Gundolfs Bibliothek

Die Verborgenen Lande – Martin von Wengland 4 – Wirren des Krieges – online

Updated: 21. März 2019

*Kapitel 27 neu*

Wirren des Krieges

Prolog

Man schrieb den 2. Dezember 1202. Aus dem Burgtor der Fürstenburg von Dominiksburg ritt im ersten Tageslicht ein einsamer Reiter, der einen roten Wappenrock mit grünem Rand trug, in dessen Mitte eine goldene Lilie die breite Brust schmückte. Der Schild des Reiters, der an der Schildfessel über dem dunkelgrünen Umhang auf dem Rücken des Ritters hing, zeigte ein rotes, grün gerändertes Feld mit einer einzelnen schwebenden goldenen Lilie. Seit fast zwei Jahren hatte dieses Wappen niemand mehr in den Verborgenen Landen gesehen. Es gehörte zu Prinz Martin von Wengland, dem älteren Sohn des Königs Rudolf von Wengland, Graf von Steinburg und Thronfolger des Königreichs Wengland.

Im April 1201 war der Prinz mit einem Kontingent von etwa sechshundert Steinburger Rittern und Reisigen nach Venedig aufgebrochen, um auf Befehl seines Vaters am Kreuzzug teilzunehmen, zu dem der Papst schon 1198 aufgerufen hatte. Die Steinburger waren nicht allein nach Venedig gezogen. Eine gut achthundert Männer zählende Truppe aus der Grafschaft Hirschfeld unter dem Kommando von Martins Onkel Roland von Hirschfeld sowie weitere fünfhundert Ritter und Soldaten aus den anderen zehn Grafschaften Wenglands waren mit ihnen gereist.

In Venedig hatten sie zunächst warten müssen, denn die Schiffe, die in päpstlichem Auftrag vom venezianischen Arsenal gebaut worden waren, waren erst Ende Juni 1202 fertig gewesen. Dann hatte sich erwiesen, dass trotz der verlängerten Wartezeit und dem steten Werben des Predigers Fulko von Neuilly in den christlichen Landen Europas gerade einmal ein Drittel der erwarteten gut dreißigtausend Kreuzfahrer gekommen war. Einschließlich der etwa zweitausend Wengländer waren es nur zwölftausend gewesen. Venedig, das die Schiffe zunächst auf eigene Kosten gebaut hatte, hatte der Staatsbankrott gedroht, wenn nicht die volle vereinbarte Summe von 85.000 Kölnischen Mark Silber gezahlt wurde. Der Doge Enrico Dandolo verlangte also genau dies. Die Kreuzritter hatten im Schnitt mit zweieinhalb Mark Silber an Transportkosten gerechnet, das Leben in den Heerlagern um Venedig hatte ihre darüber hinaus vorhandenen Geldmittel weitgehend aufgezehrt. Keiner von ihnen hätte es sich leisten können, nun praktisch die dreifache Summe zu bezahlen.

Zweieinhalb Kölnische Mark Silber entsprachen 18 Wenglischen Gulden in Silber oder 1 ½ Goldgulden. Mithin wären dreitausend Gulden für die Überfahrt aller zweitausend Männer fällig gewesen. Martin und Roland hatten von König Rudolf fünftausend Goldgulden mitbekommen, mit denen sie sowohl den Unterhalt ihrer Männer als auch die Überfahrt hatten bezahlen sollen. Insofern überstieg die geforderte Summe die pekuniären Möglichkeiten bei weitem, selbst wenn sie die Summe für den Unterhalt der Truppe durch den Aufenthalt bei Markgraf Bonifatius von Monferrat längst nicht ausgegeben hatten.

Ein letzter Versuch, von Genua oder Pisa aus ins Heilige Land zu gelangen, war daran gescheitert, dass Genuesen und Pisaner es den Wengländern übelgenommen hatten, zunächst mit den Venezianern im Geschäft gewesen zu sein, aber auch an dem Umstand, dass beide Städte wieder einmal Krieg gegeneinander führten und schon deshalb nicht in der Lage gewesen waren, Schiffe in den Orient zu schicken.

Ende Oktober 1202, als endgültig feststand, dass die Kreuzfahrer zunächst das christliche Zara angreifen würden, um es zu Tributzahlungen an Venedig zu bewegen, waren die Wengländer umgekehrt, hatten nach einem Wintereinbruch Anfang November 1202 in Sankt Michael in der Grafschaft Eppan südwestlich von Bozen bleiben müssen, wo Martin auch seinen 22. Geburtstag gefeiert hatte.

Erst am 20. November hatten sie weiterziehen können, waren durch den Vintschgau nach Sankt Maria im Münstertal gekommen, wo schon Martins Ahn Philipp gerastet hatte. Von dort hatte er einen Boten nach Stolzenfels vorausgesandt, um seiner Verlobten, Prinzessin Regina von Scharfenburg mitzuteilen, dass er heimkam und sie nun endlich heiraten wollte.

Es hatten genügend Steine auf ihrem Weg zum Traualtar herumgelegen: Zuerst hatte Markgraf Richard von Rebmark die Grafen Scharfenburgs gegen Martin als Ausländer aufgewiegelt und ein Turnier um die Hand der Prinzessin initiiert. Bei dem Turnier hatte er die übrigen Bewerber betrogen, indem er ihnen die eigenen Dolche hatte entwenden und in die Turnierwäsche hatte stecken lassen. Martin hatte sich daran in die Schwerthand geschnitten, Graf Niklaus von Thannburg hatte sich tödliche Verletzungen im Unterleib zugezogen, als er die mit seinem Dolch präparierte Bruche angezogen hatte. Richard war nur deshalb ungeschoren geblieben, weil unmittelbar nach seinem manipulierten Sieg über Martin ein Bote aus Dunkelfels eingetroffen war, der die Kunde überbracht hatte, dass Dunkelfels von Wilzaren überrannt worden war. Herzog Ludwig hatte alle seine Grafen gebraucht, um der Bedrohung aus dem Süden Herr zu werden, weshalb er gegen Richard nicht so hatte vorgehen können, wie er eigentlich gewollt hatte.

Weil in Dunkelfels gleich drei enge Verwandte des Herzogshauses gefallen waren, hatte das Trauerjahr für diese Verwandten verhindert, dass Martin und Regina ihre Verlobung bekanntgeben konnten. Im Juni 1200 hatten sie sich schließlich verloben können, doch war da bereits der Aufruf zum Kreuzzug erfolgt. Martin und Roland hatten auf Befehl König Rudolfs gleich nach Ostern 1201 aufbrechen müssen, so dass Martin seine Heiratspläne bis nach dem Kreuzzug hatte aufschieben müssen.

Martin hatte deshalb die Absicht, Regina in Scharfenburg abzuholen und mit ihr zusammen nach Steinburg zurückzukehren – damit auf keinen Fall weitere Steine die längst überfällige Hochzeit verhinderten.

Martins Bote war am 27. November, zwei Tage vor dem verhinderten Kreuzfahrerheer in Dominiksburg, dem Hauptort des Fürstentums Breitenstein eingetroffen, von dort am folgenden Tag nach Scharfenburg weitergereist, aber nicht zurückgekehrt.

Stattdessen hatte Martin am 1. Dezember eine Nachricht mit dem Siegel des Grafen von Falkenstein erhalten, dass der Bote am Alvedra tödlich verunglückt war, die Botschaft aber gefunden und an die Prinzessin weitergeleitet worden war, die ihn nun auf diesem Weg bat, sich mit ihr auf Burg Falkenstein zu treffen.

Roland und Heermeister Bertram von Ermeldorf hatten versucht, ihm auszureden, allein nach Falkenstein zu reiten. Doch seine Sehnsucht nach der geliebten Frau war zu groß – und die Aussicht, sie auf Falkenstein zu treffen, abseits vom Stolzenfelser oder Steinburger Hof, hatte ihn zusätzlich beflügelt. Graf Alwin hatte den Verliebten schon einmal die Möglichkeit zu einigen Tagen ungetrübten Liebesglücks ermöglicht – fast genau zwei Jahre zuvor, im Januar 1201.

Der junge Prinz hatte deshalb zu Heimlichkeit gegriffen und war im Morgengrauen dieses 2. Dezember 1202 aufgebrochen ohne seinen Onkel Roland oder Heermeister Bertram zu informieren …

Während Martin bereits den Weg zum Quartenpass hinaufritt, weil ihm ein Bauer gesagt hatte, dass der Palparuvapass nach Scharfenburg zugeschneit war, wollte Roland von Hirschfeld seinen Neffen an diesem Morgen zum Frühstück holen, nachdem er nicht erschien. Er fand nur noch einen kurzen Brief vor:

Ich bin auf dem Weg nach Falkenstein. Warte nicht auf mich. Führe meine Männer nach Hause. Ich komme mit Regina nach Steinburg nach.

Martin

„Dieser Lausebengel!“, entfuhr es ihm.

„Was ist?“, erkundigte sich Bertram, der dem Grafen gefolgt war.

„Er ist weg! Nach Falkenstein! So, wie ich meinen Neffen kenne, ist er schon mit dem ersten Tageslicht fortgeritten. Er ist vor Stunden weg. Den holen wir nicht mehr ein“, seufzte Roland. „Wir brechen nach Steinburg auf.“

 

A A A

Kapitel 1

 Überfall im Wald

Der niedrigere Quartenpass führte Martin zunächst nach Wengland. In der Mitte des sechs Meilen langen Passes standen zwei steinerne Pfähle mit quadratischem Querschnitt und pyramidenförmigem Kopf. Der am rechten Wegrand war schräge rot und gelb bemalt und trug unter der Pyramidenspitze in Kopfhöhe eines Reiters auf der West- und der Ostseite je ein aus Zinn gegossenes Schild, das durch eine erhabene Rose unter den ebenfalls erhabenen Buchstaben BREITEN und über STEIN anzeigte, dass dieser Pfahl die Landesgrenze Breitensteins war. Der einige Spannen nach Osten versetzte Pfahl am linken Wegrand war schräge grün und rot bemalt, die Zinnschilder auf West- und Ostseite zeigten eine einzelne erhabene Lilie zwischen den erhabenen Buchstaben WENG und LAND. Er markierte die Westgrenze Wenglands. In den Felsgrund zwischen den beiden Pfählen war eine leidlich gerade Linie quer über den Weg gemeißelt, die die tatsächliche Grenze zwischen beiden Ländern war.

„Wir sind zu Hause, Rufus“, brummte Martin in den dicken Lodenumhang, als sein Pferd die vom Wind immer wieder freigelegte Grenzlinie überschritt.

In den winterlichen Verhältnissen auf dem Pass war weit und breit kein Grenzwächter zu sehen. Ein deftiger Schneesturm, der von Osten her durch den Pass pfiff, verhinderte zudem, dass die Passstraße von der Grenzfeste Palparuva beobachtet werden konnte. Trotz des eisigen Windes, der ihm und seinem treuen Hengst Rufus die Wärme aus dem Blut zu pressen schien, machte er keine Anstalten, zur Burg zu reiten. Er fürchtete, dass sein Onkel oder der Heermeister den Grenzwächterposten per Brieftaube alarmieren würden und man ihn dort festhalten würde, bis die Kreuzfahrertruppen eintrafen.

Er bog deshalb gleich nach dem Pass nach rechts ab, um den unmittelbar südlich der Burg gelegenen Palparuvasee an dessen Südufer zu passieren. Im Wald dahinter würde es auch wieder wärmer werden, wie es auch mit jedem Klafter, den er dem Palparuva-Bach bergabwärts zum Alvedra folgte, wärmer werden würde.

Als es dunkel wurde, war er bereits so weit vom Pass entfernt, dass Rufus seit zwei oder drei Stunden keinen Schnee mehr unter den Hufen hatte. Auf einem kleinen Plateau hielt Martin an, gab seinem Hengst aus dem Hafersack zu fressen und ließ ihn aus dem Bach saufen, bis er genug hatte. Er sammelte einige trockene Äste, schichtete sie auf, umlegte sie mit einem dichten Ring aus Steinen und Sand und machte ein kleines Feuer, das gerade ausreichte, um ihn und sein Pferd ein wenig aufzuwärmen.

„An der Palparuvamündung ist ein Gasthaus, mein Großer. Da können wir uns wieder richtig aufwärmen“, sagte der junge Mann und kraulte seinem Rappen die weichen Nüstern. „Heute Nacht muss das erst einmal reichen, sonst fängt Onkel Roland uns doch noch wieder ab. Und ich habe wirklich gar keine Lust, noch länger auf meine Regina zu verzichten. Ich hoffe, du verstehst das …“

Rufus schnaubte und stieß seinen Herrn zutraulich an.

Etwa zur gleichen Zeit, als Martin sich im Wald sein kleines Lagerfeuer machte, kam das Expeditionsheer in der Grenzfeste Palparuva an.

„Ist Prinz Martin hier?“, fragte Roland den Burgvogt besorgt.

„Nein, Mylord. Aber … ist er denn nicht mit Euch unterwegs gewesen?“

„Gewiss war er das. Aber er hat sich heute Morgen in aller Frühe heimlich davongeschlichen, um nach Falkenstein zu reiten“, erwiderte der Graf von Hirschfeld.

„Nach Falkenstein? Welcher Wahnsinn treibt ihn dort allein hin, Mylord? Wir haben Krieg mit Scharfenburg!“

„Was?“, keuchten Roland und Bertram wie aus einem Mund.

„Krieg, Mylords. Wenn die Scharfenburger …“

„Wieso habt Ihr Martin dann nicht aufgehalten?“, fuhr Bertram den Burgvogt an.

„Wäre er in die Feste gekommen, hätte ich das getan. Aber er hat sich hier nicht gemeldet“, erwiderte der.

„Schöner Grenzposten! Bemerkt einen einzelnen Reiter nicht! Was seid Ihr eigentlich für Grenzwächter?“, fauchte Bertram. Roland hielt ihn fest, bevor er dem Burgvogt an den Hals gehen konnte.

„Bertram! Beruhigt Euch!“, mahnte er. „Wieso habt Ihr ihn nicht bemerkt?“, wandte er sich an den Vogt.

„Es hat heute den ganzen Tag Schneesturm gegeben, Mylord“, erwiderte der Vogt. „Da kann ich meine Männer nicht draußen auf den Posten lassen, wenn ich sie lebend wiedersehen will – und so ein Schneesturm nimmt die Sicht auf die Passstraße.“

„Das erklärt auch, weshalb wir nicht einmal Spuren von ihm gesehen haben“, knurrte Bertram. „Und bei der Dunkelheit jetzt können wir den Weg den Palparuva hinunter nicht sehen. Es ist zum Auswachsen!“

„Wie groß ist die Chance, dass wir ihn noch abfangen können, bevor er die Grenze nach Scharfenburg erreicht?“, fragte der Hirschfelder Graf. Der Burgvogt schüttelte den Kopf.

„Das geht nicht, Mylord. Ein einzelner Reiter ist oft erheblich schneller als ein ganzes Heer. Und nach Scharfenburg könnt Ihr ihm nicht folgen.“

„Wieso nicht? Wir sind zweitausend Männer. Die sollten doch wohl ausreichen, um Martin zu befreien“, bemerkte Bertram.

„Wohin wollte der Prinz genau?“, fragte der Vogt.

„Nach Falkenstein.“

„Wenn das eine Falle ist – und das nehme ich an – werden die Scharfenburger ihn keinesfalls dort lassen. Man würde ihn nach Stolzenfels schaffen oder gar in die Rebmark. Dorthin führt nur ein einziger Zugang, der stets scharf bewacht wird. Der Rabenpass ist uneinnehmbar“, warnte der Burgvogt.

Roland nickte. Er hatte einschlägige Erfahrungen was die Geschwindigkeit einer Gruppe oder eines Einzelnen betraf …

„Und dann habe ich das hier bekommen, Mylords“, ergänzte der Burgvogt und zeigte Roland und Bertram einen Erlass mit dem königlichen Siegel, dass alle Truppen Wenglands auf die wenglische Seite des Alvedra zurückzukehren hatten und den Fluss erst wieder überqueren durften, wenn ein entsprechender Befehl aus Steinburg kam.

„Ich werde mit meinen Ibelinern den Palparuva hinunter reiten und hoffen, dass wir Martin noch vor der Grenze finden“, sagte er. „Ihr zieht mit dem Heer auf dem schnellsten Weg nach Steinburg“, wies er Bertram an.

„Dann lasst mich nach dem Prinzen suchen, Mylord!“, beschwor Bertram ihn. „Ich kenne die Gegend hier wie meine Satteltasche. Ihr wart dort noch nicht.“

Dem Argument hatte Martins Onkel nicht einmal etwas entgegenzusetzen. Er kannte die Gegend nicht.

„Gut. Dann sucht Ihr nach Martin, ich führe die Männer weiter in Richtung Steinburg“, sagte er schließlich. Er wandte sich erneut an den Burgvogt:

„Martin hatte einen Boten vorausgesandt. Ist der bei Euch gewesen?“

„Ja, ein Bote war hier“, erwiderte der Vogt. „Er hat mir aber nicht gesagt, was sein Ziel war. Ich habe natürlich angenommen, Ihr hättet ihn nach Steinburg vorausgesandt, um Eure Ankunft anzukündigen. Deshalb gab es keinen Grund, ihn nicht weiterziehen zu lassen.“

„Und ein Bote aus Scharfenburg? War der hier?“

Der Burgvogt schüttelte den Kopf.

„Nein. Es gibt aber noch einen anderen Pass hier, den Palparuvapass. Er gehört schon zu Scharfenburg und liegt etwa dreißig Meilen nordwestlich von hier. Wenn Euer Bote nach Scharfenburg unterwegs war, halte ich es für möglich, dass er abgefangen wurde. Die Scharfenburger wissen, dass wir keinen von ihnen hier durchlassen. Wir könnten es schließlich nicht zulassen, dass sie jetzt noch Breitenstein gegen uns aufhetzen. Wenn Prinz Martin nach einer Botschaft aus Scharfenburg sich dorthin gewandt hat, dann ist der Bote über den Palparuvapass geritten.“

Am folgenden Tag machte Martin sich schon im ersten Licht wieder auf den Weg. Viel geschlafen hatte er in der kalten Nacht nicht. Auch Rufus wirkte recht verfroren. Nur langsam stieg der Hengst den Weg hinunter, als Martin seine wenigen mitgenommenen Habseligkeiten in den Satteltaschen verstaut hatte und wieder in den Sattel gestiegen war. Er ließ dem Pferd die Zeit, die es brauchte, um dem abschüssigen Pfad mit sicheren Tritten zu folgen. Rufus fand die nötige Sicherheit und trug seinen Herrn sicher den Bergweg hinunter. Vom Fuß des Krähenwaldes, aus dem der Palparuva-Bach zum Alvedra herunterfloss, mochten es noch gute zwanzig Meilen bis zur Mündung sein, an der Martin auf der scharfenburgischen Seite in dem Dorf Heinrichsmühl ein Gasthaus wusste. Zehn Meilen östlich von Dorf und Gasthaus erhob sich Burg Falkenstein auf dem südlichen Ende eines aus dem zu den Rebmärker Alpen gehörenden Turotgebirge nach Süden hervorspringenden, etwa zehn Meilen langen Bergsporns.

Doch auf der Hälfte des am Bach entlangführenden Weges stieß der einsame Reiter auf ein dichtes Knäuel kreuz und quer über dem Weg liegender Bäume, die ein Durchkommen auf diesem Weg unmöglich machten. Allein hatte der Prinz auch keine Chance, zwanzig bis dreißig Klafter lange Baumstämme aus dem Weg zu schaffen.

„Dann müssen wir wohl umkehren, mein Großer“, seufzte Martin. Er wendete Rufus und trieb ihn den Weg wieder hinauf bis zum nächsten größeren Absatz. Dort hatte er einen Wegweiser gesehen, der den Weg nach Krähenfurt, Spatzenberg und Wasserhofen bezeichnete. Auf der scharfenburgischen Seite des Alvedra gab es in Wasserhofen ebenfalls ein Gasthaus, zudem hatte das Dorf Krähenfurt auf der wenglischen Seite seinen Namen von der Furt, die dort die Überquerung des Grenzflusses ermöglichte.

Der Weg führte durch den Bergwald in östlicher Richtung an einem Hochplateau vorbei, dem die Burg Falkenstein gegenüberlag. Im Novembernebel war die Burg jenseits des Alvedra jedoch unsichtbar.

Als der Prinz aus den Höhen des Krähenwaldes in das Alvedratal hinunterkam, sah er, dass am anderen Flussufer von einem nur schemenhaft erkennbaren Gebäude Rauch aufstieg. Je näher Martin kam, desto deutlicher wurde, dass das Gasthaus nicht mehr existierte. Nur noch rauchende Trümmer zeugten davon, dass dort einmal das Wasserhofener Gasthaus Zum singenden Schwan gestanden hatte, dessen Wirt auch Braurecht hatte und es fertiggebracht hatte, den Gastungszwang – die Bewirtung durchreisender Adliger auf eigene Kosten – in ein Gastungsrecht – die Bewirtung auf Kosten des Gastes – umzuwandeln. Einen Moment hatte der Prinz den Gedanken, dass wohl ein zorniger Adliger der Bezahlung der Zeche mit Brandstiftung hatte entgehen wollen. Doch je näher er kam, desto klarer wurde, dass nicht nur das Gasthaus niedergebrannt war, sondern das ganze kleine Dorf! Und das auf der wenglischen Seite gelegene Dorf Krähenfurt wirkte verlassen. Obwohl die Furt aus Martins Richtung vor dem wenglischen Dorf war, ritt er die Viertelmeile weiter und fand am Dorfeingang einen von Wind und Wetter zerfetzten Anschlag, an dem gerade noch das anhängende Siegel erkennbar war – das Siegel der königlichen Hofkanzlei Wenglands. Auch wenn von dem Anschlag kein Wort mehr lesbar war, so bewies das Siegel dennoch, dass das Dorf auf königlichen Befehl geräumt worden war.

„Du meine Güte! Was ist denn hier passiert?“, entfuhr es ihm. Rufus schüttelte unwillig den Kopf. Pferde sind Fluchttiere – und sie scheuen das Feuer. Der Brandgeruch, der mit dem Wind über den Fluss getragen wurde, machte den Hengst nervös. Martin wurde bleich. Ein ganzes Dorf ausgelöscht, ein anderes offenbar auf königlichen Befehl aufgegeben! Er fragte sich, wie das hatte geschehen können und lenkte Rufus in die Furt, die mit der etwa zwanzig Meilen weiter nordwestlich gelegenen Furt bei Heinrichsmühl in dieser Gegend die einzigen Übergänge über den Alvedra bildete.

Vorsichtig näherte er sich dem zerstörten Dorf, nahm den Schild zur Hand und zog sicherheitshalber das Schwert. Gespenstische Stille lag über den Spuren der Verwüstung. Hier und da war ein zerschlagenes Stück Steingut, zerbrochene Möbel, zerfetzter Stoff, aber weder Lebende noch Tote, weder Mensch noch Tier. Als er das Dorf schon eine Meile hinter sich hatte, gluckerte es ungewöhnlich am Flussufer. Martin lenkte Rufus zum Ufer und entdeckte einen Eisenhut, der sich im Uferbewuchs verkeilt hatte. Er schob das Schwert in die Scheide, stieg ab und zog den Eisenhut aus dem Wasser.

Er staunte nicht schlecht, als er innen in dem Kopfschutz eine eingeschlagene gekrönte Lilie fand – das Zeichen der königlichen Arsenale Wenglands, von denen es in jeder Provinz des Landes eines gab. Solche Helme gehörten eigentlich zur Ausrüstung einfacher Soldaten. Martin kannte nur einen Ritter, der so etwas trug: Michel, den stellvertretenden Hauptmann seines Onkels. Doch der war bei seinem Onkel und hatte seinen Eisenhut bei sich … Und es schien unwahrscheinlich, dass es sich um den verlustigen Helm eines Soldaten aus Oberwengland handelte, das auf dem gegenüberliegenden Flussufer war. Die Strömungsverhältnisse an dieser Stelle des Flusses hätten einen Helm, der auf der wenglischen Seite ins Wasser gefallen war, nicht auf der scharfenburgischen Seite angetrieben. Zudem wurden Rüstungsteile aus den Arsenalen nur im Kriegsfall ausgegeben. Der letzte Krieg mit Scharfenburg war fast dreihundert Jahre her, als die westlichen Provinzen Scharfenburgs gegen Martins Vorfahren und Namensvetter Martin I. und dessen Anspruch auf den Herzogshut Scharfenburgs rebelliert hatten. Und Eisenhüte wie diesen hatte es zu Zeiten Martins I. und Ottos I. noch nicht gegeben. Der Helm an dieser Stelle machte nur einen Sinn, wenn sich Wengland und Scharfenburg im Krieg befanden und ein wenglischer Soldat diesen Helm auf diesem Ufer verloren hatte.

Martin verwarf den Gedanken so schnell, wie er ihm gekommen war. Das war absurd! Wieso sollten sein Vater und Herzog Ludwig im Krieg liegen, wenn es keine Streitigkeiten der beiden Länder gab und obendrein ihre Kinder miteinander verlobt waren? Nein, es musste dafür eine andere Erklärung geben! Er hängte den Eisenhut an seinen Sattel, stieg wieder auf und ritt weiter.

‚Ich hoffe, Alwin kann mir sagen, was das wirklich zu bedeuten hat‘, dachte er und trieb seinen Hengst zu einer schnelleren Gangart an, um noch bei Tageslicht an die Abzweigung zum Weg nach Falkenstein zu kommen, der etwa sieben Meilen westlich von Wasserhofen von der Westseite des Felssporns zur Burg hinaufführte.

Er war keine Viertelstunde geritten, als er Hilferufe vernahm, die aus dem Wald kamen, der sich zwischen der Landstraße am Fluss und dem Absatz der Rebmärker Alpen nördlich davon erstreckte. Er zog erneut das Schwert und lenkte Rufus nach rechts in den Wald hinein. Schon nach wenigen Klaftern erreichte er einen leicht ansteigenden Waldweg, dem er im Galopp folgte. Nach weiteren hundert Klaftern erreichte er eine Lichtung, auf der vier Wegelagerer einen Reisewagen überfallen hatten. Ein einzelner Verteidiger wehrte sich verzweifelt gegen die Übermacht, konnte auch einen der Angreifer fällen, dann traf ihn selbst der tödliche Hieb.

Martin überlegte nicht lange und griff die Wegelagerer mit einem wütenden Kriegsruf an. Die überraschten Wegelagerer konnten dem heftigen Angriff nicht standhalten. Zwei der Räuber fielen unter seinen präzisen und harten Schwerthieben, der Letzte konnte sich gerade noch ins Unterholz retten, wohin Martin ihm zu Pferd nicht folgen konnte. Der Prinz wartete noch einen Moment, bis er sicher war, dass der Wegelagerer wirklich fort war, dann wandte er sich dem Reisewagen zu. Drei tote Männer in den Wappenröcken der Grafschaft Stolzenfels lagen davor in ihrem Blut. Zwei junge Frauen waren unter dem Wagen in Deckung gegangen. Martin schob sein Schwert in die Scheide und saß ab.

„Vergebt mein rohes Eingreifen, aber ich konnte nicht zulassen, dass Euch Gewalt angetan wird“, bat er um Verzeihung. Die eine weibliche Gestalt unter dem Wagen zuckte zusammen und drehte sich um.

„Martin?“, fragte sie. Der junge Mann erstarrte.

„Regina? Bist du das?“, fragte er mit zitternder Stimme. Sie kroch auf allen vieren unter dem Wagen hervor, er half ihr auf und zog sie gleich in seine Arme.

„Regina!“

Sie stemmte sich gegen die Umarmung, er ließ sie erschrocken los.

„Verschwinde!“, fuhr sie ihn an.

„Was?“, keuchte er.

„Verschwinde, solange du noch kannst!“, setzte sie nach. „Wenn die Männer meines Onkels dich hier finden, bist du tot!“

„Was ist hier eigentlich los? Und was ist das für eine Begrüßung?“, fragte er verständnislos.

„Das ist eine Falle, Martin!“, rief die Prinzessin und brach in bittere Tränen aus.

Im selben Moment krachten hinter Martin Äste. Er wirbelte herum und bremste den Angreifer mit dem Schild aus, den er ihm direkt ins Gesicht drosch, trat einem zweiten grob in die Weichteile und brachte sie damit auf genügend Distanz, um sein Schwert zu ziehen. Es waren Wilzaren, die in immer größerer Zahl aus dem Dickicht erschienen. Martin wehrte sich, geriet wegen der Überzahl, in der sie aus den Büschen kamen, in Bedrängnis, doch er konnte sie vom Wagen fernhalten.

Ein Speerstich traf ihn an der linken Seite, ließ die Glieder des Kettenhemdes brechen und zerfetzte auch den Gambeson darunter. Der Prinz schrie vor Schmerz auf, kämpfte aber verbissen mit letzter Kraft weiter, als erneut Kämpfer eintrafen – doch diesmal waren es Scharfenburger mit Skarpenborner Wappen auf den Waffenröcken.

„Ergebt Euch!“, forderte Graf Volker von Skarpenborn die miteinander Ringenden auf. Die verbliebenen Wilzaren wandten sich von Martin ab, der zusammensackte. Die Scharfenburger attackierten die Wilzaren und machten die letzten drei nieder, die noch standen. Dann wandten sich die Skarpenborner Martin zu, der mit einiger Mühe aufzustehen versuchte, was ihm wegen der Seitenwunde nicht gelingen wollte. Acht Spieße hielten ihn in Schach. Einen Moment sah Martin wie erstarrt auf die ihn bedrohenden Spieße, dann ließ er Schwert und Schild fallen.

„Was soll das?“, fragte er. Statt einer Antwort stach einer der Männer zu und traf den Wengländer erneut knapp unter dem linken Rippenbogen. Es war mehr zufällig dieselbe Stelle, an der der Wilze ihn bereits getroffen hatte. Martin schrie auf, fiel zurück und verlor das Bewusstsein.

„Martin!“, schrie Regina. Gegen Volkers Eingreifen drängte sie sich zu ihrem Verlobten durch. „Seid Ihr denn alle des Wahnsinns?“, schnaubte sie. „Hätte Martin nicht eingegriffen, hätten diese Wegelagerer uns umgebracht!“

„Das sind Wilzaren!“, protestierte Volker. „Wieso sollte ein Wengländer Wilzaren angreifen?“

Regina ließ sich neben Martin nieder und bettete seinen behelmten Kopf auf ihren Schoß.

„Volker, tut Ihr nur so oder wollt Ihr es wirklich nicht wissen?“, grollte sie.

„Was?“

„Martin ist gerade erst vom Kreuzzug zurück!“

„Hat er Euch das gesagt?“, hakte Volker nach.

„Nein, geschrieben.“

„Herrin, der Kreuzzug ist noch nicht beendet. Wenn dieser Wengländer Euch das geschrieben hat, wenn er es war, der Euch dazu verleitet hat, herzukommen, dann war das eine von ihm geplante Falle!“

„Wenn es das gewesen wäre, dann hätte er kaum ohne zu fragen und zu zögern die Wilzaren erschlagen – abgesehen von den dreien, die Eure Männer niedergemacht haben! Sophie und ich haben es mit eigenen Augen gesehen“, versetzte sie. „Was fällt Euch eigentlich ein, Martin eine solche Niedertracht zuzutrauen? Niemals hat er sich derartiger Winkelzüge bedient! Und wer hat Euch eigentlich hierher geschickt?“

„Der Markgraf. Er sagte, seine Späher hätten hier Wengländer und Wilzaren aufgespürt und beauftragte mich, sie abzufangen“, erwiderte Volker.

„So, so, der Markgraf … Hat er Euch auch aufgegeben, einen Mann, der schon am Boden liegt und seine Waffen fallen lässt, abstechen zu lassen?“, knurrte sie, während sie sich bemühte, die Blutung zu stillen.

„Ihr wisst, was Willehad durch die Wengländer verloren hat“, erinnerte Volker sie, dass die gesamte Familie des übereifrigen Kriegsknechtes bei der Plünderung Wasserhofens abgeschlachtet worden war.

„Volker, ich sage das jetzt nur einmal, aber es gilt für euch alle: Wer sich erdreistet, einen Gegner anzugreifen, der sich ergibt, wird dafür bestraft werden! Habt Ihr das verstanden?“, fauchte die Prinzessin. „Und jetzt verladet Ihr den Prinzen auf den Wagen, damit er in die Burg kommt!“

 

A A A

Kapitel 2

Gefangener Gast

Als Martin erwachte, war es dunkel. Er bemerkte, dass seine Lage verändert war. Neugierig suchte er seine Umgebung ab und stellte bald fest, dass er in einem Raum war, der wohl ein geräumiges Zimmer einer Burg sein mochte. Im Kamin brannte ein munteres Feuer. Martin sah ins Feuer und grübelte, weshalb die Scharfenburger ihn angegriffen hatten, obwohl er Regina geschützt hatte. Die einzige plausible Antwort, die ihm dazu einfiel, war, dass Wengland und Scharfenburg Streit hatten, den sie mit Waffengewalt austrugen. Erneut wollte er sich diesen Gedanken verbieten. Eine unbewusste Bewegung erinnerte ihn schmerzhaft an die Stichverletzung und ließ ihn unterdrückt aufstöhnen.

In dem vom Bett abgewandten Sessel entstand Bewegung, die Martin erst bemerkte, als die sich erhebende Gestalt schon ganz aufgestanden war und sich zu ihm umdrehte. Die leicht gebückte Gestalt und der lange Bart ließen den Prinzen erkennen, wer dort gesessen hatte.

„Graf Alwin?“, fragte er. Der alte Mann kam näher.

„Willkommen im Leben, Prinz Martin“, sagte der alte Graf mit seiner für sein Greisenalter von inzwischen achtzig Jahren immer noch erstaunlich sonoren Stimme und setzte sich vorsichtig an das mit Fellen und weichen Leinenlaken bequem ausgestattete Lager des jungen Mannes.

„Es hat nicht viel gefehlt und Ihr hättet die letzten Meilen hier herauf nicht überlebt“, ergänzte er.

„Wollte der, der mich stach, nachdem ich mich verwundet ergeben hatte, mir noch die Kehle durchschneiden?“, fragte Martin bissig.

„Wengländer sind hier nicht mehr gern gesehen“, erwiderte Alwin mit grimmigem Gesicht.

„Wieso nicht? Sonst habt Ihr Euch sehr gefreut, wenn ich Euch besucht habe“, wunderte sich der Verwundete. „Was ist hier los?“

„Seit wann seid Ihr wieder in diesen Landen?“, fragte Alwin streng und ohne auf die Erwiderung einzugehen.

„Seit dem 2. Dezember, ehrwürdiger Alwin“, erwiderte Martin spontan.

„2. Dezember? Seit zwei Tagen?“, hakte der Graf verblüfft nach. Der Prinz nickte.

„Ihr wart noch nicht in Steinburg?“

„Nein. Ich habe unser zurückkehrendes Kreuzzugsheer in Dominiksburg verlassen und bin über den Quartenpass gleich hierhergekommen“, antwortete Martin.

„Könnt Ihr das beweisen?“, bohrte der Falkensteiner.

„Wenn Ihr venezianische Münzen und den Geleitbrief des Grafen von Eppan akzeptiert, den er am 19. November ausgestellt hat, ja“, entgegnete Martin. „Ihr könnt Euch leicht ausrechnen, dass wir ohne große Verzögerungen direkt von Tirol hergekommen sind. Wieso fragt Ihr so bohrend?“

Der alte Mann stand auf und begann eine unruhige Wanderung durch das Gemach.

„Dann ist der Verdacht falsch …“, brummte er in den Bart.

„Was für ein Verdacht? Alwin, was ist hier geschehen, dass ein guter Freund Eures Hauses ohne Warnung angegriffen wird?“

Alwin blieb stehen.

„Wann seid Ihr aufgebrochen?“

„Zu Ostern 1201. Das habe ich Euch auch gesagt, als ich Anfang 1201 hier bei Euch war. Was geht hier eigentlich vor?“

Schnaufend setzte sich der alte Mann wieder.

„Martin … diese … diese Lande sind nicht mehr die, die sie einst waren“, sagte er stockend.

„Bitte, sprecht nicht in Rätseln!“, forderte Martin ihn auf und versuchte, sich aufzurichten. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn und ließ ihn in die Kissen zurückfallen.

„Wir haben Krieg mit Euch, Wengländer! Und Ihr habt ihn angefangen!“, fuhr Alwin ihn an.

„Und … wieso?“, stotterte Martin erschrocken. Die herrische Geste des alten Grafen brach zusammen. Er zuckte hilflos mit den Schultern, setzte sich wieder, diesmal aber in den Sessel, der in der Nähe des Bettes stand. Er suchte nach Worten, um dem so offensichtlich ahnungslosen Martin beizubringen, was geschehen war.

„Ihr wisst, dass mein Bruder, mein Neffe und meine Söhne von den Wilzaren in Dunkelfels umgebracht wurden, dass Dunkelfels seit 1199 von den Wilzaren besetzt ist“, sagte der alte Graf. Der junge Mann nickte.

„Als die Wilzaren im April 1201 den Alvedra überschritten, Tannwald und Thannburg angriffen, hat Herzog Ludwig Euren Vater um Beistand gebeten. Er wies darauf hin, dass Ihr und Euer Onkel mit Euren Grafschaftsaufgeboten sowie weiteren fünfhundert Kämpfern aus allen Teilen Wenglands gerade erst zum Kreuzzug aufgebrochen wart und er vor Eurer Rückkehr nichts unternehmen könnte“, berichtete Alwin. „Im Juni kamen Boten Eures Vaters, die behaupteten, Ende Mai wären seine Männer von unseren angegriffen worden. Das war Unsinn, es hatte keinen Angriff unsererseits auf Wengland gegeben. Das hat der Herzog Eurem Vater auch mitteilen lassen. Ende Juli stand dann plötzlich ein wenglisches Heer vor den Druidensteinen. Die Wächter dort wurden umgebracht, konnten aber gerade noch eine Warnung nach Stolzenfels senden.“

„Ohne Kriegserklärung?“, hakte Martin verblüfft nach. Es war mehr als unüblich, einen Krieg ohne vorherige Kriegserklärung anzufangen …

„Nein, es gab keine Kriegserklärung“, erwiderte Alwin. „Bis zum Winter gab es vor Stolzenfels ständig Kämpfe. Erst der Schnee beendete die Schlachten. Im Frühjahr dieses Jahres ging es wieder los. Danach war der Herzog der Ansicht, Ihr oder Euer Onkel wärt die treibende Kraft, zumal Euer Vater ja erst nach Eurer Rückkehr eine Entscheidung treffen wollte. Erst seit vielleicht zwei oder drei Tagen ist wieder Ruhe. Zuletzt wurde Wasserhofen von Söldnern Eures Vaters geplündert und niedergebrannt. Unser Herzog ist auf die königliche Familie Wenglands wirklich nicht gut zu sprechen.“

„Seht in meinem Beutel nach. Ihr werdet dort finden, was ich Euch gesagt habe. Mit dem, was hier geschehen ist, habe ich nichts zu tun. Mein Onkel ebenso wenig und niemand, der mit uns nach Venedig gezogen ist. Damit dürfte jeder Grund entfallen, mich als Feind zu betrachten“, entgegnete Martin.

„Ich weiß von Euch selbst, dass Ihr in unterschiedlichen Glaubensauffassungen keinen Grund zum Krieg seht“, sagte Alwin. „Insofern sind Zweifel angebracht, dass Ihr wirklich fast zwei Jahre fort wart, um Heiden zu bekämpfen. Nach allem, was man hier hört, sind keine Kreuzfahrer bisher zurückgekehrt. Venezianische Münzen sind gelegentlich auch in Chur oder in Bregenz zu finden. Ein Reisepass eines Tiroler Grafen? Das ist nicht so weit, dass damit zwei Jahre Abwesenheit und Eure Schuldlosigkeit an diesen Überfällen zu beweisen wären, Martin.“

„Ich habe keine Ahnung, weshalb mein Vater mit Eurem Herzog im Streit liegt. Ich schwöre es bei Gott, Alwin“, bekräftigte der Prinz. „Und wenn Ihr schon so genau wisst, dass Heidentum allein kein Grund für mich ist, Krieg zu führen, ist es der gemeinsame christliche Glaube, der Wengland und Scharfenburg verbindet, noch viel weniger. Ja, es ist zutreffend, dass weder mein Onkel noch ich mit großer Begeisterung auf den Kreuzzug gegangen sind. Ich habe dem Befehl meines Vaters gehorcht, weil ich zu meiner Erstkommunion ein Gelübde abgelegt habe, eines Tages auf den Kreuzzug zu gehen. Das war, kurz nachdem Jerusalem gefallen war. Mein Onkel ist mit mir gezogen, um mich zu beschützen. Gemeinsam hatten wir die Idee, die Rechnung dafür einfordern zu können, dass mein Onkel von al-Efdal, Saladins Sohn, schlecht behandelt worden war, dass der König von Zypern ihn ermorden lassen wollte.“

„Und wieso seid Ihr dann schon wieder hier?“

„Weil der Kreuzzug sich gar nicht gegen die Muslime in Jerusalem richtet, sondern die Kreuzfahrer zur Bezahlung der Überfahrt nach Akkon die christliche Stadt Zara in Dalmatien für Venedig gefügig machen sollen“, versetzte Martin bitter. „Einen solchen Frevel wollten wir nicht mitmachen. Der Papst war entsetzt, als er davon hörte und hat allen, die sich daran beteiligen, mit der Strafe der Exkommunikation gedroht. Wir haben nach anderen Passagen ins Heilige Land gesucht, aber es gab keine. Genua und Pisa führen Krieg gegeneinander und können keine Schiffe bieten. Der Landweg ist versperrt, weil die Byzantiner nach üblen Erfahrungen mit den vorherigen Expeditionen aus Europa keine katholischen Kreuzfahrer mehr durchlassen, wie wir erfuhren. Also sind wir umgekehrt, nachdem wir uns dort hinter den Bergen eineinhalb Jahre nutzlos um die Ohren geschlagen haben. Wenn Ihr das immer noch nicht glauben könnt, dann fragt Regina. Ich habe ihr aus Casale Monferrato geschrieben und das auch so in meinem Brief erwähnt. Wenn ich Ihr nur zweimal geschrieben habe, dann deshalb, weil mein Onkel nicht wollte, dass der Bote ständig sechs Wochen hin und her reitet. Erkundigt Euch bei Fürst Gregor, was wir ihm gesagt haben, als wir dort am 28. November ankamen. Außerdem: Meint Ihr, ich würde allein herkommen, um Regina hier bei Euch zu treffen, wenn ich wüsste, dass ich hier auf feindliche Gesinnung stoße? Meint Ihr, mein Vater würde ein Heer ohne seinen Heermeister Bertram von Ermeldorf senden, wenn er im Lande wäre? Meint Ihr, mein Onkel oder ich hätten unsere Truppen nicht mit in den Kampf geführt, wären wir hier gewesen? Welche Veranlassung sollte ich wohl gehabt haben, so zu tun, als wäre ich nicht hier? Seit 1199 will ich Eure Prinzessin heiraten. Wie käme ich wohl dazu, diese von mir angestrebte Ehe bis Sankt Nimmerlein aufzuschieben, wenn ich mich dafür schon geschlagen habe, um den Sieg betrogen wurde? Mir sind mehr als genug Steine in den Weg geworfen worden, die das verhindert haben: Der Einspruch der hiesigen Grafen, das manipulierte Turnier, das Trauerjahr, das schon eine Verlobung verhinderte und dann noch dieser blödsinnige Kreuzzug! Nichts hat mir mehr Schmerz bereitet, als die Tatsache, dass Hindernisse mir verwehrten, sie endlich zu ehelichen!“

„Und wieso paktiert Euer Vater mit den Wilzaren?“

„Wie bitte? Ein Bündnis mit Wilzarien? Das kann nicht sein!“, widersprach Martin heftig.

„Es kann!“, versetzte Alwin. „Wengländer und Wilzaren fallen vereint über uns her!“, grollte Alwin.

„Das … das kann ich nicht glauben!“

„Wieso nicht?“

„Es gab eine Bündnisanfrage der Wilzaren, ja. Das war zu Weihnachten 1200. Ich habe meinem Vater davon abgeraten. Er hat vor meinen Ohren gegenüber dem Herold König Havariks ein Bündnis mit Wilzarien abgelehnt. Ihr werdet hoffentlich verstehen, dass ich eine solche Behauptung nicht einfach als wahr hinnehme.“

Der Graf von Falkenstein nickte.

„Ihr wisst wirklich auf jede noch so bohrende Frage eine plausible Antwort, mein Junge. Ihr habt – wie Regina mir sagte – ohne zu zögern auf die Wilzaren eingeschlagen, die ihren Wagen angegriffen hatten. Doch ich fürchte, es wird Euch nicht retten“, seufzte er. „Wie gesagt: Herzog Ludwig ist auf Wengländer im Allgemeinen und die Königsfamilie Wenglands im Besonderen nicht gut zu sprechen …“

„Dann sollte er sich gut überlegen, was er tut. Wenn mein Vater bis jetzt keinen vernünftigen Kriegsgrund gehabt haben sollte – was ich bezweifle – dann hätte er spätestens dann einen, wenn der Herzog mich töten lässt“, warnte Martin. „Alwin, mir kommt das alles sehr seltsam vor. Lasst mich nach Steinburg. Lasst mich herausfinden, was hier wirklich geschehen ist.“

„Das kann ich nicht“, sagte Alwin. Martin wurde noch bleicher, als er durch Blutverlust und Schmerz ohnehin schon war.

„Wieso nicht?“

„Erstens seid Ihr dazu viel zu schwer verwundet. Es wird sicher noch Wochen dauern, bis Ihr genesen seid. Zweitens: Ihr seid Wengländer, noch dazu der Sohn des Königs. Allein dem Herzog steht eine Entscheidung darüber zu, was mit Euch geschehen soll“, erwiderte der alte Graf. „Bis dahin muss ich Euch als Gefangenen betrachten, auch wenn es mir persönlich lieber wäre, Euch als meinen Gast anzusehen.“

„Was habe ich denn gegen Euch getan, dass Ihr mich für gefangen erklärt? Ist es wider die guten Sitten, Bedrängten zu helfen?“, fragte Martin entsetzt. Alwin seufzte tief.

„Nein. Und ich bin Euch sehr dankbar dafür – von Regina ganz zu schweigen. Deshalb kann ich Euch auch eine bessere Unterbringung bieten als eine Kerkerzelle. Graf Volker ist auf dem Weg nach Stolzenfels, um den Herzog zu unterrichten, dass Ihr hier seid. Er wird gewiss bald hier sein.“

„Werdet … werdet Ihr meinem Vater Nachricht geben, dass ich hier bin?“

„Auch darüber wird der Herzog entscheiden, Martin. Wenn Ihr mir einen Rat erlaubt: Gönnt Euch die Ruhe, die Euch noch bleibt. Ihr werdet alle Kraft brauchen, um Ludwig davon zu überzeugen, dass Ihr mit diesem Krieg nichts zu tun habt.“

Martin nickte und schloss die Augen. Erst jetzt spürte er, dass das relativ lange Gespräch ihn sehr angestrengt hatte. Erschöpft schlief er wieder ein, während Alwin die Unruhe packte. Für ihn stand nach diesem Gespräch fest, dass Martin am Krieg zwischen Scharfenburg und Wengland unschuldig war. Aber er war ein hervorragendes Druckmittel, um König Rudolf zur Kapitulation zu zwingen … Doch Rudolf damit zu drohen, seinen Thronfolger zu töten, der selbst mit dem Krieg nichts zu tun hatte, der völlig arg- und ahnungslos seine Verlobte besuchen wollte, das schien dem alten Grafen ein unentschuldbares Verbrechen zu sein. Der Blick des alten Mannes fiel auf den schlafenden jungen Mann.

‚Woher wusste er eigentlich, dass Regina auf dem Weg hierher war?‘, durchzuckte es ihn.

Am späten Vormittag des folgenden Tages wachte der Prinz wieder auf. Regina saß an seinem Bett.

„Guten Morgen“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. Sein Gesicht hellte sich auf.

„Guten Morgen, mein Liebling“, erwiderte er und nahm ihre Hand.

„Es tut mir so Leid, was geschehen ist. Glaub‘ mir bitte, dass ich damit nichts zu tun hatte“, bat sie.

„Ich … wäre nie … auf die Idee gekommen, dass … dass du mir schaden wolltest. Es gibt nichts zu verzeihen“, erwiderte er matt, aber mit sanftem Lächeln.

„Ich hab‘ dich so vermisst“, sagte sie leise. Sie beugte sich über ihn und küsste ihn. Er ließ es nur zu gern geschehen und legte den rechten Arm um ihren Nacken, um sie noch etwas weiter zu sich herunterzuziehen. Sie kam ihm gleichfalls nur zu gern entgegen, als ein Räuspern sie störte. Regina richtete sich schneller auf, als sie eigentlich wollte.

„Au!“, protestierte er.

„Entschuldigung. Das wollte ich nicht“, bat sie erneut um Verzeihung. Beide sahen zur Tür, wo Graf Alwin stand.

„Entschuldigt, Kinder. Ich wollte euch nicht erschrecken“, schmunzelte der alte Mann. „Guten Morgen“, ergänzte er und setzte sich recht mühsam in den Sessel in der Nähe von Martins Bett.

„Martin, mein Junge, wie bist du eigentlich darauf gekommen, dass Regina hier sein könnte?“, erkundigte er sich. Martin lächelte. Er hatte sich schon gewundert, dass Alwin ihn in der Nacht so distanziert angesprochen hatte. Nach der Verlobung hatte Reginas Onkel ihm angeboten ihn zu duzen.

„Weil du mir das geschrieben hast, Onkel Alwin“, erwiderte er.

„Wie bitte?“, hakte der Graf verblüfft nach.

„Weil ich die Nachricht bekommen habe, dass Regina hier ist. Ich wollte sie besuchen und mit ihr zusammen nach Steinburg reisen, um mein Heiratsversprechen endlich einzulösen, an dem ich schon seit Jahren gehindert bin“, erwiderte der Prinz mit leisem Ächzen.

„Und … wie hast du diese Nachricht überhaupt bekommen?“, hakte Alwin nach.

„Ich habe von Sankt Maria im Münstertal einen Boten nach Stolzenfels gesandt, um sie über meine Rückkehr in Kenntnis zu setzen. In Dominiksburg erhielt ich von dir die Nachricht, dass Regina hier ist und habe mich auf den Weg gemacht.“

„Von mir?“, fragte Alwin verwundert.

„Ein Brief mit deinem Siegel, Onkel Alwin.“

„Hast du das bei dir?“

„Ja. In meiner inneren Wamstasche.“

Regina stand auf und nahm aus dem braunen Samtwams, das über einem Stummen Diener hing, das gesiegelte Schreiben. Das Siegel zeigte das offizielle Siegel der Grafschaft Falkenstein, einen schräglinks durch einen Balken geteilten Schild mit einer einzelnen Lilie in der rechten Oberecke und drei Lilien links unter dem Balken. Alwin sah das Siegel wie vom Donner gerührt.

„Martin, das ist mein Siegel – aber ich habe es nicht geschrieben und auch nicht schreiben lassen“, sagte er kreidebleich. „Regina, hast du das an dich gerichtete Schreiben mit?“

Die Prinzessin sah auf den Brief.

„Ja, sogar zwei. Den von Martin und einen von dir, Onkel. Ich hole sie.“

Sie verließ das Gemach und kehrte bald mit zwei Briefen zurück. Der eine war der von Martin, mit dem er ankündigte, nach Stolzenfels kommen zu wollen, um sie als seine Braut abzuholen und sie darum bat, ihre Sachen zu packen, um mit ihm nach Steinburg zur Hochzeit zu ziehen. Der andere Brief schien dem Siegel nach von Alwin zu sein.

„Der Bote, der diesen Brief vom Prinzen Deines Herzens überbringen sollte, ist leider von meinen Wächtern getötet worden, als er den Alvedra überquerte. Sie konnten ja nicht wissen, was er in der Tasche hatte. Sieh mir bitte nach, dass ich den Brief geöffnet habe, doch wollte ich mich vergewissern, dass ich den Empfang zulassen kann. Schließlich führt sein Vater Krieg gegen uns. Ich kann es zulassen. Es ist offensichtlich, dass Martin noch nichts vom Krieg weiß. Ich habe ihn gebeten, herzukommen. Komm nach Falkenstein, aber sage Deinem Vater nicht, dass Martin hierherkommt. Er würde ihn gewiss als Geisel missbrauchen. Dein Verlobter hat mir versprochen, dass er nichts von dem verraten wird, was er hier gesehen hat, wenn er heimkehrt. Dein Onkel Alwin“, las sie vor.

„Du meine Güte!“ entfuhr es dem alten Grafen. „Nicht nur Martin ist eine perfide Falle gestellt worden, auch dir und mir! Da will uns jemand zu Verrätern erklären!“

„Wer könnte das tun?“, fragte Regina.

„Mir fällt da einer ein, aber ich will keine Gerüchte in die Welt setzen …“, bemerkte Martin.

„Richard?“, hakte Alwin nach. Der Prinz nickte.

„Er hat mich schon beim Turnier betrogen. Er weiß, dass du nicht auf seiner Seite bist, Onkel Alwin, und er weiß, dass Regina sich nie dazu bereitfinden wird, ihn zu heiraten. Da ist es naheliegend, dass er die Gelegenheit nutzt, mich in eine Falle zu locken, und euch beide nebenbei als Verräter zu brandmarken. Mich würde es nicht wundern, wenn Volker deinen Vater schon auf halbem Wege nach Stolzenfels trifft und er auf uns alle drei nicht gut zu sprechen ist.“

A A A

Kapitel 3

Untersuchung

Wie Recht Martin mit seiner Vermutung hatte, wurde drei Tage später klar, als Herzog Ludwig mit einer Truppe erschien, die groß genug war, um jeden der knapp fünftausend Einwohner der Grafschaft Falkenstein gefangen zu setzen. Dass er nicht in großartiger Stimmung war, verriet sein grantiger Ton, mit dem er Einlass in die Burg begehrte:

„Öffnet das Tor, aber etwas plötzlich!“

Alwin und Regina eilten in den Hof, um den Herzog zu begrüßen. Beide sanken in eine tiefe Verbeugung, als der Landesherr in den Burghof einritt. Einer der Stallburschen nahm den Grauschimmel des Herzogs am Zügel, Ludwig stieg ab.

„Kommt wieder hoch, alle beide! Ich habe mit Euch zu reden!“, knurrte er seinen Schwager und seine Tochter an. Gehorsam erhoben sich beide. Heinrich und Simon, die Söhne des Herzogs, blieben dicht bei ihrem Onkel und ihrer Schwester.

„Heinrich …“, sprach Regina ihren ältesten Bruder an, aber der schüttelte den Kopf.

„Sag jetzt lieber nichts, Schwester. Antworte auf Vaters Fragen, sonst sei lieber ruhig“, empfahl der Thronfolger. Die Prinzessin wurde blass. Das sah in der Tat so aus, als wollte ihr Vater sie und ihren Onkel tatsächlich des Verrats anklagen.

„Durchsucht die Burg!“, wies Ludwig seine Männer an.

„Wartet, Mylord!“, rief Alwin.

„Was ist?“, grollte der Herzog an seinen Grafen gewandt. Der alte Mann warf sich dem Herzog erneut zu Füßen.

„Ihr sucht Prinz Martin, Mylord“, sagte er mit zitternder Stimme. „Er ist hier, aber er ist verwundet. Ich bitte Euch, mein Herzog: Lasst den jungen Mann, der Eure Tochter rettete, nicht gewaltsam hier in den Saal schleppen. Bitte, mein Herzog, wenn Ihr ihn befragen wollt, dann tut das dort wo er liegt – in meinem Schlafgemach.“

Ludwig winkte die Männer zurück, die schon ausschwärmen wollten und setzte sich auf den Thronsitz im Rittersaal.

„So, so … Ihr beherbergt einen Feind unseres Landes? Welche Nachsicht sollte ich wohl walten lassen, wenn diese Räuberbande von südlich des Alvedra über unsere Dörfer herfällt wie wilde Bestien?“

„Vater, Martin …“

„Du redest nur, wenn du gefragt wirst, verstanden?“, fuhr Ludwig seine Tochter an. „Du machst mit diesen Mordbrennern auch noch gemeinsame Sache!“

Regina stand aus der Kniebeuge auf und schüttelte auch ihren Bruder Simon ab, der sie festhalten wollte.

„Dann lass mich sagen, was hier vorgeht, Vater!“, versetzte sie nicht weniger erbittert. „Du willst dich am Falschen vergreifen, wenn du Martin einen Mordbrenner nennst.“

„Schweig!“

„Nein! Ich schweige nicht!“, donnerte sie zurück. „Ein Feind deines Herzogtums hätte wohl kaum ohne zu zögern die Wilzaren attackiert, die meinen Wagen angriffen. Deine Soldaten, die gefallen sind, haben die Wilzaren umgebracht, nicht Martin! Er hatte keine Ahnung vom Krieg, bis Volker ihn angreifen ließ, als er bereits vom Kampf mit den Wilzaren verwundet war!“

„Berufst du dich auf diesen Brief hier?“, schnaubte Ludwig und ließ sich von Heinrich ein Schreiben geben, dessen Siegel aufgebrochen war. Er zeigte es Regina.

„Das Siegel deines verehrten Onkels!“, knurrte er.

„Dann finde ich jedenfalls interessant, dass es diesen Brief gleich zweimal gibt“, hielt sie ihrem Vater vor.

„Wie bitte?“, hakte der verblüfft nach.

„Ich habe den Brief, den Onkel Alwin – angeblich – geschrieben hat, mitgenommen. Wenn du einen solchen Brief ebenfalls hast, muss es davon wohl zwei geben. Und du nimmst doch nicht wirklich an, dass dein Schwager den Brief doppelt schickt, wenn er mich darin ausdrücklich um Geheimhaltung bittet!“

Jetzt war es Ludwig, der stockte.

„Holt mir Markgraf Richard her!“, befahl er. Wenig später stand Richard im Rittersaal und verbeugte sich vor dem Herzog.

„Markgraf Richard – woher habt Ihr diesen Brief?“, fragte Ludwig.

„Eure holde Tochter hat dieses Schriftstück im Garten liegen lassen. Ich sah, dass er liegen blieb und wollte ihn zu ihr bringen, als ich den Inhalt mehr zufällig las. Da habe ich mich veranlasst gesehen, Euch dieses Schriftstück zu übergeben, mein Herzog“, antwortete er.

„Und da seid Ihr ganz sicher, ja?“, hakte Alwin nach, während Regina schon nach Luft schnappte, um den Markgrafen der Lüge zu bezichtigen. Allein Alwins beruhigendes Kopfschütteln hielt sie davon ab.

„Einem Verräter antworte ich nicht!“, versetzte Richard näselnd. „Durchsucht doch die Burg, mein Herzog. Dann wird sich ja herausstellen, ob Martin hier ist oder nicht.“

„Das … Richard … ist im Moment noch nicht die Frage“, winkte Ludwig ab. „Im Moment stelle ich mir die Frage, weshalb es diesen Brief in zweifacher Ausfertigung geben soll. Habt Ihr dazu eine Idee?“

„Oh, eine Kopie ist doch schnell nachgeschrieben …“, warf Richard wie beiläufig hin.

„Raimund von Löwenstein: Ihr begleitet die Prinzessin jetzt dorthin, wo sie den Brief, den sie mitgenommen haben will, aufbewahrt“, wies Ludwig Richards Vetter an. „Solltet Ihr ihre Leibdienerin Sophie sehen, bringt sie gleich mit – und sorgt dafür, dass die jungen Damen nicht miteinander reden!“

„Wie Ihr wünscht“, bestätigte der Baron von Löwenstein. „Bitte, meine Prinzessin, geht voran.“

Regina führte den Löwensteiner mit rasendem Herzen in ihr Gastgemach. Sophie wartete dort mit besorgter Miene auf ihre Herrin und sprang auf, als sie mit Raimund hereinkam.

„Herrin …“

„Kein Wort!“, knurrte Raimund sie an. „Den Brief, Hoheit!“

Regina nickte wortlos, öffnete eine Schatulle, die mehrere Briefe enthielt und wollte einen davon mitnehmen, aber Raimund nahm ihr die ganze Schatulle weg.

„Überlasst die einstweilen mir“, sagte er. „Und du kommst auch mit!“, befahl er Sophie, die gehorsam knickste.

„Mylord Raimund, Ihr tätet mir einen Gefallen, wenn Ihr die Schatulle nach vorn strecken würdet“, flötete Regina.

„Was soll das bewirken?“, grollte der Löwensteiner.

„Dass Ihr weder etwas hinzufügt noch daraus entfernt. Dieser Brief, den mein Vater mir vorhielt, ist eine Fälschung! Und ich möchte jetzt sicher sein, dass mir nicht noch mehr untergeschoben wird oder Beweise entfernt werden. Gehen wir!“

Raimund sah sie verstört an.

„Was? Fälschung?“

„Ja – und zwar …“

„Euer Vater gab mir auf, dass Ihr nicht miteinander redet. Sagt Eurem Vater, was dazu zu sagen ist“, entgegnete er. Regina nickte und schwieg ebenso wie ihre persönliche Dienerin, als sie durch die Gänge zum Rittersaal zurückkehrten.

„Die Briefschatulle Eurer holden Tochter, Mylord!“, präsentierte Raimund die etwas mehr als eine Handlänge breite, eine Handlänge lange, vier Fingerbreit hohe, mit rotem Leder bezogene Kassette, in deren Deckel eine goldene Lilie eingeprägt war. Der Herzog nahm sie an, öffnete den Deckel, suchte darin und fand das Schreiben von Alwin samt dem Brief von Martin, mit dem er seine Ankunft ankündigte und Regina bat, mit ihm nach Steinburg zu reisen. Interessiert las der Herzog die beiden Briefe. Sie waren wortgleich, enthielten dasselbe Datum, das gleiche Siegel. Dass ein Absender eine Kopie eines Briefes fertigte oder fertigen ließ, kam vor. Bei privater Korrespondenz war es jedoch eher selten. Und dass die beim Absender verbleibende Kopie auch gesiegelt war, war – wenn nicht völlig ausgeschlossen – doch extrem selten. Bei einem Brief, der den Empfänger aufforderte, über den Inhalt nichts verlauten zu lassen, schien es aber gänzlich ausgeschlossen.

Ludwig erinnerte sich an den Prozess gegen Arthur von Backendorf in Wachtelberg. Das war zwar schon zehn Jahre her, aber dieser Prozess hatte sich durch die seinerzeit ungewöhnliche Beweisführung des jetzigen Grafen von Hirschfeld tief in sein Gedächtnis gebrannt.

„Sophie, sag mir doch, wann Regina diesen Brief erhalten hat“, forderte er die Dienerin auf. Sophie sah scheu zu ihrer jungen Herrin, die nickte; die Dienerin verstand dies als Zustimmung und sah sich den Brief näher an.

„Das war am Ersten Advent, Herr. Sie bekam diesen Brief mit einem zweiten, der schon geöffnet war, las beide und sagte mir, ich solle auf der Stelle packen“, sagte sie.

„Wo hat Regina den Brief gelesen?“, fragte Ludwig.

„In Ihrer Kemenate, Herr.“

„Ist sie im Garten gewesen?“, fragte der Herzog weiter. Die Dienerin schüttelte den Kopf.

„Nein. Als wir nach dem Kirchgang in der Burgkapelle in die Kemenate zurückkehrten, war schreckliches Wetter. Wir sind beide nicht draußen gewesen, Herr.“

„Danke, Sophie“, sagte Ludwig und bedeutete der Dienerin mit einer leichten Handbewegung, dass sie aufstehen konnte. Sie erhob sich, drehte sich um und stockte. Sie wandte sich wieder um.

„Da fällt mir ein, Herr … die Prinzessin fand es seltsam, dass Ihr Onkel ihr einen Brief mit dem Grafschaftssiegel schickte.“

„Was meinst du?“

„Sie sagte mir, dass Briefe von ihm sonst immer mit dem persönlichen Siegel verschlossen gewesen seien“, sagte die Dienerin.

„Ist das so? Regina?“, hakte der Herzog nach.

„Du hast meine Briefschatulle, Vater. Sieh nach“, erwiderte die Prinzessin. Der Herzog nahm alle Briefe aus der Kassette und sah sie durch. Es gab einige Briefe von Alwin darin. Alle waren mit einem kleinen Siegel versehen, wie von einem Siegelring. Verglichen damit war das Grafschaftssiegel mindestens dreimal so groß. Das kleine Ringsiegelwappen zeigte auch nicht den Lilienschild der Grafschaft, sondern einen einzelnen Falken, der die Fänge nach imaginärer Beute reckte.

„Das ist interessant …“, brummte der Herzog. „Alwin, zeig‘ mir doch bitte deinen Siegelring“, forderte er seinen Schwager auf. Alwin trat zu ihm und reichte ihm den Ring, den er am linken kleinen Finger trug.

„Was für ein Wappen ist das?“, fragte Ludwig.

„Das ist das der Baronie Falkenstein, mein Herzog. Ein Erbstück meines Großvaters mütterlicherseits, der …“

„Danke, das genügt, Alwin“, wehrte Ludwig ab. Der alte Graf trat zurück.

„Also, Markgraf Richard …“, wandte Ludwig sich an den Überbringer der bösen Nachricht. „Ihr sagt, Ihr habt den Brief im Garten gefunden. Da ist meine Tochter aber offenbar nicht gewesen, wie ihre Dienerin sagt. Eine gesiegelte Briefkopie, die hier verblieben wäre, ist nach meiner Erfahrung seltener als Pfefferbäume im Stolzenfelser Burghof. Und dass mein Schwager eine persönliche Korrespondenz mit dem großen Grafschaftssiegel verschließt, habe ich bisher auch noch nicht gesehen. Das könnte ich ja noch verstehen, wenn er in Eile gewesen wäre und Regina sozusagen zwischen Tür und Angel benachrichtigen wollte und gerade nichts anderes zur Hand gewesen wäre als das große Petschaft. Aber da Alwin seinen ererbten Ring immer bei sich trägt, ist das wohl auszuschließen. Dieser Brief mag stammen von wem er will, aber ganz gewiss nicht von Alwin von Falkenstein. Der Verdacht, den Ihr mir da ins Ohr geflüstert habt, trifft offensichtlich nicht zu.“

„Nun, der Graf von Falkenstein hat diesen Brief vielleicht nicht geschrieben“, räumte der Markgraf ein. „Aber dass Eure Tochter einen solchen Brief vor Euch geheim hält und sich heimlich auf den Weg hierher macht, um den Sohn des Kriegstreibers ohne Euer Wissen zu treffen, ihm vielleicht sogar in dessen Heimat folgen will – deren König gegen uns Krieg führt, wie ich nochmal ausdrücklich bemerke – ist immer noch Verrat!“

„Ist das so?“, fragte der Herzog mit leicht zusammengekniffenen Augen. „Dass Alwin nicht den Verrat begehen wollte, den Ihr ihm unterstellt habt, habe ich gerade festgestellt. Deshalb … seht es mir nach, wenn ich hier erst weitere Erkenntnisse erlangen möchte, bevor ich mir ein Urteil erlaube.“

Er sah den alten Grafen an.

„Wo ist Martin?“, fragte er.

„Folgt mir!“

Alwin trat in Martins Gemach ein und fand den jungen Mann wach, aber offenbar träumend vor.

„Seid gegrüßt, Martin. Es ist Besuch eingetroffen. Unser Herzog Ludwig möchte mit Euch reden. Seid Ihr dazu bereit?“

Die distanzierte Anrede warnte Martin. Sein Schwiegervater in spe schien nicht mit sonniger Laune gekommen zu sein.

„Ja, gewiss, edler Alwin“, erwiderte er. „Wünscht er meine Anwesenheit unten?“

„Nein, er ist zu Euch gekommen“, antwortete der Herzog und schob den alten Herrn mehr oder weniger sanft beiseite. Martin versuchte, sich respektvoll aufzurichten, doch es wollte ihm nicht gelingen.

„Bleibt liegen!“, winkte Ludwig ab. „Vielleicht könnt Ihr Euch vorstellen, dass meine Gefühle für Euch eher zwiespältig sind. Zum einen seid Ihr ein Wengländer, der mein Feind ist. Zum anderen höre ich, dass Ihr das Leben meiner Tochter gerettet habt und weiß nicht, wie ich Euch dafür danken kann.“

„Hebt eines gegen das andere auf“, entgegnete Martin. „Lasst mich einfach gehen, wenn ich genesen bin.“

„Das könnte ein großes Opfer sein. Ich weiß nicht, ob Ihr nicht kurz darauf mit einer Armee in Falkenstein seid. Das Risiko ist groß“, mutmaßte der Herzog.

„Ich kann es Euch nicht garantieren, Hoheit. Wenn mein Vater einen gerechten Kampf führt, wird es für mich selbstverständlich sein, meine Pflicht als Lehnsmann und Thronfolger zu erfüllen. Ist er ungerecht, werde ich versuchen, den Krieg zu beenden. Vielleicht ist Wengland Euer Gegner, doch ich werde nie Euer Feind sein. Schließlich möchte ich Eure Tochter heiraten und mit ihr den mir zustehenden Thron Wenglands eines Tages teilen.“

„Ihr seid seit über zwei Jahren Reginas Verlobter. Das Einfachste für mich wäre, wenn Ihr freiwillig hierbliebet. Alwin sucht seit dem Tod seiner Söhne in Dunkelfels nach einem Nachfolger. Ich würde Euch diese Provinz mit Freuden übergeben, wenn Ihr Euch für meine Seite entscheidet“, bot Ludwig an.

„Das kann ich nicht, selbst wenn ich wollte“, widersprach Martin.

„Wieso nicht?“

„Wenn ich eines Tages Wenglands Thron besteigen will, darf ich kein ausländisches Lehen annehmen“, wehrte der Prinz ab. „Davon abgesehen, wäre es Verrat, würde ich mich auf Eure Seite stellen. Immerhin ist mein eigener Vater Euer Gegner im Krieg.“

„Was wisst Ihr von diesem Krieg?“

„Nicht mehr als das, was ich in den letzten Tagen von Graf Alwin und Regina erfahren habe. Dass hier Krieg herrscht und mein Vater ausgerechnet gegen Euch die Waffen erhoben hat, wusste ich nicht.“

„Wieso seid Ihr direkt hierhergekommen und nicht nach Stolzenfels?“, fragte der Herzog. Martin erklärte ihm, wie es dazu gekommen war und gab ihm den Brief, damit er sich von der Wahrheit der Aussage überzeugen konnte.

„Hat auch Fürst Gregor nichts vom Krieg erzählt?“, hakte Ludwig nach. Martin schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich war schon sehr überrascht, dass hier Wilzaren als Wegelagerer ihr Unwesen treiben, aber dass Volker und seine Männer mich gleich attackierten, ohne dass ich von mir aus angegriffen habe, hat mich richtig erschreckt“, sagte Martin. „Und … diese Wilzaren sollen unsere … Verbündeten sein?“

„Ja, weshalb ist das so unglaublich?“

„Weil mein Vater auf meinen Rat hin zu Weihnachten 1200 ein Bündnis gegenüber König Havariks Boten ausdrücklich abgelehnt hat. Ich war dabei.“

„Dann weiß ich nicht, was seinen Sinn gewandelt hat, aber es ist Tatsache“, entgegnete Ludwig. „Was ich ihm richtig übelnehme ist, dass er ohne Kriegserklärung angegriffen hat. Er hatte sich bei mir beschwert, dass angeblich scharfenburgische Soldaten Karlsfeld angegriffen hatten. Das war einfach unwahr. So habe ich es ihm mitteilen lassen. Noch zwei Monate vor seinem Überfall habe ich ihn im Namen Christi zum wiederholten Mal um Hilfe gebeten. Abgesehen von seiner Beschwerde im Mai 1201 hat er höflich beschieden, dass er Eure Rückkehr vom Kreuzzug abwarten wollte. Als ich dann nach dem Überfall an den Druidensteinen eine Erklärung verlangte, hat er mir nicht geantwortet. Meine Boten hat er im Sack verschnürt zurückgeschickt – tot. Und glaubt mir, sie hatten keinen leichten Tod. Ich habe daraus geschlossen, Ihr hättet das veranlasst. Ich habe sogar angenommen, dass Ihr und Euer Vater mich belogen hattet, als Ihr vom Aufbruch zum Kreuzzug erzähltet. Und ich bin mir noch immer nicht sicher. Denn Ihr scheint die Einzigen zu sein, die bisher zurückgekehrt sind.“

„Das kann so sein, denn außer uns Wengländern haben die anderen Kreuzfahrer zugestimmt, zuerst die christliche Stadt Zara für Venedig zu erobern. Einen solchen Frevel haben wir verweigert und sind lieber nach Hause gezogen“, erwiderte Martin. „Und derjenige, der mir diesen Brief geschrieben hat, hat auch ganz genau gewusst, dass mir vom Krieg hier nichts bekannt ist, sonst hätte er sich nicht die Mühe gemacht, mir einen freundlichen Empfang vorzugaukeln. Hätte derjenige angenommen, dass ich vom Krieg weiß, dann hätte er sich das Gesäusel sparen können. Also war es jemand, der wusste, dass ich fort bin, dass ich vor Kriegsausbruch aufgebrochen war, dass ich nur sehr wenig geschrieben habe und dass auch Regina mir wenig geschrieben hatte. Da könnte mein Verdacht auf Euch fallen. Dennoch nehme ich nicht an, dass Ihr das wart, denn ich glaube, Euch gut genug zu kennen, dass Ihr Regina nicht wirklich als Lockvogel missbraucht hättet. Vor allem glaube ich nicht, dass Ihr an Regina einen Brief in Alwins Namen hättet schreiben lassen, der sie in den Verdacht des Verrats bringen würde. Und ich traue Euch nicht zu, dass Ihr Alwin in einen solchen Verdacht manövriert hättet.“

„Und wieso nicht?“

„Alwin hat mir einmal erzählt, dass seine Provinz nach seinem Tod nicht an Euch als Landesherrn zurückfällt, sondern an den größten Nachbarn. Und das ist in dieser Gegend die Rebmark. Falkenstein ist die kleinste Provinz Eures Landes, aber Rebmark wäre mit Falkenstein zusammen ein paar Morgen größer als Stolzenfels. Wenn Eure eigene Grafschaft nicht inzwischen eine andere auf dieselbe Weise vereinnahmt hat, dann würde nach Alwins Tod die Rebmark zur größten Provinz Scharfenburgs und deren Graf damit zum Herzog Scharfenburgs. Deshalb würde es keinen Sinn machen, dass Ihr Alwin durch ein mögliches Todesurteil loswerden wolltet“, erklärte Martin. Ludwig hatte plötzlich das Gefühl, dass eine ganze Armee Ameisen durch seinen Magen marschierte.

