Rückzug und Rache

Vorbemerkung

 

Die Szene, in der Balian von den getarnten Templern angegriffen wird (ich weiß nicht, ob das jedem aufgefallen ist: Die drei Angreifer tragen zwar die weißen Waffenröcke, die für Tempelritter typisch sind, haben aber nicht das rote Kreuz der Templer, sondern ein schwarzes Nagelkreuz auf dem Waffenrock.) scheint ziemlich aus dem Zusammenhang gerissen zu sein. Zwar empfiehlt Reynald Guy, Balian zu töten, weshalb es recht offensichtlich ist, dass diese Männer ihn in de Lusignans Auftrag umbringen wollen; aber es gibt keinen Hinweis darauf, weshalb er allein unterwegs ist, weshalb er wie wartend unter der Palme sitzt und wo. Was danach geschieht, kann man allenfalls ahnen. Der Director’s Cut liefert im Kapitel 43 zwar den Hinweis, dass Bruder Jean Balian findet, aber sonst ergibt sich nichts.

Im weiteren Filmverlauf findet sich zudem augenscheinlich ein Kostümfehler. Zwischen dem Moment, in dem Balian von Jean gefunden wird und Balians Erscheinen bei der Versammlung der Barone zum Kriegsrat vor dem Aufbruch nach Hattin muss einige Zeit vergangen sein. Reynald ist aus dem Kerker entlassen, überfällt Karawanen, schließlich eine, in der Saladins Schwester reist und tötet sie. Saladin sendet einen Boten, der Forderungen stellt; Guy tötet den Boten und ordnet eine Heerschau an. Das alles erfordert mindestens so viel Zeit wie die Genesung von einer bösen Kopfverletzung. Ich behaupte: Wochen!

Gleichwohl erscheint Balian zur Heeresversammlung in der gleichen Kleidung wie bei dem Überfall und hat noch die Blutspuren am Hals. Während der Schlacht um Jerusalem und beim Duell mit de Lusignan danach zeigt sich, dass er hart im Nehmen ist; aber gerade seine Widerstandskraft im letzten Teil des Films bedingt, dass er sich wirklich vollständig von den Folgen des Überfalls erholt hat. Da stellt sich doch die Frage: Könnte der scheinbare Kostümfehler gar eine Tarnung sein?

Es gibt da noch ein Filmkapitel, das mit dem Überfall vielleicht in engerem Zusammenhang steht, als vordergründig erkennbar ist: Kapitel 41 – Tag der Abrechnung.

In dieser Hinsicht lässt auch der Director’s Cut Wünsche offen. Ich hätte gern das komplette Filmmaterial, um mir meinen Fan-Cut zusammenzuschneiden …

In dieser Geschichte will ich versuchen, die betreffenden Szenen in eine logische Folge zu bringen und die Geschehnisse im Off (also außerhalb der sichtbaren Szenen auf der Leinwand) – wenn auch spekulativ – ans Licht zu bringen …

Kapitel 1

Erkenntnisse

 

Über ein Vierteljahr war seit dem Tod Balduins IV. und der Krönung Balduins V. vergangen. Balian hatte sich nach Ibelin zurückgezogen, um wieder zu sich selbst zu finden und damit fertig zu werden, dass er sich in Sibylla so geirrt hatte. Ihre Liebe hatte seine durch den Tod seiner Familie verwundete Seele geheilt, aber der Schmerz, den die Trennung von ihr verursachte, war deshalb nur umso schlimmer. Ihre Ablehnung seiner Gewissensentscheidung traf ihn tief. Doch so sehr es ihn schmerzte, dass die Frau, die er liebte, sich mit einem funktionierenden Gewissen nicht abfinden konnte, so froh war er, sein Gewissen nicht mit der Hinrichtung Guy de Lusignans belastet zu haben.

Dass sie verheiratet war, war sicher eine Schwierigkeit, aber er hätte damit leben können, dass sie vor Gott einem anderen gehörte. Nach allem, was er wusste, war diese Ehe alles Mögliche, aber gewiss nicht glücklich. Wenn es Sünde war, sie zu lieben, weil sie mit Guy de Lusignan verheiratet war, mochte das so sein. Außereheliche Verhältnisse waren Sünde, aber in Adelskreisen auch nicht gerade selten. Doch war es nicht eine viel größere Sünde gewesen, ihr den Mann einfach aufzuzwingen? Schon das war nicht das, was Balian als gerecht, angemessen und den Geboten entsprechend empfand, mochte es auch kein biblisches Gebot geben, das Zwangsehen ausdrücklich verbot. Natalie und er hatten einmal geheiratet, weil sie sich geliebt hatten, nicht weil ihre Eltern ihn speziell ausgesucht hatten. Gewiss, einen für die ärmlichen Verhältnisse des Dorfes eher wohlhabenden selbstständigen Schmiedemeister als Schwiegersohn zu haben, war nicht gerade ein Nachteil gewesen, aber deshalb hatten sie Natalie noch längst nicht genötigt, ihn zu ehelichen. Mit welchem Recht nahm sich eine Mutter eigentlich heraus, ihrer Tochter einen Mann auszusuchen? Balian hatte gehört, dass es in den Adelsfamilien dynastische Überlegungen gab, die es angeblich rechtfertigten, eine junge Frau zwangsweise mit einem jungen, zuweilen auch alten Mann zu verheiraten. Bei Guy konnte man da durchaus geteilter Meinung sein. Seine Familie war aus Poitou und dort der Familie Anjou-Plantagenet lehenspflichtig. Dass die Verheiratung mit einem Vasallen der eigenen Familie dynastische Vorteile brachte, war für Balian nicht recht ersichtlich.

Was ihn aber wirklich erschreckt hatte, war der Umstand, dass Sibylla Guy hätte töten lassen, um für ihn, Balian, frei zu sein – und das war nicht die Handlungsweise, die er als richtig empfand. Nein, das war eines Königreichs des Gewissens nicht würdig, erst recht nicht einer Frau, die es nach seiner Liebe verlangte! In Jerusalem hatte er so lange nichts zu suchen, wie dort eher Verhältnisse wie in Sodom und Gomorrha herrschten … Ibelin, dieses kleine Paradies westlich von Jerusalem, diese ideale kleine Welt, in der Christen, Juden und Muslime friedlich miteinander lebten, gab ihm Halt und eine sinnvolle Aufgabe.

Während Balian in Ibelin der ihm zugedachten Aufgabe nachging, hatte Guy de Lusignan noch zu Lebzeiten Balduins IV. in Jerusalem auf Rache gesonnen. Samira, Sibyllas Leibdienerin, hatte ihm nach der Rückkehr seiner Gemahlin nach Jerusalem getreulich berichtet, was sich in Ibelin zwischen seiner Angetrauten und dem neuen Baron des Lehens zugetragen hatte. Guy hatte vor Wut geschäumt, aber ihm war klar gewesen, dass er gegen Sibylla nichts unternehmen konnte. Die Schwester des Königs des Ehebruchs anzuklagen, war zwecklos gewesen. Niemand hätte das geglaubt, erst recht nicht der König selbst. Und nur er hatte über sie richten können. Balduins eigenwilliges Rechtssystem, in dem eine Verurteilung nur möglich war, wenn der Beschuldigte von sich aus seine Schuld vor dem König bekannte, hatte verhindert, dass Zeugenaussagen vor Gericht überhaupt Verwendung fanden. Diese Tatsache und die Verschwiegenheit geständiger Templer zu ihren Mittätern oder Auftraggebern hatte Guy selbst, Reynald und zahlreiche ordinierte Templer schon mehrfach vor dem Strick bewahrt. Die Templer, die in Jerusalem am Galgen gestorben waren, hatten in absolut treuer Erfüllung der Wahrheitspflicht des Rittereides auch in Todesgefahr dazu gestanden, Araber getötet zu haben – einer der Gründe, weshalb de Lusignan mindestens diese Zeile des Rittereides für sich persönlich gestrichen hatte und nicht gedachte, ihn in dieser Hinsicht jemals zu befolgen. Balduin hätte Sibylla und Balian schon in flagranti erwischen müssen, um von deren Ehebruch überzeugt zu sein.

Guy wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass Balduin Sibyllas Ehebruch schlichtweg nicht interessiert hätte; dass er durchaus damit einverstanden gewesen war, ihn als Gemahl seiner Schwester loszuwerden, weil er die Gefahr erkannt hatte, die Guy an der Seite der Regentin Sibylla darstellen würde.

Dafür hatte in de Lusignan die Ahnung gekeimt, dass Balduin sich der Schwäche seines Rechtssystems schon vor der Rückkehr seiner Schwester aus Ibelin bewusst geworden war. Der von Raymond von Tiberias initiierte Prozess gegen Guy de Lusignan und den seinerzeit abwesenden Reynald de Châtillon hatte dem todkranken König die Augen geöffnet und ihm verdeutlicht, dass sein Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit der Ritter in Bezug auf eigene Verfehlungen nicht ausreichte. Es gab zu viele, die diesen Teil des Rittereides entweder falsch verstanden oder ganz bewusst nicht auch auf eigene Verfehlungen beziehen wollten. Reynald hatte den Wandel des königlichen Rechtsempfindens als Erster zu spüren bekommen, als Balduin ihn ohne eigenes Geständnis seiner Taten in aller Öffentlichkeit nach Strich und Faden verprügelt hatte. Guy dämmerte, wie knapp er selbst dem Tod entgangen war – aber dass er gerade Balian von Ibelin sein Leben verdankte, ahnte er nicht im Geringsten.

Guy wurde nach Reynalds Verhaftung und dessen Warnung vor dem gefeierten Helden Balian eher bewusst, dass dieser Mann eine ungeheure Gefahr darstellte, solange er lebte – und zwar unabhängig davon, ob von Ibelin sich selbst als de Lusignans Gegner betrachtete oder nicht. Solange Sibylla in Balian eine Alternative zu ihrem Gemahl sah, bestand die Gefahr, dass die Prinzessin eine Möglichkeit fand, sich ihres ungeliebten Gatten zu entledigen, um ihn durch Balian zu ersetzen. Der Umstand, dass Godfreys Sohn seit einem Vierteljahr nicht mehr in Jerusalem gewesen war und dass Sibylla ihn nicht mehr gesehen hatte, beruhigte Guy keineswegs. Seine Gemahlin war launisch, das wusste er nur zu gut.

Wenn Balian und Sibylla sich im Streit getrennt hatten, wie er durch Samira erfahren hatte, musste es nicht dabei bleiben. Seine Gemahlin war eine geschickte Diplomatin. Guy war dies bekannt geworden, als der Patriarch ihm von ihren Briefen an Saladin berichtet hatte. Wenn sie Balian zurückgewinnen wollte, würde sie mit ihrer Diplomatie schon Mittel und Wege finden, ihn aus seinem Schmollwinkel Ibelin in ihr Bett nach Jerusalem zurück zu locken … Der Mann war ein Bastard, aber immer noch ein Mann – und Sibylla eine Frau, die genau wusste, wie sie Männern den Kopf verdrehen konnte. Guy war als Diplomat ebenso gut geeignet wie Saladin als Papst, das war ihm bewusst. Er brauchte weibliche Hilfe, um den Bastard in eine tödliche Falle zu locken. Samira würde ihm schon helfen, einen Brief zu schreiben, der Balian in die Arme seiner Templergarde treiben würde …

 

Kapitel 2

Einladungen

Balian tat inzwischen das, was der König ihm bei der Bestätigung als Godfreys Erbe aufgetragen hatte: Die Pilgerstraße bewachen, die Pilger schützen und sich darüber hinaus um sein Gut kümmern, das nun auch diese Bezeichnung verdiente. Ibelin grünte und blühte wie nie zuvor. Die Menschen waren froh und glücklich, einen Herrn zu haben, der sich um sie kümmerte und für sie da war. Die Wasserversorgung funktionierte gut, die Felder wurden im rechten Maß bewässert, es gab sauberes Wasser zum Trinken – und zum Waschen reichte es auch.

Nur einmal hatte Balian laut werden müssen. Kurz nach seiner Rückkehr nach Ibelin hatten einige Frauen des Dorfes einen extra als Tränke angelegten Teich als Waschplatz missbraucht und waren von Balian dabei erwischt worden. Der Baron hatte die Angelegenheit pragmatisch gelöst: Wer einen Schaden anrichtete, der machte ihn auch wieder gut. Also hatte er die Frauen dazu verpflichtet, das verschmutzte Wasser höchstselbst aus dem Teich zu entfernen, es zum Waschteich zu tragen, der mit Absicht in einiger Entfernung zu den bestellten Feldern angelegt war, und danach sauberes Wasser aus der Quelle in den Tränkteich zu leiten. Das reichte, um sie zu lehren, dass Wasser in dieser Gegend zuallererst zum Trinken da war – für Menschen, Tiere und Pflanzen. Danach war er sicher, dass solche Ausrutscher nie wieder passieren würden. Nebenbei hatte er noch eindrucksvoll bewiesen, dass der Glaube der Untertanen in Ibelin für die Urteilsfindung des Barons nicht maßgeblich war. Unter den so bestraften Frauen waren Christinnen, Jüdinnen und Muslimas. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass ein Waschplatz außerhalb des Dorfes wohl unglücklich war, weil es eben Frauen gab, die ganz am anderen Ende von Ibelin wohnten und mit der Wäsche quer durch das Dorf laufen mussten. Er legte deshalb mit den Dörflern auch an den anderen drei Enden des Dorfes jeweils einen Waschplatz an.

