

„Und ich weiß, dass Schiffe, die in das Dreieck segeln, nicht wieder herauskommen“, sagte er schließlich.

In diesem Moment kam Maddox heraufgestürzt.

„Entschuldigung, Sir“, rief er atemlos. „Dieser hier ist offensichtlich verwirrt. Ein Junge, der Zitronen in der Tasche hat.“

Maddox langte in Henrys Tasche und zog einige Zitronen heraus. Die Mannschaft lachte.

„Zitronen bewahren vor Skorbut“, sagte Henry sachlich.

„Und was lässt dich das glauben?“, frage Cole höhnisch.

„Ich habe keinen Skorbut“, erwiderte Henry, sah sich mit einer hochgezogenen Augenbraue um. „Aber ihr alle habt ihn.“

Diesmal lachte niemand. Nachdem er diesen Punkt gewonnen hatte, fuhr er fort:

„Captain, vertraut meinen Worten. Ändert Euren Kurs.“

Nun war es am Captain, die Stirn zu runzeln.

„Du wagst es, mir Befehle zu geben?“, fragte er.

„Ich lasse nicht zu, dass Ihr uns alle umbringt!“, schrie Henry verzweifelt. Der Captain blieb reglos stehen. Frust wallte in dem jungen Matrosen auf. Er war nicht verrückt. Er wollte nicht aufmüpfig sein. Er wollte alle vor dem sicheren Tod bewahren. Der Captain und die Crew waren die Verrückten, weil sie nicht auf ihn hörten. Jeder Augenblick, der verstrich, brachte sie näher an die Felsen, an das Dreieck, an den Tod. Bevor irgendwer ihn stoppen konnte, trat Henry in Aktion. Er rannte zum Steuerrad.

Ebenso schnell waren die Soldaten hinter ihm her. Doch er wehrte sie ab. Er schlug mit den Fäusten, er trat mit den Füßen. Er duckte sich unter einem Arm weg, sprang einem anderen aus dem Weg. Als er das Steuer erreichte und in die Griffe fasste, hörte er das unverwechselbare Geräusch von gespannten Gewehrhähnen. Er schloss die Augen, hielt die Luft an und erwartete das Unvermeidliche.

„Nicht schießen!“

Henrys Augen sprangen auf. Zu seiner Überraschung hatte der Captain ihn gerettet. Aber als er ihn ansah, trat der Ältere auf ihn zu. Der Captain streckte seine Hand aus, riss ihm erst den einen, dann den anderen Ärmel herunter.

„Das ist Hochverrat“, sagte Toms. „Sperrt ihn ein!“

Zwei Soldaten ergriffen Henry, der den Kopf ob der Niederlage hängen ließ. Doch was machte es noch? Wenn er Recht hatte mit dem, wohin sie steuerten, dann war Verrat seine geringste Sorge.

1

Als Henry unter Deck gebracht und in eine Zelle geworfen wurde, nahm die HMS Monarch ihren Kurs wieder auf. Captain Toms stand am Steuer, als sie durch den großen Felsbogen auf die andere Seite segelten. Zu seiner Überraschung war das Piratenschiff, das sie gejagt hatten, nirgendwo zu sehen.

„Wo ist sie geblieben?“, fragte der Captain.

Wie zur Antwort erstarb der Wind plötzlich. Die Segel fielen schlaff herunter, und die See wurde auf unheimliche Weise ruhig. Eine schaurige Stille senkte sich auf das Schiff. Die Sonne schien zu verblassen und trieb die HMS Monarch in tiefen Schatten.

„Sir!“, durchdrang die Stimme des Ersten Offiziers Cole mit furchtsamem Klang die Stille. „Da ist etwas im Wasser!“

Der Captain drehte langsam den Kopf und sah über die Reling. Tatsächlich konnte er etwas ausmachen, was in dem düsteren Gewässer trieb. Als das Objekt näher kam, sah er, was es war – der Jolly Roger des Piratenschiffs. Ein eisiger Schauer lief ihm den Rücken hinab. Und dann wurde der Schauer zum Beben, als er ein anderes Schiff aus der Finsternis näher kommen sah.

Das Schiff schien mehr ein Schiffswrack als ein funktionsfähiges Wasserfahrzeug zu sein. Seine Bordwände waren weggerissen, der Rumpf offen, dass das Innere sichtbar war, als wäre es ein ausgenommener Fisch. Die Galionsfigur, die an Bug steckte, war so verrottet und heruntergekommen, dass sie kaum als die Frau zu erkennen war, die sie ursprünglich gewesen war. Es segelte auf die HMS Monarch zu, kam allmählich in Sicht und verblasste wieder, von der Dunkelheit verschlungen.

„Feuer!“

Captain Toms’ Stimme prallte an den Felsen ab und hallte über die stille See. Augenblicklich war die Luft erfüllt vom Donnern der Kanonen und vom Knallen der Gewehre, als Dutzende von Waffen auf das sich nähernde Schiff abgefeuert wurden. Doch das Schiff näherte sich weiterhin, anscheinend völlig unberührt.

Und dann verschwand das Schiff im Qualm.

„Feuert noch einmal!“, befahl der Erste Offizier.

Die Männer bewegten sich nicht, als sie den leeren Fleck sahen, wo noch einen Moment zuvor das Schiff gewesen war.

„Sir“, sagte Maddox nervös, „da draußen ist nichts.“

Und dann kamen vom anderen Ende des Schiffes die unverwechselbaren Geräusche von Schritten.

Die HMS Monarch war geentert worden.

[1] Im amerikanischen Original ist von sieben Jahren die Rede. Sowohl die englische Originalfassung als auch die deutsche Kinoversion des Films Pirates of the Caribbean – Salazars Rache geben jedoch neun Jahre als Zeitdifferenz zwischen Prolog und Haupthandlung an. Diese Differenz übernehme ich. (Anm. d. Ü.)

[2] Kabellänge: 1/10 Seemeile = 185 m

 

2   2   2

 

Kapitel 2

Salazar

 

In seiner Zelle hörte Henry den Beginn der Schreie. Da war ein alter Pirat in seiner Nachbarzelle, der bei diesen Geräuschen aufsprang. Henry zog sich nach hinten zurück, bis sein Rücken an die Rückwand stieß und rutschte an der Wand herunter. Er sah durch die Gitterstäbe zur Treppe, konnte anhand der Schattenreflexe erkennen, was oben geschah. Er spürte stechende Furcht. Während er in der Brig des Schiffs in der Falle saß, erwachten an Deck Albträume zum Leben.

Zuerst waren es Geräusche von Schritten. Soldaten zogen sich rückwärts an Wände oder an die Rücken ihrer Kameraden zurück, suchten nach einer Möglichkeit, sich selbst zu schützen. Doch gegen diesen Feind gab es keinen Schutz. Dieser Feind, das fand die Crew der HMS Monarch sehr schnell heraus, war geradezu unbesiegbar. Und obwohl Captain Toms sich selbst als Mann von Vernunft und Logik betrachtete, wurde er Zeuge von etwas, das beidem trotzte – weil es so aussah, als würden sie von Gespenstern angegriffen.

Captain Toms nahm wahr, dass ein Paar grauer, rissiger Hände durch die Planken seines Schiffes hindurch materialisierten und einen Soldaten bei den Armen packten. Der Mann gab einen schrillen Schrei von sich, der abrupt unterbrochen wurde, als sein Leben von einem schnellen Säbelhieb beendet wurde. Mehr Hände folgten. Sie kamen von überall – von oben, unten, von jeder Seite. Männer wurden wie Stoffpuppen hochgehoben und über das Deck geworfen. Andere wurden mit Gewalt heruntergezogen, ihre Körper gegen das Holz des Deck geschleudert. Gewehre und Entermesser fielen, als die Soldaten versuchten, ihren Angreifern zu entkommen.

Durch das Chaos sah Captain Toms, dass einer seiner Männer die Laterne, die er in der Hand gehalten hatte, in einen Stapel gefalteter Segel fallen ließ. Sie fingen Feuer, das Licht ließ schwarze Schatten erkennen, die über das Deck fluteten. Innerhalb von Augenblicken erfüllte Qualm die Luft und verhüllte alles.

Und dann bemerkte Toms einen Mann, der auf ihn zukam. Er gab eine imposante Figur ab, als er unversehrt durch die Flammen ging, ohne zu zögern oder Anzeichen von Beunruhigung mit schweren Stiefeln über die Körper gefallener Soldaten stieg. Als der Mann – falls er so etwas war – näher kam, sah Toms, dass er in einer Hand einen riesigen Degen trug. Wenigstens fünf Fuß lang, fing der lange Degen das Licht der Flammen ein und beleuchtete die Kleidung des Mannes, so dass sie rot zu glühen schien. Der britische Captain hatte gerade genug Zeit, um dies als heruntergekommene spanische Marineuniform zu identifizieren, bevor er sich beim Kragen gepackt und von den Füßen gezogen in der Luft wiederfand. Er starrte in das Gesicht des Mannes, der ihn festhielt. Angst erfasste ihn.

„Was seid Ihr?“, brachte er noch heraus.

Es war eine gute Frage, denn es war kein gewöhnlicher Mann, der ihn ergriffen hatte. Das Gesicht, das nur wenige Zoll von seinem eigenen entfernt war, gehörte in eine Horrorgeschichte. Es war totenbleich mit tiefen, schwarzen Rissen. Das dunkle Haar des Mannes schien ihn zu umschweben und legte ein großes Loch an einer Seite des Kopfes frei. Seine ebenholzschwarzen Augen, die sich in Captain Toms’ bohrten, waren leblos.

„Der Tod“, antwortete das Gespenst.

Bevor Toms weitere Fragen stellen konnte, rammte ihm Capitán Armando Salazar, der verfluchte spanische Captain, der im Teufelsdreieck spukte, den langen Degen in den Leib. Toms’ lebloser Körper fiel auf das Deck. Sämtliche Angehörigen der britischen Navy – jedenfalls die auf dem Oberdeck – waren getötet worden.

Capitán Salazar drehte sich um und sah seine Männer an. Sie hatten eine mehr körperliche Gestalt angenommen und standen vor ihrem Capitán. Grauenerregende Gesichter erwiderten erwartungsvoll dessen Blick. Einer war schrecklicher als der andere anzusehen. Sie alle sahen aus, als wären sie explodiert und ungeschickt wieder zusammengesetzt worden, als ob sie aus den Tiefen der Hölle gekommen wären. Grausige Wunden bedeckten ihre Körper. Einige hatten nicht einmal alle Gliedmaßen. Als Salazar ihnen Hab-Acht-Stellung befahl, stand die Geisterarmee stramm und nahm die Hüte ab, was weitere Verletzungen offenbarte. So, wie sie da standen, schienen sie eine solide Gestalt zu haben, doch es lag etwas unbestreitbar Totes über ihnen – eine kalte, grimmige Aura. Dies war eine verfluchte Crew, angeführt von einem fluchbeladenen, monströsen Mann.

„In einer Linie angetreten!“, befahl Capitán Salazar und schritt die Front seiner Männer inspizierend ab. Es war eine undankbare Aufgabe. Ganz gleich, was die geisterhaften Soldaten unternahmen, sich auf Vordermann zu bringen, um die hohen Ansprüche ihres Capitáns zu erfüllen: Sie sahen immer unordentlich aus – verrottet und zerrissen wie ihre Uniformen waren. Es trieb Salazar in den Wahnsinn. Sein Leben hatte aus Gerechtigkeit und Ordnung bestanden. Und jetzt war er an Bord eines Schiffes gefangen, auf dem Ordnung nicht erreichbar war. Gerechtigkeit war allerdings etwas, was er haben konnte …

Während er den Kragen eines Soldaten richtete, dem der halbe Hals fehlte, wandte er sich an seine Mannschaft:

„Nach königlicher Vorschrift haben wir eine angemessene und gerechte Strafe erteilt. Dieses Schiff hat es gewagt, unser Tor zu passieren – und nun wird es auf dem Grund des Meeres ruhen.“

Er schaute zu dem felsigen Eingang zum Dreieck. Ein Anflug von Verzweiflung huschte über sein bleiches Gesicht. Seit Jahren waren sie in ihrem treibenden Gefängnis eingesperrt, gefangen zwischen Leben und Tod, warteten sie auf eine Gelegenheit zur Flucht, die nicht kam. Doch Salazar wollte die Hoffnung nicht aufgeben.

„Ich versichere Euch:“, ergänzte er, „Eure Loyalität wird mit Blut belohnt werden. Wir werden unsere Rache bekommen!“

Als seine Crew hohle Rufe ausstieß, fuhr er fort, das Schiff nach weiteren Überlebenden abzusuchen. Zu seiner Freude fand er keine auf dem Oberdeck. Seine Leute hatten ordentlich gearbeitet. Unter Dutzenden von abgeschlachteten Soldaten sammelte sich Blut. Beim Blick über die Reling sah Salazar ein paar weitere leblos in den kalten Wellen treibende Körper. Abgesehen von den Schritten der geisterhaften Mannschaft hatte sich Schweigen über die hölzernen Böden gelegt, die nun mit Blut getränkt waren.

Und dann hörte Salazar einen Schrei.

Der Kopf des Capitáns zuckte herum. Der Schrei war von unten gekommen. Mit gemessenen Schritten machte er sich über die Körper der Toten hinweg auf den Weg zu der hölzernen Treppe, die nach unten zu den Zellen der HMS Monarch führte. Seine Mannschaft folgte ihm, nahm aber einen weniger konventionellen Weg. Einige erlaubten ihren nicht gegenständlichen Körpern, durch die hölzernen Planken zu rutschen, während andere über das Wasser trieben und die Zellen vom Rumpf her enterten. Ein weiterer Schrei zerriss die Luft.

Salazar folgte den Schreien, dann hielt er vor zwei Zellen an. In einer stand ein älterer Pirat, den Mund offen vor kläglichem Schrecken, als die geisterhafte Crew um ihn herum materialisierte. Der Capitán rammte ihm seinen langen Degen in den Leib, brachte ihn für immer zum Schweigen. Dann drehte er sich um und sah in die andere Zelle.

Henry Turner erwiderte seinen Blick.

Salazar trat geradewegs durch die eisernen Stäbe, die ihn von Turner trennten, stapfte zu dem jungen Mann hin. Er hob eine Augenbraue, wartete auf den unvermeidlichen Schrei, der seiner Erscheinung für gewöhnlich folgte. Es kam keiner. Stattdessen schaute sein Gegenüber ihn mit einer seltsamen Ruhe an, als ob er ihn erwartet hatte.

In gewisser Weise hatte Henry Salazar erwartet. Vielleicht nicht speziell ihn, aber etwas in seiner Art; etwas, das für Worte zu schrecklich war. Während er das Chaos über sich gehört hatte, war er geistig verschiedene Geschichten durchgegangen, die er über das Dreieck gehört hatte – Geschichten von jemand, der El Matador del Mar genannt wurde, der Schlächter des Meeres. Und er war zu dem Schluss gekommen, dass das, was immer die Mannschaft der HMS Monarch angegriffen hatte, nicht von dieser Welt war.

Er hatte Recht gehabt.

Deshalb konnte er vor Salazar stehen ohne zu schreien. Dennoch konnte er nicht anders, als rückwärts zu gehen, als der Anführer der Gespenster ihm näher kam. Und als der große Mann seinen langen Degen hob, zuckte Henry zusammen. Doch zu seiner Überraschung spießte der Capitán ihn nicht umgehend auf. Stattdessen stach er nach unten. Die Spitze durchbohrte ein Stück Papier, das auf dem Boden lag.

Als Salazar es aufhob, sah Henry, dass es der alte Steckbrief für Captain Jack Sparrow war. Es war ihm aus der Tasche gefallen, als Maddox und dessen Posten ihn in die Zelle geworfen hatten. Salazar sah, dass in den Augen des Jungen Erkenntnis aufblitzte, und seine Nasenflügel bebten.

„Kennst du diesen Piraten?“, fragte er mit Zorn in der Stimme.

„Nur dem Namen nach“, erwiderte Henry.

Salazars Augen verengten sich.

„Suchst du nach ihm?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Henry.

Salazar hob den Steckbrief, schwenkte ihn in Richtung seiner Männer.

„Das ist unser Glückstag, weil der Schlüssel zu unserer Freiheit Jack Sparrow ist!“, schrie er. „Und der Kompass, den er besitzt.“

Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit erneut Henry zu. Der junge Mann wich zurück.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er mit eisiger Stimme. „Ich lasse immer einen Mann am Leben, damit er die Geschichte erzählen kann. Nun finde Sparrow für mich – und überbringe ihm eine Nachricht von Capitán Salazar. Sag’ ihm, ich werde das Tageslicht wiedersehen. Und an dem Tag wird ihn der Tod holen!“

Seine Crew jubelte.

„Ich würde ihm das ja selbst sagen“, beendete Salazar, sein Gesicht wenige Zoll von Henrys entfernt, „aber … tote Männer erzählen keine Geschichten.“

Mit einem grausamen Lachen schlug Salazar das Heft seines Degens auf den Kopf des Jungen, und Henry wurde es dunkel vor Augen.

 

2   2   2

 

Kapitel 3

Hexenjagd und Bankraub

 

Es war ein weiterer wunderschöner Tag auf der Karibikinsel Saint Martin. Herren in leichten Anzügen, Damen, die sich mit Schirmen vor der Sonne schützten, flanierten auf der mit Kopfsteinen gepflasterten Hauptstraße, schauten hier und da in die Schaufenster pastellfarbener Geschäfte. Die Luft war erfüllt vom Duft nach Zucker und Gewürzen. Der Himmel war kristallblau, und im Hafen schwammen Schiffe auf sanften Wellen, ihre Segel hoben sich strahlend vom türkisfarbenen Wasser ab. Und, wie üblich für einen Inselhafen, war da ein befriedigendes Summen von Aktivität.

„Haltet die Hexe!“

Ein lauter Schrei überraschte diverse spazierende junge Paare. Sie drehten sich um, konnten gerade noch aus dem Weg gehen, um nicht von einer jungen Frau umgerannt zu werden, die ein zerrissenes Kleid trug. Von ihren Handgelenken hingen metallene Ketten. Hinter ihr waren zwei britische Soldaten, die sie jagten und ihr ziemlich nahe waren.

Carina Smyth hörte das Wort Hexe und ihre Schritte stockten. Sie hasste das Wort. Sie hasste es, dass sie es war, die mit diesem Wort belegt wurde. Sie hasste es, weil sie wegen dieses Wortes wie eine gewöhnliche Kriminelle durch die Straßen von Saint Martin gejagt wurde. Es ärgerte sie jenseits aller Vorstellung. Ein Teil von ihr wollte anhalten, sich umdrehen und den beiden ignoranten Soldaten ihre Meinung sagen.

Stattdessen rannte sie weiter.

Als sie eine große Menschenmenge sah, die sich auf dem Marktplatz von Saint Martin versammelt hatte, rannte sie dorthin in der Hoffnung, unter den Zuschauern verschwinden zu können. Sie murmelte Entschuldigungen, als sie sich den Weg durch die Leute bahnte, schaute nach hinten, um zu sehen, ob die Soldaten sie immer noch verfolgten. Zu ihrer Enttäuschung taten sie es. Doch sie verloren Boden. Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Und dann trat ihr ein Soldat in den Weg. Jung und unerfahren versuchte er, Carina den Ausgang zu versperren. Es funktionierte nicht. Sie wirbelte um ihn herum und duckte sich unter eine Kutsche. Augenblicke später war sie in der Menge verschwunden.

Als er sich umdrehte, fand er sich Angesicht zu Angesicht gegenüber von Lieutenant John Scarfield. Er schluckte. Der Lieutenant war für sein hitziges Temperament bekannt. Er war groß und kräftig, überragte den Soldaten; seine Augen bohrten sich in ihn, fragten, ohne ein Wort zu sagen.

„Entschuldigung, Sir“, sagte der Soldat mit deutlich hörbarer Furcht in seiner Stimme. „Die Hexe ist uns entkommen.“

Blitzschnell schoss Scarfields Hand heraus und schnappte den Soldaten an der Kehle. Seine langen Finger quetschten zu.

„Ihr sagt mir, dass vier meiner Männer ein Mädchen verloren haben?“

Er drückte noch härter.

„Vielleicht ist das der Grund, weshalb mir eine eigene Flotte verweigert wurde, weshalb ich hier festsitze, statt in Westafrika Schlachten zu schlagen!“

Scarfield warf den Soldaten zu Boden und fuhr mit seiner Schimpftrade fort:

„Die Navy hat mich hergeschickt, um Hexen zu töten. Jetzt findet mir das böse Weib – oder Ihr hängt an ihrer Stelle!“

Der Soldat hastete davon, drei andere Soldaten folgten ihm dichtauf. Scarfield seufzte, als er sie laufen sah. Kein guter Start für diesen Tag. Er konnte nur hoffen, dass der Rest besser wurde. Seine Reputation stand auf dem Spiel.