„Und … wer … meint Ihr … könnte das veranlasst haben?“, fragte er mit belegter Stimme.

„Fragt Euch, wem es nützen würde, wenn durch Alwins Tod Falkenstein an die Rebmark fiele, jene Provinz damit größer werden würde als Stolzenfels und Ihr den Herzogshut an Richard geben müsstet“, erwiderte der Prinz.

„Ihr habt Richard im Verdacht?“, hakte Ludwig nach.

„Der Gedanke ist mir gekommen, ja.“

„Ihr könnt Richard nicht leiden, oder?“

„Er hat mich beim Turnier betrogen, Hoheit. Ich habe wenig Grund, ihn zu mögen.“

Der Herzog nickte.

„Ich werde darüber nachdenken. Würdet Ihr mir zusagen, dass Ihr versuchen würdet, Euren Vater zum Frieden überreden, wenn Ihr heimkommt?“

„Ein Krieg zwischen Scharfenburg und Wengland ist nicht in meinem Interesse, Hoheit“, erwiderte der junge Mann. „Im Moment kann ich Euch aber nicht versprechen, ohne wenn und aber auf Frieden zu drängen. Ich würde gern zunächst meinen Vater hören, wie es aus seiner Sicht zum Krieg gekommen ist.“

„Und wenn er etwas anderes behauptet, als Ihr hier gehört habt?“

„Ich würde auch das nur hinnehmen, wenn es mir hinreichend wahrscheinlich erscheint. Wenn es Widersprüche geben sollte, werde ich versuchen, sie aufzuklären, soweit das möglich ist“, versprach Martin. „Verlangt von mir jetzt nicht mehr, als mir gegenwärtig möglich ist. Eine bedingungslose Zusage, meinen Vater zum Frieden zu überreden kann ich Euch nicht geben.“

Der Herzog nickte erneut.

„Ich werde Euch meine Entscheidung wissen lassen. Erholt Euch zunächst und werdet gesund. Ich danke Euch, dass Ihr Regina vor einem schlimmen Schicksal bewahrt habt. Ihr wisst, dass ich mit Eurer Werbung einverstanden war. Wäre der Grafenrat nicht dazwischen gesprungen und hätte das Turnier verlangt, wärt Ihr in der Tat schon lange ihr Gemahl. Deshalb … wird sie auch hierbleiben, wenn sie es selbst möchte. Vielleicht überlegt Ihr es Euch noch einmal, ob Falkenstein kein Angebot für Euch wäre“, sagte er. Martin rang sich ein Lächeln ab.

„Ihr mögt es vielleicht unbescheiden nennen, Hoheit, doch ein ganzes Königreich gegen die kleinste Provinz Eures wunderschönen Herzogtums einzutauschen … nein, das würde ich nicht tun“, entgegnete er.

„Ritterliche Wahrhaftigkeit“, seufzte der Herzog. „Ihr seid wahrlich Eures Onkels Neffe!“

 

A A A

Kapitel 4

Lösungsversuche

Herzog Ludwig kehrte nach dem Gespräch mit Martin in den Rittersaal zurück.

„Ich habe mich davon überzeugen können, dass Prinz Martin mit dem Krieg, den sein Vater gegen uns führt, nichts zu tun hat“, sagte er laut und deutlich. „Und ich habe mich davon überzeugt, dass jemand versucht hat, Prinz Martin in eine tödliche Falle zu locken, indem ihm bewusst ein weiterhin bestehendes freundliches Verhältnis vorgegaukelt wurde.“

„Und was soll mit dem Wengländer geschehen, Mylord?“, fragte Richard.

„Das werde ich mit dem gesamten Kriegsrat in Stolzenfels beraten, Markgraf Richard“, entgegnete der Landesherr. „Er wird jedenfalls bis zu seiner Genesung hierbleiben. Ich verbiete einstweilen, ihn als Feind zu betrachten. Graf Alwin, ich hebe die Verfügung, Martin gefangen zu halten, vorläufig auf. Lasst es ihm an nichts fehlen, damit er bald gesundet.“

„Hoheit, ich rate davon ab, Prinz Martin hier in Falkenstein zu lassen. Die Burg liegt zu nahe an der Grenze“, wandte der Markgraf ein. „Die Wengländer könnten versuchen, ihn zu holen. Und wer weiß, was ihm jetzt zu Hause droht? Vielleicht wird er gar als Verräter betrachtet, weil er sich vom heimkehrenden Kreuzzugsheer abgesetzt hat.“

„Und wohin sollte er nach Eurer Ansicht gebracht werden, Richard?“, fragte Alwin.

„Nun ja, die Rebmark ist sicher. Dort kommt kein Fremder hinein, wenn ich es nicht will.“

„Oder heraus, wenn Martin nach seiner Genesung heim will?“, mutmaßte Graf Volker spitz.

„Wir können doch nicht die wertvollste Geisel einfach gehen lassen!“, protestierte Fridolin von Rossensee.

„Schluss!“, kommandierte der Herzog. „Darüber werden wir in großen Rat in Stolzenfels sprechen, wenn wir wieder dort sind. Martin bleibt hier in Falkenstein!“

„Wie Ihr wünscht“, zog Richard sich zurück und verneigte sich vor Ludwig. Seine Verbeugung hatte durchaus auch den Zweck, dass der Herzog nicht seinen verärgerten Gesichtsausdruck sah. Sein ganzer Plan schien gescheitert. Jetzt war es besser, wieder die Zurückhaltung in den Vordergrund zu schieben, um den Herzog nicht weiter auf sich aufmerksam zu machen. Dann klappte es vielleicht später …

Die Versammlung im Rittersaal löste sich auf. Regina blieb im Raum und sah ihren müde wirkenden Vater an.

„Wieso hast du Richard geglaubt, dass Alwin und ich dich verraten würden?“, fragte sie. Ludwig sah hoch.

„Die Briefe schienen es zu belegen. Es … es tut mir Leid“, sagte er.

„Ich weiß nicht, was er vorhat, Vater, aber du solltest sehr vorsichtig sein, was du Richard anvertraust“, warnte die Prinzessin.

„Wenn er es denn gewesen ist, der diese Intrige gegen euch eingefädelt hat …“, gab ihr Vater zu bedenken.

„Wer sollte es denn sonst gewesen sein? Er hat von Anfang an etwas gegen eine Hochzeit mit Martin gehabt. Er hat ihn – und alle anderen – beim Turnier betrogen. Er war es überhaupt, der Graf Thannburg dazu gebracht hat, Einspruch zu erheben. Und er hat zunächst sogar darauf bestanden, dass ich den Sieger des Turniers zwangsweise hätte heiraten müssen. Er hat letztlich nur darauf verzichtet, weil Elias von Oberalvedra dich beinahe um Aufhebung des Einstimmigkeitsprinzips gebeten hätte.“

„Woher weißt du das?“, fragte Ludwig.

„Onkel Alwin hat es mir gesagt, als ich wissen wollte, weshalb es zu diesem Turnier überhaupt gekommen ist“, erklärte Regina. Der Herzog zog eine Augenbraue hoch.

„Sehr verschwiegen, dein Onkel …“, schmunzelte er. Für die Mitglieder des Adelsrates, der dieses Turnier angesetzt hatte, galt Schweigepflicht über das, was beraten wurde … Nur das Ergebnis der Beratungen sollte dem Herzog jemals bekannt werden.

„Weißt du, Papa, ich glaube, diese Verschwiegenheitsklausel war immer nur dazu gedacht, Intrigen gegen das Herrscherhaus zu decken“, mutmaßte sie. Ludwig stand auf und umarmte seine Tochter. Er schüttelte den Kopf.

„Nein, das war es nicht. Natürlich sollte es dazu dienen, Einzelne vor Repressalien zu schützen, wie auch das Einstimmigkeitsprinzip genau dazu da ist. Der Grafenrat soll unabhängig sein; und das ist er nur, wenn Vertraulichkeit herrscht. Aber du hast Recht, dass es in diesem Fall die Intrige begünstigt hat. Wenn du es wünschst, kannst du hierbleiben und dich um deinen Prinzen kümmern. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Liebe die beste Medizin ist. Nur sei bis zum Frühling wieder zurück in Stolzenfels. In einem Punkt hat Richard leider Recht: Falkenstein ist zu nahe an der Grenze, als dass ich meine Tochter hier wissen möchte, wenn es wieder zu Kämpfen kommt. Martin traue ich keinen Winkelzug zu, aber andere da drüben in Wengland würden es wohl zu nutzen wissen, wenn meine Tochter keine zwei Meilen vom Fluss entfernt wohnt. Es treiben sich viel zu viele Wilzaren hier herum.“

„Ich komme nach Hause, sofern Martin gesund ist. Das verspreche ich dir“, sagte sie.

„Dann werde ich dir Volker und seine Leute hierlassen. Du weißt, wie sehr er dich mag. Er wird dich ebenso beschützen, wie Martin es getan hat“, lächelte der Herzog warm.

„Er hat Martin …“

„Ja, aber jetzt weiß er es besser“, unterbrach Ludwig seine Tochter. „Und ich weiß, dass Volker deinem Martin auch sehr gewogen ist. Die beiden verstehen sich besser, als du ahnst.“

„Gut. Wirst … wirst du Martin nach Wengland zurückkehren lassen, wenn er gesund ist oder …“

„Ich habe den Grafen zugesagt, dass ich mit ihnen darüber reden werde. Fridolin hat durchaus Recht, wenn er meint, dass Martin die wertvollste Geisel ist, die wir haben können. Andererseits widerstrebt es mir, meinen künftigen Schwiegersohn auch nur formal mit dem Tod zu bedrohen, um seinen Vater gefügig zu machen. Es ist für mein eigenes Verhältnis zu deinem Prinzen gewiss besser, wenn er mit dem Eindruck heimkehrt, dass wir im Recht sind und seinen Vater zum Frieden überreden kann.“

Fern von Falkenstein traf zur gleichen Zeit das zurückkehrende Kreuzzugsheer in Steinburg ein. Der Empfang durch König Rudolf war recht frostig.

„Wieso kehrt Ihr zurück, bevor Jerusalem wieder in christlicher Hand ist?“, fuhr er die Führer Roland von Hirschfeld und Bertram von Ermeldorf an.

„Ich hatte Euch ausdrücklich befohlen, keinesfalls einer Rückkehr zuzustimmen, Ermeldorf!“

„Darf ich sprechen, Majestät?“, bat Roland ums Wort.

„Was habt Ihr zu sagen, Hirschfeld?“

„Die Flotte Venedigs segelt nicht nach Akkon, sondern nach Zara, mein König. Venedig hat den Großteil der Kreuzfahrer dazu gebracht, diese christliche Stadt anzugreifen, weil die ihnen angeblich Tribut schuldet. Das war nicht unser Ziel, also haben wir uns geweigert, das zu tun. Von Genua und Pisa waren keine Schiffe zu bekommen, die uns ins Heilige Land gebracht hätten. Der Landweg ist versperrt und hätte zudem ebenfalls an Zara vorbeigeführt. Wir wären dort in einen Kampf geraten, der uns nichts angeht. Deshalb sind wir umgekehrt“, erklärte der ehemalige Graf des Heiligen Landes.

„Ermeldorf?“

„Graf Roland sagt die Wahrheit, mein König“, antwortete der Heermeister knapp.

„Und wo ist Martin?“

Roland und Bertram sahen sich an.

„Martin hatte so große Sehnsucht nach seiner Verlobten, dass er in Dominiksburg heimlich im Morgengrauen aufgebrochen ist, um sie in Falkenstein zu treffen“, erklärte Roland.

„Was? Nach Scharfenburg? Und daran habt Ihr ihn nicht gehindert, ihr Narren?“, donnerte Rudolf.

„Dass wir mit Scharfenburg Krieg haben, haben wir erst in Palparuva erfahren – und da war Martin bereits weg“, sagte Bertram. „Ich habe ihn gesucht, aber wir haben nicht mal seine Spuren gefunden. Er muss einen anderen Weg geritten sein als üblich.“

„Wie viele Männer hattet Ihr gleich noch bei Euch? An die zweitausend, oder? Wieso seid Ihr nicht nach Falkenstein übergesetzt, um ihn zu retten? Ganz Falkenstein hat keine fünftausend Einwohner! Mit denen wärt Ihr doch wohl fertig geworden!“, grollte der König. „Mein Sohn, mein Thronerbe, befindet sich jetzt in den Händen unserer Feinde! Ich sollte Euch beide köpfen lassen!“

„Wie bitte?“, hustete Roland. „Der Burgvogt von Palparuva hat uns eine Verfügung von Euch gezeigt, nach der alle wenglischen Truppen auf die Gebiete südlich des Alvedra zurückgezogen werden sollen und ohne anderslautenden Befehl Eurerseits keine wenglische Truppe den Alvedra nach Scharfenburg überqueren darf!“

König Rudolf sah die beiden Heerführer verstört an.

„Was? Einen solchen Befehl gibt es nicht!“, widersprach er, nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte.

„Wir haben ihn gesehen und gelesen, Mylord“, bekräftigte Bertram.

„Was für ein Siegel war auf der Verfügung?“, fragte der König.

„Ich habe es als das der königlichen Kanzlei erkannt, mein König“, erklärte der Heermeister. Rudolf winkte einem Diener.

„Hol‘ mir den Kanzler Helmrich von Zickenberg!“, befahl er. Roland und Bertram sahen sich verblüfft an. Zickenberg stammte aus dem niederen Adel der Grafschaft Limmenfels und war als Ratgeber an den Hof in Steinburg gekommen. Jemanden zum Kanzler zu ernennen, der aus einer nicht selbst regierenden Freiherrenfamilie stammte, war ungewöhnlich.

Der Kanzler erschien, verbeugte sich tief.

„Hier bin ich, mein König“, sagte er.

„Helmrich, was habt Ihr als Verfügung an die Grenztruppen und die Grenzgrafschaften zu den Winterquartieren herausgegeben?“, fragte Rudolf.

„Dass die Truppen sich in die Gebiete südlich des Alvedra begeben sollen und in den Grenzgrafschaften die zugewiesenen Quartiere beziehen sollen, bis sie im Frühjahr neue Befehle erhalten“, erwiderte Zickenberg.

„Ich möchte die Abschrift davon sehen!“

„Aber …“

„Habt Ihr mich nicht verstanden, Kanzler von Zickenberg?“, fuhr Rudolf ihn an. Der Kanzler verneigte sich erneut und verließ den Thronsaal, um wenig später mit der Abschrift zurückzukehren.

„Also, lest, was ich den Truppen aufgeben ließ!“, forderte er seine Heerführer auf. Roland und Bertram lasen die Verfügung.

„Dies ist eine andere als die, die man uns in Palparuva gezeigt hat, mein König“, sagte Roland. Der König wurde kreidebleich.

„Mit anderen Worten: Jemand fälscht meine Befehle?“, fragte er. Roland und Bertram nickten.

„Helmrich: Wer hat Zugang zu den Siegeln?“

„Außer mir und Euch niemand. Aber wenn Ihr mir die Bemerkung erlaubt: Das königliche Siegel Wenglands ist nicht besonders kompliziert. Ein Unhold könnte es leicht nachmachen, wenn er ein Originalsiegel hat. Während der Kämpfe im Nordwesten sind schon Boten umgebracht worden. Die hatten natürlich Briefe mit dem königlichen Siegel bei sich. Es wäre Scharfenburg also ein Leichtes, davon Abdrücke zu machen und Anweisungen in Eurem Namen herzustellen, die nicht Eure Anweisungen sind, mein König“, sagte der Kanzler.

„Dann könnte die Anweisung natürlich von unseren Feinden verfälscht worden sein“, brummte Rudolf. „Oh, mein Gott! Martin!“

„Was meint Ihr, Herr?“

„Martin hat sich in Breitenstein von uns getrennt und wollte seine Verlobte abholen“, erklärte Roland dem Kanzler. „Er ist vor uns fortgeritten und hat auch nicht auf der Veste Palparuva Station gemacht. Dort hat man uns dann gesagt, dass zwischen uns und dem Herzogtum Krieg herrscht. Martin ist offenbar geradewegs in eine Falle geritten – und uns hat die verfälschte Weisung gehindert, ihm nach Scharfenburg zu folgen und ihn zu retten. Aber jetzt weiß ich, woran ich bin und werde ihn dort herausholen!“

„Und Ihr wisst, wo Ihr suchen müsst, Mylord?“, hakte Kanzler von Zickenberg nach.

„Er wollte nach Falkenstein.“

„Wenn er dort geblieben ist, trinke ich aus dem Tintenfass“, erwiderte Zickenberg. „Nein, eine so wertvolle Geisel wird Herzog Ludwig nicht in dieser Grenznähe lassen!“

„Wohin – meint Ihr – würde Ludwig ihn bringen lassen?“

„Stolzenfels, vielleicht auch in die besonders sichere Rebmark. Da kommt Ihr offen nicht an ihn heran!“, warnte der Kanzler.

„Er hat Recht, Roland“, sagte der König. „Wenn Ludwig ihn als Geisel benutzen will – und das wird er – wird er bald Forderungen senden. Wir müssen jetzt abwarten. Es macht keinen Sinn, ihn befreien zu wollen, wenn wir nicht wirklich wissen wo er ist. Und ich möchte nicht noch jemanden aus der Familie verlieren, wenn die Scharfenburger auch dich gefangen nehmen.“

Der Hirschfelder Graf seufzte. Seinen geliebten Neffen in den Händen seiner Feinde zu wissen, machte ihm mehr als nur große Sorge.

„Da wir gerade bei Scharfenburg sind …“, sagte er schließlich. „Seit wann haben wir Krieg mit dem Herzog und weshalb?“

„Ihr wart kaum fort, als Ludwig mich um ein Bündnis gegen die Wilzaren bat“, antwortete Rudolf. „Ohne Euch und Eure Ritter war es mir nicht möglich, Scharfenburg zu helfen, wenn die Landwirtschaft nicht darunter leiden sollte. Und ohne Nahrungsmittel lässt sich ein Krieg nicht führen. Euch zurückzuholen hätte Wortbruch gegenüber dem Papst bedeutet. Ich habe Ludwig um Geduld gebeten, bis Ihr wieder heimgekehrt wärt. Ende Mai letzten Jahres griffen Scharfenburger die Bergwerke in Karlsfeld an. Euer Gefolgsmann Mathieu konnte einen ähnlichen Angriff auf Eure Grafschaft Hirschfeld abwehren und hat ebenso wie Aribert von Karlsfeld scharfenburgische Rüstungen und Banner als Beweise gesichert. Darauf habe ich bei Ludwig protestiert. Der tat so, als wüsste er von nichts. Ende Juni fielen sie dann über Wachtelberg her. Ich habe ihm dann angedroht, dass ich ohne weitere Warnung angreifen würde, wenn so etwas nochmals vorkommen sollte. Der Bote wurde mir im Sack verschnürt zurückgeschickt. Am 30. Juni haben sie dann Bauzenstein überfallen und mir ist endgültig der Kragen geplatzt. Ich habe ihm den Krieg erklärt, den er schon angefangen hatte. Nach allem, was ich in Erfahrung gebracht habe, hat er dasselbe mit den Wilzaren gemacht und mir vorgelogen, die Wilzaren seien ohne jeglichen Grund in Dunkelfels eingefallen. Seit Juli 1201 befinden sich Wengland und Scharfenburg im Krieg.“

Die Gespräche mit Graf Alwin und Herzog Ludwig hatten Martin mehr Kraft gekostet, als er zunächst selbst gemerkt hatte. Er war allein in dem Schlafgemach, verspürte ein dringendes Bedürfnis und starken Durst. Mit einiger Mühe stand er auf, um sich in der Abseite zu erleichtern. Als er dort vom Nachtgeschirr aufstand, schaffte er es gerade noch, sich die Bruche wieder zu schließen und sich die Hände zu waschen. Dann drehte sich die Welt um ihn und wurde dunkel.

Er stürzte unkontrolliert, riss dabei den Waschtisch um, dass die kupferne Wasserkanne in hohem Bogen in den Schlafraum flog und scheppernd vor dem Kamin landete. Der Lärm aus dem Schlafgemach alarmierte Sophie, die in der Kemenate nebenan auf ihre Herrin wartete.

„Martin!“, entfuhr es ihr, als sie den Verlobten der Prinzessin reglos auf dem kalten Steinboden fand. Eilig holte sie Diener herbei, die den sechs Fuß langen und knapp hundertsechzig Pfund[1] schweren jungen Mann wieder in das Bett beförderten. Die Leibdienerin Reginas eilte in den Rittersaal, um ihre Herrin zu holen. Sie fand die Prinzessin im Gespräch mit ihrem Vater.

„Vergebt die Störung“, bat sie unter zahlreichen Knicksen um Vergebung für die Unterbrechung. „Prinz Martin ist gestürzt und …“

Regina flog mehr aus dem Raum, als sie ging, so eilig hatte sie es, sich um Martin zu kümmern. Auch Alwin, der von anderen Dienern benachrichtigt worden war, eilte so schnell seine rheumageplagten Füße ihn trugen, in sein Schlafgemach, das er für die Unterbringung des Prinzen geräumt hatte. Er kam gerade recht, als Regina sich an das Bett setzte, während die beiden Diener, die Martin ins Bett gelegt hatten, das verschüttete Wasser aufwischten und die Waschkanne wieder an ihren Platz stellten.

„Lass mich dahin, Kind!“, wies er sie hektisch an. Die junge Frau erhob sich und ließ ihrem Onkel den Vortritt. Der alte Graf, in ganz Scharfenburg als Heilkundiger bekannt, untersuchte als Erstes die Stichwunde an der linken Seite des Verwundeten.

„Dem Himmel sei Dank! Die Naht hat gehalten!“, seufzte er erleichtert, als er feststellte, dass die Wunde nicht wieder aufgebrochen war. „Sophie, eile in die Küche! Lass einen Aufguss aus Rosmarin, Basilikum, Myrte und Minze machen. Rasch!“

Die Dienerin rannte hinunter in die Küche, während Alwin die Augenlider des Prinzen anhob. Martin hatte die Augen komplett verdreht.

„Was ist mit ihm, Onkel?“, fragte Regina ängstlich.

„Wir haben ihn dort an der Abseite gefunden, Hoheit“, erklärte einer der Diener, die das Zimmer aufräumten.

„Glatter Zusammenbruch“, sagte Alwin. „Er hat sich übernommen. Ich hätte die langen Gespräche nicht zulassen dürfen!“

„Kannst du denn nichts für ihn tun?“, hakte sie nach.

„Ich hoffe, dass der Kräuteraufguss ihn wieder weckt. Er braucht Ruhe, aber dafür sollte er ruhig schlafen und nicht bewusstlos sein.“

Es dauerte nicht lange, bis Sophie mit einer Schüssel zurückkehrte, die eine intensive Duftspur von der Küche bis in die Schlafgemächer im Palas zog. Alwin nahm ihr die Schüssel ab und fächelte Martin den starken und belebenden Duft unter die Nase. Hustend kam der Prinz zu sich.

„Willkommen im Leben, mein Junge“, seufzte der alte Mann erleichtert. „Es war mein Fehler. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass du so lange sprichst. Es tut mir Leid.“

Martin schüttelte den Kopf.

„Nein, es ist gut so. Jetzt weiß ich wenigstens, was hier los ist“, sagte er. Bevor er noch etwas ergänzen konnte, hielt Regina ihm den Mund zu.

„Jetzt sei still!“, befahl sie und erntete ein verschmitztes Lächeln ihres Prinzen.

„Wie meine Königin befiehlt“, bestätigte er, überließ sich ihrem liebevollen Streicheln, schloss die Augen und schlief ein.

[1] Pfund: altes Gewichtsmaß. Im Mittelalter eine Masse zwischen rd. 400 und 490 g. Ich gehe hier von einem mittleren Wert von 450 g aus. Martins Gewicht beträgt etwa 72 kg bei 180 cm Größe.

 

A A A

Kapitel 5

Überlegungen

Martin erholte sich nur langsam von der Verwundung. Reginas Nähe ließ ihn dennoch größere Kräfte spüren, als ihm tatsächlich zur Verfügung standen. Nach einem weiteren Zusammenbruch des Prinzen zwei Tage darauf wollte Graf Alwin verhindern, dass dies nochmals geschah und übertrug Reginas Dienerin Sophie die weitere Krankenpflege – mit dem Ergebnis, dass es gar nicht besser werden wollte. Erst, als er weitere drei Tage später Regina wieder zu Martin ließ, ging es wieder aufwärts mit dem jungen Mann.

Der alte Graf galt als wissbegierig und war schon immer eher Bücherwurm denn Kämpfer gewesen. Unter seinen Büchern fanden sich auch Schriften antiker und heidnischer Weiser, die von manchem Kirchenmann als Teufelswerk beschimpft wurden. Wer sie nutzte, konnte in einen tödlichen Konflikt mit der Kirche und weltlichen Autoritäten geraten. Alwin verschwieg die Existenz dieser Schriften geflissentlich, nutzte deren Inhalte aber mit großem Erfolg zur Heilung Kranker und Verwundeter. Eines dieser Bücher ging auf Dankwart von Doberheim zurück, den zum Christentum übergetretenen ehemaligen Goden Sengar. Er war im 9. Jahrhundert der letzte überlebende Priester der heidnischen Götter im Tal des Großen Alvedra gewesen, hatte vor der Verfolgung durch die zum Christentum bekehrten Herzöge Wenglands und Scharfenburgs Zuflucht auf der Alvedrainsel gefunden und war der geistige Führer der dort lebenden Räuberbande geworden. Als Seher hatte er die Chance erkannt, die sich durch die Rettung des wenglischen Herzogssohnes Philipp geboten hatte, hatte sie ergriffen und genutzt. Die Räuber hatten Philipp geholfen, sein Erbe zurückzuholen und König zu werden, waren dafür sogar Christen geworden. Philipps Dank war die Erhebung seiner Gefolgsleute zur Herwigsgarde, deren Nachkommen noch immer Wenglands König beschützten. Auch Sengar hatte den christlichen Glauben angenommen und hatte sich von da an Dankwart genannt. König Philipp hatte ihn zum Baron von Doberheim erhoben und hatte seinen Mentor gebeten, seine Weissagungen aufzuschreiben. Dankwart hatte es getan, aber Geheimhaltung bedingt. Das Buch mit den Weissagungen befand sich in Steinburg und war außer dem König selbst und dessen Thronfolger nur dem Hofmagier zugänglich, der aus dem Haus Doberheim stammte und ein Nachfahre des von Dankwart adoptierten und als Helferich von Doberheim getauften Hilvar war, einem der ehemaligen Inselräuber. Darüber hinaus hatte er als Heilkundiger Tränke und Salben entwickelt, die bei der Versorgung von Kranken und Verwundeten oftmals der Schlüssel zum Erfolg waren.

Es gab nicht viele, denen bekannt war, dass Alwin von Falkenstein mit Dankwart von Doberheim verwandt war. Sein Ahn Arnold hatte Sibhild, die Schwester Sengars geheiratet, die in der Taufe den Namen Sibylle angenommen hatte und ebenfalls über seherische und heilerische Fähigkeiten verfügt hatte. Dankwart hatte die Vererbung der außergewöhnlichen Fähigkeiten in Arnolds und Sibylles Sohn Nestor erkannt, hatte ihn selbst ausgebildet, bis er hatte fliehen müssen und hatte Nestor seine Aufzeichnungen bezüglich seiner Tränke hinterlassen. Nestor hatte diese Tränke gerne genutzt, war selbst sehr alt geworden – manche behaupteten, er sei wenigstens hundert Jahre alt geworden – und hatte eine Dynastie Heilkundiger begründet, die allesamt mit langem Leben gesegnet waren, sofern sie nicht gewaltsam aus dieser Welt gerissen worden waren.

Sengar/Dankwart hatte zur Übersicht über seine umfangreiche Arbeit ein gesondertes Werk hinterlassen, in dem er die Leiden und Wunden aufgezählt hatte, deren Heilung seine Tränke und Salben förderten und einen Querverweis, in welchem seiner Bücher das Rezept zu finden war. Alwin nahm in seiner Geheimbibliothek dieses Werk zur Hand und staunte nicht schlecht, als Sengars Heilkunde-Lexikon bei schwer heilenden Wunden junger Männer seinen Amorerossaft empfahl.

‚Der Liebestrank?‘, durchzuckte es den alten Heiler. Er suchte das Buch heraus, in dem die Wirkungsweise und Herstellung beschrieben waren.

‚Bewirkt unwiderstehliche Anziehung des anderen Geschlechtes. Wirkung am stärksten, wenn Zuneigung ohnehin vorhanden ist. Gut geeignet, wenn das Paar schon vor Erlaubnis der Altvorderen zusammen sein will, denn er macht unfruchtbar für mindestens zwei Wochen. Erstaunlichste Wirkung: Erhält das Leben auch bei nahezu tödlichen Wunden, wenn die geliebte Person ihn verabreicht. Dreimalige Anwendung notwendig, sechsfach noch besser. Vollständige Heilung wird nur erreicht, wenn die Liebenden sich vereinigen‘, las er. ‚Oh, weh! Kann ich Regina das zumuten? Sie ist Jungfer und sollte das bis zur Hochzeit auch bleiben! Was wird, wenn der Krieg sich hinzieht, wenn Martin sich für die Seite seines Vaters entscheidet und Ludwig Regina mit jemand anderem verheiratet? Nein, das kann er nicht gegen ihren Willen! Aber was, wenn sie selbst die Ehe nicht mehr will, weil Martin unser Feind werden sollte? Ich muss mit ihr reden …

Er kehrte in das Gemach zurück, in dem Martin lag. Regina saß bei ihm und hielt die Hand des schlafenden jungen Mannes. Sie bedeutete Alwin, leise zu sein.

„Er ist gerade eingeschlafen“, flüsterte sie, um den Prinzen nicht wieder zu wecken.

„Ich muss mit dir reden. Komm!“, forderte der Graf seine Nichte flüsternd auf. „Wenn Martin schläft, umso besser.“

Nur zögernd ließ sie die Hand ihres Verlobten los und folgte ihrem Onkel, der sie in die Bibliothek lotste.

„Was ist denn? Wieso holst du mich so weit weg, wenn es ihm nicht gut geht?“, fragte sie.

„Ich habe den Trank gefunden, der Martin retten kann, aber …“

„Brau‘ ihn, Onkel! Du hast es mit einem Ritter von Ehre zu tun!“

Er machte eine abwinkende Geste.

„Hör mir erst ganz zu!“, entgegnete er. „Es ist Dankwarts Liebestrank!“, setzte er keuchend hinzu.

„Nun, einen Liebestrank haben wir beide nicht nötig, Onkel. Wir lieben uns ja und haben keinen größeren Wunsch, als zu heiraten.“

Alwin setzte sich.

„Dankwarts Liebestrank hat die Wirkung, dass Liebende nicht voneinander lassen können. Doch er ist auch geeignet, beinahe tödliche Wunden zu heilen – die vollständige Genesung bedingt jedoch, dass die geliebte Person mit dem Verwundeten das Bett teilt!“, seufzte er.

„Martin und ich wären doch längst verheiratet, hätte man uns nicht immer wieder Steine in den Weg geworfen“, gab sie zu bedenken.

„Genau das ist das Problem: Ihr seid nicht verheiratet“, schnaufte er. „Und was geschieht, wenn Martin in Steinburg überredet wird, den Krieg, den sein Vater gegen uns angezettelt hat, gutzuheißen? Wenn er gegen uns kämpft? Wenn dein Vater dich zwingt, deshalb das Verlöbnis aufzulösen? Solltest du das tun, was der Trank von dir verlangt, bist du keine Jungfer mehr. Ich weiß nicht, was dein Vater mit uns beiden anstellen würde, wenn ich zulasse, dass du deine Jungfräulichkeit dafür opferst, um einen jungen Mann am Leben zu erhalten, der vielleicht demnächst mit einem Heer an das Tor dieser Burg klopft!“

Regina war wie vom Donner gerührt, als ihr die Konsequenz klar wurde, die sie zwischen den Worten ihres Onkels heraushörte.

„Moment! Verstehe ich dich richtig, dass du Martin diese lebensrettende Medizin nur geben willst, wenn er verspricht, hierzubleiben, dein Erbe zu werden, sich von Wengland lossagt? Onkel, du willst ihn wirklich vor die Wahl stellen, in Wengland zum Verräter zu werden oder zu sterben? Ich fasse es nicht!“, schnaubte sie. „Er kommt ahnungslos her, wird in eine Falle gelockt, schwer verwundet, als er mich und Sophie vor Wilzaren rettet und zum Dank damit bedroht, als Geisel gegen seinen Vater benutzt zu werden! Und jetzt willst du ihm die lebensnotwenige Arznei nur geben, wenn er sich gegen seinen Vater erklärt, ohne zu wissen, ob es richtig ist, was er tut! Pfui!“

Sie sprang auf und stürmte aus der Geheimbibliothek zurück in Martins Gemach. Der Anblick des im Vertrauen auf Alwins Heilkunst Schlafenden ließ sie in heiße Tränen ausbrechen. Ihr heilloses Schluchzen weckte ihn.

„Liebling, was hast du denn?“, fragte er besorgt. Sie ließ es nur zu gern geschehen, dass er sie in die Arme zog und sie beruhigend streichelte, als sie vor Kummer nicht antworten konnte. Sie lag noch schluchzend in seinen Armen, als Alwin eintrat. Ihm war anzusehen, dass ihm etwas auf der Seele lag.

„Gott sei Dank! Du lebst noch! Als Regina so heftig weinte, hatte ich die schlimmsten Befürchtungen“, seufzte Martin erleichtert. „Was ist denn nur? Du siehst auch nicht glücklich aus, Onkel Alwin. Ist der Herzog tot?“

Der alte Graf schüttelte den Kopf und erklärte Martin, was er gefunden hatte und welche Fragen er sich gestellt hatte.

„Und … würdest du mir den Trank … ver… verweigern, wenn … wenn ich …“, stotterte Martin. Alwin schüttelte den Kopf.

„Nein, das wäre unchristlich. Ich frage mich, was wird Ludwig tun, wenn ich das tue?“

„Alwin, … ich kann nicht ver… versprechen …“

„Nein, sag‘ jetzt nichts mehr. Es wird nicht besser, wenn du dich jetzt wieder überanstrengst“, wehrte der alte Mann ab.

Bedrückt schlich er davon und ging ohne es bewusst zu wollen, wieder in seine geheime Bibliothek. Mit einem schweren Seufzer griff er in das Regal und hatte – ebenso unbewusst – die Abschrift des Buches der Weissagungen von Dankwart in den Händen. Er schlug es auf und las die Prophezeiungen, die Dankwart vor guten dreihundert Jahren für den Beginn des 13. christlichen Jahrhunderts gemacht hatte. Er wurde bleich. Alles, was bisher geschehen war – selbst den von den gegenwärtigen Verantwortlichen völlig unerwarteten Krieg zwischen Scharfenburg und Wengland –, hatte Dankwart vorhergesagt. Zum Grund machte er keine Angaben, aber was er über den Thronfolger Wenglands in dieser Zeit schrieb, ließ bei Alwin die Entscheidung reifen, dass er dem, was prophezeit war, besser seinen Lauf lassen sollte. Nein, er konnte es nicht verantworten, dass Martin starb, weil er den Trank nicht bekam …

Fast hundertachtzig Meilen weiter östlich hatten sich fast alle Grafen Scharfenburgs in Stolzenfels zum Kriegsrat getroffen. Es fehlten nur Alwin von Falkenstein, Volker von Skarpenborn und Siegmund von Dunkelfels. Siegmund war tot, sein Haus durch den Tod seines einzigen Sohnes erloschen, seine Provinz südlich des Alvedra seit fast fünf Jahren fest in den Händen der Wilzaren. Alwin hatte Herzog Ludwig nicht eingeladen, wobei er dies vor sich selbst mit Alwins hohem Alter von zweiundachtzig Jahren begründet hatte. Wenn der alte Graf ohne Erben starb, fiel Falkenstein nach dem seit Beginn des Herzogtums gültigen Gesetz an den größten direkten Nachbarn – und das war die Rebmark. Mit Falkenstein zusammen wäre die Rebmark einige Morgen größer als Stolzenfels. Und da die Herzogswürde dem Grafen mit der größten Provinz zustand, würde Richard in dem Moment, in dem ihm Alwins Provinz zufiel, rechtmäßiger Herzog werden. Ludwig hatte kein Interesse daran, dass Alwin ohne einen Erben starb. Andererseits wusste er, dass Alwin den wenglischen Thronfolger in einer Weise ins Herz geschlossen hatte, die ihn für Pläne gegen den südlichen Nachbarn als Risiko erscheinen ließen. Vor allem – dessen war der Herzog sicher – würde Alwin gewiss nicht zulassen, dass Martin zur Geisel erklärt wurde. Im Grunde galt das auch für Volker von Skarpenborn, der mindestens seit dem manipulierten Turnier von Rebstadt 1199 ein enger Freund des älteren Prinzen von Wengland war. Ludwig hatte ihn offiziell zum Schutz seiner Tochter in Falkenstein gelassen … Langsam wurde ihm klar, dass er die größten Fürsprecher, die Martin in Scharfenburg haben konnte, bewusst von diesem Rat ausgeschlossen hatte, der über dessen Schicksal entscheiden würde …

„Es sind alle versammelt, Herr“, riss ihn der Graf von Rossensee aus den Gedanken. Ludwig zuckte erkennbar zusammen.

„Danke, Graf Fridolin“, sagte er, als er sich gefangen hatte. „Also … Ihr habt wahrscheinlich schon vernommen, dass ein seltsamer Zufall Prinz Martin von Wengland über unsere Grenze geführt hat. Nach einem Kampf mit Wilzaren liegt er verwundet auf Burg Falkenstein. Er wusste nichts vom Krieg. Der, der ihn hergelockt hat, hat diesen Umstand ausgenutzt und meinen künftigen Schwiegersohn in dem Glauben gelassen, dass ihn hier ein freundlicher Empfang erwartet. Ich habe Euch hergerufen, um darüber zu beraten, was nun geschehen soll. Wie gesagt: Martin hatte keine Ahnung, dass zwischen seinem und unserem Land Krieg herrscht; er hat mit dem, was König Rudolf und dessen Komplizen hier angerichtet haben, nichts zu tun.“

Die scharfenburgischen Grafen, die davon noch nichts wussten, sahen sich verblüfft an.

„Heißt er denn den Krieg, den sein Vater vom Zaun brach, gut oder lehnt er ihn ab?“, erkundigte sich Coelestin, der Fürstbischof von Kreuzburg.

„Er war noch nicht zu Hause“, erwiderte Ludwig. „Deshalb kennt er die Behauptungen seines Vaters dazu noch nicht und sagt – meines Erachtens zu Recht – dass er das einstweilen nicht beurteilen kann.“

„Ich weiß nicht, wem wir diesen Zufall zu verdanken haben, doch sollten wir es als Zeichen Gottes ansehen, dass er uns gewogen ist, indem er uns den Sohn des Kriegstreibers in die Hände gab“, sagte Coelestin.

„Ich halte es eher für eine perfide Falle, die meinem künftigen Schwiegersohn gestellt wurde, Exzellenz“, versetzte der Herzog.

„Gut möglich, dass Martin an dem Unglück unschuldig ist. Doch bedenkt: Gott der Allmächtige gab seinen unschuldigen Sohn zur Sühne der Schuld des Menschengeschlechtes. Dieses Beispiel sollte uns Ansporn sein, seinem Vater klarzumachen, dass sein ebenso unschuldiger Sohn für seine Sünden büßen wird“, setzte der Bischof nach.

Wenzel von Löwenstein, der seinen älteren Bruder Raimund, den Baron von Löwenstein, begleitete, schüttelte den Kopf.

„Einen solchen Vortrag halte ich für Blasphemie, Euer Exzellenz!“, widersprach er bestimmt.

„Ihr vergreift Euch im Ton, Mönchsritter!“, schnauzte der Bischof zurück.

„Nein, tut er nicht!“, stoppte Ludwig den drohenden Streit. „Bruder Wenzel hat vollkommen Recht. Es ist wohl ein unmöglicher Vergleich, Martin mit unserem geliebten Herrn Jesus Christus zu vergleichen! Reden wir lieber gar nicht erst darüber, wie dieser Vergleich zu seinem Vater hinkt!“

„In einem Punkt hat unser Bischof allerdings Recht: Es scheint Gottes Wille zu sein, dass uns Martin in die Hände fiel. Ich finde, wir sollten diesen Vorteil nutzen und Rudolf mit ihm als Geisel zum Frieden zwingen!“, schlug Raimund vor.

„Da hat jemand Gottes Willen aber gründlich nachgeholfen – und nicht nur Martin in eine Falle gelockt, sondern auch meine Schwester und meinen Onkel in Verruf bringen wollen!“, protestierte Heinrich.

„Wie auch immer es dazu gekommen ist, dass Martin sich in unserer Hand befindet: Wir müssen es nutzen!“, beharrte Fridolin von Rossensee. „Es gibt keine bessere Möglichkeit, Rudolf dazu zu bringen, mit dem Krieg gegen uns aufzuhören!“

„Ich finde es in hohem Maß unritterlich, was hier geschehen ist!“, wandte Elias von Oberalvedra ein. „Dass der Prinz auf Kreuzzug gegangen ist, war allgemein bekannt. Das war ja der Grund, weshalb Martin und Regina bisher noch nicht geheiratet haben. Er ist vor Ausbruch des Krieges aufgebrochen. Woher hätte er denn wissen sollen, was hier los ist?“

„Unsinn! Rudolf hat doch ebensolche Möglichkeiten wie wir, Boten auszusenden und seine Kreuzfahrer darüber zu unterrichten, dass er uns den Krieg erklärt hat. Wahrscheinlich sind sie sogar deswegen zurückgekehrt“, warf Richard von Rebmark ein.

„Und wieso sollte Martin dann allein nach Falkenstein reiten, wenn er – wie Ihr unterstellt – wusste, dass hier Krieg ist?“, fragte Heinrich. Richard zuckte mit den Schultern.

„Woher soll ich das wissen? Ich kann nicht seine Gedanken lesen“, erwiderte er. Heinrich nickte grimmig.

„Das braucht Ihr auch nicht. Ich denke, Ihr wisst sehr gut, was Ihr getan habt, Markgraf Richard!“, versetzte er. Richard zuckte zum Thronfolger hoch.

„Was wollt Ihr damit sagen?“, fragte er.

„Dass Ihr diese Botschaft an Martin geschickt habt!“, beschuldigte der Prinz ihn.

„Dafür werdet Ihr mir Genugtuung geben!“, grollte der Markgraf und sprang auf. Heinrich tat es ihm gleich.

„Schluss!“, befahl Ludwig. „Heinrich, Richard: setzt euch!“

Gehorsam setzten sich die Streithähne wieder, aber sie warfen einander Blicke zu, die geeignet waren, Wasser zu Eis erstarren zu lassen.

„Richard, Ihr habt mich belogen, was den angeblichen Fundort dieses ach so verfänglichen Briefes betraf, den Alwin angeblich an Regina geschrieben hat. Ich habe aus gutem Grund gerade Euren Vetter mit Regina ausgesandt, um diesen Brief holen zu lassen. Ihr wisst, was Sophie dazu gesagt hat, ohne dass sie mit meiner Tochter vorher darüber reden konnte. Ich glaube weder, dass Alwin noch dass Regina Verrat üben wollte. Ich weiß nicht, weshalb Ihr ihnen eine solche Falle gestellt habt, aber ich bin mir völlig sicher, dass Ihr den Boten Martins habt abfangen lassen und dessen Botschaft dazu genutzt habt, um ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Falkenstein zu locken. Elias hat Recht, wenn er dies in hohem Maß unritterlich nennt!“

„Ihr habt keinen Beweis dafür, dass ich eine solche Botschaft an Martin veranlasst habe“, bestritt Richard den Vorwurf. „Davon abgesehen: Haltet Ihr es wirklich für gut, wenn der Prinz nach Steinburg zurückkehrt? Er würde im nächsten Frühjahr mit einem Heer hier einfallen!“

„Er hat Recht!“, stützte Raimund seinen Vetter. „Wir können diesen Krieg nur beenden, wenn Martin als Geisel in unserem Gewahrsam bleibt. Lassen wir ihn gehen, wird er den Lügen seines Vaters glauben und mit einem Heer zurückkehren!“

„Und wenn wir ihn nicht gehen lassen, hat sein Vater jedes Recht, gegen uns zu kämpfen!“, widersprach Heinrich.

„Das Recht ist auf unserer Seite! Gott ist auf unserer Seite!“, schaltete sich der Bischof erneut ein.

„Wäre Gott das wirklich, hätte er Rudolf davon abgehalten, uns den Krieg zu erklären!“, knurrte Heinrich.

„Das ist Blasphemie!“, protestierte Coelestin. „Wer daran zweifelt, dass Gott auf unserer Seite ist, zweifelt Gott selbst an!“

„Unsinn!“, versetzte Heinrich. „Ich bezweifele keineswegs Gott – nur daran, dass er sich in solche profanen Dinge wie Krieg einmischt. Der Bischof von Wachtelberg wird König Rudolf ebenfalls sagen, dass Gott auf ihrer Seite ist. Wenn Ihr Eurem Amtsbruder nicht ebenfalls Blasphemie unterstellen wollt, der von seinem König in Glaubensdingen so unabhängig ist wie Ihr, dann drängt sich mir schon die Frage auf, wie Gott beide Seiten unterstützen sollte.“

„Dann bezweifelt Ihr, dass wir einen gerechten Krieg führen?“, hakte Richard nach.

„Nein – aber ich bin überzeugt, dass die Wengländer das auch für sich behaupten. Sonst müsste kein Lehnsmann seinem König in den Krieg folgen.“

„Mag sein, dass sie dumm genug sind, auf Rudolfs Lügen hereinzufallen. Und glaubt mir eines: Auch Euer hochgeschätzter Martin wird mindestens darauf hereinfallen, wenn er es nicht sogar von sich aus betreibt“, erwiderte Richard.

„Martin? Einen Krieg betreiben? Hört endlich auf, solche haltlosen Beschuldigungen um Euch zu werfen!“, versetzte Heinrich. „Wenn jemand von sich aus nie einen Krieg anzetteln würde, dann Martin!“

„Oh – und woher wisst Ihr das so genau?“, hakte Richard süffisant nach.

„Ich erinnere mich an das Turnier um Reginas Hand. Ihr habt Martin um den Sieg betrogen, habt alles versucht, dass er einen Schritt macht, der dazu geeignet gewesen wäre, einen Krieg auszulösen. Da fällt mir zuallererst die Weigerung Eurer Wachen ein, Martin in die Burg zu lassen, damit er zum Gottesdienst gehen konnte. Niemand anderem ist der Zugang verweigert worden – nur ihm und seinem Freund Mathieu. Und zwar auf Euren Befehl. Das war nicht zu überhören.“

„Ich suche mir aus, wen ich in meine Burg lasse und wen nicht“, entgegnete Richard. „Das ist nicht mehr als mein gutes Recht.“

„Wer zu einem Turnier geladen ist, dem ist Zugang zur nächstgelegenen Kirche zu gewähren. Und diese Kirche war die in Eurer Burg!“

„Heinrich! Lass diese alten Geschichten!“, wies sein Vater ihn zurecht.

„Richard wollte wissen, woher ich weiß, dass …“

„Schluss!“, donnerte Ludwig ihn an. „Wir sind von den Wengländern angegriffen worden! Martin kann nichts dafür, denn er war nicht hier. Deshalb widerstrebt es mir ja, ihn als Geisel zu benutzen.“

„Dann lass ihn frei, Vater!“, beschwor Heinrich ihn. „Ich bin sicher, dass Martin seinen Vater überreden wird, Frieden zu schließen, wenn er zu Hause ist.“

„Den Teufel wird er tun!“, widersprach Fridolin. „Er ist Graf von Steinburg und damit Lehnsmann seines Vaters. Er kann sich dem Befehl seines Königs gar nicht widersetzen! Und ich glaube auch nicht, dass er es nur ansatzweise versuchen würde. Er wird seinem König ohne Vorbehalt glauben.“

„Da kennt Ihr ihn schlecht. Außerdem ist da noch sein Onkel, der auch nicht widerspruchslos hinnehmen würde, in einen Krieg befohlen zu werden, von dem er nicht überzeugt ist“, entgegnete Heinrich.

„Natürlich werden sie die Lügen glauben, die Rudolf ihnen auftischen wird. Er wird ihnen gewiss irgendetwas präsentieren, was sie überzeugen wird – und dann werden sie ebenso über uns herfallen! Nein, der einzige Weg, das zu verhindern ist, dass Martin als Geisel hierbleibt.“

„Und wenn Rudolf sich davon nicht beirren lässt?“, hakte Heinrich nach. „Wollt Ihr wirklich, dass dann ein Unschuldiger sterben muss?“

„Wenn Rudolf trotzdem den Krieg weiterführt, wäre das für Martin wohl des beste Beweis, wer hier im Recht ist“, entgegnete Fridolin. „In dem Fall würde ich sogar annehmen, dass er auf unsere Seite wechseln würde, würde man ihm dann ein entsprechendes Angebot machen.“

„Na schön“, seufzte der Herzog. „Ich werde Martin die Bedingung stellen, dass ich ihn nur freilasse, wenn er zusagt, seinen Vater zum Frieden zu überreden, ganz gleich, was man ihm in Steinburg sagt. Ist er dazu nicht bereit, werde ich ihn hierbehalten und gegenüber Rudolf als Geisel bezeichnen. Wenn Rudolf den Krieg fortsetzt, obwohl er annehmen muss, dass Martin dafür sterben müsste, werde ich ihn nochmals befragen, ob er sich als Alwins Erbe auf unsere Seite stellen würde.“

A A A

Kapitel 6

Bedingungen

Der von Alwin gemischte Trank bewirkte – kombiniert mit der Erfüllung der körperlichen Sehnsüchte der Liebenden – eine rasche Besserung in Martins Befinden. Der Prinz und die Prinzessin genossen den Aufenthalt in Falkenstein in vollen Zügen. Weihnachten war in diesem Jahr 1202 wahrhaft ein Fest der Liebe auf Burg Falkenstein.

„Ich würde meinem Vater gern Nachricht geben, wo ich bin und dass es mir wieder besser geht, ehrwürdiger Alwin“, bat Martin am 2. Weihnachtstag beim Frühstück. Der alte Mann schüttelte den Kopf.

„Nein“, wehrte er ab. „Dein Onkel weiß, wohin du dich gewandt hast. Er wird es deinem Vater gesagt haben. Ihnen wird klar sein, dass Ludwig mindestens in einem Zwiespalt ist, wie er mit dir umgehen soll. Dass du verwundet wurdest, werden sie nicht wissen. Sie werden annehmen, dass Ludwig dich als Geisel festhält – was ja so weit nicht von der Wahrheit entfernt ist.“

„Wie ich meinen Onkel kenne, würde er versuchen, mich zu befreien, wenn er diesen Verdacht haben muss“, gab Martin zu bedenken. Alwin lächelte sanft.

„Gewiss. Aber wärst du tatsächlich Ludwigs Geisel, würde er dich nicht hier in Falkenstein lassen, mein Junge. Man hätte dich nach Stolzenfels oder auch nach Rebstadt gebracht. Dorthin zu kommen und dich zu befreien, wäre nahezu unmöglich, auch für deinen Onkel Roland. Nein, warte noch. Sollte der Herzog dich tatsächlich zur Geisel erklären, lasse ich dich ausbrechen.“

Martin lächelte schief.

„Und wie soll ich meinen Rufus mitnehmen, wenn ich mich als Ausbrecher heimlich davonstehlen müsste?“, fragte er. „Von dem trenne ich mich nur als Leiche – und zu Fuß wäre es doch sehr weit nach Steinburg.“

„Dazu wird uns etwas einfallen, wenn es ernst wird“, beruhigte Alwin.

„Nimm es mir nicht übel, aber solche Abenteuer plant man besser vorher, wenn man das Unglück schon kommen sieht“, erwiderte der Prinz. „Sollte es so sein, würde Ludwig mir gewiss keine Möglichkeit lassen, mich dünn zu machen. Er würde den Boten doch gewiss mit einer ausreichend starken Begleitmannschaft senden, damit man mich gleich mitnehmen kann.“

Alwin sah den Prinzen eine Weile an. Seine klare Vorstellung von Handlungswahrscheinlichkeiten ließ den alten Mann frösteln, wenn er daran dachte, dass dieser junge Mann vielleicht die Kriegführung Wenglands übernehmen könnte. Mit ihm als Heerführer würde Wengland Erfolge erzielen können, die ein Überleben Scharfenburgs wenig wahrscheinlich machten.

„Warum fürchte ich, dass du dich bedingungslos auf die Seite deines Vaters stellen wirst, wenn du heimkehrst?“, fragte er schließlich. Martins heiterer Gesichtsausdruck wich einer ernsten Miene.

„Alwin … was immer auch geschieht, eines verspreche ich dir: Ich werde niemals dein Feind sein. Deiner oder Reginas oder ihrer Brüder oder ihres Vaters“, sagte er. „Und selbst, wenn ich mich der Meinung meines Vaters anschließen sollte und einen Teil unseres Heeres führen sollte: Vielleicht komme ich als euer Gegner im Krieg zurück, doch niemals als euer Feind.“

„Du … siehst einen Unterschied zwischen Feind und Kriegsgegner?“, hakte der alte Graf verblüfft nach.

„Ja. Gegner bekämpfen sich schlimmstenfalls, doch Feinde hassen sich. Mit einem Gegner kann man verhandeln, bei einem Feind wird es fast unmöglich, ein Gespräch überhaupt anzufangen. Ein Feind handelt nicht aus … einer Einsicht, sondern … aus einem festgesetzten Gefühl. Da ist ein halbwegs vernünftiges Gespräch nicht mehr möglich“, erklärte Martin. „Und ein Gegner bekämpft die Kämpfer der anderen Seite, aber er lässt das Volk in Ruhe. Sollte ich als Gegner zurückkehren, wird das Volk mich und meine Ritter nicht fürchten müssen. Ich lege mich nur mit Leuten an, die sich wehren können – es sei denn, ich werde von vorgeblich Wehrlosen angegriffen. Und ich behaupte, ein ehrenhafter Ritter zu sein. Wäre ich das nicht, wäre ich der Forderung des Dogen von Venedig gefolgt, Zara zu belagern, um es Venedig gefügig zu machen.“

Alwin nickte mit einem sanften Lächeln.

„Aus dir spricht die Weisheit deines Onkels. Er hat dich viel gelehrt und du hast es dir zu Eigen gemacht. Du wirst einmal ein großer König werden, Martin“, sagte er. Dann seufzte er tief. „Aber als Gegner wärst du ein furchtbarer Sturm, dem kaum etwas widerstehen könnte“, setzte er hinzu. Martin fand sein entwaffnendes Lächeln wieder.

„Warte es ab, Onkel Alwin. Vielleicht renkt sich das alles ein, wenn ich zu Hause bin.“

„Ich wünschte, ich könnte deinen Optimismus teilen, mein Junge …“, orakelte Alwin düster.

Kurz nach dem Jahreswechsel erschien erneut der Herzog mit einem Teil seiner Räte.

„Ich wünsche Euch ein gutes neues Jahr, Prinz Martin“, begrüßte er den Prinzen, als dieser seiner Aufforderung nachkam, im Rittersaal zu erscheinen.

„Das wünsche ich Euch ebenfalls, Herzog Ludwig“, erwiderte der und verbeugte sich höflich vor dem Vater seiner Verlobten.

„Wie geht es Euch?“, fragte Ludwig weiter.

„Dank der Heilkunst von Graf Alwin bin ich weitgehend genesen.“

Der Ältere nickte zufrieden.

„Martin … ich … ich werde Euch gehen lassen – wenn Ihr mir zusagt, dass Ihr Euren Vater zum Frieden überredet“, stellte er seine Bedingung. „Könnt Ihr das versprechen?“

„So bedingungslos kann ich Euch das nicht versprechen, Hoheit. Sollte mein Vater wirklich gute Gründe haben, gegen Euch Krieg zu führen, ist es meine Pflicht als sein Lehnsmann, ihn zu unterstützen. Sollten die Gründe mir nicht ausreichend erscheinen, will ich versuchen, ihn von diesem Weg abzubringen. Ob mir das gelingt, hängt dann davon ab, ob er bereit ist, auf mich zu hören. Aber in dem Fall würde ich alles in meinen Kräften stehende tun, um ihn zu Verhandlungen zu überreden.“

„Was wären für Euch gute Gründe, die Euch von der Rechtmäßigkeit des Handelns Eures Vaters überzeugen könnten?“, hakte der Herzog nach. Martin zuckte mit den Schultern.

„Zum Beispiel, wenn er mir nachweisen könnte, dass Ihr zuerst und ohne Provokation seinerseits Gewalt angewendet habt“, sagte er.

„Welchen Nachweis würdet Ihr akzeptieren?“

„Es gibt Leute am Hof, denen ich nicht glauben würde. Helmrich von Zickenberg, einer der Ratgeber meines Vaters, wäre jemand, dem ich nicht ohne handfesten Beweis glauben würde. Aber wenn mir mein Freund Mathieu oder sein Vater Almaric, die zu Hause blieben, bestätigen würden, dass der Krieg von Euch ausgegangen ist, hätte das ein anderes Gewicht. Diese beiden würden mich niemals belügen“, erwiderte der Prinz.

„Was immer einer von denen Euch sagen würde, glaubt Ihr ohne Vorbehalt?“

„Ich habe bis heute keinen Grund, deren Aussagen zu misstrauen. Ihr solltet dazu wissen, dass beide keine gebürtigen Wengländer sind, sondern beide im Königreich Jerusalem geboren wurden und erst mit meinem Onkel herkamen. Sie sind eher neutral als einer der Grafen oder Barone, deren Familien schon seit Bestehen des Königreichs Wengland dort leben. Mathieu ist mein Freund, seit meine Eltern mich zur Erziehung an den Hof meines Onkels gaben. Almaric ist der Freund meines Onkels, seit der das Erbe seines Vaters im Heiligen Land antrat und dient ihm seither treu. Doch, denen glaube ich, ohne einen weiteren Beweis zu haben. Ich kenne sie beide gut genug.“

Ludwig stand auf und begann eine unruhige Wanderung im Saal.

„Das Risiko ist sehr groß, dass Ihr als Feind zurückkehrt, wenn ich Euch einfach gehen lasse …“, sinnierte er.

„Schlimmstenfalls als Gegner – doch nie als Euer Feind“, beharrte Martin.

„Ich sehe da keinen großen Unterschied, Prinz Martin“, seufzte der Herzog. „Ob Gegner oder Feind – Ihr würdet mich bekämpfen. Das ist für mich keine rosige Aussicht, wie Ihr Euch denken könnt.“

„Hoheit: Wenn Ihr mich gehen lasst, kehre ich vielleicht als Euer Gegner zurück. Behaltet Ihr mich hier, hat mein Vater wirklich Grund, gegen Euch Krieg zu führen. Dann macht Ihr mich sicher zu Eurem Gegner“, warnte der Prinz. Ludwig blieb stehen und sah ihn direkt an.

„Ihr droht mir?“

„Nein, ich sage Euch, wie es ist. Ich stelle Euch die Konsequenz Eures Handelns dar.“

„Bischof Coelestin hält es für ein Zeichen Gottes, dass Ihr uns in die Hände gefallen seid …“, gab der Herzog zu bedenken.

„Mir wäre neu, dass Gott beabsichtigen könnte, einen Unschuldigen als Druckmittel in die Hände der Gegner seines Vaters zu geben“, erwiderte Martin. „Und dass ich mit dem Krieg nichts zu tun habe …“

„Ja, das ist mir klar!“, unterbrach Ludwig ihn unwirsch. „Ich will keinen Krieg! Mir wurde er aufgenötigt!“

„Wenn der Krieg Euch aufgenötigt wurde, Hoheit, will ich versuchen, ihn zu beenden. Doch lasst mich das bitte selbst und unbedrängt feststellen. Ich habe ebenso wenig Interesse an einem Krieg wie Ihr, schließlich bin ich mit Eurer Tochter verlobt und habe keinen größeren Wunsch, als sie endlich mit dem Segen der heiligen Mutter Kirche heiraten zu können, damit sie eines Tages den Thron mit mir teilt“, stellte der Prinz klar. Ludwig nickte grimmig. Er trat nahe zu dem jungen Mann und tippte ihm auf die breite Brust.

„Ich lasse Euch gehen, Martin. Doch eines sage ich Euch: Wenn Ihr mit einem Heer zurückkehrt, wird es kein Pardon geben. Dann habt Ihr keine Gnade zu erwarten“, warnte er eindringlich.

„Ich kehre nur mit einem Heer zurück, wenn mir nachgewiesen wird, dass Ihr den Krieg angezettelt habt. Doch seid sicher: Ich meinerseits werde jedem, der sich in dem Fall ergeben sollte, Pardon gewähren, wie es sich für einen Ritter gehört“, versetzte Martin kühl. „Was immer ich erfahre, ich werde Euch darüber Nachricht geben. Das verspreche ich Euch.“

„Das ist eine Selbstverständlichkeit“, knurrte der Herzog.

„… die Ihr mir nicht gewähren wollt, falls ich vom Krieg überzeugt werde“, versetzte Martin. „Hoheit, ich weiß nicht, wie es zu diesen Streitigkeiten gekommen ist. Doch eines scheint mir klar zu sein: Wer immer mich in diese Falle gelockt hat, hat ein großes Interesse daran, dass dieser Krieg fortgeführt wird. Sei es, dass ich von den Wilzaren oder Euren Leuten bei dem Kampf umgebracht worden wäre oder sei es, dass ich Euch als Geisel diene. In beiden Fällen hätte mein Vater guten Grund zum Krieg. Ich gebe Euch den Rat, festzustellen, wer diesen Brief geschrieben hat, der mir den Krieg ganz bewusst verschwieg. Dann habt Ihr auch den, der diesen Krieg von Zaun gebrochen hat – oder ihn hat vom Zaun brechen lassen.“

Ludwig nickte.

„Ich weiß, Ihr habt Richard im Verdacht. Aber ich werde nicht zulassen, dass Ihr noch Unfrieden zwischen mir und meinen Grafen streut. Das nehme ich nicht zur Kenntnis.“

„Dann lasst es. Ich kann Euch nur raten. Was Ihr mit meinem Rat anfangt, entscheidet Ihr, Hoheit“, erwiderte der Prinz gelassen.

„Ich habe Euch nicht um Euren Rat gebeten!“

„Nein, habt Ihr nicht“, räumte Martin ein. „Aber als Euer künftiger Schwiegersohn erlaube ich mir die Freiheit, einen Rat zu geben.“

„Da wir gerade bei diesem Thema sind: Falls Ihr mit einem Heer kommt, bedenkt, dass Ihr noch nicht Reginas Gemahl seid. In dem Fall ziehe ich mein Einverständnis zur Heirat zurück!“, ergänzte der Herzog.

„Etwas anderes war nach Euren bisherigen Reaktionen auch kaum zu erwarten“, seufzte Martin. „Langsam kommt mir der Verdacht, dass Ihr eigentlich kein Interesse daran habt, mir Eure Tochter zur Frau zu geben.“

„Wann werdet Ihr Scharfenburg verlassen?“, fragte Ludwig, ohne auf den Vorwurf einzugehen.

„Sobald es mir möglich ist, Hoheit. Doch erlaubt, dass ich das nur mit Graf Alwin bespreche. Ich möchte sicher sein, heil zu Hause anzukommen. Da empfiehlt es sich nicht, dies vor zu vielen Ohren zu äußern.“

„Ihr vertraut mir nicht?“

„Euch schon. Aber nicht gewissen Grafen – das gilt übrigens in gleicher Weise in Wengland.“

Ludwig nickte erneut.

„Dann geht mit Gott! Ihr wisst, was Euch erwartet, solltet Ihr als Feind zurückkehren!“, schnaubte er. „Regina, du lässt deine Sachen packen und kommst mit mir nach Stolzenfels!“, ergänzte er und verließ den Rittersaal.

Die Prinzessin war wie vom Donner gerührt. Erbost wollte sie ihrem Vater folgen, aber Martin hielt sie sanft zurück.

„Nein, lass es, Liebste. Wahrscheinlich ist es besser so. Dann kann ich Scharfenburg verlassen, ohne dass es außer Alwin jemand erfährt“, beruhigte er sie.

„Du hast Sorge dass dich jemand daran hindern will?“, fragte sie. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass jemand ein Interesse daran hat, einen Frieden zwischen Wengland und Scharfenburg zu verhindern“, sagte er.

„Du meinst Richard“, mutmaßte sie.

„Beweisen kann ich es nicht“, erwiderte er. „Doch die Anzeichen scheinen mir überdeutlich zu sein – zumal er nach deinen Worten nachweislich gelogen hat, was den gefälschten Brief Alwins betrifft. Er lügt, er versucht, dich und Alwin als Verräter hinzustellen, er hat unsere Verbindung hintertrieben, wo es nur ging und mit so ziemlich allen Mitteln. Wenn wir nicht mit Euch Krieg hätten, würde ich Alwin am liebsten mitnehmen, damit Richard ihn nicht noch umbringen lässt, um deinen Vater um den Herzogshut zu betrügen.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Er hätte nichts davon. Wer einen verstorbenen Grafen beerben will, muss nachweisen, dass er mit dessen Tod nichts zu tun hat, wenn der Verstorbene eines gewaltsamen Todes starb“, gab die Prinzessin zu bedenken.

„Das scheint mir auch der einzige Grund zu sein, weshalb Alwin noch lebt“, erwiderte er. „Vielleicht hat Richard bisher noch keinen gefunden, der sich für ihn opfert oder der in der Lage wäre, ein Gift zu mischen, das Alwin nicht erkennen und neutralisieren kann. Aber ich mache mir wirklich große Sorgen um deinen Onkel. Es … wäre besser, wenn … wenn dein Vater seine Grafen dazu bekäme, diese hanebüchene Regelung abzuschaffen. Eine Grafschaft sollte nach dem erbenlosen Versterben eines Grafen an den Herzog zurückfallen, damit er sie neu vergeben kann.“

Regina nickte. Martin umarmte sie liebevoll.

„Geh und lass packen. Sonst wird dein Vater noch zornig“, empfahl er leise. Sie nickte erneut und hatte das Gefühl, dass ihr Herz zu einem Tonnengewicht wurde.

„Wenn du fort bist, werden wir uns lange nicht sehen, nicht wahr?“

„Das ist möglich“, räumte er ein. „Glaub‘ mir, nur, dass es mir ebenso schwer fällt wie dir. Ich kam her, um dich abzuholen, damit wir nun endlich heiraten können, aber …“

Sie legte ihm sanft die Fingerspitzen auf die Lippen.

„Nein, sag nichts mehr“, bat sie. „Sonst zweifle ich noch an Gott.“

Er schüttelte den Kopf.

„Zweifle nicht an Gott, zweifle lieber an den Menschen; denn Menschen behindern uns, unsere Zukunft so zu gestalten, wie wir beide es möchten“, sagte er. Sie überließ sich für einige Momente seiner sanften Umarmung.

„Nimm mich mit!“, bat sie.

„Wenn ich das tue, dann ist mein Vater in die Lage versetzt, dich als Geisel zu missbrauchen. Das will ich nicht“, wehrte er ab. „Ein Krieg sollte – wenn Verhandlungen denn unmöglich sein sollten – in ehrlichem Kampf auf dem Schlachtfeld entschieden werden und nicht mit der Drohung, Geiseln zu töten. Noch lieber wäre es mir, wenn dein Vater und meiner die Angelegenheit in einem Zweikampf ausfechten würden – und zwar nur sie beide!“

„Landesherren, die ihre Schlachten selber schlagen? Du Träumer!“

„Nun, statt andere für sich sterben zu lassen, wäre das eine angemessenere Art, einen Streit auszutragen, finde ich“, lächelte er. „Aber du hast Recht, dass wahrscheinlich eher der Papst zum Islam übertritt, als sich Könige einen Zweikampf liefern, um einen Krieg zu entscheiden.“

Er küsste sie.

„Geh, bevor dein Vater wütend wird“, sagte er, als sie sich aus dem Kuss lösten.

Zwei Stunden später trabte der Herzog mit seinen Begleitern und seiner Tochter sowie deren Dienerin aus dem Burgtor. Martin und Alwin winkten ihnen nach. In der Brust des Prinzen bildete sich ein Zentnergewicht, als der herzogliche Hofstaat hinter der letzten, von der Burg aus einsehbaren Biegung verschwunden war.

„Gott, was habe ich wider dich gesündigt, dass du es mir immer noch verweigerst, die Liebe meines Lebens heiraten zu können?“, flüsterte er mit versagender Stimme. Alwins schweigsames Schulterklopfen gab ihm mehr Kraft, als er im ersten Moment wahrnahm.

„Denk an deine eigenen Worte, Junge: Zweifle nicht an Gott, zweifle an den Menschen“, sagte er. Martin nickte schweigend.

 

A A A

Kapitel 7

Erkenntnisse

Ludwig war am 6. Januar zum Dreikönigsfest des Jahres 1203 in Falkenstein gewesen. Eine weitere Woche später – es war der 13. Januar, der 43. Geburtstag des Roland von Hirschfeld-Ibelin –, hielt Martin es nicht mehr in Scharfenburg aus. Er war soweit genesen, dass er reiten und auch wieder kämpfen konnte, wenn es erforderlich sein sollte. Er packte seine Sachen und bereitete seinen Aufbruch für den folgenden Tag vor.

„Du willst jetzt fort? Mitten im Winter?“, fragte Alwin besorgt. In den Tagen zuvor war Schnee gefallen, die Temperatur soweit gesunken, dass Wasser zu Eis gefror und auch am Tage nicht auftaute, selbst wenn die Sonne darauf schien.

„Ich weiß, dass die Zeit ungünstig ist, Alwin“, seufzte der Prinz. „Aber ich werde immer unruhiger. Wenn der Herzog seine Entscheidung, mich gehen zu lassen, doch bereut, finde ich mich in Stolzenfels im Kerker wieder. Nein, da riskiere ich es lieber, einen kalten Hintern zu bekommen, wenn ich jetzt heimreite.“

„Du hast einen weiten Weg vor dir, Martin!“, warnte der alte Mann eindringlich. „Steinburg ist nicht gerade um die Ecke! Du musst den Krähenwald überqueren, wenn du nicht ganz bis nach Wachtelberg reiten willst! Du weißt, wie hoch dieses Gebirge ist!“

„Ja. Und ich weiß auch, dass es nördlich des Krähenwaldes auf der wenglischen Seite des Alvedra nicht ein einziges bewohntes Haus mehr gibt. Aber auf meinen Reisen hierher habe ich auch Möglichkeiten gefunden, im Winter außerhalb von Dörfern zu übernachten und etwas zu essen zu finden“, erwiderte der junge Mann mit sanftem Lächeln, das Alwin daran erinnerte, welche ungeheure Ähnlichkeit der Verlobte seiner Nichte mit seinem Onkel Roland hatte.

„Nun gut, du musst es wissen, mein Junge. Ich kann dich nur warnen“, seufzte der alte Graf.

„Das weiß ich, Onkel Alwin“, erwiderte Martin. Einen Moment überlegte er, ob er Alwin mitteilen sollte, dass er in Krähenfurt einen Befehl der Hofkanzlei gefunden hatte, nach dem sämtliche Dörfer auf der wenglischen Seite des Alvedra zwischen dem Palparuva-Bach und Wachtelberg zu räumen seien und dort nichts verbleiben sollte, was die Scharfenburger für sich nutzen könnten. Er entschied sich dagegen. Die Grafen an der Südgrenze Scharfenburgs würden das früh genug selbst herausfinden.

Früh am folgenden Morgen ritt er im ersten Morgenlicht aus der Burg. Bis nach Steinburg waren es gute fünfzig Meilen – allerdings wie der Vogel flog. Über die Berge des Krähenwaldes führten nur schmale, gewundene Pfade, die die Entfernung auf fast achtzig Meilen verlängerten. Die erste größere Straße war erst der Nordwestliche Botenweg südlich des Krähenwaldes, der Martinskirchen, den Hauptort der wenglischen Grafschaft Oberwengland mit Steinburg verband. Vor Martin lagen etwa vier Tage Reise, was im Winter durchaus sehr unangenehm sein konnte. Er kannte jedoch genügend Unterschlupfmöglichkeiten in den Bergen, die sowohl ihm selbst als auch seinem treuen Pferd Schutz bieten würden. Auf den langen Reisen nach Italien, Frankreich und ins Heilige Land hatte er gelernt, in der Wildnis zu überleben.

Vier Tage darauf erreichte er durchgefroren und müde endlich Steinburg. Sein Vater umarmte ihn unter Tränen des Glücks.

„Martin! Mein Junge! Dem Himmel sei Dank! Du lebst!“, keuchte der König. „Als Roland und Bertram in Palparuva erfuhren, dass du wahrscheinlich mitten in eine Falle getappt bist und Bertram dich nicht mehr finden konnte, haben wir das Schlimmste befürchtet. Was ist geschehen?“

„Vater!“, seufzte Martin, noch nie so froh, wieder in Steinburg und bei seinem Vater zu sein. „Ja, es war eine Falle. Und sie wurde mir von jemand gestellt, der wusste, dass ich vom Kriegsausbruch keine Ahnung hatte.“

„Sag mir, was geschehen ist“, forderte sein Vater ihn auf. Der Prinz berichtete, verzichtete aber darauf, seine vollzogene Gemeinschaft mit Regina zu erwähnen. Rudolf schüttelte ein ums andere Mal den Kopf.

„So ein dreister Lügner!“, entfuhr es ihm, als Martin von Ludwigs Version der Kriegsentstehung erzählte.