Schließlich, nachdem Balian ein volles Vierteljahr nicht mehr in Jerusalem gewesen war, erreichte ihn eine Einladung des Grafen Raymond von Tiberias, der ihn zu einem Besuch in seinem Privathaus in Tiberias am See Genezareth, auch See von Tiberias genannt, einlud. Balian lächelte. Raymond von Tiberias war sein Freund, wie er schon der Freund seines Vaters gewesen war. Er sah es als Ehre an, vom Konstabler des Reiches privat eingeladen zu werden – und auf diese Weise den Hinweis zu bekommen, dass Raymond ihm wegen seiner Ablehnung des Planes, Guy de Lusignan durch den Henker beseitigen zu lassen, nicht oder jedenfalls nicht mehr böse war …

Während er die Reise nach Tiberias vorbereitete, erreichte ihn eine Einladung von Imad ad-Din, Saladins Heerführer. Nicht weit hinter der Grenze zwischen christlich beherrschtem Gebiet und dem Teil des Landes, den die Sarazenen kontrollierten, hatte Imad in Gadara ein Anwesen, auf das er Balian einlud. Das passte mit Raymonds Einladung gut zusammen. Er konnte, wenn der Besuch beim Grafen von Tiberias beendet war, gleich nach Gadara weiterreiten und dann von dort nach Hause zurück.

Noch einen Tag darauf brachte ein Bote aus Jerusalem eine Botschaft, die er nur Balian ganz persönlich geben wollte. Der Baron nahm die Botschaft entgegen.

„Wollt Ihr auf Antwort warten?“, fragte er den Boten im Jerusalemrock.

„Ja, Mylord“, erwiderte der junge Mann. Balian wies Latif an, den Boten angemessen unterzubringen und zog sich dann in sein Arbeitszimmer zurück, um zu sehen, was es so dringendes aus Jerusalem gab. War etwas mit dem jungen König Balduin?

Balians Überraschung war groß, als er die Botschaft als geheimen Brief Sibyllas erkannte.

Liebster Balian,

du fehlst mir so! Unser Streit tut mir Leid. Bitte verzeih mir.

Wenn Du mir verzeihst, dann bitte ich Dich, nach Norden zu reiten. An der Straße zwischen Kanaan und Tiberias ist eine alte Karawanserei. Ich möchte Dich dort treffen. Ich werde beim nächsten Vollmond dort sein.

Allein.

Wenn Du kommst, sei bitte vorsichtig. Guy weiß von uns. Er darf auf keinen Fall erfahren, dass Du dort bist. Erzähle deshalb niemandem etwas davon, auch nicht Raymond von Tiberias oder Bruder Jean.

In Liebe

Sibylla

 

Balian runzelte leicht die Stirn. Er hatte nicht erwartet, dass die stolze Prinzessin solche Verzeihung heischenden Worte finden würde. Er hatte eher angenommen, Sibylla würde sich im Recht wähnen und den ersten Schritt von seiner Seite erwarten. Ein Teil in ihm war jetzt sofort bereit, alles stehen und liegen zu lassen, um sie zu einem versöhnlichen Gespräch zu treffen, ein anderer Teil warnte ihn, dass sie ihn vielleicht doch nur als zu erobernde Beute betrachtete und es einfach nur nicht ertrug, dass er in ihrer Anwesenheit nicht zum winselnden Stiefellecker wurde. Ein dritter Teil in ihm wies die anderen beiden zurecht; den einen für seine willenlose Verliebtheit, den anderen für seine giftigen Vorurteile und empfahl ihm, ihr die Chance zu geben, ihren königlichen Stolz beiseite zu schieben – aber in angemessener Frist. Es war gerade Neumond. Vollmond würde erst in zwei Wochen sein.

Dann sah er auf die Einladung von Imad. Wenn er sich in den nächsten beiden Tagen auf den Weg machte, konnte er zuerst zu Raymond von Tiberias reisen, dort eine Weile bleiben und dann Imad besuchen, ebenfalls einige Tage bleiben und dann auf dem Rückweg Sibylla in der Karawanserei an der Straße nach Kanaan treffen.

Ob sie allein eher nach Kanaan findet als in Begleitung der Turkopolen?‘, fragte er sich mit einem amüsierten Schmunzeln, als er daran dachte, dass sie bei ihrem Besuch in Ibelin behauptet hatte, sie sei auf dem Weg nach Kanaan …

Die Einladung von Sibylla, die ihm allein galt und die geheim bleiben sollte, machte allerdings Balians Absicht zunichte, mit wenigstens zehn seiner Männer zu reisen. Also gab er diesen Teil seiner Reiseplanung auf und entschloss sich, seine Besuche allein und unauffällig zu machen.

 

Kapitel 3

Tiberias

Balian erklärte Almaric, er habe persönliche Einladungen nach Tiberias zu Graf Raymond und nach Gadara zu Imad bekommen, beauftragte seinen ersten Mann, die Pilgerstraße zu schützen, darauf Acht zu geben, dass das Wasser ordnungsgemäß verteilt wurde und ritt allein fort.

Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, auf dem Weg nach Tiberias in Nablus vorbeizuschauen, wo sein Großonkel Balian residierte. Doch sein Onkel war samt seiner Gemahlin abwesend.

Shukran, Shadiq“, sagte Balian, als der Rais* ihm unaufgefordert Wasser reichte. „Richte dem Baron Balian bitte aus, dass sein Neffe Balian, Godfreys Sohn, hier gewesen sei.“

Der Rais verbeugte sich diensteifrig.

„Das werde ich, Sidi. As-Salam ‘alaykum.

U ‘alaykum as-Salam“, erwiderte Balian und ritt weiter. Der Rais sah ihm nach.

„Allah sei mit ihm. Es ist gefährlich, dass er ganz allein unterwegs ist …“, murmelte der Rais, als Balian hinter einer Biegung der Straße in Richtung Osten verschwand.

Der Baron beeilte sich, in Richtung Nordosten nach Tiberias weiterzukommen, das er am Nachmittag des folgenden Tages erreichte. Raymond von Tiberias empfing Balian freudig und mit fester Umarmung, fast wie ein Vater den lange vermissten Sohn.

„Willkommen in Tiberias, Balian!“

„Ich danke Euch, Graf Tiberias“, antwortete Balian zurückhaltend. Raymond nahm den jungen Mann an der Schulter und führte ihn ins Haus.

„Yasmina! Wir haben Besuch!“, rief der Statthalter. Aus dem großen Wohnraum kam eine elegante ältere Dame, die nicht weniger kostbar gekleidet war, als Sibylla es zu tun pflegte. Sie lächelte Balian freundlich an.

„Ihr müsst Godfreys Sohn sein! Seid uns willkommen, Balian!“, sagte sie. Er verbeugte sich höflich, aber leicht. Yasmina schmunzelte.

„So ist es recht, junger Mann. Ihr seid höflich, aber Ihr buckelt nicht. Das gefällt mir.“

„Euer Gemahl hat mir gute Ratschläge gegeben, wie ich mich als Ritter und Baron zu benehmen habe. Ich bemühe mich, ihnen zu folgen“, erwiderte er mit sanftem Lächeln.

„Komm herein! Hast du schon gespeist?“, lud Raymond ein.

„Nein“

Yasmina klatschte in die Hände. Ein Diener erschien, der Balian auf Arabisch Wasser zum Händewaschen und einen Kelch Wasser anbot.

Shukran, Shadiq“, dankte Balian, wusch sich die Hände, nahm den Kelch und trank mit einer leichten Verbeugung zum servierenden Diener und seinen Gastgebern. Yasmina bedeutete dem Diener auf Arabisch, dass er die Speisen auftragen könne.

„Du hast inzwischen Arabisch gelernt?“

Tiberias’ Frage war mehr Feststellung.

„Ja“

„Da wäre noch etwas, Balian …“, setzte Raymond an. Balian sah den älteren Ritter aufmerksam an.

„Du bist der Sohn meines Freundes. Es wäre mir lieb, wenn du mich ebenfalls duzen würdest. Das gilt auch für Yasmina“, bot Raymond an.

„Gern“, erwiderte der junge Mann knapp. „Wenn Ihr mir auch die Ehre erweisen wollt, mich zu duzen, edle Yasmina?“

„Gern“, lächelte Raymonds Frau.

Sie setzten sich zum Essen, Raymond sprach auf Arabisch ein Tischgebet und lud seinen Gast ein, den ersten Bissen vom Teller zu nehmen.

„Danke“, sagte er und griff zu.

„Du warst lange nicht in Jerusalem“, bemerkte Raymond. Balian brach sich ein Stück Brot ab, verdünnte sich den Wein mit Wasser, bevor er davon trank.

„Nein“, sagte er einsilbig.

„Und warum nicht?“, forschte Tiberias weiter.

„Ich habe dort so lange nichts zu suchen, wie Jerusalem eher Sodom und Gomorrha gleicht“, versetzte der junge Baron.

„Dann wirst du Jerusalem bis zum Jüngsten Tag nicht sehen“, seufzte Yasmina.

„Dann ist es so“, bestätigte Balian knapp. Raymond schüttelte den Kopf.

„Jerusalem braucht Ritter wie dich“, entgegnete er.

„Als ich es ablehnte, Guy meinetwegen hängen zu lassen, hast du mir gesagt, Jerusalem brauche keinen vollkommenen Ritter“, erinnerte Balian. Raymond nickte.

„Stimmt. Aber ich gebe zu, dass ich mich geirrt habe“, erwiderte er. Balian sah ihn verblüfft an. Raymond war schon der zweite, der einen Rückzug von der früheren Kritik wegen seiner Gewissenentscheidung machte … Raymond von Tiberias rang sich ein Lächeln ab.

„Zur ritterlichen Wahrheitspflicht gehört es nicht nur, anderen unangenehme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen, sondern auch, vor sich selbst ehrlich zu sein“, sagte er. Balian schüttelte den Kopf.

„Was soll ich dort?“, fragte er. „Sibylla ist mir böse, weil sie nicht verstehen kann, dass ich nicht gegen mein Gewissen handeln kann“, sagte Balian und bekam gleich ein schlechtes Gewissen, dass er so log. Aber er wollte sie erst sehen und dann mit Raymond darüber reden, wenn es nötig war.

„Sie braucht dich, Balian!“, beschwor Tiberias den jungen Freund. „Ich weiß, dass sie an Saladin einen Brief geschrieben hat, in dem sie zusichert, dass der Handel so weitergeht wie bisher, dass der Frieden ihres Bruders bewahrt werden soll“, fuhr Raymond fort. „Sie ist willens, zu erfüllen, was du verlangst. Sei nicht bockig und komm zurück nach Jerusalem! Die Menschen dort brauchen dich und deinen guten Einfluss auf die Königinmutter. Balduin braucht dich. Er ist schüchtern und benötigt jemanden, der ihm Vater sein kann.“

Wenn Balian bis jetzt auch nur noch geringe Zweifel hatte, dass Sibylla ihn wirklich sehen wollte, waren sie jetzt verflogen wie Nebel im Sturm. Er vermied es jedoch, sich ihre Einladung anmerken zu lassen.

„Und Guy?“, erkundigte er sich. Yasmina und Raymond sahen sich verblüfft an.

„Wieso fragst du ständig nach Guy?“, hakte der Graf nach.

„Sibylla hat mir gesagt, dass Guy nicht ihre Wahl war. Aber dennoch ist er ihr Gemahl. Wie würdest du reagieren, wenn sich jemand an Yasmina heranmacht, Raymond?“

Graf Tiberias lachte laut auf.

„Erstens hast du dich nicht an Sibylla gemacht, sondern sie sich an dich. Zweitens haben Yasmina und ich aus Liebe geheiratet, was bei dir und Sibylla auch der Fall wäre. Drittens: Balduin fürchtet Guy eher, weil der ihn überfordert. Guy käme nicht auf die Idee, ihm ein Spielzeug zu reparieren, wie du es ohne zu fragen getan hast. Du und der kleine König, ihr versteht euch ohne Worte. Er hat mir anvertraut, dass er dich gern näher kennen lernen möchte. Du hast die Liebe der Königinmutter und das Interesse des Königs. Balian, wenn es eine Möglichkeit gibt, dass du deine Vorstellungen von einem Königreich des Gewissens verwirklichen kannst, dann ist es jetzt!“, beharrte Raymond.

„Ja, aber das beantwortet meine Frage nach Guy nicht“, erwiderte Balian ebenso beharrlich. „Sibyllas Liebe zu mir beleidigt ihn tief.“

„Ja, das ist wahr“, räumte Raymond ein. „Aber deine Erkenntnis sollte sein, dass Ehen aus Liebe die besseren Ehen sind.“

„Diese Erkenntnis habe ich, Raymond; aber es bleibt für mich Unrecht, die Ehe zu brechen. Guy wird das nicht dulden, will er nicht das Gesicht verlieren. Nach allem, was ich hier gelernt habe, gibt es nichts Schlimmeres im Orient, als das Gesicht zu verlieren.“

„Balduin und ich haben dir gesagt, was mit Guy geschehen würde“, warf Raymond ein und nahm sich noch vom Huhn. Sein Gast griff ebenfalls zu.

„Raymond, wenn ihr Guy nicht eines todeswürdigen Verbrechens überführen könnt, ist es ein Verbrechen, ihn zu töten!“, versetzte er eisig. „Das ist Sünde, und da mache ich nicht mit!“

Raymond wollte etwas entgegnen, aber Yasmina bremste ihn, indem sie ihm sanft eine Hand auf den Arm legte.

„Er hat Recht, Raymond. Gibt es denn nichts, was Guy zu beweisen wäre, das ihn an den Galgen brächte?“, fragte sie.