2

Die Reputation des Bürgermeisters Dix stand ebenfalls auf dem Spiel. Er stand vor der neuerbauten Royal Bank, sah über die versammelte Menge. Dies war sein Moment. Mit der Einweihung der neuen Bank würde er seine Stellung als wichtige Persönlichkeit erhärten.

Jahre hatte er auf diesem Felsen mitten im Meer verschwendet, hatte seine Talente als Politiker vergeudet. Er herrschte über Seeleute, Trunkenbolde und eine Handvoll Elite. Er hatte mit der ständigen Bedrohung durch Piraten fertigzuwerden und – neuerdings – mit einem Ausbruch angeblicher Hexensichtungen. Er war dessen überdrüssig und glaubte sich selbst unbeachtet. Aber das würde sich ändern. Eine sichere Bank zu haben, die Verbindungen zum Kontinent hatte, bedeutete, dass mehr bedeutende Leute von Saint Martin angezogen werden würden. Der Bürgermeister würde die Insel vom Gesindel säubern können und zu einem Ziel der Wohlhabenden machen.

Er sah über seine Schulter und hatte die Royal Bank im Auge. Es war eine einfache, kastenartige Konstruktion aus Holz. Dix wusste, das Äußere war … nun ja … uninspiriert. Doch was wirklich zählte, war das Innere.

Er drehte sich zurück, hob die Hände, um die Menge zum Schweigen zu bringen.

„Heute“, begann er, „weihen wir die Royal Bank von Saint Martin ein – die sicherste Bank in der Karibik!“

Hinter ihm öffneten zwei königliche Gardisten die Türen der Bank, um den schimmernden neuen Tresor der Öffentlichkeit zu präsentieren. Oh und Ah kam aus der Menge derer, die die Hälse reckten, um dies zu sehen.

„Unser neuer Tresor ist fünf Zoll stark, ist mannshoch und wiegt eine britische Tonne. Ladies und Gentlemen, mit dieser Bank tritt die Stadt Saint Martin in die moderne Welt ein, denn weder ein einzelner Mann noch eine ganze Armee wird in der Lage sein, ihr Gold zu rauben.“

Er machte eine Pause, um die Aufregung steigen zu lassen. Dann nickte er einem dünnen Mann zu, der in der Bank stand. Der Direktor der Bank nickte zurück.

„Öffnet den Tresor!“, rief Bürgermeister Dix, als die Menge jubelte.

Der Direktor drückte den Griff herunter und schwenkte die schwere Tür auf.

Augenblicklich war die Menge mucksmäuschenstill. Durch die Stille vernahm der Bürgermeister das unverwechselbare Geräusch eines Schnarchers.

Langsam drehte er sich um. Seine Augen verengten sich, seine Wangen wurden grau; denn dort lag auf dem obersten Fach des Tresors – offensichtlich selig schlafend, als könne nichts auf der Welt ihn stören – Captain Jack Sparrow. Der berüchtigte Pirat sah übel aus. Seine Kleidung war noch schmutziger als üblich. Seine Stiefel waren von Schlamm verkrustet, und sein Überrock hatte diverse Löcher an diversen Stellen. Etwas von dem dunklen Kajal, den er als Sonnenschutz um die Augen aufgetragen hatte, war die Wangen heruntergeflossen. In seine Dreadlocks war sein übliches Sortiment von Plunder in unterschiedlicher Länge eingeflochten.

Äußerlich betrachtet schien den Mann das Glück verlassen zu haben. In diesem Moment allerdings lag er unter einer Decke aus Goldmünzen, von seinen Fingerspitzen baumelte eine große Flasche Rum. Für einen Piraten wie Jack war dies ein gutes Leben.

„Pirat!“, schrie eine Frau.

Der Schrei rüttelte Jack auf, er erwachte und schreckte hoch.

„Pirat!“, rief er zurück. Er rollte von dem Fach herunter und landete mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden. Dann setzte er sich auf. Verwirrung huschte über sein Gesicht, als er sich der versammelten Menge und den Gardisten gegenüber sah, die von der Tür der Bank auf ihn zielten.

„Dies mag eine seltsame Frage sein“, sagte er mit leicht undeutlicher Artikulation, „aber kann mir jemand sagen, weshalb ich hier bin?“

Wie zur Antwort spannten die Soldaten die Hähne ihrer Gewehre.

„Wartet, wartet, wartet“, sagte Jack, um sicher zu gehen, „ich hab’s gleich. Gebt mir einen Moment, um den Kopf klar zu bekommen.“

Er hob die Flasche nahm einen tiefen Zug.

Die Soldaten krümmten die Zeigefinger am Abzug …

„Nicht schießen!“, schrie ein Soldat und schreckte die Menge auf. „Da ist eine Frau mit ihm im Tresor!“

Tatsächlich setzte sich eine Frau neben Jack in dem Tresor auf. Ebenso wie der Pirat schien sie über ihren Aufenthaltsort verwirrt. Ihr Haar war zerzaust, ihr Makeup im ganzen Gesicht verwischt.

„Er kann sich nicht hinter dem Flittchen verstecken!“, schrie der Bürgermeister, ungeduldig werdend. Dann sah er nochmals hin. Das Flittchen war überhaupt kein Flittchen. Sie war seine Frau!

Frances?“, fragte er und ließ seine Verblüffung zu heißem Zorn anschwellen.

Jack allerdings war gänzlich unwissend und unberührt von der Identität seiner Tresorgesellschaft. Er war sehr viel mehr daran interessiert, sich zu erinnern, was zum Teufel er in einem Tresor in einer Bank auf der Insel Saint Martin tat. Als er sich nach Hinweisen umsah, die seine Anwesenheit hier begründeten, landete sein Blick auf dicken Tauen zu seinen Füßen. Sie schienen über den Tresor, von da auf den Boden der Bank und dann durch Löcher zu verlaufen, die in die Rückwand gebohrt worden waren. Die Taue waren an drei Gespannen von Pferden befestigt, die startklar hinter der Bank standen.

Neben ihnen war eine nervös und geschäftig wirkende, kunterbunt zusammengewürfelte, räudige Piratencrew – einschließlich Jacks altem Freund und Erstem Maat Joshamee Gibbs.

„Richtig“, sagte Jack. „Jetzt weiß ich’s wieder. Ich raube die Bank aus.“

Er machte eine Pause.

„Aber da war noch was … Nicht sagen, ich hab’s gleich …“

Er hob einen Finger an die Lippen und versuchte, sich zu erinnern.

„Erschießt ihn!“

Augenblicklich eröffneten die Gardisten das Feuer. Als die Kugeln flogen, tauchte Jack nach unten ab. Um ihn herum splitterte Holz, als die neue Bank von Kugeln durchsiebt wurde. Hinter der Bank wieherten die Pferde nervös und begannen in ihren Geschirren zu tänzeln. Ein paar stiegen hoch, kauten auf ihren Gebissen und versuchten, von dem Gebäude und dem Lärm fortzukommen.

In der Bank spannten sich die an den Pferden befestigten Taue. Im nächsten Moment begann der Tresor über den Boden zu rutschen. Mit einem dumpfen Schlag krachte er gegen die Rückwand.

Jack Sparrow spähte durch eines der Löcher und sah, dass die Pferde sich gegen die Geschirre stemmten. Die Piraten hatten alle Hände voll zu tun, die großen Tiere unter Kontrolle zu behalten, doch sie waren gewohnt, mit Segeln und Masten umzugehen, nicht mit Pferden. Sie wussten nicht, was sie tun sollten.

Und dann feuerten die Gardisten nochmals. Gleichzeitig strebten die Pferde mit aller Macht vorwärts, um dem schrecklichen Geräusch zu entkommen. Jack spürte, dass das sich ganze Gebäude zu bewegen begann. Die Pferde rissen es komplett von seinen Fundamenten.

Mit perplexem Ausdruck im Gesicht stand Jack dort, wo eben noch die Bank gewesen war. Das ganze Gebäude – nicht nur der Tresor – war ihm unter den Füßen weggezogen worden. Er schluckte nervös. Das war nicht gut. Dann sah er auf. Die Gardisten zielten mit ihren Gewehren direkt auf ihn. Das war auch nicht gut.

„Das war nicht Teil des Plans!“, rief er, offensichtlich an den Bürgermeister und die Gardisten gewandt.

‚Obwohl es hilfreich wäre, wenn ich mich überhaupt in irgendeiner Weise an den Plan erinnern könnte‘, fügte er in Gedanken hinzu. Er wollte gerade den Mund öffnen, um sich aus dem Schlamassel herauszureden – eine Fähigkeit, auf die er wirklich stolz war – als er einen scharfen Zug an seinem Bein spürte. Er sah nach unten und bemerkte etwas, was er zunächst übersehen hatte: ein weiteres Tau war an seinem Fußknöchel befestigt. Und es zog sich zu!

‚Nun‘, dachte er, als sich das Tau zuzog und er zu Boden fiel, ‚ich denke, es ist Zeit für einen neuen Plan.‘

Im nächsten Moment fand Jack Sparrow sich hinter der nun mobilen Bank – in einer wahrlich unwürdigen Manier, wenn er es so bedachte – durch die Straßen von Saint geschleift. Goldmünzen wurden holterdiepolter aus dem offenen Tresor und dem Loch im Gebäude geschleudert. Verzweifelt versuchte Jack, so viele wie möglich zu schnappen. Doch es war eine schwierige Angelegenheit, weil er zur selben Zeit versuchte, sich an dem schleudernden Tau festzuhalten.

Hinter ihm schossen die Gardisten weiterhin auf die flüchtende Bank und den Piraten. Mit jeder Gewehrsalve rannten die Pferde schneller, mit Schaum vor dem Maul und bebenden Flanken. Sie nahmen eine scharfe Kurve, wobei Jack an seinem langen Tau in die entgegengesetzte Richtung geworfen wurde. Er stieß einen Schrei aus. Er war dabei, in ein Haus geschleudert zu werden! Hilflos dem ausgeliefert fand er sich durch ein Fenster geschmissen und landete mitten im gemeinsamen Essen einer Familie. Als ob es für einen Piraten nichts Ungewöhnliches war, zur Essenszeit durchs Fenster hereinzufliegen, verbeugte er sich zum Gruß und schnappte sich ein Brötchen. Einen Moment später schoss er auf der anderen Seite des Hauses wieder hinaus, gerade rechtzeitig, um die Bank hinter sich vorbeirauschen zu sehen. Er rannte hinterher, ruderte mit den Armen, riss die Knie hoch in der Hoffnung, dass das an seinen Knöchel gebundene Tau ihn nicht wieder von den Füßen reißen würde.

Als er der Bank eine andere Straße hinunter folgte, bemerkte er zu seiner Überraschung, dass sein kleiner Ausflug ihn irgendwie sowohl hinter die Soldaten als auch die Bank gebracht hatte. Einige sahen über die Schulter und bemerkten erst mit Verzögerung, dass der Pirat hinter ihnen war. Sie stoppten rasch und richteten ihre Gewehre auf ihn.

Jack schluckte. Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut. Er brauchte einen Fluchtweg – und zwar schnell.

 

2   2   2

 

Kapitel 4

Wissenschaft und Aberglaube

 

Swift & Sons Kartenhaus war einer der ältesten Land- und Seekartenläden auf Saint Martin. Seeleute aus der ganzen Karibik kamen in diesen Laden, wenn sie verlässliche See- und Sternkarten suchten. Dieser gute Ruf war die Quelle des enormen Stolzes des Eigentümers Mr. Swift, der einen Großteil seiner Zeit und seines Kapitals dafür aufwendete, um sicherzustellen, dass nur das Beste vom Besten über seinen Ladentisch verkauft wurde. Und er stellte ebenso sicher, dass nie – niemals – eine Frau seinen Laden betrat. Es war schließlich eine wohlbekannte Tatsache, dass Frauen und das Meer nicht zusammenpassten.

Als er seinen Laden betrat und Carina Smyth vor dem großen Teleskop stehen sah, das aus dem Fenster auf den Himmel gerichtet war, reagierte er deshalb ganz und gar nicht so, wie es in der unerwarteten Gegenwart eine schönen jungen Frau zu erwarten gewesen wäre.

„Keine Frau hat jemals mein Teleskop angefasst!“, fuhr er sie indigniert an.

Carina drehte sich um und zog eine Augenbraue hoch. Es war nicht das erste Mal, dass ihrer Weiblichkeit mit Verachtung begegnet wurde. Sie zuckte mit den Schultern.

„Sir“, sagte sie und ignorierte den anklagenden Blick, „Euer Fernrohr war falsch ausgerichtet. Ich habe es um zwei Grad nach Norden korrigiert. Eure Karten werden nun nicht länger unpräzise sein. Allerdings werdet Ihr damit von vorn anfangen müssen.“

Sie streckte ihren langen, grazilen Zeigefinger aus.

Swift folgte ihrem Finger zu der Wand, auf  die er zeigte. Sie war mit Karten bedeckt – Karten, die zu zeichnen er sein ganzes Leben benötigt hatte. Karten, die er seit Jahren als die definitiven Seekarten verkaufte. Und dieses dumme Mädchen erzählte ihm, dass sie falsch waren? Er drehte sich um, um ihr die Meinung zu sagen, als ihm auffiel, dass eine metallene Kette von ihrem Handgelenk herunterhing.

„Ihr seid eine Hexe!“, flüsterte er harsch.

„Sir, ich bin keine Hexe“, erwiderte Carina. „Ich habe mich einfach beworben, um an der Universität Astronomie zu studieren …“

„Ihr habt … was?“, fragte er.

„Bin ich eine Hexe, weil ich zweihundert Sterne katalogisiert habe?“

Natürlich war sie das, wie Mr. Swift erneut herausschrie:

„Hexe!“

Carina seufzte. Es war hoffnungslos, mit einem Mann vernünftig reden zu wollen. Es war wohl besser, stattdessen an seinen Geldbeutel zu appellieren.

„Es wird ein Blutmond kommen“, sagte sie. „Ich brauche lediglich ein Chronometer. Ich zahle Euch das Doppelte, weil Ihr an eine Frau verkauft.“

Sie ging zu einem Regal und nahm das Instrument in die Hand. Das kleine Teil – das zur Zeitmessung unabhängig von Temperatur und Bewegung diente – sah wie ein Kompass aus. Sie wog es in der Hand und präsentierte ihm dann einige Münzen.

Doch statt ihr Geld zu nehmen, zog er zu ihrer Überraschung eine kleine Pistole.

„Hilfe!“, rief er. „In meinem Laden ist eine Hexe!“

Carina öffnete den Mund, um erneut klarzumachen, dass sie keine Hexe war.

Doch bevor sie etwas sagen konnte, rauschte ein Mann in den Laden – vielmehr tänzelte er in den Laden. Er hatte braunes Haar, das voller Knoten und – sie blinzelte, um ganz sicher zu sein – irgendwelchem Plunder war. Seine mit schweren Lidern versehenen Augen waren mit Kajal umrandet und an seinen Händen, die er vor sich her wedelte, blitzten Gold- und Silberringe.

‚Was in aller Welt …‘, fragte sie sich im Stillen, als Mr. Swift erneut einen Schrei ausstieß:

„Und ein Pirat!“, beantwortete er ihre ungestellte Frage. „Da sind eine Hexe und ein Pirat in meinem Laden!“

„Ha, dann ist heute Euer Glückstag!“, sagte der Pirat enthusiastisch. „Hat einer von Euch vieren vielleicht meine Bank gesehen?“

Im nächsten Moment krachte ein anderes Gebäude durch Swift & Sons, riss das Geschäft entzwei.

„Gefunden!“, schrie der Pirat, schnappte Carina und zog sie aus der Gefahrenzone.

Unglücklicherweise zog er sie auf die Straße – und direkt in das Blickfeld der Gardisten und von Lieutenant Scarfields Männern, die bis dahin geglaubt hatten, Carina verloren zu haben. Kaum waren sie ihrer Beute ansichtig geworden, als die vereinten Kräfte mit der Jagd auf sie begannen. Während sie nicht sicher war, ob sie dem Piraten trauen konnte – nach allem, was sie von der Welt wusste, war den meisten Piraten nicht zu trauen – wollte sie nicht darauf vertrauen, dass Scarfields Leute sie gehen lassen würden.

Sie rannten die Straße hinunter, bogen um jede sich bietende Ecke. Als er einen Laden mit kopflosen Schaufensterpuppen erspähte, griff er nach Carinas Hand und lotste sie hinter sie. Er hielt an und posierte selbst so, als wäre er eine Schaufensterpuppe. Carina tat es ihm nach.

„Bist du Teil des Plans?“, fragte er aus dem Mundwinkel, als die Soldaten auftauchten und nach ihnen zu suchen begannen.

Carina zog die Stirn kraus.

„Ich will keine Schwierigkeiten“, antwortete sie.

„Was für eine schreckliche Lebenseinstellung“, erwiderte der Pirat. Beide schwiegen auf einmal, als einer der Soldaten sie passierte. Kaum war er außer Hörweite, als Carina von der Schaufensterpuppe wegging. Der Pirat, obwohl nachlässig gekleidet und insgesamt nachlässig, schien sich gut auszukennen. Und so einen brauchte sie.

„Ich muss hier wegkommen“, sagte sie. „Könnt Ihr mir helfen?“

„Der Mann nannte dich eine Hexe“, erwiderte der Pirat. „Und Hexen bringen Unglück auf See.“

„Wir sind nicht auf See!“, versetzte Carina.

Der Mann nickte.

„Guter Einwand“, bemerkte er. „Aber ich bin ein Pirat.“

„Aber ich bin ganz sicher keine Hexe.“

„Einer von uns ist ziemlich verwirrt“, sagte der Pirat.

Carina konnte nicht anders, als ihm zuzustimmen. Der Mann war ganz klar nicht bei Trost. Bevor sie das ausdrücken konnte, kamen königliche Gardisten um die Ecke. Einen Moment später folgten Scarfields Leute.

„Jack Sparrow!“, schrie einer der Gardisten.

„Carina Smyth!“, schrie einer von Scarfields Männern.

„Halt!“, brüllten wie aus einem Munde.

Carina drehte sich zu dem Piraten, von dem sie nun wusste, dass er Jack Sparrow hieß. Er wandte sich ihr zu. Und dann drehten sie gemeinsam um und rannten einige wacklige Treppen hinauf. Als sie oben waren, stellten sie fest, dass sie die Stadt Saint Martin übersehen konnten. Unter ihnen umkreisten die Soldaten das Gebäude wie Haie, die Robben jagen.

„Wir sitzen in der Falle!“, schrie Carina. „Was sollen wir tun?“

Jack sah zu den Soldaten hinunter. Dann sah er Carina an. Hinter den dunklen Linien verengten sich seine Augen bedenklich. Er nickte, als ob er eine Entscheidung getroffen hatte.

„Schrei, so laut du kannst!“, sagte er und schubste sie, als ob sie nichts zu bedeuten hatte, vom Dach.

Und Carina schrie – den ganzen Weg hinunter, bis sie mit einem wenig damenhaften Grunzen auf einem Heuwagen landete, der gerade vorbeikam. Die Soldaten hörten sie schreien und rannten nun dem Wagen nach. Auf dem Dach konnte Carina Jack gerade noch ausmachen – nun allein und in Sicherheit – der ihr selbstgefällig zulächelte.

„Dreckiger Pirat!“, fauchte sie. Aber sie musste zugeben, dass – ob dreckig oder nicht – Jack Sparrow clever zu sein schien.

1

 

Jack war clever. Oder wenigstens dachte er das. Doch als er vor dem Tresor stand und auf die letzte verbliebene Goldmünze starrte, war er unglücklicherweise nicht so sicher, dass seine Crew dies ebenfalls von ihm glaubte. Er drehte sich zu seinen Männern um. Sie hatten sich, wie geplant, auf der Dying Gull versammelt, Jacks marodem Schiff. Nun ja, die Bezeichnung Schiff war großzügig. Die Dying Gull, die bei Ebbe in der Werft gestrandet war, erinnerte mit ihrem brüchigen Holz, der einsamen Kanone und kaum genug Raum für die Crew mehr an einen alten Seelenverkäufer als an ein richtiges Schiff. Jener Crew, die im Moment von ihrem Captain herzlich wenig beeindruckt schien.

„Hab’ ich doch gesagt: Eine Bank auszurauben ist ganz einfach“, sagte Jack unbeschwert. Er machte eine Geste zum Tresor. Alles in allem hatten sie eine Bank ausgeraubt. Sie hatten nur nichts von dem Gold bekommen …

„Nun stellt Euch auf und leistet mir Tribut, Männer!“

Marty, einer der ursprünglichen und loyalsten Crewmitglieder, sah ihn ungläubig an.

„Wir sollen dich bezahlen?“

Jack nickte.