„Selbstverständlich habe ich ihm den Krieg offiziell erklärt!“, knurrte er. „Nach seinen dauernden Provokationen hatte ich keine andere Wahl mehr, wenn ich nicht vor unserem Volk als Schwächling dastehen wollte! Es fing im Mai 1201 damit an, dass drei Dörfer in Karlsfeld von Dunkelfels her angegriffen wurden und der Silbererz-Abbau der Sankt-Barbara-Mine einer ganzen Woche geraubt wurde. Almaric von Rolandsmühl und sein Sohn Mathieu konnten einen Angriff auf Hirschfeld verhindern. Die Männer deines Onkels haben die Angreifer aufreiben können. Sie haben Rüstungsteile und Banner gesichert. Scharfenburger waren es, keine Wilzaren! Ich habe Ludwig geschrieben und ihn aufgefordert, mir zu erklären, was das soll. Er tat ahnungslos, behauptete, niemand habe auf seinen Befehl Karlsfeld angegriffen. Er wollte aber prüfen, ob jemand ohne Befehle gehandelt habe. Ich habe das zur Kenntnis genommen und auf das Ergebnis seiner Prüfung gewartet. Es kam aber nichts. Stattdessen schlugen sie ein zweites Mal zu, diesmal in Wachtelberg. Das war etwa ein Monat nach dem Überfall in Karlsfeld. Ich habe Ludwig erneut aufgefordert zu diesen Untaten Stellung zu nehmen und dafür zu sorgen, dass so etwas nicht wieder geschieht. Ich habe ihm mitgeteilt, dass ich ohne weitere Warnung den Krieg erklären würde, wenn es eine erneute Provokation seinerseits geben würde. Es verging nur eine gute Woche, bis Bauzenstein von Scharfenburgern überfallen wurde. Jedes Mal haben unsere Grafen entsprechende Beweise wie Rüstungen, Schilde und Banner gefunden und gesichert. Das konnte ich nicht länger dulden und habe die Heerschau befohlen. Sogar das Turnier in Steinburg fiel deshalb aus. Am 18. Juli waren die Truppen hier versammelt, am folgenden Tag sind wir aufgebrochen und waren am 21. in Wachtelberg. Weil das ein Samstag war, bestand Bischof Bartholomäus darauf, dass wir erst am Montag, den 23. den Krieg beginnen würden. Ich habe von Wachtelberg aus die schriftliche Kriegserklärung nach Stolzenfels geschickt. Dieses … dieses Raubgesindel hat Herold Walther ermordet! Einen Herold, das musst du dir einmal vorstellen! Kein christlicher Fürst würde Hand an einen Herold legen! Sie haben ihn im Sack verschnürt auf der wenglischen Seite der Brücke in Wachtelberg hingeworfen wie Unrat! Die Schnur am Sack war mit dem herzoglichen Siegel verschlossen! Und dazu ein höhnischer Brief, ich könne es ja mal versuchen, Scharfenburg anzugreifen. Das würde mir schlecht bekommen. Junge, ich habe Rot gesehen!“, keuchte Rudolf. „Ich … ich war so wütend, dass ich wie ein alttestamentarischer Patriarch mein Gewand zerrissen habe.“

Der König sah seinen Sohn an, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben war – aber auch Zweifel, weil er einfach nicht glauben konnte, was er hörte. Noch bevor er etwas sagen konnte, fuhr sein Vater fort:

„Ich schlage vor, du siehst dir an, was dein Freund Mathieu gesichert hat. Es ist alles im Archiv hier in der Steinburg.“

Der Prinz nickte.

„Ich bin im Archiv, Vater“, sagte er und eilte in den Felsenkeller unter der Burg. In einem Teil wurde der Staatsschatz sicher verwahrt. Im anderen Teil lagerten Abschriften aller wichtigen Dokumente, die der König oder der Kanzler in dessen Namen ausgestellt hatte, Korrespondenz mit den Grafen und den Fürsten der benachbarten Länder und in einem darin gesonderten Teil Nachweise einschneidender Ereignisse. König Philipp hatte diesen Sonderteil des Archivs persönlich eingerichtet und verfügt, dass nur ganz bestimmte Personen die Schlüssel zu diesem Teil des Archivs haben durften: der König und die Königin, der Thronfolger und … der Hofmagier, aber keinesfalls zum Beispiel der Kanzler. Es war dieselbe Personengruppe, die auch Zugang zu den Schriften des Dankwart von Doberheim hatte. Diese Schriften lagerten genau hier, im persönlichen Archiv des Königs.

Martin öffnete die Tür, die zum Sonderarchiv führte, entzündete die Lampen mit der mitgebrachten Laterne und schloss die Tür von innen wieder ab. Lange Zeit war es lebensgefährlich gewesen, sich über längere Zeit in diesem abgeschlossenen Raum aufzuhalten. Seit Martin sich häufiger in der Steinburg aufhielt und mit seinem erlernten handwerklichen Geschick Verbesserungen an der Burg selbst vornehmen konnte, hatte sich das geändert. Ein unscheinbarer Kamin sorgte für Frischluftzufuhr im königlichen Geheimarchiv, so dass längere Studien der archivierten Schriften und Gegenstände dort unten möglich waren.

Der Prinz sah mit ebenso großem Entsetzen auf die Dokumente wie sein Onkel Roland es einige Wochen zuvor getan hatte, als Rudolf seinem Schwager diese Dokumente im Thronsaal vorgelegt hatte. Er fand jedes Wort seines Vaters bestätigt. Scharfenburg hatte Wengland angegriffen! Es war eindeutig und obendrein mit Beutestücken belegt: Stolzenfelser Truppen waren aus Dunkelfels über den Aventur nach Karlsfeld eingedrungen, hatten drei Dörfer, die westlich der Hauptstadt Karlstedt lagen, niedergebrannt, die meisten wehrfähigen Männer dort umgebracht und die übrigen sowie die Frauen und Kinder verschleppt, hatten nach dem Protest des Königs Wachtelberg und schließlich Bauzenstein angegriffen, ohne dass Wengland dazu irgendwelchen Anlass gegeben hätte.

Das alles passte nicht zu dem, was er von Herzog Ludwig und Graf Alwin erfahren hatte.

‚Es gibt zwei Möglichkeiten, um diese Widersprüche aufzulösen‘, dachte er. ‚Entweder belügt mich einer von beiden. Dann ist es wahrscheinlich Ludwig, denn Vater hat handgreifliche Beweise für das was er sagt. Der Herzog hat mir so etwas nicht präsentiert. Oder jemand hat die Boten abgefangen. Aber … dann müsste auf scharfenburgischer Seite jemand mit den Wilzaren gemeinsame Sache machen. Nein, das ist unmöglich! Das traue ich ja nicht einmal Richard zu! Nein, das kann nicht sein. Aber ich will auch nicht glauben, dass mein künftiger Schwiegervater mich derart belügt. Was ist wahr? Ich weiß es nicht …‘

Der Prinz kehrte in den Thronsaal zurück und schüttelte den Kopf.

„Ich kann das nicht glauben, Vater! Ich will das nicht glauben!“, keuchte er.

„Nach dem, was dir selbst widerfahren ist, wundern mich deine Zweifel. Du wirst ohne Grund angegriffen und schwer verletzt, Herzog Ludwig hätte dich beinahe als Geisel missbraucht. Mathieu hat handfeste Beweise für die Verbrechen der Scharfenburger gesammelt. Welche Beweise brauchst du denn noch?“, fragte König Rudolf verständnislos.

„Ludwig räumt einen Angriff bei Wachtelberg ein, der nach seinen Worten Vergeltung für einen Angriff von Karlsfelder Kriegsknechten von Dunkelfels her war.“

„Unfug!“, versetzte Rudolf. „Nein, Ludwig wollte uns einen Denkzettel verpassen, weil ich sein Bündnisgesuch abgelehnt habe.“

„Und wieso hast du eine Bündnisanfrage eines christlichen Königs gegen einen Heiden abgelehnt?“, hakte Martin nach.

„Das musst du mich gerade fragen! Brichst den Kreuzzug aus nichtigen Gründen ab und wunderst dich, dass ich Ludwig nicht unterstütze!“, knurrte Rudolf. „Ich habe keine Ahnung, wer den Krieg eigentlich vom Zaun gebrochen hat. Mir war die Gefahr zu groß, den Falschen zu unterstützen. Und obendrein fehlten mir zweitausend meiner besten Männer! Die waren ja mit euch unterwegs!“

„Jetzt mach mir noch zum Vorwurf, dass du Onkel Roland und mich auf den Kreuzzug geschickt hast!“, grollte Martin. „Meinst du, wir ziehen mit jeweils hundert Rittern und Reisigen ins Heilige Land los? Und was heißt hier nichtige Gründe? Eine christliche Stadt anzugreifen, die angeblich irgendwelche Tributpflichten nicht erfüllt hat, war nicht, weshalb wir losgezogen sind! Das ist Sünde und ganz gewiss nicht nichtig!“

„Ihr seid euren ritterlichen Pflichten jedenfalls nicht nachgekommen. Dein Gelübde besteht weiterhin. Und wenn der Papst erneut zum Kreuzzug ruft, dann hast du diesem Ruf Folge zu leisten!“, entgegnete der König.

„Dank deinem Befehl war ich unterwegs, um das Heilige Land von Heiden zu befreien. Tatsache ist, dass nicht ein einziger Ritter dieses Kreuzzuges das Heilige Land überhaupt erreicht hat!“, wetterte der Prinz. „Das christliche Zara haben diese Frevler geplündert und nicht Jerusalem befreit! Du schickst uns los und machst uns noch Vorwürfe, dass wir nicht hier waren! Ja, sollen wir uns denn teilen?“

„Das ist kein Vorwurf, das ist eine Tatsache, mein Sohn! Ihr beide wart mit euren Leuten nicht hier. Ohne eure Ritter konnte ich Ludwig nicht unterstützen. Es war einfach nicht möglich“, präzisierte nun Rudolf seinerseits. Martin schnaufte tief.

„Gut, dann … dann bitte ich um Entschuldigung für das … das Missverständnis, Vater“, presste er heraus. Rudolf nickte.

„Gewährt, mein Sohn. Ich wollte warten, bis ihr zurück seid. Das habe ich Ludwig auch mitgeteilt. Und was macht er? Lässt Karlsfeld überfallen! Auf meinen Protest hat er meine Boten im Sack verschnürt zurückgeschickt – und dann kamen noch die Überfälle auf Wachtelberg und Bauzenstein. Wenn er das leugnet oder nicht erwähnt, dann ist er ein Lügner – und ich habe recht daran getan, Havarik zu unterstützen.“

Am selben Abend saß Martin in seinem Gemach in der Steinburg und schrieb zwei Briefe. Der erste war an Prinzessin Regina gerichtet.

 

Meine Liebste,

ich bin in Steinburg angekommen und zutiefst erschüttert über das, was mein Vater mir an Dokumenten vorgelegt hat. Es waren eure Männer, die ohne jeden Grund Karlsfeld angegriffen haben! Es war dein Vater, der Boten meines Vaters umbringen ließ und sie im Sack verschnürt zurückschicken ließ! Es waren eure Leute, die danach ebenso grundlos Wachtelberg und auch noch Bauzenstein überfielen und Wengländer umbrachten!

Was ist nur in deinen Vater gefahren? Hat er vergessen, wer er ist? Wieso benimmt er sich schlimmer als ein heidnischer Wilzare?

Nach allem, was ich hier zu hören bekommen habe, was mir an Beweisen vorgelegt wurde, ist mein Vater im Recht, wenn er an König Havariks Seite gegen euch kämpft und Wengland vor euren Horden zu schützen trachtet. Deshalb werde ich als sein Lehnsmann an seiner Seite stehen und dort für mein Land und mein Erbe kämpfen, wo mein Vater es verlangt.

Das ändert nichts an meiner Liebe zu dir. Du kannst nichts für die Verfehlungen deines Vaters. Mein Angebot an dich, meine Gemahlin zu werden, halte ich aufrecht. Wenn du es wünschst, hole ich dich mit genügend Rittern und Reisigen ab, um dich sicher nach Wengland zu geleiten – ganz gleich, von wo. Gib mir einen Treffpunkt und ich werde dort sein. Ebenso, wie ich mein Land beschütze, werde ich dich beschützen, mein Liebling.

In Liebe

Martin

 

Den zweiten Brief richtete der Prinz an den Mann, den er eigentlich als seinen Schwiegervater hatte schätzen und schützen wollen.

 

Hoheit,

ich bin entsetzt, über das, was ich hier in Steinburg über den Kriegsausbruch zwischen Euch und meinem Vater erfahren habe und durch greifbare Beweise belegt sehe. Wie konntet Ihr mich so belügen? Mich, der ich auch mit Eurem Einverständnis Euer Schwiegersohn werden wollte und sollte! Ich fasse es nicht!

Mein Vater ist nach dem, was ich hier erfahren habe, im Recht, wenn er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Euch kämpft. Ich habe es Euch schon in Falkenstein gesagt, und ich wiederhole es: 

Wenn mein Vater einen gerechten Krieg führt, werde ich als sein Sohn, sein Graf und Lehnsmann selbstverständlich an seiner Seite kämpfen, um Wengland vor allen Gefahren zu beschützen, die ihm drohen.

Gleichwohl betrachte ich mich nicht als Euren Feind, denn ich bin der Freund Eurer Söhne und der Verlobte Eurer holden Tochter. Ihr wisst, dass ich Regina von Herzen liebe und – fast – alles tun würde, um sie zu beschützen und ihr eine gute Zukunft zu bieten.

Um der Liebe willen zwischen Regina und mir bitte ich Euch, den Krieg gegen meinen Vater aufzugeben und zu erklären, dass Ihr kapituliert. Ich will mich bei meinem Vater dafür einsetzen, dass Ihr Euer Herzogtum behaltet und ohne schwere Strafe bleibt, wenn Ihr meiner Bitte Folge leistet.

Doch wenn Ihr Euch dazu nicht bereitfinden könnt, dann werde ich Euch und Eure Männer dort bekämpfen, wohin mein Vater mich senden wird. Meine Treue gilt Wengland. Ich bin nicht Euer Feind; ich will und ich werde es niemals sein. Doch wenn Ihr gegen Wengland Krieg führen wollt, dann habt Ihr in mir einen Gegner, der hart und entschlossen zuschlagen wird.

Der Krieg zwischen uns ändert nichts an meiner Werbung um Regina. Ich liebe sie von Herzen und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie meine Gemahlin wird und eines Tages Wenglands Thron mit mir teilt.

Martin

Prinz und Thronfolger des Königreichs Wengland

 

Als er die Briefe mit seinem Siegel verschloss, überlegte er, wen er der Gefahr aussetzen konnte, diese Dokumente zu transportieren. Ein Wengländer würde nur geringe Chancen haben, Scharfenburg wieder lebend zu verlassen, wenn er derartige Nachrichten überbrachte. Dann kam ihm eine andere Idee …

 

A A A

Kapitel 8

Botschaften

Er suchte die privaten Gemächer seines Vaters auf und klopfte an.

„Herein!“, hörte er durch die geschlossene Tür und trat ein.

„Martin?“, wunderte sich der König, als sein Sohn hereinkam.

„Verzeihung, dass ich dich störe, Vater. Ich habe an Ludwig und Regina geschrieben, dass ich über die Lügen entsetzt bin, die man mir dort aufgetischt hat und als dein Lehnsmann deinen Befehlen folgen werde. Aber wenn ich diese Briefe einem meiner Boten gebe, bin ich für dessen Tod verantwortlich …“

„Allerdings!“, schnaufte Rudolf und legte das Buch beiseite, in dem er gelesen hatte. „Und zu welchem Schluss bist du gekommen, mein Sohn?“

„Haben wir gefangene Scharfenburger hier?“, fragte der Prinz.

„Ja, wieso?“

„Dann bitte ich dich, dass ich einen davon mit diesen Botschaften nach Scharfenburg senden darf“, bat der junge Mann. „Einem ihrer eigenen Leute werden sie nichts tun – und wir können auch noch Großmut beweisen, indem wir ihn gehen lassen.“

Rudolf lächelte sanft.

„So spricht ein wahrer künftiger König!“, lobte er die Idee seines Sohnes. „Ja, such dir unter den Gefangenen einen, der bereit ist, deine Botschaften mitzunehmen. Ich empfehle dir, einen der Stolzenfelser dafür auszuwählen.“

„Wo finde ich die Gefangenen?“

„Weil du nicht hier warst, habe ich mir erlaubt, sie in deinem Grafensitz einzukerkern. Sie sind im Siebensteinforst.“

Martin schluckte trocken. Sein Grafensitz im Siebensteinforst war der Vierseithof, in dem sein Vater die Familie Ibelin und ihre Begleiter einquartiert hatte, als sie in Wengland um Asyl gebeten hatten. In den vergangenen sieben Jahren war der Hof umgebaut und erweitert worden, war zu einem wirklich großzügigen Adelssitz umgestaltet worden – aber als Kerker eignete er sich nur sehr bedingt …

Früh am folgenden Morgen machte sich der Prinz auf den Weg in den Siebensteinforst. Eine ungute Ahnung riet ihm, sich darauf einzurichten, nicht die Bequemlichkeit vorzufinden, die er beim Umbau veranlasst hatte. Gegen Mittag erreichte er sein neues Heim. Was er vorfand, schien seine Befürchtungen zu bestätigen. Der gesamte Komplex – ein Quadrat von zwanzig mal zwanzig Klaftern Außenmaß – war von einem Dutzend schwerbewaffneter Mannen bewacht, die unablässig um die Außenmauern patrouillierten. An den dunkelgrünen Wappenröcken mit einer einzelnen gelben Lilie auf der Mitte der Brust erkannte Martin die Wächter als Herwigsgardisten – Leibwächter des Königs. Als er auf das Tor zu ritt, stoppten ihn gleich vier der Posten mit Lanzen.

„Halt! Wer seid Ihr und was habt Ihr hier zu suchen?“, fragte der Anführer, dessen Wappenrock eine rote Umrandung hatte.

„Ich bin hier der Hausherr, der Graf von Steinburg – und ganz nebenbei der ältere Sohn unseres Königs“, versetzte Martin mit verhaltenem Grollen. Sein eigener Wappenrock wies ihn bereits als Graf von Steinburg und damit als Thronfolger aus, ebenso sein Schild.

„Ihr habt gewiss einen Siegelring, Mylord“, entgegnete der Anführer. „Zeigt ihn mir!“

Mit zusammengebissenen Zähnen zog Martin den linken Handschuh aus und präsentierte dem Mann den Ring, der eine einzelne Lilie zeigte.

„Verzeiht, Mylord!“, bat der Anführer erschrocken um Entschuldigung. „Willkommen zu Hause, mein Prinz!“

„Ihr seid der Anführer?“, fragte Martin.

„Ja, Mylord.“

„Euer Name?“

„Rimbert von Klotzenport“, antwortete der Hauptmann. Der Prinz nickte.

„Wie lange seid Ihr der Hauptmann der Herwigsgarde?“, fragte er.

„Drei Monate, mein Prinz.“

„Gut, dann können wir uns nicht kennen. Mein Vater sagte mir, dass hier in meinem Grafensitz die gefangenen Scharfenburger sind. So, wie Ihr dieses Haus bewacht, scheint es mir in Gänze ein Kerker zu sein. Wo also darf ich heute Abend mein müdes Haupt zur Ruhe legen?“

„Folgt mir, Mylord!“, erwiderte Rimbert und winkte dem Prinzen. Martin trieb Rufus wieder an und ließ ihn dem Hauptmann im Schritt in den Hof folgen. Dort hielt der Gardist das Pferd am Halfter, damit Martin absteigen konnte und winkte einem anderen Gardisten, der den Hengst in den Stall brachte.

„Kommt!“, sagte Rimbert und führte den eigentlichen Hausherrn in die Herrenwohnung im Parterre des gleich links neben dem Tor gelegenen Haus. Martin hatte den Hof nach dem Vorbild des Herrenhauses in Ibelin gestalten lassen. Seinem Onkel und seiner Tante hatte die fertige Anlage Tränen in die Augen getrieben, so sehr ähnelte Martins Grafensitz dem ehemaligen Heim der Familie Ibelin im Heiligen Land. Der Besuch dort hatte einen nachhaltigen Eindruck bei dem Prinzen hinterlassen.

„Eure Privatgemächer haben wir natürlich nicht angetastet, mein Prinz“, sagte Rimbert. Martin nickte.

„Und wo sind die Gefangenen?“, fragte er. Der Hauptmann wies auf den massigen Turm, der eine der Neuerungen gegenüber dem ursprünglichen Vierseithof war und im Zuge der Erweiterung die Ecke zwischen dem eigentlichen Herrenhaus und dem Nordhaus bildete.

„Führt mich zu ihnen!“, wies Martin Rimbert an. Zögernd nickte der Hauptmann und lotste den Prinzen in ein wahres Labyrinth im Turm.

„Wir mussten uns etwas einfallen lassen, um die ständigen Ausbruchsversuche zu unterbinden. Verliert auf keinen Fall dies hier aus den Augen, mein Prinz“, sagte Rimbert und wies auf einen ziemlich weit oben an den Wänden angebrachten Kreis mit einem Dreieck, das den Weg zum Ausgang zeigte. Man musste in den gut eineinhalb Klafter hohen Gängen den Kopf sehr weit in den Nacken legen, um dieses Zeichen zu sehen. Wer darauf achten wollte, konnte sich nicht mit Gegnern beschäftigen, die auf normaler Augenhöhe waren …

„Ausbruchsversuche?“, hakte Martin nach.

„Ja, besonders Ritter Raimund lässt nicht locker. Mal sehen, was er jetzt wieder ausgehebelt hat …“

Sie kamen um die letzte Ecke vor der Zelle. Schon zwei Ecken weiter vorn hatte Martin Geräusche gehört, die auf einen Ringkampf schließen ließen. Wie Recht er mit seiner Vermutung hatte, bemerkte er, als sie in den kurzen Flur zu dessen Zelle einbogen und Raimund nur von drei Männern halbwegs im Zaum gehalten werden konnte.

„Ich habe es Euch schon gesagt, Raimund: Dieses Mal gibt es kein Pardon mehr!“, fuhr Rimbert den Gefangenen an.

„Ich habe es Euch schon mehrfach gesagt: Mich haltet Ihr hier nur als Leiche fest – und selbst das schließt meine Seele nicht ein!“, knurrte Raimund zurück. Rimbert holte aus und wollte Raimund schlagen, aber Martin hinderte ihn.

„Ihr wollt nach Scharfenburg zurück?“, fragte er. Der Gefangene sah ihn verstört an.

„Ja, wohin denn sonst, Grünschnabel?“

„Woher kommt Ihr genau?“

„Was geht dich das an?“, fauchte Raimund ihn an.

„Eben so viel wie Euch selbst“, versetzte der Prinz. „Ich möchte eine Botschaft an Herzog Ludwig senden und eine an die Prinzessin Regina. Nach allem, was ich erfahren habe, wäre es eher … unklug … einen unserer Herolde damit zu beauftragen, da Scharfenburg sich nicht scheut, die Unverletzlichkeit von Herolden zu missachten …“

„Fass dich an die eigene Nase, Grünschnabel …“, fuhr Raimund ihn an, die Posten brachten ihn gewaltsam zum Schweigen, aber Martin winkte ab, was die Männer veranlasste, den Griff etwas zu lockern. Raimund nahm das als Einladung, einen neuen Versuch zu machen, sich der Gefangenschaft zu entziehen. Erneut griffen die Posten hart zu und zwangen ihn schließlich zu Boden.

„Wenn Ihr Euch entschließen könntet, mir erst einmal zuzuhören, dann könntet Ihr innerhalb der nächsten Stunde auf dem Weg nach Scharfenburg sein“, versetzte der Prinz ungerührt. Raimund ließ in der Rangelei nach.

„Was?“

„Klingt schon besser“, grinste Martin. „Seid Ihr bereit, eine Botschaft zum Herzog und zur Prinzessin zu bringen?“

„Und welchen Preis verlangt Ihr dafür?“

„Nicht mehr als dass Ihr auf dem schnellsten Weg nach Stolzenfels reitet und diese Botschaften überbringt. Eure Waffen und Eure Rüstung bleiben bis zur Beendigung des Krieges hier. Ihr erhaltet sie zurück, wenn wir Frieden geschlossen haben“, erklärte der Prinz.

„Wer seid Ihr?“, fragte Raimund, der nicht glauben wollte, was er hörte.

„Ich bin Martin von Wengland.“

„Was für eine Lüge! Der ist auf dem Kreuzzug!“, widersprach der Gefangene. Martin seufzte.

„Ich bin Euch keine Rechenschaft schuldig, weshalb ich schon wieder hier bin“, knurrte er. „Aber dies hier ist mein Haus, auch wenn mein Vater es, ohne mich großartig zu fragen, als Kerker missbraucht hat. Ich biete Euch Freiheit, Raimund, und eine Begleitung bis zur Grenze, damit Euch in Wengland kein Leid geschieht. Befördert Ihr meine Botschaften?“

„Was beinhalten sie?“

„Das, mein Freund, geht nur den etwas an, der Empfänger der Botschaften ist“, entgegnete Martin kühl. „Ein Herold erfährt auch nicht, was in einer versiegelten Botschaft steht.“

„Und … wenn ich das nicht will?“

„Dann bleibt Ihr hier und ich suche mir einen anderen, der meine Briefe befördert“, entgegnete der Prinz. „Und wenn Ihr so weiter macht wie bisher, kann ich die Posten verstehen, dass sie Euch den Hals langziehen möchten.“

„Ich bin ein Ritter Scharfenburgs! Es ist meine Pflicht, meinen Feinden das Leben so schwer wie möglich zu machen!“

„Als Ritter ist es Eure Pflicht, Eurem Lehnsherrn zu dienen, wahrhaftig, aufrecht und furchtlos zu sein, Schwache zu schützen und kein Unrecht zu tun“, versetzte Martin. „Das beinhaltet nicht, andere über Gebühr zu ärgern. Also … überbringt Ihr meine Briefe oder nicht?“

Raimund gab seine Zweifel auf. Besser konnte er nicht aus wenglischer Gefangenschaft freikommen.

„Ja“, sagte er. „Aber ich werde kein Versprechen abgeben, Euch nicht mehr zu bekämpfen!“

„Das habe ich auch nicht von Euch verlangt“, entgegnete Martin.

„Erwartet Ihr etwa Gnade, wenn Ihr mir in die Hände fallt?“, hakte Raimund nach, den ob der Nachgiebigkeit des Prinzen prompt der Hafer stach.

„Es wäre schön, wenn Ihr Euch der ritterlichen Tugenden erinnertet, falls es mein Schicksal sein sollte, erneut in scharfenburgische Gefangenschaft zu geraten. Ich werde meine Gefangenen jedenfalls anständig behandeln“, versetzte Martin.

„Davon habe ich hier nicht viel gespürt“, knurrte Raimund.

„Eine anständige Behandlung bedeutet nach meinem Verständnis, dass Gefangene ein Dach über dem Kopf haben, ebenso gut verpflegt werden wie meine eigenen Leute, dass Verwundete eine ordnungsgemäße Versorgung ihrer Wunden erhalten. Wenn das bisher in Eurem Fall nicht so war, ist es nicht meine Schuld. Ich weiß seit gestern Abend, dass in diesem Haus Gefangene sind. Und ich bin gerade zwei Tage wieder in Steinburg. Insofern habe ich Eure bisherige Behandlung nicht zu verantworten. Wenn Euch das dazu veranlasst, gefangene Wengländer unwürdig zu behandeln, ihnen also dies bewusst zu verweigern, weil sie Wengländer sind, dann wird Euch das irgendwann auf die Füße fallen“, grollte Martin.

„Ihr wollt also Krieg. Ich werde nicht ruhen, bis Ihr tot seid!“, drohte Raimund.

„Was Euch zu einer solchen Auffassung gelangen lässt, ist mir rätselhaft“, fuhr Martin ihn an. „Nach allem, was ich erfahren habe und was mir durch Beutestücke belegt wurde, hat Euer Herzog nicht locker gelassen in seinen Provokationen. Wir haben Krieg, weil Ihr ihn provoziert habt. Mir ist an Frieden gelegen – aber ganz gewiss nicht an einen, für den mein Vater auf die Knie fallen müsste.“

„Zu dumm – genau den Frieden stelle ich mir vor“, grinste Raimund freudlos. „Dass Euer Vater samt Eurer Wenigkeit vor meinem Herzog im Staub liegt und um Gnade winselt, die er ihm nicht gewähren wird.“

„Und wieso?“, fragte Martin, der den Schrecken über diese Meinung nur schwer verbergen konnte.

„Weil Ihr Euch mit Heiden zusammengetan habt, um ein christliches Reich zu plündern. Kein Wunder, dass Ihr Euer Gelübde zum Kreuzzug gebrochen habt! Ihr gehört exkommuniziert und als Ketzer bestraft!“, versetzte Raimund wütend. „Ich werde Euch keine Gnade gewähren, solltet Ihr mir in die Hände fallen, das verspreche ich Euch!“

„Wenn Ihr es als Erfüllung meines Gelübdes betrachtet, statt Jerusalem zu befreien, die christliche Stadt Zara zu belagern, weil es Venedig gerade passt, seid Ihr gewiss kein besserer Christ als ich es bin“, entgegnete der Prinz mit erzwungener Kühle. Er spürte, dass er zornig wurde. „Ich gebe Euch den guten Rat, mich nicht davon abzubringen, einen für beide Seiten annehmbaren Frieden erreichen zu wollen.“

„Ich will keinen Frieden mit Euch! Ich will Euch bekämpfen, wo es nur geht!“, zischte Raimund.

„Dann betet, dass wir uns nicht im Kampf begegnen, Raimund“, versetzte Martin mit verhaltenem Zorn. „Eure Drohungen und haltlosen Beschuldigungen sind nicht dazu angetan, Euch ein zweites Mal zu schonen.“

„Kämpft nicht mit Worten, Ihr feiger Hund! Kämpft mit dem Schwert gegen mich!“, forderte Raimund.

„Dann ist mein Vater wirklich im Recht, wenn Ihr nicht aufhört, mich zum Kampf provozieren zu wollen, obwohl ich Euch ohne weitere Bedingungen die Freiheit geben will“, knurrte der Prinz.

„Ohne Bedingungen? Meine Waffen wollt Ihr behalten, ich darf nicht frei reisen, und ich soll für Euch den Boten spielen!“, schrie Raimund.

„So, wie Ihr Euch äußert, sehe ich wirklich keinen Grund, Euch Eure Waffen zurückzugeben“, erwiderte Martin. „Schlaft Euch noch einmal aus. Der Tag beginnt früh – und Eure Begleiter werden dafür Sorge tragen, dass Ihr nicht in Versuchung geratet, noch auf wenglischem Boden um Euch zu schlagen. Was Ihr tut, wenn Ihr dem Herzog und der Prinzessin die Botschaften ausgehändigt habt, interessiert mich einstweilen nicht.“

Er drehte sich um und wandte sich an Rimbert:

„Sucht so viele Männer aus, wie Ihr meint, dass sie nötig sind, um Herrn Raimund zur Grenze zu eskortieren, ohne dass er Gelegenheit hat, sie umzubringen. Wenn nötig, knebelt ihn, damit er keinen mit Worten provoziert. Ich möchte, dass die Botschaften ankommen.“

„Wie Ihr wünscht, mein Prinz“, erwiderte der Hauptmann und verbeugte sich.

„Feiger Hund!“, fuhr Raimund den jungen Mann an, der sich abgewandt hatte, um den Turm zu verlassen.

„Es ist leicht, mutig zu sein, wenn man weiß, dass einem nichts passieren kann“, sagte Martin, ohne sich zu Raimund zu wenden. Erst dann drehte er sich wieder um. „Ich werde mich nicht an einem Waffenlosen vergreifen, aber ich werde mich jetzt auch nicht auf einen bewaffneten Zweikampf einlassen. Ihr wollt mir Euren Namen nicht nennen, doch Ihr habt eine ähnlich unverschämte Art wie Richard von Rebmark. Das bringt mich zu dem Schluss, dass Ihr Raimund von Löwenstein seid.“

Der Gefangene zuckte zusammen. Martin nahm das als Eingeständnis, dass er ins Schwarze getroffen hatte.

„Euer Gesicht kenne ich nicht. Raimund von Löwenstein hat es bei den Turnieren nie gezeigt, weil er stets einen Topfhelm trug. Wenn Ihr dieser Raimund seid, bin ich Euch schon begegnet und habe Euch beim Turnier im Schwertkampf besiegt.“

„Im Turnier! Da lachen doch die Hühner! Das ist kein Kampf, das ist ein Spiel für Kinder!“, höhnte Raimund.

„Ist das so?“, fragte Martin spöttisch. „Dann ist es erstaunlich, dass Ihr dieses Kinderspiel gegen mich nie gewonnen habt. Und denkt nicht, ich würde glauben, dass Ihr mich habt gewinnen lassen. Dazu wäre jemand aus der Familie de Lusignan nicht fähig – ganz besonders nicht gegen jemand, der mit der Familie Ibelin verwandt ist. Bringt ihn in die Zelle zurück!“

 

A A A

Kapitel 9

Absichten

Herzog Ludwig verkrampfte sich in die Armlehnen seines Thronsitzes, als sein Schreiber ihm Martins Botschaft in Anwesenheit der meisten Grafen seines Landes vorlas.

„Dieser … undankbare … Schuft!“, keuchte er.

„Ich habe Euch gewarnt, Mylord“, bemerkte Richard. „Es war doch klar, dass von einem Wengländer nichts anderes zu erwarten war.“

„Ja, Ihr hattet Recht“, räumte der Herzog ein. „Aber den Fehler mache ich kein zweites Mal. Verbreitet es in meinem ganzen Herzogtum: Sollte Prinz Martin von Wengland in die Hände meiner Ritter fallen, ist ihm kein Pardon zu geben! Ich will, dass er auf der Stelle hingerichtet wird, wenn wir seiner habhaft werden!“

„Vater: nein!“, beschwor Heinrich ihn. „Das ist nicht Recht! Martin ist ein königlicher Prinz!“

„Schweig! Das ist meine Entscheidung!“, fuhr Ludwig seinen älteren Sohn an. Heinrich schüttelte den Kopf.

„Denk‘ bitte einen Schritt weiter, Vater. Was glaubst du, was passiert, wenn du Martin töten lässt und Simon oder ich oder einer unserer Grafen in wenglische Gefangenschaft geraten? Glaubst du ernsthaft, dass Rudolf nicht mit gleicher Münze zurückzahlt? Kein Scharfenburger hätte auch nur den Funken einer Überlebenschance, wenn du Martin als Gefangenen hinrichten lässt!“, warnte er.

„Rudolf muss das nicht erfahren, mein Prinz. Wir haben Krieg. Wenn Martin selbst kämpft, kann er fallen. Das wäre kein Grund für Rudolf, Euch, Euren Bruder oder einen von uns zu töten, geriete er in Gefangenschaft. Dafür sind die Wengländer viel zu weichherzig und zu feige“, gab Markgraf Richard zu bedenken.

„Danke, dass Ihr mich auf Martins Verhalten hinweist, Markgraf“, sagte Heinrich. „Martin lässt Euren Vetter laufen. Er hat nicht einmal Lösegeld verlangt!“

„Ist doch nicht unser Problem, wenn die Wengländer zu dumm zum Krieg führen sind!“, lachte Raimund. „Martin ist einfach feige. Er hat auf keine Provokation reagiert. So handelt kein Mann!“

„Ah ja. Er hat Euch laufen lassen. Ihr steht uns damit wieder als Kämpfer und Heerführer zur Verfügung, Raimund. Wenn das feige ist, bin ich ein Priester! Ich kenne meinen Freund Martin. Ja, er hat – wie wir alle – vor diesem Krieg nur in Turnieren gekämpft. Doch ich schwöre Euch: Wenn es zum Kampf auf Leben und Tod kommt, weiß er so gut wie Ihr, dass es dabei nur eine Regel gibt: überleben, egal wie, und den Gegner kampfunfähig machen, auch egal wie. Wenn Ihr einen ernsthaften Kampf gegen Martin überlebt, dürft Ihr Euch glücklich schätzen, denn er wird Euch nichts schenken.“

„Er hat mich laufen lassen, weil er einen Boten brauchte und sich nicht getraut hat, einen seiner eigenen Männer zu senden. Er behauptete, wir würden uns nicht scheuen, Herolde umzubringen. Da schließt er wohl von sich auf andere!“, versetzte Raimund.

„Ist das so?“, fragte Heinrich bissig. „Wie sind wir dann dazu gekommen, Martins Boten zu töten, wie in dem angeblichen Brief meines Onkels ja vorgetragen wird?“

„Der Brief wurde inzwischen ja als Fälschung erkannt, Hoheit“, wehrte Raimund ab.

„Es gibt Martins Brief an Regina, es gibt einen anderen Brief an sie, der sie nach Falkenstein lockte. Und es gibt einen Brief, der Martin nach Dominiksburg geschickt wurde …“, setzte der Prinz an.

„Heinrich, es reicht!“, fuhr Ludwig dazwischen.

„Nein, Vater! Es sollte endlich geklärt werden, wie es kommt, dass nicht nur Martin in diese perfide Falle gelockt wurde, sondern auch Regina. Es war purer Zufall, dass Martin noch rechtzeitig kam, um Regina und Sophie vor den Wilzaren zu retten.“

„Das müssen Wilzaren gewesen sein!“, warf Richard ein. „Die wollten gewiss Geiseln haben!“

„Und … wieso … sollten Wilzaren, die ja mit Rudolf gegen uns verbündet sind, gegen Martin intrigieren?“, hakte Heinrich nach.

„Kann ich wilzarische Gedanken lesen? Vielleicht wollten sie ihn als Druckmittel haben, damit Rudolf nicht auf dumme Gedanken kommt“, mutmaßte Richard schulterzuckend.

„Und Wilzaren haben das Petschaft mit dem großen Siegel Falkensteins? Wie sollten sie wohl daran gekommen sein?“, bohrte Heinrich unnachgiebig weiter.

„Keine Ahnung“, antwortete der Markgraf.

„Dann denkt darüber nach, bevor Ihr solche Vermutungen äußert, Markgraf!“, wies Heinrich ihn zurecht.

„Es ist jetzt genug, Heinrich! Wir lassen das jetzt! Schluss!“, fuhr der Herzog erneut dazwischen. „Ich erwarte von meinem Sohn, dass er mir gehorcht!“

Heinrich versteifte sich. Er sah ein, dass er hier im Moment nicht weiterkam.

„Wie du wünschst“, sagte er und verbeugte sich vor seinem Vater.

„Schreiber: Du schreibst meine Entscheidung zu Martin nieder und lässt sie in der Kanzlei noch heute kopieren. Jeder meiner Grafen soll eine Kopie erhalten. Und ich erwarte, dass mir jeder einzelne bestätigt, diesen Befehl auszuführen!“, wies Ludwig den Schreiber an, der sich gehorsam verbeugte. Heinrich sah seinen Bruder an, der mit ebenso entsetztem Gesicht die Diskussion verfolgte.

Sehr viel später saßen die drei Geschwister zusammen in Reginas Kemenate.

„Da stimmt doch etwas nicht!“, sagte Heinrich.

„Wenn du die Tatsache meinst, dass Boten nur mit ganz bestimmten Nachrichten ihr Ziel erreichen, stimme ich dir zu, Bruder“, bemerkte Simon. „Martin hat gut daran getan, einen Gefangenen seine Nachrichten transportieren zu lassen. So wissen wir jedenfalls aus dem Brief an Regina, was die Wengländer von uns annehmen. Wer könnte die wenglischen Boten umgebracht haben?“

„Jedenfalls jemand, der Interesse daran hat, dass Botschaften aus Wengland hier nicht ankommen – oder nur solche, deren Inhalt ihm oder ihnen genehm ist. Möglicherweise dieselben, die auch unsere Boten umgebracht haben“, mutmaßte Regina. Heinrich stand auf und begann eine Wanderung durch die großzügige Kemenate.

„Mal überlegen … Martins Bote wurde getötet. Der, der ihn umgebracht hat, hat den Brief gelesen und als Möglichkeit erkannt, ihn gefangen zu nehmen. Ist der Mann bei Onkel Alwin begraben?“, sinnierte er halblaut.

Regina schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber wenn du mich fragst, wer dahinter stecken könnte, fiele mir als Erster Richard von Rebmark ein.“

„Mit dem Verdacht rennst du bei Heinrich und mir ein offenes Burgtor ein. Aber wir müssen einen wirklichen Beweis haben. Wir werden den Verräter nur finden, wenn wir ihm selbst eine Falle stellen“, sinnierte Simon. „Aber wir brauchen dazu Vater. Nur, wenn er laut verkündet, dass er Rudolf eine Nachricht mit einem Inhalt schickt, der den oder die Verräter zum Abfangen veranlassen könnte, können wir den, der hinter den Botenmorden steckt, entlarven.“

„Die Frage ist nur: Wen setzen wir der Gefahr aus?“, zweifelte Heinrich.

„Ich schlage keine Verrücktheiten vor, die ich nicht selber machen würde“, erwiderte Simon.

„Vater würde da nicht mitmachen!“, warnte Regina.

„Er wird erst erfahren, wer der Bote war, wenn wir den Verräter haben“, beruhigte Simon seine Schwester. „Heinrich, was hältst du davon, wenn deine Waldläufer mich unauffällig schützen?“

Der Thronfolger grinste über das ganze Gesicht.

„Du bist ein ganz Durchtriebener. Ich rede mit Vater.“

„Heinrich, was soll das?“, schnaufte der Herzog, als Heinrich ihm in seinen Privatgemächern seine Absicht dargelegt hatte, den Brieffälscher durch eine fingierte Botschaft aus seinem Versteck zu locken.

„Den zu entlarven, der diesen Krieg ausgelöst hat“, erwiderte Heinrich. Der Herzog sah seinen älteren Sohn verstört an.

„Es ist doch völlig klar, dass es nur Rudolf sein kann!“, knurrte er.

„Du hast mit Martin gesprochen, Vater … nein, lass mich bitte ausreden!“, bremste er, als sein Vater ihm mit einer unwirschen Handbewegung das Wort abschneiden wollte. „Du hast mit Martin gesprochen, er hat mit dem Kriegsausbruch ganz gewiss nichts zu tun, er hat dir zugesagt, zu prüfen, was in Wengland bekannt ist. Er hat im Brief an Regina geschrieben, dass wenglische Boten umgebracht und in Säcken verschnürt zurückgeschickt wurden. Ich finde es mindestens interessant, dass Rudolfs Boten in gleicher Art und Weise beseitigt wurden wie unsere, die du nach Wengland geschickt hast. Vater: Es gibt jemanden, der einen Kontakt zwischen dir und Rudolf verhindern will – oder jedenfalls verhindern will, dass bestimmte Botschaften ihren Empfänger erreichen.“

„Wie meinst du das?“

„Nun, es kommen offensichtlich nur solche Botschaften durch, die Inhalte haben, welche den Krieg eher befeuern als dass sie zum Frieden führen könnten. Denn gerade die Boten wurden ermordet, die deine Bitte um direkte Gespräche auf der Alvedrainsel überbringen sollten. Ich wette, dass es umgekehrt ebenso ist. Es hat dich gegenüber Rudolf richtig wütend gemacht, dass er ohne Kriegserklärung angegriffen hat. Ich schwöre dir: Er hat sie geschickt, vielleicht auch eine Bitte um Gespräche, nur wurden seine Boten eben abgefangen. Dem, der das getan hat, war klar, dass es größtmöglichen Zorn bei dir auslösen würde, wenn wir ohne Kriegserklärung attackiert würden. Also musste sie verschwinden. Es war eine kluge Idee von Martin, einen Gefangenen von einiger Bedeutung mit seinen Botschaften zurückzuschicken. Damit konnte er sicherstellen, dass ihm hier nichts geschieht – und dass die Botschaften auch noch verschlossen ihr Ziel erreichen. Raimund hätte sie nicht öffnen können, ohne eine vernünftige Begründung dafür zu liefern. Die hatte er nicht. Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass der Bote, den Martin von Dominiksburg her gesandt hat, von uns umgebracht wurde. Und er ist nicht der Einzige gewesen, wie er schreibt. Ihm wurde nach dem Tod seines Boten weisgemacht, dass der einen Unfall hatte, Regina gegenüber ein angebliches Versehen vorgetragen. Das war kein Versehen, Vater, das war Absicht! Rudolfs Boten sind ebenso wie unsere als Herolde erkennbar. Wenn der, den Martin geschickt hat, umgebracht wurde, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch andere Boten aus Wengland umgebracht wurden. Derjenige, der diesen Boten hat abfangen lassen, konnte die Befürchtung haben, dass Rudolf eine Friedensbotschaft sendet. Erst, als er diese Botschaft gelesen hatte, die nicht für ihn bestimmt war, konnte er Martin überhaupt diese gemeine Falle stellen. Also hat er diese Botschaft durchgelassen – mit einem gefälschten Siegel und einer Geschichte, die unseren Oheim Alwin als Verräter brandmarken sollte. Ich weiß, dass Richard eine Zeit lang für Onkel Alwin die Regierungsgeschäfte geführt hat. Damit hatte er auch Zugriff auf dessen Grafschaftssiegel …“

„Wieso sollte Richard das tun? Welche Gründe könnte er haben?“, unterbrach Ludwig seinen Sohn.

„Vater, ich weiß nicht, ob es dir klar ist, aber wenn Alwin ohne Erben stirbt, bist nicht mehr du Herzog von Scharfenburg, sondern Richard! Das ist sein Grund, Alwin in den Verdacht zu bringen, Verrat zu üben!“, rief Heinrich. „Du weißt, dass er dich nach Strich und Faden belogen hat, als es um Regina ging, die ebenfalls als Verräterin präsentiert werden sollte. Du weißt, dass er das Turnier um Reginas Hand manipuliert hat. Du hast damals auf eine nähere Untersuchung der Angelegenheit verzichtet, weil du meintest, ihn als Grafen der zweitgrößten und am besten geschützten Provinz nicht entbehren zu können. Nur der Krieg erhält ihm letztlich seinen Status und deine Gnade. Deshalb hat er auch ein Interesse daran, dass der Krieg mindestens weitergeht. Friedensbotschaften oder Gesprächsangebote von Rudolf würden ihm gar nicht gefallen. Denn sofern Frieden ist, muss er fürchten, dass seine Intrigen ihn selber treffen.“

„Heinrich, wir wissen nicht, ob es wirklich Richard war!“, gab der Herzog zu bedenken.

„Das ist richtig. Und deshalb brauche ich deine Hilfe. Ich bitte dich, vor unseren versammelten Grafen zu äußern, dass du – um herzogliche Großmut zu zeigen – Rudolf nochmals ein Friedensangebot machen willst. Ein Freiwilliger, den ich schon habe, wird die Botschaft transportieren. Und ich werde ihn mit den Waldläufern schützen – unauffällig, natürlich. Wird er auf unserem Boden überfallen, gibt es hier wirklich jemanden, der einen möglichen Frieden hintertreiben will.“

„Und … wenn es nicht so ist? Wollt ihr ihn denn auch in Wengland eskortieren?“

„Ja. Sollte er dort angegriffen werden, habe ich den Beweis, dass Rudolf falsch spielt. Dann werde ich es wie Martin machen und einen Gefangenen nach Wengland schicken, um ihn in Kenntnis zu setzen, dass er auf Lügen hereingefallen ist“, erklärte Heinrich.

„Und du glaubst, er wird dir das abnehmen?“, fragte Ludwig spöttisch.

„Ja, denn ich werde ihm dann mitteilen, was ich unternommen habe, um die Wahrheit herauszufinden. Und außerdem … glaube ich, dass mein Freund Martin ebenso wie ich weiter nach der Wahrheit sucht“, sagte Heinrich.

„Und … wenn die Nachricht zu Rudolf durchkommt? Wenn er … dich und Simon gefangen nehmen lässt? Hoffst du auf Martins Hilfe? Er kann dir so wenig helfen wie du ihm hier hättest helfen können“, gab Ludwig zu bedenken.

„Wenn wir durchkommen sollten und Rudolf das Angebot liest, wird er uns hoffentlich auch sprechen lassen. Dann können wir ihm direkt erklären, dass wir für die Überfälle, die Martin erwähnt, nicht verantwortlich sind.“

„Er hat Beweise, wie Martin schreibt. Wie willst du ihn vom Gegenteil überzeugen?“

„Der erste Überfall soll in Karlsfeld erfolgt sein. Karlsfeld gehört zu den Grafschaften Wenglands, die mit uns keine gemeinsame Grenze am Alvedra haben. Dafür hat es eine gemeinsame Grenze am Aventur mit Dunkelfels, das schon 1199 von den Wilzaren erobert wurde und seitdem fest in ihrer Hand ist. Die Dunkelfelser, die nicht von den Wilzaren umgebracht wurden, sind über den Alvedra nach Thannburg, Tannwald und Kreuzburg geflohen. Es gibt südlich des Alvedra keine Scharfenburger mehr. Und den Wilzaren traue ich zu, dass sie ihre Leute in unsere Rüstungen stecken, um damit einen Überfall uns in die Stiefel zu schieben. Wenn man uns die Banner zeigt, die erbeutet wurden, werden wir aufklären können, was geschehen ist“, erklärte Heinrich. Der Herzog sah seinen Sohn eine Weile an.

„Ich werde darüber nachdenken. Lass mich jetzt allein, mein Sohn!“, sagte er schließlich. Heinrich nickte gleichfalls, wenn auch enttäuscht, dass er nicht schon die Zustimmung seines Vaters hatte. Er verbeugte sich und verließ die Gemächer seines Vaters.

Ludwig begann eine unruhige Wanderung, als sein Sohn fort war. War es angebracht, tatsächlich ein Friedensangebot nach Wengland zu schicken? Nach einer guten Stunde unruhiger Wanderung traf er seine Entscheidung.

Am folgenden Tag ließ der Herzog seine Grafen und Barone, soweit sie in Stolzenfels waren, in den Thronsaal rufen.

„Mylords, ich habe gestern vielleicht etwas voreilig eine Entscheidung getroffen, die – wenn sie einmal ausgeführt ist – nicht wieder rückgängig zu machen ist und die Scharfenburg mit schwerer Schuld beladen würde“, begann er.

„Was meint Ihr, Hoheit?“, erkundigte sich Graf Volker.

„Ich meine die Hinrichtungsanweisung zu Martin von Wengland. Es ist eine Tatsache, dass der Junge für den Krieg nicht verantwortlich ist. Wir sind der Meinung, die Wengländer haben den Krieg angefangen – aber das glaubt Rudolf auch von uns. Vielleicht ist es besser, wenn ich mit ihm direkt rede. Ich werde ihm direkte Verhandlungen zwischen uns beiden anbieten“, erklärte der Herzog.

„Mylord, denkt daran, was geschehen ist, als Ihr das letzte Mal eine solche Botschaft geschickt habt!“, erinnerte Richard erschrocken.

„Ja, die Boten wurden umgebracht“, bestätigte Ludwig. „Aber von wem?“

„Wengländer oder Wilzaren natürlich!“, platzte Raimund heraus.

„Ich habe einen Freiwilligen finden können, der meine Botschaft noch heute nach Steinburg bringen wird“, beharrte Ludwig.

„Und was wird, wenn auch dieser Bote umgebracht wird, bevor er sein Ziel erreicht?“, hakte Fridolin von Rossensee nach. Ludwig lächelte nachsichtig.

„Dann weiß ich, woran ich bin – in jeder Hinsicht, Graf Fridolin!“

„Wollt Ihr uns das näher erläutern, mein Herzog?“, flötete Richard.

„Nein, diese Absicht habe ich nicht Markgraf Richard“, versetzte der Herzog. „Das wäre alles. Ihr könnt gehen“, entließ er dann die Grafen und Barone.

Auf dem Weg hinaus nickte Richard seinem Vetter zu, der den Hinweis verstand und Fridolin folgte. Einige Biegungen weiter hatte er den Grafen von Rossensee eingeholt.

„Fridolin, wartet!“, sagte er und hielt ihn fest.

„Was wollt Ihr, Raimund?“

„Mein Vetter hätte Euch gern gesprochen, Mylord. Kommt mit!“, sagte der Baron von Löwenstein. Fridolin nickte und folgte Raimund.

 

A A A

Kapitel 10

Überraschungen

Zur gleichen Zeit, als Richard Fridolin um einen Gefallen bat, sattelte Simon ein Pferd, das zwar aus der herzoglichen Zucht war, aber nicht üblicherweise von der herzoglichen Familie geritten wurde. Mit einem dunkelgrauen Gambeson und dem Tappert eines Herolds bekleidet, geschützt von einem dunkelblauen, pelzgefütterten Umhang und dem weißen Heroldsstab versehen, schwang er sich  in den Sattel und verließ den Stall. Heinrich hatte mit seinen Waldläufern die Burg schon im Morgengrauen verlassen und seine Männer an dem Weg postiert, den Simon in Richtung Steinburg nehmen wollte.

Richard von Rebmark sah den Boten allein fortreiten und lächelte nachsichtig. Das sanfte Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen über das ganze Gesicht, als kaum eine Viertelstunde später zehn Reiter die Stolzenfelser Burg verließen. Es waren Fridolin von Rossensee und seine Männer. Bis zu den Druidensteinen, einer bizarren Felsformation und natürlichen Sperre, an der das östliche Ufer des Glissa nur gerade zwei Meilen breit war, würden Fridolin und seine Leute den Boten eingeholt haben und die unerwünschte Botschaft abfangen. Innerlich klopfte er sich auf die Schulter.

‚Es war eine geradezu geniale Idee von mir, Fridolin dafür einzuspannen. Der Bote wird keinen Verdacht schöpfen, dass die Männer hinter ihm und der Botschaft her sind. Schließlich hat jemand, der nach Rossensee will, bis zur Mündung des Glissa in den Alvedra denselben Weg wie jemand, der durch die Wachtelberger Pforte nach Steinburg will‘, dachte er. Zufrieden rieb der Markgraf sich die Hände. Einen Frieden würde er nicht zulassen, solange der Herzog selbst noch lebte und noch einen Erben hatte. Er würde sich die Hände nicht schmutzig machen müssen, um den Herzogshut zu bekommen. Er musste nur dafür sorgen, dass wie Wengländer oder die Wilzaren ihm diese Arbeit abnahmen.

Simon bemerkte schnell, dass ihm jemand folgte. Ein Blick über die Schulter verriet ihm anhand des Banners, dass es der Graf von Rossensee war, der mit seinen Männern hinter ihm war. Anders als Richard es vermutete, war der jüngere Sohn des Herzogs misstrauisch genug, sich von Fridolin durchaus verfolgt zu fühlen. Heinrich hatte die ersten seiner Bogenschützen an den Druidensteinen postiert. Wenn er bis dorthin kam, hatte er bessere Überlebenschancen als wenn die Reiter ihn vorher einholten. Der Prinz gab seinem Pferd die Sporen und erhöhte sein Tempo.

„Verflixt!“, fluchte Fridolin. „Hat der etwa was gemerkt? Los, schneller!“

Simon sah sich erneut um und registrierte, dass die Rossenseer ebenfalls schneller ritten. Es bestärkte ihn in seinem Verdacht, dass die Leute nicht nur zufällig in die gleiche Richtung ritten wie er. Er trieb sein Pferd erneut stärker an. Auf dem abschüssigen Weg, der ins Glissatal hinunter führte war das Tempo der galoppierenden Reiter schon fast halsbrecherisch, aber Simon erreichte die Ebene deutlich vor den Reitern aus Rossensee. Schnelligkeit und Trittsicherheit waren Eigenschaften, die den Pferden der herzoglichen Zucht seit langem gezielt angezüchtet wurden … Mit weit ausgreifenden Galoppsprüngen brachte Simon Abstand zwischen sich und Fridolins Männer.

Die Landstraße machte einen Bogen um den westlichen Ausläufer des Mittelgebirges, auf dem Stolzenfels lag. Dahinter präsentierte sich der natürliche Sperrriegel der Druidensteine. Fridolin und seine Männer trieben ihre Pferde rücksichtslos an, um den Boten noch vor dem seit Kriegsausbruch stets von Wachen besetzten Sperrriegel abzufangen. Die dortigen Wachen durften keinesfalls mitbekommen, dass Scharfenburger einen scharfenburgischen Boten abfingen.

Mit aller Anstrengung gelang es den Rossenseern, Simon zu überholen und ihn zu stellen.

„Nicht so eilig, mein Freund!“, rief Fridolin, als er und seine Männer den Boten umstellt hatten.

„Macht den Weg frei! Ich bin im Auftrag des Herzogs unterwegs!“, befahl Simon.

„Mit der Botschaft, die du bei dir trägst, kann ich dich nicht nach Wengland lassen. Ich lasse nicht zu, dass unser Herzog sich diesen … Räubern … von südlich des Alvedra beugt! Her mit der Botschaft!“, forderte Fridolin erneut.

„Das werdet Ihr hübsch bleiben lassen, Graf Fridolin!“, kam eine befehlende Stimme aus dem Wald oberhalb der Straße. Erschrocken sahen der Graf von Rossensee und seine Leute in die Richtung, aus der die Stimme kam. Ein Dutzend Bogenschützen trat mit schussbereiten Bogen aus dem Gebüsch hervor. Nicht nur Fridolin wurde bleich, als er den Anführer der Bogenschützen als den Thronfolger Scharfenburgs erkannte.

„Heinrich?“, fragte Fridolin würgend.

„Ja, Heinrich!“, versetzte der ältere Sohn des Herzogs giftig. „Ich bin einigermaßen entsetzt, Graf Fridolin, dass ausgerechnet Ihr hinter den ermordeten Boten steckt.“

„Wie jetzt? Ich soll Boten umgebracht haben?“, protestierte Fridolin.

„Ihr oder jemand auf Euren Befehl“, entgegnete Heinrich bestimmt. „Ich weiß nicht, was Euch dazu getrieben hat, Wengland und Scharfenburg in einen Krieg zu stürzen, aber …“

„Jetzt macht aber einen Punkt, mein Prinz! Mit dem Krieg habe ich nicht mehr zu tun als Ihr!“, widersprach der Graf.

„Das werden wir dann feststellen!“, entgegnete der Prinz und winkte ausladend. Hinter dem Trupp des Grafen kam eine größere Anzahl Reiter die Straße herunter. Es waren Soldaten der herzoglichen Leibwache.

„Hauptmann Kunibert, Ihr bringt den Grafen von Rossensee und seine Begleiter nach Stolzenfels. Gebt meinem Vater weiter, dass wir ihn dabei ertappt haben, dass er den Boten nach Wengland aufhalten wollte – und zwar deshalb, weil dieser Bote eine Nachricht hat, deren Inhalt ihm nicht gefällt. Gebt ihm ferner weiter, dass ich Graf Fridolin des Hochverrates und der Kriegstreiberei anklage. Bindet diese werten Herren und lasst Euch auf kein Gespräch mit ihnen ein!“, befahl Heinrich zornig. „Sagt ihm darüber hinaus, dass ich Simon mit meinen Waldläufern jetzt offen begleite.“

„Das werde ich, Mylord!“, versprach Kunibert und bedeutete seinen Männern, Fridolin und seine Leute zu entwaffnen.

„Eure Pferde leihen wir uns aus, Graf Fridolin. Ihr werdet sie in den nächsten Tagen gewiss nicht benötigen“, sagte der Prinz und nickte seinen Leuten zu, die ihre Pfeile in die Köcher steckten und die verdatterten Rossenseer von den Pferden holten.

„Das werdet Ihr bereuen, Heinrich!“, zischte Fridolin.

„Ich unterstelle, dass unser Henker Johann Euch schnell dazu bringen wird, ein volles Geständnis abzulegen, Graf Fridolin“, erwiderte Heinrich. „Ihr wisst, dass Euch Euer Titel nicht davor schützt, peinlich befragt zu werden. Ich würde meinem Vater jetzt keinesfalls empfehlen, irgendwelche Rücksichten zu nehmen. Wir sehen uns!“

Damit stieg er auf Fridolins Pferd, während seine Bogenschützen die anderen Pferde bestiegen und der Graf von Rossensee samt seinen Leuten den Rückweg nach Stolzenfels gefesselt und zu Fuß antreten musste.

„Also, nach Wengland geht es da lang!“, rief Heinrich und wies in Richtung der Druidensteine.

Drei Tage später erreichte die scharfenburgische Delegation die Grafschaft Steinburg. Vor dem Grenzübertritt nach Wengland hatten Heinrich und seine Leute vorsichtshalber erbeutete wenglische Wappenröcke übergezogen und entsprechende Banner entrollt, aber kurz nach der Steinburger Grafschaftsgrenze hatten sie sich wieder in Scharfenburger verwandelt. Heinrich setzte auf Martin, der als Graf von Steinburg Herr dieser Provinz Wenglands war.

Tatsächlich stellten sich bald Männer im grün-roten Steinburger Gambeson den Stolzenfelsern in den Weg.

„Halt!“, befahl der Anführer. Simon trieb sein Pferd an und ritt auf die Wachen zu.

„Ich bin Bote des Herzogs von Scharfenburg und habe als solcher freies Geleit“, sagte er streng.

„Ein Bote schon, Herold, aber nicht die Soldaten des Herzogs“, erwiderte der Wächter.

„Nachdem diverse Boten umgebracht wurden, bediene ich mich lieber einer entsprechenden Eskorte, Wächter. Also, macht bitte den Weg frei!“, entgegnete Simon bestimmt. Der Anführer der Posten sah sich unsicher zu seinen Kameraden um. Schließlich kam in einen Bewegung.

„Sagt uns zu, dass Ihr Euch an die Gepflogenheiten der Herolde haltet und wir lassen Euch alle passieren!“, bot er an. Heinrich, Simon und ihre Begleiter wechselten Blicke. Herolde durften sich frei bewegen, weil sie keine Geheimnisse verraten durften. Ein Herold, der in ein feindliches Lager oder Land kam, durfte seinem Herrn nichts von dem preisgeben, was er gesehen und gehört hatte. Heinrich nickte. Ihm ging es ohnehin nur darum, eine Friedensbotschaft zu überbringen. Wenn es so klappte, wie er sich vorstellte, musste er auch keine Geheimnisse wissen, denn dann wären Friedensverhandlungen der nächste Schritt.

„Das werden wir!“, versprach er. Die Posten traten beiseite und ließen die Scharfenburger weiterziehen.

„An Martin liegt dieser Krieg ganz sicher nicht“, bemerkte der Thronfolger, als sie die nächste Wegbiegung hinter sich hatten.

„Warum wünsche ich mir gerade, dass du unser Herzog wärst und Martin König von Wengland?“, grinste Simon.

„Weil es dann gar nicht erst zum Krieg gekommen wäre?“, mutmaßte Helferich, der Hauptmann der Waldläufer.

„Du hast es erfasst, mein Freund“, schmunzelte der jüngere Prinz.

Am Vormittag des folgenden Tages trabte die scharfenburgische Truppe mit Simon an der Spitze durch die Hauptstadt Wenglands. Der als Herold gekommene Prinz hielt den Heroldsstab deutlich sichtbar vor sich, damit keiner der zahlreichen Soldaten auf die Idee kam, sie aufzuhalten. Tatsächlich machten ihnen die Männer im Steinburger Gambeson Platz und hielten einige wütende Bürger zurück, deren Söhne, Brüder oder Väter im Krieg gegen Scharfenburg gefallen waren. Von Martins Männern eskortiert, kamen die herzoglichen Prinzen und ihre Begleiter unangefochten in die Steinburg.

Im großen Burghof stiegen gerade Roland von Hirschfeld samt seinem älteren Sohn Jean-Raymond und Almaric und Mathieu von Rolandsmühl aus den Sätteln, als die Scharfenburger durch das Tor kamen. Almaric und Mathieu gingen sofort in eine Verteidigungsstellung und wollten Roland decken, aber der wehrte ab.

„Sie kommen nicht in feindlicher Absicht!“, wies er seinen Hauptmann zurecht. „Seid gegrüßt, Heinrich von Scharfenburg!“, wandte er sich an den Thronfolger. Heinrich atmete tief durch und verneigte sich im Sattel vor Martins Onkel.

„Seid gegrüßt, Graf Hirschfeld!“, antwortete er. „Dem Herrn sei Dank, dass Ihr und Martin wieder hier seid! Ohne Euch hatte die Gastfreundschaft hier letzthin etwas nachgelassen.“

Heinrich stieg vom Pferd, das Roland am Zaumzeug hielt. Es galt als Zeichen der Anerkennung eines höheren Ranges des Reiters, wenn jemand das Zaumzeug hielt. Roland von Hirschfeld hatte mit solchen Gesten kein Problem.

„Willkommen in Steinburg!“, sagte der wenglische Graf mit dem ihm eigenen, unverfälscht freundlichen Lächeln. Die scharfenburgischen Prinzen konnten nicht anders, als es zu erwidern. Die freundliche Begrüßung durch Martins Onkel ließ ihre Anspannung etwas nachlassen.

„Mit einem solchen Empfang haben wir nicht gerechnet, gebe ich zu“, sagte Simon. „Nur deshalb komme ich auch mit einer großen Begleitung.“

Roland nickte.

„Ich kann es mir denken, Hoheit. Eure Anwesenheit könnte helfen, einige offene Fragen zu klären“, erwiderte er. „Kommt mit!“, forderte er die Scharfenburger auf, ihm in den Palas zu folgen.

König Rudolf und seine Söhne saßen mit den engsten Beratern des Königs gerade beim Mittagsmahl, als der Ausrufer seinen Stab dreimal auftippte und rief:

„Prinz Heinrich von Scharfenburg und sein Bruder, Prinz Simon von Scharfenburg!“

Kanzler Helmrich fiel glatt das Tafelmesser aus der Hand, das scheppernd auf dem Teller landete, als er das hörte. Beinahe hätte er sich noch an dem Bissen verschluckt, den er gerade zu sich genommen hatte.

„Scha … Scharfenburger?“, keuchte er. „Wache!“, ergänzte er brüllend.

„Moment!“, bremste Martin. „Simon trägt den Heroldsstab! Er ist als Bote hier, nicht als Feind, Kanzler!“, wies er Zickenberg zurecht, der dem Prinzen einen giftigen Blick zuwarf, aber nichts mehr sagte.

„Ihr habt Mut, Euch her zu trauen, nach dem, was im Namen Eures Vaters angerichtet wurde!“ knurrte Rudolf. Simon und Heinrich verbeugten sich synchron. Rudolf nickte Roland und seinen Begleitern zu, die hinter den scharfenburgischen Prinzen den Rittersaal betraten. Die Hirschfelder verstanden und blieben an der Tür stehen.

„Majestät, unser erfolgreiches Erscheinen hier klärt für uns, dass in irgendeiner Form Verrat am Werk ist, der unsere Länder in diesen Krieg gestürzt hat“, begann Heinrich. „Wir sind jetzt überzeugt, dass Ihr nicht derjenige seid, der Überfälle auf unser Gebiet befohlen hat.“

„Hat auch lange genug gedauert, bis Ihr das eingesehen habt!“, versetzte Rudolf. „Aber wieso seid Ihr über uns hergefallen?“

„Das sind wir nicht …“, entgegnete Simon, doch Mathieu unterbrach ihn:

„Lügner!“

Der jüngere Prinz drehte sich um.

„Mein Bruder und ich sind hier, um darüber zu reden, was Ihr wisst und was wir wissen, Mathieu. Wir sollten …“

„Rede keinen Unsinn, Simon!“, fuhr Mathieu ihn an. „Es waren Eure Leute, die in Karlsfeld drei Dörfer ausgelöscht haben!“

„Mathieu – lass sie sprechen!“, forderte Martin seinen Freund auf. „Es ist jetzt nicht an der Zeit, gegenseitige Vorwürfe zu wiederholen, wenn sich vielleicht aufklären lässt, was wirklich geschehen ist. Simon, du bist wie ein Herold gekleidet. Hast du eine Botschaft deines Vaters zu überbringen?“

„Ja, Martin, die habe ich“, erwiderte der jüngere Scharfenburger und griff in die Botentasche, die er unter dem Tappert trug. Der wenglische Thronfolger erhob sich, trat zu seinen Freunden und streckte Simon die rechte Hand entgegen. Der verbeugte sich nochmals und überreichte Martin die gesiegelte Botschaft mit einer eleganten Verbeugung. Der Wengländer nahm sie mit einer ebensolchen Verbeugung entgegen, trug sie zu seinem Vater.

„Mein König, die Botschaft des Herzogs von Scharfenburg“, sagte er und übergab die Schriftrolle Rudolf. Der König brach das Siegel auf und überflog den Inhalt. Er stockte und bekam einen hochroten Kopf.

„Schreiber!“, donnerte er. Der Schreiber eilte erschrocken an den Hochsitz des Königs.

„Mein König?“, fragte er nach Aufträgen. Rudolf drückte ihm die Botschaft mit einer zornigen Bewegung in die Hand.

„Lies … das … vor!“, schnaufte er. „Laut!“, befahl er, als der Schreiber zusammenzuckte. Der Mann räusperte sich mehrfach, dann stellte er sich einige Schritte vom König entfernt vor die kleine Empore, auf der die königliche Tafel stand, an der der König, seine Söhne und deren Berater saßen.

„Ich, Ludwig, Herzog von Scharfenburg, befehle, dass Prinz Martin von Wengland in Scharfenburg vo… vogelfrei sein soll. Wenn … wenn er einem mei… meiner Ritter o… oder Soldaten in die Hände fal… fallen sollte, ist er … ist er auf … auf der Stelle zu töten! Ich … ich verlange, dass … dass alle mei… meine Grafen und Ba… Barone mir bestätigen, d… d… dass sie di… diesen Be… Befehl au… ausführen. Lu… Ludwig, Herzog von Scha… Scharfenbu… burg, Stolzenfels, den 23. Januar 1203“, stotterte der entsetzte Schreiber.

„Und Ihr wollt mir allen Ernstes erzählen, dass Euer Vater nicht hinter diesem Krieg steckt?“, fauchte Rudolf. „In den Kerker mit ihnen!“, brüllte er.

Die Wachen der Herwigsgarde, die seit den Tagen König Philipps stets ein ganzes Dutzend ihrer Angehörigen bewaffnet im Thronsaal stehen hatte, griffen hart zu und packten die Prinzen, die noch erschrockener waren als der verdatterte Schreiber.

„Wartet!“, rief Martin. „Vater, du machst einen Fehler …“

„Schweig! Noch ein Wort und du teilst mit ihnen den Kerker!“

„Dann wirst du mich einsperren müssen, Vater!“, fuhr der Prinz den König an und trat zu Heinrich und Simon.

 

A A A

Kapitel 11

Unterredungen

Rudolf stockte.

„Was?“

„Hör mich an, Vater!“, beschwor Martin ihn. „Sieh dir Heinrich und Simon an. Sie sind über den Inhalt mindestens ebenso schockiert wie wir. Glaubst du allen Ernstes, sie würden – beide zusammen – mit einer solchen Nachricht hier auftauchen? Glaubst du wirklich, Ludwig wäre so verrückt, beide Söhne mit einer solchen Nachricht her zu senden? Dass du so reagieren würdest, wäre ihnen allen klar. Kein Herrscher dieser Welt – ob hier in den Verborgenen Landen oder außerhalb – wäre so wahnsinnig, beide möglichen Erben seines Thrones in ihr Verderben zu schicken, indem er sie mit einer derartigen Botschaft zu einem Kriegsgegner sendet. Ich bin überzeugt, dass Ludwig nicht diese Nachricht schicken wollte. Bitte, lass sie reden!“

„Ich habe genug gehört!“, donnerte Rudolf. „Fort mit ihnen – alle drei!“

„Augenblick!“, meldete sich Roland zu Wort. Rudolf sah ihn verstört an.

„Wendest du dich auch gegen mich?“, fragte er grollend.

„Nein. Prinz Martin hat Recht. Hier stimmt etwas nicht! Ich bitte Euch, mein König: Hört die Prinzen an. Ihr Schrecken ist nicht gespielt. Bitte, lasst sie sprechen“, beschwor auch er den König. Rudolf ließ sich auf den Hochsitz fallen, von dem er zornig aufgesprungen war. Dem erprobten Urteilsvermögen seines Schwagers wollte er nicht ohne handfesten Grund misstrauen.

„Lasst sie los!“, befahl er den Herwigsgarden, die gehorsam losließen, aber in Griffweite der drei Prinzen bleiben.

„Also, was habt Ihr zu sagen? Heinrich?“, forderte er den scharfenburgischen Thronfolger auf.

„Martins Einwand ist richtig, Majestät“, sagte der. „Es ist zutreffend, dass mein Vater wegen zweier Botschaften, die Martin uns mit dem Baron von Löwenstein geschickt hat, zornig geworden ist und einen solchen Befehl gegeben hat …“

„Wenn er diesen Befehl gegeben hat, trifft das, was er uns geschickt hat, ja offenbar zu!“, versetzte Helmrich von Zickenberg. „Was wollt Ihr noch mehr hören, Majestät? Der Scharfenburger bestätigt doch gerade selbst die Richtigkeit dessen, was er als Botschaft gebracht hat!“

„Es wäre besser, Ihr würdet ihn ausreden lassen, Kanzler!“, wies Martin ihn zurecht. „Heinrich?“

„Danke, Martin. Ich habe das nicht hinnehmen wollen, mein Bruder und meine Schwester ebenso nicht. Deshalb habe ich noch am Abend mit ihm gesprochen und ihm das ausgeredet. Er war einverstanden, einen Boten mit einem Gesprächsangebot her zu senden. Weil unsere früheren Boten überfallen worden waren, wollte Simon die Botschaft selbst überbringen und ich ihn mit meinen Waldläufern schützen. Um herauszufinden, ob es bei uns einen Verräter gibt, wollte mein Vater das in der Grafenversammlung am Morgen entsprechend verkünden und eine solche Botschaft schreiben lassen“, erklärte er.

„Und Ihr habt selbst gehört, dass Euer Vater eine andere Botschaft als diese hier hat abfassen lassen?“, fragte Roland. Heinrich straffte sich.

„Ich muss bekennen, dass ich das nicht in der Grafenversammlung gehört habe“, räumte der Prinz ein, „wohl aber von Graf Fridolin, der Simon mit seinen Leuten verfolgte und bei den Druidensteinen einholte. Er sagte deutlich, dass er es nicht zulassen würde, dass unser Herzog Euch ein Friedensangebot machen würde. Martin hat Recht, dass mein Vater es nie riskieren würde, mich oder Simon mit einer Botschaft zu einem Kriegsgegner zu schicken, der mit uns als Geiseln den Krieg zu seinen Gunsten beenden könnte.“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll, Heinrich“, versetzte Rudolf. „Diese Botschaft ist in der Welt – gesiegelt und auch noch von Eurem Vater unterschrieben. Ihr wollt mir einen Bären aufbinden! Hinfort mit ihnen!“

„Vater! Sie sind als Herolde gekommen!“, protestierte Martin.

„Ich sehe nur einen, der als Herold verkleidet ist“, entgegnete der König und winkte den Wachen, die Prinzen wieder festzunehmen. Martin trat ihnen in den Weg.

„Nein! Es ist gegen das Recht, jemanden, der als Bote kommt, gefangen zu nehmen!“, beharrte er. Rudolf schüttelte den Kopf.

„Es hat gute Gründe, dass ein Herold aus Scharfenburg nur mit einer bewaffneten Eskorte unterwegs sein kann“, fuhr der wenglische Thronfolger fort. „Vater, hier spielt jemand falsch, keine Frage. Doch ich glaube nicht, dass es Ludwig ist. Bitte, Vater! Lass sie gehen – und wenn nur als Zeichen des guten Willens!“

„Wie viele Zeichen guten Willens soll ich denn noch zeigen, mein Sohn? Meine Boten wurden ermordet!“, entgegnete der König.