„Nein, denn im Gegensatz zu Balian nimmt er den Rittereid nicht ernst, jedenfalls nicht, was unangenehme Wahrheiten zur eigenen Person und zu den eigenen Taten betrifft! Er würde nie eingestehen, an den Überfällen der Templer beteiligt gewesen zu sein, und kein Templer würde einen Ordensbruder oder einen Gönner wie Guy de Lusignan oder Reynald de Châtillon verraten“, erwiderte Raymond bitter. „Untreue gegenüber Balian als Heerführer Jerusalems wäre die einzige Möglichkeit gewesen, ihm beizukommen. Jeder weiß, was für ein Lump Guy de Lusignan ist, aber das genügt nicht. Ich bräuchte die Aussagen unbeteiligter Augenzeugen, dass er persönlich an einem Überfall auf friedliche Karawanen beteiligt war. Alles, was nur indirekt auf ihn hinweist oder von Zeugen präsentiert wird, die selbst in der Karawane gereist sind, reicht nach unseren Gesetzen nicht aus, um ihn zu verurteilen! Daran ist der Prozess gegen Guy doch schon gescheitert, den ich gegen ihn vor König Balduin geführt habe!“

„Bis jetzt schien es mir, als genügte ein bloßer Verdacht, um einen Menschen in die Hölle zu verdammen“, bemerkte Balian.

„Bei einfachen Menschen ist das auch oft so, weil sie nicht frech genug sind, um zu lügen“, seufzte Raymond. „Ich möchte dir noch etwas sagen, Balian. Denk darüber nach. Du hast Guy mit deiner Weigerung, dich als Grund für seine Hinrichtung herzugeben, das Leben gerettet. Er wird es dir nicht danken. Ich habe es früher getan, weil ich ebenso gedacht habe wie du. Guy hat mich dafür verspottet. Er hält Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und ein funktionierendes Gewissen für Schwäche und christliche Nächstenliebe für Dummheit.“

„Das soll er mir ins Gesicht sagen!“, versetzte Balian.

„Du bist verwirrt und weißt nicht mehr, was und wem du glauben sollst, Balian. Ich verstehe das“, schaltete sich Yasmina ein. „Doch glaub’ mir eins: Raymond würde dir niemals die Unwahrheit sagen, denn er nimmt den Rittereid ebenso ernst wie du, Balian.“

„Dann frage ich, wieso mir von den Schwierigkeiten, Guy etwas zu beweisen, nicht früher etwas gesagt worden ist. Yasmina, ich erfahre nur häppchenweise, was ich wissen müsste, um ein würdiger Erbe meines Vaters zu sein“, entgegnete Balian bitter.

„Weißt du, es ist besser, wenn du nicht alles über deinen Vater weißt. Jeder Mensch hat seine Fehler …“

„Danke, das genügt! Ich weiß, dass ich ein Fehler bin!“, grollte der junge Mann. Yasmina lächelte sanft.

„Nein, das bist du nicht, mein Junge. Ja, du bist unehelich geboren, aber dein Vater hat deine Mutter geliebt. Doch als Zweitgeborener hatte er nichts zu erben. Es war seine Absicht, euch beide nachzuholen, wenn er sich hier durchgesetzt hatte“, erklärte sie.

„Bei Vater klang das etwas anders, Yasmina. Er sagte mir, dass er meinen Ziehvater kannte und dass Mutter keine Wahl hatte, weil er der Bruder des Fürsten war.“

„Dein Vater war ein absolut ehrlicher Mann. Er hat dir die Wahrheit gesagt, gewiss. Aber er hat später festgestellt, dass er deine Mutter liebte.“

„Und wie hätte er sie ehelichen sollen? Hätte er meinen Ziehvater des Diebstahls oder gleich des Mordes bezichtigen sollen?“

Yasmina schüttelte den Kopf.

„Nein, genau das hätte dein Vater ganz gewiss nicht getan!“, erwiderte sie. „Dein Vater hatte ein Gewissen, Balian. Es funktionierte ebenso gut wie deines. Er wäre niemals auf die Idee gekommen, einen legitimen Ehemann von seiner Frau zu trennen, wie es einst König David tat“, erklärte sie in Anspielung darauf, dass König David die Gemahlin seines Feldherrn Uriah begehrt hatte und ihn im Krieg dort hatte einsetzen lassen, wo die Gefahr am größten war, damit er fallen sollte. Uriah war tatsächlich im Kampf getötet worden, und für David war der Weg zu Uriahs Frau Batseba frei gewesen.

„Dein Vater hat dich offiziell als seinen Sohn und Erben anerkannt, Balian. Hier im Osten gilt, dass jeder das ist, was er aus sich machen kann – und nicht das, wozu er vielleicht geboren ist“, erklärte Raymond.

Balian nickte.

„Gut, dann ist mir auch klar, weshalb er sechsundzwanzig Jahre brauchte, bis er nach Frankreich kam, um mich zu holen“, seufzte er. Raymond lächelte.

„Er ist durchaus früher darauf gekommen. Aber er war Balduins Lehrer, einer seiner engsten Berater. Ich weiß, dass er seit Jahren nach Frankreich wollte, um euch zu holen. Er hatte erfahren, dass dein Ziehvater tot war und wollte dir und deiner Mutter den euch zustehenden Platz an seiner Seite geben“, sagte der Graf. Balian zog zweifelnd die Augenbrauen hoch.

„Ist das so? Eigentlich hat er mir bei unserer ersten Begegnung in meiner Schmiede nicht direkt ins Gesicht gesagt, dass er mein Vater ist. Er hat das sehr umständlich ausgedrückt und wollte mir zunächst hier ein Auskommen geben, wie er sagte. Das klingt für mich zunächst mal wie eine Anstellung, vielleicht als sein Hufschmied, aber nicht nach dem Platz eines adligen Sohnes.“

Das Lächeln des alten Grafen verstärkte sich.

„Ja, ich weiß. Er hat es mir geschrieben. Es war seine Art, dich zu prüfen. Deine Ablehnung hat ihm gezeigt, dass du nicht käuflich bist. Aber er hat mir auch geschrieben, dass du eigentlich gar nichts gesagt hast und für ihn fast nicht zu durchschauen warst. Balian, er hat dich geliebt. Die kurze Zeit, die ihr miteinander verbracht habt, war für ihn die schönste seines Lebens – obwohl es ihm nach der schweren Verwundung täglich schlechter ging. Er wollte unbedingt hierher zurückkehren und dir dein Erbe selbst übertragen. Er wollte so gern in Ibelin begraben sein.“

„Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich ihn herholen und ihm diesen Wunsch erfüllen“, versprach Balian. Raymonds Schmunzeln machte ihn stutzig.

„Was?“, fragte er.

„Du hast eben gerade deinen Vater zitiert. Eben diese Worte sprach er, als er sich vornahm, dich und deine Mutter herzuholen – nur sprach er nicht von einem zu erfüllenden Wunsch.“

Balian lächelte verlegen.

„Ich bin ihm wohl ähnlicher, als ich es selbst glaube. Das gilt auch für ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau. Ist … ist es wahr, dass er mit Guys Mutter ein Verhältnis hatte?“

Raymond grinste.

„Ja, allerdings. Aber sei sicher: Guy ist nicht dein Bruder. Der Lump war schon geboren, als dein Vater mit de Lusignans Frau anbandelte“, erwiderte er.

„Gut, ich sehe das Problem. Lass mich noch einmal darüber nachdenken, wenn ich wieder in Ibelin bin“, sagte Balian nach einer Weile. Raymond von Tiberias sah ein, dass er Balian so nicht überreden konnte, sich als Grund für Guys Tod herzugeben.

„Gut. Aber lass dir nicht zu viel Zeit. Sonst zettelt Guy einen Krieg mit Saladin an. Einen solchen Krieg können wir nicht gewinnen. Wenn er den jungen König dazu bringt, Reynald freizulassen, ist es um Jerusalem geschehen“, warnte er.

Am folgenden Tag verabschiedete sich Balian und ritt nach Gadara zu Imad weiter. Als am Nachmittag dieses Tages nach Südosten ritt, winkten ihm Raymond und Yasmina nach, solange sie ihn sehen konnten.

„Wieso hast du es ihm nicht gesagt?“, fragte Yasmina, als Balian schließlich außer Sicht war.

„Was?“, fragte Raymond.

„Dass Balduin wie sein Onkel Lepra hat?“, hakte seine Frau nach. Raymond schüttelte den Kopf.

„Nein, das sollte er besser von Sibylla erfahren. Sie ist Balduins Mutter. Sie ist die Einzige, die das Recht hat, die Vasallen Jerusalems darüber zu unterrichten, dass der König schwer krank ist“, sagte er. „Und wenn gegenüber Balian nicht als Regentin des Reiches und Mutter des Königs, dann als die Frau, die ihn liebt und die Balian gern als neuen Stiefvater für ihren Sohn hätte.“

 

 

Kapitel 4

Gadara

 

Am Abend desselben Tages erreichte Balian die neue Siedlung der antiken Stadt Gadara. Eine halbe Meile vor der antiken Stadt war die neue Siedlung entstanden, in der auch das Haus seines Freundes Imad stand. Saladins Reitereigeneral empfing ihn freundlich.

As-Salam ‘alaykum, Shadiq!“, begrüßte er den Christen.

U ‘alaykum as-Salam“, erwiderte Balian und stieg vom Pferd, das Imad skeptisch in Augenschein nahm.

„Balian, wo ist der schöne Rappe, den du letztes Mal geritten hast?“, fragte Imad.

„Letztes Mal? Das letzte Mal, dass wir uns sahen, war der Kampf um Kerak, mein Freund. Der Rappe hat die Schlacht nicht überlebt. Einer deiner Männer stach nach mir, erwischte aber mein Pferd“, erwiderte der christliche Baron. Der Araber nahm zur Kenntnis, dass Balians Antwort ohne jeden Vorwurf war. Er schüttelte lächelnd den Kopf,

„Du erstaunst mich immer wieder, mein Freund“, sagte er. Jetzt war es Balian, der ihn verwirrt ansah.

„Wieso?“

„Du … bist anders als die Christen, die sonst neu in dieses Land kommen. Tritt ein, Balian ibn Barzin!“, sagte Imad und bat ihn mit freundlichem Schulterklopfen in sein Atrium.

„Was heißt das?“, erkundigte sich der christliche Baron. Als Imad seinen Gast nun wiederum verwirrt anblickte, wurde Balian klar, dass sein Gastgeber die Frage nicht erwartet hatte.

„Vergib mir, aber mein Arabisch ist noch nicht so gut, wie ich es möchte“, setzte Balian hinzu.

Imad lachte laut auf und führte ihn weiter durch das Haus. Bedienstete boten dem Gast Trank und Wasser zum Händewaschen dar. In diesem Moment dankte Balian im Geiste seinen arabischen Haushofmeistern Latif und Yussuf, die ihn auf diese Sitte aufmerksam gemacht hatten. Mit einem freundlichen Lächeln dankte er für den dargereichten Kelch, wusch sich aber zunächst die Hände, was Imad beinahe mehr überraschte als Balians Kenntnis des Brauches überhaupt.

„Ich habe in Jerusalem und Ibelin arabische Verwalter“, erklärte Balian, als er Imads verblüfften Blick bemerkte und den Grund dafür ahnte.

„Und was heißt nun ibn Barzin?“, hakte er dann nach.

„Ihr Franken nennt euch meist nach einem Ort – so wie du nach Ibelin. Wir Muslime ziehen eine familiäre Benennung vor und nennen uns nach dem Vater oder einem Stammvater. Barzin ist die arabische Variante des Frankennamens Barisan. Der Stammvater der Barone von Ibelin, den ihr Balian den Alten nennt, hieß zunächst Barisan. Daraus wurde schnell Balian. Wir nennen alle Männer, die zur Familie Ibelin gehören, ibn Barzin – Sohn des Barisan“, antwortete Imad. Balian nahm nickend zur Kenntnis, dass selbst Sarazenen immer noch mehr über seine Familie wussten als er selbst. Zwischenzeitlich hatte er durch Raymond, Jean, Almaric und Sibylla viel erfahren, aber vieles davon eher beiläufig, weniger als gezielte Information.

Imad klatschte in die Hände. Diener erschienen und verbeugten sich ehrerbietig vor ihrem Herrn.

„Du hast eine weite Reise hinter dir, mein Freund. Bade und ruhe dich aus“, lud Imad ein. Balian dankte mit freundlichem Lächeln. Der sarazenische Feldherr überließ den Gast seinen zuverlässigen Dienern.

Balian genoss das Bad, wusch sich gründlich und trocknete sich schließlich selbst ab, wehrte die dafür angebotene Hilfe durch die Diener höflich, aber bestimmt ab und ließ sich lediglich in die kostbare Seidentunika helfen, die seinen ebenso schlanken wie muskulösen Körper sanft umschmiegte und seine schlanke Statur höchst vorteilhaft betonte.

Imad nahm mit einiger Überraschung die Bemerkung seiner Diener zur Kenntnis, dass Balian sich nur ungern bedienen ließ. Dass christliche Fürsten selbst kämpften, war normal. Es hätte als unschicklich und feige gegolten, den Kampf ausschließlich Untergebenen zu überlassen. Balduin von Jerusalem hatte trotz seiner Krankheit seine Schlachten selbst geschlagen, wie Saladin es auch tat. Der jetzige König Balduin war noch zu jung, noch ein Kind; aber dass sein Vormund Guy de Lusignan selbst kämpfte, wusste man in sarazenischen Kreisen durchaus. Doch dass ein christlicher Baron – immerhin ein Adliger – sich beim Bad nicht bedienen ließ, sondern sich höchstselbst abseifte (und das auch noch richtig gründlich!) und sich obendrein auch noch selbst abtrocknete, löste nicht nur bei Imad Erstaunen aus.