„Wir wollen unseren Schatz, Captain!“, sagte Marty und ignorierte Jacks ausgestreckte Hand. „Den Schatz, den Ihr uns seit Jahren versprochen habt.“

Die Männer nickten zustimmend und murrten. Seit Jahren folgten sie Jack in blinder Loyalität. Sie waren ihm gefolgt, als er gegen die Royal Navy gesegelt war. Sie hatten keine Fragen gestellt, als sich auf die Suche nach einem Schiff gemacht hatte, das von Skelett-Piraten unter Führung des gefährlichen Barbossa gesegelt war. Seine Crew war ihm gefolgt, als Jack von Kannibalen gefangen genommen worden war und sie hatten gewartet, bis er aus den Tiefen von Davy Jones’ Locker zurückgekehrt war. Sie hatten nicht einmal diskutiert, als Jack sich später mit Barbossa angefreundet hatte. Und sie hatten nie Jacks gefährliche Reise zur Quelle der ewigen Jugend infrage gestellt, die keineswegs dazu geführt hatte, dass irgendwer ewig jung bleiben würde.

Aber dies – das war der Tropfen, der da Fass zum Überlaufen brachte. Sie hatten genug. Sie waren es leid, zum Narren gemacht zu werden – für Pennies, wenn sie Glück hatten.

„Wir folgen nicht länger einem Captain, der nicht einmal ein Schiff hat“, stellte Bollard fest und sprach damit für alle.

Jack hob eine Hand an seine Brust, als wäre sie durch Bollards Worte durchstoßen.

„Ich habe ein Schiff, Gentlemen“, sagte er. „Die Black Pearl war stets an meiner Seite.“

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, öffnete er seinen Mantel. Darin festgezurrt war eine Flasche. Und in der Flasche war – wahrhaftig – die Black Pearl. Doch es war nicht jene Black Pearl, die Piraten wie Offiziere der Royal Navy das Fürchten gelehrt hatte. Es war nicht mehr das Schiff, das einst das schnellste auf allen sieben Weltmeeren gewesen war. Es war die verfluchte Black Pearl, jetzt eine Miniaturversion der originalen Größe.

Die Crew starrte ihn an.

„Der Pirat Barbossa beherrscht nun die Meere“, konstatierte Pike. „Er hat zehn Schiffe voller Kanonen!“

„Gehen wir“, sagte Marty und wandte sich um. Der Rest der Crew folgte ihm.

Jack zog eine Grimasse. Wie konnten sie ihre Eroberungen vergessen haben? Sie hatten den Schatz von Mazedonien gemeinsam gefunden. Und das Gold von Midas. Gut, es hatte sich gezeigt, dass es nicht mehr als eine Truhe aus verrottetem Holz respektive ein Haufen Kuhmist war, aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war, dass sie es zusammen getan hatten.

„Sieh es ein, Jack“, sagte Gibbs leise, Jacks Erster Maat und jener Mann, von dem er geglaubt hatte, er werde immer zurückkehren. „Das Unglück folgt dir Tag und Nacht.“

„Unglück“, wiederholte Jack. „Lächerlich.“

„Wir wissen, dass du dich vor deiner eigenen Klinge fürchtest“, fuhr ein anderer Pirat fort. „Dass du glaubst, sie sei verflucht – und würde dir die Kehle aufschlitzen!“

Wie ein Mann sahen sie auf das Entermesser ihres Captains. Es lag weit weg von ihm auf dem Deck.

Jack schüttelte den Kopf.

„Furcht? Wurde je ein absurderes Wort ausgesprochen?“

„Dann nimm dein Schwert und halte es in der Hand.“

Jack sah auf das Entermesser. Dann zu seinen Männern. Dann zurück zum Entermesser. Er streckte die Hand aus, um es aufzunehmen und zögerte. Dann eilte er hinüber, nahm es mit einer geschwinden Bewegung auf und warf es über Bord.

„Problem gelöst“, sagte er.

Doch das Problem war nicht gelöst – nicht im Geringsten. Bevor er weiteren Protest anmelden konnte, wandte die Crew sich ab und verließ einer nach dem anderen die Dying Gull . Die letzten beiden waren Scrum und Gibbs, die ihn verließen.

„Sir“, setzte Gibbs stockend an. „Ich fürchte, wir haben das Ende des Horizonts erreicht.“

Jack ging zur Reling, zog behutsam die Black Pearl aus seinem Überrock. Er starrte auf sein geliebtes Schiff, ein ungutes Gefühl im Magen. Was hatte er falsch gemacht? Wie hatte es soweit kommen können? Er langte in seine Rocktasche und holte seinen Kompass heraus. Er zeigte auf das, was er sich am meisten wünschte. Im Moment zeigte er auf die offene See.

„Sie liegen falsch, Gibbs“, sagte Jack seufzend. „Ich bin immer noch Captain Jack Sparrow.“

Gibbs machte eine Pause, sah den Aufruhr im Blick des Mannes. Er wollte ihm zustimmen, aber er konnte nicht – nicht mehr. Er klopfte Jack auf die Schulter und verließ mit Scrum das Deck. Jack blieb hinter ihnen allein zurück. Im Lauf der Jahre hatte er so viele Leute ausgetrickst, hatte so oft gefährliche Situationen überstanden. Aber vielleicht hatte ihn das Glück wirklich verlassen. Weil er keine Idee hatte, wie er dieses Mal aus dem Schlamassel herauskommen sollte.

2   2   2

 

Kapitel 5

Freiheit

 

1„Du bist das Stadtgespräch – der einzige Überlebende der Monarch.“

Henry Turner schlug die Augen auf, fand sich in einem Bett wieder und sah direkt in das Gesicht von Lieutenant Scarfield. Zwei britische Soldaten flankierten ihn. Hinter ihnen konnte Henry Ärzte und Krankenschwestern herumlaufen sehen, die sich um Soldaten kümmerten, die in das Militärhospital von Saint Martin gebracht worden waren. Er schloss die Augen wieder, als ihn eine neue Schmerzwelle überflutete.

Er brauchte keine Erinnerung daran, wie er hierhergekommen war. Er erinnerte sich an jedes Detail mit erschreckender Klarheit: Die HMS Monarch war von Capitán Salazar und seiner geisterhaften Crew gekapert worden; Soldaten waren mit praktisch unsichtbaren Waffen abgemurkst worden; der Capitán hatte ihn nur zu dem Zweck laufen lassen, um Jack Sparrow eine Nachricht zu überbringen; und an die langen Tage, die er nach Saint Martin auf nichts weiter als einem Stück Treibholz gepaddelt war, erinnerte er sich ebenfalls lebhaft. Als er endlich das Ufer erreicht hatte, hatte er vor Hunger, Durst und einer tüchtigen Portion Angst deliriert. Danach waren die Dinge etwas verschwommen, doch er erinnerte sich, dass er jedem, der ihm zugehört hatte, versucht hatte, von den Geisterpiraten zu erzählen – und davon, dass der Dreizack Poseidons sie alle retten könnte.

Sein Vater! Der Gedanke an den Dreizack brachte schlagartig seine eigentliche Absicht zurück. Er versuchte, sich aufzusetzen nur um festzustellen, dass er dazu nicht in der Lage war; seine Hände waren an das Bett gefesselt.

„Sir“, flehte er, „macht mich von diesen Ketten los! Ich muss Captain Jack Sparrow finden.“

Scarfield schien unbewegt.

„Es ist meine Aufgabe, diese Insel und diese Gewässer zu schützen. Deine Ärmel sind heruntergerissen; das Zeichen für Hochverrat.“

„Wir wurden von den Toten angegriffen, Sir“, erwiderte Henry. „Ich habe versucht, sie zu warnen.“

Seiner Ansicht nach rechtfertigte dies nicht das Etikett Verräter.

Scarfield teilte diese Meinung nicht.

„Du bist vor dem Kampf davongelaufen; du bist ein Feigling. Als solcher wirst du sterben.“

Mit diesen bedrohlichen Worten, die in der Luft hängen blieben, wandte er sich um und ging fort. Die beiden Soldaten folgten ihm und ließen Henry allein.

Henry sank auf das Bett zurück und schloss die Augen. Das war nicht gut. Er war in einem Militärhospital, umgeben von Soldaten, die wahrscheinlich alle angewiesen waren, ihn mit Argusaugen zu bewachen. Wie sollte er irgendwen von seiner Geschichte oder seiner Unschuld überzeugen, wenn er hier gefangen war?

„Ich glaube nicht, dass du ein Feigling bist.“

Henry öffnete ein Auge und sah, dass sich ihm eine Nonne näherte. Sie reichte ihm ein Glas Wasser. Langsam nahm er einen kleinen Schluck. Obwohl er es begrüßte, dass die Nonne ihm vertraute, war er nicht in der Stimmung dazu.

„Bitte, Schwester, lasst mich allein.“

Zu Henrys Verblüffung rückte die Nonne näher zu ihm, anstatt sich abzuwenden und zu gehen.

„Ich habe mein Leben riskiert um hierherzukommen – um festzustellen, ob du dasselbe glaubst wie ich: dass der Dreizack gefunden werden kann.“

Henrys Augen schossen auf. Er sah die Nonne näher an. Erst jetzt bemerkte er, dass ein zerrissenes und schmutziges Kleid aus dem Habit herausschaute. Und unter ihrer Haube sah er wilde Haarsträhnen, die nach Freiheit strebten. Das Mädchen war schön, jung und ganz sicher keine Ordensschwester. Dass sie tatsächlich keine Nonne war, wurde ihm klar, als er eine metallene Handschelle an ihrem Handgelenk erspähte.

„Bist du eine Hexe?“, fragte er.

„Ich bin ebenso wenig eine Hexe wie ich eine Nonne bin“, versetzte Carina Smyth und zerrte an ihrem Habit. „Sag mir, weshalb du den Dreizack suchst.“

Henry sah sich um, um sicherzugehen, dass niemand lauschte. Er senkte seine Stimme.

„Der Dreizack bricht jeden Fluch des Meeres“, erklärte er. „Mein Vater wird von einem solchen Fluch gefangen gehalten …“

„Dir ist klar, dass Flüche keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten?“, schnitt sie ihm das Wort ab.

Henry zuckte mit den Schultern.

„Gespenster auch nicht“, gab er zu bedenken. ‚Aber ich habe sie gesehen‘, fügte er im Stillen hinzu.

„Also bist du verrückt?“, hakte Carina nach. Dann seufzte sie:

„Ich hätte niemals herkommen sollen.“

„Wieso bist du dann gekommen?“, fragte Henry.

Carina wollte gehen, doch dann überlegte sie es sich. Sie hatte einen Grund, herzukommen. Es schien falsch zu sein, nun einfach zu gehen.

„Ich muss von dieser Insel weg“, sagte sie, „um die Karte zu finden, …“

„… die kein Mann lesen kann?“, vollendete Henry. Seine Aufregung wuchs. Woher wusste dieses Mädchen etwas über die Karte, die Poseidon persönlich hinterlassen haben sollte?

Sie schien sich dieselbe Frage über ihn zu stellen.

„Du hast die alten Texte gelesen?“

Henry nickte.

„In jeder erdenklichen Sprache“, erwiderte er ohne jeglichen Anflug von Arroganz. „Und kein Mann hat diese Karte je gesehen.“

„Glücklicherweise bin ich eine Frau“, entgegnete sie. Sie griff in ihren Habit und zog ein Buch heraus. Es war abgenutzt und verschlissen vom Alter, die Seiten brüchig und der Einband eingerissen. Im Zentrum des Deckels schwebte über einem Meer von Sternen ein großer Rubin. Henry griff nach dem Buch, aber Carina zog es weg.

„Dies ist das Tagebuch von Galileo Galilei. Sein ganzes Leben hat er mit der Suche nach der Karte verbracht.“

Henrys Augen weiteten sich vor Staunen Er wusste, wer Galileo Galilei war – ein Astronom und Wissenschaftler, der das Fernrohr erfunden hatte, um damit in die Sterne zu sehen.

Doch offensichtlich war das nicht der Grund, weshalb er es erfunden hatte. Jedenfalls nicht nach Carinas Ansicht. Er hatte es erfunden, um die Karte zu suchen, wie sie erklärte.

„Du meinst, die Karte, die kein Mann lesen kann, ist in den Sternen versteckt?“, fragte Henry, damit in seinen Kopf ging, was das Mädchen sagte.

Sie nickte.

„Bald wird es einen Blutmond geben. Nur dann kann die Karte gelesen werden – und der Dreizack gefunden werden.“

Henry starrte das Mädchen sprachlos an.

„Wer bist du?“, fragte er schließlich.

Carina Smyth!“

Scarfields Stimme hallte durch den Raum. Henry sah den Lieutenant auf sie zukommen – mit mehr Männern in seinem Schlepptau, die Hände an den Säbeln. Über Henry zog Carina in aller Heimlichkeit eine metallene Ahle aus der Tasche ihres Habits.

„Wenn du deinen Vater retten willst“, flüsterte sie Henry zu, „musst du mich retten. Finde ein Schiff für uns – und der Dreizack wird uns gehören.“

„Sieh mich an, Hexe!“, befahl Scarfield und kam näher.

Carina rannte auf der Stelle fort. Hinter ihr stieß Scarfield einen Fluch aus. Er gab seinen Männern ein Zeichen, und sie verfolgten sie.

Henry zögerte nicht. Als Carina die Männer mit der Jagd durch den Raum beschäftigte, befreite er sich von den Handschellen. Er ließ sie zu Boden fallen und sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Er erspähte Carina, die vor einem der großen Fenster stand. Sie war von Scarfield und seinen Männern umzingelt. Henry und das Mädchen wechselten Blicke. Bevor ihn jemand aufhalten konnte, schlüpfte er aus einem anderen Fenster. Hinter sich hörte er die Alarmrufe der Soldaten. Doch es war zu spät. Sobald er wieder mit Carina zusammen war, war er der Rettung seines Vaters einen Schritt näher. Es schien, als hätte sich sein Glück zum Besseren gewendet.

1

Jack Sparrows Glück hatte sich allerdings nicht verbessert. Nachdem seine Crew ihn verlassen hatte, hatte er beweisen wollen – wenigstens für selbst – dass er nicht vom Pech verfolgt war. Doch er war kläglich gescheitert. Zunächst hatte er am Stadtrand versucht, eine Kutsche zu rauben, doch sie war einfach an ihm vorbeigefahren. Dann hatte es zu regnen begonnen. Und als er endlich wieder zurück in der Stadt war, war er in eine Kneipe gegangen, um seinen Durst zu löschen. Der Wirt hatte ihn aufgefordert, ihm erst sein Silber zu zeigen, doch er hatte keins. Das einzige Stück, das er noch in der Tasche hatte, war sein Kompass.

„Also, willst du was trinken oder nicht?“, fragte der Wirt und sah Jack an.

Jack sah auf den Kompass in seiner Hand, hin- und hergerissen zwischen Durst und kostbarem Besitz. Bevor er eine Entscheidung treffen konnte, kam ein Fischer herein und schmiss seinen Fang direkt neben Jack auf die Theke. Aus dem Netz schaute Jacks Entermesser heraus.

„Siehst du das?“, sagte der Fischer, der keine Ahnung hatte, was sein Fang für den Piraten neben sich bedeutete. „Der Fisch hier hat sich mit diesem Entermesser aufgespießt. Ich werde das der Navy verkaufen. Hab’ ich nicht ein Glück?“

Mit einem Aufschrei langte Jack herüber und schnappte sich das Entermesser. Er schleuderte es über die Theke. Es flog in einen Steckbrief an der hinteren Wand, wo es mit einem hörbaren boing stecken blieb – mit der Spitze genau zwischen den Augen eines gewissen Captain Jack Sparrow. Mit einem Seufzen warf Jack den Kompass auf die Theke.

„Die Flasche“, sagte er.

Der Wirt gab ihm die braune Flasche, der Kompass begann zu vibrieren. Leicht zunächst, dann wurden die Vibrationen stärker und stärker. Die Männer, die in der Kneipe saßen, sahen verwirrt auf, während Jack mit sichtbarer Furcht in den Augen zurücksprang. Flaschen und Gläser fielen zu Boden und zerbarsten, als sich das leichte Erdbeben fortsetzte.

Jack hatte einen Fehler gemacht – einen großen. Nervös langte er nach dem Kompass, um ihn zurückzunehmen – in der Hoffnung einen Fehler zu korrigieren –, doch schnappte der Barkeeper ihn sich. Augenblicklich hörte das Beben auf. Der Mann zuckte mit den Schultern und warf den Kompass über seine Schulter. Er landete mitten in einem Haufen Schmuck und anderem Zeugs, das aus dem gleichen Grund wie der Kompass hier war – als Bezahlung.

Jack seufzte und hob die Flasche an seine Lippen.

„Piratenleben“, sagte er leise. ‚Das war es jedenfalls‘, fügte er schweigend hinzu, bevor er einen langen, tiefen Schluck nahm.

1

Unter einem dunklen Himmel segelte die Silent Mary durch das Teufelsdreieck. An Deck arbeitete die geisterhafte Mannschaft, schrubbte Planken, die niemals sauber werden würden, besserten Segel aus, die sich nicht ausbessern ließen. Sie würden nie aufhören, es zu versuchen. Es waren schließlich die Befehle des Capitáns.

Oben im Steuerhaus sah Capitán Salazar mit hartem Blick über die ruhige See. Sein Leben lang hatte er auf die See geschaut. Dieselben skelettierten Möwen schwebten über dem Schiff. Dieselben toten Männer bildeten seine Crew. Dasselbe Gefühl von Betrug erfüllte sein nicht schlagendes Herz. Der Fluch, dem er unterlag, war endlos und entsetzlich. An seinen Seiten ballte er die Fäuste, Wut durchströmte ihn statt Blut.

Und dann sah er etwas. Das Steuerrad drehte sich leicht. Salazar verengte die Augen und trat näher. Das Steuer bewegte sich erneut. Von allein begann es, das Schiff in eine neue Richtung zu steuern. Die Crew bemerkte den Kurswechsel ebenfalls und sah den Capitán vom Steuer entfernt stehen. Neugierig raten sie vor.

„Capitán“, setzte Salazars Teniente[1], ein Gespenst namens Lesaro an, „was ist geschehen?“

Der Capitán antwortete zunächst nicht. Stattdessen sah er hinaus zum Horizont. In diesem Moment zerbrach die höchste Spitze des Teufelsdreiecks und enthüllte die dahinter scheinende Sonne. Dann brach der ganze Bogen zusammen, Felsen kollerten in die See. Es gab nur einen Grund für diesen Szenenwechsel. Konnte Jack Sparrow so närrisch sein? Als dieser Gedanke durch seinen Kopf schoss, drehte das Schiff noch etwas weiter, der Bug zeigte nun zur Kimm. Ein leichtes Lächeln huschte über Salazars Gesicht. Offensichtlich war der Pirat so närrisch.

„Jack Sparrow hat den Schlüssel weggegeben!“, rief er über seine Schulter.

Er konnte das Gemurmel seiner Männer hinter sich hören. Einige waren verwirrt, andere aufgeregt, obwohl sie nicht genau wussten, was dies bedeutete. Ein Gespenst namens Santos trat zu ihm und wies über die Reling.

„Capitán, was ist das?“, fragte er verstört.

Salazars Lächeln wurde breiter.

„Tageslicht“, sagte er. „Nach all diesen Jahren wurde es Zeit!“

Das Sonnenlicht wurde stärker und stärker, bis es mit einem Blitz ein Loch in das zu schneiden schien, was bisher eine unsichtbare Grenze gewesen war.

Capitán Salazar verschwendete keine Zeit.

„Hart Steuerbord!“, kommandierte er. „Wir segeln bis zum Ende und kreuzen mit dem Licht!“

„Aye, Capitán“, antwortete Teniente Lesaro. Er drehte sich um und gab den Befehl:

„Alle Mann an Deck und mehr Segel setzen!“

Die Männer rannten auf ihre Posten, um das Schiff vorzubereiten, Capitán Salazar sah stur geradeaus. Das Tageslicht kam näher und näher. Das Teufelsdreieck gab es nicht mehr. Das Schiff nahm Geschwindigkeit auf, als der Wind in die Segel griff und dann brach es durch das Loch Sonnenlicht in die See jenseits davon.

Einen Moment war Stille, als die geisterhafte Crew der Silent Mary staunend auf die sie umgebende See sah. Der dunkle Himmel des Dreiecks war einem strahlend blauen gewichen. Die raue See hatte sich beruhigt.

„Wir sind frei!“

Teniente Lesaros Schrei hallte über das Wasser, die Crew jubelte. Am Steuer stehend nickte Capitán Salazar. Es war wahr. Sie waren frei – endlich.

„Meine lieben toten Männer“, sagte er und wandte sich der Mannschaft mit einem triumphierenden Lächeln zu. „Die See ist unser! Zeit, einen Piraten zu jagen!“

Als sein grausames Lachen von den Wellen widerhallte, setzte die Silent Mary einen neuen Kurs. Salazar ging auf die Jagd nach Jack Sparrow, und er würde nicht aufhören, Piraten zu jagen, bis er ihn gefunden hatte – und ihn bezahlen lassen würde für jeden einzelnen Augenblick, den Salazar in dieser wässrigen Hölle gefangen gewesen war. Er starrte in die Ferne und erspähte den verräterischen Jolly Roger eine Piratenschiffes. Es sah so aus, als könne die Jagd auf der Stelle beginnen. Das Piratenleben war vorüber.