„Ja – aber von Scharfenburgern? Können wir das wirklich beweisen, Vater? Ludwigs Boten wurden in gleicher Art umgebracht wie unsere. Wer sagt denn, dass es nicht jemand ganz anderes ist? Jemand, der ein Interesse daran hat, dass Scharfenburg und Wengland in einen Krieg genötigt werden, den beide Herrscher eigentlich nicht wollen?“, bohrte Martin unnachgiebig.

„Und … wer sollte das sein, mein Sohn?“

„Wer hat Dunkelfels ohne Kriegserklärung überfallen? Wer wollte ein Bündnis mit dir gegen Scharfenburg eingehen?“, fragte der Prinz.

„Havarik. Aber Wilzariens König sagt ebenfalls, dass er von Scharfenburgern überfallen wurde“, erwiderte Rudolf.

„Wenn ein Land in dieser Region bisher nie von sich aus einen Krieg angezettelt hat, dann Scharfenburg, Vater“, hielt ihm sein Sohn vor. „Seit es diese Lande gibt, hat Scharfenburg nie versucht, seine Grenzen gewaltsam zu verändern. Nein, Vater, ich habe viel eher die Wilzaren im Verdacht, dass sie uns gegeneinander ausspielen.“

„Und was ist mit Fridolin? Er hat doch Simon attackiert!“, hielt Helmrich dem Prinzen vor.

„Fridolin ist Graf von Rossensee, einer Provinz, die zwischen dem Halbmondswald und dem Alvedra eingeklemmt ist, die gegen Wengland schwer zu verteidigen, aber von hier aus leicht zu erobern ist, Kanzler. Nach den Berichten, die ich gelesen habe, war Rossensee schneller in unserer Hand als Fridolin blinzeln konnte. Wenn er einen Frieden jetzt nicht gutheißt, habe ich dafür ein gewisses Verständnis“, gab Martin zu bedenken. „Vater, ich bitte dich: Lass sie frei!“

Rudolf sah seinen Sohn an.

„Würdest du solche wertvollen Pfänder hergeben?“, fragte er.

„Ja“, sagte der Prinz. „Ludwig ließ mich gehen, obwohl er mit mir ein ebenso wertvolles Pfand hatte. Ich finde, wir sollten diese Geste erwidern. Umso klarer wird es ihm, dass wir den Krieg ebenso wenig wollen wie er.“

Der König sah einen Moment auf das Zepter, das neben ihm auf dem Tisch lag. Ihm war anzusehen, dass er mit sich rang, was er tun sollte. Nach einer Weile beredten Schweigens sah er die scharfenburgischen Prinzen an.

„Ich bete zu Gott, dass das, was ich jetzt tue, meinen Rittern nicht das Grab schaufelt, doch ich nehme den Rat meines Sohnes an“, sagte er. „Ich lasse Euch gehen – Euch und Eure Begleiter. Möge Euer Vater daran erkennen, dass dieser Krieg nicht mein Wille ist. Hätte er die Botschaft gesandt, von der Ihr sprecht, Heinrich, wäre ich mit Freude darauf eingegangen. Übermittelt ihm, dass ich zu Gesprächen auf der Alvedrainsel bereit bin, wenn er ausdrücklich erklärt, dass die Todesdrohung gegen meinen Sohn zurückgenommen wird. Doch wenn er das nicht tut, nehme ich an, dass er eher seine Söhne opfern würde, als den Krieg beenden zu wollen.“

Heinrich setzte an, etwas zu sagen, aber Rudolf winkte ab.

„Dass es Eure Meinung nicht ist, Prinz Heinrich, habt Ihr hinlänglich bewiesen. Sonst hättet Ihr nicht mit ihm gesprochen und versucht, ihn zu einer Friedensbotschaft zu überreden. Ich weiß das zu schätzen“, sagte er.

„Dürfen wir unserem Vater übermitteln, dass Ihr zu Friedensgesprächen bereit seid?“, hakte Simon nach.

„Wenn ich eine glaubhafte Rücknahme dieser Todesdrohung erhalte, Herr Simon, dann dürft Ihr ihm das sagen. Einstweilen erwarte ich, dass er mir tatsächlich ein Friedensangebot macht. Die mir überbrachte Botschaft lässt mich diese Bereitschaft nicht erkennen“, stellte der König klar. Die herzoglichen Prinzen verneigten sich und verließen den Rittersaal. Martin folgte ihnen und war auch von den Rufen seines Vaters nicht mehr zu stoppen.

Gute hundert Meilen nordöstlich von Steinburg quietschte ein Schlüssel in der Tür eines finsteren Kerkers. Das Licht eines Dutzends Fackeln, die den Gang vor den Zellen erleuchteten, blendete den in diesem Kerker gefangenen Graf Fridolin von Rossensee. Mit einiger Mühe erkannte er den Herzog, der mit drei Begleitern in die Zelle eintrat.

„Was habt Ihr mir zu sagen?“, fragte der Herzog streng.

„Ich konnte nicht ahnen, dass es Euer Sohn war“, erwiderte Fridolin. „Es war nicht meine Absicht, Euch um einen Eurer Söhne zu bringen.“

„Aber es war Eure Absicht, einen Frieden zu verhindern, verstehe ich Euch richtig?“, hakte Ludwig nach.

„Ja. Es ist nicht Recht, diesen Räubern einfach nachzugeben!“, protestierte der Graf.

„Ein Angebot, Gespräche über einen Frieden zu führen, bedeutet nicht, dass ich ohne Not nachgebe und alles akzeptiere, was Rudolf vielleicht verlangen könnte. Aber warum habt Ihr Boten umgebracht, die mit Nachrichten unterwegs waren, die den Krieg verhindern sollten? Boten zu töten, ist ein unverzeihliches Verbrechen, denn die Herolde aller Lande sind unbewaffnet und müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Unverletzlichkeit respektiert wird. Das allein genügt, Euch einen Kopf kürzer zu machen“, knurrte der Herzog.

„Ich wollte diesen Boten aufhalten, Hoheit“, entgegnete Fridolin. „An die anderen Boten, die ermordet wurden, habe weder ich selbst noch einer meiner Leute auf meinen Befehl Hand angelegt.“

„Ihr bestreitet, mit diesen Morden etwas zu tun zu haben?“, hakte Ludwig nach.

„Ja, Hoheit“, bekräftigte Fridolin. „Ich habe kein Interesse daran gehabt, dass der Krieg ausbricht. Meine Grafschaft ist durch ihre Lage am Alvedra und den schmalen Zugängen an den Enden des Halbmondswaldes am schwersten zu verteidigen, wenn wir Krieg mit Wengland haben.“

„Dann verstehe ich nicht, was Ihr gegen Frieden haben könntet, wenn ich mit Rudolf verhandle“, bemerkte der Herzog verblüfft.

„Nicht gegen Frieden als solchen, aber einen Frieden, bei dem wir uns den Wengländern zu Füßen werfen. Und das, was Ihr gesagt habt, schien einen solchen Frieden zu bedeuten“, erwiderte der Graf von Rossensee.

„Johann könnte seine Zunge lösen, Hoheit“, empfahl Elias von Oberalvedra, dem Fridolins Aussagen eher widersprüchlich vorkamen. Doch Ludwig schüttelte den Kopf. Der Einwand des Grafen erschien ihm durchaus einleuchtend.

„Nein, ich werde die Rückkehr meiner Söhne abwarten und dann entscheiden, ob hier Folter angebracht ist, Graf Elias“, erwiderte er.

Wenn sie zurückkehren …“, erlaubte sich Fridolin eine Bemerkung. „Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass dieser räudige Hund Rudolf solche Geiseln aus der Hand gibt!“

„Ich weiß, dass Ihr es als Fehler anseht, dass ich Martin gehen ließ“, entgegnete Ludwig. „Da Heinrich Simon mit seinen Waldläufern schützt, nehme ich zunächst einmal an, dass sie es bis nach Steinburg geschafft haben. Und dann wird sich erweisen, ob der Krieg tatsächlich von Wengland ausging oder ob jemand zwei seit langem befreundete Länder gegeneinander ausgespielt und in einen Krieg gestürzt hat. Wenn Rudolf trotz meines Angebotes weiter auf Krieg besteht, weiß ich, woran ich bin.“

Damit verließ er mit seiner Entourage den Kerker, und es wurde wieder dunkel in Fridolins Zelle.

In Steinburg verabschiedete sich Kanzler Helmrich von Zickenberg aus dem Rittersaal mit dem Hinweis, die Arbeit in der Kanzlei warte auf ihn. Bis zu einem gewissen Grad stimmte das – ein ganzes Königreich zu verwalten, war eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Doch Helmrich hatte in diesem Moment ganz andere Absichten. Er musste unbedingt seinen eigentlichen Herrn, Graf Peter von Limmenfels, über die neue Entwicklung unterrichten. Er eilte in die Hofkanzlei und schrieb höchstselbst folgende Nachricht:

Heute waren die Söhne des Herzogs von Scharfenburg hier. Die Nachricht, die sie brachten, war eine Todesdrohung gegen Prinz Martin, aber die jungen Herren aus Scharfenburg waren über den Inhalt völlig entsetzt. Ihren Worten nach hatte der Herzog eigentlich ein Friedensangebot senden wollen. Dass der König dies jetzt nicht akzeptiert, liegt nur daran, dass er ein solches Angebot eben nicht bekommen hat. Sollte eine entsprechende Nachricht erfolgen, wird der König zu Friedensverhandlungen bereit sein.

Die Prinzen von Scharfenburg und Wengland scheinen sich einig zu sein, den Krieg umgehend beenden zu wollen. Alle drei sind zu gut befreundet, um sie wirksam zu entzweien, wie mir scheint. Es könnte sein, dass sie eine Art der Nachrichtenübermittlung aufnehmen, die nicht so einfach zu stören ist wie die mit reitenden Boten.

Martin ist hier in Wengland eine mächtige Gefahr für Eure Sache. Er stellt intelligente Fragen und ist nicht leicht zu täuschen, wie mir scheint. Ich halte es nur für eine Frage der Zeit, bis er darauf kommt, was von den Beweisstücken zu halten ist, die den Hirschfeldern zugespielt wurden.

Helmrich.

Er siegelte die Botschaft mit dem Siegel der königlichen Kanzlei und schickte einen Boten auf die Reise nach Limmstedt.

Zur gleichen Zeit verabschiedete Martin die Prinzen des Nachbarlandes und ihre Begleiter.

„Ich bin sicher, dass euer Vater die Nachricht senden wollte, von der ihr gesprochen habt“, sagte er. „Nehmt das hier mit“, ergänzte er und überreichte Heinrich einen abgedeckten hölzernen Käfig.

„Was ist das?“, fragte Simon.

„Brieftauben“, erwiderte Martin. „Bei meinem Onkel hat sich diese Art, Nachrichten zu schicken, bewährt. Er hat auf diese Weise sogar mit dem Heiligen Land und Norditalien Verbindung halten können. Inzwischen bereue ich, nicht auch auf den Kreuzzug Brieftauben mitgenommen zu haben. Das hätte viel Ärger erspart, denke ich. Die Tauben werden hierher zurückkehren, wenn ihr sie fliegen lasst. Sie können zwar nicht viel tragen, aber ich meine, dass es auch ein kurzer Brief tut, wenn euer Vater es mit dem Angebot ernst meint.“

„Würden die auch zu uns fliegen?“, fragte Heinrich.

„Leider nicht. Sie fliegen nur in den heimischen Schlag zurück“, erwiderte Martin. „Mein Freund Mathieu züchtet diese Tauben. Ich hoffe, es findet sich bald eine Gelegenheit, dass ihr euch seine Zucht in Rolandsmühl ansehen könnt. Es wäre großartig, wenn ihr bald auch solche Tauben hättet und mir gelegentlich eine oder zwei als fliegende Boten geben könntet.“

Der wenglische Thronfolger drehte sich um und präsentierte seinen Freunden ein Dutzend berittener Männer mit grünen Wappenröcken, in deren Mitte eine gelbe Lilie prangte.

„Das ist Rimbert von Klotzenport mit elf seiner Leute. Es sind Herwigsgardisten, persönliche Leibwächter der königlichen Familie Wenglands“, sagte er. „Die Herwigsgardisten unterstehen nur dem Befehl des Königs, der Königin oder des Thronfolgers. Ich gebe sie zu eurem Schutz mit. Sie werden euch bis zur Grenze in Wachtelberg begleiten, um sicherzustellen, dass ihr auch dort hinkommt, wo ihr hinwollt.“

Heinrich nickte.

„Mit nichts kannst du besser beweisen, dass dieser Krieg nicht in deinem Interesse ist“, sagte er.

„Nein, in meinem ganz gewiss nicht. Aber es gibt Leute, die ihn wollen. Ich werde hier danach suchen. Sucht ihr bei euch“, erwiderte Martin.

„Du meinst …“, setzte Simon schluckend an.

„Ihr wisst, wen ich meine. Seht Richard genau auf die Finger. Dem würde ich nicht bis zur nächste Ecke trauen. Er hat Zugang zu den unmöglichsten Dingen – und er könnte auf die Herzogskrone scharf sein“, gab Martin zu bedenken.

„Mir ist klar, dass du auf ihn nicht gut zu sprechen bist …“, setzte Simon an.

„Du kennst meine Gründe dazu. Aber ich bin mir sicher, dass Richard geltungssüchtig genug ist, um eine großangelegte Intrige gegen das Herzogshaus mitzutragen, wenn für ihn dabei die Herzogswürde herausspringt.“

„Er ist Markgraf und Herr der zweitgrößten Provinz“, gab Simon zu bedenken.

„Nun, ein ganzes Herzogtum mit zweiundzwanzig Provinzen ist noch mehr, oder?“, beharrte Martin. „Wirklich: Gebt Acht, was der Kerl tut!“

„Das werden wir“, versprach Heinrich und stieg auf sein Pferd. „Ich wünschte, du wärst König von Wengland.“

„So Gott will, werde ich das eines Tages sein“, lächelte der Wengländer. „Einstweilen muss und will ich noch lernen, ein guter König zu werden.“

„Genau deshalb wirst du eines Tages ein großer König sein“, orakelte Heinrich. „Diese Einsicht haben nicht viele. Was soll ich Regina bestellen?“

„Dass ich sie sehr vermisse und sie lieber heute als morgen heiraten möchte.“

Der scharfenburgische Thronfolger nickte lächelnd.

„Das werde ich“, sagte er und gab seinem Pferd die Sporen.

 

A A A 

Kapitel 12

Maßnahmen

Die Herwigsgardisten verabschiedeten sich am Alvedra von den scharfenburgischen Prinzen und deren Begleitern. Während die Scharfenburger ihre Pferde in die Furt bei Wachtelberg trieben, die schon seit der Besiedelung dieser Gegend einer der meistgenutzten Übergänge über den Grenzfluss war, machten die Männer der Herwigsgarde kehrt.

Zum gleichen Zeitpunkt hielt Peter von Limmenfels die Nachricht von Kanzler Helmrich in den Händen. Ärgerlich schlug er auf die Lehne seines Grafenthrons.

„Dieser verdammte grüne Bengel!“, grollte er.

„Was willst du tun?“,  fragte Aribert von Karlsfeld, der seinen Freund Peter gerade besuchte.

„Wir sollten nichts ohne Havariks Zustimmung tun. Ich werde ihn benachrichtigen“, entschied Peter.

„Ich habe schon daran gedacht, diesen elenden Franzmann nochmals für uns einzuspannen …“, setzte Aribert an. Limmenfels schüttelte den Kopf.

„Nein, das hat keinen Sinn“, sagte er. „Der und Rudolfs Sohn verstehen sich blind. Und wenn der Bengel nicht zu täuschen ist, ist sein Onkel es auch nicht. Nein, den müssen wir uns vom Hals schaffen. Am besten beide. Ich weiß nur noch nicht wie.“

„Wenn die Scharfenburger die Nachricht heimbringen, dass Rudolf am Krieg eigentlich nicht interessiert ist, wird Ludwig nichts Besseres zu tun haben, als tatsächlich Frieden anzubieten. Wir müssen dem zuvorkommen und in Scharfenburg aufräumen!“, gab Aribert zu bedenken.

„Im Winter? Bist du närrisch?“, fuhr Peter ihn an.

„Nun, damit rechnet doch keiner. Das könnte unser Vorteil sein“, entgegnete Aribert. „Und vielleicht gelingt es mir, diesen neunmalklugen Franzosen in Verruf zu bringen. Ich habe einige Beutestücke wie Wappenröcke der Hirschfelder. Ich stecke ein paar von den Wilzaren in diese Kluft und lasse sie auf Thannburg los. Es wird den Hirschfelder in Erklärungsnot und Ludwig in den Harnisch treiben.“

Peter dachte eine Weile nach. Wenn Aribert Wilzaren für eine solche List in die Kälte jagen wollte, hatte er nichts dagegen.

„Sehr gut!“, lobte er schließlich. „Ja, tu das. Du … hast nicht noch … zufällig … solche Sachen von den Steinburgern?“

Der Graf von Karlsfeld lächelte kalt.

„Ich glaube schon …“

Einige Tage später waren Simon und Heinrich zurück in Stolzenfels.

„Wenn wir beinahe nicht hätten zurückkehren können, liegt das nur daran, dass wir kein Friedensangebot bei uns hatten, sondern deine Erklärung, dass Martin kein Pardon gewährt werden darf, sollte er in unsere Hände fallen“, erklärte Heinrich als Abschluss seines Berichtes.

„Wie bitte?“, keuchte Ludwig. „Was für eine Botschaft?“

Das Entsetzen in seinem Gesicht war echt, das war für jeden im Raum erkennbar. Ihm wurden noch nachträglich die Knie weich, als ihm klar wurde, wie knapp seine Söhne davongekommen waren – und das nur, weil ausgerechnet der, den er mit dem Tod bedrohen wollte, sich für sie verwendet hatte.

„Ich bin jetzt mehr denn je davon überzeugt, dass der Krieg nicht von den Wengländern ausgegangen ist. Jetzt weiß ich gewiss, dass es mindestens einen Grafen in Scharfenburg gibt, der dazu fähig ist, Boten abzufangen“, ergänzte Heinrich.

„Du meinst Fridolin?“, hakte sein Vater nach.

„Ja.“

„Fridolin gibt zu, dass er diesen Boten nicht durchlassen wollte – aber nur, weil ihm der Inhalt der Botschaft zu diesem Zeitpunkt missfiel“, schaltete sich Markgraf Richard ein.

„Wenn er geahnt hätte, welche Botschaft sich tatsächlich in meiner Tasche befand, hätte der garantiert nicht versucht, mich aufzuhalten“, wandte Simon ein. „Es gibt mindestens noch jemanden, der an einem Frieden mit Wengland kein Interesse hat – und der ist hier und nicht im Kerker!“

„Was willst du damit sagen, mein Sohn?“, erkundigte sich der Herzog.

„Nun, ich nehme eigentlich nicht an, Vater, dass du das Leben eines Boten so bewusst in Gefahr bringen würdest, in dem du eine Botschaft sendest, die alles Mögliche ist, aber gewiss kein Friedensangebot, sondern ein Todesurteil gegen den Sohn des Empfängers, mit dem wir auch noch Krieg haben“, erklärte der Jüngere. „Fridolin hat versucht, mich aufzuhalten, ja – aber die Botschaft, die hat nicht er ausgetauscht, sondern jemand anderes. Fridolin war viel zu schnell hinter mir her, und er hatte auch nie Zugang zur Kanzlei!“

Ludwig nickte und klopfte sich mit dem Zepter in die Hand.

„Den Schreiber!“, befahl er. „Nein, Richard, Ihr bleibt hier!“, ergänzte er, als der Markgraf sich umdrehte, um den Saal zu verlassen. Er nickte einem der Diener zu, ein weiteres Kopfnicken in Heinrichs Richtung ließ den Prinzen auch Raimund von Löwenstein den Weg verstellen.

„Wieso …?“, setzte Richard an, aber Ludwig schüttelte nur den Kopf.

„Ihr könnt Fragen stellen …“, seufzte er. „Ich glaube, ich habe Euch genug geschont, Markgraf Richard.“

Der Schreiber erschien mit dem Diener, der ihn gerufen hatte und verneigte sich.

„Mein Herzog?“

Ludwig winkte ihn zu sich und zeigte ihm die Nachricht, die Heinrich wieder mitgebracht hatte.

„Ist das deine Schrift, Witold?“, fragte er.

„Ja, mein Herzog …“, bestätigte der Schreiber und wurde bleich. „Hat Markgraf Richard sie Euch gegeben? Ich suche nämlich seit Tagen danach, weil Ihr mir befohlen habt, es zu vernichten.“

„Was?“

„Ja, Herr. Ich hatte Eure Botschaft an König Rudolf gerade zum Siegeln auf meinem Tisch und diese hier, um das Siegel abzunehmen, als der Markgraf kam, um das Zehntbuch zu holen. Als ich es herausgesucht hatte, war er fort, aber diese Botschaft mit dem Todesurteil auch. Es hat einmal fürchterlich gezogen, als ich wegen des Zehntbuchs im Archiv war. Es waren auch alle Pergamente, die ich auf dem Tisch hatte, durcheinander, die meisten auf dem Boden. Nur die Botschaft an König Rudolf, die schon auf dem Stab aufgerollt war, war noch oben. Ich habe erst einmal alles vom Boden aufgesammelt, die aufgerollte Botschaft gesiegelt und Prinz Simon mitgegeben, als er kam, um sie abzuholen. Dann habe ich die Pergamente durchgesehen – aber das Todesurteil fehlte. Die letzten habe ich erst heute sichten können. Da habe ich angenommen, dass der Markgraf es mitgenommen hat.“

„Wer ist sonst noch bei dir gewesen, Witold?“

„Niemand, Herr. Nur der Markgraf und Prinz Simon. Aber als Herr Simon kam, hatte ich die weggewehten Dokumente noch nicht wieder sortiert. Herr Simon hat auch nur die über dem Stab gesiegelte Botschaft mitgenommen und ist wieder gegangen. Die anderen Pergamente hat er gar nicht angefasst.“

„Wie lange hast du nach dem Zehntbuch gesucht, dass Richard wieder ging, bevor er es hatte?“, erkundigte sich Heinrich.

„Ach, das war leider eine ganze Weile, muss ich zugeben, Mylord“, räumte der Schreiber ein und wurde noch bleicher. „Ich hatte die Zehntbücher gerade erst weit weggepackt, weil ich die erst wieder zu Michaeli benötigt hätte. Es war schon wunderlich, dass der Markgraf danach fragte, aber ich habe nicht gewagt, nach Gründen zu fragen, Herr. Er wollte etwas und ich habe es zu liefern, so ist es nun einmal. Eigentlich habe ich sogar darauf gewartet, dass ich wegen Saumseligkeit bestraft werde, weil er, das, was er wollte, nicht so schnell bekam, wie er es wohl erwartet hatte.“

„Wo waren das Siegel und der Siegellack?“, hakte Ludwig nach.

„Das war auf dem Tisch, mein Herzog. Ihr wisst, dass ich immer einen kleinen Kübel mit flüssigem Siegellack habe – und das Petschaft lag auf dem Tisch. Ich hatte es schon herausgesucht, weil ich das Dokument ja gleich siegeln wollte“, erwiderte der Schreiber, der vor Angst immer kleiner wurde.

„Ist gut, Witold. Du hast nichts falsch gemacht“, beruhigte Heinrich ihn.

„Doch, hat er. Er hat einfach zu lange gebraucht, um …“, setzte Richard an, um die Aufmerksamkeit des Herzogs in eine andere Richtung zu lenken. Er hatte sich verrechnet.

„Markgraf Richard, Ihr wart nicht dort, um das Zehntbuch einzusehen!“, fuhr Ludwig ihn an. „Sonst hättet Ihr Euch längst bei mir beschwert oder ihr wärt nochmals in die Kanzlei gegangen, um es zu holen – was ein paar Tage vor Lichtmess mehr als nur verwunderlich wäre, wenn Euer Zehnt schon Anfang Januar abgerechnet war und es keinerlei Unstimmigkeiten deswegen gab. Und die gab es nicht. Nein, das war nur ein Vorwand, um den Schreiber von seinem Tisch wegzulocken! Ihr habt das Todesurteil auf den Stab gerollt und die Friedensbotschaft verschwinden lassen. Zeit genug hattet Ihr, wenn Witold erst in den hintersten Archivraum gehen musste, weil die Zehntbücher Ende Januar wirklich in der hintersten Ecke des Archivs in der untersten Truhe sind, wo sie am wenigsten stören. Und einmal die Fenster aufzumachen, um Durchzug zu veranstalten, der die Pergamente vom Schreibtisch pustet, ist auch keine Kunst“, hielt er dem Markgrafen wütend vor. „Schlau eingefädelt, das muss ich Euch lassen. Aber das war nun Euer letzter Streich! Wache! In den Kerker mit ihm!“

Bevor Richard etwas sagen konnte, hatten ihn schon zwei der Wächter, die stets im Thronsaal waren, gepackt, entwaffnet und waren auf dem Weg zum Kerker.

„Mylord, es gibt keinen Beweis, dass mein Vetter …“, widersprach Raimund, aber Ludwig ließ ihn nicht ausreden.

„Haltet den Mund, Baron von Löwenstein!“, fuhr er ihn an. „Treibt es nicht zu weit! Verschwindet in die Rebmark! Ihr verwaltet vorläufig das Lehen Eures Vetters, bis mir eingefallen ist, ob ich ihn einen Kopf kürzer mache oder ihn im Kerker verschimmeln lasse! Ich lasse es Euch wissen, wenn es einen neuen Herrn für die Rebmark gibt! Raus!“

Raimund versteinerte schier. Er biss die Zähne zusammen, um sich an einer harschen Antwort zu hindern. Gar zu leicht hätte er mit Richard die Zelle teilen können … Er verneigte sich.

„Wie … Ihr … wünscht, mein Herzog“, presste er heraus und verließ zornbebend den Thronsaal.

„So richtig zufrieden wirkt er nicht …“, bemerkte Simon bissig.

„Nein, und er wird noch unzufriedener werden“, knurrte der Herzog. „Holt mir Fridolin her!“

Wenig später stand Fridolin in Ketten vor dem Herzog. Die Zeit im Kerker hatte ihn ziemlich verwildern lassen.

„Bevor ich mein endgültiges Urteil über Euch fälle, Fridolin, habe ich noch Fragen an Euch“, sagte der Herzog mit finsterem Gesichtsausdruck.

„Was wollt Ihr noch wissen? Ich habe Euch schon gesagt, dass es nicht meine Absicht war, einen Eurer Söhne in Gefahr zu bringen. Mir ging es nur um die unpassende Botschaft“, erwiderte der Graf von Rossensee.

„Habt Ihr nach meiner Ankündigung, Rudolf ein Friedensangebot zu senden, mit Richard gesprochen?“, fragte der Herzog.

„Ja“

„Hat Richard Euch dazu überredet, den Boten abzufangen?“, fragte Ludwig direkt und recht suggestiv.

„Er musste mich nicht überreden, Hoheit. Ich hätte auch ohne sein Zutun den Boten abgefangen. Ich vermute, Richard war selbst überrascht, dass er mir nicht großartig zureden musste, denn sein erster Satz war: Fangt den Boten ab!“, erwiderte Fridolin in ritterlicher Wahrhaftigkeit. Ludwig war, als ob vor ihm der Blitz in den Boden gefahren wäre. Das war offener Verrat! Er winkte den Posten, die Fridolin aus dem Kerker gebracht hatten.

„Nehmt ihm die Ketten ab!“, befahl er. Die Wachen schlossen die Handschellen auf. Fridolin atmete sichtlich auf.

„Graf Fridolin, Ihr habt mir Eure Gründe dargelegt, weshalb Ihr ein Friedensangebot jetzt nicht gutheißen könnt. Eure Handlungsweise war dennoch unüberlegt und geeignet, als Verrat betrachtet zu werden. Doch weil nichts geschehen ist, was nicht wiedergutzumachen wäre, will ich Euch verzeihen“, sagte Ludwig. „Ich habe Euch dafür kritisiert, dass Ihr Eure Provinz praktisch an die Wengländer verloren habt. Das war falsch. Ich weiß, dass sie jene ist, die am schwierigsten zu verteidigen ist, wenn wir ein Problem mit dem südlichen Nachbarn haben. Dafür muss ich Euch um Vergebung bitten“, ergänzte er. Fridolin wusste selbst am besten, dass er nicht wirklich viel in die Verteidigung Rossensees investiert hatte – jedes Leben wäre ein verlorenes Leben gewesen; denn abgesehen von einer Felsbastion gegenüber der seit der Besiedelung der Verborgenen Lande neutralen Alvedrainsel und der Burg des Hauptortes Rossfurt selbst gab es schlicht keine verteidigungsfähigen Positionen in dieser Provinz. Burg Finkenstein gehörte zwar zu Rossensee, bewachte aber von der Westspitze des Halbmondswaldes weit eher den Zugang zur Grafschaft Altenberg als dass sie der Sicherheit der Grafschaft Rossensee diente. Und Fridolin war ebenso klar, dass er für den beabsichtigten Botenmord eigentlich reif für das Schafott war. Einen Herold umzubringen war in allen vier Landen der Verborgenen Region ein todeswürdiges Verbrechen.

„Ich vergebe Euch“, sagte Fridolin und verbeugte sich. Er war einfach nur froh, mit dem Leben davongekommen zu sein …

„Ruft alle Grafen Scharfenburgs nach Stolzenfels!“, befahl Ludwig. „Es ist an der Zeit, einen alten Fehler zu korrigieren!“

Während die Herolde durch Scharfenburg eilten, um die Grafen in die Hauptstadt zu rufen, erhielt Havarik von Wilzarien die Nachricht von Peter von Limmenfels, dass König Rudolf grundsätzlich zum Frieden mit Scharfenburg bereit sei, wenn von dort ein entsprechendes Angebot käme.

„Bei Donars Hammer! Das fehlt mir gerade noch!“, knurrte der Wilzarenkönig. „Yggdrasur zu mir! Sofort!“

Der Diener, der die Nachricht überbracht hatte, eilte davon und kehrte bald mit dem Hofmagier zurück.

„Mein Gebieter?“, meldete sich der Magier mit einer tiefen Verbeugung. Seine Hände hatte er in den Ärmeln eines fast bodenlangen Kaftans aus nachtblauem Samt, der mit silbernen Symbolen des Magiertums bestickt war. Die ebenso nachtblaue Samtkappe war mit einer breiten Silberborte besetzt, in die ebenfalls Magiersymbole eingewebt waren. Eine Quaste aus goldenen und silbernen Fäden schloss die Kappe ab. Schwarze Schnabelschuhe aus Wildleder ergänzten die Kleidung.

„Yggdrasur, ich erfahre, dass Rudolf von Wengland bereit ist, mit dem Scharfenburger Frieden zu schließen. Wenn er das tut, haben er und der Scharfenburger genügend Gelegenheit, ihren Glauben hier mit dem Schwert zu verbreiten. Rudolf ist einst selbst gegen Andersgläubige zu Felde gezogen, er hat seinen Sohn auf dem Kreuzzug gesandt. Ich habe gehört, dass dieser Feldzug nicht so verläuft, wie er eigentlich geplant war. Ich fürchte, dass er auf die Idee kommen könnte, das, was im Osten nicht so recht gehen mag, hier zu Hause zu versuchen und uns anzugreifen, um das Christentum gewaltsam herzubringen. Wie verhindere ich das?“, fragte der König.

„Ihr habt Recht. Die Gefahr ist groß, dass er versuchen könnte, uns mit Gewalt von unseren Göttern zu trennen“, bestätigte der Magier. „Ich … hätte da eine Idee. Ihr … wisst … dass Wilzaren und Wengländer denselben Ursprung haben?“, fragte er dann.

„Ist das so?“, wunderte sich Havarik.

„Es ist uns überliefert, dass vor undenklichen Zeiten Donar mit einem sterblichen Weib Zwillingssöhne zeugte. Er lebte als Wangidonar unter den Menschen und war ihnen der beste aller Fürsten. Er war so in sein Menschsein versunken, dass er sich nicht auf seine göttlichen Fähigkeiten besann, als das Volk, das sich im anvertraut hatte, von Lokis widerwärtiger Trollbrut aus seinem angestammten Lande Wanheim vertrieben wurde. So kamen sie an den Fluss Vistula, wo man ihnen erlaubte zu leben. Doch Loki hatte seinen Bruder bald aufgespürt und schickte ihnen erneut Trolle zur Plage. Jetzt mussten nicht nur Wandonar und sein menschliches Volk erneut fliehen, auch die Burgunder, bei denen sie Zuflucht gefunden hatten, mussten fliehen. Gemeinsam zogen sie weiter, bis sie an den Fluss Moenus kamen. Dort hinderten die Römer sie daran, weiterzuziehen. Nachdem auch dort Lokis Heerscharen auftauchten, gelang es Wangionen, Burgundern, Alamanniern gemeinsam mit den Römern, die Trolle aufzuhalten und vernichtend zu schlagen. Die Burgunder und die Alamannier sahen es als göttliches Zeichen an, dass die christlichen Römer ihnen geholfen hatten und nahmen deren Glauben an. Wangidonar aber konnte sich wieder erinnern, wer er wirklich war und weigerte sich, seinen Platz in Walhalla aufzugeben, indem er sich kleiner gemacht hätte, als er wirklich war. Und weil die Christen die Wangionen nicht an ihrer Türschwelle dulden wollten, zogen sie erneut weiter und kamen an den Fluss Danubius. Sie konnten ihn an der Mündung der Hilaria sogar überqueren, doch bei der Römerstadt Cambodunum kamen sie nicht mehr weiter nach Süden. Sie bezogen auf einem Berg, der mit Buchen bewachsen war, gegenüber einem römischen Wachtturm Lager, das sie immer weiter ausbauten und das schließlich zu einem Dorf wurde, das sie Buchenberg nannten. Einige Jahre wohnten sie dort, dann gab Loki den Römern ein, die Wangionen erneut zu vertreiben. Seinen Bruder Donar betäubte er, damit er die Falle nicht bemerkte. So ging Donar den Römern als Mensch in die Falle, doch seine Söhne Wengor und Wilzar befreiten ihn und seine Gefährten. Doch weil Donar immer noch als Mensch auf Erden weilte, konnte ihn ein römischer Pfeil tödlich treffen – nun, tödlich für seinen Menschenkörper.

Um nicht Loki den Platz bei Allvater Odin allein zu überlassen, verließ er den sterbenden menschlichen Körper, ohne eine Regelung für seine Nachfolge zu treffen. Alle Versuche, aus Walhall mit Ruvor, seinem Priester, zu reden, schlugen fehl. Ruvor verstand nicht, dass Wilzar der Nachfolger werden sollte. Die Alten setzten einen Zweikampf der Brüder an, der unentschieden ausging. So kam es, dass ein Teil des Stammes, der Donars Worte vernommen hatte und weiter auf ihn hörte, den Platz verließ und am Danubius entlang nach Süden zog. Sie erreichten Pannonien und lebten da eine Zeit, bis Donar sie aufforderte, in die Berge zu gehen und die zehn Fürstentümer unserer schönen Berge in Besitz zu nehmen. Das ist nun sechshundert Jahre her. Die anderen aber waren zunächst weiter in der Nähe von Cambodunum geblieben. Erst zehn Jahre, nachdem der Stamm sich gespalten hatte, bot sich ihnen die Gelegenheit, auf römisches Territorium vorzudringen, als Odoaker den letzten römischen Kaiser Romulus Augustulus besiegte und die Grenze endgültig fiel. Dieser Teil des Stammes war stark angewachsen. Erst der Bischof von Chur konnte sie mit seinen Soldaten stoppen und von der westlichen Seite in die Verborgenen Lande treiben. Dieser Stamm, der aus den Nachfahren Wengors und seiner Getreuen bestand, das sind die Wengonen. Sie gründeten vor etwa siebenhundert Jahren die Reiche, die wir heute als Breitenstein, Scharfenburg und Wengland kennen. So haben wir denselben Ursprung, doch haben die Wengonen das seit langem vergessen“, erklärte der Magier.

„Und … wie sollte uns das jetzt helfen, Yggdrasur? Soll ich an Rudolf appellieren und mich auf diese sagenhafte Verwandtschaft beziehen?“, erkundigte sich Havarik ärgerlich. Yggdrasur lächelte verschmitzt, das sich sein langer, weißer Bart sträubte.

„Nein, diese Verwandtschaft ist nicht sagenhaft, mein Gebieter – und ich kann es Euch beweisen. Ich empfehle auch nicht, dass Ihr Euch darauf beruft, sondern, dass Ihr Euch diese Tatsache ganz anders zunutze macht.“

„Sprich nicht in Rätseln!“, grollte der König ungeduldig. Statt einer Antwort drehte der Magier sich um.

„Owan, komm her!“, rief er. Ein stattlicher Mann betrat den Thronsaal in Wilzaris. Havarik fiel beinahe das Zepter aus der Hand.

„Bei Hugin und Munin! Rudolf?!?“, keuchte er.

„Nein, mein Gebieter“, schüttelte Yggdrasur den Kopf. „Erkennt Ihr in der Tat nicht Owan Aldaron, den Fürsten von Aldaron?“, schmunzelte er. Havarik konnte nur mit offenem Mund den Kopf schütteln.

„Wie hast du das gemacht? Ist er verzaubert?“, hakte der König nach.

„Nein, mein Gebieter“, sagte der Fürst. „Yggdrasur kam vor einigen Monaten auf die Idee, dass ich mit Rudolf recht viel Ähnlichkeit habe …“

Recht viel ist eine starke Untertreibung, mein lieber Owan!“, schnaufte Havarik. „Wie aus dem Gesicht geschnitten bis du ihm!“

„Mit Bart auf jeden Fall. Es hat einige Monate gedauert, ihn so wachsen zu lassen, dass er dem von Rudolf gleicht. Ein wenig … Farbe … hat den Rest getan“, lächelte Aldaron und verbeugte sich leicht.

„Fürst Aldaron ist ein echter Wilzare wie Ihr und ich“, ergänzte der Magier. „Und ein direkter Nachkomme des gewaltigen Wilzar, des Zwillingsbruders von Wendor, dem Stammvater der wenglischen Könige, dessen direkter Nachkomme Rudolf von Wengland ist. Für das, was ich Euch vorschlagen will, benötigen wir auch die Hilfe von Peter von Limmenfels … Und dann, wenn wir das richtig eingefädelt haben, werden die Söhne Wilzors endlich den ihnen zustehenden Platz als Herren der Verborgenen Lande haben.“

 

A A A 

Kapitel 13

Unstimmigkeiten

Mitte Februar waren alle Grafen Scharfenburgs in Stolzenfels versammelt. Von Markgraf Richard abgesehen, der seit der Rückkehr der Prinzen aus Wengland im Kerker saß, waren alle erschienen.

„Mein Herzog, was ist Euer Begehr, dass Ihr uns so eilig habt rufen lassen?“, erkundigte sich Graf Alwin.

„Wenn man es genau nimmt, Eure Situation, Graf Alwin“, erwiderte Ludwig. „Eure Söhne sind im Krieg gefallen, Ihr habt keinen Erben.“

„Nun, es gibt doch eine klare Regelung für den Fall, dass ein Graf ohne Erben verstirbt“, warf Raimund von Löwenstein ein, der seinen Vetter vertrat.

„Es war klar, dass dieser Einwand genau aus Eurer Richtung kommen musste, Baron Raimund. Diese Regelung liegt mir nämlich wie ein Stein auf Herz und Magen. Ich will dieses Reich nicht einem Intriganten wie Eurem Vetter überlassen“, versetzte der Herzog.

„Es gibt keinen Beweis, dass …“

„Die gibt es mehr als genug!“, fuhr Ludwig ihn an. „Ihr wisst das auch, denn Ihr wart dabei, als Richard bereits als Lügner entlarvt wurde, was ein angebliches Fehlverhalten meiner Tochter oder Graf Alwins betraf! Und dass er die Nachricht an Rudolf ausgetauscht hat, ist klar wie die Sonne! Daran habe ich nicht den leisesten Zweifel!“

„Ich finde es jedenfalls interessant, dass Ihr eine Änderung dieser Regelung gerade in dem Moment herbeiführen wollt, in dem Ihr selbst davon betroffen sein könntet“, bemerkte Raimund.

„Ja, das ist richtig, keine Frage“, räumte der Herzog ein. „Es wäre mir völlig gleichgültig, wenn diese Regelung nicht jemandem den Herzogshut zusprechen würde, der dieses Reich verraten hat. Ich habe die Rebmark wachsen sehen, Baron Raimund. Es mag Pech oder auch Gottes Wille gewesen sein, dass fünf der heute zur Rebmark gehörenden Baronien, die einst selbstständige Grafschaften waren, zufällig in der Regierungszeit von Richards Familie durch Aussterben der jeweiligen Grafenfamilien unter ihre Herrschaft gekommen sind. Es war unter anderem Löwenstein, das seine Selbstständigkeit verlor. Man hat wirklich keine Zeit verloren, die letzte Überlebende der Familie, die Gräfin Sieglinde, ins Kloster zu stecken, kaum dass ihr Gemahl die Augen für immer geschlossen hatte. Es kann auch sein, dass diesem Zufall auf die Sprünge geholfen wurde. Das – das räume ich gern ein – kann ich nicht beweisen. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es darauf ankommen lasse, dass Richard nach Alwins Tod die größte Provinz hat und ich sehenden Auges dieses Herzogtum in den Ruin galoppieren lassen muss.“

„Welche Regelung stellt Ihr Euch vor, Hoheit?“, fragte Volker.

„Es ist allgemein üblich, dass ein erbenloses Lehen an den Landesherrn zurückfällt und er es neu vergibt. Das ist in Scharfenburg auf der Ebene der Grafschaften nicht anders als anderswo. Wenn einer Eurer Barone ohne männlichen Erben stirbt, wird das Lehen eingezogen und neu vergeben. Dasselbe möchte ich auch für das Herzogtum“, erklärte Ludwig sein Begehren.

„Damit besiegelt Ihr also auf alle Ewigkeit den Bestand der Herrschaft Eurer Familie“, stellte Raimund mit bitterem Unterton fest.

„Solange meine Familie einen männlichen Erben hat, soll der Titel des Herzogs erblich sein, ja. Es mag der Tag kommen, an dem es keine männlichen Erben mehr gibt. Dann erwählen die Grafen Scharfenburgs aus ihrer Mitte einen neuen Herzog. In dem Moment hat jeder Graf dieses Landes die Chance, zum Herzog gewählt zu werden. Ich denke, dass niemand von Euch dadurch etwas verliert“, erklärte der Herzog.

„Doch, denn gegenwärtig wäre die Situation so, dass die Rebmark als derzeit einzige Erbin Falkensteins kurz davor steht, die Herzogswürde von Euch zu übernehmen. Vergesst nicht, dass diese Regelung einst die Bedingung dafür war, dass Euer Vorfahr Ralf als Herzog und Herrscher dieses Landes anerkannt wurde, als sich die Skarpensippen freiwillig zusammenschlossen. Das ist eine Frage der Waffengleichheit“, beharrte Raimund.

„Ich habe keineswegs den Grund vergessen, Baron Raimund. Doch ist das so, dass zwischen den Grafen und dem Herzog Waffengleichheit herrscht?“, versetzte Ludwig eisig. „Eine weitere Klausel dieser Bestimmung verhindert, dass meine Provinz durch das Erbe einer anderen Provinz wieder groß genug werden kann, um die Herzogswürde zurückzugewinnen. Da endet die Waffengleichheit. Ihr erwartet wirklich, dass ich mir den Herzogshut wegnehmen lasse, ohne die Chance zu haben, ihn auf dieselbe Weise zurückzugewinnen, auf die ich ihn hergeben müsste?“

„Hoheit, eine Waffengleichheit gab es doch nie“, warf Volker ein. „Der Umstand, dass jeweils die größte benachbarte Provinz ein solches Erbe erhält, begünstigt vielmehr wenige große Grafschaften, die ihre kleineren Nachbarn auf diese Art schlucken. Die kleinen Grafschaften werden niemals die Möglichkeit haben, durch territorialen Zugewinn groß genug zu werden, um irgendwann einmal die Grafenkrone gegen den Herzogshut eintauschen zu können. Ich bin dafür, diese Regelung abzuschaffen und die Provinzen zur Neuvergabe an den Herzog zurückfallen zu lassen!“

„Eure Meinung interessiert nicht, Volker!“, keilte Raimund, ganz in der Art seines Vetters, nach dem Grafen von Skarpenborn. Der maß ihn voller Verachtung von oben bis unten.

„Ihr seid ein genauso unverschämter Patron wie Richard!“, versetzte er. „Es mag Euch als … Vertreter … Eures eingekerkerten Verwandten nicht schmecken, doch in der Grafenversammlung hat jede Grafschaft eine Stimme – unabhängig von der territorialen Größe.“

Der junge Graf sah sich um.

„Und wenn ich es recht betrachte, dann sitzen hier mehr Grafen von Provinzen, die durch die bisherige Erbregelung durchaus in der Gefahr sind, einfach zu verschwinden und zu Baronien herabgestuft zu werden, als dass es hier welche gibt, die davon profitieren könnten. Ich denke, es wäre im Interesse aller kleineren Grafschaften, diese Regelung ad acta zu legen und durch den – sonst allgemein üblichen – Heimfall zu ersetzen“, ergänzte er.

„Ihr seid weise über Eure Jahre hinaus, Volker!“, lobte Alwin. „Volker hat Recht. Treffen kann dies nur die kleinen Grafschaften. Schon deshalb gehört es abgeschafft! Hoheit, wenn Ihr mir den Rat erlaubt: Hebt das Einstimmigkeitsprinzip auf, das ohnehin nur für nutzlose Blockaden gesorgt hat. Lasst die Mehrheit entscheiden!“

„Ich kann das nicht befürworten!“, bremste Fridolin. „Raimund hat Recht: Der Herzog will diese Regelung nur abschaffen, weil es ihn den Herzogshut kosten würde!“, hielt er Ludwig vor.

„Fridolin, ich bin so alt, dass ich jeden Tag, den Gott werden lässt, damit rechnen muss, von ihm gerufen zu werden. Würdet Ihr ernsthaft wollen, dass mitten im Turnier beim Anlauf zum Tjost das Pferd gewechselt wird?“, machte Alwin ihm die drohende Situation klar.

„Was? Das habe ich nicht verstanden“, entgegnete Fridolin. Alwin seufzte. Metaphern waren offenbar nichts für Leute, deren Interesse wirklich nur auf dem Turnierplatz lag …

„Dann ganz deutlich: Es wäre ein gewaltiger Fehler, mitten im Krieg den Herrscher abzusetzen – der lebt und sich bester Gesundheit erfreut, wohlgemerkt – und ihn durch einen anderen zu ersetzen. Habt Ihr das jetzt begriffen?“; verdeutlichte der alte Mann.

„Nun ja, es ist schon klar, was Ihr meint“, griff Elias von Oberalvedra ein. „Aber ist die Diskussion jetzt nicht ohnehin müßig? Richard sitzt im Kerker. Nach allem, was ich dazu gehört habe, ist doch nur die Frage, ob er den Kopf verliert oder in dem Loch da unten Schimmel ansetzt. Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass unser Herzog einen solchen Verräter freilässt. Die Rebmark müsste doch gewiss einen neuen Grafen bekommen.“

„Das mag so sein, Graf Elias – aber das Problem bliebe; nein, es würde sich sogar vergrößern“, schüttelte Alwin den Kopf. „Obendrein hätten wir dann nämlich das Problem, wer denn den neuen Grafen ernennen soll, wenn Ludwig nach meinem Tod nicht mehr Herr der größten Provinz ist, sondern die dann größte Provinz auch noch ohne Grafen ist. Das wäre der Beginn eines innerscharfenburgischen Erbfolgekrieges. Ich wette, Raimund würde den Grafentitel als nächster Verwandter beanspruchen. Dass er auf … sagen wir … zweifelhafte Weise zum Baron von Löwenstein erhoben …“

„Jetzt macht aber mal einen Punkt!“, ereiferte sich Raimund. „Es ist doch überhaupt nicht wahr, dass ich durch Markgraf Richard zum Baron von Löwenstein erhoben wurde! Bereits Markgraf Balduin, Richards seliger Vater, hat meinen Vater Gerwin zum Baron von Löwenstein ernannt! Seit zwanzig Jahren ist die Baronie Löwenstein in meiner Familie!“

„Ich will das gern im Archiv nachschauen, Baron Raimund“, erwiderte Alwin. „Ich bekenne gern, dass mich mein Gedächtnis immer häufiger im Stich lässt … das Alter, Ihr versteht? Aber das ändert doch erst einmal nichts daran, dass es in der Rebmark zu heftigem Streit kommen würde, wenn Richard das Lehen entzogen würde und ich bis zur Klärung dieser Frage nicht mehr lebe, womit auch Falkenstein an die Rebmark fiele und damit ein herrenloses Lehen zum Träger der Herrschaft über ganz Scharfenburg würde. Es würde ein furchtbares Gemetzel werden. Haben wir dann auch noch Krieg mit Wengland und Wilzarien, wäre das Chaos perfekt. Jeder gegen jeden. Das ist gewiss nicht im Interesse Scharfenburgs – und dieses Interesse an einem souveränen Land Scharfenburg ist es, was uns antreiben sollte.“

Raimund sah den alten Grafen eine Weile an.

„Ihr … Ihr habt Recht“, räumte er schließlich ein.

„Um die Diskussion zu verkürzen, hebe ich das Einstimmigkeitsprinzip auf. Sofern eine Mehrheit von mehr als der Hälfte der Grafschaften erreicht wird, soll der Beschluss gültig sein“, erklärte der Herzog und nickte dem Schreiber Witold zu, der dies in seinen Notizen vermerkte. Raimund war klar, dass er als Vertreter der Rebmark nun praktisch allein dastand. Es gab bestenfalls vier oder fünf Grafschaften, die von dieser Regelung Vorteile hatten. Die meisten Provinzen litten nur darunter. Wenn eine absolute Mehrheit genügte, war dieses Gesetz tot.

In einem Fall hatte Ludwig bisher erreichen können, dass der erbenlose Graf einen jungen Ritter als Adoptivsohn annahm – in Skarpenborn, das ohne diese Adoption ebenfalls an die Rebmark gefallen wäre. Mit Falkenstein hatte dies nicht funktioniert, weil Martin von Wengland doch lieber König von Wengland werden wollte als Graf von Falkenstein. Der andere Kandidat wäre Simon von Scharfenburg gewesen. Das scharfenburgische Recht enthob ein Adoptivkind jedoch vollständig seiner vorherigen Familie. Er hätte damit jegliche Möglichkeit aufgegeben, selbst Herzog zu werden, sollte Heinrich im Krieg etwas zustoßen.

„Also, soll eine Grafschaft, die keinen männlichen Erben hat, künftig an den Herzog zurückfallen? Wie lautet die Entscheidung dieses Rates?“, fragte Ludwig.

Einundzwanzig Grafen und ein den Grafen vertretender Baron waren anwesend. Einundzwanzig Grafen stimmten für den Heimfall des Lehens. Der Einzige, der seine Hand für das Bestehen der bisherigen Vereinbarung hob, war Baron Raimund von Löwenstein.

Am selben Tag flatterte eine Taube aus der Stolzenfelser Burg auf, drehte einige Runden um den höchsten Turm der großen Burganlage, der Jungfrauenturm genannt wurde, und flog schließlich in südwestlicher Richtung davon.

„Ich beneide die Vögel“, sagte Regina, die mit ihrem ältesten Bruder Heinrich auf dem etwas niedrigeren Söller des südlichen Wachtturms stand und der Taube nachschaute.

„Du wärst gern mitgeflogen, oder?“, schmunzelte der Thronfolger. Regina nickte nur. Täglich fiel es ihr schwerer, auf Martin zu verzichten.

„Ich vermisse ihn so!“, schluchzte sie. Heinrich nahm sie sanft in die Arme, um sie zu trösten.

„Die Taube hat Vaters Friedensangebot in der Büchse. Rudolf wird es nicht ausschlagen, bestimmt nicht. Er will den Krieg so wenig wie wir. Und sofern der Frieden besiegelt ist, kannst du deinen Martin heiraten. Es wird ein großes, fröhliches Fest werden, glaub‘ mir“, sagte er, wiegte sie beruhigend und gab ihr einen liebevollen Kuss auf den zarten, hellblauen Schleier, der sie zum Ebenbild jeder Madonna machte.

„Ich freue mich darauf, dass mein künftiger Nachbarherrscher bald mein Bruder ist. Du hast eine gute Wahl getroffen, Schwesterherz“, sagte er und küsste sie nochmals brüderlich auf die hohe Stirn.

„Und ich freue mich darauf, bald den besten Gemahl zu haben, der in diesen Landen zu finden ist. Dass Martin eines Tages König sein wird, ist dabei … nun ja … Nebensache. Ich liebe ihn so, wie er ist.“

Die Taube erreichte am späten Nachmittag Steinburg. Ein junger Page entdeckte den erschöpften Vogel und brachte ihn zum Kastellan Konrad von Siebenstern. Der hieß den Jungen, die Taube zu füttern und sie in den Schlag zu bringen. Er selbst nahm die aufgerollte Nachricht aus der Beinhülse des geflügelten Boten und eilte damit zu König Rudolf.

„Eine Nachricht, Majestät!“, rief er schon im Flur vor dem Arbeitszimmer des Königs. Er trat keuchend ein.

„Eine Brieftaube?“, fragte er, als er den kleinen Zettel sah, den Konrad in der Hand hielt. Der nickte nur, war ganz atemlos.

„Lasst meinen Sohn holen! Martin wird das gewiss interessieren“, wies er den Kastellan an, der japsend kehrt machte und sich auf den Weg nach oben machte. Wenn Martin in Steinburg weilte, bewohnte er nach wie vor die Prinzengemächer neben denen seines jüngeren Bruders im Dachgeschoss.

Rudolf las die Nachricht und strahlte. Es dauerte nur Minuten, bis er es von oben herab poltern hörte, als Martin die Treppe heruntersprang.

„Nachricht aus Stolzenfels?“, fragte er aufgeregt.

„Ja, mein Sohn! Wir können die Hochzeit vorbereiten! Ludwig bietet Frieden an!“, jubelte der König. Freudestrahlend lagen sich Vater und Sohn in den Armen.

„Konrad! Alle Herolde zu mir! Rasch!“, rief Rudolf, während er seinen älteren Sohn fest umarmte.

„Wo werdet ihr verhandeln, Vater? Auf der Alvedrainsel?“, fragte der Prinz, als er und sein Vater die erste große Freude genossen hatten.

„Ja!“, erwiderte Rudolf mit einem so gelösten Lachen, wie Martin es noch nie an seinem Vater gesehen hatte.

„Ach, Junge, dass das noch möglich ist, nach allem, was geschehen ist! Ich freue mich so sehr, dass du bald deine Prinzessin heiraten kannst und in dieser Burg wieder junges Leben einzieht“, grinste er breit.

„Was meinst du?“, erkundigte sich der Prinz verblüfft. Sein Vater schaukelte mit beiden Armen, als ob er ein Baby hielt.

„Na ja, ich nehme doch an, dass du dann auch bald für Nachwuchs sorgen wirst, mein Junge. Ich möchte meinen Enkel noch sehen, bevor ich mich zu deiner Mutter geselle.“

„Vater, so alt bist du doch noch nicht!“, protestierte Martin.

„Nein, aber es wäre eine große Beruhigung für mich, wenn ich wüsste, dass unsere Familie weiterbestehen wird.“

„Das wird sie, Vater. Das verspreche ich dir“, lächelte Martin auf seine fast unnachahmliche Art. Sein Vater streichelte sanft über den immer noch etwas flaumigen Bart seines ältesten Sohnes.

„Du bist deiner Mutter so unglaublich ähnlich, Junge. Du wirst ihr täglich ähnlicher. Nur dieses Lächeln … das ist eindeutig das deines Onkels. Die Jahre bei ihm haben dich geprägt – und das ist gut so. Er ist ein Ritter von Ehre und er hat auch aus dir einen Ritter von Ehre gemacht. Ich danke dir, dass du ihn, deine Tante und alle, die ihm noch geblieben waren, hergebracht hast. Ein wertvolleres Geschenk konntest du mir nicht machen. Ich schäme mich noch immer, dass ich einst beinahe Peters Lügen geglaubt habe.“

„Lass es gut sein, Vater. Onkel Roland trägt es dir nicht nach. Welche Veranlassung sollte ich haben, es dir nachzutragen?“, erwiderte der junge Mann strahlend.

Wenig später galoppierten die Herolde des Königs in alle Richtungen, um die Nachricht zu verbreiten, dass Herzog Ludwig Friedensgespräche auf der Alvedrainsel anbot. Rudolf befahl allen seinen Grafen, jegliche Kriegshandlung gegen Scharfenburg zu unterlassen und den Empfang dieser Nachricht umgehend zu bestätigen.

Peter von Limmenfels traf fast der Schlag, als sein Diener eine wilzarische Gesandtschaft anmeldete und Fürst Owan Aldaron eintrat.

„Das … das … ist unmöglich!“, keuchte er. „Rudolf?“

Aldaron lächelte charmant.

„Das wird demnächst mein Name sein“, sagte er. „König Havarik ersucht Euch um einen Gefallen, Graf Peter. Ihr sollt mir helfen, Eure Sprache so gut zu erlernen, dass ich den Tonfall Eures Königs treffe. Und er bittet Euch, mir alles beizubringen, was ich wissen muss, um ihn so zu ersetzen, dass nicht einmal seine Söhne es merken.“

Peter fand sein Lächeln wieder.

„Es wird mir eine Ehre sein“, erwiderte er. „Ihr werdet mich in den nächsten Monaten begleiten, auch zu unserem König. Ihr werdet Euch das selbst abschauen und hören, wie er spricht.“

Aldaron runzelte die Stirn.

„Wie soll das gehen, ohne dass ich erkannt werde?“, fragte er.

„Wir werden uns eine mildtätige Regelung meines Landes zunutze machen, mein Freund. Hier ist es Gesetz, dass Aussätzige nicht weggesperrt werden dürfen. Wir Grafen sind dazu angehalten, diese armen Teufel zu unterstützen, indem wir ihnen Arbeit und Brot geben. Sie müssen allerdings komplett verhüllt sein. Ihr werdet also als einer meiner Gefolgsleute agieren. Ihr werdet in der Öffentlichkeit kein Wort sagen, weil Ihr stumm seid. So wird Euch niemand erkennen, und Ihr könnt alles genau beobachten. Was haltet Ihr davon?“, schlug Peter vor.

„Ja, das scheint mir eine gute Idee zu sein“, erwiderte Aldaron.

„Herr, ein Bote von …“, rief ein Diener von der Tür.

„Jetzt nicht!“, antwortete der Graf von Limmenfels scharf – und erstarrte fast zur Salzsäule, als er zur Tür sah und der Bote bereits neben dem Diener stand.

 

A A A 

Kapitel 14

Verrat

Peter fing sich bemerkenswert schnell.

„Oh, welch schöne Überraschung!“, sagte er und überlegte gleichzeitig fieberhaft, wie er die Anwesenheit des dem König so verblüffend ähnlichen Wilzaren erklären konnte. Der Bote sah den wilzarischen Fürsten mit Schrecken an.

„Wie ist das denn möglich?“, fragte er.

„Fürst Aldaron ist Gesandter von König Havarik und macht hier Station, bevor er nach Steinburg weiterreist“, erwiderte Peter, dem rasch einfiel, wie er das Geheimnis wahren konnte.

„Welche Nachricht habt Ihr?“, fragte er. Der Bote öffnete den weißen Heroldsstab und zog die gesiegelte Nachricht heraus. Er verneigte sich und überreichte sie dem Grafen.

„König Rudolf ersucht Euch, diese Nachricht sofort und in Anwesenheit aller vorlesen zu lassen, die gerade hier sind – meine Person eingeschlossen – und mir die schriftliche Bestätigung mitzugeben, dass Ihr dem Befehl Folge leistet“, sagte er. „Wenn nicht alle Personen Eures Hauses anwesend sind, sollt Ihr diese unterrichten, sofern sie an Euren Hof zurückkehren.“

Peter nahm ihm die Schriftrolle ab und brach das äußere Siegel auf.

„Den Schreiber! Schnell!“, befahl er und überflog die Botschaft. Er konnte nur knapp verbergen, dass die Botschaft nicht in seine Pläne passte … Der Schreiber erschien, Peter drückte ihm die Nachricht in die Hand.

„Lies das laut vor!“, wies er ihn an.

„Jawohl, Herr“, bestätigte der Schreiber. Er las die Botschaft, dann trat er auf die kleine Empore, auf der der Herrentisch im Rittersaal stand und trug vor:

„Ich, Rudolf von Wengland, von Gottes Gnaden König von Wengland, habe am heutigen Tage eine Botschaft von Herzog Ludwig von Scharfenburg erhalten. Mein herzoglicher Nachbar bietet mir Verhandlungen über einen Friedensschluss auf der Alvedrainsel an, die seit je her zwischen unseren Reichen neutral ist. Ich habe mich zudem anlässlich des Besuchs seiner Söhne überzeugen können, dass mein herzoglicher Nachbar den zwischen uns herrschenden Krieg nicht verursacht hat. Daher soll von Wengland keine neuerliche Kriegshandlung gegen unser Nachbarreich Scharfenburg ausgehen. Ich befehle allen meinen Grafen und deren Vasallen, mit jeglicher Vorbereitung für die Feldzüge, die für den Frühling geplant waren, aufzuhören. Das Königreich Wengland wird den Krieg nicht fortsetzen, wenn Friedensverhandlungen angeboten werden. Ich befehle ferner, dass die Wilzaren, die in den östlichen Grafschaften anwesend sind, nach Wilzarien zurückgeschickt werden. Weiter befehle ich, dass alle meine Grafen den zu ihnen gesandten Herolden eine schriftliche Bestätigung mitgeben, dass sie diese Botschaft erhalten haben und sie befolgen werden. Steinburg am sechzehnten Tage des Monats Februar im Jahre des Herrn 1203. Rudolf; dann folgt das Siegel unseres Königs.“

„Danke, Armin“, sagte Peter. „Du kannst eine entsprechende Botschaft an unseren geliebten König aufsetzen“, entließ er den Schreiber, der sich gehorsam verneigte und den Thronsaal verließ. Der Bote musterte den Wilzaren eingehend.

„Werdet … Ihr mich nach Steinburg begleiten, Fürst Aldaron?“, fragte er. Der Wilze sah ihn verblüfft an.

„Nein“, sagte Peter, bevor Aldaron antworten konnte und fing sich einen vernichtenden Blick des Fürsten ein. „Die Weisung unseres Königs ist ja eindeutig. Fern sei es von mir, sie zu übertreten! Nein, Fürst Aldaron wird nicht nach Steinburg weiterreisen, sondern von hier aus nach Wilzaris zurückkehren. Ich werde dafür Sorge tragen.“

Der Bote verneigte sich.

„Wie Ihr meint, Graf Peter.“

„Ruht Euch aus und stärkt Euch. Euer Pferd wird verpflegt. Ihr könnt morgen die Botschaft an unseren geliebten König mitnehmen.“

Der königliche Herold verbeugte sich nochmals und ließ sich von einem Diener die Unterkunft zeigen.

„Seid Ihr übergeschnappt?“, keuchte Aldaron. „Er hat mich gesehen!“

„Beruhigt Euch, mein Freund“, sagte er. „Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ich ihn nach Steinburg kommen lasse! Nein, der wird nie ankommen – und ich schlage sogar noch zwei Fliegen mit einer Klappe …“

Am Morgen darauf verließ der Bote im ersten Tageslicht die Burg von Limmstedt und ritt eilig in Richtung Westen. Der schnellste Weg vom Hauptort der Grafschaft Limmenfels führte nach Steinburg durch die Siebenberger Pforte, die südlich um die Grafschaft Siebenberg herumführte. Sie hatte allerdings den Nachteil, dass auf diesem Weg relativ wenige Orte waren, in denen ein Reisender Rast machen konnte. Der Bote des Königs nahm genau diesen Weg.

Gegen Mittag passierte er die Grenze zur Grafschaft Steinburg, etwas später nahm er eine Staubwolke hinter sich wahr, die schnell größer wurde.  Der Bote machte sich keine Sorgen. Er war so weit von der scharfenburgischen Grenze entfernt, dass es gewiss keine Scharfenburger sein konnten. Als er sich noch etwas später nochmals umsah, bemerkte er ein aus der Staubwolke herausragendes Banner – das des Grafen von Hirschfeld. Der Anblick ließ den Boten langsamer werden. Ihm konnte nichts Besseres passieren, als mit den Leuten des Hirschfelders, vielleicht sogar mit ihm selbst nach Steinburg zu reiten. Er wartete auf die Hirschfelder, dann hatten sie ihn eingeholt.

Nicht weit entfernt von dem wartenden Boten streifte Waldbauer durch seinen Wald und prüfte, welche Bäume er noch als Brennholzlieferanten fällen konnte, bevor der Saft wieder in die Stämme schoss. Die blau-gelben Farben der Reiter, die dem wartenden Boten folgten, hatten ihn zunächst alarmiert. Blau und Gelb waren auch die Wappenfarben des Grafen von Limmenfels – und dem oder seinen Männern begegnete kaum ein Wengländer gern, nicht einmal dessen eigene Untertanen. Graf Peter und seine Leute nahmen keinerlei Rücksicht auf irgendwen, trieben ihre Pferde auch gerne mal durch die Felder und vernichteten die Ernte … Der Bauer ging hinter einem dicken Stamm in Deckung, sah dann, dass es das Banner Hirschfelds war und atmete auf. Graf Roland war das komplette Gegenteil seines westlichen Nachbarn. Umso entsetzter war der Mann, als er mit ansehen musste, dass die Männer im Hirschfelder Waffenrock den Boten ohne jede Vorwarnung niedermachten. Mit vor blankem Entsetzen rasendem Herzschlag brachte der Bauer sich wieder hinter dem dicken Stamm in Sicherheit und wartete dort, bis die Hufschläge der Hirschfelder sich wieder entfernten. Erst dann wagte er es, vorsichtig hinter dem Baum hervor zu lugen.

Der Bote lag erschlagen am Boden, sein Pferd war in Panik geflohen. Hektisch überlegte der Waldbauer, was er nun tun sollte. Schließlich holte er aus dem Wald zwei Knüppel, rupfte von einem Rinde ab und verband die beiden Knüppel zu einem rohen Kreuz, das er mit der Rückseite seiner Axt in den Boden rammte, wo der Bote unter den Schwerthieben seiner Mörder gestorben war. Den blutigen Leichnam und eine zurückgelassene Lanze mit dem Hirschfelder Lanzenfähnchen lud er auf seine Karre und nahm beides mit zu seinem nur eine knappe Meile entfernten Hof. Dort lud er den Leichnam ab, wickelte ihn in eine grobe Decke und bahrte ihn in der Scheune auf. Als nächstes sattelte er seinen Esel und ritt eilig nach Ermeldorf, um dem Baron dort das schreckliche Verbrechen zu melden.

Bertram von Ermeldorf empfing den aufgeregten Bauern noch mitten in der Nacht.

„Was?“, keuchte der Heermeister. „Wer soll das getan haben? Roland von Hirschfeld? Du musst von Sinnen sein!“

„Herr, ich konnte es auch nicht glauben, weil der Graf doch so ein liebenswürdiger Mensch ist, doch ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Einer von ihnen hat seine Lanze verloren. Ich habe sie zu mir mitgenommen.“

Noch immer überaus skeptisch machte sich Bertram am folgenden Morgen mit zehn seiner Männer auf den Weg zu dem Anwesen des Bauern, der ihm präsentierte, was er gefunden hatte. Kopfschüttelnd sah er auf den übel zugerichteten Leichnam und die Lanze mit dem Hirschfelder Fähnchen.

„Das kann nicht wahr sein!“, brummte er ein ums andere Mal.

„Aber …“

„Ich glaube dir, dass du gesehen hast, was du mir berichtet hast“, sagte er zu dem nun vollends verstörten Waldbauern. „Aber trotz dieser Lanze fällt es mir schwer zu glauben, dass ausgerechnet Graf Roland einen solchen Verrat begehen sollte.“

Der Baron seufzte tief.

„Hilft nichts. Das muss näher untersucht werden“, sagte er und winkte seinen Leuten, die den Leichnam des Boten wieder verpackten und auf einen Wagen verluden.

„Du wirst gewiss als Zeuge gebraucht werden. Halte dich dafür zur Verfügung“, wies Bertram den Waldbauern an.

„Das werde ich, Mylord!“, versprach der Mann. Bertram nickte und bestieg sein Pferd.

Währenddessen bekam Kanzler Helmrich Besuch von einem Boten seines formal ehemaligen Herrn, Graf Peter von Limmenfels.

„Vom Grafen für Euch, Mylord Kanzler. Er bittet Euch, es sofort zu lesen“, sagte der Mann und gab Helmrich die gesiegelte Schriftrolle. Der Kanzler brach das Siegel auf und las folgende Nachricht:

Der Tausch wird vorbereitet. Wenn Ihr diese Nachricht in den Händen haltet, hat es einen Zwischenfall gegeben, der eine Untersuchung gegen meinen Nachbarn nach sich ziehen wird. Sorgt dafür, dass Prinz Martin mit weiteren Nachforschungen beauftragt wird. Er muss für eine Weile aus Steinburg verschwinden!

Peter

 

Helmrich lächelte leicht. Er nickte, schrieb auf die Nachricht die Bestätigung, setzte sein persönliches Siegel dazu und schickte den Boten wieder fort.

Zwei Tage darauf erschien Bertram von Ermeldorf mit dem ermordeten Boten und dem von dem Waldbauern gesicherten Beweisstück.

Wer soll das getan haben? Roland oder seine Leute? Bertram, Ihr seid von Sinnen!“, wies König Rudolf die Anklage empört zurück. „Welche Veranlassung sollte ausgerechnet Graf Roland haben, königliche Boten umbringen zu lassen?“

„Das weiß ich nicht, mein König. Doch einer meiner Waldbauern hat das schreckliche Verbrechen beobachtet. Und das hier …“

Bertram wickelte die aufgefundene Lanze aus der Leinenverpackung,

„… hat er neben dem Toten gefunden und zu sich mitgenommen. Dann ist er zu mir gekommen“, ergänzte er.

„Eine Lanze …“, sinnierte Martin.

„Darauf bin ich auch schon gekommen, Hoheit!“, versetzte von Ermeldorf spitz.

„Großartig“, grinste der Prinz. „Sagt, mein Freund, habt Ihr oder hat einer Eurer Leute schon mal eine Lanze verloren?“

„Was meint Ihr?“

„Beantwortet einfach meine Frage“, erwiderte Martin.

„Nein, so was verliert man nicht“, seufzte Bertram.

„Gut. Und ein kriegserfahrener Mann wie Graf Roland oder einer seiner nicht minder kriegserfahrenen Leute sollte eine Lanze – eine Stoßwaffe – verlieren, während ein ganzer Haufen davon einen einzelnen unbewaffneten Reiter attackiert? Bertram, das glaubt Ihr doch selber nicht!“, versetzte der Prinz. Bertram zuckte mit den breiten Schultern.

„Vielleicht ein dummer Zufall?“, mutmaßte er.

„Nein, ich vermute, das war Absicht“, widersprach Martin. „Ich weiß zwar nicht wer und warum, aber mir scheint eher, dass da jemand Graf Roland in Verruf bringen will.“

„Nun, das muss aufgeklärt werden“, bemerkte König Rudolf. „Ich kann es auch nicht glauben. Und eine Lanze zu verlieren … mein Sohn hat Recht: Das ist bei der beschriebenen Situation unmöglich, wenn sie nicht jemand absichtlich fallen lässt. Ich denke, das wird sich auch leicht aufklären lassen. Martin, du kennst deinen Onkel gut, er vertraut dir und du vertraust ihm. Reite nach Turmesch und kläre das!“, wies er Martin an. Der junge Mann nickte.

„Wenn du erlaubst, Vater, würde ich zuerst gern mit dem Waldbauern sprechen. Ich möchte genau wissen, was er gesehen hat.“

„Meint Ihr, er hat den Zipfel da selbst an die Lanze genagelt?“, hakte Bertram nach.

„Nein, doch vielleicht hat er gesehen, wie sie gefallen ist.“

„Aber eine solche Untersuchung kann dauern …“, warf Kanzler Helmrich ein.

„Das mag sein“, räumte Martin ein. „Doch wenn eine gründliche Untersuchung dieser Angelegenheit letztlich ergibt, wer tatsächlich hinter einer solchen Intrige steckt, dann verwende ich darauf auch gerne Zeit. Da der Krieg für dieses Jahr abgesagt ist, weil Herzog Ludwig Verhandlungen angeboten hat, habe ich die Zeit auch. Bertram, Ihr tätet mir einen Gefallen, wenn Ihr in meiner Abwesenheit gelegentlich mal im Siebensteinforst vorbeischautet und nach dem Rechten seht.“

„Das werde ich, mein Prinz!“, versprach der Heermeister und verbeugte sich vor dem Königssohn.

„Oh, noch etwas …“, sagte Martin und drehte auf dem Weg zur Tür wieder um. „Vater, bei mir sind noch die gefangenen Scharfenburger untergebracht. Ich würde es angesichts des nun tatsächlichen Verhandlungsangebotes für eine Geste des guten Willens halten, wenn wir sie noch vor den Verhandlungen freilassen würden.“

„Nein, um Himmels willen, mein Prinz!“, rief der Kanzler entsetzt. „Ohne die Gefangenen haben wir keinerlei Druckmittel in der Hand!“

„Und … wozu sollten wir … Druckmittel … benötigen, Kanzler?“, hakte Martin nach. Bertram und der König sahen von Zickenberg ebenfalls recht verstört an.

„Nun, ich nehme doch an, dass wir verlangen werden, dass die Schäden ersetzt werden, die Scharfenburger hier angerichtet haben. Da sollten wir besser Pfänder haben“, rechtfertigte sich Helmrich. Martin schüttelte mit abweisender Miene den Kopf.

„Nach allem, was ich bisher erfahren habe, sind die Schäden weit eher in Scharfenburg als hier in Wengland. Vater?“

„Ja, lass die Leute frei, mein Junge. Ich halte das für eine gute Idee“, erwiderte Rudolf mit breitem Schmunzeln. „Möchtest du einen schriftlichen Entlassungsbefehl?“

Sein Sohn erwiderte das Schmunzeln. Er verneigte sich leicht.