Seine Spione in Ibelin und Jerusalem hatten Imad schon berichtet, dass der junge Baron von Ibelin der Mutter des kleinen Königs ausgesprochen nahe war. Das Liebesverhältnis zwischen diesen beiden jungen Menschen sah auch Saladin als Hoffnungsschimmer an. Zwar hatte Saladin die Rückeroberung Jerusalems versprochen; die Fanatiker unter den Mullahs drangen immer heftiger darauf. Aber wenn es einen König in Jerusalem gab, der willens war, die Templer aus der Al-Aqsa-Moschee zu vertreiben und diese Moschee sowie den Felsendom an die muslimische Gemeinde zurückgab, war Frieden für beide Seiten in greifbare Nähe gerückt. Wenn der tolerante Balian im Königshaus an maßgeblicher Stelle war – vorzugsweise als anerkannter Gefährte der Königinmutter und Erzieher des kleinen Königs – dann war dies so gut wie sicher. Imad wollte den Besuch seines christlichen Freundes nutzen, um diese Möglichkeit auszuloten.

Doch so freundlich wie der Besuch Balians war: Aus dem jungen Baron war nichts herauszubringen, was das Verhältnis zur Königinmutter Sibylla betraf. Imad konnte ihn auch nicht direkt danach fragen, ohne Yussuf und Latif als seine Spione bloßzustellen. Beide waren dem Baron von Ibelin ergebene Diener, aber sie waren auch Muslime und Diener des Sultans Saladin. Durch sie war Imad unterrichtet, was für ein angenehmer und freundlicher Herr der neue Baron von Ibelin war. Er hatte – durch seiner eigenen Hände harte Arbeit – mit den anderen Dorfbewohnern von Ibelin für Wasser gesorgt, die es bisher als gottgegeben hingenommen hatten, dass Allah es selten regnen ließ und dass Ibelin keine eigene Wasserquelle hatte. Alle Bewohner des Dorfes – Christen, Juden und Muslime – betrachteten den jungen Herrn als ein Geschenk des Allmächtigen, der ihnen zu Wasser und Wohlstand verhalf. Ibelin ging es gut, seit es Balians Lehen war. Dass kein Muslim dort und im Jerusalemer Haushalt des jungen Barons den Wunsch nach einem Wechsel des Hausherrn verspürte, rechneten Imad und Saladin allein der Person Balians zu. Und dass er im Gegensatz zu anderen Männern von seiner überaus wertvollen Liebschaft kein Wort erzählte, überzeugte Imad von zweierlei: Erstens, dass er ein Ehrenmann war, der eine Frau nie bloßstellen würde und zweitens, dass es ihm mit Sibylla ernst war. Beides empfahl ihn als künftigen Verhandlungspartner, der ebenso verschwiegen wie grundzuverlässig war.

„Imad, etwas interessiert mich“, sagte Balian, als der General eines Abends nach dem Mahl sein Schachspiel hervorholte und aufbaute, um mit seinem Gast eine Partie Schach zu spielen.

„Und was, mein Freund?“

„Wie ist Jerusalem einmal muslimisch geworden?“

Imad sah den Christen verblüfft an.

„Was?“

„Wie ist Jerusalem muslimisch geworden?“, wiederholte Balian. Imad schluckte und musste tatsächlich darüber nachdenken.

„Nun“, sagte er schließlich, „Allah hat bestimmt, dass wir es bekommen sollten.“

„Und … wie hat er das geäußert?“, hakte Balian nach.

„Er hat zugelassen, dass wir Jerusalem eroberten“, erwiderte Imad. Balian nickte.

„Erobert …“, wiederholte er bedächtig. „Wie lange ist das her?“

„Oh, das ist vor über fünfhundert Jahren geschehen.“

„Und wem gehörte Jerusalem bis dahin?“

Imad behielt den weißen Springer in der Hand.

„Jerusalem hatte viele Herren. Nach dem heiligen Buch der Juden wurde die Stadt von König David vor über zweitausend Jahren gegründet. Später waren Griechen und dann die Römer die Herren Palästinas. Die Römer wurden von den Byzantinern abgelöst und dann kamen wir.“

„Dann war Jerusalem also gut dreihundert Jahre christlich, bevor ihr kamt.“

„Ja“

„Und jetzt ist es fast hundert Jahre wieder christlich“, stellte Balian fest.

„Ja …“, räumte Imad zögernd ein.

„Dann soll es so sein“, resümierte Balian.

„Nun, vielleicht will Allah, dass es wieder muslimisch wird“, schmunzelte Imad.

„Woraus schließt du das?“, fragte Balian.

„Euer König Balduin ist tot. Er starb jung und hatte Lepra. Es ist Allahs Rache gewesen, die ihn umbrachte. Dein junger König ist nicht mündig und kann sein Reich nicht kontrollieren. Er wird das Reich nicht halten können. Allahs Rache wird auch ihn treffen.“

„Rache? Für was?“

„Dafür, dass ihr uns Jerusalem weggenommen habt.“

„Dann ist Allah ein seltsamer Gott“, bemerkte Balian. Imad war kurz davor, aufzubrausen, aber er beherrschte sich rechtzeitig.

„Und … wie kommst du darauf?“, fragte er stattdessen.

„Menschen haben kein langes Leben. Keiner der beiden Könige, die ich hier kennen gelernt habe, hat Jerusalem den Muslimen weggenommen – weder Balduin IV. noch Balduin V. Heute lebt kein Mensch mehr, der daran beteiligt war, dass Jerusalem für euch verloren ging. Ist Allah ein so grausamer Gott, dass er sich an Unschuldigen vergreift?“

„Allah ist nicht grausam, er ist gerecht“, entgegnete Imad.

„Und wieso rächt er sich dann an Unschuldigen? Wieso hat er zugelassen, dass wir Jerusalem erobern konnten?“

„Das weiß er allein …“, bemerkte Imad.

„Imad, ist dir je der Gedanke gekommen, dass es Allah – oder Gott, wie wir ihn in meiner Sprache nennen – vielleicht gleich sein könnte, wer in Jerusalem regiert, sofern er nur zulässt, dass alle dort beten können, die diese Stadt für heilig halten?“

Imad sah den Baron eine Weile an.

„Du bist wirklich anders als alle anderen Franken …“, sagte er schließlich.

„Wieso?“

„Du bist nicht wegen des Glaubens hier“, stellte der Araber fest. Balian schüttelte leicht den Kopf.

„Nicht mehr.“

„Nicht mehr?“, wunderte sich Imad. Balian nickte schweigend.

„Dann bist du doch wegen des Glaubens gekommen.“

Wieder schweigendes Nicken.

„Und weshalb jetzt nicht mehr?“, fragte Imad weiter.

„Gott spricht nicht zu mir, nicht einmal in Jerusalem. Er kennt mich nicht, er liebt mich nicht. Gott hat mich verlassen. Nein, wegen des Glaubens bin ich nicht hier.“

„Und weshalb dann?“, fragte Imad.

„Weil ich dieses Land liebe, Imad – und seine Menschen, ob sie den Weltenschöpfer Gott, Jahwe oder Allah nennen.“

„Ich … habe gehört, dass es in Ibelin keine Rolle spielt, welchen Glauben ein Bewohner dort hat, dass du unabhängig vom Glauben urteilst. Ich wollte es nicht glauben, weil kein Franke und kein Muslim das tun würde“, bemerkte Saladins General.

„Glaube es. Mein Vater dachte ebenso und hat ebenso gehandelt“, erwidere Balian mit dem ihm eigenen, so entwaffnenden Lächeln. „Er hat dies an Balduin IV. weitergegeben. Balduin hat dafür gesorgt, dass jeder in Jerusalem Gott auf seine Weise verehren konnte – wie ihr es getan habt, bevor wir kamen.“

„Wird dein kleiner König das auch tun?“, erkundigte sich Imad. Balian zuckte mit den Schultern.

„Seine Mutter regiert für ihn. Aber auch sie wurde von meinem Vater erzogen“, erwiderte Balian.

„Sie hat an den Sultan im Namen deines kleinen Königs geschrieben und mitgeteilt, dass der Frieden bewahrt werden soll, dass der Handel weitergehen soll wie bisher“, sagte Imad langsam. Balian lächelte zufrieden über die Bestätigung der Worte Raymonds. Dann hatten seine mahnenden Worte gewirkt – oder er hatte sich in ihren Absichten wirklich geirrt, hatte ihr zu Unrecht Vorwürfe gemacht … Wenn es noch eines allerletzten Beweises bedurft hatte, dass Sibylla ihn wirklich wiedersehen wollte, dann war es diese Bemerkung von Imad.

Seine Reaktion bewies Imad, dass er über diesen Brief unterrichtet war. Und wenn er davon wusste, dann musste er der Regentin Jerusalems sehr nahe sein – nahe wie ein enger Berater oder ein wirklicher Vertrauer. Wieder fügten sich einige Mosaiksteine in Imads Gesamtbild. Familie Ibelin war für die königliche Familie Jerusalems unendlich wichtig – und für den Frieden.

„Wenn der Frieden bewahrt bleibt, hat Saladin keinen Grund, Jerusalem anzugreifen. Wenn du die Möglichkeit hast, mit dem König oder seiner Mutter zu sprechen, sage ihnen das“, sagte Imad. Balian wurde klar, dass auch Saladin seine Strategie nicht vom Willen Gottes abhängig machte.

„Das werde ich“, versprach er lächelnd.

Eine Woche nach seiner Ankunft verließ Balian Imad wieder, dankte höflich für die entgegengebrachte Gastfreundschaft und lud Imad im Gegenzug zu sich nach Ibelin ein. Er wies allerdings gleich darauf hin, dass er keinen solchen Luxus bieten könne und bat schon im Voraus um Entschuldigung dafür.

Der muslimische Feldherr wusste über Balian von Ibelin alles, was für ihn als rechte Hand Saladins wissenswert war. Doch er wusste auch, dass er den aufrichtigen Balian nicht hintergehen konnte und dessen ehrliche Freundschaft nicht missbrauchen durfte. Imad schämte sich, diesen geradlinigen Mann, der meinte, was er sagte, ausspioniert zu haben. Er nahm sich vor, ihm beim Gegenbesuch ein volles Geständnis abzulegen.

Und er wusste, dass jemand wie Balian, der für den Frieden eintrat, im Königreich Jerusalem gefährlich lebte, solange es Fanatiker gab, die nur im Krieg die Erfüllung von Gottes Willen sahen – auf beiden Seiten …

 

Kapitel 5

Geheimnisse

 

Balian ahnte nicht, dass das Land, das er lieben gelernt hatte, am Abgrund war – und das auch noch auf einer brüchigen Felsnase …

Raymond von Tiberias hatte wohl gewusst, dass Balduin an Lepra erkrankt war, er wusste um die Verzweiflung Sibyllas, die in Jerusalem allein mit ihrem kranken Sohn war. Sie hatte ihm gesagt, dass kein Königreich der Welt es wert sei, dass ihr Sohn die Hölle durchleben müsse und sie stattdessen zur Hölle gehen wolle – aber was sie damit wirklich gemeint hatte, das war selbst dem erfahrenen Raymond von Tiberias nicht völlig klar. Er schob es eher darauf, dass Sibylla sich widerwillig mit Guy de Lusignan arrangiert hatte; dass de Lusignan, dessen eigene Ritter und die Templer in immer größerem Maß die Kontrolle über Jerusalem erlangten. Tiberias wusste, wie sehr Sibylla ihren Gemahl verabscheute, dass sie aber nach dem Bruch mit Balian und dessen Rückzug nach Ibelin kaum eine andere Wahl gehabt hatte, als sich Guy wieder anzunähern. Die Annäherung an de Lusignan hatte zu seiner – Raymonds – weitgehenden Entmachtung geführt, weshalb er sich immer öfter ins Private an den See Genezareth nach Tiberias zurückzog. Er wusste, dass Balduin IV. gestorben war, bevor er den Befehl zur Hinrichtung de Châtillons hatte unterzeichnen können. Reynald lebte also noch – und Tiberias sah eine ungeheure Gefahr in dem fanatischen Templergönner.

Reynald, Guy und Balian: Alle drei stellten für ihre Feinde schreckliche Gefahren dar; für jene, die sie als Verbündete oder gar Freunde betrachteten, waren sie der Fels in der Brandung. Raymond war klar, dass de Lusignan Balian nach dem Leben trachtete. Nicht nur, weil er in ihm einen ernsthaften Rivalen um Sibylla und seinen Einfluss auf die Politik im Königreich Jerusalem sah, sondern auch, weil er in seiner Geradlinigkeit eine wandelnde Mahnung an die Einhaltung des Rittereides war.

Dennoch ahnte Raymond nicht, wie nahe Guy an der Erfüllung seines Zieles war, die Macht im Königreich Jerusalem endgültig zu übernehmen.

Doch am Tag, nachdem Balian Tiberias verlassen hatte, um Imad zu besuchen, erhielt Raymond eine Botschaft, die ihn nach Jerusalem zur Krönung befahl. Der alte Graf war kreidebleich, als Yasmina ihn mit der Botschaft in der Hand im Empfangsraum seines Hauses bemerkte.

„Was hast du?“, fragte sie besorgt.

„Der … der König … ist tot“, brachte er mühsam heraus.

„Was?“, entfuhr es seiner Frau erschrocken. Er nickte.

„Aber … wie …?“

Er seufzte tief.

„Sibylla hat ihrem Sohn Frieden gegeben.“

Sein Gesicht zeigte den ganzen Schrecken, der den alten Grafen gepackt hatte.

„Ich bin zur Krönung nach Jerusalem bestellt“, sagte er leise.