[1] Teniente: spanisch für Leutnant. Im englischen Original steht hier der Dienstgrad Lieutenant. Auch hier übernehme ich den spanischen Dienstgrad. Anm. d. Ü.

 

2   2   2

 

Kapitel 6

Besuch

 

Auf der Insel Saint Martin war es Nacht geworden. Die Bürger, die keine Ahnung von der neuen Gefahr hatten, die auf See lauerte, gingen zu Bett, machten es sich in ihrer Unwissenheit gemütlich. Am Himmel hing ein großer Vollmond. Aber es war kein gewöhnlicher Vollmond. Er schien strahlend rot am dunklen Himmel – ein Blutmond.

In ihrer Zelle machte Carina im Licht des Unheil verkündenden Mondes an der Wand Berechnungen. Ihr lief die Zeit davon. Sie brauchte nicht mal eine Uhr, um das zu wissen. Sie spürte es in den Knochen. Die Chance, den Dreizack zu finden und die wahre Bedeutung von Galileos Tagebuch aufzudecken, glitt ihr aus den Fingern. Eine Welle Verzweiflung überflutete sie, doch so rasch sie gekommen war, schüttelte sie sie wieder ab. Sie hatte in der Vergangenheit gegen noch geringere Chancen bestanden. Sie konnte es erneut schaffen. Sie musste nur schärfer nachdenken. Sie hielt das Buch ins Mondlicht, drehte es in diese und in jene Richtung.

„Nur weil du etwas nicht siehst, bedeutet es nicht, dass es nicht da ist …“

Ihre Stimme wurde immer leiser, als sie auf den brillantroten Rubin auf dem Deckel des Tagebuchs sah.

Das Mondlicht schimmerte verführerisch, und Carina konnte einfach nicht anders, als den Rubin abzuziehen. Sie hatte es schon oft getan, doch noch nie in einer Gefängniszelle und noch nie unter dem Licht eines Blutmonds – oder, wissenschaftlich ausgedrückt, einer Mondfinsternis. Zu ihrer Überraschung wurden Wörter sichtbar, als das Licht durch den Rubin auf den Deckel schien; Wörter, die bisher unsichtbar gewesen waren, erschienen auf dem Deckel des Buches.

„Um die Macht der See zu entfesseln, muss alles entzweit werden“, las sie.

Dann registrierte sie, dass der Rubin noch etwas anderes in dem Bild der Wellen beschienen hatte – eine kleine Insel.

b

Zwei Soldaten marschierten durch die Gefängnishalle. Sie stoppten vor Lieutenant Scarfield, der an der Front Wache stand. Scarfield und seine Männer hatten an diesem Tag zwei wichtige Gefangene ins Gefängnis gebracht: Carina und – wie das Glück so spielte – Jack Sparrow. Letzterer hatte sich in der Taverne so betrunken, dass er unfähig gewesen war, sich gegen die Soldaten zu wehren, die über ihn gestolpert waren. Der Lieutenant weigerte sich jetzt, das Gefängnis zu verlassen, auch wenn es schwer bewacht war und es unter seiner Würde war, selbst Wache zu stehen. Die Hexe und der Pirat waren seinem Griff zu oft an diesem Tag entwischt, um es erneut darauf ankommen zu lassen. Und er war immer noch wütend darüber, dass es dem Verräter Henry Turner gelungen war, zu entkommen.

„Sir“, sprach einer der Soldaten den Lieutenant an, „wir haben Nachrichten, dass Schiffe auf See brennen. Ein unbekannter Feind ist in dies Gewässer eingedrungen.“

„Piraten?“, fragte Scarfield.

Die Soldaten schüttelten die Köpfe.

„Etwas anderes“, antwortete einer.

Während das Trio die Situation diskutierte, marschierte eine einzelne Wache im roten Rock rasch durch die Halle des dunklen Gefängnisses. Den Hut hatte der Wächter tief ins Gesicht gezogen, er verbarg seine Züge. Vor den dunkelsten und schmutzigsten Zellen blieb er stehen.

„Ich muss mit Euch reden“, flüsterte er. Als er sich vorbeugte, beleuchtete das Mondlicht sein Gesicht und enthüllte, dass er Henry Turner war. Er wartete mit angehaltenem Atem auf eine Antwort aus der Zelle. Plötzlich legte sich ein Arm um Henrys Hals und zog in dicht an die Gitterstäbe.

„Gib mir deinen Säbel!“

Henry schüttelte den Kopf.

„Ich habe keinen.“

„Welcher Soldat hat keinen Säbel?“, fragte der Zelleninsasse verblüfft.

„Ich werde wegen Hochverrats gesucht.“

Pause

„Also kein besonders guter Soldat“, bemerkte der Pirat.

Henry zuckte mit den Schultern. Dagegen konnte er nichts sagen. Obwohl, wenn er die Zeit oder die Neigung dazu gehabt hätte, hätte er erklären können, dass er, auch wenn er vielleicht kein guter Soldat war, immerhin nicht eingesperrt war.

„Ich suche nach dem Piraten Jack Sparrow“, sagte er stattdessen in der Hoffnung, seine Worte würden der unkomfortablen Situation, in der er sich befand, ein Ende setzen.

Es schien zu wirken. Der Arm lockerte sich um seinen Hals. Henry zog sich rasch zurück.

„Dann ist heute dein Glückstag! Denn wie es der Zufall will, bin ich Captain Jack Sparrow!“, erklärte der Mann in der Zelle.

Henry schnaufte. Als er wieder Luft bekam hatte er endlich Gelegenheit, den Piraten zu sehen, über den er schon so viel gehört hatte – und schnappte erneut nach Luft.

„Nein! Das kann nicht sein!“, protestierte er. „Das, wonach ich seit Jahren suche, ist das hier? Der große Jack Sparrow ist kein Trunkenbold in einer Zelle!“

Sein Verstand weigerte sich, zu glauben, was seine Ohren hörten und seine Augen sahen.

„Wo ist dein Schiff?“, fragte er, „Deine Crew? Deine … Hose?“

Tatsächlich war Jack ohne Hose. Er zuckte mit den Schultern.

„Einen großen Piraten kümmern solche Kleinigkeiten nicht.“

Henry war entsetzt.

„Weißt du, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe?“, fragte er. „Ich habe alles riskiert, um herzukommen. Bist du sicher, dass du der Jack Sparrow bist?“

„Wir wissen beide, wer ich bin. Bleibt die Frage:“

Der Pirat kam einen Schritt näher an die Gitterstäbe und sah Henry aus kajalumrandeten Augen scharf an.

„Wer bist du?“

Henry zögerte.

„Mein Name ist Henry Turner“, sagte er schließlich. „Der Sohn von Will Turner und Elizabeth Swann.“

Jacks Mundwinkel sanken herunter. Er zog sich zurück, langte dann durch die Gitter. Drehte Henrys Kopf in die eine und die andere Richtung, studierte ihn.

„Äääh“, sagte er schließlich, als er die Ähnlichkeit erkannte. „Du bist also die teuflische Brut der beiden.“

Henry nickte und befreite sein Gesicht aus den langen, beringten Händen des Piraten.

„Hat Mami sich mal nach mir erkundigt?“

„Nein, nie“, erwiderte Henry, von Jacks Frage überrascht.

„Murmelt sie im Schlaf meinen Namen?“, hakte Jack nach.

Henry schüttelte den Kopf.

„Sie hat nie von dir gesprochen.“

Jacks seufzte und machte – mehr oder weniger – weiter.

„Bist du sicher, dass wir von denselben Leuten reden? Er war ein verwunschener Eunuch, sie hat goldenes Haar, ist stur und hat den Hals eine Giraffe, zwei wundervolle …“

„Ja, das ist sie!“, unterbrach Henry ihn mit erhobener Stimme. Er zuckte zusammen. Hatte dieser Pirat eigentlich gar keinen Sinn für Anstand? Es war Henrys Mutter über die er sprach! Er senkte seine Stimme und fuhr fort:

„ Hör mir zu, Jack, denn im Moment bist du alles, was ich habe. Ich habe einen Weg gefunden, meinen Vater zu retten. Der Dreizack des Poseidon kann seinen Fluch brechen und ihn von der Dutchman befreien.“

„Der Schatz, der mit der Karte, die kein Mann lesen kann, gefunden werden kann?“, fragte Jack nach einer Pause. „Nie davon gehört.“

Henry verzog das Gesicht. Natürlich hatte der Pirat davon gehört, anderenfalls hätte kaum genau gewusst, wie der Schatz zu finden war. Ein Teil von Henry wollte weggehen und den scharfzüngigen Piraten in seiner Zelle verrotten lassen. Doch auch wenn ihm das in gewissem Sinne Befriedigung gebracht hätte, wusste er, dass er das nicht konnte.

„Hier im Gefängnis sitzt ein Mädchen, das die Karte hat“, ergänzte er. „Sieh aus dem Fenster, Jack – der Mond ist zu Blut geworden. Der Dreizack kann gefunden werden …“

Er stoppte, als er Schnarchgeräusche aus der Zelle hörte. Jack tat so, als wäre er eingeschlafen.

Langsam drehte er sich vom Fenster zurück.

„Sorry, hast du noch was gesagt? Ich glaub’ ich bin eingenickt.“

Er sah zu, wie Henrys Gesicht fiel, bevor er dem Jungen den Rücken zuwandte, um ihm klarzumachen, dass die Unterhaltung beendet war.

Niedergeschlagen machte Henry auf dem Absatz kehrt, um zu gehen. Doch er hielt an. Er hatte noch eine Karte, die er ausspielen konnte.

„Da ist noch was“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Eine Nachricht für dich von jemandem, den du kennst. Ein Captain namens … Salazar.“

Der Trick wirkte. Jack Gesicht wurde bleich, er musste sich anstrengen, um seine Hände vor dem Zittern zu bewahren.

„Ich kannte mal einen Spanier namens … irgendwas auf Spanisch“, sagte er und versuchte, seine Stimme heiter klingen zu lassen.

El Matador del Mar“, sagte Henry, genervt von Jacks Unfähigkeit, ernst zu sein. „Der Schlächter der See.“

Jack Sparrow schüttelte den Kopf. Er wusste, das war unmöglich. Salazar war tot. Auf den Meeresgrund gesunken. Es gab keinen plausible oder denkbare Möglichkeit, dass er hinter ihm her sein konnte. Anscheinend war es jedoch durchaus plausibel.

„Er kommt dich holen, Jack. Er will Rache, wie die Geschichte des toten Mannes sagt.“

„Ich glaub’ dir kein Wort!“, sagte Jack, wobei sein Tonfall beide nicht überzeugte. Er lehnte sich etwas näher zu Henry.

„Was hat er gesagt?“

„Er sagte, dein Kompass sei der Schlüssel zu seiner Freiheit“, erwiderte Henry.

Jack langte nach seinem Kompass, nur um sich zu erinnern, dass er nicht vorhanden war. Er war – nach Jacks Kenntnisstand – immer noch in der Kneipe auf einem Haufen Gold und Plunder.

Ohne zu ahnen, dass Jack seinen kostbarsten Besitz nicht mehr bei sich hatte, fuhr Henry mit seltsam prophetischen Worten fort:

„Eine Armee von Toten ist auf dem Weg zu dir. Der Dreizack ist deine einzige Hoffnung. Also … sind wir uns einig?“

Er streckte seine Hand aus und wartete.

Jack sah den jungen Mann an, der ihn hoffnungsvoll anschaute. Er sah so viel von Will in den Augen des Jungen. Die Hoffnung, das Vertrauen, die Tatkraft. Er hatte diese Eigenschaften von Will Turner stets als ärgerlich empfunden. Er empfand sie ebenso ärgerlich in Wills Sohn.

Dennoch hatte der Junge Recht. Jack hatte seinen Kompass verloren. Die Black Pearl war ein nutzloses Spielzeug. Seine Aussichten waren – nun ja – düster. Schließlich nickte er leicht.

„Hast du Silber?“, fragte er und ergriff Henrys Hand. „Weil wir eine Crew brauchen werden.“

Er sah an sich herunter.

„Und Hosen.“

2   2   2

 

Kapitel 7

Shansa

 

Das Leben an Bord der Queen Anne’s Revenge war gut. Während Jacks Glück sich entschieden hatte, sich zum schlechteren zu wenden, hatte sich Barbossas Glück zum besseren gewandt – zum viel besseren. Seit er sich von Jack und dessen Tricks getrennt hatte, hatte Barbossa die Welt der Piraten erobert. Er hatte nicht länger nur ein Schiff; er hatte eine Flotte. Er hatte nicht länger nur eine Crew; er hatte Mannschaften. Sein Name wurde in den Häfen der gesamten Karibik furchtsam geflüstert, und wenn sein Jolly Roger auf See gesichtet wurde, wussten sowohl Piraten als auch Soldaten, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie gekapert wurden.

Barbossa hatte gerade eine erfolgreiche Runde von Beutezügen und Plünderungen beendet und die Queen Anne’s Revenge wieder in den Hafen gebracht. Das Schiff hatte inzwischen weniger Ähnlichkeit mit einem Wasserfahrzeug als mit der Einrichtung eines Antiquitätenladens oder eines Museums. Zahllose Statuen, Ballen von Seide, Dutzende Teppiche und mit purem Gold verziertes Mobiliar stapelten sich in heillosem Durcheinander auf dem hölzernen Boden. Seine Männer hatten schon den größten Teil des Tages damit verbracht, ihre Beute zu verprassen und waren zum Schiff zurückgekehrt, um ihr Freudenfest fortzusetzen. An Deck kämpften zwei der Männer um goldene Kandelaber, während ein anderer Pirat sein Bier aus einer unbezahlbaren chinesischen Vase schlürfte.

In seiner Kapitänskajüte stand Hector Barbossa inmitten seines eigenen Schatzes. Auch wenn er gegenüber seiner Crew großzügig war, behielt er das Beste stets für sich. Regale und Boden waren mit Gold und Juwelen überschüttet. Ein großes, kostbares Gemälde lag quer über einer Chaise, während in einer Ecke weitere Kunstwerke achtlos übereinander gestapelt waren.

Barbossa selbst glänzte ebenfalls deutlich mehr als früher. Sein Bart, ehemals zottelig und verfilzt, war ordentlich gekämmt und mit teurem Öl gewichst. Er trug eine Perücke mit üppigen, braunen Locken. Seine Kleidung war aus den feinsten Stoffen, die gestohlenes Geld zu kaufen vermochte. Sein Holzbein hatte er durch eines aus purem Gold ersetzt. Jeder Zoll ein König, saß er in seinem geschmückten Sessel, naschte kandierte Orangen und lauschte den süßen Tönen eines Streicherquartetts.

Plötzlich sprang die Tür zu seiner Kajüte auf und Murtogg und Mullroy rauschten herein. Die beiden früheren Marines, die die Royal Navy verlassen und sich Barbossa angeschlossen hatten, waren – wie üblich – das Ebenbild der Inkompetenz. Sie fummelten ungeschickt aneinander herum, während sie ihren Captain anzusprechen versuchten.

„Sir“, begann Mullroy und gab Murtogg einen Stoß mit dem Ellenbogen, „wir wissen, dass Ihr gesagt habt, wir dürften Euch nicht stören …“

„Oder ohne guten Grund kommen …“, fügte Murtogg hinzu.

„Oder zu sprechen ohne uns vorher zu fragen, ob unsere Ideen wirklich absolut notwendig …“, sagte Mullroy und zögerte, als Barbossa den Kopf von seinem Hauptbuch hob, das er vor sich hatte. Er warf den neueren Piraten einen strengen Blick zu. Mullroy schluckte. Vielleicht war dies eine der Gelegenheiten, über die er etwas schärfer hätte nachdenken sollen …

Barbossa schien dem zuzustimmen.

„Sprecht!“, befahl er und richtete seine Pistole auf sie. „Schnell!“

Nervös traten die Männer einen Schritt zurück. Dann informierten sie Barbossa in aller Eile, dass drei seiner Schiffe angegriffen worden waren.

„All Euer Silber liegt auf dem Grund des Meeres“, erklärte Mullroy. „Ein Captain namens Salazar ließ von jedem Schiff einen Mann am Leben, um die Geschichte zu erzählen. Schon bald wird er Eure ganze Flotte versenkt haben.“

Als die beiden Männer weiterschwafelten, verengten sich Barbossas Augen. Salazar war also zurück von den Toten. Der Umstand überraschte ihn nicht. Barbossa hatte selbst einen Fluch überstanden und hatte erfahren, dass die See ihre Wege hatte, das zurückzubringen, was verloren geglaubt war. Und dass Salazar Piraten jagte, war für ihn ebenfalls keine Überraschung. In seinem früheren Leben war Salazar in seinem Hass auf Piraten unbarmherzig gewesen. Danach war er es gewesen, Barbossa, der Furcht in die Herzen all jener gesät hatte, die unter dem Jolly Roger jeder Größenordnung segelten. Nichts von diesen Nachrichten überraschte ihn. Aber sie ärgerten ihn – und beunruhigten ihn. Denn wenn Salazar tatsächlich auf Rache aus war, bedeutete das, dass Barbossas Glückssträhne am Ende war. Und er war absolut nicht darauf vorbereitet, dass dies geschah.

Er sah aus dem großen Heckfenster der Kajüte. Er würde Hilfe brauchen. Und nicht irgendeine Art von Hilfe. Um die Verfluchten zu bekämpfen, musste er jemanden finden, der in den dunklen Künsten bewandert war – in der Schwarzen Magie. Glücklicherweise kannte er jemanden mit diesem besonderen Talent.

1

 

Barbossa peilte durch die Gitterstäbe der Zelle, vor der er stand. Von drinnen konnte er jemanden mit leiernder Stimme singen hören.

Er atmete tief durch. Er zog es vor, diese Gitter zwischen sich und der hier von königlichen Gardisten gefangen gehaltenen Seehexe zu haben. Allerdings konnte er sein Geschäft nicht fortführen, wenn sie auf der einen und er auf der anderen Seite war. Und ihm war klar, dass es unklug war vor der Zelle einer berüchtigten Seehexe wie Shansa mit Ankündigung zu erscheinen – und dass es geradezu närrisch war, ohne jede Voranmeldung dort anzukommen. Barbossa hoffte nur, dass die Hexe vielleicht die Fähigkeit hatte, sein Eintreffen zu spüren. Und dass – falls er schreien sollte – eine Wache dies hören und ihm zu Hilfe eilen würde.

Er drückte die Zellentür auf und trat ein. Der Singsang kam von einer Frau, die an einem dampfenden Topf stand. Während er sie noch ansah, krabbelte eine Ratte ihren Arm hinauf, ging um die Schultern der Frau und ließ sich schließlich gemütlich auf einer nieder.

„Ich habe Euch erwartet, Captain. Vielleicht möchtet Ihr einen Tee?“

Die Frau drehte sich langsam um. Barbossa sah, dass Shansa, von hinten vom Feuer angestrahlt, nichts von ihrer einzigartigen Schönheit eingebüßt hatte, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie war bemerkenswert mit ihren durchdringenden Augen, den scharfgezeichneten Wangenknochen und den verschlungenen Tätowierungen, die sich über den ganzen kahlen Kopf, beide Arme und Beine zogen. Lange, kraftvolle Finger streichelten sanft die Ratte auf ihrer Schulter, und selbst aus der Entfernung hätte Barbossa schwören können, dass sie vor Magie glühte.

Er schüttelte den Kopf, sah einige weitere Ratten aus dem Topf kriechen, auf den sie eben bezüglich des „Tees“ hinwies – was nach einer dicken, leuchtendgrünen Substanz aussah.

„Nicht für mich“, sagte er und setzte hastig ein: „Danke“, hinzu, als er bemerkte, dass sich ihre Augen verengten. Hinter ihr im Schatten konnte Barbossa die skelettierten Überreste eines Menschen ausmachen. Es würde ihm nicht gut bekommen, ihrem Einfluss zu lange ausgesetzt zu sein. Er brauchte einen Grund für seinen Besuch.

„Wir beide haben vor langer Zeit eine Abmachung getroffen“, setzte er an, „Ich habe Euch vor dem Galgen bewahrt …“

„Und ich habe im Gegenzug Eure Feinde verflucht“, vollendete die Seehexe. „Doch nun kommt Ihr voller Angst zu mir, weil die Toten nun über die Meere herrschen.“

Er nickte. Das wusste er schon.

„Was wollen die Toten von mir?“, fragte er, um zu erfahren, was er nicht wusste.

Shansa drehte sich zu ihrem Kessel um und sah hinein.

„Nicht Ihr seid es, Captain“, sagte sie schließlich korrigierend, als sie etwas in dem Kessel sah, dass ihr Besucher nicht sehen konnte.

„Sie suchen nach Eurem Rivalen“

„Jack?“, hakte er nach. Shansa nickte. Barbossa konnte ein Stöhnen knapp unterdrücken. Er hätte es wissen müssen. Natürlich war Jack darin verwickelt. Irgendwie verstrickte sich der abgefeimte Pirat immer wieder in irgendeiner Art magischen Missgeschicks. Das Unglück folgte ihm wie ein Hund dem Knochen.