„Nein, du hast es mir ja vor Zeugen erlaubt. Ich mache mich gleich auf den Weg. Kommt Ihr mit, Bertram?“

„Gern, Mylord!“, bestätigte der Heermeister und verneigte sich vor dem König, der ihn mit einer freundlichen Geste entließ.

Wenig später verließen der Prinz und der Baron von Ermeldorf samt seinen Männern Steinburg und ritten zum Gut Siebensteinforst.

„Was meint Ihr, Martin: Wer hat Euren Onkel in Verruf bringen wollen?“, fragte Bertram, als sie die Burg hinter sich gelassen hatten. Martin zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Aber ich habe die Absicht, es herauszufinden“, antwortete er.

„Und wie wollt Ihr das anstellen?“, hakte der Heermeister nach.

„Es ist schon ein paar Jahre her, da wurde im Heiligen Land der gerade erst erwählte König von Assassinen umgebracht. Mein Onkel war mit der Untersuchung beauftragt. Er hat mich gelehrt, dass es gut ist, zu fragen, wem ein Verbrechen nützen kann“, erwiderte der Prinz. „Und ich wüsste wirklich nicht, was es meinem Onkel für Vorteile einbringen sollte, einen Boten meines Vaters umzubringen oder ihn umbringen zu lassen. Das ergibt einfach keinen Sinn. Die Frage ist also, wer daraus einen Vorteil ziehen kann – das wird das Erste sein, was ich herausfinden muss, denn im Moment fiele mir da wirklich keiner in Wengland ein.“

„Scharfenburg?“, mutmaßte einer der Männer Bertrams.

„So weit südlich? An der Grenze zwischen Siebenberg und Steinburg? Und das auch noch am südlichen Ende des Siebengebirges? Wie sollten die dort wohl hinkommen?“, schüttelte Martin den Kopf.

„Aber wer sollte es denn dann sein?“

„Wer trägt noch Blau und Gelb als Wappenfarben?“, hakte Martin nach.

„Peter?“, mutmaßte der Mann.

„Genau“

„Und … was sollte es Graf Peter einbringen?“, fragte der Mann weiter.

„Der nagt ständig an den Territorien seiner Nachbarn – und ich weiß, dass er auf Graf Roland noch nie gut zu sprechen war. Erstens hat mein Onkel ihn bei jedem Turnier, bei dem sie aufeinander getroffen sind, fürchterlich verprügelt, zweitens beißt er mit seinen Angriffen auf sehr harten Granit, seit mein Onkel Graf von Hirschfeld ist und die anderen Nachbarn von Limmenfels dazu gebracht hat, Peters Überfalltrupps einzufangen und einzusperren. Peter hasst meinen Onkel wie Pest und Lepra auf einen Schlag. Wenn ich jemandem zutraue, ihn in Verruf bringen zu wollen, dann ist es Graf Peter von Limmenfels.“

„Vor Eurem Vater habt Ihr das nicht so deutlich gesagt, Hoheit“, bemerkte Bertram mit schelmischem Lächeln.

„Nein, denn einen wirklichen Beweis habe ich dafür noch nicht. Mein Vater wird über Peter richten müssen, wenn er des Verrats angeklagt wird. Hätte ich das vor meinem Vater so gesagt, wäre das eine Anklage gewesen, die ich beweisen muss“, erwiderte Martin

„Ihr seid Graf von Steinburg, mein Prinz. Ihr seid selbst Richter im Adelsgericht“, erinnerte Bertram.

„In diesem Fall werde ich vielleicht der Ankläger sein, aber Ihr wisst, dass der Ankläger in Wengland nie auch Richter sein darf“, erinnerte Martin seinerseits.

Martin von Wengland war wirklich ein mit Scharfsinn gesegneter junger Mann, der die Lehren seiner Erzieher verinnerlicht hatte. Doch auf die Idee, dass der augenscheinlich sinnlose Mord an dem Boten Bestandteil einer großangelegten Intrige war, um ihn vom Steinburger Hof wegzulocken, wäre er nie gekommen.

Helmrich von Zickenberg informierte umgehend Peter von Limmenfels, dass Prinz Martin die Vorwürfe gegen den Grafen von Hirschfeld ebenso wenig glauben konnte wie sein Vater, beide sich aber wegen der recht glaubwürdigen Aussage eines gänzlich Unbeteiligten dennoch genötigt sahen die Angelegenheit aufzuklären. Der Graf von Limmenfels rieb sich meckernd lachend die Hände, als er die Nachricht seines Spions las.

„Kommt das nicht etwas früh?“, fragte Aldaron besorgt.

„Macht Euch da keine Gedanken. Prinz Martin mag ein kluger Junge sein, aber er wird nicht auf die Idee kommen, dass der Tod des Boten eine Finte ist, um ihn aus Steinburg wegzulocken. Er ist seinem Onkel, meinem bestgehassten Nachbarn, sehr verbunden; nein, er liebt ihn und sein Weib wie seine Eltern. Unser Kronprinz spricht französisch und arabisch immer noch fast besser als unsere Landessprache, und er nutzt jede Gelegenheit, Zeit mit seinen ehemaligen Erziehern zu verbringen. Und nachdem er nun längere Zeit von seinem geliebten Ziehvater getrennt war, wird er gewiss gern viel Zeit in diese Untersuchung investieren. Er hat ihm bestimmt viel zu erzählen …“, grinste Peter. „Das wird uns die nötige Zeit verschaffen, Euch mit Euren Aufgaben vertraut zu machen. Also … fangen wir an …“

 

A A A

Kapitel 15

Mordversuch

Während Martin in Wengland die Spur des Heroldsmörders aufnahm, beschloss Raimund von Löwenstein, dass er seinem Vetter Richard irgendwie helfen musste. Richard hatte ihm versprochen, ihn zum Markgrafen zu erheben, wenn er nach Alwins Tod neuer Herzog Scharfenburgs werden würde. Dazu würde es nun, nachdem das Grafschaftserbe abgeschafft war und eine erbenlose Grafschaft wieder heimfiel, nicht mehr kommen.

Angesichts dessen, was der Markgraf der Rebmark inzwischen alles angestellt hatte, drohte ihm das Beil des Henkers. Raimund kannte ihn gar zu gut und rechnete durchaus damit, dass Richard ihn im Zuge des Prozesses anschwärzen würde. Wenn er seinem Vetter half, konnte er sich seiner versichern und vielleicht verhindern, dass er selbst vor das Hochgericht gezogen wurde.

In Lämmerschitz gab es eine Kräuterfrau, die Heilsalben mischte und Kräuter für alle möglichen Zwecke sammelte und aufbereitete. Das kleine Dorf unterhalb des Löwensteiner Oberlandes und jenseits des Löwensteiner Alvedra gehörte zur Baronie Löwenstein.

Gleich nach seiner Rückkehr aus Stolzenfels ritt er allein nach Lämmerschitz. Die Hütte der Kräuterfrau war die hinterste im Dorf, die direkt am Wald lag. Die Leute im Dorf gingen vor dem Baron ehrfürchtig in die Knie und wagten nicht, den Blick zu heben. Raimund war nicht für Freundlichkeit bekannt …

„Mein Herr sucht meine bescheidene Hütte auf! Womit habe ich diese Ehre verdient, Herr?“, fragte die alte Frau, als der Baron eintrat.

„Du mischst Heilkräuter?“, fragte er, ohne die Frage der Frau zu beantworten.

„Ja, Herr.“

„Und sie heilen nur?“, hakte er nach.

„In der richtigen Menge natürlich, Herr. Doch nimmt man zu viel, dann kann es auch gefährlich werden“, erwiderte sie.

„Wie meinst du das?“

„Nun, zwei Gran* hiervon …“, sie wies auf ein Kräutersträußchen, das von einer am Dachfirst aufgehängten Stange herunterbaumelte, „helfen, auch das fetteste Essen zu vertragen. Bei vier Gran kommt man fast zu spät aufs Scheißloch, bei sechs kann es den Tod bedeuten. Die Menge macht das Gift, Herr. Und dann können einem fatale Verwechslungen unterlaufen. Seht:“

Sie hielt ihm zwei Blätter entgegen, die nahezu gleich aussahen.

„Das hier“, sie wedelt mit der rechten Hand, „ist Bärlauch – ein wunderbares Küchenkraut, das nach Knoblauch riecht, aber nicht so einen Mundgeruch verursacht. Das hier“, sie wedelte mit der linken Hand, „ist ein Maiglöckchenblatt. Das ist sehr giftig – es sei denn, dass es über Wochen in Wein lagert und der Wein nach dem Abseihen zu Schnaps gebrannt wird. Aber es muss mehrfach gebrannt werden. Einmal genügt nicht, Herr.“

„Und … was passiert, wenn man so ein giftiges Blatt isst?“, fragte Raimund, dem bei der Erwähnung von Bärlauch eine Idee kam.

„Man stirbt.“

„Und … wie unterscheidest du diese Pflanzen?“

„Am Geruch, Herr. Das hier riecht nach Knoblauch, das hier eben wie Maiglöckchen.“

„Gib mir von diesen Blättern da welche mit“, sagte er und wies auf die Bärlauch- und Maiglöckchenblätter.

„Wozu …“

„Das geht dich nichts an!“, fuhr Raimund die Kräuterfrau an. „Und sage niemandem etwas! Du weißt, dass du sonst leicht als Hexe gelten könntest!“

„Ich hexe nicht, Herr. Das weiß hier jeder“, entgegnete die Kräuterfrau.

„Dann bete, dass es so bleibt. Wenn ich irgendwie erfahre, dass du jemandem sagst, was ich von dir gehört habe, dann könnte sich das ändern. Also, lass es“, drohte er. Die Kräuterfrau wurde bleich. Raimund hatte als Baron die Hohe Gerichtsbarkeit in Löwenstein und konnte damit Strafen bis hin zum Tod verhängen. Sie ging in die Knie und senkte den Kopf.

„Ich werde niemandem etwas sagen, Herr!“, versprach sie.

„Gut. Es ist in deinem eigenen Interesse.“

Mit zwei Beuteln, in denen sauber getrennt und beschriftet die gefährlichen und die ungefährlichen Blätter waren, verließ er das kleine Dorf, eine vor Angst zitternde Frau zurücklassend. In seiner Burg oberhalb des Dorfes Löwenstein suchte er gleich die Küche auf.

„Macht mir von diesen Kräutern jeweils eine Paste!“, wies er das Küchenpersonal an. „Achtet genau darauf, welche Paste ihr in welches Gefäß gebt. Sie dürfen auf keinen Fall vermischt werden! Kocht sie auch nicht im selben Topf! Das aus dem Beutel, auf dem Bärlauch steht, tut ihr in ein rotes Gefäß, das aus dem anderen Beutel in dieses!“

Er händigte dem Koch einen Tiegel mit weißer Oberfläche aus, der mit einem Korken verschlossen war, in den das herzogliche Wappen eingebrannt war.

„Und auf keinen Fall verwechseln!“, befahl er.

„Wie Ihr wünscht, Herr!“, bestätigte der Koch. „Bis wann möchtet Ihr die Pasten haben?“

„So schnell, wie es geht!“

Einen Tag vor dem Gericht über Richard war er wieder in Stolzenfels. Für seinen Plan, den Herzog daran zu hindern, Richard zu verurteilen, wollte er eine Vorliebe des Herrschers nutzen: Ludwig schätzte eine knoblauchhaltige Kräutersauce, die in einem weißen Tiegel vor ihm auf der Tafel stand. Raimund betrat die Küche unter dem Vorwand, wissen zu wollen, was es in zwei Tagen für die Tafel geben sollte. Küchenmeister Harald schnaufte zwar gereizt, ließ aber den Topf mit dem aktuellen Gericht stehen, um dem Baron die verlangte Auskunft zu geben. Die kurze Abwesenheit nutzte Raimund, um aus dem weißen Behälter in seiner Tasche einen kleinen Löffel voll in die frisch zubereitete Sauce zu geben, die neben dem für den Herzog bestimmten Anrichtetablett stand, und durchzurühren.

„In zwei Tagen – das ist Sonntag. Ich habe eine Order für Kalbsschulter, dazu ein Bohnenmus. Als Getränk soll Traubendorfer Schwarzkittel gereicht werden “, erklärte er, als er aus dem kleinen Küchenarchiv kam. „Wieso?“

„Alles in Ordnung, Küchenmeister. Seine Hoheit war sich nur wegen des Weins nicht mehr ganz sicher. Danke für die Auskunft“, lächelte er und verließ die Küche wieder. Harald schüttelte den Kopf und stellte die restlichen Gefäße mit dem fertigen Mittagessen samt einem neuen Saucentiegel für den Herzog auf namentlich bezeichnete Tabletts und wies die Diener mit einem Kopfnicken an, die Tabletts in den Rittersaal zu bringen.

Die Diener servierten zuerst dem Herzog, dann seinen Söhnen und seiner Tochter, schließlich den anwesenden Räten, die mit an der herzoglichen Tafel saßen. Ludwig, der seine Knoblauchsauce so sehr liebte, dass er – abgesehen von Süßigkeiten wie Kuchen oder Kompott von Früchten – eigentlich an jedes Gericht etwas davon gab, öffnete den Deckel seines noch vom Frühstück stehengebliebenen Tischgefäßes und sah, dass es nahezu leer war.

„Verzeiht, Herr“, sagte einer der Diener, als den missmutigen Blick des Hausherrn sah und stellte das eben aus der Küche mitgenommene Gefäß vom Tablett vor den Herzog.

„Schon gut, Eduard. Ich war ein wenig voreilig“, beruhigte der den erschrockenen Diener. Er wusste, dass er sich auf seinen Koch verlassen konnte, der die Sauce täglich neu ansetzte, weil der um die Menge wusste, die Ludwig stets verspeiste. Der Herzog nahm die neue Sauce und verteilte mit dem darin steckenden Holzlöffelchen großzügig von der sattgrünen Masse auf dem appetitlichen Rinderbraten, den er vor sich hatte. Mit einem Essspieß fixierte er das Stück Fleisch auf dem hölzernen Teller, schnitt sich ein Stück davon ab und schob es mit genüsslichem Seufzen in den Mund.

„Mmmmm, ist das lecker! Eduard, sag‘ dem Koch, dass die Sauce besonders gut geraten ist!“

„Das werde ich, Herr“, versprach der Diener.

Es dauerte keine halbe Stunde, bis Ludwig sich unwohl fühlte. Er hatte das Gefühl, dass sein Herz stolperte wie ein ins Straucheln geratener Botenläufer. Das Unwohlsein hielt eine gute Stunde an, dann erholte er sich wieder. Kopfschüttelnd nahm er dies zur Kenntnis und versuchte, den Vorfall zu vergessen.

Am folgenden Tag ereilte ihn das Unwohlsein nach dem Frühstück. Einer Ohnmacht nahe, gab er Anweisung, den Gerichtstag um eine Woche zu verschieben. Raimund atmete auf, als er von der Verschiebung hörte. Jetzt musste er den Herzog nur unauffällig weiter mit dem Gift versorgen, damit der nicht dazu kam, über Richard Gericht zu halten

In den folgenden Tagen trat das Unwohlsein des Herzogs immer wieder auf – und immer nach dem Essen. Dann hatte er wieder Ruhe. Mit einigem Geschick gelang es Raimund, die Bärlauchsauce so unregelmäßig mit dem Maiglöckchenzusatz zu vergiften, dass einstweilen keiner auf die Idee kam, die Lieblingszutat des Herzogs mit den Anfällen in Verbindung zu bringen. Deshalb fiel auch niemandem auf, dass die Beschwerden nicht mehr auftraten, nachdem wieder ein frischer Bärlauchsaucentiegel auf den Tisch kam, dem keine Maiglöckchen zugesetzt waren.

Andererseits hielt Raimund den Herzog ständig so weit unter der Droge, dass er Heinrich als seinen Vertreter einsetzte.

„Du musst einstweilen für mich regieren, mein Sohn. Doch das Urteil über Richard kann ich dir nicht überlassen. Es muss warten, bis ich gesund bin“, sagte er.

„Vater …“, setzte Heinrich langsam an, „was … was ist … wenn …“

„Wenn ich mich nicht erholen sollte, wenn ich sterben sollte, dann bist du der Herzog, mein Sohn. Dann magst du über Richard urteilen. Aber erst, wenn ich dir meinen Thron vererbt habe.“

Ludwig ließ die Grafen seines Herzogtums zusammenrufen und verkündete persönlich, dass er derzeit nicht regierungsfähig sei und Heinrich ihn bis zu seiner Genesung in allem vertreten sollte – außer im Gericht über Grafen.

„Wenn Ihr nicht richten könnt und Heinrich als Euer zeitweiliger Vertreter nicht richten darf, was ist dann mit Graf Richard? Es ist nicht Recht, jemanden ohne Urteil im tiefsten Kerker festzuhalten!“, protestierte Raimund.

„Ich bin mit Raimund und Richard wahrlich nicht immer einer Meinung“, sagte Alwin, „doch in diesem Punkt muss ich dem Baron von Löwenstein als Vertreter des Markgrafen zustimmen, Hoheit.“

„Richard freizulassen, würde ich für ausgesprochen gefährlich halten“, widersprach Heinrich.

„Lasst Euch schwören, dass er die Rebmark nicht verlässt und sich dem Gericht des Herzogs stellt, wenn er genesen ist“, schlug der Graf von Falkenstein vor. Heinrich sah seinen Vater an. Sein Vater nickte ihm zu, bedeutete ihm, dass er mit jeder Entscheidung einverstanden sein würde. Letztlich musste Heinrich lernen, selbstständige Entscheidungen zu treffen und sie auch zu vertreten, wenn es nötig war. Der ältere Prinz Scharfenburgs kämpfte mit sich, das war ihm anzusehen.

Lehnte er das Angebot ab, das auch noch von jemandem kam, der mit dem Herzogshaus eng verwandt war und der obendrein kein spezieller Freund dessen war, der sich danach zu richten hatte, lief er Gefahr, als unmäßig harter Herr zu gelten.

Ließ er einen solchen Schwur zu, musste er sich darauf verlassen, dass Richard ihn auch einhielt. Tat er es dann nicht, hatte er das Problem, Richard dazu zwingen zu müssen – und in einer so einfach abzuschottenden Gegend wie der Rebmark würde es dem dortigen Landesherrn leicht fallen, sich der Erfüllung dieses Schwurs zu entziehen, wenn auch um den Preis, dass er in seiner Grafschaft eingesperrt wäre.

„Holt Richard her!“, befahl er nach einer ganzen Weile, die die Grafen ihn gespannt angesehen hatten. Heinrich hatte zum ersten Mal den Druck gespürt, dem ein regierender Herzog bei seinen Entscheidungen ausgesetzt war, war richtig ins Schwitzen geraten und hoffte, dass niemand es mitbekommen hatte.

Wenig später führten Wachen Richard vor den versammelten Grafenrat vor, zwangen ihn vor Ludwig und Heinrich in die Knie.

„Richard“, sagte der Herzog, „ich bin derzeit zu krank, um mein Herzogtum weise zu regieren und über Euch Gericht zu halten. Ich habe die Regierungsgeschäfte bis zu meiner Genesung in die Hände meines ältesten Sohnes gelegt, der auch meinen Thron erben wird. Doch er wird nicht über Euch richten, denn er ist durch seine Nachforschungen Euch gegenüber voreingenommen und würde nicht objektiv urteilen können. Deshalb will ich selbst ein Urteil über Euch sprechen, wenn ich genesen bin. Alles Weitere wird mein Bailli Heinrich entscheiden – auch über die Frage, ob Ihr weiterhin eingekerkert bleibt oder ob Ihr Euch in grenzen frei bewegen könnt.“

Er bedeutete Heinrich, das Wort zu ergreifen.

„Richard, Ihr wisst, dass ich Euch für dessen schuldig halte, was Euch vorgeworfen wird“, sagte er. „Doch ich kann nicht über Euch richten, denn diese Vollmacht wird mir als Bailli nicht übertragen. Deshalb biete ich Euch die Möglichkeit, Euch zu bewähren und Euch aus dem Kerker zu entlassen, wenn Ihr mir schwört, dass Ihr zum einen die Rebmark nicht verlasst und zum anderen, dass Ihr Euch ohne Widerstand dem Gericht des Herzogs stellt, sofern er Euch nach seiner Genesung dazu auffordert“, erklärte er.

Richard von Rebmark war alles Mögliche, aber gewiss nicht dumm. Er hatte rasch erfasst, dass es keine bessere Möglichkeit gab, sich noch länger des Lebens zu erfreuen, als Heinrichs Angebot anzunehmen.

‚Der naive Bengel wird schon merken, was er sich damit eingehandelt hat …‘, dachte er und hob die Hand zum Schwur.

„Ich schwöre, in die Rebmark zurückzukehren, sie nicht zu verlassen, sie gegen jeden Feind zu verteidigen und mich dem Spruch des Herzogs zu stellen, sofern er mich zum Gericht nach Stolzenfels ruft und den Richterspruch meines Herrn zu akzeptieren“, leistete er den geforderten Eid – und sogar noch ein bisschen mehr.

„Löst seine Fesseln!“, befahl Heinrich. Die Wachen schlossen die Kettenschellen auf. Richard verbeugte sich artig.

„Ich werde mich noch heute in die Rebmark begeben und sie erst auf den Befehl meines Herzogs zum Gericht verlassen“, sagte er.

A A A 

Kapitel 16

Ermittlungen

Rimbert von Klotzenport empfing Martin und die Ermeldorfer mit einer tiefen Verbeugung.

„Willkommen, Prinz Martin! Willkommen, Baron Bertram!“

„Danke, Rimbert“, erwiderte Martin. „Ihr werdet bald nach Steinburg heimkehren können, mein Freund.“

„Wieso?“, fragte der Hauptmann der Herwigsgarde.

„Alle Gefangenen werden freigelassen. Ich möchte, dass Ihr sie zur Grenze begleitet, damit sie sicher heimkommen“, sagte der Prinz und stieg vom Pferd. „Von dort kehrt heim nach Steinburg, berichtet meinem Vater und erwartet seine weiteren Befehle.“

„Es wird so geschehen, mein Prinz!“, bestätigte Rimbert freudig und beeilte sich, seinen Männern die Nachricht weiterzugeben.

Am folgenden Tag leerte sich das Landhaus im Siebensteinforst fast vollständig. Es blieben nur Martins persönliche Bedienstete, denen der Prinz bekannt gemacht hatte, dass er nochmals für längere Zeit abwesend sei, der Baron von Ermeldorf ihn vertreten würde und zuweilen vorbeikäme.

Die Herwigsgarden ritten mit den nun freien Gefangenen nach Norden, Martin mit Bertram und dessen Männern nach Süden. Nach einer Rast in Bertrams Burg führte der Heermeister den Prinzen am darauffolgenden Tag zu dem Waldbauern, der vor Ehrfurcht beinahe zerfloss, als er des Prinzen ansichtig wurde.

„Erhebt Euch!“, forderte Martin ihn auf, als der Bauer vor ihm auf die Knie fiel. „In meiner Grafschaft wird nur vor Gott gekniet.“

„Womit habe ich verdient, dass Ihr, mein Graf, mich heimsucht?“, fragte der Bauer und wagte noch immer nicht nach oben zu sehen. Martin nahm ihn an der Hand.

„Nun kommt schon hoch. Ich bin auch nur ein Mensch“, sagte er und zog ihn nach oben. Zögernd ließ der Bauer sich aufhelfen.

„Wie ist Euer Name?“, erkundigte sich der Steinburger Graf.

„Armin“, gab der Bauer Auskunft

„Also, Armin, Ihr habt den Überfall auf den Boten meines Vaters gesehen?“, fragte der Prinz. Armin nickte schweigend.

„Wo ist das geschehen?“, fragte Martin weiter.

„Soll ich Euch die Stelle zeigen, Hoheit?“, fragte der Mann. Jetzt nickte Martin wortlos, aber mit einem leichten Lächeln.

„Folgt mir, mein Prinz“, winkte ihm der Bauer. Martin und Bertram stiegen auf ihre Pferde und begleiteten Armin, der zu Fuß zu der Stelle am Waldrand ging.

„Das ist mein Wald, Mylord. Ich war hier, um zu sehen, welche Bäume ich fällen kann, um Brennholz zu haben, da hörte ich ein Pferd im Galopp. Es kam von dort“, erklärte der Zeuge und wies nach Nordosten, wo sich die Siebensteiner Pforte auftat, die Lücke zwischen dem wenglischen Siebengebirge und dem nördlichen Ausläufer des südwenglischen Aventurgebirges, das auch Drachenberge genannt wurde.

„Ich sah einen Herold im Tappert unseres Königs kommen. Hinter ihm wurde eine Staubwolke größer, aus der blau-gelbe Banner herausragten. Erst habe ich gefürchtet, es könnten Peters Leute sein, die wieder einmal die Gehöfte hier plündern wollten und habe mich hinter diesem Baum hier versteckt.“

Armin wies auf eine mächtige Buche am Waldrand, die deutlich übermannsdick war. Verblüfft bemerkte er, dass der Prinz mit Bleistift etwas in ein kleines Buch schrieb, das er aus der Gürteltasche gezogen hatte.

„Was macht Ihr, Herr?“, fragte er.

„Ich schreibe mir das auf, damit ich nichts vergesse von dem, was Ihr mir sagt“, erwiderte Martin und schrieb die Notiz fertig. Er steckte Notizbuch und Bleistift ein, stieg vom Pferd, dessen Zügel er Bertram gab und folgte dem Bauern zu der gewaltigen Buche.

„Und weiter?“, fragte er dort.

„Dann habe ich gehört, dass der einzelne Hufschlag verstummte und habe hier vorsichtig um den Baum gelugt“, fuhr Armin fort und wies rechts am Baum vorbei auf die freie Fläche, die sich vor dem Wald über gute zwei Meilen erstreckte.

„Der Herold hatte angehalten und schien auf die … ja … Verfolger zu warten. Dann sah ich, dass das blau-gelbe Banner schräge geteilt war und in der blauen Flächen eine gelbe Hirschstange und im gelben Feld ein rotes Kreuz, das an den Enden breiter wird. Ich habe es als das Banner des Grafen von Hirschfeld erkannt und war heilfroh, weil der Graf von Hirschfeld als freundlicher Mann bekannt … war. Aber dann sind die Leute unter dem Hirschfelder Banner einfach über den Boten hergefallen. Sie haben ihn ohne jede Warnung angegriffen.“

„Keine Warnung?“, hakte Martin nach.

„Nein, Herr. Ich hätte es hören müssen, wenn ich schon den Hufschlag gehört habe.“

„Probieren wir das mal aus“, bemerkte der Prinz. Er verließ den Platz hinter dem Baum, stieg wieder auf sein Pferd.

„Da vorn, wo das Kreuz steht, sieht der Boden zerwühlt aus. War es dort?“, fragte er. Bauer Armin nickte nur. Der Prinz ließ Rufus zu der Stelle gehen, die er vom Sattel aus gesehen hatte. Sie mochte fünfzig Klafter vom Waldrand entfernt sein.

„Kommt her!“, rief er von dort aus, verzichtete aber auf Handzeichen. Bertram und Armin folgten ihm. Martin nickte und notierte sich, dass Rufe von seinem Standort aus ohne weiteres bis zum Waldrand hörbar waren.

Viele Hufe hatten den Boden aufgewühlt, bei dem groben Holzkreuz befand sich ein großer dunkler Fleck auf einer grasigen Fläche, deren Halme geknickt schienen. Martin stieg wieder ab und sah die Halme näher an. Es war tatsächlich getrocknetes Blut, das daran klebte. Seit zwei Wochen hatte es nicht mehr geregnet, es war auch kein Schnee mehr gefallen, also hatte der Regen das Blut nicht wegwaschen können, Schnee hatte es nicht verdecken können.

„Wo habt Ihr die Lanze gefunden?“, fragte Martin weiter.

„Hier lag der Tote …“, sinnierte der Bauer, wies auf das Kreuz und ging einige Schritte weiter in Richtung Nordosten. „Hier … etwa“, sagte er. Martin notierte sich, dass die Lanze etwa drei Klafter von dem toten Herold entfernt gefunden worden war.

„Wie ist diese Lanze gefallen?“, fragte der Prinz. Armin zuckte mit den Schultern.

„Das weiß ich nicht, Herr“, sagte er. „Ich habe sie nur nach dem Mord gefunden.“

„Ihr sagt nicht Kampf?“

„Nein, denn den gab es eigentlich nicht. Herolde sind ja nicht bewaffnet. Ich meine auch, gesehen zu haben, dass gleich der erste Reiter ihn mit einer Art Keule geschlagen hat.“

„Keule? Beschreibt mir das näher.“

„Schwierig … eine Keule eben, also ein längliches Stück Holz, das am oberen Ende dicker wird“, antwortete Armin. Martin zeichnete auf einem hinteren Blatt seines Notizbuches eine Keule, wie er sie einmal in der Waffenkammer seines Onkels gefunden hatte. Es war dort ein Beutestück aus sarazenischen Beständen gewesen. Die Sarazenenkeule war halb mannslang und hatte eine etwa kinderfaustgroße Verdickung am Schlagende.

„So etwa?“, fragte er. Armin schüttelte den Kopf.

„Nein, der Stiel war kürzer, viel kürzer. Und außerdem muss etwas Scharfkantiges daran gewesen sein, denn der Bote hatte … ach, das zeige ich Euch. Er liegt noch in meiner Scheune. Kommt!“

Martin und Bertram folgten dem Bauern wieder auf dessen Hof, wo der tote Herold immer noch in der kalten Scheune lag.

„Ich habe nicht gewagt, ihn schon zu vergraben. Ich weiß nicht mal, ob ich das ohne einen Priester überhaupt darf. Ich kenne ja auch seinen Namen nicht“, erklärte der Waldbauer. Wegen der Kälte, die nach wie vor herrschte, war die Verwesung des Leichnams noch nicht fortgeschritten. Martin atmete außerhalb der Scheune einmal tief durch, dann nahm er allen Mut zusammen, um den Toten näher zu betrachten. Er kam sich wie ein Leichenfledderer vor …

„Bertram, notiert Ihr, was ich Euch ansage?“, fragte er.

„Schreiben ist nicht gerade meine Profession, Mylord. Aber mein treuer Markus hier kann schreiben“, verwies der Heermeister an einen seiner Gefolgsleute. Martin nickte und gab dem Schreiber sein Notizbuch.

„Dann schreibt bitte auf: Leichnam des Herolds Oswald. Der Tote ist vollständig bekleidet, es fehlt nichts, in seiner Gürteltasche stecken zehn Gulden in einzelnen Münzen. Heroldsstab ist vorhanden.“

Martin nahm den Heroldsstab und drehte einen der beiden Knäufe ab. Eine gesiegelte Botschaft fiel heraus. Der Prinz selbst hatte diese Art des Nachrichtentransports angeregt

„Eine Botschaft ist im Heroldsstab noch gesiegelt enthalten. Sie ist an König Rudolf gerichtet und trägt das Siegel der Grafschaft Limmenfels“, ergänzte er. Markus notierte, was der Prinz ihm diktierte.

„Weiter: Verletzungen: Zwei tiefe parallele Schnitte an der linken Seite am Kopf, die stark geblutet haben. Der Schädel ist an dieser Stelle fühlbar eingeschlagen. Eine Stichwunde im Rücken, die durch den Tappert, den Gambeson und das Leinenhemd in den oberen Rücken erfolgte. Die Wunde hat ebenfalls stark geblutet. Der rechte Arm ist am Unterarm von der Außenseite her nach innen gebrochen. Vermutlich hat Oswald sich mit dem Arm gegen einen Hieb von der rechten Seite decken wollen. Beide Wunden scheinen mir tödlich“, sagte er weiter. „Danke, Markus, das ist alles“, schloss er die Totenbesichtigung ab und wandte sich an Bertram:

„Könnt Ihr einen Priester und einen Totengräber herschicken, die Armin von dem Toten entlasten?“

„Ja, natürlich, mein Prinz. Ich werde das umgehend veranlassen“, versprach der Heermeister.

„Gut. Wo kann ich mir die Hände waschen?“, fragte Martin und drehte etwas verlegen seine vom getrockneten Blut des Toten schmutzigen Hände.

„Kommt, mein Prinz!“, winkte ihm Armin. Der Thronfolger ging dem Bauern in dessen Haus nach, wo Armin ihm eine Schüssel mit Wasser reichte. Martin bereinigte sich und verließ das Haus wieder. Draußen stieg er wieder auf sein Pferd und nahm Markus das Schreibzeug ab, das er in seiner eigenen Tasche verstaute.

„Danke“, sagte er. „Bertram, Ihr kümmert Euch um die Bestattung dieses Herolds und übergebt meinem Vater die Botschaft. Sagt ihm, dass Herold Oswald mit einem Streitkolben erschlagen wurde – und dass ich schon deshalb nicht annehme, dass der Graf von Hirschfeld in diesen Mord verwickelt ist.“

„Äh, was hat der Streitkolben damit zu tun, Mylord?“, erkundigte sich Bertram verblüfft. Martin nahm den Zügel auf.

„Ihr wisst, dass der Graf von Hirschfeld aus Frankreich stammt und von einem Franzosen zum Ritter geschlagen wurde. Was immer ich über das Dasein eines Ritters weiß, habe ich von ihm gelernt. Französische Ritter sehen den Streitkolben nicht als ritterliche Waffe an. Mein Onkel oder einer seiner ebenfalls aus Frankreich oder dem Königreich Jerusalem stammenden Männer würde eine solche Waffe nicht benutzen“, erklärte er. „Sagt meinem Vater weiter, dass ich den Spuren folge und zu ergründen versuche, woher die Mordbuben gekommen sind.“

„Das könnte gefährlich sein, Mylord!“, warnte der Waldbauer. „Es war bestimmt ein ganzes Dutzend Männer!“

„Ja, das glaube ich gern nach den Spuren am Wald“, erwiderte der Prinz. „Aber umso deutlicher wird die Spur der Truppe sein.“

Damit drückte er Rufus die Hacken in die Flanken und ritt eilig in Richtung des Waldes fort.

„Wird er das allein schaffen?“, fragte Armin den Heermeister. Bertram zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht, Armin. Ich hoffe es. Ich sorge dafür, dass du von dem Toten befreit wirst. Gehab dich wohl!“

Auch Bertram und seine Männer verließen den Hof des Waldbauern, aber in der anderen Richtung. Dem Heermeister war nicht wohl bei der Vorstellung, dass der Thronfolger ganz allein etwa zwölf bewaffneten Mördern nachspüren wollte. Und … war es nicht ebenso wichtig, nachzuprüfen, wohin sie letztlich geritten waren?

„Markus, nimm dir zehn Männer und reite den Spuren der Mörder in der anderen Richtung nach!“, befahl er.

„Was sollen wir tun, wenn wir sie treffen?“, fragte der Schreiber.

„Beobachtet sie und seht nach, wohin sie sich wenden. Wenn klar ist, wo sie Unterschlupf gefunden haben, gib mir Nachricht.“

Die breite Spur, die die Mörder des Herolds hinterlassen hatten, führte in Martins Suchrichtung geradewegs auf die Limmenfelser Grenze zu. Östlich des Ausläufers der Drachenberge trafen jedoch zwei Landstraßen aufeinander, auf der sich die Spuren in der Menge der sonst vorhandenen Spuren verloren. Der Wegweiser an der Einmündung wies links herum nach Zickenfurt, wo sich eine der hauptsächlich benutzten Furten über den Limmur befand. Nach links führte die Straße nach Limmstedt. Der Prinz wollte sich schon nach links wenden, als er in einem Gebüsch rechts der Straße etwas Gelbes schimmern sah. Er lenkte Rufus in diese Richtung, beugte sich an dem Gebüsch tief herunter und fischte ein weiteres Lanzenfähnchen aus dem Gestrüpp. Ein daran hängender, verrosteter Nagel trug ein Tatzenkreuz. Solche Nägel benutzte Roland von Hirschfeld für die Befestigung seiner Banner- und Wimpeltuche an den Fahnenstangen. Aber das Lanzenfähnchen war nicht schräge geteilt, sondern gerade. Dennoch trug es im gelben Streifen das rote Tatzenkreuz und im blauen Streifen eine gelbe Hirschstange. Beides war nicht – wie bei Rolands Truppen üblich – eingestickt, sondern aufgemalt.

‚Das sieht nach einer plumpen Fälschung aus‘, dachte er.  Nicht weit entfernt war ein kleiner Hof, auf den der Prinz seinen Rappen zutrieb. Auf dem Hof hackte der Besitzer Holz.

„Gott zum Gruße!“, rief Martin.

„Wer bist du?“, knurrte der Hofbesitzer.

„Martin ist mein Name“, stellte er sich nur halb vor und zog den Wimpel aus der Tasche. „Sag‘ mir Bauer, hast du vor kurzem eine Reiterschar hier vorbeikommen sehen, die Lanzen mit solchen Fähnchen hatten?“

Der Bauer stützte sich auf seine Axt und sah den Reiter misstrauisch an.

„Und … was geht dich das an, Martin?“, fragte er.

„Einer von ihnen hat das hier wohl verloren“, erwiderte der Prinz mit sanftem Lächeln und wedelte mit dem Lanzenfähnchen.

„Hast du eine Ahnung, wo du hier bist?“, fragte der Bauer weiter.

„Ist das hier schon Limmenfels?“, hakte Martin listig nach.

„Gewiss. Und das da ist ein Lanzenfähnchen unseres Grafen. Lass dich nicht damit erwischen. Er kann es überhaupt nicht leiden, wenn sich jeder Dahergelaufene an seinem Eigentum vergreift!“, warnte der Bauer.

„Was? Aber das ist doch die Hirschfelder Stange!“, protestierte Martin.

„Dann haben diese elenden Hirschfelder wohl eines unserer Lanzenfähnchen gestohlen! Fluch über sie! Nein, nein, das gehört unserem Grafen“, beharrte der Bauer.

„Danke. Wie komme ich zu deinem Grafen?“

„Folge der Straße, wenn du es unbedingt willst. Aber es wird dir nicht gut bekommen. Er will keine Fremden in seiner Grafschaft haben.“

„Nochmals danke – auch für die Warnung, Bauer“, verbeugte Martin sich leicht im Sattel und wandte sich wieder der Straße zu.

Nur wenig später begegnete er einer großen Truppe Limmenfelser Soldaten, die Graf Peter persönlich anführte. Der Graf glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, ließ halten und trabte vor, bis er Martin erreicht hatte.

„Nanu? Was treibt Ihr denn hier?“, fragte er.

„Herold Oswald, den mein Vater zu Euch gesandt hatte, um Euch über die Aussetzung des Krieges gegen Scharfenburg zu informieren, wurde südlich des Siebengebirges umgebracht. Baron Bertram brachte die Kunde nach Steinburg, und mein Vater hat mich beauftragt, den Schuldigen ausfindig zu machen“, erklärte der Prinz.

„Ah, er vertraut Euch das wohl an, weil Euer Onkel Euch wohl auch in dieser Disziplin unterrichtet hat“, mutmaßte Peter mit leisem Spott.

„Ja. Und schließlich soll ich ihm ja eines Tages auf den Thron folgen und auch Richter sein. Das heißt … als Graf von Steinburg bin ich das ja schon im Adelsgericht“, erwiderte Martin lächelnd.

„Und … wieso kommt Ihr zu mir?“

„Ach, ich habe das hier gefunden. Es sieht den Fähnchen Eurer Ritter so ähnlich“, sagte Martin und zog das aufgefundene Fähnchen aus dem Wams.

„Unsinn! Da ist doch die Hirschfelder Stange und das rote Tatzenkreuz drauf!“, widersprach Peter. Martin nickte in Richtung der Limmenfelser Soldaten.

„Komisch, Eure Männer haben doch diese Farbteilung an den Lanzen“, wunderte er sich. „Ihr habt Recht, dass da die Wappenzeichen von Graf Roland drauf sind. Aber das ist doch ein Widerspruch, oder? Habt Ihr dem Grafen von Hirschfeld denn mal Fahnentuche geliefert?

„Nein, habe ich nicht. Aber diese verfluchten Hirschfelder haben uns überfallen und uns Lanzen gestohlen!“, beschuldigte er die Nachbarn.

„Nein! Ist das denn zu fassen? Wann war das denn?“, hakte Martin nach. Den Spott in seiner Stimme schien Peter nicht wahrzunehmen.

„Vor einem halben Jahr etwa“, erwiderte der.

„Und … waren die später nochmal hier?“, bohrte der Prinz unnachgiebig.

„So … vor einer guten Woche“, erwiderte der Limmenfelser Graf.

„Wo sind sie entlang geritten?“

„Ihr kennt doch die Landstraße, die von Zickenfurt heraufkommt?“ mutmaßte Peter. Martin nickte.

„Nach den Angaben meiner Männer haben sie diese verfluchten Hirschfelder wenigstens eine Meile nördlich der Abzweigung zur Siebenberger Pforte erwischt und diese Feiglinge in der Richtung vertrieben. Dabei ist es natürlich zum Kampf gekommen, den meine treuen Soldaten siegreich bestanden. Da wird die eine oder andere Lanze zu Bruch gegangen sein und das Fähnchen abgerissen worden sein, denke ich.“

„Hattet Ihr … oder die Truppe aus Hirschfeld irgendwelche Verluste an Männern?“

„Nein, diese feigen Bastarde sind vor meinen Leuten geflohen.“

„Also … das ist nicht Euer Lanzenfähnchen?“

„Nein! Habt Ihr keine Ohren am Kopf?“

„Doch, gewiss. Es ist nur so, dass ein Bauer, dem ich auf der Landstraße begegnet bin, steif und fest behauptete, das sei Eures. Aber wenn Ihr das so deutlich bestreitet, nehme ich es so zur Kenntnis. Ich danke Euch für Eure Hilfe, Graf Peter“, erwiderte Martin mit einem freundlichen Nicken.

„Und … was habt Ihr nun vor?“, fragte Peter.

„Ich werde nach Hirschfeld weiterreiten, um dort die Angelegenheit weiter aufzuklären“, erklärte der Prinz.

„Sehr gut. Aber dann seid Ihr in der falschen Richtung unterwegs, edler Prinz“, bemerkte Peter.

„Nun ja, es wird bald dunkel und es ist kalt. Da wage ich, auf Eure Gastfreundschaft hoffen zu dürfen.“

„Oh, das ist aber unglücklich, weil ich eine Verabredung mit dem Baron von Dornfurt habe und erst in einigen Tagen wieder in Limmstedt sein werde. Wenn es Euch nichts ausmacht, dass ich nicht persönlich anwesend bin, dürft Ihr natürlich gern bei mir übernachten, mein Prinz“, bot Peter an.

„Ich danke Euch für Euer Entgegenkommen, Graf Peter. Ich werde Euch nicht lange zur Last fallen. Morgen früh bei Sonnenaufgang bin ich wieder unterwegs.“

„Oh, mein Haus ist Euer Haus, mein Prinz. Fühlt Euch ganz wie zu Hause“, schmeichelte Peter.

„Danke“, sagte Martin und trieb sein Pferd an den Limmenfelsern vorbei.

Peters Hauptmann sah seinen Herrn verstört an.

„Aber da ist doch …“, setzte er an.

„Ruhig!“, kommandierte Peter. „Er wird nichts merken, da bin ich sicher“, ergänzte er deutlich leiser und mit einem Blick in Martins Richtung. „Ich habe damit gerechnet, dass er herkommt. Los, vorwärts!“

 

A A A 

Kapitel 17

Wiedersehen

Der erschrockene Haushofmeister von Limmstedt wirbelte verzweifelt durch die Räume, um alles verschwinden zu lassen, was dem Thronfolger Hinweise darauf geben konnte, dass sein Herr mit den Wilzaren einen vertrauteren Umgang pflegte, als es dem Königshaus gefallen konnte. Er bemühte sich, den jungen Mann keinesfalls allein zu lassen, doch als der schlafen ging, musste er es zulassen.

Burgen im Königreich Wengland hatten nur mit Zustimmung des Königs gebaut werden können. Die Grafen regierten ihre Territorien nicht als souveräne Fürsten, sondern waren belehnte Adlige, wenngleich der König in der Regel die Erbfolge anerkannte. Die Pläne sämtlicher Burgen waren deshalb im königlichen Archiv vorhanden. Veränderungen gegenüber den genehmigten Plänen waren nicht erlaubt und hätten den Verlust des Lehens bedeutet, wäre einer der Grafen oder Barone dabei erwischt worden.

Seit seiner Rückkehr nach Wengland aus Frankreich hatte Martin – zusammen mit seinem Onkel – auf Veranlassung seines Vaters die Pläne der Grafenburgen gründlich studiert. Das hatte weniger etwas mit Misstrauen gegenüber den Grafen oder Baronen zu tun, sondern eher damit, Schwachstellen zu finden und Vorschläge für Verbesserungen zu machen. Rudolf hatte während des Kreuzzuges von den Fähigkeiten seines Schwagers gehört und beschlossen, ihn die Pläne prüfen zu lassen, sollte er sich nach Wengland verirren. Insofern war die Vertreibung der Familie Ibelin aus Frankreich ein wahres Geschenk für den König gewesen.

Dieses Studium kam Martin jetzt zugute. Die Steinburg war ein echtes Paradies der Geheimgänge. Als Kind hatte Martin sie allzu gerne erforscht – und er war in dieser Hinsicht in bester Gesellschaft mit allen seinen Vorfahren, seit es diese Burg gab. Die anderen Burgen waren mit Einverständnis des Königs ähnlich aufgebaut. Martins Interesse hatte sich – und das konnten weder Peter noch sein Haushofmeister wissen – speziell auf die Geheimgänge erstreckt, während Roland sich weisungsgemäß auf die Verteidigungsanlagen konzentriert hatte.

Als der Haushofmeister ihn für die Nachtruhe allein gelassen hatte, schloss Martin den Raum ab und suchte umgehend nach einer Geheimtür, die er auch schnell fand. Aus seiner Kenntnis der Pläne und dank eines Gedächtnisses, das man einige hundert Jahre später als fotografisch bezeichnen sollte, fand er den geheimen Weg in die Waffenkammer. Er staunte nicht schlecht, als er nicht nur weitere Lanzenfähnchen Hirschfelds fand, die längs geteilt und bemalt anstatt bestickt waren, sondern auch Gambesons und Wappenröcke, die eindeutig aus Hirschfeld stammten. Roland hatte für die Ausstattung seiner Leute den Schneider Weck in Kupferstein, dessen einer Bruder die Stoffe webte und dessen anderer Bruder für die Stoffe und die Füllung der Gambesons sowie der Armpolster der Schilde die Wolle seiner Schafe lieferte. Die Gebrüder Weck arbeiteten exklusiv für den Turmescher Hof, hatten den Titel des Hoflieferanten und als ebenso exklusive Handwerkermarke ein gewebtes Namenläppchen mit drei weißen Brezeln, das in jedes Produkt eingenäht wurde. Alle Wappenröcke und Gambesons im Hirschfelder Muster hatten diese Namenläppchen auf der Innenseite eingenäht. Und alle wiesen Reparaturspuren auf, woraus folgte, dass sie in Kämpfen getragen und dabei beschädigt worden waren. Soweit der Prinz es bei der kurzen Ansicht erkennen konnte, waren die Verletzungen, die die ursprünglichen Träger in diesen Kämpfen erlitten hatten, wahrscheinlich tödlich gewesen. Martin fand auch Waffen mit der Handwerkermarke seines Onkels und Schilde, die nicht nur das Wappen Hirschfelds trugen, sondern auch von Meister Arnaud gefertigt waren, der seine Werkstatt in Turmesch an der Graf-Albin-Arena hatte und Schutzschilde grundsätzlich nur für die Hirschfelder herstellte. Martins eigene Schilde waren eine Ausnahme. Den ersten mit dem achtspitzigen roten Kreuz auf goldenem Grund hatte er ohnehin von seinem Onkel bekommen, als der ihn 1198 zum Ritter geschlagen hatte. Aber auch den Schild mit dem gräflichen Wappen Steinburgs, das mit dem Königswappen identisch war, hatte Meister Arnaud 1201 in Rolands Auftrag gefertigt. In einer Ecke der Waffenkammer fand der Prinz auch diverse scharfenburgische Beutestücke, in einer anderen wilzarische.

Die scharfenburgischen Rüstungen machten Martin angesichts des Krieges gegen das Herzogtum weniger stutzig als die wilzarischen. Wengland war mit den Wilzaren verbündet. Selbst wenn diese Stücke in früheren Auseinandersetzungen mit Wilzarien erbeutet worden sein sollten, hätten sie sich nicht mehr in Peters Hand befinden sollen. Es entsprach dem wenglischen Verständnis von Anstand, Beutestücke nach einem Friedensschluss zurückzugeben, allerspätestens dann, wenn mit einem früheren Kriegsgegner ein Bündnis gegen einen anderen Gegner geschlossen wurde. Aber die Grafen von Limmenfels waren andererseits auch nicht mit den … normalen … wenglischen Maßstäben zu messen. Gar zu oft hatte sich speziell dieses Grafenhaus als recht bockig gegenüber dem König präsentiert.

Der Überfall auf den Herold, den Martin keineswegs seinem Onkel oder dessen Hauptmann Almaric zutraute, setzte die Existenz dieser Teile allerdings in ein völlig anderes Licht. Dass Peter diese Ausrüstungen für unredliche Zwecke missbrauchte, war allein durch deren Anwesenheit in der Limmenfelser Waffenkammer nicht zu beweisen. Martin überlegte einen Moment, wie er einen Beweis dafür erlangen konnte. Während er überlegte, zupfte er eher unbewusst an einer überstehenden Ecke der Rohhautverstärkung eines der Schilde aus Hirschfeld. Dabei brach ein kleines Stück davon ab. Der junge Mann erkannte, wie er die Schilde unauffällig markieren konnte und knickte noch von einigen anderen Schilden Hirschfelds Ecken der Rohhautverstärkung der Ränder ab. Dann fiel sein Blick auf eine Schildfessel an einem der Limmenfelser Schilde. Am Ende befand sich innen eine Punzierung mit den drei schrägrechts aufsteigenden Adlern der Grafschaft. Mit entsprechender Kraft konnte eine solche Punzierung auch direkt in das relativ weiche Lindenholz der Schildkorpusse getrieben werden. In der Steinburger und in der Turmescher Waffenkammer befanden sich die Punzen für das Lederzeug in einer Truhe in der Nähe der Eingangstür. Er konnte vermuten, dass es in Limmenfels ähnlich gehandhabt wurde. Solche Punzierungen machte der Waffenmeister, wenn neue Stücke in die Waffenkammer aufgenommen wurden. Es machte also Sinn, das Werkzeug dafür auch in der Waffenkammer bereit zu haben.

Tatsächlich fand er rasch eine solche Truhe, die die Limmenfelser Punzen enthielt. Er nahm das Werkzeug und schlug einen solchen Stempel in einige der Hirschfelder Schilde, stellte diese vorne in die Reihe, damit sie bei einer erneuten Benutzung gewiss mitgenommen wurden.

Die Hammerschläge ließen einen Posten aufmerksam werden, der in einem anderen Gang seine Runde machte. Verwirrt, weil zu dieser nachtschlafenden Zeit außer ihm eigentlich niemand in diesen Räumen sein sollte, blieb er stehen.

„Wer da?“, rief er.

Der Ruf blieb auch in der Waffenkammer nicht ungehört, ebenso wenig die schnell näher kommenden Schritte des Postens. Martin war ganz hinten bei den Beutestücken und hatte keine Chance mehr, das Werkzeug wieder in die Truhe zu befördern, die fünf Klafter entfernt an der Tür war. Er hatte die Truhe zwar geschlossen, so dass es wohl nicht sofort auffallen würde, dass darin etwas fehlte, aber er war auch zu weit von der Geheimtür entfernt, um sich schnell genug aus dem Staub machen zu können. Es gelang ihm gerade noch, für die Abdeckung seiner Lampe einen Topfhelm zu schnappen, sich hinter einem Wald von langen Umhängen in Sicherheit zu bringen und die Lampe so unter den Helm zu stellen, dass sie kein Licht mehr abstrahlte.

Der Posten stieß nur Augenblicke später die Tür auf.

„Ist da wer?“, rief er in die Waffenkammer hinein. Aus seiner Sicht war es darin dunkel. Er holte aus dem Korridor eine dort brennende Lampe, um sich weiter in der Waffenkammer umzusehen. Doch als eine Ratte eilig aus der Waffenkammer floh und dabei eine Lanze umstieß, die scheppernd auf dem Boden aufschlug, wollte der Posten einfach glauben, dass die Ratte wohl noch etwas anderes umgeschubst hatte

„Verdammtes Rattenvieh!“, fluchte er und verließ das Arsenal wieder.

Martin erwischte sich beim Aufatmen. Er wartete dennoch eine Weile, bis er es wagte, die Lampe wieder leuchten zu lassen und sein Versteck zu verlassen. Leise schlich er zur Truhe, legte die Punzen er wieder hinein, legte ein paar Lanzen, die unbefestigt an einer Wand standen, leise auf den Boden, um den Eindruck zu erwecken, die aus der Waffenkammer geflohene Ratte habe sie umgeworfen und schlich sich aus der Waffenkammer davon.

Als der Prinz am folgenden Morgen die Burg verließ, konnte der Haushofmeister sich nur noch setzen, um seinen rasenden Herzschlag allmählich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Doch wie sein Herr nahm er an, der Prinz habe nichts von dem mitbekommen, was sich im Hause Limmenfels tat. Der Posten, der in der Nacht die Wache gehabt hatte, sah keinen Grund, von den Schlägen zu berichten, weil er diese Geräusche auf die Aktivität der Ratte schob.

Erst kurz nach Einbruch der Dunkelheit gelangte Martin nach Turmesch. Sein Onkel und seine Tante empfingen ihn mit herzlicher Umarmung.

„Martin! Wie schön, dass du uns besuchst!“, rief Gaëlle, als sie ihren Neffen umarmte. „Wie geht es dir?“

„Jetzt wieder gut“, erwiderte er. Der Schatten, der auf seinem Lächeln lag, war für seine Tante nicht zu übersehen. Dafür hatte sie ihn zu lange im eigenen Haus gehabt. Er war erst kurz vor dem Aufbruch zum Kreuzzug von Turmesch nach Steinburg umgezogen.

„Was ist?“, fragte sie besorgt. Der Prinz suchte einen Moment nach Worten.

„Ich … ich … bin in einer … etwas delikaten … Angelegenheit … hier“, setzte er zögernd an. Roland und Gaëlle sahen sich verblüfft an.

„Was ist geschehen?“, fragte der Graf mit leicht belegter Stimme, was Martin nicht entging. In diesem Moment wurde ihm bewusst, welchen Schreck sein Auftrag seinem Onkel versetzen konnte. Schließlich war er wegen letztlich völlig haltloser Vorwürfe aus Frankreich verbannt worden …

„Es ist erneut einer unserer Herolde umgebracht worden“, sagte der Prinz. Roland wurde bleich.

„Wenn du die Angelegenheit delikat nennst, gibt es wahrscheinlich irgendwelche Hinweise, dass ich etwas damit zu tun habe“, mutmaßte der Graf kreidebleich. Martin entschloss sich zur Notlüge.

„Nein“, sagte er. „Ich brauche deine Hilfe. Aber weil das vielleicht wieder mit deiner Abwesenheit verbunden sein könnte, ist es etwas delikat für mich.“

Roland musste sich dennoch setzen.

„Dem Himmel sei Dank. So etwa fing mein Untergang in Frankreich nämlich an“, schnaufte er.

„Ich weiß“, lächelte Martin sanft. „Deine Erfahrung bei der Aufklärung verzwickter Sachverhalte könnte mir eine große Hilfe sein. Machst du das?“

Roland fand sein Lächeln wieder.

„Ja, natürlich. Komm mit!“, erwiderte er und winkte den Prinzen in sein Arbeitszimmer. „Was hast du bis jetzt erfahren können?“, erkundigte er sich.

„Der Herold war auf dem Weg von einem der Grafen nach Hause, als er von einer Truppe, die in Waffenröcken eines weiteren Grafen steckten, überfallen wurde, wie ein Waldbauer gesehen hat. Doch ich bezweifle, dass der Graf, in dessen Kleidung die Mörder steckten, auch wirklich etwas damit zu tun hat“, erklärte Martin, als er sich an den Tisch dort setzte. „Ich bin bei dem Grafen, den der Herold zuletzt besucht hat, in der Burg gewesen und habe dessen Waffenkammer heimlich untersucht. Ich habe dort Wappenröcke und Schilde des beschuldigten Grafen gefunden und die Schilde unauffällig markiert. Wenn sie erneut von diesem Grafen benutzt werden, sollte beweisbar sein, dass der Lump falschspielt.“

„Wie hast du das gemacht?“, fragte Roland interessiert. Martin erklärte ihm, was er gemacht hatte und präsentierte seinem Onkel die abgebrochenen Rohhautstückchen. Roland betrachtete sie genau. An einem der Stückchen war blaue Farbe erkennbar.

„Es gibt drei Grafschaften, die blaue Farbe im Wappen haben“, sagte er langsam. „Meine, Limmenfels und Eichgau. Peter traue ich alles zu, auch, dass er einen Herold deines Vaters überfallen lässt. Für meine Grafschaft kann ich es nur bestreiten und beten, dass du mir das glaubst. Was Theodor von Eichgau betrifft, kann ich es mir nicht vorstellen.“

„Siehst du, das denke ich mir auch“, sagte Martin. „Kommen eigentlich häufiger mal Wappenröcke und Schilde abhanden?“

„Wahrscheinlich öfter als du denkst“, seufzte Roland. „Während wir in Venedig waren, sind Leute von mir überfallen worden. Den Toten ist alles abgenommen worden – Wappenröcke, Gambesons, Schilde und Waffen. Mathieu hat darüber einen Bericht geschrieben. Er konnte sie nur als unsere Leute erkennen, weil er sie persönlich kannte. Ich nehme an, dass es anderen Grafen nicht besser geht – besonders, seit Krieg mit Scharfenburg ist.“

Martin nickte.

„Was würdest du davon halten, wenn einer unserer Grafen die Lanzenfähnchen eines anderen mit falscher Schildteilung fälschen lässt und die Wappenzeichen aufmalen lässt, statt sie einzusticken, wie der andere Graf das tut?“

„Der ist dann so dumm, dass ihn die Schweine beißen“, grinste Roland. „Aber … welchen Vorteil sollte einer der Grafen hier haben, wenn er einen königlichen Herold umbringen lässt?“

„Genau das kann ich mir auch nicht erklären“, sagte Martin. „Es macht doch keinen Sinn – außer den anzuschwärzen, dessen Wappen missbraucht wird. Aber ich finde auch dafür keine rechte Erklärung, weshalb einer dem anderen innerhalb Wenglands etwas in die Schuhe schieben will.“

„Wenn so etwas im Norden passiert wäre, würde wahrscheinlich Scharfenburg in den Verdacht geraten, die Hände im Spiel zu haben. Da käme wohl kaum der Verdacht auf, dass ein wenglischer Graf dem anderen übel will“, wunderte sich der Graf. „Martin, bitte sag‘ mir: Welcher Graf ist es und wo hast du dessen Rüstungsteile gefunden? Sind es meine?“

„Ja, es sind deine – aber ich glaube nicht, dass es deine Leute waren oder gar du selbst. Auch Vater nimmt das nicht an.“

„Warum druckst du so herum? Habe ich dich nicht gelehrt, stets die Wahrheit zu sagen?“, keuchte Roland.

„Du hast mich gelehrt, stets die Wahrheit zu sagen, auch wenn es meinen Tod bedeutet“, erwiderte Martin. Bevor Roland wütend werden konnte, machte er eine beschwichtigende Handbewegung.

„Davon, dass ich die Wahrheit sagen muss, auch wenn es einen anderen das Leben kosten könnte, der mir sehr nahe steht, weil er ob dieser Wahrheit einen Schlag bekommt, hast du nichts gesagt“, ergänzte er. „Ich weiß, was dir in Frankreich passiert ist. Ich wollte nicht, dass du dich über diese Nachricht zu Tode erschreckst, denn ich glaube es einfach nicht. Besonders nicht, nachdem ich deine Sachen in Peters Waffenkammer gefunden habe. Und wenn Mathieu über einen solchen Verlust einen Bericht geschrieben hat, während wir fort waren, entfällt wirklich jeder Grund, dich mit einer solchen Beschuldigung zu überziehen. Bitte sieh‘ es mir nach, wenn ich …“

Roland schüttelte den Kopf.

„Du hast Recht“, stimmte er entgegen seiner Kopfbewegung zu. „Ich hätte mich zu Tode erschrocken. Diplomatisches Feingefühl – aber lass es dir nicht zur Gewohnheit werden, mich mit süßen Lügen ruhig halten zu wollen. Peter kann mich nicht leiden. Dass ich die anderen Nachbarn dazu gebracht habe, seine Räuber wegzufangen und festzusetzen, hat ihn gewiss nicht für mich eingenommen. Ich denke, er hat sich in dir und deinem Vater verrechnet, weil ihr diesen Beschuldigungen nicht glauben wollt. Aber … wieso bist du dann wirklich hier?“

„Ich soll die Angelegenheit aufklären. Nicht in dem Sinne, dir etwas nachzuweisen, sondern um herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist, dir solche Ungeheuerlichkeiten in die Schuhe schieben zu wollen. Mit dem Fund bei Peter habe ich das schon halb getan. Ich würde gern Mathieus Bericht dazu lesen und mich auch mit den Herstellern eurer Ausrüstung unterhalten. Wenn ich Peter vor das Adelsgericht zerren will, um ihm endgültig das Genick zu brechen, möchte ich, dass die Beweise, die ich dann präsentiere, auch wirklich zu einem gerechten Urteil führen.“

„Wobei du Gerechtigkeit in diesem Fall durch ein Todesurteil erreichen möchtest“, bemerkte Roland. Martin entging die Bitterkeit in der Stimme seines Onkels nicht.

„Ich weiß, was du von Todesurteilen hältst. Angesichts deiner eigenen Geschichte wundert es mich nicht. Aber das Todesurteil, das gegen dich erging, war nicht gerecht. Es waren falsche Anschuldigungen, es wurden Gegenbeweise ohne Begründung beiseite gewischt. Nein, einen solchen Prozess will ich nicht“, erwiderte Martin. „Du bist mein Beispiel, Onkel Roland. Das warst du, als ich noch ein kleiner Junge war, das bist du immer noch und du wirst es auch bleiben, wenn ich selbst König sein werde.“

Der Graf von Hirschfeld nickte.

„Du wirst einmal ein guter König sein!“, prophezeite er.

Am folgenden Tag konnte Martin den Bericht seines Freundes lesen, er konnte Mathieu nach den näheren Umständen befragen, er konnte in den weiteren Tagen mit den Handwerkern reden. Alles, was er in Erfahrung bringen konnte, sprach gegen jegliche Beteiligung der Hirschfelder an dem Mord an Herold Walter.

Zwei Wochen nach seiner Ankunft kam Bertram mit einigen Begleitern nach Turmesch.

„Bertram – das ist eine Überraschung. Was macht Ihr hier?“, fragte Martin, als er den Baron von Ermeldorf noch im Burghof traf.

„Ihr seid noch hier! Gott sei Dank!“, entfuhr es dem Heermeister. „Martin, Euer Onkel kann mit dem Mord nichts zu tun haben!“

„Das weiß ich schon länger“, erwiderte der Prinz. „Aber sagt mir: Was habt Ihr herausgefunden, dass Ihr diesen Schluss zieht?“

„Markus ist den Spuren der Mörder in der anderen Richtung gefolgt“, erklärte Bertram. „Es war eine Truppe von einem guten Dutzend Leuten. Die haben eine recht deutliche Spur hinterlassen. Sie sind um Siebenberg herum und dann in Richtung Limmenfels geritten. Er hat mich benachrichtigt, und ich bin ihm gefolgt. Ihr müsstet die Spur doch auch gefunden haben.“

„Habe ich“, bestätigte Martin. „Allerdings verlor sie sich auf der Landstraße, die von Limmenfels nach Zickenfurt führt. Den letzten Rest hat ihr Peter mit einer großen Truppe gegeben, als er von Limmstedt nach Dornfurt unterwegs war. Bis wo habt Ihr die Spur verfolgen können?“

„Bis Dornfurt. Aber wenn jemand von Norden her kommt und nach Hirschfeld will, könnte er schon bei Wutzbach über den Limmur setzen und müsste nicht bis Dornfurt oder Zickenfurt weiter. Nein, ich bin überzeugt, dass die Spuren eigentlich bis nach Limmstedt weitergehen müssten – nur ist dafür auf der Landstraße zu viel Verkehr.“

Martin nickte.

„Der letzte Rest, den ich von den Spuren noch sehen konnte, wies darauf hin, dass die Reiter von rechts, also von Limmstedt, gekommen sind und nicht von links aus Richtung Zickenfurt. Mit Eurer Beobachtung, dass sie nicht über den Übergang bei Wutzbach weitergingen, ist jedenfalls der Beweis erbracht, dass sie nicht hierher zurückgekehrt sein können. Danke, Bertram.“

 

A A A

Kapitel 18

Vorladung

Mit den Ergebnissen seiner Untersuchung kehrte Martin zusammen mit Bertram Mitte März nach Steinburg zurück.

„Nun, was hast du herausgefunden, mein Sohn?“, fragte Rudolf nach der Begrüßung, als der Thronfolger sich bei ihm melden ließ.

„Ich spreche zu dir als Herr des ermordeten Boten, Vater. In dieser Eigenschaft werde ich die Anklage beim Adelsgericht vertreten. Graf Hirschfelds Ausrüstung wurde von jemand anderem missbraucht. Der Graf von Hirschfeld hat mit diesem Angriff nichts zu tun“, erklärte er.

„Wie viel hat diese Einschätzung mit der Tatsache zu tun, dass der Graf mit Euch verwandt ist?“, fragte Kanzler Helmrich, bevor der König sich äußern konnte.

„Weniger als Eure Zweifel mit dem Umstand, dass Ihr aus der Grafschaft Limmenfels stammt, Helmrich“, versetzte der Prinz eisig.

„Was wollt Ihr damit sagen?“, hakte von Zickenberg nach.

„Das, werter Kanzler, werde ich vor dem Adelsgericht als offizieller Ankläger in dieser Sache darlegen – nicht in einem mehr oder weniger privaten Gespräch.“

„Wer hat den Boten ermordet?“, fragte Rudolf direkt. Eine solche direkte Frage des Königs forderte eine ebenso direkte wie wahrheitsgemäße Antwort, das war in Wengland nicht nur eine Frage der Ehre, das war Gesetz. Martin, der zu ritterlicher Ehrlichkeit erzogen worden war und diese Lehren ernst nahm, straffte sich.

„Mit einiger Wahrscheinlichkeit steckt Graf Peter von Limmenfels dahinter“, sagte er. Helmrich wurde bleich.

„Das ist eine ungeheure Anschuldigung! Ohne Beweis wird der Graf von Euch Genugtuung fordern!“, keuchte er.

„Das mag er dann tun, wenn das Adelsgericht die Beweise, die ich dann vorlegen werde, als nicht ausreichend befindet. Einstweilen meine ich, dass die Beweise, die mir bekannt geworden sind, durchaus ausreichend sind, um ein Urteil gegen Peter zu fällen“, entgegnete Martin kühl.

„Dann präsentiert sie auf der Stelle!“, forderte Helmrich. Rudolf räusperte sich vernehmlich.

„Seit wann seid Ihr das Adelsgericht, Kanzler?“, fragte er bissig, als Helmrich sich ihm zuwandte.

„Diese Anschuldigung bedarf doch wohl des Beweises!“, schnappte von Zickenberg.

„Ich habe Euch etwas gefragt!“, knurrte der König. „Antwortet!“

Der Kanzler senkte den Blick.

„Dem gehöre ich nicht an“, erwiderte er leise.

„Dann steht es Euch auch nicht zu, Richter zu spielen! Verstanden?“

„Ja, Majestät“, erwiderte Helmrich.

„Ihr könnt gehen, Helmrich“, entließ Rudolf ihn. Als er nicht sofort verschwand, sondern anscheinend aufbegehren wollte, trat Bertram zwei Schritte vor.

„Pack‘ dich!“, grollte er. Rudolf winkte ab.

„Schon gut, Heermeister“, sagte er und bedeutete Helmrich mit einem weiteren Wink, den Thronsaal zu verlassen. Schnaufend verbeugte sich der Kanzler und zog sich zur Tür zurück. Als die Schritte verstummten, drehte Martin sich um. Helmrich sah ihn erschrocken an und verschwand aus dem Thronsaal.

„Tür zu!“, befahl Rudolf. Die Türwachen schlossen die Pforte.

„Ich stimme ihm nicht gern zu, aber er hat Recht“, wandte er sich an Martin.

„Wie gesagt: Vor dem Adelsgericht werde ich die Beweise vorlegen. Ich möchte nicht, dass du als König, der diesem Gericht vorsitzt, voreingenommen bist, wenn ich dir sage, worauf sich meine Ansicht stützt, ohne dass die anderen Richter dies hören“, erwiderte der. Rudolf nickte.

„Ich empfehle, dass du Peter und Roland zur Anhörung lädst. Nur bitte ich dich dringend, Roland mitzuteilen, dass er als Zeuge gehört werden soll, nicht als Angeklagter“, ergänzte der Prinz.

„Also … gibst du mir doch Hinweise, bevor alle anderen Richter es hören. Wieso?“

„Vater, Onkel Roland wurde in Frankreich mit falschen Anschuldigungen …“

„Ich weiß, mein Junge, ich weiß. Du bist dir wirklich sicher?“

„Ja, er hat damit nichts zu tun!“, bekräftigte Martin. Rudolf nickte erneut.

„Dann werde ich ihn als Zeugen herbitten“, versprach er.

Noch am selben Tag ritten Boten des Königs nach Eichgau, Eschenfels, Karlsfeld, Sachstal, Südwengland und Wachtelberg, um die Grafen als Mitglieder des Thronrates und Adelsgerichtes für den 21. April 1203 zum Gerichtstag nach Steinburg zu rufen. Um zu verhindern, dass Hirschfeld und Limmenfels gleich in kleine Scharmützel geraten würden, kaum dass ihre Provinzgrafen in Steinburg waren oder dass Peter einen Schuldspruch nicht hinnehmen würde, sollten alle zum Prozesse Geladenen ihre jeweiligen Provinzaufgebote nach Steinburg mitbringen. Deshalb wollte der König seinen Grafen auch genügend Zeit lassen, um ihre Aufgebote zu sammeln. Die Herolde hatten Steinburg gerade verlassen, als eine weitere Taube aus Scharfenburg eintraf.

„Eine weitere Nachricht aus Scharfenburg!“, meldete ein Diener und überreichte Rudolf eine gesiegelte Botschaft.

„Danke, Hermann“, sagte er und wandte sich an einen der Herwigsgardisten, die im Thronsaal waren:

„Holt meinen Sohn!“

Als der Prinz im Thronsaal war, brach der im Thronsaal anwesende Schreiber das Siegel auf.

„Majestät, ich muss Euch unterrichten, dass mein Vater, Herzog Ludwig, schwer erkrankt ist. Mein heilkundiger Oheim, Graf Alwin von Falkenstein, vermutet eine Vergiftung und bemüht sich, ein Gegenmittel zu finden. Er ist derzeit nicht in der Lage, zu den vorgeschlagenen Verhandlungen auf die Alvedrainsel zu kommen. Im Namen meines Vaters erkläre ich, dass der Waffenstillstand weiterhin Bestand haben soll, bis er genesen ist, um mit Euch über einen endgültigen Frieden zu verhandeln. Ich gebe Euch Nachricht, sofern mein Vater zu den Verhandlungen kommen kann. Stolzenfels, den sechzehnten Tag im März Anno Domini 1203“, trug er vor.

König Rudolf nickte.

„Warten wir also, bis wir eine bessere Nachricht von Heinrich oder Ludwig bekommen“, seufzte der König. Er hatte gehofft, dass der offizielle Kriegszustand mit Scharfenburg beendet werden könnte, bevor der Frühling erneute Kriegszüge der Wilzaren möglich machen würde, die mitzumachen Wengland aufgrund des bestehenden Vertrages verpflichtet war.

„Nun gut, dann haben wir im Moment keine weiteren Aufgaben, als den Prozess wegen des Heroldsmordes“, ergänzte er.

„Wollt Ihr dem Scharfenburger keine Antwort senden?“, fragte Kanzler Helmrich.

„Nein, das ist nicht nötig. Ich nehme einstweilen zur Kenntnis, dass Ludwig nicht kommen kann und vertraue darauf, dass er selbst oder Heinrich mich unterrichten werden, wenn die Verhandlungen beginnen können.“

Der königliche Bote, der den östlichen Teil Wenglands bereiste und nach Karlsfeld unterwegs war, hatte auch Ladungen für die Grafen von Limmenfels und von Hirschfeld bei sich. Dieser Bote war drei Tage später in Karlsfeld und übergab Graf Aribert die Nachricht des Königs, die der sich auch sofort vorlesen ließ. Zwar stand in der Ladung als Richter nichts davon, gegen wen das Adelsgericht zusammentreten sollte, aber als Aribert nachfragte, ob der Bote noch weitere Nachrichten hatte und dieser ihm sagte, er wolle noch nach Limmstedt und Turmesch, war klar, dass einer von beiden der Angeklagte sein würde. Aribert, mit Peter befreundet, lag daran, seinem Freund möglichst unauffällig behilflich zu sein. Er bat den Herold, eine Nachricht an Graf Peter mitzunehmen, was der Herold auch zusagte.

Der Herold war kaum fort, als Aribert seinem Heermeister die Weisung gab, fünfzig der in Karlstedt anwesenden Wilzaren in erbeuteten Steinburger und Hirschfelder Röcken nach Thannburg zu entsenden, um dort Unruhe zu stiften.

Der Herold erreichte inzwischen Turmesch, das näher an Karlstedt lag, um Roland die Botschaft zu überbringen. Von dort nahm er dessen Bestätigung mit, dass er nach Steinburg kommen würde und ritt weiter nach Limmstedt.

Peter war wie vom Donner gerührt, dass er als Angeklagter in Steinburg erscheinen sollte. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, wie der König darauf kam, dass er für den Mord an dem Boten verantwortlich war. Einen Moment hatte er die Absicht, sein Erscheinen nicht zuzusagen, doch er wusste auch, dass es nach den Regeln des Adelsgerichtes einem Geständnis gleichkam, sich einem Prozess zu entziehen. Also bestätigte er seinerseits ebenfalls, dass er der Ladung folgen würde und las die Nachricht von Aribert erst, als der königliche Herold Limmstedt wieder verlassen hatte.