„Sibylla wird Königin“, sagte Yasmina. „Wird sie Guy zum König krönen oder wird sie einen Bailli bestellen?“

„Ich weiß es nicht. Ich bete, dass sie es nicht tut. Aber …“

Yasmina verstand.

„Geh nach Jerusalem – und bleibe dort. Rette, was zu retten ist, Raymond!“

„Das werde ich!“, versprach Tiberias. Noch am selben Tag machte er sich auf den Weg nach Jerusalem.

Dort ging Sibylla unruhig in ihren Gemächern auf und ab. Guy hatte für sein Schweigen über die genauen Todesumstände des jungen Königs verlangt, dass sie ihn zum König krönte. Sie wusste, dass ein Wort von ihm in dieser Richtung genügte und der Bischof würde sich beharrlich weigern, sie zur Königin zu krönen … Sie konnte das im Interesse Jerusalems nicht zulassen – aber eigentlich konnte sie Guy auch nicht krönen, wenn sie wirklich Jerusalems Interessen wahren wollte. Er würde keinen Moment zögern, einen Krieg mit den Sarazenen vom Zaun zu brechen. Es gab nur zwei Menschen, denen sie wirklich vertrauen konnte: Raymond von Tiberias und Balian von Ibelin. Beide hatte sie nach Jerusalem zur Krönung nach Jerusalem bestellt, aber nur Raymond hatte sie die Wahrheit über Balduins Tod mitgeteilt. Nachdem sie sich im Streit von Balian getrennt hatte, traute sie sich nicht, ihm dieses ungeheuerliche Geheimnis mitzuteilen. Wie würde er reagieren, wenn er es erfuhr?

Guy hatte inzwischen die Nachricht, dass Balian anscheinend auf die fingierte Einladung hereingefallen war. Der gehörnte Ehemann hatte den Rivalen durch ihm ergebene Männer überwachen lassen, seit der Baron Jerusalem verlassen hatte. Deshalb wusste Guy, dass Sibylla und Balian seither keinen Kontakt mehr gehabt hatten; dass Balian sich ausschließlich um sein Gut und die Pilgerstraße kümmerte; dass er damit sehr erfolgreich war; dass die Menschen in Ibelin und Umgebung den jungen Baron liebten und für ihn alles getan hätten. Die Späher hatten Guy berichtet, dass der junge Mann, der erst seit knapp zwei Jahren überhaupt wusste, wer er wirklich war und erst danach den Umgang mit dem Schwert richtig gelernt hatte, ein großartiger Schwertkämpfer war, dem man besser nicht in seinem Zorn begegnete.

De Lusignan hatte von seinem Plan, Balian in der Nähe von Ibelin von seinen Leuten überfallen zu lassen, deshalb Abstand genommen. Dort war er nie allein, sondern immer mit wenigstens zehn seiner Männer unterwegs. Diese Tatsache hatte ihn auf die Idee gebracht, Balian möglichst weit von Ibelin wegzulocken und dafür zu sorgen, dass er tunlichst allein war.

Guys Spione hatten ihn in der Nähe von Nablus gesehen, als er in Richtung Nordosten ritt – allein. De Lusignan nahm seine Späherberichte zur Hand und rechnete die Tage nach. Er hatte in der fingierten Einladung an Balian den Vollmondtag als Zeitpunkt für das Treffen nennen lassen. Balian hatte Ibelin zwei Tage nach Neumond verlassen. Bis Nablus waren es knapp zwei Tagesritte, von dort noch wenigstens ein Tagesritt bis Tiberias, von wo Guy per Brieftaube erfahren hatte, dass Balian kurz vor Halbmond dort eingetroffen war. Er war weitere zwei Tage später von dort weggeritten und hatte das christlich kontrollierte Gebiet nach Osten verlassen. Er würde bei Vollmond in der alten Karawanserei zwischen Tiberias und Kanaan sein können.

Dieser Umstand ließ in Guy den Plan reifen, Balian des Verrates anzuklagen, falls er den Templern entkommen sollte, die ihn in der alten Karawanserei erwarteten. Ein bösartiges Lächeln kräuselte sich um die Lippen des künftigen Königs. Egal, was geschehen würde: Der Baron von Ibelin würde nicht mehr lange leben. Auf keinen Fall lange genug, um ihm noch einmal Hörner aufzusetzen …

Kapitel 6

Hinterhalt

Balian verließ Gadara am Vollmondtag in aller Frühe, noch vor Sonnenaufgang. Bis zur alten Karawanserei an der Straße von Tiberias nach Kanaan waren es etwa zwanzig Meilen, eine knappe Tagesreise mit Pferd und Wagen. Allein zu Pferd, noch dazu mit einem ausdauernden Läufer wie Balian ihn ritt, konnte er erwarten, am frühen Nachmittag die alte Karawanserei zu erreichen. Proviant hatte er bei sich, Wasser ebenfalls. Er beschloss, nicht nochmals bei Raymond Station zu machen, sondern direkt zur Karawanserei zu reiten. Die Gespräche mit Raymond und Yasmina von Tiberias und auch mit Imad bestärkten ihn in seiner Hoffnung, dass es für ihn und Sibylla noch nicht zu spät war – dass es für ein Königreich des Gewissens nicht zu spät war. Auf dem Weg grübelte er, wie er Sibylla und ihrem Sohn nahe genug sein konnte, ohne Guy noch mehr zu verletzen und seine Rachsucht heraufzubeschwören. Dann packte ihn der aufdringliche Gedanke, dass es möglicherweise längst zu spät sein konnte, doch verwarf er den Gedanken so schnell, wie er ihm gekommen war.

Es war nur wenig über Mittag hinaus, als Balian die verfallene Karawanserei erreichte, die Sibylla ihm genannt hatte. Er sah sich um und fragte sich, wieso sie ihn ausgerechnet hier treffen wollte. Wenn sie die Absicht hatte, nach einer gelungenen Versöhnung mit ihm zu schlafen, war das hier sicher der am wenigsten geeignete Ort. Die Gebäude waren nicht mehr vorhanden. Es standen gerade noch knapp mannshohe Steinwände, an deren Sonnenseite Schlangen dösten, in denen Skorpione auf der Schattenseite Schutz vor der Sonne suchten. Einige einsame Palmen standen mitten in dem ummauerten Karree, das einmal eine große Raststation für Karawanenreisende gewesen war.

Balian untersuchte den einzigen Brunnen, an dem noch ein Schöpfbaum war. Der Brunnen führte tatsächlich Wasser – sogar völlig klar und sauber, wie der Baron feststellte, als er sich einen Sack Wasser heraufzog. Er nahm den Sack ab und füllte seinem Pferd die Tränke, das sich auch nicht lange bitten ließ und durstig von dem klaren Nass schlürfte. Schließlich trank er selbst, füllte den Wassersack am Sattel nach und sah dann nach dem Sonnenstand. Es war etwas später als Mittag und brütend heiß. Wenn Sibylla jetzt noch nicht hier war, würde sie wohl die heißeste Zeit in Kanaan abwarten, das etwa eine Reitstunde entfernt war – jedenfalls, wenn jemand so scharf ritt, wie sie es gern tat. Er setzte er sich in den Schatten einer Palme, um die wirklich heiße Zeit des Tages zu verdösen.

Sein Pferd, ein hitzegewohnter Araber, entfernte sich langsam in die Nähe der etwa drei Ellen hohen Trockenmauer, die als Teil der Karawanserei-Ruinen erhalten geblieben war. Balian, der halb schlief, hatte es nicht bemerkt.

Das Geräusch von Hufen, von Hufen eines scharf gezügelten Pferdes, störte den jungen Mann aus seiner Siesta auf. Im ersten Moment dachte er, dass es seltsam war, dass Sibylla neuerdings Rüstung trug, denn die Begleitgeräusche klangen nach Kettenhemd …

Er fuhr hoch und sah einen voll gerüsteten Ritter mit weißem Waffenrock, der mit einem schwarzen Nagelkreuz auf der Brust verziert war. Der Mann stand mit gezogenem Schwert an einem der drei Zugänge in der Mauer. Er trug einen Topfhelm – das Gesicht war nicht erkennbar, aber das höhnische Lachen verbarg der Helm nicht, als Balian sich nach seinem Pferd umsah, an dessen Sattel er Schwert und Schild hängen hatte. Das Tier stand wenigstens vier Klafter entfernt – unerreichbar! Ein zweiter Nagelkreuzler erschien an einem zweiten Zugang zu dem Brunnenbereich, ein dritter war im Anmarsch.

Balian realisierte, dass er in eine Falle geraten war. Er dachte im Augenblick nicht daran, ob Sibylla ihn in die Falle gelockt hatte oder ob Guy der Intrigant war; im Moment zählte nur, diesen Hinterhalt zu überleben. Balian reagierte schnell und in einer für den ersten Angreifer sehr unerwarteten Weise: Er griff sich einen etwas über faustgroßen Stein, der neben ihm am Boden lag und stürmte damit auf den ersten Nagelkreuzler zu, schlug so heftig mit der steinbewehrten Faust in die Metallmaske seines Kontrahenten, dass der nicht nur gestoppt, sondern aus dem Lauf zurückgeworfen wurde. Balian schlug weiter mit dem Stein zu – und zwar im Vorwärtsgang, drängte den verwirrten Nagelkreuzler bis an den Brunnenrand, wo der Stein unter den heftigen Schlägen mit einer kräftigen Schmiedefaust an dessen Helm zerbrach. Balian, nun waffenlos, bekam einen Schlag mit der gepanzerten Faust, ging kurz zu Boden, schnappte sich dort aber einen samt Henkel abgebrochenen Teil eines Krugs und drosch weiter auf den Nagelkreuzler ein.

Der zweite bemerkte die Bedrängnis seines Ordensbruders und griff Balian mit dem Morgenstern an. Doch der junge Baron bemerkte den Angreifer rechtzeitig, drehte den von den Steinschlägen ziemlich benommenen Nagelkreuzler in die Schlagbahn des Morgensterns. Der aus dem vollen Galopp geschwungene Morgenstern traf den unglücklichen ersten Nagelkreuzler mit voller Wucht und tötete ihn auf der Stelle. Den zweiten Angreifer riss Balian mit einem beherzten Griff vom Pferd, dass er bewusstlos zu Boden ging und liegen blieb. Balian riss dem zweiten Mordbuben das Schwert aus der Scheide, trat ihm so heftig auf den Kehlkopf, dass der Mann sofort tot war und wehrte sich mit dem Beuteschwert gegen den dritten Angreifer.

Der dritte sprang vom Pferd und ging zu Fuß zum Angriff über.

„Seid Ihr deswegen ins Heilige Land gekommen?“, schrie Balian voller Zorn. „Los, macht schon!“

Der dritte Nagelkreuzler griff an. Die Attacke mit dem Morgenstern wehrte Balian mit dem als Kampfstock gehaltenen Schwert ab, entriss dem Nagelkreuzler die Waffe, der darauf zum Schwert griff, mit dem er offenbar sehr viel besser umgehen konnte. Er erwies sich als geschickter Schwertkämpfer. Balian – schon erschöpft vom Kampf mit den beiden anderen Nagelkreuzlern und den Hieben, die er hatte einstecken müssen – konnte die Hiebe seines Kontrahenten nicht ganz abwehren und konnte auch dessen geschickte Schilddeckung nicht durchbrechen. Nach einem harten Hieb des Nagelkreuzlers gegen seinen Kopf ging Balian zu Boden. Der Nagelkreuzler warf Schwert und Schild beiseite, wollte ihn erwürgen, doch schnappte Balian sich dessen Dolch, riss ihn heraus und rammte ihn dem Angreifer durch den Sehschlitz seines Helms ins Auge. Auch der dritte Angreifer brach tot zusammen, aber der heftige Kampf und die Hiebe, die er hatte einstecken müssen, forderten ihren Tribut von Balian: Er fiel zurück und blieb bewusstlos liegen. Blut lief ihm aus dem linken Ohr und einer Platzwunde an der linken Schläfe, bildete einen kleinen See im heißen Sand.

 

Kapitel 7

Rettung

Bruder Jean war auf dem Weg von der großen Johanniterfestung Krak des Chevaliers zum Johanniterkloster auf dem Berg Tabor. Mittags hatte er in Kanaan Rast gemacht, dann hatte er sich – gegen seine Gewohnheit und ganz gegen die üblichen Gepflogenheiten der heißen Gegend – noch am frühen Nachmittag auf den Weg nach Tabor gemacht. Es waren noch etwas mehr als siebzehn Meilen bis zum Kloster. Er konnte damit rechnen, noch vor Sonnenuntergang zum Abendgebet dort einzutreffen. Es war aber auch ein seltsames Gefühl der Unruhe, die Jean trieb. Irgendetwas war geschehen …

Nach Tabor gab es nur die alte Karawanenstraße, die ein Seitenweg der westlichen Hauptverbindung zur transjordanischen Weihrauchstraße zwischen Alexandria und Damaskus war. Sie führte zunächst östlich in Richtung Tiberias, bis etwa auf halbem Weg dorthin eine Straße nach Süden abzweigte, die in Richtung Berg Tabor führte. An der Abzweigung hatte sich einst eine Karawanserei befunden, die irgendwann bei Kämpfen zwischen Kreuzrittern und Sarazenen zerstört worden war. Es gab dort zwar keine bewohnbaren Häuser mehr, die alten Brunnen führten aber immer noch Wasser, es gab auch ein paar Palmen, die Schatten spendeten.

Der Johanniter sah nach dem Sonnenstand. Es war nur knapp über den Nachmittag hinaus. Auf jeden Fall konnte er sich in der alten Karawanserei mit Wasser versorgen. Er brauchte also nicht zu sparsam mit dem kostbaren Nass zu sein.