Immer noch in den Kessel sehend, fuhr sie fort:

„Jack ist auf der Suche nach dem Dreizack – mit jungem Blut und altem Hut.“

„Der Dreizack kann nicht gefunden werden!“, rief er. Seine Lautstärke ließ die Ratte auf ihrer Schulter zusammenzucken. Er ignorierte das missbilligende Zischen des Nagers machte er weiter. Jack interessierte ihn nicht. Dieses mythische Teil, von dem er wusste, dass es eben ein Mythos war, interessierte ihn nicht.

Shansa ging zum Kessel. Barbossa kam näher. Durch den Dampf sah er, wie ein Szenario erschien: Ein großes, dunkles Schiff mit zerrissenen Segeln und verrotteten Planken war auf der Jagd nach einem hilflosen Piratenschiff. Die Silent Mary fiel über das andere Schiff her. Binnen Augenblicken schwärmte die tote Crew über das andere Schiff aus wie Ameisen über ein Picknick. Er konnte sie nicht hören, doch er vermochte sich die schrillen Schreie vorstellen, als die Lebenden von den Toten überwältigt wurden. Er zog sich zurück, sein Gesicht aschfahl hinter dem Bart.

„Die Toten erobern die See“, sagte Shansa leise. „Doch sie können nicht an Land gehen. Ihr solltet Euch auf dem Land zur Ruhe setzen“, empfahl sie.

„Ihr meint Gras?“, fragte Barbossa, das Wort geradezu ausspeiend. „Ihr wollt, dass ich einen Bauernhof aufmache …, Kühe melke …, Käse mache, während alles, was mein ist, zerstört wird? Während mein Schatz versenkt wird“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Stellt Euch die Frage, Captain: Ist ein Schatz wert, dafür zu sterben?“

Er zögerte nicht.

„Aye“, antwortete er mit einem entschlossenen Nicken. „Ich bin ein Pirat. Das werde ich immer bleiben. Wie kann ich retten, was mein ist?“

Sie griff in ihre Tasche und zog etwas heraus. Sie behielt es einen Moment in der Hand, als ob sie überlegte, ob sie ihm das Stück zeigen sollte oder nicht. Schließlich öffnete sie ihre Finger. Seine Augen weiteten sich vor Staunen. Shansa hielt Jacks geliebten Kompass in ihrer Hand. Sie ließ ihn fallen, ließ ihn am Bändsel baumeln.

„Jack hatte einen Kompass, der auf die Dinge zeigt, die man am meisten wünscht. Doch betrügt den Kompass – und er entfesselt Eure größte Furcht.“

„Und die größte Furcht eines jeden Piraten ist Salazar!“, rief Barbossa aus. Er langte zu und schloss seine Finger um den Kompass.

„Wie seid Ihr daran gekommen?“

„Ich habe meine Wege“, erwiderte die Meereshexe geheimnisvoll. „Führt sie zu Jack, bevor er den Dreizack findet und Euer ganzer Schatz wird zu Euch zurückkehren.“

Barbossa nahm den Kompass aus ihrer Hand und gab ihr im Tausch einen schwarzen Beutel. Sie schüttete die Goldmünzen, die darin waren, in ihre Hand und nickte. Ihr Handel war perfekt.

Doch er hatte noch einen weiteren Handel zu machen. Einen Handel mit den Toten.

 

2   2   2

 

Kapitel 8

Volksbelustigung

 

1 „Die Sonne ist aufgegangen! Zeit zu sterben, Pirat!“

Die Tür von Jacks Zelle wurde aufgestoßen. Zwei Soldaten traten zu ihm, nahmen ihn an den Armen und schleppten ihn in die Halle. Jack hing schlaff zwischen ihnen, war erstaunlich ruhig für die Tatsache, dass er nach Aussage eines der Soldaten in Kürze sterben sollte.

Als sie dem Ausgang des Gefängnisses näher kamen, hörte Jack jemanden singen. Die Melodie klang vertraut.

„Dad?“, fragte Jack hoffnungsvoll. Das letzte Mal, als er Teague gesehen hatte, hatte er ihn davor gewarnt, die Quelle der ewigen Jugend zu suchen. Als Hüter des Piratenkodexes, ein Titel, den der üblicherweise wenig ernste Pirat sehr ernst nahm, wusste Teague mehr als jeder andere über die Einzelheiten des Meeres. Es wäre ein glücklicher Zufall gewesen, wenn Jack in diesem äußerst unglücklichen Moment über ihn gestolpert wäre. Doch als Jack an der Zelle vorbeikam, aus der der Gesang kam, sah er, dass es nicht sein Vater war.

„Onkel Jack!“, rief er, als er den Sänger erkannte.

„Jack, mein Junge!“, antwortete der Mann in der Zelle freudig. Er trat vor. Im schummrigen Licht der Zelle sah Jack seinen Onkel. Das Haar des Mannes war ebenso zu Dreadlocks verfilzt wie Jacks eigenes, seine Augen waren die gleichen braunen Augen, obwohl sie vom Alter getrübt waren und die Haut drumherum faltig war.

„Wie geht’s dir?“, fragte der ältere Pirat seinen Neffen.

„Ich kann mich wirklich nicht beschweren“, erwiderte Jack, als ob sie sich in einer Kneipe unterhielten und nicht in einem Gefängnis. „Und du?“

„Mir ging’s nie besser“, antwortete Onkel Jack. „Ich warte schon den ganzen Morgen auf eine Auspeitschung.“

Er machte eine Pause, lehnte sich vor und flüsterte:

„Schrecklicher Service hier.“

„Schande über sie“, erwiderte Jack.

Onkel Jack zögerte, sah sich um und machte eine Geste zu Jack, dass er näher kommen sollte. Jack reckte sich, soweit es unter dem Griff der Wachen möglich war.

„Die Ozeane haben sich in Blut verwandelt. Ist besser, an Land zu bleiben, wo es sicher ist.“

Jack verzog das Gesicht.

„Ich soll an Land hingerichtet werden … “

„Guter Einwand“, räumte Onkel Jack ein. Dann zuckte er mit den Schultern.

„Hab’ ich dir schon den von dem Skelett erzählt?“

Jack seufzte. Sein Onkel hatte ihm den Witz erzählt – zu oft. Er war nicht mal witzig.

„Gut, es war schön, dich mal wieder zu sehen.“

Er machte eine Pause, suchte angestrengt nach den passenden Worten, die man einem Verwandten in einer Gefängniszelle sagen konnte.

„Jedenfalls hoffe ich, dass du eine wundervolle Hinrichtung hast.“

„Du ebenfalls“, erwiderte Onkel Jack. „Falls sie dich ausweiden, frag’ nach Victor. Der hat die sanftesten Hände.“

Die britischen Soldaten gaben Jacks Armen einen Ruck. Während er sich über nichts mehr gefreut hätte, als bleiben und weiter mit seinem Onkel schwatzen zu können – und damit das Unvermeidliche vermieden hätte – schien es, als sahen die Soldaten das anders. Sie schleiften ihn durch die Halle, aus dem Gefängnis und auf den Marktplatz von Saint Martin.

Eine ziemlich große Menge hatte sich zur Unterhaltung versammelt. Männer, Frauen und Kinder füllten den Platz zum Bersten. Sie riefen und verhöhnten die Gefangenen, die den Tod erwarteten. Jack sah sich um und erspähte das Mädchen aus dem Kartenladen in einem Käfig zusammen mit anderen Hexen. Er nickte ihr kurz zu.

„Wie möchtest du sterben, Pirat?“, fragte ein Soldat, der ein Brett mit Papier und eine Schreibfeder in den Händen hielt.

Jack sah hoch. Wie er sterben wollte? Was für eine eigenartige Frage. Darüber hatte er noch nie so recht nachgedacht. Es gab so viele Möglichkeiten …

„Hängen, Erschießungskommando oder – neu auf dem Markt – die Guillotine?“, fragte der Posten nachdrücklich.

Jack zögerte.

„Guillotine“, sagte er schließlich. „Klingt französisch. Ich liebe die Franzosen. Die haben die Mayonnaise erfunden. Was kann von da Schlimmes kommen?“

Der Posten drehte Jack um, so dass er der Guillotine gegenüberstand. Er schluckte. Offenbar gab es Dinge aus Frankreich, die ihm nicht zusagten.

Der neumodische Apparat vor ihm war etwas aus seinen schlimmsten Albträumen. Eine riesige Klinge hing hinaufgeschoben zwischen zwei hölzernen Pfählen. Darunter war ein hölzerner Block, aus dem eine Einbuchtung in der Größe eine menschlichen Halses geschnitten war. Er änderte seine Meinung. Das Erschießungskommando wäre ganz nett. Insbesondere, wenn man ihm die Augen verband …

„Bringt den Korb!“, rief einer der Soldaten, während er und seine Kameraden den Piraten an einem kippbaren Brett festschnallten, mit dem er unter der Guillotine fixiert wurde.

Es war zu spät. Noch während der Delinquent protestierte, wurde er auf den Block herunter geschoben. Sein Kopf hing über dem Korb, während seine Hände festgeschnallt waren.

„Ich hab’ da ‘ne Idee“, sagte Jack, seine Worte etwas dumpf wegen der Position seine Kopfes auf dem Hinrichtungsblock.

„Wieso nicht ‘ne schöne altmodische Steinigung? Ist doch auch unterhaltsamer für den Mob.“

Etwas entfernt von dort, wo Captain Sparrow seinem Schicksal entgegensah, erwartete Carina Smyth ihres ebenfalls. Ihr war eine Schlinge um den Hals gelegt worden und man hatte sie zum Galgen geführt. Sie stand auf der hohen hölzernen Plattform und schaute in die Menge.

„Werte Herren“, sagte sie, um wenigstens die Leute von Saint Martin zur Vernunft zu bringen. „Ich bin keine Hexe. Aber ich vergebe Euch Eure Beschränktheit und Eure kläglichen Gehirne. Kurz, die meisten von Euch haben nicht mehr Geist als Ziegen …“

„Ist es nicht üblich, einem zum Tode Verurteilten eine letzte Mahlzeit zu gewähren?“

Jacks Ruf unterbrach Carina mitten in ihrem Protest.

Sie blitzte quer über den Platz den Piraten an:

„Ich war gerade dabei meinen Standpunkt klarzumachen. Wenn Ihr Euch etwas gedulden würdet …“

Sie war mit Jack Sparrow noch nicht lange bekannt, aber lange genug, dass sie wusste, dass es ihm stets nur um sich ging – eine Eigenschaft, die er mit jedem vergehenden Augenblick bewies.

„Mir soll der Kopf abgehackt werden – daher die Dringlichkeit“, rief er.

„Und mir soll das Genick gebrochen werden“, stellte sie klar.

„Manchmal bricht das Genick nicht“, versetzte er. „Ich hab’ schon Männer gesehen, die stundenlang hängen sehen, die langsam erstickten. Der Punkt ist, es ist absolut möglich, dass du noch Stunden hast, um letzte Worte zu flüstern, während mein Kopf demnächst in diesem Korb liegen wird und auf meinen leblosen Körper starrt – und zwar mit Kohldampf!“

„Tötet den dreckigen Piraten! Ich kann warten“, verkündete sie trocken.

Von seinem Platz auf dem Block hob Jack die Hände und versuchte, den Kopf zu schütteln.

„Davon will ich nichts hören“, sagte er, Galanterie vortäuschend. Dann lächelte er süffisant. „Hexen zuerst.“

Carina stieß einen Schrei der Frustration heraus.

„Ich bin keine Hexe! Habt Ihr mir nicht zugehört?“

„Schwierig zuzuhören, wenn man den Grips einer Ziege hat!“, schoss Jack zurück.

Genug!“

Scarfields Stimme hallte über den Platz und brachte beide zum Schweigen.

„Tötet sie beide!“, befahl er.

Jack schaute soweit hoch, wie es ihm möglich war und sah den Henker vortreten. Er trug die schwarze Maske, die sein Beruf erforderte. Der Pirat registrierte, dass die in schwarzen Handschuhen steckenden Hände nach dem Hebel langten, um die Klinge auszulösen. Jack schloss die Augen und wartete auf das Geräusch der fallenden Klinge.

Doch es blieb aus. Stattdessen war da ein wusch und ein Schrei. Jack öffnete ein Auge und sah den jungen Henry Turner mitten auf dem Platz stehen. Er war hoffnungslos von Soldaten umzingelt, hatte aber die Fäuste immer noch erhoben. Ein Seil – das Henry vermutlich benutzt hatte, um damit herunterzuschwingen – hing von seinem Handgelenk. Offensichtliche hatte der Junge einen Rettungsversuch unternommen – und war gescheitert.

„Holt noch eine Schlinge!“, befahl Scarfield von der Tribüne. „Er wird mit den anderen sterben!“

Er drehte sich zu Henry um und knurrte:

„Dachtest du, du könntest uns besiegen, Junge?“

Henry schüttelte  den Kopf.

„Nein, Sir“, erwiderte er mit einem über sein Gesicht huschenden Lächeln. „Ich bin nur die Ablenkung.“

Er drehte sich um und rief über die Schulter:

Feuer!“

Augenblicklich erschütterte eine Explosion den Platz. Steine und Trümmer flogen durch die Luft, Chaos brach aus, als die Leute zu schreien und zu rennen begannen. Die Guillotine kippte um, wirbelte immer wieder wie um eine Welle herum, bevor sie schließlich kopfüber liegen blieb und Jack hilflos von dem neumodischen Apparat baumelte.

Scarfields Gesicht wurde rot, als er sah, dass Jacks alte Crew eine Kanone weiter auf den Platz schob. Er drehte sich um und sah, dass Henry sich von den Soldaten befreit, hatte, die ihn festgehalten hatten. Scarfield war ausgetrickst worden – von einem, der fast noch ein Knabe war! Er wandte sich zu seinen Männern um und befahl ihnen, anzugreifen. Doch es hatte keinen Zweck. Die Piraten schwärmten vor seinen Augen weiter über den Platz.

Die Kanone feuerte erneut, scheuchte eine Gruppe Pferde auf. Sie jagten vorwärts, direkt auf die Guillotine zu. Jack strengte sich an, ihnen aus dem Weg zu kommen, aber er fand keinen Ausweg. Erneut schloss er die Augen und wartete auf den unausweichlichen Tod, diesmal durch die Hände – eher Hufe – von Pferden. Und wieder geschah nichts. Stattdessen knallten die Pferde in die Seite der Guillotine, ließen sie zur anderen Seite krachen. Mit einem Ächzen brach das Holz, gab Jack frei. Er setzte sich auf und rieb seine Handgelenke. Das war knapp gewesen.

In dem Moment fiel die Klinge – und landete direkt zwischen seinen Beinen. Ups! Das war noch knapper gewesen.

Er kam auf die Füße, klopfte sich den Staub vom Mantel und wischte seine gerade zurückerworbene Hose ab.

„Gibbs!“, sagte er, als er seinen Ersten Maat bemerkte. „Ich wusste, du würdest wieder angekrochen kommen!“

Der bärtige Mann zuckte mit den Schultern.

„Der Turner-Junge gab uns zehn Silberstücke, um deinen Hals zu retten“, erklärte er.

Jack zuckte seinerseits. Na schön. Er drehte sich um, sah über den Platz. Seine Freiheit, obwohl höchst wichtig, war nur ein Teil des Plans. Er hasste es, das zuzugeben, und er hätte es nicht – jedenfalls nicht laut – gesagt, dass er nicht derjenige war, der nötig war um den Dreizack zu finden. Sie brauchten Henrys Hexe.

Das einzige Problem war, dass sie immer noch am Galgen festhing.

Als die Soldaten sich einen Weg durch die wogende Menge um sie kämpften, stand Carina hilflos da. Sie sah Henry mitten in einer Gruppe von Soldaten, der sich mit Händen und Füßen in ihre Richtung arbeitete, als ein ungepflegter Pirat mit Glasauge die Galgenplattform enterte, den Soldaten bekämpfte, der dort war und ihn schließlich hinunterbeförderte.

„Danke“, sagte Carina überrascht.

„M’lady“

Der Pirat breitete die Arme aus und verbeugte sich. Unglücklicherweise stieß er dabei mit der Hand an den Hebel der Falltür und Carinas Herz – und ihr Körper – rauschten hinunter. Der Boden unter ihren Füßen hatte sich geöffnet und der Strick um ihren Hals wurde enger und enger.

Der Schrei blieb ihr im Hals stecken, als ihr Sturz plötzlich gebremst wurde. Sie sah hinunter und bemerkte, dass Henry unter der Plattform stand und sie aufgefangen hatte. Seine Arme waren um sie gelegt, sein Gesicht in ihrem Leib vergraben. Sie konnte spüren, dass er darum kämpfte, sie nicht noch weiter fallen zu lassen.

„Von diesem Moment an“, sagte er, seine Worte durch ihre Kleidung gedämpft, „sind wir Verbündete.“

„Wenn man bedenkt, wo du deine linke Hand hast, sind wir mehr als das“, giftete sie und versuchte ihren Körper ruhig zu halten.

„Wir finden den Dreizack gemeinsam“, sagte Henry ohne auf Carinas unpassenden Spott einzugehen. „Habe ich dein Wort?“

Sie nickte. Dann, als ihr seine ziemlich skandalöse Position auffiel, fügte sie hinzu:

„Du hast alles von mir, aber ganz sicher nicht mein Wort. Und jetzt hol’ mich runter!“

„Ich hab’ im Moment kein Schwert“, sagte er nach einer Pause.

Carinas Augenbrauen schossen nach oben. Er hatte kein Schwert? Was für ein Soldat kam zu einer Rettung mit nichts als seinen Fäusten? Sie baumelte am Ende eines Henker-stricks und ein junger Mann, den sie kaum kannte, hielt sie in überaus intimen Zonen, während Piraten und Soldaten um sie herum miteinander kämpften. Schlimmer konnte es kaum noch werden.

„Nun seht euch das an!“, ertönte die Stimme von Lieutenant Scarfield.

Carina zog eine Grimasse. Offensichtlich konnte es noch schlimmer werden. Sie sah sich um und bemerkte den Lieutenant, der auf Henry unter ihr zumarschierte.

„Wenn ich den Feigling töte, hängt die Hexe“, bemerkte er. „Zwei auf einen Schlag.“

„Lass mich nicht hängen“, flehte Carina Henry an.

Er schluckte.

„Wird schwierig, wenn er mich umbringt.“

Mit Carina in seinen Armen war Henry wehrlos. Sein Leib war komplett ungeschützt. Es würde nichts weiter brauchen als einen gutplatzierten Stich, um sein und Carinas Leben zu beenden. Er versuchte, sich einen Plan zu überlegen, als Scarfields Säbel zurückgezogen wurde. Das Gesicht des Mannes war von mörderischer Freude erfüllt – und dann fiel Scarfield zu Boden und blieb mit verdrehten Augen liegen. Hinter seinem niedergestreckten Körper stand Jack Sparrow. In seiner Hand hielt er das stumpfe Ende der Fallbeilklinge.

„Gentlemen“, sagte er über die Schulter zu seiner versammelten Crew, „diese beiden Gefangenen werden uns zum Dreizack führen.“

„Gefangene?“, stieß Henry hervor, als er von einem der Piraten grob ergriffen wurde. „Ich habe deine Männer dazu gebracht, dich zu befreien! Ich habe sie mit meinem eigenen Silber bezahlt. Wir hatten einen Handel!“

„Eine kleine Änderung“, erwiderte Jack achselzuckend, drehte sich um und machte sich daran, den Platz zu verlassen. Henry war wie sein Vater – naiv und einfältig. Aber auch wenn er beides war, so war er auch der Schlüssel, um Salazar zu entkommen und den Dreizack zu finden. Ob es ihm gefiel oder nicht: Jack nahm ihn – samt seiner Hexenfreundin – mit auf sein Abenteuer.

 

2   2   2

 

Kapitel 9

Geschäfte

 

Die Meere waren wütend. Schwere Wellen schlugen gegen die Planken der Queen Anne’s Revenge, als sie unter einem dunkelgrauen Himmel dahinsegelte. Am Horizont hatten sich massive Sturmwolken formiert, die alles in Dunkelheit gehüllt hatten.

Alles einschließlich der Silent Mary.

Capitán Salazars Geisterschiff segelte durch die stürmische See, unberührt von den schweren Wellen. Der Sturm schien dem Schiff zu folgen, als stünde er irgendwie unter dessen Kontrolle.

An Bord der Queen Anne’s Revenge stand Hector Barbossa am Steuer, seine Augen – ebenso voller Wolken wie das Meer – bestimmt und kalt, fixierten das Schiff voraus. Er wusste, dass seine Crew dachte, er hätte den Verstand verloren. Niemand segelte in Richtung der Silent Mary. Es war das sichere Todesurteil, das zu tun, doch er hatte klare Befehle gegeben. Sie würden nicht stoppen, bis sie nahezu den Bug des anderen Schiffes erreicht hatten.