Die Bitte, die Aribert ihm übermittelte, ließ bei Peter die Zuversicht keimen, dass er den Verdacht, der gegen ihn aufgekommen war, rasch auf den von ihm so sehr gehassten Grafen von Hirschfeld lenken konnte. Peter kannte die die Wege und Entfernungen in seinem Umfeld genau. Aribert hatte ihm den 21. März als Abreisedatum genannt und ihm mitgeteilt, dass er durch Siebenberg ziehen würde. Er würde zwei Tage später in Siebenberg sein. Der Ort eignete sich bestens, denn die Grafschaft gehörte nicht zum privilegierten Kreis des  Thronrats, Graf Emmerich war nicht mit der Königsfamilie verwandt und war deshalb als neutral zu betrachten.

Roland, der keinesfalls wollte, dass er und die Seinen je wieder in den Verdacht gerieten, sich gegen die gültigen Gesetze seines Landes zu wenden, hatte schon während Martins Besuch eine kleine Änderung der Gewänder seiner Soldaten veranlasst. Auf den jetzt einfarbig blauen Wappenrock der Männer kam als kleiner Brustschild das Grafschaftswappen, darüber im blauen Feld ein gelber Turnierkragen mit drei Lätzen, in denen jeweils das Tatzenkreuz Ibelins eingestickt war. Dort, wo der Turnierkragen in das gelbe Feld ragte, war der Latz rot, das eingestickte Tatzenkreuz gelb. Meister Weck und seine Brüder hatten dafür einen Eilauftrag erhalten, den sie unmittelbar vor dem Aufbruch ihres Grafen nach Steinburg fertig hatten. Ebenso hatten sich Meister Arnaud und seine Söhne beeilt, auf die in blau und gelb gehaltenen Mannschaftsschilde die Turnierkragen zu malen. Damit unterschieden sich die Schilde deutlich von denen, die Martin in Limmstedt gefunden und markiert hatte. Die Handwerker hatten den ergänzenden Auftrag, alle Schilde und Wappenröcke in den Arsenalen so schnell wie möglich zu verändern, alle Barone erhielten die schriftliche Anweisung, diese vom Grafen gestellten Ausrüstungsgegenstände nur noch mit neuen Abzeichen und der neuen Bemalung an Wachtruppen herauszugeben.

Während die wenglischen Grafen des Thronrates, der Angeklagte und die Zeugen sich auf den Weg nach Steinburg machten, erhielt Heinrich als Stellvertreter seines Vaters von einem wenglischen Herold diese Nachricht:

Wir, Rudolf, von Gottes Gnaden König von Wengland, grüßen Euch, Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog von Scharfenburg. Mit Befremden vernehmen Wir, dass die vereinbarten Gespräche wegen einer Erkrankung Eurerseits vorerst nicht stattfinden können. Euer Wille zum Frieden erscheint uns daher höchst zweifelhaft. Den Waffenstillstand werden Wir nicht verlängern, wenn Ihr dabei bleibt, auch keinen Vertreter senden zu wollen.

Steinburg, am zwanzigsten Tag des März 1203.

De scharfenburgische Thronfolger las die Nachricht mehrfach. Es war ihm unbegreiflich, dass Rudolf derartige Zweifel äußerte. Immerhin konnte Heinrich aus der Nachricht schließen, dass Rudolf jedenfalls nicht beabsichtigt hatte, seine Truppen mit dem Frühling wieder in den Krieg zu senden.

Er brachte die Botschaft zu seinem Vater, der nach wie vor geschwächt im Bett lag. Alwins Bemühungen, die Ursache zu erkennen, hatten bisher noch nicht gefruchtet.

„Dieser … undankbare Schuft!“, ächzte der kranke Herzog, als sein Sohn ihm die Nachricht vorgelesen hatte. „Heinrich … schreib‘ … schreib‘ ihm zurück, dass wir ohne Warnung zurückschlagen, falls wir erneut von Wengländern angegriffen werden! Wie ist die Nachricht hergekommen?“

„Ein wenglischer Herold hat sie gebracht.“

„Dann gib meine Botschaft dem Herold mit zurück.“

Inzwischen trafen die Grafen des Thronrates in Steinburg ein. Auch Roland und Peter waren bereits anwesend. Allein Aribert fehlte noch am Tag vor dem angesetzten Termin. Gegen Abend meldete einer der Wächter, dass sich ein längerer Zug von Bewaffneten der Königsburg nähere, doch sei es wohl nicht der Graf von Karlsfeld, sondern der von Siebenberg mit seinen Männern. Rudolf, Martin und auch Roland eilten auf den Söller, um zu sehen, was da kam.

„Tatsächlich! Das ist Emmerich von Siebenberg“, bestätigte Martin, nachdem er sein Taschenfernrohr zusammengebaut und hindurchgeschaut hatte. „Aber Aribert und seine Leute sind bei ihm. Die sehen aus, als wären sie überfallen worden …“, ergänzte er.

Wenig später waren die Ankömmlinge im Thronsaal. Aribert wollte sich gerade vor dem König verbeugen, als er Roland sah. Mit wutverzerrtem Gesicht ging er auf ihn los.

„Ihr Schuft! Verräter! Mordbrenner!“, brüllte er. Alle sahen ihn verstört an. Nur, weil zwei Mann der Herwigsgarde ihn gerade noch zu fassen bekamen, erreichte er Graf Roland nicht.

„Was ist passiert?“, fragte Rudolf.

„Was passiert ist? Dieser Hund hat mich überfallen … oder überfallen lassen!“, schnaubte Aribert. „Fragt Emmerich, was los war! Ohne den und seine Männer stünde ich nicht hier!“

Rudolf sah den Grafen von Siebenberg an.

„Emmerich?“

„Ich war mit einigen meiner Leute unterwegs, als wir Kampflärm aus der Nähe der Grenzstraße hörten. Wir sind dorthin und kamen hinzu, als Männer in Waffenröcken und mit Rüstungen und Schilden, wie der Graf von Hirschfeld sie benutzt, die Truppe um Graf Aribert angriffen. Wir haben sie verstärkt und konnten die Hirschfelder gemeinsam niederringen. Die Rüstungen, Waffenröcke und Schilde haben wir den Toten abgenommen und als Beweis dafür mitgebracht, dass der Graf von Hirschfeld ein Verräter ist!“

„Zeigt mir das, Graf Emmerich!“, forderte Martin. Der Siebenberger Graf gab einen Wink an jemanden, der vor der Tür war. Drei seiner Männer traten ein und warfen jeweils einen Haufen blutgetränkter Waffenröcke und beschädigter Schilde mit dem Hirschfelder Wappen vor dem König zu Boden. Martin hob einen der Schilde auf, sah sich die Rückseite an und konnte sich nur knapp zusammennehmen, nicht schadenfroh zu grinsen. Seine Falle war zugeschnappt.

Rudolf sah seinen Schwager grimmig an.

„Roland: Was habt Ihr dazu zu sagen?“

„Erlaubt, dass ich mir das ansehe, mein König“, erwiderte der Graf von Hirschfeld und trat vor. Die Herwigsgardisten konnten Aribert nur schwer bändigen, der immer noch auf Roland losgehen wollte.

Der so Beschuldigte hob einen der Schilde an und drehte ihn um, dass die Bildseite sichtbar wurde. Ebenso nahm er einen der Wappenröcke in die Hand.

„Ja, das waren mal Wappenröcke und Schilde aus meinem Arsenal“, bestätigte er. Aribert riss sich los und sprang ihn mit einer Gewalt an, die selbst den kräftigen Roland umgeworfen hätte, wäre nicht Martin dazwischen gesprungen und hätte den Grafen von Karlsfeld abgefangen.

„Er war es nicht!“, rief er laut. „Und er hat es auch nicht veranlasst!“

„Und wie sollen dann bitte seine Schilde und Waffenröcke nach Siebenberg gekommen sein? Wie sollen die Männer, die wir überwältigten, in diese Sachen gekommen sein?“, fuhr Emmerich den Prinzen an.

„Ja, das ist in der Tat die interessante Frage, Emmerich“, räumte Martin ein, als die Herwigsgarden Aribert wieder unter Kontrolle hatten. „Seht Euch bitte mal den Grafen von Hirschfeld und die Männer an, die bei ihm stehen. Was fällt Euch auf?“

„Wieso?“

„Beschreibt mal den Wappenrock!“

Emmerich sah genauer hin.

„Sie tragen alle einen … Turnierkragen im blauen Feld. Und die einfachen Männer tragen einen Wappenschild mit Turnierkragen auf einem blauen Waffenrock“, erwiderte Emmerich.

„Gut. Was ist mit denen hier?“, fragte der Prinz und wies auf die Beweisstücke. Emmerich sah sie sich selbst noch einmal genauer an.

„Dort fehlt der Turnierkragen, keiner der Waffenröcke hat einen Brustschild, sondern das ganze Wappen“, sagte er.

„Und … was schließt Ihr daraus?“

„Ich … weiß nicht … es ist nicht dasselbe Wappen, aber …“

„Nein, ist es nicht“, bestätigte der Prinz. „Graf Roland hat sich nach dem Diebstahl diverser Rüstungsteile veranlasst gesehen, sein Wappen etwas abzuändern, um eben nicht mit derartigen Beschuldigungen überzogen zu werden. Was Ihr hier seht, sind gestohlene Teile, die noch mit dem bisherigen Wappen versehen waren.“

„Was? Aber wer sollte …?“

„Derselbe, der Graf Roland auch in den Verdacht bringen wollte, in den Mord an einem unserer Herolde verwickelt zu sein“, erklärte Martin bestimmt.

„Haltlose Behauptungen!“, fuhr Aribert ihn an. „Mag ja sein, dass er für einige seiner Männer neue Gewänder geordert hat, um sich so von dem Verdacht reinzuwaschen!“

„Es gibt Beweise, Graf Aribert“, erwiderte der Prinz. „Aber dafür ist der morgige Prozess da. Graf Emmerich: Bitte nehmt diese Teile an Euch und lasst sie bis zum Gerichtstag morgen dauernd bewachen, um sicherzustellen, dass niemand etwas daran verändert.“

„Das werde ich, mein Prinz“, versprach der Graf von Siebenberg.

 

A A A

Kapitel 19

Äußerer Eingriff

Der 21. April 1203 war ein Montag. Gleich nach dem Angelusläuten morgens um sechs Uhr begannen die Diener, den Thronsaal umzuräumen und zum Gerichtssaal zu gestalten. Auf der drei Stufen hohen Empore, auf der der Königsthron sonst allein stand, wurden zusätzlich sechs weitere Hochsitze aufgestellt und zu einem Halbkreis angeordnet, jeweils drei etwas niedrigere Sitze rechts und links neben dem Königsthron. Aus der Hofkapelle holten die Diener Sitzbänke, die im Abstand von zwei Klaftern vor der Thronempore in zwei getrennten Blöcken hintereinander aufgestellt wurde, so dass eine Gasse zu den hohen Flügeltüren offenblieb.

In der von der Thronempore aus rechten vorderen Bankreihe sollten Zeugen nach ihrer Aussage sitzen. In der Mitte vor der Empore war eine einstufige Empore, die an drei Seiten ein Geländer hatte. Hier sollte jede Person vor dem Adelsgericht stehen, die eine Aussage zu machen hatte.

Rechts von der Thronempore entstand eine zweistufige Empore, auf die ein Pult und ein weiterer Hochsitz kamen. Dies war der Platz des Anklägers.

Links von der Thronempore wurde noch eine zweistufige Empore gebaut, auf die eine lehnenlose Bank gestellt wurde. Hier sollte der Angeklagte Platz nehmen.

Der Gerichtstag sollte gleich nach einem gemeinsamen Frühstück beginnen, das der König mit seinen Söhnen und den Grafen des Thronrates einnehmen wollte. Während König, Prinzen und Grafen speisten, galoppierte ein ebenso eiliger wie staubbedeckter Bote durch das in der Regel offene Burgtor, überließ sein schweißbedecktes Pferd dem Stallknecht und rannte mit langen Schritten zum Palas, wo ihn Kastellan Konrad von Siebenstern abfing.

„Halt! Wohin des Weges?“ rief er, als der bewaffnete Reisige die Treppe zu den Sälen der Burg hinauf stürmen wollte.

„Dringende Botschaft für den König!“, rief er und wollte weiter, doch auf Siebensterns Wink fingen ihn zwei Mann der Herwigsgarde ein.

„Niemand geht ohne jede Anmeldung zum König!“, versetzte der Kastellan. „Wartet hier. Ich gehe zum König und gebe ihm Bescheid.“

Die Herwigsgardisten begleiteten den Kastellan und den Boten bis vor die Pforte des Rittersaals. Der Kastellan ging hinein, während der Bote mit den Wachen draußen blieb.

„Majestät“, sprach Siebenstern den König leise an, als er den Hochsitz erreicht hatte. „Draußen ist ein Bote im Gewande Oberwenglands. Er hat eine dringende Nachricht für Euch“, sagte er. Rudolf sah den Kastellan an und legte den Essspieß weg, auf dem er gerade einen Happen aufgespießt hatte.

„Ja, rein mit ihm!“, wies er Siebenstern an. Der Kastellan verließ den Saal und kehrte mit dem Boten zurück.

„Welche Nachricht bringt Ihr?“, fragte der König und streckte die rechte Hand aus.

„Eine mündliche Botschaft, mein König. Burg Palparuva wird angegriffen! Es sind Scharfenburger aus Steingau, Oberalvedra und Liliental.“

„Was?“, keuchte Rudolf. „Wann war das?“

„Ich bin vor drei Tagen aus der Burg ausgebrochen, habe einem der Belagerer das Pferd abgenommen und bin hergeritten, so schnell das Pferd laufen konnte. Bitte, Majestät, Burgvogt Wilfried braucht dringend Unterstützung!“, erklärte der Bote.

„Ist Graf Eckart informiert?“, fragte Rudolf, dem die Bestürzung über diese Nachricht anzusehen war.

„Ja. Ich bin bei ihm in Martinskirchen gewesen. Er eilt mit seinen fünfhundert Reisigen bereits nach Palparuva. Graf Theodor noch nicht, da er mit seinem Aufgebot hier bei Euch ist, mein König“, antwortete der Bote.

„Graf Theodor, wie viele Ritter und Reisige habt Ihr hier?“, wandte Rudolf sich an den Grafen von Eichgau.

„Fünfhundert, mein König.“

„Martin, wie viele Reisige hast du hier?“, fragte der König seinen Sohn.

„Etwa tausend, weil ich sie alle wegen des Prozesses mobilisiert habe. Graf Emmerich hat dreihundert hier, Graf Roland auch etwa fünfhundert“, erwiderte der Prinz.

„Wie kommt der Hirschfelder dazu, seine ganze Streitmacht hierher mitzubringen?“, fragte Aribert von Karlsfeld.

„Weil ich es ihm befohlen habe – ebenso wie Euch“, entgegnete Rudolf kalt. „Da Graf Peter ebenfalls hier ist, ist Hirschfeld derzeit nicht in Gefahr, böse Überraschungen durch Limmenfelser Übergriffe zu erleben.“

„Aber mich überfallen, was?“, fauchte Aribert.

„Ich weiß nicht, wer Euch überfallen hat, aber gewiss nicht Graf Roland. Der war mit seinen vollzähligen Truppen drei Tage vor Euch hier – und niemand hat das Lager beim Siebensteinforst verlassen“, mischte Martin sich ein. Er wollte beinahe noch ergänzen, dass er es seltsam fand, dass Aribert, der samt seinen Truppen hätte kommen sollen, nur mit einer kleinen Eskorte unterwegs gewesen war, hielt es dann aber für besser, diese Frage im Laufe des Prozesses zu stellen, damit Aribert sich nicht noch eine passende Ausrede einfallen lassen konnte.

„Was ist mit dem Prozess?“, wandte er sich an seinen Vater.

„Der läuft nicht weg. Palparuva ist dringender. Macht euch noch heute auf den Weg!“, wies Rudolf ihn an.

„Roland, Theodor und ich?“, hakte der Prinz nach.

„Ja. Graf Emmerich übernimmt den Schutz von Steinburg“, erwiderte Rudolf. „Meine Herren Thronräte, begebt Euch in Eure Grafschaften. Ich hoffe, es sind nur Unzufriedene, aber wer kann wissen, zu welchen unvernünftigen Entscheidungen die Krankheit meinen Nachbarn Ludwig treiben kann? Sichert die Grenzen, aber überschreitet sie nicht. Das gilt insbesondere für Wachtelberg, Eschenfels und Karlsfeld. Wir werden keinen Grund zur Fortführung des Krieges liefern. Der Prozess gegen Peter von Limmenfels wird stattfinden, wenn die Bedrohung von Oberwengland abgewendet ist.“

„Und … was ist mit Graf Peter?“, fragte Aribert.

„Ich bin versucht, ihn hinter Schloss und Riegel zu stecken, aber ohne Urteil hat in Wengland niemand im Kerker zu sitzen“, erwiderte der König. „Aribert, Ihr seid mir für Peter verantwortlich – auch für seine Truppen. Sie dürfen sich gern an der Grenzsicherung beteiligen, aber in Siebenberg, in Hirschfeld und hier in Steinburg haben sie nichts zu suchen, verstanden?“

„Jawohl, mein König“, bestätigte Aribert. Er verbeugte sich, was außer der Ehrerbietung gegenüber dem König vor allem der Tarnung seines zufriedenen Grinsens galt.

Die Tischgesellschaft löste sich rasch auf. Martin eilte mit Theodor zu ihren Truppen, die außerhalb der Stadt Steinburg vor Martins Grafenburg beim Siebensteinforst lagerten. Dort waren auch die Hirschfelder Truppen, die Rudolf hauptsächlich deshalb nach Steinburg befohlen hatte, damit nicht erneut jemand seinen Schwager mit falschen Beschuldigungen überzog. Jetzt erwies sich diese Maßnahme als ausgesprochen praktisch.

Noch am selben Nachmittag zogen die Aufgebote mit etwa zweitausend Rittern und Reisigen im Eilmarsch nach Westen. Während sich die Aufgebote auf den Weg nach Palparuva machten, ließ König Rudolf Graf Emmerich von Siebenberg kommen.

„Graf Emmerich, Ihr habt Beweisstücke in Verwahrung genommen, die im Prozess gegen Peter von Limmenfels geprüft werden sollten“, sagte er, als der Graf erschien.

„Ja, mein König“, bestätigte der Siebenberger.

„Gut. Lasst sie nach Siebenberg bringen und sicher verwahren, damit sich daran niemand zu schaffen machen kann.“

„Wie Ihr wünscht, Majestät“, erwiderte Emmerich. „Weshalb wollt Ihr sie nicht hier in Steinburg behalten?“, erkundigte er sich.

„Wie Ihr wisst, ist mein Kanzler Helmrich aus Limmenfels. Peter hat ihn mir einmal empfohlen. Da Peter angeklagt ist, möchte ich nicht, dass jemand, der ihm untergeben ist oder es einmal war, auf Beweismittel Zugriff hat, die Peter schaden könnten. Verwahrt sie gut und gebt sie nur auf einen Beschluss des Adelsgerichtes heraus“, wies der König den Grafen an.

„Das werde ich, mein König“, bestätigte Emmerich.

„Gut. Ich vertraue Euch den Schutz unserer Hauptstadt und der Grafschaft meines Sohnes an, bis er aus Palparuva zurück ist.“

„Wie Ihr wünscht. Aber weshalb hat Ludwig uns wieder angegriffen?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Rudolf schulterzuckend. „Ich hoffe, dass Martin und Graf Roland das herausfinden können. Bezieht Ihr Quartier am Siebensteinforst?

„Euer Sohn hat seine Burg schön herrichten lassen. Da sage ich nicht nein. Danke, mein König.“

Während die wenglischen Truppen nach Oberwengland marschierten, ritt eine zwanzig Mann starke Abteilung der Reisigen Siebenbergs mit den für den Prozess sichergestellten Rüstungsteilen nach Osten in die kleinere Grafschaft, die dort an Steinburg grenzte. Der Hauptteil der Siebenberger bezog die Flächen beim Siebensteinforst, auf denen zuvor das Hirschfelder Aufgebot und die Steinburger gelagert hatten.

Bis nach Palparuva waren es von Steinburg aus etwa hundert Meilen. Die in Eilmärschen ziehende Armee erreichte die Hochfläche am Quartenpass drei Tage nach ihrem Aufbruch. Der Wald, der Burg Palparuva in respektvollem Abstand umgab, war in großen Teilen abgeholzt. Die Belagerer hatten die Bäume zu groben Leitern, aber auch zu Steinschleudern verarbeitet, um die Mauern der Burg zu erklimmen und zu beschießen. Es tobten heftige Kämpfe an und auf den Mauern.

Martin zog sein zerlegbares Fernrohr aus der Tasche, steckte es zusammen und sah zur Burg. Die Mauern hatten diverse Breschen, der erst wenige Jahre zuvor eröffnete Besucherhof lag vollständig in Trümmern.

„Da ist nicht mehr viel heil“, sagte er. „Bertram!“

Der Heermeister gesellte sich zu dem Prinzen.

„Mylord?“

„Wie gut kennt Ihr die Gegend?“

„Sehr gut, mein Prinz.“

„Welche Wege führen vom Alvedra nach Palparuva?“, fragte Martin.

„Es gibt den Weg am Palparuvabach entlang. Aber der ist für ein großes Heer ungeeignet. Und dann gibt es den Krähenfurter Weg, der aber auf den Bachweg mündet. Und dann gibt es noch einen, der vom Palparuvapass unterhalb des Grates an den Felsen entlangführt. Er kommt aus der scharfenburgischen Grafschaft Oberalvedra. Ich nehme an, dass die Scharfenburger von dort gekommen sind.“

Martin nickte.

„Lasst hundert unserer Männer querfeldein durch den Wald unterhalb der Waldgrenze nach Norden über den Palparuvabach vordringen und die Burg umgehen, bis sie auf den Weg von Oberalvedra treffen und dort in Stellung gehen. Setzt gute Bogenschützen dafür ein. Sie sollen den Scharfenburgern möglichst den Weg nach Oberalvedra abschneiden, damit sie uns nicht einfach ausreißen“, sagte er. „Wir brauchen Gefangene! Ich will wissen, was zu dem Angriff geführt hat.“

„Mit Verlaub, mein Prinz: Die Soldaten bekommen Befehle und führen sie aus. Ich glaube nicht, dass einer von ihnen nach Gründen gefragt hat“, gab Von Ermeldorf zu bedenken.

„Wir werden sehen“, erwiderte Martin. „Sendet die Leute aus!“

„Wie Ihr wünscht“, bestätigte Bertram und ritt fort.

„Und wie willst du die Belagerung auflösen?“, erkundigte sich Roland. Martin lächelte sanft.

„Wir werden uns innerhalb des Waldrandes um die Belagerung verteilen, ihnen mit Bogenschützen das Leben schwer machen und dann konzentriert angreifen.“

Die Bogenschützen überschütteten die Belagerer mit Wolken von Pfeilen, die in ihrer Masse beinahe die Sonne verdunkelten. Die Hirschfelder und Steinburger Bogenschützen, ausgebildet von Robin von Locksley selbst oder seinen besten Schülern – Martin von Wengland und Mathieu von Rolandsmühl – brachten es fertig, innerhalb einer Minute bis zu zwölf Pfeile abzuschießen; zwar nicht direkt gezielt, aber die Masse machte es. Jeder Schütze hatte dreißig Pfeile im Köcher, für drei Schützen war ein Nachschubmann da, der ein Packpferd oder Maultier mit zwei Lägelfässern voll Ersatzpfeilen mitführte. Fünfhundert Bogenschützen mit Langbögen konnten Steinburger und Hirschfelder gemeinsam aufbieten. Das ergab eine Wolke von 6000 Pfeilen in jeder Minute. Ein solcher Pfeilhagel benötigte meist nicht mehr als die binnen zweieinhalb Minuten abzuschießenden Pfeile, die die Schützen ohnehin bei sich hatten, um einen Gegner in die Flucht zu schlagen, besonders, wenn die Pfeile schmale Eisenspitzen hatten, die Kettenhemden durchdrangen wie ein glühendes Messer ein Stück Butter.

Die mit viel Geschrei vorgetragene Reiterattacke von tausend gut gepanzerten und wütenden wenglischen Rittern besorgte in diesem Fall nur noch den Rest. Soweit die Scharfenburger nicht schon vom Pfeilhagel getötet oder kampfunfähig verwundet wurden, rissen sie in Panik nach Norden aus, wo ihnen erneut ein Pfeilhagel der dort postierten Bogenschützen entgegenschlug.

Die zu Fuß agierenden Scharfenburger konnten zwar den einen oder anderen Wengländer aus dem Sattel hebeln, aber die Wucht des Reiterangriffs riss die Reihen wie eine gewaltige Harke auf.

Keine drei Stunden nach Ankunft des wenglischen Heeres trieben die Soldaten Wenglands einige hundert Gefangene vor der schwer ramponierten Grenzfestung Palparuva zusammen, wo Martin, Roland, Graf Theodor, Graf Eckart und Heermeister Bertram als Anführer des wenglischen Heeres sie wenig amüsiert in Empfang nahmen.

„Wer seid Ihr?“, fragte Martin und musste die in seiner Stimme liegende Strenge nicht einmal vortäuschen, nachdem klar war, dass etwa die Hälfte der Burgbesatzung und des oberwenglischen Aufgebotes zu den Toten zu zählen waren.

„Kennt Ihr das Wappen des Steingaus nicht?“, schnappte einer der Gefangenen, der einen geschlossenen Topfhelm und den Wappenrock Steingaus trug, der schrägrechts von weiß und rot geteilt war und mit drei blauen Feuersteinen im weißen und drei goldenen Feuersteinen im roten Feld geschmückt war.

„Das ist mir ebenso gut bekannt wie das von Liliental oder Oberalvedra, die ich hier ebenfalls sehe“, erwiderte Martin. „Wie kommt Ihr zu diesen Wappen?“

„Ich – bin – Engelbert – von – Steingau, Ihr wenglischer Blindbock!“, fauchte der Gefangene im Rock Steingaus.

„Helm ab!“, befahl Martin. Der Posten hinter dem Gefangenen zog ihm den Topfhelm vom Kopf. Darunter am tatsächlich Graf Engelbert von Steingau zum Vorschein.

„Graf Engelbert!“, keuchte Martin ungläubig. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich Scharfenburger waren …

„Was ficht Euch an, Burg Palparuva zu belagern, wenn es einen Waffenstillstand gibt und mein Vater nur darauf wartet, dass Herzog Ludwig genesen ist und vermeldet, dass er zu Friedensverhandlungen auf die Große Alvedrainsel kommen kann?“, fragte der Prinz.

„Von wegen warten!“, fauchte Engelbert. „Euer Vater wartet nicht! Und Ihr scheinheiliger Lump müsstet es am besten wissen, waren es doch Eure Leute und die Eures nicht weniger scheinheiligen Grafen von Hirschfeld, die Thannfurt angegriffen haben! Seitdem schmücken Eure zerfetzten Banner die Trophäensammlung der Burg Stolzenfels!“

„Was? Wann soll das denn gewesen sein?“, fragte Theodor von Eichgau, als sich Martin und Roland verwirrt ansahen.

„Fragt doch Euren Prinzen! Der muss es doch wissen!“, schnauzte Engelbert. Seine Wut war nicht gespielt, das erkannten die wenglischen Grafen schnell.

„Nein, ich weiß es nicht“, widersprach der Prinz. „Ich habe meinen Vater mit einiger Mühe und der Hilfe Eurer Prinzen davon überzeugen können, einen Waffenstillstand zu erklären und Friedensverhandlungen aufzunehmen. Wie kommt Ihr darauf, dass ausgerechnet ich diesen Waffenstillstand brechen würde?“

„Wir haben Beweise, königlicher Mistfink!“, grollte der Steingauer Graf. „Als Vergeltung hat der Herzog befohlen, Palparuva anzugreifen!“

Martin atmete tief durch.

„Engelbert, ich werde Euch freilassen“, sagte er. „Gebt dem Herzog weiter, dass in Wengland gerade ein Prozess gegen Peter von Limmenfels eröffnet wurde, der sich Ausrüstungsgegenstände Hirschfelds angeeignet hat, damit seine Soldaten verkleidet hat und einen Herold überfallen ließ, weil er Graf Roland in Verruf bringen wollte. Peter traue ich auch zu, dass er Rüstungsteile meiner Soldaten in Steinburg hat stehlen oder anfertigen lassen, um mich beim Herzog als Verräter am Frieden erscheinen zu lassen. Wann war dieser Überfallauf Thannfurt?“

„Ihr wollt es wirklich nicht wissen?“

„Nein, deshalb frage ich Euch ja.“

„Vor drei Wochen!“

„Also Anfang April, ja?“

Engelbert nickte bestätigend.

„Engelbert, beschreibt mir bitte, welche Wappenröcke die Soldaten von Graf Roland hatten, als sie Thannfurt überfielen“, bat der Prinz.

„Das weiß ich nicht. Ich war nicht dabei. Mir und den Grafen von Liliental und Oberalvedra wurde nur mitgeteilt, dass es Eure Leute und die von Graf Roland waren“, erwiderte der Scharfenburger.

„Gut. Dann seht Euch Graf Rolands Wappenrock bitte genau an, merkt Euch das und seht Euch die Beutestücke in Stolzenfels einmal an. Ihr werdet vermutlich Röcke finden, die von gelb und blau schräglinks geteilt sind. Wegen des Diebstahls von Röcken und Waffen hat er vor etwa zwei Monaten seine Leute komplett neu eingekleidet und die Röcke ändern lassen, damit ihm nicht wieder jemand solch ein Verbrechen in die Schuhe schiebt. Es waren mein Onkel und ich, die den Waffenstillstand überhaupt eingefädelt haben. Mein Bestreben ist es, diesen Krieg zu beenden, nicht, ihn fortzusetzen“ versetzte Martin.

„Der Herzog glaubt Euren Lügen nicht mehr!“, keifte Engelbert.

„Nun, Ihr wisst, was ich Euch zu Graf Hirschfelds Röcken gesagt habe. Prüft es nach und sagt Ludwig, was Ihr von uns erfahren habt. Sollte der Herzog dennoch den Krieg fortsetzen, betrachte ich ihn als denjenigen, der Krieg will. Ich werde meinen Vater unterrichten, weshalb Ihr hier angegriffen habt und hoffe, dass er dennoch bei seiner Absicht bleibt, den Krieg zu beenden. Aber sollte es weitere Angriffe Eurerseits geben, werdet Ihr nicht mit weiterer Nachsicht rechnen können“, erwiderte der Prinz. „Und sagt ihm, dass ich mich nicht Lügner nennen lasse!“

„Lügner!“, zischte Engelbert und fing sich von Martin eine solche Ohrfeige ein, dass er von den Füßen gerissen worden wäre, hätte ihn nicht der Posten festgehalten.

„Ich hatte Euch gewarnt!“, knurrte der Steinburger Graf. „Und nun geht!“

„Und was ist mit meinen Leuten?“

„Die könnt Ihr mitnehmen. Nur Eure Waffen, die bleiben hier“, sagte Martin und nickte den Posten zu, die Engelbert von Steingau aus seiner Reichweite brachten.

„Ihr … Ihr lasst sie ungestraft gehen, mein Prinz?“, schnaufte Eckart von Oberwengland. Martin nickte.

„Ja. Engelbert und die beiden anderen Grafen haben auf Befehl des Herzogs gehandelt, und Herzog Ludwig ist von falschen Angriffen getäuscht worden. Sie konnten nicht wissen, dass in den Rüstungen weder meine noch meines Onkels Männer steckten. Wir hätten nicht anders gehandelt“, sagte er.

„Wir haben anders gehandelt, mein Prinz. Wir haben gefragt, sie nicht“, erinnerte Eckart.

„Wir konnten fragen, weil wir Gefangene gemacht haben. Wenn die Angreifer von Thannfurt niedergemacht wurden, dann konnte man sie wohl nicht mehr fragen“, gab Roland von Hirschfeld-Ibelin zu bedenken.

„Übrigens: Thannfurt … Wie sollen denn Männer in Steinburger Rüstungen dorthin gekommen sein?“, fragte Bertram von Ermeldorf. „Vor drei Wochen habe ich gerade die Aufgebote zusammengerufen – und es war keiner, der gefehlt hätte.“

„Ich tippe auf unseren Freund Peter“, erwiderte Martin und betonte das Wort Freund spöttisch. „Er hatte jedenfalls bis unmittelbar vor Prozessbeginn noch alte Hirschfelder Rüstungen. Die haben erst Graf Emmerich von Siebenberg und seine Leute einer Truppe abgenommen, von der Graf Aribert von Karlsfeld auf dem Weg zum Prozess angegriffen wurde. Und Steinburger Rüstungen? Helmrich ist Limmenfelser und sitzt direkt an der Quelle. Die Bestellungen für Rüstungen des Steinburger Aufgebotes macht die Hofkanzlei bei unseren Lieferanten. Es wäre ihm ein Leichtes, welche zu bestellen und sie direkt an Peter zu schicken. Das würde niemand bemerken, vor allem, wenn Peter sie auch bezahlt. Dann findet sich das nicht einmal in den Abrechnungen.“

„Und woher wisst Ihr das? Das mit den Hirschfelder Rüstungen?“, fragte Theodor.

„Das wird Gegenstand des Prozesses vor dem Adelsgericht sein, bei dem ich die Anklage vertrete, Graf Theodor. Weil Ihr Richter seid, möchte ich Einzelheiten dazu erst preisgeben, wenn ich vor Euch und den anderen Richtern den Beweis dazu führen kann“, erklärte der Prinz.

„Ihr haltet Helmrich für einen Verräter?“, hakte Ermeldorf nach.

„Er hat jedenfalls keine Gelegenheit ausgelassen, Peter zu verteidigen“, sagte Martin schulterzuckend. „Er war es auch, der die scharfenburgischen Prinzen am liebsten eingekerkert hätte.“

„Was wollt Ihr jetzt tun, Mylord?“, fragte Bertram.

„Die Bedrohung hier ist einstweilen abgewendet oder doch wenigstens eingedämmt. Die Anwesenheit eines solchen Heeres ist hier nicht mehr erforderlich. Wir kehren nach Steinburg zurück. Ich möchte Peter endlich hinter Schloss und Riegel wissen!“, erwiderte der Prinz.

„Wäre es nicht besser, mehr als nur Graf Eckarts Leute hierzulassen? Er und Burgvogt Wilfried haben große Verluste“, gab Theodor zu bedenken. „Sollte Ludwig doch weiter Krieg wollen, könnten sie allein einen massierten Angriff nicht abwehren.“

„Ihr und ich werden beim Prozess benötigt, Theodor“, entgegnete Martin.

„Ich schon, meine Soldaten nicht“, sagte der Eichgauer Graf. „Ich würde Baron Altenburg gern mit der Hälfte meines Aufgebotes hierlassen. Rein zur Vorsicht.“

„Da Peter angeklagt ist und er sein Aufgebot nach Steinburg bringen musste, wird er es kaum riskieren, an meinem Territorium zu nagen. Ich würde auch die Hälfte meines Aufgebotes unter Pierres Kommando hierlassen“, bot Roland von Hirschfeld an.

„Gut“, nickte Martin. „Dann werde ich eine Hälfte meines Aufgebotes ebenfalls hier in der Gegend lassen und es nach Burg Drechselberg in den Krähenwald entsenden. Von dort hat man einen guten Überblick über das westliche Alvedratal. Holt mir Baron Leo von Drechselberg her!“

„Wie Ihr wünscht, mein Prinz“, bestätigte Bertram von Ermeldorf.

A A A

 

Kapitel 20

Des Königs Entscheidung

Martin, Roland und Theodor kehrten nach der Teilung ihrer Aufgebote Steinburg zurück, wo sie am Dienstag, den 29. April 1203 König Rudolf berichteten.

„Alles nur schöne Worte! Da siehst du, was dabei herauskommt, wenn man Scharfenburgern traut!“, knurrte der König an Martin gewandt. Er klang etwas heiser.

„Wer Krieg will, soll ihn haben“, ergänzte er. „Helmrich, Ihr gebt Nachricht an Graf Aribert, dass er Peter und seine Leute sofort freigibt. Aribert übernimmt den Befehl über die Truppen im Osten. Peter soll mit seinen Männern herkommen und mit den westlichen Aufgeboten den Westen sichern. Peter bekommt den Oberbefehl im Westen!“

„Was?“, platzte Theodor heraus. „Majestät, Peter von Limmenfels steht unter Anklage! Der Prozess steht noch aus!“, erinnerte er.

„Der Prozess wird nicht stattfinden, solange noch Krieg ist“, entgegnete Helmrich scharf. „Was ficht Euch an, eine Entscheidung unseres Königs anzuzweifeln?“

„Die Tatsache, dass der Prozess nach unserer Rückkehr stattfinden sollte, wie unser König vor unserem Aufbruch entschied. Dass wir gegen Scharfenburger zu kämpfen hatten, war bekannt. Das hat Euch bisher nicht dazu bewogen, den Prozess auszusetzen, Majestät!“, versetzte Theodor „Und es kann doch wohl nicht angehen, dass jemand, der erstens mindestens in dem Verdacht steht, versucht zu haben, einen anderen Grafen in Verruf zu bringen, zweitens Graf einer östlichen Grafschaft ist und drittens kein Graf des Thronrates ist, mit dem Oberbefehl über ein Heer beauftragt werden soll. Das ist – nach unseren Gesetzen – Sache des Grafen der jeweils größten beteiligten Provinz. Hier im Westen ist das ohne Zweifel Steinburg, also Euer eigener Sohn!“

„Papperlapapp!“, entgegnete Rudolf grantig. „Mein Sohn hat keinerlei Erfahrung mit Truppenführung! Meine Entscheidung steht! Wagt es nicht, sie auch nur in Gedanken in Zweifel zu ziehen, sonst findet Ihr Euch auf dem Schafott wieder!“, brüllte er den Eichgauer Grafen an.

„Herr! Beruhigt Euch!“, mahnte Helmrich erschrocken, Er war bleich geworden.

„Lasst mich mit unserem geliebten Gebieter allein, Ihr Grafen, mein Prinz. Er hat einen Anfall!“,  rief der Kanzler.

„Wie bitte?“, entfuhr es Martin. „Und ausgerechnet Euch soll ich es überlassen …“

„Raus!“, brüllte der König. Die vier Thronwachen im Raum zerrten auf Helmrichs Nicken Martin und die beiden anderen aus dem Raum.

„Was soll das?“, fragte Martin erschrocken, als die Wachen die Tür von außen schlossen und davor stehenblieben.

„Verzeiht, mein Prinz, aber …  Euer Vater … Er …er reagiert … seltsam“, bat einer der Gardisten stockend um Entschuldigung. „Nach dem Tod Eurer Mutter hatte er schon einmal solche Anwandlungen. Er brauchte damals sogar Arznei und war zeitweise so verwirrt, dass Graf Aribert dem Thronrat empfahl, einen Kanzler einzusetzen. Graf Theodor wird Euch bestätigen, dass der Thronrat mit Helmrich einverstanden war, weil Euer Vater recht gut auf ihn reagierte. Inzwischen wollte er ihn schon einige Male entlassen, weil er sich genesen fühlte, aber immer, wenn er es tun wollte, hatte er einen Rückfall. Drei Tage war er nach Eurem Ausrücken schrecklich krank. Er wollte niemanden außer Helmrich sehen, nicht einmal uns.“

„Und wieso hat mir das noch keiner gesagt?“, erkundigte sich der Prinz.

„Euer Vater wollte es nicht, Mylord“, sagte Theodor. „Ihr solltet Euch in Ruhe wieder eingewöhnen und Euch den Nachforschungen wegen der Heroldsmorde widmen können“, bestätigte Theodor die Aussage des Herwigsgardisten.

„Wenn mein Vater solche Reaktionen zeigt, besteht auch Grund zur Sorge, findet Ihr nicht, Theodor?“, hakte der Prinz nach. „Im Moment scheint er in einer Stimmung zu sein, die ihn dazu brächte, alles über den Haufen zu werfen, was er gestern noch wollte. Einschließlich unserer Gesetze! Das kann ich als Thronfolger und Graf von Steinburg nicht zulassen!“

Sein Onkel und Graf Theodor konnten ihn gerade noch abfangen, bevor er die Tür auch gegen den Widerstand der Herwigsgarde geöffnet hätte.

Roland und Theodor hätten den Prinzen gewiss nicht zurückgehalten, hätten sie dieses Gespräch verfolgen können:

„Leise! Beruhigt Euch!“, mahnte Helmrich erneut, kaum dass die Türen zu waren. „Bitte, verderbt es jetzt nicht, sonst schöpfen sie Verdacht. König Rudolf würde nicht so reagieren, Fürst Aldaron.“

„Und wie würde er reagieren? Ich soll dem aufmüpfigen Grafen doch wohl nicht nachgeben?“, wehrte Owan Aldaron ab, der mit Helmrichs Hilfe gleich nach dem Abrücken der Aufgebote den echten Rudolf betäubt und in den Kerker geschafft hatte. Er hatte die Sprache schneller gelernt als jeder andere Wilzare, der es je versucht hatte; er sah Rudolf wie aus dem Gesicht geschnitten aus. Nur seine Stimme war etwas heiserer als die Rudolfs, weshalb er auch drei Tage lang krank gespielt hatte, und die Zeit genutzt hatte, sich mit dem aktuellen Geschehen am Hof einigermaßen vertraut zu machen.

„Doch. Und mäßigt bitte den Ton. Das hier ist nicht Wilzarien, wo es üblich ist, die Fürsten anzubrüllen oder bei Widerworten mit dem Tod zu bedrohen. Hier ist das gänzlich unnormal“, erwiderte Helmrich. „Graf Theodor hat Recht. Die Heeresführung gebührt jeweils dem Herrn der größten beteiligten Provinz. Ihr könnt wohl die Entlassung Peters und die Aussetzung des Prozesses mit dem fortgeführten Krieg begründen, aber nicht, dass Aribert das Heer im Osten und Peter im Westen führen soll.“

„Und wer soll das Heer dann führen?“

„Überlasst Martin die Führung im Westen. Ihr habt Recht: Er ist unerfahren. Aber das kann Euch nur nützen. Wenn er Fehler macht, Schlachten verliert, große Verluste hat, werden die anderen Grafen unzufrieden sein.“

„Und im Osten?“

„Ich würde am liebsten den Grafen von Hirschfeld vorschlagen, doch er ist ebenfalls kein Graf des Thronrates. Im Osten muss es Graf Wedigo sein, der dort die größte Provinz hat. Doch sollte er fallen oder in Gefangenschaft geraten, könnte Aribert das Kommando übernehmen, denn seine ist die zweitgrößte Provinz im Osten. Und sollten sich die Grafen im Osten dagegen wehren, weil er ein Freund Peters ist, den von den anderen Grafen keiner gern hat, könnte man ihnen den Hirschfelder vorschlagen, damit er ins Messer läuft.“

„Und wie soll ich nun zurück, ohne das Gesicht zu verlieren?“, fragte Aldaron.

„Hier ist es keine Schande, einen Fehler zuzugeben. Ich weiß, einem Wilzaren würde das nicht im Albtraum einfallen, aber ihr ersetzt König Rudolf und müsst Euch auch wie er benehmen. Sonst ist das Spiel schnell aus. Martin ist unerfahren, ja, aber er ist nicht dumm. Er muss weit weg, damit er nicht Verdacht schöpft.“

„Na schön. Ich werde es bedenken.“

Die Grafen vor der Tür waren recht verblüfft, als die Tür wieder geöffnet wurde und Helmrich sie wieder hereinbat.

„Entschuldigt bitte, aber diese Anfälle sind gefährlich. Da vergisst er sogar schon mal, wer er ist“, sagte er, wohl wissend, dass die Männer vor der Tür die Doppeldeutigkeit dieser Worte nicht erkennen konnten.

„Es tut mir Leid. Ich hoffe, es kommt nicht wieder vor. Natürlich führst du die Truppen im Westen, mein Sohn. Es wird eine großartige Möglichkeit sein, dass du Erfahrungen als Heerführer sammelst, bevor du mir auf den Thron folgst“, wandte der angebliche Rudolf sich an den Prinzen. „Wedigo von Südwengland wird das Ostheer führen. Sendet einen Boten zu ihm nach Rothenfels, Helmrich.“

„Also, eigentlich wäre es mir lieber, wenn wir einen Herold nach Stolzenfels senden würden, um diesen schrecklichen Irrtum aufzuklären“, sagte der. Rudolf schüttelte den Kopf.

„Nein. Wenn Ludwig schon wieder auf einen falschen Angriff hereingefallen ist, haben wir das demnächst wieder, wenn Unzufriedene hier den Krieg fortsetzen wollen“, entgegnete der falsche König.

„Den einzigen Unzufriedenen, den ich mir vorstellen kann, wenn es um Frieden geht, ist Peter von Limmenfels. Wenn du mir einen Rat erlaubst: Sende einen Boten zu Herzog Ludwig. Teile ihm mit, dass wir mit dem Angriff nichts zu tun haben und der, der vermutlich dafür verantwortlich ist, genau deshalb vor dem Adelsgericht steht“, empfahl Martin.

„Das wird kaum noch etwas nützen, fürchte ich“, sagte Helmrich und präsentierte den staunenden Grafen ein Pergament, mit dem Ludwig wegen des Angriffs von Thannfurt den Waffenstillstand aufkündigte und obendrein wegen der angeblichen Steinburger Beteiligung die Todesdrohung gegen Martin erneuerte. Der Prinz las das Schreiben mehrfach, aber er fand keine Möglichkeit, Zweifel anzubringen, denn der Zeitpunkt des Überfalls stimmte mit dem überein, den Graf Engelbert genannt hatte, auch das Siegel war das des Herzogs.

„Ich will es nicht glauben“, sagte er dennoch. Roland nahm ihm das Schreiben ab, las es und ließ sich von Helmrich frühere Nachrichten Ludwigs geben. Doch auch er musste zugeben, dass er nichts daran fand, was eine Fälschung sein könnte.

„Es ist leider wahr, Martin. Der Herzog will den Frieden nicht mehr“, seufzte der Graf von Hirschfeld.

„Nun gut“, seufzte der Thronfolger. „Ich habe Engelbert mitgeteilt, dass jedenfalls Graf Roland wegen früheren Missbrauchs seiner Rüstungen zu dem Zeitpunkt bereits andere Rüstungen hatte. Sollte … sollte Ludwig zur Besinnung kommen und seinen Irrtum eingestehen, dann bitte, Vater, versage ihm die Vergebung nicht.“

„Nein, natürlich nicht“, versprach der falsche König. „Und jetzt geht und sammelt eure Truppen. Ihr nehmt auch die Siebenberger mit. Ich werde Graf Philipp und Graf Bartholomäus unterrichten und zu euch senden, sofern sie hier sind. Graf Roland, Ihr holt Eure Leute zurück und unterstellt sie Graf Wedigos Kommando im Osten.“

„Das werde ich, mein König“, bestätigte der ehemalige Graf von Ibelin.

Martin und Theodor kehrten mit ihren Aufgeboten und den Siebenbergern nach Burg Drechselberg zurück, die sie am 2. Mai 1203 erreichten. Martin sandte von dort einen Boten nach Palparuva, um Wilfried von Eberstein und Eckart von Oberwengland zum Kriegsrat zu bitten, den er abhalten wollte, sobald auch Philipp und Bruder Patrick von Ahrenstein, der Heermeister von Bischof Bartholomäus, eingetroffen waren.

Fünf Tage später waren auch sie anwesend. Martin hatte mit Bertrams Unterstützung eine Karte des westlichen Teiles der Verborgenen Lande gezeichnet, grob zwar, aber erkennbar.

„Habt Ihr so etwas schon einmal gemacht, mein Prinz?“, fragte Bertram.

„Ja, als ich vor zehn Jahren mit meinem Onkel aus dem Heiligen Land zurückkehrte und wir über die Alpen ins Rheintal gezogen sind“, erwiderte Martin. „Mathieu von Rolandsmühl und ich durften unseren Wagenzug über den Lukmanierpass führen. Dazu sind Mathieu, mein Onkel und ich von Olivone südlich des Passes den Fahrweg abgeritten und haben uns so eine grobe Karte gezeichnet, in die wir Wegbiegungen und so weiter eingezeichnet haben. Das war eine wertvolle Erfahrung.“

Er sah genauer auf die Karte.

„Was meint Ihr? Besteht die Möglichkeit, dass die Scharfenburger über den Palparuvapass nach Breitenstein gehen und uns durch den Quartenpass in den Rücken fallen?“, fragte er den Heermeister.

„Theoretisch schon. Dass sie es beim jetzigen Überfall nicht getan haben, rechne ich eher dem Winter zu. Beide Pässe sind mindestens bis Mai verschneit. Allerdings müsste Fürst Gregor seine Zustimmung geben, dass sie seine Lande durchqueren dürfen. Ich denke nicht, dass er das tun wird“, erwiderte Ermeldorf. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Scharfenburger sich auch noch die Feindschaft Breitensteins einhandeln wollen, indem sie dessen Grenze verletzen.“

„Palparuva muss baldmöglichst repariert werden, damit wäre schon ein guter Schutz der Grenze von unserer Seite gegeben“, sagte Martin. Bertram nickte.

„Ich weiß, dass Graf Eckart das bereits veranlasst hat“, erwiderte er. „Er hat Handwerker hergerufen, die die Burg instandsetzen werden, sofern wir das Heer nach Scharfenburg in Marsch setzen.“

Es klopfte.

„Ja?“, rief der Prinz. Sein Diener Harald erschien.

„Die Grafen und der Johanniterbruder Patrick von Ahrenstein, Bischof Bartholomäus‘ Heermeister, sind versammelt. Auch Fürst Mila von Aventur ist eingetroffen“, meldete Harald. „Und dies wurde für Euch abgegeben, Herr“, ergänzte er und gab Martin eine Schriftrolle, an der ein Samtsäckchen hing. Rolle und Säckchen waren mit dem persönlichen Siegel von Prinzessin Regina verschlossen.

„Danke, Harald“, sagte der Prinz und nahm ihm die Sendung ab, öffnete sie – und erstarrte.

„Was ist, mein Prinz?“, fragte Bertram besorgt.

„Prinzessin Regina erklärt unsere Verlobung für gelöst!“, keuchte Martin. Er öffnete mit böser Ahnung das Samtsäckchen und hatte den Ring in der Hand, den er für Regina zur Verlobung gemacht und ihr geschenkt hatte. Der Stich, den er im Herzen spürte, schmerzte; er sah einen Moment ins Leere. Ihm war anzusehen, dass er mit sich kämpfte.

Nein!‘, dachte er. ‚Nein, du wirst das Volk dafür nicht leiden lassen. Das einfache Volk kann nichts für die Flausen seiner Fürsten.‘

Nein, er würde nicht das einfache Volk für den Angriffsbefehl des Herzogs und die gelöste Verlobung bestrafen. Das wäre ungerecht gewesen und damit nicht ritterlich. Schließlich erhob er sich und folgte Bertram und Harald in den Rittersaal der Burg.

Die Grafen und der Heermeister von Wachtelberg verneigten sich, als der Thronfolger den Saal betrat. Allein der wilzarische Fürst verweigerte einen Gruß.

„Ihr verweigert dem Thronfolger unseres Landes den Gruß?“, fuhr Bertram den Wilzaren an.

„Ein wilzarischer Fürst verneigt sich nur vor seinem eigenen König. Das ist Euer Thronfolger nicht. Ihr seid unsere Verbündeten, nicht unsere Herren“, entgegnete Mila von Aventur stolz. Martin winkte ab.

„Lasst es gut sein, Heermeister Bertram. Wir wollen keinen weiteren Streit“, sagte er, an Von Ermeldorf gewandt. „Seid willkommen, Fürst Aventur. Welche Nachrichten bringt Ihr?“

„Keine Nachrichten, Prinz, Soldaten. Zweitausend starke wilzarische Männer, die darauf brennen, scharfenburgisches Ungeziefer zu vernichten“, erklärte der Wilzare. Nicht nur Martin sah ihn eher verstört an, auch die Grafen Wenglands wirkten ob dieser Worte verwirrt.

„Und … was bezeichnet Ihr als … Ungeziefer?“, fragte Martin mit belegter Stimme.

„Jeden Scharfenburger, der es wagt, mir und meinen Rittern und Soldaten die fällige Ehre zu verweigern.“

„Und worin besteht diese … fällige Ehre?“

„Sie haben sich niederzuwerfen und uns ihren gesamten Besitz zu überlassen. Wer das nicht tut, hat sein Leben verwirkt“, erklärte Aventur.

„Fürst Aventur: Wofür kämpft Wilzarien?“, erkundigte sich Martin.

„Für den Ruhm König Havariks von Wilzarien.“

„Und diesen Ruhm gibt es nur, indem Ihr ein anderes Volk mit Krieg überzieht, ihm seinen Besitz streitig macht und es mit dem Tode bedroht?“, forschte der wenglische Prinz.

„Ja. Ein König, der keinen Krieg führt, ist ein ruhmloser König. Und ein ruhmloser König ist ein ruchloser König“, entgegnete Mila.

„Wer hat den Krieg begonnen, Fürst Aventur?“, bohrte der Prinz weiter.

„Scharfenburg“

„Wodurch?“

„Dieser feige Herzog wollte uns nicht geben, was unser sein sollte.“

„Und was sollte Euer sein?“

„Scharfenburg!“

Die Wengländer wurden geschlossen bleich. Mit dieser Argumentation würde Wilzarien jeden Nachbarn zum Aggressor stempeln, wenn Forderungen – ganz gleich wie unverschämt sie sein mochten – nicht auf der Stelle erfüllt wurden. Und was wäre, wenn sie sich auch Wengland aneignen wollten?

„Ich entnehme Euren Worten, dass Wilzarien sich Scharfenburg untertan machen will. Scharfenburg war vor dem Krieg nie Teil Wilzariens. Dann führt Wilzarien also einen Eroberungskrieg, mit dem es sich Land zueignen will, das ihm nicht gehört“, stellte Martin mit hörbarem Widerwillen fest.

„Wilzarien nimmt sich, was es will und was es braucht. Wir sind die Stärkeren. Wenn Scharfenburg sich dagegen nicht wehren kann, ist es zu schwach, um unabhängig zu sein“, versetzte der Wilzare stolz.

„Fürst Aventur: Wengland führt keinen Eroberungskrieg. Unser Land ist groß genug, um alle seine Bewohner gut leben zu lassen“, erwiderte Martin warnend.

„Ihr braucht es ja nicht zu nutzen“, versetzte Mila schulterzuckend. „Überlasst es einfach dem ruhmreichen Havarik von Wilzarien, wenn Ihr damit nichts anzufangen wisst.“

„Ihr habt mich falsch verstanden, Fürst Aventur. Wir werden Euch nicht dabei helfen, ein anderes Land unter Eure Herrschaft zu bringen. Wir kämpfen lediglich, um unser Land zu verteidigen, das von Scharfenburg trotz eines bestehenden Waffenstillstandes angegriffen wurde“, stellte der Prinz klar.

„Dann macht Wengland sich zum Feind Wilzariens und seines ruhmreichen Königs Havarik“, versetzte Aventur grollend. „Schon der eigenmächtige Waffenstillstand war ein feindseliger Akt gegen Wilzarien, der nach Strafe verlangt. Wengland hat zugesagt, Wilzarien bei der Eroberung Scharfenburgs zu helfen. Also werdet Ihr das tun oder ich sorge dafür, dass Ihr den Befehl dazu bekommt. Und solltet Ihr den nicht bedingungslos erfüllen, dann seid Ihr des Todes – alle! König Havarik von Wilzarien widerspricht man nicht!“

„Ich weise Euch darauf hin, Fürst Aventur, dass die Truppen des wenglischen Westheeres meinem Kommando unterstehen. Ihr seid unsere Verbündeten, nicht unsere Herren!“, erklärte Martin mit gewisser Schärfe. Mila lächelte freudlos.

„Wenn Ihr nicht das tut, was wir von Euch verlangen, wird mein König Geiseln von Wengland fordern, um seine Befehle durchzusetzen“, erwiderte er kalt.

„Ich werde meinen Vater über diese Drohung in Kenntnis setzen, Fürst Aventur. Er wird König Havarik eine entsprechende Antwort geben“, versetzte Martin, dem die Abneigung gegen den wilzarischen Fürsten inzwischen anzusehen war. Das Lächeln seines Gegenübers verstärkte sich.

„Das glaube ich auch“, kicherte er.

„Ich verstehe zwar nicht, weshalb Euch das zum Lachen reizt, aber sei’s drum“, sagte Martin schulterzuckend. „Eines noch: Wir verteidigen Wengland. Es gibt keinen Grund, Bauern und Bürger zu drangsalieren, die auf den Kriegswillen ihres Herzogs keinen Einfluss haben. Ich werde deshalb keine Plünderungen dulden. Wer sich ergibt, wird verschont. Wer kämpft, wird bekämpft, bis er fällt oder kapituliert. Wer kapituliert, wird mit Ehre behandelt. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„Uns wird kaum etwas anderes übrig bleiben, mein Prinz“, wandte Philipp von Sachstal ein. „Freiwillig werden uns die Bauern nichts geben.“

„Müssen sie auch nicht, wenn Ihr damit meint, dass sie es uns für nichts überlassen sollen. Wir werden bezahlen“, entgegnete der Prinz.

„Bezahlen? Seit wann wird im Krieg dem Feind der Proviant abgekauft? Das ist Beute, Mylord!“, versetzte Philipp mit aufkommendem Unwillen in der Stimme.

„Graf Philipp: Ein Ritter, der plündert oder der Plünderungen durch seine Mannen und Reisigen zulässt, verletzt den Grundsatz, dass Wehrlose zu beschützen sind. Ein solcher Ritter ist es nicht wert, ein Ritter zu sein“, widersprach Martin scharf. „Nicht Beute ist unser Ziel, sondern die Sicherheit unseres Landes.“

„Der Prinz hat Recht!“, warf Patrick von Ahrenstein ein. „Es ist unsere Aufgabe, Wengland zu schützen. Das tun wir nicht, indem wir unschuldiges Volk quälen!“

„Und … wenn sie uns nichts verkaufen?“, fragte Philipp.

„Dann müssen wir sie – wohl oder übel – vor die Wahl stellen, zu verkaufen oder es gegen Waffengewalt zu verlieren. Aber nur, wenn es nicht anders möglich ist. Zunächst will ich annehmen, dass die Bauern verkaufen werden“, erwiderte Martin.

„Wieso wollt Ihr nachsichtig sein? Sie überfallen uns und wir sollen nicht zurückschlagen?“, knurrte Eckart von Oberwengland.

„Wir sind hier, um zurückzuschlagen, Graf Eckart. Aber plündern ist nicht zurückschlagen“, entgegnete Martin. „Der Herzog hat Ritter und Soldaten geschickt. Und gegen Ritter und Soldaten werden wir auch kämpfen, aber nicht gegen wehrlose Bauern und Bürger. Wer entgegen meinem Befehl plündert, vergewaltigt, brandschatzt oder sonst welche Gräuel begeht, der hängt“, stellte er klar.

„Krieg wird selbstverständlich für Beute geführt!“, widersprach der wilzarische Fürst laut.

„Nein! Nicht unter meinem Kommando!“, hielt Martin dagegen. „Und sollten unsere wilzarischen Verbündeten sich über diesen Befehl hinwegsetzen, machen sie Bekanntschaft mit einem wenglischen Strick an einem ausreichend festen Ast einer scharfenburgischen Gerichtslinde. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt oder benötigt Ihr eine Übersetzung?“

Mila von Aventur machte einige harte Schritte auf Martin zu, der aber – zumindest äußerlich – unbeeindruckt blieb. Tatsächlich hämmerte sein Herz vor Wut und Aufregung so heftig, dass er selbst meinte, der Wilzare müsse es auch über einen halben Klafter Abstand hören können.

„Einem wilzarischen Fürsten erteilt kein wenglischer Milchbart Befehle!“, widersprach der Wilzare. „Meine Ritter und Soldaten führen den Krieg so, wie ich es ihnen befehle! Und dazu gehört natürlich auch, dass sie Beute machen, dass ihnen die Frauen gehören, die deren schwache Männer nicht schützen können. Es wird mir ein Vergnügen sein, Eure Kraftlosigkeit dem ruhmreichen Havarik mitzuteilen. Er wird Euch ebenso überrollen wie das schwache Scharfenburg.“

„Und wen will er diesmal dafür als Verbündeten holen? Odins Raben? Die Walküren? Zwerge? Elfen? Orks? Ihr habt es ja ohne wenglische Hilfe nicht einmal geschafft, mehr als Dunkelfels zu erobern“, erinnerte Martin äußerlich kühl. „Ich erinnere mich, wie Euer ruhmreicher König meinen Vater um Beistand angebettelt hat. Eure Worte sind wahrlich nicht geeignet, Wilzarien hochzujubeln. Ich muss Euch hier dulden, weil mein Vater in meiner Abwesenheit durch falsche Botschaften getäuscht leider das Bündnis mit Euch eingegangen ist. Ginge es nach mir, hätten wir diesen Vertrag schon gekündigt. Leider steht es nicht in meiner Macht, dieses unselige Bündnis zu beenden. Aber die Art und Weise, wie wir den Krieg führen, die steht in meiner Macht. Also haltet Euch an meine Befehle, sonst braucht Aventur einen neuen Fürsten.“

„Ihr droht mir?“

„Nicht mehr und nicht weniger, als Ihr mich und die anderen Grafen dieses Landes mit Übel bedroht, wenn wir nicht tun, was Euch beliebt, Fürst Aventur. Und glaubt mit eines: Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um das schuldlose Volk Scharfenburgs vor dem zu schützen, was Ihr ihm antun wollt. Solange Ihr und Eure Leute meinem Heer als verbündete Truppen zugeteilt seid, tut Ihr, was ich befehle. Anderenfalls werde ich Euch samt Euren Truppen nach Wilzarien zurückschicken und auf Eure Dienste als unsere Verbündeten verzichten!“, fuhr Martin den Wilzaren an.

„Ihr habt gewählt! Ich werde König Havarik über Eure Unverschämtheit unterrichten!“, grollte Mila von Aventur.

„Tut das, wenn es Euch beliebt. Ich werde meinen Vater ebenfalls über Eure Pläne informieren!“

„Von mir aus!“, zischte Mila, machte kehrt und verließ den Rittersaal. Die Wengländer waren regelrecht erstarrt über die Auseinandersetzung zwischen dem Prinzen und dem wilzarischen Fürsten.

„Heermeister Bertram, ich bitte Euch in aller Form um Entschuldigung, dass ich Euch zurückgehalten habe, diesem Lumpen die Meinung zu sagen“, bat Martin den Heermeister um Entschuldigung. Bertram verbeugte sich.

„Mein Prinz, ich danke Eurem Vater, dass mich an Eure Seite stellte. Ihr erfüllt die ritterlichen Tugenden“, erwiderte er. Dass der hünenhafte Heermeister, der den ohnehin hochgewachsenen Prinzen noch um vier Zoll überragte, sich so deutlich für eine Kriegführung im Sinne Martins aussprach, machte den mindestens den jüngeren Grafen, die sich unbedingt als Heerführer beweisen wollten, deutlich, dass es ungesund sein würde, dem Befehl des Prinzen zu widerhandeln. Theodor von Eichgau, nach Bartholomäus von Wachtelberg der älteste der Grafen Wenglands, bekam ein zustimmendes Lächeln, das seinen grauen Vollbart sträubte.

„Mein Prinz, ich hoffe, dass es mir noch vergönnt sein wird, Euch als meinem König die Treue zu schwören. Ihr erfüllt, was Euer Onkel Euch als wahres Rittertum lehrte. Einem Thronfolger, der sein Land verteidigt und nicht nach Eroberung fremden Territoriums trachtet, kann ich folgen“, sagte er mit einer Verbeugung.

A A A

 

Kapitel 21

Gewissensfrage

Am darauffolgenden Morgen setzte sich das Heer der Verbündeten in Bewegung. Das erste Ziel war die Burg Sperberhorst bei Sperberingen, dem Hauptort der scharfenburgischen Grafschaft Steingau, die der Heerwurm am 11. Mai 1203 erreichte. Martin, der sich nicht wirklich die Feindschaft der Scharfenburger einhandeln wollte, sandte seinen Herold Gerwin zum Burgtor.

„Eine Botschaft für Graf Engelbert von Steingau von Prinz Martin von Wengland!“, rief Gerwin laut. Ein Guckloch des Burgtores wurde geöffnet.

„Welche Botschaft bringt Ihr, Herold?“, fragte der Torposten.

„Eine mündliche Botschaft für Euren Herrn“, erwiderte Gerwin.

„Wartet hier“, sagte der Posten und ließ Graf Engelbert informieren, der wenig später am Tor erschien.

„Sprecht!“, forderte er den Boten auf, als der sich überzeugt hatte, den Empfänger der Nachricht vor sich zu haben.

„Prinz Martin von Wengland steht mit dem Heer des westlichen Wengland und der verbündeten Wilzaren eine Meile vor Eurer Stadt. Er wünscht, den Streit ohne viel Blutvergießen zu beenden und bietet Euch an, Euch zu ergeben und ihm die Stadt und die Burg zu übergeben. Als Gegenleistung bietet er Euch Frieden oder freien Abzug derer, die sich mit einem Frieden nicht abfinden können. Das gilt für jeden. Für Euch, Graf Engelbert, natürlich Eure Familie, für alle Ritter und Soldaten, für alle Männer, Frauen, Kinder und selbstverständlich die Alten. Prinz Martin verspricht für den Fall, dass Ihr Euch für den Abzug entscheidet, dass der Schutz der Bevölkerung von wenglischen Soldaten übernommen wird, wie das Volk sie auch von Euch als Lehnsmann des Herzogs erwarten durfte. Niemandem wird ein Leid geschehen“, erklärte Gerwin.

„Und wenn ich dazu ‚nein‘ sage?“, fragte Engelbert.

„In dem Fall wäre Prinz Martin genötigt, Eure Burg zu belagern. Er lässt darauf hinweisen, dass ihm die Schwachpunkte Eurer Burg bekannt sind, die dann naturgemäß sein erstes Ziel sein werden. Er wünscht dies nicht, denn er schätzt Scharfenburg, sein Herzogshaus und die Grafen dieses Landes zu sehr, um ihnen als Feind zu begegnen.“

„Wenn Euer Prinz meine Burg haben will, dann mag er sie bei mir abholen. Aber er persönlich!“, versetzte Engelbert.

„Darf ich Euch so verstehen, dass Ihr dem Prinzen einen Zweikampf anbietet?“, hakte der Herold nach.

„Ja, sagt ihm das“, antwortete der Graf von Steingau.

Gerwin kehrte zum wenglischen Heer zurück und gab Martin die Antwort des Steingauers im Kreis der Grafen weiter.

„Engelbert bietet einen Zweikampf an?“, prustete Philipp von Sachstal. „Der ist von allen guten Geistern verlassen!“

Martin nickte zum Entsetzen der übrigen Grafen.

„Ja, ich nehme an“, sagte er.

„Was?“, keuchte Philipp. „Mein Prinz! Unser Heer ist stark genug, um diese Burg einzunehmen!“

„Ich kenne Engelbert als einen Ritter von Ehre und vertraue zunächst darauf, dass er diese Zusage ernst meint“, erwiderte Martin. „Gerwin, reitet nochmals zur Burg Sperberhorst und sagt Engelbert, dass ich einen Zweikampf um die Burg mit ihm akzeptiere. Der Gewinner erhält die Burg, die Stadt und die Grafschaft. Sollte er gewinnen, wird die Burg nicht belagert. Wir werden dann abziehen und uns als nächstes Glockenfeld vornehmen.“

„Also wäre die Eroberung von Sperberhorst nur aufgeschoben, aber nicht endgültig aufgegeben?“, hakte Patrick von Ahrenstein nach.

„Genau. Steingau ist allein kaum lebensfähig, gebirgig wie es ist. Wir müssten es nur von Oberwengland und Oberalvedra her einschließen“, erwiderte der Prinz. „Doch ich habe Engelbert schon mehrfach im Turnier besiegt. Insofern vertraue ich darauf, dass es mir auch dieses Mal gelingt, ihn zu schlagen.“

„Angenommen, er unterliegt und verweigert die Übergabe der Burg?“, fragte Bertram.

„Dann hat er seine Zusage gebrochen, und die Burg wird angegriffen“, entschied Martin. „Aber ganz gleich, was bei diesem Zweikampf passiert: Die Bevölkerung wird nicht drangsaliert! Nur wer selbst kämpft, wird von uns bekämpft!“, stellte er deutlich klar.

Engelbert von Steingau war nicht wenig überrascht, dass der wenglische Thronfolger auf sein Angebot eingehen wollte. Jetzt musste er selbst zu seinem Wort stehen.

„Herr, Ihr wollt nicht wirklich das Schicksal Eurer Burg und Eures Volkes von einem einzigen Zweikampf abhängig machen!“, platzte sein Kastellan heraus.

„Hermann, ich bin ein Ritter, und ich stehe zu meinem Wort“, erwiderte Engelbert seufzend. „Herold, gebt dem Prinzen weiter, dass ich zu den Bedingungen zu einem Zweikampf bereit bin. Ich erwarte ihn morgen um zwölf Uhr mittags auf dem Platz vor der Burg. Ich schlage ihm die übliche Turnierrunde vor, doch mit scharfen Lanzen. Sollte nach dem Bruch der dritten Lanze noch keine Entscheidung gefallen sein, geht es mit dem Schwertkampf weiter – nur wird es diesmal nicht genügen, den Kopfputz abzuschlagen. Der Kampf ist erst beendet, wenn einer von uns beiden nicht mehr kämpfen kann. Der Sieger soll das Recht haben, den Unterlegenen zu töten.“

„Ich werde es Prinz Martin so bestellen, Graf Engelbert“, erwiderte Gerwin und verbeugte sich höflich, bevor er die Burg verließ.

Mit dem Beginn des mittäglichen Angelusläutens erschien Martin von Wengland gut gerüstet auf seinem ebenso wohlgerüsteten Rufus vor Burg Sperberhorst, wo Engelbert ihn bereits gleichfalls voll gerüstet zu Pferd erwartete. Engelberts Gemahlin Luise stürmte aus dem Tor zwischen die kampfbereiten Ritter.

„Nein! Martin, lasst mir meinen Gemahl!“, flehte sie verzweifelt, nachdem sie Engelbert nicht hatte überzeugen können, zurückzuziehen.

„Euer Gemahl hat mir den Zweikampf vorgeschlagen, edle Gräfin. Wenn er hier und jetzt erklärt, dass er mir die Burg kampflos übergibt und Steingau bis zu einem endgültigen Friedensschluss nicht mehr gegen Wengland kämpft, dann soll es so sein. Steingau wird von uns dann weder angegriffen, noch wird irgendjemandem in dieser Grafschaft etwas geschehen. Doch wenn er auf dem Kampf besteht, dann werde ich diesen Zweikampf auch kämpfen“, erwiderte Martin. „Es liegt bei Eurem Gemahl, zu kämpfen oder zu kapitulieren.“

Statt einer Antwort klappte Engelbert das Visier seines Helms herunter und klemmte die Lanze unter dem rechten Arm ein.

„Aus dem Weg, Weib!“, befahl er. Sein Kastellan konnte die Gräfin gerade noch in Sicherheit ziehen, damit sie nicht unter die Hufe der Pferde geriet, die auf den Schenkeldruck ihrer Reiter angaloppierten. Beide waren erfahrene Turnierritter. Engelbert hatte Martin mehr als einmal widerstanden und ihm wenigstens zwei oder auch drei Durchgänge abgenötigt. Die Tatsache, dass es um seine Burg ging, um sein Zuhause, verlieh Engelbert von Steingau zusätzliche Energie. Drei Lanzen brachen, ohne dass einer von beiden aus dem Sattel fiel oder gar tödlich getroffen wurde. Beide warfen die Reste der dritten Lanze fort und griffen zum Schwert. Ein wilder Schlagwechsel entspann sich, doch der Steingauer Graf musste feststellen, dass der wenglische Thronfolger nicht nur als Turnierritter schier unschlagbar war. Auch im ernsthaften Kampf auf Leben und Tod, in dem es keine wirklichen Regeln mehr gab, kam er gegen den hart und präzise zuschlagenden Martin nicht an. Nach heftigem Schlagwechsel flog Engelberts Schwert in unerreichbare Entfernung.

Der Prinz senkte das erhobene Schwert.

„Ich schenke Euch das Leben, Graf Engelbert, und ich bleibe bei meinem Angebot“, sagte er. „Ihr könnt in Eurer Burg bleiben, wenn Ihr versprecht, nicht weiter gegen uns zu kämpfen. Wenn Ihr Euch dazu nicht entschließen könnt, gewähre ich Euch freien Abzug. Dem Volk wird nichts geschehen, sofern es uns den benötigten Proviant verkauft und uns nicht weiter bekämpft. Eure Burg wird unbeschädigt bleiben und Euch nach Friedensschluss unverändert übergeben. Und sagt dem Herzog bitte, dass weder Steinburger noch Hirschfelder Thannfurt angegriffen haben.“

„Aber es waren Eure Banner und Eure Rüstungen!“, entgegnete Engelbert.

„Mag sein. Aber darin steckten weder meine Soldaten noch die meines Onkels. Das schwöre ich, so wahr mir Gott helfe“, erwiderte der Prinz. „Diesen Krieg führe ich nur, weil Ihr uns dazu nötigt.“

Engelbert von Steingau nickte.

„Ich kann Euch nicht versprechen, Euch nicht mehr zu bekämpfen, denn das widerspräche meinem Eid gegenüber Herzog Ludwig. Deshalb werde ich mit meiner Familie und meinen Soldaten abziehen und vertraue Euch den Schutz meiner Untertanen an. Ich werde den Herzog aufsuchen und ihm ausrichten, was Ihr mir gesagt habt.“

Das Beispiel der Burg Sperberhorst in Sperberingen sprach sich wie ein Lauffeuer in Scharfenburg herum. Glockenfeld und Erzing, die Hauptorte der Grafschaften Liliental und Oberalvedra ergaben sich zwei Wochen darauf ebenfalls nach verlorenen Zweikämpfen der jeweiligen Burgherren. Elias von Oberalvedra, der sich seinerzeit dafür ausgesprochen hatte, Martin die Ehe mit Prinzessin Regina zu erlauben, betrachtete sich auch weiter als Freund des jungen Prinzen und gelobte Frieden. Martin verzichtete deshalb auf eine Besetzung Oberalvedras. Dietrich von Liliental folgte Engelberts Beispiel und ging mit dem Großteil seiner Männer und seiner Familie in die Rebmark ins Exil.

Ende Mai 1203 stand die wenglische Armee vor der Burg Falkenstein. Graf Alwin, ohnehin kein Mann des Schwertes, sah die Zelte der Belagerer, die den Burgberg umschlossen und ließ sich im Schutz einer weißen Fahne von zwei Bediensteten hinuntertragen.