Jean ritt in zügigem Schritt, einer Gangart, die dem Temperament und der Ausdauer seines Reisepferdes entgegenkam. Zwei Stunden, nachdem er an der Hochzeitskirche in Kanaan vorbeigekommen war, sah er im Glast der heißen Nachmittagssonne die Ruinen der verfallenen Karawanserei. Ein einzelner Geier, der über den Trümmern kreiste, ließ bei Jean eine schlimme Ahnung hochkommen. Er trieb sein Pferd zu einer schnelleren Gangart an und erreichte die wenig später die von der Karawanserei übriggebliebene Ansammlung von Brunnen.

Vier ledige Pferde traten unruhig herum und vertrieben die hungrigen Geier, die schon durch das Ruinenfeld sprangen. Jean fand drei tote Ritter und unter einem von ihnen Balian – in einem kleinen See von Blut, das aus einer Platzwunde an der linken Seite des Kopfes und seinem linken Ohr den Hals entlang auf den staubigen Boden geflossen war.

Jean sprang vom Pferd und hockte sich zu Balian. Der junge Mann atmete, wenn auch schwach. Der Johanniter konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen – trotz der lebensbedrohlichen Situation, in der er Balian fand. Er streckte die Hand aus und berührte ihn leicht an der Schläfe. Der Verwundete reagierte und regte sich. Mit einiger Mühe schlug er die Augen auf, kniff sie aber geblendet von der Sonne wieder zusammen.

„Jean?“, fragte er matt. Jean nickte wortlos und reichte ihm den Wassersack. Balian trank einige Schlucke und fiel dann wieder zurück. Der Johanniter verschloss den Wassersack wieder, zog Balian unter dem inzwischen starren Toten hervor und schleppte ihn in den Schatten der Palme, wo er ihn vorsichtig ablegte. Mit Wasser aus seinem Wassersack wusch er Balian das Blut aus dem Gesicht, verband die immer noch blutende Wunde, um die Blutung zu stillen, und lehnte ihn an der Palme an.

„Versucht, einen Moment gerade zu sitzen“, sagte Jean, sattelte eines der Pferde ab, kam mit der Satteldecke zurück und bettete Balian mit dem Kopf dann vorsichtig auf die Decke.

„Gut so?“, fragte er. Balian nickte mühsam.

„Gut. Bleibt liegen und bewegt Euch nicht.“

Wieder ein träges Nicken.

Jean wusste den jungen Mann einstweilen versorgt und besah sich die Toten näher. Er hatte zunächst nur weiße Waffenröcke gesehen und daraus auf Templer geschlossen, doch die drei Männer, die hier lagen, trugen statt des roten Templerkreuzes schwarze Nagelkreuze auf den Waffenröcken. Jean stutzte. Waren das etwa gar keine Templer? Aber dann sah er auf dem Waffenrock des ersten Mannes, den er näher in Augenschein nahm, dass dort, wo der dreieckige Schenkel des Nagelkreuzes war, rechts und links daneben Nahtspuren zu sehen waren, die auf eine frühere Verzierung des Rockes mit einem Templerkreuz hinwiesen. Sogar rote Fadenreste waren in einigen Nahtlöchern noch erkennbar.

Wenn meine Einschätzung der Templer als tapfere Ritter je einen kräftigen Stoß bekommen hat, dann heute’, dachte Jean. Kurz entschlossen nahm er dem Toten den Waffenrock ab und nahm auch den Siegelring an sich, der auf die Familie de Cormier hinwies. Bei allen drei Männern fand Jean Hinweise auf eine familiäre Zugehörigkeit, was bei Ordensrittern eher ungewöhnlich war. Schließlich verzichteten Angehörige geistlicher Rittergemeinschaften auf persönlichen Besitz. Die Templer nannten sich dazu noch Arme Ritter. Diese Fundstücke würden Raymond von Tiberias gewiss interessieren, sagte sich Jean. Dann bestattete der die Toten ordentlich.

Währenddessen hatte Balian sich soweit erholt, dass er es riskieren konnte, allein in den Sattel zu steigen. Die Pferde der toten Templer nahm Jean als Handpferde mit.

„Wir reiten zum Kloster Tabor, Mylord Balian“, sagte Jean.

„Ich wollte zurück nach Ibelin“, gab Balian zu bedenken, aber Jean schüttelte den Kopf.

„Nach Ibelin ist der Weg sehr weit. Auch über Nablus sind es mehr als zwei Tagesritte. In Eurem Zustand kann ich das nicht verantworten. Das Kloster auf dem Tabor ist noch zwölf Meilen entfernt. Das ist für Euren Zustand mehr als weit genug. Kommt!“

Wie Recht Jean hatte, merkte Balian, als er und Jean das Kloster auf dem Berg Tabor erreichten. Schon auf dem Weg hatte er mehrfach heftige Schwindelanfälle erlitten und hatte sich nur im Sattel gehalten, weil Bruder Jean ihn gerade noch hatte festhalten können. Jetzt, als er vom Pferd stieg, fiel er zwei Klosterbrüdern glatt in die Arme und verlor erneut das Bewusstsein. Bruder Jean stieg ebenfalls vom Pferd, übergab die Pferde einem Stallknecht und zog sich kopfschüttelnd die Reithandschuhe aus.

„Genauso stur wie sein Vater …“, murmelte er.

Die beiden Klosterbrüder brachten Balian in das Hospital des Klosters. Auf Anweisung des Priors bekam der junge Baron eine ruhige Nische zugewiesen, wo ihn die Brüder in ein bequemes Bett legten.

Erst in der Nacht kam Balian wieder zu sich. Er spürte brennenden Durst und nagenden Hunger. Seit er sich mittags in den Ruinen der Karawanserei aufgehalten hatte, hatte er nichts mehr gegessen und nur die wenigen Schlucke Wasser getrunken, die Jean ihm gegeben hatte, als er nach dem Kampf mit den fremden Rittern wieder zu sich gekommen war.

„Wo bin ich?“, fragte er, als er Jean im Schein einer Lampe bei sich sitzen sah.

„Im Johanniterkloster auf dem Berg Tabor, Mylord“, antwortete der Johanniterbruder lächelnd. „Wie fühlt Ihr Euch?“

„Furchtbar. Als ob ich unter meinen eigenen Hammer geraten wäre.“

„So ähnlich sieht Euer Kopf auch aus. Das ist jetzt das zweite Mal, dass Ihr ohne Helm mit Feinden aneinander geraten seid. Euer Kopf ist nicht aus Eisen. Dafür haben wir Helme, Mylord“, mahnte Jean.

„Die helfen auch nicht immer“, erwiderte Balian mit einem verhaltenen Grinsen.

„Ihr meint Euren Gegner, dem Ihr den Dolch ins Auge gestochen habt?“

„Ja“

„Und ich meine, dass ein Helm gegen Schläge hilft. Von Stichen ins Auge war nicht die Rede. Und Euer Schwert solltet Ihr besser im Gürtel an der Seite tragen und nicht am Sattel. Ihr seid Ritter, also könnt Ihr es am Gürtel tragen“, versetzte Jean. „Seid Ihr jetzt überzeugt, dass Ihr es bis Ibelin nicht geschafft hättet?“

„Ja. Danke, Jean.“

„Bleibt eine Weile hier und erholt Euch. Außerdem seid Ihr hier sicher vor Euren Feinden“

„Ich will mich nicht feige verkriechen“, wehrte Balian ab. Jean lächelte milde.

„Das würde auch nicht zu Euch passen. Ihr erfüllt, was Euer Vater sich von Euch wünschte: Ihr seid ein guter Ritter geworden. Ihr habt Euch Euren Feinden tapfer gestellt, und Gott hat Euch beigestanden. Aber es ist nicht gut, ihn zu versuchen. Erholt Euch erst gründlich. Eure Verletzung ist schwerer, als Ihr es wahrhaben wollt. Ihr seid wirklich Eures Vaters Sohn. Außerdem … Guy wird sich Gewissheit verschaffen wollen, dass er Euch aus dem Weg geschafft hat. Wenn seine Assassinen nicht zurückkehren, wird er nachforschen lassen.“

„Assassinen?“, fragte Balian.

„Es waren Templer, die Euch angegriffen haben. Sie haben zwar ein Nagelkreuz auf den Waffenröcken gehabt, aber auf den Röcken war vorher ein Templerkreuz.“

„Und … was sind … Assassinen?“, fragte Balian weiter.

„Eigentlich sind es Fanatiker der Sarazenen, die einer islamischen Sekte angehören und für ihren Meister morden. Sie fliehen nicht, wenn sie gestellt werden. Sie nehmen ihren eigenen Tod in Kauf. Die Templer sind ähnlich. Auch sie morden im Auftrag ihres Herrn oder eines Freundes ihres Herrn – und sie legen keinen Wert darauf, unbedingt lebend zu entkommen“, erklärte Jean.

„Wie Opferlämmer haben sie sich nicht gerade benommen“, versetzte Balian eingedenk des harten Kampfes, den er mit ihnen ausgetragen hatte.

„Nein, wenn es um das Mordopfer geht, werden sie alles tun, um den Mordplan umzusetzen“, entgegnete Jean. „Ihr seid jemandem im Weg, Balian. Der Einzige, der Euch feindlich gesonnen ist, ist Guy de Lusignan. Er hat es Euch nicht gedankt, dass Ihr Euch nicht als Grund für seinen Tod hergegeben habt.“

„Guy dürfte von dem Mordkomplott kaum wissen, das Raymond, Sibylla und Balduin geplant hatten. Ich habe ihm davon nichts erzählt, Sibylla gewiss auch nicht. Woher soll er wissen, dass ich seinen Tod nicht wollte? Ich kann es ihm nicht mal wirklich übelnehmen. Schließlich geht es an seine Ehre, dass er einen Nebenbuhler hat.“

„Rechtfertigt das einen feigen Mord?“

„Nein“, erwiderte Balian.

„Was ist es anderes als ein feiger Mordversuch, wenn drei bewaffnete Ritter einen einzelnen Mann überfallen, der nicht einmal sein Schwert in greifbarer Nähe hat?“, fragte Jean.

„Nichts anderes“, bestätigte Balian.

„Er wird es wieder versuchen, wenn seine Templer Euch nicht tot auffinden. Er wird nach Euch suchen lassen. Wenn Ihr in geschwächtem Zustand nach Ibelin zurückkehren wollt, werden sie Euch töten“, warnte Jean. Balian nickte. Er ließ sich in die Kissen sinken.

„Ich werde bleiben“, sagte er. Jean lächelte.

„Das unterscheidet Euch von Eurem Vater. Schlaft jetzt. Hier seid Ihr in Sicherheit.“

„Danke, Jean. Ich verdanke Euch mein Leben. Vergebt meine unbedachten Worte.“

Jean lächelte schweigend, dann erhob er sich und ließ Balian allein.

 

 

Kapitel 8

Kriegstreiberei

Die Jerusalemer Grabeskirche war gesteckt voll an diesem Tag. Fast alle Barone des Königreichs Jerusalem waren versammelt, um an der Krönung der neuen Königin und der möglichen Erwählung des neuen Königs teilzunehmen. Sibylla wirkte wie versteinert. Balian von Ibelin war nicht erschienen, hatte auf ihr Einladungsschreiben überhaupt nicht reagiert, hatte nicht einmal abgesagt. Die junge Frau fühlte sich völlig verlassen, von Balian regelrecht verraten. Er ignorierte sie, wollte augenscheinlich nicht einmal seinen Lehenseid erneuern … Meinte er etwa, der Eid ginge ohne neue Bestätigung auf sie als neue Königin über? Oder ahnte er, dass sie Guy zum König krönen würde und wollte auf diese Weise einer Eidesleistung gegenüber Guy entgehen? Sibylla seufzte innerlich, verbarg ihre Verzweiflung aber hinter ihrem öffentlichen Gesicht, das in diesem Fall zu völliger Regungslosigkeit führte. Die schöne Frau erschien Raymond von Tiberias als lebender Leichnam, so bleich und reglos, wie sie vor sich hinstarrte. Tatsächlich hatte Sibylla das Gefühl, mit ihrem Sohn gestorben zu sein. Jetzt war sie Guy wirklich hilflos ausgeliefert, wenn sie ihn nach ihrer eigenen Krönung zum König erheben würde. Aber sie hatte es zugesagt, sie hatte keine Wahl mehr.

Patriarch Heraclius krönte zunächst Sibylla als Erbin des Throns.

„Seht Eure rechtmäßige Königin und Erbin des Throns des Königreichs Jerusalem“ rief er, als er den mit Goldbrokat gefütterten Reif der Königin auf Sibyllas Haupt senkte.

„Ja! Ja! Ja!“, riefen die Barone und Ritter im Chor.

Sibylla erhob sich steif, nahm die auf dem verwaisten Thron ihres Sohnes liegende Königskrone und hielt sie hoch, dass jeder sie sehen konnte.

„Ich, Sibylla, wähle durch die Gnade des Heiligen Geistes als König … Guy de Lusignan, den Mann, der mein Gemahl ist!“, verkündete sie laut, aber mit völlig unbewegtem Gesicht.

Guy trat zu ihr, nahm auf dem Thron Platz und sah Sibylla erwartungsvoll an, als sie ihm die Krone auf das Haupt setzte.