Die Entfernung zwischen den Schiffen wurde immer geringer. Einander gegenüber trafen sich die Blicke der Captains, beide erkühnten sich, vom anderen zu erwarten, dass er kleinbei gab. Keiner von beiden tat es. Als die Queen Anne’s Revenge näher an die Silent Mary  kam, schien sich das Geisterschiff aus den Fluten zu erheben. Sein skelettartiger Rumpf schien sich wie der Rachen einer gigantischen Bestie zu öffnen, die hölzernen Spanten wie Zähne, begierig darauf, die Queen Anne’s Revenge in zwei Teile zu zerbeißen.

Barbossa ging ruhig zur Reling seines Schiffes.

„Capitán Salazar!“, rief er über das Wasser. „Ich habe gehört, Ihr seid auf der Suche nach Jack Sparrow!“

Das Schiff stoppte, nur wenige Zoll von der Queen Anne’s Revenge entfernt. Es war ein langer, spannender Moment, den die Crew der Revenge wartete. Und dann sprangen Capitán Salazar und seine geisterhafte Crew auf das Piratenschiff, zogen die Waffen, als sie still auf dem Deck landeten. Capitán Salazar kam vor der Front seiner Männer auf und stapfte zu Hector, der nicht umhin konnte, auf das Loch in Salazars Schädel zu starren.

„Es ist unhöflich, jemanden anzustarren“, sagte er grüßend. „Habt Ihr noch nie eine tödliche Wunde gesehen?“

Hector wandte seinen Blick von dem Loch ab.

„Mein Name ist Captain Barbossa“, setzte er an. „Und ich stehe vor Euch mit aufrichtigen Absichten.“

Salazar zog seinen Degen und ging um den anderen Captain herum.

„Aufrichtige Absichten?“, wiederholte er. Er wandte sich seinen Männern zu. „Habt ihr das gehört, Männer?“

Die Gespenster lachten, was den lebendigen Piraten einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagte. Er sah zu Barbossa zurück und fuhr fort:

„Ich zeige Euch, was aufrichtige Absichten sind. Jedes Mal, wenn mein Degen auf das Deck schlägt, stirbt einer von Euren Männern. Deshalb empfehle ich Euch, schnell zu sprechen.“

Um seine Behauptung zu beweisen, stieß er seinen Degen auf das Holz. Bevor das Geräusch des Aufschlags verhallt war, kam ein Schrei von weiter hinten auf dem Deck.

„Sagt mir, wo Jack ist – ich warte.“

Er tippte bedrohlich mit der Degenspitze auf das Deck.

„Er sucht nach dem Dreizack …“, stieß Barbossa hastig hervor.

„Das Meer gehört den Toten“, erwiderte Salazar.

Der Pirat neigte den Kopf, um dem anderen Captain zuzustimmen.

„Aber der Dreizack kontrolliert das Meer …“

Es war die falsche Antwort. Salazars Degen schwang hoch und kam ihm bedrohlich nahe.

„Er wird sterben! Wie Ihr auch!“, rief er.

Barbossa hob die Hände.

„Ich bin der Einzige, der Euch zu ihm führen kann“, sagte er schnell. „Ich erkläre, bis Sonnenaufgang werdet Ihr Jacks Leben haben – oder Ihr nehmt meines. Sind wir uns einig?“

Für einen langen Moment sagte Salazar nichts, wog das Angebot ab. Schließlich nickte er.

„Bringt mich zu ihm und Ihr werdet leben, um die Geschichte zu erzählen.“

„Ihr habt mein Wort. Ich danke Euch im Namen meiner Crew.“

Salazar lächelte. Dann tippte er, sehr langsam, seinen Degen auf. Ein Schrei hallte über das Deck und Barbossa zuckte zusammen. Und nochmal und noch zweimal. Jedem Auftippen folgte ein fürchterlicher Schrei, und Barbossas Crew schmolz dahin.

„Ihr könnt haben, was von ihnen übrig bleibt“, sagte Salazar grausam. Dann drehte er sich um und befahl:

„Die Lebenden kommen an Bord!“

Eine Planke wurde zwischen beiden Schiffen ausgefahren, Hector drehte sich um und gab seinen Männern ein Zeichen. Er hatte seinen Handel und musste das nun durchstehen – selbst wenn es bedeutete, auf ein Geisterschiff zu gehen und sein Leben – und das Leben seiner Männer – in die Hände eines piratenhassenden Gespenstes zu legen. Nicht zum ersten Mal stieß er einen stillen Fluch gegen Jack Sparrow aus. Irgendwie brachte ihn dieser Gauner von Pirat immer wieder in Schwierigkeiten Doch dieses Mal würde er, Captain Hector Barbossa, Jack die Hölle heißmachen.

2

 

Henry Turner hatte durchaus schon in Tagträumen ein Abenteuer mit einem schönen Mädchen erlebt. Allerdings hatte er nie davon geträumt, dass dieses Abenteuer beinhalten würde, an den Mast eines armseligen Schiffes gefesselt zu sein, das einem schier irren Captain gehörte und von einer Piratencrew bemannt war. Doch genau dahin hatte ihn sein Abenteuer geführt. Nun fand er sich an den Mast der Dying Gull gefesselt wieder – zu fest daran gefesselt für seinen Geschmack. Auf der anderen Seite des Mastes kämpfte Carina mit ihren Fesseln, in sich hinein brummelnd.

„Carina“, sagte er und starrte nervös auf die See hinaus. Am Horizont sah er einen Sturm aufkommen und wusste, was das bedeutete.

„Das ist etwas, das du wissen solltest: Die Toten sind hinter uns her.“

Auf ihrer Seite des Mastes lupfte sie eine Augenbraue.

„Ist das so?“, fragte sie mit einem süffisanten Lächeln.

„Ja“, antwortete er ernsthaft. „Ich habe mit ihnen geredet.“

„Dann hast du auch schon mit Meerjungfrauen und Kraken gesprochen, oder?“, spottete sie.

Henry, dem nicht klar war, dass das Mädchen sich über ihn lustig machte, erwiderte völlig ernst:

„Kraken sprechen nicht. Das weiß doch jeder!“

Sie seufzte über den närrischen Jungen und seinen närrischen Glauben. Völlig klar: Er war nicht ganz richtig im Kopf. Und obendrein war er es gewesen, der sie in diesen Schlamassel hineingeritten hatte – und da war an erster Stelle die Tatsache, dass sie an den Mast gefesselt war.

„Ich hätte dich niemals retten sollen“, beschwerte sie sich.

Henry wurde klar, dass es nicht klug gewesen wäre, darauf eine passende Antwort zu geben. Er entschied sich, über die Aufgabe zu sprechen, versuchte, ihr den Kopf zuzuwenden.

„Gestern Nacht war ein Blutmond, wie du ihn beschrieben hast. Sag mir, was er dir offenbart hat.“

„Wieso sollte ich dir vertrauen?“, fragte sie.

„Du hast mir deine Backbordseite anvertraut, erinnere dich daran“, erwiderte er, von seiner Kühnheit selbst überrascht. Die schäkernden Worte hatten seine Lippen verlassen, bevor er sie stoppen konnte. Er hörte, dass sie geschockt die Luft einzog und protestierte. Er lächelte. Seit er sie getroffen hatte, hatte er oft das Gefühl gehabt, ihm fehlten die Worte. Doch jetzt war sie diejenige, die darum rang, das Richtige zu sagen.

„Sag’ mir, was du gefunden hast“, fuhr er fort. „Und ich verspreche, dir zu helfen.“

Er spürte, dass sich die Leinen über seiner Brust enger zogen, als sie sich auf ihrer Seite des Mastes zurechtrückte. Für einen langen Moment sagte sie nichts. Henry wünschte, ihr Gesicht sehen zu können, um eine Ahnung zu bekommen, was sie dachte. Hatte er es zu weit getrieben? Würde sie nichts mehr sagen … gar nicht mehr? Schließlich hörte er sie in sich hinein brummeln:

„Ich bin mein ganzes Leben schon allein“, sagte sie. „Ich brauche keine Hilfe.“

Er schüttelte den Kopf. Er glaubte ihr nicht. Jedenfalls nicht alles.

„Dann … warum bist du zu mir gekommen, Carina?“, fragte er drängend. „Warum sind wir mitten auf See aneinander gefesselt auf der Jagd nach demselben Schatz? Vielleicht erkennst du es nicht – aber unser Schicksal ist unbestreitbar verbunden.“

„Ich glaube nicht an Schicksal“, versetzte sie schroff.

„Dann glaube an mich“, sagte er. Der spöttische Ton war völlig aus seiner Stimme verschwunden. Er war völlig ernst, als hinzufügte:

„Wie ich an dich glaube.“

Wieder war eine lange Pause, wieder befürchtete Henry, zu weit gegangen zu sein. Doch schließlich seufzte sie.

„Der Mond enthüllte einen Hinweis, Henry“, sagte sie. „Um die Macht der See zu entfesseln, muss alles entzweit werden.“

„Was bedeutet das?“, fragte er verwirrt.

Zu seiner Überraschung hatte Carina nicht sofort eine Antwort parat. In der Tat musste sie – wenn auch ungern – zugeben, dass sie nicht wusste, was der verzwickte Hinweis bedeuten sollte.

„Dann müssen wir es eben herausfinden“, erwiderte er, nicht willens, seinen Traum, den Dreizack zu finden, aufzugeben.

„Da ist keine Karte in dieser Karte.“

Jacks Stimme erinnerte Henry augenblicklich daran, dass er und Carina nicht die Einzigen auf dieser Reise waren. Und sie waren auch nicht an einem besonders guten Ort, um irgendetwas zu finden. Er sah, dass der Captain zu ihnen herüber schwankte. In der Hand hielt Jack das Tagebuch von Galileo. Er hielt es Carina vor die Nase, die vergeblich versuchte, es zu erreichen.

„Gib mir die Karte, die kein Mann lesen kann.“

„Wenn du es lesen könntest“, sagte sie gereizt, „dann würde sie wohl nicht die Karte, die kein Mann lesen kann genannt werden.“

Jack zuckte mit den Schultern.

„Die meisten Männer auf diesem Schiff können nicht lesen. Das … macht alle Karten zu Karten, die kein Mann lesen kann.“

Henry stöhnte. Jack musste bescheuert sein, mit Carina diskutieren zu wollen. Er kannte sie nicht gut – oder besser: überhaupt nicht – aber er wusste, dass sie nicht aufgeben würde. Jedenfalls nicht ohne eine ausgedehnte Debatte. Er hatte Recht.

„Wenn keiner sie lesen kann“, stellte Carina klar, „dann habe weder ich noch die Karte einen Nutzen für dich.“

Jack hob eine Hand an seinen Kinnbart und zwirbelte das verfilzte Haar zwischen seinen Fingern. Dann streckte er die andere Hand aus und bewegte seine Finger, als ob er etwas zählte. Achselzuckend kam er zu seinem Entschluss.

„Nochmal von vorn. Zeig’. Mir. Die. Karte!“

„Das kann ich nicht.“

Ihre schnippische Antwort ließ Henry erschaudern.

„Sie existiert jetzt noch nicht“, fuhr sie fort.

Die Crew, die sich um den Mast versammelt hatte, begann zu murmeln.

„Sie ist eine Hexe!“, sagte Marty und sprach aus, was alle dachten.

„Nein“, sagte sie und schleuderte dem zwergwüchsigen Piraten einen vernichtenden Blick zu. „Ich bin Astronomin.“

Henry rollte mit den Augen. Es war kaum anzunehmen, dass diese Piraten eine Ahnung hatten, was ein Astronom (oder eine Astronomin) war. Deshalb war es keine Überraschung für ihn, als Scrum fragte, ob dies bedeute, dass sie Esel züchte.

Das Mädchen ließ ein frustriertes Stöhnen hören.

„Ein Astronom“, erklärte sie mit zusammengebissenen Zähnen, „betrachtet den Himmel.“

Sie hob den Kopf in Richtung des stürmischen Himmels.

„Auf einem Esel?“, fragte Scrum.

„Da ist kein Esel!“, wetterte Carina.

„Warum züchtest du sie dann?“, fragte ein anderer Pirat.

Henry unterdrückte ein Lachen. Er konnte regelrecht spüren, wie die Wut aus Carina strahlte. Obwohl er sie nicht sehen konnte, hätte er geschworen, dass ein finsterer Blick ihre schönen Züge verunstaltete. Er hatte noch nicht viel Zeit mit Piraten verbracht, aber er hatte genug Geschichten gehört, um auf ihre unlogische Denkweise – oder gänzlichen Mangel an Denkfähigkeit – vorbereitet zu sein. Auf der anderen Seite hatte Carina erwartet, die Karte mit ein paar intelligenten Männern finden zu können.

Jack, der die Fragen seiner Crew satt hatte und sich selbst als etwas schlauer als seine Gegenspieler hielt, trat auf Carina zu.

„Gestatte mir, die Sache zu vereinfachen“, sagte er. „Gib mir die Karte oder ich töte ihn.“

Er zog seine Pistole und zielte auf Henry.

„Na, los! Töte ihn“, erwiderte Carina nonchalant. „Du bluffst.“

Jack zog eine Augenbraue hoch.

„Und du wirst rot.“

Tatsächlich hatte Carinas Gesicht einen Anflug von rosa Schimmer angenommen.

Einige der Piraten lösten Henry vom Mast. Sie nahmen ihn an den Armen und brachten ihn an die Reling des Schiffs. Dann banden sie eine lange Leine an seine Hände.

„Das sieht nicht nach Bluff aus!“, rief Henry über seine Schulter.

Jack nickte.

„Wir nennen das kielholen“, erklärte er. „Der junge Henry wird über Bord geworfen und unter dem Schiff durchgezogen.“

Er wartete auf Carinas Antwort. Wenn er erwartet hatte, dass sie um irgendetwas betteln würde, sah er sich getäuscht. Sie zuckte nur mit den Achseln.

„Macht weiter“, sagte sie. „Worauf wartet ihr?“

Sie sah zu, wie die Männer Henry knebelten und einfach über Bord warfen. Sie unterdrückte einen Schrei, wandte ihren Blick wieder Jack zu und sah in seine Augen. Sie versuchte, nicht zusammenzuzucken, als der Captain über die Reling peilte und sie informierte, dass Henry kein besonders guter Schwimmer war. Sie brachte es sogar fertig, keinerlei Emotion zu zeigen, als Gibbs darauf hinwies, dass Henry wohl besser dran wäre, wenn er ertrinken würde, bevor die Seepocken ihn aufschlitzten. Doch als Jack laut darüber nachdachte, dass das Blut unweigerlich Haie anzöge, konnte sie nicht länger widerstehen.

„Wir verschwenden Zeit“, sagte sie und versuchte trotz der Panik, die sie zu übermannen drohte, ruhig zu klingen. „Holt ihn rauf!“

„In einem Stück?“, fragte Jack. „Weil … das könnte in wenigen Augenblicken problematisch sein.“

„Die Karte ist hier!“

Sie hob den Arm, soweit es überhaupt möglich war und wies in den Himmel.

„Auf deiner Fingerspitze?“, fragte Marty nach einer Pause.

Carina hielt nur mit Mühe einen Schrei der Frustration zurück.

„Sie ist am Himmel“, sagte sie und schluckte ein du Blödmann gerade noch herunter, obwohl sie es gar zu gern hinzugefügt hätte. „Das Tagebuch wird mich zu der Karte führen, die in den Sternen verborgen ist.“

Jack kehrte zu ihr zurück. Er beugte sich vor, bis sein Gesicht nur wenige Zoll von ihrem entfernt war, versuchte zu ergründen, ob sie nun ihrerseits bluffte.

„Eine Schatzkarte, die in den Sternen versteckt ist?“, wiederholte er, um sicher zu sein.

Sie nickte.

„Holt ihn rauf, und ich werde die Karte heute Nacht finden!“

„Sorry“, sagte Jack nach einer längeren Pause, während der Carina seinen rumgeschwängerten Atem auf ihrem Gesicht ertragen musste. „Wir können ihn nicht raufholen. Sieh es dir an.“

Als an die Seite des Schiffes sie eilte, bereitete sie sich auf das Schlimmste vor. Sie erwartete, Blut zu sehen. Oder Körperteile. Oder beides. Doch zu ihrer Überraschung sah sie einen sehr lebendigen, gar nicht blutenden Henry Turner in einem Stück, wenngleich immer noch gefesselt und geknebelt. Er sah aus dem Beiboot zu ihr hinauf, das die Dying Gull im Wasser schwimmend an Steuerbord mitschleppte. Sie wirbelte herum.

Jack beobachtete sie mit einem ironischen Ausdruck im Gesicht.

„Wie ich schon sagte … du bist rot geworden.“

Ihre Wimpern flackerten, ihre blauen Augen verengten sich.

„Du bist verwirrt“, sagte sie, versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen und hoffte gegen alle Hoffnung, dass Jack ihre pulsierende Halsschlagader nicht bemerken würde.

„Ich bin nur aus einem Grund hier.“

„Ich weiß, wie das funktioniert“, sagte Jack. „Verstohlene Blicke, Schweißperlen auf der Stirn, Schweißspuren im Nacken …“

„Er bedeutet mir nichts“, erwiderte Carina, unwillkürlich ihren Nacken nach Schweißspuren absuchend. „Jetzt gib mir das Tagebuch zurück und geh mir aus dem Weg!“

Sie schnappte Jack das Tagebuch weg und stapfte davon.

Hinter ihr lächelte Jack.

„Der Geruch der Sehnsucht lügt nicht.“

Er machte eine Pause, hob den Arm und sog tief die Luft ein.

„Obwohl … das könnte ich sein …“

2   2   2

 

Kapitel 10

Auf der Suche

 

Über der Karibik war die Nacht hereingebrochen. Carina stand am Bug der Dying Gull, ihr langes, schwarzes Haar, umspielte sanft ihr Gesicht. Abwesend hob sie eine Hand, um sich eine Strähne aus den Augen zu streichen, war sich ihrer Schönheit im Mondlicht überhaupt nicht bewusst.

Sie hatte so lange gebraucht, diesen Augenblick wahr werden zu lassen. Jahre des Studiums. Tausende von Seiten, die sie im Kerzenlicht gelesen hatte. Endlosen Hohn und Spott von Dutzenden, die nicht verstehen konnten, dass ein Mädchen so etwas wie Astronomie und Kartografie lernen wollte. Und obwohl sie herausgefunden hatte, dass ein Blutmond weitere Informationen preisgeben könnte, wusste sie immer noch nicht genau, wie sie die Karte finden konnte.

Sie seufzte, drehte das abgewetzte Tagebuch hin und her. Es war ihr von dem Vater hinterlassen worden, den sie nie getroffen hatte; einem Vater, der ganz klar geplant hatte, dass sie die Sterne studieren sollte. Eine Welle Traurigkeit übermannte sie. Normalerweise konnte sie das im Zaum halten. Es hatte ihr nie gutgetan, melancholisch zu sein – weder in dem Waisenhaus, in dem sie aufgewachsen war, noch in der Handvoll von Orten, die sie seither Heim genannt hatte. Doch jedes Mal, wenn sie daran dachte, wie ihr Leben hätte sein können, kam es wieder hoch und überwältigte sie. Was wäre gewesen, wenn sie nicht als Baby im Kinderheim abgegeben worden wäre? Hätte sie dann am Bug eines Schiffes gestanden und hätte mit ihrem Vater den Himmel angeschaut?

Carina schüttelte den Kopf. Es blieb keine Zeit, sich in Eventualitäten zu verlieren. Sie hatte eine Arbeit zu tun. Sie spähte über die Schulter und sah Henry, der sie vom anderen Ende des Decks beobachtete. Sein gutaussehendes Gesicht verriet im Mondlicht nichts, und sie konnte nicht anders, als sich zu fragen, woran er dachte – ob er an seinen eigenen Vater dachte, von dem er glaubte, dass er von der See verflucht war.

Henry dachte im Moment allerdings nicht an seinen Vater. Ihn beschäftigten Blitze, die in einiger Entfernung zu sehen waren. Sie hatten ein zu klares Muster, um natürlich zu sein. Das konnte nur eines bedeuten …

Er eilte quer über das Deck und fand Jack Sparrow schlafend, der eine Flasche Rum locker in der Hand hielt. Henry stieß ihn an. Der Mann gab einen Schnarcher von sich, wachte aber nicht auf. Henry schubste ihn erneut und stärker. Jack wachte noch immer nicht auf. Henry sah sich um und entdeckte einen Eimer Schmutzwasser, das einer der Matrosen nach dem Deckschrubben stehen gelassen hatte. Henry hob ihn auf – und schüttete das Wasser über Jack.

Der Pirat erwachte. Mit einem Schrei sprang er auf die Füße.

„Was machst du da?“, fragte er und schüttelte sich, als ob das Wasser Gift wäre. „Ist noch nicht meine Woche, um zu baden!“

„Sieh auf die See“, sagte Henry und wies auf die Blitze. „Salazar ist da draußen!“

Jacks verschlafener Blick folgte Henrys Finger. Dann sah er zu dem jungen Mann zurück, lupfte eine Augenbraue.