„Du stehst tatsächlich als Feind vor meinem Tor?“, fragte er mit bitterer Enttäuschung in der Stimme, als Martin ihn in seinem Zelt empfing und sich vor dem greisen Grafen verneigte.

„Nein, nicht als Feind. Als Gegner, aber niemals als Feind, Graf Alwin. Der Angriff, der auf Befehl von Herzog Ludwig gegen Palparuva erfolgte und die schriftliche Aufkündigung des Waffenstillstandes durch ihn haben meinen Vater dazu gebracht, den Krieg doch fortzusetzen. Ich wollte es nicht glauben, aber das Siegel und die Unterschrift des Herzogs schienen mir echt zu sein.“

Alwin seufzte.

„Ja, sie sind echt“, gab er zu.

„Warum, Alwin?“, fragte Martin, der immer noch gehofft hatte, dass die Erklärung eine Fälschung war.

„Nachdem Euer Vater nach der Erkrankung des Herzogs eine Verlängerung des Waffenstillstandes ablehnte, wenn nicht ein Vertreter zur Alvedrainsel geschickt würde und dann Thannfurt von Leuten in Euren Rüstungen und denen Eures Onkels angriffen und meine Neffen bestätigten, dass es sich tatsächlich um Eure Rüstungen und Banner handelte, fühlte der Herzog sich auch nicht mehr an sein Wort gebunden und befahl den Angriff.“

Martin musste sich setzen.

„Nein! Eine solche Nachricht gibt es nicht! Ich habe selbst gehört, dass mein Vater keine Nachricht senden wollte, sondern drauf warten wollte, dass Herzog Ludwig genesen wäre und sein Kommen ankündigen würde“, keuchte er.

„Es gibt sie, Martin. Ich habe sie selbst gesehen. Gesiegelt mit dem Staatssiegel Wenglands, das ich wirklich kenne.“

„Helmrich!“, entfuhr es dem Prinzen. „Aber ich kann es jetzt nicht beweisen“, ergänzte er leise. Er schluckte.

„Graf Alwin, ich biete Euch Frieden, wenn Ihr zusagt, dass Eure Soldaten nicht gegen uns kämpfen werden“, bot er an. Alwin schüttelte den Kopf.

„Du weißt, dass ich das nicht tun kann, denn es verstieße gegen den Rittereid und gegen meinen Eid als Lehnsmann Herzog Ludwigs“, entgegnete der alte Graf.

„Ich will diesen Krieg nicht, das wisst Ihr. Aber ich kann auch nicht einfach zurückziehen, nachdem wir auf Befehl des Herzogs angegriffen wurden. Ihr wisst, dass ich die Schwachstellen Eurer Burg kenne. Bitte, Alwin, lasst es nicht darauf ankommen!“, bat Martin.

„Ich habe gehört, dass die anderen Grafen dir im Zweikampf unterlegen sind. Du hast sie am Leben gelassen, obwohl sie alle einen Zweikampf auf Leben und Tod gefordert haben“, sagte Alwin.

„Ja, doch ich möchte Euch nicht in einen Zweikampf nötigen, edler Alwin. Ich würde mich schämen, gegen einen über achtzig Jahre alten Mann zu kämpfen. Das gehört sich einfach nicht. Doch ich habe auch kein Interesse, gegen einen Eurer Neffen zu kämpfen, denn sie sind meine Freunde. Insofern bitte ich Euch nochmals, mir die Burg zu übergeben. Wenn Ihr nicht bleiben wollt, gewähre ich Euch und allen, die mit Euch gehen wollen, freien Abzug. Nur zwingt mich bitte nicht, diese Burg berennen zu müssen. Es täte mir nicht nur um die Burg Leid, die ich lieben gelernt habe. Noch viel mehr täte es mir um die Menschen Leid, die darunter leiden müssten. Ich verspreche Euch, dass wir niemanden drangsalieren werden, falls Ihr fortgehen wollt. Das Leben hier wird so weitergehen, wie es unter Eure Herrschaft normal ist.“

„Und du würdest die Burg wirklich angreifen, wenn ich mich weigere zu kapitulieren?“, hakte Alwin nach.

„Graf Alwin, Herzog Ludwig will diesen Krieg fortsetzen, wenn auch durch eine falsche Botschaft getäuscht. Er hat Burg Palparuva angreifen und halb zerstören lassen, bevor wir Verstärkungen schicken konnten“, erwiderte Martin ernst. „Deshalb bin ich gezwungen, diesen Krieg zu kämpfen, denn ich werde nicht tatenlos zusehen, wie Burgen in Wengland zerstört werden und Menschen umgebracht werden, die für falsche Nachrichten so wenig können wie ich selbst. Burg Falkenstein kontrolliert das halbe westliche Alvedratal. Ich kann sie nicht einfach unbeachtet lassen, denn sie bedroht in der Hand eines friedensunwilligen Lehnsmannes von Herzog Ludwig meine linke Flanke. Wenn Ihr also nicht kapitulieren wollt, würdet Ihr mich dazu nötigen, die Burg anzugreifen. Sollte das so sein, werde ich das tun – im Interesse Wenglands, im Interesse meiner Männer. Ich habe Euch beim Umbau Eurer Burg geholfen und kenne ihre weiterhin vorhandenen Schwachstellen. Tut es Euch und Euren Leuten nicht an, einen Angriff zu riskieren.“

„Du würdest eine Burg angreifen, in der die Frau deines Lebens weilt?“

„Sagt mir jetzt nicht, dass Regina bei Euch ist!“, keuchte der Prinz.

„Sie ist hier.“

Martin musste sich setzen.

„Seid Ihr von allen guten Geistern verlassen, Regina in eine solche Gefahr zu bringen?“, fuhr er den alten Mann an.

„Das war nicht meine Idee, sondern ihre eigene“, entgegnete Alwin. „Sie war der Meinung, dass du den Krieg nicht gegen sie fortsetzen würdest.“

„Alwin, sagt ihr, dass es nicht meine Art ist, gegen Frauen und Kinder zu kämpfen. Aber sagt ihr auch, dass sie sich nutzlos opfern würde, wenn sie in der Burg bleibt und Ihr keinen Frieden halten wollt. Ich biete Euch Leben, Alwin. Droht mir nicht mit dem Tod der Frau, die ich von Herzen liebe, auch wenn sie die Verlobung gelöst hat. Sollte sie einen Angriff auf die Burg nicht überleben, würde es mir das Herz zerreißen und mich für den Rest meines Lebens unglücklich machen. Hätte der Grafenrat nicht einst ein Turnier um ihre Hand gefordert, wäre ich dabei nicht betrogen worden und hätte der Grafenrat nicht wegen des Trauerfalls in Eurer Familie auf eine weitere Wartezeit bestanden und mein Vater mich nicht auf den Kreuzzug gesandt, wäre Regina seit fast vier Jahren meine Gemahlin. Ich kann nicht ändern, was mir an Steinen in den Weg geworfen wurde, doch ich flehe Euch an, sie nach Stolzenfels oder in die Rebmark in Sicherheit zu bringen!“

Bevor Alwin darauf antworten konnte, entstand hinter ihm Bewegung.

„Macht Platz für die Prinzessin von Scharfenburg!“, rief eine befehlsgewohnte Stimme. Die Menge der Soldaten teilte sich, vier Trägern mit einer Sänfte Platz machend. Regina entstieg der Sänfte und ging mit hoheitsvollen Schritten auf Martins Zelt zu. Die Männer verneigten sich vor der schönen Prinzessin.

„Martin, wenn du diese Burg angreifst, gefährdest du mein Leben! Willst du das?“, fragte sie eisig. In dem jungen Mann krampfte sich alles zusammen.

„Ich biete deinem Onkel und allen, die in dieser Burg weilen, an, Frieden zu halten oder freien Abzug zu erhalten“, entgegnete er. „Wenn er das nicht will, bin ich gezwungen, diese Burg zu erobern. Nichts widerstrebt mir mehr als das, besonders, wenn du und Alwin in der Burg sind. Du wirst nicht von mir erwarten, dass ich meine Männer unnötig gefährde, wenn eine Burg, die das halbe Tal kontrolliert, in Händen von Menschen ist, die meinen Leuten ans Leben wollen. In dem Fall ist mir das Hemd näher als der Gambeson. Doch wenn du es darauf anlegst, mich zu deinem Mörder zu machen, obwohl ich dir Leben und Freiheit biete, dann zerstörst du auch mein Leben, das ich lieber mit dir teilen würde.“

„Niemand ist gezwungen, Krieg zu führen. Auch du nicht, Martin von Wengland!“, versetzte Regina bissig.

„Es war dein Vater, der den Angriff auf Burg Palparuva befohlen hat! Er zwingt mich dazu, ihn an weiteren Angriffen zu hindern!“, widersprach Martin. „Bislang habe ich kein scharfenburgisches Blut vergießen müssen, weil Engelbert von Steingau, Dietrich von Liliental und Elias von Oberalvedra ihre Zweikämpfe mit mir unverletzt überlebt haben und kapitulierten. Engelbert und Dietrich haben sich für freien Abzug entschieden, Elias ist geblieben und hat Frieden geschworen. Dasselbe gewähre ich auch dir, Alwin und allem Volk. Ich will nicht ausgerechnet in Falkenstein anfangen müssen, Blut zu vergießen, besonders nicht von Menschen, die mir nahestehen. Und ich will auf keinen Fall, dass einer von euch als Geisel missbraucht wird.“

„Wenn du mich wirklich liebst, Martin, dann verzichtest du auf einen Angriff!“, stellte Regina klar.

„Wenn du mich wirklich liebst, dann packst du deine Sachen und kehrst nach Stolzenfels zurück!“, entgegnete Martin scharf. „Du bist wirklich die Letzte, die ich in diesem Konflikt leiden sehen will, den ich nicht herbeigeführt habe!“

„Kürzen wir es ab, mein Prinz. Behalten wir die beiden hier und berennen die Burg!“, schlug Theodor von Eichgau vor. „Eure Wunschverwandten wären dann nicht mehr in Gefahr.“

Martin sah Regina und Alwin an.

„Ich spiele mit dem Gedanken, diesem Rat zu folgen“, sagte er. „Macht die Schleudern bereit!“

 

A A A

 

Kapitel 22

Verhandlungsgeschick

Regina und Alwin wurden bleich. Martin meinte es ernst. Er nickte Bertram von Ermeldorf zu, der das Zelt augenblicklich verließ.

„Du weißt nicht, was du verlangst!“, versuchte Regina, ihn umzustimmen. „Alwin würde als Verräter behandelt, überließe er dir die Burg!“

Martin lächelte schief.

„Oh, das lässt sich vermeiden, wenn ich euch beide bei mir behalte. Ihr wäret keine Geiseln in Wengland und könntet auch nicht als Verräter verurteilt werden“, erwiderte er. „Ich mache keine Scherze“, ergänzte er, nun wieder völlig ernst. „Den Krieg will ich nicht. Der Herzog will ihn. Es ist meine Absicht, diesen Streit mit so wenig Gewalt wie möglich zu beenden. Ich will unsere Väter am Verhandlungstisch haben, damit sie sich persönlich darüber aussprechen können, was tatsächlich geschehen ist, damit endlich Frieden ist und wir beide heiraten können.“

„Ich betrachte mich nicht mehr als deine Verlobte, seit du den Krieg fortgeführt hast!“, versetzte Regina so kalt wie möglich, doch es gelang ihr nur teilweise.

„Nun, ich habe dir erklärt, weshalb ich dazu genötigt bin, diesen Krieg zu kämpfen. An meiner Liebe zu dir ändert er nichts. Du hast mit der Entstehung dieses Krieges so wenig zu tun wie ich selbst, du hast mir nichts getan, jedenfalls nichts Böses. Weshalb sollte ich dich also weniger lieben als vor meinem Aufbruch nach Venedig? Ich biete dir immer noch an, mein Leben zu teilen, wenn du es willst.“

„Aber du willst mich als Gefangene behalten!“, hielt sie ihm vor.

„Nein. Wenn Alwin Frieden halten will, könnt ihr hierbleiben. Wenn er es vorzieht, mir die Burg zu übergeben und nach Stolzenfels oder in die Rebmark zu gehen, wo er das Gut Simonstal hat, werde ich euch gehen lassen und euch nötigenfalls auch auf dem Weg Schutz gewähren, solange wie ihr es wollt. Wenn ich einen sicheren Platz wüsste, wo ich euch beide unterbringen kann, ohne dass ihr von meinem Vater zu Gefangenen und Geiseln erklärt werden könntet und auch dein Vater nicht an euch herankommt, um Alwin für eine Kapitulation zu bestrafen, würde ich euch auf der Stelle dorthin bringen. Ich bin nicht euer Feind. Ich liebe dich, Regina“, erwiderte Martin.

„Die Steinschleudern sind bereit, mein Prinz!“, meldete Bertram von Ermeldorf, der das Zelt betrat.

„Graf Alwin, wenn Ihr kapituliert, könnt Ihr Eure Burg behalten oder Euch an einem Ort Eurer Wahl in Sicherheit bringen. Wenn Ihr kämpfen wollt, muss ich Eure Burg erobern. Also: Entscheidet Euch!“, forderte Martin den alten Grafen auf. Alwin nickte betrübt. Er hatte gehofft, Martin von einer Belagerung abzuhalten und Burg Falkenstein einfach zu ignorieren. Er hatte sich geirrt.

„Ich kapituliere“, sagte er. „Ich übergebe Euch, Martin von Wengland, die Burg und die Grafschaft Falkenstein zu den Bedingungen, die Ihr mir angeboten habt. Kümmert Euch um die Menschen und beschützt sie, wie sie es von mir erwartet haben“, sagte er.

„Das werde ich, Graf Alwin. Das verspreche ich Euch“, erwiderte der Prinz. Alwin knickten die alten Knie ein. Martin und Bertram fingen den alten Herrn gerade noch auf.

„Wollt Ihr nicht doch lieber hierbleiben, Alwin? Euch wird nichts geschehen. Das verspreche ich“, bot Martin besorgt an. Der alte Graf rang sich ein Lächeln ab.

„Ich kann kapitulieren, mein Junge, aber dann muss ich meine Soldaten dem Herzog anderswo zur Verfügung stellen. Nein, ich kann nicht bleiben. Und ich kann auch Regina nicht hierlassen. Wir werden in die Rebmark gehen.“

„Gut, wie Ihr wünscht. Wir werden Euch begleiten, so weit, wie Ihr Begleitung wünscht. Wollt Ihr nicht lieber nach Stolzenfels? Wenn Ludwigs Thron an Eurem Leben hängt, wäre es wohl nicht klug, zu dem zu gehen, der von Eurem Tod profitieren könnte“, erwiderte Martin. Alwin schüttelte den Kopf.

„Nein, das würde er nicht mehr, denn Ludwig konnte das Gesetz ändern. Erbenlose Lehen fallen nun an den Herzog zurück. Die Rebmark ist sehr viel näher als Stolzenfels, und ich habe dort ein Haus“, entgegnete Alwin.

„Wie Ihr wünscht. Aber ruht Euch erst noch etwas von der Aufregung aus. Ich will nicht für Euren Tod verantwortlich sein, weil Euch der Schlag trifft.“

Alwin lächelte sanft.

„Ich hoffe, dass es mir noch vergönnt sein wird, den Frieden und eure Hochzeit zu erleben“, sagte er.

„Darauf kannst du lange warten, Onkel!“, versetzte Regina eisig. „Ich heirate keinen Mann, der meinen alten Onkel dazu nötigt, seine Burg zu verlassen!“

„Das tut er nicht“, entgegnete Alwin, wieder bestimmt, nachdem er sich einige Augenblicke erholt hatte. „Ich selbst erkläre, dass ich hier nicht bleiben kann und dich auch nicht hierlassen werde. Martin folgt dem Befehl seines Lehnsherrn und gewährt uns mehr als großzügige Bedingungen. Es wäre wünschenswert, wenn alle Kriegsherren so agieren würden, wie dieser Prinz. Regina, dein Martin ist der vollkommene Ritter.“

Die Prinzessin versuchte, ihren ehemaligen Verlobten mit einem eisigen Blick zu bedenken, doch es wollte ihr nicht gelingen. Seinem Versuch, ihre Hand zu küssen, ging sie nur mit Mühe aus dem Weg.

„Du kannst versuchen, dich selbst zur Ablehnung zu überreden“, sagte er mit einem schelmischen Lächeln. „Ich werde warten, ob es dir tatsächlich gelingt. Aber ich bezweifle es.“

Sie blitzte ihn wütend an, aber ihre Hand, die ihn ohrfeigen sollte, fing er ab und bedachte sie gegen ihren Widerstand mit einem sanften Kuss.

„Wenn wir uns das nächste Mal sehen, erzähl‘ mir, was dein Herz dir wirklich gesagt hat“, sagte er leise.

„Es wird kein nächstes Mal geben!“, fauchte sie. Martins Lächeln verstärkte sich. Er nickte einem Posten zu, der den alten Grafen und die junge Prinzessin mit Festigkeit, aber noch angemessen vorsichtig aus dem Zelt entfernte.

„Warum behaltet Ihr sie nicht als Geiseln?“, fragte Bertram verwundert.

„Weil mir der Rittereid etwas bedeutet, Bertram!“, entgegnete Martin schärfer als beabsichtigt.

„Wir haben einen Krieg zu kämpfen!“, erinnerte der Heermeister.

„Wir haben einen Streit zu beenden!“, versetzte der Prinz. „Und im glücklichen Fall denjenigen zu bestrafen, der diesen Streit verursacht hat. Das sind aber weder die Prinzessin noch der Graf von Falkenstein. Solange ich Blutvergießen vermeiden kann, werde ich das tun, und solange ich damit Erfolg habe, lasse ich mir auch von niemand sagen, dass ich es anders machen müsste. Mein Ziel ist es, Wengland zu verteidigen, nicht, ein mit uns bislang befreundetes Volk niederzumetzeln!“

Bertram wurde bleich.

„Wie Ihr wünscht, Hoheit“, presste er heraus. Er verbeugte sich und verließ mit schnellen Schritten das Zelt.

„Er hat Recht“, sagte Theodor von Eichgau. „Im Krieg wird gekämpft, aber wir haben noch keine einzige Schlacht geschlagen.“

„Das brauchen wir auch nicht, solange wir ohne Schlacht vorwärts kommen“, erwiderte Martin ungerührt. „Und sagt mir jetzt nicht, dass Eure Soldaten ganz wild darauf sind, sich auf Leben und Tod zu schlagen. Wenn sie das sind, dann stimmt was nicht. Ritter und Soldaten dienen dem Schutz unseres Landes und unseres Volkes. Das bedeutet, Feinde fernzuhalten, nicht, sie um jeden Preis abzuschlachten. Wengland und Scharfenburg sind seit langem befreundete Nachbarn. Ich habe mich davon überzeugen können, dass es gewisse Leute gibt, die uns unbedingt in einen Krieg stürzen wollen. Und ich habe da eher die Wilzaren im Verdacht als Scharfenburger. Habt Ihr vergessen, was der Fürst von Aventur gesagt hat? Havarik bezichtigt Ludwig, den Krieg verursacht zu haben, weil er ihm sein Land nicht überlassen will! Ich finde es schlimm genug, dass mein Vater sich überhaupt auf das Bündnis eingelassen hat, aufgestachelt von falschen oder unterdrückten Nachrichten. Als Heinrich von Scharfenburg die Nachricht von der Erkrankung seines Vaters schickte, hat mein Vater in meiner Gegenwart gesagt, er wolle keine Antwort schicken, sondern auf eine weitere Nachricht warten, dass Ludwig genesen sei. Wenn in Stolzenfels eine Nachricht angekommen ist, die die Drohung der Fortführung des Krieges beinhaltet, dann stammt sie nicht von meinem Vater. Mit unserem Siegel versehen, kann sie  nur von Helmrich abgesandt worden sein – und zwar ohne Wissen meines Vaters! Nein, Mylords, Herzog Ludwig ist ebenso auf eine falsche Nachricht hereingefallen wie seinerzeit mein Vater. Ich will das nicht unterstützen, indem ich unser Heer und das Scharfenburgs unnütz dezimiere. Unter dem Strich würden davon wohl nur die Wilzaren profitieren.“

Die Grafen sahen sich betroffen an. Es war offensichtlich, dass Martin seine Schlussfolgerungen gezogen hatte – und dass sie passend sein konnten.

Im Lager wurde es wieder laut. Klagende Schreie zerrissen die vorsommerlich warme Luft. Die Männer verließen das Zelt und sahen, dass am Rand des Lagers Wachen klagende Frauen zurückdrängen wollten.

„Gerwin, was ist dort los?“, fragte Martin einen seiner Reisigen.

„Ich weiß es nicht, Herr. Es scheinen Weiber aus Wasserhofen zu sein.“

„Hol‘ sie her!“, wies der Prinz den Mann an.

„Sofort, Herr!“

Gerwin drängte sich durch und gab den Lagerwachen Martins Befehl weiter. Die Posten brachten die weinenden Frauen zu Martin.

„Helft uns, Herr! Sie plündern unser Dorf!“, jammerte die älteste der Frauen, die sich dem Prinzen flehend zu Füßen warfen.

„Wer plündert?“

„Soldaten, Herr! Bitte, wir haben Euch doch nichts getan! Wir sind nur Bauern!“, bettelte die ältere Frau.

„Welches Dorf?“

„Wasserhofen, Herr!“

„Gerwin! Fünfzig Mann sofort auf die Pferde! Plünderung! Diese Menschen brauchen Hilfe!“

Nur Minuten später preschten fünfzig wenglische Soldaten, angeführt von ihrem Thronfolger in das nicht weit entfernte Dorf Wasserhofen, wo Rauchwolken aufstiegen. Sie blieben nicht allein. Auch Patrick von Ahrenstein ließ hundert seiner Johanniter dem Prinzen folgen.

In Wasserhofen tobte ein wilder Mob in wilzarischen Rüstungen durch das Dorf. Sie erschlugen, wer sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnte. Drei Männer hielten eine Frau fest, um sie zu vergewaltigen.

„Bogenschützen! Schießt auf die Schänder!“ befahl Martin. Unter den Johannitern waren einige, die im Heiligen Land Dienst getan hatten und von den Sarazenen gelernt hatten, auch vom galoppierenden Pferd gezielt Pfeile abzuschießen. Die Johanniter schossen auf die Vergewaltiger und töteten sie. Die Frau blieb unverletzt, war aber so schockiert, dass sie sich nicht bewegte.

Martins Schwert zuckte durch die Luft und zerteilte einen Wilzaren, der mit einer Fackel ein Haus anzünden wollte. Seine Männer gingen ohne weitere Fragen auf die Wilzaren los, die völlig überrascht waren, in der Plünderung gestört zu werden.

„Was hat das zu bedeuten?“, brüllte einer, der wie ein Anführer des Mobs wirkte. Martin hob die Hand. Seine Leute bedrohten die Wilzaren augenblicklich nur noch.

„Das frage ich Euch!“, versetzte der Prinz. „Ich habe Plünderungen und andere Gräuel ausdrücklich verboten!“

„Aber das gilt nicht für uns Wilzaren!“

„Es gilt für jeden Ritter und Soldaten dieses Heeres!“, versetzte Martin wütend. „Wer seid Ihr?“

„Wer ich bin? Armur von Bonat, der Fürst von Bonat. Ich bin nur dem König von Wilzarien verpflichtet. Eure Befehle interessieren mich nicht!“

„Ihr habt das hier angeordnet oder zugelassen?“, hakte Martin nach.

„Ja, selbstverständlich! Wir sind Männer und keine Memmen wie Ihr!“

Martins Antwort bestand in einem einzigen Schwerthieb, der Bonats Kopf vom Rumpf trennte. Die Wilzaren waren starr vor Schreck.

„Wir sind Eure Verbündeten!“, erinnerte ein Wilzare, der in der Nähe stand.

„Als unsere Verbündeten und mir unterstellte Soldaten habt Ihr meinen Befehlen zu gehorchen!“, donnerte Martin ihn an. „Wer das hier angerichtet hat, ist des Todes! Ihr habt die Wahl: sollen wir Euch hängen oder köpfen?“

„Ihr seid des Todes, wenn Ihr uns verweigert, was uns zugesichert wurde: Beute und Frauen!“, versetzte der Wilzare.

„Macht sie nieder!“, befahl Martin zornig. Seine Männer und die Johanniter ließen sich das nicht zweimal sagen und schlugen zu. Die Wilzaren wehrten sich, aber sie hatten gegen die Wengländer keine Chance. Es dauerte nur Minuten, bis die Plünderer in ihrem Blut lagen.

„Ihr Bewohner von Wasserhofen!“, rief Martin mit einer Stimmgewalt, die diesem jungen Mann kaum jemand zugetraut hatte. „Ich bin Martin von Wengland, Thronfolger von Wengland! Ich habe Eurem Grafen Alwin versprochen, Euch zu beschützen, und ich halte meine Versprechen! Niemandem, der in Frieden mit uns Wengländern leben will, wird ein Leid geschehen. Euer Graf wird zurückkehren, sobald der Krieg beendet ist. Wer bedroht wird, wird bei uns bis dahin Hilfe finden. Und wer Euch bedroht, wer hier plündert, Frauen schänden will, Menschen Eures Dorfes tötet, der wird dafür bestraft werden!“

„Danke, Herr. Was wollt Ihr dafür von uns?“, fragte ein Mann, der nur noch knapp stehen konnte. Er blutete aus diversen Wunden.

„Nicht mehr, als Eurer Graf von Euch wollte. Liefert weiter Euren Zehnt nach Burg Falkenstein“, erwiderte Martin. „Die Burg wird Euch weiter so offen stehen wie bisher, wenn Ihr Frieden haltet. Wasserhofen wird wieder aufgebaut werden. Ich möchte irgendwann wieder im Singenden Schwan einkehren, wie ich es oft getan habe, wenn ich herkam, um Graf Alwin beim Turnier zu helfen.“

Der Verwundete sank in die Knie.

„Ihr seid großmütig, Prinz Martin. Wasserhofen dankt Euch, edler Prinz!“

„Wer seid Ihr?“

„Ewald, der Dorfvorsteher, Herr.“

„Erhebt Euch, Ewald. Ich werde Euch einen Arzt senden, der Eure Wunden versorgt“, versprach Martin. Der Dorfvorsteher weinte vor Freude.

„Gott schütze Euch, mein Prinz!“, schluchzte er. Die Frau, die ihm aufhalf, erkannte Martin als jene, welche die Johanniter mit ihren Pfeilen vor einer Vergewaltigung bewahrt hatten.

„Gott gebe mir stets rechtzeitig Bescheid, wenn Euch Leid droht“, erwiderte Martin mit einer leichten Verbeugung. Er wendete sein Pferd, seine Begleiter taten es ihm gleich.

„Ihr habt die Herzen dieser Menschen gewonnen, Hoheit“, bemerkte Patrick von Ahrenstein.

„Ich möchte, dass Wengland und Scharfenburg sich demnächst wieder als Freunde betrachten“, lächelte Martin.

„Das ist Euch hier schon mal gelungen, denke ich.“

Drei Tage darauf begleiteten hundert wenglische Ritter unter Martins persönlichem Befehl den Treck der Falkensteiner, die sich in die Rebmark zurückziehen wollten. Während die Wagen auf der Landstraße am Alvedra entlang zunächst nach Osten fuhren, um unterhalb der Burg Spatzenberg nach Norden in die Altenburger Pforte einzubiegen, zog ein großer Heerbann unter Graf Theodors Kommando auf dem oberen Weg nach Burg Spatzenberg, um diese Burg zur Kapitulation aufzufordern. Ein zweiter Heerbann zog zum westlichen Ende des Halbmondswaldes, um die dortige Festung Finkenstein einzuschließen.

Bei Turot, dem Hauptort der Grafschaft Altenberg, gab Alwin von Falkenstein Martin den Hinweis, dass eine weitere Begleitung durch Wengländer nun nicht mehr nötig sei. Wie versprochen, entließ Martin die Falkensteiner und grüßte den alten Grafen, indem er sein eigenes Banner vor Alwin von Falkenstein und Prinzessin Regina senken ließ. Die Falkensteiner, die mit ihnen ins Exil in die Rebmark gingen, grüßten ihrerseits den Prinzen und dessen Männer mit gesenkten Bannern.

„Welchen Weg werden sie nehmen, Mylord?“, fragte Bertram von Ermeldorf.

„Den Rabenpass“, erwiderte Martin. „Es gibt keinen anderen Weg in die Rebmark.“

„Wie wollen sie mit den Wagen dort durch?“, wunderte sich Bertram. „Der Pass ist dafür zu schmal.“

„Er ist schmal, aber er wird als normaler Handelsweg genutzt. Ich weiß, dass die Säumer mit Lägelfässern des Pass überqueren. Die sind auch nicht schmaler als die Wagen, die Graf Alwin benutzt“, erwiderte Martin.

„Ich würde mich gern vergewissern, Mylord. Lasst mich ihnen folgen“, bat Bertram.

„Ich habe Alwin versprochen, dass wir uns zurückziehen, wenn er eine weitere Begleitung nicht wünscht. Das schließt aus, dass einer oder mehrere von uns ihm weiter folgen“, wehrte der Prinz ab.

„Wir werden den Weg spätestens dann wissen müssen, wenn wir die Rebmark erobern wollen“, gab Bertram zu bedenken.

„Gott gebe, dass das nicht nötig sein wird“, seufzte Martin. „Denn es würde bedeuten, dieses Wissen mit den Wilzaren zu teilen. Wenn Ihr meine ehrliche Meinung hören wollt: Das dürfen wird auf keinen Fall! Es würde in einem Massaker enden.“

„König Havarik wird Euren Kopf fordern, mein Prinz. Einen wilzarischen Fürsten zu töten, wird Krieg mit Wilzarien bedeuten“, warnte der Heermeister.

„Das mag sein“, räumte Martin ein. „Nach allem, was die Wilzaren Scharfenburg schon angetan haben, wäre mir das lieber, als gegen Scharfenburg zu kämpfen.“

„Wollt Ihr das Bündnis kündigen?“, hakte der Heermeister nach.

„Mein Vater hatte es bereits gekündigt“, erwiderte der Prinz. „Nur die gefälschte Nachricht an Herzog Ludwig und dessen Angriff haben einen Frieden mit Scharfenburg und eine Hilfe unsererseits für die Scharfenburger verhindert. Ginge es nach mir, würden wir nicht hier sein.“

„Also keine Verfolgung der Falkensteiner?“

„Nein“, entschied Martin.

„Wie Ihr wünscht, Hoheit.“

A A A

 

Kapitel 23

Besetzung

Burg Spatzenberg ergab sich Graf Theodor ebenso kampflos wie die weiter westlich gelegenen Burgen Scharfenburgs, aber Finkenstein auf der anderen Seite der Altenberger Pforte ließ es auf eine Belagerung ankommen. Drei Tage lang beschossen die Wengländer und Wilzaren die Burg. Dann brach im westlichen Teil der Burg ein Feuer aus, das die Verteidiger nicht löschen konnten, weil die Zisterne nach einem Steintreffer ausgelaufen war.

Baron Karl von Spatzenberg bot die Kapitulation an und erbat freien Abzug für die Burgbesatzung und seine Familie. Theodor von Eichgau gewährte die Bedingungen, und die Finkensteiner zogen Richtung Turot, dem Hauptort der Grafschaft Altenberg ab.

Rossensee hatte erneut nicht die Spur einer Chance, weil der Halbmondswald die Grafschaft fast komplett umschloss. Im Osten reichte der Halbmondswald bis auf eine halbe Meile an den Grenzfluss Alvedra heran, im Westen war der Fluss ganze neun Meilen vom Gebirge entfernt. Burg Finkenstein hatte zwar zu Rossensee gehört, aber doch weit eher die Altenberger Pforte kontrolliert als die Ebene südlich des westlichen Bergfußes. Fridolin von Rossensee nahm lieber erneut mit einem Exil vorlieb, als seine Männer gegen eine Übermacht aus Wengländern und Wilzaren einen aussichtslosen Kampf führen zu lassen. Konnte. Um sich nicht erneut Vorwürfen des Herzogs auszusetzen, wandte er sich ebenfalls in die Rebmark.

Erasmus von Altenberg ließ es auf eine Belagerung ankommen und musste feststellen, dass Martin nicht geschwindelt hatte, als er ihn gewarnt hatte, dass ihm die Schwachpunkte der Burg bekannt seien. Burg Altenberg im Hauptort Turot sank in Trümmer und riss zwei Dutzend Menschen in den Tod, darunter auch Graf Erasmus. Sein Burgvogt kapitulierte, gelobte Frieden und bat um Verschonung, um die Burg wieder aufzubauen. Der wenglische Prinz gewährte die Bitte.

Volker von Skarpenborn wollte ebenfalls nicht ausprobieren, ob Martin tatsächlich die schwachen Punkte seiner Burg kannte. Nachdem Martin ihn zur Kapitulation aufforderte und dafür freien Abzug und Verschonung der bleibenden Bevölkerung anbot, kam Volker mit einer kleinen Eskorte aus der Burg und traf sich mit dem Prinzen auf einer freien Fläche vor der Burg, die eigentlich der Burgbesatzung freies Schussfeld für Bogen- und Armbrustschützen und Steinschleudern bieten sollte.

„Warum tust du das?“, fragte Volker, als die beiden jungen Männer sich begrüßt hatten.

„Was meinst du? Weshalb wir hier sind oder weshalb ich dir Frieden oder freien Abzug anbiete?“

„Weshalb du hier bist, ist mir nach der Botschaft deines Vaters an den Herzog und dessen Reaktion darauf durchaus klar“, erwiderte Volker. „Aber warum machst du ein solches Angebot?“

„Die Botschaft stammte nicht von meinem Vater. Aber das konnte euer Herzog nicht ahnen, denn es wurde das richtige Siegel verwendet. Es gibt einen Verräter im Palast. Ich kann aber nach einem solchen Mistfinken nur suchen, wenn ich nicht auch an anderer Stelle kämpfen muss. Ich will nicht euer Feind sein, Volker. Ich will Regina heiraten und mit Scharfenburg gutes Einvernehmen. Heinrich, Simon und du, ihr seid meine Freunde. Nichts will ich weniger, als gegen euch kämpfen. Dass es nicht an mangelnder Kampffähigkeit meinerseits oder meiner Leute liegt, das wisst ihr, denke ich.“

„Du kennst unsere Burgen sehr gut. Ich werde meine Männer nicht nutzlos opfern. Aber du weißt, dass ich nicht stillhalten darf.“

„Ja. Deshalb biete ich dir freien Abzug an.“

Volker nickte.

„Dann werde ich meine Burg und meine Grafschaft zu diesen Bedingungen aufgeben und hoffen, dass der Herzog mit mir ebenso großmütig verfährt wie du“, sagte er.

„Wohin wirst du gehen?“

„In die Rebmark. Aber daran wirst du dir die Zähne ausbeißen, das garantiere ich dir“, erwiderte Volker mit schiefem Lächeln. „Und die Stolzenfelser Hochebene werdet ihr ebenfalls nicht einnehmen können. Dir ist schon bewusst, dass beide Regionen in der Lage sind, auch sehr viel mehr Menschen als die eigene Bevölkerung zu ernähren?“

„Ja. Und ich hoffe, es wird nicht nötig sein, sie zu erobern, denn das wird ganz sicher nicht ohne Verluste auf beiden Seiten abgehen. Mir geht es zunächst darum, euch weit genug von Wengland fernzuhalten, um den zu finden, der diese falsche Botschaft geschickt hat. Sollte ich seiner habhaft werden, werde ich ihn nötigenfalls auch zu den Druidensteinen schleifen, um ihn dort Ludwig zu präsentieren. Bis dahin sollte möglichst wenig böses Blut entstehen. Deshalb versuche ich es mit Verhandlungen, freiem Abzug und Frieden.“

Volker nickte erneut.

„Gebe Gott, dass wir uns nie im wirklichen Kampf begegnen, Martin. Ich dürfte dich dann nicht schonen. Das ist dann kein Turnierkampf“, warnte Volker.

„Ich weiß“, seufzte Martin. „Engelbert von Steingau und Dietrich von Liliental wollten unbedingt mit mir kämpfen, weil sie meinten, ich hätte bisher nur im Turnier gekämpft. Das stimmt nur so nicht. Sie durften feststellen, dass ich auch im wirklichen Kampf ein Gegner bin, den man besser ernst nimmt. Ich hoffe, wir sehen uns bei unserer nächsten Begegnung unter besseren Bedingungen.“

„Das hoffe ich auch. Gott schütze dich, Martin“, sagte Volker schluckend.

„Möge er auch dich beschützen – besonders vor dem Zorn des Herzogs“, erwiderte Martin lächelnd. Volker verbeugte sich leicht und kehrte mit seinen Leuten in die Burg zurück, die er am Tag darauf wie zugesagt übergab.

Auch in Skarpenborn verzichtete Martin darauf, die Exilanten zu verfolgen oder auch nur beobachten zu lassen. Im Westen waren damit nur noch die Rebmark und die Grafschaften Spitzeck und Greifenberg nicht unter wenglisch-wilzarischer Kontrolle. Sie lagen jedoch eher isoliert im Norden und gehörten zu den kleinen Grafschaften, die jede nicht mehr als tausend kampffähige Männer aufbieten konnten. Die Kontrolle Glissenfurts genügte, um diese Truppen aufzuhalten, war das Glissatal dort doch nur achtzehn Meilen breit, in dessen Mitte Glissenfurt lag. Selbst wenn sie nach Stolzenfels gelangen würden, das südlich der beiden Grafschaften auf der Hochebene lag: Sie würden dort ebenso festsitzen wie die Exilanten in der Rebmark.

Wie sehr Prinz Martin die Lehren seines Erziehers Roland von Ibelin verinnerlicht hatte, bewies der Umstand, dass das Ostheer fast genauso vorging wie das des Westens. Zum Ostheer unter dem Kommando von Graf Wedigo von Südwengland gehörten außer dessen Südwengländern die Aufgebote von Bauzenstein, Eschenfels, Hirschfeld, Karlsfeld, Limmenfels sowie Wilzaren aus der annektierten Provinz Dunkelfels. Graf Wedigo, einer der älteren Grafen Wenglands, hatte als Herr der größten Provinz zwar das Kommando, doch er hatte in seinem Leben nur im Turnier gekämpft, niemals zuvor in einem Krieg. Er hatte auch nicht wie König Rudolf den Dritten Kreuzzug mitgemacht, sondern war daheim geblieben. Wedigo suchte oft den Rat des Grafen Roland von Hirschfeld-Ibelin, der im Gegensatz zu den meisten Grafen Wenglands schon in Kriegen gekämpft hatte.

Es war Roland gewesen, der Wedigo geraten hatte, die Scharfenburger mit Respekt zu behandeln. Auch Roland bestritt vehement gegenüber den Scharfenburgern, dass seine Soldaten Thannfurt angegriffen zu haben. Im Osten musste Wedigo nicht einmal Zweikämpfe um die Kapitulation führen. Die Tatsache, dass er mit Roland von Ibelin jemanden an seiner Seite hatte, der im Ruf stand, sich im Festungskampf auszukennen, öffnete Wedigo die Tore.

Während sich die Scharfenburger des Westens in die Rebmark zurückzogen, war im Osten die Stolzenfelser Hochebene das Ziel derer, die lieber kapitulierten, als große Verluste zu riskieren. War die Rebmark nur über den leicht abzuriegelnden Rabenpass zu erreichen, bildeten die schmalen Hohlwege, die nördlich der Druidensteine, östlich von Glissenfurt und östlich von Stolzenfels auf die Hochebene führten, die einzigen Zugänge, die für ein Heer passierbar waren.

Die Grenzgrafschaften Thannburg, Tannwald und Waldgau hatten Hauptorte die in der Ebene lagen und schon deshalb nur schwer zu verteidigen waren. Leonhard von Thannburg, der nach dem Tod seines älteren Bruders Niklaus von Thannburg 1199 dessen Grafschaft geerbt hatte, wollte nicht ganz kampflos aufgeben und bot einen Zweikampf an, den er mit Roland von Hirschfeld-Ibelin ausfocht – und fürchterliche Prügel bezog. Weil er einfach nicht aufgab, war Roland genötigt, ihm Wunden zu schlagen. Erst eine klaffende Wunde quer über den Leib machte Leonhard kampfunfähig. Eberhard von Tannwald und Julius von Waldgau zogen es nach der Nachricht, in welchem Zustand Leonhard seine Grafschaft verloren hatte, vor, sich kampflos zurückzuziehen.

Die Wilzaren wollten den Rückzug der Exilanten nutzen, um sie zu vernichten, scheiterten aber an den Hirschfeldern, Südwengländern und Eschenfelsern, die sich ihnen entgegenstellten.

Der Fürstbischof von Kreuzburg versuchte es mit Exkommunikation der Christen in dem Heer, das sich anschickte, seinen Hauptort und seine Burg zu belagern. Er bekam von Graf Wedigo zur Antwort, dass er sich dann gerne mit den Wilzaren herumschlagen dürfe. Die seien weder Christen noch würden sie sich viel Mühe mit Gefangenen machen. Das überzeugte den Kirchenmann, der dann doch lieber das Angebot zum Abzug annahm.

Im Osten waren danach außer Stolzenfels nur noch die schwer zugänglichen Berggrafschaften Fichtelberg, Arvenberg und Wolkenstein nicht unter wenglisch-wilzarischer Kontrolle, aber ebenso isoliert und klein wie Spitzeck und Greifenberg im Westen.

Bis zum September 1203 war es den wenglischen Heeren gelungen, mit wenigen Schlachten fast den gesamten Südteil Scharfenburgs zu erobern. Der Großteil der Kämpfer Scharfenburgs war in der Rebmark oder in Stolzenfels konzentriert. Sowohl Prinz Martin als auch Wedigo von Südwengland sandten Boten in die abgeriegelten Großgrafschaften, um Herzog Ludwig und Markgraf Richard zur Aufgabe aufzufordern, doch Ludwig lehnte eine Kapitulation ab, solange es noch einen kampffähigen Mann auf scharfenburgischer Seite gab. Er ließ Wedigo mitteilen, dass er seinen Grafen weitere Kapitulationen ausdrücklich verbot und jene, die schon kapituliert hätten, nach dem Krieg für ihren Verrat zur Verantwortung ziehen würde. Ab jetzt würde es nur noch mit Kampf enden, wenn weitere Eroberungsversuche gemacht würden. Und Stolzenfels müsste erobert werden, um Scharfenburg zu unterwerfen.

Richard antwortete Martin in ähnlicher Form und kündigte obendrein an, eventuelle Gefangene auf der Stelle hinzurichten.

Die Heerführer des wenglisch-wilzarischen Heeres trafen sich Mitte September in Wachtelberg das etwa in der Mitte und an der Grenze der Kampfgebiete lag. Martin und Wedigo berichteten der Versammlung aus den jeweiligen Zonen.

„Das war zu erwarten, so wie Ihr keinen Krieg führen wollt!“, grollte Mila von Aventur. „Jetzt sind sie alle dort versammelt, wo wir nicht an sie herankommen. Ich sollte Euch einen Kopf kürzer machen!“, fuhr er Martin an.

„Wir haben ohne großes Blutvergießen fast ganz Scharfenburg unter unsere Kontrolle gebracht“, erinnerte er.

„Und was nützt das?“, versetzte Mila. „Der Herzog lacht sich ins Fäustchen! Der kann warten, bis wir uns im Herbst zurückziehen müssen! Die größten Grafschaften sind vollgestopft mit putzmunteren Kämpfern. Um da reinzukommen, müssen wir Zugänge finden, die nicht bewacht sind und alles niedermetzeln, was uns vor das Schwert kommt! Ich habe Eurem Vater Nachricht gegeben, wie unzulänglich Ihr den Krieg führt und habe ihn aufgefordert, das Kommando mir zu übergeben“, versetzte der wilzarische Fürst. „Und dann ist da noch der Tod von Armur von Bonat. Den werde ich nicht unvergolten lassen, verlasst Euch darauf. Im Moment brauche ich Euch leider. Aber wenn die Scharfenburger besiegt sind, dann werde ich Euch töten!“

„Armur von Bonat hat sich meinem Befehl widersetzt und geplündert. Die Männer unter seinem Befehl haben Wasserhofen überfallen, ein Dorf, das sich nicht wehren konnte und sich auch nicht gewehrt hat“, entgegnete Martin. „Sie haben gebrandschatzt, Frauen vergewaltigt, Männer und Kinder umgebracht. Und das offensichtlich nicht aus Not, sondern aus Mordlust. Ich habe Euch deutlich gesagt, was Plünderern droht, Fürst Aventur. Bonat und seine Leute haben bekommen, was sie verdient hatten. Wenn Euch das zu Rachegelüsten treibt, können wir das auch gleich klären. Mir liegt nichts an Verbündeten, die meine Befehle missachten!“

„Das geht mir ähnlich. Ich kann mit Verbündeten, die meine Befehle behindern, die meine Kriegführung behindern, nichts anfangen. Wir wollen Scharfenburg! Und wenn Wengland sich weiter so schwach präsentiert, dann werden wir auch Euch unterwerfen!“, donnerte Aventur.

„Danke, dann ist es endlich heraus!“, erwiderte der wenglische Prinz. „Ihr wisst, dass ich von Eroberung um der Machtausweitung nichts halte. Ich habe meinem Vater seinerzeit empfohlen, ein Bündnis mit Euch auszuschlagen und lieber den Herzog von Scharfenburg zu unterstützen, der sich schuldlos Attacken in Dunkelfels ausgesetzt sah. Inzwischen bin ich sicher, dass die Provokationen, die meinen Vater dazu bewogen haben, doch das Bündnis einzugehen, von Euch ausgingen. Fürst Aventur, ich warne Euch jetzt nur einmal: Ihr und Eure Leute unterstellen sich meinem Befehl oder Ihr verlasst umgehend das Königreich Wengland!“

„Ihr werdet den Befehl bekommen, mir zu gehorchen! Und solltet Ihr das nicht tun, dann seid Ihr des Todes!“

„Raus! Auf der Stelle!“, befahl Martin ungewohnt barsch. Er nickte Bertram von Ermeldorf zu, Roland bedeutete Almaric, den Heermeister zu unterstützen. Gegen die beiden wenglischen Hünen sah Mila von Aventur sich im Nachteil – und wollte das Schwert ziehen. Nur steckte es wie alle anderen im Schwertständer an der Tür, bewacht von zwei Herwigsgardisten.

Bertram und Almaric packten den einen halben Kopf kleineren Wilzaren und beförderten ihn nicht nur aus dem Beratungsraum, sondern auch aus der Wachtelberger Veste. Bertram wies die Steinburger Truppen an, die Wilzaren im Auge zu behalten und eventuelle Tumulte sofort zu unterbinden.

Als beide wieder im Beratungsraum waren, bat Bertram ums Wort.

„Eure Meinung, Bertram?“, forderte Martin ihn zum Sprechen auf.

„Ich gestehe es ungern ein, aber Fürst Mila hat jedenfalls mit seiner Bewertung unserer Möglichkeiten Recht, was die Eroberung von Stolzenfels und der Rebmark betrifft“, sagte der Heermeister. „Wir haben viel erreicht, keine Frage. Aber Ludwig und Richard werden nicht kapitulieren. Sie sind in hervorragenden Verteidigungspositionen, die schier uneinnehmbar sind. Wie wollt Ihr sie überwinden?“

„Vielleicht müssen wir das gar nicht. Wenn Ludwig davon überzeugt werden kann, dass die fragliche Nachricht nicht von meinem Vater kam …“

„Entschuldige, wenn ich dich unterbreche, Martin, aber du hast selbst gesagt, dass das Hofsiegel verwendet wurde“, stoppte Roland den Prinzen. „Auch wenn du allen, die kapituliert haben, gesagt hast, dass es eine Fälschung ist: Er glaubt es nicht. Er glaubt es ebenso wenig wie deinen und meinen Vortrag, dass es nicht unsere Soldaten waren, die Thannburg angegriffen haben. Die Friedensangebote haben Ludwig und Richard ausgeschlagen. Bertrams Frage ist berechtigt: Was wollen wir tun, um sie zum Frieden zu bringen? Diplomatie wird uns jetzt nicht mehr helfen.“

Martin wurde bleich. Er hatte seiner Meinung nach alles getan, um Ludwig davon zu überzeugen, dass er keinen Krieg wollte. Aber sein Friedenwille wurde nicht anerkannt.

„Was … schlägst du vor, Onkel Roland?“, fragte er mit belegter Stimme.

„Weder Ludwig noch Richard sind bisher selbst betroffen und können den anderen Grafen leicht Feigheit und Verrat vorwerfen. Das könnte sich ändern, wenn wir ihre Burgen belagern können. Dazu müssen wir in die Großgrafschaften hinein. Die Frage ist nur: wie? Beide belagerten Gebiete sind – da hat der Fürst leider ebenfalls Recht – mit mehr als genug Kämpfern bevölkert, um uns an einer Eroberung wirksam zu hindern, solange wir keine für große Heere nutzbaren Zugänge kennen, die nicht von wenigen Männern gesperrt werden können wie der Rabenpass. Und wenn der Herzog seinen Grafen bei Kapitulation nun mit Strafe für Verrat droht, dann werden sie kämpfen wie die Berserker, um sich von diesem Verdacht reinzuwaschen. Wir haben jeweils fünftausend Männer. Das könnte zu wenig sein, um zu allem entschlossene Ritter und Soldaten zu schlagen, die nicht nur gegen uns um ihr Leben kämpfen. Wir werden die Wilzaren also leider brauchen, um diese Gebiete ebenfalls zu erobern. Ich glaube nicht, dass es nur die wenigen Zugänge gibt, die uns bislang bekannt sind. Dafür sind die abgezogenen Scharfenburger in zu großen Haufen gezogen. Also müssen wir danach suchen. Ich schlage vor dass wir die bekannten Zugänge mit denen berennen, die unzufrieden sind, dass es bisher nicht zu massiven Schlachten gekommen ist und unbedingt kämpfen wollen. Damit beschäftigen wir die Verteidiger und können nach weiteren Zugängen suchen, die dann möglicherweise nicht oder nicht gut genug bewacht sind“, erklärte Roland.

Martin nickte.

„Bertram, Almaric, holt bitte den Fürsten von Aventur zurück“, wies Martin die beiden Hünen an, die nickten und sofort den Beratungsraum verließen, um den Fürsten zu holen.

„Mylords, die Dinge, die mir hier und heute aufgezeigt wurden, veranlassen mich, Euch zu fragen, ob Ihr mit der Führung unseres Heeres durch mich einverstanden seid. Bitte, äußert Euch“, bat Martin die versammelten Grafen.

„Nein, ich bin es nicht!“, grollte Peter von Limmenfels. „Ihr habt versagt, Hoheit. Ihr habt unsere wilzarischen Verbündeten vergrault und unseren Feinden die Möglichkeit geboten, ihre Kämpfer zu konzentrieren. Sie sind in keiner Weise geschwächt und lachen über uns. Meiner Überzeugung nach sollte der Fürst von Aventur das Heer führen!“

„Graf Peter hat Recht! Der Prinz ist nicht als Heerführer geeignet!“, schlug Aribert von Karlsfeld in dieselbe Kerbe.

„Dummes Gewäsch!“, schnauzte Graf Theodor von Eichgau. „Das Vorgehen des Prinzen war gut. Dass Ludwig und Richard so verblendet sind, dass sie den guten Willen nicht erkennen wollen, konnte keiner ahnen. Die Scharfenburger haben keine oder nur sehr geringe Verluste. Stimmt. Aber wir haben keinen einzigen Mann eingebüßt, weder durch Kampf noch durch Krankheiten. Sie können sich konzentrieren. Stimmt. Können wir auch. Ich sehe da keinen wirklichen Nachteil auf unserer Seite. Nein, wir können keinen besseren Heerführer haben als den Prinzen! Sollte Aventur das Heer führen – was Gott verhüten möge – wird es keinerlei Gnade geben, weder für unsere Kämpfer noch für mögliche Gefangene. Daran will ich mich nicht mitschuldig machen!“

„Dem stimme ich zu!“, erklärte Wedigo von Südwengland. Auch Patrick von Ahrenstein und die übrigen Grafen erklärten ihr Einverständnis mit der Führung des Gesamtheeres durch Prinz Martin.

Fast gleichzeitig kehrten Almaric und Bertram mit dem wilzarischen Fürsten zurück.

„Und? Seid Ihr zur Vernunft gekommen und unterwerft Euch meinem Befehl?“, fragte Mila bissig.

„Nein. Eurem Befehl werde ich mich nicht unterwerfen. Von den hier versammelten Grafen und Heermeistern sind gerade mal zwei dafür, Euch das Kommando zu übertragen, Fürst Aventur. Alle anderen sind mit der Führung durch mich einverstanden“, erwiderte Martin kühl.

„Wenn Ihr wollt, dass ich Euch gehorche, dann werdet Ihr das mit mir im Kampf klären müssen. Und ich akzeptiere nichts außer einem Kampf auf Leben und Tod.“

„Wie Ihr meint“, grinste Martin. „Seid Ihr mit einem reinen Schwertkampf einverstanden?“

„Ja!“

A A A

 

Kapitel 25

Gegenmaßnahmen

Herzog Ludwig von Scharfenburg schäumte.

„Ich fasse es nicht! Ihr habt also auch gekniffen!“, brüllte er Leonhard von Thannburg an, dessen Freilassung Wedigo von Südwengland nach dessen Genesung angeordnet hatte. Während sich die wenglischen Grafen mit ihren wilzarischen Verbündeten in Wachtelberg trafen, war Leonhard mit einem entsprechenden Geleitbrief unbehelligt nach Stolzenfels gelangt.

„Nein!“, widersprach der. „Ich habe mich nicht kampflos ergeben, Hoheit! Ich habe gegen Graf Roland im Zweikampf verloren!“

„Unfug! Das ist Krieg und kein Turnier!“, fuhr Ludwig den jungen Grafen an. Er war derart unwirsch, dass ihm der hermelingeschmückte Herzogshut verrutschte. Er korrigierte mehr oder weniger diskret dessen Sitz und ließ sich wieder in den Thronsessel fallen, von dem er aufgesprungen war.

„Dann gilt die Ritterehre im Krieg nichts?“, fragte Thannburg verblüfft. „Ich gab mein Wort, wie Graf Roland auch das seine gab. Ich bin überzeugt, dass …“

„Haltet den Mund!“, fuhr Ludwig den Grafen erneut an. „Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass diese Räuber Euer Volk schützen!“

„Sie tun es, Mylord!“, beharrte Leonhard. „Wenn überhaupt jemand dem Volk übel will, sind es die Wilzaren. Die Wengländer halten sich an die Abmachungen. Ich habe selbst gesehen, dass Leute mit wenglischen Wappen Wilzaren daran gehindert haben, Scharfenburger zu berauben oder sie zu töten!“

Ludwig stand von seinem Thron auf und begann eine unruhige Wanderung durch den Thronsaal.

„Sagt mir Eure Meinung: Warum tun die Wengländer das?“, wandte er sich an die Anwesenden. Es waren seine Söhne, Leonhard von Thannburg, Coelestin von Kreuzburg, Eberhard von Tannwald und Julius von Waldgau.

„Allen, die mit dem wenglisch-wilzarischen Heer bislang Bekanntschaft gemacht haben, wurde gesagt, dass weder Martins noch Rolands Soldaten Thannfurt angegriffen haben“, sagte Heinrich. „Und allen wurde gesagt, dass die Nachricht, die Rudolfs Unmut über deine Erkrankung ausdrückte und mit der er eine Fortsetzung des Krieges ankündigte, nicht von Rudolf stammt. Martin will keinen Krieg. Wie oft muss er das noch beweisen, Vater?“

„Und wie kommt dann das königliche Siegel auf diese Nachricht, die Rudolf nicht geschickt haben will?“, fuhr Ludwig seinen ältesten Sohn an.

„Das weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass Martin und Roland damit nichts zu tun haben“, erwiderte Heinrich.

„Unfug! Hinhalten wollen sie mich!“, versetzte Ludwig unwirsch.

„Wäre das der Fall, hätte Martin sich nicht für den Frieden eingesetzt“, gab Heinrich zu bedenken.

„Nein, er schickt gleich seine Soldaten!“, knurrte Ludwig. „Es sind doch eindeutig seine Banner und Steinburger Rüstungen!“

„Leonhard?“, forderte Heinrich den Grafen von Thannburg zur Stellungnahme auf.

„Es sieht so aus, als wären es Steinburger“, setzte er an und hob abwehrend die Hand, als Ludwig ihn unterbrechen wollte. „Nein, hört mich erst an, Hoheit“, bat er. „Ich weiß, dass es in Wengland Überfälle auf Hirschfeld und auch auf Steinburg gegeben hat. Mindestens der Graf von Hirschfeld hat inzwischen seine Wappenröcke ändern lassen, um dem Räuber auf die Schliche zu kommen. Und Steinburg? Wir sollten nicht übersehen, dass Steinburg weit von Thannfurt entfernt ist. Dazwischen liegen auf wenglischer Seite noch Eschenfels, Bauzenstein und Wachtelberg. Wieso sollte der Prinz ausgerechnet Thannfurt überfallen, wenn Falkenstein und Altenberg direkt vor seiner Nase sind? Aber das seit langem in wilzarischer Hand befindliche Dunkelfels, das ist keine zehn Meilen von Thannfurt entfernt. Ähnliches gilt für Hirschfeld. Die Hirschfelder müssten durch ganz Karlsfeld und Bauzenstein hindurch, um nach Thannfurt zu kommen. Deshalb bin ich ziemlich sicher, dass jemand Graf Roland einen ganz üblen Streich gespielt hat – gerade weil er sich ebenso wie Prinz Martin für Frieden ausgesprochen hat.“

„Mit was hat Euch Martin eigentlich behext, dass Ihr so für ihn eintretet?“, schnaubte Bischof Coelestin. „Roland hat Euch fast den Garaus gemacht, Leonhard!“

„In ehrlichem Kampf, ja. Ich habe ihn herausgefordert und bin unterlegen. Ich wollte nicht aufgeben, aber er war mir einfach überlegen“, erwiderte der Graf von Thannburg. „Roland gebe ich an meinen Wunden keine Schuld, nur mir selbst, dass ich nicht rechtzeitig aufhören konnte. Mir bedeutet der Rittereid etwas, deshalb habe ich den Kampf überhaupt gesucht. Seid ohne Furcht im Angesicht Eurer Feinde! Ja, danach habe ich mich gerichtet. Aber er nimmt ihn ebenso ernst, denn er hätte mich töten können.“, entgegnete Leonhard.

„Coelestin, was ratet Ihr mir?“, fragte Ludwig.

„Kämpft, Hoheit! Wedigo von Südwengland drohte mir an, die Wilzaren auf uns loszulassen, die keine Gefangenen machen. Es sind Wilde, Hoheit, Heiden, die keinerlei Ritterlichkeit kennen“, erklärte der Bischof mit gewisser Leidenschaft.

„Heinrich?“

„Noch kannst du zurück, Vater. Wedigo hat großzügige Bedingungen angeboten“, empfahl der Prinz.

„Was? Kapitulieren? Bist du närrisch?“

„Vater, du hast den Angriff auf Palparuva befohlen. Bekenne, dass es ein Irrtum war.“

„Das reicht jetzt!“, schnaubte Ludwig wütend. „Ihr habt Euch allesamt des Verrates schuldig gemacht, selbst mein eigener Sohn! Zunächst muss der Krieg beendet werden – und zwar mit einem Sieg über dieses Raubgesindel aus dem Süden. Je nachdem, wie Ihr Euch ab jetzt schlagt, wird die Strafe milder oder schlimmer ausfallen. Also, zeigt Tapferkeit und Opferbereitschaft, um Euer Land gegen Wengländer und Wilzaren zu verteidigen. Wer sich dabei hervortut, wird den Lohn dafür bekommen. Wer weiterhin kneift, wird feststellen dürfen, dass er nicht nur durch wenglische oder wilzarische Hände sterben kann, sondern auch durch die Hand meines Henkers! Euch allen droht der Tod, wenn Ihr weiterhin nicht kämpfen wollt. Heinrich, ich befehle dir unter Androhung des Todes im Falle deiner Weigerung, dich mit deinem Aufgebot in die Rebmark zu begeben und Markgraf Richard dort zu unterstützen. Du behältst das Kommando über deine Männer, aber du wirst Richard als Herrn der Rebmark dienen und dich seinem Befehl unterwerfen. Was er dir befiehlt, hast du ohne Widerspruch und ohne Diskussion zu tun!“

„Und wenn er mir befiehlt, dich zu töten, was dann?“

„Hör endlich mit diesem Unsinn auf, dass Richard auf meinen Thron scharf ist! Du gehst in die Rebmark und du wirst ihm gehorchen, verstanden?“, fauchte der Herzog.

„Verstanden, aber nicht einverstanden. Vater, hör mir zu …“, setzte Heinrich an, aber auf ein Kopfnicken seines Vaters packten ihn und wollten ihn aus dem Thronsaal schleppen, aber Heinrich schüttelte sie ab.

„Na schön. Ich sehe ein, dass mit dir nicht mehr zu reden ist. Deine Krankheit hat finstere Spuren hinterlassen, Vater. Ich habe geschworen, dir zu gehorchen, deshalb werde ich deinem Befehl folgen. Aber sollte mir etwas zustoßen, mach nicht wieder Martin dafür verantwortlich. Der kann am allerwenigsten für das, was hier geschieht“, sagte er und verbeugte sich vor seinem Vater, der ihn nur mürrisch hinaus winkte.

„Simon, du bleibst hier!“, befahl er barsch, als der Jüngere seinem Bruder folgen wollte.

„Was ist mit dir los, Vater?“, fragte der Prinz kopfschüttelnd.

„Du, mein Sohn, wirst die Verteidigung von Stolzenfels übernehmen. Und lass dir nicht einfallen, einen Rückzug zu befehlen. Diese Grafschaft wird bis zum letzten kampffähigen Mann verteidigt!“, fuhr Ludwig ihn an. Simon wurde bleich.

„Wie du wünschst, Vater“, sagte er tonlos und verbeugte sich.

„Worauf wartet Ihr noch? Raus! Auf Eure Posten!“, donnerte der Herzog.

Noch am selben Tag verließ Heinrich von Scharfenburg mit seinen Waldläufern und dem Stolzenfelser Aufgebot die Grafschaft an der nordöstlichen Passage bei Glissenfurt. Die Männer ritten in kleinen Gruppen, die sich über die ganze Ebene östlich des Glissa verteilten und jede Deckung ausnutzten, bis sie eine große Furt weit nördlich von Glissenfurt erreicht hatten, die nur wirklich ortskundigen Leuten bekannt war, weil sie sich erst wenige Jahre zuvor überhaupt gebildet hatte. Vor dort eilten sie den Glissa aufwärts bis zur Spitzach. Heinrich sandte einen Boten nach Hammelhorn, dem Hauptort der Grafschaft Spitzeck und bat Graf Armin um ein Treffen.

„Ihr seid noch hier“, sagte Heinrich, als Armin zu ihm kam.

„Ja. Die Wilzaren haben mich zur Kapitulation aufgefordert. Ich habe mich geweigert, und sie haben versucht, uns zu belagern. Aber unsere äußeren Festungswerke haben ausgereicht, um sie fernzuhalten. Sie haben die Dörfer vor den Bergfestungen zwar restlos niedergebrannt, aber die Menschen waren da schon längst in Sicherheit. Als dann Wengländer unter Steinburger Banner kamen, sind sie schneller verschwunden als sie hergekommen sind. Vor Prinz Martin scheinen die richtig Angst zu haben“, erwiderte Armin. Heinrich nickte.

„Mein Vater sendet mich mit meinem Aufgebot in die Rebmark. Kommt Ihr mit uns?“, fragte er.

„Ich werde selbst hierbleiben. Aber ich gebe Euch die Hälfte meiner Männer und unsere Frauen mit. Die Wengländer halten Glissenfurt, das scheint ihnen ausreichend zu sein. Aber sollten sie auf dumme Gedanken kommen, will ich hier nicht ganz ohne Verteidigung sein“, erwiderte Graf Armin.

„Was ist mit Greifenberg? Ist Graf Raimund noch da?“, fragte Heinrich weiter.

„Ja, und er wird auch bleiben. Greifenberg ist zu weit entfernt und zu unzugänglich, als dass Rudolfs und Havariks Leute es erobern könnten. Für den Fall, dass sich doch jemand hierher verirren sollte, werden wir beide sie aufhalten“, erklärte Armin von Spitzeck. „Nehmt diesen Weg hier“, ergänzte er und wies auf einen schmalen Gebirgspfad, der an der Spitzach entlang ins Gebirge hinaufführte. „Überquert das Gebirge und die Skarpenborner Ebene, bis ihr in die Rebmärker Alpen kommt. Oberhalb von Skarpingen weist Euch eine steinerne Rebe den versteckten Weg in die Rebmark.“

Das Geschehen nördlich der Mündung der Spitzach war für die Posten auf den Mauern der Burg von Glissenfurt nicht sichtbar. Heinrich, seine Stolzenfelser und die Hälfte der Männer aus Spitzeck und die meisten Frauen und Kinder aus dieser Grafschaft konnten sicher sein, dass niemand sie bemerken würde. Dennoch verwischten Heinrichs Waldläufer die Spuren so sorgfältig, wie es nur irgendwie ging. Keinesfalls wollten sie Wengländern oder Wilzaren einen für Heere geeigneten Weg in die Rebmark zeigen.

Zur selben Zeit fochten Martin von Wengland und Mila von Aventur im Burghof der Veste Wachtelberg einen furiosen Schwertkampf aus, der beiden alles abverlangte. Beide waren herausragende Schwertkämpfer. Fürst Mila, der für seinen König schon Dunkelfels erobert hatte, der dabei Lewin von Falkenstein und Siegmar von Dunkelfels mit eigener Hand erschlagen hatte, sah sich in diesem Burghof jedoch einem jungen Mann gegenüber, den er gründlich unterschätzt hatte. Wengländer, Scharfenburger und Breitensteiner hatten seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, nur im Turnier ihre Kampffähigkeit geübt. Die Wilzaren glaubten deshalb allgemein, dass die Männer nördlich und westlich des Aventurgebirges keine Gegner für die waren, die ebenso lange Kämpfe stets nur auf Leben und Tod ausgefochten hatten, die meinten, jene, die sie für die Schwächlinge ihres Volkes hielten, auf diese Weise bereits ausgemerzt zu haben.

Martin wich den wuchtigen Hieben des Wilzaren geschickt aus, blockte andere Hiebe mit dem Schild, duckte sich und kam hoch, als Mila gerade über ihm war. Der Helm des Prinzen traf ihn unter dem Kinn und warf ihn einige Schritte zurück. Martin nutzte den Moment, schlug das Schwert des Fürsten beiseite, warf ihn zu Boden und setzte ihm die Schwertspitze an die Helmbrünne.

„Gebt Ihr auf`?“, fragte er.

„Ein Wilzare gibt nur als Toter auf!“, widersprach Mila und wollte ihm den rechten Fuß wegziehen. Martin konnte dem Griff jedoch ausweichen und landete beim Auftreten auf dem linken Arm des Wilzaren, der unglücklich über einem Stein lag und mit hörbarem Knacken brach.

Mila von Aventur schrie vor Schmerz auf, bäumte sich unwillkürlich dagegen – und rammte sich die Schwertspitze selbst in die Brust. Er stöhnte noch einmal auf, dann brach sein Blick und er war tot.

„Wie Ihr wollt“, brummte Martin kalt. Es gab keinen Zeugen des Duells, dem es in diesem Moment nicht kalt den Rücken herunterlief.

„Ich habe ihm die Möglichkeit geboten, aufzugeben“, sagte Martin, an die Wilzaren gewandt, die mit im Kreis der Zeugen standen. „Er wollte mich danach aus dem Gleichgewicht bringen, und ich bin überzeugt: Hätte er mich niedergeworfen, hätte er mich im nächsten Moment durchbohrt.“

Einer der Hauptleute des Fürsten von Aventur, sank auf die Knie.

„Ihr habt Recht, Herr. Mein Fürst hätte Euch nicht verschont. Ihr habt ihn besiegt, also gehört meine Treue Euch, ebenso wie die meiner Soldaten“, sagte er stockend. Martin nickte.

„Steht auf!“, wies  er den Wilzaren an. „Vor mir wird nicht im Staub gelegen. Wie ist Euer Name?“

„Hamdor, Herr. Dies sind Grimandur und Mindal, meine Stellvertreter.“

„Ich nehme an, dass nicht jeder Wilzare meine Sprache spricht“, mutmaßte der Prinz.

„Nein, Herr. Eure Sprache ist für uns schwer. Nur wenige beherrschen sie.“

„Gut. Dann möchte ich, dass Ihr mich Eure Sprache lehrt. Mir ist wichtig, dass ich mich mit allen meinen Soldaten verständigen kann“, erwiderte Martin. „Und nun steht endlich auf!“

Er winkte zwei anderen Wilzaren, denen Hamdor die Anweisung gab, den toten Fürsten fortzuschaffen.

„Zwei wilzarische Fürsten sind durch Eure Hand gestorben, mein Prinz“, gab Aribert zu bedenken. „Was meint Ihr, was König Havarik mit Euch macht, wenn ihr ihm über den Weg lauft?“

Martin sah den Grafen von Karlsfeld eine Weile an.

„Sollte er denselben Wunsch haben wie sein Fürst, mir in ehrlichem Kampf die Ohren langzuziehen, werden wir sehen, ob er ein besserer Kämpfer ist als sein Fürst. Wenn er meint, mich nun verfolgen zu müssen, mich gefangen zu nehmen und vom Henker einen Kopf kürzer machen zu lassen, wisst Ihr hoffentlich, was von einem solchen … Verbündeten … zu halten ist, Graf Aribert.“

„Ihr … haltet nichts von dem Bündnis, nicht wahr?“, hakte Aribert nach.

„Nein“, versetzte Martin. „Aber ich muss damit leben, solange mein Vater daran festhält.“

Damit ließ er Aribert und den inzwischen hinzugekommenen Peter von Limmenfels stehen.

„Mit ihm als Heerführer werden wir den Scharfenburger eher Liebessträuße binden als Scharfenburg zu erobern“, knurrte Peter.

„Ich unterrichte Owan“, sagte Aribert. „Wir brauchen einen schärferen Wind.“

Eine Woche später bekam Martin eine Nachricht aus Steinburg, dass sein Vater den Truppen befahl, augenblicklich gegen die eingeschlossenen Provinzen Scharfenburgs vorzugehen und sie bis spätestens zum Jahresende zu erobern.

Martin rief die Grafen zusammen und erklärte, welchen Befehl er aus Steinburg bekommen hatte.

„Wir werden umgehend aufbrechen und den Befehl des Königs ausführen“, schloss er. „Wir werden es so machen, wie Graf Roland empfohlen hat: Wir bekämpfen die Posten an den Zugängen mit denen, die unbedingt kämpfen wollen. Und wir werden nach anderen Zugängen in die Provinz Rebmark und das Stolzenfelser Oberland suchen“, erklärte er.

Am 20. September rückten die Heere wieder aus. Das Ostheer hatte einen Weg etwa fünfzig Meilen, denn der nächste Zugang ins Stolzenfelser Oberland war bei den Druidensteinen, die die Männer um Graf Wedigo von Südwengland zwei Tage später erreichten.

Das Westheer hatte den weiteren Weg, war der Rabenpass doch etwa hundertzwanzig Meilen von Wachtelberg entfernt. Das Heer zog von der Grenzfeste aus durch die scharfenburgische Provinz Rossensee nach Altenberg bis zum Rabenpass, den der Heerwurm der Wengländer fünf Tage nach dem Aufbruch erreichte.

Von der Passhöhe des Rabenpasses war der Heerzug des wenglisch-wilzarischen Westheeres nicht zu übersehen. Wenzel von Löwenstein, der Johanniterritter gehörte zu den Passwachen und bemerkte das nahende Heer zuerst. Hunderte von Helmen und Speerspitzen leuchteten in der milden Septembersonne. Wenzel steckte sich ein Fernrohr zusammen, das er aus dem Heiligen Land mitgebracht hatte.

„Gott steh‘ uns bei!“, keuchte er. „Sie sind da!“

„Was meint Ihr, Bruder Wenzel?“, fragte Volker von Skarpenborn, der mit seinen Männern sein Lager am nordwestlichen Ende des Passes auf dem dortigen Plateau aufgeschlagen hatte. Wenzel wies hinunter zu dem sich stetig nähernden Heerwurm.

„Da kommen Wengländer und Wilzaren. Ich erkenne die Banner. Bis jetzt konnte Prinz Martin darauf bauen, dass wir nicht unnötig Leute opfern. Außer Markgraf Richard und Herzog Ludwig haben alle Grafen mit mehr oder weniger Streit kapituliert. Da Richard Kampf bis zum letzten Mann befohlen hat, wird das jetzt nicht mehr möglich sein. Ab jetzt wird Blut vergossen werden“, sagte er.

„Glaubt Ihr, dass Martin seine Männer unnötig opfern wird? Der Rabenpass gilt als uneinnehmbar“, wunderte sich Volker. Wenzel zuckte mit den Schultern.

„Wenn er jetzt kommt, wird er wahrscheinlich den Befehl bekommen haben, auch die Rebmark einzunehmen, koste es, was es wolle. Als gehorsamer Sohn wird er seinem Vater gehorchen. Und er hat in Ba… äh … Roland von Ibelin einen großartigen Lehrmeister. Er wird uns angreifen – aber er wird auch nach anderen Zugängen suchen“, sagte er. Volker lachte auf.

„Da kann er lange suchen!“, prustete er.

„Unterschätzt ihn nicht. Ich hatte den Vorzug, den Prinzen im Unterricht zu erleben. Er ist klug – und er versteht zu kämpfen. Er wird Freiwillige einsetzen, Leute, die unbedingt den Kampf suchen, die unzufrieden sind, dass es bisher ohne große Raufereien abgegangen ist. Sie werden sich blutige Köpfe holen, kein Zweifel. Aber solange es kampfwütige Schwachköpfe gibt, wird Martin nicht aufgeben. Es wird kein Vergnügen sein, hier den Pass zu sichern, glaubt mir“, orakelte Wenzel.

 

A A A

 

Kapitel 26

Rabenpass

Der Rabenpass, den Bruder Wenzel und Volker von Skarpenborn mit ihren Leuten bewachten, war seit Menschengedenken in den Verborgenen Landen der einzige, allgemein bekannte Zugang in die Rebmark. Er führte etwa zwanzig Meilen nördlich von Turot, dem Hauptort der scharfenburgischen Grafschaft Altenberg, über einen schroffen Bergriegel, der sich wenigstens fünfhundert Klafter über dem Talgrund des Altenberger Alvedratales erhob. Die jenseits des Bergriegels liegenden, durch den Bergrücken des Rebmärker und Löwensteiner Oberlandes geteilten Täler des Rebmärker und des Löwensteiner Alvedra waren durchgehend mindestens dreihundert Klafter über dem Niveau des Altenberger Alvedratales.