„Mit Gottes Hilfe wird er sein Volk gut regieren“, schloss sie die Zeremonie dann ab. Ob Guy wirklich auf Gottes Hilfe vertrauen würde, oder ob er eher seine eigenen, meist fanatischen und zuweilen ganz und gar unchristlichen Gedanken mit Gottes unerforschlichem Ratschluss verbrämen würde, war die Frage, die offen bleiben musste – für Sibylla wie für Raymond von Tiberias, der gehorsam in den Chor der Vasallen einstimmte:

„Lang lebe der König! Lang lebe der König! Lang lebe der König!“

Mit versteinerter Miene folgte Sibylla dem Rest der feierlichen Krönungsmesse und verließ dann ebenso versteinert an Guys Hand die Grabeskirche, in der ihr Bruder wie alle vorangegangenen Könige Jerusalems bestattet war. Ihr Sohn Balduin sollte seinem Onkel eigentlich schon längst hierher gefolgt sein, doch noch immer stand der Sarkophag mit den sterblichen Überresten des Kindkönigs in den Privaträumen der Königin im Palast. Sibylla wollte gleich nach Ende der Krönungsfeierlichkeiten dorthin, um ihren Sohn um Vergebung für das zu bitten, was sie ihm und Jerusalem angetan hatte …

Jean hatte durchaus Recht, dass Guy nachforschen ließ, ob seine Leibgarde, die Nagelkreuzritter, Balian umgebracht hatten. Die drei Männer, die Balian angegriffen hatten, waren nicht allein gewesen. Ein weiterer hatte den Überfall aus der Ferne beobachtet. Nachdem seine drei Kameraden im Kampf gegen den Baron von Ibelin ihr Leben verloren hatten, hatte er Balian eigentlich den Rest geben wollen. Aber als er in die verfallene Karawanserei gekommen war, hatte der Überfallene wie tot dagelegen. Der Ritter hatte ihn schlicht für tot gehalten.

Zwei Tage später erreichte er Jerusalem. Guy de Lusignan saß im Arbeitszimmer, bei ihm war Gérard de Ridefort, der Templergroßmeister. Vor König Guy und dem obersten Tempelritter lag eine kostbare Karte des Königreichs Jerusalem, auf der Guy mit de Ridefort plante, wie Saladin in einem einzigen großen Schlag zu besiegen sei.

„Mylord, einer Eurer Boten ist zurück“, kündigte der Ausrufer an.

„Entschuldigt mich, Mylord“, bat Guy und ließ de Ridefort im Arbeitszimmer allein.

„Bruder Jeremy!“, begrüßte er den Rückkehrer. „Wo sind die anderen?“

„Tot, Mylord. Balian hat sich trotz der Überraschung recht heftig gewehrt.“

„Und?“

„Er ist tot, Mylord. Nicolas de Cormier hat ihm den Rest gegeben.“

„Endlich!“, entfuhr es Guy.

„Niemand wird vermuten, dass es Templer waren, Mylord“, setzte Jeremy hinzu.

„Sehr gut!“, lobte Guy. „Bald werden wir die Heiden endgültig verjagen. Die Heidenfreunde werden weniger.“

„Sollen wir auch Tiberias …?“

„Nein“, kam eine Stimme von der Tür. Der König fuhr herum. Gérard de Ridefort stand dort.

„Es wäre nicht klug, einen solchen Mann auf diese Weise zu beseitigen. Das wird uns Saladin abnehmen. Er wird Tiberias für den Krieg verantwortlich machen. Aber wirklich auslösen kann nur einer einen Krieg: Reynald de Châtillon. Es ist genug Zeit verstrichen, Mylord.“

„Ihr habt Recht“, bestätigte Guy.

Sibylla hatte von all dem nichts mitbekommen. Seit ihrer Krönung hatte sie die königlichen Gemächer nicht verlassen, die eher einer Krypta glichen. Noch immer stand der Sarkophag ihres Sohnes hier. Sie wollte nichts davon wissen, dass er endlich in die Grabeskirche übergeführt wurde. In tiefer Trauer versunken saß sie auf dem blanken, gefliesten Boden, weinte um ihren Sohn – und um ihre verlorene Liebe.

Schritte störten sie auf. Sie sah auf und gewahrte ihren Gemahl mit einem triumphierenden Grinsen neben sich.

„Was habe ich getan?“, sprach Guy mit beißendem Spott ihre Gedanken aus, ihren Tonfall böse imitierend. Sie schaute ihn geschockt an, als er ihr Kinn einfach anhob und sie zwang, ihn anzusehen. Er hatte etwas getan, was nicht rückgängig zu machen war … Etwas Furchtbares … Das war ihr in diesem Moment klar, als ihre Augen in seinen eiskalten Blick tauchten.

„Ihr habt den Falschen vergiftet“, fuhr Guy fort und grinste böse. „Ihr habt Euren Sohn getötet und ich Euren Liebhaber. Ich habe die Macht. Ich bin Jerusalem!“

Damit verließ er sie.

Sibylla war wie vom Blitz getroffen. Balduin tot, durch ihre eigene Hand – und Balian letztlich auch durch sie, denn hätte sie nicht Guy zum König gekrönt, hätte er nach ihrer Überzeugung kaum gewagt, Hand an ihn zu legen. Es gab kein Zurück mehr. Dass Guy sie belogen hatte, wenn er behauptete, dass er Balian getötet hatte, konnte sie nicht wissen, ebenso wenig, dass er durchaus schon vor der Krönung die Templer gegen ihren Geliebten ausgesandt hatte – und dass er sich, was den Tod des Barons von Ibelin betraf, im Irrtum befand. Sie war Guy vollkommen ausgeliefert. Jetzt konnte sie nur noch beten, dass er nichts von gewissen Umständen erfuhr … Die Königin verlor vor bitterer Trauer um zwei geliebte Menschen den Verstand …

Von den zur Krypta gewordenen früheren Räumen von Sibyllas Bruder ging Guy direkt ins Gefängnis. Es war Zeit, seinen treuesten Bluthund wieder auf die richtige Spur zu setzen. Höchstselbst suchte er Reynald im Kerker auf.

„Lass uns allein!“, wies er den Wächter an, der sich auch gehorsam zurückzog, nachdem er die Zelle aufgeschlossen hatte. Reynald hielt sich mit Schreittänzen und einer Art Schattenboxen bei Kräften und umkreiste Guy in seiner Zelle wie ein Storch, der durch den Sumpf watete.

„Ist der Junge im Himmel?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Guy.

„Seine Mutter hat mehr Rückgrat als ich“, bemerkte der Gefangene und stelzte weiter um den neuen König herum.

„Sie ist in der Krypta und will sie nicht verlassen“, sagte Guy. Seit Balduin tot war, hatte sie sein Grab nicht verlassen. De Lusignan war weiter von einer Ehe entfernt, wie er sie sich vorstellte, als in den Tagen, in denen Balian Sibyllas Liebhaber gewesen war …

„Haben die Templer Balian umgebracht?“, fragte Reynald, seinen Storchengang fortsetzend.

„Ja“, grunzte Guy. Dann sah er Reynald direkt an.

„Reynald, … gebt mir einen Krieg!“, forderte er und überreichte Reynald dessen Waffengürtel. Reynald nahm ihm den Gürtel samt Schwert mit einer leichten Verbeugung ab, wiegte sein Schwert wie ein Kind in den Armen und grinste, als er sagte:

„Das ist es, was ich tue.“

 

Kapitel 9

Tag der Abrechnung

 

Etwa zwei Wochen, nachdem Balian verletzt im Kloster Tabor angekommen war, mehrten sich die Nachrichten von Überfällen auf sarazenische Karawanen. Er war zunächst noch zu schwach gewesen, um es überhaupt mitzubekommen. Nur langsam erholte er sich von dem feigen Anschlag.

Bald erkannte er, dass ihm seine Aufgabe in Ibelin fehlte – und das machte ihm zu schaffen. Wenn er so wie jetzt zum Nichtstun geradezu gezwungen war, wurde er erst richtig krank … Doch ihm war klar, dass er nur im Vollbesitz seiner Kräfte eine Rückkehr nach Ibelin riskieren konnte – es sei denn, seine Männer kamen, um ihn zu eskortieren. Er wollte das nicht. Seine Leute wurden in Ibelin gebraucht, um die Pilgerstraße zu schützen. Es widersprach seinem Verständnis dieses königlichen Auftrags, um seiner eigenen Sicherheit willen andere schutzlos zu lassen.

Jetzt, sechs Wochen später, gingen diese Meldungen nicht mehr an ihm vorbei. Nur vom Wechsel an der Spitze des Königreiches hatte Jean ihm noch nichts erzählt, hatte auch den anderen Brüdern aufgetragen, Balian darüber nichts zu sagen. Er fürchtete, dass die Nachricht vom Tod des kleinen Königs und von der Krönung Guys seinen Patienten doch noch umbringen würde …

„Wenn diese Überfälle nicht aufhören, wird es Krieg geben“, warnte Balian. Jean seufzte leise.

„Ja, das wird es. Es ist unausweichlich“, bestätigte er. „Guy wird gegen die Templer gewiss nichts unternehmen. Ich bin überzeugt, dass er ihnen sogar befiehlt, so zu handeln.“

„Guy will den Krieg, meint Ihr das?“

„Ja“

Balian nickte.

Es wird der Tag kommen, an dem Ihr Euch wünscht, Ihr hättet ein kleines Übel begangen, um etwas wirklich Gutes zu bewirken!’, hallte Sibyllas beleidigte Prophezeiung in seinem Innerem nach. Er seufzte resigniert. Er war seinem Gewissen gefolgt. Es wäre Unrecht gewesen, Guy einfach wegen eines verweigerten Eides zu töten. Doch die Diskussion mit Raymond hatte ihm eröffnet, weshalb dieser unehrenhafte Umweg die einzige passable Lösung gewesen wäre. Jetzt, nachdem de Lusignan offenbar alles daran setzte, einen Krieg vom Zaun zu brechen, erkannte Balian, dass seine Gewissensentscheidung möglicherweise sehr viel mehr Menschen das Leben kosten würde, als wenn er dem Mordkomplott zugestimmt hätte …

Er musste allein sein, um gründlich nachzudenken, mochte dies auch ein Risiko sein. Nicht weit von seinem Zufluchtsort am Berg Tabor erstreckte sich ein Erg, eine Felswüste, in der nur noch karge Dornbüsche wuchsen. Balian ritt allein hinaus, ließ sein Pferd laufen, setzte sich am Rand eines tief eingeschnittenen Wadis auf den blanken Boden und grübelte.

Mit dem zeitweiligen Verlust seiner sinnvollen Aufgabe in Ibelin quälte ihn wieder die Einsamkeit. Er sehnte sich nach Sibylla, dachte an die glücklichen Tage, die er mit ihr in Ibelin verbracht hatte. Dann wieder schalt er sich einen Esel, dass er auf die fingierte Botschaft hereingefallen war und Guys Assassinen völlig naiv in die Falle gegangen war. Seine Gedanken an Sibylla waren ebenfalls eher wirr. Er liebte sie – nach wie vor. Aber sie ihn offenbar nicht mehr. Nichts ließ sie von sich hören – und gleichzeitig lachte ihn sein Inneres wieder aus, als ihm klar wurde, dass er einer solchen Botschaft nie wieder folgen würde, selbst wenn sie echt war. Der Schock saß tiefer, als Balian sich zunächst hatte eingestehen wollen. Dann wieder sehnte er sich nach Ibelin. Ibelin … sein geliebtes Ibelin … Alles, was in seinem Leben gut war, verband er mit diesem Ort: Seine neue Heimat; die Menschen, die ihn vorbehaltlos als ihren Herrn akzeptierten; diese wunderbare, kleine, ideale Welt, die die Keimzelle jener besseren Welt war, die der selige Balduin IV. mit Saladin hatte schaffen wollen und deren Initiator sein Vater gewesen war. Wenn es Guy gelang, die Sarazenen zu einem Krieg aufzustacheln, dann war der Frieden in Ibelin ebenso gefährdet wie an jedem anderen Ort im Königreich Jerusalem – und er saß auf Tabor fest, konnte nichts tun. Es wurde Zeit, dass er sich wieder unter den Lebenden präsentierte …

Eher unbewusst warf er Steine auf einen etwas entfernten Dornbusch.

„Man darf in das Licht sehen, bis man das Licht wird. Ich hab’ es oft getan“, hörte er Jeans Stimme hinter sich. Balian reagierte nicht auf die unerwartete Anwesenheit des Johanniters. Er war schon häufiger unerwartet aufgetaucht, ohne dass Balian ihn hatte kommen hören. Er warf weiter Steine auf den Dornbusch. Einer traf auf einen Feuerstein, ein Funke schlug über – und setzte den Dornbusch, einen Kreosotebusch, in Brand. Der erstaunliche Effekt entlockte dem jungen Baron ein spöttisches Lachen.

Das ist Eurer Moses, Eure Religion! Ein Funke, ein Dornenbusch!“, stieß er hervor und stand auf. „Ich hab’ ihn nicht sprechen hören“, versetzte er. Balian war ein nüchterner Techniker, der bestimmten Phänomenen gern auf den Grund ging, kein abergläubischer Dummkopf. Für das, was in der Bibel als Wunder beschrieben wurde – ein Dornenbusch, der scheinbar ohne äußeren Anlass aufflammte – gab es eine natürliche Erklärung, nämlich die Öle, die ein solcher Dornbusch absonderte, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Jean blinzelte im hellen Sonnenlicht.

„Das heißt nicht, dass Gott nicht existiert“, entgegnete er. Balian schien in dieser Hinsicht unverbesserlich zu sein, aber Jean war nicht der Mann, der aufgab, ihm zu verdeutlichen, dass Gott sehr wohl existierte und ihn ebenso sehr wohl kannte und als eines seiner Geschöpfe liebte.