„Und dafür weckst du mich auf?“

Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Flasche und legte sich wieder hin.

Henry unterdrückte ein Stöhnen. Er begriff allmählich, weshalb sein Vater ihm gesagt hatte, er solle sich von Jack Sparrow fernhalten. Nach allem, was er wusste, war dieser Pirat nichts als ein Trunkenbold mit einem Hang zum Rum und der frappierenden Fähigkeit, nichts zu tun und daraus noch einen Nutzen zu ziehen.

„Die Toten jagen uns und du tust nichts?“, rief er schließlich, unfähig seine Enttäuschung noch länger zu verbergen.

„Nichts?“, wiederholte Jack. „Das nennst du nichts?“

„Du bist betrunken und schläfst“, stellte Henry klar.

Jack nickte stolz.

„Genau. Ich tue zwei Dinge auf einmal.“

Henry hatte genug. Er musste zu Jack durchdringen, doch Worte schienen nichts zu bewirken. Er schnappte sich ein Entermesser, das an Deck liegen geblieben war, hob es und versuchte, auf Jacks Brust zu zielen. Es ließ seine Hand zittern; der Stahl war schwerer, als er erwartet hatte.

„Ob es dir gefällt oder nicht“, sagte er, seine Stimme so drohend wie es nur ging. „Du wirst mir helfen, Jack. Ich werde den Fluch meines Vaters brechen!“

Henry hatte eine markige Antwort erwartet und war entsprechend überrascht, als Jack stattdessen zulangte und Henrys Finger am Entermesser ausrichtete.

„Lockere deinen Griff“, wies er ihn an und drehte Henrys Hand leicht. „Näher ans Heft, vorderes Bein gebeugt.“

Er wartete, bis Henry sein rechtes Bein leicht beugte.

„Viel besser. Und jetzt spieß’ mich auf!“

„Was?“erkundigte sich Henry verwirrt. Jack nickte erneut.

„Ein schneller Stich sollte mich töten“, sagte er. „Oder – wenn’s dir lieber ist – kann ich mich auch in die Klinge stürzen.“

Henry runzelte die Stirn.

„Vielleicht bin ich kein Pirat“, sagte er, hob die Klinge höher und sah Jack direkt in die Augen. „doch du irrst dich, wenn du meinst, ich würde es nicht tun.“

Statt einer Antwort hörte Henry, dass ein Abzugshahn gespannt wurde. Er senkte seinen Blick und sah, dass Jack eine Pistole in der Hand hielt. Sie zielte auf Henrys Kopf.

„Und du irrst dich, wenn du meinst, ich hätte es dazu kommen lassen. Das nächste Mal, wenn du zum Schwert greifst, sei sicher, dass du als letzter stirbst.“

Henry öffnete den Mund, um Jack auf den Mangel an Logik in seinem Vortrag hinzuweisen, doch in diesem Augenblick ging Carina an ihnen vorbei. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, den beiden Männern einen Blick zuzuwerfen. Stattdessen blieb sie auf das Tagebuch in ihren Händen fokussiert. Henrys Augen folgten ihr für einen Moment, bevor sie zu Jack zurückschossen. Zu seinem Verdruss beobachtete der Pirat ihn mit einem amüsierten Ausdruck im Gesicht, als er seinerseits Carina beobachtet hatte.

„Ich empfehle dir, sie mit Komplimenten zu umwerben“, sagte Jack. „Du kannst mit dem anfangen, was ich immer sage: Könntest du mir das waschen?“

„Ich bin nicht in sie verliebt!“, beharrte Henry.

Jack schlug die Hände zusammen, dass die Ringe klimperten.

„Ich wusste es! Sie ist alles, woran du denkst!“

Er beugte sich näher zu Henry, Entermesser und Pistole waren vergessen, als er im Verschwörerton flüsterte:

„Ein wenig Diskretion ist angebracht, wenn du einen Rotschopf umwirbst – verführe nie ihre Schwester. Aber wenn du dem Charme der Schwester nicht widerstehen kannst – bring den Bruder um.“

Henry zog eine Augenbraue hoch. Er wollte gar nicht wissen, woher Jack so viel über etwas derart Skandalöses wusste. Der Pirat fuhr, offensichtlich amüsiert, fort:

„Und wenn sie dir versucht, dir ein Stück gesalzenes Fleisch zu geben, nimm an, dass es vergiftet ist. Außer, wenn sie eine Zwillingsschwester hat – in dem Fall solltest du immer noch den Bruder töten. Klar soweit?“

Henry schwirrte der Kopf.

„Nein!“, rief er. „Nichts ist klar!“

„Nun, diese Weisheit kostet dich fünf Silberstücke“, sagte Jack.

„Ich bezahle dich nicht dafür“, entgegnete Henry. Jack lächelte und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Sag’ das nie zu einer Frau“, empfahl er. „Sie könnte dann ziemlich gereizt reagieren.“

Dann drehte er leise vor sich hin pfeifend um, schwankte zu seinem Platz an Deck zurück, ließ sich fallen, nahm einen tiefen Zug Rum und war augenblicklich wieder eingeschlafen.

Henry sah zu ihm hinunter und stöhnte. Wenn Jack Sparrow tatsächlich der Schlüssel zu Rettung seines Vaters war, dann hatte er eine Menge Probleme.

2

Der Mond war höher in den Nachthimmel gestiegen. Henry stand noch immer an Deck der Dying Gull. Er hatte ein Spektiv vor ein Auge gehoben und suchte den Horizont ab. Als er Schritte hörte, senkte er das Fernglas. Carina war herübergekommen und stand neben ihm.

„Was machst du?“, fragte sie leise.

Er zögerte. Es hatte etwas sehr Intimes, unter Sternen mit einer schönen Frau zu sprechen. Sein Herzschlag beschleunigte sich stets ein wenig, wenn er Carinas warmem, fragendem Blick begegnete.

„Ich suche nach ihm“, sagte er schließlich, „auch wenn ich weiß, dass er nicht da ist.“

Sowie seine Worte seine Lippen verlassen hatten, wünschte er, er könne sie zurückholen. Er klang wie ein kleiner Junge, nicht wie der Mann, als der er hoffte von ihr angesehen zu werden.

Zu seiner Überraschung lachte sie ihn nicht aus.

„Nur, weil du etwas nicht sehen kannst, bedeutet es nicht, dass es nicht da ist.“

„Wie die Karte?“, mutmaßte er. Sie nickte.

„Ich muss sie finden“, sagte sie mit bestimmt klingender Stimme.

„Niemand hat sie je gefunden“, bemerkte Henry. „Vielleicht existiert sie gar nicht.“

Carina zuckte herum, als ob er sie geschlagen hätte und nicht nur etwas ausgesprochen, von dem er annahm, dass viele andere Leute ihr schon über die Jahre gesagt hatten. Sie hielt das Tagebuch hoch und wedelte damit vor seiner Nase.

„Dies ist die einzige Wahrheit, die ich kenne. Ich trage es stets bei mir, seit ich im Waisenhaus war, habe den Himmel studiert, als es verboten war. Ich habe geschworen, den Himmel so zu kennen, wie mein Vater es wollte!“

Ihre Stimme brach vor Emotion, und sie senkte die Augen.

„Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Dieses Tagebuch ist alles, was mir geblieben ist.“

Ihre Worte trafen ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Sie waren sich näher, als sie es sich je vorgestellt hatten: beide dazu gezwungen, ohne Vater aufzuwachsen; beide auf einer Reise, um etwas zu korrigieren, was falsch war; beide entschlossen, niemals aufzuhören, nach dem zu suchen, das ihnen das Gefühl gab, vollständig zu sein.

„Carina“, sagte er mit sanfter Stimme.

Sie hob die Augen tauchte in seinen Blick.

„Du siehst immer in den Himmel. Vielleicht ist die Antwort hier.“

Für einen langen Augenblick dachte Carina, Henry habe gemeint, er sei die Antwort. Sie spürte ein seltsames Hämmern in der Brust, ihre Wangen röteten sich unwillkürlich. Sie wollte gerade sagen, dass sie vielleicht dasselbe fühlte, als sein Hinweis auf das Tagebuch sie vor der Peinlichkeit bewahrte. Er hatte nicht von sich selbst gesprochen. Er hatte von dem gesprochen, was auf den Seiten von Galileos Tagebuch geschrieben war. Sie gewann die Contenance zurück und schlug das Buch auf.

„Galileo schrieb, dass ‚alle Wahrheiten verstanden werden, wenn die Sterne zu einer Linie werden‘“, las sie vor.

„Wenn sich die Sterne nicht bewegen, wie können sie dann zu einer Linie werden?“, fragte er verwirrt.

„Er könnte sich auf die Planeten bezogen haben“, mutmaßte sie. Sie zeigte auf ein paar Zeilen auf der Seite.

„Er schrieb das Wort derectus. Also müssen die Sterne zu einer Linie werden“, übersetzte sie. Er beugte sich vor, um die Seite besser sehen zu können. Tatsächlich, dort stand – mit verblasster Tinte geschrieben – das Wort derectus. Als er auf das Wort starrte, fiel ihm etwas auf. Das war eine Sprache, die über die Jahre gelegentlich bei seinen Studien über Piratenmythologien aufgetaucht war.

„Carina“, sagt er zunehmend aufgeregt, „Galileo war Italiener. Aber das Wort derectus ist nicht italienisch. Es ist Latein.“

„Latein?“

Er nickte.

„Und derectus bedeutet nicht zu einer Linie werden. Es bedeutet in einer geraden Linie.“

Henrys Worte sanken langsam ein. Carinas Augen weiteten sich. Sie sah wieder auf das Buch hinunter, dann in den Himmel.

„Alle Wahrheiten werden verstanden, wenn die Sterne in einer geraden Linie stehen“, flüsterte sie. Ihr Finger rieb sanft an dem Rubin auf dem Deckel des Tagebuchs. Dann schnappte sie nach Luft. Die Antwort war die ganze Zeit direkt vor ihrer Nase gewesen.

„Da ist eine gerade Linie, die beim Orion beginnt – dem Sohn Poseidons.“

„Wie verfolgst du sie?“, fragte Henry, sein aufgeregter Unterton war ein Echo von Carinas.

„Die Line beginnt mit dem Rubin. Eine gerade Linie vom Rubin …“

Ihre Stimme verlor sich, als sie den Edelstein vom Deckel entfernte. Sie hielt ihn hoch, peilte hindurch wie durch die Linse eines Fernglases. Henry trat dicht neben sie, sodass er ebenfalls durch den Stein sehen konnte.

„Siehst du das?“, fragte Henry, als er eine rote Linie erspähte, die über den Himmel brannte. Carina nickte.

„Eine gerade Linie, die im Orion beginnt – der Pfeil des Jägers, der direkt durch die Cassiopeia geht – weiter über den Himmel bis zum Ende des südlichen Kreuzes! Dort endet sie!“

„Also ist die Karte innerhalb des Kreuzes?“, fragte Henry, der versuchte, Carinas Gedanken zu folgen und scheiterte.

„Nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Weil es kein Kreuz ist! Es ist ein X! Das Kreuz des Südens ist ein X, das seit Anbeginn der Zeit im Himmel verborgen ist! Das ist die Karte, die kein Mann lesen kann!“

Aufgeregt ergriff sie Henrys Hand.

„Diese Karte wird uns zum Dreizack führen!“, sagte Henry, der aufgeregt auf seinen Zehen wippte. „Wir müssen nur dem X folgen!“

Der Jubel des Paares wurde grob unterbrochen, als ein Dutzend Abzugshähne gespannt wurden. Henry und Carina drehten sich langsam um.

Hinter ihnen standen Jack und seine bunt zusammengewürfelte Crew, die das meiste von ihrer Entdeckung mitgehört hatten. Der Piratencaptain lächelte. Wieder einmal lief ein Plan wie geschmiert. Er hatte nichts getan und nun alles bekommen, was er benötigte. Jetzt wusste er, wohin es ging. Das X markierte immer noch den Punkt.

2   2   2

 

Kapitel 11

Der Piratenjäger

 

Für Barbossa war das Außergewöhnliche nichts Außergewöhnliches. Immerhin war er einmal schon dazu verflucht gewesen, im Mondschein als Skelett zu erscheinen. Doch selbst diese unglückselige Periode hatte ihn nicht darauf vorbereiten können, in Gesellschaft einer Geistercrew an Bord der Silent Mary sein.

Seit sie auf die Silent Mary gekommen waren, waren Barbossa und seine Leute Zeugen der Sinnlosigkeit des Geisterdaseins gewesen. Sie waren nicht nur dazu verflucht, als Tote weiterzuleben, mit den unterschiedlichsten Arten von niemals heilenden Wunden an ein Schiff gebunden zu sein; sie waren obendrein dazu verflucht, die Crew Salazars zu sein. Und der war ein rabiater Captain – im Tode nicht weniger als er es im Leben gewesen war. Die Stimmung auf dem Schiff war stets so düster wie seine verrotteten Planken.

Vom Steuerrad des Schiffes aus beobachtete Hector die Gespenster beim Schrubben des blutgetränkten Decks. Ganz gleich, wie heftig sie schrubbten, das Blut blieb. Und immer noch rief Salazar seine Befehle:

„Schrubbt dieses Deck! Die Silent Mary wird der Stolz der spanischen Flotte sein!“

Er drehte sich um und ging zu Barbossa.

„Deine Zeit ist um“, sagte er.

Hector tastete in seiner Tasche vorsichtig nach Jacks Kompass. Er hatte ihn versteckt gehalten, diesen Fahrschein zum Verlassen des Schiffs. Er konnte es sich nicht leisten, ihn zu verlieren oder – schlimmer noch – dass er ihm weggenommen wurde.  Dann räusperte er sich.

„Fern sei es von mir, Euch zu widersprechen“, sagte er diplomatisch. „Doch unsere Abmachung sprach vom Sonnenaufgang. Dies ist das erste Licht – weit entfernt von einer strahlenden Sonne. Und Ihr seid doch ein Mann von Ehre …“

Seine Worte blieben ihm im Hals stecken, als Salazar den Degen an seinen Hals hob. Er schluckte.

„Mit meinem eigenen Tod kann ich leben, Capitán“, sagte er schließlich. „Doch es würde mich verfolgen, den Grund meines Ablebens nicht zu kennen. Sicherlich möchtet Ihr mir Einblick gewähren, während wir auf das Licht warten … zu wissen, was Jack Sparrow getan hat, um es sich mit den Toten zu verderben.“

Der Degen in Salazars Hand senkte sich nicht.

„Die Geschichte des toten Mannes ist nicht zu erzählen“, sagte er mit einem höhnischen Lächeln.

„Aye“, sagte Barbossa und nickte zustimmend. „Es sei denn man spricht mit dem Toten – was ich gerade tue.“

Er wartete und hoffte, dass sein Argument bei dem Geistercaptain verfing. Der Degen sank um einen Bruchteil. Barbossa nahm dies als gutes Zeichen und fuhr fort:

„Nun, ich habe Geschichten gehört von einem mächtigen spanischen Captain – El Matador del Mar. Einem Mann, der die Meere ohnegleichen geißelte – er jagte und tötete tausende von Männern …“

„Nein, nein, nein, nein“, unterbrach ihn Salazar korrigierend, „nicht Männer – Piraten!“

Dann, ganz langsam, senkte er seinen Degen. Er wandte sich von Barbossa ab und sah über seine verfallene Crew. Es war eine Ewigkeit her, dass er als El Matador del Mar bekannt gewesen war. Eine Ewigkeit war es her, dass er das Einzige getan hatte, das ihm je Freude bereitet hatte: Piraten vernichtet. Und der einzige Grund, weshalb er damit aufgehört hatte, der einzige Grund, weshalb er hier und in diesem Zustand war, war Jack Sparrow.

Er sah immer noch auf seine Crew, als er seine Geschichte zu erzählen begann. Seine Stimme war leise, und wenn Barbossa geglaubt hätte, dass Geister so etwas wie Seelen hätten, er hätte geschworen, dass der Mann sehnsüchtig geklungen hatte. Die Silent Mary, das machte Salazar deutlich, hatte nicht immer so wie jetzt ausgesehen. Zu einem anderen Zeitpunkt war sie der Stolz der Armada Española gewesen, und er war als der Capitán dieses Schiffes ein Held gewesen. Die Silent Mary hatte mehr Waffen als fünf andere zusammen. Ihre zahlreichen Decks waren stets ebenso tiptop sauber gewesen wie die Uniformen der Soldaten, die sie bemannten. Armando Salazar hatte über all dies mit geübter Leichtigkeit geherrscht. Er hatte durch gutes Beispiel geführt: sein Gesicht stets rasiert, seine Uniform täglich gebügelt, seine Schuhe geputzt, sein Degen glänzend.

Über die Jahre war sein guter Ruf als Piratenjäger gewachsen, als er die Meere nach dem Jolly Roger abgesucht hatte. Wann immer er einen erspähte, wurden auf der Silent Mary alle Segel gesetzt, und sie sauste über die Wellen, als würde sie von einer magischen Kraft angetrieben. Die Piratenschiffe hatten ebenso wenig eine Chance wie ihre Crews.

„Ich habe Dutzende Schiffe zerstört – bis nur noch eine Handvoll übrig war“, knurrte Salazar. „Die letzten vereinten sich und versuchten, mich zu besiegen. Doch sie erfuhren bald, dass es hoffnungslos war. Niemand konnte meine Silent Mary aufhalten.“

***

Die Piratenschiffe sanken eines nach dem anderen. Überlebende waren auf dem Wasser verstreut, beleuchtet vom Feuer ihrer brennenden Schiffe. Sie bettelten um Gnade. Capitán Salazars Erster Offizier, Teniente Lesaro, fragte, ob sie ihnen diesen Gefallen tun sollten.

Doch Salazar wollte davon nichts hören.

„Ihr wisst, mein Vater war Admiral – und ein Verräter. Er patrouillierte in eben diesen Gewässern, nahm von Piraten Bestechungsgelder an – Gold und Silber – und ließ sie ungestraft davon segeln!“

Seine Hände zitterten vor Wut.

„Er wurde verhaftet, als ich ein Junge war. Bald darauf kamen sie in unser Haus und holten meine Mutter ab, verschleppten sie in ein Arbeitshaus. Das Weib des Verräters sollte für seine Sünden bezahlen.“

Salazars Vater war aus dem Gefängnis entlassen worden, ein Jahr nachdem seine Mutter dort gestorben war. Und als er heimkam, begrüßte Armando ihn mit einem Messer.

„Ich habe ihn als den Feigling ausgenommen, der er war. Und an dem Tag schwor ich mir, sie alle zu töten.“

Es gab keine Gnade für die hilflos im Wasser treibenden Piraten. Auf Salazars Nicken eröffnete die Crew der Silent Mary das Feuer auf die Schiffbrüchigen, während das letzte der Piratenschiffe noch vor ihren Augen brannte. Der Capitán dachte, die Schlacht wäre vorbei, dachte, er hätte die Wasser ein für allemal gesäubert.

Doch dann hörte er eine unbekannte, trotzige Stimme, die durch seinen Sieg schnitt.

„Schöner Tag zum Segeln, Captain! Würdet Ihr mir zustimmen?“

Ein letztes Schiff glitt durch den Rauch und versuchte, sich Salazars Zugriff zu entziehen. Im Krähennest war ein junger Pirat, der Capitán Salazar furchtlos anrief.

„So wie ich das sehe“, schrie der junge Pirat, „sind nur noch wir beide übrig. Ergebt Euch, Capitán, und ich lasse Euch am Leben.

Der Captain des Piraten war in der Schlacht getötet worden, hatte ihm einen Kompass hinterlassen und eine führungslose Crew. Die Chancen standen schlecht für ihn. Dennoch machte der Pirat sich über Salazar lustig und setzte den Jolly Roger, der trotzig im Wind wehte.

„Er stand da und sah wie ein Vogel aus. Er war wie … ein kleiner … Sperling“, erzählte Salazar Barbossa. „Und von dem Tag an verdiente er sich einen Namen, der mich für den Rest meiner Tage verfolgen sollte – Jack Sparrow!“

Erzürnt und entschlossen, einen derart unverschämten Piraten nicht mit dem Leben davonkommen zu lassen, befahl Salazar seinen Männern, dem Piratenschiff durch den Nebel zu folgen. Jack Sparrow lotste die Silent Mary zum Tor des Teufelsdreiecks, instruierte seine Crew, ihren Kurs erst im letzten Moment zu ändern. Als das Piratenschiff eine 180-Grad-Wende machte, segelte die Silent Mary unter den aufragenden Bogen, verschaukelt von Sparrows Schiff. Capitán Salazar bekam einen Schlag auf den Kopf und fiel in die dunklen Wasser. Seine Männer eilten ihm zu Hilfe, hatten keine Ahnung, was sie erwartete.

Der junge Jack Sparrow und seine Crew segelten fort in den Sonnenuntergang, und Jacks Kompass zeigte ihm, was er am meisten begehrte – ein Piratenleben. Und Capitán Salazar und seine Männer wurden zu Bruchstücken ihrer früheren Existenz, waren an das Teufelsdreieck gebunden.