Der Pass selbst war eine schmale, hohe Passage, die an der breitesten Stelle mit einer Weite von nicht einmal zwei Klaftern gerade so breit war, dass zwei Reiter nebeneinander hindurch passten. Dafür war sie eine halbe Meile lang und die Felswände rechts und links daneben waren völlig glatt und mindestens fünfzig Klafter hoch

Die Straße, die sich vom Talboden her in zahlreichen Serpentinen zum Pass hinauf schlängelte, verlief an der glatten Wand nach oben und war mit vier Klaftern zwar relativ breit, aber an der Außenseite nur mit liegenden Baumstämmen gesichert. Diese Stämme waren mit unterarmlangen Eisennägeln gegen Absturz gesichert, die in Felsritzen geschlagen wurden. Die liegenden Baumstämme wurden in Kriegszeiten mindestens im Bereich der drei obersten Serpentinen als erstes weggenommen, was für einen anrückenden Feind massive Absturzgefahr bedeutete.

Jede noch so kleine Bresche in einer Burgmauer war schwerer zu verteidigen als dieser Pass.

Drei Meilen südwestlich des Passes stürzte der Rebmärker Alvedra über einen etwa dreihundert Klafter hohen Wasserfall ins Tal hinunter. Die Ufer des Rebmärker Alvedra am Wasserfall wurden auf beiden Seiten von der Rabenklamm gebildet, fast völlig glatten, schier senkrechten Felswänden, die den Fluss um gute hundert Klafter überragten. Der Fluss führte stets so viel Wasser, dass er an dieser Stelle auch in den kältesten Wintern nie einfror.

Der Felskamm, der auf etwa fünfzig Meilen zwischen dem Spatzenberger Sporn und dem Rabenpass die Landschaft prägte, der den östlichen Rand des Turotmassivs und damit die südöstliche Grenze der Rebmark bildete, war durchgehend eine nahezu senkrechte Steilwand, die wie eine gewaltige, natürliche Burgmauer wirkte. Etwa ein Dutzend steile Felsvorsprünge mit der Grundfläche jeweils einer guten Quadratmeile, die auf dieser Strecke recht regelmäßig verteilt waren, bildeten ebenso natürliche Wachttürme in dieser wahrhaft von Gott erschaffenen Mauer.

Nördlich des Rabenpasses erstreckte sich die Felsmauer mindestens weitere achtzehn Meilen bis zur Skarpenborner Grenze. Der Felskamm setzte sich dort in einer weiten Biegung nach Nordwesten fort, bis er an die in ewigem Eis liegenden Spitzen der Rebmärker Alpen stieß. Diese mindestens jeweils hundert Klafter über den noch geneigten Grund aufragenden Steilwände waren kahler, nackter Fels und mit den bekannten Mitteln nicht zu überwinden.

Außer dem Rabenpass und der Rabenklamm fand sich nur noch eine einzige Scharte in dieser natürlichen Burgmauer, nämlich am Turotfall, wo der Turotbach fünfzehn Meilen südwestlich von Turot aus dem Gebirge ins Tal stürzte, um sich mit dem Altenberger Alvedra zu vereinigen; doch von dort führte kein vom Altenberger Alvedratal aus erkennbarer Weg hinauf. Zwar war ein Taleinschnitt hinter einem gute hundert Klafter hohen Felsriegel erkennbar, über den der Turotbach ins Tal stürzte, aber dieser Riegel war an den Seiten ebenso glatt wie der Felskamm, in den das Turotmassiv nach Norden auslief. Wildes Brombeergestrüpp umrankte den Fuß des Felsriegels

Martin von Wengland betrachtete die mit den bekannten Hilfsmitteln unüberwindbare Felsmauer, die er zu seiner linken Seite sah, mit gemischten Gefühlen. Er hatte den Rabenpass bereits einige Male überquert und wusste, dass er eine schier uneinnehmbare Festung war.

‚Ist es richtig, dass wir diesen Pass zu erobern versuchen? Es wird viele Männer das Leben kosten, die wir woanders bestimmt dringender brauchen werden, wenn der Krieg vorbei ist. Wie lange werde ich für diesen Irrsinn Freiwillige finden? Nein, es bleibt nur eine Lösung: Griechisches Feuer. Das ist aber so etwas von grausam, dass ich mich frage, ob ein Ritter daran auch nur einen Gedanken verschwenden darf. Ich werde es den Grafen vorschlagen‘, dachte er.

In der Abenddämmerung erreichten die verbündeten Wengländer und Wilzaren den Beginn der Rabenpassstraße und schlugen in deren unmittelbarer Umgebung ihre Zelte auf. Hunderte davon bildeten bis zur endgültigen Dunkelheit eine eigene Stadt. Nachdem die Zelte errichtet waren, trafen sich die Grafen und Heermeister Bertram von Ermeldorf in Martins großem Zelt, das quadratischen Grundriss hatte. Dem Prinzen war nicht wohl – und das war ihm anzusehen.

„Mylords“, begann er mit etwas heiserer Stimme, die Unsicherheit verriet, „wenn Ihr mich angesichts unserer nahezu unlösbaren Aufgabe ins Pfefferland wünschen würdet, hätte ich dagegen keine Einwände. Wir alle wissen, dass der Rabenpass eine uneinnehmbare Festung ist, die von wenigen Männern verteidigt werden kann. Ich habe Euch gesagt, dass ich diesen Pass mit denen angreifen will, die unbedingt kämpfen wollen. Ich gebe aber auch zu, dass es mir im Moment eher unwahrscheinlich vorkommt, dass sich dafür wirklich genügend – Verzeihung – Verrückte finden werden, um es auch nur einmal zu probieren. Unsere Leute haben die Felswand gesehen. Ich würde es verstehen, wenn auch dem Mutigsten bei diesem  Anblick das Herz in die Hose rutscht.“

„Dann denkt Ihr dasselbe, was, glaube ich, jeder von uns denkt, Hoheit“, warf Theodor von Eichgau ein. „Aber angesichts des eindeutigen Befehls des Königs bleibt uns nur die Wahl zwischen zwei Übeln. Es wird Verluste geben, die wir uns nicht wirklich leisten können. Das wird uns zweifellos sehr schwächen. Welche Folgen das haben wird, können wir jetzt noch nicht ermessen. Was wollt Ihr nun tun, Hoheit?“

Martin seufzte schwer.

„Mir … ist … eine – vielleicht mögliche – Lösung eingefallen, aber sie ist geradezu barbarisch“, sagte er.

„Und was , mein Prinz?“

„Griechisches Feuer“, sagte Martin.

„Allmächtiger!“, stieß Patrick von Ahrenstein hervor. „Barbarisch ist schmeichelhaft ausgedrückt, Hoheit.“

„Ich weiß. Deshalb stelle ich mir die Frage, ob ein Ritter an eine solche Waffe überhaupt einen Gedanken verschwenden darf“, erwiderte der Prinz.

„Ihr habt noch nie in einem Krieg gekämpft, oder?“, meldete sich Hamdor zu Wort.

„Ich schon“, sagte Martin. „Deshalb weiß ich, was für ein Teufelszeug das ist – und deshalb schäme ich mich, daran gedacht zu haben.“

„Ich habe einen Vorschlag, der es vielleicht entbehrlich macht“, sagte der Wilzare.

„Sprecht, Hauptmann Hamdor!“, forderte Martin ihn auf.

„Wir Wilzaren sind nicht nur geübte Kämpfer, wir wollen auch kämpfen. Meine Männer sind wahre Berserker, die kaum im Zaum zu halten sind. Lasst sie kämpfen, denn sie wollen es unbedingt. Sie scheuen den Tod nicht. Aber ich möchte, dass sie zur Belohnung die Frauen bekommen, wenn wir die Rebmark erobern – und dass niemand verschont wird, der es wagt, uns Widerstand zu leisten. Wenn meine Männer für Euch kämpfen, dann haben sie sich diesen Lohn verdient“, erklärte er.

„Dann nehme ich lieber Griechisches Feuer!“, widersprach der Prinz. „Das ist zwar barbarisch, aber nicht so barbarisch, wie die Belohnung, die Ihr fordert.“

„Ihr habt die Wahl zwischen Verlusten, die Eure Weiberherzen nicht ertragen können oder es uns zu überlassen. Aber dann kämpfen wir zu unseren Bedingungen. Und danach  werden die Männer und Kinder getötet und die Frauen versklavt“, setzte Hamdor nach.

„Nein, kommt nicht in Frage!“, versetzte Martin scharf.

„Moment“, schaltete sich Bertram von Ermeldorf ein. „Kann ich Euch kurz allein sprechen, Hoheit?“

Martin sah sich um.

„Bitte, lasst den Heermeister und mich allein, bis ich Euch rufen lasse“, bat er die Grafen. Sie verneigten sich und verließen das Zelt.

Bertram trat nahe zu Martin.

„Graf Eichgau hat vorhin eine Bemerkung gemacht, die mir wichtig erscheint“, sagte er leise. „Wenn wir diesen Pass berennen, wird es uns schwächen. Die Wilzaren sind wild darauf, zu kämpfen …“

„Ich kann ihnen doch nicht diese Barbarei erlauben!“, widersprach Martin.

„Leise, Hoheit, leise, bitte. Nein, das müsst Ihr auch nicht. Um das zu bekommen, was sie wollen, müssen sie erst einmal in die Rebmark hinein. Es sind ungefähr zweitausend Wilzaren hier. Sie werden es nicht schaffen, diesen Pass wirklich zu erobern. Sie haben letztlich dasselbe Problem: Es wird sie schwächen. Das kann uns nur nutzen. Sollen sie sich die Köpfe einrennen. Jeder der hier fällt, kann nicht später gegen uns eingesetzt werden, wenn Havarik meint, dass er Wengland ebenfalls angreifen will. Die Scharfenburger sollten nur gewarnt sein, mit was für Berserkern sie es zu tun bekommen, wenn sie nicht nachgeben. Und wir sollten nach anderen Übergängen suchen. Die Wilzaren beschäftigen die Scharfenburger hier am Pass, wir suchen nach anderen Möglichkeiten, in die Rebmark vorzudringen. Wenn wir Richard in die Hände bekommen, könnte es sein, dass der Widerstand zusammenbricht“, riet er.

Martin begann eine unruhige Wanderung durch das Zelt. Bertram sprach Gedanken aus, die er sich selbst einfach verboten hatte, weil es ihm auch nicht ritterlich erschien, andere für seine Ziele leiden zu lassen.

„Martin, das hier ist kein Turnier. Das ist Krieg“, beschwor Bertram den Prinzen. „Ihr wollt ihn nicht, das habt Ihr überzeugend bewiesen. Aber Richard will ihn. Und Ludwig will ihn. Ihr habt ihnen angeboten, ehrenhaft zu kapitulieren. Sie wollen es nicht. Nicht wir haben diesen neuen Ausbruch zu verantworten, sondern sie – wohl durch falsche Nachrichten aufgestachelt, aber auch die habt nicht Ihr zu verantworten. Hier hilft keine königliche Großmut mehr. Es widerstrebt Euch, gegen Euren künftigen Schwiegervater zu kämpfen. Das verstehe ich. Das würde ich auch nicht wollen. Aber da oben ist nicht Herzog Ludwig, sondern Markgraf Richard. Er hat Euch betrogen, er hat Euch um Eure Hochzeit gebracht. Jetzt könnt Ihr ihm das heimzahlen!“, warb er. Martin hörte ihm zu, während er weiter durch das Zelt wanderte. Er nickte schließlich und blieb stehen.

„Holt die Grafen und die Wilzaren wieder herein“, sagte er. Bertram verließ kurz das Zelt und kehrte mit den anderen Heerführern zurück.

„Ich nehme Euer Angebot an, Hamdor. Ich werde morgen früh einen Boten zum Pass senden, der ein letztes Kapitulationsangebot überbringen wird und auch mitteilen wird, dass es Wilzaren sein werden, die den Pass angreifen werden, wenn die Kapitulation nicht erfolgt – und dass die Wilzaren keine Gefangenen machen“, erklärte Martin.

„Was ist mit den Frauen?“, hakte Hamdor nach.

„Die scheinen Euch sehr wichtig zu sein, oder?“, fragte der Prinz.

„Meine Männer haben seit Monaten kein körperliches Vergnügen mehr gehabt, weil Ihr es auch sehr rigoros unterbunden habt, Mylord. Ja, die sind wichtig – sehr wichtig“, versetzte Hamdor.

„Nun, dann strengt Euch an, den Pass zu erobern. Sonst wird das nichts werden“, erwiderte Martin. Hamdor nahm diese Aussage als Zusage und verneigte sich.

„Wir werden bereit sein, wenn Ihr den Angriff befehlt, Mylord“, versprach er.

Am folgenden Morgen ritt ein Herold im Morgengrauen vom wenglisch-wilzarischen Lager fort und den Pass hinauf.

„Ein Herold naht!“, rief einer der Johanniterritter, die den Pass bewachten. Wenzel von Löwenstein schreckte von seinem Lager hoch, warf sich eilig seinen Habit über und kam an den östlichen Rand, als auch der Herold in den Steinburger Farben den Übergang erreichte.

„Seid gegrüßt, Herold!“, grüßte er. „Welche Nachrichten bringt Ihr?“

„Prinz Martin von Wengland sendet mich. Ich soll dem Herrn des Passes eine mündliche Botschaft übermitteln.“

„Ich bin Wenzel von Löwenstein und habe hier im Moment das Kommando. Sprecht!“

„Prinz Martin entbietet Euch seinen Gruß und lässt ausrichten, dass er Euch zur Kapitulation auffordert und die Auslieferung des Markgrafen Richard von Rebmark fordert. Wenn Ihr dem nachkommt, wird niemandem ein Leid geschehen, denn der Prinz betrachtet den Markgrafen als einen der Verantwortlichen für den erneuten Kriegsausbruch und will allein ihn zur Rechenschaft ziehen. Sollte eine Kapitulation bis zum Mittag nicht erfolgen, werden die Wilzaren den Kampf beginnen. Sie haben geschworen, keine Gefangenen zu machen und bis zur Eroberung des Passes oder bis zum eigenen Tod zu kämpfen. Sie werden niemanden verschonen, der Widerstand leistet“, erklärte der Herold.

„Ich werde Markgraf Richard Eure Botschaft weitergeben, denn ich habe Anweisung niemanden diesen Pass überqueren zu lassen, auch einen Herold nicht. Seid eine Stunde vor Mittag wieder hier, dann werde ich Euch die Antwort des Markgrafen übermitteln. Ich denke nicht, dass er akzeptieren wird, aber ich werde es ihm so weitergeben, wie Ihr es mir gesagt habt“, erwiderte Wenzel.

„Ich werde hier sein“, erwiderte der Herold und verbeugte sich im Sattel. Wenzel erwiderte die Höflichkeit. Er wartete nur, bis der Bote um die erste Biegung nach unten geritten war, dann winkte er einen seiner Leute zu sich.

„Reite so schnell wie möglich nach Rebstadt und berichte dem Markgrafen von der wenglischen Forderung!“, befahl er.

„Ich eile!“

Eineinhalb Stunden später war Richard von Martins Botschaft in Kenntnis gesetzt. Im ersten Impuls wollte Richard den Boten für die Meldung bestrafen, beherrschte sich aber gerade noch rechtzeitig.

„Ich habe es vernommen, Bruder. Lasst Euch etwas zu essen und zu trinken geben. Ich gebe Euch umgehend eine Antwort für die Passwachen mit. Wartet in der Küche!“, sagte er und winkte den Boten hinaus. Als die Tür zu war, erlaubte er sich ein hämisches Grinsen.

‚Einen größeren Gefallen konnte mir der grüne Bengel gar nicht tun!‘, dachte er. ‚Das ist die Gelegenheit, mich Heinrichs zu entledigen. Der Herzog wird es noch bereuen, seinen Thronerben ausgerechnet in die Rebmark geschickt zu haben.‘

Er ließ Prinz Heinrich zu sich rufen, der auch schnell erschien.

„Markgraf, Ihr wolltet mich sprechen?“, fragte er.

„Ja. Hoheit, die Wengländer und Wilzaren sind vor dem Rabenpass eingetroffen. Euer Freund Prinz Martin führt das Heer selbst. Ein Bote ist am Pass gewesen und hat mitgeteilt, dass er beabsichtigt, den Pass stürmen zu wollen, wenn wir nicht kapitulieren. Ihr wisst, dass der Rabenpass schier uneinnehmbar ist. Die Johanniter, die den Pass bisher bewacht haben, sind müde und brauchen eine Pause. Ihr und Eure Leute seid ausgeruht. Übernehmt Ihr die Verteidigung. Gegen Eure Bogenschützen werden sich diese kriegslüsternen Verbrecher nicht lange behaupten können“, erklärte Richard mit gut gespielter Freundlichkeit.

„Wir werden die Johanniter umgehend ablösen, Markgraf“, erwiderte Heinrich knapp.

„Gut. Heute in drei Tagen lösen meine Männer und ich Euch ab“, versprach Richard.

Heinrich hatte kaum den Raum verlassen, als Richard den Johanniterbruder kommen ließ.

„Also, reitet zum Pass zurück und sagt Bruder Wenzel, dass wir selbstverständlich nicht kapitulieren. Ich habe Heinrich von Stolzenfels beauftragt, Euch und Eure Leute abzulösen. Er wird mit Volker von Skarpenborn für die nächsten drei Tage die Wache und die Verteidigung übernehmen. Ich löse ihn und Volker in drei Tagen mit den Löwensteinern ab“, sagte er.

„Ich werde es so bestellen, edler Markgraf!“, versprach der Ritterbruder und beeilte sich, zum Pass zurückzukehren.

Kurz vor dem Mittag erreichte der Bote den Pass und kam gerade rechtzeitig, um dem wenglischen Boten mitzuteilen, dass Markgraf Richard nicht zu kapitulieren beabsichtige und Prinz Heinrich selbst die Verteidigung des Passes übernehmen würde.

Als Martin wenig später diese Nachricht bekam, wurden ihm die Knie erneut weich. Durfte er seinen Freund Heinrich tatsächlich den Wilzaren überlassen? Sein Gewissen beruhigte sich, als er eine Stunde später eine Botschaft von Heinrich bekam:

Heinrich grüßt Martin.

Du stehst vor dem Rabenpass. Wir sind bis jetzt zurückgewichen, aber nun ist Schluss damit. Ich werde Dir nicht freiwillig mein Erbe überlassen. Wenn Du es  haben willst, dann komm hier herauf und kämpfe, aber es wird nicht bei einem Zweikampf bleiben. Das Herzogtum Scharfenburg wird nicht in einem Zweikampf vergeben. Dafür wirst Du nicht nur diesen Pass, sondern auch die Rebmark und das Stolzenfelser Oberland erobern müssen – gegen unser Heer, nicht gegen mich allein.

Wenn Du hier herauf kommst, dann erwartet Dich hier die Hölle auf Erden.

Heinrich.

Martin nickte grimmig, schlug seine Briefmappe auf und schrieb an seinen Freund folgende Nachricht:

Martin grüßt Heinrich

Mein lieber Freund,

ja, ich stehe mit dem wenglischen Westheer vor dem Rabenpass. Ich weise Dich – zum wiederholten Mal – darauf hin, dass nicht wir den Waffenstillstand gebrochen haben. Es war Dein Vater, der befahl, Burg Palparuva anzugreifen. Nur deshalb stehe ich jetzt mit dem wenglischen Heer am Rabenpass.

Ich habe jedem Grafen und Baron angeboten, zu kapitulieren und in Frieden abzuziehen. Bis auf Deinen Vater und Richard haben es alle getan oder sind so schwach, aber auch schier unerreichbar, dass sie keine Bedrohung meines Heeres darstellen. Dein Vater und Richard sind es, die sich dem Gericht nicht stellen wollen, die den Krieg unbedingt fortsetzen wollen und uns dazu nötigen, die Rebmark und das Stolzenfelser Oberland zu belagern.

Es ist bedauerlich, dass Du Dich dazu hergibst, einem notorischen Betrüger und Lügner wie Richard von Rebmark Schutz zu gewähren, indem Du selbst den Rabenpass mit Deinem Leben verteidigen willst. Kann Richard etwas Besseres passieren, als den Thronfolger Scharfenburgs unter seinem Befehl zu haben? Nur Du und Simon steht zwischen ihm und dem Herzogshut. Gib Acht, mein Freund, dass er Dich nicht in einen aussichtslosen Kampf schickt, der Dein Leben fordern könnte. Ich will Deinen Tod nicht, denn Du bist mein Freund und hoffentlich eines Tages mein Schwager. Aber ich werde keinen meiner Männer oder die Wilzaren daran hindern können, Dich im Kampf zu erschlagen, wenn Du in die Schlacht gehst. Die Wilzaren werden keine Gefangenen machen, das haben sie deutlich gesagt.

Du weißt, was Dich erwartet, wenn Du in nächster Zeit die Nase aus dem Pass streckst.

Dein Freund Martin

Heinrich erhielt den Brief und hatte das dunkle Gefühl, dass Scharfenburg den Falschen verärgert hatte. Aber er hatte jetzt keine Wahl. Sein Vater würde ihn eher köpfen lassen, als einen Rückzug zu dulden …

Am folgenden Morgen berannten die Wilzaren den Pass – und fielen in Massen. Gegen Mittag kamen Abordnungen aller Aufgebote zu Martin, die ihn anflehten, sie den Wilzaren helfen zu lassen.

„Mylords“, sagte Martin, „ich bin einverstanden, wenn Ihr Freiwillige schickt. Ich betone Freiwillige. Und sollte ich hören, dass jemand Freiwillige bestimmt oder auch nur jemanden überredet, sich zu melden, dann befördere ich denjenigen persönlich ins Jenseits. Also, sucht nach Freiwilligen.“

Zum grenzenlosen Erstaunen des Prinzen fanden sich tatsächlich Freiwillige, die unbedingt den Pass berennen wollten.

Sechs Wochen lang berannten Wilzaren und Wengländer den Rabenpass – vergeblich. Die Opfer waren aufseiten der Verbündeten deutlich höher als bei den Scharfenburgern, aber auch dort wurde spürbar, dass man es mit entschlossenen Gegnern zu tun hatte.

Der wilzarische Teil des Heeres war bis Mitte Oktober von zweitausend Mann auf fünfhundert geschrumpft. Hamdor selbst kam auf Martin zu und bat ihn, ihm und seinen Männern eine Pause zu gewähren. Der Prinz bot an, dass Hamdor und seine Leute die Suche nach anderen Übergängen übernehmen sollten und ihn auf jeden Fall benachrichtigen sollten, wenn sie etwas gefunden hatten. Hamdor akzeptierte und schwor feierlich, dass Martin von Wengland als Erster unterrichtet wurde, wenn ein oder mehrere andere Zugänge in die Rebmark gefunden werden sollten.

Anfang November 1203 wollte Richard von Rebmark die lästigen Belagerer vom Pass vertreiben und ordnete einen Ausfall der Verteidiger an – gerade, als Heinrich von Scharfenburg wieder das Kommando am Pass übernahm. Um den Prinzen nicht allzu misstrauisch zu machen, beteiligte er sich selbst an dem Ausfall, der in ein fürchterliches Gemetzel mündete. Zweitausend Männer aus Scharfenburg, Wengland und Wilzarien zerrissen sich am Hang des Rabenkofels mit Schwertern und Speeren, mit Äxten und  Dolchen.

A A A

 

 

Kapitel 26

Vermisst und gefunden

 

Die hereinbrechende Dunkelheit beendete das Gemetzel unterhalb der schmalen Passage des Rabenpasses, der die Provinz Rebmark von Rossensee trennte.

„Zurück!“, befahl Martin. „Zurück zu den Zelten!“

Die Wengländer zogen sich zurück, wie der Prinz es befohlen hatte. Die Scharfenburger, die den Pass erneut erfolgreich gegen die Angreifer verteidigt hatten, ließen sich erschöpft dort zu Boden fallen, wo sie gerade standen, als die Wengländer außer Sicht waren.

„Wo ist Heinrich?“, fragte plötzlich jemand.

„Was?“, hakte eine scharfe Stimme nach, die zu Markgraf Richard von Rebmark gehörte.

„Prinz Heinrich, Herr! Wir können ihn nicht finden!“, meldete einer der Männer im zerfetzten Gambeson.

„Sucht ihn!“, wies der Markgraf seine Männer an. Mit Fackeln und Lampen suchten die müden Männer unter den teilweise furchtbar zugerichteten Toten dieses Tages. Es war vergeblich.

„Er ist nicht unter den Toten, Mylord“, meldete der Mann zwei Stunden später im Feldlager der Scharfenburger auf der anderen Seite des Passes.

„Wo ist er?“, fragte Richard.

„Ich weiß es nicht, Herr.“

Am Fuß des Rabenpasses war das Heerlager der Wengländer, die sich nach der Schlacht wieder hierher zurückgezogen hatten. Prinz Martin, der junge Heerführer, war müde und erschöpft. Beide Seiten hatten wieder viel zu viele gute Männer verloren. Der Rabenpass war ein schier unmöglich zu erobernder Pass. Nein, dieser Pass war mit Sturmangriffen nicht zu nehmen, das war ihm klar.

„Herr! Seht, welchen Fang wir heute gemacht haben!“, meldete in diesem Moment ein strahlender Soldat dem Prinzen, als dieser sich gerade frisch gewaschen hatte, eine grüne Tunika überzog und den dazugehörigen Gürtel schloss. Er sah auf und nickte dem Mann müde zu.

Zwei seiner Männer stießen einen gefesselten Gefangenen in das Zelt des Prinzen, der Martin fast direkt vor die Füße stürzte.

„Prinz Heinrich von Scharfenburg!“, erklärte der Soldat voller Stolz und wollte Heinrich treten, aber ein scharfes:

„Halt!“, bremste ihn. Er sah den wenglischen Prinzen verstört an.

„In meinem Heer werden Gefangene nicht misshandelt!“, stellte Martin scharf klar. „Helft ihm auf!“, wies er zwei der Männer an, die Heinrich unter dem strengen Blick Martins angemessen sanft auf die Füße stellten. Unwillig riss der Scharfenburger sich los. Er sah nach vorn. Sein ohnehin zorniges Gesicht verfinsterte sich noch mehr.

„Du Mistkerl!“, fauchte er grantig und machte zwei Schritte auf Martin zu, aber die Soldaten hatten ihn rasch wieder unter Kontrolle. Als sie ihn in die Knie zwingen wollten, hinderte sie eine Handbewegung Martins.

„Guten Abend, Heinrich“, begrüßte er den Gefangenen. Heinrich kniff die Augen zusammen.

„Was erwartest du jetzt? Dass ich dir die Füße küsse und um Gnade winsele?“, knurrte er.

„Nein.“

„Was dann? Dass wir den Pass einfach räumen, du Schwachkopf?“

„Nein“, grinste Martin.

„Was dann?“, bellte Heinrich.

„Erstens, dass du dich beruhigst“, erwiderte der Wengländer. „Und zweitens, dass du mir nicht gleich an den Hals gehst, wenn die Wachen dich gleich von deinen Fesseln befreien.“

„Und wenn doch?“, hakte Heinrich nach.

„Heinrich, du würdest es nicht bis zu mir schaffen, das garantiere ich dir. Du wärst schneller tot als mancher von deinen Männern heute. Ich möchte das nicht. Ich möchte deine Schwester heiraten und dein Freund bleiben“, erwiderte Martin ruhig.

„Regina? Heiraten? Ihr überfallt uns wie die Räuber und du willst meine Schwester ehelichen! Nur über meine Leiche!“, donnerte Heinrich.

„Du brüllst ja immer noch! Ich bin nicht taub, Heinrich“, schüttelte Martin den Kopf. „Nehmt ihm die Fesseln ab!“, wies er einen der Wächter an, der ihn zunächst fragend ansah, aber auf ein Nicken des Prinzen schließlich doch die Fesseln löste. Heinrich entspannte sich halbwegs und rieb sich die von den rauen Hanfstricken gereizten Handgelenke.

„Setz‘ dich!“, sagte Martin mit einem sanften Lächeln. „Es sind genügend Stühle vorhanden.“

Ohne es wirklich zu wollen, setzte Heinrich sich auf einen der Scherenstühle am Tisch.

„Bernward?“, sprach der Prinz einen der Diener an, die bei ihm im Zelt waren.

„Herr?“

„Bring Wasser, Brot und Fleisch für Herrn Heinrich. Und eine Schüssel Wasser und Seife, damit er sich waschen kann“, wies er den Diener an.

„Sofort, Herr“, bestätigte der Diener und eilte davon.

„Frowin, Hartmut: wartet draußen!“, schickte er die Wächter hinaus.

„Keinen Wein?“, fragte Heinrich verblüfft.

„Ich wollte nicht, dass du annimmst, ich würde dich betrunken machen wollen, um irgendetwas von dir zu erfahren“, grinste Martin. „Aber wenn du lieber Wein möchtest …“

„Geraubt, hm?“, knurrte der Scharfenburger.

„Nein, mit klingender Münze bezahlt – zwar in wenglischer Währung, aber die akzeptieren eure Bauern auch.“

„Was, um alles in der Welt, willst du von mir?“, keuchte Heinrich. Martin schüttelte den Kopf.

„Komm bitte erst einmal von der Palme runter, auf die du immer wieder steigst. Wir sind erwachsene Männer und können gesittet miteinander reden. Bist du verwundet?“

„Was?“

„Bist du verwundet?“

„Ja – in meinem Stolz!“, knurrte der scharfenburgische Thronfolger.

Martin setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und legte beide Hände auf den Tisch. Die kurzen Ärmel der Tunika waren mit goldener Borte am Halsausschnitt und den Ärmelkanten gegen Durchscheuern geschützt. Darunter trug er ein langärmeliges, ehemals schwarzes Leinenhemd, das durch häufigen Gebrauch dunkelgrau geworden war. An einer silbernen Kette, die auf der Brust aus dem Halsschlitz des Leinenhemdes hervor lugte, trug er ein fingernagelgroßes silbernes Medaillon mit einer einzelnen Wappenlilie, den linken kleinen Finger schmückte ein bronzener Ring mit einem viereckigen grünen Stein. Es waren die einzigen Schmuckstücke, die Heinrich erkennen konnte.

„Heinrich, ich habe nicht vor, dich als Gefangenen zu behalten oder dich gar nach Steinburg zu senden“, sagte Martin.

„Und was hast du dann vor? Gleich einen Kopf kürzer machen?“, fragte Heinrich, unüberhörbar misstrauisch. Martin lächelte freundlich. Es war ein unnachahmliches, wundervolles Lächeln, das der wenglische Prinz hatte. Es gab nicht viele, die sich dem Charme dieses Lächelns entziehen konnten. Heinrich – trotz des Krieges immer noch ein guter Freund des jungen Wengländers –, gehörte nicht dazu. Er erwiderte es unwillkürlich.

„Köpfen? Dann hätten dich die Wachen gar nicht erst zu mir gebracht; dann wärst du gar nicht gefangen genommen, sondern noch auf dem Schlachtfeld getötet worden. Wir sind keine Wilzaren, die keine Gefangenen machen“, erwiderte Martin. „Du wirst dich ausruhen, sattessen, waschen – und dann werde ich dich in mein Grafenschloss im Siebensteinforst schicken, wo du bleiben wirst, bis der Krieg beendet ist. Ich würde dich am liebsten wieder freilassen, dir eine Botschaft an Regina und deinen Vater mitgeben, dass ich dich als Geste des guten Willens freilasse. Aber ich täte dir damit keinen Gefallen.“

„Wie kommst du darauf, dass es keine Freude für mich wäre, nach Rebstadt oder Stolzenfels zurückzukehren?“, fragte Heinrich mit belegter Stimme.

„Sagen wir … ich weiß, dass du nicht ganz freiwillig in der Rebmark bist“, erwiderte Martin.

„Mein Vater wollte Richard nicht ohne jede Kontrolle lassen. Deshalb bin ich hier“, entgegnete Heinrich, wohl wissend, dass es eine glatte Lüge war.

„Ist das so?“, fragte Martin mit hintergründigem Lächeln. „Wie du festgestellt hast, machen wir im Gegensatz zu den Wilzaren Gefangene. Darunter ist auch dein Hauptmann Diethelm von Glissenfurt. Er war mit dir bei deinem Vater, als der dich hierherschickte. Du hast deinem Vater zur Kapitulation geraten. Dein Vater hat dir mit dem Tod gedroht, wenn du Richard nicht unterstützt. Und er hat mir gesagt, dass du Richard nicht traust. Ich habe dir meine Meinung dazu geschrieben. Wir wissen beide, dass nur du und Simon zwischen Richard und dem Thron stehen. Dein Vater will nichts davon wissen, dass Richard hinter seinem Herzogshut her ist. Ich weiß, dass du es anders siehst. Wenn ich dich zurückschicke, wird Richard nichts Besseres zu tun haben, als dich wieder in die Schlacht zu schicken. Und er wird es solange tun, bis du fällst.“

Heinrich sah nachdenklich in die Flamme der Laterne, die auf dem Tisch stand. Martin hatte Recht, das war ihm klar.

„Was … was habt ihr weiter vor?“, fragte er.

„Bald ist der Herbst vorbei. Ich verrate dir keine Geheimnisse, wenn ich dir sage, dass wir bald abziehen werden. Ich weiß, dass der Rabenpass nicht im Sturm zu nehmen ist.“

„Aber … wieso versuchst du es dann und opferst deine Männer? Wieso kämpfst du einen aussichtslosen Kampf in vorderster Reihe?“, erkundigte sich Heinrich verständnislos.

„Ich will diesen Krieg so wenig wie du, Heinrich. Wir sind beide auf den Befehl unserer Väter hier. Mir wäre es lieber, unsere Väter würden über Frieden verhandeln, als ihre Söhne in den Krieg zu schicken.“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, bemerkte Heinrich.

„Es ist der Wille meines Lehnsherrn, dass wir hier kämpfen. Und ich kämpfe selbst, weil meine Männer mir vertrauen. Aber ich habe keine Freude daran, sie fallen zu sehen oder deine Männer zu töten.“

„Wieso hat dein Vater meinem ein Ultimatum gestellt?“, fragte der Scharfenburger. „Das hätte ich deinem Vater eigentlich nicht zugetraut – und dir noch viel weniger. Wieso, Martin?“

„Das hat mein Vater nicht getan“, widersprach Martin kühl.

„Eine Lüge hätte ich dir bisher nicht zugetraut. Wie man sich doch irren kann! Martin, das Siegel deines Vaters ist auf der Nachricht!“, erwiderte Heinrich scharf.

„Ebenso wie das Siegel deines Vaters auf einer Nachricht war, die dein Vater so niemals abgeschickt hätte.“, erwiderte Martin.

„Was meinst du?“, fragte Heinrich verständnislos.

„Hast du vergessen, welchen Inhalt die Nachricht hatte, die du mit Simon nach Steinburg gebracht hast? Dass dein Vater darin eine Todesdrohung gegen mich ausgesprochen hat?“, erkundigte sich der Wengländer. „Dein Vater hätte nie seine Söhne in solche Gefahr gebracht – damals jedenfalls nicht, als er noch bei Verstand war. Am Hof meines Vaters gibt es ebenso einen Verräter wie bei dir zu Hause. Es sind Leute, die Interesse daran haben, dass wir uns bekriegen. Ich habe einen Verdacht, wer es sein könnte, aber dazu muss ich ihn auf frischer Tat ertappen. Und ich denke, wir beide haben denselben Verdacht, wer es bei euch sein könnte.“

Bernward kam herein und brachte einen runden Holzteller, auf dem Brot und appetitlich duftendes gebratenes Fleisch lagen. Das Fleisch war geschnitten, ein Essspieß zum Aufpicken der Stücke lag mit auf dem Brett. In der anderen Hand hatte der Diener einen flachen Brotkorb, in dem auch ein Steingutkrug mit frischem Wasser stand. Beides stellte er vor Heinrich ab. Ihm folgte ein zweiter Diener, der eine irdene Schüssel mit erwärmtem Wasser, ein Stück Seife und ein Handtuch brachte.

„Euer Mahl, Herr Heinrich“, sagte Bernward und verneigte sich vor dem scharfenburgischen Prinzen.

„Danke“, sagte Heinrich – völlig unwillkürlich. Er wusch sich die Hände, gab Seife und Handtuch dem sich höflich verbeugenden Diener zurück und bot Martin dann den Fleischteller zum Kosten an. Lächelnd pickte der wenglische Prinz ohne hinzusehen ein Stück Fleisch mit dem kleinen Spieß auf, nahm es mit den Fingern vom Spieß, ohne den Spieß zu berühren und verspeiste es. Dann pickte er auch blind ein Stück Brot auf, aß es ebenfalls von Heinrichs Augen, nachdem er es mit Daumen und Zeigefinger vom Spieß abgenommen hatte.

„Mmmh, lecker, Bernward. Bring mir davon auch was, bitte“, sagte er.

„Sofort, Mylord!“, bestätigte der Diener und verschwand wieder. Heinrich war überzeugt, dass das Mahl nicht vergiftet war, nahm den Spieß, pickte Fleisch auf und aß. Ihm war anzusehen, dass er hungrig war.

„Du hascht einen guten Koch“, sagte er kauend. „Wasch ischt dasch? Hirsch?“

„Ja, Hirsch. Gestern von mir geschossen“, bestätigte Martin lächelnd. Heinrich grinste mit vollen Backen.

„Wilddieb!“, neckte er Martin.

„Nein, hungriger Ritter“, grinste der zurück. „Heinrich, ich möchte diesen Krieg so schnell wie möglich beenden. Das habe ich deinem Vater versprochen, als er darauf verzichtete, mich als Geisel gegen meinen Vater zu benutzen. Aber den Krieg kann ich nicht beenden, wenn nicht beide beteiligten Herrscher mir dabei helfen. Beide sind im Augenblick nicht dazu zu bewegen, den ersten Schritt zu tun. Und ich möchte nicht, dass du oder irgendwer anders als Geisel missbraucht werden kann, um euch zu einem Frieden zu zwingen, der nicht wirklich ein Frieden ist, mit dem beide Seiten leben können.“

„Ich habe meinem Vater gesagt, dass er auf eine falsche Nachricht hereingefallen ist. Er glaubt es nicht. Er will auch nichts davon wissen, dass Richard hinter seinem Thron her ist“, seufzte Heinrich. „Du hast Recht, wenn du meinst, dass ich nicht wirklich freiwillig hier bin.“

„Würdest du mir dein Ehrenwort geben, nicht mehr gegen uns zu kämpfen? Dann könnte ich dich in Falkenstein unterbringen“, bot Martin an. Heinrich schüttelte den Kopf.

„Das kann ich nicht – und das weißt du auch“, erwiderte er. „Mein Vater hat mir schon damit gedroht, mich einen Kopf kürzer zu machen, wenn ich kapituliere.“

Martin seufzte tief.

„Ich bedaure, dass ausgerechnet die Menschen, mit denen ich es mir auf keinen Fall verderben will, mir solche Schwierigkeiten machen, diesen Krieg möglichst bald zu beenden. Und mit so wenig Blutvergießen, wie es geht. Heinrich, ich will nicht, dass nun dein Vater mit dir als meinem Gefangenen erpressbar wird. Doch wenn du mir dein Wort nicht geben kannst, muss ich dich sicher verwahren, ohne dass du zur Geisel wirst. Ich nehme an, dass Raimund von Löwenstein berichtet hat, dass meine Grafenburg im Siebensteinforst einen ausbruchsicheren Kerker hat. Den habe ich zwar nicht selbst bauen lassen, aber er ist vorhanden“, sagte er. Heinrich nickte.

„Du lässt mir leider keine andere Wahl, als dich dort unterzubringen“, ergänzte der wenglische Prinz. Heinrich wurde bleich. Raimund hatte das Labyrinth im Gefängnisturm der gräflichen Burg von Steinburg recht schaurig beschrieben.

„Herr, Hamdor ist zurück!“, meldete Bernward.

„Danke, Bernward. Sag ihm, ich käme nachher in sein Zelt, um seinen Bericht zu hören. Im Moment habe ich noch einen … unerwarteten … Gast.“

„Wie Ihr wünscht, Herr“, erwiderte der Diener mit einer Verbeugung.

„Du … gehst zu einem deiner Untergebenen und lässt sie nicht kommen?“, wunderte sich Heinrich.

„Weißt du“, sagte Martin, nachdem er Heinrich einen Moment verwundert angesehen hatte, „wir sind beide die Thronfolger unserer Väter. Eine solche Aussicht verführt manchen in gleicher Situation vielleicht dazu, dieses Erbe als gottgewollte Gnade anzusehen. Doch ein Herzog oder ein König hat meiner Ansicht nach seinem Volk zu dienen, indem er es vor Gefahren beschützt und für sein Wohlergehen sorgt. Das ist kein Privileg, das ist eine Pflicht. Ich führe dieses Heer, aber allein – ohne meine Männer – bin ich nichts wert. Deshalb respektiere ich sie und lasse sie nicht unnütz herumspringen. Hamdor hätte mir hier berichtet, aber da ich noch Besuch habe, suche ich ihn dann auf, wenn mein Besuch fort ist.“

Heinrich sah ihn an wie vom Donner gerührt. Dass es einige Aufrührer gab, die die bestehende Ordnung in Frage stellten, das hatte er schon gehört – aber dass Martin den Anspruch des Adels auf Privilegien bestritt und das Dasein desselben als Pflicht gegenüber dem gemeinen Volk deklarierte, das hätte er ihm, dem Erben eines seit über dreihundert Jahren bestehenden Königshauses, nicht in seinen Albträumen zugetraut.

Plötzlich begriff der scharfenburgische Prinz, dass Martins Art, mit Menschen umzugehen, ihnen mit Respekt und vor allem mit dem Gefühl einer eigenen Pflicht zu begegnen, ihn zu dem erfolgreichen Heerführer machte. Und er konnte sich nun auch erklären, weshalb seine Schwester Martin trotz des Krieges immer noch liebte und sich nichts sehnlicher wünschte, als dessen Frau werden zu können.

„Du bist deines Onkels Neffe!“, keuchte er. Martin nickte.

„Er hat mich erzogen und mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich mühe mich nach Kräften, dem guten Beispiel meines Onkels zu folgen“, sagte er, während Heinrich das letzte Stück Brot mit dem letzten Schluck Wasser herunter spülte.

„Hat es dir gemundet?“, fragte Martin mit sanftem Lächeln.

„Ja, danke. Wirst … wirst du mich bewachen lassen?“

„Ja, damit du keinen Unfug machst, bevor du morgen nach Steinburg gebracht wirst.“

„Wo soll … wo soll ich heute Nacht schlafen?“, fragte er.

„Du bekommst Bernwards Zelt. Bernward kommt hier zu mir ins Zelt“, erwiderte Martin. „Mach bitte keine Dummheiten“, setzte er hinzu. „Ich will dich morgen früh lebendig und unversehrt nach Steinburg bringen lassen können und nicht als Pfeiligel beerdigen müssen.“

Er winkte den beiden Wächtern, die vor dem Zelt standen. Sie kamen herein und verneigten sich.

„Mylord?“, fragte einer der beiden.

„Durchsucht den Prinzen!“, wies er sie an. Einer trat hinter Heinrich, hielt ihn fest, der andere durchsuchte sorgsam jede Falte und fand ein halbes Waffenarsenal, das er grinsend auf dem Tisch ablegte.

„Was soll das, Martin?“

„Wie gesagt: Ich möchte nicht, dass du hier des Nachts im Lager herum streifst, um vielleicht ein paar mehr oder weniger interessante Dinge zu erfahren“, erwiderte Martin, ebenfalls grinsend. „Meine Wachen würden dich auf der Stelle und ohne lange zu fragen töten. Da solltest du besser nicht in Versuchung geraten, indem du dir mit einem Messer oder Ähnlichem einen bislang nicht vorhandenen Ausgang schaffst. Ich will dich nicht auch noch fesseln lassen müssen. Gute Nacht, Heinrich.“

Auf ein Kopfnicken von Martin brachten die beiden Wächter den Scharfenburger fort, bevor er den Gruß erwidern konnte.

 

A A A

 

Kapitel 27

Misstrauische Verbündete

 

Martin warf sich einen warmen Umhang über und ging zum Zelt von Hamdor. Das Licht aus dem Zelt des Wilzaren zeigte dem Prinzen, dass mindestens noch zwei andere dort waren. Die Männer sprachen wilzarisch miteinander. Der sprachbegabte Martin hatte im Laufe des letzten halben Jahres die Sprache der Verbündeten soweit gelernt, dass er sie gut genug beherrschte, um einem Gespräch folgen zu können. Er blieb außerhalb des Sichtbereiches stehen und hörte den Wilzaren eine Weile zu. Tatsächlich sprach Hamdor über seine Beobachtungen.

Schließlich hatte er genug gehört und klopfte an den äußeren Holzpfosten, der das Vordach des Zeltes hielt. Das Gespräch verstummte augenblicklich.

Semai!“, grüßte er auf Wilzarisch, was so viel wie guten Tag bedeutete. Hamdor erhob sich und verbeugte sich.

Semai, Pano!“, erwiderte der Wilze, was guten Tag, Herr bedeutete. Auch die anderen im Zelt verneigten sich vor dem Prinzen. Martin trat ein.

„Ihr wolltet mir berichten, Hamdor“, sagte er. Hamdor nickte und bot ihm Platz an. Der Prinz setzte sich, lehnte den ihm angebotenen Wein jedoch ab. Der Wilze zog ein Stück Pergament hervor, auf dem er mit Kohle eine Skizze gemacht hatte. Sie zeigte die Passstraße, den Verlauf der Klamm und die umgebenden Felsen.

„Ich habe jetzt den gesamten Bergkamm zwanzig Meilen rechts und links des Rabenpasses untersucht, Pano. Es gibt keinen anderen Übergang außer dem schmalen Pass selbst und der Klamm. Die Klamm ist nicht einmal im tiefsten Winter passierbar, weil dieser Wasserfall niemals einfriert. Es gibt hier, weiter südlich, am Turotbach, einen Pfad hinauf ins Gebirge“, erklärte der wilzarische Kundschafter. „Grimandur war dort. Grimandur, berichte Prinz Martin, was du dort gesehen hast!“

„Es ist ein karges Hochtal, in das der Pfad entlang des Bachs führt. Aber es ist von Bergen in ewigem Eis umgeben, Pano. Sie können nicht bestiegen werden – und es ist dort immer bitter kalt“, berichtete Grimandur. Martin nickte.

„Danke“, sagte er.

„Was werdet Ihr jetzt tun, Pano?“, erkundigte sich Hamdor.

„Es hat keinen Sinn, diesen Pass zu berennen“, sagte der Prinz. „Wir kommen da oben nicht durch. Und wenn Ihr keine anderen Wege gefunden habt, können wir den Pass auch nicht umgehen. In die Rebmark kommen wir nicht hinein!“

„Aber wie sind denn die Leute aus Falkenstein in die Rebmark gekommen?“, fragte Hamdor.

„Sie können über den Rabenpass gegangen sein. Die Rebmärker werden sie daran gewiss nicht gehindert haben, Hamdor. Einstweilen danke ich Euch für Eure unermüdliche Arbeit“, erwiderte Martin. „Gute Nacht.“

Damit verließ er das Zelt der Kundschafter.

„Er ist zu jung und zu unerfahren, Pano!“, hörte er im Fortgehen Grimandur zu Hamdor sagen. Martin blieb stehen.

„Was hast du aus dem Osten zu berichten, Mindal?“, fragte Hamdor den Dritten im Zelt.

„Sie sind vor Stolzenfels gescheitert! Dieser … verfluchte … Kreuzritter hat sie gehindert!“, grollte der Gefragte.

„Die Wengländer stehen nicht wirklich hinter unseren Plänen“, mutmaßte Hamdor. „Wie viele Männer haben wir hier?“

„Wir sind durch die Verluste weniger als die Wengländer, aber wenn wir den Prinzen als Geisel nehmen, könnten wir den Befehl hier übernehmen“, erwiderte Grimandur.

„Pst! Hier haben die Wände Ohren!“, ermahnte Hamdor ihn. „Er wird abziehen, soviel ist sicher“, fuhr er flüsternd fort, jedoch nicht leise genug für den lauschenden Prinzen. „Er wird keine weiteren Opfer bringen wollen. Wir werden umkehren, sofern wir uns von den Wengländern getrennt haben! Mindal, du reitest morgen sofort nach Wengland. Fürst Aldaron muss gewarnt werden!“

Martin wurde hellhörig. Aldaron war der einzige Fürst Wilzariens, der nicht mit einer der wilzarischen Armeen nach Wengland gekommen war, sondern die Grenze des südlichen Wilzarien sichern sollte.

„Interessant!“, hörte er hinter sich eine Stimme, dann spürte er die Spitze einer Klinge im Rücken. Er stieß den rechten Ellenbogen nach hinten gegen den Waffenarm des Mannes, der ihn bedrohte, brachte ihn damit auf Distanz, drehte sich um und schlug mit voller Wucht in dessen Magengrube. Der Wächter klappte wie eine Mausefalle zusammen und ging zu Boden, ohne ein Wort herauszubringen. Martin fing ihn auf, bevor er auf dem Boden aufschlug und zog ihn von Hamdors Zelt fort.

„Was war das?“, rief Hamdor. Die drei Kundschafter stürmten aus dem Zelt. Mit ihren an das recht helle Licht im Zelt gewöhnten Augen sahen sie jedoch nichts in der Dunkelheit, die nur spärlich von wenigen Fackeln durchbrochen wurde. So bemerkten sie nicht, dass Martin schon hinter dem nächsten Zelt stand.

‚Sieh an“, dachte er. ‚Da will jemand beim Schachspiel mogeln …‘

Er zog sich leise aus dem wilzarischen Teil des Lagers zurück.

In seinem Zelt nahm er die Karten zur Hand, die seine eigenen Kundschafter gefertigt hatten und las seine eigenen Aufzeichnungen über Verluste nach. Es war jetzt November. Seit August war er auf Befehl seines Vaters auf Kriegszug im westlichen Scharfenburg, seit drei Monaten. Aus fünftausend Mannen und Reisigen und fünfhundert Rittern hatte sein Heer bestanden. Jetzt war es etwa auf die Hälfte geschrumpft – und zwar hauptsächlich hier am Rabenpass.

Ein Klopfen am Pfosten des Vordachs störte ihn auf. Er sah hoch. Im Zelteingang stand Bertram von Ermeldorf, Heermeister König Rudolfs. Martin nickte ihm zu und bedeutete ihm damit, einzutreten.

„Es kann so nicht weitergehen! Wir rennen uns hier die Köpfe ein, weil Ihr diesen Pass belagert, der schlichtweg uneinnehmbar ist! Ihr lasst hunderte von Männern für nichts und wieder nichts sterben! Seid Ihr noch gescheit?“, brüllte Bertram. Er war ein großer, breiter Mann, der wirkte, als könne er den einen halben Kopf kleineren und etwa ein Drittel leichteren Martin mit einer Hand hochheben.

„Ja, bin ich“, erwiderte der Prinz mit erzwungener Kühle. „Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr nicht so brüllen würdet, Bertram“, setzte er hinzu.

Von Ermeldorf sah ihn verblüfft an.

„Und setzt Euch bitte hin“, ergänzte Martin mit einer einladenden Handbewegung auf den Scherenstuhl, auf dem am früheren Abend Heinrich gesessen hatte. Der Heermeister setzte sich, offenbar davon beeindruckt, dass der Prinz sich durch sein Gebrüll nicht einschüchtern ließ.

„Bertram, mit was für Leuten gehe ich Tag für Tag dort oben hinauf?“, fragte der Prinz und legte seine Lektüre beiseite. Ermeldorf sah ihn verwirrt an.

„Mit unseren, mein Prinz“, erwiderte er schließlich schulterzuckend.

„Ja, aber es sind Freiwillige. Und Ihr wisst sehr gut, dass es wirklich Freiwillige sind, nicht solche, die der jeweilige Graf als Freiwillige bestimmt. Jedenfalls versichern sie es mir immer wieder, wenn ich sie persönlich danach frage“, sagte Martin leise, fast flüsternd.

„Wieso murmelt Ihr das in Euren kaum vorhandenen Bart?“, fragte Bertram in mehr als normaler Lautstärke.

Piano, mein Freund, piano. Bitte leise. Ich möchte, dass dies unter uns bleibt. Nebenan könnte jemand mehr hören, als für uns gut ist.“

Bertram begriff.

„Also spitzt die Ohren“, ergänzte der Prinz im Flüsterton. Ermeldorf kam ihm über den Tisch näher. Martin breitete die Karten aus.

„Der ganze Krieg ist sinnlos, Bertram!“, zischte er. „Die Scharfenburger haben uns praktisch ihr ganzes Land preisgegeben, abgesehen von Dunkelfels, das die Wilzaren schon vor Jahren besetzt haben, der Hochebene von Stolzenfels und der Rebmark. Stolzenfels und Rebmark sind groß und reich genug, um das ganze Volk dort für Monate ausharren zu lassen. Es sind im Grunde riesige natürliche Burgen – wie die ganze Verborgene Region eine ist. Wir kommen da nicht rein – schon gar nicht hier durch.“

„Aber wieso berennen wir es dann wie die Wahnsinnigen?“

„Ich habe Kundschafter ausgesandt, um nach anderen Übergängen in die Rebmark zu suchen. Meine Angriffe gegen den Pass sind Ablenkungsmanöver, die die Scharfenburger dazu zwingen sollen, ihre Kräfte hier zu konzentrieren. Hamdor und Grimandur sind jetzt endlich zurück, aber sie haben keine Übergänge gefunden“, erklärte Martin.

„Und wo, um alles in der Welt, sind dann die Falkensteiner geblieben? Wie sind die in die Rebmark gekommen?“, fragte Bertram.

„Das weiß ich nicht. Aber ich vermute, dass sie über den Rabenpass gezogen sind“, räumte Martin ein. Ermeldorf seufzte.

„Ihr habt mir auch verboten, sie zu verfolgen.“

„Das war Teil der Abmachung, durch die wir praktisch kampflos Falkenstein und Oberalvedra bekamen“, erwiderte der Prinz.

„Das ist uns auch sehr nützlich!“, knurrte Ermeldorf.

„Ja, ist es, denn es ist unser Winterquartier. Damit sind wir im nächsten Frühjahr vielleicht früher als die Rebmärker am Pass. Und die Wilzaren, die sollten wir ganz weit weg bringen.“

„Was? Das sind unsere Verbündeten?“, protestierte Bertram.

„Oberflächlich betrachtet, ja. Aber ich traue ihnen nicht. Und ich weiß aus sicherer Quelle, dass sie nur warten, bis wir uns nach dem Abzug von ihnen getrennt haben, um hierher zurückzukehren. Das macht nur Sinn, wenn sie einen Übergang entdeckt haben, den sie mir verschwiegen haben. Was ich auf keinen Fall will, ist, dass die Wilzaren durch die Hintertür in eine mit Flüchtlingen volle Rebmark platzen und dort ein Blutbad anrichten. Und das würden sie tun, glaubt mir. Denkt an das Dorf in Falkenstein, wo wir nicht rechtzeitig eingreifen konnten!“, erinnerte der Prinz.

Der Heermeister sah den jungen Prinzen eine Weile an. Rudolf hatte ihn seinem Sohn an die Seite gestellt, damit er auf ihn aufpasste und gleichzeitig Sorge trug, dass Martin auch mit der nötigen Konsequenz vorging. Nur hatte Martin sich nichts befehlen lassen …

Dafür hatte er ein gutes Drittel des Herzogtums ohne große Verluste und ohne die üblichen Kriegsgrausamkeiten unter wenglische Kontrolle bringen können. Martin hatte jegliche Plünderung und Misshandlung der Bauern verboten. Die Leute in den Dörfern, die vor dem Eintreffen der Wengländer nicht hatten fliehen können, dankten es dem Prinzen und seinen Männern, indem sie sich ruhig verhielten und ihnen Proviant verkauften. In Wasserhofen, einem Dorf in der Grafschaft Falkenstein, waren die Wilzaren früher eingedrungen und hatten fast das halbe Dorf abgeschlachtet, bis Martin und seine Leute eingetroffen waren und weiteres Blutvergießen gewaltsam verhindert hatten. Den Anführer hatte der Prinz persönlich einen Kopf kürzer gemacht, die anderen fünf Überlebenden waren öffentlich gehängt worden.

„Aber in einem Punkt habt Ihr Recht, Bertram: es sind zu viele, die wir verlieren. Kein Hintereingang in die Rebmark ist so viele Menschenleben wert“, ergänzte Martin. „Und deshalb werden wir morgen in die Winterquartiere gehen. Ich werde nach Steinburg reisen, um meinen Vater zu Friedensverhandlungen zu überreden.“

„Wir sollen aufgeben?“

„Nein, um einen Frieden verhandeln, Bertram. Das ist was anderes als Kapitulation“, versetzte Martin. „Ich habe ein ungutes Gefühl, Bertram. Scharfenburg und Wengland schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein, reiben sich in diesen sinnlosen Kämpfen auf. Wilzarien könnte irgendwann der lachende Dritte sein – wenn wir beide genügend Männer verloren haben, dass wir uns gegen die Wilzaren nicht mehr wehren können.“

„Seht Ihr da nicht ein bisschen zu schwarz, mein Prinz?“, fragte Ermeldorf.

„Ich hoffe es, doch ich fürchte, dem ist nicht so.“

„Ich hörte, Prinz Heinrich ist unser Gefangener“, sagte Bertram. „Er wird wissen, wo die Leute durchgekommen sind.“

„Möglich, aber er wird es uns kaum sagen“, erwiderte Martin.

„Oh, man muss ihn gewiss nur entsprechend anfassen …“, gab der Heermeister einen Hinweis.

„Das würde bedeuten, ihn zu foltern. Kommt nicht in Frage!“, entgegnete Martin scharf.

„Und … wieso wollt Ihr Heinrich so nobel schonen? Euer Vater wird Euch dafür köpfen lassen, dass Eure gar zu edle Gesinnung eine Menge Leute kostet!“, warnte der Heermeister.

„Herzog Ludwig ließ mich gehen und verzichtete darauf, mich als Geisel gegen meinen Vater zu benutzen. Diesen Gefallen kann ich nicht erwidern, denn Heinrich ist schon in die Rebmark strafversetzt, weil er Frieden vorgeschlagen hat. Sein Leben ist auch durch Richard gefährdet, denn ich bin sicher, dass Richard hinter Ludwigs Thron her ist. Es ist meiner Meinung nach kein Zufall, dass Heinrich so weit vorne stand, dass er gefangen genommen werden konnte.“, erklärte Martin. Bertram seufzte.

„Wäre es dann so unwahrscheinlich, dass Heinrich uns helfen würde?“, fragte Ermeldorf nach. „Ihr seid sein Freund …“

„Ich habe ihm angeboten, ihn auf Ehrenwort freizulassen, doch er hat es abgelehnt, weil er es sich mit seinem Vater nicht völlig verscherzen will. Nein, er wird uns nicht freiwillig Informationen geben, die wir dazu nutzen könnten, in die Rebmark hineinzukommen. Und als sein Freund werde ich nicht erlauben, dass er misshandelt wird oder als Geisel missbraucht wird. Also kommt er in sicheren Gewahrsam in meine Grafenburg im Siebensteinforst“, erwiderte Martin. „Niemand darf davon erfahren, Bertram! Mein Vater hat sich sehr verändert. Er hätte gewiss keine Hemmungen mehr, Ludwig mit Heinrich zu erpressen oder aus Heinrich Informationen herauszupressen.“

Der Heermeister lächelte hintergründig.

„Ich hätte auch keine Hemmungen, mit ihm so zu verfahren, wenn es dazu führt, dass der Krieg bald beendet ist“, sagte er.

„Aber ich. Und ich verbiete, Heinrich so zu behandeln. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„Ja, mein Prinz“,  ruderte Ermeldorf zurück. „Verzeiht meine unbedachten Äußerungen, mein Prinz.“

„Vergeben, mein Freund“, lächelte Martin.

Im Lager verloschen die Fackeln. Heinrich, der im Zelt neben Martins die Unterhaltung jedenfalls bruchstückhaft gehört hatte, ohne die entscheidenden Aussagen mitzubekommen, wollte dem jungen Wengländer deutlich machen, dass er sich nicht einfach wegsperren lassen wollte. Die Posten vor seinem Zelt wären für ihn gewiss nicht das Problem gewesen, doch wollte er es sich mit Martin nicht völlig verscherzen. Sein ritterlicher Anstand verdiente Respekt. Heinrich wusste, dass sich die Landstriche eher freiwillig ergaben, wenn es hieß, Prinz Martin führe die feindlichen Truppen. Seine Güte und sein Großmut im Sieg hatten sich herumgesprochen. Die Besiegten konnten sicher sein, nicht drangsaliert zu werden, wenn sie sich dem Prinzen ergaben und sich ruhig verhielten. Es gab derzeit nur zwei Männer in ganz Scharfenburg, die das nicht erkannten oder erkennen wollten: Herzog Ludwig und Markgraf Richard.

Heinrich stand leise von dem Lager auf, stopfte einen zweiten Strohsack unter die Decke, um seine Anwesenheit im Bett vorzutäuschen, zupfte so lange an einem der hinteren Zeltheringe, bis er den Pflock aus dem Boden hatte und schlüpfte vorsichtig hinaus. Am benachbarten Zelt zog er ebenfalls einen Hering aus dem Boden und schlängelte sich so leise wie möglich in Martins Zelt. Eine einzelne Lampe am zentralen Zeltpfosten brannte mit kleiner Flamme und gab gerade genug Licht, damit der Bewohner bei einem dringenden Bedürfnis den abgetrennten Bereich mit dem Notdurfteimer finden und sich erleichtern konnte. Das Licht reichte auch aus, um Heinrich den schlafenden Martin ohne Mühe finden zu lassen, der in der Nähe der hinteren Zeltwand lag. Sein Diener Bernward hatte sein Bett ebenfalls in der Nähe der Zeltwand, aber an der vom Eingang aus rechten Seite des großen Zeltes.

Der wenglische Prinz lag in tiefem Schlaf auf einem bequemen, mit Fellen bedeckten Lager. Er war mit einer warmen Decke zugedeckt, die wie ein Gambeson aus zwei Schichten bestand, deren Zwischenraum mit Schafwolle gefüllt und rippenförmig gesteppt war, um die Wolle dort zu halten, wohin sie gehörte. Trotz der nächtlichen Kühle leistete Martin es sich deshalb, ohne Hemd zu schlafen. Er lag auf der linken Seite, die Decke mit der linken Hand locker um die rechte Schulter gehalten. Im schwachen Licht der einsamen Lampe erkannte Heinrich den bronzenen Ring am kleinen Finger der linken Hand. Ganz vorsichtig zog er den Ring von Martins Hand und steckte ihn ein. Dann schlich er zu dem Tisch, an dem er am Abend mit dem Wengländer zusammen gegessen hatte. Jetzt lag dort eine lederne Mappe, in deren Deckel die wenglische Königslilie eingeprägt war. Heinrich öffnete die Mappe und fand einen Brief, den Martin an Regina geschrieben und bereits gesiegelt hatte, daneben ein Samtsäckchen. Er öffnete es und entdeckte den von Regina zurückgeschickten Verlobungsring. Den fertigen Brief und den Ring steckte der Scharfenburger ein, tauchte die Feder in das Tintenfass neben der Mappe und schrieb:

Suche deine Ringe nicht. Ich habe sie und werde den Verlobungsring Regina in deinem Namen zurückgeben. Deinen Bronzering werde ich dir zurückgeben, wenn wir Frieden geschlossen haben. Du bist edel im Sieg, Martin. Deine edle Haltung deinen Gefangenen gegenüber hindert mich daran, dir deinen eigenen Dolch in den Rücken zu rammen. Du solltest Wengland regieren und nicht hier an einem Ort dein Leben riskieren, an dem du so wenig sein willst, wie ich. Ich bleibe dein Freund.

Heinrich

 

Er schnappte sich einen der Umhänge, die an einem hölzernen Garderobengestell hingen, warf ihn sich um und schlüpfte dort wieder aus dem Zelt, wo er eingedrungen war. Er duckte sich zwischen zwei weitere Zelte, um den Wachen vor dem Zelt des Prinzen und dem seines Dieners auszuweichen. Die Tarnung mit dem wenglischen Umhang genügte, um das Lager verlassen zu können. Im Wald oberhalb des Lagers ließ er den Umhang zurück, der die Wachen am Pass dazu veranlasst hätte, ohne Warnung zu schießen.

Martin erwachte noch vor Sonnenaufgang und bemerkte, dass ihm etwas fehlte: sein Ring, den er am linken kleinen Finger trug. Er suchte im Bett und darunter, in der Meinung, das Schmuckstück sei ihm wohl in der Nacht vom Finger gerutscht. Der Ring, den er sich in Lindau im Bodensee gekauft hatte, als er mit seinem Onkel und seiner Tante aus Frankreich gekommen war, um ihnen Asyl in Wengland zu bieten, war für den kleinen Finger etwas zu groß, für den Ringfinger etwas zu klein. Ihn in der Nacht zu verlieren, wäre deshalb keine Überraschung gewesen.

Er fand ihn nicht und wollte zunächst keine weitere Zeit damit verschwenden, doch dann sah er im zunehmenden Tageslicht die aufgeschlagene Schreibmappe. Er war ganz sicher, sie am Abend geschlossen gehabt zu haben. Er trat näher und fand Heinrichs Notiz, die ihm erst ein Lächeln auf die Lippen zauberte und ihn dann erschrecken ließ. Wäre Heinrich in böser Absicht gekommen, hätte er diese Nacht nicht überlebt – und keiner seiner Wächter hatte offenbar auch nur das Geringste bemerkt. Dann fiel ihm die lose Zeltplane an der vom Eingang aus linken Seite auf. Er trat hinzu, hob sie an und sah die herausgezogenen Zeltpflöcke.

Im selben Moment wurde es vor dem Nachbarzelt laut:

„Alarm! Der Gefangene ist weg!“, schlug der Wächter dort Alarm. Martin sprang aus seinem Zelt.

„Rasch! Sucht ihn!“, befahl er.

A A A

Fortsetzung folgt

A A A

 

Glossar

Erneut gibt es in dieser Geschichte einige Begriffe, die nicht jedem geläufig sind. Hier sind sie erklärt.

Cathay: alter Name für China

Eidam: altdt. für Schwiegersohn

Johanniter-Sanitäter: Es sei darauf hingewiesen, dass der Ritterliche Orden Sankt Johannis vom Spital zu Jerusalem, kurz Johanniterorden, als geistlicher Krankenpflegeorden gegründet wurde. Die Ritter des Ordens erhielten auch nach der zusätzlichen militärischen Ausrichtung der Ordensgemeinschaft grundsätzlich eine Ausbildung in Krankenpflege, es gab auch Ärzte innerhalb des Ordens. Zwar waren der militärische Zweig und der pflegende Zweig getrennt, doch das Wissen aus der Grundausbildung der Brüder um die Krankenpflege wurde – insbesondere im Orient – weiterhin neben den ritterlichen Fähigkeiten geübt.

Klafter: altes Längenmaß, ca. 1,80 m

Lanze:

  1. a) Stoßwaffe eines Ritters
  2. b) Kleinste Einheit ritterlicher Truppen von unterschiedlicher Stärke, mindestens aber aus dem Ritter selbst, dem Knappen, Degenkämpfer, Bogenschützen, Knecht und evtl. Fußvolk bestehend (Quelle: L. u. F. Funcken, Waffen u. Rüstungen, S. 90 f Orbis Verlag 1990).

Lohnherold: Der Heroldsberuf war kein Ehrenamt, das durch einen adligen Herrn vergeben wurde, sondern hing ausschließlich von den Fähigkeiten der diesen Beruf ausübenden Person ab. Insofern war er weder an einen bestimmten Stand gebunden noch war ein Herold gehalten, seinem Herrn lebenslang zu dienen. Es gab auch freiberufliche Herolde, die sich nur zeitweise einem Herrn andienten und nach Auslaufen des Vertrages einen anderen Arbeitgeber suchten. Herolde, die einem Herrn dauerhaft dienten, trugen dessen Tappert. Freiberufliche Herolde steckten sich dagegen einen kleinen Schild mit dem Wappen des aktuellen Arbeitgebers an einen neutralen Tappert.

Maß: Getränkeeinheit. In den Verborgenen Landen entspricht das Maß seit je her etwa einem metrischen Liter.

Persevant: Gehilfe eines Herolds, der einmal selbst Herold werden kann/wird.

Pfund: altes Gewichtsmaß, ca. 450 g

Reisige: Berittene, nichtadlige Kriegsknechte. Deutsche Entsprechung zu dem, was in Frankreich, England oder dem Heiligen Land Sergeanten genannt wurde.

Truchsess: im Hochmittelalter derjenige, der die fürstliche Tafel beaufsichtigte, aber auch der Tafelgesellschaft das Fleisch aufschnitt und vorlegte.

Waffen- bzw. Wappenrock: Waffen und Wappen haben etymologisch denselben Ursprung, auch wenn die Differenzierung ziemlich genau um die Zeit einsetzt, in der diese Geschichte spielt. Das althochdeutsche Wort wapen bedeutet nichts anderes als Waffe(n). Der Schild, auf dem das Wappen gemalt ist, ist eine Waffe, wenngleich eine defensive. Insofern sind Waffenrock und Wappenrock echte Synonyme.

 

A A A

 

Hypothetische Besetzungsliste Martin von Wengland

 

Wie schon bei Brennender Himmel habe ich auch für die Charaktere in Martin von Wengland meine Vorstellungen, welche Schauspieler sie – theoretisch – spielen könnten. Kein Produzent auf dieser Welt würde mir diesen Cast bezahlen … Den letzten Anstoß für die Besetzung gab mir Pirates of the Caribbean – Salazars Rache. Mit Brenton Thwaites als Henry Turner, Sohn von Will und Elizabeth Turner, haben die Casting-Verantwortlichen jemanden gefunden, der beiden ähnlich genug sieht, um als deren Sohn durchzugehen, auch wenn es alterstechnisch nicht hundertprozentig passt – was allerdings hauptsächlich daran liegt, dass ausgerechnet den Mitgliedern Familie Turner konkrete Lebensalter ins Drehbuch geschrieben wurden, die mit denen ihrer Darsteller in keinem Fall zusammenpassen. Orlando Bloom ist tatsächlich sechs Jahre älter als seine Figur Will Turner; nahezu dasselbe gilt für Brenton Thwaites alias Henry Turner. Keira Knightley ist zwei Jahre jünger als die von ihr gespielte Figur und Kaya Scodelario, die nach gegenwärtigem Stand wohl Henrys Frau werden könnte, ist vier Jahre älter als die von ihr gespielte Carina Smyth-Barbossa.

Brenton Thwaites ist mir im Mai 2014 erstmals als Prinz Phillip in Maleficent begegnet. Schon zu der Zeit hatte ich den Eindruck, dass er sich als Martin gut machen würde. Aber als ich ihn als Film-Sohn meines Lieblings Orlando Bloom gesehen habe, war endgültig klar: Das ist mein Martin! Die häufig vorkommende Ansicht Dritter in den Geschichten, in denen Balian Roland von Ibelin und Martin von Wengland zusammen vorkommen, Martin könne Balian Rolands Sohn sein (was der stets dementiert, weil er der Sohn seiner Schwester ist), passt bei dieser Konstellation wie die Faust aufs Auge. Seht euch Pirates of the Caribbean – Salazars Rache an und ihr werdet mir Recht geben …

Aus Pirates of the Caribbean – Salazars Rache habe ich auch Lewis McGowan, der dort den zwölfjährigen Henry spielt und problemlos als Jean-Raymond, als älterer Sohn der Familie Ibelin, durchgeht. Und Flynn Bloom-Kerr ist nun mal tatsächlich Orlando Blooms Sohn (allerdings noch ohne Schauspielambitionen …).

Mit diesem Film habe ich auch meine Prinzessin Regina gefunden: Kaya Scodelario, die Henrys Freundin (künftige Frau?) Carina spielt. Regina ist wohl nicht so handfest wie Carina, aber Kaya und Brenton passen gut zusammen. Und deshalb sind sie meine Vorstellung von Regina und Martin.

Die weiteren „Rollen“ sind – was die Figuren, die mit denen aus Königreich der Himmel vergleichbar sind – bereits von diesen Schauspielern dargestellt worden. Auf den Rest trifft es nicht zu, doch scheinen mir diese Leute auf die entsprechenden Rollen zu passen.

Wie gesagt: Das würde mir kein Produzent bezahlen wollen … Das wäre einfach nur teuer.

 

Rolle

Darsteller(in)

Martin von Wengland Brenton Thwaites
Roland von Ibelin-Hirschfeld Orlando Bloom
Gaëlle von Ibelin-Hirschfeld Eva Green
Maria von Wengland Samantha Bloom
Pierre von Krummenfeld Peter Cant
Almaric von Rolandsmühl Velibor Topic
Peter von Limmenfels Tom Hiddleston
Heinrich von Scharfenburg Chris Hemsworth
Simon von Scharfenburg Liam Hemsworth
Richard von Rebmark Marton Csokas
Michel, Almarics Stellvertreter Michael Shaffer
Bertram von Ermeldorf Götz Otto
Raimund von Löwenstein Jason Isaacs
Bruder Wenzel von Löwenstein David Thewlis
Ludwig von Scharfenburg Viggo Mortensen
Havarik von Wilzarien Javier Bardem
Rudolf von Wengland/Owan Aldaron Leonardo DiCaprio
Mathieu von Rolandsmühl Freddie Highmore
Georg von Bärenfels (Ex-Templer) Matthew Rutherford
Volker von Skarpenborn Alfie Allen
Aribert von Karlsfeld Nikolaj Coster-Waldau
Alwin von Falkenstein Ken Stott
Fridolin von Rossensee Daniel Craig
Volker von Wutzbach Sam Claflin
Regina von Scharfenburg Kaya Scodelario
Sophie, ihre Leibdienerin Lucinda Drzizek
Bischof Bartholomäus von Wachtelberg Jonathan Pryce
Eckart von Ginsterborn Hugh Jackman
Ramses, Steinmetz und Bademeister Jamie Foxx
Jean-Raymond von Ibelin-Hirschfeld Lewis McGowan
Balian von Ibelin-Hirschfeld Flynn Bloom-Kerr

 

Please follow and like us:
error0

Schreibe einen Kommentar

error

Gefällt Dir diese Webseite? Dann sag' es gerne weiter :)