„Liebt Ihr sie?“, fragte er dann. Balian war verblüfft, dass Jean von Sibylla und ihm zu wissen schien. Diese Tatsache zu leugnen, entsprach weder seinem Wesen noch dem Rittereid.

„Ja“, sagte er und sammelte seinen Schwertgürtel auf, den er abgelegt hatte. Jean nickte. Bei der Vorgeschichte von Godfreys Sohn war ihm klar, wie sehr ihn Sibyllas harsche Reaktion auf seine Gewissensentscheidung getroffen haben musste.

„Euer Herz wird sich erholen“, tröstete er den jungen Mann, wohl wissend, dass es seine Zeit brauchen würde. „Kümmert Euch jetzt um die Menschen dieser Stadt“, sagte er dann. Jerusalem brauchte diesen jungen Ritter – und er musste wieder unter Menschen. Balian nickte ergeben. Arbeit konnte in gutes Mittel sein, um den Kummer zu vergessen …

„Ich werde beten“, sagte Jean. Der Baron sah ihn verblüfft an.

„Wofür?“, fragte er.

„Für die Kraft, um das zu ertragen, was kommen wird“, erwiderte Jean geheimnisvoll.

„Und was wird kommen?“, erkundigte sich Balian, der nicht wusste, worauf Jean hinauswollte.

„Die Vergeltung wird kommen für das, was hier vor hundert Jahren geschehen ist. Die Moslems werden das niemals vergessen. Und das sollten sie auch nicht“, sagte Jean. Balian wusste von ihm, dass die Christen, die 1099 Jerusalem erobert hatten, ein entsetzliches Blutbad unter den Bewohnern Jerusalems angerichtet hatten. Die ersten Kreuzritter unter dem Kommando von Godfrey von Bouillon hatten nicht nur Muslime und Juden niedergemacht, sie hatten auch Christen orthodoxen Glaubens abgeschlachtet. Jeans Worte waren eine eindringliche Mahnung an Balian, dass sich die Moslems für dieses Gemetzel in gleicher Art rächen würden, wenn es ihnen gelingen sollte, Jerusalem zu erobern.

Während er sich das noch vergegenwärtigte, machte ihn ein seltsames Geräusch aufmerksam. Er drehte sich um und sah, dass ein etwa einen Klafter neben dem brennenden Busch befindlicher Dornbusch ebenfalls aufgeflammt war. Balian wunderte dies nun doch. Der Busch war zu weit entfernt, als dass die Flammen vom ersten einfach hätten überspringen können. Als er sich wieder umwandte, war außer ihm und seinem Pferd niemand mehr am Rand des Wadis. Verblüfft sah sich der junge Mann um. Keine Spur von Jean …

Plötzlich scheute sein Schimmel, als ob er von etwas Unsichtbarem berührt worden war … Balian begann sich zu fragen, wer dieser bescheidene Johanniter eigentlich wirklich war, der unverhofft auftauchte und ebenso unverhofft und spurlos verschwinden konnte …

 

Kapitel 10

Rückkehr

 

Am folgenden Tag, als Balian sich zur Rückkehr nach Ibelin entschlossen hatte, herrschte eine gedrückte Stimmung, als er in das Refektorium kam, wo er zusammen mit Jean und den anderen Ritterbrüdern frühstücken wollte.

„Guten Morgen. Was ist geschehen?“, fragte er. Jean sah den jungen Mann mit kreidebleichem Gesicht an.

„Bruder Giovanni hier“, sagte er und wies mit einer Hand auf einen jungen Ritterbruder, der staubbedeckt am Ende des Refektoriums stand, „kommt eben aus Jerusalem. Reynald hat eine Karawane überfallen – aber nicht irgendeine. In der Karawane reiste Saladins Schwester Jazira. Er … er hat niemanden am Leben gelassen, nicht einen …“

Balian spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Saladin würde jetzt kein Erbarmen mehr kennen. Der Mord an seiner Schwester bedeutete unweigerlich blutige Rache der Sarazenen. Selbst die Friedenswilligsten würden nun einem Dschihad zustimmen.

„Und … das ist nicht alles“, seufzte Jean weiter. „Guy hat einen Boten aus Damaskus, der Saladins Forderungen überbrachte, eigenhändig enthauptet. Er hat die Versammlung des Heeres angeordnet. Der Orden der Johanniter ist ebenfalls nach Jerusalem zur Heerschau befohlen.“

„Saladins Heer ist groß. Jerusalem darf nicht völlig schutzlos bleiben“, sagte Balian. Jean zuckte mit den Schultern.

„Erzählt das Guy de Lusignan“, sagte er. Balian nickte.

„Das werde ich!“, erwiderte er entschlossen. Jean sah ihn an.

„Ihr wollt allein …? Das kann ich nicht zulassen!“, entfuhr es dem Johanniter.

„Ihr seid zur Heerschau bestellt. Meine Männer und ich sicherlich auch. Ich reite bis Jerusalem mit Euch. Von dort sind es nur vierzig Meilen über die Pilgerstraße bis nach Ibelin. Mein Pferd ist schnell. Macht Euch keine Sorgen, Jean“, beruhigte Balian den Johanniterbruder. Jean nickte.

Mit den Johannitern zog Balian am folgenden Tag nach Jerusalem. Mit Rast in Nablus erreichten die Johanniter und die in Nablus hinzugestoßenen Ritter von Balians Onkel, dessen Name ebenfalls Balian von Ibelin war, Jerusalem zwei Tage darauf. Balian, Godfreys Sohn, trennte sich drei Meilen außerhalb von Jerusalem von den Johannitern und seinem Onkel, um allein nach Ibelin weiterzureiten. In der Abenddämmerung erreichte er Ibelin. Latif empfing ihn verblüfft.

„Mylord, willkommen! Aber … wo wart Ihr so lange?“

„Zwei Wochen war ich bei Imad ad-Din und Raymond von Tiberias – und sechs Wochen auf dem Berg Tabor, nachdem mich Templer überfielen und mich beinahe umgebracht hätten“, erklärte Balian. „Wo sind Almaric, Michel und meine Männer?“, fragte er dann.

„Vor einer Woche kam ein Bote aus Jerusalem, der den Befehl brachte, alle Soldaten hätten sich in Jerusalem zur Heerschau einzufinden. Almaric ist mit Euren Männern vor drei Tagen nach Jerusalem geritten, Mylord. Wollt Ihr baden?“

Balian nickte wortlos.

Während Latif für ein Bad sorgte, ging Balian auf den Eckturm der Herrenhausanlage und sah sich um. Ibelin war so friedlich wie immer. Christen, Juden und Muslime arbeiteten Seite an Seite. Nach einer Weile kam Latif herauf und teilte mit, dass das Bad bereit sei. Balian nickte. Dann sah er den treuen Latif an.

„Latif, es droht Krieg …“

„Ich weiß, Sidi.“

„Du bist Moslem. Was wird mit den Muslimen in Ibelin geschehen, wenn … wenn die Christen diesen Krieg verlieren und ich Ibelin an Saladin geben muss?“

„Das weiß Allah allein, Sidi. Sultan Saladin ist ein großherziger Mann, sein General Imad ad-Din, Euer Freund, auch; aber es gibt auch andere, die Muslime, die für Christen gearbeitet haben, für Verräter am Islam halten. Wenn so einer Euer geliebtes Ibelin bekommt, wird es kein Erbarmen für uns geben, Sidi.“

„Ich will sehen, was ich für euch erreichen kann“, sagte Balian leise.

„Wenn das so sein sollte, Sidi, bitte, lasst mich mit Euch kommen, wohin immer Ihr auch gehen wollt“, bat Latif.

„Wenn ich überleben sollte, werde ich nach Frankreich zurückkehren. Ich werde Ibelin an Almaric geben, falls er überlebt und Ibelin in christlicher Hand bleibt. Er wird dich brauchen, Latif.“

Ihr seid mein Herr, Sidi. Meine Treue gehört Euch allein.“

„Wir werden sehen, mein Freund.“

Balian badete, nahm dann ein Abendessen aus Orangen, Granatäpfeln, etwas Brot und Lammfleisch ein, das Latif ihm auf der Terrasse der Herrenwohnung servierte. Er wusste, dass er Ibelin nicht wiedersehen würde, wenn er es am kommenden Tag verließ – entweder, weil er den Krieg nicht überlebte, den Guy anzettelte oder weil er das Land danach verlassen würde. Selbst sein geliebtes Ibelin würde ihn nur an seine unglückliche Liebe zu Sibylla erinnern, an die glückliche Zeit, die er hier mit ihr verbracht hatte. Es gab keine Zukunft für sie und ihn. Guy würde mit allen Mitteln verhindern, dass Balian jemals wieder die Gelegenheit haben würde, sich ihr zu nähern. Und ob sie ihm jemals verzeihen würde, dass er sich Balduins und ihrem Wunsch, Guy töten zu lassen, verweigert hatte, bezweifelte er. Sie würde ihm erst recht nicht verzeihen, wenn dieser Krieg viele Leben fordern würde – und diese Wahrscheinlichkeit war groß. Je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass er sich selbst niemals vergeben würde, wenn durch seine Entscheidung Menschen sterben mussten. Er hatte es in der Hand gehabt; er hätte viel Unheil verhindern können, hätte er dem Plan der königlichen Geschwister zugestimmt … Jetzt war es zu spät. Er konnte nur noch selbst dafür einstehen, sein eigenes Leben anbieten und riskieren, um so viele wie möglich zu retten.

Früh am folgenden Morgen ritt Balian von Ibelin fort. Ein letztes Mal sah er sich nach dem Ort des Glücks um, als er die Pilgerstraße erreicht hatte. Sonnenlicht beschien die Terrasse, auf der er sich so wohl gefühlt hatte. Etwas von ihm würde für immer hier bleiben. Niemals würde er dieses Fleckchen Erde ganz vergessen können.

Leb wohl, mein geliebtes Ibelin. Friede sei mit dir’, dachte er und gab seinem Pferd die Sporen.

Die vierzig Meilen nach Jerusalem kamen Balian unendlich vor. Gegen Mittag erreichte er eine Karawanserei an der Pilgerstraße, wo er Rast machen wollte. Balian stieg vom Pferd, ließ das Tier saufen und wies den Stallknecht an, ihm zu fressen zu geben. Als er aus dem Stall trat, kamen gerade zwei Templer durch das Hoftor der Karawanserei herein.

„Ibelin!“, entfuhr es einem von beiden, als sie zu ihrer Verblüffung Balian erkannten. Ohne lange zu zögern, riss er den Morgenstern heraus und griff den Baron an. Der konnte sich knapp ducken, erwischte im Hochkommen den rechten Fuß des Templers und hebelte ihn aus dem Sattel, dass der Mann schwer stürzte. Balian erschlug ihn mit dem eigenen Morgenstern. Der zweite machte kehrt und wollte fliehen, als er seinen Kameraden sterben sah, aber er hatte nicht mit Balians Zorn gerechnet, dem klar war, dass er Jerusalem nicht lebend erreichen würde, wenn er diesen Mann entkommen ließ. Der Baron sprang in den Stall zurück.

„Schnell, mein Pferd!“, befahl er dem verblüfften Stallknecht, der das Tier noch nicht abgesattelt hatte. Balian saß noch im Stall auf, jagte mit gezogenem Schwert aus der Stalltür und preschte hinter dem fliehenden Templer her.

„Feiger Hund!“, bellte Balian. „Waffenlose und unbewaffnete Karawanen könnt ihr angreifen, aber vor bewaffneten Rittern kneift ihr oder geht nur zu dritt auf andere los!“

Der Templer sah sich um und bemerkte, dass der Grauschimmel für sein eigenes Pferd zu schnell war. Er parierte seinen Braunen, wendete ihn auf der Hinterhand und zog gleichzeitig das Schwert. Balian war heran und zog das hoch erhobene Schwert erbarmungslos durch. Der Hieb traf den Templer am Helm, riss ihn auf und spaltete ihm den Kopf. Blut spritzte aus der tödlichen Wunde und traf Balian am Wams und am Hals. Der wütende Baron bemerkte es nicht einmal. Dann machte er kehrt, um selbst noch etwas Wasser mitzunehmen und dann gleich nach Jerusalem weiterzureiten.

„Mylord, seid Ihr verletzt?“, fragte der erschrockene Stallknecht, als Balian zur Karawanserei zurückkam.

„Nein“, erwiderte er.

„Wessen Blut schmückt Euch dann?“, erkundigte sich der Knecht.

„Was?“

„Seht ins Wasser, Mylord“, sagte der Stallknecht. Balian sah in den wassergefüllten Holzeimer, den der Knecht gerade in der Hand hatte und bemerkte die Blutspuren an Wams und Hals. Er sah genauer hin. Diese Blutspuren sahen fast genauso aus wie sein eigenes Blut, nachdem er den Überfall von Guys Assassinen nur knapp überlebt hatte – und er trug auch noch dieselbe Kleidung wie beim Überfall. Ein leichtes, aber grimmiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Guy würde Augen machen, wenn er in Jerusalem auftauchte, als wenn er sechs Wochen lang so in der Wüste gelegen hatte …

„Das hat seine Richtigkeit, mein Freund“, sagte er. „Gib mir bitte etwas Wasser.“

„Zum Waschen?“

„Nein, zum Trinken. Diesen Schmuck sollte jemand ganz Bestimmtes noch sehen … Ich hoffe, den trifft dann der Schlag.“

Mit Wasser versehen, eilte Balian dann weiter nach Jerusalem, um vielleicht noch zu verhindern, dass Guy Jerusalem ohne jeden Schutz ließ, wenn er gegen Saladin in den Krieg ziehen wollte …

Ende

 

 

 

 

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