***

„Dieser … Sperling … nahm mir alles“, vollendete Salazar seinen Bericht. „Er ließ mich im Dreck des Todes verrotten – und hier endet die Geschichte!“

Erneut hob er seinen Degen an Barbossas Kehle.

Doch Hector sah nicht besorgt aus. Stattdessen wies er auf den Horizont, wo eben gerade die Sonne aufging.

„Ich habe ihn gefunden – wie versprochen!“, sagte er.

Salazar folgte dem Blick des anderen Captains, verengte ungläubig die Augen. Barbossa hatte tatsächlich Wort gehalten. Denn dort am Horizont war die Dying Gull. Langsam verzog sich sein einstmals gutaussehendes Gesicht zu einem höhnischen Lächeln. Er war dabei, den Vogel zu fangen. Und wenn er das tat, würde er ihm die Flügel ein für allemal stutzen.

2   2   2

 

Kapitel 12

Dämliche Piraten

 

2„Also, sie sagt, sie hat die Karte, aber nur sie kann ihr folgen?“

Gibbs’ Frage hing unbeantwortet in der Luft. Es gab zwei Dinge, die Jack Sparrow mehr hasste als irgendetwas anderes – leere Rumflaschen und etwas nicht zu wissen. Wenn so ein unglücklicher Moment eintrat, in dem er keine passende Antwort hatte, erfand er schleunigst eine. Doch in diesem Fall hatte er damit ein Problem. Carinas Geschwafel und Gemurmel über ein X am Himmel waren verwirrend und – offen gesagt – langweilten sie ihn.

Die Crew allerdings war keineswegs gelangweilt. Statt die Arbeit zu tun, die sie hätten tun sollen, starrten sie in den Himmel.

„Sieht irgendwer von euch dieses X?“, fragte Pike, seinen Hals schmerzhaft weit nach hinten gebogen. Neben ihm schüttelte Scrum den Kopf. Er hielt die Hand über die Augen, um die Sonne abzuschirmen, die strahlend auf das Deck der Dying Gull schien.

„Ich sehe einen Vogel. Und eine Wolke. Und meine eigene Hand“, sagte er.

„Jack“, sagte Gibbs und drehte sich zu seinem Captain um. Wie der Rest der Männer wurde er langsam unruhig. Seit Stunden segelten sie unter der heißen Sonne und schienen dem, was immer sie suchten, nicht näher gekommen zu sein.

„Wie sollen wir einem X zu einem Punkt folgen, wo kein Land existiert? Einem X, das in der Sonne verschwunden ist?“

Jacks Wimpern flatterten, und seine Augen verengten sich. Er hatte genug gewartet und hatte genug davon, nichts zu wissen. Er schwebte über das Deck zu Carina, die auf ein metallenes Objekt sah, und schnappte sie am Arm. Sie keuchte erschrocken, als er sein Gesicht nahe an ihres brachte.

„Zum letzten Mal:“, sagte er. „Wo finden wir das X?“

„Dieser Chronometer“, sagte sie und hielt das kleine metallene Objekt hoch, „zeigt die exakte Zeit von London an. Ich messe die Höhe vom Kreuz des Südens, um den Längengrad zu ermitteln. Nur dann werden wir den Ort auf See finden!“

Jack legte den Kopf schief. Er hatte gesehen, dass sich Carinas Lippen bewegt hatten, doch er war sicher, dass sie Kauderwelsch gesprochen hatte.

Marty schien ihm zuzustimmen.

„Hexe!“, schrie er, keinesfalls gewillt, seinen Glauben daran aufzugeben, dass sie sich der Magie bediente.

„Also … willst du deinem X mit der Uhr da folgen?“, fragte Gibbs und übersetzte damit ihre Worte in etwas, das Jack schließlich verstand.

Sie nickte.

„Meine Berechnungen sind präzise und korrekt.“

Sie machte eine Pause und sah auf den Chronometer.

„Ich bin nicht nur Astronomin, sondern auch Horologin.“

Eine lange Pause entstand, in der ihre Worte über das Deck hallten. Die Männer tauschten Blicke. Es war nicht das erste Mal, dass sie so einer begegneten. Die Häfen waren voll davon.

„Kein Grund zum Schämen, Liebes“, sagte Jack und klopfte ihr sanft auf die Schulter. „Jeder muss von irgendwas leben.“

Carina verzog das Gesicht. Wieso fühlte er sich unwohl wegen ihrer Studien in Sachen Zeit? Er musste sie wohl nicht richtig verstanden haben.

„Nein, ich bin Horologin!“

„Wie meine Mutter auch!“, versetzte Scrum. „Nur hat sie nicht so viel Wind darum gemacht wie du.“

„Deine Mutter war dem Rationalen zugeneigt?“, fragte Carina überrascht.

„Eher dem … Horizontalen“, bemerkte Jack.

Plötzlich wurde Carina rot, als ihr klar wurde, was die Crew unter Horologin verstand.

„Horologie ist die Wissenschaft der Zeit!“, rief sie.

„Also kann niemand außer dir das X finden?“, fragte Jack.

„Auf einem Esel?“, fügte Scrum hilfreich hinzu.

Plötzlich stieß Henry einen Schrei aus:

Salazar!“

Jack sprang auf.

Schiff achteraus!“

Gibbs’ Schrei ließ alle nach hinten sehen. Und während Carina froh war, dass diese lächerliche Unterhaltung vorüber war, war die Erleichterung darüber gleichwohl kurzlebig. Denn was da schneller näher kam, als natürlich war, war die Silent Mary.

„Jack“, sagte Henry, als er das Schiff genauer sah. „Die Toten werden nicht ruhen, bis sie ihre Rache haben.“

Alle Augen richteten sich auf Jack. Die Toten waren niemals Teil des Handels gewesen. Als die Silent Mary aufholte, machten sie ihrem Unmut Luft. Es war eine Sache, einen Bankraub zu unternehmen oder auf etwas zu segeln, für das der Begriff Schiff eine übertriebene Bezeichnung war. Es war etwas völlig anderes, wenn sie allesamt vom berüchtigtsten Piratenjäger verfolgt wurden, der je gelebt hatte – oder besser: je gelebt hatte, gestorben und zurückgekommen war.

„Wir hätten niemals einem glücklosen Piraten und einer Hexe auf See folgen sollen!“, schrie Pike und drückte damit aus, was der Rest der Crew dachte. Er zog sein Entermesser und die übrige Crew tat es ihm gleich.

Jack drehte sich um und fand sich von seiner eigenen Crew umzingelt. Neben ihm traten Henry und Carina nervös von einem Fuß auf den anderen angesichts der Säbel und Pistolen, die sie bedrohten.

„Tötet sie alle!“, schrie einer der Piraten.

Jack hob die Hände.

„Wenn ihr mich umbringt, dann haben … die Toten keinen mehr, an dem sie sich rächen könnten“, sagte er.

„Was sie noch mehr erzürnen wird“, ergänzte Henry.

Die Piraten sahen verwirrt drein. Einige senkten ihre Waffen etwas, völlig unsicher, was sie nun tun sollten.

Glücklicherweise hatte Jack – wie so oft – eine Antwort parat:

„Dürfte ich als Captain“, sagte er, „eine … Meuterei vorschlagen?“

Als die übrigen Crewmitglieder Blicke tauschten, rollte Carina mit den Augen. Sie sehnte sich mächtig nach dem Tag, an dem sie nicht mehr von einer Crew von Idioten mit einem noch idiotischeren Captain umgeben war. Doch bis dieser Tag anbrach, würde sie – idiotisch oder nicht – hoffen, dass Jack Sparrow rechtzeitig einen Plan aus seinen dreckigen Ärmeln ziehen würde.

3

„Meuterei?“, hakte Carina nach. „Du musstest eine Meuterei vorschlagen?“

Ihre Hoffnung, dass Jack einen Plan hatte, hatte sich bestätigt. Dummerweise war sein Plan ihrer Meinung nach grauenhaft. Ein grauenhafter Plan, der damit begonnen hatte, dass eine Meuterei vorgeschlagen worden war, besagte Meuterei ausgeführt worden war und der damit geendet hatte, dass sie, Jack und Henry im Beiboot ausgesetzt worden waren. Nun saß sie am Heck des Bootes und sah Henry und Jack verzweifelt in Richtung einer kleinen Insel pullen. Sie schienen es verdammt eilig zu haben, anscheinend nirgendwo hinzufahren.

„Carina“, sagte Henry, als er ihren Seufzer hörte. „Sie kommen!“

Sie kräuselte die Lippen. Sie hatte besser von ihm gedacht. Oder jedenfalls hatte sie angenommen, dass er etwas heller war als die Piraten. Doch seit sie von der Dying Gull geworfen worden waren, hatte er ständig von Toten gemurmelt, die hinter ihnen her waren.

„Geister“, sagte sie, ohne die Herablassung in ihrer Stimme zurückzuhalten. „Ihr habt beide Angst vor Geistern.“

„Ja“, sagte Jack. „Und vor Eidechsen. Und Quäkern.“

„Nun, ich habe mich entschieden, nicht an sie zu glauben“, versetzte sie.

Henry hielt gerade lange genug im Pullen inne, um auf die See zu weisen.

„Siehst du nicht, was hinter uns ist?“, fragte er.

Sie drehte sich langsam um. Nicht mehr als eine Meile hinter ihnen war die Silent Mary klar zu sehen. Am Himmel direkt über dem Schiff bildeten sich dunkle Sturmwolken, und die See darunter war unnatürlich aufgewühlt. Sie drehte sich schnell wieder zu den beiden Männern um und kreuzte die Arme vor der Brust

„Ich sehe ein sehr altes Schiff – mehr nicht“, sagte sie und hoffte, dass ihre Stimme nicht zittrig klang.

Als ob sie die Verletzlichkeit ihres Opfers gespürt hatte, nahm die Silent Mary Geschwindigkeit auf. Gigantische Segel erschienen aus dem Nichts, gaben dem Schiff viel mehr Kraft. Carina bemerkte, dass Jacks Augen sich weiteten und drehte sich erneut um. Die Silent Mary schoss durch die Wellen und würde ihr kleines Beiboot in Nullkommanichts eingeholt haben. Und Carina hatte nicht die Absicht, dazubleiben und zu sehen, was dann geschehen würde.

Sie stand auf und begann, ihr Kleid aufzuknöpfen.

„Was machst du?“, fragte Henry geschockt. Seine Hände zitterten, und er wandte die Augen ab.

„Mich zum Schwimmen vorbereiten“, erwiderte Carina, als ob das offensichtlich wäre. „Wer immer diese Männer sind, sie sind hinter Jack her. Und Jack ist in diesem Boot. Deshalb ziehe ich es vor, zu schwimmen.“

Jack sah beeindruckt aus – und verdrießlich.

„Wie kannst du es wagen, genau das zu tun, was ich täte, wenn ich du wäre!“, grollte er.

Sie fuhr fort, sich auszuziehen.

„Ich kann mit dem Kleid nicht besonders gut schwimmen“, sagte sie, als Henry sie aufforderte, damit aufzuhören. Sie zog ihr Kleid aus, Jacks lüsterne Blicke und rüde Kommentare ignorierend. Als sie fertig war, stand sie am Bug des Bootes, von den Schultern bis zu den Knöcheln durch ihr verhüllendes, unattraktives Unterzeug bekleidet.

„Das ist bei weitem die beste Meuterei, die ich je erlebt habe“, sagte Jack, ohne sich daran zu stören, dass Carinas Entkleidung nicht wirklich Entkleidung gewesen war.

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu und tauchte ins Wasser. Sie begann zu schwimmen, während Henry wie erstarrt an seinem Platz blieb, gedemütigt. Er hatte ihre Knöchel gesehen – beide! Das war ungebührlich, unanständig und … nun ja, aufregend. Er schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht der passende Augenblick, um abgelenkt zu sein. Und sie hatte Recht. Capitán Salazar war nicht hinter ihnen beiden her; er war hinter Jack her. So weit wie möglich von dem Piraten entfernt zu sein, war wahrscheinlich die beste Idee. Er stand auf und zog seine Jacke aus.

Als er sah, dass Henry ebenfalls tauchen wollte, legte Jack eine Hand aufs Herz.

„Willst du mich verlassen, nach allem, was ich für dich getan habe?“, fragte er, ehrlich beleidigt. „Einem Mädchen in Unterhosen folgen? Ihr Männer seid doch alle gleich.“

Henry drehte sich um und hob eine Augenbraue.

„Eine kleine Änderung“, spöttelte Henry. Er drehte sich wieder um, wollte ins Wasser springen. Doch kaum hatte er seine Knie gebeugt, als ein Hai aus dem Wasser schoss und ihn nur im wenige Zoll verfehlte.

Der Hai war allerdings kein gewöhnlicher Hai. Und er war nicht allein. Eine ganze Gruppe war erschienen. Sie bewegten sich schneller als jeder reale Hai, und als Henry hinuntersah, bemerkte er, dass sie das Boot umkreisten, sah, dass ihr Fleisch teilweise völlig weggerottet war. Einige hatten keine Augen, andere hatten immer noch Haken in ihren Mäulern. Es waren Geisterhaie, ebenso dem Fluch des Teufelsdreiecks verfallen wie Salazar und seine Männer. Und ihr einziges Ziel war, Jack Sparrow zu töten – und alles und jeden, das oder der im Weg war.

Henry zog sich vom Ende des Bootes zurück, sah entsetzt, dass die Haie das Boot aufzufressen begannen, indem sie riesige Stücke herausbissen, um an die beiden Menschen zu gelangen, die darin gefangen waren. Henry schnappte sich einen Riemen und versuchte, sie damit zu vertreiben. Doch es war zwecklos. Neben ihm zog Jack seine Pistole und feuerte auf das Wasser. Doch das wirkte ebenso wenig. Die Kugeln verschwanden in dem dunklen, wirbelnden Abgrund. Und die ganze Zeit fraßen die Haie weiter am Boot.

„Wir müssen schwimmen!“, schrie Henry. Er hob seinen Fuß, den er damit knapp davor bewahrte, von einem der Haie abgebissen zu werden. „Ich lenke sie ab!“

Er langte nach Carinas abgelegtem Kleid auf dem Boden des Boots, steckte es auf einen Riemen und schmiss es damit  über Bord. Augenblicklich wandten sich die Haie dem Kleid zu.

Drei Dinge geschahen zur selben Zeit: Henry tauchte ins Wasser und schwamm in Richtung Küste. Jack versuchte ins Wasser zu tauchen, doch sein Fuß traf ein Loch im Boden, womit er gefangen war. Und schließlich erschienen hinter ihnen Salazar und seine Männer, die auf dem Wasser liefen, Mordlust in die Gesichter gefressen.

Jack sah hinunter auf seinen Fuß, dann nach vorne zu Henry. Dann zu den Geistern nach hinten. Er schluckte. Er hatte eine Menge Geschick, sich aus verzwickten Situationen zu befreien, doch diese war besonders verzwickt.

Und besonders tödlich‘, dachte er, als ein Hai seinen Fuß streifte. Zusammenzuckend wollte er den Fuß heben. Doch er bewegte sich nicht. Er würde aus diesem Boot nicht lebend herauskommen. Es sei denn …

Sein Blick fiel auf einen Enterhaken, der auf dem Boden des Bootes lag. Ein kleines Lächeln zog an seinen Mundwinkeln. Er hatte eine Idee.

Er schnappte sich den Haken, schlug ihn an einer langen Leine an, als einer der Haie näher kam. Als er ihn beobachtete, stieg einer – ein sehr großer, in der Tat sehr löchriger Hai – vor dem Boot aus dem Wasser. Jack wartete. Der Hai kam näher. Jack wartete noch etwas länger. Der Hai kam noch näher. Und gerade, als er sein Maul weit aufriss, warf Jack den Haken, angelte den Geisterhai.

Augenblicklich wich der Hai zurück. Jack hielt die Leine fest und ließ den Hai das Boot über das Wasser ziehen, steuerte die Kreatur von den Geistern fort und in Richtung der Insel. Als das Boot Henry in rasender Geschwindigkeit passierte, schnappte Jack den zappelnden Jungen am Kragen seines Hemdes. Er nickte ihm kurz zu, als er ihn ins Boot schmiss. Henry konnte ihm später danken.

Voraus kam die Insel näher und näher. Jack konnte Carina sehen, die sich an Land schleppte. Er zog an der Leine und der Hai drehte sich etwas, zielte nun genau dorthin, wo sie lag.

„Festhalten!“, schrie Jack Henry zu, als der Hai einen Augenblick später das Land berührte und sich in Rauch auflöste, das Boot dabei an Land schleudernd. Sand und Wasser flogen gen Himmel, und als es wieder aufklarte, lagen Jack, Henry und Carina am Strand, durchgeschüttelt, aber überraschenderweise unverletzt.

„Was ist denn mit euch beiden los?“, fragte Carina und wischte sich Sand aus dem Gesicht. Ihr Rücken war der See zugewandt, weshalb sie glücklicherweise keine Ahnung von dem Schrecken hatte, der hinter ihr geschah. Doch das würde sich umgehend ändern.

„Carina, dreh’ dich nicht um!“, warnte Henry, der sie vor diesem Anblick bewahren wollte.

„Lass mich raten“, sagte sie, stand auf und klopfte sich ab. Sie begann, sich umzudrehen.

„Du siehst noch …“

Die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie sich ganz umgedreht hatte. Ihr Körper erstarrte. Ihre Hände begannen zu zittern. Henrys Bemühungen waren vergeblich gewesen. Der Schrecken war soeben offenbar geworden.

Vor ihnen stand wie eine Armee von Untoten, die geisterhafte Crew der Silent Mary. Sie standen auf den Wellen, unfähig, den Lebenden auf trockenes Land zu folgen. Ein paar von ihnen versuchten, näher zu kommen, doch als sie es taten, stießen sie an eine unsichtbare Grenze, ihre Körper entmaterialisierten, als sie einen zweiten gewaltsamen Tod starben.

Ein wenig vor seinen Männern stand Capitán Salazar und starrte mit kalten, dunklen Augen Jack an.

„Jack der Sperling“, sagte er mit heiserer Stimme. Eine weitere Welle Geister rauschte voran, nur um zu entmaterialisieren.

„Sie können nicht an Land!“, sagte Jack, sein Gesichtsausdruck entspannte sich. „Wusst’ ich aber!“

Er führte einen kleinen Tanz im Sand auf.

Neben ihm öffnete und schloss Carina den Mund, als sie heftig damit kämpfte, das, was sie sah, zu begreifen. Sie sah Männer, die durch die Luft trieben, schwebten, was schlicht unmöglich war. Sie sah sie stehen, den schweren Wunden in diversen Körperteilen zum Trotz – manchen fehlten ganze Teile ihres Körpers – was ebenso unmöglich war. Und sie hörte deren Captain sprechen, was sie ebenfalls ins Reich der Fabel verwiesen hätte. Es gab nur eine Erklärung dafür. Und als die Erkenntnis sie überkam, fand sie auch ihre Stimme wieder.

Geister!“, schrie sie. „Geister!“

„Erinnerst du dich an mich, Jack?“, fragte Capitán Salazar, der Carinas Schreie ignorierte.

Jack nickte.

„Du siehst immer noch so aus wie früher. Abgesehen von dem klaffenden Loch in deinem Schädel.“

Er sah auf die Füße der Gespenster. Er konnte nicht an sich halten, zu fragen:

„Sind die Stiefel neu?“

Geister!“

Carinas schrille Stimme brachte Jack, dazu, einen Sprung zu machen. Das Mädchen hatte sie offensichtlich nicht mehr alle. Sie brachte noch einen Schrei heraus, dann rannte sie fort. Henry zögerte nicht, ihr zu folgen und ließ Jack mit seinem geisterhaften Publikum allein.

„Ich warte auf dich, Jack“, fuhr Salazar fort. „Du wirst meine Pein kennenlernen.“

Jack sah Salazar an, dann über die Schulter zu Carina und Henry, dann wieder zurück zu Salazar. Obwohl das Wiedersehen so glücklich war, dachte er nicht ernsthaft daran, es fortsetzen zu wollen.

„Würde ja gern bleiben und weiter schwatzen“, sagte er und drehte auf dem Absatz um. „Aber meine Karte hat gerade Beine bekommen.“

Damit drehte sich Jack um und rannte davon. Hinter sich hörte er, dass Salazar schrecklich fluchte. Jack schauderte seinem eigenen Willen zum Trotz. Er konnte nicht ewig an Land bleiben. Er war immer noch ein Pirat, war dazu bestimmt, ein Schiff auf dem offenen Meer zu kommandieren. Und in dem Moment, in dem er auf die hohe See zurückkehren würde, würde Salazar ihn erwarten; er wusste es.

2   2   2

Fortsetzung folgt

2   2   2

Please follow and like us:
0

Schreibe einen Kommentar

Gefällt Dir diese Webseite? Dann sag' es gerne weiter :)